Die Stenotypistin unterbrach ihr Schreibmaschinenklappern und hob den Telefonhörer ab: ,, Geheime Staatspolizei, Zimmer 118. - Jawohl, einen Moment bitte." Sie wandte sich um: ,, Herr Kommissar, Sie werden verlangt." Der Kommissar nahm den Hörer: ,, Kommissar Schneider." ,, Diebold, 3b", klang es aus der Hörmuschel. ,, Kommen Sie doch mal zu uns herauf, Schneider. Es handelt sich um den Fall Wegner. Sie wissen doch, die Konditorei." ,, Jawohl, Herr Inspektor!" Langsam ging Kommissar Schneider den Korridor entlang und stieg gemächlich die Treppen hinauf. In den langen Gängen lag Tür an Tür. SS- Männer liefen an ihm vorbei und grüßten. An einigen Etagenaufgängen standen Posten, schlugen die Hacken zusammen, als er vorüberging. Im Gebäude der Geheimen Staatspolizei Berlin, Prinz- Albrecht- Straße, war ausschließlich SS- Bewachung. Schneider schnaufte. In dem riesigen Haus gab es keinen Fahrstuhl, darüber hatte er sich schon oft geärgert, denn die Fahndungsabteilung 3b lag im vierten Stock. Oben angelangt, trocknete sich Schneider die Stirn und trat in das Zimmer 364. Es war ein großer heller Raum mit Fenstern, die bis zur Decke reichten. Hinter wuchtigen Schreibtischen saßen drei Gestapo- Beamte, vor dem rechten Fenster eine Stenotypistin an S der Schreibmaschine. Große gelbe Büroschränke standen an den Wänden. Das Zimmer 364, die Fahndungsabteilung 3b der Berliner Gestapo, hatte schon viele verhaftete ,, Staatsfeinde" gesehen. Inspektor Diebold legte seine Zigarette aus der Hand, als Schneider eintrat. ,, Heil Hitler!" grüßte Schneider. Diebold bot Schneider einen Stuhl an, seine einladende Handbewegung hatte etwas Herablassendes. Schneider empfand das deutlich. Diebold war wegen seines goldenen Parteiabzeichens auf diesen hohen Posten gekommen. Er war erst dreißig Jahre alt, schlank und sehnig, glattrasiert; sein dunkles Haar lag glatt zurückgekämmt, sein breites stumpfes Kinn gab seinem Gesicht einen Zug von Rücksichtslosigkeit. Er ging besonders gut gekleidet. Niemand sah ihm den GestapoInspektor an. Die Gestapo- Beamten trugen alle Zivil. Die beiden anderen anwesenden Kommissare, Eder und Meyer, waren ungefähr gleichaltrig, doch als leitender Inspektor war Diebold in der Fahndungsabteilung 3b tonangebend. Alle drei aber waren in diesem Hause als junge, energische Beamte geschätzt, die gehörig durchgriffen. ,, Ich wollte wissen, was die Beobachtung gestern ergeben hat, Schneider", begann Diebold. Er spielte mit einem Brieföffner, sah den vor ihm sitzenden korpulenten Mann schräg an. Dem Alter nach könnte der mein Vater sein, dachte er. Bei ihm werde ich das Gefühl nie los, daß er ein ,, Märzgefallener" ist. Schneider war erst nach der Reichstagswahl im März 1933 in die NSDAP eingetreten und dann aus dem Kriminalbeamtendienst des„, Systems" in die Gestapo übernommen worden. 6 ,, Gestern war nichts festzustellen", antwortete Schneider auf Diebolds Frage. ,, Die Wegner ist von der Konditorei gleich nach Hause gegangen und hat ihre Wohnung nicht mehr verlassen." ,, Ist das sicher?" ,, Ganz sicher, Herr Inspektor. Das Zimmer, das wir an der Straßenfront gemietet haben, liegt ihrer Haustür genau gegenüber. Wir sehen jeden, der in das Haus hineingeht oder herauskommt, da entgeht uns niemand." ,, Wissen Sie jetzt mehr über die Wirtsleute der Wegner? Diese...?" - - ,, Ziegler! Die sind wahrscheinlich harmlos. Es sind schon ältere Leute. Der Mann arbeitet bei der Eisenbahn. Sein Vorgesetzter hat ihn mir als ruhigen und zuverlässigen Arbeiter geschildert." Diebold stand auf, schnippte mit den Fingern. ,, Das kann stimmen...", sagte er in Gedanken. ,, Bei Gesinnungsfreunden wird die nicht wohnen, das ist klar", warf der dicke Kommissar Eder ein. - Diebold drehte sich zu ihm um. ,, Ich habe wieder so ein bestimmtes Gefühl wir sollten zufassen!" Er rief der Stenotypistin zu: ,, Fräulein Schmidt, sehen Sie doch bitte mal nach, wann wir die Akten Wegner vom Polizeipräsidium bekommen haben. Wir sollten doch zufassen!" wandte sich Diebold wieder an die beiden Kommissare. ,, In solch einem Fall muß man schnell zufassen. Diese Burschen sind mit allen Wassern gewaschen. Wenn wir die zu lange beobachten, schöpfen sie vielleicht Verdacht, und wir finden das Nest leer." - - Die Kommissare Eder und Meyer stimmten Diebold zu. Diebold ging auf und ab und gestikulierte mit den Händen: 7 ,, Ein Rechtsanwaltsbüro, eine Arztpraxis- zwei Stützpunkte, die für die Wegner, für die ganze Sache gut gewählt sind", entwickelte er seine Ansicht. ,, Bei beiden geht es rein und raus, jeden einzelnen Besucher kann man da schwer kontrollieren." Er wandte sich wieder an Schneider: ,, Wann hat die Wegner die beiden zuletzt getroffen?" ,, Den Dr. Kramer, Hackescher Markt 2, Mitte voriger Woche", sagte Schneider automatisch ,,, den Rechtsanwalt Reichel, Kommandantenstraße 18, erst am Sonnabend, also vor zwei Tagen." Die Stenotypistin kam mit einer Mappe in der Hand auf die Kommissare zu: ,, Wir haben die Akten Wegner am 5., also vor ungefähr vierzehn Tagen, vom Polizeipräsidium erhalten, Herr Inspektor." ,, Danke", nickte Diebold. ,, Wir haben uns diesen Schupowachtmeister Baumann angesehen, der ja hinter die ganze Sache gekommen ist", wandte er sich wieder an Schneider. ,, Der Beamte macht einen straffen, guten Eindruck. Sie haben doch oft mit seinem Polizeirevier zu tun gehabt, Schneider. Kennen Sie ihn näher?" ,, Ich war mit diesem Wachtmeister Baumann einmal auf einer Haussuchung. Sie war erfolgreich, und wir haben sofort Verhaftungen vorgenommen. Dabei war der Beamte ein Muster von Zuverlässigkeit. Er griff sofort hart zu. Sein Revierhauptmann lobt ihn sehr. Er ist einer seiner tüchtigsten Beamten, hat er mir wiederholt gesagt. Wenn ich..." - ,, Na, ja, ganz unser Eindruck", unterbrach ihn Diebold. ,, Der Mann wird nicht vergessen werden, wenn der Erfolg da ist. Vorläufig werden wir ihn natürlich aus dem Spiel lassen, sonst bringen wir die Brüder gleich auf unsere erste Spur.- Ich danke Ihnen, Schneider. Das genügt für heute." 8 kte, entden gner ger hel, wei die vor Herr htm- cht em r?" mer afon nn mir Der - nst ke Als Schneider hinaus war, ging Diebold zu der Stenotypistin, stemmte die Arme in die Hüften: ,, Diktat, Fräulein Schmidt!" sagte er. ,, Nehmen Sie nachher große Bogen. Es wird ein langer Bericht, und er geht an die obersten Dienststellen: an Generalinspekteur Heydrich und an den Reichsführer- SS Himmler." 99... Während Diebold diktierte, ging er vor der Stenotypistin auf und ab. Sein Körper federte, war angespannt, als stehe er vor einem sportlichen Wettkampf. Bisweilen hob er die Stimme, um gewissen Sätzen Nachdruck zu verleihen:.. deshalb fügen wir auch den genauen Bericht des Schupowachtmeisters Baumann, Polizeirevier 142, bei. Nach den darin enthaltenen überprüften Angaben ist die Fahndungsabteilung 3b der Meinung, daß die Konditorei Heinrich Möller eine raffiniert getarnte Anlaufstelle für den Kopf einer der gefährlichsten Widerstandsgruppen sein muß. Von dieser Konditorei laufen auch wahrscheinlich die Fäden zu den beiden anderen angegebenen Stellen. Die Verkäuferin der Konditorei Heinrich Möller, Eva Wegner, ist allem Anschein nach die Sekretärin dieser Zentrale..." Bereits am nächsten Tage wurde Inspektor Diebold zu seinen höchsten Vorgesetzten gerufen. Er kam mit hochrotem Kopf und glänzenden Augen zurück. ,, Was ist...?" Eder und Meyer. " - ,, Was jetzt...?" drängten die Kommissare Was jetzt", sagte Diebold triumphierend. ,, Das Wespennest wird ausgehoben. Oberster Beschluß!" Und leiser: ,, Mensch, wir haben schon einen Dusel, sage ich euch. Solch eine Bombensache läuft uns direkt in die Finger! Die oben waren einfach platt. Fahndungsabteilung 3b kommt bald eins rauf. Das wird die große Sache!" - 9 " Frau Studienrat Seefeld zeigte auf die Gebäck- und Kuchensorten. ,, Zwei von jedem", sagte sie. Die Bäckerfrau griff mit der Kuchenzange zu den Tortenplatten und legte die Ware auf einen Pappteller. ,, Bitte recht sehr", sagte sie. Aus der Tür mit der Aufschrift ,, Zur Kaffeestube" kam mit eilenden Schritten ein junges Mädchen. Sie trug rosa Häubchen und Schürze zu einem einfachen dunkelblauen Kleid. Hellblondes Haar umrahmte leichtgewellt ihr zartes, schmales Gesicht. Mund und Augen lachten, als sie grüßte:„ Heil Hitler, Frau Studienrat." ,, Heil Hitler, Fräulein Wegner." Die Kundin nickte leutselig. Ihr gefiel die natürliche Liebenswürdigkeit des Mädchens, das hier Verkäuferin und Serviererin war. Sie sah ihr zu, wie sie auf einem kleinen Tisch Geschirr zusammenstellte, es dann mit geschickten Griffen auf ein Tablett schob, um es nach hinten in die Küche zu tragen. ,, Bringen Sie doch gleich noch einige Pappteller mit, Eva", forderte Frau Möller. ,, Gern." Eva Wegner nickte der Kundin nochmals zu, ein flüchtiges freundliches Lächeln, eine kleine zusätzliche Aufmerksamkeit. Dann verließ sie den Laden. ,, Nettes Mädchen", sagte Frau Studienrat Seefeld. ,, Doch, sie ist freundlich und willig. Wenn Sie meinen Mann IO • hören würden, der singt in einem fort ihr Loblied. Er ist fest davon überzeugt, daß Fräulein Eva ihm Glück gebracht hat, und daß sie ihm noch viel mehr Glück bringen wird. Manchmal werde ich beinah eifersüchtig, Frau Studienrat. Eva vorne und Eva hinten. Aber es ist wahr, sie ist sehr tüchtig. Seit sie hier ist, geht das Café viel besser. Es kommen Kunden, die sonst nie hier gewesen sind. Dabei sind wir doch auch immer liebenswürdig und zuvorkommend, Frau Studienrat, das muß man doch zugeben, nicht wahr?" Frau Studienrat Seefeld stimmte der Bäckerfrau zu. Frau Möller redete sofort weiter: ,, Es ist ja ganz natürlich, wir werden langsam alt, und die Menschen lieben es nun einmal, Jugend um sich zu haben... Mein Mann hat große Pläne. Wenn es mit dem Café so weitergeht, wie es sich jetzt angelassen hat, will er den leeren Laden nebenan dazumieten, die Mauern durchbrechen lassen, einige Musiker engagieren, und dann werden wir wohl auch eine Nachtkonzession bekommen, meint er. Ich sage ja immer, langsam mit den jungen Pferden, aber so ist der Mann nun mal, immer vorwärts, weiterkommen-." Sie unterbrach sich. Eva war zurückgekommen. Sie begann frischen Blechkuchen auf kleine Glasteller zu legen. Ihre Finger bewegten sich flink. Sie waren etwas zu rosig, vom vielen Hantieren im Wasser; wenn es die Zeit zulieẞ, mußte sie das benutzte Kaffeegeschirr abwaschen. Frau Studienrat Seefeld hatte inzwischen gezahlt. Sie wollte schon gehen, da fiel ihr etwas ein: ,, Ja, was ich noch sagen wollte, Frau Möller. Schärfen Sie doch Ihrem Lehrjungen ein, daß er sich bei unserem Frühstücksbeutel nicht verzählt! Sechs Brötchen kriegen wir, sechs und nicht fünf, wie es in letzter Zeit vorgekommen ist." I I ,, Entschuldigen Sie vielmals, Frau Studienrat, es soll nicht wieder vorkommen. Ich werde dem Jungen gehörig Bescheid Heil Hitler." sagen. - Eva ging in die Kaffeestube, Frau Möller in das Wohnzimmer, zu ihrem Strümpfestopfen zurück. Dabei schaltete sie am Türrahmen die Ladenklingel ein. Wenn es einmal läutete, brauchte sie nicht zu kommen. Das erledigte die Eva schon mit. Nur wenn es öfter klingelte, mußte sie in den Laden. Dieser Handgriff am elektrischen Hebel war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Beim Hineingehen Schalter nach rechts legen, beim Herauskommen nach links, das wurde mechanisch erledigt. Eine Zeitlang blieb der Laden leer. Es war drei Uhr. Die meisten Hausfrauen hatten ihre Einkäufe während der Vormittagsstunden erledigt. Erst gegen vier Uhr begann sich die Kaffeestube zu füllen. Frauen der Stadtgegend, die zwischen zwei Besorgungen ein wenig ausruhen wollten, kamen. Sie saßen und lasen in den ausliegenden Magazinen oder unterhielten sich mit Freundinnen. Ihre Zeit war genau festgelegt. Nach halb sechs kamen sie kaum noch. Die Käufer in der Stunde vor Ladenschluß waren Dienstmädchen, die letzte Besorgungen machten. Nach sieben Uhr hatte bloß noch Eva zu tun, denn dann waren nur noch die Gäste in der Kaffeestube zu bedienen. Meist waren es Pärchen, die hier ungestört plaudern wollten. Eng aneinandergeschmiegt saßen sie an den silberlackierten Tischchen, auf denen immer Blumen standen. In jüngster Zeit, seit Eva Wegner hier war, kamen oft junge Männer, Stammgäste, die sich von einer so hübschen Kellnerin gern bedienen ließen. Frau Möller machte sich darüber keine Gedanken. Sie glaubte, Eva gut zu kennen, die amüsierte sich nur über diese grünen Bengel. 12 Frau Möller hörte die schlürfenden Schritte ihres Mannes bis hier ins Zimmer. Sicher brachte er Ware aus der Backstube in den Laden. Jetzt blieb er an der Durchgangstür stehen, und es war, als könne sie sehen, wie er den von ihr eingeschalteten Hebel wieder zurücklegte. Bäckermeister Heinrich Möller schob das Blech mit der letzten Ware für diesen Tag auf ein Gestell hinter dem Ladentisch. Dann öffnete er die Ladentür und stellte sich behäbig in den Türrahmen, um die Abendluft zu genießen, die kurzen Beine leicht gespreizt, den Hängebauch vorgeschoben. Er glaubte, mit seinem runden frischen Gesicht die beste Empfehlung für das Geschäft zu sein. So wie er konnte nur ein Bäckermeister aussehen, der Selbstgefertigtes verkaufte und keine Fabrikware. Möller beugte sich leicht vor und sah in den leeren Laden nebenan, wie schon so oft in den letzten Wochen. Er malte sich zum hundertsten Male aus, wie das Café, s ein Café aussehen würde, wenn er diesen leeren Laden gemietet und die trennenden Mauern hatte durchbrechen lassen. Marmortische und Korbsessel mußten dann her. Auf dem Bürgersteig würde eine Veranda aufgestellt werden mit Blumenkästen, Gartenstühlen und Tischen. Dann war das richtige große Café da, mit einer Kapelle, mit allem... Jawohl, er wollte mehr sein als ein Bäcker! Er wandte sich wieder dem Straßenbild zu. Es war ihm zur Gewohnheit geworden, sich die Menschen anzusehen, ob sie wohl seine Kunden werden könnten. Die auf der Straße spielenden Kinder zählten nicht. Die kauften höchstens für einen Groschen Süßigkeiten. Auch sie kamen häufiger, seitdem Eva hier war, die sogar diese Kleinen nett bediente. Nur wenige Fußgänger belebten um diese Zeit die Straße. Privatautos, Lastwagen, Radfahrer fuhren vorbei. 13 Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ging ein Schupo, groß und breitschultrig. Ach, sieh mal an, der Baumann. Möller schmunzelte. Wetten, daß der herüberkommt, um einen Schnack anzulegen? Dieser Baumann war in letzter Zeit auffallend oft im Laden, scheinbar dienstlich. Manchmal kauft er sogar eine Kleinigkeit, aber immer versucht er mit der Eva zu scherzen. Na, wenn schon... Da kommt er auch schon über die Straße. ,, Heil Hitler, Herr Möller!" Der Beamte hob lässig die Hand an den Tschako. ,, Heil Hitler, Herr Wachtmeister." ,, Na, geht's Geschäft?" ,, Danke, es macht sich. Wenn man reell, gut und billig bedient, kann's nicht fehlen." ,, Das will ich meinen." - Einen Augenblick schwiegen beide. Der Bäckermeister sah mit verstecktem Vergnügen, wie der Beamte versuchte, über ihn hinweg in den Laden zu sehen. Aha!- Der Wachtmeister hatte die Hacken zusammengeschlagen, scharf und vorschriftsmäßig, und die Hand an den Tschako gehoben während ein freundliches Lächeln über sein Gesicht ging. Eva war wohl aus der Kaffeestube gekommen. Der Blick des Beamten ging noch einen Augenblick lang über Möller hinweg, dann gab es offenbar nichts mehr zu sehen. Wachtmeister Baumann räusperte sich, lockerte seine Haltung und schob an seinem Koppel herum. Möller tat, als bemerke er Baumanns Verlegenheit nicht. Baumann räusperte sich wieder. ,, Hm- tüchtiges Mädel, wie? Nicht so ein Flittchen wie so viele heutzutage... << ,, Ja, tüchtig ist Fräulein Wegner", sagte Möller trocken. Nicht entgegenkommen, zappeln lassen, dachte er. ,, Sieht man gleich. Wir Schupo haben einen Blick für Men14 - schen, das bringt unser Beruf mit sich. Sie muß aus ordentlichem Hause sein. Was sind denn ihre Eltern?" - Möller sah den Wachtmeister forschend an. Ach, so ist das? dachte er. Der hat schon angebissen! Nicht schlecht, man müßte der Eva Bescheid sagen; sie sollte nicht allzu abweisend sein. So einen Schupo, den Revierwachtmeister, braucht man sicher mal. Seit die Kaffeestube offen ist, kommt es manchmal vor, daß noch abends nach sieben Uhr verkauft wird... Was wollte der denn eigentlich wissen? Ach, so.. Möller sagte: ,, Fräulein Wegner kommt aus dem Sächsischen. - Ihre Eltern sind ordentliche Leute. Der Vater ist Meister in irgendeiner Fabrik." ,, Da haben Sie einen guten Griff gemacht, Herr Möller. Dazu kann man Ihnen nur gratulieren." ,, Doch, das können Sie, Herr Wachtmeister, das können Sie getrost", nickte Möller und dachte: Sollte mich wundern, wenn ich dem nicht bald gratulieren kann! Hoffentlich nicht zu bald. Ich möchte sie gern noch behalten, die Eva. IS "... Schupowachtmeister Baumann sah noch einmal prüfend in den Spiegel. Der Schlips saß prima, silbergrau, paẞte gut zum Anzug. Gutgelaunt, begann er eine Schlagermelodie vor sich hin zu singen: ich bin ja heut so glücklich... so glücklich... so glücklich..." Alles prima! Neues Oberhemd, frisch rasiert, das Haar gut eingefettet. Baumann atmete tief ein und reckte sich, daß die Gelenke knackten. Wäre noch schöner, wenn ein Kerl wie ich bei den Mädeln kein Glück haben sollte! dachte er. Groß und breitschultrig, straffe sportliche Haltung! Er steckte die Daumen in den Hosengürtel, trommelte mit den Fingerspitzen auf dem Leder und ging im Zimmer auf und ab.- Bei dieser Eva war das nicht so einfach gewesen. Aber heute gehen wir aus, jawoll! Baumann sprach plötzlich seine Gedanken Ganz in laut aus: ,, Die wählt nur was Festes! Was Sicheres! Ordnung. Die ist goldrichtig, Baumann!" Auf seinem Marsch durch das Zimmer schlug er übermütig auf den Tisch, gegen den Kleiderschrank, boxte eine Beule in das Sofakissen und begleitete Wir werden an die jeden Schlag mit einem: ,, Goldrichtig!" Havel fahren, uns in ein Restaurant setzen, ans Wasser. Baumann unterbrach seinen Rundgang, schloß den Kleiderschrank auf, nahm sein Jackett heraus, strich mit der Hand gar nicht vorhandene Falten glatt und zog es an. - - - Laut pfeifend ging er den Korridor der Wohnung entlang. Frau Schuster, seine Wirtin, stand in der Küchentür. Ihre Arme 16 d in zum hin iert, ckte ein e er. eckte ger- Bei ehen nken nz in Carsch In den eitete n die Bauhrank nicht tlang. Arme glänzten feucht, sie war vom Geschirrspülen weggelaufen. Rund und drall sah sie aus in ihrer karierten Schürze. Daß Baumann im Zimmer sang, hatte sie überrascht, und jetzt pfiff er sogar! So ein stiller, ernster Mensch, wie er sonst ist... Mit dem muß heute was Besonderes los sein! Ihr rotes Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln: ,, Ausgehen, Herr Baumann?" ,, Jawohl, heute ist dienstfrei, Frau Schuster", sagte Baumann. ,, Und auch sonst' n Ausnahmetag!" ,, Sie haben sich auch so fein gemacht", schmunzelte Frau Schuster. ,, Den guten Sonntagsanzug!" ,, Das sowieso!" lachte Baumann. Er zog den hellen Hut keck in die Stirn. ,, Heute heißt's: Was kostet Berlin?!" ,, Sie gehen aber ordentlich ran!" Frau Schuster freute sich. Baumann war ihr Lieblingsmieter. Es machte ihr Freude, ihn zu bemuttern. Sie war stolz auf ihn. Ein netter, solider Mensch und Beamter, wie ihr Seliger. Sie war die Witwe eines Postsekretärs, lebte von ihrer kleinen Rente und vom Vermieten der drei Zimmer. ,, Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen, Herr Baumann", sagte sie herzlich. ,, Danke, wird besorgt!" Baumann strahlte. Er legte zwei Finger an den Hutrand, als sei es der Tschako. Unterwegs ging Baumann in ein Schokoladengeschäft und verlangte eine Schachtel Konfekt. ,, Aber etwas Anständiges, Fräulein!" sagte er. Er schlenkerte das Päckchen vergnügt an der Schnur. Ich werde das Mädchen gut unterhalten müssen, das ist die Hauptsache, wenn man sich das erstemal trifft... Man konnte fragen, ob der Beruf ihr Freude macht. Und dann: von seinem Dienst konnte 2 17 2015 er erzählen! Daß sein Beruf schwer und manchmal nicht ungefährlich ist. Eine gute Idee, das imponiert den Mädchen immer! Es fehlten noch zehn Minuten an der verabredeten Zeit. Baumann ging an der Straßenecke auf und ab. Er zupfte an seiner Krawatte, zog an seinem Jackett herum. Eine merkwürdige Unruhe war in ihm. ,, Ist doch nicht die erste, Baumann", redete er mit sich selbst. ,, Diesmal bist du bis über beide Ohren verliebt, das ist es. Sieht ganz so aus, als ob es die letzte wird, mein Junge. dich nachher bloß nicht wie ein Gymnasiast!" - Benimm - Im Auf- und Abgehen musterte Baumann die Passanten, besah sich Schaufensterauslagen. Er war hier im Nachbarrevier. Ein neues Gefühl, hier so ohne Uniform, unauffällig beobachtend umherzuspazieren, dachte er. Und immer zu wissen, daß man jemand ist, der mithilft, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Im großen Berlin! Mechanisch griff er an seine Hosentasche. Die Pistole war da. Er ging nie ohne Waffe aus dem Haus. Das Mädel! besann sich Baumann. Sie muß jeden Augenblick kommen, wohnt doch nur zwei Querstraßen entfernt. Möbliert wohne sie dort, hatte sie ihm erzählt. Ihre Eltern lebten ja auch in dieser kleinen sächsischen Stadt. ,, Fräulein Wegner hat in Berlin keine Verwandten, ist hier ganz allein", hatte der Bäcker Möller gesagt. Sie wollte sicher nicht ins Gerede kommen, deshalb hat sie mich gebeten, nicht vor ihrem Haus zu warten.- Da kam das Mädchen! Baumann ging ihr entgegen, zog höflich den Hut. ,, Guten Abend, Fräulein Wegner", sagte er. Und lauter: ,, Sie kommen also doch, das ist lieb von Ihnen." ,, Guten Abend", sagte Eva. Sie gab Baumann die Hand, der sie fest drückte.- ,, Ich hatte es Ihnen doch versprochen. Habe ich mich denn verspätet?" 18 Ige-„Aber nein, ich bin auch eben erst gekommen— und hier, ner! eine kleine Aufmerksamkeit“, lenkte Baumann ein und gab Eva Jau- die Schachtel Konfekt. iner„Oh, vielen Dank— aber das war wirklich nicht nötig“, Un- sagte Eva. „Aber ich bitte Sie!“ Ibst. Baumann ärgerte sich. Zuerst hatte er das Mädchen mit„Heil ieht Hitler“ begrüßen wollen, aber irgend etwas hatte ihn von dieser mm unpersönlichen Begrüßung zurückgehalten. Er begann wieder: „Wie gut Sie aussehen, Fräulein Wegner! Wie der junge Früh- sah ling!“ Ein„Nur keine Komplimente“, sagte Eva scherzhaft. end„Aber— es ist mein voller Ernst!“ antwortete Baumann. Er un ging dicht neben Eva her, versuchte sich ihren kleinen Schritten Im anzupassen. Seine Augen hingen an dem Mädchen, als sähe er es Die zum erstenmal. Sie trug ein helles Sommerkleid mit buntem Das Blumenmuster. Es betonte ihre schlanke Figur noch, besonders om- die Brust zeichnete sich klein und fest unter dem Stoff. Sie ist ers fast einen Kopf kleiner als ich, also gerade richtig, stellte Bau- Euch mann fest. Und das Gesicht! Ein frischer Mund, eine grade, e kräftige Nase, hellblondes Haar und braune Augen— ein rei- Er‘ zender Kontrast! Die weiße leichte Kappe hat sie nach hinten u geschoben, damit die Stirn freiliegt. Geschmack hat das Mädel, a verdammt noch mal! Baumann empfand plötzlich den brennen- a den Wunsch, Arm in Arm mit dem Mädel zu gehen— und dann Beer müßte ihnen Puschke begegnen! Puschke, sein Kamerad vom Polizeirevier. Puschke, mit den großen gelben Pferdezähnen und = der Höckernase, den alle Kameraden hänselten, weil er bei den ARE Frauen nur theoretisch Glück hatte. Puschke hatte an seiner Kleiderspindtür im Reviertagesraum Dutzende Bilder von Film- 2° 19 schönheiten angeheftet. Der würde Augen machen! Ist ja ein feiner Kerl, eigentlich mein bester Kamerad. Damals in der Falschmünzerwerkstatt hat er mir vielleicht das Leben gerettet, als einer der Burschen-. ,, Wohin gehen wir eigentlich?" unterbrach Eva seine Gedanken. Auch ein Kavalier, stumm wie ein Fisch, dachte sie. Baumann lächelte sie an und begann hastig:„ Ich wollte vorschlagen, an die Havel zu fahren. Dort setzen wir uns in ein nettes Gartencafé. Es ist doch herrliches Wetter. Das kann sehr schön sein. Wenn die Sonne untergeht, und auf dem Wasser schwimmen Ruderboote und weiße Segel... Die Hitze ist auch nicht so drückend am Wasser." Eva sagte: ,, Ist das nicht ein bißchen weit?" ,, Aber wir sind doch schnell draußen", sagte Baumann weich. ,, Die frische Luft wird Ihnen gut tun, wenn Sie den ganzen Tag im Laden..."; er verbesserte sich, in geschlossenen Räumen zubringen müssen." ,, Sie haben recht", lächelte Eva. ,,... Die Straßenbahn war überfüllt. Wenn der Schaffner sich nach vorn zur Wagentür drängte, berührte Baumann Evas Knie, und eine Hitzewelle schoß jedesmal in ihm hoch. Als sie dann über die große Havelbrücke gingen, wurde Baumann lebhaft: ,, Sehen Sie nur! Ein richtiger Sommerabend auf dem Wasser. Die Boote, die hellen Segel, der Dampfer dort..." Er hielt das Brückengeländer mit beiden Händen umfaßt, sah auf die große Bucht hinunter, auf die Havel, die sich in der Ferne als breites, glitzerndes Band verlor. Über den bewaldeten Ufern lag bereits leichte Dämmerung, auf dem linken Flußufer flammten die Kiefern rot auf. In den Fensterscheiben der Villen glühte die Abendsonne wie Rubin. 20 1 1 e " , Wirklich schön. Man kommt doch zu wenig ins Freie", sagte Eva. „ Ja- - und dazu Wassersport!" sagte Baumann. ,, Ein schöner und gesunder Sport. Treiben Sie auch Sport?" ,, Nein, leider nicht. Ich habe zu wenig freie Zeit." ,, Und Sie sind trotzdem so schlank!- Ich treibe viel Sport. Schon zu Beginn meiner Laufbahn, in der Polizeischule, war Sport, Wehrsport, die Hauptsache." Sie gingen zum Ufer hinunter. ,, An uns Polizeibeamte werden oft harte Anforderungen gestellt, da ist sportliche Ertüchtigung dringend notwendig." ,, Das glaube ich gern", antwortete Eva. Sie gingen in ein Gartenrestaurant. Weiße Stühle und Tische standen in langen Reihen bis an die Uferböschung. Ein Kellner kam. Eva wünschte ein Zitronenwasser, Baumann bestellte sich ein Glas Bier. ,, Um auf unser Thema zurückzukommen...", griff Baumann das Gespräch wieder auf. ,, Jeder Beruf ist anstrengend, aber ein Schupo hat es manchmal wirklich nicht leicht." ,, Das kann ich mir denken", bestätigte Eva. Baumann sah sie lächelnd an und wollte weiterreden, doch seine Gedanken waren plötzlich wie weggeblasen. ,, Sicher, ganz sicher...", sagte er gedehnt. Er trank einen Schluck Bier, dann begann er von seinem Dienst zu erzählen. Er kam von einer Geschichte in die andere, erzählte von nächtlichen Streifen, von Schießereien. Eva hörte aufmerksam zu. Was Baumann erzählte, war ihr neu. Sie hatte nie gedacht, daß so viele Dinge zu den Pflichten eines Schupo gehörten. Man sah die Polizei doch nur im Straßendienst und stellte sich eigentlich vor, daß sie ein ruhiges Beamtenleben hatte. Doch er liebte es wohl, zu prahlen? So sind die mei2 I sten Männer, dachte sie. Reden, reden, von sich und ihren großen Taten... Sie musterte Baumann verstohlen. Was der nun schon Besonderes vorstellt! Wenn ich mir die kurze stumpfe Nase ansehe und die Finger, so dick und klobig. Schlechte Zähne hat er auch. Das schwarze Haar sieht vor Pomade wie angeklatscht aus. Überhaupt: alles Forsche und Schneidige an ihm ist weg ohne Uniform. In dem Anzug sieht er wie ein verunglückter Tanzjüngling aus... Baumann merkte plötzlich, daß Eva die Gäste im Restaurant, die draußen vorbeifahrenden Boote beobachtete. ,, Man muß nicht immer reden", sagte er wie entschuldigend, ,, es ist ja auch zu schön hier draußen." ,, Es plaudert sich hier aber besonders gut", sagte Eva, um nicht unfreundlich zu sein. Habe ich mich doch getäuscht, freute sich Baumann. ,, Macht Ihnen Ihre Arbeit bei Möllers Freude?" begann er wieder. ,, Sie lernen im Geschäft viele Menschen kennen, das weitet doch den Blick." ,, Ja, ich bin gern dort, Möllers sind sehr nett zu mir", erwiderte Eva. Baumann rückte seinen Stuhl näher zu ihr. Er sagte verhalten: ,, Für eine Frau ist doch aber der Beruf letzten Endes nur ein Übergang, sie ist schließlich zu etwas anderem bestimmt..." Er wurde unsicher, als Eva nicht antwortete. ,, Sehen Sie, mal wird eine Frau...", er zögerte wieder, ,,... ich zum Beispiel habe es längst satt, immer möbliert zu wohnen. Man will doch mal sein eigenes, gemütliches Nest einrichten." Baumann wartete begierig auf eine Antwort, sah Eva groß an. Eva sagte zögernd:„ Ja, natürlich. Wir wollen uns alle mal eine eigene Wohnung einrichten." 22 Ihr„wir“ war für Baumann Musik.— Sie will nicht deutlicher werden. Wieder dieses Scheue, Zarte. Er sagte schnell:„Nicht wahr? Man sehnt sich—. Sehen Sie, ich könnte gut in einem Jahr heiraten. Dann bin ich Oberwacht- meister, habe ein einigermaßen ausreichendes Einkommen, später ist man als Beamter pensionsberechtigt...“ Eva wich Baumanns Blicken aus.„Ja— das ist alles richtig“, sagte sie gedehnt. Einen Schupobeamten, gewiß, eine gute Partie— aber den heiraten! Mit zwanzig Jahren, wo das ganze Leben noch vor mir liegt?! Sie gab sich einen Ruck und sagte: ,,Wir wollen jetzt gehen, ja? Es ist schon spät, und morgen muß man wieder frisch sein.“ Baumann rief den Kellner, zahlte und gab ihm ein reichliches Trinkgeld.„Damit Sie auch'einen guten Tag haben“, sagte er mit Gönnermiene. Auf der Rückfahrt erzählte Baumann aus seinem Leben. Von seinen Eltern. Seine Mutter hätte ihm schon vor Jahren ‚„‚die Rich- tige“ aussuchen wollen.— Ob ich ihren Arm nehme, überlegte er, jetzt, wo doch alles viel klarer zwischen uns ist? Besser nicht, Aufdringlichkeit verletzt sie vielleicht. Eva war einsilbig und zurückhaltend. Baumann brachte sie bis zu ihrer Straßenecke und fragte bittend:„Wann können wir wieder einen Abend zusammen sein, Fräulein Eva?“ Er sprach sie bewußt mit ihrem Vornamen an.„Es richtet sich natürlich ganz danach, wie Sie Zeit haben, ich mache mich dann schon frei.“ „Das kann ich jetzt nicht so genau sagen.“ „Na gut, wir sehen uns ja oft“, lächelte Baumann.„Also, gute Nacht. Hoffentlich hat Ihnen der Abend gefallen.“ „Doch, es war sehr nett“, sagte Eva. Sie gab Baumann die Hand. 23 Das ganze Haus umgab der Schlaf wie eine schwere Wolke. Behutsam drückte Eva die Wohnungstür ins Schloß und tappte in ihr Zimmer. Sie konnte lange nicht einschlafen, sah zur Zimmerdecke hinauf. Wenn vor dem Haus eine Straßenbahn vorbeifuhr, huschte ein zittriger, blasser Lichtschein durch das Zimmer. Man hörte die Bahn schon von weitem, das Rollen schwoll an, wurde dann störend laut und entfernte sich wieder. - Sie hätte mit diesem Baumann nicht ausgehen sollen. Spricht der gleich von Heiraten! Wie konnte sie das auch ahnen?... Aber seine Einladung konnte ich nicht gut abschlagen, schon wegen Möller. Möller meinte doch, daß man zu dem Schupowachtmeister nett sein sollte, des Geschäftes wegen... Ein anständiger Mensch war er sicher aber heiraten! Dazu gehörte doch Liebe!... Wenn Baumann wieder in den Laden kommt, muß ich zurückhaltend zu ihm sein, er darf sich keine Illusionen machen... Heiraten! Sie war doch noch jung, wollte etwas vom Leben haben, viel kennenlernen... Wie unbeholfen dieser Baumann erst wirkte, wenn man ihn mit andern Männern verglich. Mit dem Rechtsanwalt Reichel oder dem Dr. Kramer. Bei denen spürte man mit jedem Wort, mit jeder Bewegung die gebildeten Menschen. Warum sollte man sich nicht einladen lassen, mit ihnen ausgehen? Man sah die große Welt, ging ins Theater, tanzen, in die großen Cafés... Was aus einem Menschen wurde, hing doch letzten Endes vom eigenen Willen ab. Auf der Straße rollte wieder dumpf eine Straßenbahn vorbei, und das Haus erzitterte. Eva hörte sie nicht mehr, sie war eingeschlafen. 24 a n t 1 n n e e n n r. e n S n- b. ei, n- IV Nie hatte Baumann die Nachmittagsstunden so herbeigesehnt wie am nächsten Tag. Die Nachmittagsstunden, in denen er die Streife in seinem Stadtteil zu machen hatte. Er saß im Tagesraum des Polizeireviers, schrieb in seinem Tätigkeitsbuch, las Zeitungen und mußte sich immer wieder zwingen, den Worten einen Sinn zu geben. Zum ersten Male lehnte er es mittags ab, einen Skat zu spielen. Seine Gedanken kreisten um den gestrigen Abend. Er hörte Evas Stimme, sah ihre Bewegungen, ihr Lächeln, als stehe sie vor ihm. Das mußte ja auch mal aufhören, heute dieses Mädel, morgen jenes Mädel. Jetzt würde sein Leben erst beginnen, mit Eva. Baumann ertappte sich, daß er unwillkürlich seine Uniform streichelte. Die Uniform ermöglicht mir das alles, dachte er. Heiraten, eine gesicherte Existenz, eine sorgenfreie Zukunft... Endlich war der Kamerad, den Baumann abzulösen hatte, zurück, übergab ihm das Streifenbuch, und Baumann konnte seine Streife antreten. Die Sonne schien hell, die Straßen füllte lärmender Verkehr wie alle Tage. Baumann nahm jeden Laut begierig in sich auf, freute sich an den Sonnenreflexen in den Fenstern der Häuser. Berlin, die ganze Welt schien ihm wie verwandelt, strahlend und taufrisch. An einer Straßenecke stand ein Gemüsehändler. Rot leuchtete ein Berg Tomaten von seinem Wagen. Zweimal habe ich den 25 Mann nun schon verwarnt und ihm das letztemal sogar mit einer Anzeige gedroht, ärgerte sich Baumann. Jetzt steht sein Wagen wieder dicht an der Straßenkreuzung und hemmt den Verkehr. Dabei habe ich dem Mann die Polizeivorschrift genau erklärt: zehn Meter von der Verkehrsecke muß der Wagen stehen! Ach was, ist mir gleich heute. Stumm vorbeigehen konnte Baumann aber nicht: ,, Immer das alte Leiden mit Ihnen", sagte er. Der Händler verstand ihn sofort. Er zuckte mit den Schultern, nahm sein Pferd am Zügel und schob den Wagen zurück. Als Baumann in die Grünstraße einbog, ging er unwillkürlich schneller. Die Tür der Konditorei stand weit offen. Nur Möller war im Laden. Er trat hinter dem Ladentisch hervor, strich mit den Händen über seine prall anliegende weiße Schürze und begrüßte Baumann mit den Worten: ,, Auch wieder mal hier, Herr Wachtmeister? Wie geht's denn?" ,, Danke, gut", sagte Baumann. ,, Und bei Ihnen? Ist's Leben noch frisch?" ,, Danke, ich kann nicht klagen", sagte Möller. Sein Doppelkinn schob sich breit über den Kragen. Seine Glatze, das ganze Gesicht schimmerten rosig. Er bot dem Wachtmeister eine Zigarre an. Baumann lächelte verbindlich: ,, Vielen Dank, Herr Möller, aber jetzt im Dienst geht's nicht, für später dann." - Baumann suchte mit den Augen. Wo war Eva? Ob sie bald kam? Sehen muß ich sie auf jeden Fall! Er suchte nach Worten, um das Gespräch mit Möller in die Länge zu ziehen. Während er redete, ging er nervös auf und ab und stieß fast mit Eva zusammen, die aus der Kaffeestube kam. Baumann sah sie verblüfft an. Eva hatte eine rosa Servierschürze um, trug ein rosa Häubchen. Baumann trat zur Seite und sagte: ,, Na, wieder fleißig?" 26 e a a ,, Arbeit gibt es immer, macht doch Freude, Herr Wachtmeister", antwortete Eva lächelnd. Sie stellte das Geschirr ab und beschäftigte sich dann hinter dem Ladentisch. Soll ich warten, bis der Bäckermeister hinausgeht? überlegte Baumann. Aber Möller machte Bemerkungen über das Wetter, die Baumann einsilbig beantwortete, und begann dann Mehl in kleine Tüten zu füllen und abzuwiegen. Baumann stand noch am gleichen Fleck und versuchte einen Blick von Eva zu erhaschen. Sie schien jedoch in ihre Arbeit vertieft. Ansehen könnte sie mich doch wenigstens mal, dachte Baumann. Die Situation wird langsam unbehaglich, ich muß gehen! raffte er sich auf. Er sagte: ,, Also die Pflicht ruft- Heil Hitler!" - ,, Heil Hitler", antwortete der Bäckermeister. Eva sah flüchtig auf und nickte Baumann zu. - Auf der Straße spann Baumann seine Gedanken weiter. Beinahe unfreundlich war sie. Unsinn. Was sollte sie denn in Gegenwart von Möller sagen?! Für heute abend hätte ich sie doch nicht einladen können, habe ich Dienst. Überhaupt, nur nichts überstürzen, wir waren ja schließlich erst gestern zusammen. Erst gestern? Wie schnell ein Mensch einem vertraut wird, wenn man sich nach ihm sehnt. In glücklicher, heiterer Stimmung kam Baumann ins Polizeirevier und meldete sich beim wachhabenden Obermeister zurück. Puschke und ein anderer Kamerad saßen im Tagesraum. Baumann schnallte sein Koppel ab, hängte es in sein Spind und legte seinen Tschako in das obere Fach. Er summte leise vor sich hin: ,,... Liebe ist ein Geheimnis..." Ein Schlager, der ihm seit Tagen nicht aus dem Kopf ging. Puschke kam auf ihn zu. ,, Gab's was Besonderes?" fragte er. Er stand dicht vor Baumann, wippte auf den Fußspitzen, die 27 Hände in den Hosentaschen. Klein und gedrungen wie er war, mußte er zu seinem Freund hinaufsehen. ,, Nein, nichts. Wieso?" fragte Baumann zurück. - ,, Gott, ich dachte nur- du bist so vergnügt..." Puschke kniff ein Auge zu und lachte, daß seine großen gelben Zähne frei wurden. ,, Wenn du schon anfängst zu denken!" sagte Baumann und gab Puschke einen Rippenstoß. Baumann rückte sich einen Stuhl an den Tisch, sah sinnverloren zum Fenster hinaus und trommelte mit den Fingern. Plötzlich fragte er: ,, Du, Oskar, was würdest du sagen, wenn dein Freund Baumann eines schönen Tages heiratet?" Puschke pfiff durch die Zähne. ,, Also doch eine Frau! Hab' ich richtig geraten. Darum warst du in der letzten Zeit so verändert!" Er tippte sich gegen seine Höckernase. ,, Die betrügt Puschke nie, das habe ich gerochen", lachte er. Er beugte sich dicht zu Baumann hinunter: ,, Ist sie hübsch?" ,, Und ob! Die müßtest du sehen!" antwortete Baumann stolz. Ihm wurde warm. Sein Glücksgefühl, das ihn in den letzten Tagen erfüllte, sprach aus ihm, als er Eva beschrieb, wie eine schöne Plastik, die es zu bewundern galt. Er erzählte von ihrem Ausflug an die Havel, verlor sich in Schwärmereien über ihre gemeinsame Zukunft. Puschke hörte ruhig zu. Als Baumann schwieg, sagte er: ,, Alles ganz schön und gut, aber mußt du sie gleich heiraten?" Baumann sah ihn verblüfft an, dann ärgerte er sich. Daß er dem seine innersten Gefühle gezeigt hatte! ,, Was verstehst du denn schon davon!" sagte er grob. ,, Du wirst mal zufrieden sein, wenn dich überhaupt eine heiratet!" Er ging hinaus und warf die Tür hinter sich ins Schloß. Mit Puschkes Meinung fand sich Baumann jedoch bald ab. 28 Puschke ist ein feiner Kamerad, er meint es vielleicht sogar gut, aber von Frauen versteht er nichts, da bleibt er eben ein Kamel.Nach Dienstschluß ging Baumann beschwingt durch die nächtlichen Straßen. Er pfiff laut bis zu seiner Haustür. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß er zu dieser Stunde jedem Passanten ,, solch ruhestörenden Lärm" untersagt hätte. Am andern Morgen beim Frühstück fragte Baumann seine Wirtin ohne jeden Zusammenhang: ,, Was kostet eigentlich eine anständige Schlafzimmereinrichtung, Frau Schuster?" Frau Schuster sah ihn erstaunt an. ,, Wie kommen Sie denn darauf, Herr Baumann?" - Baumann wurde verlegen. ,, Ach das ist mir nur so in den Sinn gekommen", wich er aus. 29 V Die Flurklingel schrillte. Eva legte die Puderquaste aus der Hand und ging zur Tür. Im Korridor kam ihr Frau Ziegler, ihre Wirtin, entgegen: ,, Ein Junge will Sie sprechen." ,, Ja, danke." Ein kleiner Junge stand auf dem Treppenflur. ,, Sind Sie Fräulein Wegner?" fragte er. " Ja, was willst du?" Der Junge sagte: ,, Ein feiner Herr wartet unten auf Sie mit einem Auto." Eva gab dem Jungen einen Groschen. ,, Sag dem Herrn, ich komme gleich." Wieder im Zimmer, sah sie noch einmal prüfend in den Spiegel. Das Kleid saß wie angegossen. Sie fuhr sich mit dem Lippenstift über den Mund, setzte die kleine helle Kappe schräg auf und zupfte das Haar an den Schläfen hervor. Heute am Sonnabend ist in Berlin überall großer Betrieb, dachte sie. Kramer hat mir versprochen, nach dem eleganten Westen zu fahren. Als sie aus der Haustür trat, sprang Dr. Kramer aus dem Auto, begrüßte sie herzlich und war ihr beim Einsteigen behilflich. Baumann hatte Nachtstreife. Er ging langsam an einer Bankfiliale, an großen Textilhäusern und Restaurants vorbei. Er 30 1246 r kannte hier jedes Haus so genau, als gehöre es ihm. Er konnte sich nicht auf seinen Dienst konzentrieren. Was ist Dienst, wenn meine Empfindungen und Gedanken ganz woanders sind, dachte er. Diese vorübergehenden Pärchen! Die lächeln sich an, die sind glücklich und wie steht's mit uns? Baumann wischte sich die Stirn. Ihm war heiß. Dreimal hatte er nun versucht, mit Eva zu sprechen und sich mit ihr zu verabreden. Immer war Kundschaft im Laden oder Eva war beschäftigt. Gestern hatte sie ihm nur knapp geantwortet, sie hätte keine Zeit. Heute hatte er Möller gefragt. ,, Sonnabends ist Fräulein Wegner immer frei, ist sie nie abends im Geschäft", hatte Möller gesagt. Hier ist meine Streife zu Ende, fiel ihm plötzlich ein, und Eva wohnt nur zehn Minuten entfernt! Im Nachbarrevier. Ob ich vor ihrem Haus auf und ab gehe? Vielleicht treffe ich sie zufällig! Baumann blieb stehen, zog nervös an seinem Koppel. Ich habe aber in meinem Bezirk zu bleiben! Wie leicht kann ich einen Kameraden vom Nachbarrevier treffen oder gar den Außenmeister! Während er noch überlegte, ging er schon automatisch weiter. Mir wird dann schon eine Ausrede einfallen, beruhigte er sich. - vierundvierzig - In Evas Straße begann Baumann zu hasten. Seine Augen suchten die Häusernummern: Zweiundvierzig achtundvierzig. Hier! Er drückte die Haustürklinke herunter. Verschlossen. Selbstverständlich verschlossen! Was soll das Ganze überhaupt? Ich könnte jetzt doch nicht hinaufgehen und nach ihr fragen! Er sah sich prüfend um. Die Straße war leer. Aus einem Restaurant gegenüber klang gedämpft Musik. Baumann machte einige Schritte, blieb wieder stehen. Ich werde mich auf der anderen Seite in einen Hausflur stellen, dort falle ich weniger auf, überlegte er und ging über den Fahrdamm. 3I Er wählte ein Haustor, das im Schatten lag, so konnte er die Straße links und rechts übersehen und stand doch im Dunkeln. Vereinzelte Passanten gingen vorbei, sahen ihn scheu an. Eine Zeitlang redete Baumann sich ein, daß er hier ja auch dienstlich sein könne. Vielleicht ereignete sich etwas Besonderes, dann war er gleich zur Stelle. Doch der Gedanke kam immer wieder: Du hast deinen Bezirk verlassen, bist im Nachbarrevier! Er sah nach der Uhr. Mitternacht war vorbei. Im Treppenflur hinter ihm wurde Licht angeschaltet. Ein Mann kam mit einem Bierkrug in der Hand aus dem Haus. Er sah Baumann erstaunt von der Seite an, grüßte, blieb einen Augenblick auf dem Bürger- steig stehen und ging dann in das Restaurant nebenan. Baumann sah wieder nach der Uhr. Zwölf Uhr dreißig Minuten.— Ich muß gehen! Eva ist bestimmt längst im Bett, und ich warte hier auf eine Gelegenheit, sie zu sehen. Verrückte Idee! In Gedanken versunken hatte Baumann nicht bemerkt, daß ein Auto in die Straße eingebogen war. Jetzt bremste es und hielt genau gegenüber vor der Hausnummer achtundvierzig. Zwei Personen saßen in dem erleuchteten Wagen. Plötzlich wurde es Baumann siedendheiß. Die beiden waren ausgestiegen, ein großer Mann und eine Frau. Im Schein der Laterne sah er sie deutlich. Die Frau!? Das geblümte Kleid, die helle Kappe. Baumann stand vornübergeneigt: Eva! Jetzt legte der Mann den Arm um sie. Eva schüttelte den Kopf, sagte etwas und lachte hell auf. Kein Zweifel, das war ihre Stimme— ihr Lachen— das war Eva! Baumann lehnte sich an die Hauswand. Er atmete schwer. Die beiden drüben gingen zur Haustür. Baumann sah, wie der Mann sich erneut an Eva drängte; wieder sagte sie etwas, dann beugte der Mann sich über ihre Hand. Gleich darauf klappte die Haustür. Der Mann ging zum Auto und ließ den Motor an- 32 e e ב I u n t I springen. Baumann sah alles wie durch einen roten Schleier. Der Wagen fuhr an. Baumann las mechanisch die Nummer am Rücklicht: IA 78 312. 