Vorrede für die Nachgeborenen Ich wende mich mit dieser Niederschrift an die Nachgeborenen, die in hundert oder fünfhundert Jahren etwa mit Kopfschütteln von jener Zeit lesen werden, die unsere Zeit war. Ihr Leben wird recht verschieden von dem unsrigen sein, aber auch unsere Nachgeborenen werden Hunger empfinden und werden sterben, wenn man ihnen die nötigen Mittel dazu verabreicht, sei es ein wenig Strophantin oder ein Genickschuß, auch die Nachgeborenen werden sich an den Freuden der Liebe ergötzen, wie wir es taten, werden Haß oder Mitleid gehörig empfinden, ein wenig beten, allerlei trinken, manche Laster haben, unter der Arbeit seufzen, meist unglücklich sein und die Welt natürlich ändern wollen. - Aber wenn die Nachgeborenen die Geschichte der letzten paar tausend Jahre studieren, werden sie auf ein Kapitel stoßen denn was wir auch taten, es wird alles ein Kapitel werden in Eurem späten Geschichtsbuch- das gesegnet war mit Kriegen, gewaltig im Mord, hervorragend in der Zerstörung und unübertrefflich in der Schandtat. Es ist jenes Kapitel, von dem die Einleitung etwa als ,, dem düstersten der Weltgeschichte" sprechen wird und es wird vielleicht überschrieben sein: ,, Der Mißbrauch der Gewalt zerstört Europa". Die Nachgeborenen werden darin wahrscheinlich lesen können, daß die Menschheit auf ihrem mühseligen, schmerzensreichen Weg durch die Jahrtausende stets von Männern angeführt wurde, die sich durch Erbschaft, Kriege und Verschwörungen die Macht errafften und die willkürlich andere Stämme oder Reiche, oder wie die Einheiten der Menschheit sich damals ge7 rade nannten, zu unterwerfen pflegten. Sie taten, was sie wollten, und die Menschheit hatte ihnen zu gehorchen. Die Machthaber saßen in Königsschlössern, Kurien, in den Kanzleien oder in Börsenpalästen. Es waren in jeder einzelnen Epoche stets nicht mehr als einige tausend Menschen, die die Menschheit dirigierten, die sie miteinander paktieren hießen oder sie gegeneinander hetzten. Sie hatten stets wundervolle, edle Beweggründe. Es ging um die richtige Religion oder um das Vaterland, es ging stets gegen die Ketzer, Hetzer, Erbfeinde, Barbaren, Untermenschen, Ungläubigen. Und die Menschheit, deren Nachdenken mit Erfolg verhütet wurde, verlor entsetzlich viel Blut dabei. Sie fügte sich immer neues Elend zu, weil der einzelne Mensch jenen Machthabern glaubte, daß es notwendig sei, möglichst viele Ungläubige, Barbaren, Erbfeinde und Untermenschen zu töten. Dann, so glaubte der einzelne Mensch, der eine Lanze, eine Muskete oder eine Maschinenpistole schwang, würde endlich eine schönere neue Welt die Folge sein. Ach, die schönere, neue Welt kam nie. Das Elend der meisten wurde immer größer, und der Reichtum der wenigen, die die Machthaber umgaben, wurde es auch. Als nun die Armut der meisten, die als Sklaven, als Leibeigene oder als Fabrikarbeiter den wenigen Reichen dienten, überhand nahm, begannen einige Menschen nachzudenken, und sie behaupteten, daß der Erdball alle Menschen gut ernähren könne, wenn die Schätze der Erde besser verteilt würden. Natürlich waren die Machthaber und die Reichen damit nicht einverstanden, aber Millionen der Armen griffen diese Lehre auf und wendeten sich mit 8 große diese Die geleg find nam Eur S sie das niso Sch gra steh run ble sch sti wi gif Zw hör auf spr lise Ein Sel n, was sie archen. Die en, in den jeder einsend Menmiteinander ten. de. Es ging nd, es ging aren, Untereren Nachetzlich viel u, weil der aß es notaren, Erbglaubte der e oder eine e schönere Elend der um der wes auch. Als Leibeigene en dienten, nachzudenMenschen Erde besser haber und illionen der n sich mit großem Zorn gegen die Reichen und die Machthaber. Von diesem Kampf hallte damals unser Jahrhundert wider. * * Die Nachgeborenen werden in den folgenden Blättern gelegentlich einen Hinweis auf diesen Kampf unserer Tage finden. Sie werden auch finden, daß einer der Machthaber namens Hitler manche Stunde im Leben vieler Menschen Europas und auch des Schreibers verdunkelt hat. Sie werden weiter eine Biographie skizziert finden, wie sie zu jener Zeit damals als nicht untypisch gelten durfte, das Leben eines jungen Intellektuellen, der aus der rheinischen Provinz in die Hauptstadt kam, um hier ein Schriftsteller zu werden. Daß nun die hier skizzierte Biographie nur aus Momenten besteht, hängt mit ihrer Entstehungsgeschichte zusammen und weiter mit der Verehrung des Autors für den Moment, jenen elektrischen, blendenden Augenblick, in dem die Ewigkeit ihr Lid aufschlägt und dich anstarrt. Jeder Mensch findet rückschauend in seinem Leben bestimmte Augenblicke, in denen ihm Türen aufgingen, wichtige Momente der inneren Biographie, die er nicht vergiẞt. Bei mir ging eine Türe auf, als ich zum ersten Mal mit zwölf Jahren Bachs ,, Chromatische Fantasie und Fuge" hörte, als ich zum ersten Mal als Student Theodor Däubler auf einer Abendgesellschaft meines Lehrers Oskar Walzel sprach. Er machte auf mich den Eindruck eines animalisch behaarten Urphänomens jenseits der Jahrtausende. Einen weiteren solcher Momente erlebte ich bei der ersten Sektion in der Kölner Lindenburg, bei der Betrachtung 9 des Flimmerepithels an der Rachenhaut eines Frosches im Mikroskopierkurs der Bonner Anatomie, beim letzten leisen Gespräch, das ich mit meiner Mutter auf ihrem Totenbett hatte, beim ersten Abendessen, das ich als Gast der Benediktiner im Refektorium von Maria- Laach einnahm, in einer Sternennacht, die ich nicht allein im sommerlichen Kornfeld gegenüber von Godesberg verlebte und bei der Premiere meines ersten Dramas ,, U- Boot S 4" in der Berliner Volksbühne, als der Vorhang fiel. Es waren Momente, aber es waren Stationen. Eine Reihe von durchschrittenen Türen liegt offen hinter jedem Menschen, der zurückblickt. Wenn ich über die Schulter zurückblicke, so sehe ich in meiner Erinnerung die zahlreichen Gesichter politischer Gefangener. Ein Teil von ihnen sah die Freiheit wieder, ein anderer Teil jedoch starb. Ich sehe noch ihre vielen Gesichter gegenüber dem meinen in der Zelle sprechen, leise und gequält, mager und unverzagt. Sie warteten auf das große Glück, auf die Freiheit, auf den Untergang des Werwolfs, auf das Ende des Krieges. Es ist alles gekommen, wie wir es damals erträumt hatten. Und doch ganz anders. Und wenn ich am Leben geblieben bin, so packt mich die Erinnerung an die Unzähligen, die ich dahingehen sah, oft mit tiefer Trauer, denn in jener Zeit der Leidenschaften, in der Menschenleben so billig waren wie Brombeeren, in jener Zeit begriff ich die Größe und Kraft des menschlichen Geschlechts. Mit einem Mut traten die Männer und Frauen unseres 10 Lande bereit werde heit aber kelle zen ging deut zu h M pers hier reich liche gege fang die in d lich ten lan Z die nied Dag Haf not Frosches im letzten uf ihrem ch als Gast Laach einin im somerlebte und ot 84" in Eine Reihe edem Menmehe ich in politischer eit wieder, Chre vielen sprechen, arteten auf ergang des lles gekomdoch ganz packt mich dahingehen der Leidenwie BromKraft des en unseres Landes vor den Gerichtstisch und an das Schafott, der bereits aus der Ewigkeit stammte und der nie vergessen werden darf. Hier in Deutschland lebte die Idee der Freiheit ungebrochen, sie lebte in abertausenden von Zellen, aber sie lebte. Einen Stock tiefer in den tragischen Polizeikellern unseres Landes schlugen zehntausende von Herzen im unisonen Largo des Leides. Wer über die Straße ging, brauchte nur in die Tiefe zu lauschen, um das undeutliche funebre Summen vieltausender leiser Stimmen zu hören." Man hatte einen großen Bestandteil unseres Volkskörpers gepackt und in die Keller des Landes geworfen. Und hier, nicht oben im sonnüberglänzten Wutalltag des Nazireichs, hier unten offenbarte sich die Schönheit menschlicher Größe, die schweigende Kameradschaft der Hingegebenen, die Bruderschaft des noblen Elends, das gefangene Heer der Freiheit. Hier unten entwickelte sich die Menschheit weiter auf ihrem schmerzensreichen Weg in die Zukunft. Hier unten wurden die Fackeln der Menschlichkeit weitergereicht von der Hand eines erhabenen Toten in die eines anderen, von Schafott zu Schafott. Aber die Fackeln sind nie erloschen in unserem Vaterland. * Zum Formalen habe ich mitzuteilen, daß ich die Stücke, die vom Leben in der Welt handeln, meist hinter Gittern niederschrieb, zum Teil auf dem Rücken von Tütenpapier. Dagegen schrieb ich die Stücke, die vom Leben in der Haft handeln, nach dem Ende der Haft nieder. Um die Monotonie der Haftstücke zu durchbrechen, stellte ich stets 11 ein Weltstück einem Haftstück gegenüber, und ich hoffe damit eine einigermaßen komplexe Übersicht über einen jener Lebensläufe in der damaligen Zeit geschaffen zu haben. - - Wenn die privaten Stücke zahlreich sind, so berücksichtige man, daß es an den Orten der Niederschrift angebracht war, sich auf private Erinnerungen zu beschränken. Einige von ihnen sind in der nicht ganz unberechtigten Erwartung eines Todesurteils in verzweifelter Stimmung niedergeschrieben worden, darum beschäftigen sie sich gern mit der Größe und Schönheit der Welt. Die Schilderungen von erlebten Grausamkeiten habe ich dagegen knapp bemessen. Ich könnte in dieser Frage wie jeder frühere Häftling Beträchtliches berichten, aber es erscheint mir unnötig, die zahllosen Schilderungen von Grausamkeiten, die die uniformierten Handlanger der Diktatur an unserem Volke vorgenommen haben, zu vermehren. * Nur mag den Nachgeborenen noch berichtet werden, daß die tiefe Melancholie, in die uns Überlebende der furchtbare Tod so vieler Freunde gestürzt hat, vergrößert wurde durch die umfassende Enttäuschung, die uns die Entwicklung der Welt nach dem Krieg aufzwang. Aber was hilft es, unter lauter Klagenden zu klagen? Wenn einst von den Nachgeborenen das Kapitel gelesen wird von jener Zeit, die unsere Zeit war, so bitte ich mit aller hartnäckigen Bescheidenheit jener Hunderttausende nicht zu vergessen, die aufrecht gegen den blutbesudelten Terror gekämpft haben und dabei kämpfend an der Schafottfront gefallen sind. Günther Weisenborn 12 :sich- Wenn es keinen Schmerz gäbe, leb- E ange- ten wir noch in den Höhlen. Der oschrän- Schmerz ist der Stachel, der Antrei- h- 4 ber unserer Entwicklung. Er peitscht ifelter die Menschheit von Entdeckung zu häftigen Entdeckung. Telt. Die dr von or Dik- zu ver- f rden, le der orgrößert uns die Aber lesen h mit ‚sende I-lten pr G-har N horn Im Nationalmuseum in Neapel sah ich ein Stück Brot, zweitausend Jahre alt, faustgroß, halb verkohlt und grau, steinhart. Es war in Pompeji gefunden worden. Auch ein kleines Gefäß mit einem Stück Bernstein darin war dort, nur milchiger, rissig und schimmernd. Es war zweitausendjähriger Wein. Brot und Wein lagen hier, davon lebten sie, die die Tunika trugen, zur Zeit des Tibull und Seneca. Das Brot war abgebrochen, der Wein halb ausgetrunken, der Vesuv unterbrach damals die Mahlzeit. Es ist bis heute unterbrochen, das Mahl von Pompeji. Vor uns liegt, was übrig blieb, als man damals ein wenig starb, Brot und Wein: die Schauer von zwei Jahrtausenden stehen aus ihnen auf und wehen uns kühl und geheimnisvoll an, uns späte Enkel, die Brot essen und Wein trinken wie damals... Nachdem H. mich wochenlang genau geprüft und ich meine Zustimmung gegeben hatte ,,, mir das mal anzusehn", lud er mich eines Abends in seine Wohnung ein. Hier saß ein kleiner, dunkelhaariger Mann mit Brille, eines jener intelligenten Arbeitergesichter aus dem Ruhrgebiet, der Walter genannt wurde, und Kurt, ein junges, helles Künstlergesicht mit kurzen, blonden Haaren und einem gewissen reinen Fanatismus in den Augen. 15 Es war der erste Treff, das erste illegale Zusammensein. Wir sprachen über allgemeine Dinge, dann kamen wir auf das Regime zu sprechen. Es war 1937. ,, Wenn Sie dagegen sind, müßten Sie dann eigentlich nichts dagegen tun?" fragte der, der Kurt hieß. H. blickte mich gespannt an, als sei ich sein Sohn in einer Schulprüfung. Ich nickte zaghaft. Nun sprachen wir darüber, ob es Sinn habe, etwas dagegen zu tun. Es sei doch fast aussichtslos. Das Risiko sei unmenschlich. Aber wenn viele, wenn Hunderttausende etwas tun, sieht es dann nicht ganz anders aus? Hier saßen vier junge Männer an einem Tisch, auf dem Teetassen standen, und am Ende gaben sie sich alle die Hand. Als ich ging, duzten wir uns. Sie waren Männer, die Mut hatten und mir Mut gemacht hatten. Boot. Da aber die Köpfe u malische ter eine Wasser dir auff mel kn liche H wegtau Seegru taucht schwim alle au Donner im fahl Amazon weiße Dan B. hatte einige Leute eingeladen, und wir tranken bis nachts um zwei. Die Mädchen tanzten, es war sehr rauchig, und der Wein im Kopf schmerzte. Ich wollte nach Hause, aber ein furchtbares Unwetter ging draußen nieder, der Schein der Blitze flackerte durch das Zimmer, in dem die Trinkenden in Gruppen saßen und die Tanzenden müder wurden. B. fragte, ob einer mit schwimmen ginge. Zwei Mädchen und ich gingen mit. Wir rannten durch die nächtlichen Parkstraßen und sahen einander kaum. Der Regen stand vor den Laternen wie eine nachtgraue Wand, in die man hineinlief. Am Wasser zogen wir uns aus und legten unsere Kleider unter ein aufgebocktes 16 Ich von de Es g blätter Ich ful erfahre Weisenb mensein. wir auf Sie dadagegen espannt h nickte nabe, etlos. Das Hunderters aus? auf dem alle die Männer, Boot. Dann sprangen wir in den See. Es war stockdunkel, aber die Blitze flimmerten über das Wasser, ich sah drei Köpfe und hörte helles Lachen und Prusten. Es ist ein animalisches Gefühl des endlos Ausgeliefertseins, nackt unter einem tosenden, schmetternden Unwetter auf dem Wasser zu liegen, indes grünweiße Blitzdickichte über dir aufflammen und die elektrischen Feuer über den Himmel knattern und donnern. Es ist eine jugendliche, herrliche Herausforderung, die man noch steigert, indem man wegtaucht, irgendwo in die finstere Unheimlichkeit des Seegrunds hinein, verloren, nackt, ausgeliefert. Keuchend taucht man auf und glaubt sich gerettet, aber man schwimmt immer noch in der Hölle. Später klettern wir alle auf den Bootssteg, triefend, erregt lachend unter den Donnern. Die nassen Mädchenkörper leuchten nackt auf im fahlen Licht der Blitze, schimmernde, sich biegende Amazonen, auf die der Regen niederprasselt und deren weiße Zähne im Gelächter aufblinken. Dann ziehen wir uns an und rennen davon. nken bis sehr raullte nach ßen nieZimmer, die TanschwimWir ranneinander me nachtrogen wir gebocktes Ich war kaum vier Wochen in der Gruppe, als Gisela von der Gestapo verhaftet wurde. Es gab fieberhafte Arbeit. Es mußten Pakete mit Flugblättern nachts zu anderen Adressen gebracht werden. Ich fuhr mit meinem Wagen hinter H.'s Wagen her, der erfahrener war als ich und Ausschau hielt. Wenn er dreiWeisenborn, Memorial 2 17 mal hintereinander das Bremslicht aufleuchten ließ, sollte ich stoppen. Bei öfterem Aufleuchten sollte ich sofort wenden oder abbiegen. Es ging alles gut. Am Tag packten wir. Wir planten eine Flucht nach Holland, wo wir einen Freund hatten. Aber dann bekam H. Winke, die ihm bewiesen, daß die Gefahr an uns vorüberging. Er wurde von der Gestapo verwarnt, die nichts von unserer eigentlichen Tätigkeit erfahren hatte. Wir atmeten auf, und einige Tage lang saß ich hinterher träge bei Kranzler am sommerlichen Kurfürstendamm und ließ die geschminkte Welt an mir vorbeidefilieren, die geschwätzige Nonchalance, die plappernde Eleganz, die Gelächterchen, die blasierten Witzchen und die frivole Routine derer, die sich behaglich fühlten. „ Wen mühen Er kn Er w Schläge ken im Der giert. E empor schöpfe nernd s Tsching H.ka schnitt Als das Auto vorfuhr, schrien die Massen. Sein Sohn, der hinter ihm saß, nahm ihm von hinten die Mütze ab und setzte ihm die Pickelhaube auf. Dann hob, trug, hebelte man den gewaltigen Mann aus dem Auto. Er stand endlich. Die Musik spielte. Die Studenten ringsum schrien. Bonn war tausend Jahre alt, und Hindenburg besuchte die Universität. Er kam auf uns zu. Wir waren die Vertreter der Studentenschaft, und er reichte jedem von uns die Hand, eine schlaffe alte Marschallshand mit kurzem martialischem Ruck. Der Rektor im roten Samtornat mit goldener Kette schrie erregungshell: 18 segelter Wind, Piek. ,, Ind war am manövr mer me senscha land ein Tag, an Jetzt er sie n eß, sollte h sofort cht nach n bekam an uns carnt, die en hatte. hinterher amm und eren, die ganz, die e frivole ,, Wenn Excellenz sich jetzt durch die Ehrengasse bemühen wollen." Er knurrte: ,, Schön, wie Sie wollen... " C Er wanderte mit Stresemann durch das Spalier von Schlägern, die die Korporationsvertreter mit eitlem Blinken im Mittagslicht stolz erhoben. Der alte Mann wurde geschoben, gelenkt, gezupft, dirigiert. Er brauchte zehn Minuten, um die Treppe zur Aula emporzuklimmen. Wenn er stehen blieb, um Luft zu schöpfen, blieb die ganze ehrfürchtige Rotte um ihn dienernd stehen. Und die Musik spielte ein kriegerisch wildes Tschingdera. ein Sohn, Mütze ab ob, trug, 0. Studenten und Hinuns zu. er reichte arschallser Kette H. kam über den Landesteg, schlank, schön und sauber schnitt sein Profil in den Abendhimmel am Wannsee. Wir segelten mit der Jolle hinaus. Es herrschte ein kräftiger Wind, der schralte. Er saß am Ruder, ich hockte in der Piek. ,, In dieser Nacht geht es los gegen Polen." sagte er. Es war am Tag vor dem Kriegsausbruch. ,, Bisher konnte er manövrieren, ab morgen werden seine Entschlüsse immer mehr eingeengt." Er sprach sehr sachlich, fast wissenschaftlich über den Diktator. ,, Später wird er in Rußland einfallen", sagte er am 31. August 1939, am gleichen Tag, an dem er drei Jahre später verhaftet werden sollte. ,, Jetzt wird wirklich Weltgeschichte gemacht, nur macht er sie nicht mehr allein", sagte er. Wir werden uns alle 19 دو ein wenig daran beteiligen, die ganze Welt um uns und... wir! Jetzt muß jedes Volk und jeder Mensch beweisen, wo sie stehen", sagte er. Er sprach lange mit denkender Entschlossenheit, indes das Boot durch die Finsternis rasch dahinschoß. Das Wasser schlug zuweilen herein. Ich sah ihn nur undeutlich, einen Deutschen, einen Mann, einen Freund am Abend vor dem Krieg. Das Boot flog dahin. ,, Es wird der größte Krieg der Weltgeschichte werden", sagte er. ,, Jener aber wird ihn nicht überleben." Der Wind sauste über den See, das Schlagwasser rauschte an uns vorbei. Es war stockdunkel geworden. Ich sah ihn nicht, ich hörte nur seine helle Stimme im Boot, die stählerne, junge Stimme des deutschen Widerstandskämpfers, der weiß, daß die große Stunde gekommen ist! Jener, der Wolf aus der Reichskanzlei, überlebte nicht den Krieg, aber auch nicht sein Feind und mein Freund. ten mit fünfund Zorn, d Herzen breitete Hunger las, wa tausen Bibliot der Me chen. stus, nichts! Es Mensch Als schen Was reiner Geist ist, spürte ich zum ersten Mal in der Bibliothek des Benediktinerklosters Maria- Laach, wo ich als Student einige Tage als Gast verbrachte. In dieser uralten Halle lagerten zu tausenden kostbare Erstdrucke, ledergebundene Folianten. Hier ruhte das Bewußtsein der Menschheit, hier schliefen die Jahrhunderte. Ihr innerster Herzschlag klopfte in jenen Folios, Aventüren, Urteilen, Traktaten, Urkunden, Historien. Du brauchtest nur ein Buch aufzuschlagen, und deine Ahnen flüster20 20 werde ,, Da Es v freier dort fü wöhnte tiefst en chen E Praktik s und... eweisen, enkender insternis herein. en Mann, Boot flog ichte werleben." lagwasser geworden. timme im n Widere gekomebte nicht Freund. ten mit dir durch einen durchsichtigen Filigranzaun von fünfundzwanzig Buchstaben. Es flüsterten die Liebe, der Zorn, der Haß, das Gebet, die Betrachtung, die jungen Herzen und die alten Köpfe. Abertausende von Toten breiteten sich vor deinem Auge aus, millionenmal der Hunger, die Not, die Ehrfurcht, die Kontemplation. Was las, was staunend hineinsah in jenen Spiegel des Jahrtausends, waren zwei Augen eines Studenten aus Bonn. Bibliotheken, dachte er, sind die kostbarsten Monumente der Menschheit, gebaut aus nichts als zwei Dutzend Zeichen. Was wüßten wir von Homer, von Athen, von Christus, von Palestrina, von Beethoven und Montezuma, nichts! Es sind die Bibliotheken, die das Gedächtnis der Menschheit darstellen. Sie bilden unser Bewußtsein. Mal in der ch, wo ich n kostbare te das Berhunderte. 8, AventüDu brauchen flüsterAls ich ihm mitteilte, daß ich eventuell am ,, Großdeutschen Rundfunk" in der Informationsabteilung angestellt werden könne, sagte H.: دو ,, Das mußt Du unbedingt annehmen." Es war im November 1941, und ich hatte bis dahin als freier Schriftsteller gelebt. Eine große Chance wartete dort für unsere Gruppe. Ich wurde angestellt, und gewöhnte mich an die kontrollierende SS, aber ich war zutiefst entsetzt, als ich in den ersten Wochen einen gründlichen Einblick in die gewitzten Techniken und die emsigen Praktiken der NS- Entstellung bekam. Hier in der Weiß21 glut der Nachrichtenzentrale, ständig am Draht von Goebbels und Fritzsche gelenkt, bekam ich eine fürchterliche Bestätigung von der absoluten Verruchtheit des Naziregimes. Die geheimen Anweisungen in ihrer nackten Brutalität, die dnb- Blau- Kommentare, die geheimen Lageberichte der SS, die I- Tendenzen, ein hitziger Lügenabsud, dessen Extrakt täglich durch sechzehn Millionen Radioapparate in die Ohren unseres Volkes geträufelt wurde und der jedes oppositionelle Gefühl des wehrlosen Volkes betäubte und seine vernichterischen Instinkte alarmierte. Der A üblichen dingt ge richt be 32 000 A tung de ren. Ich d zu, wie tärin m über d Rundfu nicht w Ich sitze am Sakrower See und fühle auf der Haut jenen warmen Frieden in der Luft, jene hummeldurchsummte blaue Aura des Sommers, die uns auf glückliche Art besänftigt. Schmetterlinge gaukeln, Königskerzen leuchten, es raschelt im Schilf. Die Kiefern im abendlichen Gelüft rauschen zerstreut ein wenig vor sich hin, sommerlich leis und mit der müden Majestät der Sturmerfahrenen. Es riecht nach See, nach Kiefern und Gras, nach Pilzen. Ach, es ist der große, geheimnisvolle Juli, dessen steinernweißes Mittagslicht uns blendet, und die golden gerillte Bahn des Sonnenlichts blendet uns auch, die lang über den See hinläuft von meinen Augen bis zur Sonne drüben, eh sie fast rot wie beschämt von dem, was sie auf Erden sah, Abschied nimmt. Für immer. Bis morgen. den sei Jeder in eine Aerzte eine ge gemein Es beim Moska für die waltige eine ei 22 22 on Goebhterliche es Naziten BruLagebegenabsud, en Radioelt wurde en Volkes larmierte. Haut jemeldurchglückliche igskerzen abendlisich hin, Her Sturmund Gras, volle Juli, , und die uns auch, en bis zur dem, was Bis morDer Abteilungsleiter im Funkhaus gab mir eine der üblichen Greuelmeldungen und sagte: ,, Dies muß unbedingt gebracht werden. Anordnung von oben!" Die Nachricht besagte, daß im letzten Jahr in der Sowjetunion 32 000 Aerzte getötet worden seien, um damit die Vernichtung der bürgerlichen Intellektuellen dort zu dokumentieren. Ich diktierte die Nachricht, fügte jedoch eine Null hinzu, wie man das in der Zerstreutheit eben tut. Die Sekretärin merkte nichts. Die Nachricht ging auf Wachs und über den Sender. Abends verkündete der Großdeutsche Rundfunk also in sechs Sprachen, daß in einem Jahr nicht weniger als 320 000 Aerzte in Rußland getötet worden seien. Jeder Dummkopf mußte merken, daß es soviel Aerzte. in einem Land nicht gibt, daß unmöglich jeden Tag 800 Aerzte getötet werden können, daß diese ganze Meldung eine gemeine Lüge war, daß der Großdeutsche Rundfunk gemeine Lügen verbreitete. Es gab natürlich ein heftiges Nachspiel, aber es blieb beim Diktierfehler. Diese Meldung wurde prompt von Moskau und London aufgegriffen und diente als Beweis für die Lügenhaftigkeit des Berliner Rundfunks. Der gewaltige Großdeutsche Rundfunk wurde bloßgestellt durch eine einzige Null. 23 23 Wenn nicht die frische, alerte Dummheit so aktiv aufträte, wir lebten auf der Sonnenseite der Welt. Aber all diese Dummheit kostet so viel Blut. Es waren verschiedene Vertreter des Großdeutschen Rundfunks dabei anwesend, einer davon war ich. Wir saßen im Goldenen Saal der Reichskanzlei. Uns gegenüber ragte eine gewaltige Wand von Blumen, in der ein grüner Tisch sichtbar war. An diesem Tisch saẞßen Kurusu, Ciano und Ribbentrop. Hinter ihnen in den Blumen schimmerte und blinkte die paradierende Pracht des faschistischen Militärs. Der gelassene Himmler mit dem bestialischen Buchhaltergesicht, Keitel, die korrupte Säule verbissenen Soldatentums, jener ganze alberne blutbesudelte Apparat der drei Diktaturen spielte uns die Unterzeichnung des Dreimächtepaktes vor. Da flogen die Arme, klappten die Hacken und die Phrasen, klimperten die Orden, blinkerten die Tressen und Sterne, ein prachtgeladenes Ruckzuck der Weltbeherrschung. Und dann erschien der Haushofmeister aus dem Schäferspiel mit weißen Strümpfen, blauseidenen Kniehosen und Rokokofrack, und stieß seinen Stab dreimal auf den Boden. Alles sprang auf, salutierte starr und bleich, ein Wald von Armen stand zur riesigen Tür, die sich durch eine Mechanik lautlos öffnete, und der Höhepunkt war gekommen. Es mußte etwas Gewaltiges erscheinen. Es erschien der Führer! Er erschien klein, weich und bescheiden, mit jener familiären Ergriffenheit im schlichten Rock, die so zu rühren pflegte. Welches Abstechen, welcher Kontrast, welche Berechnung der Erwartung, welche Regie, welch gerissenes Theater. Welche böse Rechnung, aber sie ging auf. 27 O., ein Bekannter, teilte mir im August 1942 unter dem Siegel des Vertrauens mit, daß ein Freund von ihm, ein junger Soldat, einen Koffer bei ihm untergestellt habe. In dem Koffer seien politische Schriften, Broschüren, Manuskripte. Die Sache komme ihm nicht geheuer vor. Ob ich mir den Koffer nicht einmal ansehen wolle. Ich weiß, daß eine illegale Gruppe bei Gefahr ihr Material bei angesehenen unpolitischen Bürgern unterstellt. Der Fall lag anscheinend vor. Welcher Art mochte jene Gruppe sein? Gut, ich fahre mit ihm in seine Wohnung. Wir öffnen den Koffer, ich knie davor und sehe mir die Papiere an. Im gleichen Augenblick ist mir, als stürze das Haus über mir zusammen. Es ist das Material unserer eigenen Gruppe. Es ist in Sicherheit gebracht, also ist Gefahr! Es ist H.'s persönliches Material, ich erkenne seine Doktorarbeit, seine Entwürfe, seine Schrift. Was ist mit H.? Ich bin kalt vor Schrecken und stehe auf. Es gelingt mir, meine Panik vor O. zu verbergen. Er bemerkt nichts Außergewöhnliches an mir. Wir trinken Kaffee und reden über gleichgültige Dinge. Er erlaubt mir, einige Schriften mitzunehmen. Er solle den Koffer gut verborgen halten, ja keinem zeigen, nicht darüber sprechen. Ich gehe. Von einer Telefonzelle rufe ich H. im Luftfahrtministerium an. Man sagt mir, er sei auf einer Dienstreise. Wann er zurückkehre? Das sei ganz unbestimmt. Verhaftet. Und Verhaftung des Kopfes. Also: Alarm! Der ten au fühle ein N gekom Totens rausch ruch licher dir di endun das W der üb Gruß Es platz fünf Zivil polize Sie appar ,, Si sar," fer." ,, Si zelle" 28 ter dem mm, ein thabe. en, Mawor. Ob h weiß, rial bei Der Fall Gruppe Wir öffPapiere as Haus st in SiDer Abend ist gekommen. Das Boot ruht friedlich mitten auf dem Wasser. Ich lehne an der Bordwand und fühle das zarte Heben und Senken der Jolle. Es ist ein Nebel auf tausend grauen Pfoten über den See gekommen. Er zieht unter dem blassen Orion dahin. Totenstill liegt der See. Nur drüben vom Ufer her rauscht zuweilen eine Gruppe Pappeln. Und in den Geruch des Wassers mischt sich vom Land her ein unsäglicher süßer Duft von abendlich warmem Heu. Er bringt dir die Vision von zarten Wiesen, von Heimat, von Vollendung des Sommers. Wälder und Wiesen atmen über das Wasser hin, traumhaft, rein. Der zarte Duft des Heus, der über den See kam in jener Nebelnacht, war wie ein Gruß der toten Mutter. ne Dokmit H.? ngt mir, t nichts nd reden e Schrifgen halch gehe. hrtmininstreise. VerhafEs klopfte laut an unsere Ateliertür am Wittenbergplatz in Berlin. Wir wurden wach, es war noch dunkel, fünf Uhr. Ich öffnete die Tür, vier Männer drangen herein, Zivilisten, die Hände in den Manteltaschen. ,, Kriminalpolizei", sagte einer. Er war der Gestapokommissar. Sie verteilten sich sofort, einer kontrollierte den Radioapparat. Wir mußten uns anziehen. ,, Sie müssen beide mitkommen", sagte der Kommissar ,,, es kann etwas länger dauern. Packen Sie einen Koffer." Joy packte einen Handkoffer. ,, Sie denken wohl, Sie kommen in eine Gemeinschaftszelle", schnauzte er sie an. ,, Packen Sie nur zwei Koffer." 29 Wir packten zwei Koffer. Als Joy stolperte, sagte der Kommissar: ,, Falln Se langsam, dann ham Se mehr Jenuß davon!" Sie stand wie eine Flamme, voller schneidender Verachtung. Zwei der Männer blieben in der Wohnung. Unten warteten zwei Privatautos mit zwei Fahrern in Zivilkleidung. Die Hausbewohner starrten durch alle Gardinen. Sie wurde in das erste Auto gebracht und abgefahren. Der Kommissar setzte sich zu mir und sagte dem Fahrer: ,, Na, dann wolln wa mal." Man fuhr mich in die Prinz- Albrechtstraße, wo ich mit dem Lift in den Keller gebracht wurde. Und in die Zelle. An jenem Tag hatten die Gestapoleute noch jenen forschen, umgänglichen Ton, mit dem sie Vertrauen zu erwecken suchten, jenes ,, wat denn... wat denn... nö, mein Lieber... es geht alles vorüber..." Es ging alles vorüber. nicht m fen, die kleine, leisen spielt nischer ist au heutzu eine А Morg mit sei scharf Ich feg durch einen v lächel Freud sehr f In dem weltverlorenen Dorf Apostoles, tief im Innern Argentiniens, gibt es ein Café, wie man mir sagte. Ich binde mein Pferd draußen an und trete ein. Der Raum ist leer bis auf einen Regenfall von Fliegen, der meinem Canya gilt. Es ist sehr heiß, träge blick ich durch die Scheibe. Die Straße vor dem Fenster ist rötlicher Lehm, platt und in der Sonne glänzend. Plötzlich höre ich ein leises, weiches Violinsolo aus dem Radio, zärtliche Melodie, die die Totenstille des Dorfes durchdringt. Ich spüre 30 ses Kl unbest gen kö Es v mal am Spezial Ich hör denn d misohle gte der Jenuß dender en wareidung. en. Sie en. Der er: ,, Na, inz- Alnicht mehr den nassen Rücken meines Hemdes, die Tropfen, die aus meinem Haar rinnen. Ich höre nur noch diese kleine, sanfte Melodie, die von einer sehr sensiblen und leisen Hand tausend Kilometer weit in Buenos Aires gespielt wird, und man hört sie hier in diesem halb indianischen Dorf unter Palmen und Kapokbäumen und man ist auf eine unnennbare Art glücklich darüber, daß es heutzutage eine Melodie so weit bringt. Damals war ich eine Art Postreiter. ebracht en forzu er... nö, Innern gte. Ich Raum meinem rch die Lehm, ich ein e Meloh spüre Morgens reicht mir der Kalfaktor des Gestapokellers mit seinem immer vergnügten Lächeln, über dem stets scharf beobachtende Augen sitzen, den Besen in die Zelle. Ich fege aus, und an der offenen Tür glückt mir ein Blick durch den Türspalt zur Tür der Nebenzelle 8. Dort sehe ich einen weizenblonden Schopf. Es ist K. Er erkennt mich, wir lächeln uns an und verschwinden, denn der Posten kommt. Freudiges Erschrecken in mir, ein Mann von uns! Ich bin sehr froh. Kaum ist es ruhig geworden, höre ich ein leises Klopfen an der Wand. Ich klopfe zurück. Wir klopfen unbestimmt und wahllos irgendwelche Takte. Verständigen können wir uns nicht. Es vergehn Tage. Ich höre, wie er gefesselt wird. Dreimal am Tag dringt das knirschende Geräusch der leichten Spezialstahlfesseln zu mir herüber, nach jeder Mahlzeit. Ich höre ihn manchmal husten. Es ist sehr still im Keller, denn die SS- Posten gehen unaufhörlich auf leisen Gummisohlen durch die Gänge. Nur manchmal hört man eine 31 Türe schließen, und eine kalte Stimme befiehlt: ,, Zur Vernehmung... kommen Sie mit..." dann gehen zwei eilige Männer durch den Gang, die Schritte entfernen sich, und weit weg hört man das Schließen der Fahrstuhltür und das elektrische Summen des vergitterten Lifts. Nach langer Zeit erst kommen sie zurück. Der Schritt ist langsamer geworden. Wenn die Zellentür hinter ihm verschlossen wird, ist der Mann wieder allein. Was mag ihm geschehen sein? Die V Aussich Aussage das Ger von mi Aussage Aussage falls im es war Es w dend w FrageIch saß im Reportersaal in New York und tippte unter der grünen Lampe meine Berichte herunter. Es saßen andere Reporter an ihren Maschinen und schrieben. Es ging auf Mitternacht, und der Umbruch wartete nicht. Manche arbeiteten in Hemdärmeln, einige trugen grüne Augenschirme an der Stirn. Die Maschinen klapperten, zwischendurch hörte man, wie sich zwei unterhielten. Es war ein alter, unfreundlicher Saal, und ich war den ganzen Tag mit der Subway up- and downtown gefahren, um den Erfinderkongreß, ein Funeral- home und ein Arbeitermeeting zu besuchen und den Präsidenten der ,, Life- saving- company" zu interviewen. Jetzt war ich müde, meine Pfeife war kalt geworden, und Sonnabend konnte ich mir fünfundzwanzig Dollars abholen. Ich war einer von vielen, einer vom Lokaldepartement. Ich war Reporter in New York. sicher n Er ahnt Wortes ne zwe und da für mi Ich Stuhl Kamp Die ist. Ic rückzie Ich mu mußte 32 32 t:„ Zur en zwei tfernen hrstuhlLifts. Schritt nter ihm Was mag ppte unEs saßen eben. Es te nicht. en grüne apperten, ielten. Es den ganahren, um Arbeiter,, Life- saide, meine e ich mir on vielen, r in New Die Vernehmung war nicht gut verlaufen, die letzten. Aussichten für mich waren dahin, denn es lag eine zweite Aussage gegen mich vor. Und zwei Aussagen brauchte das Gericht für sein Todesurteil. Die erste Aussage war von mir durch nichts mehr zu erschüttern, denn der Aussagende war bereits hingerichtet. Aber die zweite Aussage stammte von einem, der noch lebte, ja, der ebenfalls im Gestapokeller lag. Und zwar neben mir in Zelle 8, es war K. Es war eine Aussage, die für ihn nicht sehr entscheidend war, sie war ihm anscheinend bei dem tagelangen Frage- und Antwortspiel mit unterlaufen. Und er ahnte sicher nichts von der Tragweite dieser Aussage für mich. Er ahnte nicht, daß sie mich im buchstäblichen Sinn des Wortes vernichten würde. Der Kommissar oben hatte seine zweite Aussage gegen mich, er rieb sich die Hände, und das Gericht hatte damit automatisch ein Todesurteil für mich. Es war alles in Ordnung. Ich saß eine zeitlang zerschmettert und feige auf dem Stuhl, bereit mich aufzugeben, von dem wochenlangen Kampf der Gehirne erschöpft. Gut, da habt ihr mich! Die Mauer war vielleicht dick, wie ein Arm lang ist. Ich betrachtete sie. K. mußte seine Aussage zurückziehen, dann war die alte Situation wieder hergestellt. Ich mußte ein System finden, um mit ihm zu klopfen. Ich mußte ihm hinüberklopfen, wie meine Lage war. 33 33 Es ist Sonntagmorgen. D. schläft noch. Sie liegt neben mir, der Aermel ihres Nachthemdes ist bis zur Schulter hinaufgerutscht. Ihr Gesicht ist blaß und entspannt. Sie sieht ganz anders aus jetzt, kindlicher, fast grübelnd. Ich stehe leise auf, bade und ziehe mich an, es ist neun Uhr. Ich wecke sie nicht. Sie schläft gern bis mittags, sie ist ein Nachtmensch. Dann gehe ich lautlos hinaus. Unten wandre ich ein wenig durch die trüben, kühlen Straßen Berlins, die leer sind. Am Savignyplatz hat eine Konditorei eine kleine Terrasse. Dort hantiert bereits eine Kellnerin. Ich lasse mir ein Frühstück geben. Mit Behagen esse ich das weiße Brot und die Eier und trinke den starken Kaffee. Die Zeitungen sind alle dick und ganz unberührt, und da es Sonntag ist, haben sie alle eine weihevolle, anspruchsvolle Kulturseite. Ich sitze da und weiß, daß ich ziemlich glücklich bin. Draußen in den grünen Bäumen des Platzes pfeifen Finken und Spatzen. Ich lasse die Zeitungen sinken, der Rauch meiner Pfeife steigt zartblau in den Sonntagmorgen. Andächtige, leise Orgelmusik kommt irgendwo aus dem Radio. Es ist ein Großstadtsonntagmorgen, still, voll von grauem Frieden und matter Erfüllung. Eine schöne Frau liegt nicht weit von hier und schläft. Bald wird sie mich zu Hause anrufen, damit wir zusammen Mittagessen gehen. Ich werde mir plötzlich bewußt, daß ich diese graue Frühlingsatmosphäre nicht vergessen werde, nach aller nächtlichen Leidenschaft jetzt die vogeldurchzwitscherte Eintracht eines sauberen harmonischen Sonntagmorgens. Die tiefgrünen Bäume rauschen leise im Sommerwind auf. Dann gehe ich davon. 34 Als ic lag ich a unter de flammte durch da Ich be Er erwid sehr ent mal= Er kl Ich w Ich w Ich w Ich w lung zu stand, i Ratlo Er b Morse Buchst die er i mal. E griff. E verstän = a ganz lei Keine kam es gt neben Schulter nnt. Sie elnd. Ich eun Uhr. s, sie ist 8. Unten Straßen e Kondireits eine Behagen inke den ganz une weihelich bin. ifen Finken, der antagmorndwo aus gen, still, ine schöne dwird sie n Mittagdaß ich en werde, geldurchen Sonnleise im Als ich abends gegen 10 Uhr um mein Leben klopfte, lag ich auf der Pritsche und schlug mit dem Bleistiftende unter der Wolldecke an die Mauer. Jeden Augenblick flammte das Licht in der Zelle auf, und der Posten blickte durch das Guckloch. Dann lag ich still. Ich begann als Eröffnung mit gleichmäßigen Takten. Er erwiderte genau so. Die Töne waren fein und leise wie sehr entfernt. Ich klopfte einmal= a, zweimal= b, dreimal= c. Er klopfte unregelmäßig zurück. Er verstand nicht. Ich wiederholte, er verstand nicht. Ich wiederholte, er verstand nicht. Ich wiederholte hundertmal, er verstand nicht. Ich wischte mir den Schweiß ab, um meine Verzweiflung zu bezwingen. Er klopfte Zeichen, die ich nicht verstand, ich klopfte Zeichen, die er nicht verstand. Ratlosigkeit. Er betonte einige Töne, denen leisere folgten. Ob es Morse war? Ich kannte nicht Morse. Das Alphabet hat 25 Buchstaben. Ich klopfte für jeden Buchstaben die Zahl, die er im Alphabet einnahm: für h achtmal, für p sechzehnmal. Es tickten andere Takte herüber, die ich nicht begriff. Es schlug zwei Uhr. Wir mußten uns unbedingt verständigen. Ich klopfte: = a,.. b,.. = == C ganz leise und fern die Antwort: Keine Verständigung. In der nächsten Nacht jedoch kam es plötzlich herüber, ganz leise und sicher: 35 Dann die entscheidenden Zeichen: zweiundzwanzig gleiche Klopftöne. Ich zählte mit, das mußte der Buchstabe ,, v" sein. Dann fünf Töne. Es folgte ein r, das ich mit atemlos kalter Präzision auszählte. Danach ein s, ein t, ein e, ein h, ein e! "... verstehe..." Ich lag starr und glücklich unter der Wolldecke. Wir hatten Kontakt von Hirn zu Hirn, nicht durch den Mund, sondern durch die Hand. Unser Verstand hatte die schwere Zellenmauer des Gestapokellers überwunden. Ich war naẞ vor Schweiß, überwältigt vom Kontakt. Der erste Mensch hatte sich gemeldet. Ich klopfte nichts als: gut! 36 36 zig gleiuchstabe sich mit s, ein t, ecke. Wir en Mund, hatte die unden. Ich Der erste als: gut! Es ist einem Einzelnen unmöglich, einen Gedanken zu Ende zu denken. Die letzte Verlängerung eines Gedankens ist nicht verfolgbar, nicht erjagbar. Denken ist ein Massenprozeß der Menschheit. Der Einzelne liefert nur Teilstücke dazu. Ach, die großen Straßen der Welt, die erregten Schluchten der Städte, es ist schön in ihnen zu gehen unter den Menschen. Die Calle Florida in Buenos Aires, auf der um 5 Uhr der große Korso stattfindet, die kreolischen Damen, die eleganten, zehntausend Brillanten an zimtfarbenen Hälsen, oder der Wenzelsplatz in Prag, oder die Esplanati- Katu in Helsinki, in deren Pavillon die Musik nachmittags spielt. Die herrliche Maria- Theresienstraße in Innsbruck, auf die die schneebedeckten Berge blicken oder der schöne Platz Vittorio Emmanuelo in Florenz, der sommerliche Jungfernstieg in Hamburg, die Praia in Lissabon, die elegante Kärntnerstraße in Wien, der Limmat- Quai in Zürich, die unvergeßliche Copa- Cabana in Rio, der Kurfürstendamm in Berlin, der Odeonsplatz in München, die Hohe Straße in Köln, und endlich die längste Straße der Welt, der Broadway, von der Battery bis Sing- Sing, die große Passage in Neapel, der Markt in Krakau mit den Tuchlauben, der Strand in London, durch alle bin ich gegangen, und in allen wird gelacht, geliebt, gebettelt, gestritten und gestorben. Es rollt alles dahin, es stolziert die gealterte Eleganz, die noble Verkommenheit, die billige Verführung, die aschgraue Armut. In diesem Augenblick, in dem ich hier unten einsam sitze, fliegen Schwärme von glitzernden Blicken von Gesicht zu Gesicht. Es wird gelächelt, sich abgewandt, genickt. Die flehenden Blicke der Not und des wimpernlosen Vorwurfs, der starrenden Verzweiflung, die satten Blicke der Selbstgerechtigkeit, des Hasses, des Abscheus, der Bitterkeit, fliegen hin und her. Die Blicke wandern, Millionen von Blicken, 39 glitzernde Schwärme von Blicken, Gewitter von Blicken, die jetzt durch die Straßen fahren in aller Welt, indes ich niemand sehe hier und nichts. Es w Ich lag Es w ,, Nehm ganz fe Es war entsetzlich kalt, ich ging den Tag etwa zwanzig Kilometer in der Zelle auf und ab, machte im Monat 600, in neun Monaten 5400 Kilometer, von Paris bis Moskau etwa, wartende Kilometer, fröstelnd, auf mein Schicksal wartend, das der Tod sein mußte. Ich wußte es, und der Kommissar hatte gesagt, daß bei mir ,, der Kopf nicht dran" bleiben würde. Die zweite Aussage lag eben vor, daran war nichts zu ändern. Es war nur eine Hoffnung, wenn K. diese Aussage zurücknehmen würde. In der Nacht klopfte ich ihn an: von ka für mi Nacht Zelle werde im Bü richt v ,, Du - muẞt - deine - Es klopfte zurück: ,, Warum?" Ich: ,, Ist zweite- - deutet Todesurteil zu - Aussage - zurücknehmen." Ich das s und - mich- bewar. Aussage gegen " - Er: ,, Wußte ich nicht Ich: ,, Wir - sagen - - Er: ,, Nehme - " - sind - - Ich: ,, Danke" Er: ,, Morgen " " nicht hier um Wahrheit zurück-" - Ich: ,, Was brauchst du?-" - Er: ,, Bleistift-" Ich: ,, Morgen - - Spaziergang- " 40 dunk - und atmen Jen ein g mußte kel si ander Mädc Blicken, ndes ich Es wurde plötzlich hell. Das Auge der SS blickte herein. Ich lag still unter der Decke. Es wurde wieder dunkel. Ich hatte Tränen in den Augen. „Nehme zurück!