Vorwort In den furchtbaren Kriegsjahren von September 1939 bis Mai 1945 haben alle Völker der Erde kaum ertragbare Leiden erdulden müssen. Dürfen diese Leiden und Opfer der Vergessenheit anheimfallen? Gewiß nicht! Und doch vergißt der Mensch auch die herbsten Ereignisse nur zu schnell. Zwar erzählt einer dem andern, was er gelitten hat. Doch solche Erzählungen gehen zu einem Ohr hinein und zu dem andern hinaus. Zwar veröffentlichen die Zeitungen täglich Berichte. Aber nur selten hebt sie einer auf. Und doch sollen unsere Nachkommen noch nach Jahrhunderten von unserm außergewöhnlichen Elend erfahren. Dazu kann also nur das Buch verhelfen. Wir müssen deshalb allen ernsten Schriftstellern dankbar sein, wenn sie das in Büchern bewahren, was sonst vom Gras der Vergeßlichkeit nur allzu schnell überwuchert würde. Da ich vom 16. Dezember 1942 bis zum Ende Mai 1945 im Konzentrationslager von Dachau interniert war, gehöre ich wohl zu denen, die legitimiert sind, einen genauen Bericht über dieses weltbekannte Lager zu schreiben. Ich kenne Dachau. Ich habe gesehen. Ich habe gehört. Ich war lange in Büros tätig und habe in den Akten geforscht. Geheim, ganz geheim, habe ich Notizen gemacht, obwohl dabei manchmal schon der Strang am Halse kitzelte, denn wer Material gegen die Nazis sammelte und dabei erwischt wurde, baumelte am Galgen. Nur was ich selber wahrgenommen habe und was glaubwürdige Kameraden erzählen, wird veröffentlicht. Freunde, die gleichfalls jahrelang in Dachau waren, haben das Manuskript zur Kontrolle durchgesehen. 5 Mindestens 228 000 Unglückliche sind von 1933 bis 1945 in Dachau eingesperrt gewesen. Wohl 100 000 leben noch. Sie rufe ich als Zeugen an, ob Wichtiges verschwiegen, ob durch das Vergrößerungsglas geschaut, ob poetisch ausgeschmückt oder ob schamlos zusammenphantasiert worden ist. Es wird manchmal etwas derb hergehen müssen. Von Dingen ist die Rede, über die der wohlerzogene Mensch zu schweigen pflegt. Es geht nicht anders. Der Schleier wird von allem gelüftet, auch wenn die Nerven erschüttert werden, selbst wenn das Schamgefühl Protest erheben möchte. Empfindliche Leute mögen daher die Finger von diesem Buch weglassen! mal über d ,, Franz Go von Salzbu sonderen Vorteil au Kommissa krachte ih Ich kam f gleich zu wenn auch Titel ,, Bis den ist. N einen ech respektvo ja räumte fangenen Vorstellb heutige A chen am stellten w bringe, d Warum aber der ungeschminkte Bericht? Nicht aus Rache, nicht aus Sensationslust, nicht aus Gewinngier. Die Gerechtigkeit fordert Sühne. Wir wollen zeigen, wie tief der Mensch unter das Tier sinkt, wenn er nur nach dem Irdischen giert und alles Höhere in den Kot zieht. Das Gewissen der Völker muß aufgerüttelt und die Menschheit vor der Wiederholung solcher barbarischen Methoden gewarnt werden. Nun würden aber ohne einige biographische Notizen meine Dachauer Erinnerungen zum Teil unverständlich, ja mißverständlich sein. Darum schicke ich voraus: Ich bin in Morsbach bei Forbach am 28. Januar 1883 geboren, verbrachte aber meine Jugendjahre in PetiteRosselle, dicht an der Grenze. Im Jahre 1910 zum Priester geweiht, wirkte ich von 1919 bis 1939 in der Pfarrei Rech, wo mir die Aufgabe zufiel, mich nebenamtlich mit der Verbreitung katholischer Bücher zu befassen. Im Jahre 1933 übertrug mir der Bischof von Metz die Organisation der Wallfahrten zum hl. Rock nach Trier. Durch die Kolportage und die Trierer Wallfahrten ist mein Name im Saargebiet bekannt geworden. Von September 1939 bis Oktober 1940 war ich in der Charente evakuiert. Nach meiner Heimkehr ernannte mich der Generalvikar Louis zum Pfarrverweser von Dieuze. Gelegentlich der Verhaftung eines Geistlichen hatte ich mit dem Oberführer der SS Dunkern, Lothringens höchstem Beamten der Gestapo, eine Besprechung, und er wünschte mit mir alle Schwierigkeiten, die zwischen Klerus und den Staatsbehörden entstehen, in ,, entgegenkommendster Weise zu regeln." Prälat Louis, der Generalvikar, müsse mir jedoch Vollmachten geben. So kam ich zu dem Titel ,, Bischöflicher Kommissar", der immerhin nach einem Bischof roch. Obwohl wir manch6 ein brülle hätte, am rat Abbé Rech Dachau s Zeugsglas mmenrgehen Mensch n allem enn das mögen e, nicht fordert r sinkt, en Kot nschheit werden. meine tändlich bach am Petitegeweiht, Aufgabe ücher zu ie OrgaKolporbiet bear ich in mich der tlich der der SS Besprezwischen mendster ir jedoch er Kommanchmal über den drolligen Titel lachten, öffnete mir meine Visitenkarte ,, Franz Goldschmitt, Erzpriester von Duss und bischöflicher Kommissar von Salzburgen" Tür und Tor. Die Deutschen haben halt einen besonderen Respekt vor hohen Titeln. Warum dies nicht zu unserem Vorteil ausnützen. Das allzu energische Eingreifen des bischöflichen Kommissars, mit dem er die vielen Zwischenfälle zu regeln suchte, verkrachte ihn nach kaum zwei Jahren mit dem Oberführer Dunkern. Ich kam für 978 Tage in vier Gefängnisse und nach Dachau. Im Vergleich zu der meiner Leidensgenossen gestaltete sich meine Lage hier, wenn auch nicht gerade beneidenswert, so doch erträglich, da mir der Titel ,, Bischöflicher Kommissar" manchmal zum 15. Nothelfer geworden ist. Nicht wenige Kameraden und sogar SS- Leute hielten mich für einen echten Bischof, ja für den ,, Erzbischof" von Metz, blieben in respektvoller Reserve, sahen von ganz schlimmen Miẞhandlungen ab, ja räumten mir Ehrenstellen ein, die oft im Interesse meiner Mitgefangenen ausgenützt werden konnten. Dies ging oft über das Maß des Vorstellbaren hinaus, denn unser ehemaliger Dachauer Kamerad, der heutige Armeeminister Edmund Michelet, gab in einer seiner Ansprachen am 17. März 1946 in Metz folgende Erklärung ab: ,, In Dachau stellten wir uns oft die Frage, was für ein Herkules es denn zustande bringe, der SS immer wieder den Mund zu stopfen. Der Herkules war ein brüllender Löwe, der es nach der Nazitheorie hundertmal verdient hätte, am Galgen zu baumeln. Der brüllende Löwe war unser Generalrat Abbé Goldschmitt, der dort am Tische sitzt." Rech- Sarrealbe, den 1. März 1947 François Goldschmitt 7 A Das R.Z. Dachau in den Jahren 1933 bis 1945 I. Beschreibung des Lagers an Hand eines Planes Dachau, eine kleine Stadt von zehntausend Einwohnern, der noch vor zwanzig Jahren niemand ihre grausige Berühmtheit prophezeit hätte, liegt 17 Kilometer nördlich von München. In seiner Nähe haben die Nazis in den Jahren 1933 bis 1940 inmitten eines sumpfigen Moor- gebietes das K.Z. erbaut. Das Lager war in vier Bezirke eingeteilt. Jeder Zentimeter unseres Planes entspricht 50 Metern. Der Raum links des Gräberbaches umfaßte 70 Gebäude, das Kesselhaus, den Wasserturm, eine Kantine, einige Lazarette für die SS, Kleidungsmagazine, die berühmte Junkerschule, das persönliche Stabs- ‚gebäude des Massenmörders Himmler, Kaserne für die SS usw. Im Raum zwischen dem Gräberbach und dem Wurmbach, mit mindestens 160 Bauwerken, stand das Krematorium(auf dem Plan mit K bezeichnet). Ferner befanden sich hier zahlreiche Fabriken zur Her- stellung von Waffen, Porzellan und Ausrüstungsgegenständen aller Art, auch Lehranstalten, Büros, die Post, das Standesamt, schließlich die Vergnügungsanstalten für die SS, wie Theater, Kino, Kasino, Sport- plätze, selbst ein Schwimmbad. Kapelle innerha Nr. 12 tionen Dicht d dem Z die ans aller G versch Re Das eigentliche Lager der Internierten lag mit seinen 60 Gebäuden rechts vom Wurmbach. Es war mit Mauern und elektrisch geladenem Draht umgeben. Von hohen Türmen aus( Nr.1 des Planes) überschauten SS- Wächter Tag und Nacht das Lager. Nachts war es durch Scheinwerfer hell beleuchtet. Nr. 2 bezeichnet zwei getrennte Bauten. Den Ehrenbunker bewohnten Häftlinge, die zu den höheren Persönlichkeiten gehörten. Im gewöhnlichen Bunker nebenan erlitten Häftlinge oftmals unmenschliche Torturen. Die mit Zuchthaus