Zi # RE Foto Ren ger-Patzsch CHRISTUS IN DER KELTER BILDSTOCK IN DER WALLFAHRTSKAPELLE VON EDIGER(MOSEL) Oftmals, wenn alles verloren schien, war in Wahrheit alles gewonnen und gerettet. Viel von dem, was wir sind, verdanken wir nicht dem, was wir geleistet, sondern dem, was wir gelitten; nicht dem, was wir hatten, sondern dem, was uns fehlte. Glutheißer Sommer reift gute Frucht, reiche Ernte und edlen Wein. Geschähe der Traube in der Kelter nicht wehe, es würde kein Wein daraus. Paul Wilhelm von Keppel. ES IST SOWE der deutscher Gefüllt mit mußte ich m Heute Vormi gewachsene unser stilles ersten Frage Msgr. Dr. Po ,, Raus mit d Nennen Sie saubere Klee aus." 11 22.473.484 Univ.- Bibl. Giessen Meine wah Monaten oh bin, findet ke Schränke, T wühlt nach nungen. Oh Zwei SD- M führen mich dritte bleib Im Hause Internationa in Wahrheit em, was wir ;eleistet, son- s wir hatten, Sommer reift in. Geschähe , würde kein von Keppel. 28. Juni 1940 ES IST SOWEIT. Sieben Wochen sind seit dem Einfall der deutschen Truppen in Holland ins Land gegangen. Gefüllt mit nervöser Spannung. Seit dem 10. Mai mußte ich mit Verhaftung und Kerker rechnen. Heute Vormittag kurz nach 9 Uhr drangen drei hoch- gewachsene Männer des SD(Sicherheitsdienst) in unser stilles Heim am Rande von Breda ein. Ihre ersten Fragen galten P. Friedrich Muckermann Soden Msgr. Dr. Poels und Dr. Hein Hoeben. „Raus mit der Sprache. Wo stecken die Lumpen? Nennen Sie uns ihren Aufenthaltsort. Finden wir das saubere Kleeblatt durch Ihre Mithilfe, gehen Sie frei aus.” Meine wahrheitsgemäße Aussage, daß ich seit Monaten ohne jede Verbindung mit den Gesuchten bin, findet keinen Glauben. Schreibtisch und Bücherei, Schränke, Truhen, Kisten und Kasten werden durch- wühlt nach verdächtigen Papieren und Aufzeich- nungen. Ohne Ergebnis. Zwei SD-Männer nehmen mich zwischen sich und führen mich zum bereitstehenden Polizeiwagen, der dritte bleibt zurück. Im Hause Teteringsche Dyk 26, der Zentrale des Internationalen Katholischen Weltpresse-Büros, be- 5 mühen sich mehr als ein Dutzend SD- Schergen. Pressedienste in zehn Sprachen liegen ausgebreitet und werden neugierig beschnüffelt. ,, Dies giftige Wespennest werden wir mit Stumpf und Stiel ausräuchern", triumphiert ein Herr Lorenz. Offenbar der Chef. Nacheinander werden mir die einzelnen Bulletins vorgelegt: Der ,, National- Catholic- Welfare- ConferenceDienst aus Washington, das Brüsseler Bulletin der ,, Katholieke Perscentrale", die Schweizer ,, K. I. P. A." ( Kathol. Intern. Presse- Agentur, Freiburg), die Blätter der Warschauer ,, Polska Katolicka Agencja Prasowa", die Veröffentlichungen des Mailänder ,, Istituto Cattolico per la Stampa", die Nachrichten des Budapester ,, Középeuropai Katolikus Kurir", die Neuigkeiten der Wiener ,, Christlichen Presse- Zentrale", der niederländischen ,, Katholieke Wereldpers", des chinesischen Dienstes ,, Lumen", der vatikanischen ,, Agentia Fides". Man verlangt Erklärung und teilweise Übersetzung des Inhalts. Ich berichte von der Vatikanischen Presseausstellung 1936 und der in diesem Jahr in Rom beschlossenen Errichtung einer Internationalen Katholischen Weltpresse- Zentrale in Breda( Holland), spreche über die seit 1936 von Jahr zu Jahr gewachsene Zusammenarbeit der einzelnen nationalen und übernationalen katholischen Nachrichtenstellen mit der Zentrale in Breda, betone die klare, festumrissene Zielsetzung des Zentralbüros, nämlich Diener der Wahrheit, Kämpfer gegen Lüge und Verleumdung zu sein. Mein seltsames Auditorium winkt ab. ,, Alles katholischer Schmuẞ", meint Lorenz geringschätzig ,,, Ihr , Muckermänner' habt von Holland aus gegen uns jahrelang gegiftet, gegeifert, gehetzt. Wir kennen 6 euern Saftlade verkappte jüd wie so viele a Wahrheit, eue Neuheidentum unter dessen S dunkle Kanäle Mein Hinweis Nachrichtenze nende Kirchen Dokumente, und kirchlich presse zuleite Ein wenig sy seite, zischt r Dann bemüh nalien. Um die Mitta niederländisc Rektor Arno Zum letzten und Trauer über Biblioth saust das fun riert"-übe straße Breda In den Amt Lambert Roo Brabanter K einer der Gemeinsam einem Lastw ‚D-Schergen. ausgebreitet Stumpf und err Lorenz. euern Saftladen nicht erst seit heute! Ihr seid eine verkappte jüdisch-plutokratische Propagandazentrale wie so viele andere. Euer angeblicher Kampf für die Wahrheit, euer Geseire über Kirchenverfolgung und Neuheidentum in Deutschland waren der Tarnmantel, unter dessen Schutz ihr euer verderbliches Gift durch dunkle Kanäle in alle Welt verspritzt habt.” Mein Hinweis auf die Tatsache, daß die Katholische Nachrichtenzentrale Breda über die nicht wegzuleug- nende Kirchenverfolgung imDritten Reich nur amtliche Dokumente, Publikationen des deutschen Episkopats und kirchlicher Amtsstellen der katholischen Welt- presse zuleitete, bleibt ohne Wirkung. Ein wenig sympathischer Kommissar nimmt mich bei- seite, zischt mir unangenehm in die Ohren: Drohungen. Dann bemüht er sich um Feststellung meiner Perso- nalien. Um die Mittagsstunde wird der Hauptschriftleiter des niederländischen„Katholieke- Wereldpers“- Dienstes, Rektor Arnold van Lierop, hereingeführt. Zum letzten Male schweift mein Blick voll Schmerz und Trauer über die geliebten hellen Arbeitsräume, über Bibliothek und Archiv. Wenige Minuten später saust das funkelnagelneue SD-Auto— natürlich„requi- riert‘— über die schnurgerade, spiegelglatte Reichs- straße Breda—Tilburg nach Herzogenbusch. In den Amtsräumen des SD stoßen wir auf Rektor Lambert Rooyackers, Schriftleiter des weitveıbreiteten Brabanter Kirchenblattes„Sint Jansklokken', auch einer der„Muckermänner”. Gemeinsam geht in später Abendstunde die Reise auf einem Lastwagen nach dem Vorort Vught zur Frederik- 7 Hendrik- Kaserne. Hier liegt ein Regiment der WaffenSS in Ruhestellung. Vor dem Wachtlokal halten wir an. Neugierige umringen uns, junge Soldaten, einige höhnisch grinsend und spottend. ,, Hallo, Pfaffen! Unerwarteter Besuch. Na, wir werden euch schon schleifen, daß euch das Weihwasser kocht... Gewiß Hetzer und Volksverführer oder ähnliches Lumpenpack. Das schwarze Geschmeiß schmarotzt doch überall. Strick um den Hals und an den ersten besten Baum aufknüpfen...!" An der ehrlichen Meinung dieser freundlichen Begrüßungen zweifeln wir nicht. Dafür bürgt der weltweite Ruf der Himmlerschen Soldateska. Eine sehr kahle Zelle, Nummer 15, wird mir als vorläufige ,, Wohnung" zugewiesen. Vier weißgekalkte Wände, eine Holzpritsche mit Wolldecke, ein Schemel. Ein Rottenführer bringt ein Stück hartes, beschimmeltes Brot und ein Kochgeschirr mit Wasser. Im Dämmerschein des schwülen Sommerabends hocke ich sinnend auf der harten Pritsche. Die Kirche feiert heute das Gedächtnis des Hl. Irenäus, Schüler des Hl. Polycarpus und Bischof von Lyon. 202 starb dieser Apostel Galliens den Martertod ,,, Lex veritatis fuit in ore ejus, et iniquitas non est inventa in labiis ejus"... ,, Das Gesetz der Wahrheit war in seinem Munde, und Unrecht fand man nicht auf seinen Lippen", heißt es im Introitus und in der Epistel des Hl. Paulus an Timotheus, 2. T.:,,Es werden Zeiten kommen, da man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern nach eigenen Gelüsten Lehrer beschafft, die den Ohren kitzeln. Von der Wahrheit aber wird man das Ohr abwenden und sich Fabeleien zuwenden." Herr, stärke mich und meine Brüder im Glauben... 8 VIER SCHWE Tage ohne au händigung u Seife, Zahnpa wurde eine W und bösartige Unser einzige derart besch Wasserstrahl Wechselweis anlagen hera Papier gelte Wasser und arbeit! Unsere Wa Mittagsstun riegel der erscheint d Wachposter raunzen eini gang fort. Alle acht T führer, frag eventuellen Brause- ode gnädig zust nichts. Das Zufriedenhe ruhig ein b Die Tage v Denken un t der Waffen- igierige um- sch grinsend eter Besuch. aß euch das und Volks- as schwarze ick um den ‚nüpfen...!” ‚dlichen Be- gt der welt- hends hocke Cirche feiert Schule Yunde, und heißt€ Paulus@N „n, da man ıch eigenen itzeln. VOR yenden und Glauben'' 25. Juli 1940 VIERSCHWEREWOCHEN liegen hinter uns.Die ersten Tage ohne ausreichende Waschgelegenheit. Die Aus- händigung unserer mitgebrachten Toilettensachen, Seife, Zahnpasta, Bürste, Handtuch, Schlafanzug usw. wurde eine Woche lang verweigert. Kleine Quälereien und bösartige Nadelstiche sind an der Tagesordnung. Unser einziges Wasserklosett haben mutwillige Hände derart beschädigt, daß bei Benutzung ständig ein Wasserstrahl über Kopf und Rücken rieselt.' Wechselweise werden wir zur Reinigung der SS-Abort- anlagen herangeholt. Klosettbürsten, Aufnehmer oder Papier gelten dabei als seltener Luxus. Ein Eimer mit Wasser und zwei Hände müssen genügen; Eine Sau- arbeit! Unsere Wache wechselt alle 24 Stunden. Um die Mittagsstunde ist Wachablösung. Die schweren Eisen- riegel der massiven Zellentür klirren, im Rahmen erscheint der„Unteroffizier vom Dienst” und ein Wachposten, kontrollieren die Zelle, schnauzen und raunzen einige Minuten und setzen dannihren Kontroll- gang fort. Alle acht Tage erscheint ein Unter- oder Obersturm- führer, fragt— o welche Ironie— nach Befinden und eventuellen Wünschen. Viermal habe ich um ein Brause- oder Wannenbad gebeten, viermal hat er gnädig zustimmend genickt, viermal ereignete sich nichts. Das fünftemal werde ich ihm meine restlose Zufriedenheit zum Ausdruck bringen. Spielen wir also ruhig ein bißchen Theater mit... Die Tage verstreichen ohne Abwechslung. Mit Beten, Denken und geistiger Arbeit schlage ich mich durch 9 die langen Tage. Meine einzige Medizin ist die Geduld. Im Geiste feiere ich die kirchlichen Feste des Julimonats: das Fest des Kostbaren Blutes unseres Herrn, Mariä Heimsuchung, den Gedenktag des Hl. Antonius Maria Zacharia, des Arztes und Bekenners, der das 40stündige Gebet einführte, das Gedächtnis der großen Slawenapostel Cyrillus und Methodius, des Hl. Kirchenlehrers und Bekenners Bonaventura, des deutschen Kaisers und Wohltäters Heinrich, Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, des Hl. Krankenpflegers Camillus de Lellis, des Hl. Vinzenz von Paul, Maria Magdalena, des bischöflichen Märtyrers Apollinaris. Zahllos wie Sand am Meer reihen sich die Namen der Helden und Heiligen durch die Jahrhunderte der streitenden, leidenden und triumphierenden Kirche. Wir stehen nie allein im Kampf. Das Heldentum der Vergangenheit strahlt seinen Glanz in die Gegenwart... Um 16 Uhr tritt ein in Zivil gekleideter SD- Beamter mit mächtigem Kahlschädel bei mir ein, zieht einen Revolver, schaut mich lauernd an und sagt schließlich: ,, Sie haben die Wahl zwischen Kugel und Geständnis. Tod oder Leben liegen bei Ihnen. Sie haben Frau und Kind. Denken Sie daran in den nächsten Stunden. Sie wissen, was wir in Polen gemacht haben. Es ist alles wahr, was die Weltpresse über uns und unsere Methoden schreibt. Unter vier Augen kann man das ruhig sagen. Wir kennen keine Hemmungen. Der Terror ist unsere Macht. Unnötig, mehr zu sagen. Sie wissen selbst genug. Seien Sie also vernünftig und sprechen Sie, bevor Sie uns zwingen, die Daumenschrauben anzuziehen wohlgemerkt physisch und psychisch!" Schweigend fo ich ihn heimli bene Pennäler Diesmal habe Kanone ins F Wild- West- Ma serer ersten sie recht ulkig mit ihren dür Eindruck gem In der Folte nehmungszim Student und ersten Verhö Aktenstoße. I denz und Do Archiv - na der reichhalt Europas S Mehr als fün Kunze und d von Fragen Kunze seine einigen saft und pfeifend abgekommen leitung hätt blitzende un Nekrolog f liche Lektio Im Heilige Apostel, de ehrt werden 10 Schweigend folge ich dem„Rattenfänger“. So taufe ich ihn heimlich. Das„Taufen“ ist eine haftengeblie- bene Pennälermanie. Diesmal haben die„Berliner“ offenbar eine neue Kanone ins Feld geschickt. Die polternden und in Wild-West-Manier tobenden„Himmelstoß“figuren un- serer ersten Vernehmungstage— zuweilen wirkten sie recht ulkig in ihrer geistigen Hilflosigkeit— haben mit ihren dürftigen Protokollen vielleicht schlechten Eindruck gemacht und das Feld räumen müssen. In der„Folterkammer‘— so nennen wir das Ver- nehmungszimmer— sitzt Heinz Kunze, verbummelter Student und SS-Untersturmführer. Kenne ihn vom ersten Verhör in Breda. Vor ihm liegen gewaltige Aktenstöße. Ich erkenne Mappen mit Privatkorrespon- denz und Dokumentationsmaterial aus dem Bredaer Archiv— nach Urteilen von Leuten vom Bau eines der reichhaltigsten und bestgeführten Pressearchive Europas— sowie Zeitschriftenmaterial. T Mehr als fünf Stunden muß ich zwischen„Knüppel”- Kunze und dem„Rattenfänger“ stehend im Kreuzfeuer von Fragen ausharren.„Multa, non multum‘“, gibt Kunze seiner Meinung zum Abschluß Ausdruck. Außer einigen saftigen Kinnhaken, gepfefferten Kopfnüssen und pfeifenden Reitpeitschenhieben bin ich ‚glimpflich abgekommen. Dem„Rattenfänger“-Prolog der Ein- leitung hätten nach den Gesetzen der Dramaturgie blitzende und donnernde Höhepunkte und zuletzt ein Nekrolog folgen müssen. Ich habe wieder eine gründ- liche Lektion im Umgang mit der Gestape hinter min, Im Heiligenkalender hat heute Sankt Jakobus, der Apostel, dessen Gebeine in Compostella so hoch ver- ehrt werden, seinen Tag. Sein Leben war, wie dasaller 11 A an ana J j Bi En Apostel, Leiden und Verfolgung. Herodes Agrippa ließ ihn im Jahre 42 in Jerusalem enthaupten. Sehr realistisch schildert Paulus in seinem 1. Korintherbrief das Los der Apostel: ,, Brüder! Gott hat uns Apostel an den letzten Platz gestellt, wie solche, die dem Tode geweiht sind. Denn wir sind zum Schauspiel geworden der Welt, den Engeln und den Menschen. Wir sind Toren um Christi willen, ihr dagegen seid weise in Christus, wir sind schwach, ihr seid stark, ihr seid angesehen, wir sind verachtet. Bis zu dieser Stunde hungern und dürsten wir, leiden Blöße, werden mißhandelt und haben keine bleibende Stätte. Wir mühen uns ab mit unserer Hände Arbeit. Man flucht uns, wir segnen, man verfolgt uns, wir dulden, man lästert uns, wir beten. Zum Auswurf dieser Welt sind wir geworden, zum Abschaum aller bis auf diese Stunde." 1. August 1940 DER ERSTE FREUDENTAG in meiner Zelle. Um 16 Uhr höre ich ein helles Kinderstimmchen auf dem Gang. ,, Papi, Paaapi..." klingt es suchend. Die Riegel klirren. Ein Oberscharführer kündet: ,, Sie haben Besuch von Frau und Kind. Es ist streng verboten, außer rein persönlichen Dingen Angelegenheiten Ihrer Haft zur Sprache zu bringen. Sie haben 15 Minuten Zeit." Weiche Kinderärmchen umschlingen meinen Hals. umkosen bärtige, bleiche Wangen und Lippen. Welche Seligkeit! Tapfer hält sich meine liebe, ach so mutige und seelenstarke Frau. 1934 war sie bereits einmal einige Wochen meinetwegen in Staatspolizeihaft. Aus dem Gefängnis schickte sie mir damals nach Holland den herrlichen ,, Brautschwur" von Reinhard Johannes Sorge: Wir haben Zum Heile u Wir haben u Uns Blut an Kein Schwe Denn eines In zweier Le Schlägt eine Herr, uns ei Daß eins wi Gott prüft sie sein? Das wei Opfer von un Der Herr hat Er wird uns ,, Fiat volunta Richtschnur WAR DASH üblich hatte Zellentüren frische Luft Fensteröffnu Eine hohe, Gang hinun gemagert u Generalsekr nationale de und Haupts in Breda. Haben ihn mag es ihm 12 s- Agrippa ıpten. Sehr intherbrief Apostel an dem Tode | geworden Wir sind d weise in hr seid an- nde hun- Um 16 Uhr dem Gang: ge] klirren. such von ‚r rein pel- Haft zur „Wir haben uns versprochen Zum Heile ungebrochen, für alle Ewigkeit. Wir haben uns gefunden, Uns Blut an Blut gebunden, für alle Ewigkeit. Kein Schwert kann uns mehr scheiden, Denn eines ward uns beiden, für alle Ewigkeit. In zweier Leiber Kammer Schlägt eines Herzens Hammer, für alle Ewigkeit. Herr, uns einst gnädig richte, Daß eins wir sind im Lichte der seligen Ewigkeit.” Gott prüft sie hart. Wann werden wir wieder vereint sein? Das weiß die Vorsehung allein. Sie verlangt das Opfer von uns, und wir werden es gelassen bringen. Der Herr hat uns bisher in allen Lebenslagen behütet. Er wird uns auch-in Zukunft nicht vergessen. Das „Fiat voluntas tual’' des Vaterunsers sei und bleibe Richtschnur unseres Erdenwandels. i 4. August 1940 WAR DAS EIN Erschrecken heute in der Früh. Wie üblich hatte der Waachtposten die Klappen in den Zellentüren geöffnet, die einzige Möglichkeit, um frische Luft zu schöpfen. Unsere Zellen haben keine Fensteröffnung. Eine hohe, sehr schlanke Gestalt huscht den langen Gang hinunter. Ich erkenne ihn, wiewohl er ab- gemagert und grau erscheint: Dr, Hein Hoeben, Generalsekretär der„Commission Permanente Inter- ‘nationale des Directeurs De Journeaux Catholiques” und Hauptschriftleiter der Katholischen Pressezentrale in Breda.: - Haben ihn die Spürhunde des SD doch erwischt. Wie mag es ihm und den Seinen— fünf Kinder zählt die 13 - Familie in den letzten Monaten ergangen sein? Am 11. Mai war er in Richtung Belgien- Frankreich evakuiert. Seither fehlte jede Nachricht. Wir glaubten ihn jedoch in Sicherheit vor den Fallstricken seiner ärgsten Widersacher. Und nun diese Enttäuschung. 11. August 1940 EIN HERRLICHER SOMMERSONNTAG. Fast die ganze Mannschaft der Kaserne ist nach Herzogenbusch ausgerückt. Unser Posten, ein gemütlicher Ostmärker, läßt uns fast zwei Stunden draußen im Kreis herum-spazieren. ,, Immer hübsch Abstand halten! Sprechen verboten!", ermahnt er hin und wieder. Zum ersten Male ist Dr. Hoeben mit von der Partie. Ob Versehen oder Absicht im Spiel ist, wissen wir nicht. An seiner Zellentür Nr. 18 haftet ein Plakat: ,, Zutritt streng verboten! Jede Unterhaltung mit dem Gefangenen strikte untersagt!" Bisher war er stets streng isoliert gehalten. Ich halte mich drei Schritte hinter ihn. Leise murmelnd tauschen wir unsere Erlebnisse der letzten Wochen aus. Am 1. August ist er mit Frau und Kindern aus Südfrankreich nach Breda zurückgekehrt und hat sich freiwillig dem SD gestellt. Eine Vernehmung hat noch nicht stattgefunden. So habe ich beste Gelegenheit, ihn zu instruieren und über wichtige Dinge zu informieren. Eine Fügung des Himmels! 13. August 1940 UNSERE ZEIT IN Vught ist abgelaufen. Zwei Limousinen der Polizei trugen uns gestern in rascher Fahrt durch das saft- und kraftstrotzende Brabanter Land in seiner sommerlichen Pracht, über Maas und Rhein nach Arnheim. präsidium. He gefängnis( Huis sie mit uns vor Die stillen Tage teilen wir eine tete Zelle. Ein r Stühlen bildet der Ecke hinte mit Brillenrand Gardinen sorge raum abgetren mit eisernen B zogen. Abends gadier" einzel anderen Zeller Freistunde mi Buchtausch. D zubereitet. Ei Wannenbad, anstandslos be ländische Wa kommend. Na Arnheim eine Plaudern, Les GESTERN BE sprach uns Tr bekenntnis d Himmelfahrt Leib des Her 14 ngen sein? Frankreich ir glaubten ken seiner täuschung. t die ganze busch ausOstmärker, eis herumSprechen der Partie. wissen wir ein Plakat: g mit dem ar er stets murmelnd n Wochen indern aus and hat sich g hat noch elegenheit, e zu infornach Arnheim. Eine Nacht verschliefen wir im Polizeipräsidium. Heute morgen wurden wir ins Stadtgefängnis( Huis van Bewaring) überführt. Was mögen sie mit uns vorhaben? Die stillen Tage der Einzelhaft sind vorüber. Zu viert teilen wir eine sehr geräumige, zweckmäßig eingerichtete Zelle. Ein rechteckiger Tisch mit vier angeketteten Stühlen bildet das Prunkstück des Wohnraumes. In der Ecke hinter einer spanischen Wand eine Tonne mit Brillenrand. Drei Oberfenster mit schwedischen Gardinen sorgen für ausreichende Lüftung. Vom Wohnraum abgetrennt sind die Schlafstellen, vier ,, Käfige" mit eisernen Bettstellen. Die Betten sind weiß überzogen. Abends werden die Schlafkäfige vom ,, Brigadier" einzeln verschlossen. Niemand kann seine anderen Zellengenossen sehen. Zweimal am Tage ist Freistunde mit Raucherlaubnis, einmal pro Woche Buchtausch. Die Kost ist einfach, jedoch schmackhaft zubereitet. Ein besonderer Genuß war das warme Wannenbad, das uns als Zugängen" auf Wunsch anstandslos bewilligt wurde. Überhaupt ist das niederländische Wachtpersonal sehr höflich, ja fast zuvorkommend. Nach den bitteren Wochen in Vught ist Arnheim eine wahre Erholung. Gemeinsames Gebet, Plaudern, Lesen, Schreiben füllen den Tag. wei Limouscher Fahrt ter Land in' und Rhein 15. August 1940 GESTERN BESUCHTE UNS der Gefängnisgeistliche, sprach uns Trost zu und erteilte uns nach dem Sündenbekenntnis die Absolution. Heute, am Festtage der Himmelfahrt Mariä, empfingen wir gemeinsam den Leib des Herrn. 15 Unvergeßliches Erlebnis: In einem engen Holzkasten - eingepfercht vorn ein kleines viereckiges Drahtgeflecht, feiern wir mit dem Priester am Altare das heilige Opfer. Inbrünstig bete ich die Verse des herrlichen ,, Magnificat": ,, Fecit potentiam in brachio suo, dispersit superbos mente cordis sui. Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles". ,, Er übet Macht mit Seinem Arm, zerstreut die Stolzgesinnten. Machthaber stürzet Er vom Throne und Niedrige erhöht Er." Der erste festliche Gottesdienst seit acht Wochen. 16. August 1940 UM HALB VIER Uhr früh weckt uns der alte Brigadier. ,, Schnell anziehen, alle Sachen mitnehmen. Sie kommen fort." Wohin, weiß er nicht. Wir raten: nach Berlin? Eine alte Petroleumfunzel, die gespenstige Schatten wirft, in der zittrigen Hand, leitet uns der freundliche Alte die nachtdunkle Wendeltreppe hinunter. In der großen Halle des Gefängnisses treffen wir einige Leidensgenossen. Wir machen uns bekannt. Es sind da versammelt: Professor Dr. Josef Schmutzer aus Utrecht, Professor Dr. Robert Regout S. J., Völkerrechtslehrer der katholischen Kaiser- Karl- Universität Nijmegen und sehr beliebter Studentenerzieher, Pater Anton ten Winkel, Rektor des Redemptoristenklosters in Glanerbrug, Pater Ägidius, ein Dominikaner aus Venlo, Rektor Lambert Rooyackers aus Herzogenbusch, Rektor Arnold van Lierop und Dr. Hein Hoeben aus Breda, Peter Lütsches, Sekretär der Internationalen Katholischen Flüchtlingshilfe aus Utrecht, Josef Kusters, Postbeamter aus Sittard, Hanns und Mirzl 16 Steinhage, Soh kannten katho ,, Der Deutsche ihren seit dem Wir alle gehö bilden in den Clique, politis den Bestand un und Volkes unter der geis mer eins' Frie Reichlich bom Milchbartes in stehenden Las ,, Wir reisen n Den Haag- Be nünftig und gedanken aus fährlich zugle zu behandeln betragen." In Utrecht fin Klasse vor. W links und rec Die schwere durchgängig D- Zug aus d Unsere natur ins Weite. F tem Wechse Fluren. Woll durchpflüger 2 Ballhorn/ Die Holzkasten ges Draht- Altare das >„Magni- dispersit tes de sede sinem Arm, stürzet Er erste fest- r alte Bri- raten: nach o Schatten freundliche ‚ter. In der wir einige Es sind mutzer aus ns völker Universität er, Pate! nklostelS Steinhage, Sohn und Tochter des Schriftleiters der be- kannten katholischen kämpferischen Wochenschrift „Der Deutsche Weg" aus Oldenzaal, als Geiseln für ihren seit dem 10. Mai 1940 flüchtigen Vater, Wir alle gehören zur Gruppe der„Muckermänner‘, bilden in den Augen der Gestapo eine einheitliche Clique„politischer Verschwörer, die von Holland aus den Bestand und die Sicherheit des deutschen Reiches und Volkes ständig gefährdete und unterminierte unter der geistigen Führung des ‚Staatsfeindes Num- mer eins’ Friedrich'Muckermann S. J.” Reichlich bombastisch klingt diese Erklärung eines Milchbartes in SS-Uniform, der uns in einen bereit- stehenden Lastwagen einsteigen hieß. „Wir reisen nach Utrecht und von dort mit dem D-Zug Den Haag— Berlin zur Reichshauptstadt. Seien Sie ver- nünftig und schlagen Sie sich eventuelle Flucht- gedanken aus dem Kopf. Flucht ist sinnlos und ge- fährlich zugleich.. Wir haben Auftrag, Sie anständig zu behandeln, vorausgesetzt, daß Sie sich entsprechend betragen." In Utrecht finden wir zwei reservierte Abteile zweiter Klasse vor. Wir machen es uns recht gemütlich, kaufen links und rechts noch allerlei erreichbare Genußmittel. Die schwere Lokomotive zieht an. Langsam rollt der durchgängig mit deutschen Uniformträgern besetzte D-Zug aus dem Häusermeer ins freie Feld. Unsere naturentwöhnten Augen schweifen sehnsüchtig ins Weite, Felder, Wiesen, Wälder und Heide in bun- tem Wechsel. Herbstliches Ahnen zieht über die Fluren. Wolkenschatten fliehen über Felder. Kraniche durchpflügen hoch die blauen Lüfte. Ferne Wälder 2 Ballhorn/ Die Kelter 17 hi u | | ! ı / stehen leicht umdunstet. Die Räder rollen ihr einschläferndes Lied. Wir passieren die Grenze bei Bentheim, lassen den Teutoburger Wald, die Porta Westphalica hinter uns. Das Herz wird schwer und schwerer. Längstversunkene Verse tauchen auf: Einmal hält der rastlos rollende Wagen, Einmal endet das Land. Einmal beginnt das Herz sein Abschiedsagen. Einmal abscheidet das letzte Meer. Einmal beginnt die große Trauer. - - so heißt Einmal stockt das Herz von Schluchzen schwer... Berlin. Am Schlesischen Bahnhof endet unsere Reise. Beamte des RSHA( Reichssicherheitshauptamt) in Zivil umringen uns. Nicht gerade unhöflich. Eisige Kälte geht von ihnen aus. Die grüne Minna" volkstümlich der Gefangenenwagen- nimmt uns auf, rumpelt ächzend auf verbrauchten Federn und entläßt uns im Hofe des Polizeipräsidiums am Alexanderplatz. Das also ist der berüchtigte ,, Alex". Die Erinnerung an Döblins Roman ,, Berlin Alexanderplatz" und das darin schlicht erzählte Lebensschicksal des Franz Biberkopf, eines grobgeschnittenen Berliner Transportarbeiters, wird wach. Hinter vergitterten Fenstern starren neugierige Augen aus blassen, bleichen Gesichtern. In der Zugangszelle sitzt eine seltsam gemischte Gesellschaft. Frack neben Lumpen, Seidenroben neben billigen Kattunfähnchen. Typen von der Peripherie der Gesellschaft. Welchen Berufen mögen diese Menschen angehören? Seiltänzer, Akrobaten, Berufsverbrecher, abgeirrte Literaten, Zuhälter, Impresarien, Sänger, Reporter, Maler, falsche Kriminalkommissare, abenteuer18 liche Grafen, hoo brüchige aus den Welt, Liftjungen auf harten Holzb fährdeten Zukun Natürlich erregt Insbesondere di ein kesser Berlin riecht sauer", m ,, Richtet euch ru sich wochen- un sich die„ Polent posten und so. stark eisenhaltig uns ein Erfahre maliger Ringver Einzeln werden lichkeit registri heißt der Facha Nähte findet po den ,, Effekten" gekämmt wird u schaftszelle, N Wir sehen un ( Knast= Gefär unsere vorläufi fung und Besi slechter"( Es g Rektor Rooyack Brabanter Diale Lebenslagen un tag in Sint Ja 2* ns ee nenn ah liche Grafen, hochstapelnde Gräfinnen, Kokotten, Aus- brüchige aus den umhürdeten Gefilden der bürgerlichen Welt, Liftjungen und arme Straßenhuren. Seit’ an Seit’ En auf harten Holzbänken. Dunkle Worte von einer ge- fährdeten Zukunft raunen durch den kahlen Raum. 4 j j Natürlich erregt unser Einzug Staunen und Neugierde. Insbesondere die Soutanenträger.„Politisch?”, fragt ein kesser Berliner Junge. Wir nicken bejahend.„Det riecht sauer‘, meint er bedauernd. „Richtet euch ruhig häuslich ein. So'ne Sache zieht sich wochen- und monatelang hin. Im Krieg nimmt sich die„Polente‘‘ doppelt Zeit, von wegen Druck- posten und so. An der Front ist denen die Luft zu stark eisenhaltig. Det ham’se nich gerne”. So tröstet uns ein Erfahrener aus der„Immertreu”-Gilde(ehe- _ so hei maliger Ringverein der Berliner Unterwelt). Einzeln werden wir aufgerufen, mit preußischer Gründ- lichkeit registriert, numeriert und visitiert.„Filzen“ ‘ heißt der Fachausdruck. Der Inhalt aller Taschen und das darin Nähte findet polizeiliches Interesse und wandert zu piberkopl, den„Effekten“. Ziemlich kahlgeplündert und aus- arbeiter, gekämmt wird unsere Gruppe in eine größere Gemein- schaftszelle, Nummer 4 auf Station II, eingewiesen. ‚ Augen Wir sehen uns um. Als erprobte„Knastologen“ (Knast= Gefängnis oder Zuchthaus) unterziehen wir unsere vorläufige Behausung einer eingehenden Prü- Gesell , bil- fung und Besichtigung.„Het valt me mee,'t kon „der slechter”(‚Es geht, es könnte schlechter sein‘), meint i er Rektor Rooyackers in seinem saftigen und plastischen EB Brabanter Dialekt. Er ist glücklicher Optimist in allen # Re- Lebenslagen und gedenkt spätestens am St. Michaels- net tag in„Sint Jan”, der Kathedrale seiner Heimat Den 2 19 Bosch, das Dankopfer für unsere Befreiung zelebrieren zu dürfen. Zwei Waschbecken mit fließendem Wasser, ein Wasserklosett, drei Oberfenster, ein größerer Tisch mit zwölf Schemeln, ein Eimer, zwei Besen zwar reichlich verschlissen sowie zwölf eiserne Bettstellen, je zwei übereinander, bilden das Inventar. Es ist inzwischen spät geworden. Pater Regout spricht den Psalm 90: ,, Wer in dem Schutz des Allerhöchsten wohnt..." und spendet den Abendsegen. Die müden Glieder sinken aufs harte Lager. In bunten Bildern hasten die vielfältigen Erlebnisse eines ereignisreichen Tages durchs erregte Hirn. Erquickender Schlaf will nicht kommen. Erst die dämmernden Morgenstunden gießen einigen Frieden ins schwere Herz. 17. August 1940 WIR MÜSSEN UNS an neue Ordnung gewöhnen. Ein Graukopf in altem blauen Uniformrock will uns die ,, Flötentöne" des ,, preußischen Reglements" beibringen. Zunächst wird ein ,, Stubenältester" ernannt, dem die Verantwortung für Ordnung, Sauberkeit, Gerechtigkeit und häuslichen Frieden obliegt. Er hat in strammer militärischer Haltung bei ,, Betreten der Zelle seitens eines Vorgesetzten" - das ist jeder Uniformierte die Belegschaftsstärke, eventuelle Abwesenheit eines Gefangenen wegen Vernehmung, Krankheit, Vorführung usw. zu melden. - Viel müssen wir noch lernen. Zuerst und höchst wichtig: zackigen Bettenbau, anständige Haltung ,, preußischen Schmiẞ" nennt unser Graukopf das- 20 Erstatten einer mit seinem Dien Sodann ,, preußis unser Präzepter halb Preußens Seligkeit. Nun: Das Bettenbaue tische Angelege Gelahrtheit erf nach langem Be Ein herbeigeru Minuten die 114 stert er Strohsa wollend und h Baukünste. Sei sachkundigen gehen die Mo Der magere Viel Wasser, stückchen, ein Seid was Be Tröstet euch, lichkeit. Scha und Schwein Preußen! Eins Boden und großgehunge nationalsozia Kanonen sta logisiert unse Mahl Würze j zelebrieren Erstatten einer Meldung, Anreden des Vorgesetzten mit seinem Dienstgrad. Sodann„preußische Sauberkeit”. JedeTugend schmückt unser Präzepter mit dem Adjektiv„preußisch”. Außer- halb Preußens gibt es für ihn kein Heil und keine Seligkeit. Nun: Jedem das Seine! Das Bettenbauen entpuppt sich als höchst problema- ‚tische Angelegenheit. Unsere Professoren mit all ihrer Gelahrtheit erfassen Kunst und Kniff der Sache erst nach langem Bemühen. Ein herbeigerufener Kalfaktor demonstriert in drei Minuten die„Zackigkeit”. Mit geübten Händen mei- stert er Strohsack und Decken und verrät dabei wohl- wollend und herablassend einige Geheimnisse seiner Baukünste. Sein Kunstwerk findet Lob und Beifall des sachkundigen Graukopfes. Lehrend und lernend ver- gehen die Morgenstunden. Der magere Eintopf will nicht recht munden. Viel Wasser, Kohlblätter, schwarzfleckige Kartoffel- stückchen, ein wenig Talg— analysieren wir. „Seid was Besseres gewöhnt, ihr vornehmen Leute. Tröstet euch, Fett macht träge und lähmt die Beweg- lichkeit. Schaut euer kleines Holland an. Butter, Käse und Schweinefleisch in Hülle und Fülle. Und unser Preußen! Einst so klein und gering geachtet. Karger Boden und magere Menschen. Aber wir haben uns großgehungert! Preußen ist heute der Kern des nationalsozialistischen Großdeutschland. Wir haben Kanonen statt Butter gewählt!” In diesem Stil mono- logisiert unser Graukopf und glaubt, damit dem kargen Mahl Würze zu geben, 21 Am Nachmittag sind wir gottlob wieder unter uns. Die ,, preußische Besessenheit", der anmaßende pädagogische Ton und die Humorlosigkeit des spießigen Alten gehen auf die Nerven. Und die brauchen wir für wichtigere Dinge. Pater Regout plaudert heiter und amüsant über Erlebnisse und Erfahrungen seiner letzten Amerikareise 1939 anläßlich des ,, Pax Romana"- Kongresses in Washington. Noch eine halbe Stunde gymnastische Übungen, und schon scheppert der Kaffeekessel vor der Zellentür. Das Abendbrot besteht aus zwei Scheiben Biot, davon eine mit Marmelade dünn bestrichen. Gemeinsames Abendgebet und ein gemütliches ,, Plauderstündchen am Kamin" beschließen den ersten Tag unserer Berliner Gefängnisexistenz. 23. August 1940 EINE FESTE TAGESORDNUNG läßt uns Mühe und Leid der Haft leichter ertragen. Wir richten uns leiblich und geistig auf ein längeres Zellenleben ein. Schade, daß unsere Fenster nordwärts gerichtet und über uns noch drei Stockwerke sind. Ein langer, rechteckiger Binnenhof, von hohen Gebäuden umsäumt, ein Stückchen Himmel sind unsere ganze Augenweide. 6.15 Uhr mahnt ein dreimaliges Glockensignal zum Aufstehen. Bettenbau, Waschen, Ankleiden und Regelung sonstiger persönlicher Angelegenheiten füllen die Zeit bis zum Morgenkaffee. Zum Empfang von Kaffee und Brot müssen wir die Zelle verlassen und uns auf dem Gang ,, preußisch aufbauen". Unser Stubenältester rasselt seine Meldung: ,, Saal 4 mit 11 Mann belegt. Keine Besonderheiten." 22 Einzeln treten näpfe hin, m wieder. Das t heißen Brühe wird man vo auch nicht de Gemeinsam gebet. Stärke Psalm 129 ,, Aus der Tie Das Gedächt gessen. Aus einstmals aud schöpfen win Unsere Theo wechselweis wir heute w Doktor der vitenorden zum Ordens und Frieslan schied. Dem liturgi das heißt de Schemel. D Unsere Hau ist verseuch Blutsauger zerstochene sie von de Hautstellen den Hände ein ekelha nnto je) Einzeln treten wir vor, halten demütig unsere Blech- näpfe hin, murmeln unsern Dank und verschwinden wieder. Das trockene Stück Brot mit der schwarzen heißen Brühe mundet vortrefflich. Dicker und fetter wird man von der„Alex“-Kost kaum, entspricht ja auch nicht dem Zweck der Übung. Gemeinsam verrichten wir das kirchliche Morgen- gebet. Stärker und inniger denn je sprechen wir den Psalm 129„De profundis clamavi ad te Domine!“ „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, o Herr!" Das Gedächtnis des Tagesheiligen wird nicht ver- gessen. Aus dem Leben der Helden und Heiligen, die einstmals auch Mitglieder der ecclesia'militans waren, schöpfen wir täglich neue Kraft. Unsere Theologen— fünf an der Zahl— berichten wechselweise biographische Einzelheiten. So hören wir heute vom Heiligen Philippus Benitius, daß er Doktor der Medizin war, als Laienbruder dem Ser- vitenorden beitrat, später die Priesterweihe empfing, zum Ordensgeneral erwählt wurde, viel in Flandern und Friesland predigte und 1285 aus dieser Zeitlichkeit schied. Dem liturgischen Teil folgt der Morgenspaziergang, das heißt der Rundgang im ‚Gänsemarsch um Tisch und Schemel. Dabei wird halblaut gesungen und gesummt. Unsere Hauptplage sind die Wanzen. Der ganze Bau ist verseucht. Wahre Prozessionen dieser widerlichen Blutsauger pilgern nachts über unsere gequälten und zerstochenen Leiber. Wie Fallschirmspringer stürzen sie von den oberen Betten und suchen gierig bloße Hautstellen. Erwischen und zerquetschen die jagen- den Hände einen vollgesogenen Käfer, so verpestet ein ekelhafter Blutgeruch die Luft. 23 an er R NE Bevor wir uns zur Ruhe betten, binden wir unsere Schlafanzüge an Armen und Beinen ab und wiegen uns in der Illusion, den Blutsaugern ihr Jagdgebiet verlegt zu haben. Illusionen aber haben die leidige Gewohnheit, zu verfliegen. Unerbittlichen Kampf bis aufs Messer haben wir unsern grausamen Peinigern angesagt. Drei Tage wird gejagt. Die Betten werden auseinandergenommen. In allen Astlöchern der Bettbretter, in allen Fugen und Ritzen haust die Wanzenbrut. Hunderte fallen jeder Jagd zum Opfer. Dennoch scheint ihre Zahl nach wenigen Tagen wieder die gleiche. Sie erhalten dauernd Zuwachs. Immerhin bildet die Wanzenjagd einen wichtigen Programmpunkt. Der Spaziergang" währt etwa eine halbe Stunde. Ein Kolleg über die verschiedensten Dinge, die Himmel und Erde bewegen, sorgt für Training des Geistes. Die Dozenten wechseln täglich. 