Rum Felles ROMAN GEBLER Aus dämmernden Nächten GEDICHTE NEUBAU- VERLAG MÜNCHEN Military Government Information Control License No US- E- 110 Univ- Bibl Giessen 27006612 Alle Rechte vorbehalten Derlegt 1947 bei Neubau- Derlag Adolf Groß, München ПBA Nr. 36 Einband- Entwurf: Erich Etzold München Gesetzt aus der Petit- Tannenberg- Gotisch Aluflage 2000 Sat, Druck und Einband: Druckerei Wilh. Friedr. Mayr, Miesbach Den Toten aller Nationen, die für Freiheit und Menschlichkeit starben Das Leben Leben Dürft' ich nur in deiner Nähe weilen, Bei dir bleiben- immer bei dir sein. Durch weite Lande wollt' ich zu dir eilen, Denn dir, ja dir gehört dies Lied allein. Ohne dich sind alle meine Stunden So einsam wie die Wüste und so leer. Ohne dich hätt' nimmer ich gefunden Die Kunst im zweiten Leben nimmermehr. - Deine Augen gaben mir das Leben Und die kunst mir noch einmal zurück. mit deinen Worten hast du mir gegeben, Dem Einsamen, ein namenloses Glück. - Was ich niemals mehr zu hoffen wagte, Schenktest du mir, lieber stiller Gast. Was ich deiner Seele leise sagte-- Du wohl auch nicht ganz vergessen hast. Ein stilles flüstern war es und ein Werben, Ach, wie ein Lied aus alter, alter Zeit. O klinge fort, von Liebe- Leid- und Sterben, Und bring mit Trost in meine Einsamkeit. 6 10 Menschenlos - Oft naht sich das Leid wie auf türmenden Wogen, Die den Schiffer umgeben auf stürmendem meer, Und manchmal, da kommt es ganz leise gezogen Wie am Himmel die Wolken, so düster und schwer. - Dann raunt die Sorge gar seltsame Sagen Uns tief in die Seele vom ewigen Sein, Daß das Schicksal der Menschen feit uralten Tagen Jst immer gewesen nur Leiden und Pein. - - - Doch wenn dann verklungen die trostlosen Worte, Dann kommt wohl die hoffnung zuweilen und spricht: Bald naht sich die freiheit( dhon pocht's an der Pforte, Sie führt uns zum Leben, zur Sonne, zum Licht. - Sehnsucht Ruhelose, Einsame Nacht. Gespensterlachen. Grausame Macht Erinnerung. - Oder ist's die Gottesgeißel: Schicksalsschläge? O Sehnsuchtsqual! Wer kennt mein Stöhnen, Schlaflose Nacht, Namenloses Sehnen. Einsame Nacht Doll Schmerz und klagen. 11 12 Menschenschicksal Erdenwand'rer, Wo endet dein Ziel? Wo das Sein? O, unergründlich geheimes Walten Enteilender Stunden, Wann endet die Pein? Wann endet das Sein? Wir sind des Kreislaufs Ewige Erben. Solange wir leben, Dauert das Sterben, Schon beim ersten Lebenshauch Begann dein Sterben auch. Leben ( Dachau 1933) Ich will es ertragen Und in mir behalten, was du mir gebracht. Dem einsamen Kaunen in dämmernder Nacht nur will ich es fagen.- Ich werd' es ertragen, Denn noch ist in mir nicht das hoffen zerbrochen. noch hör ich die Stimme, die in mir gesprochen: Du mußt es ertragen! Jn einsamen Tagen, - Wenn brennend die Sehnsucht mich droht zu ersticken- mich auch keine freude vermag zu beglücken: Dann werd' ich es tragen. Wenn Träume mich jagen, - Erinnyen meine Gedanken umschweben, Jm Traume des nachts mich die Parzen umgeben Ich werd' es ertragen. Dir will ich es sagen: ,, Der du uns zum Sterben das kleid haft gewebt, Bedenke ich habe noch gar nicht gelebt - Und muß dies ertragen!" Dir will ich es klagen: ,, Der du unser hoffen und Sehnen vernimmst Und über das Schicksal im Weltall bestimmst Ich werde es tragen!" 