bestraften SS von uns spottweise ,, gefallene Engel" genannt, hausten im Gebäude Nr. 3. Der Flügel des gewaltig großen Hauses Nr. 4 umfaßte die Bekleidungskammer, die Schusterei, die Schneiderei, die Strumpfstopferei.... Im Flügel Nr. 5 waren die Büros zur Verwaltung des Privateigentums der Häftlinge, eine Schlosserei, eine Schreibmaschinenwerkstätte usw. Die Verbindung zwischen beiden Flügeln, Nr. 6, umfaßte die Wäscherei, die Küche und den Baderaum. Auf dem Dach dieses Gebäudes standen in großen Buchstaben die Worte: ,, Es gibt nur einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heißen: Arbeit, Fleiß, Ordnung, Gehorsam, Ehrlichkeit, Sauberkeit, Liebe zum Vaterland." Eine englische Bombe hatte einst das Dach teilweise zerstört und so die infame Lüge ausgelöscht, leider auch einen großen Teil unseres Privateigentums vernichtet. Gerne hätten wir eine andere Inschrift angebracht, die Dante über dem Höllentor sah: ,, Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren." Das von den Häftlingen am meisten gefürchtete Gebäude Nr. 7 hieß Jourhaus. Es war durch ein weites Tor durchbrochen, das man nie bedeckten Hauptes passieren durfte. Die SS- Führer hatten hier ihre Büros. Auf dem weiten Platze Nr. 8 und Nr. 9 wurden die Appelle und Sportübungen abgehalten. Längs der breiten, mit hohen Pappeln umsäumten Straße, Nr. 10, standen je 17 Baracken, Blocks genannt. In dem ersten Block, links unten, waren die Büros des Arbeitseinsatzes und der Lagerschreiberei, ferner die Bibliothek, die Kantine usw. Der zweite und dritte Block bargen Beamte und Arbeiter verschiedener Werkstätten. Das Spital befand sich, je nach Krankenzahl, in den fünf oder sechs ersten Blocks unten rechts. Die linke Seite hatte gerade, die rechte ungerade Zahlen. Die Numerierung begann unten. Die Blocks Nr. 26 und Nr. 28 waren den Geistlichen reserviert. Ein Viertel des Blocks Nr. 26 durfte als 10 In dies kaufsb FI 2500 N 1944 4 Bere Unter lasser J Die A dem Das I noch verte Word gonn Lage ungli April unter 60 Gelektrisch Planes) s war es getrennte höheren erlitten haus behausten Nr. 4 umHerei, die VerwalSchreibFlügeln, um. Auf e Worte: heißen: Liebe zum teilweise en großen ne andere Laßt, die ingen am durch ein passieren ten Platze gehalten. , Nr. 10, ock, links chreiberei, itte Block Das Spital en Blocks de Zahlen. 28 waren durfte als Kapelle benutzt werden. Das Verwaltungsbüro für die Gärten, die innerhalb des Lagers lagen, wurde in Nr. 11 geführt. Nebenan in Nr. 12 befanden sich die Stallungen für 4000 Kaninchen. Desinfektionen von Kleidern, Decken.... wurden in Nr. 13 vorgenommen. Dicht daneben lag die ,, höhere Töchterschule", die erst ein Jahr vor dem Zusammenbruch ins Leben gerufen worden ist. So benannten die anständigen Kameraden das Dirnenhaus, das übrigens von 95% aller Gefangenen verächtlich ignoriert wurde und deshalb bald wieder verschwand. Rechts vom Lager dehnte sich mit 60 Gebäuden die Plantage aus. In diesem Riesengarten lagen Mühlen, Höfe, Trockenanlagen, Verkaufsbaracken, Verwaltungsbüros usw. II. Zahlenmäßige Zusammenstellung der Dachauer Häftlinge In den Jahren 1933 bis 1936 zählte das Lager durchschnittlich 2500 Mann, im Jahre 1940 6000, 1941 9000, 1942 12000, 1943 18000, 1944 40000, 1945 67000. Fast jede Woche verließen kleinere und gröBere Gruppen von 50 bis 1000 Mann Dachau, um in andern K.Z. Unterkunft zu finden. Wöchentlich wurden kaum 60 Kameraden entlassen. Immer und immer wieder strömten Neuankömmlinge heran. Jeder Häftling bekam bei der Einlieferung ins Lager eine Nummer. Die Amerikaner befreiten uns am 29. April 1945. Tags zuvor wurde dem letztangekommenen Kameraden die Nummer 161879 gegeben. Das Lagerbüro hatte aber an 6375 Internierte, die kurz vor und sogar noch nach der Befreiung anlangten, überhaupt keine Nummern mehr verteilt. Beim Ladenschluß wäre demnach die Nr. 168 254 erreicht worden. Im Jahre 1940 hatten die Nazis eine Neunumerierung begonnen. Da, vor diesem Datum bereits etwa 60000 Leidensbrüder das Lager passiert hatten, kommen wir zur Gesamtziffer von rund 228 000 unglücklichen Menschen, denen das Lager in den Jahren 1933 bis Ende April 1945 die Tore geöffnet hat. Am 24. April 1945 hausten in Dachau noch 67678 Internierte, darunter 5000 Frauen, 32 000 innerhalb des Lagers, die übrigen in den 11 Außenkommandos. Die offizielle vom Lagerbüro aufgestellte Liste der verschiedenen Nationalitäten stimmt mit der meinigen nicht ganz überein, da 1106 Elsaß- Lothringer als Deutsche gebucht waren, während wir doch den Franzosen zugeteilt werden müssen. Folgende Nationalitäten waren am 24. April 1945 in Dachau vertreten: Übe Ansicht gende Z 14994 2576, im Jahr 19 linge, d Polen Russen fern ve 13536 nicht in 12067 Ungarn Franzosen Reichsdeutsche und in 6819 5012 3250 Litauer 2934 Italiener 1974 Tschechen. 1746 Slovenen 989 Belgier 836 De Holländer. 818 die mi Kroaten 785 Griechen 516 Serben 268 Jede S Stuben Im W Spanier 244 sich d Slowaken 230 zwei Letten B 211 herab Luxemburger Staatenlose 111 wusch 86 Neben Türken 77 Norweger Rumänen 69 54 Bulgaren Engländer 13 Schweizer Amerikaner Portugiesen Esten 12 11 Spüla Wohn faßte Schem Schre Längs 8 5 Chinesen • Dänen 2 1 67678 das E die B norma war s Fenst 12 12 Liste der anz überwährend He NatioÜber die Zahl der in Dachau verstorbenen Inhaftierten gehen die Ansichten weit auseinander. Offiziell wurden vom Lagerbüro folgende Zahlen angegeben: Im Jahre 1940 starben 1515, im Jahre 1941 2576, im Jahre 1942 2470, im Jahre 1943 1102, im Jahre 1944 4794, im Jahr 1945 1719. Im ganzen demnach 27 334. Nach Ansicht der Häftlinge, die in den Büros angestellt waren, müssen diese offiziellen Ziffern verdreifacht werden. Die meisten Kameraden starben nämlich nicht im Lager von Dachau selbst, sondern während der Transporte und in anderen K. Z., wohin sie verbracht worden waren. III. Personal und SS- Vorgesetzte des Häftlingsblocks Der Block zählte hundert Meter in der Länge. Durch zwei Türen, die mit einem Fenster verbunden waren, betrat man die vier Stuben. Jede Stube hatte einen Wohnraum und einen Schlafraum, aber beide Stuben zusammen nur einen Waschraum und eine Abortanlage. Im Waschraum standen an der Wand entlang sechs Behälter, in die sich das Wasser aus Röhren ergoß, nebenan mitten im Raum noch zwei größere Becken, in die sechzehn Wasserstrahlen von der Decke herabmündeten. An diesen sechs Behältern und an den zwei Becken wuschen sich die Häftlinge jeden Morgen mit entblößtem Oberkörper. Nebenan war die Abortanlage, acht Sitz- und sieben Stehplätze mit Spülanlagen, alles mustergültig, praktisch und peinlich sauber. Das Wohnzimmer, doppelt so groß wie Waschraum und Abort zusammen, faßte bequem sechzig bis siebzig Personen, die an Tischen auf Schemeln ohne Lehne saßen. Hier schlug man die freie Zeit mit Lesen, Schreiben, Flickarbeiten, Spielen, aber auch mit Läusefangen tot. Längs der Fenster waren Schuhregale, an den beiden Wänden ohne Fenster schmale Schränkchen, die Spinde, angebracht, mit Platz für das Eßgeschirr, Handtuch, Wischtuch usw. Im Schlafraum standen die Betten, Strohsäcke in Holzgestellen, je drei übereinander, in normaler Zeit sechzig bis siebzig an der Zahl. Der Boden beider Räume war säuberlich gewichst und durfte nur mit Sandalen betreten werden. 