78 312-78 312- murmelte er vor sich hin. Eine Anzeige erstatten? Unsinn, der Mann kann halten, wo er will. Bei diesem Gedanken erwachte Baumann aus seiner Betäubung, zog aber doch sein Tätigkeitsbuch aus der Uniformtasche und notierte: IA 78312. - Er ging über den Fahrdamm, blieb vor Evas Haus stehen, starrte auf die Hausnummer. Achtundvierzig achtundvierzig. Er konnte nichts anderes denken. Lange stand er so, regungslos. Dann rückte er seinen Tschako zurecht und ging mit kleinen, unsicheren Schritten, wie betrunken, in sein Revier zurück. n h er B d ei es er n. d e. in er n Lie 0- 33 3 5761 VI Wie im Fieber verbrachte Baumann die nächsten Tage. Er hatte sofort festgestellt, daß der Besitzer des Autos Dr. ined. Georg Kramer, Hackescher Markt 2, war. Woher mochte Eva den Arzt kennen? Das Wichtigste: wie stand sie zu ihm? Das fragte er sich noch!? Der Mann hatte sich eindeutig genug benommen! Vielleicht war er auch nur ein entfernter Verwandter? Baumann klammerte sich an diesen Gedanken, redete ihn sich als Tatsache ein und verwarf ihn dann wieder. Fräulein Wegner habe in Berlin keine Verwandten, sei hier ganz allein, hatte ihm doch der Bäckermeister Möller erzählt! Tagelang legte sich Baumann für Evas Autobekanntschaft Entschuldigungen zurecht und begrub sie wieder unter Zweifeln. Er versuchte, ihr einen Brief zu schreiben, um Aufklärung zu verlangen. Jedesmal zerriß er den halbfertigen Brief. Das sieht aus, als spüre ich ihr nach! Von Zweifeln zermürbt, immer in Angst, Eva zu verlieren, versuchte er sich durch anstrengenden Dienst zu betäuben. Er blieb lange über seine Dienstzeit auf der Revierwachtstube und schrieb. Er meldete sich freiwillig zu Sonderstreifen. Nichts half. Er brütete vor sich hin, wurde mürrisch, gab bei den geringsten Anlässen gereizte Antworten. Erst hatte sich Baumann vorgenommen, Eva am Montag in der Konditorei aufzusuchen und mit ihr zu sprechen, aber diesen 34 r 1 Gedanken verwarf er wieder. Auch in ihre Wohnung konnte er nicht gehen, nicht deswegen! Am nächsten Sonnabend hatte Eva wieder frei. Jeden Sonnabendabend, sagte Möller damals. Baumann machte sich für diesen Abend dienstfrei. Sonnabend bitte ich sie, mit mir auszugehen. Dann werde ich sie vorsichtig über ihre Bekannten ausfragen und dabei schon irgendwie erfahren, was mit diesem Dr. Kramer los ist, legte er sich seinen Plan zurecht. Er kam auf seinen Streifen täglich durch die Grünstraße. Doch er ging an der Konditorei vorbei, blieb stets auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig. Sonnabend, Sonnabend erst, hämmerte er sich jedesmal ein. Dieser Tag wurde Baumanns fixe Idee, der Entscheidungstag. Endlos lang und grau wurde ihm die Woche. Dann war der Sonnabend endlich da! , r t 1. u t , LI d € n n n ,,... geben Sie mir noch drei Nuẞtörtchen... So, ja." Die Kundin ging vor dem Ladentisch auf und ab, ihre Augen suchten weiter. So eine Quasseltante! Wenn sie bloß bald geht, dachte Baumann. Als er in die Konditorei kam, hatte er Eva kaum begrüßen können, denn zwei Kundinnen betraten den Laden. ,, Bedienen Sie die Damen nur zuerst, ich habe Zeit", hatte er schnell gesagt. ,, Bald hätte ich es vergessen, noch für eine Mark Kranzkuchen", begann die Kundin wieder. „ Ja, gern." Baumann stand wie auf glühenden Kohlen. Die tratscht so lange, bis der Bäcker auch noch in den Laden kommt, fluchte er innerlich. 3" 35 * a) Pe „... ein Stück Kuchen ist doch etwas Herrliches! Aber alles wird dem Modefimmel geopfert. Schlanke Linie! Was soll man machen, man muß sich eben anpassen“, plapperte die Kundin. „Sie mit Ihrer Figur können doch unbesorgt sein“, redete Eva der Frau zu Munde. „Das sagen Sie leise“, sagte die Kundin,„ja, wenn man so aus- sehen würde wie Sie, dann....!“ Baumann ging nervös auf und ab. Endlich zahlte auch die zweite Kundin und ging. Jetzt gleich aufs Ziel los, dachte Bau- mann. Er sagte:„Ich wollte schon während der ganzen Woche einmal vorbeikommen, Fräulein Eva. Aber ich hatte wirklich keine Zeit. Heute abend habe ich aber dienstfrei—. Und da habe ich mir gedacht, wir könnten wieder einmal zusammen sein...“ Er machte eine Pause, sah Eva voll an.„Ich habe mich die ganze Woche darauf gefreut, Fräulein Eva. Wir hätten uns doch sicher yiel’zu.sagen, Und ich hoffte, das ist inzwischen alles erledigt, ging es Eva durch den Kopf. Sie sagte:„Das ist nett von Ihnen, Herr Wachtmeister, aber heute abend geht es wirklich nicht.“ „Aber Sie haben doch heute Ihren freien Abend, hat mir Herr Möller gesagt“, fuhr es Baumann heraus. Eva verzog ärgerlich die Mundwinkel. Das hat mir gefehlt! Was der sich erlaubt, fragt Möller aus! Als ob er nach Belieben über meine freie Zeit verfügen kann! „Ja, ich bin nicht im Geschäft“, sagte sie,„aber ich habe mir vorgenommen, heute abend zu Hause zu bleiben. Man hat soviel für sich zu tun und kommt nie dazu. Das muß auch sein, Sie werden das verstehen, Herr Wachtmeister.‘“ Jetzt wird er wohl 36 4 hoffentlich begreifen, daß ich mich nicht für ihn interessiere, dachte sie. Wenn ich ihn schon mit„Herr Wachtmeister“ anrede! Baumann begriff jedoch nur eins: sie hat abgelehnt, hat mir einen Korb gegeben! Er stand unbeweglich, sah an dem Mädchen vorbei. „Einen Augenblick, bitte“, unterbrach Eva die peinliche Stille. Sie ging in die Kaffeestube nebenan, kam mit zwei Aschenbechern zurück und begann sie zu säubern. Baumann stand noch immer regungslos. Eva sah ihn von der Seite an; er tat ihr plötzlich leid. Sie sagte:„Also nichts für ungut, Herr Wachtmeister.“ Ich soll gehen, dachte Baumann. ‚Ja, ja....“, sagte er wie ab- wesend. Und fügte hinzu:„Auf Wiedersehen, Fräulein Eva. Dann vielleicht am nächsten Sonnabend.“ Er ging zur Tür. + , 5761 VII Es wurde Abend. Baumann stand in einem Hausflur, der Konditorei gegenüber. Er trug seinen Sonntagsanzug, den Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen. Vor den Türen der Häuser standen Männer und junge Burschen, die Hände in den Taschen. Sie rauchten und schwatzten. Frauen mit gefüllten Markttaschen und Einholenetzen liefen durch die Straße, drängten sich in den Geschäften, um die letzten Einkäufe zu machen. Die Stadt quirlte die Menschen noch einmal durcheinander, bevor der Sonntag kam. Baumann sah unablässig zu der Konditorei hinüber. In wenigen Minuten mußte der Laden geschlossen werden, und Eva würde herauskommen! - ,, Dieser Sonnabend wird der Entscheidungstag, trotzdem sie abgelehnt hat. Trotzdem!" Baumann hatte den ganzen Nachmittag gegrübelt, doch dieser Entschluß saß in ihm fest, ließ ihn nicht mehr los. Jawohl! Ich werde mich überzeugen, ob sie zu Hause bleibt oder ob sie mich wie einen dummen Jungen abgefertigt hat und dann doch ausgeht! Vielleicht wieder mit dem Arzt! Sogenannte feine Leute werden mir vorgezogen! Mit mir kann sie das nicht machen. Mit mir nicht! Ich bin Ernst Baumann, Schupowachtmeister Baumann! In der Straße war es stiller geworden. Baumann sah, wie drüben in der Konditorei die Jalousie heruntergelassen wurde. Aufpassen jetzt!- 38 e 1 1 1 e Le n e m Fir ], e Er erkannte Eva sofort. Dicht an den Häuserwänden entlanggehend folgte er ihr, ließ sie nicht aus den Augen. Jetzt kam sie über den Fahrdamm, bog um die Straßenecke. Baumann trat schnell in eine Haustür, ging dann wieder hinter ihr, auf der anderen Straßenseite. Wirklich, sie ging nach Hause! Noch einige Straßen, dann sah er Eva in ihr Haus hineingehen. Einen Augenblick stand er unschlüssig, dann ging er zu dem Haustor, aus dem er die Autoszene beobachtet hatte. Ein Gefühl der Freude regte sich in Baumann. Vielleicht habe ich ihr doch unrecht getan mit all dem, was ich mir zusammengereimt habe? · Doch sein Mißtrauen blieb. Ich bleibe hier, beschloß er. Mit dem heutigen Abend kann ich sowieso nichts mehr anfangen. Vielleicht kommt sie auch wieder herunter! Er beobachtete zwei Kinder, die einen Trudelreifen vor sich herrollten. Sie riefen sich etwas zu, prallten gegeneinander, lachten und kreischten. So werden meine Kinder später auch... Er war so in Gedanken, daß er Eva fast nicht bemerkte, als sie aus dem Haus trat. Sie trug ein graues, enganliegendes Kostüm, das ihr Aussehen völlig veränderte. Sie geht also doch aus! Baumann empfand diese Feststellung wie einen körperlichen Schmerz. Wieder begann der Gang durch die Straßen. In Baumann kochte die Wut. Wie sicher sie sich fühlt, sie dreht sich nicht ein einziges Mal um!- Ein kleiner schmächtiger Mann kam Eva entgegen, zog grüßend den Hut. Baumann verbarg sich hinter einer Litfaßsäule. Jetzt gingen die beiden weiter. Der Mann hatte Evas Arm genommen. So eine ist das also! Vor mir spielt sie die Unschuldige, Scheue, Sanfte, dabei hat sie an jedem Finger einen! Das ist aber nicht der mit dem Auto, der war viel größer. Und auf die bin ich reingefallen! Baumann ballte die Fäuste. 39 - Die beiden vor ihm blieben an einer Autobushaltestelle stehen. Soll ich hinter ihnen bleiben, nachher mit einsteigen? überlegte Baumann. Dann sieht sie mich vielleicht! Ich habe ja genug gesehen, weiß jetzt Bescheid. Nein! Ich will wissen, wie es weitergeht! - Baumann wartete, bis der Autobus anfuhr, sprang auf und stieg hastig zum Oberdeck hinauf. Dort wählte er einen Platz an der Treppe. So kann ich sehen, wenn sie unten aussteigen! Als die beiden ausstiegen, folgte ihnen Baumann unauffällig. Sie waren im Westen der Stadt. Auf den Bürgersteigen schoben sich die Passanten dicht aneinander vorbei, Lichtreklamen überschütteten farbig- grell die Straße, Cafés und Barstuben wechselten einander ab. Vor einigen Cafés saßen die Gäste auch im Freien. Durch die großen hochgezogenen Scheiben klang Musik bis auf die Straße. Vor einem der Cafés blieb Eva mit ihrem Begleiter stehen. Baumann sah, wie sie durch die Tischreihen auf dem Bürgersteig gingen. Er wartete und beobachtete sie weiter. Draußen war kein Tisch frei. Ein Kellner kam auf sie zu und führte sie zu einem Tisch im Innern des Cafés. Baumann überlegte. Soll ich...? Doch! Ich muß mir den Kerl mal von vorn ansehen. Ganz genau! Er bemühte sich, nicht aufzufallen. Hinter einem Pfeiler blieb er stehen und suchte mit den Augen. Vorn rechts die Kapelle, Flügel, Saxophon, Schlagzeug, Geiger da drüben sitzen sie, in der Seitennische! Wenn ich hier den leeren Tisch bei der Kapelle nehme, können sie mich nicht sehen, und ich kann sie doch genau beobachten! - Ein Kellner kam. ,, Ein helles Bier!" bestellte Baumann. Er sah an dem Pianisten vorbei nach drüben.- So einer gefällt ihr also besser als ich! Was der für schmale Schultern hat, überhaupt kein 40 Mann, nur eine halbe Portion! Die Lackschuhe, geschniegelt und gebügelt sieht der aus! Und wie er mit den Händen in der Luft herumwirtschaftet, wenn er redet. Platten haben sie auf dem Tisch stehen und eine Flasche Wein. Die essen ganz groß. Wie sie sich jetzt zu ihm hinbeugt und lacht! Auf unserem Ausflug konnte sie nicht steif genug tun! Aber so wollen sie es haben, alle Weiber: elegant ausgehen, groß angeben! Unsereins ist ihnen nicht fein genug, es muß immer etwas ,, Besseres" sein!- Als ob solche Kerle das alles umsonst tun, die sind nicht bescheiden, die fordern! Die nehmen sie, die nehmen sie dann... Baumann preẞte die Finger um die Tischkanten. Wenn ich jetzt hingehe und dem eine runterhaue, steht der nicht mehr auf, ist der fertig. Kommt nicht in Frage, daß die sich noch einbildet, ich bin eifersüchtig. Die ist bei mir erledigt, die ist ab! Ein Kellner ging an Baumanns Tisch vorbei. ,, Herr Ober!" ,, Der Herr wünscht?" - ,, Eine Flasche Wein!" sagte Baumann grob. Was der da drüben kann, kann ich schon lange! ,, Bitte, die Weinkarte, würde der Herr wählen?" sagte der Kellner höflich. - - Liebfrauenmilch Tarragona Schloß Vaux.- Baumanns Finger glitt suchend über die Weinkarte. Liebfrauenmilch? Komischer Name. Und die Preise! Unverschämt. Baumann tippte auf einen Weinnamen, hinter dem sechs Mark stand. ,, Bringen Sie den!" sagte er hart. Er trank das erste Glas in einem Zug leer, ein zweites, ein drittes. Schmeckt nicht schlecht- sollte man öfter ist das einzig Wahre, dachte er. - - Er sah wieder zu der Seitennische hinüber. Eva rauchte, sie 41 7574 42 - hielt die Zigarette mit komisch gespreizten Fingern.„ Die große Dame spielen- ein Ladenmädel!" redete Baumann vor sich hin. Er saẞ bereits bei der dritten Flasche Wein. Die Kapelle spielt ja alles durcheinander, alles verkehrt.- Baumann hob sein Glas, Prost...!" hielt es dem Geiger entgegen:„ Prost, alter Junge! sagte er laut. Dann stierte er in sein Weinglas, redete vor sich hin: ,, Ich war zu anständig. Aufhängen sollte man sie. Alle Weiber! Ich habe- habe es ehrlich gemeint, wollte sie heiraten.- Aus! Vorbei! Ich gehe!" - - - - - ,, Zahlen!" rief er laut und klatschte mit der flachen Hand auf den Tisch. Frau Schuster saß in ihrer Küche, als Baumann geräuschvoll die Wohnungstür aufschloß. Sie kam neugierig auf den Korridor. ,, Ach, Sie sind es, Herr Baumann?" sagte sie freundlich. ,, Schon zurück? Haben Sie sich gut unterhalten?" Baumann sah Frau Schuster mit stumpfem Blick an, als kenne er sie nicht. Er schwankte. دو , Wollen Sie vielleicht noch etwas essen?" sagte Frau Schuster. ,, Ich hab gerade Bratkartoffeln mit Rührei gemacht. Ist doch Ihr Lieblingsgericht." Baumann lachte schrill auf. ,, Keinen Appetit!" wehrte er laut ab. Er stolperte in sein Zimmer und schlug die Tür krachend hinter sich zu. Frau Schuster sah ihm erschrocken nach, schüttelte den Kopf, zuckte dann ratlos mit den Schultern. ,, Zu anständig!" brüllte Baumann drinnen und warf sich auf sein Bett. ıf ne er. b. er vn Wachtmeister Puschke stand vor seinem Kleiderspind im Tagesraum des Polizeireviers. Er nahm seine Thermosflasche aus dem oberen Fach, sah schmunzelnd auf die Zigarettenbilder an der Schranktür. Er ging selten ins Kino, aber seine„Filmfrauen“ kannte er alle genau. In seinen Wunschträumen studierte er ihre Gesichter jeden Tag aufs neue. Bisweilen deckte er die Namen unter den Bildern mit der Hand zu und freute sich, wenn er sie alle auswendig kannte. Er stellte sich vor, wie sie lachen, küssen, lieben würden. Jede wohl anders, doch jede toll und sinnbetörend. Puschke griff in seine Uniformtasche. Da war die Neue, aus der heutigen Zigarettenpackung. Er buchstabierte leise den Namen: „Joan Crawford.“ Eine Amerikanerin. Er befestigte das Bild mit einem Reifßßnagel in der Mitte seiner Frauengalerie.— Tolle Frau! In den langen Locken müßte man mal wühlen können. Die herrlichen Zähne, der Mund— und Beine, Beine! Aaah—! Puschke klappte die Schranktür zu.— Die Kameraden beob- achten mich vielleicht schon, dann geht wieder das blöde Witzeln los... Er ging zum Tisch, setzte sich neben seinen Freund Bau- mann, goß sich eine Tasse Kaffee ein. Baumann schnitt sein Wurstbrot mit dem Taschenmesser in kleine mundgerechte Stücke und aß schweigend, ohne aufzusehen. Ein Kranz Uniformen saß um den langen Tisch im Tagesraum. Der Zirbel drüben erzählt wieder mal saftige Witze, dachte 43 Puschke. Wie die lachen! Wo der Zirbel das alles her hat, möchte ich wissen. Immer fällt ihm etwas ein. Puschke hielt Baumann seine Tasse entgegen und sagte: ,,, Wie weit bist du eigentlich mit deiner Schönen, Ernst? Feiert ihr nicht bald Verlobung?- Wäre endlich mal eine Gelegenheit, einen vernünftigen Tropfen zu trinken." ,, Laß mich damit in Ruhe!" knurrte Baumann und hämmerte mit dem Messerknauf auf dem Tisch. - Puschke sah ihn erstaunt an. ,, Nanu, auf einmal so? Will sie etwa nichts mehr von dir wissen?" ,, Sollst mich in Ruhe lassen!" wiederholte Baumann verbissen. ,, Oh- la- la- la!" sagte Puschke. Er setzte die Tasse hart auf den Tisch. ,, Wenn es so ist...!" Nach einer Pause begann er wieder, tröstend: ,, Mach dir doch keine Gedanken, Ernst. Die Weiber taugen alle nichts. Früher hat man damit die Enten gefüttert. Wir werden uns doch deswegen nicht zanken. Mir können sie alle gestohlen bleiben. Wenn ich mal eine..." - Puschke stockte. Sein linker Nachbar stieß ihn an und flüsterte: ,, Der Alte." Der Reviervorsteher, Polizeihauptmann Seiler, stand im Türrahmen. Es wurde still im Raum. دو , Wachtmeister Baumann!" rief der Hauptmann. Baumann sprang auf, nahm stramme Haltung an: ,, Zu Befehl!" ,, Kommen Sie", sagte der Hauptmann knapp und winkte mit der Hand. " Jawohl, Herr Hauptmann!" Als sie in das Zimmer des Hauptmanns kamen, erhob sich dort ein großer beleibter Mann in Zivil. 44 e t n Ce 11 1. f h er h 1. e: Der Hauptmann ging auf ihn zu und sagte: ,, Das ist Wachtmeister Baumann, einer meiner zuverlässigsten Beamten." Baumann war straff ausgerichtet an der Tür stehengeblieben. Der Hauptmann lehnte sich an seinen Schreibtisch. Er sah Baumann an. Er sagte: ,, Dies ist Kommissar Schneider von der Geheimen Staatspolizei. Sie begleiten den Herrn Kommissar, Baumann. Eine Haussuchung. Politisch." Baumann zog die Hacken zusammen. ,, Zu Befehl!" ,, Genügen Ihnen zwei Beamte wirklich?" wandte sich der Hauptmann wieder an den Kommissar. ,, Vollständig", bestätigte Kommissar Schneider. ,, Die Sache ist absolut klar. Der Mann ist ein Staatsfeind. Er tut zwar, als sei er ein harmloser Architekt. Das Ganze ist Tarnung, weiter nichts. Das sind die Schlimmsten. Vor drei Wochen sind wir durch einen anonymen Brief auf den Mann aufmerksam gemacht worden. Seitdem haben wir ihn beobachtet. Jetzt müssen wir überraschend kommen, das ist die Hauptsache." - ,, Da haben Sie recht", sagte der Hauptmann. Er wandte sich wieder an Baumann: ,, Wachtmeister Puschke geht noch mit. Sie sind ja oft zusammen." ,, Zu Befehl!" r- it rt Sie mußten bis in den fünften Stock steigen. Es war eine Atelierwohnung. Hans Richter, Architekt, stand auf dem Türschild. Kommissar Schneider läutete. Als geöffnet wurde, stellte er blitzschnell einen Fuß in die Türspalte. Eine schlanke junge Frau stand vor den drei Männern. Sie hatte einen blonden Bubikopf, trug helle Strandhosen, darüber eine bunte Bluse. 45 Baumann starrte die Frau an. Das könnte Eva sein! Er verjagte den privaten Gedanken. ,, Sie wünschen?" fragte die Frau. Ihre Augenbrauen zogen sich für einen Moment zusammen, dann schien sie aber gar nicht überrascht, die Polizei an ihrer Wohnungstür zu sehen. ,, Geheime Staatspolizei!" sagte Kommissar Schneider barsch. Er schlug seinen Rockkragen zurück, zeigte seine Amtsmarke. Dann stieß er mit dem Fuß gegen die Tür. Die Frau lieẞ blitzschnell die Tür los, drehte sich um und rief in den Korridor hinein: ,, Hans! Komm doch mal her hier sind einige Herren von der Behörde!" Das Wort Behörde betont sie absichtlich, eine ganz Raffinierte, dachte Baumann. Der Kommissar schob die Frau zur Seite, ging auf die Zimmertür im Hintergrund zu. Baumann und Puschke blieben dicht hinter ihm. Die Tür ging auf. Ein großer schlanker Mann mit langem dunklem Haar kam ihnen entgegen. ,, Geheime Staatspolizei- Haussuchung!" wiederholte Kommissar Schneider. Der Mann sah ihn an, sagte mit fester Stimme: ,, Eine Haussuchung? Bei uns? Das muß ein Irrtum sein." ,, Reden Sie nicht! Sie sind uns schon lange als Staatsfeind bekannt!" fuhr ihn Kommissar Schneider an. Er drehte sich zu der Frau um, machte eine herrische Handbewegung: ,, Sie kommen auch hier ins Zimmer! Rühren Sie sich beide nicht von der Stelle, rate ich Ihnen!" دو Wie Sie wünschen", sagte der Mann kühl. Er ging ins Zimmer zurück, setzte sich in einen Lehnstuhl. Seine Frau stellte sich neben ihn. 46 1- 5- Kommissar Schneider begann zwei Schränke auszuräumen, warf Bücher und Kleider nach kurzer Prüfung auf den Fußboden. Puschke nahm Bilder von den Wänden, betastete sie, klopfte dann die Wände ab. Baumann fühlte in die Polsterung einiger Stühle hinein, durchsuchte einen Schreibtisch. Er fand nur Zeich- nungen, Grundrisse von Gebäuden und Baustellen, mit denen er nichts anzufangen wußte. Bei alledem ließ er den Architekten und seine Frau nicht aus den Augen, wie sein Befehl lautete. Ein heller Teppich bedeckte den Fußboden des Ateliers, auch die Wände waren mit hellem Tuch bespannt. Der freundliche Raum sah nach wenigen Minuten wie zertrampelt aus. Baumann beobachtete das Ehepaar. Die Frau hatte einen Arm um die Schultern ihres Mannes gelegt. Beide sahen stumm und scheinbar eingeschüchtert der Verwüstung zu. Der Mann sieht intelligent aus, dachte Baumann. Die ist glück- lich mit dem. Mit diesem Hetzer! Wut stieg in Baumann hoch. So ein Kerl hat alles, ein gemütliches Heim, eine schöne Frau... Kommissar Schneider war mit Puschke in ein Nebenzimmer, dann in die Küche gegangen. Sie kamen mit leeren Händen zurück. Einen Augenblick stand Kommissar Schneider zögernd, dann ging er auf den kleinen Balkon des Atelierzimmers. Bau- mann hörte, wie er an der Dachrinne rumorte. Gleich darauf kam Kommissar Schneider ins Zimmer gestürzt. Er hielt eine dicke Papierrolle in der Hand und fuchtelte damit dem Architekten vor dem Gesicht herum:„Hier! Widerstands- zeitungen! In der Dachrinne! Was sagen Sie nun?“ Der Architekt stand langsam auf, sein Gesicht blieb unbewegt. Er sagte:„Ich weiß nicht, was Sie meinen. Diese Papiere kenne ich nicht. Die Dachrinne gehört nicht zu meiner Wohnung. Ich weiß auch nicht, wie die Papiere dahin gekommen sind.“ 47 212 Kommissar Schneiders Gesicht wurde dunkelrot: ,, Bei uns werden Sie reden lernen! Darauf können Sie sich verlassen!" Er drehte sich zu den hinter ihm stehenden Wachtmeistern um: ,, Mitnehmen! Hier sind wir fertig!" Baumann drehte dem Architekten mit einem Jiu- Jitsu- Griff einen Arm auf den Rücken und schob ihn vor sich her. Der Architekt ging tief gebückt und verzog schmerzhaft das Gesicht. Puschke hatte die Frau an den Schultern gepackt, preẞte sie an sich. Er fühlte ihren Körper durch den Uniformstoff. Die Frau schrie auf: ,, Lassen Sie mich los, ich gehe so mit! Lassen Sie mich los!" ,, Festhalten!" befahl Kommissar Schneider. Seine Stimme steigerte sich: ,, Die müssen alle ausgerottet werden! Dafür werden wir sorgen!" 48 ins Er m: 思 淚 riff chisie Die Sie teiHen IX Baumann lebte wie in dumpfer Betäubung. Pünktlich und pflichtgemäß tat er seinen Dienst, doch die Stadt schien ihm plötzlich ein riesiges Uhrwerk zu sein, das irgend jemand aufzog, in das er eingeschaltet war, um sein zugeteiltes Pensum mechanisch abzulaufen. Er versuchte, sich für eine andere Streife einsetzen zu lassen. Es gelang ihm nicht. Tag für Tag mußte er durch die Grünstraße, an der Konditorei Möller vorbeigehen. ,, Vergessen! Vergessen!" wiederholte er sich, doch der Gedanke an Eva gab seinem Hirn stets neue Nahrung. Die Haussuchung in dem Atelier stand wieder vor ihm, die verhaftete blonde Frau, die Eva so ähnlich war. ,,... Die müssen alle ausgerottet werden! Dafür werden wir sorgen!" hatte der Kommissar gesagt. Die Frau war jetzt von ihrem Mann getrennt. Lange würden die beiden nicht zusammen sein können, sehr lange. Eva Wegner aber konnte weiter drauflosleben mit ihren ,, Kavalieren". Die konnten sich mit ihr amüsieren. Und diese Burschen gingen aufs Ganze, würden sie besitzen! Baumanns brennende Eifersucht, seine verletzte Eitelkeit beflügelten seine Phantasie. Er hörte Eva Koseworte flüstern, sah sie in wilden Liebesszenen. Wie eine um sich fressende, unheilbare Krankheit waren diese Gedanken, nicht abzuschütteln. Dann packte ihn wieder ohnmächtige Wut. -Mich hat sie verschmäht. Erniedrigt hat sie mich. Ich war nur ein Spielzeug für sie, für ihre Launen. Ich, der es ehrlich meinte, der sie heiraten wollte! Für mich ist sie jetzt verloren. In - 49 jedem Fall! Doch ich brauche nicht ohnmächtig zuzusehen, wie sie es treibt. Diese Lebemänner sollen sie nicht besitzen! Die auch nicht! Wie erging es der blonden Frau aus dem Atelier?- Es gibt einen Ausweg! Als Baumann den Gedanken zum erstenmal zu Ende dachte, erschrak er. Das war ja Wahnsinn! Soweit war es mit ihm gekommen?! Doch seine tägliche Streife brachte ihm die harte Wirklichkeit immer wieder nahe, der Anblick der Konditorei Möller blieb. Zwei Tage ging Baumann noch an der Konditorei vorüber, ohne zu einem festen Entschluß zu kommen, dann erstickten Verzweiflung und Wut jede logische Erwägung, alle Hemmungen und Skrupel in ihm. 50 e ch Es S =, I it d X Baumann ging mit zögernden Schritten den Korridor der Polizeiwache entlang. Vor der Tür des Reviervorstehers blieb er stehen und lauschte. Drinnen war nichts zu hören. Er ist also. allein... Baumann hob die Hand, um anzuklopfen, zog sie aber im letzten Augenblick zurück. Die Geschehnisse der letzten Wochen zogen rasend schnell an ihm vorbei: Evas Gesicht, ihr gemeinsamer Ausflug an die Havel, der Mann mit dem Auto vor ihrer Haustür, der andere im Café. Noch kann ich zurückgehen, dann ist nichts geschehen. Dann bleibt alles, wie es ist. Dann bleibt alles? Alles!? - - Im Korridor hinten klappte eine Tür. Schwere Schritte kamen näher, Stimmen. Kameraden aus dem Bereitschaftsraum! Baumann fuhr zusammen. Er klopfte. Jeder Nerv in ihm war angespannt. ,, Herein!" hörte er den Hauptmann rufen. Jetzt ist es soweit. Jetzt gibt es kein Zurück! Baumann riß sich zusammen und öffnete die Tür. Er machte zwei Schritte in das Zimmer hinein und blieb in straffer Haltung, mit angelegten Händen, stehen. Hauptmann Seiler saß hinter seinem Schreibtisch. Er legte einen Stapel Papiere aus der Hand, in denen er gelesen hatte, und schob sich die Brille auf die Stirn. ,, Was gibt's, Baumann?" fragte er leutselig. SI Baumann holte tief Atem. ,, Ich habe eine wichtige Meldung zu machen, Herr Hauptmann." Er sprach in einem Zug, gab seiner Stimme einen harten Klang. Der Hauptmann hob leicht die Hand, lehnte sich im Stuhl zurück: ,, Bitte", sagte er. Baumann stellte einen Fuß vor, sah den Hauptmann sekundenlang an. Das hagere Gesicht mit dem weißen Spitzbart, den buschigen, hellen Augenbrauen, den klaren, auf ihn gerichteten Augen. Diese Augen! Als ob sie in mich hineinsehen können.- Baumann schluckte, seine Kehle war wie ausgedörrt, seine Zunge ein schwerer, trockener Klumpen. Ich muß reden!- - ,, Ich bin einer staatsgefährlichen Bestrebung auf die Spur gekommen, Herr Hauptmann", begann er.„ Ich müßte jedoch einige Dinge genau erklären, damit Herr Hauptmann die Zusammenhänge besser verstehen." Hauptmann Seiler nahm die Brille von der Stirn, zog erstaunt die Augenbrauen hoch. ,, Einer staatsgefährlichen Bestrebung? Eine politische Sache?!" ,, Jawohl, Herr Hauptmann." ,, Also erzählen Sie schon!" " Jawohl, Herr Hauptmann", wiederholte Baumann. - Er räusperte sich. Wie fange ich jetzt an? fuhr es ihm durch den Kopf. Mit der Konditorei, das ist am besten. Heiß und wohltuend stieg es in ihm hoch. Jetzt wird heimgezahlt, jetzt wird abgerechnet! · Der Hauptmann wartet! ,,... - Ich kam durch meine Streifen im Revier auf die ganze Sache, Herr Hauptmann. Es hängt mit der Konditorei Möller in der Grünstraße 17 zusammen. Herr Hauptmann kennen das Geschäft vielleicht...?" Baumann machte eine Pause. 52 Der Hauptmann sah nachdenklich in die Luft.„Konditorei Möller, Grünstraße ı7...?“ wiederholte er langsam.„Ja, ist mir bekannt.“ „Ich war wiederholt in dieser Konditorei, sprach mit dem Bäckermeister Möller“, fuhr Baumann fort,„wir müssen ja in der heutigen Zeit auf jede Kleinigkeit achten; deshalb spreche ich auf meinen Streifen oft mit Leuten, dabei kann man sie am besten auf ihre Gesinnung kin prüfen.— In der Konditorei ist eine junge Verkäuferin, die Eva Wegner heißt. Eines Tages hörte ich, wie diese Verkäuferin mit einem Kunden halblaut und hastig sprach, während sie ihn bediente. ‚Für Erich ist heute nichts da‘ oder so ähnlich sagte sie. Dies fiel mir zwar auf, doch ich dachte mir nichts dabei und vergaß es dann wieder. Doch später, als ich wieder einmal in dem Laden war, sah ich, daß die Verkäuferin einem Mann einen Zettel zuschob, zusammen mit der gekauften Ware. Die Worte von damals kamen mir wieder in den Sinn, und deshalb wurde ich nun stutzig. Der Mann, der den Zettel bekam, war auch bestimmt ein anderer als der erste, fiel mir auf, denn es war schon ein älterer Mann. Ein persönlicher Freund des Mädchens konnte er schwerlich sein, sagte ich mir. Weshalb also dieser Zettel und vor allem$o heimlich?— Wir wissen doch, daß Staatsfeinde bei ihrer Wühlarbeit alle möglichen Tricks anwen- den, um ihre Tätigkeit harmlos zu tarnen. Daran mußte ich sofort denken, Herr Hauptmann, als ich die Sache mit dem Zettel sah.“ Baumann schwieg, sah den Hauptmann an, um die Wirkung seiner Worte abzuschätzen. „Hm, ganz richtig“, sagte der Hauptmann.„Und weiter...?” Der denkt über irgend etwas nach, überlegte Baumann schnell. Das mit der„harmlosen Tarnung“ war doch gut? So hat sich doch 53 der Kommissar hier neulich ausgedrückt!-Ihm wurde plötzlich klar, wie er weitererzählen mußte. Alle Belastungsargumente, die er in tagelangem Grübeln erdacht hatte, waren ihm so deutlich im Bewußtsein, als hätte er sie sich vorher aufgeschrieben. Er nahm einen neuen Anlauf: ,, Weil mir die Sache jetzt verdächtig vorkam, fragte ich den Bäckermeister vorsichtig über das Mädchen aus. Der erzählte mir, daß sie aus einer sächsischen Kleinstadt stammt und daß sie in Berlin keinen Familienarhang hat. Das bestärkte mich in meinem Verdacht noch. Von da an stand für mich fest: Ich muß mehr über das Mädchen in Erfahrung bringen, muß sie in Gespräche ziehen. Ich wandte eine alte, erprobte Methode an: Ich machte mich mit dem Mädchen bekannt, ich lud sie ein, mit mir auszugehen. Ich verbrachte einige dienstfreie Abende mit ihr." Der Hauptmann sah auf.„ Und das Mädchen ging darauf ein?" fragte er ruhig. Baumann spürte erschreckt Zweifel in der Stimme des Hauptmanns. Jetzt muß ich ihn packen. Jetzt müssen ,, Beweise" kommen, fühlte er. Seine Finger verkrampften sich. " Jawohl, Herr Hauptmann, sie ging darauf ein.- Zuerst nahm ich an, daß ich mich geirrt hatte, daß mein Verdacht unbegründet war. Das Mädchen zeigte ein durchaus ungezwungenes, fast fröhliches Wesen. Wenn ich das Gespräch vorsichtig auf politische Dinge lenkte, wußte sie nichts dazu zu sagen. Zuerst bekam ich ganz den Eindruck, daß sie sich für Politik nicht interessierte." Baumann sprach lauter, eindringlicher: ,, Aber dann konnte ich zweimal ihre Handtasche durchsuchen, während jemand sie zum Tanzen aufgefordert hatte, Herr Hauptmann. In der Handtasche fand ich Beweise für meinen Verdacht, Herr Hauptmann. Ganz sichere Beweise, Herr..." 54 h e, 1. S n g مه C e of st S, f st r- n d n. rr Der Hauptmann unterbrach ihn jäh: ,, Beweise?- Welcher Art?!" - Baumann straffte unwillkürlich seinen Körper. Er sprach scharf und betont: ,, Ich fand einen Zettel, Herr Hauptmann. Darauf stand:, A 7, beim nächsten Einkauf Bericht mitgeben. Sehr wichtig! Und bei einer anderen Gelegenheit sah ich in der Handtasche einen Zettel:, Für R 3. Dieser Zettel war an einen Schreibmaschinenbogen geheftet., Flugblattentwurf' stand über dem Bogen. Ich konnte den Text in der kurzen Zeit nur überfliegen, aber die Überschrift habe ich mir gemerkt, Herr Hauptmann:, Das Hitlerregime bringt Hunger und Krieg! Auch was unter dem Text stand, habe ich mir genau gemerkt, Herr Hauptmann. Darunter stand, auch in Schreibmaschinenschrift: Leitung der Widerstandsgruppe K"." Bei Baumanns letzten Worten sprang der Hauptmann auf, ging auf Baumann zu, blieb dicht vor ihm stehen: ,, Und Sie irren sich nicht, Baumann?, Leitung' stand darauf?!" fragte er erregt. Baumann stand in straffer Haltung, sah an den Augen des Hauptmanns vorbei. ,, Jawohl, Herr Hauptmann ,, Leitung' stand da. Ich irre mich bestimmt nicht, Herr Hauptmann!" Der Hauptmann drehte sich um, verschränkte die Arme auf dem Rücken und ging im Zimmer auf und ab. ,, Das ist toll.... das ist toll...", redete er vor sich hin. , Baumann folgte jeder Bewegung des Hauptmanns. Wenn ich der schon eins auswischen will, dann ist das sicherste, gleich ganz groß, das wirkt, dachte er. Doch sein Triumphgefühl währte nur Sekunden, denn der Hauptmann blieb plötzlich stehen und fragte laut: ,, Haben Sie direktes Beweismaterial? Haben Sie einen der Zettel behalten, Baumann?" Baumann zögerte einen Augenblick mit der Antwort. ,, Das 55 216 war unmöglich, Herr Hauptmann. Das wäre dem Mädchen bestimmt aufgefallen." Er bemühte sich, ruhig zu sprechen. Der Hauptmann drehte seinen Spitzbart zwischen den Fingern, sah Baumann schweigend an und nahm seinen Rundgang im Zimmer wieder auf. Die Stille im Raum lastete auf Baumann. Er begann wieder: ,, Nachdem ich diese Beweise hatte, habe ich das Mädchen ständig überwacht, Herr Hauptmann. Abends, wenn sie aus dem Geschäft kam und auch in ihrem Privatleben. Ich habe ihr Haus beobachtet, ich bin ihr unauffällig nachgegangen. Sie traf sich jedesmal mit einem anderen Mann, in Cafés oder in Tanzlokalen. Und jedesmal tauschte sie mit diesen Männern Papiere Einmal wartete sogar ein Privatauto auf das Mädchen. Ich habe mir natürlich sofort die Nummer notiert..." aus. - Baumann griff in die Uniformtasche und blätterte in seinem Tätigkeitsbuch.- Jetzt muß alles weitergehen, was soll sonst - werden, dachte er. ,,... Hier, die Autonummer ist: IA 78 312. Ich habe festgestellt, daß das Auto einem Dr. med. Georg Kramer, Hackescher Markt 2, gehört, Herr Hauptmann.“ Baumann gewann jetzt seine innere Sicherheit wieder. Seine letzten Worte bereiteten ihm brennende Freude. Was er sagte, spiegelte sich mit verzerrter Logik in ihm. Ist alles richtig sie hat mich nicht ungestraft zum Narren gehalten! Und ihre Lebemänner sollen auch nicht davonkommen! - ,, Für diese Feststellungen brauchten Sie doch ziemlich viel Zeit? Wie lange haben Sie denn das Mädchen beobachtet?" fragte der Hauptmann. ,, Die letzten zwei Monate, Herr Hauptmann", antwortete Baumann ohne Zögern. 56 g : 94 g S h e 1. m St e , e ? r e Der Hauptmann ging noch einige Male im Zimmer auf und ab, dann setzte er sich hinter seinen Schreibtisch, strich sich den Spitzbart, blieb lange stumm. Baumann wartete mit verbissener Ungeduld. Der Hauptmann hob den Kopf. Er sagte: ,, Schreiben Sie darüber sofort einen genauen Bericht, Baumann. Lassen Sie alle andere Arbeit liegen!". ,, Zu Befehl, Herr Hauptmann!" Baumann zog die Hacken zusammen, machte eine steife Wendung und ging zur Tür. Lange saß Hauptmann Seiler über Baumanns Bericht und grübelte. Die tollste Sache, die je in meinem Revier vorgekommen ist. Daß so etwas möglich ist! Heutzutage ist alles möglich. Sogar die Autonummer! Überhaupt, Baumann ist einer meiner tüchtigsten Beamten. Der Mann weiß doch, was er sagt. Der spricht unter seinem Diensteid! Das wird ein Erfolg! Die Zentrale einer Widerstandsgruppe! Und in meinem Revier wurde das aufgedeckt. In meinem Revier! - Hauptmann Seiler rief das Polizeipräsidium an und ließ sich mit Major Kiefer verbinden. Er bitte den Herrn Major um eine persönliche Unterredung. Es handle sich um eine wichtige Angelegenheit. Um eine sehr wichtige Angelegenheit! Am nächsten Nachmittag ließ Hauptmann Seiler Baumann rufen. Er klopfte ihm auf die Schulter. ,, Ich habe Ihren Bericht ans Polizeipräsidium weitergegeben, Baumann", sagte er wohlwollend. ,, Major Kiefer war überrascht. Sehr überrascht. Eine große Sache ist Ihnen da geglückt. Wenn alles klappt, ist Ihnen der Oberwachtmeister sicher." 57 Baumann stand stramm ausgerichtet und lächelte verzerrt. ,, Sie sollen die ganze Angelegenheit jetzt auf sich beruhen lassen. Sie sollen jetzt ganz im Hintergrund bleiben, damit unauffällig weitere Ermittlungen gemacht werden können und dann überraschend zugegriffen werden kann." ,, Zu Befehl, Herr Hauptmann!". 0464 58 三 1 d XI Es war ein Morgen wie jeder andere. Eine Seite der Grünstraße lag in einem hellen Streifen Sonne. Im Restaurant ,, Zum guten Schoppen" saß der Wirt dicht hinter der Schaufensterscheibe. Die Sonne schien ihm ins Gesicht. Er rekelte sich wohlig, sah in die im Licht tanzenden Staubkringel. Lohnt sich nicht mehr, die Zeitung zu lesen, dachte er, in allen Zeitungen steht heutzutage derselbe Zimt. Man muß sich eben Zeitungen halten, für die Gäste. Er schnalzte mit der. Zunge. Der Kaffee war wenigstens gut! Braucht man, wenn man die halbe Nacht hinter dem Ausschank steht und schon morgens einen Brummschädel hat. Der Wirt sah auf die Straße. In die Einfahrt des großen Textilgeschäftshauses gegenüber fuhr ein Lastwagen mit Anhänger. Ein Briefträger kam die Straße herunter. Der Wirt sah ihn in das Haus gehen und dann im Fahrstuhl hochfahren. Der Treppenflur des modernen Hauses hatte zur Straße eine durchgehende Fensterverkleidung, man sah den Fahrstuhl bis ins oberste Stockwerk steigen. Rechts von dem Geschäftshaus war ein Woll- und Posamentierwarengeschäft. ,, Nur für Grossisten" stand an der Ladenscheibe. Ein Mann hantierte im Schaufenster. Der alte Lehmann dekoriert wieder mal, dachte der Wirt. Als ob das Kunden herbeizaubern kann! Miese Zeiten, heutzutage, der Lehmann ist zu bedauern mit seinem Ersatzstoffkram. 59 -—- ‘" Be RE re RE Der Wirt sah zu der Konditorei links von dem Geschäftshaus hinüber.— Bäcker hätte man werden sollen! Essen müssen die Leute immer. Bei Möllers gibt einer dem anderen die Klinke in die Hand. Der Mann wird jeden Tag dicker. Der macht sein Geschäft. Plötzlich stand der Wirt auf, starrte durch die Fensterscheibe und rief laut:„Minna! Minna! Komm doch mal her!— Schnell! Minna,— Minna!“ z Seine Frau kam aus der Küche gelaufen, wollte fragen, was los sei, warum er denn so schreie. Sie kam nicht dazu. Ihr Mann stand hinter der Ladentür, winkte ihr, zischte ihr erregt zu:„Sieh dir das an! Polizei!— Bei Möllers drüben!“ Sie steckten die Köpfe zusammen, sahen angestrengt durch den Spalt der Türgardine. Die gesamte Grünstraße war aufmerksam geworden. Vor den Haustüren standen Frauen und flüsterten, der alte Lehmann sah scheu aus seinem Laden, aus den Fenstern des großen Geschäfts- hauses sahen Angestellte, auf dem Bürgersteig drüben standen neugierige Kinder. Vor der Konditorei Möller hielten zwei offene Autos. Ein Schupo stand breitbeinig vor der Ladentür. Mehrere Männer in Zivil und zwei Schupos waren in die Konditorei gegangen. „Schupos— und soviel in Zivil!“ flüsterte der Wirt seiner Frau zu.„Da muß ja allerhand los sein!“ Eva bediente eine Kundin, noch ein anderer Kunde, ein junger Mann, war im Laden. Alle sahen verwundert zur Straße, als die Autos vorfuhren. Der junge Mann ging zur Schaufensterscheibe:„Da scheint ja wieder etwas...“, sagte er. Weiter kam er nicht. Die Ladentür 60 ie ja a re anne are Fan 5 flog auf, ein Rudel Männer kam herein, fünf Zivilisten und zwei Schupos. Ein schlanker Mann in Zivil, mit weichem Hut und einem hellen, eng gegürteten Sportmantel, kam zu Eva an den Laden- tisch.„Rufen Sie sofort den Bäckermeister!“ sagte er befehlend. Er sah sie drohend und durchdringend an, als müsse er sich ihr Gesicht genau einprägen. Eva zögerte verwirrt. Sie legte die Tüte, die sie in der Hand hielt, auf den Ladentisch.„Ich hole Herrn Möller, er wird gleich hier sein“, sagte sie und ging zu der Verbindungstür hinten im Laden. Der Mann im hellen Sportmantel machte eine knappe Kopf- bewegung. Ein anderer Zivilist schloß sich daraufhin Eva an, blieb dicht hinter ihr. Eva sah ihn verwundert an. „Ich gehe mit!“ sagte ihr Begleiter barsch. Eva nickte stumm. Ein Angstgefühl stieg in ihr auf, eine Ahnung, daß etwas Schreckliches kommen würde. Sie wußte, daß Möller in der Backstube war, sie ging schneller. Er wird alles in Ordnung bringen, dachte sie. Der Mann hinter ihr ließ sie nicht aus den Augen. Im Laden begannen die Zivilisten Schubläden aufzuziehen und sie zu durchsuchen. Die Kunden, die Frau und der junge Mann, sahen dem Treiben erschrocken zu. Der junge Mann machte zwei Schritte zum Ausgang hin.„Dauert mir zu lange“, sagte er. Der Mann im hellen Sportmantel sagte kurz:„Sie bleiben hier! Niemand verläßt den Laden!“ „Ich... ich... wollte doch nur etwas Brot kaufen“, sagte der “ junge Mann bestürzt. 61 576 Der Inspektor kam auf ihn zu: ,, Das wollen wir auch nur", sagte er zynisch. Und scharf: ,, Können Sie sich ausweisen? Haben Sie einen Personalausweis bei sich? Personalien angeben, sonst nehmen wir Sie mit, verstanden?!" ... „ Ja. ja... ich habe...", stotterte der junge Mann. Er begann hastig in seinen Taschen zu suchen.„ Hier... mein Betriebsausweis... genügt der?" fragte er. Der Inspektor nahm ihm den Ausweis aus der Hand. ,, Heinz Müller heißen Sie?" " Ja." ,, Alles notieren - und durchsuchen!" wandte sich der Inspektor an einen seiner Begleiter. Der junge Mann mußte mit erhobenen Händen stehen, während seine Taschen geleert wurden. Ein anderer Kommissar schrieb seine Personalien auf. ,, Nichts", meldete der Untersuchende. دو , Erledigt. Gehen lassen." Die Kundin stand gegen den Ladentisch gelehnt; ihr Gesicht zuckte, sie preẞte ihre Einholetasche krampfhaft an sich. ,, Packen Sie Ihre Markttasche aus!" wurde ihr befohlen. ,, Ich auch...? Ich weiß nicht...? Was habe ich denn...?" begann die Frau beklommen. ,, Sie scheinen noch nicht begriffen zu haben, was hier gespielt wird! Wissen Sie, wer mit Ihnen spricht: Inspektor Diebold, von der Geheimen Staatspolizei!" Die Frau sah Diebold fassungslos an, ihre Lippen, ihr Kinn begannen zu zittern. ,, Ich... gewiß... gewiß...", sagte sie mühsam und angstvoll, packte mit fliegenden Händen ihre Markttasche aus. 62 n st e- Z - h- ar ht >" elt on nn sie re In diesem Augenblick betrat Bäckermeister Möller mit Eva und dem Kommissar, der sie begleitet hatte, den Laden. Möller war ahnungslos. Er wußte nur, daß Polizeibeamte ihn zu sprechen wünschten. Er war von der Arbeit weggelaufen, seine Schuhe, die Hose, die unter der weißen Schürze hervorsah, seine Arme waren mit Mehl bestäubt. Er machte einige Schritte in den Laden hinein, blieb dann mit großen Augen und krebsrotem Gesicht wie angewurzelt stehen. Auf dem Ladentisch lagen Kuchen und Gebäck unordentlich durcheinander. Das Schaufenster war ausgeräumt worden, sein Inhalt lag ebenfalls über den Tisch ausgebreitet. Inspektor Diebolds Befehl, alles genau zu durchsuchen, war gründlich befolgt worden, sehr gründlich, weil man dem vermuteten ,, Spitzenapparat" einer Widerstandsgruppe gegenüber nicht gründlich genug sein konnte. Der Anblick, den der Laden bot, wirkte auf Möller wie ein unerwarteter Schlag. Und drüben auf dem Bürgersteig standen neugierige Menschen! - ,, Um Gottes willen, meine Herren! Was soll das?!" Möller gestikulierte mit den Händen: ,, Sie ruinieren mein Geschäft meinen Ruf. Die Leute draußen..." - Inspektor Diebold ging auf ihn zu. ,, Was das soll?!" sagte er spöttisch. ,, Geheime Staatspolizei. Haussuchung!" Und setzte hinzu: ,, Inspektor Diebold!" - Möllers Augen wurden unnatürlich weit. ,, Aber ich bitte Sie, Herr Inspektor! Ich bin ein harmloser Geschäftsmann! Ich verstehe Sie nicht. Eine Haussuchung...?" Möller redete mit großer Anstrengung, sah hilfesuchend von einem zum andern, auf Eva, die mit hängenden Schultern und verstörtem Gesicht neben ihm stand. 63 ,, Das müssen Sie uns schon überlassen!- Das ist unsere Angelegenheit!" Möller nickte apathisch und wie geistesabwesend. ,, Ist jemand von Ihrem Personal abwesend?" ,, Nur der Lehrling- er trägt Frühstücksbeutel aus, die Brötchen für meine Kunden." ,, So, so die Kundenliste muß ich mir auch ansehen!" - " ,, Ja bitte ich habe sie in meinem Zimmer..." -- - - Möller drehte sich um. In ihrer Verwirrung wollte sich Eva ihm anschließen. ,, Sie bleiben hier im Laden!" herrschte sie Inspektor Diebold an. Er sagte leise etwas zu einem der Kommissare, wandte sich dann an die anderen: ,, Ich denke, hier sind wir soweit fertig." Sie gingen in die hinteren Räume. Eva setzte sich auf einen Stuhl hinter dem Ladentisch. Sie fühlte sich wie in einem Strudel, der sie umherwirbelte, in dem kein Halt zu finden war. Der Kommissar, mit dem sich Inspektor Diebold flüsternd unterhalten hatte, wich nicht von ihrer Seite. ,, Hübsch abwarten", sagte er spöttisch. Auf dem Korridor kam der Gruppe Frau Möller entgegen. Als sie die beiden Schupos und die vier Zivilisten mit ihrem Mann kommen sah, fragte sie aufgeregt: ,, Was ist, Heinrich? Ist etwas passiert?" Möller nahm ihre Hand. ,, Beruhige dich, Anna 1 - - es muß sich alles aufklären. Sicherlich ein Versehen. Die Herren sind von der Geheimen Staatspolizei..." Wir haben keine Zeit für Familienszenen!" unterbrach ihn Inspektor Diebold. Geheime Staatspolizei! Frau Möller lief verängstigt neben 64 - 9 ge- ihrem Mann her:„Wir haben doch nichts Verbotenes getan, Heinrich...“ „Setzen Sie sich hierher und verhalten Sie sich ruhig!“ befahl ihr Inspektor Diebold im Zimmer. Frau Möller schrak zusammen und gehorchte. Wie hilfe- suchend sah sie zu ihrem Mann und weinte dann leise vor sich hin. Möller kramte in den Papieren auf seinem Schreibtisch. Inspektor Diebold stand neben ihm und beobachtete ihn genau. „Hier bitte, die Kundenliste, Herr Inspektor...“ An Diebold warf einen flüchtigen Blick auf die Liste, ging mit einem der Kommissare ein Stück abseits und redete halblaut auf old ihn ein. a Inzwischen war mit der Durchsuchung des Zimmers begonnen 5 worden. Papiere häuften sich auf dem Fußboden, kein Gegen- nen stand blieb unberührt. Einer der Kommissare sah den Wand- del, kalender Blatt für Blatt durch. Diebold befahl den Schupos, Der Schränke abzurücken und musterte die Zimmerwände. ter- Möller ging zu seiner Frau, strich ihr über das Haar, wieder- holte immer dieselben Worte:„Es muß sich ja alles aufklären...“ „Die anderen Räume!“ wandte sich Inspektor Diebold knapp gen. an ihn.’ ‚rem Ja» bitte‘... = Möller ging zur Tür. Seine Frau sprang auf:„Heinrich!— Heinrich!“ muß„Sie bleiben hier!“ wurde ihr befohlen. sind Die Tür schlug zu. Nach einiger Zeit blieb nur noch die Backstube zu durch- ihn suchen. „Aber das ist doch nur die Backstube!