13 14 Ergebung Wo willst du hin? Ach, alles ist so leer Und selbst auch das, woran du einst geglaubt. Es spendet keine Sonne mehr. Jm taschen flug enteilt die Zeit, - Und mit der Zeit enteilen deine Stunden, Die abgemessen dir die Ewigkeit. - Doch ach, folange noch die Pulse geh'n, Solange noch dein herz kann Leiden tragen, Solange wagst du aufwärts noch zu seh'n. - Doch wenn die Brust von Leiden überfüllt, Und alles grau und einsam um dich ist, Kein Hoffnungsstrahl mehr deine Sehnsucht stillt, - Dann naht auf leifen Schwingen fich die Nacht, Die Mutter Erde uns bereitet hat- Jn Ewigkeit, so wundervoll und sacht. - Liebe Ich hab' dich lieber als mein Leben, Bist mir das Liebste auf der Welt. Du nur allein, du kannst mir geben, Was meinem Herzen wohlgefällt. Ich hab' dich lieber als die Sterne, Die silbern leuchten in der Nacht. Ich hab' dich lieber als die ferne, Die wundervolle frühlingsmacht. 15 16 Die Zeit Dunkel und grau ist dein Steg, Die Sonne verbarg ihren Glanz- Verweht ist vom Winde dein Weg. Licht, wer gibt dir das Licht, Um den Weg noch zu finden- Die Dergangenheit mochte es nicht. In der Zukunft allein Liegt der Menschheit Freiheit und Glück- Sie muß uns vom Alten befrei'n. Und darum hoffe, hoffe auch du, Du gequältes menfchengeschlecht: Auch in dir wird es wieder Friede und Ruh'. Ist ein Herz... Jst ein herz dir zugeflogen, - Das dich liebet, gut und rein, fühlt dein Herz sich ihm gewogen, Dann ist alles, alles dein! Jst ein herz dir zugeflogen,- Wie kristall und treu wie Gold. Haft deine Lieb' ihm nicht entzogen, Alles kam, wie du gewollt. - Ist ein herz dir zugeflogen, Das dein ganzes Sein umgibt. Hast ihm deine Lieb' entzogen Dem, der wahrhaft dich nur liebt! Ist ein Herz dir zugeflogen,- Das dich liebt, so gut und rein, fühlt dein Herz sich ihm gewogen Dann ist alles, alles dein. 17 2 18 Die Stunde Die Stunde entsteht, Erlischt wie ein Licht. Sie kommt und vergeht- Wir kennen sie nicht. Sie blickt sich nie um Und bleibt niemals stehn. Warum, ach warum mußt weiter du gehn? Wo eilest du hin,- Wo endet dein Ziel? Weff ist dein Gewinn, Urewiges Spiel?- Wer nutzlos verträumt Jm Leben die Zeit: Dem bleibt sie versäumt Auch in Ewigkeit. Doch wer die Sekunde Erhaschet im Lauf- Dem schenkt sich die Stunde In freuden vollauf. Weltflucht Ich möchte manchesmal im Kugelregen steh'n, Dort, wo das heulen der Geschüte mich umbrauft. mit off'ner Brust wollt' ich ins Auge seh'n Dem Tod, der schonungslos dort haust. Ich möchte manchesmal im fernsten Eiland sein, Wo keine Leidenschaften, keine Menschen weilen, Dom felsen stürzen mich ins tiefe meer hinein, Wo Meereswellen schweigend drüber eilen. Ich möchte ruhelos durch ferne Länder ziehen- Doch vor mir selber kann ich nicht enteilen! Ach, wie gerne möchte ich zuweilen Vor der Menschheit, vor der Welt entfliehen. 2* 19 Einsamkeit Hab' oft in stillen Stunden, In schlaflos dunkler Nacht Gar schmerzlich es empfunden, Was mich so einsam macht; Was all mein Tun, mein Streben In schwarzen Schleier hüllt; Was hoffnungsschwer im Leben Sich nimmermehr erfüllt. Ich hab' in Dämmerstunden Darüber nachgedacht, Warum ich nie empfunden Die frohe Hoffnungsmacht. Es sind in all den Jahren Die Bilder mir verblaßt, Die mir so teuer waren, mich hat das Glück gehaßt. Es ging an mir zuweilen Ganz nah' das Glück vorbei. Dorbei nur tat es eilen Ins ew'ge Einerlei.— - 20 20 Musik Längst verhallt ist der letzte Klang- Doch immer noch wie sanftes Waldesrauschen. Klingt in uns fort der himmlische Gesang. Das ist Musik, der Seele Macht und Reich, Das ist die herrlichste der Gottesgaben Weltentrückt in ihr sind wir den fürsten gleich. Wenn unser Herz oft voller Leid Und die Brust so drückend, so schwer, Und niederreißen will uns die Zeit- Dann nahst dich du mit deiner Zaubermacht Und befreiest den Sinn von schwerem Leid. 21 22 Kunst Komm du mit mir- Der Weg ist nicht weit. komme, ach komme Und teile mein Leid. komm doch und teile mit mir alles Glück. Eile, ach eile: Ich find nicht zurück. Der Sommer geht zu Ende- Und mein Ziel ist noch weit. komm, reich mir deine Hände für die Ewigkeit. Jugendzeit Jmmer wieder nahst du dich, Geschick, Ach, ihr jugendschönen Sonnentage, kehrt, ach kehrt doch einmal noch zurück! Doch ach, umfonft, ihr kehrt nie wieder, Dergebens sind die Sehnsuchtslieder,- The kehret nie zurück.