31. August 1940 EINZELHAFT IM ,, ALEX" ist eine furchtbare Strafe. Die Einzelzellen sind auf Station III, IV und V kleine, schmale Löcher, etwa dreieinhalb Meter lang und eineinhalb Meter in der Breite. Ein Bett, ein Klosett, ein Schemel, ein Wandbrett, Waschschüssel, Eẞnapf, Löffel und ein Wasserkrug bilden die Ausstattung. Der schmale Gang zwischen Bett und Wand gewährt sehr begrenzte Bewegungsmöglichkeit. Essen und Wasser werden dreimal täglich durch die Tür gereicht. In dieser Enge haust der Gefangene tagelang, wochenlang, ohne Arbeit, ohne Lektüre, ohne Ablenkung. Ein geistiges Martyrium. Der kriminelle Ha Wenn die polize sind und der Stra der Kriminelle in überführt, wo A bessere Kost un fangenendasein Anders der polit Ihn trifft nach s Schwere und qu mürbe gemacht Sünden bis in gequetscht bis Opfer wenn in ein Konzentra im ,, Alex" nur - Es gibt in dieser Häftlinge, die la tragen. Andere und Auszehrun schafft man si Scharnhorststra etwas peinlich schaden. Selbst Polizei liebt es wissen" ,,, sich zu orakeln. In geistigen Qual digen Verhältn Verzweiflung Die Hausordnu daß den Gefan 24 wir unsere | wiegen uns dgebiet ver- leidige Ge- haben wir ei Tage wird Der kriminelle Häftling bleibt nur eine begrenzte Zeit. Wenn die“polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen sind und der Strafrichter Haftbefehl erlassen hat, wird der Kriminelle in das Untersuchungsgefängnis Moabit überführt, wo Arbeit, tägliche Freistunde, Lektüre, bessere Kost und eine geräumigere Zelle das Ge- fangenendasein erträglicher machen. Anders der politische Häftling, der Gesinnungstäter. Ihn trifft nach staatspolizeilichem Willen die ganze Schwere und qualvolle Last der Polizeihaft. Er muß mürbe gemacht werden, bis er alle seine politischen Sünden bis in die letzte Einzelheit gesteht. Aus- gequetscht bis zum äußersten, wird das arme Opfer— wenn kein schwereres Vergehen vorliegt— in ein Konzentrationslager eingewiesen, von dem man im„Alex“ nur leise und mit Grauen spricht. Es gibt in diesem trostlosen Bau gegenwärtig politische Häftlinge, die länger als ein Jahr ihr schweres Kreuz tragen. Andere sind nach Monaten an Erschöpfung und Auszehrung gestorben. Kurz vor ihrem Ableben schafft man sie in das Staatskrankenhaus an der Scharnhorststraße. Ein Todesfall im„Alex" ist immer etwas peinlich und könnte dem„Ruf” des Hauses schaden. Selbstmorde sind hier keine Seltenheit. Die Polizei liebt es, in solchen Fällen von„bösem Ge: wissen”,„sich dem Arm der Gerechtigkeit entziehen" zu orakeln. In Wahrheit treiben die leiblichen und geistigen Qualen und die Nöte der menschenunwür- digen Verhältnisse des„Alex" die Einzelhöftlinge zu Verzweiflung und Freitod. Die Hausordnung des Polizeipräsidiums schreibt vor, daß den Gefangenen in der Woche eine Freistunde zu 25 gewähren sei. Vierzehn Tage sind wir schon Gäste dieses Hauses. Heute nachmittag endlich heißt es zum ersten Male: ,, Antreten zur Freistunde!" Man ist geneigt, mit dem Begriff ,, Freistunde" allerlei angenehme Vorstellungen zu verbinden, etwa wie Spaziergang zwischen saftigem Rasen und farbenprächtigen Blumenbeeten, sechzig Minuten herrliches Ein- und Ausblasen frischer, ozonreicher Luft und ähnliches. Die Phantasie eines Eingekerkerten ist überhaupt häufig blühend und von ausschweifender Kraft. Die Wirklichkeit ist um so grauer. Wir werden zu etwa sechzig Gefangenen in einen Binnenhof geführt. Ringsum acht Stockwerk hohe häßliche Verwaltungsgebäude. Kein Baum, kein Strauch, keine Blume, kein Stückchen Natur, außer einigen fliegenden Wolkenfetzen im hohen Himmelsblau. Holprige Steine unter unseren Sohlen, kalte, glatte Steine rund um uns. Diese Steinmassen müssen auf die Dauer entseelen, veröden, vergiften. In Abstand und Stillschweigen trotten wir an den Wänden lang. In jeder Ecke steht ein Posten der grünen Polizei, wachend und spähend. Fünfzehn Minuten dauert der schweigende Marsch. Mich fröstelt trotz sommerlicher Wärme. Ein Pfeifentriller des Oberaufsehers und wir rücken im Gänsemarsch wieder ein. Heute ist der Tag eines wenig bekannten Heiligen, nämlich des Bekenners Raimundus Nonnatus. Für uns Gefangene gewinnt er jedoch besondere Bedeutung. In frühester Jugend schon legte er das Gelübde ab, sein Leben ganz der Befreiung der christlichen Sklaven aus islamischer Knechtschaft zu weihen. 26 Voll Inbrunst Gott, Du hast D seine Tätigkei aus der Gefang würdig gemach daß wir, der S bringen, was D Bei der Freistu ansonsten gest ist er bereits ve Mißhandlunge Einzelhaft rech über uns, unte VIER WOCHE für uns Entsch gleichmäßig schreiben dür halten. Gedul Draußen herb werden der gibt es nicht, Frostperiode Erstaunlich is uns. Elf Me eingepfercht eigentlich hin ergeben. Ge noch in best Die Einhaltu wandelten T Rektor van r schon Gäste h heißt es zum " Man ist gerlei angenehme Le Spaziergang htigen Blumenund Ausblasen Die Phantasie Sig blühend und hkeit ist um so Gefangenen in cht Stockwerk ein Baum, kein Natur, außer phen Himmelsen, kalte, glatte müssen auf die n wir an den ein Posten der nd. Fünfzehn h. Mich fröstelt riller des Obermarsch wieder nten Heiligen, natus. Für uns ere Bedeutung. s Gelübde ab, lichen Sklaven n. Voll Inbrunst beten wir die Kollekte des Tages: ,, O Gott, Du hast Deinen heiligen Bekenner Raimund durch seine Tätigkeit für die Befreiung Deiner Gläubigen aus der Gefangenschaft der Gottlosen bewunderungswürdig gemacht, gewähre uns auf seine Fürsprache, daẞ wir, der Sündenfessel entledigt, in Freiheit vollbringen, was Dir wohlgefällig ist." Bei der Freistunde trafen wir Dr. Hoeben. Etwas bleich, ansonsten gestrafft und gefaßt wie stets. Einige Male ist er bereits vernommen worden. Gottlob ohne schwere Mißhandlungen. Mit einer baldigen Aufhebung der Einzelhaft rechnet er nicht. Er wohnt drei Stockwerke über uns, unterm Dach, in Zelle 115. 14. September 1940 VIER WOCHEN WARTEZEIT sind verstrichen. Nichts für uns Entscheidendes ist geschehen. Die Tage fließen gleichmäßig dahin. Zweimal haben wir nach Hause schreiben dürfen. Hier hat bisher niemand Post erhalten. Geduld und nochmals Geduld. Draußen herbstelt es. Wir merken es am Kürzerwerden der Tage und an der Kühle im Raum. Licht gibt es nicht, und die Heizung wird erst zu Beginn der Frostperiode in Betrieb gesetzt. Erstaunlich ist die gleichmäßige Stimmungslage unter uns. Elf Menschen wochenlang im gleichen Raum eingepfercht unter harten Bedingungen, das müßte eigentlich hin und wieder Reibungen und Entladungen ergeben. Geist, Herz und Nerven müssen demnach noch in bester Ordnung sein. Die Einhaltung des gut durchdachten, sinnvoll abgewandelten Tagesprogramms trägt sicherlich dazu bei. Rektor van Lierop ist vor einigen Tagen ins Staats27 krankenhaus überführt worden. Die Wanzen hatten ihn arg zerstochen. Fieber stellte sich ein. Auch Pater Regout hat viel unter den bösen Blutsaugern zu leiden. Seine Füße sind entzündet und geschwollen. Der Arzt hat Bettruhe verordnet. Nun doziert er in horizontaler Lage vom Strohsack aus. Er trägt alle Beschwerden und Härten des ,, Alex" mit einem wunderbaren Gleichmut. Immer findet er für uns alle, die wir uns mal mehr oder minder beladen und bedrückt fühlen, das rechte Wort zur rechten Zeit. Er ist wirklich unser Vater. Zum heutigen Kreuzerhöhungstage hielt er uns eine gedankentiefe Predigt über den Sinn des Leidens. Dabei stand sein ganzes Wesen in Flammen und seine ganze Seele wuchs in ihr volles, hohes Maß. 29. September 1940 SONNTAG. EIN GEWISSER Höhepunkt der Woche auch bei uns. Nicht, daß das graue Einerlei um uns durch materielle Genüsse aufgehellt würde, nein, der Akzent liegt im geistigen Bereich. - Die Meẞfeier am Sonntag trägt feierlicheren Charakter. Wir singen wenngleich gedämpfteinleitend die Antiphon ,, Asperges me Domine...", den Introitus, das Kyrie und Gloria, das Graduale und Credo, Offertorium und Sanctus, Benedictus, Agnus Dei und Ite missa est. Dem Heiligen Erzengel Michael zu Ehren, dessen die katholische Christenheit heute festlich gedenkt, beten wir mit verstärkter Inbrunst den gewaltigen Anruf: Heiliger Michael, beschirme uns im Streite, sei unsere Schutzwehr gegen die Bosheit und Arglist des Teufels. 28 Gottes Macht ko Du aber, Fürst den Satan und Verderben der S Kraft Gottes hi Rektor Rooyac setzen. Die Illu wie so viele an achtet der ung seelisch auf W Meinungen seb Schwarzseher, ein halbes Dez Spott ein. Als bis zwei Jahre Drei Monate gewicht ist sc Kilo schätzun Küchenmeiste sichtlich um Kaloriengehal heimatliche I angereichert, Zeitspanne ü wird dringlich haben wir se mit unserer Von Rektor arzt Dr. Olb erkrankung Seltsame Fig zeigt denno anzen hatten Auch Pater ern zu leiden. len. Der Arzt horizontaler Beschwerden wunderbaren die wir uns rückt fühlen, wirklich unser ter uns eine des Leidens. men und seine Maß. t der Woche merlei um uns rde, nein, der ren Charakter. einleitend die den Introitus, Credo, Offers Dei und Ite en, dessen die edenkt, beten altigen Anruf: eite, sei unsere st des Teufels. Gottes Macht komme über ihn, so flehen wir demütig. Du aber, Fürst der himmlischen Heerscharen, stürze den Satan und die anderen bösen Geister, die zum Verderben der Seelen die Welt durchziehen, durch die Kraft Gottes hinab in den Abgrund! Rektor Rooyackers muß sich einen neuen Termin setzen. Die Illusion vom Pontifikalamt in Sint Jan ist wie so viele andere verflogen. Er bleibt dessen ungeachtet der ungebrochene Optimist und richtet sich seelisch auf Weihnachten ein. Im übrigen sind die Meinungen sehr geteilt. Peter, der fast berufsmäßige Schwarzseher, äußert, alles in allem veranschlage er ein halbes Dezennium. Das trägt ihm manchen billigen Spott ein. Als Mittel taxieren wir so etwa 18 Monate bis zwei Jahre Haft. Drei Monate sind erst verstrichen. Unser Körpergewicht ist schon beachtlich gesunken. Fünf bis acht Kilo schätzungsweise. Schmalhans ist alle Tage Küchenmeister. Jacke und Hosen schlottern schon sichtlich um unsere fettentwöhnten Leiber. Wird der Kaloriengehalt unserer kargen Kost nicht bald durch heimatliche Liebesgaben oder sonstige Hilfsquellen angereichert, so wird niemand von uns die angesetzte Zeitspanne überdauern. Die Bitte ums tägliche Brot wird dringlicher und inständiger. Unser Sportprogramm haben wir seit kurzem erheblich gekürzt. Wir müssen mit unserer Energie recht sparsam sein. Von Rektor van Lierop ist durch den Gefängnisarzt Dr. Olberts Nachricht gekommen. Seine Hauterkrankung ist langwierig, jedoch ungefährlich. Seltsame Figur, dieser Arzt. Er ist SS- Standartenführer, zeigt dennoch menschliches Mitfühlen und soziales 29 - Empfinden. Er besucht uns häufiger in der Zelle, fragt nach Befinden und Wünschen, bringt dann und wann Zigaretten, Brot, Vitaminpräparate und gar einige Bücher. Tiefergehenden Gesprächen und bohrenden Fragen über Gegenwart und Zukunft weicht er beharrlich aus. Gestern kam die erste Familiennachricht. Seit acht Wochen war kein Lebenszeichen durch die Gestapozensur geglitten. Wozu diese sinnlosen seelischen Quälereien? 9. Oktober 1940 DER HEUTIGE MITTWOCH brachte ungewohnte Abwechslung. Zwei ,, Zellenbrüder" wurden ,, vorgeführt" zur Vernehmung, einige Lebensmittelpakete trudelten ein, die Poststelle brachte Briefe und- last not least- hielt Professor Schmutzer nach achtwöchiger Einzelhaft seinen bejubelten Einzug in Saal 4. Ganz zufrieden mit diesem Wechsel der Dinge schien er anfangs nicht. In der langen und stillen Einsamkeit hatte er seine irdischen Sorgen und Kümmernisse abgestreift und überwunden und lebte im Geiste bereits in einer schöneren Welt. Die Gemeinschaft bedeutete für ihn Rückkehr zum Leben, sowohl leiblich wie geistig. Wie Kinder am Nikolaustag oder Christfest umstehen wir voller Neugier und... Heißhunger die Liebesgaben. Jedes Stück wird sorgsam von seiner Papierhülle befreit, betastet, beschnuppert und andächtig weitergereicht. einer Edamer Käse braunes, festes Vo und allerlei pralle deln, Konfekt un Mund wässerig w Die Worte des Tis Sinn, klingen dan sich an verschied langentbehrte! Tin schwelgen. Das d oft dem Nullpunk meter tut einen brochen. Vivant WARTEN, WART und harren. Sch Herz, das sich qu Gegenwart und sucht. Es ringt si dem" oder ein d voluntas tua! De lichen Natur sied Dank freundlich hat sich unsere E Auch das Geist Bücher aus vers Wissenschaft si danken wir den Schwedischen G der Bekenntnisk Zum Festtag de Rooyackers hof Die Reihe der Gaben füllt einen beachtlichen Teil des Tisches. Köstlich steigt der herbe Geruch braunroter Dauerwurst in die Nasen. Leuchtend strahlt das Rot 30 einer Edamer Käsekugel. Goldgelbe gesalzene Butter, braunes, festes Vollkornbrot, gespickter Honigkuchen und allerlei pralle Tüten mit Zucker, Rosinen, Man- deln, Konfekt und anderen Leckereien lassen den Mund wässerig werden. Die Worte des Tischsegens haben heute einen tieferen Sinn, klingen dankbarer. Zunge und Gaumen laben sich an verschiedenen Kostproben. Welche Genüsse, langentbehrte! Timmermans Pallieter kann nicht besser schwelgen. Das durch lange Wochen der Entbehrung oft dem Nullpunkt bedenklich nahe Stimmungsbaro- meter tut einen Sprung. Die Paketsperre ist durch- brochen. Vivant sequentes! Sonntag, 27. Oktober 1940 WARTEN, WARTEN, IMMER wieder. warten! Hoffen und harren. Schwermut befällt hin und wieder das Herz, das sich quält mit den trostlosen Dingen unserer Gegenwart und einen Sinn im Verwirrten zu finden sucht. Es ringt sich durch, kündet ein stolzes’„Trotz- dem‘ oder ein demütiges„Nicht, wie ich will’. Fiat voluntas tua! Der Glaube an die Güte der mensch- lichen Natur siegt. Dank freundlich gesinnter Helfer in der Außenwelt hat sich unsere Ernährungslage beachtlich verbessert. Auch das Geistesleben hat Bereicherung erfahren. Bücher aus verschiedenen Gebieten der Kunst und Wissenschaft sind uns zugesandt worden. Vieles danken wir den Bemühungen der Abteilung B der Schwedischen Gesandtschaft und dem Berliner Pfarrer der Bekenntniskirche Grüber. Zum Festtag des Königtums Christi spricht Rektor Rooyackers hoffnungsfrohe Worte im Anschluß an 3. u nn 4 1 j 1} Psalm 71: ,, Er herrscht von Meer zu Meer, vom Strom bis an die Grenzen der Erde. Ihm huldigen alle Könige der Erde, Ihm dienen alle Völker." 11. November 1940 Die Gestapo jedo frei, verhört und nach Strich und B roten Schutzhaft Adriaan eine Ge Einige Tage spä stellt und entsch Eine interessant des Berliner Pfa Matthias bei un Rosenbergs, My verschafft uns di zum ersten Male im Pfarramt Sank Hirtenschreiben Münster, Clemen mannhaftem Bek rath ein gut Tei IMMER HÄUFIGER WERDEN unserer Zelle Gäste für einige Tage zugewiesen. Die meisten sind holländische Arbeiter, die, von Heimweh und Hunger getrieben, heimlich ihre Arbeitsplätze in und um Berlin verlassen und später in Zügen und auf Bahnhöfen von Polizeistreifen aufgegriffen werden. Ihr Weg führt über den ,, Alex" nach einigen Tagen zwischen Hangen und Bangen wieder in eine fragwürdige Freiheit. Werden sie jedoch zum zweiten oder dritten Mal erwischt, endet der Leidensweg vorläufig im KZ. Schlimmer erging es Adriaan. Er war von bäuerlicher Abkunft, der kleine Adriaan Paalman, ein achtzehnjähriger, etwas beschränkter Gemüsehändler aus Den Haag. Adriaan war in einem Berliner Metallbetrieb als Hilfsarbeiter tätig. Während der Mittagspause blätterte er schläfrig in einer alten Illustrierten, die Zigarette lässig im Mundwinkel. Der Glimmstengel entfällt plötzlich seinen Lippen, brennt ein Loch in das Blatt, das ein Hitlerbild zeigt. Ein Hitlerjunge, der unserm Adriaan nicht grün ist, bringt den Vorgang, verzerrt dargestellt, zur Anzeige, und schon sitzt Adriaan, Trübsal blasend und zu Tode betrübt, wegen ,, Beleidigung des Führers" in Numero Sicher. Der Fall Adriaan" wandert sogar bis zum Sondergericht. Ein halbwegs vernünftiger Richter findet keine Schuld an ihm und schickt ihn nach dreiwöchiger Untersuchungshaft in Moabit wieder zum ,, Alex" zurück. Wir erfahren ma die diabolische Kirchenverfolge Mordes an de Aktion, Ministe Juni 1934, über und Heinrich B Franz von Pape Die Beschwerd chronischer Hü mit unerschütte unserer Gemei Zelle gebracht. 3 Ballhorn/ Die Ke 32 eer, vom Strom gen alle Könige Zelle Gäste für nd holländische nger getrieben, um Berlin verBahnhöfen von Ihr Weg führt wischen Hangen ürdige Freiheit. er dritten Mal ufig im KZ. von bäuerlicher , ein achtzehnmändler aus Den er Metallbetrieb r Mittagspause llustrierten, die Glimmstengel unt ein Loch in Hitlerjunge, der t den Vorgang, and schon sitzt betrübt, wegen Sicher. is zum SonderRichter findet ihn nach dreibit wieder zum Die Gestapo jedoch läßt ihr jugendliches Opfer nicht frei, verhört und verprügelt es vielmehr wiederholt nach Strich und Faden und schickt ihm den ominösen roten Schutzhaftbefehl in die Zelle, laut welchem Adriaan eine Gefahr für Volk und Staat darstellt. Einige Tage später wird Adriaan auf Transport gestellt und entschwindet so unserem Gesichtskreis. Eine interessante Persönlichkeit taucht in Gestalt des Berliner Pfarrers Albert Coppenrath von Sankt Matthias bei uns auf. Eine Predigtbemerkung, auf Rosenbergs ,, Mythus des XX. Jahrhunderts" gemünzt, verschafft uns die Ehre seines Besuches. Er ist nicht zum ersten Male Gast der Gestapo. Sein Vorgänger im Pfarramt Sankt Matthias ist der durch seine mutigen Hirtenschreiben in aller Welt bekannte Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen. Von dessen mannhaftem Bekennermut besitzt auch Pfarrer Coppenrath ein gut Teil. Wir erfahren manche aufschlußreiche Einzelheit über die diabolische Taktik der nationalsozialistischen Kirchenverfolger, über die näheren Umstände des Mordes an dem Leiter der Berliner Katholischen Aktion, Ministerialdirektor Dr. Erich Klausener im Juni 1934, über die ehemaligen Kanzler Josef Wirth und Heinrich Brüning, über das seltsame Phänomen Franz von Papen. Die Beschwerden des Zellenlebens erträgt der an chronischer Hüftgelenkentzündung leidende Pfarrherr mit unerschütterlichem Humor. Leider wird er bald unserer Gemeinschaft entrissen und in eine andere Zelle gebracht. 3 Ballhorn/ Die Kelter 33 30. November 1940 17 UNSERE ZEIT IM ,, Alex" scheint bemessen zu sein. Ein Vertreter des Reichssicherheitshauptamtes gab uns die Ehre, händigte uns unsere Schutzhaftbefehle gegen Quittung aus und empfahl sich mit dem Bemerken, wir würden demnächst in ein Umschulungslager" überführt werden. Über Zeit und Dauer der ,, Umschulung" wußte er keine nähere Auskunft zu geben. Eingehend studieren wir den etwas langatmigen und geschwollenen Amtstext. Er ist für uns alle gleichlautend: ,, Hochverräterische Betätigung". Worin diese Betätigung bestanden hat, wird nicht näher erläutert. 24. Dezember 1940 UM ELFEINHALB UHR rasseln Schloß und Schieber unserer Zellentür. Ein spitznasiger, käsiger Uniformträger, mit einem gewaltigen Schlüsselbund bewaffnet, schnauzt im preußischen Kasernenhofton: ,, Alles klarmachen. Um 13 Uhr Abfahrt Luftkurort Sachsenhausen." Bums, knallt die eisengepanzerte Tür ins Schloß. Klack... klack... fallen die Schieber. Fünfzehn Uhr zeh anderthalbstündig Gepreßt wie Herin prickelnden Glied wir im Seufzerk lottenburg und Te Betretenes Schweigen. Übereilt werden Koffer und Kisten gepackt, Decken gerollt, Vorräte gemustert. Die Zeit rinnt. Dreizehn Uhr. Zum letztenmal vernimmt das Ohr die wohlbekannten Rasselgeräusche von Schloß und Schieber. Noch im Geknirs Stimmen laut: L die Schweineband Sechs feldgraue, emblemen an Mü uns abgemagerte Verstohlen mus Mauern. Alles g auf den Mauern Uber der gähnend Hauses steht in haftlager Sachsen tor künden: Ar jemand: Ja, im Leb wohl, alter ,, Alex"! Lebt wohl, liebe Freunde. Ein letzter, tiefer Blick in die väterlich gütigen Augen Pater Regouts, ein kräftiger Händedruck. ,, Dominus vobiscum!" ,, Der Herr sei mit euch!" 34 Die Inschrift vo Sinn: Lasciate o ihr eintretet, las Wir durchschre höhnisches Gelä sichtlich gilt est rockige Priester ha... b .ha... Pfa Drei wüste, sch über den weitr baracken hindu Fünfzehn Uhr zehn! Die„grüne Minna“ stoppt nach anderthalbstündiger Fahrt vor einem grauen Gebäude. Gepreßt wie Heringe im Salzfaß, mit eingeschlafenen, prickelnden Gliedern, bange Furcht im Herzen waren wir im„Seufzerkasten” auf Umwegen über Char- lottenburg und Tegel nach Oranienburg geholpert. Noch im Geknirsch der Bremsen werden gröhlende Stimmen laut: ‚Los, los, marsch, marsch! Wo bleibt die Schweinebande? Gleich geht's rund.” Sechs feldgraue, martialische Kerle, mit Totenkopf- emblemen an Mütze und Uniform, stoßen und puffen uns abgemagerte Elendsgestalten in Reih und Glied. Verstohlen mustern die Augen Menschen und Mauern. Alles grau in grau. Die Stacheldrahtreiter auf den Mauern tragen frostglitzernde weiße Hauben. Uber der gähnenden Einfahrt des unheimlichen grauen Hauses steht in dicken, schwarzen Lettern„Schutz- haftlager Sachsenhausen”. Weiße Buchstaben im Eisen- tor künden: ‚Arbeit macht frei”. Hinter uns flüstert jemand:„Ja, im Krematorium drei.” Die Inschrift von Dantes Inferno kommt mir in. den Sinn: Lasciate ogni speranza, voi ch’ entrate! Ihr, die ihr.eintretet, lasset alle Hoffnung fahren! Wir durchschreiten den Torgang. Von rechts tönt höhnisches Gelächter aus der Blockführerstube. Offen- sichtlich gilt es uns. Rektor Rooyackers trägt die lang- rockige Priesterkleidung seiner Heimatdiözese.„Ha... ha...ha.,. Pfaffen. Ein gefundenes Fressen für üns.” Drei wüste, schwerbewaffnete SS-Männer jagen uns über den weiträumigen Appellplatz zwischen Holz- baracken hindurch zur„Entlausung”. 3” 35 Außer Atem, erhitzt, mit zitternden Knien schleppen und zerren wir Koffer und Kartons nach. und In der Entlausungsbaracke macht uns ein vollgefressener, aufgeschwemmter Oberscharführer mit listigen Schweinsäuglein unter gezielten Boxhieben saftigen Fußtritten klar: ,, Ihr seid hier nicht in einem wohlverwahrten Gefängnis oder mollig eingerichteten Zuchthaus. Sachsenhausen ist ein Konzentrationslager. Was das heißt, wird euch noch klar werden. Los, ausziehen bis auf den nackten Arsch!" Es ist eiskalt im kahlen Raum. Der Boden betoniert. Draußen ist's-18 Grad Celsius. ,, Tempo, Tempo", brüllt unser Cerberus...Soll ich euch Beine machen?" Seit 1928 war ic brachten mich di Stellung. 1934 ers in Erweiterung trages" meuchlin Mäntel, Jacken, Westen, Hosen, Kragen, Hemden, Unterhosen fliegen zu Boden. Koffer und Kisten werden aufgerissen. Ihr Inhalt gierig gemustert. Lebensmittel, Schokolade, Deventer Kuchen, Speck, Dauerwurst, Käse, Zigarren und Zigaretten, alles Liebesgaben zum bevorstehenden Weihnachtsfest, von unseren Angehörigen vom Munde abgespart, werden ,, konfisziert". Geld, Ringe, Uhren, sonstige Wertgegenstände werden gesondert notiert. Adalbert Probst, R verbandes Deuts und kalter Mord Wort und Schrif raffinierten, eiska Ich empfange meine Nummer: 34734. Mein ehrlicher, bürgerlicher Name wird vorläufig zu den Akten gelegt. schen Kirchenver erfolgten Emigrat publizierte, lud i Meine Kraft abe fortitudo mea." Eine geschlagene Zitternd und zä Schutzhäftling 34734. So heiße ich nun. Und warum? ,, Weil er die Sicherheit und den Bestand des deutschen Volkes und Reiches gefährdet und weil er sich hochverräterisch betätigt hat." durch Mark und Endlich komman marsch!" Ein gel umströmt und k Körper. Gefanger ratzekahl Kopfist verboten. Lei regeln zu, frager endeter Prozedu die Duschen stel eine drohende St Heiße, dampfend Körper, brennen kühlen die Str peitscht eiskalt 36 Knien schleppen ach. ein vollgefresserer mit listigen Boxhieben und nicht in einem geingerichteten zentrationslager. erden. Los, ausBoden betoniert. erus. ,, Soll ich ragen, Hemden, und Kisten wermustert. LebensSpeck, Dauern, alles Liebesmachtsfest, von gespart, werden enstände werden Mein ehrlicher, zu den Akten un. Und warum? stand des deutund weil er sich Seit 1928 war ich katholischer Jugendführer. 1933 brachten mich die Zeitumstände in eine führende Stellung. 1934 erschossen Schergen Hermann Görings ,, in Erweiterung des mir vom Führer erteilten Auftrages" meuchlings meinen unvergeßlichen Freund Adalbert Probst, Reichsführer des katholischen Sportverbandes ,, Deutsche Jugendkraft". Das war glatter und kalter Mord! Weil ich diese gemeine Untat in Wort und Schrift als Mord geißelte, weil ich die raffinierten, eiskalten Methoden der nationalsozialistischen Kirchenverfolgung nach meiner im Jahre 1934 erfolgten Emigration in der katholischen Weltpresse publizierte, lud ich Haß und Rache auf mich. Meine Kraft aber ist und bleibt: Quia tu es Deus, fortitudo mea." ,, Denn Du, o Gott, bist meine Stärke." Eine geschlagene Stunde stehen wir auf dem Beton. Zitternd und zähneklappernd. Der Frost beißt sich durch Mark und Bein. Endlich kommandiert ,, Schweinebacke":", Vorwärts marsch!" Ein geheizter Raum nimmt uns auf. Wohlig umströmt und kost die warme Luft den erstarrten Körper. Gefangene in gestreifter Kleidung scheren uns ratzekahl Kopf-, Achsel- und Schamhaare. Sprechen ist verboten. Leise tuscheln sie uns Verhaltungsmaßregeln zu, fragen nach Woher und Warum. Nach beendeter Prozedur müssen wir uns im Nebenraum unter die Duschen stellen. Durch ein Schiebefenster befiehlt eine drohende Stimme, nicht von der Stelle zu weichen. Heiße, dampfende Wasserstrahlen prasseln auf unsere Körper, brennen furchtbar, verbrühen die Haut. Dann kühlen die Strahlen ab und einige Minuten lang peitscht eiskaltes Wasser unsere Leiber. Ein regel37 mäßig wiederholtes Spezialvergnügen der Herren ,, Blockführer", wie die offizielle Anrede lautet. Ein dickwangiger, gutmütiger Gefangener bespritzt unsere krebsroten Körper mit einem unangenehm beißenden Zeug, mit ,, Cuprex". Die Entlausungsprozedur ist beendet. Wir sind rein und würdig, die blau- weiß gestreifte, rauhhaarige Sträflingskleidung zu empfangen. Komisch wirkt der Anblick meiner Leidensgenossen. Schlotternde Hosen, kurzärmlige Jacken, löchrige Mäntel, zerfranste Krätzchen, ausgelatschte Kommisstiefel. Mir fällt ein Schlagertext ein: ,, Das muß wohl von der Wohlfahrt sein, Hose zu klein, Jacke paẞt fein!" Siebzehn Uhr. Wir werden hinausgeführt. ,, Laufschritt, mansch, marsch!"- ,, Während der Arbeitszeit hat jeder Häftling sich im Laufschritt zu bewegen", befiehlt die Lagerordnung. Auf der betonierten Lagerstraße rechts vom Tor hält unser Neulingstrupp an. Vor uns grinst uns von einer Holztafel ein Totenkopf mit gekreuzten Schlüsselbeinen entgegen. Eine zweite Tafel kündet: ,, Neutrale Zone! Es wird scharf geschossen." Der Blick schwe des ersten Ring freien Platz u schriften. In der frostigen Wint Die neutrale Zone" ist ein schmaler Sandstreifen. Dahinter ein Stacheldrahtverhau, mit Starkstrom geladen. Ein etwa drei Meter breiter Schlackenweg, der ,, Schlauch", nach außen von einer hohen Mauer mit stromgeladenem Stacheldraht begrenzt, umschließt in Dreiecksform den Appellplatz und die hölzernen Wohnbaracken. Alle zweihundert Meter ragt ein Wachtturm auf, ständig bemannt mit drei SS- Posten und bestückt mit Maschinengewehren. Augen:„ Es gibt steine heißen: Sauberkeit und Das große Tor lonne von müde Links zwo.. dermann, Seite Ungerührt trot Schwergestiefe Gewehrkolben Der Zug reißt mögen es sein vorbei, privat geschichte. Hohläugig, mi uns hinüber. solche Elendsg O Gott, waru trübt umher, meln die bebe Endlich schlie ternden Sklav hundert? Dem Lichts", das E triumphierend dene Verkörp 38 n der Herren e lautet. gener bespritzt unangenehm Wir sind rein e, rauhhaarige idensgenossen. cken, löchrige schte KommisDas muß wohl in, Jacke paßt rt. ,, Laufschritt, itszeit hat jeder en", befiehlt die s vom Tor hält t uns von einer zten Schlüsselndet: ,, Neutrale er Sandstreifen. Starkstrom gelackenweg, der hen Mauer mit , umschließt in die hölzernen Meter ragt ein drei SS- Posten Der Blick schweift in die Runde. Die grünen Baracken des ersten Ringes, die halbkreisförmig den weiten, freien Platz umsäumen, tragen weißfarbige Aufschriften. In der mählich einfallenden Dämmerung des frostigen Winterabends entziffern die hellwachen Augen: ,, Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Ordnung, Gerechtigkeit, Sauberkeit und Liebe zum Vaterland." Das große Tor wird aufgeschoben. Kolonne nach Kolonne von müde dreinschauenden Häftlingen rückt ein. ... drei... vier... links, links! Vor,, Links zwo dermann, Seitenrichtung!" schnarren giftige Stimmen. Ungerührt trotten die Arbeitskommandos vorwärts. Schwergestiefelte Wachtposten treten und stoßen mit Gewehrkolben dann und wann in die graue Masse. Der Zug reißt und reißt nicht ab. Wieviele Tausend mögen es sein? Wieviel tausend Schicksale trotten vorbei, private Tragödien am Rande der Weltgeschichte. Hohläugig, mit bleichen Wangen stieren einige zu uns hinüber. Werden auch wir in einigen Wochen solche Elendsgestalten werden? ,, O Gott, warum verstößt Du mich und gehe ich betrübt umher, während der Feind mich verfolgt", murmeln die bebenden Lippen. Endlich schließt sich das Tor hinter dem erschütternden Sklavenzug. Leben wir im zwanzigsten Jahrhundert? Dem ,, Jahrhundert der Humanität und des Lichts", das Ernst Häckel um die Jahrhundertwende triumphierend ankündigte. Ist das die fleischgewordene Verkörperung eines neuen Mythos und Ethos, 39 die Nietzsche prophetisch anzukündigen sich vermaß? Auf dem Appellplatz formieren sich die Massen zu Blocks. In Fünferreihen stehen je Block zweihundertfünfundzwanzig bis zweihundertfünfzig Gefangene angetreten. Die Blockführer gehen die Reihen entlang, zählen sie, melden dem ,, Rapportführer", einem dünnbeinigen, schmalhüftigen, brutal und finster blickenden Hauptscharführer das Ergebnis der Zählung. Kommandos gellen über den stillgewordenen Platz: ,, Achtung! Stillgestanden! Mützen ab! Augen rechts!" Der Schmalhüftige baut sich gewichtig vor einem dickleibigen SS- Offizier, dem Lagerführer, auf und schnarrt seine Meldung. Einige Wortfetzen dringen herüber. 10 577 Häftlinge zählt das Lager. ,, Rührt euch!" Die ,, Speckdeckel" fliegen hoch. ,, Ganze Abteilung kehrt!" Die Blocks marschieren ab. Leer und verlassen liegt der weite Platz. Wieviel Schweißtropfen und Blut mögen ihn schon gedüngt haben? Der ,, Lagerälteste" Harry Naujoks, ein alter Lagerhase aus der Hamburger Gegend, dirigiert uns zur ,, Isolierung", eine vom übrigen Lager abgeschlossene Abteilung. Hier lernt der Zugang" lagermäßigen Bettenbau, zünftiges Zusammenlegen seiner armseligen Lumpen, Spindeinrichtung. Preußischer Drill in höchster Potenz, Im Schlafsaal schlägt uns' Eiskellerluft entgegen. Die Scheiben dick vereist 28 Grad Celsius. Zu zweit teilen wir einen schmalen Strohsack. Zwei dünne Decken geben verbringen wir ES HERRSCHT hungen allenth minelle Gefang stiftung eines in den Flamme Zur Strafe muß antreten. Die T nach sich. Drei Etwa zweihun und Glied. Kar Duisburger Ju Frost klirrt. H mittags fallen Uns gegenübe SK, der Strafk Sträfling) aus ronje" genann Ein Häftling geschleppt. Be liegen. ,, Hat unserem Stu gen. Seid hell Hin und wied 15 Minuten un Stunden in d entzündung. N 40 en sich ver- e Massen zu zweihundert- angene an- n entlang, q vor einem rer, auf und 577 Häftlinge jatz. Wieviel gedüngt on gedüng tor Lagerhase ns zu!„J50° Inssene Ab- n10>> „ Bettenbal: „on Lumpel: a or Poten?. ste de 14 zweit zwei dünn L Decken geben notdürftige, Wärme. Zähneklappernd verbringen wir dunkle Stunden. 17. Dezember 1940 ES HERRSCHT GROSSE Aufregung. Schreie und Dro- hungen allenthalben. Block 13, in dem„Grüne“(Kkri- minelle Gefangene) hausen, brennt lichterloh. Brand- stiftung eines Ubergeschnappten, der selbst den Tod in den Flammen fand. Zur Strafe muß die gesamte Blockbelegschaft am Tor antreten. Die Tat des einzelnen zieht kollektive Strafe nach sich. Drei Tage Strafstehen, ohne Essen! Etwa zweihundertunddreißig Mann stehen in Reih und Glied. Karl Bennertz, der Blockälteste, ein zäher Duisburger Junge, spricht ihnen leise Mut zu. Der Frost klirrt. Hunger beißt in den Eingeweiden. Nach- mittags fallen die ersten Opfer... Uns gegenüber liegt Block 36, die Heimstätte der SK, der Strafkompanie. Hier führt ein„Aso”(asozialer Sträfling) aus Oberschlesien, Richard Mandel,„Pi- ronje’' genannt, ein brutales Regiment, FEin Häftling wird völlig durchnäßt nach draußen geschleppt. Bewegungslos bleibt das ‚Häufchen Elend liegen.„Hat sicher Brot geklaut”, meint einer von unserem„Stubendienst“,„kostet hier Kopf und Kra- gen. Seid helle, wacht.” Hin und wieder zuckt der Durchnäßte. Man hat ihn 15 Minuten unter die Dusche gestellt. Nun muß er zwei Stunden in der Kälte liegen. Doppelseitige Lungen- entzündung. Normale Todesursache! 41 TEL 20. Dezember 1940 BLOCK 13 IST WIEDER eingerückt. Dreiundsiebzig Tote wurden gezählt. Mehr als die Hälfte mußte mit Lungenentzündung und Erfrierungen in den Krankenbau geschafft werden. Gestern ging ein Verzweifelter aus der SK in den elektrischen Draht. Ein Zucken durchlief das ausgezehrte Kleiderbündel. Eine feine bläuliche Rauchfahne kräuselte hoch. Ein Schuß peitschte die winterliche Stille. Aus... Herr, gib ihm die ewige Ruhe. 24. Dezember 1940 HEILIG ABEND! DAHEIM sitzen Frau und Kind unterm Lichterbaum. Ebethje ist nun schon zwei Jahre. Wie werden die herrlich dunklen Äuglein strahlen, die lieben Patschhändchen nach den bunten Kugeln und silbernem Geflimmer greifen. Stille Nacht, heilige Nacht... Heute morgen beim Frühappell kühlten der ,, Knopfreiher" und Schubert, zwei unserer berüchtigten Blockführer, ihr Mütchen an einem älteren Juden von Block 38. ,, Hinlegen, Aufstehen, Kniebeuge, Hüpfen, Rollen", ein ,, Frühstück mit allen Schikanen". Zwanzig Minuten lang. Dann brach der Ärmste zusammen. Nicht genug des wilden, blutigen Spiels. Mit ihren schweren eisenbeschlagenen Stiefeln trampeln die herzlosen Rohlinge auf dem Liegenden herum. Bis ihm hellroter Blutschaum aus Mund und Nase quoll... ,, Et in terra pax hominibus..." HEUTE IST M Die Kartoffel Kräfte. Ein F Es geht toll z Bienenkorb. nische Elemen Neben mir sit den die Sche verschleppten Deutschland dreht ein al das Schälmes scher Kaufm mit Tschiang schäfte nach haftet. Einige nen die nü philosophisch Siebenundzw beschäftigt s Achtung" Alles spring ein gefürch schimpft und eimer, schw duckenden der- Behälter Da entdeckt schriftsmäßi ihn los, bo nieder, reiß 42 reiundsiebzig Ete mußte mit den Krankener SK in den lief das ausliche Rauchte die winterewige Ruhe. au und Kind schon zwei klen Äuglein ch den bunten Stille Nacht, der„ Knopfberüchtigten en Juden von pfen, Rollen", Zwanzig Miammen. els. Mit ihren trampeln die n herum. Bis Nase quoll... 25. Dezember 1940 HEUTE IST MEIN erster Arbeitstag. Ich habe Glück. Die Kartoffelschäler brauchen einige zusätzliche Kräfte. Ein Freund aus Westfalen gab mir den Tip. Es geht toll zu in dem Schälkeller. Gesumm, wie im Bienenkorb. An der Schälbank überwiegt das polnische Element. Neben mir sitzt Professor Dr. Schmutzer aus Utrecht, den die Schergen des RSHA. nach Sachsenhausen verschleppten, weil er katholischen Flüchtlingen aus Deutschland mit Rat und Tat beigestanden hat. Links dreht ein alter tschechischer General kunstgerecht das Schälmesser. Daneben schält emsig ein chinesischer Kaufmann aus New- Haven USA. Er hält es mit Tschiang- Kai- Schek und wurde als ihn Geschäfte nach Deutschland riefen in Hamburg verhaftet. Einige Krakauer Universitätsprofessoren scheinen die nützliche Handarbeit mit leise geführten philosophischen Gesprächen angenehm zu verbinden. Siebenundzwanzig verschiedene Nationen sollen hier beschäftigt sein. ,, Achtung" - Gebrüll donnert durch den Keller. Alles springt in Haltung, baut ,, Männchen". Buchtalla, ein gefürchteter Bluthund, taucht am Eingang auf, schimpft und tobt, greift den ersten besten Kartoffeleimer, schwingt und schleudert ihn über die sich duckenden kahlgeschorenen Köpfe. Klatschend prallt der- Behälter gegen die Wand. Kalk rieselt. Da entdeckt sein lauerndes Auge unseren nicht vorschriftsmäßig gekleideten Chinesen. Er schießt auf ihn los, boxt den kleinen, mickrigen Himmelssohn nieder, reißt ihn hoch, schüttelt ihn wild hin und her. 43 Drei Mäntel muß der Ärmste übereinander anziehen. Buchtalla kommandiert: ,, Fünfzig Kniebeugen, los, los!" Nach zwanzig Beugen ächzt und stöhnt er jämmerlich, jappst und röchelt nach Luft. 37... 38... 39... Am Ende seiner Kraft, fällt er ohnmächtig um. Ein, zwei Eimer Wasser werden über ihn ausgegossen. Man schleppt den Leblosen ins Freie. Den Rest besorgt die beißende Kälte.. Beim Nachmittagsappell gibt Rapportführer Sorge, der ,, Eiserne" genannt, Befehl: ,, Singen!" Eine Stehleiter wird herangeschleppt. August Haller, schon siebeneinhalb Jahr in Haft, steigt hoch und dirigiert den ,, Sängergruß". Zehntausend Kehlen bemühen sich recht und schlecht. In Sonntagsuniform promenieren die Blockführer durch die Gassen der singenden Blocks. Mir ist der Liedtext noch ungeläufig. Schubert interpretiert meine passive Lippenhaltung auf seine Weise. ,, 34734" vortreten!" Schallende Ohrfeigen rechts und links. Kniebeuge mit gestreckten Armen. Eine halbe Stunde. ,, Im Schatten kühler Bäume laßt uns singen, fröhlich sein, beim vollen Becher Weine unsere Freundschaft uns erneu'n, tralala, tralala... Drum laßt uns singen und fröhlich sein...", singen die anderen.-23 Grad Celsius! Die Fingerspitzen sind blutleer, die Füße erstarrt. ,, Drum laßt uns singen und fröhlich sein..." 30. Dezember 1940 NOUD HAT ETWAS unverschnittenen, reinen Wein und einige Oblaten ,, organisiert". Heimlich feiert er das heilige Opfer und konsekriert die Oblaten. Wir empfangen vol Jedwede religio Seelenlebens gestellt. Und gesuchten, in leidvoll nach ,, Deus, quare dum affligit willst Du mich weil mich der wieder unsere Die Verse des auf der Flucht wehklagend f licher Wiede discerne causa iniquo et dol und führe me von frevelhaf Zuweilen schl zweiflung, des uns. Es gesch die tragender und gesellsch werden sich zweifeln an s und Dingen. Gleichzeitig nach neuen, gearteten K. Anhäufung 44 er anziehen. beugen, los, stöhnt er 37... 38... mächtig um. ausgegossen. Rest besorgt ihrer Sorge, " Eine Stehaller, schon and dirigiert emühen sich promenieren singenden mubert interseine Weise. Kniebeuge Stunde. ,, Im röhlich sein, dschaft uns uns singen .- 23 Grad , die Füße ich sein..." reinen Wein ch feiert er blaten. Wir empfangen voller Dankbarkeit den Leib des Herrn... Jedwede religiöse Betätigung und Äußerung gläubigen Seelenlebens ist streng verboten und unter Strafe gestellt. Und doch suchen und ringen wir Heimgesuchten, in Not und Elend befangenen Erniedrigten leidvoll nach Gott und nach Rechtfertigung vor Ihm. ,, Deus, quare me repulisti, et quare tristis incedo dum affligit me inimicus?" ,, O Gott, warum denn willst Du mich verstoßen? Was muß ich traurig gehen, weil mich der Feind bedrängt", murmeln wieder und wieder unsere müden, bleichen Lippen. Die Verse des zweiundvierzigsten Psalms, den David auf der Flucht vor seinem abtrünnigen Sohn Absalon wehklagend formte, verlieren ihre Kraft trotz alltäglicher Wiederholung nicht. ,, Judica me, Deus, et discerne causam meam de gente non sancta: ab homine iniquo et doloso erue me." ,, Schaff Recht mir, Gott, und führe meine Sache gegen ein unheiliges Volk, von frevelhaften, falschen Menschen rette mich." Zuweilen schlägt eine Welle der Resignation, der Verzweiflung, des Nicht- mehr- ein- noch- aus- Wissens über uns. Es geschehen Zusammenbrüche des Glaubens an die tragenden Grundkräfte des seelischen, sittlichen und gesellschaftlichen Daseins. Schwächere Naturen werden sich selber fragwürdig, werden brüchig, verzweifeln an sich, an Gott und der Welt, an Menschen und Dingen. Gleichzeitig setzt ein furchtbares, zerstörendes Suchen nach neuen, tragenden Grundlagen des völlig anders-, gearteten K.- L.