Margarete BUBER- NEUMANN+ deutsche Publizistin und Schriftstellerin * 21. Okt. 1901 in Potsdam † 6. Nov. 1989 in Frankfurt/ M. BUBER- NEUMANN+ Margarete Buber- Neumann wurde als Margarete Thüring am 21. Okt. 1901 in Potsdam geboren. Ihr Vater war Brauereidirektor. Sie besuchte in ihrer Heimatstadt ein Lyzeum( Gymnasium). Früh schloß sie sich der Freideutschen Jugend an. Im Anschluß an die Schule erhielt sie eine Ausbildung als Kindergärtnerin. 1922 heiratete sie Rafael Buber, den Sohn des bekannten jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Die Ehe hatte jedoch keinen Bestand: nach Trennung der Partner 1925 wurde sie 1929 geschieden. In der Folge war M.B.-N. als Sekretärin tätig. Bereits 1921 war sie dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands ( KJVD) beigetreten. 1926 wurde sie Mitglied der KPD. 1929 heiratete sie Heinz Neumann, damals Mitglied des Politbüros der KPD und später Reichstagsabgeordneter. Mit Ernst Thälmann und Hermann Remmele bildete Neumann in den letzten Jahren der Weimarer Republik die Dreier- Führung der KPD. Er galt als einer der Erfinder der" Sozialfaschismus- These", nach der Nazis und Sozialdemokraten als" Zwillingsbrüder" verstanden wurden. Die auf dieser These basierende KPD- Politik verhinderte nach Meinung mancher Kritiker den einheitlichen Widerstand der beiden großen Arbeiterparteien gegen die aufkommende NS- Diktatur und schuf damit eine wesentliche Voraussetzung für die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Im gleichen Jahr gingen M.B.-N. und Heinz Neumann in die Emigration, zunächst nach Spanien und in die Schweiz, dann nach Moskau. Dort wurde Heinz Neumann im April 1937 im Zusammenhang mit den Moskauer Prozessen gegen innerparteiliche Widersacher Stalins verhaftet und wahrscheinlich sofort erschossen. Die amtliche Todesnachricht erhielt M.B.-N. allerdings erst 1961. Sie selbst war im Juni 1938 ebenfalls verhaftet und zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Sie kam nach Karaganda in Kasachstan. Nach Abschluß des deutsch- sowjetischen Freundschaftspaktes wurde sie 1940 mit anderen deutschen politischen Häftlingen an die Gestapo übergeben und nach fünfmonatiger Untersuchungshaft in das Konzentrationslager Ravensbrück gebracht, wo sie bis Kriegsende ausharren mußte. In Ravensbrück lernte sie Milena Jesenska, Kafkas Freundin, kennen, deren große Menschlichkeit sie tief beeindruckte. Über ihre Haftzeit in Ost und West verfaßte sie den berühmtgewordenen Erlebnisbericht" Als Gefangene bei Stalin und Hitler"( 46), der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Geprägt von ihren bitteren Diktaturerfahrungen unter zwei totalitären Systemen widmete M.B.-N. ihre publizistische Arbeit nach dem Krieg ganz ihrem Engagement für demokratisches und humanistisches Denken und HanMunzinger- Archiv/ Internat. Biograph. Archiv 50-51/ 89 K 003439-8 Bu- ME 1 Zu: 2/7502 BUBER- NEUMANN+ deln. 1950 gehörte sie zu den Mitgründern des" Befreiungskomitees für die Opfer totalitärer Willkür", das in der Bundesrepublik den Abwehrwillen gegen den Kommunismus zu aktivieren versuchte. Das Komitee existierte bis Ende 1952. In den Jahren 1951 und 1952 gründete und leitete sie auch ein" Institut für politische Erziehung", in dem junge Deutsche mit den Grundbegriffen der Demokratie vertraut gemacht werden sollten. 1957 erschien ein zweiter Erlebnisbericht" Von Potsdam nach Moskau", mit dem Untertitel" Stationen eines Irrweges". In diesem Buch schilderte sie anschaulich die Wandlungen eines jungen Menschen, aufwachsend in der preußischen Atmosphäre Potsdams, rebellierend und in der Jugendbewegung nach neuen Lebensinhalten suchend. Interessante Einblicke vermittelt die Schilderung der weitgehend illegalen Parteiarbeit der damals noch jungen KPD. Neben ihren persönlichen Erlebnissen unter roten und braunen Faschisten hat sie in ihrem Buch" Kafkas Freundin Milena"( 64) der im KZ Ravensbrück umgekommenen tschechischen Schriftstellerin, ein Denkmal der Freundschaft gesetzt." Kriegsschauplätze der Weltrevolution- Ein Bericht aus der Praxis der Komintern 1919-1943"( 67) enthält eine Abrechnung mit der Politik der 1943 aufgelösten Kommunistischen Internationale. M.B.-N. wertet darin die Komintern als Instrument der persönlichen Machtpolitik Stalins." Der kommunistische Untergrund"( 70) berichtet über Kommunisten in der Illegalität, und in ihrem Buch" Die erloschene Flamme. Schicksale meiner Zeit"( 76) werden vierzehn Menschenschicksale vorgestellt, die auf die eine oder andere Weise in die Mühlen der Ideologien gerieten. Als unerbittliche Antikommunistin erwies sie sich zuletzt in ihrem Buch" Freiheit, du bist wieder mein"( 78), in dem sie von ihrem Weg in eine lange entbehrte Freiheit nach 1945 erzählt, begleitet von unzähligen Enttäuschungen, Vorwürfen und Mißtrauen, aber auch von der Begegnung mit alten und neuen Freunden. Bei zwei Filmen wirkte sie als Drehbuchautorin mit. Verfilmt wurden fürs Zweite Deutsche Fernsehen Episoden aus" Als Gefangene bei Stalin und Hitler" und als Rückblick und Mahnung der Spielfilm über Leben und Wirken des Anarcho- Kommunisten" Max Hölz", der Anfang der zwanziger Jahre die Bevölkerung des sächsischen Vogtlandes terrorisierte. Veröffentlichungen:" Als Gefangene bei Stalin und Hitler"( 48, 85; Autobiograpie)," Von Potsdam nach Moskau"( 57, 85; Autobiographie)," Kafkas Freundin Milena"( 64, 86)," Kriegsschauplätze der Weltrevolution"( 68)," Der kommunistische Untergrund"( 70)," Die erloschene Flamme"( 76)," Freiheit, du bist wieder mein!"( 78). Dazu kamen zahlreiche kleinere Beiträge und Artikel. Drehbücher( Mitarbeit):" Als Gefangene bei Stalin und Hitler"( ZDF), " Max Hölz". Auszeichnungen: Für ihre publizistisches Lebenswerk erhielt sie 1977 den mit 10.000 DM dotierten" Freiheitspreis des Freien Deutschen Autorenver2 Bu- ME K 003439-8 Munzinger- Archiv/ Internat. Biograph. Archiv 50-51/ 89 BUBER- NEUMANN+ bandes". In Amerika wurde sie mit der Ehrenmitgliedschaft der" Authors League of America" geehrt. 1981 erhielt sie das Große Bundesverdienstkreuz. M.B.-N. war in erster Ehe von 1922 bis 1929 mit Rafael Buber( s.o.) verheiratet, in zweiter Ehe von 1929 bis 1937 mit Heinz Neumann( s.o.). In dritter Ehe heiratete sie den Schriftsteller und Maler Helmuth Faust. Ihre Schwester Babette war eine bekannte kommunistische Politikerin und Lebensgefährtin des Reichstagsabgeordneten Willi Münzenberg. M.B.-N. hinterließ Töchter, Enkel und Urenkel. Sie starb am 6. Nov. 1989 im Alter von 88 Jahren in Frankfurt. Letzte Postanschrift: Fahrgasse 88, 6000 Frankfurt/ M. Munzinger- Archiv/ Internat. Biograph. Archiv 50-51/ 89 K 003439-8 Bu- ME 3. MARGARETE BUBER- NEUMANN ALS GEFANGENE BEI STALIN UND HITLER VERLAG DER ZWÖLF- MÜNCHEN Margarete Buber wurde 1901 in Potsdam geboren, wo sie aufwuchs und die Schule besuchte. Uber die Freideutsche Jugendbewegung kam sie am Ende des ersten Weltkrieges in Verbindung mit linkssozialistischen Kreisen, trat 1921 in den Kommunistischen Jugendverband ein und 1926 in die KPD. 1933 war sie gezwungen zu emigrieren. Sie lebte in Spanien, in der Schweiz und ab 1935 in der Sowjet-Union. 1937 wurde ihr Lebenskamerad, Heinz Neumann, von der russischen Staatspolizei, der NKWD, in Moskau ver- - haftet, sie selbst erlitt das gleiche Schicksal im Jahr 1938. Ihr Urteil lautete auf fünf Jahre Zwangsarbeit. Während des deutsch-russischen Freund- schaftspaktes im Jahre 1940 lieferte die NKWD Margarete Buber an die Gestapo aus, die sie in das Konzentrationslager Ravensbrück sperrte. Erst im April 1945 kam sie wieder in Freiheit. Einband und Schutzumschlag: H. Ranacher 1.—5. Tausend. Alle Rechte des Nachdrucks und der Übersetzung vorbehalten. Copyright 1949 by Verlag der Zwölf, G. m. b. H., München. Veröffentlicht unter der Zulassung US- E- 183(Harry Schulze-Wilde) der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung. Druck: Oberfränkische Verlagsanstalt und Druckerei, G. m. b. H., Hof. ZUR EINFÜHRUNG Das vorliegende Buch Margarete Buber- Neumanns bringt in die Betrachtung unsrer Vergangenheit einen anderen Aspekt als den gemeinhin üblichen. Gewiß, auch ihr Werk über die Konzentrationslager ist ein kühl- sachliches Dokument des organisierten Hasses, der Lüge, Gemeinheit, Brutalität in extremster Form. Aber der Nachklang, der am Ende der Lektüre bleibt, ist weniger Empörung, weniger Anklage, weniger Entsetzen als vielmehr das Gefühl, ändern zu müssen. Margarete Buber- Neumann appelliert nicht an das Mitleid, weder durch direkte Aufforderung noch indirekt durch Pathos oder rührende Ausdrucksoder Darstellungsweise. Die Verfasserin berichtet nichts sonst. Sie verklärt die Leiden nicht und auch nicht die Leidenden, und ihre Konsequenz ist auch nicht Weltverachtung. Ja, sie selbst zieht überhaupt kein Fazit. Mit dem schlichten Bericht scheint ihr offenbar genug getan. - - - Es ist genug. Denn der Leser zieht die Konsequenz, auf erstaunliche Weise unbewußt. Und was er mitnimmt teuflischen, geder geschilderten aus spenstischen Welt der Konzentrationslager ist so unglaubhaft es klingt Hoffnung, Liebe. Man darf mit Recht daran zweifeln, daß solche Wirkung von der Verfasserin beabsichtigt war. Aber die Wirkung ist, und man begrüßt sie voller tiefer Dankbarkeit. Gegenwärtig scheinen uns alle Bemühungen um den Frieden, der das Vertrauen bedeutet, vom Stempel des Vergeblichen geprägt, von übergroßer Skepsis hoffnungslos beschattet. Kaum einer, der nicht den Glauben an den anderen, den Mitmenschen, verloren hätte, und damit den Glauben an die Gesamtheit der anderen. Und die Symptome der vom Egoismus diktierten Gewaltherrschaft scheinen uns fast nur wenn auch eminente Steigerungen der Kennzeichen, die für die allgemeine Lebenshaltung typisch sind, die uns heute noch gefangenhält. Welt aus Haß, Welt aus Lüge, Gemeinheit, Brutalität auch heute noch, getarnt unter großen Worten von Humanität, gemildert in den Erscheinungsformen ihrer Bosheit, aber doch in ständiger Drohung des wilden Ausbruchs - in nicht allzu fernem Hintergrund. Und Deutschland umgeben von einem Wall des Mißtrauens. Welt ohne Hoffnung—? Nein, nicht ohne Hoffnung. Margarete Buber-Neumann weckt in dem vor- liegenden Buch einen Schimmer der Hoffnung, ganz unbewußt wahrscheinlich, wie gesagt. Sie vermittelt die Ahnung, vielleicht gar die Gewißheit, daß das Gericht nicht von der zerstörenden Kraft kommen, sondern von der verbindenden Menschlichkeit, von der Liebe, ausgehen wird. Die Verfasserin kann die Angst nicht bannen—(wer könnte es, da sie zum bestimmenden Lebensgefühl unserer Zeit gewachsen ist?!)—, doch sie gibt Vertrauen zum Menschen an sich. Der Glaube an die Beziehungen von Mensch zu Mensch aber ist uns als einziges geblieben, um ein wenig Ordnung in das Chaos unserer Gegenwart zu bringen. Theoretisch scheint es fast unmöglich, diesen Glauben hochzuhalten, auch in der Praxis waren wir nahe daran, ihn zu verlieren. Es gilt, das Vertrauen auf menschliche Beziehungen zurückzugewinnen und zu festigen, sich abzuwenden vom nur scheinbar erhebenden und fruchtbaren Bekenntnis zu„Bewegungen“ oder„Ideen“. Man könnte Margarete Buber-Neumanns Buch als antipolitisches, aber lett- lich doch als Auseinandersegung mit politischen Richtungen bezeichnen, wenn man von seinem Inhalt ausgeht. Blickt man jedoch weiter, spürt man in sich selbst weiter, so wird fast wesenlos, daß hier eine nüchterne und eben deshalb so erschütternde Darstellung des wahren Gesichts von Bolschewismus und Nationalsozialismus, der Methoden vorliegt, die zur Aufrechterhaltung einer strikten, zentralisierten Diktatur angewandt werden. Denn die Erkenntnis, die uns überkommt, ist zeitlos, ist unabhängig oder müßte es immer gewesen sein und wieder werden. Diese Erkenntnis aber besagt, daß dem Menschentum zum Siege verholfen werden muß. Das Buch vermittelt Hoffnung auf solchen Sieg. Nicht nur, weil nach seiner Lektüre Hochachtung wächst vor der Kraft der Schwachen, vor der unerhörten menschlichen Größe der Gedemütigten, dem hingebungsvollen Dienen der un- schuldig Leidenden untereinander, sondern weil auch ganz zages, beklommenes Verstehen aufklingt für einige von denen, die auf den Irrweg der Gewalt und der Bosheit gerieten, ohne es zu wissen. Auch unter ihnen viele vor allem|, Schwache, Rat- und Hilflose, bei denen Schwäche nicht gleichbedeutend mit Schlechtigkeit ist. Margarete Buber-Neumann will sicher keinesfalls entschuldigen, wenngleich sie nicht direkt anklagt. Und auch wir wollen nicht entschuldigen oder gar in ‚den schwerwiegenden Fehler verfallen, die furchtbaren Entgleisungen Deutscher deshalb in milderem Licht zu sehen, weil auch im Osten auf das Entsetlichste gefehlt wurde und wird. Im Gegenteil macht das Ausmaß der KZ-Verbrechen, die auch nach Sibirien reichten, die Trauer über das Geschehene und die Pflicht, es zu verdammen, nur größer. Wir wollen auch nicht ignorieren, was geschah. Aber es scheint uns notwendig, endlich gutes Wollen nicht nur in Worten aus- zudrücken, sondern mit den Taten in Einklang zu bringen. Bei den meisten, von denen Margarete Buber-Neumann erzählt, waren die großen„Ideen“ erloschen. Aber in ihrer kleinen verfemten Schicksalsgemein- schaft taten sie Gutes. Ihr Wille zur Hilfe aus der Not der Armen, Leidenden war nicht mehr der einer Partei oder irgendeiner politischen Gruppe, sondern einfach der des Menschen an sich, des Menschen, der sich seines Menschentums bewußt ist und den Ausdruck dieses Bewußtseins als selbstverständliche Pflicht empfindet. Der Schriftsteller John Forster sagte einmal:„Wenn ich vor der Wahl stünde, meinen Freund vder mein Vaterland zu verraten, ich hoffe, ich wäre tapfer genug, mein Vaterland zu verraten... Liebe und Treue zu einem einzelnen Menschen können dem Staat widerstreiten, und wenn der Fall eintritt, dann sage ich: ich pfeife auf den Staat— was wohl bedeuten würde, daß der Staat auf mich pfeift.“ Diese Äußerung scheint anarchistisch, ist es aber nicht. Sie ist ein notwendiges Bekenntnis zum überragenden Wert der Beziehungen von Mensch zu Mensch, ohne die ein friedvoller Aufbau der Welt unmöglich ist. Achtung vor dem Mitmenschen, vor seiner Würde, Liebe zu ihm— das sind die aus- schlaggebenden Forderungen für die Zukunft. Pestalozzi formulierte den Ge- danken knapp und klar: Wir wollen keine Verstaatlichung des Menschen, sondern eine Vermenschlichung des Staates. In solchem Sinne werte man das Buch Margarete Buber-Neumanns als einen Appell an die Menschheit, sich ihrer höchsten Werte bewußt zu werden. DER VERLAG Erster Teil KASAK STAN 1. VERHAFTUNG HEINZ NEUMANNS DURCH DIE NKWD AM VORABEND DER MAIFEIER 1937 99 Es war der 30. April 1937. Moskau bereitete sich auf die Feier des 1. Mai. Die starke russische Frühlingssonne überflutete die Ulitza Gorkowo. Ich versuchte mit meinem Paket unterm Arm hastig an dem sich langsam vorwärtsschiebenden Menschenstrom vorbeizukommen. Lautsprecher, die an den Häuserwänden befestigt waren, wurden ausprobiert. Der Triumphmarsch" aus Aida" schmetterte über die Straße. Ich wollte in die Seitengasse einbiegen, um nur schnell zu entkommen, das nicht mehr hören zu müssen, aber eine Menge Menschen, Männer und Frauen, noch in die winterlichen, grauen Wattejacken gekleidet, stauten sich an der Ecke und füllten die ganze Straßenbreite, um zuzusehen, wie ein riesiges Stalinbild mit Stricken an der Hausfassade emporgezogen wurde. Wenn ich nur nichts mehr sehen brauchte! Wohin man auch blickte, überall Stalinbilder. Aus den Schaufenstern, von den Häuserwänden, über den Eingängen der Kinos, immer das gleiche Gesicht mit dem hängenden Schnurrbart. Und dröhnend widerhallte ein Wiener Walzer in der schmalen Seitengasse, die zur Petrowka führt. Mit Herzklopfen rannte ich durch die Straßen. Zwei Tage hatte ich versäumt, mich zwei Tage lang meinem Schmerz überlassen, während er in irgendeiner Zelle der Lubjanka saß. Wie konnte ich nur! Ob man mir das Paket mit den Lebensmitteln und der Wäsche überhaupt abnehmen wird? Ich flüsterte die russischen Sätze vor mich hin, um mich nachher dort vor dem Gefängnisschalter nicht zu versprechen:,.Mein Mann, Heinz Neumann, wurde am 27. April von der NKWD verhaftet. Wo befindet er sich? Kann ich ihn besuchen? Kann ich ein Paket und einen Brief abgeben?" Der Lubjanka schräg gegenüber lag die Auskunftsstelle für die Hinterbliebenen der durch die NKWD Verhafteten. Der Raum war gedrängt voll Menschen. Vor einem Schalter hatte sich eine lange, vielfach gewundene Schlange gebildet. Die dort Wartenden wagten nicht mehr laut zu sprechen. Schon hier wehte Gefängnisluft. An der Eingangstür 9 stand einer in NKWD- Uniform. Aus den verschiedenen Büroräumen war ein Kommen und Gehen von Soldaten mit dem hellblauen oder kardinalroten Streifen der GPU- Formationen an den Mützen. Das waren die einzigen, die laut sprachen und sich polternd bewegten. Schrecklich langsam rückte ich in der Schlange vorwärts. Ich sah in die umstehenden Gesichter. Überall das gleiche verängstigte Leiden. Vor mir stand eine hochgewachsene Frau in elegantem Pelzmantel, hinter mir ein Mütterchen im Umschlagetuch, das die Stirn verdeckte, nur den vergrämten Mund und die Augen frei ließ. Viel mehr Frauen als Männer standen dort. Junge und Alte, Gutgekleidete und solche in schäbigen wattierten Jacken. - - Man sprach leise miteinander: Haben Sie Ihren schon gefunden? Durften Sie Geld einzahlen? Wie lange ist er schon drin?" Und dann immer die gleiche Erzählung: ,, Nachts so gegen 1 Uhr sind sie gekommen. Nach Waffen haben sie gefragt, alles durchgesucht, und nichts durfte er sich mitnehmen. Und ich weiß bestimmt, daß er unschuldig ist." Das Herz klopft, der Mund ist ausgedörrt. Jetzt noch drei vor mir. Ich versuchte die Frauen und die Antwort aus dem Schalter zu verstehen. Habe aber mein ganzes Russisch vergessen. Und dann stehe ich vor dem Fensterchen. Es ist so hoch, daß man mit Mühe hineinsehen kann, und dahinter sitzt ein unbewegtes Gesicht mit einem Kneifer. Ich stottere meine eingelernten Sätze, komme gar nicht bis zum Ende, will aber das Paket ist viel zu groß den Brief durch das Loch reichen ein schneidendes ,, njet!" bricht jede weitere Frage ab, und schon schiebt mich der Menschenstrom zur Tür hinaus. Mit Tränen in den Augen stehe ich blinzelnd auf der sonnigen Straße, das Paket unterm Arm und den Brief in der Hand.„ Sie müssen nach Butirki gehen, vielleicht können Sie ihn dort finden!" Das Mütterchen im Kopftuch steht tröstend neben mir. ,, Meiner ist auch nicht da. Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Weg, und wie man es machen muß." Wie wir durch die geschmückten Moskauer Straßen gingen, durch die Transparente mit der Aufschrift:„ Es lebt sich besser, es lebt sich fröhlicher!( Stalin)" erzählte mir die alte Arbeiterfrau, daß man vor ein paar Tagen ihren Kolja, den jüngsten, geholt hat. ,, Ja, da sagt man ihnen immer, sie sollen kritisieren, und wenn mein Kolja ein bißchen zuviel getrunken hat, dann kritisiert er eben. Nun haben sie ihn geholt. Er hat auf dem Bau gearbeitet und ist ein so guter Junge." Ich will irgend etwas Freundliches, Tröstliches zu ihr sagen: ,, Glauben Sie nicht, daß er wieder herauskommen wird?" ,, Aber wo denken Sie hin! Wer einmal in dieser Fleischmaschine drin ist, kommt nicht heil wieder heraus!" - In einer langen, hohen Mauer ist eine kleine Pforte. Drinnen ein schmaler Hof, von dem eine Treppe zum Raum mit den Auskunftsschaltern des politischen Untersuchungsgefängnisses Butirki führt. Hof 10 und Treppe waren voll von Menschen. Sie hockten und standen herum. Kinder umspielten die wartenden Mütter. Ich erfuhr, daß man sich drinnen, hinter der Tür, bei einem Posten melden mußte, seinen Paẞ vorzeigen und dann eine Nummer erhielt. ,, Ja, aber ich habe keinen Paẞ. Ich bin eine Ausländerin. Meine Vid na shitjelstwo( Aufenthaltserlaubnis) haben sie in der Komintern zurückbehalten", erklärte ich dem Posten. Bringen Sie Ihr Dokument, und Sie werden einen Propusk ( Durchlaßschein) erhalten!" war die kurze, korrekte Auskunft des Soldaten. Ich ging zu meiner freundlichen Alten. Sie wußte da keinen Rat. Ja, so sind eben die Bestimmungen.." Mit einem freundlichen ,, Doswidanija"( auf Wiedersehen) trennten wir uns. Mein Zimmer im Hotel,.Lux", dem Gemeinschaftshaus der Komintern, trug noch die Spuren des wüsten Durcheinanders nach der Haussuchung und Verhaftung meines Mannes vor nunmehr drei Tagen. Auf dem Boden lagen Bücher und Papierfetzen. " Jetzt werden drei Maifeiertage kommen, die Gefängnisschalter geschlossen sein, und ich kann ihn nicht suchen. Immer wieder kommt mir die Erinnerung an die Nacht vom 27. zum 28. April. So gegen 1 Uhr nachts klopfte es dröhnend an unsere Zimmertür. Ich sprang aus dem Bett, knipste das Licht an. Die Schläge gegen die Tür wiederholten sich. Heinz um Gotteswillen, wach doch auf!" Er drehte sich lächelnd auf die andere Seite. Zitternd öffnete ich die Tür. In ihrem Rahmen standen drei uniformierte NKWD Beamte und der Kommandant des Lux". Die Worte, die sie an mich richteten, drangen nicht bis zum Bewußtsein. Es dröhnte, es hämmerte, es sang in den Ohren. Meine Stimme versagte mir den Dienst. Knarrende Stiefel erfüllten unser Zimmer. Sie umstanden das Bett des friedlich schlafenden Delinquenten. Erst das„ Nejman stawajtje!" ( Neumann stehen Sie auf!) ließ ihn hochfahren...Haben Sie Waffen?" war die nächste Frage. Nur einige Sekunden war ein fast kindliches Entsetzen auf seinem Gesicht, dann, als ob er erwache, wurde es grau und mager, entschlossen, um das Leben zu kämpfen. Seine Faust fuhr über die Bettdecke. Ich protestiere gegen meine Verhaftung!" ,, Das können Sie später machen", erwiderte höhnisch der Natschalnik( Anführer) des Kommandos. Er trug eine randlose Brille, die ihm das Aussehen eines Intellektuellen gab. 92 ,, Ziehen Sie sich an!" war das nächste Kommando. Dann trat er ans Fenster, schloß es und zog die Gardinen sorgfältig vor. Der Kommandant des Hotels, Gurewitsch, saß mit von sich gestreckten Beinen in einem Sessel, während die drei anderen die Durchsuchung des Zimmers begannen. 11 ,, Mach' doch nicht ein so entsetztes Gesicht." Ohne Zittern in der Stimme, ohne ein Zeichen von Verzweiflung oder Angst, begann Heinz mich zu trösten. Der Natschalnik unterbrach uns: ,, Es ist verboten, in deutscher Sprache miteinander zu reden." Einer von den drei NKWD- Leuten, ein kleiner, runder, der damit beschäftigt war, die tausend Bände unserer Bibliothek zu durchsuchen und jedes einzelne Buch durchblätterte, schleppte wie ein apportierender Hund einen interessanten Fund nach dem andern zu seinem Vorgesetzten. Auf dem Fußboden häuften sich Bücher trotzkistischen, sino wjewistischen, radekistischen, bucharinistischen Inhalts. Aufgeregt überbrachte er einen Brief Stalins an Neumann aus dem Jahre 1926, der in irgendeinem Band gesteckt hatte. In diesem Schreiben fordert Stalin Neumann auf, in der ,, Roten Fahne", dem damaligen Zentralorgan der KPD, einen politischen Angriff gegen Sinowjew zu starten. Der Bebrillte las ihn aufmerksam und äußerte dann kühl und geschäftlich:„ Um so schlimmer." Bald war das Zimmer in eine Staubwolke gehüllt. Am Schreibtisch saß der Natschalnik und räumte ihn bis auf den letzten Zettel aus. Jede Fotografie, die Briefe meiner Kinder, alles wurde beschlagnahmt. Wir saßen uns gegenüber. Meine Knie wollten nicht aufhören zu zittern. Heinz fügte zwischen russische Sätze kurze deutsche ein. Wir sprachen unsere eigene Sprache. ,, Stalin trägt die Verantwortung für unzählige Verbrechen. Wenn du am Leben bleiben solltest und noch einmal ins Ausland kommst, geh zu Friedrich Adler..." Und dann immer wieder Tröstendes: ,, Sei nicht so verzweifelt, vielleicht sehen wir uns doch irgendwann wieder...“ 66 Langsam wurde es hinter den Gardinen Tag. Die Geräusche des großen Hotels drangen zu uns. Aber dieses Tageslicht und dieser Morgen waren nicht für uns bestimmt. Unsere letzten Stunden waren gekommen, ich war ausgelöscht, keiner Worte fähig. Dann setzte der NKWD- Natschalnik das Protokoll der Durchsuchung auf: ,, Sechzig Bücher trotzkistischen, sinowjewistischen, kamenjewistischen, bucharinistischen Inhalts, einen Koffer voller Manuskripte, Briefe, Schriftstücke." Heinz nahm Mantel und Mütze. Ich hielt mich am Bücherbrett fest, drückte die Fingernägel ins Fleisch, biß auf die Lippen, um nicht zu weinen. Wir umarmten uns. Da kamen die Tränen.„ Du darfst nicht weinen." ,, Beeilen Sie sich! Los!" Heinz ging zur Tür, drehte sich noch einmal um, lief zurück, küßte mich: Weine nur, ach, es ist ein Grund zu weinen!" - 92 Das Zimmer war leer, das Licht brannte. Aufgerissene Schubladen, überall Bücher und Papierfetzen Und als sei noch etwas zu retten, eilte ich die Treppe hinunter zum Zimmer des Leiters der Kaderabteilung der Komintern, zu Alichanow, 12 einem alten Bekannten von Heinz. Seine Frau öffnete. Alichanow saẞ im Bett, schweißüberströmt. Als ich ihm mitteilte, man habe soeben Heinz verhaftet, nickte er nur und wischte sich Stirn und Gesicht ab. Auf meine schluchzende Frage, ob er nicht helfen könne, blickte er hoffnungslos, versicherte aber, alles tun zu wollen, was in seiner Macht stehe. Er ging einige Monate später denselben Weg wie Heinz. 99 Am Tage nach den Maifeiern klingelte das Telefon. Die Kinderfrau meiner Freundin Hilde Duty bat mit schluchzender Stimme, ich solle sofort hinunterkommen ins Vestibül des ,, Lux". Da stand sie mit Hildes Töchterchen, der kleinen Swetlana, und flüsterte mir erregt ins Ohr: ,, Heute Nacht haben sie Hilde verhaftet!" Über das liebe Bauerngesicht der alten Nanja rannen unaufhaltsam Tränen.„, Greta, Sie müssen helfen! O, mein Gott! O, mein Gott!" Und während wir mit entsetzten, erschreckten Gesichtern in der Ecke flüsterten, gingen durch das Vestibül mit seinen riesigen Wandspiegeln und dem lächerlichen Prunk des beginnenden Jahrhunderts die Angestellten der Komintern zur Arbeit, alle diese ,, Gerechten", die durch Wachsamkeit" ihr Leben zu retten gedachten und nicht zögerten, ihre Kameraden der NKWD zu verraten. ,, Dschura, bitte, weinen Sie nicht mehr. Ich werde alles tun!" und Tränen erstickten meine Stimme. Swetlana blickte prüfend auf uns beide: ,, Wann kommt die Mama zurück?" Dschura fuhr mit dem Zipfel ihres Kopftuches über die nassen Runzeln:„ Bald, Kukuschka, meine Liebe..." Und dann gingen sie durch die Drehtür hinaus auf die Straße. Beim Zurückgehen in mein Zimmer traf ich den alten polnischen Revolutionär Waletki. Der hatte noch niemals eine Begegnung vorübergehen lassen ohne freundschaftlichen Gruß oder ein Kompliment. Ich stutte, nickte in Erwartung eines Gruẞes Waletki senkte den Blick mit verlegenem, fast schuldbewußtem Gesicht. Eine Geächtete, die Hinterbliebene eines Verhafteten, durfte er nicht mehr grüßen. Überall auf den Korridoren begegnete ich verächtlich- neugierigen Blicken. Es ist nicht leicht, ihnen standzuhalten, wenn einem die Tränen im Halse sitzen. - Fünf Nächte waren schon vergangen und ich immer noch nicht verhaftet. Noch hatte ich nicht gewagt, mich mit irgendeinem von unseren wenigen guten Freunden in Verbindung zu setzen, denn ich durfte sie doch nicht gefährden. Jedesmal, wenn das Telefon klingelte, nahm ich zögernd und voller Angst den Hörer ab, denn alle unsere Gespräche wurden überwacht. Da rief unser Freund H. J. an: Warum meldet ihr euch nicht? Ist etwas geschehen?" Es knackte im Hörer, die Über99 13 wachung hatte sich eingeschaltet. ,, Gar nichts, nein, es geht mir gut." ,, Kannst du morgen ins Café, Sport kommen?" ,, Ja." 66 - Aber was wird geschehen, wenn man mich beobachtet? Nein, ich kann es nicht verantworten! Und doch ging ich. Der Wunsch, einen Menschen zu sehen, in der Not einen Freund zu wissen und über seine Qualen sprechen zu dürfen, trieb mich zu dieser Begegnung. 2. ALS ,, HINTERBLIEBENE" EINES VERHAFTETEN ,, VOLKSFEINDES" 99 Heinz Neumann und ich hatten in den zwei Jahren unseres Moskauer Aufenthaltes, da wir als politisch unzuverlässig" galten, nur noch sehr wenige Menschen, die zu uns hielten, deren Freundschaft stärker war als die Angst, durch die Beziehung zu uns ebenfalls in Acht und Bann getan zu werden. Diese wenigen Freunde haben auch nach der Verhaftung meines Mannes treu zu mir gestanden. Wir trafen uns heimlich, irgendwo an der Peripherie der Stadt, von einer Verabredung zur andern zitternd, ob wir uns je wiedersehen würden. Und alle hat das Schicksal ereilt, alle unsere Freunde wurden vor mir verhaftet. Ich mußte die Schrecken des Zurückbleibens wieder und immer wieder erleben, bis endlich nach einem Jahr die Reihe auch an mich kam. Einige Tage, nachdem die NKWD Heinz weggeführt hatte, teilte mir der Kommandant des„ Lux" meine Umquartierung in den sogenannten Nepflügel mit. Das war ein altes Häuschen, das im Hinterhof des Hotels stand und in dem nun die Familien der Verhafteten untergebracht wurden. Ich zog in ein Zimmer zusammen mit Michailina, der 60jährigen Schwester von Gorski, einem polnischen Mitarbeiter der Komintern, der vor kurzem verhaftet worden war. Gorski hatte fast ein Jahrzehnt im polnischen Zuchthaus zugebracht. Seine Schwester Michailina weilte erst kurze Zeit in Moskau. Sie war aus Warschau gekommen, um den Bruder nach der langen Gefängniszeit zu besuchen. Michailina hatte sich nie mit Politik beschäftigt, sie war ihr Leben lang eine sorgende Hausfrau gewesen. ,, Und hier in Moskau verhaften sie meinen Bruder? In der Sowjetunion, dem Lande seiner Sehnsucht?" Sie zerbrach sich den Kopf, was er wohl verbrochen haben könnte, er, der den größten Teil seines bewußten Lebens für die Sache des Kommunismus im Zuchthaus gesessen hatte. Michailina erzählte mir, daß sie sich kurz nach der Verhaftung des Bruders an die Komintern gewandt habe mit der Bitte, ihr ein Ausreisevisum zu geben, damit sie heimfahren könne. ,, Nicht einmal angehört haben sie mich. Einfach den Hörer abgehängt. Und dann kam der Gurewitsch und hat gesagt, ich müsse sofort mein Zimmer räumen. In dieses finstere Loch haben sie mich gesteckt. Ist es nicht um den Verstand zu verlieren!" 14 Jeder Raum dieses alten Hauses barg eine andere Tragödie. Mütter, Kinder, alte Frauen verbrachten ihre Tage mit der Suche nach den Angehörigen von einem Gefängnis zum anderen oder dem Verkauf der letzten Habseligkeiten, denn es gab für ,, Hinterbliebene" weder Arbeit noch irgendeine Unterstützung. Nachts aber warteten sie auf ihre eigene Verhaftung. Durch Wochen und Monate schon stand der Koffer bereit, der sie nach Sibirien begleiten sollte. * Von unserem Fenster aus konnten wir in den Treppenflur des ,, Lux" blicken. Wenn nach Mitternacht die elektrische Beleuchtung wieder eingeschaltet wurde, wußte man: NKWD ist im Hause! Und mit klopfendem. Herzen lauschten wir angespannt auf das Geräusch der herannahenden Stiefel. Wer wird der nächste sein? Keiner fragte sich mehr, warum wir verhaftet werden sollten, oder weshalb hat man eigentlich unsere Männer geholt? Nur ganz wenige waren fähig, zu erfassen, was über uns hereingebrochen war. Das Tagesgespräch der ,, Hinterbliebenen" und wohl noch sehr vieler anderer Menschen im großen Rußland war zu jener Zeit:„ Hast du gehört, wer heute Nacht verhaftet wurde? Weißt du, daß sie den Genossen X. geholt haben?" In allen Einzelheiten erzählte man, wie sich ein polnischer Genosse mit dem Revolver in der Hand bei seiner Verhaftung verteidigt und auf die NKWD- Beamten geschossen hatte. Erschütternde Szenen spielten sich ab, wenn man Mütter von ihren Kindern riß. Die zurückgebliebenen Kinder kamen dann in Kinderheime, wo man sich wegen der Überfüllung nicht mehr um die Kinder kümmern konnte. Eine Frau fand ihre Nichte, deren Eltern verhaftet worden waren, nach langem Suchen in einem solchen Heim und erwirkte ihre Herausgabe. Die Siebenjährige hatte einen schweren geistigen Defekt erlitten. Man erzählte, daß die größeren Kinder in diesen Heimen sich mit Geld und Schmucksachen alle erreichbaren Genüsse erhandelten. Die Wertgegenstände hatten sie von mitleidigen Hausbewohnern zugesteckt bekommen, als man wußte, daß, nach der Verhaftung der Eltern, die NKWD die Kinder abholen würde. Einmal belauschte ich Kinder der Hinterbliebenen auf dem Korridor des Nepflügels: ,, Ist dein Papa auch verhaftet?"- ,, Nein, meiner ist auf Urlaub in den Kaukasus gefahren." Da mischte sich die 11jährige Tochter des verhafteten Genossen Sch. in die Unterhaltung:„ ,, So, in den Kaukasus? Und warum zahlt deine Mama im Gefängnis Geld ein? Ein schöner Kaukasus ist das!" Damals machte ein Witz in Moskau die Runde: Zwei Männer treffen sich auf der Straße( es war um die Zeit des spanischen Bürgerkrieges). ,, Haben Sie schon gehört, daß Teruel genommen ist?" ,, Was? Und 15 - seine Frau auch?" ,, Aber nein, Teruel ist doch eine Stadt." Gotteswillen, man verhaftet schon ganze Städte!" - - ,, Um * In unserer Nachbarschaft im Nepflügel lebten viele alte Polinnen, deren Männer im Laufe der letzten Monate weggeschleppt worden waren, Frauen, von denen viele über 60 Jahre alt waren. Ihre Männer waren alte Bolschewiken und sie treue, gläubige Kommunistinnen, oft schon seit Jahrzehnten. Eine von ihnen, Frau Waletzki, hatte ihre Kindheit in Sibirien verbracht, als Tochter politischer Verbannter der Zarenzeit. Aus der polnischen Sektion der Komintern war keiner mehr in Freiheit. Selbst den alten 70jährigen Warski, der ein Freund Lenins gewesen war, verschonte man nicht. Das Heim der ,, Alten Bolschewiken" sowohl in Leningrad als auch in Moskau wurde mangels Insassen geschlossen. Die ganze Nacht hindurch fuhren in jener Zeit die Autos der NKWD durch die Straßen Moskaus zur Lubjanka. Unter der Masse der Verhafteten bildeten die Ausländer nur einen kleinen Teil, aber wir erfuhren zuerst und vor allem über deren Schicksal. Da holte man Deutsche, Polen, Litauer, Letten, Finnen, Bulgaren ebenso wie die Vertreter der östlichen Völker, Chinas und Japans. Kaum angetastet wurden Engländer, Franzosen und Amerikaner. Einmal meinte Michailina trocken:„ Langsam gewöhnt man sich ans Verhaften, ob es beim Erschießen auch so sein wird?" Jetzt waren schon 14 Tage seit der Verhaftung von Heinz vergangen. Jeden Tag stand ich in der Schlange vor einem anderen Gefängnis. Vor der Lubjanka, vor Sokolniki, vor Butirki und dem Militärgefängnis Lefortowo. An allen Schaltern mußte ich hören: ,, Er ist nicht hier!" Vor allen Gefängnissen war das gleiche Bild. Hunderte Frauen drängten sich, um ihre verhafteten Männer zu suchen oder falls sie sie schon gefunden hatten, die monatlichen 50 Rubel einzuzahlen, denn das war die einzige Vergünstigung für politische Untersuchungshäftlinge. Da hatte ich gemeint, man könne Pakete abgeben, Briefe schicken oder etwa sogar eine Besuchserlaubnis bekommen. Nein, so etwas kannte man in der ,, Sowjetdemokratie" nicht. Und dann kam der glücklichste Tag in diesen ersten Wochen des Herumirrens von einem Gefängnis zum anderen. Man nahm am Schalter mein Geld entgegen. Heinz saß in der Lubjanka. In meiner Erregung zahlte ich gleich 50 Rubel ein, obgleich die Frauen mich unterrichtet hatten, man solle zweimal im Monat je 25 Rubel hinbringen, weil man dann eine Kontrolle hat, wo sich der Verhaftete befindet. Aber das vergaß ich in meiner Freude. Ich unterschrieb eine Quittung über das eingezahlte Geld, und die mit mir wartenden Frauen hatten mir mitgeteilt, daß dieses Stück Papier mit meiner Unterschrift dem Verhafteten zum 16 Gegenzeichnen in die Zelle gereicht wird. Heute noch oder morgen würde Heinz wissen, daß ich noch in Freiheit bin und daß ich ihn gesucht habe. Dann stand ich auf dem Platz vor der Lubjanka, einem großen Ziegelbau, auf dessen Giebel eine riesige rote Fahne weht, neben der Tag und Nacht ein Posten mit aufgepflanztem Bajonett Wache hält und die nachts mit Scheinwerfern bestrahlt wird. Mein Blick ging über die vielen mit Kästen verhängten Zellenfenster. Wo mochte Heinz sitzen? Wenn ich ihn doch noch einmal sehen könnte. Aber er lebte ja noch. Auf dem Heimweg verspürte ich das erste Mal, daß es Sommer geworden war. 99 99 Ich begegnete der Frau des deutschen Genossen Sch. Da ich nicht wußte, ob sie mich grüßen würde, blickte ich auf die andere Straßenseite. Aber sie blieb stehen, faßte mich am Arm: Was ist denn mit dir? Warum kommst du nicht mehr zu uns?" Wie kann ich es wagen, dich und deinen Mann zu gefährden?" Aber sie lud mich dringlich ein, sie zu besuchen. Sch. war seit Monaten ohne Arbeit. Er erzählte mir, daß er jede Nacht auf seine Verhaftung warte und auch das kleinste Stückchen beschriebenen Papiers verbrannt habe. ,, Weißt du, Heinz ist ebenso unschuldig wie ich, wie alle, die schon verhaftet wurden und jene, die noch drankommen werden. Wir sind die Opfer der russischen faschistischen Politik. Man serviert uns ab, weil sie uns nicht mehr nötig haben." Sein Gesicht war verfallen und gelb, die Hände dieses großen, starken Arbeiters zitterten wie die eines Greises. ,, Kümmere dich um meine Frau und das Kind, wenn ich weg bin. Sie spricht nicht russisch." Eine Woche später wohnten schon beide bei uns im Nepflügel. Am selben Tag kamen noch viele andere deutsche Hinterbliebene. Die NKWD hatte eine Nacht für die Deutschen" veranstaltet. - Als wieder eines Abends, diesmal früher als sonst, sich die Schreckensnachricht im Nepflügel verbreitete:„ NKWD ist im Hause", flüchtete eine Anzahl deutscher Frauen wir hatten gerade in der gemeinsamen Küche gestanden und das Abendessen gekocht in ein Zimmer, wie Tiere, die sich gegenseitig schützen wollen. Wir lauschten gespannt auf die herannahenden Schritte und an welcher Tür sie wohl klopfen würden. In der Erregung begannen wir zu singen, und welches Lied fiel uns zukünftigen Häftlingen" ein? Die Moorsoldaten". * Mit einem Omnibus fuhr ich gegen Abend die Leningrader Chaussee hinaus zum Treffpunkt mit unserem Freund K. F. Ich beobachtete genau die Menschen, welche gemeinsam mit mir einstiegen, um festzustellen, ob vielleicht einer an der gleichen Haltestelle wie ich wieder aussteigen würde. In einem Park am Rande der Stadt wartete ich. Ob er kommen 2 Buber: Gefangene. 17 wird? Vielleicht haben sie ihn schon geholt? Ihn werden sie auf keinen Fall vergessen. K. F. arbeitete bis Ende 1936 in der Komintern. Bei einer der üblichen Parteiversammlungen zur Zeit der ,, Tschistka"( Parteireinigung) richtete eine Hamburger Kommunistin an ihn die Frage: ,, Warum sieht man dich so häufig im, Lux' in das Zimmer 175 gehen?" K. F. antwortete vor der ganzen Versammlung: ,, Heinz Neumann ist mein Freund, und ich pflege ihn täglich zu besuchen." Das genügte. Kurz darauf warf man ihn aus der Arbeit, dann aus dem Zimmer, und jetzt erwartete er das Ende. - 99 Diesmal war er noch gekommen! Er stand wartend unweit des Parkeingangs. Wir begrüßten uns, als sei unser Wiedersehen ein Wunder. ,, Ich habe Heinz gefunden! Er ist in der Lubjanka! Und konnte ihm 50 Rubel einzahlen!", Weißt du schon von den Verhaftungen der letzten Tage?" ,, Jetzt ist die Rote Armee dran. Tuchatschewski, Jakir, Blücher, Gamarnik, die gesamte Garnitur der alten Offiziere aus der Zeit der Revolution und des Bürgerkrieges. Ob er denen auch einen öffentlichen Prozeß machen wird? Wie ist es nur denkbar, daß bei den Prozessen keiner aus der Rolle fällt, keiner in den Saal hineinschreit: das ist ja alles Fälschung! Diese Protokolle sind erlogen vom ersten bis zum letzten Wort!" Es wurde dunkel, man schloß den Park. Wir liefen durch die Straßen.„, Gibt es denn keine Möglichkeit zu entfliehen? Müssen wir uns abschlachten lassen wie Kaninchen? Wie konnten wir nur durch Jahre alles das kritiklos hinnehmen? Was von Moskau kam wurde verherrlicht, alle Zweifel wurden unterdrückt, denn wir wollten eben glauben. Jetzt müssen wir für unsere kritiklose Gläubigkeit bezahlen." Das war unsere letzte Begegnung. Bei der nächsten Verabredung wartete ich zwei Stunden vergeblich. K. F. wurde auf dem Wege zum Bahnhof verhaftet. Er wollte in die Krim fahren und über das Schwarze Meer entfliehen. • * Ausländer in Rußland, wenn es sich um politische Emigranten oder Mitarbeiter der Komintern handelte, erhielten als Dokument einen ,, Vid na shitjelstwo"( Aufenthaltserlaubnis), den eigenen nationalen Paẞ, soweit man überhaupt noch einen besaß, hatte man meist nicht in Händen. Mein deutscher Paß war von der Komintern zurückbehalten worden. Kurze Zeit nach der Verhaftung meines Mannes war mein ,, Vid na shitjeltstwo" abgelaufen und hätte durch die Komintern verlängert werden müssen. Ich wandte mich telefonisch an die entsprechende Abteilung der Komintern und erhielt die Auskunft, daß ich von jetzt ab bei der Meldestelle für Ausländer und Visenausgabe zuständig sei und nichts mehr mit der Komintern zu tun habe. Von der Verlagsgenossen18 schaft Ausländischer Arbeiter war ich bereits entlassen worden. Um neue Arbeit zu finden, mußte man aber irgendein gültiges Dokument vorweisen. So stellte ich mich bei der genannten Amtsstelle an eine der endlosen Schlangen. Am Schalter wurde mir die Auskunft erteilt, daß man meinen Ausländerpaß erst dann verlängern würde, wenn ich meinen deutschen Paẞ beibrächte. Ich versuchte, meine Situation zu erklären, bekam aber die kategorische Antwort: Bringen Sie uns Ihr nationales Dokument!" Bis dahin erhielt ich eine Aufenthaltserlaubnis von fünf Tagen, und mit diesem rosa Papierchen war es unmöglich, Arbeit zu bekommen. Die Komintern verweigerte jegliche Auskunft über den Verbleib meines deutschen Passes und lehnte es ab, der Meldestelle eine Mitteilung zu machen. Das gleiche erlebten fast alle Hinterbliebenen, und so waren wir gezwungen, uns alle fünf Tage polizeilich zu melden und hatten keine Möglichkeit, Arbeit zu finden. Was sollten wir machen? Unterstützung gab es nicht. Unter den Hinterbliebenen waren viele Frauen mit Kindern. Manche entschlossen sich in ihrer Verzweiflung und Ausweglosigkeit, zur nationalsozialistischen Deutschen Botschaft in Moskau zu gehen und dort um Schutz zu bitten. Da konnte es ihnen dann passieren, daß sie beim Verlassen der Botschaft auf der Straße von der NKWD verhaftet wurden. Eine ganze Reihe Familienmitglieder der verhafteten österreichischen Schutzbündler hatten sich auch zu diesem Schritt entschlossen. Die Nazis gaben ihnen Wohnung in einem zum Konsulat gehörenden Haus und unter dem Schutz eines Beamten der Deutschen Botschaft wurden sie im Auto zur Meldestelle für Ausländer gefahren, um ihre Ausreise aus Sowjetrußland zurück nach Österreich zu betreiben. Dann hörten wir von den ersten Ausweisungen Hinterbliebener nach Hitler- Deutschland. Um leben zu können, waren wir gezwungen, alles zu verkaufen, was wir besaßen. Zuerst die sogenannten Wertgegenstände, wie Grammophon, Fotoapparat oder Radio, dann die Bücher, und zuletzt kamen die Kleider dran. Da standen wir dann mit unseren Sachen auf dem freien Markt, und weil wir die russische Sprache nicht beherrschten, betrog man uns nach Strich und Faden. 22 Noch einer unserer Freunde hatte mich nicht im Stich gelassen. Es war der ungarische Genosse H. J., den ich damals in den ersten Tagen nach der Verhaftung im Café Sport" getroffen hatte. Er war mit einer Russin verheiratet. Sie luden mich, ein, sie zu besuchen. Trotz größter Bedenken und mit allen Vorsichtsmaßnahmen ging ich zu ihnen. Sie hatten ein Zimmer in einer der typisch russischen Wohngelegenheiten, die aus sechs Zimmern bestand und früher von einer Familie bewohnt worden war, aber jetzt sechs Familien Unterkunft bot. Die zur Wohnung gehörige Küche und das Badezimmer wurden gemeinsam benutzt. Wenn ich dort zu Besuch war, durfte ich nur leise sprechen, denn es sollte 2* 19 keiner hören, daß wir deutsch redeten. Der Genosse H. J. versuchte mir irgendeine Abschreibarbeit zu verschaffen. Er selbst war schon monatelang arbeitslos. Als Mitarbeiter einer Zeitschrift hatte er einen Artikel veröffentlicht, der nicht auf der richtigen politischen Linie" war. Er wurde entlassen und erhielt als Parteistrafe ,, eine strenge Rüge mit letzter Verwarnung". Ein Roman, den der Staatsverlag in Moskau zuerst angenommen hatte, in dem H. J. das Leben eines Ausländers in der Sowjetunion schilderte und dabei die Hungerjahre 1930/31 erwähnte, wurde mit dem Vermerk abgelehnt: ,, In der Sowjetunion hat niemals Hunger geherrscht." Unter den zurückgebliebenen Frauen gab es auch solche, die nicht zu ihren Männern hielten, nicht zu den Gefängnissen liefen, um die kümmerlichen 50 Rubel einzuzahlen, sondern als Stalin'sche Kommunistinnen sich von ihnen lossagten. Sie gaben nach der Verhaftung ihrer Männer öffentliche Erklärungen gegen sie ab, in denen sie sich von deren politischen Vergehen abgrenzten", ihre Parteitreue" und zukünftige ,, Wachsamkeit" gelobten. Zwar verhinderte ein solches Verhalten nicht auf alle Fälle die Verhaftung, aber es war eine Chance. * An dieser Stelle will ich einiges über das Leben in Moskau erzählen, so wie es war, noch bevor ich eine ,, Hinterbliebene" wurde. Wir waren politisch Geächtete, da Neumann im Winter 1931/32 wegen politischer Abweichungen von der Kominternlinie in Fragen des Kampfes gegen die Nationalsozialisten von seiner Funktion als Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei Deutschlands abberufen worden war und trotz ständiger Aufforderung durch die Komintern keine ,, befriedigende Erklärung" abgegeben hatte, in der er seine Fehler ,, kritisierte“, die Richtigkeit der Kominternlinie betonte, und aus der hervorging, daß und er sich ,, der Schwere seines politischen Vergehens bewußt" war in der er in jeder erdenklichen Form zu Kreuze kroch. Gleiches wie wir erlebten in jenen Jahren in der Sowjetunion viele, viele Menschen. Das Schicksal der deutschen Kommunisten und ihre Liquidierung war zugleich das Schicksal einer ganzen Generation von ehemaligen Revolutionären. Wir kamen im Mai 1935 nach Moskau. Neumann war Schweizer Zuchthaus Regensdorf, in dem er als Auslieferungsgefangener an Hitler- Deutschland saß, bis die Schweizer Regierung nach sieben Monaten das Auslieferungsbegehren zurückwies, unter Polizeibewachung auf ein russisches Transportschiff in Le Havre gebracht worden. Schon auf dem Schiff hatte er zu mir gesagt:„ Vielleicht wird man mich in Leningrad verhaften." Es kam nicht so. Wir erhielten sogar in Moskau ein Zimmer im Hotel ,, Lux", dem Gemeinschaftshaus der Komintern, was aber scheinbar ein Versehen war, denn schon am Tage nach unserer 20 aus dem Ankunft telefonierte Wilhelm Pieck, der damalige Parteisekretär der KPD, und forderte uns auf, sofort in das Emigranten- Hotel im Stadtteil ,, Baltschuk" zu übersiedeln. Wir kamen diesem„ Befehl" jedoch nicht nach. In Moskau war die Atmosphäre zum Ersticken. Ehemalige politische Freunde wagten nicht mehr einander zu besuchen. Das Hotel„ Lux" konnte man nur mit einem ,, Propusk"( Durchlaßschein) betreten. Jeder Besucher wurde registriert. Dadurch hatte die NKWD eine vorzügliche Kontrolle. Die Telefone in den einzelnen Zimmern des Hotels wurden überwacht. Immer wieder bemerkten wir ein knackendes Geräusch, nachdem die Verbindung hergestellt war. Die Post unterlag selbstverständlich einer Kontrolle. Die Furcht vor Bespitzelung nahm solche Formen an, daß sich gute Freunde, wenn sie es doch gewagt hatten, zu Besuch zu kommen, zuflüsterten:„ Habt ihr euer Zimmer auch genau durchsucht, ob man nicht irgendwo einen Abhörapparat einmontiert hat? Ist nicht vielleicht irgendwo ein Mikrophon angebracht? Etwa in der Lampe? Vielleicht im Telefon?" Ich erlebte, daß jemand alle Steckkontakte abmontiert hatte und sie nach einer Membrane untersuchte. Es gab kaum einen der dort lebenden Emigranten, der nicht einmal während der letzten zehn Jahre eine ,, Abweichung von der Linie der Komintern" gehabt hätte, und damit hielt die ,, Kaderabteilung der Komintern" oder die ,, Internationale Kontrollkommission" jeden an der Gurgel. Gib eine befriedigende Erklärung ab. Bekenne deine politischen Fehler. Folge dem Gebot der, Wachsamkeit und decke jegliche kritische Haltung der Menschen, mit denen du verkehrst, schonungslos auf! Gib zu, Protokoll jede Äußerung in deiner Umgebung, die nach, Abweichung" schmeckt! Nur dann werden wir überzeugt sein von deiner Parteitreue und dich in die Arbeit einreihen." In den zwei Jahren unseres Moskauer Aufenthaltes bis zu Neumanns Verhaftung verging wohl kein Monat, in dem er nicht entweder zur ,, Internationalen Kontrollkommission" oder zur„, Kaderabteilung der Komintern" oder zur ,, Kaderabteilung der Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter" wir waren in diesem Verlag als Übersetzer tätig gerufen wurde. Entweder forderte man ihn auf, endlich eine ,, befriedigende" Erklärung über seine politischen Fehler abzugeben, oder ,, zog ihn für kritische, parteifeindliche Äußerungen zur Verantwortung". - - - Ich will nur einen charakteristischen Fall schildern. Neumann und ich waren, wie gesagt, Angestellte der„ Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter". Auf einem Fest man nennt es besser ,, Kameradschaftsabend" des Verlags, zu dem jeder Mitarbeiter erscheinen mußte und das von einer krampfhaften Fröhlichkeit erfüllt und das Dümmste und Traurigste war, was man sich an Geselligkeit nur denken konnte, war der Verleger Wieland Herzfelde aus Prag anwesend. Neumann, der 21 ihn kannte, setzte sich mit ihm an einen Tisch und freute sich, einen Menschen gefunden zu haben, mit dem man eine Unterhaltung führen konnte. Wir saßen noch keine Viertelstunde, als eine junge Deutsche zu unserem Tisch trat, Wieland Herzfelde und Neumann begrüßte und sich zu uns setzte. Sie hieß Hilde, war aus Prenzlau, hatte irgendwann einen Russen mit Namen Kamarow geheiratet und lebte schon einige Zeit in Moskau. Sie nannte sich nur noch Kamarowa, sprach deutsch mit russischem Akzent und betonte bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, daß sie eine ,, Komsomolka", Mitglied des russischen kommunistischen Jugendverbandes sei. Neumann und mir war sofort klar, mit welcher Absicht die ,, Kamarowa" an unseren Tisch kam; sie war eine bekannte Denunziantin. Ich stieß Neumann unter dem Tisch an und sagte einen Satz mit dem Wort„ einerlei", das war unsere Vereinbarung, wenn Gefahr drohte. Die Unterhaltung stockte ein wenig und wurde dann langweiliger und langweiliger. Ich stand auf, verabschiedete mich und ging nach Hause. Nach einiger Zeit kam auch Neumann zurück und ich fragte ihn sofort besorgt:„ Hast du auch wirklich nichts Gefährliches gesagt?" ,, Aber wo denkst du hin, ich kenne doch dieses Ekel." - Nach einer Woche wurde Neumann zur Kaderabteilung des Verlags beordert. Auf dem Tisch lagen zwei engbeschriebene Bogen, und der Vorsitzende der Kaderabteilung stellte die Frage: ,, Haben Sie am soundsovielten folgenden Ausspruch getan: Nicht diese Scheiß- Tschistka wird uns retten, sondern eine kommende welthistorische Tschistka." Neumann antwortete, daß er so etwas nie geäußert habe und: ,, Zu meiner Verteidigung kann ich nur vorbringen, daß mein Stilgefühl eine Formulierung wie Scheiß- Tschistka nicht zuläßt." " Die Tschistka"( Parteireinigung) wurde in der russischen Kommunistischen Partei alle paar Jahre durchgeführt. In den Parteiversammlungen jedes Betriebes hatte zur Zeit der„, Tschistka" jeder Kommunist die Pflicht und das Recht, an solche Parteigenossen öffentliche Fragen zu stellen, in deren politischer Vergangenheit es irgendwelche ,, Abweichungen" gab oder deren politische Haltung und deren persönliche Beziehungen zu dem Verdacht der politischen Unzuverlässigkeit Anlaß gaben. Und der Gefragte mußte Rede und Antwort stehen, mußte sich öffentlich selbstbezichtigen und demütigen, um nicht eine Parteistrafe zu erhalten oder aus der Partei ausgeschlossen zu werden. Sehr häufig war ein solcher Angriff in einer Parteiversammlung der Auftakt zur späteren Verhaftung durch die NKWD. Eigentlich waren Neumann und ich seit dem Tage unserer Ankunft in Sowjetruẞland Gefangene, und so wie wir hatten alle dort lebenden Emigranten keine Möglichkeit, das Land zu verlassen, falls sie nicht in einem ,, Kominternauftrag" hinausgeschickt wurden. Da lebte z. B. der deutsche Schriftsteller Alfred Kurella. Der französische Schriftsteller 22 Henri Barbusse hatte in seinem Testament Alfred Kurella dazu bestimmt, seinen literarischen Nachlaß zu überarbeiten und herauszugeben. Diese Arbeit mußte selbstverständlich in Paris gemacht werden. Die NKWD verweigerte Alfred Kurella die Ausreise. Wie sehr die höchste Instanz der Komintern, die durch den Weltkongreß gewählte ,, Internationale Kontrollkommission der Komintern", eine Unterabteilung der NKWD war, stellte ich erst in der Haft, bei meinen eigenen Verhören fest. Denn mein Untersuchungsrichter brauchte die gleichen Formulierungen, die vorher die IKK gegen Neumann verwandt hatte, als er noch in Freiheit war und sie ihn von einer Vorladung zur anderen wie in einer Schraube durch ihre immer robuster werdenden politischen Anschuldigungen für die Verhaftung präparierten. Zuerst appellierten sie an Neumann als einen ,, Bolschewiken" und verlangten, er solle zugeben, daß er durch seine„ parteifeindliche Fraktionsarbeit in der KPD in den Jahren 1931/32 die Schlagkraft der Partei untergraben habe". Er verteidigte sich und gab nicht die gewünschte Erklärung. Bei jeder weiteren Vorladung wurden die Anklagen schwerwiegender, und zum Schluß erklärte die IKK ,,, Neumann sei schuld am deutschen Faschismus". Ende 1936 wurde Neumann zu Dimitroff, dem damaligen Generalsekretär der Komintern gerufen, der ihm wörtlich erklärte: ,, Ich spreche im Auftrage des Genossen Stalin mit Ihnen. Ich soll den Versuch machen, Sie zu dem neuen Typ eines Bolschewiken umzuerziehen. Zu diesem Zweck mache ich Ihnen den Vorschlag, ein Buch über den VII. Weltkongreß der Komintern zu schreiben, in dem Sie die Richtigkeit seiner politischen Linie beweisen und vor allem Ihre eigenen, schweren politischen Fehler kritisieren." Neumann hat dieses Buch nicht geschrieben, und die NKWD verhaftete ihn. * In einer Septembernacht, Michailina, die in der letzten Zeit kränkelte, hatte sich schon zu Bett gelegt, erwachten wir plötzlich durch das Getrampel vieler NKWD- Stiefel auf dem Korridor. Mit den Worten: ,, Haben Sie Waffen?" drangen zwei Uniformierte in unser Zimmer ein. Ich erwartete meine Verhaftung und nannte meinen Namen. Noch war ich nicht an der Reihe. Es galt meiner alten Zimmergenossin Michailina. Sie konnte sich vor Erregung nicht ankleiden. Mit zerbrochener Stimme bat sie um Geduld. Man wollte sie sogar daran hindern, ihren Koffer mitzunehmen. In dieser Nacht hatte man alle polnischen hinterbliebenen Frauen verhaftet. Zu ihrem Abtransport ins Gefängnis benutzte die NKWD einen Omnibus. Nach Jahren erfuhr ich zufällig, daß die 60jährige Michailina zu acht Jahren Konzentrationslager verurteilt worden war. 23 Ende September erhielt ich den schriftlichen Bescheid über meinen Ausschluß aus der Kommunistischen Partei Deutschlands. Gründe waren nicht angegeben. Einige Tage später forderte die Verwaltung des Hotels ,, Lux" ungefähr zehn Frauen auf, binnen drei Tagen ihre Zimmer zu räumen, da sie ,, in keinem Angestelltenverhältnis zur Komintern" ständen. Und als wir auf den Räumungsbefehl nicht reagierten, verklagte uns die Hotelverwaltung beim Gericht. Das Verhandlungszimmer beim Schöffengericht war voller Menschen. Außer uns zehn standen noch viele Alimentenklagen auf der Tagesordnung. Auf der einen Seite saßen die Mütter mit den umstrittenen Babys auf dem Arm und viele Zeugen für jeden einzelnen Fall, und auf der anderen Seite die Männer, die ihre Vaterschaft bestritten, mit den entsprechenden Zeugen. Die Verhandlungen wurden von einem freundlichen alten Mann geführt, der den streitenden Parteien begütigend zuredete. Er war kein Berufsrichter. Man riet uns Ausländerinnen, einen Dolmetscher zu nehmen; zu diesem Zweck war die Sekretärin der Hotelverwaltung des„ Lux" erschienen. Ich bestand darauf, mich selbst zu verteidigen. In schlechtem Russisch schilderte ich dem Gericht und den vielen Zuhörern, daß wir als politische Emigranten nach Sowjetrußland gekommen seien, die NKWD vor einigen Monaten unsere Männer verhaftet habe und wir seither ohne Arbeit und Unterstützung leben müßten. Um nicht zu verhungern, seien wir gezwungen, unsere Bücher, Kleider und Wäsche zu verkaufen. Wenn wir dem Räumungsbefehl der Hotelverwaltung Folge geleistet hätten, lägen wir jetzt auf der Straße ohne eine Unterkunft. Denn wer würde uns, die nicht einmal eine Aufenthaltserlaubnis besitzen, ein Zimmer abgeben? Wer würde uns als Hinterbliebenen eines Verhafteten ein Obdach gewähren? Der Vorsitzende stellte nur eine Frage:„ Haben Sie Verwandte in Sowjetruẞland?" ,, Außer meinem verhafteten Mann keine." Dann zog sich das Gericht zurück. Das Urteil lautete, daß man mich unter diesen Umständen nicht exmittieren dürfe und ich auch keine Miete zu zahlen brauche. Für die neun anderen Frauen wurde die gleiche Entscheidung gefällt. Wir waren glücklich, in unseren Zimmern bleiben zu dürfen, aber die Rache des Hotelkommandanten Gurewitsch war mir gewiß. Nach und nach verkaufte ich alle meine Bücher. Einmal ging ich mit einem Koffer voller Hegel- und Leninbände in den Keller eines Antiquariats in der Ulitza Gorkowo. Da fiel mir ein neuer Verkäufer auf, der gar nicht in dieses Milieu passen wollte. Mit jeder Bewegung betonte er ,,, ich gehöre hier nicht hin, da hat sich jemand einen schlechten Spaß erlaubt". Ich öffnete den Koffer und bot ihm meine Bücher an. Da meinte er lachend: ,, Was haben Sie da? Hegel und Lenin? Solche Literatur ist nicht mehr gefragt. Bringen Sie lieber Kriminal24 romane!" Dann blätterte er ein wenig in den Bänden herum, sah die vielen Kopierstiftnotizen des Besitzers, nickte verständnisvoll und sagte: ,, Natürlich kaufen wir alles." Und er machte einen ungewöhnlich hohen Preis. Als ich in den nächsten Tagen wieder in den Keller stieg, mit einer neuen Ladung Bücher, und darunter auch zwei Kriminalromanen, war der sympathische Verkäufer nicht mehr da. Ich erzählte dieses Erlebnis meinem Freund H. J. ,, Weißt du, wer das war? Béla Illes. Den hatten sie strafweise in den Bücherladen gesteckt. Vor ein paar Tagen ist er verhaftet worden." Béla Illes, ein ungarischer Schriftsteller, hatte einige Monate, bevor ich ihm da im Bücherkeller begegnete, ein neues Buch verfaßt, das den Bau der Moskauer Untergrundbahn verherrlichte. Der Held seines Romans war der politische Leiter des Baues. Illes' Buch war durch die Zensur gegangen, bereits gedruckt und stand kurz vor der Veröffentlichung, da beging der politische Leiter des Baues, ein Russe, Selbstmord. Béla Illes' Buch wurde eingestampft und er mit einer Parteistrafe bedacht und von seiner Arbeit entfernt. Er ging nach Hause, setzte sich in die Badewanne, öffnete sich die Pulsadern und drehte den Gashahn auf. Aber sein Selbstmordversuch wurde vereitelt, man brachte ihn ins Leben zurück. Als Strafarbeit mußte er dann Verkäufer werden. * Der frühe russische Winter hatte schon begonnen, als der Hotelkommandant Gurewitsch sich meiner erinnerte und mich aus dem Nepflügel warf. Er wies mir zusammen mit Charlotte Scheckenreuther, der Frau des bekannten deutschen Kommunisten Hugo Eberlein, einen Raum über einer ehemaligen Werkstatt an. Die Fenster schlossen nicht, der Herd war zerfallen und vor uns ein russischer Winter. Im Nepflügel hatte es wenigstens noch Zentralheizung gegeben, aber jetzt hieß es mit unseren paar Rubeln auch noch Holz besorgen. Das Geld wurde immer knapper, deshalb schlossen wir uns zu einer Kochgemeinschaft zusammen. Werner, der siebzehnjährige Sohn Hugo Eberleins, Julius Gebhard, dessen Frau verhaftet worden war, Charlotte Scheckenreuther und ich. Der einzige Verdiener von uns vieren war Werner Eberlein. Er hatte nach der Verhaftung seines Vaters die Karl- Liebknecht- Schule verlassen müssen, war jetzt Transportarbeiter und verdiente im Monat zwischen 100 und 110 Rubel. Dieses Geld genügte, um ihn mit Not und Mühe zu ernähren. Damals kostete im Staatsladen ein Kilo Rindfleisch zwischen neun und zehn Rubel, das Kilo Schweinefleisch auf dem Freien Markt aber siebzehn Rubel, ein Kilo Butter zwischen sechzehn und zweiundzwanzig Rubel, das billigste Brot pro Kilo neunzig Kopeken. An den Kauf von Schuhen oder Kleidern konnte ein Arbeiter mit 110 Rubel Verdienst im Monat überhaupt nicht denken. Ich erinnere mich noch, 25 daß Damenschuhe zwischen einhundert und zweihundertfünfzig Rubel kosteten. Neben unserem Raum lag das Zimmer der Familie eines russischen Metallarbeiters, der früher einmal als Arbeiter in der Komintern tätig gewesen war. Im Jahre 1917 hatte er in den Reihen der Revolutionäre gekämpft. Jetzt arbeitete er in einer Metallfabrik. Nach und nach lernten wir die Familie kennen. Wir kochten gemeinsam mit unseren Kyrasinkas( Petroleumkocher) auf einem Tisch im Korridor. Da sahen wir uns gegenseitig in die Töpfe und wußten bald, woran wir waren. Die Frau erfuhr von unserer Not, daß wir Hinterbliebene von Verhafteten seien und vom Verkauf unserer Sachen lebten. ,, Wo verkaufen Sie denn Ihr Zeug?" fragte sie uns. ,, Natürlich auf dem Freien Markt und in den Kommissionsgeschäften."- ,, Da wird man Sie sicher schön übers Ohr hauen mit Ihrem schlechten Russisch. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen helfen. Ich gehe sowieso fast jeden Monat in der letzten Woche, wenn das Geld nicht mehr langt, ein paar Sachen versetzen oder verkaufen." So kam es, daß wir gemeinsam loszogen und sie uns half, wo sie nur konnte. Eine Russin, eine fremde Frau, wagte es, mit uns über die Straße zu gehen, gab sich Mühe, daß wir nicht hungern brauchten, während die meisten unserer eigenen Genossen nicht den Mut aufbrachten, uns auf der Straße zu grüßen. So hatte man sie durch das Kominternregime mit seinen Methoden der Wachsamkeit" und der ,, Erklärungen" demoralisiert. "" Aber wie kam es eigentlich, daß die Frau eines russischen Metallarbeiters so knapp mit Geld war? Der Mann verdiente 300 Rubel im Monat. Sie hatten vier Kinder: der Älteste in der Roten Armee, der Zweite in der Lehre, ein fünfzehnjähriges Mädchen besuchte die höhere Schule und dann gab es noch einen kleinen Achtjährigen, der gerade in die Schule gekommen war. 300 Rubel langten nicht hin und nicht her bei einer so zahlreichen Familie. Gerade in dieser Zeit verließ die Tochter die höhere Schule und ging in eine Fabrik arbeiten. ,, Ich will mir auch einmal ein neues Kleid kaufen wie die anderen Mädchen", war ihre Begründung. Dann erfuhr ich, daß die Familie des Metallarbeiters eigentlich längst ihr Zimmer hätte räumen müssen, weil der Mann nicht mehr bei der Komintern arbeitete, und die Frau erzählte mir glücklich: ,, Gott sei Dank, daß wir einen Sohn in der Roten Armee haben, denn da dürfen sie uns nach dem Gesetz nicht exmittieren. Wenn der eine fertig gedient hat, kommt der zweite dran. Da sind wir noch für ein paar Jahre gesichert." Als ich das Zimmer unserer Nachbarn betrat, bemerkte ich erstaunt in der Ecke eine Ikone. Ein revolutionärer Arbeiter, der sich einen Heiligenschrein aufbaut? Und das in einem Gebäude der Komintern? 26 - Durch ein Gespräch mit ihm wurde ich bald aufgeklärt. Nach der Arbeit saß er am Tisch und las die ,, Prawda". Plötzlich knurrte er wütend: ,, Diese Hunde brennen die Kirchen ab, diese Gottesleugner die verdammten!" Ich fragte ihn betroffen:„ Meinen Sie etwa die Republikaner?" ,, Na selbstverständlich meine ich dieses Pack!" Ich schwieg erschüttert. Die Haltung dieses einst revolutionären Arbeiters war sehr bezeichnend. Enttäuscht und verbittert über die Zustände in Sowjetruẞland war er zurückgekehrt zum Kirchenglauben, und die positive Einstellung der ,, Prawda" zu den spanischen Republikanern genügte für ihn, um sie fanatisch abzulehnen. * Zwei Tage vor den Novemberfeierlichkeiten 1937 wurde die Verbindungstür zwischen dem Nepflügel und dem Hotelgebäude zugemauert. Die Hinterbliebenen hatten von jetzt ab durch den Hof zu gehen und durften nicht mehr die Badestube benutzen. Man wußte sich vor diesem ..Auswurf zu schützen. Auf dem Hinterhof des Hotel„ Lux" gab es verschiedene Werkstätten, u. a. auch eine Tischlerei, die Möbel für das Kominterngebäude und das Gemeinschaftshaus herstellte, denn es war damals in Sowjetruẞland ein schwieriges Problem, irgendwelche Möbel zu kaufen. Wir blickten durch unser Zimmerfenster gerade auf den Eingang der Tischlerei, und da konnten wir fast jeden Tag den Führer der deutschen Kommunistischen Partei, Wilhelm Pieck, sehen, wie er in die Tischlerei ging, um sich die Holzarten für seine neuen Möbel auszusuchen und genau zu kontrollieren, ob auch alles nach Wunsch angefertigt würde. Während die NKWD jede Nacht unter den Kominternmitgliedern wütete, während man im faschistischen Deutschland die revolutionären Arbeiter verfolgte, einkerkerte und hinrichtete, hatte Wilhelm Pieck ,, Möbelsorgen". ** Als ich im Dezember 1937 wieder einmal an den Schalter der Lubjanka kam, um 25 Rubel einzuzahlen, schallte mir ein scharfes ,, jewo njeto!" entgegen( Er ist nicht da!). Bestürzt lief ich von einem Gefängnis zum anderen, von Butirki nach Lefortowo, von Sokolniki wieder zurück in die Lubjanka. Nirgends war er. Da gab es noch eine Einrichtung in Moskau, die sogenannten Sekretariate der verschiedenen Staatsanwaltschaften. Dort konnte man angeblich eine Mitteilung über den Verlauf der Untersuchung oder das Urteil, das gegen ein Familienmitglied gefällt wurde, bekommen. Jede Instanz hatte ihre eigene Auskunftsstelle. Mir sagte man, zu welcher Instanz ich auch kam: ,, Die Sache Ihres Mannes ist nicht bei uns!" Mit Zagen ging ich eines Tages zur Auskunftsstelle des Obersten Kriegsgerichtes. Da saßen nicht mehr als 27 zwanzig gutangezogene Frauen im Vorzimmer, und unter den Wartenden herrschte ein fast familiärer Ton. Das waren meist Frauen verhafteter hoher Parteifunktionäre und Offiziere. Die Auskunft erteilte ein Offizier der NKWD. Er war sehr höflich, sehr gut erzogen und ließ sich meine Angelegenheit genau auseinandersetzen. Dann mußte ich zurück in den Warteraum, bis er mich nach einer halben Stunde aufrief. Seine Haltung war sehr verändert, kühl teilte er mir mit:„ Über die Akten Neumann wird keinerlei Auskunft gegeben!" Kurz danach kam mir das Gerücht zu Ohren, daß Heinz Neumann erschossen worden sei. Nein, ich glaubte es nicht, ohne Prozeß und ohne mir eine Mitteilung zu machen?! Eines Nachmittags, im Januar 1938, klopfte es an unsere Tür. Herein kamen zwei NKWD- Beamte. Jetzt ist es soweit! Nein, auf dem gereichten Zettel stand nichts von Verhaftung.„ Konfiskation des Eigentums von Heinz Neumann". Die Schränke wurden geöffnet. Die letzten Wäschestücke und einen Anzug, den ich aufgehoben hatte, falls er doch einmal heimkehren sollte, mußte ich hergeben, und dann sahen sie die Schreibmaschine. Ich begann um sie zu kämpfen, behauptete, daß sie mir gehöre, mein Arbeitsinstrument sei, aber nichts nützte. Sie nahmen mir die letzte Möglichkeit, Geld zu verdienen. ,, Konfiskation des Eigentums" bedeutete, daß der Verhaftete eine Strafe von mindestens zehn Jahren Zuchthaus erhalten oder zu erwarten hatte.. Und trotzdem stand ich weiter vor den Gefängnissen, in der Hoffnung, ihn wiederzufinden. Solange ich wußte, daß er in irgendeiner Zelle der Lubjanka saß, hatten meine kummervollen Gedanken eine Richtung. Aber jetzt? Wieviele Frauen, die wie ich in den Schlangen vor den Gefängnissen standen, hatte ich nicht schon um Rat gefragt, wohin man sich wenden könnte, um etwas über den Verschwundenen zu erfahren. Aber sie waren ebenso ratlos. Besonderes Aufsehen erregte das Gerücht über die Ende des Jahres 1937 erfolgte Verhaftung des Volkskommissars für Inneres, des Chefs der NKWD, Jeshow. Er hatte sich im Augenblick der Festnahme erschossen. Jeshow, der gegen Tausende von Menschen Haftbefehle erlassen, der im Auftrage Stalins skrupellos gemordet hatte, war nun selbst an die Reihe gekommen. Was mochte der Grund zu seiner Verhaftung gewesen sein? Hatte er etwas verbrochen? Wir fanden damals nur eine Erklärung: Stalin wollte mit Jeshows Sturz das russische Volk glauben machen, daß der Volkskommissar für Inneres seine Befugnisse überschritten habe, daß er der Schuldige für die Abertausende unschuldig Verhafteter sei. Sein Tod sollte eine etwa ausbrechende Empörung unter dem Volke wieder glätten und die Menschen auf einen neuen, milderen Kurs hoffen lassen. 28 Doch die Verhaftungen gingen weiter. Bela Khun und der größte Teil der ungarischen Emigranten waren an der Reihe. Im Februar 1938 wurde auch mein Freund H. J. geholt. Seine Frau stand nun mit mir zusammen in den Schlangen vor den verschiedenen Gefängnissen und suchte ihn Wochen um Wochen. So war es Frühling geworden. Wir hatten schon aufgehört zu warten; der Koffer, der uns nach Sibirien begleiten sollte, war schon viele Male umgepackt worden. Immer mehr von seinem Inhalt wanderte auf den Freien Markt. Sollte man mich vergessen haben? Das nicht. Nur den Haftbefehl hatte die NKWD wohl verlegt, denn als ich ihn in Händen hielt und entzifferte, stellte sich heraus, daß er schon am 15. Oktober 1937 ausgestellt worden war, aber erst am 19. Juli 1938 präsentiert wurde. Michailina hatte recht gehabt, man gewöhnt sich ans Verhaften. Die beiden eintretenden NKWD- Beamten mit ihrem: ,, Haben Sie Waffen?" und der Durchsuchung des Zimmers schreckten mich nicht mehr. 3. IM UNTERSUCHUNGSGEFÄNGNIS Als ich im Morgengrauen in einem Fordauto, den Koffer vor mir, zwischen zwei NKWD- Beamten durch die Straßen Moskaus in der Richtung zur Lubjanka fuhr, war eine beleuchtete Normaluhr und die Feststellung ,, Sowas wirst du lange nicht mehr sehen" mein letzter Eindruck in der Freiheit, die ich nun für sieben Jahre verlieren sollte. Dann fuhren wir in den Hof der Lubjanka ein; man führte mich durch irgendeine Pforte in eine kleine Zelle mit Tischchen und Schemel. Gleich darauf wurde mir ein langer Fragebogen, Tinte und Feder überbracht. Die Aufnahmeformalitäten begannen. Nachdem alles ausgefüllt war, führte mich ein Soldat in einen sogenannten ,, Sobatschnik"( Hundehütte). Das ist eine schmale Zelle ohne Fenster, mit einer Bank, auf der sitzend man mit den Knien fast die Tür berührt. Der ,, Spion", ein kleines Guckloch in der Tür, wurde alle zwei Minuten geöffnet, und das Auge eines Soldaten war zu sehen. Die Zelle hatte Licht. Von Zeit zu Zeit schaltete man irgendwo einen Ventilator ein, er brauste und durch ein Loch über der Tür strömte kühle, merkwürdig riechende Luft in die Zelle. Nach kurzer Zeit war ich tief eingeschlafen und erwachte erst, als man die Zellentür aufschloß und ich kopfüber herauspurzelte. Ein Soldat führte mich wieder über Korridore. Alles war mit Fliesen belegt, und die Schritte klapperten wie in einem Hallenbad. In einem Raum stand eine Frau mit weißer Schürze. Ihr Gesicht war eine Mischung von Krankenschwester und Marketenderin. Schüttere, dunkle Haare, wie eine aufgelockerte Roßhaarmatratze, bedeckten die Stirn, und eine hektische Röte überzog die Backenknochen. Dort erlebte 29 ich meine erste Körpervisitation. Da wurde man genau so behandelt wie eine Prostituierte. Wenn man sich auch noch soviele Monate mit dem Gedanken vertraut gemacht hat, daß man eingesperrt wird, was es wirklich bedeutet, weiß man erst, wenn man hinter einer Tür ohne Klinke sitzt; aber was ein Häftling ist, was es heißt, über seinen Körper verfügen lassen zu müssen, das weiß man nach der ersten Körpervisitation in der Lubjanka. Von da ab war ich kein normaler Mensch mehr, hatte nur den Wunsch, mich zu rächen, nur einmal mit dem Absatz in dieses Gesicht treten zu können, in diese Fratze mit den Roẞhaaren. Wieder stampfte hinter mir ein Soldat. Es ging über beleuchtete Gänge, Treppen herauf, bis er eine von den vielen Türen öffnete und ich in einem kleinen Raum mit drei Betten und einigen Schemeln stand. Durch ein vergittertes Fenster oben an der Wand kam Tageslicht herein. Auf einer Pritsche saß eine Frau in mittleren Jahren und kramte friedlich in dem mitgebrachten Sack herum. Sie machte den Eindruck völliger Gefaßtheit. Staunend sah ich, daß sie mehrere kleine Säcke aus ihrem Bündel herauszog, Säcke in den verschiedensten Größen. Sie bemerkte meine Verwunderung und begann zu erklären:„ Der große Sack da ist für die Kleider, damit sie mir in Sibirien nicht gestohlen werden, der mittlere fürs Brot, der da für getrocknetes Brot, und in den kleinen kommt das Salz. Ja, ich habe mich diesmal besser vorbereitet als das vorige Mal. Da saß ich als, Shena'( Ehefrau), und sie haben mich nach ein paar Monaten wieder rausgelassen. Ich hatte Zeit, mich auf meine neue Verhaftung, in eigener Angelegenheit vorzubereiten." Es war mir nichts Neues, daß man Ehefrauen und erwachsene Kinder für die„, politischen Vergehen" des Mannes bzw. Vaters verantwortlich machte und verhaftete. Die Tür wurde aufgeschlossen und eine Neue kam herein, die erbärmlich weinte und ihre Unschuld beteuerte. Kurz darauf rief man mich und brachte mich in eine neue Zelle, in der nur zwei Pritschen standen. Vor dem Zellenfenster hing ein Blechkasten, so daß man den Himmel nicht sehen konnte, aber ich muß gestehen, daß ich gar nicht auf den Gedanken kam, einen Himmel zu suchen, die Angst vor dem Kommenden nahm mich ganz gefangen. Bei jedem Geräusch auf dem Gefängniskorridor starrte ich zur Tür. Das Schloß knackte, und ein junges Mädchen in gelbem Sommerkleid, frischem Gesicht und dunkelbraunen Locken trat ein. Mit einem Ruck setzte sie sich auf die Pritsche und schüttelte sich vor Lachen. Wie recht meine Mutter doch hatte!" prustete sie los. ,, Heute früh beim Abschied, ich habe das Kleid zum erstenmal angezogen, sagte sie: Vielleicht beginnt mit diesem neuen Kleid auch ein neuer Abschnitt deines Lebens.' Wie recht sie hatte, er hat schon begonnen!" Und ein neuer Heiterkeitsausbruch folgte. Unbekümmert erzählte sie dann, daß sie beim Verlassen der Universität ver30 99 9 haftet worden sei. Sie studierte Medizin. Zwei Männer hätten sie aufgefordert, in ein Auto zu steigen, und hier in dieser Zelle sei sie nun gelandet. Sie hatte angeblich keine Ahnung, welches der Grund ihrer Verhaftung sei. Auch in dieser Zelle klapperte alle paar Minuten der ,, Spion". Dieses Guckloch hatte, um den Schrecken zu erhöhen, die Form eines großen menschlichen Auges, so daß man sich immer angestarrt fühlte. Wir beiden Zugänge hatten aber noch wenig Ahnung von dem Gefängnisregime in der Lubjanka. Dort bekam ich das erste Mal aus einem Blechnapf zu essen. Es war eine braune, runde Hundeschüssel und darin eine dünne Linsensuppe, die nicht schlecht roch, aber es wollte und wollte nicht rutschen. Und dazu gab es einen Kanten russisches Schwarzbrot, die Tagesration. Ein Brot, das ich sonst sehr gern aß, aber die Lubjanka hatte mir die Lust dazu genommen. Es scharrte an unserer Tür, die Klappe wurde geöffnet und meine Zellenkameradin militärisch aufgefordert, sich ohne Sachen fertigzumachen". Sie strich ihr Kleid glatt, fuhr mit der Hand über die Haare und ging mit einem Lächeln hinaus. Es mochten nicht mehr als zwei Stunden vergangen sein, da kehrte das Mädchen zurück. Sie wagte nicht zu sprechen, starrte nur angstvoll auf den Spion". Es war nicht möglich, auch nur ein Wort aus ihr herauszukriegen. Wieder wurde die Tür aufgeschlossen. Eine Neue, eine ungefähr siebzigjährige Frau in bäuerlicher Kleidung mit einem kleinen Bündel. Aufatmend setzte sie sich nieder und blickte sich mit einem zufriedenen Kopfnicken in der Zelle um: ,, Gott sei Dank, daß ich noch einmal in meinem Leben nach Moskau kommen durfte. Die ganze Zeit habe ich es mir gewünscht. Wie gut es hier ist. Man hat Licht und Wärme, das Essen wird einem hereingebracht, und so sauber ist es hier. Man braucht sich gar keine Sorgen mehr zu machen." Und dann erzählte sie, daß sie als Sozialrevolutionärin vor Jahren schon in ,, freie Verbannung" nach Sibirien verschickt worden war. Dort hatte sie einsam in einer ,, Semljanka"( Erdhütte) gelebt. Wenn die Bauern nicht barmherzig gewesen wären und mir Essen gebracht hätten, hätte ich verhungern müssen. Ach, und die Einsamkeit. Meine einzige Gesellschaft war eine Katze. Und die Sorgen mit dem Holz und der lange, lange Winter. Immer habe ich davon geträumt, noch einmal nach Moskau zu kommen. Jetzt ist man wieder unter Menschen. Wie glücklich ich bin!" Als ich ihr noch so staunend zuhörte, schallte es schon wieder durch die Klappe: ,, Fertigmachen ohne Sachen!" Das junge Mädchen wurde ein zweites Mal zum Verhör geholt. Und so ging es die ganze Nacht hindurch, nach einer Stunde oder nach zwei Stunden kehrte sie für zehn Minuten in die Zelle zurück. Sie sprach nicht, warf sich sofort auf die Pritsche und 31 schlief ein. Aber immer von neuem riß man sie aus dem Schlaf. Das ist eine beliebte Methode der NKWD, die sogenannten Kettenverhöre. Während der ganzen Nacht brannte das Licht. Ich saß auf einem Schemel, gegen die Wand gelehnt, denn wir hatten nur zwei Pritschen. Auf der einen schlief friedlich atmend die alte Sozialrevolutionärin. Oben durch die Spalte zwischen Fensterkasten und Mauer sah man schon Tageslicht, als das Mädchen im neuen Kleid wieder zurückgebracht wurde. Sie saẞ gekrümmt auf einem Schemel und erzählte schluchzend: ,, Meinen Freund haben sie auch verhaftet. Er ist Student. Welch ein Wahnsinn, er soll ein Attentat vorbereitet haben, ein Attentat auf Stalin, und ich soll es gewußt haben, sagen sie. O, mein Gott! O, mein Gott!" Ihr Gesicht war vom Weinen verschwollen und ganz verschmiert. An die zerwühlten Haare und das zerdrückte, neue gelbe Kleid dachte sie nicht mehr. Die Alte redete ihr freundlich, mütterlich zu, aber da war aller Trost vergebens. Ich saß auf dem Bettrand der alten Sozialrevolutionärin und mußte ihr vom Ausland erzählen, von Deutschland, von allem, was sich in den letzten Jahren ereignet hatte, von unserem Leben in Moskau. Ihre Art zu fragen war so liebenswürdig und bezwingend, daß ich fast die Lubjanka vergaß. Zwei Tage nur teilten wir dieselbe Zelle, und ich lernte diese prachtvolle Frau lieben und bewundern. Sie machte mir das schönste Kompliment meines Lebens, als sie mir lächelnd auf die Schulter klopfte und meinte: ,, Du bist auch eine, die in Sibirien nicht umkommen wird!" Sie ging schon am zweiten Tag zum Verhör, und als sie zurückkam, berichtete sie schmunzelnd ihr Erlebnis beim Untersuchungsrichter: ,, Als ich reinkomme, sitzt da so ein junges Bürschchen von 24 Jahren. Ich frage ihn:, Batuschka, ältere als dich gibt's wohl hier schon nicht mehr?" Da hat er mich zurückgewiesen:, Setzen Sie sich, Bürgerin!" Und dann hat er mir vorgelesen:, Anna Pawlowna... wird beschuldigt der Vorbereitung des Terrors... Ich aber habe ihm gesagt: Nein, Batuschka, du irrst dich. Ihr bereitet den Terror vor, aber wir werden schießen! Das aber war ihm gar nicht recht, und er schickte mich gleich zurück in die Zelle." Am dritten Nachmittag schon mußte ich Abschied nehmen von meinen ersten Zellengenossen. Ohne verhört worden zu sein, holte man mich aus der Zelle, und wieder ging es durch die blankgeputzten, mit Fliesen belegten Gänge der Lubjanka. Der Geruch nach Desinfektion und Entlausung, diese ganze ,, Korrektheit", diese vorschriftsmäßig geputzte Vernichtungsmaschinerie, erfüllte mich mit lähmender Angst. Bevor ich noch recht zu mir kam, stand ich auf einem Hof vor einem geöffneten Gefangenenwagen und neben diesem war ein ebensolch großer ,, Schwarzer Rabe"( so heißt in Rußland unsere ,, Grüne Minna"), aber 32 weiß angestrichen und mit der Aufschrift„ Brot, Brötchen, Kuchen" versehen, also ein getarnter ,, Rabe". Man öffnete einen winzigen Verschlag im Innern des Wagens, so groß wie ein Kasernenspind und schupste mich hinein. Noch einmal ging es in schneller Fahrt durch die Moskauer Straßen, in einen Schrank eingesperrt. Von ferne klingelten die Elektrischen und hupten die Autos... Die da draußen leben weiter, als ob nichts geschehen sei... Der ,, Schwarze Rabe" bremste, fuhr langsamer, irgendein Tor wurde geöffnet. Wir waren angekommen. Ich hörte Frauenstimmen, mein Spind ging auf, und dann stand ich auf irgendeinem Hof zusammen mit etwa zehn Frauen, Alten und Jungen, mit Bündeln und Koffern.„ Dawaj! Dawaj!" kommandierten die Soldaten und drängten uns durch eine Tür in einen großen wartesaalähnlichen Raum. ,, Wo sind wir eigentlich?" Butirki." ,, In Jede kam in eine Einzelzelle ohne Fenster. Die Aufnahmeformalitäten begannen. Der Koffer wurde weggenommen. Einen Kopfkissenbezug, darin die Decke und einige Wäschestücke, ließ man mir. Eine Aufseherin in Uniform der NKWD brachte mich durch Gänge, die von widerlich warmer Luft erfüllt waren, in eine Badestube. Während ich mich wusch, blickte das Auge ständig durch den Spion". Dieselbe Uniformierte geleitete mich dann durch eine Unzahl Korridore, wobei sie regelmäßig wie im Takt mit einem Vierkantschlüssel gegen das Koppelschloß pochte. Mit diesem Geklapper sollte sie entgegenkommende Häftlingsgeleite warnen. Denn niemals durften sich die Häftlinge verschiedener Zellen zu Gesicht bekommen. Auch Butirki hatte ein vorzüglich organisiertes Gefängnisregime. Als Zelle 31 aufgeschlossen wurde, blieb ich entgeistert im Türrahmen stehen. Erst das ,, Dawaj!" und ein Stoß der zuklappenden Tür beförderten mich rein. Mein erster Gedanke war: eine Irrenanstalt! Hundert fast nackte Frauen hockten, lagen, kauerten dicht aneinander. Der ganze Raum war ein einziges Gewimmel. Die Luft kaum einzuatmen. Ein summendes Geräusch erfüllte die Zelle. Alles flüsterte. Keiner kümmerte sich um mich. Da stand ich mit meinem Bündel. Dann setzte ich mich verlegen auf den Rand der Bretter und starrte auf diese Menge Gesichter. Auf allen vieren drängte sich eine zu mir nach vorn, bis sie neben mir zu sitzen kam und flüsterte: ,, Du bist doch sicher eine Deutsche, das sieht man gleich?" Das war Käthe Schulz aus Berlin. Ein rotblondes, zartes Mädchen mit liebenswürdigem Kindergesicht, die leicht lispelnd ein unverfälschtes Berlinisch sprach. ,, Hier darfst du nur flüstern, ja nicht auf den Brettern laufen, nur krabbeln. Der reine Affenstall ist das! Die Zelle ist für 25 Frauen und jetzt sind wir schon 110. Ich werde der Starosta( Zellenälteste) Bescheid sagen, damit du einen Platz bekommst." Und schon kroch sie davon. 3 Buber: Gefangene. 33 Tasso Salpeter, eine Georgierin, war Starosta der Zelle 31. Sie begrüßte mich sehr freundlich: ,, Wo werden wir Sie nur unterbringen? Es ist zum Verzweifeln hier. Einige Tage müssen Sie es neben der ,, Parascha"( Abortkübel) aushalten, bis sich ein besserer Platz findet." ganze So lag ich dann neben der ,, Parascha", wie der Kübel im russischen Gefängnisjargon heißt. Parascha ist ein Diminuitiv von Praskowja, einem russischen Frauenvornamen. Meine Nachbarin war eine Epileptikerin, die man wegen ihrer ,, schlechten Führung" in diese Ecke verlegt hatte, und dann kamen eine Reihe Frauen, die weder Decke noch Mantel besaßen und die auch keinen gefunden hatten, der sie freundlich mit zudecken wollte. Denen war es am Fenster zu kalt, also mußten sie den Gestank ertragen. Um allen 110 Frauen Platz zu verschaffen, hatte man die 35 Betten heruntergeklappt und mit Brettern bedeckt, den sogenannten ,, Naris". Aber nicht nur über die Betten, auch über den Gang zwischen den Bettreihen waren Bretter gelegt, so daß die Fläche der Zelle einen zusammenhängenden Bretterboden darstellte. Freigelassen war nur ein kleines Stück des Mittelganges vorn an der Tür, wo ein Tisch mit vielen Fächern stand, in dem unsere Blechnäpfe und das Brot untergebracht wurden. Ganz vorn an der Zellentür, zu meinen Füßen, standen rechts und links je ein riesiger Kübel. Jedem Häftling kamen ungefähr 30 Zentimeter Platz zu. Auf dem Rücken zu schlafen war unmöglich, dazu reichte der Platz nicht aus, und wenn man sich nachts umwenden wollte, wenn die schmerzende Hüfte den Schlaf verscheuchte, mußte man erst seinen rechten und linken Nebenmann aufwecken, damit sich alle zu gleicher Zeit drehten. Die Zelle lag zu ebener Erde, und von den alten erfahrenen Moskauerinnen unter den Häftlingen hörte ich später, daß man an den Wänden noch die Stellen sehen könne, wo früher Ringe eingelassen gewesen waren für die Ketten der gefesselten Häftlinge in den Zeiten vor der Revolution. Aber eins hatten diese Häftlinge der Zarenzeit sicher vor uns voraus, nämlich mehr Platz zum Liegen und mir will scheinen noch manches andere. Die ersten Tage in Zelle 31 waren wie ein Alptraum. Vor den Zellenfenstern hingen Kästen aus undurchsichtigem Glas. Es wurde niemals richtig Tag in diesem Raum. Zuerst kannst du die Menge nackter Frauen gar nicht unterscheiden. Und dann der Gestank! Jedesmal, wenn eine den Deckel der ,, Parascha" hob, mußte ich das Erbrechen zurückhalten. Und dabei sollst du essen und schlafen! Meine Nachbarin, die ein seltsam anziehendes Gesicht mit weit auseinanderstehenden Augen hatte, verhielt sich scheu und feindlich gegen mich und bekam gleich am ersten Tag, nach einem mir unverständlichen, zischenden Wortwechsel mit der links vor ihr Liegenden, einen Anfall. Sie stürzte von den Brettern herunter auf die Fliesen, gerade in die Pfütze neben der ,, Parascha". Die hundert Gesichter waren glänzend von Schweiß und 34 aufgedunsen vor Hitze. An der gegenüberliegenden Wand lehnte eine Frau mit jungem Gesicht. Jedesmal nach dem Essen stöhnte sie gequält und erbrach sich würgend in irgendein Tuch. Ihr ausgemergelter Oberkörper war völlig nackt, und die schlaffen Brüste hingen bis auf den Bauch herunter. Ich dachte nur immer: Warum deckt sie sich nicht zu? Noch war es mir unbekannt, wie schnell die Frauen in der Haft jedes Gefühl für ihren Körper verlieren. Eine andere in schwarzer Seidentrikothose starrte trübe vor sich hin und zupfte ständig Haare aus dem Kinn. Da lag eine mit dem Kopf im Schoße der Nachbarin, die ihr fachkundig die Läuse absuchte. Manche schliefen den ganzen Tag und verpesteten die Luft. Eine Dicke mit aufgeregten Augen war ständig in Bewegung. Sie krabbelte mit ihrem gewaltigen Hintern über die Bretter von einer Gruppe zur anderen und dirigierte irgendeine geheimnisvolle Tätigkeit. Dort, wo die Zellenwand einen Vorsprung hatte, war der Platz von Tasso. Meine Blicke retteten sich auf dieses schöne Gesicht. Sie hatte dunkle, strahlende Augen mit Augenbrauen wie Vogelflügel, eine energische, gebogene Nase und einen ausdrucksvollen Mund. Das Weiß ihrer Zähne war unübertrefflich. Aber das Schönste schienen mir ihre Bewegungen. Sie durfte als einzige auf den Brettern laufen, wenn sie zur Zellentür mußte, um mit dem Korpusnoj( Leiter eines Gefängniskorridors) oder den Aufseherinnen zu verhandeln. Sie rettete uns vor vielen Zellenstrafen durch ihr geschicktes Parlamentieren. Tasso verlor nie den Humor. Als wir uns nach einiger Zeit anfreundeten, begrüßte sie mich jeden Morgen, indem sie die Enden ihrer schwarzen Zöpfe unter die Nase klemmte wie einen Hängeschnurrbart und dabei ein Auge listig zukniff. Wir beide wußten, welchen Landsmann sie meinte. So konnte ihn nur eine Georgierin hassen. Mein guter Geist in diesem undurchdringlichen Wirrwarr wurde Käthe Schulz. Eigentlich hieß sie Käthe Schmidt, aber die NKWD führte sie unter dem Namen ihres falschen Passes. Diese Methode wandte man bei ausländischen Emigranten gern an, weil dadurch ein Nachforschen Verwandter aus dem Ausland unmöglich wurde. Käthe war ein Berliner Arbeitermädchen. Mit 17 Jahren war sie Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes und später der KPD geworden. Nach der Ermordung Horst Wessels im Jahre 1931 hatte man sie verhaftet, als Mitglied derselben kommunistischen Straßenzelle, zu der auch der Mörder Horst Wessels gehört hatte. In dem darauffolgenden Prozeß wurde sie freigesprochen. Als aber im Jahre 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen und der Horst- Wessel- Prozeß wieder aufgenommen wurde, verhalf man Käthe Schulz zur Flucht aus Deutschland. Sie kam über Prag nach Moskau und begann als Stenotypistin in der OMS- Abteilung der Komintern( Abteilung für internationale Verbindung) zu arbeiten. Im 3* 35 35 - - 99 99 - 99 Laufe des Jahres 1937 verhaftete man den Chef Abramow- Mirow und alle Mitarbeiter dieser Abteilung. Man erzählte, Abramow- Mirow sei angeklagt worden, für fünfzehn Länder Spionage betrieben zu haben... Käthes Anklage lautete auf Unterstützung der Spionagetätigkeit Abramow- Mirows"., Weißt du, Grete, ich habe gar keine Angst. Die Partei wird mich bestimmt retten. Die wissen doch, daß ich unschuldig Welche Partei meinst bin", sagte sie mit kindlich- gläubiger Stimme. du denn?" ,, Die KPD natürlich! Wilhelm Pieck kennt mich doch sehr gut!" Alle meine Einwände: ,, Du glaubst doch nicht etwa, daß der oder irgendein anderer der Übriggebliebenen auch nur einen Schritt für dich tun wird? Die sind doch nur Handlanger der NKWD, die mit Eifer alle ihre ehemaligen Genossen ausliefern, nur um ihr eigenes Fell zu retten", prallten an ihrer unerschütterlichen Naivität ab. Späterhin unterließ ich solche Gespräche. Erst 1940, als ich nach Deutschland ausgeliefert wurde, erfuhr ich von einer Deutschen, die aus Zentralsibirien kam, daß sie Käthe Schulz in Kotlas, auf dem Wege nach dem Fernen Osten begegnet sei. Sie war zu zehn Jahren Konzentrationslager verurteilt worden. Käthe war ein zartes Großstadtmädchen, die schon in der Untersuchungshaft oft in Ohnmacht fiel. Wie sollte sie zehn Jahre Sibirien überleben? Ich sehe sie immer vor mir, wie sie am Abend vor dem„ ,, Einschluß“ vorsichtig über die Liegenden stieg, in jeder Hand eine Streichholzschachtel, in der einen Vaseline, in der anderen Mentholsalbe, und mit leiser Stimme, wie ein Speiseeisverkäufer, rief: ,, Menthol, Vaseline, wer hat noch nicht? Wer will noch mal?" Die ganze Zelle liebte sie zärtlich. Es gab noch eine Deutsche bei uns in Zelle 31, Grete Sonntag aus Mannheim- Viernheim. Ihr richtiger Name war Aenne Krüger. Sie saẞ schon acht Monate in Untersuchungshaft, als ich nach Butirki kam. Sie hatte zusammen mit ihrem Mann in der russischen Provinz in einer Lederfabrik gearbeitet, und man hatte beide am Vorabend des Revolutionsfeiertages 1937 verhaftet. Sie wurde der ,, konterrevolutionären Agitation" angeklagt. Den ganzen Tag über sprach sie kaum ein Wort. Ihr Gesicht war vor Erbitterung verzerrt. Die Mundwinkel hingen herunter. Die dunkelbraunen, glatten Haare trug sie nachlässig am Hinterkopf mit einer Schnur zusammengebunden. Ihre braunen Augen hatten den Blick eines gequälten Hundes. Ihre Sachen hütete sie peinlichst. Sie besaẞ nur, was sie am Leibe trug. Das wurde jeden Abend geglättet und auch das winzigste Löchlein sorgfältig gestopft. Ihr ganzer Stolz waren die hohen Stiefel, die sie in der Lederfabrik als Prämie für vorbildliche Arbeit bekommen hatte. Da sie kein Wort russisch sprach, fühlte sie sich durch die russischen Mithäftlinge ständig benachteiligt und angegriffen. Sie behauptete, man spräche schlecht über sie. Und so wurde ihre Haltung von Tag zu Tag feindlicher. Es dauerte lange, bis sie mit mir über ihre Anklage sprach. ,, Ich war doch immer eine gute Kom36 munistin, habe mein Leben lang in der Fabrik gearbeitet und niemals etwas Unrechtes getan. Was will man nur von mir?! Was habe ich bloẞ verbrochen? Womit habe ich das verdient?!" Ihre Anklage beruhte auf Folgendem: 1936/37 hatte man in allen Fabriken, wo deutsche Spezialarbeiter tätig waren, mit deren Ausweisung nach Hitler- Deutschland begonnen. In der Lederfabrik gab es erregte Debatten darüber. Grete Sonntag äußerte im Laufe eines Gespräches zu einem jungen deutschen Arbeiter: ,, Du könntest ruhig nach Deutschland zurückgehen, du warst nicht in der KPD und bist ganz unbelastet." Diese Unterhaltung hörte ein anderer deutscher Arbeiter und denunzierte sie bei der NKWD. Darauf erfolgten Verhaftung und Anklage. Grete Sonntag wurde später, in der gleichen Nacht wie ich, zu 5 Jahren Konzentrationslager verurteilt. Darüber berichte ich noch. Der Tag in Butirki begann schon um 24 Uhr morgens mit dem Ruf: ,, Fertigmachen zum Austreten! Dawaj! Dawaj! Schneller, schneller!" Jeder Häftling suchte dann aufgeregt nach dem Beutel mit seinem Waschzeug, damit er möglichst an erster Stelle sei. Die Toilette, zu der wir einhundertzehn Frauen geführt wurden, hatte nur fünf Aborte und ungefähr zehn Wasserhähne. Die Klos waren offen, nur ein Loch am Boden und ohne Sitzgelegenheit. Es bildeten sich sofort Schlangen vor jedem, ebenso vor den Wasserleitungen. Man stelle sich vor, man verrichtet seine Notdurft, und zwanzig Augen blicken mehr oder minder wütend auf einen und sparen nicht mit aufmunternden und hämischen Zurufen, die zur Eile anfeuern, denn sie wollen auch noch an die Reihe kommen. Dasselbe spielte sich vor den Wasserhähnen ab. Wer übertriebener Reinlichkeit frönte, konnte etwas erleben. Diese Prozedur durfte für alle einhundertzehn nicht länger als vierzig Minuten dauern. So ist es im Leben der Gefangenen. Da spielt es gar keine Rolle, ob du Wochen, Monate, Jahre versitzt, aber wenn man dich mitten in der Nacht zum Untersuchungsrichter, zum Spaziergang oder zum Antreten kommandiert, da hast du kopfüber zu stürzen, da geht es um die Minute. ,, Dawaj! Dawaj! Schneller! Schneller!" ist der Ruf, den man am häufigsten in russischer Haft hören muß. - - die Solange du noch ein Neuling bist, ist die Nacht schlimmer als der Tag. Schlafe einmal bei strahlender elektrischer Beleuchtung, Augen zu verdecken ist streng verboten auf unebene Bretter gestreckt, ohne Strohsack, Kopfkissen und Decke, mit den schwitzenden Körpern deiner Nachbarinnen in ständiger Berührung! In Butirki fanden die Verhöre meist nachts statt. So gegen zehn Uhr begann es gewöhnlich, wenn wir im ersten Schlaf lagen. Durch die Klappe erscholl ein Name und Fertigmachen ohne Sachen!" Die Gerufene suchte schlaftrunken, aufgeregt nach ihren Kleidern. Oft konnte 99 37 sie in ihrer Verwirrung ihre Schuhe nicht finden, und schon trieb ein strenges ,, Dawaj! Bistreje!"( Los, schneller!) sie zu größerer Eile an. Dabei erwachten dann die meisten anderen Frauen, denn jede fürchtete auch dran zu kommen. Nur hartgesottene, alte Untersuchungshäftlinge drehten sich geärgert auf die andere Seite, um weiterzuschlafen und sich wegzuträumen aus diesem Elend. Noch schlimmer waren die Stunden nach Mitternacht, wenn die Frauen einzeln von den Verhören zurückkehrten und nun je nach Temperament ihrem Schmerz Ausdruck gaben. Meistens krochen sie nur stumm, mit entgeisterten Gesichtern auf ihre Plätze, lagen dann und schüttelten sich in lautlosem Weinen. Aber manche warfen sich schreiend auf die Bretter, andere bedachten ihren Untersuchungsrichter mit den derbsten Flüchen. Da erinnere ich mich an eine kleine Magere mit roten Haaren. Sie war Köchin von Beruf und hatte sich auf ein Stellenangebot in der ,, Wetschernaja Moskwa"( Abendzeitung) hin bei der Japanischen Botschaft als Köchin gemeldet. Noch bevor sie die Arbeit antrat, wurde sie verhaftet und wegen Spionage angeklagt. Wenn sie nachts vom Verhör zurückkam, schrie und tobte sie verzweifelt, schlug mit den Fäusten gegen die Wand und verwünschte Gott und die Welt. Da erhob sich dann regelmäßig ein Proteststurm unter den Mithäftlingen. Man beschimpfte sie auf die roheste Weise, weil sie die Nachtruhe störté.„, Hysterikerin, wirst du den Mund halten! Sei nicht so undiszipliniert! Wir wollen schlafen! Du bist nicht allein in der Zelle!" So tönte es brutal von allen Seiten. Nach einiger Zeit war mein Platz nicht mehr neben der ,, Parascha". Mit jedem neuen Zugang rückte ich näher ans Fenster, und bald lag ich zwischen Käthe Schulz und einer russischen Gymnastiklehrerin, zu deren Lieblingsbeschäftigung ein Spiel mit Streichhölzern gehörte, bei dem man erfahren konnte, ob der Weg in die Freiheit führte oder nach Sibirien. Natürlich war auch diese Beschäftigung streng verboten, und ein paarmal mußte ich erleben, wie meine Nachbarin von der Aufseherin, die sie durch den„, Spion" beobachtet hatte, erwischt wurde. Natürlich leugnete die Gymnastiklehrerin ab, gespielt, vielmehr das Schicksal befragt zu haben, aber die NKWD- Aufseherin zählte sorgfältig die Streichhölzer nach, und da es genau einundvierzig waren soviel brauchte man nämlich dazu wurde sie bestraft. - Die meisten Häftlinge trieben irgendeine unerlaubte Tätigkeit, denn verboten war alles, außer Stillsitzen und Vor- sich- Hindösen. Nähen war verboten, Sprechen, Singen, Laufen... Die beliebteste Beschäftigung war nähen und sticken. Aber für die ganze Zelle gab es am Morgen nur eine Nadel und etwas Faden, und damit durften bloẞ Löcher gestopft und Knöpfe angenäht werden. Wehe, wenn eine beim Nähen eines 38 22 Kleidungsstückes erwischt wurde! Dann sette es Spaziergangsentzug, Einkaufssperre und Bibliothekssperre und immer gleich für die gesamte Zelle. Da saßen dann die Frauen am Fenster, umgeben von einer Mauer anderer Häftlinge, die sie vor der durch den Spion" blickenden Aufseherin verbergen mußten. Häftlinge wissen sich zu helfen. Man fertigte sich die schönsten Nähnadeln aus Streichhölzern an.( Ich muß einfügen, daß es im russischen Gefängnis erlaubt war zu rauchen. Natürlich mußte man sich Zigaretten und Tabak selbst kaufen.) Man nahm ein Streichholz und rieb es an der rauhen Zellenwand( oder an einem Stück Kristallzucker) sorgfältig und langsam von allen Seiten solange, bis es ganz dünn wurde. Dann wurde an dem einen Ende, ebenfalls durch Reiben, eine Spitze hergestellt und das andere mit dem Fingernagel vorsichtig eingekerbt. Da hinein klemmte man den Faden. Man kann sich vorstellen, wieviele solcher Streichhölzer zerbrechen, bevor die Herstellung einer Nadel gelingt. Das war eine Sorte ,, Nähnadeln", die sich besonders zum Sticken eignete. Dann gab es noch eine raffiniertere: man opferte aus seinem Kamm einen Zahn und machte mit ihm die gleiche Prozedur wie mit dem Streichholz. Dann aber nahm man die geheiligte Zellennadel, für deren Verlust es schwere Zellenstrafen gab, machte sie über einem brennenden Streichholz glühend und brannte durch das stumpfe Ende ein Nadelöhr. In unserer Zelle hat man sogar ein ganzes Kleid zugeschnitten und genäht. Da war eine Frau, die schon lange in Untersuchungshaft saß, auf der Straße verhaftet worden. Sie hatte nichts bei sich als das, was sie am Leibe trug. Das begann nun in Fetzen zu gehen. Einige Häftlinge, die Geld hatten, beschlossen, ihr zu einem Kleid zu verhelfen. Das politische Untersuchungsgefängnis in Moskau erlaubte den Häftlingen nicht, sich von zu Hause Sachen schicken zu lassen, gab aber auch keine Gefängniswäsche, keine Kleidung, keine Decke. In der Gefängniskantine konnte man lediglich Handtücher und Männerunterhemden, sogenannte ,, Trussiki" kaufen. Einige Häftlinge kauften für dieses geplante Kleid sechs Handtücher aus grobem, ungebleichtem russischen Leinen. Aber wie schneidet man ein Kleid zu, wenn man keine Schere hat? Auch dieses Problem wurde gelöst. Der„ Schnitt" wurde mit dem verkohlten Ende eines Streichholzes auf den Stoff gezeichnet, dann der Stoff längs der Zeichnung umgeschlagen, gefältelt und die so entstehende Kante mit einem Streichholz angezündet und einen Moment brennen gelassen. Und woher hatten wir den Faden zum Nähen? Den zog man aus allen Kleidern. Wenn einer im Besitz eines Trikothemdes war, so reichte es ihm nach einem halben Jahr Untersuchungshaft nur noch bis zum Nabel. Es wurde von unten her aufgeräufelt. So bekam man auch das Stopfgarn für die Strümpfe. Man verkürzte einfach die Strumpflängen. Besonders begehrt waren farbige Fäden aus Pullovern und 39 anderen Stricksachen. Denn damit konnte man sticken. Unter den Russinnen waren Meisterinnen in diesem Fach. Das Handtuchkleid wurde von der dicken Lettin, die immer von einer Gruppe zur anderen rutschte, mit Kreuzstich am Hals und um den Rock verziert. Mir ist es als eins der entzückendsten Sommerkleider- Modelle im Gedächtnis geblieben. Nach seiner Fertigstellung feuchtete man es leicht an, legte es sorgfältig zusammen und seine glückliche Besitzerin schlief die ganze Nacht über darauf. Am nächsten Morgen hatte es die schönsten Bügelfalten. Natürlich ging es nicht immer so gut vonstatten wie mit diesem Kleid. Es gab wohl keine Woche, in der wir nicht erwischt wurden und eine neue Zellenstrafe bekamen. In der ganzen Zeit meiner Untersuchungshaft habe ich auf diese Weise nur zweimal Bibliotheksbücher erhalten. * In der ersten Zeit konnte man das Essen nur mit großem Widerwillen herunterwürgen. Es gab an einem Tag Kohlsuppe, am nächsten Fischsuppe, dann wieder Kohlsuppe usw. Im Vergleich zur Ernährung im sibirischen Konzentrationslager war das Essen in Butirki großartig, nach der Freiheit aber kaum genießbar. Neben der Suppe gab es täglich ungefähr vierhundert Gramm russisches Schwarzbrot und zum Abend einen Brei aus Linsen, Gerste oder Buchweizen. Langsam lebte ich mich ein in den Rhythmus des Gefängnisses: morgens austreten, mittags ,, Balanda"( Gefängnissuppe) und abends ,, Kascha"( Grütze). Zu den Freuden im Gefängnisdasein gehörte der Spaziergang. Zwanzig Minuten am Tag, manchmal auch in der Nacht, brauchte man nicht auf den Brettern hocken, konnte die Beine bewegen und Luft holen. Aber die Gefängnisordnung verstand es, einem auch dieses Vergnügen zu verekeln. Wenn man den engen Gefängnishof betrat, den hochaufstrebende Mauern einfaßten, wo kein Grashalm wuchs, ertönte das Kommando ruky nasad!"