13 Arbeiten die Arbe kehr mit und very tragen d zehrte d des Hals Vor der Türe zog man die gereinigten Schuhe aus, trug sie barfuß zum Regal und wechselte sie dort mit den Schlappen. Diese ärgerliche Operation machte man wohl zwanzigmal am Tage. Bei meiner Ankunft in Dachau wohnten etwa siebzig Häftlinge in jeder Stube, demnach zweihundertachzig im Block. Die Zahl schwoll mit jedem Monat an. Im Frühjahr 1945 beherbergten manche Stuben vier- bis fünfhundert Häftlinge, demnach der Block eintausendsechshundert bis zweitausend Mann. Da herrschte ein Leben und Treiben, ein Schieben und Drängen wie in einem Ameisenhaufen. Das Essen mußte in zwei Gruppen nacheinander gefaßt werden. Wir standen einer hinter dem andern mit einem Topf in den Händen und drückten uns langsam zum ,, Trog". Gegenseitig stießen wir uns ungewollt an, die Suppe wurde verschüttet, ja nicht selten über die Kleider gegossen. Bei uns Geistlichen und auch bei den Wohlerzogenen der andern Blocks zeitigten solche Zwischenfälle, je nach Temperament, meist Lachen oder eine Reihe von Tiernamen wie Esel, Ochs usw. Bei anderen Häftlingen führte das Essenverteilen im Gedränge manchmal zu Streitigkeiten und wüsten Balgereien. Bei gutem Wetter aßen viele auf der Straße oder im Waschraum. Wohl an die hundertmal stand ich an der. Straße oder im Waschraum. Wohl an die hundertmal stand ich an der Ecke der Aborttüre und stürzte hastig die Brühe hinunter. In Dachau gewöhnte man sich an allerhand Unannehmlichkeiten. Das ,, Diner" mit Spülarbeit liquidierte man meist in fünf Minuten. Anfang 1945 hatten wir im Schlafraum hundertneun Betten anstatt sechzig bis siebzig, dazu noch in dem engen Wohnraum ein Dutzend, ja viele Kameraden schliefen gar in der Kapelle. gabs ab meist de schnell auch der SS hatt Vier Gruppen von je zwei bis drei Mann besorgten die Ordnung und die Sauberkeit der Räume: Waschraumdienst, Abortdienst, Wohnstubendienst und Schlafraumdienst. Diese Häftlinge waren von sonstiger Arbeit befreit und bekamen öfters beim Essen ,, Nachschlag", etwa ein halbes Liter. Hals ab fertigke vom Le wurde. Woche gefunde De Sie trug Streifer Ihr Chef hieß Capo. Diesen Namen trugen alle Häftlinge, die bei einer Arbeit das Kommando führten. Die Gesamtleitung des Blocks lag ebenfalls nur Gefangenen ob. Der ,, Blockälteste" war der oberste Vorgesetzte des ganzen Blocks. An der Spitze jeder Stube hatten wir einen ,, Stubenältesten." Der Blockschreiber erledigte die schriftlichen ,, Autos beklage Di als Ha sonal" gefang Jeder revidier und Le Raubti Sobald der ihr auf un naht st ruhte, 14 arfuß zum liche OpeAnkunft demnach Monat an. nfhundert weitausend Drängen pen nachdern mit ,, Trog”. urde veruns Geistzeitigten oder eine Häftlingen eitigkeiten er Straße h an der ich an der In Dachau ,, Diner" fang 1945 echzig bis , ja viele die Ordportdienst, waren von chschlag", ge, die bei les Blocks er oberste hatten wir Shriftlichen Arbeiten, war auch der Verbindungsstrich mit dem Arbeitseinsatz, der die Arbeit vermittelte, und dem Lagerbüro, das den schriftlichen Verkehr mit der SS in Händen hatte. Der Kantineur verkaufte Waren und verwaltete das Geld der Häftlinge, da wir kein Bargeld bei uns tragen durften. Einige Beispiele von solchen ,, Waren": Die SS verzehrte das Geflügel. Wir durften gegen eine Mark Teile der Flügel, des Halses, der Füße und der Eingeweide kaufen. Zweimal im Monat gabs abgerahmte Milch, hier und da Zigaretten, auch Bouillon, die meist derart übel roch, daß selbst der hungrigste Hund seine Zunge schnell davon zurückgezogen hätte. Zu dem Blockpersonal gehörte auch der Rasierer, denn kein Häftling durfte sich selbst rasieren. Die SS hatte wohl Angst, es könnte sich einer aus Selbstmordgier den Hals abschneiden, und doch entwickelte diese SS eine Taschenspielerfertigkeit, um die Internierten mit abwechselungsreichen Methoden vom Leben zum Tode zu befördern, was von ihnen ,, umlegen" genannt wurde. Zweimal im Monat wurde der Kopf rasiert, zweimal in der Woche das Gesicht und jedesmal der ganze Körper, wenn eine Laus gefunden wurde. Den Russen und den Italienern schor man die Köpfe nicht ganz. Sie trugen kurzes Haar, aber von der Stirne bis zum Nacken war ein Streifen von etwa vier Zentimeter rasiert. Wir nannten diesen Streifen ,, Autostraße." Die Rasierer konnten sich nicht über Arbeitslosigkeit beklagen. Dazu war ihre Arbeit nicht gerade appetitlich. Die Blockältesten versammelten sich beim ,, Lagerältesten", der als Häftling die Hauptrolle im Lager spielte. Mit dem Wort ,, Personal" bezeichnete man alle diese Chefs, die zu der Zahl der Mitgefangenen gehörten. Jeder Block wurde täglich von einem SS- Führer, dem ,, Blockführer", revidiert. Die ,, Revision" bestand oft in der Entgegennahme von Tabak und Leckerbissen, die wir ,, freiwillig" spendeten, um die Krallen der Raubtiere etwas zu schmieren, wie der Franzose sagt( graisser la patte). Sobald so ein ,, Führer" die Stube betrat, mußte der erste Häftling, der ihn sah, laut rufen: ,, Achtung!" Sofort, sprangen alle Kameraden auf und standen solange schweigend mit den Fingern an der Hosennaht stramm, bis der hohe Herr( daheim meist ein Habenichts), geruhte ,,, weitermachen" zu kommandieren. Jedes Arbeitskommando 15 unterstand neben dem Capo auch einem SS- Kommandoführer. Diese erhielten ihre Anweisungen von den Rapportführern, die von Offizieren, den Lagerführern, abhingen. Der Lagerkommandant, im Range eines Majors, war der höchste Führer des Lagers. Alle zwei Monate ,, revidierte" ein höherer Stabsoffizier Himmlers unser Lager. Tags zuvor herrschte eine große Aufregung bei den niederen SS- Leuten und eine noch größere Nervosität beim Personal. Wie wurden wir da gehetzt, um ja alles in Ordnung zu bringen. Schein, äußerer Schein war die Hauptsache, Leben und Gesundheit der Internierten kleine Nebensache. - Man u nierte, die wohnten un außerhalb man als Ar beiteten etw Linz, Fried und Österre überhaupt Und doch war alles Herumhetzen ganz zwecklos. Die Hauptarbeit des Herrn Inspektors bestand darin, mit dem Kommandanten einmal die Straße hinabzugehen, höchstens noch das Zimmer des Spitals zu besuchen, in dem die kranken Capos lagen. Unsere Kapelle hatte die Ehre eines einminutenlangen Besuches dann begrüßte man längere Zeit die Insassen unserer ,, höheren Töchterschule." Nach Angaben einiger SS- Unterführer wurde die Hauptarbeit der Inspektion mit dem Kommandanten und den Lageroffizieren am Abend spät bis in die Nacht hinein bemeistert, indem die hohen Führer ihre Bäuche mit einem Festfraẞ anfüllten, welchen sie reichlichst mit französischen Weinen und Schnäpsen begossen. Während meines Aufenthaltes in Dachau hatten wir auch ,, die hohe Ehre", den größten Bluthund der Weltgeschichte, Reichsführer Himmler, auf Besuch zu haben. Gesehen hat ihn niemand. Doch sein erster Stellvertreter, sein Adjutant, geruhte am 7. März 1944 mich, als rangältesten Geistlichen, sechs Stunden lang zu verhören und mir einen Bericht über die Verhältnisse des Dachauer Lagers abzuzwingen. wesend. D selbst, obw Die Ma Häftlinge a wurde gege IV. Die Arbeitskommandos portiert, art täglich an Uhr, ja no zurück. Ni ,, Arbeit macht frei!", war eine großsprecherische Phrase der SS. An dieses lügnerische Versprechen glaubte kein Häftling, und daher arbeitete er nur aus Zwang, suchte nach Möglichkeit ohne aufzufallen wenig und schlechte Arbeit zu leisten, auch Sabotage zu treiben, wo es nur anging. 