“ jammerte Möller ver- ben zweifelt. Er stand zusammengekrümmt, sah um Jahre gealtert 2\ 65 12216 aus. Ich bin ruiniert, von diesem Schlag erholt sich mein Geschäft nie! Während der letzten halben Stunde hatte er an nichts anderes denken können. ,, Nur die Backstube", wiederholte Inspektor Diebold höhnisch. ,, Sie sind wohl der Meinung, wir kommen nur zu unserem Vergnügen, zum Zeitvertreib!" Die beiden Gesellen in der Backstube sahen nicht auf, als die Männer eintraten, einer rollte emsig Teigfladen, der ande: e hantierte mit einem großen Holzschieber vor dem offenen Backofen. Gestapo im Haus! Etwas Ungewöhnliches mußte passiert sein! Inspektor Diebold warf ihnen einen kurzen Blick zu. Die beiden kommen später dran, dachte er, die sind hier in Lohn und Brot, können nicht fort. Er zeigte auf die rechte Wand: ,, Lassen Sie die Säcke ausschütten!" Möller sah ihn fassungslos an. ,, Das sind Säcke mit Mehl Mehlsäcke und zwei Zuckersäcke!" sagte er beschwörend. ,, Wohin soll ich denn das kann ich doch dann nicht mehr verarbeiten, Herr Inspektor das verdirbt mir doch alles, Herr Inspektor..." - - ,, Die Säcke ausschütten, habe ich gesagt!" Möller ging mit schleppenden Schritten zu den beiden Gesellen und wiederholte Diebolds Aufforderung. Die Gesellen sahen sich an und machten sich mit überstürztèr Hast an die Arbeit. Möller lief hin und her, stellte Backtröge und Gefäße auf; sie konnten die Mengen nicht fassen, flossen bald über, Mehl und Zucker häuften sich auf dem Steinfußboden, weiße Wolken hingen in der Luft, trübten das Licht der elektrischen Birnen. Die Kommissare und die Schupos hatten sich in die gegenüberliegende äußerste Ecke gestellt; jetzt gingen sie umher, stocherten in dem Teig, der auf langen Tischen und bei einer Knetmaschine 66 ie Te a A Er a TE ET äft lag; zwei rührten mit Holzkellen, die sie vom Backtisch genom- ats men hatten, in den Mehl- und Zuckerbergen. Die Neugierigen, die scheu, aber aufmerksam in der Grün- dh. straße standen, sahen Möllers Lehrling von seinem Botengang er- zurückkommen. Der Schupo vor der Ladentür ging auf ihn zu und redete auf ihn ein. Der Junge, in weißer Schürze und mit die weißer Mütze, begann laut zu jammern:„Ich bin doch bloß der an- Lehrling... Ich weiß nichts...“ en. Eva saß immer noch im Laden. Immer noch stand der Kom- in! missar neben ihr. die Später sahen die Leute in der Grünstraße, wie Bäckermeister ınd Möller und Eva herausgebracht wurden. Die Autos entfern- sen ten sich. Weinend, händeringend stand Frau Möller in der Ladentür. =„Sie werden Ihr Geschäft allein weiterführen müssen“, hatte 70- Inspektor Diebold zu ihr gesagt. Ss” 67 XII Baumann stellte seinen Tschako in den Kleiderschrank, nahm seine Mütze heraus und sah auf seine Uhr: neunzehn Uhr. Er schnippte nervös mit den Fingern. Was fange ich wieder mit dem verfluchten langen Abend an? Wie schlage ich bloß die Zeit tot? Schlafen kann man nicht... Ich kann mich doch nicht schon wieder für Sonderstreifen melden! Geht mir auch schon auf die Nerven, und dem Obermeister fällt das bestimmt auf. Der hat in der letzten Zeit sowieso bei mir ein Haar in der Suppe gefunden. Er übergeht mich oft, wenn er Mannschaften aussucht. Das sieht ein Blinder... Vor einer halben Stunde hatte sich Baumann beim Obermeister des Polizeireviers von seiner Streife zurückgemeldet, das Streifenbuch abgeliefert und Bericht erstattet. ,, Bis morgen dann, Baumann. Und frisch!" hatte der Obermeister mit deutlichem Unterton und einem merkwürdig kritischen Blick gesagt. Baumann konnte nur die Hacken zusammenschlagen: ,, Zu Befehl! Heil Hitler!" - Baumann nahm seinen Tschako wieder aus dem Schrank, sah auf den glänzenden schwarzen Lack. Blank und sauber... Berufsehre, Pflichterfüllung, unbedingte Zuverlässigkeit: das war einmal. Alles zum Kotzen, zum Kotzen! Er stellte den Tschako in das Fach zurück, schlug die Schranktür mit einem Ruck zu. Die Kameraden im Tagesraum sahen sich erstaunt nach ihm um. ,, Oho!" machte einer. 68 465 045 Als Baumann hinaus war, sagte ein anderer:„Dem ist wieder mal’ne Laus über die Leber gekrochen. Passiert ihm jetzt&in bißchen oft!“ „Der hat vielleicht Alimentensorgen, war doch immer ein kleiner Lustmolch“, witzelte ein Dritter. Alle lachten. Im Flur stieß Baumann auf Puschke.„Warte doch’ne Minute, Ernst. Ich komme mit!“ sagte Puschke. „Meinetwegen“, brummte Baumann. Er ging langsam die Treppen hinunter. Kurz vor der Haustür holte ihn Puschke ein. „Gehst du nach Hause, Ernst?“ „Weiß ich noch nicht“, antwortete Baumann mürrisch und ging die Straße rechts hoch. Puschke blieb neben ihm. Eine Zeitlang sagte keiner ein Wort. „Ich weiß in der letzten Zeit überhaupt nicht, was ich aus dir machen soll, Ernst“, begann Puschke.„Was ist bloß mit dir los?“ „Nichts.— Was soll schon mit mir los sein?“ Baumann hielt den Blick geradeaus, obwohl er fühlte, daß Puschke ihn ansah. Puschke! Der meint es gut. Kann mir auch nicht helfen, jetzt nicht mehr, niemand mehr, dachte er. „Etwa noch das Mädel? Dann such dir doch’ne andere, Ernst, laufen ja genug herum. Ein Kerl wie du!“ Baumann antwortete nicht. Puschke ließ nicht nach:„Sei vernünftig, Ernst. So kann das doch mit dir nicht weitergehen.“ „So?! Was soll das heißen: So....?!“ „Das weißt du doch selbst genau, Ernst. Du siehst aus! Als ob du dem Totengräber von der Schippe gehopst bist! Besonders wenn du morgens zum Dienst kommst.‘ Puschke schwieg einige Atemzüge lang.„Und hast du vielleicht früher nach Alkohol 69 Rn A TE> y + 574 gerochen? Jetzt sogar manchmal im Dienst, Ernst! Überleg dir doch, was du dir damit einbrocken kannst! Oder glaubst du, außer mir kann niemand riechen im Revier?" ,, Das kannst du getrost mir überlassen, Oskar." ,, Mensch, Ernst, du weißt doch wie ich's meine." Baumann sah Puschke endlich an. Puschke lächelte. Diese Höckernase, seine großen gelben Zähne.- Der ganze Puschke, wie er so, klein und gedrungen, neben ihm herlief, machte Baumann für einen Augenblick aufgeschlossener. Er drückte Puschkes Arm. ,, Laß gut sein, Oskar", sagte er wärmer. Puschke reagierte klug, wie er meinte:„ Ungefähr vor zwei Wochen, als ich zufällig bei unserem Alten drin war, sagte der zu mir:, Auf Ihren Freund und Kameraden Baumann können Sie stolz sein, Puschke, ein tüchtiger Beamter!"" Baumann gab es einen Stich. Sein Inneres kroch wieder unter eine harte Schale. ,, So, das hat er gesagt? Vor zwei Wochen?- Der Hauptmann muß es ja wissen!" sagte er mit plötzlich wieder veränderter, rauher Stimme. Puschke sah ihn verständnislos an. Was ist denn nun schon wieder?" Baumann wischte mit der Hand durch die Luft. ,, Mach's gut, Oskar ich nehme die Straßenbahn dort", sagte er hastig und lief in großen Sätzen davon. - Puschke sah ihm verblüfft nach, rückte sich die Mütze aus der Stirn. Er sah Baumann auf die fahrende Bahn aufspringen. ,, Der ist vollkommen meschugge!" schimpfte Puschke. ,, Völlig durchgedreht! Rennt einfach weg, springt im Fahren auf! Als Schupo!" 70 je eT xl Inspektor Diebold hatte gehofft, in der Bäckerei eine Spur, einen Anhaltspunkt für die unterirdische Tätigkeit der Wider- standsgruppe K zu finden. Trotzdem, das negative Ergebnis der Haussuchung war nicht entscheidend. Es war nicht das erstemal, ‘in all den Jahren, daß erste Zugriffe erfolglos blieben. Es ging nicht umsonst um den Spitzenapparat dieser Widerstandsgruppe. Solche Burschen arbeiteten mit fast unheimlicher Präzision, mit den raffiniertesten, ständig wechselnden Methoden. Jetzt war das Wichtigste, keine Minute zu verlieren, sofort die beiden anderen Nester und die Wohnung dieser Wegner aus- zuheben; schlagartig, bevor diese Staatsfeinde dort gewarnt wurden. Diebold selbst übernahm die Arztpraxis, übergab seinen Kol- legen Eder und Meyer die beiden anderen Stellen. Inspektor Diebold schlug den Deckel des Emailleeimers zu und wandte sich angeekelt ab; Wattefetzen, verschmutzt und verfärbt, Streifen schmutzigen, verklebten Verbandstoffes— das war wirklich nur ein Abfalleimer. Er ging in die Mitte des Sprechzimmers und sah sich prüfend um.— Der Schreibtisch ist erledigt, der Kasten mit der Patien- tenkartothek wird mitgenommen, aber dort...! Diebold ging zu dem großen Glasschrank am Fenster. 7! Dr. Kramer saß im weißen Arztkittel, ein Bein über das andere geschlagen, im Armstuhl hinter seinem Schreibtisch. Er versuchte, ruhig zu erscheinen und Haltung zu wahren, doch seine Augen gingen jeder Bewegung des Inspektors nach, nervös drehte er sein Höhrrohr in den Händen. Durch die angelehnte Tür des Sprechzimmers drangen Geräusche, als würden schwere Gegenstände gerückt, dann Wortfetzen erregter Stimmen: In ständiger Behandlung." jahrelanges Leiden." - "... - - - ,, Ihren Na,, Oh, mein Gott!" men! Ihre Adresse!" Das mußte im Wartezimmer sein. Die Patienten, die ganze Wohnung durchsuchten sie also! Und er, Dr. med. Georg Kramer, saß hier auf dem Stuhl, ohnmächtig, wehrlos, angeschrien wie ein Schuljunge: ,, Hier setzen Sie sich hin! Aufklärung werden Sie schon noch bekommen! Früher als Ihnen lieb sein wird!" Wie lange dauerte das nun schon? Weshalb das alles? Was würde noch kommen...? Er lauschte wieder. Draußen wurden die Stimmen lauter, kamen näher. ,, Und das muß mir passieren, bei einem Arzt!" Eine weinerliche Stimme: ,, Diese Aufregung! Ich habe ein schweres Gallenleiden!" Die Wohnungstür klappte mehrmals, dann wurde es stiller. - Inspektor Diebold stand noch immer vor dem großen Glasschrank. Er öffnete Schachteln, Blechbüchsen, leerte Etuis, in denen ärztliche Instrumente lagen. Von Zeit zu Zeit sah er verstohlen zu dem Arzt hinüber. Er ließ ihn absichtlich vor dem Schreibtisch sitzen, der Mann sollte sich unbeobachtet fühlen; möglicherweise versuchte er, dort Zettel, die bei der Durchsuchung vielleicht nicht gefunden worden waren, verschwinden zu lassen. Wie unbefangen dieser Dr. Kramer tat! Als ob ihn nichts belasten könne, als ob er unschuldig sei wie ein neugebore72 - 65 ID ET A BIS a 5 De Fr 15 nes Kind. Als Arzt ist der natürlich Menschenkenner, kann sich T jeder Situation anpassen, gut verstellen.— Diese Intellektuellen! h Das sind die Schlimmsten, das sind die Drahtzieher, die Wurzel 5 des Übels. Die Intellektuellen, diese Neunmalklugen! Na warte, Bursche, später! e- Diebold nahm eine Anzahl Flaschen aus dem Glasschrank und t-_ las zwei Etiketten: aqua fontana— oleum ricini.— Lateinische =- Namen!— Er schüttelte zwei Flaschen, eine mit rötlicher, die 1- andere mit blauer Flüssigkeit. Das blaue Zeug schäumte.— Was ie heißt lateinische Namen! Das kann die beste Tarnung sein, viel- t, leicht sind chemische Tinten für unsichtbare Schrift darunter!— g, Der Glasschrank wird ausgeräumt, die Flaschen kommen ins ch Laboratorium zur chemischen Untersuchung, beschloß er. ıls Er sah wieder mit schrägem Blick, ohne den Kopf zu wenden, er) zum Schreibtisch hinüber. Dr.KramersHaltung war unverändert. te Inspektor Diebold packte die Wut. Die Ruhe, die der Kerl = mimte— der fühlte sich ihm wohl noch obendrein überlegen! . Diebold machte zwei schnelle überraschende Schritte zum Schreib- = tisch hin, fuhr den Arzt an:„Besitzen Sie ein Auto?!“ 18 Dr. Kramer stand langsam auf. Er war ein wenig größer als Diebold, schlank und sehnig; sein regelmäßiges kluges Gesicht u war blaß, angespannt, aber nicht erschreckt. in„Ja, ich habe ein Auto“, sagte er. =„So,— und die Nummer ist IA 78 312, wie?“ spielte Die- au bold seinen Trumpf aus.„Wir kennen Sie und Ihre Auto- e fahrten!“ h.„Die Nummer stimmt“, sagte Dr. Kramer ruhig. =„Wo steht der Wagen?“ Der Arzt nannte die Garage. Diebold schrieb die Angaben auf hn;:=« A einen Zettel und ging zur Tür.—„Behnke! 73 Im Korridor draußen trappten Stiefel, dann sagte jemand: " Jawohl, Herr Inspektor!" ,, Hier, sehen Sie sich mal das Auto des Doktors genau an!" ,, Jawohl, Herr Inspektor!" Einen Augenblick war es still, dann hörte Dr. Kramer ein knappes:„ Gut, gut!" Inspektor Diebold hatte seinen Untergebenen flüsternd gefragt, ob die Durchsuchung in den anderen Zimmern beendet und etwas Belastendes gefunden worden sei. Die erste Frage hatte Behnke bejaht, dann aber verneinend den Kopf geschüttelt. Diebold stieß die Tür zum Sprechzimmer auf. ,, Kommen Sie!" befahl er. Seitdem die Schwester zu ihm gekommen war, um ihm zu sagen, daß die Geheime Staatspolizei ihn zu sprechen wünsche - er hatte gerade einen Patienten untersucht, der mit entblößtem Oberkörper vor ihm stand-, hatte Dr. Kramer sein Sprechzimmer nicht verlassen dürfen. Jetzt sah er auch die Verwüstung in den anderen Räumen. Seine Lippen wurden schmal. Soviel wußte er, protestieren war sinnlos, dadurch konnte er seine Lage nur verschlechtern, die Willkür der Gestapo nur noch steigern. Die Schwester stand mit roten, verweinten Augen bei einer Gruppe Männer. Ihre weiße Haube war in Unordnung, ihre helle Schwesterntracht beschmutzt; sie hatte viele Ecken, alle Winkel der Wohnung ausräumen müssen. ,, Herr Doktor- Herr Doktor...", sagte sie mit schwimmenden Augen. ,, Gehen wir!" befahl Diebold. Zwei Kommissare nahmen den Arzt in ihre Mitte. In Kramer bäumte sich alles auf. ,, Sie verhaften mich? Ohne jede Begründung!" 74 1: " n r- en i. en Die Kommissare griffen nach seinen Armen. ,, Erlauben Sie mir wenigstens, daß ich einen Kollegen anrufe, damit er die Vertretung für meine Praxis übernimmt. Meine Praxis ist mein Leben, Herr Inspektor!" ,, Meine Praxis handhabe ich ebenfalls gründlich", sagte Inspektor Diebold kalt. ,, Los! Die Wohnung wird versiegelt!" zu he نے ہے B- h- ng el ge er re Tle enmer BeInzwischen fanden die von Inspektor Diebold angeordneten Haussuchungen im Rechtsanwaltsbüro Dr. Reichels und in der Wohnung der Frau Ziegler, Evas Wirtin, statt. Im Hause des Rechtsanwalts liefen Kommissar Eders Beamten die Treppen hinauf und hinab. Auf dem Gestapo- Auto unten häuften sich Registraturmappen und Aktenbündel, denn an Ort und Stelle hatte sich ihre genaue Durchsicht als unmöglich erwiesen. Straßenpassanten sahen dem Treiben von weitem zu, nur das stille, vornehme Haus schien von alledem keine Notiz zu nehmen. Geheime Staatspolizei! Das bannte jeden Mieter in seine Wohnung. Man sah vorsichtig durch den Spalt der Fenstergardine, legte das Ohr lauschend an die Wohnungstür; wie leicht konnte man sich sonst selbst in Verdacht bringen. In den großen Büroräumen Dr. Reichels gab Kommissar Eder knappe Anweisungen, lief vor einer kleinen Menschengruppe auf und ab. Rechtsanwalt Reichel, ein kleiner schmächtiger Mann, lehnte an einem der Büroschränke. Seine Sekretärin, ein rotwangiges Mädchen, und die Bürovorsteherin, eine ältere korpulente Dame, saßen enggedrängt und eingeschüchtert neben ihm. Dem Volontär des Büros war befohlen worden, bei dem Aktentransport zu helfen. 75 Dr. Reichel stand mit hängenden Schultern, wirrem Haar, sah jetzt noch kleiner, zerbrechlicher aus. Er hatte darum gebeten, mit seiner Frau telefonieren zu dürfen. ,, Das könnte Ihnen so passen, die soll wohl noch schnell etwas beiseiteräumen? Ist alles überflüssig, Ihre Frau weiß auch schon, was die Glocke geschlagen hat!" bekam er zur Antwort. - Der Rechtsanwalt suchte in seinem schmerzenden, müden Kopf immer wieder nach einem Grund für diese Haussuchung, - er konnte keine Erklärung dafür finden... In seiner Wohnung waren sie auch! Die Geheime Staatspolizei hatte es nicht nötig, für ihr Tun Erklärungen abzugeben, das wußte er als Jurist nur zu gut. Keiner Polizeiinstanz, keinem Gesetz, keinem Gerichtshof war die Gestapo verantwortlich... ,, Gesetz zum Schutz von Volk und Staat" Todesstrafe für Hochverrat, Brandstiftung und Anschläge gegen die Regierung. Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung, Eingriffe in das Brief-, Telegrafen- und Telefongeheimnis, Haussuchungen zu jeder Tages- und Nachtzeit, Beschlagnahmen sowie Einschränkungen des Eigentums sind zulässig...!" - ,,... Gähnende Leere, uferlose Hilflosigkeit waren plötzlich in ihm. Er fühlte sich von aller Welt verlassen. Was wollten sie überhaupt von ihm? Nichts, nichts wußte er. Nur eines, und dies war klar und eindeutig: Wer in die heutige Staatsmaschinerie geriet, konnte vernichtet werden. Alles seit dem Gesetz ,, Zum Schutz von Volk und Staat"... Am 28. Februar 1933, nach dem in Szene gesetzten Reichstagsbrand, hatten die nationalsozialistischen Machthaber das bereits vorbereitete Gesetz erlassen. Als Notzustand. Als Notzustand? Dieser Vorwand, dieses Gesetz wurde die ganzen Jahre über aufrechterhalten. Es war in stän76 T, 1, as 1, en 7- es er Z, tz h- e- en d t- nd m. erar et, tz in tiAls etz n- - diger Anwendung, als Stützpfeiler der nationalsozialistischen Herrschaft. Und die Geheime Staatspolizei wurde das ausführende Organ! Oh, er wußte das alles nur zu genau. Seit jenem Tag waren alle Paragraphen des Gesetzbuches sinnlos, seit jenem Tag existierte in Deutschland ein Rechtszustand praktisch nicht mehr! Seitdem war die Gestapo Herrscherin über Freiheit und Sicherheit, über Leben und Tod eines jeden Staatsbürgers... Rechtsanwalt Reichel schreckte aus seinen Gedanken. Kommissar Eder blieb vor ihm stehen. ,, Geben Sie mir die Schlüssel des Büros!" forderte er. Der Rechtsanwalt griff nach seiner Schlüsseltasche und wollte die Büroschlüssel aus dem Patentring haken. Der Kommissar nahm ihm die Schlüsseltasche aus der Hand. ,, Die beiden hier, wie?" " Ja." Kommissar Eder steckte die Schlüsseltasche ein. ,, Die werden Sie jetzt alle nicht mehr brauchen“, sagte er. - Im Gesicht des Rechtsanwalts zuckte es. Nicht mehr brauchen das war die Verhaftung! Auch seine Sekretärin begriff den Sinn der Worte sofort. Sie vergaß ihre Furcht. ,, Was soll dann werden, Herr Kommissar? Wir verlieren doch alle unser Brot!" sagte sie. ,, Sie werden sich eben eine andere Stellung suchen müssen“, sagte der Kommissar. Und dann ungeduldig zu allen:„ Ziehen Sie sich an, schnell!" ,, Aber das...", begann die Sekretärin wieder. ,, Sander war doch Ihr Name, wie?!" unterbrach sie der Kommissar schroff und drohend. " Ja." 77 216 Kommissar Eder drehte sich brüsk um, ging zu seinen Beamten, die wartend an der Tür standen. Sander! Sie scheint seine rechte Hand und in alles eingeweiht zu sein. Die sehen wir uns noch genauer an, vor allem ihre Wohnung, beschloß er. Kommissar Meyer und seine Kollegen waren von vornherein der Auffassung gewesen, daß Frau Ziegler und ihr Mann harmlose Menschen seien, völlig ahnungslos, wer diese Eva Wegner war, die bei ihnen wohnte. Das Haus war von dem dicken Kommissar Schneider aus dem an der gegenüberliegenden Straßenseite gemieteten Zimmer lange genug beobachtet worden. Über Ziegler waren an seiner Arbeitsstelle genaue Informationen eingezogen worden, und die waren zufriedenstellend. Der Mann war zuverlässig und ordentlich. Das zeigte eine neue, raffinierte Seite der Wegner. Die wohnte aus gutem Grund bei anständigen Leuten, führte zwei Leben: das einer Illegalen und das eines harmlosen Mädchens. Die Wohnung der Zieglers rechtfertigte ihre vorgefaßte Meinung. Blitzsaubere, einfach, aber gemütlich eingerichtete Zimmer; ein Hitlerbild, ein Kalender der Arbeitsfront an der Wand. Doch Kommissar Meyer wollte sich nicht von Diebold sagen lassen, daß er irgend etwas unterlassen hätte, deshalb wurde alles durchsucht. Das Zimmer der Wegner mikroskopisch genau. Nichts, nichts, was einen belastenden Beweis gegen die Wegner ergab! - Kommissar Meyer nahm sich Frau Ziegler vor. Vielleicht war ihr doch irgend etwas aufgefallen! Die Frau mußte erst mal beruhigt werden, die war ja völlig verdattert. ,, Na, nun nehmen Sie sich mal zusammen, Frau Ziegler, gegen Sie haben wir ja nichts", begann er. Die kleine rundliche Frau, deren Haar an den Schläfen schon weiß wurde, war die ganze Zeit jammernd neben den Beamten 78 me ns in n- er 54 m- te er en erHer en, Sen eier; och aß ht. ts, var bemen ja mon ten hergelaufen. Vor Aufregung sah sie ganz gelb aus. Jetzt kam etwas wie Erlösung in ihre unruhigen, flackernden Augen. ,, Was ich von Ihnen wissen will, ist, ob die Wegner hier manchmal Besuch empfangen hat. Männer oder Frauen!" begann Kommissar Meyer. Frau Ziegler machte eine abwehrende Handbewegung:„ Aber nein, Herr Kommissar! Männerbesuche hätte ich in meiner Wohnung nie geduldet!" ,, Und kamen Frauen? Nach Frauen habe ich auch gefragt!" sagte der Kommissar schon etwas ungeduldig. ,, Nein, auch keine Frauen", beeilte sich Frau Ziegler ,,, sie hat nie Besuch gehabt. Aber ausgegangen ist sie oft. Manchmal ist sie sogar mit dem Auto abgeholt worden. Sie hatte wohl immer feine Herrenbekanntschaften, so hübsch wie sie ist..." ,, Kennen Sie einen ihrer Freunde?" ,, Nein. Wie denn? Es kam ja niemand herauf. Die haben immer einen kleinen Jungen oder jemand anderen raufgeschickt. Zum Bescheidsagen." ,, So, so, sieh mal an", sagte der Kommissar gewichtig. Und dann: ,, Na, das ist alles. Kommen Sie bitte mit herunter.“ Eine neue Angstwelle überflutete Frau Ziegler. ,, Ich soll... Aber ich habe doch nichts getan, Herr Kommissar, ich..." ,, Sie sollen nur bis vor die Haustür mitkommen, dann können Sie gleich wieder gehen", unterbrach sie Kommissar Meyer gereizt. ,, Beruhigen Sie sich doch endlich, gegen Sie haben wir ja nichts, das habe ich Ihnen doch schon einmal gesagt!" Er redete leise mit seinen Kollegen. Frau Ziegler hatte sich ein wenig beruhigt. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft. 79 ,, Nein, so was!" begann sie. ,, Nie hätte ich dem Fräulein Wegner das zugetraut! Sie war immer so freundlich, sah immer so anständig und ordentlich aus, so proper, so adrett, als ob sie kein Wässerlein trüben könnte-" دو ,, Hören Sie jetzt mal genau zu!" schnitt Kommissar Meyer ihren Wortschwall ab. Wenn wir vor die Haustür kommen, und es steht dort jemand, der nicht hier im Hause wohnt, dann nehmen Sie Ihr Taschentuch und winken die Straße hinunter.- Haben Sie mich verstanden, Frau Ziegler?" Frau Ziegler nickte. ,, Ja, ja..."- Mit dem Taschentuch winken...? Weshalb? Nicht im Hause wohnt...? dachte sie. ,, Weiter. Hören Sie genau zu!" ermahnte sie Kommissar Meyer wieder. ,, Heute steht vielleicht kein Fremder vor der Haustür, aber später wahrscheinlich. Wenn Sie also in den nächsten Tagen einkaufen gehen oder sonst das Haus verlassen und einen Fremden dort stehen sehen, dann winken Sie, dann winken Sie einfach die Straße hinunter, so, als ob Sie einem Bekannten zuwinken... Dann wissen wir sofort Bescheid, dann kommen wir und sehen uns die Person an. Haben Sie alles richtig verstanden, Frau Ziegler?" - - - " Ja, ja, alles. Aber wenn ich Sie nun nicht auf der Straße sehe oder einen von Ihren Herren...? Wem soll ich dann zuwinken, Herr Kommissar?" ,, Begreifen Sie doch, Frau Ziegler. Wenn Sie einen fremden Menschen bei der Haustür sehen, sollen Sie winken, weiter nichts. -Wir sehen das immer, wir sind immer da, auch wenn Sie keinen Beamten von uns bemerken!" Frau Ziegler sah den Kommissar mit scheuen Augen an. ,, Ja, ja, ich habe jetzt alles verstanden...", sagte sie zögernd. Sie verließen die Wohnung, der ganze Trupp. Auf der Treppe 80 b H Weger so b sie Meyer men, dann er.winmissar Hauschsten einen en Sie n zuen wir rstanStraße n zuemden nichts. Sie kei.„ Ja, Treppe ging Kommissar Meyer mit Frau Ziegler voran, die andern blieben etwas zurück. Frau Ziegler sagte kein Wort. Ihr war unheimlich zumute nach dem Befehl, einem Unsichtbaren zuzuwinken. Sie winkte unten auch nicht mit dem Taschentuch- es stand niemand vor der Haustür. Kommissar Meyer sah schnell zum zweiten Stockwerk des gegenüberliegenden Hauses hinauf. In Ordnung. Sein dicker Kollege Schneider stand dort am Fenster, von der Gardine halb verdeckt. Ihn hatten sie absichtlich nicht in die Zieglersche Wohnung mitgenommen. Er sollte in dieser Stadtgegend unbekannt bleiben. Vielleicht stellte die Leitung der Widerstandsbewegung hier noch einen Posten auf, der andere Illegale warnen sollte, mit der Wegner weiter in Verbindung zu bleiben und in ihre Wohnung zu gehen. Aus diesem Grund hatte er auch das Auto in der nächsten Querstraße warten lassen. Es war aus taktischen Gründen ratsam, in dem Haus, in der Straße hier kein Aufsehen zu erregen. - Kommissar Meyer ging allein zu dem wartenden Auto. Auch seine Beamten hatte er angewiesen, einzeln zu gehen. Er grübelte. - Keine Beweise gefunden. Besuche hat sie nie gehabt. Stimmt schon alles, paẞt genau zu dem Bild der Wegner. Diebold hat mit allem recht, nach der Durchsuchung der Bäckerei Möller sagte er schon: ,, Es ist möglich, daß wir bei den Haussuchungen nichts Belastendes finden, damit müssen wir rechnen. Wir müssen immer bedenken: Es sind alles Burschen, die mit dem illegalen Spitzenapparat der Gruppe zusammenarbeiten. Die haben alle strikte Anweisungen, möglichst nie etwas Belastendes in ihren Wohnungen zu haben. Es wird ihnen sogar zur Pflicht gemacht, ein völlig isoliertes Privatleben zu führen, damit sie jede unnötige Querverbindung vermeiden. Das wissen wir doch alles. Sie schreiben das doch ganz offen in ihren Flugblättern:, Eure Wohnungen 81 müssen zu jeder Zeit so sein, daß die Gestapo, wenn sie zu euch kommen sollte, nie belastendes Material findet!"" Kommissar Meyer erinnerte sich nun auch, was Diebold dann feststellte: ,, Wenn wir nichts finden, müssen die Verhöre alles ergeben. Wir dürfen kein Mittel scheuen, die Bande kleinzukriegen; solange, bis sie alles sagen, bis sie richtige Aussagen machen!" Ja, auch darin hat Diebold recht, bestätigte sich Kommissar Meyer. - 82 euch dann es eregen; missar XIV Baumann saß in seinem Zimmer mit aufgestemmten Ellbogen, den Kopf in die Hände gestützt. Vor ihm lag ein Brief, auf rosa Papier geschrieben. Neben ihm stand eine offene dickbauchige Flasche und ein Likörglas. Baumann starrte auf den Brief: ,, Lieber Ernst. Ich warte schon so lange, daß wir uns wieder treffen. Warum kommst Du nicht? Hast Du etwa schon alles vergessen? Ich werde jeden Abend warten in unserem Restaurant. Du kannst doch nicht immer im Dienst sein. Wenn Du nicht kommen wirst, dann kann ich nur das eine sagen, daß Du nicht besser bist wie andere Männer, und das hätte ich nicht gedacht von Dir, wo Du doch ein Staatsbeamter bist. Deine Else Stenzel." Baumann goß sich ein neues Glas ein, trank es in einem Zug leer, trank ein zweites. Er fegte den Briefbogen mit einer Handbewegung vom Tisch, stierte wieder vor sich hin. Abgerissene Gedanken schwammen durch seinen dunstigen Kopf. Soll mich in Ruhe lassen Liebe?!- Betäuben, Vergessen war das. - - Was wollen die Weiber überhaupt von mir!- Hätte sie nicht mit raufnehmen sollen, die Schuster macht dann immer Froschaugen. Jetzt kennt sie auch noch meine Adresse, schreibt Briefe - - Blödsinn...! Er griff erneut nach der Flasche. ,, Mir wurscht! Mir alles wurscht!" sagte er laut. 6° 83 Es klopfte. Bevor Baumann„, Herein" rufen konnte, stand seine Wirtin im Türrahmen. Sie spielte die Erstaunte. - ,, Ach Sie sind zu Haus? Ich wollte grade Staub wischen." Frau Schuster hatte sich schon lange vorgenommen, mit Baumann ein ernstes Wort zu reden. Seit einiger Zeit beobachtete sie ihn besorgt. Ihr ,, Staubwischen" war nur ein Vorwand, sie wollte ihren Wachtmeister endlich stellen. Der Mensch verbummelte ja vollständig. Wie sollte das enden?! Sie schloß die Tür, ging resolut auf Baumann zu, faltete die Hände mit dem Staublappen über der abstehenden Schürze. Ihre Augen hingen an der Flasche, dem Likörglas auf dem Tisch. Baumann rührte sich nicht. ,, Finden Sie nicht, daß Sie manchmal zu viel trinken, Herr Baumann?" Baumann schwieg, sah nicht auf. ,, Ich meine, das hält nicht mal eine Bärennatur aus. Trinken, meistens morgens erst ins Bett..." Baumann schob seinen Stuhl schurrend zurück, ging zum Kleiderschrank, stellte sich vor den Spiegel und begann, sich den Schlips zu binden. Er sagte kein Wort. Frau Schuster dachte nicht daran, ihre Ermahnungen so schnell zu beenden. ,, Ich glaube, ich kann mir das erlauben, Herr Baumann. Wir kennen uns doch lange genug. Ich denke bloß an Ihr Fortkommen. Denken Sie denn nicht daran, daß Sie Beamter sind? Polizeibeamter?!" Baumann tat weiter, als sei er allein im Zimmer. Frau Schuster schüttelte den Kopf, ihr volles rotes Gesicht war bekümmert: ,, Irgend etwas muß doch in Sie gefahren sein, Herr Baumann?" 84 and ausie llte e ja SOpen che, Herr ken, leiden anell Wir Comsind? war Herr - Baumann warf sich sein Jackett über, griff nach dem Hut. ,, Wenn ich daran denke, wie Sie die ganzen Jahre waren, so ordentlich und solide!" Frau Schuster seufzte tief und räusperte sich dann vielsagend. ,, Ihre Besuche passen mir nämlich schon gar nicht! Wenn Sie nicht schon so lange bei mir wohnen würden, Herr Baumann..." Baumann ging zur Tür. ,, Na, denn: Vergnügten Abend, Frau Schuster", sagte er knapp. Auf der Straße stand er einen Augenblick unschlüssig, schlug dann den gewohnten Weg zur ,, Alpenrose" ein. Wohin soll ich sonst gehen? dachte er. Ins Kino? Schon zu spät für die letzte Vorstellung. Fast acht Tage war ich nicht in der ,, Alpenrose", wegen dieser Else. Wovon die überhaupt lebt? Was die wohl am Tage tut? Arbeiten? Danach sieht sie nicht aus. Ach was, mir egal, mein Leben ist sowieso versaut, jawohl, - versaut! In der ,, Alpenrose" war großer Betrieb, die meisten Tische waren dicht besetzt, wie immer. Schon in der Tür kam Baumann schallender Gesang entgegen. Die dicke Wirtin saß im Dirndlkleid an der Zither und sang Schnaderhüpfel. Ihre grelle Stimme balancierte über dem Chor der Gäste. Den kleinen Raum füllte rotes Dämmerlicht, das von den Bauernlaternen mit roten Scheiben kam. An den Wänden hingen bunte Porzellanteller, auf denen Sprüche standen, Kuckucksuhren in den verschiedensten Größen, Geweihe, ausgestopfte Tiere, Tafeln mit kleinen und großen Münzen; alles dichtgedrängt, Stück neben Stück. Der Wirt war auf seinen neuen ,, behördlichen" Stammgast sehr stolz. Mit öligem Lächeln kam er Baumann entgegen. ,, Heil Hitler, Herr Wachtmeister. Den Tisch dort in der Ecke? Noch frei." Baumann setzte sich. 85 دو Tiroler Roten? Oder lieber Bier? Einen Schnaps?" ,, Halben Roten", sagte Baumann knurrend. Er sah sich mit zusammengekniffenen Augen um.- Fast immer dieselben Gesichter. Und da drüben saß die Stenzel auf den Knien eines Mannes, stieß mit dem an, trank. Meinetwegen...! Das rote Licht im Raum, das Wimmern der Zither, die lauten Stimmen, alles floẞ in Baumanns nebligem Kopf zu einem betäubenden, einschläfernden Rauschen zusammen. Er saß, trank, trank, schmeckte kaum noch den Rotwein. Else Stenzel stand plötzlich neben ihm, schmiegte sich an ihn. Baumann sah ihr gefärbtes Haar als großen hellen Fleck, unter dem sich etwas sehr Rotes bewegte, aber er konnte nicht erfassen, was sie sagte. Er nickte vor sich hin, wiederholte mehrmals: Ha- a- st recht- ha- a- st recht-, Pu- usch- ke sagt das- sel- be- Pu- u- sch- ke..." 99... - Das Mädchen ließ sich ein Glas bringen, sorgte dafür, daß die Weinkaraffe nicht leer wurde, bestellte sich etwas zu essen. Auf einmal schlug Baumann mit der Faust auf den Tisch: ,, Nach Hause!- Nach Hause!" Der Wirt kam, blieb abwartend stehen. Als das Mädchen ihm seine Brieftasche aus dem Jackett ziehen wollte, wurde Baumann plötzlich klarer. ,, Erledige ich selbst- selbst!" Er duldete jedoch, daß sie seinen Arm nahm und mit ihm ging. Die Gäste schickten den beiden Bemerkungen nach. ,, Der hat Wehrsporttraining in sich- auch sein Magen. Der verträgt einen Stiefel!" ,, Wieviel hatte er denn heute?" د, Vier halbe." ,, Zwei Liter, ich danke, allerhand." ,, Dabei war er schon blau, als er kam, habe ich gleich gemerkt." 86 erkt." imden ...! uten beank, ihn. nter ssen, nals: sagt 3 die Tisch: ihm mann ging. . Der Baumann ging wie auf Watte, ging dem Arm nach, der ihn führte. Vor seiner Haustür wollte er aber den Schlüsselbund nicht hergeben, fuchtelte damit in der Luft herum. ,, Selbst - mache alles selbst!" polterte er. - Als er die Wohnung aufschloß, steckte Frau Schuster den Kopf aus der Küchentür, schlug sie gleich wieder knallend zu. Später ging sie einigemal durch den Korridor der Wohnung, räusperte sich jedesmal kräftig und rückte lärmend Möbel zurecht. - - Baumann war wieder allein. Im Hof hing bereits der erste Schein des neuen Tages. Er lag angekleidet auf seinem zerwühlten Bett. Ihm war widerlich und schal zumute. Sein Kopf war bleischwer, aber die Gedanken kamen und gingen, waren wieder da, waren die gleichen Gedanken, waren nicht abzuschütteln: Was soll aus mir werden? Aus meiner Karriere?!- Das ist erledigt, aus. Der Möller auch verhaftet die Konditorei von oben bis unten durchsucht! Warum ziehen die das alles bloß so groß auf?! Warum bloß? Das konnte ich doch nicht ahnen! Was hat dieser Inspektor War ja alles Wahnsinn von mir! Diebold zu mir gesagt? Ich soll mich jetzt abseits halten, nichts mehr in der Sache unternehmen.- Abseits halten! Ja, wenn man seine Gedanken ausschalten könnte! Nur nicht mehr daran denken! Warum ziehen sie nur alles so groß auf? Warum nur? Was soll bloß daraus werden...?! - - - - Baumann drückte sein Gesicht in das Kissen und schluchzte sich in den Schlaf. 48 87 XV Zwei große offene Autos folgten in schneller Fahrt dem Band der Chaussee, das sich an grünen Feldern, an Wellen gelbenden, reifenden Korns entlangzog, über Brücken kletterte, in Wälder tiefe Schluchten schnitt. Die Insassen der Autos waren nicht unterwegs, um sich an dem fruchtschweren Sommertag zu erfreuen. Inspektor Diebold trug seine Untersuchungen jetzt über Berlin hinaus; die Fahndungsabteilung 3b der Geheimen Staatspolizei Berlin, Prinz- AlbrechtStraße, war auf dem Wege zu der kleinen sächsischen Stadt Glauchau. - Inspektor Diebold und die Kommissare Eder und Meyer saßen im vorderen Auto. Im monotonen Singen des Motors hing Inspektor Diebold seinen Gedanken nach. Sie kamen vierundzwanzig Stunden nach den Haussuchungen in Berlin zu den Eltern der Wegner. Wenn schon, in wichtigen Fällen das gesamte Material selbst zusammentragen! War immer mein Prinzip. Das ermöglicht erst weitere Kombinationen, davon hängt immer der Enderfolg ab.- Und ob Eva Wegner ein wichtiger Fall war! Schon richtig, nicht den sächsischen Behörden diese Ermittlungen zu übertragen. Die Eltern dieser Wegner wollte er selbst sehen, selbst beurteilen. Seine Erfahrungen, seine Praxis- und die der sächsischen Behörden! Pah!- Auf der linken Chausseeseite huschten Reklameschilder vorbei. ,, Wir sind schon in, Kaffeesachsen"", stellte Diebold fest. Kom88 and Hen, der lem rug ngshtcadt Ben InndElmte Das der war! gen missar Meyer, der neben ihm saß, zitierte einen Spottvers über die Sachsen: ,, Heißen Kaffee trink ich gern, aber süß muß er sein!" Er zog die Worte in die Länge, ahmte den breiten Tonfall des sächsischen Dialekts nach. Alle lachten, lachten, als seien sie auf fröhlicher Wochenendfahrt. Der Kilometerzeiger des Wagens wies auf Höchstgeschwindigkeit. Diebold trommelte jedoch bald mit den Fingerspitzen auf den Knien, seine Ungeduld flog dem Wagen voraus. Endlich! Eine große Tafel: Glauchau( Sachsen). Es ging durch enge Straßen, an niedrigen Häusern vorbei. Das Auto rüttelte. Kleinstadtpflaster. Der Fahrer bremste. Inspektor Diebold reckte die steif gewordenen Glieder und stieg aus. Wenige Minuten später stand er mit seinen Kommissaren Eder und Meyer im Glauchauer Polizeigebäude, sprach zu dem Polizeioffizier, der sie bereits erwartete, einige kurze, erklärende Sätze. Diebold hatte es eilig; die wichtigsten Informationen waren bereits mit Polizeifunk durchgegeben worden. ,, Geben Sie mir bitte zwei Beamte mit", forderte er. ,, Damit wir uns in der Stadt schneller zurechtfinden." ,, Jawohl, selbstverständlich", beeilte sich der Polizeioffizier. ,, Sie fahren gleichzeitig ins Werk und in die Wohnung, wenn ich Sie recht verstehe?" ,, Ja, natürlich", antwortete Inspektor Diebold überlegen. hen, der bei. omDie große, langgestreckte Maschinenhalle wisperte, stöhnte, fibrierte im rastlosen Pulsschlag der Arbeit; mit metallenem Surren, in dunkelbrummenden Akkorden. Die Halle war ein riesiger, rechteckiger Glasbau; das Dach stumpf gleißend, die glä89 sernen Seitenwände fast bis zur Erde reichend, in weiten Abständen von schmalen, graugestrichenen Adern der Stahlkonstruktion durchzogen. Die Sonne brannte auf das Glasdach, schickte durch die hohen geriffelten Fenster breite, flimmernde Streifen Licht; es stand wie eine helle Wand zwischen den Maschinen. Jetzt, im Hochsommer, war es in der Halle heiß wie vor einem Backofen. Maschinen und Menschen umspülte trockene warme Luft, die in der Kehle kratzte. Meister Wegner ging langsam durch die schmalen Gänge zwischen den Maschinen. Bisweilen blieb er stehen und fragte nach dem Stand der Arbeit. Frage und Antwort mußten geschrien werden, wenn man sich verständigen wollte. Wegner prüfte den Materialnachschub an den Maschinen, sah sich Akkordzettel an. Er war wachsames Auge und Ohr seiner Abteilung. Die Rudolf- Schwarz- Werke, Aktiengesellschaft, Glauchau( Sachsen), waren vollbeschäftigt, arbeiteten in zwei Schichten. Die mechanische Spinnerei und Weberei arbeitete hauptsächlich für Heeresbedarf, für die Aufrüstung- wie fast die ganze deutsche Industrie. Wegner blieb vor einer Klöppelmaschine stehen, wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch, sah sinnend auf das verwirrende Spiel der Baumwollfäden. Sechzehn Spulen, zu einem großen Kreis geordnet, drehten sich blitzschnell, sandten weiße Fäden nach oben, dünne, helle Schlangen. Sechzehn Fäden fanden sich, legten sich um einen festen Hanfkern, schräg nebeneinander, haargenau, mit feinen sauberen Rillen. Sechzehn Fäden wurden in Sekunden zu einer festen Kordel, die oben durch den Führungsring der Maschine, fertig, selbsttätig weiterglitt. Wunderwerke der Technik, Zeugen menschlichen Denkens und Handelns, waren diese Maschinen wie oft hatte Wegner - 90 .r gt, uf- ich de ßen Jen ich, der, den 185" sens ‚ner das schon empfunden. Er war nicht abgestumpft, sondern fühlte sich mit den Maschinen verwachsen, sie waren wie lebende Wesen für ihn. Beinahe ein halbes Menschenalter arbeitete er in diesem Werk. Diese Arbeit war seine Welt, in der er fühlte und lebte; diese Arbeit und das kleine Einfamilienhaus am Rande der Stadt mit dem schmucken, selbstgepflegten Garten. Sein kleines Häus- chen und der Garten gaben ihm Entspannung und Erholung nach des Tages Arbeit. Stundenlang konnten sie im Garten sitzen, ohne ein Wort zu reden; er mit der Pfeife im Mund, Emma, seine Frau, mit dem Strickzeug. Jede Blume liebten sie zärtlich, erleb- ten ihr Wachsen und Blühen mit. Im Herbst fiel es ihm schwer, die Früchte von den Zwergbäumchen zu nehmen, die in dunklen satten oder in hellen Farben leuchtenden Früchte, mit der glat- ten glänzenden Haut.— Dreiundzwanzig Jahre war er nun im Werk beschäftigt. Leicht hatte er es nicht gehabt, bis er Meister Wegner wurde. Wahrhaftig nicht leicht. Noch einige Jahre, dann kam der ruhige Lebensabend, die Pensionierung. Dafür sorgte die Werkmeisterkasse. Ein fremdes, ungewohntes Leben würde dann beginnen. Wie nie betretenes Land tauchte es zuweilen am Hori- zont seiner Gedanken auf. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er ohne Arbeit, ohne dieses pulsierende Leben der Fabrik weiter- leben sollte; wie ausgeschaltet und überflüssig... 3.... Meister Wegner!— Meister Weg—ner...!“ Die Werkstattschreiberin lief durch den Maschinensaal, rief mit langgezogener Stimme. Wegner hörte sie, in Gedanken ver- sunken und im Lärm der Maschinen, lange nicht. Aufgeregt ging dann das Mädchen neben ihm her. „Direktor Kraut verlangt Sie ans Telefon. Direktor Kraut persönlich!“ Ihre Aufregung übertrug sich auf Wegner.„Was? Direktor 91 Kraut?! Haben Sie sich nicht verhört, Fräulein Elsbeth? Ist - sicher irgendeiner aus den Büros oder ein Ingenieur." ,, Nein, nein, Direktor Kraut selbst! Schnell, schnell!" Wegners Meisterbude, ein kleiner Glasraum, lag etwas erhöht, von dort konnte er die ganze Halle übersehen. Zuerst verstand Wegner am Telefon nicht genau, der Lärm der Maschinen kam durch die halb offenstehende Tür. Er winkte dem Mädchen mit der Hand. Sie schloß die Tür. Es stimmte. Direktor Kraut, der Erste Direktor der Werke, sprach mit ihm. " Jawohl, Herr Direktor, jawohl, ich komme sofort. Jawohl, Herr Direktor...", antwortete Wegner überstürzt. Er legte den Hörer auf, zog eilig seinen schmutziggrauen Kittel aus, stellte sich vor den kleinen Spiegel, schloß seinen Hemdkragen, drückte an ihm herum, um die Falten herauszubringen, fuhr sich mit dem Kamm über das kurzgeschnittene, stopplige, schon angegraute Haar, schlüpfte in sein Jackett. Alles an dem kleinen untersetzten Mann flog vor eiliger Geschäftigkeit. Zu Direktor Kraut! - Mit schnellen, hastigen Schritten lief er durch den Maschinensaal, über die breite Asphaltstraße der Werke, zu den gegenüberliegenden großen roten Backsteingebäuden der Büros. Der Pförtner, ein Kriegsinvalide mit einem Arm, machte eine Handbewegung zum Fahrstuhl hin, als wüßte er bereits Bescheid. Während des ganzen Weges, im steigenden Fahrstuhl noch, grübelte Wegner: Was kann er von mir wollen? Die viergängige Spinnmaschine sollte umbesetzt werden, hatte ich beantragt. Oder sind irgendwelche Beschwerden gekommen? Reklamationen? Wegen Lieferungsverzug vielleicht...? - - 92 nee - Als Meister Wegner nach langem Warten aus dem Anmelde- zimmer der Direktionssekretärin gerufen wurde, hatte Inspektor Diebold seine Unterredung beendet. Direktor Kraut und der Personalchef der Werke hatten sich angestrengt bemüht, die vielen Fragen des Inspektors ausführlich zu beantworten. Noch immer waren sie peinlich überrascht. Dieser harmlose Wegner— ein Staatsfeind! Unangenehm, sehr unangenehm für das Werk. Vor Inspektor Diebold lag eine Mappe mit Wegners Personal- akten. Das Ergebnis ihrer Durchsicht war gleich Null, mußte er sich eingestehen. Der Maschinenmeister Karl Wegner arbeitete ununterbrochen seit dreiundzwanzig Jahren in diesem Werk. Seine Personalakten waren einwandfrei. Es stand sogar viel Gutes über Fleiß und Tüchtigkeit darin. Er hatte sich aus klein- sten Anfängen heraufgearbeitet. Ein Bürobote schloß die Tür hinter Wegner. Wegner grüßte, blieb abwartend an der Tür stehen. Der Personalchef auch? Wes- halb kann der Personalchef hier sein? dachte er. Die drei Männer sahen ihn lange und prüfend an, wie in vereinbartem Schweigen. Direktor Kraut sprach als erster:„Ja— wir haben Sie rufen lassen. Es handelt sich jedoch nicht um eine Werkangelegenheit.““ Der Direktor lehnte sich in seinen Sessel zurück, machte eine flüchtige Handbewegung.„Dieser Herr ist Inspektor Diebold von der Geheimen Staatspolizei Berlin. Er wird Ihnen Fragen stellen.— Ich brauche wohl nicht ausdrücklich zu betonen, daß Sie genau und wahrheitsgemäß antworten müssen, Meister Weg- ner. Das liegt in Ihrem eigenen Interesse!“ Die letzten Sätze hatten eine feindselige Schärfe. Wegner sah in das volle rote Gesicht des Direktors, auf den Personalchef, zu dem fremden Mann im hellen Sportmantel, der links am Schreib- tisch lehnte, als hätte er nicht verstanden, was man von ihm 93 AU En ie ee Teen wolle, als hätte der Direktor in einer fremden Sprache gesprochen. Dann sagte er gedehnt: ,, Jawohl, Herr Direktor, jawohl..." Inspektor Diebold hatte Wegner gespannt beobachtet. Die Überraschung des Mannes mußte er nützen. Er ging auf Wegner zu: ,, Wie lange ist Ihre Tochter Eva schon in Berlin?" ,, Meine Tochter...?" Wegner zögerte. Über Eva wollten sie etwas wissen? War ihr etwas zugestoßen...?! Er besann sich auf die Frage, überlegte. ,, Es muß fast ein Jahr her sein... Zehn Monate werden es sein." ,, Ist Ihre Tochter mit Ihrem Einverständnis nach Berlin gegangen?" ,, Ja, natürlich." ,, So, so. Warum ausgerechnet nach Berlin? Ein so junges Mädchen in dieser großen Stadt? Sie haben doch keine Verwandten dort, die sich um Ihre Tochter kümmern könnten!" Inspektor Diebold fixierte Wegner scharf. Meister Wegner sah dem Inspektor ruhig in die Augen und antwortete: ,, Das stimmt, deshalb wollten wir auch zuerst nichts davon wissen. Meine Tochter gab aber nicht nach. Es war ihr Herzenswunsch, in Berlin eine Stellung zu haben. Sie wollte unbedingt Berlin kennenlernen. Schließlich haben wir uns gesagt: Sie ist ein ordentliches, gescheites Mädchen, und sie kann nur selbständiger werden, wenn sie mal eine Zeitlang auf eigenen Füßen stehen muß. Zwar würde es eine harte Schule sein, aber eine gute Schule für ihr späteres Leben, haben wir uns gesagt." Wegner redete sich so in Eifer, daß er einen Augenblick lang vergaß, wer mit ihm sprach. Inspektor Diebolds Worte rissen ihn in die Wirklichkeit zurück: ,, Ihre Tochter war doch hier in Glauchau politisch organisiert, 94 e- ie er hr te. " 1." geadten tor and hts ihr unagt: nur nen aber gt." verück: iert, nicht wahr?!" Was man nicht genau wußte, mußte man trotzdem als Tatsache hinstellen, das war das beste Druckmittel. ,, Wer waren ihre politischen Freunde hier? Nennen Sie mir die Namen! Alle Namen! Und die Wahrheit sagen, rate ich Ihnen!" Wegner sah den Inspektor an, bewegte die Lippen, ohne ein Wort herauszubringen. W- i- e meinen Sie bitte?