( Hände nach hinten!) ,,, Glasa vnisu!"( Augen niederschlagen!) Zwei koppeltragende Aufseherinnen bewachten den Spaziergang. Schweigend, paarweise ging es immer im Kreis herum, und die Schwachen gingen einzeln im kleinen Kreis. Immer wieder vergiẞt eine die Hände nach hinten" oder die„, niedergeschlagenen Augen". Versucht nur einmal in den Himmel zu blicken oder tief Atem zu schöpfen und die Arme im Takt der Schritte zu bewegen, dann keift schon ein Kommando über den Hof. Einmal saß eine Krähe auf dem Mauerrand. Gott, die kann hinfliegen, wohin sie will! Ob man nie wieder im Leben über eine Wiese gehen wird? Manchmal hörte man in der Ferne die Geräusche der Straße und einmal kam ein Flugzeug gerade über unsern Gefängnishof. Mit offenem Mund starrten wir hinauf, bis uns das ,, Ruky nasad!" zur Besinnung brachte. Das politische Untersuchungsgefängnis Butirki war so überfüllt, daß die zahlreichen Gefäng40 99 nishöfe nicht ausreichten, um allen Häftlingen einen zwanzig- MinutenSpaziergang am Tag zu ermöglichen. So wurde die ganze Nacht hindurch auf dem Hof ,, spazierengegangen". Nach und nach lernte ich die russischen Mithäftlinge kennen. Was waren das für merkwürdige Politische"! Mit Ausnahme von Tasso habe ich während der ganzen Zeit in Butirki von keinem russischen Mitgefangenen ein Wort der Kritik an der Sowjetregierung gehört. Wenn sie nur geschwiegen hätten aus Angst vor Denunziation, wäre es noch begreiflich gewesen, aber da gab es einige Cliquen in unserer Zelle, die wetteiferten in Beteuerungen ihrer Ergebenheit und Parteitreue. Ihre Wortführerin war Katja Semjonowa. Sie stellte nicht nur einen Häftlingstyp dar, sondern ist für die heutige russische Generation überhaupt kennzeichnend. Katja war eine untersetzte Frau von ungefähr dreißig Jahren, mit kurzgeschnittenen, glatten Haaren, die sie mit einem Kamm straff nach hinten gesteckt trug. In der Zelle ging sie mit Männertrikot und schwarzer, kurzer Turnhose gekleidet. Ihre Bewegungen waren betont männlich. Sie hatte eine Art, an ihrer Turnhose herumzunesteln, als schnalle sie sich den Lederriemen fester, und beim Spaziergang ging sie gewöhnlich als erste im Kreis herum mit herausgedrückter Brust und einem Gesicht, als schreite sie in einer Demonstration. Mit dieser Katja kam ich einmal ins Gespräch. Da war ich schon ein„ ,, alter" Untersuchungshäftling. Von seiten der Parteiaristokratie wurde mir heftiges Mißtrauen entgegengebracht. Erstens weil ich eine Ausländerin war, und dann hatte man ihnen wohl auch einige meiner kritischen Äußerungen hinterbracht. Ich fragte Katja:„ Warum wurdest du eigentlich verhaftet?" ,, Ich bin das Opfer einer trotzkistischen Verleumdung. Aber diesen Verbrechern werde ich es heimzahlen! Die sollen noch an mich denken!" ereiferte sie sich. ,, Da bist du also ebenso unschuldig wie wir alle hier?" setzte ich das Gespräch fort. Wie kann man so etwas sagen! Ich kenne nur meine Angelegenheit und die einiger Freunde! Du mußt bedenken, daß ich aus einer Familie stamme, in der es neun Stachanow- Arbeiter gibt, und in meinem Betrieb war ich bekannt als parteilose Bolschewikin!"- ,, Aber Katja, glaubst du nicht, daß alle hundertzehn Frauen hier in der Zelle genau so unschuldig sind wie du? Du hast doch auch mit vielen über ihre Anklage gesprochen, hast du nicht den Eindruck, daß sie zu Unrecht verhaftet sind?" 99 Mit fanatischem Gesicht zischte sie mich an: ,, Man verhaftet noch nicht genug! Wir müssen uns vor den Verrätern schützen. Und wenn es auch ein paar Unschuldige trifft! Wo gehobelt wird, fallen Späne!" Katja Semjonowa war auch eine von denen, die das Wort Disziplin ständig im Munde führten. Diszipliniert hat der Häftling bis zum Schreibtag zu warten, der alle paar Wochen stattfindet und wo es Papier und Tinte gibt, um Gesuche und Beschwerden an Gefängnisverwaltung 41 oder Untersuchungsrichter einzureichen, worauf dann fast nie reagiert wird. Man hat die Gefängnisordnung genau zu befolgen, sonst ist man undiszipliniert und schadet der Gemeinschaft, man hat auf den unebenen Brettern ohne Strohsack, ohne Decke, ohne Kopfpolster zu liegen, man hat sich mit ungefähr dreißig Zentimeter Platz zu begnügen. Wehe, wenn einer wagt, bei der Gefängnisverwaltung gegen diese ungeheuerlichen Zustände zu protestieren. Dann wird er von der großen Menge der russischen Häftlinge verachtet und verurteilt. 99 Besonders im Gedächtnis blieben mir die Frauen, die nach mir kamen, also die Zugänge". Aus einem Provinzgefängnis wurde eine Mathematikstudentin eingeliefert. Sowie sie auf den Brettern saẞ, schlief sie auch schon. Zum Austreten mußte man sie mit Gewalt wecken. Sie schien bewußtlos vor Müdigkeit, und dann sahen wir beim Waschen ihren Körper. Schwarze Striemen liefen über Gesäß und Oberschenkel. Auch die dicke Lettin mit den aufgeregten Augen hatte man beim Verhör blau geprügelt. Die russischen Mithäftlinge erklärten mir, schon in der Zellentür, beim Hereinkommen, könne man erkennen, ob es sich um einen Häftling in ,, eigener Angelegenheit" oder um eine„ Ehefrau" handle. Die Ehefrauen wissen nämlich schon bei der Verhaftung ihres Mannes, daß sie geholt werden und packen dann alles zusammen, was sie für Sibirien gebrauchen können. Eines Tages kam wieder ein Zugang. Ein riesiges Bündel schob sich durch die Zellentür und hinterher kam eine rundliche, hübsche Brünette mit Gretchenfrisur. Schluchzend warf sie sich auf die Bretter: ,, Satschem!? Satschem!?"( Weshalb!? Weshalb!?) Voller Mitgefühl blickte ich auf sie. Die Gymnastiklehrerin neben mir bemerkte bissig:„ Die typische Ehefrau. Wart nur acht Tage ab, da wird sie sich getröstet haben und in Sibirien im Handumdrehen einen Lagermann nehmen. Die Sorte kenne ich!" Nach einer Weile schluchzenden ,, Satschem" schrie sie plötzlich: ,, Moji Kowry, oh boshe, moji kowry!!"( Meine Teppiche, oh Gott, meine Teppiche!) Ich fragte: Was heißt denn das?" ,, Nach ihren Teppichen brüllt sie jetzt", erläuterte meine Nachbarin. Später erfuhren wir, daẞ sie zu Hause ein dreijähriges Kind gelassen hat, aber dem galten keine schmerzlichen Rufe. 99 Ich war noch nicht lange in Butirki, als Tasso zu mir kam und mir zuflüsterte:„ Du mußt vorsichtiger sein mit deinen Äußerungen. Führe keine politischen Gespräche mehr. In der Zelle sind Spitzel." Damit begann eigentlich unsere Freundschaft, und so nach und nach erfuhr ich ihre Anklage. 42 Tasso Salpeter war die Frau des Natschalniks der Leibwache Stalins. Ihr Mann stammte aus Lettland. Salpeter bekam nach der Verhaftung Jagodas, des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten und Chefs der GPU, dessen Wohnung zugewiesen. Sie war völlig eingerichtet. Tasso, ihr Mann und ein gemeinsamer Freund gingen durch die Räume, um sie sich anzusehen. Sie kamen in ein Zimmer, das in mittelasiatischem Stil, mit Teppichen an Wänden und auf dem Fußboden gehalten war. Auf einem der Wandteppiche, über dem Divan, hing ein Bild Stalins. Tasso zeigte auf das Bild und sagte zu ihrem Mann gewandt: ,, Das muẞ da weg!" Einige Tage darauf wurden Salpeter und Tasso verhaftet. Als Tasso zum Untersuchungsrichter kam, gab man ihr als Grund der Verhaftung diesen Ausspruch an, den Tasso aber energisch leugnete. Ich muß einfügen, daß der wirkliche Grund der Verhaftung von Salpeter und Tasso natürlich nicht diese Äußerung war. Tassos Mann wurde wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Liquidierung des Stabes der alten Offiziere der Roten Armee und der Erschießung der Marschälle der Sowjetunion beseitigt, und Tasso wäre sowieso als seine Frau verhaftet worden. Aber ich habe immer wieder feststellen müssen, daß der NKWD daran gelegen ist, jeden noch so unschuldigen Verhafteten unter Anklage zu stellen, sozusagen der erfolgten Verhaftung nachträglich eine Berechtigung zu geben. Die Anklagen gegen die sogenannten politischen Verbrecher variieren zwischen ,, konterrevolutionärer Agitation",„ konterrevolutionärer Organisation" manchmal auch beides zusammen-, oder Vorbereitung zum bewaffneten Aufstand"," Vorbereitung des Terrors" und ,, Spionage". Da hörte ich einmal von folgender, wörtlich formulierter Anklage: Spionage für irgendein Land". Unter den hundertzehn Frauen der Zelle 31 gab es nur diese fünf Varianten. 99 - Aber zurück zu Tassos Anklage. Sie leugnete bei allen ihren Verhören, je den erwähnten Ausspruch getan zu haben. In der Zeit unserer gemeinsamen Haft wurde Tasso nur selten zum Verhör geführt. Noch im Untersuchungsgefängnis wurden wir voneinander getrennt, aber wir trafen uns ein Jahr später im Konzentrationslager Karaganda, und da erzählte sie mir den weiteren Verlauf ihrer Untersuchung. Eines Nachts holte man sie aus der Zelle und sperrte sie in Dunkelarrest. Sie wußte, daß das eine Maßnahme des Untersuchungsrichters sei, der sie zu einem Geständnis zwingen wollte. In dem Loch, in das man sie steckte, gab es weder Fenster noch Sitzgelegenheit. Sie mußte am Boden hocken, ständig im Dunkeln und erhielt als Ernährung Wasser und Brot. Über der Tür war ein Lüftungsloch. Und eines Tages warf man mit einem Projektionsapparat durch diese Öffnung Bilder an die gegenüberliegende Zellenwand. Russische Landschaften, dann kaukasische. Tasso war nämlich Georgierin. Dabei begann eine Musik kaukasische Volkslieder zu spielen. 43 - Tasso erklärte mir, daß sie ganz unberührt blieb. Dann aber kamen Bilder von Kindern und dann von Kinderleichen. Kurz vor der Verhaftung war Tassos zweijähriges Töchterchen gestorben. Und dann ertönte durch die Lüftungsklappe eine Stimme: ,, Tasso, du lügst! Tasso, du lügst!" Kurz darauf holte man sie zum Verhör. Der Untersuchungsrichter forderte sie auf zu gestehen. Sie behauptete nach wie vor, diesen Ausspruch nicht getan zu haben. ,, Wir werden Sie sofort überführt haben", sagte höhnisch der Untersuchungsrichter. Die Tür ging auf, Tassos Mann wurde hereingeführt, begleitet von seinem Untersuchungsrichter. ,, Sein Aussehen", erzählte mir Tasso ,,, war erbarmungswürdig. Er wagte nicht, mich anzublicken. Sein Gesicht war abgezehrt. An seinen Handgelenken sah ich blutrote Striemen, wie von lange getragenen Fesseln. Mein Untersuchungsrichter sagte:, Werden Sie nun gestehen?"-, Ich habe nichts zu gestehen!" antwortete ich., Dann werden wir gezwungen sein, durch die Aussagen Ihres Mannes zu beweisen, daß Sie lügen! Darauf wandte sich der Untersuchungsrichter an meinen Mann und fragte:, Was hat Ihre Frau gesagt, als sie damals gemeinsam durch die Räume Ihrer neuen Wohnung gingen? Das erstemal hob mein Mann den Kopf und warf mir einen ängstlichen Blick zu, dann blickte er seinem Untersuchungsrichter ins Gesicht und sagte tonlos vor sich hin:, Das muß da weg!*, Daß du dich nicht schämst! Wie kannst du nur so lügen!" fuhr ich ihn an. Dann führte man meinen Mann hinaus. Auf diese Gegenüberstellung hin wurde ich zu acht Jahren verurteilt!" An der Zellenwand zwischen den beiden Fenstern hing eine auf Pappe geklebte Gefängnisordnung. Ich lebte erst einige Tage in Zelle 31 und hatte noch gar nicht den Mut gehabt, an die so weit entfernt liegende Wand zu krabbeln, um mich mit den Gefängnisgesetzen vertraut zu machen, da wurde sie aus der Zelle entfernt. Alles vermutete, daß nun neue, noch strengere Verordnungen erlassen würden. Aber schon nach einigen Tagen kehrte die Pappe zurück. Sie hatte nur eine andere Unterschrift erhalten. Der alte Gefängniskommandant war seinem Chef Jeshow ins Gefängnis gefolgt. Zweimal wurde im Laufe meiner kurzen Untersuchungshaft der Kommandant von Butirki ,, ausgewechselt" und ganz gegen Ende meines dortigen Aufenthaltes verschwand die gedruckte Gefängnisordnung überhaupt. Besonders gefürchtet war der ,, Obysk", die Durchsuchung. Mindestens alle vier Wochen wurde diese drakonische Maßnahme durchgeführt. Mitten in der Nacht ertönte der Ruf: ,, Die ganze Zelle fertigmachen mit Sachen!" In größter Eile steckte man seinen Besitz in den Sack. Jeder hatte nur den einen Gedanken: Alles Verbotene muẞ sofort ver44 schwinden! Da stürzten sie dann zum Kübel, um alle möglichen Gegenstände wegzuwerfen. Es scheint fast unglaublich, was sich Häftlinge trotz strengstem Verbot alles anfertigen. Man besaß zwar einen Blechnapf, aber die Frauen hatten ein Bedürfnis nach mehr ,, Geschirr". Und woraus wurde das hergestellt? Aus weichem Schwarzbrot, das man gut mit Spucke vermengte, und daraus knetete man Schalen, die dann getrocknet wurden. Sehr beliebt waren Schachfiguren aus Brot. Die weißen werden mit Zahnpulver angestrichen. Selbstverständlich verbot die Gefängnisordnung auch Schachspielen. Dann torkelten die einhundertzehn leise vor sich hinfluchend aus der Zelle heraus in einen besonders für die Durchsuchung bestimmten Raum. Und die Prozedur begann. Zuerst Körpervisitation und dann Durchsuchung der Sachen. In Erinnerung an die erste Erniedrigung brach mir jedesmal der Schweiß aus. Da wird dir mit der Taschenlampe in den Mund geleuchtet, desgleichen in die entgegengesetzte Körperöffnung. Die Achselhöhlen sind auch sehr verdächtig, spitze Gegenstände zu beherbergen. Man suchte nach Glasscherben, Konservenbüchsendeckeln, Metallstücken, Messern, Spiegeln usw. Natürlich auch nach Kassibern oder irgendwelchen Papierfetzen. Das nahm die lächerlichsten Formen an. An meiner Wäsche waren ausländische Fabrikmarken, die die kontrollierende Aufseherin wahrscheinlich für Geheimzeichen hielt und sorgfältig abtrennte. Das gleiche geschah mit jedem Stückchen Gummiband. Daran könnte man sich vielleicht aufhängen. Ja, auch die Schuhe wurden besonders vorgenommen. Da gab es gemeine Aufseherinnen, die einfach die Sohlen losrissen. Dann hattest du eben in Sibirien eine Schlappsohle. Diese Schikane dauerte viele Stunden. * Manchmal, wenn unter den Frauen ein Streit ausbrach, wuchs das Flüstern zu einem Brausen an. Dann schlug die Aufseherin mit ihren Schlüsseln gegen die Eisentür oder öffnete die Klappe und drohte mit Zellenstrafen. Dieses Pochen, auch an den anderen Zellentüren, war das einzige, was man vom Korridor her hörte. Eines Morgens aber, die Zelle erstarrte in Schweigen, vernahmen wir vom Gefängniskorridor her gellende Hilferufe wie von hunderten Frauen in Todesangst. Dann hörte man wütende Stimmen von Aufsehern, und langsam erstarben die Geräusche. Wir zerbrachen uns den Kopf. ,, Hatte eine Zelle gemeutert? Hatte man die Häftlinge gequält? Was war geschehen?" Wir erfuhren nichts. Das Gefängnisregime in Butirki funktionierte vorzüglich. Niemals drang eine Nachricht aus einer anderen Zelle zu uns, niemals begegnete man Häftlingen aus einer anderen Zelle auf dem Korridor. Nach einiger Zeit kam zu uns eine aufgeteilte Zelle, und dabei erfuhren wir die Ursache dieser furchtbaren Schreie: hundert Frauen aus 45 einer anderen Zelle waren im Waschraum gewesen, als hinter den Kanalisationsrohren eine Ratte herausgesprungen war. Das hatte unsere Spioninnen, Terroristinnen und Konterrevolutionäre in solchen Schrecken versetzt, daß sie sich schier totgedrückt hätten. Mit den acht Zugängen aus der anderen Zelle kam auch Franziska Levent- Levith, eine Deutsche. Sie stammte aus Danzig, war die Tochter eines dortigen Kapellmeisters und hatte sich mit dem Russen LeventLevith verheiratet. Ihr Mann arbeitete im russischen Spionageapparat. Die letzten Jahre hatten sie in England verlebt. 1937 hatte man ihren Mann nach Moskau zurückberufen. Er hatte eine Nacht im Hotel ,, Metropol" gewohnt und war am nächsten Tag zusammen mit seiner Frau verhaftet worden. Franziska kam also ohne eine Vorstellung vom russischen Leben, ohne ein Wort russisch zu sprechen ins Untersuchungsgefängnis Butirki. Sie war eine große, blonde Frau, und man sah ihr bereits diese wenigen Monate Untersuchungshaft an. Alles war schlaff an ihr, sogar die Backen hingen herunter. Als ich die ersten Worte mit ihr wechselte, ihr ins Gesicht blickte, hatte ich das Gefühl: um Gotteswillen, das ist eine Wahnsinnige. Ihre Augen konnten keine Sekunde stillstehen, sie liefen hin und her, so als ob sie einem vorbeifahrenden Zuge folgten, und dann begann Franziska aufgeregt zu flüstern: ,, Weiẞt du, ich muß dir etwas erzählen. Meine erste Zelle war eine Schule für illegale Arbeit. Und ich habe meine Prüfung nicht bestanden. Da mußte man nämlich ein Examen machen, ob man sich für Spionagetätigkeit eignet." ,, Aber Franziska, sowas gibt's doch gar nicht, das ist ja Unsinn!" redete ich ihr zu. ,, Du weißt das bloß nicht, hier gibt es ganz besondere Zellen, da sind solche drin, die nur zu diesem Zweck verhaftet wurden. Wenn man die Prüfung besteht, dann kommt man wieder heraus und wird zu einer neuen Arbeit kommandiert. Aber ich habe die Prüfung nicht bestanden. Da mußte man ganz merkwürdige Dinge wissen, die ich nicht begreifen konnte; z. B. haben sie da an ihren Aluminiumbechern Bändchen in ganz verschiedenen Farben, rote, blaue, grüne, rosa, und ich hätte eine ganz bestimmte Farbe wählen müssen, die man mir zugedacht hatte. Das konnte ich überhaupt nicht begreifen. Darum wurde ich immer ausgelacht."( Die Häftlinge versehen die völlig gleichen Aluminiumbecher mit Zeichen, um sie beim Verteilen von Tee wiederzuerkennen.)„ ,, Ebenso war es beim Spaziergang mit dem kleinen und großen Kreis. Da gab es die Tage für den großen und die für den kleinen Kreis. Und dann machten sich die anderen immer Zeichen in Erwartung eines neuen Fehlers, den ich begehen würde. Auch in den Bibliotheksbüchern fand man geheimnisvolle Chiffren. Da hatte man die Pflicht, sie zu entziffern. Nichts habe ich gekonnt! Und nun werde ich zur Strafe verurteilt!" 46 Jedem von den Häftlingen, der deutsch verstand, erzählte sie diese Geschichte immer von neuem. Bald wollte sie keiner mehr anhören. Man lächelte mitleidig und tippte sich an den Kopf. Einmal erzählte uns Franziska, daß sie schneidern könne, und da kamen wir auf einen Einfall. In der Gefängniskantine konnte man Männerunterhemden in verschiedenen Farben kaufen. Wir Deutschen trugen Poloblusen, die den Russinnen besonders gut gefielen. Franziska meinte, man könne aus zwei Männerhemden eine solche Bluse herstellen. Einige legten Geld zusammen, kauften vier Hemdchen, und Franziska begann, geschützt durch die Rücken der Auftraggeberinnen, ihre Arbeit. Der Heilerfolg war großartig! Immer seltener sprach sie über die geheimnisvolle Zelle", ihre Gedanken waren vom Blusenmachen völlig in Anspruch genommen. Nach ganz kurzer Zeit ging Franziska, ohne ein Verhör gehabt zu haben, zusammen mit mehreren anderen Frauen abends gegen zehn Uhr aus der Zelle.„ Die bekommen ihr Urteil", meinten die Sachverständigen. 29 Nach über einem Monat Aufenthalt in Butirki kannte ich immer noch nicht den Grund meiner Verhaftung. Außer zu Fingerabdruck und Gefängnisfotograf war ich nicht aus der Zelle gerufen worden. Jeden Tag bereicherte ich meine Kenntnisse über die Art der Verhöre, über Anklagen und die darauf zu erwartenden Urteile. Alle guten Bekannten in der Zelle klärten mich auf: Mit Spionage' mußt du mindestens rechnen, vielleicht auch, konterrevolutionäre Organisation'. Da darfst du gar keinen Schreck kriegen, das bekommen sie alle. Du mußẞt vor allem beim Untersuchungsrichter fest bleiben, sagen, daß du von nichts etwas weißt, daß du niemals politisch tätig warst, sondern dein ganzes Leben lang den Haushalt besorgt und gekocht hast. Und das Wichtigste: unterschreibe nie ein Protokoll. Wenn dich der Untersuchungsrichter auch tagelang stehen läßt. Es ist immer noch besser, lange in Untersuchungshaft zu sitzen, als nach Sibirien zu kommen." So nach und nach nahm auch der Schrecken vor den Nächten ab. Ich lernte auf den Brettern zu schlafen, bekam auf beiden Seiten der Hüften abgeriebene Stellen, wie ein Gaul, dem die Zugriemen das Fell abgescheuert haben, und durch das ständige Hocken auf den Brettern schwanden die Beinmuskeln dahin. Unter den Frauen gab es viele, die das Fehlen eines Spiegels nicht verwinden konnten. Da erfanden sie eine Abhilfe. Der Boden des Aluminiumbechers wurde mit etwas abgekratztem Kalk auf einem Tuch solange gerieben, bis er blinkte und blitzte und man, zwar leicht verzerrt, sein Häftlingsgesicht drin sehen konnte. Überhaupt hatten manche Frauen merkwürdige Sorgen. Eine Russin, so eine unverdrossen muntere Offiziersfrau, erwartete, zum Untersuchungsrichter gerufen zu werden. Da klagte sie mir: Wie unangenehm, daß ich mir meine Beine vorher nicht rasieren kann. Dann würde ich mich viel sicherer fühlen!" Vielleicht 99 47 gab es auch solche Methoden, mit dem Untersuchungsrichter fertig zu werden, bei denen rasierte Beine eine Rolle spielten? Eine andere ging nie ohne Handtuch zum Verhör, und die Frauen fanden nur eine Deutung für diese Gewohnheit. Der Einkauf war ein großes Fest in Zelle 31. Alle Häftlinge, die Geld auf einem Konto im Gefängnis hatten, entweder mitgebrachtes oder von Verwandten mit den monatlichen 50 Rubel eingezahltes, konnten sich am Einkauf beteiligen. Wenn die Zelle keine Strafe hatte, kam das ungefähr im Monat einmal vor. Da wurde eine genaue Liste aufgeführt, was jeder haben wollte. Es gab Brot, Heringe, Bonbons, Zucker, Seife, manchmal sogar Wurst oder Käse. Von Handtüchern und Unterhemden berichtete ich schon. Einige Häftlinge wurden zur Kantine geführt, um die Sachen abzuholen. An so einem Tag herrschte eine geradezu feierliche Stimmung in der Zelle, man konnte fast vergessen, daß man in Butirki saß. Von dem Gesamteinkauf wurde ein bestimmter Teil für die ,, Habenichtse" zurückbehalten, außerdem war es Pflicht jedes Geldbesitzers, mindestens einen ,, Habenichts" mitzuversorgen. Dann wurden die Schätze auf dem Tisch ausgebreitet und die Verteilung begann. Mein erster Geburtstag im Gefängnis fiel in die Zeit der Untersuchungshaft in Butirki. Auf irgendeiner Liste hatte Tasso den Tag bemerkt. Nach der Mittagssuppe hatte ich wie immer an der Wand gelehnt und geschlafen. Als ich erwachte, breitete sich zu meinen Füßen ein wunderschöner Geburtstagstisch aus. Einige gestickte Handtücher waren die Tischdecke, in einem Blechnapf, der auch mit einem Handtuch ausgelegt war, lagen Geschenke vom letzten Einkauf, in einer anderen Schüssel ,, belegte Brote". Mit einem Faden hatte man das Schwarzbrot in dünne Scheiben geschnitten und mit ,, Salat" belegt. Dieser Salat waren aus der Suppe gefischte Kohlstücke, die zerkleinert und mit Salz und Zwiebel vermengt als Delikatesse galten. Mit aus Brot geformten Buchstaben lag um den Geburtstagstisch herum der Glückwunsch: ,, Mögen alle Deine Wünsche in Erfüllung gehen!", und beim Erwachen überreichte mir Tasso ein„ Telegramm": in einem Bibliotheksbuch aus winzigen Brotbuchstaben: ,, Ich umarme Dich. Heinz." Auch eine aus Brot geformte Weinflasche stand auf diesem ,, Tisch" und in einer Brotvase drei Rosen, die man kunstvoll aus Zwiebeln geschnitten hatte. Tee wurde in die Becher geschenkt, wir stießen an und lachten, da ging plötzlich die Klappe an der Zellentür. Eine wütende Aufseherinnenstimme keifte: ,, Bringen Sie sofort her, was sie dort haben!" Wir versuchten, alles unter den Brettern verschwinden zu lassen, aber es war schon zu spät. Die Aufseherin hatte durch den ,, Spion" unserer Geburtstagsfeier zugesehen. Die ganze Zelle erhielt eine Meldung und acht Tage 48 Spaziergangsentzug. Die Folge davon war, daß Katja Semjonowa und ihre Clique eine Hetze gegen Tasso entfesselten, sie als ,, undiszipliniert" kritisierten und ihr vorwarfen, sie ,, vernachlässige ihre Starosta- Pflichten im Interesse einer Ausländerin". Grete Sonntag wurde zum Verhör geholt und kehrte erst nach Stunden ganz verzweifelt zurück. Am nächsten Tag saß sie auf den Brettern und hatte sogar vergessen, sich die Haare zu kämmen. Ich sah, wie sich ihr Mund ununterbrochen bewegte. Sie sprach mit sich selbst. Ich krabbelte zu ihr hinüber und sie begann zu erzählen: ,, Gestern haben sie mich dem Arbeiter aus unserer Fabrik gegenübergestellt. Stelle dir nur vor, dieses Schwein hat vor dem Untersuchungsrichter wiederholt, was ich gesagt habe. Die ganze Zeit hatte ich doch bestritten, einen solchen Ausspruch getan zu haben. Wenn ich doch sterben könnte! Warum mußte gerade mir das passieren?" In unserer Zelle saßen eine ganze Reihe Offiziersfrauen. Wir verabredeten mit einigen, deren Verhöre bereits abgeschlossen waren und die bald zum Urteil gehen würden, daß sie versuchen sollten, uns ein Zeichen zu geben, wieviel Jahre sie bekommen hätten. Unsere Zelle lag zu ebener Erde und durch einen Spalt im Kasten, der vor dem Fenster hing, konnte man einige Stufen der Treppe erspähen, die auf den Gefängnishof führte. Wir besprachen, daß eine aufpassen würde, wenn man die Verurteilten zum Spaziergang führte und sie sollten dann soviel Finger auf dem Rücken spreizen, wie sie Jahre erhalten hätten. Die Verabredung gelang, wir sahen gespreizte fünf Finger. Die Freude unter den Russen war groß.„ Nur fünf Jahre! Das ist ja großartig! Da merkt man schon die neue Ära des Volkskommissars Beria. Unter Jeshow gab es nie unter zehn Jahren!" Eines Tages kam ein Zugang, der die ganze Zelle erschütterte. Eine Frau in Lagerkleidung, in dunkelgrauer gesteppter Wattejacke, einer ebensolchen runden Mütze und in Schaftstiefeln. Sie hatte ein blasses Madonnengesicht, schlichtes, glattes Haar, das sie in einem Knoten trug. Man flüsterte von einer zur anderen: Die kommt aus Sibirien." Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zu sprechen begann. Das erste, was sie verlangte, war ein Buch. Nach ein paar Tagen wußten wir, wie es um sie stand. Sie war 32 Jahre alt, von Beruf Lehrerin, eine Popentochter, die vor neun Jahren wegen konterrevolutionärer Tätigkeit" verhaftet und zu zehn Jahren verurteilt worden war. Sie kam aus dem Lager Kolyma, das in Nord- Sibirien im Polarkreis liegt. Ein Jahr ihrer Strafe wurde ihr wegen guter Führung und vorbildlicher Arbeit geschenkt. Sie konnte sich ein Paar Schaftstiefel kaufen. In ihrem Entlassungsschein stand, daß sie sich in ihren Heimatort begeben müsse. Sie fuhr aber direkt nach Moskau und ging, so wie sie aus dem Konzentrationslager kam, in Wattejacke, runder Ohrenklappenmütze und 4 Buber: Gefangene. 49 Schaftstiefeln, ins englische Konsulat. Dort bat sie, man möchte ihr die Ausreise nach England ermöglichen, sie habe dort eine Tante. Man versprach im Konsulat, sich zu erkundigen und verabschiedete sie höflich. Auf der Straße wurde sie von der NKWD verhaftet. Sie redete nicht über das, was mit ihr in der Lubjanka geschehen war, nur ihr Gesicht und ihr Schweigen verrieten es. Als ich sie das erstemal nackt in der Badestube sah, erschrak ich vor der Leichenfarbe ihres Körpers und dem aufgelockerten Fleisch. Das war sicher eine Folge von Skorbut. Man konnte ihr die neun Jahre KZ ansehen! Nach kurzer Zeit wurde die Lehrerin mit Sachen aus der Zelle geholt, und wir vergaßen sie. Mehrere Wochen vergingen, da kam wiederum ein ,, interessanter" Zugang. Alle knieten auf den Brettern. ,, Was ist denn das für eine? Ein Papuaneger?" Erschöpft sank eine Frau auf die Bretter. Die Haare standen ihr in einem Wust um den Kopf. ,, Bitte, gebt mir etwas Wasser!" Da erkannten wir unsere Lehrerin wieder. Nach vierzig Tagen Dunkelarrest kam sie zurück in unsere Zelle. Vierzig Tage nicht gewaschen, nicht gekämmt, bei Wasser und Brot im Dunkeln. Man wollte sie dadurch zwingen, auszusagen, was sie in der englischen Botschaft erzählt habe. Wir bemühten uns, ihr die Haare auszukämmen, aber es war vergeblich, sie mußten abgeschnitten werden. Gar nicht lange danach verließ sie unsere Zelle und kam nie wieder. 4. VERHÖRE UND URTEIL ,, Margarita Genrichowna Buber- Nejman, bjes weschtschei!"( B.-N. ohne Sachen!) ertönte es eines Nachts durch die Zellenklappe. Keiner meldete sich. Erstens schlief ich fest und außerdem reagierte ich auf diesen merkwürdigen Namen noch nicht. Mit einigen Stößen brachten mich meine Nachbarinnen in die graue Wirklichkeit zurück. Die Haare zerwühlt, die Schuhe nicht richtig zugemacht, stolperte ich über die Schlafenden hinweg zur Tür. Draußen auf dem Korridor standen die Aufseherin und ein Soldat. Er fragte mich nach meinem Namen und forderte mich auf, ihm zu folgen. Plötzlich fühlte ich mich am Arm gepackt, machte einen Versuch, mich loszureißen, aber mit Polizeigriff stieß mich der Posten wie einen Schwerverbrecher vor sich her. Eine Treppe kam, mein Herz schlug zum Zerspringen. Der Treppenschacht war sorgfältig mit feinmaschigem Draht überspannt, damit sich lebensmüde Häftlinge nicht hinabstürzen können. Dann waren wir auf einem langen Korridor, die Schritte wurden durch Läufer gedämpft, die Türen hatten Klinken, es mutete ganz nach Freiheit an. Vor einer Tür wurde Halt gemacht, mein Arm losgelassen, der Soldat öffnete, und ich stand in einem Büroraum mit weitgeöffneten Fenstern, durch die der Geruch 50 50 von feuchtem Laub hereindrang. An der Wand hing ein Stalinbild, und hinter dem Schreibtisch saß ein robuster junger Mann mit aufgekrempelten Ärmeln, vierschrötig, mit dem selbstbewußten Gesicht eines beschränkten Menschen. ,, Wie heißen Sie? Setzen Sie sich!" Mein Untersuchungsrichter sprach deutsch mit mir. An der Aussprache erkannte ich den Wolgadeutschen. Ich konnte keine Antwort geben. Die Zunge war wie gelähmt und Mund und Kehle ausgedörrt. Es kamen nur irgendwelche gurgelnden Geräusche heraus. Wenn ich doch eine Zigarette hätte. Da lagen welche auf dem Tisch. Er fragte weiter. So nach fünf Minuten kamen die ersten Töne heraus. Ohne weitere Vorbereitung verlas er die Anklage: ,, Sie sind angeklagt der konterrevolutionären Organisation und Agitation gegen den Sowjetstaat. Was haben Sie dazu zu sagen?" Was er bloß meint? Wer kann mich denn da denunziert haben? ,, Hören Sie nicht? Sie sollen antworten! Wo und mit welchen Mitteln haben Sie konterrevolutionäre Organisation und Agitation betrieben?!" ,, Niemals!" ,, Sie sind eine unverschämte Lügnerin! Vielleicht überlegen Sie's sich noch mal. Ich habe Zeit! Stehen Sie auf!" Er zündete sich eine Zigarette an. Wieviel Stunden er mich wohl stehen lassen wird? Manche mußten es drei oder vier Tage aushalten! Der Lichtschein aus dem Fenster fiel auf feuchte Lindenblätter. Wo hatte ich das nur schon einmal gesehen? ,, Haben Sie darüber nachgedacht?" Er hatte die Zigarette noch nicht beendet. ,, Ihr Gedächtnis scheint sehr schwach zu sein!" ,, Ich habe niemals irgendeine feindliche Handlung gegen die Sowjetunion begangen." Er schnaufte und polterte: ,, Lügen Sie nicht! Wir wissen genau über Sie Bescheid!" 99 , Wann und wo soll ich denn konterrevolutionäre Organisation und Agitation begangen haben?" ,, Das frage ich Sie! Seien Sie nicht so unverschämt! Glauben Sie, wir haben keine Mittel, Sie mürbe zu kriegen? Wenn Sie so weiter leugnen, werde ich Sie monatelang, nein Jahre, in der Zelle sitzen lassen, bis Sie zur Besinnung kommen!" Und schon hatte er auf einen Knopf gedrückt, der an seinem Schreibtisch angebracht war, der Soldat kam herein und führte mich mit Polizeigriff zurück in die stinkende Zelle. Als ich an Käthes Seite krabbelte, lag sie da mit offenen Augen. Aufgeregt hatte sie meine Rückkunft erwartet. Wie gut das war! Ich hätte sie streicheln mögen. Nach einigen Tagen war ich wieder dran. Es begann das gleiche Spiel. Mein Untersuchungsrichter verlangte Aussagen, und ich bat ihn, mich zu fragen, da ich keine Vorstellung hatte, was eigentlich mit dieser 4* 51 Anklage gemeint sei. Eine entsetzliche Angst quälte mich, die NKWD könnte irgend etwas über meine Gespräche mit Freunden wissen. Dieses zweite Verhör unterschied sich von dem ersten dadurch, daß mein Untersuchungsrichter zwei Zigaretten rauchte, bevor er mich mit Drohungen und Verwünschungen wie ,, ich könnte in Untersuchungshaft schwarz werden" zurück in die Zelle bugsieren ließ. Ich zerbrach mir den Kopf, auf welches Material sie diese Anklage aufgebaut haben möchten. Aber schon beim dritten Verhör hatte es mein Untersuchungsrichter satt, es wurde ihm wohl zu langweilig mit mir. ,, So, jetzt werde ich es Ihnen sagen, wo und wann Sie konterrevolutionäre Organisation und Agitation gegen den Sowjetstaat betrieben haben. Sie wollen doch nicht etwa leugnen, daß Sie im Jahre 1931/32 in der Kommunistischen Partei Deutschlands in Opposition gewesen sind?" ..Ich war in der Kommunistischen Partei Deutschlands niemals in Opposition." Und noch bevor er mich anschnaufen konnte, fuhr ich fort und machte einen nicht wieder gutzumachenden Fehler. ,, Aber was hat eine oppositionelle Einstellung in der KPD eigentlich mit konterrevolutionärer Organisation und Agitation gegen den Sowjetstaat zu tun?" Da brach mein Wolgadeutscher in ein hysterisches Geschrei aus: ,, Sie sind nicht nur eine Konterrevolutionärin, Sie sind auch eine Trotzkistin!" Aus den nächsten Fragen sah ich, daß meine Anklage die nämliche sein mußte wie die meines Mannes. ,, Was wissen Sie über die Fraktionstätigkeit Heinz Neumanns?" Natürlich wußte ich nichts davon, versuchte zu erklären, daß ich als einfaches Parteimitglied der KPD keinen Einblick und keine Kenntnis hatte von den Auseinandersetzungen, die sich im Zentralkomitee und im Politbüro der Kommunistischen Partei Deutschlands abgespielt haben. Während dieser Fragen und Antworten wurde mir klar, daß ich nur ein Anhängsel, nur ein ganz unbedeutender ,, Fall" sein mußte. Der Untersuchungsrichter schien bloß den einen Wunsch zu haben, die Sache so schnell wie möglich zu Ende zu bringen. Aber zu welchem Ende? Er begann das Protokoll aufzusetzen. Seine Handschrift glich der eines Buchhalters aus Gustav Freytags ,, Soll und Haben", und die Sätze, die er formulierte, waren im selben Stil. Im Protokoll gab es Fragen wie: ,, Haben Sie teilgenommen an der Fraktionsarbeit Heinz Neumanns in der KPD? Waren Sie in der Opposition?" ,, Mit wem haben Sie in Moskau verkehrt?" ,, Welche politischen Gespräche fanden in Ihrem Zimmer im Hotel, Lux' statt?", Wer pflegte Ihren Mann zu besuchen?" 99 - Ich beantwortete alle Fragen in meinem Interesse mit Ja oder Nein. 32 52 Gespräche hatte ich natürlich nie gehört, und Freunde waren nur solche gekommen, die sich nicht mehr in Sowjetrußland befanden. Der Untersuchungsrichter machte keinen Versuch, irgendwelche Aussagen zu erpressen. Ich las jede Seite des Protokolls sorgfältig durch. Es war in deutscher Sprache. Am Schluß forderte er mich auf: ,, Unterschreiben Sie!" Ich muß ehrlich gestehen, ich hatte das Gefühl, daß man es eigentlich ruhig tun könnte. Es sah alles so ordentlich und einwandfrei aus. Wenn ich nicht unterschreibe, wird er mich jahrelang sitzen lassen in diesem entsetzlichen Untersuchungsgefängnis. Aber da fielen mir die Warnungen Tassos ein: ,, Unterschreibe nicht, man wird das Protokoll fälschen!" Mit Flüchen schickte mich der Untersuchungsrichter zurück in die Zelle. Vierzehn Tage danach holte man mich wieder in der Nacht. Diesmal kam ich in ein anderes Zimmer, zu einem anderen Untersuchungsrichter. Der sprach russisch. Er überreichte mir einen Zettel, auf dem stand: ,, Kontschanije sljetstwo"( Beendigung der Untersuchung).„ Die Untersuchung hat ergeben, daß Margarita Genrichowna Buber- Nejman der konterrevolutionären Organisation und Agitation gegen den Sowjetstaat für schuldig befunden wurde." Ich wollte meinen Augen nicht trauen, las es immer noch einmal. Vielleicht war es ein Miẞverständnis? Ich ließ mir vom Untersuchungsrichter die Bedeutung der Worte erklären. Es stimmte genau. Das also war das Ende. Ich fragte: ,, Darf ich in deutscher Sprache einige Sätze auf die Rückseite dieses Zettels schreiben?" Er erlaubte es mir. Da schrieb ich:„ Ich protestiere gegen die Methode der Untersuchung, die ohne jegliche Beweisführung mich der konterrevolutionären Organisation und Agitation gegen den Sowjetstaat für schuldig befindet. Ich verlange eine neuerliche Untersuchung." Nach drei Tagen, eine für russische Verhältnisse ganz ungewöhnlich kurze Frist, holte man mich wieder zum Verhör, brachte mich in das Zimmer meines wolgadeutschen Untersuchungsrichters, in dem er und ein ungefähr sechzig Jahre alter Mann mit weißem Haar und rosigem Gesicht, scheinbar auch ein Untersuchungsrichter, anwesend waren. Der Alte forderte mich freundlich auf, Platz zu nehmen. Neben dem Schreibtisch saẞ in unterwürfiger Haltung der Wolgadeutsche. Der alte Weißhaarige wandte sich an mich: ,, Ist Ihnen im Laufe der Untersuchung ein Unrecht geschehen? Weshalb protestieren Sie gegen die Methode der Untersuchung?" Aus der Art, wie die Frage gestellt wurde, entnahm ich, daß er glaubte, ich beschwere mich über irgendwelche Mißhandlungen durch den Untersuchungsrichter. ,, Nein, so habe ich das nicht gemeint. Mein Protest richtet sich gegen das Verfahren, das mich der konterrevolutionären Organisation und Agitation gegen den Sowjetstaat für schuldig befindet, ohne irgendwelche 53 Beweise dafür zu erbringen. Mein Untersuchungsrichter hat von der Tatsache, daß ich als einfaches Parteimitglied der KPD keine Ahnung von den Differenzen im Politbüro der Kommunistischen Partei Deutschlands haben konnte, keinerlei Notiz genommen. Er hat weder versucht, mir zu beweisen, daß ich in der KPD in Opposition war, noch daß ich jemals irgendwann und irgendwo konterrevolutionäre Agitation und Organisation gegen den Sowjetstaat betrieben habe, Wie kann man zu Kontschanije sljetstwo kommen, ohne ein Gerichtsverfahren gemacht zu haben? Wie kann man mich für schuldig befinden, ohne es bewiesen zu haben? Der alte Untersuchungsrichter hörte sich meine Einwände an, gab aber keine Antwort auf meine Fragen, sondern erklärte: ,, Ich habe den Eindruck, daß in Ihrer Sache ein Irrtum vorliegt. Doch bin ich überzeugt, daß sich alles aufklären und für Sie ein gutes Ende nehmen wird." Er sprach in ruhigem, väterlichem Tone und gewann immer mehr mein Vertrauen. Warum soll ich ihm eigentlich nicht glauben? Ist nicht vielleicht die ganze Verhaftung ein Irrtum? Und als er dann begann, ein neues Protokoll zu schreiben, Wort für Wort so, wie ich es wünschte, mich immer wieder fragte, ob ich auch einverstanden sei, hatte ich schon keinen Zweifel mehr an einem guten Ausgang. Das Protokoll war beendet, und er reichte mir das erste Blatt zur Unterschrift. In diesem Moment kamen alle Zweifel und alles Mißtrauen zurück: ,, Nein, ich werde nicht unterschreiben." ,, Ich ,, Aber weshalb denn nicht?" traue Ihnen nicht." Mit purpurrotem Kopf sprang mein wolgadeutscher Untersuchungsrichter auf und fuchtelte mit der Faust: ,, Wie können Sie es wagen, in einem solchen Ton mit einem Staatsanwalt der Sowjetunion zu sprechen!" Der Alte griff begütigend ein, forderte mich nicht weiter auf zu unterschreiben, sondern drückte auf den Knopf. Es klopfte, ein Soldat erschien in der Tür, und zurück ging es durch die nun schon bekannten Gänge, begleitet von dem Klappern des Vierkantschlüssels auf dem Koppelschloß. - - Inzwischen war es Herbst geworden. Am engmaschigen Gitter, das die Kästen vor den Fenstern nach obenhin abschloß, rieselte der Regen herab. Tage und Tage sahen wir keinen Himmel. Einmal sollten wir Bücher bekommen. Ich bat Tasso, uns ein deutsches Buch zu bestellen, da zwei von uns nicht russisch lesen konnten. Wir erhielten einen Band Brentano mit„ Gockel, Hinkel und Gackeleia" und seinen herrlichen Gedichten. Käthe Schulz und ich suchten eins aus, das uns am besten gefiel. Wir lernten es auswendig, um etwas zu haben, das sich für immer mit unserer Haft in Butirki verband und um uns nie zu vergessen. Da saßen wir Rücken an Rücken und lernten. Dann sagte es einer dem anderen auf. 54 ,, Von den Mauern Widerklang. 99 Ach, im Herzen fragt es bang Ist es ihre Stimme? Und vergeblich sucht mein Blick. Klinget mir ein Ton zurück, Ist's nur meine Stimme. An der Mauern höhern Rand Sind die Blicke hingebannt, Doch ich seh' nur Sterne. In der hohen Himmelssee Ich die Sterne küssen seh'. 66 Wären's uns're Sterne..." Wir saßen beieinander und flüsterten unsere Lieblingsgedichte und summten uns die Volkslieder von früher ins Ohr. ,, Habt ihr eigentlich schon Säcke genäht? Wollt ihr denn gar kein Brot trocknen?" mahnte die russische Nachbarschaft und schüttelte die Köpfe über unseren Leichtsinn und Unverstand. Immer und immer wieder sprach man von Sibirien. * Als schon der erste Schnee gefallen war, wurde die Zelle 31 aufgelöst. Eines Nachts ertönte der Ruf: ,, Alles fertigmachen mit Sachen!" Wir vermuteten eine Durchsuchung, und aller verbotene Besitz flog in die Kübel. Aber es war viel schlimmer, wir mußten uns von allen liebgewordenen Freunden und Bekannten trennen. Solche Abschiede sind herzzerreißend. Da wird viel mehr geweint als dann später beim Urteil. Die kleine Rosl Josephsberg stand in quergestreiften, rot- weißen Schlüpfern und vergaß vor Schmerz, sich anzuziehen. Freundinnen lagen sich in den Armen. Man wußte, daß man sich im Leben nie wiedersehen wird und jeder ein entsetzliches Schicksal zu erwarten hat. Wie leicht doch alles wird, wenn ein mitfühlender Mensch bei einem ist. Auch in Zelle 23, meiner neuen Unterkunft, waren über hundert Frauen. Aber dort herrschte ein anderer Ton, da gab es keine Tasso, die schlichtend und vermittelnd eingriff. In dieser Zelle begegnete ich der Deutschen Gertrud Tiefenau. Sie saẞ bereits anderthalb Jahre in Untersuchungshaft. Im Sommer 1937 hatte sie die NKWD verhaftet, so wie sie ging und stand, in Söckchen, mit nackten Beinen, dünner Bluse und leichtem Rock, ohne Mantel, ohne Strümpfe, ohne Decke verbrachte sie bereits anderthalb Jahre in Butirki. Manchmal fand sich eine mitleidige Seele, die sie für die Nacht mit unter ihren Mantel oder ihre Decke nahm, sonst aber lag sie auf bloßen Brettern wie ein Hund. In den kalten Jahreszeiten konnte sie niemals den Spaziergang mitmachen, und als es 55 warm wurde und sie versuchte, auf den Gefängnishof zu gehen, fiel sie sofort in Ohnmacht. Gertrud Tiefenau wurde fast von allen Häftlingen gehaßt. Man nannte sie„deutsche Faschistin‘“, denn sie begnügte sich nicht mit Ein- gaben oder Bitten an die Gefängnisverwaltung, sondern ergriff jede Ge- legenheit, um gegen die ihr widerfahrenen Ungeheuerlichkeiten zu protestieren. Jeden Morgen verlangte sie den Korpusnoj zu sprechen. Sie forderte von ihm nichts anderes als ihre Kleider und die Wäsche, die sie in ihrem Zimmer bei der Verhaftung zurückgelassen hatte. Durch ihre ständigen Proteste war sie natürlich gefängnisbekannt und stand bereits auf der schwarzen Liste. Bei solchen Auseinandersegungen mit der Ge- fängnisbehörde geriet sie gewöhnlich in heftige Erregung und schrie die Beamten an:„Ihr seid keinen Deut besser als die deutschen Faschisten!° Nein, schlimmer seid ihr, weil ihr behauptet, Sozialisten zu sein!“ Diese Auftritte trugen ihr immer wieder Dunkelarrest ein, und die Gefängnis- verwaltung dachte nicht daran, ihr auch nur ein Kleidungsstück zu geben. Da sie auf der schwarzen Liste stand, kam sie automatisch über die Mai- feiertage und im November zur Feier der Oktoberrevolution in Dunkel- arrest. Sie erzählte mir, daß man sie einmal viele Stunden nackt in eine Zelle gesperrt hatte. Trotz der Erfolglosigkeit ihres Kampfes war sie nicht klein zu kriegen. Leider hatte sie durch ihre Erregtheit auch ständige Zusammenstöße mit den Mithäftlingen und war oft im Unrecht. Sie war verhaftet worden, weil sie in ihrem Betrieb— sie arbeitete als Metallarbeiterin— bei einer Unterhaltung mit russischen Arbeitern geäußert hatte:„Der einzige Nazi mit Verstand ist Goebbels.“ Die An- klage lautete auf„konterrevolutionäre Asitation“. Ich vermute, daß sie sich später vom Gefängnis aus an die Deutsche Botschaft in Moskau gewandt hat, denn sie wurde nach über zwei Jahren Untersuchungshaft direkt vom Gefängnis aus nach Deutschland ausge- wiesen und dort nicht verhaftet. Das erfuhr ich erst 1940 in Berlin, als mich meine Mutter im Gefängnis besuchte. Gertrud Tiefenau hatte ihr Versprechen gehalten, das wir uns im Herbst 1938 in der Zelle gegeben hatten: falls eine in die Freiheit kommen sollte, der Mutter eine Nach- richt zu überbringen. Mein Aufenthalt in Zelle 23 sollte nur kurze Zeit dauern. Nach dem legten Verhör machte ich mir allerhand Hoffnungen. Alle Gedanken an Sibirien wurden weit weggeschoben. Da, eines Abends um zehn Uhr, rief man durch die Klappe:„Stefanie Brun und Margarita Genrichowna Buber-Nejman fertigmachen mit Sachen!“ Was kommt jet? Gelähmt und unfähig, selbst den Sack zu packen, schüttelte ich viele Hände zum Abschied, sah Gertrud Tiefenau das erste- mal in Tränen, blickte in viele teilnahmsvolle, traurige Gesichter und ging mit Stefanie Brun, einer Russin, der Schwester des Volkskommissars 36 s Unschlicht hinaus. Ich wußte nur zu gut, um zehn Uhr abends aufgerufen werden, bedeutete zum Urteil gehen. Draußen auf dem Flur standen sechs andere Frauen mit Bündeln, unter ihnen Grete Sonntag. Wir mußten paarweise antreten, und schweigend ging es durch das nächtliche Gefängnis. Und im Takt des Vierkantschlüssels und meines pochenden Herzens sang es mir immerzu in den Ohren: ,, Frisch auf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd.:." Man schloß eine Zelle auf. Wir saßen auf einer Bank, ohne uns zu kennen, ohne uns auch nur zu sehen; neben jeder lag ein Bündel, jede starrte auf die Tür. Wer wird der erste sein? Die Hände waren erstarrt, und in den Ohren sang und sang es ohne Ende... 66 ,, Stefanie Brun!" Sie erhob sich ganz langsam, hielt sich beim Hinausgehen an der Wand fest. Ich sah ihre kleine, geäderte, gelbe Hand und die merkwürdigen Beine, die unten genau so dick waren wie an den Waden. Die Tür klappte hinter ihr zu. Eine wimmerte leise. Nach kaum zwei Minuten kam sie zurück und sagte mit tiefer, zerbrochener Stimme: ,, Acht Jahre." Der nächste Name:„ Margarita Genrichowna BuberNejman." Gleich neben der Zelle führte man mich in ein großes Zimmer, mit einem über Eck stehenden, rotverhangenen Tisch, an den Wänden große Bilder von Stalin und Beria. Hinter dem Schreibtisch saß ein frischrasierter, rotwangiger NKWD- Offizier in nagelneuer Uniform mit hellbraunen Schulterriemen. Er überreichte mir mit den Worten: ,, Können Sie russisch lesen?" einen Zettel, auf dem in Schreibmaschinenschrift stand: Margarita G. Buber- Nejman als sozialgefährliches Element zu fünf Jahren Besserungs- Arbeitslager verurteilt..." Er hielt mir einen Bleistift hin, mit dem ich wohl unterschreiben sollte. Ich verstand nicht recht, was er sagte: ,, Unterschreiben soll ich das? Geben Sie mir Papier, ich will gegen dieses Urteil protestieren! Ich bin unschuldig. Ich verlange ein Gerichtsverfahren!"„ Papier und Tinte erhalten Sie, sowie Sie in Ihrer Zelle sind." Ein Soldat packte mich am Arm. Dann saß ich auf der Bank neben Stefanie Brun. Ein nächster Name wurde gerufen. Eine nach der anderen kehrte zurück. Grete Sonntag mit fünf Jahren, Nadja Bereskina mit fünf Jahren, die Kusine des Marschalls Jakir mit zehn Jahren, die Schneiderin Rebekka Sagorje mit acht Jahren, die achtzehnjährige Tochter eines Offiziers der Roten Armee mit fünf Jahren, eine Russin, langjährige Mitarbeiterin der Komintern, mit zehn Jahren. Keine weinte, keine schrie verzweifelt, keine sprach ein Wort. Die Urteile wurden durch die ,, Besondere Kommission" gefällt. Dann führte man uns acht Frauen vorbei an der modrig riechenden Badestube, wo ein Heimchen monoton zirpte, bis zu einer kleinen Tür, die sich auf einen winkligen Hof öffnete. Eine grelle elektrische Lampe beleuchtete den gotischen Bogen einer altertümlichen Pforte. Man brachte uns Verurteilte in das Erdgeschoß des ,, Pugatschew- Turmes", jenes 57 Turmes, in dem, wie man erzählt, der Bauernrevolutionär Pugatschew, der gegen Katharina II. einen Aufstand angezettelt hatte, in Ketten gelegen hat, bis er gevierteilt wurde. Ein halbkreisförmiger Raum, dessen gotisch gewölbte Decke von einem mächtigen Pfeiler getragen wurde, ganz oben unter der Decke ein ganz winziges Spitzbogenfensterchen, und der Raum zwischen Wand und Säule mit denselben ,, Naris"( Brettern) belegt, wie in allen anderen Zellen von Butirki. Durch den Turm liefen dicke Zentralheizungsröhren, die die ganze Nacht knackten und gluckerten. Wir saßen auf den Brettern, keine zog sich den Mantel oder die Schuhe aus. In Kopftuch oder Mütze, neben sich den Sack, verharrten alle die ganze Nacht hindurch in Schweigen. Nur einmal flüsterte Stefanie Brun neben mir: ,, Ob man auch das überlebt?" Grete Sonntag hatte sich gegen die Säule gelehnt. Ihre traurigen Tieraugen starrten da irgendwo auf die gegenüberliegende Wand. Es kam der Morgen, die Klappe fiel herunter, und man gab acht Rationen Brot und einen Kessel mit heißem Teewasser herein. Eine nahm es entgegen, legte es auf die Bretter und kroch zurück auf ihren alten Platz. Keine dachte an Essen und Trinken. Plötzlich merkten alle auf. In einer Ecke hinter der Säule plätscherte Wasser. Eine von uns hatte gemerkt, daß es in dieser Zelle eine Wasserleitung gab. Sie war aufgestanden und wusch sich zögernd die Hände und das heiße, übernächtige Gesicht. Ich bemerkte, wie Grete Sonntag sich zu bewegen begann. Sie zog mit schnellen, bestimmten Bewegungen ihre Schaftstiefel herunter, setzte die Baskenmütze ab, legte den Mantel sorgfältig neben sich, schlüpfte aus Bluse und Rock, strich sie glatt und breitete sie auf die Bretter. Nun zog sie sich nackt aus und begann sich prustend zu waschen. Dann kam noch eine dazu und noch eine, und zum Schluß standen alle acht Frauen um den Wasserhahn herum. Man begann zu sprechen, ermunterte sich, und als Rebekka Sagorje bemerkte, man könne nun auch seine Wäsche hier waschen und gleich damit begann, priesen alle diese schöne Zelle, in der es sogar eine Wasserleitung gab, und es schien, als hätten die Frauen ihre zehn, acht und fünf Jahre Sibirien völlig vergessen. Jeden Tag verlangten wir von der Aufseherin Papier und Tinte, um gegen unsere Urteile zu protestieren, jeden Tag vertröstete man uns auf den nächsten. Noch unterschieden sich die Tage der Verurteilten durch nichts von denen der Untersuchungshäftlinge, nur daß ein alter Turm unsere Unterkunft war. Zwanzig Minuten Spaziergang auf einem kleinen winkligen Hof, manchmal am Tage, manchmal auch mitten in der Nacht. Einmal gingen wir um Mitternacht. Es war Schnee gefallen. Vor mir lief Rebekka Sagorje in dünnen Halbschuhen und einem braunen eleganten Samtmantel. Wenn wir in den Lichtkreis der Lampe kamen, sah man die kleinen Schneeflocken in ihrem blonden, gewellten Haar hängen, und ihr Gesicht, das mich immer an den Jünger Johannes vom Abend58 mahl Leonardis da Vincis erinnerte, war von der kühlen Nachtluft gerötet. Manchmal klang von weitem ein„ Stoj!"( Halt) von den Wachtürmen des Gefängnisses, sonst hörte man nicht einmal unsere Schritte im weichen Schnee. Da kam durch die Nacht das eindringliche Weinen eines neugeborenen Kindes. Unsere Schritte stockten, und wir suchten mit den Blicken, woher es käme, wo hier im Gefängnis ein Säugling sein könnte? Es kam aus dem Pugatschew- Turm. Wir standen und lauschten diesen so menschlichen Tönen, und unsere Aufseherin ließ uns gewähren, vergaß sogar ,, Ruki nasad" zu kommandieren. Über uns im Turm waren verhaftete Mütter mit neugeborenen Kindern. 5. TRANSPORT NACH KASAKSTAN Wir acht Frauen begannen uns auf den Transport nach Sibirien vorzubereiten. Auf den Zentralheizungsrohren trockneten wir Brot. Jede nähte sich aus irgendwelchen Fetzen Stoffsäckchen in verschiedenen Größen. Über die Zukunft wurde selten gesprochen. Alle erzählten von ihren Kindern. Die, deren Kinder noch klein waren, hatten weniger Sorgen als die Mütter von schon erwachsenen Töchtern oder Söhnen. Stefanie Brun quälte sich Tag und Nacht mit dem Gedanken, ob ihre sechzehnjährige Tochter nicht auch verhaftet worden sei, denn nach dem Sowjet- Gesetz werden auch erwachsene Kinder für die politischen Vergehen ihrer Eltern verantwortlich gemacht. Dann kam der Tag des Abtransportes aus Butirki. Wir kamen mit unseren Bündeln in eine sogenannte Abgangszelle, erhielten unsere Handtaschen und Koffer zurück, aus denen Wertgegenstände und Geld herausgenommen waren, dafür bekamen wir aber sorgfältige Quittungen ausgehändigt. Auch die Trinkbecher und Schüsseln wurden uns fortgenommen und noch einmal eine gründliche Körpervisitation nach irgendwelchen Mordinstrumenten durchgeführt. An einem Spätnachmittag bestiegen wir in einem Hofe des Untersuchungsgefängnisses den ,, Schwarzen Raben". Ich war die letzte, und es war keine freie Zelle mehr im Wagen. Im Dämmerlicht bemerkte ich hinter einem Gitter, das den Wagen in zwei Hälften teilte, Männerhäftlinge. Ich erfuhr, daß unter ihnen zwei Deutsche waren. Sie kamen sofort ans Gitter, und ich sah die ersten Männer in Lagerkleidung mit durchsteppter Wattejacke und-hose und runder Ohrenklappmütze. Die beiden waren Lehrer an der ,, KarlLiebknecht- Schule" in Moskau gewesen, Litten und Gresitzki, und hatten bereits zweieinhalb Jahre Konzentrationslager hinter sich. Jetzt waren sie nach einer neuerlichen Untersuchungshaft von sieben Monaten auf dem Wege zurück nach Sibirien, um ihre weiteren zweieinhalb Jahre abzubüßen. Wir kommen jetzt in den Peresylny- Waggon, wo man die Transporte nach Sibirien zusammenstellt, da werden wir dir erzählen, was wir hinter uns haben. Aus den Zellen riefen die Frauen, ob die 199 59 Männer in Untersuchungshaft nicht ihren verhafteten Verwandten begegnet seien. Nur Grete Sonntag erfuhr, daß ihr Mann vor kurzem ebenfalls zu fünf Jahren Konzentrationslager verurteilt worden war, aber schon auf Transport gegangen sei. An einem Güterbahnhof wurden wir ausgeladen. Wir mußten zu fünfen antreten. Vorn die Frauen und hinten die Männer. Soldaten mit Gewehren und aufgepflanztem Bajonett liefen aufgeregt um uns herum. Die Kusine Jakirs erbrach sich vor Aufregung. Es war ein feuchter, nebliger Abend. Als wir so standen, sah ich eine Straße hinunter, die zwischen Bretterzäunen hinführte, und dort gingen zwei Menschen Arm in Arm durch den Abend. Mit ,, Dawaj, dawaj!" trieb man uns über die Schienen, und plötzlich ertönte ein Kommando: ,, Niederhocken!" Ich verstand nicht, mir war das Wort unbekannt, und erst als die anderen sich in den Schmutz setzten, tat ich das gleiche. Was soll das beNeben mir kauerte Nadja Bereskina und kicherte: deuten?"- ,, Das weiß ich auch nicht. Aber sicher müssen sie uns vor irgend jemandem verstecken", war Nadjas Erklärung. 99 Dann ging es weiter. Wir näherten uns einem feststehenden Eisenbahnwaggon ohne Räder, dem sogenannten„ Peresylny- Waggon". Bevor wir noch hineingingen, flüsterte mir Nadja zu:„ Du darfst da drinnen nicht sagen, daß du eine Politische bist, besser, Prostitutka' oder , Rastrat( Unterschlagung)". Ich kam aber nicht mehr zum Fragen, wozu das gut sein sollte. Man schob uns durch die Waggontür in einen spärlich erleuchteten Raum, der der Länge nach von einem Gitter durchschnitten wurde, das bis zur Decke reichte. Es stank nach Petroleum, Tabak und schwitzenden Menschen. Stimmengewirr und Rufe empfingen unseren Transport. Und wie in einem Tierkäfig lagen hinter Gittern in zwei Etagen Menschen, meist auf dem Bauche, das Gesicht dem Gitter zugewandt. Durch eine Schiebetür zwängte sich einer nach dem anderen mit seinem Bündel in den schmalen Gang zwischen Gitter und Kojen. Ich sah nichts als kahlgeschorene Männerköpfe und nackte Oberkörper. Von allen Seiten rief man: ,, Wieviel Jahre?" Weshalb?" ,, Kommt ihr aus Butirki?" - 99 Eine helle, durchdringende Kinderstimme übertönte den allgemeinen Lärm. Ich lehnte mich gegen das Gitter, um besser sehen zu können. Sollte das wirklich ein Kind gewesen sein? Da entdeckte ich zwischen all den Männerköpfen ein verschmitzt lachendes Kindergesicht. Aber wie alt bist du denn?" ,, Dreizehn Jahre, Tante." ,, Und weshalb?" ,, Wegen Diebstahl", kam es stolz zurück. - - - Das war das erste gefangene Kind, das ich in meinem Leben sah. Aber für den Jungen schien das Verhaftetsein gar keine Schrecken zu haben. Der war unter seinesgleichen und wußte, wie man sich in einem solchen Fall zu benehmen hat. 60 Wir standen und blickten hilflos um uns, nirgends fand sich ein ラン Platz. Nur Nadja Bereskina war gleich untergekommen. Jetzt verstand ich ihre geflüsterte Mahnung: für eine Prostituierte rückte man sofort zusammen, aber Politische" waren nicht begehrt. Nach langem Herumfragen krochen wir in irgendeine Ecke der obersten Etage. Wenn man sich aufrecht hinsetzte, stieß der Kopf gegen die Decke. ,, Hier werden wir die ersten Kleiderläuse fangen", stellte Stefanie Brun sachverständig fest. Hoffentlich benimmt sich der neben dir halbwegs anständig. Der scheint bis zum Rand voll zu sein. Woher die wohl Wodka bekommen?" ,, Sicher haben sie den Soldaten bestochen." ,, Komm Gretuschka, nur nicht unterkriegen lassen, wir rauchen eine Machorka." Und mit zitternden Händen drehte sie eine für mich und eine für sich. Ich mußte diese Kunst erst erlernen. 99 - Vom Gang her rief einer: Wo ist die Deutsche?" Ich rutschte nach vorn. Unten stand Litten, einer der beiden deutschen Lehrer., Seid ihr untergekommen?", Ja, so halbwegs. Willst du zu uns heraufklettern? Hocken kann hier noch einer." Zusammengekauert saßen wir auf den Brettern, und Litten erzählte von seinem Schicksal und dem Polarlager Kolyma. Er und Gresetzki hatten als Emigranten in der Sowjetunion gelebt. Sie waren von Beruf Lehrer und unterrichteten an der Karl- Liebknecht- Schule" in Moskau. 1936 wurden beide von der NKWD verhaftet und des Trotzkismus angeklagt. Als Belastungsmaterial und Beweise ihrer trotzkistischen Tätigkeit legte ihnen der Untersuchungsrichter einige Verlagsprospekte vor, die den beiden Lehrern von deutschen Emigrantenverlagen aus der Schweiz, aus Holland und der Tschechoslowakei zugeschickt worden waren. Da in diesen Verlagen auch Bücher erschienen, die in Rußland als trotzkistisch verboten waren, galten die Prospekte als trotzkistisches Material und deren Besitzer als Trotzkisten. Beide wurden zu fünf Jahren Konzentrationslager verurteilt und nach Kolyma in Nord- Sibirien transportiert. Ich hörte das erstemal vom Leben im Lager, von der Arbeit in den Goldgruben Kolymas, der Polarnacht, von Skorbut und dem langsamen Eingehen der Häftlinge an Herzschwäche. ,, Das gefährlichste ist, wenn man sich im Bergwerk irgendeine Verletzung zuzieht und liegen muß. Da schwellen die Beine an, als habe man Wassersucht. Kolyma liegt nämlich auf einem Hochplateau, ein paar hundert Meter über dem Meeresspiegel und das bei der dünnen Polarluft; da macht das Herz nicht mehr mit. Außer der Goldgrube haben sie dort noch eine agrarische Versuchsstation. Da arbeiten hauptsächlich die Frauen. Und 400 dort geborene Kinder gibt es in Kolyma, die verhältnismäßig gesund sind. Die schönste Zeit dort oben ist im kurzen Sommer die Heuernte. Da müssen alle mithelfen. Ja, und da werden eben die Ehen geschlossen und neue Kinder gezeugt..." 61 Vor dem Gitter ging der Posten auf und ab. Wir saßen im Dunkeln und flüsterten. Um uns schnarchte und stank es. Aus irgendeiner Ecke kam das Getuschel sich Liebender. Nach Monaten, manchmal nach jahrelanger Untersuchungshaft kamen hier in dieser Höhle Männer und Frauen das erstemal wieder zusammen. Und das Bedürfnis zu lieben, ließ die Menschen alle überlebten Leiden und die Angst vor dem Kommenden vergessen. ,, Aber warum hat man euch denn nach Moskau zurückgeholt? Erzähle bitte alles", bat Stefanie Brun. ,, Das ist das schändlichste und traurigste Kapitel. Der ehemalige Direktor der Karl- Liebknecht- Schule', der auch als Häftling in Kolyma war, hat uns denunziert, der LagerNKWD verraten, in der Hoffnung, dadurch seine Strafzeit zu verkürzen. Er behauptete, wir seien nicht nur Trotzkisten, sondern auch Spione. Daraufhin hat man uns zurück nach Moskau transportiert. Wir haben sieben Monate in Butirki gesessen. Beim Untersuchungsrichter hat man uns unmenschlich geprügelt. Den Gresetzki haben sie auf eine heiße Zentralheizung gesetzt, bis er sich den Hintern verbrüht hat. Aber das gefälschte Protokoll haben wir trotzdem nicht unterschrieben. So blieb es bei dem ersten Urteil von fünf Jahren, und jetzt geht's zurück für noch einmal zweieinhalb Jahre. Ob wir das überleben? Ich glaube kaum. Weißt du, mein Vater wohnt in Berlin in der Bergstraße Nummer 5. Wenn du am Leben bleiben solltest, schicke ihm doch eine Nachricht, damit er erfährt, wie ich enden mußte..." Litten war 27 Jahre alt. Als ich am nächsten Morgen sein Gesicht bei Tageslicht sah, wußte ich, daß er aufgegeben hatte... Am Morgen darauf begann man Transporte zusammenzustellen. Zuerst kamen die nach Zentralsibirien und dem Fernen Osten, dann gingen die nach Nordsibirien, mit ihnen Litten und Gresetzki. Wir drückten uns die Hände zum Abschied und Litten drehte den Kopf weg, weil wir seine Tränen nicht sehen sollten. Mit dem Transport nach Norden wurden auch zwei von unseren Frauen aufgerufen: die Kusine des Marschalls Jakir und die alte Kominternangestellte. So gegen Mittag stellte man eine Gruppe von fünfzehn Frauen und vielen Männern zusammen. Stefanie Brun, Grete Sonntag, Rebekka Sagorje, Nadja Bereskina, die junge achtzehnjährige Polin und ich waren unter ihnen. Zu fünfen angetreten, den Sack auf dem Rücken, ging es im Eiltempo über die Schienen, immer dem Bahndamm entlang bis zu einem ,, Stolypin- Waggon"( Gefangenenwagen). ,, Halt!" Nun schon das dritte Mal im Laufe einer Stunde wurden wir aufgerufen und mußten uns melden: Gefangenennummer, Namen, Straftat und Dauer der Haft: ,, Nr. 174 475 Margarita Genrichowna Buber- Nejman, Sozialny Opasny 62 Element, fünf Jahre." Noch ging es stockend, aber im Laufe der nächsten Jahre lernte ich es herunterschnarren. Unter Gebrüll und Gestoße erklommen wir das hohe Trittbrett des Stolypin- Waggons, eines normalen russischen Eisenbahnwagens, nur waren die einzelnen Abteile mit Schiebegittern gegen den Gang abgesperrt. So ein„ Coupé" hat fünf Liegeplätze, wenn man die Gepäckbretter dazurechnet sieben. Man stopfte uns sechzehn Frauen in ein Abteil. Neun mußten eng zusammengepreẞt mit dem Gesicht dem Gitter zugewandt liegen. Die anderen saßen unten auf den Bänken. Der Transport nach Sibirien dauerte wochenlang, und nur in zwei Etappengefängnissen wurde Station gemacht. In so einem Gefangenenabteil gab es kein Fenster und keine Beleuchtung, sondern nur eine schlecht funktionierende Lüftungsklappe an der Decke. In allen übrigen Abteilen des Waggons lagen Männerhäftlinge. Hier wurde schon nicht mehr geflüstert, sondern seinem Unwillen laut Ausdruck verliehen. Es fluchte die Begleitmannschaft, es fluchten die Häftlinge zurück. Beim Austeilen von Brot und Tee stellte sich heraus, daß es keine Trinkgefäße gab, denn im GefängJ nis hatte man alles Geschirr abgenommen. Endlich fand sich eine kleine verrostete Konservenbüchse, aus der wir alle sechzehn tranken. Die Transportverpflegung bestand aus täglich 600 Gramm Schwarzbrot, einem getrockneten Salzfisch in der Größe eines Bücklings und dreimal täglich Tee mit je einem Stück Zucker. Das war alles. Der Fisch war so hart wie ein Stück Pappe und sein Fleisch dunkelrot vor Salz. Hatte man ihn vor Hunger verspeist, so kam man um vor Durst. Je weiter wir uns von Moskau entfernten, um so spärlicher wurde der Reiseproviant. Zuerst verschwand der Zucker, dann die Teeblätter im heißen Wasser, und zuletzt gab es nur noch einen halben Salzfisch. Und die Begleitmannschaft wurde von Tag zu Tag nachlässiger und fauler. Sie hatten keine Lust, Teewasser zu holen, also mußten wir dürsten. Den ganzen Tag über schrien und bettelten die Gefangenen: Towarisch natschalnik, daj woditschku! Daj tschajku!"( Genosse Natschalnik, gib uns Wasser, gib uns Tee!) ,, Schweigt! Auf der nächsten Station werden wir was holen", antwortete der gleichmütig vor dem Gitter patrouillierende Soldat. 92 Schlimmer noch stand es mit dem Austreten. Der Waggon war mehr als doppelt überbelegt. Es gab nur ein Klosett, und die Posten wollten die Häftlinge nicht den ganzen Tag hin- und herführen. So verfügten sie: ,, Dreimal am Tag kommt ihr raus und jeder nur zwei Minuten!" Während dieser zwei Minuten blickte der Soldat interessiert durch den ,, Spion" in der Klosettür. Wir waren wohl vier oder fünf Tage unterwegs, als ich bei dieser Gelegenheit die Nerven verlor und den harmlos grinsenden Soldaten mit allen deutschen Flüchen bedachte, die mir einfielen. Das hat ihn aber gar nicht beeindruckt. Die Männerhäftlinge 63 griffen zu einer anderen Maßnahme: sie pinkelten einfach durchs Gitter auf den Gang hinaus. Von den sechzehn Frauen in unserem Abteil kannte ich nur die fünf aus Butirki. Die übrigen kamen aus einem anderen Moskauer Untersuchungsgefängnis. Alle zehn waren Politische. Unbegreiflich schien mir die gute Laune der meisten. Wir befanden uns auf dem Wege nach Sibirien, alle hatten Urteile zwischen fünf und zehn Jahren; wir lagen zusammengepreßt, nur mit Mühe konnte man die Arme bewegen, und an richtigen Schlaf war nicht zu denken. Was machten aber die Frauen? Beim Abtransport aus dem Gefängnis hatten sie ihre Handtasche zurückerhalten und damit Spiegel, Puder und Lippenstift. Sie puderten und schminkten sich und begannen, durch das Gitter mit der Begleitmannschaft zu kokettieren. Was habe ich damals das weibliche Geschlecht gehaẞt! Wie konnten sie nur denen zulächeln und freundliche Worte geben, die mithalfen, uns die Freiheit zu rauben und die ein Teil des NKWDApparates waren? Traurig und bedrückt waren nur Stefanie, Rebekka Sagorje, Grete Sonntag und ein ungefähr zweiundzwanzigjähriges, stilles, blondes Mädchen, das so richtig aussah wie ein Haustöchterchen. Neben der dreiundzwanzigjährigen, lauten Nadja Bereskina wirkte sie wie sechzehnjährig. Jedesmal, wenn sie Name, Straftat und-dauer hersagen mußte, bekam sie einen roten Kopf. ,, Konterrevolutionäre Organisation. Acht Jahre!" Wir kamen in ein Gespräch. Sie hatte als Sekretärin bei einem Fabrikdirektor gearbeitet. Politik interessierte sie nie. Beim Untersuchungsrichter war ihr eine Anklage vorgelegt worden, wonach sie zusammen mit ihrem Chef und dreißig ihr zum großen Teil Unbekannten in einer konterrevolutionären, trotzkistischen Organisation tätig gewesen sei, die Sabotageakte in ihrer Fabrik durchgeführt habe. Sie erklärte beim Verhör, nichts davon zu wissen, nie etwas derartiges von ihrem Chef gehört zu haben. Der Untersuchungsrichter forderte sie unter Drohungen auf, ihre Verbrechen einzugestehen. Sie beteuerte immer wieder ihre Unschuld, da ließ er sie mit kurzen Unterbrechungen zwei Tage lang stehen. Als sie aber auch dann noch nicht die gewünschte Aussage machte, packte er sie am Hals und würgte sie solange, bis sie das Bewußtsein verlor. Dann unterschrieb sie alles. Darauf verhaftete die NKWD ihren ehemaligen Chef und dreißig andere. Nach ein paar Tagen im Stolypin- Waggon ließ die Munterkeit der Frauen merklich nach. Man wußte kaum noch, ob es Tag oder Nacht sei. Alle lagen oder kauerten mit angezogenen Beinen und dösten vor sich hin. Einige wollten wissen, daß wir schon hinter Kasan seien. Manchmal hielt unser Waggon einen ganzen Tag. Dann war die Luft zum Ersticken. Der Wasserhahn im Klosett tropfte schon lange nicht mehr. Wozu auch waschen, es war alles so gleichgültig. Wenn man nur schlafen könnte und 64 6 nie mehr erwachen! Es mochten acht, zehn oder zwölf Tage seit Moskau vergangen sein, da riẞ uns das Kommando:„ Alles fertigmachen!" aus unserer Lethargie. Sisrin war erreicht, unser erstes Etappengefängnis. Ganz erschöpft und verdreckt krochen wir heraus. ,, Dawaj, dawaj! Zu fünfen antreten!" und los ging es im Tempo über die Eisenbahnschienen. Beim Güterbahnhof standen zwei Lastautos. Wir zerrten uns gegenseitig hinauf. Die kalte Luft machte einen schwindlig. Man zwängte immer mehr Häftlinge auf das Auto, und dann ging's los in schneller Fahrt durch die Stadt, in der es nur Holzhäuser zu geben schien. Und eins sah aus wie das andere. Ich stand am Rand und hielt mich krampfhaft an einer Eisenkette fest. Zwei Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett saßen auf der Rückwand des Lastautos. Ein kleiner Junge auf Schlittschuhen raste ein Stück neben uns her und schrie aus voller Kehle:„ Wragi naroda! Wragi naroda!"( Volksfeinde.) Das überfüllte Gefängnis von Sisrin nahm uns auf. Eine verfault riechende, dunkle Badestube, Entlausung und dann endlich eine Zelle. Die war naẞ wie ein Felsenkeller, mit Pritschen aus ungehobelten Brettern. Wir erfuhren, daß das Gefängnis früher eine Gerberei gewesen sei. Man brachte uns eine Suppe, die zwar warm, aber sauer war. Wir verschlangen sie mit Heißhunger. Nachts schreckte ich aus dem Schlaf. Auf unseren Pritschen und auf dem Fußboden wimmelte es von Ratten, die sich quietschend um unser getrocknetes Brot balgten und so ,, zutraulich" waren, daß sie über die Körper der Schlafenden trippelten. Als es Tag wurde, stellten wir fest, daß alle Brotsäcke talergroße Löcher hatten. Drei Tage durften wir in diesem Rattenparadies ausruhen. Dann ging es weiter. Unser Transport hatte sich um einige politische Männerhäftlinge, mehrere Offiziersfrauen, fünf Hochschwangere, eine siebzigjährige Frau und zwei Kriminelle vergrößert. Den Weg zur Bahn mußten wir zu Fuß zurücklegen. Auf der dunklen, verschneiten Straße marschierte unsere Kolonne. Die Schwangeren und die Alte stapften mühsam in ihren Walinki( Filzstiefel) in der letzten Reihe. ,, Dawaj, bejstreje!"( Los, schneller) bellte ein junger russischer Posten. ,, Nicht zurückbleiben, Weiber!" Die Kolonne zog sich immer mehr auseinander. ,, Genossen da vorne, eilt nicht so, die Frauen können nicht Schritt halten!" Die Kolonne stand, und ein paar Männerhäftlinge lösten sich aus der Reihe. Trotz wütender Proteste der Posten kamen sie zu den Frauen: ,, Gebt eure Bündel her! Geht nach vorn in die erste Reihe und gebt ihr das Tempo an! Laßt die Soldaten ruhig brüllen!" Sofort folgten ihrem Beispiel auch andere Männer, und wir gingen ohne die Säcke leicht und unbeschwert bis zum Güterbahnhof. Im Waggon begann eine förmliche Schlacht um die Plätze. Erst nach großem Krach räumte der begleitende NKWD- Natschalnik noch ein Abteil für die Frauen. In unserem Coupé hatten sich die beiden Kriminellen 5 Buber: Gefangene. 55 65 breit gemacht und beanspruchten jede ein Gepäckbrett für sich, auf dem vorher je zwei Frauen gelegen hatten. Als wir dagegen protestierten, keiften sie:„ Kommt uns nicht zu nahe! Wir haben Tripper und Syphilis!" Keine von uns war diesen Megären gewachsen, also mußten wir uns noch enger zusammenpressen. Schon lag der Ural hinter uns. Durch einen Posten hatten wir erfahren, daß das Ziel unserer Reise Karaganda sei. Die Schwangeren, die Offiziersfrauen und die Alte kamen nach Akmolensk, einem Lager für ,, Ehefrauen". Eine wußte zu erzählen, daß die Bedingungen dort besser seien als in Karaganda. Noch einmal wurde unsere Reise unterbrochen. Man lud uns in Petro- Pawlowsk aus. Auch das dortige Gefängnis war überfüllt und verschmutzt. Nur staunten wir über das lockere Gefängnisregime. Da schloß die Aufseherin nicht einmal die Zelle ab, und wir durften nach Belieben auf den Korridor hinaus. Das mutete uns Moskauer ganz sonderbar an. Und weiter ging es. Auf dem Bauch liegend, konnte ich durch das Fenster im Gang blicken. Seit Tagen schon sah man nichts als Schnee, eine unübersehbare Fläche, keinen Baum, keinen Strauch, keine Häuser. Wir fuhren durch die südsibirische Steppe, durch Kasakstan. Bald sollten wir in Karaganda sein, dem Ziel unserer Reise. Wieviel tausend Kilometer trennten uns nun schon von Moskau und welche unüberwindliche Strecke von zu Hause, von den Menschen, die wir liebten, von unserer Heimat! Ich lag, das Gesicht ans Gitter gepreßt, und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten in hoffnungsloser Verzweiflung.„, Satschem platschesch?"( Warum weinst du?) fragte der Wachposten, blieb am Gitter stehen und begann mich zu trösten:„ ,, Es wird nicht so schlimm, du kommst auch mal wieder nach Hause." 6. ANKUNFT IM SIBIRISCHEN KONZENTRATIONSLAGER KARAGANDA Am Abend wurden wir auf dem Güterbahnhof in Karaganda ausgeladen, ungefähr hundert Menschen, Männer und Frauen. Es war Glatteis, und die entkräfteten Menschen mit ihren Bündeln purzelten nur so über die Schienen. ,, Dawaj, dawaj!" brüllte die gereizte Bewachungsmannschaft und fuchtelte mit ihren Bajonetten herum. Wir wurden über einen großen Platz getrieben, auf ein strahlend beleuchtetes Holztor zu, an einem gespenstisch beleuchteten hölzernen Wachturm und einem langen Stacheldrahtzaun vorbei. Das Kommando ,, Stoj!" erschallte, und wir traten einzeln unter Verlesen von Name, Häftlingsnummer und Straftat in den Quarantänepunkt des Konzentrationslagers Karaganda ein. Diese Prozedur dauerte stundenlang. Frierend hockten wir auf unseren Bündeln, dann ging es in die Badestube. Alle Kleidungsstücke 66 mußten zur Entlausung abgegeben werden. Jeder versuchte davor zu retten, was er konnte, denn es war bekannt, daß dabei nicht nur die Sachen versengt wurden, sondern mit noch mehr Läusen zurück kamen. In dieser Badestube hatten Männer die Aufsicht. Und die Proteste der Frauen, sie möchten die Badestube verlassen, wurden mit Gelächter beantwortet. Und man gewöhnte sich auch daran. Jeder Häftling erhielt eine Blechmarke, auf die er beim Wasserkessel eine halbe Holzbütte voll heißen Wassers bekam. Die sibirische Lagerbadestube ist ein stinkender, feucht- glitschiger Raum, wo die Frauen eng aneinander stehen, nirgends ein trockener Fleck, wo man ein Kleidungsstück ablegen könnte, oft kommt es zu den wütendsten Auseinandersetzungen, wenn einer etwas mehr Wasser ergattert als der andere. Und in diesem Gewühl ging ein Mann hin und her und füllte die Wassertonnen, wozu er natürlich später genug Zeit gehabt hätte, aber er ließ sich das Vergnügen nicht entgehen, beim Vorbeigehen die nackten Frauen auf den Hintern zu klopfen, worauf jedesmal ein lautes Keifen antwortete, was ihn aber nur noch mehr ermuntérte. Im Quarantänepunkt des Lagers Karaganda waren wir in einer Erdhütte untergebracht, einer Lehmbaracke, bei der das Dach bis auf den Erdboden reichte und die Wohnräume sich unter der Erde befanden. Die Erdhütte ist wie ein Keller, im Winter sieht man von ihr nur einen großen Schneehaufen, und wenn es über Nacht geschneit hat, muß man sich am Morgen durch den Schnee graben. In der Semljanka( Erdhütte) war ein großer Raum mit einem ganz zerplatzten Lehmofen, roh zusammengeschlagenen Brettern als Schlafstätten und auf dem Lehmfußboden der Schmutz und die Hinterlassenschaften von vielen vor uns durchgegangenen Transporten. In einem kleinen Vorraum lag ein Haufen großer Steinkohlenklumpen, daneben eine Axt, aber nirgendwo auch nur das kleinste Stück Holz. Wie soll man da Feuer machen? Ich stieg die Treppe hinauf und begab mich auf die Suche nach Brennholz. Hier im Quarantänepunkt konnten wir uns zum ersten Mal ,, frei" bewegen, waren nicht mehr in eine Zelle eingeschlossen und wurden auch nicht auf Schritt und Tritt bewacht. Um den Quarantänepunkt war ein Stacheldrahtzaun und an jeder Ecke ein Wachturm. Aber man konnte zwischen den verschiedenen Baracken und Erdhütten umhergehen. Da sah ich vor einem Schuppen Kisten liegen, also das gesuchte Holz, ergriff eine davon, lief zurück in unsere Hütte und machte mich gleich an die Arbeit, das Holz zu zerhacken. Doch kam ich nicht weit damit, ein Mann kam die Treppe heruntergestürzt und packte mich unter Flüchen am Arm: Los! Mit zum Natschalnik! Kisten klauen, das könnte dir so passen!" Wenn meine Mithäftlinge nicht für mich eingetreten wären, hätte der erste Tag meines Lagerdaseins im Arrest geendet. Nun standen wir vor demselben 5* 99 67 Problem. Einige Holzsplitter konnten wir retten. Dann nahm ich die umgedrehte Axt und begann, die Steinkohlenklumpen zu zerkleinern. Darauf war aber die Axt nicht eingerichtet. Die Scheide lockerte sich, und als ich kräftig zum Schlag ausholte, flog mir die Axt an den Kopf. Wäre der nicht so gut gebaut gewesen, hätte ich mir viele Jahre Konzentrationslager erspart. Als wir endlich Feuer gemacht hatten, qualmte der Ofen aus allen Ritzen, und wir hatten die Wahl zwischen Erfrieren und Ersticken. Wenn wir uns in der Erdhütte waschen wollten, kletterten wir heraus, holten uns eine Konservenbüchse voll Schnee und ließen ihn auf. tauen. Das war unser Waschwasser. Die Frauen mußten noch nicht arbeiten, und es ist kaum zu glauben, wie sie es unter diesen erbärmlichen Umständen fertig gebracht haben, sich ,, schön zu machen". Dann gingen sie hinaus in die strahlende sibirische Sonne, dorthin, wo die Männer, die mit unserem Transport gekommen waren, damit beschäftigt wurden, Löcher in den hartgefrorenen Boden zu schlagen und Pfähle einzurammen. Sie begrüßten die Männer, flirteten und lachten mit ihnen. Und wie erbärmlich sahen diese Männerhäftlinge aus. Vor dickem Bartwuchs konnte man überhaupt keine Gesichter sehen. Ihre Bewegungen waren schlaff und kraftlos, die Mäntel schlotterten nur so um ihre Körper. Aber wenn sich die Frauen näherten, begannen auch sie sich zu ermuntern. Drei der Männer aus unserem Transport waren zu 25 Jahren Konzentrationslager verurteilt worden. Der eine, Valery Alexandrowitsch, ein Zootechniker, war für die Viehzucht auf mehreren Gütern verantwortlich gewesen. Unter dem Viehbestand war eine Seuche ausgebrochen und mehrere hundert Tiere krepiert. Dafür wurde er wegen Sabotage zu 25 Jahren verurteilt. Der andere, ein Mitarbeiter Mitschurins, des berühmten Obst- und Getreidezüchters der Sowjetunion, erzählte uns, daß nach dem Tode Mitschurins dessen gesamter Mitarbeiterstab verhaftet und der konterrevolutionären Tätigkeit gegen den Sowjetstaat angeklagt wurde. Er war ein Arbeiter, der sich für die Tätigkeit Mitschurins begeistert hatte. Der dritte, ein Ingenieur, dessen Mutter Französin war und in Frankreich lebte, hatte mit ihr korrespondiert und kritische Bemerkungen über Vorgänge in Sowjetrußland gemacht. Am Abend des dritten Tages klopfte es an die Tür unserer Hütte, und herein trat ein hochgewachsener, schöner junger Mann. Es war Valery Alexandrowitsch, der sich rasiert hatte. Die Ursache dieser Verwandlung war Nadja Bereskina. In unserem Transport gab es die erste Liebelei. * Nach einigen Tagen überlegten Grete Sonntag und ich, ob es nicht besser sei, irgendwo zu arbeiten, anstatt in unserer Erdhütte zu frieren oder zu ersticken. Vielleicht ließ sich irgend eine Arbeit finden, bei der 68 - man sich auch waschen könnte. Wir gingen zur Verwaltung und brachten unser Anliegen vor. Die staunten über einen so ungewöhnlichen Einfall und fragten, was für eine Arbeit wir machen möchten.„, Gibt es hier nicht eine Waschküche?" ,, Aber natürlich." Man schickte uns zum Aufseher der Waschküche, die in der gleichen Baracke wie die Badestube untergebracht war. Der Aufseher war ein Häftling. So, ihr wollt hier arbeiten", sagte er. ,, Das Pensum ist pro Mann 75 Stück Wäsche täglich, und dazu gibt es ein Stück Seife." Die Seife war so groß wie eine Streichholzschachtel. Er warf uns die Wäsche auf den Boden, es waren für jeden 75 Männerhemden und-unterhosen. Als wir uns die Sachen näher ansahen, merkten wir, daß die Wäsche nur so von Kleiderläusen kribbelte und wibbelte. Wir überlegten, daß es das beste sei, sie erst mit heißem Wasser zu übergießen, um die Läuse zu töten und dann erst die Wäsche zu waschen. In der Waschküche gab es einen Wasserträger, denn in der Steppe muß man das Wasser aus Ziehbrunnen holen. Er füllte uns den Waschkessel. Wir machten ein munteres Feuer und begannen zu arbeiten. Da standen wir am Waschtrog und rubbelten auf den dreckigen Hosen und Hemden herum. Neben uns lehnte der Wasserträger, der eine ganz furchtbare Visage hatte. Er war, wie wir später erfuhren, im Zivilberuf Dieb. Nachdem er eine Weile zugesehen hatte, sagte er freundlich: ,, Was macht ihr eigentlich? So ist das nicht gut. Ihr müßt auf Lagermanier waschen, auf Lagermanier!" Wir guckten erstaunt. ,, Wie geht denn das?" ,, Man nimmt die Seife, steckt sie in die Tasche, und die Wäsche schmeißt man in den Kessel und läßt sie eine Weile gut durchkochen." Das leuchtete uns allerdings ein und wir dankten für den guten Rat. Als wir noch mit der Wäsche beschäftigt waren, kam unser Dieb wieder an und sah uns mit Wohlgefallen zu. Und fragte ohne jede nähere Erklärung: ,, Wollt ihr ein Butterbrot und eine Gurke haben?" Wir waren starr über dieses Maß von Freundlichkeit. ,, Sicher, wenn Sie so etwas haben und uns schenken wollen!" Er ging fort und kam wahrhaftig mit zwei Butterbroten und zwei sauren Gurken zurück. Wir dankten ihm strahlend und aẞen alles heißhungrig auf. Kaum war der letzte Bissen hinuntergeschluckt, als sich der Dieb vertrauensvoll näherte. Ich muß einfügen, daß Grete Sonntag, außer einem russischen Fluch, kein Wort russisch sprach oder verstand. Er beugte sich zu mir und flüsterte: Paidjom, krusnitza sammoj!"( Komm, wir wollen uns umeinander drehen!) Und dabei drehte er die Daumen umeinander und machte eine einladende Kopfbewegung in der Richtung zur Badestube hin. ,, Was sagen Sie? Ich kann nichts verstehen, ich spreche schlecht russisch. Was wollen Sie von mir?" Als er noch einige andere Handbewegungen hinzufügte, war kein Zweifel mehr, unser Dieb wollte die Rechnung für Butterbrote und Gurken einkassieren. Ich erklärte in nicht geringer Aufregung Grete Sonntag die Situation. ,, Was sollen wir nun - 69 machen, der ist allein mit uns hier in der Waschküchenbaracke." Ich begann auf ihn einzureden, erklärte ihm, daß wir Deutsche seien und bei uns solche Angelegenheiten nicht auf diese Weise geregelt würden. Er lachte schallend: ,, So, Deutsche seid ihr, nein, Häftlinge seid ihr in Karaganda, und wenn ihr das nicht lernt, so werdet ihr bald verhungern." Nach einigem weiteren Hin und Her stellte er wahrscheinlich fest, daß wir zu blöde seien und gab seine Bemühungen auf. * Im Quarantänepunkt stand eine Baracke, die besonders eingezäunt war und in der sich Häftlinge befanden, die nach Beendigung ihrer Lagerhaft in die Freiheit kamen. Wir erfuhren, daß unter ihnen zwei Polinnen waren, die ihre fünf Jahre bereits abgebüßt hatten, nun aber plötzlich ohne Angabe von Gründen aus der Entlassungsbaracke wieder zurückgebracht worden waren und ,, bis auf weiteres" im Lager blieben. Einmal sahen wir dort von weitem einen Transport in die Freiheit gehen. In Lagerlumpen, mit irgend einem Bündelchen auf dem Rücken, stapften sie durch den Schnee davon. Und wir standen da mit zitternden Herzen. Ob wir auch einmal, nach fünf, nach acht, nach zehn Jahren so wie diese da in Lumpen, aber doch noch einmal die Freiheit erleben werden? Noch einmal ohne aufgepflanztes Bajonett hinter sich, ohne Stacheldraht, ohne ,, Dawaj"-Gebrüll? Nach vierzehn Tagen wurde unser Transport in den Sammelpunkt des Lagers Karaganda überführt. Dort herrschte ein ganz anderes Leben. In mehreren großen, hohen Holzbaracken lagen Hunderte von Menschen, die auf ihren Abtransport in die einzelnen Rayonabschnitte des riesigen Lagers Karaganda warteten. Die Frauenbaracke war ein durchgehender großer Raum. An den Wänden waren primitive Holzpritschen aufgeschlagen. Es war geheizt, und durchschnittlich herrschte eine Temperatur von zehn bis zwölf Grad Wärme. Alles war verwanzt. Die Wanzen hingen unter den Brettern in dichten Trauben herab und stürzten sich des Nachts über die Schlafenden. Wir hatten in Karaganda, Gott sei Dank, Kohle, denn das Lagergebiet reichte bis an das Kohlenbecken von Karaganda, in dem auch Häftlinge arbeiteten. Hier, im Sammelpunkt, sah ich zum ersten Male kriminelle und asoziale Häftlinge in großen Mengen, außerdem viele in einer erschreckenden Weise zerlumpte und heruntergekommene Menschen. Wenn mittags die dünne Sojasuppe ausgeteilt wurde, gingen alte, zerlumpte Männer herum, hielten flehend ihre Konservenbüchsen hin und bettelten um ein wenig von dieser ,, Ballanda". Es kam die erste Nacht im Sammelpunkt. Man hatte uns von allen Seiten gewarnt, auf unsere Sachen achtzugeben, da die Kriminellen und Asozialen wie die Raben stahlen. Da war es das beste, sich auf seine Besitztümer zu legen, und der Sack mit dem Rest meiner Habe diente mir 70 70 als Kopfkissen. Aber man mußte sich nicht nur vor Dieben schützen, sondern auch vor den Tausenden von Wanzen. Völlig angezogen, mit Handschuhen, die mit einer Schnur fest um die Handgelenke gebunden wurden, einem Kopftuch und über das Gesicht ein Tuch gebunden, in das zwei kleine Löcher gebohrt waren, um atmen zu können: so sah die Nachtbekleidung aus. Aber die Wanzen sind sehr klug und fanden immer noch eine Ritze, durch die sie hereinschlüpfen konnten; sie krochen sogar in die Nasenlöcher. In dieser ersten Nacht tobte draußen ein Schneesturm. Ich lag mit dem Kopf gegen das kleine Barackenfenster und war noch nicht lange eingeschlafen, als plötzlich Schnee über mich wehte und ich erschreckt auffuhr. Da merkte ich, daß man hinter mir die Fensterscheibe herausgeschnitten und mir das Bündel unter dem Kopf weggezogen hatte. Die Diebe waren wirklich Fachleute. Am nächsten Morgen meldete ich den Diebstahl bei der Barackenältesten und fragte, ob man nicht irgend etwas unternehmen könnte, um die Sachen zurück zu bekommen. Sie schüttelte bedauernd den Kopf. ,, Das hat überhaupt keinen Zweck. Wer weiß, ob nicht einer von der Bewachungsmannschaft mit daran beteiligt ist."- ,, Aber in der Skibluse befinden sich meine sämtlichen Quittungen und Ausweise, die ich vom Untersuchungsgefängnis für zurückgebliebene Sachen und Geld bekommen habe", wandte ich ein. ,, Da können wir einen Versuch machen. Wer Wenn du einverstanden bist, schicken wir einen Unterhändler in die Männerbaracke und lassen mitteilen, daß die Ausländerin auf ihre Lumpen verzichtet, ihre Dokumente aber zurück haben möchte." Ich willigte ein. Nach kurzer Zeit erschien vor meinen Brettern ein elegant gekleideter Jüngling, der einen modernen Mantel mit wattierten Schultern trug und eine Pelzmütze kokett auf einem Ohr sitzen hatte. ,, Sind Sie die Ausländerin, die ihre Papiere zurück haben möchte?" Lächelnd überreichte er sie mir. Ich bin überzeugt, daß eben dieser junge Mann der Dieb war. Das war meine erste Lehre, aber trotz größter Vorsicht besaß ich in kurzer Zeit nur noch die Sachen, die ich am Leibe trug. Die Kriminellen sind in Sibirien die Häftlingsgattung, der es am besten geht, sie haben die einträglichsten Posten inne, halten fest zusammen und sind, man könnte fast sagen, organisiert. Für sie bedeutet die Haft keine Unterbrechung ihres gewohnten Daseins wie bei den Politischen, es ist einfach ihre Art des gesellschaftlichen Lebens. Verfügt ein führender Mann unter den Kriminellen z. B., daß am nächsten Tage nicht gearbeitet wird, so wagt kein Krimineller, gegen seinen Befehl zu handeln, obgleich nach der Lagerordnung von Karaganda auf 25 Arbeitsverweigerungen Todesstrafe stand. Die Kriminellen blicken voller Verachtung auf die Politischen herab, auf die Feinde der Sowjetunion, 71 während sie zwar Kriminelle, aber doch gute Sowjetbürger sind. Ebenso, tief verachten die ,, großen Kriminellen" die sogenannten ,, Kusotschnikis" ( Stückwerkler), die kleinen Gelegenheits- und Taschendiebe. Im Sammelpunkt von Karaganda erschien mir dieses Leben und Treiben der Kriminellen noch sehr romantisch. Der große Barackenraum war nachts von einer Petroleumfunzel erleuchtet. Auf den mittleren Brettern, in der zweiten Etage, saß eine ganze Gruppe von Männern und Frauen und spielte Karten. Die Frauen trugen trotz der ziemlich niedrigen Temperatur nur Büstenhalter und Höschen. Um den Kopf hatten sie auf eine ganz besondere Manier bunte Tücher schief über die Stirn gewunden, und die Enden hingen malerisch an der Seite herunter. Man erzählte mir, daß sie oft ihre sämtlichen Kleider verspielten und natürlich gezwungen waren, sich neue zu stehlen. Wodka gab es bei ihnen immer, und auch an Essen mangelte es nicht. Laut Lagerordnung ist es streng verboten, daß ein Männerhäftling die Frauenbaracke betritt und umgekehrt. Wenn die Nachtwache, die um Mitternacht durch die Baracken geht und mit einer Lampe die Reihen der Schlafenden ableuchtet, einen Mann findet, so wird er unter großem Krach festgenommen und in Arrest gesteckt. Aber dieses Gesetz gilt nicht für alle Häftlinge. Ich habe oft gesehen, daß Kriminelle unangetastet zwischen Frauen lagen. Es bestand darüber ein stillschweigendes Einvernehmen zwischen Bewachungsmannschaft und Kriminellen. Im Sammelpunkt fand die ärztliche Untersuchung der Häftlinge auf ihre Arbeitstauglichkeit statt. Man stand in endlosen Schlangen. Wenn man an der Reihe war, wurde nach Namen, Häftlingsnummer und Straftat gefragt und dann forderte der Arzt einen auf: ,, Zeigen Sie mal Ihr Bein!" Man stellte den Fuß auf eine Bank, der Arzt betastete das Schienbein und dann trug er ein, ob man erste, zweite oder dritte Kategorie sei, das heißt für schwere, mittlere oder leichte Arbeit zu verwenden. Mein Bein war leider erste Kategorie. Im Sammelpunkt wurde ein reger Handel mit Kleidungsstücken betrieben. Man bot bis zu zwanzig Rubel für einen Pullover. In manchen Gefängnissen hatten die Häftlinge beim Abtransport ihr Geld ausgezahlt bekommen. Viele waren nur notdürftig bekleidet. Die Ernährung war hier noch schlechter als im Quarantänepunkt. Es gab nur einmal täglich eine dünne Sojasuppe und eine kleine Brotration. Täglich wurden Transporte in die verschiedenen Abschnitte des Lagers zusammengestellt. Ich kam mit ungefähr achtzig Männern und Frauen, unter ihnen Grete Sonntag, Stefanie Brun, Rebekka Sagorje und Nadja Bereskina, in eine Gruppe, die dem Rayonabschnitt Burma zugeteilt wurde. Beim Abtransport wurden wieder alle Sachen gründlich untersucht. Solchen, denen es geglückt war, sich eine Konservenbüchse oder einen Napf für die Suppe zu organisieren, wurde er wieder abge72 nommen. Ich versteckte meinen Holzlöffel im Hosenbein. Die Durchsuchung fand im Klubraum für die Angestellten des Sammelpunktes statt, und da sah ich zu meinem Vergnügen ein Bild des Volkskommissars Jeshow an der Wand hängen, der schon eine ganze Weile verhaftet und nicht mehr unter den Lebenden war. Man hatte vergessen, ihn mit Beria auszutauschen. Da merkte man: Moskau war weit.. Dann fuhren wir drei Stationen mit der Eisenbahn, immer durch Lagergebiet, und wurden in Sharik ausgeladen. Von dort aus ging es ungefähr zehn Kilometer zu Fuß durch die öde, flache Steppenlandschaft, wo kein Baum und kein Strauch wächst. Fern am Horizont sah man Gebirgszüge. Karaganda liegt in der Kasakstanschen Steppe. Früher hieß diese Gegend die ,, Hungersteppe", und das ist sehr zutreffend. Hier hatte es bis Ende der zwanziger Jahre keine festen Siedlungen gegeben. Die Kasaken lebten als Nomaden und zogen mit ihren Viehherden von Wasserstelle zu Wasserstelle, denn nur dort gedeiht im Sommer das Gras. Wohl um das Jahr 1932 hatte man begonnen, die Steppe zu kultivieren. Diese ehrenvolle Aufgabe kam den Häftlingen zu. Man versuchte den Anbau von Sonnenblumen, Weizen und Steppengerste. Wenn es im Frühjahr einige Male regnete, konnte die Ernte von diesem jungfräulichen Boden sehr gut werden, blieb aber dieser Regen aus, so verbrannte die Sonne alles erbarmungslos. In den Jahren 1938 und 1939 waren schlechte Ernten. Da das Lager Karaganda sich nicht selbst erhalten konnte, sondern ein sogenanntes Zuschuẞlager war, bekam es vom Staat eine sehr minimale Zuteilung, und deshalb war unsere Ernährung besonders dürftig. Karaganda galt als ein Lager für leichte landwirtschaftliche Arbeit. Es gelang mir nicht festzustellen, wie groß dieses riesige Lagergebiet war. Ich weiß nur von fünf Rayonabschnitten, die etwa vierzig bis fünfzig Kilometer voneinander entfernt lagen. Jeder Rayon hatte wiederum eine ganze Reihe von Unterabschnitten, die meist nur aus einigen Viehställen und jämmerlichen Lehmhütten für Männer und Frauen bestanden. 7. DER RAYONABSCHNITT BURMA IN DER KASAKSTANSCHEN STEPPE Unser Transport wurde in die Badestube von Burma geführt. Dort war wieder das gleiche Bild: Entlausung, Männer im Baderaum, rationiertes heißes Wasser. Aber Burma war so überfüllt, daß wir Zugänge keinen Platz in einer Baracke bekamen, sondern in der feuchten Badestube übernachten mußten. Am nächsten Tage gingen wir im Lager umher und besahen uns unsere neue Heimat. Die Badestube lag etwas abseits von der„, Hauptstraße" Burmas. Richtige Straßen gab es im ganzen Lager Karaganda nicht, nur getretene Pfade oder von Ochsenwagen und Lastautos eingefahrene Wege. Hinter der Badestube war eine 73 verhältnismäßig hohe Lehmbaracke mit richtigen Fenstern und sauberem Bewurf, das war das Krankenhaus des Rayonabschnittes Burma. Die breite Lagerstraße, die fast einen Kilometer lang war, wurde auf beiden Seiten von großen und kleinen Häusern und Lehmbaracken eingesäumt. Da gab es Häuser mit Gardinen an den Fenstern: das Haus des Kommandanten Serikow und des Natschalniks der NKWD, dann die Unterkünfte der Bewachungsmannschaften, das Verwaltungsgebäude und ein Kino, in das manchmal angeblich auch Häftlinge gehen durften, drei Küchenbaracken und in deren Umgebung Haufen über Haufen von Abfällen und Dreck. An eine Küche war eine weiträumige Baracke mit leeren Fensterhöhlen und ohne Türen angebaut, die anscheinend ein Speiseraum hatte werden sollen, wo jetzt aber in allen Ecken Schmutzhaufen und Menschenkot lagen. Daneben eine Frauenbaracke, die in kleine Räume für ungefähr 15 Menschen eingeteilt, aber derart überfüllt war, daß es für die Neuankömmlinge keinen Platz mehr gab. Außer dieser waren im Rayonabschnitt Burma noch zwei andere Frauenbaracken, eine davon lag auf dem kleinen Hügel jenseits eines gestauten Teiches. An der großen Lagerstraße befand sich noch eine Männerbaracke und dahinter ein Gestüt mit großen, gut gebauten Pferdeställen. Überhaupt waren die Unterkünfte für die Tiere bei weitem besser als für die Häftlinge. Auf der anderen Seite der Straße lagen große Getreidespeicher, eine Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche Maschinen mit einer Schmiede und einem hohen Schuppen für die Erntemaschinen. Auf dem Platz vor diesem Schuppen standen alle nur erdenklichen Arten von modernen landwirtschaftlichen Maschinen, wie Traktoren, riesigen Pflügen, Säh- und Mähmaschinen. Am äußersten Ende der Straße war in einer kleinen Baracke der„ Larjok", ein Lebensmittelladen für die Bewachungsmannschaften und einer für die Häftlinge. In einem Raume daneben hatte es früher einmal eine Bibliothek gegeben, aber die war jetzt geschlossen. Abseits der Straße war eine durch Dynamo getriebene Getreidemühle und daneben noch einmal ein großer Getreidespeicher. Der Dynamo erzeugte am Abend Licht, aber nur für die Lagerobrigkeit, in den Häftlingsbaracken brannten Petroleumfunzeln. Jenseits des kleinen Sees lagen auf dem Hügel mehrere stabil gebaute Kuh- und Schafställe. Mitten durch das Lagergebiet führten Eisenbahnschienen, und jenseits dieser Schienen lagen nochmals eine Reihe Baracken und hinter einem dichten Stacheldraht der Strafblock und das Gefängnis des Rayonabschnittes. Trotzdem an diesem ersten Tag die Wintersonne auf dem Schnee nur so glitzerte und ein hoher blauer Himmel sich über Burma wölbte, waren wir zu Tode traurig und verzweifelt in dem sicheren Gefühl, nie wieder lebend aus dieser Einöde herauszukommen. 74 44 Uns überraschte, daß es in Burma weder Lagermauer noch Stachel drahtzaun gab. Man erzählte uns, daß man sich bis zu einem halben Kilometer vom Lager entfernen dürfe; versuchte man weiter zu gehen, wurde geschossen. Erst am zweiten Tage begann die Registrierung, dabei stellte sich heraus, daß eine Reihe von uns in ihren Akten den Vermerk ,, Pod konvoj"( unter Bewachung) hatten, worauf sie in den Strafblock überführt wurden. Darunter waren Rebekka Sagorje und die junge achtzehnjährige Polin. Noch an diesem Tage stellte man Transporte zusammen, die in die Unterabschnitte des Rayons Burma gebracht wurden. Eine Reihe russischer Zugänge hatte sich bereits Plätze in den Baracken erobert, und zum Schluß waren nur noch Grete Sonntag und ich übrig, die beiden Ausländerinnen. Wir gingen vergeblich von Baracke zu Baracke und baten um eine Ecke zum Schlafen. Neben der Badestube war ein kleiner Raum: der Frisiersalon. Bei dem georgischen Friseur, einem sympathischen jungen Häftling, konnte man sich für 60 Kopeken rasieren oder die Haare schneiden lassen. Nach drei Tagen Aufenthalt in der Badestube waren wir miteinander bekannt geworden, und er fragte uns:, Wollt ihr euch nicht auch die Haare schneiden lassen?" ,, Ja, sehr gern, aber wir haben doch kein Geld." ,, Euch schneide ich sie auch umsonst." Er konnte einen deutschen Satz, den er sehr häufig anwandte, und fand ein Vergnügen daran, sich mit uns zu unterhalten. - 99 Grete Sonntag und ich litten sehr unter Hunger. Alle unsere Gedanken drehten sich um Brot. Wir erfuhren, daß es in Burma vier verschiedene Küchen, vier verschiedene Lebensmittelzuteilungen gab. Die unterste, die schlechteste, der wir zugeteilt waren, erhielten die Feldarbeiter und der Strafblock, die zweite die Reparaturwerkstatt und Teile der Büroarbeiter, die dritte die Arbeiter des Transport- und Bauwesens und die vierte und beste das agro- technische Personal. Die dieser vierten Küche Angeschlossenen wurden halbwegs ausreichend ernährt. Wir erkundigten uns bei unserem freundlichen Friseur, ob es keine Arbeit für uns gäbe, und wir erfuhren, daß man zum Abladen zwei Frauen brauchte. Auf einem Lastauto mit drei Männern und einem Bewachungssoldaten fuhren wir zum Bahnhof Sharik. Es ging über Stock und Stein, und wir mußten uns festklammern, um nicht herunter zu fliegen. Am Bahnhof führten uns die Männer zu einem Waggon Steinkohle und bedeuteten uns, diese abzuladen. Da tat ich etwas, was ich später nicht mehr gewagt hätte, ich verweigerte die Arbeit. ,, Sie können uns wohl nicht zumuten, in unseren Privatkleidern Kohlen abzuladen, außerdem ist das eine Männerarbeit." Merkwürdig war die Wirkung dieser Äußerung auf die Männer. Zuerst lachten sie erstaunt, teilten dem Soldaten mit, was die Ausländerin gesagt habe, forderten uns aber nicht ein zweitesmal auf. Sie selbst rührten jedoch auch keine Schaufel 75 - an. Nachdem wir eine Weile herumgestanden hatten, kam wieder einer zu uns und fragte, man könnte fast sagen, höflich: ,, Wollen Sie vielleicht Säcke abladen?" ,, Ja, wenn sie nicht zu schwer sind", erwiderte ich. ,, Nein, es sind kleine Säcke." In einem Waggon waren ungefähr vierzig Pfund schwere Säcke mit zerschlagenem Hutzucker. Wir machten uns, angezogen durch den köstlichen Inhalt, sofort daran, das Lastauto vollzuladen, wobei uns die Männer munter halfen. Als der Wagen voll war, forderten sie uns auf, hinten aufzusitzen und über den Zucker zu wachen. Grete Sonntag und ich waren förmlich im Fieber.