‘ Das werde ich nie vergessen. Es kam ganz fein und leise taktiert durch die Wand. Eine Reihe von kaum wahrnehmbaren Tönen, und es bedeutete, daß für mich die Rettung unterwegs war. Sie bestand diese Nacht nur im Gehirn eines Todeskandidaten, drüben in Zelle 8, unsichtbar, winzig. Morgen würden es oben Worte werden, dann würde es ein unterschriebenes Protokoll im Büro sein, und eines Tages würde dies alles dem Ge- richt vorliegen. Dank in die Ewigkeit, K. Ich sah durch ein Fenster in Apostoles ein Liebespaar, das sich küßte. Es waren ein dünnes, kreolisches Mädchen und ein(Caballero, der im Schatten kaum zu erkennen war. Er hatte mit der zielsicheren Scham der Männer die dunklere Seite des Sofas aufgesucht, auf dem sie saßen und sich herzten. Ich sah, daß das Mädchen mit schwer atmender Leidenschaft den Mann suchte. Jener aber rührte sich wenig, er duldete anscheinend ein gewohntes Spiel. Gewiß, er beteiligte sich, aber es mußte ein unaufrichtiger, hochmütiger Mann dort im Dun- kel sitzen, ein Mann, der nicht brannte, ein Mann, der andere verbrennen ließ. Vielleicht war er schön und das Mädchen häßlich, man konnte es nicht genau erkennen. 4 Sie achteten nicht auf den Beobachter, der vor dem Fenster vorbeischlenderte und hereinblickte. Sie waren zu sehr mit ihrem Schicksal beschäftigt. Eng umschlungen saßen sie in der niedrigen Kammer unter dem südlichen Kreuz, wie sie in allen Breitengraden sitzen, weltabgewandt und schwer atmend, die liebenden Paare der Erde. Scho den St den ni den si sie. Ih sattel nicht der P Sattel Sattel sehe einfac Ich brach von meinem Bleistift die lange Graphitspitze ab und trug sie während des Spaziergangs bei mir. Es gingen ständig sechs Mann, immer dieselben, die ich nicht kannte, im Kreis um den engen Gestapohof. Zurückgekehrt standen wir auf unserm Flur zu drei Mann, weit voneinander entfernt und warteten einige Sekunden bis der Posten uns nachkam. Ich eilte heimlich auf Zelle 8 zu, riẞ die Klappe auf, warf die Bleistiftspitze hinein, schloß die Klappe lautlos und stellte mich eilig an meinen Platz. Ich werde nie das erstaunte Aufblicken seiner sehr blauen Augen, sein bleiches Gesicht, die Hände, die gefesselt vor ihm auf dem Tisch lagen, vergessen. Der Posten kam um die Ecke. Das Herz schlug mir bis in den Hals. Wir wurden eingeschlossen. Später klopfte es: ,, Danke- habe Aussage- zurückgenommen." Ich war gerettet. Vielleicht. Die Bleist Er Mon im hing kein freiu Jahre beric anver seien Herb Geröl Haus 42 vor dem e waren nschlun- lem süd- en, welt- aare der lie ich Zurück- nden bis Schön ist das Reiten in der Nacht unter dem strahlen- den Sternenhimmel der Tropen. Man sieht nur undeutlich den nickenden Kopf der„Fabel“ mit den spielenden Ohren, den sie tief und suchend vorstreckt. Zuweilen schnaubt sie. Ihre Schritte sind vorsichtig und fest. Der hohe Bock- sattel knirscht. Ich weiß den Weg nicht, aber es ist auch nicht nötig. Sie kennt ihn besser als ich. Wenn es einen der Pampahügel hinaufgeht, merke ich es daran, daß der Sattel vorne sich hebt. Geht es abwärts, so hebt sich der Sattel hinten. Ich hab ihr die Zügel freigelassen und sehe zum Himmel hinauf. Ueber uns leuchtet blaß und einfach das südliche Kreuz. Dies ist die Geschichte der Notizen, die K. mit der Bleistiftspitze aufzeichnete. Er verbarg die Zettel, auf denen er seinen einsamen | Monolog niederkritzelte, in der Dielenritze der Zelle 8 im Gestapogefängnis Prinz-Albrechtstraße 8. Er wurde hingerichtet. Neue Bewohner zogen in die Zelle 8 ein, keiner ahnte etwas von den Notizen. Es kam die Be- freiung Berlins, es kam der eiserne Sommer des ersten Jahres. Und es meldete sich ein früherer Häftling, der berichtefe, was ihm ein später hingerichteter Kamerad anvertraut hatte: In den Ruinen der Prinz-Albrechtstr. 8 seien noch Notizen von K. versteckt. Sie wurden im Herbst des Freiheitsjahres tatsächlich unter Schutt und Geröll gefunden, Botschaft eines tapferen Toten aus dem Haus des Unheils an die Welt gerichtet, die nach ihm kam. 43 Wenn es Vollmond wurde, hatten wir den Brauch, auf die Löwenburg, jenen schwer zugänglichen Berg im Siebengebirge zu klettern und oben auf der Krone des Berges die Nacht durch im hellen Mondschein am Feuer zu sitzen und auf das silbrige Band des Rheins tief unten in den milchigen Nebeln der herrlichen Rheinlandschaft hinabzublicken, schwatzend, singend, schweigend. Schließlich schliefen wir am Feuer, einige Studenten und Studentinnen, Mediziner meist, in aller Unschuld, indes immer einer wach blieb, am Feuer saß und ein Gedicht schrieb oder leise pfiff. Unten schimmerten die Lichter von Godesberg geheimnisvoll durch den Nebel und über uns kreiste das Sternenzelt. Es waren die Nächte der Sternenharmonie, unsentimental, fast kühl, aber die Worte wurden leise gesprochen und das Holzfeuer knackte, und lautlos fiel gegen Morgen der Reif. bleiben schwer holten er noch Spät Seine nichts nen M unges materi tag vo Woche Der herei Er Eines Morgens, kurz vor dem Mittagessen, hörte ich den Schieber des Gucklochs sich leise bewegen, dann starrte das SS- Auge herein und verschwand wieder. Nach einer Weile hörte ich vor der Nebenzelle einen aufgeregten Ruf: ,, Oskar! Oskar!" Die Tür wurde aufgeschlossen, und Oskar kam. Beide machten sich in der Nebenzelle zu schaffen. Schließlich hörte ich ein Stöhnen, dazwischen wütende Rufe: ,, Was, du Schwein! Aufhängen willst du dich?"... ,, Feige bist du, kneifen willst du?"... ,, Willst du stehn44 pelt Paar das Platz schür mestr ständi an ein Sie in Mitme uch, auf im Sies Berges zu sitn in den hinabzuhließlich tudentins immer t schrieb von Goiber uns Sternenrte wurnd lauthörte ich en, dann der. Nach aufgeregm. Beide hließlich ch?" Ju stehnbleiben?"... ,, Stehnbleiben!"... Und dann klatschten schwere Schläge nieder. Sie brachten ihn auf den Flur, holten die lange Kette und fesselten ihn auf sein Bett, wo er noch lange stöhnte. Später erfuhr ich durch den Kalfaktor seine Geschichte. Seine Vernehmungen waren gut verlaufen. Es war ihm nichts nachzuweisen. Da schrieb er einen Kassiber an einen Mitgefangenen. Der Kassiber platzte, und er war so ungeschickt abgefaßt, daß der Kommissar jetzt Belastungsmaterial genug gegen ihn hatte. Er hatte an jenem Vormittag vom Kommissar erfahren, daß sein Leben in einigen Wochen sowieso zu Ende sei. Der Prosektor, dicklich und leicht schwitzend, lärmte herein. Seine Worte klangen brutal laut in der Stille. Er hatte die Aermel seines weißen Mantels aufgekrempelt und gelbe Gummihandschuhe an. Er schlüpfte in ein Paar Gummischuhe, die bereitstanden. Ein Assistent schlug das Protokoll auf, die anderen nahmen im Hintergrund Platz. Der Prosektor ging auf und ab, seine Gummischürze rauschte bei jedem Schritt: ,, Meine Damen und Herren! Ehe wir mit der diessemestrigen Arbeit beginnen, ein Ratschlag: Bedenken Sie ständig, meine Herren, daß Sie als angehende Ärzte sich an eine große Verantwortung zu gewöhnen haben. Denken Sie immer daran: Es handelt sich hier um einen toten Mitmenschen..." 45 Der Wärter riß die Papierdecke herunter. Eine nackte Frau lag dort lang ausgestreckt. Die Haut der Toten zeigte eine fahlgelbe Farbe, der Kopf mit dunklem Haar hing tief herunter. Der Prosektor prüfte die Dichte des Fettgewebes, indem er die Haut vom Bauch abhob. Dann setzte er zum ersten Schnitt an. Er unterbrach sich sofort: ,, Ehe Sie eine Sektion vornehmen, müssen Sie immer zunächst den Eintritt des Todes feststellen. Bitte!" Der Assistent las vor: ,, Katharina Jakobs, 22 Jahre alt, ohne Beruf, unverheiratet, gestorben gestern mittag, 111/2 Uhr... Pneumonie... " Der Prosektor rief einen Studenten an die Leiche: ,, Wie stellen Sie den eingetretenen Exitus fest?" Der Student öffnete die Augen der Toten. Sie waren hellblau. Der Kopf hing so tief, daß die Augen in die Bänke starrten, blau und leer. Der Student sprach von Totenflecken, Reflexen, Hautreizen, Totenstarre und durfte sich setzen. Der Prosektor hat den oberen Querschnitt vorgenommen, den Längsschnitt und danach das Sternum entfernt. Die Organe liegen frei. Er hebt die Lungen heraus... ,, rechtsseitig Kavernen"... der Wärter reicht sie auf einem Holzteller zur Besichtigung herum... ,, ulcus ventriculi"... ,, an den Nieren finden sich Spuren beginnender Arteriosklerose"... die Nieren gehen gleichfalls herum. Er fährt mit dem Messer von unten durch den Hals, warnt vor ,, Knopflöchern" und trennt den Kehlkopf mit einigen energischen Schnitten heraus. Das Messer stößt verschiedene Male am Gaumen an, wobei ein hartes Krat46 zen im Fräulein Der A wegung durchsc 99... meine Was sierte hell, es vergess bleckte Hier senkred gehen, zwölf S stillgel aufsta bensf dieses Hie Beet, Flam schlag hunge herzt. sich e Briefe wartet gen St e nackte en zeigte mar hing les Fettb. Dann sich soie immer Jahre alt, tag, 111 e: ,, Wie e waren in die ach von nd durfte morgenomentfernt. heraus... ie auf eius ventriinnender sherum. len Hals, kopf mit ser stößt tes Kratzen im ganzen Saal zu hören ist. Aber das Gesicht von Fräulein Jakobs bleibt unverändert. Der Assistent notiert. Mit geschickten und eiligen Bewegungen trennt der Prosektor die Organe, untersucht sie, durchschneidet sie: ,,... das Herz wie ein Brötchen, meine Herren, quer, meine Herren..." Was am Leib von Fräulein Jakobs geschah, interessierte Fräulein Jakobs nicht mehr. Ihr Gesicht war sehr hell, es hing herunter. Sie hatte ihren Mund im Sterben vergessen. Es war ein wenig gebrauchter Mund, die Zähne bleckten dezent zwischen den Lippen hervor. Hier lag eine geöffnete Dame. Sie konnte nicht mehr senkrecht stehen. Sie konnte nicht mehr über die Straße gehen, einem Auto ausweichen. Es fehlte ihr etwas. Vor zwölf Stunden hatte das Sterben ihr Herz erreicht und es stillgelegt: ein Streik, der allmählich in allen Organen aufstand, ein Betriebsunfall, der das anmutige und lebensfrohe Fräulein Jakobs schamlos und gelassen vor dieses Auditorium schickte. Hier lag sie, ein Beet von Gewebe und Organen, ein Beet, das ein Prosektor umgrub, ein Beet von Trauer, Flammen von Erregungen waren durch diesen Leib geschlagen. Dieser Leichnam hatte geweint, gezittert, gehungert, geliebt. Angst hatte ihn gequält, Liebe ihn geherzt. Alles, was ein sehnsüchtiger Mann in der Ferne sich erträumte, an das er unterm Herbstlaub atemlos Briefe schrieb, worauf er erregt an den großen Uhren gewartet hatte, alles das lag hier nackt und naẞ vor einigen Studenten. Jener Mann würde vergebens den Brief47 träger um Nachricht fragen. Das Mädchen war eine Kerze, die hinter sich her verbrannt war, es war zu Ende gegangen wie ein Kalender. Es wird nicht mehr von Erregungen gepeitscht, von Liebkosungen geschüttelt werden. Diese Hände fassen nichts mehr an, dieser Leib, nicht breiter, als eine Hand ihn bedeckt, wird nicht mehr ersehnt werden, dieses Knie wird nicht mehr sich biegen, dieses Auge sich nicht mehr öffnen. Für dieses dünne Stück Mensch war kein großartiger Tod nötig. Hier hatte ein kleinerer genügt, kein alter erfahrener Tod, sondern ein Hilfstod, ein Anfängertod vielleicht sogar. Keine große Kraft brauchte er, um diesen Körper einzuwintern, einzufrosten. Er hatte ja gerade erst angefangen zu leben, dieser Körper. Ja, wenn hier eine vollbusige, breithäftige, blondstrahlende Bürgersfrau läge, so würde sie Spuren eines bitteren Sterbens aufweisen. Mancher Tod ist nur ein Komma, der Roman geht weiter, Fortsetzung folgt. Nein, der Tod von Fräulein Jakobs war einer jener biederen, gewohnten Tode, die sich auch heute noch redlich Mühe geben. Kein Massenfabrikat, kein Tod von der Stange, kein Konfektionstod, sondern jeder Stich für Jeden persönlich gearbeitet. Ein gutsitzender Tod, einer, den man nicht zurückschickt, ein präziser Tod. Das g gelnder nate dau geht, ein Einsturz auf, es v tür, wer wird, da noch ju men Lei nem Lel versehen Das a sich unt Sei nur öffnet, a Da ren Verließ auf, hä Kopf stamm den D den A ein Tie 48 sigkeit, Sie sie wol bist sch stark u Entschl Weisenbor Ene Kerze, Ende ge- von Erttelt werser Leib, icht mehr ch biegen, roßartiger n alter erertod vielum diesen erade erst hier eine frau läge, ufweisen. eht weiter, einer jener e noch redod von der h für Jeden einer, den Das geläufige Entsetzen ist rasch, ein kalt dahinflügelnder Minutenschauder, das andere Entsetzen kann Monate dauern. Es gibt ein Entsetzen, das nicht vorübergeht, einen eisernen, schwarzen Krampfzustand, der dem Einsturz aller Hoffnungstrakte folgt. Es klinkt nicht groß auf, es windet sich grinsend durch die schwerste Kerkertür, wenn dir allmählich nach einer Vernehmung klar wird, daß dein Leben verloren ist, daß du, ein gesunder, noch junger Mensch, ungebrochen, liebend, atmend, warmen Leibes, nur noch Wochen lebst, daß du dich in deinem Lebensabend befindest, ungewollt, plötzlich und unversehens, daß du gefällt wirst, eh du blühtest. Das andere Entsetzen ist jene fahle Erstarrung, die sich unter dem Eis der Energie an dein Herz heranmacht. Sei nur energisch, sei nur gelassen, wenn sich die Tür öffnet, aber wenn sie geschlossen ist, was geschieht dann? Da rennt so ein winziger Mensch ohnmächtig in seinem Verließ herum, stampft schreckdurchzuckt mit dem Fuß auf, hämmert seine Fäuste gegen die Wand, schlägt seinen Kopf an die Mauer und steht mit aufgerissenen Augen, stammelt: ,, nein, nein!" steht reglos in der hereinfallenden Dunkelheit, erstarrt vor Panik, wischt sich zuweilen den Angstschweiß von der Stirn und stöhnt. Stöhnt wie ein Tier. Es ist die Angst der Wehrlosen, denn Wehrlosigkeit, Opfer zu sein, Schlachtopfer, ist fürchterlich. Sie können hereinkommen und dich schleppen, wohin sie wollen. Sie können tun mit dir, was sie wollen. Du bist schwach, gefesselt, allein. Sie sind stets mehrere, stark und bewaffnet. Sie heben dich hier auf für ihren Entschluß. Du liegst hier im Safe, im Tresor wie eine Weisenborn, Memorial 4 49 Schuldsumme. Es sind viele Safes da, ringsum, und in jedem ist ein Opfer aufbewahrt, ein Schlachtopfer voller Unruhe, voller Panik, voller Lebenshunger. In allen Zellen rennt es, hämmert es an die Wand, steht trostlos und blaß vor Entsetzen und stöhnt und starrt zur Tür und wartet. Draußen hallen die Schritte durch den grauen, totenstillen Flur. Zu wem gehen sie? Was bringen sie? Wir sind eine lauschende Gemeinschaft, die gespannte Kameradschaft der Angst, wir haben alle verschiedene Stimmen in dieser verheimlichten makabren Schicksalssymphonie, deren Partitur das Gestapoprotokoll ist. Jetzt befinden wir uns in jener funebren Generalpause, die dem Finale vorausgeht. Jeder Schritt im Flur ist ein dröhnender Hammerschlag in unsere reizbar gewordenen Ohren. Wenn einem Menschen kalt eine Ausflucht nach der andern bei der Vernehmung abgeschnitten worden ist, wenn er sich vor Angst zusammenkrampft wie eine Faust, wenn jenes eiserne Schweigen unter der Decke einer äußeren Gleichmütigkeit beginnt, das ist das Entsetzen, das nicht vorübergeht, das dein Herz einfrostet, das dich mordet vor dem Mord, das Entsetzen des Opfers, das andere, das letzte Entsetzen. 50 50 m, und in fer voller allen ZelOstlos und Tür und grauen, ngen sie? gespannte rschiedene Schicksalslist. Jetzt se, die dem dröhnenen Ohren. ch der anist, wenn ust, wenn r äußeren das nicht ich mordet andere, das Formlos und farblos ist unser Leben. Erst der Tod liefert durch Kontrastierung die Zündung. Der Tod profiliert jedes Glück aus Mariengold mit einem zarten, schwarzen Schattenrand. Ich wohnte allein in Lindesee, einem kleinen, unendlich einsamen Gasthof an einem verlorenen See, auf dem ich ruderte. Ich sprach tagelang mit niemandem. Aber abends in der Dämmerung hatte ich ein Rendezvous mit einem Igel, der sich auf dem Sandweg herumtrieb, einem alten, flinken Igel mit glänzenden, kleinen Augen. Diese märkischen Abende, wenn der rote Himmel durch die Birken leuchtet, sind einzigartig schön. Das Land riecht nach Sommer, es ist totenstill, nur der Abendwind spielt in den Kiefern, und unten läuft dieser kleine, kluge Igel, mit dem ich spiele. Um vier Uhr nachmittags fällt die Klappe an meiner Tür. Der SS- Posten ruft herein: ,, Sie werden gleich abgeholt..." Und dann folgte das furchtbare Wort... ,, zur Vernehmung." Ich sitze wie erstarrt. Das Herz beginnt zu klopfen. Dann beginne ich fieberhaft meinen Kampfplan erneut zu überlegen. Und wenn er so fragt und so und so? Und wenn er danach fragt und danach? Finde die Antwort. Schnell. Du wirst gleich abgeholt. Es ist fünf Uhr. Ich sitze mit eisern zusammengebissenen Zähnen, entschlossen, energiegeladen, gespannt und kampfbereit. Immer wieder rasen meine Gedanken durch alle Möglichkeiten. Es wird sechs Uhr, es gibt die Abendsuppe. Nach dem Essen eiliger Spaziergang in der Zelle. Die Gedanken rasen im Kreis. Ich werde müde. Es ist acht Uhr. 53 Ich liege auf der Pritsche, bereit, sofort aufzuspringen. Die Gedanken fangen an sich zu verwirren. Es ist kalt in der Zelle, ich friere wie ein Hund. Ich höre es draußen zehn schlagen. Ich bin fertig. Ich weiß nicht mehr aus noch ein, es ist ja alles sinnlos, das alles. Es schlägt elf Uhr. Ich bin von der nutzlos verschwendeten Energie wie gelähmt. Es ist alles egal. Ich liege mit offenen Augen. Es schlägt zwölf Uhr. Sie kommen nicht mehr, und wenn sie kommen, ist es egal. Müde, müde bin ich. Endlich, gegen halb zwei, rasseln die Schlüssel, die Tür geht auf. Ein bleicher, böser SS- Posten: ,, Los, mitkommen! Vernehmung!" Ich stehe auf wie gerädert und gehe mit. Einen frischen, ausgeruhten Mann will er nicht zur Vernehmung. Er soll seine Nerven bereits verloren haben, ehe es anfängt. kel, eit Ziel. F einen einem dem F Die Schna te in der K Pfeil und k Rand nen R blickte ner, d Plöt der F langs des der Die ,, Lluvia del Oro"- Bar war voll von Männern, die tranken und rauchten und durcheinander schwatzten. Dazu krähte das Grammofon einen weinerlichen, blechernen Tango. Wir sahen, wie ein Indio, nur mit einer Hose bekleidet, den anderen Männern die Zielsicherheit seines Blasrohrs bewies. Er schob einen kleinen Pfeil in das fast mannslange Rohr und setzte es an den Mund. Es wurde still im Bolicho, alle Männer starrten gespannt auf ihn. Der Indio, ein häßlicher, muskulöser GökUnd eingen amtes einen langsa anspi 54 uspringen. Es ist kalt es draußen es sinnlos, er nutzlos segal. Ich . Sie komegal. Müde, asseln die SS- Posten: at zur Veren haben, innern, die atzten. Dan, blecherbekleidet, Blasrohrs st mannsarrten geulöser Gokkel, eitel und nervös, suchte mit den Augen nach einem Ziel. Plötzlich sah er eine Katze, die gerade lautlos auf einen Tisch sprang. Der Indio holte tief Luft, und mit einem leisen Knall sauste der fingerlange Giftpfeil aus dem Rohr. Die Katze, die gerade an einer Lache von vergossenem Schnaps schnupperte, bäumte sich jäh auf. Der Pfeil steckte in ihrem Genick und zitterte unter den Krümmungen der Katze, die vergeblich versuchte mit ihren Pfoten den Pfeil abzustreifen. Sie wand sich eine Weile wie verliebt und kroch schließlich ganz langsam auf dem Bauch an den Rand des Tisches. Dort stutzte sie plötzlich, als ob sie einen Ruf gehört hätte. Sie hob ihr rundes Köpfchen und blickte ratlos in die atemlosen Gesichter der vielen Männer, die gespannt auf sie niedersahen. Plötzlich vereiste der glänzende, bernsteingelbe Blick der Katze. Sie nickte einige Male, dann sank ihr Kopf langsam auf ihre vorderen Pfoten, die sich um den Rand des Tisches gekrallt hatten. Mit einem leisen Schauer, der wie eine Welle über ihren Körper lief, starb sie. Und nun saß ich vor ihm in einem erstaunlich normal eingerichteten Bürozimmer des Reichssicherheitshauptamtes. Ich war hereingeführt worden, hatte mich auf einen Stuhl gesetzt und beobachtete ihn, wie er sehr langsam und fast genießerisch einen Bleistift haarscharf anspitzte. Es dauerte lange. Sehr lange. Und es war toten55 still im Zimmer, in dem wir saßen, ich ein Gefangener und er ein Gestapokommissar. Er hieß Habecker, und ich fand diesen Namen als den eines Folterers später im Buch Schlabrendorfs, und in einem Zeitungsbericht über die Marterung eines Engländers in Dachau. Er war klein. und breit gebaut mit einem primitiven grauen Glatzkopf und einer Hitlerfliege unter der schweißigen Nase, ein Gesicht, wie man es als typisches Verbrechergesicht gezeichnet findet. Die graue, unreine Farbe des Gesichts, durch das zwei schmutzfarbene Scharfschützenaugen mich zuweilen unheilverkündend anblickten, lag auch über der brutalen Härte der breiten Kiefer. Er schnitt eine Zigarette in zwei Hälften, entzündete eine, ordnete Papiere und Bleistifte pedantisch, nahm einen Akt zur Hand und war bereit. Das Schachspiel sollte erneut beginnen. Es begann mit der breiten, gemütlichen Frage des Verbrechers: ,, Sagen Sie mal, was haben Sie eigentlich für Bekannte?" Das Spiel war eröffnet. Die Partie an diesem Tag endete unentschieden. Päpst mittel und stand wurd Licht warm hob Stern tause imm volle fahr I rief wa Auf der Kuppel des Petersdomes in Rom stand ich, bis es dunkel geworden war. Goethe und Goya hatten hier gestanden. Rom lag vor dir mit allen schimmernden Dächern, ein Wald von Kirchen und Kuppeln, der bald anfing, in der Abendsonne mit goldenem Gefunkel rot aufzuleuchten. Man stand über allen weltbeherrschenden 56 gef wa von ren spra ,, kle W sage lefor garn schi efangener r, und ich später im richt über war klein Glatzkopf Nase, ein gesicht geGesichts, Fitzenaugen auch über itt eine Zite Papiere Hand und Päpsten, die unter dem Dom in Steinsärgen lagen. Der mittelländische Wind wehte über den Petersdom, feucht und rauchig schmeckend. Diese Kuppel, auf der man stand, entstammte dem Hirn des alten Michelangelo. Es wurde dunkel, und das große Rom begann aus tausend Lichtern zu strahlen, als die Steine der Kuppel noch warm waren von der Sonnenglut des Tages. Und dann erhob sich über Rom die festliche Pracht des italienischen Sternenhimmels. Man fühlte sich klein im Wind, der dreitausend Jahre hier durch die Stadt geweht war. Sie stand immer noch, die Stadt, alt, falsch und anmaßend, aber voller unnennbarer Schätze, zu denen die Welt wallfahrtet. egann mit rs: ch für Beem Tag enand ich, bis hatten hier immernden , der bald efunkel rot errschenden Ich wurde gefragt, ob eines Nachts, als mich Harro anrief, am Telefon der Ausdruck ,, kleben" gefallen war. Ich war tatsächlich am Telefon gewesen, und Harro hatte mich gefragt, ob ich in jener Nacht mit zum Kleben käme.( Es war eine Nacht, in der rund sechzig Illegale Tausende von Flugblättern in Berlin anklebten, gedeckt von Offizieren mit gezogenen Revolvern). Ich hatte das Telefongespräch zugegeben, jedoch bestritten, daß der Ausdruck ,, kleben" gefallen war. Wie erstaunt war ich, als mir der Kommissar die Aussage meiner Frau vorlas. Sie behauptete, daß nur sie am Telefon gewesen sei und das Gespräch geführt habe. Ich sei garnicht im Zimmer gewesen. Dies sagte sie, um mich zu schützen und um sich selber zu belasten. 57 Mir wurde es warm, und ich schwieg beglückt eine Zeitlang, ehe ich die Dinge richtigstellen konnte. Es drehte sich bei diesem Telefongespräch um die Frage der Mitwisserschaft, und das bedeutete Zuchthaus. Sie war also entschlossen gewesen, an meiner Stelle ins Zuchthaus zu gehen. Tapfere Frau! Sie litt entsetzlich unter der Haft, aber sie wollte die Last auf ihre schmalen Schultern nehmen." Als ich in die Zelle zurückkehrte, lachte ich vor Dankbarkeit und schickte ihr einen Gruß durch die Gestapomauern zum Alexanderplatz, wo sie mit den anderen Frauen gefangen lag. glitze Tepp jenes Ba wirk ist e Da Ueber dem Kanal gerieten wir in ein Unwetter. Der Sturm rüttelte an dem dahindonnernden Douglasflugzeug, in dem wir in bequemen Sesseln saßen. Der Regen prasselte an die Scheiben. Das Gewitter heulte und tobte draußen, zwanzig Zentimeter entfernt davon trank ich eine Tasse Kaffee. Es ist gespenstisch, in einem tiefen Sessel durch ein Gewitter tausend Meter hoch in der Abenddämmerung dahinzuschweben und die Gebräuche der Gegenwart anzuwenden, mit dem Löffel den Kaffee umzurühren, eine Pfeife zu rauchen und eine Theaterkritik zu lesen, eine winzige, erleuchtete Hütte, die dahinschwebt, indes die Gigantenwut des Gewitters draußen jenseits der Scheibe sich berserkerisch austobt. Das Flugzeug läßt jedoch das Gewitter bald hinter sich, und dann fliegen wir über einem Ozean von Lichtern, über einen 58 D ein reil det Do Rei Ein eine Zeit- ler Mit- war also ıchthaus er der n Schul- vor Dank- Gestapo- ı anderen Der ıg2eu9, n pras“ nd tobte trank ich n tiefen glitzernden Sternenhimmel, einen endlosen funkelnden Teppich von Millionen Lichtern. Das ist London, der Kern jenes alten Empire, die strahlende Lichterstadt. Bald landen wir in Croydon. Es regnet, und die Stadt wirkt trübe und mürrisch, als man hineinfährt, aber es ist eine Stadt der Freiheit. Das Gefängnisalphabet sieht so aus: Dar a abe c. dee Da Ma Beh 15.k Bas lemem®or D AR OST U HD NV WER EZ Das Zeichen” bedeutet einen Klopfton, das Zeichen ‚, einen Doppelschlag. Doppelschläge bezeichnen eine Quer- reihe. Zum Beispiel: Der gesuchte Buchstabe ‚m‘ befin- det sich in der dritten Querreihe. Also gebe ich drei Doppelschläge. Er ist der zweite Buchstabe in dieser Reihe. Also gebe ich nach den drei Doppelschlägen zwei Einzelschläge. nal 23.392223„> 331 I 1991921991901199 DE 99.39199.99.12055 ee Marta 59 EUER Allmählich füllte sich der dämmerige Hörsaal. Männer und Mädchen schoben herein, allein, in Gruppen, bösartig, lachend, verpaukt. Lärm erhob sich. Mappen wurden auf die Pulte geknallt, Zurufe, Grüße. Einige Seminarlöwen flanierten hochmütig durch die Gänge mit wallender Mähne und verächtlichem Gruß an grüne Füchse. Kleine, bekümmerte Examensemester schnürten blaß hinter der Assistentin her... Fräulein Doktor! Das Fräulein Doktor war dick und bleich, eine Frau wie ein tippelndes Weißbrot, eine siebenundzwanzigjährige Matrone aus Sachsen mit nickendem Wohlwollen. Als Walzel eintrat, wurde es still. Der Mann war eine Autorität, ein berühmter Gelehrter. Das Fenster warf scharfe Schatten auf seinen Kopf, ein Kopf wie eine Beobachtungsstation. Ein Gefilde von Skepsis im unteren Gesicht, ein Park von Betrachtung im oberen: genaue Trennung. Das Haar an Kinn und Schädel eisgrau, die dunklen Augen schmal und reserviert. Unter den Studenten lobte man ihn wegen seiner nützlichen Bemühung um die Jugend. Er faselte nicht davon, wie es heute zum guten Ton gehört, sondern er richtete freie Abende ein, in denen neue Dichter diskutiert wurden. Er ließ rezitieren, diskutieren, hatte Fühlung. Das Seminar war trotz seines Publikums lebendig. Nach dem Beifallsgetrampel begann der Professor seine Analysen über deutsche Romantik: ,,... Schleiermachers Ethik, wie sie in den ,, Monologen" und im ,, System der Sittenlehre" sich zeigt, fällt in erster Linie durch ihren Gegensatz zu Kants ,, Rigorismus" 60 ins A Sittlic vidual turen der B zichte Es und Mach von summ 99. schen des A Affel fen Di hatt reiz we aus kre د" in s als Di auf, gen es. W 1. Männer , bösartig, urden auf durch die em Gruß ensemester . Fräulein eine Frau wanzigjählwollen. war eine ster warf e eine Ben unteren n: genaue sgrau, die einer nützicht davon, er richtete utiert wurhlung. Das essor seine Monologen" fällt in erigorismus" ins Auge. Wie Schiller möchte auch Schleiermacher eine Sittlichkeit der großen Persönlichkeit, der starken Individualität vortragen, möchte dartun, daß auserlesene Naturen wohl imstande sind, auf die stete Selbstkontrolle der Beobachtung des kategorischen Imperativs zu verzichten..." Es war bullig warm im Hörsaal. Die Leute saßen eng und mit gebeugten Köpfen. Füllfedern kritzelten mit. Machte der Professor eine Pause, so wanderte eine Welle von sich hebenden Köpfen nach vorne. Ein Brummer summte am Fensterglas. "... Schiller behält jedoch für seine Ausnahmemenschen, für die ,, schönen Seelen" das ultimum refugium des kategorischen Imperativs bei, wenn sie durch den Affekt aus der Bahn des normalen Lebens hinausgeworfen sind..." Die Mädchen schrieben eilig mit roten Händen. Sie hatten Falten auf den Stirnen, blonde Zöpfe und waren reizlos vor Eifer. Die Männer hatten entleerte Gesichter, wenn sie mitschrieben. Sie begriffen nicht, sie waren ausgeschaltet, sie waren eine Herde von gebeugten Sekretären. ,,... Obendrein nimmt die Negation des Bestehenden in seinen ethischen Aeußerungen weit mehr Raum ein, als die Darlegung positiver, ethischer Werte..." Die Glocke ertönt. Das Kolleg ist aus. Die Hörer stehen auf, Lärm, Unruhe, Sitze knallen, eine Schlange von Eiligen drängt sich zum Professor: er soll testieren, er tut es. Wirre, Durcheinander, der Hörsaal leert sich. 61 Er lag kaum eine Stunde in Spandau nebenan, als er mich anklopfte. Wir hatten das übliche Klopfgespräch: " , Was ist dein Faktum?" ,, Hochverrat." دو , Und deins?" ,, Hochverrat." ,, Termin gehabt?" ,, Noch nicht." ,, Und du?" دو ,, Gestern." دو , Was hast du gekriegt?" ,, T.U." ,, Komm, ans Fenster!" T. U. heißt Todesurteil. Zum Fenster hinaus, das über unserm Kopf offen stand, sprachen wir so leise, daß uns der Flur nicht hörte, und so laut, daß uns der Nachbar am Nebenfenster hören konnte. Sonderbar betende Haltung, mit der man auf Zehenspitzen auf dem Schemel unter dem Fenster stand, sich an den Gittern hochzog und unbeweglich hinaushorchte, um die leisen Worte vom Nebenfenster zu hören. 62 an, als er gespräch: fen stand, mörte, und ter hören an auf Zester stand, ch hinausrzu hören. Ständig wird gezeugt, aber die Sturmflut von Samen, die die Natur auf Erden dabei umsetzt, entspricht stets dem Orkan, den ihre letzten Atemzüge ausmachen.- Same und Atem bleiben in natürlicher Balance. Ich fahre mit ihr nach Brüningslinden. Es ist Sommer, trocken und heiß, ich parke den Wagen und schlage eitel den Schlag zu. Dann gehe ich mit der schönen Frau durch das alte Schloß auf die Terrasse. Es sind nur wenige Gäste da. Die Kellner betonen deutlich, daß man sich an einem äußerst vornehmen Platz befindet. Tief unter uns schimmert der Wannsee im Abendglanz, während D. und ich hier oben zu Abend essen. Sie zeigt mir den französischen Botschafter Poiret, der drüben mit seiner Familie iẞt. Die Bäume rundum rauschen leise, das Schlößchen hinter uns leuchtet aus allen Fenstern, ein Springbrunnen singt vor sich hin, und auf dem Wannsee unten ziehn die Segelboote heim. Es ist ein schöner und beruhigender Abend. Als ich ihr Wein einschenke, sieht sie mir einen Moment lang in die Augen, und ihre grünlichen, katzenhaften Pupillen zittern leise. Er war 26 Jahre alt, Oberleutnant der Luftwaffe, zum Tode verurteilt, hatte ein Gnadengesuch um Frontbewährung eingereicht und wartete mit Schmerzen. Eines Tages hörte ich in der Nebenzelle, wie er den Wachtmeister bei der Fesselung fragte: ,, Sagen Sie, Herr Wachtmeister, findet die Erschießung im Walde statt?" Der Satz stand klar und gemacht leicht dahingeplaudert in der kühltrüben Atmosphäre des Spandauer Gefängnisses. Ich habe den Satz nicht vergessen. Er klammerte sich an den Wald. Er wollte nicht in Plötzensee geköpft werden. Er wurde in Plötzensee geköpft. Weisenborn, Memorial 5 65 Die Jolle lag hart am Wind, der böig einfiel. Ich hielt Schot und Ruder mit aller Kraft, Wasser schlug schäumend herein. Wir rauschten wie die Windsbraut dahin. Wir lehnten uns beide weit nach Luv hinaus. Hoffentlich halten die Fallen, dachte ich. Sie sind morsch. Die Wellen des Sees klatschten gegen den Bug und sprühten über uns weg. Bald wird sie genug haben, dachte ich. Aber sie lachte. Ihr dunkles Haar flatterte gegen den grauen Sturmhimmel. Wir gingen auf den anderen Bug, und sie belegte die Fockschot. Sie war naß wie eine Katze, aber sie lachte. Gut, dachte ich. Rund umher tanzten die weiBen Schaumköpfe des eisengrauen Wassers, und der Sturm flog heulend über den See. Es macht Spaß zuzusehen, wie ein Mensch seine Kraft bei einem Sturm beweisen kann, aber es ist noch schöner, wenn ein Mädchen im Boot Vertrauen hat. Sie legte sich weit hinaus, und sah mich mit ihren goldbraunen Portweinaugen an. Sie war blaß, aber sie lachte, und ihre Zähne schimmerten weiß in der Dämmerung. de HT di g 1 a Einige Tage später höre ich Schritte den Flur entlangkommen, zwei Männer. Das bedeutete Gefahr! Wem gilt. sie? Sie schlossen nebenan die Zelle des Oberleutnants auf. Dann hörte ich einen Schrei, einen halb unterdrückten, katzenhaften Schrei. Ein Eimer fiel um. Erregte Zurufe. Stille. Die Tür fiel zu. Die Schritte entfernten sich. Ich klopfte ihn an: 66 Ich hielt ug schäuut dahin, Hoffentlich Die Welihten über ich. Aber en grauen 4g, und sie Katze, aber en die weiB, und der seine Kraft moch schö. Sie legte oldbraunen e, und ihre ur entlangWem gilt erleutnants unterdrück m. Erregte entfernten ,, Was ist los?" ,, Ich bin gefesselt worden." Aha, sein Gnadengesuch war also abgelehnt. Er ging der Vollstreckung entgegen. Abends kam er in eine der Todeszellen, die rote Schilder hatten. Dort lagen sie alle, die nach Plötzensee gingen. Zwei Tage später war er abgeholt worden. Er war jung, blond, frisch und schüttelte auf dem Spaziergang ständig den Kopf. Er war ein Oberleutnant. Ich sah in Corrientes zwei halbindianische Frauen weinen. Sie saẞen halb verborgen hinter dem geöffneten Fenster. Eine Kerze flackerte in der öden Kammer, und die Schatten tanzten. Die beiden Frauen waren breit und klein und hatten sich gegeneinandergelehnt, als sei nun etwas ganz Hoffnungsloses nach allem geschehen. Mit einer schlichten, ergreifenden Bewegung neigten sie ihre Köpfe und begannen ganz leise zu weinen. Sie wurden gemeinsam vom Schluchzen geschüttelt, als seien sie ein Mensch. Vielleicht waren sie es in diesem Augenblick, denn der Kummer mußte sie geeint haben. Es wurde immer dunkler draußen, man sah sie nur noch undeutlich. Es war totenstill sonst, man hörte nur das Schluchzen der beiden Frauen. Aber auch dieses kam wie verlegen, unterirdisch und ziemlich verschämt. Sie waren wahrscheinlich nicht gewohnt zu weinen. Sie fanden sich nicht ganz mit ihren Tränen zurecht. Ihre beiden 67 Körper bildeten eine unförmige Gestalt im rötlichen Kerzenschein. Ich habe selten etwas so Trauriges gesehen wie diese beiden weinenden Frauen. Sie sahen nichts, sie hatten die Welt vergessen, sie weinten über ein Leid, das ich nicht kannte. Ich würde sie niemals wiedersehen. Einen Augenblick aus einem fremden Leben hatte ich beobachtet und ging weiter, fremd und unbekannt. W H V Mein letzter Kassiber war geplatzt. Einer der rabiatesten Wachtmeister, ein junger brutaler Moselaner, hatte ihn unterwegs abgefangen und gelesen. Er trat mit dem Papier in meine Zelle ein, es war Sonntagmorgen, sah ich an seiner Uniform, und er roch ein wenig nach Schnaps. Ich sah sofort, daß er mich provozieren wollte. Er wußte, daß mir ungeheuer viel daran liegen mußte, daß dieser Kassiber nicht ans Gericht kam. Bisher kannten nur zwei diesen Kassiber, er und ich. Und wir waren beide allein in meiner Zelle. Er war nicht groß, schmal, aber aggressiv, gerissen und etwas betrunken. Seine Pistolentasche war nicht aufgeschnallt. Der Kassiber lag offen auf dem Zellentisch, er stand an der offenen Tür, ich unter dem Fenster, wie es die Vorschrift erfordert ,,, in strammer Haltung, die Hände an der Hosennaht." Ich hatte gemeldet, wie es die Vorschrift erfordert, und nun betrachteten wir einander haẞerfüllt. ,, Haben Sie das geschrieben?" ,, Ja." 68 E\ {lichen Ker- jesehen wie nichts, sie n Leid, das srsehen. Ei- te ich beob- „sehen Sie sich das mal an.“ Der furchtbarste Moment meines Gefangenendaseins war gekommen. Ich trat zum Tisch, aber dann ließ ich die Hände nach einem schnellen Blick auf den lauernden Wachtmeister sinken, der gespannt an der Tür stand. Wenn ich den Zettel schnell in den Mund stecke und ver- schlucke, so ist er aus der Welt. Es wird einen Tumult geben. Er wird mich niederschlagen, vielleicht schießen. Aber der Zettel ist weg! Der Mann hat jedoch bestimmt den Zettel gelesen, er wird später als Zeuge fungieren. Also ist es sinnlos, den Zettel zu vernichten. Und wenn ich dem Mann an die Gurgel gehe? Ich stehe wie erstarrt in dieser Versuchung, die mich böse blendet. Ich spanne die Muskeln, meine Nerven ver- sagen. Plötzlich erwache ich aus dieser gefährlichsten Sekun- de. Ich weiß, daß ich noch nicht frei bin, selbst wenn ich diesen Mann bewältige. Drei Gittertüren noch trennen mich von der Freiheit. Außerdem würde der Tumult die anderen Wachtmeister rufen. Auf der Flucht erschossen? Jetzt fällt mir auf, daß ich zittere. „Was gaffen Sie mich so an?“ Er weiß genau, was ich denke. Er hat den rechten Arm in die Seite gestemmt, wo sein Revolver sitzt. Hier zwischen uns beiden Männern sprüht der blanke Haß hin und her. Wir stehn uns gegenüber wie zwei Raubtiere. Und dann kommt das Entsetzliche. Mit schmal zusam- mengekniffenen Augen kommandiert er ganz leise und hoch im Ton: „Die Knie beugt!“ Ich taumle vor rasender Wut. Er sagt ganz leise durch die Zähne: ,, Na, wirds bald... wirds bald?... Wollen Sie den Befehl verweigern?" Aha, darauf will er hinaus. Nun erst recht. Und ich beuge die Knie und strecke die Arme wagrecht aus. Er nimmt das Papier vom Tisch und geht hinaus. Zweimal dreht sich der Schlüssel, dann knallt der Riegel. Seine Schritte entfernen sich im totenstillen Flur. Heulend vor Wut falle ich auf meinen Schemel. g S Z I P. hatte mir beim Abschied in Prag einen winzigen braunen Porzellanhasen geschenkt. Ich trug ihn stets bei mir. Nach zwei Jahren brach ich ihm bei der Premiere der ,, Neuberin" in Berlin in der festgeschlossenen Hand den Fuß ab. In der Nacht, bevor ich zu ihr nach Virginia fuhr, verlor ich ihn während einer herrlichen Trinkerei in Flushing bei George Grosz. Am nächsten Tag sah ich sie wieder. Es war aus. Nachdem die letzte Vernehmung für mich recht nachteilig verlaufen war, schloß sich die Zellentür hinter mir. Der Schlüssel rasselte, der Riegel knallte, und die Schritte des SS- Mannes entfernten sich. 70 70 leise durch len Sie den echt. Arme wagch und geht nn knallt der nstillen Flur. el. en winzigen Thn stets bei er Premiere ssenen Hand nach Virginia hen Trinkerei Tag sah ich recht nachr hinter mir. Ich begann zu überlegen. Es lag eine böse Aussage gegen mich vor. Der Kommissar hatte mir verschiedene Schachs angeboten, und es war die Frage, ob ein Matt zu vermeiden war. Ich mußte mit dem Tod rechnen. Ich lag in einem wilden Kampf mit dem Kommissar, und ich entsann mich der Worte H's., daß zur Verteidigung in der Gestapo jedes Mittel recht sei, das einem dritten nicht schade. Ich stand etwa drei Monate lang an der Grenze des Todes, und eines Tages ließ ich mir die Schere in die Zelle reichen, um mir die Nägel zu schneiden. Der Posten blieb solange an der Türe stehn. Sie waren in der Gestapo sehr besorgt um unser Leben. Trotzdem gelang es mir ungesehn, zwei Einschnitte in das Leinenlaken meines Bettes zu machen. Ich reichte die Schere zurück, und von diesem Augenblick an war mir leichter. Ich hatte eine Hoffnung. Ich konnte einen handbreiten Streifen vom Leinenlaken abreißen und mir mein eigenes Ende in meinem eigenen Augenblick bereiten. Ich werde nicht vergessen, wie diese beiden Einschnitte meine Gedanken hoben. Ich hatte einen Trumpf in der Hand, von dem niemand etwas ahnte. Diese Einschnitte waren Trost und Hoffnung, so weit kann ein Mensch an die Wand gedrückt werden. Es stand Hitlers ganze Macht in Europa mit zehn Millionen Gewehren diesen beiden Einschnitten gegenüber. Und sie wogen gleich schwer. die Schritte 71 Ich werde nie vergessen, wie ich einmal kurz vor Weihnachten nach Opladen fuhr, in mein Heimatstädtchen. Ich war damals noch Student in Bonn oder schon ein junger Schriftsteller in Berlin. Jedenfalls hatte ich bereits den Kopf voll von hoffärtigen Plänen, voll Ferne, voll Welt. Ich bog mit meinem armseligen Koffer in die Gartenstraße ein, als ich schon von weitem meine Mutter erblickte. Ich hatte sie ein Jahr lang nicht gesehen, und ich erschrak tief. Sie kam zart und schmal und grau mir entgegen, ein glückliches Lächeln in ihrem blassen Antlitz. Sie war damals bereits von ihrer letzten Krankheit gezeichnet und ich erkannte es plötzlich. Die hoffärtigen Pläne, die Ferne, die Welt versanken im Nu. Ich erkannte an ihr die Aufopferung aller Mütter, ihre Güte, ihre leise Verschwendung an die Söhne, ihr großes Leid und ihr kleines Glück. Sie würde nicht lange mehr auf Erden wandeln, aber sie lachte unbeschreiblich, als sie mich sah, und sie streckte mir beide Arme entgegen. Dann war ich heran, und sie sagte nichts als: ,, Da bist du ja, mein Junge." Das sagte sie immer. list ein etv et A d a V " Η Die Zellentür wird aufgerissen( wie weich die schweren Türen sich öffnen, wie Geldschranktüren). Der Wachtmeister brüllt: ,, Raus! Zur Vernehmung!" Ich gehe mit ihm durch den endlosen Flur des Spandauer Gefängnisses. In einem Bürozimmer sitzt ein- Zivi72 vor WeihHtchen. Ich ein junger ereits den voll Welt. artenstraße blickte. Ich ch erschrak tgegen, ein Sie war daeichnet und die Ferne, r die Auferschwennes Glück. n, aber sie sie streckte an, und sie e schweren Wachtmeides Spanzt ein- Zivilist, blond, frisches Sportgesicht, vertrauenerweckend, ein Gestapokommissar. Er legt ein Foto vor mich hin: ,, Kennen Sie den?" Ich betrachte das Foto. Es zeigt ein finster blickendes, etwas weiches Gesicht mit Schnurrbärtchen. Ein Mann von etwa dreißig Jahren. Was hängt für diesen Mann von meiner Aussage ab? Wer ist es? Ich kenne ihn nicht. Ich sage, daß ich ihn nicht kenne. Der Kommissar sagt, daß ich ihn kennen müsse. Ich wiederhole, daß ich ihn nicht kenne. Er fordert mich auf, genau nachzudenken. Irgend jemand muß also ausgesagt haben, daß dieser Unbekannte mich kennt. Warum? Wollte er sich entlasten? Wollte er mit dieser Aussage von etwas Wichtigerem ablenken? Wollte er mich belasten? ,, Er muß in Ihrer Wohnung gewesen sein", sagt er. Ich sage: ,, Nein." , Wissen Sie das bestimmt?" ,, Ja.". ,, Nun, Schulze- Boysen hat ausgesagt, er hätte den Mann bei einer Abendgesellschaft in Ihrer Wohnung kennengelernt." دو Sei auf der Hut. Der Mann war nie bei mir. Vielleicht will er dich prüfen? Vielleicht hat das ein anderer ausgesagt? Vielleicht hat Schulze- Boysen das tatsächlich ausgesagt, um zu verheimlichen, wann und wo er ihn kennengelernt hat, weil das irgend jemanden belastet hätte, der keine Belastung mehr vertrug? Vielleicht ist es ein infamer Trick? Er fragt unaufhörlich, um mich vom Nachdenken abzuhalten. Es ist eisig kalt in dem ungeheizten Raum, der Atem weht weiß aus dem Mund, draußen liegt Schnee, seh ich. Er hat einen dicken Mantel an und einen braunen Wollschal. Der Raum ist sehr groß, ein Sitzungszimmer, 73 kahl und unfreundlich. An der Tür steht der Wachtmeister und spielt mit den Schlüsseln. Aber wenn Schulze- Boysen so ausgesagt hat, darf man ihm nicht widersprechen. Er kennt die Zusammenhänge wie kein anderer. Er kämpft für uns alle in seinen Aussagen wie ein Held. Er gibt mir hier etwas zu schlucken. Ich werde es schlucken. Aber wie komme ich von meinem festen ,, Nein" herunter? Ich sage, daß öfters viele Leute bei mir waren, daß oft Bekannte mitgebracht wurden, die ich nicht kannte, daß ich ein sehr schlechtes Gedächtnis habe. Ich sage, daß es doch möglich ist, daß dieser Mann bei mir gewesen sein kann. Ja, je mehr ich das Bild ansehe, desto wahrscheinlicher komme es mir vor, aber Bestimmtes könne ich nicht sagen. Er macht mich auf den Widerspruch aufmerksam. ,, Ist das Ihre endgültige Antwort?" Ich sage: ,, Ja." Er notiert, und ich werde in die Zelle zurückgeführt. Und dort fangen die Ueberlegungen an, die Zweifel, die Wenn und Aber. Man hört nie etwas von dem Echo seiner Aussagen, man ist allein, und man ist voller Bangen. und Unruhe. Man ist schwach und voller Gram. Habe ich keinen Fehler gemacht? Gib, daß es richtig war. Und in der ungeheizten Zelle klebt man Tüten mit froststarren Händen, man zittert vor Kälte, der Atem steht weiß vor dem Mund, und der Hunger macht dich fast besinnungslos in diesem grauen Elend. 