- Daseins ein. Diese Existenz ist eine Anhäufung alles Niedrigen, Scheußlichen, Fratzen45 haften, aller Auswüchse und Laster, aller Verirrungen und Verzerrungen menschlicher Lebensform. Unser Lebenswille revoltiert gegen diesen organisierten Vernichtungswillen, bäumt sich auf gegen den Ungeist dieser entfesselten Gewalten, Dinge und Verhältnisse. Unsere Seelen hungern nach Ruhe und Friedlichkeit, Einfachheit und Größe. Das Leidensgesicht Christi wird aus den Erschütterungen unseres stündlich bedrohten Lebens neu geschaut in dunklerem, schmerzlichem Lichte. Frühere radikale Demokraten, radikale Sozialisten, Anarchisten, Nihilisten, Kommunisten, Pazifisten und Sozialisten, herausgerissen aus einem oft spießigen Dasein und nun in eine Welt von Verbrechen, Unrast und Qual hineingezwängt, suchen bei der Gottheit Zuflucht und Halt. Die rasende Umwelt führt sie den Weg nach innen, in die Heimkehr zur Seele. Sie werden Gottsucher. Aus Nihilismus wächst Gläubigkeit. Wer radikal zweifelt, wird, wenn er diese Periode überlebt, einmal radikal glauben... ,, Ostende nobis, Domine, misericordiam tuam". ,, Zeige uns, o Herr, Deine Barmherzigkeit."... HEINRICH B., H Bekenntniskirch führer beim Les Nach den üblich lästerungen würste" scheint halbwegs kulti schippe nehmen konfisziert, der gebracht. Zehn den. Dabei ka hängen mit au sehr viel peinl kung. Zu einer halbe drei Stunden F verurteilt. Der die Gelenke a liegen sie na Nachts hört grellen Klaget Heute sah ic den U- Bootko maligen mutic 46 5 10.41 25. Januar 1941 HEINRICH B., EIN junger Pfarrer der evangelischen Bekenntniskirche, wurde vor einigen Tagen vom Block- führer beim Lesen des Neuen Testamentes erwischt. Nach den üblichen Beschimpfungen und wilden Gottes- lästerungen— der Sprachschatz unserer„Block- würste” scheint überwiegend Worte zu umfassen, die halbwegs kultivierte Europäer nicht auf die Dreck- schippe nehmen— wurde das„schlechte Judenbuch” konfisziert, der Sünder dem„Eisernen” zur Meldung gebracht. Zehn Stockhiebe sollen ihm ausgezahlt wer- den. Dabei kann H. B. von Glück sprechen. Pfahl- hängen mit auf dem Rücken gekreuzten Armen ist zeige sehr viel peinlicher und von mehr nachhaltiger Wir- kung. Zu einer halben, einer ganzen, ja selbst zu zwei und drei Stunden Pfahlhängen werden zuweilen Häftlinge verurteilt. Den unglücklichen Opfern werden dabei die Gelenke ausgerissen. Wochen- und monatelang ‘ liegen sie nach dieser Prozedur im Krankenbau. Nachts hört man häufig ihre schneidenden, jähen, grellen Klagetöne... Heute sah ich zum ersten Male Martin Niemöller, den U-Bootkommandanten des Weltkrieges und nach- maligen mutigen Pfarrer der Bekenntnisfront. 47 Eine kleine, aber stolze Gestalt, in ,, Zebra" gekleidet, sein grausilbernes Haar gescheitelt. Er kam vom Ausgang und wurde in den Zellenbau, wo er seit Jahren haust, zurückgeführt.. Ältere Lagerhasen glauben zu wissen, daß er ,, Ehrenhäftling" ist, aus diesem Grunde sein Haar lang tragen, alle vierzehn Tage Besuch empfangen darf und sonstige kleine Vergünstigungen genießt. Da heute Sonntag ist, darf an Angehörige geschrieben werden. Die Formulare dazu sind beim ,, Tischältesten" zu kaufen. Drei Pfennig pro Stück. Am Briefkopf steht zu lesen: ,, Der Tag der Entlassung kann jetzt noch nicht angegeben werden. Besuche im Lager sind verboten. Anfragen sind zwecklos." - Ha, ha, ha... ,, Tag der Entlassung". Wo gibt's denn sowas? Da lachen die Hühner von Konstanz bis Königsberg. Entlassungen finden zwar statt. Die meisten ,, auf dem Rücken", Richtung Industriehof Krematorium. Die wenigen lebend Entlassenen rekrutieren sich aus Kreisen der Polen und Tschechen, die mit deutschen Mädchen und Frauen geschlechtlich verkehrten. Kostenpunkt: Drei bis sechs Monate Schutzhaft. Viele haben dieses Vergehen im KL. mit ihrem Leben bezahlt. Bei der Einlieferung solcher Sünder findet die SS stets einen besonderen Genuß darin, sich alle Einzelheiten des Aktes und des sonstigen sexuellen Lebens haarklein schildern und ausmalen zu lassen. Gewürzt werden diese ,, Verhöre" mit höchst zynischen, brutalen und massiv- perversen Ausrufen und Brunstschreien. Sie steigert solche Szenen bis zu einem tollen Hexen48 sabbat krankhaft der Sinne. Was soll ich m magere Zeilen zw Das, was ich so Schilderung mei Wünsche, ist ver Bitte um Geldse Bitte um warme Es darf nur dün mit ,, KLSh."( Ko stempelt, getrag Tage- oder au wechsel. Wer G nitur mit Knöpfe dienst und Tisch Pechvögel, die empfangen ihr waschen, ohne K sagen. Aber das Mein Körperge und zweitens w Sonnabends ko fetzen, mit roter zurück. Hans St. aus seinen Brief zu Gott". Verbote Krankheiten zu kranke am Son gesund und mu Ihre Angehörig 4 Ballhorn/ Die Ke ora" gekleidet, kam vom Auser seit Jahren en glauben zu Hiesem Grunde Tage Besuch rgünstigungen ge geschrieben Tischältesten" Briefkopf steht nn jetzt noch ager sind verVo gibt's denn anz bis Königse meisten ,, auf Krematorium. ieren sich aus mit deutschen verkehrten. hutzhaft. Viele ihrem Leben findet die SS ch alle Einzelxuellen Lebens assen. Gewürzt schen, brutalen Brunstschreien. tollen Hexensabbat krankhafter Ausschweifung des Gefühls und der Sinne. Was soll ich meinen Lieben schreiben? Fünfzehn magere Zeilen zweimal im Monat sind gestattet. Das, was ich schreiben möchte, wahrheitsgemäße Schilderung meiner Lage, meiner Hoffnungen und Wünsche, ist verboten. Bitte um Geldsendung, verboten! Bitte um warme Unterkleidung, verboten! - - Es darf nur dünnes Baumwoll- oder Leinenunterzeug, mit ,, KLSh."( Konzentrationslager Sachsenhausen) gestempelt, getragen werden. Alle zehn bis vierzehn ist WäscheTage oder auch mal drei Wochen wechsel. Wer Glück hat, erwischt eine saubere Garnitur mit Knöpfen und Bändern. Blockälteste, Stubendienst und Tischälteste bedienen sich bevorzugt. Die Pechvögel, die wie immer in der Mehrzahl sind, empfangen ihr Wäschebündel zerrissen, schlecht gewaschen, ohne Knöpfe. Gelumpe, würde man ,, draußen" sagen. Aber das kann ich nicht nach Hause schreiben. Mein Körpergewicht? Erstens würde es erschrecken, und zweitens würde die Zensur den Brief zerreißen. Sonnabends kommt stets ein Päckchen solcher Brieffetzen, mit roten Strichen und Bemerkungen versehen, zurück. Hans St. aus Oldenzaal( Holland) erhielt unlängst seinen Brief zurück. Rot unterstrichen war das Wort ,, Gott". Verboten ist auch, von Unpäßlichkeiten und Krankheiten zu berichten. Es kommt vor, daß Totkranke am Sonntag schreiben: ,, Es geht mir gut, bin gesund und munter." Am nächsten Tage sterben sie. Ihre Angehörigen, soweit sie in Deutschland wohnen, 4 Ballhorn/ Die Kelter 49 erhalten am gleichen oder folgenden Tage eine telegraphische Totenmeldung. Acht Tage später so langsam arbeitet die Lagerzensurstelle bringt dann der Postbote den Sonntagsbrief. ,, Bin gesund und munter." Dieweil ist seine Asche bereits in alle Winde zerstreut. Ich habe mir einen stereotypen Text angewöhnt. Die Vokabeln: ,, gesund, munter, frisch, wohlauf", die Wendungen: ,, brauche nichts, es geht gut, hoffe weiter..." wiederholen sich im steten Kreislauf. Das ist billig, man stürzt sich nicht in geistige Unkosten und vermeidet vor allem... den gefürchteten Bock. Wiederholter Versuch von Mitteilungen verbotener Dinge wird mit zehn oder fünfundzwanzig Stockhieben geahndet. 2. Februar 1941 EINE DER FURCHTBARSTEN Plagen des Lagers ist das ständige Leben in der Masse. Keine Minute bin ich allein. Läutet um sechs Uhr früh die Appellglocke, springt alles hoch von den Strohsäcken. Zwei Mann teilen einen Sack. Ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen weniger sinnvoll und organisiert - allerdings erfüllt den Schlafsaal. Jeder will zuerst mit dem Bettenbau fertig sein, um genügend Zeit zum Waschen und Suppenlöffeln zu gewinnen. Gestoße und Geschiebe, Schelten und Schreien, Zupfen und Zerren. Im Waschraum gleiche Szenen. Im Sch... haus wird Schlange gestanden. Sieben brillenlose Steinguttöpfe und ebensoviel Urinbecken müssen den Bedürfnissen zweihundertunddreiundsechzig Häftlingen in von Block 17 dien schlechter als Frosteinwirkung sucht, sich mit um durch ständ Kanalisation zu Zwischen Wec fünf Viertelstur wollen die per gibt's Ladehen Unsere Barack Belegschaft gel im Tagesraum finden. Wir ho zwanzig Figure die Eingeengt geklemmt, die löffelt die Re Morgensuppe. wenigen haush pen Brotration Brot von etwa haben und die Kaum sind Bl schon die App 7.10 Uhr: Al unser Blockäl Jahre ,, Knast" drahtiger Lüb Jetzt hebt da Zählappell da 50 50 age eine telespäter - SO - bringt dann gesund und in alle Winde gewöhnt. Die wohlauf", die ut, hoffe weieislauf. Das ist Unkosten und ten Bock. en verbotener g Stockhieben des Lagers ist um sechs Uhr noch von den Sack. Ein Geallerdings Gällt den Schlafau fertig sein, Suppenlöffeln Schelten und ... haus wird Steinguttöpfe Bedürfnissen Häftlingen in Block 17 dienen. In anderen Blocks ist es eher schlechter als besser. Die Wasserspülung ist infolge Frosteinwirkung defekt. Jeder Schlangensteher versucht, sich mit einem Eimer oder Gefäß zu bewaffnen, um durch ständige Nachspülung eine Verstopfung der Kanalisation zu verhüten. Das gäbe eine Katastrophe! Zwischen Wecken und Antreten zum Appell liegen fünf Viertelstunden. In dieser begrenzten Zeitspanne wollen die persönlichen Dinge erledigt sein. Sonst gibt's Ladehemmung". Unsere Baracken sind für hundertundzwanzig Mann Belegschaft gebaut und eingerichtet. An jedem Tisch im Tagesraum sollen normalerweise zwölf Mann Platz finden. Wir hocken zusammengepfercht mit sechsundzwanzig Figuren um das hölzerne Rechteck. Wir sind die ,, Eingeengten". Die linke Hand zwischen die Knie geklemmt, die Schulter nach links zurückgebogen, löffelt die Rechte vorsichtig die dünne, blauweiße Morgensuppe. Neidische Augen blicken auf jene wenigen haushälterischen Naturen, die von der knappen Brotration des Vortages es gibt zu viert ein Brot von etwa 1400 Gramm einen Kanten gespart haben und diesen nun genießerisch einbrocken. Kaum sind Blechnapf und Löffel abgewaschen, gellt schon die Appellglocke. -- - 7.10 Uhr: ,, Alles raustreten", kommandiert Richard, unser Blockältester. Hat auch schon seine sieben Jahre ,, Knast"( Zuchthaus) auf dem Buckel. Ein zäher, drahtiger Lübecker Kommunist. Jetzt hebt das verfluchte Stehen wieder an. So ein Zählappell dauert etwa dreiviertel bis eine Stunde. 51 - Dreimal täglich, Morgens, mittags und abends. Kaum geht ein Appell ohne Zwischenfälle vorüber. Vor uns auf dem Platz stehen die beiden Judenblocks 38 und 39. Ständig umstreichen einige Blockführer die furchtzitternden Söhne Israels wie Schäferhunde die Hürde. Der geringfügigste Anlaß Sprechen, Wenden des Kopfes, ein fehlender Knopf, Zögern oder Stottern beim Abzählen reicht hin, der schlechten Laune eines SS- Schergen als Ableiter zu dienen. Heute erwischt es Steiner, einen Berliner Juden. Eine neugierige Kopfwendung, schon wird er herausgefischt, Kinnhaken rechts und links. Dem zu Boden Gesackten werden noch einige kräftige Tritte in die Nierengegend verpaẞt. Steiner kommt nicht mehr hoch, liegt während des Appells auf dem gefrorenen Boden. Später wird er ins Revier V abgeschleppt. Nierenblutung. Er ist noch mit dem Leben davongekommen. In vielen Fällen enden solche Späße tötlich. Was liegt schon daran. Zwei- bis dreimal pro Woche kommt Zufuhr von draußen. Die Judenschweine" müssen doch ausgerottet werden, mit Stumpf und Stiel, nach dem Rezept Julius Streichers! Ist die langweilige und ermüdende Zählerei mit dem damit verbundenen Firlefanz vorbei, befiehlt die rostige Stimme des Eisernen": ,, Arbeitskommandos antreten!" 11 Es hebt ein hastiges Gelaufe und Geschiebe an. Ein toller Betrieb! Zehntausend Mann müssen in wenigen Minuten preußisch ausgerichtet in Reih und Glied in ihren Arbeitskolonnen stehen. Auf der Lagerstraße lauern die Blockführer und betreiben ihre traditionelle ,, Morgengymnastik", d. h. sie treten wild nach allen Seiten, boxen stoßen barbaris gen aus. Wer 2 getrampelt zu w zahlreich und Dann rücken Speer( Flughaf bau), Kraftfahr Klinkerwerk( Kommandos! I posten. Flucht Anruf scharf Es folgen die Arbeit ist wen günstigere Ch hasen, einige freiwillig zehr zu dieser Kate Der Arbeitdie ruft ab: Wäs lausung, Kran kammer, Wer tische Abteilu 8.15 Uhr lieg lassen. 11.45 Uhr rü appell. Zwisc Zauber vorbe Wieder hebt schaftsgefühl gehungerte V Blechnapf un 人 52 bends. Kaum über. Judenblocks e Blockführer Schäferhunde - Sprechen, , Zögern oder er schlechten dienen. er Juden. Eine erausgefischt, en Gesackten die Nierenehr hoch, liegt renen Boden. leppt. Nierenongekommen. ich. Was liegt Woche kommt eine" müssen nd Stiel, nach lerei mit dem befiehlt die itskommandos chiebe an. Ein en in wenigen eih und Glied er Lagerstraße re traditionelle ild nach allen Seiten, boxen wahllos in die hastende Masse und stoßen barbarische Flüche und gottlose Verwünschungen aus. Wer zu Fall kommt, gerät in Gefahr niedergetrampelt zu werden. Ja, die Todesmöglichkeiten sind zahlreich und vielgestaltig im KL. Sachsenhausen. Dann rücken die Kolonnen zur Arbeit aus: Kommando Speer( Flughafenbau), Kommando Heinkel( Flugzeugbau), Kraftfahrzeugdepot, Deutsche Ausrüstungswerke, Klinkerwerk( Großziegelwerk), eines der schwersten Kommandos! In Fünferreihen, rechts und links Wachtposten. Flucht ist völlig aussichtslos. Es wird ohne Anruf scharf geschossen! Es folgen die Innenkommandos, begehrte Posten. Die Arbeit ist weniger schwer. Drückeberger haben hier günstigere Chancen zum dolce far niente. Alte Lagerhasen, einige Günstlinge und Vorzugshäftlinge( wer freiwillig zehnmal Bomben suchen war, gehört z. B. zu dieser Kategorie) stellen das Hauptkontingent. Der Arbeitdienst Albert Buchmann aus München- ruft ab: Wäscherei, Küche( heiß umworben!), Entlausung, Krankenbau, Effektenkammer, Bekleidungskammer, Werkstätten, Lagerreinigung, Kantine, Politische Abteilung, Bad, Heizung. - 8.15 Uhr liegt der Appellplatz wieder leer und verlassen. 11.45 Uhr rücken die Kommandos ein zum Mittagappell. Zwischen 12.15 Uhr und 12.30 Uhr ist der Zauber vorbei. Wieder hebt die furchtbare und jedes Kameradschaftsgefühl abstumpfende Drängelei an. Wie ausgehungerte Wölfe stürzen sich die Ausgezehrten auf Blechnapf und Löffel, kämpfen um ihren Tischplatz 53 und schlingen und schlürfen den fast täglich gleichen, widerlich riechenden Fraẞ: Steckrübensuppe. 12.40 Uhr ruft die Glocke wieder zum Arbeitsappell. Mit affenartiger Geschwindigkeit flitzt alles hinaus. 13 Uhr sind die Tausende wieder eingespannt in den ermüdenden Rhythmus der Arbeit. 17.30 Uhr läutet in den Betrieben die Feierabendglocke. Nochmals sammeln sich die müden, abgekämpften Konzentrationäre zum Zählappell. 18.30 Uhr, wenn alles klappt, ist auch dieser Schmerz vorüber. Essen, Abwaschen, Freizeit. 20.15 Uhr. Abklingeln. Einschieben, d. h. Strohsack und Decken zur Nachtruhe herrichten. 20.30 Uhr allgemeine Nachtruhe... So reiht sich Tag an Tag, Woche an Woche, Monat an Monat, Jahr an Jahr. Immer im gleichen Tritt und Trott. Beata solitudo... o glückliche Einsamkeit... Wohin bist zu entschwunden? Wo ich gehe und stehe: Masse. Die Massenhaftigkeit ist unser schweres Schicksal, dem wir ohnmächtig und hilflos gegenüberstehen. Das Einzelwesen Mensch ist hier zum Spielball entfesselter Triebkräfte geworden. Welch eine Aussicht in dieser dumpfen und traurigen, zur Resignation zwingenden Atmosphäre... 22. Februar 1941 SOEBEN ERREICHTE MICH ein Brief. Mutter teilte mir darin die bereits im Januar erfolgte Verhaftung meiner geliebten Frau und ihre Überführung ins Gerichtsgefängnis zu Münster i. W. mit. Eine sehr bittere und schmerzliche Nachricht. Wird die so Leidgeprüfte diesen Sie ist tiefgläu sicherlich Seele schöpfen. Domi Wille geschehe GESTERN NAC Blockältester: Ich sause ab, dern"( Holzsch Tor, baue kuns mein Männc zur Stelle" und geführt. Hier in meine berei läufig, daß ich hauptamt Berl Die Nacht ve sogenannten lich nach zehn Glück der Ein Um drei Uhr Torgang werd stube geführt. Ein Blatt wird habe ich Zeit Es ist eine Ve Einrichtung, keit verlauter und antination zur Anzeige 54 ich gleichen, suppe. Arbeitsappell. alles hinaus. pannt in den geprüfte diesen harten Schicksalsschlag überstehen? Sie ist tiefgläubig. Aus Glaube und Gebet wird sie sicherlich Seelenkraft und Starkmut des Herzens schöpfen. Domine, fiat voluntas tua... Herr, Dein Wille geschehe! Feierabendmüden, abgeell. eser Schmerz h. Strohsack 20.30 Uhr allWoche, Monat men Tritt und Einsamkeit... he und stehe: es Schicksal, enüberstehen. Spielball enteine Aussicht Resignation Mutter teilte e Verhaftung rung ins Gee sehr bittere lie so Leid25. Februar 1941 GESTERN NACH DEM Sonntagmittagappell ruft mein Blockältester: ,, Schutzhäftling 34734 ans Tor!" Ich sause ab, stolpere natürlich mit meinen ,, Hollän dern"( Holzschuhe), lande dennoch unbeschädigt am Tor, baue kunst- und formgerecht vorm Lagerführer mein ,, Männchen", schnarre ,, Schutzhäftling 34734 zur Stelle" und werde dann zur Effektenkammer abgeführt. Hier streife ich den alten Adam ab, steige in meine bereitgelegte Zivilkleidung und erfahre beiläufig, daß ich auf Transport zum Reichssicherheitshauptamt Berlin abgehe. Die Nacht verbringe ich in einer kahlen Zelle, im sogenannten ,, Bunker", auf dem Boden liegend. Endlich nach zehn Wochen wieder einmal allein. O seliges Glück der Einsamkeit! Um drei Uhr werde ich geweckt. Durch den dunklen Torgang werde ich in die sehr verrufene Blockführerstube geführt. Ein Blatt wird mir zur Unterschrift vorgelegt. Kaum habe ich Zeit, den schlechtgedruckten Text zu lesen. Es ist eine Verpflichtung, nichts über das Lager, seine Einrichtung, Menschen und Dinge in der Öffentlichkeit verlauten zu lassen, staatsfeindliche Äußerungen und antinationalsozialistische Gesinnungsträger sofort zur Anzeige zu bringen und mich jeder politischen 55 Betätigung zu enthalten. Des weiteren habe ich mir, laut Erklärung, keine Krankheiten und Unfallfolgen. im Lager zugezogen. Mit den gewiß ehrlich gemeinten Worten:' ,, Euch politischen Gangstern sollte man alle den Hals umdrehen", werde ich verabschiedet. Draußen wartet ein offener Lastwagen mit Kisten und Kasten befrachtet. Ein SS- Posten, Gewehr im Anschlag, begleitet mich. Mürrisch brummend äußert er: ,, Paß auf, die blauen Bohnen sitzen locker. Für Abschüsse von Flüchtlingen gibt's Prämien und Urlaub." Das reicht, um Fluchtgedanken verfliegen zu lassen. Die Reise verläuft ohne Zwischenfall. Wir schweigen uns an. Menschen zweier Welten! Keine Brücke führt von Seele zu Seele. Am Anhalter Bahnhof wird angehalten und ein Teil des Frachtgutes abgeladen. Menschen hasten betriebsam durch den frühen Morgen. Carl Sonnenschein, der rastlos und unerschöpflich tätige katholische Seelsorger Berlins, und seine Notizen Weltstadtbetrachtungen" kommer mir in den Sinn. 1928, wenige Monate vor seinem frühen Tode, sah ich ihn zuletzt. " Sein telegrammartiger Weltstadtstil steht vor mir: ,, Ich grüße die schnaubende Kraft deiner Fabriken, o Berlin. Deine Nüstern stoßen funkensprühende Stürme des Lebens ins Land. Aber ich muß vor ihrer Glut die Wiegen schützen und die keusche Kindheit und den geistigen Menschen und die gefalteten Hände und die heimlichen Kräfte. Deine Kraft, die ungezügelte, muß sich biegen und winden, auf daß sie dem Geiste Sonst bist du ins Land trage Lieber Carl So deinen ewiger gewiß das trag Fritz Gerlich, vom 30. Juni Oder hättest brochen wie H Muckermann, Der Wagen sto Prinz- Albrecht etwa 37 Einze üblichen For Hosenträger, Nagelschere u mir Zelle 30 z Man spricht keine Numme Meine Zelle besteht aus Wandbrett m Die Wärter, s und brutal al Das Mittagm Wie herrlich zellanschüsse Wohlige Rub Kein Stoßen mich. Feierli Leise bohrt 56 abe ich mir, Unfallfolgen Orten:„ Euch en Hals umit Kisten und wehr im Anmend äußert locker. Für mien und Urverfliegen zu ir schweigen Brücke führt und ein Teil asten betriebnerschöpflich und seine mer mir in einem frühen eht vor mir: mer Fabriken, kensprühende muß vor ihrer sche Kindheit die gefalteten ne Kraft, die den, auf daß sie dem Geiste und der Gesundheit der Seele diene. Sonst bist du wie apokalyptische Reiter, die die Pest ins Land tragen und das Reich verderben." Lieber Carl Sonnenschein, wie gut, daß du früh genug deinen ewigen Frieden gefunden hast. Du hättest gewiß das tragische Schicksal eines Erich Klausener, Fritz Gerlich, Adalbert Probst in den blutigen Tagen vom 30. Juni bis 2. Juli 1934 geteilt. Oder hättest das bittere Brot der Emigration gebrochen wie Heinrich Brüning, Josef Wirth, Friedrich Muckermann, Helmut Fahsel und so viele andere... Der Wagen stoppt hart. Vor dem Bau des RSHA. in der Prinz- Albrecht- Straße. Im Untergeschoß befinden sich etwa 37 Einzelzellen. Nach den in allen Gefängnissen üblichen Formalitäten: Ablieferung von Krawatte, Hosenträger, Leibriemen, Schnürsenkeln, Messer, Nagelschere und anderen spitzen Gegenständen, wird mir Zelle 30 zugewiesen. Man spricht mich mit ,, Herr" und Sie" an. Ich bin keine Nummer mehr. Meine Zelle ist einfach, aber sauber. Das Mobiliar besteht aus einem Aufklappbett, Tisch, Stuhl und Wandbrett mit Kleiderhaken. Das genügt. Die Wärter, sind höflich. Ihre Gesichter weniger roh und brutal als die der Sachsenhausener Garde. Das Mittagmahl ist bescheiden, aber schmackhaft. Wie herrlich, wieder einmal aus einer weißen Porzellanschüssel essen zu dürfen. Wohlige Ruhe umfängt mich. Die Zeit gehört mir. Kein Stoßen und Schieben, Brüllen und Toben um mich. Feierliche Stille. Draußen pfeift ein Vöglein. Leise bohrt im tiefsten Innern die Frage: Warum 57 wohl haben sie dich hierhin gebracht? Viel Gutes traue ich den Brüdern nach den bitteren Erfahrungen der letzten Monate nicht zu. 2. März 1941 ZWEI VOLLE WOCHEN sind verstrichen. Tage reicher Besinnlichkeit, innerer Einkehr, fruchtbarer Sammlung. Auf meine Bitte brachte mir ein gutgesinnter Kalfaktor einige Bücher aus der Hausbibliothek. Darunter Stefan Georges ,, Maximin". Welch ein starkes Gefühl für die Würde und Verantwortung des Dichters, welch heroischer Wille zu Größe, Haltung und Stil, welch eine tiefe Erneuerung des Lebens aus den Bezirken des Ethos und der Religion. Das Neue Testament oder sonstige religiöse Bücher werden nicht geführt". ,, Schundliteratur und abergläubisches Zeug führen wir nicht", erklärte mir im lehrhaft- pädagogischen Ton ein älterer, beleibter Untersturmführer auf meine Frage. Hitlers ,, Kampf", Rosenbergs ,, Mythus", Darrés abgeschmackte Weisheiten, Göbbels' bombastische Erlebnisse ,, Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei" werden eifrig serviert. Heute kam auch der Pferdefuß zum Vorschein. Eine Kommission slowakischer Polizeioffiziere besichtigte das ,, Hausgefängnis" der RSHA. Mittags gab es Salzkartoffeln mit Gulasch. Fritz, der Kalfaktor, der Sachsenhausen aus eigener dreijähriger Erfahrung kennt, erzählte, der ganze Betrieb in der Prinz- Albrecht- Straße sei auf Propaganda eingestellt. Hohe ausländische Gäste Himmlers, Heydrichs oder Göbbels würden An solchen B frisiert". Die G vom Wirken un Arbeitsmethoder vorbildlich. Nur gezücht der E Fassade und re Nachmittags w Herr Hasenban Anklagen und H mich wechselw verräter" und Soll sich ruhig normal werden fängt bei mir und vor allem gebrüht. Hasen Habe meinen Minuten stopp betroffen ob d donners. Dann versucht höflich, gelass und das nation Ich verharre i Wollen Sie a Bitte fragen Schildern Sie des Internati Breda. Nenner ten und Mitar 58 ? Viel Gutes ı Erfahrungen Tage reicher arer Samm- sinnter Kal- hek. Darunter ‚tarkes Gefühl des Dichters, a und Stil, ens aus den niöse Bücher z und aber- Göbbels würden im RSHA. stets gastfrei empfangen. An solchen Besuchstagen werde das Gefängnis „frisiert”. Die Gäste gewännen den besten Eindruck vom Wirken und Werken der Gestapo, fänden die Arbeitsmethoden und Gefängniseinrichtungen einfach vorbildlich. Nur Böswillige, Neider und das Natter- gezücht der Emigration mißtrauen der humanen Fassade und reden von Potemkinschen Dörfern. Nachmittags werde ich„vorgeführt“. Ein gewisser Herr Hasenbank empfängt mich, wirft mir massive Anklagen und Beschuldigungen an den Kopf, tituliert mich wechselweise mit„Hochverräter”,„Landes- verräter” und„Volksverräter‘. Soll sich ruhig erst austoben. Wird schen wieder normal werden. Die Einschüchterungsmethode ver- fängt bei mir nicht mehr. Sechs Monate Gefängnis und vor allem Sachsenhausen machen hart und ab- gebrüht. Hasenbank mag-Hasen bange machen. Habe meinen Mann richtig taxiert. Nach zehn Minuten stoppt er seinen wilden Redefluß, schaut betroffen ob der Wirkungslosigkeit seines Theater- donners. Dann versucht er die„süße Tour“, spricht ruhig, höflich, gelassen, appelliert an das deutsche Herz und das nationale Pflichtgefühl. Ich verharre in Schweigen und Starren. „WolHen Sie aussagen?”— „Bitte fragen Sie."— „Schildern Sie mir Organisation und Arbeitsweise des Internationalen Katholischen Pressebüros in Breda. Nennen Sie die Hintermänner, Korresponden- ten und Mitarbeiter in Deutschland. Gelingt es uns, 59 nn EN Bi / P 1 j I auf Grund wahrheitsgemäßer Aussagen die landesverräterischen Kreaturen zu fassen und an den Galgen zu bringen, garantieren wir Ihnen Leben und Freiheit." Ich lehne dankend ab. Durch gemeinen Verrat und auf Kosten des Lebens mutiger und verantwortungsbewußter Streiter im Kampfe gegen die neuheidnische Tyrannei die Freiheit zu erkaufen, liegt mir nicht. ,, Ich gebe Ihnen eine Woche Bedenkzeit. Hier haben Sie Schreibmaterial, um Ihre Aussage schriftlich zu fixieren. Denken Sie gut nach." Die ,, Audienz" ist beendet. Nun liegen Kopierstift und Papier vor mir, behördlich genehmigt. So unterstützt die Gestapo die Weiterführung meiner Tagebuchnotizen. 19. März 1941 gleitung von zwei Einen von ihnen führer Heinz Kun Gestapomannes. Bei den ersten Ver Kaserne in Vugh Reitpeitsche. ST.- JOSEFSTAG! ,, JOSEF, aus dem königlichen Geschlechte Davids, war ein Gerechter", sagt von ihm die Hl. Schrift. ,, Justus ut palma florebit"... ,, Wie die Palme steht der Gerechte in Blüte", singt heute die Kirche im Introitus. Sankt Josef, sei mein Fürsprecher beim Allmächtigen Vater, auf daß Er mir Gnade und Kraft verleihe, standhaft und mutig den Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit zu gehen! Hasenbank läßt mich vorführen, fragt nach meinen Aufzeichnungen. Ich überreiche ihm einige weiße Blätter. Den zweiten, vie ihn als Sturmban Lebt der Hund du nicht parierst, schlittenfahren al Der erwartete Wutausbruch bleibt aus. Er äußert nur in drohendem Ton: ,, Wir werden Sie schon kriegen." Er geht hinaus, kehrt einige Minuten später in BeDabei stößt er re gegen meine Nas Blut reizt mich s Man inszeniert prasseln die Frag Tippmamsell mi schlanken Beine schreibbereit. Das Trommelfeu Nur nichts Wich nebensächliche noch! Das ist m Zwei, drei Stun Leise fangen me doch endlich au Domine, exaudi Herr, erhöre mi betet mein Herz Draußen dunkel der Wilhelmst 60 en die landesund an den nen Leben und men Verrat und werantwortungse neuheidnische liegt mir nicht. ceit. Hier haben e schriftlich zu mir, behördlich po die Weiterköniglichen Gesagt von ihm die ... ,, Wie die singt heute die m Allmächtigen Kraft verleihe, Wahrheit und t nach meinen einige weiße s. Er äußert nur schon kriegen." en später in Begleitung von zwei uniformierten SS- Offizieren zurück. Einen von ihnen erkenne ich wieder: SS- Obersturmführer Heinz Kunze, Typ des brutalen, ungehemmten Gestapomannes. Bei den ersten Vernehmungen in der Frederik- HendrikKaserne in Vught polterte er wild mit Revolver und Reitpeitsche. Den zweiten, vier Sterne am Kragenspiegel weisen ihn als Sturmbannführer aus, kenne ich nicht. ,, Lebt der Hund noch", begrüßt Kunze mich. ,, Wenn du nicht parierst, werde ich mit dir noch ganz anders schlittenfahren als in Vught." Dabei stößt er reichlich unsanft seinen Schlüsselbund gegen meine Nase. Sie reagiert prompt mit Blutung. Blut reizt mich stets zur Hartnäckigkeit. Man inszeniert ein Kreuzverhör. Von drei Seiten prasseln die Fragen. Eine gepuderte und geschminkte Tippmamsell mit blutigroten Lippen schlägt ihre schlanken Beine graziös übereinander und hält sich schreibbereit. Das Trommelfeuer der Fragen hält an. Nur nichts Wichtiges verraten. Belanglosigkeiten und nebensächliche Dinge sollen sie haben, noch und noch! Das ist meine Taktik, Zwei, drei Stunden hält der stille, zähe Kampf an. Leise fangen meine Nerven zu zittern an. Wenn sie doch endlich aufhören wollten! Domine, exaudi me... clamor meus ad te veniat.. Herr, erhöre mich, mein Notschrei komme zu Dir..., betet mein Herz. Draußen dunkelt es schon. Gedämpft klingt der Lärm der Wilhelmstraße herauf. Der Sturmbannführer 61 schaut auf seine Armbanduhr, springt auf und befiehlt: ,, Morgen Fortsetzung." Deo gratias! Für heute bin ich gerettet. In meiner Zelle stehen belegte Brotstullen und Kaffeebrühe bereit. Ich habe keinen Appetit. Erschöpft sinke ich auf mein Bett. Müde Lippen murmeln das Abendgebet: ,, Brüder seid besonnen und wachsam, denn euer Feind, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Widersteht ihm, stark im Glauben"... 22. März 1941 DREI TAGE HINTEREINANDER hat man mich ,, geschleift". Stundenlang zogen sich die Vernehmungen. hin. Püffe, Stöße, Tritte, Haarziehen, Ohrenreißen, Hautverbrennungen durch glühende Zigaretten und ähnliche ,, Scherze ersten Grades" mir gottlob erspart geblieben einseitig geführte Unterhaltung. andere Grade sind würzten die meist Lange Monologe der Inquisitoren. Dann und wann ergaben sich kurze Dialoge. Weihet dem O jubelt mein He alleluja, posuisti Ich bin aufersta alleluja... Du luja..." Ich bin standhaft geblieben. Mein Herz triumphiert! Das Wenige, was sie aus mir herausquetschten, füllt einige magere Blattseiten. Die Unterzeichnung des Protokolls hat heute stattgefunden. 13. April 1941 Ja, Deine Hand stündlich. Das I Der Feldzug au Vor ferne dring Sondermeldunge DIE CHRISTENHEIT FEIERT heute die Auferstehung des Herrn. Ostern, das Fest der Feste. Christus ist auferstanden, Sieger über Tod, Hölle und Welt! Wieder werde blühende Gehöf kalyptischen Re Sirenen, donner schütze, Panzer Vater aller Ding Wie lange noch Dona nobis pac Regina pacis, bitte für uns! In der Karwoch anwalt beim V Paragraphen 9 gegen mich erla HEUTE MORG Zelle vorschrift Das faule Le nach Moabit hähmisch läche 62 gt auf und beet. llen und KaffeeErschöpft sinke eln das Abendwachsam, denn wie ein brüllennge. Widersteht man mich geVernehmungen. renreißen, Hautretten und ähndere Grade sind ärzten die meist Dann und wann Merz triumphiert! quetschten, füllt hat heute stattdie Auferstehung ste. Christus ist e und Welt! ,, Weihet dem Osterlamm Lobgesänge, ihr Christen", jubelt mein Herz. Resurrexi, et adhuc tecum sum, alleluja, posuisti super me manum tuam, alleluja... Ich bin auferstanden und bin nun immer bei Dir, alleluja... Du legtest Deine Hand auf mich, alleluja..." Ja, Deine Hand lastet auf mir. Ich spüre sie, täglich, stündlich. Das Leiden ist mein Apostolat. Der Feldzug auf dem Balkan ist in vollem Gange. Vor ferne dringen die schmetternden Fanfaren, die Sondermeldungen im Rundfunk ankündigen. Wieder werden fruchtbare Felder und Fluren, blühende Gehöfte, Dörfer und Städte von den apokalyptischen Reitern heimgesucht. Wieder heulen die Sirenen, donnern die Bomber, rasseln dröhnend Geschütze, Panzer Tanks. Wieder ist der Krieg der Vater aller Dinge... Wie lange noch mag dieses Völkermorden andauern. Dona nobis pacem, Domine, Gib uns Frieden, o Herr, Regina pacis, ora pro nobis, Königin des Friedens. bitte für uns! In der Karwoche wurde mir eröffnet, der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof habe auf Grund des Paragraphen 90 des Strafgesetzbuches Haftbefehl gegen mich erlassen. 19. April 1941 HEUTE MORGEN ERHIELT ich Anweisung, meine Zelle vorschriftsmäßig in Ordnung zu bringen. ,, Das faule Leben hat ein Ende. Ihre Reisepapiere nach Moabit sind bereits ausgestellt", teilte mir hähmisch lächelnd ein Hauptscharführer mit. 63 - Landesverrat Um zehneinhalb Uhr taucht Hasenbank auf. In einer prächtigen Limousine des RSHA. fuhr ich in seiner Begleitung zur Turmstraße. Hier nahm mich ein Amtsgerichtsrat Dr. Schlemann, Ermittlungsrichter beim Volksgerichtshof, höflich und aalglatt in Empfang. Er machte mich Unwissenden auf die Bedeutung des Paragraphen 90 aufmerksam und meinte malizios, nach einigen Wochen des Einlebens werde er mir schon auf den Zahn fühlen. Arbeit und Einsamkeit hätten schon manchen verstockten Sünder klein und kirre gemacht. Hasenbank empfahl sich mit gerecktem Arm und obligatem Heilgruß. Mich würdigte er eines Blickes, aus Mitleid und Schaden-, freude gemischt. Mit diesem Akt war ich der wenig väterlichen Fürsorge der Gestapo enthoben und der Obhut der deutschen Justiz, die sich derzeit noch eines besseren Rufes erfreute, übergeben. Ein gemütlich ausschauender Justizwachtmeister führte mich durch unterirdische dunkle Gänge ins Untersuchungsgefängnis Alt- Moabit. Wieder die üblichen Formalitäten: Registrierung, Kleider-, Wäsche- und Wertsachenabgabe, Bad, Entlausung. arbeit verpflich stattet... usw wichtig sein ma Es ist Josef W Bomberg". Dare Humor, deftig, tragischen Hint Spät am Nachmittag sitze ich auf Station E II, Haus II, Zelle 663. Sie ist etwas geräumiger als meine frühere Klause, aber weniger sauber und wohnlich. Ein erheblicher Vorteil ist das eingebaute Klosett mit Wasserspülung. des adligen Eu Buldern im Mü Münster bildet gebenheiten, in überlegenen Me einer allzu bürg Ich schulde W freienden Lach Man reicht mir die Hausordnung herein. Ich studiere sie andächtig und lerne daraus u. a., der nationalsozialistische Staat schätze den Wert der Arbeit so hoch, daß alle Untersuchungsgefangenen zur HandTräne im Auge ICH GEWÖHNE Sieben Uhr läu aufmachen, Sta sich in den d durchaus erled Der Kanten tro als Morgenimb Gegen acht U Station aufges gemessenen A fangene eine s hinab. Spreche Auf dem Hof platten umsäu befindet sich 5 Ballhorn/ Die K 64 kauf. In einer rich in seiner ahm mich ein mittlungsrichter latt in Empfang. Bedeutung des ufmerksam und des Einlebens len. Arbeit und Stockten Sünder empfahl sich Heilgruß. Mich d und Schadenich der wenig thoben und der ch derzeit noch eben. stizwachtmeister nkle Gänge ins Registrierung, gabe, Bad, Ention E II, Haus II, ls meine frühere rohnlich. Ein erte Klosett mit rein. Ich studiere a., der nationalart der Arbeit so genen zur Handarbeit verpflichtet sind, Paketempfang sei nicht gestattet... usw., was so für einen Gefangenen gewichtig sein mag. Auf dem Klapptisch liegt ein Buch. Es ist Josef Wincklers Schelmenroman ,, Der tolle Bomberg". Darein versenke ich mich. Niederdeutscher Humor, deftig, erdnah, witzig, derb, dabei nicht ohne tragischen Hintergrund, steckt in diesen Streichen des adligen Eulenspiegels, Baron von Romberg aus Buldern im Münsterland. Meine gute, alte Vaterstadt Münster bildet die Szene für diese possenhaften Begebenheiten, in denen allen doch die Auflehnung eines überlegenen Menschen gegen die Dürftigkeit und Enge einer allzu bürgerlich gewordenen Welt sich austobt. Ich schulde Winckler Dank für einige Stunden befreienden Lachens, sei es auch mit einer heimlichen Träne im Auge. 21. April 1941 ICH GEWÖHNE MICH ein in den MoabiterTagesablauf. Sieben Uhr läutet die Morgenglocke. Waschen, Bettaufmachen, Staubputzen, Fegen und Aufwischen lassen sich in den dafür vorgesehenen dreißig Minuten durchaus erledigen. Der Kanten trockenen Brotes und die schwarze Brühe als Morgenimbiẞ reichen, das Hungergefühl zu stillen. Gegen acht Uhr werden die Zellentüren der ganzen Station aufgestoßen. ,, Raustreten zur Freistunde!" In gemessenen Abständen steigen an die dreißig Gefangene eine schmale Wendeltreppe zum Erdgeschoß hinab. Sprechen ist streng verboten. Auf dem Hof gibt es drei große, von hellen Steinplatten umsäumte Kreise. In jedem der großen Kreise befindet sich ein kleiner Kreis. Darin bewegen sich 5 Ballhorn/ Die Kelter 65 kranke und ältere Gefangene. Die Benutzung des kleinen Kreises muß ärztlich genehmigt sein. Im großen Kreis marschieren wir in fünf Meter Abstand in flottem Tempo. Inner- und außerhalb des Kreises ist je ein Wärter postiert. Schnauzbärtige, martialische Gestalten, die aber durchweg das Herz noch auf dem rechten Fleck haben. Die Freistunde währt dreißig Minuten, davon zehn Sportminuten. Immerhin ist das ein Höhepunkt des sonst sehr eintönigen Tagesprogramms. Ich taxiere meine Mitgefangenen. Was mögen sie draußen gewesen sein? Handwerker, Intellektuelle, fahrende Künstler, Zeitungsmenschen, Zuhälter, alles in bunter Mischung. Mein Vordermann tuschelt, fragt mich, warum und wie lange ich schon sitze, wann ich ,, Termin" habe, ob ich mit dem Schlimmsten rechnen müsse. Er selbst ist Tscheche, in ein Spionageverfahren verwickelt und sieht sehr schwarz für sich. Mein Hintermann ist Danziger, schon achtzehn Monate in Moabit und rechnet mit baldigem Termin in einem Hochverratsprozeß. dem Gefängnis F überführt. Fast alle Männer in unserem Kreis sind Kandidaten des Volksgerichshofes. Der Senat dieses Gerichtshofes besteht aus drei hohen Parteifunktionären und nur zwei Juristen. Die Urteile sind hart. Todesstrafe recht häufig. Jeder im Kreis weiß vom andern sein ,, Faktum" und den Tag seines Termins. Mein Vorgänger Vorgänger verü Zellennachbar N Erscheint ein Gefangener am Tage nach dem Termin nicht im Hof, so bedeutet das meist Todesurteil. Nach der Urteilsverkündung wird der Verurteilte aus dem Gerichtssaal an der Bellevuestraße 15 sofort nach timitäten auf de sei kein gutes C gläubisch, vielle Wenig später führt. Ein wilde Dutzende von suchungsrichter griert bin, schä Sturzflut nicht mich nieder. De zu haben. Der Sturm legt Innehaltung der falls... usw., Mit dem Beme Tagen entsprec zur Tür. Das Mittagesse hausener Küch Der Stationsbe