- - Und doch umwehet mich ein leiser Hauch, Empfind' ich einmal noch der Jugend Sonne, Don jenen Sonnentagen träum' ich auch. Und denk voll Sehnen noch einmal zurück Entschwundene Zeiten, nie vergess'nes Glück Nie kehret ihr zurück. Noch einmal weh' um mich geliebter Hauch, - noch einmal laßt euch seh'n, Gestalten, ihr geliebten, Und dann verweht vergeht wie Rauch!- - Dod im Geheimen kehret oft ihr ein Beglückend wie ein Sonnenschein In den Gedanken, ganz allein. 23 Jugend Du kennst ja nicht der Sonne goldenen Strahl, für dich ist nur der Schattenweg dein Glück. Umsonst sehnst du dich oftmals auch zurück Nach dem geliebten heimatlichen Tal. Ach, manches schöne Land hab' ich gesehn Und manchen stillen, träumerischen Wald. Doch immer mußt ich weiter gehn Und so vergeht auch meine Jugend bald. Und schweigend stand ich da am Meeresstrand, Mir war, als seh ich in den Wellen wieder Die Jugend und mein heimatland. 24 24 Still über Nacht ( Dachau 1938) feurige Rose, in zitternder Abendluft- Welch einen Zauber birgt dein Blütenduft. Und doch ist deine herrliche, rosige Pracht Im Staub entblättert still über Nacht.. - So ist's mit der Sehnsucht, der freude, der Luft, So mit den Wünschen in hoffender Brust. Und wenn die Erfüllung von ferne schon lacht, kann alles vorbei sein still über Nacht. In einsamen Stunden, in Stunden voll Leid Empfand ich so oftmals die Schwere der Zeit. Dann flüftre ich leise, o Schicksalsmacht: ,, Laß bald es vorbei sein still über Nacht."- - 25 26 Zur letzten Schicht Det heimat so ferne, dem fonnigen Land, Erlebtest der Leiden gar viel. Ergriff dich das Schicksal mit tötender Hand Und setzt deinem Leben ein Ziel. Du starbst in Erfüllung für Arbeit und Pflicht, Leicht möge die Erde dir sein, Du warst stets ein Kämpfer für freiheit und Licht. Glück auf! Wir gedenken stets dein. Glück auf! Kamerad, zur letzten Schicht! Das Leben ist hart wie kristall. Wie oft auch das hoffen zusammenbricht Auch Friede wird einmal uns all! Du starbst in Erfüllung für Arbeit und Pflicht, Leicht möge die Erde dir sein, Du warst stets ein Kämpfer für freiheit und Licht. Glück auf! Wir gedenken stets dein. - Du nimmst deine Leiden all mit dir hinab, Dann schließt sich für immer der Schacht Glück auf! kamerad, ruh sanft du im Grab, für dich ist vorüber die Nacht. Du starbst in Erfüllung für Arbeit und Pflicht, Leicht möge die Erde dir sein, Du warst stets ein kämpfer für freiheit und Licht. Glück auf! Wir gedenken stets dein. Freiheit Wie lange willst du als fremder noch wandern? Wie lange noch ertragen Spott und Dein? Wie lange noch abseits stehn von den andern? Wo du ein Recht doch hast, dabei zu sein? Du bist es, der doch allein sich entrechtet, Du trägst ja allein, nur du trägst die Schuld. Bist es doch du, der sich selber geknechtet, Vergebens erhoffft du der Menschen huld. mach dich doch frei von dem Zwang und den ketten, Vertraue der Zukunft, der neuen Zeit. Wenn du nicht willst, kann kein Mensch dich retten, Mach selber dich frei, dann bist du befreit! 