74 achtmeister t, darf man mmenhänge seinen Ausschlucken. von meinem waren, daß micht kannte, pe. Ich sage, ei mir gewemsehe, desto Bestimmtes den Widerge: ,, Ja." Er ührt. Zweifel, die em Echo seioller Bangen am. Habe ich war. Und in froststarren eht weiß vor esinnungslos Tod und Leben führen einander an der Hand wie die zeitlich verschränkten Stimmen der Fuge. Beide haben dieselbe Melodie, aber beide folgen in Introduktion, Engführung und Koda zeitlich verschiedenen Einsätzen. In Neapel gibt es ein Straßenviertel, in das man als Fremder nicht geht: enge, verrottete Gassen, in denen Wäsche von Haus zu Haus hängt. Alle Leute sitzen vor der Tür und schnattern, singen und handeln. Es ist Abend. Aus einer Tür dringt Musik, ich trete ein, es ist ein Weinkeller: drei Fässer, aus denen der Wein ins Glas ge- zapft wird, einige rohe Stühle undTische und etwa zwanzig Männer, barfüßig, mit roten Halstüchern und lackschwar- zen Haaren. Auf einem Weinfaß zwei Mandolinenspieler und ein herrlich hübscher Bursche, der singt. Man gibt mir Wein, ich lade die Musiker ein, und sie singen ihre alten neapolitanischen Fischerlieder, nicht Funicula oder das Übliche. Begeistert klatschen wir Beifall, und alle blicken nach dem Fremden, ob es ihm auch gefällt. Oh, es gefällt ihm. Es ist eins der schönsten Konzerte, die er erlebt hat. Die Petroleumlampe blakt, die schwarzen Au- gen des Sängers glänzen, die Mandolinen zirpen vergnügt dahin, und der Wein ist rot und stark. Wir sind alles Männer und lieben die Musik. Draußen ist ein hell&® Septemberabend, man sieht ihn durch die offene Tür, in der Kinder hocken, zerlumpt und hübsch, mit großen, neugierigen Augen. Wenn ein trauri- ges Lied gesungen wird, werden die schwarzen Augen der Kinder im Licht der Petroleumlampe traurig. Wenn man dir das erstemal Fesseln anlegt, bist du aufs neue verwirrt von der Hartnäckigkeit dieser Justiz, dich absolut als Verbrecher zu behandeln. Du sagst dir, du 77 bist keiner, du fühlst dich ganz sicher, daß du kein Verbrecher bist und kämpfst mit der Versuchung, dem Zivilisten( ach, diese ewigen Gestapozivilisten mit Stahlfesseln und Revolver in der Manteltasche und mit ihrem sonderbar starren Lächeln) einige Worte etwa folgenden Inhalts zu sagen: Sie sehn doch ein, Mann, daß man über den Krieg verschiedene Meinungen haben kann, nicht wahr? Sie haben einen Revolver und sind trainiert und wohlgenährt, ich bin immerhin nach neun Monaten Einzelhaft in Frost und fast im Dunkeln verbracht, ein wenig geschwächt. Ich wiege hundert Pfund. Die Fesseln können Sie sich doch wohl sparen, wie? Aber ich vergesse, der Mann hat seine Befehle, und mit einem Gemisch von Scham, Empörung und belustigter Spannung halte ich ihm die Hände hin. Er legt dir mit der geübten sanften Bewegung eines Friseurs die Spezialstahlfessel um die Handgelenke, drückt sie zusammen und schließt sie mit einem winzigen Schlüssel ab, indes der Wachtmeister in der Pforte lächelnd zusieht. Es ist ein sonniger Frosttag, du bist seit einer Woche nicht rasiert, der Bart kratzt am Rollkragen deines blauen Sweaters, und der Stahl ist noch warm von der Tasche des Gestapobeamten. Dann besteigst du den großen Privatwagen der Gestapo mit seiner biederen IA- Nummer. Und schon werden die Stahlspangen, die an den hinteren Sitzen unten befestigt sind, um die Fußgelenke gelegt. Der Beamte setzt sich neben den SS- Mann, der steuert, aber auch Zivil trägt, und nun fahren drei arglos bürgerlich gekleidete Männer die Heerstraße entlang. Keiner, der uns sieht, ahnt, daß 78 h S fa g n ı kein Ver- dem Zivi- mit Stahl- mit ihrem ‚ folgenden daß man kann, nicht ert und onaten Ein- ‚ht, ein we- Die Fesseln e, und mit belustigter t dir mit ; die Spe- zusammen | ab, indes ieht. Bs ist he nicht 14 en Swea- Tasche des jor GestapO ‚erden die befestigt z«ptzt sich zivil trägl ko Männel a a TEE a hier die Gestapo mit einem Todeskandidaten fährt. Wir sehen so gleichgültig aus, so konventionell, so unauf+ fällig. Und doch sind wir keine Geschäftsleute, keine Bür- ger auf einer Vergnügungsfahrt an diesem sonnigen Frost- morgen auf der eleganten Heerstraße. Wir sind die Blut- justiz mit einem Opfer, ein wenig verkleidet, damit uns keiner erkennt. Und es erkennt uns keiner! Wenn man endlich angekommen ist in Rosario und im Schlafzimmer des Hotels Gloria liegt, erkennt man im Halbdunkel aus den Kissen heraus einen Seidensessel und eine mattschimmernde Lampe. Man schläft einige Meter über den Gräbern der Azteken, aber man schläft in Daunen. Das Ohr vernimmt dunkle Posaunentöne wie übriggebliebene Totenrufe aus der Jesuitenzeit. Die eiligen Füße der Inkakrieger sind hier durch Blutpfützen ge- stampft, tausende von letzten Atemzügen tummeln sich im Gelüft, fremde Schellen und Konquistadorentrommeln brüllen unterirdisch auf, ich, der Nachfahre einer nörd- lichen Wildnis liege müde und sinnierend im modernen Hotel nicht weit von der Reiseschreibmaschine, die meine Eindrücke aufzeichnen soll. Gott schütze ihre Fragezei- chen, man wird sie gebrauchen müssen, scheint es. Der Warteraum im Keller der Prinz-Albrechtstraße ist mit zwei langen Bänken ausgestattet, die Querwände ha- 79 ben. Du wartest hier auf die Vernehmung oder auf ein Auto, und mit dir warten andere, weit auseinandergesetzt. Der SS- Posten an der Tür paßt auf. Und trotzdem gelingt es, dem Kalfaktor H. oder R. oder F., die scheinbar sehr beschäftigt und barsch hindurchgehn, dir heimlich eine Zeitung zuzuwerfen. Prächtige Männer! Eine Zeitung! Welche Labsal! Du steckst sie weg, und sie wird nachher in Spandau kursieren. Die Kameraden werden gierig danach sein wie die Wölfe. Denn wir wissen nichts vom Krieg. Wir wissen nur, daß irgendwo ein Krieg sein muß, der anscheinend nie aufhört, daß die Nazis siegen, und daß unser Leben anscheinend kürzer ist als der Krieg. Wir haben alles getan, um den Krieg zu verkürzen, aber der Krieg ist stärker als wir. Exhausto Deck ha nachdem tert war das Schi Ueberfal ter bem von lage Aequato fegte e Gesicht das Esse terten, 2 rung ver die Bess Ich kam ohne Geld in Buenos Aires aufs Schiff: Zwischendeck. Das hieß vier Wochen Essen und Bett und Atlantik. Wir schliefen zu etwa hundert Männern in einem eisernen Saal tief unten im Schiff. Es waren Ausgebeutete, Müde, Verlorene und viele spanische Erntearbeiter. Als die Dünung kam, begann das Elend. Südländer werden anscheinend leicht seekrank. Und es waren hauptsächlich Portugiesen, Italiener, Spanier, Syrier. Es war eine erstickende Luft. Die Reederei dachte, für arme Leute ist sie gut genug. Im trüben Licht einiger weit an der Decke verstreuter Glühbirnen stöhnten und röchelten die Männer. Das Schiff krachte, die Schrauben dröhnten, 80 Es w abgeno in der glaubte, so befar aller gr stungen Vor d einem ü hoch ol vollen Weisenbo uf ein esetzt. gelingt ar sehr h eine eitung! achher rig dats vom n muß, en, und Krieg. , aber Exhaustoren rauschten. Es war unmöglich zu schlafen. An Deck hatten wir achthundert Zwischendeck passagiere, nachdem wir endlose, steile Eisentreppen hinaufgeklettert waren, nur einen winzigen Raum ganz hinten, wo das Schiff am meisten bockte. Es war eine fürchterliche Ueberfahrt. Unzählige Kinder plärrten. Seekranke Mütter bemühten sich jammernd um sie. Überall war alles von lagernden Familien und Gruppen überfüllt. Der graue Aequatorsturm fuhr warm darüber hin, und manchmal fegte ein weißer Sprühregen über uns weg. Mit nassem Gesicht stand man an der Reeling und war hungrig, denn das Essen war so schlecht, daß wir alle eines Tages meuterten, worauf der Zahlmeister blaß wurde und Besserung versprach. Dann erst kam der richtige Sturm, und die Besserung blieb aus. Keiner bemerkte es. f: Zwiett und n in eiAusgetearbeidländer hauptEs war arme weit an öchelten wöhnten, Es war die Zeit, als mir Bücher, Papier und Bleistift abgenommen worden waren. Ich hatte nichts als Tüten in der Zelle. Es war die schwerste Zeit. Aber da ich glaubte, daß mein Leben nur noch Wochen dauern werde, so befand ich mich in einer stoisch- kühlen Entrücktheit aller grauen Schikane gegenüber. Ich hatte zwei Tröstungen. Vor der Zelle stand ein Baum, es war eine Birke in einem überirdisch schönen Oktober. Ich sah einige Aeste hoch oben durch das Zellenfenster gegen einen traumvollen Caprihimmel, ich sah das goldene Filigran des GeWeisenborn, Memorial 6 . 81 ästes im milden Oktoberlicht Spandaus. Ich sah jedes Blatt fallen. Ich kannte jedes Blatt. Es handelte sich um die unberührbare, unbelangbare Natur acht Meter von mir entfernt. Was wollt ihr, auch ich war Natur, ein Teil Natur. Ich sah die schöne Auflösung, und sie versöhnte mich ein wenig mit der Auflösung überhaupt. Die andere Tröstung war das Schachspiel. Ich hatte aus Stückchen zerrissenen Tütenpapiers eine Art Schachspiel verfertigt und G.( der später hingerichtet wurde) in der Nebenzelle spielte mit mir Schach, indem wir unsere Züge durch die Wand klopften: ,, Ziehe Dame von b3 nach c7". Nach einigen Minuten kam die Antwort zurück durch die Wand: ,, Rochade". Das alles ängstlich, leise, gehetzt, damit niemand uns beobachte. - genkap die Do Steine unauf Wohl ging Ei das aus engs gena Als ich in Cuxhaven mein Appartement betrat, staunte ich ungläubig. Es bestand aus einer großen Kajüte, einem Kofferraum und einem Badezimmer, alles mit erlesenstem Holz getäfelt, mit Seidensesseln, Wandschränken, tiefen Teppichen. Die Kajüte lag mittschiffs auf dem A- Deck, hatte also den besten Platz. Eine Einladung auf Büttenpapier forderte mich auf, meine Mahlzeiten am Kapitänstisch einzunehmen, eine besondere Ehrung. Ich hatte richtige Fenster, und ein Korb mit wundervollen Spalierbirnen, Goldbananen, Granatäpfeln wurde stets unsichtbar nachgefüllt. Die Mahlzeiten wurden in einem hohen, kostbaren Festsaal mit viel Gold und Spiegeln eingenommen. Eine Gei82 In siche der auf Ein mich Zäh und leuch in de das verle ein B genä plötz ah jedes sich um leter von ', ein Teil versöhnte hatte aus hachspiel je) in der ir unsere n b3 nach rt zurück ich, leise, #, staunte iojüte, ei” 3; mit er- ndschräm s auf dem dung auf ‚eiten UM ung. Ich dervollen „stets u aren Fest Bine Ger genkapelle spielte dazu. Wir hatten einen Smoking an, die Damen saßen tief ausgeschnitten mit glitzernden Steinen am Tisch. Lautlose Stewards empfahlen einem unaufhörlich die teuersten Gerichte. Man aß Kostbarkeiten. Wohlgesättigt sah man sich nachher einen Film an oder ging in die Bar. Eines abends ging ich nach achtern, da fühlte ich, daß das Schiff heftiger stampfte. Da sah ich, daß die Leute aus dem Zwischendeck in dichten Rudeln seekrank auf engstem Raum hockten. Und ich wußte, daß es unten genau so aussah wie damals. In meiner Kellerzelle lag ich bei Luftangriffen recht sicher. Als eines Nachts eine mächtige Explosion ganz in der Nähe stattfand, flog die fingerdicke Fensterscheibe auf meine Decke, die kräftig auf meine Beine schlug. Ein erstickender Qualm von Mörtel und Mauerstaub ließ mich kaum atmen. Der Sand knirschte mir zwischen den Zähnen. Am nächsten Morgen öffnete sich die Zellentür, und das junge hübsche Gesicht von einer Kerze mild er- leuchtet, die er in Brusthöhe hielt, stand ein SS-Posten in der Tür und befahl mir hinauszutreten. Ich werde nie das Gesicht dieses Totenkopfmannes vergessen, das etwas verlegen über die Kerze zu mir hineinblickte. Es war ein Bauerngesicht aus Süddeutschland. Es war rosig, gut- genährt und im weihnachtlichen Schimmer der Kerze plötzlich niedlich verwandelt. Ich dachte: Junge, du hät- 83 ! N N test ein anständiger Mensch werden können, wenn du in andere Hände, geraten wärst. Aber stimmte das nicht für die meisten? Der und sc vor se Scheit Gesich mach Kurz vor der Uraufführung von U- Boot S 4" kam ich nach durchreister Nacht früh vor die Berliner Volksbühne, gespannt, ruhmgierig, bebend. Sie stand auf dem riesigen Bülowplatz. Ich ging in das Vestibül und von dort drang ich in den Zuschauerraum ein. Dort hantierten Putzfrauen, die mit echt berlinischer Grobheit mich hinausjagten. Det wärn Theata hia un keen Bahnhof, wo jeda wachten kennte. Ich ging in eine Boulettenkneipe am Schönhauser Tor, die erste Berliner Kneipe, roh, hart, herzlich, sprach mit Arbeitern. Um elf ging ich ins Theaterbüro, wo ich Leo Reuß traf. Sie waren mißtrauisch. Sie glaubten nicht, daß ich der Autor wäre. Ich war ihnen zu jung und zu klein. Dabei war ich 26. blinz Jacke Gesta der Kam hier jung. Plötze Ich kam von einer Vernehmung und stieg im Keller aus dem Lift, nachdem der Kommissar die Gitter geöffnet hatte. Auf den Lift wartete unten ein anderer Kommissar mit einem Gefangenen. Der Kommissar war klein und grau im Spitzmausgesicht mit trüben Augen. 84 e un 5 Der Gefangene war H., unser Chef. Er stand hoch icht für und schlank und mit sehr bleichem Gesicht. Es war kurz vor seiner Hinrichtung. Er trug den Kopf hoch, und sein Scheitel schimmerte blond unter der Lampe. In seinem Gesicht war eine Art eiserner Heiterkeit, die einen heiter machte. Er kniff mir ungesehen ein Auge zu, und ich blinzelte zurück. Er trug seinen blauen Sweater unter der kam ich Jacke, und seine Hände waren gefesselt. Hier stand er im xsbühne, Gestapokeller, jung, begabt, sauber, ein gefolterter Bote lem rie- der zukünftigen Welt, er hatte jetzt alles hinter sich, von dort Kampf und Qual. Es war sein Lebensabend hier im Keller, ntierten hier stand die Hoffnung der Deutschen, kühn, rein und h hi- jung. Am Tag vor Weihnachten hängten ihn Deutsche in f, wo Plötzensee. eipe am h, hart, 18 Thea- trauisch. ar ihnen f Keller r ge sat mit nd grau 85 In dem dialektischen Kampf zwischen Irrtum und Wahrheit sind das Gefährlichste die Halb- und Achtelirrtümer, die mit Sechzehntelwahrheiten zusammen in einen Satz gesperrt werden. Ja, dies war Virginia. Ich saß am Rand eines Baumwollfeldes. An den Seiten des Weges standen Ahornbäume. Tiefblau leuchtete der Himmel, es war glühend heiß. Diesesonderbare, dünne, zitternde Helle gibt es bei uns in Europa nicht. Man sieht auch in der Ferne unheimlich klar. Man atmet leichter, und die Leute hier haben viel Licht in den Augen. Ich ging zurück zur Farm des alten, halbtauben Reverend Gray, auf der die Truthähne kollerten. Pat saß auf der Holzterrasse. Ihr Gesicht hob sich sehr blaẞ vom dunklen Holz des Hauses ab. Sie holte mir Eiswasser. Ihr Kleid war weiß und sehr dünn. Wir hatten uns drei Jahre nicht gesehen seit Prag. ,, Trink", sagte sie. Ich trank und sah sie an. Sie war fremd geworden, ihr asketisch- schönes Gesicht mit dem schwarzen, südländischen Mittelscheitel war härter geworden, erfahrener. Es ist nicht gut, wenn in den Gesichtern der Frauen zu viel Entschlossenheit steht, dachte ich. Ach, Pat, dachte ich, es ist vorbei. Sie blickte auf die grüne Wiese hinaus und ließ ihre Näharbeit sinken. ,, Ja, dies ist Amerika", sagte sie. ,, Ja", sagte ich ,,, es ist anders als Prag", und ich blickte auch auf die Wiese. ,, Ja anders", sagte sie. ,, Morgen muß ich zurück nach New York", meinte ich. Der Honey- suckle roch süß und betäubend aus der Hecke herüber. Irgendwo im Haus sang die Negerköchin verträumt vor sich hin: ,, All o gods chillun gotta wings..." 99 89 Wenn man seine Tage damit verbringt, gefesselt in einer absolut ungeheizten Kellerzelle ohne ein Buch, hungrig, fast im Dunkeln auf seinem Schemel zu sitzen, wird man fast verlegen darüber, wie weit es die Menschheit gebracht hat. Alles, was Welt war, ist mit raffinierter Peinlichkeit entfernt. Du siehst kaum etwas, denn nur durch eine winzige dicke Mattscheibe über der Tür leuchtet das Flurlicht, du hörst nichts als das tödliche Schweigen jener gefährlichen Keller, du bist schwach vor Hunger, fast besinnungslos von dem monatelangen Frieren, elend, schmutzig und allein. Und du analysierst mit dem Rest von Präzision, den dein Gehirn noch besitzt, daß dies eine wahrhaft tödliche Methode ist, sie liefert nach allem Elend den Zerfall der Persönlichkeit. Ganze Trakte stürzen lautlos ein. Diese Justiz ist vollkommen in ihrem komplexen Vernichtungswillen. Ihre drei Stadien sind: 1. die Zerstörung deiner Lebensumstände, 2. die Auslöschung deiner Persönlichkeit und schließlich 3. die Vernichtung deines Körpers auf irgendeine möglichst billige Weise. Das endlos Laut. I den Str keine kein M Vögeld Die höhle uns d daß e schwe Wir wälder in den dieser We und u schwi W stand Eines Abends öffnete sich auf unserem Weg der grenzenlose Urwald... Eine unübersehbare Stadt lag uns gegenüber. Mitten im Urwald lag die Stadt, von der ich schon öfter erzählen gehört hatte. Aber sie war nur halbhoch. Die oberen Teile der Mauern und die Dächer waren eingefallen, es war eine halbe Stadt. Wir überblickten sie und wir erschraken. 90 sicht dunk angst wir s Besitz die St Sie sie ve grabe lt in eih, hungen, wird mschheit finierter enn nur r leuchSchweiwor HunFrieren, mit dem tzt, daß ert nach e Trakte n ihrem sind: 1. Auslödie Verst billige der gren er. Mitöfter erMauern ne halbe Das zartgrünliche Profilgewirr der Ruinen dehnte sich endlos in den rauchblauen Abendhimmel hinein. Kein Laut. Denn die Stadt war leer. Kein Mensch stand auf den Straßen oder lag in den Fenstern, kein Pferd wieherte, keine Mula schrie, kein Rad drehte sich, kein Fuß schritt, kein Mund pfiff, kein Hund bellte hinterm Zaun, kein Vögelchen sang. Die Stadt war tot und still. Die grauen, rissigen Häuser glotzten aus leeren Fensterhöhlen in den Himmel. Fettglänzende Ratten huschten vor uns davon. Unsere Absätze klapperten auf dem Pflaster, daß es hohl von den Häusern zurückschallte. Im Zenit schwebte ein riesiger Aasgeier. Wir kamen soeben aus dem Lärm aufgeschreckter Urwälder, den wildriechenden Moderduft des Krieges noch in den Lungen. Jetzt waren wir atemlos und taub von dieser Totenstille. Angst stieg in uns auf. Wer waren wir? Zufällige Enkel, wandernd, geschlagen, und uns gegenüber standen graue Jahrhunderte auf. Wir schwiegen. Wir marschierten durch die langen Straßen, die Türen standen offen, wir glaubten hinter den Ecken listige Gesichter zu erkennen, die rasch verschwanden. Es wurde dunkel, die Schatten wurden gespenstisch. Wir spähten angstvoll in jede Höhlung, in jede Ecke, in jede Gasse, wir suchten irgend jemand, eine Seele, ein Gesicht, einen Besitzer oder Verwalter, wie man es gewohnt ist, aber die Stadt war verendet. Sie gehörte Niemandem, sie war nicht mehr belangbar, sie verweste bescheiden. Man kann eine Stadt nicht begraben, man läßt sie stehen und geht davon, zum Teufel. 91 Im flaschengrünen Mondlicht schimmerten die bleichen Mauern, Bronzeröhren gleißten auf, Metall spiegelte etwas Gefährliches. Dies war das einzige, was von den großen Indianern geblieben war, eine Horde von Skeletten, drei Meter tief, und darüber der Wind, der wieder kommt, das ist alles. Gruß den langgewandeten Urbewohnern und den langschenkeligen, großäugigen Frauen, deren Atem einst der Wind nährte, der jetzt um unsere nachgeborenen Stirnen fährt, Gruß! Ich war aus den milden, gelassenen Wäldern des Nordens gekommen und hatte in den Städten meiner kühlen Heimat lange Jahre verbracht. Hier hatte man mich lachend einen Gringo geheißen, einen Barbaren. Ja, ich war durchaus einer. Auch jetzt, als die Stadt sich leise belebte, hörte ich nicht in meiner Phantasie dumpfe Trommeln und goldene Gongs, sondern das leise Klingeln einer Straßenbahn. Rote Neonröhren begannen aufzuglühen und die verfallenen Häuser herabzulaufen. Blasse Herren im Smoking tauchten hinter den Fenstern auf. Autos rollten in Rudeln dahin, schimpfende Familien wandelten an den langsam aufglänzenden Schaufenstern entlang. Kinder plärrten. Lautsprecher erschallten. Männer kauften Zeitungen, stahlen, sprachen Recht, marschierten und tranken. Frauen schrubbten die Treppe, sangen, nähten und liebten. Man rannte herum, die Stadt war überfüllt. Man rannte hinter dem Glück her, aber ehe man das Glück faßte, sank man blaß in die Grube. Andere plagten sich, die große Stadt war toll von Tod und Zeugung. Sie lärmte, läutete und dröhnte. 92 Aber Lärm d es war Ja, Tages lebte. röhren bleich sein Ein Baden Dispos Durche sich zu zu kur serdan zusam S. gerich Sie m Lager Kriegs und Na man ih Namen er sich wollte sagen 2 bleichen egelte et- Indianern leter tief, 'st alles. len lang- einst der on Stirnen ı des Nor- or kühlen ich la- Stadt Phantasie das leise begannen hzulaufen. Fenstern de Fami’ Schaufen- 7 hallten. ht, mar“ i Treppe die Stadt aber ehe rube: An Tod und N, ne te Aber hier in der tropischen Wildnis hörte man diesen Lärm des Lebens nur durch den Filter der Jahrhunderte, es war ein Lärm wie hinter Glas. Ja, unsere Stadt da oben, die heute lebt,_.eines ewigen Tages ist sie so still wie diese Stadt hier, die damals lebte. Da lösen sich die Straßenbahnen auf, die Neon- röhren zerfließen, die Herren in Smokings legen sich er- bleichend auf die Seite, unsere Stadt wird leer und tot sein wie diese hier. Einmal in den ganzen Spandauer Monaten ging es zum Baden in den Keller. Hier entstand durch die falschen Dispositionen eines ahnungslosen Wachtmeisters ein Durcheinander. Rund zwanzig nackte Männer drängten sich zusammen und benutzten die einmalige Gelegenheit zu kurzen Unterhaltungen im Flüsterton. Im dichten Was- serdampf der Brausen sah man die abgemagerten Körper zusammenstehen und hastig flüstern. S. wurde gefragt, was er erwarte. Er— der später hin- gerichtet wurde— erwiderte:„Sie haben keine Beweise. Sie müssen mich freisprechen. Und dann komme ich ins Lager.‘ W., herrlich gebaut, teilte mit, daß wir vor ein Kriegsgericht kämen. Sein Arm war von vielen Narben und Nähten entstellt, da er bei einer Vernehmung, bei der man ihm eine Minute Bedenkzeit gegeben hatte, um zwei Namen zu nennen, das Fenster eingeschlagen hatte, weil er sich und den Kommissar Habecker in den Tod stürzen wollte. Es wurde das Klopfalphabet mitgeteilt und Aus- sagen wurden vereinbart. 93 Durch die leis summenden Unterhaltungen beim Ausziehen und unter der Brause und durch das Rauschen der Brausen drang das Geschrei der aufgeregten Wachtmeister. Man sah wenig in dem Dampf, durch den einige matte Lampen schimmerten, und man hörte wenig. Aber es war ein Festtag für uns. Wir konnten sprechen. Ein wenig. We nur war, mit d lösch genü blon in H Ich wartete einige Tage mit dem Camion in Posadas, bis Ernesto seinen Mais verkauft hatte. Ich fotografierte den Markt, auf dem Eingeborene mit hellem Gekreisch Gott und die Welt zum Kauf anboten: Melonen, Matten, Dolche, Töchter, Tücher, Früchte, Blüten, das ganze Land war von verdienstgierigen Händen gerupft worden. Man fächerte alles im flirrenden Sonnenlicht auf der Erde nebeneinander, bunt, fruchtbar und glühend, die natürlichen Schätze des Volkes. Die Indianerinnen, breitgesichtig und scheu, warteten wie geringe Diener hinter ihren Obstpyramiden, die Kreolinnen lärmten, Kinder wimmelten, die Ausrufer überschrien sich. Und über allem Volk erhob sich eine runde, hellgraue Staubwolke, die unbeirrbar himmelwärts stieg, als zeige sie ein Opfer an, ein Bittopfer der natürlichen Profite, und schwamm dann golden aufsprühend in die Sonne hinein, Staub und Wiedergeburt, die nach Osten reisen. mus E pfiff best und rein Flure ter, zarte die geht Hit alle litä dem rauf zum A sie, ein. eine Vere 94 94 beim AusRauschen ten Wachtden einige enig. Aber echen. Ein in Posadas, Fotografierte Gekreisch en, Matten, anze Land orden. Man er Erde nenatürlichen esichtig und ihren Obstwimmelten, e, hellgraue g, als zeige en Profite, die Sonne sten reisen. Wenn in Spandau abends der Einschluß vorüber, also nur der schwache Nachtdienst im Gefängnis anwesend war, zog Ruhe in die Flure ein. Es wurde totenstill mit der Dunkelheit, wenn das Licht in den Zellen ausgelöscht war. Und dann begann irgendwo in einer der gegenüberliegenden Zellen ein Mann zu pfeifen, ein junger, blonder Student, der gern lachte und jetzt seit Jahren in Plötzensee verscharrt liegt. Er pfiff leise und sehr musikalisch. Er pfiff... ,, und der Haifisch, der hat Zähne...", er pfiff: ,, Vorwärts und nicht vergessen, worin unsre Stärke besteht", er pfiff: ,, Wie kommt es, daß die Frauen..." und alle diese zarten Melodien, die sich sehr leicht und rein durch die finstere Unheimlichkeit der Spandauer Flure schwangen. Manchmal fiel ein zweiter ein, ein dritter, ja manchmal war es ein leiser polyphoner Chor mit zarten Oberstimmen, kontrapunktisch verziert, und war die Melodie zu Ende, begann weit weg eine neue: ,, Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, im März geht der Hitler, im Mai die Partei..." Das vage Hoffnungslied aller Gefangenen. Hier in schöner, ergreifender Musikalität, mit dem einzigen Instrument, das sie noch hatten, dem eigenen Mund, schickten die Männer, die kurz darauf miteinander starben, ihre Sehnsüchte als Melodien zum Himmel. Aber wenn die Schritte der Wache nahten, schwiegen sie, nacheinander. Und das unheilvolle Schweigen trat ein. Nach dem kameradschaftlichen Zusammenklang in einer gemeinsamen schmerzlichen Musik fiel jeder in seine Vereinzelung zurück, ein wenig getröstet jedoch. 95 Man In Krakau stehe ich im Dom. Es ist ein trüber, kühler Sommermorgen und Sonntag. Überall knien in ihren Festgewändern fromme Polen. Sie haben verzückte, dunkle Augen und vergessen die Welt über Gott. Vor einem Beichtstuhl warten kniend einige Andächtige und murmeln Gebete. Der Dom ist hoch, und irgendwo hallt das todesselige Largo einer fernen Orgel. Im Mittelschiff dehnt sich eine Ebene von gebeugten Rücken. Es wird mit einer Glut gebetet, daß man Angst fühlt. Dieser Gottesdienst ist wie der verheimlichte Ausbruch eines Vulkans. Es war während des Krieges, und die Deutschen hatten den VeitStoß- Altar aus dem Dom entführt. Wand o totenstill die Eise mit ras wenn m eigentli dumpf deres, geklopt meist Max Nichtach D Eines Morgens knallte es vor der Tür. Nach der Freistunde fanden wir die Ursache. Es war ein schwerer Pakken graues Tütenpapier, den der Kalfaktor vor jede Tür geworfen hatte. Wir mußten Tüten kleben. Ich lernte hier, was ich später im Zuchthaus gebrauchen konnte. Man saẞ in der ungeheizten Zelle, hungrig, entnervt, in Schmutz und Wanzen, und klebte Tüten, bestrich sie mit widerlichem Leim, falzte und wendete, um sein Pensum zu erfüllen, den ganzen Tag. Zuweilen hörte man an den Heizröhren leise Klopftöne und erkannte am Anrufzeichen, daß die Nachricht einem Nachbarn galt. Aber man hörte mit. ,, Hallo, Franz, G. hat Todesurteil!" , Werner ist heute zur Vernehmung zur Gestapo." ,, Morgen bei Freistunde Buch." د" دو , Wer hat heute Termin?" gann. verloren schloß zentrat schen mulier Und m gepack gewalti teilung, sein ba torium Hund Kladden Plötzlic Weisenbor 96 er, kühler hren Feste, dunkle or einem und murhallt das hiff dehnt mit einer ottesdienst ns. Es war den VeitMan war umgeben von leisen Klopfzeichen an der Wand oder an der Heizröhre, während der Flur draußen totenstill war. Nur manchmal hörte man weit weg jemand die Eisentreppe heruntergehen oder irgendwo entfernt fiel mit rasselndem Klapp eine Fahne. Abends um sieben, wenn man auf der Pritsche im Dunkeln lag, begann das eigentliche Klopfen. Kaum war ein Klopfgespräch fertig, dumpf und nah, begann ganz eilig, fein und fern ein anderes, dem schwer und stockend ein drittes folgte. Es war geklopftes Schicksal, Leben und Not in der Heizröhre, meist klopfte der Tod. der Freierer Pakjede Tür ernte hier, e. Man saß Schmutz it widerlium zu erden Heizichen, daß hörte mit. stapo." Max Scheler betrat meist mit einer Art zerfahrener Nichtachtung das Katheder, ehe er seine Vorlesung begann. Die ersten Sätze gingen im nonchalanten Gemurmel verloren. Er blickte zerstreut nach unten, dann jedoch schloß sich sein tausendfältiges Gesicht unter der Konzentration. Die Stirnfalten vertieften sich, und die mürrischen Augen erhielten Glanz. Es kam zu den ersten Formulierungen, die präzis ihren Gegenstand umzirkelten. Und mit ihnen hob sich die Stimme, bis ein flammender, gepackter Redner unaufhaltsam die Deduktionen seines gewaltigen Gehirns vor uns in Sprache umsetzte, in Mitteilung, in Lehre. Rot wurde sein Gesicht, und hellgrau sein bannender Blick, den er abwesend über sein Auditorium wandern ließ. Hunderte von Bleistiften zischelten in hunderten von Kladden. Zuweilen knackte die Heizung des Hörsaals. Plötzlich brach er dann ab und rannte mürrisch hinaus. Weisenborn, Memorial 7 97 Im Zimmer des Kommissars, in das du hereingeführt wirst, elend, unrasiert und frostgeschüttelt, heißt man dich an der Heizung Platz zu nehmen. Es sitzen vier Männer in Zivil dir gegenüber. Einer davon, der kleine breitschultrige Glatzkopf mit dem grauen Gesicht und der Hitlerfliege unter der Nase ist dein Kommissar. - · Sie sehen dich alle an, und du wartest mit jenem lähmenden Gefühl von Spannung, Feigheit und Trotz. Und du sagst dir im stillen wieder einmal deinen Spruch vor: ,, Nichts zugeben nicht sofort antworten- Vorsicht!" Es ist drückend heiß im Raum. Die Heizung an deiner Seite verbrennt dir fast den Wintermantel. Du atmest ganz leise und rasch und wartest, von welcher Seite diesmal der Schuß kommt. Und schon kommt die Frage des Kommissars: - ,, Wo ist Paul Braun?" " Du überlegst dir blitzschnell, was du über Paul Braun gesagt hast. Du hast ihn nur einmal kurz gesehen in einer Kneipe. Das hast du ausgesagt, und das ist die Wahrheit. Sie wissen also nicht, wo er ist. Sie haben ihn also noch nicht. Du weißt, wo er ist, zum mindesten, weißt du die Buchhandlung, in der er arbeitet. Die hier wissen jedoch nicht, daß du seinen Arbeitsplatz kennst. Also zuckst du die Schultern und sagst: ,, Das weiß ich nicht." دو ,, Denken Sie genau nach." ,, Ich habe ihn nur einmal vor langen Jahren getroffen. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen." Jetzt kommen entweder die langsam ansteigenden Drohungen, oder eine Querfrage folgt nach einer ganz an98 deren H Frage z ser Ver wie ei wohn. drücke Jetz mit de „ Sa sen w Dei tun, u missar für de Plan. S und A böseste sie wi fanger klärst ,, Si aber Was Es sin Eine telstun ruft es den W anmute bracht reingeführt heißt man vier Mänleine breitnd der Hitmit jenem und Trotz. nen Spruch ten- Vor. Die Heiintermantel. won welcher kommt die Paul Braun men in einer e Wahrheit. an also noch weißt du die issen jedoch o zuckst du n getroffen. genden Droer ganz anderen Richtung, um erst später wieder plötzlich auf diese Frage zurückzukommen. Das ist jetzt der Drehpunkt dieser Vernehmung. Was wird kommen? Du bist gespannt wie eine Stahlsaite, voller Angst, Berechnung und Argwohn. Deine Hände sind kalt und feucht, die Fesseln drücken. Die Hitze bringt dich fast um. Jetzt beugt sich der Kommissar vor und sagt beiläufig mit dem Unterton gekränkter Unschuld: ,, Sagen Sie uns, wo der Braun sich aufhält, dann lassen wir sofort Ihre Frau frei." Deine Frau sitzt am Alexanderplatz. Du würdest alles tun, um sie in Freiheit zu setzen, bis auf dieses. Der Kommissar kennt jeden unserer Briefe. Er weiß, daß wir uns für den andern opfern würden. Darauf gründet er seinen Plan. Sie starren dich alle vier an. Dir ist übel vor Hitze und Aufregung, du bist ein armseliges, entnervtes Opfer bösester Gestapohaft. Kannst du sie irreleiten? Nein, denn sie würden sie erst freilassen, wenn sie Paul Braun gefangen hätten. Eine Irreführung scheidet aus. Also erklärst du mit blauem Augenaufschlag: ,, Sie wissen, daß ich für meine Frau alles tun würde, aber ich weiß leider nicht, wo sich Paul Braun aufhält." Was kommt jetzt? Wird er wütend? Geht es wieder los? Es sind vier Männer im Zimmer! Nichts davon. Einer führt dich auf den Flur, wo er mit dir eine Viertelstunde wartet. Sie besprechen sich im Zimmer. Dann ruft es heraus: ,, Bring ihn runter, Philipp!" Du wirst in den Warteraum im Keller geführt, der dich fast heimatlich anmutet und später wieder im Auto nach Spandau gebracht. 99 Die Menschheit vergoẞ Meere von Blut und vergrößerte ihr Wissen, ihre Erfahrung durch unzählige Opfer der Einzelnen. Blut und Qual kleben an unseren schmerzlichen Erkenntnissen, und ein Kind lernt das alles nachmittags flink aus der Fibel. Das war, als wir abends um sieben Uhr im Gärtner- platz-Theater in München sein mußten und um neun Uhr von Berlin mit meinem Wagen abfuhren. D. mußte abends dort tanzen. Es lag noch Schnee in Thüringen. Ich hatte hundert Kilometer Durchschnitt, aber in Thüringen weni- ger. Als ich einen glaitgefahrenen Berg auf der Autobahn hinauffahre mit verdammt tiefen vereisten Schneerillen, sah der Schnee sonderbar aus. D. sagte:„Du, paß auf.“ Es war, als wir oben waren und die Bahn waagerecht wurde. Der Schnee war glatt wie ein Spiegel und blinkte in der Sonne. Wir hatten gesungen und gelacht. Bremsen konnte ich nicht mehr. Und plötzlich drehte sich der lange Wagen mit Windeseile um sich selbst. Ich fing ihn ab und fuhr weiter. Da sahen wir einen verunglückten Wagen auf der Seite liegen, zerbrochen die Fenster, Blut im Schnee und einige andere Wagen standen herum. Einige Männer knieten im Schnee um andere. Es war tiefer, win- terlicher Wald ringsum. Wir fuhren weiter, wir waren eilig. Wir kamen gerade rechtzeitig in München an und wohnten im„Rheinischen Hof‘. Es war ein doppelter Schrecken in aller unbekümmerten Planung gewesen, der Tod hatte am Waldesrand gestanden. Abends tobte das Publikum über den Harlekin, den sie tanzte. Sie hat ihn nie so gut getanzt. Bei der Vernehmung in der Prinz-Albrecht-Straße hatte ich ein Paket mitbekommen. Ich packte es in meiner Zelle in Spandau aus. Ein Paket ist für einen Häftling 103 - eine Art Weihnachten im Karton. Als ich meine Schätze musterte, fiel mir W. ein, der in der übernächsten Zelle saß und der nie ein Paket erhielt, wie er mir neulich beim Spaziergang zugeflüstert hatte. Ich teilte die Schätze nicht gerecht, denn ich behielt mehr als er erhielt packte sie zusammen und schrieb mit Bleistift auf das Paket ,, IV a 2- H.- Spandau". Dann warf ich die Fahne. Als der Wachtmeister erschien, ein prächtiger deutscher Beamtendummkopf, sagte ich, daß mir in der Prinz- Albrechtstraße ein Paket für einen H. mitgegeben worden wäre. Der Beamte witterte nur eine Gefahr, daß ich das Paket unterschlagen oder aufessen könne, nahm es eiligst und verschwand. Dann hörte ich ihn in der lautlosen Stille des riesigen Gefängnisflures brüllen: ,, H.!- Fahne schmeißen!" Und drüben hörte man die Fahne fallen. Der Beamte schloß auf, undeutliches Gemurmel, die Tür fiel zu, zweimal drehte sich der Schlüssel, dann knallte der Riegel, und die Schritte entfernten sich. Nach einer Stunde fragte W. auf der Heizröhre, ob das Paket von mir sei. Ich klopfte die Antwort zurück. Wir waren beide zufrieden. sie anu roischer Welt. S licher, war le In d tücke, leider dern d Ideale jene bildete Hat Kurs Hat ma zusam nur M Konze einem Ma stens bei I Vorw Klass das M Unsere Jugend nach dem ersten Weltkrieg war durchaus nicht gut anzusehen. Diese Jugend war mit strahlenden Idealen aufgezogen worden, sie hatte in den Schulen Gebrauchsanweisungen für das Leben erhalten, ethische, moralische, vaterländische, religiöse. Aber als die Jugend 104 es nic Wir bemül bogen ten w me Schätze sten Zelle ulich beim Schätze erhielt - uf das Pame. Als der her Beamz- Albrechtrden wäre. das Paket eiligst und es riesigen Ben!" Und te schloß zweimal gel, und die hre, ob das zurück. Wir r durchaus strahlenden Schulen Gethische, modie Jugend sie anwenden wollte, diese strahlenden Ideale, diese heroischen Postulate, siehe, da paßten sie nicht auf die Welt. Sie hätten für eine Welt der Lesebücher und freundlicher, älterer Herren gepaßt, aber die vorliegende Welt war leider anders. ganz In dieser Welt raste der Hunger, der Haß, die Heimtücke, der Profit, die Anarchie. In dieser Welt kam es leider nicht auf die edlen Stirnen der Jünglinge an, sondern auf die eisernen Kiefer. Weiß der Teufel, mit jenen Idealen war da nicht viel anzufangen. Sie nützten nichts, jene Gebrauchsanweisungen für die sittlich gereiften, gebildeten jungen Männer aus gutem Hause. Hat man je in der Schule davon gehört, daß politischer Kurs und Börsenkurs so viel miteinander zu tun haben? Hat man etwa gelernt, daß Politik und Wirtschaft so eng zusammen gehören? Wurde einem beigebracht, daß nicht nur Minister Politik machen, sondern auch Industrielle, Konzerne, Gewerkschaften und wer weiß wer? Wer hat einem das gesagt? Niemand. Man hat uns aufwachsen lassen wie Barbaren. Höchstens, daß wir wissen, wann Sedan war oder die Schlacht bei Issus. Immer die Augen rückwärts, ihr jungen Leute! Vorwärts? Bewahre, höchstens bis Goethe, bis zu den Klassikern, wer Glück hatte, bis Hebbel. Soll die Jugend das Museum ihrer Väter darstellen? Zum Teufel, sie soll es nicht. Wir Studenten kämpften damals um unsere Ideale, wir bemühten uns, wir wendeten sie nach allen Seiten, wir bogen sie zurecht, aber es ging nicht. Schließlich schimpften wir über diese alte Ware von Idealen, die man uns 105 verkauft hatte. Wir waren geneppt, man hatte uns Ladenhüter verkauft, gebrauchte Ideale, geflickte Ideale, abgenutzte Ideale. Erziehung und Tatsache standen sich feindlich gegenüber. Die junge Generation wurde in den brutalsten und raffiniertesten Kampf des Lebens geschickt mit einem geistigen Rüstzeug, das bei Kreuzzügen unter Hohn als veraltet abgelehnt worden wäre. Man ahnt, daß es in der Seele eines jungen Mannes nicht weihnachtlich aussieht, wenn er solche Entdeckungen macht, sich so verraten sieht von der alten Generation. beschlag ist. Hier noch in jeder E Künstle sam, 0 sam w brüller dem A Zettel her, w Gegen neun Uhr vormittags brüllt der Hauptwachtmeister weit weg im hallenden Flur draußen: „ 7-8-9- fertigmachen zur Freistunde!" Und dann rasseln die Schlösser und klappen die Türen, zuerst weit weg, dann kommen sie näher, dann sind es die Nachbartüren, dann deine eigene Tür. Erschreckend laut das zweimalige Schließen und Knallen des Riegels. Sie fliegt auf. Das rote Gesicht eines verhaẞten Wachtmeisters wird sichtbar eines jener uniformierten Individuen, die mit brutaler Korrektheit nur ,, ihre Pflicht tun", nur die Nazibefehle auf das genaueste dir gegenüber anwenden, erbarmungslos fast alle, hartherzig und dumm du trittst hinaus und bleibst vor der Tür stehn. - In dem dämmrigen Riesenflur, der vier Etagen hoch ist, stehn vor ihren Zellen bewegungslos und bleich wir Schutzhaftgefangenen der Gestapo, die diesen ganzen Flügel des Strafgefängnisses Spandau für unseren Prozeß 106 der sid Kassibe Dann wirklich Mundw ein uni fresser Zehen falten ,, 7 ,, 8 ,, 9 Und mit dr liert, a ein win Quadra ner m Zwanz uns Ladendeale, abgesich feindin den bruas geschickt zügen unter n ahnt, daß eihnachtlich cht, sich so ptwachtmeiHel" en die Tü, dann sind e Tür. Erund Knallen ines verhaßruniformierit nur ,, ihre enaueste dir e, hartherzig vor der Tür Etagen hoch bleich wir ganzen Flüeren Prozeß beschlagnahmt hat, da die Prinz- Albrecht- Straße überfüllt ist. Hier stehn wir noch in unseren bürgerlichen Anzügen, noch in unseren Wintermänteln, wartend auf das Urteil, in jeder Etage dreißig bis vierzig Männer, Offiziere, Gelehrte, Künstler, Jugendliche mit der Flamme im Blick, schweigsam, Objekte des Strafvollzugs. Zwischen uns eilen wachsam wie Spürhunde die kleinen Beamten hin und her, brüllend, miẞtrauisch, eifernd. Denn diese Minuten vor dem Ausmarsch sind die große Zeit des Kassibers. Kleine Zettel mit Botschaften, zusammengerollt, fliegen hin und her, werden mit den Füßen dem Empfänger zugestoßen, der sich bückt, als ob er seine Schuhe richte, und den Kassiber dabei aufhebt. Dann brüllt der Hauptwachtmeister, den ich einigemale wirklich mit getrockneten weißen Schaumrändern an den Mundwinkeln gesehen habe, ein infames Produkt der Hölle, ein uniformierter Wutanfall, ein Caliban der menschenfressenden Nazijustizer brüllt heiser, wobei er auf den Zehenspitzen wippt, sauber gekleidet mit adretten Bügelfalten: ,, 7 دو ,, 8 ,, 9 دو - ausmarschieren!" folgen!" anschließen!" Und der lange Zug der Gefangenen bewegt sich hinaus, mit drei Meter Abstand, überall von Aufpassern kontrolliert, angeschrien und von Haẞ verfolgt. Er betritt durch ein winziges Tor einen Gefängnishof, der fünfzig Meter im Quadrat messen mag und auf dem sechsunddreißig Männer mit je drei Meter Abstand einhergehn. Sie gehn zwanzig Minuten lang, denn je fünf Minuten sind für den 107 Ein- und Ausmarsch aufgespart. Manchmal heißt es: ,, Kehrt marsch!" und der Zug bewegt sich in entgegengesetzter Richtung. Ach, die Mauern sind sechs Meter hoch, und dahinter ist ein Hof, in dem große Polizeihunde bellen und hinter diesem wieder eine hohe Mauer. Nein, hier kannst du nicht fliehen. Aber du hörst irgendwo marschierende Soldaten singen, weit weg im Wind: ,, Glücklich ist, wer das vergißt, was nun einmal nicht zu ändern ist..." geht mi männlic schlosse ungelen ben. I nach e Marok Gedich gerade starr blonde Einmal überraschte ich in den neapolitanischen Weinbergen eine schöne, türkisgrüne Eidechse, die sich auf den Steinplatten des Pfades sonnte. Ich setzte mich etwas abseits neben sie, und sie wurde wieder ruhig, sah mich mit ihren glänzendroten Augen an und lag unbeweglich, schön, geschweift, ein kleines, angenehmes Tier in der Sonne. Wir betrachteten einander nicht ohne Wohlgefallen, bis ein nacktfüßiger Fischer singend den Pfad herabkam und uns aufscheuchte. Kreis Sprach winder sich töt landete Er lag heraus beugt. Hier Er ge Ach blutdu Hier marschieren wir im Kreis. Sechsunddreißig Gefangene der Gestapo, rings liegt Schnee, und die Tage sind grau und frostig. Vor dir marschiert W. mit aufrechter, stolzer Haltung, hinter dir ein Oberleutnant in Zivil, der sein Todesurteil bereits hat. Wir marschieren im gleichen Schritt, wie es befohlen ist. Der frühere Minister 108 es. Sie dem En nicht. Sie tra letzten Sie ha ben ge 1 heißt es: in entgegensechs Meter Polizeihunde Hauer. Nein, st irgendwo im Wind: mal nicht zu schen Weinsich auf den mich etwas ruhig, sah lag unbenehmes Tier nicht ohne singend den dreißig Geie Tage sind aufrechter, in Zivil, der en im glei were Minister geht mit einem breiten Hut, darunter sein grüblerisches, männliches Gesicht. Der Nervenarzt geht in sich verschlossen, als träume er, der Siebzehnjährige, lang und ungelenk, fragt mich flüsternd, ob wir am Leben bleiben. Ich knurre irgend etwas Undeutliches und sage nach einer Weile: ,, Mut, Junge, die Amerikaner sind in Marokko gelandet." Da hebt sich sein Kopf. Er schreibt Gedichte. Der Oberst drüben trägt Zivil und blickt bleich geradeaus, als erwarte er jemand. Der Bildhauer geht starr und mit zusammengekniffenem Gesicht. Der junge, blonde Student drüben lächelt vor sich hin. Im inneren Kreis humpelt am Stock der Sprachforscher, der vierzehn Sprachen spricht, mit der schönen Gelassenheit der Überwinder. Er hat vor einem halben Jahr einen Juden, der sich töten wollte, retten wollen, stürzte jedoch dabei und landete mit zerschmettertem Becken auf dem Pflaster. Er lag ein halbes Jahr im Spital, von wo ihn die Gestapo herausgeholt hat. Hier geht der Arbeiter, klein und gebeugt. Er sieht nicht auf, als trüge er eine schwere Last. Hier geht der blutjunge Student, gepflegt und reserviert. Er geht leise und als sei er nicht in dieser Welt. Ach, sie alle gehn im Kreis, wie in einem dunklen, blutdurstigen Traum, sie sind die Verlorenen. Sie wissen es. Sie gehen ihre letzten Runden. Ihr Leben neigt sich dem Ende zu. Es dauert nur noch Wochen. Aber sie bereuen nicht. Ihr Kampf war edel, und ihre Gesichter sind es. Sie tragen die gläsernen, durchsichtigen Gesichter der letzten Überwindung, der Überwindung des eigenen Ich. Sie haben den Schmerz bis ins tiefste ausgekostet. Sie haben geweint, einsam in ihren Zellen, sie haben das Auf109 bäumen der eigenen Persönlichkeit hinter sich. Sie alle sind zum Tod bestimmt, und die meisten werden sterben. Von sechsunddreißig Männern, die hier für die Freiheit im Kreis gehen, werden dreißig hingerichtet werden, der Nervenarzt, die Studenten, die Offiziere, der Arbeiter, der Sprachforscher, die andern fast alle. Es ist ein Marsch der Toten im Kreis der Unerbittlichkeit, ein Marsch der Mutigen unseres Vaterlandes, ein schweigender Kreis im Schnee. Noch dampft vor sechs-" unddreißig Männern der weiße Atem in der Winterluft. In einigen Wochen werden nur sechs Männer den Frühling erleben, die durch das Leid für immer gezeichnet sind. Spätere der Bef Aber neuen Als wurde der T Ein schwar رو Mach Das Kolosseum in Rom ging mir nicht aus dem Kopf, als ich in Haft war. Es ragt ein hohes Holzkreuz in der Mitte des riesigen Ruinenzirkus empor. Es steht genau auf dem Sterbefeld, auf dem die ersten Anhänger des Kreuzes ihr Leben unter einem Löwengebiß oder einem Kurzschwert aufgaben. Das, wofür sie litten, das Kreuz, heute erhebt es sich siegreich dort, wo sie litten. Eine Idee wird desto stärker, je mehr letzte Atemzüge ihr galten. Und die Idee der Freiheit wird in den Himmel Europas gehoben von Hunderttausenden von Toten, die sich ihr opferten. Es ist die Idee von der Veränderung der Welt. Ich habe das Kreuz im Kolosseum mit Ehrfurcht betrachtet, das nach zweitausend Jahren sich sieghaft erhob. 