16 von siebzeh waren stets begleitet. Verhältniss Stunden Sc Die za den benach Häftlingen wegzuräum Ungef Schlächtere Kommando Diesel Kartoffelke rellenzucht mit Zivilpe gebige Ha handel vo Zeugen des er. Diese on Offi- im Range Jimmlers bei den Personal. oringen. ssundheit > Haupt- andanten mer des c Kapelle begrüßte je,“ Nach nspektion spät bis yösische haltes in hund der Gesehen ‚tant, ge chs Stun“ nisse des Man unterschied zwei Hauptgruppen von Arbeitshäftlingen: Inter- nierte, die außerhalb des Lagers arbeiteten und auch außerhalb wohnten und jene, die innerhalb des Lagers logierten, auch wenn sie außerhalb unweit des Lagers beschäftigt waren. Dir ersteren kann man als Arbeiter der Lagerfilialen bezeichnen. Im Frühjahr 1945 ar- beiteten etwa 35 000 Gefangene in den Fabriken von Allach, Augsburg, Linz, Friedrichshafen oder sonstwo in Bayern, Württemberg, Baden und Österreich. Manche von ihnen hatten das Dachauer Lager selbst überhaupt nie gesehen oder waren nur flüchtig ein paar Wochen an- wesend. Die übrigen 32000 Häftlinge wohnten beständig im Lager selbst, obwohl sie manchmal außerhalb des Lagers arbeiteten. Die Maschinenreparaturwerkstätte von München hatte rund 1000 Häftlinge angestellt, die in zwei Schichten arbeiteten. Die Tagschicht wurde gegen fünf Uhr morgens per Eisenbahn nach München trans- portiert, arbeitete bei scharfer Überwachung mindestens zwölf Stunden täglich an schmutzigen alten Maschinen und kehrte abends um zehn Uhr, ja noch später, ausgehungert, müde und abgehetzt ins Lager zurück. Nicht selten mußten die armen Kameraden den weiten Weg von siebzehn Kilometer zu Fuß zurücklegen. Alle Außenkommandos waren stets von bösen Hunden und noch boshafteren SS-Leuten begleitet. Die Nachtschicht dieser Gruppe litt unter noch elenderen Verhältnissen, da sie sich tagsüber im lärmenden Lager kaum einige Stunden Schlaf gönnen konnte. Die zahlreichen Luftbombardements schufen in München und in den benachbarten Ortschaften viele Ruinen. Lange Kolonnen von Häftlingen waren Tag für Tag dabei, den Schutt und die Blindgänger wegzuräumen. Ungefähr zweihundert Häftlinge arbeiteten in einer großen Schlächterei, die für das Heer Konservenbüchsen anfüllten. Für dieses Kommando schwärmten alle Häftlinge, da Wurst und Fleisch abfielen. Dieselbe Anziehungskraft für unsere Kameraden hatten auch die Kartoffelkeller, Privatgärtnereien, kleinere Handwerksateliers, die Fo- rellenzuchtanstalt, landwirtschaftliche Betriebe usw. Hier kam man mit Zivilpersonen zusammen, die oftmals ein gutes Herz und eine frei- gebige Hand zeigten. Nicht selten blühte hier der illegale Tausch- handel vor den Augen der SS-Aufseher, manchmal sogar mit deren ? Zeugen des Abendlandes Il Unterstützung. Die Häftlinge gaben Zigaretten, Tabak, gestohlene Wäsche und Schuhe, auch echten Bohnenkaffee, den sie durch das Rote Kreuz erhalten hatten.Sie tauschten für die Rauchwaren und Leckerbissen der Rote-Kreuz-Pakete Gemüse, Fleisch und Brot ein. Ungeduldig warteten wir allabendlich auf unsere kühnen Kameraden, die sich und auch uns durch diesen Handel gesundheitlich über Wasser hielten. Der verbotene Briefverkehr zeitigte ebenfalls durch Vermitt- lung der Außenkommandos glänzende Erfolge. Manchmal w urden die Häftlinge bei der Rückkehr ins Lager einer„Filzung‘‘ unterzogen. So hieß nämlich die hochnotpeinliche Taschenrevision. Manche Kameraden dieser Außenkommandos schliefen in ihren Arbeitsstätten, hatten aber oft Gelegenheit, ins Lager hereinzukommen. Auch innerhalb des Lagers arbeiteten nicht wenig Kameraden an der Herstellung kriegswichtiger Produkte. Es war eine schwere, lang- andauernde und scharfkontrollierte Beschäftigung in den Flugzeug- motorenfabriken Messerschmitt, in Schlossereien, in Autoreparatur- werkstätten, im Atelier zur Wiederinstandsetzung zerbrochener Fern- rohre und ähnlicher optischer Instrumente usw. Die Kabelzerlegung fürchteten alle Kameraden. Hier wurden alte Kabel, schmutzige Drähte und rostige Eisenteile zerschnitten und zerschlagen. Bejahrte Leute langweilten sich in der Gurtenweberei. Da saßen sie zu Hunderten den ganzen lieben langen Tag an schmutzigen, zerrissenen Kleidern, Lum- pen oder Fäden, die in Teile zerlegt, zusammengebunden und verpackt wurden. Andere Kameraden arbeiteten auch an Webstühlen. Ernährung, Bekleidung, Sauberhaltung, Wohnungsunterhalt und dergleichen verschlingen in einer Familie viel Kleinarbeit. Und erst in einem Lager von zweiunddreißigtausend Gefangenen und etwa vier- bis fünftausend SS-Leuten. Wenn auch Schmalhans bei uns Küchenchef war, mußten doch viele Gefangene für den Magen der Kameraden Sorge tragen, dazu noch für jeden unserer SS-Schinder. Da gab es Köche von Profession, aber auch Pfuschköche genug. Kartoffelschäler, Gemüse- und Topfreiniger, Mieteneinleger, Arbeiter zum Entfernen der angefaulten Eßwaren, zum Transport der Lebens- mittel, zur Verwaltung der Magazine, der Kantinen usw. Zum Bekleidungskommando zählten zwei Schustereien und einige Schneidereien, in denen Tag und Nacht Fachleute, Lehrlinge und Hilfs- 18 arbeiter Zinen so Kamerad deren m nannte, Die hörten i estohlene urch das aren und Brot ein. meraden, Wasser Vermitturden die terzogen. Manche itsstätten, eraden an were, langFlugzeugreparaturner Fernzerlegung ge Drähte rte Leute derten den ern, Lumd verpackt arbeiter tätig waren. In den Stoff-, Kleider-, Wäsche- und Schuhmagazinen sowie bei der Verteilung dieser Bekleidungsstücke fanden viele Kameraden leichte Arbeit und gute Gelegenheit, für sich und die anderen manches zu ,, organisieren", wie man das Wegstibitzen bei uns nannte. Die Neubauten von Häusern und Baracken sowie die Reparaturen hörten in einem so großen Lager nie auf. In den Sand- und Kiesn. erhalt und Und erst und etwa as bei uns Tagen der S- Schinder. the genug. r, Arbeiter er Lebensund einige und HilfsEssenträger 雅 gruben, bei der Zubereitung von Mörtel, beim Transport von Steinen, Holz, Eisen, wurde das Dichterwort zur Wahrheit: ,, Von der Stirne heiß, rinnen muß der Schweiß." Auch Maurer, Gipser, Zimmerleute, Dachdecker, Anstreicher, Elektriker, Schlosser fanden hier übergenug Arbeit. Bauen und Reparaturen waren in Dachau billig, da neben den Materialien nur das bißchen Kost als Arbeitslohn in Betracht kam. 19 Auch die Lagereinrichtungs- und Putzkommandos verschlangen viele Arbeitskräfte. Unsere Zigeuner traten morgens mit Besen, Schaufeln, Eimern und Schubkarren an, um die weiten Plätze und die vielen Straßen tipptopp sauber zu machen, dazu im Sommer durch Netzen die Staubplage zu beheben und im Winter den Schnee zu entfernen. Das Waschen der Handtücher, der Abwischtücher und der Unterwäsche, sowie das Desinfizieren der Decken und Kleider erforderten ein kleines Heer von Häftlingen, denen zum Reinigen, Trocknen und Bügeln hochmoderne Maschineneinrichtungen zur Verfügung standen. Im Lager bestand eine größere Bibliothek, eine Buchbinderei, eine Theaterabteilung, ja sogar eine Musikkapelle. Alle diese Einrichtungen erforderten Arbeitskräfte. Außerdem hatten wir Portiers, Nachtwächter, auch eine eigene Polizei und Feuerwehr. In Hundert arbeiter Sch rium vie Fas Moorex Die Büros fehlten ebenfalls nicht. Der Beamten, die selbst Häftlinge waren, liefen gar viele umher, ob überflüssig oder nicht, bleibt dahingestellt. Wenn tatsächlich alle diese Beamten die große, einzig richtige Lagerparole in der Dachauer Terminologie beobachteten: ,, Für die Häftlinge alles, für die SS aber Sch...!" da war kein einziger zu viel, da war jeder des Kameraden großer Nothelfer. Das Arbeitseinsatzbüro vermittelte die Kommandos, während das Lagerbüro den schriftlichen und mündlichen Verkehr zwischen den Häftlingen und der SS regelte, wie Anmeldung von Besuchen, von Verhören und von Strafandrohungen; es besorgte ferner die Statistiken, das Eintragen der Verstorbenen usw. Das politische Büro nahm die Personalien der Neuankömmlinge auf und unterhielt eine Kartothek über alle Häftlinge, mit ihrer Personalbeschreibung und dem Grund ihrer Inhaftierung. Die SS- Leute erhielten bekanntlich vom einfachen Soldaten bis zum höchsten General außergewöhnlich hohe Gehälter mit Zulagen und Abzügen. Die Regelung dieser Gehälter, die Zuwendungen an Unterstützungen, die Reklamationen, die Pensionsansprüche, die Geldentziehungen wegen Schuldenmachens, die Unterstützungen zugunsten der unehelichen SS- Kinder, die Reklamationen der SS- Frauen gegen ihre ungetreuen SS- Männer usw., wurden auf dem Besoldungsbüro gebucht, wo viele Kameraden, besonders Geistliche, arbeiteten. So bekamen wir einen interessanten Einblick in diesen Schwindel. 