mittags meine spärlich glänze Hochglanz g Fensterstaub u Haltung. Ich v fangener auch nisse, Leid, Nö 66 5 alb des schnauzbärtige, eg das Herz fort nach dem Gefängnis Plötzensee, seiner späteren Richtstätte, überführt. Mein Vorgänger in Zelle 663 ging diesen Weg. Sein Vorgänger verübte Selbstmord in der Zelle. Mein Zellennachbar Max aus Sachsen, der mir diese In- timitäten auf der Wendelireppe zuraunt, meint, das sei kein gutes Omen für mich. Er ist ein wenig aber- gläubisch, vielleicht leidet er an„Knastmauke“(Tick). Wenig später werde ich dem Hausinspektor vorge- führt. Ein wilder, tobsüchtiger Parteifanatiker. Stellt Dutzende von Fragen, gebärdet sich wie ein Unter- suchungsrichter. Als ich bekenne, daß ich 1934 emi- griert bin, schäumt er auf wie Brauselimonade. Eine Sturzflut nicht salonfähiger Titulierungen hagelt auf mich nieder. Der Mann scheint das beruflich gelernt zu haben. Der Sturm legt sich, streng macht er mich auf strikte Innehaltung der Hausordnung aufmerksam. Widrigen- falls... usw.,— folgt die Liste der Hausstrafen. Mit dem Bemerken, er werde mir in den nächsten Tagen entsprechende Arbeit verpassen, weist er mich zur Lür. Das Mittagessen, Gerstenbrei, zeigt sich der Sachsen- hausener Küche weit überlegen. Der Stationsbeamte inspiziert im Laufe des Nach- mittags meine Zelle, beanstandet den wirklich nur spärlich glänzenden Wassereimer(er muß täglich auf Hochglanz„gewienert werden), bemängelt den Fensterstaub und meckert über meine unmilitärische Haltung. Ich versuche ihm klarzumachen, daß ein Ge- fangener auch ein Seelenleben habe, Sorgen, Kümmer- nisse, Leid, Nöte des Leibes und schon mal den Klein- D3 67 kram der amtlichen Vorschriften versehentlich außer acht lasse... Sein preußisches Kleinhirn kommt offensichtlich nicht ganz mit. Wir scheiden nicht als Freunde. Schade, er sah im ersten Augenblick gar nicht so unsympathisch aus. 10. Mai 1941 - - von NUN HABE ICH vier Tage lang dem Ermittlungsrichter beim Volksgerichtshof, Amtsgerichtsrat Dr. Schlemann, zu Wort gestanden. Drei Stunden vormittags, zwei Stunden nachmittags. Die äußeren Formen der ermüdenden Vernehmungen waren einigen gehässigen Invektiven abgesehen ziemlich korrekt und zweckentsprechend. Natürlich war Schlemann eingefleischter Parteigänger Hitlers und sogenannter ,, Deutschgläubiger". Im Verlauf unserer Gespräche gab er wiederholt seiner festen Überzeugung Ausdruck, die katholische Kirche habe ihre Rolle ausgespielt. Es sei undenkbar, daß sie gegen die mächtige äußere Bedrohung durch den neuen Glauben der nationalsozialistischen Weltanschauung und aus ihrem immer klarer werdenden inneren Verfall noch einmal siegreich erstehe und unsere neue Zeit mit ihrem Leben erfülle. Sie vor dem hi bequemerweise ,, Wir haben die Jugend im harten Kampf um Leben und Tod hinter unseren siegreichen Hakenkreuzbannern, während euere bunten Prozessionsfahnen in dunklen Winkeln vermodern und den Motten zum Fraẞ dienen. In wenigen Jahren locken euere schwarzen Seelenfänger keinen Hund mehr aus seiner Hütte. Ich gebe Ihnen in privater Eigenschaft den gutgemeinten Rat, lassen Sie Ihre verlorene Sache fahren. Erklären aus der Kirche Senats immerhi auf milder ges Ich versuche, H andersgeartete von der Kirch Christi, von Heiligen Geiste will, als aus Schlemanns Z unseres christl Sinn und dan Lebens sei, sic Christi, da Er i Stunde Seiner zu weihen und das Reich Sei seinem Platz, Erdenleben, in gelegt hat. Dem nationals Begriff Kirch nach politisch Daß Kirche de und zur Teilna die Gemeinsc ergangen ist, treten dürfen der Treuegefo Christi Reich 68 entlich außer hirn kommt en nicht als genblick gar Ermittlungsrichtsrat Dr. Stunden vorDie äußeren waren- von -ziemlich Parteigänger ger". Im Vererholt seiner lische Kirche kbar, daß sie g durch den ischen Welter werdenden erstehe und Gille. pf um Leben Hakenkreuzionsfahnen in tten zum Fraß ere schwarzen mer Hütte. Ich gutgemeinten aren. Erklären Sie vor dem hiesigen Amtsgericht - es befindet sich bequemerweise im gleichen Hause ihren Austritt aus der Kirche. Es macht bei den Parteileuten des Senats immerhin gewissen Eindruck und Sie können auf milder gestimmte Richter rechnen." Ich versuche, Herrn Schlemann demgegenüber meine andersgeartete Auffassung zu verdeutlichen. Spreche von der Kirche als dem gnadendurchströmten Leib Christi, von der geheimnisvollen Werkstatt des Heiligen Geistes, von der Kirche, die nichts anderes will, als aus allem Leben Christusleben gestalten. Schlemanns Zwischenfragen nach Sinn und Ziel unseres christlichen Lebens beantworte ich: Tiefster Sinn und darum höchstes Ziel christkatholischen Lebens sei, sich aufzuschließen für die einzige Größe Christi, da Er im Evangelium, und von da her zu jeder Stunde Seiner Kirche uns aufruft, das Leben Ihm zu weihen und im treuen Einsatz des Lebens mit Ihm das Reich Seines Vaters aufzurichten, ein jeder an seinem Platz, so wie Er es vorbildlich in Seinem Erdenleben, in Seinem Sterben und Auferstehen grundgelegt hat. Dem nationalsozialistischen Amtsgerichtsrat war der Begriff ,, Kirche" identisch mit einem Gebilde, das nach politischer Macht und Weltherrschaft strebt. Daß Kirche der Ort, wo Christi Königsgestalt aufsteht und zur Teilnahme an Seinem Kreuzzug ruft, daß sie die Gemeinschaft derer ist, an die so hoher Ruf ergangen ist, und in der zu jeder Stunde die hervortreten dürfen und müssen, welche die hohe Pflicht der Treuegefolgschaft lebendiger fühlen, daß Kirche Christi Reich ist, das in jeder Zeitennot und trotz 69 allem Versagen in den eigenen Mauern sich stets neu bewähren und mehren muß, vor allem durch den hingebenden Dienst derer, die ,, es fassen können", alles das konnte mein rein rationalistisch denkender Gesprächspartner nicht fassen. Die Zeit wird ihn vielleicht Einsicht lehren. Hitlers Reich wird vergehen wie alle weltliche Schöpfung. Die Kirche Gottes aber wird alle Wechselfälle dieser allen Zeitlichkeit überdauern. Stets wird sie aus furchtbaren äußeren Bedrohungen und aus innerem Verfall siegreich erstehen und eine neue Zeit mit ihrem Leben erfüllen. Dafür bürgt das schöpferische Walten des Heiligen Geistes in ihr. Sie war, ist und wird Gebieterin im Reich der Wahrheit sein. Ihre Weisungen führen aus den Wirrsalen der Zeit auf die große Straße der Nachfolge Christi. In allen Jahrhunderten hat sie ihr Erbgut vermehrt, das auch uns noch reich macht. Das für alle Zeit zu tun, in der demütigen Verhaftung an die jeweilige Zeit und ihre Möglichkeiten, aber in stets neuem siegreichen Durchbruch ihres Wesens, das scheint das Los der Kirche zu sein, ihre jeweilige Schwäche und ihr dauernder Ruhm. ,, Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen..." 1. Juni 1941 PFINGSTSONNTAG! DER darf keinen Bes dienstes in der G Ich sinne über d jubelnder Dank f Gott geschaffene ersten Pfingsttag Erleuchter, der S machte. Aus de eroberer. Petrus insbeson durch den Erleu zerschellt. Der Paraklet ma Pontius Pilatus Nach Karfreitag An diesem Tag der Kirche ewig Ich überdenke Liebe, Freude, F Treue, Mäßigke Leise singe ic ritus „ V All Ko GRÜNDUNGSTAG, die LANGE WOCH mir. Kommt de feierliche Weihe der von Christus gestifteten Kirche. Zum ersten Male feiere ich dieses Hochfest in der Kerkerzelle. Ich bin allein. Niemand stört den festlichen Frieden. An meiner Zellentür hängt ein Schild mit einem dicken schwarzen Punkt. Das bedeutet: Strenge Einzelhaft, nicht? Schlemann hat Anklage wegen 70 ern sich stets llem durch den assen können", isch denkender lehren. Hitlers che Schöpfung. chselfälle dieser sie aus allen d aus innerem neue Zeit mit sschöpferische Sie war, ist und heit sein. Ihre n der Zeit auf Christi. In allen mehrt, das auch Zeit zu tun, in weilige Zeit und em siegreichen nt das Los der wäche und ihr Hölle werden sie darf keinen Besuch empfangen. Besuch des Gottesdienstes in der Gefängniskirche nicht gestattet. Ich sinne über die Liturgie des Pfingsttages. Sie ist jubelnder Dank für die Gründung der Kirche. Die von Gott geschaffene. Ihre letzte Vollendung gab ihr am ersten Pfingsttag der Paraklet, der Heilige Geist, der Erleuchter, der Spender. Der aus den Galiläern Apostel machte. Aus den armseligen Fischerknechten Welteroberer. Petrus insbesondere, der zage, schwankende, wird durch den Erleuchter zum Fels, daran die alte Welt zerschellt. Der Paraklet macht es sonnenhell, daß der Prozeß von Pontius Pilatus ein Justizmord war. Nach Karfreitag kam Ostermorgen und Pfingstjubel. An diesem Tage wurde Christi Werk vollendet und der Kirche ewiges Leben gegeben. Ich überdenke die kostbaren Früchte des Geistes: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Sanftmut, Treue, Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit. " 1 Leise singe ich die Sequenz: Veni Sancte Spiritus-- Veni pater pauperum..." ,, Vater aller Armen Du, Aller Herzen Licht und Ruh, Komm mit Deiner Gabenzahl!" UNGSTAG, die stifteten Kirche. Hochfest in der stört den festmit einem dicken enge Einzelhaft, 30. Juli 1941 LANGE WOCHEN BANGEN Wartens liegen hinter mir. Kommt der Prozeß beim Volksgerichtshof oder nicht? Schlemann hat mehr als einmal gedroht: ,, Fällt die Anklage wegen Landes- und Hochverrats zusammen, .71 wird der Oberreichsanwalt Sie auf Grund Ihrer Auslandstätigkeit wegen Volksverrat belangen. Ihr Kopf wackelt so oder so!" Heute morgen läßt mich der Ermittlungsrichter rufen, erbittet die Rückgabe der mir vor Monaten zugestellten Abschrift meines Haftbefehls und teilt mir amtlich im Auftrage des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof die Einstellung des Verfahrens wegen mangelnden Tatbestandes mit. Der Haftbefehl ist aufgehoben! Mittags muß ich meine Zelle räumen. Die Justiz überstellt mich dem Reichssicherheitshauptamt. Um vierzehn Uhr bringt mich die grüne Minna" wieder zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Zelle 77 auf Station IV wird mir zugewiesen. Ich bin wieder Polizeigefangener und trage die Nummer 5907 II. 19. August 1941 ICH SAH MEINEN Freund Hein Hoeben wieder, traf ihn im Bad. Ein Jahr sitzt er bereits in Einzelhaft. Er sieht arg verhungert aus. Nur noch Haut und Knochen. Anzeichen von Hungerödeme machen sich bemerkbar. Geistig ist er trotz aller ausgestandenen Qualen ungebrochen. Seine Gedanken weilen viel bei seinen Kleinen. DIE TROSTLOSE Von daheim habe ich frohe Nachricht. Meine Frau ist nach sieben Monaten Haft in den Gerichtsgefängnissen Münster und Essen am 9. August auf freien Fuß gesetzt worden. magere Verpfleg Vergünstigunger Zeitung, nichts, Beamtenmangel Tage werden wi ist die einzige sehen und ein Soviel menschl lichen Mauern schen geistig täuschten, die 2 Verhärmten. Fl zu Christus, de Das Christentu Welt mit tiefer Letztes ist der Letztes ist das Mögen sie alle wahren Weg f NEUN WOCH Loch, das sich mir. Seit mein " Alex" hat m gerührt. Alle unbeantwortet Wie ich auss Spiegel noch Meine Fingern 72 rund Ihrer Aus- angen. Ihr Kopf ngsrichter rufen, naten zugestell- teilt mir amtlich s beim Volks rfahrens wegen Die Justiz über- ıptamt, grüne Minna’ 31. August 1941 DIE TROSTLOSE EINZELHAFT und die erschreckend magere Verpflegung machen das Leben zur Qual. Alle Vergünstigungen sind mir versagt. Kein Buch, keine Zeitung, nichts, was ablenkt. Freistunde fällt wegen Beamtenmangel aus. Alle acht oder auch vierzehn Tage werden wir Einzelhäftlinge ins Bad geführt. Das ist die einzige Gelegenheit, andere Menschen zu sehen und ein wenig zu plaudern. Soviel menschliches Elend und Not bergen die gräß- lichen Mauern des„Alex! Wohin mögen diese Men- schen geistig flüchten? Die Verbitterten, die Ent- täuschten, die Zerschlagenen, die Schwermütigen, die Verhärmten. Flüchten sie zum allbarmherzigen Vater, zu Christus, dem Leidensmann, dem Dorngekrönten? Das Christentum sieht die Leiden und Nöte dieser Welt mit tieferen Augen. Letztes ist nicht die Freude. Letztes ist der Schmerz. Letztes ist nicht der Genuß. Letztes ist das Opfer! Mögen sie alle, die Mühseligen und Beladenen, den wahren Weg finden. 1. Oktober 1941 NEUN WOCHEN HOCKE ich nun in dem kleinen Loch, das sich Zelle 77 nennt. Kein Hahn kräht nach mir. Seit meiner Überführung von Moabit nach dem „Alex hat meine Dienststelle im RSHA. sich nicht gerührt. Alle an sie gerichteten Schreiben bleiben unbeantwortet. Wie ich aussehe, weiß ich nicht. Ich habe weder Spiegel noch Kamm, noch Messer, noch Nagelschere. Meine Fingernägel schleife ich an der aufgerauhten 73 Wand ab. Meine Zehennägel wachsen schmerzhaft ins Fleisch. Die Rippen werden von Tag zu Tag sichtbarer. Es ist Fleckfieber ausgebrochen. Die ersten Todesopfer, darunter auch Wachtmeister, sind gefallen. Furchtbare Zustände müssen in den Kellerräumen herrschen. Im Bad erzählte ein Kalfaktor, es lebten in den Kellerzellen mehrere hundert Gefangene unter den primitivsten hygienischen Verhältnissen. Alle Räume seien hochgradig verlaust und verwanzt. Der Typhus sei im ,, Alex" eine fast alljährlich wiederkehrende Erscheinung. Der Rosenkranzmonat ist angebrochen. Ich habe ihn noch, den Rosenkranz, den meine Mutter mir gab. Er spendet mir großen Trost. Seine Perlen sind Rosen um das Bild der Muttergottes, der Trösterin der Betrübten. 12. Oktober 1941 DIE ZELLEN UNSERER Station wurden gestern vergast, um alles gefährliche Ungeziefer zu töten. Wir Gefangenen wurden vorschriftsmäßig entlaust und für eine Nacht gemeinsam in einem Kellerraum untergebracht. Mit Dr. Hoeben und Msgr. Origer, dem Verleger des ,, Luxemburger Wort", verbrachte ich geistig fruchtbare Stunden. Wie tief ist diese schen zwei Verb die Höhe ihrer A ständnis hat sie fi Es gibt kein elekt dunkelt es am Ab habe ich mehr al Der feinsinnige Luxemburger Prälat äußerte tiefe Gedanken über die letzte Überwindung des Leides durch die christliche Religion. Nicht buddhistische Resignation, noch verzweifelter Freitod, nur innerliches und freies Tragen des Leides im Geiste Christi ist die Lösung. DIE TAGE VERST Die Atmosphäre Kein Tor spaltet Schmerz entzünd Solch trübe Stu Nur die Ewigkei Wie lange will m zehn Wochen ist schehen. Absolu Die Körperkräfte von Hungeröden Einer hat sich h n Ich versuche, Leidensgenossen Lebenshoffnung, Mut dazu, Schl 9 Bei offenen Sinn viel mehr Mut lorenen materi Kerkerhaft. Da Bankrotten iste muß. Nur Gott 74 en schmerzhaft Wie tief ist diese Religion, die einen sterbenden, zwi- g zu Tag sicht schen zwei Verbrechern hängenden Kıuzifixus auf die Höhe ihrer Altäre stellt. Welch besonderes Ver- ständnis hat sie für das Geheimnis des Leides. Es gibt kein elektrisches Licht in unseren Zellen. Früh dunkelt es am Abend. Zeit zum Grübeln und Denken habe ich mehr als genug. 17. November 1941 DIE TAGE VERSTREICHEN. Einer grau wie der andere Die Atmosphäre hinter mir und vor mir verhangen. Kein Tor spaltet sich. Kein Echo ruft wider. Kein Schmerz entzündet Hoffnung. Eines aber weiß ich: ke Solch trübe Stunden bewältigt nur das Jenseitige. u Nur die Ewigkeit gibt der Zeit ihren Sinn. = Wie lange will man mich hier noch halten? Seit fünf- zehn Wochen ist in meiner Angelegenheit nichts ge- schehen. Absolut nichts. n ver: Die Körperkräfte lassen bedenklich nach. Symptome von Hungerödeme machen sich bemerkbar. Einer hat sich heute nacht erhängt. Ich versuche, mich in die Seelenverfassung dieses Leidensgenossen hineinzudenken. Wieviel gelöschte Lebenshoffnung, wieviel zerbrochener Mut. Gehört Mut dazu, Schluß zu machen? tiefe Ge Bei offenen Sinnen gehört Mut dazu. Aber mehr Mut, des durch viel mehr Mut gehört dazu, durchzuhalten. Trotz ver- j* Res" lorenen materiellen Besitzes. Trotz zermürbender iche Kerkerhaft. Das Leben auch des Geplagten, des st. die Bankrotten ist ein heilig Geschenk, das man behüten muß. Nur Gott zündet und löscht diese Flamme. 75 werden. Dazu g sexuelle, fremdlä 30. November 1941 SEIT GESTERN BIN ich wieder in Sachsenhausen. Am 28. November, abends, führte man mich in den Keller, stieß mich in einen größeren Saal und überließ mich meinem Schicksal. Es war eine schreckliche Nacht. An die dreihundert Menschen hockten fast aufeinander. Stickige, rauchgeschwängerte Luft. Das Atmen fast unmöglich. ,, Die , Palme' ist Gold dagegen", meinte ein Berliner. Zweiunddreißig Holzpritschen gab es. An Schlaf war nicht zu denken. Früh um fünf Uhr fand die Qual ein Ende. Um die Mittagsstunde, nach Absolvierung der üblichen Formalitäten, traf ich im Block meine alten Freunde. In ihren Zügen las ich einiges Erschrecken über mein blasses Aussehen. 6. Dezember 1941 Gefesselt werden Bahnhofs geführt glücklichen am ausgesuchten Ho und Kolbenstöße Der Weg vom Ba meter, ist im Lau getränkt worden felten Versuch u den grauen Dase seelt am Wege. Die im ,, Alex" der Sachsenhaus die Opfer staatlic Im Lager ange Haufen" am Tor ICH BIN DEM Arbeitskommando ,, Entlausung" zugeteilt. Dort habe ich reichlich Gelegenheit, die SS- Blockführer bei den Zugängen toben und wüten zu sehen. Sonnabend ist der Tag der Zugänge. Ein Tag, an dem die Blockführer von einer barbarischen Ehrlichkeit sind. Nackt und bloß liegt ihre ,, Seele" am Wochenende vor uns. In der Frühe um fünf Uhr speit der ,, Alex" seine unglücklichen Opfer aus. Es ist eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft: politische, kriminelle, asoziale Gefangene, die nach Verbüßung ihrer Gefängnis- und Zuchthausstrafen noch Jahre im Konzentrationslager als billige Arbeitssklaven miẞbraucht ein unruhvolles Allerlei SS- Figu minder müßige schwinden wied Mit viel Lärm u SS- Hauptscharfu seine Aufwartu Ein seltsames Tier, aller me Sprachschatz sc und massigen S Die ihm unters Jungs". Wehe fallen sollte, 76 Sachsenhausen an mich in den Saal und überdie dreihundert Stickige, rauchunmöglich. ,, Die Berliner. An Schlaf war fand die Qual ung der üblichen e alten Freunde. ecken über mein tlausung" zuge eit, die SS- Blockwüten zu sehen. Ein Tag, an dem then Ehrlichkeit e" am WochenAlex" seine unbunt zusammenme, kriminelle, Bung ihrer GeJahre im Konven mißbraucht werden. Dazu gesellen sich Bibelforscher, Homosexuelle, fremdländische Arbeiter. Gefesselt werden sie auf den Bahnsteig des Stettiner Bahnhofs geführt. Gegen sieben Uhr werden die Unglücklichen am Bahnhof Sachsenhausen von einer ausgesuchten Horde von Blockführern mit Fußtritten und Kolbenstößen in Empfang genommen. Der Weg vom Bahnhof bis zum Lager, etwa drei Kilometer, ist im Laufe der Jahre von Blut und Schweiß getränkt worden. Manch einer, der hier den verzweifelten Versuch unternahm, der Öde des ihn erwartenden grauen Daseins vorzeitig zu entfliehen, blieb entseelt am Wege. Die im ,, Alex" gehörte peinlich genaue Schilderung der Sachsenhausener Wirklichkeit ängstigt und quält die Opfer staatlicher Willkür auf diesem Passionsweg. Im Lager angekommen, muß sich der verlorene Haufen" am Tor in Reih und Glied aufbauen. Es hebt ein unruhvolles Warten an. Allerlei SS- Figuren tauchen auf, stellen mehr oder minder müßige Fragen, drohen, prügeln und verschwinden wieder. Mit viel Lärm und Gefluch macht der Rapportführer, SS- Hauptscharführer Gustav Sorge, der ,, Eiserne", seine Aufwartung. Ein seltsames Triebbündel ist dies Stück MenschTier, aller menschlich hohen Gefühle bar. Sein Sprachschatz scheint vorwiegend aus krassen Flüchen und massigen Schimpfwörtern zu bestehen. Die ihm unterstellten Blockführer nennt er ,, meine Jungs". Wehe dem arglosen Häftling, dem es einfallen sollte, beim ,, Eisernen" Übergriffe seiner 77 ,, Jungs" zur Anzeige zu bringen. ,, Anfänger", wie man die noch unbeholfenen Zugänge hier heißt, haben solches Unterfangen mit furchtbaren Martern und bitterem Tode büßen müssen. Fast kein Neuling entgeht den sadistischen Quälereien Sorges. Ein dicker, knorriger Knüppel, seine ,, Hausordnung", zählt zu seinen unmiẞbaren Requisiten. Mit welcher Wucht und ungebändigter Wut weiß er ihn zu schwenken und zu schwingen. Wo er trifft, läßt er blaue und blutige Male zurück. Selbst zertrümmerte Schädel kommen auf sein Konto. ,, Warum bist du eigentlich hier, mein Sohn?", beginnt er häufig höhnischen Tones sein inquisitorisches Zwiegespräch, das stets in Schimpfmonologen endet. ,, Schutzhaft nach Verbüßung der Zuchthausstrafe wegen Vorbereitung zum Hochverrat" ,,, Schutzhaft wegen krimineller Vergehen" ,,, Schutzhaft wegen Zuhälterei, wegen Landstreicherei, Rassenschande, homosexueller Verfehlungen, Bibelforscherei". Jedes Sündenbekenntnis wird entsprechend kommentiert und vom ,, Eisernen" mit eiserner Münze bezahlt. Besonders die politischen Häftlinge werden ,, prämiiert". Sorge schilt sie samt und sonders ,, Bolschewiken", gleich, ob sie Katholiken, bekenntniskirchliche Protestanten, Priester oder Laien sind. ,, Siehst du, mei tröstet Sorge de Diese erste pr einige Stunden durch sportlich beugen und Sa Laufend oder dreihundert Me Wer seine ,, Schuld" nicht frank und frei beichtet, etwa gar stottert oder sich unschuldig glaubt, erlebt sein blaues Wunder. Die ,, Hausordnung" feiert Hochzeit auf Kreuz und Hinterteil des Ärmsten, bis er- weich geworden stammeln vermag. - sein ,, mea culpa" nur noch zu rückgelegt. Hier inszenierer Dabei zeichnen Schubert, Beitel besondere Bruta Grundsätzlich H schont. Juden und Emig merksamkeit. S Beitel will eine brecher" verläß hält mehr von Jeder hat seine Heute sind dre ein etwa fün muß auf Gehei gestrecktem K beugen forciert gelingt dem Ge Auf und Nied Herz. Aus! Normale Opfer. 78 d blutige del kommen chthausstrafe Schutzhalt aft wegen schandeı ssenstil horei”, Jedes „Siehst du, mein Sohn, wir kriegen alles heraus”, tröstet Sorge den also Zerknirschten. Diese erste provisorische Vernehmung zieht sich einige Stunden hin. Unterbrochen wird die Prozedur durch„sportliche Übungen”, Hinlegen, Rollen, Knie- beugen und„Sachsengruß”(kniend Forthüpfen). Laufend— oder auch zuweilen hüpfend— werden die dreihundert Meter zur Entlausung, Baracke 56, zu- rückgelegt. Hier inszenieren die„eisernen Jungs” ihre Verhöre. Dabei zeichnen sich„Knochenbrecher‘,„Knopfreiher”, Schubert, Beitel, Kaiser, Fickert und Knitteler durch besondere Brutalität und abgründigen Sadismus aus. Grundsätzlich bleibt kein Zugang von Schlägen ver- schont. Juden und Emigranten„erfreuen“ sich besonderer Auf- merksamkeit. Schubert brüllt nach einem Besenstiel, Beitel will einen handfesten Holzknüppel,„Knochen- brecher“ verläßt sich auf seine stabilen Fäuste, Kaiser hält mehr von kräftigen, eisenbeschlagenen Stiefeln. Jeder hat seine„Spezialität beim Verhör. Heute sind drei Juden dabei. Der älteste von ihnen, ein etwa fünfundsechzigjähriger, beleibter Mann, muß auf Geheiß Beitels hundert Kniebeugen mit vor- gestrecktem Koffer ausführen. Nach zwanzig Knie- beugen forciert Beitel das Tempo. An die siebzig Mal gelingt dem Geplagten schweißtriefend das mühselige Auf und Nieder. Dann versagt das überanstrengte Herz. Aus! Normale Todesursache: Herzschlag. Das erste Opfer. Et| Bunt und blau geschlagen, erwartet die Zugänge nun der Tragödie zweiter Teil: die Duschprozedur. Ein Homosexueller wird besonders hochgenommen. 70 Grad Celsius heißes Wasser verbrüht seine Haut minutenlang. Schubert überschüttet ihn mit unflätigen Redensarten, Kaiser stößt den vor Schmerzen sich Windenden mit rohen Tritten unter die Dusche. ,, Dir wohl zu warm, was? Na, wollen dem warmen Bruder mal'n kalten Tropfen geben." Er greift zum Schlauch, richtet einen eiskalten Wasserstrahl auf die Herzgrube des Verbrühten. Nach einigen Minuten sackt er zusammen Aus. Normale Todesursache: Herzschlag. - - Beitel, Fickert, Schubert, Kaiser jeder hat seine Methode, die Homosexuellen in der übelsten Weise zu peinigen. Zwei oder drei Todesopfer fallen durchschnittlich jeden Sonnabend. Die Zahl der lazarettfähig Geschlagenen läßt sich an den Fingern nicht abzählen. Das geht so Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Wieviel Morde und gebrochene Menschenleben mögen diese ,, eisernen Jungs" auf ihrem fluchwürdigen Gewissen haben? Kein Staatsanwalt, der Anklage erhebt, kein deutsches Volksgewissen, das protestiert! Sie wissen es nicht, wollen es auch nicht wissen und waschen ihre Hände in Unschuld. Früher galt die Erde als Vorbereitung auf die Hölle, heute mag es scheinen, als überflute die Hölle selbst die Erde. 80 80 Was ist denn nu Was ist denn mit Deinem Vo Volke? Solltest haben? Und so storben ist, ve gegeben haben von dem wir h wollen? Vor wenig meh den Pulsschlag storben schein und Ehrfurcht, Wie tief sind Volkes können Tiefen neu be NUN LÄUFT mächtigen Ve sie wird die E beherrschende Wir haben we und Deutsch zugelassenen politische We Illegale Nach ursprüngliche Beiwerk umk Gedankens i genossen. 6 Ballhorn/ Die Was ist denn nur, o Gott, was hat sich denn geändert? Was ist denn nur anders als früher? Was hast Du mit Deinem Volk gemacht? Mit Deinem christlichen Volke? Solltest Du Deinen Sohn vergeblich gesandt haben? Und sollte Jesus, Dein Sohn, der für uns ge- storben ist, vergeblich Sein Leben für uns dahin- gegeben haben? Solltest Du wirklich das große Leid, von dem wir heimgesucht werden, nicht wegnehmen wollen? Vor wenig mehr als einem Jahrzehnt fühlten wir noch den Pulsschlag eines Deutschland, das uns nun ge- storben scheint. Damals gab es Kultur und Freude und Ehrfurcht, und alle Arbeit war Gebet. _Wie tief sind wir gestürzt!— Aber die Werte eines Volkes können versinken und liegen doch in seinen ‘ Tiefen neu bereit... 9, Dezember 1941 NUN LÄUFT DER eigentliche Weltkrieg erst an. Die mächtigen Vereinsstaaten sind mit im Rennen. Durch sie wird die Entscheidung fallen. Das ist der uns alle beherrschende Gedanke. Aber wann? Wir haben wenig Übersicht.„Völkischer Beobachter“ und„Deutsche Allgemeine Zeitung“ sind die einzigen zugelassenen Blätter. Daraus ist nicht viel welt- politische Weisheit zu schöpfen. Illegale Nachrichten werden viel herumgeboten. Ihr ursprünglicher Kern ist jedoch mit viel schmückendem Beiwerk umkleidet, wobei der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Sie werden daher nur mit Vorsicht genossen. 6 Ballhorn/ Die Kelter 24. Dezember 1941 ZUM ZWEITEN MALE Heiligabend im Lager. Draußen am Ausgang der Lagerstraße haben sie eine hohe Tanne aufgestellt. Dort, wo vor zwei Jahren ein Bibelforscher wegen Kriegsdienstverweigerung erschossen wurde. Ich sitze in der Baracke und flicke meine zerlumpte Wäsche. Es ist eine verhältnismäßig ruhige Abendstunde. Die Mehrzahl unserer Henker ist in Urlaub, der Rest feiert irgendwo gröhlend Wintersonnenwende oder Julfest. Neben mir verbindet ein Kamerad seine Fußphlegmone. Ein ekelerregender Geruch von Wunden, Eiter, Fäulnis geht von ihm aus. Andere Tischgenossen dösen mit schlafmüden Augen und warten auf die Freigabe des Schlafsaales. Ein zungenfertiger Sachse schildert in allen Farben frühere Feste im häuslichen Kreise. Von weihnachtlicher Stimmung keine Spur. Ein dumpffeuchter Geruch von schneenassen Kleidungsstücken hängt über Tisch und Bank. Und doch Weihnachten! Leise schleicht die Melodie ins Herz. Wie man auch abwehren mag. Es packt uns doch irgendwie. Die ,, Abgebrühten" sagen ,, Sentimentalität" ,,, Romantik", ,, Komödie" ,,, Legende". Was hilft alles Deuteln und verächtliche Absage. Der Sinn des Weihnachtstages, der tiefste Sinn von Christi Geburt, ist Weltgeschichte. Ist unzerstörbar stark. Ist unüberwindbar. Weihnachten läßt sich nur aus der Tiefe verstehen. Den Inhalt des Tages begreift nur, wer in die mystische Quelle hin Atheisten mokar den Lüften. Zitte Kein bürgerliche schenkpracht, ke dieses Tages. Je heimnis. Gottes Reich zw Weihnachten ze über wogende, durch Jahrhund Weg durch alle Im Stalle von H deren Augen alle, die guten die Brutalität, S Aus dieser Sch nachten feiern, feiern und erle Paulus, der Ge entbietet den Ausgeglichenhe weltoffene Fre Freude, wieder Menschen zer heit mit leuch des Herrn. O Christkind, Gleichmut, die Geistige. Den 82 n Lager. haben sie eine or zwei Jahren stverweigerung meine zerlumpte ruhige Abendist in Urlaub, Wintersonnenseine Fußphleg Wunden, Eiter, afmüden Augen chlafsaales. n allen Farben Spur. Ein dumpfleidungsstücken Wie man auch irgendwie. Die t" ,,, Romantik", he Absage. Der Sinn von Christi törbar stark. Ist Tiefe verstehen. er in die mystische Quelle hinabsteigt. Ob Skeptiker nörgeln, ob Atheisten mokant lächeln, der Klang hängt doch in den Lüften. Zittert bis in die tiefste Seele. Kein bürgerlicher Festschmaus, keine glitzernde Geschenkpracht, kein buntes Spielzeug ist die Zentrale dieses Tages. Jenseits all dessen steht das große Geheimnis. Gottes Reich zwischen den Pfählen unserer Baracken. Weihnachten zeigt uns den großen Weg. Ein Weg über wogende, stürzende, wühlende See. Ein Weg durch Jahrhunderte des Steigens und Fallens. Ein Weg durch alle Menschlichkeit. Im Stalle von Bethlehem ist Platz für alle, für alle, deren Augen suchen, deren Herzen hämmern. Für alle, die guten Willens sind. Denen der Egoismus, die Brutalität, die Gemeinheit nicht Letztes ist. Aus dieser Schau kann auch der Gefangene Weihnachten feiern, jenseits der Zeit. Er kann Weihnachten feiern und erleben. Paulus, der Gefangene der römischen Festungshaft, entbietet den Philippern Weihnachtsgrüße! Welche Ausgeglichenheit der Seele! Welcher Jubel, welche weltoffene Freude. Ihm fehlt jeder Schmerz. Habt Freude, wiederholt er. Laßt sie euch nicht von den Menschen zerschlagen. Übertrumpft jede Gemeinheit mit leuchtender Güte. Denn ihr lebt im Atem des Herrn. O Christkind, schenk uns Armen diesen inneren Gleichmut, die Hingabe an das Göttliche, an das Geistige. Den Sieg über uns selbst! 6* 83 31. Dezember 1941 IN DEN BARACKEN 11, 12, 35 und 36 hat man über zweitausend russische Kriegsgefangene eingepfercht. Ihre Lage ist trostlos. Kein Stroh, keine Decken, keine Feuerung, mangelhafte Verpflegung! Deutsche kriminelle Häftlinge führen die Aufsicht, prügeln und bestehlen die Russen nicht schlechter als die SS. Die Sterblichkeit ist entsetzlich groß. Jeden Morgen liegen an die zwanzig bis dreißig Leichen nackt vor den Baracken. Zugänge sind zu ihrem Abtransport zum Krematorium kommandiert. Je zwei Leichen werden in eine schwarze Holzkiste eingesargt. Das Krematorium arbeitet seit September mit verstärkter Besatzung. Es herrscht dort Hochbetrieb von früh bis spät. Zu den Leichen aus den Baracken der Russen kommen die Todesfälle aus dem Lager. Seit November herrscht der gefürchtete Flecktyphus. Dazu Dysenterie. Einige hundert Opfer sind schon zu beklagen. Die Außenkommandos rücken wegen Quarantäne seit Wochen nicht mehr aus. Das Lager ist überfüllt. Trotzdem schickt Berlin allwöchentlich neue Opfer in den Rachen des Moloch Sachsenhausen. Hans Raßmann, ein Bibelforscher, wurde der Strafkompanie zugeteilt. Wegen Befehlsverweigerung. Er hat sich geweigert, angeschossene, noch lebende russische Gefangene im Krematorium verbrennen zu helfen. Man munkelt, daß seit September mehrere tausend Russen, in der Mehrzahl politische Kommissare der Roten Armee, kommunistische Parteimitglieder und rebellische Elem Sonderkommand Ich versuche, vo Krematorium arb men abends in d Kleidung zu we heit, mit ihnen Zellenbau und H Ihren Andeutun aktionen am la Genaue Zahlen grauenvoll sein. 84 mber mit vel- etrieb von Ten Quaral- + Berlin all - Moloch rebellische Elemente, auf dem Industriehof von SS- Sonderkommandos liquidiert worden sind. Ich versuche, von den kriminellen Häftlingen, die im Krematorium arbeiten, Näheres zu erfahren. Sie kom- men abends in die Entlausung, um zu baden und ihre Kleidung zu wechseln. Das ist die einzige Gelegen- heit, mit ihnen zu sprechen. Sie schlafen isoliert im. Zellenbau und haben Schweigepflicht. Ihren Andeutungen ist zu entnehmen, daß Mord- aktionen am laufenden Band durchgeführt werden. Genaue Zahlen lassen sie nicht verlauten. Es muß grauenvoll sein. ICH HABE PEC mich während d im vorgeschrieb Entschuldigung, moglich, in Ho machen, fruchtet Er kommandiert warten. Mir wir drohenden Prüge führerstube wer Beitel und ein derben Stöcken schmerzhaft. Ich denke an Pa hat er nicht all aus dem zweite Sinn. Er sei fälschlich er. Deswegen s dreißig Striemer Das jüdische C es zu überschre praxis mit neun 1942 * 27. Januar 1942 ICH HABE PECH gehabt. Ein Blockführer erwischt mich während der Arbeitszeit fußwandelnd anstatt im vorgeschriebenen Laufschritt. Die vorgebrachte Entschuldigung, es sei bei dem Schneetreiben kaum möglich, in Holzschuhen dauernd Laufschritt machen, fruchtet nichts. zu Er kommandiert mich ans Tor, läßt mich einige Zeit warten. Mir wird warm und heiß in Erwartung der drohenden Prügel. Sie bleiben nicht aus. In der Blockführerstube werde ich über den Holztisch gelegt. Beitel und ein anderer Rottenführer schlagen mit derben Stöcken auf mich los. Die Schläge sind schmerzhaft. Ich denke an Paulus. Den großen Völkerapostel. Was hat er nicht alles gelitten! Die überragende Epistel aus dem zweiten Korintherbrief kommt mir in den Sinn. Er sei fälschlich beschuldigt und angeklagt, schreibt er. Deswegen sei er gezüchtigt worden. Neununddreißig Striemenschläge. Das jüdische Gesetz gestattet vierzig. Aus Angst, es zu überschreiten, begnügt sich die Strafvollzugspraxis mit neununddreißig. 87 Ein paar Kapitel weiter wird ausführlich erzählt, daß er die neununddreißig Geißelhiebe fünfmal empfangen habe. Nach sieben Schlägen begann das Blut zu spritzen. Nach zwanzig Schlägen war der Rücken eine zerfetzte Masse. Manche Menschen sterben unter der Hand ihrer Peiniger. Paulus hat, obwohl er Epileptiker und schwachen Körpers war, diese Mißhandlungen überstanden. ,, Man hat mich für tot erachtet. Seht, ich lebe noch!" ,, Betrübt war ich, und doch immer innerlich selig!" ,, Arm war ich, und habe doch alles besessen!" Der Völkerapostel hat sich sein Christentum etwas kosten lassen. 13. Februar 1942 zwanziger Jahre abgeordneter. Stolz und still Schweigende Pfl einer Aufgabe o antwortung, Leis begriffe. EIN RECHTER UNGLÜCKSTAG. Heute nacht wurde in den Werkstätten ein Einbruch verübt. Wenig später brach in der sogenannten Unterkunftskammer, in der allerlei Materialien lagern, Brand aus. Er entstammt de Kennt sich gut a Engels, Marx un Von Christentum Meinung. Den hätten den tief von dieser We politisch und fü Zur Strafe muß das ganze Lager auf dem Appellplatz antreten und den ganzen Tag in Reih und Glied stehen bleiben. Eine sehr ermüdende Angelegenheit. Dazu ist es ungemütlich naẞ und kalt. Das ganze Kommando ,, U- Kammer" ist zum Pfahlhängen verurteilt. Sein wesentlich geschehen werd stimmt. Ich ent von starker Bes Reichtum seien aber noch gan Schlotternd und frierend trappeln wir von einem Bein aufs andere. Dann und wann schlendern Blockführer durch die Reihen, fluchen, drohen, lassen einige Blocks in Kniebeuge gehen oder prügeln drauflos. Mit meinem Nebenmann, einem im Kampf um die Verwirklichung des materiellen Sozialismus ergrauten Marxisten alter Prägung, komme ich ins Gespräch. Ich kenne ihn seit längerer Zeit. Er war in den Kräfte spielten allem Geschehe bar. Das erwei Zeitlage. Zur kapitalistischer innere Geradhe listischer Ideo stimmen. Viel Geistes, des In Mein Partner r Haß gegen die 88 rlich erzählt, daß nfmal empfangen ann das Blut zu der Rücken eine sterben unter der und schwachen gen überstanden. t, ich lebe noch!" innerlich selig!" besessen!" Christentum etwas eute nacht wurde übt. Wenig später ftskammer, in der us. f dem Appellplatz hund Glied stehen gelegenheit. Dazu ganze Kommando verurteilt. wir von einem Bein ndern Blockführer ssen einige Blocks drauflos. m Kampf um die ialismus ergrauten ich ins Gespräch Er war in den zwanziger Jahren sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter. Stolz und still trägt er sein schweres Schicksal. Schweigende Pflichterfüllung, Entsagung im Dienste einer Aufgabe oder Ueberzeugung, Treue, Ehre, Verantwortung, Leistung, alles das sind ihm hohe Wertbegriffe. Er entstammt der Arbeiterklasse und ist Autodidakt. Kennt sich gut aus in den Schriften von Owen, Fourier, Engels, Marx und Lasalle. Von Christentum und Kirche hat er keine allzu hohe Meinung. Den Kirchen macht er den Vorwurf, sie hätten den tiefen Ausspruch ,, Mein Reich ist nicht von dieser Welt" verraten. Sie dächten nur machtpolitisch und führten Krieg auf diplomatische Art. Sein wesentlicher Irrtum ist die Meinung, das Weltgeschehen werde letzthin vom Wirtschaftlichen bestimmt. Ich entgegne: Gewiß sei das Wirtschaftliche von starker Bestimmung. Sowohl Not und Elend wie Reichtum seien gewichtige Lebensfaktoren. Es gebe aber noch ganz tiefe andere Kräfte. Die geistigen Kräfte spielten doch eine entscheidende Rolle in allem Geschehen. Ihre Ausschaltung räche sich furchtbar. Das erweise doch sonnenklar die gegenwärtige Zeitlage. Zur wirklichen Überwindung egoistischen, kapitalistischen Geistes gehörten innere Zucht und innere Geradheit. Nicht die Revolution aus materialistischer Ideologie werde das Antlitz der Erde bestimmen. Vielmehr die Revolution der Seele, des Geistes, des Innenmenschen. Mein Partner räumt ein, daß einseitige Erziehung zum Haẞ gegen die Bourgeoisie, zum Glauben an Organi89 sation und Macht der Demonstration sich irgendwie räche. Er will die Ethik nicht ausgeschaltet wissen. Im übrigen hält er eine Versöhnung zwischen Marxismus und Christentum für durchaus möglich und fruchtbar. Er nennt in diesem Zusammenhang den Namen des ,, roten" Pfarrers Hohoff, der am 10. Februar 1923 verstarb. Hohoff habe sich als erster katholischer Priester offen zu den ökonomischen und soziologischen Lehren des Marxismus und zu deren Vereinbarkeit mit dem Christentum, besonders dem Katholizismus bekannt. In der Marxschen Kapitalkritik erblicke Hohoff den Beweis für die Lehren der Kirchenväter, der Scholastik und des kanonischen Rechts über das Wirtschaftsleben. Marx sei für ihn der weitaus größte Sozialökonom aller Zeiten gewesen. Solche Aussprac Ermüden des St vergessen. Sogar Hohoffs Hauptwerk ,, Die Bedeutung der Marxschen Kapitalkritik, eine Apologie des Christentums vom Standpunkt der politischen Ökonomie und Rechtswissenschaft", kannte er so gut, daß er den Schlußabsatz zu zitieren wußte: ,, Der heilige Albert der Große sagt: Wenn es sich um Glaubens- oder Sittenlehren handelt, so verdient der heilige Augustinus mehr Glauben als die Philosophen, falls sie anderer Meinung sein sollten. Ist aber von der Arzneikunde die Rede, so würde ich einem Galen oder Hippokrates mehr Glauben beimessen. Auf dem naturhistorischen Gebiet endlich, gilt mir Aristoteles mehr als jeder andere wegen seiner Vertrautheit mit der Natur. Auf dem Gebiet der politischen Ökonomie gilt uns Karl Marx mehr als jeder andere." 