110 daß könn Ich Hier Worte Ich meine auf To Die ch. Sie alle erden sterür die Freitet werden, er Arbeiter, Spätere Jahrhunderte werden die Opfer der Lehre von der Befreiung der Armen sicherlich ebenso ehren. Aber es ist schrecklich, wie teuer die Menschheit ihre neuen Ideen bezahlen muß. r Unerbittrlandes, ein vor sechsWinterluft. r den Frühgezeichnet dem Kopf, des riesigen Sterbefeld, Leben unter rt aufgaben. es sich siege Atemzüge den Himmel Toten, die nderung der arfurcht be ghaft erhob. Als ich in den Saal des Reichskriegsgerichts geführt wurde, vor dem ein Posten stand, sah ich ein Schild an der Tür ,, Geheime Verhandlung." Ein kahler Habichtskopf mit Hornbrille, der von einem schwarzen Talar getragen wurde, stieß auf mich zu: ,, Ich bin Ihr Offizialverteidiger. Ich kenne Ihre Akten. Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Sie wissen, daß Sie im Höchstfalle mit der Todesstrafe rechnen können. Wir sehen uns ja nachher." Ich hatte monatelang um einen Verteidiger gebeten. Hier war er. Er hatte gesprochen. Es waren die einzigen Worte, die er je zu mir sprach. Ich habe diese Worte nie vergessen, denn sie bildeten meine gesamte juristische Vorbereitung für einen Prozeß auf Tod und Leben. Die Tür öffnete sich, und ich betrat den Gerichtssaal. 111 Ich liege auf einem riesigen Granitfelsen in Capri an der Piccola Marina. Die Sonne Süditaliens brennt glühend nieder, die Brandung rauscht wie ein Pulsschlag im Ohr. Seit Wochen liege ich hier zwischen Sonne, Felsen und Meer, mit geschlossenen Augen, nackt und allein. Ich kenne keinen Menschen in Italien. Ich bin müde und ner-. vös damals hier angekommen, habe ein Zimmer in der Villa Argentina gemietet, wo ich esse und schlafe, und habe den ganzen Tag Zeit zum Träumen und Schlafen. Manchmal stehe ich auf und springe von dem Felsen in das klarblaue, schäumende Wasser, betäubt vom Schlaf und der Hitze, tobe mich im Wasser aus und lege mich naß und keuchend wieder auf meinen glühenden Felsen. Ich spüre das Salzwasser im Haar und auf der Haut trocknen, ich träume vor mich hin. Ich glaube, ich bin glücklich. Ja oder N Zeugen la Präsident von einer überstell lehnt, de lächerlic Hose ru ziemlich Hemdär schettenk keine Pa blassen O nischen B teresse, d Fenster d Ben hinal um sein Der Saal des Reichskriegsgerichts war groß und ganz leer. An einer Schmalseite saß das Gericht, das aus zwei Generalen, einem Admiral und zwei anderen Offizieren bestand. Rechts erhöht der Staatsanwalt, unter ihm der Verteidiger. An der Eingangstür saß an einem Klapptisch ein bescheidener, grauer Zivilist, ein Gestapokommissar, der sich Notizen machte. Die Richter verhielten sich leise und eifrig, ihre Sätze hatten Glacéhandschuhe an. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, daß ich gut täte, nur mit 112 Capri an ant glühend lag im Ohr. Felsen und allein. Ich He und nermer in der chlafe, und d Schlafen. m Felsen in vom Schlaf d lege mich den Felsen. Haut trockbin glückJa oder Nein zu antworten. Mir schwebte vor, daß man Zeugen laden könne, und ich bat um zwei Zeugen. Der Präsident lehnte ab. Mir wurde die belastende Aussage von einem Protokoll aus vorgelesen. Ich bat um Gegenüberstellung mit dem Belastungszeugen. Das wurde abgelehnt, denn er war bereits hingerichtet. Ich stand in einer lächerlichen Aufmachung vor dem Gericht, denn meine Hose rutschte, weil der Gürtel weggenommen und ich ziemlich dünn geworden war; die Manschetten meiner Hemdärmel fielen über meine Hände, weil mir die Manschettenknöpfe abgenommen worden waren. Ich hatte keine Papiere, nicht einmal eine Anklageschrift. Die fünf blassen Offiziersgesichter blickten mich mit jener mechanischen Beschränktheit an, mit jenem bewegungslosen Interesse, das eine müde Skatrunde hat, wenn sie aus dem Fenster des Speisewagens auf einen Rottenarbeiter drauBen hinabblickt. Sie sahen sich den von oben an, der da um sein Leben kämpft, nichts weiter. ß und ganz das aus zwei en Offizieren ter ihm der isch ein bemissar, der ch leise und . Ich wurde Site, nur mit 113 Es gibt die Liebe zum anderen und die Liebe zu allen. Die erstere ist die Liebe in der Natur, die andere die der Kultur. Das Winky- Dinner fand im Grillroom statt, ich habe nie so pompös gegessen. Schließlich brachte ein Aufmarsch sämtlicher Stewards bei verdunkeltem Saal lauter von innen erleuchtete Eisbomben herein. Als Abschluß wurden Kinderpistolen mit Wattekugeln serviert. Und nun bot sich folgendes Bild: die seriösen Smokingherren und die Damen im Abendkleid begannen sich mit Wattekugeln zu beschießen. Man war satt von den erlesensten Gerichten, trank die teuersten Getränke, es spielte eine herrliche spanische Tangokapelle, es gab schöne Frauen, mächtige Männer, die umgeben waren von Kristall, von Lichtfluten, von Silber, von Seidengobelins, kurz, sie wurden gemütlich. Und die Gemütlichkeit bestand im Schießen mit Wattekugeln, die bald hin und herflogen. Diese Gemütlichkeit fand in einer kalten Regennacht mitten auf dem Atlantik statt. Die Gentlemen zielten natürlich auf den Ausschnitt der Frauen, was diese mit Quietschen quittierten, worauf sich die Gentlemen am Tisch verneigten. Oh, sie wußten sich zu benehmen. Sie waren alle großartig. Erster- Klasse- Passagiere, die das ganze Schiff umdienerte und liebkoste. Ich wußte, daß zu unseren strahlend erleuchteten Fenstern jetzt manche Augen aus dem Zwischendeck finster hinaufsahen, ich hatte selber einst so hinaufgesehen und die Musikfetzen im Atlantikwind gehört, vergiß es nicht. Ich suchte mir ein hübsches, blondes Mädchen aus und traf es an den Hals. Auf diese Art machte ich die Bekanntschaft von E., einer veritablen Millionärstochter, die wild war, einen deutschen Schriftsteller kennen zu lernen und mich nicht mehr verließ. Sie - - 117 war blond, schlank, klein, süß und simpel, ihre dicklich blonde Mutter war hauptsächlich simpel. Sie beschloß, mir New York zu zeigen und meine Bücher zu lesen. Ich beschloß, eine charmante Millionärstochter zu studieren. Ein ga schimmer senkrecht fen des arbeitete klaren, neten s Zu den Anträgen des Anklägers wurden wir sechs Angeklagte, die an jenem Tag Termin hatten, hereingerufen. Wir mußten auf sechs Stühlen, die weit auseinanderstanden, mitten im leeren Saal, in dem die Stimme hallte, Platz nehmen. Es waren sechs Strafanträge, die der Oberst stellte. Von diesen forderten fünf die Todesstrafe. Als er meinen Namen unter diesen fünf nannte, hatte ich die Empfindung einer gewissen, kühlen Erleichterung. Jetzt wird endlich Ruhe sein. Ich blickte nach den andern, sie standen blaß und fest. Nur eine Frau schluchzte. Es war die Frau, gegen die eine Gefängnisstrafe beantragt worden war. Als das Gericht sich entfernt hatte, reichten wir uns alle trotz des Verbots zum ersten Mal die Hand und zum letztenmal, ehe wir gefesselt und davongefahren wurden. Atem. V höchste Mensch der gli und ihr glücklic ,, Mein J Eben den Ant gehört Stunde ist ern und g machte Muß i Wir hatten einen Pferdeschlitten bestellt, der uns von Zwieselstein nach Obergurgl hinauffahren sollte. Dem Fuhrmann kippte sein zweiter, hoch mit Heu beladener Schlitten um. Also ließ er uns beide allein fahren. 118 sterben andern jetzt la gehn. S dienen we dicklich beschloß, lesen. Ich studieren. wir sechs en, hereinweit ausm die Stimrafanträge, fünf die esen fünf en, kühlen Ich blickte Nur eine Fine Gefängen wir uns nd und zum en wurden. er uns von ollte. Dem beladener ren. Ein ganz schmaler, steiler, vereister Weg an blaugrün schimmernden Eisabgründen vorbei, indes rechts fast senkrechte Felsen aufragten. Totenstille, nur das Stampfen des schnaubenden Pferdes vor uns, das schwer arbeitete. Sie saẞ in Decken eingehüllt neben mir mit klaren, honigfarbenen Festaugen und ihrem scharf gezeichneten schönen Mund. Wenn sie lachte, sah man ihren Atem. Wir fuhren drei Stunden, dann erreichten wir das höchste Dorf Deutschlands, zwei glückliche, froststarre Menschen und ein Pferd. Wir waren 2000 Meter hoch und der glitzernde Schnee überall blendete uns. Sie lachte, und ihre Zähne waren weiß wie der Schnee. Ich war glücklich. - ,, Mein Joyken- 4. 2. 43 abends 9.15 Uhr. Eben komme ich nach ,, Hause" in die Zelle, nachdem ich den Antrag auf Todesstrafe, durch den Reichskriegsanwalt gehört habe. Nach einer Verhandlung von einer halben Stunde, ohne daß ein Zeuge für mich gehört wurde. Es ist ernst geworden. Ich wundere mich, daß ich sehr ruhig und gefaßt bin, mit den Beamten einen kleinen Witz machte und an dich, an dich, meine Schicksalsfrau dachte. Muß ich sterben, so werde ich tapfer und schweigsam sterben. Es ist Krieg, die einen fallen in Stalingrad, die andern in Plötzensee. Wir werden uns auf jeden Fall jetzt, lange nicht sehn, aber unsere Liebe wird nicht vergehn. Sie wird ein Teil der großen Weltliebe sein, der wir dienen und zu der wir uns gläubig bekennen. Dein P." 119 Wir kamen auf Schiern von der 3500 Meter hohen Hütte die steile Abfahrt im Abendlicht herunter. Es wurde dunkel, und man sah nicht Hügel noch Vertiefung im Schnee. Wir stürzten oft. Ringsum das blaue, dämmerige Schneelicht, die steile Abfahrt vor uns, keine Bäume mehr, und die tödliche, erhabene Winterstille der Hochgebirge. Nur das Zischen der Schier war zu hören. Und neben mir flog die Geliebte auf Schiern dahin, schmal, zart und kühn. Wenn wir sprachen, hallte es im Abend, aber wir sprachen wenig. gab mi des M ,, Mut, dran." war n mich res zu falls Da hinte Sonne Es war der Morgen des Urteils. Der SS- Posten nahm mir die Fesseln ab, damit ich meine Zelle ausfegen und frühstücken konnte, dann legte er sie mir wieder um. Der Kalfaktor flüsterte mir zu: ,, Wirst du heute wieder abgeholt?" Ich nickte. ,, Was hast du fürn Antrag?" Ich erwiderte verlegen: ,, Todesstrafe." Er hatte allerhand Elend gesehen und nickte. Ich sah ihm an, daß er ein Todesurteil nach seiner Erfahrung für sicher hielt. Aber es tröstete mich sonderbarerweise. Wenn viele sterben, stirbt der einzelne leichter. Es würde endlich Ruhe sein, endlich ein Ende sein mit Qual und Angst und Kampf. Jedenfalls war es eine Entscheidung. Im Waschraum bat ich den Scharführer um die Erlaubnis, ausnahmsweise kalt duschen zu dürfen. ,, Warum?" fragte er. ,, Ich kriege heute mein Urteil." Die Kalfaktoren flüsterten mit ihm, und er erlaubte es. Dann 120 Ich dem ei lasse Grad Pamp zähli Sons tiefbl grasb Wind herüb uralter jeden kann. Bis Ich pf hohen Hütte s wurde dunmg im Schnee. erige Schneene mehr, und gebirge. Nur eben mir flog rt und kühn. ber wir spra gab mir der Kalfaktor zwei Brote mit Margarine an Stelle des Mittagessens in Packpapier gewickelt. Er flüsterte ,, Mut, Junge, bald sind die Hunde fertig, dann sind wir dran." ,, Aber wir leben dann nicht mehr", sagte ich. Ich war nicht mutig, ich war einfach gespannt. Und als sie mich fesselten und holten, wußte ich nichts Geistvolleres zu sagen, als: ,, Auf zur Konfirmation." Ich war jedenfalls ausgeschlafen und frisch gebadet. Dann ging ich die schmale Treppe hinauf, der SS- Mann hinter mir her. Und oben war ein herrlicher frostiger Sonnenmorgen, der einen blendete. Posten nahm usfegen und eder um. Der wieder abge Ich erwiderte Elend gesehen esurteil nach tröstete mich der einzelne ich ein Ende falls war es en Scharfühschen zu dür mein Urteil." bte es. Dann Ich komme mit der ,, Fabel" an einen Ort in der Pampa, an dem ein besonderes, zartes Gras wächst. Ich steige ab und lasse sie grasen. Es muß sehr heiß sein, ich schätze 45 Grad Celsius. Ich liege im harten, staubigen Gras der Pampa, das rötlich dürr leuchtet. Man hört nichts als unzählige Zikaden und das dumpfe Kauen des Pferdes. Sonst ist es totenstill. Der Himmel Argentiniens strahlt tiefblau über uns zwei winzige Lebewesen, mitten in dieser grasbedeckten Unendlichkeit. Manchmal weht der träge Wind den angenehmen Geruch des dampfenden Pferdes herüber. Ganz in der Ferne ragt auf einer Bodenwelle ein uralter Jesuitenbaum auf, das Licht ist so hell, daß man jeden Zweig im bizarren Gespinst seiner Aeste erkennen kann. Bis zur nächsten Farm sind es vier Stunden zu reiten. Ich pflücke von dem guten Gras und rufe meine ,, Fabel". 121 Sie kommt langsam näher, während des Grasens neugierig zu mir herüberblickend. Ich halte ihr das sorgfältig von dürren Halmen befreite Gras hin. Sie nimmt es dankbar. Ich pflücke mehr, sie findet Gefallen daran, da das Gras ausgewählt ist. Schließlich, als es nicht schnell genug geht, stößt sie mich mit ihrem weichen Maul sanft gegen die Schulter, und ich beeile mich. Sie steht schlank und schön gegen den Himmel, die Steigbügel schwingen ein wenig. Hier sind wir, einsam und friedevoll, in dieser endlosen Ebene, über die der Wind Südamerikas geht. Man hört keinen Laut. Wir rupfen Gras und sind glücklich. Beide. Im leer dem deut schmückt Tod, die zehn Me ein Men und spr ,, Mein ich dies Ihnen a Und s ren wür ihm und Einer der tapfersten und ruhigsten Widerstandsmänner, die ich kennen gelernt habe, war der Doktor Philipp Schaeffer, ein Sprachwissenschaftler, der bereits fünf Jahre Zuchthaus hinter sich hatte, weil er eine illegale Studenten- Gruppe ,, Rote Standarte" geführt hatte. Danach lebte er in Berlin und versuchte eines Tages einen Juden, der sich töten wollte, zu retten. Er wurde jedoch dabei in die Tiefe gerissen, lag ein halbes Jahr im Spital, wurde in unserem Prozeß erneut verhaftet und ging in der Freistunde an Krücken. Es war ihm nichts nachzuweisen, seine Kameraden schwiegen. Also klagte man ihn wie üblich an, er habe die illegale Organisation nicht angezeigt. Die Todesstrafe war dafür beantragt ,,, weil er bereits wegen Hochverrats vorbestraft sei." Er erhielt sein letztes Wort. 122 das weh sicht, als darauf w s neugierig gfältig von es dankbar. a das Gras nell genug sanft gegen chlank und wingen ein , in dieser erikas geht. sind glückdsmänner, or Philipp ereits fünf Im leeren Saal saß er dem Richtertisch gegenüber, an dem deutsche Offiziere saßen, breitschultrig, tressengeschmückt und hochmütig, Richter über Leben und Tod, die mächtigen Generale des Nazistaats. Er saẞ dort zehn Meter entfernt allein, ein Krüppel, dünn, hungernd, ein Mensch auf seinem Stuhl. Er erhob sich mühsam und sprach sein ,, letztes Wort" zur Welt draußen: ,, Meine Herren, ich bin hier gefragt worden, warum ich diese Sache nicht angezeigt habe. Darauf muß ich Ihnen antworten: Ich bin kein Handlanger der Polizei." Und setzte sich. Er wußte, daß ihn keiner draußen hören würde. Es war alles ,, geheim". Ich aber saẞ neben ihm und hörte sein herrliches letztes Wort. Ich sehe noch das wehe, verlegene Lächeln in seinem geistvollen Gesicht, als wir uns das letzte Mal die Hand drückten. Bald darauf wurde er verscharrt. eine illegale thatte. DaTages einen wurde jedoch r im Spital, und ging in Kameraden er habe die esstrafe war verrats vor123 Eine der schönsten Brücken der Welt ist die HudsonRiver- Bridge. Wenn man abends von Manhattan kommt, liegt sie endlos, leicht und im Abendrot silbrig schwebend vor deinen Augen, eine Brücke wie die Linie eines Wurfs, ein zierlicher, fast eleganter Riese, golden schimmernd über dem breiten, dunklen Hudson. Brücken haben stets etwas Ergreifendes. Diese aber ist besonders schön. Nebenbei ist sie die größte der Welt oder die zweitgrößte, es ist gleichgültig. liefertsein und mein Es wu Das fe einen kle kammer galt mei waren sehrt. U Lokomo Ich fand in meinem wöchentlichen Leihbuch von der Gestapobücherei einen Artikel über das Schicksal eines Fleischindustriellen. Ich erinnerte mich, daß die Öffentlichkeit widerspruchslos die komplizierteste Strategie bei Klassikern annimmt, sei es in, Don Carlos' ,, Macbeth' oder anderen. Bruderkriege, Verschwörungen, Thronstreitigkeiten werden vor unseren Augen szenisch aufgebaut. Warum sollte nicht endlich eine Strategie geschildert werden, die unserer Zeit entstammt, ein riesiges Börsenmanöver, das über Tod und Leben von zahllosen Menschen entscheidet? Ich entwarf einen Plan, da ich neuerdings Papier und einen Bleistiftstummel besaß, und schrieb in vierzehn Tagen ein Drama ,, Babel" nieder. In diesen Tagen lebte ich im totenstillen Gestapokeller ohne ein Wort zu sprechen, von der Macht des Tages in eine fast dunkle Zelle geschleudert, halbblind, aber die Arbeit verschaffte mir eine dunkelumrandete Heiterkeit, eine Art grimmigen Ausge124 die Hudsonattan kommt, g schwebend eines Wurfs, schimmernd haben stets 8 schön. Nezweitgrößte, liefertseins an die Welt. Ich vergaß Europa, den Krieg und meine eigene elende Lage. Es wurde nicht mein Schwanengesang. Das fertige Drama kam mit meinen übrigen Sachen in einen kleinen Handkoffer, ruhte jahrelang in der Kleiderkammer des Zuchthauses Luckau, und nach der Befreiung galt meine erste Suche dem Manuskript. Tabak und Pfeife waren verschwunden, aber das Manuskript war unversehrt. Und ich nahm es mit, als ich auf einer überfüllten Lokomotive nach Berlin fuhr. uch von der icksal eines die ÖffentStrategie bei Macbeth' oder ronstreitigkei ebaut. Warum et werden, die manöver, das entscheidet? Papier und avierzehn Tagen lebte ich zu sprechen, kle Zelle geaffte mir eine migen Ausge 125 人 Glück ist das Gegenteil von Verlassensein, nämlich tiefstes Erfüllt sein. Das erste, was ich damals in Südamerika gelernt hatte, war, daß ich persönlich in diesem Kontinent nicht stimmte, nicht aufging. Ich war Europäer, meine Gefühle, meine Anschauungen waren europäische. Es waren einem Dinge vorgesetzt worden, die man nächtelang debattiert hatte und die man hier nicht mehr wiedererkannte, sei es Scheler, die Meißner Formel, lineare Musik, Newman, Bevölkerungsdruck oder Industrieprobleme. Ich war in Europa gewohnt, ständig andere Menschen ringsum in der Nähe zu wissen. Man berührte sich stets an den Schultern, man rieb sich aneinander in einem wortreichen, überhitzten Wirbel, man lebte als Teil einer genauen Ordnung. Tausend Jahre steckten einem im Blut. Kant, Hegel und Aristoteles spukten uns zwischen den Ohren herum, Leibnizens Nomaden hatten unsere Ganglien beunruhigt, die grausamen Päpste hatten wir verflucht, die Skagerrakschlacht hatte unseren Blutschlag gepeitscht, Pindars Rhythmen schrien wir höhnisch in den Südwind. Augustin war für uns gestorben. Die Septuaginta, Normannenzüge, Hengist und Horsa, Kalevala, Thomas Münzer im Käfig, die nackten Hexenfolterungen, deren verbranntes Fleisch über unsere Heimatgaue rauchte, Kriege, Verrat und Morde, fahnenumflatterte Triumphe, Dichter als tragische Fanale über blutgetränkter Scholle, Lenin und Whitman, das alles hatte unser Gehirn bewegt. Wir befanden uns mitten im kältesten und raffiniertesten Kontinent, der von Traditionen übervölkert war. Es war eng dort oben in Europa und überfüllt und überaus eilig. Weisenborn, Memorial 9 129 Hier aber war die Wildnis leer von Menschen, wie ich auf meinen Ausfahrten entdeckte. An der Stelle von Städten standen Wälder, von endlosen Bergsteppen umgeben. Die Menschen hatten versteinerte Gesichter, denn sie waren nicht gehetzt, sie lebten klein und still wie Minuten, die bald vergangen sind, sie waren ein Teil der Zeit, anonym vor sich hindämmernd. Sie hatten soviel Raum zur Verfügung, daß sie einen Tag reiten mußten, um sich zu besuchen. Praktisch lebten sie noch ohne Geld. Sie sprachen wenig, sie trieben ihr Vieh, kochten ihren Massamorro und lagen nachts neben ihrer Frau unter dem verwilderten Sternenhimmel der Tropen, indes die Grillen schrien. Es dauerte Tage, bis ich die europäische Eile nicht mehr in den Adern rauschen hörte, bis mein Puls im langsamen Takt der Tropen schlug. Es machte einen ungeheuren Eindruck auf mich, daß alle Theorien, aller Scharfsinn und jede Kritik hier aufhörten. Der erregte Kopf beruhigte sich, das rebellische Herz schwieg. Die unendliche Stille der Wildnis forderte Nerven. Der plötzliche Mangel an Lärm verwirrte Ohr und Gehirn, die Lautlosigkeit der großen Natur deutete man als Tücke. Ich stammte vom Lande, aber auf den Äckern am Rhein ist es nicht so totenstill wie auf den Ebenen Südamerikas. Hier hörte man keinen Hund bellen, kein fernes Gespann, keine Lerche im Gelüft, hier gab es nichts als totes, fürchterliches Schweigen und Mittagsglut. Die den B stapok dann von d Ausd nern. " , W N Ja Es betrac ich wa danke die Z flikte meng lasse Wi lich d Es dau bis di Das w Monate tausen meiner 130 chen, wie ich elle von Städ Den umgeben. denn sie wawie Minuten, " eil der Zeit, soviel Raum Sten, um sich ane Geld. Sie ihren Massanter dem veres die Grillen e Eile nicht Puls im langeinen unge, aller Scharferregte Kopf g. Die unend Der plötzliche irn, die Laut als Tücke. Ich m Rhein ist es amerikas. Hier espann, keine potes, fürchter Die Tür flog auf, ich sah eine Menge Männer zwischen den Betten sitzen, es war die große Sammelzelle des Gestapokellers. Der Stubenälteste zeigte mir mein Bett, und dann fingen sie an mich zu fragen. Ich war wie betäubt von den vielen Menschen, dieser warmen menschlichen Ausdünstung, den vielen durcheinander sprechenden Männern. Ich antwortete ziemlich abwesend. ,, Von nebenan komme ich, aus der Einzelzelle." ,, Wie lange warst du da?" ,, Neun Monate." ,, Neun Monate Einzelhaft?" ,, Ja." Es mußte ihnen viel vorkommen, und es war hinterher betrachtet wahrscheinlich eine ganze Menge Zeit, aber ich war ohne jede Störung allein gewesen mit meinen Gedanken. Ich hatte in einer ganz besonderen Welt gelebt, die Zelle war übervölkert gewesen mit den Fragen, Konflikten und Gestalten meines Kopfes. Ich hatte eine Unmenge erlebt, und ein anderer hatte heute die Zelle verlassen als jener, der sie einst voller Schrecken betrat. ,, Mensch, du sprichst ja so komisch!" Wir lachten alle. Ich war verlegen. Es machte mir wirklich das Aussprechen der Worte ein wenig Schwierigkeit. Es dauerte in Wirklichkeit nicht mehr als einige Minuten, bis die Zunge wieder ohne Mühe ihre Arbeit aufnahm. Das war mir eine interessante Tatsache. Ich hatte neun Monate mit geringen Ausnahmen geschwiegen. Etwa dreitausend Kilometer hatte ich nach meiner Schätzung in meiner Zelle während jener Zeit zurückgelegt. Es ist eine 131 sonderbare Erfahrung, wenn man zweihundertsiebzig Tage auf sich allein angewiesen ist, ohne Rat, ohne Zuspruch, ohne Wort. Jedes Argument, jede Wallung hast du in dir selber zu erledigen. Und ohne Zunge. Er se sagte er und rec Elli daz klagte das ge Sie hatten mich in London in den Connought- Club am Marble- Arch einlogiert. Es war ein großer und vornehmer Club. Im Lesezimmer sah ich einen alten Gentleman vor dem Kamin stehen und in das Feuer starren. Alle Minute etwa machte er eine kleine sanfte Kniebeuge, klatschte sich zweimal in die Hände, die er auf dem Rücken hielt und sah sich finster um, wobei er seine weißen Augenbrauen zusammenzog. Das dauerte etwa eine Stunde, bis ich alle Zeitungen ausgelesen hatte und ging. währe die Ru besät, dem Kopf mern. Mar Vince besuc Edda Als ich in Moabit eingeliefert wurde, lernte ich zum ersten Mal einen Kriminellen kennen. Es war in einer unsagbar widerlichen Zugangszelle, in der der preußische Schmutz von Wand und Matratze starrte. Plötzlich wurde ein Mann hereingestoßen, der weinte. Er war vor fünf Minuten verurteilt worden. Er war etwa fünfunddreißig, groß, braunhaarig, mit finsterem Gesicht. Er war Chauffeur und hatte drei Flaschen Schnaps schwarz gekauft. Es mußte stimmen, was er sagte, denn er war noch zu aufgeregt, um zu lügen. Er hatte drei Jahre Zuchthaus bekommen. 132 Selas felser ist br Ich p kon. S ren C allein renen und น ten de ebzig Tage Zuspruch, t du in dir ht- Club am vornehmer tleman vor Alle Minute , klatschte icken hielt en AugenStunde, bis nte ich zum in einer unpreußische zlich wurde wor fünf Mi weißig, groß, auffeur und Es mußte afgeregt, um kommen. Er setzte sich auf den Kübel. ,, Ich habe die Ruhr", sagte er. ,, O meine Elli" jammerte er in dieser Haltung und reckte seine beiden Arme in die Luft. ,, Was soll meine Elli dazu sagen!" Er schüttelte fassungslos den Kopf und klagte laut: ,, Drei Jahre! Ist denn das möglich? Ist denn das gerecht?" Er weinte und beklagte seine Elli sehr, während er in der fahlen Abenddämmerung beträchtlich die Ruhr hatte. Die Wände waren mit getöteten Wanzen besät, und er schlief auf der Pritsche, während ich auf dem schmutzigen Boden schlief, den Mantel über den Kopf gezogen, da der andere nicht aufhörte leise zu jammern. Elli müssen die Ohren geklungen haben. Maria ist die berühmteste Frau Capris, sie wohnt bei Vincenzo, ihrem Vater und ist schön wie eine Göttin. Alle besuchen sie, in ihrem Gästebuch fand ich Namen wie Edda Mussolini, Sir John Simon, Hermann Göring, Haile Selassie und so weiter. Sie ist die Hüterin des Sirenenfelsens, etwa dreißig Jahre alt, schwimmt wie ein Hecht, ist braun, schmal, goldäugig und von unitalienischer Ruhe. Ich pflegte abends bei ihr zu essen, auf dem kleinen Balkon. Sie brachte mir einen Fisch und eine Flasche schweren Capriwein und setzte sich zu mir. Wir waren immer allein, und manchmal setzten wir uns auf die rauhen Sirenenfelsen, sahen auf die Brandung zu unseren Füßen und unterhielten uns. Sie war klug und hier im Schatten der Felsabhänge des Monte Solaro aufgewachsen. We133 gen ihrer Schönheit hatte eine berühmte englische Schauspielerin sie mit nach London genommen. Aber sie bekam Heimweh, fuhr nach einem halben Jahre zurück und wartete auf einen Mann. Es war ein Ereignis, als sie mit mir einmal ins Kino ging, zusammen mit ihrer Schwester natürlich. Die Familie sprach tagelang vorher davon. Sie war mit der donnernden Brandung im Ohr aufgewachsen, im Seewind und an den Blütenhängen der Insel.. Sie hatte den schönsten Körper der ganzen Insel. Wenn sie schwamm, blickten die englischen und deutschen Frauen mit schmalen Augen zu ihr hinüber. Wenn sie aus dem blauklaren Wasser stieg, mit goldbrauner Haut, schön wie ein Traum, lachend und die Tropfen von sich schüttelnd, verstummten die Gespräche der Piccola Marina. Hier ging sie dahin, eine Tochter des Mittelmeers, schön, nervig, tiefäugig und mit jener Grazie, die wir bewundern. Sie ging durch die Blütengänge, scheu und leise, und sie war wie eine Erscheinung für uns, umweht von zweitausendjähriger Kultur, zart, katholisch und einsam. Zellen. kehrten, stehen. Moabite gebrach blieb di an den vom N hatte. rühren keiner Anord nunger Deutsc Auf den Parterrefluren in Moabit lagen die schweren Zellen, die eine rote Blechfahne trugen. Hier lagen die T.U.- Männer, Deutsche, Norweger, Franzosen, Tschechen, Italiener, Polen, Holländer. Sie hatten ihr Todesurteil und warteten auf den Transport nach Plötzensee. Kehrte jemand aus den oberen Fluren vom Termin mit einem T.U. zurück, so kam er gleich in eine dieser ebenerdigen 134 Al Ecke se W größ gierig Norde Bruta schen eisern hatte gierd zaun ht von ] einsam. ne ang) 1 ne nn Zellen. Abends, wenn wir vom Zobertragen zurück- kehrten, sahen wir diese Männer im Hemd in der Türe stehen. Der Wachtmeister schnallte ihnen den breiten Moabiter Gürtel, an dem vorne die Handfesseln fest an- gebracht waren, auf dem Rücken zusammen. Das Licht blieb die Nacht an in diesen Zellen, und der Schiebedeckel an den Gucklöchern blieb offen, so daß der Wachtmeister vom Nachtdienst ungehinderten Einblick in die Zellen hatte. Das sollte einen Selbstmord verhindern. Sie waren rührend besorgt, die Handlanger des Volksgerichts, daß keiner sich seinen eigenen Tod wählte. Das hätte den Anordnungen widersprochen, und sie dienten den Anord- nungen wie die Sklaven, genau, dumm und brutal, die Deutschen in Uniform, die dort„nur ihre Pflicht“ taten. Als ich, ein nördlicher Fremdling, in der Cafeteria ander Ecke der Avenida de Mayo in Buenos Aires saß und über die- seWelt hier nachdachte, fiel mir ein, daß der Süden immer größer war, als wir dachten. Er war grausamer, aber nicht gieriger als der Norden. Die mystische Unersättlichkeit des Nordens, sein berauschtes Blut und seine kolonisierende Brutalität hatten die Welt unterjocht. Unter den orphi- schen Schauern der Weißen erzitterten die Meridiane. Die eiserne Ferse jenes kleinen abendländischen Kontinents hatte ihre Spuren auf einem atemlosen, gehetzten und be- gierdevollen Weg allen Rassen eingedrückt. Mit Draht- zaun, Schnaps und Missionar begann der Todesweg. Die 135 Luft schmeckte nach Blut. Und der Geruch von verbranntem Fleisch wehte über den edlen Bemühungen. In einem dunklen, tragischen Traum befangen, schwärmten damals die Weißen über die fötalen Wildnisse, und in zahllosen Pizarrozügen unterwarfen sie farbige Millionen, sie, die selber nicht mehr als eine Handvoll waren. Sie handelten, als ob sie träumten, einen wilden, rot tropfenden Traum von golden gekrönter Macht. Die Geschichte Europas in den Tropen ist ein Alptraum, dessen tönerne Füße rotlackiert sind vom verschütteten Blut. Europas Eruptionen prallten nur an der Undurchdringlichkeit der Grünen Hölle hier ab. Und im Zentrum eines bislang unberührten Urwaldgebietes saßen wir nun trinkend und bildeten uns ein, das Weiße im Auge der Tropen zu erkennen. Wir erkannten die dionysische Majestät der Grünen Hölle, ihre verspielten Blutopfer und die Tücke, die hinter der schönen Lethargie lauerte. Keiner wagte es, dem anderen einzugestehen, aber wir beschäftigten uns rastlos in Gedanken mit jenem Geheimnis, das zwischen Norden und Tropen sich auftat. Wir an Ort und Stelle Verschlagenen versuchten die Differenz zu schmecken, den Nenner zu ergründen, um endlich in Europa oben das Rätsel zu lösen und den kolorierten Aberglauben der Reisebücher zu vernichten. Wir erkannten bald, daß die Expeditionsexzesse des frühen Europa auf Unersättlichkeit zurückgingen, auf jene wilde, nebelgleiche Wikingergier, die wie tausend Habichte auf die nackten Kinder der Tropen niederstieß, auf Unersättlichkeit. Die tr den Re ziellos. übersin treffen lende Todes. Nir und t Zahn fährt, Der des ka sen. N folgert Was t A Leit offiz ich f pier Fran Es zehn nach 136 verbrann, schwärmnisse, und bige Milliovoll waren. wilden, rot ht. Die Geum, dessen teten Blut. chdringlichUrwaldges ein, das er Grünen die hinter es, dem anuns rastlos hen Norden le Verschla den Nenner Rätsel zu Reisebücher xzesse des ingen, auf ie tausend niederstief, Die tropische Geschichte hingegen kannte keine erobernden Reisen. Man zerfleischte sich selbst, spielerisch und ziellos. Der rote Rauch der Bluthekatomben zielte auf übersinnliche Instanzen, versuchte unbekannte Götter zu treffen, versuchte den Himmel zu erobern. Die überschwellende Natur floß über in die Abgründe des tropischen Todes. Nirgends sind Menschen grausamer als in den Tropen und todesbereiter. Was tropisch ist, kämpft nicht. Der Zahn des Stärkeren, der in das Genick des Schwächeren fährt, naht fatal und schicksalhaft. Der Existenzkampf ist ein Produkt des Roggenbodens, des kargen Wasens, auf dem die Vielen auskommen müssen. Neunzig Prozent aller Pflanzenarten sind tropisch. Es folgert, daß bei Ueberfluß die Eroberungslust schwindet. Was tropisch ist, kämpft nicht. Als ich in Moabit Hilfsflurwärter war, fragte mich der Leiter meiner Abteilung CIV, ein kleiner, forscher Unteroffizier, der uns Gefangenen jedoch nichts Böses tat, ob ich französisch spreche. Ich bejahte. Er gab mir ein Papier und führte mich zu einer Zelle, in der drei junge Franzosen lagen. ,, Übersetzen Sie das Papier!" Es war die Anklageschrift eines Staatsanwalts. Sechzehn Franzosen hatten sich nach ihr zusammengetan, nachdem sie aus einem Lager geflohen waren, und waren 137 in verschiedene Geschäfte eingebrochen, um sich Lebensmittel zu beschaffen. Drei dieser Franzosen standen vor. mir, drei junge, hübsche und intelligente Burschen. Sie hatten nur ihre Hosen an, weil es damals im Hochsommer hier oben sehr heiß war. Sie lauschten aufmerksam meiner gebrochenen und stockenden Übersetzung. Es war totenstill in der Zelle, wenn ich schwieg. Die drei fahlen Gesichter, aus denen die dunklen, glänzenden Augen mich anstarrten. Ich kam zu dem Schlußsatz: ,, Darum ist wegen der Schwere der Verbrechen in der Zeit des totalen Krieges mit der Todesstrafe zu rechnen." Als ich diesen widerwärtigen Satz widerwärtiger deutscher Beamter sprach, sah ich, daß auf der nackten Brust des mir zunächst Stehenden die Haut anfing zu schlagen. Es war das Herz des jungen Mannes, das darunter klopfte. Es schlug in wildem Rhythmus, sie atmeten schwer, sie waren schweißüberronnen. Ich fügte hinzu ,, Ne soyez pas triste, nous tous sommes des camarades." Einer stieß hervor: ,, Was hätten wir tun sollen? Wir waren geflohen, wir lebten illegal in Berlin, und essen mußten wir. Dies ist Feindesland." Ich übersetzte es nicht dem Unteroffizier, der danach fragte. Abends gab ich ihnen beim Suppeausteilen einen Schlag mehr. Nach einer Woche kamen sie nach Plötzensee. Aber ich werde nie das Herz eines verzweifelten jungen Franzosen vergessen, das unter der nackten Haut damals schlug und jetzt längst in deutscher Erde verwest. Als ic Welt err hoch wa 20 000 1 enthalte ich sah tonmee größte lantik lichen Bild d sah die von W Abendl men w aus de sah mi es ww Front ten heul Schu herde erhab heuer Lift die S 138 ch Lebensanden vor schen. Sie ochsommer ksam meiEs war todrei fahlen Augen mich chen in der rechnen." tiger deutkten Brust chlagen. Es er klopfte. chwer, sie Ne soyez sollen? Wir und essen tzte es nicht gab ich ihNach einer ten jungen aut damals west. Als ich auf dem höchsten Gebäude stand, das je in der Welt errichtet worden ist, wußte ich, daß es nur 350 m hoch war, etwa hundert Stockwerke enthielt, daß ich auf 20000 Büros stand, die in diesem Empire State Building enthalten sind, und daß es hier oben stürmisch war. Was ich sah, war ein hellgrau schimmerndes, unendliches Betonmeer, das auf dem Basalt Manhattans gebaut war, die größte Stadt der Welt, deren Zinnen sich vom blauen Atlantik im Osten bis zum erhabenen Häuserprofil am westlichen Horizont ausdehnten, ein gigantisches, ungeheures Bild der Kühnheit und der amerikanischen Energie. Ich sah die Ströme und die zahllosen Brücken, ich sah Wälder von Wolkenkratzern. Sie waren hell, mit unzähligen im Abendlicht aufglitzernden Fenstern und standen zusammen wie eine schweigende Versammlung von Riesen, die aus dem Meer gestiegen sind und ins Land starren. Ich sah mitten in der Stadt die großen Atlantikdampfer liegen, es wurde dunkel, und ein Hurrikan von Licht brauste von Front zu Front, bis das ganze Häusermeer anfing zu leuchten und zu funkeln aus Millionen Fenstern. Der Sturm heulte, und ganz tief unten hörte man die Pfeifen der Schutzleute und sah in den tiefen Straßenschächten Autoherden anfahren und stoppen. Das Ganze erweckte ein erhabenes, glückliches Gefühl menschlicher Kraft. Ungeheuer, was die Menschen leisten können, dachte man im Lift und betrat mit Kühnheit und Energie geladen wieder die Straße. 139 Aus einem Kassiber: Untersuchungsgefängnis Moabit, 15.7.43. ,, Ich habe hier endlich eine saubere, helle Zelle und fühle mich wohl. Ich habe heute morgen 96 Knöpfe an Militärhosen genäht und dazu unsere ganzen Lieder gepfiffen. Von der Welt draußen sehe ich nur Wolken und höre Schwalbengeschrei hier oben im vierten Stock und das Fahren von Straßenbahnen irgendwo. Und da draußen läuft nun irgendwo meine Frau, so allein und so tapfer, ich bin stolz auf dich. Du wirst es schon schaffen, wie? Bald bin ich ein Jahr in Einzelhaft, und jeder Tag ist lang und nicht leicht gewesen. Aber jetzt, nachdem ich nicht mehr in der Finsternis lebe, sondern Licht habe, lebe ich wieder auf und habe dauernd Musik im Kopf. Licht ist so wichtig, das glaubt man nicht. Mein neuestes Vergnügen ist, das Adagio aus der 5. Symphonie mir vorzustellen und dazu auf dem Zellentisch Klavier zu spielen oder die G- moll- Fuge oder die herrliche Mondscheinsonate, die ich alle etwas auswendig kann. Das treib ich seit einigen Wochen, oder ich gehe von acht bis zehn auf und ab, nehme mir ein Thema zum Denken vor und weiche nicht ab davon. Wenn man ins. Denken gerät, gibt es kein Ende." 140 Jeder Mensch kommt aus den Frauen, geht ein wenig aufrecht und dann in den Acker. Ein Freund von mir, ein Konsemester, hatte mein erstes Stück, ein Kammerspiel ,, Ole betrog", an den Bochumer Intendanten geschickt, ohne daß ich etwas davon wußte. Plötzlich bekam ich einen Brief des Intendanten, er wolle dieses Stück aufführen. Ich erschrak sehr. Ich ging einen Abend lang an der Bonner Rheinpromenade auf und ab, ich war 23 Jahre alt. Dann schrieb ich ihm, das Stück sei noch nicht reif, es solle nicht aufgeführt werden. Ich bekam es mit bedauernden Worten zurück. Aus einem Kassiber: Moabit, 21. 7. 43 ".. .. Ach, wie wir damals ins Kornfeld gingen, wie wir noblen Wein tranken, wie wir nachmittags schliefen, d. h. ich las und sah dir beim Schlafen zu, mit ganz leichten, leisen Blicken, um dich nicht zu stören. Es ist so ergreifend, einen Menschen, den man liebt, schlafen zu sehen, mit der klaren Glätte des Schlafs auf der reinen Stirn und den Mund rot und noch mädchenhaft. Du schläfst ganz lautlos, man hört keinen Atemzug, es ist fast beängstigend. Du bist so weit weg dann und ein wenig vertieft in die Ewigkeit. Einmal zuckte deine Hand, die neben dem Gesicht lag ein wenig. Ich hatte dich sehr lieb, auf eine sehr ehrfürchtige und unschuldige Art. Und dann die großen Stunden unserer Ehe, unsere unbeschreiblich schönen Feste der zwei Herzen, wenn wir nichts sind als ,, einan143 der", wenn unsere Kerzen im Atelier leuchten und die Kavatine so unirdisch leise und süß durch den Raum schwebt und der Wein in uns glüht, und die Kerzen spiegeln sich winzig in deinen klaren, goldbraunen Augen. - Wir haben für unser Glück viel Bitterkeit zahlen müssen, aber je härter das Schicksal mich anpackte, desto weiter öffnete ich mein Herz der Weichheit, der Liebe, der Poesie. Die Schlacht. ist geschlagen, ich darf sagen, daß ich mich anständig gehalten habe. Jetzt in der hellen Zelle, nachdem ich langsam aus der Erstarrung wieder auftaue es war wie eine Neugeburt-, kam alles wieder durch meinen Kopf, tags und nachts, bis es sich gelöst hatte und allmählich schmilzt, fürchterliche Träume und Vorstellungen. Ich erlebe ja alles künstlerisch, das ist sehr schmerzhaft, das heißt, aus tausend Blickwinkeln, aus tausend Augen. Es war niemand in diesen Monaten zum Sprechen da, ich lag völlig unter dem Eis der Energie, der gewaltsamen Anspannung, und fange jetzt erst wieder an zu leben." den ratt sch ebe bis bay 1 new Bre sel Ta geh er geb اور درو ,, ип hin N Ge Er hieß Eberle. Wir fuhren ihn mit seinen zehn großen Kisten auf einem Lastauto in den Kamp hinaus. Wir fuhren den ganzen Vormittag und fanden schließlich das Lote, das er gekauft hatte, 106 Hektar Grasland, und ringsum Gras von Horizont zu Horizont. ,, Hier ist es!" sagte der Chef der Cooperativa, das Lastauto hielt, wir luden die Kisten ab und warfen ihm noch 144 I bit C4 Flu traf gen älte ble Weis hten und die den Mantel vom Auto.