- 99... Politisch organisiert...?" ,, Genau das meine ich! Genau das!" - Lange suchte Wegner nach Worten, lange sah er hilfesuchend zu Direktor Kraut, auf den Personalchef. Er sah nur abweisende, harte, verschlossene Gesichter. - ,, Ich verstehe das alles nicht- ich kann Ihnen die Frage nicht beantworten. Unsere Eva hat sich doch nie um Politik kümmert! Sie ist doch noch ein halbes Kind zwanzig...!" - sie ist ja erst Inspektor Diebold ging nahe an Wegner heran, griff nach dessen Rockaufschlag: ,, Ich werde Ihnen sagen, was Ihre Tochter ist! Ihre Tochter ist eine ganz ausgekochte Person! Sie arbeitet in Berlin für eine Bande gefährlicher Staatsfeinde. Und Sie wollen mir hier Märchen erzählen? Wollen den Ahnungslosen spielen?" Wegner begann am ganzen Körper zu zittern, sein Mund ging verkrampft auf und zu, als sei er am Ersticken. ,,... Nein, nein... Ich kenne sie doch genau... Ich bin doch ihr Vater. nein, das ist unmöglich...", stammelte er. - Nein, Für Sekunden war es ganz still im Zimmer, man hörte nur Wegners schwere Atemzüge. Inspektor Diebold drehte sich zu den beiden Männern am Schreibtisch um: ,, Ich danke Ihnen, meine Herren. Das genügt mir vorläufig. Das Weitere wird sich finden."— - Das Auto, das abseits vom Eingang der Bürogebäude wartete, 95 hatte Wegner in seiner Eile vorhin nicht gesehen. Als Inspektor Diebold jetzt mit Wegner einstieg und der Wagen abfuhr, sahen viele Augen zu; eine Gruppe Arbeiter, die sich auf der Werkstraße an einem Lastauto mit Anhänger beschäftigten, andere, die mit einem kleinen eisernen Karren Material transportierten. Ihre Ladung hatte sich scheinbar verschoben, sie hielten den Karren an, hantierten daran, während sie das Gestapo- Auto beobachteten. Mit schrägen Seitenblicken, ohne sich zu bewegen, musterte Diebold Wegner. Meister Wegner saß blaß und zusammengesunken neben ihm, sein Kopf lag wie kraftlos auf dem Rückenpolster des Autos, pendelte in den Kurven hin und her. Er hielt die Augen geschlossen, als hätte er sich in alles ergeben; seine Finger gingen rastlos an den Knöpfen der Jacke auf und ab. Inspektor Diebold räusperte sich ärgerlich. Er hatte Wegner erst bluffen und dann einschüchtern wollen, doch er konnte sich nicht helfen, er wurde das Gefühl nicht los, daß dessen Ahnungslosigkeit und Verzweiflung echt waren. Später verstärkte sich dieser Eindruck. In dem kleinen Haus der Wegners war nichts Belastendes zu finden, obwohl Diebolds Kollegen dort inzwischen mit ihrem Trupp gründliche Arbeit geleistet hatten. Auf alle Fragen reagierte Wegner wie zuvor: mit hilflos gestammelten Beteuerungen. Der Garten hinter dem Haus war von zwei Beamten durchsucht, an mehreren Stellen umgegraben worden. Blumenbeete waren zertreten, Sträucher ausgehoben worden. Wegner kniete. nieder, griff mit fliegenden Händen nach den Blumen und wühlte in der Erde: ,, Meine Blumen... meine Blumen..." Der jammert um seine Blumen, während die Verhaftung, die Einlieferung in ein Konzentrationslager droht, dachte Diebold. Solche Verzweif96 tor men rkere, en. den uto erte enenielt ine ab. erst cht sigLaus olds beit or: rcheete iete. lung kann man schwerlich heucheln. Der Mann weiß anscheinend wirklich nicht, was seine Tochter in Berlin treibt. Wozu ihn verhaften? Er hat das Haus hier, er ist auch nicht mehr der Jüngste, er wird von hier nicht fortgehen...! Vor dem Glauchauer Polizeipräsidium ließ Inspektor Diebold nochmals halten und verständigte den zuständigen Polizeioffizier. Der Offizier stellte Fragen, wollte Einzelheiten wissen. ,, Unsere Untersuchungen sind hier beendet. Sie können die Sache auf sich beruhen lassen", fertigte Diebold ihn ab. ,, Wenn sich die Situation ändert, geben wir Ihnen neuen Bescheid." Auf der Rückfahrt nach Berlin überlegte Diebold, was nun zu tun sei. Er mußte sich jetzt ganz auf Ermittlungen in Berlin konzentrieren, soviel war klar. Ein anderer Fall fiel ihm ein. Schon eine verflucht komische Zeit, dachte er. Heute kennen sich viele Eltern in ihren eigenen Kindern nicht mehr aus. Die Sache mit dem SS- Mann Grabusch vor ein paar Wochen war diesem Fall hier ähnlich, allerdings von der anderen Seite her gesehen. Grabuschs Eltern hatten sich auch nicht träumen lassen, daß ihr Sohn, der langjährige SS- Mann, oppositionell war und Staatsfeinden internes Dienstmaterial lieferte! Treue, zuverlässige Nationalsozialisten waren die Grabuschs und ihr Sohn!- Auch solche Fälle gab's. · Diebold fielen die Instruktionen ein, die er diesem Direktor Kraut betreffs Wegner gegeben hatte. Er schüttelte die Gedanken ab. Nur kein falsches Mitleid mit solchen Leuten. Warum hat der Mann solch eine Tochter! Nur keine Humanitätsduselei! Sentimental werden, das fehlte noch! - hlte mert gin reif97 97 XVI Wieder kamen schwere Schritte den Gang entlang, zum vierten Male. Eva stand an der Zellentür und lauschte. Sie schrak zusammen. Diesmal machten die Schritte vor ihrer Zelle halt, ein Schlüssel wurde ins Türschloß gesteckt. In der Zellentür stand eine Gefängniswärterin: ,, Kommen Sie mit!" Schweigend ging die Wärterin neben ihr her. In dem langen Gang hingen die Glühlampen in großen Abständen, gaben nur ein trübes, rötliches Licht; aber jede Zelle seitwärts war erhellt. Immer nur dieses müde Licht, Tag und Nacht, nie erlöschend. Sie stiegen eine breite Treppe hoch. Benommen tappte Eva neben der Wärterin her. Die sprach auch jetzt kein Wort, dirigierte den Weg mit kurzen Zeichen ihrer Hand. Durch die Treppenfenster kam helles Sonnenlicht, stach schmerzhaft in die Augen. Es konnte Mittag sein, aber welcher Wochentag? Viel Zeit muẞte seit ihrer Einlieferung ins Frauengefängnis vergangen sein. Endlos lange Tage und Nächte. Wie viele...? Zwei Tage und zwei Nächte waren seit Evas Verhaftung vergangen. Sie kamen jetzt in einen breiten Gang, gingen durch eine Tür - ins Freie. Sie standen im Gefängnishof. Ein geschlossenes Auto wartete dort. Die Autofahrt konnte nur wenige Minuten gedauert haben, 98 ten amein men dem den, ärts nie Eva diridie die Zeit sein. verTür Auto aben, schätzte Eva. Der Wagen hielt vor einem großen Gebäude, das ihr unbekannt war. Breite Treppenstufen führten zum Eingang hinauf. Am Eingang stand ein Posten, in schwarzer SS- Uniform und schwarzem Stahlhelm. Es war das Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei Berlin, Prinz- Albrecht- Straße. An den Treppenabsätzen standen SS- Posten, grüßten Evas Begleiter, der sie am Auto in Empfang genommen hatte, sahen ihnen nach. Im zweiten Stockwerk bog der SS- Mann mit ihr in einen Gang ein, der nach rechts abzweigte. Er schloß eine schmale Tür auf. ,, Hier hinein!" befahl er. Eva ging zwei Schritte in den Raum hinein, blieb stehen. Hinter ihr wurde die Tür abgeschlossen. Eva rührte sich nicht, sie sah wie gebannt in das Zimmer. Da saßen...! Sie stand in einem mittelgroßen, hell erleuchteten Raum. Das Licht kam von mehreren Tiefstrahlerlampen an der Decke, die alles mit grellem Weiß überschütteten. Zuerst war es Eva, als sehe sie in Scheinwerferlicht, alles verschwamm milchig vor ihren Augen. Nur einige Bänke standen im Zimmer, sonst war der Raum leer. Die Verbindung zur Außenwelt war die Tür in ihrem Rücken. Die einzige Verbindung. - - Eva stand noch immer unbeweglich. Dort auf den Bänken saßen drei Männer. Die drei Männer sahen sie überrascht an. Eva schluckte trocken. Dort links saẞ Herr Möller, ihr Chef. Und dort- nein, es war kein Trugbild, das sie narrte-, dort saß Rechtsanwalt Reichel! Und der blonde Mann in der Mitte, ihr genau gegenüber, war Dr. Kramer. Sie setzte sich mechanisch auf eine Bank dicht neben der Tür. 7° 99 Sie sah vor sich hin, zu den Männern hinüber, wieder vor sich hin, schweigend, verwirrt, hilflos. Auch die drei Männer blieben stumm, sahen das Mädchen an, sahen einander verstohlen an, sahen die kahlen Wände an. Vier Menschen sitzen in einem hell erleuchteten Zimmer und grübeln. Eine Verkäuferin: 1 Mit ihrem Chef ist sie verhaftet worden. Als Staatsfeindin. Warum nur? Warum? Das hat sie sich in der Kellerzelle immer wieder gefragt, und nie eine Antwort gefunden. Aber jetzt! Rechtsanwalt Reichel, Dr. Kramer verhaftet! Die beiden werden schuld sein an ihrem Unglück, an allem. Jetzt weiß sie, wie wohl alles zusammenhängt. Die beiden sind Gegner der Regierung, und die Polizei wußte, daß sie beide kennt! So wird es sein! Wie konnte sie das ahnen?! Weshalb haben sie dann aber Möller verhaftet, das ganze Geschäft durchsucht? Und Dr. Kramer hat doch nie eine Bemerkung über Reichel gemacht, auch der Rechtsanwalt sprach nie von Kramer! Kannten sich die beiden denn? Sie hat nie dem einen etwas von dem anderen er-. zählt! Wie kann sie wissen, wie das alles zusammenhängt, alles ist so undurchsichtig. Sie hat auch nie über ihren wirklichen Beruf gesprochen; dann muß Möller den beiden fremd sein?! Das ganze Unglück wird aber von Kramer und Reichel kommen. Es kann nicht anders sein! Wie soll sie sich jetzt am besten verhalten? Sie wird dem Wachhabenden alles erzählen, wird ihm erklären, daß sie diese beiden Männer nur flüchtig kenne, daß sie nie etwas Genaues über sie gewußt hat. Wie konnte sie denn etwas ahnen Alles wird sie ein Arzt, ein Rechtsanwalt! genau erklären, man wird sie doch endlich anhören müssen.- - - - IOO ich an, ınd Doch jetzt still sein, nur nichts sagen, sich ganz ablehnend ver- halten, alles wird sonst nur noch verworrener, nur noch schlimmer. Sie schweigt. Die Minuten kriechen. Vier Menschen sitzen in einem hell erleuchteten Zimmer und grübeln. Ein Bäckermeister: Er trägt noch seine Arbeitskleidung. Man hat ihn in seinem Geschäft verhaftet. Als Staatsfeind! Ihn, der sich nie um Politik gekümmert hat. Sein Lebensinhalt war immer nur sein Beruf, das Geschäft. Was soll seine Frau allein anfangen?! Eben haben sie seine Verkäuferin hereingebracht. Eine tüchtige Verkäuferin, ein harmloses junges Mädchen, er kennt sie doch gut. Warum ist sie in Haft? Soll er zu ihr gehen, mit ihr sprechen? Aber die beiden Fremden hier, die hören dann zu!— Warum hat er tagelang in einer Kellerzelle sitzen müssen? Und warum sitzt er jetzt hier? Alles ist so rätselhaft. Wenn er danach fragt, wird er ange- herrscht:„Maul halten!“ Oh, alles ist ein Irrtum, ein furchtbarer Irrtum.— Aber es kann alles nur wegen diesen beiden Männern sein, die sie nach ihm hier hereingebracht haben. Man bringt ihn mit diesen Männern irgendwie in Zusammenhang, er fühlt es. Aber er kennt doch die beiden gar nicht, hat sie nie in seinem Leben gesehen. Er ist doch nur ein Geschäftsmann, ein einfacher Geschäftsmann! Die beiden werden doch zugeben müssen, daß er sie nicht kennt, niemals kannte— und dann wird man ihn doch freilassen müssen! Jetzt aber muß er vorsichtig sein. Er wird sich hüten, mit den beiden Fremden ein einziges Wort zu sprechen... vr Er schweigt. Die Minuten kriechen. Vier Menschen sitzen in einem hell erleuchteten Zimmer und grübeln. Ein Arzt: - Man hat ihn in seiner Praxis verhaftet. Als Staatsfeind! Ein Mißverständnis. Es wird sich herausstellen, es muß sich ja herausstellen! Aber wie kam es überhaupt dazu? Wie nur!? Das Mädchen auch verhaftet?! Wie hieß sie doch? Wegner, Eva Wegner. Die Gestapo weiß also, daß er sie kennt. Ist er ihretwegen-? Was weiß er denn schon von ihr? Eine flüchtige Tanzbekanntschaft. Er kennt viele Frauen. Kunstmalerin sei sie, hat sie ihm mal erzählt, erinnert er sich. Das klang wenig glaubhaft, stimmte sicher nicht. Dennoch: dieses lebensfrohe junge Ding verhaftet! Wie ein Ladenmädchen sieht sie jetzt aus, diese weiße Schürze, die einfache Jacke darüber.- Einer von den dreien hier muß ihn jedenfalls denunziert haben! Weshalb nur? Und wer? Und mit welcher Begründung? Der dicke Mann mit der Glatze sieht wie ein Markthändler aus, der kleine, schmächtige wie ein besserer Angestellter.- Wenn man sie jetzt hier alle zusammensperrt, will man irgend etwas damit erreichen, will man zu bestimmten Schlußfolgerungen kommen, das ist eindeutig! Er muß jetzt alles vermeiden, was seine Lage verschlechtern, noch gefährlicher machen könnte, er darf sich nicht gefährden, indem er mit den wirklich Belasteten, mit den wirklich Verdächtigen spricht. Seine Verhaftung ist ein Fehlgriff, das wird sich herausstellen, das muß sich ja herausstellen... Er schweigt. Die Minuten kriechen. 102 und Ein ausHäd-? mntihm mte ftet! irze, ihn mit I wie serer errt, mten jetzt Licher t den Seine muß Vier Menschen sitzen in einem hell erleuchteten Zimmer und grübeln. Ein Rechtsanwalt: Sein Büro hat man verschlossen und versiegelt. Er ist als Staatsfeind verhaftet! In seine Wohnung durfte er nicht mehr zurück. Was ist mit seiner Frau geschehen?! Was soll aus ihm werden? Schuldlos ist er in Verdacht geraten, vollkommen schuldlos. Wenn es ihm nicht gelingt, das nachzuweisen, ist er verloren. Oh, er weiß, was es zu bedeuten hat, im Zentralgebäude der Geheimen Staatspolizei zu sein!- Immer wieder hat er nach einer Erklärung gesucht und überlegt: Wer kann mich verdächtigt haben? Welche Anschuldigungen können gegen mich vorliegen? Seinen Klientenkreis ist er in Gedanken durchgegangen, alle Verwandten und Bekannten, ohne einen Anhaltspunkt zu finden. Seitdem sich aber die Tür zuletzt geöffnet hat, ist ihm klar, ist ihm erschreckend klar: das Mädchen dort drüben, diese Eva Wegner, war der Anlaẞ zu seiner Verhaftung! Sie muß sich staatsfeindlich betätigt haben, und weil er sie kannte... Das ist es! Diese beiden Männer werden mit ihr zusammengearbeitet haben, werden ihre Auftraggeber, ihre Komplicen sein. Die Gestapo wurde auf die drei aufmerksam, griff zu! Sein leichtsinniges Leben hat ihn hierher gebracht. Wie kann man in dieser Zeit auch wissen, wen man kennenlernt. Harmlos scheinende Menschen können Gegner des Regimes sein... Was nützen jetzt Selbstanklagen? Jetzt muß er beweisen, daß er unschuldig ist, beweisen! Das muß ihm gelingen, muß, sonst... Oh, nicht auszudenken! Sicher sind sie hier nicht umsonst zusammengebracht worden. Vielleicht werden sie beobachtet!? Dann muß er schon jetzt zeigen, daß er an allem nicht beteiligt ist. Strengste Zurückhaltung dem Mädchen und ihren Komplicen gegenüber! Auch Gebärden vermeiden, - 103 man könnte sie als Versuch zu einer Verständigung auslegen. Die kleinste Unvorsichtigkeit kann ihn jetzt noch stärker in Verdacht bringen...! Rechtsanwalt Reichel sitzt wie erstarrt, sitzt steif wie eine Puppe. Er schweigt. Die Minuten kriechen. Vier Menschen sitzen in einem hell erleuchteten Zimmer und werden beobachtet! Keine Bewegung, kein Mienenspiel der in der Lichtfülle sitzenden Menschen entgeht den unsichtbaren Augen. Jedes Wort, jedes Flüstern soll durch den abgeschlossenen Raum an die lauschenden Ohren getragen werden. Die Beobachter, die Lauscher an dem versteckt angebrachten Sehschlitz wechseln, lösen sich ab. Inspektor Diebold, Kommissar Meyer, Kommissar Eder. Sie lassen sich Zeit, denn sie kalkulieren: Je länger die vier zusammensitzen, um so eher werden sie zermürbt, um so eher werden sie sich eine Blöße geben. Vielleicht werden sie versuchen, gemeinsame Aussagen zu verabreden. Verfängt das nicht, schweigen sie, weil sie sich vielleicht beobachtet fühlen, so wird diese erste, überraschende Gegenüberstellung für die Verhöre trotzdem von Nutzen sein; denn die vier wissen nun, daß ihre staatsfeindlichen Beziehungen aufgedeckt sind, daß Leugnen zwecklos ist. Vier Menschen sitzen in einem hell erleuchteten Zimmer. Die Zeit scheint stillzustehen, alles Leben der Welt erstorben. Stille. Drückende Stille. Die Atemzüge der anderen hört das Ohr, sonst nichts... Dr. Kramer springt auf, geht auf und ab. Hohl klingen seine Schritte: tapp ―tapp- bohrend, sägend, tapp- tapp. 104 Die cht ine ‚Die sonst seine Auch Eva hält die Spannung ihrer Nerven nicht länger aus, auch sie beginnt hin und her zu gehen. Bewegung haben, etwas tun, nur Bewegung haben! Für Augenblicke ist Dr. Kramer an ihrer Seite, immer wieder. Eva vermeidet es, ihn anzusehen, bleibt stumm., h Der Rechtsanwalt sitzt immer noch wie versteinert. Möller stützt die Ellbogen auf die Knie, hält sein Gesicht in den Händen vergraben. Die Minuten kriechen. Stunden müssen schon vergangen sein. Plötzlich geht die Tür auf. Eine schwarze Uniform steht dort, r ruft laut:„Schutzhaftgefangene Wegner! Zum Verhör!“ Eva bleibt stehen. Sie sieht den SS-Mann verständnislos an, als hätte er nicht sie gerufen, als gelte sein Befehl nicht ihr. Dann geht sie langsam zur Tür. XVII Die Straßenbahn fuhr ratternd über die Flußbrücke, nahm eine scharfe Kurve. Zur rechten Hand schoben sich die beiden großen Schornsteine der Rudolf- Schwarz- Werke ins Blickfeld; scharf umrissen standen sie vor dem fahlblauen, wolkenlosen Morgenhimmel, von den flachen Dächern der Maschinenhallen wie von langen Reihen gebeugter Rücken umgeben. Mit Meister Wegner stieg ein knappes Dutzend Fahrgäste aus. Die ersten Straßenbahnen waren nie stark besetzt. Die Uhr am Werkeingang zeigte sechs Uhr zehn Minuten. In zehn Minuten würde es hier anders aussehen; dann kamen die Straßenbahnen dicht hintereinander, überfüllt, und in Scharen strömten die Arbeiter ins Werk, hastend, drängend; denn wenige Minuten später heulte die Werksirene den Beginn des neuen Arbeitstages in den Morgen. Maschinenmeister Wegner konnte an den Fingern seiner Hände abzählen, wann er je, in dreiundzwanzig Jahren, zu spät zur Arbeit gekommen war. Er nahm immer dieselbe Straßenbahn, er war gern früh hier. Er liebte den Gang durch das langsam erwachende Werk, wenn aus den Schornsteinen erst dünne Rauchfahnen kräuselten und in seiner Abteilung über den Maschinen Ruhe lag, wie ein letztes Atemholen vor dem arbeitsschweren Tag. Heute wurde in Wegner dieses gewohnte Gefühl durch die gestrigen Ereignisse verdrängt. Bleierne Schwere und Unsicherheit waren in ihm. Er hatte die ganze Nacht wach gelegen. Die 106 eine ßen harf genvon aus. ram uten hnen ArSäter den ände I zur bahn, gsam auchhinen Tag. h die icher. Die Gedanken an sein Verhör im Direktionszimmer und die Haussuchung hatten ihn keinen Augenblick verlassen. Seine Frau weinte in Sorge um Eva. Er hatte dumpf vor sich hin gegrübelt, um das Furchtbare, Unerklärliche zu ergründen. Dann kam der Morgen und mit ihm die Pflicht. Am Werkeingang bei der Pförtnerbude hing in einer kleinen, offenen Halle die Kontrolluhr für die Belegschaft. Einige, die vor ihm ausgestiegen waren, standen schon dort. Wegner wurde gegrüßt, hörte es aber nicht, sah auch nicht die verstohlenen, forschenden Blicke der anderen. Er kannte hier jeden, und jeder kannte ihn, doch heute zogen alle Gesichter ungesehen an ihm vorüber, Gesichter, die jeder Morgen gebracht hatte in der langen Kette der Jahre. Die breite Asphaltstraße des Werkes lag noch still und leer. Wegners Schritte hallten. Auf der Grünfläche vor den Bürogebäuden links hüpfte eine Amsel. Auf der anderen Seite verloren sich die mit ihm angekommenen Arbeiter zwischen den Maschinenhallen. Der Garderobenraum seiner Abteilung war in einem Wellblechschuppen. Wegner ging an den schmalen Metallschränken entlang, blieb überrascht stehen. Die Tür seines Garderobenschrankes stand weit offen. Das Vorhängeschloß war aufgebrochen, der Schrank leer.- Diebe! Vor Jahren waren schon einmal Garderobenschränke aufgebrochen und aus den Kleidern Taschenuhren und Geld gestohlen worden. Ein Werkpolizist hatte sich dann im Garderobenraum versteckt, auf die Schränke gelegt und so den Dieb erwischt. Er mußte den Vorfall sofort der Werkpolizei melden, sagte sich Wegner. Auf dem Wege zu seiner Abteilung kamen Wegner Zweifel. Ein Diebstahl? Der Schrank mußte gestern nach Betriebsschluẞ 107 ausgeräumt worden sein. Kam jemand von der Belegschaft in Frage, so konnte sich der Mann doch denken, daß der Schrank nach Betriebsschluß sicherlich keine Wertgegenstände enthielt! Wegner stieg die schmale, eiserne Treppe zu seiner Meisterbude hoch. Die Werkstattschreiberin war noch nicht da. Er sah in die Halle hinunter, wie jeden Morgen, ein erster, prüfender Blick aus dem erhöhten Glaskasten, der nach allen Seiten freie Sicht gab. Der alte Schumann, Hilfsarbeiter und Einholer der Abteilung, fegte die Gänge zwischen den Maschinen mit einem großen Kehrbesen, sonst war noch niemand zu sehen. Wegner nahm den Hörer vom Haustelefon, um die Werkpolizei anzuläuten und den Garderobendiebstahl zu melden, dann sah er, daß die Schublade an seinem Arbeitstisch drüben aufgezogen war. Die hatte er doch gestern abgeschlossen wie immer? Er legte den Telefonhörer auf, ging hinüber. Die Schublade war leer, war vollständig ausgeräumt! Erst jetzt sah Wegner das verschnürte Paket auf dem Tisch und den Brief daran, unter die Schnur geklemmt. Er riẞ hastig das Kuvert auf: ,, Meister Wegner. Ihre Sachen wurden auf Anweisung der Direktion kontrolliert und zusammengepackt. Sie haben sich jeder weiteren Betätigung im Werk zu enthalten und sich nach Beginn der Bürozeit sofort bei Direktor Kraut zu melden. Zehnau- Werkpolizei." Etwas Kaltes, Lähmendes kroch an Wegner hoch, legte sich wie ein Reifen um seine Brust. Er ließ sich in den Stuhl fallen, seine Hände, die den Brief hielten, begannen zu zittern, die Worte tanzten vor seinen Augen, die Unterschrift verschwamm, war wieder klar, zog sich erneut auseinander: Zehnau- Zeh- nau Ze- h- nau... - Der Chef der Werkpolizei! 108 in ank ! Cersah der reie der mem rkden, ben wie ubgener nter Hinter ihm klappte die Tür. Die Werkstattschreiberin kam. Sie grüßte mit heller Stimme, Wegner antwortete nicht. ,,... Er sah auf den Brief: jeder weiteren Betätigung..." Schritte waren im Raum, ein Stuhl wurde gerückt, dann raschelten Papiere; unwirklich, wie aus weiter Ferne kamen die Geräusche an Wegners Ohr. Nahe war nur der Brief, blieb nahe. Dann war die helle Stimme dicht neben ihm, sprach zu ihm Wegner schob nur mit einer müden Handbewegung den Brief ein Stück zur Seite, blieb sitzen, unbeweglich, apathisch. - Draußen brüllte die Sirene auf. Aus dem Werksaal kam das Summen der Maschinen. Bisweilen polterten schwere Schritte die eisernen Stufen zur Meisterbude hinauf, und die Werkstattschreiberin sprach leise zu jemandem doch Wegner saẞ unberührt von allem, die Augen auf den Brief gerichtet:. jeder weiteren Betätigung... im Werk... zu enthalten..." Bis das Mädchen ihm die Hand auf die Schulter legte und mit verhaltener Stimme sagte: ,, Es ist schon Bürozeit, Meister Wegner." 99... chen SamWerk rekwie seine Worte war -nau Wegner holte die Worte ganz tief aus sich heraus, seine Stimme klang heiser. Direktor Kraut zog an seiner Zigarre, sah dem Rauch nach, stieẞ plötzlich die Zigarre in den Aschenbecher. Diese unerquickliche Szene ging ihm auf die Nerven. Er schnitt Wegner das Wort ab: ,, Ich habe keine Zeit für nutzlose Debatten, Meister Wegner. Ich wiederhole: Sie sind fristlos entlassen!" - Wegner verlor seine mühsam erzwungene Beherrschung. ,, Fristlos entlassen! Fristlos! Nach dreiundzwanzig Jahren Arbeit, Herr Direktor. Nach dreiundzwanzig Jahren, in denen ich immer meine Pflicht getan habe, mir nie etwas zuschulden kommen ließ. 109 Nehmen Sie bitte die Kündigung zurück, Herr Direktor Nehmen Sie die Kündigung zurück, Herr Direktor...!" Es klang wie ein Aufschrei. Der Mann hinter dem Schreibtisch schob nervös seine steifen Manschetten in die Rockärmel zurück, beugte seinen gedrungenen Körper vor: ,, Wissen Sie, was Sie von mir verlangen, Wegner? Ich kann Ihre Entlassung nicht rückgängig machen! Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt: Sie werden auf Anweisung der Geheimen Staatspolizei entlassen! Wegen Beteiligung an staatsfeindlichen Umtrieben!" Wegner hob beschwörend die Hände. ,, Aber das stimmt doch alles nicht, Herr Direktor. Ich habe doch niemals, niemals..." Direktor Kraut drückte auf einen Klingelknopf. ,, Gehen Sie zum Personalbüro. Ihr letztes Gehalt, Ihre Papiere liegen bereit!" Doch Wegner gab nicht nach, redete weiter. Er fühlte sich wie ein Ertrinkender, der verzweifelt nach einem Halt sucht. Direktor Kraut stand auf, drehte sich schroff um, ging zum Fenster und stieß es auf. Helle Sonne lag draußen auf den Rasenflächen vor den Bürogebäuden. Ein Mann schob eine Rasenschneidemaschine vor sich her, ihr lautes Schnarren übertönte Wegners Worte. Ein Bürodiener betrat das Zimmer. ,, Bringen Sie Meister Wegner zum Personalbüro!" befahl Direktor Kraut. Daß Meister Wegner von der Gestapo aus dem Betrieb geholt worden war, war wie ein Lauffeuer durch die Rudolf- SchwarzWerke gegangen. Gerüchte, daß Wegner verhaftet sei und daß noch weitere Verhaftungen im Werk folgen würden, gingen IIO E: Es fen nen mer? e es GeatsHoch 53 Sie eit!" sich zum senasenönte efahl eholt warzdaß ingen durch die Werkstätten, durch die Büros, beunruhigten die Meister anderer Abteilungen, die Betriebsingenieure, kursierten unter der Belegschaft. Es gab viele, die sich zu der aufregenden Neuigkeit mit keinem Wort äußerten, andere, die mit langjährigen, vertrauten Kollegen flüsternde Gespräche führten, sich in Vermutungen ergingen, die überlegten, wie man neue, überraschende Verhaftungen verhindern könne. Eine unsichtbare Mauer entstand um Meister Wegner. Angstliche beschlossen, sich von ihm fernzuhalten, um nicht ebenfalls in Verdacht zu geraten, ja, es gab solche, die nur noch von dem ,, Staatsfeind Wegner" sprachen. Jetzt sei er entlarvt und verhaftet, gut so. Niemand könne ihnen auch zumuten, mit Staatsfeinden unter einem Dach zu arbeiten. Doch bei denen, die all die Jahre hindurch Gegner des Regimes geblieben waren, erwachten kameradschaftliche Sympathie und ein Gefühl der Verbundenheit mit Wegner. Sie konnten sich jedoch den Vorfall am allerwenigsten erklären. Wegner war ihnen als unpolitischer Mensch bekannt. Aber das Gestapo- Auto? Und von der Arbeitsstelle geholt? Meister Wegner stand unter politischem Verdacht, daran war nicht zu zweifeln. Das alles war gestern gewesen. Heute wußte die Belegschaft seiner Abteilung bereits mehr. Pölke, ein Vorarbeiter, viele Jahre im Werk, hatte die Werkstattschreiberin vorsichtig ausgefragt. Das Mädel erzählte ihm von dem Schreiben der Werkpolizei und daß alle Sachen Wegners schon verpackt bereitständen, daß Wegner erneut zur Direktion gerufen worden war. Meister Wegner sollte wahrscheinlich gemaẞregelt werden. Was den ganzen Vorgängen vorausgegangen war, blieb jedoch unerklärlich. Der Werkstattschreiberin ging die Arbeit nicht von der Hand. Sie beobachtete aufgeregt aus dem erhöhten Glaskasten die MaIII schinenhalle, bei jedem Läuten des Telefons fuhr sie hoch: vielleicht hatte man auch etwas gegen sie?! Sie bemerkte Wegner sofort, als er durch die kleine Seitentür der Halle kam, als wolle er nicht gesehen werden. Er sah weder nach rechts noch nach links, kam langsam auf die Meisterbude zu. Dann hörte ihn das Mädchen schwerfällig die eisernen Stufen hochsteigen, als müsse er bei jeder Stufe ausruhen. Jetzt betrat er den Raum. Er sprach kein Wort. Die Werkstattschreiberin beobachtete ihn scheu. Meister Wegner setzte sich an seinen Arbeitstisch, fuhr lange mit den Händen über die Tischplatte, als streichle er das tote Holz. Dann stand er auf, griff nach dem Telefonhörer, wiegte ihn in der Hand, legte ihn wieder auf, machte einige Schritte, blieb vor einem Stoß Zettel stehen, die auf einen Haken an der Wand gespießt waren, blätterte in den Zetteln- ging hinaus. Wie im Traum ging Wegner durch den Maschinensaal. Zum letztenmal! Er sah die Menschen an den Maschinen und sah sie doch nicht. Er sprach niemanden an. Er wollte allein sein. Die Maschinen surrten, rasselten; Abschied, Abschied sangen sie. Vor einer schwarzglänzenden Maschine blieb Wegner stehen. Das war die neue. Wegner betastete den stählernen Körper, die Streben, die Schrauben, als sei die Maschine ein lebendes Wesen. Das war die neue Spinnmaschine, letztes Modell. Er war es, der um ihre Aufstellung eingereicht hatte, denn die Spinnerei blieb in der Produktion zurück! Diese Maschine würde vielleicht morgen schon laufen. Die Produktionskalkulation fehlte noch aus den Büros. Wegner griff nach dem Schalthebel. Mit dumpfem Brummen, als wolle sie Antwort geben, sprang die Maschine an. ,, Meister Wegner. ...", sagte da plötzlich jemand hinter ihm. II2 : vieltentür weder erbude Stufen betrat eiberin - lange as tote wiegte chritte, an der maus. 1. Zum sah sie n. Die sie. stehen. per, die Wesen. es, der ei blieb nt moroch aus Wegner drehte sich um. Ein großer, breitschultriger Mann mit gestutztem rötlichem Schnurrbart stand vor ihm. Das war-? Das war Pölke, ein Vorarbeiter. Der Vorarbeiter sah sich nach beiden Seiten um, kam dann ganz nahe an Wegner heran. Er sagte: ,, Wir haben gehört, daß Sie... Wir haben davon gehört, Meister Wegner..." Ein warmes Lächeln überzog Pölkes Gesicht, er streckte die Hand aus: ,, Und da wollte ich Ihnen... Nun ja, da wollte ich Ihnen die Hand drücken, Meister Wegner. Im Namen vieler Kollegen, Meister Wegner. Vieler Kollegen..." Wegner nahm die große, arbeitsschwere Hand des Vorarbeiters, drückte sie fest, konnte nichts sagen. Er sah den Mann nur an, mit plötzlicher Helle im Blick. Pölke nickte ihm noch einmal zu und ging mit schnellen Schritten fort. Wegner sah ihm noch nach, als er bereits hinter den Maschinen verschwunden war. ,, Im Namen vieler Kollegen." Wegner holte tief Luft, atmete befreiend aus. Zum erstenmal hatte heute jemand warm und mitfühlend zu ihm gesprochen. Ein Mensch. Eine halbe Stunde später verließ Meister Wegner das Werk. Er ging vornübergebeugt, als trüge er eine unsichtbare, schwere Last. Er ging langsam, den Blick auf den Asphalt der Werkstraße gerichtet; seine Füße schienen sich von diesem Boden nicht loslösen zu wollen. Das Paket mit seinen Sachen schlug, an einer Schnur baumelnd, in trägem Takt gegen sein Knie. ummen, ter ihm. 8 113 xVill Der SS-Mann schloß die Tür des erleuchteten Zimmers hinter Eva ab, und wieder begann der Gang über die breiten Treppen, hinauf zu den oberen Stockwerken des Hauses. Eva blieb dicht neben der schwarzen Uniform an ihrer Seite. u... Schutzhaftgefangene Wegner!“ Hier war sie nicht mehr Eva Wegner, Fräulein Wegner, sie war eine Gefangene! „Zum Verhör!“ hatte der SS-Mann gerufen. Endlich wird sie reden dürfen, wird man sie anhören, endlich wird sie alles erklä- ren können! Und dann wird sie freigelassen werden! Alles wird sie vergessen können, alles wird dann hinter ihr versinken wie ein schlimmer Traum; die aufregende Haussuchung im Geschäft, die Tage und Nächte in der Zelle, alles... Die schwarze Uniform neben ihr blieb stehen, öffnete eine Tür. Eva sah oben an der Tür die Nummer 364 und in der Tür- mitte ein Schild: Fahndungsabteilung 3b. In dem Zimmer saßen hinter großen Schreibtischen drei Män- ner, vor dem rechten Fenster ein junges Mädchen an der Schreib- maschine. Der SS-Mann stand stramm, grüßte mit ausgestrecktem Arm. Einer der drei Männer, der am mittleren Schreibtisch, machte eine knappe Kopfbewegung. Der SS-Mann drehte sich kurz um, ver- ließ das Zimmer. „Setzen Sie sich hier hin!“ sagte der Mann am Schreibtisch, der dem SS-Mann das Zeichen gegeben hatte.Er wies auf einen Stuhl. 114 inter ppen, Seite. mehr rd sie erkläs wird en wie schäft, e eine r TürMänchreibn Arm. ate eine m, versch, der Stuhl. Eva gehorchte. Sie saß dicht vor den drei Männern, die Schreibtische standen im Halbkreis. Jetzt erkannte sie auch den Mann vor ihr, es war der, der die Haussuchung in der Konditorei geleitet hatte. Inspektor Inspektor Diebold! Auch die beiden anderen waren bei der Haussuchung dabeigewesen, ja... - ,, Nun packen Sie mal aus", sagte Inspektor Diebold. ,, Aber gleich gründlich, alles wollen wir wissen, alle Einzelheiten, alle Verbindungen. Etwas anderes kommt hier bei uns nicht in Frage, das wird Ihnen inzwischen wohl klargeworden sein. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihre Aussagen sofort zu Protokoll genommen werden", Diebold nickte zu der Stenotypistin am Fenster hinüber, ,, es liegt also in Ihrem eigenen Interesse, uns sofort reinen Wein einzuschenken." Eva sah den Inspektor mit klarem offenem Blick an. ,, Ich wollte schon lange alles aufklären, aber man wollte mich nicht anhören", sagte sie ruhig und bestimmt.„ Erst heute ist mir verständlich geworden, wie wohl alles gekommen ist. Jetzt kann ich mir alles erklären." ,, Aussagen ist auch die einzige Möglichkeit für Sie, Ihre Situation zu verbessern", sagte Inspektor Diebold. Er setzte hinzu: ,, In Anwesenheit der anderen drei haben Sie ja auch Zeit und Muße gehabt, über alles nachzudenken. Also fangen Sie an." Eva sprach fließend, immer freier, der Druck, der auf ihr lastete, verlor sich immer mehr. Jetzt würde alles wieder gut werden! Sie habe sich absolut nicht erklären können, warum sie verhaftet worden, warum die Durchsuchung im Geschäft gewesen sei. Herr Möller, ihr Chef, sei doch der friedfertigste Mensch der Welt, immer wäre er zu ihr freundlich und entgegenkommend 8° IIS - - gewesen, und sie sei froh, daß er mit ihrer Arbeit zufrieden wäre; nie habe es Unstimmigkeiten zwischen ihnen gegeben. Eben deshalb habe sie sich alles, was in den letzten Tagen geschehen wäre, nicht erklären können, sie habe vor Schreck und in der Aufregung keinen klaren Gedanken fassen können. Als sie aber heute Dr. Kramer und Rechtsanwalt Reichel hier gesehen habe, sei ihr plötzlich der Gedanke gekommen, daß diese beiden Männer wohl an allem schuld seien. Die beiden hätten sich wohl Und weil gegen die Gesetze oder gegen den Staat vergangen? sie die beiden kannte, sei sie wohl auch in die Sache hineingezogen worden? Sie selbst habe doch nichts Strafbares begangen, niemals. Und Herr Möller wüßte doch noch nicht einmal, daß sie den Arzt und den Rechtsanwalt kenne! Sie selber kenne die beiden Männer ja auch nur flüchtig. Wie hätte sie auch wissen und ahnen sollen, daß sich die beiden irgendwie strafbar gemacht haben? Ein Arzt! Ein Rechtsanwalt! Beide hätte sie für hochanständige, gutbürgerliche Menschen gehalten. Sie mache sich jetzt die schwersten Vorwürfe, ihrem Chef soviel Aufregung, soviel Schaden bereitet zu haben, aber alles sei doch ohne ihre Schuld so gekommen. Denn sie möchte nochmals betonen, daß sie nie etwas über das Privat- oder Berufsleben Dr. Kramers und Rechtsanwalt Reichels gewußt habe. Sie bitte um ihre und um Herrn Möllers Freilassung... - Inspektor Diebold hatte auf Evas Fragen nicht reagiert, sie nur einmal unterbrochen, der Stenotypistin ein Haltzeichen gegeben und gesagt: ,, Ich mache Sie noch einmal darauf aufmerksam: Ihre Aussagen werden genau notiert! Verschweigen Sie uns nichts!" Als Eva jetzt schwieg, beugte sich Inspektor Diebold vor, sah sie durchdringend an: ,, Ist das alles, was Sie uns zu sagen haben?!" ,, Ja, ich habe alles gesagt, was ich weiß." 116 ufrieden en. Eben eschehen d in der sie aber men habe, en Mänich wohl Und weil ngezogen gen, nie, daß sie Hie beiden and ahnen nt haben? ständige, jetzt die viel SchaSchuld so nie etwas Rechtsanum Herrn rt, sie nur n gegeben sam: Ihre as nichts!" wor, sah sie haben?!" ,, Und das ist die Wahrheit?!" ,, Das ist die volle Wahrheit! Ich habe nichts verschwiegen, ich weiß doch, daß ich für meine und für Herrn Möllers Freilassung spreche." Statt einer Antwort begann Inspektor Diebold laut zu lachen. Die Kommissare Eder und Meyer lachten schallend mit. Eva sah sie erstaunt an. Die lachten...? - da Jetzt sagte Inspektor Diebold: ,, Die volle Wahrheit muß man lachen!" Ironie, beißender Hohn lagen in seinen Worten: ,, Sehr geschickt haben Sie sich diese Geschichte nicht ausgedacht. Ich hätte Sie für klüger gehalten. Jetzt alles auf die beiden schieben nach dem Prinzip: Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts. Nee, nee, die Tour ist wirklich zu plump, verehrtes Fräulein Wegner!" - Eva antwortete nicht. Was meinte der...? Inspektor Diebold stand auf, ging zu der Stenotypistin, ließ sich das Stenogramm geben, blieb damit vor Eva stehen und zerriß es in kleine Stücke: ,, Hier! Soviel sind uns Ihre Aussagen wert!" Eva hielt seinem Blick stand. ,, Ich kann es nur wiederholen: Ich habe die volle Wahrheit gesagt." Inspektor Diebold stand zusammengeduckt vor ihr, als wolle er sich auf sie stürzen. Dann ging er zu seinem Schreibtisch zurück, setzte sich, schlug das vor ihm liegende Aktenstück auf und blätterte darin. Eva sah ihn unverwandt an. ,, Wie lange kennen Sie Kramer und Reichel schon?" ,, Wie lange?- Zwei Monate werden es ungefähr sein. Sicher, zwei Monate. Rechtsanwalt Reichel lernte ich kurz nach Dr. Kramer kennen." ,, Und wie?" 117 ,, Beim Tanzen." ,, Beim Tanzen..." ahmte Inspektor Diebold nach. ,, Hm, beide?" " Ja." - ,, So..., beide wollen Sie beim Tanzen kennengelernt haben. Merkwürdig, finden Sie nicht auch?" Eva sah Diebold ratlos an. Was sollte sie darauf antworten...? ,, Und wo haben Sie die beiden kennengelernt?- Das wissen Sie jetzt natürlich nicht mehr, wie?" Diese Fragen stellte der Kommissar links von ihr, der mit dem Sommersprossengesicht. Eva sah ihn an, überlegte einen Augenblick. ,, Doch, ich erinnere mich... Dr. Kramer lernte ich in der Resi- Tanzbar kennen und den Rechtsanwalt im Tanzpalast am Zoo." Lange fiel kein Wort. - Wie sie mich alle anstarren, dachte Eva.- Hinter dem hohen Fenster, ganz oben, stand eine langgezogene weiße Wolke am Himmel. Die Luft im Zimmer wurde Eva auf einmal unerträglich heiß und trocken. ,, Sie haben sich mit den beiden immer getroffen und jedesmal abwechselnd", begann Inspektor Diebold wieder, ohne auf Evas Antwort einzugehen. ,, Mit Reichel zum Beispiel", seine Augen suchten in dem Aktenstück ,,, am Sonnabend vergangener Woche zum letztenmal. Und mit Kramer Mitte voriger Woche. Sie sehen, wir wissen genau Bescheid! Was hatten Sie mit den beiden zu besprechen? Oder was haben Sie ihnen zu den Treffs mitbringen müssen?!" - ,, Besprechen? Mitbringen müssen-? Ich verstehe Sie nicht, Herr Inspektor. Ich bin mit den Herren ausgegangen. Manchmal gingen wir tanzen, manchmal auch in ein Kabarett oder ins 118 Im,- - maben. tworWissen te der gesicht. erinKennen hohen ke am erträgdesmal of Evas Augen Woche che. Sie mit den Treffs e nicht. nchmal der ins Theater. Ich ging mit beiden aus, das ist richtig, soviel ich weiß, kannten sich die Herren aber nicht." ,, Sie bleiben also dabei, daß Sie Kramer und Reichel nur privat kannten." ,, Ja, so ist es doch auch. Ich gehe gern aus, ich wollte recht viel von Berlin kennenlernen." Der kleine, dicke Kommissar Eder lachte wieder kurz auf. ,, Rege Phantasie...". ', sagte er meckernd. Phantasie...? Und diese vielen, unverständlichen Fragen? Weshalb das alles, dachte Eva. Fabelhaft sieht sie aus, dachte Inspektor Diebold. Eine tadellose Figur, das hellblonde Haar, die braunen Augen; abends, zu den Treffs ging sie immer gut angezogen. Geschmackvoll, aber nicht auffällig, hat mir Schneider berichtet, und der hat sie lange genug beobachtet. Die Verkäuferin konnte ihr dann niemand ansehen. Die Illegalen wissen, wen sie zu so wichtigen Treffs schicken müssen... In Sachsen ist sie den Behörden als Politische nicht bekannt. Dieses Verhör ist vielleicht das erste in ihrem Leben. Vielleicht ist sie sich auch nicht darüber klar, was ihr hier passieren kann. Wer kennt sich bei diesem Menschenschlag genau aus! Die verschiedensten Typen sind unter den Illegalen: kalt berechnende Berufsrevolutionäre, Fanatiker, politische Schwärmer, abgefeimte Gauner, irregeleitete Idealisten... Inspektor Diebold wechselte den Ton: ,, Sie sind doch schließlich eine deutsche Frau! Denken Sie daran, kommen Sie zur Besinnung, sprechen Sie offen zu uns. Warum wollen Sie sich aus falschem Idealismus unglücklich machen? Das ist doch sinnlos, nützt niemandem. Sie sind noch jung, das Leben kann Ihnen noch viel bieten! Na, wollen Sie uns nicht lieber reinen Wein einschenken...?" 119 Evas Stimme fibrierte: ,, Was soll ich Ihnen bloß noch sagen? Ich weiß nichts mehr. Ich habe doch erzählt, wie alles gewesen ist." Gut, ,, Sie sind unbelehrbar, wie alle andern. Alle wollen unschuldig sein, wollen sich an nichts erinnern können, wollen von nichts gewußt haben. Das kennen wir zur Genüge! Das geht immer nur solange, bis wir Ihnen das Gedächtnis auffrischen! wie Sie wollen! Jetzt ist jedenfalls Schluß mit dem Theaterspielen! Wir wissen von Ihnen mehr, als Sie ahnen! Jetzt werden wir auf gut deutsch mit Ihnen reden!" Inspektor Diebold sprach langsamer, betonte jedes Wort: ,, Erstens: Uns ist genau bekannt, daß Sie Sekretärin in der Leitung der Widerstandsgruppe K sind. Weiter: Die Konditorei Möller war die Anlaufstelle für Kuriere dieser illegalen Leitung. Kramer und Reichel aber sind Ihre Verbindungsmänner, an die Sie empfangene Nachrichten und Anweisungen weiterzugeben hatten!" Diebold machte eine kurze Pause, um die Wirkung seiner Worte zu steigern. ,, Wollen Sie nun reden? Noch kann für Sie dann alles einigermaßen glimpflich ausgehen. Ich sage Ihnen noch mal, es ist besser für Sie, wenn Sie mir alles Weitere sagen, als daß ich es Ihnen sagen muß." In Evas Gesicht wechselte jäh die Farbe. Den vollen Sinn der Worte Diebolds verstand sie nicht, sie verstand nur eines, und dieser Gedanke trieb ihr alles Blut zum Herzen: Sie selbst stand unter Verdacht. Die bohrenden, feindseligen Blicke der drei... Sie sagte gepreßt: ,, Glauben Sie mir doch... Ich bin doch nur Verkäuferin bei Möllers... Ich soll mit Illegalen...? Bitte, glauben Sie mir doch, ich habe mit solchen Leuten nie etwas zu tun gehabt! Und ich soll für eine Leitung...?" Sie suchte 120 V g " V S e I I en? vedig chts mer Gut, terden ort: Leiorei ung. die ben Lung für hnen gen, der und elbst - der nur Bitte, etwas uchte vergeblich nach der genauen Bezeichnung, die Inspektor Diebold gebraucht hatte, schwieg. Sie hörte den kleinen Dicken, rechts von ihr, hämisch sagen: ,, Das Wort Widerstandsgruppe haben Sie wohl in Ihrem ganzen Leben noch nicht gehört, wie? Sie wissen überhaupt nicht, was das ist, wie?" ,, Nein, ich kenne solche Leute nicht." Inspektor Diebold begann wieder im Bericht des Schupowachtmeisters Baumann zu lesen, tat, als reagiere er nicht auf Evas Antworten, doch er überlegte blitzschnell: Die von falschem Idealismus geleitet? Purer Unsinn. Daß er sich auch nur einen Augenblick von ihrer mädchenhaft verwirrten, hübschen Larve täuschen ließ! Ihr gutes Aussehen hat die immer in Rechnung gestellt, so gut wie ihre politischen Auftraggeber; das war die beste Tarnung für ihre illegale Funktion. Jetzt spielt sie hier das harmlose, unschuldige junge Mädchen; eine für den Fall der Verhaftung gut einstudierte Komödie. Die hat nicht umsonst diese illegale Spitzenfunktion gehabt, die ist auf alles geeicht... Deshalb auch die raffinierte Taktik, nur wenig, immer dasselbe auszusagen und sonst nichts als: ,, Das weiß ich nicht. Davon habe ich noch nie etwas gehört. Kramer und Reichel kenne ich nur privat." Um Widersprüche in ihren Aussagen zu vermeiden!... Ich muß sie überrumpeln, muß versuchen, ihr mit Tatsachenmaterial beizukommen. Wenn sie dann noch immer... Dann werden wir dich eben anders kleinkriegen, du ausgekochtes Luder!... Diebold sagte überraschend: ,, Wer ist Erich? Wie ist sein voller Name? Sein richtiger Name?!" ,, Erich? Ich kenne keinen Erich." - ,, So, dann werde ich Ihnen nachhelfen." Inspektor Diebold zitierte aus Baumanns Bericht: ,,... Für Erich ist heute nichts 121 - da." Das sind Ihre eigenen Worte! Zu dem Kunden, dem Sie diesen Bescheid gegeben haben, kommen wir später noch", bluffte er. ,, Raus mit der Sprache: Wer ist dieser Mann mit dem Parteinamen Erich? Wie sieht er aus? Wo haben Sie sich immer mit ihm getroffen?" Eva schwieg lange. Ihr Gesicht brannte wie Feuer, das Blut summte betäubend in ihren Ohren. Parteinamen-? Ich soll zu einem Erich-? Man glaubte ihr nicht... Mein Gott! Was kann ich nur tun, sagen? Wie können diese Männer ernsthaft glauben, daß ich von solchen Dingen etwas weiß? Mein Gott! Würgende Angst schnürte ihr die Kehle zu. - Sie sagte endlich: ,, Glauben Sie mir doch, ich bin unschuldig! Wie soll ich Ihre Frage beantworten können? Ich weiß doch nichts von alledem..., Für Erich ist heute nichts da?' So etwas habe ich nie gesagt. Ich kenne doch niemanden in Berlin..." Die Gestapo- Beamten wechselten schweigende Blicke. Total verstockt! Die bleibt bei ihrer einmal gewählten Methode. Wird ihr auf die Dauer wenig nützen. Wir sind mit ganz anderen fertig geworden!... ,, Und an den anderen, Kunden' können Sie sich auch nicht mehr erinnern, wie?" begann Diebold bissig.„ Ist schon ein älterer Mann." Er versuchte einen Trick, fuhr drohend fort: ,, Den haben wir nämlich schon, der sitzt bereits auf Nummer Sicher! Und der Nachrichtenzettel, den Sie ihm im Laden zugesteckt hatten, ist bei ihm gefunden worden. Sollen wir Ihnen den Mann gegenüberstellen, oder wollen Sie jetzt endlich alles zugeben und richtige Aussagen machen?!" - Eva saß mit hängenden Schultern. Ihr war, als würden Netze über sie geworfen, aus denen sie sich verzweifelt, aber vergebens zu befreien suche. Sie schluchzte, Tränen liefen über ihr Gesicht. 122 ‚ dem noch“, n mit e sich n wit ndlich Netze gebens sicht, u SE 2 BT re, 8> ER „Damit werden Sie bei uns nichts erreichen, da täuschen Sie sich gehörig“, sagte der Kommissar mit dem Sommersprossen- gesicht.„Reden sollen Sie, reden!