„ Wie machen wir es nur, um etwas von diesem Zucker zu stehlen!" Das Lastauto fuhr los. Nach einer kurzen Strecke hielt es in der Nähe einiger Lehmhütten, wo Kasaken wohnten. Die Männer und der Soldat stiegen ab. Einer wandte sich an uns mit einem verschmitzten Lächeln: ,, Paßt auch gut auf den Zucker auf, bis wir wieder zurückkommen!" Und wie haben wir aufgepaßt! Wenn die Säcke nicht aufgehen wollten, bohrten wir einfach ein Loch hinein und steckten uns den Zucker in alle Taschen, in die Hosen und wo es sonst nur einen Platz gab. Leider waren wir noch Neulinge und nahmen viel zu wenig, wir hatten schrecklich Angst, man würde im Lager eine Körpervisitation vornehmen. Als wir dort ankamen, erfolgte gar nichts, nicht einmal abladen brauchten wir, da waren schon genug andere Interessenten, die ebenfalls klauen wollten. Dann saßen wir in der Badestube und lutschten mit Hingabe unseren geraubten Zucker. Noch zwei weitere Tage bettelten wir um eine Schlafstelle, endlich kriegten wir einen Platz, eine ausgehängte Tür wurde über zwei Holzböcke gelegt. Das war das Bett für Grete Sonntag und mich. Benachteiligt war nur der, der auf das eiserne Türschloß zu liegen kam. Später mußten wir uns beim Leiter der Finanzabteilung melden, um eine Arbeit zugeteilt zu bekommen. Seinen Namen habe ich vergessen, aber ich werde mich mein Leben lang an seine Menschlichkeit erinnern. Er war ein politischer Häftling. ,, Ihr seid beide Deutsche? Was wollt ihr denn für eine Arbeit machen?" fragte er freundlich. ,, Das ist nicht so einfach mit uns. Grete Sonntag kann gar nicht russisch, und ich kann es auch nicht sehr gut." ,, Ja, aber ihr seid doch kultivierte Menschen, ihr könnt doch nicht irgend eine schmutzige Arbeit machen. Da werde ich euch mal zu Konstantin Konstantinowitsch schicken, das ist der Natschalnik des Büros der Reparaturwerkstatt für landwirtschaftliche Maschinen, da könntet ihr dann beide im Büro als Lehrlinge anfangen." Wir bedankten uns sehr und machten uns auf den Weg zur Reparaturwerkstatt. Unterwegs grollte Grete Sonntag zwar mit mir: ,, Das ist ja unsinnig, ich will nicht im Büro arbeiten, ich bin eine Arbeiterin und keine Angestellte. Es wäre lächerlich, wenn sich hier für mich, eine Lederarbeiterin, keine Beschäftigung finden sollte. Wo es so viel Vieh gibt, müssen doch auch Felle verarbeitet werden." Ich versuchte sie zu beruhigen:„, Laß man, im 76 - Büro ist es viel besser. Da sitzt man wenigstens im Warmen, und du wirst schon russisch lernen." - Der Leiter des Büros der Reparaturwerkstatt, Konstantin Konstantinowitsch, ebenfalls ein politischer Häftling, machte, nachdem ich ihm erklärt hatte, wer wir seien und was wir wünschten, ein galliges Gesicht: ,, Das hat mir gerade noch gefehlt. Ich habe schon genug Nichtstuer. Nicht einmal russisch könnt ihr, zu was soll ich euch denn da eigentlich brauchen?" ,, Vielleicht überzeugen Sie sich erst mal davon, ob wir etwas können oder nicht, außerdem sollten wir doch als Lehrlinge beginnen", ereiferte ich mich. Wie ein prüfender Schulmeister holte Konstantin Konstantinowitsch Papier und Bleistift: wir mußten uns setzen und er diktierte einen russischen Text. Grete Sonntag erklärte wütend, sie könne nicht russisch; ich schrieb irgend etwas.„ Die( er meinte mich) kann hier anfangen, die andere kann ich nicht brauchen!" Damit waren, wir entlassen. Auf dem Rückweg überschüttete mich Grete Sonntag mit Vorwürfen, sie in eine so unangenehme Situation gebracht zu haben, und es war drauf und dran, daß wir uns in die Haare gerieten. - 55 Dem freundlichen Arbeitsvermittler teilten wir unseren Miẞerfolg mit. ,, Was soll ich ihr nur für eine Arbeit geben?" Ich erzählte ihm, daß Grete Sonntag Lederarbeiterin sei und wünsche, in ihrem Beruf zu arbeiten. ,, Nein, das kann ich nicht verantworten, das ist hier in Burma unmöglich." ,, Ja, aber warum denn, wenn sie es doch selbst gerne will?" wandte ich ein. ,, Hier in Burma herrscht eine verheerende Viehseuche, die Brzelose, und wer mit Fellen arbeitet, der wird unweigerlich angesteckt. An Brzelose sterben im Lager sehr viele Menschen, oder sie bleiben ihr Leben lang Krüppel. Ich kann es nicht verantworten, einen Menschen zu solcher Arbeit zu schicken." Ich dolmetschte Grete Sonntag dieses Gespräch, worauf sie mir antwortete: Was für ein Blödsinn, die russischen Schweine stecken sich an, weil sie keine Ahnung von Sauberkeit haben, ich werde schon dafür sorgen, daß ich nicht krank werde. Sage ihm, ich will auf eigene Verantwortung diese Arbeit machen." Ich übersetzte dem Natschalnik begreiflicherweise nur einen Teil dieser Äußerung. Es war erschütternd: auf der einen Seite diese freche Anmaßung und auf der andern ein besorgter, herzensguter Mensch, der sich trotz jahrelangem Häftlingsdasein seine Menschlichkeit bewahrt hatte. So kam Grete Sonntag in die ,, Fellbase" so nannte sich das hochtönend deren Natschalnik ein Jude aus Weißrußland war, der etwas jiddisch sprach und sich mit ihr verständigen konnte. Als wir in die winzige Baracke eintraten, konnte man vor herumliegenden Fellen kaum treten. Es war eine Unordnung, wie sie wirklich nicht mehr übertroffen werden konnte und dazu ein Gestank, der einem den Atem verschlug. Grete Sonntag sah sich das Durcheinander an, machte eine Reihe bissiger - - 77 und, ich muß sagen, gerechtfertigter Bemerkungen und begann am nächsten Tag dort zu arbeiten. Sie wohnte auch in einem winzigen Verschlag in dieser Hütte. Schon nach einigen Tagen war die„ ,, Fellbase" nicht wiederzuerkennen. Die Felle waren sauber abgeschabt und mit Salz eingestreut. Da gab es einen Raum, in dem nur die sogenannten Merluschkafelle lagen( das sind wertvolle Felle von neugeborenen Schafen). Jedes Fell war mit einem Zettel versehen, eingeteilt in erste, zweite und dritte Kategorie. In einem anderen Raum lagen die weniger wertvollen Felle sauber aufgeschichtet wie Matratzen. Grete Sonntag hatte sich, trotzdem sie nur einen einzigen russischen Satz beherrschte, aus dem Krankenhaus Gummihandschuhe und eine desinfizierende Flüssigkeit besorgt und hielt sich und ihre Umgebung einwandfrei sauber. Wenn die Häftlinge von den verschiedenen Unterabschnitten auf Ochsenwagen oder Lastautos die Felle ablieferten, wurden sie von ihr auf einer großen Waage nach ihrem Gewicht kontrolliert. Und wehe, wenn ein Gramm fehlte. Jeder Häftling hatte begreiflicherweise nur ein Ziel: Felle zu stehlen und sie bei den Kasaken gegen Lebensmittel einzutauschen. Bei Grete Sonntag gab es kein Verständnis dafür. Ordnung mußte sein. Auch im Konzentrationslager. Einige Monate später, als ich schon lange im Strafblock war, erfuhr ich, daß vom Verwaltungspunkt des Lagers Karaganda, aus Dolinki, eine besondere Kommission angereist kam, um sich das Wunderwerk der Njemka( Deutschen), die ,, Fellbase" in Burma, anzusehen. * Ich aber begann als Statistiker- Lehrling im Büro bei Konstantin Konstantinowitsch zu arbeiten. Meine Kollegen waren Klement Nikifrewitsch, politischer Häftling und ehemaliger Schuldirektor aus NowoSibirsk, Semjon Semjonowitsch, politischer Häftling und ehemaliger Parteiarbeiter aus Weißrußland, Gregorij Iljitsch, politischer Häftling und ehemaliger Agronom aus Kasan, Maslow, ein Politischer mit einem Gesicht wie Nikolaus II., und ein schwer malariakranker Kassierer von der kaukasischen Eisenbahn. Man empfing mich Neuling mit großer Herzlichkeit. Jeder bemühte sich, mir zu helfen. Fast alle sprachen mehr oder weniger deutsch. Es entstand ein förmlicher Wettbewerb in Sprachen. Der sechzigjährige Klement Nikifrewitsch schlug sie aber alle. Er zitierte aus den deutschen Klassikern, und einmal zeigte er mir voller Stolz ein kleines, selbstgefertigtes Heft mit lateinischen Zitaten. Da saß ich zwischen den ausgemergelten Menschen, die schon drei, vier und mehr Jahre Haft hinter sich hatten. Allen sah man den Hunger an. Die Backen waren eingefallen, die Augen unnatürlich groß, fast alle hatten Zahnlücken, denn in Karaganda gab es kein Plombieren, da wurden schmerzende Zähne her78 ausgerissen. Und dann die jämmerliche Kleidung. Schwarzgraue, wattierte, durchsteppte Jacken und ebensolche Kulihosen, dunkelgraue Hemden mit Stehbündchen. Die Haare kurz geschoren, rasieren kam nur sehr selten vor. Doch in der Erinnerung scheinen mir ihre Gesichter die schönsten und menschlichsten, die ich je gesehen habe. Bei meiner Arbeit als Lehrling hatte ich eine Statistik über die täglich geleistete Arbeit der Traktoren zu führen. Wieviel Stunden Arbeitsausfall zu verzeichnen war, wodurch der Arbeitsausfall verursacht wurde, ob durch Schuld des Häftlings oder durch Treibstoffmangel oder Motorenschaden usw. usw. Das muẞte genau kontrolliert werden. Unter den dortigen Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnissen war diese Einrichtung besonders grotesk. In der Reparaturwerkstatt mangelte es unentwegt an Maschinenteilen, aber eine von einem Häftling verschuldete Stunde Arbeitsausfall mußte statistisch erfaßt werden. Konstantin Konstantinowitsch, ein Ungar, paßte vorzüglich zum Natschalnik für dieses Büro, er war ein vertrockneter, engstirniger Bürokrat. Der Leiter der Reparaturwerkstatt war ein tschechischer Ingenieur, German Germanowitsch, dem man noch ansah, daß er in Freiheit einen runden Schmerbauch gehabt hatte, der jetzt traurig herunterhing. Ich versuchte mehrmals mit ihm ins Gespräch zu kommen, er konnte sehr gut deutsch, war aber derart verängstigt, daß es nicht möglich war, über„, Guten Tag" und„, heute scheint die Sonne" hinwegzukommen. German Germanowitsch hatte westeuropäische Begriffe von Ordnung. Die landwirtschaftlichen Maschinen standen alle in Reih und Glied; die Mähdrescher nicht unter freiem Himmel, sondern in Schuppen. Die Reparaturwerkstatt und ihre Umgebung unterschied sich auffallend von den Fabriken und Fabrikhöfen, die ich in der russischen Freiheit gesehen hatte. Die Büroangestellten wurden auch zu Udarnikiarbeiten( Stoßbrigaden) bei der Frühjahrsbestellung herangezogen, selbstverständlich ,, freiwillig". Dabei erinnere ich mich an etwas ganz Unglaubliches: die Häftlinge wurden aufgefordert, von ihrem„ Verdienst" freiwillig Staatsanleihe zu zeichnen. Und es gab viele, die nicht wagten, sich zu weigern. Als ,, Udarniki" arbeiteten wir von Sonnenaufgang bis 12 Uhr mittags auf dem Feld und von 1 Uhr bis 8 Uhr abends im Büro. Morgens holte uns ein Brigadier unter lautem Geschrei aus der Baracke. Auf dem Feld war ein bestimmtes Pensum zu hacken. Damals hatte ich noch so viel Kraft, daß es mir nicht besonders schwer fiel, sogar noch Klement Nikifrewitsch zu helfen, der schon beinahe fünf Jahre in Haft war und sich schrecklich abmühte, um fertig zu werden. Diese Feldarbeit wurde besonders bezahlt. Hier kurz einiges über die Entlohnung im Konzentrationslager Karaganda. Als Lehrling im Büro erhielt ich keine Bezahlung. Ab 79 Sommer 1939 wurden für Feldarbeit bei geschafftem Pensum täglich zwanzig Kopeken gezahlt. Hatte man das Pensum nicht erreicht, erhielt man gar nichts. So konnte man im Monat bei stets erfülltem Pensum auf höchstens sechs Rubel kommen, aber ein Kilo Heringe im Lagerladen kostete 7.50 Rubel, ein Kilo Brot fast einen Rubel. Traktoristen, Agronomen und sonstiges technisches Personal wurden natürlich besser bezahlt. Ich hörte, daß ein Mähdrescherführer im Monat über 100 Rubel verdiente. Von dem gestuften Ernährungssystem habe ich schon gesprochen. Im Sommer 1939 wurde eingeführt, daß das agro- technische Personal, das der vierten und besten Küche zugeteilt war, das Essen vom Verdienst zu bezahlen hätte. Während meiner Bürozeit gehörte ich zur zweiten Küche, war aber immer hungrig. In dieser Zeit wohnte ich in der Baracke jenseits des kleinen Teiches. Um dorthin zu gelangen, mußte man über einen Staudamm gehen. Der Damm war von Häftlingen erbaut worden, um ein Wasserreservoir für die Lagergärtnerei zu schaffen. Auf der anderen Seite des Staudammes, in einer leichten Bodensenke, lag die Gärtnerei mit künstlich bewässerten Kartoffelfeldern, Tomatenpflanzungen, Melonenbeeten, vielen Gemüsearten und Treibhäusern. Auf dem Steppenboden gedieh alles vorzüglich, wenn man für das nötige Wasser sorgte. Die Ernte aus der Gärtnerei kam aber dem einfachen Häftling nicht zugute. Ich kann mich nicht erinnern, daß sich jemals eine Kartoffel in die Suppe der untersten Küche verirrt hätte. Meine Wohnbaracke war eine Lehmhütte mit einer so niedrigen Stubendecke, daß man sie mit der Hand erreichen konnte, Wände und Decke waren unbeworfen, rauh und ein Eldorado für Wanzen. Der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm, konnte also nur trocken gefegt werden und beherbergte eine ganz besonders kräftige Flohrasse, die doppelt so groß war wie unsere westeuropäische. Die Baracke hatte winzige Fenster, wo die fehlenden Scheiben mit Lumpen ausgestopft waren. Ich schlief, wie schon erwähnt, auf einer ausgehängten Tür, selbstverständlich ohne Strohsack, ohne Kopfkeil. Decken hatte nur, wer sie von zu Hause mitbrachte. Die Baracke war in zehn Räume eingeteilt. Drei zusammenhängende Räume hatten eine gemeinsame Ausgangstür zum Korridor, und für die Sicherheit und gewisse Dienstleistungen stellten sich die Häftlinge eine ,, Newalnaja" an. Das war meistens ein alter, arbeitsunfähiger Häftling, der vom Lager keinerlei Entlohnung hekam und dem jeder aus dem Zimmer monatlich etwas Geld gab. Für die zahlenden Mitglieder des Hauses holte unsere ,, Newalnaja", die eine Kriminelle war, mittags die Suppe und machte ihnen alle möglichen Handreichungen, für„ Habenichtse" wie mich tat sie keinen Schlag, sondern behandelte sie wie lästige Parasiten. 80 Die Newalnaja" eines anderen Raumes in dieser Baracke war eine sechzigjährige Berlinerin, Margarete Pawlowna, mit einer dicken Brille, ins Gesicht hängenden grauen Haarsträhnen, geschwollenen Beinen und Säcken unter den Augen. Sie erzählte mir, und ihre Brille war von Tränen beschlagen, daß ihre beiden Söhne, der eine davon als Schauspieler, nach 1933 in die Sowjetunion emigriert wären und sie mit herausgenommen hätten. Beide wurden verhaftet und sie nach ihnen. Der russische Untersuchungsrichter habe sie aufgefordert, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, und sie wagte nicht ,, nein" zu sagen, weil sie fürchtete, dann nie mehr im Leben ihre Söhne wiederzusehen. Aber wenn sie gewußt hätte, daß man sie alte, arbeitsunfähige Frau nach Sibirien schicken würde, wäre es besser gewesen, nach Hitlerdeutschland zurückzugehen. In unserer Baracke war ein Raum für Mütter und Kinder. Als ich dieses Zimmer betrat, mußten sich meine Augen erst an den dichten Qualm gewöhnen, um richtig sehen zu können. Von der Zimmerdecke hingen an Stricken Holzkisten, und in diesen Kisten lagen in Lumpen gewickelt die Babys. Aber in Burma blieben Mütter und Kinder nicht lange, sie wurden auf Ochsenwagen in sogenannte Kinderabschnitte befördert. Frauen, die kurze Strafen hatten, und das waren nur kriminelle und asoziale, konnten bis zur Entlassung bei ihren Kindern bleiben. Nachdem ich erfahren hatte, daß man für Udarnikiarbeit bezahlt bekommt, borgte ich mir sechzig Kopeken von Klement Nikifrewitsch und ging stolz in die Badestube zum georgischen Friseur. Die Begrüßung war sehr herzlich. ,, Wie gefällt Ihnen denn Ihre Arbeit? Zu welcher Küche gehören Sie?" leitete der Friseur das Gespräch ein, während er sehr langsam und ausführlich an meinen Haaren herumschnitt, um mich dann ohne Überleitung zu fragen: ,, Haben Sie eigentlich schon einen Lagermann?" Ich verneinte lachend. Nach einer kurzen Pause: ,, Wollen Sie nicht meine Lagerfrau werden? Ich verdiene 25 Rubel im Monat und habe gute Beziehungen zur Küche, bekomme Fleisch und alles mögliche. Außerdem schlafe ich in einem eigenen Raum, und wenn Sie meine Frau sind, können Sie sich täglich in der Badestube waschen." Das alles sprudelte er wie auswendig gelernt hervor. Als ich einwandte, daß das doch nicht genüge, um sich zu verheiraten, daß man sich doch eigentlich kennen und lieben müßte, meinte er: ,, Ja, ich verstehe schon, das auch, aber in Sibirien muß eine Frau sich vor allem einen Lagermann nehmen, um nicht zu verhungern." Ich versprach ihm, mir das durch den Kopf gehen zu lassen und ihm irgendwann Bescheid zu sagen. ,, Ich warte acht Tage auf Sie. Versprechen Sie mir, sich bis dahin entschieden zu haben?!" Als ich eines Abends aus dem Büro kam, erwartete mich auf der Lagerstraße ein Arbeiter aus der Schmiede der Reparaturwerkstatt. Er fragte mich, wie lange ich schon in Sibirien sei, woher ich käme und zu 6 Buber: Gefangene. 81 wieviel Jahren ich verurteilt worden sei. ,, Haben Sie schon einen , Katylok( das ist eine Vier- Liter- Konservenbüchse, die die Häftlinge als Eẞgeschirr benutzen. Im Lager erhält man kein Eẞgeschirr und keinen Löffel. Als Zugang muß man immer jemanden darum bitten.) ,, Nein." - - ,, Soll ich Ihnen einen machen? ,, Das wäre sehr schön." Am nächsten Tag stand er wieder da, mit einer nagelneuen Konservenbüchse, die sogar einen Griff aus Draht hatte. Ich bedankte mich überströmend für das schöne Geschenk, und wir gingen plaudernd über die Lagerstraße. Ich erfuhr, daß er in der Freiheit Lokomotivführer gewesen sei. Er war erstaunlich gesprächig, und bevor ich dieses Erlebnis zu Ende erzähle, muß ich sagen, daß ich mir bis jetzt noch nicht darüber klar geworden bin, ob dieser Mann ein Provokateur war oder mir als Ausländerin solches Vertrauen entgegenbrachte. Nach einigen Tagen kam ein neues Geschenk: ein kleiner Blechnapf. Das übertraf an Wert noch bei weitem die Konservenbüchse. Schon nach kurzer Zeit begann er, ganz merkwürdige politische Ansichten zu äußern. Er erzählte begeistert von einer nationalen Widerstandsbewegung unter den Kasaken, die nur darauf warteten, daß der Krieg mit Deutschland ausbräche, und ihre letzte und einzige Hoffnung sei Hitler. Ich war erschüttert und widersprach mit ganzer Überzeugungskraft: Ja, um Gotteswillen, da kommen Sie ja vom Regen in die Traufe! Wissen Sie denn überhaupt, was Hitler bedeutet? Das hieße doch eine Diktatur durch die andere ablösen!" Er aber blieb Feuer und Flamme für Hitler. Noch ein schönes Geschenk brachte er mir, ein selbstgemachtes Messer. Es war streng verboten, ein Messer zu besitzen, aber jeder Häftling, der etwas auf sich hielt, schmuggelte eines durch alle Untersuchungen. Das geschenkte Messer hatte die Größe eines Dolches und einen Griff aus Hartgummi, der mit kleinen Metallstückchen wunderhübsch verziert war. * In Karaganda habe ich nur sehr wenig wildlebende Tiere gesehen. Außer an einen riesigen Aasgeier und eine Reihe farbenprächtiger Vogelarten, die aber nicht singen konnten, erinnere ich mich an keine. Als eines Tages auf dem kleinen gestauten Teich, an dem unsere Baracke lag, ein Pärchen wilder Enten schwamm, stand in der Mittagspause allés am Ufer und freute sich über dieses Ereignis. ,, Wo mögen die hergekommen sein?"- ,, Hier gibt es doch weit und breit kein Wasser?" Wieviel tausend Kilometer sind die geflogen, um gerade in unseren Teich zu kommen." Sie waren gar nicht scheu, sie schwammen umher, als ob der Teich ihnen gehöre. Vor lauter Freude warf man ihnen von der kärglichen Brotration Brocken zu. 99 Am Abend nach der Arbeit galt mein erster Blick den Enten auf dem Teich. Sie waren noch da, nicht wieder weggeflogen. Da werden sie 82 sicher bei uns bleiben und vielleicht kleine Enten bekommen. Ich ging ganz angeheimelt in die Baracke. Nach kurzer Zeit knallte ein Schuẞ. Alle rannten hinaus. Auf dem gegenüberliegenden Ufer des Teiches stand der Natschalnik der NKWD mit einer ganzen Suite von Uniformierten und in respektvoller Entfernung eine Anzahl Männerhäftlinge. Er schoß auf unsere Enten. Ich flehte bei mir: ,, Ach, wenn sie doch wegflögen! Wenn er sie doch nicht treffen würde!" Aber die Enten schwammen in der Mitte des kleinen Teiches, zusammengedrängt und ängstlich. Scheinbar kannten sie noch keine Schußwaffe. Mit dem dritten Schuß traf der Natschalnik die eine. Hals und Kopf sanken unter Wasser, der Körper trieb oben. Für die zweite aber, die sich nicht vom Körper der toten trennte, verschoß er fünf Kugeln. Dann entledigte sich ein Männerhäftling eifrig seiner Kleider und sprang wie ein apportierender Hund ins Wasser, um die Beute zu holen. 8. IM STRAFBLOCK Einmal fragte ich meine Kollegen aus dem Büro, die alle schon jahrelang in Haft waren, ob sie Schritte zur Wiederaufnahme ihres Verfahrens unternommen hätten. Denn in allen Gesprächen hörte man immer wieder die Hoffnung auf„ Peresmotrenje"( Wiederaufnahme) oder Amnestie. Da der größte Teil der Politischen unschuldig war und viele nicht begreifen konnten, warum man sie verhaftet hatte, nahmen sie selbstverständlich an, daß das Ganze ein Irrtum sei, der sich bald aufklären und mit einer Wiederaufnahme des Verfahrens und mit Freilassung enden müßte. Klement Nikifrewitsch erklärte mir, daß Gesuche um Wiederaufnahme des Verfahrens nach seiner Meinung sinnlos seien und wenn überhaupt, dann nur von außen her gemacht werden könnten, nur von den Angehörigen. Das wollte mir gar nicht einleuchten.„ Ich habe den Eindruck, daß ihr alle euer Schicksal ohne jeden Protest hinnehmt. Ich werde mich an das Oberste Gericht der Sowjetunion wenden und eine Wiederaufnahme des Verfahrens verlangen." Aufgebracht riet man mir von allen Seiten ab.„ ,, Du wirst deine Lage nur verschlechtern. Solche Eingaben wandern in den Papierkorb. Dir ist noch nicht klar, wo du dich befindest!" Und trotz ihrer dringlichen Warnung ging ich am nächsten Tag während der Mittagszeit in das Büro des Natschalniks der NKWD, meldete mich und brachte mein Anliegen vor: ,, Ich möchte eine Eingabe an das Oberste Gericht machen. Darf ich sie in deutscher Sprache schreiben, denn ich beherrsche das Russische noch nicht gut?"- ,, Aber selbstverständlich", kam die freundliche Antwort, ,, und wenn Sie Ihr 6* - 83 - - ,, Und noch Gesuch geschrieben haben, bringen Sie's bitte zu mir." eine Bitte: ich habe eine Mutter, die wohnt in Potsdam, in Deutschland. Sie weiß nicht, wo ich geblieben bin. Ist es erlaubt, ein Lebenszeichen zu senden? Nur einen Gruß auf einer Postkarte, daß es mir gut geht?" ,, Jawohl, das ist erlaubt." - Vierzehn Tage, nachdem ich diese Eingabe und die Postkarte beim Natschalnik der NKWD abgegeben hatte, erschien ein Häftling, der bei der Verwaltung arbeitete, forderte mich auf, die Arbeit im Kontor zu beenden, ging mit mir zu meiner Baracke, wo ich die Sachen holen mußte und brachte mich zum Strafblock. Der Ordnung halber konnte ich aber erst um sechs Uhr abends in den Strafblock eingeliefert werden, saß also vor seinem Stacheldraht auf meinem Bündel und gab mich der tiefsten Verzweiflung hin. In den Strafblock zu kommen ist so, als ob man noch einmal verhaftet wird. Im freien Lager geht man von und zur Arbeit ohne jegliche Bewachung. Nach der Arbeit hatte man ungefähr eine Stunde Zeit bis zum Lagerschluß gehabt, und da konnte ich Grete Sonntag besuchen, da hatten wir zusammen über die Steppe geblickt, uns über den herrlichen Himmel gefreut, und gerade jetzt wurde es Frühling, es war Mitte Mai, und die Steppe begann zu blühen. Ganze Felder von feingefiederter Iris gab es da, auch eine zarte weiße Tulpenart und dann große Strecken mit gelben Blumen. Die mir so lieb gewordenen Menschen aus dem Büro mußte ich nun verlieren. Mir war zum Heulen zumute. Der Strafblock war ein kleines, von Stacheldraht umzäuntes Gebiet, in dem es eine Frauenbaracke, eine Männerbaracke, ein kleines Haus für den Natschalnik und den Starosta( Ältesten) und das Lagergefängnis gab. Am Eingang war eine Holzbude, in der eine Wache saß, und durch einen schmalen Gang trat jeder Häftling einzeln ein. Der Schmutz war Strafblock schier im ,, freien" Lager schon erschütternd, aber im unmenschlich. Der kleine Platz zwischen Baracken und Abortgrube war mit Haufen besät, die Häftlinge machten sich nicht mehr die Mühe, bis zur Grube zu gehen, sie setzten sich hin, wo sie gerade gingen und standen. Über dem ganzen Platz lag ein bestialischer Gestank. Die Frauenbaracke war noch jämmerlicher und niedriger als die vorher beschriebene. Die Schlafstellen hatte man aus dicken und dünnen Brettern zusammengeschlagen, und in einigen Räumen lagen die Frauen auf Reisiggeflecht. Es gab zwei Arten von Häftlingen im Strafblock. Solche, die sich gegen die Lagerordnung vergangen hatten und Strafen erhielten bis zu drei Monaten, das war das höchste. Unter denen waren natürlich die furchtbarsten Elemente, die nicht nur ständig mit der Lagerobrigkeit zusammenstießen, sondern auch mit ihren Mithäftlingen. Dann alle berüchtigten Kriminellen und solche, die man von dort aus in die so84 genannten Strafabschnitte beförderte. Die anderen, meistens Politische, hatten als strafverschärfend den Vermerk„ pod konvoj"( unter Bewachung) in ihren Akten. Hier war der Gegensatz zwischen Politischen und Kriminellen oder Asozialen ganz besonders scharf. Der Natschalnik des Strafblocks war ein wegen Unterschlagung verurteilter Krimineller. Er förderte, wo er nur konnte, die Kriminellen. Wenn sie sich weigerten, zur Arbeit zu gehen, drückte man ein Auge zu, wenn Lagerkleidung ausgeteilt wurde, erhielten zuerst die Kriminellen etwas, Kriminelle waren hauptsächlich ,, Brigadiere". Das waren jene Häftlinge, die für die Arbeit in einer Kolonne verantwortlich sind und aufschreiben, ob der Häftling sein Pensum geschafft hat oder nicht, außerdem muß er jedem Mitglied der Kolonne die Arbeit anweisen. Es sind die gleichen Typen wie im deutschen Konzentrationslager die Kapos. Den Insassen des Strafblocks war es verboten, aus dem Lebensmittelladen einzukaufen. Für die Kriminellen galt das nicht, sie hatten ihre Verbindungen, und der Natschalnik duldete es schweigend. Gegen Diebstähle wurde natürlich kein Finger gerührt. Unter den Kriminellen und Asozialen waren Elemente, die in kurzen Abständen immer wieder im Strafblock landeten. Strafblock gab es: für Liebe drei Tage Gefängnis und einige Tage Strafblock, für Saufen bis zu einigen Wochen, für Arbeitsverweigerung im Wiederholungsfalle bis zu drei Monaten, für Aufsässigkeit gegen die Bewachungsmannschaften bis zu drei Monaten. Für fünfundzwanzig Arbeitsverweigerungen Erschießen. Mit diesen Menschen in einer Baracke zusammen wohnen zu müssen, ist die ärgste Strafe. In der ersten Zeit hatten sich die Politischen noch keinen eigenen Raum in der Hütte erobert. Die Zahl der Häftlinge im Strafblock wechselte ständig, sie schwankte zwischen einigen hundert und nur fünfzig Menschen. Vom Strafblock gingen Transporte auf die Unterabschnitte zu den schlimmsten Arbeiten. Die alten Häftlinge schaffte man in Invalidenabschnitte, wo sie nur 200 Gramm Brot täglich erhielten und bei ,, leichter Arbeit" verhungerten. Schwer Syphiliskranke, und davon gab es eine Menge, kamen auf die Abschnitte für Geschlechtskranke. * Gegen drei Uhr morgens klang durch die fahle Steppendämmerung ein Trompetensignal. Der Weckruf von Burma. Es war der erste Morgen im Strafblock. ,, Dawaj baby, stawajtje!"( Los Weiber, aufstehen!) brüllte der Starosta und schlug mit der Faust an die Tür des Barackenraumes. Gott sei Dank, daß diese Nacht vorüberging! Auf den unebenen Brettern konnte man keine Schlafstellung finden, um auf dem Rücken zu liegen, gab es zu wenig Platz, die Knochen waren wie wund85 gerieben. Schon nach den ersten Stunden erschöpften Schlafes erwachte ich, und es gab keine Stelle am Körper, die nicht juckte. Man fuhr sich über das Gesicht, es stank nach Wanzen, wo man hingriff, zerdrückte man etwas. Der ganze Körper brannte von Läusebissen. In der Dunkelheit führte man einen hoffnungslosen Kampf gegen die Blutsauger. Aus der stinkenden Lehmhütte krochen die Frauen. Fluchend, schlaftrunken, fröstelnd bahnten sie sich einen Weg über den mit Haufen besäten Platz zur Abortgrube oder hockten sich ungeniert hin, da wo sie gerade gingen und standen. Der gegenüberliegende Männerblock erwachte mit Husten und Spucken. Der Wind wehte den Gestank der Abortgrube über den Platz zwischen den beiden Baracken, wo sich in der kalten Morgenluft die Häftlinge nach Suppe anstellten. Auf der einen Seite der verschmierten Tonne stand die Schlange der Männerhäftlinge, auf der anderen die der Frauen. Aller Blicke hingen an der Ausschöpfkelle, jeder glaubte sich benachteiligt, das Gekeife wollte kein Ende nehmen. Nicht einmal eine Schöpfkelle besaß der Strafblock. Da hatte man einen zerbeulten Emaillebecher mit einer Schnur an einen Knüppel gebunden. Manche blieben gleich neben der Tonne stehen und tranken ihre Hirsesuppe aus, um vielleicht noch eine Nachkelle zu ergattern. Schwarz schnitt die Silhouette der Berge in den goldenen Morgenhimmel. Bald wird die Sonne aufgehen. Die Sonne, der du früher einmal zugejubelt hast und mit deren Erscheinen am Horizont jetzt deine Sklavenarbeit begann. Schon schrie man zum Zählappell:„ Dawaj baby! na rabotij!"( Los, Weiber, an die Arbeit!) Und dann formierten sich die Kolonnen für die Feld- und Gartenarbeit. Ich gehörte zu den starken Häftlingen und mußte aufs Feld. Einen Sackfetzen um die Schulter geworfen, den Katylok in der Hand, zog ich mit der Kolonne hinaus in die Steppe. Vorn die Frauen und hinten die Männer, begleitet von einem Berittenen mit aufgepflanztem Bajonett. Die Sonne begann zu wärmen, ich hob die Schultern, atmete, und meine Blicke gingen über die unendliche Ebene im Westen. ,, Hier wirst du nie wieder lebend herauskommen, wirst verrecken wie ein Vieh." Wir marschierten auf dem staubigen Feldweg, die meisten schienen noch im Gehen zu schlafen, sie schlurften durch den Staub mit ihren großen Gummischuhen. So nach einer Stunde wurde ,, Halt" kommandiert. Ein riesiges Sonnenblumenfeld war unser Arbeitsplatz und Hacken unsere Beschäftigung. Der Brigadier wies die Arbeit an: ,, Alle dreißig Zentimeter ein Sonnenblumenpflänzchen stehen lassen und die Furche auf beiden Seiten von Unkraut säubern." Das Tagespensum betrug 3000 Meter. Wenn du es erfülltest, waren dir 600 Gramm Brot gesichert. 86 Die Furchen wurden verteilt. Da gab es glückliche Menschen, die sich kannten, vielleicht sogar solche, die sich gerne hatten, die nebeneinander hacken wollten. Wie schön das sein mußte, für irgendeinen Menschen nötig zu sein. Ich begann drauflos zu hacken. Die Sonnenblumenpflänzchen waren mit der Maschine gesät und noch keine fünf Zentimeter hoch. Zwischen den dicken Keimblättern erschienen gerade die ersten beiden zarten Sprossen. Es war nicht leicht, sie vom Unkraut zu unterscheiden. Immer wieder schlug ich fehl. Aber wozu sich eigentlich bemühen? Wollen die mich zwingen, die Steppe zu kultivieren? Erbarmungslos hackte ich alle Pflänzchen in Grund und Boden. Alles werde ich vernichten und ausrotten. Ich richtete mich auf. Da kam einer zu Pferde gerade meine Furche entlanggeritten. Der Agronom, ein Häftling: ,, Verfluchtes Weib, was machst du für eine Arbeit? Bist du blind? Kannst du die Pflanzen nicht vom Unkraut unterscheiden?" Wie ein preußischer Gutsinspektor waren Ton und Haltung. Er sprang vom Pferd, nahm mir die Hacke ab und zeigte mit ein paar kräftigen Schlägen, wie man zu arbeiten habe. Ich schwieg und ließ ihn zu Ende fluchen. Den ganzen Vormittag war er mir dann auf den Fersen. Außer ihm ging der Brigadier, auch ein Häftling, kontrollierend von Furche zu Furche. Nur der Wachposten saẞ unbeweglich mitten im Feld und hielt sein Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett vor sich. Die Sonne begann auf Kopf und Arme zu brennen. In immer kürzeren Abständen mußte man den Rücken strecken und den Schweiß vom Gesicht wischen. Alle haben mich schon überholt. Ganz vorn hackte ein junges Mädchen, sicher eine Bäuerin. Bei der ging es so geschwind, als liefe sie übers Feld. Später erfuhr ich, daß sie manchmal, wenn sie gerade Lust verspürte, ein doppeltes Pensum erfüllte, wofür sie 1000 Gramm Brot erhielt und dem Agronom ein Erpressungsmittel gegen die anderen Häftlinge lieferte. Rechts von mir bewegte sich eine ganze Gruppe, in dicken Staub gehüllt, und die Frauen unterhielten sich kreischend. Alle kannten sich hier, nur ich hatte mit keinem etwas zu tun, hätte auch gar nicht gewußt, worüber ich mit ihnen reden sollte. In Abständen von ungefähr 300 Metern waren über das ganze Feld hin Tonnen aufgestellt. Endlich hatte ich die erste erreicht. Das schweißüberströmte Gesicht beugte sich gierig über den Wasserspiegel, denn einen Trinkbecher besaßen wir nicht. Es war ganz gleich, was da auf dem Grund der Tonne herumschwamm, Reste der gestrigen Mittagssuppe, Gras, Schmutz, ganz gleich, man trank, wenn auch kurz vorher der Ochse des Wasserfahrers daraus gesoffen hatte und eben eine mit ihrem dreckigen Katylok Wasser schöpfte, um sich dann, den Rücken dem Posten zugekehrt, irgendein verdächtiges Wäschestück auszuwaschen. Nur auf diese Weise konnten die Häftlinge überhaupt zum Wäsche87 waschen kommen, und unser einzig zuverlässiges Wasch- und Bleichmittel war die kasakstansche Sonne. Mit deren Hilfe ging auch ohne Seife der Schmutz heraus. Immer weiter blieb ich hinter den anderen zurück. Der Brigadier lief hin und her mit seinem Holzbrett, das er in Ermangelung von Papier als Schreibblock benutzte, um denen, die ihr halbes Pensum geschafft hatten, einen Strich einzuzeichnen. Ob denn nicht bald Mittag sein würde? Schon längst hatte ich die letzte Krume aus dem Brotsack gekratzt, und nur für kurze Zeit hatte der Bauch voller Wasser das Hungergefühl verdrängt. Ich nahm alle Kraft zusammen, meine Furche war ein Gewirr von Unkraut, da, ich holte gerade zum Schlage aus, sah ich ein Paar angstvoll aufgerissene Vogelaugen auf mich gerichtet. In einer kleinen Mulde, gut von Unkraut verdeckt, saß ein sandfarbenes Vögelchen auf seinem Nest. Hunger und Müdigkeit vergaß ich vor Entzücken. Ich weiß nicht, warum es mich so heftig bewegte. Vielleicht, weil da etwas ganz Schutzloses, so völlig der Unbill des Lebens Ausgeliefertes war. Ich umging das Nestchen in großem Bogen und hatte nur einen Gedanken: Wenn es bloß keiner entdecken und zerstören wird. Ein Kindervers aus der Schulfibel fiel mir ein: ,, O rühre mein kleines Nest nicht an... 66 99 Ein Häftling mit langem Bart ging von Furche zu Furche, um die Hacken zu schärfen. Jetzt kam er zu mir, der Letzten. ,, Gib deine Hacke her. Die schlechteste haben sie dir angedreht. Da brauchst du dich nicht wundern, wenn's nicht von der Stelle geht." Er setzte sich und begann die Scharten mit einem Hammer zu beklopfen. Glücklich über die Unterbrechung hockte ich mich neben ihn. - - ,, Bist wohl das erstemal auf dem Feld? Hab' dich noch niemals gesehen?" fragte er freundlich.„ Ja, Onkelchen, erst gestern kam ich pod konvoj." ,, Was ausgefressen?" blinzelte er mich verschmitzt an. ,, Nein, nur aus Dummheit", und ich erzählte ihm mein Unglück. ,, Bist etwa gar kein russischer Mensch?" Ihm war meine schlechte russische Aussprache aufgefallen. ,, Nein, eine Deutsche." ,, Ach was? Von der Wolga?" musterte er mich erstaunt. ,, Aber nein, aus Deutschland." ,, Und was machst du denn hier?" Er begann plötzlich deutsch zu sprechen, in altertümlich schwäbischem Dialekt. Es war ein wolgadeutscher Bauer. ,, Da bist du wohl eine Kommunistin?" kam es ein wenig miẞtrauisch heraus. ,, Ja, das war ich viele Jahre lang. Und dann kam Hitler..." Er beklopfte meine Backe und nickte: ,, Ja, ja, da hast auch Schlimmes hinter dir. Wärst doch besser zu Hause geblieben, als sich in der Fremde herumzutreiben. Dabei kommt nie was Gutes heraus. Ist's denn mit dem Hitler wirklich so schlimm, wie die unsern in der Zeitung schreiben? Ich denk' mir halt, ärger als die's hier treiben, kann es der auch nicht tun. Und nimmt Hitler auch den Bauern das Land? Mich habens zwingen 88 wollen in die Kollektive. Keiner in unserem Dorf hat gewollt. Da hat die NKWD uns Männer weggetrieben. Fünf Kinder, das älteste noch keine vierzehn Jahre, sind mit der Frau allein geblieben... Was wird da aus den Feldern werden?" Von weitem sahen wir den Brigadier auf uns zukommen. ,, Gib mir die Hacke zurück, er wird schimpfen", sagte ich aufstehend. ,, Laẞ nur, laẞ nur, wenn's dir so ein Gelump zum arbeiten geben, muß ich's halt reparieren. Setz dich nieder, vor dem brauchst du keine Angst zu haben", redete er mir zu. Aber ich hatte die Ruhe verloren, ihm länger zuzuhören. ,, Heute Abend, nach der Arbeit, kannst du mir weiter erzählen." ,, Bilder von meinen Kindern und einen Brief von der Ältesten zeig' ich dir dann. Die ist ein gescheites Mädchen." Schon von weitem rief der Brigadier: ,, Na, mit deinem Pensum wird's wohl heute nichts werden." Der Bauer drehte sich zu ihm um: Was willst du? Gib dem Mädchen ein besseres Werkzeug. Aber wie soll sie's überhaupt können? Hat was anderes gelernt. Ist ein kultivierter Mensch." - 99 Der Brigadier lief knurrend vorüber, und der Alte wandte sich auch zum Gehen. ,, Wie lange haben wir denn noch bis Mittag?" rief ich dem Bauern nach, ohne beim Hacken innezuhalten. Er machte kehrt, blickte zu mir herüber und kam langsam zurück:., Nein, du verstehst diese Arbeit wirklich nicht, machst dir viel zu viel Mühe. Hier wächst in diesem Sommer sowieso nichts mehr. Im Staub wird aus keiner Sonnenblume etwas." Er nahm mir die Hacke aus der Hand. ,, Viel flacher mußt du einschlagen. Sieh, so geht's nochmal so leicht." Ich probierte. Er hatte wirklich recht. ,, Hast du Hunger? Willst wissen, wann die, Balanda' kommt? Da brauchst du nur auf deinen Schatten sehen. Ist er nicht länger als zwei Fuß, dann haben wir den halben Tag geschafft." Das war die Sonnenuhr der Häftlinge. ,, Gleich ist es so weit. Da schau, auf dem Weg kommt schon der Wagen." Wir verabschiedeten uns freundlich, und er versprach mir, für den Nachmittag eine leichte und scharfe Hacke zu besorgen und stapfte davon. Ich bohrte den Stiel der Hacke in den Boden, um meine Furche wiederzufinden und lief, wie alle anderen, ans Ende des Feldes, wo auf dem Ochsenwagen in einer dreckigen Holztonne, mit einem verschmutzten Sackfetzen zugedeckt, die langersehnte Mittagssuppe angekommen war. Eine alte Frau schöpfte sie aus. Es war das reinste Wasser mit ein paar Kohlblättern und etwas Hirse darin. Dann verteilte der Brigadier das Brot. Solche, die nur 400 Gramm erhielten, wehrten sich schimpfend gegen diese Ungerechtigkeit. ,, Seht mal, die dicke Tanja kriegt natürlich ihre 600, wo hat die jemals ihr Pensum geschafft? Ja, nachts, da ist sie tüchtig!" keifte eine mit ledernem Gesicht. So ging es die erste halbe Stunde der Mittagspause. Dann lagen alle ermattet in der kochenden Sonnenglut. Es gab keinen schattenspendenden Baum, keinen Strauch. Auf dem Bauch, das Gesicht zwischen die Arme vergraben, die nackten 89 Beine mit dem Sackfetzen umwickelt, versank ich sofort in einen bleiernen Schlaf. - Ich schreckte auf. Jemand hatte meine Schulter berührt, und als ich den Kopf hob, blickte ich in die lächelnden braunen Augen eines jungen Mannes: ,, Man hat mir gesagt, daß du eine deutsche Kommunistin bist. Stimmt das?" ,, Ja. Und wer bist du?" ,, Ich bin ein litauischer Genosse." Wir reichten uns ganz feierlich die Hände. ,, Seit wann bist du in Karaganda?" fragte ich, um das verlegene Schweigen zu beenden. - ,, Ja, ,, Schon neun Monate, immer pod konvoj."- ,, Und weshalb?" weshalb? Du fragst aber sonderbar, was soll man darauf antworten? Willst du die ausgedachte Anklage der NKWD wissen oder warum man uns Kommunisten wegräumt?" ,, Aber, Menschenskind, nimm dich in acht. Wenn dich jemand hört. Außerdem kennst du mich doch noch gar nicht." ,, Laß die Dummheiten, du bist eine ausländische Genossin und das genügt." ,, Wie heißt du eigentlich?"- ,, Boris Resnik. Und du?" - ,, Grete." ,, Das ist ein merkwürdiger Name." - - - - ,, Da ,, Dawaj. Na rabotij!"( Los an die Arbeit!) schrie der Brigadier. Boris ,, Ja, sehr gerne, fragte mich: ,, Wollen wir nebeneinander hacken?" aber ich bin weit zurück, und wo ist denn deine Furche?" tauschen wir eben." Er sprach mit einigen Häftlingen, die ihn alle gut kannten, und ohne Schwierigkeiten wurde der Tausch vollzogen. Dann hackten wir nebeneinander, im gleichen Rhythmus, schnell, fast atemlos, alle 30 Zentimeter eine Sonnenblume stehen lassend, rechts und links das Unkraut entfernend. ,, Komm, laß uns eine Machorka rauchen." Wir blieben stehen, wischten uns den Schweiß vom Gesicht, lachten und rauchten. ,, Lebst du schon lange in Sowjetrußland?" begann ich wieder zu fragen.„ In Haft anderthalb Jahre, vorher draußen nur zehn Monate. Dann haben sie mich schon geholt. Weißt du, bei mir ist das nun schon mal so, ich glaube, mein Lebensberuf ist, sitzen'. In Litauen war ich kaum 18 Jahre alt, da wurde ich zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt für Hochverrat, für kommunistische Betätigung. Davon hab' ich sieben Jahre abgesessen. Wir waren da ein ganzer Schwung Politischer im Zuchthaus. Drei von uns bekamen die Schwindsucht. Da hat man durchgesetzt, daß die Regierung unsere Haft vorübergehend bis zur Ausheilung aussetzte. Du staunst, aber sowas gab es in Litauen. Ich kam auf Kosten der illegalen Roten Hilfe ins Sanatorium. Komm, laß uns weiterhacken., Popka' hat schon ein Auge auf uns geworfen." Wer ist denn , Popka?" fragte ich erstaunt. ,, Da merkt man, daß du ein Neuling bist. Popka heißt Vogelscheuche, und so nennen sie hier den Posten, weil er den ganzen Tag unbeweglich auf dem Felde sitzt." - 99 Ich blickte in Boris' junges Gesicht mit den großen, glänzenden Augen. Er fuhr sich verlegen über die Bartstoppeln: ,, Schlimm, daß man wie ein Schwein aussieht." Gebückt hackten wir weiter, ohne ein Wort 90 - zu sprechen. Sieben Jahre für kommunistische Betätigung und jetzt hier in Sibirien. Wie kann ein Mensch das nur ertragen? Schon hatten wir die anderen eingeholt. Am Nachmittag kamen alle langsamer vorwärts. ,, Hej, Boris! Hast eine Genossin gefunden?!" rief einer munter zu uns herüber. ,, Das ist ein Grieche", erklärte mir Boris.„ Ein ganz netter Kerl, nur hält er's zu eng mit den Kriminellen und ist in alle Schiebungen verwickelt. Darum sitzt er auch im Strafblock." ,, Sag mal, Boris, - wo endet eigentlich unser heutiges Pensum, wo ist das Ziel?" fragte ich keuchend. ,, Siehst du da vorn, wo die mit dem weißen Kopftuch sitzt? Das ist Dschura, das kleine Luder, die ist schon fertig. Aber set' dich ein wenig hin. Ich werde zwei Furchen auf einmal machen, bis du dich etwas ausgeruht hast." Boris hatte noch eine Zivilmütze auf, die trug er schief auf das eine Ohr gezogen. Er war schwarzhaarig und dunkelbraun gebrannt, und wenn er lachte, sah man alle Zähne. Er glich einem französischen Arbeiter, in seiner munteren Art sich zu bewegen. Und während er für mich mitarbeitete, lief ich zurück, um seine Häftlingsjacke und unsere beiden Konservenbüchsen, die am Feldrand lagen, zu holen und zum Ziel zu tragen, das wir ja nun bald erreicht hatten. Es war noch viel Zeit bis Arbeitsschluß, da saßen wir schon glücklich auf Boris' durchsteppter Häftlingsjacke in der weichen Sonne des Spätnachmittags. Boris drehte für jeden eine Machorka- Zigarette und reichte mir galant die meine, damit ich das Papier selbst anlecke. Auf der warmen Erde tummelten sich schillernde Käfer. Solche Farbenpracht sah ich nur in der Steppe. Da gab es irisierende, ganz goldene und blutrote mit tiefschwarzem, fast geometrischem Muster. ,, Sieh mal, Boris, da drüben scheint ein Wasser zu sein." In einer leichten Bodensenke blühte das Steppengras, es bog sich und wogte im sanften Abendwind wie die Wellen eines großen Sees. Es war so still und friedlich auf dem abendlichen Feld. Alle, die ihr Pensum geschafft hatten, lagen lang hingestreckt in erschöpftem Schlaf. 99 - Willst du mir nicht weitererzählen? Ich bin so gespannt. Du warst also im Sanatorium. Und dann?". ,, Ja dann, dann haben Genossen aus der illegalen KP mit mir die Verbindung aufgenommen. Das ging ganz leicht da im Sanatorium. Sie machten mir den Vorschlag, ob ich nicht fliehen wolle, sie würden die Flucht organisieren. Und ob ich wollte! Hatte ich doch noch drei Jahre Zuchthaus vor mir und das mit einer kaputten Lunge. Aber vor allem die Aussicht, in die Sowjetunion zu kommen, in das, Vaterland des Weltproletariats', wonach ich mich schon durch Jahre sehnte, ließ mir die Flucht als das höchste Glück erscheinen. Es gelang, man brachte mich über die Grenze. Ich wurde von der Mopr ( Internationale Rote Hilfe) in Moskau empfangen, man feierte mich und ich erhielt eine Pudjowka( Aufenthaltsschein) für ein Sanatorium in 91 Jalta am Schwarzen Meer. Da war es sehr schön. Mein Lungenbefund wurde in kurzer Zeit negativ, und ich beschloß, Arbeit zu suchen. Bevor ich eingesperrt wurde, hatte ich Schuster gelernt. Im litauischen Zuchthaus aber brauchten die Politischen nicht zu arbeiten, auch waren wir nicht in Einzelhaft, sondern durften lesen, wir organisierten Kurse, und so habe ich sieben Jahre gelernt und studiert. Habe alle Schulkenntnisse nachgeholt, die mir fehlten, denn ich konnte als Junge keine hohe Schule besuchen, mein Vater war Schuster, starb ganz jung, und die Mutter mußte uns vier Kinder ernähren. Wir hatten gute Lehrer im Zuchthaus, vor allem natürlich schulten wir uns politisch. In Jalta riet man mir, wegen der Lunge lieber im Süden der Sowjetunion zu bleiben. Darum ging ich nach Odessa und arbeitete in einer Schuhfabrik. Da lernte ich ein Mädchen kennen. Das erste in meinem Leben, und wir heirateten. Dieses Glück dauerte ein halbes Jahr, dann holte mich eines Nachts die NKWD. Sie hatten einen, Spion' aus mir gemacht. Wie konnte es denn anders sein: ich war im Auftrag der litauischen Ochrana, die mich bereits im Zuchthaus angeworben hatte, über die russische Grenze gekommen usw. usw. Das war die Litanei meines Untersuchungsrichters. Und als dieses Vieh mich zwingen wollte, das Protokoll zu unterschreiben, da habe ich ihm bewiesen, daß ich wußte,, wie sich ein Kommunist beim Polizeiverhör zu verhalten hat. Er begann mich zu prügeln, und ich brüllte wie ein Stier, daß es über alle Korridore schallte. Da hielt er sofort inne. Diese Methode hatten wir mit Erfolg in Litauen ausprobiert. Aber dadurch machte ich mir diesen Burschen zum Feind, und obgleich ich noch in Untersuchungshaft einen Blutsturz bekam, wurde ich sofort nach meiner Entlassung aus dem Gefängnislazarett zu acht Jahren Konzentrationslager verurteilt mit, pod konvoj als Strafverschärfung Von den neun Monaten Burma erzähle ich dir später. Wie gut, daß ich dich getroffen habe. Du bist der erste Mensch hier im Strafblock, mit dem man reden kann. Begreifst du, daß einen hier niemand versteht? Wir ausländischen Kommunisten reden doch eine andere, nur uns verständliche Sprache. Ist es nicht, als ob wir uns schon jahrelang kennten? Sehen wir nicht die Geschehnisse, die Welt mit den gleichen Augen? Wie gut, daß wir uns trafen. Ich habe so schrecklich viel zu fragen..." 66 ,, Komm, noch eine Zigarette, bevor wir abmarschieren. Darf ich Margarete zu dir sagen? Es gibt ein so schönes litauisches Lied mit deinem Namen."- ,, Kannst du singen?"- ,, Ja. Jetzt bin ich heiser von Hitze und Staub, aber morgen, auf dem Feld, bekommst du meine Lieblingslieder zu hören." Die Sonne sank im Westen. Man rief zum Antreten. Wir gingen nebeneinander. Boris, schmutzig, unrasiert und zerlumpt; ich, die Füße 92 mit Fetzen umwickelt, in Gummischuhen Größe 45. Boris trug unsere beiden Konservenbüchsen. Und als ich dann am Abend auf den verwanzten Brettern lag, wollte das Lächeln in den Mundwinkeln nicht weichen. Gar nichts quälte mich mehr. Wenn auch vor den geschlossenen Augen endlose Reihen grüner Sonnenblumenpflänzchen vorbeiliefen und ihre dicken, fleischigen Keimblätter immer größer wurden und über den Horizont hinauszuwachsen schienen: was konnte mich das schon quälen, da doch der morgige Tag wieder seinen Sinn hatte. Boris wollte mir litauische Lieder vorsingen. Wenn ich an die ersten zwei Monate meines Aufenthalts im Strafblock von Burma denke, an die Zeit meiner Freundschaft mit Boris Resnik, erinnere ich mich kaum noch an die Qualen des langen Arbeitstages, an Hunger und an die schrecklichen Nächte mit Wanzen und Läusen; ebenso wenig wie an die Bösartigkeit und Gemeinheit der Mithäftlinge. Jeden Morgen, noch bevor man zum Zählappell rief, trafen wir uns auf dem Platz zwischen den Baracken. Boris drehte mir ein kunstvolles ,, Ziegenfüßchen" aus Machorka und Zeitungspapier in Form einer kleinen Pfeife, und wir blickten gemeinsam auf das tägliche Wunder, wie die Sonne hinter den fernen Bergen hervorkam. Schon am ersten Morgen begegnete ich einem frisch rasierten Boris. Wie er es fertig gebracht hatte, blieb mir ein Rätsel. Am Abend stand er dann in der Ecke hinter der Männerbaracke, wusch mit, organisiertem Wasser vom Kipjatok( Heißwassermaschine) sein ausgeblichenes Hemd und hängte es zum Trocknen über den Stacheldrahtzaun, behielt es dann sorgfältig im Auge, bis es halbwegs getrocknet war, damit man es ihm nicht wegstahl. Boris bekam aus dem Krankenhaus von Burma Zusatzernährung. Das verdankte er dem leitenden Arzt, auch einem Häftling. Schon nach den ersten Monaten im Strafblock hatte Boris einen Blutsturz erlitten. Man hatte ihn ins Krankenhaus eingeliefert, und dort wurde er so halbwegs wiederhergestellt. Der Arzt beantragte für ihn als Schwindsüchtigen die Zuteilung von Krankenkost. Das war nur ein Becher voll Essen, kein halber Liter an Menge, aber es bestand aus Nudeln oder Grütze, es war etwas Nahrhaftes, und nur dadurch konnte sich Boris aufrechterhalten. Diese Essenzulage erregte bei den Mithäftlingen Wut und Miẞgunst. ,, Der soll krank sein! Seht nur, wie blühend er aussieht! Ja, ja, es kommt alles darauf an, ob man, Blat'( Beziehungen) hat." Eines Morgens hatten wir beschlossen, uns bei der Gärtnerkolonne anzustellen. Boris hatte ein Recht auf leichte Arbeit, ich aber nicht. Er ging aber im allgemeinen aufs Feld, weil er den Gärtner haßte. Wir standen beim Arbeitsappell in der Gärtnereikolonne, als die kontrollierenden Soldaten, von einem kriminellen Häftling begleitet, der die 93 99 - 99 99 Funktion eines Lagerältesten inne hatte, bei uns vorbeigingen. Der Lagerälteste wandte sich an Boris: ,, Mach, daß du in eine Feldarbeiterkolonne kommst! Das könnte dir so passen, sich in der Gärtnerei herumzudrücken!" Boris widersprach:„ ,, Du weißt sehr gut, daß ich das Recht habe, leichte Arbeit zu machen." Was heißt hier Recht haben! Gesund und stark wie du bist!"", Wenn du mir nicht glaubst, wende dich an den Arzt", entgegnete ihm Boris gereizt. Der Kriminelle geriet in Wut und brüllte über den ganzen Platz:„ Ich weiß schon, was du in der Gärtnerei willst. Mit Greta, deinem Liebchen. Nicht? Ja, ja!" und allgemeines Gelächter antwortete ihm. In seiner Rage hatte der Lagerälteste ganz vergessen, daß ich kein Recht auf leichte Arbeit hatte. Nachdem er aber nun einen solchen Lacherfolg geerntet hatte, ging er mit einem großartigen Hau ab!" weiter, und wir marschierten mit der Gärtnereikolonne zum Tor hinaus. In der Gärtnerei mußten wir mit der Hand das Unkraut aus einem Luzernefeld rupfen. Wir rutschten auf den Knien vorwärts und sangen leise vor uns hin. In unserer Reihe arbeitete eine junge Zigeunerin, und als der Gärtner, ein gefürchteter Antreiber, gerade einmal nicht zu sehen war, las sie uns die Zukunft aus der Hand. Da stand geschrieben, daß wir bald, sehr bald in die Freiheit gingen und uns noch viel Glück in diesem Leben erwartete. Die Gärtnerei wurde künstlich bewässert durch den kleinen gestauten Teich, auf dem sich damals die beiden Enten niedergelassen hatten. Die Beete und Felder waren grün und fruchtbar. Sogar einige Pappelbäumchen gediehen dort. In deren Schatten saßen wir in der Mittagspause und erzählten uns unsere Träume, die ja im Leben der Häftlinge eine so große Rolle spielen. ,, Weißt du, Boris, gestern abend lag ich auf den Brettern mit dem Kopf am Barackenfenster und blickte in den Sternenhimmel. Dabei schlief ich ein und hatte einen ganz merkwürdigen Traum: langsam begann das Firmament zu kreisen, die Sterne verdichteten sich zu einer Kuppel von Rubinen, zu einer großen funkelnden Krone, und von der Höhe des Himmels führte eine breite Terrasse, so wie im Potsdamer Park, in Sanssouci, zu mir herab. Ich stieg hinauf, zog mich mühselig am seitlichen Geländer empor und stammelte:, Ach, könnte ich noch einmal glauben'. Die Stufen der Terrasse wurden immer steiler, und ich wußte, daß, wenn man die Kuppel erreichte, alles gut werden würde. Aber die Anstrengungen waren übermächtig, und ich erwachte, in Schweiß gebadet." In der kurzen halben Stunde, die uns am Abend bis zur Lagerruhe blieb, saßen wir oft auf dem stinkenden Platz vor den Baracken. Es war ein neuer Transport angekommen, darunter auch einige georgische politische Häftlinge. Boris erzählte mir, daß einer von ihnen der achtzig Jahre alte Pflegevater des jetzigen Volkskommissars für Innere Ange94 legenheiten, Beria, sei, desselben Beria, der mein Urteil zu fünf Jahren Lager unterschrieben hatte. Außer dem Achtzigjährigen noch ein georgischer Menschewik und ein Lehrer aus dem Kaukasus namens Dsagnidse. Sie saßen mit uns zusammen und sangen eines ihrer melodischen georgischen Lieder. Da bat der Lehrer: ,, Sing uns doch mal ein deutsches Lied." ,, Ganz gern. Aber ich kann auch ein georgisches."- ,, Was? Eine Deutsche will georgisch singen können?" staunten sie lachend. Und ich sang ihnen ein trauriges Lied, das mir Heinz einmal beigebracht hatte, weil es sein Freund Lominadse immer sang: ,, Tawo tschemo Bedi argit sgeria. Tschango tschemo Eschit argit sgeria..." ,, O, du mein Haupt, 66 Dir ist kein Glück beschieden, Du meine Laute Singst kein fröhlich Lied.. 66 Unsere Georgier im Strafblock waren begeistert, und wir saẞen so manchen Abend beisammen. Ich unterhielt mich mit dem Achtzigjährigen, einem richtigen georgischen Winzer, dessen Augen vor Zorn blitzten, als er mir erzählte, daß ihn sein eigener Pflegesohn verhaften ließ, weil er sich geweigert hatte, in die Kollektivwirtschaft einzutreten und man sich nicht schämte, ihn zu zehn Jahren Konzentrationslager zu verurteilen. Dsagnidse war schwer herzkrank und war wegen ,, konterrevolutionärer Agitation" zu zehn Jahren verurteilt worden. Beide kamen später auf einen Invalidenabschnitt. Einmal hatte ich eine politische Unterhaltung mit dem georgischen Menschewiken. Das war, als wir vom deutschrussischen Freundschaftspakt erfuhren. Da sagte der ehemalige Menschewik mit erhobener Stimme, wahrscheinlich sollten es recht viele hören: ,, Der Freundschaftspakt ist die genialste politische Tat unseres großen Stalin. Ihm gilt meine ganze Bewunderung!" Eines Tages verkündete der Natschalnik des Strafblocks, es müsse sofort Ordnung gemacht werden, denn es käme eine Kommission aus Dolinki, dem Verwaltungspunkt des Lagers Karaganda, um den Strafblock zu besichtigen. Unser Starosta, eine hörige Kreatur des kriminellen Natschalniks, lief aufgeregt herum und suchte nach Leuten zum Saubermachen. Die einzige, die plötzlich eine eifrige Tätigkeit entfaltete, war seine jugoslawische Freundin, die fürchtete, daß die Kommission den Starosta davonjagen würde, wenn sie diesen Saustall vor Augen bekäme. Diese Jugoslawin behauptete, eine Kommunistin zu sein. Vielleicht stimmte es auch. Auf jeden Fall war sie die wohlgenährteste Frau des 95 Strafblocks, drückte sich vor jeder Arbeit und führte auf Kosten des Starosta ein erträgliches Lagerleben. Der Erfolg der Reinigungsaktion war, daß das erste- und einzigemal die Haufen auf dem Platz zwischen den Baracken entfernt wurden. Alle sonstigen Bemühungen, Ordnung hereinzubringen, scheiterten an dem widerspenstigen Verhalten der Kriminellen, die sowohl den Natschalnik als den Starosta verhöhnten. Die Kommission kam. Sie bestand aus Serikow, dem Lagerkommandanten und einigen Uniformierten. Sie stolperten durch die verwahrlosten Baracken, hörten sich geduldig alle Beschwerden der Häftlinge an und gingen davon. Und im Strafblock blieb alles beim alten. * Es ging das Gerücht, daß man einen Transport zusammenstelle, der nach Zentralsibirien oder dem Fernen Osten gehe. Alle gerieten in schreckliche Aufregung. Man würde also die Menschen, die miteinander befreundet waren, auseinanderreißen. Boris und ich wußten, daß man uns trennen würde. Und so kam es. Wir hatten einige Tage Zeit, um Abschied zu nehmen, Abschied für immer. Boris schnitzte aus einem. Stückchen Holz eine Zigarettenspitze und fertigte ein kleines Holzkästchen an, damit ich jeden Tag etwas von ihm in Händen hätte. Er versprach, mir eine Nachricht zu schicken, es wenigstens zu versuchen. Diese letzten Tage waren ein einziger Schmerz. Ich wußte, daß der Ferne Osten für Boris das Todesurteil bedeutete. Ich konnte nichts, als ihm danken für diese zwei Monate Freundschaft, die mich alle Schrecken von Burma hatten vergessen machen. Am Abend kamen dann die Lastautos vor den Strafblock gefahren. Man verlas die Namen, und wir alle standen am Stacheldraht. ,, Grete, du darfst mich nie vergessen!" rief Boris beim Hinausgehen. Und die Häftlinge sangen zum Abschied: ,, Ströme über die Ufer große Wolga! Mein Liebster nimmt Abschied von mir. Der Wind bläht die Segel, mein Herz stöhnt vor Trennungsschmerz. Auf Wiederseh'n! sagt der Liebste, und das Herz wird zu Stein. Lebewohl, lebewohl und vergiß nicht meine Pein. 66 Als ich dann allein war, verließen mich alle Kräfte. Immer häufiger konnte ich das Pensum nicht schaffen, und wenn ich nicht das Glück hatte, einen politischen Brigadier zu haben, der mein Pensum fälschte, gab es immer wieder nur 400 Gramm Brot am Tag. Vom frühen Morgen bis zum Mittag da draußen auf dem Feld dachte man an nichts als an Brot. Eines Nachmittags, ich trug den Brotsack mit einem Teil der soeben erhaltenen Ration an einer Schnur um den Leib gebunden, störte mich das ständige Schlenkern beim Hacken. Ich legte den Sack in die Ackerfurche, um ihn alle paar hundert Meter nachzuholen. Da, als ich ihn nach einer Weile aufhob, war er leer, man hatte das Brot gestohlen. Was das be96 deutet, kann nur ein Mensch ermessen, der einmal wirklich gehungert hat. Das hieß, bis zum nächsten Mittag bei schwerer Arbeit nichts zu essen. Schon im ,, freien" Lager wurde geflucht, aber im Strafblock gab es kaum einen Häftling, der nicht das ganze Vokabularium russischer Flüche beherrschte. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich überhaupt ihren Sinn erfaßt hatte, und es fiel wirklich schwer, nicht zu erröten. Für die Kriminellen und Asozialen war ich die ,, Njemeŋkaja Faschistka"( die deutsche Faschistin), denn so hatten sie die Zeitungspropaganda begriffen: deutsch war gleichzusetzen mit faschistisch. Außerdem eine Politische, also das verachtungswürdigste Geschöpf auf russischem Boden. Einmal hackte auf dem Feld in der Nebenfurche eine Asoziale. Es ergab sich, daß sie mich einigemale überholte und ich ihr dann wieder nachkam. Es wurden keine Worte gewechselt. Als wir aber wieder einmal auf gleicher Höhe hackten, schleuderte sie mir einen gewaschenen Fluch entgegen. Und da geschah es, daß ich ohne Überlegung mit einem noch derberen antwortete. Selten habe ich eine solche Hochachtung in einem Gesicht gesehen wie in dem jener Asozialen. * Bald nach dem Abschied von Boris kam ich in eine Kolonne zur Bekämpfung der Brzelose, jener Viehseuche, die in Karaganda soviele Opfer forderte. Abends, als wir müde und zerschlagen von der Arbeit heimkehrten, wurden fünfzig Namen aufgerufen, darunter auch ich und: ,, Sofort antreten mit Sachen!" Ein Häftling ist merkwürdig konservativ. Er will nicht fort aus der dreckigen, verwanzten Baracke, von diesem Stückchen Brett, an das er sich nun einmal gewöhnt hat, aber natürlich auch nicht fort von den schon bekannten Gesichtern. Ein Ochsenwagen stand vor dem Stacheldraht des Strafblocks, und in der Dunkelheit wurden die Bündel mit viel Geschrei auf den Wagen geworfen, dann zu fünfen antreten, und ,, Dawaj, dawaj!" ging es hinaus in die dunkelnde Steppe, hinter den knarrenden Ochsenwagen her. Durch die kühle Nachtluft wurde man etwas munterer, bemerkte den gewaltigen Sternenhimmel über sich. So einen Himmel gibt es wohl nur in Wüsten und Steppen. Aber bald wurden die Beine schwer, man stolperte in den riesigen Gummischuhen über die ausgedörrten, holperigen Wagenspuren, die Marschierenden wirbelten Staub auf, bald hörte man keinen mehr reden, nur das monotone Zirpen der Grillen. Wenn man doch im Gehen schlafen könnte. Und wo wird dieser Marsch enden? Der Magen knurrt, und man erinnert sich an nächtliche Wanderungen, die irgendwo in einem Zuhause endeten, in einem wohligen Bett. ,, Dawaj, dawaj, baby!" brüllte der Brigadier, und für kurze Zeit ermunterte einen der Haẞ. 7 Buber: Gefangene. 97 98 88 Eine Lehmhütte, keine Bretter, dafür aber Stroh am Boden. Ohne Licht wurden wir hineingetrieben wie das Vieh. Man warf sich auf das Stroh. In dieser Nacht störten nicht einmal die Wanzen. Eine kleine Baracke für die Frauenbrigade des Strafblocks, außerdem eine Männerbaracke; ein Haus für die Bewachungsmannschaft, eine Badestube, ein Arrestloch und eine ganze Reihe gut gebauter Schafställe: das war der Unterabschnitt Leninskoje. Am nächsten Morgen schon begann unsere Arbeit. Im Sommer sind die Schafe draußen auf der Steppe. Die Kolonne wurde ausgerüstet mit Spaten, Spitzhacken und Schaufeln. Die Aufgabe war, den Boden des Schafstalles und des umliegenden Gebietes aufzuhacken, diesen vertrockneten Mist auf Ochsenwagen zu laden, in die Steppe hinauszufahren und dort zu verbrennen. Es war eine Hundearbeit. Vor allen Dingen vor den Schafställen, wo der Boden von einem Netz von Queckenwurzeln durchzogen war und Spaten und Spitzhacke trotte. An einem Tag geschah ein Wunder. Wir mühten uns gerade schweißtriefend. Die Wache, ein Soldat, stand in einiger Entfernung. Es war ein Kasake. Da legte er sein Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett auf die Erde, nahm einem Häftling die Spitzhacke aus der Hand und begann eine tiefe Furche aufzuschlagen, so daß wir eine Ansatzstelle für unsere Spaten fanden. Das war das erste- und einzigemal, daß ich einen Bewachungssoldaten gesehen habe, der den Häftlingen geholfen hat. Man kann sich vorstellen, wie ihn die Häftlinge liebten. Mit ihm unterhielt man sich. Viele Wochen später, unsere Brigade war auf einem anderen sieben Frauen Abschnitt zum Getreidereinigen. Eine Kolonne von marschierte unter Bewachung des gleichen kasakischen Soldaten, der zu Pferde saß, weil der Weg zur Arbeit über acht Kilometer betrug, hinaus in die Steppe zu einem ,, Tog". Das ist ein ebener Platz, von dem Häftlinge die Grasnarbe entfernt, den sie gesäubert und geglättet hatten und auf den dann das von den Mähdreschern geerntete Getreide geschüttet wird. Auf den ,, Tog" werden Getreidereinigungsmaschinen geschafft, und an einer solchen Maschine arbeiteten in verschiedenen Arbeitsgängen je sieben Frauen. 99 An diesem Tag waren wir sieben nur Politische. Auf dem Hinweg hatten wir schon muntere Gespräche mit dem Soldaten geführt, ihm erzählt, daß wir schrecklichen Hunger hätten, und so kamen wir immer näher und näher an das eigentliche Thema. Dieser Tog" lag nämlich nicht sehr weit von der Eisenbahnstation Sharik, unser Kasak war zu Pferde, und in Sharik konnte man Brot und Zucker kaufen. Ob er das für uns tun wird? Wir hielten es alle nicht für möglich. Aber der Hunger machte uns hartnäckig. Sie wissen doch, daß wir alle Politische sind! Sie kennen uns doch! Uns können Sie wirklich trauen. Bitte, holen Sie - uns doch nur ein wenig Brot." ,, Und wenn ihr nun alle ausrückt?" fragte er lachend.„ Oder gerade die Kontrolle kommt? Da werde ich auch ins Lager kommen oder noch schlimmer." Und so ging es hin und her. Die Mittagszeit war vorüber, wir hatten schon die Hoffnung aufgegeben. Der Ochsenwagen mit der Suppentonne war davongeschaukelt. Wir arbeiteten, in schwarzen Staub gehüllt, beim Reinigen der Steppengerste. Wir hatten aufgehört, unseren Kasaken zu bitten. Da kam er auf uns zu: ,, Gebt die Brotsäcke her, aber schnell, und etwas Geld!" Und dann schwang er sich mit einem Satz auf sein Pferdchen, und in einigen Minuten sahen wir eine Staubwolke am Horizont verschwinden. Es dauerte über eine halbe Stunde, bis er zurückkehrte. In dieser halben Stunde haben sieben Häftlinge um einen Bewachungssoldaten gezittert. B Wir suchten den Horizont ab, ob nicht etwa doch die Kontrolle käme, und dann hingen unsere Augen an der Stelle, wo er verschwunden war, mit Angst und Bangen, ob ihm auch in Sharik nichts widerfahren sei. Und dann wirbelte der Staub, und heran stürmte unser Kasak und über dem Pferdehals baumelten unsere Brotsäcke, die halb voll Brot und halb voll Zucker waren. 9. SKLAVENARBEIT IN LENINSKOJE In Leninskoje bekamen wir zwei Monate lang keine Seife. Eigentlich stand uns pro Monat ein kleines Stück zu, etwas größer als eine Streichholzschachtel, doch sehr weich und feucht. Aber sie hatten uns vergessen oder irgendeiner hatte sie gestohlen. Der Schmutz war schon tief in die Haut eingedrungen, der pulverisierte Schafmist saß uns in allen Poren. An der Wand des Schafstalles jedoch hing ein großes Plakat: ,, Wegen Ansteckungsgefahr mit der tödlich wirkenden Brzelose verboten, während der Arbeitszeit zu rauchen oder zu essen. Vor den Mahlzeiten müssen die Hände gewaschen werden!" Eines Tages kam der Kassierer, ein politischer Häftling, in einem Wägelchen auch auf diesen Abschnitt gefahren, um den dort Arbeitenden ihren Verdienst auszuzahlen. Ich wußte, daß man erst Monate später seinen Lohn erhält und war ohne jegliche Erwartung. Da rief man meinen Namen. Und ich erhielt 25 Rubel auf einmal für die ,, Udarniki"-Arbeit von damals, als ich im ,, freien" Lager war. 25 Rubel sind im Lager ein Vermögen. Um diese Zeit kam eine neue Brigade. Unter dem Zugang war eine Deutsche mit dem Vornamen Olga. Ihre Familie war vor vielleicht 150 Jahren nach Rußland gekommen, irgendein Ururgroßvater als Kapellmeister zu irgendeinem Zaren, und die Familie hatte sich rein deutsch erhalten bis in unsere Tage. Richtiger gesagt, sie waren noch deutscher geworden. Olga hatte nicht nur ein klassisch deutsches Aus7* 99 sehen, nein, ihre Lebensgewohnheiten, ihr ganzes Gehabe, war so deutsch, wie aus der Zeitschrift ,, Daheim" entnommen. Sie war groß, hellblond, mit weißer Haut, die keine Sonne vertragen konnte, hatte schmale Schultern und ausgebildete Hüften und trug die Haare so wie unsere Mütter in einem Knoten auf der Höhe des Hinterkopfes. Sie war aber erst dreißig Jahre alt. Einmal tat ich einen Blick in ihren Kleidersack. Da hatte sie Wäsche mit durchlöcherten Leinwandstickereien, die war sorgfältig übereinandergelegt, mir schien das Wäscheband zu fehlen, auf dem mit Kreuzstich stand:, Was Mütterchen mir einst beschert, halt ich in diesem Schranke wert..." 99 Olga war Pianistin, als Künstlerin in der Sowjetunion bekannt. Ihr Mann, ebenfalls ein Musiker, war verhaftet worden und nach ihm Olga. Ihre Anklage lautete auf ,, Spionage". Sie hatte im Ausland studiert und stand mit Freunden im Briefwechsel. Sie wurde zu fünf Jahren Lager verurteilt und bekam als strafverschärfend ,, pod konvoj". Von Jugend an hatte Olga Klavier gespielt. Sport oder körperliche Arbeit waren ihr völlig fremd. In einer Bluse, die einmal weiß gewesen war, mit nackten Beinen, wild ins Gesicht hängenden Haaren, stürzte sie mit einem Eimer Getreide hin und her. Sie hatte die Aufgabe, den Trichter der Reinigungsmaschine zu füllen. Der Eimer entglitt ihren Händen, sie schüttete das Getreide daneben, sie kam nicht schnell genug nach, und von allen Seiten ertönte es ununterbrochen:„ Dawaj, dawaj! Ja, so arbeitet die Intelligenz! Es wurde ja höchste Zeit, daß die Burshuika mal arbeiten lernt!" Schon nach ein paar Stunden war Olgas Gesicht puterrot, von der Sonne verbrannt. Der Arbeitsgang wechselte, sie sollte die Kurbel der Reinigungsmaschine drehen, aber sie schaffte es mit Mühe und Not zehnmal, dann bettelte sie erschöpft, man solle sie ablösen. An einem solchen Menschen tobt sich die ganze Brutalität der Bewachungsmannschaften und der Mithäftlinge aus. Als Olga nach ein paar Tagen mit von Sonnenbrand angeschwollenen Beinen und Händen kaum noch kriechen konnte und morgens den Brigadier anflehte, sie doch in der Baracke zu lassen, wandte sich der Chor der Häftlinge gegen sie:„ Das könnte ihr so passen! Wegen eines bißchen Sonnenbrand nicht zur Arbeit! Die ist nur zu faul! Wir mußten unser ganzes Leben lang schuften, aber die hat sich immer geschont!" Da wandte ich mich an eine besonders Bösartige: ,, Werden bei euch in der Sowjetunion Künstler so verachtet? Wieviel einfacher ist es, körperliche Arbeit zu machen! Von der Sorte, die eine Getreidemaschine bedienen können, gibt es Millionen!" Aber mit dieser Verteidigung schadete ich Olga nur. Außerdem war sie sehr unpraktisch und langsam. Abends rückten wir zerschunden und verstaubt wie die Kohlenträger von der Arbeit ein. Wir durften erst bei Sonnenuntergang das Feld ver100 lassen, und in der Steppe gibt es nur eine ganz kurze Dämmerung. Manchmal hatte man uns einen alten Kochkessel mit Wasser gefüllt, damit wir uns etwas waschen könnten. Doch immer wieder soffen die Ochsen das Wasser aus. Dann rannte man mit seiner Konservenbüchse trotz strengstem Verbot zu dem fast ausgetrockneten Ziehbrunnen, lieẞ den ,, Katylok" am Strick hinunter, um ein wenig Wasser zu schöpfen. Dabei muẞte man angstvoll nach allen Seiten blicken, damit es kein Soldat bemerkte. Wer fiel natürlich immer herein? Olga. Dann hagelte es Flüche. Kaum hatte man sich ein wenig den Schmutz herumgewischt, muẞte man zur Küchenbaracke stürzen, damit man nicht um seine Hirsesuppe kam. Alle waren schon fertig und schleppten ihre Bündel aus der Baracke heraus, um sich für die Nacht ein Lager zu machen, nur von Olga war keine Spur zu sehen. Damals hatten wir die Erlaubnis erhalten, nachts vor der Baracke zu schlafen, weil es in den Hütten vor Wanzen nicht auszuhalten war. Drinnen blieben nur die ganz Abgehärteten, denen die Wanzen nichts mehr anhaben konnten. Wenn man abends die Baracke betrat, um sein Bündel herauszuholen, mußte man sich immerfort über Kopf und Schulter streichen, denn es regnete förmlich Wanzen, an den Wänden liefen sie wie Ameisenstraßen. Meinen„ Katylok" lieẞ ich in der Baracke, vorsichtshalber mit ein wenig Wasser gefüllt, weil ich schon Bescheid wußte, und wenn ich ihn dann morgens ausschwenkte, um nach Teewasser anzustehen, war das Wasser wie mit Entengrütze von Wanzen bedeckt, die nachts über hineingefallen waren. Wir schliefen auf dem bloßen Steppenboden, mit dem Kopf gegen die Barackenwand, eine dicht neben der anderen. Auf einem Schemel etwa 5 Meter von den liegenden Frauen entfernt, saß der Soldat, das Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett vor sich und hielt die ganze Nacht über Wache. Wenn man austreten wollte, mußte man zu ihm gehen:„ Darf ich austreten?" Dann ging man ein paar Schritte in die Steppe und setzte sich hin. Eines Nachts erwachte ich, wollte austreten, doch der Schemel war leer. Ein großes Problem! Wo war der Soldat? Wen sollte ich um Erlaubnis fragen? Einfach zu gehen war lebensgefährlich, denn er hätte hinter mir herschießen können. Da hörte ich rechts von mir ein Geräusch. Der Soldat lag, eine von den Häftlingen im Arm, in der Reihe der schlafenden Frauen. Kurz entschlossen erhob ich mich, ging zu dem sich liebenden Paar und fragte, ob ich austreten dürfe. Eine Antwort bekam ich nicht. Doch zurück zu Olga. Fast jeden Abend wiederholte sich das gleiche. Alle lagen schon in Reih und Glied, nur Olga war noch nicht da. Der Soldat saß schon auf seinem Schemel, es war seit einer Viertelstunde Lagerruhe, da fegte Olga mit ihrem Bündel aus der Barackentür. Ein Hagel von Schimpfworten empfing sie. Dann brauchte sie weitere zehn Minuten, um sich für die Nacht vorzubereiten. Lag sie endlich, und ich 101 99 atmete schon erleichtert auf, dann wandte sie sich zu mir und sagte laut in deutscher Sprache: ,, Sieh mal, Grete, dort über den Hügeln der schöne Stern. Ist das nicht die Venus?", Verfluchtes Weib, wirst du endlich aufhören zu reden!" antworteten Häftlinge und Soldat im Chor. Die arme Olga endete nach kurzer Zeit auf einem Invalidenabschnitt, wo man bei leichter Arbeit täglich 200 Gramm Brot bekam. Wir arbeiteten zu jener Zeit auf einem ,, Tog". Die neu eingetroffene Brigade, die aus Zugängen bestand, mußte hinter den Erntemaschinen hergehen, die Getreidesäcke auf die Wagen laden usw. Wenn wir morgens zur Arbeit gingen, war es empfindlich kalt, gegen Mittag erwärmte es sich bis zu 40 Grad. 22 Die Zugänge besaßen noch ihre Privatkleidung, hatten Mäntel und warme Sachen. Die zogen sie dann im Laufe des Tages aus und legten sie an den Rand des Togs". Als sie eines Mittags vom Felde zurückkamen, waren ihre Kleidungsstücke verschwunden. Den Mantel einzubüßen ist im Lager ein großes Unglück, denn damit verliert man auch die Decke für die Nacht. Wer hatte die Sachen gestohlen? Alle kannten die Täter, aber niemand wagte es laut zu sagen. Der Natschalnik des ,, Togs" war ein Krimineller, ein berühmter Moskauer Bandit, Iwan Petrowitsch mit Namen. Sein Mitarbeiter hieß Sosnin, ein ehemaliger Advokat, der bereits von seinen 10 Jahren Lagerstrafe, zu denen er wegen eines Eifersuchtsmordes an seiner Frau verurteilt worden war, acht hinter sich gebracht hatte. Außer diesen beiden gab es noch zwei Mädchen dort, die„ ,, Lagerfrauen" Iwan Petrowitschs und Sosnins, und eine alte Zigeunerin, die sich ,, Tog" wächterin nannte. Alle wußten, daß Iwan Petrowitsch und Sosnin die Diebe waren. Am Abend dieses Tages gingen wir traurig zum Lager zurück. Wir hatten uns schon vor die Baracke gelegt, der Soldat saß wie gewöhnlich auf seinem Schemel, die Dämmerung ging in Nacht über, da näherten sich plötzlich Schritte unserer Baracke. Alle hoben die Köpfe. Wir sahen, wie Iwan Petrowitsch heranschwankte und auf die Barackentür zustrebte. Er hatte sich nämlich in ein ukrainisches Bauernmädchen verliebt, in die 17jährige Dschura, die zu unserer Kolonne gehörte und, da sie unempfindlich gegen Wanzen war, in der Baracke schlief. Iwan Petrowitsch war völlig betrunken, er wollte am Posten vorbei, da erhob sich der und schrie: ,, Stoj!" Der Bandit aber machte keine Anstalten stehen zu bleiben, sondern drehte sich zu dem Soldaten um: Was willst du, Hundesohn?" Da packte ihn der am Ärmel und ritsch, riẞ der Hemdärmel aus. Iwan bedachte den Soldaten mit haushohen Flüchen, riß sein Hemd vorn über der Brust entzwei und warf mit großer Geste die Fetzen von sich: ,, Das sollst du mir büßen, du Lump! Mein bestes Hemd hast du zerrissen!" Bisher hatte der Soldat nur mit dem Gewehr herumgefuchtelt, aber als sich Iwan jetzt erneut der Baracke zuwandte, begann er in die Luft zu 102 22 schießen, worauf die gesamte Bewachungsmannschaft des Lagerabschnittes herbeieilte. Man umringte Iwan Petrowitsch, überwältigte ihn und schaffte ihn ins Arrestloch. Die Frauen waren sehr aufgeregt. Alle wußten, daß er sich diesen Rausch mit den gestohlenen Sachen erkauft hatte, und in ihrer Phantasie sahen sie Iwan schon zum Tode verurteilt. Aber es sollte ganz anders kommen. Am nächsten Morgen wurde er auf einem Lastauto unter Bewachung davongeschafft. Und nun muß ich erzählen, wie ich ihm wieder begegnete, als ich lange Zeit später als Einzeltransport nach Burma zurückgekommen war. Man hatte mich der Gärtnereikolonne zugeteilt und mit einer ehrenvollen Aufgabe betraut: nämlich der, Tomaten zu ernten, weil man annahm, daß ich etwas weniger stehlen würde als die anderen. Morgens beim Antreten wollte ich meinen Augen nicht trauen: da stand in der gleichen Kolonne, bei den Frauen, Dschura, die kleine Ukrainerin, und bei den Männern Iwan Petrowitsch in voller Größe und Schönheit. In der Gärtnerei begann ich Tomaten zu ernten, besser gesagt, zu essen, bis ich vor Erschöpfung nicht weiter konnte. Die übrige Kolonne sortierte Zwiebeln aus. Zwischen dem Tomatenfeld und den anderen Häftlingen patrouillierte der Soldat hin und her. Nun war das Tomatenfeld so wie alle Felder in der Gärtnerei, von Wassergräben durchzogen. Rings herum lief ein tiefer Graben, der jetzt trocken stand. Ich hatte schon einige Stunden gepflückt, gerade war wieder ein Korb voll, als ein energisches ,, Pst!" mich aufblicken ließ. Da hockte Iwan Petrowitsch im Wassergraben und machte mir mit einer Handbewegung klar, daß ich ihm umgehend die Tomaten zu bringen hätte. Seine Haltung war so kategorisch, daß ich gar nicht auf den Gedanken kam, zu widersprechen. Ich schüttete ihm den Korb voll in den Graben; er raffte die Tomaten mit irgendeinem Sack zusammen und verschwand. Der Soldat sah nichts. Später blickte ich hinüber zu den Zwiebelsortierern, da lagen unter einem Sonnenschutz, aus der Häftlingsjacke hergestellt, Iwan und Dschura friedlich vereint und aẞen meine geernteten Tomaten. Der Soldat aber ging auf und ab und sah nichts. ** Doch zurück zum Abschnitt Leninskoje. In unserer Kolonne arbeiteten damals zwei Nonnen, Frauen zwischen 30 und 40 Jahren. Soviel ich aus ihren Erzählungen entnehmen konnte, gehörten sie einem religiösen Orden an und waren wegen ,, konterrevolutionärer Agitation" verurteilt worden. Sie trugen immer einen Strick um ihr Kleid gebunden, so daß es etwas an eine Kutte erinnerte. Einmal, draußen auf der Steppe während einer Mittagspause, saßen die beiden auf einem Getreidehaufen und sangen. Ich ging zu ihnen, um zuzuhören. Es waren schöne, alte 103 Kirchenlieder. Als sie merkten, daß es mir Freude machte, wurden sie, die immer sehr scheu waren, ganz zutraulich und fragten, ob es in Deutschland auch Kirchenlieder gäbe. Ich sang ihnen ein altes Marienlied vor, und sie verlangten immer noch eins. Und so freundeten wir uns an. Einmal gab es Fleisch in der Suppe, das war zu der Zeit, als die Mähdrescher bei unserem Abschnitt ernteten und ihre Lenker aus der gleichen Küche verpflegt werden mußten wie wir. Allgemein herrschte große Freude. Da kam eine der Nonnen ganz schüchtern zu mir und erzählte, daß sie jetzt Fastenzeit hätten und kein Fleisch essen dürften, ob ich es wohl haben möchte. Ich habe nicht nein gesagt. Die beiden lebten völlig isoliert von allen anderen Häftlingen, sowohl von politischen wie von kriminellen. Sie machten einen verängstigten Eindruck und stellten niemals auch nur die geringste Forderung. So lagen sie, als die Kolonne nach Burma zurückkehrte und es sehr wenig Platz in der Baracke gab, in dem Schmutz unter den Brettern, ohne auch nur ein einzigesmal zu protestieren. Dann war noch Lydia in unserer Kolonne, ein armer Trottel, die ein rotes, völlig verschossenes Kattunkleid an hatte, sonst nichts. Auf der Brust zerschliß es schon und sie versteckte immer schamhaft ihren Busen. Sie hatte keine Vorderzähne mehr, obgleich sie noch nicht 30 Jahre alt war. Mit strahlendem Gesicht erzählte sie von ihren Erfolgen bei den Männern. Sie stammte vom Lande und war wegen unerlaubten Verlassens des Wohnsitzes verhaftet worden. Sie war der Kolonnennarr. Alle foppten sie, Soldaten und Männerhäftlinge: ,, Lydia, wo hast du deine Zähne gelassen? Wenn du dir welche machen läßt, werden wir bei dir schlafen!" Um zu zeigen, was für ein Kerl sie war, drehte sie durch Stunden die Kurbel der Reinigungsmaschine, und dabei lief ihr der Urin die Beine herunter. Sie bettelte unentwegt um Suppe.„ Daj, Lydia Kusotschik chleba!"( Gib Lydia ein Stückchen Brot!) sprach sie jeden wie ein Kind an. Ich habe schon erzählt, daß wir über zwei Monate keine Seife bekommen hatten, der schwarze Dreck war schon tief in die Haut eingedrungen. Damals habe ich das erste- und einzigemal im Lager gebettelt. Auf dem Wege zur Küchenbaracke begegnete ich einem Arbeiter aus der Reparaturwerkstatt, den ich von früher her kannte. Er arbeitete jetzt am Mähdrescher. Von ferne grüßten wir uns. Er sah mit sichtlichem Schrecken auf mein verändertes Aussehen: ,, Sind Sie gesund? Ist es sehr schlimm im Strafblock?" Und da faßte ich mir ein Herz: Können Sie mir ein Stückchen Seife geben? Schon zwei Monate haben wir nichts mehr bekommen." Und er schenkte mir wirklich ein richtiges Stück Toilettenseife. Ein Freudentag war es auch, als man einmal meinen Namen rief und ein eben angekommener Häftling mir ein kleines Päckchen über104 reichte, worauf als Absender der Name Tasso Salpeters stand. Tasso war nach Burma gekommen, hatte erfahren, wo ich mich befand und mir ein Päckchen Zucker geschickt. Später wurde ich wieder einer Kolonne zur Bekämpfung der Brzelose zugeteilt. Zusammen mit Alexandra, die im Privatberuf Modistin war, und einer Kriminellen aus Warschau hatte ich einen Ochsenwagen mit dem vertrockneten Schafmist zu beladen. Alexandra, die am Anfang so gern und viel gelacht hatte, wurde von Tag zu Tag gedrückter und schweigsamer. Sie war klein und früher einmal rund gewesen, hatte eine Stupsnase und zeigte beim Lachen alle Zähne. Aber nun begann ihr Haar zu ergrauen und die schönen großen Zähne abzubrechen. Alexandra war schon 1935 verhaftet worden. Sie hatte in Moskau als Modistin gearbeitet; zuerst in einem Geschäft, dann machte sie sich selbständig. Sie muß sehr geschickt gewesen sein. Man vermittelte ihr als Kundschaft die Damen der japanischen Botschaft in Moskau. Sie ging zur Botschaft zum Anprobieren und wurde dort einmal zum Tee eingeladen. Kurz danach verhaftete sie die GPU. Ihre Unschuld muß so eindeutig gewesen sein, daß man sie nicht verurteilte, sondern in ,, freie Verbannung" schickte. Zu ,, freier Verbannung" verurteilte man Menschen, von deren Unschuld selbst der Untersuchungsrichter überzeugt war. Diese Menschen braucht man eben zur Besiedlung Sibiriens, wie ja auch im Grunde genommen die Verurteilung zu Konzentrationslager, neben der Sicherheitsmaßnahme gegen unzuverlässige Elemente, aus dem gleichen Grunde erfolgt. Die NKWD ist zugleich eine große Sklavenhalterin, die das Menschenmaterial in die verschiedenen Gebiete Sibiriens dirigiert: zur Holzbeschaffung nach Zentralsibirien und Karelien, zur Schwerindustrie in den Ural, zur Kultivierung der Steppe nach Kasakstan, zur Goldgewinnung nach Kolyma im Polargebiet, zum Städtebau nach dem Fernen Osten usw. usw. Es ist oft vorgekommen, daß sich Verbannte freiwillig bei der NKWD gemeldet und um ihre Verhaftung gebeten haben, weil sie sonst Hungers sterben müßten. Da liegen die Verbannten oft wochenlang unter den Brücken, unter freiem Himmel, weil sie nirgends eine Unterkunft finden, nirgends eine Arbeit. Sie verkaufen das Mitgebrachte, oder, falls sie im Besitz von Geld sind, leben sie davon eine Weile. Da haben die zu KZ Verurteilten wenigstens ihre lumpige Suppe, die tägliche Ration Brot und einen Platz in irgendeiner noch so jämmerlichen Hütte. Unsere Alexandra nun war verheiratet, ihr Mann war Konzertsänger. Sie verlangte selbstverständlich nicht von ihm, daß er sie in die Verbannung begleiten solle. Als Verbannungsort wurde ihr eine kleine Stadt am Rande der Kasakischen Steppe zugewiesen. Dort lebten schon viele Verbannte. Den meisten ging es sehr schlecht, denn sie hatten nichts, wovon sie leben konnten. Es gab keine Arbeitsmöglichkeit. Der einzige Beruf, den man ergreifen konnte, war der eines Wasserträgers. 105 Die Ziehbrunnen lagen verstreut und zum Teil außerhalb des Ortes. Die Verbannten trugen der kasakischen Bevölkerung das Wasser zu. Alexandra jedoch hatte in kurzer Zeit den einträglichsten Beruf unter allen Verbannten: sie bescherte den Frauen der kasakischen Sowjetbeamten die ersten europäischen Hüte und danach auch die ersten europäischen Kleider, denn bis dahin gingen sie nach mohammedanischer Art gekleidet. Sie hatte durchschlagenden Erfolg, und als sie dann auch noch begann, für die kasakische Männerwelt eine Art Uniformmütze zu kreieren, wurde sie mit Geld und Lebensmitteln nur so überschüttet. Sie erzählte mir, daß sie nie zuvor so üppig gelebt habe, wie in dem Städtchen am Rande der Steppe. Sie bat und flehte ihren Mann in Briefen an, er solle sie wenigstens einmal besuchen. Er wagte es nicht. Sie hörte auf, ihm zu schreiben. Ihre Verbannung war auf drei Jahre festgesetzt. Nach 2½ Jahren, eines Nachts im Winter 1938, wurden sämtliche Verbannte verhaftet und auf Schlitten zur nächsten NKWDStelle gebracht. Alexandra schilderte mir lachend ihr erstes Verhör: ,, Ich war in alles eingewickelt, was ich besaß. Über dem Mantel noch ein Umschlagtuch, um den Kopf zwei Kopftücher. Ich sah aus wie eine Kugel auf Rädern. Und an den Beinen trug ich dicke Filzstiefel. So kam ich herein zum Untersuchungsrichter. Da mußte ich mich auf einen Schraubsessel setzen, der viel zu hoch war. Ich balancierte wie auf einem Thron und schwitzte entsetzlich vor Angst und Hitze. Da las er mir meine Anklage vor: Sie haben gemeinsam mit den Verbannten des Ortes einen bewaffneten Aufstand vorbereitet. Ich konnte gar nicht verstehen, was er damit meinte und fragte: Mit welchen Waffen denn, Herr Untersuchungsrichter? Und da mußte er selbst lachen, wahrscheinlich bei der Vorstellung, wie ich Kugel einen Revolver schwinge." Aber es endete gar nicht humoristisch. Alexandra wurde zu 8 Jahren KZ verurteilt, und kam nach Burma. Sie litt entsetzlich unter Hunger. Eines Tages, wir arbeiteten im Schafstall, blieb Alexandra allein zurück, während wir dem Ochsenwagen folgten, um ihn abzuladen. Als wir zurückkehrten, gelang es mir gerade noch, Alexandra vom Strick loszumachen. Sie hatte sich an einem Balken aufgehängt. * Auf diesem Abschnitt hatten wir ein Eselchen. Einmal iahte es plötzlich durchdringend über den ganzen Platz. Da schrie alles voller Freude:„ Der Larjok kommt!" Das war der Lagerkaufladen, auf eine Holzkarre geladen und mit einem Eselchen bespannt, der die Mutter unseres jungen Esels war. Eselchen und Häftlinge begrüßten den ,, Larjok" gleich enthusiastisch. Eigentlich durften wir gar nicht kaufen, denn der Laden kam speziell für die Traktoristen heraus auf die Felder; aber da war kein Halten mehr, umso mehr als mir doch kürzlich fünfund106 zwanzig Rubel ausbezahlt worden waren. Ich kaufte im Überschwang der Begeisterung gleich ein Kilo Bonbons und ein ganzes Schwarzbrot. Dann standen wir, von oben bis unten mit dem Staub von Brzelosemist bedeckt, und lutschten Bonbons und aßen Brot und vergaßen unsere tiefe Verzweiflung. Nach einer Weile zeigte mir Alexandra ihre durchgelutschte Zunge und lachte wieder so wie früher. * Wir hatten auf dem ,, Tog" gearbeitet, die Sonne war untergegangen und es wurde kalt. Eine Kriminelle griff nach einem leeren Getreidesack und hängte ihn sich um die Schultern. Das sah ein berittener Posten. ,, Nimm sofort den Sack herunter!" rief er.„, Nein, mich friert. Wenn wir abmarschieren, lege ich ihn wieder hin!" antwortete ihm der Häftling. ,, Ich werde dir zeigen, wer hier zu gehorchen hat." Der Soldat ritt auf sie zu und schlug sie mit der Nagajka über die Schulter. Die Kriminelle erhob ein mörderisches Geschrei, und als wir eingerückt waren, meldete sie sich sofort beim Natschalnik. Einige Tage später wurde der Soldat auf einen anderen Abschnitt versetzt. In unserer Kolonne war eine Zigeunerin, vielleicht 16 Jahre alt. Sie war hübsch und hielt es für unter ihrer Würde, etwas zu tun, hatte aber nicht die geringsten Skrupel, die anderen ihre Arbeit machen zu lassen. Sie war wegen Fluchtverdacht im Strafblock und zeigte voller Stolz eine offene Wunde am Bein, die sie sich zugezogen hatte, als sie im Winter barfuß aus dem Gefängnis zu fliehen versucht hatte, wo sie wegen Pferdediebstahl saẞ. Ihr Vater war ein Pferdedieb, und auch sie ,, liebte" Pferde über alles. ,, Schon als kleines Mädchen wollte ich einen Hengst bändigen, da hat er mich in den Hals gebissen." Auch da hatte sie eine Narbe. ,, Das schönste auf der Welt ist das Leben im, Tabor ( Zigeunerlager)", sagte sie mit schwärmerischem Gesichtsausdruck. Und als einmal ein Soldat mit ihr anbändeln wollte, führten sie folgende Unterhaltung: ,, Sina, bist du in eine Schule gegangen?" ,, Nein, wozu habe ich eine Schule nötig?"- ,, Aber du mußt doch irgendetwas lernen, du muẞt doch auch ein kultivierter Mensch werden!"- ,, Laß mich in Ruhe!" ,, Da weißt du vielleicht nicht einmal, was Sozialismus ist?", und sie antwortete ihm:„ Geh zum Teufel mit deinem Sozialismus! Ich bin ein freier Zigeuner!" - - Diese unsere hübsche Zigeunerin floh eines schönen Nachts zusammen mit einer Politischen, einer runden, blonden, gemütlichen Köchin aus Leningrad. Wie dieses Paar sich über eine gemeinsame Flucht verständigt haben konnte, blieb mir ein Rätsel. Damals arbeiteten wir in zwei Schichten, Tag und Nacht, auf dem ,, Tog" beim Getreidereinigen. Nachts wurde der Platz mit großen Windlichtern erleuchtet. Als es noch finster war, rückte die Kolonne von der Arbeit ein. Und zwischen Ankunft und Verlesen der Namen waren die beiden ver107 schwunden. Nachts war nicht an Verfolgung zu denken. Wir erwarteten aufgeregt den nächsten Tag. Aber auch da erwischte man sie nicht. Und noch nach einer Woche waren sie in Freiheit. Am nächsten Morgen kam ich zur Arbeit auf den„ Tog", begrüßte meine Freundin, die alte Zigeunerin mit dem einen Auge, die da TogWächterin war und erzählte ihr die Neuigkeit. Ihr Gesicht verklärte sich: ,, Ja, ja, die Sina, das ist ein kluges Mädchen. Die hat es im Gefühl, daß irgendwo hier in der Steppe ein, Tabor sein muß. Und wenn sie das erreicht, dann ist sie gerettet. Ach, wenn man noch einmal so jung sein könnte!" Darauf bot mir die Alte einen selbstbereiteten Kräutertee an, der zwar in der dreckigen Konservenbüchse sehr verdächtig aussah, aber ich durfte doch die Gastfreundschaft nicht verletzen. Ich reichte ihr dafür eine Prise Tabak für ihr kleines, silberbeschlagenes Pfeifchen. Wir blieben die ganze Zeit gute Freunde. Aus Karaganda zu fliehen war ein schwieriges Unterfangen. Während der Erntezeit, wo die Getreidegarben auf den Feldern lagen, war es leichter, denn die Flüchtenden konnten nur nachts laufen und sich tagsüber darin verbergen. Am Tage wurde das ganze Gebiet von berittenen Soldaten durchstreift. Die Fliehenden mußten die Berge am Rande des Lagergebietes zu erreichen versuchen, ungefähr vier Tage bergauf, bergab laufen, bis sie den Ort Karaganda erreichten. Von dort weiterzukommen war eine neue Schwierigkeit, denn der Bahnhof wurde selbstverständlich überwacht. In meiner Karagandaer Zeit ist es trotzdem fünf Häftlingen gelungen zu entfliehen. Die drei anderen waren zwei kriminelle Männer und eine Frau. Sie hatten sich Pferde verschafft und sind entkommen. Eine ukrainische Bäuerin hat in ihrem entsetzlichen Heimweh auch versucht zu entfliehen, wurde aber erwischt. Sie erhielt als Strafe zwei weitere Jahre Konzentrationslager und Strafblock. Wir hatten niemals einen freien Sonntag oder einen freien Tag, nur während der Mai- und Novemberfeiertage wurden wir in die Baracke eingeschlossen und mußten nicht arbeiten, und wenn Mütterchen Natur uns gnädig war und einen Sandsturm schickte oder im Winter einen Schneesturm, dann konnten wir feiern. So ein Sandsturm, der tagelang dauern kann, ist etwas Phantastisches. Karagandik heißt ein stachliges Gewächs der Steppe. Es ist rund wie eine Kugel und so groß wie ein Fußball. Um Heu gewinnen zu können, damit sich die Tiere die Schnauzen nicht zerstechen, gehen Häftlingskolonnen mit Hacken über die Steppe, den Karagandik auszurotten. Die abgeschlagenen Pflanzen werden zu großen Haufen geschichtet und als Brennmaterial benutzt. 108 Wenn der trockene Karagandik lebendig wird, beginnt der Sandsturm. Zuerst sieht man sie wie Igel langsam über die Steppe rollen, noch zögernd, von einer Richtung in die andere hin- und hergetrieben; dann beginnt es zu jagen. Hunderte von Igeln toben heulend über die Ebene, sie verwickeln sich, bilden einen Wirbel, erheben sich in die Luft und stürzen polternd zurück. Der Himmel wird schwefelfarben, der Horizont verwischt und mit Gedröhne jagen die Pferdeherden, die Rinder und Schafe zu irgendeiner geschützten Unterkunft. Dann kommt schon der Sand. Wir aber hocken in der Baracke, glücklich über den geschenkten Tag. Draußen heult es. Eine Wand von rasendem Sand. Zuerst grauer, dann gelber, hellerer, dunklerer ununterbrochen, Stunden hindurch. ,, Der kommt aus der Mongolei", meinen die Sachverständigen. * - Wenn ich an die traurige Zeit im Abschnitt Leninskoje denke, fällt mir immer ein aus Holz gefertigtes Portal ein, das mitten in der Steppe stand, ein ganzes Stück von den Lehmhütten entfernt. Es führte kein Weg durch dieses Portal, aber es war auch kein Zaun, weder rechts noch links. Nichts, als ein ragendes Portal, und zwischen den Schrägbalken war mit großen Holzbuchstaben geschrieben: ,, Es lebe der 20. Jahrestag der Oktoberrevolution!" 10. OCHSENTREIBER UND ZIEGELEIARBEITER IN EL MARJE Eines Abends, als wir von der Arbeit einrückten, stand ein Ochsenwagen bereit, und mit ,, Dawaj! Schneller, schneller!" mußten wir unsere Bündel zusammenraffen, aufladen und fort ging es in die Nacht hinein, so müde, so verschmutzt, so hungrig wie wir waren. Nach einem Marsch von vielen Stunden, bei dem einige Frauen schlapp machten und auf den Ochsenwagen geladen werden mußten, merkten wir, daß wir unseren Bergen am Horizont näher gekommen waren. Und als wir endlich das Ziel erreicht hatten, in eine Lehmhütte stolperten und uns aufs Stroh warfen, waren wir in dem neuen Abschnitt„ El Marje" angekommen. El Marje lag eingebettet zwischen Hügeln, den fernen Ausläufern des Urals. Wie Kulissen umschlossen die Berge die Talmulde und ließen nur auf einer Seite den Ausblick in die unbegrenzte Steppe frei. Es war Herbst geworden. Ein sonniger, sibirischer Herbst. Die Sträucher der wilden Rosen an den Abhängen der Berge waren glühend rot, und ein mattblauer Septemberhimmel überwölbte dieses liebliche Tal. Aber für uns vom Strafblock gab es kein Verweilen im Anblick sanfter Hügelketten. In El Marje herrschte die Brzelose, und unsere Brigade von zwanzig Frauen war zu ihrer Bekämpfung eingesetzt. Und wie mußten wir uns in El Marje quälen! Der Natschalnik dieses Abschnitts trieb uns zu immer größeren Leistungen an. Er war ein Freier, 109 aber man erzählte, er sei ehemals Häftling gewesen. Dieser Hund konnte niemals genug bekommen. Entweder hatten wir die Wagen mit dem trockenen Brzelosemist nicht voll genug geladen oder den steinharten Lehmboden in den Viehställen mit unseren Spitzhacken nicht tief genug aufgeschlagen. Wahrscheinlich mußte er einer vorgesetzten Stelle seine Ergebenheit beweisen und deshalb seinen Plan ,, übererfüllen". Er tat es auf unsere Kosten, wir waren ja seine Sklaven. Und wie der Natschalnik, so die Wachposten und wie der Wachposten so der Brigadier. Das ging den ganzen Tag: ,, Dawaj! Dawaj! Vorwärts! Los!" Es trieb der Brigadier, es hetzte der Soldat, es schrie der Natschalnik. Schweißüberströmt, gekrümmt und ganz betäubt kamen wir nach Sonnenuntergang in die Hütte, und da gab es nicht einmal ,, Naris" ( Bretter). Wir schliefen auf dem Lehmboden. Zum Waschen hatte keine mehr Kräfte. Und das will bei Frauen, bei Politischen, schon viel heißen. Der Hunger war schlimmer als nur je. Nur einmal noch im Leben ein ganzes Brot allein essen zu dürfen war der sehnlichste Wunsch aller. Wieder arbeitete ich zusammen mit meinen alten Kameraden, der stubsnäsigen Alexandra, die gar nicht mehr lachen wollte, Tamara, der kleinen Dichterin, und Tanja, die so schöne Volkslieder singen konnte. Eines Morgens hatten Tamara und ich hohes Fieber. Da es in diesem Abschnitt kein Fieberthermometer gab, stellte der Natschalnik mit ,, Augendiagnose" fest, ob man krank oder arbeitsfähig sei. Wir zwei glühten, und er entschied: krank. Wir lagen auf dem Lehmboden der Hütte und lächelten uns strahlend an. Gott sei Dank, wir haben's geschafft. Wir durften liegen, ausruhen. Wir waren so zufrieden, daß wir jede Brzelose in Kauf genommen hätten. Tamara war ein dunkeläugiges, feingliedriges Mädchen von einundzwanzig Jahren. Als Tochter eines Arztes hatte sie auf Wunsch des Vaters Medizin studiert, aber ihre Liebe gehörte der Poesie. Tamara schrieb Gedichte. Die Studenten ihrer Universität hatten einen literarischen Zirkel gebildet, in dem man diskutierte und aus eigenen Werken vortrug. Dort las Tamara ihre Gedichte, und eine ,, Hymne an die Freiheit" wurde ihr zum Verderben. Die NKWD verhaftete sie und klagte sie der Vorbereitung des Terrors" an. Denn welchen Diktator hätte sie anders meinen können als Stalin? Ihr Urteil lautete auf acht Jahre Konzentrationslager, im Strafblock zu verbüßen. 99 In Leninskoje hatte man Tamara den Mantel gestohlen, so blieb sie ohne Decke für die Nacht. Sie war jetzt schon so entkräftet, daß sie das Entlausen aufgab. Vor Magerkeit hingen ihr die Schultern vornüber. ,, Das Schlimmste ist, daß meine Mutter allein zurückblieb, denn meinen Vater haben sie ein halbes Jahr vor mir verhaftet", erzählte sie mit feuchten Augen. 