27 22 28 Niemands Knecht Hast du niemals Leid gekannt? hast das Glück du dein genannt? Ach, die Sehnsucht nur allein, Qual und Leiden waren dein. Deine Freuden kenn' ich gut, Arbeit ist es, bis aufs Blut. Hunger, not und Herzeleid Jst dein Teil feit langer Zeit. Einmal schwindet auch die Nacht, Die du forgenvoll durchwacht. Darum auf, vergiß es nicht, Kämpfe, bis dein Leid zerbricht! Denke, daß du niemands knecht, Denke, daß auch du ein Recht Endlich habest, frei zu ſein-- Wie der goldne Sonnenschein! Der blinde Sänger Fünf Lieder Erstes Lied Ich hörte einst ein Lied, das ich so lieb gewonnen, Doch ach, feit jenen Tagen hört ich's nimmermehr. Mir sang es einst ein blinder Sängersmann, Jhn deckt der Rasen längst, er singt nicht mehr.- Und doch ist's mit, als höre heut' ich wieder Seine Stimme, wundervoll und klar. Wie aus der Ferne klingen seine Lieder, Und alles ist noch, wie es einstens war ―: ,, Es war einmal, als du noch unbewußt Den Kindheitstraum geträumt, ja dazumal, Als du noch fäugend an der Mutterbrust Das Leben nicht gekannt es war einmal. Und dann, als du den ersten Schritt gemacht, Der Mutter Freude war's so viele Mal... Wer hat des Nachts so forgenvoll gewacht, Als du im fieberwahn?- es war einmal. Wer hat das erste Mal zur Schule dich Geleitet, voller Stolz und Sonnenstrahl, Wer dich gepflegt, geliebt so inniglich? Doch nur das Mutterherz es war einmal. Und als du zogest in die Welt hinaus, So voller Hoffnung einst, es war einmal. Wer weinte still und sprach im Elternhaus: - ,, mit Gott fahr wohl, mein kind!" es war einmal. Sie war einmal, die goldene kinderzeit Jm Elternhaus voll freuden ohne Zahl, Wo man des harten Lebens Kampf und Leid noch nicht gekannt, geahnt es war einmal. - Denk heut zuweilen voller Sehnsucht noch Ans traute Daterhaus von dazumal. So bleibt dem menschen nur sein peinlich Los, O, die Erinnerung: ,, Es war einmal." 31 32 Zweites Lied Einsam ist es am Gestade und der himmel wolkenschwer. Drunten liegt es ausgebreitet, wundervoll, das tiefe meer. In der Ferne schwebt ein Adler, der die Wellen kosend streicht; Weiter noch, da naht ein fahrzeug, winzig, einem Punkte gleich. Doch dort unten, an den klippen, wo die Brandung ewig rauscht, Steht im Pilgerkleid ein Wand'rer, der des Meeres Sprache lauscht.- Bei dem Anblick spricht er leise: ,, Wird so wehmutsschwer mein Herz, Gib mir Freiheit, gib Erkennen- heile du der Wunden Schmerz!" ,, nirgends habe ich gefunden, was der Seele Sehnsucht stillt, nur allein in deiner Nähe pocht das Herz nicht gar so wild. Längst verlernte ich das Lachen, längst den frohen Liedersang, Und so geh' ich, weiter kämpfend, gehe vorwärts meinen Gang." - ,, nur der bitt'te kampf im Dasein ist geworden mein Geschick. Ach die Leiden, nur die Leiden, sie allein nur sind mein Glück. Und so will ich schweigend tragen, ist das Leid auch noch so schwer, Sind die Stunden oft so einsam und das Herz so freudeleer. Bis dereinst im Strom des Lebens, sich mein Schicksal hat erfüllt, Dann ist aller Gram erstorben und die Sehnsucht auch gestillt." Einsam ist es am Gestade und der himmel wolkenschwer. Drunten liegt es ausgebreitet, wundervoll, das weite meer. In der ferne schwebt ein Adler, der die Wogen kosend streicht, Weiter noch, da naht ein fahrzeug, das fast einer Möve gleicht. Doch dort unten, an den klippen, wo die Brandung ewig tauscht, Steht im Pilgerkleide, aufrecht noch, der Wanderer und lauscht. - Drittes Lied Ich glaubte an Leben und glaubte an mein Geschick Und lebte im Schaffen so frei. Doch als es sich nahte, das große Glück- Da ging es an mir vorbei. Wie sehr ich mich sehnte nach dem herbstlichen Wald Aus dem Alltags- Einerlei. Um frei zu schaffen- ich merkte es bald, An mir ging das Glück heut' vorbei. 