90 IM KRANKENB bin ich heute zu gescheut, hinzuge Eiter, Schweiß u Die Kranken se mit fremden Lin mehr Zeichen als Leben bereits b drängt hat. Ein toll schmer Hemmungen übe sieht äußerlich gegen ist weni zwischen mehr überwinden. Draußen vor de Er ist als Pflege Er erzählt so Ei Die Krankenbar zum Teil stank schmalen Bett. Medikamente s Ambulanz sehr und tödlich En Halbverhungert Man muß sich ist im ganzen ich irgendwie altet wissen. Im Solche Aussprachen sind fruchtbar und lassen das Ermüden des Strafstehens und winterliche Kälte vergessen. 21. Februar 1942 IM KRANKENBAU, WO immer großer Betrieb ist, bin ich heute zum erstenmal. Bisher habe ich mich gescheut, hinzugehen. Es riecht dort sehr nach Karbol, Eiter, Schweiß und anderen unangenehmen Dingen. Die Kranken sehen schrecklich‘aus, gelb und fahl, mit fremden Linien im Gesicht. Eigentlich sind es mehr Zeichen als Linien, Zeichen des Todes, der das Leben bereits bis an den Rand des Körpers ge- drängt hat. Ein toll schmerzender Backenzahn läßt mich alle Hemmungen überwinden. Die Zahnstation im Revier 1 sieht äußerlich recht sauber aus. Die Behandlung da- gegen ist weniger erfreulich. Nun, man hat ja in- zwischen mehr gelernt, als das bißchen Roheit zu überwinden. Draußen vor der Baracke treffe ich einen Bekannten. Er ist als Pfleger im Kommando„Krankenbau“ tätig. Er erzählt so Einiges von seinen jüngsten Erlebnissen. Die Krankenbaracken— es gibt deren fünf— sind zum Teil stark überbelegt. Zwei Patienten in einem schmalen Bett. Die Betten dreistöckig hochgebaut. Medikamente sind beschränkt. Da der Andrang zuI Ambulanz sehr stark ist, werden fast nur Hochfebrile und tödlich Entkräftete aufgenommen. Halbverhungerte stürzen sich auf die Abfallto: Man muß sich vorstellen, was sie da finden. Die Kost ist im ganzen schon knapp. Es gibt tagtäglich Steck- nnen. 91 rüben, kleingeschnitten und in Wasser gekocht, Rübenstrünke, die noch schmutzig sind. Kartoffeln haben wir Weihnachten zuletzt gesehen. ,, Organisierte", fleckige Kartoffeln sind große Leckerbissen und werden schwarz zum Preise von fünfzig Pfennig verhandelt. Wer erwischt wird, erhält pro Kartoffel einen Stockhieb. Trotzdem wird natürlich alles gegessen. Nur die letzten schäbigen ungenießbaren Reste werden aus den Näpfen ausgespült und in die Abfalltonnen geschüttet. Einige Steckrübenschalen, verschimmelte Brotrinden und allerlei Dreck kommen dazu. Kein Wunder, daß die Ruhr grassiert. Die Todeszahlen im Dezember und Januar lagen über 500 pro Monat! Die Russen stellen das stärkste Kontingent. Dieser Tage zählte ich siebenundzwanzig schwarze Kisten, die in Richtung Krematorium transportiert wurden. Das macht 54 Tote. Hin und wieder kommen die Russen zur Entlausung ins große Lager. Sie versuchen dann kleine Schnitzereien und Bastelarbeiten gegen Essenreste und Zigaretten zu tauschen. Die Sachen tragen wenig ein, wenn ihre Anfertigung auch allerhand Mühe gemacht hat.- Untereinander sin Schutzhäftlinge. Si Anfangs waren sie lebhafter und gesprächiger. Jetzt sind sie schon abgestumpft und gleichgültig. Die meisten sind still. Einige betteln um eine Zigarettenkippe. Unglücklichsten. Es erschüttert immer wieder, diese Elendsgestalten zu sehen. Ihre Militäruniformen sind zerschlissen und kaum mehr als Lumpen. ihr Tod. Zuweilen hört ma Es klingen weiche Das ganze ist wi IN DEN BLOCKS Invaliden aufgesc Für überflüssige Platz. Eines Tages werd bestellt. Dort verp grad) eine tödlic Die blassen, spitz dauernswerten, di selig gekrallten ihrer Augen einem in der Keh - DER HUNGER W Seit drei Monate bitterer. Wahrsch portionen werden Der Riemen ist letzten Loch. We die Heimat nie Vor einigen Tage erwischt. Weiß G 92 " Wasser gekocht, sind. Kartoffeln ehen. and große Leckerreise von fünfzig wird, erhält pro essen. Nur die este werden aus Abfalltonnen geverschimmelte men dazu. Kein anuar lagen über Has stärkste Konwanzig schwarze um transportiert n zur Entlausung kleine Schnitzeenreste und Zigaagen wenig ein, hand Mühe ge sprächiger. Jetzt gleichgültig. Die eine ZigarettenElendsgestalten sind zerschlissen Untereinander sind sie kameradschaftlicher als wir Schutzhäftlinge. Sie sind unter uns Unglücklichen die Unglücklichsten. Ihr Leben ist namenlos ihr Tod. ebenso Zuweilen hört man sie abends singen, vielstimmig. Es klingen weiche, leise Bässe, Tenöre schwellen an. Das ganze ist wie Orgelspiel auf ferner Heide. 9. März 1942 IN DEN BLOCKS werden die Alten, Bresthaften und Invaliden aufgeschrieben. Es ist nicht das erstemal. Für ,, überflüssige Esser" hat das Dritte Reich keinen Platz. Eines Tages werden sie aufgerufen, zum Krankenbau bestellt. Dort verpaßt ihnen ein SDG.( Sanitätsdienstgrad) eine tödliche Injektion. Erledigt. Die blassen, spitzen Steckrübengesichter dieser Bedauernswerten, die ihr Todesurteil kennen, ihre armselig gekrallten Hände, der entsetzliche Ausdruck ihrer Augen sind schwer zu ertragen. Es würgt einem in der Kehle, wenn man sie ansieht. - 21. März 1942 DER HUNGER WÜHLT stärker in den Eingeweiden. Seit drei Monaten keine Kartoffeln. Das Brot wird bitterer. Wahrscheinlich vom Kastanienmehl. Die Fettportionen werden gekürzt. Der Riemen ist schon so eng geschnallt, bis zum letzten Loch. Wenn das so weiter geht, werde ich die Heimat nie wiedensehen. Vor einigen Tagen haben wir zu dritt eine fette Katze erwischt. Weiß Gott, wie die sich zu uns verirrt hat. 93 In der Heizung unserer Entlausung wurde sie säuberlich zubereitet. Es dauerte lange, sie zu braten. Ein herrlicher Duft verbreitete sich allmählich Es war ein wahres Festessen. Die Russen machen schon seit langem Jagd auf Mäuse. Wenn wir abends zusammengepreßt auf unseren Strohsäcken liegen, drehen sich die Gespräche um Essen und Trinken. Gutessen, Guttrinken und eine Handvoll Frühlingsluft. Das ist für die meisten im Augenblick das höchste der Gefühle. Draußen wird es Lenz. Wir spüren es nur an äußerlichen Symptomen. Blühende Bäume, sprießende Blumen, saftiges Grün habe ich seit langen Monden nicht gesehen. Sand, Baracken mit geteerter Pappe gedeckt und blechbeschlagen, Asphalt und Zement. Dazu krächzende Raben, vom Leichengeruch gelockt, das ist alles. Das ist unsere Natur. In diesem Atem leben wir. Hier ist unsere ,, Heimat". Für Jahre. Für Vertreter von achtundzwanzig Nationen. Und hinter all mäßigkeit, Ube Nichts ist uns Jugend und vo Frauen. Grau u Sachsenhausen, Seelen! Ich will mich z dunkel, die See Wie ein Feuerofen ist diese Stadt, gemischt aus allen Kontinenten. Tausende wurden seit Jahren in die Schlünde der Hölle Sachsenhausen gekippt. Du fraẞest sie alle! Du saugtest sie alle! Du zerstörtest sie alle! Zu deinem Atem, zu deinem Leben brauchtest und brauchst du noch Tausende von Zugängen. Deine Krematoriumsöfen schnauben. Sie brauchen täglich neue Opfer. Sachsenhausen friẞt Hekatomben. Defekt, Entartung, sadistische Leidenschaft, Wahnsinn, grauenvolles Verbrechen haben sich hier zusammengefunden. O du harte, bittere Stätte, die keine Ehrfurcht, Scheu und Besinnlichkeit kennt! dem eisigen A DIE LETZTEN schüsse vom I liche Stille. Am Nachmitta zogener große baracke. Die H fetzten Kleidun werk. Die We lautete: Die Wäscherei sch Ein Kamerad heiten zu beric aktion" stattge gestern abend Durchweg In anwälte, Kaufh Zellenbau, das gute Maßkleid gegen alte, au Verzichtsache 94 e sie säuber- zu braten, Ein Und hinter all diesen Scheußlichkeiten steckt Plan- mäßigkeit, Überlegung, Organisation! Nichts ist uns mehr geblieben vom Spiel unserer Jugend und vom Gesanig unserer Mütter, Bräute und Frauen. Grau und fahl sind wir geworden. Sachsenhausen, du bist ein Todesacker zerstörter Seelen! Ich will mich zum Schlaf zwingen. Die Augen werden dunkel, die Seele bedrückt. Das Denken gefriert unter dem eisigen Atem des Unheils. 2. Mai 1942 DIE LETZTE NACHT war sehr unruhig. Gewehr- schüsse vom Industriehof her peitschten die nächt- liche Stille. Am Nachmittag rollte ein von dreißig Häftlingen ıge- zogener großer Lastwagen vor unsere Entlausungs- baracke. Die Fracht bestand aus blutigen und zer- fetzten Kleidungsstücken und zerschlissenem Schuh- werk. Die Weisung des begleitenden Blockführers lautete:„Die Klamotten sofort entwesen und zur Wäscherei schaffen.” Ein Kamerad von der Effektenkammer weiß Einzel- heiten zu berichten. Es hat in der Nacht eine„Sender- aktion” stattgefunden. Etwa siebzig Holländer sind gestern abend gefesselt ins Lager gebracht worden. Durchweg Intelligenzler. Oifiziere, Ärzte, Rechts- anwälte, Kaufherren. Sie wurden in den sogenannten Zellenbau, das Gefängnis des Lagers, geführt. Ihre gute Maßkleidung und ihr Schuhwerk mußten sie gegen alte, ausgemusterte Konfektionsware aus den „Verzichtsachen”(Zivilkleidung verstorbener Häft- 95 linge) umtauschen. In Hast und jagender Gier stürzten sich die Söldlinge Himmlers auf diese Beute und teilten den Raub unter sich. Im geschlossenen grauen Wagen, dem allen Sachsenhausenern so wohlbekannten motorisierten ,, Henkerskarren", wurden die Totgeweihten in kleinen Gruppen zum Industriehof gefahren. Hier am Westrand des Lagers, wo so mancher letzte Aufschrei eines enttäuschten, entblätterten, blutig zerrinnenden Lebens verklang, wurden sie von SS.- Henkern liquidiert. Eine Flasche Kognak und ein halbes Pfund Speck waren der Judaslohn für das dazu beorderte Sonderkommando. In einer Streichholzschachtel, die beim Aufhängen der blutgetränkten Kleidungsstücke aus einer Weste fällt, finde ich einige schriftliche Aufzeichnungen unter den Hölzern versteckt. Sie stammen von einem Arzt aus Bergen op Zoom in Noord- Brabant. Er muß gläubiger Christ gewesen sein. Es finden sich Sätze darin wie: ,, Ich habe unbeschreibliche Sehnsucht nach Euch. Vergeßt mich nicht in Gedanken und Gebeten. In meiner einsamen Zelle bin ich oft in Gedanken bei Euch. Die Vorsehung ist oft hart, aber kein böser Tyrann. Möge Gott auch in Zukunft uns nie verlassen." schmale Liebhabe ten Hauswand. Im Ich nehme ihn he ist schlecht zu e Amsterdam. Todesahnung dur Eine Zettelnotiz lautet: ,, Die Religion ist nicht eine Summe von bestimmten Leistungen und Andachtsübungen, sondern sie ist etne treibende Kraft, ein mächtiges Motiv, das bei der Gestaltung des Lebens entscheidend mitspielt und das alle übrigen Motivbereiche überwölbt, ordnet und heiligt." Aus einem zu Boden gefallenen, Leinentäschchen fäll das Bild einer Frau und eines kleinen Mädchens. 96 96 von der Unsterbli des Fleisches und ternde Abschieds Requiem aeternam die ewige Ruhe. E Laß sie genießen PFINGSTMORGEN Appellglocke. Sp die heisere Stimm Gestern abend h anormalen Weck findet auf dem Ap statt. Der Delinqu kürzlich geflüchte erwischen ließ. U hatte er einen E Kopf und Kragen. Um halb fünf U Appellplatz. Der Minuten vor sech Zellenbau, die Ha Richtstätte geleit Um den Galgen darunter der Lag 1 Ballhorn/ Die Kelter r Gier stürzten| schmale Liebhaberaufnahmen vor einer efeuumrank- ‚ute und teilten ten Hauswand. Im Täschchen steckt noch ein Brief. Ich nehme ihn heraus und versuche ihn zu lesen. Er allen Sachsen- ist schlecht zu entziffern. Der Adressat wohnt in on„Henkers- Amsterdam. inen Gruppen Todesahnung durchzittert die Zeilen. Sie sprechen Westrand des von ıder Unsterblichkeit der Seele, der Auferstehung a anezlent des Fleisches und ewiger Ruhe. Zum Schluß erschüt- ternde Abschiedsworte an die Lieben daheim. nenden Lebens Requiem aeternam dona eis, Domine. Herr, gib ihnen die ewige Ruhe. Et lucis aeternae beatitudine perfrui. Laß sie genießen des ewigen Lichtes Glückseligkeit. 24. Mai 1942 PFINGSTMORGEN. DREI UHR dreißig läutet die Appellglocke.„Sprung auf, marsch. marsch”, belfert_ die heisere Stimme des Schlafsaalkommissars. Gestern abend hat man uns schon den Grund der anormalen Weckzeit mitgeteilt. Mit Sonnenaufgang findet auf dem Appellplatz eine öffentliche Hinrichtung statt. Der Delinquent ist ein politischer Häftling, der kürzlich geflüchtet war, sich jedoch später wieder erwischen ließ. Um sich Zivilkleidung zu beschaffen, hatte er einen Einbruch verübt. Das kostet ihn nun Kopf und Kragen. “= Um halb fünf Uhr steht alles ausgerichtet auf dem Be Appellplatz. Der Galgen wird hochgerichtet. Zwanzig ende* Minuten vor sechs wird der Todeskandidat aus dem Zellenbau, die Hände auf dem Rücken gefesselt, zur übe Richtstätte geleitet. Er ist äußerlich kalt und ruhig. je: Um den Galgen herum stehen einige SS-Offiziere, von fäl; „räschel darunter der Lagerführer und ein SS-Arzt. 7 Ballhorn/ Die Kelter j 97 Kommandos ertönen. ,, Alles stillgestanden!" Der Lagerführer verliest das von Himmler gezeichnete Todesurteil und droht, jeden künftigen Fluchtversuch mit Erhängen zu ahnden. Unbeweglich verharrt der Verurteilte, bis er unter den Galgen geführt wird. Eine Drahtschlinge wird ihm um den Hals gelegt, die Fesseln gelöst. Ein Häftling windet ihn hoch. Die Glieder zucken. Das dauert noch etliche Minuten. Das Genick ist jedoch längst gebrochen. Er wird nichts mehr spüren. Fünfzehn Minuten später können wir einrücken. Es ist die enste öffentliche Hinrichtung, die ich erlebe. Man sagt, die Todesstrafe durch Erhängen sei die beste Methode, menschlicher als der elektrische Stuhl. Ich glaube es nicht. vor der Exekution füllung lagene Boden. Der Poliz sind, mögen sie Normalerweise Während des langen Stehens erzählte mir ein Jugoslawe, der erst vor einigen Tagen bei uns eintraf, seine bitteren Erlebnisse in verschiedenen deutschen Polizeigefängnissen. Mit siebzig, achtzig kriminellen und asozialen Gefangenen hat er in Zellenräumen gehaust, die für achtzehn bis zwanzig Mann eingerichtet sind. Zwei Mann schliefen nachts auf einer Pritsche. Vierzig Gefangene lagen auf dem nackten Boden. Zwei Tische, Licht von zehn Kerzenstärken, Abtritt ohne Wasserspülung. Zu den wenigen Decken und Strohsäcken gab es keine Bezüge. Sie wurden nie gewaschen oder desinfiziert, auch nach Infektionskrankheiten nicht. verhört. Ein Ab betraf vornehmli deutete Verhör In der Krankenzelle gab es nur Liegen und weniger schlechte Nahrung, keine Arzneien, viel Beschimpfungen. Achtundsiebzig Prozent der Gefangenen waren an Skrofulose und Tuberkulose erkrankt. Bei ÜberDer nächtliche V gedämpft. Ein G Gequälten übert unter den Fers Brechen von Ar von Martern. N eingeführt, Näge weise zeigte er Viele von uns au Wir glauben, gelegt zu haben Wie gut hat es anstalt oder im gibt es im allg gungen, keine B Luft, Licht, Bew Gewiß, das eige Wahnsinn und Es ist nicht der sein der Ehrlo geraubten Freih Jeder, der je am Entzug der Freih verlangen nach sich bis zu Rase 98 htversuch mit bis er unter 4 SC linge wird hling on, Das dauert ren, Fünfzeh och längst D die ich erlebe. on!" DerLager-© chnete Todes- = + füllung lagen schwer tuberkulöse Leute auf dem Boden. Der Polizeiarzt äußerte dazu:„Wenn sie krank sind, mögen sie verrecken.“ Normalerweise wurden die Gefangenen untertags verhört. Ein Abholen zu nächtlicher Stunde— es betraf vornehmlich die politischen Gefangenen— be- deutete Verhör mit Folterung. Der nächtliche Vernehmungsraum war besonders ab- gedämpft. Ein Grammophon mußte die Hilferufe des Gequälten übertönen. Vom Verbrennen von Kerzen unter den Fersen bis zum Verrenken und selbst Brechen von Armen und Fingern gab es eine Skala von Martern. Nadeln wurden unter die Fingernägel eingeführt, Nägel in den Körper gestoßen. Zum Be- weise zeigte er einige gräßliche Narben. Viele von uns haben ‚gleiches und ähnliches erlebt. Wir glauben, auch ohne die Hand in die Wundmale gelegt zu haben. Wie gut hat es demgegenüber ein in einer Stnaf- anstalt oder im Zuchthaus lebender Verbrecher. Dort gibt es im allgemeinen keine körperlichen Züchti- gungen, keine Brandmale, keinen Mangel an Wärme, Luft, Licht, Bewegung, Lektüre, kein Ungeziefer. Gewiß, das eigentlich Quälende, das manchen zum Wahnsinn und Selbstmord treibt, gibt es dort auch. Es ist nicht der„Gewissenswurm' oder das Bewußt- sein der„Ehrlosigkeit”. Es ist das Bewußtsein der geraubten Freiheit. Jeder, der je am eigenen Leibe erfahren hat, was der Entzug der Freiheit.bedeutet, weiß, daß das Freiheits- verlangen nach jahrelanger eninervender Kerkerhaft sich bis zu’ Raserei und Freitod steigern kann. j* 99 29. Mai 1942 AUS EINEM BRIEF meiner Frau erfahre ich, daß mein Dr. Hein Hoeben, langjähriger Freund Generalsekretär des Internationalen Katholischen Zeitungsverlegerverbandes, Ende Februar dieses Jahres nach siebzehn Monaten qualvoller Einzelhaft im ,, Alex" verstorben ist. Er hat mit seinen 42 Jahren ein reiches Maß an Arbeit vollbracht. Die katholische Weltpresse verdankt ihm viel. Der Aufbau der katholischen Weltpressezentrale in Breda in den Jahren 1936 bis 1940 ist wesentlich sein Werk. Unermüdliche Schaffenskraft, nimmermüder Eifer für die Sache Gottes waren ihm eigen. Als Mensch war er tief, wahr, echt und einfach. Hoeben war recht eigentlich ein Mensch von Maß und Mitte", davon Nietzsche als dem Gipfel menschlicher Vollendung einmal ausspricht. Oder, wie Leopold Ziegler es drückte: ,, Das Höchste, das Äußerste, das Schwierigste ist der Einhalt der Mitte und die Beobachtung des Maßes, das unbedingt Menschlichste zwar, aber eben darum das, was übermenschliche Kräfte der Selbstherrschaft, Zucht und Selbstbescheidung fordert." Er hatte seine Prinzipien und bekannte sie mit der Liebe und dem Feuer eines Apostels. Für die Praxis des öffentlichen Lebens haben Prinzipien nur soviel Wert, wie die Liebe und Begeisterung, die dafür eingesetzt werden. um den früh u gegangenen Ga Auf dem Städti Straße in Berli Geistlicher Beis Hein Hoeben hat sein junges Leben für seine katholischen Prinzipien geopfert. Fünf Kinder haben ihren treusorgenden Vater verloren. Der Witwe Herz trauert trotz aller Bem Gesandtschaft gelehnt. Kein K Lieben an sein aus der Tiefe verhallt nicht Der Ruf der da Lichtes dringe zur Dämmerun Ich weiß, mei werden." Seine Ruhe ist Ihn in beglück Licht. SEIT EINIGE Zugänge. In d junge Bursch nach Deutsch kräfte in die H endeten für s Einige sind furchtbar m Schenkel sin Mit einem äl versteht, hal 100 nacı um den früh und unter tragischen Umständen heim- gegangenen Gatten. Auf dem Städtischen Friedhof an der Rummelsburger Straße in Berlin liegt das, was an ihm sterblich war. Geistlicher Beistand und kirchliches Begräbnis wurden trotz aller Bemühungen der Königlich-Schwedischen Gesandtschaft vom Reichssicherheitshauptamt ab- gelehnt, Kein Kreuz, kein Aspergill, keine trauernden Lieben an seinem Grabe. Aber die Klage des Toten aus der Tiefe des Sarges, aus dem Dunkel der Gruft,/ verhallt nicht ungehört. Der Ruf der davidischen Psalmen wird zum Vater des Lichtes dringen:„Vom Frühlicht des Morgens bis zur Dämmerung der Nacht hab’ ich auf Dich gehofft. Ich weiß, meine Hoffnung wird nicht zuschanden . werden." Seine Ruhe ist Gott. Zu Ihm geht sein Weg. Er schaut Ihn in beglückender Erkenntnis. Es leuchtet ihm Sein Licht. 11. Juni 1942 SEIT EINIGEN WOCHEN kommen viel ukrainische Zugänge. In der Mehrzahl„Arbeitssaboteure‘. Es sind junge Burschen, die zwangsweise aus ihrer Heimat nach Deutschland transportiert und als billige Arbeits- kräfte in die Betriebe gesteckt wurden. Fluchtvereuche endeten für sie im Konzentrationslager. Einige sind in den staatspolizeilichen Sammelstellen furchtbar mißhandelt worden. Ihre Rücken und Schenkel sind bunt und blau geschlagen. Mit einem älteren Studenten, der ziemlich gut deutsch versteht, habe ich mich etwas angefreundet, Er hat 101 in Charkow studiert und ist glühender Kommunist. Das, was er in deutschen Gefängnissen durchmachte, hat ihn sehr verbittert. Er rühmt demgegenüber die russischen Gefängnisse und den dortigen Strafvollzug. Zwar sehe es in den russischen Durchschnittsgefängnissen nicht so freundlich aus, wie in den paar Musteranstalten, die man den Ausländern gewöhnlich zeige. Sie seien jedoch sehr viel menschenwürdiger als der Durchschnitt der zaristischen und der ausländischen Strafanstalten. Mißhandlungen seien streng verboten. Jede Strafanstalt sei zugleich Fabrik. Arbeitslohn werde gemäß dem geltenden Tarif gezahlt. Ein Teil davon werde für das unfreiwillige Logis mit Kost, Licht und Beheizung abgezogen. Der Rest werde halbiert. Die eine Hälfte bleibe als Spargroschen für den Tag der Entlassung, für die andere könne der Gefangene in der Gefängniskantine zusätzliche Nahrungsmittel, Tabak und Zigaretten und Kleider kaufen. Anstaltskleidung gebe es nicht. Gestreifte Anzüge und kurzgeschorene Haare kenne der Strafvollzug nicht. Nur Alkohol sei ausgeschlossen. Arbeitszwang bestehe nicht. Auf je zwei Tage fleißiger Arbeit werde ein Tag Haft zugute gerechnet, so daß dadurch die Gesamthaft um ein Drittel gekürzt werden könne. Inhaftierte Bauern erhielten Ernteurlaub, der in die Strafzeit eingerechnet werde. Die Werkstätten befänden sich in allen Gefängnissen in den unteren Stockwerken. Die Zellen in den oberen Stockwerken seien normal große und normal ausgestattete Stuben mit großen, unvergitterten Fenstern, ausgenommen d zeit. Jedes Gefängnis eine Theaterbüh religiösen Büche Zeitschriften. A vorführungen, Analphabeten e kulturellen Ver Hausordnung, B der Selbstverwa Das Sowjetstra der ,, Schuld", d verkünde statto fahr" und der gegen sozialge auch keine ei nahmen des soz lichen ,, Strafvo Einwirkung", k besserungsanst Unterricht, Le tungen seien d an die Verhä unter den im anzupassen. DAS ARBEITS einen sehr sch zierte der de Lorenz, ein fe 102 nder Kommunist. en durchmachte, emgegenüber die gen Strafvollzug. chschnittsgefäng ie in den paar ändern gewöhnviel menschenzaristischen und Mißhandlungen rik. Arbeitslohn gezahlt. Ein Teil Logis mit Kost, er Rest werde Is Spargroschen e andere könne tine zusätzliche ten und Kleider ht. ne Haare kenne hol sei ausge cht. Auf je zwei Tag Haft zugute samthaft um ein haftierte Bauern zeit eingerechnet en Gefängnissen en in den oberen and normal ausitterten Fenstern ausgenommen die alten Gefängnisse aus der Zarenzeit. Jedes Gefängnis habe einen Klub- und Musikraum, eine Theaterbühne, eine Bücherei, die allerdings keine religiösen Bücher enthalte, Brettspiele, Zeitungen und Zeitschriften. An besonderen Tagen gebe es Filmvorführungen, Rundfunksendungen und Vorträge. Analphabeten erhielten besonderen Unterricht. Alle kulturellen Veranstaltungen wie auch die sonstige Hausordnung, Einkauf von Lebensmitteln unterstehe der Selbstverwaltung der Inhaftierten. 11 Das Sowjetstrafrecht verwerfe völlig den Gedanken der ,, Schuld", der ,, Strafe" und der ,, Vergeltung" und verkünde stattdessen das Prinzip der ,, sozialen Gefahr" und der Verteidigung der Sowjetrechtsordnung gegen sozialgefährliche Handlungen". Daher gebe es auch keine eigentlichen ,, Strafen", sondern ,, Maẞnahmen des sozialen Schutzes", es gebe keinen eigentlichen ,, Strafvollzug", sondern durch Arbeit ,, bessernde Einwirkung", keine ,, Strafanstalten", sondern ,, Arbeitsbesserungsanstalten". Unterricht, Lektüre und andere kulturelle Einrichtungen seien der Leitidee unterstellt, den Gefangenen an die Verhältnisse des werktätigen Gemeinlebens unter den im Sowjetstaat vorliegenden Bedingungen anzupassen. 21. Juni 1942 DAS ARBEITSKOMMANDO ,, BAUHOF" hatte gestern einen sehr schwarzen Tag. Am Sonntagvormittag spazierte der derzeitige Lagerkommandant, Oberführer Lorenz, ein fetter Bonze, der ganze Warenlager ver103 schiebt und die Lagerwerkstätten als seinen Privatbetrieb betrachtet, in Zivilkleidung über verschiedene Arbeitsplätze. Die ,, Abwehrspionage" muß wohl nicht ganz auf der Höhe gewesen sein. Vielleicht haben die ,, Späher" den Dickbauch in Zivil zu spät erkannt, um die Parole Achtzehn"( allgemeiner Lagerwarnruf bei SS- Gefahr) noch rechtzeitig durchgeben zu können. Kurzum, Lorenz erwischte einige Häftlinge beim Rauchen, andere beim Waschen von Fetzen und Taschentüchern und Nähen von zerrissenen Kleidungsstücken, alles Dinge, die während der kargbemessenen Freizeit zu erledigen sind. Nach dem Mittagsappell muß Kommando ,, Bauhof" angetreten bleiben. Glühender Mittag. Die Hitze steht still über dem weiten Platz. Von den Baracken her riecht es nach Teer. Lorenz erscheint in voller Kriegsbemalung, brüllt und donnert. Abgerissene Wortfetzen dringen zu uns herüber. Es dröhnt nur so von ,, Sauhunden" ,,, Mistkötern" ,,, Dreckschweinen". Lorenz ist ganz entfesselte Wut, ein tobendes Lagerreglement. ,, Arbeiten oder verrecken", heißt seine Parole. Zwei Stunden Strafsport werden den Betroffenen zudiktiert. Lorenz soll vor seinem fraglichen Aufstieg irgendwie in der Eisenbranche tätig gewesen sein. Als solcher war er sicher ein bescheidener Mann. Wie mag es nur kommen, daß er ein solcher Schinder und Henker geworden ist? Seit er Kommandant mit Tressen und anderen Zieraten wurde, tut er, als ob er Eisenbeton zum Frühstück fräße. Die schärfsten seher der Spor Jungs" sind in gewiß eine Son Es begann mit marsch", Hüpfe der ersten Stu war das erste Krankenbau sc Stöße, Püffe, Fu Armbrüche häu Als die zweite Hälfte des Kom bis zum Abkling Mit blutig gest ähnlich, stolper und sanken hal Rolf Sk. aus O Wir waren raunte er mir trauisch, mitle gut so. Diese bereiten uns v Rache wird sich Zerbrechen we DIE JUDEN MU Sie hausen in siebenhundert. Begleitung des läßt sie sich e und fällt Entsc 104 verschiedene 1 zu können. ftlinge beim Feizen und en Kleidungs- robemessenen do„Bauhof“ ie Hitze steht 20 Die schärfsten Schinder des Lagers werden als Auf- seher der Sportstunden kommandiert. Die„eisernen Jungs“ sind in ihrem Element. Der„Alte hat ihnen gewiß eine Sonderzuteilung versprochen. Es begann mit„Hinlegen“,„Sprung auf, marsch, marsch“,„Hüpfen“,„Rollen“. Das Tempo wurde nach der ersten Stunde höllisch gesteigert. Inzwischen war das erste Dutzend Opfer voll. Sanitäter vom Krankenbau schleppten sie ab. Es hagelte nur so Stöße, Püffe, Fußtritte, Blutungen. Rippen-, Bein- und Armbrüche häuften sich. Als die zweite Stunde sich rundete, war über die Hälfte des Kommandos„revierreif”. Der Rest mußte bis zum Abklingeln um halb zehn abends Strafstehen. Mit blutig gestoßenen Händen, einem Dreckklumpen ähnlich, stolperten die Überlebenden in ihre Baracken und sanken halbtot auf ihr Strohlager. Rolf Sk. aus Oslo heulte die halbe Nacht vor Wut. „Wir“ waren zu weich und träumenrisch daheim‘, raunte er mir zu.„Hier macht man uns hart, miß- trauisch, mitleidslos, rachsüchlig und roh. Das ist gut so. Diese Eigenschaften fehlten uns gerade. Sie bereiten uns vor für den Tag der Vergeltung. Die Rache wird sicher kommen. Das allein hält uns hoch. Zerbrechen werden wir nicht.” 7. Juli 1942 DIE JUDEN MÜSSEN auf dem Appellplatz antreten. Sie hausen in den beiden Baracken 38 und 39. An die siebenhundert. Eine Kommission von SS-Offizieren in Begleitung des Lagerführers und Arbeitsdienstführers läßt sie sich einzeln vorführen, taxiert sie wie Vieh und fällt Entscheidung über Tod und Leben. 105 Die älteren Jahrgänge, alle Körperschwachen und Behinderten werden ausgesondert und sofort in den bereitstehenden ,, Henkerskarren" verladen. Es geht nicht ohne die üblichen Mißhandlungen und Verhöhnungen. Jeglichen menschlichen Mitgefühls bar, treten und prügeln die uniformierten Rohlinge ihre ausgemergelten Opfer bis vor die Tür des Krematoriums. Welcher Sadismus! Was ist noch menschlich diesen Bestien? an Fast alle Totenkopfmänner, die wir hier kennengelernt haben, sind Monomanen ihres Grundtriebes: er heiße nun Macht, Eros, Geiz, Genuß. In dieser Maẞlosigkeit des Trieblebens, ja in dieser Verwandlung aller höheren in niedere Eigenschaften, in vitale, primitive, barbarische Triebe, ohne Hemmungen aus der sittlichreligiösen Sphäre, ist geradezu das Kennzeichen der gottlos gewordenen nationalsozialistischen Lebensform zu erblicken. Ein perverser Machtrausch, ein sadistischer Sinnenrausch ist über diese jungen Bestien gekommen, die hemmungslos, einer dem andern ein Wolf, sich auszutoben suchen. Es ist für sie kein Himmel mehr über der Erde, an den zu denken, für den zu leben sich lohnen würde. Keine Sterne leuchten ihnen mehr. 16. Juli 1942 ICH TRAF EINEN Bekannten aus dem ,, Alex". Ein interessanter und vielseitiger Kerl. Er ist ebenholzschwarz und heißt Mohammed Hussein. Im ehemaliger kämpfte mit A von Lettow- V später in alle Berlin seßhaft. Dort gab er zu eines Reichsm richt in Kisual in Ostafrika. ,, Ufa", zuletzt Eine München der sein heiße Rassenschande hausen. Seine Frau, ein gebar, hat sich stecke dahint allem Lebensk Vom Dritten F er verständlich in Sachsenhau ganz wilden S Treiben er au Dort habe er z strafe ausreich eine Erbsenar ein zum Tode uns im Lager. Die Todesstra Reiße während es dem Misse erreichen, so 106 holz 1 + bel 2)| Im ehemaligen Deutsch-Ostafrika ist er geboren, kämpfte mit Auszeichnung einige Jahre unter Paul von Lettow-Vorbeck bei der Schutztruppe, trieb sich später in aller Herren Länder herum und, wurde in Berlin seßhaft. Dort gab er zuletzt im Auftrage der Kolonialabteilung eines Reichsministeriums an der Universität Unter- richt in Kisuaheli, der Handels- und Verkehrssprache in Ostafrika. Verschiedentlich spielte er auch für die -„Ufa', zuletzt im Karl-Peters-Film mit Hans Albers. Eine Münchener BDM.-Maid führte ihn in Versuchung, der sein heißes Herz nicht gewachsen war. Wegen Rassenschande landete er über den„Alex“ in Sachsen- hausen. Seine Frau, eine Sudetendeutsche, die ihm drei Kinder gebar, hat sich von ihm scheiden lassen. Die Gestapo stecke dahinter, vermutet Mohammed. Er ist trotz allem Lebenskünstler geblieben. Vom Dritten Reich und seiner Strafvollzugspraxis ist er verständlicherweise wenig erfreut. Er meint, es sei in Sachsenhausen noch schlechter als bei den noch ganz wilden Stämmen Aethiopiens, deren Leben und Treiben er aus eigener Anschauung kennt. Dort habe er zumindest bei Abbüßung einer Freiheits- strafe ausreichende Nahrung in Form von Schumbra, eine Erbsenart, empfangen. Auch habe beispielsweise ein zum Tode Verurteilter bessere Chancen als bei uns im Lager. Die Todesstrafe werde durch Erhängen vollzogen. Reiße während der Hinrichtung der Strick und gelinge es dem Missetäter, trotz Verfolgung das Bethaus zu erreichen, so sei er durch den Willen ıdes höchsten 107 Geistergottes vom Tode freigesprochen und werde auf freien Fuß gesetzt. Es käme häufiger vor, daß die Henker sich bestechen ließen und den Strang soweit einbissen, daß dieser nicht mehr tragfähig wäre. An deutsche Konzentrationslagermethoden erinnere die Strafpraxis gegen Scheelsüchtige und Hyänenmenschen. Unter die erste Kategorie fielen Menschen, die andere durch den ,, bösen Blick" an Leben und Gesundheit schädigen. Hyänenmenschen seien solche, die von Aas, Leichen und Kot leben. Die Wilden behaupten von ihnen, sie verwandelten sich nachts in Hyänen, schleppten Menschen aus den Hütten, bissen ihnen die Kehlen durch und verzehrten sie in der Wildnis. In Wirklichkeit handelte es sich wohl um von einer besonderen Art Tropenwahnsinn Befallene. Diese aus der Stammesgemeinschaft Ausgestoßenen würden an einem Baum aufgehängt oder auch in der Wildnis ausgesetzt. Dies geschehe in einer Art Balkenkasten, der nur den Kopf des Todgeweihten herausragen lasse. Er müsse so verhungern und verdursten. sei der grausamen Folter durch die schwarzen Ameisen ausgesetzt, die zum Wahnsinn treiben können und die Raubvögel fräßen ihm den Kopf ab. Stammesverräter würden auf einen runden Felsblock gebunden und einen Abhang hinuntergerollt. Das gelte jedoch nur für die Männer. Frauen würden einen Tag lang in der Wildnis angepflockt. Seien sie nach vierundzwanzig Stunden noch nicht von wilden Tieren zerrissen, so seien auch sie frei durch Götterspruch. Kleinere Ve ahndet. Der Schläge mit durch Schlä Sklaven, da seien. Außer Moha Charly stam lisch, flämis weitgereiste halten zusa mentiert je führer mit d Menschen." WIEDER E Nach dem abendappel unter den Tagen weg lung die Lagerkomm Um die se Alle Vierte ruhig und aus Qual zerfallen, Der fünfte einem Hei 108 Kleinere Vergehen würden zumeist mit Prügel ge- ahndet. Der Missetäter erhalte dabei bis zu zwanzig Schläge mit einer Peitsche aus Flußpferdehaut. Folter durch Schläge bis zum Geständnis gebe es nur für Sklaven, da diese angeblich schlecht und lügenhaft seien, Außer Mohammed sind noch zwei Schwarze im Lager. Charly stammt aus dem Kongo, spricht flüssig eng- lisch, flämisch und deutsch, und Robert, ein kluger, weitgereister Steward aus den Vereinsstaaten. Sie halten zusammen durch dick und dünn. Charly kom- mentiert jede Roheit und Brutalität unserer Block- führer mit dem Satz:„Wir Wilden sind doch bessere Menschen.” 25. Juli 1942 WIEDER EINMAL HINRICHTUNGSTAG! Nach dem etwas vorzeitiger angesetzten Samstag- abendappell werden fünf russische Kriegsgefangene unter den Galgen geführt. Sie haben vor einigen Tagen wegen schlechten Essens und brutaler Behand- lung die Arbeit verweigert.„Meuterei” nennt der Lagerkommandant das und will ein Exempel statuieren. Um die sechste Abendstunde wird der erste gehängt. Alle Viertelstunde der nächste. Die ersten vier gehen ruhig und wortlos in den Tod, der für sie Erlösung aus Qual und Hunger bedeutet. Sie sin d ohne Hoffnung. und stirbt mit d doch müde, zerfallen, ausgebrannt, wurzellos un Der fünfte beschimpft seine Henker einem Heilruf auf Stalin und die Rote Armee. 109 Die öffentlichen Exekutionen sind nichts Außergewöhnliches mehr. Seit Pfingsten war dies schon das viertemal. - über zweitause Sterblichkeit s Es wird beka Häftlinge sow Dänen, Holländ dürfen. Alle a wischer Abku sie kurzgeschoren Glauben unse Jüngst waren zwei Polen die Opfer. Beide vom Arbeitskommando ,, Deutsche Ausrüstungswerke". Ein Krimineller hatte sie denunziert. Er wollte gehört haben, wie sich beide über Sabotagepläne besprachen. Die Mehrzahl der Kriminellen und Asozialen sind kennbar an kleinen grünen oder schwarzen Dreiecken, die sie neben ihrer Nummer auf der Häftlingskleidung tragen sind gefährliche Typen. Mit der SS stehen sie vielfach auf gutem Fuß ,,, organisieren" für sie, bespitzeln politische Häftlinge. Für ihre Judasdienste erhalten sie ihren Lohn in Form von Zigaretten und anderen Kleinigkeiten. Viel Reibung und Zwietracht im Lager geht auf ihr Konto. Solidaritätsgefühl ist ihnen fremd. Ob eine politische Denunziation in Mord ausmündet, rührt sie nicht sonderlich. Es erlöschen ja nicht Menschen, nur Nummern! Wer begreift hier die Menschen noch organisch? Wer wägt Wesensverluste? 8. August 1942 MEINE BEIDEN HOLLÄNDISCHEN geistlichen Freunde, Rektor van Lierop und Lambert Rooyackers, sind auf Transport nach dem Konzentrationslager Dachau bei München gestellt. Ob ich sie je wiedersehe? Dort sind Theologen aus nahezu allen europäischen Ländern zusammengebracht. Aus Dachau nach Sachsenhausen überstellte Facharbeiter berichteten jüngst, daß sich dort allein weit Gunst zu erw Im Verlauf de gänge erheblic drei- oder Ostvölker ste Ukrainer, Pol wenen. Wer z JEDER TAG manischen o wöchentlich e längs des S schneiden. So lautet ei Suhren. Nach streifen Sul boten aus. Al Ich weiß no genierten, we mußten. Es in der Stral 110 chts Außerdies schon ide vom ArEin swerke". wollte gehört e besprachen. zialen- sie I schwarzen auf der HäftTypen. Mit Fuß ,,, organiäftlinge. Für ohn in Form n. geht auf ihr nd. Ob eine det, rührt sie at Menschen, enschen noch chen Freunde, zers, sind auf Dachau bei theologen aus mengebracht, stellte Fachart allein weit über zweitausend polnische Geistliche befänden. Die Sterblichkeit soll sehr groß sein. Es wird bekanntgemacht, daß alle reichsdeutschen Häftlinge sowie die ,, Beute- Germanen", Norweger, Dänen, Holländer, Flamen, ihre Haare wachsen lassen dürfen. Alle anderen Häftlinge romanischer und slawischer Abkunft werden weiterhin alle acht Tage kurzgeschoren. Glauben unsere Schinder, uns damit eine besondere Gunst zu erweisen? Im Verlauf der letzten Wochen ist die Zahl der Zugänge erheblich gestiegen. Statt einmal kommen jetzt drei- oder viermal wöchentlich Transporte. Die Ostvölker stellen das stärkste Kontingent. Russen, Ukrainer, Polen, Esten, Letten, Litauer, Serben, Slowenen. Wer zählt die Völker, nennt die Namen? 15. August 1942 JEDER TAG HAT seine Plage. Alle Häftlinge ,, germanischen oder artverwandten Blutes" haben allwöchentlich einen Streifen von zwei Zentimeter Breite längs des Schädels aus ihrem Kopfhaar herauszuschneiden. verSo lautet eine neue Anordnung des Lagerführers Suhren. Nach ihm wird der kahlgeschorene Schädelstreifen ,, Suhren- Allee" genannt. Wir sehen boten aus. Aber wen kann das schon erschüttern? Ich weiß noch, wie wir uns als Zugänge anfangs genierten, wenn wir die Gemeinschaftslatrine benutzen mußten. Es sitzen immer sieben nebeneinander wie in der Straßenbahn. Sie sind mit einem Blick zu 111 übersehen. Der Häftling soll eben ständig unter Aufsicht sein. Wir haben inzwischen mehr gelernt, als solche kleinen Äußerlichkeiten zu überwinden. Uns ist mit der Zeit ganz anderes geläufig geworden. Das Leben hier an der Grenze des Todes macht uns alle mehr oder minder primitiv. Blieben wir differenzierter, wir wären längst irrsinnig oder eingegangen. Alle größeren Daseinsäußerungen und komplizierteren Seelenregungen haben wir uns abgewöhnt. Das Leben ist nur ständig auf der Lauer gegen die Bedrohung des Todes. Wir sind um Stufen gesunken, zu denkenden Tieren geworden, ausgerüstet mit den Waffen des Instinktes. Unsere inneren Kräfte sind nicht auf Weiter-, sondern auf Zurückentwicklung angespannt. Unsere Stumpfheit ist unsere Waffe, damit wir nicht zerbrechen an dem Grauen, das uns bei klarem Denken überfallen würde. Wir leben ein geschlossenes, hartes Dasein äußerster Oberfläche, und nur manchmal schlägt ein Ereignis Funken. Dann aber bricht überraschend eine gewaltige Flamme furchtbarer Sehnsucht durch. 