“ „Ich weiß doch nichts.... Ich verstehe das alles nicht“, brachte Eva mühsam heraus. Inspektor Diebold ließ den Blick nicht von ihr. Immer die- selben stereotypen Antworten... Die geht keinen Schritt aus ihrer Deckung heraus, wie sie sich auch aufspielt. Die hat keinen anderen Gedanken als den, die illegalen Verbindungen nicht preiszugeben, die Drahtzieher zu schützen. Meine Drohung mit der Gegenüberstellung hat nicht gewirkt... Die rechnet damit, daß wir nirgends belastendes Material gefunden haben, daß alle Verbindungen gut gesichert waren. Sicher, damit rechnet sie... Aber die Hauptsache kommt erst! Und die stärkeren Nerven haben wir, immer! Weiter zermürben, unsicher machen, nicht locker lassen. An die Hintermänner müssen wir herankommen und schnell, sonst können wir den entscheidenden Schlag nicht mehr führen... Die Leitung dieser Widerstandsgruppe fassen! Und mir wird das gelingen! Und diese Wegner leugnet hart- näckig, versucht, zu verschleiern, alles abzustreiten! Inspektor Diebold bezwang seine Ungeduld. Taktisch vor- gehen! Er sagte wie beiläufig:„Ist übrigens keine schlechte Idee, für jeden eine Nummer einzuführen. In unserer hastenden Zeit sind Namen ja wie Schall und Rauch. Der einzelne ist heute schließ- lich nicht mehr als eine Nummer, wenn man es richtig nimmt.“ Dann sagte er lauernd:„‚A7‘ zum Beispiel. Wirklich nicht schlecht.— Was sagen Sie dazu?“ Er wartete vergebens auf eine Antwort. „Na, dann weiter.— ‚R 3‘, wie ist es damit? Klingt auch 123 ; “in u vi ziemlich bedeutungslos, sagt mir aber allerhand.— Und Ihnen? Was meinen Sie?“ Die Gestapo-Beamten beobachteten Eva angestrengt, ihren Gesichtsausdruck, ihre Bewegungen. Diese Fragen enthielten das stärkste Belastungsmaterial des Schupowachtmeisters. Vielleicht sah die Wegner jetzt ein, daß sie zuviel wußten, daß weiteres Leugnen zwecklos war, oder sie verriet sich zumindest unter dem Druck dieser Beweise.: Eva sah Inspektor Diebold nur verständnislos an, weinte still vor sich hin. „Auch daran können Sie sich. also nicht erinnern“, sagte Die- bold.„Dann werde ich Ihnen mal etwas vorlesen, damit Sie end- lich begreifen, wie dumm und aussichtslos Ihre Vertuschungs- manöver sind!“ Er nahm die Akte Wegner vom Schreibtisch, las mit gedehnter Stimme, als hätte er einen umfangreichen Text vor sich und nicht nur die folgenden zwei Sätze des Schupowachtmeisters Baumann: „,A 7° beim nächsten Einkauf Bericht mitgeben. Sehr wichtig!“ Und nachdem er Eva sekundenlang fixiert hatte:„Für ‚R 3‘ Flugblattentwurf.— Das Hitlerregime bringt Hunger und Krieg!“— Wieder hing sein Blick prüfend an Evas Gesicht: „Das ist die Überschrift des Flugblattentwurfs, den Sie an ‚R 3‘ weitergeben sollten. Es dauert mir zu lange, den ganzen Text vorzulesen, wird Ihnen ja wohl auch so genügen!“ Diebold stieß die nächsten Worte förmlich heraus:„Was unter dem Flugblatt- entwurf stand, will ich Ihnen aber in Ihr so schlecht funktionie- rendes Gedächtnis zurückrufen! Darunter stand: ‚Leitung der Widerstandsgruppe K‘.“ Er klappte das Aktenstück zu, lehnte sich breit in seinen Sessel zurück, sagte mit einer überlegenen Geste:„Also!— Wer ist 124 m? en las ht res em all Ged- gster cht n: g!" 3° and cht: 3' ext ieß attmieder ssel ist , A 7? Wer ist, R 3? Wo konnten Sie diese Verbindungsleute erreichen?- Hatten Sie dafür ständige Treffpunkte? In bestimmten Wohnungen? Oder wo sonst?!" Eva weinte vor sich hin, rührte sich nicht. Der kleine, dicke Kommissar saß mit vorgestrecktem Kopf. Diebold hatte vereinbart, in den wichtigsten Etappen das Verhör allein zu führen, doch Kommissar Eder konnte nicht mehr an sich halten: ,, Kramer und Reichel sind:, A 7' und, R 3', nicht wahr?!" Auch seine Frage blieb lange unbeantwortet. Dann sagte Eva unter Schluchzen: ,, Nein... nein..., das stimmt nicht..., ich... ich habe Ihnen doch erklärt, wie alles war..." ,, Ich habe Ihnen aber noch nicht alles gesagt!" antwortete Diebold schneidend. ,, Der Zettel für den Mann, der, A 7' genannt wird, ist bei Ihnen gefunden worden! Der Flugblattentwurf mit dem Vermerk, für R 3' ebenfalls!" Er berechnete · beides Handtasche ist jedes Wort: ,, In- Ihrer gefunden worden!" - - - -- - Das hat sie umgeworfen! Jetzt haben wir sie endlich so weit, triumphierte er innerlich. Eva hatte sich jäh aufgerichtet, war plötzlich mit allen Sinnen wach. In meiner Handtasche ist das gefunden worden-!? Sollte Kramer oder Reichel das behauptet haben-?! - - Sie sagte erregt: ,, Ich... schwöre, das ist alles nicht wahr! Wer soll denn...? In meiner Handtasche solche Zettel? Das ist nicht wahr, glauben Sie mir! Wer soll denn das in meiner Handtasche gefunden haben? Wer denn bloẞ?!" Inspektor Diebold war einen Augenblick lang sprachlos und unsicher. Konnte man mit so frecher Stirn leugnen, Tatsachen verdrehen? Man konnte! Er hatte schon ganz andere Dinge erlebt! Wochenlang hatten manche den Mund nicht aufgemacht, 125 7574 jede Aussage verweigert, trotz Hunger, trotz Prügel; in fanatischem Bemühen, ihren Komplicen draußen Zeit zu geben, sich neu zu tarnen oder um sich selbst als Unschuldige hinzustellen, um sich reinzuwaschen. Und die hier! Die hat erst recht Grund, alle Register zu ziehen. Die weiß, daß es für sie und die andern um alles geht! Stellt noch frech Fragen! So kommen wir mit ihr nicht weiter... Ihn packte die Wut. - Er sagte höhnisch: ,, Wer das in Ihrer Handtasche gefunden hat, soll ich Ihnen sagen? Sie wollen uns wohl für dumm verkaufen, abtaxieren, wie wir hinter Ihre Schliche gekommen sind? Damit Sie sich dann darauf einstellen können! Das könnte Ihnen so passen! Aussagen haben Sie zu machen! Ihre Komplicen zu nennen, die Drahtzieher des Ganzen! Und das werden Sie, soviel ist sicher!" Er drückte auf einen Klingelknopf.„ Alles Weitere haben Sie sich selbst zuzuschreiben, Sie wollen es ja nicht anders. Und das geht solange, bis Sie uns die Wahrheit sagen. Das schreiben Sie sich hinter die Ohren!" Für kurze Zeit war lautlose Stille im Zimmer, dann ging die Tür auf, ein SS- Wachhabender erschien. ,, Zurück- zum Frauengefängnis!" befahl Inspektor Diebold knapp. Eva saß wie gelähmt, das Zimmer verschwamm vor ihren Augen. Der SS- Mann kam auf sie zu, griff nach ihrem Arm, ging mit ihr zur Tür. Einige Minuten später klingelte Inspektor Diebold erneut. ,, Die drei andern zum Verhör!" befahl er.„, Einzeln natürlich. Zuerst - Schutzhaftgefangener Kramer!" ,, Jawohl, Herr Inspektor!" XI In neue zu ra stell sich sons die E mö neh E " frag I noc " her , " näs alle Ad Ich mu 126 XIX Inspektor Diebold schob die Akten beiseite, zündete sich eine neue Zigarette an und zog den Rauch tief ein. Sollte aufhören zu rauchen, das viele Nikotin schlägt mir wieder auf den Magen, stellte er mit einem Seitenblick auf den Aschenbecher fest, in dem sich Zigarettenreste türmten. Ach was, diese Warterei macht mich sonst verrückt... Er griff wieder nach dem Telefonhörer.— Bis die sich melden, die schlafen wohl! Wie die da unten ihre Nerven behalten, möchte ich auch wissen! Er rief das Zimmer ı73 an, den Ver- nehmungskommissar der Kellerstation. Eine näselnde, schleppende Stimme meldete sich jetzt. „Diebold,— ist Kommissar Strehlke noch nicht zurück?“ fragte Diebold gereizt. Die näselnde Stimme veränderte sich, sagte ergeben:„Nein, noch nicht, es tut mir sehr leid, Herr Inspektor.“ „Ist ja zum Auswachsen! Schicken Sie Strehlke sofort zu mir herauf, wenn er kommt, sofort, hören Sie!“ „Jawohl, Herr Inspektor, ich verstehe, jawohl!“ Diebold knallte den Hörer auf den Apparat. Dieser Reinicke näselt wie ein Ostjude, ist nicht aus der Ruhe zu bringen! Sind alle vom selben Schlag da unten. Als hätten sie Fischblut in den Adern. Müssen sie schließlich haben. Bei der Knüppelarbeit! Ich würde das nicht lange aushalten. Wenn man mal dabei sein mußte, schmeckte einem das Essen acht Tage lang nicht... - 127 Tg Ai ya Diebold stand auf, begann im Zimmer auf und ab zu gehen.— Eder und Meyer saßen jetzt sicher schon gemütlich bei einem Glas Bier und hatten ihre Ruhe. Und er mußte auf diesen ver- bummelten Strehlke warten! Nachtdienst hat der heute, sagt Näsel-Reinicke. Klappt gut! Übrigens keine schlechte Idee, ein Glas Bier, Musik, ein bißchen ausspannen... Aber das ist ja nachher viel zu spät. Nach Hause gehen, nichts weiter. Wahr- scheinlich macht Lilo wieder ein Schmollgesicht, ist wieder mal gekränkt und klagt über das kalt gewordene Abendessen, hält mir vor, daß ich sie vernachlässige durch meine„verrückte“ lange Büroarbeit. Büroarbeit! So stellt sich meine eigene Frau das vor!— Büroarbeit! Die hat’ne Ahnung! Ich bin aber auch immer der Letzte in diesen vier Wänden. Schließlich bin ich der Inspektor. Von mir verlangt man alles, ich bin verantwortlich. Besonders diesmal, das steht fest. Daß der Fall Wegner und die Verhaftung dieser illegalen Leitung mein Sprungbrett, meine Beförderungschance werden, steht genau so fest. Richtig ein- gefädelt ist alles... Habe nicht gezögert, die Sache sofort zu melden. Wenn die Bande erst mal hinter Schloß und Riegel sitzt, ist meine Beförderung sicher. Dann bekommt das Leben eine neue Seite, liegt eine glänzende Karriere vor mir. Wird auch langsam Zeit. Manch einer sitzt hier auf hohem Posten, der nicht halb soviel kann wie ich... Noch ist es nicht so weit, vor- läufig wartet nicht nur Generalinspekteur Heydrich, sondern auch Reichsführer-SS Himmler auf die Ergebnisse dieser Fahn- dung. Ich muß Strehlke haben! Sofort, heute nacht noch muß der Strehlke sich diesen windigen Rechtsanwalt und den Arzt vornehmen, und die werden im Handumdrehen gesprächig! Und ob. Zumindest der Rechtsanwalt, der verträgt nichts, das sieht man auf den ersten Blick... 128 Bi di em eragt ein = ja hrmal mält te" rau Luch der ich. die eine einI zu itzt, eine auch der vordern ahnmus Arzt Und sieht Diebolds Gedanken gingen zu den letzten Verhören zurück. Bis jetzt sah alles noch wenig nach einem schnellen Aufrollen dieser illegalen Organisation aus. Bis jetzt war alles noch Leerlauf, obwohl nun auch die drei Männer stundenlang ,, unter Feuer" genommen worden waren. Kein greifbares Resultat, nichts, wo man einhaken, zufassen könnte. Bis jetzt! Nach Strehlkes Nachtarbeit würde es bestimmt anders aussehen! Eins war klar: Alle machen vereinbarte Aussagen; der Arzt und der Rechtsanwalt wollen die Wegner auch nur privat kennen, sonst nichts über sie gewußt haben, von allem nichts wissen. Allzu simpel ausgedacht, wahrhaftiger Gott. Diese miesen Intellektuellen! Wenn man sie in der Zange hat, bleibt von ihrem viel gepriesenen Geist verdammt wenig übrig! Kennen wollen sich die beiden auch nicht, wollen sich hier zum erstenmal im Leben gesehen haben. Daß ich nicht lache! Trotzdem, nicht ohne Grund so simpel ausgedacht, um bei jedem einzelnen Widersprüche zu vermeiden. Keiner wollte natürlich wissen, warum ausgerechnet er verhaftet worden sei. Das war ihm dann doch zu bunt geworden! Er hatte ihnen auf den Kopf zugesagt, daß sie die mit ,, A 7" und ,, R 3" bezeichneten Kuriere, die Verbindungsmänner zur illegalen Leitung seien! Wie sich dieser Kramer da aufgespielt hatte! ,, Ich weiß nicht, wer diese niederträchtige Verleumdung gegen mich vorgebracht hat und aus welchem Grund, aber er ist ein ganz infamer Lügner, ein erbärmlicher Denunziant! Ich weise alle Verdächtigungen entschieden zurück. Ich habe ein reines Gewissen! Ich bin Arzt, nichts weiter, ich habe mich nie mit politischen Dingen befaßt und mich noch viel weniger staatsfeindlich betätigt. Dabei bleibe ich, denn so ist es!" - Dem hatte er geantwortet! Und nicht zu knapp! ,, Uns wurden 129 Pr A I hier schon ganz andere Geschichten erzählt!“ hatte er gesagt. „Einmal haben wir in einer Wohnung einen ganzen Packen Hetzflugblätter gefunden. Wissen Sie, was der Mann uns für einen Bären aufbinden wollte?!— Die hätte ihm jemand erst vor wenigen Minuten in den Briefkasten gesteckt, und er sei eben im Begriff gewesen, die Flugblätter zur Polizei zu bringen, denn solche Schriften wären doch verboten, soviel er wisse?“ Dieser Kramer hatte Augen gemacht!„Jeder hat eine Geschichte auf Lager, wenn wir ihn dingfest haben“, hatte er weiter gesagt. „Das ist für uns absolut nichts Neues. Der Mann fabrizierte da- mals die Briefkastengeschichte, Sie erzählen uns eine andere, das ist der ganze Unterschied!“ Inspektor Diebold schnippte im Vorbeigehen die Asche seiner Zigarette in den Aschenbecher. Diesem Arzt hatte er es gegeben, der war der Gewiegteste von den vieren. Nicht nur alles ab- leugnen und Märchen auftischen, sondern auch noch den Berufs- aristokraten spielen! Wird ihm hier bald vergehen! Ja, das ein- zige Mittel, jetzt weiterzukommen, schnell Ergebnisse melden zu können, ist—: Strehlke! Prügeln. Hungern lassen. Der Strehlke bringt die härtesten Burschen zum Reden, darin ist er einfach un- bezahlbar, so widerlich er einem sonst sein kann; ein Saufkopp, endlose Weibergeschichten. Sonst ist es jedenfalls unmöglich, weiter vorzustoßen. Alle Haussuchungen— ergebnislos. Genaue Durchsicht der Akten des Rechtsanwalts— nichts. Die Labora- toriumsuntersuchung der Flaschen aus Kramers Praxis— Medi- zin. Die haben alle viel zu raffinierr gearbeitet, als daß man irgend etwas Belastendes bei ihnen finden könnte. Im Beobach- tungsraum haben sie kein Wort riskiert. Die ganze Zeit kein Wort! Ganz gewiegte Burschen! Der Schneider kann auch nichts Neues melden. Verständlich. Die Wohnung der Wegner läuft 130 jet de tel ab jetzt bestimmt kein Kurier mehr an, inzwischen hat die Leitung acken der Illegalen alle gewarnt. ana Inspektor Diebold blieb am Fenster stehen, warf den Zigaret- tenstummel hinaus. Wie lau die Luft ist! Ein herrlicher Sommer- am abend. Und ich stecke in diesem Steinkasten. Eine Affenschande! Jemn Von der Straße kam das Brausen des Verkehrs dumpf herauf, Straßenbahngeklingel, Autohupen. Ganz nahe, über dem Häu- serblock drüben, standen plötzlich dieLichtkegel von zwei Schein- nn werfern, tasteten den Abendhimmel ab, zwei riesige weiße Licht- finger. Die können im Hof des Göringschen Ministerpräsidenten- T' palais stehen, das ist ja nicht weit von hier... | Diebold fiel ein, daß Kommissar Eder gesagt hatte, der Bäcker- m j meister Möller sei am schwersten zu beurteilen. Es könnte sein, hen| daß die Wegner ihn reingelegt, ihre Stellung und sein Geschäft j als Kulisse benutzt hat ohne sein Wissen... Der Mann redet j auch nur von seinem Geschäft, jammert, daß er ruiniert sei. | Klingt beinahe echt, der benimmt sich tatsächlich wie ein auf- gescheuchter Kleinbürger. Sollte der wirklich nicht wissen, welche Rolle diese Wegner gespielt hat? Er spricht ja jetzt noch in den- höchsten Tönen von ihr. Oder will er auch nur ablenken, sich+ und die Wegner schützen? Dazu sieht der aber eigentlich nicht durchtrieben genug aus... Wäre nicht das erstemal, daß die Illegalen so manövrieren, meinte Eder. Er hat schon recht. Die Sache mit dem harmlosen, völlig legal gegründeten Zeitschriften- verlag damals, in der teuersten Gegend Berlins, am Kurfürsten- damm, war noch geschickter aufgezogen! Modezeitschriften gab der Verlag heraus. Modezeitschriften! Als wir zugriffen, war der „Chef“ des Unternehmens verschwunden, und es stellte sich heraus, daß die drei Angestellten des Büros in der Tat keine er Ahnung hatten, wer ihr Chef in Wirklichkeit war und was 131 nach den Bürostunden in diesen Räumen geschah. Extra einen Modezeitschriftenverlag gründen, drei Angestellte beschäftigen, nur um einen ganz sicheren Raum für Besprechungen zu haben! Die Illegalen haben zugelernt, verdammt noch mal... Doch, Eders Vorschlag ist gut. Wir werden den Bäckermeister einige Tage im Keller sitzen lassen, ihn dann freilassen und scharf beobachten. Den kann sich der Strehlke natürlich nicht vornehmen, sonst sieht er nicht allzugut aus, wenn wir ihn laufen lassen. Aber mit anhören kann dieser Möller sich das ruhig ein paar Tage im Keller, wird ihn auch mürber machen. Wenn der wirklich seine Finger in der Sache drin hatte, wird er draußen versuchen, Verbindungsleute zu treffen, um zu berichten. Dann packen wir zu... Der Schwächste ist der Rechtsanwalt, kein Zweifel. Den kriegt der Strehlke zuerst klein, der packt bald aus, damit kann man rechnen. Streitet auch alles ab, beteuert, daß er unschuldig ist. Jeder von denen bildet sich ein, daß er damit durchkommt, versucht, sich auf diese Art zu retten. Zu Tode erschrocken war der Mann, als ich ihm plötzlich als Bluff sagte, die Wegner hätte bereits gestanden, hätte gerade ihn am stärksten belastet. Hatte sich kaum noch in der Gewalt, der Bursche, fing an zu stottern... Ein Klopfen an der Zimmertür unterbrach Inspektor Diebolds Gedanken. ,, Herein!" rief er. Und gleich darauf: ,, Na, endlich! Ich warte schon eine Ewigkeit auf Sie!" Der Vernehmungskommissar Strehlke schloß die Tür, blieb dicht bei ihr stehen, schwer und unbeweglich wie ein Klotz. Es sei nicht seine Schuld, erklärte er. Sein Dienst beginne heute etwas später als sonst. ,, Schon gut, kommen wir zur Sache!" 132 au A W na ge e m W SC d S e S S en en, an! ge uf Jr- in ler en nn (ds te Es jte Inspektor Diebold nahm seinen Rundgang im Zimmer wieder auf. Er wollte den Vernehmungskommissar nicht ständig vor “ Augen haben. Dieser Strehlke ging ihm jedesmal auf die Nerven, wahrhaftig. Grob und ungeschlacht ist dieser Mensch, der Stier- nacken! Die reine Ringkämpferfigur. Das Gesicht wieder auf- gedunsen und rotblau vom Saufen, die Augen ausdruckslos, und ewig diese kratzende monotone Stimme, als rede ein Auto- Brat... Inspektor Diebold räusperte sich. Er begann Strehlke den Fall Wegner zu erläutern, die Verhafteten, alle Zusammenhänge zu schildern. Er holte breit aus, um dem Vernehmungskommissar die unerhörte Bedeutung des Falles nahezubringen. Erst am Schluß seiner Ausführungen fiel ihm auf, daß dieser mit keinem Wort auf seine Erklärungen reagiert hatte.— Der Mensch steht ja noch immer stocksteif an der Tür, am selben Fleck! Hat er überhaupt zugehört?! Ist der etwa wieder so betrunken, daten... „Sie begreifen: Diesmal geht es um mehr als sonst, Strehlke!“ Inspektor Diebold sah den Vernehmungskommissar zum ersten- mal länger an.„Um Spitzenleute! Um die Leitung einer Wider- standsgruppe! Wir müssen sie fassen, und die Vorbedingung dazu ist, daß die Verhafteten aussagen! Sie haben die ganze Nacht. Von diesem Reichel könnten wir morgen früh schon mehr wis- sen. Die müssen aussagen; begreifen Sie, Strehlke? Um jeden Preis!“ „Ich verstehe, Herr Inspektor. An mir soll’s nicht liegen.“ Wie monoton der das sagt... Und die ganze Nacht prügeln, Menschengebrüll. Für den ist das eine Arbeit wie jede andere, nichts weiter... Der Vernehmungskommissar wurde ihm fast unheimlich.„Also, das ist alles, Strehlke“, sagte Diebold. 133 ,, Jawohl, Herr Inspektor", antwortete Strehlke, drehte sich um und verließ das Zimmer. Diebold schüttelte sich. Das war ein Tag heute, brrr... Jetzt bloß nicht zu Hause sitzen und alltägliche Gespräche führen müssen! Ich werde Lilo überreden. Wir werden irgendwo gut essen gehen, eine Flasche Wein trinken. Mal eine andere Umgebung, fröhliche Menschen sehen! Ich muß den ganzen Dreck hier mal vergessen können, hinunterspülen. Er griff nach seinem Hut. 134 RX Um-| En| Der dritte Morgen! Das verschwommen graue Rechteck des Fensters zeichnete sich stärker, wurde immer heller, die Gegen- stände im Zimmer bekamen Umrisse, traten klar hervor. = Die Stadt erwachte. Wegner hörte das metallene Klappen des. Deckels am Briefschlitz der Haustür, den dumpfen Ton der fallenden Zeitung, die sich eilig entfernenden Schritte der Zei- tungsfrau. Etwas später fuhr ein Wagen rasselnd durch die Straße, der Hufschlag des Pferdes mischte sich mit dem Klappern der großen Kannen, und Wegner wußte: der Milchwagen. Jetzt kam ein anderer Wagen, und er wußte: Meising, der Gemüse- händler. Er fährt zur Markthalle. Eine Tür fiel ins Schloß, | Schritte waren auf der Straße, und Wegner wußte: Vogler, und | jetzt Kroll— gehen zur Arbeit. Das Leben ging weiter. Auch ohne ihn. Er zählte nicht mehr. Die stille Straße der Siedlung ließ ihn alles miterleben. Zu genau kannte er jeden einzelnen. in der Straße. Alles ging seinen gewohnten Gang, wie an jedem Morgen, wie jahrelang. Und dies war der dritte Morgen, seit dem Tag, an dem er aus dem Werk entlassen wurde. Wegner versuchte, die ineinandergeschlungenen Rosen auf dem Blumenmuster der Tapete zu zählen, sah wieder ins Leere.— Eva ist verhaftet! Im Frauengefängnis ist sie. Wie sie mich hier auf dem Polizeipräsidium angefahren haben! Sie seien keine Auskunftsstelle. Er könne froh sein, daß er nicht ebenfalls gleich verhaftet und nach Berlin mitgenommen worden sei. Es wäre 135 sinnlos, nach Berlin zu fahren, er könne an der Sache nichts ändern, würde überhaupt nicht vorgelassen werden... Betteln hab ich sie müssen, bis sie mir die Berliner Adresse gegeben haben. Richtiggehend verhört hat mich der Polizeioffizier... Sie müssen mir doch wenigstens von Berlin auf meinen Brief antworten, mir schreiben, was mit meiner Tochter ist! Politisch betätigt! Meine Tochter! Ist alles Lüge. Und niemand glaubt mir, nirgends kann man Hilfe finden. Wir hätten sie nie von hier fortgehen lassen dürfen... Entlassen hat man mich, nach dreiundzwanzig Jahren Dienst. Wie ein Verbrecher werde ich behandelt. Und man kann sich nicht einmal wehren... Wegner grub seinen Kopf in die Kissen, drehte sich dann vorsichtig um, griff nach dem Wecker auf dem Nachttisch. Fünf Uhr vorbei. Mehr als drei Stunden hatte er wach gelegen. Er stand auf, bemühte sich, leise zu sein. دو Was willst du nun tun...?" Verhaltenes Weinen war in der Stimme seiner Frau. Wegner schrak zusammen. Auch sie war wach! Er gab keine Antwort, sah auf das Federbett. Ein langer, sauber zusammengenähter Riß war darin. Bei der Haussuchung hatten sie es aufgerissen. Er ging in die Küche. In der Küche blieb er stehen, sah sich um. Seine Sachen lagen am gewohnten Platz, wie er sie sich für jeden Morgen, der ihn zur Arbeit führte, zurechtlegte. Das mußte so bleiben. Daß dies alles endgültig vorbei, nicht mehr nötig war, durfte seine Frau nicht wissen; jetzt nicht, sonst brach sie unter all dem Schweren zusammen. Er fühlte es... Und er? Er konnte sich über die Leere dieser Morgenstunden nur retten, indem er zum Werk ging wie immer; wie gestern, wie vorgestern. Er nahm die Aktentasche vom Haken an der Tür, griff hinein: 136 nichts etteln aben. üssen , mir Meine kann assen hren kann Hann Fünf der Leine menaufagen zur alles nicht zueere wie ein: Schlüsselbund, Pfeife, Tabaksbeutel waren drin. Er ging zur Haustür, holte die Zeitung, legte sie dazu. So hatte er sie nie vergessen; die Frau las sie stets erst abends, damit er sie für die Arbeitspausen im Werk hatte. Er ging ins Badezimmer. Als er zurückkam, stand seine Frau am Küchentisch und schnitt Brote. Er umfaßte ihre hagere Gestalt mit einem schnellen Blick, den über den Tisch gebeugten Rücken. Kleiner, zusammengesunken schien sie, ihre Augenlider waren rot und geschwollen. Er hätte sie umarmen und streicheln mögen, doch er fürchtete, sie würde ihn dann bitten, zu bleiben. Er konnte ihr nicht die volle Wahrheit sagen. Es gäbe noch Möglichkeiten, seine Kündigung rückgängig zu machen, hatte er erklärt. Er setzte sich. Er trank, nahm von den bereitgestellten Broten, ohne aufzusehen. Er hörte seine Frau kurz und unregelmäßig atmen, als kämpfe sie mit Atemnot. Als er am ersten Morgen nach seiner Kündigung zum Werk gefahren war, hatte sie gehofft, er könne seine Arbeitsstelle wieder zurückbekommen. Vielleicht hoffte sie noch immer. Er spürte plötzlich, daß sie ihn ansah. Er sagte schnell: ,, Die Thermosflasche noch." Und dann: ,, Vier Paar Brote genügen heute." Er stand auf, strich ihr flüchtig übers Haar, sah an ihrem Gesicht vorbei. Er drehte sich sofort um, griff nach der Aktentasche und ging schnell zur Tür, als müsse er vor ihr fliehen, als könne sie im letzten Augenblick seine mühsam erzwungene Ruhe mit einem Wort, mit einer Gebärde erschüttern. Auf der Straße beeilte sich Wegner, zur nächsten Ecke zu kommen. Er wußte, seine Frau stand am Fenster und sah ihm nach; sie hatte ihm stets nachgewinkt. Er konnte sich nicht umdrehen, es war wie ein Zwang. Die wenigen Tage haben auch 137 21% unser gemeinsames Leben verändert, dachte er bitter, alles hat jetzt ein anderes Gesicht. Sie am Fenster stehen zu sehen, war nun wie eine stumme Mahnung, nicht wieder mit müßigen Händen, nicht arbeitslos zurückzukommen. Schon von weitem sah Wegner jemanden an der Haltestelle stehen. Er wußte, es war Tremke, der Lagerverwalter aus der Abteilung 3 im Werk. Der kleine, schmächtige Tremke mit dem ledrigen, faltigen Gesicht. Er sah dies Gesicht so deutlich, als stünde der Mann vor ihm, es war all die Jahre hindurch gleichgeblieben. Sieben, acht Jahre kannte er diesen Tremke. Er war für das Materiallager im Werk verantwortlich. Diesem Tremke hatte er oft geholfen; alles für ihn eingerenkt, wenn ein Materialzettel falsch ausgeschrieben, wenn in seiner Abteilung zu viel oder zu wenig Material für einen Auftrag angeliefert worden war. Er hatte ihn so vor Schwierigkeiten mit der Direktion geschützt. Schmeichlerisch und freundlich ist der Tremke immer gewesen, besonders wenn wir morgens dieselbe Straßenbahn nahmen. Doch jetzt! Er überhört meinen Gruß, hat mir gestern und vorgestern einfach den Rücken zugekehrt, als kenne er mich nicht, als sei ich für ihn Luft. Wenn er mich in der Siedlung sieht, macht er einen Bogen, als treffe er einen Aussätzigen. Von diesem Kriecher soll ich mich wieder demütigen lassen! Ich nehme die nächste Straßenbahn, entschied Wegner. - Er bog in eine Seitenstraße ein, ging dort wartend auf und ab. Die Straßenbahn war dicht besetzt. Wegner blieb auf der Plattform stehen. Er tastete mit den Augen die Gesichter der Fahrgäste ab. Pölke, der Vorarbeiter Pölke, ist nicht dabei, dachte er. Pölke! Der Gedanke brachte ihm zum Bewußtsein, weshalb er wieder zum Werk fuhr. Um Pölke und die anderen zu sehen! Pölke hatte ihn laut gegrüßt, Pölke zuerst, dann auch 138 1 W f ge Z ‚hat die anderen, die mit ihm gingen.—„Im Namen vieler Kol- war legen“ hatte Pölke gesagt und ihm die Hand gedrückt, als er Tän- das Werk verlassen mußte. Vieler Kollegen? Wer gemeint war, wußte Wegner nicht. Aber die gemeint waren, mußten alle telle fühlen, daß er ein anständiger Mensch war, trotz allem, was ‚der geschehen. Für die war er kein Geächteter, kein Ausgestoßener. dem— Daß ihm Pölke in all den Jahren nie sonderlich aufgefallen ‚als war! Pölke ist kein Tremke, kein Kriecher, der mich nicht mehr eich-| kennen will. Es gab noch Menschen, die mit ihm fühlten, zu ihm war standen. Ja, auch um dies zu spüren, diese tröstende Gewißheit mke zu haben, fuhr er wieder zum Werk... Ma- Die Straßenbahn fuhr langsamer. Die Flußbrücke kam, und 5 zu dahinter die Rudolf-Schwarz-Werke. wor- Wegner sprang von der Bahn, bevor sie hielt. Er wartete tion| etwas abseits bis alle Fahrgäste ausgestiegen waren, folgte ihnen mer! dann. ahn Wenige Meter vom Werkeingang entfernt stand ein kleiner um Kiosk; Zigaretten, Schokolade und Zeitungen verkaufte der mich| Händler, jetzt bei Arbeitsbeginn und abends bei Werkschluß. icht, Tagsüber war der Kiosk geschlossen, denn dann lagen die Stra- Von ßen dieses Industrieviertels wie ausgestorben. hme Wegner blieb, vom Kiosk halb verdeckt, stehen. Hier hatte er auch gestern und vorgestern gestanden. Hier sahen ihn der 1b, Werkpolizist und der Pförtner am Werkeingang nicht. er Die mit Wegner Angekommenen standen jetzt in der kleinen di offenen Halle am Werkeingang. Wegner verfolgte ihre Bewegun- ii, gen, als sche er dies alles zum erstenmal... Die Kontrollkarte #” aus dem Fächerkasten an der Wand nehmen, in den Schlitz der er Kontrolluhr stecken, den Hebel herunterdrücken und die kleine er Glocke schlug an. Deutlich, in kurzen Abständen klang der | 139 schrille Ton zu ihm herüber: Kling... kling... kling... Wieder jemand, der passieren darf, wieder jemand, dessen Ar- beitstag beginnt, wieder jemand... Wegner folgte den Arbeitern mit den Augen, bis sie am Rande der Werkstraße verschwanden. Er drehte den Kopf. Eine Stra- ßenbahn fuhr dumpf rollend über die Flußbrücke, hinter ihr, noch auf dem anderen Ufer, kam eine andere. Wegner sah nach der elektrischen Uhr am Werkeingang. Sechs Uhr zweiund- zwanzig Minuten. Jetzt mußten sie kommen! Mit hastenden Schritten strebten die Arbeiter dem Werkein- gang zu. Wegners Augen suchten. Er spürte wieder ganz stark, daß er eigentlich nur das eine Gesicht suchte: Pölkes Gesicht! Jetzt waren die ersten heran, gingen an ihm vorbei. Meister Seidel, der Meister der Färberei! Wegner gab es einen Stich. Seidel fing seinen Blick auf, drehte sofort den Kopf zur Seite. Eine eindeutige Geste. Wie der Tremke... „Guten Morgen, Meister Wegner!“ Und nochmals:„’n Mor- gen...“ Und wieder:„’n Morgen...“ Wegner wurde es heiß vor Freude, wie ein innerer Wirbel war diese Freude, er konnte kein Wort herausbringen, sah die Grüßenden nur dankbar an, mit einem fast ungläubigen Lächeln. Dann waren sie auch schon vorbei. Der eine war Mielke, ein Arbeiter aus meiner Abteilung. Der Mielke! Die andern beiden kenne ich gar nicht, aber sie grüßen mich! Und dort kommt Zachanowski, einer der Betriebs- ingenieure. Wie der mich ansieht, verächtlich die Mundwinkel verzieht, sein ganzes Gesicht eisige Ablehnung. Der auch!... An der Haltestelle stauten sich jetzt Straßenbahnen. In langem Zug kamen Arbeiter die Straße zwischen den links und rechts liegenden Fabriken herab, ihr Zug zog sich auseinander und ein 140 A ne Ve ng... en ArRande Straer ihr, nach eiundrkeinstark, ht! Meister Stich. Seite. Mors heiß Connte ar an, schon ilung. er sie criebswinkel angem rechts and ein Teil strömte in die Rudolf- Schwarz- Werke. Wieder wurde Wegner gegrüßt, einige der Grüßenden gingen absichtlich nah an ihm vorbei und nickten ihm nur zu. Und er kannte doch die meisten nicht! Woher wußten sie denn alle von seiner Entlassung? Dort kam Pölke! Seine große Gestalt, die breiten Schultern, der rötliche gestutzte Schnurrbart- den Pölke würde ich jetzt aus Hunderten herausfinden! - ,, Guten Morgen, Meister Wegner!" Pölke grüßte laut und sah Wegner fest an, ohne jedoch seine Schritte zu verlangsamen. Wegner machte eine impulsive Bewegung, als wolle er auf Pölke zugehen, doch da war Pölke schon vorbei. Plötzlich heulte die Werksirene durch die Stille. Wegner stand noch immer am selben Fleck. Jetzt waren sie in den Werkhallen, jetzt sprangen die Maschinen an... Wegner drehte sich in jähem Entschluß um und ging. Auf der Fluẞbrücke blieb er einen Augenblick stehen, ging dann zum Ufer hinunter, ein Stück die Böschung entlang und setzte sich in das struppige Gras. Der Meister Seidel wandte sich ab, Zachanowski, der Ingenieur, hatte nur einen feindseligen Blick für mich... Für die bin ich nun ein Geächteter, ein Staatsfeind. Und zu Hause, in der Siedlung? Es ist nicht nur der Tremke, der uns in der Siedlung schneidet. Ziesel, unser Nachbar, war immer so freundlich. Hat sich oft abends den Wasserschlauch ausgeliehen, um seinen Garten zu sprengen. ,, Danke, ich brauche ihn nicht!" hat er gestern gesagt, als ich ihm den Schlauch über den Gartenzaun reichen wollte. Die fürchten alle, daß sie ins Gerede kommen, wenn sie noch länger mit uns verkehren, die bangen um ihre eigene Arbeitsstelle. Wir leben eben in einer Kleinstadt... Ganz plötzlich kam es Wegner zum Bewußtsein: Keiner von 14I 9 denen, die mich grüßten, hat ,, Heil Hitler!" gesagt! Alle ,, Guten Morgen..." ,, Guten Morgen." Soll das Zufall sein? Unmöglich! Die wissen doch auch von dem Gestapo- Auto im Werk. Grüßten sie gerade deshalb so? So muß es sein! Am Schwarzen Brett im Werk hängt doch eine offizielle Aufforderung der Direktion, mit„, Heil Hitler!" zu grüßen!? Und alle: ,, Guten Morgen!" Daß mir das nicht gleich aufgefallen ist... Wie war denn das damals?! Das mit dem Flugblatt gegen die Regierung, das im Werk auftauchte? Überall lag es, in den Garderoben, zwischen die Maschinen geklemmt. An die Überschrift des Flugblattes erinnerte sich Wegner noch genau: Werden Friedenwill, muß gegen Hitlersein! Er hatte getan, als sehe er nichts, hatte keines der Blätter in die Hand genommen; aber deutlich erinnerte er sich auch an eine andere Schlagzeile darin: Kämpft für ein freies, demokratisches Deutschland! Von wem mochte das Flugblatt damals gekommen sein? Sollte vielleicht Pölke etwas damit zu tun gehabt haben?!... Damals war auch die Geheime Staatspolizei in den Betrieb gekommen, hatte den Werkeingang abgeriegelt, untersuchte die Frühstückstaschen aller Werkangehörigen, suchte im ganzen Betrieb, verhörte Dutzende von Arbeitern- I und konnte weder die Täter noch irgendwelche Anhaltspunkte finden... Wegner saẞ in Gedanken versunken und starrte vor sich hin. - Dort am Ufer war ja eine große Kanalisationsröhre? Und es dampfte daraus? Die heißen Abwässer des Werkes! Die beiden großen Schornsteine des Werkes sahen von hier wie ein einziger aus, weil sie in einer Linie standen... Die Rauchfahnen wehten ineinander. Und ein Stück weiter am Ufer stand eine Laube mit 142 e V I u gu S Guten UnmögWerk. warzen ng der Guten ie war ierung, eroben, einem Gemüsegarten davor. Das habe ich alles nie gesehen in den vielen Jahren! Hier habe ich auch nie gesessen, nie sitzen müssen! Wegner stand auf. Er sah noch einmal zum Werk hinüber. Im hellen Sonnenlicht stand er scharf umrissen: ein kleiner untersetzter Mann mit kurzgeschnittenen stoppligen, schon angegrauten Haaren, mit einem verquälten, müden Gesicht. Er mußte nach Hause. Die Flucht vor sich selbst war zu Ende, auch an diesem dritten Morgen. Er mußte zurück in den leeren, sinnlosen Tag. Flugsein! tter in an eine ches Sollte Damals mmen, stücks, verTäter saß in Und es beiden nziger wehten be mit 143 - XXI Evas Augen drücken und schmerzen, sind entzündet vom vielen Weinen; sind wie ausgetrocknet, haben keine Tränen mehr. Das trübe rötliche Licht der Glühbirne umgibt alle Dinge mit einem rötlichen Dunstschleier; dieses Licht, das nie erlischt, Tag und Nacht in der Zelle brennt. Wann ist es Tag? Wann Nacht? Diese Zelle bleibt enge Wirklichkeit, soviel man sich auch in ihr umsieht. Diese Zelle, die jetzt totenstill ist und doch lebt, weil man in den Nachbarzellen Menschen spürt, die auch keine Ruhe finden... Der ganze Körper ist vor Erschöpfung wie aufgedunsen, scheint sich ins Riesenhafte zu dehnen, jedes Glied fühlt sich an wie ein unförmiger Klumpen; wenn man es regt, ist es schwer wie Blei, fast unbeweglich, wie abgestorben... Und nicht zu verdecken ist dieses rötliche Licht, es bleibt hinter den Augenlidern, auch wenn man die Augen schließt, auch wenn man die Handballen gegen die Augenhöhlen preẞt... Und kein erlösender Schlaf will kommen, kein Versinken ins Vergessen, das halbbetäubte Hindämmern bleibt, ist nicht abzuschütteln, nicht auszulöschen... - Sie werden bald wiederkommen, haben sie gesagt. Und sie werden damit nicht aufhören, bis sie die Aussagen hätten, die sie brauchten... Aussagen? Was soll ich denn nur noch sagen? Und Reichel? Kramer? ,, Ich bin unschuldig!" hat Reichel geschrien. Auch Kramer verteidigte sich verzweifelt, dann wurde er ganz still... Wissen die beiden denn auch nichts?... Sie wollen 144 n viemehr. ge mit Tag Tacht? uch in t, weil Ruhe edunIt sich chwer u veridern, Handsender halbt ausewerdie sie n?- el gerde er wollen wiederkommen! Sie wird wieder aus der Zelle geholt, zum Auto gebracht werden, dann in dem anderen Gebäude an der Wand im Kellergang stehen müssen, und vier oder fünf gehen in die beiden Zellen daneben, und die Türen dieser Zellen bleiben offen... ,, Dich brauchen wir nicht so genau vorzunehmen, aber du kannst dir das mal ein bißchen mit anhören! Dann machst du auch bald schlapp, wirst du bald das Maul aufmachen!" hat sie der Mann mit den starren Glotzaugen angeschrien... Warum kann sie diese Sätze nicht vergessen! Warum bleibt das Gesicht dieses Mannes Kommissar immer vor ihr, seine starren, glasigen Augen? Strehlke haben ihn die in den schwarzen Uniformen genannt. Und das soll alles wieder...! Oh, Mutter, hilf mir doch, laß mich hier nicht zugrunde gehen... Mutter! Mutter!... - Eva lag auf dem Strohsack ihrer Zelle, preßte das Gesicht in das rauhe Sacktuch. Vielleicht sieht die Wärterin wieder durch den Spion an der Zellentür? Vielleicht beobachtet sie mich auch jetzt? Und ich konnte mir nicht erklären, woher sie wußte, was ich tat, als sie die Zellentür aufriß und mich anschrie.... Plötzlich war das Auge da, nur ein aufgerissenes Auge in der Mitte der Zellentür, und starrte mich an... Als ich umherging, als ich die Zellenwand ansah, in dem toten Stein eure Gesichter suchte: Mutter, Vater! An der Rückwand der Zelle soll ich stehen, wenn die Wärterin die Tür aufmacht, und mich dann melden: ,, Schutzhaftgefangene Wegner!"... Warum schlagen meine Zähne so aufeinander? Warum wird mir dann wieder so heiß?... Ich bin ja krank... Oh, dieses Licht, dieses ewige Licht!... Du in der Nachbarzelle steh doch still! Setz dich doch hin! Geh nicht mehr auf und ab, immer auf und ab; jeder Schritt dröhnt doch wie ein Hammerschlag in meinem Kopf... Wer schüttelt mich denn so?... - 10 145 So kalt ist mir, so kalt. Und der Durst! Trinken, trinken können, nur einen einzigen Schluck... ,, Hungertag heute!" hat die Wärterin mit dem spitzen Kinn gesagt und die Tür wieder abgeschlossen. Sie gingen gleich weiter, und wieder die Stimme der Wärterin im Gang: ,, Diese Zelle hier, jeden zweiten Tag Hungertag! Wenn ich Sie dabei erwische, daß Sie der trotzdem..." Damit meinte sie die andere, die mit dem Essenkübel! Ich will heim, zu meinen Eltern, ich will nie wieder von ihnen fortgehen, ich will immer in Glauchau bleiben. In der Heimat, im Muldetal... Kind will ich wieder sein, will nichts wissen von der Welt... Die dicke pausbäckige Elsbeth kniet nieder, wenn wir aus der Schule kommen, und sucht Kiesel. Hier, sieh den bunten Kiesel, Elsbeth! Nein, nein, ich tausche ihn nicht ein, auch gegen deinen Glasklicker nicht!... Dann gehen wir zum Gondelteich, singen, werfen den Enten Brotkrumen hin; wie sie aufgeregt schnattern, wie sie sich um die Brotkrumen streiten... Und dann zum Bismarckturm! Hoch hinauf geht es, hoch hinauf. Weit ins Land zieht der Fluẞ jetzt, so grün ist alles rings, die Höhenzüge, die Felder; und die Häuser sehen aus, als wären sie aus einer Spielzeugschachtel genommen... Stark ist der Wind da oben, die Kleider fliegen. Dann sind wir bei der Hängebrücke... Wie die Hängebrücke schaukelt und knarrt. ,, Das ist die Lügenbrücke", sagt die Mutter, ,, Kinder, die lügen, fallen hinunter"... Kühl ist der Wind, streicht durchs Haar, über die heiße Stirn. Oh, herrlich... Warum lachen Sie denn so, Herr Inspektor? Lachen Sie nicht, ich habe nie gelogen! Ich sage die Wahrheit, Herr Inspektor! Ich kenne doch keinen Erich. Ich habe nie solche Zettel in meiner Handtasche gehabt, Herr Inspektor! Tanzen sind wir gegangen, nur tanzen, glauben Sie mir doch!... Wie die Wärterin jetzt grinst und ihr spitzes Kinn vorschiebt. Einen Goldzahn hat sie vorn 146 1 nen, VärhlosEirtertag! amit n, zu will Kind dicke xombeth! licker den e sich turm! Fluß d die el geegen. brücke utter, Wind, Warhabe kenne Handn, nur grinst E vorn und so einen merkwürdigen, kleinen, eckigen Kopf. Breitbeinig steht sie in der Zellentür. Sie grinst und sagt: ,, Raus, schönes Täubchen!" Und jetzt geht sie im Gang hinter mir her... Schon wieder steht sie in der Zellentür und grinst: ,, Raus!" Geh weg! Ich komme nicht mit! Laß meine Schultern los!... Es ist ja niemand hier?! Niemand. Dieses Zittern kommt von selbst... Schüttelfrost? Es ist doch Sommer... Alles ist unverändert: da steht der Eẞnapf, leer, der verbeulte Blechtrinkbecher, leer... Der ist aber nicht blau, der ist ja rötlich... Dieses Licht...! Eva schreckt aus ihrem fiebernden Halbwachsein. Eben war es noch still im Gang, waren keine Schritte zu hören; doch jetzt, Schlüssel rasseln, ganz nahe! Die Zellentür geht auf. Die Wärterin! Die Wärterin macht einen Schritt in die Zelle hinein, bleibt stehen, sieht Eva an. Eva weicht bis an die Rückwand der Zelle zurück. Ein Gedanke durchzuckt sie: Ich muß das von ihr Befohlene sagen, damit kann ich diese drohende Stille beenden! Sie sagt abgerissen: ,, Schutz- haft- gefangene - Weg- ner..." Und jetzt spricht die Wärterin: ,, Am Tage auf dem Strohsack liegen ist verboten!" Wie das in den Ohren dröhnt! Schreit die denn so? Und nun bewegt sie sich. Jetzt klappt die Zellentür zu, jetzt rasseln die Schlüssel wieder. Sie geht ganz laut durch den Gang, schleicht nicht mehr. Eva wartete, bis die Schritte im Gang verhallten, ließ sich auf den Steinboden gleiten, kauerte sich in eine Ecke der Zelle, die Knie ans Kinn gezogen. Am Tage... Draußen ist jetzt Tag! Was mag die Mutter jetzt 10° 147 tun? Vater ist in der Fabrik. Sie müssen doch fühlen, daß ich sie rufe! Die Gedanken kommen und gehen; Fiebergedanken, die sich wiederholen, verwirren. Bilder vergangener glücklicher Tage gaukelt das Fieber vor, die wieder durch die Angst- und Schreckensszenen der letzten Tage verdrängt werden. Diese Zelle, dieses Frauengefängnis liegt im Herzen Berlins. Die Millionenstadt lebt ihr rastloses Leben. In den Straßen eilende Passanten; in den Fabriken und Büros emsige Geschäftigkeit. In der Börse Menschen auf der Jagd nach Geld. Menschen auf den sonnigen Terrassen der Cafés. Menschen, die sich bei Spiel und Sport erfreuen. Menschen, die flirten, müßig gehen, ihre Kleider zur Schau tragen, sich wichtig tun. Für viele sind die Stunden des Tages zu kurz. Sie sind endlos lang und grauenvoll in einer engen Zelle. Draußen wird es Abend, dann Nacht. Die Millionenstadt schläft; den schweren, tiefen Schlaf arbeitsmüder Menschen. Die Millionenstadt bleibt wach; sie beginnt ein anderes Leben, sie wirft ihre Lichter tausendfach in die Nacht. Menschen füllen Restaurants, Theater, Kinos. In Tanzsälen und Nachtlokalen steigert der Rhythmus der Jazzkapellen ihre Sehnsüchte und Wünsche. Verspätete Zecher schwanken durch die Straßen. Gut gekleidete Menschen fahren in Autos durch die laue Sommernacht. Liebende umfangen sich in heißen Umarmungen. Inmitten dieser Stadt sind Kerkerzellen, ist eine enge Zelle, und die Tage und Nächte sind eine rötlich glimmende Glühbirne. Die Gefangenen in den Zellen schlafen nicht. Ihre müden, brennenden Augen sind angstvoll auf die Tür gerichtet, jeder Nerv ist 148 a V ch sie sich gaukenslins. aßen angespannt, vor jedem steht immer wieder die bange Frage: Zu wem kommen sie heute? Zu mir?!... Eva steht zusammengekrümmt, das Ohr an die Zellentür gelegt, die Hände haltsuchend gegen die Mauer gepreßt. Dies ist keine Täuschung! Diese Schritte sind lähmende Gewißheit. Sie kommen dröhnend durch den Gang, näher, immer näher. Mein Gott! Sie holen mich wieder!... Die Zellentür geht auf. ,, Kommen Sie das Auto wartet!" sagt die Wärterin barsch. - iftigschen bei hen, ndlos beitsLeben, sälen ihre eklei. LieZelle, birne. brenerv ist 149 65 XXII Kommissar Strehlke, der Vernehmungskommissar der Kellerstation in der Prinz- Albrecht- Straße, war in der ,, richtigen Stimmung", wie seine Begleiter, vier SS- Leute, bei sich festgestellt hatten. Strehlkes Gesicht war heute nicht nur rot gefleckt, es glänzte blauviolett; er hatte die notwendige Portion Alkohol in sich, ohne die er im Keller nicht ,, arbeiten" konnte. Dazu kam eine unbändige Wut: Immer wird auf mir herumgehackt, wenn alles nicht gleich so klappt, wie es sich die Herren Vorgesetzten wünschen! Jawohl, jedesmal finden sie dann nur einen Sündenbock: Strehlke! Am frühen Morgen, nach einer durchgeschufteten Nacht, hieß es heute wieder: Zu Inspektor Diebold! Und dann ging es los: ,, Berichten Sie! Was haben Sie erreicht?" Und dann ging es weiter: ,, Was? Die leugnen immer noch! Wollen von nichts wissen, streiten alles ab, behaupten, sie sind unschuldig!... Großartig! Das ist alles, was Sie aus denen herausgebracht haben? Das ist alles, was Sie mir zu berichten haben, Strehlke? Dazu brauchen wir Sie nicht, den Stuẞ kennen wir bereits, davon haben die schon genug geschwatzt. Wozu hatten Sie denn die ganze Nacht, Strehlke?! Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß Sie Spitzenfunktionäre der Illegalen vor sich haben? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß die viel wissen, viel wissen müssen! Und jetzt kommen Sie mir mit solchen Ergebnissen! Einfach lächerlich. Was ist in Sie gefahren, Strehlke? Sie versagen ausgerechnet diesmal, wo alles 150 ellerStimstellt inzte sich, eine alles wünSock: teten dann dann michts GroßDas chen die Tacht, ktiosagt, n Sie n Sie alles F auf dem Spiel steht, wo wir die ganze Leitung dieser Widerstandsgruppe fassen könnten!"