„Hasta la vista!“ schrien wir und rch den Raum ratterten davon. Eberle stand klein und winkend zwi- € Kerzen spie- schen seinen Kisten, sehr allein in der unendlichen Gras- nen Augen. ebene, die rötlichgrau im Mittagslicht leuchtete, ein schwä- it zahlen müs- bischer Auswanderer, der hier in Argentinien eine Farm inpackte, desto bauen wollte. t, der Liebe, Nach acht Tagen ritt ich zu ihm. Zwei indianische Brun- h darf sagen, nenbauer hatten soeben Wasser gefunden, und eine kleine t in der hellen Bretterhütte stand. Er lud mich zum Mate ein und war tarrung wieder sehr vergnügt über den Besuch. Er erwartete am nächsten = alles wie- Tag einige Rinder, die er das Stück für etwa zwanzig Mark es sich ge- gekauft hatte. Abends saßen wir an der Feuerstelle, die i Träume er aus Lehm und einer eisernen mitgebrachten Herdplatte ı, das ist gebaut hatte. kinkeln,„Wirst du es schaffen, Eberle?“ fragte ich ihn. y ‚naten„Ha jo, in einem Jahr steht die Farm“, erwiderte er, x der Ener-„und in zwei Jahren hol ich mir eine Frau“, setzte er . jetzt erst hinzu. Nachts wickelten wir Silberpapier um das Korn unserer Gewehre und schossen Blaufüchse. Ich mußte öfter die Essenszober von der Küche in Moa- bit durch die Flure, die Treppen hinauf in die Station sehn großen C4 tragen, etwa siebzig Liter heißer Suppe, mit dem s. Wir Ju Flurwärter, einem Sanitätsfeldwebel aus Potsdam. Dabei ießlich 4 trafen wir auf der durchlöcherten Eisentreppe, die we- d,undrıng® gen der Luftalarme nur schwach beleuchtet war, einen älteren Gefangenen, dessen weiches, bartloses Gesicht ‚a, d08 Iast bleich schimmerte. Mein Kumpel fragte ihn, was es Neues „ihm moo! Weisenborn, Memorial 10 145 gäbe. Er erwiderte mit einem hoffnungslosen Schmerz, der vage um seinen Mund lächelte: „Abgelehnt, mein Lieber, abgelehnt.“ „Wann hast du den Bescheid gekriegt?“ „Heute mittag. Dem Antrag kann nicht stattgegeben werden.“ „Na, und was soll werden?“ „Vielleicht holen sie mich heute abend...“ Er lächelte mit einer gütigen Verlegenheit in seinem wei- chen Alltagsgesicht. Es war eines jener Gesichter, die meist still sind, wenig belebt, ziemlich verschlossen, nie. auffallend, aber voller Ruhe. Ich seheihn noch eine Trep- penstufe tiefer stehen als wir, das Gesicht aufwärts zu uns gewandt, sehr bleich und mit jenen schmerzlich gro- ßen Was-kann-ich-noch-tun-Augen, mit denen er uns an- sah, ein älterer Mann in blauer Gefängniskluft, der die weiße Schürze der Bevorrechteten, der Flurwärter, trug. „Na, ich muß gehn‘, sagte er.„Die Uhr in B2 muß ich noch reparieren. Ich will sie noch fertigkriegen.‘‘ Wir trennten uns. Mein Kollege berichtete mir, daß er der Uhrmacher von Moabit war, der die Revision seines To- desurteils beantragt hatte. Sie war abgelehnt worden. Er wurde abends zur Hinrichtung abgeholt. Er hat die Uhr in B2 nicht mehr ‚„fertiggekriegt.‘ Wir bummeln durch die Mottstreet in der Chinatown Manhattans, Huelsenbeck und ich. Hier sind wir in China, die Männer laufen zum Teil noch mit Zöpfen herum. Es 146 gib Bf hän lau Ch lol N’ Be er en Schmerz, t stattgegeben 66 in seinem weiGesichter, die schlossen, nie. och eine Trepaufwärts zu merzlich gron er uns anluft, der die rwärter, trug. m B2 muß ich kriegen." Wir r, daß er der sion seines Toant worden. Er hat die Uhr in Ter Chinatown wir in China, en herum. Es gibt nur chinesische Läden hier, vollgestopft mit Gemüse, Elfenbeinzierat, Mützen, Schuhen, lange Spruchfahnen, hängen von den sonderbaren Giebeln. Chinesische Kinos laden ein, und wir essen in einem uralten Kellerlokal Chop Suey, das so wunderbar schmeckt. Dabei unterhalten wir uns mit einem kleinen Chinesenmädchen, der Tochter des eifrig servierenden Besitzers. Wir fragen sie nach China, und sie blickt mit ihren dunklen schönen Augen auf und erklärt, China sei viel schöner als New York. Nein, sie sei noch nicht dagewesen, aber sie fahre bestimmt eines Tages hin, sie sei ja auch Pfadfinderin. Sie steht da vor uns am Tisch, winzig und schmal mit ihrem sauberen, chinesischen Gesichtchen unter einem blauschwarzen Wuschelkopf. Wir essen jetzt Hü- ji- zi, und sie gefällt uns, die kleine Dame. Sie hat etwas Rührendes, Reines, obwohl sie eine echte New- Yorkerin ist und den grobknochigsten Slang mit ihrem süßen Stimmchen wichtig zum Besten gibt. Wir loben sie. Nun ist der dicke Vater mit seinem fettglänzenden, gelben Mondgesicht natürlich glücklich, und er bringt uns eine Kanne Tee extra, und dann essen wir noch einen herrlichen Eierreis. Ach, es schmeckt nirgends in der Welt so gut wie bei den Chinesen. Es ist ganz still in dem dunklen, schwarzen Kellerlokal, in dem einige Ampeln geheimnisvoll glühen und die Stäbchen eines chinesischen Liebespaars diskret aus der Ecke klappern. Nur das Stimmchen der kleinen So- nan- fu ist da und erläutert uns die Welt eines Kindes zwischen zwei Welten. 147 Aus einem Kassiber: Moabit, 22.7.43. ... Jetzt ist es ruhig in dem Riesenhaus, in dem es ständig ruft und hallt draußen, zweimal, heut auch:„CIV 475!“ Das bin ich. Eben hab ich auf dem kleinen Klappbrett, das mein Sitz ist, gegessen, es ist nicht Winter wie in Span- dau, das für mich eine furchtbare Erinnerung ist. Wir wa- ren sechsunddreißig Mann auf unserem Flur dort, von de- nen nur vier Freiheitsstrafen erhielten, darunter ich, der Rest die Todesstrafe und keine Begnadigungen. Wir gin- gen im verschneiten, trostlosen Hof in der morgengrauen Frühe spazieren, die Raben krächzten unheilvoll über uns, und es wurden immer mehr Todesurteile, es rückte langsam und unaufhaltsam näher. Trotzdem lachten wir uns an, diese schneeweißen, hageren, harten Gesichter mit dem dampfenden Atem. Und vor Hunger fielen wir fast um, und Gebrüll in diesem trüben Haus, und den ganzen Winter nicht geheizt, nur manchmal von vier bis sechs nachmittags. Die Wärter und ein Tobsüchtiger im 1. Stock, der immer brüllte. Eine Hölle! Mir waren Bü- cher und Schreibzeug weggenommen worden, also saß ich Weihnachten ohne alles in dunkler, kalter Zelle mit Hun- ger. Und trotzdem haben wir gelacht und uns Mut ge- macht. Walter H. war herrlich, ich habe nie einen so helden- haften Mann gesehen. Er lag zwei Zellen neben mir und schrie aus dem Fenster an einem Sonntag im Januar, ich hörte es nur undeutlich im Wind:„Günther... wenn du rauskommst... sag allen... ich wäre fröhlich gestor- ben... 148 oabit, 22.7.43. dem es ständig h: ,, C IV 475!" Klappbrett, das r wie in Spanng ist. Wir waur dort, von dearunter ich, der angen. Wir ginmorgengrauen nheilvoll über eile, es rückte m lachten wir ten Gesichter ger fielen wir Haus, und den al von vier bis Tobsüchtiger Mir waren Büen, also saß ich Zelle mit Hund uns Mut ge. nen so heldenen neben mir tag im Januar, nther... wenn Fröhlich gestor Die Trauer eines Mannes äußert sich nicht darin, daß er nicht lacht. Die wirkliche tiefe Trauer wächst in ihn ein und wird ein Bestandteil seiner selbst, sie durchzieht seine Freude und seine Gedanken und vergeht nie. Ein Mann, der viel aufzutrauern hat, braucht viel Humor, damit es ihn nicht überwältigt. Wehrlosigkeit ist das Schrecklichste auf der Welt, und ich habe einen Mann lieben gelernt, der die Wehrlosigkeit trug: stolz, ruhig und spöttisch, und der bestimmt, so gestorben ist, ein Mann, den ich bewundere. Wenn ,, Kehrt marsch!" kommandiert wurde, traten wir immer drei, vier Schritte schallend auf und lachten uns an, da hatten wir etwas Gemeinsames, und der Wächter ärgerte sich. Er soll vor Gericht einen sehr guten Eindruck gemacht haben, wie ein Gestapomann erzählte. Der Richter soll gesagt haben, es wäre schade, daß solch ein Mann beim Feind stünde. Er war kurz vor mir geladen. Er hatte sechzehn Nähte am rechten Unterarm, weil er bei der Vernehmung durch ein Fenster springen wollte, um dem Gestapokommissar nicht die Namen zweier anderer Kameraden auf der Folter zu verraten. In der alten Garnisonskirche in Berlin höre ich zum zwölftenmal die ,, Matthäus- Passion", die Passion der Menschheit. Beim Aufschrei der Chöre ,, Barrabam!" tönt das brandige Gemäuer der Kirche mit. Die Masse der Hörer sitzt regungslos, dicht gedrängt. Der Tageslauf, die Biographie, Unrast und Finsternis sind 149 aus allen Gesichtern verschwunden. Dies sind nicht mehr die Gesichter aller Tage, in die man Graubrot stopft und Nudeln, dies ist ein Gesicht überall, das andere Gesicht, mit dem viele sterben würden, das jenseitige Gesicht auf den Schultern einer Näherin, eines Buchhalters, einer Arbeiterin. Viele weinen. Denn hier tritt ein Ereignis ein, in diesem hohen Raum voller Kerzen, atmender Masse und klopfender Herzen entsteht geisterhaft gewaltig jene Klage aus Klängen, die unsterblich ist, die innerlichste Schöpfung des Christentums, die Passion. Die Chöre steigen machtvoll auf, und dann kommt das todesselige, schicksalssüße Violinsolo. Fern gespielt, durch die alte historische Kirche hallend, das Adagio der ewigen Sehnsucht, seidenzart dahinwehend der Ton einer Geige, von einem Toten gelenkt, der irgendwo in Leipzig gestorben ist und der jetzt und hier anwesend ist, das himmlischste, unirdischste Genie aller Musik. Er ist da, geisterhaft, in jener über uns dahinsingenden Melodie. Sie blüht aus seinem Herzen, das nicht mehr schlägt, die kostbarste Blüte aller Kultur. Hier über uns entfaltet sie sich, unnennbar schön, rein im Dom ausstrahlend. Wir Irdischen halten den Atem an, das Jenseits ist über uns. Laẞßt uns das Haupt neigen, ein gestorbenes Herz beginnt zu schlagen, das himmlischste Herz der Welt, es singt aus einer Geige Leib, und wir schließen die Augen. zig de Ve ve Be in G li F S te er te u V Ein junger, trotziger Soldat wurde in Zelle 132 eingeliefert. Er kam direkt von der Front und war einundzwan150 r nd nicht mehr rot stopft und ndere Gesicht, ge Gesicht auf halters, einer m hohen Raum fender Herzen s Klängen, die des Christentvoll auf, und ße Violinsolo. irche hallend, zart dahinwegelenkt, der etzt und hier te Genie aller er uns dahinerzen, das nicht ltur. Hier über rein im Dom enseits ist über benes Herz beder Welt, es Gen die Augen. elle 132 einge r einundzwan zig Jahre, rauhbeinig und verwegen. Er würde hier noch den Laden gehörig auf den Leisten schlagen. Er faßte Vertrauen zu mir und flüsterte mir hastig beim Arbeitverteilen seine Geschichte zu: Er kam auf Urlaub durch Berlin, erlebte hier einen Großangriff und sagte zu Hause in Thüringen beim Kaffee, bei dem die Förstersfrau als Gast anwesend war, Berlin sei mächtig zerstört, hoffentlich träfen die Bomben das nächste Mal alle Nazis. Die Förstersfrau schrieb einen Brief an den Kommandeur, der das weitere veranlaßte. ,, Was werde ich kriegen?" fragte der Soldat. Ich wußte es nicht. ,, Ich rechne mit drei Jahren", meinte er ,,, und danach kaufe ich mir die Förstersfrau." Eines Tages erhielt er die Vorladung vom zehnten Standgericht des Reichskriegsgerichts. Trotzig ließ er sich morgens um zehn zum Termin abführen. Kurz vor dem Austeilen der Mittagssuppe rief von unten der Stabsfeldwebel durch den hallenden C- Flügel zu uns im vierten Stock hinauf: ,, Flurwärter C41" Der Flurwärter rief hinab: ,, Hier!" Er rief hinauf: ,, Alle Sachen von Zelle 132 herunter zu mir!" Es war die Zelle des einundzwanzigjährigen Soldaten. Der Flurwärter stieß mich an: ,, Hast du gehört?" Ich fragte, was das bedeute? Er erwiderte: ,, Er ist vom Termin zurück, hat T.U." Es stimmte, wer mit einem Todesurteil vom Termin zurückkehrte, kam nicht mehr in seine Zelle zurück, sondern wurde in eine schwere Zelle im Parterre eingelie151 fert, von wo aus er nach Plötzensee abtransportiert wurde. „Bring seine Sachen runter!“ rief der Flurwärter und rannte zum Unteroffizier. Ich betrat die offenstehende Zelle und packte seine armseligen Sachen zusammen, die Seifenschale, Eßge- schirr usw. Als mir unten ein Unteroffizier die Zelle aufschloß, und ich die Sachen auf das Bett des Soldaten legte, saß er weiß im Gesicht und fassungslos auf seinem Schemel. ‚Wie ist denn das möglich?‘ flüsterte er im- mer wieder. Ich sagte ihm irgend etwas Tröstliches, aber der Unteroffizier brüllte mich an:„Maul halten! Raus!“ Vierundzwanzig Stunden später war er tot. Es war ein deutscher Soldat, frisch und liebenswert, und alle anderen waren auch Deutsche, auch die Försters- frau. Ob sie dieses liest? Er sagte zu mir:„Wat wolln Se denn bloß immer? Sie wern noch Ärjer kriejn, wenn Se so reden!“ Er war der Kohlenträger, der mir die Kasten voller Briketts im Win- ter herauftrug, ein prächtiger, blonder, weißzähniger Ath- let voller Humor. Er sagte zu mir: ‚„Sehn Se, jetzt sind se doch alle zur Olympiade gekommen, die Amerikaner, die Engländer und alle. Alle machen Männchen vor Adolfen; die rennen ihm doch nach. Nee, nee, Adolf is richtig. Die janze Welt frißt ihm aus der Hand.“ Er sprach zu mir, gütig, verzeihend. Er wußte es ganz genau, sie alle wußten es ganz genau. Das Ausland hatte 152 sein salı mün noc sto wu portiert wurde. Flurwärter und packte seine mschale, Eßgeizier die Zelle tt des Soldaten seine Elite geschickt, und das Ausland hatte vor Hitler salutiert. Na also, was willst du? Sei doch endlich vernünftig! Jetzt platzt mir aber bald der Kragen, verdammt noch mal. Wer gegen Hitler redet, dem wird das Maul gestopft, wer aber gegen Hitler handelt, Teufel, den zeigen wir an. Alle? Alle! Fast alle. slos auf seinem üsterte er imröstliches, aber halten! Raus!" t Aus einem Kassiber: d liebenswert, die Förstersof immer? Sie " Er war der riketts im WinOzahniger Athdoch alle zur Engländer und Tie rennen ihm anze Welt frißt wußte es ganz Ausland hatte 10. 6. 1943 ,, Sei getrost! Wir müssen eben durch diese Zeit mitten hindurch. Es geht uns ja nicht allein so, sondern Millionen geht es so. Wir sind nur zwei winzige Einzelschicksale im riesigen Ablauf der Welt, und erst wenn man so weit ist, daß man sich selber nicht mehr so wichtig nimmt, fängt die Güte an. Ich werde mich darum bemühen. Wir sind beide vom Wind des Schicksals viel herumgeweht worden. Ich glaube, auch du freust dich sehr auf ein leises, verlorenes Glück unter den beiden hundertjährigen Kastanien, nicht wahr? Und mit diesem Ziel im Herzen trägt sich alles leichter. Wir müssen eben mitten hindurch! Und wenn ein Mann eine so herrliche Frau hat, kann ihm im Grunde nichts passieren. Ja, so ist es, ein glücklicher Mensch besteht aus zweien. Ach, mein Joyken, wir haben eine wunderschöne Zeit zusammen gehabt, nun sind wir in der dunklen. Und mit der wollen wir genau so mit Anstand fertig werden wie 153 mit der schönen, nicht? Das Allerwichtigste, Joy, bleib gesund an Leib und Seele. Schon dich und werde nicht verbittert, das wäre nicht gut. Ich bin überzeugt, daß das Schicksal für uns noch ein paar schöne Äpfel in der Schublade hat. Jetzt hast du auch ein schweres Leben, nicht nur ich, aber du wirst damit fertig. Ich bin immer bei dir, sei mutig, mutig!" 154 e, Joy, bleib ge- werde nicht st, daß das fel in der Den Unterschied zwischen Träu- nicht nur ich, men und Denken bildet die Sprache. yer bei dir, sei Man kann nicht ohne Worte denken, wohl aber träumen. Kurz nach der Uraufführung von ,, U- Boot S 4" saß ich eines Tages mit zwei Verlagsvertretern in einem Kaffee am Tiergarten und unterschrieb einen Vertrag. Der Vertrag sah vor, daß ich meine nächsten beiden Stücke dem Verlag zuerst anbieten müsse. Dafür erhielt ich recht viel Geld ausbezahlt. Danach ging ich durch den Tiergarten, die Brieftasche voller Geld, 26 Jahre alt, mit neuem Anzug. Ich kaufte eine Zeitung, sah meinen Namen darin, es war wirklich alles da, wovon ich als unglücklicher Tertianer in O. phantasiert hatte. Rund um mich war alles neu: Hut, Schuhe, Anzug, ich fuhr Auto, ich saß in großartigen Hotels und Bars, an die ich als Junge eigentlich nie geglaubt hatte. Alles war neu: die Gewohnheiten, der Reichtum, der Kampf, die Stadt, die Frauen. Es war ein Glück, daß ich meine Hände wiedererkannte und meine Gedanken, aber auch sie veränderten sich zusehends. Aber eigentlich war da doch irgendwo eine Enttäuschung. Wenn man sich sehnt, sieht alles anders aus, als wenn man es hat. Mein Umgang waren nicht mehr arme, grüblerische Studenten, sondern weltbekannte Halbgötter, geniale, harte und rabiate Triumphatoren in der Sonne des Ruhms, für die ich höchstens interessanter Nachwuchs war. Ich werde nie die Verwunderung vergessen, dieses ungeheure Staunen, das ich verheimlichte, in jenen Monaten, in denen ich plötzlich am Tisch der Welt saß, staunend, mißtrauisch und gespannt. Ich fühlte mich immer noch als armer Student und kam mir hier verkleidet vor. Aber es war keine Verkleidung, begriff ich allmählich, es waren die Kleider, das Geld und die Umgebung, die mir das Schicksal zu jener Zeit angemessen hatte. 157 E - 5 r Si Er war Ingenieur bei Siemens gewesen und hatte große Zeichenbretter mit sonderbaren technischen Zeichnungen in seiner Zelle. Jede Woche kam ein Abgesandter von Siemens und holte die fertigen Arbeiten ab. Seine Ge- schichte war folgende: Als ihn seine Frau vom Flugplatz im Auto abholen wollte, konnte er nicht mitfahren, da er noch auf die Landung eines Flugzeugs warten mußte. Auf ihre Frage erwiderte er, daß dieses Flugzeug seine Arbeit sei, ein Düsenflugzeug. Seine Frau berichtete diese Aeußerung ihrem Vater, der Anzeige erstattete. Das Todesurteil war- tete auf ihn. Er erhielt in der Untersuchungshaft die Scheidung seiner Frau. Er war ein frischer, lebenslustiger, sympathischer Mann. Seinen Termin habe ich nicht mehr erlebt. Seine Frau und ihr Vater werden sicher noch leben. Er kam mit 18 Jahren als Schlossergeselle, einen Papp- karton unter dem Arm, nach Berlin. Man nannte ihn Pipps. Fünfzehn Jahre später besaß er ein Haus, einen schnee- weißen Riesenwagen und eine Firma mit vierzig Ange- stellten. Er war blaß, hart, gutmütig und blasiert. Br trank viel und liebte die Wollust in ihrer primitivsten Form. Sein Haus an der Heerstraße wurde gebaut. Er saß die Nächte in den Bars oder verlebte sie mit mehreren Frauen gleichzeitig in seinem Bett. Mit seinem lautlosen, funkelnden Wagen pflegte er die Kurfürstendammweiber zu ködern. Er lebte intelligent, genußsüchtig und einsam. 158 a se vi Ba Tr Me de Ne a di ab. Seine Ge- ) Auto abholen noch auf die En in EN Seine Hände waren noch hart, die Fingernägel stets ab- gekaut. Er sah gut aus, nicht groß, gepflegt und konnte mit jedem Menschen auf dessen Art sprechen. Man sagte von ihm, er sei ein Schieber, ein Pirat, einGangster. Alsich ihn zuletzt traf, wollte ich gerade eine Luftreise antreten, vor der er mich warnte: ‚Du bist wie eine Maus im Käfig ge- fangen, wenn etwas passiert. Ich hab stets ein unsicheres Gefühl dabei.“ Einige Zeit später schlug ich beim Friseur die Zeitung auf und las seine Todesanzeige. Er war mit einer Ver- kehrsmaschine in Westfalen abgestürzt: zwanzig Tote. Der schneeweiße Biesenwagen fuhr noch eine Zeitlang über den Kurfürstendamm. Es saß ein lebenshungriges, verdorbenes Gesicht darin. Du wirst in der Nacht im Schein der Taschenlampen auf irgendeinen verruchten Flur in Moabit herausge- schleppt, einige andere dazu, sechs Männer in ihren Zi- vilanzügen, in eine grüne Minna gesperrt, und am Anhalter Bahnhof früh, angekettet an einen Polizisten die große Treppe hinauf zu einem Zug geführt. Du glaubst zu träu- men. Hier gibt es freie Menschen in Sommerkleidern, Kin- der, Frauen. Du siehst zum erstenmal seit einem Jahr Menschen, und einige bleiben stehen und starren dich an. Ein Kind stößt seine Mutter an, ein kleines Mädchen: „Mutti, sieh mal den Mann da!“ Sein scharfes Auge hat die Kette am Handgelenk erspäht. Die Mutter sieht mich 159 lange an, nickt mit dem Kopf, bitter und wie eine Verwandte. Dann wendet sie sich wie ertappt rasch ab, und der Schupo stößt mich in den Waggon für Gefangene. Der Boden der Zelle ist nicht größer als ein geräumiger Tisch, wir hocken zu drei Mann darin. Ich versuche vergeblich hinauszublicken, aber ich höre wenigstens die kostbaren Töne, das herrliche Geräusch einer Bahnhofshalle. Ich stehe hinter dem vergitterten, verdrahteten, dikken Milchglasfenster und lausche. Nie hat ein Konzert mir süßer geklungen als jene morgendliche Bahnhofssinfonie von Kinderstimmen, den Rufen eiliger Frauen und dem Lärm ferner Lokomotiven. Ich war verschmachtet, und ich trank. Er lud mich zu einem Abend ein, ich ging hin. Es waren noch einige Schauspielerinnen da. Es wurde viel getrunken und getanzt. Zwei der Frauen betranken sich. Einige gingen um Mitternacht. Im halben Licht der verhängten Lampen bei leisen Tangoklängen fanden sich in den Winkeln der Wohnung die Paare. Eine der Frauen war hoffnungslos betrunken, Pipps führte sie hinaus. Als ich später ins Badezimmer wollte, sah ich beim Öffnen der Tür die Betrunkene nackt unter der Brause stehen. Pipps und ein anderer Mann hielten sie. Im grellen Licht des Badezimmers stand sie schwankend mit geschlossenen Augen, ihr Haar hing über das Gesicht und troff. ,, Komm herein", schrie er und lachte vergnügt. Ich machte die Tür wieder zu. Ich h nach W eine pr Ein Ma größte Die Art: Aus ner aus ganzen Die Hä schierte Die Po der Ha Als nend Keller Bünde nackt geben. uns in schob zu wei zige Ja roch, schwa Weisenb 160 eine Verab, und efangene. eräumiger uche verstens die Bahnhofsteten, dikKonzert hnhofssinrauen und hmachtet, . Es waLe viel genken sich. at der veren sich in er Frauen inaus. Als im Öffnen e stehen. llen Licht chlossenen f. ,, Komm machte die Ich holte meinen Hut und verschwand. Als ich ihn nach Wochen wiedersah, beschimpfte er mich. Es sei noch eine prächtige Nacht geworden. Ich fragte nicht weiter. Ein Mann kann sich selbst verderben und sich selbst der größte Feind sein. Ich wollte mit mir befreundet, bleiben. Die Einlieferung ins Zuchthaus geschah auf folgende Art: Aus dem Eisenbahnwaggon wurden etwa zwanzig Männer ausgeladen, die in zwei Reihen antraten und von einer ganzen Gruppe Schupos in die Mitte genommen wurden. Die Häftlinge hingen mit Ketten aneinander und marschierten durch die Stadt, von allen Leuten angestarrt. Die Politischen erkannte man daran, daß sie den Hut in der Hand und ihren Kopf hocherhoben trugen. Als die großen, eisernen Zuchthaustore hinter uns dröhnend zuschlugen, waren wir ,, Zugänge". Wir wurden in den Keller geführt, wo in einem langen, kalten Flur zwanzig Bündel an der Wand lagen. Wir mußten uns einzeln nackt ausziehen und unsere Sachen einem Wachtmeister geben. Dann wurden wir zu einem Schemel geführt, wo uns in Windeseile der Kopf kahl geschoren wurde. Danach schob man dir ein Bündel hin, und du zogst dich an, eine zu weite, tausendmal geflickte Hose, eine zu enge, schmutzige Jacke, ein graues feuchtes Hemd, das nach Krankheit roch, ebensolche Unterhosen, Holzpantinen, eine runde, schwarze Mütze, die zu klein war. Kurz: man sah lächerWeisenborn, Memorial 11 161 lich aus, und das war der Zweck. Geflickt mit gelben ausgewaschenen Streifen an der Hose und am Ärmel, so stolpertest du klappernd mit den Holzpantinen die Treppe hinauf, kahl und unbeholfener Anfänger der Zuchthauslaufbahn. Die ersten Ohrfeigen klatschten, die Holzpantinen fielen beim Gleichschritt vom Fuß. Die Hosen schleiften über den Boden, und du kanntest noch nichts und niemanden. Ach, du würdest noch alles lernen! kleine jenen klapp ginge gestr Sie s tüml Leen Man lore Ich paddelte in einer Sandaletta von der Piccola Marina auf Capri los und steuerte immer an den riesigen Felsabhängen entlang, an denen sich die blaue Brandung schäumend brach. Schließlich fand ich die grüne Grotte, ich fuhr mit dem Paddelboot hinein. Sie war einige Meter hoch und empfing ihr Licht durch den Widerschein der Sonne auf dem Meeresboden, ein sonderbar diffuses, weichgrünliches Licht, das aus dem kristallklaren Wasser stieg. Ich sprang in das Wasser und tauchte. Dann legte ich mich auf den Rücken. Meine braune Haut war silbrig getönt, es war alles wie weit aus der Welt, ich hatte die Empfindung, ich schwebe in einem Spiegel, blinkend und einsam. Schließlich fuhr ich zurück. trug auch konn seher ไฟ Pro an. war eine Bei der Freistunde, jenem Marsch im Gleichschritt, rund um den Zuchthaushof- ,, Drei Meter Abstand!" höre ich sie noch brüllen gingen die Körperbehinderten im - 162 der her s ganz bot d gen. dara alt s it gelben Ärmel, so ie Treppe uchthausHolzpantien schleifnichts und iccola Mam riesigen Brandung me Grotte, inige Meiderschein kleinen Kreis. Ihr Tempo war langsamer. Und abseits von jenen zweihundert Männern, die mit dem dumpfen Klappklapp ihrer Holzpantinen rund um den Hof marschierten, gingen die drei Blinden. Sie trugen die schwarze, gelbgestreifte Zuchthauskluft und hielten sich untergefaßt. Sie starrten mit weißen Gesichtern, die sie in der eigentümlichen Haltung der Augenlosen erhoben hielten, ins Leere. Links und rechts von ihnen ging je ein Einbeiniger. Man hörte sie manchmal zusammen sprechen, leise, verlorene Worte auf dem Zuchthaushof, die der Wind wegtrug. Einer hatte acht Jahre hinter sich, die andern waren auch ,, Schwere". Vielleicht ist es gut, daß sie nicht sehen konnten, denn es gab in jenen Jahren nichts Schönes zu sehen. Und hier erst recht nicht. ar diffuses, ren Wasser Dann legte war silbrig h hatte die inkend und eichschritt, and!" höre nderten im Im Atelier Johannisthal hieß es, die B. tanzt heute Probe. Morgen hat sie Aufnahme, sehen wir uns das mal an. Alle Einstellungen des Tages waren abgedreht. Die B. war hart, schmal, eigensinnig und lachte. Sie tanzte in einem Gewitter von Erotik, daß der Produktionschef und der Regisseur nervös ihre Zigaretten zerdrückten. Hinterher saßen wir alle in der Kantine mit ihr und aẞen, der ganze Produktionsstab. Sie wollte noch in eine Bar, jeder bot der B. seinen Wagen an. Sie hatten alle schwere Wagen. Sie sagte, sie wolle mit mir fahren. Ich machte sie darauf aufmerksam, daß mein Wägelchen nur klein und alt sei. Sie lachte, nahm mich bei der Hand und ging mit 163 mir hinaus. Wir fuhren durch die Dunkelheit von Johannisthal in den Westen, in eine Bierkneipe. Wir hatten ungeheuer viel zu erzählen. An die Bar dachten wir nicht mehr. Dann fuhren wir zu ihr und tranken dort Sekt. Sie hatte eine hübsche Wohnung am Knie. Sie saẞ dort in ihrem Sessel, sehr schön mit leidenschaftlichen Augen, sehr ordnungsliebend, wild und ehrgeizig. Am nächsten Abend fuhren wir wieder vom Atelier nach Hause. Unterwegs kamen wir an einem Wald vorbei. Sie sagte: ,, Halten Sie bitte." Ich hielt. Sie maulte. ,, Spazierengehen." Wir gingen in den nachtdunklen, einsamen Tannenwald hinein. Ich hatte das Gefühl, neben einem schönen, lüsternen Raubtier zu gehen. Ich hatte recht. Als ich verlegt wurde, kam ich in eine Zelle, in der ein früherer Zuchthausinspektor und ein früherer Minister lagen. Der Inspektor, ein blonder Sachse, hatte bereits drei Jahre hinter sich und seinen Humor nicht verloren. Der Minister war Grimme, einer der saubersten und sympathischsten Menschen meiner Haftzeit, ein außerordentlicher Kamerad. Wir waren im selben Prozeß verurteilt worden und hatten bereits in Spandau zusammengelegen. Nach kurzer Zeit bekamen wir keine Tüten mehr zum Kleben, weil es an Papier fehlte. Also waren wir wochenlang arbeitslos. Wir lebten in der engen Zelle, die etwa 3x5 Meter hatte, sehr vergnügt. Wir diskutierten, lernten voneinander, spielten Schach mit Pappschnitzeln und jagten Wanzen. Es war eine der schönsten Perioden meiner Haftzeit, dank zwei guten Kameraden, die ich grüße. 164 n Johanatten unwir nicht ort Sekt. ß dort in en Augen, nächsten se. Untergte: ,, Halengehen." annenwald en, lüsterDie Sensiblen müssen ihre Verfeinerung teuer bezahlen mit einer erhöhten Fähigkeit zum Schmerz. in der ein Minister tte bereits t verloren. und symußerordent3 verurteilt mengelegen. mehr zum ir wochen, die etwa en, lernten In und jaglen meiner rüße. Nach langer Autofahrt, ich saß fünf Stunden am Steuer, sind wir abends in Nürnberg. Im Hotel ,, Großer König" mieten wir ein Zimmer, wir sind müde, durch die Lichter der Stadt festlich gespannt, staubig und fröhlich. Ich bringe den Wagen weg, und als ich gebadet und vergnügt in unser Zimmer trete, hat sie daraus eine festliche Kemenate gezaubert. Ein herrliches Abendessen mit viel Silber und Kristall steht auf dem Tisch, Wein wartet im Kühler. Sie ruht gebadet und zart auf der Couch in einem purpurroten Mantel. Ihr blasses, schönes Gesicht leuchtet im verhängten Licht, und ihre Augen strahlen mich an. Draußen hört man gedämpft Autos und den Lärm der Stadt. Wir essen beide, und der Wein trinkt sich weich und erregend. Wir lachen. Das war an einem Sonntagnachmittag, als sich der Wachtmeister, der in unserem Saal IV von früh bis spät an einem Tisch saß und uns musterte, darüber ärgerte, daß ein Gefangener sein Buch im Spind entgegen der Vorschrift mit dem Rücken nach links gelegt hatte, statt nach rechts. Der Gefangene war ein schwächlicher, holländischer Bäckergeselle, der schwer sprach. Es war gegen zwei Uhr, als der Wachtmeister, ein mächtig gebauter, erregbarer Beamter, uns aufstehen hieß und den Gummiknüppel zu schwingen begann. Er jagte kollernd vor Wut den kleinen, kreischenden Bäckergesellen den Saal auf 167 und ab, als wolle er eine Fledermaus fangen. Wir standen stramm. Nach einer halben Stunde setzte sich der Wachtmeister schwer atmend an seinen Tisch und erholte sich schimpfend. Dann schlug er wieder auf den Holländer ein, bis dieser zum zweiten Mal am Boden blutend liegen blieb. Wir standen stramm. Wir waren vierzig Kerle und hätten den Wachtmeister zerreißen können. Wir wären natürlich getötet worden. Wir standen weißglühend vor Wut, aber wir standen stramm. Es war gegen halb fünf, als der Wachtmeister abgelöst wurde. Bis dahin hatte er geprügelt. Aber er ging davon in sauberer Sonntagsuniform mit gebügelten Hosen, trank abends sicher sein Bier, spielte Skat und schimpfte zu Hause wahrscheinlich über ,, dienstlichen Aerger". wand rat, K und berfa Di sche und pelt Kop die Z zuw Stau pend Schr Rind S Tagelang rollte der Zug durch die argentinischen Weizenprovinzen von Entre Rios und Corrientes. Unter dem glühenden Himmel dehnte sich die gelbe, ährenschwere unendliche Weite. Der Wind, der von Yuyui kam, schlug Wellen darin. Ich saß am Fenster und blickte hinaus. Ich sah die endlosen Rinderherden, die Horndickichte blinkten im correntinischen Licht, tausend Mäuler grasten vor den wandernden Hufen. Ich sah Bullen und Kälber. Und ich sah den Tod der falben Kuh von Corrientes. Die Kuh war allein. Die Herde war vorausgezogen. Niemand hatte sich um die falbe Kuh gekümmert. Kauend und rumorend war die große Herde mit dem Wind ge168 noc dan und Son sich A End D schu ihr zend Tod Vir standen der Wachtrholte sich lländer ein, iegen blieb. und hätten en natürlich Wut, aber inf, als der e er geprüuniform mit Bier, spielte ber ,, dienstischen Wei Unter dem arenschwere tam, schlug hinaus. rndickichte auler grasen und KälCorrientes. zogen. Niert. Kauend Wind gewandert, hinter sich lassend zerstampfte Hufspuren, Unrat, Kot und sterbende Rinder, die mit eingeknickten Knien und verrenktem Hals in der Pampa hockten und mit amberfarbenen Glasaugen die Ewigkeit anstarrten. Die falbe Kuh versuchte bei der Herde zu bleiben, zwischen dampfenden Leibern geborgen zu Hause, kauend und wandernd, aber sie war schon zu schwach. Sie humpelte einsam hinterher, wobei sie mit dem vorgestreckten Kopf behutsam nickte. Zuerst hinkte sie noch in der großen Staubwolke, die die Herde hinter sich ließ. Man sah sie kaum darin, nur zuweilen tauchte ihr magisch falbes Fell im wehenden Staub auf, ihr langsam nickendes Gehörn, ihre schleppenden Hufe. Die sterbende Kuh kämpfte mit jedem Schritt um ihr Leben. Sie flüchtete vor dem Tod der Rinder. Schließlich zog die Staubwolke davon. Selbst sie war noch rascher als die Kuh, die um ihr Leben lief. Und dann sah man das sterbende Tier im Sonnenlicht scharf und klar. Am Horizont verschwand die Staubwolke, die Sonne glühte fürchterlich im Gelüft, und die Kuh schleppte sich hoffnungslos hinter der Herde her. Sie war allein. Aber in der Pampa ist niemand allein, wenn es zu Ende geht. Der sterbenden Kuh folgten die lebenden Vögel. Eine schwarzflatternde Wolke von Aasgeiern hüpfte hinter ihr her, Schritt für Schritt, schnäbelnd, glitzernd, krächzend, gierig und aufgeregt, eine raschelnde Wolke des Todes. 169 Die falbe Kuh blickte sich mit blinden, rotunterlaufenen Augen einmal ziemlich müde nach dem Flügelgezücht um, und sie beeilte sich. Mit letzter Kraft setzte sie Huf vor Huf jener großen, glücklichen Staubwolke nach, der Heimat, die verschwunden war. Plötzlich stand das Tier. Grüngefärbte Schaumfäden troffen von seinem aufklaffenden Maul, die Gelenke zitterten, die dürren Flanken bebten. Einer der Geier sprang hart auf die Kruppe der Kuh, ein riesiger, nachtschwarzer Totenvogel, der wild aufschrie. Dann brach die Kuh, über die der Wind der Pampa ging, sehr langsam in die Vorderbeine, legte den Kopf leise auf die Erde und verblieb so regungslos, wobei sie ihr knöchernes, grotesk zitterndes Hintergestell schamlos gegen den Pampawind reckte. Der flügelschlagende Geier auf der Kruppe schrie voller Triumph auf und hackte wild und ungeduldig in ihr rot aufglitzerndes Fleisch, seine Federn sträubten sich im Wind. Die Aasgeierwolke verharrte flügelnd, hüpfend, mordlustig tänzelnd. Ringsum die große totenstille Ebene leuchtete gelb vor Glut von Horizont zu Horizont. Die Staubwolke der großen Herde war verschwunden. Der Tod kam rasch. Die sterbende Kuh fiel steif um in das Gras, ihre Hinterbeine schlugen einige Male in der Agonie aus. Und nun fuhr die hart flatternde, schwarze Wolke wie ein blutdurstiger Sturm über die falbe Kuh. Die grausamen Schnäbel zerrten ihr Mahl heraus in das Gras, das sich rot färbte. Des Mondes Strahlen würden nur noch ein rötlich tropfendes Tiergerippe vorfinden und Fetzen des Fells von der falben Kuh von Corrientes. 170 Als u die glei dickich ler gra Kälber Dies mel le stolze Mar donne rem F einen Wir sa wie ei Schlan sehr Groß Unse Fraue men liefen Es wa Ich Premi lichen -laufenen elgezücht e sie Huf nach, der das Tier. aufklafFlanken der Kuh, Als unser Zug weiterfuhr, überholte er die große Herde, die gleichmütig in den Horizont hineinwanderte. Die Horndickichte blinkten im correntinischen Licht, tausend Mäuler grasten vor den wandernden Hufen, und fröhliche Kälber sprangen herum. Dies war die große Heimat, das starke Leben, der Himmel leuchtete, und der Wind, der ewig ist, fuhr über die stolze, brüllende Herde, als unser Schnellzug davonbog. wild aufHer Pampa den Kopf wobei sie schamlos de Geier ckte wild sch, seine wolke verRingsum -Glut von Den Herde ihre HinUnd nun ein blutmen Schnäsich rot ein rötlich Fells von Manchmal nachts hörten wir es ganz leise in der Ferne donnern und rollen. Blickten wir nach Norden aus unserem Fenster, das im vierten Stock lag, so sahen wir einen vagen, rötlichen Schein am nächtlichen Horizont. Wir sahen winzige weiße Strahlen kreisen. Es sah aus, wie ein fernes Tiefseenest von glitzernden, wimmelnden Schlangen, die aufgeregt durcheinanderfuhren. Es sah sehr hübsch aus, verspielt, traumhaft. Aber es war ein Großangriff auf Berlin, und die Hölle war aufgestanden. Unsere Angst, unsere Hoffnungen waren dort, unsere Frauen, Kinder, Familien, Wohnungen. Nach Wochen kamen dann vielleicht die Briefe, und einige Gefangene liefen noch bleicher als sonst rund um den Zuchthaushof. Es waren einige Frauen gestorben. Weiter nichts. Ich fahre mit G. und einigen Bekannten nach meiner Premiere in eine Bar, irgendwo im regnerischen, nächtlichen Leipzig. Wir trinken und sind vergnügt, als 171 von einem Nebentisch ein hagerer, verwitterter Trinker herüberkommt. Es ist Ringelnatz. Er ist betrunken, wir sind auch betrunken. Er sagt, die jungen Dichter verstün- den ihr Handwerk nicht, sie hätten keinen Humor. Ich be- beschimpfe ihn. Wir raufen uns plötzlich, bis uns der Ober trennt. Danach setzen wir uns zusammen und ver- suchen die Frage des Humors durch ungeheure Gründ- lichkeit zu klären, wir reden bis zur Polizeistunde, es war erregend, denn Ringelnatz war ein herrlich Betrun- kener. Er war damals dünn, morsch und aggressiv und sprühte von Witz, ein wundervoller Dichter. Dieser furchtbare Zuchthausmorgen. Es dämmert grau durch die vergitterten Fenster. Ringsum schnarchen die anderen. Du liegst auf deinem Strohsack unter zwei ur- alten, abgeschabten Wolldecken, zwischen die du deinen Anzug gelegt hast. Er soll dich wärmen, und er soll trock- nen. Du frierst trotzdem sehr. Die Wanzen geben all- mählich Ruhe. Dann rasseln die Schlüssel, die Türe fliegt auf und einer brüllt:„Aufstehn!‘“ Sofort beginnt das Durcheinanderwimmeln müder, schmutziger, verwahrlo- ster Männer, die sich an ihren Tischen in Blechbecken oberflächlich waschen, kämmen und anziehen. Dann folgen die Kommandos, alle scharf und martia- lisch gebrüllt:„‚Kübelträger raus!“ „Wasser holen!“ „Austreten!“ „Kaffeeholer raus!“ 172 Und aus den schende der im brüllt: „Ac Alle Und wenn Dan Gehrü Scheih es„Au er Trinker nken, wir er verstünor. Ich beis uns der n und verure Gründistunde, es ich Betrungressiv und mert grau archen die er zwei ure du deinen er soll trockgeben allTüre fliegt beginnt das verwahrloBlechbecken n. und martiaUnd draußen auf den langen, kahlen Gitterfluren, wie aus dem Dante, erhebt sich ein wildes Gebrüll, dem klatschende Hiebe folgen. Alles läuft und wieselt durcheinander im fahlen Schein einiger trüber Glühbirnen. Plötzlich brüllt einer: ,, Achtung! Saal IV mit zweiundvierzig Mann belegt! Alles in Ordnung!" Und der Stationswachtmeister betritt den Saal. Alles ist erstarrt und blickt ihn an. Er mustert den Bettenbau, reißt einige Decken weg, und wenn ein guter Tag ist, schlägt er keinen Gefangenen. Dann heißt es sich anstellen. Jeder kriegt unter Lärm, Gebrüll und Belehrung einen Becher Kaffee und eine Scheibe Brot, fingerdick. Und nach wenigen Minuten heißt es ,, Ausmarschieren!" Ihr Packard hielt vor dem riesigen Portal. Der Butler empfing mich. C. sagte: ,, Hallo!", und trank mit mir einen High- Ball in der majestätischen Halle. Ich befand mich in Hackensack, dem Dahlem von New York auf der anderen Seite des Hudson. C. war blond, jung, hübsch und drahtig. Sie liebte mich, weil ich ein Dichter aus Europa war. Beim Dinner präsidierte Mrs. N., eine jener dicken, blonden und verwöhnten Frauen, die aus ihrem Reichtum eine anstrengende Tagesbeschäftigung machen und nicht geistvoll, aber gutmütig sind. Sie war stets wie 173 eine Mutter zu mir. Jetzt saß sie im Abendkleid mit schweren Perlenketten behangen und fragte mich diskret aus. Sie kannte von Europa nur London, Paris und die Côte d'Azur, die sie jedes Jahr besuchte. Ich genoẞ den herrlichen Wein und das wundervolle Essen, empfand angenehm die bewundernden Blicke von C. und ärgerte mich, daß mein Smoking ungebügelt war. ,, Man sieht, daß Sie Europäer sind", sagte Madame N. zwischendurch lächelnd. ,, Wieso?" ,, Sie essen mit Messer und Gabel, nicht, C., alle Europäer tun das?" ,, Und wie essen Sie?" ,, Oh, wir schneiden alles klein, legen das Messer auf دو den Tellerrand und essen mit der Gabel." Ich sagte, daß es einfacher und praktischer sei. ,, Iẞ auch einmal wie wir, ja?" bat C. Ich tat es, und sie freuten sich beide. Sie waren gute, phantasielose, offenherzige Frauen, und es war ein reiches Haus, und C. hatte mich einmal gefragt, ob ich nie heiraten werde. ,, Ich glaube nicht", sagte ich. Es war eine fremde Welt, es war, als ob ich auf einem anderen Stern äße. Es war alles da. Viel zu viel. sicht. langsa ihm Hand und ins ᎠᎴ offer schö sich In mal sich in e Meld Metz Händ ihn A Nac Sov word ware früh Er saß am uralten Holztisch in der Sammelzelle, als wir abends unsere Blechnäpfe mit Wassersuppe auslöffelten. Er war sehr alt, weißbärtig mit kalkweißem Ge174 den P hört mit schweiskret aus. nd die Côte den herrpfand angegerte mich, Madame N. , alle EuroMesser auf sei. waren gute, ur ein reiches ch nie heirafremde Welt, afe. Es war melzelle, als appe auslöf weißem Ge sicht. Er antwortete nicht auf Fragen. Er hob den Löffel langsam und hartnäckig an den Mund, und zuweilen fiel ihm der Löffel auf den Tisch. Zum Schluß fiel seine Hand auf den Napf, der umschlug. Die Suppe lief aus, und der Nachbar schlug den Alten mit der flachen Hand ins Gesicht. Der Alte stand langsam auf und kroch mühsam mit offenem Mund zum Strohsack. Er lag angezogen und erschöpft und hatte die zerrissene Wolldecke nur halb über sich gezogen. In der Frühe des nächsten Morgens sagte einer: ,, Sieh mal den Alten da, der ist fertig." Er war tot. Es konnte sich weiter keiner um ihn kümmern, denn wir mußten in einigen Minuten antreten. Dem Wachtmeister wurde Meldung gemacht, und der Lazarettkalfaktor, ein riesiger Metzger kam, lud ihn auf die Schulter, so daß die weißen Hände des Alten hinter ihm her schwankten, und trug ihn davon. Aber ja, es war Karneval in Köln, wir hatten die ganze Nacht im Gürzenich getanzt und getobt und geküẞt, und soviel Lärm in den Ohren, und der Mund war müde geworden. Ich sagte ihr, ich sei müde und ging. Die andern waren betrunken. Es war eine nebelhelle, nasse Februarfrühe draußen. Alle Häuser bebten von Musik, die auf den grauen Straßen durcheinanderwirbelte. Plötzlich saß ich im uralten, heiligen Dom. In der Ferne hörte ich einen Priester wispern, der am Hochaltar stand. 175 Ein grauer Wald von Mammutsäulen, die feierlich bunten, haushohen Fenster, die endlose hallende Weite des Hauptschiffs. Ein Husten hallte herüber. An den Altären ringsum brannten Lichter. Es war sehr still, nur der Priester im weißen Chorhemd näselte vor sich hin, sehr winzig und leise. An einem Seitenaltar kniete eine alte Frau. Sie weinte ein wenig. Ich habe monatelang Kohlen geladen, meist aus den Waggons in die Banse, schwere Lokomotivkohle, splittrig und kantig, im Winter beschneit, mit bloßen Händen gepackt, gehoben, geschwungen, weggeschleudert. Du wirst schwarz dabei, deine Hände bekommen Risse, du stolperst im Waggon auf den rutschenden Kohlen und wirst müde. Andere tragen die Zentnerkörbe zu zweien die fünfzehn Stufen hinauf. Und ist ein Waggon leer, warten sieben, acht andere. Und ist die Kohle klein, so schaufelt ihr zu zweien mit den breiten, kurzen Heizergabeln, ein Linksschipper und ein Rechtsschipper, in Kohlenstaub und Lärm, und draußen schaufeln sie und rennen mit den Körben, und der Posten schreit mit bösen Augen: ,, Schneller!" Und es muß noch schneller gehen, noch schneller. Zuweilen tauchen die schwarzen, wüsten Zuchthäuslergesichter deiner Kumpels einen Moment erschöpft und mit einem Fluch auf, und kleine, bescheidene Schneeflocken tanzen einen zierlichen Reigen um den Lauf des Gewehrs, weltenfern von unserm schwarzen Hexentanz der Sklavenarbeit. 