3 33 39 34 Viertes Lied Es kann mich ja von euch nichts scheiden, Und selbst der Mauer stärkste Wand kann euch den Eintritt nicht verleiden, Jhr naht euch still und unerkannt. So seid auch heute mit willkommen, Jhr guten, alten Freunde mein. Jhr habt mir oftmals abgenommen Der Sorge große Last und Pein. Bald raunt es wie ein leises Singen Doll reinen klangs und Melodie. Bald tönt es wie ein sanftes klingen Aus weiter Welt der Phantasie.- Und dort, wo die Gedanken weilen, Erblichst du oft dein eigen Bild. Und wie im friedlichen Enteilen Jst deine Sehnsucht ganz erfüllt. Doch, hörst du nicht die Nordsee branden! mit ihrem kalten Wellenschlag Erschwert dem Fischer sie das Landen, Der sich gemüht den ganzen Tag. Und abseits steht im Wandrerkleide Ein Fremder, wohl von Weiten her, Und müde spricht er wie im Leide Hinaus zum weiten, weiten Meer: ,, Wie gleichest du dem Menschenleben mit deinem Toben, deinem Drang, mit deinem untuhvollen Beben Und ewig alten Klagesang!" 3* Wann werden wir die Antwort finden Jm ew'gen Kreislauf fort und fort? kann keiner uns das Letzte künden Des Lebensrätfels Lösungswort-? Doch fern von Seetang und Lianen Durch Gobis heißen Wüstensand- 3ieh'n lange, müde karawanen, ,, Wie gleichest du dem Meere, weites Land." Und rastend dann beim kargen Mahle Dernimmt der Wanderer allein Das Bellen schleichender Schakale Beim mondbeglänzten Silberschein. ,, Es ist ein Kampf des Menschen Leben, Wo du auch weileft, ringsumher Bift von Gefahren du umgeben, Don Pol zu Pol, von meer zu meer." Doch abseits dieser toten Zonen Dort liegt der Steppe weite flur, Wo einsam die Tuwiener wohnen In ihren kleinen Jurten nur. - Sie leben arm, doch nicht verloren, So glauben alle sie daran, Daß ihnen ein Retter sei geboren, Gleich jenem großen Tschingis Chan. ,, Das Leben hat euch freigesprochen Und ist des harten Kampfes wert Bis jedes hindernis zerbrochen, Bis jede böse macht zerstört--" - 35 36 Fünftes Lied Ein leiser Hauch, man merkt ihn kaum, Bewegt die Wipfel alter Bäume. Und in dem stillen Waldesraum Erwachten meiner Sehnsucht Träume - Und wie aus fernen Jugendtagen Sah ich im Geiste sie dort geh'n- Gebilde, die mir längst zerschlagen, Dor meinen Augen neu ersteh'n. Du guter Alter! Deine Worte, An die ich lebhaft oft noch denke, Geh'n stets mit mir von Ort zu Orte, Wohin ich meine Schritte lenke. Doll Andacht hab' ich oft gelauscht. Deines mundes kluges Sagen hat mich begeistert, mich berauscht- Und ich erkannt' dein stilles klagen Es klang ein leises klingen, Tönen Durch alle deine frohen Lieder. Und wie ein ungeftilltes Sehnen Durchhallt es diese Stille wieder. Doch heute erft kann ich ermessen Die Worte dein, den reichen Sinn. Und nimmermehr werd' ich vergessen, Daß ich in meiner Heimat bin. Gedenkst du noch der Dämmerstunden, Als du das erste mal erzählt: Wie du in not dich selbst gefunden, Da dir das Heimatglück gefehlt. Sehr leicht hat's gut und fromm zu sein, Der keine Sorg' und Leiden kennt, Daheim den gut gefüllten Schrein Und Eltern noch sein eigen nennt. - Es ist ein Schutz, das Elternhaus, Wohl dem, der lang es haben kann. Wie wohlbehütet schaut er aus Der gute, fromme, brave Mann! - So sprachst du oft, mein alter freund!- Doch, wenn voll Leid das Schicksal naht, Und voller Qual die not erscheint Auf deinem künft'gen Lebenspfad? Es nützt ein bitt'ces Jagen nicht. Du kämpfft doch ach, viel stärker ist Die Not, die Stahl und Eisen bricht, Bis du ihr unterlegen bift.- Dom Schicksal hin und her getrieben Erwacht in dir die bange frage- Seid ihr für immer mit geblieben, Jhr dunklen, Sonnenlosen Tage? Ein nichts haft du für dich gerettet. Und nur im Narrenkleid der Not haft an den Glauben dich gekettet, Den du verkannt, der dich bedroht.