21. September 1942 DER SOMMER HAT viele Opfer gefordert. Von 4.15 Uhr früh bis halb zehn Uhr abends sind wir auf den Beinen. Das sind rund siebzehn Stunden. Davon sind volle dreizehn Arbeitszeit. Vier bleiben für Appellstehen, Essen und Freizeit. Die paar hundert Kalorien täglich reichen nicht hin, um diese Strapazen mit Aussicht auf Lebenserhaltung 112 längere Jahre wäre. Das Ung hereinbrechen Draußen zieht e Die Bäume we Beeren der Ebe Wir sehen nic wochen komme Erde, graues St Otto H. ist tot. viel von Land Pferden. Seit e und abwesend Zählappell fiel Schlafsaal. Er Vorgestern be gehörte zur deutet Sondera wegen irgendw macht Entlasse bringung im Dachau, Maut Karl war vor se hatte den Pole absolviert. Hu mürbt. In Bloc auf, als er ger Lebensmitteln Rasiermesser am Hals bei. S brach dort zus Pathologie des 8 Ballhorn/ Die K ig unter Auf0. als solche Uns ist mit es macht uns wir differeneingegangen. omplizierteren hnt. er gegen die en gesunken, üstet mit den Kräfte sind kentwicklung ere Waffe, dan, das uns bei sein äußerster tein Ereignis d eine gewalch. Hert. Von 4.15 d wir auf den m. Davon sind en für Appellhen nicht hin, benserhaltung längere Jahre zu durchstehen. Wenn das noch alles wäre. Das Ungewisse, Bestürzende, das über uns hereinbrechen kann, macht so müde. Draußen zieht ein herbstliches Ahnen durch die Natur. Die Bäume werden leuchtend bunt und golden. Die Beeren der Ebereschen stehen rot im Laub. Wir sehen nichts davon. Bald werden die Regenwochen kommen. Grauer Himmel, graue, zerfließende Erde, graues Sterben. von Otto H. ist tot. Er stammte vom Lande, erzählte immer viel von Landwirtschaft, seinen Kühen und Pferden. Seit einigen Tagen war er auffallend still und abwesend und tat ein wenig sonderbar. Beim Zählappell fiel sein Fehlen auf. Man fand ihn im Schlafsaal. Er hing an seinem Leibriemen. Vorgestern beim Mittagsappell fehlte Karl W. Er gehörte zur Gruppe ,, SAW.- Häftlinge". SAW. bedeutet Sonderabteilung Wehrmacht. Sie umfaßt die wegen irgendwelcher Verfehlungen von der Wehrmacht Entlassenen. Die Gestapo sorgt für ihre Unterbringung im Erziehungslager" à la Buchenwald, Dachau, Mauthausen, Flossenbürg, Sachsenhausen. Karl war vor seiner Entlassung Oberleutnant gewesen, hatte den Polen- und Westfeldzug mit Auszeichnung absolviert. Hunger und Heimweh haben ihn zermürbt. In Block 17 stöberte ihn ein Suchkommando auf, als er gerade den Spind des Blockältesten nach Lebensmitteln durchwühlte. Er griff nach einem Rasiermesser und brachte sich tiefe Schnittwunden am Hals bei. Stark blutend wurde er ans Tor gestellt, brach dort zusammen und wurde als Leiche in die Pathologie des Krankenbaues getragen. 8 Ballhorn/ Die Kelter 113 20. Oktober 1942 ICH HABE DIE Krätze, eine Qual, die ich früher kaum dem Namen nach kannte. Wo ich gehe und stehe überkommt mich ein unüberstehlicher Juckreiz. Es ist eines der vielen Leiden, die uns das Leben sauer machen. Abends unter der rauhen Wolldecke züge gibt's nicht ist es am schlimmsten. Die saubersten Leute kommen nicht daran vorbei. - - BeKein Wunder, wenn man die Lumpen ansieht, die wir tragen, in denen schon unsere toten Leidensgenossen ,, geschleift" wurden. Die Juden werden wieder einmal ,, hochgenommen". Hin und her werden sie über den Appellplatz gejagt. Ein Teil des Platzes wird gerade repariert. Harte, scharfkantige Schlacken, von denen einige so groß wie Kinderköpfe sind, liegen dort. Soweit jagt man sie. ,, Hinlegen" ,,, Rollen"," Auf, marsch, marsch", geht es über die knirschenden Schlacken. Steine quetschen sich durch die zerrissenen Schuhe, schmerzen und stechen. Die halbe Judenschaft humpelt. Einer hat sich beim Aufprall das Gesicht stark aufgeschrammt. Ein breiter, rotblauer Striemen läuft über die Wange, mit Staub und Dreck bedeckt. Es muß sehr schmerzen, denn er wischt sich einige Male im Laufen mit dem Rockärmel darüber hin. Dieses sadistisch und willensbera vor Wut. Später werden dünnem, gestrei eingekleidet. In dunkler Aber aus. Sie werden Steinbruch vers Todesurteil. VOM ARBEITS ich zum Krank Ein Pfleger von zweiten Oktobe unfähigen und 600 Mann, auf Weg allen Fleis Er nennt mehre Darunter den ei dessen Vergehe Gefangenen die Weltkriegsteilne Söhne waren 19 Herbst 1941 üb Wohl zum zwanzigsten, dreißigsten Male müssen sich die Gehetzten auf die spitzen Schlacken werfen. Ihre Hände bluten, die Schienbeine sind zerschrammt. Ihre Lumpen reißen auf. Schweiß frißt sich in die Wunden. Die Schinder lachen und höhnen dazu. vermißt. Beim ersten Ga ich zugeteilt bi auf, deren Bev schon die letzte 114 8 ch früher kaum ehe und stehe r Juckreiz. Es s Leben sauer lldecke- Belimmsten. Die vorbei. n ansieht, die toten LeidensDieses sadistische Weiden an der Qual schwacher und willensberaubter Menschen macht einen blind vor Wut. Später werden sie zur Entlausung gejagt, dort mit dünnem, gestreiftem Drillichzeug und Holzschuhen eingekleidet. In dunkler Abendstunde führt man sie zum Tor hinaus. Sie werden nach Mauthausen bei Linz in den Steinbruch verschickt. Das ist gleichbedeutend mit Todesurteil. ochgenommen". ellplatz gejagt. epariert. Harte, einige so groß eit jagt man sie. marsch", geht teine quetschen schmerzen und pelt. Einer hat aufgeschrammt. ber die Wange, sehr schmerzen, Laufen mit dem ale müssen sich en werfen. Ihre d zerschrammt. ißt sich in die öhnen dazu. 27. Oktober 1942 VOM ARBEITSKOMMANDO ENTLAUSUNG" bin ich zum ,, Krankenbau" hinübergewechselt. Ein Pfleger von der Ambulanz berichtet, daß in der zweiten Oktoberwoche drei Transporte mit arbeitsunfähigen und invaliden Häftlingen, insgesamt etwa 600 Mann, auf die übliche Sachsenhausener Art den Weg allen Fleisches gegangen seien. Er nennt mehrere Namen, die mir gut bekannt sind. Darunter den eines mecklenburgischen Gutsbesitzers, dessen Vergehen darin bestand, daß er polnischen Gefangenen die Hand gereicht hatte. Er selbst war Weltkriegsteilnehmer, stand im Majorsrang. Drei Söhne waren 1939 ins Feld gerückt, davon einer im Herbst 1941 über England abgestürzt. Ein anderer vermißt. Beim ersten Gang durch die Krankenabteilung, der ich zugeteilt bin, fallen mir immer wieder Gestalten auf, deren Bewegungen so träge sind, als ob es schon die letzten wären. 8" 115 Ihre Gesichter sind eigenartig geschwollen. Aus der Entfernung erscheinen ihre Backen platzend fett, ihre Hände bei flüchtigem Hinschauen als wären es die Hände Wohlbeleibter. Es sind Symptome des Verhungerns. Der Hunger wählt sich diese fast zynische Form, um sein Opfer zu zeichnen. Zu helfen ist da kaum noch, eiweißhaltige Nahrung fehlt. Die qualitativ und quantitativ unzureichende Nahrung läßt jene der Ärmsten, die keinerlei Möglichkeit haben, sich zusätzliche Kost aus den Vorräten der Kommandantur zu ,, organisieren", nach wenigen Monaten so weit herunterkommen, daß sie nur mehr vegetieren wie sterbende Pflanzen in abgestandenem Wasser. Sie leben hungernd und verhungern bei lebendigem Leibe. In den Krankenbau werden die Hungerleider erst dann aufgenommen, wenn sie vor Körperschwäche hilf- und kraftlos geworden sind. Die offizielle Tagesration genügt, um noch Atmung und Pulsschlag, Wachen, Schlafen und Hindämmern zu fristen und das Sterben hinauszuzögern. Nach einiger Zeit werden sie fahl, hohläugig und energielos. Es ist, als zer Gewalt in en Schwelle. Das nächste Stadium ist Apathie. Diese Opfer klagen nicht. Der in den Eingeweiden und im Schlund brennende Hunger wird, wenn er erst seine furchtbare und unbeschreibliche Exzitationszeit überwunden hat, nicht annähernd mehr in vollem Maße gespürt. Das blutleere Zentralnervensystem wird reaktionsunfähig und erspart dadurch den wochenlang Hinsterbenden und tagelang in der Agonie Liegenden das Gefühl ihres Leidens und das Bewußtsein ihres Zustandes. Es ist schwer jener gerade Leichen sehe in Gräbern ge Entsetzliche H und V, die bis die Betten re Kranken bele Es kommt ha Lebender unt Lebende ver Empfang zu Matratze, ohr Boden. Sie liegen od pen, wie sie auf dem Bod ihre Glieder Ein leichenbl brochenen M seinen Platz in den Was Die Luft in dickem, faul Sie legt sich und Augen Die weniger notgedrunge noch nicht 116 ollen. Aus der zend fett, ihre wären es die Der Hunger um sein Opfer noch, eiweißmende Nahrung lichkeit haben, ten der Komnigen Monaten ar mehr vegeabgestandenem erhungern bei ngerleider erst Körperschwäche offizielle Tagesand Pulsschlag, zu fristen und niger Zeit werse Opfer klagen d im Schlund seine furchtbare überwunden hat, Be gespürt. Das reaktionsunfähig Hinsterbenden J den das Gefühl hres Zustandes. Es ist, als zerre sie der Tod mit langsam wachsender Gewalt in endlos scheinendem Spiel über die letzte Schwelle. Es ist schwer zu unterscheiden, ob dieser noch lebt, jener gerade stirbt oder schon tot ist. Die frischen Leichen sehen aus, als hätten sie schon jahrelang in Gräbern gelegen. Entsetzliche Bilder des Elends bieten die Reviere III und V, die bis an den Dachrand überfüllt sind. Soweit die Betten reichen, sind sie mit mindestens zwei Kranken belegt. Es kommt häufig vor, daß ein Toter und ein noch Lebender unter ein und derselben Decke liegen. Der Lebende versucht noch, für den Toten Essen in Empfang zu nehmen. Viele liegen ohne Bett, ohne Matratze, ohne Strohsack, sogar ohne Decke auf dem Boden. Sie liegen oder hocken da in ihren schmutzigen Lumpen, wie sie hereingeschleppt worden sind. Selbst auf dem Boden der Baracke ist so wenig Raum, daß ihre Glieder stellenweise übereinander liegen. Ein leichenblasser junger Franzose wälzt sich im erbrochenen Mageninhalt eines Kranken, der vorher seinen Platz innegehabt hat und inzwischen als Leiche in den Waschraum geschafft wurde. Die Luft in diesen Bretterbuden ist fürchterlich, von dickem, fauligem, wahrhaft pestilenzartigem Geruch. Sie legt sich wie Flügel des Todes auf die Lungen und Augen derer, die hier zu atmen gezwungen sind. Die wenigen Pfleger müssen ihre helfende Tätigkeit notgedrungen beschränken auf Injektionen, die den noch nicht vom Tode Gezeichneten beigebracht wer117 den. Angesichts all des Jammers sind die Helfer manchmal selbst am Rande ihrer leiblichen und seelischen Kräfte. Klagen, Stöhnen, Wimmern und Winseln kriecht aus allen Ecken. Mit Schmerzen ohne Namen führt der Tod sich ein. Starre Augen lassen die eintretende Agonie und das bevorstehende Verlöschen eines armseligen Menschen erkennen, krampfhaft verzerrte Muskeln die maẞlosen Schmerzen anderer. Die fahlen, oft dunkel gefleckten Gesichter mit den geöffneten, zuckenden zyanotischen Lippen vermögen oft den lauten Ausdruck der Klage nicht mehr zu finden. Ein Sterbender klammert sich wie ein Ertrinkender an der Drelljacke eines Pflegers fest. Der kann sich kaum von den umklammernden Händen befreien und kommt fast zu Fall. Fortwährend werden neue Zugänge hereingetragen und die Toten hinausgeschleift. Ein leerer Platz, ein Ruck- und eine neue Jammergestalt sackt dort nieder. Die Toten werden in Waschraum und Abtritt zusammengetragen und wegen Platzmangel aufeinandergeschichtet. Manchmal liegen sie mehr als vierundzwanzig Stunden, ehe der Leichenfahrer Zeit findet, sie in den Leichenkeller abzuschleppen. Dann sind die untersten Schichten oft schon leicht in Verwesung übergegangen, während in der oberen zuweilen noch Spuren des eben erst entflohenen Lebens vorhanden sind. Der Gestank in diesem Raum ist geradezu höllisch. Sinn vermag Unvorstellbares Elend ist hier brutale Wirklichkeit, und nur mit erschüttertem oder völlig verstörtem Ach, zuweilen des Grauens f ist mir, als n genossen, daß diese schreck beschreiben so ,, Vergiß dies giß nicht, wie wie wir wein litten und wie Wo wären wi letzte wärmen Wir alle sind Ob wir in die um Stärke un crucis aus so lung, aus Rad keit lästernd Wer sein Kre Gott selber hi Last drücken leer, ausgebra und inneres und verzweif und Gletsche In den Stund gung, den Stu nichtung, ist nung. Trostli nahe zu sein Dem Pfleger 118 sind die Helfer ichen und seeli seln kriecht aus amen führt der die eintretende chen eines armofhaft verzerrte nderer. esichter mit den Lippen vermögen nicht mehr zu ein Ertrinkender Der kann sich en befreien und hereingetragen leerer Platz, ein sackt dort nieder. und Abtritt zugel aufeinanderehr als vierundhrer Zeit findet, open. Dann sind ht in Verwesung n zuweilen noch Lebens vorhanum ist geradezu ale Wirklichkeit, öllig verstörtem Sinn vermag der fühlende Mensch hier zu schauen. Ach, zuweilen bin ich so müde, daß ich diese Blätter des Grauens für immer schließen möchte. Aber dann ist mir, als mahnten mich meine toten Schicksalsgenossen, daß ich nicht müde sein darf, daß ich weiter diese schrecklichen Leidenstage und Sterbestunden beschreiben soll und daß ich nichts vergessen darf. ,, Vergiß dies nicht und das nicht", mahnen sie ,,, vergiß nicht, wie wir hungerten, wie wir gequält wurden, wie wir weinten und selten einmal lachten, wie wir litten und wie wir starben." Wo wären wir, wenn wir das Gebet nicht hätten, das letzte wärmende Feuer in dieser eisigen Todeswüste? Wir alle sind Kreuzträger, ob wir beten oder fluchen. Ob wir in die Knie brechen und wild und verzweifelt um Stärke und Gottvertrauen bitten, oder die religio crucis aus schrankenloser Schwäche, aus Verzweiflung, aus Rachedurst, Ohnmacht und Niederträchtigkeit lästernd verdammen. Wer sein Kreuz im Geiste Christi trägt, hat es leichter. Gott selber hilft ihm dabei. Den Gottfremden wird die Last drückender, fast unerträglich. Sie sind schneller leer, ausgebrannt, empfindungslos und entseelt. Gebet und inneres Versenken lösen lähmenden Schrecken und verzweifeltes Entsetzen, schmelzen kantige Härte und Gletscherkälte, lassen die Seele freier atmen. In den Stunden grausiger Qual und tiefster Erniedrigung, den Stunden im Schatten des odes und der Vernichtung, ist das Gebet letzter Halt und einzige Hoffnung. Trostlich ist das Wissen, in höchster Not Gott nahe zu sein und von Seinem Atem gerührt zu werden. Dem Pfleger der Infektionsabteilung, Fritz K., wur119 den unlängst sieben junge Russen in seine Abteilung gebracht. Ihre Körper wiesen verdächtige Hautflecken auf. Die Weil- Felix'sche Blutreaktion bestätigte den Flecktyphusverdacht. Das war ihr Todesurteil. Um die vorgeschriebene Quarantäne zu umgehen, wurden die Russen zum Industriehof transportiert und liquidiert. 14. November 1942 DIE RUHR KRIECHT wieder durch das Lager. Kaum jeder zweite bleibt von ihr verschont. Gekrümmt schleichen die Jammergestalten zum Revier, stöhnend liegen sie auf den verschmutzten Strohsäcken. Ein Arzt läßt sich nicht sehen. Medikamente gibt es wenig. Opium ist sehr knapp. Bolus alba und Carbo sind nur schwache Linderungsmittel gegen diese furchtbare Seuche. Je zwei Kranke liegen in einem Bett. Der Strohsack stinkt nach menschlichen Exkrementen. Die Latrine ist überlaufen. Es liegen dort auch Leichen. Der Leichenfahrer kann sie so schnell nicht wegschaffen. Der Tod arbeitet schneller. Josef R. wird Sauerlandes. wissen laut Konzentration will. Durch seine fieberwi ersterbend. M Die Schweine für die Kommandantur, die im Lager gemästet werden, leben besser als unsere Kranken. Sie bekommen sogar Kondensmilch, werden gut gefüttert, haben sauberes Stroh. Unsere Kranken liegen im eigenen Kot. Wir sind ja auch nur Menschen material, Arbeitssklaven, Nummern. Die ganze Nichtachtung wertvollen Menschentums, der volle berechnende Sadismus einer Minderheit gegenüber der Köstlichkeit von Fleisch und Blut, Kraft und Nerven liegt darin... Material! anfällen. Ich wische ihr Stirn, gieße il spitz hervorst Brust. Es sind schlägt das H und röchelnd das davonlau Er schlägt die Augen in tief mit übermen höre, wie es scheidungen. zur Unkenntli kaum atmen Josef ist wied halb offen, di meinen. Er das Gesicht, einem zahnlo Ich sitze und entstellte Ge ist ganz ruhi verkrüppelte 120 e Abteilung Hautflecken tätigte den teil. Um die wurden die liquidiert. ager. Kaum mmt schleimend liegen in Arzt läßt nig. Opium ur schwache Seuche. Je Strohsack Die Latrine ichen. Der wegschaffen. e im Lager e Kranken. den gut genken liegen al, Arbeitstung wertende Sadislichkeit von darin... Josef R. wird eingeliefert. Ein prächtiger Sohn des Sauerlandes. Eine aus bedrängtem katholischen Gewissen laut geäußerte Bemerkung brachte ihn ins Konzentrationslager. Er liegt wie einer, der sterben will. Durch die dicke, entsetzliche Luft schneiden seine fieberwirren Worte... abgehackt, aufflackernd, ersterbend. Manchmal lacht er wirr zwischen Hustenanfällen. Ich wische ihm den perlenden Schweiß von der grauen Stirn, gieße ihm etwas denaturierten Alkohol auf die spitz hervorstehende, gelbschimmernde, schweißnasse Brust. Es sind nur noch Haut und Knochen. Rasend. schlägt das Herz in der armen Hühnerbrust. Pfeifend und röchelnd geht der schnelle Atem, als wolle er das davonlaufende Leben wieder einholen. Er schlägt die Augen auf, weite, brennende, entzündete Augen in tiefen, aschfarbenen Höhlen. Er richtet sich mit übermenschlicher Anstrengung etwas auf. Ich höre, wie es unter ihm quietscht. Das sind die Ausscheidungen. Sein Gesicht verzerrt sich im Schmerz zur Unkenntlichkeit. Der furchtbare Gestank läßt mich kaum atmen Josef ist wieder zurückgesunken. Seine Augen stehen halb offen, die Hände liegen trocken und heiß in den meinen. Er ist wieder bewußtlos. Langsam zerfällt das Gesicht, der Unterkiefer weicht zurück, wie bei einem zahnlosen' Greis. Ich sitze und schaue mit versinkenden Sinnen in das entstellte Gesicht meines sterbenden Kameraden. Er ist ganz ruhig, rasselnd entweicht das Leben aus der verkrüppelten Brust. 121 Noch einmal reißt er die Augen auf, aber sie sind schon starr und fern. Die Hand preßt sich im letzten Krampf um die meine... ein letzter pfeifender Ton zittert gegen die Decke... dann erschlafft die Hand und sinkt ab. So sterben sie hier täglich Dutzende. Ihre Zahl is Priester sitzt Ein belgische ner, drei fra Lazarist sin ist dem uns billiger Spru wo alle Phra 27. November 1942 ES GIBT EINE ,, unterirdische Kirche" im Lager. Wir haben Gläubige und Priester und bilden eine feste Gemeinschaft. So verdursten unsere Seelen nicht. Immer wieder, wenn der Lärm kreischender Maschinen in den Werkstätten und Rüstungsbetrieben Sachsenhausens, die Fron und Qual langer Tage, Mißhandlung und Schmerzen des Leibes die Seele zu übertäuben und ersticken versuchen, tragen unsere Priester von den Bächen der Ewigkeit Schalen in die irdischen Nöte. Sie sprechen flüsternd mit jenen, denen jedes Licht zu verlöschen droht, deren Augen wach sind vor Tränen und Kummer. In tausend Gestalten geht die Unbegriffenheit, die Not menschlichen Lebens durch die grauenhafte Öde unserer Mauern und Baracken. Gott scheint aus dem Gesicht dieser Sandwüste ausradiert. ist glaubhaf durch eigen Offene relig liche Äußer Hier, wo die Menschheit aus tausend Wunden blutet, brauchen wir Priester mit Sankt- Sebastians- Zügen. Menschen, die dann ein Wort sprechen, wenn alle Worte dieser Welt nutzlos sind, die einen Brunnen öffnen, wenn alle Ströme versiegen, die den Augen Glanz geben, wenn alle Sterne erlöschen. boten und u heimlichen S tanter Athe rung, Backpf Die Beichte stitution zu und entstell Das hält uns ruf Christi Seines Schm Regelmäßig Sakramente Kraft, die M den harten lockern. Zwei Konv erste Tauffe an einem S siebenundzy dem der fe 122 sie sind m letzten nder Ton die Hand de. ager. Wir eine feste nicht. Maschinen SachsenMißhandzu überunsere en in die des Licht sind vor geht die ens durch Baracken. wüste ausden blutet, ans- Zügen. wenn alle Brunnen en Augen Ihre Zahl ist klein. Die Masse der eingekerkerten Priester sitzt im Konzentrationslager Dachau. Ein belgischer Jesuit, ein niederländischer Benediktiner, drei französische Weltgeistliche, ein polnischer Lazarist sind unser Seelsorgeklerus. Ihr Schicksal ist dem unseren gleich. Ihr Trostwort ist hier nicht billiger Spruch, hier, wo alles vor dem Nichts steht, wo alle Phrasen leeres Geklingel sind. Was sie sagen, ist glaubhaft. Glaubhaft durch eigene Überzeugung, durch eigenes Opfer, durch vorbildliches Leben. Offene religiöse Propaganda ist nicht möglich. Jegliche Äußerung des Glaubenslebens ist streng verboten und unter Strafe gestellt. Vorsicht ist bei der heimlichen Seelsorge Gebot. Das Herumspitzeln militanter Atheisten hat schon Schikanen, Gotteslästerung, Backpfeifen und Straftransport zur Folge gehabt. Die Beichte ist manchem Spitzel lediglich eine Institution zur Entlockung von Worten, die verdreht und entstellt hinterbracht werden. Das hält unsere Diener Gottes nicht ab, dem Apostelruf Christi zu folgen, hier, wo sie ganz im Atem Seines Schmerzes stehen. Regelmäßig geht die Gemeinde der Getreuen zu den Sakramenten, findet in der heiligen Eucharistie die Kraft, die Miseren der schweren Tage zu überwinden, den harten, verkrusteten Boden der Seele aufzulockern. Zwei Konversionen habe ich im Lager erlebt. Die erste Tauffeier fand im Waschraum der Baracke 51 an einem Sonntagnachmittag statt. Täufling war ein siebenundzwanzigjähriger Holländer aus Maasluis, dem der feierliche Akt Befreiung aus dem Tumult 123 neuheidnischer Ideen bedeutete. Die zweite Taufe wurde im Krankenbau einem Sterbenden gespendet. Ein ergreifendes Erlebnis. Unauslöschlich eingeprägt hat sich meinem Gedächtnis die Reichung der Wegzehrung und der Todeskampf eines unserer Getreuen. Es war in der Fléckfieberperiode. Karl F. bekam plötzlich einen Schüttelfrost. Im notdürftig geheizten Tagesraum der Baracke überrieselte ihn plötzlich ein bis in die Knochen dringender Kälteschauer, so daß seine Zähne zu klappern und seine Kniescheiben zu zittern begannen. Im Krankenbau begann er mit allen Kräften, die ihm innewohnten, sich gegen die Krankheit zu wehren. Er biẞ die Zähne zusammen, ballte die Fäuste, daß ihm die Nägel tief ins Fleisch drangen, und sträubte sich mit allen Fasern seines Willens gegen die Ermattung und das Zerstörungswerk des Fiebers an Geist und Bewußtsein. Steil stieg jedoch die Fieberkurve an. Schließlich überzog ihn die Hitze des Fiebers wie eine tödlichheiße Glasur, und unter dem feuchtglühenden, von einer rotfleckigen Haut überzogenen Fleisch hämmerte ein rasend arbeitendes Herz. In der Nacht erbrach er des öfteren und das Fieber heizte nun diesen leeren, kraftlosen Hungerleib mit dämonischer Gewalt. Schrittweise benebelte das Gift der Krankheit seinen Geist, seine Vernunft, sein Ichbewußtsein. Er war nur mehr ein Spielball in den Fängen der Krankheit. Das Delirium begann. In wachen Augenblicken murmelten seine Lippen Gebete und Sprüche. Noch einmal hörten wir den ,, Aufschrei zu Gott", den er uns in stillen Sonntagsstunden gelehrt hat: Nicht den Greife Str Gib, daß a Heilandsg Nicht den Jeden Ar Kaltes so Fülle, ach Fülle, ach Uberströn Ausgesto Und die Heimlich sc zwischen di über die gra ges Leder s kiefer spann Stunden und nasser Stirn dem Atem. Dann aber die Gemein phans, unde in die Reihe Unsere Prie Spott und M keine Gele Gotteshaß a Volksbetri Anreden. An Sonnhochgenon 124 n. ite Taufe espendet. Gedächtdeskampf éckfieberüttelfrost. cke überdringenklappern , die ihm wehren. Er aß ihm die e sich mit ng und das ewußtsein, Echließlich e tödlichnden, von isch hämdas Fieber erleib mit e das Gift sein Ichall in den cken murhe. Noch t", den er Nicht den Tod! Gott! Zünde neue Farben! Greife Ströme Lichts aus dieser Nacht! Gib, daß alle, die in sich verdarben, Heilandsgnad' zu Deinen Kindern macht! Nicht den Tod! Umhülle mit Erbarmen Jeden Arm, der seinen Bruder schlug. Kaltes soll an Deiner Glut erwarmen. Fülle, ach, mit Güte jeden Krug! Fülle, ach, mit Güte jeden Scherben! Überströme heiß und ohne Maẞ. Ausgestoßen irren Deine Erben, Und die Welt erstickt in ihrem Haß. Heimlich schob ihm der Jesuit den Leib des Herrn zwischen die Lippen. Ein Strahl tiefen Glückes lief über die graue Blässe seiner Wangen, die wie brüchiges Leder sich von den Backenknochen zum Unterkiefer spannten. Stunden und Stunden kämpfte er mit dem Tode, mit nasser Stirne, gesprungenen Lippen, stoßweise wehendem Atem. Dann aber verklärte sich sein Blick und er schaute die Gemeinschaft der Heiligen, die ecclesia triumphans, und er fühlte sich eingehen in das Reich Gottes, in die Reihen der Seligen. Unsere Priester müssen viel Ungemach, Verhöhnung, Spott und Miẞhandlung ertragen. Ihr Blockführer läßt keine Gelegenheit ungenutzt, seinen satanischen Gotteshaẞ an ihnen zu entzünden. ,, Schweinepriester", ,, Volksbetrüger"," Dreckpfaffen" sind die üblichen Anreden. An Sonn- und Feiertagen werden sie besonders ,, hochgenommen". Die Spinde werden schärfstens 125 kontrolliert. Ebenso die Betten. Pater Albert Maring S. J. hat einmal zwölfmal seinen Strohsack bauen müssen. Immer wieder entdeckte der Schinder einen Fehler und riẞ den Aufbau ein. Pater Benninghaus S. J. wurde gezwungen, die Spinde mit einer abgenutzten Zahnbürste abzuschrubben und auf Hochglanz zu ,, wienern". Ein polnischer Ordensmann mußte wochenlang strafweise die Toiletten säubern. Bei geringfügigsten Anlässen wird ,, Strafsport" verhängt. Dabei jagt der Blockführer seine ,, schwarzen Lieblinge" wie er sie höhnend anredet Tische und Bänke, auf die Spinde, über die Betten bis in die Barackenbalken. - über Im Reitsitz auf den Balken hockend, befiehlt er den Keuchenden, Kirchenlieder zu singen: ,, Seid nun fröhlich, jubilieret..." ,,, Gott in der Höh' sei Preis und Ehr und ,, Nun erheb dich, meine Seele". Klettern sie nicht schnell genug herab, so prügelt der Schinder mit einem stets im Schlafsaal bereitstehenden langen Stock auf sie ein. Dann folgen einige Dutzend Kniebeugen in schnellem Tempo. Pater Benninghaus erhielt einmal einen gewaltigen Boxhieb, der ihn glatt umwarf. Er schlug mit dem Kopf hart auf den Boden. Acht Wochen lag er mit einer schweren Gehirnerschütterung im Krankenbau. Einen tschechischen Geistlichen haben die Schergen im Alkoholrausch angeschossen und den am Boden Blutenden gehöhnt: ,, Der Purpur deiner Wangen, der Lippen frisches Rot, all Schönheit ist vergangen.... In aller sie umtobenden Gefahr, in allem sie umzüngelnden Haẞ beten unsere Priester mit dem Gekreuzigten: ,, Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.' VIER MONAT Mit Fleckfiebe verbrachte ich Achtundvierzi noch Haut und schaffen. Mein Morgen wird Wir haben k keine knosper Feste heilige über uns selb Nur der ist ei und keine Ho HEUTE EMPF unvergeßliche Regout S. J. Im Juli 1941 führt worden. 126 ert Maring ck bauen nder einen nninghaus iner abgeHochglanz nn mußte in. port" verschwarzen et- über die Betten hlt er den Seid nun sei Preis ele". so prügelt aal bereitnn folgen m Tempo. gewaltigen dem Kopf mit einer bau. Einen Jen im AlBlutenden Lippen friIn aller sie Inden Haß en:„ Vater, s sie tun.' 1943 * 24. April 1943 VIER MONATE LAG ich in der Infektionsabteilung. Mit Fleckfieber und Bauchtyphus. Einige Wochen verbrachte ich im Fieberwahn. Achtundvierzig Kilo ist mein Körpergewicht. Nur noch Haut und Knochen. Ich werde es jedoch wieder schaffen. Mein Lebenswille ist ungebrochen. Morgen wird Ostern sein. Ostern heißt Auferstehung. Wir haben keine Osterhasen und Ostereier, sehen keine knospenden Weidenkätzchen. Aber diese ,, aller Feste heilige Krone" schenkt neue Hoffnung, hebt uns über uns selbst hinaus, taucht uns ins Unendliche. Nur der ist einsam und verbittert, der keinen Glauben und keine Hoffnung mehr in der Seele trägt. 28. April 1943 HEUTE EMPFING ICH Nachricht vom Ableben meines unvergeßlichen väterlichen Freundes Robert Willem Regout S. J. Im Juli 1941 war er vom ,, Alex" nach Dachau überführt worden. Schwere körperliche Arbeit und mangel127 hafte Kost hatten seinen durchaus gesunden und kräftigen Organismus untergraben. schule. Im Ju ordnung des Haft genomm Am 29. Dezember 1942, dem Festtage des heiligen Bischofs und Märtyrers Thomas von Canterbury, schied Robert Regout aus dieser Zeitlichkeit. Mannhaft wie der englische Erzbischof die Freiheit und Unabhängigkeit der römischen Kirche gegen den unversöhnlichen Haẞ Heinrichs II. verteidige und für seine Ueberzeugungstreue 1170 in seiner Kathedrale den Martertod starb, hat dieser niederländische Jesuit aus Maastricht seine Glaubenstreue nach zweieinhalbjähriger schwerer Haft mit dem Tode besiegelt. Welche Hoffnungen barg der noch junge Gelehrte! Sechsundvierzig Jahre nur währte sein Erdendasein. Er war der Sproß einer alten, traditionsreichen limburgischen Patrizierfamilie sein Vater und sein Onkel dienten ihrem Lande als Minister Als junger Jurastudent trat Robert Regout in den Jesuitenorden ein. Nach Abschluß seiner theologischen Studien und Empfang der Priesterweihe wurde er Dozent für Soziologie und Philosophie am Jesuitenkolleg zu Nymegen. 1934 schloß er seine juristischen Studien in Leiden mit einer in Fachkreisen stark beachteten Dissertation über das Problem des gerechten Krieges ab. Der Titel lautet: ,, La doctrine de la guerre juste de Saint Augustin à nos jours d'après les théologiens et les canonistes catholiques". Sein letzter A veröffentlicht schrift ,, Studie wir, für jene Guten. Möge Schütteln wi Selbstsucht w 1937 wurde er zum Seelsorger und Erzieher der Studentenschaft der Katholischen Kaiser- Karl- Universität zu Nymegen bestellt. September 1939 folgte seine Berufung zum außerordentlichen Professor auf den Lehrstuhl für Völkerrecht an der gleichen Hoch128 Gewand von rüstung Gott vor uns." Welch herrli Gottes wenige Lieber Rober uns im ,, Alex DIE TAGE U nährungslage verstärkten A empfangs au sich manche den Inhalt de einige Zwiel ein Ei oder Gut haben es dische Rote R Kleidung, Sc heringe, Troc regelmäßig e 9 Bellhorn/ Die ı und kräf- schule. Im Juni 1940 wurde Robert Regout auf An- ordnung des Reichssicherheitshauptamtes Berlin in s heiligen Haft genommen. ‚anterbury, Sein letzter Aufsatz, geschrieben am 24. Mai 1940 und eit. Mann- veröffentlicht in der niederländischen Jesuiten-Zeit- schrift„Studien“, schließt mit den Worten:„Bedenken wir, für jene, die Ihn lieben, lenkt Gott alles zum eiheit und on den un- je und für Guten. Möge diese Prüfung uns läutern und stählen. Kathedrale Schütteln wir alle Kleinheit von Zwietracht und sche Jesuit Selbstsucht wie ein zerrissenes und verschmutztes Gewand von uns ab und ziehen wir an die Waffen- rüstung Gottes... den Schild des Glaubens stets vejeinhalb- vor uns.” Welch herrliches Vorbild gab dieser Schildträger Gottes wenige Wochen später durch Tat und Haltung. Lieber Robert Regout, hab Dank für alles, was du uns im„Alex' warst. Deine schöne Seele ruht in Gott. ‚ Gelehrte! -dendasein. ;ichen lim- und sein Als junge itenorden 11. Juni 1943 DIE TAGE UND Wochen laufen schnell. Unsere Er- nährungslage hat sich gebessert. Seit Einführung des verstärkten Arbeitseinsatzes ist das Verbot des Paket- empfangs aufgehoben. Unsere Angehörigen sparen sich manche Dinge vom Munde ab. Es ist rührend, den Inhalt der Päckchen zu mustern. Ein Kanten Brot, einige Zwiebeln, ein Kleckschen Butter, manchmal ein Ei oder seine Fischkonserve... Gut haben es die Norweger und Dänen. Das Schwe- dische Rote Kreuz sorgt hervorragend für sie. Wäsche, Kleidung, Schuhzeug, Medikamente, Lebertran, Salz- heringe, Trockenfisch und köstliche Konserven treffen tudien und für Sozio- zu Ny® Studien IR heachtelel on Krieges uerte juste pöologien ‚regelmäßig ein. 2. 9 Ballhorn/ Die Kelter Weniger begünstigt sind die Holländer, Belgier, Franzosen, Polen, Tschechen und Jugoslawen. Sie empfangen in Monatsabständen aus der Schweiz kleine Lebensmittelpakete. Die Deutschen sind ganz auf ihre Angehörigen angewiesen. Um die Russen bekümmert sich niemand. Sie stehen mittags und abends vor den Baracken der Nordländer und betteln um Brosamen vom Tisch der ,, Reichen". Die Paketgeschichte hat auch ihre Schattenseite. Neid und Miẞgunst schießen in Blüte. Das ,, Du sollst nicht stehlen" des Dekalogs wird überwuchert von der Not des unaufhörlichen Hungers Tag und Nacht. Wenn in einem schmalen Spind sechs Parteien ihr Gut bergen müssen, und neben den halbverfaulten Kartoffeln und einem Häufchen sauer gewordener Marmelade des Armen die Fettpakete des ,, reichen Prassers" verlockend duften, ist die Versuchung riesengroß. Wer will die armen, getretenen Ukrainer da mit Steinen werfen, wenn sich die Begriffe von Mein und Dein verwirren? Solidarität und Gemeinschaftsgeist sind auch bei uns oft nur pathetische Worte. die Ausdün Sauerstoffma Der Atem de rasselnd, e Die Arbeitszeit ist vor einiger Zeit verlängert worden. Wir stehen um dreieinhalb Uhr auf und legen uns abends um halbzehn nieder. Trotz der verbesserten Ernährungslage sinkt die Zahl der Toten nicht. Die unbarmherzig langen Arbeitsstunden entkräften die Körper. schnarcht w Über zwanzigtausend Gefangene sind jetzt im Lager. Die Baracken sind zum Bersten voll. Die wenigen Stunden der Nachtruhe werden durch die Überfülle, Würgen in Körper der stöhnt er ,,, Bleierne Mü Die Tuberk Abteilung k lich ist der sichter ähn Leichenantli Zeichen. Tie Wangen, M ELF JUGEN überwiesen Oberschlesi lager Ausch Silberglet. Ihre Eltern, rüchtigten brannt wor Umstände Versuchska zinischer E Wölfchen i nicht genug und Gretel 130 9. gier, Franie empfaneiz kleine nz auf ihre bekümmert ds vor den Brosamen seite. Neid sollst nicht t von der I Nacht. arteien ihr bverfaulten gewordener es, reichen Wersuchung die Ausdünstung der gepreßten Leiber und den Sauerstoffmangel zur Qual. Der Atem des einen geht stoßweise, ein anderer röchelt rasselnd, ein dritter hustet bellend, ein vierter schnarcht wie ein Sägewerk, einem fünften steigt ein Würgen in den Hals und er übergibt sich, über die Körper der Benachbarten hin. ,, Diese Luft hier", stöhnt er ,,, ich halte das nicht mehr aus." Bleierne Müdigkeit liegt uns morgens in den Knochen. Die Tuberkulose fordert einen hohen Zoll. Die TbcAbteilung kann nicht Platz genug schaffen. Schrecklich ist der Anblick dieser Ausgepumpten. Ihre Gesichter ähneln alle verwischten und verwaschenen Leichenantlitzen. Der Tod malt schon darin ein Zeichen. Tiefe Schatten legt er zwischen Augen und Wangen, Mund und Stirn. mit Steinen mund Dein sgeist sind ert worden. legen uns erbesserten nicht. Die kräften die et im Lager. Se wenigen e Uberfülle, 21. August 1943 ELF JUGENDLICHE JUDEN sind dem Krankenbau überwiesen worden. Sie stammen aus Sosnowitz in Oberschlesien und waren einige Zeit im Konzentrationslager Auschwitz. Sieben Jahre ist der jüngste, Wolf Silberglet. Ihre Eltern, Brüder und Schwestern sind in dem berüchtigten Judenvernichtungslager Auschwitz verbrannt worden. Sie selbst sind durch irgendwelche Umstände verschont geblieben und sollen nun als Versuchskaninchen für die Erprobung neuer medizinischer Errungenschaften dienen. Wölfchen ist noch ganz Kind, spielt gern und kann nicht genug Märchen hören. ,, Rotkäppchen" ,,, Hänsel und Gretel" ,,, Hans im Glück" kennt er auswendig 9* 131 und erzählt sie mit phantastischen Ausschmückungen und Zutaten. Per Poth aus Stavanger erzählt ihm aus dem reichen Schatz Andersens nordische Märchen, die ihn in heller Freude aufjauchzen lassen. Nur wenig älter ist Hirsch Litmanowitsch. Sehr still und ernst. Das Leid hat ihn gereift. Die Älteren sind mehr abgebrüht". Sie sind nicht gespannt, sie sind nicht gleichgültig. Der Schrecken des Auschwitzer Lagers hat sie geprägt. Sie erinnern an Häuser, denen der Bombenkrieg das Dach abgedeckt hat, der trostlose Himmel ihres Lebens und Schicksals hängt grau zwischen der Schwärze ihrer Mauern. Sie sind streng orthodox. Als ihnen Per, dem sie als Pfleger unterstehen, eine Dose dänisches Schweinefleisch schenkt, gibt Saul Hornfeld die verlockende Konserve im Auftrage seiner Kameraden einem körperschwachen Ukrainer. Ich glaube, sie wären im Ernstfall standhaft wie die makkabäischen Brüder des Alten Testamentes. Ob sie der Moloch Sachsenhausen verschlingen wird? Ein neuer Tr digt. Er soll uns versiche Sie sind ja n Die jungen Israeliten sind nicht die ersten menschlichen Versuchsobjekte für unsere SS- Mediziner. Im vergangenen Herbst führte SS- Untersturmführer Dr. Schmitz aus Wuppertal an siebenundzwanzig Häftlingen gefährliche Operationen durch, nachdem bei den Opfern durch Gasbazillen eine gefährliche Infektionskrankheit, der sogenannte Gasbrand, hervorgerufen war. Mehr als die Hälfte der Operierten starb nach wenigen Tagen unter furchtbaren Schmerzen. Was macht's. Unsere Kranken sind ja Nummern, wie wir alle, sind wie Ding und Tier. im Lager ges lich das Schl Gestern sah den ausgefül Gärtnerei mi dukte wande Bereich. Die Pferde v Sie sehen kr und wann w Bauch voll ungeheure N Entbehrungs zusammenbr Ihre Fülle un Form ihrer massig und Schnüren ve Sie wirken stiefeln. Wir wunder figuren sich sich nützlich zu kostbar, werden. We kömmlicher Sterne, Sch diesem Met 132 nückungen m reichen ın in heller Sehr still teren sind t, sie sind üschwitzer iser, denen der trost- hängt grau jem sie als Schweine" erlockende einem KÖr „ft wie die \tes, Ob sie wird? ” mensch’ Ein neuer Transport von Tbc-Patienten ist angekün- digt. Er soll wirklich nach Lublin abgehen, so wird “ uns versichert. Die Kranken sind höchst mißtrauisch. Sie sind ja nicht von gestern, wissen zu genau, was im Lager gespielt wird. Sie denken und ahnen natür- lich das Schlimmste. Gestern sah ich einige wohlgenährte Pferde. Sie wur- den ausgeführt. Es gibt am Rande des Lagers eine Gärtnerei mit Pferde- und Schweineställen. Alle Pro- dukte wandern nach vorn, in den SS-Kommandantur- Bereich. Die Pferde werden zu sportlichen Zwecken gehalten. Sie sehen kraftstrotzend und wohlgenährt aus. Dann und wann wiehern sie vor Übermut. Sie haben ihren Bauch voll von gutem Hafer. Sie merken nicht die ungeheure Not des Lagers, unter deren Hunger- und Entbehrungsqualen Tausende von Menschen jährlich zusammenbrechen. Ihre Fülle und Massigkeit entspricht ganz der äußeren Form ihrer Gebieter. Die sind ebenfalls durchgängig massig und schwer. Ihre Uniform, mit Litzen und Schnüren verziert, sitzt ihnen prall über dem Leib. Sie wirken wie kategorische Imperative in Marsch- stiefeln. Wir wundern uns oft, wieviele von diesen Parade- figuren sich hier herumdrücken, anstatt an der Front sich nützlich zu machen. Ihr arisches Blut ist wohl zu kostbar, um für„Führer und Volk” verspritzt ZU werden. Wehrlose Gefangene zu malträtieren ist be- kömmlicher und auch einträglicher. Selbst neue Litzen, Sterne, Schnüre und Ordenszeichen kann man bei diesem Metier erwerben. 