20 20 1943 je Mo vierräde Häftlin lenkten Drahts mußter Obglei Ein Un beinige traten Der So Mit ge drückt acht b zur W zum N noch wischt ihre N zusam Redef zu En brauch noch Schlim religio Elend 1. angen Besen, e und durch zu entnd der erforTrock- Vernderei, Einrichortiers, selbst r nicht, große, chteten: einziger Arbeitsuro den en und und von Intragen lien der e Häftnhaftieaten bis Zulagen ngen an die Geldugunsten en gegen ungsbüro ten. So In den Spitälern lagen manchmal vier- bis fünftausend Kranke. Hunderte von Kameraden waren hier als Portiers, Stubenpersonalarbeiter, auch als Pfleger, Apotheker und Ärzte angestellt. Schließlich verlangte auch der Bestattungsdienst am Krematorium viele Gefangene als Mitarbeiter. Fast alle Häftlinge fürchteten besonders die Kommandos des Moorexpreß, der Kiesgrube, des Schneeschippens, und vor dem Jahre 1943 jenes der Plantage. Motor und Pferdekraft waren für Häftlinge Luxusartikel. Schwere, vierräderige Wagen, Moorexpreß genannt, besorgten die Transporte. Häftlinge wurden an den Motorexpreß angespannt. Die Deichsel lenkten zwei Mann. An beiden Seiten des Wagens hingen drei oder vier Drahtseile mit Koppeln, an denen auch je zwei Arbeitssklaven ziehen mußten. Hinten am Wagen drückten vier bis sechs Kameraden nach. Obgleich der Moorexpreß sehr schwer war, ging alles stets im Galopp. Ein Untercapo, meist mit einem Stock in der Hand, trieb die zweibeinigen Pferde an. Bei Transporten außerhalb des Häftlingslagers traten noch bewaffnete SS- Posten mit Hunden als Begleiter hinzu Der Sommer brachte Hitze und Staub. Der Winter Schnee und Dreck. Mit gebeugten Rücken und eingezogenen Köpfen schoben, zogen und drückten diese menschlichen Zugtiere den Moorexpreß tagein, tagaus, acht bis zehn Stunden lang vom Lager zum Bahnhof, vom Bahnhof zur Werkstätte, von der Werkstätte zum Magazin, von der Kiesgrube ... Das waren kaum zum Neubau, von der Küche in die Baracken. noch Menschen, die da am Wagen zogen, eher Maschinen. Selten wischte sich einer den Schweiß von der Stirne, nur wenige putzten ihre Nase..... Alle sahen verbittert aus. Wütend bissen sie die Zähne zusammen. Die Glieder zitterten vor Müdigkeit und Hunger. Der Redefluß stockte. Die moralische Widerstandskraft war bei vielen zu Ende. Langsam aber sicher versanken diese als Zugtiere miẞbrauchten, meist hochgebildeten Männer in schwarzen Tiefsinn. Nur noch der Gedanke an den Herrgott hat unsere Geistlichen vor dem Schlimmsten bewahrt. Wenn aber arme Moorexpreßschieber ohne religiösen Halt durch Selbstmord diesem aussichtslosen, untragbaren Elend ein Ende machten, fiel die furchtbare Verantwortung in erster 21 Linie auf die Nazi-Menschenquäler. Mein luxemburgischer Priester- Kollege Dr. Bernard war auch lange Moorexpreßzugtierersatz. Er schreibt in seinen Memoiren unter anderem:„Mein erster Tag beim Transportkommando„Präzifix.““ Es ist der 19. März 1941, das Fest des hl. Joseph. Zu ihm bete ich, während wir mit dem Wagen zum Tor hinausrollen. Ich habe meinen Platz an der rechten Wagenseite und teile die Koppel mit einem jungen polnischen Pfarrer aus Warschau. Wir sind von derselben Größe und Kraft, was beim Koppelziehen wichtig ist. Er spricht etwas französisch, und so können wir uns fein unterhalten, unter den Augen des Capo und der Posten. Auf der ebenen Straße läuft der Wagen ziemlich leicht. Bald aber schmerzen die Füße. Sie sind vom Barfußlaufen und vom Wasser unförmig angeschwollen und sind dazu die schweren, steifen Schuhe nicht ge- wohnt. Bis zum Abend werden wir wohl keine Haut mehr an den Füßen haben. Und doch ist es eine Erleichterung, daß man nicht, wie mit den Pantinen, bei jedem Schritt die Zehen verkrampfen muß, um die Bretter nicht zu verlieren. Es ist Tauwetter. Wohl ist die Mitte der Straße schneefrei, aber die seitlichen„Zugpferde‘ waten am Rand der Straße durch schmelzenden Schnee im Wasser. Wir sprechen wenig. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Ob man durchhalten wird? Und wieviel wird es zu essen geben?.... Nach kaum einer Stunde werden wir zusammengepfiffen. Wir sollen zur Bahn. Und was fahren wir zur Bahn?— Ein Paket Schrauben, so groß wie zwei Zigarrenkisten. In unserer Unschuld fragen wir uns, weshalb denn dafür 18 Mann plus drei Posten, plus 5-Tonnen-Lastkraftwagen zum Bahnhof müssen. Wir wissen noch nicht, daß Häftlinge, Posten und Wagen sich niemals voneinander trennen dürfen. Das ist oberstes Gesetz aller Außen- kommandos.... So ziehen wir denn den schweren Wagen mit dem Päckchen durch den Schlammweg zum Bahnhof hin und wieder zurück. Allmählich gewöhnt man sich das Denken ab.“ Die Kiesgrube galt als eines der schlimmsten Kommandos. Hier standen an den vier Ecken SS-Lausbuben mit umgehängtem Gewehr. Ein paar eigens auf die Häftlingsuniform abgerichtete Hunde rannten bellend umher. Der Capo rückte mit seinem ‚Verein‘ heran, vor 1942 meist mit Juden und Pfarrern. Von weitem hörte man schon, wie die Arbeitssklaven-gezwungenermaßen Lieder brüllten. Kaum in der 22 Grube pfaffe ist eit Schne grube den K Draht Dutze Grup Wage Sun Schau du sch gesch steigt zeige Taden Schau Bück, läßt( dem( Stun dies 1 in die gesur Hore „Wer gut, fortg, esterz. Er beim Fest Tor e und schau. ziehen us fein f der merzen Förmig ht gem den nt, wie B, um tte der nd der wenig. ? Und werden ren wir kisten. Mann üssen. iemals Außenit dem wieder s. Hier Gewehr. rannten or 1942 On, wie in der Grube angelangt, wurden sie angefeuert: ,, Tempo, Tempo, ihr Saupfaffen, ihr Dreckjuden!" Die Vierbeiner bellten jetzt noch lauter. Es ist ein heißer Sommertag, doch morgens um sieben Uhr geht es noch. Schnell werden die Kleider auf einen Haufen hingeworfen. Das Kiesgrubenkommando verteilt sich in vier Gruppen. Pickelträger hauen den Kies aus dem Boden. Andere Kameraden schaufeln ihn gegen ein Drahtgeflecht, um den Sand von dem groben Kies zu trennen. Ein Dutzend Inhaftierte rollen einen schweren Wagen heran. Die vierte Gruppe wirft nun mit breiten Schaufeln Sand oder Kies auf diesen Wagen. Während der Arbeit hört man immer wieder das Geschrei der SS und des Capo: ,, Tempo, Tempo, schneller- schneller- los, pickeln, schaufeln, aufladen, ihr faulen Hunde.... Komm du mal hierher und du scher dich dorthin...." Wie um die Wette wird drauflos gepickelt, geschaufelt, aufgeladen, ohne Rast und ohne Ruhe.... Die Sonne steigt immer höher. Der Schweiß rinnt von der Stirne. Blasen zeigen sich auf den Handflächen. Die Finger bluten. Vielen Kameraden schmerzt die aufgerissene Haut an dem Oberschenkel, wo die Schaufel immer wieder ansetzt. Das Rückkreuz wird vom' langen Bücken steif. Da streckt sich ein Häftling aus und stöhnt. Ein anderer läßt die Schaufel etwas ruhen. Flugs bekommen sie einen Schlag mit dem Gewehrkolben in die Rippen oder einen Fußtritt.... An die zwei Stunden dauert diese Schinderarbeit, fast ohne Unterbrechung, und dies noch mit leerem Magen. Um zwölf Uhr geht der Marsch zurück in die Bude, wo man das armselige Essen einnimmt. Unterwegs muß gesungen werden. Um ein Uhr im Schnellschritt wieder zur Kiesgrube. Horch! was singen sie jetzt auf besonderen Befehl der SS- Drillmeister? Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's nochmal so gut...." Und nachmittags wird dieselbe Arbeit bis sechs Uhr fortgesetzt. دو Im Winter war das Schneekommando der Schrecken aller uneingeteilten Häftlinge. Dachau liegt unweit der Alpen, fast sechshundert Meter über dem Meeresspiegel. Der Winter ist sehr hart. Oftmals fiel von Ende November bis in den April hinein reichlich Schnee. Die SS duldete innerhalb des Lagers keinen Schnee. Wenn die Flocken tagsüber vom Himmel fielen, mußten sie sofort von allen 23 Plätzen und aus allen Straßen verschwinden. Nur morgens beim Aufstehen lag manchmal die Schneedecke zwanzig bis fünfzig Zentimeter hoch. Da sprang das Schneekommando ein, das sich in den Jahren 1940 bis 1942 ausschließlich aus Geistlichen zusammensetzte, über tausend Mann stark, jung und alt. Schaufeln und Bretter, die an Holzstangen angenagelt waren, scharrten die Schneemassen zu mächtigen Haufen zusammen. Kleine Schubkarren und große Plattwagen brachten den Schnee zum Wurmbach. Wenn die Karren nicht langten, wurde der Schnee auf Tischplatten geschippt, die je vier Mann auf den Schultern tragen mußten. Während acht Stunden des Tages war das Schneekommando auf den Beinen. Wie immer vollzog sich alles im Laufschritt. ,, Tempo, Tempo!", hörte man den ganzen Tag herumbrüllen. SS- Strolche und Capos standen oder liefen hinter den Geistlichen her und schlugen mit Stöcken drauflos. Unflätige Schimpfwörter und zweideutige Redensarten regneten nur so auf die armen Schneeschipper nieder. Manch alter Pfarrer rutschte beim Schneetragen aus und fiel zu Boden. Selbst die Jungen keuchten unter der schweren Last der hochbeladenen Tischplatten. Es brauchte nur einer zu stürzen, dann kippte die Platte um. Nun gabs Peitschenhiebe und Fußtritte. Die schwere und ungewohnte Arbeit trieb den Schweiß aus den Poren. Nicht wenige Pfarrer blieben bewußtlos am Boden liegen und holten sich eine Lungenentzündung. In dem Block hatte niemand Kleider zum Wechseln oder Gelegenheit zum Trocknen. Gew ten u Plan meis fünf frisc Innerhalb und außerhalb des Häftlingslagers breiteten sich viele Gärten aus. Der größte Garten trug den Namen Plantage. Sie war eine riesige, viereckige Anbaufläche von ungefähr fünfhundert Meter Seitenlänge, die dem Dachauer Moorboden um den Preis unzähliger Menschenleben abgerungen wurde. Wege und Entwässerungsgräben durchzogen die fruchtbare Ackerschicht. Die Plantage diente besonders zum Anbau medizinischer Pflanzen. Zur Urbarmachung des Moorbodens zog man von 1940 bis 1943 besonders Juden und Geistliche heran, die zu Hunderten dahinstarben. Die Plantage ist so im wahren Sinne des Wortes mit Menschenschweiß und Menschenblut gedüngt. Während der guten Jahreszeit waren hier etwa eintausenddreihundert Inhaftierte beschäftigt. Im Winter etwa vier- bis achthundert. Die letzteren bemühten sich um die Sämlinge in den 24 häus liche Man schä und Grad zend Kör tete kein und Dies und Akti Priv ZWÖ SS30 P geh in e schi ling Astr auch Häf war m Auftimeter Jahren e, über die an mächtwagen angten, nn auf es war ch alles herumGeistchimpfarmen Schneenter der ur einer ebe und weiß aus n liegen niemand ch viele Sie war t Meter zähliger sgräben nte bedes ung d Geistst so im chenblut tausendbis achtin den Gewächshäusern, während die ersteren unzählige Teesorten pflanzten und pflegten. Auch Gemüse für die Lagerbewohner wurde in der Plantage gezogen. Selbst die Blumen fehlten nicht, wenn sie auch meistens der Medizin dienen mußten. So pflegten die Häftlinge allein fünf Hektar Schwertlilien um ihres Vitamingehaltes willen. Zur Frühjahrs- und Sommerzeit hätte die Plantage mit ihrem frischen Grün, ihren lachenden Blumen und den freundlichen Landhäusern dem Auge ein begeisterndes Bild dargeboten, wenn die häßliche Sklavenarbeit nicht gewesen wäre. Pfarrer wurden an die Pflüge und Eggen gespannt, und sechs Mann zogen die schwere Last stumpfsinnig dahin. Mühselige Beschäftigungen waren auch das Wasserschleppen bei der Trockenheit und das Teesammeln sowie das Trocknen der Teepflanzen bei siebzig Grad Hitze. Beim Mahlen der Körner gab es viel Staub, der schmerzend in die Haut und in die Augen drang und jede Sauberhaltung des Körpers und der Kleider unmöglich machte. Dazu quälte und entkräftete der Hunger. Da die Häftlinge von 1940 bis 1942 auf der Plantage keine Brotzeit bekamen, klauten sie wo es nur ging, besonders Gemüse und Beeren, obwohl zahlreiche SS- Leute und Capos herumschlichen. Diese leibhaftigen Satane kommandierten und schrieen, gestikulierten und trieben an, schimpften und hauten drein. Die Plantage war Eigentum einer Gesellschaft, in der die SS Aktien besaß. Für die Tagesarbeit eines Häftlings, der in anderen Privatbetrieben arbeitete, mußten mindestens zwei Mark für eine zwölfstündige Schicht an das Lager bezahlt werden. Zu Lasten der SS- Plantage- Gesellschaft wurden jedoch für jeden Häftling pro Tag nur 30 Pfennige gebucht. Volksgemeinschaft mit gleichen Rechten für alle gehörte auch zur großangelegten Schwindelpropaganda. Die SS füllte in erster Linie ihre Taschen. Einige Capos spielten als Kameradenschinder eine traurige Rolle. Gottlob fehlten auch die edlen Mithäftlinge nicht, wie zum Beispiel Capo Johann Janick, früher Professor der Astronomie in Wien, und der edle Plantageschreiber Kaplan Rieser, auch ein Österreicher. Ein schlechtes Andenken hinterließen die Frauen der SS, die den Häftlingen bei jeder Begegnung haẞerfüllte Blicke zuwarfen. Leider waren sogar ihre Kinder verhetzt, sodaß sie die armen Gefangenen mit 25 25 einer Flut häßlicher Schimpfwörter überschütteten. Um so enger schlossen sich aber die Kameraden aneinander an. Die schlimmen. Elemente wurden ausgebootet, und die anderen liebten sich wie Brüder, selbstlos und herzlich, wobei Nation, Weltanschauung oder politische Richtung keine Rolle spielten. Das Unglück schmiedete die Menschen wie Eisen und Stahl zusammen. Alle Häftlinge, die zur Arbeit herangezogen waren, standen auf der Liste der ,, Eingeteilten", die übrigen gehörten zu den Uneingeteilten. Man trennte letztere in vier Gruppen: Nr. 1 und 2, noch einigermaßen kräftige Leute, wurden für Arbeiten zugunsten wehrwichtiger Betriebe vorgesehen. Die Gruppe Nr. 3 hatte Aussicht, im Lagerdienst eine Stelle zu bekommen; Nr. 4 waren bedauernswerte Krüppel, Sieche, Kranke, die man für das ,, Himmelfahrtskommando" vorsah. Solche unnötigen Esser hatten bei den Nazis kein Recht mehr auf Lebensexistenz. Jeden Morgen traten die Häftlinge zum Appell an. Nach der Abzählung verteilten sich die verschiedenen Kommandos in Sondergruppen um ihren Capo. Dieser meldete auf dem Arbeitseinsatzbüro die Zahl der Angetretenen. Die Küche wurde benachrichtigt, für jeden der Angetretenen ein Stück Brot mit etwas Wurst oder Ersatzbutter bereit zu halten. Diese ,, Brotzeit" galt als die Hauptsache des Kommandos. Besonders fleißige Arbeiter bekamen auch eine Prämie von fünfzig Pfennig bis zu drei Mark im Monat, mit denen sie in der Kantine Waren kaufen konnten. Die Uneingeteilten mußten tagsüber auf dem Block bleiben und erlebten Schikanen aller Art, um ihre Überflüssigkeit stets vor Augen zu haben. Sie erhielten auch keine Brotzeit, bekamen weniger und schlechtere Suppen als die andern und zitterten beständig vor dem schauderhaften Befehl: ,, Alle Uneingeteilten antreten!" Stundenlang mußten dann diese armen Kameraden nackt auf dem Appellplatz oder im Baderaum stehen, wurden immer wieder untersucht, schließlich zum Teil in andere Vernichtungslager verschickt. erleb zeug unter schri haber Welt ders beso Schi Mich müss Kam WO S erlitt stand Gebo ließ hielt habe ihren teten Stra melt wurd seres Ein dicke 26 ger men wie oder dete auf ngegeriger enst pel, sah. auf der derSüro für Satzache eine enen und ugen und dem lang oder Blich V. Grausame Behandlung der Häftlinge besonders in den Jahren 1933 bis 1943 1. Von Seiten der SS Obwohl ich persönlich nachfolgende Bestialität nicht selbst miterlebt habe, bürge ich für deren volle Wahrheit. Viele ernste Augenzeugen haben mir diese Berichte gegeben, die übrigens vor Gericht unter Eid und auch in bereits gedruckten Memoiren mit Namensunterschrift des Autors bestätigt worden sind. Auch aus anderen Lagern haben Häftlinge genau dasselbe, Ähnliches und noch Schlimmeres der Welt bekanntgegeben. Ohne Zweifel wurden SS- Wärter und besonders die Gestapo der K. Z. zur Vollbringung solcher Schandtaten in besonderen Kursen herangebildet, sonst könnte man die gleichmäßigen Schindermethoden, die in allen Lagern zutage traten, kaum erklären. Mich schaudert, solche nervenzerrüttenden Einzelheiten