176 ch bunten, des Haupt- iren rings- er Priester ehr winzig 2 Frau. Sie st aus den Je, splittrig H inden ge- Du wirst Ju stol- ind wirst zweien die eel, warten so schaufelt roabelt, ein hlenstaub rennen zit sen Augen: ;hen, noch ten Zucht: t erschöpft neSchne®“ : Lauf des Hesentan? Der einzelne Mensch ist selten ge- fährlich. Er wird es erst dann, wenn er in eine Ordnung eingepaßt und mit Pflichten versehn wird. a O die Weinstuben! Man tritt müde und nüchtern ein und verläßt sie als Herr der Welt, elastisch, reich und nervig. Der ,, Schwarze Adler" in Weimar, das ,, Blutgericht" in Königsberg, das ,, Krüzche" in Köln, der ,, Franziskaner" in Wien, das ,, Essighaus" in Bremen, die ,, Lindenwirtin" in Godesberg, die halbdunklen, ruhigen Männerstuben, in denen über den schweren, blanken Tischen ein Chateau Fécamp rot im Glas leuchtet und aus den Gesprächen die Phantasie sich köstlich erhebt. Oder man sitzt einsam und träumt sich eins, und der Wein ist rot und schmeckt nach Jahrhunderten. Das Gehirn beginnt zu glühen und köstliche Gedanken zu haben, voller männlicher Schwermut und lachender Gnade. Schöne, dunkle Weinstuben! Das milde Lampenlicht leuchtet durch eine Rotweinflasche, in der zusammengepreßt die geheimnisvolle Energie eines Sonnenhangs funkelt, die klare Macht eines wohltätigen Geistes. Indes der Mann klein und zusammengesunken vor seinem Glas sitzt und auf die blanke Tischplatte starrt, erhebt er sich kühn als Pionier in den azurenen Dschungeln der Phantasie. Alle Sterne funkeln in seinem Hirn, er versteht alles. Er erlebt die Güte der Männer und ihre schweigsame Weltliebe, er trinkt langsam, er ist ganz still wie angerührt von einer schicksalhaften Hand, wie verzaubert. Aus dem Wein erheben sich die großen Pläne, die er morgens nüchtern betrachtet. 179 Beim Kohlenladen fiel mir ein armlanger Brocken auf die frosterstarrte Hand. Es gab eine kleine Quetschung und eine Hautabschürfung, die natürlich eiterte. Da ich immer weiterarbeitete, platzte die Wunde jeden Tag aufs neue auf. Schließlich entwickelte sich ein mächtiges Geschwür, die Hand schwoll an. Die Kumpels mit Lazaretterfahrung rieten mir, beim Ausmarsch eine Ohnmacht zu markieren, damit ich einen Tag Innendienst hatte, aber geh' nicht ins Lazarett, sagten sie. Ich hatte damals noch einen zivilen Dickkopf. Ein Lazarett ist für derartige Sachen da, sagte ich mir. Ich meldete mich ins Lazarett. Der Herr des Lazaretts, ein langer Wachtmeister, der einen Sanitätskursus vor langen Jahren gemacht hatte, machte mir mit dem Messer einen tiefen Schnitt in das Geschwür und drückte mit Macht den Eiter heraus. Ich wußte, daß das Unsinn war. Das Geschwür war noch nicht reif. Aber ein Sträuben gab's nicht, ich biß die Zähne zusammen, denn der Schmerz war nicht gering. Hinterher hatte ich noch stundenlang starke Schmerzen, und abends zogen sich zwei rote Streifen bis zur Achsel hinauf. Ich fühlte mich elend, der Arm war heiß und unten geschwollen. Am nächsten Tag ließ ich mich wieder beim Lazarett vorführen, das mit einer schweren Gittertür verschlossen war. Der Sanitätswachtmeister kam, stieß mich durch das Gitter mit dem Schlüsselbund grob in die Achsel und schrie böse, wegen solcher Kleinigkeit solle ich mich zum Teufel scheren. Die Tür war noch geschlossen, so daß er mich nicht eigenhändig die Treppe hinunterstoßen konnte, wie es sein Brauch war. Ich ging. Ei umw an d Arm zwe ten Uni bel an das ich, dar daf hu St an sel Ta ru ich Ma ein 180 rocken auf Quetschung rte. Da ich en Tag aufs chtiges Geit LazarettOhnmacht chatte, aber f. Ein Lazair. Ich mel, ein langer langen Jahreinen tieMacht den r. Das Gegab's nicht, chmerz war mlang starke Streifen bis er Arm war ließ ich mich er schweren achtmeister hlüsselbund olcher KleiDie Tür war nhändig die Brauch war. Ein anderer Kumpel half mir mit Verbandszeug, ich umwickelte nachts den Arm, hängte ihn in einer Schlinge an den Draht des Oberbettes und goẞ Wasser über den Arm. Die Blutvergiftung verschwand nach Tagen. Es gibt zwei Worte im Zuchthaus: ,, Wer krank ist, ist tot", sagten die Gefangenen. ,, Wer eingeht, geht ein", sagten die Uniformierten. Als ich nach Finnland fuhr, hatte ich kaum Geld, also belegte ich einen Deckplatz, d. h. ich schlief zwei Nächte an Deck. Gut, dachte ich, was macht dir das aus. Und das Schiff verließ Stettin. Als es Abend wurde, erfuhr ich, daß die Deck passagiere auch kein Essen bekamen, daran hatte ich gar nicht gedacht. Geld durfte ich nicht dafür ausgeben, sonst reichte es nicht. Also mußte ich hungern. Als ich einige Tage gehungert hatte, gab es Sturm. Niemals packt einen die Seekrankheit schärfer an, als wenn man ausgehungert ist. Ich habe körperlich selten so gelitten wie auf dieser Ostseefahrt und saß zwei Tage in Helsinki auf den Bänken der Esplanati- Katu herum, matt wie eine Fliege am Silvestertag. Dann hatte ich mich erholt. Bei einer Stopfkolonne ist es so: Ihr stopft zu vier Männern mit vier schweren Stopfhacken bewaffnet auf einer Eisenbahnstrecke und schlagt zu mit dem Zweier181 Schlag, Dreier-Schlag oder Vierer-Schlag, der der vor- nehmste ist. Mit der Stopfhacke wird der Steinschotter unter die Eisenbahnschwelle gestopft und dort festge- schlagen. Es ist für einen Eisenbahnarbeiter keine häß- liche Arbeit, aber ein Zuchthäusler muß viel schneller arbeiten. Die Pausen sind kurz, und er schlägt zu von früh bis spät, den ganzen Tag. Nach einigen Wochen hat er am linken Arm ein dickes Handgelenk. Und ist es Winter, so steht er mit seinem dünnen Leinenanzug ohne Mantel im Wind der freien Eisenbahnstrecke, und der Posten.rät ihm, sich warm zu arbeiten. Und regnet es, so arbeitet er im Regen, und der Posten steht mit zwei Mänteln beklei- det unter einem Baum und rät ihm, so schnell zu arbei- ten, daß er keine Tropfen kriegt. So arbeiten die Zuchthäusler mit scharfem Hunger, der innen nagt, in der Kälte, die außen nagt, unter den Be- merkungen eines Uniformierten mit scharf geladenem Ge- wehr, die wie Peitschenhiebe über euch fahren, so arbei- ten sie, zwei Kolonnen, ein Mann macht vorne auf mit der Gabel, einer macht hinten zu, einer mißt, und der Schachtmeister brüllt. Rundherum ist freies Land ohne Echo, Rübenfelder ohne Häuser, und es ist graues, nasses Novemberland, durch das ihr euch, den Schienen folgend, hindurcharbeitet, müde, müde, verzweifelt und trostlos und müde und hungrig und grau und dünn und müde, und ihr schwingt die schwere Hacke— eins, zwei, drei, vier — eins, zwei, drei, vier— und das Gewehr ist scharf geladen, und ihr seid müde, müde. 182 Ich: Holzter gezeich straße liche und der voreinschotter ort festgekeine häßel schneller zu von früh hat er am Winter, so e Mantel im Posten rät arbeitet er teln bekleill zu arbeiunger, der er den Bedenem Gen, so arbeirne auf mit Bt, und der Land ohne aues, nasses men folgend, und trostlos müde, und i, drei, vier r ist scharf Ich saß in einem alten Städtchen Nordvirginias auf der Holzterrasse einer alten Cafeteria und trank an einem ausgezeichneten chilenischen Wein. Es war Mittag, die Dorfstraße lag leer, die Jalousien waren an allen Häusern herabgelassen, und die Einwohner lagen umher und ließen die Zeit vergehn, denn es war drückend heiß. Plötzlich rannte ein kleiner Negerjunge mit einem Pakken Zeitungen heran, schwenkte eine Zeitung in der Hand und schrie: ,, Germans bomb Almeria!... Germans bomb Spain!" Die Fenster und Türen öffneten sich, die Straße füllte sich mit diskutierenden Gruppen, die, die Zeitung in Händen, die Deutschen verfluchten. Eine mächtige Erregung lief durch das friedliche Städtchen. Die Schüsse, die deutsche Kreuzer abgefeuert hatten, waren in die Sommerstille dieses verträumten Landstädtchens hier eingeschlagen. Ich war ein Deutscher, aber die Untaten meiner ,, Volksgenossen" verfolgten mich bis hierher. Wir alle waren einfache Leute, die nichts wollten als Frieden, jene aber wollten schießen. Und sie schossen so lange, bis auf sie geschossen wurde. Ich war ein Deutscher, und ich schämte mich meines Vaterlandes, das ich trotzdem liebte. Ich hatte ihr durch einen Eisenbahnarbeiter einen heimlichen Brief zugehen lassen, sie möge nachmittags um die und die Zeit am Bahnhof Rochau sein. Dort pflegten wir 183 in den Zug zu steigen. Es war eine Kleinbahn, die durch die riesigen Wälder dort fuhr, und der entlegene, einsame Bahnhof Rochau bestand aus einem Holzschuppen. Eines Abends, als wir sechzehn Mann todmüde von der Arbeit zum Bahnhof marschierten, wußte ich, es war So- weit. Wir besserten damals die Geleise der Bahnstrecke aus, reparierten Schienenbrüche, schotterten, stopften und planierten, und abends trugen wir im müden Gleichschritt unsere Hacken, Gabeln und Geräte zum Bahnhof. Ich mar- schierte in der ersten Reihe. Auf dem Bahnsteig standen zwei Leute, ein älterer Arbeiter mit dem Fahrrad. Und eine Frau. Sie stand klein und zierlich und sehr mädchenhaft in dem grauen, schweigsamen Oktobernachmittag. Es war nichts zu hören als das Klapp-klapp unserer Holzpantinen und dann das ‚Halt‘ des Oberwachtmeisters, ‚Geräte absetzen! Rühren!“ Hier stand ich, der vierte Mann der ersten Reihe, die schwere Stopfhacke vor mir aufgestützt, schweigend, ein Zuchthäusler in vielfach geflickten Lumpen, schmutzig, unrasiert, hungrig und müde. Und dort stand sie, acht Meter entfernt, sauber, hübsch, gepflegt, eine junge Frau, deren kleines Gesicht sehr bleich und sehr hell gegen die dunklen Kiefern sich abhob, und ein Leuchten in den dunk- len Augen, das ich nie vergessen kann. Ja, wir sahen uns einige Male sogar an, innig und verzweifelt und gleich wieder die Maske des Fremdseins darüber. Der Oberwacht- meister hatte sein Gewehr auf den Boden gestellt und starrte ins Leere. Die Kumpels murmelten leise miteinan- den, sie stießen einander an und zwinkerten sich zu, wo- 184 Zu Die n, die durch ene, einsame huppen. müde von der ch, es war soBahnstrecke stopften und Gleichschritt hof. Ich marsteig standen Fahrrad. Und dchenhaft in tag. Es war Holzpantinen ers ,,, Geräte en Reihe, die hweigend, ein n, schmutzig, and sie, acht e junge Frau, hell gegen die en in den dunkvir sahen uns It und gleich er Oberwachtgestellt und eise miteinan sich zu, wobei sie mit dem Kopf auf das ,, hübsche Weib" wiesen. Sie ahnten nicht, daß es meine Frau war, daß sie zwei Tage gereist war, um einige Blicke auf diesem einsamen Bahnsteig mit mir tauschen zu können. Wir waren wie entrückt. Der Bahnsteig lag nicht mehr in dieser Welt. Es war ein Ort des ewigen Wiedersehns, der Verlorenheit und des Sichfindens geworden. Nie hat mein Blut so heftig geklopft, nie war ich so bitterlich verzweifelt. Da begann sie zu pfeifen, wie ein einsames Mädchen aus Langeweile so vor sich hinpfeift. Aber es war eines unserer Lieder, das dünn und zitternd über den Bahnsteig dahergeweht kam. Ich stand wie betäubt, dann als sie aufhörte, pfiff ich die Melodie weiter, leise und fast unhörbar. Paul, der Bibelforscher, stieß mich rauh an: ,, Laß das besser!" Der Oberwachtmeister blickte mit seinen grauen Steinaugen träge zu uns herüber: ,, Pfeift da jemand von Euch?" ,, Nein", sagte ich, und damit sie meine Stimme hören sollte, setzte ich hinzu: ,, Nein, Herr Oberwachtmeister!" Wir hatten uns ein Jahr lang nicht gesehen. Dann kam der Zug, ein letzter Blick, und wir sahen uns ein Jahr lang nicht mehr. Richard sagte zu mir: ,, Es ist aus." Er war ein wenig blaß, und seine Hände steckten gelassen in den Hosentaschen. Ich wollte es nicht glauben. 185 ,, Hörst du sie?" fragte er, und wir hörten das Publikum hinter den Türen johlen, pfeifen und toben. Gelegentlich hörten wir auch unsere eigenen Namen und wir hörten dazu alles das, was die SA- Leute Unangenehmes mit uns zu tun vorhatten. Die Uraufführung unserer letzten Premiere scheiterte soeben am stürmischen Protest der Nazis. ,, Wir gehn auf die Bühne", sagte ich. ,, Im Gegenteil", meinte Richard, und er hatte recht. Die Straub, sahen wir durch die Tür, kämpfte heldenhaft gegen das schäumende Parkett, in dem sich mutige Gruppen fanden, die gegen die Störungen protestierten. Ohrfeigen knallten, die SA- Leute schoben brutal einzelne Zuschauer heraus. Als die Ueberfallkommandos eintrafen, ging das Licht an und die Masse bewegte sich erregt schimpfend auf die Straße. Ich ging zur Bühne, holte meinen Hut und sprach mit der Straub, die blond, großäugig und flammend ins Dunkle drohte: ,, Wir werden es ihnen schon zeigen!" Als ich durch die Menschenmenge zurückkehrte, hörte ich, daß eine Gruppe SA- Leute erregt nach einem Mann forschte. Der Mann war ich. دو Hinterher saßen wir im Grünen Zweig" bei Maria Fein in der Lutherstraße, und nachts waren wir bei der Straub in der Wohnung, alle Beteiligten. Die Mehrheit wollte morgen nicht mehr spielen, die tapfere Straub, Leo Reuß und ich standen allein. Am nächsten Abend ging ich zum Theater. Es war geschlossen und dunkel. Ein Doppelposten Schupos stand davor. Es war aus. Er h von et wie ein Er h schänd Er we und d Er siebe verbr Ach wir, n ten un und lehnt sahe schi mal in de war, Auge das i der V 186 s Publikum Helegentlich wir hörten es mit uns e scheiterte ir gehn auf te Richard, ch die Tür, Er hieß ,, Eierpaule", ein hübscher, hilfloser Bursche von etwa siebenundzwanzig Jahren. Er hatte eine Haut wie ein Mädchen. Er war kastriert worden. Er hatte mit drei anderen Burschen eine tote Frau geschändet und sich auf sie gesetzt, um sie aufzuwärmen. Er weinte oft laut bei der Arbeit. Er arbeitete schlecht, und das bestimmte seinen Wert. Er war ein verlachter, unglücklicher Gefangener, der sieben Jahre bereits im Zuchthaus war, ein Sittlichkeitsverbrecher. kett, in dem Störungen ute schoben berfallkomMasse bech ging zur Straub, die ohte: ,, Wir ch die Meneine Gruppe er Mann war bei Maria wir bei der Die Mehrheit Straub, Leo Es war geupos stand Ach, unsere Fahrten zur Waldhütte vor Gatow. Wenn wir, noch den Rausch der Geschwindigkeit im Blut, parkten und uns an einem der Tische niederließen, um Kaffee und Cognak zu trinken und Kuchen zu essen. Und dann. lehnten wir in zwei Liegestühlen hinter der Hecke und sahen träumend in das weite Land hinaus. Und die Sonne schien auf uns nieder, und es war Sommer. Und manchmal gingen wir den Weg an der einsamen Birke entlang in den Wald und in das Gebüsch am Waldrand, das heiß war, und die Erde glühte. Und wir sahen einander in die Augen, und der Wind fuhr über uns weg und drüben war das übersonnte, märkische Land, und es war ganz still in der Welt: Frieden und Liebe. 187 Er war der Bäckerfranz. Er betrieb mit einem anderen Gefangenen die Bäckerei, ernst, energisch, rasch und sauber. Er war Kommunist und saß seit sechs Jahren wegen Hochverrat. Einer der kameradschaftlichsten Gefangenen, der seine Vorzugsstellung zu einer Unterstützungsorganisation für politische Gefangene ausgebaut hatte, denen er ständig ,, Kuhlen" schickte, Tagesrationen Brot. Manchen gab er mit dem Brot Hoffnung, denn ein solches daumendickes Brot war die einzige Freude, die wir hatten. Wir fieberten vor Vergnügen, wenn wir die Kuhle im Kittel auf der nackten Brust verborgen fühlten. Bäkkerfranz, es gab wenige Gefangene von deiner entschlossenen Hilfsbereitschaft, dein Ruhm lief im Zuchthaus um. Die Politischen hatten eine starke Stütze an dir. Du hast Freude gebracht, die einzige Freude. Dank dir. 188 em anderen sch und sauahren wegen Gefangenen, zungsorganihatte, denen Brot. Manein solches die wir hatir die Kuhle fühlten. Bäker entschlosZuchthaus an dir. Du k dir. Die Geschichte der Kultur ist weitgehend eine Geschichte der Kontakte. In der Fasanenstraße brannte die riesige Synagoge. Von der Kantstraße her sah es aus, als feiere man ein Fest darin. Alle Fenster waren hell erleuchtet, aber dann verdunkelte sich das festliche Licht zu einem düsteren Rot, als die ersten Rauchballen aus dem Dach herausplatzten. Eine murmelnde Menschenmenge stand in der Straße. Viele schwiegen, aber viele billigten das Feuer. Die rot erleuchteten Haßgesichter der Volksgenossen starrten befriedigt in den düster schwelenden Bau der Synagoge. Als ich weiterging, sah ich die modernen Löschwagen der Feuerwehr tatenlos stehn. Die Feuerwehrleute standen schwatzend zusammen, zündeten Zigaretten an und lachten. Im Vorgarten eines Nachbarhauses saßen einige und spielten Skat. Die den Brand zu bekämpfen beauftragt waren, spielten Skat neben dem Brand. Stolz und trotzig standen die arischen Mietshäuser neben der Synagoge, aber einige Jahre später verwandelten sie sich in genau solche Ruinen. Da spielten die Feuerwehrmänner nicht mehr Skat. Sie mögen tot sein heute, ihre Trumpfhand gelähmt, ihr Lachen verweht, die Karten zertreten. Und die Ruinen sind alle gleich. Wir hatten während des Luftalarms in den Rüben weitergearbeitet, acht Zuchthäusler und ein Wachtmeister, als die dröhnenden Bombengeschwader unaufhörlich über uns nach Berlin flogen. Wir hörten zuweilen am Himmel MG- Feuer knattern. Und dann brüllte der Wachtmeister: ,, Hinlegen!" Wir warfen uns hin, und schon rasten drei 191 Flugzeuge auf uns los, aus denen es heftig knatterte. Eines der Flugzeuge schoß vielleicht drei Meter über uns weg, die beiden anderen lagen etwas zurück und vielleicht zwanzig Meter hoch. Es sah aus wie eine Jagd. Und etwa hundertfünfzig Meter entfernt von uns berührte das erste Flugzeug den Boden und verschwand hinter einem Korn- hügel, hinter dem es krachte und eine schwarze Wolke hochstieg. Wir rannten mit dem Wachtmeister, der entsichert hatte, dorthin. Die beiden anderen Flugzeuge schossen: nicht mehr, sondern brausten davon. ‚Es ist ein Amerikaner!‘ dachte ich im Laufen. Als wir näherkamen, brannte das Flugzeug lichterloh und die Bordmunition explodierte mit wildem Knallen. Überall schlugen die Kugeln regellos ein. „In Deckung!‘ schrie der Wachtmeister, aber zwei an- dere und ich waren bereits im Eisenbahngraben weit voraus und hörten nicht auf ihn. Ueberall knallten die Kugeln wild umher. Wir sahen einen Mann etwa sechs Meter vom Flugzeug entfernt liegen, der schrie. Ein Acker- knecht und ich holten ihn herein. Es war so heiß, daß es uns die Augenbrauen versengte. Als wir ihn im Graben hatten, sahen wir, daß es ein deutscher Oberleutnant war. Er war schwarz im Gesicht, seine Zähne waren klein und braun geworden, ich verband ihn mit Päckchen, die eine inzwischen herbeigekrochene Militärpatrouille mir reichte. Ich bekam abends einen Schlag Suppe extra, aber daß amerikanische Jäger einen deutschen Jäger hier abschie- ßen konnten, das erregte uns Gefangene sehr. Was bedeu- tete das? 192 der die das t um den rüch 80d sch Star; Aug Weise atterte. Eines Der uns weg, nd vielleicht gd. Und etwa arte das erste einem Kornwarze Wolke er entsichert uge schossen ufen. Als wir loh und die llen. Überall Der zwei angraben weit knallten die n etwa sechs ie. Ein Ackerheiß, daß es an im Graben rleutnant war. ren klein und chen, die eine le mir reichte. tra, aber daß hier abschieWas bedeuIndes zehn Meter höher der große Broadway donnert, indes an den Tischen der Cafeterias von Manhattan sich die Männer gefährlich belauern, indes hingereckte Familien in den Hinterzimmern schnarchen, indes die Festtafeln der Mammuthotels von Seide und Frackhemden knirschen, indes der aufrauschende Menschenteppich des Times Square von zahllosen Neonreklamen taghell überflammt dahinflutet... ... lebt zehn Meter tiefer im mystischen Halbdunkel riesiger Flure eine Welt für sich, die Subway. Bleich und abwesend irren Rudel von erschöpften Menschen über die Perrons, überdonnert von den Expreßzügen der 1. R. T., erklimmen schmutzige Eisentreppen, hasten grünen oder roten Lichtern nach und springen rasch in die Abteile, ehe der bleiche Wagenmeister die Türen zuknallen läßt. Gestoßen und anstoßend, verwirrt treiben sie alle dahin, gefangen im düster flammenden Rattennest, rattenhaft hastend, rattenhaft gierig, blinzelnde, lichtscheue Rudel, hager und schweißüberronnen. Jeder im Begriff, ein wichtiges Leben fortzuführen, jeder allein mit sich, den Strohhut im Genick, im Kinn noch die gummikauende Härte, während in den Augen bereits das demütige Glimmen erschöpfter Dulder über dem Zeitungsrand erscheint. Ja, und sitzen sie in den Waggons auf den strohgeflochtenen Bänken, die Yankees, breit zurückgelehnt, einen Fuß quer über das andere Knie gelegt, so daß aus dem Hosenrand die dunkelbehaarte Wade aufschimmert, und immer eine jener dicken Zeitungen anstarrend, so geschieht es oft, daß der ermüdete Mann die Augen schließt. Weisenborn, Memorial 13 193 Und während sein Gehirn bereits fest schläft, kauen die Kiefer immer noch mechanisch weiter, die Zeitungen sinken Zoll um Zoll, und nun ereignet sich ein sonderbarer Vorgang. Es erscheint hinter der hingerekelt eleganten Erscheinung des Mannes, die nur ganz wenig abgeschabt wirkt, ein zweites Gesicht, das große, dünnhäutige Gesicht der Männer von Manhattan, noch erschöpft und gummikauend, aber bereits durch ein erschütterndes Wissen um das Gesetz des Lebens sonderbar verklärt, das unrasierte, schweißüberronnene Gesicht jener Männer, die in der ganzen Welt wegen ihrer Härte und ihres Geschäftssinnes bekannt sind. Diese Gesichter schmelzen auf der Heimfahrt im Broadway- Expreß, und es ist eins der erregendsten Schauspiele der Stadt New York, die grimmig vereisten Gesichter in den Abenden auftauen zu sehen, tausende von Gesichtern, wilden, erfolghungrigen Gesichtern. Der messerscharfe Mund öffnet sich wie in Erinnerung an kindliche Träume, die Kaumuskeln entspannen sich. Was erscheint, schreit nach Barmherzigkeit, was erscheint, ist das Antlitz des notvollen Dulders, voller anklagender, unrasierter Schwermut, über die der Strohhut frech in den Nacken geschoben ist. Die Gesichter der Männer von Manhattan sind groß und einsam, sie haben sich zynisches Gelächter angewöhnt, um ihre Verletzlichkeit zu panzern. Ihr Mund ist gewohnt zu lästern und zu fluchen, ihr Kinn ist eishart, ihr schma194 les A wölf krata Se dah lato den sch lun los un Son gro tur. W lich sich des he ger gan Rog Met ras arb um chläft, kauen ie Zeitungen sonderbarer Enten Erschei schabt wirkt, e Gesicht der ummikauend, n um das Gesunrasierte, , die in der eschäftssinnes art im BroadSchauspiele Gesichter in on Gesichtern, messerscharfe indliche Träu Was erscheint, , ist das Anter, unrasierter in den Nacken sind groß und er angewöhnt, and ist gewohnt rt, ihr schmales Auge jagdgierig, ihre bleiche Stirn gespannt von jener wölfischen Energie, die Börsenschlachten und Wolkenkratzer vollendete. Seht sie auf den langen Bänken des Broadway- Expreẞ dahingewirbelt sitzen, überrauscht vom Wind des Ventilators, von den Schlaglichtern der draußen vorbeirauschenden Stationen grell überflammt, schief hockend, rückwärts schräg angelehnt, in jenen seltsamen, wachsartigen Stellungen, die man in Europa nie sieht, seht sie, die zahllosen Gesichter, über die der Tau der Erschöpfung fährt und sie am Abend endlich erlöst. Auftauend werden sie sonderbar durchsichtig, und hinter ihnen erscheint das große Antlitz der schmerzgejagten und angstvollen Kreatur. Wer die Angst noch unter den Trümmern der abendlichen Erschöpfung in diesen dunkel überschatteten Gesichtern zu erkennen vermag, der wird mit der Gebärde des Mannes den Hut vor den Männern von Manhattan ziehen, ehe er aussteigt. Einer der stärksten unter uns war Anton. Er war Metzger. Wir arbeiteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in der Kornernte, jeder hatte sein Kabel auf dem Roggenschlag, und jeder mußte seine dreißig bis fünfzig Meter Garben aufbinden, ehe die Mähmaschine vorbeigerast war und ihm neue Schwaden hingeworfen hatte. Wir arbeiteten wie die Teufel von sechs Uhr früh bis abends um neun oder zehn Uhr in glühender Sonnenhitze, ohne 195 Besinnung, wir waren nur noch Hunger und Hand und unendlich einsam. An einem solchen Tag fiel Anton um, der das Kabel neben mir hatte. Ich keuchte vor Arbeit, der Schweiß rann mir in die Augen, in den Mund, den ganzen glühenden Tag. Ich rannte hinüber und stellte einige Garben hinter ihn, damit er im Schatten lag. Der Wachtmeister kam drohend auf mich zu, so daß ich wieder atemlos zurückrannte. Er stieß ihn einige Male mit dem Fuß an, riß die Garben um, ließ ihn liegen und befahl uns beiden Nachbarn, sein Kabel mit aufzubinden. Es war eine fast übermenschliche Leistung in der brüllenden Gluthölle des gelben Roggenfeldes, in der man laut keuchend, schweißüberströmt Garben band, Garben band, Garben band. Rasch, rasch, rasch! Seit dem Tag weiß ich, was Verzweiflung ist. Anton aber kam in die Anstalt. Er war fertig. dunsen beine b innen. erbärm rat stin mit ein und T täusch rat re zum Die läche und so Ah ein gel Male ein Fa Ja wisse Wir begegneten dem Geheimrat D. Der schob sich die Allee hinunter. Die blühenden Kastanienbäume hörten plötzlich auf zu prangen, sie erstarrten, der herrliche Tag welkte im Nu, der Himmel versteinerte. Der Geheimrat hatte die Hände über dem Hintern verschränkt. Sein Spazierstock schleifte hinterher wie ein Affenschwanz. Eine Glatze über dem Geheimrat spiegelte vor Schweiß. Eine silberne Mähne wippte über seinem Nacken, ein Bart zog sich weiß von Ohr zu Ohr. Mitten in diesem Gebüsch hing das Gesicht wie ein hineingeworfener Teller, weiß und glatt. Der Bauch darunter war ge196 lasse arbe wohl nens Ich Zeit. plar s nach sich i fanger Wider and und ton um, Arbeit, und, den and stellte lag. Der B ich wieMale mit n und be. zubinden. der brülman laut ben band, st. Anton ob sich die me hörten rliche Tag Intern ver r wie ein at spiegelte er seinem Mitten in ingeworfe er war ge dunsen und prall, ein wahrer Paukenbauch. Die Spargelbeine bewegten sich vorsichtig, die Knie standen nach innen. Vom Nabel abwärts war der Geheimrat leider ein erbärmlicher Anblick. Der obere und der untere Geheimrat stimmten nicht zusammen. Der obere Geheimrat war mit einigem Ethos, mit Brille, mit Weisheit und Haaren und Tiefsinn nicht übel aufmontiert. Daß er unten enttäuschte, war schließlich nicht wichtig, denn ein Geheimrat reicht beruflich nur bis zum Katheder hinab, also bis zum Nabel schlimmstenfalls. Dieser Geheimrat D. kam uns beiden entgegen, blieb lächelnd stehen, wippte hinten mit dem Stock auf und ab und sah uns an bis wir herankamen. ,, Ah... die Sympathie... die Sympathie..." flötete ein gelbes Loch im Gebüsch. Maleen blickte interessiert nach einem Knaben, der auf ein Fahrrad stieg und Achten fuhr. ... ... ,, Ja, ja, die Jugend. Ehret die Jugend Nun, Sie wissen ja am besten, wie ich sie selbst zu Worte kommen lasse... ich erwarte mir sehr viel von einer Zusammenarbeit des gereiften Alters mit der Jugend... ich dürfte wohl in diesem Zusammenhang als bahnbrechend zu nennen sein. Die einschlägige Literatur..." Ich besah ihn und ängstigte mich vor dem Fluß der Zeit. Die Zeit ist ein Witzbold, sie liebt es, ein Exemplar sich selbst gegenüber zu stellen, vor Gebrauch und nach Gebrauch: jung und alt, zwei fremde Herren, die sich in allem widersprechen. Junger Mensch: eine angefangene Renommage, Greis: unpassende Pointe dazu. Ach Widerspruch, ach Geheimrat! 197 Der Geheimrat hatte seinen Gedankenhahn aufgedreht und begann zu sprechen wie ein Radio. Er geriet in seine Kollegleitung. Es kamen Schätze, es kam Wissenschaft, es kam Glaube an die Zukunft, Ethos der Jugend... es kam alles, was im Kolleg kam und weswegen er berühmt war. Er kniff ein Auge zu, fixierte einen Gedankenball, stieß an, ließ rollen und spielte uns eine ausgezeichnete Billardpartie vor. Kam er an leichtere Passagen, gestattete er sich einen verschneiten Blick zu Maleens nackten Beinen, die zierlich und braun im Kies standen. Ein Auto, das vorbeikam, erschreckte den alten Herrn, er hörte plötzlich auf, er war sehr gestört. Er hätte fünfundvierzig Minuten lang gesprochen, er war dafür bekannt, daß er im Schlaf eine Kollegstunde auf die Sekunde genau beenden würde. Er verabschiedete sich von uns und ging langsam nach Hause, wobei er sicher seine Empfindungen beim Anblick der braunen Beine Maleens psychoanalysierte und beschloß, darüber zu Hause eine Niederschrift vorzunehmen. Beim zen, Kra schlosse bald au teten w beiter Er ging die Allee hinab. Es wurde wieder Sommer, aber in diesem Sommer war eine Höhle um den Geheimrat, die ihn begleitete, eine luftleere Höhle wie eine Luftblase um einen Wasserkäfer, der auf dem Grunde grämlich dahinkriecht. Eine Höhle ohne Sommer, voll von Büro, von Staub, von falscher Vernunft, von lahmem Wahnsinn, denn Wahnsinn ist der Traum eines Einzelnen, aber die Vernunft scheint der Wahnsinn aller zu sein. Der H Acker, meiste ,, Sie die Fe Sie Das gi dämme Ackerw mußten nassen ten un mußte seren schwa sten Nach kam m elegan Weins 198 fgedreht in seine enschaft, nd... es berühmt nkenball zeichnete gestattete kten Beien Herrn, ätte fünfafür bedie Sesich von er seine Maleens use eine mer, aber imrat, die Luftblase grämlich on Büro, ahnsinn, aber die Beim Arbeiten in einer Reihe, sei es beim Kartoffelsetzen, Krautreißen oder Rübenhacken, löste sich die geschlossene Reihe der Gefangenen wegen des Ehrgeizes bald auf, einige, die gelernte Landarbeiter waren, arbeiteten weit voraus, andere blieben zurück. Die Vorausarbeiter wurden belohnt, denn sie trieben die andern an. Der Hauptwachtmeister, ein betreßter Halbgott auf dem Acker, der zur Inspektion kam, sagte zu dem Feldwachtmeister: ,, Sie müssen immer die Freunde auseinanderstellen und die Feinde nebeneinander arbeiten lassen." Sie wollten uns auf die raffinierteste Art auspumpen. Das ging so weit, daß wir beim Einrücken in der Abenddämmerung nicht unser schweres Arbeitsgerät auf unseren Ackerwagen legen durften, der leer vor uns herfuhr. Wir mußten alles tragen, wir waren hundemüde, mit schweißnassen Hemden, schmutzig und verwahrlost. Wir schleppten uns auf Holzpantinen mühsam in die Anstalt, aber wir mußten Körbe, Spaten, Hacken, alles Ackerzeug auf unseren knochigen dünnen Schultern tragen, und hinter uns schwankte das geladene Gewehr auf dem Rücken der Posten gegen den regnerischen, grauen Abendhimmel. Nachmittags trafen wir uns an der Nepomukbrücke. Sie kam mir entgegen und sah hochmütig und schön aus, eine elegante, verwöhnte Lady. Wir gingen in eine kleine Weinstube mit blanken, alten Holztischen, fast ohne Lam199 pen, dunkel und verräuchert, in deren Winkeln nur einige schweigsame alte Tschechen saßen. Wir tranken Südtiroler Rotwein, zwei Flaschen, und unsere Worte waren befeuert. Wir sahen uns an und tranken und sahen uns wieder an. Dann gingen wir über den Wenzelsplatz, der aus tausenden von Lampen erleuchtet war. Es war Niklausabend, und alle Leute kauften ein. Bäuerinnen in bunten Kleidern standen scharenweise vor den Häusern und priesen ihre Waren an. Ueberall hörte man fröhliche Leute reden und lachen. Sie brachte mich zum Bahnhof. Aber als wir uns ansahen- ihr Gesicht unter dem breiten Dut war bleich und beleuchtet-, nickten wir uns an und lachten ein wenig. Ich ließ den Zug abfahren und winkte einer Taxe, und wir fuhren wieder zu ihr. Ich fuhr erst vier Tage später zurück nach Berlin. wieder auf. Das ein bru Ich k täglich mit ihr taler H men d eine 2 tionsle Ich tag lan der St fen, da sie nich die Lat senen ter vie Beim Rübenhacken arbeiteten wir zehn Mann in einer Reihe nebeneinander. Jeder hackte drei Reihen. Der Wachtmeister ging dicht hinter uns her. Und nun begann die Angst der Gefangenen, die meistens Kriminelle waren, Feldpostmarder, Sittlichkeitsverbrecher, Diebe und Schieber. Sie hackten wie die Teufel darauf los, jeder emsig darauf bedacht, schneller zu sein als sein Nachbar, um sich eine gute Nummer bei den Posten zu sichern und mehr Essen zu verdienen. Auf diese Art löste sich die geschlossene Reihe bald auf, einer arbeitete weit voraus, drei Meter hinter ihm kamen zwei, sieben Meter zurück vier, dann 200 Ein Ufern Wasse plötzli mit ac überse lagen. erst in zur einige Südtirowaren beuns wiez, der aus Niklaus in bunten und prieche Leute mhof. Aber Breiten Dut und lachnkte einer erst vier n in einer eihen. Der un begann elle waren, und Schie sig darauf sich eine ehr Essen schlossene drei Meter vier, dann wieder einige. Die Schwächsten blieben zurück und fielen auf. Das war genau das, was die Posten wollten. Es war ein brutaler Existenzkampf um gehackte Meter. Ich kämpfte längere Zeit für die These: ein Mann, der täglich wechselt, bestimmt das Tempo, und alle bleiben mit ihm auf gleicher Höhe. Dann kann kein noch so brutaler Posten die Schwächeren herausfinden. Wir bestimmen das Tempo, und es wird nicht schnell sein. Das ging eine Zeitlang gut. Dann wurde dieses System dem Stationsleiter verraten und auch, daß ich der Urheber war. Ich erhielt Kostentzug und mußte einen ganzen Sonntag lang Stiefel putzen auf einem eiskalten Flur. Einige der Stiefel hatte der Posten in einen Wassereimer geworfen, damit sie naẞ wurden und keinen Glanz bekamen. Da sie nicht glänzend wurden, mußte ich drei Wochen lang die Latrine reinigen. Damit war die Arbeit in der geschlossenen Reihe dank der Dummheit einiger Gefangener unter viel Gebrüll und Spott und Hohn gescheitert. - -, Einmal ankerten wir im Tegeler See, weit ab von allen Ufern und sprangen nach unserer Gewohnheit nackt ins Wasser wie schön ist es so zu schwimmen als ich plötzlich eine Herde von Rennjollen in schärfster Fahrt mit achterlichem Wind auf uns zubrausen sah. Wir hatten übersehen, daß wir im toten Winkel einer Wendemarke lagen. Ich erreichte zuerst das Boot, aber G. schaffte es erst im letzten Augenblick, da sie sich nur schwer über 201 die hohe Bordwand hereinziehen konnte. Ein Motorboot mit der Rennleitung rauschte heran, und die Männer brüllten uns an, beruhigten sich aber, als sie das schöne, lachende Gesicht von G. sahen. Die dreißig Boote umrundeten uns, und wir lachten noch lange. Manch verboten verfluch müde, m einrückt nackt a rohe K Abends Bei der Kartoffelernte wurden an den Seiten des Kartoffelackers wir Gefangenen zu zweit aufgebaut, jedes Paar erhielt dreißig Meter abgesteckt, dann begann die Rodemaschine zu arbeiten und warf die Kartoffeln in vier bis fünf Meter weiter Streuung auf die Oberfläche. Jedes Paar mußte seine dreißig Meter Kartoffeln aufgelesen haben, ehe die Maschine wieder neue Kartoffelmengen auswarf. Das hört sich einfach an. Aber die Maschine wurde von den zwei kräftigsten Pferden der Anstalt gezogen, und ein alter Gefangener, ein Vertrauensmann, trieb sie unaufhörlich an. Hatte ein Gefangenenpaar mit äuBerster Schnelligkeit zwanzig Meter weit die Kartoffeln aufgelesen, so prasselten ihm bereits hunderte von neuen Kartoffeln auf seine Strecke. Es mußte jetzt die restlichen zehn Meter aufarbeiten und außerdem die neuen dreißig Meter, ehe die Maschine wieder vorbeiraste. Wir arbeiteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gebückt und rannten wie die Wiesel den ganzen Tag mit waagerechtem Oberkörper. Unsere Hände flogen. Wir wurden gehetzt, als ginge es um das Leben. Der Schweiß rann im Oktober, und wir beteten inbrünstig, daß es acht Uhr abends würde, um dann einzurücken. 202 über ih für Ta Acker, der ein fotorboot ner brüll- e umrun- Manche aßen Kartoffeln heimlich roh. Es war streng verboten, Kartoffeln zu braten und zu essen, um unseren verfluchten Hunger zu stillen. Wenn wir abends hunde- müde, mit schmerzendem Rücken, schmutzig und hungrig einrückten, wurden wir visitiert. Verdächtige mußten sich nackt ausziehen, und wehe dem Gefangenen, bei dem rohe Kartoffeln in der Unterhose gefunden wurden. Der Abendsegen in Gestalt zweier Wachtmeisterfäuste kam über ihn. So arbeiteten wir etwa sechs Wochen lang Tag für Tag in der furchtbarsten Hetze, Sklaven auf dem Acker, jeder besinnungslos kurz vor dem Zusammenbruch, der einige auch ereilte. Der Hut ist vom Kopf geweht, und die Eidechsen sind grün und behend vor deinen Füßen. In den Weingärten singen weichkehlige Frauen. Es sind Lieder, die man nicht versteht, und von denen die Träumer träumen. Ein Berg, auf dem eine Ruine steht, ragt mit dem Gipfel aus der Dämmerung dieses Tales heraus. Es sieht aus, als ob ein rotköpfiger Gigant in der Finsternis ertrinke, schon ist seine Stirn vom Abendrot blutig umspült. Dabei ist es nicht einmal eine mordende nördliche Finsternis, es ist eine weiche mittelländische Nacht voller flügelnder Fledermäuse und voll geheimnisvollen Palmengeraschels, voll lebenden Gesanges, und das Gras und das Laub zirpen unter dem Flügelschlag des Südwinds. Aber diese nahen Laute werden klein unter der großen Stimme, die man tief unten heraufrollen hört. Es ist die Stimme die schon Hannibal damals hörte, dieselbe Stimme, die Odysseus vernahm, die uralte beseelte Stimme der mittelländischen Brandung. Und aus der Brandung taucht die umriẞlose Ahnung eines Kaisers auf, jenes Tiberius, der auf dieser Insel voller Wollust war, der dürr und fröstelnd unter den Palmen lag, voller Abgrund und voller Tod... zur selben Zeit, als an der Küste drüben sein Beamter Pilatus eine aufsteigende Epoche vergeblich ans Kreuz zu nageln begann. Dies ist eine Brandung, alt von Blut und Geschichte, grau von Jahrtausenden, weißmähnig und voller Nerv. Sie blökt herauf wie eine unendliche Herde durstender Rinder. Sie ist unersättlich nach Schicksal. Sie wird noch nach Geschichte brüllen, wenn auch unsere 207 Zeit schon Staub geworden ist und drei Meter tiefer liegt. Odysseus ist noch nicht angekommen, ruft die Brandung. Klagend zertrümmert sie mit glasklaren Wellenhämmern das Gestein der Insel. Am nächsten Morgen glänzt das Licht herauf. Himmelblau und glitzernd strahlt das beruhigte Meer zwischen den Oleandern. Man eilt hinab. Die Luft ist wie ein Fest, weich und rein. Weiße Villen leuchten auf, Bäume, in denen die Orangen hängen, eine Sintflut von Blüten, erhaben aufrauschende Palmen, und die Lieder sind unverändert, wie es die Frauen in den Weingärten sind. schließe an die O Schatten Am Wasser unten zieht man sich aus. Es gibt keinen Sand, es gibt nur Felsen, an denen sich das Wasser, das von Afrika herüberrollt, zerschlägt und aufschäumend bricht. Es ist nicht so wie am Rhein vielleicht, es ist nicht so, daß man nackt über Gras und Sand in das Wasser hineinläuft. Hier gibt es keinen Sand, hier gibt es nur Geröll und Felsen unter Wasser, Basaltzähne mit Lavanarben, nichts für die Füße. und darü Blaue de Fisch, de treibt. Plötzl langsam vergesse Die beste Gebrauchsanweisung für dieses Wasser ist die der Einheimischen. Man erklettere einen der vielen Felsblöcke. Ist der Grund davor grün und tief, so beginne man mit einem mittelstarken Startsprung und schwimme sich zuerst einmal nach Herzenslust aus. Bald ist man draußen in ruhigem Wasser, und nun beginnt einer der köstlichen und unbesungenen Höhepunkte des mittelländischen Schwimmens: mit den unten. B Man kan die Sonn liegt wie man treil In strahlender Sonne mit Genuß und Trägheit dahintreibend, von milden Wellen gehoben und gesenkt, liege man auf dem Rücken, biege den Kopf weit zurück und 208 geheimn wie lich Dies ten At Wasser schwei nungslo mit aus Nachfah Und Herde ziehen, schrecke hier obe Weisenbor iefer liegt. Brandung. nhämmern f. Himmelr zwischen ie ein Fest, Bäume, in Blüten, erer sind unn sind. gibt keinen Wasser, das schäumend cht, es ist das Wasier gibt es tzähne mit Wasser ist n der vielen 80 so beginne d schwimme ald ist man nt einer der des mittel gheit dahin esenkt, liege zurück und schließe die Augen. Man hört das winzige Schlagwasser an die Ohren klopfen. Zuweilen rinnt ein gläsernklarer Schatten über dein Gesicht. Ringsum quirlt die Welle, und darüber in unendlicher Höhe blendet dich die silbrige Bläue des italienischen Himmels. Du bist ein glitzernder Fisch, der bewegungslos durch das Meer der Jahrtausende treibt. Plötzlich jedoch wirfst du dich herum und näherst dich, langsam brustschwimmend, der Küste. Dabei, und dies vergesse man nicht, beuge man seinen Kopf, so daß man mit den Augen unter Wasser ist. Dann blicke man nach unten. Bei Sonnenschein ist der Anblick nie zu vergessen. Man kann den Grund tief unten leuchten sehen, auf dem die Sonne liegt. Die weißen Steine unten glitzern. Man liegt wie schwebend über einem großen, grünen Saal, man treibt wie eine fleischerne Wolke über nie gesehene, geheimnisschwere Gewölbe, durch die die Sonnenstrahlen wie lichte Balken fallen. Dies sind die Bäder der Cäsaren. Hier werden die letzten Atemzüge der Ertränkten aufbewahrt, dies ist das Wasser, das den Mänaden den Tod verdarb. Dies sind die schweigenden, unheimlichen grünen Säle, in denen Ahnungslose vor Jahrtausenden erbleichten. Man schwebt mit ausgebreiteten Armen darüber hin, ein neugieriger Nachfahre, der die Geschichte mustert. Und zu allem Überfluß erkennt man tief unten eine Herde von silbrigen Fischen durch einen Sonnenstrahl ziehen, gleichmäßig und beharrlich. Plötzlich jedoch erschrecken sie vor dem riesigen Untier, dem Raubfisch, der hier oben mit ausgebreiteten Armen auf der Lauer liegt. Weisenborn, Memorial 14 209 Wie winzige, schillernde Blitze sind sie davongehuscht in einen anderen, grünlichen Saal. Nur ein kleiner Fisch, ein tolpatschiger Troll, rudert emsig hinterher. Man kann tagelang schwimmen, ohne daß etwas Besonderes passiert, aber schließlich kann es einem auch geschehen, daß man vom Felsen nach einer Flasche taucht, die man in das Wasser geworfen hat. Und als man mit einem Hechtsprung hinunterschießt und in dem grünen Saal unten umhersucht, taucht plötzlich dicht vor einem ein Kopf auf. Es ist ein kleiner, nackter, kahler Kinderkopf mit zwei großen, traurigen Augen, die einen rund und verdutzt mustern. Unter dem Kopf weht es und bewegt sich vielfältig und schlangenhaft. Es ist wahrhaftig ein kleiner Polyp. Was a was blei Meeres, zimbrisa Wir beide erschrecken und prallen zurück, und dann rudern wir