110 95 Zu unser beider Leidwesen hatten wir nach drei Tagen kein Fieber mehr. ,, An die Arbeit!" Man suchte einen Wasserfahrer. Wer versteht mit Ochsen umzugehen?" fragte der Natschalnik. Ich meldete mich und erhielt einen Strick mit der Weisung, mir zwei Ochsen in der Steppe einzufangen und dann aus dem Ziehbrunnen in der Ebene und einem anderen in dem kleinen Seitental Wasser zu schöpfen und die Baustellen damit zu versorgen. Nach der Brzelose- Kampagne mußten unsere Frauen nämlich die Dächer und Wände der Viehställe ausbessern. Dazu brauchten sie Wasser, um den Lehmbrei zu mischen. Weit draußen in der Steppe lagen friedlich wiederkäuend so an zehn Ochsen. Mit dem Strick in der Hand näherte ich mich ihnen zögernd. Es war meine erste Bekanntschaft mit diesen braven Tieren. Aber als ich nur noch einige Meter von ihnen entfernt war, erhoben sie sich schwerfällig und trotteten gemächlich davon. Sie wußten genau, was ihnen bevorstand und haßten die Arbeit. Die Verfolgung ging weiter. Schon fürchtete ich, daß der Natschalnik meine Unfähigkeit beobachten würde. Je schneller ich lief, um so schneller rannten die Ochsen. Das stachlige Steppenkraut zerstach mir die nackten Beine. Da sann ich auf eine List. Ich legte mich ins Gras, und kurz darauf folgten die Ochsen meinem guten Beispiel. Dann kroch ich vorsichtig von hinten an einen ahnungslosen Schwarz- weißen heran und warf ihm den Strick über die Hörner. Er sprang auf. Zu spät. Und er ergab sich sofort in sein Schicksal. Nun stand ich vor einem neuen Problem: wie fange ich mir einen zweiten Ochsen, ohne daß der erste wieder davonlief? Ich zog am Strick, und der Gefangene folgte mir und welches Wunder aus der Gruppe der davonlaufenden anderen Tiere löste sich ein brauner und ging gehorsam hinter uns her. Der Schwarz- weiße hieß Wassja und der braune Mischka. Sie zogen immer gemeinsam an einem Joch. Aber welche neue Schwierigkeit! Zwinge einmal zwei Ochsen in ein Joch und noch dazu in ein kasakstansches. Da sind zwei Schrägbalken an der Wagendeichsel befestigt. Zwischen diese mußte man die Köpfe von Wassja und Mischka klemmen. Wenn ich glücklich einen drin und an der Außenseite der Schrägbalken den Eisenpflock durchgesteckt hatte, lag inzwischen der andere ruhevoll auf der Erde und kaute. Mein Glück war, daß am ersten Tag kein Natschalnik zusah. Was für eine Tierquälerei ist so ein kasakstansches Joch. Wenn ein Tier sich hinlegt, reißt es den Kopf des anderen mit herunter. Und wie sahen meine armen Ochsen aus! Jeder nahm sich das Recht, sie zu prügeln. Auf ihren Rücken waren blutverkrustete Stellen, sogar die Schnauzen waren wundgeschlagen. Mit Mischka und Wassja durchlebte ich meine schönste Lagerzeit in Karaganda. Mit„ Zobi- Zopp"-Geschrei, das heißt rechts- links in der Ochsensprache, ging es langsam den Hügel bergan, nachdem der Ziehbrunnen in der Ebene ausgeschöpft war. Das zweite Wasserloch lag in 111 einem kleinen Seitental und konnte nicht von dem wachhabenden Posten, der auf einem Hüttendach stand, überblickt werden. Wo das Tal eine Biegung machte, kommandierte ich„Stoj!“ Sofort legte sich zuerst Mischka und dann Wassja nieder. Dann war ich ganz allein in diesem kleinen Tal. Auf beiden Seiten stiegen grünspanschimmernde Felsen auf, dazwischen rotglühende Hagebutten, wohin das Auge blickte. Ich kletterte über die Felsen und pflückte mit dem wilden Eifer des hungrigen Men- schen meinen Brotbeutel voll Hagebutten. Dann schnell zurück, und nun kam die schwerste Arbeit: meine beiden Freunde zum Aufstehen zu bewegen. Da halfen leider nur Prügel— es waren eben doch Lager- ochsen. Wie gern hätte auch ich nur eine Viertelstunde im Gras gelegen und in den zarten Herbsthimmel geblickt, aber schnell mußte die ver- lorene Zeit wieder aufgeholt werden, denn der Natschalnik beaufsichtigte persönlich die Ausbesserungsarbeiten bei den Ställen und wehe, wenn es an Wasser gemangelt hätte. Unter lautem Geschrei näherten wir uns dem Wasserloch. Da erhoben sich Schwärme grünschillernder Vögel, und mit lautem„Zopp-Zopp“ wendete ich im engen Tal meine Wägelchen und fuhr dicht an das Wasserloch heran. Dann mit dem Eimer im Trab die Stufen hinunter zum Wasserloch, hin und her, bis beide Tonnen auf dem Wagen gefüllt waren, und dann ging's das Tal hinab zum Schafstall. Am Abend nahm ich dann Mischka und Wassja das Marterjoch ab,- klopfte ihnen zärtlich auf den Hals und kraulte die Locken zwischen den Hörnern. Dann liefen sie in die Steppe hinaus, glücklich, wenigstens für die Nachtstunden dem Joch entronnen zu sein... Einmal kam auch nach El Marje der„‚Larjok“. Er hatte nur Heringe und Nudeln zu verkaufen. Wir entschieden uns für Nudeln, die waren billiger, dachten aber gar nicht an die Schwierigkeit der Zubereitung. Wo sie kochen? Worin und womit? Die Russinnen waren ratlos. Da erinnerte ich mich, irgendwo etwas von Schafsmist als vorzüglichem Heizmaterial gelesen zu haben. Mit der Erfahrung aus der deutschen Jugendbewegung baute ich am Abend nach der Arbeit kunstgerecht zwischen Baracke und Abortgrube— denn nur dort erlaubte es der giftige Natschalnik— eine Feuerstelle. Zuerst wurde die Windrichtung geprüft und dann ein Graben ausgehoben, auf dem unsere Konservenbüchsen stehen konnten. Trockenen Schafsmist gab es mehr als genug, und der brannte wie Zunder. Wir hockten und schürten und vergaßen vor Eifer ganz unsere Müdigkeit. Als dann die Nudeln weich waren, das Salzwasser abgegossen, saßen wir gleich neben der stinkenden Abortgrube und verzehrten unser Mahl. So gut haben uns noch keine Nudeln im Leben geschmeckt. Und während wir lachten und den Posten, der uns in die Baracke jagen wollte, immer wieder um„noch ein paar Minuten“ baten, ging über den Bergen ein riesiger, gelber Mond auf.„Greta“, flüsterte Tamara,„hier in El Marje 112 spielt eine Szene in meinem Schauspiel, das ich später einmal, wenn ich in die Freiheit komme, schreiben werde..." Eines Mittags wurden wir von der Arbeit gerufen. Ein Lastauto stand schon bereit, also hatten wir eine lange Reise vor uns. Unsere Frauenbrigade wurde zur Arbeit auf einen Ziegeleiabschnitt transportiert. Nach dem landschaftlich so schönen El Marje war es da besonders trostlos. Öde, verbrannte, braune Steppe. In einer Niederung wurde der hellgraue, zähe Lehm gestochen und in Formen gefüllt. Diese Ziegel werden nicht gebrannt, sondern in der Sonne getrocknet. Zusammen mit einer jungen kaukasischen Mohammedanerin hatte ich die Aufgabe, die Ziegelsteine zu wenden. Die waren da in langen Reihen aufgebaut, und wir gingen von Stein zu Stein und drehten ihn um. Schon nach einigen Stunden bluteten unsere Hände. Diese Ziegelsteine sind mehr als doppelt so groß wie die bei uns gebräuchlichen und haben messerscharfe Kanten. Unser Glück war, daß der Posten und der Brigadier ein weit auseinander liegendes Gebiet kontrollieren mußten. Hatten sie uns den Rücken gewandt, so setzten wir uns auf die Steine und faulenzten. Die junge Kasakin war eine gläubige Mohammedanerin. Um den Hals trug sie an einer Schnur ein aus rotem Stein geschnittenes Medaillon, auf das Mondsichel und Stern eingraviert waren. Sie hatte schwarzes, glänzendes Haar, das sie in zwei festgeflochtenen Zöpfen über die Schultern hängen ließ. Sie lebte streng nach den Vorschriften der mohammedanischen Religion, was bei den Mithäftlingen ständig höhnisches Gelächter hervorrief. Wenn sie zur Abortgrube ging, vergaß sie niemals eine kleine Konservenbüchse mit etwas Wasser und wusch sich nach jedem Austreten. Eine lange Hose, ohne die eine Mohammedanerin nicht gehen darf, konnte sie nicht bekommen, und da löste sie dieses Problem, indem sie die zerfetzten Strümpfe mit einer ebenso zerschlissenen Trikothose zusammennähte. Es war eine Freude, in dieses schöne, breite, mongolische Gesicht zu blicken, mit den freundlichen, braunen Schlitzaugen und dem immer lächelnden Mund. ,, Du bist doch ein gebildeter Mensch, kannst mir sicher sagen, ob ich noch einmal in die Freiheit komme", wandte sie sich zutraulich an mich. ,, Warum bist du denn eingesperrt?" Sie zögerte verlegen mit einer Antwort. ,, Wenn du von mir einen Rat haben willst, so muß ich dies erst wissen." ,, Ich bin ganz bestimmt unschuldig", dann fügte sie irgendeine religiöse Formel hinzu, die ich nicht verstand. Und langsam kam es heraus. ,, Mein Mann hat ein Mitglied des Sowjets unseres Ortes ermordet. Danach wurde die ganze Familie verhaftet. Mir sagte man, ich wäre an diesem Mord beteiligt gewesen. Ich habe bestimmt nichts davon gewußt. War nur zu Hause, habe nur für meine Kinder gelebt." Und ihre flehenden Blicke waren auf mich gerichtet. ,, Du bist doch ein grammatny tschelowjek ( ein Mensch, der lesen und schreiben kann), hilf mir doch, was kann ich 8 Buber: Gefangene. - 113 - machen, um wieder zu meinen Kindern zu kommen?" Was konnte ich ihr raten? Es war erschütternd. Nur trösten konnte ich sie: ,, Du wirst sicher eine Wiederaufnahme deines Verfahrens erreichen. Hast du noch ,, Nein, Verwandte draußen, denen du eine Mitteilung machen kannst?" aus meinem Ort sind alle verhaftet." Als wir da so aẞen, kam eine dichte aufStaubwolke über die Steppe. Meine kleine Kasakin wurde ganz geregt: ,, Da kommen meine Leute, es sind Hirten!" In ungefähr hundert Meter Entfernung ließen sich zwei Hirten nieder, und wir sahen, wie sie ein Feuerchen machten, um sich Essen zuzubereiten. Die Hirten waren auch Häftlinge, die aber, da sie tagelang mit den Herden durch die Steppe wandern, ihre Lebensmittelration für längere Zeit ausgehändigt bekommen. Und es war allgemein bekannt, daß es ihnen in dieser Hinsicht sehr gut ging, denn da stirbt eben mal ein Schaf, und dann haben sie Hammelbraten.„ Geh doch zu ihnen hin, das sind ja Kasaken, die werden dir etwas zu essen geben!" forderte ich sie auf.„ Aber was denkst du, eine Mohammedanerin darf doch nicht so einfach zu Männern gehen." ,, Du bist doch jetzt im Lager, da ist das etwas anderes", versuchte ich sie zu überreden. Aber sie war unerschütterlich. Wir arbeiteten wieder eine Weile, weil das aufgepflanzte Bajonett in der Ferne auftauchte. Meine junge Kasakin ließ keinen Blick von den Hirten, und als wir wieder unbewacht waren, begann sie auf einmal zu singen, in einer ganz merkwürdigen Tonlage, so wie eine Art Flöte, wo sich immer nur zwei Töne abwechseln. Sofort hatte sie erreicht, was sie so sehr wünschte, was die mohammedanische Religion aber nicht erlaubte: die Hirten blickten auf und antworteten mit dem gleichen Getriller. Eine Weile währte dieser seltsame Wechselgesang, dann näherte sich der eine, blieb in einer Entfernung von zehn Metern stehen, machte eine Verbeugung und begann eine Unterhaltung, von der ich natürlich keine Silbe verstand. Danach lud er uns mit einer abermaligen Verbeugung und großartigen Handbewegung zum Hirsebrei ein. Und der war mit Hammeltalg bereitet, eine köstliche Delikatesse. Nur unsere Angst vor dem Wachposten ließ uns nicht ganz in seinen Genuẞ kommen. - 11. WIEDER IN BURMA UNTER VERBRECHERN UND ASOZIALEN Im Ziegelabschnitt blieb ich nur ganz kurze Zeit. Eines Abends rief mich der Natschalnik: ,, Buber- Nejman, sofort fertig machen mit Sachen!" Aus dem Rayonabschnitt Burma war ein Lastauto gekommen, um mich als Einzeltransport abzuholen.„ Einzeltransport, das bedeutet bestimmt Entlassung!" schrie alles durcheinander. Küsse und Umarmungen von allen Seiten. ,, Gretuschka, vergiß uns nicht in der Freiheit!" ,, Dawaj, dawaj! Was soll dieser Blödsinn! Schneller, rauf aufs Auto!" Und ich winkte meiner Brigade mit beiden Händen zum Abschied. 114 - - - Mir war gar nicht nach Entlassung und Freiheit zu Mute, und als das Lastauto sich in der Dunkelheit Burma näherte zuerst leuchteten die Lichter des Krankenhauses auf, dort brannten Petroleumlampen hatte ich nur einen Wunsch: noch einmal im Leben in einem Bett zu schlafen, einmal ohne Wanzen, Flöhe und Läuse zu sein. Das Lastauto hielt vor dem Strafblock, man führte mich hinein, kein Mensch nahm von meinem Kommen Notiz. Ich zerbrach mir den Kopf, was das wohl zu bedeuten habe. Ging zum Natschalnik, immer noch dem gleichen Verbrecher von früher:„ Das ist nicht meine Angelegenheit! Warten Sie, bis man Sie ruft." Die Frauenbaracke war überfüllt. Auf dem glitschigen Lehmboden in der Ecke eines Raumes, in dem hauptsächlich Verbrecher waren, schmiẞ ich meinen Sack hin und hockte mich darauf. Lauter unbekannte Gesichter. Der kleine Lehmofen sprühte vor Hitze. Da merkte man gleich, daß die Bewohner dieses Raumes gute Beziehungen zur Kohlenausgabe hatten. Mir gegenüber, auf den Brettern, lag eine Kriminelle, die anscheinend die Primadonna ihrer Zunft war. Sie bettete ihr Haupt sogar auf zwei Sofakissen, die mit Stickerei von ungewöhnlicher Scheuẞlichkeit verziert waren. Eine Reihe anderer Krimineller bedienten sie unterwürfig. Auf dem Ofen kochten in Konservenbüchsen geklaute Kartoffeln. Der Raum war voller Wasserdampf, und das Gekeife wollte nicht abreißen. Da sangen welche mit versoffenen Stimmen; ich konnte immer nur den Refrain verstehen:„ Wenn die Fresse nicht zerkloppt ist, gleichst du keinem Banditen. O, warum hat uns die Mutter geboren!" Vor der Tür zum Nebenraum hing ein alter Sack. Ich staunte, mit welcher Selbstverständlichkeit kriminelle und asoziale Männerhäftlinge ein- und ausgingen. Die Hitze im Raum war unerträglich. Die Frauen gingen in Büstenhaltern und Höschen umher und produzierten sich mit ihren Tätowierungen. Über den Busen der einen flog eine Taube mit einem Brief im Schnabel, auf jedem Schulterblatt hatte sie einen überhandgroßen Männerkopf. Da konnte man auf den Schenkeln Inschriften lesen, wann sie mit Wassja geschlafen hatte und Beteuerungen, daß sie ihn nie vergessen werde, und auf dem Unterarm stand etwa:„ Mamachen, ich gedenke immer dein!" Von einer, die selbst in der Badestube ihr schwarzes Höschen nicht ablegte, wurde behauptet, daß sie eine solche Tätowierung auf dem Bauch habe, deren selbst sie sich schäme. Da wurde kaum ein Satz gesprochen, der nicht mit einem Fluch begann oder endete. In der ersten Nacht in meiner Ecke ernährte ich mindestens fünfzig Flöhe. Am Morgen torkelte ich wie trunken zur Arbeit. Meinen Sack gab ich einer alten politischen Newalnaja zur Aufbewahrung, um die letzten Habseligkeiten zu retten. Selbst im Vorraum, der noch keine Türen hatte, lagen die Frauen wie Heringe. Nach einigen Tagen erfuhr ich, daß in dem hintersten Raum, vor dessen Türe der Sack hing, noch ein Platz frei sei. 8* 115 Zwar auf unmöglichen Brettern, eine richtige Berg- und Talbahn, aber doch nicht mehr auf dem dreckigen Lehmboden, den Flöhen zum Fraẞ. In dieser Höhle brannte keine Petroleumfunzel, und nach der ersten Nacht war ich mir über die Bestimmung dieses Zimmers klar: es war der Raum der Liebe, nicht nur während der Nacht, auch tagsüber. Ein großer Teil der Kriminellen ging nicht zur Arbeit. Es bestand darüber ein stilles Übereinkommen mit dem Natschalnik des Strafblocks und wohl auch mit dem Feldscher. Einmal sah ich bei einer Kriminellen eine Menge Narben auf der Brust und fragte sie: ,, Woher hast du denn das, warst du krank?" ,, Aber", antwortete sie stolz ,,, das hat Kolja mit einer Rasierklinge gemacht, aus Eifersucht, so sehr ist er in mich verliebt!" Einmal wurde ich in eine Kolonne eingeteilt, die angefrorene Kartoffeln aussortieren mußte. Wir standen im Kartoffelkeller und wühlten in den eisigen, matschigen Haufen herum. Neben mir arbeitete eine Kriminelle. Nach einiger Zeit hatte sie wahrscheinlich keine Lust mehr oder war gereizt durch diese eklige Beschäftigung. Da trat sie mich gegen das Bein. Ich nahm an aus Versehen: ,, Nimm dich ein bißchen in acht!" sagte ich ohne Gereiztheit. Und schon kam der nächste Tritt, wohlgezielt gegen das Schienbein. ,, Bist du verrückt geworden, dir ist wohl nicht gut!" Und schon bekam ich eine ins Gesicht. Ich gab ihr einen Schlag zurück, und wir waren in die schönste Prügelei verwickelt. Von allen Seiten stürzte man hinzu und riẞ uns auseinander: ,, Greta, bist du wahnsinnig, dich mit einer Kriminellen zu prügeln!" An diesem Tag hatten wir einen politischen Brigadier, der natürlich genau wußte, daß ich die Schlägerei nicht begonnen hatte. Er nahm die Kriminelle beim Schlafittchen und überhäufte sie mit Flüchen. Da warf sie sich auf den Boden und bekam einen hysterischen Anfall, kreischte, daß es nur so durch den Keller hallte. ,, Schleppt die hysterische Kuh an die Kellertür, damit sie wieder zu sich kommt!" rief der Brigadier, und man trug sie die Kellertreppe hinauf. Ich stand im halbdunklen Gang, ganz betreten, was ich da angerichtet hatte. Da kam durch den Keller eine Frau auf mich zugerannt, und noch bevor ich zu irgendeiner Überlegung kam, bekam ich einen wohlgezielten Schlag aufs Nasenbein, daß mir grün und blau vor Augen wurde. Gereizt stürmte ich auf die Angreiferin los und gab ihr einen festen Hieb zurück. Die zweite Keilerei war im Gange. Meine unbekannte Feindin stieß hervor: ,, Ich werde dich töten, du Dreckmensch", und die Politischen hielten mich am Kragen fest, um weiteres zu verhindern. ,, Du weißt nicht, was du angerichtet hast, das ist Tanja, die beste Freundin von Dshura und die gefährlichste im ganzen Lager. Wenn sie droht, sie wird dich töten, so tut sie es auch!" Mir war zwar nicht zum Lachen zu Mute, aber das schien mir doch etwas übertrieben. Die Politischen beschlossen, daß ich von jetzt ab nicht mehr allein abends nach der Arbeit 116 zur Abortgrube gehen durfte. So mußte ich mich immer melden und wurde in Begleitung dorthin geführt. Das war sehr beschwerlich auf die Dauer. So nach zehn Tagen hatte ich die Sache satt und ging allein hinaus. Draußen lag schon Schnee. Es war nur ein schmaler Pfad bis zur Grube getreten. Als ich noch einige Meter davon entfernt war, kam eine Frau auf mich zu, und an den Umrissen erkannte ich Tanja, meine Todfeindin. Die Beine begannen mir zu zittern, ich versuchte auszuweichen, trat seitwärts in den Schnee und erwartete jeden Moment einen Schlag oder einen Messerstich. Tanja blieb stehen:„ ,, Hast du eine Zigarette?", und auf mein brüskes ,, Nein" trat auch sie in den Schnee, klopfte mir auf die Schulter und sagte: ,, Laß man gut sein, ich hab's schon vergessen!" Auch so konnte eine Todfeindschaft enden. Um diese Zeit kam es zu einem ganz sonderbaren Vorfall. Wir erfuhren davon erst, als man den politischen Häftling Irina, eine Geigerin, eines Tages zusammen mit einer jungen 16jährigen Asozialen nach Dolinki abtransportierte und gleichzeitig zwei andere Asoziale festnahm und ebenfalls fortschaffte. Erst nach Wochen erfuhren wir Einzelheiten über diese Verhaftungen. Die beiden Frauen, Asoziale, an die ich mich kaum noch erinnern kann, hatten aus irgendeinem Fetzen Papier ein Flugblatt hergestellt, auf dem gestanden haben soll: ,, Nieder mit Stalin!" Denunziert wurden sie durch das 16jährige Mädchen. Bei den ersten Verhören behaupteten die beiden Asozialen, daß Irina, die Geigerin, sie aufgefordert habe, dieses Flugblatt zu fabrizieren. Daraufhin wurden alle vier ins Gefängnis nach Dolinki gebracht. Bei den Verhören stellte sich heraus, daß die Geigerin von nichts wußte. Irina und die 16jährige wurden entlassen und kamen zum Weitertransport nach Burma in den Sammelpunkt des Lagers Karaganda. Die 16jährige Nina ging damals im fünften Monat schwanger. Ihre Denunziantenrolle war bereits im Lager bekannt. Im Sammelpunkt Karaganda lockte man sie unter irgendwelchen Vorwänden in eine Männerbaracke und verprügelte sie derart, daß sofort eine Fehlgeburt eintrat. Sie lag kurze Zeit im Krankenhaus des Sammelpunktes und wurde dann nach Burma abtransportiert. Da die Männer des Strafblocks sie zu erschlagen drohten, wurde sie schon nach drei Tagen mit unbekanntem Ziel als Einzeltransport von Burma fortgeschafft. Die entgeht ihrem Schicksal nicht!" meinte Tanja, meine ehemalige Todfeindin, als man sie aus dem Strafblock führte. In diesen Tagen drang das Gerücht zu mir, daß in der Badestube mit einem neuen Transport die Frau des deutschen Kommunisten Hans Kiepenberger angekommen sei. Sie war zu fünf Jahren verurteilt worden. Sie kam auf einen Unterabschnitt, und ich hörte nie wieder von ihr. Die Zugänge häuften sich. Es kamen Hunderte von Frauen, Opfer des neuen russischen Abortgesetzes. Im allgemeinen empfingen die Häftlinge diese Frauen mit Hohn und Gelächter. 117 Tasso hatte mir eine Nachricht geschickt. Sie arbeitete in der Verwaltung. Um mich sehen und sprechen zu können, war sie auf den Einfall gekommen, eine Inventur der Lagerkleidungsstücke der Häftlinge im Strafblock vorzuschlagen, und sie selbst führte diese Kontrolle durch. Unter irgendeinem Vorwand verließ sie den Raum des Natschalniks vom Strafblock, ließ mich aus der Baracke rufen, und wir standen seit Butirki wieder zum ersten Male beieinander. Sie erzählte mir kurz von ihren Verhören und ihrem Urteil und flüsterte:, Wenn du einen Brief rausschmuggeln willst, mache das schnell. Ich habe eine sichere Gelegenheit." Sie drückte mir Papier und Umschlag in die Hand, und ich rannte, um ein paar Worte an meine Mutter zu schreiben. Welche phantastischen Hoffnungen verbinden sich mit so einem Brief. Nur ist er nie angekommen. 99 Bald darauf kam ich in die Säcketrägerkolonne. Wir mußten von einer elektrisch betriebenen Reinigungsmaschine das Getreide in einen Speicher tragen, über ein schwankendes Brett bis hinauf auf den Getreideberg und den Sack über die Schulter hin ausleeren. Die Säcke wogen bis zu einem Zentner, und die Frauen ächzten unter der Last. An die Mauer des Speichers gelehnt saß ein Männerhäftling aus dem ,, freien" Lager und hänselte die vorbeigehenden Frauen. ,, Es wäre gescheiter, wenn du den Frauen hülfest, statt dich über sie lustig zu machen", meinte ich bissig. ,, Hört mal die deutsche Faschistin an, der sind die Säcke zu schwer! Da sind unsere russischen Frauen ein anderer Schlag! Bei uns sind die Frauen stolz, daß sie solch schwere Arbeiten machen können. Wir haben sogar Frauen- Udarnikis unter den Straßenbauarbeitern!" ,, Das ist schlimm genug. Besser wäre es, wenn die Männer mehr Rücksicht auf die Frauen nähmen, die sollen ja auch noch die Kinder zur Welt bringen!" rutschte mir heraus. Die anderen Frauen aus der Kolonne waren stehen geblieben. Und was mußte ich erleben? Sie ergriffen fast alle die Partei des Mannes. ,, Ja, wir sind auch stolz auf unsere Leistungen. Bei uns spielt die Frau eine andere Rolle als in den kapitalistischen Ländern. Wir sind gleichberechtigt!" Ich schwieg und verdrückte mich. - Von weitem sah ich Kolja, einen 18jährigen Jungen, der der Schützling von Maslow aus dem Büro der Reparaturwerkstatt war. Kolja war im Lager nach einem Gelenkrheumatismus schwer herzkrank geworden und in eine Art religiösen Wahn verfallen. Er kniete nachts außen an der Barackenwand und betete. Wenn Maslow ihn nicht behütet hätte, wäre er wohl schon lange gestorben. Kolja ging über die Lagerstraße und rief mir zu:, Weißt du schon, daß heute zwei Häftlinge in die Freiheit gegangen sind? Nazarenko wurde begnadigt, und Kriwinos ist heute gestorben!" 99 Unter den in den Strafblock Neueingelieferten traf ich auch Nadja Bereskina wieder. Meine muntere Nadja vom Untersuchungsgefängnis 118 und Transport hatte sich sehr verändert. Ihr hübsches, aber nacktes Gesicht hatte seinen Reiz verloren, es war nur noch brutal. Sie weinte ein wenig und erzählte mir von ihren verschiedenen Lagermännern: zuerst war es der Lagerläufer, ein Krimineller, dann ein Politischer, aber der ging auf Transport, und dann ein anderer, aber der behauptet, daß das Kind, das sie erwartete, nicht von ihm sei. ,, Und zu Hause habe ich meinen Jungen. Was wird werden, wenn ich wieder einmal in die Freiheit komme?" Sie war zu drei Tagen verurteilt, man hatte sie mit einem Mann erwischt. 12. DAS KRANKENHAUS VON BURMA ..NICHT MEHR FÜR SCHWERE KÖRPERLICHE ARBEIT ZU VERWENDEN" Dsagnidse, der georgische Lehrer, den ich schon aus der Zeit kannte, als Boris noch in Burma war, kam von einem Unterabschnitt zurück. Abends nach Arbeitsschluß unterhielten wir uns noch ein wenig. Dsagnidse war krank. Um mit ihm zusammen sein zu können, versuchte ich, von den Sackträgern fortzukommen, was mir auch gelang. Wir kamen zum Getreideumschaufeln. Im Staub der Steppengerste, oben unter dem Dach des Speichers, war es zum Ersticken. Man konnte kaum seinen Nebenmann erkennen. Von Zeit zu Zeit stürzte ich zur Tür, um Atem zu schöpfen. Mein Brustkorb schmerzte seit einigen Tagen. Der Brigadier brüllte mich an: ,, Dawaj, mach daß du an die Arbeit kommst!" Dsagnidse bat den Brigadier, einen Kriminellen, mich hinaus zu lassen und versprach ihm dafür Tabak. Daraufhin ließ man mich in Ruhe. Am nächsten Morgen, als der Aufseher durch die Baracke brüllte:„ He, Weiber, auf!" mußte ich alle Kraft zusammennehmen, um auf die Beine zu kommen. Beim Appell meldete ich mich krank. Der Feldscher gab mir das Fieberthermometer. Es zeigte nur 37,5 Grad, doch erst ab 38 durfte man in der Baracke bleiben. Also wieder in den Getreidespeicher. Dort gab es wenigstens einen Menschen, der mich bedauerte, der mich vor dem Brigadier und den Soldaten schützte. Mittags ging es zurück in den Strafblock. Ich glühte vor Fieber. Irgendwo trieb Dsagnidse ein Fieberthermometer auf und jetzt hatte ich wirklich über 40 Grad Fieber. Glücklich und zufrieden ließ ich mich ins Ambulatorium führen und meldete mich krank. Da lag ich auf den erbärmlichen Brettern im Schüttelfrost und halber Bewußtlosigkeit. Als ich am Abend zu mir kam, stand am Fußende der Bretter Dsagnidse und fragte, wie es mir ginge. Ich erwachte entsetzt:„ Um Gotteswillen, mach, daß du raus kommst, wenn man dich hier erwischt!" Und schon kam eine Wache, die ihn mit den gemeinsten Schimpfworten hinaustrieb. Dsagnidse ging zu einigen politischen Häftlingen und veranlaẞte, daß man mich in einen anderen Raum brachte, weg von den Kriminellen. 119 Sie holten mich in ein Zimmer, wo nur Politische waren, aber es gab nur einen Platz auf der Erde. Am nächsten Morgen machte man den Feldscher auf mich aufmerksam, der meinte trocken:„ Es wird wohl Brzelose sein." Am Tag darauf hielt er Malaria für wahrscheinlicher und am dritten Tag, als ich anfing Blut zu spucken, war er überzeugt, daß es was an der Lunge sei. So lud man mich mittags auf den Ochsenwagen, auf dem die dreckige Essentonne stand und band mich mit einem Strick daran fest, damit ich nicht herunterfiele. Im Krankenhaus mußte sich jeder Ankömmling waschen, da ich aber ohnmächtig ankam, war das unterblieben. Endlich lag ich in dem so heiß ersehnten Bett mit richtigem Laken, aber ach, auch mit unzähligen Wanzen und Läusen in der Wäsche. Das merkte ich aber erst nach vielen Tagen, als ich wieder zum Bewußtsein kam. In den Fieberphantasien hatten sich die Räder meines Ochsenwagens tief in den Sand gewühlt, es wollte und wollte nicht weiter gehen, so daß ich alle Hoffnung verlor.„ Es hat ja keinen Zweck mehr!" sagte ich zu der anderen, denn ich war in zweifacher Gestalt um diesen steckengebliebenen Karren bemüht. Mein anderes Ich aber protestierte: ,, Wir müssen weiter!" und sie schrie aus Leibeskräften„ Zobi- Zopp!" Wenn ich etwas zu mir kam, suchte ich im ganzen Raum nach der zweiten. Als der Arzt des Krankenhauses, ein politischer Häftling, die Neueingelieferten besuchte, sagte man ihm, daß ich eine ,, Njemka"( Deutsche) sei. Er sprach deutsch mit mir: ,, Wo sind Sie zu Hause? Ich kenne Deutschland sehr gut, habe in Leipzig studiert." So ging er an keiner Kranken vorbei ohne ein ermunterndes Gespräch, und auch nachts kam er zu den Schwerkranken. - - In der Zeit, die ich im Krankenhaus" zubrachte es war etwas größer und höher gebaut als die gewöhnlichen Häftlingsbaracken gab es mehrere Räume mit Brzelosekranken. Das Aussehen dieser Menschen glich auf ein Haar den Fotos, die man aus deutschen Konzentrationslagern zeigt. Als ich mich nach vierzehn Tagen das erstemal an der Wand des Korridors entlang tastete, saß da auf einem Schemel ein bis zum Skelett abgemagerter Mann und las in der„ Prawda". Das war die erste Zeitung, die mir in Burma zu Gesicht kam. Ich bat den Mann, sie mir zu leihen. Er blickte mich erstaunt an, wohl wegen des deutschen Akzents und fragte: ,, Sind Sie die Deutsche dort aus dem Raum?"" ,, Ja, wes,, Sie laufen schon wieder herum? Ich hätte nie gedacht, daß Sie noch einmal auf die Beine kommen könnten!" Er erzählte mir, daß er Arzt sei und vertretungsweise vor einer Woche die Visite gemacht habe, und so auch in unserem Raum gewesen sei. Er war schwer an Brzelose erkrankt und schon seit Monaten im Krankenhaus. halb?" 120 - Das Krankenhaus war sehr überfüllt, überall auf dem Korridor lagen Kranke, doch hatte jeder sein Bett. Die Betten hatten sogar Laken, und man bekam ein Hemd und eine Hose als Wäsche. Leider erhielt man sie zwar gewaschen, aber schon mit neuen Läusen versehen. Außer den Brzelosekranken waren erstaunlich viele Syphilitiker dort. Überhaupt waren in Burma Geschlechtskrankheiten sehr verbreitet, obgleich man die sogenannten unheilbaren Fälle in besondere Abschnitte für Geschlechtskranke abschob. An der Tür des Ambulatoriums war ein Zettel angeschlagen: Montags: Spritze, Dienstags: Einreibung usw. und als Überschrift: ,, Wochenplan für Lueskranke". In der Mittagszeit, wenn Behandlung war, standen sie in langen Schlangen an. * Eines Tages besuchte mich Tasso Salpeter im Krankenhaus. Das war natürlich streng verboten, doch sie kümmerte sich nicht darum. Sie brachte mir die neuesten Nachrichten aus dem„, freien" Lager und vom Krieg in Europa. ,, Was hältst du vom russisch- deutschen Freundschaftspakt?" fragte ich. ,, Hat dich das auch nur einen Augenblick gewundert? Stalin hält Hitler den Rücken frei, damit er mit Frankreich, Belgien und Holland fertig werden kann. Das hätte er doch bei zwei Fronten niemals wagen können. Und was wird aus uns? Werden wir jemals lebend hier rauskommen?" Wie gut Tasso trösten konnte:„ Nazarenko, der zu 15 Jahren verurteilt war, ist amnestiert worden, vielleicht kommen wir auch dran. Zwar werde ich dann eine Glatze haben und keine Zähne mehr, aber, nitschewo! Nur Tiflis noch einmal sehen!" Sie zeigte mir ihre spärlich gewordenen schwarzen Zöpfe und wie ihre prachtvollen Zähne alle wackelten. 99 * Nach drei Wochen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Dem Lagerarzt in Burma habe ich mein Leben zu verdanken. Nicht nur seine Fürsorge während der Krankheit hat mich gerettet, er stellte mir auch noch einen Schein aus: Wegen allgemeiner Schwäche nicht mehr für schwere körperliche Arbeit zu verwenden", und gab mir außerdem einen Antrag auf Zusatzernährung und auf ,, Innendienst" für 14 Tage mit. So kam ich zurück in den Strafblock, erhielt einen Platz auf den Brettern in einem Raum, in dem eine alte Tolstojanerin ,, Newalnaja" war und traf alle meine alten Freunde aus der Brigade wieder, die inzwischen in den Rayon zurückgekehrt waren. Trotz der Überfüllung des Strafblocks hatten sie es fertig gebracht, einen Raum von Kriminellen und Asozialen freizuhalten. Das war ein schwerer Kampf gewesen. Bei meiner Rückkehr gab man mir einen Zettel von Dsagnidse:„ Lebewohl und vergiẞ mich nicht! Ich werde heute auf einen Invalidenabschnitt transportiert.“ 121 - In den 14 Tagen Schonzeit machte ich die Bekanntschaft einer Leningrader Sprachlehrerin, die den ganzen Tag auf den Brettern lag. Sie war eine zarte Frau von 30 Jahren und so schwer herzkrank, daß sie beim Gehen nach Atem rang. Sie wurde selbst vom Feldscher nicht zur Arbeit geschickt. Sie erzählte von daheim, von ihrem kleinen Mädchen. Einmal fragte ich sie nach ihrem Urteil. Erschreckt bat sie:„ Es ist besser, über so etwas nicht zu reden." Nach einer Weile aber: Sprechen Sie englisch?" ,, Ja." ,, Das ist gut, dann können wir miteinander sprechen, aber niemals auf russisch. Man kann hier den Wänden nicht trauen!" Und so erfuhr ich, daß sie die Tochter eines Leningrader. Ingenieurs war, der beim Schachty- Prozeß im Jahre 1928 verhaftet worden, für fünf Jahre ins Lager nach Sibirien gekommen und dort nach drei Jahren verstorben war. Sie liebte ihren Vater über alles und trug eine kleine zerknitterte Fotografie bei sich, die sie durch die Untersuchungshaft gerettet hatte. Sie hatte sich niemals politisch betätigt und war seit fünf Jahren mit einem Ingenieur verheiratet. Ihre Anklage lautete auf Spionage, sie hatte Engländern russischen Unterricht erteilt. Nach vierzehn Tagen wies man mich der Kolonne„ Gemüsekeller" zu, und von da ab wurde ich der ,, Ernährer" meines Barackenraumes. Das war ein aufregendes, aber um so befriedigenderes Leben. Der Gemüsekeller barg Schätze wie Kartoffel, Mohrrüben, rote Rüben und Zwiebel, Dinge, die wir im Strafblock niemals zu essen bekamen. Das große Problem war: wie stiehlt man, ohne erwischt zu werden? Alle Häftlinge der Kolonne wurden das erstemal beim Verlassen des Kellers und ein zweitesmal beim Betreten des Strafblocks visitiert. Nun war es auf einmal ein Glück, eine Politische zu sein, denn ich wurde nur auf dem Rücken und an den Seiten des Körpers abgetastet, während man Kriminelle und Asoziale auch an Brust und Bauch untersuchte. Da konstruierte ich mir einen Beutel, der wurde an einer Strippe um den Bauch gebunden. Den galt es nun tagsüber, während der Arbeit, langsam mit Kartoffeln und Mohrrüben anzufüllen. Dann kamen noch ein paar Zwiebel in den Busen, und man trat leicht schwitzend vor Angst zum Nachhausemarsch an. Aber es lohnte sich wirklich. Was für ein Jubel im ganzen Raum, wenn die Beute auf die Bretter geschüttet wurde einer stand dabei selbstverständlich an der Tür und hielt sie fest zu, damit keiner aus einem anderen Raum es merkte und dann bereitete - - uns die alte Newalnaja in mehreren großen Konservenbüchsen eine Kartoffelsuppe. Dazu hatte sie schon tagsüber Kohlen gestohlen. Jeder im Barackenraum bekam seinen Anteil, und nach ein paar Wochen konnte man schon feststellen, daß wir uns erholten. Nach einiger Zeit passierte mir ein Unglück. Ich hatte mir Wasser zum Waschen ,, organisiert", stolperte mit meinen Riesenschuhen über die Türschwelle und brach mir dabei den Mittelfußknochen. Daß es dieser 122 Knochen war, erfuhr ich erst sechs Jahre später in der Freiheit durch eine Röntgenaufnahme. Damals merkte ich nur, daß es mir fast unmöglich war aufzutreten und der Fuß rot und blau anschwoll. Ein Ereignis, das ich vor meiner Arbeit im Gemüsek eller begeistert begrüßt hätte, war nun Anlaß zu tiefster Verzweiflung des ganzen Barackenraums. Der Feldscher pinselte den Fuß mit Jod und verordnete Innendienst. Ich übte mich mit verzerrtem Gesicht darin aufzutreten. Es ging ein wenig, wenn auch nur auf der äußersten Kante des Fußes. Am nächsten Morgen stand ich eisern bei der Kolonne„ Gemüsekeller". Aber als der Marsch losging, kam ich nicht mit, und ein Hagel von Schimpfworten und Flüchen des Postens ergoẞ sich über mich. Doch war ich erstens schon abgehärtet und außerdem hatte ich meine Pflichten, und das war das Entscheidende. Und dann fanden sich zwei brave Mithäftlinge, die mich unterfaßten und zur Arbeitsstelle schleppten. * Es war Winter geworden in Burma. Das ist die Zeit, in der es den Häftlingen besser geht. Gearbeitet wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und da die Sonne im Winter eben nur kurze Zeit scheint, ist der Arbeitstag erträglicher. Bei über 30 Grad Kälte wird nicht zur Arbeit ausgerückt und auch nicht bei Schneesturm. Die gefürchtetste Arbeit des Strafblocks im Winter ist die Schneehäufelung. Da wird der Schnee zusammengeholt und auf die Felder geworfen, vor allem auf das Gebiet der Gärtnerei, damit im Frühjahr bei der Schneeschmelze möglichst viel Wasser in den Boden eindringt. Dann gab es vor allem Kolonnen im Getreidespeicher. Die Kolonne muß sich am frühen Morgen, bei Sonnenaufgang, ihren Weg durch die riesigen Schneewehen bahnen. Die Luft glitzert von Schneekristallen. Wenn nicht das schwere Einatmen wäre, würde man die Kälte nicht spüren, so windstill ist es in der Steppe. Ein unendlicher Frieden. Und mit Gefluche und Gekreisch torkelt die Kolonne durch die Schneehaufen. In dieser Zeit gab es stets eine Menge Frauen, die von der Arbeit ,, dispensiert" waren, die sogenannten, Unbeschuhten" und„ Unbekleideten". Asoziale und Kriminelle reisten darauf. 99 Ich erinnere mich an einen Zählappell, als man eine derbe, großgewachsene Asoziale aufforderte, sich zur Arbeit anzustellen. Sie hob ihren Rock, zeigte sich nackt bis herauf zum Bauch und kreischte: ,, Kann ich etwa so arbeiten gehen?" Das wurde mit allgemeiner Heiterkeit und Freude quittiert, und sie brauchte nicht zu arbeiten. Die Häftlinge ruhten sich aus und wurden geselliger. Am Abend sangen wir oft. In meinem Barackenraum gab es eine Opernsängerin aus Leningrad und eine Konzertsängerin aus Charkow. Die beiden wetteiferten miteinander, und ich muß gestehen, daß es kein reines Ver123 gnügen war, wenn die Opernsängerin in unserer winzigen Bude ihre gewaltige Stimme erhob. Doch waren wir ein sehr dankbares Publikum, und die arme Opernsängerin bedurfte so sehr der Anerkennung. Sie war neben Tamara am meisten von allen verlaust. Nachts saß sie oft bei der Petroleumfunzel und kratte die Läuse aus den Nähten ihres Hemdes. Sie hatte ein sehr bleiches, großes, regelmäßiges Gesicht mit leicht gebogener Nase und dunklen Augen. Das glatte Haar trug sie gescheitelt in einem Knoten. Ein blondes Mädchen aus einer russischen Kleinstadt sang mit einer schönen, einfachen Stimme ein Volkslied mit vielen, vielen Strophen von dem traurigen Schicksal eines Fischers. Und diese Melodie klingt mir noch jetzt in den Ohren. Auch eine Tänzerin hatten wir, das Tamara, meine Freundin. Irgendwo, hatte sie ein feuerrotes Tuch aufgetrieben und tanzte nun auf Kosakenart, mit bezauberndem Temperament. war Eines Morgens hörte ich, daß man sich zur Sprecherlaubnis beim Lagerkommandanten melden könne. Eine große Gruppe aus dem Strafblock wurde nach der Arbeitszeit zum Verwaltungsgebäude gebracht. Unendliches Warten, jeder wurde einzeln vorgeführt. Während wir auf dem Korridor warteten, hörte ich, wie man drinnen im Zimmer mit den kriminellen und asozialen Frauen lachte. Da saßen Serikow, der Lagerkommandant, und der Natschalnik der NKWD an einem Tisch, umstanden von einigen uniformierten Untergebenen. Ich meldete mich vorschriftsmäßig, man suchte meinen Aktendeckel, und Serikow mit seinem runden, freundlichen Mondgesicht fragte mich, was ich wolle. Von Serikow war allgemein bekannt, daß er Wodka über alles liebte, und man sang auch ein Liedchen auf ihn: ,, Nje bojimsa Serikow, Serikow...", das war eine Umdichtung des Liedes aus dem Disney- Film ,, Die drei kleinen Schweinchen": ,, Wir fürchten nicht den sjeri wolk( den grauen Wolf)... 66 - ,, Ich bitte um eine Auskunft. Warum bin ich in den Strafblock gekommen?"- ,, Weshalb Sie in den Strafblock eingeliefert wurden, darüber können wir Ihnen keine Auskunft geben." ,, Und wie lange werde ich im Strafblock bleiben?" Der Natschalnik der NKWD blätterte in den Papieren herum, es dauerte eine Weile, bis er antwortete und dann höhnisch grinsend: ,, Do kontschanje sroka!"( Bis ans Ende Ihrer Frist.) Das bedeutete noch drei Jahre schwerer körperlicher Arbeit bei schlechtester Ernährung. Dieses ,, do kontschanje sroka" kam einem Todesurteil gleich. * Man munkelte allgemein, daß sich in unserem Barackenraum ein Spitzel befände. Alexandra flüsterte mir zu: ,, Entweder ist es Nina, die ehemalige Parteiarbeiterin, oder Raisa aus Charbin. Bei der letzten 124 Sprecherlaubnis hat der Natschalnik der NKWD der Ponjatowska ganz merkwürdige Fragen gestellt." Nichts ist unerträglicher als die Vorstellung, daß dein Nachbar vielleicht ein Verräter ist. Was habe ich ihr, um Gottes willen, erzählt? Wenn sie will, kann sie mir daraus einen Strick drehen und es als konterrevolutionäre Äußerung auslegen. Und da sitzt abends Nina nun auf den Brettern in einem schwarzen, zerschlissenen Unterrock, von dem ihre bleichen Schultern und Arme mit dem schütteren Fleisch häẞlich abstechen und spricht mit einer Stimme, die gewohnt ist, daß man ihr lauscht. ,, Es ist auch hier unsere Pflicht, wachsam zu sein. Unsere Heimat befindet sich in großer Gefahr..." Ich drehte mich angeekelt auf die andere Seite:„ Tamara, ist das nicht zum Ausspucken?" ,, Diese Reden hält sie nur für den Spitzel. Das mußt du begreifen. Wer weiß, was sie irgend jemand leise gesagt hat." Nina war zu 15 Jahren KZ verurteilt. Nicht lange danach wurden wir von unseren Zweifeln befreit. Raisa, die Fabrikarbeiterin aus Charbin, war der NKWDSpitzel. Unvorsichtigerweise hatte man sie während der Arbeitszeit von ihrer Kolonne weggeholt, außerdem meldete sie sich zu jeder Sprecherlaubnis. - ** Mit dem beginnenden Winter kamen auch die ersten Pakete. Während der Frühjahrsbestellung, Sommerzeit und Erntezeit ist es nicht erlaubt, Pakete zu erhalten. Man will die Häftlinge zwingen, um die 600 Gramm Brot das Pensum zu schaffen. Mit Paketen wäre der Hunger nicht so groß. Das erste Paket war ein Ereignis. Es war die Leningrader Lehrerin, die es von ihrem Mann bekam. Die Schachtel wurde zurückbehalten und der Inhalt einer sehr genauen Kontrolle unterzogen. Nur die wenigsten Häftlinge bekamen von ihren Angehörigen Pakete geschickt. Wer wagt es schon, für einen Häftling in Sibirien ein Paket auf die Post zu bringen, wenn er damit seine eigene Freiheit aufs Spiel setzt? Unsere alte ,, Newalnaja" war die zweite Glückliche. Ihre 12jährige Enkelin hatte das Paket gepackt und als Absender gezeichnet. ,, Mein liebes kleines Mädchen, wie schön sie alles gemacht hat!" Und dabei lag ein Zettel, auf dem mit Kinderschrift stand: ,, Liebe Babuschka, ich habe den Zucker ganz klein gebrochen, so wie Du ihn liebst. Ich denke immer an Dich... 66 Die alte Tolstojanerin erzählte mir, wie sie mit ihrer kleinen Nadja zusammengelebt hat. Wie sehr sie dieses Kind liebte! Als mich die NKWD aus dem Hause wegführte, lief das Kind weinend hinterher und schrie: Laßt mir meine Babuschka!' Man wollte sie zurückhalten, doch sie sprang in ihrer Verzweiflung vor das Auto, in das ich stieg. Ich sah 125 S.. noch, wie man sie wegschleppte." Jedes dieser ersten Pakete löste Tränenströme aus. Man hat uns nicht vergessen! 29. Die kleine, rundliche Alexandra litt erbärmlich unter dem Hunger. ,, Soll ich an meinen Mann schreiben? Soll ich ihn, nach allem, was vorgefallen ist, um etwas zu essen bitten?" Sie kämpfte einen schweren Kampf. Nein, er ist ein Feigling und wird auch das nicht machen." Aber da fiel ihr eine Moskauer Bekannte, eine alte Schauspielerin, ein. Vielleicht ist sie nicht verhaftet. Sie wird mich nicht vergessen haben. Nur um ein wenig Zucker will ich sie bitten." Der Brief wurde abgeschickt, und ich erlebte noch, kurz vor meinem Abtransport aus Burma, Alexandras erstes Paket, das einige Kilo Zucker enthielt. 99 Und dann kam ein schmerzlicher Abschied: unsere geliebte alte Tolstojanerin wurde auf einen Invalidenabschnitt transportiert. Unser Barackenraum war ohne sie völlig verwaist. Mich traf der Abschied besonders hart. Keiner erwartete mich nun mehr am Abend mit liebevollem Lächeln. Für Tamara war es so, als habe sie eine Mutter verloren. Jetzt gab es keinen mehr, der ihr die Sachen sauber hielt, und Tamara selbst hatte keine Kraft dazu. Der Strafblock hatte sein Gesicht von einem Tag zum anderen gewandelt, wir hatten nämlich ungefähr 150 Zugänge, nur Kriminelle, bekommen. Alle Gänge waren überfüllt, trotz der Kälte lagen sie in dem Raum vor der Baracke, in dem weder Türen noch Fenster eingesetzt waren. Man sang, es wurde Wodka getrunken, Lebensmittel wurden eingeschmuggelt. Von diesen Zugängen ging kaum einer zur Arbeit. Sie waren aber nicht neu im Lager, sondern wurden, wie man mir erzählte, gesammelt, um auf einen Strafabschnitt transportiert zu werden. Die Kriminellen sangen ihre eigenen Lieder, solche, die in der Haft und in Sibirien entstanden sind. Da mir der Jargon der Kriminellen fremd war, dauerte es lange, bis ich überhaupt etwas von diesen Liedern verstand. Sie waren eine Mischung von Sentimentalität und Betonung ihres Banditenselbstbewußtseins.„, 0 Moskwa, Moskwa, Moskwa, Moskwa, haha! Wieviel Kummer hast du uns gebracht, haha! Nur mit einer zerschlagenen Fresse bist du ein richtiger Bandit! Ach, warum hat uns die Mutter geboren, haha!" Ein anderes Lied besingt im Rhythmus eines fahrenden D- Zuges den miẞglückten Versuch, in der Eisenbahn von Pensa nach Moskau einen Koffer zu stehlen, und wieder ein anderes machte sich über Untersuchungsrichter und Staatsanwalt lustig. Auch die Lagerobrigkeit wurde in vielen Liedern verulkt. 22 Im Strafblock gab es noch einen Tolstojaner, es war ein Mann von. ungefähr 60 Jahren, den ich schon im Sammelpunkt des Lagers gesehen hatte, als er mit seiner Konservenbüchse um einige Löffel Suppe bettelte. Seine erste Funktion in Burma war die eines Wächters vor dem Arrestlokal. Das Lagergefängnis war noch mit einem besonderen Stacheldraht126 zaun umgeben. Vor der Eingangstür saß Alexej Michailowitsch, um aufzupassen, daß sich keiner den Eingesperrten näherte und ihnen Essen zusteckte. Alexej Michailowitsch versah sein Amt zur völligen Zufriedenheit aller Häftlinge. Er nahm alles entgegen, was man den Arrestanten schicken wollte und übergab es ihnen persönlich. 22 Nun saß er auf der Erde, mit einem Knüppel zwischen den Knien, in Lumpen von Kopf bis Fuß. Sein Gesicht war nur Bart. Daraus blickten ein Paar menschliche blaue Augen hervor. Er hatte wohl gehört, daß ich eine Deutsche sei, und so rief er mich eines Tages zu sich: Margarita Genrichowna, komm ein wenig her zu mir, wir wollen über Boris sprechen, der war doch auch mein Freund, wo mag er wohl hingekommen sein?" Auf der Backe hatte er einen offenen Furunkel, der Eiter war mit den Barthaaren verklebt. Aus seiner verschossenen Wattejacke hing überall die Füllung heraus. Seine Kulihosen waren beim Sitzen hochgerutscht, man sah die nackten, abgemagerten Beine mit lauter blauen Flecken bedeckt. ,, Von welcher Stadt in Deutschland bist du denn?" ,, Aus Potsdam, Alexej Michailowitsch." Was du nicht sagst, aus Potsdam! Ja, daran kann ich mich gut erinnern. An Sanssouci und die große Fontäne." ,, Waren Sie denn einmal in Deutschland?" Ich muß wohl ein sehr zweifelndes Gesicht gemacht haben bei dieser Frage. ,, Wenn man mich hier so sieht", und er zeigte auf die mit Lumpen umwickelten Füße ,,, wird's wohl keiner glauben. Als Student habe ich eine Reise durch Deutschland gemacht, war in Paris und fuhr über das Mittelmeer nach Rußland zurück. Ja, das waren noch Zeiten." - 92 - 22 Er wehrte mit der Hand die Fliegen ab, die wie wild nach den Furunkeln waren. Er wollte, daß ich ihm von meinem Leben erzähle. So nach und nach erfuhr ich, daß sein Vater einen Bauernhof besessen hatte, den er nach dessen Tod erbte. Er lebte wie ein einfacher Bauer, als aber die Kollektivierung kam, weigerte er sich, in die Kollektivwirtschaft einzutreten., Und weil ich öffentlich für Menschlichkeit eingetreten bin und die Methoden kritisiert habe, die man auf dem Dorfe anwandte, haben sie mich dann geholt." Er war schon das vierte Jahr in Haft. Alexej Michailowitsch wurde bald seines Postens als Wächter enthoben, weil man feststellte, wie gut er für die im Arrest Sitzenden sorgte. Als ich vom Ziegeleiabschnitt zurück nach Burma kam, hatte er ein neues Amt: er war der für den ,, Kipjatok" Verantwortliche. In einem kleinen Verschlag neben der Männerbaracke stand ein ,, Titan", das ist eine Heißwassermaschine, und., Kipjatok" das heiße Wasser für den Tee, ohne das sich ein russischer Mensch selbst in der Haft des Leben nicht vorstellen kann. Es gab zwar keinen Tee, doch monatlich ein kleines Päckchen irgendeines Ersatzes aus Apfelkernen und Apfelschalen, und dafür gab es für jeden Häftling zweimal täglich je eine halbe Konservenbüchse voll kochenden Wassers. In dem kleinen Verschlag saẞ 127 nun mein Freund und heizte den ,, Titan" und teilte ohne Flüche, nach Recht und Gerechtigkeit, das heiße Wasser an die Insassen des Strafblocks aus. * Schneesturm! Man hatte vom Kipjatokhäuschen zu den Baracken ein Seil gespannt, an dem man sich vorwärtsziehen mußte, um nicht von der Gewalt des Sturmes mitgerissen zu werden. Die Mittagszeit war schon vorüber, und wir hatten weder Suppe noch Brot bekommen, weil der Ochsenwagen in diesem Sturm nicht vorwärts kam. Draußen heulte die gleichmäßige Melodie des Orkans. Wir lagen auf den Brettern, mußten nicht arbeiten und waren glücklich, denn Tamara erzählte Geschichten. Heute war es die Puschkin'sche Erzählung ,, Schneesturm". Tamara war wirklich eine Künstlerin. Manchmal ging eine zur Tür, um zu kontrollieren, ob wir noch hinaus könnten, aber diesmal häufte sich die Masse des Schnees auf der anderen Seite der Hütte an, er raste über den Platz vor der Baracke, man konnte nicht fünf Meter weit sehen und es war kaum möglich zu atmen. Drinnen aber sangen wir, und es gab ein Lied, das bei allen Häftlingen sehr beliebt war. Das stammte von den„, Bjesprisornijs", jenen elternlosen Kindern, die es nach Krieg, Revolution und Hungersnot massenweise in Rußland gegeben hatte. Einen Vers sang man mit besonders schmerzlichem Gefühl: ,, Und sterbe ich, und sterbe ich, begrabt mich irgendwo, und niemand wird dann wissen, wo mein kleines Grab liegt." Durch einen Zugang erfuhren wir, daß es im Lager Karaganda besondere Abschnitte für Jugendliche gab, also für jene Bjesprisornijs", von denen man sowohl in Sowjetrußland als auch im Ausland annahm, daß sie in vorzüglichen Kinderheimen untergebracht seien, einen Beruf erlernten, und deren Umschulung als besonderer Beweis der erzieherischen Tüchtigkeit der Sowjetpädagogen hingestellt wurde. Ich erinnere nur an den Film„ Der Weg ins Leben". Aber dieser Weg endete in Wirklichkeit für Tausende solcher Kinder im Konzentrationslager. 22 Die Frau, die aus einem Jugendabschnitt zu uns kam, berichtete, daß die Zustände dort ungeheuerlich seien. Es wäre nicht möglich, mit seiner Konservenbüchse voll Suppe und der Brotration von der Küchenbaracke in seinen Block zu kommen, ohne daß aus dem Hinterhalt plötzlich ein kleiner Bengel hervorgestürzt käme, im Vorbeirennen die Konservenbüchse und das Brot wegriß und verschwand. ,, Ich danke meinem Schöpfer, daß ich wieder unter Menschen bin", beendete sie ihre Erzählung. Eines Tages, im Dezember 1939, wurde ich nach der Arbeit aus der Baracke gerufen. Ein Beamter aus der Verwaltung stand im Raum des Strafblock- Natschalniks und fragte mich: ,, Wollen Sie im Büro der Rayonverwaltung arbeiten?"- ,, Ja, aber werde ich denn aus dem Strafblock 128 entlassen? Wie kann ich vom Strafblock aus dort arbeiten?" wandte ich mit verständnislosem Gesicht ein. ,, Sie werden unter Bewachung im Büro arbeiten. Nicht in der Hauptverwaltung, sondern bei der Registrierung für Lagerkleidung. Morgen früh führt Sie der Posten dort hin." Ich saẞ in einem großen Raum an einem besonderen Tischchen in der Ecke, der Posten ging zwischen Zimmer und Korridor hin und her. In diesem Büro arbeiteten noch fünf andere Frauen aus dem ,, freien" Lager, unter ihnen Tasso. Es war mir verboten, mit ihnen zu sprechen. Aber verbiete das mal. Kaum drehte der Posten den Rücken, ging es schon los. ,, Gretuschka, was hat das zu bedeuten? Was machen sie mit dir für Extravaganzen! Serikow ist wohl dein Freund?" Es war so gut, so warm, so heimlich in diesem Büroraum, auf meiner Bank in der Ecke und vor mir die Karteikarten von Häftlingen, die eine Lagermütze oder Jacke oder Hose bekommen hatten. Tasso brachte mir ein Stück Brot und ein Stück Zucker, dann kam in einem Emaillebecher eine ganz besondere Attraktion: Tee- Ersatz. Der Posten wußte nicht recht, ob er einschreiten sollte oder nicht, und darum sagte er gar nichts. Da ging die Tür auf, und mit einem Gesicht, das noch verbitterter war als früher, kam Grete Sonntag in das Verwaltungsbüro. Ganz zufällig. Tasso sah sie und machte ihr Zeichen, sich in meine Richtung umzudrehen. Grete Sonntag sah mich, und ein Gemisch von Freude, Erschrecken und Schuldbewußtsein stand in ihrem Gesicht geschrieben. Tasso flüsterte ihr etwas zu. Grete Sonntag winkte mit den Augen ein ,, Auf Wiedersehen!" und verließ den Raum. Nach einer halben Stunde kehrte sie schmunzelnd zurück, in der Hand ihren ,, Katylok", der mit einem Stück Papier zugedeckt war. Durch Zeichensprache verständigten wir uns, was nun zu erfolgen habe. Meine leere Konservenbüchse stand unter der Bank, ich rückte sie an den äußersten Rand. Wir warteten, bis der Posten den Rücken drehte, dann lief Grete Sonntag zu meiner Bank, stellte den vollen ,, Katylok" darunter und nahm den leeren mit. Ein delikater Geruch nach etwas Gebratenem erfüllte den Raum. Alles schnupperte und lachte verschmitzt. Ich konnte nicht widerstehen, hob das Papier und erblickte Bratkartoffeln. So etwas vor dem Soldaten zu verspeisen war unmöglich, ich mußte bis zur Mittagspause leiden. Und unter den Kartoffeln lagen sogar Fleischstückchen. Habe ich schon erzählt, daß Grete nicht nur die ,, Fellbase" von Burma unter sich hatte, sondern auch mithalf, wenn Tiere geschlachtet wurden? Das hatte sie bei ihrem Vater in Mannheim- Viernheim gelernt, der im Hauptberuf Ofensetzer war, in der toten Saison jedoch als Schlächter arbeitete. Vor der Fellbase", auf der Steppe, wurden die Tiere geschlachtet, und Grete Sonntag verteilte das Fleisch. Selbstverständlich fiel dabei auch etwas für sie ab. 99 Nur vierzehn Tage währte diese köstliche Zeit im Büro der Verwaltung. Alle alten Bekannten aus dem freien Lager kamen, um mich 9 Buber: Gefangene. 129 zu besuchen. Stefanie Brun, die einen Posten im Büro der Hauptverwaltung hatte, brachte Machorka und einige Bonbons aus dem ersten Paket ihrer Tochter. Wir bekamen beide einen Schreck, als wir uns ansahen. Stefanies Gesicht war eingefallen, sie hatte Säcke unter den Augen und geschwollene Hände und Füße. Sie fuhr sich mit der Hand ums Kinn und wies mit einem Kopfschütteln auf mich: ,, Wohin sind die runden Backen gekommen?" meinte sie. Auch meine ehemaligen Kollegen aus dem Büro der Reparaturwerkstatt hatten auf einmal alle in der Verwaltung zu tun. Gregorij Iljitsch humpelte am Stock einher. Sein gebrochenes Bein war schlecht verheilt. ,, Jetzt werde ich bald für den Invalidenabschnitt reif sein", rief er mir zu. Und Klement Nikifrewitsch, der mit ihm gekommen war, strahlte vor Freude über diese glückliche Wendung:„, Paß auf, du gehst noch früher nach Hause als wir alle!" Grete Sonntag kam jeden Tag mit ihrer Gabe, und es gelang uns auch, ein wenig miteinander zu sprechen. Hinter dem Abort bei der Verwaltung standen wir flüsternd: ,, Glaubst du, daß wir jemals hier herauskommen? Jetzt, wo Stalin auch noch einen Freundschaftsvertrag mit Hitler gemacht hat? Da sind wir Kommunisten ihnen doch erst recht im Weg", argumentierte Grete Sonntag. ,, Ich träume immer von meiner Mutter. Die ist sicher gestorben." Und ihre traurigen Augen füllten sich mit Tränen. Eines Tages rief man während der Arbeitszeit aus einem Nebenraum, in dem der Natschalnik saß, nach mir. ,, Tasso, was wollen die? Meinen die mich?" Tasso zappelte mit Armen und Beinen: ,, Los, das ist was Wichtiges, beeile dich doch!" Ich meldete mich: ,, Nr. 174 475, MG. B- N. Sozialgefährliches Element, 5 Jahre."- ,, Es ist ein Radiogramm aus Dolinki gekommen; Sie müssen in den Sammelpunkt des Lagers Karaganda transportiert werden", sagte der Natschalnik geschäftsmäßig. ,, Ja." Ich drehte mich um und ging mit leicht schwankenden Schritten hinüber in den großen Raum der Verwaltung. Freude fühlt man da gar nicht. ,, Warum lachst du denn nicht! Du Glückliche, du gehst in die Freiheit!" riefen alle durcheinander. Tasso sprang hinter der Barriere hervor und umarmte mich trotz Soldat und Strafblock.„, Gretuschka, das ist wunderbar, vielleicht wirst du auch Heinz bald wiedersehen!" ,, Meinst du? Ich kann das Ganze nicht begreifen. Komisch, daß man sich nicht mehr freut. Mir dröhnt es nur in den Ohren, wie damals beim Urteil!" - Jetzt brauchst du nicht mehr zu arbeiten! Geh in den Strafblock und packe dein Zeug zusammen, vielleicht geht's schon heute abend los!" Der Soldat machte einen schwachen Versuch, etwas einzuwenden, aber Tasso schickte ihn, man könnte fast sagen, befahl ihm, zum Natschalnik zu gehen und sich zu erkundigen. Mit den Worten:„ Die 130 Angelegenheit ist in Ordnung", kam er zurück und nahm sein Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett unter den Arm.. ,, Dawaj, gehen wir!" Er hatte sich aber geirrt. Wir mußten doch erst Abschied nehmen. Umarmungen, Wünsche und Tränen. Inzwischen hatte man nach Grete Sonntag geschickt: ,, Wir werden uns nie wiedersehen. und ich muß hier allein bleiben!" Sie ging neben uns her, als der Soldat mich in den Strafblock zurückbrachte, schluchzend, verzweifelt, hoffnungslos • .. Als die Politischen am Abend einrückten, war zuerst große Freude über die neue Nachricht. Als aber Ponjatowska sagte:„ Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß Greta in ein Ausländerlager kommt, irgendwo in Zentralsibirien, dazu wird sie auch über den Sammelpunkt des Lagers transportiert", gab es eine ganze Reihe, die sich ihrer Meinung anschlossen. Daraufhin begann man unter den Politischen des Strafblocks für mich als„, Habenichts" zu sammeln. Ein Transport nach Zentralsibirien, in ein anderes Lager, konnte viele Wochen dauern und war verbunden mit Hunger und großen Strapazen. Man beschenkte mich mit einem Sack voll Brot, einem Säckchen getrockneter Fische und sechzig Rubeln. Das war ein Vermögen, wenn man bedenkt, daß ein Häftling im Strafblock, monatlich bei stets erfülltem Pensum höchstens fünf bis sechs Rubel verdienen konnte. - Zum letzten Mal saßen wir auf den Brettern. Die Konzertsängerin aus Charkow mußte mir unbedingt noch die Karten legen. Und diese selbstgemachten Karten versprachen mir ganz großes Glück: ,, Nach vielen Leiden wirst du endlich in deine Heimat zurückkehren, in dein Vaterhaus. Und du wirst noch viel Glück in deinem Leben haben." Während sie meine Hand in der ihren hielt und die Handfläche aufmerksam betrachtete, balancierte eine dicke Kleiderlaus auf ihrem Halstuch entlang. Ich nahm sie ihr höflich ab und knackte sie sachverständig. Dann lag ich zwischen Tamara und Alexandra und konnte nicht einschlafen vor Ungewißheit. Am nächsten Tag erfuhr ich, daß außer mir noch ein usbekischer Offizier aus dem Strafblock zum Sammelpunkt transportiert würde. Ich sah ihn zum ersten Mal, und das gleiche Schicksal machte uns vertraut. Er war zu fünfzehn Jahren Lager verurteilt, von denen er erst zwei Jahre hinter sich hatte. Die Sonne schien strahlend auf den frisch gefallenen Schnee; wir standen da und fühlten uns schon nicht mehr zugehörig zu denen vom Strafblock in Burma. Einigemale an diesem letzten Tag ging Grete Sonntag am Stacheldraht vorbei und grüßte mit bekümmertem Gesicht zu mir herüber. Als sie stehen blieb, um noch einmal ,, Lebewohl!" zu rufen, erhoben die zottigen Hunde, die an jeder Seite des Stacheldrahts Wache hielten, ein mörderisches Gekläff, und sie lief schnell fort, damit der Posten in der Wachstube sie nicht bemerke. 9* Am Abend wurden wir abgeholt. Mein Barackenraum gab mir das 131 Geleit bis zur Wachstube, und viele, viele gute Wünsche schallten mir nach, als ich mit meinem Bündel durch den Schnee davonstapfte. Auf dem Korridor der Hauptverwaltung hockten wir uns auf unsere Säcke nieder. Drei alte Männer saßen schon da, die auf einen Invaliden- abschnitt gebracht wurden. Wir warteten Stunden um Stunden. Es war gegen 10 Uhr, als die Tür aufging und Stefanie Brun auf den Korridor trat.„Greta, ich mußte dich noch einmal sehen, dir Lebewohl sagen“, flüsterte sie aufgeregt.„Steffi, du hast es gewagt, nach Lagerschluß aus der Baracke zu gehen!“ Mir liefen die Tränen herunter, als ich ihr armes, verhärmtes Gesicht küßte.„Geh nur schnell zurück, daß dich keiner erwischt!“—„Vergiß mich nicht“, schluchzte sie, als ich sie voller Angst zur Tür hinausdrängte. 13. TRANSPORT NACH MOSKAU Gegen 11 Uhr wurden unsere Namen verlesen, und mit lachendem, vom Frost gerötetem Gesicht trat der kasakische Bewachungssoldat in den Korridor, um uns abzuholen. Es war derselbe Soldat, der damals für uns nach Sharik geritten war, um Brot und Zucker zu holen und der von allen Häftlingen geliebt wurde. Vor der Tür stand ein niedriger sibirischer Holzschlitten, mit zwei Pferdchen bespannt. Wir legten uns der Länge nach darauf, und hinten auf den Kufen stand der kasakische Posten. Dann ging eine tolle Fahrt los durch die sibirische Winternacht, über uns die in der Kälte funkeln- den Sterne. Es war eine Nacht mit vielen Sternschnuppen, und wenn eine fiel, riefen wir auf dem Schlitten:„„Domoj! Domoj!“(nach Hause!), unser aller heißester Wunsch. Die Pferde rannten im Galopp, und wir mußten unseren Posten an der Hand halten, damit er nicht herunterfiel. Mit vor Kälte zerbissenen Gesichtern und klammen Händen und Füßen kamen wir auf dem Bahnhof Sharik an. Im Wartesaal war die erste Frage an unseren Kasaken:„Dürfen wir uns am Büfett Tee und Brot kaufen?“— „Aber selbstverständlich.‘‘ Dann saßen wir am Fußboden und schlürften aus richtigen Gläsern richtigen Tee, und der junge Usbeke begann, mir aus seiner Heimat zu erzählen. Von seiner Frau, die er schon mit vier- zehn Jahren geheiratet hatte, von seinen beiden Kindern. Beschrieb mir genau die Reise, die er machen wird, wenn er nun frei kommt. In der dämmerigen Beleuchtung des Warteraums schien er mir mit seiner oliv- farbenen Haut und den schrägen, mandelförmigen Augen einem persischen Prinzen aus dem Märchen zu gleichen. Unter das kleine Stehbündchen seiner Lederjacke hatte er sich irgendein weißes Tuch gebunden. Und das stand ihm so gut zu Gesicht. Er hatte beim Abschied aus Burma alles, was er besaß, an seine Mithäftlinge verschenkt, sogar die Walinki, die hohen Filzstiefel, und sich zerrissene Halbschuhe dafür eingetauscht. Unser Zug nach Karaganda ging erst am nächsten Morgen. Da breitete 132 ich meine Pelzjacke auf die Steinfliesen des Wartesaals, richtete den Sack als Kopfkissen und forderte den frierenden Usbeken auf, sich mit unter meine Decke zu legen. Das war alles ganz selbstverständlich. Durchfroren und verschlafen stiegen wir am nächsten Morgen in den Zug. Wir sprachen nicht mehr. Die freudige Erregung des Vortages war gewichen, und wir waren wieder stumpfsinnige, hungrige, zerlumpte Häftlinge. * Im Sammelpunkt Karaganda hatte sich nichts verändert. Das gleiche Bild wie damals bei meiner Einlieferung. Ganz selbstverständlich ging ich in die große Frauenbaracke, die voll mit Hunderten von Zugängen war. Als ein alter Lagerinsasse wurde ich gleich mit Fragen überhäuft, und als man hörte, daß ich eine„ Njemka" sei, teilten sie mir mit, daß es noch eine Deutsche hier gäbe, und man führte mich zu ihr. Auf den Brettern in der zweiten Etage lag eine bleiche Frau mit dunklen Ringen unter den Augen, sie begrüßte mich freudig: ,, Grete, wo kommst du denn her?" Ich hatte keine Ahnung, wer sie sein könnte. Es war Klara Vater, die Frau des bekannten deutschen Kommunisten Kreuzburg. Wir hatten uns einige Male in Moskau gesehen, damals war sie eine blühende, gesunde, derbe Frau. Zwei Jahre Untersuchungshaft hatten sie völlig ruiniert. Klara Vater wartete schon seit einigen Wochen auf ihren Weitertransport in einen Rayonabschnitt. Alle Häftlinge, die mit ihr zusammen nach Sibirien transportiert worden waren, waren schon weitergeschickt worden, außerdem hatte man ihren Namen gesondert aufgerufen, mit der Bemerkung, sie müsse im Sammelpunkt bleiben. Sie fand keine Erklärung für diese Absonderung. Nun war zwei Tage vor meiner Ankunft eine Russin in die Frauenbaracke gekommen, die bereits dreieinhalb Jahre Lager hinter sich hatte. Sie war die Frau des deutschen Komponisten Fon und durch diese Ehe Reichsdeutsche. Beim Verlesen der Namen wurden Frau Fon und Klara Vater gesondert aufgerufen, also hatten sie sichtlich ein gemeinsames Schicksal. Beide nahmen mich freundlich zwischen sich auf die Bretter, und wir grübelten gemeinsam darüber nach, was nun kommen mochte. Frau Fon war Lagerhäftling von Kopf bis Fuß. Sie kam von irgendeinem fernen, mir dem Namen nach unbekannten Rayonabschnitt. Auch sie war zwei Tage bis zum Sammelpunkt gereist. Das Lager Karaganda schien wahrhaftig die Ausdehnung eines europäischen Landes zu haben. Sie berichtete, daß es ihr in der letzten Zeit etwas besser ergangen sei, sie hatte nämlich in einer Küche gearbeitet. Ansehen aber konnte man ihr davon nichts. Sie mochte vierzig Jahre alt sein, ging gebeugt vor Magerkeit, ihre Augen waren völlig erloschen und das Gesicht teilnahmslos, wie geistesabwesend. Sie sagte immer wieder: ,, Warum hat man mich nur nicht auf meinem guten Posten gelassen? Wer weiß, wo sie mich jetzt wieder hinschleppen. Es ist so schwer, sich irgendwo als Neue wieder durchzusetzen. abuse donn gu 15860 ig 65 133 99 99 Wenn man einem Häftling etwas Ruhe gönnt, so pflegt er sofort, wo er geht und steht, einzuschlafen. Daß aber in unserer Situation, wo jede Minute etwas Unerwartetes, Neues bringen konnte, meine beiden Nachbarinnen nach kurzem Gespräch sanft einschliefen, war doch unbegreiflich. Ich rutschte von den Brettern, machte einen Rundgang durch das Sammellager und genoß nach dem Strafblock die Bewegungsfreiheit. Vor unserer Baracke begegnete ich einem bekannten Gesicht. Sie begrüßte mich wie einen alten Freund. Es war die junge Ukrainerin, die immer Heimweh hatte und die versucht hatte zu entfliehen, aber erwischt worden war. Jetzt kam sie zurück aus Dolinki mit einem neuen Urteil von zweieinhalb Jahren wegen Fluchtversuch und als strafverschärfend ,, pod konvoj". Da erst erfuhr ich in allen Einzelheiten die Geschichte mit den Flugblättern und der jungen asozialen Denunziantin. Wir gingen zusammen durch die Wintersonne hin zur Männerbaracke. Vielleicht konnte ich meinen usbekischen Kameraden noch einmal sehen? Wir standen am Stacheldraht, auf der anderen Seite einige blasse, unrasierte Männer., Wen wollt ihr denn sprechen?" rief einer., Wurde der usbekische Offizier, der nach Dolinki geht, schon weitertransportiert?" Einer näherte sich dem Stacheldraht. ,, Bist du eine Deutsche?" ,, Kennst du den Genossen Schubert?" ,, Sehr gut sogar. Hast du etwa mit ihm zusammengesessen?" ,, Ja, in Butirki, kurz bevor ich zum Urteil ging. Er sitzt seit Juli 1937, also seit zweieinhalb Jahren, in Untersuchungshaft." Dann fragte ich nach anderen Bekannten.„, Von Hermann Remmele haben sie erzählt, er hätte den Verstand verloren, prügelte sich ständig mit dem Aufsichtspersonal und den Mithäftlingen." , Wieviel Jahre hast du denn bekommen?" fragte ich ihn. ,, Fünfzehn; aber vielleicht gibt es Amnestie. Das ist unsere einzige Hoffnung." Es kam einer aus der Baracke und erzählte, daß der Usbeke bereits nach Dolinki abtransportiert worden sei. Wir dankten und gingen weiter. Hinterm Stacheldraht, vor der Arrestbaracke, stand ein alter, zerlumpter Mann. Die Ukrainerin kannte ihn schon. ,, Der kommt erst nach Dolinki, kriegt erst seine Strafe." ,, Auch wegen Fluchtversuch?" ,, Aber, wo denkst du hin, der! Dem sind ein paar Schafe kaputtgegangen, dafür kann er sich auch mindestens seine zwei Jahre abholen." - 99 - - - - ,, Ja." 99 Zu Mittag wurde dieselbe erbärmliche Soja- Ballanda unter großem Geschrei mitten auf dem Lagerplatz trotz über 20 Grad Kälte ausgeteilt. Was aber interessiert Soja- Suppe einen Menschen mit einem gutfundierten Brotvorrat und einem Säckchen mit Salzfischchen? Meine beiden Schläferinnen waren erwacht, wir ,, organisierten" uns ,, Kipjatok", machten einen Tee und schwelgten in Schwarzbrot und zähen Salzfischen. Frau Fon gestand mir flüsternd: ,, Ich habe ein Säckchen mit Hirse. Die letzte Zeit arbeitete ich doch in der Küche. Die haben sie mir zum Abschied geschenkt. Wenn ich nur meinen guten Posten nicht verloren hätte!" 134 Nachmittags wurden wir drei aufgerufen— wir gehörten also zu- sammen— und zum Fotografieren und Fingerabdruck geführt. Mit um- gehängter Nummer& la Verbrecher, von vorn und im Profil und dann Fingerabdrücke. Nicht nur den Daumen und Zeigefinger, nein, die Hand- flächen beider Hände. Gründlichkeit kann nie etwas schaden! Wir waren wütend, weil man die Farbe ohne Seife nicht wieder von den Händen kriegte. Aber nun hatten wir kaum noch Zweifel: das bedeutet auf alle Fälle fort vom Lager Karaganda. Das waren die Abschiedszeremonien. Und dann kam die endgültige Bestätigung, man rief uns zum Natschalnik. Der hatte einen Bogen Papier vor sich mit vorgedruckten Fragen. „Haben Sie irgendwelche Gesundheitsschäden im Besserungs-Arbeitslager Karaganda erlitten?“ war die erste Frage nach dem üblichen; Vor-, Vaters- und Familiennamen, Häftlingsnummer, Straftat usw.„Nein, ich bin völlig gesund.“—„Welche Arb£iten haben Sie im Laufe Ihrer Haft ausge- führt?“ Ich zählte eine ganze Reihe auf. Er schrieb.„Haben Sie irgend- welche Beschwerden vorzubringen?“— ,Nein.“ Ich hatte die Antwort auf mein Protestschreiben an das Oberste Gericht kennengelernt. Das genügte mir.„Unterschreiben Sie bitte.“—„Werde ich aus dem Lager entlassen?“—„Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben.“ Ich unterschrieb und wartete dann auf dem Korridor, bis die beiden anderen fertig waren. Was hat das zu bedeuten? Wenn ich nur wüßte, ob man mit Transporten in andere Lager auch soviel Umstände macht. Es handelte sich doch sichtlich um irgendeine Abmachung mit den Deutschen. Vielleicht sammelte man sie nach dem Freundschaftspakt in besonderen Lagern? Aber wozu eigentlich? Auf dem Korridor standen und hockten viele Wartende. Alles Zu- gänge, die noch an die Wirksamkeit von Eingaben und Beschwerden glaubten. Neben mir lehnten zwei Jungen im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren. Sie hatten keine Bjesprisornij-Gesichter. Ich wollte so gerne wissen, was mit ihnen los war und fragte:„Seid ihr Zugänge?“— „Ja, tjotje“(Tante).—„Was wollt ihr denn beim Natschalnik?“— „Fragen, ob man nicht erfahren kann, wo der Vater geblieben ist.“— „Seid ihr als Familienmitglieder verhaftet worden?“—„Ja“, antwortete der eine mit heruntergezogenen Mundwinkeln.„Wieviele Jahre denn?“ —„Drei.“ Ich hätte gern mehr gewußt, aber die Jungen waren wortkarg und niedergeschlagen, gar nicht zu einem Gespräch aufgelegt. Wer konnte ihnen das auch verdenken! In der Frauenbaracke hatte sich herumgesprochen, daß die drei Deutschen auf Transport gingen, vielleicht zur ‚‚Peresmotrenje“, vielleicht sogar in die Freiheit. Die Sachverständigen, es gibt immer solche, die alles ganz genau wissen, meinten zwar, daß man vom Sammelpunkt aus niemals entlassen würde, sondern nur über Dolinki, den Verwaltungs- punkt von Karaganda, aber möglicherweise verfuhr man mit den Aus- ländern anders.„Habt ihr unterschreiben müssen, mit niemand über das 135 - zu sprechen, was ihr im Lager gesehen und erlebt habt?" fragte uns eine Erfahrene. ,, Nein, das wurde nicht ins Protokoll geschrieben." ,, Dann ist es ganz klar, daß ihr nicht entlassen werdet!" Eine Frau trat zu mir und bat, ob ich nicht mit ihr vor der Baracke ein wenig spazieren gehen möchte. Sie erzählte, daß sie als ,, Shena"( Ehefrau) verhaftet worden sei, einige Zeit in Akmolensk gewesen und jetzt zusammen mit einer Reihe anderer hierher transportiert worden sei. ,, Ich habe eine große Bitte. Ich habe Vertrauen zu Ihnen gefaßt. Meine Tochter ist allein in Moskau zurückgeblieben. Würden Sie einen Brief mitnehmen? Vielleicht gelingt es Ihnen, den irgendwo abzugeben. Tun Sie mir die Liebe und versuchen Sie es! Es hängt soviel davon ab, daß mein Kind eine Nachricht bekommt." ,, Haben Sie ihn schon geschrieben? Vielleicht gehen wir heute abend schon fort."- ,, Sie sind also einverstanden? Vielen, vielen Dank! Ich werde es Ihnen nie vergessen!" - Sie brachte den Brief, und ich steckte ihn in den Büstenhalter. Gegen fünf Uhr nachmittags rief eine NKWD Beamtin unsere Namen auf. Die erste, die ich in Karaganda zu sehen bekam. Sie war frisch und jung, wohl zwanzig Jahre alt, noch mit einem richtigen Kinderlächeln, und die Uniform stand ihr ganz merkwürdig zu Gesicht. ,, Fertig machen mit Sachen!" rief sie ohne eine Spur von Strenge. So schnell waren wir selten herunter von den Brettern wie dieses Mal. Traurige, neidische Blicke begleiteten uns. Wir eilten über den Lagerplatz, doch bei der Wachstube kommandierte man plötzlich: ,, Stoj( Halt). Alles hereinkommen! Obysk( Durchsuchung)!" Mir rutschte das Herz in die Hosen. Was mache ich mit dem Brief? Bereitwillig packte ich den Sack aus. Vielleicht kommt keine Körpervisitation. Zwei Soldaten durchwühlten die Lumpen. Dann gingen sie hinaus und die junge Beamtin sagte:„ Ziehen Sie sich aus!" Mit einem raschen Griff holte ich den Brief aus dem Büstenhalter, bückte mich, legte ihn auf den Boden und trat mit dem Fuß darauf. Mein Glück, daß die Beamtin keinerlei Erfahrung hatte. Wir brauchten nicht einmal die Schuhe auszuziehen, und es gelang mir ohne Schwierigkeit, den Brief wieder an seinen alten Platz zurückzubefördern., Dawaj! Dawaj! Beeilt euch, sonst fährt der Zug fort", trieb sie uns zur Eile an. Das Tor wurde aufgeschlossen, und einzeln verließen wir das Besserungs- Arbeitslager Karaganda. Vor dem Tor erwarteten uns zwei Uniformierte. Unsere Transportbegleitmannschaft. Man führte uns zum Bahnhof Karaganda. Nicht auf den Güterbahnhof, nein, in einen richtigen Wartesaal, in ein normal gebautes Haus, keine Baracke, keine Lehmhütte. An den Wänden hingen Fahrpläne. So sieht es also in der Freiheit aus! Der Bahnhof war merkwürdig menschenleer, außer uns stand im Wartesaal nur noch ein Mann. Wir legten unsere Bündel in eine Ecke. 136 99 99 ,, Menschenskind", flüsterte ich Klara Vater zu: Wir scheinen mit einem richtigen Zug zu fahren! Soll ich die Beamtin mal fragen?" Ich näherte mich ihr, als sie in einem gewissen Abstand von den Soldaten stand, und fragte:, Wohin fahren wir denn?" Sie antwortete so bereitwillig, als habe sie nur auf ein Gespräch gewartet. ,, Selbstverständlich nach Moskau, mit dem Schnellzug um sechs Uhr!" Mir war, als müßte ich vor Freude schreien. Schnellzug und Moskau! Das sagte sie so gelassen dahin. Fort von Karaganda, weg aus Asien, aus Sibirien, nach Europa zurück! Das bedeutete ja weiter leben dürfen! Ich vergaß alle Vorsicht. Lief zu Klara Vater und Frau Fon. Stellt euch vor, wir fahren nach Moskau!" Da trat der NKWD- Soldat an uns heran. Es war ein Chargierter. ,, Sie dürfen im Waggon mit den Reisenden keinerlei Gespräche führen, auf eventuelle Fragen nicht antworten." Ein Zug fuhr ein. Wir rannten wie richtige Reisende neben den Soldaten her, die einen bestimmten Waggon suchten. Wir stiegen ein. Zwei leere Abteile in einem normalen Personenwagen mit Liegeplätzen schienen für uns reserviert. In den übrigen Coupés saßen zivile Reisende. Jede von uns nahm einen Liegeplatz in Beschlag. Mir war zum Lachen, zum Singen, zum Pfeifen zumute! Der Zug war sauber und gut geheizt, und als er anfuhr und es keinen Zweifel mehr gab, daß es nun westwärts ging, begann selbst die apathische Frau Fon zu lächeln. 99 Unsere NKWD Bewachung bezog das Nebenabteil, und auf den ersten Blick konnte man nicht feststellen, daß wir zueinander gehörten. Reisende gingen durch den Gang zur Toilette und blickten auf die neu Zugestiegenen. Nun sind in der Sowjet- Union Menschen in grauen Wattejacken, zerlumpt und mit Bündeln keine Seltenheit. Selbst wir, mit diesen merkwürdigen Gesichtern, die das Lager prägt, schienen nicht aufzufallen. Nach kurzer Zeit blieb eine Frau vor unserem Abteil stehen und fragte freundlich:, Wohin fahren Sie denn?" Wir drei schwiegen. Sie fragte noch einmal. Schweigen. Da huschte über ihr Gesicht ein erschrecktes Verstehen. Sie nickte nur und verließ schnell unsere Tür. Wir drei schüttelten uns vor Lachen. Und das wiederholte sich viele Male auf dieser langen Reise. Am Morgen des zweiten Reisetages trat die NKWDBegleiterin in unser Abteil der Zug hielt gerade auf einer größeren Station und fragte: ,, Was wollen Sie essen?" Wir blickten uns verlegen an. Aber wir haben doch noch Brot und Fleisch", meinte eine zögernd. Die freundliche Formulierung der Frage, als lade man jemand in ein Restaurant ein, kam so unerwartet und war so ungewohnt, daß wir nur betreten schweigen konnten. Ohne auf Antwort zu warten, schloß sie die Türe unseres Abteils ab und verließ den Waggon. - Nach geraumer Zeit kehrte sie zurück und überreichte uns drei Kilo- Büchsen: ,, Das ist Schweinefleisch, für jede eine, und dieses Weißbrot wird wohl vorläufig reichen." Sicher haben wir ,, Danke schön!" gesagt. Die NKWD- Beamtin war schon eine Weile fort, als wir drei die 137 ersten Worte fanden: ,, Sind die verrückt geworden? Jedem eine KiloBüchse Schweinefleisch!? Den Reisepajok lassen wir uns gefallen. Was kann denn bloß passiert sein, daß man uns so behandelt?" Frau Fon sprach die Wagenschaffnerin an und bat um einen Büchsenöffner. Gabel oder Messer besaßen wir zwar nicht, aber es ging vorzüglich mit den Fingern. Am Abend dieses Tages bogen wir drei uns vor Bauchschmerzen, denn auf der nächsten großen Station waren wir auch noch in den Wartesaal geführt und mit einem Mittagessen bewirtet worden. Solche Ausschweifungen waren unsere Mägen nicht mehr gewöhnt. Wir fuhren durch bergiges Land und sahen die ersten Bäume. Wir begrüßten sie wie Wunder. Nun waren wir endgültig der Steppe entronnen, wir ließen Asien, Sibirien hinter uns. Dann kamen steile Berge, mit schneebeladenen Tannen. Unser Zug durchquerte den Ural. Die beiden NKWD- Beamten sprachen während der ganzen Reise kein Wort mit uns. Sie saßen im Nebenabteil, rauchten und spielten Domino. Der gutgeheizte Zug hatte eine sehr belebende Wirkung auf unsere Läuse. Mit der ungewohnten Ruhe kam das Bedürfnis, sich zu säubern. Wir saẞen etwas schamhaft auf unseren Liegeplätzen, den Rücken gegen die Tür gewandt, und knackten eifrigst. Ich bedaure die Reisenden, die nach uns dieses Abteil benützten. Auf jeder Station hielt ich Ausschau nach einer Möglichkeit, den Brief, der in meinem Büstenhalter knitterte, loswerden zu können. Aber soweit beherrschte unsere junge Aufseherin doch ihr Fach, daß sie stets hinter uns ging. Auch zogen wir durch unser merkwürdiges Aussehen die Blicke so vieler Reisender auf uns, daß es nicht möglich war, den Brief unbeobachtet in einen Kasten zu werfen. Als der Zug in Kasan hielt, bat ich die Aufseherin, mich auf die Toilette zu führen, und dabei gelang es mir, die Tür, die sonst immer einen Spalt breit offen bleiben muẞte, zu schließen, denn die Aufseherin war durch eine Theatertruppe, die in Kasan zustieg, völlig in Anspruch genommen. Ich öffnete vorsichtig das Fenster der Toilette. Auf dem niedrigen Bahnsteig für Gepäck kam gerade ein Arbeiter entlang, ich warf ihm den Brief vor die Füße, konnte eben noch sehen, wie er sich bückte und zog nicht ohne Herzklopfen das Fenster hoch. Als ich ins Abteil zurück kam, waren weder Arbeiter noch Brief mehr zu sehen. Der Gang vor den Abteilen stand gedrängt voller Reisender. Eine laute, lebhafte Gesellschaft. Jeden„ ,, freien" Menschen betrachteten wir voller Interesse und Neugier, wie ein anderes Lebewesen. Aber die zuletzt Eingestiegenen unterschieden sich auffallend von den anderen Passagieren. Aus der Unterhaltung, die sie führten, erfuhren wir, daß sie Schauspieler seien, die von einer Gastspielreise aus dem fernen Osten kamen. Und wieder ereignete sich die gleiche köstliche Szene, wie nun schon einige Male auf dieser Reise: einer der Schauspieler fragte uns 138 nach dem Woher und Wohin, und ein tiefes Schweigen antwortete ihm. Da flüsterte er seiner Nachbarin etwas ins Ohr, mit Augenzwinkern und Hinweis auf unsere beiden Abteile. Das muß sich wohl durch den ganzen Gang fortgesetzt haben, denn kurz danach defilierte einer nach dem anderen an unserem Abteil mit nachdenklichen oder mitleidigen Blicken vorbei. Klara Vater erzählte mir, daß sie ein Töchterchen mit noch nicht zwei Jahren zurückgelassen habe, und da sie und ihr Mann am gleichen Tage verhaftet wurden, hatte das Kind keine Angehörigen mehr. ,, Wo mögen sie es hingebracht haben? Ob es noch am Leben ist?" Über ihren Mann hatte sie in der Untersuchungshaft erfahren, daß man ihm während der Verhöre bei der NKWD die Rippen eingeschlagen habe, um Geständnisse zu erpressen. Frau Fon war nur für kurze Zeit aus ihrer bedrückten Stimmung zu reißen. ,, Glaubt doch nicht, daß wir irgend etwas Gutes zu erwarten haben. Wen die NKWD einmal gepackt hat, den läßt sie so schnell nicht wieder laufen." 14. IN BUTIRKI UNTER VERÄNDERTEN BEDINGUNGEN Wir näherten uns Moskau. Schon lange vorher waren wir aussteigebereit. Immer wieder hauchten wir Löcher in die gefrorenen Scheiben. Nur noch ganz kurze Zeit, und unser Schicksal wird sich entscheiden. - Dann liefen wir mit dem Bündel in der Hand- nicht mehr auf dem Rücken: so weit hatten wir uns schon vom Häftlingsdasein entfernt den Bahnsteig hinunter, ich hatte das Gefühl für die Schwere des Körpers verloren, so groß war die Lust am Leben. Im Wartesaal, auf einer Bank unter vielen Zivilpersonen, saßen wir dann mit erhitzten Gesichtern. Aus einem Lautsprecher sang ein schmalziger Baß: Schiroka strana maja rodnaja... gdje tak wolno dyschet tschelowjek... Großes Land, du mein Heimatland... Mensch so frei atmet." wo der Nach einer Unterhaltung mit der Aufseherin gingen die beiden Männer unserer Begleitung fort. Unsere junge NKWD- Beamtin blickte sich neugierig in dem großen Wartesaal um. ,, Ich bin zum erstenmal in meinem Leben in Moskau", gestand sie.„, Wie schön ist dieser Bahnhof! Und die vielen Menschen..." Dann erblickte sie einen Speiseeisverkäufer, denn in Moskau gibt es zu allen Jahreszeiten ,, moroshnoje“. Wollen Sie Eis haben?" Und sie brachte vier Portionen an. Nachdem das verspeist war, fragte sie: ,, Wollen Sie Piroschki?" Das sind in Fett ausgebackene, mit Fleisch, Reis oder Marmelade gefüllte Kuchen. Auch damit waren wir einverstanden, und bevor noch die halbe Stunde unseres Wartens um war, bot sie uns noch einmal Eis an, aber wir verzichteten dankend. 99 139 Wie alle Moskauer Bahnhöfe war auch dieser gestopft voll Menschen. Darunter viele schlecht gekleidete, die von den Dörfern, wo sie keine Lebensmöglichkeit mehr hatten, in die Städte strömten. Und da sie hier kein Zimmer fanden, lagen sie in den Wartesälen herum. So lange wir still auf der Bank gesessen hatten, hatte man uns kaum bemerkt, aber als dann die beiden NKWD Soldaten zurückkehrten und uns mitten durch die Halle zum Hauptportal des Bahnhofes hinausführten, blieben die Menschen erstaunt stehen und blickten auf unsere Gruppe. Vor dem Hauptportal ein Schauer überlief mich wartete der ,, Schwarze Rabe" der Gefängniswagen. Und das nach dieser Reise, auf der wir uns schon kaum noch als Häftlinge gefühlt, vor Freude zitternd auf Freiheit gehofft hatten?! - - Wie kommt es nur, daß man solche Schläge, so grause Enttäuschungen, solche Stürze ins Bodenlose überwinden kann, daß man sich als Häftling so schnell wieder fängt? Der ,, Schwarze Rabe" fuhr mit Schwung um die Ecke. Man hatte uns nicht in die Kästen eingeschlossen, wir standen im Gang, und unsere junge Begleiterin begann erbärmlich zu kotzen. Es war selbst für ihren sibirischen Magen zuviel Speiseeis gewesen. Als wir ausstiegen und endlich um uns sahen, erkannten wir den Hof des politischen Untersuchungsgefängnisses Butirki. Wir waren da wieder angekommen, wo der Jammer begonnen hatte. Es war im Januar 1940. In den Gängen und Zellen von Butirki brannten dunkelblaue Glühbirnen, eine gespenstische Beleuchtung. Die Gesichter hatten die Farbe von Wasserleichen. Wieder ging es durch den ,, Wogsal"( Bahnhof), wo man aus der Freiheit ankommt und dann später hinausgeht für fünf, zehn oder fünfzehn Jahre nach Sibirien. - 99 - In der Aufnahmezelle war normale Beleuchtung. Nachdem wir den üblichen Schein ausgefüllt hatten, fragte uns eine Aufseherin: ,, Sind Sie Raucher oder Nichtraucher?", Wie bitte?" ,, Ob Sie Zigaretten rauchen?" Ich faẞte mich am schnellsten:„ Ja, alle drei!" Sie schrieb mit Tinte auf den Kopf jedes Formulars„ Raucher". ,, Was hat denn das nur zu bedeuten? Seit wann interessiert sich denn die NKWD für unsere Laster?" Die Beamtin kehrte zurück und forderte uns freundlich auf, mitzukommen. 29 , Werden wir entlaust? Das wäre dringend notwendig." selbstverständlich, Sie kommen in Einzelbäder." - ,, Aber Ein kleiner Raum mit einer Bank, daneben das Bad mit Fliesen an den Wänden und in der Ecke, unter zwei Wasserhähnen, eine Zinkschüssel, so sah das Einzelbad aus. Ohne ,, dawaj", ohne ,, schneller, schneller" nahm die Aufseherin alles Verlauste entgegen, reichte Seife, 140 ein Handtuch und eine Flasche mit Saberdylessig gegen die Kopfläuse herein. Ich genoß die uneingeschränkte Menge heißen Wassers, wusch den sibirischen Dreck herunter und empfand Butirki als einen paradiesischen Aufenthalt. Wie oft hatte ich mich in Burma heiß nach hierher zurückgesehnt. Was wollte ich denn eigentlich mehr? Dieser Wunsch war doch in Erfüllung gegangen? Die Tür des Bades wurde aufgeschlossen und ein schneeweißes Männerhemd und eine Unterhose auf die Bank gelegt. Was, in Butirki gibt es jetzt Wäsche? Sowas kommt in SowjetRußland vor? Es war gegen zehn Uhr abends, als wir drei, blütensauber eingekleidet, mit unseren von der„ Brenne" noch warmen Bündeln durch die altvertrauten Gänge von Butirki geführt wurden, wieder wie damals beim Geklapper des Vierkants auf das Koppelschloß durch die Korridore, WO es noch immer ebenso nach kaltem Tabak und Mief roch; viele Zwischentüren wurden aufgeschlossen, im gleichen Gang wie 1938 öffnete die Aufseherin eine Zelle, und im Dämmerlicht der Verdunklung sahen wir und wollten unseren Augen nicht trauen da, wo sich 1938 hundertzehn Frauen auf den Brettern gedrängt hatten, standen fünfundzwanzig schneeweiß bezogene Betten mit Decken und Kopfkissen. Eine Frau stieg aus dem Bett und kam auf uns zu:, Woher kommt ihr denn?" fragte sie in schlechtem Russisch. ,, Gerade aus Sibirien." Deutsche?" - 99 - 99 - ,, Seid ihr ,, Ja."„ Wir alle hier in dieser Zelle." Sie kam ganz nahe heran und blickte uns in die Gesichter, weil man bei der blauen Beleuchtung kaum etwas erkennen konnte., Wer seid ihr eigentlich?" Wir nannten unsere Namen. Mittlerweile war ein Teil der Schlafenden erwacht, sie richteten sich auf, riefen von allen Seiten, sprangen aus den Betten, und ich umarmte alte Bekannte. Da war Roberta Gropper, Hilde Löwen, Zenzl Mühsam, Karola Neher, Wally Adler, Betty Olberg, im ganzen dreiundzwanzig Frauen, die man aus Zuchthaus, Untersuchungshaft oder Lager nach Butirki zurückgebracht hatte. Wir waren die ersten drei aus einem sibirischen Konzentrationslager. ,, Was in aller Welt ist denn hier in Butirki los? Weiße Betten, Wäsche, keiner flüstert mehr. Ihr springt in der Nacht in der Zelle herum, und keine Klappe geht, keine Zellenstrafe wird angedroht? Aber wozu seid ihr alle hierher gebracht worden?" Die Fragen überstürzten sich. ,, Wir wissen nicht, was aus uns wird, aber wartet nur bis morgen früh, dann werdet ihr die Augen aufsperren. Dann werdet ihr sehen, was man mit uns in Butirki aufführt!" Zenzl Mühsam, die Zellenälteste, gab jedem von uns ein Bett, und erst spät in der Nacht kamen wir vor Aufregung zur Ruhe. Außerdem mußte man sich erst an ein Bett mit Matratze gewöhnen. Das ist gar nicht einfach nach zwei Jahren Brettern. Der nächste Morgen begann nicht etwa um halb vier Uhr. Erst gegen sechs Uhr rief man: ,, Prigatowtje k oprawku!" Das war ein Erwachen! 141 Keiner brüllte: ,, Weiber aufstehen!" Keine Flüche antworteten. Man lag in einem strahlend beleuchteten, weißgetünchten Zimmer, man konnte sein Gesicht in ein Kopfkissen schmiegen, hatte überhaupt keine Wanzenstiche! In allen Betten gähnten sie und räkelten sich, keiner hastete oder suchte aufgeregt herum. Einige hatten sich auf die andere Seite gelegt und schliefen ruhig weiter. Ein paar hopsten schon in ihren leinenen Männerunterhosen herum. Von allen Seiten grüßte man uns und wünschte ,, Guten Morgen!" Herrgott, ist denn das alles denkbar! Vor einer Woche noch in einer verdreckten Lehmhütte, in Sibirien, fest überzeugt, daß man nie mehr lebend herauskommen würde?! So allmählich waren die meisten aufgestanden und saßen plaudernd und lachend auf den Bänken an der Zellentür. Einige Kranke oder Faule blieben im Bett. Die Aufseherin führte uns zum Waschraum, wo wir wohl eine Stunde lang herumtrödelten, von niemand ermahnt oder belästigt. Danach wurde uns das Frühstück in blitzenden Zinkschüsseln in die Zelle gereicht. Es gab Schwarz- und Weißbrot, Butter, für jeden zwei Eier und richtigen chinesischen Tee. ,, Da staunt ihr wohl", meinte Zenzl Mühsam ,,, das ist aber nur der Anfang. So geht es weiter, mittags und abends. Es ist, um sich an den Kopf zu greifen!" 99 - Wir saßen um den Tisch herum wie eine große Familie. Zenzl schenkte den Tee ein. Was haben sie nur mit uns vor?" Es gab nur Vermutungen, keiner wußte etwas. ,, Sicher schiebt man uns über irgendeine baltische Grenze ab." ,, Das ist aber doch unglaublich, nachdem wir durch Sibirien, durch die Zuchthäuser gegangen sind, nachdem wir Zeugen der ganzen Unmenschlichkeit des Stalin'schen Regimes geworden sind." Aber alle aufkommenden Bedenken wurden zurückgedrängt durch das Glück, Sibirien entronnen zu sein, wieder leben zu dürfen, und wir glaubten immer zuversichtlicher an ein gutes Ende. Wir begannen zu turnen, rannten um den Tisch herum, spielten und sangen. Ich glaube, noch nie hat eine Zelle in Butirki so fröhliche Häftlinge geborgen. Alles war uns erlaubt. Da wurde Schach gespielt auf richtigen Brettern, mit holzgeschnitzten Figuren. Einige hatten von der Aufseherin Flickzeug verlangt und erhielten gleich ein ganzes Bündel mit dazugehörigen Nadeln und Faden, und voller Eifer machte man Büstenhalter und Wäsche. Wir sprachen laut, wir lachten, wir sangen unsere Lieder, und kein Vierkant pochte rabiat gegen die Zellentür. Wir betitelten uns selbst nur noch mit Sonderhäftling! - Karola Neher trug Zuchthauskleidung, und ich muß gestehen sie stand ihr gut. Verglichen mit den Lagerlumpen konnte man dieses Kostüm geradezu elegant nennen. Es bestand aus einer marineblauen Flanellbluse mit roten Aufschlägen, einem dunklen Rock, einer halblangen Jacke aus braunem, glänzendem Stoff, mit Watte gefüttert, mit einer ebensolchen Ohrenklappenmütze. In den meisten Zuchthäusern Sowjet- Rußlands schor man die Frauen kahl. Karolas Haare begannen 142 sich eben ein wenig zu legen. Alle gaben Ratschläge, wie sie am schnellsten wachsen würden: ,, Am besten ist Regenwasser." ,, Du mußt immer fest gegen den Strich kämmen", und als Karola uns erzählte: ,, Einmal mußte ich sie mir für eine Rolle wasserstoffblond färben", waren alle empört, wie man so schöne, schwarze, wellige Haare mit Wasserstoff verhunzen könnte. 99 Wenn ich herauskomme, lasse ich die Haare so, wie sie jetzt sind", und Karolas dunkle Augen lächelten strahlend. Mit welcher Leichtigkeit uns jetzt der Satz ,, wenn ich herauskomme" vom Munde ging. In Gedanken wähnten wir uns schon im Ausland, in der Freiheit. 29 Wenn wir nach dem üppigen Mittagessen- es gab jeden Tag die gleiche Speisefolge: Borschtsch aus Kohl mit einer Scheibe Fleisch, Goulasch mit Kartoffelpüree und als Nachspeise Kissel" oder Apfelkompott auf dem Gang zwischen den Bettenreihen erzählend hinund hergingen, gab es nur zwei Themen: Was hast du erlebt?" und , Was wird aus uns?" 22 - 99 Karola Neher war am längsten von allen eingesperrt. Sie war bereits im Herbst 1936 verhaftet worden. Aber wie war sie überhaupt nach Sowjet- Rußland gekommen? Als bekannte deutsche Schauspielerin hatte sie vor 1933 mit Bert Brecht zusammengearbeitet und Stellung gegen den Nationalsozialismus genommen. So war sie gezwungen, 1933 in die Emigration zu gehen. In Prag lernte sie einen deutsch- rumänischen Ingenieur kennen, den sie heiratete. Er war Kommunist und wollte nach Sowjet- Rußland gehen, um am sozialistischen Aufbau mitzuarbeiten. Sie fuhren zusammen nach Moskau, und Karola begann dort an Radio und Film zu arbeiten. Die Vorgeschichte zu ihrer und Zenzl Mühsams Verhaftung durch die NKWD spielte während ihres Aufenthaltes in Prag. Beide waren Münchnerinnen. Als sie in Prag lebten, erfuhren sie von der Anwesenheit eines alten Münchner Bekannten, Erich Wollenberg. Sie besuchten ihn. Erich Wollenberg hatte damals bereits mit der Kommunistischen Partei gebrochen und war ein aktiver Gegner des Stalin'schen Regimes geworden. Sowohl Karola Neher als auch Zenzl Mühsam gehörten nicht der KPD an, unterlagen also auch keiner ,, Parteidisziplin", die Besuche bei Gegnern des Stalinismus streng verbietet. Sie gingen zu Erich Wollenberg als einem Freund aus der Münchner Zeit. Bei dieser Gelegenheit gab Wollenberg Karola Neher die Adresse eines Moskauer Bekannten, den Karola dann nach ihrer Ankunft besuchte. Das wurde der Grund zu ihrer Verhaftung. Die Anklage der NKWD machte sie zu einem trotzkistischen Kurier Wollenbergs, und man verurteilte sie zu zehn Jahren Zuchthaus. Noch während der Untersuchungshaft in der Lubjanka hatte Karola einen Selbstmordversuch unternommen, sie hatte sich mit einem Stück Blech die Pulsadern durchschnitten. Zu ihrem größten Schmerz wurde Karola 143 von ihrem Söhnchen getrennt, das sie bei ihrer Verhaftung einjährig zurückließ. Ihr Mann wurde ebenfalls verhaftet.; Karola zeigte mir eine Fotografie und einen Brief von der Leiterin des Kinderheims, in dem sich ihr kleiner Sohn befand. Es war ihr nach unzähligen Eingaben gelungen, diese Nachricht über den Verbleib ihres Kindes in das Zuchthaus Kasan zu erhalten. Auf dem Foto stand ein kleiner, nackter Bursche mit den braunen Augen Karolas und preßte einen Teddybär ans Herz. Der Brief der Leiterin des Heimes war von rührender Zärtlichkeit. Sie schilderte ausführlich alle Eigenschaften des Kindes, daß er sehr begabt sei und eine große Freude am Theaterspielen habe. Einen liebevolleren Brief hätte auch eine Verwandte nicht schreiben können. Überhaupt galten die einzigen Klagen in dieser Zelle den Kindern: „Wann werden sie uns nur die Kinder übergeben?“ Hilde Löwen, die bei der Verhaftung ein dreijähriges Kind zurückgelassen hatte, wußte gar ‚nichts über dessen Schicksal, ebensowenig wie Klara Vater. Nur Zenzl Mühsam erhob immer wieder ihre warnende Stimme. Als Zellenälteste teilte sie das Essen aus.„Ich bitte euch, eßt nicht:so- viel! Sie wollen uns doch nur mästen, damit wir nachher ausgestellt werden können mit der Unterschrift: So sehen Häftlinge in der Sowjet- Union aus. Wer weiß, was die NKWD mit uns vorhat. Ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß die Russen uns an Hitler ausliefern, um irgendein Geschäft zu machen. Sollte das geschehen, werfe ich mich unter die Räder des Zugs. Lebend bekommen sie mich nicht nach Nazi- deutschland.“ Zenzls Mann, der bekannte anarchistische Schriftsteller Erich Müh- sam, war von den Nazis im Jahre 1934 im Konzentrationslager Oranien- burg ermordet worden. Man hat ihn langsam zu Tode gequält. Zenzl Mühsam verließ 1934 Deutschland, um in der Emigration über die Morde und Grausamkeiten in deutschen Konzentrationslagern und Gefängnissen zu berichten. Sie hatte es sich zur Pflicht gemacht, dem Ausland die Wahrheit über den Nationalsozialismus zu sagen. In Prag kam sie in Verbindung mit der kommunistischen Roten Hilfe, die ihr bei ihren Publikationen behilflich war. Die Leiterin der Internationalen Roten Hilfe(Mopr) in Moskau, Stassowa, lud Zenzl Mühsam ein, in Moskau zu leben und zu arbeiten. Zenzl war ein aufrechter, wahrheitsliebender, kämpferischer Mensch, der nicht durch die Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei verbogen worden war. Sie kam nach Moskau, wurde Gast der Stassowa und wohnte im Hotel„Nowaja Moskowskaja“. Es währte nicht lange, da sah sie mit den Augen eines unvoreingenommenen Beobachters die Verlogenheit des russischen Lebens. Diktatur und Sklaverei, wo man von Demokratie und Freiheit schrieb; Armut und Mißachtung der Menschen, die nach der Stalin’schen Losung„wie Blumen gepflegt wurden“. 144, Die Verhaftung Zenzl Mühsams erfolgte wahrscheinlich erst nach einer Reihe von kritischen Äußerungen. Sie hatte nicht zu heucheln oder mit ihrer Meinung ängstlich hinter dem Berg zu halten gelernt. Aber sie wußte auch nicht, in welcher Räuberhöhle sie sich befand. Beim Untersuchungsrichter wurde ihr das Gleiche vorgeworfen wie Karola Neher: sie sei ein trotzkistischer Kurier Wollenbergs. Nach mehreren Monaten Untersuchungshaft wurde sie eines Tages entlassen. Wenn ich mich recht erinnere, stellte man sie im Pyjama auf die Straße. Die Nachricht von ihrer Verhaftung war ins Ausland gedrungen, und ihre Freunde und die Gesinnungsgenossen Erich Mühsams erhoben in der Presse einen entrüsteten Protest. Das dürfte der Grund ihrer Entlassung gewesen sein. Zenzl wurde zuerst von holländischen Freunden aufgenommen und kehrte dann ins Hotel ,, Nowaja Moskowskaja" zurück. Ein Gedanke nur beseelte sie: fort aus diesem Land! Sie schrieb an ihre Schwester in den USA, die ihr ein amerikanisches Einreisevisum besorgte. Kurz darauf wurde sie zur amerikanischen Botschaft in Moskau bestellt. Während sie noch auf das russische Ausreisevisum wartete, verhaftete sie die NKWD ein zweites Mal und verurteilte sie diesmal nach ganz kurzem Aufenthalt in Butirki durch die ,, Osobje Sowetschanje"( Besondere Kommission) zu acht Jahren Besserungsarbeitslager. Man transportierte sie nach einem Konzentrationslager im europäischen Rußland, wo im Vergleich zu Sibirien erträglichere Zustände herrschten. Die Frauen arbeiteten hauptsächlich in Nähwerkstätten. Zenzl Mühsam mochte bald sechzig Jahre alt gewesen sein. Sie trug das graue Haar in einem Kranz um den Kopf, war schlank und hochgewachsen und bewegte sich wie ein junger Mensch. Niemals beklagte sie ihr grausames Schicksal. Ihre überlegene Haltung war bewunderungswürdig. In ihren Gesprächen kehrte immer wieder: ,, Wenn Erich noch lebte.." und dann erzählte sie von seinen Leiden im Konzentrationslager Oranienburg, von ihren verzweifelten Versuchen, ihn zu retten und dann von dem Tag, als man sie vor seine Leiche führte.. In unserer Zelle lebte auch die ehemalige kommunistische Reichstagsabgeordnete Roberta Gropper, eine alte Bekannte von mir. Sie war nach zwei Jahren Untersuchungshaft in diese Sonderzelle geschafft worden. Man hatte sie der Zugehörigkeit zur Neumann- Gruppe angeklagt. Ihr Gesicht war von grauer Gefängnisblässe, mit tiefen Rändern unter den Augen. Unaufhörlich zermarterte sie sich das Gehirn: Weshalb geschah dies alles? Habe ich mich durch irgendetwas schuldig gemacht? Und einmal fragte sie mich: ,, Wirst du, wenn wir ins Ausland kommen, alles das, was du in der Sowjetunion gesehen und erlebt hast, den ausländischen Arbeitern erzählen?" Als ich ihr antwortete, daß das unsere Pflicht sei und wir lange genug, wenn auch in Unwissenheit, die Handlanger der 10 Buber: Gefangene. 145 GPU gewesen seien, erwiderte sie mir mit zitternder Stimme:„ Um Gotteswillen, tue das nicht. Du darfst den Arbeitern nicht ihre Illusionen, nicht ihre letzte Hoffnung rauben!" Ein Sorgenkind der Zelle war Nina, die Ballettänzerin. Sie war Russin und die Frau eines deutschen Ingenieurs. Sie kam aus dem Zuchthaus, hatte Haare wie ein Igel und hervorquellende, blaßblaue Augen, die auf niemand gerichtet zu sein schienen. ,, Seitdem sie in die Zelle kam, liegt sie nur im Bett. Es ist ein Wunder, daß sie auf den Kübel geht. Manchmal stürzt sie sich aufs Essen und verschlingt drei Portionen, meistens ist sie zu den Mahlzeiten nicht wachzubekommen", erzählten die Frauen. ,, Was mögen sie mit der im Zuchthaus angestellt haben?" Als ich in die Zelle kam, ging das mit der Ballettänzerin schon vierzehn Tage so. Man nahm an, sie sei geistesgestört. Eines Tages aber stand sie auf und begann, zwischen den Bettenreihen, barfuß, in Männerunterhosen und-hemd zu tanzen. Sie erhob sich auf die Fußspitzen und machte die Pirouetten und Sprünge des klassischen russischen Balletts. Ihr Gesicht blieb abwesend wie zuvor. Wir blickten erstaunt auf diese Wandlung und bemerkten gar nicht, daß am ,, Spion" ein Auge hing. Erst als unsere Tänzerin erschöpft ins Bett zurücksank, hörten wir das Scharren vom Deckel des„ Spions". Diese Attraktion wiederholte Nina dann täglich, und bald hatten wir heraus, daß es unter den Gefängnisaufseherinnen eine glühende Verehrerin ihrer Kunst gab. Wenn Nina morgens im Bett blieb und diese Aufseherin hatte Dienst, so öffnete sie die Klappe und fragte mit besorgter Stimme: Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank? Soll man dem Arzt Bescheid sagen?" Das waren die ersten und einzigen menschlichen Laute, die ich von einer Aufseherin in Butirki gehört habe. Nina lohnte diese Bewunderung und tanzte in Unterhosen den ,, Sterbenden Schwan". 