bringen zu müssen. Doch der Wahrheit die Ehre! Der Hunger, sowie die dürftige Bekleidung, trieben manchen Kameraden zum Diebstahl. Auch ich klaute für andere und für mich, wo sich nur Gelegenheit dazu bot, waren wir ja ungerecht eingesperrt, erlitten wir ja ohne Verschulden die entsetzlichste Not, ja, unser Leben stand auf dem Spiel. Recht treu beobachteten wir daher das elfte Gebot, uns nicht erwischen zu lassen. Wurde aber einer ertappt, so ließ ihn die SS früher auf einer Bahre im Lager herumtragen. Dabei hielt der Kamerad ein Schild in den Händen mit der Inschrift: ,, Ich habe gestohlen." Später stellte man jene, die erwischt wurden, in ihren Blockstraßen auf einen Schemel. Auf der am Leibe angehefteten Tafel war zu lesen: ,, Ich bin ein Dieb." Harte körperliche Strafen folgten immer, manchmal sogar das Aufknüpfen vor versammelter Mannschaft. Wer nach miẞglücktem Fluchtversuch ins Lager zurückgebracht wurde, stand achtundvierzig Stunden lang am Eingangstor( Nr. 7 unseres Planes). Auf dem Brustschild las man: ,, Ich bin wieder da." Ein solcher Sträfling bekam meistens für die Dauer der Haft einen dicken roten Punkt unter die Häftlingsnummer und auf den Rücken. 27 Fluchtverdächtige schmachteten obendrein monatelang in der Strafkompagnie. In den Jahren 1933 bis 1942 endeten solche unglückliche Leidensgenossen fast immer durch den Strang. - Die SS- Leute erfanden auch allerhand vergnügliche Schauspiele: Mithäftlinge, die seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hatten, mußten antreten. Man warf Brot, auch Käse und Wurst auf den Boden. Befehl: ,, Auf allen Vieren, wie Schweine, zu den hingeworfenen Speisen kriechen und mit dem Mund vom Boden auffressen." Alle gehorchten, zitternd vor Angst. Ein SS- Mann rief: ,, Herkommen, ihr Säue! Grunzt jetzt wie die Borstentiere!" Es geschah. ,, Kommt hergekrochen, natürlich auf allen Vieren, und freẞt mir aus der Hand!" Auch dies geschah. Und die verrückten SS- Leute wollten sich über die Komödie halbtot lachen. Aber auch richtige Tragödien ließen sich diese Ausgeburten der Hölle vorführen: Der Blockschreiber bestellte fünfzehn Mann zum Lagerbüro. Dort empfingen sie die beglückende Nachricht, sie seien entlassen. Welch eine Freude! Pakete wurden geschnürt, Aufträge von Kameraden für deren Angehörige entgegengenommen. Auch einige Tränenreicher Abschied von den Zurückgebliebenen. neidische Gesichter. Glückstrahlend eilten die Entlassenen zu den verschiedenen Büros, erhielten ihre Zivilkleider und ihr Geld. Nun standen sie am Tor, das zur Stadt führte. Noch einen Blick zurück in das verhaẞte Lager, dann heim zu Frau und Kind. Nach einer: Weile führten einige SS- Männer die fünfzehn Mann in ein halbdunkles Zimmer, prügelten die Enttäuschten weidlich durch, trieben sie ins Lager zurück und weideten sich großartig an den niedergeschmetterten Mienen der Betrogenen. Minu versc ernst mit Ein Kamerad erzählte, wie die grausamen SS- Leute ,, Katze und Maus" mit ihm gespielt haben: Ich war im Strafbunker. Der SS- Wachtposten sagte mir am Abend vor dem Schlafengehen: ,, Morgen früh wirst du um vier Uhr erschossen." Welch eine Schreckensnacht! Gegen vier Uhr schleppten mich am anderen Morgen die Schurken in einen Raum und stellten mich mit dem Gesicht gegen die Wand. Sie hantierten geräuschvoll an den Gewehren herum. Ich wartete klopfenden Herzens auf die Schüsse. Plötzlich verließen alle den Raum, kehrten nach einer Weile zurück und wiederholten mit noch größerem Lärm die Vorbereitungen zum Erschießen. Ich war zum Sterben bereit. Nach ein paar 28 Wied umst mein Es f emp tot! wahr ersch Man rech Man halt dem Arm hüpf Stun ware am Die dam sich dies Ma Häf war und Arm bis hun Minuten riefen sie lachend:„Die Hinrichtung wird um eine Stunde verschoben.‘ Um fünf Uhr holten sie mich wieder. Diesmal schien es ernst zu werden, denn sie fragten mich in einem Ton, als ob sie Mitleid mit mir hätten:„Hast du noch einen letzten Wunsch?‘“—„Nein!“ Wieder stand ich an der Wand, wiederum wurden die Gewehre recht umständlich entsichert. Jemand kommandierte laut:„Legt an!“"Durch mein Gehirn zuckte das Wort:„Feuer! Arme Frau, arme Kinder!‘ Es fiel ein Schuß. Entsetzt sarık ich zu Boden und wurde wieder emporgerissen. Genau so erging es mir um sechs Uhr.„Schießt mich tot! Schießt mich tot!“ flehte ich die Unmenschen an.„Ich werde. wahnsinnig!“ Die Unholde lachten nur und meinten zynisch:„Später erschießen wir dich mit Dreck, denn du bist die Kugel nicht wert....“ Eine andere Szene beim Strafexerzieren auf dem Appellplatz. Zehn Mann stehen zitternd vor einem SS-Kommandoruf:„Marsch, rechtsum.. linksum.. halt... marsch. Laufschritt.„schneller!” Der SS- Mann fuhr auf einem Fahrrad nach und teilte Hiebe aus.„Schneller... halt... niederlegen... auf, zehnmal nacheinander.., Mit Bauch auf dem Boden rutschen! Auf... Laufschritt... rechtsum.., linksum,.,. Arme streckt... aufschließen... niederlegen... aufspringen ,., hüpfen...! Zehnmal Kniebeugung...!“ Die Hetzerei dauerte eine Stunde. Heiße Schweißtropfen perlten von der Stirne. Die Kleider waren durchnäßt. Kaum vermochten die armen Leute noch zu atmen. Ein Sonntagsvergnügen der SS. Lagerinsassen wurden gezwungen, am Gräberbach, wo ein Eimer mit Abort stand, nackt anzutreten. Die Kameraden mußten mit den Händen den Kot fassen und sich damit das Gesicht und den Körper einreiben, in den Bach springen, sich waschen, sich wieder beschmieren, sich abermals waschen und) dies, zum Ergötzen der boshaften Zuschauer, eine Stunde lang. Zur Illustrierung der geradezu teuflisch ausgedachten körperlichen Martern dienen noch einige Beispiele. Zwei SS-Männer packten einen Häftling an, zogen ihm mit festen Griffen das Gesicht nach unten und warfen ihm eine Decke über den Kopf. Die SS-Henker standen links und rechts und schlugen mit dicken Stöcken im Takt auf das Gesäß des Ärmsten los. Einer der Prügelhunde zählte dabei laut: eins... zwei... bis auf 50. Für ein geringfügiges Vergehen schlug man nicht selten hundertmal mit einem Gummiknüppel auf die Fußsohlen. 29 - Nackt stand ein Häftling vor seinen Peinigern. Diese tupften mit allerlei Witzeleien ihre brennenden Zigaretten und Zigarren auf die bloße Haut des gequälten Menschen. Oft warf man auch die Gefangenen auf den Boden und trampelte mit den Füßen auf deren Leib herum, manchmal so lange, bis der Tod eintrat.- Oft stießen die SS- Unmenschen mit geballter Faust den Häftlingen in die Magengrube. Der Mißhandelte fiel dann kopfüber aufs Gesicht. Nicht selten hörten wir von folgender ekelerregenden Miẞhandlung. Erster Befehl: ,, Im Laufschritt antreten!" Im Vorbeigehen gibts schon reichlich Fußtritte. Zweiter Befehl: ,, In zwei Reihen antreten, Gesichter einander zukehren! Stillgestanden! Haut euch gegenseitig in die Fresse." Keiner tat es. ,, Wirds bald?" Niemand rührt sich. Statt die Kameradschaftlichkeit gebührend anzuerkennen, stoßen die wüsten Kerle je zwei Kameraden gegeneinander, so daß die Köpfe blutig aufeinander prallen. Dann schreiten die Henkersknechte durch die Reihen und schlagen den Gefangenen mit der Faust ins Gesicht. ,, Hättet ihr euch selbst geschlagen, wäret ihr besser davon gekommen", meinte einer mit frechem Hohn. Neuer Befehl: ,, Wieder in zwei Reihen mit Gesichtern gegeneinander aufstellen. Einer spucke dem andern ins Antlitz!" Kein Mensch gehorcht. Die Pistolen werden entsichert. ,, Zum letztenmal befehle ich, euch gegenseitig anzuspucken..." Nun bespeien sich einige, aber kaum bemerkbar. Da treten die SS- Schweine vor und schleudern den Häftlingen dicke Fladen Spuck ins Gesicht. Gegenseitig müssen sich nun die Kameraden sauberlecken.