- So hat sich der Diebold an mir ausgetobt. Und ich muß stumm dabeistehen, muß mich abkanzeln lassen wie ein Schuljunge! Und die lassen mich einfach nicht zur Ruhe kommen, nicht Luft holen, hacken weiter auf mir herum. Kaum war man heute abend wieder im Dienstraum, meldet auch schon der Reinicke: ,, Sie sollen sofort zu Inspektor Diebold kommen, Herr Kommissar." Und dann ging es wieder los: ,, Lassen Sie heute nacht nichts unversucht, Strehlke! Nur keine Hemmungen, Prügel ist das einzige Mittel, die Burschen zum Reden zu bringen! Ich kann es Ihnen nicht tausendmal sagen: Die müssen reden, Strehlke!"- Befehle, Ermahnungen, Anranzer. Die Galle kann einem überlaufen! Die sitzen da oben gemütlich in ihren Büros und verstehen es ausgezeichnet, sich die Dreckarbeit vom Halse zu halten. Soll der Herr Inspektor doch mal mit in den Keller kommen, soll er sich doch mal die Verhafteten selbst vornehmen! Der wird sich hüten, sich das Gebrüll anzuhören, sich die feinen Bürofinger, die weißen Manschetten dreckig zu machen. Dafür bin ich gerade gut genug! Der ganze Betrieb hier kann einem gestohlen bleiben!- Kommissar Strehlke mußte seine Wut in sich hineinfressen, als er zur Kellerstation ging. Er konnte darüber mit keinem Wort zu den SS- Leuten sprechen. Die kannten ihn jedoch lange genug, um sich mit einem Blick in sein blaurotes Gesicht zu sagen, daß es wieder mal eine wilde Nacht werden würde. Sie wippten die Gummiknüppel, die Reitpeitschen in den Händen. Kommissar Strehlke konnte nicht wissen, daß sein Vorgesetzter, Inspektor Diebold, bereits zu Generalinspekteur Heydrich gerufen worden war, daß Heydrich und Reichsführer- SS Himmler sich persönlich dafür interessierten, welche Ergebnisse in dieISI sem wichtigen Fall Wegner bereits erzielt worden waren. Ob die Ermittlungen bereits auf die Spur der Leitung dieser Widerstandsgruppe geführt hätten? Wieviel und welche Personen schon verhaftet worden seien? Daß Inspektor Diebold mit dem Bescheid entlassen worden war, sein Bericht befriedige keinesfalls; man hätte bereits mehr erwartet! Er habe alles daranzusetzen, schnellstens weitere Verhaftungen, größere Erfolge zustande zu bringen! Von alledem wußte Kommissar Strehlke nichts. An ihn war nur der von oben kommende Druck weitergegeben worden. Er spielte in diesem Haus eine untergeordnete Rolle, und er reagierte auf seine Art: Großartig verstehen die es jedesmal in der Fahndungsabteilung 3b, sich allen Trubel abzuwimmeln! Auch die Weiber der Verhafteten, die hier jeden Tag angeplärrt kommen! ,, Gehen Sie nach Zimmer 173, lassen Sie sich bei Kommissar Strehlke melden, der ist dafür zuständig", heißt es dann. Alles wird auf meinem Buckel ausgetragen, meine Nerven müssen herhalten! Da kommt denn die Frau von diesem Bäckermeister, plärrt in die Runde und bringt doch tatsächlich noch einen Topf mit Essen angeschleppt! Die konnte ich wenigstens schnell loswerden: ,, Machen Sie, daß Sie rauskommen! Einen Topf Essen? Sie sind wohl ganz und gar von Gott verlassen! Sie bilden sich wohl ein, hier ist eine Kleinkinderbewahranstalt!- Hören Sie auf zu heulen, Ihr Mann wird in einigen Tagen entlassen!" Oder die Frau von diesem Rechtsanwalt! Kommt jeden geschlagenen Tag, sitzt einem stundenlang draußen im Gang herum, weigert sich zu gehen, will wissen, was mit ihrem Mann los ist. Die konnte ich heute nur loswerden, weil ich ihr damit drohte, sie sofort verhaften zu lassen, wenn sie nicht gleich gehe. Diese Bürohengste in der Fahndungsabteilung! Soll sich doch der Strehlke mit den Weibern herumschlagen!... 152 - - - die derchon Beman mellgen! war . Er erte hndie men! ssar Alles ssen kermoch tens inen Sie - entden herlos hte, Diese der - Das sind die Gedanken des Kommissars auf dem Wege zur Kellerstation. Was weiß ein Kommissar Strehlke von dem Leid dieser Frauen! Was weiß er davon, daß die Frau des Rechtsanwalts Reichel in ihrer Verzweiflung von früh bis spät zu Bekannten ihres Mannes läuft, zu seinen Berufskollegen, und sie bittet, unter Tränen anfleht, ihr zu helfen, sich für ihren unschuldigen Mann einzusetzen; ohne Erfolg, denn jeder fürchtet für sich selbst, kein Rechtsanwalt möchte es wagen, bei der Gestapo Erkundigungen einzuholen oder gar einen Prozeß gegen sie anzustrengen! Was weiß ein Kommissar Strehlke, was wissen alle in diesem Gestapo- Haus von dem Leid, von den vielen Canossagängen dieser Frauen! Diese Gedanken sind ihnen völlig fremd. Als Kommissar Strehlke mit den SS- Leuten jetzt im Kellergang anlangte, dachte er: Habe ich es nötig, auf mir herumhacken zu lassen! Nur weil diese Burschen so verstockt schweigen, hartnäckig leugnen! Die werden wir heute zum Reden bringen! Die werden reden, oder... Meinetwegen! Sollen sie verrecken, sollen sie! - Eva war sofort nach ihrer Ankunft von einem SS- Mann des Gestapo- Hauptquartiers in Empfang genommen worden. Der SS- Mann führte sie die Treppen hinunter! Eva erschrak es ging zur Kellerstation!... Sie kamen durch den Wachraum des Kellers. Zwei kleine Tische standen darin, einige Stühle, an den Wänden waren große Holzhaken, an denen Militärtornister und Gewehre hingen. Am hinteren Tisch saßen zwei SS- Männer und spielten Karten. Sie drehten flüchtig die Köpfe. Die ständige Kellerwache! Evas Begleiter öffnete die stets verschlossene Tür, die zu den Zellen führte. Aus Holz waren die Zellenwände links und rechts, nur aus Holz. Zwanzig Zellen allein in diesem Keller153 gang, aus rohem Holz abgeteilte Wände.- In dem langen Kellergang hingen Glühbirnen in großen Abständen, gaben nur trübes Licht. Der große Keller hatte keine Fenster! ,, Halt!" sagte Evas Begleiter und blieb neben ihr stehen. Eva lehnte sich an die Wand des Kellerganges, sie zitterte am ganzen Körper, konnte es nicht unterdrücken. Plötzlich waren wieder Schritte im Kellergang, dann standen viele schwarze Uniformen im Halbkreis um sie herum. Ein Mann kam auf sie zu, blieb dicht vor ihr stehen, berührte sie fast Das war wieder der mit den glotzenden, glasigen Augen! Der Kommissar- Strehlke! Eva sah nur die hervorquellenden Augen, das Gesicht des Kommissars als matten, hellen Kreis; auch die Uniformierten schienen in einem trüben Nebel zu stehen. Sie spürte den Atem des Kommissars auf ihrem Gesicht, scharf und ätzend. Etwas in ihr wartete, bis zum Zerreißen angespannt. Lange blieb es still, fiel kein Wort. Eine unheimliche Stille nach dem Poltern der schweren Stiefel... Jetzt sagte der helle Kreis vor ihr: ,, Hast du es dir vom letztenmal her überlegt?!... Die Wahrheit wollen wir jetzt hören, rede, sage ich dir, sonst..." Und dann brüllte er: ,, Sonst ist es aus heute! Sonst ist Schluß mit dir heute!" Wieder Stille. Nur der heisere, keuchende Atem bleibt da, ganz nahe. ,, Was? Du willst noch immer nicht?- Arme hoch!" Eva rührte sich nicht, krampfhaftes Schluchzen schüttelte sie. Zwei SS- Leute rissen ihre Arme hoch. ,, So bleibst du stehen! Hörst dir das erst wieder mal bei den andern an, dann kommst du dran, genau so! Heute werden wir euch die Zungen lösen!" schrie Kommissar Strehlke. 154 KeltrüEva nzen nden Mann Der omLenen omwarnach letzören, ist es da, e sie. iden n wir Einer der SS- Leute blieb bei Eva stehen, die anderen gingen mit Kommissar Strehlke in die Zelle nebenan. In die Zelle des Rechtsanwalts Reichel.. Im ganzen Keller, in allen Zellen war es totenstill, als seien alle Zellen leer; in allen Zellen hörten sie wieder die gebrüllten Fragen des Kommissars und dann die flehende Stimme des Rechtsanwalts: ,, Ich weiß doch nichts... Ich bin unschuldig!" Und nun, gellend: ,, Nein... Nein... Nein... Bitte nicht, bitte, bitte... Hilfe!... Hilfe!... Oh.. Oh... Aaaah!... Aaaah!" Eva stand mit weit offenen, starren Augen. Reichels offene Zellentür war eine rötlichgraue Fläche, in der sich verschwommene, dunkle Gestalten bewegten; in tollem Wirbel hoben und senkten sich die Arme der prügelnden SS- Leute. Eva suchte mit ihren hocherhobenen Armen nach einem Halt, versuchte, ihre Fingernägel in die Mauer zu krallen, doch ihre Knie wurden weich, gaben nach, ihre Arme sanken herunter. ,, Arme hoch!- Arme hoch!" Der SS- Mann neben Eva schlug ihre Arme mit seinem Gummiknüppel zurück. Eva sank zusammen. دو Wirst du aufstehen!... Aufstehen!" Der SS- Mann griff unter ihre Arme, zog Eva hoch, drückte sie gegen die Kellerwand- ließ sie dann aber fallen. Kommissar Strehlke kam aus Reichels Zelle, sein blaurotes Gesicht war verzerrt, er keuchte vor Anstrengung. ,, Die will wohl die Ohnmächtige spielen, was?" schrie er. Er drehte sich um. Jetzt zu dem andern Burschen!" Eva lag auf dem Gang, das Gesicht auf dem Steinboden. ,, Rühren Sie mich nicht an!" Das war Dr. Kramers Stimme... Und jetzt... jetzt brach das Toben in seiner Zelle los... 155 Ein Weg durch Gänge, die Fahrt mit dem Auto, wieder ein Weg durch lange Gänge, das alles war schemenhaft, nur dumpf empfunden vorbeigezogen. Eva war wieder in ihrer Zelle. Sie richtete sich stöhnend auf. Dabei fiel etwas aus ihrer Jacketttasche, blieb auf dem Steinboden, zwischen ihren aufgestützten Armen liegen. - Der Taschenspiegel in der Lederhülse... Wie hat der Kommissar gesagt...? - ,, Dann kommst du dran, genau so!" Ich muẞ fliehen... ,, Dann kommst du dran, genau so!" Nein!... Nur nicht das... Nein!... Aber ich kann allem entgehen. Dann kann mich niemand mehr quälen... Ich kann fliehen... Hier, mit dem... Ich kann... Eva setzte sich aufrecht, nahm den Taschenspiegel, drückte ihn gegen den Steinboden. Er zerbrach. Als ob nicht ich selbst das alles tue, als ob ein fremder Wille meine Hände lenkt... Sie führte die scharfe Kante des Glases zu ihrer Hand, preẞte sie in die Pulsader, stärker, tiefer. ,,... Dann kommst du dran, genau so!" Jetzt fliehe ich... Ich kann doch... Mutter... Verzeih mir, liebe Mutter... Lieber Vater... Das Muldetal... Heller Sonnenschein... Und alles grün... rings... grün... Die Gefangenen in den anderen Zellen hörten Schritte im Gang, einen Augenblick später eine schrille Frauenstimme: ,, Sind Sie verrückt geworden!" Bald darauf hasteten viele Schritte durch den Gang, riefen viele Stimmen durcheinander:„, Sanitäter!... Sani- tä- ter!" 156 ein mpf Sie ettten omIch ann ier, ihn das Sie e in Ich eber alles im Sind efen er!" XXIII Schupowachtmeister Puschke sah nochmals auf das Türschild: Richard Schuster- Postsekretär. Stimmt, ist richtig. Er klingelte. Puschke hatte seinen Freund und Kameraden Baumann noch nie aufgesucht, weil er es selbst nicht gern sah, daß man ihn in seinem möblierten Zimmer besuchte. Er wußte, daß er mit seinem Zimmer keinen Staat machen konnte, und wollte auch nicht, daß jemand in seinem Privatleben herumschnüffelte. Puschke war ein Eigenbrötler wie die meisten Junggesellen. Heute hatte Puschke seinen Grundsatz durchbrochen. Die Sorge um seinen Freund trieb ihn her. In den letzten Wochen sah er mit jedem Tag, daß es mit Baumann immer stärker abwärtsging; trotz aller Warnungen, aller guten Ratschläge. Am Nachmittag hatte er auf dem Polizeirevier mit Baumann verabredet, nach Dienstschluß zusammen fortzugehen und den Abend irgendwo zu verbringen. Puschke wollte seinem Freund mal gründlich den Kopf waschen. Während der Dienstzeit war ihm das unmöglich, denn Baumann wich dann allen ernsthaften Gesprächen aus. Baumann hatte Puschkes Vorschlag brummend angenommen, war aber bei Dienstschluß plötzlich verschwunden. Puschke hatte sich beeilt, nach Hause zu kommen, sich schnell umgekleidet, und jetzt stand er in Zivil vor Baumanns Wohnungstür; zwar verärgert, aber nicht weniger besorgt. 157 Die Tür ging auf. Eine kleine dicke Frau stand vor Puschke, sah ihn fragend an. ,, Ich möchte Herrn Baumann sprechen", sagte Puschke. Die Frau antwortete nicht, musterte ihn nur mißtrauisch. Deshalb setzte Puschke hinzu: ,, Herr Baumann ist mein Freund mein Name ist Puschke." B S ge - n ,, Ach, Sie sind Herr Puschke! Das freut mich aber! Herr Baumann hat mir viel von Ihnen erzählt. Sie sind auch Wachtmeister, auf demselben Revier, nicht wahr?" Frau Schusters volles, rotes Gesicht lächelte freundlich: ,, Bitte, kommen Sie herein!" Im Korridor ging sie vor Puschke her und sagte erklärend: ,, Ich bin Frau Schuster, die Wirtin von Herrn Baumann." Sie kamen in ein großes Zimmer. Frau Schuster schob Puschke einen Stuhl zu. ,, Bitte, nehmen Sie Platz", sagte sie liebenswürdig. Sie war aufgeregt; endlich kam jemand und ein guter Freund Baumanns dazu, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Puschke setzte sich. Er fühlte sich von dem Wortschwall der Frau überrumpelt. Er sah sich prüfend im Zimmer um: das rote Plüschsofa, die vielen Nippessachen auf den Paneelbrettern, der große Spiegelschrank- das ist bestimmt nicht Baumanns Zimmer, dachte er. Er sagte: ,, Ich will ihn abholen. Wir wollen nämlich heute abend ausgehen." - Frau Schuster war vor ihm stehengeblieben. ,, Wie nett von Ihnen! Herr Baumann hat es auch sehr nötig, daß sich seine Freunde um ihn kümmern... Wissen Sie, ich kenne ihn doch nun ziemlich genau, er wohnt ja schon viele Jahre bei mir und hat es bei mir immer sehr gut gehabt; ich sorge für ihn, als wäre er mein eigener Sohn..." Frau Schuster holte tief Luft. ,, Ich bin Witwe, habe keine Kinder, und mein Mann war doch auch Be158 6 ke, )es- Er Terr cht- ters Sie nd: hke yür- und der rote der /im- äm- von eine nun it es e ef bin BE amter, Postsekretär, und ich weiß es zu schätzen, wenn ich einen Beamten als Mieter habe...“ Frau Schuster seufzte auf und schlug die Hände zusammen.„Aber in den letzten Wochen ist es geradezu schrecklich mit Herrn Baumann; ich kenne ihn einfach nicht wieder!— Mein Gott, wie hat sich der Mensch verändert! Immer war er so solide, ein Mustermensch, kann ich Ihnen sagen, wirklich, ein Mustermensch. Und jetzt! Denken Sie, er trinkt fürchterlich— jeden Tag! Und Umgang hat er! Manchmal bringt er diese Dame sogar hier mit herauf!“ Frau Schuster zog das Wort Dame bedeutungsvoll in die Länge.„Wissen Sie, ich habe mein Lebtag nur mit anständigen Menschen verkehrt und habe deshalb doch einen Blick für so etwas.— Ich habe sofort ge- merkt, daß mit dieser Person etwas nicht stimmt. Glauben Sie mir, Herr Puschke.“ Puschke rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Er versuchte, erneut nach Baumann zu fragen, doch es war nicht möglich. Frau Schusters Redeschwall war nicht zu unterbrechen: „... Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich will nichts gegen Herrn Baumann sagen. Ganz im Gegenteil! Ich sorge mich nur so um ihn. Ich kann fast nicht mehr schlafen. Es ist ja nicht mehr mit anzusehen, wie der Mensch seine Gesundheit ruiniert. Seine Beamtenstellung setzt er auch aufs Spiel! Das kann doch nicht gut enden!“ Frau Schuster kam dicht zu Puschke heran:„Sie sind doch sein Freund, Herr Puschke! Wissen Sie denn nicht, was mit ihm ist? Er ist doch todunglücklich, das fühlt man doch! — Es muß ihm doch irgend etwas passiert sein, daß er jetzt solch ein Leben führt! Hat er vielleicht Schwierigkeiten im Dienst?— Oder ist sonst irgend etwas vorgefallen, das ihn so durchein- andergebracht hat, Herr Puschke?“ Frau Schuster wartete gespannt auf eine Antwort. Puschke fühlte sich benommen. Er sagte zögernd: ,, Ich weiß genau so wenig wie Sie, weshalb er das alles tut! Deshalb habe ich mich ja heute mit ihm verabredet. Ich will mit ihm darüber sprechen." Er stand auf, machte eine Bewegung zur Zimmertür hin. Sich bloß von der loseisen, dachte er. ,, Sie wissen auch nichts darüber?" sagte Frau Schuster und schüttelte den Kopf. ,, Jetzt wird mir das Ganze immer schleierHerr hafter!" Und nach einer Pause: ,, Das ist ja zu schade Baumann ist nicht zu Hause. Der bleibt doch keinen Abend mehr zu Hause..." - Puschke sah Frau Schuster verblüfft an. ,, Wie bitte-? Er ist gar nicht zu Hause?!" Es kostete Puschke Mühe, ruhig zu bleiben, nicht loszufluchen. So eine Quasseltasche! Redet mich hier fest und kommt zu guter Letzt damit heraus, daß Ernst nicht hier ist! ,, Nein, er ist leider nicht zu Hause", wiederholte Frau Schuster und zuckte bedauernd mit den Schultern. ,, Als er vom Dienst kam, hat er sich umgezogen und ist sofort wieder weggegangen." Puschke dachte nach. Dann fragte er nervös: ,, Können Sie mir nicht wenigstens sagen, wo er hingegangen ist? Wo ich ihn suchen könnte?" ,, Ja, Herr Puschke- das ist schwer. Er spricht doch nie darüber", antwortete Frau Schuster bekümmert. Sie legte die Hand an ihr fleischiges Kinn, überlegte. ,, Ja, doch... Dort könnte er vielleicht sein, da geht er öfter hin", sagte sie plötzlich. ,, Diese , Dame' soll auch immer in dem Lokal sein! Ach, alle Mieter im Haus wissen das schon und-" ,, Welches Lokal denn? Wo ist das Lokal?!" unterbrach sie Puschke gereizt. 160 weiß habe über Sich und leierHerr mehr Er ist eiben, hier nicht muster Dienst ngen." ie mir ch ihn e darHand ante er Diese Mieter ach sie Frau Schuster sah Puschke brüskiert an. Was erlaubt der sich denn, in meiner eigenen Wohnung! dachte sie. Als ob ich an allem schuld bin! Wo ich es nur gut meine... Dann sagte sie: ,, Das ist so eine- so eine Bauernstube. Ein Tiroler Weinrestaurant." Und fügte hinzu: ,, Ich war natürlich noch nie dort, solche Lokale besucht unsereins nicht!" " Ja, und-", drängte Puschke ,,, wie heißt es denn? Einfach- , Bauernstube?" ,, Nein ,, Alpenrose heißt es." ,, Können Sie mir beschreiben, wo die, Alpenrose ist? Straße?" " Ja, natürlich, Herr Puschke." - - Die Frau Schuster erklärte Puschke umständlich den Weg. Puschke verabschiedete sich eilig. Er fand sich leicht zurecht. Es war nur einige Querstraßen entfernt., Alpenrose' stand in gemalten, verschnörkelten Buchstaben auf einem Schild über dem Eingang. Schon an der Tür schlug Puschke lärmender Gesang entgegen, mit dem dünnen Zirpen einer Zither vermischt. Er blieb an der Theke stehen, sah sich suchend um. Die kleine Gaststube war überfüllt, enggedrängt saßen die Gäste an den buntbemalten Holztischen. Die Stuhllehnen hatten eingeschnitzte Herzen, an den Wänden hingen Geweihe, ausgestopfte Tiere, Münzensammlungen, bunte Porzellanteller, auf denen Sprüche standen; von der niedrigen Decke hingen Puppen in Bauerntracht und verräucherte Holzschnitzereien. Der Raum war in ein diesiges, rotes Dämmerlicht gehüllt. ,, Womit kann ich dienen?" fragte der Wirt. ,, Ich suche nur einen Freund", sagte Puschke. Im selben Augenblick entdeckte er Baumann. Er saß rechts an einem Ecktisch. 11 161 Puschke drängte sich durch die laut schwatzenden, singenden Gäste. Zwei ihm fremde Männer saßen neben Baumann und schwenkten ihre Weingläser; auf Baumanns Schoẞ saß eine Frau mit grellblondem Haar und stark geschminktem Gesicht, die Arme um Baumanns Hals geschlungen. Alle sangen grölend. Puschke rüttelte an Baumanns Schulter. ,, Ernst... Ernst!... Komm mit! Komm hier raus!" Die Frau auf Baumanns Schoß sah Puschke mit frechem Blick an. Seine kleine gedrungene Figur, seine großen gelben Zähne, seine Höckernase belustigten sie, sie sagte kichernd: ,, Seht mal Zwerg Nase ist gekommen! Zwerg Nase..." - Puschke beachtete die Frau nicht, rüttelte stärker an Baumanns Schulter. Baumanns Kopf lag an der Brust der Frau. Jetzt schrie die Frau keifend: ,, Lassen Sie meinen Freund in Ruhe!... Was wollen Sie denn überhaupt von uns? Wer sind Sie denn?!" - - Baumann hob den Kopf, sah Puschke mit glasigen Augen an, Ordnung dann auf die Frau und sagte lallend: ,, Is alles- in- Pusch- ke... Mein-- Freund- Else... Das ist doch Pusch- ke..." Er machte eine einladende Handbewegung, zerrte Puschke am Rockärmel: ,, Setz- dich- Oskar- hup... alle hup... gemütlich- beiTrink... Jetzt sind wir alle - - sammen... hup... alle...!" - Puschke antwortete nicht. Er beschloß, rücksichtslos zu handeln. Mit einem überraschenden, kräftigen Griff schob er die Frau von Baumanns Schoß, zog Baumann vom Stuhl hoch, redete leise und eindringlich auf ihn ein: ,, Reiß dich zusammen, Ernst! Los, komm, wir gehen! Jetzt gleich!" Baumann stützte sich schwer auf Puschke und lallte: ,, Warum - denn- Oskar...? Hup... Warum denn...?" Puschke legte kurzentschlossen seinen Arm um Baumann und 162 - enden 1. und Frau , die st!... Blick Zähne, malmanns schrie . Was en an, dnung and egung, hup... -beiu haner die redete Ernst! Warum nn und zog den Schwankenden durch die Tischreihen, dem Ausgang zu. Die Frau hatte sich von ihrer ersten Überraschung erholt, war aufgesprungen, folgte den beiden, zerrte Baumann am Arm und schrie laut: ,, Laß dir das doch nicht gefallen, Ernst!... Ernst! Höre doch! Ernst...!" Die Zithermusik und der Gesang waren verstummt, alle Gäste beobachteten die Szene. Puschke verstärkte seine Anstrengungen, Baumann aus dem Lokal zu bringen, wehrte mit der freien Hand die Frau ab. Ihm wurde siedend heiß. Wenn das zu einem Skandal ausartet! Wir beide Polizeibeamte- und ein öffentlicher Skandal, dachte er. Kurz vor dem Ausgang verstellte ihnen der Wirt den Weg. ,, Die Zeche ist noch nicht bezahlt!" sagte er. ,, Sie bekommen schon Ihr Geld, auf mein Wort", sagte Puschke eindringlich. Er machte eine kurze Kopfbewegung zu Baumann hin: ,, Ich bin sein Kollege." ,, Vielen Dank, schon in Ordnung. Ich wollte ja nur fragen...", sagte der Wirt eingeschüchtert und trat zur Seite. Auch Baumanns Freundin verstummte jäh, ließ wie erschrocken Baumanns Arm los und ging zu ihrem Tisch zurück. Baumann sah mit stierem Blick vor sich hin, als sei er an allem unbeteiligt. Auf der Straße ließ sich Baumann willig führen, stolperte stumm und mit hängendem Kopf neben Puschke her. Puschke überlegte. Erst mal aus der Gegend hier heraus, beschloß er. Und dann? Soll ich ihn gleich nach Hause bringen? Nein. Ich muß ihn mir erst mal vornehmen, sonst bin ich ihm heute abend umsonst nachgelaufen. Aber wo? Irgendwo, wo man in Ruhe sitzen kann! Einige Straßen weiter sah Puschke ein Restaurant; Radiomusik klang durch die offene Tür, schwamm in der lauen 11° 163 Sommerluft. Puschke sah, daß der Gastraum leer war. Wo könnten wir uns denn sonst schon hinsetzen, dachte er. Er wählte einen Tisch in einer Nische, von der Tür entfernt. Sie waren die einzigen Gäste. Baumann hatte sich ruhig auf den Stuhl drücken lassen. ,, Ein Helles", bestellte Puschke, als der Wirt kam. Da wurde Baumann lebhaft. Er schlug mit der Faust auf den Tisch: ,, Mir- einen- Schnaps!" schrie er. ,, Dem Herrn darf ich nichts mehr ausschenken", sagte der Wirt. ,, Bringen Sie zwei Limonaden", sagte Puschke schnell. Er klopfte Baumann beruhigend auf den Rücken. ,, Sei vernünftig, Ernst. Komm zu dir...", redete er ihm zu. Der Wirt brachte zwei Limonaden und ging wieder, machte sich hinter der Theke zu schaffen. ,, Mußt dir jetzt alles vom Herzen reden, mußt mir heute erzählen, was eigentlich los ist, das hilft", sagte Puschke väterlich und legte den Arm um Baumanns Schulter. ,, Ich bin doch dein Freund, Ernst!" - - Baumann sah mit wilden Augen um sich, sah Puschke an und - bist Oskar... Ossagte mit schwerer Zunge:„ Ja- du kar..." Dann stützte er die Ellbogen auf den Tisch, legte den Kopf in die Hände, das Gesicht halb vergraben; sein Rücken zuckte. ,, Wird schon noch alles gut werden, Ernst. Mußt dir nur alles von der Seele reden", sprach ihm Puschke erneut zu. Baumann saẞ lange stumm, sein Rücken zuckte unaufhörlich. Dann sagte er undeutlich, als rede er zu sich selbst: ,, Am mir bereits klar... daß es- nächsten Wahnsinn - - Tag war..." - war CC - Puschke lauschte angestrengt, den Kopf vorgestreckt. - ,,... Als ob du mit der Hand- in- in eine Maschine 164 - - ernt. „Ein nann Vırt. Er: ıftig, achte schine "|" s — gekommen bist... Und sie zieht— dich— immer tiefer... immer tiefer— hinein... Du kannst nicht— mehr zurück... Du— kannst— nicht— mehr....“ Baumann stockte. Puschke wurde aus Baumanns Gestammel nicht klug. Hat er etwa große Schulden gemacht? Um zu saufen? Oder Geld ver- spielt? Verwettet? „Was war Wahnsinn, Ernst?“ fragte er gespannt. Baumann antwortete nicht, zuckte noch stärker, schluckte krampfhaft. „Na, und, Ernst?— Weiter...?!“ fragte Puschke ungeduldig und streichelte Baumanns Rücken. 3... Als ob dich— der Teufel— in den Krallen— hat...“ Baumann wühlte mit den Fingern in den Haaren, sein Kopf lag fast auf dem Tisch.„... Es ist— alles aus..= „Worum geht’s denn nun eigentlich, Ernst? Red doch ver- nünftig!“ 1 2 Wenn ich nicht— auf dieses verfluchte— Revier— ge- kommen wäre... wäre alles— nicht so gekommen... Und der Alte— fragt... fragt immerzu.... Immerzu.. x Puschke horchte auf. Das Revier? Der Alte! Der Hauptmann! Mit dem Dienst hing es also zusammen! „Was ist mit dem Revier, Ernst?! Was ist mit dem Haupt- < mann?!“ drängte er: Das Wort Hauptmann wirkte in Baumanns nebligem Hirn wie eine Alarmglocke. Er richtete sich auf:„Was habe— ich gesagt— Oskar?!“ fragte er erschrocken. „Vom ‚verfluchten Revier‘ hast du was geredet und daß der Hauptmann dich immer was fragt!“ sagte Puschke. Und gereizt: „Erzähl schon weiter und endlich zusammenhängend, ich ver- stehe dich nicht!“ 165 Doch Baumann war plötzlich wie verwandelt. Er sprang auf. nach Hause!" ,, Nach Hause! Ich muß - Puschke versuchte ihn auf den Stuhl zurückzuzerren, redete auf ihn ein, zu bleiben. Vergeblich. Baumann riß sich los. Auch auf der Straße blieb Baumann störrisch bei seinem Entschluß, nach Hause zu fahren, und schnitt Puschke alle Worte ab: ,, Ein Taxi!- Ich will schnell- nach Hause!" - Er hinderte Puschke daran, mit einzusteigen, fuchtelte wild mit den Armen: ,, Ich muß allein sein...! Allein!" - Wütend sah Puschke dem davonfahrenden Auto nach. ,, Von heute an soll der mir den Buckel runterrutschen! Jetzt ist mir alles egal!" fluchte er. 166 auf. edete EntWorte wild , Von mir XXIV Meister Wegner fuhr nicht mehr zur Fabrik, stand nicht mehr morgens vor dem Tor der Rudolf- Schwarz- Werke. Es war ihm verboten worden. Er hatte wieder sehnsüchtig beobachtend hinter dem Kiosk am Werkeingang gestanden, als plötzlich der Werkpolizist in der graublauen Uniform, die Hakenkreuzbinde am Arm, neben ihm auftauchte. ,, Ich soll Sie zu Direktor Kraut bringen", sagte er. Wegner war erschrocken zusammengefahren, aber dann überkam ihn eine jähe, freudige Unruhe. Zu Direktor Kraut! Vielleicht sollte das ihm angetane Unrecht wiedergutgemacht werden, vielleicht wollte der Direktor seine Kündigung jetzt zurücknehmen! ,, Zu Direktor Kraut? Wirklich?" fragte er den Werkpolizisten überrascht. ,, Jawohl!" Wegner war aufgeregt neben dem Werkpolizisten hergegangen, stand dann in fiebernder Erwartung vor dem Direktor. Und da war es, als würde ihm ein neuer Keulenschlag versetzt. ,, Sie erregen hier unnötiges Aufsehen! Wenn Sie noch einmal vor dem Werk herumstehen, rufe ich die Polizei und lasse Sie verhaften! Merken Sie sich das. Ich nehme an, daß Ihnen die Warnung genügt!" Wegner war bis spät in die Nacht umhergeirrt. An der Mulde entlang, über die Wiesen am Fluß, über Felder, planlos, bis ins 167 Innerste getroffen. Es war, als hätte er ein Mal auf der Stirn! In seinem Stadtviertel mieden sie ihn; aus Furcht, um ihre eigene Sicherheit, um ihr eigenes Brot besorgt die einen, aus blindem Haß die anderen. Und jetzt kam diese neue Erniedrigung.. Doch er war kein Tier, das sich in die Erde vergraben, sich in weite Wälder flüchten konnte; er war nur ein Mensch, er wohnte in einem Haus, mußte zu diesem Haus zurück. Dort wartete seine Frau, ängstigte sich um ihn. Seine Frau saß in der Küche. Sie war auf dem Küchenstuhl eingeschlafen, das Licht brannte hell. Wegner schloß leise die Tür, blieb regungslos stehen. Das stille Haus, die helle blitzsaubere Küche- alles kam ihm auf einmal so fremd vor, als gehöre es nicht mehr zu seinem Leben. Als wäre dies Haus ein Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gab; ein Gefängnis, das die feindseligen Blicke der Menschen anzog, den schwatzenden, verleumdenden Zungen ständig neuen Gesprächsstoff gab. Wie angeschmiedet war er an dieses Haus! Er hängte seine Aktentasche auf den Haken an der Küchentür. Seine Frau erwachte. Sie hatte den langen Tag voller Ungeduld verbracht; sich immer wieder eingeredet, daß ihr Mann seine Arbeitsstelle zurückbekommen habe und daß er jetzt im Werk sei. Als die Feierabendstunde kam, stand sie am Küchenfenster, lauschte in die stille Straße hinaus, auf den ihr so vertrauten Schritt. Doch er kam nicht. Sie wagte nicht, auf die Straße zu gehen; sie fürchtete die Menschen und verließ das Haus nur noch, um Einkäufe zu besorgen. Sie war lange im Haus verstört umhergelaufen und schließlich vor Erschöpfung auf dem Küchenstuhl eingeschlafen. Als sie ihren Mann jetzt so verändert vor sich stehen sah, ver168 tirn! igene dem g... sich ch, er Dort stuhl n ihm einem EntMenändig dieses Lentür. t; sich le zuFeierin die och er rchtete ufe zu en und hlafen. h, verschlug es ihr die Stimme. Sie sah stumm in sein erschöpftes, verquältes Gesicht, auf die zerdrückten Kleider, auf seine durchnäßten Schuhe. Schweigend kochte sie Kaffee, wärmte einen Essenrest auf, schnitt Brote, stellte alles auf dem Tisch zurecht. Wegner saß zusammengeduckt am Küchentisch, den Blick auf die Tischdecke. Er rührte das Essen nicht an. Der nächste Morgen kam- und Wegner ging nicht zur Fabrik. Jetzt mußte er es sagen, es gab keinen Ausweg. ,, Es ist zwecklos", sagte er müde, als seine Frau ihn fragend ansah. Seine Frau verstand. Sie hatte es geahnt; tief hatte die Furcht davor in ihr gesessen, doch noch immer war ein Funke von Hoffnung in ihr gewesen, daß seine Kündigung rückgängig gemacht werden könnte. Jetzt war auch das vorbei. Er blieb zu Hause. Er war entlassen. Was Wegner gefürchtet hatte, geschah. Seine Frau brach zusammen. Sie weinte nicht, ihre Tränen schienen versiegt; sie lag fiebernd im Bett, wollte nichts zu sich nehmen, wurde völlig apathisch. Mit rührender Sorge bemühte sich Wegner um seine Frau. Er kochte Tee, um das Fieber herunterzubringen, machte ihr Umschläge, bereitete leichte Speisen, zwang seine Frau, zu essen, um sie vor Entkräftung zu bewahren, hielt das Haus sauber, erledigte Einkäufe in jagender Hast, um seine Frau nicht zu lange allein zu lassen. Er war glücklich, als sie sich langsam erholte und wieder zu Kräften kam. Er duldete nicht, daß sie aufstand, soviel sie auch darum bat, weil sie doch ,, alles versorgen, nach dem Rechten sehen müsse". Diese Tage voller Sorge und Hast ließen ihn manchmal vergessen, was geschehen war. Nur ein Gedanke verließ ihn nicht: 169 ” Was war mit Eva? Auf seinen Brief, den er an das Gestapo- Haus in Berlin geschrieben hatte, bekam er keine Antwort. Er i > mußte nach Berlin fahren, selbst an Ort und Stelle versuchen, 1 r alles aufzuklären, um seiner Tochter zu helfen. Doch solange seine Frau krank lag, konnte er unmöglich fort. I: N Wegner verschloß diese Gedanken in seiner Brust. Er hatte a seiner Frau auch von dem Brief nach Berlin nichts gesagt. Es I n hätte sie nur stärker beunruhigt und würde ihre Genesung ver- N zögern. Ängstlich vermied er jedes Gespräch über Eva und war| pr froh, daß ihr Name in diesen Tagen nicht fiel. Doch das Leben mit allen seinen Verpflichtungen ging weiter. ’ j Die monatliche Miete für das Haus war fällig! Sie bewohnten| : ein Einfamilienhaus, die ganze Siedlung bestand aus solchen h| 5 Häusern. Monatlich mußten siebzig Mark für Zins und Amorti-| ı sation gezahlt werden, dann wurde das Haus nach zwanzig|| \ Jahren Eigentum. Wegner hatte nur noch wenige Jahre zu zahlen. N| Was sollte nur werden? Er war jetzt arbeitslos! Mußte man nicht zum Arbeitslosennachweis gehen und sich dort anmelden? “ Zum Arbeitslosennachweis! Das Wort ließ Wegner frösteln. Für ihn waren Arbeitslöse blasse, unterernährte Menschen in abge- tragenen Kleidern. Er war nie arbeitslos gewesen. Nun mußte| auch er zum Arbeitslosennachweis gehen. Das war gesetzliche h Pflicht! \ Es war ein schwerer Gang für Wegner. Er stellte sich vor einem . der vielen Schalter an, wartete verschüchtert, innerlich wie aus- gehöhlt, inmitten einer langen Reihe Menschen.| „Sie müssen nach Zimmer 18, zur Neuanmeldung!“ sagte der I R Schalterbeamte, ein SA-Mann in Uniform. Er schob Wegners| - Papiere durch das Schalterfenster zurück, griff gleich nach der| Karte des nächsten. 170 po. Er hen, ange matte . Es verwar eiter. anten Ichen mortianzig hlen. man lden? 1. Für abgemußte zliche einem e auste der egners ch der Wegner fragte sich nach dem Zimmer 18 durch. Dort forderte ihn ein älterer Beamter auf, zu warten. Wegner sah, wie der Beamte in seinen Papieren blätterte und telefonierte; dann kam er wieder zu der hölzernen Schranke, die das Zimmer in der Mitte teilte, reichte Wegner die Papiere zurück. ,, Sie haben kein Anrecht auf Arbeitslosenunterstützung. Ihre Entlassung ist selbstverschuldet!" sagte er sachlich und kühl. Wegner sah den Beamten ratlos an, stammelte unzusammenhängende Worte, suchte zu erklären. ,, Für uns ist der Beschluß, der für Fälle wie den Ihren vorliegt, bindend. Wir haben hier nur unsere Pflicht zu tun!" unterbrach ihn der Beamte. Er ließ Wegner stehen und ging zu seinem Schreibtisch zurück. - Den ganzen Tag saß Wegner in der Küche, brütete vor sich hin, stand nur auf, wenn seine Frau aus dem Schlafzimmer nach ihm rief. Dann bemühte er sich angestrengt, ruhig zu erscheinen, er lächelte sogar ein verzerrtes, maskenhaftes Lächeln. Saẞ wieder in der Küche. Sein wirrer, dumpfer Kopf konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ihm war zumute, als sei er ein Automat, der mechanisch Arme und Füße bewegte, selbsttätig atmete. Man mußte weiterleben. Dort nebenan im Zimmer lag seine Frau, die ihn brauchte... In der Nacht wälzte sich Wegner schlaflos im Bett, lauschte auf die unregelmäßigen Atemzüge seiner Frau, auf ihre abgerissenen, im Schlaf gemurmelten Worte, zählte am Schlag der nahen Kirchturmuhr die halben, die ganzen Stunden. Ihm fiel ein, daß er im Werk seine Pensionierung beantragen, sein Recht auf eine Pension aus der Werkmeisterkasse geltend machen könne. Dafür hatte er dort dreiundzwanzig Jahre lang Geld eingezahlt...! Dann mußte er aber wieder in das Direktions171 gebäude gehen! Würde ihn der Pförtner durchlassen? Und alle würden ihn sehen... Wieder diese hämischen, bohrenden Blicke, ein neues Spieẞrutenlaufen...! Er konnte ja in den Vormittagsstunden gehen, wenn das Werk voll arbeitete, wenn die Werkstraße meist leer war... Ungeduldig wartete Wegner auf den nächsten Vormittag. Er sagte seiner Frau, daß er Besorgungen machen müsse. Der Werkpolizist und der Pförtner am Werkeingang lehnten barsch ab, Wegner passieren zu lassen; doch Wegner wich nicht, erklärte immer wieder mit aufgeregten, bittenden Worten sein Anliegen. Schließlich sagte der Werkpolizist kurz: ,, Warten Sie hier!" Er ging in die Pförtnerbude und telefonierte. ,, Kommen Sie mit!" forderte er Wegner dann auf. Auf dem Weg durch das Werk blieb er dicht an Wegners Seite, begleitete ihn bis ins Personalbüro. Das Personalbüro durchzog eine große, mattierte Glaswand, in die rechts eine Tür eingelassen war. Sie führte zu den Büroräumen der Angestellten und zum Zimmer des Bürovorstehers Adam, wußte Wegner. Ein Angestellter sah durch das kleine Schiebefenster in der Glaswand, als warte er bereits auf Wegner. ,,' n Augenblick", sagte der Angestellte, als Wegner vor dem Schiebefenster stand. Es vergingen einige Minuten, bevor das Gesicht des Bürovorstehers Adam am Schiebefenster erschien. Ein hageres Gesicht mit einem ergrauten, struppigen Bart, einem goldumränderten Kneifer vor den kurzsichtigen Augen. Wegner kannte Bürovorsteher Adam gut. Solange er zurückdenken konnte, saß Adam hier auf diesem Posten; sie hatten oft zusammen geplaudert. Und jetzt läßt er mich nicht einmal hereinkommen, dachte Wegner. Er sieht mich so gleichgültig an, als sei ich ein Fremder... 172 T e T S H alle licke, tagsWerkg. Er nten nicht, sein n Sie dem eitete große, r. Sie mmer In der lick" stand. ovoresicht Herten rücken oft 1 heran, als ,, Sie wünschen?" fragte der Bürovorsteher förmlich. Wegner sprach stockend. Ihm war, als rede er gegen eine Wand. Das starre Gesicht mit dem Kneifer unterbrach ihn nach einigen Sätzen und sagte kalt und sachlich: ,, Pensionsrechte erlangt man, wenn man fünfundzwanzig Jahre ununterbrochen im Werk tätig war, daran fehlen also bei Ihnen noch zwei Jahre. Ausnahmen sind zulässig, bei vorzeitiger Arbeitsunfähigkeit zum Beispiel. Aber so, wie die Dinge bei Ihnen liegen...! Die Pensionskasse untersteht der Direktion", der Bürovorsteher verbesserte sich ,,, dem Betriebsführer. Es ist also aussichtslos für Sie, soweit ich das beurteilen kann. Aber einen schriftlichen Antrag können Sie natürlich stellen..." - Wegner sah den Bürovorsteher fassungslos an, suchte dessen ich habe doch meinen Augen hinter dem Kneifer.„ ,, Aber Pflichtbeitrag immer pünktlich eingezahlt Jahre lang... Сс - dreiundzwanzig ,, Einen schriftlichen Antrag können Sie ja auch stellen", wiederholte der Bürovorsteher. Er winkte dem Werkpolizisten und schob das Schiebefenster zu... - Wieder wurde es Abend, wieder Nacht, wieder Tag und Wegner saß ratlos und verzweifelt in seiner Küche, suchte nach einem Ausweg. Ein neuer Tag, der keine Lösung bringt... Die Sonne scheint hell, die Küche ist voll Licht, es ist noch dieselbe Küche, alles steht noch an seinem alten Platz. Dies sollte einmal mein Haus sein. Nun sitze ich hier und warte. Worauf eigentlich? Wer bin ich jetzt schon? Ein alter gebrochener Mann, zu nichts mehr nütze; niemand fragt mehr nach mir, niemand braucht meine Arbeitskraft, meinen Kopf, meine Hände, meine Erfahrungen... 173 Einen ruhigen Lebensabend wollten wir hier verleben, ein Leben lang habe ich dafür gearbeitet. Im Garten wollten wir dann sitzen, die Blumen würden blühen, und Ruhe überall. In meinem Garten, in meinem Haus sollte das sein... Und jetzt? Ein Ausgestoßener bin ich. Ein Staatsfeind... Zeigt ihm die kalte Schulter! Verspottet ihn! Droht ihm! Er ist wehrlos, er ist uns ausgeliefert! ,,... lasse ich Sie verhaften!" lasse ich Sie verhaften!"- ,, Arbeitslosenunterstützung? Entlassung selbst verschuldet!"- ,, Pensionsrechte? Da fehlen noch zwei Jahre!" - - Wegner stöhnte auf. Er sah die Mietsrechnung, sie lag immer noch auf dem Küchentisch, ein blauer, bedruckter Bogen Papier. Eine Drohung. Die Miete mußte bezahlt werden, sonst... Aus dem Haus gejagt werden! Wohin denn? Obdachlos? Und drinnen liegt die Frau, ahnungslos... Wegner ging in der Küche ruhelos auf und ab. Da fiel ihm ein: Die Sparkasse! Wie konnte er das vergessen? Er konnte die Miete bezahlen! Sie hatten doch Geld auf der Sparkasse, einen Notgroschen fürs Alter. Wegner nahm mit fliegenden Händen das Sparkassenbuch aus einer kleinen Stahlkassette. Dann sah er vorsichtig ins Schlafzimmer. Seine Frau schlief. Auf der Sparkasse erwartete Wegner eine neue Enttäuschung. Als seine Nummer am Auszahlungsschalter ausgerufen wurde, erhielt er die verlangte Geldsumme nicht. Der Kassierer drehte Wegners Sparkassenbuch und die von ihm ausgefüllte Zahlungsanweisung in den Händen. Er sagte:„ Ich kann Ihnen die verlangte Summe nicht auszahlen. Laut Anweisung der Direktion darf ich Ihnen als Höchstbetrag nur zweihundert Mark auszahlen. Jeden Monat bis zu zweihundert Mark, nicht mehr." 174 ‚eben dann mei- etzt? 1 die er ist osen- sions- nmer ;pier. . Aus innen n ein: Miete Not- ch aus laf- hung: surde, drehte Jungs“ t aus“ [öchst- his ZU Wegner. starrte den Kassierer verständnislos an. Der Kassierer mußte seine Worte wiederholen, genau abgewogene, glatte Worte. Dann begriff Wegner. Wie hatte Direktor Kraut im Werk zu ihm gesagt?„Sie werden auf Anweisung der Geheimen Staats- polizei entlassen!“ Auch dieses hier mußte von der Geheimen Staatspolizei veranlaßt worden sein. Wegners Verzweiflung schlug zum erstenmal in offene Empörung und Erbitterung um. „Über mein eigenes, erspartes Geld darf ich nicht mehr ver- fügen?!“ brach es aus ihm heraus.„Mein eigenes, sauer verdientes Geld wird mir vorenthalten? Das ist der Gipfel der Gemeinheit! — Ist man denn jetzt völlig rechtlos?! Ein anständiger Mensch kann doch nicht ohne jede Schuld niedergetrampelt und in den Abgrund gestoßen werden! Sind wir denn schon so weit ge- kommen?!“ Die Wartenden im Kassenraum sahen neugierig zu Wegner hinüber. Statt einer Antwort fragte der Kassierer:„Sind Sie Jude?!“ Allen Juden wurden ihre Sparkassen- und Bankkonten ge- sperrt, um zu verhindern, daß sie„Vermögenswerte ins Ausland verschieben“ konnten. Sie durften von ihren Guthaben in jedem Monat nur eine festgesetzte Summe Geld abheben. Doch auch „Arier“, die als Staatsfeinde galten, traf diese Kontensperre oder auch die vollständige Beschlagnahme ihres Vermögens. Die offizielle Begründung für diese Maßnahme war dann einfach: „Kontensperre, da Verdacht einer Flucht ins Ausland besteht“, oder es hieß sogar:„Das gesamte Vermögen verfällt dem Staat.“ Die Frage des Kassierers verwirrte Wegner.„Ob ich Jude bin?.... Nein, ich bin nicht Jude. Was hat denn das mit meinem Sparkassenbuch zu tun?!“ redete er erneut, mit sich überstürzen- den Worten, auf den Kassierer ein. ,, Also- zweihundert Mark", sagte der Kassierer ,,, und achten Sie darauf, was Sie hier sagen!" Wegner schwieg erschrocken. Er unterschrieb das ihm vorgelegte Formular, raffte mit zitternden Händen die Geldscheine zusammen und hastete zum Ausgang. Keine Arbeit, kein Einkommen mehr, keinerlei Unterstützung... Und wenn unser Notgroschen aufgezehrt ist, wovon leben wir dann? Gleichmäßig dumpf und qualvoll reihten sich die Tage aneinander. Mit übermenschlicher Anstrengung spielte Wegner vor seiner Frau die Rolie eines Sorglosen. Er ließ es ihr an nichts fehlen, kaufte für sie nach wie vor die besten Lebensmittel, doch er selbst sparte sich die Bissen vom Munde ab. Wovon sollen wir später leben? Wovon? Dieser Gedanke verließ ihn nicht. Bald nahm seine Frau ihre Hausarbeit, alle täglichen Besorgungen wieder auf. Wegner suchte sich nun Beschäftigung im Garten; grub, jätete, besserte den Gartenzaun aus, strich den kleinen Geräteschuppen. Aber sein Leben blieb leer und sinnlos. Seit Tagen beherrschte ihn nur ein Gedanke: nach Berlin zu fahren, alles Geschehene selbst zu klären, seiner Tochter zu helfen. Seine Frau durfte von dieser Reise nach Berlin nichts wissen! Er erklärte ihr, daß er zu seinem Bruder nach Leipzig fahren wolle, vielleicht wüßte der eine Arbeitsmöglichkeit für ihn. Es war Nacht, als er zurückkam. Seine Frau wartete auf ihn, auch diesmal brannte in der Küche noch Licht. Sie bekam auf ihre Fragen ausweichende Antworten. Wegner bemühte sich, seine Frau nicht anzusehen, als er abschließend sagte:„ Es war- auch zwecklos." Dann begann er sich hastig auszukleiden. Er lag im Bett, und die Ereignisse des Tages zogen an ihm vorbei... Ein blasser, hochgewachsener SS- Mann hatte ihn durch das Haus der Geheimen Staatspolizei geführt, durch lange 176 achten n vorscheine m Einunser aneiner vor nichts 1, doch en wir en Berung im Ich den sinnlos. rlin zu zu helwissen! fahren n. uf ihn, auf ihre , seine war an ihm tte ihn ch lange Gänge, hieß ihn warten... Lange saß er auf dieser Bank im Flur. Dann kam ein athletisch gebauter Mann in Zivil, mit einem Stiernacken und aufgedunsenen, rotgefleckten Gesicht, ausdruckslosen, schwimmenden Trinkeraugen... ,, So? Sie sind der Wegner? Der Vater von diesem Luder?! Großartig, daß Sie von selbst kommen. Sie können gleich hierbleiben, Mann. Wir können Sie brauchen..." Und dann fragte er ihn lauter unverständliche Dinge. Und trotz allem Bitten und Flehen brüllte dieses Trinkergesicht ihn nur an oder lachte höhnisch... Er konnte immer nur denken: In den Händen eines solchen Menschen ist meine Tochter! Dann brachten sie ihn zu einem andern, zu dem, der hier im Werk und bei der Haussuchung gewesen war. Und wieder bat er um Freilassung seiner Tochter, schilderte seine Verzweiflung. Doch auch der hörte nicht auf ihn, versuchte ihn auch nur auszufragen... Und auch hier bettelte er vergebens: ,, Lassen Sie mich meine Tochter sehen, nur einmal, bitte, nur einmal!" - ,, Das kommt nicht in Frage. Die ist auch gar nicht hier bei uns. Aber sie ist in guten Händen!" Nicht ein Wort erzählte Wegner seiner Frau von alledem. Er magerte ab, sein Haar wurde weiß, sein Gang schleppend, manchmal zitterten ihm die Hände so stark, daß er den Gegenstand, den sie hielten, niederlegen mußte. Da ereignete sich etwas Ungewöhnliches. Es war, als lege ihm ein helfender, guter Freund den Arm um die Schulter und spräche ihm in seinem Unglück Trost zu. Es geschah spät abends, die Straße der Siedlung lag im trüben Laternenlicht. An der Haustür läutete es. Als Wegner öffnete, stand jedoch niemand vor der Tür. Ein großes Paket lag auf der Schwelle der Haustür. Mit unsicheren, nervösen Händen lösten sie in der Küche die 12 177 Verschnürung. Das Paket enthielt viele Tüten: Hülsenfrüchte, Reis, Kaffee, Zucker, Würste, einige Schachteln mit Käse. In einem Kuvert lagen zwei Zehn- Mark- Scheine und ein kleiner Zettel, auf dem in unbeholfenen, eckigen Druckbuchstaben stand: Von Angehörigen der Rudolf- SchwarzWerke. Wegner sah seine Frau an. Tränen liefen über sein Gesicht. ,, Das ist von Pölke und den andern... Es gibt... doch... noch... Menschen." 