beide aus Leibeskräften davon. Auf dem Felsen sitzend, denkt man nach. Es war einer von den kleinen Polypen, die gerade auf einen Teller passen, wenn sie abends in der Osteria Savoia gegessen werden. Aber wenn sie einem lebendig unten im Wasser begegnen, so ist es etwas ganz anderes, nicht wahr? Es ist d blicke d Besonders, wenn man an die einsamen Augen jenes nackten Kinderkopfes denkt, es waren Augen so traurig und uralt, als hätten sie Glück und Sturz jenes Tiberius von der Tiefe aus mit angesehen. Jetzt spielen die kleinen Polypen in den Bädern der Kaiser, und nur zuweilen sehen sie einen zudringlichen Mann in ihre Wassertiefe schießen, der rasch wieder nach oben verschwindet. Es wird immer ein anderer Mann sein, denn Männer sind häufig und vergehen bald. 210 Wen müde Leibesv ausziehe Kalfakto Holzkist hen. Wi ,, Das Klinke mit un Ach stram denken " Wie Und an uns Jede Dann der Zel gehuscht in Fisch, ein was Beson m auch ge sche taucht, als man mit dem grünen icht vor ei ahler Kindereinen rund es und be wahrhaftig und dann uf dem Felden kleinen n, wenn sie 7. Aber wenn en, so ist es Augen jenes en so traurig nes Tiberius die kleinen zuweilen se Wassertiefe windet. Menn Männer Was aber bleibt, ist die mittelländische Brandung, und was bleibt, sind die grünen, tiefen Säle des erhabenen Meeres, das wir von Norden aus immer suchten, von den zimbrischen Schlachten bis zu unseren flüchtigen Reisen. Es ist das Meer der Geschichte, und wer darin schwimmt, blicke auf seinen uralten, geheimnisvollen Grund... Wenn wir Außenarbeiter abends in der Schleuse stehn, müde und stumpfsinnig, werden wir gefilzt. Das heißt Leibesvisitation. Es kann passieren, daß man sich nackt ausziehen muß, dabei flüstern wir manchmal mit dem Kalfaktor der Pforte. Eines Abends sehen wir zwei lange Holzkisten, roh zusammengeschlagen, an der Mauer stehen. Wir fragen ihn, was mit den Kisten sei. ,, Das sind Särge", flüstert er und wischt irgendeine Klinke blank, damit man nicht denken soll, daß er sich mit uns unterhält. Ach so. Und einer von uns fragt ihn, wobei er weiter strammsteht und woanders hinblickt, damit man nicht denken soll, daß er sich mit ihm unterhält: ,, Wieviel Särge brauchen wir denn am Tag?" Und der Kalfaktor erwidert, wobei er einen Ascheneimer an uns vorbeiträgt: ,, Jeden Tag zwei Tote Durchschnitt." Dann ertönt das Kommando, und wir rücken ab. Oben in der Zelle rechnen wir: tausend Mann sind wir, jeden Tag 211 zwei Tote, das macht im Jahr siebenhundert. Das heißt also: In anderthalb Jahren wären wir ausgestorben, wenn wir nicht ständig Zugänge hätten. Die zwei Lazarettkal faktoren durften keine Ärzte sein, von denen wir eine ganze Anzahl unter den Gefangenen hatten, die Tüten klebten oder Körbe flochten. Ein Lazarettkalfaktor mußte stark sein, um die Toten abzuholen und tragen zu können. Zu meiner Zeit war das ein Metzger. Der Gehilfe war ein Gastwirt. Der Chef war ein Sanitätswachtmeister, für den es nur Gesunde, Tote und Simulanten gab, der schwer Fiebernde niederschlug und von allen gehaßt und verachtet wurde. Es soll auch einen Arzt im Zuchthaus gegeben haben. Wir nannten ihn Dr. Fernseh. Einige haben ihn gesehen, aber die galten als Aufschneider. Bei uns wurde ohne Arzt gestorben. Es ging sehr gut. impertin tern, di Gesichte die sen rosig- bl saß die Naziau der me Es u den sie Weltki wenn j alle um Punkt 2 ber. Es die stol die ge Sie gehörte einem großen Opernballett an, das heute Abend vor Hitler tanzen mußte. Sie war klein und zierlich, und sie hatte zu mir gesagt: ,, Ich schmuggle dich schon durch den Künstlereingang hinein!" Und nun saß ich im festlichen Saal des Münchener Künstlerhauses unter Hunderten von Künstlern, es war am letzten ,, Tag der deutschen Kunst" vor dem Krieg, und drüben saß er auf einem Sofa. Es saßen dort die graugesichtigen Nazi- Paladine Himmler, Epp, Goebbels, Speer und andere. Speer lehnte zu seiner Rechten auf dem Sofa, die andern rund um den Tisch. Am Nebentisch saßen in weißen Uniformsmokings die SS- Adjutanten mit jener 212 sicht Abe nahm sich saẞ sprach tete e Ergebe liebter sierte, Die der Fr mit ih Das heißt rben, wenn Ärzte sein, Gefangenen Ein Lazaabzuholen s ein Metzar ein Sani Tote und schlug und auch einen ten ihn Dr. galten als en. Es ging , das heute und zierlich, dich schon Münchener Tern, es war Krieg, und die graugebels, Speer f dem Sofa, ch saßen in mit jener impertinenten Strammheit in den gedankenarmen Gesichtern, die der Inbegriff der Herrenrasse war. In diesen Gesichtern stand keine Idee, kein tragischer Impetus, nicht die sensible Leuchtkraft des Geistes, sondern nur das rosig- blonde, servile Ruckzuck präziser Kommandos. Hier saß die arische Maschinerie Germaniens, der flitzende Naziautomatismus jener glattrasierten Barbarei, die aus der menschlichen Vereisung stammt. Es war ein sonderbares Schauspiel. Wenn der Mensch, den sie Führer nannten und der heute abend das schlichte Weltkind mit den gutartig erstaunten Augen spielte, wenn jener Mensch einige Worte sprach, so beugten sich alle umsitzenden Paladine ergeben vor, alle auf denselben Punkt zu, den Mund des Gewaltigen mit der Fliege darüber. Es war, als habe ein warmer Wind der Ergebenheit die stolzen Halme lautlos gebogen, so daß ich nur noch die gefalteten Specknacken unserer Reichsführung zu Gesicht bekam. Aber es blieb nicht dabei. Der dickgesichtige Hitler nahm die Ergebenheitswelle auf, und er seinerseits beugte sich diskret jenem Speer entgegen, der rechts von ihm saß und gelegentlich einige artig gelangweilte Worte sprach. Was an Huldigung dem Hitler entgegenwogte, leitete er an Speer weiter, es war eine Art Staffettenlauf der Ergebenheit. Es schien Speer eine Art Bewunderter, Geliebter zu sein, und er war es, der die Huldigungen kassierte, als seien sie Kleingeld. Die Bestie blieb von zehn Uhr abends bis fünf Uhr in der Frühe, Saft trinkend, gedunsenen Gesichts, träge und mit ihm seine Kumpane. Ich ließ während der ganzen Zeit 213 kaum einen Blick von ihnen, ich saß etwa zehn Meter von ihnen, und als ich ihn lange ansah, wurde ich immer mehr sein rasender Feind. Der uniformierte Fluch Europas saẞ dort auf dem Sofa, ein häßlicher, tückischer Pascha, dessen Harem seine Armee war, der Herr von Millionen Maschinen- Pistolen und der Magus von sechzig Millionen deutschen Herzen, grau, schlaff, mit halbgeschlossenen Augenlidern, ein orientalischer Götze im Smoking mit jener bescheidenen Brutalität, die unser Volk an ihm liebte. bedeute mit? Es es einen Ach nebene fünfte dabei Es - An einem der furchtbarsten Tage, als wir, vor Hunger fast taumelnd, im Wald Bäume fällten, unbarmherzig angetrieben, frierend im nassen Schnee, in dem wir bis zur Wade herumstampften, blau im Gesicht, der graue Dezembersturm riß an unseren dünnen, abgeschabten Lumpen, an einem solchen Tag weinte der starke Franz. Er stand von Verzweiflung geschüttelt an einer Kiefer und heulte laut, wobei er das Gesicht an die Rinde preẞte. Der Hunger quälte uns entsetzlich. An diesem Tag hörten wir ein sonderbares Singen durch den Sturm, daraus wurde ein Rauschen, dann ein Donnern. Es kam von oben, und dann sahen wir sie in den schwankenden Wipfeln dieses unendlichen Waldes. Sie waren winzig, sehr hoch, silbrig schimmernd, viele, viele. Es waren die Amerikaner. Das Dröhnen war ganz nah. Wir starrten alle nach oben, zitternd vor Elend, und der starke Franz starrte auch nach oben. Ja, da waren sie. Er weinte nicht mehr. Wir sahen sie zum erstenmal. Da fragten wir uns: was 214 den H Innen wir de keiten, eingeha zu spie nicht auf m mich nahm Als br gebun will il heißt Wi ren e zehn Meter ich immer Fluch Eurokischer Paerr von Milvon sechzig mit halbgeStze im Smoser Volk an vor Hunger mherzig anwir bis zur der graue geschabten tarke Franz. einer Kiefer Rinde preßte. sem Tag hörturm, daraus am von oben, Wipfeln die sehr hoch, ie Amerika en alle nach Franz starrte nicht mehr. Fir uns: was bedeutet das? Wo ist der Krieg? Wie mag es stehen damit? Es gab noch etwas außer unserer Not. Irgendwo gab es einen Krieg. Ach, die riesigen Liftflure, in denen Dutzende von Lifts nebeneinander halten, anfahren: Expreßlifts, die jedes fünfte Stockwerk stoppen, und Lokallifts. Alles lautlos dabei summendglitzernde Liftbahnhöfe. Es schießen die Häuschen sechzig Etagen hoch in den Himmel hinein und sinken flink und weich zurück. Innen stehen wir alle, und wenn eine Lady eintritt, ziehen wir den Hut, bis sie aussteigt. Es gibt gewisse Höflichkeiten, die in diesem Land mit chinesischer Akkuratesse eingehalten werden. Ich versuchte einmal, den Europäer zu spielen, las angestrengt ein Plakat und nahm den Hut nicht ab. Ich fühlte bald eine steinerne Last von Blicken auf meinen Schultern und drehte mich um. Sie sahen mich streng an, etwa vierzig Männer und die Dame. Ich nahm den Hut ab. Als ich Holzfäller war - ich war es einen Winter lang -, brachte unser Aufseher eines Tages an sein Rad angebunden einen schwarzen Dorfhund mit. ,, Der Bauer will ihn los sein. Ihr könnt ihn kochen", sagte er. ,, Molly heißt er." Wir waren zwölf Gefangene in Leinenlumpen. Wir froren entsetzlich, wir hungerten den ganzen Tag. Mittags 215 wurde uns in den riesigen Wald ein Kessel Suppe gebracht, der aus zwölf Litern Wassersuppe bestand. Dann wärmten wir uns einige Minuten am Feuer. Wir arbeiteten den ganzen Tag im nassen Schnee, der bis zur Wade reichte, mit Axt und Schrotsäge. Wir waren alle gierige, verwahrloste, kräftige und zerlumpte Männer. Ein Metzger unter uns lockte den Hund an sich, der wedelnd an ihm hochsprang. - Als ich gerade mit meinem Sägepartner eine Dreiundzwanzigmeter- Kiefer umgeschnitten hatte. sie fallen zuerst pfeifend, dann rauschend und sterben dann mit einem breiten, vielfältigen Krach, daß der Boden ein wenig bebt, wenn man wegläuft, hörten wir in der plötzlichen Stille den Aufschrei des Hundes, dem ein Jaulen folgte. Ich schwor, keinen Bissen von dem Hund zu essen, der Molly hieß. Mittags standen wir mit unsern Blechnäpfen am Feuer, die gierigen, wilden Zuchthausgesichter unrasiert und elend, von den Flammen beleuchtet. Es roch wundervoll nach Braten. Der polnische Metzger reichte mir auf meine Weigerung einen Löffel hin. Zum Probieren. Ich kostete. Ich aẞ meinen faustgroßen Teil in der Wassersuppe, wir alle aßen mit jenem seligen Heißhunger der Verdammten. Fleisch! Wir wurden satt. Wir waren fast betrunken vor lauter Sattheit. Unsere geschwollenen, blauen Hände zitterten noch von der schweren Arbeit, aber wir lachten satt und kläglich und pfiffen vor Vergnügen. Übrigens erbrachen sich nachmittags zwei Mann. Nicht aus Widerwillen, nein, es war einfach das Ungewohnte. Es war zuviel Fleisch. 216 Wir Abend starrter doch di Als den vi ich, da empfa kamen Frauen herein ihr bür gatte, i kreuze müsse gezitt Münd wie e De Atem ging durch dann des de einen schlaf sah S Suppe gestand. Dann r arbeiteten zur Wade alle gierige, Wir kehrten mit dem Hochmut von Königen an jenem Abend in die Anstalt zurück. Alle anderen Gefangenen starrten uns neidisch an, als seien wir Götter. Waren wir doch die, die einen Hund gegessen hatten, der Molly hieß. . Ein Metz wedelnd an ne Dreiund. sie fallen dann mit ein ein wenig plötzlichen ulen folgte. essen, der Blechnäpfen chter unra tet. Es roch zger reichte . Zum ProBen Teil in eligen Heiß en satt. Wir Unsere ge der schwe und pfiffen mittags zwei einfach das Als ich bei Hitler uneingeladen zu Abend aß und unter den vielen Künstlern des Dritten Reiches saß, bemerkte ich, daß gegen Mitternacht der Allgewaltige die Frauen zu empfangen geruhte. Die Adjutanten flitzten, und dann kamen durch den langen Gang des Saals die führenden Frauen Münchens hereingerauscht. Sie huschten hochrot herein mit einer fahlen, aufgedonnerten Emsigkeit, daß ihr bürgerliches Fett bebte, jede eine sturmerprobte Fregatte, im warmen Wind der Führerverehrung wonnig aufkreuzend. Die Modesalons und Friseurläden Münchens müssen seit Monaten unter dem Sturm der Vorbereitungen gezittert haben. Und nun verhielten die Meisterwerke Münchens mit Wimpeln, Taft und Duft vor Hitlers Tisch wie eine Rotte stolzer, glucksender Hennen. Der tolle Moment war gekommen. Und ich hielt den Atem an, eine der mächtigen Fregatten nach der andern ging mit einem mächtigen Beinkratzer in die Tiefe, wodurch eine Art kurzatmiger Hofknicks zustande kam, und dann haschten die ,, deutschen Frauen" nach der Hand des deutschesten aller Deutschen und einige drückten ihr einen glühenden Kuß auf. Es war eine dicke Hand, die schlaff vom Tisch hing, weich und weiß wie geeitert, ich sah sie genau. 217 Er aber, der sitzenblieb, schenkte ihnen zuweilen einen gelangweilt- milden Blick, indes er weiter mit Herrn Speer sich unterhielt. Ich trank rasch einen kräftigen Schluck, um mich zu vergewissern, daß ich nicht in einem barbarischen Kraal weilte, sondern mitten in unserem geliebten Vaterland. Aber der Wein schmeckte bitter, denn der Ekel ist bitter. Schmitt 88 hieß ein alter Zuchthäusler, der seine Lumpen in einer gewissen malerischen Art um sein heruntergekommenes Gerippe drapierte. Er war draußen Musiker gewesen, Trompeter, Künstler also, wie er sagte. Er wog vielleicht achtzig Pfund und es gab nur eine Passion für ihn, das war das Rauchen. Er drehte sich eine Tüte aus Zeitungspapier, in die er allerlei Abfall, Kirsch- oder Kartoffelblätter stopfte und das Ganze mit tiefen Lungenzügen rauchte. Jeder Gefangene erhielt ein briefmarkengroßes Stück Fett jede Woche, und wer eine Zigarette rauchen wollte, tauschte sein Fett dagegen. Es gab eine ganze Anzahl dieser Unglücklichen. Sie starben. Erfahrene Zuchthäusler sagten zu Schmitt 88: Wir h nige sag konnten ,, Wenn du so weitermachst, bist du in einem halben Jahr tot." ren zuv selber a dazugeh Der alte Musiker lachte, er behauptete, in der Suppe sei sicher etwas Fett. Er müsse rauchen, seine Margarine brauche er nicht zum Leben. Nach einem halben Jahr war er tot. 218 In Bo als Dra Zeitunge träumte. an der Theater mich ein beneide vor der mehr. ter w Bonn Das fieber Kaffee Als außer einen eilen einen Herrn Speer m mich zu schen Kraal Vaterland. el ist bitter. Wir hörten es, als wir von der Arbeit kamen, und einige sagten: ,, Na also", das war der ganze Nachruf. Wir konnten nicht bei jedem Toten Gefühl anwenden. Es waren zuviele Tote in jenen langen Jahren. Und wir hatten selber alle Hände voll zu tun, daß wir nicht eines Tages dazugehörten. seine Lumn herunteren Musiker te. Er wog Passion für e Tüte aus Kirsch- oder efen Lungenbriefmarkenne Zigarette Es gab eine rben. Erfah inem halben ader Suppe e Margarine In Bonn sitze ich täglich im Theater- Café, um dort als Dramaturg des Bonner Theaters und cand. phil. die Zeitungen der großen Welt zu lesen, von der ich so viel träumte. In jener Zeit war ,, U- Boot S 4" zur Uraufführung an der Berliner Volksbühne angenommen, und andere Theater schlossen sich der Uraufführung an. Es war für mich eine Zeit wilder, rabiatester Spannung. Die Kollegen beneideten mich, die Studenten waren erstaunt. Ich stand vor der mündlichen Doktorprüfung, aber ich paukte nicht mehr. Sie war mir gleichgültig geworden. Einige Theater wollten sich an der Uraufführung beteiligen, auch Bonn, wie mir der alte Intendant auf dem Flur mitteilte. Das war noch nie dagewesen. Ich saẞ sprungbereit und fiebernd. Die kleine, niedliche Paula brachte mir den Kaffee, und ich blieb ihn ihr meist schuldig. Als ich in der Dachpappenfabrik arbeitete, gab es dort außer uns fünf Zuchthäuslern einen Kriegsgefangenen, einen Franzosen. Er hieß Gaston. Er war schlank, stark, 219 geschickt und intelligent, und einer der bestaussehenden Männer, die ich je kennengelernt hatte. Er war eine Art Vorarbeiter und unser aller Kamerad. Er ging abends allein in sein Lager und nahm heimliche Briefe an unsere Angehörigen mit, die er in der Dunkelheit in den Kasten steckte. Er gab uns von seinem Essen ab. Er sorgte für uns und hatte stets gute Laune, und dann sang er alle Baritonpartien der Welt, und kleine zärtliche Pariser Lieder trällerte er beim Abtragen der Rollen, die immerhin siebzig Pfund wogen. Manchmal brachte er uns heimlich eine Zeitung mit, was die Deutschen nicht taten. Wir lasen sie heimlich und gierig. Und schließlich brachte er uns Briefe von zu Hause. Die Geliebte schrieb uns durch Gaston. Er war ein Mann wie ein Fest, ein französischer Kamerad der Menschlichkeit. Gruß ihm! 220 aussehenden war eine Art ging abends riefe an unTheit in den rgte für uns er alle Ba ariser Lieder Das meiste Leid kommt daher, daß sich so wenige Menschen auf das Vergessen und das Vergessenwerden einrichten. merhin sieb Zeitung mit, sie heimlich iefe von zu on. Er war amerad der In New York bekam ich von meinem Boß den Auftrag, achtzig Zeilen über Miß Amelie Plucker zu schreiben. Ich fuhr in das Funeral- Home, wo sie aufgebahrt lag. In der Kapelle sprachen einige Verwandte und der Reverend. Der Sarg stand offen vor dem Rednerpult in lauter Blumen. Sie war eine bekannte Wohltäterin gewesen. Auf den Kirchenbänken, auf denen wir alle saßen, lagen Papierfächer gegen die Hitze. Mit blumenreichen Wendungen pries sich Campbells Funeral- Home als das beste und billigste in schönen Buchstaben darauf an. Schließlich gingen alle am Sarg vorbei, in dem Miẞ Plucker in einem hellgrauen Abendkleid lag, schön frisiert und geschminkt. Man hatte sogar ein Lächeln in das Gesicht gedrückt. Sie sah aus wie eine leicht ermüdete Ballmutter. Mir fiel ein, daß Campbell die Parole erfunden hatte, in Schönheit zu sterben. Diese Parole hatte den armen schottischen Einwanderer zum Millionär gemacht. Viele wollten in Schönheit sterben. In diesem FuneralHome standen einunddreißig Särge, jeder bekam eine Stunde für die Leichenfeier. Man brauchte nach dem letzten Atemzug des Verblichenen nur anzurufen. Alles andere besorgte Campbell. Auch die Anrufe bei der Presse. Ich schrieb die achtzig Zeilen abends im Reportersaal, aber ich hätte ein Buch schreiben können vom Tod in der Welt. 223 Sie hatten am letzten Tag dreizehn Politische ausgesucht, die mit allen Sachen früh in der eisigen Dunkelheit auf dem Hof standen. Wir sahen sie beim Appell zum ersten Mal in Zivil mit ihren kleinen Koffern, frierend und miẞtrauisch. Wir standen einige Hundert in der grauen Frühdämmerung, vor uns rannten die Wachtmeister auf und ab. Wir konnten nicht mit ihnen sprechen. Sie zuckten die Schultern, sie wußten nicht, was man mit ihnen vorhatte. Es waren die letzten Tage vor dem Zusammenbruch. Plötzlich kam mit blinkenden Scheinwerfern ein Lastwagen auf den Hof gerollt. Aha, der Transport. Aber es sprangen keine Schupos vom Wagen, keine Wachtmeister, sondern Zivilisten, Gestapo. Da wurden wir still. Die Zivilisten zogen Handfesseln aus ihren Manteltaschen und fesselten die dreizehn. Dann mußten sie auf den Wagen steigen und der Wagen fuhr hinaus. ,, Die andern neun morgen!" rief einer der Gestapoleute. Die Gefangenen sahen uns neun restliche Politische verstohlen an. Morgen sollten wir dran kommen. Aber als es morgen war, kamen die Russen. Zeiten de geht träg tet der w weißen ich mich trinke e zu. Nac etwas z trinken blauen M der Hori stellt. Ab voller St Meine ich auf anderer Plötzli der, la zehn N Aufseh flügel antrete Nachmittags hänge ich mir die Jacke über die Schulter und steige durch die Weinbergpfade, die von den Römern her noch gepflastert sind, hinauf in die Stadt. Ueberall leuchten Rosen und tausend südliche überschwengliche Blüten. In den Weinbergen singen träge einige Frauen. Manchmal finden sie in der Erde noch eine Münze aus den 224 halbver seher s war ges Unte Kutsch Fei Weisenbo ausgesucht, nkelheit auf zum ersten nd und mißgrauen Frühster auf und Sie zuckten it ihnen vor ammenbruch. ern ein Last port. Aber es Wachtmeister, still. Die Zitaschen und den Wagen Gestapoleute. The Politische men. Aber als r die Schulter den Römern adt. Ueberall schwengliche inige Frauen ünze aus den Zeiten des Tiberius. Ich bin allein, es ist heiß, und man geht träge und glücklich hinauf. Im Städtchen Capri wartet der winzige, romantische Marktplatz mit fremdartigen, weißen Häuserchen wie eine Operndekoration. Dort setze ich mich an einen der Tische, die vor der Cafeteria stehen, trinke einen Espresso und sehe dem Treiben der Leute zu. Nachher wird mir Giovanni in der Osteria Savoia etwas zu essen geben, und dann werde ich etwas Wein trinken und zusehen, wie drüben am Horizont über dem blauen Meer die Lichter Neapels anfangen zu glitzern, bis der Horizont ein funkelndes, schimmerndes Gebirge darstellt. Aber dann ist auch schon der italienische Himmel voller Sterne. Meine letzte Arbeitsstunde im Dritten Reich verbrachte ich auf dem Müllabladeplatz von Luckau, wo ich mit zwei anderen gelbbestaubten Gefangenen den Müll planierte. Plötzlich ging die Alarmsirene. Es war ein gleichbleibender, langer Ton. Er hörte nicht auf, er dauerte vielleicht zehn Minuten. Wir wußten nicht, was es bedeutet. Unser Aufseher dagegen wurde nervös. Er legte den Sicherungsflügel seines Gewehres herum. Wir mußten sofort antreten und abmarschieren. Der Metzger hatte einige halbverfaulte Kartoffeln im Müll gefunden, und der Aufseher sah, daß er sie rasch einsteckte. Er tobte nicht. Was war geschehen? Unterwegs hörten wir einen eiligen Radfahrer einem Kutscher zurufen: ,, Feindalarm!" Weisenborn, Memorial 15 225 Was ist Feindalarm? Ein besonders schwerer Luftangriff? Luftlandetruppen müssen es sein. Wir waren unruhig. Wir dachten vergeblich nach. Wir sahen Männer an einer Straßensperre arbeiten. ,, Knall die Hunde doch ab!" schrie einer unserem Posten nach. Der Posten hatte ein eigentümlich helles, verbissenes Gesicht. Wir marschierten zum Zuchthaus, und die Tore schlossen sich dröhnend zum letztenmal hinter uns. In der Schleuse flüsterte uns der Kalfaktor zu: Der Russe ist da! Wir glaubten es nicht. Immer diese verdammten Parolen, die uns schon so oft bitterlich enttäuscht hatten. Die Russen waren da! drüben vielen, sterlöch die zum Elends meister hausho der Pf Ein schinen Der Fei Wir rasend der, sch Soldate Erde u gerann Wir fuhren oft über die herrlichen Waldstraßen zum Sakrower See und aßen dort auf der Terrasse. Dann gingen wir spazieren und legten uns an einen menschenleeren grünen Hang zwischen Wald und Wasser. Der See ist einer der schönsten, die es hier gibt, und wir wurden braun von der Sonne und die Lippen rot von den Küssen. Es ist lange vorbei. der K gefol lacht Als elegan fuhre Und dann war es soweit. Morgens gegen sieben Uhr hörten wir vierzig Außenarbeiter ein wildes hundertstimmiges Gebrüll von draußen. Aus dem Fenster sahen wir 226 ten u platz noch erer Luftan ar waren un ahen Männer iner unserem Gimlich helles, m Zuchthaus, um letztenmal Kalfaktor zu: s schon so oft dstraßen zum asse. Dann ginn menschenlerser. Der See if nd wir wurde von den Küssen en sieben Uhr es hundertstim aster sahen wir drüben den mächtigen Bau des Zellengebäudes mit den vielen, kleinen vergitterten Zellenfenstern. In den Fensterlöchern drängten sich bleiche Köpfe und weiße Arme, die zum Tor hin winkten wie viele weiße Grashalme des Elends im Wind. Wir überrannten unseren Hauptwachtmeister und hinunter. Auf dem riesigen, leeren Zuchthaushof stürzten von allen Seiten einige Gefangene alle der Pforte zu. Und dort stand er. Ein riesiger Rotarmist mit Lammfellmütze und Maschinenpistole stand auf dem Hof, schrie und winkte. Der Feind? Der Befreier! Wir waren bald Hunderte von Gefangenen, die sich wie rasend gebärdeten. Sie schluchzten, sie umarmten einander, schrien und sprangen hin und her. Sie drückten dem Soldaten die Hand und küßten ihn. Einige saßen auf der Erde und weinten. Und immer mehr kamen keuchend angerannt. Der Russe lachte mit weißem Gebiẞ, ein Bild der Kraft. Dann gingen einzelne Soldaten in die Gebäude, gefolgt von vielen Gefangenen, die schrien, sangen und lachten. Als sie endlich ihren eigenen Wagen, den schwarzen, eleganten Adler- Zweisitzer mit roten Lederpolstern hatte, fuhren wir über die Autobahn nach P. Irgendwo wollten wir im Wald Halt machen. Ich sah einen Parkplatz und sagte ihr: ,, So, da bieg ein und stoppe." Sie war noch unsicher, brauste mit 80 Kilometern auf den Park227 platz und bremste scharf, der Wagen tanzte wie ein Wilder. Ich sagte: ,, Gas geben!" Sie gab Gas und fuhr weiter. Sie war ruhig und etwas blaß geworden. Das gefiel mir. Sie hatte das Tempo unterschätzt, aber dann schnell und kalt reagiert. Als wir am nächsten Parkplatz hielten, lachte sie. geprüge ein wild sabbat chen s Wir In das totenstille Zellengebäude mit seinen spiegelnden Fluren, die wir nur in Strümpfen betreten durften, drangen wir ein, eine Meute rasender Gefangener in der Stunde der Befreiung. Hier war das Reich des schrecklichsten Aufsehers, eines kleinen, drahtigen Bullenbeiẞers, der ,, der Schreckliche" hieß, Quäler und Schläger Nummer 11 Hinter vielen Zellentüren klopfte und rumorte es in allen vier Stockwerken. Es war ein toller Lärm. Wir schrien nach dem Schrecklichen. Überall rannten sie, um ihn zu finden. Dann brachten sie ihn, aschgrau, erbärmlich, mit zitterndem Unterkiefer. ,, Hier sind die Schlüssel!" stammelte er. ,, Aufschließen!" brüllten wir. ten un nen. I die He Er schloß die erste Zelle auf, und wie drei Panther flogen drei Männer aus der Zelle und ihm an den Hals. Wir trennten sie. Er mußte die nächsten Zellen aufschlieBen. Einige Gefangene traten weinend aus ihrer Zelle, einige weiß im Gesicht wie betäubt, einige rasend. Und die meisten schlugen ohne Besinnung auf den Mann ein, der die Wehrlosen jahrelang bis aufs Blut schikaniert und 228 rasten. sausen unbesc tow tro bog de sam l den V tiefe und im Gesi Di Eing raus. erste hu d wie ein Wil fuhr weiter. s gefiel mir. schnell und platz hielten, geprügelt hatte. Schließlich waren alle Zellen offen, und ein wildes Chaos entstand im Zellenhaus, ein toller Hexensabbat von sechshundert Männern! Von dem Schrecklichen sah ich nichts mehr, als ich ging. mspiegelnden durften, dranin der Stunde hrecklichsten Bers, der ,, der mer 11 Hines in allen dem Schreck. Dann bracherndem Unterdrei Panther an den Hals. llen aufschlie ihrer Zelle, rasend. Und en Mann ein, chikaniert und Wir stiegen in den langen, starken Wagen. Wir freuten uns unbändig, endlich wieder uns austoben zu können. Ich fuhr im Hundertzwanzig- Kilometer- Tempo über die Heerstraße hinaus, deren Lichterketten an uns vorbeirasten. Das schöne rauschende Singen des Wagens, der sausende Wind, die schneehelle Mondnacht. Es war eine unbeschreiblich schöne Fahrt. In der Waldhütte vor Gatow tranken wir Kognak. Dann kehrten wir um. Aber ich bog den Weg nach Schildhorn ein, der in der Nacht einsam lag. Das grelle Licht der Scheinwerfer zitterte durch den Wald, bis ich vom Weg abbog und mitten durch den tiefen Schnee tief in den Wald hineinfuhr. Dann hielt ich und drehte alle Lichter aus. Sie lachte. Es war sehr warm im Wagen durch den kleinen Katalytofen. Ihr bleiches Gesicht näherte sich mir wie eine kleine, erregte Wolke. Die Rotarmisten hatten alle Türen geöffnet, aber das Eingangstor hielten sie besetzt und ließen niemand heraus. Wir waren Herren des Zuchthauses, aber in den ersten Stunden gab es nur das gespenstische Tohuwabohu der Raserei. Im fahlen, regnerischen Aprillicht lagen. 229 Betrunkene auf dem Hof, von überall her ertönte das Gebrüll der Aufseherjagd. Jetzt waren sie die Gejagten. Einige Gefangene hatten bereits ihre Zivilanzüge angezogen. Andere schleppten einen Sterbenden über den Hof. Hier kam eine Gruppe mit russischen Zigaretten, hier eine mit einer Flasche Schnaps. Hier erbrach sich einer. Hier wurde ein früherer Kalfaktor verprügelt. Hier flogen. Papiere aus einem Bürofenster. Dort klirrte Glas. Dort brach eine Tür. Aber alle trugen einen irren, hektischen Glanz im Gesicht und den Wahn im Auge, die armseligen, verfrorenen, verhungerten Elendsgesichter. 230 ie Gejagten. ber den Hof. ten, hier :h einer. +, Hier flogen e Glas. Dort n, hektischen „ armseligen, TEEN Es ist in entscheidenden Stunden besser, ein schlechtes Gedächtnis und ein gutes Urteil zu haben als umgekehrt. Es war ein sonderbares Gefühl, als um acht der rote Riesenvorhang vor Europas größter Bühne hochging, ich sah im Geist sechzehn Vorhänge nacheinander aufgehen, denn sechzehn Theater spielten heute abend zum ersten Mal das Stück. George war großartig, auch die Straub. Der Beifall dauerte endlos. Als ich auf die Bühne kam, sah ich ein wogendes Meer von aufgeregten Gesichtern und hörte ein Donnern vom Trampeln. George zerrte mich mit schweißnasser Hand heraus und zurück. Einmal hörte ich eine Frau in einer der ersten Reihen etwas rufen. Hinter der Bühne gab mir Piscator seine Telefonnummer, ich möge ihn anrufen die nächsten Tage. Es war sehr sonderbar. Ein Mann mit wundervollem Gesicht, Fehling, umarmte mich und sagte vergnügt: ,, Aber den Mond lassen Sie das nächste Mal weg." Ich habe später andere Premieren erlebt, aber ich war nie so verwirrt, so wie im Traum, wie damals. Kaum waren unsere Türen offen, begann aus allen Häusern der Sturm auf die Küche. Hunderte drangen in die Küche, in die Bäckerei, in die Keller ein. Die Brote flogen von den Regalen, die Gebisse schnappten zu. Wie betend stand mancher, der ein Brot wie ein Kind in beiden Armen hielt und biẞ weinend von oben hinein. Hunderte kämpften untereinander im Keller. 233 Sauerkrautfässer wurden zerstampft, Sirupfässer platz- Ich sa] ten und die Gesichter tauchten in die dicken Lachen am«die| _ Boden und sogen. Ein halbes Rind hing von der Decke. eine du Die Männer sprangen hinauf, klammerten sich im Reit- daß mar sitz an das Fleisch und bissen hinein. Eine Traube von konnte, Männern hing an dem Rind und biß und biß und würgte. Einige bissen in Margarinewürfel durch das Papier, sie fraßen einen ganzen Würfel auf mit stieren, zitternden Augen. Schließlich fiel das Rind vom Haken in Sirup und| Sauerkraut und zerstampfte Brote. Und die Männer balg- Bine| ten sich, stießen und warfen sich zu Dutzenden in Ver- Ungenen zückung über das Fleisch und stöhnten und würgten und“ P röchelten. Ein dumpfes, stampfendes Geräusch war das Ba einzige, was aus dem Keller nach oben drang, das dumpfe a Murren eines gewaltigen Tieres mit hunderten von Beinen, n= eines stampfenden Tausendfüßlers, das Tier hieß Hunger. den ii auf de durchz Ich belegte den Mikroskopierkurs und sah ungewohnte _ Ereignisse. Der Institutsdiener schnitt mit einer Schere Fröschen den Kopf ab, stach eine Nadel in das Rückgrat, löste ein winziges Stück Haut aus dem Rachen des Fro- sches, und der Professor erklärte der Schar von weißbe- ) kittelten Studenten die Vorgänge im Mikroskop. Man sah h, ein Feld von grünlichen Halmen, die von einem unerklär- Yen, lichen Wind bewegt wurden. Das Ganze in grünlich-gla- Bley. sigem Licht. Kuzig 234 fässer platz- ı Lachen am 1 der Decke. ich im Reit Traube von und würgte. s Papier, sie ,, zitternden in Sirup und Männer balg- ‚nden in Ver- würglen und ch war das las Jumpfe von Beinen, hieß Hunger: Ich sah, daß im Physiologischen Institut einem Karnik- kel die Bauchwand weggenommen und an deren Stelle eine durchsichtige Membran eingefügt worden war, so daß man die Bewegungen des Darmapparates verfolgen konnte. / Eine Stunde, nachdem wir befreit waren, trat das Ge- fangenenkomitee im Büro des Zuchthauses zusammen. Sechs politische Häftlinge: Bäckerfranz, Jupp, Alfred, Alex, Paul und ich. Da uns ein Kapitän gesagt hatte, daß wir noch nicht sofort entlassen würden, mußten wir unbedingt das Chaos im Zuchthaus beseitigen. Wir riefen unsere Freunde, lie- ßen die Küche räumen und forderten in einer Ansprache auf dem Zuchthaushof alle auf, eine gewisse Ordnung durchzuführen, die unsere eigene Ordnung sein sollte. Wir waren tausend Mann. Es mußte gekocht, die vie- len Kranken mußten behandelt werden. Der Schmutz mußte beseitigt werden, die Aufseher gefangengesetzt, die Zivilkleider, die Wertsachen ausgehändigt, die Akten sichergestellt, soweit sie noch vorhanden waren. Wir sechs mußten acht Tage lang das tun, wozu bisher ein Personal von achtzigMann im Zuchthaus nötig war. Wir schafften es. Sauberkeit kehrte ein, streng kontrolliert, das völlig verwüstete Lazarett wurde wieder eingerichtet, es gab gutes Essen, zwei Liter pro Mahlzeit, und die Effekten, Anzüge und Wertsachen wurden ausgehändigt, ohne daß 235 es zu einer Klage kam. Wir führten offene Hofstunden ein, in denen es Konzerte gab und regelten den Tagesablauf durch Glockensignale. Die üblen Kriminellen wurden kurzgehalten von den anständigen Gefangenen. Wir verwalteten uns selbst, wir trugen die Schlüssel, ein Traum war Wirklichkeit geworden. war ihre tät dahin lust war bakpfeif wie in d Gefange schwieg weiche, glaubte, jedoch Dann gemeins einem G den Gef Drei Jahre lang lebte unser Sohn bereits in den Briefen, die wir einander schrieben, ehe er Gestalt wurde. Drei Jahre lang irrte er in schmutzigen Gefängniskuverts durch Deutschland, von Moabit nach Sorenbohm, von Sorenbohm nach Luckau, von Luckau nach Potsdam. Und wer von uns beiden den Brief öffnete und vom Sohn las, der lächelte glücklich in aller Finsternis. Er plapperte hinter Gitterstäben und kreischte in der lautlosen Zelle. Er kam erlebniswarm von der Mutter und schwatzte und grüßte aufgeregt von ihr. Er war wie ein Lichtstrahl, der über die von Tränen verwaschenen Tintenzeilen fuhr und mir direkt ins Herz. Er war die vorausgenommene Freiheit, die geflüsterte Zukunft, die warme Erwartung. Er war der Sohn, der uns Bote war und Glück, bevor er in die Welt eintrat und uns das Glück brachte. Ich Die T studer kam s lag sie Hause Wir hatten die Wachtmeister alle in den Kassenraum gesperrt, es standen sechsundvierzig Aufseher in diesem Zimmer. Sie standen dort zwei Tage und eine Nacht. Dann 236 Ein zu, da nicht ofstunden ein, n Tagesablauf mwurden kurz Vir verwalteten aum war Wirk in den Briefen, alt wurde. Drei iskuverts durch von Sorenbohm d wer von uns s, der lächelte inter Gitterstä kam erlebnisrüßte aufgeregt ber die von Tra mir direkt ins heit, die geflü war der Sohn, die Welt eintrat war ihre ganze tressen- und ordengeschmückte Martialität dahin. Ihr eisernes Gebrüll, ihre markige Durchhaltelust war geschmolzen wie eine Schneeflocke auf der Tabakpfeife. Sie standen dichtgedrängt am Kassenfenster wie in der überfüllten Straßenbahn und wurden von den Gefangenen draußen gehänselt. Einige wimmerten, andere schwiegen verbissen, die dritten hatten eine so engelhaft weiche, flehende Stimme gekriegt, daß man gar nicht glaubte, es sei der alte, wutköpfige Brüllhals. Wir ließen jedoch keinen hinaus. Dann ließen wir sie in die Zellen schaffen. Als einer der gemeinsten Hauptwachtmeister auf dem Wege dahin von einem Gefangenen blutig geschlagen wurde, ließen wir den Gefangenen ebenfalls einsperren. Ich hatte als Student ein Zimmer bei einem Zahnarzt. Die Tochter des Hauses war eine hübsche, kleine Sportstudentin, hellblond und stets vergnügt. Nach kurzer Zeit kam sie abends heimlich in mein Bett. Nach einiger Zeit lag sie nachts stets in meinem Bett, wenn ich müde nach Hause kam. Nach längerer Zeit zog ich aus. en Kassenraum seher in diesem ine Nacht. Dann Ein Gefangener kam zu uns ins Komitee gerannt: ,, Hört zu, da sind zwei Mann in der Rollkammer, die kennen wir nicht." 237 Wir gingen hin. Oben in der dämmrigen großen Rollkammer sahen hinter Bergen von Wäsche versteckt zwei Gefangene mißtrauisch dem eintretenden Trupp entgegen. Ich sah gleich, daß sie keine Gefangenen waren, obwohl sie Gefangenenanzüge trugen, denn sie hatten die dicken weichen Gesichter von freien Menschen. دو , Was macht ihr hier?" fragte ich. ,, Die Wäsche muß doch gerollt werden." ,, Das ist doch Wachtmeister Meier!" schrie plötzlich einer aufgeregt. Es war Wachtmeister M. und Oberwachtmeister B., deren Unterkiefer vor Angst zitterten. Sie waren aschgrau im Gesicht. Sie stammelten, daß sie immer anständig gewesen wären, daß sie für uns arbeiten wollten, bis ihnen die Finger wund seien. Ehe sich die andern auf sie stürzen konnten, sagte ich rasch: ,, Los, vor mir hergehen, zur Schleuse!" Wir sperrten sie in die Kasse zu den übrigen. Sie wurden nicht geschlagen. Sie hatten tausendmal geschlagen. Mitten Sturm Regen sucher Nac sechs zusam zum( zimme hellt. ihnen närer Der Gesic er au gepr Obe mit Einmal bin ich mit den anderen in zehn Tagen von Eger bis Passau durch den Böhmerwald gewandert. Ich war achtzehn Jahre alt und werde die Schönheiten des Böhmerwaldes nicht vergessen. Nachts lagen wir in unseren Zelten oder schliefen am Feuer, einer las abends aus einem Buch vor, wir schwammen im Arbersee, erkletterten bei glühender Hitze den hohen Osser und hatten eine Woche lang Regen, der uns nichts ausmachte. 238 hatte Da habe Goet fragt kes Rilk Ic Wel großen Rollversteckt zwei rupp entgegen. waren, obwohl tten die dicken Mitten im tiefen Böhmerwald riß uns nachts einmal der Sturm das Zelt weg, so daß wir bei strömendem Regen und Stockfinsternis unsere Sachen zusammensuchen mußten und das Zelt bauen. schrie plötzlich und Oberwacht tterten. Sie wa daß sie immer arbeiten woll aten, sagte ich e!" rigen. Sie wur mal geschlagen. ehn Tagen von ald gewandert die Schönhei achts lagen wir euer, einer las men im Arber phen Osser und chts ausmachte. Nachts um drei Uhr weckte mich unsere Wache. Wir sechs vom Komitee schliefen in den Büros auf dem Boden zusammen. Alex, der die Wache hatte, sagte, ich solle zum Oberst kommen. Ich ging hinüber. Das große Bürozimmer des Zuchthausdirektors war von acht Kerzen erhellt. Einige Offiziere saßen um den Oberst am Tisch. Vor ihnen saß der erste Hauptwachtmeister, ein kleiner, ordinärer Pykniker mit rundem Rücken. Der Oberst, ein älterer Mann mit einem intelligenten Gesicht fragte ihn, ob er an Gott glaube. Er sagte: ,, Ja." Ob er auch an Gott in dem Moment geglaubt habe, in dem er geprügelt habe. Er sagte: ,, Nein." Nun interessierte es den Oberst, wie der Hauptwachtmeister seinen Gottesglauben mit dem Prügeln zusammen unter eine Mütze gebracht hatte. Dann fragte er ihn, was er gelesen habe. Doch, doch, er habe gelesen. Was? Er wußte es nicht. Ob er etwas von Goethe oder Büchner kenne? Nicht direkt. Der Oberst fragte ihn, wie es komme, daß ein Beauftragter des Volkes der Dichter und Denker nicht Goethe kenne oder Rilke oder sonst einen Dichter? Ich sah es dem Hauptwachtmeister an, er verstand die Welt nicht mehr. Hier kamen die Bolschewiken, der ver239 tierte Osten und fragten ihn nach Goethe, ihn, einen preu- Bischen Strafanstaltsbeamten, nach Dichtern, die doch die meisten Deutschen seiner Art verachteten. Der Oberst fragte mich, welche Rolle ich dem Haupt- wachtmeister in einem meiner Stücke geben würde. Ich erwiderte:„Den komischen Alten.“ Ich wußte, daß der Hauptwachtmeister diese Art des Verhörs nie begreifen würde. Und erst recht nicht die Ansprüche, die der fremde Offizier an die Bildung eines deutschen Mannes stellte. 240 en preu- jie doch n Haupt- ürde, Ich Art des nicht die ung eines Die richtigen unter allen Gedan- ken vergessen zu können ist eine hohe Kunst. Es fing so an, daß sich auf irgendeiner Schloßruine die Studentenschaft versammelte. Musik und Reden wurden serviert. Schließlich steckte man einen Holzstoß in Brand. Er flammte hell auf. Ringsum in weitem Umkreis standen die bunten Reihen der singenden Studenten. Dann loder- ten Tausende von Fackeln auf, und der Fackelzug ordnete sich. Hinter der Universitätsfahne und der Musik war der Vorstand der Studentenschaft aufgebaut. Danach folgten die eingeladenen Dozenten, eine schaukelnde Halde von Glatzen. Die Brillen blinkten im rötlichen Fackelschein. Dann kamen die Korporationen, dahinter die Wilden in Zivil und irgendwo am Schluß die jüdischen Korporatio- nen. Eine unabsehbare, brennende Schlange von Fackeln. Die Fahnen wurden entrollt, ein Wald von schwarz- weiß-roten Fahnen, Kriegsflaggen, Preußenflaggen, Jung- do-Fahnen, Ordensstandarten und Hakenkreuzwimpeln. Lachende Gesichter. Aber B. plante eine Ueberraschung. Er hatte von der Universität die alte schwarz-rot-goldene Fahne von 1848 erbeten. Sie sollte auf diesem Fackelzug zum ersten Male entrollt werden. Eine Gruppe schloß sich um die Fahne zusammen, entschlossen, sie zu verteidigen. Es war eine sehr kleine Schar, wenn man die Masse der nationalisti- schen Studenten ansah. Als die alte Fahne schwerfällig und seidig im Licht sich entfaltete, staunten Tausende von Kommilitonen. Man machte sich gegenseitig auf sie aufmerksam, man entrü- 243 stete sich, empörte Rufe gingen die Reihen entlang. Man entdeckte sehr rasch, daß die Fahne nur schwach geschützt wurde. B. draußen gab das Zeichen zum Abmarsch. Musik fiel ein, der Zug setzte sich in Bewegung. Tausende von jungen Männern sangen. Eine Schlange von brennenden Fackeln zog sich den Berg hinunter. Die Blüte der Nation, Deutschlands Jugend marschierte, wie der Rektor eben dickbäuchig und mit Blut im Kopf ausgerufen hatte: ,, Werdet, die Ihr seid: die zukünftigen Führer des Volkes! Flamme empor!..." In den vorderen Reihen fing ein Geschrei an, das die Entfernung der schwarz- rot- goldenen Fahne verlangte, und das Geschrei ward Gebrüll: ,, Nieder schwarz- rot- senf!" , Runter mit dem Fetzen'!' دو Einige ji zu Hilfe ge Fahne. Di um und fo von Hohn Sie vertei len, Aeste Höllenlär Schließ Fahnen u schimpfun cher sind Dampfern und Lamp tern. Mord Räusche n ,, Hoch weht die Flagge schwarz- weiß- rot!" Von ganz hinten rollte das Geschrei wuchtig nach vorn: ,, Nieder, nieder! Nieder die Saufahne!" Steine flogen heran, Zweige, Aeste, Fackelstöcke regneten, unbeschreiblicher Tumult im Marschschritt. Die Handvoll unter der alten Flagge marschierte schweigsam im brandig- roten Licht der Fackeln. Der ganze Zug schien zu brennen. Das lodernde Pech zischte, die Fahnen knatterten; der nächtliche Wald rauschte auf. Es ist das erste Mal seit 1848, daß eine schwarz- rot- goldene Fahne in der deutschen Studentenschaft erhoben wird. Ich ha wöhnt, d bei ihrer tig unter Krankhei zweiundw Eimer be erste Dut in diesem nur einen erster sei wie imme 244 lang. Man geschützt sch. MuTausende nbrennenBlüte der der Rektor aufen hatte: des Volkes! n, das die angte, und nach vorn: stöcke reg schritt. Die schweigsam ernde Pech liche Wald arz- rot- gol ft erhoben Einige jüdische Kommilitonen kommen durch den Wald zu Hilfe gelaufen. Sie drängen sich ebenfalls um die alte Fahne. Die Juden werden beschimpft. Sie drehen sich um und fordern die Beleidiger auf schwere Säbel. Sturm von Hohn und Gelächter. Mit Juden wird nicht gefochten. Sie verteilen ihre Visitenkarten vergeblich. Ohrfeigen knallen, Aeste fliegen, Steine regnen, die Funken sprühen, ein Höllenlärm tobt. Schließlich landet der ganze Zug unten im Rheintal. Die Fahnen werden zusammengerollt. Noch fliegen die Beschimpfungen, aber schon beruhigt sich die Wut. Die Tücher sind weg, das ist die Hauptsache. Auf überfüllten Dampfern fahren die Massen den Rhein hinab, mit Musik und Lampionketten, mit Wimpeln und lachenden Gesichtern. Morgens trollt sich die Begeisterung als tausend Räusche nach Hause und wacht als Kater auf. Ich hatte mir ein ungewöhnlich rasches Essen angewöhnt, da ich mit zwei undvierzig Mann zusammenlag, die bei ihrer Einlieferung nur auf ihre Arbeitsfähigkeit flüchtig untersucht worden waren. Es waren ziemlich alle Krankheiten unter ihnen vorhanden. Zum Waschen ihrer zweiundvierzig Eßnäpfe stand für alle ein schmutziger Eimer bereit, halb mit kaltem Wasser gefüllt. Wenn das erste Dutzend sein Eßgeschirr darin gespült hatte, stand in diesem Eimer eine unbeschreibliche Brühe. So gab es nur einen Weg, seine Suppe herunterzuschütten und als erster sein Geschirr zu waschen. Man mußte eilig sein, wie immer im Zuchthaus, stets gejagt. 