- Und einmal noch willst du es wagen Und stürzt ins Leben dich hinein. Dom Siegeshoffen fortgetragen In dieser Welt, voll Lüg' und Schein. Das Leben hat dir viel versprochen Und ist des harten Kampfes wert Bis jedes hindernis zerbrochen, Bis jede finst'te macht zerstört! - 37 Heidelieder Heidesonne Weißt du, wann die heide brennt, Will ich dich jetzt fragen-. Heidesonne, heidesonne, Willst du es mir sagen? Warte, warte, bis die heide brennt, Warte, bis sie dich beim Namen nennt. Dann erst, wenn sie leuchtet rot wie Glut, Dann ist dir die heide wieder gut. 41 42 Heide Heide- Heide, denk doch groß, Laß mich nicht so leiden. Mein heidetraum, mein heidelos- Warum, warum denn meiden? Heidesonne, brich hervor, mach meine Seele frei. mein heidetraum, heb mich empor, Wann immer es auch sei. Gib meinem Schaffen wieder Glut Und meinem Geifte Schwingen. Ach heide, sei doch wieder gut, Laß meine kunft gelingen. Liebe und Leid Ich habe die heidesonne gefragt- Und ihr erzählet mein Leid. Ja!" hat die Heidesonne gesagt, ,, Sterblicher, nütze die Zeit." Einsam bin ich dann weiter gegangen Tief in die Heide hinein. Und trug mit mir das heiße Derlangen, Das mit Erfüllung sollte sein. Ich hab' es der heidefonne gesagt Und sprach ihr von Liebe und Leid. Und dann, dann habe ich dich gefragt, Doch du warst mir fernach so weit. Ach, hätte ich dich doch niemals gesehn, Ich wäre wohl einfam geblieben. Die Heidefonne nur kann mich verstehn, Meine Kunst, mein Leiden und Lieben. - 43 44 Heidelied Es soll mein frühlingsbote fein An dich aus meiner Brust: Ein schlichtes Lied vom Sonnenschein, Don Leid und Lebenslust. Mein heidetraum, wie dieses Lied, So soll dein Leben sein-- frei im Schaffen, frei im Tun, frei wie der Sonnenschein. mein heidekind, dies Lied ist dein, heidsonne tat es schreiben-- mein heidetraum, dies Lied so klein Jst dein und soll es bleiben. Heidetraum - - Immer wieder muß ich an dich denken komm und laß uns durch die heide gehen. Jn deinen Anblick will ich mich versenken, Komm, ach komm, ich möcht' die heide sehen! - Jch fuchte Einkehr oft in deinem frieden, Der mein namenloses Sehnen stillte- Und zuweilen ward mir's auch beschieden, Was ich kaum gehofft, sich doch erfüllte. 45 45 Die Heide brennt Die Heide glutet, Die Heide brennt. Das Leben flutet für den, der es kennt. Die weite Heide Erglänzt dir im Licht. Sie liebt uns ja beide, hält, was sie verspricht. - Ich hab' nur einmal die Heide gefragt Ich habe nur einmal die heide gefragt Und frage sie niemals mehr--,, Ja", hat mir die heidesonne gefagt- ,, Liebst du die heide so sehr?" Ich liebe dich, heide, so rein und so gut, Und werde dich niemals vergessen. Ach, brennende heide, so rot und voll Glut, Wer kann meine Sehnsucht ermessen! Dies sagt ich der Sonne und noch viel mehr, Wie sehr ich dich lieb', meine heide- Ach, Heide, ich liebe dich gar zu sehr, Wie nah' ist Liebe dem Leide. Ich habe nur einmal die heide gefragt- Und habe mein Leid der Sonne geklagt- Und tue es niemals wieder- 47 48 Vorwärts Ich sah die blühende heide Einsam am Waldessaum. Und mit Wehmut empfindendem Leide Dersank ich wie im Traum. Ich sah viele sonnige Wälder Jm schönen Holsteiner Gau, Manch schmucke Dörfer und felder, Darüber den Himmel so blau. Dunkle Wolken schweigend eilen Durch die Lüfte trüb und schwer. Regenbrausen, Windessausen, Ach, die Windsbraut eilt so sehr Hinein ins Land vom weiten Meer. Gram und Leid durchzieh'n die Brust Und leise flüstert's unbewußt: ,, Wie gleichst dem Sturm und Wetter du, Armer Wandrer, ohne Kuh'." Doch bald hat sich der Sturm gelegt, Und vorwärts dich die hoffnung trägt. Derschwunden ist alles Grau, Der Himmel so klar und blau. Doch Schicksal, du bist hart wie ein