99 Jeden vierten Tag rief man drei Frauen mit Sachen aus der Zelle. Sie verschwanden, und keine Nachricht über sie drang mehr zu uns. Alle versprachen, wenn irgend möglich, ein Zeichen zu geben. Aber nichts erfolgte. Dann kamen zwei ,, Neue" aus einem Lager in Zentralsibirien. Beide Berlinerinnen. Die eine hieß Fischmann und war eine Jüdin, die andere hatte als Stenotypistin in der Komintern gearbeitet. Als ich sie sprechen hörte und ihre Gebärden sah, merkte ich, wie man sich in kaum vierzehn Tagen aus dem sibirischen Konzentrationslager wegleben konnte; es schienen mir bereits Jahre vergangen. Sie erzählten, sie seien auf ihrem Rücktransport aus dem Lager tagelang mit dem Schlitten unterwegs gewesen, bis sie die sibirische Eisenbahn erreichten. In ihrem Transport waren zwei deutsche Männer, Hugo Eberlein und ein anderer, junger Genosse. Hugo Eberlein litt an schwerem Lungenasthma, und der junge Genosse hatte eine gefährliche Wunde am Bein. Später soll Eberlein noch in Auslieferungshaft gestorben sein. 146 Diese Berlinerinnen erzählten mir auch von Käthe Schulz, die sie in Kotlas, auf dem Transport nach dem fernen Osten getroffen hatten. Trotz Zenzl Mühsams Warnungen wurden wir täglich blühender, rundlicher und optimistischer. Wir bekamen Bibliotheksbücher, konnten einkaufen und durften bis zu einer Stunde spazierengehen, was bei einer Frischluftfanatikerin dazu führte, daß sie sich beide Backen erfror, denn es herrschte im Januar 1940 in Moskau eine Kälte bis zu vierzig Grad. Unsere Fenster waren voller Eisblumen und an der„ pfortuschka", dem kleinen Fensterchen, das auch den Winter über zu öffnen geht, hingen morgens lange Eiszapfen. Die Gefängnisaufseherinnen mußten wohl Sonderinstruktionen für unsere Behandlung bekommen haben, denn die Worte ,, Dawaj! Dawaj!" und ,, Schtraf"( Strafe) waren aus ihrem Vokabularium verschwunden, ebenso ,, ruky nasad!" und" glasa vnisu!" - Kaum war eine Woche in der Zelle vergangen, da erkrankten alle Frauen an Durchfall. Vielleicht hatten wir zu fett und zu gut gegessen. Zenzl Mühsal bat die Aufseherin um ein Mittel. Was aber geschah? In der Zelle erschien ein Arzt mit zwei Krankenschwestern und nahm eine genaue Untersuchung aller Kranken vor. Bettruhe, Medizin und Diät. Einige Male am Tage kamen sie, um unseren Zustand zu kontrollieren. Wir lagen in den Betten, lachten, machten Witze und schüttelten den Kopf über dieses Theater. In Sibirien konnte man monatelang blutigen Durchfall haben, und kein Hahn krähte danach; wenn du nicht über 38 Grad Fieber hattest, mußtest du von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang hinaus aufs Feld. Und jetzt wachte man plötzlich so aufgeregt über unsere Gesundheit. Welchen Wert hatte unser Leben jetzt für die NKWD? Die Krankheit" verging, und geduldig und sorglos warteten wir auf unsere baldige Befreiung aus der verwunschenen Zelle. Einmal gingen wir über den Korridor zum Waschraum. Da standen vor einer Zellentür in unserem Gang dieselben blanken Zinkeimer. Erregt beratschlagten wir im Waschraum: ,, Das müssen auch, Sonderhäftlinge' sein!" Gewöhnliche Gefangene in Butirki bekamen ihre Kohlsuppe in alten, abgeschabten Kübeln. ,, Nachher, wenn uns die Aufseherin in die Zelle zurückführt, werden wir husten, laut mit den Füßen scharren und irgend etwas Deutsches rufen. Soll uns die Aufseherin ruhig zur Meldung bringen. Was kann uns schon passieren!" Scharrend und hustend gingen wir über den Korridor. ,, Ruhe!" befahl die Aufseherin. Niemand antwortete in der Zelle mit den Zinkeimern. Das Rätsel beschäftigte uns den ganzen Tag. Bei uns gab es doch noch freie Betten? Wozu denn eine andere Zelle belegen? Am Abend wiederholten wir den Versuch. Wir hatten Erfolg, eine Stimme hinter der bewußten Zellentür rief: ,, Karola!" Jetzt waren wir sicher, daß dort die Frauen saßen, die man vor einigen Tagen aus unserer Zelle herausgeholt hatte. ,, Was mögen die inzwischen erfahren haben, daß man sie 10* 147 von uns absondern muß?" war die beunruhigende Frage. ,, Eins steht aber fest, die nächsten, die aus der Zelle gerufen werden, sind verpflichtet, im Waschraum, denn sie befinden sich dort auf dem gleichen Korridor, eine Nachricht zu hinterlassen." Wir bestimmten in der Toilette eine schwarze Kachel an einer geschützten Stelle der Wand zur Übermittlung der Nachrichten und probierten aus, ob man mit Seife Geschriebenes lesen könne. Es ging ausgezeichnet. 99 - Am nächsten Tag waren wieder drei Frauen an der Reihe, unter ihnen Karola Neher. Wir nahmen fröhlich Abschied: ,, Auf Wiedersehen in der Freiheit!" Gespannt erwarteten wir am nächsten Morgen eine Nachricht in der Toilette nichts, die Kachel war blank, schwarz und unberührt. Das ist unverständlich! Karola würde doch nicht zu feige sein, eine Mitteilung zu machen! Ob man es gleich gemerkt und säuberlich abgewischt hat?" Um uns zu vergewissern, daß sich die drei auch in der bewußten Zelle befanden, husteten wir laut beim Zurückgehen über den Korridor. Und richtig! Eine Stimme antwortete, aber nicht die von Karola. Einige von den zwanzig Frauen in der Zelle erholten sich nur sehr langsam. Am schwächsten war wohl Betty Olberg. Sie wog noch ganze fünfundsiebzig Pfund. Aber auch Wally Adler blieb blaẞß und leidend. Bei unseren Unterhaltungen deutete sie an, daß sie viele schwere Verhöre hinter sich habe. Die NKWD beschuldigte sie des Trotzkismus. Ihre Anklage basierte auf der Behauptung, Wallys Eltern hätten im Ausland Trotki getroffen und Wally habe dann über die Eltern mit Troŋki in Verbindung gestanden. unter uns - - Unsere Ungarin, Frau Fekete, die einzige nicht ,, Reichsdeutsche" spezialisierte sich auf Kopfwaschen. Mit unermüdlicher Liebenswürdigkeit verschönerte sie uns. Allmählich erwachten längst vergessene Eitelkeiten, wie Augenbrauenauszupfen, Gesichtsmassage und Lockendrehen. Man mußte sich doch auf die Freiheit vorbereiten! Gymnastikerinnen gab es auch unter uns, und ich erinnere mich an einen köstlichen Ausspruch Karolas, als sie mit besorgtem Gesicht unsere immer runder werdenden Formen betrachtete: ,, Mit einem üppigen Hinterteil kann eine Frau nie tragisch wirken. 66 Zehn Tage, nachdem Karola und die beiden anderen Frauen die Zelle verlassen hatten, wurden Betty Olberg, Klara Vater und ich aufgerufen. Das war ein lustiger Aufbruch. Beim Abschied bat mich Zenzl Mühsam: ,, Wenn du wirklich ins Ausland kommst, gib bitte sofort holländischen Freunden von mir, Apotheker de Wit in Enkhuizen, eine Nachricht und berichte alles, was du über mich weißt." Dann gingen wir zu dritt mit der Aufseherin durch Korridore über ein paar Treppenstufen in einen anderen Flügel des Gefängnisses, und dort sperrte man uns, jede einzeln, in einen„ ,, Sobatschnik". ,, Das könnten 148 sie sich jetzt wirklich sparen!" dachte ich gereizt. Schon nach einigen Minuten wurde wieder aufgeschlossen, und der Soldat führte mich zu einer Tür mit Klinke und befahl mir, mein Bündel vor der Tür liegen zu lassen. Im Zimmer saßen zwei NKWD Offiziere, die mich freundlich aufforderten, Platz zu nehmen. ,, Wie geht es Ihnen gesundheitlich? Fühlen Sie sich wohl? Haben Sie sich gut erholt?" fragte in väterlichem Ton der eine. Dann blätterte er in irgendwelchen Papieren herum, die vor ihm auf dem Tisch lagen. ,, Haben Sie Verwandte im Ausland?" Also haben wir uns doch nicht getäuscht! ,, Ja! Eine Schwester in Paris. Ich bin im Besitze eines französischen Ausreisedokumentes..." Er unterbrach mich mitten im Satz:„ Welche Ihrer Angehörigen leben in Deutschland?" ,, Sagen Sie bitte, was geschieht mit mir?! Wo werde ich hinkommen?!" stieß ich hervor. ,, Darüber kann ich Ihnen jetzt keine Auskunft geben. Das werden Sie noch früh genug erfahren!" Und schon schob mich der eintretende Soldat zur Tür hinaus und beförderte mich in den ,, Sobatschnik". Mein Bündel mußte er mir nachtragen, ich hatte - es ganz vergessen. - 66 Verdammtes Pack! Was soll das wieder bedeuten?! Warum geben sie keine Auskunft?! Kaum zehn Minuten später gingen wir alle drei mit der Aufseherin zurück zum bekannten Korridor, und die Zellentür, vor der wir damals die blanken Eimer gesehen hatten, wurde aufgeschlossen. Von den Betten war nur eins heruntergeklappt, und darin lag weinend Karola Neher. ,, Was ist denn mit dir passiert?!" Vor zehn Tagen hatte man Karola vor die gleiche„ Kommission" geführt wie uns drei. Es wurden ihr die gleichen Fragen gestellt. Dann aber fragte der eine Offizier ganz unvermittelt: ,, Wollen Sie für uns arbeiten? Wollen Sie für die NKWD tätig sein?" Karola traute ihren Ohren nicht. Nachdem sie als„ trotzkistischer Kurier" zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden war und schon drei Jahre gesessen hatte, nach alldem sollte sie für die NKWD arbeiten? Russische Spionin werden?„ Nein, niemals! Wo denken Sie hin, ich komme aus dem Zuchthaus!" lehnte sie erregt ab. ,, Bitte, beruhigen Sie sich, Bürgerin Neher! Vielleicht überlegen Sie sich's doch noch einmal?" Man führte sie hinaus in irgendeine unbekannte Abteilung von Butirki und sperrte sie in eine Einzelzelle, in der die Zentralheizung abgestellt war. Sie erhielt kein Essen, keine Matratze, keine Decke. Nach drei Tagen heizte man, brachte gute Speisen und reichte ihr ein Daunenkissen herein. So ging es bis zum zehnten Tag. Da wurde sie wieder vor die beiden NKWD Offiziere geführt, die die gleiche Frage wiederholten. Karola lehnte ab: ,, lch eigne mich nicht für solche Tätigkeit." Dann kam sie in die Zelle, wo wir sie fanden. Wir saßen um ihr Bett herum. Keiner dachte mehr an kommende Freiheit. Wie konnte man nur 149 in diesen Wochen vergessen, daß wir uns in Händen der NKWD befanden! Wir fröstelten in der großen Zelle. Ich saß auf dem Rand von Karolas Bett: ,, Für mich ist alles verloren", klagte sie. ,, Nachdem ich dieses Angebot abgeschlagen habe, werden sie mich nie mehr hinauslassen, mich unmöglich ins Ausland schicken." Ich versuchte sie zu trösten: ,, Weißt du, Karola, eins mußt du bedenken, man hat dich mit uns zusammen in eine Zelle gebracht, also wirst du auch das gleiche Schicksal wie wir haben. Sonst hätte man dich doch in Einzelhaft gelassen. Bist du nicht auch dieser Meinung?" Dann riefen wir uns noch einmal alle Fragen der ,, Kommission" ins Gedächtnis zurück. ,, Weshalb fragten sie nach Verwandten im Ausland? Und dann anschließend nach Angehörigen in Deutschland? Was soll das bedeuten?" Nach und nach beruhigte sich Karola. Der Tageslauf des Gefängnisses unterbrach unser verzweifeltes Grübeln. Da wurde Bettwäsche hereingereicht, es gab mehrere Decken für jeden, mittags kam unser obligatorisches Goulasch und abends Nudeln mit Fleisch. Kurz vor der Abend- ,, Oprawka" erinnerte ich mich an das der anderen Zelle gegebene Versprechen: ,, Wir müssen unbedingt eine Nachricht auf die Kachel schreiben! Aber was nur? Wir wissen ja nicht mehr als vorher! Da bleibt nichts anderes übrig als den anderen das mitzuteilen und sie zu enttäuschen." Jetzt konzentrierten sich alle Gedanken auf unseren ersten Brief". Wir spitzten ein Stück Seife und überlegten genau den Text der Mitteilung. Dann standen wir im Waschraum. Eine mußte bei der Tür bleiben, um die Schritte der Aufseherin zu kontrollieren, die andere den ,, Spion" im Auge behalten, Karola als Deckung bei der Kachel stehen und ich schrieb: ,, Waren bei Kommission, wurden nach Verwandten im Ausland und Angehörigen in Deutschland gefragt. Auf Bitte um Auskunft über Schicksal keine Antwort. Fanden Karola. Alle gesund. Antwortet." Die Kachel war eng beschrieben. 99 Bei der nächsten ,, Oprawka", als kaum die Waschraumtür abgeschlossen war, stürmten wir an die Wand. Und siehe da! Eine Antwort: Vielen Dank für Mitteilung. Ist gar nichts über Zukunft bekannt? Wo ist Karola? Grüße." Wir säuberten die Kachel, beantworteten die Fragen so gut es ging, und weil uns nichts Wichtiges mehr einfiel, schrieben wir, so wie man das oft in Briefen tut, allerhand Nebensächliches, bis die Kachel voll war. So ging unsere Korrespondenz hin und her, wohl an die fünf Tage. Da ging am sechsten Vormittag die Klappe an der Tür herunter und das Gesicht des Korpusnoj erschien in der Luke. Mit barscher Stimme kommandierte er: ,, Zellen älteste herkommen!" Karola lief zur Tür. ,, Ihre Zelle hat fortgesetzt im Waschraum Nachrichten in deutscher Sprache an die Wand geschrieben! Sie werden eine schwere Strafe dafür erhalten!" ,, Aber Herr Korpusnoj, Sie irren sich! Wir haben niemals 150 - ,, Schweigen Sie, wir wissen genau so etwas getan!" flötete Karola. Bescheid!" und bums flog die Klappe zu. ,, Menschenskinder, jetzt wird uns aber was blühen! Für Kassiber und Nachrichtenübermittlung ist Dunkelarrest das mindeste. Bei uns haben sie's leichter, da müssen sie nicht erst feststellen, wer's gemacht hat. Da kommen einfach alle vier in Arrest!" Wir warteten einen Tag, zwei Tage, drei Tage, und nichts erfolgte. ,, Sonderhäftlinge" dürfen eben nicht angetastet werden. In diesen Tagen hatte sich überhaupt manches Erstaunliche ereignet. Gleich am zweiten Vormittag holte man uns vier Frauen aus der Zelle und brachte uns zu einem Friseur, in einen zu diesem Zweck provisorisch eingerichteten Raum. An der Wand hing sogar ein Spiegel. War das ein seltsames Gefühl, vor einem Spiegel zu sitzen und frisiert zu werden! Karola und Betty Olberg, die beiden Geschorenen, bekamen einen flotten Herrenschnitt. Da kehrte uns das Lachen zurück, trotz aller Niedergeschlagenheit. Wir fuhren uns mit der Hand über den frisch rasierten Nacken und begutachteten uns gegenseitig. ,, Jetzt scheint es doch ernst zu sein, wozu müßten wir sonst frisiert werden? Für Sibirien sicher nicht", argumentierten wir. Und von neuem erwachten unsere Hoffnungen. Selbst Karola konnte sich dem nicht entziehen. Wieder begannen wir zu singen, machten Dauerlauf um den Tisch herum, weil wir die große Zelle nicht erwärmen konnten und lagen nachmittags gut zugedeckt in den Betten, zwischen uns ein Schachbrett, und bekämpften uns leidenschaftlich. Dann kam die nächste Überraschung. Einzeln führte man uns in einen Raum, der vollgestopft war mit Kleidern, Wäsche, Schuhen, Pelzmänteln für Männer und Frauen. ,, Was benötigen Sie an Kleidungsstücken?" und noch bevor ich antwortete, nahm mir ein Beamter die Lagersachen weg, gab mir Schuhe, eine Pelzmütze, Handschuhe usw. Mein einziger Gedanke war: ,, Da wollen sie die Menschen draußen glauben machen, daß wir in Pelzen aus dem sibirischen KZ kommen!" In der Zelle amüsierten wir uns lange mit den meist altmodischen Kleidungsstücken. Und wieder schien es uns ein Beweis, daß wir der Freiheit ein Stück näher gekommen waren. Mein Bett stand neben dem von Karola. In diesen wenigen Wochen waren wir Freunde geworden. Von früher kannten wir uns nicht. Nur auf der Bühne hatte ich Karola gesehen, als Haitang im ,, Kreidekreis" und später in der ,, Dreigroschenoper". Jetzt schien sie mir noch schöner zu sein als damals. Sie machte Zukunftspläne:„ Vielleicht werde ich wieder mit Bert Brecht zusammenarbeiten." Dann erzählte sie von früher, von ihrer ersten Ehe mit dem Dichter Klabund, als sie noch in München lebte, ganz jung war und eben ihre Bühnenlaufbahn begann. Einmal sprach sie uns die Marion aus ,, Dantons Tod" vor. 151 Und so mochten zwölf Tage vergangen sein, als eines vormittags die Klappe herunterfiel:„ Klara Vater, Betty Olberg und Buber- Nejman fertigmachen mit Sachen!" Karola war nicht dabei. Wir standen wie gelähmt, mit gesenkten Köpfen, unfähig ein Wort zu sagen. Karola ging ein paar Schritte zum Bett und setzte sich langsam nieder. 66 ,, Sind Sie schon fertig? Es eilt!" rief die Uniformierte, und wir rafften mechanisch unser Zeug zusammen. Als ich Karola umarmte, schluchzte sie: ,, Ich bin verloren Das war das letzte, was ich von ihr hörte. Ich sah sie nie wieder und habe nichts mehr über ihr Schicksal erfahren. 15. DER GESTAPO AUSGELIEFERT In dem Gang, wo die Zimmer der Untersuchungsrichter lagen, war ein aufgeregtes Hin und Her von Uniformierten. Noch nie hatte ich so etwas in Butirki gesehen. Man sparte sich sogar das Einschließen in einen Sobatschnik. Während man mich in ein Zimmer führte, blieben die beiden anderen einfach auf dem Korridor. 99 - In diesem Raum standen fünf NKWD- Beamte hinter einem langen Tisch. Einer streckte mir einen Zettel entgegen:„ ,, Können Sie russisch lesen?" Es war ein vorgedrucktes Formular, die offengelassenen Stellen mit Schreibmaschine ausgefüllt:„ Das Urteil von fünf Jahren BesserungsArbeitslager gegen Margarita Genrichowna Buber- Nejman ist umgewandelt in sofortige Ausweisung aus dem Territorium der Sowjetunion." ,, Unterschreiben Sie?" fragte eindringlich der Uniformierte. Wohin wird man mich ausweisen?" ,, Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben, dazu haben wir jetzt keine Zeit. Unterschreiben Sie!" Und schon führte man Klara Vater herein und drückte ihr einen Zettel in die Hand. Sie konnte nicht russisch lesen. Man holte mich vom Korridor zurück: ,, Übersetzen Sie!" Der Text glich dem meinen aufs Wort. ,, Unterschreiben Sie?" Aufgeregt, mit zitternder Stimme, wandte sich Klara Vater abwechselnd an mich und an den NKWD Beamten: ,, Nein, ich will erst mein Kind haben, geben Sie mir mein Kind zurück, dann verlasse ich sofort das Territorium der Sowjetunion, aber erst mein Kind!" Ich übersetzte. Mit der Hand fuchtelnd, antwortete der Uniformierte: ,, Dazu haben wir jetzt keine Zeit. Sie bekommen ihr Kind nachgeschickt. Unterschreiben Sie, aber schnell!" ,, Nein, auf keinen Fall!" rief sie verzweifelt. Die Beamten blickten sich unschlüssig und unsicher an: ,, Dann schreiben Sie sofort eine Eingabe." ,, Ich kann nicht russisch." Man - brachte uns beide in eine Zelle, und Klara Vater diktierte mir die Eingabe: ,, Ich, K. V., bin bereit, sofort das Territorium der Sowjetunion zu verlassen, nachdem man mir mein Kind..... zurückgegeben hat. Es wurde mir im Alter von zwei Jahren am Tage meiner Verhaftung am soundsovielten in Samara weggenommen." 152 Während des Schreibens blickte alle paar Minuten der Aufseher durch den ,, Spion", öffnete die Klappe und trieb zur Eile an. Klara Vater blieb zurück in der Zelle. Ich habe sie nie wiedergesehen und nichts über ihr Schicksal erfahren. Mit Betty Olberg zusammen ging es dann eilig durch den ,, Wogsal" zum Gefängnistor. Da stand der ,, Schwarze Rabe". Als wir hineinkletterten, waren schon alle Schränke besetzt. Wir hörten Männerstimmen. Man sprach deutsch. ,, Wer seid ihr? Deutsche?" rief es zu gleicher Zeit aus verschiedenen Kästen. ,, Sind auch unsere Frauen dabei?" Man nannte verschiedene Namen. ,, Wir sind nur zu zweit!" - - 99 Der Gefängniswagen hielt. Es war an einem Güterbahnhof, und man führte zuerst uns Frauen Betty Olberg schleppte sich mühsam vorwärts zu einem Stolypin- Waggon, dem üblichen russischen Eisenbahnwaggon für Gefangene. Da erkannte ich den Bahnhof. Es war der Weißrussische, der, von dem die Züge nach dem Westen, nach Polen, abfahren. ,, Betty, sie transportieren uns nach Deutschland! Von diesem Bahnhof aus kann es nirgends anders hingehen!" Der Waggon war schon voller Männer. Beim Vorbeigehen versuchte ich, die an die Gitter gepreßten Gesichter zu unterscheiden und hatte nur einen Gedanken: Ob Heinz auch dabei ist? Voller Hoffnung und entsetzlicher Angst war es mir, als hörte ich seine Stimme. Im letzten Abteil schloß man das Schiebegitter hinter Betty Olberg und mir. Es dauerte eine Weile, bis wir einzelne Rufe der Männer unterscheiden konnten. Immer wieder Namen von Frauen. Da vergaß ich alle Vorsicht und rief durchs Gitter: ,, Hat jemand von euch Heinz Neumann irgendwo gesehen oder von ihm gehört?" Aus dem Durcheinander von Antworten viele behaupteten, etwas von ihm zu wissen eines klar: keiner hatte ihn weder in Untersuchungshaft, noch im Zuchthaus, noch im Lager gesehen. - - war nur Die Begleitmannschaft, die aus mehreren NKWD Soldaten und einer Frau bestand, verhielt sich völlig passiv bei diesem Rufen von Abteil zu Abteil. ,, Weiß jemand von euch, wo man uns hinbringt? Wir werden doch den Deutschen ausgeliefert?" Mit Entrüstung antwortete man mir aus den Männerabteilen: Wo denkst du hin! Wir fahren bis Minsk und von dort auf einer Zweigbahn nach Norden. Wir werden über die litauische Grenze abgeschoben." ,, Aber warum fahren wir dann 99 - nicht über Leningrad? Das wäre doch viel einfacher?" Betty Olberg lag ermattet auf ihrem Platz. Sie hatte sich nur wenig erholt in den Wochen der Auslieferungshaft. Sie wog nicht viel über 70 Pfund. Nur die Haare, die man ihr im Zuchthaus geschoren, waren in der Butirkier Zeit nachgewachsen und standen jetzt zu Berge wie eine Bürste. Ihr Gesicht war grau und eingefallen. Bettys Mann war beim ersten großen Moskauer Prozeß im Jahre 1936 erschossen und sie zu 153 Zuchthaus verurteilt worden. In Haft hatte sie einen Selbstmordversuch gemacht, sich in einen Treppenschacht gestürzt. Der Gefangenenwaggon wurde rangiert. Unsere Abteile hatten keine Fenster. Durch das Gitter über dem Gang konnte man etwas von der Außenwelt sehen. Anscheinend hatte man unseren Waggon an einen Schnellzug gehängt, denn die Stationen waren sehr selten. Das Rattern des Zuges machte eine Unterhaltung von Abteil zu Abteil unmöglich, deshalb verlangten wir von der Aufseherin, zur Toilette geführt zu werden. In vier Abteilen waren je sieben Männer. Da sah ich ein bekanntes Gesicht, den ehemaligen Chefredakteur der kommunistischen Zeitung ,, Ruhrecho", einen ungarischen Emigranten. Er schien mich nicht wiederzuerkennen. Andere dagegen, die mir völlig fremd waren, taten ganz vertraut. Ich konnte nur Minuten an den Gittern stehen bleiben, um immer wieder die gleiche Versicherung zu hören:„ Wir werden bestimmt über die litauische Grenze abgeschoben." Während des ganzen Transportes wurden wir weiter so gut verpflegt wie in Butirki, mit Brot, Butter, Käse, Konserven, Tee und täglich einer Schachtel Zigaretten. Die Begleitmannschaft war freundlich, aber völlig unzugänglich für Fragen über das Ziel unserer Reise. In den Männerabteilen begannen sie zu singen, mit besonderer Begeisterung das ,, Solowki- Lied". Der Text stammte von einem jungen deutschen Schauspieler namens Drach, der mit im Transport war. Ehemalige österreichische Schutzbündler, es mögen drei oder vier gewesen sein, sangen: Wir Kameraden der Berge sind gegen alles gefeit.. 99 53 Betty und ich fabrizierten aus Weiß- und Schwarzbrot Schachfiguren, saßen mit angezogenen Beinen auf dem unteren Liegeplatz, spielten und hörten vergnügt und belustigt den Liedern und dem Lärm aus den Männerabteilen zu. Irgendeiner posaunte laut anrüchige Witze auf den Gang hinaus. Ob man unseren Waggon abgehängt oder der Zug so lange auf der Strecke gestanden hatte, weiß ich nicht. Es war wohl am dritten Tag früh, am 7. oder 8. Februar 1940, als uns die Männer zuriefen: Wir haben Minsk schon passiert und fahren in der Richtung nach Polen weiter!" 99 Da sangen sie nicht mehr, und die munteren Zurufe verstummten. Als der NKWD- Soldat das Gitter aufschloß, um Essen hereinzugeben, irgendeine Konserve mit Erbsen und Fleisch, wies man es zurück: ,, Behalten Sie das, wir wollen nichts mehr essen!"- ,, Aber warum denn? Eẞt nur, eẞt nur! Ihr werdet noch viel hungern müssen!" redete er uns freundlich zu. Die Angst saß einem in der Kehle. Erst da merkte ich, wie sehr ich mich, wider alle Vernunft, an die Hoffnung geklammert hatte, über irgendeine litauische Grenze, in irgendein Ausland abgeschoben zu werden... 154 99 Nach einer nicht endenwollenden Zeit erscholl das letzte Mal der Ruf: Fertigmachen mit Sachen!" Die Gitter wurden aufgeschlossen, wir schoben uns heraus, kletterten die hohen Stufen aufs Eisenbahngeleise hinunter und standen fröstelnd in der eisigen Winterluft. Von weitem konnte man einen Bahnhof sehen, und wir entzifferten das Schild: BrestLitowsk. In unserem Transport waren achtundzwanzig Männer und wir beiden Frauen. Ich kann mich nicht erinnern, auch nur ein Gesicht unterschieden zu haben, nicht am Bahnhof von Brest- Litowsk, nicht im Wald von Brest- Litowsk, wohin man uns Frauen, einen alten Professor und einen Beinkranken im Lastwagen brachte und wir die Männerkolonne erwarteten, auch nicht an der Brücke von Brest- Litowsk. Alle Gesichter waren gleich starr und unbeweglich vor Angst. Wir standen und blickten über diese Eisenbahnbrücke, die die Grenze bildete zwischen dem von den Deutschen besetzten Polen und dem von den Russen okkupierten Teil. Über die Brücke kam ein Soldat langsam auf uns zu. Als er sich näherte, erkannte ich die Soldatenmütze der SS. Der NKWD- Offizier und der von der SS hoben grüßend die Hand an die Mütze. Aus einer hellbraunen, länglichen Ledertasche zog der NKWD Offizier eine Liste. Er war fast um einen Kopf größer als der von der SS. Sein Gesicht ledern und maskenhaft, wie man das in Schundromanen immer beschrieben bekommt. Welche Namen er herunterlas, hörte ich nicht. Irgendwann vernahm ich ,, Buber- Nejman", und dann sah ich, wie sich drei von unserer Gruppe absonderten und erregt auf den NKWD- Offizier einsprachen. Irgendwer flüsterte: ,, Die weigern sich, über die Brücke zu gehen." Es waren der jüdische Emigrant aus Ungarn, ein deutscher Lehrer und ein junger Arbeiter aus Dresden, über den ich später erfuhr, daß er an einem bewaffneten Zusammenstoß mit den Nationalsozialisten im Jahre 1933 beteiligt gewesen, wobei ein Nazi ums Leben gekommen war. Ihm war es gelungen, zu fliehen und nach Sowjetruẞland zu emigrieren. Im Prozeß gegen die bei diesem Zusammenstoß verhafteten Kommunisten hatte man auf ihn, den Abwesenden, alle Schuld abgewälzt. Dann sah ich, wie die drei über die Brücke getrieben wurden. Auf den ungarischen Emigranten, der einen Koffer trug, hatte es der SS- Mann besonders abgesehen: ,, Das jüdische Schwein will wohl kommunistische Literatur nach Deutschland einschmuggeln! Dem werden wir die Hammelwaden noch langziehen! Schneller, schneller! Nur keine Müdigkeit vorschützen!" Auf der anderen Seite der Brest- Litowsker Brücke stand eine Holzbude. Betty Olberg schwankte vor Schwäche, Kälte und Erregung. ,, Bringt sie doch in die Hütte!" schlug einer vor. Man ließ uns beide hinein. Ein SS- Mann, mit einem Polizeihund neben sich, öffnete die Tür. Da 155 sah ich das erste Mal so ganz in der Nähe die SS- Mütze mit Totenkopf und gekreuzten Knochen und eine richtige SS- Visage darunter. ,, Setzen Sie sich!" forderte er uns im Befehlston auf. Und dann an mich gewandt: Waren die russischen Einheiten, die Sie auf der anderen Seite der Brücke sahen, Eliteregimenter oder nicht?"- ,, Ich habe überhaupt keine Soldaten gesehen", antwortete ich. 99 - In einem Güterwagen brachte man uns nach Bialas, einer kleinen polnischen Provinzstadt. Dort blieben wir die ersten Stunden unter SSBewachung in einer Feldküche. Ein freundlicher deutscher Soldatenkoch heizte seine Gulaschkanone, um eine Maggisuppe für uns zu fabrizieren. Wir halfen ihm dabei und waren glücklich über die Ablenkung. An den Holztischen fingen die ersten Gespräche wieder an. Einer fragte mich in unverfälschtem Berlinisch, aber leise, damit es kein anderer hörte: ,, Sach mal, bist du nicht Trude Th.?" ,, Nein, du irrst dich, ich bin ihre Schwester!" ,, Aber 1925 biste doch mal in Berlin auf ner Versammlung von der IAH gewesen?" Er hatte recht. Es war Willi B., ein altes Mitglied der KPD. Noch einen Bekannten traf ich im Transport, einen Wiener Genossen Thomas M., der viele Jahre im westeuropäischen Büro gearbeitet und Beiträge über Österreich in der„, Internationalen PresseKorrespondenz" veröffentlicht hatte. 99 - ,, Zu fünfen antreten!" Zwei Männer faßten Betty Olberg unter, und wir marschierten durch die kleine, saubere Stadt, wo man an einigen Häusern Kugeleinschläge sah, Spuren der Straßenkämpfe. An einer schmalen Pforte zog der SS- Mann den Glockenstrang, und auf das friedliche Gebimmel hin wurden wir in das Gefängnis von Bialas eingelassen. Das war ein Barockbau, der sicher einst für einen anderen Zweck errichtet worden war. Ein Mann in Zivil, wohl der Gefängnisvorsteher, meinte: Was machen wir aber mit den beiden Frauen? Die kann ich doch nicht zu den kriminellen Weibern stecken! Am besten ist, wenn sie mit ihren Männern in eine gemeinsame Zelle gehen.“ Und so bekamen wir alle zusammen einen großen Raum mit richtigen Fenstern, in dem es so kalt war, daß das Eis an den Wänden klebte. In diesem merkwürdigen Gefängnis wurden die Häftlinge weder verpflegt, noch sorgte man für Heizung. Wer Geld hatte, konnte sich Essen und Heizung kaufen lassen, wer arm war, mußte hungern und frieren. Viele der dort Eingesperrten hatten Angehörige draußen, die am Gefängnistor Essen für sie abgaben. Wir aber besaßen ein Zaubermittel: Zigaretten. Schon nach einer Stunde sprühte der hübsche, weiße Kachelofen in unserer Zelle vor Hitze. Ein halbwüchsiger Junge, der die Botengänge in diesem Gefängnis erledigte, schleppte das Holz armweise herbei. An der einen Wand unserer Zelle war eine zusammenhängende Holzpritsche für ungefähr fünfzehn Menschen aufgeschlagen, für die anderen lag Stroh auf dem Fußboden. Den wärmsten Platz am Ofen be156 » Pałac Radziwillow kam selbstverständlich Betty. Alle bemühten sich um sie und waren sehr besorgt. Daneben lag ich, und dann eröffnete sich ein Problem: wer von den Männern wird neben den Frauen schlafen? Ein schlagfertiger Sachse entschied: ,, Der garantiert impotenteste!" und ausgewählt wurde unter großem Gelächter Karl, ein netter alter Arbeiter, der die Sache mit Humor nahm. Unsere Zelle hatte eine besondere Vergünstigung: die Zellentür wurde nicht abgeschlossen. Wir Frauen konnten doch nicht vor den Männern auf den Kübel gehen und umgekehrt, meinte der Gefängnisvorsteher. So spazierten wir, wann immer wir Lust hatten, auf dem Korridor herum. Die Tür zum Treppenflur war natürlich abgesperrt. Am zweiten Tag schon konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und blickte von außen durch den ,, Spion" in die verschiedenen Zellen. In der einen liefen Männer, die Hände unter die Achselhöhlen gesteckt, hin und her, hin und her. Die Zelle war ungeheizt, die Armen konnten nicht zahlen und besaßen auch keine Angehörigen in Polen, denn alle waren chinesische Straßenhändler, die die Deutschen festgenommen und hier eingesperrt hatten. Ganz am Ende des Ganges dagegen sah ich durch den ,, Spion" in einen gut möblierten Raum. Ein wohlgekleideter Herr saß am Tisch. Er hatte seinen Diener bei sich, und zum Mittagsmahl bekam er Wein serviert. Es war ein polnischer Aristokrat, zu dem jeden Tag der Pope zu einer Gebetsstunde kam. In diesem Gefängnis ging es überhaupt sehr christlich zu. Unter einem großen goldenen Kreuz, das von der Decke bis zum Boden reichte und an der Schmalseite des Ganges angebracht war, fand Sonntags eine Andacht statt. Da knieten sie dann alle gemeinsam, die Hungernden und die Satten, die Frierenden und der, der Wein zur Mahlzeit bekam. 22 Aber zurück zu unserer Gemeinschaftszelle". Es ist der erste Abend. Wir teilten redlich unsere Vorräte, und angeregt durch die Wärme, begann man zu erzählen. Den meisten Männern war es viel schlimmer ergangen als mir. Bei den Verhören der NKWD hatte man sie geprügelt, oft bis zur Bewußtlosigkeit, wenn sie sich weigerten, erfundene Verbrechen einzugestehen. Einer berichtete von seinem Freund, den man so lange gequält hat, bis er sich aus dem Fenster stürzte. Einige kamen aus dem Zuchthaus Solowki, einem alten Kloster auf einer Eismeerinsel. Die meisten waren zu zehn oder fünfzehn Jahren verurteilt worden. Von den Männern waren nur wenige nicht Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands oder Österreichs gewesen, doch aus allen waren erbitterte Hasser des Stalin'schen Regimes geworden. Das konnte ich nur zu gut verstehen. Aber schon am ersten Abend wollte ich meinen Ohren nicht trauen, als man das Thema Nationalsozialismus anschnitt. Viele begannen positive Seiten am Hitler- Regime zu entdecken, Fortschrittliches in dessen Staatsführung und sozialistische Züge in der 157 Wirtschaft und Arbeitsgesetzgebung. Ja, und so gut wie alle waren vom deutschen Sieg und einer langen Dauer der Naziherrschaft überzeugt. Wahrhaft schnell stellten sie sich auf den Boden der gegebenen Tatsachen! Sie waren verzweifelt, sie hatten gelitten, man hatte sie betrogen, aber ist das eine Entschuldigung für eine solche Haltung? Und da hatten. wir noch in Moskau in der Auslieferungszelle Wunder was von„, unseren Männern" geglaubt und sie mit Tugenden, wie Überlegenheit und Standhaftigkeit, ausgestattet. Auf dem Holzstoß am Ofen saß der Genosse aus Sachsen, daneben lehnte ein Schutzbündler. Es ging schon auf Mitternacht, aber immer noch konnten sie keine Ruhe finden. Kaum drehte sich Betty oder ich auf die Was Seite, um zu schlafen, da zog schon einer an der Decke herum. willst du denn?" ,, Du warst nicht richtig zugedeckt." Oder die Hitze ließ uns nicht ruhig liegen, und schon stand einer am Fußende der Pritsche: Willst du vielleicht eine Zigarette rauchen?" 99 - 92 Am nächsten Tag heizte man unseren Raum nicht weniger. Ich trug einen alten wollenen Pullover und einen ebensolchen Rock. Die Hitze wurde unerträglich. Unter meinen Lumpen befand sich ein gelber Leinensarafan mit bunter Kreuzstichstickerei, den man mir zufällig in Sibirien nicht gestohlen hatte. Ich ging auf den Korridor, zog den Sarafan an und kehrte in die Zelle zurück. Ich glaube kaum, daß der Toilette eines Pariser Modeschöpfers je soviel Beifall gezollt worden ist wie diesem Leinensarafan. ,, Wie wunderschön gelb dein Kleid ist! So eins hatte meine Schwester auch einmal." ,, Richtiger Kreuzstich! Menschenskind, war das eine Arbeit!" ,, So ein schönes Kleid habe ich noch nie gesehen!" So ging es von allen Seiten. Diese Farben, diese herrlichen Farben!" Einige Jahre Zuchthaus, und bunter Kreuzstich rührte die Männer zu Tränen. - - 99 Ich ging mit Thomas M. auf dem Gefängniskorridor unter dem großen goldenen Kreuz hin und her. Von ihm erfuhr ich die ersten glaubwürdigen Nachrichten über meinen Mann. Ein Engländer, Hamilton. Gold, war in Solowki der Zellenkamerad von Thomas M. gewesen und hatte ihm von Heinz Neumann erzählt, mit dem er im Sommer 1938 in einer gemeinsamen Zelle im politischen Untersuchungsgefängnis Butirki gesessen habe. Heinz Neumann sei damals, also anderthalb Jahre nach seiner Verhaftung, noch ungebrochen gewesen und hatte kein Protokoll unterschrieben. Die andere Mitteilung kam über einen Schweizer Ingenieur, der, wenn ich mich recht erinnere, Meier hieß. Auch er war, bevor er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, in Butirki mit Heinz Neumann zusammen in einer Zelle gewesen. Diese Nachrichten waren glaubwürdig, im Gegensatz zu den widerspruchsvollen Geschichten, die mir von vielen anderen Männern unseres Transportes erzählt wurden. Da war er entweder zum Tode verurteilt worden oder zu lebensläng158 lichem Zuchthaus, saß im Isolator oder war noch in Untersuchungshaft. Irgend etwas hatten alle sagen hören. An dieser Stelle will ich die Geschichte Hamilton Golds wiedergeben, so wie sie mir Thomas M. erzählte: Hamilton G. war im Jahre 1935 oder 1936 mit einer IntouristReisegesellschaft nach Moskau gekommen. Er war Angestellter des englischen Boarding House, ein Radiofachmann. Als begeisterter Kommunist kam er, um sich die Sowjetunion anzusehen. H. G. muß noch jung gewesen sein, wohl nicht über fünfundzwanzig. Während seines Aufenthalts in Moskau wurde er auch mit irgendwelchen Russen bekannt. Man machte ihm den Vorschlag, in der Sowjetunion zu bleiben und in seinem Fach zu arbeiten. Er stimmte begeistert zu. Im Sommer 1936, bei Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges, fuhr H. G. im Auftrag der Russen als Radiospezialist nach Spanien. Gegen Ende des Jahres 1937 oder Anfang 1938, in der Zeit, als die Russen mit einem Schlage alles, was sie nach Spanien zur Unterstützung der Republikaner geschickt hatten, zurückzogen, war Hamilton Gold in Barcelona. Man forderte ihn auf, zur Besichtigung und Begutachtung neueingetroffener Apparate auf ein russisches Schiff zu kommen, das vor der spanischen Küste lag. Er wurde mit einem Motorboot zum Schiff gefahren und an Bord in eine Kajüte geführt, die man hinter ihm zusperrte. Das Schiff setzte sich in Bewegung, und als Gefangener kam er nach Odessa. Kurz darauf wurde er, ohne daß man irgendeine Erklärung abgegeben hätte, vor den Untersuchungsrichter gebracht. Seine Anklage lautete auf Spionage. Als er sich weigerte, die gewünschten Geständnisse abzulegen und das gefälschte Protokoll zu unterschreiben, machte der Untersuchungsrichter Anstalten, ihn zu prügeln. ,, Darauf habe ich das Protokoll sofort unterzeichnet, denn als Engländer kann ich mich doch nicht schlagen lassen", erklärte er Thomas M. Er wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. * Um die Mittagszeit des zweiten Tages führte die SS unseren ganzen Transport zu einer Küche der NSV in Bialas, wo wir eine Erbsensuppe erhielten, die Tagesration Brot und ein wenig Marmelade. Bei dieser Gelegenheit beobachtete ich, wie einer von den Männern, ein Hamburger und angeblich ehemaliges Mitglied des Roten Seeleuteverbandes, der durch besonders lautes und aufdringliches Benehmen auffiel, einen SSMann mit ,, Heil Hitler" grüßte. Willi B., der in meiner Reihe marschierte, bemerkte es ebenfalls und wandte sich an mich: ,, Mensch, der übt sich schon!" Dieser Aufenthalt im Gefängnis von Bialas ließ bei vielen neue Illusionen aufkommen. ,, Sie behandeln uns doch eigentlich ganz anständig!"-, Vielleicht gibt es eine Amnestie für aus der Emigration - 99 159 zurückkehrende Politische?" Viele Männer rechneten damit, sofort zur Wehrmacht eingezogen zu werden.„ Ganz gleich, was kommen mag, besser als russisches Zuchthaus, besser als Sibirien ist es sicher", so war die Stimmung, als man uns nach ungefähr einer Woche in einen Personenwagen verlud und wir in Richtung Warschau abfuhren. Der Zug war verdunkelt und ungeheizt, auch die Bahnhöfe ohne Licht. Auf den Haltestellen versuchte die polnische Zivilbevölkerung in unsere Abteile zu steigen, weil sie nicht überfüllt waren. Mit dem Gebrüll: ,, Dreckiges Polenpack, macht, daß ihr rauskommt!" stieß unsere SS- Bewachung sie von den Trittbrettern. Betty Olberg und ich saßen mit untergezogenen Beinen, so wie wir das durch das Leben auf den Brettern gewohnt waren, auf der Bank des Eisenbahnwaggons, und alle Gespräche drehten sich um das Ziel dieser Reise.„ Ob sie uns gleich bis Berlin bringen?" , Vielleicht erlauben sie uns, an die Angehörigen eine Nachricht zu schicken?" 99 - Mit dem ungarischen Emigranten hatte ich in Bjalas nur wenige Worte gewechselt. Er machte sich keine Illusionen über sein Schicksal. In der Dunkelheit des Zuges wagte er das erstemal eine etwas längere Unterhaltung:„ Ich bin ungarischer Staatsbürger. Es ist möglich, daß mich die Gestapo weiter an die Ungarn ausliefert. Von dort bin ich nach der ungarischen Räterepublik emigriert. Was kann mich schon in Deutschland erwarten und was in Ungarn? Solltest du in die Freiheit kommen, gib bitte den Verwandten meiner Frau, sie wohnen im Ruhrgebiet, eine Nachricht." Am nächsten Morgen hielt unser Zug in Lublin. ,, Aussteigen! Zu fünfen antreten!" Die Männer faßten Betty Olberg unter. Es herrschten wohl vierzig Grad Kälte an diesem Tag. Frierend und übermüdet marschierten wir durch die Stadt, in der ich die ersten durch Bomben zerstörten Häuser sah. Der trostlose Eindruck nahm zu, als wir uns dem Ghetto näherten. Aus Kellerfenstern und Torbögen blickten die Menschen ängstlich und neugierig auf unsere Kolonne. Und mitten im Ghetto ragte ein burgähnliches, großes, quadratisches Gebäude auf, dessen Giebel überm Eingang mit zwei weithin sichtbaren Beilen geschmückt war: das Gefängnis von Lublin, das uns die nächsten vierzehn Tage beherbergen sollte. Nun befanden wir uns also in den Händen der Gestapo. Noch auf dem Korridor gab ein aalglatter Zivilist jedem von uns ein Stück Papier mit der Aufforderung, wahrheitsgemäß niederzuschreiben: Name, Geburtsdaten, Eintritt in die KPD, in ihr bekleidete Funktionen, Jahr der Emigration, seit wann in Rußland, die dortige Tätigkeit, Datum der Verhaftung durch die NKWD und Urteil. Die Zettel wurden abgegeben. Betty Olberg und ich kamen in die Frauenabteilung des Gefängnisses, in eine Zelle, wo sechs Frauen uns 160 stürmisch begrüßten. Alle waren vor uns aus Butirki dorthin transportiert worden. Ich kannte nur zwei von ihnen: Frau Fon und Frau Fekete. Anscheinend sammelte man in Lublin einen größeren Transport solcher Ausgelieferten an, um sie dann weiter ins Reich zu schaffen. In zwei Zellen des Lubliner Gefängnisses saßen im ganzen siebzehn Frauen und in der Männerabteilung ungefähr einhundertdreißig von Sowjetruẞland Ausgelieferte. - 95 - - Nach der Begrüßung mit den beiden Bekannten erhob sich ein junges, blondes Mädchen vom Schemel, kam auf mich zu und fragte: ,, Bist du etwa Gretchen?" Wie kommst du auf Gretchen?" staunte ich, weil es nur zwei Menschen gab, die mich so nannten, das waren Heinz und meine Freundin Hilde D. ,, Ich hab im Zuchthaus von Kasan mit Hilde D. zusammen gesessen. Sie hat mir den Auftrag gegeben, überall nach dir zu forschen, und falls ich dich finden sollte, dir von ihrem Schicksal zu berichten."- ,, Ja, ich bin Gretchen." ,, Hilde hat für die Zugehörigkeit zur Neumann- Gruppe zehn Jahre Zuchthaus bekommen. Sie ist noch unter Jeshow verurteilt worden. Von der kleinen Swetlana, ihrer Tochter, hat sie einen Brief bekommen. Das war ihr einziges Glück. Du würdest Hilde nicht wiedererkennen. Sie hat schon schneeweißes Haar und ist noch keine dreißig Jahre alt." Wir berieten dann lange, ob es eine Möglichkeit gäbe, Hilde zu retten. Sie war tschechische Staatsbürgerin. Vor allen Dingen beschlossen wir, sobald es irgendwie gehen sollte, Hildes Eltern zu verständigen. 22 - Ich war kaum eine halbe Stunde in dieser Zelle, da wurde die Tür aufgeschlossen, der Gestapomann rief barsch meinen Namen, und auf dem Korridor, durch den er mich führte, zischte er mich an: ,, Sie glauben wohl, daß Sie sich hier unter falschem Namen einschmuggeln können? Wir wissen genau, wer Sie sind!" Er brachte mich in einen Büroraum, wo hinter einem Schreibtisch ein fetter, schwabbliger, noch ziemlich junger Mann saẞ., Wie heißen Sie?" wandte er sich an mich. ,, Margarete Buber." Da sprang der andere, der Geschniegelte, der uns beim Eingang den Zettel überreicht hatte, auf und fuchtelte mir mit diesem Stück Papier vor der Nase herum. ,, Halten Sie uns nicht für allzu dumm. Sie wollen uns weismachen, daß Sie Buber heißen? Sie sind die Frau von Heinz Neumann!" kam es triumphierend heraus.„ Ich heiße Margarete Buber und war mit Heinz Neumann nicht offiziell verheiratet." ,, Aha, also seine Braut!" Wenn Sie es so nennen wollen." - ,, Sie behaupten", und er blickte auf den von mir ausgefüllten Zettel, ,, in Moskau verhaftet gewesen zu sein? Und nach Sibirien verschickt?" ,, Ja." ,, Und wo ist Ihr hm Freund, Heinz Neumann?" ,, Er - - - 99 - ist 1937 von der NKWD verhaftet worden." ,, Das können Sie jemand anderem erzählen! In Paris ist er und arbeitet für die Komintern! Und Sie, was sind Sie? Sie sind eine Agentin der Komintern und der GPU. 11 Buber: Gefangene. 161 P Sie glauben doch wohl selbst nicht, daß die Russen Sie, als Frau von Heinz Neumann, nach Deutschland ausliefern würden?" Dann begann ein ausführliches Verhör. Nach kurzer Zeit bemerkte ich, daß irgend jemand aus dem Transport mich verraten haben mußte, denn man fragte plötzlich nach Thomas M. und welche Gespräche ich mit ihm geführt hätte. Später, beim Weitertransport nach Berlin, teilten mir die Männer mit, daß der Hamburger, das ehemalige Mitglied des Roten Seeleuteverbandes, alles, was er während des Transports von Moskau bis Lublin gehört hatte, schon in der ersten halben Stunde in Lublin der Gestapo denunzierte. Selbstverständlich versuchte ich während dieses ersten Verhörs soviel wie irgend möglich zu verschweigen. Als mich der Gestapomann fragte: ,, Haben Sie jetzt alles ausgesagt?" und ich nickte, drehte sich der Dicke auf seinem Sessel zu mir herum: ,, Na, und Ihr Schwesterchen Babett? Was haben Sie denn bei der in Paris gemacht?" Er stellte so detaillierte Fragen an mich, daß man den Eindruck bekommen konnte, er sei im Verlag meiner Schwester ein- und ausgegangen. Er nannte alle Mitarbeiter prinzipiell mit Vornamen. Von der Telefonistin sprach er als ,, Engelchen", ihr Familienname war ,, Engel". Über den Chauffeur ,, Emil" wollte er unbedingt etwas wissen. Nach diesem ersten Verhör war ich überzeugt, vor ein Gericht gestellt zu werden und begann mich innerlich auf eine Untersuchungshaft bei der Gestapo vorzubereiten. Im Lubliner Gefängnis herrschte eine sonderbare Atmosphäre, die bedingt war durch das Nebeneinander von polnischem Gefängnispersonal und Gestapo- Obrigkeit. Für Häftlinge und Aufseherinnen gab es den gleichen Feind: die Gestapo. Eine polnische Ärztin, die im Gefängnisambulatorium tätig war, schmuggelte z. B. Briefe für Männer- und Frauenhäftlinge. Die Aufseherinnen ließen oft lange Zeit die Zellen unabgeschlossen, was eine rege Unterhaltung von Zelle zu Zelle ermöglichte. Wir erfuhren von Erschießungen, von waghalsiger Flucht einiger polnischer Häftlinge über die Dächer des Gefängnisses und von über hundert polnischen Priestern, die in der Männerabteilung in Haft saßen. Fast jede Nacht hörten wir durch unser Zellenfenster das Rattern von Motorrädern, das Geräusch an- und abfahrender Lastautos und gebrüllte deutsche Kommandos. Eingeweihte berichteten uns im Gefängniskorridor, daß es sich dabei um Razzien unter der polnischen und jüdischen Bevölkerung handle, und täglich wurden mehr und mehr Verhaftete eingeliefert. Wir lernten eine Frau aus einer Nachbarzelle kennen, in der sie mit ihrer Tochter und neun anderen Frauen zusammen lag. Sie wußte nicht, woher wir kamen und was mit uns los war. Mit strahlenden Augen begann sie zu erzählen, daß sie hoffe, in den nächsten Tagen über die russische Grenze zu kommen, und daß dann die Leiden endlich ein Ende 162 hätten. Alle in ihrer Zelle hätten für Sowjetrußland optiert. Es waren polnische Kommunistinnen. Eine von uns meinte: ,, Wäre es eigentlich nicht unsere Pflicht, sie zu warnen?" und wir begannen mit einigen von diesen Frauen über unser Schicksal zu sprechen: daß auch wir einmal als kommunistische Emigranten nach Rußland gekommen seien und was dann alles mit uns geschehen war. Von diesem Augenblick an wandten sie sich brüsk von uns ab. In den nächsten Tagen mieden uns alle in dieser Zelle, als seien wir mit einem Aussatz behaftet. Von Zeit zu Zeit gab es im Lubliner Gefängnis Besichtigung. Die Aufseherinnen machten uns rechtzeitig Mitteilung davon, und wir wußten schon Bescheid, wie man sich zu verhalten habe. Ein lautes ,, Achtung!" erschallte durch den Korridor, und dann standen wir in einer Reihe in der Zelle. Eine meldete: ,, Zelle 43, belegt mit sieben Deutschen!" Wir kamen uns wie in einem Zoo vor. Meistens waren die Besichtiger geschniegelte deutsche Offiziere, die uns anglotten. Einmal hatten einige von ihnen ihre Gattinnen zu dieser interessanten Unterhaltung mitgebracht. Ein hübsches, blondes Mädchen, eine Hannoveranerin, die eine rote Polobluse trug, wurde die Zielscheibe der bissigen Bemerkungen dieser Weiber: ,, Solche Blusen sind wohl in Moskau modern?! Damit wollen Sie wohl Ihre kommunistische Gesinnung zur Schau tragen? Sie scheinen ja immer noch nicht genug davon zu haben?" Da ihnen aber keine von uns antwortete, fand der Monolog bald ein Ende. ** - Jeden Tag warteten wir gespannt auf den nächsten Transport aus Moskau. Eine Woche verging, doch kam kein Zuwachs mehr. Alle siebzehn Frauen waren schon beim Verhör gewesen. Wir litten täglich mehr unter Hunger. Die Ernährung im Lubliner Gefängnis bestand aus einer kleinen Portion Brot, kaum 400 Gramm und täglich ,, blauem Heinrich", der obligatorischen deutschen Gefängnis- Graupensuppe. In unserer Zelle war auch eine Russin, die kein Wort deutsch sprach. Ihr Mann, ein deutscher Spezialarbeiter, befand sich nicht unter den Ausgelieferten. Sie nahm ihr Schicksal mit erstaunlichem Gleichmut hin. Den Humor verlor sie nur, wenn kein Tabak mehr vorhanden war. Darum sammelte unsere Zelle Brot, jeder gab ein Stück, und wir tauschten es bei den Kriminellen auf dem Korridor gegen Machorka ein. Die zweite Woche war vergangen und immer noch kein neuer Transport aus Moskau eingetroffen. Ich wurde noch zweimal zu Verhören geholt, die aber weit oberflächlicher waren als das erstemal. Dann machte man Fingerabdrücke und eine neue Beschreibung. Alle ausgelieferten Frauen hatten eine vage Hoffnung auf Freilassung, nur ich nicht. 11* Die Männer benachrichtigten uns durch die polnische Ärztin, daß ein 163 SS- Mann, der in der Männerabteilung Dienst hatte, Besuchserlaubnis für Ehemänner gegeben habe, deren Frauen sich unter den Ausgelieferten befänden. Nun gab es aber nur ein Ehepaar, das sich wiedergefunden hatte, doch bei der Nachfrage des SS- Mannes meldeten sich viele Männer und behaupteten, daß auch ihre Frauen sich unter den Ausgelieferten befänden. Sie gaben irgendeinen Namen an. Der SS- Mann durchschaute natürlich das Spiel, worauf er eine Bedingung stellte: ,, Ihr müßt sofort beim Öffnen der Frauenzelle eure Ehefrau erkennen, sie umarmen und küssen. Wenn das einer nicht schafft, so kann er was erleben!" Von dieser Abmachung hatten wir Frauen aber keine Ahnung. Am nächsten Nachmittag schloß man unsere Zellentür auf, und ein Schwarm von Männern stürmte herein, jeder ergriff irgendeine Frau, fiel ihr um den Hals und flüsterte: ,, Sage ja, daß du meine Frau bist! Sonst passiert was!" So gut und herzlich haben wir selten gelacht, und der SS- Mann stand dabei und wieherte vor Vergnügen. Ja, so etwas war im Lubliner Gefängnis noch möglich. Nach Sibirien und Butirki konnte man beinahe sagen: ,, Wir fühlten uns wie zu Hause." Aber es sollte noch anders kommen. Am Ende der zweiten Woche holte man in kurzer Aufeinanderfolge alle Frauen zur Gestapo. Nur mich nicht. Sie kamen zurück mit einem Schein, auf dem stand: ,, X hat sich in ihren Heimatort zu begeben und sich dort binnen zwei Tagen bei der Gestapo zu melden." Dieser Schein galt als Fahrkarte. Frau Fekete, die Frau eines Arztes, war ungarische Jüdin. Sie wurde ins Lubliner Ghetto entlassen. Da nahmen alle von mir Abschied, und ich blieb allein in der Zelle zurück, erbärmlich traurig und verlassen. Meine einzige Hoffnung war, daß man mich noch so lange in Lublin halten würde, bis der nächste Transport aus Moskau käme und mit ihm Karola Neher, Zenzl Mühsam und alle anderen Freunde. Aber am nächsten Tage schon hieß es: ,, Packen Sie Ihre Sachen! Sie gehen auf Transport!" Und wieder stand ich innen am Gefängnistor in dumpfer Ungewißheit und Angst. Da hörte ich das Trappeln vieler Schritte, und um die Ecke bog eine Kolonne von vierzig Männern, unter ihnen viele Bekannte, mit denen wir zusammen von Moskau aus auf Transport gegangen waren. Von den 150 Ausgelieferten hatte man uns einundvierzig verhaftet, und wir sollten unter Bewachung zum Polizeipräsidium in Berlin gebracht werden. Da bekamen wir schon einen anderen Ton zu hören als bisher: ,, Stillgestanden! Schnauze halten! Zu fünfen rechts schwenkt, marsch!" Und wieder ging es durch Lublin zum Bahnhof, wo ein D- Zug- Waggon mit der Aufschrift ,, Krankentransport" für uns bereit stand. Die RotenKreuz- Damen auf den verschiedenen Bahnhöfen hatten keine Ahnung, was für ,, Kranke" wir seien, und sie traktierten uns freundlich mit warmem Muckefuck. Unsere Begleitmannschaft bestand aus Gestapomännern, die ein Extraabteil II. Klasse hatten und abwechselnd dort 164 schliefen. Wir erhielten Armeeverpflegung. In Warschau rangierte man unseren Waggon, um ihn an einen anderen Zug zu hängen. Da standen wir eine ganze Zeit unter einer Überführung. Schon damals sah die Stadt sehr zerstört aus. Über die Brücke gingen Frauen mit ganz absonderlichen Kopfbedeckungen. Was haben denn die auf? Das ist aber zum lachen?!" So reagierte ich auf die neueste Mode, weil ich jahrelang keine Hüte gesehen hatte. 99 Auf dieser Fahrt wurden keine politischen Gespräche mehr geführt. Einer erzählte von seiner Jugend, wie er seiner Mutter durchbrannte, die Schutzbündler schwärmten von Skitouren; durch alle Gespräche klang die Sehnsucht heimzukommen. Man vermied von dem zu sprechen, was vielleicht schon morgen oder übermorgen eintreffen würde.„ Ich habe gehört, daß wir in Neu- Bentschen ausgeladen und dort ins Gefängnis gebracht werden", flüsterte mir einer zu. Und richtig. In Neu- Bentschen hieß es: ,, Los, alles raus!" Wir standen in Reih und Glied auf dem Bahnhof, da ertönte das Kommando: ,, Alles wieder einsteigen!" Angeblich hatte man eine Nachricht zum Bahnhof geschickt, daß das Gefängnis von Neu- Bentschen überfüllt sei. Wir fuhren weiter. Dann hielt der Zug in Schwiebus. Wieder standen wir auf dem Bahnsteig. Der Zug fuhr davon, und wir marschierten schweigend durch das verdunkelte Städtchen, irgendeinem neuen Gefängnis entgegen. ,, Ein merkwürdiges Gefängnis hat dieses Schwiebus!" Vor einem Gebäude, das im Dunkeln wie ein Bauernhaus aussah, machten wir Halt und traten in eine große Gaststube mit Holztischen, bunten Gardinen und getäfelten Wänden. Wir waren in der ,, Herberge zur Heimat" des Städtchens Schwiebus. Entweder gab's da kein Gefängnis, oder es war ebenfalls überfüllt. So wurden uns fünf glückliche Tage geschenkt, die letzten vor den kommenden grauenvollen Jahren des Konzentrationslagers. Herbergsvater und Herbergsmutter blickten zuerst verwundert auf die neuen Gäste, die unter Gestapobewachung dort eintraten. In Pelzmützen, vorsintflutlichen Mänteln, manche in hohen Filzstiefeln, wie uns eben die NKWD für Europa eingekleidet hatte, standen alle mit gleichen staunenden Gesichtern in einem richtigen privaten Zimmer, keiner Zelle, keinem Barackenraum. Gardinen statt Gitter, Bilder an den Wänden statt einer Gefängnisordnung, eine junge, verlegen lächelnde Wirtin, die uns aufforderte, Platz zu nehmen, statt einer keifenden Aufseherin. Der Gestapomann gab dem Herbergsvater einige Anweisungen. Da hörte ich zum erstenmal, daß man uns mit ,, die Rückwanderer" betitelte. Wie liebenswürdig und rücksichtsvoll doch die Gestapo sein konnte. Wir hängten unsere Sachen an einen Kleiderhaken, manche wagten gar nicht so recht, sich auf richtige Stühle zu setzen. Ich öffnete vorsichtig die Küchentür, da stand die Herbergsmutter und bereitete uns ein Abendessen, richtige belegte Brote, keine ,, Ration", sondern in Scheiben 165 geschnitten und fein säuberlich auf eine große Platte geschichtet. Am Küchentisch aber saß der muntere Sachse aus unserem Transport, drehte die große Kaffeemühle, und auf seinem Knie schaukelte das Töchterchen der Wirtin. 990. Als wir schon drei Tage Gäste in der ,, Herberge zur Heimat" waren und wieder begannen, unsere Lieder zu singen und so losgelöst dahinlebten, wie das nur Häftlinge können, für die jede glückliche Stunde die letzte sein kann, öffnete sich die Tür der Wirtsstube, und ein Schwarm Uniformierter trat ein.„, Achtung! Aufstehen!" Es war die SS- und Gestapoobrigkeit von Schwiebus. Man betrachtete sich den Fang. Einer wandte sich in einer Rede an uns: Ihr habt ja nun die Segnungen des Kommunismus am eigenen Leibe verspürt! Da kann man euch wohl als geheilt betrachten?... Ihr kehrt in ein anderes Deutschland zurück. Selbstverständlich werdet ihr eine Umschulung durchmachen müssen, bevor man euch wieder der Ehre teilhaftig werden läßt, am Aufbau des Großdeutschen Reiches mitzuhelfen... Zum Schluß werden wir stehend und mit erhobenem Arm das, Deutschlandlied' singen!" Zögernd hoben die Männer den Arm hoch, und es waren nur wenige, die es wagten, nicht mitzusingen, unter ihnen der jüdische Emigrant aus Ungarn. Noch lange nachdem die Meute wieder gegangen war, saßen alle mit hängenden Köpfen und konnten einander nicht ins Gesicht blicken. ,, Was verstehen die wohl unter Umschulung?"- ,, Vielleicht werden sie uns gar keine Prozesse machen, sondern nur für ein paar Monate in ein Lager sperren?", so sprachen die Optimisten unter uns. Der junge Leipziger, der sich vor wenigen Wochen geweigert hatte, über die Brücke in BrestLitowsk zu gehen, wurde von Tag zu Tag aufgeregter. An keiner Stelle hielt er es länger aus als ein paar Minuten. Warum versuchte er eigentlich nicht zu fliehen? Was hielt die anderen davor zurück? Ob nicht doch alle noch hofften, daß es schon nicht so schlimm werden würde? Ein kommunistischer Abgeordneter aus Mitteldeutschland, namens König, sang schmelzend: ,, Nach der Heimat möcht' ich wieder.." und ein Männerchor hatte sich gebildet, dessen Lieblingslied war: ,, Drei Zigeuner sah ich einmal.", wobei sie besondere Inbrunst auf den letzten Vers verwandten: ,, Dreimal haben sie mir gezeigt, wenn das Leben uns nachtet, wie man's verschläft, verraucht und vergeigt, wie man es dreifach verachtet...!" • Auch Gespräche über die Zukunft wurden wieder geführt. ,, Wenn ich das KZ hinter mir habe, werde ich nur noch ein Privatleben führen. Nie mehr will ich etwas mit Politik zu tun haben", konnte man immer wieder hören. Die Jüngeren unter den Männern fürchteten:„ Na, sie werden uns ja gleich zu den Preußen holen, da geht's im selben Stil weiter, wie wir's schon gewohnt sind." 166 Einige versuchten, mit der Außenwelt Verbindung anzuknüpfen, vor allem um eine Nachricht an Verwandte zu senden, aber es gelang nicht. Das Haus war Tag und Nacht bewacht. 16. ALS UNTERSUCHUNGSGEFANGENE IM BERLINER POLIZEIPRÄSIDIUM Und dann kam der Morgen des sechsten Tages. Der 8. März 1940. Zwei mit einer Plane verdeckte Polizeiautos fuhren knatternd vor die Herberge. Kommandos wurden gerufen, und mit einem Schlage hatten alle wieder Häftlingsgesichter. Die Hände lagen wie selbstverständlich an der Hosennaht, in den Augen war Angst, Unterwürfigkeit und dumpfer Widerstand. Bei manchen klappten auch die Hacken zusammen und der Brustkorb wurde herausgedrückt. ,, Nu mal los, ein bißchen dalli! Ihr habt wohl gar keinen Mumm mehr in den Knochen! Rauf auf die Autos! Die Frau kommt nach vorn!" Ich saß zwischen Chauffeur und Gestapomann. Es war ein trüber Tag. Überall lag noch angegrauter Schnee. Die Fahrt ging über Frankfurt an der Oder, dann auf die Reichsautobahn. Die ganze Zeit hatte ich nur einen Gedanken, was werden sie mich in Berlin bei der Gestapo fragen, was wissen sie noch und was soll ich antworten. Nur dunkel erinnere ich mich an spärliche Kiefernwälder und die sausende Fahrt auf der Autobahn. Dann fuhren wir in die östlichen Außenbezirke Berlins ein. Und hatte ich mir das in Sibirien je träumen lassen? Noch einmal im Leben nach Berlin zurückzukommen? Aber ich saß wie erstarrt. Diese Straßen da hatten nichts mit mir zu tun. Das war nicht die Heimat, nach der ich mich gesehnt hatte. Und als wir zum Alexanderplatz einbogen, war das einzige, was wir auffiel, das Standbild der dicken ,, Berolina", das die Nazis wieder an seinen alten Platz zurückgebracht hatten. Wir stiegen vor dem Polizeipräsidium von den Autos. Dort standen wir zu zweien angetreten, und die Passanten blickten mit runden, erstaunten Augen auf uns seltsame Gestalten mit den Pelzmützen. Sie führten uns in den ,, Alex", irgendwelche Treppen hinauf in einen großen Büroraum, wo ein gemütlicher Beamter, die Thermosflasche und das Frühstücksbrot neben sich auf dem Schreibtisch, unsere Namen verlas. Das war Herr Krohne, ehemaliger Verkehrspolizist und jetziger kleiner Beamter bei der Gestapo. Den sollte ich während der fünf Monate Untersuchungshaft im Polizeipräsidium noch gut kennenlernen. Er redete alle mit ,, du" an. ,, Na, da freuste dich wohl, daß de wieder zu Hause bist?" begrüßte er mich. Das kam so ehrlich heraus, daß ich nicht wußte, ob er mich verhöhnte oder es ernst meinte. Ich verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. Ein anderer Beamter brachte die Männer fort. Keiner dachte an ein Abschiedswort. Seitdem wir in dieses Haus eingetreten waren, schienen alle ganz wesenlos zu sein. Dann ging ich neben Krohne viele Treppen 167 hinauf bis zu einer Tür mit dem Schild ,, Frauenabteilung". Eine spindeldürre, übermäßig lange Alte in weißer Kittelschürze, die, um sich noch zu erhöhen, einen kleinen Dutt auf dem Hinterkopf trug, öffnete auf. das Klingeln und forderte mich mit männlichem Baß auf: ,, Kommse rein in die Aufnahme!" Das war die Leiterin der Frauenabteilung im Polizeigefängnis Alexanderplatz.„ Tante Anna" oder der ,, Leuchtturm" genannt. Gestapomann Krohne hatte ihr bei meiner Einlieferung einen Zettel in die Hand gedrückt. Als meine Daten aufgenommen wurden, sah ich zufällig, wie ,, Tante Anna" nach einem Blick auf dieses Papier eine Rubrik in ihrem großen Buch ausfüllte. Sie schrieb das Wort ,, Hochverrat". 99 - Tante Anna" war ein altes Faktotum aus der Weimarer Republik. Die Nazis hatten sie ,, übernommen". Sie bestimmte den Ton in der Frauenabteilung des Polizeigefängnisses. Nach Butirki schien mir der ,, Alex" ich meine die Frauenabteilung, nicht die Geheime Staatspolizei ein idyllischer Aufenthalt. Die Wachtmeisterinnen waren fast alle freundlich, man konnte mit ihnen Gespräche führen, selten hörte man ein Kommando. Da schlug keine mit dem Zellenschlüssel gegen die Tür, wenn laut geweint, laut gesungen oder laut geschrien wurde. Beim Spaziergang auf dem Gefängnishof, der von hohen Mauern und auf der einen Seite vom vielstöckigen Gebäude des Polizeipräsidiums umrahmt war und nicht weniger trostlos als der von Butirki aussah, erschallte kein ,, ruky nasad!"( Hände nach hinten!) oder„, glasa vnisu!"( Augen niederschlagen!) Nein! Ganz im Gegenteil: an den Fenstern des Präsidiums standen Kriminal- und Gestapobeamte und musterten mit Kennerblick die Prostituierten beim Rundgang, und diese kreischten ohne Scheu hämische Bemerkungen hinauf zu den ,, Bullen", denen sie ihre Verhaftung zu verdanken hatten und von denen wahrscheinlich viele ihre ehemaligen ,, Kunden" waren. Der ,, Alex" war ein Durchgangsgefängnis, in dem sowohl von der Gestapo Verhaftete als auch durch Kriminalpolizei Festgenommene saßen und nach einigen Verhören entweder ins Untersuchungsgefängnis Moabit weiterbefördert wurden oder aber wieder in die Freiheit kamen. Dauerhäftlinge wie mich gab es dort sehr selten. Da war z. B. eine Zelle, die nur solche Prostituierte beherbergte, die bei Polizeirazzien wegen Ausschreitungen in betrunkenem Zustande oder wegen irgendwelcher ,, Kontrollvergehen" zusammengetrieben wurden und deren kreischende Proteste zu den gewohnten Geräuschen der Nächte im ,, Alex" gehörten. Ich kam in Zelle Nr. 17, die für vier Häftlinge bestimmt war, aber manchmal bis zu zehn Frauen aufnahm. Man schlief auf Matratzen und hatte Bettwäsche. Daß es Wanzen in Hülle und Fülle gab, machte keinen Eindruck mehr auf mich, ebenso wenig, daß das Essen kaum genießbar und jämmerlich wenig war. Die Zelle hatte ein großes Fenster 168 aus durchsichtigem Glas und verlor dadurch den typischen Zellencharakter, außerdem gab es Klo und Wasserleitung. So etwas weiẞ nur ein aus Rußland kommender Häftling richtig zu würdigen. Gleich in den ersten Stunden entdeckte ich die Inschriften und Zeichnungen an der hölzernen Zellentür. Wer hätte das in Butirki gewagt! In der mittleren Türfüllung prangte eine geballte Faust in natürlicher Größe mit der Unterschrift: ,, Rot Front, trotz alledem!" Es gab keinen Zentimeter Tür, der nicht einen Vers aus einem revolutionären Lied oder eine Losung trug, und in einer Ecke las ich: ,, Alles ist vergänglich, auch lebenslänglich!" Welch ein Trost! In den ersten Tagen waren wir zu zehnt in diesem Raum. Weshalb nur verhaftete die Gestapo die vielen Frauen? Besonders im Gedächtnis blieben mir die Verhafteten vom ,, Adlershofer Prozeẞ". Sie standen unter der Anklage, kommunistische Antikriegsflugblätter hergestellt und verbreitet zu haben. Ein Funktionär der Komintern, der aus Dänemark illegal nach Adlershof bei Berlin gekommen war, hatte dort die Antikriegsarbeit geleitet. Zur gleichen Zeit, in der die NKWD uns der Gestapo auslieferte, fuhren in ihrem Auftrag Kominternfunktionäre in die deutsche Illegalität, um gegen den Bündnispartner Deutschland Antikriegsarbeit zu leisten. 29 Mit zwei von den Adlershofer Frauen teilte ich meine Zelle längere Zeit. Frieda war die erste. Eine bleiche, dunkelhaarige Frau, die wohl 32 Jahre alt sein mochte, wurde aus der Einzelhaft in Zelle Nr. 17 gebracht. Die ersten Tage saß sie mit verbissenem Gesicht am Tisch, schwieg oder las den Völkischen Beobachter" mit Hingabe, Zeile für Zeile. Sie hätte ihn abonniert, erklärte sie mir. In ihren braunen Augen lag tiefste Verzweiflung. Als sie etwas Vertrauen zu mir gefaßẞt hatte, erfuhr ich, daß Frieda seit ihrer Jugend in einer Schneiderei arbeitete und daß ihr Mann, ein Metallarbeiter, als Kommunist 1933/34 im Konzentrationslager gesessen hatte. ,, Ich war nicht in der KP", erzählte sie mir ,,, und als mein Mann dann glücklich aus dem KZ kam, versprach er, nie wieder was mit Politik anfangen zu wollen. Dann bekam er Arbeit und es ging ganz gut. Im vorigen Jahr, ich sollte gerade ein Kind kriegen und freute mich sehr, traf mein Mann auf der Straße einen alten Kumpel aus der KP und lud ihn zu sich ein. Damit begann unser ganzes Unglück. Ich hatte eine Fehlgeburt und konnte mich gar nicht mehr recht erholen. Ja, und dann merkte ich, daß mein Mann immer öfter mit den Kolonnen von früher zusammenkam. Ich ahnte schon, was da gespielt wurde. Da habe ich mir gedacht, es ist besser, wenn ich hereinfalle und nicht er, wo er doch schon einmal gesessen hat und sie ihn beinah totgeschlagen haben, damals im Kolumbia- Haus. Ich sagte ihm das, und was kam dabei heraus? Daß wir beide in die Sache verwickelt wurden! Wenn mein Mann doch nur auf mich gehört hätte! Wozu hatten wir das nötig!" Als ich 169 Frieda so sprechen hörte, mußte ich an Grete Sonntag denken. Es war mir, als hätten diese beiden Frauen ein Gesicht. Und die eine verkam in Sibirien, die andere bei der Gestapo. Wenn mich schon der abonnierte ,, Völkische Beobachter" gewundert hatte, so noch mehr Friedas Bemerkungen beim Lesen der Zeitung: ,, Das ist ganz klar, daß wir den Krieg gewinnen. Mein Sachbearbeiter meint das auch. Schließlich muß man ja auch bedenken, was der Führer alles für uns getan hat! Ohne den hätte mein Mann auch keine Arbeit bekommen. Ach, warum hat er sich bloß von den Kollegen wieder reinreißen lassen!" Und nach einer kurzen Pause fragte sie mich: ,, Glauben Sie auch, daß der Krieg bis Weihnachten zu Ende ist?", und ihre flehenden Augen waren auf mich gerichtet. Vielleicht werden dann die Politischen amnestiert? Mein Sachbearbeiter glaubt das auch. Wenn mein Mann doch zugeben würde, wo man sowieso schon alles weiß. Dann käme er wenigstens mit einem milden Urteil davon. Ob ich mehr als fünf Jahre kriege?" 99 Eine ganze Zeit, nachdem Frieda in das Untersuchungsgefängnis Moabit geschafft worden war, kam die nächste Adlershoferin, die junge, munter plaudernde Melitta, die man zu einer Gegenüberstellung von Moabit nach dem ,, Alex" zurückgebracht hatte. Melitta hatte mit ihrem Mann und drei kleinen Kindern in Adlershof gelebt. Vor 1933 gehörten sie und ihr Mann der kommunistischen Jugendbewegung an. Der aus dem Ausland gekommene Kominternfunktionär war mit Melittas Mann in Verbindung getreten, und beide hatten die illegale Antikriegsarbeit begonnen. Melitta hatte die Flugblätter auf Wachsplatten geschrieben, und im Kaufladen der Siedlung Adlershof waren sie auf dem Abziehapparat vervielfältigt worden. Die Kaufmannsfrau und ihr Mann hatten auch daran glauben müssen. Melitta war das genaue Gegenteil von Frieda. Keine Spur von Verzweiflung oder Bedrücktsein: ,, Hoffentlich dauert die Untersuchungshaft nicht so lange, damit es bald zum Prozeß kommt, denn ich werde bestimmt freigelassen. Um den Erich tut's mir wirklich seid, wenn er doch wenigstens so vernünftig wäre und alles zugäbe. Durch das Leugnen macht er doch seine Lage nur noch schlimmer!" 99 Beim Erzählen ging sie in der Zelle hin und her und kämmte sich das Haar. Wer ist denn Erich?" fragte ich. ,, Das ist der Funktionär, der natürlich für alles verantwortlich ist. Wie konnten wir uns auch von dem verführen lassen. Wenn ich herauskomme das habe ich meinem Sachbearbeiter fest versprochen werde ich meine ganze Kraft für den Nationalsozialismus einsetzen." - - Nach der Gegenüberstellung mit Erich war ihre Stimmung etwas gedämpft, aber kurz darauf vertiefte sie sich in ein langes Gespräch über 170 Sommerkleidung und probierte die Wäsche, die ihre Mutter geschickt hatte. Am nächsten Tag ging Melitta nach Moabit zurück, und kurze Zeit danach kam wieder ein Zuzug vom Untersuchungsgefängnis. Eine junge Frau mit kastanienfarbenem Haar und goldbraunen Augen. Sie trug ein grünseidenes Kleid, das ihr wunderhübsch zu Gesicht stand. Aber das schönste an ihr war die Stimme. Als wir eines Abends sangen, stellten Lisa und ich fest, daß wir die gleichen Lieder kannten. Niemals vergesse ich ihre liebliche Stimme, wenn sie sang:..Ich hab' die Nacht geträumet, wohl einen schweren Traum..." Oft weinte sie an den Abenden, und dann erfuhr ich, daß Lisa sich erst vor ein paar Monaten verheiratet hatte und ,, das schlimmste ist, daß mein Mann keine Ahnung hatte von meiner politischen Tätigkeit. Ich wollte ihn nicht damit belasten. Ich arbeitete bei der Post und habe von dort aus illegales kommunistisches Material verschickt. Und jetzt hat mich einer hochgehen lassen. Aus mir wird die Gestapo nichts herauskriegen. Jetzt wird man mich diesem Lumpen gegenüberstellen, um mich kleinzukriegen und auch noch die anderen zu Wenn mich nur mein Mann nicht verläẞt!" erwischen. - Von Lisa erfuhr ich Einzelheiten über den Adlershofer Prozeß, die sie in Moabit erfahren hatte. Von den Adlershofer Frauen verriet als erste Melitta. Sie war noch keine drei Tage in Haft, da begann sie schon. Sie hatte ein Liebesverhältnis mit dem Funktionär Erich gehabt und wußte so über die illegale Arbeit genau Bescheid. Nachdem sie gestanden hatte, stellte man sie sowohl ihrem Mann als auch dem Funktionär Erich gegenüber. Damals erklärten beide noch tapfer, Melittas Aussagen seien erlogen. Aber was konnte ihnen das noch helfen? Die nächste Aufgabe Melittas war es, die Kaufmannsfrau zu einem Geständnis zu verleiten. Die Gestapo brachte beide in eine Zelle, und nach kurzer Zeit hatte Melitta ganze Arbeit geleistet. Ihr drittes Opfer war die Schneiderin Frieda. Die bekan sie aber erst nach drei Monaten mürbe. Nach langer Zeit, schon im Konzentrationslager Ravensbrück, war unter den Zugängen eine Adlershoferin, und sie erzählte mir, daß Erich geköpft worden sei, Melitta fünfzehn Jahre und sowohl Frieda als auch die Kaufmannsfrau fünf Jahre Zuchthaus bekommen hätten. Von der tapferen Lisa hörte ich nie wieder. Politisch Verhaftete gab es damals im Alex eine ganze Menge. In den Einzelzellen der Frauenabteilung saßen angeblich einige Spioninnen", nur hatte ich keine Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen und zwischen diesen Gestapo- ,, Spioninnen" und jenen von der NKWD Vergleiche zu ziehen. Dagegen waren andere sogenannte Politische meine Zellenkameradinnen während dieser fünf Monate. Sowohl bei der NKWD als auch bei der Gestapo gab es den Annahmeparagraphen. Zu Verhaftung 171 und Aburteilung genügte der Verdacht, eine politisch feindliche Handlung, sei es nun Agitation oder Organisation, begangen zu haben, um einen Menschen ohne gerichtlichen Beweis auf Jahre seiner Freiheit zu berauben. Und welcher politischen Verbrechen verdächtigte nun die Gestapo diese Frauen? Ein Zuzug wurde von der Wachtmeisterin mit folgenden Worten in die Zelle 17 gebracht:„ Nu berujen Se sich man, Frau von Gehrke! Hier sind Se wenichstens nich mehr allein. Se müssen doch bedenken, daß wa nich nur für Sie da sind!" Da stand Frau von Gehrke, eine Fünfzigerin, in gravitätischer Haltung. Sie trug ihr leicht ergrautes Haar in einem griechischen Knoten, und von ihrem bastfarbenen Kleid mit rundem Ausschnitt, der ihren üppigen Nacken sehen ließ, hatte man ihr den Gürtel abgenommen, damit sie sich nicht daran aufhänge. So glich das Gewand einem wallenden Nachthemd. Frau von Gehrke war noch keine fünf Minuten in der Zelle, als der erste Ausbruch erfolgte: ,, Was denken sich diese Kerle von der Gestapo! Sind wir denn denen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert?! Kann man nirgends mehr sein Recht bekommen?" Ihre Sprache war klassisches Potsdam. Mit rotangelaufenem Hals ließ sie sich erschöpft auf einen Schemel sinken. Aber nur einige Atemzüge, und schon ging es weiter: ,, Dieses Weib hat man mir sicher als Spitzel ins Haus geschickt! In seinen eigenen vier Wänden darf man nicht mehr tun und lassen, was man will!" Dies schrie sie alles in die Zelle, ohne die zwei Anwesenden, Lisa und mich, überhaupt angesehen zu haben. Dann aber wandte sie sich in verändertem, sehr förmlichem Ton an uns: ,, Verzeihen Sie bitte, aber meine Nerven sind mit mir durchgegangen! Darf ich mich vorstellen: Luise von Gehrke. Denken Sie sich doch bloß, was mir widerfahren ist! Man bestellt mich zur Geheimen Staatspolizei, ich habe keine Ahnung, was die Herren von mir wünschen und da erklärt mir so ein Rüpel, ich hätte Hitler und andere Mitglieder der Reichsregierung beleidigt! Eine reine Erfindung ist das! Aber damit nicht genug, dann sagte er:, Wir müssen Sie bis morgen hier behalten, bis sich alles aufgeklärt hat!" Und stellen Sie sich vor, so wie ich von der Straße komme, ohne Toilettesachen, in diesem hellen Kleid, ohne alles für die Nacht, sperrt man mich in einen winzigen Raum. Verhaftet einen Menschen, der nichts verbrochen hat! Alle meine Proteste waren vergebens. In was für Zeiten leben wir denn?" - - Wir beide murmelten etwas Tröstendes: ,, Sie kommen bestimmt wieder raus. Regen Sie sich man nicht so auf." Da begann Frau von Gehrke herzzerbrechend zu weinen. Schluchzend und schnaubend, aber mit sehr gedämpfter Stimme und der ständigen Bitte ,, ja mit niemandem darüber zu sprechen", erzählte sie uns, nachdem sie kaum eine Viertelstunde in der Zelle war, in aller Ausführlichkeit, was sie in diese entsetzliche Lage gebracht habe. 172 ,, In meinen Haushalt kam täglich als Stundenhilfe eine Frau, die mir von der Arbeitsvermittlung geschickt worden war. Sie wissen ja, wie schwer es jetzt mit den Dienstboten ist. Von Anfang an gefiel mir dieser Mensch nicht. Als sie mir dann mitteilte, daß sie in der NS- Frauenschaft. sei, wurde sie mir noch unsympathischer. Die Arbeit verrichtete sie, als ob es eine Gnade wäre, alles mußte ich ihr zwei-, dreimal sagen. Ende der vorigen Woche hatte sie wieder vergessen, Zeitungspapier als Unterlage in den Kohlenkasten zu tun. Da habe ich ihr befohlen, die Kohlen noch einmal herauszunehmen. Und als sie damit fertig war, gab ich ihr den, Völkischen Beobachter' als Unterlage. Nun waren aber gerade in dieser Nummer auf der letzten Seite viele Fotos des Führers und des Reichsmarschalls Göring. Da fragte mich die listige Frauensperson: Frau von Gehrke', sagt sie ,, soll ich denn die Zeitung mit den Bildern vom Führer in den Kohlenkasten legen?', und ohne viel zu überlegen, erwiderte ich:, Aber natürlich, die eignet sich doch besonders gut dazu!' Und dann hat sie mich bei der Gestapo denunziert. Ist denn sowas menschenmöglich?!" Frau von Gehrke blieb vierzehn Tage in Zelle 17 und quälte uns weidlich. Da sie aber einflußreiche Verwandte hatte, entließ die Gestapo sie. Viel ernster stand es aber um solche, die von der Gestapo wegen Abhören ausländischer Radiostationen verhaftet worden waren. Fast in allen Fällen hatten sie nicht den Mund halten können und die Radionachrichten ,, einer sehr guten Bekannten unter dem Siegel der Verschwiegenheit" mitgeteilt. Sie wurden denunziert und häufig vor der Verhaftung schon eine ganze Zeit von der Gestapo beobachtet. 1940 gab es für dieses Vergehen bereits Zuchthaus, und später wurden auch Todesurteile für ,, Verbreitung ausländischer Radionachrichten" gefällt. Als politisch galten auch Verbrechen" wie der Einkauf oder Verkauf von Wäsche, Kleidern und Strümpfen ohne ,, Punkte". Da verging keine Woche, in der nicht solche Verbrecherinnen eingeliefert und nach Moabit weiterbefördert wurden. 99 Doch an einen tragikomischen Fall erinnere ich mich besonders. Kam da eine wohlgenährte kleine Frau tränenüberströmt in unsere Zelle. Sie konnte kaum japsen, so eng war sie in ein Korsett eingeklemmt, und der Busen stieß fast an das üppige Doppelkinn. Aus ihren Kleidern wehte ein nahrhafter Duft nach Fleischerladen, und als sie ihren ersten Schmerz ausgeweint, wurde sie schnell mitteilsam. Was für ein Unterschied zwischen deutschen Verhafteten und denen im Moskauer Gefängnis Butirki! Ganz abgesehen davon, daß die Opfer der NKWD sehr oft gar nicht wußten, weshalb man sie verhaftet hatte, gehörten bei den russischen Frauen Wochen näherer Zellenbekanntschaft dazu, um etwas über den Grund ihrer Verhaftung oder die Anklage zu erfahren. Bei 173 den ins Polizeigefängnis Alexanderplatz Eingelieferten sprudelte meistens nach einer halben Stunde schon der wahre Sachverhalt, der zur Verhaftung geführt hatte, heraus, aber wenn alles gesagt war, folgte regelmäßig die ängstliche Bitte:„ Aber verraten Sie mich ja nicht bei der Gestapo!" 99 99 Die kleine runde Frau Globig hatte einen Verkaufsstand für Innereien in der Zentralmarkthalle am Alexanderplatz, sie tauschte verbotenerweise mit einer anderen, die Obst und Südfrüchte handelte, ,, manchmal eine Leber, manchmal eine Niere gegen Apfelsinen". Das war von einer anderen Marktfrau beobachtet und denunziert worden. Wenn mein Mann hört, daß ich bei der Gestapo bin und heute nicht nach Hause komme, wird er vor Schreck sterben", wimmerte sie. ,, So eine Schande kann er nicht überleben! Ach, und ich hatte schon soviel Unglück im letzten Jahr. Mein Lorchen ist mir gestorben, wo mein ganzes Herz dran hing." Und ein neuer Tränenstrom unterbrach ihre Klagen. ,, War das ihre Tochter?" fragte eine mitleidige Zellengenossin. ,, Aber nein doch! Mein Wellensittich! Wenn Sie den gekannt hätten! Zu Hause ging er mir den ganzen Tag nicht von der Schulter. Und alles konnte er sprechen. So ein kluges Tier gibt es überhaupt nicht wieder!" Sie zog ein goldenes Medaillon aus dem Halsausschnitt, öffnete es und zeigte unter Glas irgendein verhutzeltes, dunkles Klümpchen: ,, Das ist Lorchens Herz. Ich hab mir's präparieren lassen." Nur mit Mühe konnte ich das Lachen unterdrücken. Aber der Schmerz dieser Frau war so echt, und während sie alle Geschichten von Lorchen erzählte, vergaß sie beinahe ihr Unglück. Dann aber erinnerte sie sich an den wartenden Mann und der Jammer begann von neuem. Sie war zehn Tage in unserer Zelle und wurde dann entlassen. Einige Zeit später bescherte uns die Gestapo wieder eine Marktfrau. Und so nebenbei erkundigte ich mich nach Frau Globig, Innereien. ,, Denkense bloß, was der Frau passieren mußte! Stirbt der nich der Mann vor Schreck, weil se zur Jestapo jekommen ist! Die is wirklich zu bedauern!" Mit Ausnahme der Schwerpolitischen, wie die Frauen von Adlershof oder Lisa, rechneten fast alle im Alex Eingelieferten mit möglicher Freilassung. So etwas gab es in Butirki eigentlich nie. Da jubelten die Frauen, als sie hörten, daß der neue Volkskommissar Beria milde Urteile von ,, nur" fünf Jahren erlasse. Ebenso kam in Butirki niemand auf den Gedanken, sich einen Rechtsanwalt nehmen zu wollen, was bei den Gestapo- Verhafteten das erste war, wobei es jedesmal größte Empörung auslöste, wenn sie erfuhren, daß es bei der Gestapo zwecklos sei, einen Verteidiger zu verlangen. 174 Außer den Häftlingen, die wirkliche Gegner des Naziregimes waren und solch harmlosen, angeblich Politischen, gab es bei der Gestapo noch eine ganz besondere Kategorie von Gefangenen, die Opfer der ,, Rassengesetze". Während die NKWD Abertausende von Unschuldigen als sogenannte Konterrevolutionäre, Spione und Terroristen verhaftete und zur Sklavenarbeit nach Sibirien verschleppte, füllte die Gestapo ihre Konzentrationslager mit Juden, Zigeunern, mit ,, Rasseschändern" und später mit Menschen aus allen besetzten Ländern. Nur sparte sich die Gestapo bei diesen Unschuldigen jegliches Anklagematerial. Mehrere Wochen verbrachte ich in Zelle 17 zusammen mit Frau Kroch. Sie war eine Jüdin aus Leipzig, die man verhaftet hatte, als sie über die holländische Grenze gehen wollte, um ihren vier Kindern und dem Mann ins Ausland zu folgen. Sie hatte ein ruhiges, mütterliches Gesicht, und ohne Bitterkeit sagte sie:„ Ein Glück, daß ich wenigstens meine Familie in Sicherheit weiß. Ich blieb solange in unserem Haus in Leipzig, damit sie unbemerkt verschwinden konnte." Wir legten beide ,, Patience" mit den Karten, die mir meine Schwester gebracht hatte, und wenn Frau Kroch von ihren Kindern erzählte, strahlten ihre wunderschönen Augen. In Ravensbrück sahen wir uns wieder. Man hatte ihr die Haare geschoren, und sie marschierte barfuß in Reih und Glied. Ich vergesse nie ihren schmerzlich traurigen Blick, als wir uns begrüßten. Sie starb 1941 im Gas. * " In den ersten Monaten meiner Haft im Alex schleppte mich die Gestapo von einem Verhör zum anderen. Wieviel ,, Sachbearbeitern" man mich vorgeführt hat, habe ich schon vergessen. Alle bemühten sich, Beweise zu erbringen, daß ich eine GPU- Agentin oder im Auftrage der Komintern nach Deutschland geschickt worden sei. Immer wieder transportierte man mich in die Zentralstelle der Gestapo, in die PrinzAlbrecht- Straße". Während der Verhöre posaunten durchs Radio die Sondermeldungen. Dann stürzte der verhörende Gestapobeamte an die riesige Landkarte Europas, die in jedem Zimmer hing und auf der mit Fähnchen die Front abgesteckt war und verfolgte berauscht die Blitzsiege Hitlers. Nur das brachte mich schier zur Verzweiflung. Ansonst war mein Schicksal sowieso besiegelt: entweder Zuchthaus oder Konzentrationslager. Aber was würde aus Europa werden? Würde es Hitler wirklich gelingen, unter dem Schutze Stalins den Westen zu überrennen? Eine Zeitlang kam ich in Einzelhaft. Auf die gerillten, undurchsichtigen Fensterscheiben der kleinen Zelle schien die Sonne, und bei dem Glitzern und Blinken träumte ich von Sommer und Schwimmen, von Wiesen und Buchenwäldern. Es war schon Ende Mai geworden, und ich hatte noch kein grünes Blatt gesehen. 175 Es war wohl am dritten Tag nach meiner Ankunft in Berlin, als der Gestapomann Krohne mich zu den gewohnten Aufnahmeformalitäten mit Foto, Fingerabdruck usw. holte. Er saß allein in seinem Büro, als er mich fragte: ,, Haben Sie Angehörige in Berlin?" ,, Ja, meine jüngere Schwester, aber ich kenne ihre Adresse nicht." Krohne schlug im Telefonbuch nach und fand Namen und Nummer. Ohne weitere Frage telefonierte er: ,, Ist dort Frau X? Warten Sie einen Augenblick, es will Sie jemand sprechen!" und er reichte mir den Hörer. Dieser Krohne ermöglichte es auch, daß meine Schwester und ich wohl anderthalb Stunden im Korridor des Alex miteinander sprechen konnten. Er bewachte uns zwar die ganze Zeit, aber die erlaubte Sprechstunde betrug nur zwanzig Minuten und fand in einem Zimmer statt, das gedrängt voller Menschen war. Einmal bekam ich heftige Zahnschmerzen. Im Polizeigefängnis gab es keinen Zahnarzt, deshalb mußte ich zur Polizei- Zahnklinik gebracht werden. Krohne transportierte mich, aber nicht etwa in der ,, Grünen Minna", wie bei meinen üblichen Fahrten zur Prinz- Albrecht- Straße, sondern mit der Untergrundbahn. Ich ging wie durch einen Nebel und mag wohl mit ganz seltsamen Augen auf die Menschen geblickt haben. Die verschiedenen Sachbearbeiter, die mich überführen wollten, waren zwar ein anderer Schlag als Krohne, aber die Gestapo methode, wenigstens in meinem„ Fall", unterschied sich grundsätzlich von den NKWD- Verhören. Dort war alles darauf gerichtet, einen Schuldbeweis ohne Gerichtsverfahren zu konstruieren, bei der Gestapo hingegen prüfte man, ob das Anklagematerial zu einem Gerichtsverfahren ausreiche, wenn nicht, so begnügte man sich mit dem„, Verdacht" und stellte einen ,, Schutzhaftschein" aus. Den erhielt ich im Juli 1940, nach vier Monaten Untersuchungshaft, und er lautete: ,, Das Vorleben von M. B. gibt zum Verdacht Anlaß, daß sie sich nach ihrer Rückkehr aus Rußland für die illegale Kommunistische Partei betätigen wird. Die Überführung in ein Konzentrationslager wird angeordnet..." Danach wurde ich in Zelle 4 verlegt, in der über hundert Frauen auf ihren Abtransport ins Konzentrationslager warteten. Das waren Politische nach fünf und sechs Jahren Zuchthaus, viele jüdische Frauen, Bibelforscher,„ Rassenschänderinnen",„ Polenliebchen" oder ,, Bettpolitische", wie man sie auch nannte, dann Asoziale, teils Prostituierte, teils ,, Arbeitsverweigerer" und Kriminelle, die nach verbüßter Straftat meistens zu„ Sicherheitsverwahrung" ins Konzentrationslager kamen. Die Massenzelle war voller Gerüchte über das Leben im KZ. Angstvoll erzählten die Frauen von Schlägen, von den Polizeihunden, vom stundenlangen Zählappell. Aber ganz besondere Furcht jagte allen das Gerücht ein, daß bei der Einlieferung nach Ravensbrück den Frauen mit Läusen sofort die Haare abrasiert würden. Da hockten nun die Insassen von Zelle 4 und kämmten einander Stunden hindurch: Sachver176 ständige durchsuchten das Kopfhaar immer wieder. Da aber in dieser Zelle aus allen Gegenden Deutschlands die Mengen der zu Konzentrationslager Verurteilten zusammenströmten, kamen mit ihnen Tag für Tag neue Läuse, und viele Frauen sollten trotz größter Mühe in Ravensbrück ihre Haare verlieren. * Nach Aushändigung des Schutzhaftscheines waren meine Kräfte am Versagen. Wieder Konzentrationslager! Eben dem sicheren Tod in Sibirien entronnen und nun in eine neue Hölle! Es ist so viel einfacher, in ein unbekanntes Schicksal zu gehen, aber ich wußte doch nur zu gut, was Konzentrationslager bedeutet. Alle um mich herum redeten von ,, drei Monaten Umschulung", ich aber hatte keine Spur von Hoffnung auf eine baldige Befreiung. Und trotzdem lebte man weiter. Zu deutschem Konzentrationslager wurde man unbefristet verurteilt. Das konnte zwei Jahre, zehn Jahre und länger bedeuten, und für die Politischen, daran zweifelte ich keinen Augenblick, hieß es ,, regierungslänglich“. Jeden Sonnabend ging ein Transport von ungefähr fünfzig Frauen ins Lager ab. In der saalartigen Zelle 4 war die Toilette durch einen Wandschirm verdeckt. Am Freitag wurden die Namen derer aufgerufen, die sich für den nächsten Morgen zum Transport bereithalten sollten. Am ersten Sonnabend sollte auch eine jüdische Ärztin namens Jakoby mitgehen. Sie kam aus dem Zuchthaus. In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend erhängte sie sich an dem Wasserbehälter der Toilette. Aber eine Frau entdeckte die Lebensmüde, und man zwang sie gewaltsam ins Dasein zurück. 1941 ging von Ravensbrück aus die Ärztin Jakoby mit Lungentuberkulose auf ,, Krankentransport" ins Gas. Unter den Politischen in Zelle 4 lernte ich Lotte H. kennen. Sie kam zusammen mit einer alten Frau, die Zuchthauskleidung trug. Ich beobachtete die beiden und sah, wie die junge, lebhafte Lotte sich um das ,, Muttchen" bemühte. Jeder Häftling wird von einer fast krankhaften Munterkeit, wenn sich sein Gefangenendasein plötzlich ändert. Bei Lotte war das besonders auffallend. Vielleicht hatte sie auch eine ganz leise Hoffnung, doch in die Freiheit zu kommen, denn vier Jahre Zuchthaus lagen schon hinter ihr. Mit jungen Jahren war sie als Mitglied der illegalen SAP mit einer ganzen Gruppe zusammen verhaftet worden. Sie hatte für hochverräterische Tätigkeit ein verhältnismäßig mildes Urteil erhalten und war in Einzelhaft gekommen. Beim Spaziergang hatte ihr die Zellennachbarin, eine Kommunistin, einen Kassiber zum Weiterleiten an einen anderen Häftling gegeben. Lotte war erwischt worden. Der Brief habe ein politisches Programm der Kommunisten enthalten. Man hatte den Fall der Gestapo übergeben, und Lotte war erneut in Untersuchungshaft gekommen. Ein Verhör war dem anderen 12 Buber: Gefangene. 177 gefolgt. Die Gestapo hatte alle Methoden angewandt, um ein Geständnis zu erzwingen:„Wer hat Ihnen den Kassiber gegeben und an wen sollte er weitergeleitet werden?“ Lotte hatte die Aussage verweigert. Sie war vor Gericht gestellt worden und hatte geschwiegen, sie wurde zu drei Jahren zusäglichem Zuchthaus verurteilt und hatte geschwiegen. Im Zuchthaus war sie während der Arbeit mit kommunistischen Häftlingen beisammen gewesen. Ihre mutige Haltung hatte ihr die Achtung der Mit- häftlinge eingetragen und unwillkürlich war sie in den vier Jahren Zucht- haus unter den Einfluß der Kommunisten geraten. Ich erzählte Lotte dort in der Massenzelle von meinem Schicksal. Sie saß neben mir auf der Pritsche und unterdrückte mühsam das Weinen.„Weißt du, Grete, während all der Jahre Zuchthaus habe ich mich krampfhaft an das geklammert, was die Kommunistinnen über Sowjetrußland erzählten. Wie hätte ich es auch sonst ertragen können? Das war doch unsere einzige Hoffnung! Wenn ich doch nur an deinen Worten zweifeln könnte. Und jett, auf dem Wege ins Konzentrations- lager, raubst du mir diesen Glauben. Ach, warum sind wir nur ver- urteilt, weiterzuleben!?“ 178 Zweiter Teil RAVENSBRÜCK 17. DER ZUGANGSBLOCK Am Sonnabend, den 2. August 1940, trat ich zusammen mit fünfzig Frauen im Gefangenenwagen die Fahrt zum deutschen Konzentrations- lager Ravensbrück an. Vom Stettiner Bahnhof in Berlin ging es in Richtung Oranienburg nach Norden. Meine Angst vor dem Kommenden war so heftig, daß ich mich kaum noch an die Frauen erinnere, mit denen ich das kleine Abteil mit dem schmalen Fensterchen an der Decke teilte. Nur eine ostpreußische Bibelforscherin, die in Stimme und Haltung einer Lehrerin glich, und eine Hamburger Prostituierte, die immer wieder betonte, daß sie nur für drei Monate zur Umschulung ins Lager käme, sind mir im Gedächtnis geblieben. In Fürstenberg in Mecklenburg hielt der Zug. Hundegekläff und laute Kommandos von Frauenstimmen hörte man, noch bevor die Ab- teile aufgeschlossen waren.„Zu fünfen antreten!“—„Hände runter!“— „Dämliche Weiber!“ schallte es uns entgegen, als wir vom Trittbrett kletterten. Zwei uniformierte Aufseherinnen hielten große Wolfshunde an der Leine und schienen ein Mordsvergnügen daran zu haben, die Hunde bis dicht an die Beine der ängstlichen Frauen springen zu lassen. Hinter dem Bahnhof standen zwei mit Zeltplanen bedeckte Lastautos, und mit dem größten Aufwand an Lärm trieb man uns fünfzig Frauen auf die Autos. Nach einer ganz kurzen Fahrt bremsten die Wagen, die Aufseherin übergab einem uniformierten Posten einen Zettel, man zählte uns. Dann knarrte ein Tor, und wir fuhren ins Konzentrationslager Ravensbrück ein. Da standen wir in Fünferreihen am Rande eines Blumenbeetes vor einer sauber angestrichenen Holzbaracke. Eine Aufseherin in Stulpen- stiefeln, feldgrauem Hosenrock, einer Art Uniformjacke und ein Militär- käppi schief auf den wildgelockten Dauerwellen bewachte uns und rief in regelmäßigen Abständen:„Ruhe da! Hände runter! Ausrichten!“ Ich blickte über den großen Pla und wollte meinen Augen nicht trauen. Er war umsäumt von gepflegtem Rasen, durch den sich Beete zogen, auf 12* 179 denen leuchtend rote Blumen blühten. An einer breiten Straße, die auf den Platz mündete und die von zwei Reihen Holzbaracken gebildet wurde, standen auf beiden Seiten junge Bäume, und am Straßenrand liefen schnurgerade Blumenbeete, soweit das Auge blickte. Der Platz und die Straße schienen frisch geharkt. Links von uns, wo es zum Lagertor ging, sah ich neben einer weißen Holzbaracke einen großen Käfig, so groß wie ein Vogelhaus im Zoologischen Garten. Darin stolzierten Pfauen, an einem Kletterbaum hangelten Affen, und ein Papagei kreischte immer dasselbe Wort, so ähnlich wie ,, Mama!" Das sollte ein Konzentrationslager sein?! Dem Zoo gegenüber, auf der anderen Seite des Lagerplatzes, war wieder eine große Rasenfläche, mit Edeltannen bepflanzt, die das einzig sichtbare Steingebäude des Lagers verdeckten. Und dieses Haus, damals wußte ich es noch nicht, war das Lagergefängnis, der ,, Zellenbau" oder„ Bunker" genannt, die Hölle des KZ. Meine erste heftige Reaktion beim Anblick dieser Blumen- und Zoo- Idylle war: ,, Aha, die verstecken ihre Bestialitäten hinter Blumenbeeten und Edeltannen! Das haben sie in Sibirien nicht nötig gehabt!" Nun lag Ravensbrück allerdings nur 80 Kilometer von Berlin entfernt, mitten im Herzen Deutschlands, da war das schon verständlich. Hinter dem Zoo konnte man ein Stück der hohen, mit Stacheldraht bewehrten Lagermauer sehen, und deren Anblick ließ keinen Zweifel daran, wo man sich befand. An diesem Augusttag schien eine verschleierte Sonne. Lagerplatz und-straße waren menschenleer. Außer dem ,, Mama" des Papageis hörte man nichts. Da sah ich die ersten deutschen Lagerhäftlinge. Sie kamen in Reih und Glied die Straße heruntermarschiert. Eine Frau sah aus wie die andere. Jede trug ein schneeweißes Kopftuch straff nach hinten gebunden und über einem breitgestreiften, halblangen Kleid eine dunkelblaue Schürze. Alle waren barfuß, nur neben der marschierenden Kolonne ging eine in Holzpantinen und kommandierte ,, Hände runter!" ,, In der Reihe bleiben!" Ein Schauer überlief mich. So wirst du jetzt Jahr und Tag leben müssen! ,, Ausrichten! Hände runter! In der Reihe bleiben!" - Da heulte plötzlich in unserer Nähe eine Sirene. Wie sollte ich diese Sirene noch hassen lernen! An diesem ersten Tag rief sie zum Mittag. Mit einem Schlage veränderte sich das Bild auf Platz und Lagerstraße. Von allen Seiten strömten marschierende Frauenkolonnen herbei: da kamen sie mit geschultertem Spaten, alle in Fünferreihen, die Arme im Takt der Schritte schwenkend und unbeschreiblich sle sangen, sangen irgendwelche Soldatenlieder, während Aufseherinnen kommandierten und die Wolfshunde sie umbellten. Der Platz hallte wieder von Kommandos und Gekläff. - Nach der Aufnahme, in der Schreibstube, wurden die Kleider weggenommen, und dann begann eine gefürchtete Prozedur; die Suche nach 180 eventuellen Kopfläusen. Diese Funktion verrichteten zwei Bibelforscherinnen, von denen eine Emmi hieß. Sie forderte mit süßlichem Lächeln die Frauen auf, Platz zu nehmen, und dann durchforschte sie voller Eifer die Köpfe, und wehe, wenn sie auch nur Spuren ehemals vorhandener Läuse oder etwa gar frische Nissen fand! Erbarmungslos kamen die Haare herunter. Ich hatte Gelegenheit, Emmi durch Jahre in ihrem Amt zu beobachten. Das Haareabschneiden war ihr zur Lust geworden. Je inbrünstiger eine Frau bettelte und flehte, je schöner und üppiger deren Haar war, mit umso teuflischerem Eifer setzte Emmi, die Zeugin Jehovas, ihre Haarschneidemaschine an und machte aus einem lieblich umlockten Haupt einen traurigen Glatzkopf. Bei mir fand sie erstaunlicherweise keinen Anlaß zur Rasur. SS- Arzt Dr. Sonntag, 1,90 lang, in hohen Stulpenstiefeln und mit Reitpeitsche, erschien zur Aufnahmeuntersuchung. ,, Antreten!" Fünfzig nackte Frauen standen in langer Schlange. Manche verdeckten sich mit dem Handtuch. Die Prostituierten kicherten ermunternd. Einzeln trat man vor den SS- Arzt. Der kommandierte:„, Mund auf!" und leuchtete mit einer Taschenlampe in den Schlund. Dann: ,, Warum sind Sie hier?" Ich kam an die Reihe und antwortete:„ Politisch!" ,, Aha, das richtige Flintenweib! Ab!", und er schnippte mit der Reitpeitsche nach meiner Wade... Fertig war die ärztliche Untersuchung, und die Häftlingsgarnitur wurde uns ausgehändigt: Hemd aus derbem Nessel, Hosen mit lächerlich langen Beinen, ein Zebrakleid, blaue Schürze und ein weißes Kopftuch. So aufgeputzt marschierten wir fünfzig barfuß unter den Kommandos: ,, In der Reihe bleiben!" ,, Hände runter!" über die Lagerstraße bis zum Block 16, der Zugangsbaracke. - Ich stand mit den fünfzig Neulingen vor der Baracke und rieb die Fußsohle des einen Beines gegen die Wade des anderen, um die spitzen Steinchen abzustreifen, die in die empfindliche Haut gedrungen waren. An der Barackentür erschien die Block älteste mit Namen Minna Rupp. Mit rauhem Ton rief sie in schwäbischem Dialekt die Namen auf, und wir traten zwei und zwei in den Korridor von Block 16. Jeder Zugang erhielt Schüssel, Teller und Becher aus Aluminium, Messer, Gabel und Löffel, dann ein Zahnglas, dann ein Körper- und ein Geschirrhandtuch. Aber das war noch nicht alles! Das Schuhputzzeug darf ich nicht vergessen. Wir gingen zwar vorläufig barfuß, doch Ordnung mußte sein. Mit all diesen Schätzen im Arm betraten wir den Tagesraum. Dort saßen an zehn weißgescheuerten Tischen lauter solche gestreifte Wesen, teils mit Haaren, teils ohne und strickten an feldgrauen Strümpfen. Ein modriger Geruch nach gescheuertem und schlecht getrocknetem Holz erfüllte den Raum. Bei unserem Eintreten war es still geworden, aber nachdem man uns gemustert hatte, ging die summende Unterhaltung wieder an. Da brüllte dicht neben uns die Blockälteste mit einer Stimme, 181 die für einen Kasernenhof ausgereicht hätte:„ ,, Ruhe da! Mundhalten!" und augenblicklich herrschte tiefes Schweigen. Eine Stubenäiteste wies immer je zwei Zugängen ein schmales Kasernenspind an, in welches wir nach fester Vorschrift das Geschirr zu stellen, das Besteck zu legen und die Tücher zu hängen hatten. Das Geschirrtuch z. B. mußte in Form einer Herrenkrawatte zusammengefaltet an der Spindtür prangen. Dann schleifte man große, metallene, hermetisch verschlossene Essenkübel herein. Sie wurden auf Schemeln vorn am Fenster bei der Eingangstür in den Tagesraum postiert, und die Blockälteste, eine große Ausschöpfkelle schwingend, stand drohend und kommandierte: ,, Wenn nicht sofort Ruhe eintritt, gibt's kein Essen!" Alle drängten sich nach den Schränken, um das Eẞgeschirr zu holen, und dann mußten wir in langer Schlange, die sich um Tische und Schemel wand, antreten, um einzeln die Suppe in Empfang zu nehmen. Mein erstes deutsches Lageressen war ein süßer Brei mit Backobst. Mein Staunen kannte keine Grenzen. Als aber anschließend jeder Häftling eine große Ration hellen Brotes, ein Stück Wurst, etwa 25 Gramm Margarine und einen Löffel Schmalz erhielt, wandte ich mich sprachlos an einen„ ,, alten" Häftling und fragte: ,, Sagen Sie bitte, kommt vielleicht morgen eine Besichtigung nach Ravensbrück? Oder ist irgendein Fest?" Sie schüttelte den Kopf und ihr Blick schien an meinem Verstand zu zweifeln: ,, Nein. Wieso denn?" ,, Gibt es immer solches Essen hier?" zu viel?!" - ,, Ja! Ist Ihnen das ,, Aber nein, ich dachte nur... ." und ich schwieg verlegen. Irgendwo in der Ferne tönte die Lagersirene, und ein kategorisches ,, Antreten zum Zählappell!" erfüllte die Baracke. ,, Schemel hoch!" war das nächste Kommando. Man stülpte die Sitzgelegenheiten mit den Beinen nach oben auf die Tische, damit ausgefegt werden konnte, und die Hunderte Frauen drängten sich heraus auf den Gang zwischen den Baracken und nahmen in Fünferreihen Aufstellung. ,, Ausrichten! Ruhe da! Wird's bald!" tönte es immer abwechselnd aus dem Mund der Block- und Stubenältesten. Ich stand ganz am Ende und erblickte hinter den Baracken die hohe Lagermauer mit dem fünffachen Stacheldraht. Auf einem Rasenwall unterhalb der Mauer war ein schwarzes Brett in den Boden gesteckt und darauf leuchtete weiß ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen. Ich fragte flüsternd meine Nachbarin: ,, Was hat denn das zu bedeuten?" Weißt du denn nicht, daß der Stacheldraht mit Starkstrom geladen ist?! Hast du nicht gehört, was heute hier passiert ist? Das mit der Zigeunerin?" Ein donnerndes ,, Ruhe da!" ließ uns sofort verstummen. Wir zwinkerten uns mit den Augen zu: ,, Auf nachher!" 