133 Im vergangenen Jahr wurden beispielsweise einige Blockführer zur Erholung" nach Capri geschickt. Mit dem Band des Kriegsverdienstkreuzes im Knopfloch kehrten sie braungebrannt ins Lager zurück. Einige Zeit später wurde eine Nummer der ,, Hamburger Illustrierten" bei uns herumgereicht, in der Bilder von der ,, tapferen SS" zu sehen waren. Darunter auch eines von erholungsbedürftigen SS- Männern" in Italien. Wir rieben uns die Augen. Kein Zweifel, es waren unverkennbar die Gesichter unserer verhaßten Schinder. 12. Oktober 1943 AUS DACHAU KAM wieder eine mich tief erschütternde Todesbotschaft. Es kam Kunde, daß dort am 27. November vorigen Jahres mein langjähriger lieber Freund, Rektor Arnold van Lierop, von seinen Leiden erlöst wurde. Seit 1927 arbeitete dieser weltoffene Brabanter Priester und mutige Kämpfer für Wahrheit und Recht am Ausbau der katholischen Presse. Mit geringen Finanzen, aber um so glühenderem Herzen begann er seine Pressearbeit. Hätte er zuvor eine Rentabilitätsrechnung aufgemacht, wäre er gewiß in der gesicherten Pfarrarbeit geblieben. Er gehörte zu jenem unverwüstlichen Schlage von Menschen, denen es wichtiger ist, eine Idee zu haben, die nebenbei auch Geld bringt, als erst Geld, um dann einer Idee dienen zu können. Den ersten Zusammenstoß mit den nationalsozialistischen Machthabern erlebte er 1933 beim Prozeß gegen Friedrich Dessauer und den Katholischen Volksverein in München- Gladbach. Seine wa nachspüre schen Pre wurde au wachsame Die ,, Giftgemacht Leiter de gefährlic mußte. V Aber dan sönlichke Gerechtig ohne da Waffe ih persönlic er war. Das Leid dem Tag 1942, sei körperlic weniger Seine M Sachsen liche Lel mut, mit Sein Lei Kräfte s Devise: kondige verkünd 134 ise einige geschickt. im Knopfurück. der ,, Hamht, in der . Darunter -Männern" waren unSchinder. ef erschütB dort am riger lieber nen Leiden Seine wahrheitsgemäße und den tieferen Ursachen nachspürende Berichterstattung in der niederländischen Presse mißfiel den neuen Gewalthabern. Er wurde ausgewiesen. Seither hielt die Gestapo ein wachsames Auge auf ihn. Die ,, Gift- und Sudelküche" in Breda mußte unschädlich gemacht werden. Arnold van Lierop als geistlicher Leiter der Katholischen Weltpresse- Zentrale galt als ,, gefährlicher Mensch, der auf Eis gelegt" werden. mußte. Vielleicht war er ein ,, gefährlicher Mensch". Aber dann in dem Sinn, daß eine einflußreiche Persönlichkeit, der ein tiefes Empfinden für Recht und Gerechtigkeit eigen ist, auch ohne Brachialgewalt, ohne das schneidende Wort, ohne blutdürstende Waffe ihrem Gegner gefährlich sein kann. Wer ihn persönlich kannte, weiß, welch kämpferischer Idealist er war. ter Priester nt am AusFinanzen, er seine litätsrechgesicherten unverwüstchtiger ist, Geld bringt, zu können. alsozialistiozeß gegen Volksverein Das Leiden blieb ihm nicht erspart. Vom 28. Juni 1940, dem Tage seiner Verhaftung, bis zum 27. November 1942, seinem Todestag in der Verbannung, wurde er körperlich und geistig auf eine Weise gequält, die weniger starke Naturen früher hinweggerafft hätte. Seine Mitgefangenen von Vught, Arnheim, Berlin, Sachsenhausen und Dachau preisen seine unverwüstliche Lebensfreude und seinen übernatürlichen Opfermut, mit dem er sein schweres Kreuz trug. Sein Leiden war für ihn ein Apostolat. Seine letzten Kräfte stellte er in den Dienst Gottes, getreu seiner Devise: ,, O God, laat mij Uwe oneindige liefde verkondigen." ,, O Gott, laß mich Deine unendliche Liebe verkündigen." 135 Das niederländische Volk wird gewiß die Akten seiner Märtyrer dieser Epoche sammeln, wie das russische, mexikanische und spanische die der ihren gesammelt hat. Was die christlichen Völker aus dem Kampf gegen das Neuheidentum als höchstes Gut mitnehmen, ist der Schatz ihrer Märtyrer. Die deutsche Christenheit, die selber zahlreiche Märtyrer zu den ihren zählt, sollte mit ihnen in dieser Verehrung verbunden sein, ebenso wie die alten Christen Galliens teilnahmen an den Leiden der Christen Asiens und Afrikas. Man sollte meinen, gleichwie sich die Blicke der jungen Christenheit auf ihre Blutzeugen hefteten, so inbrünstig, daß aus diesem verehrenden Erstaunen der Kult der Heiligen entstanden ist, müssen auch in unserer Zeit, so ihr Märtyrer gegeben sind, sich alle Blicke auf sie richten. Es kommen zweifellos christliche Martyrien in den Gestapogefängnissen und Konzentrationslagern vor. Immer erliegt der große Gegenspieler der Kirche der Versuchung, ihr Blut zu vergießen, obwohl er doch um die Fruchtbarkeit dieses Blutes weiß. Das Dritte Reich trachtet auf gefährliche Weise, das Christentum zum Aussterben zu bringen. Es macht und machte Bekenner und Märtyrer, kerkert ein, foltert und vergießt Blut wie einstmals das heidnische Rom. Die nationalsozialistischen Machthaber leugnen das zwar nachdrücklich. Das ist alte Methode. Von jeher haben die Verfolger ihre Opfer um den Ehrentitel zu betrügen gesucht. Das elisabethanische England stempelte die Opfer religiöser Verfolgung zu 136 politischen lichen Zeit Christen der christlichen Gewiß, es g Christus bez Idee sterben. verdunkeln. Freilich in e stößt der K Politische v streitet der Politischen. im Dritten R wo die staa hoben wird. Deutschlands nommen. Die Hundertfach den grauenh kennern. Die Namen e Arnold van unserer Zeit vergeßlich v Gerlich, Eric DAS JAHR Linderung Z Immer neue gang, armse 7 kten seiner russische, ren gesammpf gegen mehmen, ist zahlreiche en in dieser die alten Leiden der Blicke der mefteten, so Erstaunen sen auch in d, sich alle ien in den lagern vor. Kirche der hl er doch Weise, das Es macht erkert ein, heidnische er leugnen thode. Von den Ehrenmische Engfolgung zu politischen Verbrechern und schon in der altchristlichen Zeit verdächtigten die Perser die verfolgten Christen der Konspiration mit dem Staatsfeind, den christlichen Römern. Gewiß, es gibt unechte Märtyrer, die, während sie Christus bezeugen, in Wahrheit für eine politische Idee sterben. Diese sollten nie das Zeugnis der echten verdunkeln. Freilich in einem Sinne, in einem eminenten Sinne, stößt der Konflikt des Märtyrers immer auch ins Politische vor: einen politischen Anspruch bestreitet der Märtyrer, den Absolutheitsanspruch des Politischen. Das war so im Rom der Cäsaren, das ist im Dritten Reich so und kann morgen so sein überall, wo die staatliche Sphäre zur absoluten Sphäre erhoben wird. Diesen Anspruch haben die Machthaber Deutschlands auf blutige Weise durchzusetzen unternommen. Die Zahl der Blutzeugen geht sicherlich ins Hundertfache, um ganz zu schweigen von den unter den grauenhaftesten Umständen eingekerkerten Bekennern. Die Namen eines Robert Willem Regout, Hein Hoeben, Arnold van Lierop werden in den Märtyrerakten unserer Zeit und im Herzen des Christenvolkes unvergeßlich weiterleben, ebenso wie die Namen Fritz Gerlich, Erich Klausener und Adalbert Probst. 28. November 1943 DAS JAHR RUNDET sich langsam, ohne unserer Not Linderung zu bringen. Immer neue Gefangene durchschreiten den dunklen Torgang, armselig, erschöpft, hoffnungslos. Gespenstische 137 Karawanen aus den Gestapokerkern Europas. Aus allen Richtungen der Windrose. Einige bäumen sich mit letzter Kraft gegen die grausige Drohung des lebenverschlingenden Lagers. Bald wird vielen der letzte Schrei über die bleichen Lippen quillen. Manch moralisch Defekter schwimmt im dunklen Strom der ,, Neuen". Sie bilden eine schwere Gefahr für die zahlreichen Jugendlichen. Mehr als zweihundert Jugendliche unter sechzehn Jahren beherbergt das Lager. Das Schlechte, das durch das Tor unseres Lagers zieht, ist nicht nur geschützt, es entzündet sich auch stärker als draußen. Wer kümmert sich in einer internationalen Masse von zwanzigtausend Männern aller Schattierungen groß um den Nächsten? Um seine Moral im Guten oder Bösen? Das Lager ist anonym, ist unübersichtlich, ist dunkel. Jede üble Neigung, jedes Verbrechen, jede böse Tat wird hier selten als solche erkannt. Das Böse ist bei uns konzentrierter. Die Gemeinschaft leistet ihm Hilfestellung. Bei uns wächst die Gemeinschaft des Lasters schneller, weil viele hier zusammengepreßt sind, welche die gleichen defekten Neigungen, den gleichen abwegigen Willen aufweisen. Zwei Homosexuelle verschwinden im Dorf, das tausend Menschen zählt. Ein Dutzend in der Kleinstadt bedeuten noch keinen flammenden Herd. Aber zweihundert und mehr in der Gemeinschaft von Zehntausenden sind schon gefährlicher Brand. 138 Das bedeu führung, s wie der S in die Flu Die Jugen und Polen lich ausge der sie un Linde, unt Aveglocke Kein aber Kirchturm Leicht we Verführer Es sind w ausschlag diese Fle und gleic heulen. In einer H verheimli Aufnahme Schlafsaa und das Wimmern sich sein auf seine Mehr als Körper h Fieber, I pas. Aus die grau- ers. Bald 2 3 dunklen re Gefahr als zwei- jeherbergt gers zieht, ch stärker internatio- ‚ern aller Um seine st dunkel. böse Tat se ist bel istet ihm Das bedeutet schwärende Eiterbeule, bedeutet Ver- führung, schlechte Beratung, Entzündung. Das reißt wie der Strom an den Biegungen Nachbarland mit in die Fluten. Fruchtbare, gute Erde! /Die Jugendlichen— es sind vorwiegend Ukrainer und Polen— sind innerlich nicht geformt, nicht inner- lich ausgefüllt. Es gibt hier keinen häuslichen Frieden, der sie umhegt, keine sie umsorgende Mutter. Keine Linde, unter der sie am Abend sich sammeln. Keine Aveglocke, die still zur Besinnung und Einkehr ruft. Kein abendlicher Friede, der einst Dorf, Schulhaus, Kirchturm und Bauernhütte in seinen Glanz bettete. Leicht werden diese Jungen eine Beute gewissenloser Verführer, gleiten in Sumpf und Verderbnis. Es sind wieder Fieberfälle mit verdächtigem Körper- ausschlag in den Krankenbau eingeliefert. Fast alle diese Fleckfieberverdächtigen sind aschgrau, fiebrig und gleichgültig. Nur einige jammern, schreien und heulen. In einer Baracke hat ein Russe sogar seine Krankheit verheimlicht. Aus Angst. Für ihn bedeutete wohl die Aufnahme ins Revier Abschied vom Leben. Seinen Schlafsaalgenossen war sein stilles, ängstliches Wesen und das Glühen seiner Augen aufgefallen. Als sie den Wimmernden von seinem Strohsack zerrten, Vverzog sich sein Hemd und sie sahen schon die roten Flecken auf seiner Haut. Mehr als ein Viertel der Fälle stirbt. Die entkräfteten Körper halten der Krankheit nur schwer stand. Unter Fieber, Delirien und Gestöhn verenden sie, ver- 139 zweifelt wie alte, müde, ausgemergelte und verbrauchte Zugtiere oder Grubenpferde. Fingern Im Leichenkeller der Pathologie fährt ein SS- Zahntechniker den warmen Leichen mit den zwischen die Lippen, reißt die Unterkiefer auf, um nach Goldzähnen zu fahnden. Es graut uns bis in die innerste Kammer unseres Herzens hinein. 140 SELBSTN es wahr instrume Zivilisat im Dritt Es verg Sie ges hängt si strom g arbeit in Ein Vie macht d in den Die Mo zweiflu Hoffnu umnac Gewal Wir s Ein ju Freitod mord sei. M rbrauchte SS- ZahnFingern auf, um 1944 unseres 23. Februar 1944 SELBSTMORDE SIND BEI uns keine Seltenheit. Wenn es wahr ist, daß der Selbstmord das deutlichste Meßinstrument für den Höhengrad einer Kultur und Zivilisation ist, dann muß das gegenwärtige Niveau im Dritten Reich weit unter dem Nullpunkt liegen. Es vergeht keine Woche ohne einige Selbstmorde. Sie geschehen auf die verschiedenste Art. Dieser erhängt sich, jener ,, geht in den Draht", der mit Starkstrom geladen ist. Ein Dritter läuft bei der Außenarbeit in die Postenkette, wobei er erschossen wird. Ein Vierter hat sich illegal Gift beschafft, ein Fünfter macht die Sache mit Methylalkohol oder Azeton, der in den Werkstätten gebraucht wird. Die Motive sind verschieden wie die Menschen. Verzweiflung, verletztes Ehrgefühl, Krankheit, Depression, Hoffnungslosigkeit. Viele vollziehen den Schritt sicher umnachtet, haben ihre Nerven nicht mehr in der Gewalt. Wir sprachen über das Problem im Freundeskreis. Ein junger Offizier warf sich zum Verteidiger des Freitodes auf und wies darauf hin, daß der Selbstmord bei Griechen und Römern häufig vorgekommen sei. Männer wie Demosthenes hätten kaltblütig den 141 Giftbecher genommen. Kein Römer habe Lukretia getadelt, weil sie den Verlust ihrer Tugend nicht habe überleben wollen und sich den Dolch in die Brust stach. Namentlich in der römischen Kaiserzeit, als der alte Götterglaube einem trostlosen Pessimismus Platz machte, als das vornehme und hochgebildete Römertum bei Gastmählern sich die Adern öffnete, habe der Selbstmord eine gewaltige Steigerung erfahren. Ein Anhänger Martin Niemöllers nahm gegen ihn Partei. Er zitierte Luther, der glaubte, daß Selbstmorde Kundgebungen des Bösen seien. Luther sei durchaus der Ansicht gewesen, daß der Teufel alle Selbstmörder ,, reitet". Ein Philosophiestudent führte Hume, Montesquieu, Rousseau, Schopenhauer und Nietzsche für die sittliche Erlaubtheit des Selbstmordes ins Feld. Also sprach Zarathustra: ,, Den freien Tod predige ich euch, der nicht heranschleicht wie euer grinsender Tod, sondern der da kommt, weil ich es will." Der katholische Theologe entgegnete ihm, die Erlaubtheit des Selbstmordes, der eine gewaltsame Vernichtung des eigenen Lebens im Vollbewußtsein des Verstandes und des freien Willens ist, sei Gegenstand des persönlichen Gewissens und der Moral, das heißt, der Bindung durch religiöse Vorschriften. Die katholische Kirche habe den Selbstmord von Anfang an als schwere Sünde erklärt. Zwar hätten die Kirchenväter, mit Ausnahme des heiligen Augustinus, für den Fall eine Aufnahme machen zu können geglaubt, daß christliche Jungfrauen lieber Selbstmord begehen dürften, als sich der Gefahr auszusetzen, an ihrer Keuschheit Gewalt zu erleiden. Der Standpunkt der katholischen Ihr gelte der Gott und die Auffällig ist Selbstmordes tum bekannt von einer Epi frauen von Mädchen erd Tränen der El morde kennt Die religiös bei uns s beten in dies hinter Stache Heidentum gehen oft z seltsam zerw gegen ihre S Sie sehen nu Aber sie wi trotz allem muß, bis Go zeigen und tauft sind. Die Fasten Kirche aller Zeremonie der Vergän die den Tod Asche aus g bäumen od 142 ukretia ge- nicht habe ı die Brust zeit, als der ismus Platz jete Römer- te, habe der (ontesquieu, ür die sitt- ge ich euch, ander Tod, hm, die Er- katholischen Kirche sei aber stets negativ geblieben. Ihr gelte der Selbstmord als eine schwere Sünde gegen Gott und die Natur. Auffällig ist eine gewisse Ansteckungsfähigkeit des Selbstmordes, eine Eigenschaft, die schon im Alter- tum bekannt war. So berichtet Plutarch beispielsweise von einer Epidemie des Selbstmordes unter den Jung- frauen von Milet und den Frauen auf Chios. Die Mädchen erdrosselten sich scharenweise. Bitten und Tränen der Eltern waren fruchtlos. Auch Massenselbst- morde kennt die Geschichte. Die religiös Gebundenen— und deren gibt es viele bei uns— sind gegen solche Psychose gefeit. Sie beten in dieser verlassenen Sandwüste. Sie schluchzen hinter Stacheldraht und Barackenwänden, die das neue Heidentum zu seiner Sicherung um sie baute. Sie gehen oft zwar mit verschüttetem Herzen, oft mit seltsam zerworfener Melancholie, oft mit einem Haß gegen ihre Schinder und Mörder. Das ist begreiflich. Sie sehen nur Schatten, nirgendwo Licht. Aber sie wissen um die Heiligkeit des Lebens, das trotz allem Dunkel und aller Qual getragen werden muß, bis Gott diese Flamme löscht. Hier gilt es zu zeigen und zu beweisen, daß sie nicht umsonst ge- tauft sind. Die Fastenzeit beginnt heute, in der katholischen Kirche aller Kontinente vollzieht sich die inhaltsreiche Zeremonie der Aschenbestreuung. Asche, das Sinnbild der Vergänglichkeit, der Buße für alle Sündenschuld, die den Tod in die Welt brachte. Asche aus geweihten Zweigen von Palm- und Oliven- bäumen oder Buchsbaum. Feierlich vom Priester 143 gesegnet und den Gläubigen aufs Haupt gestreut. ,, Memento homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris." ,, Bedenk o Mensch, Staub bist du und kehrst zurück zum Staube." halb ihres A abzugeben u Stellen zu un sicherung al Dieser erste des industrie eignisse zuni Verschuur v 20. Mai 1944 UNTER DEN ZUGÄNGEN des letzten Monats entdecke ich einen Bekannten aus Holland. Es ist Dr. Timotheus Verschuur, ehemals Wirtschaftsminister im niederländischen Kabinett. Verschuur reichte in seiner Amtszeit einen vielbeachteten Gesetzentwurf ein, über den der vatikanische ,, Osservatore Romano" berichtete. Es handelt sich bei dem Entwurf um die erste Etappe auf dem von der Enzyklika ,, Quadragesimo anno" vorgezeichneten Weg zur Erreichung einer neuen berufständischen Gesellschaftsordnung. Der Gesetzentwurf wurde von der Kammer angenommen. Er bietet den Arbeitgebern und Arbeitnehmern die Möglichkeit, sogenannte autonome Industrieräte zu bilden. Ihre Aufgabe besteht darin, an Stelle des staatlichen Zwangs zur friedlichen Zusammenarbeit die freiwillige und freundschaftliche Verständigung zu setzen. Die Industrieräte sollen Beratungsorgane sein, denen die Berechtigung zusteht, Gesetzesvorschläge auszuarbeiten und der Kammer vorzulegen. Sie sollen die Ausführung der bestehenden Gesetze überwachen und als Friedensstifter in Streitfällen tätig sein. Es ist ihnen auch das Recht eingeräumt, inner144 zäher Hartr deutschen B tischen, libe Zusammen, eine neue Z Der deutsch Wind von d hinter Schlo Gemeinsam großen Zuid ganze Provi Fraktionsfül und einigen lande mußt Sachsenhau Das Einlebe Der undefin Not in uns hart auf d Atmen. Sie sind gli zugeteilt. E weisen, find 10 Ballhorn/ D ot gestreut. pulverem ist du und ats entdecke Timotheus im niedervielbeachatikanische delt sich bei em von der hneten Weg chen Gesellde von der ehmern die strieräte zu Stelle des ammenarbeit erständigung tungsorgane Gesetzesvorvorzulegen. den Gesetze itfällen tätig äumt, innerhalb ihres Arbeitsbereiches gutachtliche Äußerungen abzugeben und diese den zuständigen staatlichen Stellen zu unterbreiten und in Sachen der Sozialversicherung als beratende Körperschaft tätig zu sein. Dieser erste Schritt zu einer korporativen Neuordnung des industriellen Lebens ist durch die politischen Ereignisse zunichte gemacht. Verschuur vertrat seine katholischen Prinzipien mit zäher Hartnäckigkeit. In den ersten Jahren der deutschen Besetzung arbeitete er aktiv mit protestantischen, liberalen und sozialistischen Parteiführern zusammen, um erprobtes demokratisches Erbgut in eine neue Zeit zu retten. Der deutsche Sicherheitsdienst in Den Haag bekam Wind von der Sache und setzte die führenden Köpfe hinter Schloß und Riegel. Gemeinsam mit Dr. Ringers, dem Baumeister der großen Zuiderzee- Werke, durch die Holland um eine ganze Provinz bereichert wird, Koos Vorrink, dem Fraktionsführer und Parteivorsitzenden der Sozialisten, und einigen anderen politischen Größen der Niederlande mußte Dr. Verschuur den Passionsweg nach Sachsenhausen antreten. Das Einleben fällt den ,, Prominenten" recht schwer. Der undefinierbare Gestank, der treue Begleiter der Not in unseren Bretterkäfigen, legt sich ätzend und hart auf die Brust und erschwert den Neuen das Atmen. Sie sind glücklicherweise einer relativ guten Baracke zugeteilt. Es gibt andere, deren Bretter Astlöcher aufweisen, fingerhutgroß oder größer. In ihnen wimmelt 10 Ballhorn/ Die Kelter 145 dunkelbraun- rotes Leben- unzählbare Wanzen! Die in feuchten einzigen Genießer in diesen Holzverschlägen. Auch die Kost macht Beschwerden. Die tägliche Kohloder Steckrübenbrühe und das bittere Brot verursachen bei allen Neuen Magen- und Darmstörungen. Unser Brot ist ein wahres Elendsgebäck geworden, echtes, schlechtes Hungerbrot. Es hat keine Lockerung, hat einen dunkelgraugrünen, unappetitlichen Farbton und eigenartigen, unangenehmen Geschmack - mit bitterem Nachgeschmack. Manchmal knirscht es zwischen den Zähnen: Verunreinigung durch Sand. Einem Gebäck von derartiger Beschaffenheit und Zusammensetzung ist die Bezeichnung Brot schwerlich zuzuerkennen. Es erinnert vielmehr an Erzeugnisse, wie sie einst in Zeiten von Miẞernten und darauffolgenden Hungersnöten als ,, Hungerbrot" bereitet wurden und den hungernden Menschen wenigstens zur Vortäuschung eines Sättigungsgefühls dienen konnte. Aber der Hunger treibt's in den Magen, sosehr er auch rebellieren mag. Verschuur hat auf seinen sozialen Studienreisen viel Elendsbilder in Mietskasernen und Hinterhäusern gesehen. Er kennt soziale Not. ,, Mit einer schlechten Wohnung kann man genau so gut einen Menschen umbringen wie mit einer Axt", lautet einer seiner Sätze. Das Elend von Sachsenhausen überschreitet nach ihm das Maß des Vorstellbaren. ,, Mir graut vor dem Elend, das hier haust. Menschen hausen hier? Menschen? Sind es nicht Kröten, die unter dunklem Stein sitzen? Nicht Spinnen, die in Ecken kauern? Nicht Asseln, die Arbeitstiere. Aber es wir hören, die di und die Wa hören, die u EINE HUND sich zuschul Einem zum vor der öffe fünfzig Stock Bewußtlosen Galgen und Bagatellsach Ein Zugang Zwischenruf sönlich zusa abkommand Robert, der beim Hinric Hinrichtung der strengs eine Bahnst Städtchens Jeder Beda wird im Ha ist vorhand pfleger, eig 146 10* en! Die e Kohlot verrungen. worden, in feuchten Löchern leben? Menschen? Nein! Arbeitstiere." Aber es wird eine Zeit kommen, wo wir die Hämmer hören, die diese elendigen Käfige, die grauen Mauern und die Wachttürme zertrümmern, wo wir die Äxte hönen, die unsere Gruft sprengen. Locketitlichen schmack knirscht ch Sand. und Zuwerlich ugnisse, daraufbereitet nigstens dienen gen, sosen viel sern geChlechten enschen r seiner nach ihm m Elend, enschen? n sitzen? sseln, die 14. Juli 1944 EINE HUNDSGEMEINHEIT HABEN unsere Schinder sich zuschulden kommen lassen. Einem zum Hängen verdammten Häftling haben sie vor der öffentlichen Hinrichtung auf der Lagerstraße fünfzig Stockhiebe aufgezählt. Den vor Schmerzen fast Bewußtlosen schleppten herzlose Schergen unter den Galgen und drehten ihn hoch. Der Grund war eine Bagatellsache. Ein Zugang, der seiner hellen Empörung durch Zwischenruf Luft machte, wurde vom Lagerführer persönlich zusammengeschlagen und zur Strafkompanie abkommandiert. Robert, der Neger aus den Vereinsstaaten, rühmte beim Hinrichtungsappell Einrichtung, Lebensweise und Hinrichtung in Sing- Sing, dem berüchtigten und einem der strengsten Gefängnisse Amerikas. Es liegt etwa eine Bahnstunde von New- York, oberhalb des kleinen Städtchens Ossining am Hudson. Jeder Bedarf wird im Gefängnis selbst gedeckt. Alles wird im Haus hergestellt. Sogar eine Zigarettenfabrik ist vorhanden. Eigene Heilgehilfen und Krankenpfleger, eigene Kirche und Schule. 10* 147 In den Zellen bleiben nur jene Gefangenen, die sich gegen die Hausordnung vergangen haben. Jede Unterhaltung ist streng verboten. Eine Art Taubstummensprache mit den Lippen wird als Ausweg benutzt. Nach Arbeitsschluß kehren die Gefangenen aus den Betrieben in ihre Zellen zurück. Sie liegen längs endloser Korridore. Statt Türen gibt es eiserne Gitter. Die Gefangenen sind so dauernd in Sicht. Die Besuchsstunde findet für alle gleichzeitig statt in einem durch zwei parallel laufende Eisengitter geteilten großen Saal. An dem einen Gitter stehen die Gefangenen, an dem anderen die Besucher. Man darf sich nicht die Hand reichen, ebensowenig umarmen. Man muß miteinander schreien, um sich im allgemeinen Lärm verständlich zu machen. In den Todeszellen sind die Menschen, auf die der elektrische Stuhl wartet, eingeschlossen. Der elektrische Stuhl steht in einem Raum mit zwei Eingängen. Der eine ist der Eingang für die Verurteilten. Die elektrische Maschinerie steht im Nebenraum und wird nachdem durch eine Metallkappe auf dem Kopf und einen Draht am Fuß des Todeskandidaten der Stromkreis geschlossen ist vom unsichtbaren Henker eingeschaltet. - Heute tötet er augenblicklich. Bei seiner ersten Anwendung vor einigen Jahrzehnten allerdings war die benutzte Voltzahl ungenügend, und der verurteilte Neger mußte eine Viertelstunde leiden. Wir lauschen solchen und ähnlichen Berichten mit gespannter Aufmerksamkeit. Sie bieten Vergleichsmöglichkeiten und lassen den gewaltigen Abstand zwischen Zivilisation und Barbarei erkennen. DIE MONA 1944 sind n hergehende faßbar über Wir spüren Heinkel, se tausend Hä fielen vor Einige hund wurden geb Fast jede N unseren Ba Strohsäcker Splittergräb Im August die hunder der Haupts näre. Krimi der derzeiti Born, habe Verbrecher Mord bis z Giftgeschic Wort. Es is genährter geht. Baracke 58 Lager völl fünf Jahre Mann, Ka Prügel un 148 ns 28. Oktober 1944; Inter- DIE MONATE RÜCKEN weiter. Sommer und Herbst nen 1944 sind nicht minder blutig und schwer als vor- = hergehende. Die Tage stehen goldig und blau, un- en faßbar über dem Ring der Vernichtung. s end- Wir spüren den Bombenkrieg. Auf das Zweiglager Sitter. Heinkel, sechs Kilometer von uns, wo rund sechs- tausend Häftlinge im Flugzeugbau beschäftigt sind, "statt fielen vor einiger Zeit die ersten Bombenteppiche.| er ge- Einige hundert Tote und zahlreiche Schwerverletzte in die wurden geborgen. n darf_ Fast jede Nacht haben wir Luftalarm. Wir bleiben in rmen. unseren Baracken, zusammengepfercht auf unseren allge- Strohsäcken. Wohin sollen wir auch? Bunker und Splittergräben gibt es nicht. je der Im August wurden auf Anordnung der Gestapo an ‚Jektri- die hundertfünfzig Verhaftungen vorgenommen. In ängen. der Hauptsache ehemalige Abgeordnete und Funktio- n. Die näre. Kriminelle und asoziale Banditen, an der Spitze n und der derzeitige Lagerälteste Samuel Kuhnke und August ıf dem i Born, haben sie denunziert und ihnen wahnwitzige jidaten Verbrechen in die Schuhe geschoben. Vom politischen ıtbaren Mord bis zur Kokain- und Opiumschiebung, von tollen Giftgeschichten bis zum Geheimsender. Kein wahres : Wort. Es ist nichts anderes als ein von Neid und Haß &* genährter Kampf um Positionen, der über Leichen a.= geht. urteilte Baracke 58 wird als Gefängnis eingerichtet und vom e Lager völlig isoliert. Ein wegen Homosexualität zu fen fünf Jahren Zuchthaus verurteilter ehemaliger SS- gleich“ Mann, Karl Schwerbel, macht den Blockältesten. ypstand Prügel und vielfache Schikanen sind seine„Haus- 149 mittel". Besonders nachts frönt er seiner perversen Lust und miẞhandelt seine Opfer bis aufs Blut. Um der äußeren Form zu genügen, finden Vernehmungen statt. Im Krematorium, in dessen Vorraum Bock und Peitsche drohen. Das Zeremoniell bei allen Vernehmungen ist das gleiche. Drohungen und Hiebe als Auftakt. Dann Protokoll. Prügel und Todesdrohungen zum Abschluß. Reinhold S. erhielt hundertsechzig Stockhiebe. Sein Gesäß ist geplatzt. Wimmernd und fiebernd liegt er auf dem Bauch. Furchtbare Qual bereitet ihm das Verrichten der Notdurft. Seine verzerrten, schmerzbebenden Lippen murmeln leise Haßflüche. - - Otto Kröbel aus Leipzig, der jahrelang in der Ambulanz arbeitete, soll einen jungen Polen, Leo K. aus Warschau, aus politischen Motiven erhängt haben. Einwandfreie Zeugenaussagen erhärten, daß Leo K. aus Liebeskummer er hatte ein homosexuelles Verhältnis, das zerbrach Selbstmord verübt hat. Der Vorfall liegt bereits mehr als ein Jahr zurück. Jeder ältere Lagerhase kennt die Affäre in allen Einzelheiten. Otto Kröbel hat nicht das geringste damit zu tun. Übrigens weiß jeder, der ihn näher kennt, daß er keiner Fliege ein Leid zufügen kann. Aber er ist alter Kommunist. Das genügt. Seit 1939 im Lager. Vorher einige Jahre Zuchthaus. Man foltert ihn, steckt ihn wochenlang in Dunkelarrest. Ohne Decke und Strohsack. Bei Wasser und Brot. Ein anderer Fall. Gustel Sandtner aus Bayern. Blockältester im Revier III. Er war schon in der Münchener Rätezeit aktiver Politiker. Saß in der Weimarer Zeit drei Jahre nach dem R Schutzhaft. Frieden. Di ihm einen( bildung im Hans Rothb zuletzt Vor eine Rote Rechtssinn liche Saube Ähnlich lie Vor einige ihnen zu s Außerhalb Rudi Mokr Thesen, el Horn aus Sachse, Er berger, wa Uber hund dem berü bei Linz t Viehwage Das Essen so viel E worden si Im Viehw 150 versen ernehOrraum ei allen Hiebe Todese. Sein egt er m das hmerzAmbuK. aus haben. Leo K. es Verat. Der . Jeder Einzelamit zu daß er st alter Vorher ckt ihn StrohBlockchener drei Jahre im Zuchthaus wegen Hochverrats. 1933, nach dem Reichstagsbrand, nahm ihn die Gestapo in Schutzhaft. Seither kennt er weder Freiheit noch Frieden. Die verbrecherischen Denunzianten dichten ihm einen Geheimsender und kommunistische Zellenbildung im Lager an. Hans Rothbarth, Kaufmann und in Dresden ansässig, zuletzt Vorarbeiter im Krankenbau, wird beschuldigt, eine ,, Rote Hilfe" organisiert zu haben. Sein starrer Rechtssinn ist bei uns sprichwörtlich. Seine persönliche Sauberkeit unbestritten. Ähnlich liegen die anderen Fälle. Vor einigen Tagen holte man siebenundzwanzig von ihnen zu später Abendstunde gefesselt aus Block 58. Außerhalb des Lagers wurden sie erschossen. Rudi Mokry, der lustige Hamburger, der stille Matthes Thesen, ehemals Mitglied des Reichstags, Dietrich Horn aus Dortmund, Willi Grübsch, der gesprächige Sachse, Ernst Fürstenberg, der grillenhafte Königsberger, waren darunter. Über hundert Verleumdete werden strafweise nach dem berüchtigten Konzentrationslager Mauthausen bei Linz transportiert. Zu achtzig im geschlossenen Viehwagen. Das Essen war in der letzten Zeit so schlecht und mit so viel Ersatzmitteln gestreckt, daß viele krank geworden sind. Die Ruhr zerschrinnt ihnen die Därme. Im Viehwagen gibt's keine Austrittmöglichkeit. rer Zeit 151 10. November 1944 DIE LAGERFÜHRUNG MACHT bekannt, daß politisch vorbestrafte Häftlinge sich freiwillig zur SS- Bewährungseinheit ,, Dirlewanger" melden können. Die Freiwilligkeit steht auf dem Papier. Alle Hochverräter" werden nach dem Abendappell zur Meldung aufgefordert. Darunter viele ,, Wehrunwürdige". SS- Untersturmführer Höhne baut sich vor ihnen auf, redet gemacht, forsch und aufgebläht von Auswischen alter Schuld. Beste Sühne sei die Tat und ähnliche Phrasen. Dann kommt die Frage: Wer weigert sich, dem Ruf des Vaterlandes in der Stunde der Gefahr zu folgen?" Natürlich weigert sich niemand. Das wäre sicherer Tod. Wir kennen das. Einige haben sich während der Phrasendrescherei heimlich verdrückt. Sie entgehen der Einschreibung in die Meldeliste. Die Einkleidung in SS- Uniform war für alle der bitterste Tag ihres Lebens. Mehr als ein Jahrzehnt trugen sie alle Mühen und Qualen der Haft, haßten den Rock und die Zeichen ihrer Schinder als Symbole der Tyrannei und blutigen Unterjochung. Und nun tragen sie selbst Hakenkreuz und Totenkopf. Sie werden in Kürze in der Slowakei eingesetzt werden. Die Ausbildung dieser aus ,, Konzentrationären" gebildeten verlorenen Haufen ist sehr befristet. Im Herbst des letzten Jahres wurde eine aus Kriminellen und Asozialen bestehende SS- Einheit nach zehntägiger Vorbereitung bei den Straßenkämpfen 152 in Warscha entsprechen Dem, politi ES IST BI stehen. Rei wellt sich a Sand, der hungernde Die silber nahe träum sie uns ve haben. Jet in langen Es komme Ungarn, K bärmlich a Uber hun Sklavenjäg nagelt wu Es gab we noch Sch fernung d Es waren rollenden fahrt. Sie bieten ein zwei glan Lippen s strähnig olitisch Bewähie Freiin Warschau eingesetzt. Die Verluste waren natürlich entsprechend hoch. Dem ,, politischen Haufen" wird's kaum besser ergehen. dappell ,, Wehrmen auf, wischen hnliche em Ruf Folgen?" sicherer escherei reibung alle der ahrzehnt haßten Symbole tenkopf. ngesetzt ren" ges Krimieit nach kämpfen 9. Dezember 1944 ES IST BITTER kalt morgens, während wir Appell stehen. Reif liegt auf allen Dächern der Baracken. Er wellt sich auf dem märkischen Sand, diesem verhaẞten Sand, der schon seit Jahren soviel Schweiß armer, hungernder, todgeweihter Menschen in sich hineinzog. Die silbergrauen Reifwellen des Sandes wirken beinahe träumerisch, harmlos, verzaubert, als wollten sie uns vergessen lassen, was wir auf ihm erlitten haben. Jetzt stehen aschfahle, bartstoppelige Juden in langen Doppelreihen darauf. Es kommen neuerdings viele Juden ins Lager. Aus Ungarn, Kroatien und der Slowakei. Sie sehen erbärmlich aus. Der Transport hat sie so mitgenommen. Über hundert preßten, stopften und pferchten die Sklavenjäger Himmlers in je einen Waggon, der vernagelt wurde. Tage- und nächtelang dauerte die Fahrt. Es gab weder Wasser noch Brot. Weder Ruhepausen noch Schlaf. Weder Austrittmöglichkeit noch Entfernung der elend Verhungerten und Erstickten. Es waren Kinder unter vierzehn Jahren in diesen rollenden Särgen. Nur wenige überlebten die Höllenfahrt. Sie sind fast in sich zusammengesunken und bieten ein jammervolles Bild. Die Augen sitzen wie zwei glanzlose Knöpfe in den Höhlen, die blassen Lippen sind die Haare hängen strähnig über zerknitterte, fast greisenhafte Stirnen. schmerzverzerrt, 153. Elende Bündel Fleisch, von verschmutzten, nach Fäkalien stinkenden Anzügen notdürftig zusammengehalten. Ein sechsjähriger Zigeunerbub überstand das Grauen. Seine kohlrabenschwarzen Augen glühen Haẞ. Sein Vater liegt zwischen den vielen unbekannten Toten. Die Mutter ist nach dem Frauenlager Ravensbrück transportiert worden. Wie Hyänen das Aas, umstreichen einige Kriminelle den frostschlotternden Elendshaufen. Für einen Schluck Wasser, einen Kanten Brot ergaunern sie Uhren, Zierate und kostbare Ringe. DIE KONZ 154 sind seit vi Die Häftlin So sagt di Angst vor Schrecken Der Tod H sich durch lumpen, du Heute kam aus Ober Gefangene Darunter e der nicht und leblos Einige Hä Nummer. roten Drei Buchstabe politische als wir di nach menge1945 * Grauen. B. Sein Toten. sbrück minelle Schluck Uhren, 28. Januar 1945 DIE KONZENTRATIONSLAGER ÖSTLICH der Oder sind seit vierzehn Tagen auf dem Marsch nach Westen. Die Häftlinge sollen nicht in russische Hände fallen. So sagt die SS. In Wirklichkeit hat sie schlotternde Angst vor den Russen. Sie flüchtet in panischem Schrecken und jagt die Häftlingsmassen vor sich her. Der Tod hält grausige Ernte. Die Winterkälte friẞt sich durch die dünnen, verschlissenen Sträflingslumpen, durch Haut und Knochen. Heute kamen Teile eines- in offenen Güterwaggons aus Oberschlesien nach Oranienburg überführten Gefangenentransportes an. 238 Erfrorene, 72 Halbtote! Darunter ein Achtjähriger. Ein grauenhafter Anblick, der nicht zu beschreiben ist. Worte sind da farblos und leblos. Einige Häftlinge tragen blecherne Marken mit ihrer Nummer. Nun sind es ihre Totenmarken. Die kleinen, roten Dreiecke an Jacke und Hose mit eingedruckten Buchstaben weisen sie als polnische und ukrainische politische Häftlinge aus. Niemand von uns spricht, als wir die entstellten und entseelten Körper in den 155 Leichenkeller der Pathologie@bschleppen. Personal- papiere fehlen. Die Toten sind nicht zu identifizieren. Vergebens werden ihre Angehörigen auf eine amt- liche Todesnachricht warten. Es beginnt zu schneien, während wir die noch Leben- den auf Bahren betten. Einer liegt am Rand des Last- wagens. Er muß erst gerade erstarrt sein. Seine Hände liegen graubleich auf einer schrecklichen Brust- phlegmone. Der Mund steht offen. Speichel drängt heraus— vielleicht rief er noch vor Stunden nach seiner Mutter. Sein Gesicht ist jung. In die weit- aufgerissenen Augen rinnt erbarmungslos das Schnee- wasser. Dreihundert schwerkranke Häftlinge wurden heute vormittag am Bahnhof Sachsenhausen in vier Viehwagen verladen. Die Waggons schmutzig, ohne Stroh, ohne Ofen, ohne Decken. Auch keine Ver- pflegung. Ob sie je ihren Bestimmungsort, das Kon- zentrationslager Belsen bei Hannover, erreichen wer- den? Wir haben Anweisung, weitere Transporte für Belsen vorzubereiten. Es sind Pläne entworfen für die Gesamtevakuierung des Lagers, falls die Oder- front nicht halten sollte. Die Kranken, die älteren Jahrgänge und Körperbehinderte sollen nach Belsen, eine zweite Märschsäule nach Buchenwald und eine dritte nach Dachau in Bewegung gesetzt werden. Zu- vor sollen„aussichtslose Fälle”— Tuberkulöse, In- 2 fektionskranke, Körperschwache— ausgesondert und liquidiertt werden. Wenn es zu einer Evakuierung kommen sollte, sehen wir alle sehr schwarz. Die Schreckensbilder des heutigen Tages haben es. uns gezeigt: Ein furchtbares Massensterben wird anheben. 