178 V S S H g C chte, e. In einer cand: rzesicht. h... XXV Bäckermeister Möller war aus der Haft entlassen. Als man ihn vor zwei Tagen aus seiner Zelle geholt und ins vierte Stockwerk des Gestapo- Hauses geführt hatte, war er fast sinnlos vor Angst geworden. Wieder ein Verhör? Was werden sie mit mir tun? Werden sie jetzt auch mich schlagen?!.. Dann stand er vor Inspektor Diebold. Niemals würde er dessen durchdringende Blicke vergessen. ,, Sie werden entlassen", hatte der Inspektor aber nur kurz gesagt; doch drohend hinzugefügt: ,, Wenn Sie aber draußen Greuelmärchen erzählen, sind Sie schneller wieder hier als das erstemal, darauf können Sie sich verlassen. Und dann können Sie was erleben!" Möller hatte vor Erregung kaum sprechen können, hatte nur mit dem Kopf genickt: ,, Ich verstehe... Herr Inspektor..." ,, Lassen Sie den Mann rasieren. Er soll sich auch gründlich waschen, wir können ihn nicht wie einen Wilden laufen lassen!" befahl Diebold dem begleitenden SS- Mann. " Jawohl, Herr Inspektor!" Das war alles. Keine Erklärung, warum er verdächtigt und verhaftet, weshalb sein Geschäft durchsucht worden war. Keine Entschädigung für den ihm zugefügten Schaden. Kein Wort der Entschuldigung für alle Demütigungen, für alle Seelenqualen. Greuelmärchen waren es, wenn er über seine ungerechte Verhaftung sprach. Wie sollte er nun seine Unschuld beweisen?... Es war am frühen Nachmittag, als Möller entlassen wurde und 12° 179 zur Bäckerei zurückkehrte. Als er in die Grünstraße einbog, begann er zu hasten. Keuchend lief der kleine dicke Mann durch die stille Straße, mit scheuen Blicken um sich sehend. Gott sei Dank! Kein Bekannter war zu sehen, nur spielende Kinder. Auch vor dem großen Textilgeschäftshaus stand niemand. Der alte Lehmann war nicht im Laden. Im ,, Guten Schoppen" waren alle Vorhänge zugezogen... Wenn mich nur nicht im letzten Moment noch jemand anspricht... Wenn ich nur ungesehen meinen Laden erreiche! Es waren keine Kunden im Geschäft, als Möller die Tür öffnete. Er stand schwer atmend, lauschte auf den schrillen Ton der Ladenklingel, ließ die ihm so vertrauten Gegenstände Stück für Stück an seinen Augen vorbeiziehen. Seine Frau kam in den Laden - lief auf ihn zu, lag weinend vor Glück und Freude an seinem Hals:„ Heinrich... Heinrich..." Dann saßen sie im Wohnzimmer. - Du siehst so blaß und ab,, Haben sie dir etwas getan? gezehrt aus... Ich habe dir ja Essen hingebracht, sie haben es aber nicht angenommen. Jeden Tag bin ich hingegangen und habe nach dir gefragt, aber oft haben sie mich gar nicht erst reingelassen... Was ist mit Fräulein Eva? Wird sie auch entlassen? Ihr seid doch beide unschuldig, wie konnten sie euch nur verhaften!... Ich wußte schon, daß du entlassen wirst, Heinrich. Dieser Kommissar hat es mir gesagt- Strehlke heißt er... Oh, der war so gräßlich zu mir, hat mich immer so angeschrien... Aber, mein Gott, du mußt doch hungrig sein! Was möchtest du essen, Heinrich? Soll ich dir...?" So redete Frau Möller aufgeregt, besorgt, verwirrend auf ihren Mann ein; sie streichelte sein Gesicht, ihre Hände glitten über 180 5, bech die Dank! vor Lehmalle Momeinen Tür Ton Stück einend Heinnd abben es d habe t reinlassen? or vereinrich. ... Oh, rien... test du uf ihren en über - seine Schultern, seinen Rücken, als könnte sie noch nicht glauben, daß er wieder neben ihr sitze, auf diesem Sofa hier, in ihrer Wohnung und sie lächelte, das Gesicht noch naß von Tränen. Möller war es, als fiele eine schwere Last von ihm. Jetzt erst empfand er wirklich: er war frei, er war wieder zu Hause. Neben ihm saß seine Frau, an ihn gelehnt, streichelte ihn... Er war zu Hause! Dort stand sein Schreibtisch, gegenüber an der Wand hing sein Meisterdiplom... Plötzlich packte ihn Angst. Was hatte sie vorhin gesagt? Angeschrien ist sie worden von diesem Kommissar Strehlke?... Er löste die Arme der Frau von seinem Hals, redete eindringlich, beschwörend auf sie ein: ,, Du darfst von allem, was geschehen ist, zu niemandem sprechen, Anna! Mit keinem Wort. Du mußt alles vergessen, versprich mir das. Und du darfst mich darüber auch nie etwas fragen. Wir müssen alles vergessen, hörst du, Anna! Sonst sonst werde ich wieder verhaftet..." - Seine Frau sah ihn erschrocken an, sie begann wieder zu weinen. ,, Was haben sie dir angetan, Heinrich...?" ,, Nicht mehr davon reden, nie mehr, Anna, bitte", sagte Möller. ,, Immer schweigen, hörst du, immer, überall", wiederholte er. Möller war als ein anderer Mensch zurückgekommen. Er blieb schweigsam und verschlossen, war bedrückt, sein Gesicht sorgenvoll gefurcht. Die Frau kannte sich in ihrem eigenen Mann nicht mehr aus, manchmal glaubte sie, mit einem Fremden zusammen zu leben, mit dem sie nur ein Gemeinsames verband: das Geschäft. Möller mühte sich mit verzweifelter Anstrengung um sein Geschäft. Die Sorge um seine Bäckerei quälte ihn Tag und Nacht, sie hatte ihn selbst während seiner Haft nicht verlassen. Die 181 Nächte in der Kellerstation, die Verhöre, die gegen ihn vorgebrachten Verdächtigungen und Beschuldigungen, seine grenzendas alles hatte in lose Verwirrung, Angst und Hilflosigkeit Möller nie den Gedanken ersticken können: Was wird aus meinem Geschäft? - Was er befürchtet hatte, war eingetroffen. Viele Kunden blieben aus; wenn die Ladenklingel schellte, waren es meist Passanten, zufällige Käufer. Auch viele Stammgäste der Kaffeestube blieben weg, und selbst abends kamen nur vereinzelte Besucher, fremde Gesichter. Kunden, denen bisher die Frühstücksbrötchen ins Haus geliefert wurden, hatten nach seiner Verhaftung ihre Bestellung rückgängig gemacht. Lange saẞ Möller, rechnete und überprüfte die Einnahmen und Ausgaben der letzten Zeit. Sie setzten Geld zu! Wenn das so weiterging... Er mußte von vorn anfangen, er kämpfte jetzt um seine bloße Existenz! Möller arbeitete rastlos, kontrollierte und überwachte die Arbeit in der Backstube, denn sofort nach seiner Rückkehr hatte er festgestellt, daß die Backware schlechter geworden war. Vielleicht hatte er deshalb die Kunden verloren? Seine beiden eingearbeiteten, sehr tüchtigen Gesellen hatten in seiner Abwesenheit gekündigt. Die Gestapo war auch in ihre Wohnungen gegangen, um Haussuchungen zu halten. Seine Frau mußte daher vom Arbeitsamt zwei neue Gesellen anfordern. Wie sehr auch all das Erlebte noch in Möller arbeitete, zwang er sich doch, nach außen hin ruhig zu erscheinen, nur an eins zu denken: an das Geschäft. Der erste Schritt vorwärts war getan; die Ware hatte jetzt wieder ihre frühere Qualität. Doch das genügte noch nicht. Er mußte Reklame machen, sich bei seiner früheren Kundschaft wieder in Erinnerung bringen. Mehr, das ganze Geschäft mußte renoviert werden! Möller ließ die Kaffee182 1 Vornzentte in aus blieassanestube ucher, Stchen g ihre ahmen das so e jetzt ollierte t nach lechter rloren? tten in in ihre e Frau ern. zwang eins zu getan; och das i seiner ehr, das Kaffeestube tapezieren, die Einrichtung neu anstreichen und umstellen. Weißlackierte Blumenkästen wurden aufgestellt und neue geschmackvolle Lampen, die ein mildes, anheimelndes Licht verbreiteten, angebracht. Die Räume sahen jetzt, so gänzlich verändert, viel einladender aus. An der Hausfront ließ Möller ein großes Schild anbringen: ,, Kaffeestube. Vollständig renoviert. Gemütliche Leseecke. Radiound Schallplattenkonzert." Wie ihm Fräulein Eva jetzt fehlte! Wenn sie wieder die Gäste bedienen würde! Dann würden auch alle sehen, daß ihre Verhaftungen nur ein Fehlgriff, ein Mißverständnis waren... Aber Eva war bestimmt noch nicht entlassen, nein, sie wäre dann sicher schon zu ihnen gekommen. Mein Gott, wie das arme Mädel aussah! Er hatte sie immer nur flüchtig gesehen, zuletzt, als der SS- Mann sie in den Kellergang führte. Sie ging schwankend, wie eine Schwerkranke, und ihre Hände, beide Arme waren verbunden. Was haben sie nur mit ihr gemacht?... Mein Gott! Weshalb das alles nur? Das arme Mädel, sie ist doch unschuldig! Ungeduldig wartete Möller auf den Erfolg seiner Bemühungen, das Geschäft wieder hochzubringen. Doch die Mehrzahl seiner langjährigen Kunden blieb auch jetzt fern. Die wenigen aber, die noch bei ihm kauften, würden stets zu ihm halten. Neulich begann Frau Rückert, eine Kundin, die im Nebenhaus wohnte, mit ihm ein Gespräch über ,, die schlechten Zeiten", auf das er nur einsilbig einging. Als Frau Rückert ging, sagte sie: ,, Lassen Sie die Leute nur reden, Herr Möller, ich kaufe trotzdem bei Ihnen! Wer kann mir denn das verbieten!" Und der junge Angestellte aus dem großen Textilgeschäftshaus, der sich in seiner Tischzeit regelmäßig Kuchen holte, drückte sich noch eindeutiger aus: ,, Heutzutage muß man sich in jeder Beziehung seinen eigenen 183 Vers machen. Was man so liest und hört, sagt einem gar nichts mehr. Ich kaufe, wo ich will— auch bei Juden!“— Ja, so dachten sicher auch andere Kunden, und die würden zu ihm halten. Es tat gut, das zu wissen, man schöpfte neue Kraft... Doch wo blieben die vielen anderen langjährigen Kunden? Hielten die ihn wirklich für einen Staatsfeind und wollten des- halb nichts mehr mit ihm zu tun haben? Seine Ware hatte doch wieder ihre gute Qualität! Möllers Befürchtungen, daß er wegen seiner Verhaftung boy- kottiert wurde, bestätigten sich. Eines Morgens, er war mit dem Auslegen des Schaufensters beschäftigt, kam der Wirt vom Restaurant„Zum guten Schoppen“ und verlangte ein Brot.— Warum kommt er denn heute selbst, er hat doch sonst immer sein Mädchen geschickt? Bevor Möller seiner Überraschung Herr wurde, sagte der Wirt:„Na, wieder hier, Meister?“ „Ja...“, antwortete Möller zögernd und beschäftigte sich mit dem Einwickeln des Brotes. „Merkwürdige Zeiten, was?“ Möller schwieg. Der Wirt wollte ihn aushorchen, nur deshalb war er gekommen! Sie waren allein im Laden, das Schweigen wurde bedrückend. „Hm, na ja...“, sagte der Wirt gedehnt und fügte hinzu: „Das Wetter hält sich großartig, nicht? Aber fast zuviel Sonne haben wir dieses Jahr, finden Sie nicht?“ Er griff nach dem Brot und wollte gehen. Möller riß sich zusammen. Ob er wieder Backware liefern dürfe wie früher, regelmäßig, jeden Tag, fragte er. „Ach, wissen Sie...“, der Wirt wiegte den Kopf,„ich habe das nun schon umbestellt. Sicher, es wäre nicht nötig gewesen, 184 ab au w de [#) ichts , so ihm den? desdoch boymit vom St.mmer ze der e sich Heshalb weigen hinzu: Sonne h dem liefern ch habe ewesen, aber jetzt kann ich doch nicht wieder wechseln, das sieht so dumm aus...", sagte er und ging. Am selben Tag kam der Vater von Möllers Lehrling und wünschte ihn persönlich zu sprechen. Er müsse seinen Jungen aus der Lehre nehmen, begann der Mann zögernd. Ja, er wisse selbst, es sei nicht gut für den Jungen, die Ausbildung zu unterbrechen, aber es ginge nicht anders, es müsse sein. Möller sah den Mann überrascht an.- Warum denn nur? Habe er denn den Jungen schlecht behandelt? Oder glaube er, daß der Junge nicht genug bei ihm lerne? Nein, nein, damit sei er ganz zufrieden, das sei nicht der Grund, wehrte der Vater des Lehrlings ab. Ja, um alles in der Welt, was sei dann der Grund?! Der Mann sah Möller verlegen an, sagte stockend, er könne nicht anders handeln; es sei ihm nahegelegt worden, seinen Jungen aus der Lehre zu nehmen, weil er hier nicht in den rechten Händen wäre... - Nahegelegt worden, von wem denn nur?! drang Möller in ihn. Ihm sei dringend dazu geraten worden, wiederholte der Vater des Lehrlings ausweichend und verabschiedete sich schnell. Möller saẞ lange vor seinem Schreibtisch, regungslos, den Kopf in die Hände gestützt. Boykott! Viele handelten sicher nur aus Angst so, weil es gefährlich war, bei einem ,, Staatsfeind" zu kaufen. Was kann ich nur tun? In eine andere Stadtgegend ziehen? Das Geschäft verkaufen?!... Wer zahlt denn aber jetzt noch einen einigermaßen guten Preis! Der Kaufpreis richtet sich nach den Umsätzen. Ich müßte dem Käufer die Umsätze der letzten Monate zeigen und wenn sich der Käufer über uns erkundigt, erfährt er sowieso alles... - 185 Der Laden nebenan steht immer noch leer. Ich wollte ihn mal dazumieten, die Mauern durchbrechen, die vergrößerten Räume dann neu einrichten lassen... Das große Café! Eine Kapelle, eine Sommerveranda auf dem Bürgersteig... Vorbei. Alles vorbei... In der Nacht schreckte Möller aus dem Schlaf. Seine Frau rüttelte ihn. ,, Heinrich, was hast du? Du stöhnst ja so... Heinrich, was ist denn...?!" Möller schrak auf, sah verstört um sich. Keine Kellerstation...? Er tastete mit den Händen über das Bett. Er war zu Hause! Er sagte aufgeregt, noch halb benommen: ,, Nein, nein, Anna ... Mich haben sie ja nicht geschlagen... mich nicht..." ,, Geschlagen? Sie haben euch geschlagen?!" ,, Sei still, Anna... Was habe ich eben gesagt?! Ich habe nichts gesagt, hörst du!" redete Möller, plötzlich hellwach, auf seine Frau ein. Mit keinem Wort kam Möller auf diesen Vorfall zurück. Er ging mit einem so verschlossenen Gesicht umher, daß seine Frau vermied, ihn danach zu fragen. Seit seiner Entlassung entwickelte sich eine Entfremdung zwischen ihnen, unter der sie immer stärker litt. Möller hatte sich zu einem letzten Versuch entschlossen, sein Geschäft zu retten. Persönlich wollte er zu früheren Kunden gehen, mit jedem einzelnen sprechen. Er bekam fast immer die gleichen kurzen Antworten: ,, Nein, tut mir leid!" ,, Wir be-. stellen bei Ihnen keine Frühstücksbrötchen mehr!" Einige wurden noch deutlicher: ,, Von Ihnen Backware? Kommt nicht mehr in Frage!" Was denken Sie sich denn? Wir haben Ihretwegen genug Aufregung gehabt!" - دو Möller achtete kaum auf seine Umgebung, als er hoffnungslos 186 U Z al ne me u コー a- ar na ts ne Er au Ite mer ein en die Deen in gen und erschöpft zurückkam. Ihm fiel der große, gut gekleidete Mann, der ihm während der ganzen Zeit mit einigem Abstand gefolgt war, gar nicht auf. Möller wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß er nur freigelassen wurde, um dann beobachtet zu werden. Diebold hoffte, so neue Anhaltspunkte im Fall Wegner zu finden. Möller kannte Kommissar Schneider, der ihm gefolgt war, nicht. Schneider war zu keinem Verhör in der Fahndungsabteilung hinzugezogen worden. Die Folgen dieser neuen Beobachtung spürte Möller schon am nächsten Tag. Seine Frau kam aufgeregt in die Backstube gelaufen:„ Komm schnell nach vorn, Heinrich... Frau Seefeld ist im Laden... Es ist schrecklich..." Möller legte einen Teigfladen aus der Hand und folgte seiner Frau besorgt in den Laden. Frau Studienrat Seefeld gestikulierte erregt mit den Händen, ließ Möller nicht zu Worte kommen: ,, Kommen Sie mir nicht noch mal vor meine Wohnungstür, sag ich Ihnen! Die Geheime Staatspolizei war bei mir!- Diese Aufregung! Was weiß ich denn, was mit Ihnen los ist? Was habe ich denn mit Ihren Angelegenheiten zu tun! Warum werde ich endlos ausgefragt!... Das sage ich Ihnen: wenn Sie sich noch einmal bei mir sehen lassen, rufe ich die Polizei! Ich selbst!" Möller versuchte bittend, verzweifelt, auf Frau Seefeld einzureden. Sie hörte nicht auf ihn, riß die Ladentür auf und schlug sie krachend hinter sich zu. Möller sah ihr nach. Seine Arme hingen schlaff herunter, sein Gesicht zuckte wie im Krampf.„ Es ist alles aus... Wir sind ruiniert..." los 187 XXVI Die Zellentür öffnete sich. Die Wärterin kam bis in die Mitte der Zelle, blieb stehen. Eva wich instinktiv bis an die Rückwand der Zelle zurück. Fieber schüttelte sie, und nur mit Mühe konnte sie sich aufrecht halten. Wirr hing ihr das Haar in das eingefallene Gesicht. Ihre Arme waren bis zu den Ellbogen verbunden. ,, Hier!" sagte die Wärterin grob und hielt ihr einen Brief entgegen. Eva bewegte sich nicht. Die Wärterin warf den Brief auf den Strohsack, ging hinaus, schloß die Zellentür geräuschvoll ab. Sie ging polternd durch den Gang schlich dann vom Gangende zurück und beobachtete Eva durch das Guckloch, den Spion der Zellentür. - Die lehnt noch immer in derselben Haltung an der Wand... Und Augen macht die jetzt immer, als ob sie überhaupt nicht merkt, wenn man hereinkommt. Der Brief liegt noch unberührt da... Wegen der hat man uns nun die Hölle heiß gemacht, wegen ihres Selbstmordversuchs. Die haben getobt! ,, Sie haften für diese Wegner, verstehen Sie! Die muß Tag und Nacht überwacht werden! Die darf nicht abkratzen, bevor sie nicht ausgesagt hat. Diese Wegner ist jetzt der wichtigste Fall hier!" Die Wärterin drückte ihr Gesicht fester an den Spion der Zellentür. Der wichtigste Fall? Kein Mensch würde der ansehen, daß sie eine ganz Gefährliche ist... Daß die noch mal einen Selbstmordversuch macht, haben wir verhindert. Die haben 188 e t S, n e ht rt 5 t₂ n ht ht !" er n- al en wir uns jetzt gründlich angesehen, ihr den Taschenspiegel, die Nagelfeile abgenommen. Mit den Stahlfesseln kann sie kaum noch die Hände bewegen. Höchstens mit den Zähnen könnte sie die Verbände abreißen- so einer ist alles zuzutrauen; ich werde sie nicht aus den Augen lassen. Mit der wird man sich heute sowieso noch beschäftigen.- ,, Die darf nicht zur Ruhe kommen, die muß noch viel mürber gemacht werden!" haben die von der Prinz- Albrecht- Straße gesagt... Eva machte einige schleppende Schritte, ließ sich auf den Strohsack fallen und griff mit ihren gefesselten Händen nach dem Brief. Die Worte tanzten vor ihren Augen, sie konnte ihren Sinn nicht erfassen... Haftbefehl! ,, Auf Grund der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten vom 28. Februar 1933 zum Schutz von Volk und Staat wird gegen Sie Haftbefehl erlassen, weil Sie sich an staatsfeindlichen Umtrieben beteiligt haben..." Evas Arme sanken herab, der Brief fiel zu Boden... Die letzten Ereignisse, ein Reigen von Gesichtern, zogen an ihren geschlossenen Augen vorüber. Ihr letztes Verhör bei Inspektor Diebold. Sie sitzt in der Fahndungsabteilung 3b, und dicht vor ihrem Stuhl stehen drei große Lampen mit Reflektoren, überschütten sie mit grellem Licht, strahlen eine unerträgliche Hitze aus. Hinter den Lampen, im Dämmerlicht, sitzen schemenhaft Inspektor Diebold, Kommissar Eder, Kommissar Meyer. Ihre Fragen kommen wie gut gezielte Schläge durch das sengende Licht. ,, Wer ist, Erich'?"... ,, Wohin sind Sie mit Kramers Auto immer gefahren?" Wer ist, A 7?"... ,, Wer ist, R 3'?" ..." 189 دو Wasser... Wasser..." el ,, Erst aussagen!" ,, Bitte... bitte... Wasser, trinken!" Wie das Blut in den Adern klopft... Warum haben sie mir beide Arme verbunden...? Es ist doch nur der linke Puls! ,, Reden Sie endlich! Seien Sie nicht so verstockt! Denken Sie doch an Ihre alten Eltern!" Mutter... Vater... Der Fluß... Das Muldetal... So grün... ,, Wenn Sie wieder schweigen, werde ich sofort veranlassen, daß Ihr Vater in seiner Fabrik entlassen wird!" Der Vater entlassen, die Mutter in Sorgen... ,, Nein, nein... Bitte nicht... Ich weiß... doch nichts... Wasser... Wasser..." Eva streckte die Arme bittend aus. Es riẞ schmerzhaft an ihren Handgelenken. Die Handfesseln... Ich bin ja in der Zelle!... Das Fieber bringt neue Bilder, Stimmen reden auf Eva ein, fragen, drängen, dann ist ihr wieder, als falle sie in ein schwarzes, gähnendes Loch, tiefer, immer tiefer... Die Wärterin betrat erneut die Zelle. ,, Aufstehen! Mitkommen!" sagte sie barsch. Sie packte Eva, riß sie hoch, nahm ihr die Handfesseln ab, führte die Schwankende hinaus. Eva hing schwer an ihrem Arm, sie mußte sie Stufe um Stufe die Treppe hinaufzerren, hinaus in den Hof, zu dem wartenden Auto. - In einem hellen Raum mit großen, bis zur Decke reichenden Fenstern wurde Eva von einem SS- Mann auf einen Stuhl gedrückt. Hier wurden den Gefangenen Fingerabdrücke abgenommen; ,, Klavierspielen" nannte man das. In langen Reihen standen stählerne Karteikästen an den Wänden, die tausende Steckbriefe von ,, Staatsfeinden", mit Fingerabdrücken und Fotografien, enthielten. Auf der linken Seite war ein Raum abgeteilt, 190 น m S ge I Ο 1 ( e B " n . 1, - b, m, in en e- m- n- k- -aein Viereck, von Leinwandflächen umgeben, in dem ein großer unförmiger Fotoapparat und ein Drehstuhl standen. Ein baumlanger SS- Mann kam auf Evas Begleiter zu, der ihm meldete: ,, Schutzhaftgefangene Wegner! Fingerabdrücke und fotografieren!" , Weiß Bescheid", sagte der andere nur kurz und gab ihm ein Zeichen: ,, Denn man los. Zu dem Tisch dort!" Sie führten Eva zu einem großen Tisch, der mit Glasplatten, steifen weißen Papierrollen, Blechbüchsen und Flaschen überladen war. Eva leistete keinen Widerstand. Sie saß zusammengesunken, mit leerem Blick; von weither drangen die Stimmen der SS- Männer zu ihr, wie durch rauschendes Wasser. In ihren fieberheißen Schläfen hämmerte das Blut. Der baumlange SS- Mann griff nach Evas verbundenen Armen, legte sie auf den Tisch, hielt ihre Finger gespreizt über die Tischplatte, drückte sie hinunter und rollte sie dann langsam nach oben ab. ,, Fingerabdrücke sind unfehlbare Erkennungszeichen. Das genügt uns jetzt für Ihr ganzes Leben!" sagte er mit Nachdruck und beobachtete Evas Gesichtsausdruck. Auch die Augen des anderen SS- Mannes hingen an ihr. Sie sollten berichten, wie die Wegner auf alles reagierte. Evas Gesichtsausdruck, ihre Körperhaltung blieben unverändert, auch als man sie in den Drehstuhl vor den Fotoapparat setzte; sie reagierte auf keinen Befehl. Der SS- Mann mußte ihren Kopf selbst gegen die Kopflehne des Stuhles drücken, in die richtigen Stellungen bringen, um Front- und Profilaufnahme zu machen. Dann zog er Eva vom Stuhl hoch, hielt sie am Arm fest. ,, Los, weiter! Zum Verhör!" It, 191 da st sa ab XXVII Inspektor Diebold wurde sich klar: Auch dieses neue Verhör war ergebnislos geblieben. Der dunkelgrüne Glasschirm der Tischlampe warf einen matten Lichtkreis auf den Schreibtisch, hinter dem das Zimmer aufzuhören schien, die Gegenstände zu unscharfen Konturen zerflossen. Die Schreibtischuhr tickte laut in die Stille. - Diebold zündete sich eine neue Zigarette an, drückte sie nach wenigen Zügen aus. So weit ist man nun schon, dachte er, sogar die Ruhe hier fällt einem auf die Nerven. Es geht aber auch alles schief in diesem verdammten Fall Wegner! Erst findet man alle Nester leer oder noch rechtzeitig ausgeräumt und jetzt kommt man auch mit den Verhafteten keinen Schritt weiter! Auf den Strehlke ist kein Verlaß mehr, wahrhaftigen Gott. Wie die Wegner überhaupt zu dem Selbstmordversuch kommen konnte, obwohl der Strehlke strenge Überwachungsanweisungen gegeben haben will, bleibt mir unverständlich. Warum hat man sie nicht gleich nach der Einlieferung gründlich durchsucht, ihr alles abgenommen! Der Vorfall wird dem Strehlke einiges kosten!... Jetzt sitzt die Wegner vor einem und macht kaum noch den Mund auf, was man sie auch fragt. Wie sich ein Mensch in dieser kurzen Zeit so verändern kann! Das Gesicht blaß und schlaff, direkt welk, und ihre Haltung- als ließe man aus einem Schlauch langsam die Luft heraus... Ach was, die hat sich das alles selbst zuzuschreiben! 192 - er n " n h n S a hör mataufzermach gar alles alle nmt den Wegobeben nicht bgeJetzt auf, urzen irekt langst zuInspektor Diebold schob wütend den Stuhl zurück. Er öffnete das Fenster, reckte sich, atmete tief ein, rieb sich die Schläfen. Es stach ihn wie mit Nadeln in den Schläfen, zwischen seinen Augen saß ein dumpfer Druck. Die alte Geschichte! Überreizt, nervös, abgespannt. - ,, Die ersten Feststellungen sind gemacht...", und dann hatte er Generalinspekteur Heydrich berichtet, was bisher im Fall Wegner erreicht wurde. Damit war er gerade richtig angekommen! ,,... befriedigt uns nicht im geringsten! Wir haben schon viel mehr erwartet. Setzen Sie alles daran: schnellstens weitere Verhaftungen! Größere Erfolge!" Einige hingeworfene Sätze und Schluß. Unterredung beendet. Seitdem sind nun wieder einige Tage vergangen... Wenn ich nicht bald mit neuen Ergebnissen komme, wird man an meinen Fähigkeiten zweifeln. Die barschen Antworten waren deutlich genug Wie jetzt schnell weiterkommen?! Die Sorge ist mir überlassen. Eder und Meyer machen es sich reichlich bequem: Strehlke! Weiter prügeln... Dieser Dr. Kramer schweigt, was der Strehlke auch mit ihm anstellt. Und uns gegenüber bleibt er hartnäckig bei seiner alten Taktik: ,, Ich bin unpolitisch. Ich bin unschuldig.!" Der geht lieber kaputt, als daß er redet. Der ganz vernagelte Typ ist das... Und dieser Rechtsanwalt? Der nannte Namen und Adressen. Falsche, ausgedachte! ,, Nur damit es im Keller aufhören sollte." Das ist auch das einzig Neue, was man aus dem herausbrachte... ,, Der piepst jetzt bloß noch", sagte der Strehlke. Wenn der das schon sagt... Inspektor Diebold ging zu seinem Schreibtisch, suchte aus einem Stapel Mappen die Akte ,, Eva Wegner" heraus, blätterte darin, überflog den Bericht des Schupowachtmeisters Baumann. 13 193 War es nicht das einfachste, die Wegner dem Wachtmeister gegenüberzustellen? Dann mußte sie wohl oder übel Farbe bekennen! Ist das aber so sicher? Wenn sie auch dann noch schweigt, leugnet? Dann habe ich alle Trümpfe aus der Hand gegeben... Wenn die weiß, wie wir ihr auf die Spur gekommen sind, kann sie sich auch denken, daß das, was ich ihr in den Verhören vorgehalten habe, eben alles ist, was wir über ihre staatsfeindliche Betätigung wissen. Nein, besser nicht... Bleibt die trotz einer Gegenüberstellung verstockt, dann ist jede andere Taktik, sie zum Reden zu bringen, nutzlos, dann habe ich kein Druckmittel mehr in der Hand... Wie aber vorankommen?! Dieser Bäckermeister Möller hat bisher tatsächlich nur Kunden aufgesucht, und jetzt rührt er sich nicht mehr aus seinem Laden. Es ist zum Verzweifeln. Als renne man gegen eine Wand!... Inspektor Diebold schnippte mit den Fingern. Er las die Stelle im Bericht des Wachtmeisters Baumann noch einmal: ,, Zwei Monate lang habe ich Eva Wegner beobachtet..." Und in dieser langen Zeit konnte der nur feststellen, daß sie sich mit Kramer und Reichel traf?! Vielleicht ist sie noch zu anderen Treffs gegangen, und der Baumann hat das nur nicht im richtigen Zusammenhang gesehen, hat es deshalb auch nicht angegeben? Sicher, aus dem Baumann kann ich vielleicht noch mehr herausholen. Könnten wir mehr Tatsachenmaterial zusammentragen, würde die Wegner den Verhören bestimmt nicht länger standhalten. Morgen früh lasse ich den Baumann kommen! Baumanns Hand umklammerte die Stuhllehne. In diesem verkrampften Griff sammelte sich seine ganze Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Angst. Wenn die bloß bald aufhören zu 194 ister beeigt, ... Cann vorliche einer , sie mittel hat sich enne Stelle Moieser amer Es gesamicher, olen. würde alten. verHoffen zu fragen! Er zog die Hand zurück. Das fällt vielleicht auf... Wie das Herz gegen die Rippen hämmert! Ob die das hören?!... Was sagt der Inspektor jetzt? 99... - Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß die Wegner nur Kramer und Reichel kannte. Haben Sie sie wirklich niemals mit anderen Personen zusammen gesehen?" Die haben nichts gemerkt, dachte Baumann erleichtert. Sie sitzen unverändert hinter ihren Schreibtischen. Wie der kleine Dicke mich anglotzt. Eder heißt er... Was hat Diebold jetzt gefragt? mit anderen Personen gesehen?" Baumann zwang sich, bei seiner Antwort nur an diesen einen Satz zu denken. Er tat, als überlege er. - 99... Dann sagte er: ,, Nein, Herr Inspektor, mit anderen Personen habe ich sie nicht gesehen, soviel ich mich entsinnen kann..." Einen Augenblick war es still. Baumann lehnte den Rücken schwer gegen die Stuhllehne, legte die Hände um sein Uniformkoppel, bemüht, in straffer, aufrechter Haltung zu sitzen. Im Gang draußen klappte eine Tür, waren Schritte, die sich wieder entfernten. ,, Die werden ihr hartnäckiges Leugnen nur aufgeben, wenn wir ihnen mit weiteren Beweisen kommen!" hörte Baumann den Inspektor wieder sagen. ,, Überlegen Sie ganz genau, Mann! Jeden Schritt, den Sie der Wegner gefolgt sind!" Jawohl, Herr Inspektor!" antwortete Baumann laut und militärisch. Er zog die Stirn kraus, sah an Diebold vorbei, zum Fenster hin. Ihm war plötzlich, als rückten die drei Männer ihm immer näher, ihre Augen, ihr Atem... Sie leugnen, hat er wieder gesagt... Wenn ich jetzt die Wahrheit sage... Dann bin ich verloren... Ich muß Zeit gewinnen, irgend etwas sagen!... 13° 195 Baumann sagte: ,, Entschuldigen Sie bitte, Herr Inspektor, aber es ist sehr schwierig, sich an alles genau zu erinnern, man muß so viel anderes Dienstliches im Kopf haben... Ich habe die Wegner ja auch nur an meinen dienstfreien Abenden beobachten können." Inspektor Diebold machte eine ungeduldige Handbewegung: ,, Das ist alles richtig. Sie haben sie aber zwei Monate lang beobachtet! Schließlich und endlich sind zwei Monate eine verdammt lange Zeit!" ,, Verdammt lange Zeit..." hallte es in Baumanns Ohren nach, als stünde der Inspektor dicht neben ihm und wiederhole die drei Worte. Er sah Diebold an, forschte in dessen Augen. Lag darin schon Mißtrauen? Feindseligkeit? Oder war es nur Nervosität, Gereiztsein? Er zwang sich erneut, zu sprechen: ,, Es ist bestimmt so, Herr Inspektor, nachdem ich es mir jetzt genau überlege: ich habe die Wegner nur mit Kramer und Reichel gesehen!" Inspektor Diebold antwortete nicht. ,, Dann bleibt eben nur eine Gegenüberstellung mit der Wegner übrig!" warf Kommissar Meyer ein. Baumann hatte ein Gefühl, als drücke ihm jemand die Kehle zu. Gegenüberstellen! Sein Blick wechselte zu Kommissar Meyer wie hinüber. Die breiten Schultern, das Sommersprossengesicht sachlich der Kommissar diesen Vorschlag machte... War das nur beiläufig erwähnt, nicht ernst gemeint? - ,, Noch sind wir nicht so weit erst mal weitersehen", unterbrach Inspektor Diebold Baumanns Gedanken. Er sah Baumann an: ,, Vielleicht finden wir andere Anhaltspunkte..." Er machte eine Pause. ,, Können Sie sich entsinnen, ob Sie der Wegner mal gefolgt sind, als sie sich nicht auf der Straße oder in einem Restau196 r I C S ch, die Lag ler- lerr die nel nter- ann ‚chte i mal stau“ rant mit jemandem getroffen hat?“ Baumanns starrer Blick fiel Diebold auf. Ich habe mich nicht deutlich genug ausgedrückt, dachte er und fügte erklärend hinzu:„Ich meine: die Wegner hat sicher ihre Verbindungsleute auch in Wohnungen getroffen. Sie haben vielleicht damals nur nicht daran gedacht.— Ist sie viel- leicht öfter in denselben Stadtbezirk gefahren? Dort in ein be- stimmtes Haus gegangen?— Können Sie sich nicht darauf be- sinnen?!“ Baumann wich Diebolds Blicken aus. Er suchte nach einer Ant- wort, sagte dann überlaut:„Ja, das könnte möglich sein, ich muß versuchen, mich genau zu erinnern...“ Gedanken hasteten durch seinen Kopf: Der Wegner gegen- überstellen! ‚,... noch nicht so weit“, sagt Inspektor Diebold. Das werden sie also tun, wenn sie nicht weiterkommen. Dann ist es aus mit mir! Endgültig aus!„..... öfter in denselben Stadtbezirk gefahren?— In ein bestimmtes Haus gegangen?“... Was kann ich bloß darauf antworten?! An die Havel sind wir damals ge- fahren, in den Grunewald... Und wenn ich jetzt reinen Tisch mache und erzähle, wie alles wirklich gewesen ist— dann habe ich endlich Ruhe! Ruhe?!— Dann bin ich verloren!... Baumann sagte:„Es tut mir leid, Herr Inspektor, aber ich kann mich im Moment wirklich nicht darauf besinnen, ob die Wegner manchmal auch in andere Stadtbezirke gefahren ist.. n Inspektor Diebold schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch:„Mann! Sie scheinen sich nicht mehr ganz klar darüber zu sein, worum es geht!— Sie haben seinerzeit die Angaben als Beamter unter Ihrem Diensteid gemacht! Ich rate Ihnen gut, mehr Interesse zu zeigen und Ihr Gedächtnis anzu- strengen. Melden Sie sich morgen wieder bei mir!— Sie können gehen!“ Baumann stand auf und nahm Haltung an. ,, Zu Befehl, Herr Inspektor!" preßte er heraus. Dann ging er benommen zur Tür. Baumann hatte den Raum kaum verlassen, als Diebold den Telefonhörer vom Apparat riẞ. Er hätte alles im Zimmer in Stücke schlagen mögen. Die Stimme im Apparat, die ihm auf seinen Befehl antwortete, unterbrach er grob. Der Näsel- Reinicke, der Schreiber vom Was?! Kommissar Zimmer 173, der fehlte ihm jetzt noch! Strehlke ist heute nicht im Dienst?!- Schweinerei!... Ja, Mann, 99... dann lassen Sie ihn suchen! Sofort, verstehen Sie!- Schicken Sie gleich jemand los- sonst kracht's!" 198 re e $ 1 FS a H S H Π er 20 en in orom sar n, Sie XXVIII Als Baumann am nächsten Tage von seiner Streife ins Polizeirevier zurückkam und dem wachhabenden Obermeister Bericht erstattet hatte, sagte der knapp und scharf zu ihm: ,, Sie sollen sich sofort beim Herrn Hauptmann melden, Baumann!" ,, Zu Befehl, Herr Obermeister!" Baumann packte Angst. Wegen Eva!? Hatte sich die Gestapo an Hauptmann Seiler gewandt? Hatten sie alles aufgedeckt?! Fliehen! dachte er. Aber wohin?... - Er ging; er handelte wie unter einem eisernen Zwang. Seine Hände tasteten nervös über die Knopfreihe der Uniform. Dann stand er im Zimmer des Hauptmanns, straff ausgerichtet, die Hacken zusammen, die Hände angelegt: ,, Melde mich zur Stelle, Herr Hauptmann! Befehl des Obermeisters Waldau!" ,, Ich weiß...", sagte Hauptmann Seiler, wie in Gedanken. Baumann sah überrascht auf. Die Angelegenheit schien dem Hauptmann nicht sehr eilig zu sein- vielleicht handelte es sich um eine gewöhnliche Sache?! Der Hauptmann nahm seine Hornbrille ab und drehte sie zwischen den Fingern. ,, Obermeister Waldau hat wiederholt über Sie geklagt, Baumann", begann er. ,, Und ich habe ja auch Augen im Kopf... Sie haben sich sehr zu Ihrem Nachteil verändert, Baumann! Ich brauche wohl nicht deutlicher zu werden..." Der Hauptmann stand auf und lehnte sich gegen den Schreib199 tisch. ,, Bis jetzt habe ich mich bemüht, nachsichtig zu sein, weil Sie es waren..." Sein Ton wurde schärfer: ,, Was ist mit Ihnen, Baumann? Sie haben wohl vergessen, daß ein Polizeibeamter jedem Bürger Vorbild sein muß!?" - Baumann stand noch immer mit ernstem Gesicht doch bei jedem Wort des Hauptmanns war ihm innerlich leichter geworden. Es war nichts! Noch ahnt niemand etwas, auch der Hauptmann nicht!... Hauptmann Seiler wollte eine neue Frage stellen, da sah er plötzlich, daß an Baumanns Uniform ein Knopf offen war. Er ging auf Baumann zu, blieb dicht vor ihm stehen: ,, Wie kommen Sie überhaupt zu mir herein, Baumann!?- Knöpfen Sie sich fälligst den Uniformrock zu!" ge,, Jawohl, Herr Hauptmann!" Baumann brachte hastig seine Uniform in Ordnung; er mußte sich den Uniformrock in nervöser Angst aufgeknöpft haben, ohne es zu merken. ,, Ihnen ist wohl Ihr Erfolg in den Kopf gestiegen, wie?" fuhr ihn der Hauptmann erneut an. ,, Nein, Herr Hauptmann...", antwortete Baumann. Was soll ich sonst darauf antworten, dachte er mit bitterer Ironie. Baumann sah den Hauptmann starr an. Das hagere Gesicht des Hauptmanns war rot vor Ärger, seine buschigen, hellen Augenbrauen zusammengezogen, sein Kinn mit dem Spitzbart wütend vorgeschoben, die sonst so klaren, forschenden Augen böse und zornig... Baumann hielt dem Blick des Hauptmanns stand. Mein Erfolg, dachte er wieder bitter. Wenn er bloß nicht noch mal davon anfängt, wieder danach fragt. Hauptmann Seiler räusperte sich, drehte sich um und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Lange war es still. Baumann 200 weil nen, mter bei rgeder ah er r. Er men ch geseine nerfuhr tterer wartete ungeduldig. Was sollte jetzt noch kommen? Etwa doch noch...?! ,, Ich weiß genau, Baumann- Sie haben Anweisung, über Einzelheiten nicht zu reden...", begann der Hauptmann im Aufund Abgehen mit veränderter Stimme. ,, Ich habe aber gestern mit Major Kiefer vom Polizeipräsidium gesprochen, und wir kamen bei dieser Gelegenheit auch auf den Fall Wegner zu sprechen... Die Sache zieht sich eigentlich ziemlich lange hin, finden Sie nicht auch? Und dabei sind Sie doch ziemlich oft zu Besprechungen geholt worden, Baumann." - " Jawohl, Herr Hauptmann!" ,, Hm, na ja..." Der Hauptmann sprach seine wahren Gedanken nicht aus. Daß es ihm nämlich nicht passe, wenn einer seiner Beamten so oft aus dem Dienst geholt wurde und die Gestapo es nicht einmal für nötig hielt, ihm, dem Vorgesetzten, zu sagen, warum und wofür. Er blieb stehen, musterte Baumann noch einmal scharf. - - ,, Also Sie können gehen, Baumann. Und nehmen Sie sich zu Herzen, was ich Ihnen gesagt habe!" ,, Jawohl, Herr Hauptmann!" Fesicht hellen tzbart Augen manns S nicht begann Jumann 201 S V Z XXIX Inspektor Diebold hatte eine unruhige Nacht hinter sich, als er am nächsten Morgen zum Dienst kam. Dieser Fall Wegner macht mich noch verrückt! Wenn Heydrich heute nur nicht wieder Rückfrage hält! Was soll ich dann berichten?!... Selbst zu Hause ist man schon kein Mensch mehr! Nervös, gereizt, die halbe Nacht geht einem dieser Fall Wegner im Kopf herum! Diebold warf wütend seine Aktentasche auf den Schreibtisch. Ich sollte mir Kaffee bringen lassen. Der stellt einen wieder auf die Beine... Wo bleiben denn Eder und Meyer? Richtig, die wollten heute früh sofort dem Fall Buttler auf den Grund gehen! Man vergiẞt schon alles andere... Er zündete sich eine Zigarette an, sah den Rauchwolken nach. Den Strehlke haben sie gestern auch nicht mehr auftreiben können... Der soll sich auf etwas gefaßt machen, wenn ich ihn jetzt auch wieder nicht erreichen kann! Er griff nach dem Telefon, rief das Zimmer 173 an. 99... Sind Sie es selbst? - - So? Die ganze Strehlke- Nacht haben Sie sich wieder mit den Verhafteten beschäftigt... Kommen Sie sofort zu mir herauf!" Schon nach wenigen Minuten meldete die SS- Wache: ,, Kommissar Strehlke, Herr Inspektor!" ,, Lassen Sie ihn herein! Ich warte doch auf ihn!" sagte Diebold ungeduldig. 202 h S S 4 I ze ‚ld Der Vernehmungskommissar trat ein, kam mit schwerfälligen Schritten bis in die Mitte des Zimmers. Diebold wartete, bis die Wache den Raum verlassen hatte und er auch die gepolsterte zweite Tür, die ins Vorzimmer führte, zuklappen hörte. „Was haben Sie erreicht, Strehlke?!“ „Bis jetzt.... nichts, Herr Inspektor. Sie schweigen immer noch hartnäckig.“ „Sie schweigen...“, ahmte Diebold höhnisch nach.„Und das sagen Sie mir so in aller Ruhe, Strehlke?— Sie versagen ja voll- ständig!“ „Ich habe getan, was ich konnte, Herr Inspektor.“ „Was Sie getan oder nicht getan haben, interessiert mich erst in zweiter Linie! Sie sollen die Verhafteten zum Reden bringen! Das ist Ihre Aufgabe! Dazu sind Sie hier!“ Diebolds Worte schienen im Zimmer stehenzubleiben, so still war es. Eine drohende Stille. Der Vernehmungskommissar sah Diebold schweigend an. „Bis jetzt, sagen Sie...“, begann Diebold wieder,„bis jetzt haben Sie aus keinem der Burschen ein einziges vernünftiges Wort herausgeholt! Wie denken Sie sich das eigentlich, Strehlke? Neh- men Sie an, das kann endlos so weitergehen?!“ Eine nervöse Unruhe, die er vergeblich zu verbergen suchte, er- füllte Inspektor Diebold, je länger er sprach. Den letzten Satz hatte er fast geschrien. Seine eigene Ohnmacht, seine eigenen Miß- erfolge ließ er an dem Mann aus, der grob und klotzig, mit aus- druckslosem Säufergesicht vor ihm stand. „Da habe ich es Ihnen nun tausendmal gesagt, wen Sie dies- mal vor sich haben, wen wir da gefaßt haben: Spitzenfunktio- näre der Illegalen! Leute, durch die wir diese ganze Widerstands- gruppe aufrollen könnten, wenn sie zum Reden gebracht wer- 203 4 den! Und Sie kommen und kommen nicht weiter!... So kläglich haben Sie noch nie versagt, Strehlke! Glauben Sie, das wird Ihrer Karriere förderlich sein? Erst kann diese Wegner einen Selbst- mordversuch machen— und jetzt immer noch keine Resultate von den anderen!“ Diebold beugte sich über den Schreibtisch vor. Sein Gesicht war rot angelaufen, an den Schläfen traten die Adern heraus:„Die ganze Nacht haben Sie wieder gehabt— und dann nichts?!“ „Ich habe alles versucht, Herr Inspektor. Wenn Sie die Ver- hafteten sehen würden...“ Diebold verlor seine Selbstbeherrschung. Er konnte Strehlkes kratzende, monotone Stimme nicht mehr hören.„Was heißt das: ‚sehen würden‘! Bin ich ein Panoptikumsdirektor? Aussagen will ich haben! Und schnell!“ „Jawohl, Herr Inspektor!“ Diebold wollte noch etwas hinzufügen, machte aber nur eine wütende Handbewegung:„Ach!— Gehen Sie!“ 204 lich rer OstCate war Die Verkes das: will eine XXX Inspektor Diebold versuchte in einer Atempause des Chefs, etwas zu seiner Verteidigung zu sagen: ,, Es ist..." Generalinspekteur Heydrich ließ ihn nicht zu Worte kommen: Ihren ganzen Apparat haben Sie in Bewegung gesetzt, und das sind die Ergebnisse! Sie sollten wissen, daß man die Führer als erste fassen muß, sonst sind sie über alle Berge!" Diebold sah in das junge, energische Gesicht Heydrichs. Der ist nicht älter als ich, doch nur wenige haben solche Macht wie er! Ein Wort, eine Unterschrift von ihm entscheiden das Schicksal von Tausenden, dachte er.- Ich muß mich konzentrieren! Jetzt geht's hier um meine Sache! Ich bin schließlich auch damals bei ihm nur vorgelassen worden, weil ich berichtete, der Leitung einer Widerstandsgruppe auf der Spur zu sein... Und jetzt!? Bin ich bereits in Ungnade gefallen!?... Der Generalinspekteur fixiert mich, ich muß reden! riß sich Diebold zusammen. Seine eigene Stimme klang ihm fremd, als er sagte: ,, Ich rechne bestimmt damit, daß die Überwachung des Bäckermeisters Möller weitere Ergebnisse bringen wird, Herr Generalinspekteur!" Er sprach gegen seine Überzeugung, doch ihm fiel kein besseres neues Argument ein. ,, Deshalb habe ich ja den Mann entlassen, denn meist..." Diebold konnte den Satz nicht beenden, so grob wurde er unterbrochen. - ,, Kommen Sie mir nicht damit! Seit wann warten wir auf Zufallserfolge?! Wir arbeiten systematisch...!" 205 Diebold wartete beklommen, was noch kommen sollte. Er überlegte angestrengt, was er auf Heydrichs Worte antworten könne - als die Tür hinter ihm aufging und eine SS- Wache erschien. Die Unterredung war beendet. Alles ging so schnell, daß es Diebold erst auf dem Korridor bewußt wurde, wie er entlassen worden war! Unauffällig und ohne den geringsten Hinweis hatte der Generalinspekteur der Wache geklingelt! Wenn ich beim nächsten Mal nicht mehr berichten kann, bin ich erledigt... Diebold zerrte an seinem Kragen, ihm wurde plötzlich zum Ersticken heiß. - Was hätte ich denn noch zu meiner Entlastung vorbringen können? Wenn ich über Einzelheiten gesprochen hätte, wäre ich noch stärker abgefallen. Wir sind ja wirklich keinen Schritt weitergekommen... Aber jetzt ist's genug! Wir können nicht länger warten, bis der Strehlke endlich etwas erreicht.- Jetzt ist Schluß mit taktischen Erwägungen! Die Wegner muß endlich zusammenbrechen, muß aussagen. Jetzt wird sie dem Baumann gegenübergestellt! Wir haben viel zuviel kostbare Zeit vertrödelt. Die ist auch schon so herunter, daß sie uns bald ganz zusammenklappt. Diese Gegenüberstellung hätte schon längst kommen müssen, dann wären wir längst weiter, dann wäre auch die Unterredung mit Heydrich anders verlaufen... - Die Küchentür stand weit offen. Baumann spürte Frau Schusters forschenden Blick, als sie vorbeigingen. Er beeilte sich, aus der Wohnung zu kommen. Der Gestapo- Kommissar hatte im Zimmer nur wenige Worte gesprochen und dann schweigend gewartet. Als sie die Treppen hinuntergingen, wurde er gesprächiger. 206 Iet- ine en. dor und der gen, gen hritt nicht Jetzt dlich ann ver- z ZU- kom- h die Schu“ 1, aus Worte eppe? „Ihre Wirtin scheint eine sehr neugierige Frau zu sein. Sie ver- suchte mich gleich auszufragen, als ich Sie zu sprechen wünschte. Nachher hat sie anscheinend die ganze Zeit im Korridor herum- gestanden.“’ „Da mögen Sie recht haben, Herr Kommissar“, antwortete Baumann gezwungen ruhig.„Alle Wirtinnen sind etwas neu- gierig. Sie ist aber sonst eine harmlose, sehr ordentliche Frau.“ Der Kommissar musterte Baumanns hellen Sommeranzug:„Sie wollten wohl gerade ausgehen?— Da habe ich ja Glück gehabt, daß ich Sie noch antraf.“ „Ja. Ich wollte ins Kino gehen.“ Vor der Haustür stand ein dunkler geschlossener Privatwagen. Der Chauffeur trug Zivil. Beim Einsteigen musterte Baumann den Kommissar noch einmal. Nein, er kannte ihn noch nicht. Der Wagen sauste durch die Stadt; Häuserreihen glitten im dämmernden Zwielicht schnell und verschwommen vorbei, die Straßenlaternen brannten schon, obwohl es nicht völlig dunkel . War. Baumann saß schweigend in der Ecke des Wagens, in seinen Ohren summte es wie ein Bienenschwarm. Wäre ich doch schon fort gewesen! Unsinn, dann wären sie morgen wiedergekommen ... Was wollen sie nur wieder von mir?!... Ein brennendes Verlangen überkam Baumann, danach zu fragen, da sagte der Kommissar neben ihm, als hätte er Bau- manns Gedanken erraten:„Inspektor Diebold hat Ihr Revier angerufen, aber Sie hatten schon Dienstschluß. Deshalb mußte ich mit dem Wagen los. Es scheint sehr dringend zu sein.