99 Und wir standen und standen. Immer wieder wurden die Reihen ausgerichtet, oder die Stubenälteste befahl einer: ,, Bind' mal dein Kopftuch richtig!" Dann erscholl ein schneidiges ,, Achtung!" und irgendwelche 182 uniformierten Aufseherinnen schritten zählend an den aufgestellten Frauen entlang, begleitet von der rapportierenden Blockältesten. Und wir standen weiter. Die nackten Füße begannen zu schmerzen. Seit Monaten waren sie weder an Stehen noch Laufen gewöhnt. Ich wechselte von einem Bein auf das andere und bog die klammen Zehen. Da endlich, nach anderthalb Stunden, heulte die Sirene:„ Abtreten!" Das war der erste Zählappell in Ravensbrück, und das wiederholte sich täglich zweimal. Meine unbekannte Nachbarin, die schon eine Woche in Ravensbrück war, erzählte mir das schreckliche Ereignis des heutigen Tages. Hinter der Waschküche hatte sich eine Zigeunerin, Mutter von mehreren Kindern, in den mit Starkstrom geladenen Stacheldraht gestürzt, als sie die Nachricht erhielt, daß ihr Mann gefallen sei. Wenn wir morgen die schmutzigen Handtücher in die Waschküche tragen, müssen Sie mitkommen. Oben am Stacheldraht hängen noch die verkohlten Finger, die sind abgerissen, als man die Leiche herunternahm", fügte sie noch mit einer Mischung von Grauen und Sensationslust hinzu. 99 In der Baracke wurde schon wieder etwas an die Zugänge ausgeteilt. Diesmal waren es zwei dicke Wolldecken, ein weißes Laken, blaukarierte Bett- und Kopfkissenbezüge und ein langes, blauweiß gestreiftes Nachthemd. Und dann mußten wir im großen Schlafsaal der B- Seite ,, Betten bauen" lernen, eine weitere Teufelei. Der Block 16 sowie alle Baracken in Ravensbrück hatte zwei Flügel: die A- Seite und die B- Seite. Auf jeder Seite war ein Tagesraum und ein Schlafsaal, der ursprünglich nur hundert Menschen beherbergen sollte. Aber schon 1940 mußten an 250 in einem Block Platz finden und in den späteren Jahren über 500. Dann hatte jede Baracke einen Waschraum, mit Waschbecken und Fuẞwannen, eine Toilette und ein Dienstzimmer für die SS- Blockieiterin, die aber nur morgens und abends kurze Zeit dort zubrachte. In der übrigen Zeit war der Aufenthalt in diesem einzigen normalen Wohnraum das Privileg der Blockältesten. - So eine Ravensbrücker Baracke schien mir ein Palast, wenn ich an die Lehmhütten in Burma zurückdachte. Man bedenke nur, eine Toilette und ein Waschraum! Tische und Schemel und Schränke! In ganz Karaganda gab es für Häftlinge weder einen Tisch noch einen Stuhl. Aber nun erst der Schlafsaal mit seinen sieben, damals noch zweistöckigen Bettenreihen, wo jeder Häftling sein eigenes Bett mit einem Strohsack besaß! Aber freue dich nicht zu früh! Mein Bett lag oben in der ersten Etage. Neben mir schlief ein neunzehnjähriges Mädchen mit kindlichem Gesicht und abgeschorenen Haaren. Sie war ein„ ,, Polenliebchen“. Auf das Kommando der Stubenältesten hatten wir den Strohsack ,, in Form" zu bringen. Er durfte keinen„ ,, Bauch" haben und mußte ,, kantig sein. Wir wühlten mit den Händen im Stroh herum. Da kam 183 mir die Nachbarin von der anderen Seite zu Hilfe. Sie war eine polnische Klavierlehrerin und schon vor vierzehn Tagen mit einem Transport aus Thorn gekommen. Die Mehrzahl der Häftlinge von Block 16 stammten aus diesem Transport, es waren polnische Lehrerinnen, Schülerinnen, Beamtinnen und Intellektuelle, mit denen es sich sehr gut hätte leben, lassen, wenn nicht die Blockälteste durch ihren Übereifer, die Lagerbestimmungen zu befolgen und es der SS- Blockleiterin genehm zu machen, unsere ohnedies traurige Lage durch unnötige Keifereien und Schikanen verschlimmert hätte. Als die Mühle der Registrierung durchlaufen war, erhielt ich als Abzeichen meiner endgültigen Häftlingsexistenz einen roten Winkel und eine Gefangenennummer auf den linken Kleiderärmel genäht, und die Blockälteste erläuterte, wie ich mich von nun an vor der SS- Obrigkeit zu melden hätte: Strammstehen, die Arme an die Seiten gedrückt: ,, Schutzhäftling Margarete Buber, Nr. 4208". 4200 Frauen lebten 1940 in sechzehn Wohnbaracken. Damals hatte Ravensbrück erst eine Lagerstraße, später drei. Als Zugang lebte ich hinter dem Gitter, das den Seitengang absperrte, und blickte während des Spazierganges voller Staunen in das Gewimmel Tausender von Frauen draußen auf der Lagerstraße. Ich wußte bereits, daß die höchste Häftlingsfunktion ,, Lagerläuferin" hieß und mit einer roten Armbinde gekennzeichnet war, daß es Anweisungshäftlinge gab, die auch rote Binden trugen und deren Tätigkeit der der Brigadiere in Karaganda glich. Ungefähr nach einer Woche Lagerleben hatte unsere Blockälteste gerade ,, Schweigestunde" kommandiert; ich saß auf meinem Schemel, strickte an einem feldgrauen Strumpf und hatte aus alter Gewohnheit vom Sitzen auf den Brettern in russischer Haft die nackten Füße unter mich gezogen. Da rief man mit Nachdruck durch den Tagesraum: ,, Ist hier eine Buber?" An der Tür standen die Lagerläuferin Betty Wiedmann, unsere Blockälteste Minna Rupp und eine dritte, ebenfalls mit roter Armbinde. Ich antwortete, worauf man befahl: ,, Komm mal raus!" Ich klemmte mich nach vorn, die Lagerläuferin griff nach meinem linken Ärmel und kontrollierte die Nummer. Daun gingen die drei mit mir in den Schlafsaal, den zu betreten am Tage streng untersagt war und begannen mich auszufragen: Du bist in Moskau verhaftet worden?" ,, Ja."- ,, Warum denn?" Ich begriff, daß diese drei hohen ,, Häftlingsfunktionäre" gesandt worden waren, um mich einem stalinistischen Verhör zu unterziehen. Auf meine unmiẞverständlichen Antworten brach die sture Schwäbin Minna Rupp in die Worte aus:,.Da bischte äbe e Trotschkischt!", womit sie mich, ebenso wie einst der Moskauer Untersuchungsrichter, als Konterrevolutionär und Volksfeind abstempelte. Ich kehrte zu meinem Strickstrumpf zurück, ohne mir völlig klar zu sein, 184 - - - welche Folgen dieses Gespräch haben würde, und daß ich, noch vor meinem Eintritt in die Lageröffentlichkeit, bereits geächtet war. Mit den Polinnen des Zugangsblocks war ich schon nach einigen Tagen gut bekannt. In der zweiten Woche kam die freundliche Klavierlehrerin und machte mir im Namen der polnischen Häftlinge von Block 16 den Vorschlag, mich als Blockälteste zu empfehlen". Ich sei eine politische Deutsche und hätte schon Lagererfahrung. Außerdem hofften sie, daß ich nicht in dieselben Fehler verfiele wie unsere jetzige Tyrannin Minna Rupp. Ich lehnte entsetzt ab. ,, Was denkt ihr euch? Niemals werde ich eine Block älteste sein können, die.Mundhalten' ,, Hände runter!", , Ruhe da! schreit und vor der SS stramm steht oder, Achtung! ruft. Ich bin völlig unfähig, andere zu kommandieren!" 18. ALS STUBENÄLTESTE BEI DEN ASOZIALEN Kurze Zeit nach diesem Gespräch wurde ich nach vorn" zur Oberaufseherin gerufen und von unserer Stubenältesten an den Rand des Blumenbeetes, neben fünf oder sechs andere stramm und unbeweglich stehende Häftlinge gestellt. Nach einer ganzen Zeit kam mit betont gemessenen Bewegungen die Oberaufseherin Langefeld zu unserer Reihe. Sie musterte die einzelnen oder tat nur so, dann fragte sie eine nach der anderen, warum und wo sie verhaftet worden sei und wie lange schon im Lager. Und dann traf sie die Entscheidung. Zu mir sagte sie: ,, Nehmen Sie gleich Ihre Sachen und gehen Sie auf Block 2. Sie sind dort Stubenälteste!" Die Polinnen, die gespannt den Erfolg ihrer Aktion abgewartet hatten, machten bei meiner Mitteilung entsetzte Gesichter.„ Um Gotteswillen, auf Block 2! Das ist ja bei den Asozialen! Das haben wir wirklich nicht gewollt!" So kam ich ganz verwirrt und voller Angst mit Aluminiumschüssel, Bettdecken und dem ganzen Besitz eines KZ- Häftlings im Arm, auf Block 2 an und meldete mich bei der Blockältesten Liesl Müller. Schon beim Betreten dieser Baracke dröhnte mir ein ohrenbetäubender Lärm entgegen und umwehte mich ein penetranter Abortgestank. Die Blockälteste Liesl Müller, eine Lothringerin, die zur Zeit der Weimarer Republik zusammen mit ihrem Mann wegen Spionage zu Gunsten Frankreichs im Zuchthaus gesessen hatte und bei Ausbruch des Krieges von den Nazis in ,, Schutzhaft", d. h. ins Konzentrationslager gesteckt worden war, zog ein schiefes Gesicht, als sie hörte ,, erst 14 Tage im Lager". In ihrem Amt als Blockälteste bei den Asozialen war sie für SS- Begriffe eine Idealgestalt. Sie kommandierte, keifte, sie drohte mit Meldungen und hatte keine Skrupel, auch welche zu machen. 185 99 Ein eigener Schrank, das Bett an einem Vorzugsplatz in der Ecke beim Fenster, ein neues Kleid, das fast auf Taille saß, eine schöne Leinenschürze und vor allem Holzpantinen waren die Vorteile meines neuen Standes und, was das Entscheidende war, eine grüne Binde am rechten Arm, die es mir ermöglichte, frei und unbehindert durch das ganze Lager zu gehen. Aber dazu kam ich in den ersten Wochen nur manchmal während des obligatorischen Spazierganges auf der Lagerstraße. Die Einweihung in meine Pflichten dauerte wohl zehn Minuten, und es drehte sich mir der Kopf, als ich das Dienstzimmer verließ und zu meiner ersten Amtshandlung, dem Austeilen des Mittagessens, schritt. , Während des Essens hat absolute Ruhe zu herrschen", so lautete der Befehl. Da stand' ich mit hochrotem Kopf, die Ausschöpfkelle in der Hand, nur von einem Gedanken erfüllt, auch ja die gleichen Portionen zuzuteilen. In einigen Minuten war der Kübel mit Gemüse und der mit den Pellkartoffeln von hundert Gesichtern umringt, die alle durcheinander schrien: ,, Stubenälteste, heute fängt's bei Tisch 3 an!" ,, Stubenälteste, Tisch 5 kriegt heute Nachkelle!"- ,, Stubenälteste, ich bin heute dran mit Kübelauskratzen!" usw. usw. Da erhob sich eine Frau mit einem stark ausgeprägten Kinn und lebhaften braunen Augen, drängte sich neben mich und rief mit einer Stimme, die ans Kommandieren gewöhnt schien: ,, Wenn ihr nicht sofort auf die Plätze geht und euch weiter so schweinisch gegen die neue Stubenälteste benehmt, erfolgt ein Donnerwetter, und die Essenkübel werden zurück in die Küche getragen!" Ein erstaunlicher Erfolg war zu verzeichnen. Das war Else Krug, eine Düsseldorfer Prostituierte, ihrer Spezialität nach ,, Sadistin". Aber bevor ich die Geschichte der Else Krug erzähle, muß man erst wissen, wer die anderen 150,, Asozialen" waren, mit denen ich zwei Monate meine Tage und Nächte verbrachte und mit denen ich, das muß ich gleich vorausschicken, niemals fertig wurde. - Wie verlogen die Nazimoral war, charakterisierte ein Ereignis im Jahre 1942. Damals kam eine Kommission von SS- Offizieren aus Mauthausen nach Ravensbrück, um für ein Lagerbordell Frauen aus Block 2 auszusuchen. Die Ausgewählten mußten sich vor der Kommission nackt im Bad produzieren. Umzuschulende kamen ins Bordell nach Mauthausen mit dem Versprechen, nach einem halben Jahr Dienst in die Freiheit entlassen zu werden. Wenn wir abends nach einem Lagertag, der doch schon morgens um 25 Uhr begann, endlich auf dem Strohsack lagen und ein Bedürfnis nach Ruhe nur zu verständlich gewesen wäre, dann begannen im Schlafsaal die Leidenschaften zu toben. Die Vorgeschichte zu diesen Auseinandersetzungen spielte häufig in der Freiheit. Da rief aus der hintersten, Ecke im zweiten Stock eine: ,, Wat, du willst nen echten Persjanamantel jehabt haben?! Die Rosa kennt dir ja aus der Freiheit! Nich mal nen 186 janzen Rock hatteste auf'm Hintern. Vor fufzich Fennche biste mitjejangen!" und die Angegriffene keifte zurück: ,, Halt du man dein Rand! Dir würde was janz andres blühen, wennse wüßten, wo du drin verwickelt bist! Immer noch besser ne anständije Straßenfrau als son Miststück wie du!" Diese Intimitäten hatten die beiden Streitenden sich natürlich kurz vorher, als sie noch treue Freundinnen waren, unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt. In einer anderen Gegend des Schlafsaals sang man schmelzend: ,, Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen, ein Pferdchen wär mein Paradies..." und über mir versprach Gerda, der Hannelore beim nächsten Einkauf ein Kuchenbrot zu schenken, und Hannelore erwiderte überschwenglich: ,, Wenn wir rauskommen, kriegst du alles wieder. Ich habe meine Koffer bei ner Wirtin von früher untergestellt, und das kannste mir glauben, ich war immer pickfein in Schale!" Im Konzentrationslager spielen Freundschaften eine ganz andere Rolle als in der Freiheit. Das Niveau einer Freundschaft entspricht der Mentalität der Partner. Das muß man bei den Prostituierten berücksichtigen. Da wurden Freundschaften geschlossen und sofort wieder gebrochen. Gestern noch hatte Annemarie der Lieselotte ihr Herz ausgeschüttet, ihr alles, ja auch alles erzählt, ihr eine halbe Ration Brot geschenkt und Treue geschworen bis ans Lager- oder Lebensende. Da bekam Annemarie beim Wäscheausteilen eine Hose mit kurzen, eleganteren Beinen und die kleine Lieselotte eine riesige: ,, Annemarie, tausch mit mir, du bist doch größer! Gib mir deine Hose!", Was", zeterte die treue Freundin los ,,, das könnte dir so passen. Hab ich mal was Anständiges, willst du's mir gleich wieder ablotsen. So hast du's ja dein Leben lang gemacht! Sonst wärste ja auch nich in so'n miesen Puff jelandet! Da hätt' dir deine Schwester auch weiterjeholfen!" und so ging es toller und toller, bis zum Schluß eine der treuen Freundinnen entweder zur Block ältesten oder zur Aufseherin rannte und irgendeine gestohlene Kohlrübe oder weggenommene Nähgarnrolle ,, meldete". - 99 Und dann das Klauen! Auf ,, Kameradendiebstahl", wie das so klangvoll von der SS benannt wurde, standen fünfundzwanzig Stockhiebe, bis zu vierzig Tagen Dunkelarrest und manchmal noch Strafblock. ,, Stubenälteste, mir habense heut nacht das Brot ausem Schrank jeklaut!" kam morgens weinend eine mit entsetztem Gesichtsausdruck zu meinem Bett gestürzt. ,, Stubenälteste", schluchzte sie weiter ,,, ich weiß jenau, wer das war! Ich habse jestern abend im Bett kauen hören, das war schon lange nach der Sirene! Und ihre eijne Ration hatte se gleich nachem Austeilen runterjeschlungen!" Und schon mischte sich ein ganzer Schwarm anderer ein. ,, Was, dir sollnse Brot jeklaut haben?! Daß ich nich lache! Den Dreh kennen wa doch schon! Du denkst wohl, die neue Stubenälteste fällt drauf rein!" Ich versprach, die Angelegenheit zu untersuchen und neigte dazu, 187 der Bestohlenen zu glauben, weil ihr Entsetzen über den Verlust so echt schien. Es wunderte mich nur, daß die Bestohlene eine andere verdächtigte, ohne gleich deren Namen zu nennen. Im allgemeinen hatten sie keine Hemmungen, das zu tun. Dann beim Kaffeeausteilen, noch bevor wir zum Zählappell antraten, konsultierte ich Else Krug und bat um ihren Rat. ,, Da kann ich Ihnen nur sagen, daß man dieser Trude, solange ich auf Block 2 bin, bereits zwanzigmal das Brot, gestohlen hat. Die reist auf diesen Dreh und hofft Mitleid zu erregen, um mittags eine Nachkelle zu erben", lautete Elses Auskunft. Viele Asoziale waren in der Schneiderei beschäftigt, manche auch in der Waschküche. Diese Berufe hatten sie bei ihren meist vielfachen Vorstrafen im Gefängnis oder Arbeitshaus erlernt. Andere mußten mit den Kolonnen zum Sandschippen, Kohlen fahren oder Kähne abladen, und solche, die in keiner festen Kolonne waren, standen während des Arbeitsappells bei den„ Verfügbaren". Aus diesen ,, Verfügbaren" wurden unter viel Geschrei die von einem Tag zum anderen neuformierten Kolonnen zusammengestellt. Eine ,, Verfügbare" hatte aber eine Chance: wenn das Glück ihr hold war und man nicht alle Häftlinge zur Arbeit jagte, konnte sie abtreten" in den Block, wo sie zwar die fraglichen Freuden wie Boden scheuern, Schemel und Tische waschen, Strümpfe stricken usw. erwarteten und vor allem die nicht abreißenden Keifereien der Blockältesten. Aber unsere Asozialen schienen dagegen gepanzert zu sein. Von 1941 ab vollzog sich ein sichtbarer Wandel in der Ausnutzung der Arbeitskräfte. Ursprünglich betrachtete die SS die Beschäftigung der Häftlinge als eine ,, Erziehungs"- und Umschulungsmaßnahme". Die Produktivität der Arbeit spielte noch keine Rolle. Da wurde Sand geschippt von einem Haufen auf den anderen und wieder zurück. 1941 begann die SS, Häftlinge an die umliegenden mecklenburgischen Güter als Landarbeiterinnen zu vermieten, Häftlinge wurden ausgeliehen an Gärtnereien, zum Straßenbau, und so nach und nach wurden wir ein Faktor in der deutschen Kriegsindustrie. Gegen festgesetzte Bezahlung pro Häftling lieferte Ravensbrück seine Sklaven zum Bau von Flugplätzen, an Porzellanfabriken und die Munitionsindustrie. Ende 1942 baute die bekannte Firma Siemens& Halske gleich jenseits unserer Lagermauer an zwanzig Arbeitsbaracken, wo man die Häftlinge bis zu elf Stunden täglich mit komplizierten Arbeiten, wie Spulen wickeln, Relais- und Telefonautomatenbau beschäftigte. Außerdem entstand ein weiteres Unternehmen, der sogenannte Industriehof, mit großen Schneidereien, in denen SSUniformen genäht wurden, mit einer Weberei, einer Kürschnerei und einem„, Instandsetzungswerk" zur Ausbesserung zerrissener Soldatenuniformen. Im Herbst 1940 jedoch arbeitete man noch acht Stunden und kam mittags für zwei Stunden ins Lager zurück. 188 Wenn die Arbeitskolonnen ausgerückt waren, durften die übriggebliebenen ,, Verfügbaren" in die Baracken zurück, nachdem sie manchmal bis zu drei Stunden auf der Lagerstraße gestanden hatten. Kaum aber hatten sie sich ein wenig erholt, hieß es: ,, Antreten zum Brotholen!" ,, Antreten zum Wäschetausch!" und so weiter und so fort. 1940 gab es in Ravensbrück noch in jeder Woche frische Leibwäsche und alle vier Wochen neue Bettwäsche. Für das Reinigen der Baracken sparte man nicht an Scheuerbürsten, Tüchern, Eimern und allen sonstigen Utensilien, um den ausgefallensten Putzgelüsten frönen zu können. Der Erfolg war, daß die Baracken, in denen die vielen hundert Menschen lebten, niemals austrockneten. Am schlimmsten war es in den nichtheizbaren Schlafsälen, in denen im Winter die Eiszapfen von der Decke hingen. Als einmal eine Besichtigung Himmlers angekündigt wurde, kam der Befehl, die Baracken von außen wie von innen abzuwaschen. Und das geschah. Zu den Freuden des Ravensbrücker Lebens gehörte der Einkauf in der Häftlingskantine. Da gab es 1940/41 Brot, Kuchenbrot, Marmelade, Sirup, Fischpaste und alle möglichen Toilettenartikel. Diese Kantine war eine besondere Verdienstquelle der SS, denn die Häftlinge durften sich Geld von zu Hause schicken lassen und zahlten jeden Preis. Wenn Baracke 2 Einkauf hatte, was ungefähr einmal in der Woche vorkam, herrschte großer Jubel bei denen, die Geld besaßen, aber Trauer und giftiger Neid bei solchen, die niemals einen Pfennig von zu Hause erhielten. Erschütternd waren die Briefe der Asozialen an ihre Angehörigen. Als Stubenälteste mußte ich die gesamten Briefe der A- Seite von Block 2 auf eventuelle Verstöße gegen die Zensurvorschriften durchsehen. Und was bekam ich da zu lesen! ,, Liebe Mutter, schreibe mir doch mal ein einziges Wort. Ich bin sehr traurig. Liebe Mutter, ich habe dir soviel Schande gemacht, aber jetzt will ich mich ganz bestimmt bessern. Wenn ich rauskomme, will ich immer arbeiten und alles wieder gutmachen. Schick mir doch mal eine Mark..." Da wurden Vater, Schwester oder Tante angefleht um nur ein Wort, um nur eine Mark. Sehr wenige bekamen Antwort, weil die Familien sie verstoßen hatten. Wenn dann einmal an einem Sonnabend denn nur an diesem Tag wurde die Post ausgeteilt ein unerwarteter Brief eintraf, eine Mutter sich hatte erweichen lassen, dann flossen die Tränen in Strömen. Aber, am Sonntag hatte sie alle Beteuerungen längst vergessen und sang mit Inbrunst: ,, Denn es kann ja nichts Schöneres geben, als in Hamburg ein Mädchen fürs Geld!" - - Der Sonntag war ein Feiertag, und jahrelang gab es als Sonntagsessen: Goulasch, Rotkohl und Pellkartoffeln. Am Sonntag durfte man auf der Lagerstraße spazieren gehen. An den Giebeln der Baracken auf beiden Seiten der Lagerstraße waren Lautsprecher angebracht, und wenn 189 der SS- Mann in der Wachstube es nicht gerade vergaß, so schaltete er am Nachmittag Radiokonzert ein. Hatte man, wie ich, jahrelang keine Musik gehört, war das ein großes Geschenk, und man ertrug sogar geduldig die häufigen Militärmärsche und noch gräßlicheren Kriegsgesänge der Hitlersoldaten, um manchmal Schubert oder Mozart hören zu dürfen. Da gingen die Tausende Frauen in gestreiften Häftlingskleidern, paarweise oder einzeln, jede mit dem vorschriftsmäßigen Kopftuch, das nur zwei Zentimeter Haare freilassen durfte, wie auf einem gespenstischen Korso nach den Tönen von richtiger Musik immer im großen Kreis herum. Aber auch so ein Sonntagsspaziergang war umwittert von Gefahren. Plötzlich tauchte zwischen den friedlich plaudernden Paaren ein bestiefeltes SS- Weib mit oder ohne Hund auf, stieß von hinten kommend die Frauen mit der Faust auseinander, wenn sie nicht augenblicklich zur Seite wichen und der trampelnden Megäre Platz machten. Erblickte sie aber gar welche, die es gewagt hatten, sich beim Spaziergang unterzuhaken, dann setzte es Backpfeifen und Meldungen. Dasselbe konnte geschehen, wenn eine die klammen Hände unter den Schürzenlatz gesteckt hatte oder für ein unvorschriftsmäßig gebundenes Kopftuch, für ein zu kurzes Kleid, ein zu eng auf Taille sitzendes oder eine zu fest gebundene Schürze. Die Frauen hörten ja im Konzentrationslager nicht plötzlich auf eitel zu sein! Sie waren jung und wollten selbst in den gestreiften Lumpen ,, hübsch" aussehen. Wieviele Meldungen setzte es bei den Asozialen allein wegen abgenähter oder gekürzter Kleider. Das machten sie sich heimlich mit gestohlenen Fäden aus der Schneiderei, um ,, elegant" zu sein. Ein viel schwerwiegenderes Vergehen aber waren abgerissene oder falsch aufgenähte Häftlingsnummern und Winkel. - An so einem Sonntag ging ich zwischen den Frauen allein auf der Lagerstraße herum und sehnte mich nach der Unterhaltung mit einem Menschen. Ich sah auf die mit den roten Winkeln, und unter ihnen erkannte man an Gesichtsausdruck und Haltung sofort die alten Politischen. Da hörte ich einige Schritte hinter mir laut die russischen Worte: ,, Govaritje porussky?"( Sprechen Sie russisch?) Im Herbst 1940 gab es noch keinen russischen Häftling in Ravensbrück, und ich blickte mich erstaunt um. Eine kleine, untersetzte Frau mit stechendem Blick hatte diese Frage an mich gerichtet, noch bevor sie neben mir ging, also sozusagen hinter meinem Rücken. Ich antwortete russisch, und da ging sie ohne weiteres zu einer Unterhaltung in deutscher Sprache über. Ganz selbstverständlich teilte sie mir mit, daß sie gehört habe, ich hätte in Moskau gelebt und daß sie dort auch Bekannte habe. Dann fragte sie weiter, wo ich denn gewohnt hätte. Nachdem ich es ihr mitgeteilt hatte, meinte sie: ,, Da kennst du ja sicher auch den Genossen Tschernin?" Ich bejahte und schon kam die nächste Frage:„ In welchem Zimmer des Hotels Lux wohnte der denn?" Da war es natürlich um meine Harmlosigkeit geschehen die Kommunisten wollten mich also von neuem 190 - verhören, und ich erwiderte: ,, Wenn ich mich recht erinnere, wohnte Tschernin in Zimmer Nummer soundso, aber dort wurde er im Sommer 1937 von der NKWD verhaftet und seine Frau und die beiden Kinder aus dem Lux hinausgeworfen." Sie blieb stumm. Ich fuhr fort: ,, Interessierst du dich auch für den Verbleib der Genossen Pjatnitzki, Walecki, Krajewski und Lenski von der Komintern? Die hatten das gleiche Schicksal wie Tschernin." Ohne ein weiteres Wort marschierte sie mit zurückgeworfenem Kopf davon. Später erfuhr ich, daß sie Paleckova hieß und eine führende Rolle bei den tschechischen Kommunistinnen spielte. Ich kehrte in Block 2 zurück, um den Nachmittagstee auszuteilen. Da saßen sie alle beisammen, an jedem Tisch ungefähr fünfzehn Frauen. Die einen sangen ihre Nutten- Lieder, die anderen hatten ein sentimentales Repertoir, wo des ,, fernen Mütterleins" gedacht wurde, wo der Geliebte die schroffe Felsenwand erklomm, um ein Edelweiß zu pflücken, dabei in die Tiefe stürzte und dort von der liebenden Maid aufgefunden wird, die in den herzzerreißenden Jammer ausbricht: ,, Ein Edelweiẞ, von Blut so rot, hielt er in seiner Hand..." 66 Gesprächsthema war die Vergangenheit, und so wie sie sich in den Nutten- Liedern besangen ,, in Samt und Seide gekleidet", so erzählten sie einander von dem Glanz, in dem sie gelebt hatten, bevor das Schicksal sie ereilte. Eine Geschorene ließ die Hand in Wellen über ihren Glatzkopf gleiten:„ ,, Mensch, Paula, ich sage dir, meine Haare frisch blondiert, wo ich doch ne Naturkrause habe und dann so richtig aufjepuppt.. Da wurde nicht etwa schlechthin von Kleidern gesprochen, sondern immer von ausgefallenen Stoffen und deren Preisen. Mäntel? Sowas gab es gar nicht! Unter einem Pelz kam nichts in Frage. Und dann das nicht endenwollende Thema, wieviel die ,, Stubben" gezahlt haben, was sie noch alles extra für sie ausgaben und wie toll die Männer auf sie waren. Und dabei blickte ich auf die Erzählerin mit den Zahnlücken und der verwelkten Haut und sah ihre wadenlosen Stöckerbeine, die von Geschwüren bedeckt waren. Es konnte geschehen, wenn die Phantasie irgendeiner gar keine Grenzen mehr kannte, daß sie von einer guten alten Bekannten hohnlachend korrigiert wurde, und dann war ein Großkampf mit allen nur erdenklichen Schimpfworten im Gange. - An meinem Tisch saß Else Krug, die sich mit den Worten: ,, Nu wolln mir mal' n bißchen Naturkunde treiben", an die Umsitzenden wandte. Und dann erzählte sie aus ihrem Leben als sadistische Prostituierte. Bis dahin hatte ich mich als ein Mensch, der manche Literatur, teils medizinische, teils pseudowissenschaftliche über dieses Gebiet gelesen hatte für völlig aufgeklärt gehalten. Aber ihre Berichte ließen mir die Haare zu Berge stehen. Im Gegensatz zu den anderen Asozialen sprach sie trocken von den perversesten Ungeheuerlichkeiten. In ihrer ganzen Art lag ein gewisser ,, Berufsstolz". Niemals hörte man von ihr: - 191 99 Wenn ich herauskomme, werde ich ein anderes Leben führen usw.", sondern sie stellte nüchtern fest: ,, Nach ein paar Jahren KZ wird es mir gar nicht mehr so leicht fallen, in einer Nacht 300 Mark zu verdienen, da muß ich schon eine eigene Note' in Kleidung und Auftreten finden, um noch Erfolg zu haben...“ Else Krug war der einzige Anweisungshäftling unter den Asozialen von Block 2. Sie hatte die Kellerkolonne unter sich, die nur aus Asozialen bestand und der begehrteste Arbeitsplatz war. Im Keller gab es Kartoffeln, Rüben und Kohl, der Keller war in der Küchenbaracke, wo in besonderen Räumen Konserven und andere Herrlichkeiten lagerten. Welche Möglichkeiten zum Stehlen! Und welche ständigen Gefahren, erwischt zu werden! Else hat es fertig gebracht, durch die Zeit von mehr als einem Jahr keine Meldung zu bekommen und das bei einer Kolonne mit Asozialen. Wie war das möglich? Vor allem, weil Else Krug eine Persönlichkeit war und nicht nur, weil sie für alle Mitglieder der Kolonne stahl und es gerecht verteilte. Ich schilderte doch schon die Asozialen, wie sie zu jedem Verrat bereit waren und am ehesten, wenn es sich ums Essen handelte. Der Einfluß aber, den Else Krug auf diese fünfzehn oder zwanzig Kolonnenmitglieder ausübte, war ein solcher, daß keine es wagte, sie zu verraten; dabei wandte sie keine Terrormethoden an. - Nach anderthalb Jahren erst ließ irgend jemand sie hochgehen und sie kam in den ,, Bunker" und dann für ein Jahr in den Strafblock. Lange schon war ich fort von Block 2, aber jedesmal, wenn wir uns begegneten, gab es eine Unterhaltung. Als sie nun mit dem Strafblock über die Lagerstraße marschierte, grüßten wir uns von weitem, denn es war verboten, mit den Häftlingen vom Strafblock zu sprechen, und sie rief: ,, Grete, die glauben, sie können mich mit Arbeit kleinkriegen! Da habense sich geirrt, das kann ich besser als alle!" Anfang 1940 wurde in Ravensbrück die Prügelstrafe für sogenannte Lagervergehen eingeführt. Eine der ersten, die fünfundzwanzig Stockhiebe erhielten, war der politische Häftling Minna Rupp, weil sie von einem großen Haufen Mohrrüben, der vor der Küche lag, eine genommen hatte. Man band die Frauen auf einen Bock, der in einem besonderen Raum im Zellenbau stand, und während des ersten Jahres wurde die Exekution persönlich vom Lagerkommandanten Kögel oder der Aufseherin Drechsel und anderen SS- Weibern ausgeführt. Nach einer gewissen Zeit aber hatten sie wohl die Lust daran verloren oder es war ihnen zu anstrengend, weil Prügelstrafen immer häufiger verhängt wurden, und so wandte sich der Lagerkommandant an den Block der Kriminellen und teilte mit, daß, wer sich freiwillig zur ,, Vollstreckung des Strafvollzuges" melde, zwei bis drei Essenrationen erhalten würde. Auf Bewerberinnen brauchte er nicht lange zu warten. Von da ab teilten zwei Kriminelle und später eine Polin die Prügelstrafe aus. 192 Im Winter 1941/42, schon hatte man in Ravensbrück mit der Ver- nichtung der Menschen durch Gas begonnen, wurde Else Krug eines Tages aus dem Strafblock zum Lagerkommandanten Kögel gerufen. Er befahl:„Krug, Sie werden ab sofort aus dem Strafblock entlassen und gegen dreifache Essenration an der ‚Vollstreckung des Strafvollzuges‘ teilnehmen!“ Else Krug antwortete:„Nein, Herr Lagerkommandant, ich schlage niemals einen Mithäftling!“ Kögel schäumte:„Was, Sie dreckige Hure, Sie wollen die Arbeit verweigern?!“—„Jawohl, Herr Lager- kommandant!‘“—„Sie werden noch an mich denken! Ab!“ und Else Krug ging zurück in den Strafblock.— Einige Wochen später schickte man sie mit einem Krankentransport ins Gas. Else wußte, wohin es ging und auch, daß es Kögels Rache war. Eines Morgens ertönte früher als üblich die Sirene, aber nicht die gewöhnliche, kreischende, die„‚Hule“, wie sie im Häftlingsjargon hieß, sondern eine große, mit dunklem, schauereinjagendem Ton. Minutenlang heulte und brüllte es. Die Blockälteste schrie erregt:„Alle sofort auf die Lagerstraße! Es ist eine geflohen!“ Nach wenigen Minuten standen alle Blocks an ihrer gewohnten Stelle.— Wir sahen Aufseherinnen mit Hunden über den Lagerplaß stürzen, hörten die befehlende Stimme des Lagerkommandanten und das Anlassen knatternder Motoren: die SS rüstete zur Menschenjagd. Man zählte die angetretenen Häftlinge; es fehlte eine aus dem Strafblock. Die Zigeunerin Weit.’ Sie war nachts mit ihrer Decke und dem Kopfpolster unterm Arm aus dem Strafblockfenster gestiegen, hatte es gewagt, sich über die Lagerstraße— auf der die ganze Nacht Polizeihunde frei herumliefen— bis dicht an das eiserne Aus- gangstor zu schleichen, hatte dann das Dach der SS-Kantine erstiegen— immer mit Decke und Kissen unterm Arm— war, kaum zehn Meter von der SS-Wachstube am Tor entfernt, bis an den starkstromgeladenen Stacheldraht der Mauer, der dicht hinter der Kantine entlanglief, ge- rutscht, hatte Decke und Kopfpolster zur Isolierung über den geladenen Stacheldraht gelegt und war hinüberbalancierend die viele Meter hohe Lagermauer hinabgesprungen in die ersehnte Freiheit.— Im Morgen- grauen sah der Posten die karierte Lagerdecke am Stacheldraht hängen. In den Strafblock kamen die Frauen wegen sogenannter Lagerver- gehen auf drei Monate, ein halbes Jahr, ein Jahr oder für die Dauer des Lageraufenthaltes. Unter den tausenden Frauen gab es selbstverständ- lich, besonders bei Asozialen und Kriminellen, absolut verbrecherische Elemente, die bei den strengen Lagergesegen in kurzer Zeit im Straf- block landeten. Ihre Anwesenheit machte den Aufenthalt im Strafblock für die anderen zu Strafblock Verurteilten zur Hölle. Schlägereien, Dieb- stahl, Verrat waren an der Tagesordnung. 1940 hatte der Strafblock eine asoziale Blockälteste, die mit Faustrecht regierte. Die Häftlinge des Strafblocks erhielten die gleiche Ernährung wie wir, verrichteten aber 13 Buber: Gefangene. 193 die schwersten Arbeiten und waren deshalb am hungrigsten. Als ihnen nach der Flucht der Zigeunerin Weitz drei Tage Kostentzug zudiktiert wurden, löste das eine Welle von Haß gegen die Geflohene aus. - Es war schon Mittag, wir standen und froren. Der Wunsch nach ein wenig Wärme wird übermächtig, die Beine sterben ab, man kann keinen Gedanken mehr fassen. Auf dem Rasen hinter uns lagen die Ohnmächtigen in Reih und Glied, sie durften nicht in die Baracke gebracht werden. Da wird es plötzlich totenstill. Alles blickte in der Richtung zum Lagerplatz. Eine Gruppe von Aufseherinnen mit Hunden, daneben der Lagerkommandant, der Schutzhaftlagerführer und in der Mitte ein Häuflein Mensch, in zerfetzten Kleidern, läuft, springt, wird vorwärts gestoßen, die Hunde schnappen nach den Beinen, nach dem Kleid... So geht es über die ganze Lagerstraße durch das Spalier der entsetzt blickenden Häftlinge hindurch. Und was dann kam, erfuhr ich erst später... Lagerkommandant Kögel jagte persönlich die Zigeunerin Weitz, die am ganzen Leibe von Hunden zerbissen war, in den Strafblock und sagte, an die dort stehenden Häftlinge gewandt: ,, Da habt ihr die Weitz! Ihr könnt mit ihr machen, was ihr wollt!" Und während wir mit verzerrten Gesichtern weiterstanden, schlugen Häftlinge des Strafblocks ihre Mitgefangene Weitz mit Fäusten, Schemeln und traten sie mit Füßen, bis sie blutüberströmt zusammensank. Nach vollendeter Tat erstattete die Blockälteste dem Kommandanten Meldung.- Das zerschlagene Menschenbündel wurde über die ganze Lagerstraße geschleift, und auf sie weisend erklärte vor jedem Block der Kommandant Kögel: ,, So geht es jeder, die einen Versuch macht, zu entfliehen!!" - Im Zellenbau starb die Zigeunerin Weitz nach einigen Stunden. Die SS hatte ein Exempel statuiert. - Während des ganzen Jahres 1940/41 gab es im KZ Ravensbrück nur 47 Tote, in späteren Jahren starben täglich 80 eines ,, natürlichen" Todes, von den Vergasten ganz zu schweigen. Aber von diesen 47 waren mehr als die Hälfte im Zellenbau erschlagen worden, erfroren oder verhungert. Die Häftlinge, die im Krankenrevier arbeiteten, mußten die Leichen aus den Zellen holen, und da fanden sie sie am Boden festgefroren, oder in Noch in Block 2 sah ich Säcke gesteckt, oder zu Mumien verhungert. das erste Mal den Körper einer Frau nach 25 Stockhieben. Gesäß und Oberschenkel waren schwarzblau unterlaufen, an vielen Stellen geplatzt und mit Blut verkrustet. Diese Frau hatte auf einem anderen Block gestohlen ein Kuchenbrot vom Einkauf. Mit bleichem, gedunsenem Gesicht und hervorquellenden Augen lehnte sie am Tisch während sie uns erzählte, denn sitzen konnte sie nicht; und als die dumme Blockälteste ihr eine Moralpredigt über ,, Diebstahl und seine Folgen" hielt, antwortete sie: ,, Blockälteste, ich bin bestimmt unschuldig, denn als ich 194 - - da nachts in den anderen Block einstieg, wußte ich gar nicht, was mir geschah, nur mein Magen war so schrecklich leer - 5 Es gab in unserer Baracke eine Frau, die stahl in jeder Nacht Becher, einfache, leere Aluminiumbecher, die stellte sie dann fein säuberlich in ihren eigenen Schrank. Am nächsten Morgen war großes Geschrei, man schlug sie, sie hatte schon manche Meldung, aber sie konnte es nicht lassen. Die Asozialen waren sich darüber einig, daß sie einen„, Dachschaden" hätte. Solche Frauen mit ,, Dachschäden" gab es genug unter den Asozialen und das waren die Bemitleidenswürdigsten. Auf sie schlug der Mithäftling ebenso wie die Aufseherin. Für diese Ärmsten prägte das Lager einen besonderen Ausdruck, das waren die ,, Schmuckstücke".— Da gab es auf Block 2 Bettnässer, deren Leiden als Bösartigkeit bezeichnet wurde und die man mit Meldungen und strafweisem Übernachten im feuchten Waschraum ,, umerzog"; Epileptikerinnen, deren Krankheit sich unter den Lagerverhältnissen zusehends verschlimmerte und die von den Mithäftlingen mit Scheu und Ekel abgelehnt wurden. Und dann die vielen Geschlechtskranken, die SS- Arzt Sonntag mit seinen Pferdekuren ruinierte. Erna hieß eine junge Achtzehnjährige mit etwas zu großem Kopf, wasserblauen Augen und verbissenem Gram um den Mund. Sie sprach fast nie. Nur manchmal stieß sie Verwünschungen und Drohungen aus. Alle aber kannten ihren ,, Tick" und hänselten sie. Wenn über das Lager ein Flugzeug kam, stürzte Erna ans Fenster oder rannte auf die Lagerstraße, und ihre Lippen bewegten sich in erregtem Selbstgespräch. Da riefen ihr die anderen nach: ,, Erna! Dein Flieger kommt! Heut' springt er bestimmt mit' nem Fallschirm ab! Paß ja auf!!" Und auf diesen Flieger wartete Erna, bis man sie ins Gas schleppte. - Nicht nur Junge quälten sich in Block 2, viele alte, als asoziale Säuferinnen verhaftet, mußten dieses jammervolle Dasein erleiden, und eine von ihnen sollte das schnelle Ende meiner Stuben ältesten- Laufbahn verursachen. - Wir hatten ein Blockbuch, das lag im Dienstzimmer und darin standen fein säuberlich alle Namen, Daten, Berufe, wann ins Lager gekommen usw. Darin blätterte ich eines Tages und las: Poremski, Eugenia, asozial, geboren in Moskau B- Seite Block 2. Ich ging am Abend auf die B Seite und fragte die Stubenälteste nach Eugenia Poremski. Sie rief und eine Frau, wohl Mitte oder Ende der 20, mit dunklen Augen, einer großen, schmalen, etwas schiefen Nase, kam mit fragendem Blick zu mir auf den Korridor. Nachdem ich ihr erzählt hatte, daß mir ihr Geburtsort Moskau im Blockbuch aufgefallen war und ich deshalb zu ihr käme, meinte sie: ,, Ach, kennen Sie Moskau?" und dann begann ich russisch zu sprechen. Da schluchzte Eugenia und fiel mir um den Hals. Sie war das Kind russischer Emigranten, die Nichte des zaristischen Ministers 13* - 195 Stolypin, verhaftet wegen asozialen Lebenswandels und als Säuferin. Eugenia führte mit mir viele politische Gespräche. Sie war halbgebildet, aber ein kluger Mensch. Sie litt sehr unter dem Leben zwischen den Prostituierten. Ich sah sie durch Jahre. Dann aber ging sie auf Transport in eine Munitionsfabrik. Ich erwähnte schon, daß man ins deutsche Konzentrationslager unbefristet verschickt wurde. Dieses Nichtwissen um die Dauer der Haft war eine der raffiniertesten Torturen. Unter den Asozialen gab es Frauen, die nicht aufhörten, Tag für Tag auf ihre Entlassung zu hoffen. Mit selbstgefertigten Spielkarten, trotz strengstem Verbot, befragten sie immer wieder das Schicksal. Unter ihnen gab es Spezialistinnen für Traumdeutung, und gegen Brot oder„ Nachkelle" gab es nur eine Auslegung: baldige Freiheit! * Für die auszustehenden Leiden hielten sich die Frauen an ihren Mithäftlingen schadlos. Ich denke jetzt nicht an malträtierende Vorgesetzte, wie Block- und Stubenälteste, sondern an den ,, einfachen" Häftling( das ist auch ein im KZ geprägter Begriff!). So wie sich dieser Kampf, eine gegen die andere, bei den Asozialen abspielte, konnte man es, zwar in anderen Formen, aber nicht weniger erbittert, unter allen übrigen Häftlingsgattungen erleben, und auch die Frauen auf dem Block der ,, alten" Politischen waren keineswegs dagegen gefeit. Voller Neid und Miẞgunst blickte eine auf die andere, die vielleicht etwas mehr an Essen haben könnte. Um den Brotkanten, um das etwas größere Stückchen Margarine oder Wurst kam es zu Haẞszenen und Racheschwüren. Zwischen zwei ,, alten" Politischen vom Block 1 gipfelte eine solche Auseinandersetzung in dem Ausruf: Wenn wir herauskommen, wirst du deinen dicken Hintern vor der Partei zu verantworten haben!!" 99 * - Die SS im deutschen KZ wie die NKWD im russischen erleichterten sich die Unterdrückung der Gefangenen, indem sie Politische, Kriminelle und Asoziale zusammensperrten und den Häftlingen eine sogenannte ,, Selbstverwaltung" gestatteten. Durch diese Methoden wurden die schon bestehenden Gegensätze unter den Häftlingen noch verstärkt, denn nicht wenige, die Lagerposten bekleideten, haben ihre Macht miẞbraucht, anstatt sie in den Dienst der Mitgefangenen zu stellen. Das Amt einer ,, Block ältesten" ,,, Stubenältesten" oder eines ,, Anweisungshäftlings" war nicht einfach, denn über ihnen stand eine Aufseherin, deren Befehle sie durchführen sollten. Sie hatten die schwierige Aufgabe, die Interessen der Häftlinge zu wahren, aber andererseits nicht mit den Lagerbestimmungen in Konflikt zu geraten. Ich habe oft beobachten können, wie sich Frauen, die einen Lagerposten bekamen, im 196 - Laufe von Tagen in einen anderen Menschen verwandelten, wie aus einem bedrückten, duldenden ,,, einfachen" Häftling eine selbstbewußte, kommandierende, anmaßende Herrscherin wurde, die kein Widerwort duldete, sich unterwürfig huldigen ließ, Strafen verhängte und sich ohne Skrupel an dem, was den Häftlingea ihres Blockes zustand, vergriff. Eine solche Blockälteste konnte einigen hundert Menschen das Leben zur Qual machen. Von Bettenbau und ähnlichem erzählte ich schon, aber sie hatte auch das Essen, die Wäsche, die Kleider auszuteilen; welche Möglichkeiten der Bevorzugung kriecherischer, unterwürfiger Elemente, der Bestechung boten sich da, erst gar in den späteren Jahren, als wir Pakete empfangen durften. Manche Blockältesten eigneten sich in Kürze den Wortschatz der SS an, ahmten in Art und Auftreten die Blockleiterin nach, um sich Disziplin zu verschaffen und waren bald nur noch ein ausführendes Organ der Lagerobrigkeit, mit einem Wort„ verhinderte" Aufseherinnen. Das Wort einer bösartigen Blockältesten an die Aufseherin genügte, um Blockstrafen und Meldungen zu verhängen. Eine geschickte und anständige Block älteste hingegen konnte meist in kurzer Zeit den sehr beschränkten SS- Blockleiterinnen ihren Willen aufoktroyieren, sie von Blockkontrollen ablenken und Meldungen verhindern und so wesentlich dazu beitragen, daß die Häftlinge wenigstens in der freien Zeit aufatmen konnten. Ab Anfang 1942, als die sogenannten ,, Krankentransporte" begannen, war es nicht selten in die Hand einer Blockältesten gegeben, über Leben und Tod eines Häftlings ihrer Baracke zu entscheiden. Die Blockältesten wurden von der Lagerobrigkeit aufgefordert, die Frauen mit„ ,, Körperfehlern",„ geistigen Defekten" und die ,, Arbeitsunfähigen" auf eine Liste zu schreiben. Natürlich wurden solche Menschen sehr häufig über das Krankenrevier für die Transporte in den Tod ausgesucht; doch gab es Blockälteste, denen es gelang, Jahre hindurch ihre Alten und Gebrechlichen zu„, verheimlichen" und zu schützen. Zwischen dem Wecken, das im Sommer zwischen 4 und 25 Uhr morgens, im Winter gegen 6 Uhr geschah, und dem Antreten zum Zählappell waren% Stunden Zeit, in der die Betten gebaut, der Häftling sauber gewaschen, gekämmt und angezogen, der Schrank in vorschriftsmäßiger Ordnung und das ,, Frühstück" eingenommen sein mußte. Das wäre unter normalen Verhältnissen schon eine Kunst, aber nun denke man sich eine Baracke, die von Hunderten von Frauen wimmelt. Da mußte man sich stoßen und drängen, um durch die schmalen Gänge des Schlafsaals in aller Eile zum Waschraum zu gelangen. Dort standen vor jedem Wasserhahn fünf bis sechs Frauen, die einen kämmten sich, die anderen putzten sich die Zähne, die dritten spritzten beim Waschen ihre Umgebung naẞ und die Flüche hagelten nur so. Vor der Toilette standen 197 Schlangen, beim Kaffeeausteilen standen Schlangen und vor den Schränken gab es hitzige Zänkereien. Jede versuchte zu eilen, eine stieß mit der anderen zusammen, und in diesem Durcheinander, die Sirene hatte bereits zum Zählappell gehult", die Blockälteste brüllte ihr gewohntes ,, Antreten!", erschien die SS- Blockleiterin Drechsel in der Barackentür: ganzen Block ,, Blöde Weiber, macht, daß ihr rauskommt! Ich werde dem eine Meldung verpassen!" und jede Frau, die an ihr vorbeirannte, kriegte eine Ohrfeige. Als alle rausgeprügelt waren, marschierte sie angeregt in den Schlafsaal der A- Seite und ein: ,, Wo ist die Stubenälteste?!" ertönte. Ich kam, und ein Donnerwetter ergoß sich über mich: ,, Das sollen Betten sein? Das sind ja Schaukeln! Diese Schweinerei auf der A- Seite sehe ich mir nicht mehr lange mit an! Kommen Sie nachher ins Dienstzimmer!!" 22 Der Zählappell war zu Ende, die ,, Verfügbaren" und Stricker in den Block zurückgekehrt, als eine von der A- Seite gerade vor der Dienstzimmertür mit lautem Lamento der Blockältesten vorjammerte, man habe ihr heute Nacht das Brot gestohlen, und sie wisse genau, wer es war. Schon öffnete sich die Dienstzimmertür: Aufseherin Drechsel stand breitbeinig, die Hand in die Hüfte gestützt, mit gierigem Ausdruck in ihrem Vogelgesicht: ,, Was gibt's denn da schon wieder?!!" Die Blockälteste setzte ihr die Angelegenheit auseinander. Und wer hat das Brot genommen?" wandte sich die Drechsel an die Bestohlene. ,, Das war die Lina von Tisch 6", kam es ohne Zögern heraus. Die Drechsel ging ins Dienstzimmer zurück und befahl, sofort Diebin und Bestohlene vorzuführen. Ich rief in den Tagesraum nach Lina. Das alte verhutzelte Weibchen, mit dem Gesicht eines vergrämten Säuglings und hoher, weinerlicher Kinderstimme, beteuerte, noch bevor ich etwas sagen konnte, ihre Unschuld. Vor dem Dienstzimmer flüsterte ich noch schnell beiden zu: ,, Vergeßt ja nicht, euch zu melden! Erst Name, dann Nummer, sonst prügelt euch die Drechsel!" Beide stotterten die Meldung, und das Verhör begann. Entscheidend war, daß die Blockälteste mitteilte, die alte Lina habe bereits einmal Brot gestohlen. Als ich sah, daß die Aufseherin Drechsel Anstalten machte, eine Meldung zu schreiben, mischte ich mich ein und sagte:„ Frau Aufseherin, ich bin der Meinung, daß man einen solchen Menschen wie Lina X. überhaupt nicht zur Verantwortung ziehen kann. Das müßten Sie doch selbst einsehen." Die Drechsel sah mich mit halboffenem Mund an, sichtlich bemüht, die Ungeheuerlichkeit meiner Äußerung ganz zu begreifen. ,, Und so etwas will Stubenälteste sein? So eine Idiotin? Da braucht man sich ja nicht zu wundern, wenn die A- Seite ein Sauhaufen ist!" Sie war vom Stuhl aufgestanden und trat keifend dicht an mich heran: ,, Sie sind die längste Zeit Stubenälteste gewesen!! Ich werde es der Oberaufseherin melden!" Und während wir drei uns zur Tür hinausdrückten, tönte uns ein: ,, Na, sowas ist mir noch nie vorgekommen!" nach. 198 - - Was wird nun geschehen? Der Verlust des Stubenältestenpostens schien mir ein großes Glück. Aber eine Meldung? Mir war jämmerlich zu Mute. Am nächsten Vormittag schon wurde ich nach vorn" gerufen. Da stand ich im Korridor vor dem Büro der Oberaufseherin Langefeld. Aus der Tür trat eine junge, blonde Bibelforscherin, mit einem hübschen, aber hochmütig anmaßenden Gesicht. Das war Marianne Korn, die Sekretärin der Oberaufseherin.„ Buber, Sie sollen reinkommen!" Meldend stand ich vor dem Schreibtisch. Die Langefeld sah nicht auf, las, blickte dann zum Fenster hinaus, und nach einer ganzen Reihe merkwürdig nervöser Bewegungen mit dem Kopf, so als schüttle sie sich die Haare aus dem Gesicht, wandte sie sich an mich Ja." und fragte: ,, Sie sind Stubenälteste bei den Asozialen?" , Würden Sie sich zutrauen, Blockälteste zu werden?" Das kam so unerwartet, daß ich irgend etwas stotterte, wie ,, Ich denke nicht." ,, Sie werden also Blockälteste auf Block 3 bei den Bibelforschern." Ich schwieg. ,, Sie müssen wissen, daß Block 3 der Besichtigungsblock ist. Da haben Sie besonders auf Ordnung zu achten. Nehmen Sie ihre Sachen und gehen Sie gleich auf Block 3!" 29 19. DIE BIBELFORSCHER - - - Mit sehr gemischten Gefühlen betrat ich zur Mittagszeit den Besichtigungsblock 3, der auf der rechten Seite der Lagerstraße dem Block der ,, alten" Politischen, Nr. 1, gegenüber lag. Tiefe Stille herrschte. Es roch nach Scheuerpulver, Desinfektionsmitteln und Kohlsuppe. 270 Frauen aßen zu Mittag, und man hörte. kaum ein Wort. Mir war so unbehaglich zu Mute, daß ich nur zögernd die Tür zum Tagesraum der A- Seite öffnete. Sofort erhob sich eine große Blonde und forderte mich auf, Platz zu nehmen, nahm mir die Aluminiumschüssel aus der Hand und füllte sie bis zum Rand mit Weißkohlgemüse. Ich wußte nicht recht, muß ich nun eine Ansprache halten, wegen der erwartungsvollen Stille? Muß ich ihnen erklären, wer ich sei? Soll ich ihnen sagen, daß sie anfangen möchten zu reden, zu toben und zu schreien, wie ich das bisher gewohnt war, damit ich endlich wieder ein normales Gesicht machen könne. Ich sagte aber gar nichts, sondern setzte mich vor die Suppenschüssel. Ergebene, lächelnde Gesichter, wohin das Auge blickte; ihre Haare waren straff nach hinten zu einem festen Knoten gebunden, alles saß wie am Schnürchen. Die meisten schienen Bauersfrauen zu sein mit braungebrannten, hageren, von Wind und Sonne verwitterten Gesichtern. Unter jeder Eßschüssel lag auf der glänzenden Tischplatte eine runde Pappunterlage, denn sonst hätte der blanke Tisch einen ,, Rand" bekommen. Der Fußboden im Korridor und zwischen den Tischen war mit großen Bogen Packpapier belegt, damit ihn die von der Arbeit Kommenden nicht beschmutzten. An der Blocktür lehnten mehrere Handfeger, 199 denn kein Häftling durfte die Baracke betreten, ohne sich vorher den Schmutz von den Schuhen, resp. Pantinen gefegt zu haben. Eine trat zu mir und fragte: ,, Blockälteste, darf ich einmal in den Schlafsaal gehen? Ich vergaß etwas in meinem Bett", und ich beobachtete, wie sie vor dem Eintreten die Holzpantinen auszog und auf Strümpfen in den Schlafsaal huschte. Das Mittagessen ging zu Ende ohne ein lautes Wort. Manche sammelten einen ganzen Satz Schüsseln, um sie im Waschraum zu reinigen; alle, die bei meinem Tisch vorbeigingen, an dem ich immer noch voller Beklemmung und Unsicherheit saß, blickten mir mit einer merkwürdigen Mischung von Entgegenkommen und Unterwürfigkeit ins Gesicht. Es hatte noch nicht zum mittäglichen Arbeitsappell ,, gehult", und schon liefen alle ohne jegliche Aufforderung hinaus auf die Lagerstraße. Viele von ihnen trugen dicke Lederstiefel und gut gefütterte, gestreifte Jacken. Das gesamte Lager hatte im September feldgraue Strümpfe, Holzpantinen und Jacken ausgeteilt bekommen, aber die Winterkleidung der Bibelforscher stammte noch aus der ersten Zeit des Konzentrationslagers und war aus besserem Stoff und wärmer. Viele Bibelforscher befanden sich schon seit Jahren in Haft und Konzentrationslager. Bis auf einige ,, alte" Politische trugen sie die niedrigsten Lagernummern am Ärmel, und das nicht ohne Stolz. - Meine erste ängstliche Frage galt den Besichtigungen. Und nun unterrichteten mich alle Anwesenden unter viel Gelächter, was ich zu sagen, zu tun und zu lassen hätte in dem Moment, wo der Lagerkommandant Kögel mit seinen Besuchern an der Blocktür, erscheinen würde. Ich übte Strammstehen, ,, Achtung" rufen, die Blockmeldung herunterschnurren, und wurde über alle„ Eigenheiten" des gefürchteten Kommandanten aufgeklärt. Auf der B- Seite von Block 3 gab es noch eine zweite Stubenälteste, das war Grete Bötzel, eine Deutsch- Polin. Es währte geraume Zeit, bis ich meine ,, Blockältestenautorität" geltend machen konnte, um ihr ein anständigeres Benehmen den Bibelforschern gegenüber beizubringen. Im Gegensatz zu meiner sehr kameradschaftlichen Beziehung zu Bertl Schindler, der ersten Stubenältesten, lebte ich während der ganzen Dauer der gemeinsamen Tätigkeit auf Block 3 mit Greta Bötzel auf ziemlich gespanntem Fuß und meine Erziehungserfolge waren von einem zum anderen Tag verflogen, als sie später in einer anderen Baracke Blockälteste wurde. Dann zeigte man mir den ,, Musterblock" des Konzentrationslagers Ravensbrück, in dem ich von nun ab Block älteste zu sein hatte. 275 Bibelforscherinnen lebten in dieser Baracke, im danebenliegenden Block 5 weitere 300, und allen waren die Lagerbestimmungen in Fleisch und Blut übergegangen. Ein Kasernenspind sah aus wie das andere: an jeder Schranktür das in Form einer Männerkrawatte gefaltete Wischtuch; 200 - - - Aluminiumschüssel, Becher und Teller auf Hochglanz poliert; in jedem Schrank, fein säuberlich gefaltet, sechs Binden und ein Gürtel mit eingestickter Häftlingsnummer; die Kämme täglich gewaschen, von den Griffen der Schuhbürsten wurde sorgfältig mit Glasscherben jeder dunkle Fleck abgeschabt; kein Fingerabdruck durfte an der Schranktür zu sehen sein. Die Schemel standen weißgescheuert in Reih und Glied, jede schuhtragende Bibelforscherin kannte und befolgte das Verbot, mit den Füßen die Schemelbeine zu berühren, um etwaige Flecken von Schuhwichse zu verhindern. Man verriet mir das Geheimnis der gebohnerten" Tische: mit der scharfen Kante eines Schuhbürstengriffes drückte man Zentimeter für Zentimeter die Platte blank! Die Fenster blitzten und der Fuß-' boden war blütenweiß, da er jeden Tag auf den Knien gescheuert wurde. Aber der eigentliche Höhepunkt waren die Schlafsäle mit ihren je 140 Betten. Brettebene Strohsäcke, schnurgerade, nach den Karos der Bezüge zusammengelegte Decken damit alle die gleiche Breite hatten, wurden die Karos der gemusterten Bettwäsche abgezählt ein Kopfpolster wie das andere gleich scharfkantigen Holzschachteln. Jedes Bett trug ein Schild mit Namen und Nummer. An der Schlafsaaltür hing ein sauber gezeichneter Lagerplan aller Betten, mit jeweiliger Angabe der Häftlingsnummer, damit die kontrollierende Aufseherin ohne Schwierigkeit die Besitzerin eines schlecht gemachten Bettes ausfindig machen konnte. Am Schrank im Tagesraum prangte eine Liste, in der genau aufgeführt wurde, bei welchem. Tisch das letzte Mal die Ausgabe der ,, süßen Suppe", der sonntäglichen ,, Goulasch- Nachkelle", oder der Marmeladenzugabe usw. endete. An der Innenseite jeder Schranktür waren auf Pappkärtchen Namen und Häftlingsnummer der ,, Einwohner" mit Druckbuchstaben in vollendeter Ausführung angebracht, und im Dienstzimmer gab es neben dem Blockbuch Pläne über die Anordnung der Tische im Tagesraum, über den Standort jedes Häftlings beim Zählappell, eine Kartei über die abgesandten und empfangenen Briefe und Listen, Listen ohne Ende. Und über alles das sollte ich nun wachen? Der Gedanke verursachte mir Übelkeit. Was war entsetzlicher, die verlauste Lehmhütte in Burma oder dieser Alptraum von Ordnung?! - - Auf Block 3 begann ich nun ein merkwürdiges Dasein. Bei den Asozialen war jede Minute des Tages mit einer anderen Pflicht und mit neuer Angst ausgefüllt. Bei den Bibelforschern lebte ich wie im Himmel. Der gesamte Blockmechanismus lief ab wie ein Uhrwerk. Morgens, während der Hetze zwischen Wecken und Antreten, hörte man kaum ein lautes Wort. Das Aufstellen zum Zählappell, wobei sich die Block- und Stubenältesten anderer Baracken die Kehle aus dem Halse brüllten, wickelte sich ganz selbstverständlich ab und ebenso alle anderen Verrichtungen, wie Essenausteilen usw. Bei den Bibelforschern wurde meine Hauptaufgabe, das Leben dieser 300 Frauen während ihres Aufenthaltes in der Baracke so angenehm wie nur möglich zu machen, alle Schikanen 201 der SS- Blockleiterin abzuwehren und die Interessen jeder einzelnen, soweit es in meinen Kräften stand, zu vertreten. Vor allem bei dem täglichen Gang mit den Kranken ins ,, Revier". Sehr entscheidend war, wie eine Block älteste mit SS- Oberschwester und SS- Arzt sprach, um für die Kranken eine Bettkarte" oder„, Innendienstkarte" zu erlangen. Es gab Möglichkeiten, heimlich Tabletten zu besorgen, häufiger Wäsche zu wechseln und was der wichtigen Dinge noch mehr waren. 29 - In Block 3 wurde weder gestohlen noch betrogen, noch denunziert. Jede dieser Frauen war nicht nur äußerst pflichtbewußt, sondern fühlte sich auch für die Gemeinschaft der ganzen Baracke verantwortlich. Nachdem ich kurze Zeit mit ihnen gelebt hatte und sie merkten, daß mir alle gefürchteten Blockältestenallüren abgingen und ich mich wohl bei ihnen fühlte, nahmen sie mich in ihre Blockgemeinschaft auf, und fast zwei Jahre, solange war ich bei ihnen, haben weder sie noch ich jemals dieses Als wir uns Verhältnis absoluten Vertrauens zueinander gebrochen. schon näher kannten, schrieb ich fast täglich zehn oder mehr Frauen vom abendlichen Zählappell ab, d. h. ich ersparte ihnen das stundenlange Stehen und Frieren und betrog die SS, indem ich behauptete, eine Kolonne sei noch nicht eingerückt und was der Lügen mehr waren. Auf einem Bibelforscher- Block, mit Menschen, denen man absolut vertrauen konnte, gab es immer neue Möglichkeiten, die SS hinters Licht zu führen, und durch mich haben die Bibelforscher im Laufe der Zeit gelernt, wie und mit welchen Mitteln man die Lagerobrigkeit betrügen konnte. 25 Die Bibelforscher oder Zeugen Jehovas", wie sie sich nennen, waren die einzige Häftlingsart in Ravensbrück, die eine geschlossene Überzeugungsgemeinschaft bildeten. Sie waren bis auf einige Holländerinnen alle Deutsche und gehörten der ,, Internationalen Vereinigung der Bibelforscher" an. Als ich auf Block 3 kam, hatte ich wenig Ahnung von der Art ihrer religiösen Überzeugung, auch nicht, weshalb Hitler sie zu Staatsfeinden erklärte und gegen sie so erbarmungslos wütete. Vor 1933 wollte mir an der Haustür einmal eine eifernde Alte eine Broschüre über den nahenden Weltuntergang verkaufen, aber ich lehnte dankend ab, weil ich diese Befürchtung für verfrüht hielt. Nun aber lebte ich Tag für Tag mit Hunderten dieser religiösen Eiferinnen beisammen, und da sie mich nicht für ein„, Werkzeug des Teufels" hielten, konnte es gar nicht ausbleiben, daß sie um mich warben oder ,, Zeugnis ablegten", wie das in ihrer sonderbaren Sektensprache heißt. Für einen Menschen wie mich, der die Religionsstunde in der Schule häufig geschwänzt oder der nicht zugehört, sondern unterm Tisch ein interessantes Buch gelesen hatte, war es schon ein Problem, sich in dieser Bibelsprache zurechtzufinden, die bunt zusammengewürfelt schien aus Alttestamentarischem und der dunklen, mystischen Sprache der Offenbarung Johannes. Da begann ich als jemand, der sich im politischen Leben entwickelt hatte, gegen 202 religiöse, schwer faßbare Argumente zu polemisieren. Meine erste Feststellung war, daß alle diese Frauen, die sich mit mir in Diskussionen einließen, ausnahmslos ein sehr niedriges Bildungsniveau hatten. Die meisten stammten aus kleinen Städten oder Dörfern, aus Bauern- oder Arbeiterfamilien oder aus dem armen Mittelstand, aber alle hatten Schulen besucht. Geschichtliche oder etwa gar naturgeschichtliche Vergleiche zu ziehen, war völlig zwecklos; sie antworteten auf alles mit einem Bibelzitat, und als ich dann einmal über Entwicklungsgeschichte zu sprechen begann und ahnungslos Darwin erwähnte, reagierten sie, als hätte ich ihnen den leibhaftigen Teufel genannt. Bald mochten sie wohl festgestellt haben, daß ich gar keine Eignung zu einem ,, Zeugen Jehovas" hatte und gaben ihre Bemühungen auf, versicherten mir aber immer wieder, wohl als Zeichen ihrer Sympathie, daß sie Hoffnung hätten, ich würde doch noch einmal ,, erleuchtet" werden, bevor es zu spät sei und ich das Schicksal aller ,, Verdammten" zu erleiden hätte. Wenn ich sie recht verstanden habe, so erwartete ja die ganze Menschheit in Kürze, beim Eintritt des ,, Weltunterganges", der Sturz in die Verdammnis. Nur für die Bibelforscher der ganzen Welt würde dann das goldene Zeitalter", das„, Hamagidon" anbrechen. Da saß die kleine, bucklige Erna und erzählte mit der quäkenden Stimme der Verwachsenen von all den Wundern des ,, Hamagidon", wo sie auferständen in Fleisch und Blut, in körperlicher Schönheit, wo ihnen alles das gewährt würde, was sie im Erdenleben hatten missen müssen, wie Wohlhabenheit, Glück und Frieden. Kein Mensch würde dann mehr den anderen befehden, es gäbe kein Sterben mehr, kein Lebewesen würde je das andere bedrohen, nein - der Löwe läge fromm neben dem Lamm und die Glückseligkeit nähme kein Ende. Bis 1942 waren alle Bibelforscherinnen in Ravensbrück die von der SS gesuchtesten und begehrtesten Arbeiterinnen im KZ. Sie säuberten die Häuser der hohen SS- Beamten, der Aufseherinnen, die Kommandantur; sie pflegten die Kinder der SS in deren Heim, sie waren Dienstmädchen beim Kommandanten, dem Schutzhaftlagerführer und der übrigen Lagerobrigkeit, sie schufteten in der SS- Gärtnerei ,, Kellerbruch", sie betreuten die Bluthunde der SS, deren Schweine, Hühner und Angorakaninchen. In ihrer Pflichttreue, Arbeitsamkeit, absoluten Ehrlichkeit und in der strengsten Befolgung aller SS- Befehle konnte sich die Lagerleitung keine idealeren Sklaven denken. Es ging soweit, daß ihnen besondere Passierscheine ausgestellt wurden, mit denen sie ohne Bewachung durchs Lagertor zur Arbeit aus- und eingingen; denn eine Bibelforscherin würde niemals aus dem Konzentrationslager entfliehen. Die„ Zeugen Jehovas" waren in gewissem Sinne ,, freiwillige Häftlinge". Für sie genügte es, sich bei der Oberaufseherin zu melden, den BibelforscherRevers zu unterschreiben, um noch am gleichen Tage in die Freiheit entlassen zu werden. Der Inhalt dieser Erklärung lautete ungefähr so: Ich 203 erkläre hiermit, daß ich von jetzt ab nicht mehr ,, Zeuge Jehovas" bin und mich weiterhin weder durch Wort noch Schrift für die ,, Internationale Vereinigung der Bibelforscher" betätigen werde... Bis 1942 kam es nur ganz vereinzelt vor, daß eine Bibelforscherin ,, unterschrieb". Später, als die brutalen Verfolgungen gegen sie begannen, geschah es häufiger. Ich fragte einmal eine Bibelforscherin: ,, Ich kann nicht begreifen, warum ihr nicht unterschreibt? Was hindert euch, das, weiter in eurem Glauben zu beharren und heimlich zu agitieren? Damit würdet ihr doch eurer Bewegung viel mehr nützen?" ,, Nein", war die Antwort ,,, das können wir nicht mit unserem Gewissen vereinbaren. Der SS diese Unterschrift leisten, hieße, sich mit dem Teufel verbünden!" Erst nachdem ich einige Zeit ihre Blockälteste war, stellte ich fest, daß meine ,, Bibelwürmer", so hießen sie im Lagerjargon, im Besitze von Bibeln und Bibelforscher- Traktätchen waren. Die hatten ihnen bei der Arbeit außerhalb des Lagers sympathisierende Zivilisten geschenkt. Unter meiner Vorgängerin wagten sie es nicht, ihre Heiligtümer mit in den Block zu schmuggeln. Damals benutzten sie wohl die unbewachten Minuten während der Arbeitszeit, um darin zu lesen. Als aber nun mit mir eine neue, friedliche Ära anbrach, die übrigens auch in der Heiligen Schrift vorausgesagt worden war, wurden jeden Tag verborgen in den Putzeimern, unter den Scheuertüchern der reinemachenden Bibelforscherinnen, die Alten und Neuen Testamente abends von der Arbeit mit heimgebracht und morgens wieder mitgenommen. Das entdeckte ich einmal und meinte, es wäre doch viel ungefährlicher, wenn man die Bibeln tagsüber im Block versteckte. Und begeistert wurde der Vorschlag angenommen. Nun war an jedem Abend, jedem Sonntag, in jeder freien Zeit ein eifriges Bibelforschen im Gange. Abends in den Betten, bevor noch die Nachtwache mit dem Hunde drohte, sangen sie ihre Lieder, die denen der Heilsarmee gleichen, aber noch kämpferischer sind. Und ich trug Sorge, daß ihnen nichts geschah und daß bei drohenden Blockkontrollen die Bibeln rechtzeitig in sichere Verstecke gebracht wurden. Als wir nach einigen Monaten in die Baracke Nr. 17, die an der neueröffneten zweiten Lagerstraße lag, übersiedelten und dort die Blockräume eine Zimmerdecke hatten, schufen wir uns ein ideales Versteck vor dem Zugriff der SS, indem wir eine Latte der Holzverschalung an der Decke lockerten und bei drohender Gefahr alle Bibelschätze dort verstauten. Unter den Bibelforscherinnen gab es viele alte Frauen, die durch jahrelange Haft geschwächt waren und einfach Erschöpfungszustände erlitten. Fast alle arbeiteten in geschlossenen Kolonnen, und so erdachten wir ein ,, Austauschsystem", gaben bei allen Kontrollen, jeder zahlenmäßigen Erfassung falsche Stärkemeldungen" an und konnten so die 204 Schwachen immer abwechselnd im Block zurückbehalten. Das wäre weniger kompliziert gewesen, wenn wir nicht unglücklicherweise„, Besichtigungsblock" gewesen wären. Aber ein Häftling muß sich in jeder Situation zu helfen wissen. - 9 Um wenigstens eine Minute vor dem Herannahen der Besichtigung Bescheid zu wissen, postierte ich eine Bibelforscherin des Zimmerdienstes, davon gab es auf jedem Blockflügel vier, an das hinterste Schlafsaalfenster, auf der der Lagerstraße zugewandten Barackenseite. Sie hatte nichts anderes zu tun, als„ ,, Ausschau zu halten". Außerdem gingen um die gefährlichen Tagesstunden, das war gegen 11 Uhr vormittags und 3 Uhr nachmittags, die Stubenältesten oder ich zu irgendwelchen Gängen durch das Lager, um die Lage zu prüfen. Dann hatte die Bibelforscherin Marianne Korn, die Sekretärin der Oberaufseherin, die feste Weisungund sie wußte, was auf dem Spiel stand bei herannahender Gefahr uns sofort Nachricht zu schicken. Und sowie der Ruf ertönte ,, Sie kommen!", stürzten alle die Kranken ohne ,, Innendienstkarte" in die Klosetts und schlossen sich ein; den heimlich im Bett Liegenden, die im ,, dritten Stock" ganz hinten im Schlafsaal versteckt waren, wurde zugerufen, sich mäuschenstill zu verhalten. Im gleichen Moment beförderte man alle Töpfe und Schüsseln mit Suppe, Kaffee und Kartoffelbrei vom Ofen und riẞ sofort die Fenster des Tagesraumes auf, um eventuellen Geruch nach Essen zu vertreiben. Die erlaubten" Kranken und der Zimmerdienst saßen in Reih und Glied an den vorderen Tischen, und ich ging mit eiligst korrekt gebundenem Kopftuch, zugeknöpftem oberen Kragenknopf, immer mit wankenden Knien, aber stramm militärischer Haltung und einem Gesicht, aus dem überlegene Ruhe sprach, dem Schwarm der Besucher, mit Kommandant Kögel an der Spitze, entgegen. Dann stand ich im Rahmen der Blocktür, vor mir Kögels feistes Gesicht mit der SS- Mütze. Je nach Rang und Bedeutung der Besucher war er in Galauniform, mit einer ganzen Garnitur von Orden behängt oder nicht. Die Hände an der Kleidernaht, die Hacken zusammen, rapportierte ich: ,, Blockälteste Margarete Buber, Nr. 4208, melde Block 3, belegt mit 275 Bibelforscherhäftlingen und drei Politischen, davon 260 in Arbeit, 8 Zimmerdienst und 7 Innendienstkarten". Kögel starrte mich an, und seine blankrasierten Backen zuckten, so biß er die Zähne aufeinander. Dann wandte ich mich zum Korridor und öffnete im Vorausgehen Kämmerchentür, Dienstzimmer, die ersten drei Kasernenspinde und brüllte zu gleicher Zeit die paar Weiblein mit einem schneidigen ,, Achtung!" an, worauf sie wie durch eine Sprungfeder in die Höhe schnellten. Die Besucher waren geblendet von Zinn- und Aluminiumglanz. Fragen an die Häftlinge stellte fast nur Kögel. Sowie ein Besucher sich in ein Gespräch mit Häftlingen einlassen wollte, fuhr der Lagerkommandant eiligst dazwischen. Jedesmal wandte er sich an irgendeine Bibelforscherin:, Warum wurden Sie verhaftet?"..Ich bin Zeugin 22 - 205 - - " - Jehovas", war die regelmäßige Antwort. Zu weiteren Erwiderungen ließẞ er es nicht kommen denn die Bibelforscher versäumten keine Gelegenheit zu demonstrieren sondern forderte die Besucher auf, nun den Schlafsaal zu besehen. Allgemeines Aah! und Ooh! beim Anblick dieser Bettenpracht. Ich blieb in der Schlafsaaltür stehen und machte mit Händen oder Füßen hinter dem Rücken der Besucher meinen Bibelforschern, die nach dem Befehl Kögels ,, Weitermachen!" mit sorgfältig für diesen Zweck präparierten Strickstrümpfen an den Tischen saßen, irgendwelche Faxen. Dann ertönte: ,, Block älteste, herkommen! Wieviel ,, Eine Zeit haben die Häftlinge vom Wecken bis zum Antreten?" dreiviertel Stunde, Herr Lagerkommandant." Kögel wies auf die Betten und sagte:„ Sie müssen bedenken, in einer dreiviertel Stunde: Betten bauen, anziehen, Schränke säubern, Kaffeetrinken, und dabei diese Ordnung, diese mustergültigen Betten." Mit den Worten: ,, Sie glauben doch nicht etwa, daß unter dieser Decke ein Brett liegt", trat er an ein Bett heran, schlug die Bettdecke zurück und klopfte auf den Strohsack, als sei es ein Pferdehals:„ ,, Sehen Sie, so vorzüglich ist dieser Strohsack gestopft. Das sind die Erfolge der Umerziehung zu Ordnung und Sauberkeit im Konzentrationslager!" Danach trat er regelmäßig an ein Fenster, durch das man in den Schlafsaal der nächsten, der übernächsten, der überübernächsten Baracke usw. bis ans Lagerende blicken konnte, denn die Blocks waren genau so schnurgerade ausgerichtet, wie alles in diesem Lager, und Kögel wies mit großartiger Armbewegung zum Fenster hinaus und sagte mit schwellender Stimme: Und genau so ordentlich wie dieser Block sind alle anderen im Konzentrationslager Ravensbrück!" Und die Besucher traten ans Fenster und priesen diese Musteranstalt zur Umerziehung von Staatsfeinden und minderwertigen Elementen zu brauchbaren Gliedern der deutschen Volksgemeinschaft. 22 Nach der A- Seite wurde die B- Seite des Blocks mit genau dem gleichen Ritus besichtigt. Und wenn dann die stiefelknarrende, zigarettenduftende Meute die Baracke verlassen hatte, sprangen nach erfolgtem Erlösungsruf die Eingesperrten von der Toilette, alle zusammen jubelten wir, daß wieder mal ,, nichts passiert" war, und die Töpfe und Schüsseln standen im Nu wieder auf dem Ofen. Manchmal aber, wenn er gerade bei Laune war, fragte mich der Kommandant Kögel, wo die Bibelforscher in Arbeit seien, und dann schnurrte ich zehn Kolonnen mit irgendeiner im Moment erdachten Zahl herunter. Mein Glück war, daß er nie diese Phantasiezahlen nachrechnete. Oder er fragte jede einzelne im Block Befindliche, warum sie nicht in Arbeit sei. Aber einmal wäre es beinahe um uns geschehen gewesen. Auf den Warnungsruf hin hatten sich wieder so gegen zwanzig Frauen auf der Toilette versteckt. Die Besichtigung nahm ihren Verlauf, und als sie schon die Baracke verlassen wollten, fragte ein Besucher in Zivil: ,, Darf ich einmal eine Toilette besichtigen?" 206 und Kögel:„ Aber selbstverständlich." Ich faßte mit versagendem Herzen den Griff der ersten Toilettentür in der Erwartung, sie sei abgesperrt und alle übrigen auch und verberge fünf bis sechs Versteckte. Aber oh Wunder! Das erste Klo war leer. Der neugierige Zivilist zog an der Wasserspülung, sie rauschte vorschriftsmäßig, und er ging mit befriedigtem Gesicht von dannen. Ich aber sank auf einen Schemel, mein Herz wollte streiken. Dieser an der Wasserspülung interessierte Besucher war als deutscher Konsul in England gewesen, wie wir später erfuhren, hatte dort in einem Internierungslager gesessen, bis man ihn nach Deutschland abschob. Ja, das war ein Kulturunterschied zwischen England und Deutschland! Im englischen Lager hatte die Wasserspülung nie funktioniert. Ich erwähnte schon, daß die Oberaufseherin Langefeld die Bibelforscher protegierte, aber deren spezielle Feindin war die zweite Oberaufseherin, Zimmer mit Namen. Die Zimmer war eine Frau zwischen 50 und 60 Jahren, der Typ einer polternden, alten Gefängnisbeamtin, die, wie das Lager erzählte, einen guten Trunk liebte und in ihrer Wohnung, die von Bibelforschern aufgeräumt wurde, unbeschreiblichen Schmutz und Liederlichkeit um sich verbreitete. Die Zimmer kam zu regelmäßigen Blockkontrollen in unsere Baracke, meist als Vorbotin einer baldigen Besichtigung und dann war ihr nichts ordentlich genug und kein Musterbett fand vor ihr Gnade. Jede Gelegenheit ergriff sie, um die Bibelforscher zu beschimpfen: Ihr alten Trutschen, sitzt hier im Lager herum und quatscht über Jehova! Macht, daß ihr nach Hause kommt zu euren Kindern, und den Männern den Haushalt besorgt, ihr blöden, alten Weiber!" B.belforscher und Zimmer kannten sich seit Jahr und Tag schon aus der Lichtenburg, dem ersten Frauenkonzentrationslager, und wußten, was sie voneinander zu halten hatten. 92 Meine Bibelforscher sprachen aber nicht nur von Jehova und dem kommenden goldenen Zeitalter", manchmal erinnerten sie sich auch an ihre zurückgelassenen Kinder oder Männer. Vor allem, wenn am Sonnabend die Post ausgeteilt wurde. Für viele kamen zwar Briefe aus den Konzentrationslagern Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen von ihren Männern, die ebenfalls Bibelforscher waren, aber andere erhielten Nachrichten von zu Hause. Da schrieb der Mann von Ella Hempel, der in dem kleinen sächsischen Dorf Kreten mit vier Kindern zurückgeblieben war, jedesmal die gleichen flehenden Bitten, schon seit mehr als zwei Jahren: ,, Meine liebe Ella! Wann kommst Du endlich nach Hause? Die Kinder und ich warten auf Dich jeden Tag. Der Haushalt ist unordentlich, die Kinder haben nicht die rechte Pflege, der Garten und die Landwirtschaft verkommen langsam. Wie kannst Du nur so hartherzig sein und die Deinen im Stich lassen. Das hält der liebe Gott bestimmt nicht für gut..." 207 Ella saß mit dem Brief in der Hand und die Tränen flossen. Da begann ich mit ihr zu reden: ,, Ella, wie kannst du so etwas ertragen? Vier Kinder alleine lassen?! Wo du die Möglichkeit hättest, heute noch heimzufahren?" Sie warf den Kopf in den Nacken: Ja, so etwas kann ein Weltmensch' wie du eben nicht verstehen. Jehova befiehlt:, Du sollst dein Weib und Kind verlassen und mir nachfolgen'..." Die Tränen waren versiegt und mit fanatischem Gesicht stürzte sie sich, einen Wischlappen in der Hand, auf das Reinemachen im Block. - Diese Frauen waren aus verschiedenen Gründen„ Zeugen Jehovas" das waren geworden: einige als Ehefrauen bibelforschender Männer meist die ,, Gemäßigten" andere stammten aus Bibelforscherfamilien und waren nicht älter als zwanzig Jahre. Die übrigen aber hatten irgendwann die ,, Erleuchtung" erfahren. Soweit die Bibelforscher über ihre häuslichen Verhältnisse und die Vergangenheit sprachen, erfuhr ich, daß sie meist aus sehr dürftigen Verhältnissen kamen, immer mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten hatten kämpfen müssen, meist vom Leben tief enttäuscht worden waren, und, soweit sie verheiratet waren, unglückliche Ehen geführt hatten. Sie flüchteten vor der Verantwortung, die ihnen der Kampf ums Dasein auferlegt hatte, in die Märtyrerrolle einer ,, Zeugin Jehovas" und eiferten in dessen Namen gegen die ungläubigen Weltmenschen". Seit sie Bibelforscher geworden waren, hatte sich ihre Stellung im Leben mit einem Schlage gewandelt: aus unterdrückten, dienenden, mit dem harten Schicksal unzufriedenen Menschen wurden sie zu ,, Auserwählten", erhoben sie sich über die gesamte Menschheit. Ihr einstiger Groll gegen die ihnen widerfahrenen Ungerechtigkeiten verwandelte sich in Haß gegen alles, was nicht zu ihrer Glaubensgemeinschaft gehörte. Jede einzelne fühlte sich als auserkorenes Werkzeug des rächenden Gottes Jehova und schwelgte in der Vorstellung vom baldigen Sturz der Menschheit in die Verdammnis, von dem nach ihrer Meinung nur einige tausend Bibelforscher ausgenommen waren. 99 Bei einem Ereignis, das spielte sich erst im Frühjahr 1942 ab, war es um meine Duldsamkeit geschehen. Ich erwähnte schon die Krankentransporte ins Gas und die Aufforderung der Lagerleitung an die Blockältesten, ihre Arbeitsunfähigen",„ Krüppel", geistig Minderwertigen" usw. auf Listen zu schreiben. Ich erklärte selbstverständlich, daß auf meinem Block nur Gesunde und Arbeitsfähige seien. Unter meinen Kranken gab es eine mit offener Drüsentuberkulose. Das war Anna Lück, eine Frau von 50 Jahren. Sie lag meistens im Bett. Nun verlangte es aber ihr Leiden, daß sie von Zeit zu Zeit verbunden wurde. Einmal bemerkte sie dabei im Krankenrevier der SS- Arzt und ließ sie sofort auf die Krankentransportliste" schreiben. Ich erfuhr es einige Tage später von meiner Freundin, die im Krankenrevier arbeitete. Sie teilte mir mit, daß die Liste bereits vom Arzt unterschrieben sei und so 208 keine Möglichkeit mehr bestände, den Namen der Anna Lück zu streichen. Wir überlegten lange, wie man sie retten könnte und fanden nur einen Ausweg: sie zum ,, Unterschreiben" zu bewegen. Ich ging mit schwerem Herzen zu ihrem Bett. Wenn ich doch die Worte finden könnte, um diesen Menschen zu überreden! Meine Erregung übertrug sich auf die Kranke; ihr eingefallenes Gesicht schien nur noch aus großen, entsetzten Augen zu bestehen. Ich sagte ihr ohne Umschweife, was geschehen sei und brachte dann alle mir zur Verfügung stehenden Argumente vor, um ihr das Unterschreiben zu erleichtern. Als ich von ihr ging, machte es den Eindruck, als würde sie sich sofort ankleiden und zur Oberaufseherin gehen. Nach ungefähr einer halben Stunde, ich saß gerade im Dienstzimmer, kam Ella Hempel herein. Mit einem Gesicht voller Abscheu und Leidenschaft stieß sie die Worte hervor:„ ,, Grete, das hätte ich nie von dir gedacht, daß du im Bunde mit dem Teufel bist! Daß du gemeinsame Sache mit der SS machst!"" Ich verstand nicht sofort, was sie meinte. ,, Was ist los? Was willst du?" ,, Du hast Anna Lück geraten, zum Unterschreiben zu gehen. Wie konntest du so etwas tun!" Da war es um meine Ruhe geschehen und das erste und einzige Mal habe ich in wirklichem Zorn mit einer Bibelforscherin gebrüllt. ,, Ihr wollt Christen sein? Und liefert eure Schwester kaltblütig dem Gas aus? Nenne mir christliche Gebote, die so etwas gutheißen können! Ist das Nächstenliebe?! Nicht nur eure Kinder laßt ihr im Stich und seht ruhig mit an, wie man sie in Hitlerheime steckt und malträtiert, nein, ihr leistet zu Ehren Jehovas einem Mord Vorschub. Kaltherzige Bestien seid Ihr!!" - - Dieser Ausbruch kam Ella so unerwartet, daß sie entsetzt aus dem Zimmer rannte. Ich nahm an, sie nun für alle Zeit zur Feindin zu haben. Aber weit gefehlt. Von da ab war sie die Unterwürfigkeit in Person und erst das machte sie mir unsympathisch. Diesem Ereignis waren aber schon eine Reihe folgenschwerer vorausgegangen. Eines Tages kam eine Bibelforscherin zu mir und erklärte, daß ein Teil ihrer ,, Schwestern" von jetzt ab sich weigere, Blutwurst zu essen. Mit dieser Blutwurst verhielt sich die Sache so: In Ravensbrück bekamen wir bis 1943 außer der täglichen Ration Brot von ungefähr 500 Gramm, mittags einen halben bis dreiviertel Liter Gemüse und sechs Pellkartoffeln, abends eine Suppe und eine Zeitlang auch am Morgen. Sonnabends und Sonntags aber als Abendessen ,, kalt". Dieses ,, kalt" bestand aus ungefähr 20 Gramm Margarine, dazu Sonnabends einen kleinen ,, Sechserkäse" und Sonntags ungefähr 35 Gramm Leber-, Fleisch- oder Blutwurst. Die Ernährung in Ravensbrück verschlechterte sich ab 1941 von Woche zu Woche. Hülsenfrüchte oder Teigwaren verschwanden vollkommen und die Fettzuteilung im Essen wurde immer geringer. Der wöchentliche Löffel Schmalz hörte schon 1941 auf, und Marmelade gab es nur noch einen Eẞlöffel pro Woche. Die Zuckerzuteilung wurde restlos 14 Buber: Gefangene. 209 von der SS gestohlen. Auch in der Häftlingskantine konnte man bald nur noch minderwertiges Zeug, wie Fischpaste, die aus Heringsköpfen und Gräten hergestellt schien, und irgendwelche abscheulichen ,, Gemüsesalate" einkaufen. Eine junge Bibelforscherin, Ilse Unterdörfer, entdeckte im Alten Testament den Befehl Jehovas: ,, Lasset das Blut zur Erde fließen!" und erläuterte ihren Schwestern, daß man fortan das Essen von Blutwurst einstellen müsse. Ungefähr fünfundzwanzig der ,, Extremen" beschlossen, von nun ab die Annahme der Blutwurst zu verweigern. Es gab unter den Bibelforschern drei„ ,, Fraktionen", die„ ,, Extremen", die ,, schwankende Mitte" und die ,, Gemäßigten". Sie trugen regelrechte Fraktionskämpfe aus, bezichtigten einander des Verrats an den Glaubenssätzen, wozu sie Vergleiche aus der biblischen Geschichte heranzogen und legten ihren Fraktionsgegnern Namen alttestamentarischer Verräter zu. Als ich von dieser Weigerung hörte, nahm ich an, die Blutwurst schmecke den Bibelforschern schlecht und das tat sie auch wirklich. Darum machte ich ihnen den Vorschlag, soweit es durchführbar sei, allen denen, die keine Blutwurst mögen, Leberwurst zu geben. Aber da hatte ich nicht mit Jehovas Befehl gerechnet. Denn es ging ja gar nicht um die Blutwurst, es ging um eine Demonstration zu seinen Ehren. Die Extremen mußten von sich reden machen, sie wollten einen Angriff der SS provozieren, es gelüstete sie nach Leiden. Und so fertigten sie eine Liste mit den Namen aller derer an, die laut Jehovas Befehl von nun ab den Genuß der Blutwurst verweigerten. Die Liste wurde ,, nach vorn" gebracht, und die SS lachte sich ins Fäustchen: Wenn die keine Blutwurst fressen wollen, kriegen sie auch keine Margarine. Eine vorzügliche Sparmaßnahme. 99 Der ersten Verweigerer- Liste" folgte eine zweite. Erbitterte Kämpfe zwischen den„ Extremen" und„, Gemäßigten" wurden auf den Bibelforscherblocks ausgetragen. Wie zu erwarten, reagierte die Lagerleitung nicht nur mit dem Entzug der Margarine, sondern ersann drastischere Maßnahmen. Die Oberaufseherin Zimmer war die Initiatorin. Der Bibelforscherblock bekam hundert asoziale Zugänge, darunter alle ,, Schmuckstücke". Das war die Strafe. Diese hundert sollten über die Bibelforscher wachen, d. h. sie denunzieren, wenn sie sie beim Bibelauslegen" oder bei religiösen Gesprächen erwischten. Das war ein schwerer Schlag für die Zeugen Jehovas", aber nicht minder für deren Blockälteste. Denunziation, Diebstahl, Prügelei waren in unseren friedvollen Block eingebrochen, wie die Wölfe in die Schafherde. Die Bibelforscher unterstützten mich bei meinem schweren Amt, so daß ich mit ihrer Hilfe ein halbes Jahr solange währte diese Strafe alle gefährlichen Klippen ohne eine Meldung umschiffen konnte. Die höchste Leistung war, daß wir weiter Besichtigungsblock blieben. Die Bibelforscher verdoppelten ihre Anstrengungen und hielten ihren ,, Musterblock" auch mit Asozialen in Ordnung. 29 - - 210 Diese Strafmaßnahme endete in einer so grotesken Weise, daß ich darin die Hand Jehovas vermutete. In den ersten Wochen versuchte ich, den Bibelforschern wenigstens einige Positionen zu retten. Ich ließ sie an den hinteren Tischen beieinander sitzen, damit die Asozialen nicht jedes Gespräch überwachen konnten, und gab den Asozialen, die alle jung waren, im Schlafsaal die Betten des ,, dritten Stockwerks". Das hatte jedoch peinliche Folgen, es waren nämlich unter den ,, Schmuckstücken" viele Bettnässer und die bepinkelten nun Nacht für Nacht die unter ihnen schlafenden ,, Zeugen Jehovas“. - - Eines schönen Sonntags aber kam unsere Feindin, die Oberaufseherin Zimmer. Sie erblickte diese saubere Scheidung zwischen Böcken und Schafen. ,, Daß Sie die Bibelforscher unterstützen", putzte sie mich herunter ,,, und verantwortlich sind für das ganze Theater hier auf dem Block, ist mir schon lange klar! Sofort werden Asoziale und Bibelwürmer durcheinander gesetzt! Daß ich nicht noch einmal feststelle, daß eine von den Trutschen mit der andern über Jehova quatscht! Verstanden!" ,, Jawohl, Frau Oberaufseherin", hauchte ich, und sie watschelte davon. Nun war's geschehen. Aber welche Folgen hatte das? Die Bibelforscher nahmen sich liebevoll der ,, Schmuckstücke" an. Sie fragten, ob sie vielleicht Hunger hätten und ihre Nachkelle" haben möchten oder etwa eine Scheibe Brot? Und wie gern die das wollten! So peu a peu sah ich abends oder Sonntags freundschaftlich plaudernd nebeneinander auf der Lagerstraße je eine Bibelforscherin und eine Asoziale wandeln. Und der Gesprächsstoff? Es wurde Zeugnis abgelegt". Die Bibelforscher ergriff ein neuer Fanatismus. Nicht nur in meinem Block, nein, bei den Zigeunerinnen und wo immer sich eine Gelegenheit bot, verbreiteten sie die Lehren Jehovas und bereiteten die Erleuchtung" neuer ,, Zeugen" vor. In kurzer Zeit häuften sich die Fälle: Asoziale, Zigeunerinnen, eine Polin, eine Jüdin, Leichtpolitische meldeten sich ,, nach vorn" und erklärten, von nun ab ,, Zeugen Jehovas" zu sein und baten um einen lila Winkel und Verlegung in den Bibelforscher- Block. Die SS schmiẞ sie raus und ergriff als erste Maßnahme die sofortige Rückverlegung der hundert Asozialen von unserem Block. Ich atmete tief und glücklich auf, die Bibelforscher dankten Jehova. 99 * 32 Eines Tages, die Zugänge spazierten auf dem schmalen Weg zwischen der Lagermauer und der Rückseite der Wohnbaracken, auf dem Rasenstreifen vor der Lagermauer steckten in regelmäßigen Abständen die Warnungstafeln mit Totenkopf und gekreuzten Knochen, erblickte ich Lotte in dem Gewimmel der gestreiften Jacken. Noch bevor wir eine Unterhaltung begannen, fragte sie mich, ob sie mir ihre Bekannte vom Transport vorstellen dürfe, eine tschechische Journalistin, der sie bereits viel von mir erzählt habe. Und sie führte mich zu Milena Jesenska. 14* 211 - Milena sprach ein Deutsch mit weichem slawischen Tonfall. Sie reichte mir die Hand, ohne die Finger zu krümmen und bat: ,, Aber nicht so heftig schütteln, bitte!" Ich blickte in ihre umschatteten Augen, in ein von tiefem Leid gezeichnetes Gesicht mit grauer Gefängnisfarbe. Milena war hochgewachsen, trug ein langes, schlotterndes Häftlingskleid und große Stiefel. Unter dem vorschriftsmäßigen Kopftuch drängten sich kleine, muntere Locken hervor. Von Lotte hatte sie über mein Schicksal gehört und wünschte mich kennenzulernen als Journalistin, als ein Mensch, der Fragen stellte. Bis dahin hatte ich nicht gewußt, daß Fragenstellen eine Kunst sein kann. Milena meisterte sie. Auf dem schmalen unter dem stromso taufte sie ihn Weg an der ,, Klagemauer" geladenen Stacheldraht, erzählte ich ihr bei den Spaziergängen der kommenden Tage meine Geschichte. Milena und ich waren von der ersten Stunde an Freunde, und wir blieben es auf Leben und Tod durch vier bittere Lagerjahre. Ich dankte dem Schicksal, nach Ravensbrück gekommen zu sein und Milena Jesenska getroffen zu haben. Vom ersten Tage an ergriff mich eine dumpfe Angst, wenn ich in ihr leidendes Gesicht sah. Sie kam krank aus dem Untersuchungsgefängnis Dresden. Sie glaubte, es sei Rheumatismus. Ihre Hände waren geschwollen, sie hatte immer Schmerzen, sie fror in den Lagerlumpen beim stundenlangen Zählappell, sie konnte sich nachts unter den dünnen Decken nicht erwärmen. Aber sie war ein starker Mensch und verstand es immer wieder, meine Sorgen zu zerstreuen. 1940 war sie noch ungebrochen, mutig und voller Initiative, und so fern jeder Häftlingsmentalität. Als ich sie vorsichtig fragte, ob sie Hunger habe, lehnte sie ab, über dieses Thema überhaupt zu sprechen, und eine Brotration, die ich ihr brachte, verweigerte sie gereizt anzunehmen. Später gestand sie mir, daß es ihr furchtbar gewesen sei, mit Brot beschenkt zu werden. Milena Jesenska war 1939 von der Gestapo in Prag verhaftet worden. Sie hatte als Redakteurin an der tschechischen Zeitschrift ,, Pschitemnost" gearbeitet. Als die Deutschen die Tschechoslowakei besetzten, half sie tschechischen Fliegern und Offizieren zur Flucht ins Ausland und beteiligte sich an der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Okkupanten. Den tschechischen Kommunistinnen in Ravensbrück war Milenas politische Einstellung wohl bekannt, trotzdem umwarben sie sie und verschafften ihr eine gute Arbeit im Krankenrevier. Unsere Freundschaft war noch kaum zwei Wochen alt, als die Wortführer der tschechischen Kommunistinnen, Paleckova und Ilse Mach, an Milena herantraten und ihr die Frage stellten, ob sie wisse, daß ich eine Trotzkistin sei, die Lügen über die Sowjetunion verbreite. Milena erklärte ihnen, daß sie mich bereits gut genug kennengelernt habe, um meine Berichte über Rußland beurteilen zu können. Einige Tage später stellte man ihr eine Art 212 Ultimatum: sie habe sich zu entscheiden zwischen der tschechischen Gemeinschaft im Konzentrationslager Ravensbrück und der deutschen Trotzkistin, Grete Buber. Und sie traf ihre Wahl. Das hat ihr den Haẞ der Stalinistinnen durch vier Jahre ihres Lagerdaseins eingetragen. Solange sie bei Kräften, war, konnte sie zurückschlagen, wenn man sie attackierte, aber als sie kränker wurde, litt sie unsäglich unter diesen Verfolgungen. Als Häftling ist man gezwungen, Tag und Stunde den gleichen Raum auch mit seinen Feinden zu teilen. Ach, welche Möglichkeiten zu kleinlicher Grausamkeit bot das Leben im Konzentrationslager. Am wenigstens verziehen ihr unsere Feindinnen ihre politische Überlegenheit und Kompromißlosigkeit. Das Lager war ständig voller optimistischer Gerüchte. Von 1940 an endete der Krieg in jedem Vierteljahr einmal, brach alle paar Wochen irgendwo eine Revolution aus und wurde Hitler unzählige Male umgebracht. Wenn man Milena solche Geschichten auftischte, zerfetzte sie erbarmungslos alle Illusionen. Aber mehr, als 1941 Hitler die Russen angriff und nicht nur die Stalinistinnen, sondern viele der Politischen aller Nationen in prorussische Begeisterung verfielen, zeichnete sie ihnen ein Bild von dem, was Europa unter Stalins Herrschaft zu erwarten habe. Milena sagte prophetisch voraus, was dann 1945 eintrat. Auch ich habe mit ihr gestritten und nie glauben wollen, daß man die Russen so weit nach Westen wird vordringen lassen. 25 Wenn wir lebend herauskommen, werde ich vielleicht nicht nach Prag zurückkehren können. Wie fliehen wir nur vor den Russen?" war oft ihre angst volle Frage. Welche Fluchtpläne habe ich nicht geschmiedet und was nicht alles ersonnen, um sie zu trösten. Ihre Sorge war nur zu berechtigt. Die Stalinistinnen verbreiteten im Lager, daß wir beide, wenn die Russen nach Ravensbrück kämen, entweder an die Wand gestellt würden oder nach Sibirien kämen. Und sie hätten nicht gezögert, es durchzuführen. Manchmal in meiner düstersten Verzweiflung nach Milenas Tod, als die Russen immer näher kamen, habe ich für die Gnade gedankt, daß Milena in einem Bett sterben durfte. Milena wurde nie ein ,, Häftling", sie konnte nicht abstumpfen und brutal werden, wie so viele andere. Sie sah alles Furchtbare um sich und verzweifelte, weil es keine Möglichkeit gab zu helfen. Sie saẞ bei der Arbeit im gleichen Raum mit mehreren Stalinistinnen und hörte stündlich deren Gespräche. Es war ihr nicht möglich zu schweigen. Sie war ein kämpferischer Mensch. Sie hörte nicht auf, gegen das verlogene Gewäsch von Kollektivismus, proletarischer Demokratie, sozialistischer Freiheit usw. mit der ihr eigenen Schärfe zu polemisieren. Und das verzieh man ihr nicht. Es gab im Revier einige deutsche Kommunistinnen, die arbeiteten mit Feuereifer und Pedanterie für die SS- Ärzteschaft. Milena verhöhnte sie. Politische im KZ, deren Aufgabe es gewesen wäre zu sabotieren, wo sie nur konnten, brüsteten sich Milena 213 gegenüber mit ihrem Pflichtbewußtsein und beschimpften sie als nachlässig oder faul. Und als sie dann immer kränker wurde, ihre Kräfte mehr und mehr nachließen, sie immer häufiger umfiel und nicht mehr auf den Beinen stehen konnte, verbreiteten die Stalinistinnen, sie sei eine Simulantin. Im heißen Sommer 1941 hatte man in den Schneidereien schon Nachtschichten eingeführt, wurden Entkräftung und Unterernährung bei den Häftlingen immer sichtbarer. Die Beine der Frauen waren an den Knöcheln dick angeschwollen und mit Furunkeln und Geschwüren bedeckt. Da kamen im Lager einige Fälle von Lähmung vor. Ob diese ersten Erkrankten Opfer der Lueskuren des SS- Arztes Sonntag waren, weiß ich nicht. Erst als es ungefähr zwölf Gelähmte gab, wurde man aufmerksam. Der Lagerkommandant Kögel erfuhr es und machte dem SS- Arzt erregte Vorhaltungen. Gerüchte drangen ins Lager, daß in Mecklenburg Kinderlähmung herrsche, und Dr. Sonntag verhängte über Ravensbrück die Quarantäne. Die Häftlinge wurden in die Blocks gesperrt und keiner rückte mehr zur Arbeit aus. Dort, wo die Lagerstraße auf den Platz mündete, wurde ein Stacheldrahtverhau errichtet. Die in der Küche arbeitenden Häftlinge durften nicht in ihre Baracken zurückkehren, sondern schliefen im Bad. Keine Aufseherin betrat mehr das Lager. Die einzige, die sich gegen Kinderlähmung gefeit fühlte, war die Oberaufseherin Zimmer. Sie watschelte von einem Block zum anderen, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Eigentlich herrschte allgemeine Freude, nur die Tatsache, daß jeder Tag neue Gelähmte brachte, die auf Bahren von den einzelnen Blocks geholt und in eine gesonderte Krankenbaracke gefahren wurden. verbreitete Angst und Unruhe. Die von der Lähmung Befallenen zeigten alle das gleiche Krankheitsbild: sie waren plötzlich keiner Bewegung mehr fähig. Auffallend schien nur, daß keine ,, alten" Politischen oder Bibelforscher betroffen wurden, sondern hauptsächlich Asoziale, Zigeuner und„ Polenliebchen". Wenn ich mich recht erinnere, gab es nach acht Tagen schon gegen hundert..Kinderlähmungen". Eine Flut von Desinfektionsmitteln ergoß sich über das Lager. Die Toiletten, die Waschräume, die Tagesräume, alles machte man keimfrei. Die Blocks stellten ihre Essenkübel auf der Lagerstraße am Drahtverhau ab und entfernten sich, ohne mit den nachfolgenden in irgendeine Berührung zu kommen. Sofort wusch ein Küchenhäftling jeden Metallkübel sorgfältig mit einer desinfizierenden Flüssigkeit ab. Streng voneinander gesondert, machten die Häftlinge jeder Baracke zweimal am Tage ihren Spaziergang. In dieser glücklichen Quarantänezeit waren die Bibelforscher gerade mit den hundert Asozialen gestraft, und auch unter denen auf unserem Block grassierte die ,, Kinderlähmung". Nach ungefähr zwei Wochen strengster Quarantäne erschien, von irgendwo beordert, ein anderer SS- Arzt, wohl ein Spezialist für Kinderlähmung. Und was stellte sich heraus? Die Lähmung war eine Massen214 psychose. Dr. Sonntag rächte sich nicht schlecht für seine Blamage. Man jagte durch die Körper der Gelähmten elektrischen Strom, und sie sprangen nur so davon. Als die übrigen Kranken das hörten, wurden sie aus Angst vor der Prozedur wieder beweglich. Nur einige Unglückliche mit schwerem Gelenkrheuma oder durch Lues Gelähmte heilte auch diese Methode nicht. Das ,, normale" Lagerleben begann wieder mit Morgenzählappell, darauffolgendem Arbeitsappell, Ausrücken zur Arbeit, Einrücken zum Mittag, Antreten zum mittäglichen Arbeitsappell, Ausrücken zur Arbeit, gegen fünf Uhr nachmittags wieder Einrücken, dann neuerlichem Antreten zum Abendzählappell, der niemals weniger als anderthalb Stunden dauerte. Zum Wecken, zum Antreten, zum Abtreten und zur Nachtruhe, immer tönte die Sirene, deren Heulen den Rhythmus des Lagerlebens grell untermalte. Im Laufe des Jahres 1940/41 waren viele Transporte polnischer Häftlinge ins Lager gekommen. Es ging das Gerücht, daß sich unter den eingelieferten Frauen zum Tode verurteilte befänden. Man sprach von einem ganzen Transport aus Warschau, der nur zur Vollstreckung des Urteils nach Ravensbrück gebracht worden sei. Es war wohl im Frühjahr 1942, als man eines Tages zehn Polinnen ,, nach vorn" holte und in den Zellenbau brachte. Kurz vor dem abendlichen Zählappell wurde plötzlich die Lagerstraße geräumt. Alles mußte sofort in die Baracken, und die Türen mußten geschlossen werden. Häftlinge, die in der Küche und dem Krankenrevier arbeiteten, unter ihnen waren viele Polinnen, sahen nun, wie man die zehn Frauen in langen Kleidern ohne Gürtel, einer Art Büßerhemden, barfuß vom Zellenbau über den Lagerplatz führte. Sie bemerkten, wie die Mädchen sich ganz fröhlich umwandten und nach dem Revier blickten, und während sie zum Lagertor hinausgingen, winkten sie mit den Händen den Freundinnen, die sie hinter den Fenstern des Krankenhauses vermuteten, zum Abschied zu. Die Sirene heulte zum Abend- Zählappell. Es war gegen 6 Uhr. Die Tausende Frauen standen ausgerichtet und schweigend. Abendliche Stille lag über der Lagerstraße. Da knallte plötzlich jenseits der Lagermauer eine Infanteriesalve, und kurz danach hörte man hintereinander zehn Revolverschüsse. Wir alle wußten, was geschehen war, und keiner wagte sich zu rühren. Uns gegenüber stand ein Polenblock. Ich sah, wie Hunderte Lippen sich im Gebet bewegten. Und jenseits der Lagermauer ragten die Kiefern so wie alle Tage, und auf dem Dachfirst der Kommandantur saßen Scharen von Krähen, so wie alle Tage. Nach diesem Zählappell hatten viele Frauen ein anderes Gesicht. Das erste Mal war der Mord an Mitgefangenen vor aller Ohren geschehen. Ahnungsvoll begriffen wir den Anbruch schrecklicher Ereignisse. 215 Die Exekution der zum Tode Verurteilien erfolgte in der ersten Zeit regelmäßig beim Abendzählappell. Man stand, und die zum Zer- reißen gespannten Nerven vernahmen hinter der Lagermauer Schreie, bevor die Schüsse fielen. Wicklein, der Adjutant des Lagerkommandanten Kögel, führte mit einem SS-Kommando die Exekutionen aus. Von Bibel- forschern erfuhr ich, daß dieses Hinrichtungskommando von außerhalb kam und vor dem Morden in der SS-Kantine mit reichlichem Essen und Alkohol bewirtet wurde. Viele von den Frauen des Warschauer Transportes hatten nie etwas von einem Todesurteil erfahren. Jetzt warteten alle Polinnen mit Häft- lingsnummer um 7000 auf ihre Hinrichtung, manche von ihnen über drei. Jahre. Nach dem Warschauer Transport kam ein weiterer aus Lublin. Im Winter 1941/42 tauchte in Ravensbrück eine„Ärztekommission“ auf. Schon vorher hatte man im Revier alle Schwerkranken und in den verschiedenen Baracken„geistig Minderwertige“,„Krüppel“ und„Ar- beitsunfähige“ von den Blockältesten auf Listen schreiben lassen. Es wurde erzählt, daß diese Häftlinge in ein Lager für leichte Arbeit oder in Sanatorien kämen. Die nach den Listen aufgerufenen Häftlinge mußten, soweit sie nicht bettlägerig waren, an der„Ärztekommission“, die im Baderaum des Lagers amtierte, vorbeidefilieren. Dann reiste die Ärztekommission ab, um nach kurzer Zeit zurückzukehren. Da rief man alle Frauen des Judenblocks ins Bad, und die„Ärzte“ fragten bei vielen ‘statt nach der Gesundheit nach der politischen Einstellung.