245 An einem Winterabend, es liegt nasser, alter Schnee, komme ich die Berge am Rhein herunter. Man sieht auf den Ebenen große, dunkle Flecken, dort ist der Schnee geschmolzen. Auch der Wald unten vor mir ist schwarz und regungslos, ebenso wie der Himmel oben. Ich habe nie einen tieferen Himmel gesehen, lastend, schwarz und kahl. Der kalte Eifelwind fährt mir entgegen. Das alles macht den Eindruck äußerster Verlorenheit, eines hoffnungslosen Ausgestoßenseins, von bitterer Trostlosigkeit. Da jedoch höre ich einen Hund bellen. Man hört ihm an, daß er hinter einem sicheren Zaun bellt. Es ist das monotone, gelassene Bellen von Hunden in der Nacht, die nicht gereizt sind und nicht kriegerisch, die einfach Laut geben, um sich gegen die Einsamkeit zu wehren. Der Ruf des Hundes hallt weithin über die Berge und Wälder, und er tröstet ein wenig. Der Schnee wird weißer, der Himmel höher, der Wald lichter und der Wind wärmer, weil ein Hund bellt, ein Freund des verlorenen Menschen in dieser beispiellosen Welt. Bald ware ödeme, sch ich meine in meinen zinmann i einige Ge und verbi stunde. Welche die sieben die verhun deren Rü schwärend worden, al nisches In Zähnen v jemand u wunden, Wir b rett, in d Ich hatte vom Gefangenenkomitee die Verantwortung für das Lazarett bekommen. Es war völlig zerschlagen, die Glasschränke waren ein Trümmerhaufen. Ich ließ aufräumen, alle Medikamente zusammensuchen und ging durch alle Gebäude, um Kranke zu suchen. Ich fand in verlassenen Winkeln noch eine Reihe vergessener Männer, stöhnend, verwahrlost und ließ sie ins Lazarett tragen. 246 Big, dere schen Ko ren zu d Es wa Soldaten schlagene Schrecke als er sa Schnee, sieht auf er Schnee schwarz Ich habe warz und Das alles eines hoffstlosigkeit. Srt ihm an, st das moNacht, die fach Laut Der Ruf Elder, und der Wald bellt, ein ispiellosen ntwortung erschlagen, hließ auf und ging ch fand in er Männer, ett tragen. Bald waren achtzig Kranke zusammen, meist Hungerödeme, schwere TBC und allgemeiner Verfall. Dann raffte ich meine sämtlichen Kenntnisse zusammen, die ich mir in meinen medizinischen Semestern in Bonn und als Medizinmann in den langen Haftjahren erworben hatte, stellte einige Gefangene ein, die Heilkurse hinter sich hatten und verbinden konnten und eröffnete eine tägliche Sprechstunde. Welches Elend! Welch unbeschreibliches Elend. Männer, die siebenundsechzig Pfund wogen, kamen zu mir, Blinde, die verhungerten und panisch um sich schlugen, Männer, deren Rücken oder Kopf halb aufgefressen waren von schwärendem Aussatz. Keiner war ernstlich behandelt worden, alle lagen in Dreck und Kälte, hungernd, ein klinisches Inferno. Ich arbeitete mit zusammengebissenen Zähnen von früh bis spät. Es war das erstemal, daß sich jemand um sie kümmerte, ihnen zuhörte, ihnen half. Diese wunden, dankerfüllten Hungeraugen im Elendsgesicht. Wir brauchten Medikamente für unser Zuchthauslazarett, in dem rund achtzig Kranke lagen, davon etwa dreiBig, deren Leben in Gefahr stand. Wir baten den russischen Kommandanten, in der Stadt Medikamente requirieren zu dürfen. Es war ein sonniger, kühler Apriltag, als ich mit einem Soldaten das Zuchthaus verließ. Wir gingen zu einer zerschlagenen Apotheke, deren Inhaber uns nach dem ersten Schrecken alles Gewünschte gegen Quittung aushändigte, als er sah, daß wir ihn keineswegs bedrohten. 247 Ich ging, beladen mit meinen Schätzen, zurück. Der Soldat, ein junger Mann, der gern lachte, brannte zwei Zigaretten an und steckte mir eine in den Mund. Ich ging wie im Traum. Der Spuk der braunen Amtswalter war verflogen. Die Stadt war gereinigt. Wir brachten die Medikamente. Die da drinnen brauchten nicht mehr zu sterben, wie sie es tun mußten, als die Nazis noch die Herren des Zuchthauses waren. Abend tau Bolero erk zarten W nach Parf macht we Tanzen. Und da ohne Begl Kamerade und ich. leichten S Die vielen Nächte, in denen S. nachts um zwei oder drei anrief, mit dunkler Stimme, leise und lockend, ich war müde und schweigsam. Der Apparat hing auf dem Flur, die andern konnten vielleicht hören, also stand ich im Dunkeln und flüsterte, und ihre Stimme im Dunkeln war erregt und leise: ,, Komm bitte her... komm doch her..." Es war soviel Lockung und Leidenschaft in dieser fernen Stimme, die hier auf dem finsteren, kalten Flur flüsterte, daß ich schließlich immer ja sagte. Jedesmal hatte sie Brote bereitgemacht, und Blumen, viele Blumen standen in ihrer Wohnung. Sie steckte ihren Kerzenleuchter an und gab mir eine Flasche Wein zum öffnen, legte kubanische Platten auf, wir tranken und ich rauchte meine Pfeife, und wir sahen uns an, und ihre Augen waren groß und dunkel. ,, Setz dich her auf die Couch", sagte sie leise, und ich setzte mich auf die Couch, und wir begannen beide zu zittern, und wir küẞßten uns, und manchmal dachte ich, diesen Körper haben nun heute 248 eigenen w waren leic wie die Z das herrl ren rasie Sonderba Wir wuf Entschlü weckt w hinter un dann die goldenen Wir ko Wir ko irgend etv heim laue . Der Solwei Zigamen AmtsWir brachten nicht die Nazis Abend tausend Leute auf der Bühne gesehen. Und Ravel's Bolero erklang leise und bittersüß. Und in dem weiblichzarten Wohnzimmer roch es nach Blumen, Bühne und nach Parfüm, und die zweite Flasche Wein mußte aufgemacht werden. Ihr Körper war hart, schmal, trainiert vom Tanzen. oder drei ich war Flur, die im Dunkeln war mm doch t in dieser alten Flur Jedesmal le Blumen rzenleuch Offnen, ch rauchte Augen waCouch", , und wir uns, und un heute Und dann kam der Tag, an dem wir zum erstenmal ohne Begleitung das Zuchthaus verließen, drei politische Kameraden vom Gefangenenkomitee, Bäckerfranz, Paul und ich. Wir gingen einfach bummeln. Mit federnden, leichten Schritten in weichen Lederschuhen, die unsre eigenen waren. Die Anzüge schmiegten sich uns an und waren leicht und trocken, nicht schwer und immer feucht wie die Zuchthäuslerkluft. Bei jedem Schritt fühlte ich das herrliche Leinenhemd, direkt auf der Haut. Wir waren rasiert, gebadet, trocken und ausgeschlafen. Und das Sonderbarste war, wir wußten nicht richtig zu gehen. Wir wußten nicht, wohin wir gehen sollten. Die kleinen Entschlüsse des täglichen Lebens mußten erst wieder geweckt werden nach jahrelangem Schlaf. Es ging keiner hinter uns her, dessen Weg wir marschieren mußten. Und dann die Zeit, dieser betäubende Reichtum an Zeit, an goldenen Minuten auf unserem Gang. Wir konnten stehen bleiben. Wir konnten an ein Schaufenster treten. Ich tat es, und irgend etwas in mir wartete mit angelegten Ohren, insgeheim lauernd auf einen Anschnauzer. Es kam keiner! 249 Wir traten in einen Laden, um nach Schreibpapier zu fragen. Es gab sich so, daß ich als erster wieder herausging. Im Laden blieb ich vor der Türe stehen und wartete gewohnheitsmäßig darauf, daß ein Aufseher die Tür aufschloß. Dann erst wurde mir klar, daß ein Mensch seine Türen selber öffnet. Dieser himmlische Genuß, eine Tür öffnen zu dürfen. ein ZweiEin U- B ihm sehr. chenserie mein Hon galt nur René, Komitee. nicht, aber Zellenhaus herrlicher mich mit e Er sagte zu mir: ,, Well, hier ist eine Acht- Zeilen- Notiz und hier ist ein Hundert- Zeilen- Artikel, machen Sie aus den acht Zeilen sechzig und aus den hundert Zeilen zwanzig! In einer halben Stunde bin ich zurück." Er ging. Ich saß im großen Reportersaal nicht weit von Brooklynbridge. Die Reporter tippten eifrig auf ihren Maschinen herum, hemdärmelig, rauchend, einige unterhielten sich. Es war ein großer, dunkler Saal, in dem die grünen Lampenschirme glühten und die Schreibmaschinen rasselten. Nach einer halben Stunde sah sich der Boß meine Arbeit an und sagte: ,, Well, morgen früh um zehn! Fünfundzwanzig Dollar die Woche. O. K." Damit ging er, und ich war Reporter in New York. Ich wurde überall hingeschickt. Nach acht Tagen sagte mir der Boß, ein kleiner, grauer, mürrischer und gutherziger Mann: ,, Bis heute um vierundzwanzig Uhr achtzig Zeilen über den Erfinderkongreß." Ich fragte ihn, wo er sei. Er sagte: ,, Ich denke, Sie sind Reporter?" Ich trollte mich. Es war ein wunderlicher Kongreß, wild, rauh, genial, barock. Ein ganzes Hotel voll von Apparaten und Dingen, die Sensation war 250 Sie hatten ein Handt und ein F endet an ich wied gante un ihre saul Mir fie in dieser derten wi hier drei grüßten u im Flur Norwegen lachten u apier zu herauswartete Tür aufsch seine u dürfen. ein Zwei- Mann- U- Boot. Ich überschrieb meinen Bericht: ,, Ein U- Boot taucht am Times- Square auf." Das gefiel ihm sehr. Er gab mir den Auftrag, von jetzt ab die Wochenserie zu schreiben. Das war ein großer Erfolg, der mein Honorar verdoppelte. Hier galten keine Papiere, hier galt nur der Mann. eilen- Notiz n Sie aus len zwanEr ging. Brooklynaschinen lten sich. nen Lam rasselten. ine Arbeit Fünfunder, und ich all hingein kleiner, Bis heute ErfinderIch denke, wunderin ganzes sation war René, ein stiller, blonder Franzose, kam zu mir ins Komitee. Er lud mich zum Souper ein. Ich kannte ihn nicht, aber er gefiel mir. Sieben Uhr abends ging ich ins Zellenhaus und suchte die Zelle 156. Sie stand offen, ein herrlicher Duft drang heraus. René und François empfingen mich mit einer feierlichen Courtoisie, die ich bewunderte. Sie hatten aus dieser Zelle ein Schmuckkästchen gemacht, ein Handtuch lag über dem Tisch. Dann gab es eine Suppe und ein Beefsteak mit Zwiebeln. Wir boten uns formvollendet an, wir schwelgten. Es war der erste Braten, den ich wieder aẞ. Aber mehr noch gefiel mir jene stille, elegante und herzliche Art dieser beiden jungen Franzosen, ihre sauberen Gesichter. Dann rauchten wir Zigaretten.\ Mir fiel unsere unwahrscheinliche Situation auf: hier in dieser Hungerzelle aßen wir Braten, rauchten und plauderten wie im Ritz in Paris. Vor zwei Tagen noch hausten hier drei Unglückliche schweigsam im Elend, und jetzt grüßten uns durch die offene Türe andere Gefangene, die im Flur spazieren gingen: Italiener, Holländer, Bayern, Norweger, Rheinländer, Spanier, und sie rauchten und lachten und aßen und warteten. 251 Auf der Praca Rocio in Lissabon ist das Steinpflaster mit Mosaiken versehen, die sonderbare Schlangenlinien enthalten. Ich entsinne mich, wie ich unter dem tiefblauen, gläsernen Himmel dort an dem herausgestellten Tisch einer Cafeteria saß, meine Pfeife rauchend, und von diesen eigentümlichen Linien nicht wegsehen konnte. Ich hatte das Gefühl, auf dem ganzen riesigen Platz rolle sich ein Riesengenist von glänzend- trägen Schlangen durcheinander, auf die durch den blauen Glassturz des iberischen Himmels tausend neugierige Augen niederblickten. Die kleinen, harten Männer Lissabons wateten träge hindurch, ich aber empfand eine furchtbare Beklemmung und fürchtete, diese durcheinanderwimmelnden Untiere könnten sich nach einer Richtung in Bewegung setzen. Ich ging eilig davon. haus und dann das sangen zu von den F haus beg brunst d teten. Dann dunkel Am letzten Tag erfuhr ich, daß einer gestorben war. Sie hatten ihn gleich neben der großen Müllgrube verscharrt. Ich ließ ihn herausnehmen, in der Tischlerei einen Sarg bauen und ihm ein Grab ausheben, das in einem abseits gelegenen, schönen Winkel des Hofes lag. Dann schrieben wir einen Spruch und ließen ihn auf eine schöne Holztafel eingraben, wie man es draußen nicht besser hätte machen können. Darauf stand, daß hier das letzte Luckauer Opfer der Nazijustiz ruhte. Wir begruben ihn feierlich. Tausend Männer umstanden das Grab, als wir vom Komitee über den Tod im Zucht252 inpflaster genlinien iefblauen, ten Tisch d von dieonnte. Ich rolle sich n durcheiiberischen ckten. Die hindurch, und fürchkönnten haus und vom Leben sprachen. Tausend Männer sangen dann das Lied ,, Brüder, zur Sonne, zur Freiheit.." Sie sangen zum ersten Mal, es schallte mächtig und ergreifend von den Kerkermauern wider. So ist noch keiner im Zuchthaus begraben worden, denn alle sangen es mit der Inbrunst der Leiderfahrenen, der Notgewohnten, der Geretteten. Dann warfen tausend Hände Erde in das Grab, als es dunkel ward. worben war. grube veralerei einen s in einem lag. Dann eine schöne icht besser das letzte umstanden im Zucht253 Jeder Mensch erlebt sein Golgatha, und die schlafenden Freunde Gethsemanes sind uns allen bekannt. Asuncion stellte ein sonderbares Menschengemisch dar. Es gab die Herren des Landes, lärmende, vornehme Kreolen, die elegant und schön über die Avenida schlenderten, geborene Großstädter, es gab die scheuen Indioblütigen, die still und demütig ihre Früchte verkauften. Es gab Mischlinge, Japaner und große, breite Europäer, die triumphgewohnt vor den Cafeterias im Schatten saßen. Alles erinnerte an eine Großstadt, aber ich hatte gesehen, daß hinter den letzten Häusern sofort die Wildnis wieder begann, daß es sich hier um eine flüchtige, oberflächliche Ansiedlung handelte. Die Stadt hatte alle Hände voll zu tun, daß sie morgen nicht wieder von der Wildnis verschlungen wurde und von den Urwäldern überwuchert. Noch fuhren jedoch die Straßenbahnen, räkelten sich gähnend die Taxichauffeure in der Mittagsglut und promenierten abends um fünf Uhr die wildgeschminkten Senoritas auf dem Korso. An diese Stadt konnte sich immerhin ein Europäer halten, aber ich wußte, daß die Rätsel des Kontinents drauBen warteten, dort, wo in der Hitze die Pferde gezähmt wurden, dort, wo die Tupi- Indianer mit Pfeilen ihren Fisch erlegten, dort, wo der Iguassu donnerte und die Gummiplantagen in der brütenden Sonne sich dehnten. Ein Kapitän der Armee ließ uns Politische zusammenrufen und bot uns an, in die umliegenden Gemeinden als Bürgermeister zu gehen. Weisenborn, Memorial 17 257 Wir sahen uns an und sagten zu. Ich erhielt vier große Dörfer in der Nachbarschaft zugeteilt, einen Ausweis, eine rote Armbinde und marschierte mit einigen Kameraden zum verlassenen Zuchthausgut, das in einer meiner Gemeinden lag. Dort hatte ich ein Jahr lang als Gefangener gelebt. Wir räumten auf, säuberten, ordneten, kochten, sammelten das verlaufene Vieh, fütterten, stellten Landarbeiter an, Flüchtlinge, Versprengte, begannen zu pflügen und brachten die Wirtschaft wieder in Gang. Es war ein herrlicher Mai. Wir waren voller Glauben und wir hofften, daß wir eine neue Welt aufbauen würden. Wir arbeiteten und lebten nach dem Gesetz der Kameradschaft aller Menschen. Und der Flieder blühte, wenn wir nach Feierabend alle auf dem Hof saßen und sangen, und die Kühe muhten im Stall, und es war Waffenstillstand, hörten wir, und der Sommer kam. Als i germeis sie ware sehr gr Dorfstr Nach Mensc einige habe i ten Do neue 2 fertig. und da ter weg schierte Wir standen im Sezierraum in Buch, das Wasser rann. Und A. hatte einen alten Mann aufgeschnitten, dessen Magen rund wie ein Fußball war, gefüllt mit Schnaps. Wir riefen auf der Station an. Ja, es sei ein alter Tippler gewesen, der zum Sterben ins Spital gekommen war. Als letzten Wunsch habe er um Schnaps gebeten. Die Schwester sei hinausgerufen worden. Als sie zurückkam, war die Flasche leer und der Alte friedlich gestorben. Der ganze Sezierraum roch nach Schnaps. Ich besah mir das Gesicht des Alten. Es war tot, weise und betrunken, ein gutes Gesicht. Er hatte eine fortgeschrittene Arteriosklerose und mächtige Kavernen. 258 Seh verlie Köln, schma blanke che do bis ab der Ta lachen von Re rüstig frische vier große sweis, eine Kameraden meiner GeGefangener en, kochten, ellten Landmen zu pflü ang. Es war en und wir rden. z der Kame lühte, wenn und sangen, WaffenstillAls ich in eines meiner Dörfer zum erstenmal als Bürgermeister kam, war es totenstill. Ich ging in die Höfe, sie waren leer. Ich rief. Es kam keine Antwort. Es war ein sehr großes Dorf, ein schönes, altes Dorf mit einer langen Dorfstraße darin. Nach einiger Zeit merkte ich, daß ich der einzige Mensch in dem Dorf war. Nicht ein Hund bellte, nur einige Hühner scharrten in einem Scheunenwinkel. Nie habe ich mich so verloren gefühlt wie in diesem geräumten Dorf, in dem ich nach den Bauern rief. Hier rief die neue Zeit, aber sie waren noch nicht mit der alten Zeit fertig. Sie hausten noch im Wald. Und plötzlich knallte es, und dann schlugen einige leichte Granaten ein, und weiter weg MG- Feuer, und es war noch Krieg. Und ich marschierte eilig davon. Hier kam ich zu früh. das Wasser fgeschnitten, gefüllt mit a, es sei ein Spital gekomnaps gebeten. ls sie zurückich gestorben. ch besah mir and betrunken, tene ArterioSehnsucht nach dem Rhein quält mich, seit ich ihn verließ. Es ist die Heimat, es ist Opladen, Bonn, das alte Köln, das Bergische Land, es sind die engen Straßen, die schmalbrüstigen Häuser mit grünen Fensterläden und den blanken Schieferdächern, es ist die halbgesungene Sprache dort, es sind die Liedchen, die man überall von früh bis abends trällert. Die Gerissenheit dort hat Humor, und der Tiefsinn nimmt nicht übel. Sie sind so lebhaft und lachen so gern, die Weintrinker dort, die in einer Wolke von Reibekuchenduft, Weihrauch, Apfelkraut und Chemie rüstig dahinwerkeln. Es wird dort anders geliebt als hier, frischer, offener, verdorbener, nicht so mühsam wie hier. 259 Sie sind vergeßlich dort und nicht so zuverlässig, mag sein, aber sie lachen, sie können so großartig lachen hinten im Rheinland, daß dir das Herz aufgeht hier im eisigen Keller, in dem du entdeckst, daß du es liebst, dein altes Rheinland voller Burgen, Weinberge, Fabriken, Kirchen, voller Menschlichkeit, voller alter Lieder, voller lebendiger Geschwätzigkeit, voller Witz, voller gotischer Tradition. Das Rheinland Beethovens, Goethes, Büchners, Schelers, das uralte Land am großen Schicksalsstrom Europas, den du so oft durchschwommen hast, daß du es lieb hast wie deine Heimat eben. Nirgendwo klingt das Glockengeläut so schön wie dort im Schatten der Dome, an denen vorbei in diesem Augenblick die Menschen eilen, winzige wimmelnde Menschengewebe, die sich emsig hin und her schieben und lachen, feilschen, schimpfen, flüstern, betteln, lästern und schwatzen, indes du hier unten sinnst. Was sie sagen, ist nichts anderes als überall. Aber sie sagen es anders: Auf rheinisch, Freunde. Auf rheinisch, Freunde, auf rheinisch. Der N nau, dan und ein verschla nannten schrieb forderu zenhaus bestimm arbeiter Um s dem Sch den Stuf den Gem Am nä die Gefa len in G graben, setzen. darübe Ich fuhr mit dem Rad in das große Dorf und fragte nach dem Bürgermeister. Er saß mit zwei anderen Männern in seinem Büro, drei schwere, breithändige Bauern. ,, Guten Tag!" Sie sahen mich ungewiß an. Ich war naß geregnet und trug eine rote Binde am Arm. Ich legte einen Ausweis des Kriegskommandanten auf den Tisch, der bestätigte, daß ich der neue Bürgermeister war. 260 Wir Sie war der auf gen Ver beitete Hospita hen, da Essig, mag achen hinier im eiiebst, dein riken, Kir, voller legotischer Büchners, Isstrom Euẞ du es lieb as Glocken, an denen en, winzige in und her stern, betten sinnst. 1. Aber sie rheinisch, if und fragte nderen Mänlige Bauern. eregnet und en Ausweis r bestätigte, Der Nazi- Bürgermeister las ihn umständlich und genau, dann legte er einen Schlüsselbund auf den Tisch und ein Bündel Stempel. Er war sehr groß und plump mit verschlagenen Augen. Ich fragte nach Antifaschisten. Sie nannten mir einige Namen. Ich ließ sie holen. Dann schrieb ich auf ein amtliches Papier eine öffentliche Aufforderung, daß die Gemeinde sich abends vor dem Schützenhaus versammeln sollte. Als die Antifaschisten kamen, bestimmte ich zwei mit offenen Gesichtern als meine Mitarbeiter. Um sieben Uhr abends standen tausend Menschen vor dem Schützenhaus, und ich hielt meine erste Rede von den Stufen herab. Dann ließ ich sechs Mann wählen, die den Gemeindeausschuß darstellen sollten. Am nächsten Tag wurden Kommandos ausgeschickt, die die Gefallenen auf den Feldern beerdigen sollten, die Mühlen in Gang setzen, das Vieh bergen, das tote Vieh vergraben, die Dorfstraßen säubern und die Schule in Stand setzen. Es war der dritte Mai, und die Bauern waren froh darüber, daß die Ordnung wieder einkehrte. Wir besuchten sie zuletzt kurz vor unserer Verhaftung. Sie war sehr blaß geworden. Damals wohnte sie in einer der aufgeteilten Wohnungen des Berliner Westens mit einigen Verwandten, älteren, alleinstehenden Juden. Sie arbeitete immer noch angestrengt als Oberin des jüdischen Hospitals und mußte den langen Weg dorthin zu Fuß gehen, da die Benutzung von Verkehrsmitteln ihnen allen 261 verboten war. Sie trug den gelben Stern. Sie war eine ungewöhnlich gut aussehende alte Dame, entschlossen, klug, mit viel Herzenswärme und Charme. Ich werde nie bei diesem letzten Nachmittagskaffee die sonderbaren Stockungen des Gesprächs vergessen. Die gewohnte silberne Zuckerbüchse fehlte auf dem Tisch, sie war beschlagnahmt worden, der Radioapparat, die Bücher gleichfalls. Der dunkle Schatten des jüdischen Todes fiel zuweilen über den Kaffeetisch. Einige Bekannte waren ,, abgeholt" worden, einige hatten selber den Tod gesucht. Sie sprach mit Liebe von ihrer schönen Tochter, die in New York lebte, und mit einer großen, tragischen Ruhe schüttelte sie den Kopf auf den Vorschlag, sich zu verbergen. ,, Es paßt nicht zu meinem Leben", sagte sie. ,, Ich habe ein offenes, gutes Leben hinter mir", sagte sie. ,, Ich will mich als alte Frau nicht davonschleichen." Sie war sehr blaẞß geworden, man sah, daß sie heimlich viel geweint hatte. Ihr sehr weißes Haar war dünner geworden, sah ich. Sie war eine wundervolle Frau, und wir gingen in tiefstem Respekt. Als ich nach den ganzen Jahren zurückkehrte, fand ich Fremde in ihrer Wohnung. Später hörte ich, daß deutsche Männer sie abgeholt und in Auschwitz vergast hatten. weise auf nicht, er öfters sei Ich bes worden, in Bonn. mester M Er sagt botta. W wußte: F che Fäch ,, Chirurg nochmals ein Schw Brieftasch Ich wo Hand in Es war meln. E Rings len tag An F blaue H Es wa Es war endlich in unserer Not ein Arzt aufgetaucht, ein früherer Feldarzt mit einem glänzenden Ausweis. Er behandelte hauptsächlich Frauen. Er praktizierte jedoch kaum einige Tage in meinen Dörfern, als mir seine Rede262 Sie u Berndt, Nee immer war eine schlossen, werde nie onderbaren wohnte sile war becher gleichfiel zuweiren, abgesucht. hter, die in chen Ruhe zu verbersie. ,, Ich sie. ,, Ich Sie war ch viel gegeworden, wir gingen Jahren zuung. Später ad in Auschweise auffiel. Er verstand ein französisches Fremdwort nicht, er sagte Dufftrie statt Diphterie, und mir fielen öfters seine Ausdrücke auf. Ich bestellte ihn zu mir und sagte, es sei behauptet worden, er sei kein Arzt. Wo er studiert habe, er sagte in Bonn.( Ich hatte in Bonn zur gleichen Zeit einige Semester Medizin studiert.) Wer dort Anatom gewesen sei. Er sagte Professor Fischer. Ich wußte, es war Sobotta. Wer der Physiologe war? Er wußte es nicht, ich wußte: Ebbecke. Wann er Physikum gemacht habe? Welche Fächer er vor dem Physikum studiert habe. Er sagte ,, Chirurgie" und ,, Allgemeine Medizin". Ich fragte ihn nochmals genau. Er blieb dabei. Ich sagte ihm, daß er ein Schwindler sei. Er wurde weiß. Ich sah mir seine Brieftasche an, gleichgültige Papiere. Ich wollte sie ihm schon wieder zurückgeben, als meine Hand in einer verborgenen Innentasche ein Papier fühlte. Es war ein Sturmbefehl der SA, sich im Jagen 11 zu sammeln. Er wurde abgeführt unter Werwolfverdacht. Ringsum brannten die riesigen Wälder an vielen Stellen tagelang. An Regentagen erloschen sie, bald danach stieg der blaue Rauch wieder an zahlreichen Punkten auf. Es war der Rauch des Werwolfs. etaucht, ein veis. Er beerte jedoch seine RedeSie war eine durchschnittliche, brave Frau, die Frau Berndt, aber sie sagte zu mir: ,, Nee, der Hitler wird es schon schaffen, bisher hat er immer einen Ausweg gefunden, und das Ausland? Bisher 263 hat es immer noch nachgeben müssen, Hitler ist ihnen eben zu stark..." - Damit warf sie den nassen Scheuerlappen auf den Boden und begann aufzuwischen. Sie war eine plumpe, gutherzige Frau, die ihr Leben lang Kartoffeln geschält, gekocht und gebügelt hatte, eine von jenen Frauen, wie sie Tag für Tag anstehen, im Gesicht jene blasse warmherzige Leere, jene gutgenährte, kräftige Tüchtigkeit, die ausgezeichnet denkt jedoch nur bis zum Rand ihrer Familie. Darüber hinaus existiert nichts als Nordpol, weißes Land, Glauben. Alle jene hellen, guten Frauengesichter, mit den Krähenfüßen der Sorgen, dem vielen Gefältel des Grams, der blassen wohlwollenden Dummheit, alle jene breiten Mutterkonturen unter den Schürzen, alle die fleißigen Hände, die so emsig schälen, backen, waschen, nähen, kochen, alle die Hausfrauen des Kleinbürgertums sehr wird der Magus, an den sie glauben, ihnen das Helle, Gute, das Wohlwollen, den Fleiß, den Mut aus den Gesichtern saugen. Sie werden noch spitzer, noch elender, noch dünner, noch vergrämter werden, und noch fassungsloser. - Ich ha felchen S Kartoffel und satt ten, ob Ich sa und gro ,, Schlac vor Aug tasie. W veritabl ser nie die Wir Traum. war dam wie den Anz Und Frau Berndt, die jetzt einen Mann hat, zwei Söhne und eine hübsche gemütliche Wohnung, Frau Berndt wird noch zu weinen haben. Die Wohnung wird zerstört werden, der Aelteste wird fallen, der Jüngste vermißt bleiben, und der Mann wird im Volkssturm am letzten Tag zehn Meter von ihrem Haus sterben. Sie ist eine durchschnittliche, brave Frau, die Frau Berndt, es gibt zahllose von diesen in unserm Land. jahrelan 264 ist ihnen uf den Bolumpe, guteschält, geen, wie sie armherzige die ausgerer Familie. eißes Land, ter, mit den des Grams, ene breiten fleißigen en, nähen, ms wie adas Helle, den Gesichender, noch ssungsloser. zwei Söhne Berndt wird erstört werermißt bleiletzten Tag eine durchibt zahllose Ich hatte jahrelang fürchterlich gehungert, um ein Löffelchen Suppe, um ein Pellkartöffelchen gebangt, ich hatte Kartoffelschalen gegessen. Jetzt war ich Bürgermeister und satt, und sie führten ein Rind vor meine Tür und fragten, ob es geschlachtet werden könne. Ich sah das Rind an, es war eine Kuh, weißbraun, ruhig und groß. Und in dem Moment, in dem ich aussprach: ,, Schlachtet sie" stand mir unser unaufhörlicher Hunger vor Augen. Ich stand hier wie meine eigene Wunschphantasie. Wir hätten niemals so vermessen phantasiert, eine veritable enorme Kuh schlachten zu lassen. Nun war dieser nie gewagte Traum bare Wirklichkeit geworden, aber die Wirklichkeit ist oft traumhafter, magischer als der Traum. Sie war so kurz, so ungewohnt, und der Traum war damals der Vater meiner Tage gewesen. Es ist leicht, den Anzug zu wechseln, aber nicht den Traum, den man jahrelang von der Freiheit träumte. 265 Je weniger ein Mensch sich selber spürt, desto glücklicher ist er. Je mehr er an andere denkt, desto weniger spürt er sich. Wir gingen beide schräg über die Straße, untergefaßt, im gleichen Schritt und sahen die Steine fliegen. Sie zertrümmerten die riesigen Schaufensterscheiben, die als kleine, graugrüne Berge von Splittern vor der Auslage endeten. Es war diesmal ein Konfektionsgeschäft, und die Herren und Damen aus Wachs standen steif und freundlich in der Auslage herum. ,, Um Gottes Willen, laß uns gehen", bat sie. ,, Nein", sagte ich ,,, ich will das sehen, ich will mich immer daran erinnern, wenn ich weich werde." ,, Du hast recht", nickte sie, und wir stellten uns unter die Leute, die festlich von den Lampen des Schaufensters angestrahlt wurden. Einige Burschen, die wienerisch sprachen, sprangen gestiefelt in die Auslage, rissen den Damen aus Wachs die Mäntel ab und schleuderten sie lachend in die Zuschauer, die sich darum balgten. Wir hörten von überall das Klirren der zusammenstürzenden Scheiben und das Krachen splitternden Holzes. Die Burschen rissen den Herren aus Wachs die Anzüge ab, und die Anzüge flogen ins Publikum, aus dem die ersten Beutelustigen bereits in die Schaufenster stiegen und im Laden dahinter verschwanden, wo die Seide lag und die Tuchrollen, die sie hinausschleppten, halb scheu wie Diebe, halb frech wie Antisemiten. Als wir gingen, sahen wir drei Wachsdamen schwesterlich vereint und nackt auf den Splittern liegen, rosa glänzend, frigide und schamlos im hellen Licht des Schaufensters. Eine starrte nach oben und blickte uns mit je269 nem gemalten, langwimprigen Lächeln immer noch an, das unentschlossene Kunden ermutigen sollte. Von fern hörten wir überall Gejohle, Fenster klirren, krachende Möbel, die aus den Fenstern geschleudert wurden, rennende Menschenmengen, Hilferufe, und der Rauch der brennenden Synagogen zog über die Straßen träge dahin. ,, Ab heute", sagte ich ,,, ist gegen diese Menschen jedes Mittel recht." ,, Ja", sagte sie ,,, ab heute schäme ich mich eine Deutsche zu sein, wenn diese Menschen Deutsche sind." Sie wurde später von diesen Menschen in Plötzensee erhängt. Von geführt war ein Es jungen kunft, die zu schim führt, Mensc den, e Sie Ich fuhr auf einer überfüllten Lokomotive heim nach Berlin. Drei Jahre lang war ich fern gewesen. Mein Anzug war zerrissen, ich war äußerlich verwildert, innerlich verändert, aber ich lebte. Unsere hübsche Atelierwohnung am Wittenbergplatz bestand nicht mehr. Niemand wußte, wo meine Frau war. Ich irrte ratlos umher, dann fuhr ich mit einem geliehenen Rad nach Potsdam, wo eine Schwester meiner Frau gelebt hatte. Ich sah dort auf der Straße unter allen Menschen vor mir eine junge Frau auf dem Rade. Eine Ahnung ließ mich klingeln. Die Frau drehte sich um, sie war blaẞ und ernst. Sie war es. Ihr Rad flog nach links, meins nach rechts, und dann war nichts als schierer Himmel um uns beide. Als sich der Himmel hob, standen rings um uns Leute und lachten. Wind Meter schlu den, zusa Es ken, Ahnu zes E bärm gen, d keiten hinüb menh 270 r noch an, ster klirren, Leudert wurVon der Gestapo getrennt, vom Schicksal zusammengeführt. Es war wie ein schlechtes Romanende. Aber es war ein Anfang. Und heiliger Ernst. d der Rauch raßen träge nschen jedes h eine Deute sind." Sie see erhängt. heim nach Mein Anzug Innerlich verelierwohnung mand wußte, dann fuhr ich eine Schwe Menschen vor Ahnung ließ war blaß und meins nach mmel um uns rings um uns Es ist unfaẞbar, aus einem jungen Mann und einer jungen Frau, die sich zusammenlegen, erwächst die Zukunft, ein Haus, von Rosen umhangen, neue Menschen, die zwischen uns beiden entstanden sind, eine breite, schimmernde Straße des Blutes, die in unnennbare Zeiten führt, ins Jahr Zweitausend vielleicht. Dort werden die Menschen, die zwischen unseren Leibern entstehen würden, einen Hut kaufen oder einen Apfel essen. Sie werden nicht mehr an zwei Stäube denken, die im Wind, der bleiben wird, verweht sind. Sie werden drei Meter über uns wandeln, einen Stern fallen sehen, etwas schluchzen und lachen, und es werden mehr Stäube werden, auch im Jahr Zweitausend. Wir kommen alle wieder zusammen. Es handelt sich ja um die Familie. Es ist eine unbegreifliche Süßigkeit, für zwei zu denken, es ist Angst und Besitzerwut darin, Weltlust und die Ahnung panisch verbrachter Nächte. Man spürt sein stolzes Hirn und seine noch lachende Kraft, man wittert erbärmliche, schlecht riechende Dinge, häßliche Rechnungen, den Dunst übler Reparaturen, physische Lächerlichkeiten, aber die Weltlust setzt wie eine goldene Wolke hinüber über das Tränental aller organischen Unvollkommenheit. Man begreift, die jähe Wendung, die spontane 271 Laune, der Sprung des einzelnen sind vorbei, es wird zu zweien gesprungen, das ist umständlicher, und wenn erst zu dreien gesprungen wird, so denkt es sich auch langsamer. Die Familienbildung ist nicht eine Sache der Betten. Es knistert in den Ganglien, und es wandelt sich die Weltgeschichte in unseren gelassenen Augen. Der Mann, der focht und reizbar durch die Abende segelte, leichtherzig Rosen pflückend über vielen Zäunen, jäh und hart im Streit, der Mann wird weich. Bei gewagten Abenteuern könnt ihr nicht mehr mit ihm rechnen, er sagt, daß er Weib und Kind zu Hause hat und er geht, und man lacht ärgerlich hinter ihm her. Aber er hat recht. Die Abenteuer müssen von Jüngeren erledigt werden, damit die Welt weiter unruhig bleibt. Er ist der Mann der vielen Türen geworden, hinter denen andere schlafen. Er wird weich und breit, der Mann, seine Härte wandelt sich in Wohlwollen, sein Haß wird zur Billigung. Sein Hals wird dicker und sein Rücken runder. Auf seinem Gesicht, das sich gelassen einebnet, steht zu lesen, daß er sorgt. Wenn er sich auf einem alten Photo als tollkühner, messerscharfer Kumpan wiederfindet, so lacht er dröhnend vor Verlegenheit. Bei der Frau ist alles ganz anders. Sie ist vorher schon mehr gezeichnet für die Familie, seht ihre Brust an, bedenkt ihre Gedanken, die Fettzellen unter ihrer Haut, Güte und Trost ihrer Augen. Gewiß, Frauen sind unbeschreibbar. Man kann sich in ihnen verirren wie in einem fleischernen, zwitschernden Urwald, aber dies haben sie alle gemeinsam, jenes dunkel schwärmende Verlangen nach einer Familie. Das Funde an die schich Wi Strom gleite schau uns n in un wir h Wi an de Span Ziege sie k große Man Seite die N den. Ich vor Ja eisige, Kälte einst 272 Weisen es wird zu enn erst zu langsamer. Her Betten. h die WeltMann, der Leichtherzig nd hart im Abenteuern agt, daß er man lacht Das ist nicht nur heute so, betrachtet die geschwärzten Funde von Pompeji, lest den altersgrauen Herodot, denkt an die nordlichttolle Kalevala, es ist ein tierisches Geschichts- Axiom, vor dem wir uns beugen. Wir sind nur zwei Wellen im vogeldurchschwirrten Strom der Zeit. Während wir beide zusammenfließen, gleiten wir weiter, unaufhaltsam in die geheimnisvoll aufschauende Zukunft, unseren hellen Enkeln entgegen, die uns noch nicht erwarten, und die als unsichtbare Keime in uns schlafen, eine unerweckte Welt von Enkeln, die wir heute schon in uns tragen. von Jüniter unruen geworweich und Wohlwollen, dicker und sich gelasenn er sich sserscharfer for Verlegene ist vorher ihre Brust rihrer Haut, sind unbevie in einem shaben sie Verlangen - Wir biegen mit dem Wagen in die kleine Sackgasse ein, an deren Ende das Portal des mächtigen Strafgefängnisses Spandau steht. Es ist ein schwerer, düsterer Bau aus roten Ziegelsteinen. Durch verschiedene Tore und Gitter- wie sie krachend zuschlagen kommen wir endlich in den großen hallenden Hauptflur, der drei Stockwerke hoch ist. Man öffnet uns einige Zellen im Parterre auf der rechten Seite. Es sind die zwölf Zellen, in die in einigen Tagen die Nürnberger Kriegsverbrecher ihren Einzug halten werden. Ich lasse mir die Zelle 136 aufschließen, in der ich vor Jahren einige Monate verbrachte. Sie ist leer. Eine eisige, finstere Kälte strömt uns entgegen. Es ist dieselbe Kälte wie damals, und es ist dieselbe Zelle, in der ich einst gehofft, gebangt und gelitten habe. An diesem urWeisenborn, Memorial 18 273 alten, schmutzigen, abgewetzten, kleinen Tisch habe ich Tüten geklebt. An diesen Wänden habe ich mit meinen Nachbarn Morse geklopft. Hier habe ich die Fahne geworfen. Aus diesem Fenster sah ich jene schöne Birke, die draußen auf dem Gefängnishof langsam ihre Blätter verlor. Ich bin überwältigt von der Erinnerung und entdecke schließlich den Kalender, den ich damals in die Wand geritzt habe. Jeder Strich bedeutet einen langen Tag. Es sind vier Monatskolonnen und darüber steht, was ich damals hineinritzte: ,, Hier wartete auf das Kriegsgericht: G. W.", rechts von der eisenbeschlagenen Tür, ungelenk hingestrichelt. Wir treten wieder auf den Gang hinaus, auf diesen dunklen, unheilvollen Gang, auf dem wir damals alle jeden Morgen um neun Uhr antreten mußten, und dieser Moment im Spandauer Strafgefängnis war stets erregend für uns. Es standen auf dem halbdunklen Gang vor ihren Zellentüren sechsunddreißig Männer in Zivilkleidern, schweigend, regungslos auf beiden Seiten des Flurs, durch den die diensteifrig brüllenden Justizwachtmeister eilten. Ich sehe noch alle die Männer, die heute tot sind. Dreißig von uns sechsunddreißig, die in Plötzensee kurz danach ihr Leben aufgaben, tapfere, freiheitsliebende, saubere Deutsche. Ich sehe den blonden, trotzigen Bildhauer Kurt Schumacher, ich sehe den schönen, ruhigen Walter Husemann, drüben stand der junge Arzt Dr. John Rittmeister, blaß und durchgeistigt, gegenüber der junge blonde Student Kurt Strehlow, der abends nach dem Einschluß kleine, nachdenkliche Lieder vor sich hin pfiff. Schräg gegenüber stand groß und ruhig Adolf Grimme, der heute Kultusminister ist, 274 neben von m Otto sechs nach ist. pel eine die Opf glü rage die füll E Zel und get un SO de gre Ra rei Das für V gefi sin hen habe ich t meinen Fahne gene Birke, re Blätter und entals in die en langen steht, was KriegsgeTür, unuf diesen alle jeden r Moment für uns. en Zellenm, schweirch den die n. Ich sehe ig von uns ihr Leben eutsche. Ich chumacher, nn, drüben und durchKurt Strehchdenkliche stand groß inister ist, neben ihm der sehr junge Student Horst Heilmann, links von mir der Dr. Philipp Schaeffer. Rechts stand der lange Otto Gollnow, siebzehn Jahre alt, der wegen Hochverrats sechs Jahre Zuchthaus erhielt, ins Bewährungsbataillon nach Frankreich kam und immer noch nicht zurückgekehrt ist. Und auch das offene Gesicht des Zahnarztes Dr. Himpel schimmerte fahl von drüben. Sie alle standen hier, eine bleiche, schweigende Phalanx von Männern, die für die Freiheit gekämpft hatten und die jetzt mit großem Opfermut ihren Weg ins Dunkel gingen. Welch ein Unglück, daß diese Männer uns heute fehlen, jene hervorragend begabten, heldenmütigen Gefangenen der Gestapo, die damals dieses Strafgefängnis Spandau wegen Ueberfüllung ihres Hauptquartiers beschlagnahmt hatte. Es ist ein sehr billiger Trost, daß nun in diese selben Zellen jene Männer kommen, die so schrecklich redeten und handelten und in deren Auftrag unsere Kameraden getötet wurden. Sie werden nicht so entsetzlich frieren und so fürchterlich hungern wie wir. Sie werden nicht so unmenschlich hart behandelt werden wie wir. Sie werden nicht geschlagen werden wie wir. Angesichts der ergreifenden Größe dieses Wechsels wäre jedes Gefühl von Rache falsch am Platze. Was ihnen gebührt, soll im Bereich des Menschlichen bleiben, es soll Gerechtigkeit sein. Das ist unsere Meinung. Unsere Toten sind uns zu teuer für Rache. Wir werden auf einen jener namenlos traurigen Höfe geführt, die von einer sechs Meter hohen Mauer umgeben sind und in dem einige novemberlich kahle Bäume stehen. Der Rundgang, den die Gefangenen in drei Meter Ab275 stand jeden Morgen zu machen hatten, ist von vielen Spuren ausgetreten. Hier sind auch unsere Spuren in die Spandauer Erde eingegraben, Spuren von sechsunddreißig Männern. Regen steht darin. Ich höre noch die scharfen, martialischen Rufe der Aufseher ,, Links zwei, drei, vier!" ,, Drei Meter Abstand!" ,,, Kopf hoch, wer noch einen hat!" In der Vorhalle des Gefängnisses, in der ich einst von Gestapoagenten zum erstenmal gefesselt wurde, laden die letzten Gefangenen der Berliner Jusitz vor ihrer Verlegung Möbel und Geräte auf Lastwagen. Alliierte Offiziere nähern sich. Das Strafgefängnis Spandau wird heute dem Alliierten Kontrollrat übergeben. 276 n vielen en in die nddreißig scharfen, rei, vier!" nen hat!" einst von laden die Verlegung iziere näLeute dem Mich wundert immer, daß wir noch dieselben Gesichter haben wie die vor dreitausend Jahren, obwohl soviel Haß und Leid durch sie gezogen sind. GUNTHERWEISENBORN Günther Weisenborn, der im Rheinland geboren wurde, schrieb als Sechsundzwanzigjähriger seim erstes Bühnen- werk, das Drama„U-Boot S 4°, das gleichzeitig an sech- zehn Bühnen aufgeführt wurde. Nach einem längeren Auf- enthalt in Südamerika verfaßte er gemeinsam mit Bert Brecht das Schauspiel„Die Mutter‘ nach dem Roman von Maxim Gorki. Sein Schauspiel ‚„SOS“ oder„Die Arbeiter von Jersey‘ erregte 1932 bei der Uraufführung in Coburg einen großen Theaterskandal. 1933 wurde sein Roman „Die Barbaren“ von den Nazis verbrannt. Unter einem Pseudonym schrieb Weisenborn dann das Schauspiel ‚Die Neuberin‘“‘, das mit Agnes Straub in der Titelrolle über 200. mal in Berlin gegeben wurde. Sein 1937 entstandener Roman„Das Mädchen von Fanö“ wurde mit Brigitte Hor- ney und Joachim Gottschalk in den Hauptrollen verfilmt. Weisenborn ging 1937 nach USA, schloß sich nach sei- ner Rückkehr im gleichen Jahr einer Widerstandsgruppe an und lehnte von 1938 an jede Veröffentlichung weiterer Arbeiten ab. 1942 wurde er vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen seiner illegalen Tätigkeit verurteilt und in das Zuchthaus Luckau gebracht, aus dem er erst bei Ende des Krieges befreit wurde. Er wurde dann als Bürgermeister in Luk- kau eingesetzt und lebt jetzt in Berlin. 278 Militer Aus der Reihe unserer TAGEBÜCHER BRIEFE BIOGRAPHIEN BERICHTE UND REPORTAGEN Ernst Wiechert DER TOTENWALD Ein Bericht Pappband 228 Seiten Wolfgang Langhoff DIE MOORSOLDATEN Ein Bericht Halbleinen 294 Seiten Luise Rinser GEFÄNGNISTAGEBUCH Pappband 236 Seiten • Karl Jakob Hirsch HEIMKEHR ZU GOTT Ein Bekenntnis in Briefen • • Pappband 192 Seiten WIR Johannes R. Becher UNSERE ZEIT Ein Auswahlband aus dem Gesamtwerk Mit Geleitworten von Paul Wiegler und Georg Lukacs Pappband 308 Seiten VERLAG KURT DESCH MÜNCHEN