156 Alles Grübe zern schwer haft tragen. kein Komp schaulichkei scharfe Ve Wir brauch: DIE SO GE) der an. Urs Tussischen Eberswalde Vergangen: zeibeamte geholt, lig Freund Fer, das ihn ins Schutzhaft. Tung des E Heimat un Dit dem 7 Kamerade; Haftzeit 7 Versucht, gelehnt, M Nach Dres gesetzt w Aungski Ricktrang die Strafke eTsonal- fizieren, 1e ami- ‚ Leben- es Last- » Hände Brust- drängt m nach ie weit- Schnee- wurden in vier ig, ohne ne Ver- jas Kon- 1en wel orte für rfen für ig Oder , älteren } Belsed ind eine ‚den. ZU jöse, In ‚dert und Alles Grübeln ist zwecklos. Mag das Herz von Seuf- zern schwer sein, wir müssen unser Schicksal mann- haft tragen. Bis zur Stunde unseres Todes. Uns rettet kein Kompromiß, kein weiches Versinken in Be- schaulichkeit. Uns rettet nur Entschiedenheit, nur der scharfe Verstand, nur die rücksichtslose Energie. Wir brauchen klare, harte Köpfe und gläubige Herzen. 2. Februar 1945 DIE SO GEFURCHTETEN Sonderaktionen laufen wie- der an. Ursache soll der plötzliche Durchbruch einer russischen Panzerspitze über die Oder in Richtung Eberswalde sein. Vergangene Nacht hat man 19 luxemburgische Poli- zeibeamte aus der Strafkompaniebaracke 13 heraus- geholt, liquidiert und verbrannt. Darunter meinen Freund Ferdinand N. aus Diekirch. Sein„Verbrechen”, das ihn ins Konzentrationslager und nach dreijähriger Schutzhaft zum Tode führte, bestand in der Verweige- sung des Eides auf Hitler. Er hat die seiner geliebten Heimat und seiner Großherzogin geschworene Treue mit dem Tode besiegelt. Gleich ihm seine tapferen Kameraden. Dreimal hat man sie im Laufe ihrer Haftzeit mit Zuckerbrot und Peitsche zu überreden versucht. Dreimal haben sie stolz und mannhaft ab- gelehnt. Man transportierte sie im vergangenen Herbst nach Dresden. Dort sollten sie im Straßendienst ein- gesetzt werden. Harte Drohungen und sanfte Über- redungskünste machten sie nicht weich. Nach ihrem Rücktransport ins Lager kamen sie geschlossen in die Strafkompanie. 42 Kilometer mußten sietäglich 157 marschieren. Rund um den Appellplatz. Der Marschweg führte über aufgerissene Wegstrecken, über aufgeschütteten Schotter, aufgefahrenen losen Sand, durch Wasserpfützen und über aufgerauhten Beton. Alles eigens für die Strafkompanie präpariert. Viele der Gehetzten marschierten in zu engen, drückenden Stiefeln, andere in ausgelatschten Pantinen. Einige schleppten mühsam Sandsäcke, bis zu zwanzig Kilo Gewicht. Von Oktober bis zum Februar. Bei Wind und Wetter, Regen, Schnee und Frost. Steckrüben und bitteres, klebriges Brot die einzige Nahrung. Nur die Hoffnung auf baldige Befreiung hielt die Tapferen hoch. Und nun dieses Ende. Sieben Engländer, die 1941 in Nordnorwegen gefangen wurden und seit Anfang 1944 im Lager sind, teilen ihr Schicksal. Auch Boris, ein russischer Arzt aus Rostow am Don, ist nächtens von der Seite seiner kranken Landsleute fortgeholt und umgelegt worden. Weiter eine Reihe junger Polen, einige Franzosen und Holländer. 7. Februar 1945 DIE MORDAKTIONEN GEHEN weiter. Tag und Nacht. Aus dem Krankenbau holte Rapportführer Böhm vorgestern die kranken russischen Kriegsgefangenen heraus. Zweiundvierzig bleiche, wankende Elendsgestalten. Gestern waren es hundert aus der TbcStation. Angehörige aller Nationen, außer Norwegern. und Dänen. In den Krankenbaracken herrscht große Erregung. Hans Gärtn torium, stel Dann plaud Schlaftablet von ihm. Ei Leiter des N Häftlinge s zu den Kre Schlacken sie einen n säure ist in beschaffen betäubt und und seine einen Spo geweihten Kopf zu sc DIE MASSE zu sein. Üb kenbau sin geschleppt frühere so und Dr. H und Garte trationslag mit der Au haben alle verstorben 158 Hans Gärtner, der kriminelle Vorarbeiter vom Krema- torium, steht seit Beginn der Aktion unter Alkohol. Dann plaudert er. Gestern kam er und bat um Schlaftabletten. Grauenhafte Einzelheiten erfuhren wir von ihm. Ein Oberscharführer aus Dachau, Moser, ist Leiter des Mordkommandos. Fünfundzwanzig jüdische Häftlinge schleppen die Leichen aus der Gaskammer zu dem Krematoriumshöfen. Mit einem Gemisch aus Schlacken und verkohlten Knochenresten pflastern sie einen neuen Weg. Bei Gasmangel— Zyklon-Blau- säure ist infolge Transportschwierigkeiten schwer zu beschaffen— werden die Opfer durch Schädelschläge betäubt und lebend auf die Pfannen geworfen. Moser und seine SS-Henker machen sich zuweilen im Suff einen Sport daraus, den schreckgelähmten Tod- geweihten Zigaretten aus dem Mund oder Äpfel vom Kopf zu schießen. 16. Februar 1945 DIE MASSENMORDAKTION SCHEINT abgeschlossen zu sein. Über 3900 Opfer fielen! Allein aus dem Kran- kenbau sind mehr als 700 Patienten zur Gaskammer geschleppt worden. Darunter Laurenz Breunig, der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, und Dr. Hellmuth Späth, der Berliner Baumschulen- und Gartenbaufachmann. Einige aus dem Konzen- trationslager Auschwitz entkommene SS-Männer sind mit der Ausstellung der Totenscheine beschäftigt. Sie haben alle den gleichen Wortlaut:„Auf Transport verstorben“. 139 Am Sonntag ging ein zweiter Transport nach Belsen ab. Diesmal an die tausend Häftlinge. Zwei ehemalige Minister, darunter M. Dr. Timotheus Verschuur, früherer holländischer Wirtschaftsminister, und Arthur Vanderpoorten, Innenminister im letzten belgischen Vorkriegskabinett. Beide waren gute, hilfsbereite Kameraden. Auch unsere ,, Prominenz" mehrere jugoslawische Diplomaten und niederländische Theologen, darunter der Sekretär des Bischofs von Roermond, Drs. Leo Moonen ist bereits verfrachtet. Bestimmungsort unbekannt. Gemunkelt wird, ihre Namen ständen auf - der Todesliste. Honved. Se sie jüdische Schwangers Nest, aufge der Gefäng Todunglück keimenden Sie plauder zwischen G Heimatdorf Nistkästen ihr Nest auf von fröhlich von Flieder 15. März 1945 DIE AUER- WERKE IN Oranienburg wurden am Nachmittag bombardiert. 2000 weibliche Häftlinge waren dort beschäftigt. Schwerverletzte werden ins Lager getragen. Eine Revierbaracke wird für sie eingeräumt. Die lebend Entkommenen werden in Lagerbaracken untergebracht. 600 bis 700 in einem Block. Die Wasserzufuhr ist unterbrochen. Es müssen im ganzen Lager offene Latrinen erstellt werden. Zwei Frauen bringen ihre Säuglinge mit, Lebewesen von zwei und sechs Monaten. Eine Geburt findet im Aseptischen Operationssaal statt. Vier Ärzte, davon zwei Gynäkologen, überwachen die erste Entbindung im Konzentrationslager Sachsenhausen. Die Wöchnerin, eine junge, ungarische Jüdin, strahlt in ihrem Mutterglück. Es ist ihr erstes Kind. Der Vater, ein katholischer Journalist aus Budapest, kämpft irgendwo im Osten als Offizier der 160 eine locker Donau mit Meer der s und Schreie Großstadt f wurde. Ihr Dauer. Ein Oktober 19 Operationss Ihr Lebens 7 Hoffnung Hoffnung e ihr Licht z STRAHLEN Wölkchen streichelt si 11 Ballhorn/ L Belsen emalige schuur, Arthur gischen sbereite wische arunter rs. Leo ungsort den auf m Nache waren s Lager geräumt. baracken ssen im bewesen tionssaal n, überionslager ngarische hr erstes Honved. Seit sechs Monaten ist sie in Haft. Nur weil sie jüdischen Blutes ist. In der schwersten Zeit ihrer Schwangerschaft flatterte sie wie ein Vöglein ohne Nest, aufgescheucht, durch die harte, bittere Welt der Gefängnisse. Innerlich zerrissen und gehetzt. Todunglücklich im Gedanken um die Zukunft des keimenden Lebens. Sie plaudert von ihrer glücklichen Jugend, vom Spiel zwischen Getreidefeld und Waldesrand, von ihrem Heimatdorf, wo die Amseln sangen und Stare die Nistkästen mit Leben füllten und im Lenz die Störche ihr Nest auf dem Dach bezogen. Wo Straßen und Stege von fröhlichem Kinderlärm widerhallten. Sie plaudert von Fliederduft und Schneeinsamkeit. Später zog sie eine lockende Zukunft in die große Stadt an der Donau mit ihren Palästen und Mietskasernen, dem Meer der steinernen Häuser, dem Jagen und Hasten und Schreien der Gassen und Plätze. Im Strudel der Großstadt fand sie Christus, der ihr Licht und Lehrer wurde. Ihr blühendes Eheglück war nur von kurzer Dauer. Einer polizeilichen Jagd auf Juden Ende Oktober 1944 fiel sie zum Opfer. Nun liegt sie im Operationssaal, die junge Mutter, strahlend und müde. Ihr Lebensglück ist unbarmherzig zerschlagen. Die Hoffnung aber flackert in den dunklen Augen. Die Hoffnung eines neuen Lebens. Ihr Neugeborenes ist ihr Licht zwischen Nacht und Morgenrot. 19. März 1945 alist aus fizier der STRAHLENDE FRÜHLINGSSONNE. WENIGE leichte Wölkchen schweben im Himmelsblau. Die Sonne streichelt sie sacht. 11 Ballhorn/ Die Kelter 161 Heute morgen wurde die junge Ungarin mit ihrem Säugling vom Krankenbau zum Krematorium gebracht. Auf Befehl Himmlers mußte die ,, jüdische Brut" vernichtet werden. Vor einigen Tagen holte ein SS- Mann den Blockschreiber von Block 4, Hans Hollmann, zum Rapportführer. Er kam nicht wieder zurück. Einer seiner Landsleute, Vorarbeiter auf dem Industriehof, sah, wie er zum Krematorium geführt wurde. Hollmann war seit 1939 im Lager. In seiner Sudetenheimat leitete er einen Glaswarenbetrieb. Seine Beziehungen zum Otto- Straßer- Kreis waren der Anlaß zur staatspolizeilichen Verhaftung, jahrelangen martervollen Schutzhaft und schließlichen Ermordung. Ein wertvoller Mensch und lieber Kamerad, in dessen sozialistischen Ideen das ernste Feuer christlicher Nächstenliebe brannte. Welche Last liegt doch auf unseren Schultern. Fast kein Tag vergeht ohne irgendein teuflisches Verbrechen. Wir leben in einer Welt, die in tollen Wirbeln aus der Bahn rast. Hätten wir nicht die Gnade vom Kreuze des Herrn, die rettenden Gedanken der Ewigkeit, wir würden zusammenbrechen unter dieser Last. So gehen wir den Weg der Passion, den Kreuzweg des Mannes der Schmerzen. verrichten, der ausgeb noch enger dort grausl Die Wasch Wäsche gil pulver zun fehlt an Bl und Bürste rar. Handt handen. Ei Zu fünf lied müssen auf Decke. Dal noch fros bleiben nic barbarisch knuffen un lichen Vo Blondine, d wildgeword quälten ein Alles, was risch ist, lichen SS flätig, gem Wie könne 30. März 1945 DIE ZUFUHR VON Frauen hält an. Die ständige Bombardierung der Berliner Rüstungsbetriebe, in denen Tausende von gefangenen Frauen schwerste Arbeiten tarisierten fast dämor Ausrotten lichen Seel Hasses sch 11° 162 t ihrem ebracht. ut" verBlockRapportLandswie er Sudeteneine Benlaß zur marterung. Ein dessen istlicher ern. Fast es Verlen WirLe Gnade nken der er dieser en KreuzHige Bomin denen Arbeiten verrichten, zwingt die Sklavenhalter zur Räumung der ausgebrannten Fabriken. Im Lager werden sie noch enger zusammengepfercht als wir. Es herrschen dort grausliche Zustände. Die Waschräume sind völlig unzureichend. Saubere Wäsche gibt es nicht. Ebenso wenig Seife oder Waschpulver zum Reinigen der schmutzigen Garnitur. Es fehlt an Blechnäpfen, Bechern und Löffeln. Zahnpasta und Bürste sind unerschwinglicher Luxus. Kämme sehr rar. Handtücher sind in beschränkter Anzahl vorhanden. Eins muß für zehn Frauen reichen. Zu fünf liegen sie nachts auf zwei Strohsäcken. Viele müssen auf dem Fußboden schlafen, einige sogar ohne Decke. Dabei sind die Nächte sehr kühl, manchmal noch frostig. Erkältungskrankheiten, Pneumonien, bleiben nicht aus. Die Blockführerinnen führen ein barbarisch strenges Regiment. Sie treten, schlagen, knuffen und schikanieren schlimmer als ihre männlichen Vorbilder. Besonders eine hochgewachsene Blondine, die ,, blonde Bestie", tobt zuweilen wie eine wildgewordene Furie, peitscht blindwütig auf die Gequälten ein, zerrt sie an den Haaren durch den Sand. Alles, was dekadent, pervers, sadistisch, verbrecherisch ist, hat sich in diesem Hyänenklub der weiblichen SS zusammengefunden. Ihre Sprache ist unflätig, gemein, ihre Gesichter vom Laster gezeichnet. Wie können Frauen so tief sinken wie diese mili-tarisierten Staatsweiber der SS? Sie entwickeln eine fast dämonisch anmutende Energie im Quälen und Ausrotten ihrer Opfer. Das Reich der fraulich- mütterlichen Seele ist ihnen verschlossen. Die Tiefe ihres Hasses scheint unerschöpflich. Hier toben sich Macht11* - 163 wollust und Herrschaftswahnsinn aus. Luziferische Bosheit glost aus ihren Augen. In der Krankenabteilung der Frauenisolierung liegen 160 bis 170 Halbverhungerte und Wundgeprügelte auf schmalstem Raum. Keine hat ein Bett für sich. Drei Betten stehen übereinander. Neben schweren Lungenfällen liegen Rheuma- und Nierenkranke. Diese Sünde am Menschen schreit zum Himmel. Sie zerstört alles Organische, entfesselt das Triebhafte, zertrümmert alle gewachsene Form der Kultur und Zivilisation. Die Bestie des totalitären Staates tobt sich hier aus. Alles, was gemein und schlecht, kommt hier vom Staat. Er hat die Willensfreiheit des Einzelmenschen gelähmt. Dieser Staat ist eine große, terrorisierende Bestie geworden, die Menschen hinrichtet, hinter Stacheldraht foltert, in den Krieg hetzt, Einzelschicksale knetet und zerhämmert. Hier erst erlebt man den neuzeitlichen, neuheidnischen Staat in seiner ganzen Gemeinheit. Jedermann haben sie ungefragt in diese Form hineingezwängt. Die Apokalypse kommt mir in den Sinn, das einzige prophetische Buch des Neuen Testamentes. Der heilige Johannes schrieb es während seiner Verbannung auf der Insel Patmos unter Kaiser Domitian um das Jahr 95. Der Herr enthüllte ihm das, was jetzt ist und was später kommen soll. Das geheimnisvollste Buch der Heiligen Schrift! In glühenden Farben malt der Heilige seherisch das grandiose Ringen zwischen Gut und Böse, zwischen dem Gottesreich und der Satansmacht. Im Symbol der beiden Tiere, Sinnbilder gottfeindlicher Weltmächte. ,, Ich sah aus dem Meere ein Tier auftau tern und z Häuptern s das ich sal Bärenfüße sem verlieh gewaltige wie zum T wurde geh Und man Macht geg den Worte ihm kämpf Lästermaul undvierzig Maul auf Seinen Na bürger. Es kriegen un alle Stäm werden es Name nic buch des Wer Ohr führte, wi dem Sch Hier gilt bewahren Die Tyra Tausende lich mah gegenübe 164 rische liegen te auf . Drei ungenel. Sie bhafte, ur und er aus. er vom enschen ierende hinter schickman den ganzen in diese einzige I heilige ung auf das Jahr und was Buch der der HeiThen Gut Satansder gottMeere ein Tier auftauchen mit zehn Hörnern und sieben Häuptern und zehn Kronen auf den Hörnern. Auf den Häuptern standen gotteslästerliche Namen. Das Tier, das ich sah, glich einem Panther. Seine Füße waren Bärenfüße und der Rachen wie ein Löwenmaul. Diesem verlieh der Drache seine Kraft, seinen Thron und gewaltige Macht. Ich sah eines von seinen Häuptern wie zum Tode verwundet. Aber seine Todeswunde wurde geheilt. Die ganze Welt staunte über das Tier. Und man betete den Drachen an, der dem Tiere die Macht gegeben, und man betete auch das Tier an mit den Worten: ,, Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm kämpfen?" Es wurde ihm ein großsprecherisches Lästermaul gegeben und die Macht verliehen, es zweiundvierzig Monate so zu treiben. Und es tat sein Maul auf zu Lästerungen wider Gott und lästerte Seinen Namen und Seine Wohnung und die Himmelsbürger. Es wurde ihm gestattet, die Heiligen zu bekriegen und zu besiegen. Auch bekam es Macht über alle Stämme und Völker, Sprachen und Länder. So werden es denn anbeten alle Weltbewohner, deren Name nicht seit Grundlegung der Welt im Lebensbuch des geschlachteten Lammes geschrieben steht. Wer Ohren hat, der höre. Wer in Gefangenschaft führte, wird selbst in Gefangenschaft gehen. Wer mit dem Schwerte getötet, muß durchs Schwert fallen. Hier gilt es für die Heiligen, Geduld und Glauben zu bewahren." Die Tyrannei dieser scheußlichen Bestie, an die uns Tausende toter Leidensgenossen täglich, ja stündlich mahnen, der wir tagein tagaus Auge in Auge gegenüberstehen, muß und wird gebrochen werden. 165 Die Gesetze der Gottesordnung lassen sich nicht ungestraft brechen. Die verletzten Ordnungen Gottes haben das Gesetz ihrer Rache in sich. Es bleibt keine Wahl zwischen der Freiheit der Kinder Gottes, die auch die Freiheit der Kinder dieser Welt trägt, und der Knechtschaft und dem Terror von Tyrannen, die so wenig die Freiheit achten wie der satanische Widerpart Christi. Alle aufsteigenden Kulturen haben im Zeichen des Kreuzes gestanden. Verschwindet dieses Zeichen, so bleibt nur noch ein Sterben. Was aus der Macht der Seele nicht geschieht weil in ihr die Religion nicht frei und ursprünglich wirken kann, das muẞ notwendig durch Terror von außen erzwungen werden, von einer geheimen Staatspolizei, einem Sicherheitsdienst. Die Folge ist, daß das positive Prinzip der Religion, das eigentliche Lebensprinzip der Völker, schließlich schwindet. Auf rein irdischer Ebene erzeugt Druck ständig Gegendruck, bis Klassenkampf und Revolution an den Rand der Anarchie treiben. Jedes Herrschaftsprinzip führt zu Terror und Folter, das nicht mehr die Kräfte der Religion voraussetzt, die von einer anderen Sphäre her die Gewissen formen. Läßt man Christus und sucht Ihn durch ein Trugbild des Satans zu ersetzen, werden luziferische Kräfte die Menschheit treiben bis zum Weltentod. Dieses Ende muß kommen, wenn die lebendigen Kräfte des Organismus ersetzt werden sollen durch die geheimnislosen der Organisation. Es sterben heute Millionen, und Völker werden zermalmt. Tausende zerbrechen unter dem Rätsel des Lebens. Die Sehnsucht nach der Welt des Glaubens aber wächs Menschen Sonne wird Dunkelheite wird nicht betrieb. Es Menschen, DIE EVAK Armee rüc nicht gern Amerikane flüchten, a herde mitg Seit sechs In Marsch Wittstock Gänsemars vom Balk Die Wach asoziale u Tage zuv jeder Ma einer Mas empfange Leberwur Nachmitt nigt, Vier verlassen tausend 166 ıt un- sottes keine Hate t, und Innen, nische n des on, SO ht der ‚ nicht ß not- erden, rheitS- p der 'ölker, ne EI“ kampf reiben. Folter, ‚ssetzt, on for -h ein ‚rische tentod. ndigen ‚ch die on 1er .) des auben® ! aber wächst. Ein neues Reich wird erstehen, dessen Menschen heimfinden werden zu Gott. Eine neue Sonne wird aufgehen, deren Licht alle Nebel und Dunkelheiten zerstreuen wird. Das Reich der Zukunft wird nicht entstehen aus einem organisierten Massen- betrieb. Es muß erlitten und erstritten werden von Menschen, die in einem neuen Lichte wandeln. 21. April 1945 DIE EVAKUIERUNG DES Lagers läuft an. Die Rote Armee rückt unaufhaltsam gegen Berlin. Die SS möchte nicht gern in russische Hände fallen. Von den Anglo- Amerikanern erhofft sie mehr. Allein kann sie nicht flüchten, also muß das ganze Lager wie eine Vieh- herde mitgetrieben werden. Seit sechs Uhr früh wird evakuiert. Auch die Frauen. In Marschsäulen von je tausend Häftlingen. Richtung ‘ Wittstock in der Mark. Links und rechts trotten im Gänsemarsch ältere SS-Leute, vielfach Volksdeutsche vom Balkan, die nur gebrochen deutsch sprechen. Die Wachmannschaft. ist verstärkt durch kriminelle, asoziale und einige politische Häftlinge, die man am Tage zuvor in SS-Uniform gesteckt hat. Den Schluß jeder Marschsäule bildet ein"Oberscharführer, mit einer Maschinenpistole bewaffnet. Die ersten Gruppen empfangen pro Mann ein Brot und zu viert eine Dose Leberwurst. Marschverpflegung für eine Woche. Am Nachmittag und am Abend wird das Tempo beschleu- nigt, Vierpflegung nicht mehr ausgegeben. Die Letzten verlassen das Lager in später Abendstunde. Einige tausend Kranke und Invalide bleiben zurück. Die 167\ Nacht ist dunkel. Nur hin und wieder erscheint zwischen schweren Wolken gespenstisch die Mondscheibe. In der Ferne wird wild geschossen. Witold stolp auf die Straß humpelt nac Schuß fällt. schossen am Hunger, Hu 22. April 1945 DIE GANZE NACHT sind wir marschiert. Ohne Rast und Ruh. Wer nicht durchhält, wird am Wegrand abgeknallt. Kopfschuß. Je mehr die Morgendämmerung anbricht, desto häufiger peitschen Todesschüsse die Stille des jungen Tages. Rechts und links sieht man die Entseelten liegen. Einige bekannte Gesichter darunter. Jahrelang trugen wir gemeinsam Freud und Leid des Lagerlebens. Einsame und unbekannte Helden! Der Hunger beißt in den Eingeweiden. Achtzehn Stunden laufen wir schon. Die Füße heiß und wund. Unsere Schultern sind schmal und die Knochen schauen heraus. Die SS hat einige von uns gezwungen, ihre Tornister zu tragen. Deren Riemen schneiden wie Messer. Wir schleppen je eine Decke. Sie drückt wie ein großes Kreuz, das wir zu unseren eigenen Richtstätten tragen. Vor mir geht Witold, ein polnischer Kamerad. Acht Kinder hat er daheim, irgendwo in der Wojewodschaft Wolyn. Langsam sinkt seine Decke tiefer herunter. Sein Hals ist erschreckend dünn. Witold scheint im Gehen zu duseln. Seine Mütze sitzt so merkwürdig schief. Sein Schritt ist schlürfend ,,, mit den Knien nach der Heimat". so nennen wir das. Ein SS- Mann brüllt von hinten irgendeinen Befehl. Witold erwacht. Sein magerer Körper zuckt zusammen. Der Wachmann ist plötzlich neben ihm, stellt ihm ein Bein. 168 Magen. Er is blase, leer, v sickert. Piet kaut an gespart hat. Mund zusar ,, Laß mal al liebevoll di mir. Ich bre meinem Ne den Rest du und kauen, Die Augen Der aufwirl laufen imm noch wie Füßen. Die geschwolle Mägen in d nungslos. S wie eine a Endlich Rastbefehl um. Die Kn über dem frischgrüne cheint Monde Rast abgeerung se die t man er dard Leid elden! StunUnsere chauen , ihre m wie kt wie Richt. Acht schaft runter. int im würdig Knien -Mann wacht. WachBein. Witold stolpert, fällt aus dem Glied heraus, schlägt auf die Straßensteine. Mühsam kommt er wieder hoch, humpelt nach, bleibt schließlich erschöpft zurück. Ein Schuß fällt. Ich wende mich um. Witold liegt erschossen am Straßenrand. Wieder einer. Hunger, Hunger, wie tust du weh! Es gluckert im Magen. Er ist plötzlich wie eine aufgeblähte Schweinsblase, leer, voller Luft. Die Leiber dunsten, der Schweiß sickert. Piet kaut an einem Brotkanten, den er noch vom Lager gespart hat. Mir läuft beim Hinsehen der Speichel im Mund zusammen. ,, Laẞ mal abbeißen, Piet," rufe ich ihm zu. Er besieht liebevoll die Kruste, den schäbigen Rest, reicht ihn mir. Ich breche ihn halb durch und teile mit Walter, meinem Nebenmann. Immer noch einmal kauen wir den Rest durch, vermischen ihn mit Speichel, kauen und kauen, bis er von selbst in den Magen rutscht. Die Augen sind von Schweiß verklebt und entzündet. Der aufwirbelnde Staub krustet an den Lidern. Wir laufen immerzu mit dünnen Schenkeln, die nur noch wie Automaten sich bewegen, mit wunden Füßen. Die Gesichter sind aufgedunsen, die Hände geschwollen. Wie Nebel zieht der Hunger aus den Mägen in die Hirne das Blut kreist dünn und hoffnungslos. Schwindel packt an das Herz und läßt es wie eine alte, sterbende Uhr pochen. - - - - Endlich wird wir sind in der Nähe von Lindow Rastbefehl gegeben. Wir sinken an einem Waldrand um. Die Knie zittern uns. Ein schwüler Mittag brütet über dem Land. Die kleine Hecke lockt mit ihren frischgrünen Blättern. Ich rupfe mir eine Handvoll 169 ab und fülle den Mund damit. Sie schmecken nach Sauerampfer. Es ist ja schon gleich, womit der Hunger gestillt wird. Nur etwas im Mund haben... Ein dicker SS- Mann zieht andächtig ein Stück Hartwurst aus seinem Brotbeutel, dreht es nach allen Seiten und beißt kräftig hinein. Es wird immer kleiner; langsam zieht er schließlich die Pelle am Band aus dem Mund und wirft sie lässig fort. Ich würge die grüne, feinzerkaute, bittere Blättermasse mit einem Druck hinunter, so daß ich einen dumpfen Schmerz in der Speiseröhre und im Magen verspüre... Es werden rohe Kartoffeln ausgegeben. Vier Stück pro Kopf. Das ist die ganze Tagesverflegung. Einige essen sie roh. Am Abend beziehen wir große Feldscheunen. Ich kann nicht schlafen, ringe nach Luft, reiße mir das Stroh vom Oberkörper, starre in die Dämmerung der Scheune, sehe im trüben Mondlicht, das durch eine schlecht verdeckte Lücke im Dach fällt, die Sparren des Gebälks über mir, schaudere zusammen. Ich bin unfähig, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Die grausigen Schrecken und Strapazen des Todesmarsches von Sachsenhausen nach Lindow haben meine Denkkraft gelähmt. Eiskalt sind Hände und Füße, matt und träge schlägt das Herz. Der gesamte Blutkreislauf scheint zu stocken. Mein Nachbar Walter liegt wie erschlagen. Auf seiner Stirn liegt wie eine dünne Gallerte eine kalte Schicht gestockten, fettigen Schweißes. Seine Lippen sind in dürrer Brüchigkeit verzogen. Dann wieder krieche ich so tief wie möglich unter Stroh und Decke, will mich verbergen vor den entsetzlichen Ged Wochen, d schlangeng den Hals v mit feucht Unheimlich sammenge Fratzen all Ich lausch der Kamer von Not vor dem ten Köpfe genossen. WIR WAN manchmal die Toten hoch wie Vielen is Bindfäden wegs löse Fetzen so knackend mehr auf schossene aufgerisse schmutzig lich bleck 170 nach lunger Hartallen I kleiBand masse impfen üre... Stück Einige Be mir merung durch allt, die ammen. ken zu zen des Lindow Hände Der geNachbar iegt wie tockten, dürrer ch unter entsetzlichen Gedanken an das Grauenhafte der letzten Wochen, das durch die kleinsten Fugen der Scheune schlangengleich, gespenstisch herankriecht, sich um den Hals windet wie Schlingkraut, mich drosselt wie mit feuchtkalten Leichenfingern. Unheimliche Bilder steigen hinter den verzweifelt zusammengepreßten Augenlidern auf... grinsende Fratzen aller furchtbaren Tode und sadistischen Morde. Ich lausche in die Finsternis. Schwer geht der Atem der Kameraden. Sie träumen die grauenhaften Träume von Not und Tod des Lagers, schreien auf, flüchten vor dem Tod, sehen die ausgehöhlten, zerschmetterten Köpfe und Glieder ihrer gemordeten Schicksalsgenossen. 24. April 1945 WIR WANKEN ÜBER regennasse Straßen und Wege, manchmal mehr kriechend als marschierend. Die Toten, die Toten... ihre Namen wirbeln immer wieder hoch wie längst gefallenes Laub. Vielen ist das Schuhwerk aufgerissen. Sie haben Bindfäden und Draht darum geschnürt, die sich unterwegs lösen, so daß sie halb barfuß weitertaumeln. In Fetzen schlottern die Mäntel und Hosen um die knackenden Gelenke und Knochen, Fleisch ist nicht mehr auf den Rippen. Rechts und links liegen Erschossene im Straßenschlamm und in den Gräben. Ihre aufgerissenen Augen wäscht der Regen, ihre mageren, schmutzigen Hände sind im Dreck versunken. Schrecklich blecken sie ihre Gebisse in den Himmel. Kein 171. Kreuz wird je ihre Frauen und Mütter zu ihrer letzten Ruhestätte führen. Wir weinen nicht, wir fluchen nicht, wir trauern nicht. Unsere Gesichter sind schwer zu erkennen in der aschfahlen Haut. Zwischen den spitz hervorstehenden Knochen unserer Wangen liegen die ausgelöschten Augen wie trübe, schlammgefüllte Löcher. Die letzten Tage, die hinter uns liegen, lassen uns nicht mehr daran glauben, daß wir noch leben. Niemand spricht, kein Ruf ertönt. Wir sind todmüde, zerschlagene, halbverhungerte Jammergestalten, die irgendwo eine Handvoll Laub, ein Bund Stroh und Lumpen suchen, wo sie sich ausstrecken und sterben können. Wir keuchen dahin, tiefgebückt und mit schlürfenden Schritten. Da und dort hockt eine graue, zerfallene Gestalt etwas abseits und spritzt Blut und Schleim von sich. Manchmal fällt auch einer um und bleibt liegen, windet sich in furchtbaren Schmerzen. Der Genickschuß ist das bittere Ende. Man müßte schreien können. Aber Zungen und Stimmbänder sind gelähmt. Es wird noch eine Zeit dauern, bis wir wieder sprechen, weinen, aufbrüllen können, hinausschreien können, gellend, daß es das Blut derer erstarren läßt, die hören sollen: Die unsagbare Verzweiflung unserer Seelen und Leiber. Werden wir je wieder normale Menschen werden? Wie ein Stück Dreck hat uns diese Zeit in ihre blutigen Fäuste genommen und uns hineingeklatscht in das Grauen, in Sadismus und Wahnsinn. Einer kriecht auf allen Vieren vorwärts, bleich im Entsetzen vor dem nahenden Ende. Niemand achtet darauf, nicht der nächste Nebenmann. Jeder kennt nur sich, fi furchtbares Wie gut, da unsere Qua geschwächt daran zerb SEIT VIER schöpfter H das Aufhe wissen wi bevölkerun berg, Herz Below mit der zahlre Andere w macht un ermüdlich Internation Tagen mi Debatte e Waldlage auf dem Zweigen sind noc entzündu Tagen ste Drei Kilo Hier dürf richten. 172 letzten nicht. in der menden schten letzten mehr nur sich, fühlt nur dumpf seine eigene Qual. Sein furchtbares Leiden betäubt ihn, Tag und Nacht. Wie gut, daß ihr daheim nicht wißt, wie furchtbar wir unsere Qual durch die Stunden tragen. Euere armen, geschwächten, ängstlich horchenden Herzen müßten daran zerbrechen. Spricht, e, halbO eine suchen, n. Wir fenden fallene Schleim bleibt en. Der en und ne Zeit fbrüllen es das Die unber. werden? re blutitscht in leich im dachtet er kennt 29. April 1945 SEIT VIER TAGEN hat das wilde Niederknallen erschöpfter Häftlinge aufgehört. Welche Ursachen für das Aufheben des Schießbefehls maßgebend waren, wissen wir nicht. Man munkelt, die märkische Landbevölkerung, die unseren Passionsweg über Löwenberg, Herzberg, Lindow, Rheinsberg, Wittstock nach Below miterlebte, sei durch den furchtbaren Anblick der zahlreichen Gemordeten in Erregung geraten. Andere wollen von Zwischenfällen zwischen Wehrmacht und SS- Leuten gehört haben. Auch die unermüdlich von Lübeck heranrollenden Lastwagen des Internationalen Roten Kreuzes, die uns seit einigen Tagen mit Lebensmitteln versorgen, werden in die Debatte einbezogen. In Below haben wir ein großes Waldlager bezogen. Die meisten haben ihre Decken auf dem Todesmarsch verloren und kampieren auf Zweigen und zusammengerafftem Laub. Die Nächte Die Lungensind noch kalt und manchmal naẞ. entzündung grassiert. Sulfonamide fehlen. In wenigen Tagen sterben an die 450 Ausgemergelte. Drei Kilometer vom Waldlager liegt das Dorf Grabow. Hier dürfen wir in einigen Scheunen ein Revier einrichten. Nun, da der Schießbefehl aufgehoben ist, 173 brechen Hunderte zusammen. 872 Kranke werden heute gezählt. Dumpf und stöhnend liegen sie im dürftigen Stroh. Viele husten und röcheln immerzu. Andere liegen in todesähnlichem Schlaf. Um drei Uh Fahrt, roller 1. Mai 1945 DREI GROSSE LASTWAGEN des Internationalen Roten Kreuzes rasseln ins Dorf. Sie halten vor unseren Scheunen, laden die so begehrten Lebensmittelpakete ab und wollen Schwerkranke mit nach Lübeck nehmen. 107 finden Platz. Ich werde als Transportbegleiter mitgeschickt. Keine SS- Begleitung! Unsere Herzen schlagen höher. Die Freiheit, die goldene, heißersehnte, winkt. Die russische Front ist nahe. Die Wagen jagen über Wittstock, Parchim in Richtung Schwerin. Der Himmel ist halb bedeckt. Über uns tiefes Brummen. Wir blicken scheu nach oben. Wissen nicht, aus welcher Richtung es kommt. Wir hören es deutlicher, näher über uns. Die Militärfahrzeuge stoppen. Soldaten hetzen von der Marschstraße fort und rufen: ,, Tiefflieger! Deckung nehmen!" Und dann sind sie ganz tief über uns, blitzschnell niedergestoßen aus dem Dunst der Luft. Wir sehen die blanken Tragflächen sekundenlang in der Sonne aufglänzen. Wir hören das schaurige Brummen der Motoren. Es nimmt uns die Luft, wir wagen kaum zu atmen. Wir fühlen uns wehrlos dem Tode und der Vernichtung ausgeliefert. Knatternd jagen die Flugzeuge über uns hinweg. Vor und hinter uns stehen Lastwagen, Tankwagen und Panzer in Flammen. Bis auf zehn Meter Entfernung. GESTERN H Lübeck ein nes Leben rand stand dener Nati Wangen. E lichen Gef reifer Män des haben der Leiche tigen Zers glänzt der Tränen. W In ruhige schmutzter des Lesens die etwas darüber ge müssen, da das Leber übertrump jeder Wa Ein Zeitra Tage mei zeigefäng einem Ko gefroren, maticus u 174 werden ie im merzu. Um drei Uhr nachts, nach sechzehnstündiger, jagender Fahrt, rollen unsere Wagen in die alte Hansestadt. onalen nseren pakete xnehgleiter höher. t. Die -Wittimmel blicken Richr über hetzen Flieger! ef über st der undenschaue Luft, wehrlos eg. Vor en und ernung, 3. Mai 1945 GESTERN ROLLTEN DIE ersten englischen Panzer in Lübeck ein. Mit ihnen Freiheit und wiedergewonnenes Leben für uns jahrelang Geknechtete! Am Straßenrand standen verhärmte Konzentrationäre verschiedener Nationen. Tränen rollten über ihre knochigen Wangen. Es waren keine Tränen, die dem oberflächlichen Gefühl entquillen. Es waren vielmehr Tränen reifer Männer, die an sich schon etwas Erschütterndes haben. So etwa wie die Tränen Christi, die an der Leiche des Freundes' oder im Anblick der künftigen Zerstörung Seiner Stadt geweint wurden. So glänzt der Tautropfen des Frühmorgens auf, wie diese Tränen. Wir dürfen wieder Menschen sein. In ruhiger Abendstunde überlese ich meine verschmutzten Notizblätter. Es überkommt mich während des Lesens das eigentümliche Gefühl aller Menschen, die etwas Besonderes erlebt haben und beim Bericht darüber gegen das unerklärliche Empfinden ankämpfen müssen, daß ihr Schicksal kaum glaubwürdig erscheint, das Leben auch hier wieder die farbigste Phantasie übertrumpft habe und ihre Erlebnisse für sie selbst jeder Wahrhaftigkeit und Tatsächlichkeit entbehren. Ein Zeitraum von fünf Jahren ist verstrichen seit dem Tage meiner Verhaftung. Inzwischen war ich in Polizeigefängnissen, einer Untersuchungshaftanstalt, in einem Konzentrationslager, habe gehungert, gefront, gefroren, eine Gasvergiftung, einen Typhus exanthematicus und abdominalis überstanden. 175 Wie wird der Weg zurück sein? Schmerzhaft unbeholfen werden wir zu den früheren Lebensformen zurückfinden müssen. Die Gestapopsychose, eine stete Angst vor verhängnisvollem Entdecktwerden, wird uns nur langsam loslassen. Wir werden uns in den Straßen unserer Städte des öfteren umwenden, vorsichtig, mißtrauisch und argwöhnisch gegen Fremde sein. Die Welt ist weitergegangen, während wir als Konserven in der Gruft des Konzentrationslagers lange Jahre dahinlebten. Wir werden mit der neuen Welt und sie mit uns Geduld und Nachsicht haben müssen. 6. Mai 1945 NUR WER AN die Macht des Teufels glaubt, kann verstehen, was sich in den Jahren seit 1933 im Dritten Reich zugetragen hat. Denn nur als Teufelswerk kann gedeutet werden, was wir erlebt haben. Ein fürchterliches Gespenst, das Tier der Apokalypse, zog in der Dämmerung eines neuen Morgens seine grausigen Grimassen. Das sehen heute selbst jene sich erhaben dünkenden Spießer einer vermoderten Liberalität, die in ihrer chronischen Horizontverengung Gott und Teufel nicht mehr sahen und sie aus ihrer Rechnung ausschalteten. Die mehr als ein Dezennium dauernde Herrschaft des widergöttlichen Prinzips stürzte uns in ein Meer von Bitterkeit, Verzweiflung, Tränen und Seufzer. Mit oft enttäuschten, halbirren und doch noch hoffenden Augen hielten wir Jahr um Jahr Umschau, ob nicht irgendwo eine Gestalt aufragte, gesund und ganz, ohne Bruch und ohne Zaudern, ein Mensch stark genug, auch Zerbrochene zu trösten. - Millionen Keiner der neten und großer Fü aufrecht s ersten Ch große Wi nicht. Sata Es war wi blindmach härtet, teu Es trug a Muckerma immer Eil grausam in das von e springt. Es nisch den Asche, die Sterne um 1934 schrie prophetisch Dritten Re seinen Sin sich offenb während. I wiederum da, die Son hin, die A Es kommen den Schutt 12 Ballhorn/ 1 176 Millionen schauten nach ihm aus. Keiner fand sich. Keiner der durch die Würde eines Amtes Gezeich- neten und Berufenen fand den Mut und die Kıaft zu großer Führerschaft. Gewiß, es gab Gestalten, die aufrecht standen und die apostolische Urkraft der ersten Christen ausstrahlten. Aber der überragende, große Widerpart des tobenden Tyrannen fand sich nicht. Satan war unbestritten Fürst in seinem Reich. Es war wie er: gottfeindlich, gottlos, finster, dunkel, blindmachend, pervers, eitel, nichtig, natürlich, ver- härtet, teuflisch. Es trug alle Kennzeichen des Bösen, das Friedrich Muckermann S. J. so charakterisiert:„Das Böse hat immer Eile. Es ist immer hastig und nervös. Es ist grausam in seiner Erfolglosigkeit. Es ist wie das Feuer, das von einem dürren Holze auf das andere über- springt. Es gibt eine riesige Flamme, es rötet dämo- nisch den Himmel, aber nur eine Weile, dann ist alles Asche, die Luft voller Pestgeruch und Sonne und Sterne umflort von Rauchschwaden.” ' 1934 schrieb er diese Sätze. Sind sie nicht eine klare prophetische Schau vom Auf- und Untergang des Dritten Reiches? Aber Satans Zerstörungswerk hat seinen Sinn. Gott läßt das zu, damit das Unzerstörbare sich offenbare, Aber der Sieg des Guten ist’ immer- während. Das Licht bricht immer wieder durch.„Und wiederum eine Weile, dann sind die Sterne wieder da, die Sonne zieht ihren herrlichen Bogen am Himmel hin, die Ackerkrume wird geweckt zu neuem Leben. Es kommen Menschen, die wieder der Natur gehorsam den Schutt entfernen und den Pflug durch die Scholle 12 Ballhorn/ Die Kelter rk ziehen. Eine Weile nur, und es erwacht wieder das Kind im neugeborenen Menschen. Alles ist auf einmal jung und schön, es wird die Weltgeschichte wieder bewegt vom Atem Gottes, und die große Freude ist wiedergekehrt." 9. Mai 1945 ICH LIEGE IN einem herrlichen, weichen Bett. Weißbezogen. Ich befühle meinen Leib, die Stirn, den Mund, selig wie mit Himmelshänden. Ich bin noch da! Es ist Mai, aber mein Herz ist zeitlos geworden und in meinem Antlitz trage ich die Gesichter der Toten, die ich nicht vergessen kann. Fern schon scheinen die vergangenen Tage, die Tage des Hungers, der Mißhandlungen und Erniedrigungen. Aber es waren Tage eines greifbaren, wirklichen, grausamen Lebens Tage, die nach Schweiß, Staub und Blut rochen. Wie oft standen wir auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Unser Dasein bis zu diesem Tage war ein einziger Marsch durch eine Wüste der Verlassenheit. - Ich muß die Augen schließen, ich träume durch die Stunden. Dann sehe ich den schaurigen Totentanz eurer gemordeten Leiber, ihr armen Schicksalsgenossen. Ihr faẞt euch an den Händen, bewegt euch im Kreise... ihr singt eine ferne, fremde Melodie. Es sind Klänge aus einer neuen Zukunft, für die ihr gestorben seid. 178 Druckfehlerberichtigung. Auf Seite 4 und Seite 34 hat uns der Druckfehlerteufel einen Streich gespielt. Das Motto auf Seite 4 stammt von Bischof Paul Wilhelm von KEPPLER. Das Datum auf Seite 34 ist nicht der 24. Dezember, sondern der 16. Dezember 1940.