“ „So...? Sehr dringend...?” brachte Baumann gepreßt heraus. Der Kommissar nickte schweigend. Worum es eigentlich ging, 207 ET ne:— je wußte er selbst nicht. Inspektor Diebold hatte ihm kurz und knapp befohlen: ,, Kommen Sie mir nicht ohne den Wachtmeister Baumann zurück, ganz gleich, wo Sie ihn suchen müssen!" Baumann empfand das plötzliche Schweigen des Kommissars wie eine stumme Drohung. Diesmal gab es für ihn kein Entrinnen.... Das Auto fuhr langsamer, bremste. ,, So, bitte, wir sind da", sagte der Kommissar und öffnete die Wagentür. Baumann sah ihn überrascht an. So höflich und entgegenkommend? Gab es doch noch Hoffnung?!... Als sie jedoch am Toreingang den SS- Posten im Stahlhelm passierten, die Treppen des riesigen Hauses hinaufstiegen, preßte lähmende Angst sein Herz zusammen. Im vierten Stockwerk bogen sie ein. Baumann ging instinktiv auf die Tür - 364- zu. ,, Nein! Hier, ins Nebenzimmer", sagte der Kommissar. Es war ein kleines Zimmer. Vor dem Fenster stand ein Schreibtisch mit einem Telefon und davor ein Armsessel, links ein grünlackierter Panzerschrank, an der gegenüberliegenden Wand ein einzelner Stuhl. Baumann stutzte. Es war niemand im Raum! - ,, Ich muß erst Bescheid sagen. Nehmen Sie bitte Platz". sagte der Kommissar. ,, Danke", sagte Baumann mit schwerer Stimme und setzte sich. Der Kommissar verschwand durch eine Seitentür, die in Inspektor Diebolds Zimmer führte. Baumann lauschte angestrengt. Es war nichts zu hören, kein Geräusch, keine Stimmen. Nichts rührte sich. Lautlose, beklemmende Stille. 208 nd ter ars ntdie m- ordes Terz ktiv eibein and tz" sich. Inkein klem- Was haben sie diesmal bloß mit mir vor?! Lassen mich hier erst warten!... Der Kommissar war aber so freundlich, betont freundlich sogar... Nein, nein, diesmal wird's Ernst!... Sieht ganz danach aus. Wie lange lassen die mich noch hier warten? Wenn ich jetzt noch...? Ist ja Wahnsinn! Selbst wenn ich Glück hätte und mich auf dem Gang und auf den Treppen niemand sehen würde- unten vor dem Tor steht der Posten! Wohin sollte ich denn auch fliehen...?! Die Verbindungstür des Zimmers ging auf. Inspektor Diebold! Baumann sprang auf, hob den Arm:„ Heil Hitler!" Dann legte er automatisch die Hände an die Hosennähte, als sei er in Uniform. Inspektor Diebold beantwortete Baumanns Gruß nicht. Er trat dicht an ihn heran. Sein breites, stumpfes Kinn war vorgeschoben; in seinem Gesicht brannten rote Flecken, in seinen Augen war ein unnatürlicher Glanz. Jetzt ist es soweit, jetzt muß sich alles entscheiden! dachte er. Gut, daß Eder und Meyer schon gegangen sind. Diese Gegenüberstellung ist meine Sache. Mein endgültiger Erfolg hängt davon ab... Inspektor Diebold war mit seinen Gedanken schon so bei dem bevorstehenden Verhör, daß er vergaß, daß Baumann noch nicht ahnte, was ihm bevorstand. Ohne jede Überleitung sagte er zu Baumann: ,, Ich habe mich nun doch zu dieser Gegenüberstellung entschlossen! Hören Sie genau zu: Ich habe die Wegner bereits herbringen lassen. Der wichtigste Faktor bei der Gegenüberstellung ist, daß die Wegner überrascht und dadurch überrumpelt wird. Und diese Überrumpelung muß glücken! Unsere Chance, die Wegner aus der Fassung zu bringen, liegt darin, daß sie bis jetzt gar nicht weiß, daß alles gegen sie vorgebrachte Material 14 209 von Ihnen stammt! Daß Sie es waren, der ihr zuerst auf die Spur gekommen ist!- Sie stellen sich zunächst einfach vor sie hin. Fragen stelle ich! Wenn Sie selbst zu ihr reden sollen, nicke ich Ihnen zu... Wenn ich Ihnen also ein Zeichen gebe, müssen Sie ihr solche Fragen stellen, daß sie einfach nicht mehr leugnen kann!... Haben Sie mich richtig verstanden?" Baumann war zumute, als würde er von einem reißenden Strom fortgerissen, gegen den er vergebens ankämpfte, der ihm den Atem nahm, ihn zu ersticken drohte. Jawohl... Herr Inspektor... ich habe Sie verstanden...", antwortete er abgerissen. Diebold ließ ihm keine Zeit, des Sturms, der in ihm tobte, Herr zu werden. ,, Kommen Sie!" befahl er und drehte sich um. Baumann folgte ihm. Sein Gesicht war aschfahl, er konnte keinen klaren Gedanken fassen, doch jeder Nerv in ihm arbeitete mit angespannter, schuldbewußter Wachsamkeit. Eva saß dicht vor Inspektor Diebolds Schreibtisch, mit dem Rücken zur Tür. Baumann ging mechanisch auf sie zu, bemüht, seine Erregung zu verbergen. Er blieb vor Eva stehen, wagte nicht, sie anzusehen. Er lehnte sich haltsuchend gegen den Schreibtisch, starrte auf die gegenüberliegende Wand. Sein Herz klopfte rasend. ,, Nehmen Sie gefälligst den Kopf hoch!" fuhr Inspektor Diebold Eva an. Stille. ,, Sie sollen sich den Mann ansehen, der vor Ihnen steht!" Baumann fröstelte, obwohl er fühlte, daß ihm der Schweiß ausbrach. Wieder war die Stimme des Inspektors im Raum, jetzt kalt und lauernd: ,, Sie wollten doch nach Ihrer Verhaftung wissen, 210 Spur hin. e ich e ihr !... nden ihm Herr Donnte eitete dem müht, ehnte egenektor weiß tkalt issen, wer in Ihrer Handtasche das belastende Material gefunden hat? - Der Mann steht vor Ihnen!" Stille. Baumann sah zum erstenmal auf Eva hinunter. Das ist...?! Mein Gott!... Baumanns Mundwinkel zuckten, seine Finger krampften sich mit aller Kraft um die Schreibtischkante. Das ist Eva!... Dieses zusammengefallene Menschenbündel! Dieses wachsbleiche Gesicht mit den langen, strähnigen Haaren!- Wie schlaff und leblos ihre Arme herunterhängen... Warum sind sie bis zu den Ellbogen verbunden?... Und die Augen! Tief in den Höhlen liegend, der Blick starr und ohne Ziel, wie irr... Inspektor Diebold gestikulierte mit den Händen vor Evas Gesicht herum: ,, Werden Sie nun endlich gestehen?! Endlich die Wahrheit sagen?!" Eva war in einem fiebrigen Dämmerzustand. Die Hungertage, die seelischen und körperlichen Torturen, das verzehrende Fieber hatten sie gebrochen. Sie hörte verschwommen eine Stimme, doch sie begriff nicht einmal, daß man zu ihr sprach, erkannte niemanden mehr. Diebold stand in ohnmächtiger Wut vor ihr, die Fäuste geballt. Er wartete vergebens. Er nickte Baumann zu. Doch Baumanns Augen kamen nicht von Eva los. Inspektor Diebold stieß ihn unauffällig an. Baumann schrak zusammen. Er verstand. Jetzt sollte er...! Er suchte nach Worten, er kam sich gemein und brutal vor, doch sein Selbsterhaltungstrieb war stärker. Er begann stockend: ,, Kennen Sie mich nicht mehr sind doch - - zusammen. - - Fräulein Wegner? ausgegangen...?" - Wir 14° 211 Ihm war, als rede ein anderer für ihn. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt, das Blut strömte ihm zu Kopf, nahm ihm den Atem. Er begann zu zittern, seine Augen hingen an Evas Mund: Jetzt kam das Ende! Eva rührte sich nicht. Inspektor Diebold ließ keinen Blick von Eva. Er konnte sich nicht mehr länger beherrschen. Er packte Eva an den Schultern und rüttelte sie: ,, Wachen Sie auf! Antworten Sie!" Evas Oberkörper kippte plötzlich vornüber, ihr Kopf pendelte zwischen Diebolds Armen, hing dann kraftlos herunter. ,, Verflucht noch mal!- Das jetzt!" schrie der Inspektor. Er herrschte Baumann an: ,, Stützen Sie sie!" Baumann gehorchte. Er drückte Evas Schultern gegen die Stuhllehne, starrte sie fassungslos an. Ihr Kopf hing zur Seite, die Augen waren geschlossen, ihre Lippen aufeinandergepreẞt, ein dünner Strich. Inspektor Diebold lief zur Tür und riß sie auf: ,, Tanner!- Bringen Sie Wasser! Schnell!" Er kam mit dem SS- Mann zurück, eine Karaffe in der Hand. Ein Wasserstrahl klatschte der Bewußtlosen ins Gesicht, tropfte von ihren herunterhängenden Haarsträhnen. Ein zweiter Wasserstrahl! Eva blieb leblos, ihre Augen geschlossen. ,, Holen Sie Dr. Holst, Tanner! Er muß sie zum Bewußtsein bringen, um jeden Preis! Beeilen Sie sich!" befahl Diebold. ,, Jawohl, Herr Inspektor!" Der SS- Mann rannte fort. Nach wenigen Augenblicken hörten sie den Trab seiner schweren Schaftstiefel zurückkommen. ,, Dr. Holst ist nicht mehr im Hause, Herr Inspektor!" 212 aren ahm Evas sich Itern delte . Er die Seite, preßt, r!- Hand. opfte asserßtsein schweXXXI Baumanns Füße flogen über die Treppenstufen des GestapoHauptquartiers. Kurz vor dem SS- Posten am Toreingang stoppte er jäh, ging dann langsam an der schwarzen Uniform im Stahlhelm vorbei, die Prinz- Albrecht- Straße hinunter. Waren da nicht schon Schritte dicht hinter ihm?... Gleich wird sich eine Hand auf meine Schulter legen: ,, Kommen Sie sofort mit mir zurück!" Nur nicht umdrehen, weitergehen... Es ist ja nichts! Ruhe, Ruhe, nicht auffallen, nicht schneller gehen. Dort ist die Hauptstraße... Endlich! Jetzt bin ich außer Sicht! Baumann bog hastig in die Hauptstraße ein. Ein Strom von Privatautos, Autobussen, rasselnden, klingelnden Straßenbahnen füllte die Fahrdämme, auf den Bürgersteigen hasteten die Passanten dicht gedrängt vorüber; Leuchtreklamen und Kinoanzeigen warfen einen grellen farbigen Schein auf das Gewühl, saugten das Licht der über der Straßenmitte hängenden Tiefstrahlerlampen auf, löschten den besternten Nachthimmel für das menschliche Auge aus. Baumann sah weder nach rechts noch nach links. Er ging im dichtesten Gewühl, nur von einem Gedanken erfüllt: Untertauchen! Von niemandem gesehen, von niemandem erkannt werden! Der stechende Blick Inspektor Diebolds war plötzlich wieder vor ihm: ,, Kommen Sie morgen früh wieder! Pünktlich um neun Uhr!" Baumann riß sich den Hut vom Kopf, drehte ihn zwischen den Fingern, lief wie gejagt. Diebolds Worte ver213 ließen ihn nicht, selbst der Straßenlärm schien sie ihm zerhackt und mit brausender Stärke in die Ohren zu schreien: ,, Morgen früh...! Neun Uhr...! Pünktlich...! Morgen - - - früh!" ,, He! Passen Sie doch auf!" rief jemand laut und ärgerlich. Baumann zuckte zusammen, sah verständnislos auf den Mann, den er angerannt hatte, auf die Menschenmenge vor ihm. Potsdamer Platz! Der runde Verkehrsturm in der Platzmitte zeigte grünes Licht. Der Menschenknäuel um Baumann löste sich auf. Dort drüben war der Bahnhof!... Wegfahren! Aber wohin denn...?! Baumanns Blick blieb an der Leuchtreklame auf dem Dach eines Eckhauses hängen. Aus einem riesigen Sektkelch perlte und schäumte es in schillernden Farben, darunter wanderte eine Leuchtschrift, verschwand, erschien wieder: K- u- p- f- e- r- b- e- r- g... G- o- l- d... Kupferberg Gold... Plötzlich schien sich die Lichtreklame vor Baumanns Augen zu verwandeln: der Sektkelch wurde zu einem wachsbleichen Gesicht, in das hellblonde, nasse Haarsträhnen hingen... - Baumann hastete weiter. Durch Straßen, Straßen ohne Ende, überquellend vor pulsierendem Leben doch für ihn nur eine trostlose Einöde, in der nirgends ein Zufluchtsort war, wohin er sich retten, wohin er vor sich selbst flüchten, seine Angst und Verzweiflung ersticken konnte. Baumann blieb stehen und lehnte sich erschöpft gegen eine Haustür. Sein schwarzes, öliges Haar hing ihm wirr in die Stirn, sein Kragen stand weit auf. Rechts erhob sich, breit und wuchtig, von Scheinwerfern angestrahlt, das Brandenburger Tor. Scharf umrissen zeichnete sich der Siegeswagen gegen den Nachthimmel ab. Die Siegesgöttin schien frei in der Luft zu schweben. 214 ackt - h!" lich. ann, otsigte ben BauEckmte rift, ... vor nem nen Ende, eine in er und eine Stirn, ane sich öttin Baumann erwachte aus seiner Lethargie. Er überquerte den lichtüberschwemmten Verkehrsplatz, ging hastig auf den dahinterliegenden Tiergarten zu, konnte nicht schnell genug in das schützende Dunkel der Bäume, der weiten Parkanlagen kommen. Stille. Plötzliche, wohltuende Stille. Mitten im rastlosen Leben Berlins. Baumann setzte mechanisch einen Fuß vor den andern. An nichts mehr denken! Alles vergessen... Vereinzelte Passanten, Pärchen, die sich umfaßt hielten, kamen ihm entgegen. Überall zweigten Wege ab, die sich nach wenigen Schritten im Dunkel des Tiergartens verloren; das Laub der mächtigen, dicht stehenden Bäume hüllte selbst hier an der hell beleuchteten Charlottenburger Chaussee den Fußweg in grünliches Dämmerlicht. Scheinwerfer vorbeisausender Autos glitten rasch über die breite Ausfallstraße, nur das summend anschwellende und sich wieder entfernende Singen der Reifen war zu hören und die eigenen Schritte sonst kein Laut. - Baumann war auf einmal unheimlich zumute. Hinter jedem Busch, hinter jedem Baum schien jemand auf ihn zu lauern. Er lauschte angespannt. Nur das Knirschen seiner eigenen Schritte war zu hören: tapp, tapp... Die Stimme des Inspektors drängte sich jetzt in den Takt seiner Schritte: ,, Morgen früh...! Neun Uhr! Morgen - - - früh...!" - Auf der anderen Straßenseite kam eine Straßenbahn; sie fuhr langsamer, näherte sich einer Haltestelle. In raschem Entschluß rannte Baumann auf die Bahn zu. Nur wenige Fahrgäste waren in der Straßenbahn. Baumann wählte einen Platz vorn, setzte sich mit dem Rücken zu den Fahrgästen. Der Schaffner kam. Baumann zahlte, ohne aufzusehen, brütete vor sich hin. Er fuhr dieselbe Strecke, die sie beide damals gefahren waren. An die Havel... Für ihn gab es jetzt kein 215 - Zurückkommen mehr! War das beste so... Denn was morgen früh kommen würde, war unabwendbar: Verhaftet. Angeklagt. Entehrt. Wenn er dort draußen im Grunewald gefunden wurde, konnte ihm niemand mehr etwas anhaben... Baumann griff nach seiner Gesäßtasche. Die Pistole, sein ,, Privatmodell" war da. Ja, das blieb der einzige Ausweg. Alles war aus, alles verloren, alles... Er schloß die Augen. Das eintönige Rattern der Straßenbahn drängte sich in seine Gedanken. Ja, er war auf dem richtigen Weg, das war die einzige Lösung... Er wurde plötzlich ganz ruhig. Wenn er als Knabe aus der Schule kam, stand die Mutter schon immer an der Tür des kleinen Hauses und sah die Straße hinunter, wartete auf ihn. Auf seine Samtmütze mit den bunten Streifen war er immer sehr stolz gewesen, zeigte sie doch jedem, daß er in die höhere Schule ging... Sein Vater hatte immer krank im Bett gelegen, daran mußte er immer zuerst denken, wenn er sich an ihn erinnerte. Und an die mageren weißen Hände; wenn man sie berührte, war es immer, als fühle man kalten, toten Stein... Die Mutter war oft mit ihm ins Rathaus gegangen, um Vaters Pension abzuholen. An den Kassierer in der Stadtkanzlei, mit der großen Narbe im Gesicht, erinnerte er sich deutlicher als an den Vater. Er hatte sich immer gewundert, daß über dem Pult des Kassierers auch am Tage Licht brannte. Die hatten hier wohl viel Geld und brauchten nicht mit allem zu sparen wie sie zu Hause?... Später, die Zeit auf der Universität, war die beste und sorgloseste seines Lebens gewesen. Obwohl er wußte, daß die Eltern ihm dies nur mit großer Mühe und äußerster Sparsamkeit ermöglichen konnten. Dann starb der Vater, und es war aus mit dem Studieren. Es nützte gar nichts, daß er der ,, Einzige" war und ,, etwas Besseres" werden sollte!... Und so war er dann in den Polizeidienst eingetreten. Er spürte 216 gen agt. rde, riff war verder dem lich die die den doch atte erst eren ühle ins Kasicht, mer Licht mit der esen. Mühe oder ichts, !... pürte nicht die geringste Lust, als erwachsener Mensch noch einen praktischen Beruf zu erlernen, und der Mutter konnte er nicht länger ohne rechten Verdienst auf der Tasche liegen. Auch bei der Polizei konnte man Karriere machen!... Für Politik hatte er sich nie interessiert, er hielt es für sinnlos, daran Zeit zu verschwenden. An sich selbst mußte man denken, an sein eigenes Fortkommen. Diese Schreihälse in den Straßendemonstrationen! Mit denen hatte die Hitlerregierung gründlich aufgeräumt! Von der Zeit an hatte er sich noch stärker bemüht, ein pflichtbewußter, tüchtiger Polizeibeamter zu sein. Die neue Zeit bot gute Aufstiegsmöglichkeiten für echte deutsche Menschen!... Nein, mit diesen schäbigen, verhetzten Arbeitern hatte er nie etwas zu tun haben wollen. Er war letzten Endes Beamter!... Und nun war alles so gekommen! Seine arme alte Mutter. Wenn sie das erfuhr! Die Bremsen der Straßenbahn kreischten laut. Baumann schrak aus seinen Gedanken. Adolf- Hitler- Platz! - Nur noch zwei Haltestellen, dann muß ich aussteigen, dachte er. Ihn fröstelte. Er lehnte den Kopf gegen die Fensterbrüstung der Bahn. Die hohen Miethäuser der Stadt blieben zurück, die Straße wurde breiter, lag auf einmal leer und verlassen. Bahnhof Heerstraße! Baumann stand schwerfällig auf. Langsam ging er an dem hohen grauen Bahnhofsgebäude vorbei, die dort beginnende Nebenchaussee hinunter. Auf der rechten Straßenseite standen einige Villen, eine Straßenlaterne warf einen schwachgelben Lichtkranz. Links begann schon der Wald, der sich wie ein schwarzer Wall um den Stadtrand legte. 217 Baumann ging auf den Wald zu. Zweige von Sträuchern schlugen ihm ins Gesicht. Er fühlte es nicht. Er stolperte über eine Wurzel, der Hut fiel ihm aus der Hand. Er beachtete es nicht. Er ging mit schlenkernden Armen und gesenktem Kopf. Er dachte an nichts. Alle seine Gedanken waren wie ausgelöscht. Er spürte nur einen brennenden Wunsch: Weiter hinein in das Dunkel, weiter hinein... Ein schwaches Dämmerlicht war plötzlich zu seinen Füßen. Er blieb stehen, hob den Kopf. Eine Waldlichtung, auf der nur wenige große Laubbäume standen. Ihre breiten Kronen sahen im fahlen Mondlicht wie die Kuppeln von Türmen aus. Er lehnte sich gegen einen dicken Stamm. Er tastete nach der Pistole, hielt sie lange in der Hand. Das Metall glänzte stumpf.- Einmal waren sie durch Telefonalarm zu einem Selbstmordfall gerufen worden und mit dem Überfallauto hingefahren. Der Mann hatte sich in die Schläfe geschossen. Und er blieb am Leben. Blind. Die Sehnerven waren durchschossen. Ein Kamerad vom Polizeirevier meinte, daß man sich durch den oberen Gaumen schießen müsse, um ganz sicher zu gehen, sofort tot zu sein. Da wären nämlich keine Knochen, das gehe direkt ins Hirn. Gut aussehen würde man natürlich nicht, denn die Schädeldecke platze, aber einem Selbstmörder käme es ja schließlich nicht darauf an, wie er nachher aussähe... Baumann schob die Sicherung der Pistole zurück, hob langsam den Arm. Er spürte den kalten, faden Geschmack des Metalls auf seiner Zunge. Die Schädeldecke würde...! Er ließ den Arm sinken, die Pistole fiel mit dumpfem Aufschlag ins Gras. Er umklammerte den Baum mit beiden Armen, preßte sein Gesicht gegen die Rinde, stöhnte: ,, Ich kann nicht... Ich kann es nicht." Stolpernd ging er über die Lichtung, dem Wald zu. Niedrige, 218 dicht zusammenstehende Tannen waren um ihn, dann wieder Laubwald. In dünnen Streifen stand das Mondlicht zwischen den Bäumen. Dürre Äste knackten unter seinen Füßen. Baumann sah und hörte nichts. Er lief und lief. Keuchend. Ziellos. Er wußte nicht, wie lange er umhergeirrt war, als er einen sandigen Abhang hinuntertaumelte, verschwommene Lichter vor sich sah. Sie kamen näher, wurden deutlicher. Signallampen einer Eisenbahnstrecke. Und dort links waren Häuser. Niedrige Sied- lungshäuser. Baumann stand und starrte auf den Zaun des Bahn- dammes, auf die Schienen. Stille rings. Keine Menschenseele zu sehen. Wenn hier ein Zug kommt... Einige Sekunden nur, dann wäre alles... Fern, am nächtlichen Himmel, zuckte ein Lichtkegel auf, ver- schwand, zuckte wieder auf, verschwand; in regelmäßigen Ab- ständen. Das Licht des automatisch kreisenden Scheinwerfers auf der Spitze des Berliner Funkturmes. xxXIl Wachtmeister Puschke wartete in nervöser Ungeduld. Er saß in einer Fensterecke im Tagesraum des Polizeireviers und beob- achtete die Straße, sah alle Augenblicke auf die elektrische Wanduhr. Schon fünfundzwanzig Minuten Verspätung! Der Ernst muß völlig verrückt geworden sein! Kommt nicht zum Dienst, läßt sich beim wachhabenden Obermeister nicht entschuldigen... Das wird ihm eine Disziplinarstrafe einbringen. Und das ist das wenigste, was ihm passieren kann, dann hat er noch Glück gehabt... Um den langen Tisch des Tagesraums saßen mehrere Beamte, unterhielten sich oder schrieben Berichte. Wie jeden Morgen warteten sie darauf, vom Obermeister zur Diensteinteilung ge- rufen zu werden. Vier von ihnen gehörten dem Bereitschafts- dienst an, als Mannschaft für plötzliche Alarme. Ab und zu sahen sie zu Puschke hinüber, nickten sich zu, wech- selten verständnisvolle Blicke. Jeder wußte Bescheid. Baumann hatte Puschkes Anhänglichkeit und Freundschaft schlecht gelohnt. Der verdiente wirklich nicht, daß Puschke sich so um ihn sorgte. In den letzten Wochen war Baumann langsam, aber sicher ver- bummelt, und es hieß sogar, der Hauptmann habe ihn bereits verwarnt. Die Sympathie seiner Kameraden hatte er jedenfalls längst verloren. Immer eigenbrötlerisch und verschlossen, sogar barsch und unfreundlich, das wurde auch dem gemütlichsten 220 saß ob- che uß aßt lück nte, gen ge ‚fis- ann hat. rgie- vel- reits falls ogaf sten | | \ ; Menschen auf die Dauer zuviel. Der Puschke konnte einem nur leid tun. Dreimal war er nun schon auf den Korridor gegangen, um Baumann abzufangen und mit ihm zu reden. War der Bau- mann alles nicht wert... Zirbel, ein lang aufgeschossener, hagerer Wachtmeister, stand auf, machte sich an seinem Kleiderspind zu schaffen und ging dann zu Puschke hinüber.„Ich sage dir nochmal, Oskar: der ist krank geworden. Er wird schon von sich hören lassen. Mach dir doch deswegen keine Gedanken.“ „Gedanken—? Wie kommst du denn darauf?— Ich werde mir Gedanken machen!“ antwortete Puschke laut. Alle im Raum sahen zu ihm hin. Dein Gesicht gibt mir eine andere Antwort, dachte Zirbel, doch er zuckte nur mit den Schultern und ging zum Tisch zurück. Seit jenem Abend, an dem Puschke seinen Freund Baumann aus dem Weinrestaurant„Alpenrose“ geholt und vergebens ver- sucht hatte, ihn dazu zu bringen, sich auszusprechen, hatte sich Puschke von Baumann zurückgezogen und nur noch selten mit ihm geredet. Es kränkte ihn schwer, daß Baumann kein Ver- trauen zu ihm hatte. Trotz allem, er hing an Baumann... Das war ihm noch nie so klargeworden wie gerade heute. In all den Jahren war Bau- mann ihm Stütze und Halt gewesen. Alle anderen Kameraden nahmen„den kleinen Puschke“ nie für voll! Wenn er mit, Bau- mann Dienst machte, schien sich dessen Selbstbewußtsein auf ihn zu übertragen... Und wie hatten ihm Baumanns Erfolge bei den Frauen imponiert! So hörte er wenigstens etwas über Frauen, wie man sie anpacken und sie rumkriegen mußte, wenn er schon selbst nicht... Puschke wußte nur zu gut, daß er schwerlich einer Frau gefallen würde. Mit seinem Aussehen, so 221 ei klein und gedrungen und der Höckernase, den großen gelben Zähnen. Pferdezähne hatte einer der Kameraden mal gesagt. Baumann hatte nie über ihn gewitzelt! Ja, noch nie hatte er so stark empfunden, wieviel ihm Baumann eigentlich bedeutete, noch nie so wie heute, da Baumann nicht zum Dienst kam... Puschke gab sich einen Ruck. Dort kam Baumann über den Fahrdamm! In Zivil...?! Puschke stand auf, ging langsam durch den Tagesraum, um sich den Kameraden gegenüber nichts anmerken zu lassen. Auf dem langen Korridor draußen war niemand zu sehen. Er rannte die Treppen hinunter. Am ersten Treppenabsatz stieß er auf Baumann. ,, Mensch, Ernst! Wie konntest du nur...?! Und was soll das? In Zivil?!" - Baumann antwortete nicht. Er drängte sich mit stierem Blick an Puschke vorbei, die Treppen hinauf. Puschke lief neben ihm her; er sah in Baumanns blasses, übernächtiges Gesicht, sah seine wirren, verschwitzten Haare, den beschmutzten hellen Sommeranzug, den weit offenstehenden Kragen... Was war nur geschehen?! Er rüttelte Baumann am Arm: ,, Ernst! Was ist denn? Ernst!- Höre doch!" - - Baumann schüttelte Puschke ab, hastete weiter. Sie bogen bereits in den Korridor des Polizeireviers ein. Vor der Tür des Reviervorstehers versuchte Puschke nochmals, seinen Freund zurückzuhalten und auf ihn einzureden. Doch Baumann riß sich los und stieß die Tür auf. Puschke legte das Ohr lauschend an die Tür, hielt den Atem an. Er hörte Baumann drinnen in kurzen, abgerissenen Sätzen reden. Es war jedoch nichts zu verstehen... 222 en gt. SO te, len um Er ch, In Tick Derbera- gen des ZUlos Aus dem Tagesraum vorn kamen Kameraden. Puschke ging tiefer in den Korridor hinein, wartete. Die Schritte verhallten auf den Treppen. Er ging zurück zur Tür des Hauptmanns und lauschte. Wieder nichts zu verstehen! Was war nur passiert?!... Er lauschte angestrengt. Das war die Stimme des Hauptmanns! Jetzt, in höchster Erregung: ,, Sind Sie denn wahnsinnig gewesen, Mann!? Das kann ich doch nicht weitermelden!" -- - Dann wurde es still. Und nun Schritte näherten sich der Tür. Puschke fuhr zurück, lief den Korridor entlang, auf die Treppe zu, die ersten Stufen hinunter. ,, Wachtmeister Puschke!" Das war der Hauptmann! Puschke fuhr herum. ,, Zu Befehl, Herr Hauptmann!" antwortete er. Er ging zurück, richtete sich vor dem Hauptmann aus, sah in dessen aufgeregtes, rotes Gesicht, zu Baumann, der mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf im Zimmer stand. ,, Bringen Sie Wachtmeister Baumann in die Arrestzelle!" Puschke rührte sich nicht. ,, Haben Sie meinen Befehl nicht gehört?!" " Jawohl... Herr Hauptmann...", antwortete Puschke stotternd und ging auf Baumann zu. tem tzen 223 XXXIII Der Verteidiger, ein schlanker junger Mann mit blassem Gesicht, schütterem dunklem Haar und einem Hitlerbärtchen, machte eine eingeübte, gewohnte Geste zum Richtertisch hin, der breite Ärmel seines Talars fuhr wie eine schwarze Fahne durch die Luft: ,, Der Herr Staatsanwalt hat sehr richtig ausgeführt und begründet, daß eine solche Tat auf das schärfste zu verurteilen ist. Und ich will die Schuld des Angeklagten Baumann auch nicht bagatellisieren, Herr Vorsitzender..." Der Verteidiger machte eine Pause, stützte die Handflächen auf das Pult und sah in sein Aktenstück. Die dort oben wußten genau so gut wie er, daß er hier nur stand, um das Gesicht der Justiz zu wahren. Schließlich war er der vom Gericht bestellte Offizialverteidiger und seit 1931 Mitglied der Partei... Durch die schmalen hohen Fenster mit den zu beiden Seiten hängenden, halb zugezogenen Portieren fiel das Licht wie durch Filter, füllte den großen Gerichtssaal mit grauem Dämmern, obwohl es draußen heller Tag war. An der vorderen Seite des Saales hing ein überlebensgroßes Bild Hitlers. Der schwere Rahmen glänzte matt. Ein Schulterriemen ging quer über Hitlers Braunhemd, seine Hände lagen breit auf dem Uniformkoppel, als wisse er nicht, wo er sie lassen solle. Unter dem Bild stand auf einem Podium ein mit grünem Filz bezogener Tisch, der fast die ganze Breite des Saales einnahm. Die Richter saßen in steifer, gerader Haltung; mit den 224 ssem chen, , der durch führt vermann erteiPult 50 gut ciz zu fizialSeiten durch mern, te des RahHitlers Koppel, grünem les einmit den breiten Samtaufschlägen an Kragen und Ärmeln ihrer Talare, den weißen Bäffchen am Hals, den randlosen hohen Baretten sahen sie aus, als ob sie einem Maler Modell säßen, dessen Aufgabe es war, ein Höchstmaß an Autorität und Strenge festzuhalten. Der Gerichtsvorsitzende in der Mitte, ein feistes Gesicht mit zwei breiten rötlich leuchtenden Schmissen auf der linken Wange, legte seinen massigen Kopf gegen die hohe Lehne des Stuhles, als könne er sich nur so aufrecht halten. Die Richter sahen mit unbewegten Gesichtern in den Saal, als fühlten sie sich von den starr herabsehenden Augen des Hitlerbildes kontrolliert, bei jeder Bewegung beobachtet. ,,... ich bitte den hohen Gerichtshof, auch zu berücksichtigen, daß die Tat des Angeklagten eine Affekthandlung war, daß er aus verschmähter Liebe handelte. Schon am nächsten Tag hat er seine Anzeige bitter bereut. Er war während der ganzen Zeit vollkommen verzweifelt. Mehrere Male wollte er seinem Hauptmann alles eingestehen, und nur die Angst, seine Karriere zu gefährden, hat ihn so lange davon abgehalten..." Der Staatsanwalt, an der rechten Seite des Richtertisches sitzend, drehte gelangweilt seinen Bleistift. Sein kahler Kopf glänzte wie eine Billardkugel. Er schwitzte. Dieser Durst! Er spürte den prickelnden, herben Geschmack des Bieres, das er sofort nach Beendigung der Verhandlung trinken würde, schon auf der Zunge. Der soll doch endlich fertig werden, dachte er. Diese viele Rederei ist eine Zeitverschwendung, weiß Gott... Wenn der Verteidiger eine Atempause machte, hörte man die kratzende Feder des Gerichtsschreibers, der fast mit dem Gesicht auf dem Schreibpult lag. Er saẞ links von den Richtern an einem einzelnen Tisch, etwas tiefer als diese; es sah aus, als ducke er sich ängstlich vor den schwarzen Talaren. 15 225 daß ,,... ich bitte auch, dem Gesichtspunkt Rechnung zu tragen, der Angeklagte in seiner Eigenschaft als Polizeibeamter sehr viel mit politischen Fällen zu tun hatte, so daß er dadurch leichter auf den Gedanken kommen konnte, diese Anzeige zu erstatten. Er hat die Tragweite der Sache, die dann weiterrollte, nicht abschätzen können. Und so nahm dann das Schicksal seinen Lauf..." Die Rede des Verteidigers, wie öliges, träge fließendes Wasser, die stickige, trockene Luft, das Zwielicht im Saal, die feindselige Kälte der Richter- das alles legte sich schwer und bedrückend auf die Anwesenden, erzeugte ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Das Pult des Verteidigers stand an der linken Saalseite, unter dem Richterpodium. Hinter dem Verteidiger standen zwei Bänke, die eine halbhohe Balustrade umgab, welche hinten an der Saalwand endete. In ihrer Mitte war eine schmale Tür. Auf der vorderen Anklagebank saẞ Baumann, mit hängenden Schultern, die Augen auf den Fußboden gerichtet. Auf der zweiten Bank saßen Eva Wegner, Dr. Kramer, Rechtsanwalt Reichel und der Bäckermeister Möller. Hinter Eva stand ein Gerichtsdiener in dunkelgrüner Uniform mit großen Messingknöpfen. Ein anderer lehnte neben ihm an der Balustrade. Sie hatten Eva stützen müssen, als sie sie in den Saal führten. Ihre Arme waren noch immer verbunden. Sie saẞ zusammengesunken und nahm nichts von all dem, was im Gerichtssaal vorging, in sich auf, wußte nicht, daß ihre Eltern anwesend waren. Meister Wegner und seine Frau waren ,, als Zeugen" vorgeladen worden; wie alle anderen, die neben und hinter ihnen auf den Bänken in der Saalmitte, vor dem Richterpodium, saßen. Hier saß die Frau des Rechtsanwalts Reichel, eine schlanke, 226 Haß viel auf Er ab" Eser, lige Lend der nter nke, Saalgender walt form m an den e saß Genanvorihnen saßen. anke, zierliche Person, einen dichten Schleier vor dem Gesicht. Neben ihr die Frau des Bäckermeisters Möller, die mit verstörtem Blick unverwandt zu ihrem Mann in der Anklagebank hinübersah. Dort Evas Wirtin, die kleine rundliche Frau Ziegler, mit ihrem Mann, der die schweren verarbeiteten Hände auf seine Knie stützte. Sogar die ahnungslose Frau Schuster, Baumanns Wirtin, war anwesend und folgte mit krebsrotem Gesicht und großen, ängstlichen Augen der Verhandlung. Sie war vorgeladen worden, weil man glaubte, daß sie Einzelheiten über den ganzen Fall von Baumann erfahren hätte. Doch keiner dieser Zeugen" war bis jetzt zu einer Aussage aufgerufen worden. - Die eintönige, schleppende Rede des Verteidigers versiegte er wartete einige Atemzüge lang, sagte dann mit derselben monotonen Stimme: ,, Deshalb bitte ich das hohe Gericht, dem Angeklagten Baumann mildernde Umstände zuzubilligen.. Er hob, zu den Richtern gewandt, den Arm zum Hitlergruß und setzte sich. Sekundenlang war es still im Gerichtssaal, dann kam Bewegung in die Reihe der schwarzen Talare auf dem Podium. Der Gerichtsvorsitzende legte die Arme breit auf den Tisch, schob seinen gedrungenen Oberkörper vor und sagte mit schnarrender Stimme: ,, Angeklagter Baumann! Haben Sie noch etwas zu sagen?" - Alle Augen richteten sich auf Baumann. Baumann saẞ in unveränderter gebückter Haltung, seine Schultern zuckten. Der Vorsitzende stand auf: ,, Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück!" Füße scharrten, Stühle wurden gerückt, dann verschwanden die schwarzen Talare in der Tür unter dem Hitlerbild. 15° 227 Eine jähe Stille entstand, die die Menschen im Saal mit dumpfer Beklemmung erfüllte. Sie rückten auf ihren Sitzen hin und her, musterten sich scheu. Baumanns Wirtin hielt das drückende Schweigen nicht länger aus. Sie wandte ihr krebsrotes Gesicht der neben ihr sitzenden Frau des Rechtsanwalts Reichel zu, flüsterte: ,, Jetzt ist doch Gerichtspause, nicht wahr? Darf man solange rausgehen?" Die Angeredete antwortete nicht. Eine der dunkelgrünen Gerichtsdieneruniformen, die zu beiden Seiten der Zeugenbänke standen, sagte laut: ,, Ruhe, bitte! Sitzenbleiben!" Meister Wegner streichelte den Arm seiner Frau. Sie preẞte ihr Taschentuch gegen die Lippen, sah mit verweinten Augen zur Anklagebank. Seit Beginn der Verhandlung hatte sie so gesessen, als versuche sie verzweifelt und doch vergebens, in der zusammengekauerten Gestalt mit den verbundenen Armen ihre Tochter zu erkennen. Rechtsanwalt Reichel beobachtete die drei Männer, die auf den rechts neben der Balustrade stehenden Stühlen saßen: Inspektor Diebold und seine Kommissare Eder und Meyer. Alle drei saßen mit steifen Rücken und vermieden es, sich anzusehen; in ihren Gesichtern zeigte sich aber weder Unruhe noch Furcht. Sie schienen sich eher zu langweilen. Inspektor Diebold saß mit übereinandergeschlagenen Beinen, die Hände um das hochstehende Kinn gefaltet. Reichel hatte die Prozeßbenennung gelesen, als er von dem Gerichtsdiener in den Saal geführt wurde: lautete sie. BAUMANN UND ANDERE 228 ofer her, ger den Geden - ihr zur sen, Samhter den ktor sich ruhe ktor ände dem Und andere... Das waren die drei Gestapo- Beamten. ,, Angeklagt wegen Verschleuderung von Reichsgeldern", hatte der Staatsanwalt ausgeführt. Wegen Verschleuderung von...?! Deswegen! Nur deswegen?! ,,... .. endlose Wochen gingen die Ermittlungen, sie kosteten das Reich viele Tausende..." So hatte der Staatsanwalt gesagt. Auf dieses Argument war er während seiner Anklagerede gegen Diebold, Eder und Meyer immer wieder zurückgekommen. Nur mit diesem einen Punkt hatte er sich beschäftigt. Wieviel Menschen bei diesen ,, Ermittlungen" an Leib und Seele zerbrochen waren, zählte für ihn nicht. Und die drei saßen nicht in der Anklagebank. Dort saßen nur der Denunziant Baumann und- seine Opfer! Die Tür unter dem Hitlerbild ging auf. ,, Das hohe Gericht kommt!" rief eine laute Stimme. Die Menschen im Saal standen auf, streckten den Arm zum Hitlergruß. Langsam und abgemessen gingen die schwarzen Talare über das Podium, stellten sich in einer Reihe hinter dem Richtertisch auf. ,, Das Urteil wird hiermit verkündet!" Der Gerichtsvorsitzende hielt das Aktenstück, aus dem er las, dicht vor sein feistes Gesicht. Seine Stimme ging in einen regelmäßigen, schnarrenden Tonfall über: ,, Im Namen des Volkes! Der Angeklagte Ernst Baumann wird wegen wissentlich falscher Anzeige unter Mißbrauch seines Amtseides zu fünf Jahren Zuchthaus, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für zehn Jahre und Ausstoßung aus dem Staatsdienst verurteilt. Der Verurteilte hat die Kosten des Verfahrens zu tragen..." Die Stimme stockte, setzte wieder an und fuhr gleichmäßig fort, wie ein Faden, der von einer Spule schnurrt: ,,... Von dem 229 Verdacht der Vorbereitung zum Hochverrat werden freigesprochen: Eva Wegner, Heinrich Möller, Eduard Reichel und Georg Kramer. Der Eva Wegner wird für die erlittene Unbill ein Betrag von tausend Reichsmark zugesprochen, den der Angeklagte Baumann zu entrichten hat..." - Kalt prüfend sah das Hitlerbild auf die ,, Im Namen des Volkes" Recht sprechenden Richter herab. Auf ihren Talaren glänzte es mattsilbern. Das Hoheitszeichen des Regimes: ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen, dessen Fänge sich um einen Kranz krallten, der ein Hakenkreuz umschloß. ,,... Das Verfahren gegen die Angeklagten Erich Diebold, Walter Eder und Otto Meyer wegen Verschleuderung von Reichsgeldern wird abgetrennt..." Die schnarrende Stimme des Vorsitzenden brach ab. Seine Hand senkte sich langsam, er legte das Aktenstück vor sich auf den Richtertisch, zog den Stuhl näher heran. Der Gerichtssaal schien in einen feinen, körnigen Nebel gehüllt zu sein, der den Menschen bei jedem Atemzug in der Kehle kratzte. Verhaltenes Schluchzen zitterte in der regungslosen Luft. Baumann hielt sein Gesicht in den Händen vergraben. Rechtsanwalt Reichel sah, wie die drei Gestapo- Beamten auf den Stühlen neben der Anklagebank beredte Blicke wechselten. Das Verfahren gegen die drei wird abgetrennt!? Ohnmächtige Wut packte Reichel, saß ihm wie ein dicker Klumpen im Hals. Das bedeutete, daß ihnen nichts geschehen würde, gar nichts! Vorn auf dem Podium fuhr der Gerichtsvorsitzende fort: ,, Im Interesse der öffentlichen Sicherheit ordnet das Gericht an: Unter Androhung einer Zuchthausstrafe von nicht unter zwei Jahren wird jedem der an diesem Gerichtsverfahren in irgendeiner Weise Beteiligten untersagt...", der Vorsitzende holte vernehmlich 230 proeorg ein ngedes Laren = ein einen bold, eichsVorlegte Stuhl 1 geder ungsaben. n auf elten. chtige Hals. ts! : ,, Im Unter Jahren Weise mlich Luft, 99... einem Dritten gegenüber irgend etwas über die zu seiner Kenntnis gelangten Einzelheiten des Prozesses oder seiner Zusammenhänge verlauten zu lassen. Der Vorsitzende verpflichtet alle Beteiligten hierzu durch Eid!" Die Worte des Gerichtsvorsitzenden kamen auf die Menschen zu, packten sie, umgaben sie wie eine Klammer, aus der es kein Entrinnen gab. ,, Das Gericht kommt zur Vereidigung!" Die Klammer zog sich fester, umspannte die Brust, lähmte die Arme und Beine, machte den ganzen Körper steif und willenlos. , Heinrich Möller, geboren am 11. April 1889 in BerlinReinickendorf...", schnarrte die Stimme vom Richtertisch. دوو Eine der dunkelgrünen Uniformen in der Anklagebank faẞte den Bäckermeister am Arm, führte ihn vor das Richterpodium. Im Saal war atemlose Stille. ,, Ich spreche Ihnen den Eid vor-: Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, keinem Dritten gegenüber irgend etwas über die zu meiner Kenntnis gelangten Einzelheiten dieses Prozesses oder seiner Zusammenhänge verlauten zu lassen..." Die Worte schleppten sich durch den Saal, dann stieg die Stimme des Gerichtsvorsitzenden steil an-: ,, Schwören Sie!" Bäckermeister Möller, der klein und gedrungen, einsam und eingeschüchtert vor dem Richtertisch stand, zuckte zusammen. Langsam hob er den rechten Arm, drei Finger ausgestreckt, sagte stockend, mit vibrierender Stimme: ,, Ich schwöre es." - Die Menschen saßen verloren und verlassen. Fiel ihr Name, erhoben sie sich schwerfällig und gingen mechanisch neben den dunkelgrünen Uniformen her. Das feiste Gesicht mit den rötlich leuchtenden Schmissen wartete vorn auf sie, nahm ihnen mit gleichbleibendem, maskenhaft starrem Gesicht ihren Eid ab. 231 ,, Ich schwöre es..."- ,, Ich schwöre es..." Rechtsanwalt Reichel saß wieder in der Anklagebank. ,, Von dem Verdacht der Vorbereitung zum Hochverrat freigesprochen..." Doch eben hatte er schwören müssen, gegen jedermann zu schweigen! Bei seiner Verhaftung wurde seine Praxis versiegelt- und jetzt durfte er niemandem... Ein Rechtsanwalt, der verhaftet worden war und nun keinem seiner Klienten die Zusammenhänge erklären, niemandem seine Unschuld beweisen durfte! Reichel fröstelte.- Noch wußte er nicht, daß er nach seiner Verhaftung von der Anwaltskammer aus der Berufsliste der Rechtsanwälte gestrichen worden war. Noch wußte er nicht, daß er wegen seines bei den ,, Verhören" zerschlagenen, noch immer blau verschwollenen Gesichts und Körpers erst nach weiteren langen Wochen aus der Haft entlassen werden würde. Auch seine neben ihm sitzenden und mit ihm freigesprochenen Schicksalsgefährten ahnten nichts davon. Alle standen unter dem Bann der Szene vor dem Richterpodium: ,, Ich schwöre es..." In den Augen der Leute bleibe ich also ein Staatsfeind, dachte Bäckermeister Möller verzweifelt. Wie soll ich dann mein Geschäft weiterführen! - Gezwungen, jedem gegenüber zu schweigen jetzt ist es mir unmöglich, mich zu rehabilitieren, dachte Dr. Kramer. Meine Praxis wurde geschlossen was soll nur aus mir werden!? - Nun bleiben wir weiter geächtet, würgte es Meister Wegner. Nie werde ich meine Arbeitsstelle wiederbekommen! Auf dem Podium vorn erhoben sich die schwarzen Talare. Die Gerichtsverhandlung war geschlossen. Eva und die anderen in der Anklagebank wurden abgeführt. 232 Von prohann verwalt, die eisen der estris bei lenen s der enden nichts hterMeister Wegner griff nach dem Arm seiner Frau, drängte mit ihr zum Ausgang. Auf dem Korridor standen Menschen in kleinen Gruppen, gingen den schmalen Gang zwischen den grauen Wänden auf und ab. Wegners Augen suchten. Er sah nur fremde, unbekannte Gesichter. Vor der bereits geschlossenen Tür des Gerichtssaales stand ein großer, breitschultriger Beamter mit einem langen, buschigen Schnurrbart. Wegner ging hastig den Gang zurück, auf den Beamten zu: ,, Entschuldigen Sie bitte... Mein Name ist Wegner...", sagte er aufgeregt. ,, Ich suche meine Tochter... Sie ist eben freigesprochen worden... Können Sie mir nicht sagen-?" ,, Auskünfte erhalten Sie in der Gerichtskanzlei!" unterbrach ihn die dunkelgrüne Uniform, drehte sich um und ging den Gang hinunter. - An der Tür des Gerichtssaales, die der Beamte mit seinem breiten Rücken verdeckt hatte, war auf einem schwarzen Brett ein Anschlag befestigt, auf dem in großen Buchstaben stand: achte Gees mir Meine egner. Zeit: 14.15 SACHE BAUMANN UND ANDERE Unter Ausschluß der Öffentlichkeit Talare. führt. ENDE 233 21 URTEILE DER ENGLISCHEN PRESSE ÜBER SACHE BAUMANN UND ANDERE ( Englischer Titel ,, Gestapo Trial") Dies ist ein aufregendes Buch... Die Bereitschaft der Gestapo, aus dem Nichts etwas Belastendes zu konstruieren, die Brutalität ihrer Methoden, die völlige Abwesenheit einer Justiz in Nazideutschland oder auch nur der Schein einer Justiz- dies alles hat der lebendig geschriebene und bewundernswert übersetzte Roman von Jan Petersen in mein Bewußtsein gleichsam eingebrannt..." ,, Reynold News", London, 12.11.1939 Der dramatische Aufbau des Romans ist einfach, der Stil sachlich beschreibend und Tatsachen wiedergebend - und die Wirkung ist gerade deshalb um so stärker... Der Autor schreibt anscheinend mit sehr gründlicher Kenntnis der Methoden der Geheimen Staatspolizei in Deutschland und der Folgen, die sich in der Praxis aus Denunziationen ergeben... " ,, The Times" Literary Supplement, London, 18.11.1939 Es ist unmöglich, Jan Petersens Roman zu lesen, ohne innerlich bewegt zu sein... Jan Petersen ist ein dramatischer Schriftsteller, der diese unschuldig verfolgten Menschen in seinem Buch Szene auf Szene lebensnah vor uns erstehen läßt..." Robert Lynd in ,, News Chronicle", London, 24.11.1939 Dies ist Deutschland... Jeder, der in irgendeinem Sinne mit den Verdächtigen zu tun hat, kommt selbst in Verdacht... Was unseren Unwillen aber am stärksten hervorruft, ist die Tatsache, daß man ein ganzes Volk unter solch ein Terrorregime zwingen konnte.. Der Autor versichert uns, daß die in seinem Buch geschilderten Geschehnisse auf wirklichen Begebenheiten, auf einem aktuellen Fall basiert sind; er macht keinen Versuch, die Dinge zu umkleiden, sondern erzählt uns sachlich und genau, was geschah, und wir akzeptieren es als die schreckliche Wahrheit... Es ist ein Dokument unserer Tage, das seinen Eindruck hinterläßt..." Ralph Straus in ,, The Sunday Times", London, 26.11.1939 BER RE rial") VOM GLEICHEN AUTOR ERSCHIEN: UNSERE STRASSE Eine Chronik- geschrieben im Herzen des faschistischen Deutschlands 1933/34 239 Seiten, broschiert 4,50 RM ft der konöllige - auch Dendig Coman mein.1939 h, der ebend er.. licher lizei in xis aus 1.1939 , ohne in drafolgten ensnah 1.1939 deinem t selbst stärkganzes nte... uch genheiten, t keinen Shlt uns eptieren kument Bt..." 11.1939 PRESSESTIMMEN eine Chronik, geschrieben mitten im faschistischen Berlin 1933/34... darstellend die Eroberung' Charlottenburgs durch die SA, den, Mordsturm 33', dessen Führer Maikowski am 30. Januar 1933 beim Sturm auf die Wallstraße im Arbeiterviertel Charlottenburgs von seinen eigenen Leuten erschossen wurde, wofür er zum Nationalhelden befördert und 53 Kommunisten zu insgesamt 39 Jahren Zuchthaus und 95 Jahren Gefängnis verholfen wurde..." ,, Südkurier", Konstanz, 3. 2. 1948 von geschichtlicher Bedeutung aus dem unmittelbaren Erleben des Verfassers heraus geschrieben und dann als Tatsachen bericht mehrfach im Ausland veröffentlicht. Dadurch gelangte die Kunde von dem Terror der Nazihorden und von dem Widerstand deutscher Arbeiter über die sorgsam gehüteten Grenzen des, SS- Staates' hinaus in die Weltöffentlichkeit." ,, Weser- Kurier", Bremen, 24. 12. 1947 Daß die Aufzeichnungen während der Ereignisse selbst niedergeschrieben wurden, erhöht ihren dokumentarischen Wert. Sie wurden später, auf abenteuerliche Weise in einen Kuchen eingebacken, über die Reichsgrenze in die Tschechoslowakei geschmuggelt... Die Chronik spricht für sich selbst, und wir, die wir selbst jene Zeit in der Illegalität mitmachten, können nur sagen, Ja, so ist es gewesen. Dies ist die ungeschminkte Wahrheit, hart und unverbrämt'." ,, Sonntag, Berlin, 7. 12. 1947 Das Buch ist ein Denkmal für die illegalen Kämpfer, und seine schlichte Art der Darstellung erschüttert mehr, als ein kunstvoller Stil es vermöchte." ,, Weltpresse", Baden- Baden, Jahrgang 1, Nr. 6