Stein Und gönnst der wunden Seele so wenig Sonnenschein. sonette Dachau 1940 Was ich zuweilen kaum zu hoffen wagte, Das schenktest du mir, gute stille Nacht. Es hat mir oft ein güt'ger Traum gebracht, Was mir die Sonne, mit der Tag versagte. Und trotz der Seele Qual ich niemals klagte, Wie viele Leiden ich auch durchgemacht. Es ist mein Schicksal, hab' ich oft gedacht, Das ruhelos mich hin und her nur jagte. mit hartem Griffel hast du eingeschrieben Ins Antlitz uns der Leiden lange Zahl, O Zeit! die du von haß und Wahn getrieben. Halt ein, o Schöpfer! Ende diese Qual! Ist doch die Freiheit in uns wach geblieben Und neu belebt der schwache Hoffnungsstrahl. 51 4* Sonett So wie die Welt, bewegt sich das Leben In einem fort, ein ew'ges Treiben--Es ist ein Wandern, du darfst nicht bleiben, mit deiner Sehnsucht, deinem Schaffen und Streben. Doch ach, dir hat ein Gott es gegeben, Er tat es tief in die Seele dir schreiben frei bist du Mensch, und frei sollst du bleiben! In deinem Willen, großen Erleben. Jm namenlofen einsamen Ringen Zahlloser Qualen bezwingst du die Zeit- Die dir die Freiheit wird bringen. - Du Hoffnungsloser, wie groß auch dein Leid, Erst mußt du dein Schicksal bezwingen Dann ist auch die Freiheit nicht weit. 52 52 Glaube Wie gerne wollten alle wir dich schauen, Du unster Däter heilig Daterland. Du bliebst uns lange, lange unbekannt mit deiner Städte Pracht, mit deinen Gauen. Wir kamen alle, baten voll Dertrauen, Bedurften deiner schützend starken hand-. Doch ach zu spät, du haft uns nicht gekannt, Und überließest uns dem Leid und Grauen. nur wehmutsvoll gedenke ich der Stunden, Da man den starken Glauben mir zerschlagen Und meine Seele arm und krank gemacht- 11 Doch dieses Leid hab' heut' ich überwunden. Don neuer Hoffnung, neuem Geist getragen, Jst auch in mir der Glaube neu erwacht. - 53 Hoffnung Jn Dämmerstunden oder grauen Tagen Empfinde ich die Sehnsucht überquillen nach jenem Streben, jenem Schaffenswillen, Den mir das Schicksal in die Seele hat getragen. Auf( anften Schwingen naht fich mit mit 3agen Die neue Zeit und will die Schmerzen stillen. Doch dunkel und verhüllt ist dein Erfüllen, Und selbst ein Weiser kann es uns nicht sagen. Was wir für Leiden noch zu tragen haben, für Seelenqualen noch, wer kann sie nennen, Und wer des Rätfels Lösungswort uns bringen? Doch deine Hand, die in uns eingegraben Der Hoffnung Freude und des Leids Erkennen, Wird auch für uns den letzten Sieg erzwingen. A 54 54 Aufwärts Willst ernstlich du nach höheren Zielen jagen, Die deine Seele( chmerzlich oft durchdrungen, haft dich zuweilen wohl auch durchgerungen, Es bleibt dir dennoch nur das Wort ,, Entsagen". Denn nimmer darfst du je zu hoffen wagen, Solange du den Sieg noch nicht errungen, Solang dein eigen Jch noch nicht bezwungen, Solange wirst du auch dein hartes Schicksal tragen. Umsonst ist doch dein armes Erdenleben, Als Schatten nur, abseits und ganz verloren, Solang dich 3wang und ketten noch umgeben. Erst dann, wenn Licht umflutet Geist und Leben, Der Freiheitsfunke in dir neu geboren, Erst dann gibt es für dich ein Aufwärtsstreben. 