- Der erste Krankentransport verließ Ravensbrück Anfang 1942. Man lud die Frauen auf Lastautos und legte die Schwerkranken auf den mit Stroh bedeckten Boden. Als mir Milena am Abend von der Art des Ab- transportes der Schwerkranken erzählte, schienen meine Befürchtungen über den Zweck dieser Überführung in ein„anderes Lager“ so gut wie bestätigt. Aber schon am nächsten Tag gab es keinen Zweifel mehr. Ein Lastauto fuhr vor die Kammer. Es enthielt die Kleider der gestern Weg- geführten mit Häftlingsnummer und Winkel, deren Wäsche, die kleinen Beutel mit Waschzeug und Zahnbürste, einen Krückstock, eine Prothese und Gebisse. Der Krankentransport ging also in den Tod. Diese entset- liche Nachricht lief durch das Lager zu den Hunderten, die nun das gleiche Schicksal erwartete. Für keinen von uns gab es einen Zweifel, aber die Betroffenen, deren Tage bereits gezählt waren, sie allein glaubten nicht an eine solche Ungeheuerlichkeit, für die zurückgebrachten Häftlingssachen erfanden sie Erklärungen wie:„Man wird sie im Sanatorium umgekleidet haben“, Krückstock, Prothese und Gebisse ignorierte man einfach... So ging ein Transport nach dem anderen. Mit strikter Regelmäßigkeit kehrten die Gegenstände der Getöteten zurück. Nach den sogenannten Kranken gingen Hunderte jüdischer Frauen den 216 gleichen Weg. Eine versprach, wenn es möglich wäre, auf einem Zettel, den sie im Kleidersaum verbergen wollte, eine Nachricht über Ziel und Zweck des Transportes zu senden. Man fand ihr Kleid und im Saum einen Zettel mit den Worten:„ Wir wurden nach Dessau gebracht und müssen uns auskleiden. Lebt wohl!" Zwischen Krankentransporten und Exekutionen waren unsere Tage von Erregung erfüllt. Die Zugänge häuften sich. Aus allen besetzten Ländern schleppte man sie herbei, und zum ersten Mal kamen Kinder ins Lager. Angela war wohl das erste. Ein Zigeunermädchen von neun Jahren, eine kleine indische Schönheit. Sie ging auf der Lagerstraße zwischen ihrer zahlreichen Verwandtschaft, und alle Frauen blickten nach ihr mit wehen mütterlichen Augen. Sie umarmten Angela, sie schenkten ihr Brot, und alle dachten an die eigenen Kinder. Angela und noch ein kleines Zigeunermädchen wurden in die ,, Massar- Nähstube" geschickt, wo sie Lesen und Schreiben lernten und von der Aufseherin Massar in Zucht genommen wurden. Beim Anblick der ersten Kinderhäftlinge in Ravensbrück bekamen alle Frauen feuchte Augen, aber es blieb nicht bei zweien, es kamen jüdische Mütter mit Kindern aus Holland, aus Belgien, aus Frankreich. Auf einem Schemel im Vorraum des Krankenreviers saß ein schwarzlockiges, rundes Puttchen und drückte seinen Teddybär an sich. Es war eine kleine Türkin. Und in dem Durcheinander gehetzter, verzweifelter Mütter, die man zur ,, ärztlichen Untersuchung" bestellt hatte, spielte das Kind ahnungslos in den Tag hinein. Bald gehörten die verhafteten Kinder zum Lageralltag. Sie mußten beim Heulen der Morgensirene gegen fünf Uhr heraus zum Zählappell, sie standen bei Kälte und Regen und Hitze stundenlang auf der Lagerstraße, und da sie nicht arbeiteten, erhielten sie im letzten Lagerjahr nicht einmal Kartoffeln, nur die jämmerliche Brühe aus Dörrgemüse und eine kleine Ration Brot. Sie liefen bettelnd von einer Barackentür zur anderen. Anfang 1942 brachte man sieben russische Mädchen im Alter von zehn bis dreizehn Jahren nach Ravensbrück. Die Kommunistinnen schlugen vor, man solle sie auf den Block der ,, alten" Politischen bringen. Die Oberaufseherin Langefeld war einverstanden, und die Kinder hielten ihren Einzug auf Block 1. Dort wurden sie verwöhnt und gehätschelt, die Frauen überschütteten sie mit Zärtlichkeiten, alles was man im Lager an zusätzlichem Essen auftreiben konnte, war für die Kinder da. An einem Sonntag, das war schon im Jahr 1943, gingen Lotte, Maria Gropp und ich durch das Lager. Da stand irgendwo auf der Lagerstraße ein kleines, jämmerlich weinendes Mädchen. Sie mochte drei Jahre alt sein. Wir fragten, was ihr fehle. ,, Ich kann meine Baracke nicht wiederfinden", schluchzte sie. Das war auch schwer, denn eine sah aus wie die andere, und Zahlen lesen konnte doch das Kleinchen noch nicht. Lotte 217 nahm sie auf den Arm und wir gingen von Block zu Block, um das ,, Zuhause" der kleinen Braunäugigen zu finden. In allen Baracken war ein Gestoße und Gedränge von nervösen, überreizten Menschen und keiner interessierte sich für ein kleines, verirrtes Mädchen. Wir verhandelten gerade im Dienstzimmer des Judenblocks mit der Blockältesten, mehrere Frauen umstanden uns und schüttelten verneinend den Kopf, da meldete sich mit weinerlicher, aber vorwurfsvoller Stimme unser Findling:„ Ich bin doch kein Judenkind, ich bin ein Zigeuner!" Ja, die Dreijährige hatte bereits ihren Rassenstolz! Und dann fanden wir auf dem Zigeunerblock ihre Mutter. 1944 kamen aus einem evakuierten Zigeunerlager, wo Männer und Frauen gemeinsam gewesen waren und viele Kinder geboren wurden, Mütter mit Mädchen und Jungen. Man hatte die Männer und Frauen gewaltsam getrennt. Die Knaben über zwölf Jahre kamen mit den Vätern ins Männerkonzentrationslager, die kleinen Kinder zu den Müttern. - An einem Abend war ein Gewimmel von Kindern auf der zweiten Lagerstraße. Ich erfuhr, daß sie sich anstellen sollten, um gemeinsam zur Küche zu gehen. Der Schutzhaftlagerführer hatte für alle Kinder einen Löffel Kunsthonig genehmigt". Zerlumpt, mit unmöglichen Schuhen, Kunsthonig ,, genehmigt". aber jedes fest einen Aluminiumbecher in der Hand, stellten sich die Kinder an. Einige zwölfjährige Jungen kommandierten wie die Alten: ,, Zu fünfen antreten!" ,, Hände runter!" ,, Ruhe da!" Und wirklich, die Kinder bildeten ganz selbstverständlich Fünferreihen und verstummten auf das Kommando ,, Ruhe!" ,, Und jetzt singen wir das, Englandlied!" ertönte es befehlend aus eines Jungen Mund. Unter dem Gesang: Reich' mir deine Hand, denn wir fahren gegen Engeland..." marschierten die kleinen, verhungerten, zerlumpten Häftlinge zur Küche nach einem Löffel Kunsthonig. 990 - * - 55 Der erste große Transport russischer Häftlinge wurde in Ravensbrück erwartet. Die tschechische Kommunistin Paleckova, dieselbe, die mich damals auf der Lagerstraße hatte verhören wollen und dann Milena und mich in Acht und Bann getan hatte, meldete sich zur Bade- und Entlausungskolonne, um die Frauen aus der Sowjetunion gleich am ersten Lagertag zu empfangen. Was im Bad zwischen der Paleckova und den russischen Ankömmlingen für Gespräche geführt wurden, kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich mag sie die ukrainischen und russischen Frauen überschwenglich begrüßt, ihnen klargemacht haben, daß die kommunistischen Häftlinge in Ravensbrück sich mit ihnen solidarisch fühlen. Vielleicht mußte sie danach schon die ersten Flüche einstecken. Dann mag sie ihnen gesagt haben, daß sie sich im deutschen Konzentrationslager ihrer sozialistischen Heimat würdig benehmen müßten und so weiter und so fort in dieser Art. So wie alle Kommunistinnen, war wohl auch die 218 Paleckova den russischen Frauen mit hochgespannten Illusionen begegnet und hatte bei ihnen alle Tugenden der sozialistischen Erziehung erwartet, sie für aufrechte Kämpferinnen und Bewunderer der russischen bolschewistischen Partei gehalten. Und da kamen sie nun, primitiv, politische Analphabeten, und viele äußerten unverhohlen ihre Abneigung gegen das Stalinsche Regime. Wohl gleich am ersten Tage scheint die Paleckova eine tiefgehende Erschütterung erlebt zu haben. Sie wurde schweigsam. Trotzdem gab sie ihr neues Amt nicht sofort wieder auf. Es kam mir zu Ohren, daß sie den Frauen im Block der ,, alten" Politischen immer erklärte, daß nicht alle russischen Frauen so seien wie diese in Ravensbrück eingelieferten Häftlinge. Nicht lange danach hörte ich, daß bei der Paleckova Zeichen von Geistesverwirrung zu bemerken waren. Als man sich im Block der ,, alten" Politischen über ihren Zustand klar wurde, versuchte man, sie unbedingt vor einer Einlieferung ins Krankenrevier zu schützen, denn das bedeutete den sicheren Tod. Trotzdem gelang es den Häftlingen nicht, sie zu retten. Bei dem Versuch, ihr heimlich eine beruhigende Injektion zu machen, verfiel sie in Tobsucht. Der SS- Arzt ließ sie in den Zellenbau bringen, und die dort als Kalfaktoren arbeitenden Bibelforscherinnen erzählten, daß ihr Zustand hoffnungslos sei, daß sie jede Annahme von Essen verweigere und mit verzücktem Gesicht an der Wand stehe und rufe: ,, Stalin, ich liebe dich!" Nach zwei Wochen holten Häftlinge des Krankenreviers die Leiche der Paleckova, die zu einem Skelett abgemagert war, aus der Zelle. * Anfang 1942 wurde ein großer Transport von ungefähr tausend Frauen nach Auschwitz geschickt. Damals hörten wir das erste Mal von diesem Konzentrationslager, und keiner hatte eine Ahnung, was der Name bedeutete. Viele Häftlinge meldeten sich freiwillig, darunter auch ,, alte" Politische. Mit dem Transport ging die Oberaufseherin Langefeld und die beiden beliebten und tüchtigen Lagerläuferinnen Bartel Teege und Liesl Maurer. Mandel hieß die neue Oberaufseherin, und sie führte ein neues Regime in Ravensbrück ein. Der Abendzählappell wurde bedeutend verlängert. Das Austeilen von Backpfeifen und Fußtritten wurde gang und gäbe. Um diese Zeit waren auf dem Bibelforscherblock neue, heftige Debatten im Gange. Diesmal stand auf der Tagesordnung die Verweigerung von Kriegsarbeit. Als erste legte die Kolonne ,, Angorazucht" die Arbeit nieder. Die Bibelforscher erklärten, festgestellt zu haben, daß die Wolle der Kaninchen für Heereszwecke verwandt würde, und es sei nicht mit ihrem Glauben vereinbar, weiterhin in dieser Kolonne zu bleiben. Grundsätzlich seien sie aber bereit zu arbeiten. Noch am gleichen Tage 219 verweigerte die Gärtnereikolonne ,, Kellerbruch" die Arbeit, da das geerntete Gemüse an ein SS- Lazarett geschickt würde. Im ganzen erklärten ungefähr neunzig Bibelforscher, von nun ab keine Kriegsarbeit mehr leisten zu wollen; man ließ sie auf dem Hof des Zellenbaues drei Tage und Nächte strafestehen. Dann warf man sie in den ,, Bunker" in Dunkelarrest. Da aber der Platz im„, Zellenbau" für so viele Menschen nicht ausreichte, räumte man aus einem Flügel von Block 25( das war der letzte an der neuen Lagerstraße) alle Tische, Schemel und Strohsäcke, dann machte man die Scheiben mit weißer Farbe undurchsichtig und schloß von außen die hölzernen Fensterläden. Die schon entkräfteten Frauen wurden ohne Jacken, ohne Decken für die Nacht, ohne jegliche Sitzgelegenheit in diese dunklen Barackenräume gesperrt. Sie erhielten täglich eine Ration Brot und alle vier Tage Essen. Dort blieben sie vierzig Tage. Aber im Laufe dieser Zeit kam der Befehl von der Gestapo aus Berlin, daß jede Arbeitsverweigerung mit 75 Stockschlägen zu bestrafen sei. Die Bibelforscher, von denen viele zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt waren, erhielten dreimal je fünfundzwanzig Stockhiebe. Nach vierzig Tagen sah ich sie im Bad. Sie waren wandelnde Skelette und mit Striemen bedeckt. Alle hatten Hungerdurchfall und machten den Eindruck von Geisteskranken. Viele wurden sofort ins Krankenrevier geschafft. Als man die Bibelforscher aus Block 25 herauslieẞ, erklärten sie, auch weiterhin keine Kriegsarbeit leisten zu wollen und von jetzt ab das Zählappellstehen zu verweigern, denn ,, wir erweisen nur Jehova die Ehre, nicht der SS!" Man verteilte sie über die Baracken des ganzen Lagers, und die Blockältesten erhielten den Befehl, sie mit Gewalt zum Zählappell zu bringen. - Es war am Spätnachmittag eines glühend heißen Tages im Sommer 1942, als ein Trupp von ungefähr dreißig alten Frauen- Jüdinnen, die wohl erst vor ein paar Tagen ins Lager gekommen sein mochten, denn sie glühten vor Sonnenbrand- in die Lagerstraße einbog. Das Gesicht, die Hände, die Arme und die nackten Füße bis zur Hälfte der Waden waren rot und glänzend aufgeschwollen. Sie hielten die blutenden Hände von sich gestreckt. Man hatte sie den ganzen Tag lang ,, Ziegel schmeißen" lassen. Das war eine der gefürchtetsten Arbeiten. Nach dem Zählappell dieses Tages brachte ich einige kranke Bibelforscherinnen ins Revier, und dort stand auch die Blockälteste mit den dreißig alten Jüdinnen, um ihnen irgendeine Linderung gegen Sonnenbrand und die schmerzenden Hände zu besorgen. Da erblickte SS- Arzt Schiedlausky die Frauen und brüllte: Judenweiber raus!" Keine Einwände der Blockältesten hatten Erfolg, man jagte sie aus dem Krankenrevier. Am nächsten Morgen waren die Arme und Beine der Sonnenverbrannten mit Blasen bedeckt. Sie wagten sich wieder zum Revier und hatten Glück, man verband sie dieses Mal. Nach zwei Tagen wollte die Blockälteste die völlig durchweichten Papierverbände erneuern lassen, lief aber wieder SS- Arzt Schiedlausky in die Arme und flog unter Beschimpfungen aus 220 22 dem Krankenrevier. Die Frauen hatten hohes Fieber, sie konnten nur mit Mühe auf den Beinen stehen, und der vereiterte Sonnenbrand stank so bestialisch, daß keiner es in der Baracke aushalten konnte. Da versuchte nach weiteren zwei Tagen die Block älteste, noch einmal mit ihnen ins Krankenrevier zu kommen. Man ließ sie herein, man schnitt den armen Alten die angeklebten Papierbinden ab, und der Fußboden des Untersuchungszimmers bedeckte sich mit einem Gewimmel von Fliegenmaden, die aus den Wunden an Armen und Beinen herausfielen. Einige Frauen bekamen ,, Bettkarten" im Revier und starben an den Folgen des Sonnenbrandes. - Wenn sich ein Häftling krank fühlte, meldete er das bei der Blockältesten, die alle Kranken ihrer Baracke auf einen Zettel schreiben mußte. Am Vormittag, nach Schluß des Arbeitsappells, ging sie mit den Kranken zum Revier. Schoa 1942 erkrankten infolge der Lagerbedingungen täglich hunderte. Die standen nun vor dem Krankenrevier bei jedem Wind und Wetter und wurden blockweise in den Vorraum hineingelassen. An einem Tisch saß die Oberschwester ,, Antenne", eine überlange, magere, gallig aussehende Alte mit großen, abstehenden Ohren und grotesk häẞlichem Gesicht. Ihr wurde der Zettel mit den Namen der Kranken überreicht und sie entschied, ob eine Kranke zum Untersuchungszimmer durchgelassen wurde. Jede trat einzeln an den Tisch und brachte ihr Leiden vor. Wehe, wenn sie zu leise sprach oder zu jämmerlich, gleich warf man sie aus dem Revier. Wagten wartende Häftlinge sich zu unterhalten, flog der ganze Block hinaus, lehnten sie sich aus Müdigkeit und Schwäche an die Wand, flogen sie ebenfalls. Brachte man eine zusammengebrochene Schwerkranke herein und war es womöglich eine Jüdin, eine Zigeunerin oder eine Kriminelle, so ermunterte sich ,, Antenne", und ein lautes ,, Korridoraufnahme" erschallte. Bald wußten alle Häftlinge, daß ,, Korridoraufnahme" den sicheren Tod bedeutete. An die im Korridor des Krankenreviers Liegenden teilte man zwei Tage lang stark betäubende Tabletten aus, am dritten kamen sie ins ,, Sterbestübchen", wo die Oberschwester oder einer der Ärzte sie durch Evipaninjektionen ins Herz töteten. Die Wundbehandlung wurde von Häftlingen ausgeführt. Was viele dieser ,, Häftlings- Sanitäterinnen" für ihre Mitgefangenen geleistet haben, ist unvorstellbar. Im engen Raum der Revierbaracke, hinter dem Rücken der ,, Antenne" hatten sie ihren Tisch mit Instrumenten, Salben und Verbandzeug aufgebaut. Dort wurde den Frauen das Fieber gemessen, dort im Gedränge der Kranken, säuberten und verbanden sie Geschwüre und Ekzeme, verabreichten sie Tabletten und Medizinen. Man ließ zwanzig Polinnen, junge Frauen aus den Transporten der zum Tode Verurteilten, ins Krankenrevier kommen. Die Ärzte musterten die in Reih und Glied stehenden Frauen. Dr. Oberhäuser schickte eine fort mit den Worten: ,, Die hat zu dünne Beine, die können wir nicht ge221 - brauchen!" Man wählte, wenn ich mich recht entsinne, sechs aus und behielt sie im Revier. Panischer Schrecken ergriff die Frauen des Warschauer und Lubliner Transports. Es wurde bekannt, daß man ein besonderes, abseits gelegenes Krankenzimmer eingerichtet hatte, zu dem keine Häftlingspflegerin Zutritt erhielt. Ein regelrechter Operationssaal mit modernsten Einrichtungen war gebaut worden. Es erschien der bekannte deutsche Arzt Professor Dr. Gebhardt mit einem Stab von Assistenten. Wir sahen sie in ihren weißen Hosen über den Lagerplatz kommen. Alle RevierAls sie wieder an arbeiter wurden in die Wohnbaracken geschickt. ihre Arbeitsplätze zurückkehrten, war das neue Krankenzimmer streng von SS- Schwestern bewacht, denen die Pflege der neuen Kranken" oblag. Die Ungewißheit währte nur einige Tage, denn bald waren die SS- Schwestern zu faul, ihr Pflegerinnenamt gewissenhaft durchzuführen und zogen von einem Tag zum anderen Häftlinge zu ihrer Unterstützung heran. Es konnte nicht ausbleiben, daß denen in Kürze gelang, einen Blick in das geheimnisvolle Krankenzimmer zu tun. Da lagen die sechs jungen Mädchen mit schmerzverzerrten Gesichtern. Alle hatten Gipsverbände an den Beinen. Man hatte je zwei der Frauen zur gleichen Zeit operiert und Knochen- oder Muskelteile der Beine von einer zur anderen transplantiert. 22 Wochen vergingen, die operierten Polinnen humpelten auf Krücken durch das Krankenrevier. Bei manchen waren die Waden verkümmert wie Kinderbeine, manche konnten nur mit den Zehen auftreten, und schon holte man neue Opfer. Alle Geheimnistuerei wurde aufgegeben. Es wurde operiert, verstümmelt; man sprach von Versuchen mit Tetanus und Gasbrand; die Frauen starben an Sepsis und Fieber. Die Ausgeheilten" schickte man auf Krücken in die Wohnbaracken zurück, und die ,, Kaninchen", wie sie genannt wurden, gehörten bald zum Lageralltag. An eine leise Hoffnung klammerten sich die verstümmelten Frauen: vielleicht waren sie durch die Versuchsoperation begnadigt, vielleicht würden sie nicht erschossen werden... * Die SS begann eine rege Bautätigkeit zu entfalten. Hinter der Lagermauer entstanden große, stabil gebaute Betriebe, in denen für Tausende von Sklaven Arbeitsplätze bereit standen. Die Firma Siemens- Halske errichtete in aller Eile Baracken, große Wohnblocks wurden aufgestellt und bald umfaßte das Frauenlager Ravensbrück zweiunddreißig Wohnbaracken und drei Lagerstraßen. Alle Bauten wurden von Häftlingen des benachbarten Männerlagers ausgeführt. Gleich hinter unserer Blocktür errichtete eine Männerkolonne mit SS- Bewachung einen Zaun und grub den Boden auf, um neue Kanalisationsrohre zu legen. Die Fensterläden der B Barackenseite wurden ge222 - schlossen und vernagelt. Man drohte strenge Lagerstrafen für den Versuch an, mit den Männerhäftlingen in Kontakt zu kommen. Den ganzen Tag über hörten wir nun vor unseren verschlossenen Fenstern das Schnauzen und Kommandieren des„ Capo" der Männerkolonne. Alle Frauen wurden von schmerzlichem Mitleid erfaßt. Was sie bei den weiblichen Mitgefangenen gar nicht mehr rührte, ließ sie vor Empörung zittern, weil es den Männern geschah. Sie hingen an den Fensterläden, um durch die Ritzen auf die Männer blicken zu können. Und wie schrecklich sahen die aus! Die Zebraanzüge hingen an den abgemagerten Körpern wie auf Kleiderbügeln. Wohlgenährt war nur der Capo, ein Krimineller. Er hatte einen Knüppel in der Hand, und wenn einer nicht schnell genug arbeitete, warf er ihn mit voller Wucht gegen dessen Beine. Am zweiten Tag verständigten wir uns bereits mit den Männern. Sie gruben dicht an der Barackenwand, und wir flüsterten durch die Ritzen der Fensterläden. Die Bibelforscher wollten wissen, wieviele ihrer Glaubensgenossen im Männerlager seien, die tschechische Stubenälteste fragte nach ihren Landsleuten. Die Männer gaben Bescheid und baten im gleichen Atemzuge um Brot. Unter dem Zaun war der Sand weggesickert, in die so entstandene Spalte legten wir Brot und bündelweise Mohrrüben, die es gerade in der Kantine zu kaufen gab. Wir stahlen Margarine aus der Küche, um die Männer zu beschenken. Kurz darauf hatte uns bereits einer aus der Männerkolonne verraten. Ich wurde ,, nach vorn" gerufen. Die Oberaufseherin verhörte mich. Ich wußte nichts. Die Täter konnten schwerlich ermittelt werden, weil man die Männer auch an anderen Stellen mit Essen versorgt hatte. Unter Beschimpfungen schickte mich die Mandel zurück. Nicht lange danach wurde ich erneut zitiert und sie befahl mir:„, Gehen Sie sofort auf Block 9, Sie sind von jetzt ab dort Block älteste." Block 9 war die Baracke der jüdischen Häftlinge. Von dort gingen ständig die Transporte in den Tod. ,, Frau Oberaufseherin Mandel, bitte, schicken Sie mich in Außenarbeit.", Was, Sie wollen die Arbeit verweigern?" keifte sie los. ,, Nein, ich bitte für Außenarbeit verwandt zu werden, nicht mehr als Blockälteste." Da ein solcher Wunsch selten geäußert wurde, zögerte sie und stimmte dann zu. 22 Fast zwei Jahre hatte ich mit den Bibelforschern zusammengelebt, und es war kein leichter Abschied. Als ,, alte" Politische kam ich auf Block 1 und wohnte das erste Mal in Ravensbrück mit Milena zusammen in einer Baracke. In diesem politischen Block gab es nicht wenige ,, Primadonnen", alte Häftlinge, die stolz waren auf ihr Kämpfer- und Märtyrertum und denen es nicht an Selbstbewußtsein mangelte. Obgleich man mir mit größtem Mißtrauen begegnete, konnten politische Gespräche nicht ausbleiben. Fast alle deutschen Kommunistinnen klammerten sich, aus nur zu begreiflichen Gründen, nicht nur an die Hoffnung auf den russischen Sieg, sondern sie glaubten nach wie vor an den Sturz der Hitlerdiktatur durch eine Revolution. Bei Diskussionen bewiesen sie einem an 223 Hand der spärlichen Fälle von politischem Widerstand, daß der kommunistische Einfluß in Deutschland von Monat zu Monat wachse. Und wenn man als Gegenargument die immer seltener werdenden deutschen Zugänge von wirklich politischen Gegnern im KZ anführte, so erwiderten sie, daß alle neuen Verhafteten ins Zuchthaus kämen. Fragte man dann aber, wo die bei jeder aufgedeckten politischen Aktion mitverhafteten ,, Verdächtigen" blieben und warum es keine Zeitungsnachrichten über solche Widerstandsbewegungen gäbe, so entgegneten sie, die illegale KPD arbeite so vorzüglich, daß sie sich meist dem Zugriff der Gestapo entziehen könne, aber doch vorkommende Verhaftungen kämen nicht in die nationalsozialistische Presse, um der Bevölkerung den Umfang des Widerstandes zu verheimlichen. Die alten politischen Häftlinge lebten in ihren Illusionen aus den Jahren vor 1933. Sie waren unfähig, aus den politischen Ereignissen der letzten zehn Jahre irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Einmal, es war schon im Frühjahr 1944, saßen Sonntags an einem Tisch des Blocks der alten" Politischen zwei deutsche Kommunistinnen zusammen mit einer jungen Russin, die Pflegerin im Sanitätsstab der Krimarmee gewesen war. Eine alte Kommunistin, die schon zehn Jahre Haft hinter sich hatte, meinte zur jungen Shenja: ,, Nach dem Krieg werden wir in Deutschland den Sozialismus aufbauen, genau so wie bei euch in der Sowjetunion." Und Shenjas Gesicht verklärte sich, als sie entgegnete:„ Nach dem Krieg wird alles russisch sein, alles russisch...“ Politische Häftlinge von Block 1, die bei der SS in Kommandantur und Schreibstube arbeiteten, brachten Zeitungen mit ins Lager, so daß wir täglich die OKW- Berichte von der Front lesen konnten. Aber nicht nur offizielle deutsche Meldungen kamen uns zu Ohren, sondern neben den phantastischsten Gerüchten vom Zusammenbruch der Front, Revolution usw., die vor allem von den neueingelieferten Häftlingen verbreitet wurden und aus deren sehnlichen Wünschen nach baldiger Freilassung entstanden, erfuhren wir Jahre hindurch ausländische Radionachrichten. Natürlich kannten wir weder ihre Quelle noch die Übermittler, noch wagten wir, an deren Richtigkeit zu glauben. Wir staunten nur immer von neuem, daß gewisse Gerüchte, meist einige Wochen oder manchmal auch Monate nach ihrem Auftauchen in Ravensbrück, durch den ,, Völkischen Beobachter" oder„ Das Reich" bestätigt wurden. Im Spätsommer 1942 gab es in Ravensbrück immer häufiger Fliegeralarm, und abends konnte man am Horizont im Südwesten, da wo Berlin lag, die Scheinwerfer spielen sehen. Wenn die Bombengeschwader über das Lager brausten, lagen wir in unseren Holzbaracken auf den Strohsäcken. Für die ausländischen Häftlinge war jede auf eine deutsche Stadt abgeworfene Bombe ein berechtigter Grund zum Jubel. Auch ich begrüßte die Flieger, denn ich wußte, daß der Nationalsozialismus nur 224 durch eine Niederlage im Krieg zu beseitigen sei, aber in den deutschen Städten lebten Menschen, die ich liebte, und ebenso wie diese gab es ja nicht wenige Feinde des Nationalsozialismus in Deutschland. Und auf alle warf man Brandbomben und Phosphor. be * Nach dem Morgenappell auf Block 1 trat ich bei der Kolonne ,, Lager- Gärtnerei" an. Vor der Wachstube, jenseits des Lagertors, zählte man die fünfzehn Frauen, und dann marschierten sie unter dem Gesang: ,, In meiner Heimat, da blühen die Rosen..." in Fünferreihen am Fürstenberger See entlang. Das erste Mal seit zwei Jahren Ravensbrück sah ich die Außenwelt. Ein Seeufer mit Schilf und Erlengestrüpp und in der Ferne den spitzen Kirchturm von Fürstenberg. Nur einige Minuten, dann führte der sandige Weg zwischen den Hühner- und Schweineställen der SS hindurch und wir machten vor dem Gewächshaus der Lagergärtnerei halt. Mit unserer Kolonne ging eine SS- Aufseherin von ungefähr fünfzig Jahren, ein Mitglied der NS- Frauenschaft, die man ehrenamtlich auf diesen Posten geschickt hatte. Dem eigentlichen Beruf nach war sie Mamsell in einem Gasthaus, und da sie erst seit einigen Tagen ihren Aufseherinnenposten bekleidete, bemühte sie sich ängstlich, vor den Häftlingen ihre Schüchternheit zu verbergen. SS- Gärtner Loebel verteilte die Arbeit. Während der ersten Stunden blickte ich noch von Zeit zu Zeit auf die Pracht der bunten Stauden in der Gärtnerei, dann aber erlosch das Interesse. Die Hände waren voller Blasen, der Magen ausgehöhlt, und nur mit größter Anstrengung konnte man die schwere Schaufel dirigieren. In der Gärtnerei arbeiten, das hat so einen angenehmen Klang, aber wenn man neun Stunden lang gegraben oder im Tragkasten Mist geschleppt oder Erde ,, bewegt" hat, hören die Blumen auf, reizvoll zu sein. Nur ein Problem beschäftigte uns alle, wie kann man sich etwas zum Essen ,, organisieren"? Bibelforscher betreuten die Schweine der SS. Da gab es genug und übergenug Kartoffeln. Wir verabredeten ein sicheres Versteck, wo uns Hungrigen ein Eimer voll frischgekochter Kartoffeln serviert wurde, die wir beim Austreten aẞen. Die Lagergärtnerei zog hauptsächlich Blumen für die Anlagen vor den Aufseherinnen- Häusern und die Gärten um die Villen der Kommandanten, des Schutzhaftlagerführers und der übrigen SS- Obrigkeit. Man sparte an nichts, um die SS- Heime mit Topfpflanzen und Schnittblumen zu zieren. Großartige Rasenflächen und Blumenrabatten umgaben das Kommandanturgebäude. Alles wurde ja von Häftlingssklaven instand gehalten. Wir gossen, wir rupften Unkraut und pflanzten um. Trotz der schweren Arbeit war die Gärtnerei eine begehrte Kolonne, denn dem Gärtner Loebel fehlten alle gefürchteten SS- Eigenschaften. Er fluchte nicht und drohte nicht mit Meldungen, eigentlich sprach er ganz selten 15 Buber: Gefangene. 225 - mal ein Wort. Obgleich er genau wußte, daß wir Blumen stahlen, und als dann die Gurken und Tomaten reiften uns nicht nur vollaẞen, sondern auch welche ins Lager mitnahmen, schwieg er. Im Gewächshaus regierte Eva Busch. Sie ist eine bekannte Kabarettsängerin und war die Frau des Schauspielers Ernst Busch. Einer so scharmanten Frau konnte der Gärtner Loebel schwer widerstehen, und nachdem sie ihm einige Zeit in den Ohren gelegen hatte, was für eine perfekte Gärtnerin ich sei, schickte er mich zur Arbeit ins Gewächshaus. Dann gelang es uns auch noch, Lotte dahin nachzuziehen. Einer der wichtigsten Freundschaftsdienste war es, jemand einen Posten zu verschaffen, bei dem es entweder etwas zu essen gab oder die Möglichkeit bestand, Gestohlenes zu kochen, wo also eine Feuerstelle vorhanden war. Solange ich als Blockälteste arbeitete, hatte mich die Verantwortung für die Frauen einer ganzen Baracke in ständiger Spannung gehalten, da drohten nicht nur fortwährend persönliche Gefahren, sondern immer gleich für einige hundert Menschen. In der Gärtnerei aber führten wir drei jetzt ein losgelöstes, glückliches Leben. Jahrelanges KZ- Dasein mit seiner völligen Entmündigung, der ständigen Angst vor Strafe und dem Zwang zur Unterwerfung läßt erwachsene Frauen, sowie sie etwas aufatmen können, sich wie Kinder gebärden. Ihr Humor wird anspruchslos, sie suchen nur nach Gelegenheiten, um lachen zu können. Wir drei kamen auf den Gedanken, uns in einem zementierten Wasserbehälter ein Aquarium einzurichten. Während wir mit toternsten Mienen an den Mistbeeten im Garten knieten, um Blumen einzutopfen, fingen wir in Wirklichkeit Frösche, dicke braune, kleine grüne, alles was sich erwischen ließ. Ohne die Gesichter zu verziehen, wurden sie in leeren Blumentöpfen nach dem neuen Aquarium getragen und plumpsten ins Wasser. Damit die armen Insassen auch einmal vom Schwimmen ausruhen konnten, schnitzten wir kleine Holzschiffchen, die unsere Frösche dann erkletterten. Wir drei standen entzückt am Wasserbottich und beobachteten unser Werk. Sowie aber die Gewächshaustür klapperte, ergriff Eva die Gieẞkanne und besprengte die schon unzählige Male begossenen Blumen, ich wühlte mit dem Spatenstecher in der Erde herum und Lotte lief mit einem Arm voller Blumentöpfe davon. Gerade in dieser Zeit reiften im Gewächshaus Gurken und Tomaten. Das Stehlen war ganz selbstverständlich, schwieriger schon der Transport ins Lager. Jeden Tag erfanden wir neue Verstecke. Im Eimer unter der Gartenerde, die angeblich eine Aufseherin bestellt hatte, im abgebundenen Ärmel des Lagerkleides und im Büstenhalter. Wir wollten Milena Gladiolen bringen. Aber wie? Die magere Lotte steckte die langen Stengel in den Halsausschnitt des Kleides und band den Gürtel recht fest, damit sie nicht unter dem Rock wieder herausfielen; dann ging sie steif wie eine Puppe den Weg von der Gärtnerei zurück zum Lager. 226 Dieses schöne Leben zwischen Blumen, Tomaten- und Gurkenbeeten währte aber, ach, nur ganz kurze Zeit. Eines Tages betrat die Oberaufseherin Zimmer das Gewächshaus mit den Worten: ,, Arbeitet hier die Buber?" Mir stockte das Herz, denn als Häftling verstieß ich wohl jede Stunde im KZ gegen die Lagerverordnung. ,, Kommense mit zur Oberaufseherin Mandel." Was mochte Schlimmes geschehen sein, daß man mich sogar aus der Arbeit holen mußte? - ,, Sie sprechen russisch?" fragte die Oberaufseherin Mandel.- ,, Jawohl."- ,, Können Sie Schreibmaschine und Stenografie?"- ,, Ja." ,, Ab morgen gehen Sie mit der Siemens- Kolonne. Sie werden Dolmetscherin und Sekretärin bei Herrn Grade, dem Leiter der Siemens- Baracken. Es ist bereits dem Arbeitseinsatz gemeldet." 20. BÜROANGESTELLTE BEI SIEMENS Die Arbeitsbaracken der Firma Siemens wurden von Männerhäftlingen erbaut, und erst vor einigen Wochen war die erste in Betrieb gesetzt worden. Noch arbeiteten nicht viel mehr als fünfzig Frauen dort beim Spulenwickeln und Relaisbau. Bevor ein Häftling zur Arbeit angenommen wurde, hatte er eine Geschicklichkeits- und Intelligenzprobe zu bestehen. Er mußte einen Draht in eine bestimmte Form biegen und ein Stück Papier nach vorgeschriebenem Schema kniffen. Außerdem wurde er auf seine Sehfähigkeit hin kontrolliert. Der Ingenieur Grade, der sich bei der Firma Siemens& Halske fünfzehn Jahre hinaufgedient hatte, wählte unter dem ihm zugeschickten Sklavenmaterial sorgfältig das Brauchbarste aus. Er wandte sich immer wieder an den Schutzhaftlagerführer Bräuning mit der Bitte: ,, Schicken Sie mir mehr Häftlinge von der Lagerintelligenz." Die Arbeit war in der gleichen Weise organisiert wie in den Siemens- Betrieben mit freien Arbeitern. Die spulenwickelnden und relaisbauenden Häftlinge wurden von zivilen Vorarbeiterinnen angeleitet und kontrolliert. Als deren Chefs fungierten alte Meister aus den Siemens- Werken, und der Chef dieser ,, Ravensbrücker Filiale" war der Ingenieur Grade. Außerdem aber schaltete und waltete in so einer Arbeitsbaracke eine SS- Aufseherin als Büttel der KZ- Obrigkeit. Für jeden Häftling wurde eine Kurvenkarte ausgeschrieben, mit Namen, Vornamen, Geburtsdatum sowie Beruf, das Prüfungsergebnis darauf vermerkt und ebenso, welche Verwendung für ihn in Frage käme. Jeder Häftling hatte einen Lohnzettel, in den die geleistete Arbeit eingetragen wurde und ebenfalls der erarbeitete Lohn, der genau so hoch war wie der eines freien Siemens- Arbeiters. Am Ende jeder Woche wurden der Lohn zusammenaddiert und die Arbeitsstunden aufgeschrieben, so daß man ersehen konnte, was jede Arbeiterin in soundsoviel Stunden 15* 227 für einen Lohn verdiente, den sie natürlich nie erhielt, sondern der von der Firma Siemens pro Sklave an das Konzentrationslager abgeführt wurde. Durch dieses: System war sofort festzustellen, wenn ein Häftling sein Pensum, das ungefähr vierzig Pfennige pro Stunde ausmachte, nicht erreichte. Wiederholte sich diese„‚Faulheit“, so bekam er zuerst einmal vom Meister eine Strafpredigt. Half das nichts, so wurde die SS-Auf- seherin geholt, die Backpfeifen austeilte und eine„Meldung“ schrieb, durch die der Häftling dann im„Bunker“ oder„Strafblock“ landete. Auch das„Strafarbeiten“ führte die saubere Firma Siemens für die Häft- linge ein. Da mußten die heruntergekommenen Frauen nach der zehn- oder elfstündigen Arbeitszeit noch bis zu fünf Stunden„nacharbeiten“. Wer aber sein Pensum übererfüllte— so etwas gab es leider auch— erhielt eine Prämie in Form von Fünfzig-Pfennig- oder Eine-Mark-Gut- scheinen für die Häftlingskantine, in der es jedoch in den letten Jahren außer Salz und ungenießbarer„Fischpaste“ nichts mehr zu kaufen gab. Meine Beschäftigung bei Siemens bestand vor allem darin, den Brief- wechsel des Herrn Grade mit der Konzentrationslagerleitung zu er- ledigen. An diesem zivilen Ingenieur war ein SS-Mann verloren ge- gangen. Er scheute nicht davor zurück,„arbeitsunwillige“ Häftlinge bei der Aufseherin anzuzeigen und eine Meldung zu verlangen. Wenn er einen Häftling als unbrauchbar befand, sparte er nicht mit abfälliger Charakterisierung in seinen Schreiben an die KZ-Behörde. Für ihn schien es festzustehen, daß Häftlinge keine Menschenrechte zu beanspruchen haben. Wie ich erfuhr, war die Haupttriebkraft zu diesem Eifer der Wunsch, Karriere zu machen und die Angst vor der Front. Solange er sich der Firma Siemens als unentbehrlich erwies, wurde er reklamiert. Jeder Häftling saß an einem gesonderten Arbeitsplag. Viele große Fenster erhellten die hohe, geräumige Baracke. Außerdem war jeder Tisch mit starkem elektrischen Licht beleuchtet. Die Arbeit der Frauen bestand in Spulenwickeln, im Montieren, Justieren, Prüfen und Ver- packen von Relais, die sowohl für Selbstwähler-Telefonapparate als auch vorwiegend für automatischen Bombenabwurf gebraucht wurden. Auch Schalter und Telefonapparate wurden hergestellt. Alle diese komplizierten Arbeiten erforderten gespannte Aufmerksamkeit und. Geschicklichkeit. Die Diktaturen Hitlers und Stalins haben bewiesen, daß auch die moderne Industrie ausgezeichnet mit Sklaven arbeiten kann; nur darf man vor dem Verschleiß an Menschen nicht zurückschrecken. Die russischen Kon- zentrationslager wie die deutschen wurden zur Isolierung von Staats- feinden eingerichtet, doch beide Systeme griffen in ihrer Mißachtung des Individuums in kritischen Situationen zur Sklavenausbeutung. Die Siemenskolonne unterstand der SS-Aufseherin Ehlert. Jeden Morgen, nachdem wir das Lagertor passiert hatten, rief sie schallend: „Nu singt mal los!: ‚Ahoi‘!“ Und ihr Lieblingslied ertönte:„Wir lagen 228 66 vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord. In den Kesseln da faulte das Wasser, und jeden Tag ging einer über Bord. Ahoi! Kleines Mädel! Ahoi! Ahoi!!..." Der Weg zu Siemens führte an der Lagergärtnerei vorbei, und traurig wurde es mir jedesmal ums Herz beim Anblick von Gewächshaus und Blumenbeeten. Hinter der Gärtnerei mußten wir Eisenbahnschienen überqueren. Einmal waren die Schranken geschlossen und unsere Kolonne pausierte gerade vor dem Schweinestall. Dort lag ein großer Haufen Kohlrüben. Im Zeitraum von Sekunden verschwanden sie ratzekahl. Die Aufseherin bemerkte es und sagte nichts als: ,, Nun langt's aber!" In der Arbeitsbaracke hatte die Aufseherin Ehlert ihren Platz neben meinem Schreibmaschinentisch. Ich konnte sie den ganzen Tag beobachten. Sie war eine üppige, blonde Walküre, die gerne laut lachte, gut und viel aẞ, und der die Vorstellung, daß andere hungern müßten, schrecklich war. Gutmütig beschenkte sie eine Reihe Häftlinge ihrer Kolonne fortgesetzt mit Essen. ,, Gehn'se mal dort hinten an den Dienstzimmerschrank und werfen Sie das Paket in den Papierkorb! Gucken Sie aber vorher rein!" Da lagen dann mehrere Schnitten belegten Brotes. Am liebsten saß sie den ganzen Tag am Tisch und klatschte. Jemand zur Arbeit antreiben oder etwa gar beaufsichtigend in den Gängen umherstreifen, strengte sie viel zu sehr an und lag ihr gar nicht. Ohne Ingenieur Grades Ermunterung hätte sie wohl nie eine Meldung gemacht. Schon nach einigen Monaten wurde sie strafversetzt und nach Kriegsschluß im Bergen- Belsen- Prozeß zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. * Im Herbst 1942 ging ein neuer Transport Frauen nach Auschwitz, unter ihnen auch alle extremen" Bibelforscherinnen. Noch immer wußten wir nichts Genaues über Auschwitz. Aber bald sollte ich die erste Aufklärung erhalten. 99 Wenn sich ein Häftling der Siemens- Kolonne krank fühlte, wurde. er im Betrieb aufgeschrieben, von dort aus ins Revier geführt und vorzugsweise behandelt, d. h. man brauchte nicht stundenlang anzustehen. Die Firma Siemens war daran interessiert, den Arbeitsausfall" nach Möglichkeit zu verkürzen. Bei einem solchen Gang ins Revier bemerkte ich eine Kolonne Bibelforscherinnen, die beim Zellenbau in der Ecke des Lagerplatzes stand. Ich konnte die Gesichter nicht genau unterscheiden, aber sie kamen mir bekannt vor. Unter dem Vorwand, etwas in der Baracke vergessen zu haben, schlich ich mich von hinten an den Zellenbau und schon hatten sie mich erkannt. Es waren zwölf oder fünfzehn von den Extremen, die vor kurzem erst nach Auschwitz gebracht und nun wieder zurücktransportiert worden waren. Eine von ihnen, Rosl Hahn aus Ischl, rief:„ Komm her, Grete! Ich muß dir etwas Wichtiges 229 erzählen! Man hat uns von Auschwitz zurückgebracht und wir werden bestimmt hingerichtet. Aber bevor wir sterben, muß ich dir sagen, was im Lager Auschwitz Entsetzliches geschieht! Da wirft man Menschen, lebende Kinder, ja du kannst es mir glauben, jüdische Säuglinge ins Feuer. Über dem ganzen Lager liegt Tag und Nacht der Gestank von verbranntem Menschenfleisch. Du glaubst es nicht?! So wie ich hier stehe, ich spreche die Wahrheit, die reine Wahrheit!" Ihr früher einmal schönes Gesicht war gelb, mit tiefen Furchen in den Wangen, und die welken Lippen entblößten beim Sprechen gesunde weiße Zähne. Voller Leben waren nur die Augen und ihre eindringliche Stimme. Die anderen Bibelforscherinnen nickten stumm und sahen teilnahmslos auf mich. Ich glaubte kein Wort von allem, dachte nur, jetzt hat sie völlig den Verstand verloren, und um irgend etwas zu sagen und wieder fortlaufen zu können, meinte ich: ,, Ihr kommt doch sicher gleich auf Block 17. Heute abend besuche ich euch und wir sprechen weiter über Auschwitz." ,, Nein, uns bringt, man in den Zellenbau und dann zum Erschieẞen!" Mit einem Würgen in der Kehle lief ich davon. Und noch am selben Tage lud man die Bibelforscherinnen in den Gefängniswagen, der zum Lagertor hinausfuhr. Kurz danach kamen ihre Häftlingskleider mit Winkel und Gefangenennummer zurück zur Kammer. Man hatte das Todesurteil wegen Arbeitsverweigerung an ihnen vollstreckt. Im Oktober 1942 erschienen während der Arbeitszeit in der SiemensBaracke die Lagerleitung von Ravensbrück und die Oberaufseherin Langefeld zu einer Besichtigung. Als sie von Ingenieur Grade erklärend umhergeführt wurden, erblickte mich die Langefeld hinter der Schreibmaschine. ,, Seit wann arbeiten Sie denn hier? Warum sind Sie fort von den Bibelforschern?" blieb sie fragend bei mir stehen. Ich erklärte ihr kurz den Sachverhalt, und sie forderte mich auf, am Abend nach der Arbeit in die Schreibstube zu kommen. - Die Langefeld war erst vor einigen Tagen von Auschwitz zurückgekehrt und wieder als Oberaufseherin in Ravensbrück eingesetzt worden. Sie rief mich am Abend in ihren Büroraum und fragte: ,, Wollen Sie nicht bei mir in der Schreibstube arbeiten?" Ich antwortete: ,, Darüber kann ich nicht entscheiden, weil mich der Arbeitseinsatz zu Siemens geschickt hat." ,, Aber möchten Sie lieber in der Schreibstube arbeiten als im Siemens- Betrieb?" ,, Ja, das wohl", erwiderte ich. ,, Die Sache ist etwas kompliziert, da ich auch nichts gegen den Arbeitseinsatz machen kann", meinte sie dann zögernd ,,, aber ich schlage Ihnen vor, bleiben Sie mit, Innendienst eine Woche im Block, bis sich Herr Grade eine andere Sekretärin gesucht hat. Die Innendienstkarte holen Sie sich morgen früh bei Frau Dr. Oberhäuser, der ich Bescheid sagen werde. Und nach einer Woche melden Sie sich dann wieder bei mir." 230 adol s - , Merkwürdige Methoden', dachte ich bei mir. Die Oberaufseherin hat nicht die Befugnis, sich an den Leiter des Arbeitseinsatzes" zu wenden und einen Häftling als Arbeitskraft zu verlangen. Noch war mir die gespannte Rivalität zwischen den einzelnen SS- Stellen im KZ unbekannt. - Ich genoß diesen auf so sonderbare Weise geschenkten ,, Innendienst". Während dieser Zeit kam eines Vormittags die Aufseherin Laurenzen und forderte mich auf ,,, nach vorn" zu kommen. Ich fragte neugierig, zu wem sie mich bringen sollte. Das einzige, was sie sagte, war: ,, Machen Sie sich aber ein bißchen hübsch.". ,, Habe ich etwa Besuch?!" ,, Davon weiß ich nichts."- Sie führte mich zum Lagertor hinaus zur Kommandantur, und nachdem sie sich in einem der Zimmer gemeldet hatte, standen wir wartend vor der Tür. Besuch war im KZ Ravensbrück eigentlich nicht gestattet, aber manchen Verwandten gelang es unter Angabe gewichtiger Gründe, bei der Gestapo eine Besuchserlaubnis durchzusetzen. - - 99 Hinter dem Schreibtisch saß der Schutzhaftlagerführer Bräuning, von einem Besuch war keine Spur. Vor ihm lag ein aufgeschlagener Aktendeckel, und nachdem ich mich gemeldet hatte, blätterte er darin herum und musterte mich von Zeit zu Zeit. Sie waren also die Braut von Heinz Neumann?" bemerkte er lesend,„ ,, und haben in den Kreisen um Stalin verkehrt?" ,, Nein!", Halten Sie den Mund, ich habe Sie nicht gefragt! So, und dieser Herr Dimitroff hat auch bei Ihnen gewohnt!" Er las weiter, klappte dann die Akten zu und sagte: ,, Sie glauben doch wohl nicht etwa, daß Sie mit einer Entlassung rechnen können? Ich habe mir mal Ihre Akten kommen lassen, weil mich das interessiert hat. Sie können gehen!" Die Aufseherin führte mich zurück ins Lager, und ich zerbrach mir den Kopf, durch welchen unglückseligen Umstand man auf meine Akten gekommen sein mochte, denn nichts war gefährlicher, als der Lagerleitung aufgefallen zu sein. Erst nach der Befreiung im Jahre 1945 erfuhr ich, daß mein Schwager Bernhard sich damals einfach auf die Eisenbahn gesetzt hatte, nach Ravensbrück gefahren war und ohne Hindernis bis zur Kommandantur des Lagers vordrang, wo man zwar seinen Wunsch, mich zu sehen, entgegennahm, ihn aber höflich hinauskomplimentierte. Als Folge ,, interessierte" sich Bräuning für meine Akten. Er war Schutzhaftlagerführer und seiner SS- Charge nach Sturmbannführer und verkörperte den vollendeten Typ eines SS- Gangsters. Sein verlebtes, graues Gesicht schien zu phosphoreszieren. Er liebte es, auf Lagerplatz und-straße mit großen Gesten zu posieren. Einmal tat er den Ausspruch: ,, Von den Politischen kommt mir keine je lebend heraus, und wenn ich sie eigenhändig mit dem Revolver niederknallen müßte!" Ganz anders sein Vorgesetzter, der Lagerkommandant, SS- Hauptsturmführer Suhren. Nach seinem Vorgänger, dem sadistischen, schreckeinflößenden Kommandanten Kögel, konnten die Frauenhäftlinge den ,, Neuen" nicht genug loben. Der war ,, höflich", und mit dem ließ sich 231 reden". Suhren ging nicht sporenklirrend über die Lagerstraße, der schlich abends im Dunkeln hinter den Frauenbaracken entlang und blickte von außen auf das Treiben der Häftlinge in den erleuchteten Blocks. Er erschien plötzlich, auch am Tage, in einem Seitenweg und überraschte die Frauen bei irgendeiner verbotenen Beschäftigung. Ein Spitzel und Leisetreter. Seine Leidenschaft aber gehörte dem Bauen von neuen Zäunen und Absperrungen. Das trug ihm den Namen„, der Zaunkönig" ein. Noch ein dritter hatte entscheidende Machtbefugnisse im KZ Ravensbrück, der Hauptsturmführer Seitz. Ihm unterstand die ,, Verwaltung". Er verfügte u. a., daß man uns schon im April die Winterkleider und Strümpfe nahm und ließ uns bis zum September barfuß laufen. 21. IN DER SCHREIBSTUBE DES LAGERS DIE OBERAUFSEHERIN LANGEFELD Als ich in der Schreibstube zu arbeiten begonnen hatte, erfuhr der Ingenieur Grade schon am nächsten Tage davon und beschwerte sich beim Schutzhaftlagerführer Bräuning. Bei der darauffolgenden Auseinandersetzung mit der Oberaufseherin Langefeld konnte es nicht ausbleiben, daß Bräuning feststellte, wer diese Buber eigentlich sei, denn er hatte ja kurz vorher meine ,, interessanten" Akten gelesen. Diese Tatsache sollte sowohl für die Langefeld als auch für mich sehr unangenehme Folgen haben. Aus der Schreibstube kam ich nach kurzer Zeit als Sekretärin zur Oberaufseherin Langefeld. Worin bestanden nun die Funktionen einer Oberaufseherin? Sie war die eigentliche Vorgesetzte des Häftlingslagers, die die Befehle des SS- Kommandanten Suhren und des SS- Schutzhaftlagerführers Bräuning durchführte. Ihr unterstanden die SS- Rapportführerin und die SS- Aufseherinnen, die sie den Arbeitskolonnen zuzuteilen hatte und unter denen sie die Blockleiterinnen auswählte. Ferner war sie der Kommandantur gegenüber verantwortlich für die ,, Stimmigkeit" des Zählappells, und solange der Arbeitseinsatz" nicht selbständig wurde, auch für die ,, ordnungsgemäße Abwicklung" des Arbeitsappells. Alle gegen Häftlinge erlassenen ,, Meldungen" sowohl im Lager als während der Arbeit in den Kolonnen wurden von den Aufseherinnen der Langefeld übergeben. Wöchentlich einmal fand im Zimmer der Oberaufseherin ein„, Strafrapport" statt. Sie verhörte die gerufenen Häftlinge und hatte zu entscheiden, ob eine„, Meldung" zu recht oder unrecht erfolgt war. Von ihr hing es ab, ob die ,, Meldung" an den Kommandanten weitergeleitet wurde oder nicht und von ihrer Formulierung auch in vielen Fällen das vom Lagerkommandanten verhängte Strafmaß, das dann auf der sogenannten ,, Strafverfügung", einem mit allen bürokratischen Finessen ausgeschriebenen Urteil, mit dem Namenszug des Kom232 mandanten versehen, wieder ins Büro der Oberaufseherin zurückkam. 99 Die verurteilten" Häftlinge wurden zur ,, Strafverkündung" gerufen, und die Langefeld teilte ihnen das Urteil mit. Eine ihrer weiteren Funktionen war die Beantwortung von sogenannten„, Anfragen" oder„ Führungsberichten", die angeblich für den Zweck der Entlassung eines Häftlings an die ,, Politische Abteilung" des Konzentrationslagers gerichtet wurden. Da fragte man z. B., ob die Gefangene X. sich gebessert habe, wie sie arbeite, wieviel Lagerstrafen sie habe, kurzum wie ihre ,, Umschulung" fortgeschritten sei. Häftlinge mit ., Anfragen" wurden ebenfalls zur Langefeld bestellt, und sie hatte die Aufgabe, in einer Unterhaltung, die kaum mehr als fünf Minuten dauerte, sich einen Eindruck zu verschaffen, ob dieser Häftling zur Entlassung ,, reif" sei. Das Anfrageformular wurde ausgefüllt und ihm einige befürwortende oder ablehnende Sätze beigefügt. Die endgültige Entscheidung über eine Entlassung fällte jedoch immer die Gestapo, und außerdem fügte auf so einer ,, Anfrage" der Lagerkommandant auch noch seine Befürwortung oder Ablehnung hinzu. Neben der Langefeld gab es noch eine zweite Oberaufseherin namens Gallinat, der der Außendienst unterstand. Sie kontrollierte die SS- Blockleiterinnen und die Aufseherinnen bei den Arbeitskommandos. Die Langefeld war eine Frau eine Frau von zweiundvierzig Jahren. Sie stammte aus dem Rheinland und war in einer streng nationalen Beamtenfamilie aufgewachsen. In ihrer Kindheit, während des ersten Weltkrieges, hatte sie sich sehnlichst ein Mann zu sein gewünscht, um gegen den Erbfeind Frankreich ins Feld ziehen zu können. Johanna Prochaska, die 1812 als Mann verkleidet in einem Freikorps kämpfte, war ihr Ideal. Die Besetzung des Rheinlands durch die Franzosen im Jahre 1918 empfand sie als tiefste Schmach und begrüßte stürmisch die von Adolf Hitler verkündete ,, Erneuerung Deutschlands". Während der Inflation verarmte ihre Familie, und als sie nach kurzer Ehe Witwe wurde, mußte sie einen Beruf ergreifen, um ihr Kind ernähren zu können. Sie begann im Wohlfahrtswesen zu arbeiten und später in einem Gefängnis als Beamtin. 1936 oder 1937 wurde sie Aufseherin im Frauenkonzentrationslager Lichtenburg und bald darauf Oberaufseherin. Im Frühjahr 1942 schickte man sie infolge von Differenzen mit dem Lagerkommandanten Kögel als Oberaufseherin nach Auschwitz, von wo sie im Oktober 1942 nach Ravensbrück zurückkehrte. Mit dieser Frau saß ich nun zusammen Tag für Tag in einem Raum. Sie hatte unter den Häftlingen von Ravensbrück den Ruf ,,, anständig" zu sein. Sie schlug nicht und trat nicht mit Füßen. Noch bevor ich irgendwelche Privatgespräche mit ihr führte, machte sie auf mich den Eindruck eines von inneren Zweifeln zerrissenen Menschen, voller Hemmungen und Minderwertigkeitsgefühlen. Sie saß an ihrem Schreibtisch, klopfte 233 sich nervös den Rock ab oder fuhr unentwegt über die Ärmel, als sei dort irgendein Staub; dann räusperte sie sich lange und strich sich fortgesetzt Haare aus der Stirn, wo gar keine waren, bevor sie einen Satz formulierte. Manchmal aber starrte sie minutenlang versunken aus dem Fenster und vergaß, einen begonnenen Satz zu Ende zu sprechen. Die meisten Aufseherinnen fertigte sie mit betont hochmütigen Gesten ab, immer krampfhaft bemüht, es zu keinen Vertraulichkeiten kommen zu lassen. Bei einigen aber, die ihr sympathisch zu sein schienen, vergaß sie alle Distanz und sprach ungehemmt von ihrem Haß und Widerwillen gegen die Gesamtheit der SS- Lagerleitung. Auch meine Gegenwart, ich war doch schließlich ein Häftling, hinderte sie keineswegs daran. Bei den einer Gelegenheit wollte die Verwaltung", wie das so üblich war, Häftlingen keine Winterkleidung geben. Die Langefeld führte mit dem Leiter, Hauptsturmführer Seitz, ein erregtes Telefongespräch, in dem sie die Aushändigung der Sachen an die Häftlinge verlangte. Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, wandte sie sich wir waren allein im Zimmer an mich: ,, Man müßte diesen Seitz einmal stundenlang nackt auf der Lagerstraße stehen lassen, damit er weiß, was es bedeutet, zu frieren!" Es konnte gar nicht ausbleiben, daß ich in ganz kurzer Zeit jede Gelegenheit benutzte, um diesen schwankenden Menschen, wo immer es nur möglich war, im Interesse der Häftlinge zu beeinflussen. - - 66 99 - 99 Das begann beim Strafrapport". Die Häftlinge mit„ Meldungen" standen im Korridor und wurden einzeln in den Büroraum der Oberaufseherin hereingerufen. Da kam ein armes, verhungertes ,, Schmuckstück" aus dem Strafblock. Die Meldung lautete: X hat eine Kohlrübe gestohlen." Die Langefeld verhörte: ,, Haben Sie die Kohlrübe wirklich genommen?!" Unter Schluchzen und Tränen antwortete die Gefragte: ,, Frau Oberaufseherin, ich hab' soon Hunger jehabt." ,, Aber wenn nun alle Kohlrüben stehlen würden, bliebe ja nichts mehr zum Kochen übrig!" ,, Aber Frau Oberaufseherin, ich hab' doch immer solchen schrecklichen Hunger.. Der verhörte" Häftling wurde aus dem Zimmer geschickt, und die Langefeld hatte zu entscheiden: War die Meldung zu recht geschehen oder nicht?" Falls der Häftling nicht zugab, wurden Zeugen geholt. Doch dieser Fall mit der Kohlrübe lag ganz klar. Und was erwartete einen solchen ausgemergelten, verhungerten Menschen? Dunkelarrest und eventuell Prügelstrafe. Da wandte ich mich an die Langefeld: ,, Frau Oberaufseherin, ich kenne die X schon aus dem asozialen Block. Die ist in der letzten Zeit völlig heruntergekommen und wird den Bunker nicht überleben. Der ist nur zu helfen, wenn sie bald wieder aus dem Strafblock käme, aber bei einer neuen Meldung ist das doch hoffnungslos." Die Langefeld schwieg und zuckte nervös mit dem Kopf, dann zerriß sie mit einem Ruck die Meldung und warf sie in den Papierkorb.. 234 Viel leichter wurde mir die Beeinflussung, wenn es sich um russische oder polnische Häftlinge handelte, ich zu dolmetschen hatte und die Antworten der Verhörten nach Belieben formulieren konnte. Bald merkte ich, daß die Langefeld sehr vergeßlich war. Diesen Umstand benutzte ich, um ,, Meldungen" einfach verschwinden zu lassen. Ich wählte besonders solche aus, auf die schwere Strafen zu erwarten waren und versteckte sie unter einem Stoß mit Schriftstücken auf ihrem Schreibtisch; dann wartete ich eine eventuelle Nachfrage der Aufseherinnen ab, die sie geschrieben hatten. Erfolgte nichts, so vernichtete ich die Meldungszettel. Wenn ich aus dem Lager erfuhr, daß sich eine Aufseherin besonders brutal benahm, so benutzte ich die erste passende Gelegenheit, um der Langefeld solche Ausschreitungen mitzuteilen, worauf sie in den meisten Fällen mit Absetzung der betreffenden Megäre reagierte. Unverständlich blieb mir, wie diese Frau sich einerseits für Häftlinge und deren Nöte ereiferte, andererseits aber es ertragen konnte, jeden Freitag mit dem Lagerkommandanten und SS- Arzt gemeinsam beim Strafvollzug" anwesend zu sein und zuzusehen, wie man Frauen mit dem Stock prügelte. Ich konnte zwar beobachten, wie sie sich jedesmal nach dem Strafvollzug lange vor Nervosität und sichtlichem Abscheu schüttelte. Aber noch viel krassere Widersprüche waren in dieser Frau. Sie erzählte mir mit feuchten Augen von tragischen Zigeunerschicksalen im Laufe ihrer KZ- Praxis und ließ sich Judith Horvath, die zehn Kinder hatte und die sie schon aus der Lichtenburg kannte ,,, nach vorn" holen und fand für diese alte Zigeunerin so liebevolle und tröstende Worte, daß einem das Herz weich werden konnte. Kam aber eine Jüdin oder fertigte sie einen ganzen Transport nach Auschwitz ab, dann war ihr Gesicht verzerrt und ihre Stimme haẞerfüllt. 99 Die Langefeld war ein halbes Jahr lang als Oberaufseherin in Auschwitz gewesen und kannte die Gaskammern und das grauenvolle Schicksal, das die Juden dort erlitten. Durch die Protektion irgendeiner hohen SS- Stelle war es ihr gelungen, von Auschwitz zurück nach Ravensbrück versetzt zu werden. ,, Auschwitz ist das Entsetzlichste, was sich ein Mensch nur ausdenken kann", sagte sie einmal zu mir. ,, Ich kann es mir nicht verzeihen, daß die Bibelforscher, die ich damals mitnahm, dort bleiben mußten. Mein einziger Trost ist, daß wenigstens die Teege und die Maurer gerettet sind." Es war ihr unter großen Schwierigkeiten durch persönliche Fürsprache bei Himmler gelungen, für die beiden kommunistischen Häftlinge Bertl Teege und Liesl Maurer aus Auschwitz die Entlassung zu erwirken. Die Sympathie der Langefeld für deutsche Politische wäre noch begreiflich gewesen, aber ihre ganze Bewunderung gehörte den nationalen Polinnen, und die zum Tode Verurteilten waren in ihren Augen Heldinnen und Märtyrer, die sich für ihr Volk opferten. Andererseits befürwortete sie die nationalsozialistische Idee des Machtanspruches der 235 99 Herrenrasse und hegte keine Zweifel an der menschlichen Unantastbarkeit Adolf Hitlers und Heinrich Himmlers und war überzeugt, daß beide keine Ahnung von der korrupten, sittlich und moralisch verkommenen Schicht der SS- Konzentrationslagerleitungen hätten. Ebenso wie sie an den Nationalsozialismus glaubte, schien ihr auch der Sieg der deutschen Armee gewiß. Hingegen lehnte sie als unmenschlich und politisch falsch die Verschleppung der Millionen Fremdarbeiter" nach Deutschland ab. Durch unsere immer häufiger werdenden Unterhaltungen erschütterte ich in kurzer Zeit nicht nur ihren Glauben an den deutschen Sieg, sondern stürzte sie in immer ausweglosere Zweifel, indem ich sie zwang, das System der Konzentrationslager mit den Augen eines Häftlings zu sehen. Ich appellierte an ihre Muttergefühle und erzählte in allen Einzelheiten von den fortgesetzten Morden an Neugeborenen, dem Töten durch Injektionen und machte ihr klar, daß alles das keine Entartung der SS- Führer oder-ärzte sei, sondern die notwendige Konsequenz des Regimes. Wie weit ich die Langefeld überzeugen konnte, ist schwer zu sagen, aber es genügte schon, daß sie, eine Oberaufseherin im KZ, mich anhörte. Im Winter 1942 wurde ein großer Transport von russischen Frauen aus dem Sanitätsstab der Krim- Armee angekündigt. Sie waren fast alle Krankenschwestern, Feldschere oder Ärztinnen und waren in Sewastopol in Kriegsgefangenschaft geraten. Die gesamte Lagerobrigkeit wurde nervös, als es hieß, die ,, Frauen der Roten Armee" kommen. Eine Baracke wurde geräumt und mit Stacheldraht umgeben. Als die russischen Frauen am Bahnhof aus den Güterzügen stiegen, empfingen sie einige Aufseherinnen mit Fußtritten und Backpfeifen. Die ,, Frauen der Roten Armee" trugen Soldatenuniform und bewegten sich streng militärisch und diszipliniert. Sie marschierten in geschlossenen Kolonnen ins Konzentrationslager ein, und nach dem Kommando ihrer weiblichen Vorgesetzten vollzog sich die Aufnahmeprozedur in absolutem Schweigen. Kommandant und Schutzhaftlagerführer gingen in provokatorischer Absicht in das Brausebad, wo Hunderte nackter Frauen standen. Die Langefeld kam erregt ins Büro gestürzt, mit einem Schwall von Beschimpfungen über die Schamlosigkeit der SS und lobenden Aussprüchen, die der Haltung dieser russischen Zugänge galten und in denen ein Unterton von Neid und Angst schwang. Auch in den Baracken hielten die ,, Frauen der Roten Armee" am Anfang ihren militärischen Lebensstil aufrecht, was das Herz der Langefeld höher schlagen ließ. Die Baracke der ,, Roten Armee" wurde durch Lagerpolizei unter Leitung von Käthe Knoll meiner Vorgängerin bei den Bibelforschern - streng bewacht. - Eine bezeichnende Wirkung hatte die Ankunft der Frauen der Roten Armee" auf viele russische und ukrainische Häftlinge in Ravensbrück. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht Käthe Knoll in Ausübung 236 ihrer Polizeifunktion der Oberaufseherin einige Kassiber und mehrere Säckchen mit Salz überbrachte, die ihr in die Hände gefallen waren. Briefe und Salz hatten russische Häftlinge ihren Genossen von der ,, Roten Armee" über den Stacheldraht zuzuwerfen versucht. Die Langefeld forderte mich auf, diese Kassiber zu übersetzen. Und was stand da zu lesen? ,, Teure Genossen! Wir begrüßen Euch in Ravensbrück! Wie ist Eure Gesundheit? Habt Ihr viele Strapazen erleiden müssen? Wir werden versuchen, Euch Brot zu schicken. Es ist nun schon bald ein Jahr her, daß uns die verfluchten Deutschen aus unserer Heimat verschleppt haben. Bitte teilt uns sofort mit, ob Ihr in Ravensbrück die Arbeit verweigern werdet. Wir sind bereit, dann ebenfalls in den Streik zu treten. Laẞt uns eine Antwort zukommen." Und dann folgten mehrere Unterschriften mit vollem Namen, Häftlingsnummer und Blockangabe. Alle diese Briefe waren Ergebenheitsadressen und diktiert von der Angst vor der nun in Ravensbrück erschienenen russischen ,, Obrigkeit." Selbstverständlich gab ich den Wortlaut der Kassiber falsch wieder und machte aus ihnen rein sentimentale Begrüßungsschreiben, die sofort in den Papierkorb wanderten. Als auf die vielen Kassiber hin niemals eine Bestrafung erfolgte, ging die Knoll oder ein anderer Häftling der Lagerpolizei einmal mit einem solchen Zettel zu einer Polin, die russisch und deutsch verstand und ließ ihn übersetzen. Erst dann kam er in die Hände der Langefeld und wurde von mir in der üblichen Art entziffert. Die Folge davon war eine Denunziation an den Schutzhaftlagerführer, wofür man mich aber erst einige Monate später zur Rechenschaft zog, man schrieb es sozusagen auf mein mehr und mehr anwachsendes Schuldkonto. Wenn ein Häftling erfuhr, er habe eine„, Anfrage" der Gestapo, geriet er außer sich vor Freude und sah sich bereits entlassen und wieder in der Freiheit. Darum drängte ich die Langefeld, die ihre Arbeit sehr schlecht einzuteilen verstand, immer wieder zur Beantwortung dieser ,, Führungsberichte". Meine Aufgabe dabei war, die von der Oberaufseherin gestellten Fragen und die erfolgten Antworten der Häftlinge zu stenografieren. Anschließend formulierte die Langefeld einige Sätze, die entweder eine Entlassung befürworteten oder ablehnten. Um diese Arbeit zu beschleunigen, ergab es sich nach einiger Zeit, daß ich die Oberaufseherin lediglich fragte, ob eine positive oder negative Antwort erfolgen solle und dann die Anfrageformulare selbständig ausschrieb, sie nur zur Unterschrift vorlegte. Da konnte es nicht ausbleiben, daß ich, soweit es nur irgend möglich war falls ein Häftling nicht mehrere Lagerstrafen verbüßt hatte diese ,, Anfragen" positiv beantwortete. Auch dieser Umstand entging nicht dem scharf kontrollierenden Auge des Lagerkommandanten. Es kam vor, daß die Gestapo nach Häftlingen fragte, die im Krankenrevier lagen, also nicht geholt werden konnten. Da fragte ich einmal die Oberaufseherin, ob ich nicht ins Revier gehen - - 237 könnte, um die notwendigen Fragen zu stellen, damit man auch diese, doch besonders wichtigen„ Anfragen" der Kranken erledigen könnte. Sie stimmte zu. Auch das wurde später ein Anklagepunkt gegen die Langefeld und mich. * Für die Zehntausende von Häftlingen benötigte die SS immer mehr und neue Aufseherinnen. Zu diesem Zweck unternahm der Schutzhaftlagerführer Bräuning regelrechte Werbereisen. Er begab sich z. B. in die Flugzeugwerke Heinkel. Man rief ihm die Arbeiterinnen zusammen, und er machte ihnen mit beredten Worten klar, daß für ein Umerziehungslager geeignete Kräfte gesucht würden, die dort lediglich Aufsichtsarbeit zu leisten hätten. Er schilderte in leuchtenden Farben die entzückenden Wohngelegenheiten, die vorzügliche Ernährung, die abwechslungsreiche Geselligkeit und vor allem die hohe Entlohnung, die sie dort erwartete. Das Wort„ Konzentrationslager" fiel natürlich nicht. Der Erfolg blieb nicht aus; denn welche Arbeiterin eines Kriegsbetriebes zöge es nicht vor, anstatt schwere körperliche Arbeit unter schlechten Bedingungen leisten zu müssen, einen so verlockenden Aufsichtsposten anzunehmen? Nach jeder solchen Reise des Schutzhaftlagerführers traten zwanzig und mehr junge Arbeiterinnen ihren neuen Beruf im KZ an. Noch bevor sie ihre feldgrauen Aufseherinnenuniformen erhielten, kamen sie geschlossen zur Oberaufseherin. Die meisten waren einfach, eher ärmlich gekleidet und standen schüchtern, ganz beklommen, mit verlegenen Gesichtern im Büroraum. Die Langefeld teilte ihnen mit, in welchem der Aufseherinnenhäuser sie wohnen würden, wo sie ihre Uniformen zu ,, fassen" hätten und wann der Dienst anfinge. Dann beobachtete ich oft durchs Fenster, wie sie über den Lagerplatz gingen, sich gegenseitig anstießen und mit erschreckten Augen auf vorbeimarschierende Häftlinge starrten. Bei vielen trat bereits eine entscheidende Wandlung ein, nachdem sie ,, eingekleidet" waren. In Stulpenstiefeln ließ es sich schon ganz anders auftreten, dann das Krätzchen schief aufs Ohr gesetzt, und schon stellte sich ein gewisses Selbstbewußtsein ein. Jede ,, Neue" wurde einer erfahrenen alten Aufseherin zugeteilt und mußte morgens mit den Arbeitskolonnen ausrücken. In den ersten Tagen ihrer Aufseherinnenexistenz ereignete sich bei der Hälfte aller dieser Frauen das gleiche: sie kamen weinend in das Dienstzimmer der Ober. aufseherin und verlangten, sofort entlassen zu werden. Dort machte man ihnen klar, daß nur der Schutzhaftlagerführer oder Kommandant sie von ihrer Arbeit entbinden könnte. Aber diesen Schritt wagten wenige. Die Furcht, vor einem Offizier erscheinen zu müssen, der sie vielleicht anschnauzen würde, hielt sie zurück. Der Kommandant und Schutzhaftlagerführer weihte diese neuen Aufseherinnen in ihre Pflichten ein. Es wurden ihnen die Häftlinge als min238 derwertige, verkommene Frauen geschildert, gegen die sie nun mit aller Schärfe vorzugehen hätten. Natürlich unterstrich man gebührend die Wichtigkeit ihres neuen Amtes, sparte nicht mit Strafandrohungen, wenn die Dienstvorschriften nicht eingehalten würden, und drohte vor allem mit Strafen für jeden privaten Kontakt mit diesem Abschaum der Menschheit, den Konzentrationslagerhäftlingen. Alle paar Tage fanden neue Aufseherinnenappelle statt, in denen ihnen Strenge und nochmals Strenge gepredigt wurde. Ihre tägliche Gesellschaft waren von nun ab die kommandierenden, keifenden, prügelnden Aufseherinnen, nicht selten auch noch ebensolche ,, Anweisungshäftlinge" und die meist schmutzigen, böse und feindlich dreinblickenden oder verächtlich kriecherischen Häftlinge. In ihrer Freizeit pflegten die neuen Aufseherinnen Geselligkeit mit den SS- Leuten von der Wache. Bald merkten sie, daß die brutalen Aufseherinnen ganz besondere Erfolge bei den Männern hatten, vor denen sie sich mit ihren Heldentaten brüsteten. Und bis auf ganz vereinzelte, die neben persönlichem Mut auch über moralischen Widerstand verfügten und es bei der Lagerleitung durchsetzten, noch vor der nach drei Monaten stattfindenden ,, Dienstverpflichtung" wieder entlassen zu werden, konnte man das traurige Schauspiel erleben, wie diese Fabrikarbeiterinnen schon nach vierzehn Tagen kommandierten, als seien sie auf einem Kasernenhof aufgewachsen und bald mit Meldungen drohten und mit Fäusten schlugen, genau so wie die Alten. Es gab auch Fälle, daß man Frauen von irgendeinem Arbeitsamt aus nach Ravensbrück als Aufseherinnen vermittelte. Das geschah meist, wenn jemand sich ein- oder zweimal geweigert hatte, die zugewiesene Stelle anzunehmen. Auch dabei verschwieg man das Wort ,, Konzentrationslager", und das Entsetzen dieser Menschen, wenn sie in Ravensbrück ankamen, war erschütternd. * Die Beziehungen zwischen der Oberaufseherin Langefeld und sowohl dem Kommandanten als auch dem Schutzhaftlagerführer und dem neuernannten ,, Arbeitseinsatzführer" Dittmann wurden immer gespannter. Beide Seiten sammelten eifrig gegeneinander Belastungsmaterial. Die Langefeld wußte von unzähligen Korruptions- und Diebstahlsangelegenheiten der gesamten SS- Obrigkeit und jene, so schien es mir damals, versuchten zu beweisen, daß die Oberaufseherin ihrem Amt nicht gewachsen sei. Es wurde ihr nachgewiesen, daß die„ Lagerbestandsziffer" falsch sei, die Zählappelle nicht stimmten und anderes mehr. Der im Auftrage des Kommandanten vorgeschickte Beobachter war der Gestapomann Ramdor. Sein aus Häftlingen bestehender Spitzelapparat wuchs von Woche zu Woche. Er steckte Frauen ohne irgendeine Meldung in den Bunker, prügelte sie, begoß sie mit Wasser und ließ sie hungern, um irgendwelche 239 Aussagen zu erpressen. Der Name Ramdor genügte, um die Frauen zittern zu lassen. Er spürte nach politischem Agitationsmaterial, er durchwühlte die Schränke und Strohsäcke, man munkelte, er suche nach einem geheimen Radioempfänger. 22. FÜNFZEHN WOCHEN DUNKELARREST Mitte April sperrte Ramdor drei ,, alte" Politische, Rosl Jochmann, Maria Fischer und Maria Schwarz, in den Zellenbau. Zur gleichen Zeit holte man die Lagerläuferin Marianne Scharinger zur Kommandantur und verhörte sie durch Stunden. Marianne Scharinger war als Kriminelle im KZ. Die Gestapo hatte sie als Assistentin eines Arztes wegen Abtreibungen verhaftet. Und dieses Delikt gilt als kriminell. Marianne Scharinger konnte anscheinend den Drohungen in der Kommandantur nicht standhalten und machte belastende Aussagen gegen die Langefeld. - etwas Am Vormittag des 20. April hatte die Oberaufseherin Langefeld nach einem Telefongespräch mit der Kommandantur das Büro verlassen. Ich saß allein im Zimmer. Da bemerkte ich, wie über den menschenleeren Lagerplatz vom Revier her Milena auf die Schreibstubenbaracke zukam. , Was macht sie während der Arbeitszeit auf der Lagerstraße? Was will sie ausgerechnet in der Schreibstube? Es konnte nur Schlimmes geschehen sein, daß sie mich augenblicklich zu sprechen wünschte. Ich lief ihr entgegen in den Korridor: ,, Was ist denn passiert, Milena?!" ,, Gar nichts, aber es war mir plötzlich so bange um dich, ich mußte nachsehen, wie es dir geht!"- ,, Bitte, Milena, lauf zurück, ich habe Angst, man wird dich hier sehen!" Und als sie eben zögernd zur Tür hinausgehen wollte, bogen um die Ecke der Baracke, vom Lagertor kommend, Gestapomann Ramdor und die Aufseherin Löffler, seine Sekretärin. Ich stürzte ins Zimmer, und noch bevor ich mich an die Maschine setzen konnte, ging die Tür mit einem Ruck auf. ,, Kommen Sie sofort mit!" befahl Ramdor. Als ich zwischen der Aufseherin Löffler und Ramdor auf den Lagerplatz hinaustrat, stand, nur ein paar Meter von der Tür entfernt, unbeweglich, mit fassungslosem Gesicht, Milena. Man führte mich in den ,, Zellenbau". In einem Vorraum durchsuchte Ramdor meine Schürzentaschen. Ich fragte: ,, Warum sperrt man mich in den, Bunker'?" ,, Das wagen Sie auch noch zu fragen?! Sie, die Sie systematisch Meldungen unterschlagen haben und Kassiber vernichtet! Wo sind die Strafverfügungen der Rudroff und Ambros geblieben? Wir sind hinter alle Ihre Schliche gekommen! Geheime Aktenzeichen haben Sie sich gemacht und fortgesetzt kommunistische Agitation betrieben!" Ich wollte beginnen, mich zu verteidigen, aber Ramdor schnitt mir das Wort ab: ,, Das ist noch lange nicht alles! Ich lasse Ihnen Zeit genug, sich in der Zelle zu überlegen, ob Sie lügen wollen oder nicht!" 240 Die Löffler übergab mich der Binz, das war die Aufseherin des ,, Zellenbaus". Die Kalfaktorin, eine Bibelforscherin, wurde gerufen, ich mußte mich ausziehen und erhielt ein Hemd, eine dünne Hose, ein Sommerkleid mit kurzen Ärmeln, Strümpfe und ein Handtuch. Die Schuhe wurden weggenommen. Dann brachte mich die Binz durch einen Korridor, über eine Eisentreppe hinunter in eine Zelle des Erdgeschosses. Noch bevor ich mich orientieren konnte, schlug die Tür zu, und es war völlig dunkel. Beim Vorwärtstasten stieß ich gegen einen Schemel, der am Fußboden festgeschraubt war. Da saß ich, und meine Augen suchten nach etwas Licht. Bei der Türritze, am Fußboden war ein schwacher Schimmer. Die Erregung ließ mich nicht lange stillsitzen. Sehr schnell weiß man im Dunkeln Bescheid: dem festgeschraubten Schemel gegenüber ein kleiner Klapptisch, an der gegenüberliegenden Wand ein angeschlossenes Holzbrett, die Pritsche, in der linken Ecke bei der Tür das Wasserklosett, daneben die Wasserleitung und rechts an der Tür kalte Zentralheizungsröhren. Der Tür gegenüber, ganz oben an der Wand, ein kleines, durch Rolljalousie licht- und luftdicht verschlossenes Fenster. Die Zelle war viereinhalb Schritt lang und zweieinhalb Schritt breit. Ich lief erst vorsichtig, um nicht mit dem Schienbein gegen den Schemel zu hauen, dann aber immer sicherer hin und her, hin und her., Ramdor irrt sich, wenn er glaubt, mich kleinzukriegen! Mit Dunkelheit? Ob er mich hungern läßt? Wie dumm, daß ich heute früh nicht alles Brot aufgegessen habe. Was meinte er bloß mit geheimen Aktenzeichen?" Ob er mich prügeln wird? Alle Schrecken des ,, Zellenbaus" fielen mir ein. Die Tot-, geschlagenen, die Verhungerten, die Irrsinniggewordenen. Nein, draußen ist doch Milena, ich darf sie nicht allein im Lager lassen. Wer würde für sie sorgen, wenn das Fieber wieder beginnt? Wenn es gerade jetzt wieder schlimmer mit ihr würde! Entsetzliche Angst ergriff mich, daß sie sterben müßte. Ich hörte ihre Stimme, wenn sie abends auf dem Strohsack schluchzte: ,, Ach, wenn ich tot sein könnte ohne sterben zu müssen. Laß mich nicht allein wie einen Hund verrecken..." Solange ich neben ihr war und sie trösten mußte, glaubte ich selbst, daß sie die Freiheit erleben und wieder gesund werden würde. In der Finsternis der Zelle wurde ich plötzlich hellsichtig, ich wußte, daß sie rettungslos verloren war. ... Plötzlich knipste man außen Licht an; ich blinzelte und sah im ,, Spion" ein Auge mit rotblonden Wimpern. Nur einen Augenblick, dann wurde es wieder dunkel, und Männerschritte entfernten sich. Es war Ramdor, der seinen neuen Fang betrachtet hatte. Nach einigen Stunden erregtem Auf und Ab in der Dunkelheit versuchte ich, die unzähligen Geräusche vor der Eisentür zu unterscheiden. Die fluchende Stimme der Binz, durchdringendes Weinen, Hundegebell, dann wieder Männerstimmen und lautes Lachen. Wie in einem Schwimmbad hallte jedes Wort da draußen. Die Klappen an den anderen Zellen16 Buber: Gefangene. 241 türen wurden geöffnet und ich klemmte das Auge gegen den ,, Spion", Der bekannte konnte aber nur einen schmalen Spalt Helle sehen. 33 Geruch nach Lagersuppe drang zur Tür herein. Es mußte schon Abend sein! Aluminiumschüsseln klapperten, Schritte gingen vorüber, dann klang ein jammerndes Frau Aufseherin...!" und es wurde langsam still. Ob jetzt schon Nacht sein mochte? Die nackten Arme bekamen vor Kälte eine Gänsehaut. Ich schlug sie mir warm wie ein Droschkenkutscher. Da klang ganz von ferne der Gesang einer Häftlingskolonne: ,, Kamerad, wo bist du? In der Heimat küßt du! Und mich aber, aber läßt du so allein Die draußen kamen von der Arbeit zurück, die Glücklichen! Jetzt wußte ich, daß noch Stunden vergehen würden bis zum Beginn der ersten Nacht im Bunker, und wie entsetzlich lang die Zeit bis zum nächsten Morgen noch werden würde. Gedämpft vernahm man die Lagersirene, noch einmal ging für einen Moment das Licht an, und das Auge der Binz erschien im ,, Spion". Sie drehte den Schlüssel in der Eisentür, aber nicht um zu öffnen, wie ich erwartete, sondern zum ,, Einschluß" für die Nacht. Dann verschwand auch der schwache Schimmer Helle an der Türritze. Man hatte mir weder die Pritsche heruntergelassen noch eine lumpige Decke gegeben. Der Kampf gegen Kälte, Müdigkeit und Hunger begann. Nur einen Moment sich auf den Schemel niedersetzen, die Beine an den Körper ziehen, die nackten Arme dazwischenpressen, um sie etwas zu erwärmen; den Kopf auf die Knie legen, nur ein wenig schlafen! Du zuckst, verlierst das Gleichgewicht und springst auf, um von neuem zu laufen: vier Schritt hin, vier zurück, hin, zurück, hin, zurück... Am besten setzt man sich auf die Erde, lehnt den Rücken gegen die Wand. Ach, die ist feucht und kalt, es geht einem durch Mark und Bein! Das Handtuch um den Kopf gewickelt und wie ein Hund zusammengerollt, versuchte ich auf dem Fußboden zu liegen. Wenn nur die nackten Arme nicht wären! Da kam mir ein rettender Gedanke. Hinter dem Klosett steckte ein Päckchen Zeitungspapier; ich ertastete es und breitete es sorgfältig auf den Boden. Darauf wurden die Schultern und ein Arm gebettet. Ja, es war wirklich etwas wärmer. Man glaubt nicht, daß eine solche Nacht je enden könnte; fast getröstet vernahm ich das Heulen der vertrauten Lagersirene und dann die ersten Geräusche vor der Zellentür. - Aber der folgende Tag unterschied sich durch nichts von dieser ersten Nacht. Nur einmal am Vormittag für fünf Minuten Licht, um die Zelle zu fegen, dann ununterbrochene Dunkelheit und Kälte. Der Magen die Zelle war nicht begann vor Hunger zu schmerzen. Und seltsam mehr dunkel. Vor den Augen tanzten helle Kugeln, manche ganz farbenprächtig, und ich sah mit Staunen, daß die Tür leuchtete, aber auch die Wände; ich drückte fest die Augenlider zu, und da war es noch heller. Schwärme von kleinen Sonnen flogen in unaufhaltsamem Zug vorüber. Einmal auch an diesem Tag nahten sich Männerschritte. Ich sprang 242 vom Boden auf und ging langsam, den Rücken der Zellentür zugewandt, durch den Raum. Ramdor, dieses Untier, sollte mein Gesicht nicht sehen. Das Licht ging an, die Klappe fiel herunter, und Ramdor fragte:„ Na, wie geht es Ihnen?! Haben Sie sich Ihre Aussagen überlegt?!" Ich schwieg. Mit einem höhnischen ,, Ich kann warten!" schlug er die Klappe zu und schaltete das Licht aus. Wann wird er mich zum Verhör holen? Wahrscheinlich nachts. Er kann mir doch nichts beweisen. Ob die Langefeld sich für mich einsetzen wird? Aber wie kann sie denn? Jede Beschuldigung gegen mich belastete sie doppelt, denn es geschah ja alles in ihrem Büro, unter ihren Augen. Eine Weile vergaß ich Hunger und Kälte. Aber dann roch es durch die Tür nach Kohlrüben, und mein Mund füllte sich mit Speichel. Ich kroch in die Ecke zwischen Wand und Klosett, dort schien es am wärmsten zu sein, und zog das Kleid über die Schultern. Jedesmal, wenn Schritte auf den Fliesen hallten, sprang ich auf und begann den Marsch durch die Zelle. In der zweiten Nacht kamen Träume: Berge von Brotlaiben lagen aufgestapelt an den Wänden und ich griff danach, um erschreckt zu erwachen. Ich beugte mich über eine Hundeschüssel voller Makkaroni, wollte wie ein Tier zu fressen beginnen und stieß mit dem Kopf gegen das Klosett. Dann raffte ich mich wieder auf und lief, bis das Herz in den Fingern schlug, ging zur Wasserleitung und trank gierig. Das half für eine Weile Schon am dritten Tag war der quälende Hunger vorüber, aber der Wunsch nach Wärme übermächtig. Wieder ging pünktlich am Vormittag das Licht an, und die Bibelforscherin mit ausdruckslosem, blutleerem Gesicht und leidend herabgezogenen Mundwinkeln, als habe sie eine Mitleidsmaske vorgebunden, reichte stumm Besen und Schaufel herein. Sie schien mir ein körperloses Wesen dieses grauenvollen Hauses zu sein. ,, Bitte, gib mir mehr Papier!" Sie flüsterte ,, ja", schloß schnell die Tür und löschte das Licht, als fürchte sie, ich könnte mehr Bitten aussprechen, sie vielleicht um ein Stückchen Brot anflehen. Ja, die Bibelforscher waren korrekt in der Erfüllung ihrer KZ- Ämter. Ein Wagnis gingen sie nur im Interesse Jehovas ein, aber nicht für irgendeinen Mithäftling. Was hätte die SS auch sonst von ihnen denken müssen, wenn sie bei einer Vernachlässigung ihrer KZ- Pflichten erwischt worden wären?! Der Fußboden in der Ecke beim Klosett war mit Papier belegt, dort kauerte ich und verbarg mein Gesicht vor den Blicken durch den ,, Spion". Ich hatte aufgehört, die Tage und Nächte zu unterscheiden. Das Herz tickte ganz leise im Hals. Bitter war nur, daß die schimmernden Daunendecken, die auf dem Boden herumlagen, sich nicht heranziehen ließen, immer verschwanden, wenn ich die weiche Seide ergriff... Dann kamen Menschen in meine Zelle. Sie leuchteten wie phosphoreszierendes Holz, sie schienen den Boden nicht zu berühren, waren aber unendlich freund16* 243 lich, beugten sich stumm zu mir und lächelten. Nie hatte ich solche Gesichter gesehen. Ich war ganz ruhig und glücklich; auch die Kälte war nicht mehr so arg. Nur mit dem Besen quälten sie mich. Ich verbarg das Gesicht und wünschte die Dunkelheit herbei. Daß es der Morgen des achten Tages war, erfuhr ich erst später. Die Klappe fiel herunter, und die infame Stimme der Binz zeterte:„ Na, woll'n Sie sich Ihr Brot nicht holen?!!" Ich ging schwankend zur Tür, auf der Klappe lag eine Ration Brot und stand ein Becher mit warmem Kaffee- Ersatz. Das Licht ging an, ich nahm ungläubig die Speisen und trug sie zum Klapptisch; das Licht erlosch und ich umklammerte mit beiden Händen das duftende Brot. Nach den sieben Hungertagen erhielt ich jeden vierten Tag das übliche Lageressen, in den drei anderen Tagen nur die Ration Brot. Es ist schwer zu sagen, was furchtbarer war, der absolute Hunger oder das immer am Rande des Verhungerns sein. Am Abend des achten Tages wurde die Pritsche heruntergelassen und ich bekam zwei Decken, ein Laken und einen Bettbezug, aber keinen Strohsack. In der GestapoVerordnung lautete so etwas: ,, Strenger Dunkelarrest mit hartem Lager". Nach dem warmen Getränk und den ersten Krumen Brot erwachte mein Wille zum Leben. Es mag unglaublich klingen, aber ich wusch mich mit kaltem Wasser ab, und als ich einen Platz für das feuchte Handtuch suchte, war die Zentralheizung warm. Ich schmiegte mich daran. Einmal am Tag, nur für eine halbe Stunde, drehte man jetzt die Heizung auf. Am Nachmittag holte mich die Aufseherin Binz aus der Zelle, befahl mir, die Decken mitzunehmen, und eine atemlose Minute lang hoffte ich, freigelassen zu werden. Aber nein, es ging die Eisentreppe hinauf und die gegenüberliegende Galerie in der ersten Etage entlang bis zur letzten Zelle. Sie schien mir nicht ganz so dunkel, die Spalte zwischen Fußboden und Tür war breiter, auch roch es weniger dumpf nach Kellerverlies als in der zu ebener Erde. Während der wenigen Schritte von einer Zelle zur anderen hatte im Lichthof des ,, Bunkers" die Sonne geschienen, richtige helle Maisonne. Da draußen wurde es Frühling. 99 Der Schrecken des Zellenbaus war der Freitag mit dem Strafvollzug. Da wurden die zu Stockhieben Verurteilten aus den Zellen geschleift, und vom Lager führte man solche herein, denen wegen ,, Verkehr mit Ausländern" nicht nur die Haare abrasiert wurden, sondern die auch Prügel bekamen. Die Untersuchungshäftlinge", solche wie ich, konnten an jedem Freitag damit rechnen, zum ,, Strafvollzug" geführt zu werden. Ramdor holte mich nachts zum Verhör, aber da war nicht mehr die Rede von unterschlagenen Meldungen, verschwundenen Kassibern, wie bei meiner Einlieferung, sondern es drehte sich um Privatgespräche, die ich mit der Oberaufseherin Langefeld gehabt, um eine Spionageorgani244 sation gegen den Lagerkommandanten Suhren und Schutzhaftlagerführer Bräuning, welche ich im Auftrag der Langefeld organisiert haben sollte und um kommunistische Agitation. Bei einem Verhör sagte Ramdor: ,, Ich habe fünf Todesurteile beantragt. Die werden aber nicht durch Erschießen vollstreckt, sondern als abschreckendes Beispiel auf der Lagerstraße durch Erhängen!" Schon nach dem ersten Verhör war mir klar, daß die Langefeld verhaftet sein mußte. Ich fragte einige Male die Bibelforscherin, wenn sie den Besen brachte, und endlich bestätigte sie scheu, daß die Oberaufseherin nicht mehr im Amt sei. In meinem Verlies hatte ich eine Nachbarin, die auf Klopfen antwortete, Betty Schneider, eine Asoziale. Die Wände wie auch der Fußboden des ,, Bunkers" eigneten sich vorzüglich zu Gesprächen von Zelle zu Zelle. Man wartete, bis vor den Zellentüren Ruhe eintrat, die Schritte der Aufseherin sich entfernt hatten. Dann hockte man sich an die Ecke beim Fenster und klopfte. Zu Beginn einigte man sich auf eine bestimmte Stelle an der Wand. Sprach der Nachbar, so preẞte man das Ohr oder zur Lautverstärkung den Aluminiumbecher fest an die Wand. In kurzer Zeit beherrschte man den Rhythmus von sprechen und hören. Von Betty Schneider wollte Ramdor andere Aussagen erpressen. In die Kürschnerei des Männer- und Frauenlagers kamen waggonweise Pelze, die für Uniformen umgearbeitet wurden. Ihre ehemaligen Besitzer hatte man im Gas ermordet. In diesen Mänteln fand man die letzte Habe der verschleppten Menschen, Geld, Schmucksachen und Gold. Trotz strengster Weisung der SS, alles abzuliefern, und trotz aller Kontrolle war eine Zeitlang das Lager voller Ringe und anderer Wertgegenstände. Einige Männerhäftlinge hatten über die Bewachungssoldaten versucht, diese Wertgegenstände nach draußen zu verschieben. Sie wurden verraten und Betty Schneider als Mitwisserin denunziert. Die Tage im Bunker vergingen. Auch in der Dunkelheit muẞte jede Stunde durchlebt werden. Das Brot war morgens ausgeteilt worden, sorgfältig in drei Teile gebrochen: für den Morgen, das Mittag- und das Abendessen. Betty klopfte. Ich lief zur Ecke und lauschte. Sie pochte gegen den Fußboden. Ich legte das Ohr auf die Dielen und hörte zu meiner Verwunderung eine Männerstimme:„ Betty, wie hast du geschlafen?" und dann Bettys Antwort: ,, Danke Karl! Gut! Aber schrecklich hungrig bin ich. Es ist erst der zweite Tag heute."- ,, Betty, jetzt ist es ganz still, die Binz frühstückt. Willst du uns nicht ein Lied vorsingen?" ,, Gern!" Und Betty sang: ,, Karelchen, mein liebes Karelchen..." Das hatte sie umgedichtet für den Karl da unten in der Zelle, denn eigentlich hieẞ es: ,, Peterlein, mein liebes Peterlein..." - Karl kannte nicht die Betty und Betty nicht den Karl. In jeder stillen 245 - ,, Ja, blonde Locken und blaue Augen." - Minute klopften die beiden miteinander. Da erzählte Betty dem Karl, aus welcher Stadt sie sei, von ihrer Kindheit, von ihren Erfolgen bei den Männern, und Karl fragte: ,, Wie siehst du eigentlich aus, Betty? Bist du groẞ?" Und die Antwort: ,, Ja, groß und sehr schlank." Ich kannte ,, Bist du blond?" Betty von Block 2. Sie war klein und zierlich, hatte braune Augen und dunkle Haare. Ein wirklich hübsches Mädchen. Aber nun mußte sie so sein, wie Karl sie wünschte. In Karls Zelle lagen noch zwei Männer. Einer hieß Robert. Alle drei erwarteten ein Todesurteil wegen ,, Diebstahl an Wehrmachtsgut". ,, Hast du mich wirklich lieb, Karl?" fragte Betty zärtlich. Und Karl, der mit einem Fuß auf dem Klapptisch seiner Zelle balancierte und sich ans Fenster klammerte, um nahe der Decke sprechen zu können, beteuerte, nur sie zu lieben. ,, Karl, wenn wir rauskommen, wirst du bei mir wohnen. Ich habe ein hübsches Zimmer. Und dann sind wir abends beieinander, die Tischlampe brennt, ich habe meinen rosa Pyjama an, du sitzt neben mir auf der Couch..." Es polterte, Karl sprang mit einem Satz von seinem Horchposten, der Aufseher der Männer nahte. An einem Sonntagabend klangen aus vielen Zellen sehnsüchtige Lieder, slawische, deutsche und französische. Eine feuerte die andere an, noch hingebungsvoller zu singen. Mir war, als hätte ich die Stimme der Eva Busch gehört. Weshalb aber mochte sie in den Zellenbau gekommen sein? Was war passiert? - 99 Ich vermutete die Aufseherin Binz weit fort, legte den Mund an den Türspalt und rief hinaus in den Lichthof: ,, Eva! Eva!" Kurz darauf kam schon Antwort: ,, Grete!" ,, Was ist mit dir?" Und jammernd tönte es zurück: ,, Ich komme nie wieder heraus! Es ist ganz furchtbar! Wie soll ich das überleben!" Ich versuchte, sie zu trösten und erzählte ihr, daß ich mir vorkäme wie ein Affe im Käfig, der immer am Gitter hockt und auf Futter lauert. Kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, vernahm ich, wie irgendwo fluchend eine Zelle aufgeschlossen wurde und hörte die bittende Stimme der Eva Busch. Um Gotteswillen, die Binz! Gerade hatte die Bibelforscherin Kaffee hereingegeben, als das Licht anging, die Binz zu mir in die Zelle stürzte, den Aluminiumbecher ergriff und den Kaffee in die Wasserleitung kippte: ,, Affen brauchen keinen Kaffee! Drei Tage Kost- und Deckenentzug!" Das war bitter! Und ich hatte schuld an den drei Tagen der Eva Busch. Da lag ich wieder drei Nächte in meiner Klosettecke, und die Sinne begannen langsam zu schwinden. Viel früher als bei dem ersten Essenentzug trat diesmal fast völlige Besinnungslosigkeit ein. Am dritten Tage hatte ich kaum die Kraft, mich aufzuraffen, als früh am Morgen, vor der üblichen Zeit des Brotausteilens, die Klappe an der Tür aufging und eine aufgeregte Stimme flüsterte:„ ,, Grete, komm ganz schnell her, ich 246 bringe dir etwas von Milena!" Da kroch ich auf allen Vieren das Stück zur Tür, tastete mich hoch, die Bibelforscherin zog zitternd aus ihrem Kleiderausschnitt ein kleines, zerdrücktes Paket: ,, Nimm schnell. Milena grüßt dich tausendmal. Aber verstecke es um Gotteswillen!" Die Klappe fiel zu, ich kauerte auf der Erde und die Tränen flossen mir über das Gesicht. Milena hatte mich nicht vergessen! Sie schickte mir eine Handvoll Zucker, Brot und zwei Buchteln aus ihrem Paket von zu Hause. Bei einem neuen Verhör erklärte mir Ramdor, er habe mein fortgesetztes Leugnen satt und werde einen Antrag stellen für meinen Abtransport nach Auschwitz mit dem Vermerk ,, Rückkehr unerwünscht". Das mit dem Todesurteil hatte ich für eine der üblichen Methoden gehalten, um ein Geständnis zu erpressen. Aber ,, Transport nach Auschwitz", das war sehr gut möglich. Und in der dunklen Zelle fiel mir alles das ein, was damals Rosl Hahn von Auschwitz erzählt hatte. Mir schien, als dringe ein Geruch von verbranntem Fleisch durch die Ritzen des Zellenfensters. Sollte die Angst vor Auschwitz mir das nur vortäuschen? Ich klopfte nach Betty: ,, Sag mal, spürst du in deiner Zelle auch so einen stinkenden Rauch?!" ,, Aber natürlich! Weißt du denn nicht, daß hinter dem Zellenbau das neue Krematorium angefangen hat zu arbeiten?!" Seit über zwei Monaten war ich in Dunkelarrest und kannte die neuen Errungenschaften von Ravensbrück nicht. Jeden vierten Tag, wenn es zum Mittag einen halben Liter Kohlrüben oder Dörrgemüse mit sechs Pellkartoffeln gab, nahm ich unter Aufbietung aller Energie drei Pellkartoffeln fort und steckte sie zwischen die Röhren der Zentralheizung, da es dort am kühlsten war und sie sich am längsten frisch hielten, um während der drei Hungertage täglich eine Kartoffel verspeisen zu können; selbstverständlich mit der Schale und allem Schmutz, denn im Dunkeln konnte man sowieso nichts unterscheiden. Ja, die Gedanken an Essen nehmen einen sehr breiten Raum ein, wenn man hungern muß. Sonst lebte ich meist in der Vergangenheit, in Gedichten und Liedern. Deklamierend marschierte ich vier Schritte hin, vier zurück. Es gab Tage mit fröhlichen Liedern und andere voller Wehmut. Gedanken an eine furchtbare Zukunft, etwa an verhungern müssen und zugrunde gehen, wurden schnell weggeschoben, um sich statt dessen eine herrliche Freiheit vorzustellen, in der die Sonne nie aufhörte zu scheinen. Sowie aber am Vormittag Besen und Schaufel hereingegeben waren und damit Licht wurde, stürzte ich mich auf das Klosettpapier, um zu lesen. Es war das in kleine Teile zerschnittene ,, Schwarze Korps". Ich setzte die Papierfetzen aneinander und suchte nach Neuigkeiten. Ein Artikel gab mir Optimismus für Tage, er lautete: ,, Ein Wunder geschah!" 247 und schilderte die verzweifelte Situation, in:der sich der Alte Fri nach der Niederlage. von Kunersdorf befand, aber— oh Wunder— Elisabeth von Rußland starb und damit wandelte sich seine politische Lage augen- blicklich zum Guten. Solch ein Artikel im„Schwarzen Korps“ schien mir ein sicheres Zeichen der nahenden Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland. * Vor dem Zellenfenster lag ein kleiner Gefängnishof. Dort gingen die Sonderhäftlinge und eingesperrte männliche und weibliche SS-Aufseher in.der Runde. Einmal rief eine Männerstimme zu irgendeiner Zelle hin- auf:„Hast du schon das Neueste von Tunis gehört?!“ Mehr konnte ich nicht verstehen. Ich klopfte Betty, aber sie wußte natürlich nichts, denn ihre Liebesbeziehung durch die Wand zu Karl hatte gerade die erste Trübung erlitten, und das beschäftigte sie völlig. Sie schlug mir vor, die Männer in der Zelle unter mir zu fragen, bei denen wäre vielleicht ein Politischer. Das tat ich dann. Es dauerte eine geraume Zeit, bis die Ver- bindung hergestellt war. Ich fragte:„Hast du Neuigkeiten von der afrikanischen Front gehört?!“ Er antwortete:„Wie heißt du denn?— Wie alt bist du?— Aus welchem Block?“ Nachdem ich seine Neugier befriedigt hatte, ließ sein Interesse sofort nach. Ich hätte klüger daran getan, Bettys Methode anzuwenden. Aber mich interessierte doch Tunis — und die da unten Frauen. f% Beity verzehrte sich vor Eifersucht. Karl und die beiden andern Männer waren nicht in Dunkelarrest, und da hatten sie sich, wenn die Sonderhäftlinge spazieren gingen, am Fenster hochgezogen und mit einer jungen Rumänin unterhalten. Ich hörte von außen den Ruf:„Härr Karräl!!“, danach Gespräche und Gelächter durchs Zellenfenster und so- gar Lieder. Abends tönte es zweistimmig zum Gefängnishof hinaus: „Gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht! Schlafe wohl, liebes Kind. Gute Nacht!... Wenn die Sterne am Himmel erscheinen, gute Nacht...“ und ein heiteres„dankeschän, Härr Karräl!“ war die Antwort. Dann trom- melte Beity mit den Fäusten auf den Fußboden und bedachte Karl mit einer Flut von Verwünschungen. Die schöne Harmonie war zerstört‘... Wieder eines Morgens, bevor noch der Zellenbau erwachte, wurde leise die Klappe an meiner Eisentür geöffnet, und die Bibelforscherin zog ein Päckchen aus dem Kleid. Atemlos, mit entstelltem Gesicht flüsterte sie:„Grete, ich bitte dich, darf ich Milena sagen, daß du es nicht mehr wünschst, solche Päckchen zu bekommen, weil es zu gefährlich ist? Bitte, soll ich ihr das bestellen?!“ Vor so viel erbärmlich zitternder Angst konnte ich nicht anders, als ihr zu sagen:„Ja, ich verbiete Milena, weiter- hin etwas zu schicken!“ 2 Anfang Juli, ich war lange nicht beim Verhör gewesen, kamen vor- mittags die Aufseherin Binz und die Kalfaktorin mit einer Stehleiter in 248 meine Zelle. Ich vermutete eine Durchsuchung, aber nein, die Rolljalousien wurden hochgezogen und es ward Licht. Ich weiß nicht mehr, ob ich gebetet oder geweint oder gesungen habe. Ich kletterte mit aller Anstrengung zum geöffneten Fenster hinauf. Einen Fuß gegen den Klapptisch gestützt, klemmte ich das Gesicht in den schmalen Fensterspalt und ich spürte Sommerluft und sah über dem Rand der Lagermauer Sonne, die auf den neuen Schornstein des Krematoriums schien und blauen Himmel und rechts vom Schornstein, ganz in der Ferne, eine Kirchturmspitze. Solange bis die Arme erlahmten, trank ich den Anblick von Sonne und Tageslicht und war berauscht vor Glück, leben zu dürfen. An diesem Tag wurde mir nicht nur Licht geschenkt, die Zellentür ging auf, und mit verstörten, bleichen Gesichtern traten zwei Leidensgenossinnen ein: Maria Graf und Presserova. Das gequälte Herz war kaum fähig, soviel Freude zu ertragen. Ganz verzückt hing mein Blick an ihren Gesichtern und lauschte ihren lieben, vertrauten Stimmen. Durch ihre Gegenwart und ihre Schmerzen versank im Nu das selbst durchlittene Grauen und das geisterhafte Leben in einer phantastischen Vergangenheit. Der Tag bestand nicht mehr aus einsamen, dunklen, endlos gedehnten Stunden des Wartens. Beiden Kameraden drohte die Gefahr schwerer Lagerstrafen, und sie forderten meinen Rat und Trost. Nachdem im Sommer 1942 die Bibelforscher die Arbeit verweigert hatten, war die Kolonne ,, Angorazucht" aus tschechischen und deutschen politischen Häftlingen gebildet worden. Zu denen gehörten Maria Graf und Presserova. Die Transportarbeiten der Angorazucht erledigte ein Zivilarbeiter, der bei den Häftlingen der kleine Kutscher" hieß, denn er war ungewöhnlich klein gewachsen. Dieser Kutscher muß nach der Schilderung aller eine Seele von Mensch gewesen sein. Es dauerte nicht lange, bis er den Häftlingen half, wo er nur konnte. ,, Linke" Briefe an die Angehörigen wurden geschmuggelt, ja er empfing sogar die geheimen Antworten an seine Adresse in Fürstenberg und erklärte sich damit einverstanden, daß man an ihn aus Prag Medikamente für eine an schwerer Anämie leidende Tschechin schickte. Ich habe vergessen, durch wen die Häftlinge der ,, Angorazucht" und der ,, kleine Kutscher" verraten wurden. Alle kamen in den Bunker", auch die an Anämie Leidende, der kleine Kutscher", seine Frau und Tochter. Das Unglück war, daß man in deren Fürstenberger Wohnung ein Paket und Briefe gefunden hatte. Ramdor ließ es sich nicht nehmen, sogar nach Prag zu den Angehörigen der Tschechinnen zu fahren, die über den Kutscher Briefe und Pakete gesandt hatten, sie zu verhören und mit Verhaftung zu bedrohen. Den armen Frauen im„ Zellenbau" aber sagte er, daß ihre Männer oder Eltern nun festgenommen würden. Leider hatte eine von den Frauen bereits alles gestanden" und die anderen schwer belastet. Nach Wochen fällte Ramdor das Urteil über die Opfer der Kolonne ,, Angorazucht": Maria Graf erhielt fünfundzwanzig Stockhiebe, einige andere kamen in 249 den Strafblock, Presserova kam gegen jede Erwartung frei, der ,, kleine Kutscher", seine Frau und Tochter ins Konzentrationslager, die an Anämie Leidende wurde aus dem ,, Bunker" entlassen, konnte sich aber nie wieder erholen und starb in Ravensbrück. Die Tage, die wir, Maria Graf, Presserova und ich, die Zelle teilten, scheinen mir in der Erinnerung reine Heiterkeit gewesen zu sein. Wir sangen, ich lernte mit Geduld einige tschechische Lieder auswendig, wir teilten redlich unser Essen und jeden Abend kniete Maria am Boden sie war eine gläubige Katholikin und betete in sich versunken. * - Ohne weiteres Verhör wurde ich nach zehn Wochen aus dem ,, Zellenbau" entlassen. Ich begrüßte Lagerplatz und-straße, die Baracke, die Gefährten viel stürmischer als Jahre später die richtige Freiheit. Am Tage danach schon war ich krank. Der Körper protestierte gegen die tägliche Ernährung. Mit Innendienst" lag ich glücklich im Schlafsaal unseres Blocks auf dem weichen Strohsack, und Milena berichtete mir, daß man die Oberaufseherin Langefeld verhaftet und vor ein SS- Gericht gestellt hatte, sie wurde aber wegen mangelnder Beweise freigesprochen. 22 Mit dem Gesundwerden ging es ziemlich langsam, trotzdem verließ ich am achten Tage die Baracke, um auf einen Polenblock zu gehen, denn Helena Korowa hatte mir eine Nachricht geschickt, daß sie mich in sehr dringender Angelegenheit zu sprechen wünsche. Sie zeigte mir unter Wahrung aller nur erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen ein Flugblatt der ,, Royal Air Force" mit der ,, Wahrheit über den Heß- Flug nach England". Polnische Häftlinge hatten es im Wald bei der Arbeit gefunden. Eine magische Wirkung ging von so einem Stück Papier aus, wenn man es im Konzentrationslager in Händen hielt. Am nächsten Tag trat die Aufseherin der ,, Fürsorge", Schroors, an meinen Strohsack und befahl mir, sofort aufzustehen. Sie begann mein Bett um und um zu wühlen und schien nach beschriebenem Papier zu suchen. Es war nichts zu finden. Mir fiel es schwer, auf den Beinen zu stehen, so packte mich die Angst. Und richtig: nach der Untersuchung erfolgte die Aufforderung:„ Kommen Sie mit!" 99 , Vorn" im Korridor, beim Dienstzimmer der neuen Oberaufseherin namens Klein- Träubel, standen Helena Korowa, ihre Tochter und Hallina Bella. Alle drei hatten zur Zeit der Langefeld in der Schreibstube gearbeitet. Ich kam auf keinen anderen Gedanken, als daß der Besitz des Flugblattes verraten worden sei und man meinen Gang in den Polenblock beobachtet hatte. Wir warteten stumm. Der Schutzhaftlagerführer Bräuning ging musternd an uns vorbei ins Büro der Oberaufseherin. Dann erschien eine Aufseherin und führte uns vier ohne jegliche Erklärung in den ,, Zellenbau" ab. Die Aufseherin Binz begrüßte mich voller 250 - Hohn:„‚Na, schon wieder da! Das hat ja nicht lange gedauert!“ Ich unter- ließ jede Frage nach dem Grund meiner neuen Verhaftung, weil mir keine Zweifel zu bestehen schienen. Die Zelle, in der viele Wochen hindurch Betty Schneider, die nun im Strafblock war, gelegen hatte, wurde mein neues Verlies. Dunkelheit, sieben Tage absoluter Hunger, dann weiter nur jeden vierten Tag Essen, dieselben Qualen, dieselben Geräusche vor der Eisentür, und mein Ver- stand begann sich zu verwirren. Waren die zehn Tage Unterbrechung der Bunkerzeit Wirklichkeit gewesen, oder entsprangen sie nur meiner Phantasie? Schon in der zweiten Woche wußte ich nichts mehr von Bunker oder Konzentrationslager, nicht, ob es Morgen oder Abend sei, oder der sonst so ersehnte vierte Tag bald käme, ich lebte mit den Helden meiner Geschichte an der Küste eines südlichen Meeres. Unser Jägerhaus stand am Rand üppiger tropischer Wälder. Es mangelte uns nicht an Essen, wir lagen in der Sonne und schwammen im durchsichtigen Meer. Die Helden meiner Geschichte, sie liebten, litten und freuten sich des Lebens, und ich begleitete sie jede Minute und Stunde durch ihre verwickelten Schicksale. Maria Graf von der Nachbarzelle und Hallina Bella auf der anderen Seite brachten mich manchmal klopfend in die Wirklichkeit zurück, aber nur unwillig ließ ich mich für kurze Augen- blicke aus meinem Traumleben reißen. Fünf Wochen Dunkelarrest ohne ein Verhör waren vergangen, als eines Sonntags die Zellentür aufging und über die Eisengalerie des „Bunkers“ die Korowa, ihre Tochter, Hallina Bella und ich hinausgeführt wurden zur Entlassung. Bis heute weiß ich nicht den Grund dieses zweiten Dunkelarrestes. Vermutlich war es eine Sondermaßnahme Bräunings, dem zehn Wochen für die Schwere des Verbrechens zu wenig erschienen waren. 5 Die Helle war mir verhaßt und die schreckliche Wirklichkeit. Ich wollte die Augen schließen und in meine Phantasien zurückkehren.— Milena brachte mich in den Krankenblock, und wenn sie abends zu Be- such kam, mußte sie viel Geduld aufbringen, um immer wieder das Leben meiner Helden am Meeresstrand mitanzuhören. So nach zwei Wochen blickte ich einmal vom Bett aus durchs Fenster auf die Lagerstraße, und:da wimmelte es von Frauen in allen möglichen bunten Kleidern. Wo waren die Streifen geblieben? Ich konnte mich nicht losreißen von diesem munteren Durcheinander. Von neuem erwachte mein Interesse für die Umwelt. Die Häftlinge trugen jetzt Privatkleider, die auf Brust und Rücken mit großen, andersfarbigen Stoffkreuzen gezeichnet waren. Da schlurfte eine in riesigen Holzpantinen vorbei in fräsefarbenem, seidenem Nach- mittagskleid, das vorn und hinten mit einem giftgrünen Stoffkreuz ver- ziert war. Zigeuner hatten irgendwelche bunten Feten ergattert, die sie ‚251 nun in ihrer altgewohnten Art zu tragen versuchten, sogar der ihnen mit so viel Mühe von der SS beigebrachte Häftlingsgleichschritt schien verschwunden, sie flanierten, leicht in den Hüften wiegend, am Fenster vorbei. Manche aber, das waren die ,, Prominenten" oder die„, besitzende Klasse" der Paketempfänger, trugen hübsche Kleider oder Kostüme und entwickelten in der Wahl ihrer Kopftücher Geschmack und Eleganz. Nur die Außenkolonnen und die Betriebe gingen vorläufig noch in Lagerkleidung und Zebrajacken. Der SS fehlten die Stoffe zur Herstellung neuer Häftlingskleidung, und man schaffte Mäntel, Kleider, Wäsche und Schuhe der im Osten Vergasten waggonweise nach Ravensbrück. Alles, was an wertvollen Sachen darunter war, nahm die SS, das übrige wurde unsere Lagerkleidung. Vor der Bekleidungskammer lag haufenweise alles durcheinander, auch Kinderkleider dazwischen, manche Schuhe waren sorgfältig aneinandergeknüpft, das hatte man den Menschen befohlen, bevor sie die Gaskammer betraten. Aber es gab auch Hunderte einzelner Schuhe, rechter oder linker. Die Kleider der Ermordeten wurden sortiert und in der ersten Zeit ein Stoffkreuz herausgeschnitten und mit andersfarbigem Zeug untersetzt. Wie für den Schlachthof gekreuzte Hammel liefen die Häftlinge herum. Das sollte die Flucht erschweren. Später ersparte man sich das Einnähen und versah die Sachen mit breiten weißen Ölfarbkreuzen. Das Verschwinden der Häftlingsuniform trug nicht wenig dazu bei, das Lager immer tiefer in Schmutz und Unordnung versinken zu lassen. Am Krankenrevier prangten Plakate„ Eine Laus, dein Tod!" und manche Baracken wimmelten bereits von Kleiderläusen. Die SS- Lagerleitung griff zu rigorosen Desinfektions- Maßnahmen, aus Furcht vor einem Flecktyphusherd im Herzen Deutschlands. Beim Kampf gegen die Läuse spielte es gar keine Rolle, ob dabei Häftlinge an Lungenentzündung zugrunde gingen. Man ließ die Frauen stundenlang nackt in kalten Räumen hocken, bis die Sachen von der Desinfektion sehr häufig noch mit lebenden Läusen zurückkamen. - - Zur gefürchtetsten Institution von Ravensbrück wurde der„, Arbeitseinsatz". Tag für Tag stellte man dort neue Kolonnen für Munitionsfabriken, Flugplätzebau und Kriegsbetriebe jeglicher Art zusammen. Das Bestreben jedes Häftlings ging dahin, nur im Stammlager zu bleiben, denn nichts wurde mehr gefürchtet als der Transport und die Arbeit in Außenstellen, wo meist die Ernährung noch schlechter war und vor allem die Gefahr der Bombenangriffe hinzukam. Gerade um diese Zeit hatte ein Lastauto voller schwerverletzter Frauen nach Ravensbrück zurücktransportiert, und schrecklich waren ihre Schmerzensschreie, als sie ins Revier getragen wurden. Während meiner Bunkerzeit erlebte das Krankenrevier eine entscheidende Umwälzung. SS- Arzt Dr. Rosenthal und der Häftling Gerda 252 Quernheim wurden verhaftet. Rosenthal vor ein SS- Gericht gestellt und zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, Gerda Quernheim von Ramdor in den Zellenbau" gesperrt und später nach Auschwitz abgeschoben. Der Verbrechertätigkeit dieser beiden setzte die Aussage eines tschechischen. Häftlingsarztes aus dem Männerlager Ravensbrück ein Ende. Gerda Quernheim war zweimal schwanger gewesen, und zur Abtreibung hatte Rosenthal den Häftlingsarzt zu Hilfe gerufen, der dann dessen Verhaftung veranlaßte. Die Morde an Frauen und Neugeborenen hätten den SS- Arzt nie gestürzt, aber man wußte von systematischen Diebstählen der Goldzähne seiner Opfer zu berichten. Dadurch war er in die Interessensphäre mächtigerer SS- Räuber eingedrungen, und das mußte geahndet werden. Auch Dr. Schiedlausky kam fort von Ravensbrück. Die neuen SS- Ärzte begannen in Ravensbrück tschechische, deutsche, russische und polnische Häftlingsärztinnen zur Behandlung der kranken Gefangenen heranzuziehen. Dadurch verlor das Revier viele seiner Schrecken, wenn auch manche Häftlingsärztinnen sich in Ton und Gebaren bald wenig von ihren SS- Kollegen unterschieden. Und wenn es auch solche gab, die die Kranken ihrer Nation bevorzugt behandelten, so haben doch andere mit Aufopferung ihren Beruf ausgeübt, der unter den Bedingungen der letzten Konzentrationslagerjahre wahrhaft aufreibend und entmutigend war. An Bauch- und Flecktyphus, Tuberkulose und Dissenterie starben die hungernden Häftlinge dahin. Schon kamen wegen Platzmangel auf jeden Strohsack bis zu vier Frauen, und Bettwäsche gab es nur noch in den Blocks der Küchenarbeiter, der sogenannten„ ,, Kommandierten", die in SS- Büros arbeiteten und der Baracke der ,, alten" Politischen. Ein Bad begann zu den größten Seltenheiten zu gehören. Dafür aber durften die Häftlinge elf bis zwölf Stunden arbeiten und wurden immer dürftiger ernährt. 92 * Aus Furcht vor dem ,, Arbeitseinsatz" suchte ich nach der Genesung in eine gute" Außenarbeit zu kommen. Polnische Häftlinge, die mich kannten, boten mir einen Platz in der ,, Forstkolonne" an, und ich sagte begeistert zu. Es ging hinaus in den Wald zum Bäumefällen. Mutter Liberak, eine Seele von Mensch, die Beschützerin und wahre Mutter vieler Operierten", war unser Anweisungshäftling und ,, Shenja" die Aufseherin. Die hieß eigentlich Eugenie und stammte aus Ulm, war nicht mehr als neunzehn Jahre alt und ein harmloses, gutmütiges Ding. Gleich zu Beginn ihrer Aufseherinnentätigkeit wurde sie der Forstkolonne" zugeteilt. Die polnischen Häftlinge begegneten ihr mit Freundlichkeit, und ,, Shenja", wie sie sie nannten, war bald auf Gedeih und Verderb mit ihren Polinnen verbunden. Briefeschmuggeln wurde zur schlichten Selbstverständlichkeit. Mutter Liberak nahm fast täglich, trotz strengstem Verbot der SS, ein oder mehrere ,, Kaninchen" mit in den Wald. Natür253 lich hatten nur solche das Glück, die nicht so sehr hinkten und den Weg bis zur Arbeit zurücklegen konnten. Waren sie erst einmal dort angekommen, durften sie sich ausruhen, konnten sich auf die gefällten Bäume niedersetzen und brauchten nicht zu arbeiten. Es war eine Lust, in der frischen Herbstluft zu marschieren. Mutter Liberak muẞte immer wieder leise warnen: ,, Nicht zu schnell! Nehmt doch Rücksicht!", damit ihre Schützlinge mit den verstümmelten Beinen auch mitkämen. Es ging vorbei an den SS- Häusern, die Landstraße in der Richtung Fürstenberg hinunter und dann rechts ab, wo man in der Ferne schon den Wald sah. Der Morgen war dunstig, und die Bäume, das Moos und die braunen Blätter mit leichtem Reif bedeckt. Ich hatte ganz vergessen, wie herrlich es ist, auf weichen Waldboden zu treten, wo der Fuß versinkt und dürre Zweige knacken. Es roch nach verbranntem Kartoffelkraut und modernden Blättern. Als wir zur Hütte kamen, die die Häftlinge aus Kiefernzweigen erbaut hatten, flog ein Eichelhäher schreiend auf. In der Hütte lagen Äxte und Sägen, und außerdem war sie die Unterkunft für ,, Shenja" und den Hund, wenn sie schlafen wollten. Shenja war mit den Polinnen so gut befreundet und vertraut, daß sie ihren Versprechungen keine würde je fliehen- fest glaubte und nicht selten zu einem kleinen Schlummer in der Hütte verschwand. Die Arbeit im Wald wurde von einem Förster angewiesen. Der kam mit seinem Hund, begrüßte freundlich alle Häftlinge wie gute alte Bekannte und ging neben Mutter Liberak, um die Bäume anzuzeichnen, die gefällt werden sollten. Dieser Förster wußte durch die Polinnen von allen Schrecken im Konzentrationslager. Die„ Kaninchen" zeigten ihm ihre grausigen Narben, und in allen Einzelheiten erfuhr er die unmenschlichen Zustände von Ravensbrück. - - - Immer zwei Frauen sägten an einem Baum, aber sachte, nur nicht so schnell. Nach einigen Stunden schlug der Förster vor, die Zweige zu verbrennen und gab damit das erwartete Stichwort. Häufig erteilte er auch noch Auskunft, von welchem Feld man am besten Kartoffeln stehlen könnte. Eifrig machte sich dann die ganze Kolonne ans Feuerschüren, während einige Fachkundige ganz ohne Begleitung von ,, Shenja" oder Polizeihund davonstürmten, um Kartoffeln für alle herbeizuschaffen. Das Feuer qualmte und knisterte, vorsichtig schob man ganze Schürzen voll Kartoffeln in die glühende Asche. Bis sie gut durchbrieten, sägten wir noch ein paar Bäume um, und danach folgte die allgemeine Speisung. Ich glaube, die Forstkolonne" stand einzig da in ganz Ravensbrück und war nur denkbar durch den festen Zusammenhalt der Polinnen und ihre Fähigkeit, sowohl ,, Shenja" als den Förster für sich eingenommen und gewonnen zu haben. Leider ereilte auch diese Kolonne das Schicksal. Zu der Zeit arbeitete ich schon lange in der Schneiderei, als alle die Frauen und Shenja durch Ramdor verhaftet wurden, zuerst wochenlang im Bunker lagen und dann in den Strafblock kamen. An eines erinnere ich 254 99 mich: daß es Ramdor nicht gelang, auch nur eine Aussage zu erpressen. Die junge ,, Shenja" saß bis zum April 1945 im Zellenbau, und ich hatte angenommen, sie sei längst nicht mehr am Leben. Als ich Ende Mai 1945 als befreiter Häftling im Strom der Flüchtlinge auf einer Landstraße in Richtung Hannover lief, um nach Bayern zu wandern, wo ich meine Mutter zu finden hoffte, rief mich aus einem Straßengraben ein lautes ,, Hallo!" Da saß mit wunden Füßen und ganz entzündetem Gesicht ,, Shenja", und als erstes stellte ich entsetzt fest, daß sie noch Aufseherinnenuniform trug. Mit gedämpfter Stimme fragte sie:„ Können Sie sich an mich erinnern? Von der Forstkolonne? Ich habe die ganze Zeit im Bunker gesessen. Erst als man vor einem Monat das KZ evakuierte, ließen sie mich heraus. Ich lief bis Schwerin und erkrankte an Gesichtsrose. Jetzt bin ich so schwach, wie soll ich nur nach Ulm kommen? Und was wird dann aus mir? Als ehemalige Aufseherin werde ich doch gleich verhaftet?" Ich gab ihr viele Adressen zu ihrer Entlastung und riet, vor allem die Uniform sofort auszuziehen, sich irgendwo ein Kleid zu erbitten. - * In Mutter Liberaks Kolonne durfte man auch von Zeit zu Zeit die Arbeit schwänzen, sie hatte ein gut funktionierendes Austauschsystem. In einer Woche kam ich an die Reihe. Da es ein sonniger Spätherbsttag war, begleitete ich Milena bei einem Gang durch das Lager. Sie trug die gelbe Armbinde der Revierarbeiter, und so belästigte uns die Lagerpolizei nicht. Wir gingen, ganz vertieft in ein Gespräch, auf der zweiten Lagerstraße hin und her. Von der einen Seite grüßte uns ein jetzt entblätterter Weidenbaum über die Mauer, auf der entgegengesetzten die dunklen Kiefern. Wir sprachen über die Wälder der Freiheit und die Städte, die wir noch einmal gemeinsam erleben würden. Milena erzählte von ihrer Tochter Honza, die sie vor bald vier Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Das war bei einem Besuch im Prager Gefängnis, als sie ihr über den langen Korridor nachblickte, wie sie auf ihren dünnen Kinderbeinen so sicher davonlief. Das Leben ging draußen weiter, jetzt waren die Kinder schon junge Mädchen und mochten uns längst vergessen haben. Die seltenen Briefe der Angehörigen erstarrten aus Furcht vor der Postzensur zu einem Schema und waren ganz unpersönlich geworden. Milena meinte: Wenn Honza doch einmal erzählen wollte, welche Farbe ihr Kleid hat, ob sie schon seidene Strümpfe trägt und was sie an einem Tag ihres Lebens so treibt; nicht immer nur das gleiche schriebe, daß sie Klavierspielen liebt und in die Schule geht. 99 66 Als wir eben an einem Ende der Lagerstraße umkehrten, um zurückzugehen, erblickten wir entsetzt den Arbeitseinsatz führer Dittmann, der auf uns beide zustrebte. Schon aus einiger Entfernung brüllte er: machen Sie hier während der Arbeitszeit auf der Lagerstraße?!" - 92 Was Er 255 kannte mich vom Büro der Oberaufseherin und wußte von meinen„, Verbrechen". ,, Warum haben Sie sich nicht im Arbeitseinsatz gemeldet?" fauchte er weiter, und sein Gesicht, das durch eine Beule auf der Backe seine besondere Note erhielt, lief rot an. Ich bin krank und habe Innendienst", war die einzige Lüge, die mir einfiel. Milena ließ er Gott sei Dank ungeschoren, da sie eine Armbinde trug.- ,, Sie sind wohl lange nicht im Bunker' gewesen?! Machen Sie, daß Sie sofort in den , Arbeitseinsatz kommen! Sonst raucht's!" und damit wandte er sich mit knarrenden Stulpenstiefeln zum Gehen. Im Büro des ,, Arbeitseinsatzes" ließ sich Dittmann das Vergnügen nicht nehmen, mich in sein Zimmer zu rufen, mit Meldung zu drohen, aber dann zu verfügen, daß ich sofort in Schneiderei I strafweise zur Arbeit ,, ans Band" käme. ,, Melden Sie sich bei Oberscharführer Graf! Ich werde ihm telefonisch Bescheid geben! Ab!" 23. SCHNEIDEREI UNTER SS- REGIE Die Schneiderei I war eine große, stabil gebaute Fabrikhalle mit Oberlicht und großen Seitenfenstern. Über 400 Frauen arbeiteten dort an elektrischen Nähmaschinen und Schneiderei- Spezialmaschinen aller Art bei der Herstellung von SS- Uniformen. Die große Schneiderhalle dröhnte von dem Geratter hunderter elektrischer Nähmaschinen. Man konnte sein eigenes Wort nicht verstehen. In langen Reihen liefen die Arbeitsbänder durch den Raum. Das eine verfertigte SS- Hosen, das andere SS- Uniformjacken, das nächste SS- Mäntel oder SS- Schneeblusen oder SS- Tarnjacken. Neben den hintereinander aufgestellten Nähmaschinen schoben auf dem sogenannten ,, Band" die Häftlinge in flachen Holzmollen den jeweilig fertiggestellten Arbeitsgang ihrem Vordermann zu. Die Zuschneiderei lieferte die Schnitte, an besonderen Tischen wurden sie zusammengelegt, an anderen geheftet, und dann kamen die Teile an die ,, Bänder". Eine nähte die Seitennaht, die nächste die Vordernaht, die nächste den Ärmel zusammen, die nächste setzte ihn ein, wieder eine nähte den Kragen an usw. usw., bis bei der letzten die fertige SS- Jacke von dem das Band überwachenden Anweisungshäftling, der kontrollierenden Aufseherin oder dem für die Arbeit verantwortlichen SS- Mann entgegengenommen und geprüft wurde. Jedes Band" hatte sein festgesetztes Pensum. Wurde es nicht erfüllt, gab es Prügel, Strafestehen und Meldungen. Es trieb der Anweisungshäftling, es keifte die Aufseherin, es schlug der SS- Mann. Als ich da an der Maschine saß und drohend das Wort„ Pensum" hörte, wurde mir die Zeit in Burma gegenwärtig, wo auf uns genau so der Schrecken des nichterfüllten Pensums lastete. In Sibirien erzwang man seine Erfüllung durch verkürzte Brotrationen, in Ravensbrück mit Prügel, Strafestehen und Meldung. 256 Ich konnte nicht nähen, die elektrische Maschine lief mir davon. Trotzdem meine Arbeit nur im Zusammennähen von Bändern bestand, schaffte ich das Pensum nicht. Ununterbrochen brach die Nadel und riẞ der Faden. Wäre ich ein armer, unbekannter„ Zugang" gewesen, was hätte ich erdulden müssen! Vom SS- Mann blutig geschlagen, von der Aufseherin geohrfeigt und von einem kriminellen oder asozialen Anweisungshäftling schikaniert. Als ,, alte Ravensbrückerin" fanden sich gleich Freunde. Der tschechische Anweisungshäftling Nelly sah meine Not und nähte heimlich an einer freien Maschine einen großen Berg von Bändern und warf sie auf meinen Platz. Das Pensum war gerettet. Die kleine braunäugige Anicka aus der Reparaturwerkstätte, die unermüdlich von einer Maschine zur anderen lief, um die Schäden zu heilen und die drohenden Strafen abzuwenden, steckte mir heimlich Nadeln zu, so daß ich die Aufseherin nicht ständig darum bitten und jedesmal eine Ohrfeige erwarten mußte. Eine Nachtschicht in Schneiderei I. Die Fenster mußten hermetisch geschlossen bleiben, da wegen der Fliegerangriffe strenge Verdunklung angeordnet war. Schon nach einigen Stunden war die Luft in der Fabrikhalle durch das Nähen von Uniform- und Tarnstoffen mit dickem Staub erfüllt und kaum noch einzuatmen. Tief über die Maschinen gebückt arbeiteten die Frauen in rasendem Tempo. Neben mir saß eine junge Ukrainerin mit durchsichtigem Gesicht und kindlichem Körper. Ich sah, wie sie beim Nähen den Mund bewegte, sie sang vor sich hin, in den Lärm der Motore hinein. Ich beugte mich zu ihr, sie lächelte und sang weiter. Es war ein Lied aus einem russischen Film, ich begleitete sie mitsingend ein kurzes Stück, und unsere Bekanntschaft begann. Sie half mir beim Einsetzen der Maschinennadeln und beim Einfädeln des Garns. Die gefürchtetste Bestie der Schneiderei I war Unterscharführer Binder. Noch vor Mitternacht ging er meist auf Jagd aus. Plötzlich übertönte ein viehisches Gebrüll den ratternden Lärm. Einen Augenblick stoppten die Maschinen, und alle Frauen blickten entsetzt auf. Binder stand vor einem Opfer, das nicht schnell genug arbeitete oder eine schiefe Naht genäht hatte und schrie:„ Höö! Höö!" Dabei lief sein Gesicht rot an, die Augen quollen vor, er packte die Frau bei den Haaren, stieß sie mit dem Kopf auf die Nähmaschine, riß sie wieder in die Höhe und schlug so lange auf sie ein, bis sie sich am Boden wälzte und ihr das Blut aus der Nase drang. Binder mußte Blut sehen. Um Mitternacht gab es eine halbstündige Pause, wenn das Band nicht strafweise durcharbeiten mußte. Jeder Häftling erhielt einen Becher mit Kaffee, und manche aẞen dazu ihr Stück Brot. Viele verbrachten die elf Stunden der Nachtschicht ohne einen Bissen, sie hatten die Ration schon am Tage vorher verzehrt. 17 Buber: Gefangene. 257 Nirgends in Ravensbrück wurden die nächtlichen Fliegeralarme mit einer solchen Begeisterung begrüßt wie in der Schneiderei. Wenn der Ruf: Fliegeralarm! Licht aus!" ertönte, stürzte jeder Häftling in Eile zu einem Platz, um ausruhen zu können. Meist stürmte Anicka mit dem Handwerkskasten unterm Arm herbei, packte meine Hand und zog mich im Dunkeln in den Raum mit den aufgestapelten SS- Uniformen, die uns als Schlafstatt dienten. Während die Bombengeschwader über das Lager brausten, daß die Fensterscheiben der Schneiderei nur so klirrten, lagen wir in erschöpftem Schlaf, bis die Töne der Entwarnung uns an die Maschinen zurückzwangen. Je häufiger und länger die Fliegeralarme währten, um so gereizter und bestialischer wurde das Prügelregime in der Schneiderei. Es gab kaum ein Band, an dem nicht geschlagen wurde. Die Aufseherin Lange, die ihren Namen zu Recht trug, ein grobschlächtiges, rohes Weib mit unnatürlich großen Händen und Füßen, tat es den männlichen Kollegen mit Eifer nach. Aber nicht so der SS- Mann Seipel aus Ungarn, ein großer, magerer, ein wenig gebeugter Mann mit dunklen, schwermütigen Augen. Auch ihm unterstand ein Arbeitsband. Der sprach nicht einmal ein lautes Wort, der ging von einer nähenden Frau zur anderen, und dann konnte man beobachten, wie er eine aufzustehen bat, sich an die Maschine setzte und ihr geduldig zeigte, wie man zu nähen habe. Einmal führten die Frauen ein Gespräch mit ihm, es handelte sich ums Schlagen. Da meinte Seipel: ,, Nie im Leben werde ich mich so beschmutzen, die Hand gegen eine Frau zu erheben!" Selbstverständlich verbreitete sich sein Ruf über die ganze Schneiderei, und später wurde ihm eine Huldigung zuteil, die ich nicht vergessen kann. Seipel, der Tag für Tag seine Ungeeignetheit für den Beruf eines SS- Aufsehers im KZ bewies, wurde nach einiger Zeit zur Ausbildung für die Front eingezogen. Er ging, und die Frauen ließen traurig die Köpfe hängen. Es mochten wohl vierzehn Tage vergangen sein, als eines Tages, wahrscheinlich, um vor dem Abmarsch ins Feld noch irgendeine Bescheinigung abzuholen, Seipel die Schneiderei I betrat. Im Nu verstummten die Maschinen aller Frauen, die ihn erblickt hatten, und durch die Halle schallte ihm der begeisterte Ruf entgegen:„ Herr Seipel kommt zurück, Herr Seipel!" Der lächelte grüßend und schüttelte verneinend den Kopf. Verantwortlich für die Produktion und den geordneten Arbeitsgang der Schneiderei I, II und III war SS- Oberscharführer Graf. Er unterschied sich von den Prügelhelden Binder, Rauxloh und Jürgeleit nur dadurch, daß er klüger war und seine Opfer nicht vor den Augen aller, sondern im Dienstzimmer mit dem Koppelschloß des Militärgurts zusammenschlug oder gegen die Wand stieß. Um eine Sabotage in der Schneiderei zu verhindern, besetzte die SS die Arbeitsbänder bunt durcheinander mit Politischen aller Nationen, mit Kriminellen, Zigeunern und Asozialen. 258 Außerdem war die Kontrolle so streng, daß jede schlechtgenähte Naht entdeckt werden mußte. Für ein Fetzchen entwendeten Stoffes für ein Taschentuch oder als Binde gab es bei der Entdeckung Prügel und Meldungen. Zur besonderen Leidenschaft der Aufseherin Lange gehörten die Körpervisitationen nach der Arbeit. In diesem Sklavenbetrieb jedoch fanden sich auch Frauen, die unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft arbeiteten. Ich will nicht von den Kriminellen sprechen, die für ihr kriecherisches Verhalten gegenüber der SS und ihren Arbeitseifer berüchtigt waren, sondern von einigen Politischen. Da gab es z. B. die deutsche Kommunistin Maria Wiedmeier, die vor 1933 eine führende Stellung in der Kommunistischen Partei Deutschlands gehabt hatte und seit fast zehn Jahren im Zuchthaus und Lager saß. Ihre Funktion im ,, Industriehof" bestand darin, die Schneidereien mit den zum Nähen nötigen Stoffen und sonstigen Materialien zu beliefern. Sie war Anweisungshäftling einer Kolonne von ungefähr zwanzig Frauen, hatte die Vorräte in den beiden Materialkammern zu überwachen und vom Stofflager des ,, Industriehofes" ständig zu ergänzen, außerdem am Ende jeder Schicht die fertiggestellten Uniformen nach genauer Zählung auf einem Plattenwagen abzutransportieren. Sie war sich der Wichtigkeit ihrer Aufgabe voll bewußt. In ihrer Kolonne wurde kein Versäumnis geduldet. Mit preußischer Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Strenge werkte sie für die SS. Der Oberscharführer Graf äußerte einmal: ,, Wenn ich die Wiedmeier nicht hätte, würde der ganze Schneiderbetrieb nicht funktionieren." Und diese Anerkennung erfüllte sie mit Stolz und Selbstachtung. Durch ihre Arbeitsleistung wurde ihr Einfluß so groß, daß der SS- Oberscharführer Graf ihren Wünschen, wenn es sich um die Besetzung von Posten in den Schneidereien handelte, ohne weiteres nachkam. Für ihn bestand kein Zweifel, daß Maria Wiedmeier genau so wie er an der pünktlichen Belieferung der SS- Formationen mit neuen Uniformen interessiert sein müßte. Selbstverständlich brachte dieser Posten dem Häftling Maria Wiedmeier auch eine Menge persönlicher Vorteile, denn während sie mit Argusaugen ihre wertvollen Vorräte in den Materialkammern bewachte, nahm sie sich das Recht, diese als Tauschobjekte und Geschenke für entsprechende Gegengaben zu benutzen. Einmal stellte man an sie die Frage, ob sie es als Kommunistin verantworten könne, mit einer solchen Hingabe für die SS tätig zu sein und die ihr unterstellten Häftlinge zu dieser Arbeit anzutreiben, worauf sie erwiderte: ,, Ich bin nun eben mal so ein Pflichtmensch und muß arbeiten." Am ,, Einlegetisch" der Schneiderei, dort wo die Zuschnitte vor dem Heften aneinandergelegt wurden, arbeitete Olga Körner, eine schöne, alte, weißhaarige Frau. Auch sie war eine langjährige deutsche Politische und Mitglied der Kommunistischen Partei. Aber Olga Körner hatte keinerlei Vorteile von dieser schweren, aufreibenden Tätigkeit. Während der Elf- Stunden- Schicht sah man sie unermüdlich hin- und herhasten. Sie 17* 259 lief in die Zuschneiderei und verhandelte eifrig mit den Aufseherinnen oder SS- Männern über irgendwelche Fragen, die die Schnitte der Uniformen betrafen. Als ich in der Schneiderei arbeitete, ergab es sich, daß wir miteinander ins Gespräch kamen. Die ersten paar Male vermutete ich, es sei ein Zufall, daß Olga nur von Fragen und Komplikationen ihrer Tätigkeit am ,, Einlegetisch" zu erzählen wußte. Aber nein, durch anderthalb Jahre gab es für Olga Körner nur einen Gesprächsstoff, nur ein Thema: die Zuschnitte, die schlecht aneinanderpaßten, die verwechselten Farben der Tarnstoffe, die nachlässige Arbeit der Zuschneiderei, die lobenden oder abfälligen Äußerungen dieses oder jenes SS- Mannes und ihre eigene rastlose Mühe um das gute Funktionieren der ihr anvertrauten Arbeit in der SS- Schneiderei. Auch Olga Körner ging restlos auf in ihren Pflichten um die Herstellung von SS- Uniformen. An einer Knopfannähmaschine saß Rema, eine junge Ukrainerin. Es war im Sommer 1944, ich arbeitete bereits in der Schreibstube der Schneiderei, als man die Häftlinge des ,, Industriehofes" durch Prämien und Lebensmittelzulagen, die die SS aus Roten- Kreuz- Paketen stahl, zu höheren Arbeitsleistungen antreiben wollte. Oberscharführer Graf erzählte lobend von der Ukrainerin Rema, deren Handfertigkeit er als ein bisher nicht gesehenes Wunder schilderte. Rema hatte die Fähigkeit, gleichzeitig mit beiden Händen zwei verschiedene Arbeitsgänge zu machen und übererfüllte ihr Pensum um 100 Prozent. Die SS- Leute umstanden sie kopfschüttelnd und begeistert. Graf beauftragte mich, Rema eine Sonderzulage an Lebensmitteln als Belohnung zu überbringen. Als ich ihr die Sachen gab, sagte ich auf russisch: ,, Daß du dich nicht schämst, ein doppeltes Pensum für die SS zu machen! Du zwingst doch dadurch die anderen Knopfannäher, auch schneller zu arbeiten!" Lächelnd und naiv meinte Rema: ,, Ich bin doch auch fleißiger als die anderen und kriege dafür eine Zulage!" * Meiner Arbeit an der Nähmaschine wurde durch Maria Wiedmeiers Fürsprache ein Ende gesetzt. Sie schlug mich Oberscharführer Graf zur Faden- und Knopfausgabe vor. Die Beweggründe zu dieser Protektion blieben mir immer unverständlich. Vielleicht war das eine vorbeugende Maßnahme und entsprang ihrer Unsicherheit, ob nicht etwa irgendwann nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager und der Machtergreifung durch die Kommunisten, an der sie nie zweifelte, die politische Linie Heinz Neumanns in den Jahren 1931/32 eine Rechtfertigung erfahren würde. Sie gab übrigens den Russinnen und Ukrainerinnen der ,, Stoffkolonne" als ihre Adresse in der Freiheit an: ,, Maria Wiedmeier, Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands". Der Winter 1943/44 war wohl die schrecklichste Zeit in Ravensbrück. Wir kannten zwar die Nachrichten vom Kriegsschauplatz, wir wußten, 260 daß Hitlers Stern im Sinken begriffen war, aber viele von uns waren am Ende ihrer Kräfte. Sie bedurften der Rettung in Wochen, in den nächsten Tagen. In den ersten Jahren Ravensbrück holte der Fuhrunternehmer Wendland aus Fürstenberg die Toten des Konzentrationslagers in seinem ländlichen Leichenwagen ab. Jede Gestorbene lag in einem Sarg, mit Papierhemd bekleidet, das wie eine Tortenunterlage mit Papierspitzen verziert war. Immer mehr Häftlinge starben, und Herrn Wendlands Geschäft blühte; er kaufte sich ein Leichenauto. Aber mit dem Bau des ersten Krematoriums übernahm die SS die Toten in eigene Regie. Wozu Särge? Es genügten Kisten mit flachem Deckel. Wozu brauchte ein toter Häftling bei diesem Platzmangel einen eigenen Sarg? Sie waren ja so mager, da hatten zwei in einer Kiste Platz! Früher trugen vier Revierarbeiterinnen die Toten den letzten Weg durchs Lagertor hinaus, jetzt- wo täglich über 50 starben lud man fünf oder mehr Kisten auf einen Plattenwagen, und die„ ,, Leichenkolonne" fuhr sie zum Krematorium. In diesem Winter verschlechterte sich Milenas Gesundheitszustand bedrohlich. Ihre Widerstandskraft war gebrochen. Sie sprach oft vom Sterben. Ich werde das Lager nicht überleben, nie mehr nach Prag kommen. Wenn mich doch wenigstens Herr Wendland noch geholt hätte, der sah so gutmütig aus in seiner bäuerlichen Joppe." - Mit dem Aufwand ihrer letzten Kräfte schleppte sie sich Tag um Tag zur Arbeit. Die Angst vor Injektionen und Krankentransport hielt sie aufrecht. Sie hatte immer Fieber. Der neue SS- Arzt in Ravensbrück untersuchte sie und stellte fest, daß eine Niere vereitert sei. Er sagte, es gäbe nur eine Rettung, die Operation. Und Milena entschied sich zu diesem letzten Versuch, am Leben zu bleiben, das sie liebte wie jedes Geschöpf. - Sie starb am 17. Mai 1944. Da hatte das Leben für mich den Sinn verloren. Als die Leichenkolonne Milenas Sarg auf den Wagen lud, bat ich, mitgehen zu dürfen. Es war ein Frühlingstag mit tröpfelndem, warmem Regen, und der Posten beim Lagertor mochte glauben, daß es Regen sei, was da über meine Backen lief. Im Schilf, am Ufer des Fürstenberger Sees, pfiff traurig ein Wasservogel, und wir luden die Kisten mit den Toten ab und trugen sie zum Krematorium. Zwei kriminelle Männerhäftlinge mit Gesichtern wie von Henkersknechten klappten den Deckel hoch, und als wir die tote Milena heraushoben und meine Kraft versagte, meinte der eine:„ Kannst schon richtig zupacken, die spürt sowieso nichts mehr!"" Am 10. Juni 1944 erfuhr das Lager die geglückte Invasion. Da jubelten alle, ich aber konnte die Freude nicht teilen. Ich schlich durch die Tage und weinte in den Nächten. Wozu weiterleben, wenn Milena sterben mußte?! Meine Vorstellung von Freiheit war untrennbar mit ihr 261 verbunden gewesen. Alle Wünsche hatten wir gemeinsam gehabt, ebenso wie die Zukunftspläne... Lotte und Maria, Lille und Anicka teilten den Schmerz um Milenas Tod, und so gehörten wir zusammen. 99 Während der Krankheit hatte ich den ersten ,, linken" Brief an meine Mutter geschrieben. Eine Polin beförderte ihn, und er kam zu Hause an. Die Mutter spürte daraus meine hoffnungslose Verzweiflung und beriet mit meinem Schwager Bernhard, was zu machen sei. Er bat darum, von jetzt ab den monatlichen Brief schreiben und die Pakete schicken zu dürfen. Mein Schwager, der von Beruf Arzt ist und selbst nach 1933 im Gefängnis und Konzentrationslager gewesen war, wußte, was man einem Häftling zu schreiben hat. Er war ein Künstler im Trösten und gab nicht nur mir die Lust am Leben zurück, sondern auch vielen anderen Kameraden. Seine Briefe waren ganz persönlich. Dabei hatten wir uns über ein Jahrzehnt nicht gesehen, darum begannen sie eben bei den Ereignissen von vor fünfzehn Jahren. Aber nun erst die Pakete! Da stand z. B. im Brief: Sei bitte vorsichtig mit der Schachtel, es ist sehr schwer, welche zu beschaffen!" Das mußte eine Bedeutung haben. Ein großes Paket kam an. Die Lebensmittel mit bunten Schleifen umbunden, in den Ecken einer Papierserviette stand ganz winzig klein: Gruß und Kuẞ Bernhard." Voller Spannung hockten wir auf dem Strohsack und durchforschten auch das kleinste Fetzchen. Da wieder ein Zeichen! Auf einer Dropsrolle, die den schönen Namen„, V- Drops" trug, war hinter den Buchstaben ,, V" eine Miniatur 3" gekritzelt. In eine Tafel Schokolade hatte er Grüße geritzt. Es nahm kein Ende mit den Überraschungen. Dann machten wir uns an das vorsichtige Zerlegen der Schachtel. Und siehe da, in jeder Seitenwand steckte ein verborgenes Bild, die farbige Reproduktion der van Gogh'schen ,, Drei Schiffe am Strand", der ,, Sonnenblumen" und Renoirs ,, Landhaus an der Seine". Die ersten bunten Kunstwerke im KZ! Mein Schwager war auch ein Meister illegaler Mitteilungen. Trotz Zensur behandelte er in immer neuen Variationen das Thema ,, Wann endet der Krieg?" Er deutete ganz kurze Termine an. Dann wurde uns wieder ein Paket beschert. Die Spannung wuchs von Mal zu Mal. Es enthielt zwölf bemalte Eier. Erst nach einer verzweifelten Debatte mit der Aufseherin der Paketausgabe, die seine Aushändigung verweigern wollte, bekam ich es. Auf jedem Hühnerei war ein Miniaturgemälde, von einem Künstler geschaffen. Blumen, Singvögel, in Erinnerung an die Tierliebe meiner Kindheit auch Kaninchen und Ziegen. Aber ein Bild war auf den ersten Blick gar nicht zu erfassen, und dann sahen wir: es stellte die Sage von Perseus und Andromache dar. Ein feuerspeiender Drachen schlängelte sich um das Ei. An der Spitze seines Reptilienschwanzes hing ein winziges rotes Hakenkreuz. Perseus in Stahlhelm und Soldatenuniform bohrte dem Untier sein Schwert in den Nacken, daß das Blut nur so spritzte. Die Flammen aus dem Schlund des Drachen umzüngelten die nackte, an einen Felsen geschmiedete 262 Andromache. Wir rissen uns das Wunder nur so aus den Händen. Jeder fand eine neue, noch phantastischere Auslegung dieser illegalen Botschaft. Und als wir zum Schluß unter dem Krieger ein kaum sichtbares ,, ich" und unter der Maid ein ,, du" entdeckten, stand es für uns fest, daß in aller Kürze ein entscheidender Schlag gegen den Nationalsozialismus zu erwarten sei. Das nächste Paket, es kam im Juni 1944, machte uns noch siegessicherer. Neben einer Menge von winzigen Eingravierungen, selbst auf den Innenseiten der Blechbüchsen, wie: Laß die Hoffnung nicht sinken!" ,,, Unsere Sonne steigt schon wieder!" fanden wir endlich den langersehnten ausführlichen Kassiber. Er war auf die Innenseite der Umhüllung einer Dropsrolle in kaum lesbar kleinen Buchstaben geschrieben. Aber auch in ihm wurde nicht unumwunden gesprochen, sondern getarnt. Da teilte Bernhard mit, daß in Kürze bei seinem Truppenteil ein langerwartetes Konzert stattfinden werde, es sei kein Solo, kein Streichquartett, sondern ein Orchesterwerk. Außerdem sehe meine Schwester spätestens im September 1944 der Geburt eines Kindes entgegen. Alle Leser dieses Kassibers fanden die gleiche Deutung: Hitler wird durch die Armee gestürzt. und im September endet spätestens der Krieg... Vierzehn Tage nach dem mißglückten Attentat auf Hitler traf der monatliche Brief mit einem breiten Trauerrand ein. Trotzdem ließ mein Schwager nicht nach, immer neuen, heimlichen Trost zu finden, und die illegale Korrespondenz hielt uns ständig in Spannung und trug entscheidend dazu bei, uns in den schlimmen Monaten bis zum Januar 1945 von da ab versagte die Post bei Mut und Hoffnung zu erhalten. - * ラン Mit den Hunderten Evakuierter aus Warschau erreichte das Lager seinen Höhepunkt an Elend. Diese Frauen hatten sich laut Aufforderung der Wehrmacht unter deutschen Schutz" begeben und führten alles, was sie an Wertsachen besaßen, mit sich. Die deutschen Versprechungen verhießen eine sichere Unterbringung und Versorgung im Reich. Die fanden sie im Konzentrationslager Ravensbrück. Beladen mit Koffern und Säcken, in denen vorsorglich Kissen und Daunendecken steckten und in warme Pelze gekleidet, standen sie zu Hunderten auf dem Lagerplatz und blickten bestürzt und ungläubig um sich. Da gab es welche, die ihren Hund nicht hatten allein lassen wollen und sogar eine, die mit dem Kanarienvogel im Bauer die Fahrt ins Ungewisse angetreten hatte. Es war den Häftlingen streng verboten, sich den Evakuierten zu nähern, aber im Nu hatten diese erfaßt, was über sie hereinbrach, als die ersten Frauen das Zimmer, in dem die Aufseherin der Politischen Abteilung saß, passiert hatten. Dort wurden ihre Namen aufgeschrieben und alle Wertsachen gefordert, um sie in den ,, Effekten" aufzubewahren. Im Bad 263 nahm die SS ihnen dann die Privatkleider, Pelze, Schuhe und die Koffer mit dem letzten Besitz, gab ihnen dafür erbärmliche dünne Fetzen mit großen Farbkreuzen auf Brust und Rücken und dazu Karikaturen von Schuhen, wie es gerade kam, manchmal auch zwei rechte und vielen weder Strümpfe noch Wäsche. So beraubt und entkleidet ließ man sie in kleinen Gruppen zu dem neuen Block der Zugänge bringen, der an Stelle eines Holzdaches mit einer Zeltplane überspannt war. Als die Hunderte Wartender das sahen, versuchten manche, ihren Schmuck am Rande des Lagerplatzes in den Beeten zu vergraben, andere gerieten in maßlose Wut, warfen die Ringe, Uhren und Ketten zu Boden und trampelten alles mit den Füßen kurz und klein, zerrissen Fotografien, Briefe und allerlei Andenken, damit sie nicht in die Hände der SS fielen. Die Evakuierten, wie überhaupt die Zugänge jener Zeit, die ganz unvorbereitet in das Grauen des KZ gerieten, hatten die höchsten Sterbeziffern. Viele überlebten nicht das erste Vierteljahr. In den Baracken waren die Fensterscheiben zerschlagen, statt der Strohsäcke von einst, die ,, ohne Bauch" und scharfkantig hatten sein müssen, lagen die Menschen auf verlausten, dreckigen Papiersäcken, manche noch spärlich mit Holzwolle gefüllt, ohne Laken, ohne Bettzeug, und jeder besaß lediglich eine dünne Baumwolldecke. Um Platz zu schaffen, denn es kamen vier Häftlinge auf einen Strohsack, wurden die Bettenreihen aneinander geschoben, so daß eine riesige dreistöckige Massenschlafstatt entstand. Nie waren die Gegensätze im Lager so kraß wie im letzten Jahr seines Bestehens. Kinder standen bettelnd vor den Blocks der ,, Prominenten". In den Abfalltonnen wühlten zerlumpte, ausgemergelte Gestalten gierig nach etwas Eßbarem. Über die Lagerstraße aber ging ein wohlgenährter, rotwangiger Häftling, elegant vom Scheitel bis zur Sohle und führte den gepflegten, langhaarigen Windhund des Schutzhaftlagerführers an der Leine. Zwischen einigen Baracken auf dem am tiefsten gelegenen Lagergebiet bildete die übergetretene Kanalisation ganze Kloakentümpel, auf der zweiten und dritten Lagerstraße aber planierte die SS neue Gartenanlagen und bepflanzte sie mit jungen Bäumen. Die SS gestattete den Häftlingen, Chöre zu bilden, und Sonntags konnte man in manchen Blocks Gesang- und Tanzvorführungen von hohem künstlerischen Wert erleben. - ** Der ,, Industriehof" baute für ,, seine Häftlinge" Wohnbaracken gleich neben den Betrieben, und Siemens tat das gleiche. Unsere Freundinnen Lotte und Maria verließen das ,, alte Lager" und siedelten zu Siemens über. Diese neuen Unterkünfte waren im Vergleich zu den alten Wohnblocks eng und dunkel. Sie hatten aus Sparsamkeitsgründen keine Tagesräume, weder Toiletten noch Waschgelegenheit und auch keine Betten" mehr, sondern durchgehende dreistöckige ,, Kojen". In vier Baracken 264 FC erwurden die Häftlinge des Industriehofes untergebracht, und man richtete für alle viertausend in der Mitte des Industriehofgeländes einen gemeinsamen Toiletten- und Waschraum. In Kürze waren durch Wassermangel und schlechtes Funktionieren der Anlagen die Toiletten unbrauchbar und die Tausende Frauen gezwungen, ihre Notdurft im Freien zu verrichten oder die primitiven Abortgruben zu benutzen. Das mutete mich ganz ,, sibirisch" an. Ende 1944 landete Ravensbrück so langsam auf dem Niveau von Karaganda. Lille, Anicka und ich wohnten im ,, Industriehof" in einer Koje in der zweiten Etage am Fenster. Man konnte nicht aufrecht sitzen, sondern kauerte gebückt in seiner Höhle. Dort saßen wir und schliefen, plauderten am Abend und verbrachten unsere freien Tage, wenn wir nicht auf Besuch ins ,, alte" Lager gingen. Wir drei gehörten zusammen, bildeten eine Familie und teilten unsere Freuden und Sorgen. Unsere gemeinsamen Freunde empfingen wir am Abend oder Sonntags in der ,, Koje". Da saßen dann die Norwegerinnen Margarete und Birgit, die Deutschen Lotte und Maria, Inka, die Tschechin, und Couri und Danielle, unsere französischen Kameradinnen. Es war eine Vielzahl von Nationalitäten und ein Gewirr von Sprachen. 92 In der Schneiderei I avancierte ich eines Tages, ohne jegliche Fürsprache Maria Wiedmeiers, zur Arbeit in der Schreibstube. Ich teilte das Büro mit der Holländerin Ilse Heckster und hatte eine Kartei über alle in der Schneiderei arbeitenden Häftlinge zu führen. Die Erkrankten mit Innendienst und Bettkarten mußten von den Blockältesten gemeldet und von mir in die Kartothek eingetragen werden. Das war eine leichte Arbeit, aber wie sich in Kürze herausstellte, nicht ohne Gefahren, und beinahe wäre ich erneut im Bunker gelandet. Mir waren aus eigener Erfahrung die Qualen der Arbeit am Band" nur zu gut vertraut, und bei elfstündiger Arbeitszeit wuchs die Zahl der erlaubten" Kranken von Woche zu Woche. Aber wieviele hatten nicht das Glück, Fieber zu haben und eine Innendienstkarte zu bekommen. Wenn dann nach der Arbeitszeit eine zu mir kam und bettelte, ich solle sie doch unter die Kranken schreiben, tat ich das. So hatte ich nach geraumer Zeit gegen fünfundzwanzig illegale Kranke. Eines Tages erklärte mir Oberscharführer Graf, mein Vorgesetzter, der SS- Arzt Treite verlange sofort eine Liste aller Kranken der Schneidereien, um eine Kontrolle durchzuführen. Mir brach der Angstschweiß aus. In aller Eile wurde eine Liste hergestellt, und für die Kranken ohne ,, Innendienstkarten" und mich gab es nur eine Rettung, nämlich Emmi Görlich, die Sekretärin Treites, in meine Notlage einzuweihen und ihre Hilfe zu erbitten. Ich lief mit der Liste ins Krankenrevier zu Emmi, einem politischen Häftling, die diese Kontrolle vornahm. Mit sichtlichem Unwillen nahm sie meine dringliche Aufforderung entgegen, die Liste zu fälschen, gab dann aber ein vages Versprechen:„ Ich werde sehen, was sich machen läßt!" Ich zweifelte keinen 265 95 Augenblick daran, daß sie, der die Zustände in der Schneiderei bekannt waren, uns helfen würde. Nach zwei Tagen rief mich Graf mit erhobener Stimme: ,, Hier, sehen Sie einmal die Schweinerei an! Fünfundzwanzig Häftlinge ohne Innendienst- oder Bettkarten! Bringen Sie sofort die Weiber her!" In meinem Entsetzen fand ich den Mut der Verzweiflung: Herr Graf, das Revier muß sich geirrt haben, wahrscheinlich ist bei der Überarbeit deren Kartei in Unordnung. Lassen Sie mich sofort mit der Liste ins Revier laufen und die Sache nachkontrollieren!" Er schrie noch etwas von: ,, Hier steht ja Dr. Treites Unterschrift, dann muß es doch stimmen!" Aber schon war ich mit dem Zettel auf und davon, um Emmi Görlich zu erwischen. Als ich sie zur Rede stellte, antwortete sie achselzuckend:„ Ich sehe nicht ein, weshalb ich Euch decken soll, ich muẞ ja auch arbeiten!" Von den fünfundzwanzig konnte ich fünfzehn schützen, da sie anständige Blockälteste hatten, die sich bereit erklärten, zu sagen, sie wären erst jetzt wieder gesund geworden. Aber die übrigen zehn wurden von Graf furchtbar geprügelt und erhielten eine Meldung. Merkwürdigerweise kam dieses Vieh nicht auf den Gedanken, daß alle mit meinem Einverständnis fortgeblieben waren. * Im Herbst 1944 bekam ich die echte Lagerfurunkulose, die beinahe tödlich endete. Den Sanitätsdienst des ,, Industrieho fes" versah eine junge tschechische Medizinstudentin, und da ich sie als eine gläubige Kommunistin kannte, ging ich erst, durch Schmerzen getrieben, nach langer Überwindung zu ihr, um mich verbinden zu lassen. Wir hatten bis dahin nie ein Wort gewechselt. Für Inka war ich eine Trotzkistin das hatte man ihr gesagt also das Verachtungswürdigste unter der Sonne. - Ich stand in langer Schlange mit den anderen Kranken im engen Gang zwischen den Kojenreihen, wo Inka auf einem Holzschemel ihren Verbandsstoff, Salben und Desinfektionsmittel ausbreitete und nun eine nach der anderen verarztete. Sie war zu bewundern mit ihrem unermüdlichen Eifer und der nie versagenden Freundlichkeit. Sie strahlte so viel gesundes Leben und Sicherheit aus, daß es einem bei ihrem Anblick ganz wohl werden konnte. Die Furunkel waren hartnäckig und die Besuche bei Inka regelmäßig. Einmal begann sie, halb im Scherz, mich politisch zu attackieren. Meine Antwort weiß ich nicht mehr. Dann aber wünschte sie lachend ein Gespräch und bat, einige aufklärende Fragen stellen zu dürfen. Wir gingen am Abend zwischen den Baracken hin und her, und sie hörte nun aus meinem Mund die Geschichte der Trotzkistin". Inka hatte trotz ihrer Jugend und kommunistischen Gläubigkeit den Mut zur Objektivität. Sie wagte, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Sie nahm nicht hin, was man ihr als unumstößliche Wahrheit und Glaubenssatz aufoktroyieren wollte. Vielleicht waren es nur die besonderen Umstände 25 266 des Konzentrationslagers, die es zu einem Aufbegehren dieses jungen Menschen gegen das Diktat der tschechischen Parteiobrigkeit von Ravensbrück kommen ließen und die dazu führten, daß sich Inka immer lebhafter für mich interessierte. Mit ausgeprägtem Gerechtigkeitsgefühl und tief eingeborenem Wunsch nach demokratischer Entscheidung war sie entschlossen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden, selbst zu prüfen, wer Freund oder Feind sei. Unsere Gespräche wurden immer häufiger und ernsthafter. Bald verging kaum ein Abend, an dem wir nicht miteinander diskutierten. Inka und ich wurden Freunde. Mein Zustand verschlechterte sich, und Inka half, wo sie nur konnte. Die Freundschaft mit mir blieb den tschechischen führenden Kommunistinnen nicht unbekannt, und sie begannen Inka zu warnen, als das aber nichts half, ihr sogar zu drohen, daß, wenn sie die Beziehungen zu mir nicht aufgäbe, man zu disziplinarischen Maßnahmen greifen müsse. Inka lachte sie aus. Unter den Frauen der Roten Armee galt als Autorität in allen politischen Fragen die alte Professorin Jewgenia. Sie arbeitete in der Materialbaracke bei Maria Wiedmeier. Inka stand als Kommunistin in engen Beziehungen zu vielen Frauen und Mädchen der Roten Armee und selbstverständlich auch zu Jewgenia, zu der sie bewundernd aufblickte. Ganz im Anfang unserer Freundschaft fragte sie einmal so nebenbei die alte Professorin, ob sie Heinz Neumann kenne oder je etwas von ihm gehört habe. Jewgenia verneinte. Als man Inka. nun aus ,, Wachsamkeitsgründen" immer energischer zur Ordnung rief, wurde sie eines Tages zu Jewgenia zitiert, in der Annahme, daß sie sich vor dieser entscheidenden Parteiinstanz beugen würde. Da wurde ihr zur größten Verwunderung u. a. mitgeteilt, daß mein Mann, Heinz Neumann, ein furchtbarer Verbrecher gewesen sei, der im Wolgagebiet Fabriken in die Luft gesprengt und dadurch das Leben Hunderter russischer Arbeiter auf dem Gewissen habe. Da ließ es sich Inka nicht nehmen, die alte Jewgenia daran zu erinnern, daß sie ja vor kaum einem Monat einen Heinz Neumann weder gekannt noch irgend etwas von ihm gehört habe. Im Januar 1945 bekam ich durch die Furunkulose eine Blutvergiftung, und ohne Inkas Hilfe wäre ich wohl kam am Leben geblieben. Sie setzte meine Aufnahme ins Krankenrevier durch und behandelte mich mit gestohlenem Prontosil. Ich lag im ,, Sterbestübchen", und Inka verschwendete ihre ganze Fürsorge und Zuneigung, um mich wieder gesund zu machen. Die tschechische Parteiführung in Ravensbrück beschloẞ, Inka wegen der Freundschaft mit der„ Trotzkistin" Grete Buber aus der Kommunistischen Partei der CSR auszustoßen. Man machte außerdem den Versuch, einer Reihe anderer junger tschechischer Kommunistinnen den weiteren Verkehr mit Inka zu verbieten. .267 Ende Januar 1945 erfuhren wir, daß Gestapomann Ramdor durch die SS verhaftet worden sei. Entweder hatte der Kommandant Suhren ihn ,, hochgehen" lassen, weil er sich durch die Gestapo nicht länger in die Angelegenheiten des KZ hineinregieren lassen wollte, oder weil er Ramdors Kontrolle seiner eigenen Korruptionsgeschichten wegen fürchtete. Wie dem auch gewesen sein mag, wir waren wie von einem Alpdruck befreit, und ein befriedigtes Aufatmen ging durch das Lager. In der Zukunft sollte ich Ramdor noch einmal begegnen. Fast einen Monat nach meiner Freilassung aus dem Lager, am 19. Mai 1945, stand ich in der Schlange vor einem Brotladen in Boizenburg an der Elbe. Zufällig blickte ich auf und bemerkte den Rücken eines vorübergehenden Mannes in Zivilkleidung, ohne Mütze, mit einem Einkaufsnetz in der Hand. Das Blut schoß mir zum Herzen, als ich über dem Rockkragen den Nacken und hinterkopflosen Schädel Ramdors zu erkennen meinte. Was sich dann ereignete, geschah ohne Überlegung, ich handelte unter einem Zwang. Ich folgte dem langsam gehenden Mann. Er bog in die Hauptstraße ein. Ich suchte erregt nach einem amerikanischen Soldaten, denn ich konnte mich doch diesem Menschen, den ich für Ramdor hielt, nicht nähern, ihn am Arm packen und verhaften, ohne erwarten zu müssen, daß er mich augenblicklich zu Boden schlüge. Die Straße schien nicht enden zu wollen. Da bog der Mann nach rechts in eine Seitenstraße ein, es hatte den Anschein, als wolle er in einem Haus verschwinden. Links war hinter Stacheldrahtverhau das Hafenamt von Boizenburg, und auf dem Hof patrouillierte ein amerikanischer Posten. Ich übersprang den Stacheldraht, stürzte auf den Posten zu, wies mit der Hand in die Richtung, wo Ramdor stand und brüllte etwas wie: ,, Dort ist ein Gestapomann, verhaften Sie ihn! Ich komme aus einem Konzentrationslager!" Der Soldat legte sein Gewehr auf die Erde und lief hinter dem fliehenden Ramdor her. Zur gleichen Zeit sah ich vier andere Soldaten rennen. Nach einer langen Weile vielleicht waren es nur Minuten kamen - - die fünf, zwischen sich einen Zivilisten, über den Platz auf mich zu. Als ich das Gesicht des Verhafteten sah, entsetzte ich mich. Es schien gar nicht Ramdor zu sein. Auf meine Frage: ,, Sind Sie Ramdor?" antwortete der Mann: ,, Jawohl!" - * Das Lager Auschwitz wurde beim Herannahen der russischen Front evakuiert und alle Häftlinge nach dem Westen getrieben. Als die Tausende Frauen Ravensbrück erreichten, waren ihre Gesichter vor Hunger und Durst vertiert. Sie schrien und bettelten um Wasser. Tagelang hatten sie keinen Tropfen erhalten. Die Küchenhäftlinge erbaten die Erlaubnis, den Dürstenden Kaffee zu bringen. Es geschah, aber Hunderte stürzten sich über die Kübel, schlugen sich gegenseitig zu Boden, und der Kaffee floß auf die Erde. Erst die prügelnde Lagerpolizei und ein 268 Heer von Aufseherinnen machten es möglich, das Getränk an die Verdurstenden zu verteilen. Die Auschwitzer Häftlinge brachten ihren eigenen Lebensstil mit. Den hatte das Vernichtungslager geprägt: Koste es, was es wolle, aber rette dein Leben! Sie waren brutal in Aussehen und Manieren. In der ersten Zeit konnte man jede Auschwitzerin auf der Lagerstraße erkennen. Bald nach deren Ankunft lief ein Gerücht durch Ravensbrück, daß alle alten und arbeitsunfähigen Häftlinge nach Mittweida in ein Lager für leichte Arbeit kämen. Schon mußte ein Block antreten, und ein angeblicher Arzt mit Namen Winkelmann, von dem die Auschwitzer munkelten, er habe bei ihnen Häftlinge fürs Gas ausgesucht, ließ die Frauen an sich vorbeidefilieren. Mit dem Daumen verwies er die einen nach rechts, die anderen nach links. Die Linken durften in die Baracke abtreten, die Rechten aber sollten nach Mittweida abtransportiert werden. Die Lastautos mit den Frauen fuhren davon. Zur gleichen Zeit wählte man einige Politische für neue Blockältestenposten aus. Die kamen in das sogenannte„ Jugendlager Uckermark", das hinter dem ,, Industriehof", jenseits der Ravensbrücker Mauer lag und früher jugendlichen Häftlingen Unterkunft geboten hatte. Dort trafen sie die ,, Mittweidaer" wieder. Durch die neuen Blockältesten erfuhren wir so nach und nach von den himmelschreienden Bedingungen, unter denen die Alten und Schwachen dort vegetierten. Man hatte geglaubt, Ravensbrück wäre schon das furchtbarste, aber weit gefehlt. Noch weniger Nahrung, stundenlange Appelle, keine Mäntel, keine ärztliche Hilfe so sah ,, Mittweida" aus. - Im Laufe des Jahres 1944 hatte man einen zweiten Krematoriumsofen hinter dem ,, Bunker" erbaut. Der schwarze, stinkende Rauch aus beiden Schornsteinen wurde uns eine Selbstverständlichkeit, und Witze, wie: ,, Seht mal, da fliegt die Lina davon!" oder die giftige Bemerkung: ,, Du gehst auch nur durch den Kamin nach Hause!" kennzeichneten die Einstellung der Häftlinge zum Sterben. Einige Tage nach dem Abtransport der ,, Mittweidaer" holte mich Anicka während der Nachtschicht erregt vom Bürotisch und bat, ich solle nur mal einen Moment hinausblicken. Da stand über dem Zellenbau eine hohe Feuersäule. Ich begriff nicht gleich, was da brennen könne. Dann fiel mir das Krematorium ein. ,, Aber hatten wir denn so viele Tote in den letzten beiden Tagen?" ,, Ist eine neue Typhusepidemie ausgebrochen?" Wir ahnten etwas Grauenvolles, aber keiner wußte es genau. Erst eine Blockälteste aus dem Jugendlager sagte uns alles. Wiederum seien Lastautos gekommen. Es mußten sofort vierzig Frauen aussortiert werden, denen die Aufseherinnen mit einem Kopierstift die Häftlingsnummer hatten auf den Unterarm schreiben wollen. Darauf seien die Frauen in Panik verfallen, hätten mit Händen und Füßen um sich geschlagen und sich geweigert, das Lastauto zu besteigen. Erst ein spezielles Kommando - 269° männlicher SS brachte sie mit Gewalt auf die Wagen, die dann die Lagermauer umfuhren bis zum Krematorium. Bis heute weiß ich nicht genau, gab es hinter dem Zellenbau eine Gaskammer oder hat man die Hunderte Frauen durch Abgase gleich in den geschlossenen Autos erstickt. Man erzählte, daß es einer vierzigjährigen Polin in der Dämmerung gelang, beim Abladen der Frauen vor dem Krematorium zu entfliehen. Sie versteckte sich dann während der Nacht bei der„ ,, Kläranlage" von Ravensbrück und wurde am nächsten Morgen von einem SS- Mann gefangen und ins Lager geführt. Unter Prügel gestand sie, vom ,, Jugendlager" zu kommen. Sie wurde dorthin zurückgebracht. Man isolierte sie von den anderen, um sie beim nächsten Transport gleich wieder aufs Vergasungsauto zu laden. Aber sie schrie, daß es weithin schallte: ,, Glaubt ja nicht, ihr kämt nach Mittweida! Ins Gas und zum Krematorium bringt man uns!" - So wie früher die Rauchfahnen, gehörten im Winter 1944/45 die Feuersäulen aus den Schornsteinen hinterm Zellenbau zur Silhouette von Ravensbrück. Jede Frau über fünfzig, jede Grauhaarige, jede, die nur eine Grippe gehabt hatte, alle, die den Typhus glücklich überlebten, aber nun abgemagert und noch arbeitsunfähig waren, zitterten vor den Selektionen des Dr. Winkelmann. Sie behaupteten, er blicke nur auf Haare und Gesicht und träfe danach seine Entscheidung über Leben und Tod. Die Frauen mit grauen oder gar weißen Haaren begannen sich zu färben. Sie rührten den Ruß aus dem Ofen mit etwas Wasser an und schmierten die Haare schwarz. Aber schon die nächste Erfahrung zeigte, daẞ Winkelmann nicht den Kopf beurteilte, sondern lediglich die Beine. Die blieben aber mager und an den Knöcheln verschwollen, dagegen gab es kein Mittel. Die einzige Rettung war, sofort in einen Betrieb oder eine Kolonne aufgenommen zu werden, denn die Wahl galt vor allem den ,, Verfügbaren". Eines Vormittags räumte die Polizei die Lagerstraße. Da ich in der Schreibstube der Schneiderei arbeitete, entging mir diese Maßnahme und ganz unvorbereitet trat ich aus der Tür des Betriebes, um zum Block zu Jaufen. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, so als ob Fliegeralarm wäre. Aber jenseits des Tors, auf der Mitte der Lagerstraße, in Richtung zum ,, Industriehof" bewegte sich langsam eine große Kolonne von Frauen. Ahnungslos stand ich und wartete auf diesen merkwürdigen Zug. Sie durchschritten das Tor vom„ ,, alten" Lager her. Immer fünf hatten einander untergefaßt. Da brüllte irgendwo ein Häftlingspolizist: ,, Mach, daß du von der Lagerstraße wegkommst!!" und ich sprang zur nächsten Baracke, lehnte mich gegen die Wand und starrte fasziniert und entsetzt auf diesen Todeszug. Zwei Aufseherinnen mit Lederriemen in den Händen schlugen auf die Frauen ein, damit sie schneller gehen sollten. Aber sie setzten bedächtig einen Fuß vor den anderen. In der ersten Reihe hatten alle die gleiche Kopfhaltung; sie schienen mit un270 bewegten Gesichtern in den Himmel zu blicken, aber die Augen waren völlig ausdruckslos. Ich beugte mich vor, um sie besser sehen zu können, da erspähte mich eine der Aufseherinnen: ,, Was machen Sie da, Sie unverschämtes Weib! Sie kommen noch früh genug an die Reihe! Morgen werden Sie dran sein!!" Und sie drohte mir mit dem Lederriemen. - Als ich in die Schneiderei zurückkehrte, stand Oberscharführer Graf im Büro. Ich sagte zu ihm: ,, Haben Sie diese Kolonne gesehen?! Die werden ins Gas geführt! Und die Aufseherin sagte zu mir, daß ich morgen auch drankäme!"- Graf tat zuerst, als verstehe er nicht. Dann aber, bei näherer Erläuterung, ereiferte er sich und brach los: ,, Was, die wollen es wagen, meine Häftlinge zu vergasen! Da habe ich ja auch noch ein Wort mitzureden! Aus der Schneiderei kommt mir keiner weg!" und er schmiß mit einem Knall die Tür hinter sich zu. * Im letzten Jahr von Ravensbrück wurden im Lager viele Kinder geboren. Im Krankenrevier amtierte eine tüchtige Hebamme, und als die Geburten immer zahlreicher wurden, richtete man sogar eine Baracke für die Schwangeren und Neugeborenen ein. Es gab Tage, an denen fünf Kinder das Licht der Welt erblickten. Eine junge Tschechin, Eliska, meldete sich freiwillig zur Arbeit in der Säuglingsbaracke. Sie sammelte Stoffetzen für Windeln und Hemdchen, und der Gedanke, daß nun die Neugeborenen in Ravensbrück am Leben bleiben dürften, begeisterte uns alle. Aber für die Säuglinge des Konzentrationslagers lieferte man keine Milch und die unterernährten Mütter konnten sie nicht stillen. Man reichte den Babys irgendeine Suppe mit Zutaten aus den Rote- KreuzPaketen. Kaum einer dieser neugeborenen Häftlinge lebte länger als drei Monate. Da lagen sie in langer Reihe auf zusammengeschobenen Pritschen, mit schrumpligen Gesichtern wie kleine Greise, und Eliska erklärte nach einigen Wochen, daß sie aus dieser grauenvollen Baracke fort müsse, um nicht den Verstand zu verlieren, denn ihre Arbeit bestände lediglich im Zusehen, wie die Säuglinge langsam sterben und im Fortschaffen der kleinen Leichen: an manchen Tagen bis zu sieben. * Sonntags gingen wir oft ins ,, alte" Lager zu Besuch. Die Baracke unserer französischen Freunde war so überfüllt, daß man sich nur schwer durch das Gewimmel winden konnte, deshalb kletterten Lille, Anicka und ich durchs hinterste Fenster des Schlafsaals hinauf zum dritten Stock, wo Couri und Danielle ihren Strohsack hatten und uns erwarteten. Zu fünft hockten wir dann unterm Dach und sprachen über die Zukunft oder ließen uns von Couri, die eigentlich Germaine hieß, Geschichten erzählen aus den Jahren, die sie als Ethnologin unter einem Nomaden271 stamm Nordafrikas verbracht hatte. Couri und Danielle waren NN Häftlinge. Lange wußte man im Lager nicht, was diese Bezeichnung zu bedeuten habe, und auch nicht, welches Schicksal man diesen Frauen zugedacht hatte, denn die NN- Häftlinge durften weder Post erhalten. noch Briefe schreiben und auch keine Pakete empfangen. Später erfuhren wir, daß mit ,, NN" alle die durch den Nacht- und- Nebel- Befehl" der Gestapo Verhafteten bezeichnet wurden, und wir fürchteten, die Gestapo beabsichtige, sie zu liquidieren. Couri hatte in Ravensbrück ihre siebzigjährige Mutter, die zwar gesünder und kräftiger als die Tochter war, aber doch wegen ihres Alters in ständiger Gefahr schwebte. 99 Anfang 1945 hieß es eines Tages, sämtliche NN- Häftlinge, alle Jüdinnen mit Kindern und alle Zigeunerinnen mit Kindern gehen auf Transport nach Mauthausen! Wir zweifelten keinen Augenblick, daß ,, Mauthausen" Gas bedeutete; Couri und Danielle mußten gerettet werden. Der Transport verließ Ravensbrück, aber nicht nur beiden Freundinnen gelang es, sich zu verstecken, eine ganze Anzahl anderer hatten das gleiche getan. Jetzt bestand die große Gefahr, daß die SS alle verborgenen NN- Häftlinge mit Gewalt zusammentreiben würde. - unseren Eines Sonntags, Ende Januar ich lag damals im ,, Sterbestübchen" des Krankenreviers wurde das Fenster, das zur Lagerstraße führte, von außen aufgestoßen. Anicka und Lille beugten sich herein und teilten mir erregt mit, daß gleich ein„, Generalappell" stattfinden werde und man unbedingt Couri und Danielle verstecken müsse, denn sicher suche man jetzt nach den NN- Häftlingen. Ich schlug vor, man solle die kleine, dünne Couri sofort ins Revier schmuggeln, damit ich sie unter meiner Bettdecke verbergen könnte. Es gelang, Couri hereinzubringen, sie stieg in mein Bett, das im zweiten Stock lag, krabbelte unter die Decke und machte sich so dünn, wie es nur ging. Vorläufig durfte der Kopf noch herausblicken, erst im Moment der Gefahr hatte sie ganz zu verschwinden. Ein Glück war, daß im ,, Sterbestübchen" nur zwei Betten standen. Unter mir lag eine totkranke Frau, deren Interesse für die Umwelt bereits erloschen war. Couri flüsterte mir zu, daß Danielle in den Dachstuhl einer Baracke, in den sogenannten vierten Stock, gekrochen sei, um dort den ,, Generalappell" zu überdauern. - Wir waren guter Dinge, hörten, wie draußen die Sirene ging und die Häftlinge antraten und vernahmen das vertraute Gekeife der Blockältesten. Bei einem„ Generalappell" durfte niemand, auch die mit ,, Innendienstkarten" nicht, in der Baracke bleiben, und das Krankenrevier sowie die Krankenblocks wurden genau kontrolliert. Aber unter einer Bettdecke würde man schon nicht nachsehen. So hatten wir keinen Grund zur Besorgnis. Es dauerte mindestens schon eine Stunde. Couri wurde es heiß und heißer. Wir hörten auf der Lagerstraße Geräusche 272 99 - 99 von an- und abfahrenden Lastautos, notierten es aber als nichts Merkwürdiges. Plötzlich näherten sich dem„ ,, Sterbestübchen", das am Ende des Korridors lag, Schritte knarrender Stiefel. Ich stieß Couri unter die Decke und legte mich halb auf sie. Die Tür wurde geöffnet und drei Uniformierte traten ein: SS- Arzt Treite, Dr. Trommel und Dr. Winkelmann. Ihre Köpfe waren in der Höhe meiner Bettdecke. Man fragte: Wieviel Kranke sind in diesem Raum?" Ich antwortete mit fiebrigem Gesicht und schwankender Stimme:„ Zwei." Was fehlt Ihnen?" war die nächste Frage. ,, Sepsis", preßte ich hervor und verlor beinahe das Gleichgewicht, denn ich stützte mich krampfhaft auf eine Hand, um höher zu liegen und Couri zu verdecken. Die drei blickten auf die unter mir Liegende und machten kehrt, um das ,, Sterbestübchen" zu verlassen. Ich befreite die nach Atem ringende Couri, und wir lachten gemeinsam, erlöst und gerettet. Dann heulte die Sirene zum Ende des Generalappells, wir überlegten schon, wie Couri am besten das Revier unbemerkt verlassen könnte, als wieder von außen das Fenster geöffnet wurde. Diesmal stand dort Danielle, leichenblaß und rief fast schreiend: ,, Couri, Couri, sie vergasen deine Mutter!!" Germaine sprang herunter vom Bett, und in ihrem Schmerz stieß sie Laute aus wie ein verwundetes Tier und schluchzte: ,, Wie konnte ich denn nur an meine eigene Rettung denken und meine Mutter vergessen?!" Couri hatte kaum die Kraft, zum Fenster des„ Sterbestübchens" hinauszusteigen. Ganz kurz danach kam Lille und teilte mir mit, daß Anickas Freundin, Milena Fischerova, die im Block der Lungenkranken gelegen hatte, während des„ Generalappells", zusammen mit vielen anderen Tuberkulosen, aus den Betten gerissen and im Hemd auf ein Lastauto geworfen worden sei, noch lebend schon wie Leichen übereinander, und fortgeschafft wurde zum Vergasen. Anicka war zerbrochen und wir alle am Rande der Verzweiflung. * Im letzten Lagerhalbjahr nahm die Intensität der Diskussionen und die Aktivität unter den Politischen, besser gesagt, unter den kommunistischen Häftlingen des Lagers, merklich zu. Sonderbar war die Stellung der deutschen Kommunistinnen in Ravensbrück. Die große Menge der unpolitischen Häftlinge aller Nationen setzten alles Deutsche im Lager gleich mit SS. Man haßte die SS und ebenso den deutschen Häftling. Das Gros der Kommunistinnen der verschiedenen Nationen aber lehnte ihre deutschen ,, Genossinnen" ebenfalls ab und erfand für ihre nationalistische Einstellung eine politische Erklärung: die deutsche Kommunistische Partei kann nicht gleichberechtigt sein, da es ihr nicht gelang, Hitlers Machtantritt durch eine Revolution zu verhindern und sie dann während der zwölf Jahre nicht fähig war, den Nationalsozialismus zu stürzen. Mit Begeisterung nahmen sie die Losung von der Schuld des ganzen deutschen 18 Buber: Gefangene. 273 Volkes auf, und die deutschen Kommunistinnen wagten nicht, sich zu verteidigen. Keine warf die Frage auf: ,, Wer kämpfte denn zuerst gegen Hitler? Wieviel Tausende deutscher Politischer ließen ihr Leben im Zuchthaus und Konzentrationslager, als noch, Genosse Stalin Hitler eines Freundschaftspaktes für würdig hielt und ihm sogar deutsche Politische trotz des angeblichen Asylrechtes in der Sowjetunion auslieferte?!" Keiner machte darauf aufmerksam, daß die Marxisten auf einmal von Völkern sprachen und nicht mehr von Klassen. 92 * Die deutsche Armee schleppte bei ihrem Rückzug alles nur Erdenkliche an Beuteware" mit. Allein im ,, Industriehof" waren mehrere Vorratsbaracken bis an die Decke damit angefüllt. Trotzdem wurde der Mangel an Maschinenteilen, Nähnadeln und Faden in der Schneiderei immer fühlbarer. Aber das hinderte die SS nicht, das Pensum erzwingen zu wollen. Es ging zum Frühjahr, und die Häftlinge im ,, Industriehof" nähten SS- Winteruniformen für das Jahr 1945/46!! Die Russen standen an der Oder, aber in Ravensbrück baute man an einer neuen, stabilen Fabrikhalle. Schon Ende Januar begann der Starkstrom zeitweise zu versagen. Während der Arbeitszeit erstarben plötzlich die Motoren, und eine beängstigende Stille lag über der großen Fabrik halle. In immer kürzeren Intervallen blieb der Strom weg, und durch die Tage und Nächte, ohne Unterbrechung, ohne jeglichen Widerstand, zogen die Bombengeschwader über den Himmel von Ravensbrück in Richtung auf Berlin. Nicht mehr die Lagersirene bestimmte den Rhythmus unseres Häftlingsdaseins, jetzt gab es höhere Gewalten. So greifbar nahe schon das Ende schien, immer noch schlugen die Flammen aus den Krematoriumschornsteinen, und Winkelmann traf seine Wahl. Je näher die Fronten heranrückten und je sichtbarer der Zusammenbruch der Hitler- Armee wurde, um so häufiger beschäftigte die Häftlinge die Frage: Wie wird das Ende des Konzentrationslagers sein? Wird die SS ihre Drohung wahrmachen und alle Politischen niederschießen? Von einem östlichen Lager erfuhren wir, daß die SS einfach davongelaufen sei, als die Russen kamen. So etwas konnte man also auch erhoffen. Mit Staunen beobachtete ich viele Frauen, die emsig begannen, sich auf die Freiheit vorzubereiten. Sie trugen Stoffe und Kleidungsstücke zusammen, die sie den SS- Vorräten entnahmen. Zum begehrtesten Artikel wurde ein Rucksack. Mir war der heftige Wunsch nach Freiheit verloren gegangen. Als Milena noch lebte, bedeutete Freiheit, mit ihr zusammen die erste Stadt wieder erleben, den ersten Wald gemeinsam betreten und dann in einem neuen Leben mit vereinten Kräften unser Buch über die Konzentrationslager zweier Diktaturen zu schreiben. Durch Milenas Tod war das, was sich da Freiheit nannte, nur noch ein schwacher Abglanz des einmal Erträumten. Angst quälte mich. Was wird geschehen, wenn 274 die Russen Ravensbrück vor den Amerikanern oder Engländern erreichen? Eine Denunziation der Stalinistinnen war mir gewiß. Es gab nur eine Rettung, vorher aus dem Lager zu fliehen. Einige Polinnen kannten mein Schicksal und auch die Gefahr, in der ich schwebte. Sie teilten mir mit, daß ich im entscheidenden Moment auf ihre Hilfe rechnen könne, daß sie bereits feste Pläne hätten. * Inka kam strahlend in die Schreibstube gesprungen, und ohne viel zu fragen, nahm sie mich bei der Hand, sprudelte irgend etwas wie: ,, Das mußt du gesehen haben!" Und zog mich mit hinaus auf die Straße durchs Tor zum alten Lager. Ein unausdenkliches Wunder! Über die Lagerstraße fuhren langsam und gravitätisch mehrere große, schneeweiße Autobusse des schwedischen Roten Kreuzes. Vor Staunen und Freude fehlten uns die Worte. Die Autobusse waren beladen mit Paketen, die bei den Effektenbaracken auf einen großen Haufen abgeladen wurden. Wir hatten nur eine Deutung: Der Krieg ist aus! Hitler besiegt! Das Internationale Rote Kreuz hat das Lager übernommen! Aber die Autobusse verließen wieder das Lager, und in der folgenden Nacht kam SS mit zwei Lastautos und stahl einen Teil der Pakete. Und doch lagen da so viele, daß jeder Häftling bedacht wurde. Die Lagerobrigkeit erklärte, eine Kommission von Häftlingen werde diese Pakete verteilen, es würde alles darin ausgegeben, nur nicht die Zigaretten. Wir trauten unseren Ohren nicht! Dann traten die Frauen einer Baracke nach der anderen an und jede bekam ein Paket. Manche konnten vor Gier nicht bis zu ihrem Block kommen, sie setzten sich gleich am Straßenrand nieder und begannen von den Schätzen zu essen. Sie zeigten eine der anderen diese Herrlichkeiten in den Büchsen, das ganze Lager wurde von einer bacchantischen Freude erfaßt. Die Lagerordnung war über den Haufen geworfen. Zwischen den Baracken im Industriehof" schürten sich die Frauen im Sand kleine Feuer und wärmten die leckeren Konserven. In den Krankenblocks lag auf jedem Bett ein Paket, und die Totkranken blickten mit verklärten Gesichtern auf die Herrlichkeiten, doch für unzählige kamen sie zu spät, und bei vielen beschleunigten sie das Ende. Das nächste unglaubliche Ereignis war der Abtransport von dreihundert Französinnen durch das Internationale Rote Kreuz. Eine Sprecherin der französischen Häftlinge erklärte der SS, daß sie sich weigerten zu gehen, wenn nicht sofort alle Französinnen aus dem Jugendlager geholt würden, denn diese hätten den Vorrang. Und die SS gab nach. So kamen viele der zum Tode Bestimmten mit dem ersten Transport des Internationalen Roten Kreuzes in die Freiheit. Schon sprach man von einem nächsten Franzosentransport. Couri und Danielle rüsteten sich. Ich schrieb durch Stunden alle wichtigen 18* 275 Lagerereignisse und alle Verbrechen, an die ich mich erinnerte, nieder und übergab sie Couri. * In den erregten Tagen des Wartens setzte im ,, Industriehof" wieder, wie schon so oft, der Strom aus. Sonst mußten die Frauen im Betrieb bleiben und oft stundenlang sitzen, bis die Stromstörung behoben war, diesmal aber trat Graf aus dem Dienstzimmer und rief: ,, Macht, daß ihr auf die Blocks kommt!" Mit einem Jubelschrei stürzten die Frauen aus den Betrieben. Jeder ahnte, jetzt war es endgültig vorbei mit der Sklavenarbeit in Ravensbrück. Nach einigen Tagen Freizeit kehrten auch die Häftlinge von Siemens ins alte Lager zurück, und wir feierten Wiedersehen mit unseren Freundinnen Lotte und Maria. Jetzt hatten wir so unendlich viel Zeit. Wir sangen und rauchten die von der SS zurückgestohlenen Zigaretten aus den Rote- Kreuz- Paketen, und das Lager war von Hoffnung auf Freiheit erfüllt. Es kam ein Sonnabend im März, als man alle Norwegerinnen mit Sachen nach ,, vorn" beorderte. Die vom ,, Industriehof" zogen über die Lagerstraße, und Hunderte Frauen gaben ihnen strahlend das Geleit. Erst vorn beim Lagerplatz drängte uns die Polizei zurück, aber sie hatte keine Macht mehr, die Lagerstraße zu säubern. Eine dichte Mauer von Häftlingen umstand den Platz, wo sich alle Norwegerinnen sammelten und rief und winkte zum Abschied. Das war die erste Freudendemonstration in Ravensbrück. Unsere Lille hatte vor Erregung und Abschiedsschmerz ein leichenblasses Gesicht, in dem sich Freude und Sorgen stritten, denn sie fürchtete um uns Zurückbleibende. Anicka und mir war es auch nicht leicht ums Herz. Wann würde man sich je im Leben wiedersehen? Und ob es noch einmal ein so vertrautes Zueinandergehören geben würde wie im Konzentrationslager Ravensbrück? 24. FREIGELASSEN - AUF DER FLUCHT VOR DEN RUSSEN Seit Januar 1945 erhielten wir keine Post mehr. Zeitungen wurden immer seltener, und über die Lage auf den Kriegsschauplätzen bekamen wir, seitdem die Arbeit ruhte, nur noch vage Gerüchte zu hören. Danach verlief Anfang April die Westfront an der Elbe, die Ostfront an der Oder und im Süden wurden Orte genannt, die nicht weit von Berlin sein konnten. Man erzählte sich, daß die SS- Mannschaften zur Flucht rüsteten. Ebenso wie wir, statteten sie sich mit Rucksäcken aus, und genau so wie manche Häftlinge begannen die Graf, Binder und Konsorten die letzte Möglichkeit zu benutzen, sich durch Diebstahl zu bereichern. Alles, was an wertvollen Stoffen im„ Industriehof" aufgestapelt war, trugen sie heimlich davon. Manche von uns wollten wissen, daß vor dem Heran276 nahen der Front sämtliche Betriebe des ,, Industriehofes" in die Luft gesprengt würden, und die bange Vorstellung, man könne zum Schluß auch alle eingesperrten Frauen mit umbringen, drängte sich uns auf. Da kam der Befehl, die Baracke 4 des„ ,, Industriehofes", in der wir wohnten, sei sofort zu räumen. Sie lag in einem schmalen Gang zwischen zwei Betrieben, und die offizielle Erklärung zu dieser Maßnahme lautete, ,, die Häftlinge dieses Blocks seien durch dessen Lage neben zwei Betrieben bei eventuellen Bombenangriffen gefährdet". In aller Eile wurde eine Baracke des angrenzenden Männerlagers geräumt und dem ,, Industriehof" einverleibt. Dorthin zogen wir, und es war mehr als komisch, daẞ trotz des sichtbar nahen Endes die Häftlinge leidenschaftlich um Plätze und alle möglichen Vorteile bei der neuen Unterbringung kämpften. Am 18. April 1945 bestellte Oberscharführer Graf Ilse Heckster und mich in die Schneiderei. Wir machten uns unwillig ob der Störung unseres nun schon selbstverständlich gewordenen freien, ungebundenen Lagerlebens auf den Weg, und im Büro empfing uns Graf mit den Worten: ,, Teilen Sie den Häftlingen aller Schneidereien mit, daß ab Montag, den 23. April, alle Betriebe wieder voll arbeiten werden." Das brachte er in dem gewohnten Befehlston vor, so daß wir beide einen Moment betreten schwiegen. Dann meinte Ilse Heckster mit leichtem Spott:„ Herr Graf, da werden wir wohl mit Fußbetrieb arbeiten? Oder wie?" Graf runzelte gereizt die Stirn, antwortete aber doch:„ ,, Nein, bis zum Montag hat Ravensbrück wieder Starkstrom." Da er sich auf eine Antwort einließ, hatten wir bereits gewonnen, und ich fragte weiter: ,, An welches Stromnetz werden wir denn angeschlossen?" ,, An ein nördliches", erwiderte er sicher. Ilse Heckster kribbelte es vor Lust auf mehr interessante Aufschlüsse, und sie ermunterte Graf, indem sie ihre tiefe Befriedigung ausdrückte, daß wir nun endlich wieder an die Arbeit kämen. Graf befand sich in einer derart tiefen moralischen Depression, daß er ihren teilnahmsvollen Worten hingerissen lauschte. Mit veränderter, ganz vertraulicher, geradezu persönlicher Stimme wandte er sich an sagte:„ Eigentlich dürfte ich ja nicht mit Ihnen darüber sprechen, aber ich vertraue auf Ihre Diskretion. Sie müssen nämlich wissen, daß am 20. April, dem Geburtstag des Führers, die neue deutsche Wunderwaffe in Anwendung kommt. Und sie wird mit einem Schlag die Lage auf allen Kriegsschauplätzen zugunsten Deutschlands verändern. Wir werden in Kürze wieder vor Warschau sein und den Westen Deutschlands gesäubert haben!" Ilse und ich hauchten wie aus einem Munde: ,, Das ist aber sehr interessant, Herr Graf." Zusammen gingen wir von dannen, und als wir außer Sehweite waren, tippten wir uns leicht gegen die Stirn und meinten: ,, Armer Irrer!" uns und Am 21. April kam unsere Blockälteste Gilli mit einem Zettel aus der Schreibstube und rief eine ganze Anzahl deutscher und tschechischer 277 Frauen auf, die sofort mit allen Sachen nach vorn kommen müßten. Auch ich war unter ihnen. Ein Gewirr von Stimmen erhob sich: ,, Ihr werdet entlassen!" ,, Ihr kommt in die Freiheit!" Alle Möglichkeiten einer Rettung hatte ich schon durchdacht: die Flucht vor den Russen mit Hilfe der Polen, das Verschwinden in einem Durcheinander, das entstehen würde, nachdem die SS das Weite gesucht hatte, aber der Gedanke an Freilassung war mir nie gekommen. Völlig gelähmt durch diese Glücksbotschaft hockte ich kopfschüttelnd zwischen Anicka und Inka in der Koje, und nach unzähligen Umarmungen und Freudenausbrüchen über diese wunderbare Rettung Anicka und Inka waren viel besorgter um mein Schicksal am Lagerende gewesen, als ich es bis dahin geahnt hatte begannen beide meinen Rucksack zu packen und mich anzuziehen. Da kam Lotte aus dem alten Lager gerannt, um atemlos vor Freude mitzuteilen, daß auch sie unter denen sei, die entlassen würden, Lotte nach neun Jahren, ich nach sieben. - Auf der Lagerstraße stand ein Spalier von winkenden Frauen, und vorn bei der Schreibstubenbaracke warteten in Fünferreihen ungefähr sechzig deutsche und tschechische Häftlinge, alles ,, alte Ravensbrücker", die meist fünf und mehr Jahre in Haft gewesen waren. Wir standen und grüßten immer wieder und wieder die Zurückbleibenden. Wo aber blieb Lotte? In Sorge um sie, bat ich eine Bekannte, zu ihrem Block zu laufen, um nachzufragen. Sie kam zurück und erzählte, daß Lotte, als sie eben vom ,, Industriehof" zurück zu ihrer Baracke rannte, um die Sachen zu packen, von einer Aufseherin erwischt worden sei und trotz eindringlicher Beteuerungen, daß sie entlassen werden sollte, unter Androhung von Prügel und Meldung in eine Kolonne zum Sandschippen gezwungen wurde, ausmarschieren mußte und so ihre eigene Entlassung versäumte. Als man schon begann, unsere Namen aufzurufen, schleppte sich noch eine langsam herbei. Das war Melody. Unter diesem Namen war sie allen alten Ravensbrückern bekannt, den hatte man ihr gegeben, weil sie sehr schön pfeifen konnte und für diese im Lager verbotene Kunst mehrere Male streng bestraft worden war. Melody konnte sich mit Mühe auf den Beinen halten. Unter Aufbietung der letzten Kräfte hatte sie sich bei der Nachricht von ihrer Entlassung vom Bett aufgerafft. Sie bat uns: ,, Nehmt mich in die Mitte, damit keiner merkt, wie krank ich bin. Laẞt mich dort am Boden liegen, bis mein Name gerufen wird. Wenn ich erst in der Freiheit bin, werde ich wieder ganz gesund. Denkt euch doch, ich soll Berlin noch einmal sehen!" Sie lag von uns verdeckt an der Erde, und wirklich, als ihr Name ertönte, stand sie auf und ging mit sicheren Schritten in die Schreibstube. Ich fürchtete sehr, man würde sie wegen Krankheit zurückhalten, aber nein, sie erreichte, ohne zu wanken, ihren Platz zwischen uns und legte sich, erleichtert aufseufzend, ein glückliches Lächeln auf dem schwerkranken Gesicht, hin. 278 Nach der Schreibstube ging es hinaus zum Tor zur„ Politischen Abteilung", und man sollte es kaum für möglich halten - - es war der 21. April 1945 sie gaben uns einen Schein, auf dem geschrieben stand, daß wir entlassen seien und uns binnen drei Tagen bei unserer zuständigen Gestapostelle zu melden hätten. In den gekreuzten Lagerkleidern, ohne Geld, nur mit einer„, Transportverpflegung" von einigen Scheiben Brot, ohne Lebensmittelmarken, marschierten wir in Fünferreihen nach einem letzten heißen Gruß an die Freunde durch so viele Jahre gemeinsamen Leidens, begleitet von der Oberaufseherin Binz, zum Lagertor hinaus in die ersehnte Freiheit. Auf der Straße hinter der Wachstube kommandierte irgend jemand Halt!" Eine fragte die Binz: ,, Frau Oberaufseherin, mein Heimatort liegt am Rhein, da werde ich doch nicht hinkommen, wie soll ich mich denn da bei der Gestapo melden?" Die kategorische Antwort der Binz lautete: ,, Das haben Sie selbst zu entscheiden, von jetzt ab können Sie sich als Flüchtling betrachten!" Und damit machte sie kurz kehrt und wir liefen weiter, so wie wir es nun einmal gewöhnt waren, schweigend in Fünferreihen mitten auf der Straße, vorbei an SS Häusern in der Richtung auf Fürstenberg. Mir kam nicht einmal der Gedanke, daß das nun die Straße der Freiheit sei. Erst nach einer Strecke Weges blieben einige Schwache zurück und anderen schien einzufallen, daß man ja nun wieder ein Mensch sei und auf dem Bürgersteig gehen könne. Als sich eben die Kolonne aufzulösen begann, erscholl eine ans Kommandieren gewöhnte Stimme: ,, Wir können doch unmöglich wie ein Sauhaufen nach Fürstenberg hineinmarschieren! Bleibt mal in Fünferreihen!" Da erwachte die erste freiheitliche Regung, und mit den höhnischen Antworten: ,, Den Ton gewöhne dir mal schleunigst ab, diese Zeiten sind nun vorbei!" begann man den gekrümmten Sklavenrücken zu strecken. - Der Fürstenberger Bahnhof lag gedrängt voller Flüchtlinge und desertierter Soldaten. Dort erfuhren wir, daß die Zugverbindung nach dem Süden unterbrochen sei und die Russen Berlin nördlich umgingen. Man sprach von einem Flüchtlingszug, der am nächsten Morgen Fürstenberg in nördlicher Richtung passieren sollte. Wir sechzig Entlassenen standen unschlüssig in dem Gewühl des Bahnhofs. Niemand befahl uns mehr, keine Sirene hieß uns aufstehen, antreten oder schlafengehen. Nach den Jahren Häftlingsdasein standen wir Entmündigten plötzlich vor eigenen Entscheidungen. Diesem schweren Schritt waren viele nicht gewachsen. Wie ich später erfuhr, machten sich einige in völliger Ratlosigkeit auf den Rückweg nach Ravensbrück. Sie flohen vor der chaotischen Freiheit, die persönliche Initiative verlangte. - Am Fußboden vor dem geschlossenen Fahrkartenschalter lag Melody und erbrach sich.,. Laß man", erwiderte sie auf besorgte Fragen, wenn ich nur bis Berlin komme, wird alles wieder gut!" 99 279 Ich näherte mich einer Gruppe Soldaten und bat um eine Landkarte und ein Stück Papier, dann fragte ich vorsichtig, ob sie wüßten, wo die russische Front verliefe. Sie teilten bereitwillig mit, daß die Russen im Osten an der Oder standen, Berlin aber bereits erreicht hätten und man annehmen müßte, sie gingen in aller Kürze auch an der Oder zur Offensive über. Die Amerikaner und Engländer lägen seit längerer Zeit an der Elbe. Auf meine Frage, ob es noch eine Möglichkeit gäbe, westlich Berlin zwischen beiden Fronten hindurch, die Stadt Potsdam zu erreichen, erwiderten sie, daß theoretisch diese Möglichkeit jetzt noch bestände, aber in einigen Tagen wäre das schon ausgeschlossen. Ich ließ mich beraten, auf welchen Straßen man sich in der Richtung nach Potsdam bewegen müsse. Sie zeichneten mir eine Skizze und schlugen vor, mit dem morgigen Flüchtlingszug bis Neu- Strelitz zu fahren und dann die Landstraße nach dem Südwesten zu benutzen. Ich hoffte, in Potsdam meine Mutter zu finden und mit ihr nach dem Westen in amerikanisch besetztes Gebiet zu fliehen. In der ersten Nacht blieben wir trotz Flieger alarm auf dem Bahnhof liegen. Zu mir trat Emmi Görlich, die auch zu den Entlassenen gehörte. Trotz bitterer Gefühle gegen sie konnte ich nicht ablehnen, als sie so ratlos klagte, daß Helene Kretschmann und sie nicht wüßten, was zu tun sei und bat, sie mitzunehmen. Wir erkämpften uns einen Platz im Flüchtlingszug. Eigentlich geschah dies alles mit halbem Bewußtsein. Im Coupé drängten sich Zivilisten und Soldaten durcheinander. Da saßen auf der Bank mehrere junge Männer, die so seltsam unbeweglich vor sich hinstarrten. Nach einer Weile wußten wir, es waren blinde Soldaten, die Evakuierten aus einer Augenklinik. Ein paar Volkssturmmänner wandten sich an uns drei und fragten, was die Farbenkreuze auf unseren Mänteln zu bedeuten hätten. Wir erzählten es ihnen. Sie beschenkten uns mit Geld und Konserven und gaben gute Ratschläge. Von ihnen erfuhr ich, daß vor kurzem die Stadt Potsdam einen schweren Luftangriff erlitten hatte und die Vorstadt, in der meine Mutter wohnte, völlig zerstört sei. Durch diese Nachricht erlahmte mit einem Schlag meine Tatkraft, da nach den Erregungen des gestrigen Tages und dem Wirbel der heutigen Freiheit mich nur das festvorgenommene Ziel Potsdam aufrechterhalten hatte. Mir schwand jeder Mut zu weiterem Handeln. Die nächste Station sollte Neu- Strelitz sein. Aber was war Neu- Strelitz, wenn meine Mutter vielleicht unter den Trümmern des Hauses begraben lag? Der Zug fuhr in den Bahnhof ein und passierte ihn, ohne zu halten. Er durchfuhr sämtliche Stationen und hielt erst in Güstrow, im Norden Mecklenburgs. Alle Flüchtlinge sollten so weit wie möglich nach Norden abgeschoben werden. Da standen wir drei inmitten hunderter Flüchtlinge und Soldaten. Ratloser als alle miteinander. Was sollte man in einer solchen Freiheit tun, wohin sich 280 6 wenden? Potsdam zu erreichen hatte seinen Sinn verloren. Wir machten uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Die Stadt quoll über von Menschen. Aus allen Reden hörte man die Furcht vor Bombenangriffen. Man wies uns den Weg zu einem Flüchtlingslager. Dort lagen Frauen, Kinder, alte Männer auf verwanztem und verlaustem Stroh und bekamen eine kärgliche Mittagssuppe, die ganz unserer in Ravensbrück glich. Zeitungen gab es nicht mehr, aber Gerüchte über Gerüchte. Man räumte in überstürztem Tempo alle Lazarette der Stadt Güstrow, und aus einem Gespräch mit Soldaten, die sich von der Oder abgesetzt" hatten, wurde mir klar, daß die russische Offensive begonnen haben mußte. Nachrichten über das schnelle Herannahen der Russen häuften sich und ich wurde zu neuer Aktivität gezwungen. Ich zeichnete sorgfältig eine geliehene Landkarte ab, und am Morgen des dritten Tages brachen wir trotz Helenes Protest auf und verließen die Stadt in westlicher Richtung. Mein Plan war, so schnell es nur eben ging, die amerikanische Front zu erreichen. Auf der Landstraße lagen die Gerippe ausgebrannter Panzer und Autobusse. Flüchtlinge zu Fuß, auf Bauernwagen und in eleganten Autos, auf deren Dächern aller mögliche Hausrat festgebunden war, strömten westwärts. Jede halbe Stunde mußten wir uns niedersetzen, denn Helene versagten die Kräfte. Nach zehn Kilometern kam ein Dorf. Helene konnte nicht mehr laufen und sie ging fest entschlossen in das erste Bauernhaus, eine Unterkunft zu erbitten. Es war voll mit Flüchtlingen und für uns fand sich lediglich ein Platz in der Scheune. Wir lagen abends im Heu, und ich sah durch das baufällige Dach der Scheune den Sternenhimmel, genau so wie vor langen Jahren in Burma, und immer wieder, wie in Ravensbrück, suchte ich nach meinem Stern, und er nahm auch dieses Mal meine Bitten entgegen. Am nächsten Morgen wollten wir weiterwandern, aber die freundliche Bauersfrau fragte uns, was wir denn für merkwürdige Frauen seien? Wir hätten doch ganz andere Gesichter als die übrigen Flüchtlinge. Als sie aber Konzentrationslager und noch dazu Ravensbrück vernahm, mußten wir sofort in die„ gute Stube" kommen, und aufgeregt erkundigte sie sich, ob wir auch Bibelforscher aus Ravensbrück kannten. Mir fiel ein, daß es aus Güstrow ein Klärchen Mau gegeben hatte und ich sagte es ihr. Da fand ihre Freude kein Ende, sie bewirtete uns mit Kartoffeln und Specksauce, räumte uns gleich ein Zimmer ein und bat, ja noch etwas bei ihr zu bleiben, damit wir zu Kräften kämen. Sie und ihr Mann gehörten der Internationalen Vereinigung der Bibelforscher an. Es war sehr verlockend, sich noch ein wenig zu erholen, und auf Helenes und Emmis dringlichen Wunsch hin stimmte ich zu. Durch den Garten des Bauernhofes floß ein klarer Bach hinab zu einem kleinen See. Wir wuschen in ihm unsere Wäsche. Es war ein sonniger, heiterer Frühlingstag. Jenseits des Baches leuchtete eine Wiese, ich lief über die Brücke. Es war eine richtige Wiese mit Blumen und Schmetterlingen. 281 Grashalme und Blüten schien ich das erste Mal im Leben zu sehen. Ich ging langsam bis zum weidenumsäumten Ufer des Sees hinab. Über mir, am blauen Frühlingshimmel, zogen irgendwelche Flugzeuge ihre Kreise. Was gingen sie mich an? Die Sonne strahlte, und das Wasser glitzerte. Ich genoß jeden Schritt und war schmerzlich glücklich. Plötzlich stürzte kerzengerade auf mich herab ein riesiges Flugzeug, und knatternd dröhnten Schüsse und der Boden spritzte von den Einschlägen der Kugeln. In wahnsinnigem Schreck warf ich mich in eine flache Sandmulde am Rande der Wiese und drückte den Körper an die kiesige Seitenwand der Grube. Wieder ließ sich das Ungeheuer herabfallen, und ich flehte nur einen Gedanken: Oh, laß mich noch ein wenig leben! Es ist so herrlich auf der Welt!" Die Schüsse knatterten von weitem und das Motorengedröhne entfernte sich. Das war mein erster Tieffliegerangriff in der Freiheit. Er hatte nicht mir gegolten, sondern den flüchtenden Panzern und Militärtransporten auf der Landstraße, die sich hinter dem Hügel, gleich bei der Wiese, entlangschlängelte. 92 In das Bauernhaus, in dem man uns so gastfreundlich aufgenommen hatte, drang mit den Flüchtlingen, die sich wie ein Strom über die Chaussee nach Schwerin wälzten, die Nachricht, daß die Russen die Oder überschritten hätten und nur noch sechs Kilometer von Güstrow entfernt seien. Man vernahm fernen Geschützdonner. Ich drängte zum Aufbruch. Bauer und Bäuerin rüsteten zur Flucht. Vor den Wagen mit ein paar Habseligkeiten spannten sie ihren Ochsen und das Pferd, und wir durften unsere Rucksäcke auch hinauflegen. Mit gottergebenem Gesicht lenkte der Bauer seine Fuhre durch das Gewühl auf der Landstraße. Immer wieder stockten die Wagen und wurden an den Rand der Chaussee gedrängt, wenn die Autos der fliehenden Offiziere, Lastwagen- oder Motorradkolonnen den Treck der Bauern und der flüchtenden Städter überholten. Auf halbem Wege nach Schwerin verwehrte die Militärpolizei allen Zivilisten die Weiterfahrt und zwang die Bauernwagen, in einen Seitenweg zu fahren. Die Räder mahlten im tiefen Sand und die Tiere schafften nur mit Mühe die Last. Wir kamen zu einem Wäldchen, als es Abend wurde. Durch die ländliche Stille drang von ferne das Heulen und Knattern der Tiefflieger. Am Horizont stieg an vielen Stellen der schwarze Rauch von fernen Bränden auf und von allen Seiten vernahm man Detonationen. Wir legten uns in einer Kiefernschonung schlafen. Bauer und Bäuerin mit ihrem kleinen Sohn bedeckten sich mit riesigen Federkissen, die sie auf der Fuhre mitgeführt hatten. Am nächsten Morgen waren wir durchweicht von leichtem Regen und die Bauersleute ganz niedergedrückt und unschlüssig, was weiter geschehen sollte. Sie wußten, daß es für sie zu spät sei, die amerikanische Front, die wir an der Elbe wähnten, vor den Russen zu erreichen und beschlossen, in einem nahen Wald abzuwarten, bis die Kampflinie ihr Dorf überholt hätte und dann zurückzukehren, um vom Bauernhof das 282 zu retten, was noch zu retten war. Helene bat, bei den Bauern bleiben zu dürfen, sie fühlte sich einem Gewaltmarsch bis zur Elbe nicht gewachsen. Emmi und ich nahmen Abschied und liefen über Feldwege, die uns die Bauern gewiesen hatten, in genau westlicher Richtung. Wir wollten die Landstraßen mit den Tieffliegern meiden, denn der Schreck steckte uns noch in den Gliedern. Nach einigen Stunden Marsch durch einen Forst schien der Weg eine Chaussee zu kreuzen und der Waldrand glich einem Heerlager. Waffen über Waffen lagen im Schutze der Bäume. Und als wir in höchster Eile diesen gefährlichen Platz verlassen wollten, setzte eine ohrenbetäubende Kanonade ein; Flugzeuge unternahmen einen Angriff. Wir zwei rannten Hals über Kopf in den Wald zurück, immer weiter und weiter durch Gebüsch und Unterholz. Erst an einer Waldwiese machten wir halt. Ganz in der Ferne verklangen die Schüsse. Wir saßen verstört am Wegrand und beruhigten uns erst langsam in der tiefen Stille dieser Waldlichtung. Emmi hatte in ihrem Rucksack eine Büchse Ness- Kaffee aus dem Rote- Kreuz Paket, außerdem besaß sie einen kleinen Aluminiumtopf. Auf einem Feuerchen in der Wagenspur kochten wir uns mit dem braunen Wasser aus einem Moorgraben den wohlschmeckendsten Kaffee. Voller Unternehmungslust ging dann der Marsch weiter. Aber im Galopp durch den Wald hatten wir die Richtung verloren, und eine Uhr besaßen wir nicht. Es mußte schon nachmittag sein, man sah es am Stand der Sonne, und da sie im Westen untergeht, liefen wir, ohne viel zu überlegen, einfach auf sie zu. An einer Wegkreuzung kamen uns zwei Soldaten entgegen. Ich fragte sie vorsichtshalber nach Weg und Himmelsrichtung. ,, Wollen Sie zu den Amerikanern oder zu den Russen?" war die Antwort. ,, Nach dem Westen", erklärte ich. ,, Dann gehen Sie man mit uns zusammen, da haben wir den gleichen Weg", und sie wandten sich dahin, woher wir eben gekommen waren. Einen Moment stockte ich und fürchtete, im Laufe der Haft vergessen zu haben, wo die Sonne auf- und wo sie wieder untergeht; aber dann wies ich auf die Sonne, die sich bedenklich dem Horizont näherte und verlangte eine Aufklärung, wo eigentlich Westen und wo Osten sei. Ein längerer Disput wurde unterbrochen, als ein Motorradfahrer des Weges kam und die Soldaten ihn anhielten und um Rat fragten. Wir zwei waren Sieger im Streit um die Himmelsrichtungen Der Motorradfahrer aber wußte interessante Neuigkeiten zu berichten, nach denen die Russen nur wenige Kilometer hinter uns seien, die Amerikaner aber ihre Front nach Osten bis Bad Kleinen vorgeschoben hätten und das wäre in einem Tagesmarsch zu erreichen. Er beschrieb genau den Weg bis zur Eisenbahnlinie Richtung Bad Kleinen. Und von Angst getrieben und ein nahes Ziel vor Augen, beschlossen wir, erst dann Halt zu machen, wenn wir der Gefahr, den Russen in die Hände zu fallen, endgültig entronnen seien. - a Die Sonne war bereits untergegangen, als wir uns dem Bahndamm 283 99 näherten, von dem es nur noch 20 Kilometer bis Bad Kleinen sein sollten. Auf der Landstraße bewegte sich ein Strom von Soldaten, ohne Gewehre, meist auch ohne Tornister oder Brotbeutel. Sie gingen im Eilmarschtempo. Nur Verwundete saßen am Straßenrand oder hinkten mühsam in westlicher Richtung. Mit einem Mal begannen etliche Soldaten zu rennen und schon rannten alle. Ich rief die uns Überholenden an: Was ist denn geschehen?" Keiner gab eine Antwort. Sie liefen, so schnell sie nur konnten. Emmi und ich waren kaum noch fähig zu gehen, geschweige denn zu rennen, und ein entsetzlicher Durst quälte uns. Wir fragten die am Wegrand sitzenden Verwundeten nach dem Grund der Eile.„ Die russischen Panzer sollen bereits drei Kilometer von hier sein, und wenn einer rennt, dann stürzen eben alle!" - An beiden Seiten des Weges lagen zerbrochene Gewehre, Munition aller Art, steckengebliebene Autos und immer wieder gefallene Pferde. Manchmal kam ein Soldatengrab und auf dem Kreuz baumelte der Stahlhelm. Zwischen dem Durcheinander der weggeworfenen Tornister und Sachen lagen im Straßengraben zerrissene Fotografien von Männern in schmucker SS- Uniform und„ Ahnenpässe". Der Durst ließ uns in ein Bahnwärterhäuschen gehen und um Wasser bitten. Als wir in die Stube traten, war der Tisch gehäuft voller Konserven, Schokolade, Zigaretten, Rosinen alles uns bekannte Lebensmittel aus den Paketen des Internationalen Roten Kreuzes. Die Bahnwärterfrau erläuterte, daß ihre Kinder diese Schätze am Eisenbahndamm gesammelt hätten. Soldaten, die einen Gütertransport geplündert hatten, bekamen es nun, da sie sich der amerikanischen Front näherten, mit der Angst zu tun und warfen das Gestohlene von sich. Wir zwei Konzentrationäre liefen auf dem Bahndamm entlang und wählten wie im Schlaraffenland: dort eine Büchse Fleisch, hier Schokolade, da Trockenmilch, dort Zigaretten oder Rosinen und füllten unsere Rucksäcke bis zum Rande mit den Schätzen, die man für uns ausgestreut zu haben schien. Dadurch wurden sie aber bleischwer und wir immer müder und müder. Es war schon Nacht, und wir schleppten uns neben den Eisenbahnschienen langsam vorwärts. Da nahte ein Zug in Richtung Westen. Wenn der uns doch mitnehmen würde!" Und richtig, er verlangsamte seine Fahrt und hielt. Güterwagen, Personenwagen waren bunt durcheinandergekoppelt und voll von Frauen, Kindern und Männern. Wir baten vom Bahndamm her, uns beim Einsteigen zu helfen, die Beine wollten nicht mehr. Ein paar Männer zogen uns auf einen offenen Güterwagen und wir dankten überschwenglich. Dieser Zug hatte kurz vor Eintreffen der Russen Neu- Strelitz verlassen. Die Eisenbahner hatten ihn zusammengestellt, um ihre Familien und alles, was noch flüchtete, darauf zu laden und zur amerikanischen Front hinüberzufahren. Ganz langsam ging die Fahrt weiter. Keiner wußte, was nun geschehen würde. Angeblich standen auf der Strecke bis Bad Kleinen fünf Lazarettzüge mit Schwerverletzten, aber niemand dürfe die amerika284 99 nische Front überschreiten. Die Nacht war sternenklar und kalt, und als der Morgen graute, konnten wir die erstarrten Glieder kaum in Bewegung bringen, und die wunden Füße schmerzten erbärmlich. Trotzdem überredete ich Emmi zum Aufbruch, um nicht so dicht vorm Ziel aufzugeben. Wir humpelten auf dem schmalen Pfad des Eisenbahndammes immer am Zug entlang, und aus allen Waggons tönten uns warnende Stimmen nach, daß jeder, der es wage, die amerikanische Front zu passieren, erschossen würde. Auf dem Geleise standen hintereinander fünf Lazarettzüge mit gehiẞten weißen Fahnen. Als wir den vordersten überholt hatten, sah man den Bahnhof von Bad Kleinen, er war menschenleer und weit und breit kein Lebewesen zu sehen. Jenseits des Bahnhofs ging ein Hohlweg ab. Mit klopfendem Herzen erkletterten wir auf einem schmalen Fußsteig den westlichen Abhang, und da standen in regelmäßigen Abständen über ein weites Feld hin Soldaten. Ohne zu überlegen, liefen wir zwei einsamen Frauen auf die Schützenkette zu. Nicht nur die Angst vor den nahenden Russen machte uns kühn und entschlossen, auch das reine Gewissen der Konzentrationslager- Häftlinge verlieh solche Kraft. Es waren amerikanische Soldaten. Auf einen mit rotem, freundlichem Gesicht steuerte ich zu und bat in schlechtem Englisch, uns passieren zu lassen. Ich erzählte, daß wir fünf Jahre im Konzentrationslager Ravensbrück gesessen hätten und ich vorher in Sibirien verhaftet gewesen sei und mir, wenn die Russen kämen, das gleiche Schicksal noch einmal widerfahren würde. Er sah auf unsere Ölfarbenkreuze, nickte, machte eine Handbewegung und sagte:„ O.K." Ganz benommen, ein wenig ungläubig, gingen wir weiter, aber nach kaum zwanzig Schritten rief es: ,, Halt! Wait a moment!", Nun wird er uns zurückschicken, er hat es sich bestimmt überlegt! Wir sahen, wie er davonging und in einem Haus verschwand. Jetzt fragt er seinen Vorgesetzten, und man verwehrt uns den Durchgang." Aber nach einigen Minuten kam aus dem Tor des Hofes ein Wagen mit zwei Pferden bespannt. Als er sich näherte, sahen wir auf dem Bock unseren freundlichen Amerikaner. Er fuhr an uns heran, sprang herunter und sagte lachend: ,, Steigen Sie ein, Sie sind genug gelaufen." ENDE 910 stub basmsin teda natashavowd. sin egestas. lot 285 INHALTSVERZEICHNIS ERSTER TEIL: KASAKSTAN Verhaftung Heinz Neumanns durch die NKWD Als„Hinterbliebene“ eines verhafteten„Volksfeindes‘ Im Untersuchungsgefängnis. Verhöre und Urteil Transport nach Kasakstan Ankunft im sibirischen Konzentrationslager Karaganda Der Rayonabschnitt Burma in der kasakstanschen Steppe. Im Strafblock Sklavenarbeit in Leninskoje a 5 Ochsentreiber und Ziegeleiarbeiter in EI Marje Wieder in Burma unter Verbrechern und Asozialen Das Krankenhaus von Burma Transport nach Moskau In Butirki unter veränderten Bedingungen Der Gestapo ausgeliefert Als Untersuchungsgefangene im Berliner Polizeipräsidium ZWEITER TEIL: RAVENSBRÜCK Der Zugangsblok. Als Stubenälteste bei den Asozialen Die Bibelforscher. Büroangestellte bei Siemens In der Schreibstube des Lagers— Die Oberaufseherin Tinsetol S Fünfzehn Wochen Dunkelarrest Schneiderei unter SS-Regie Freigelassen— Auf der Flucht vor den Russen Seite 14 29 50 59 66 73 83 99 109 114 119 132 139 152 167 179 185 199 227 232 240 256 276 Karl Kautsky ÜBER SOZIALDEMOKRATIE UND KOMMUNISMUS ,, In der vorliegenden Broschüre haben die Herausgeber eine Auswahl aus Schriften zusammengestellt, die der 1938 im Alter von 84 Jahren im Exil verstorbene Kautsky in seinen letzten Lebensjahren veröffentlicht hat... Die bisher in Deutschland nicht bekannt gewordenen Aufsätze Kautskys können als das politische Testament dieses großen sozialistischen Theoretikers angesehen werden." دو , WELT UND WORT"- Heft 8/1948 96 Seiten mit einem Bildnis Kautskys Preis DM 1.50