55 56 Einkehr Ein Windstoß naht, fchon kräufeln sich die Wellen, Und wie ein Beben geht es durch die Zweige. Die Trauerbirken sich zum Wasser neigen- Im letzten Sonnenflimmer fpielen die Libellen. Und von der Heide klingt ein leises Schellen Wie Silberglocken in dies tiefe Schweigen. Ein zarter Nebel schwebet wie im Reigen Durch's Tal herauf bis an die Wasserquellen. O Schicksalsmacht, laß einmal mich verweilen An jenem Orte noch, wo mit beschieden Der Sehnsuchtsglaube ward, sich zu erfüllen. Und in Gedanken eile ich zuweilen Aus diesem Grau hinein in deinen frieden In deinem Tempel meine Qual zu stillen. - - - Gottes herrliche Natur Der Bergbach Plätscherndes Bächlein, das Laub und Wellen trägt- Weißt du, was heute meine Brust so sehr bewegt? Ich sah doch die Berge, die Täler so weit Und fand frieden, frieden in meinem Leid. Plätscherndes Bächlein, ach eil' nicht so sehr- mach' mit deinem Rauschen mein Herz nicht so schwer. Schweigsam ist der Wald und der Berg stolz und frei- mir ist, als wäre auch sie heut' dabei. - Plätscherndes Bächlein, darf es nicht fein-7 muß ich denn wandern nur immer allein? mit ist, als sprang heut' mein hoffen entzwei Der Traum ist zu Ende sie war nicht dabei. Sag', liebes Bächlein, warum, ach, warum kommt sie nie wieder? Doch ach, du bleibst stumm. Jch nähme gern mit mir durch Wälder und flur Dein Leid und dein' Trauer, ach könnte ich's nur. Doch ach, ich muß fließen vom Berg in das Tal Ich sah so viel freuden, Leiden und Qual. So fließe ich weiter feit undenklicher Zeit- Und laß dich zurück mit deinem Sehnen und Leid. 59 09 60 Traum Langfam neigte sich die Sonne, Und ich stand auf Bergeshöh'. Sah hinab mit Ruh' und Wonne In den blauen, stillen See. Schaute über wald'ge Wipfel, Dörfer still im Nebel dort. Rechts sah ich die Bergesgipfel Und manch trauten Ruheort. Weiter noch, da kamen Schnitter Über Wiesen, weich und grün. Heimwärts hin, mit Kindern, mütter froh zum nahen Dorfe zieh'n. Aus der Näh' vernahm ich klänge, Lieblich tönend wie musik. hört der Mädchen leise Sänge, Sah der Burschen stilles Glück. Doch nicht lange währt die Wonne Und das Glück, ich ahnt es kaum. Denn es weckte mich der Sonne Morgenstrahl aus meinem Traum. - Berge Komm, wir wollen Berge( chauen Dort vergessen wir das Leid. Dort vergessen wir das Grauen Dieser schwerbewegten Zeit. Komm, wir wollen Gipfel lehen Wo die Luft so leicht und klar. Wollen wir gemeinsam gehen Droht aus Schluchten auch Gefahr? Immer find's die Augen deine, Deine Augen tief und rein. Komm mit mir, du Gute, Reine, Laß mich blicken tief hinein! 61 Mühlenbach Es rauscht der kleine Mühlenbach Jm ftillen Tal dahin. Ich seh dem Silberftreifen nach Und denk' in meinem Sinn: Du kleines Mühlenbächlein du, Bring mir auf deinem Gang, Bring mir, dem Ruhelofen, Ruh' mit deinem stillen Sang. Laß endlich mich doch nur einmal Vergessen all mein Leid.- Ach, mit der Sehnsucht wächst die Qual In meiner Einsamkeit. Du weißer Sklave, hab' nur mut! Bald endet diese not. Schon glänzt am himmel tot wie Glut Der Menschheit morgenrot. 62 62 ROMAN GEBLER wurde am 2. August 1896 in der deutschen Kolonie Radogoszcz bei Lodz geboren. Sein Dater stammte aus Westfalen, seine Mutter aus Schwaben. Nach dem Besuch der kolonieschule ging Roman Gebler zu Professor Renner nach Lodz, dann mit dessen Unterstützung für sieben Semester an die Malschule in Warschau. Eine Internierung im Jahre 1916 unterbrach feine Ausbildung. Nach ( ciner freilaffung bildete er sich im Atelier von Profeffor Schwarz in Berlin weiter in der Malerei aus. Eine Studienreise als maler führte ihn durch ganz Europa. An seinem Wohnsitz Nürnberg wurde der Sozialist Roman Gebler 1933 verhaftet und in Nürnberg, München, Leipzig, Ebrach, in den Konzentrationslagern Dachau und floffenbürg fowie in Miesbach über die ganze Zeit der Hitler- Diktatur inhaftiert. Seit seiner Befreiung im mai 1945 durch die Amerikaner lebt Roman Gebler als Kunstmaler in Miesbach. - Die vorliegenden Gedichte sind nicht der Ausklang ruhiger, einsamer Tage und Stunden- nein, sie sind inmitten des Lärmes, der Sorgen, des Leides und des Todes im Konzentrationslager geboren. Der Verleger.