- Manchmal wurden arme Häftlinge mit Kolbenschlägen oder mit Hunden gegen den Stacheldraht getrieben. Es hatte so den Anschein, als ob sie fliehen würden. Wenn die Unglücklichen am Draht angekommen waren, wurden sie vom Wachtturm aus niedergeknallt. Im Rapport hieß es dann: ,, Auf der Flucht erschossen." Vie Häf bis sch mit hat Qu ein Mu geb So Ar sch ihr lad Ka Ko abe hö cie En Un älte ger sie die Sch 2. Von Seiten des Personals Das Häftlingslos war vor September 1942 in Dachau derart unmenschlich, daß nicht einmal das Sklavenlos des Altertums damit verglichen werden kann. Aber auch nach diesem Datum wurden die Inhaftierten oftmals schlimmer und herzloser behandelt als ein Stück 30 gle sto er Me Ob mit f die GeLeib Häftaufs Mißehen angensich. die öpfe durch sicht. nen", eihen dern chert. Nun weine sicht. anchanden als ob mmen pport sonals rt undamit en die Stück Vieh. Leider sind nicht wenige dieser Greueltaten auf das Konto der Häftlinge selbst zu setzen. Das Personal lieferte vom Lagerältesten bis zum ganz kleinen Capo- Stellvertreter nur allzuviele Gefangenenschinder. Sie waren vielfach mit dicken Bäuchen ausstaffiert, die sie mit Nahrungsmitteln anfüllten, welche sie ihren Kameraden abgetrotzt hatten. Mit tölpelhaftem Ungeschick und aus Sucht nach tierischen Quälereien erteilten sie stramme Befehle, während sie selbst kaum eine Autorität anerkannten. Diesem erbärmlichen Pack, mit Stroh im Gehirn, aber mit losem Mundwerk, mußten sich Hunderte von Gefangenen rettungslos preisgeben und vor deren Launen und Grausamkeiten ängstlich zittern. Gerne stellte man raffinierte frühere Wilddiebe als Jagdhüter an. So wählte die SS vor 1942 meist nur Gesindel als Personal und Capos. Arbeitseinsatzbüro und Lagerschreibstube waren nicht immer unschuldig an den Beförderungen. Die SS suchte die Verantwortung für ihre Verbrechen möglichst auf die Schultern der Internierten abzuladen. Zeigten sich diese Vorgesetzten im Häftlingszebrakleid ihren Kameraden gegenüber gut, wurden sie abgesetzt, bekamen schlechte Kommandos und wurden auch in andere Lager verschickt. Je gemeiner aber diese Häftlingschefs gegen ihre Mitinternierten vorgingen, um so höher stieg ihr Ansehen bei den SS- Leuten, um so schneller avancierten sie, und um so mehr ließ man die Hoffnung auf ihre baldige Entlassung anschwellen. Wir hatten im Lager etwa hundertfünfzig Capos, ebensoviele Untercapos, dazu für jeden Block einen Blockältesten, vier Stubenälteste, obendrein noch andere Kalfakter, allerhand Geschmeiß, das gerne faulenzte und den großen Herrn spielte. Alle hier Revue passieren zu lassen, geht nicht. Es ist nur Rede von bestimmten Typen, die mir persönlich bekannt sind. Andere waren noch zehn und hundert Schuh schlimmer als jene, die nun vor dem Auge des Lesers vorbeigleiten. Ich lernte im Jahre 1943 den Armenier Menzarian kennen, einen abstoßenden Menschen, von uns Ferkelstecher genannt. Wie schmeichelte er den SS- Leuten, wie denunzierte er seine Kameraden heuchlerisch! Menzarian war Stubenältester, Blockältester, ja sogar Lagerältester. Obgleich die Amerikaner schon vor der Türe standen, nahmen die 31 Mißhandlungen von seiten des Armeniers solche Formen an, daß sie allgemeine Entrüstung auslösten. Man warf ihm viele Mordtaten vor. Ich war selbst Zeuge, wie er einen armen Kameraden blutig schlug. Kaum waren wir erlöst, da wurde dieser im Lager bestgehaẞte Mensch von den Häftlingen weidlich verprügelt, schon am ersten Tage von den Amerikanern zum Tode verurteilt und sofort erschossen.- Der rechte Arm des unheimlichen Lagerältesten war die Lagerpolizei mit ihrem Capo Wernecke, lauter Häftlinge. Ich sah öfters, wie diese Polizei hungernden Kameraden, die aus leeren Suppeneimern den Rest mit den Fingern ableckten, auf den Kopf, ja ins Gesicht schlugen. Als ein Pfarrer um Nachsicht bat, bekam er Faustschläge ins Gesicht und wurde noch von den SS- Leuten hart bestraft. Was Wernecke an Miẞhandlungen vollbrachte, geht auf keine Kuhhaut. Arme Juden sind von ihm halbtot und auch tot geschlagen worden. Die amerikanische Polizei fand bei ihm Gold und Edelsteine, die den gemordeten Juden weggeraubt waren. Wernecke wurde am 29. April 1945 von den Amerikanern zum Tode verurteilt und sofort erschossen. Reg and Gei und Häf brü sod Zah stö Seh Gei To De lich Aus Die Geistlichen in Dachau 1. Zahlenmäßige Zusammenstellung Dachau galt von 1933 bis 1940 fast ausschließlich als Umschulungslager für Kommunisten und Sozialisten. Erst nach Ausbruch des Krieges traf Anfang 1940 der erste reichsdeutsche katholische Geistliche in Dachau ein. Es war mein langjähriger Leidensgenosse Fritz Seitz, Pfarrer des Bistums Speyer. Ihm folgten nun rasch viele Amtsbrüder. In der Presse und im Radio wurde die Zahl der Geistlichen, die dort schmachteten, oftmals unrichtig angegeben. Dies ist leicht begreiflich, da die Gestapo den Begriff ,, Geistlicher" willkürlich gebrauchte. In der Regel galten für die Lagerleitung Pfarrer, Mönche und tonsurierte Theologiestudenten als Geistliche. Klosterbrüder wurden nicht als solche betrachtet. Die Gestapo ordnete aber auch manchmal umgekehrt an, daß Priester nicht als Geistliche behandelt werden durften. Bei Reichsdeutschen galt dies als Ausnahme, als 32 Jah Rei 16 lich fan lich wa Sta Blo me lich Da dru Da sin 3 Z sie au ngs" des eist- Fritz mis hen, eicht lich nche jider auch „delt ‚als Regel aber bei den Polen, die meist schlechter behandelt wurden als andere Mitgefangene. Aus diesem Grunde hielten oftmals polnische Geistliche gar nicht darauf, in dem Pfarrerblock Aufnahme zu finden und zählten deshalb amtlich nicht als Geistliche. Die katholischen Häftlingsbeamten der Büros schmuggelten aber auch viele Kloster- brüder und nichttonsurierte Seminaristen in den Pfarrerblock hinein, sodaß sie als Geistliche geführt wurden. Die mathematisch genaue Zahl der Dachauer Geistlichen kann daher nicht angegeben werden. Da ich auf den verschiedenen Büros die Kartotheken durch- stöberte, bin ich in der Lage, annähernd sichere Angaben zu machen. Sehen wir uns zuerst die offizielle Statistik an, danach.die Zahl der Geistlichen, die in den Pfarrerblocks wohnten, ob sie nun Priester, Tonsurierte oder Laienbrüder waren. Bis Ende 1939 waren Geistliche namentlich nicht gebucht. Im Dezember 1940 kamen 79 reichsdeutsche und 874 ausländische Geist- liche in die Pfarrerblocks. Im Jahre 1941 161 Reichsdeutsche und 619 Ausländer. Im Jahre 1942 113 Reichsdeutsche und 230 Ausländer. Im Jahre 1943 53 Reichsdeutsche und 83 Ausländer. Im Jahre 1944 44 Reichsdeutsche und 203 Ausländer. Schließlich im Jahre 1945 noch 16 Reichsdeutsche und 65 Ausländer. Demnach im Ganzen 2540 Geist- liche, unter denen sich 466 Reichsdeutsche und 2074 Ausländer be- fanden. Für diese Zeit buchte das Lagerbüro 604 verstorbene Geist- liche, darunter 77 Reichsdeutsche und 527 Ausländer. Als entlassen waren 288, und in andere Lager umgestellt 526 angegeben. Nach dieser Statistik lebten am Tage der Befreiung noch 1122 Geistliche in den Blocks Nr. 26 und 28. Alle diese amtlichen Ziffern sind zu niedrig gegriffen. Nach meiner möglichst genauen Berechnung waren etwas über 3000 Geist- liche im Lager. Seit unserer Befreiung wurden verschiedene Artikel über die Dachauer Geistlichen in Zeitschriften veröffentlicht. Nach diesen ge- druckten Angaben kommen wir ebenfalls auf diese Zahl. Pius XII. gibt 2800 an. Nach den Worten des HI. Vaters sind in Dachau 2000 Geistliche gestorben. Im Monat April 1945 wurden viele Confratres entlassen, einige sind auch gestorben. Jedenfalls lebten am 8. April 1945 genau 1352 3 Zeugen des Abendlandes 39 geistliche Mitbrüder in unseren beiden Pfarrerblocks. Sie gehörten 26 verschiedenen Nationen an. Unter uns waren 782 Polen, 202 Reichsdeutsche, 160 Franzosen, 69 Tschechen, 33 Belgier, 36 Holländer, 31 Italiener und die übrigen aus 19 verschiedenen anderen Nationen. Nur 62 dieser Geistlichen gehörten nicht zur katholischen Kirche. 980 Weltpriester vertraten 143 verschiedene Bistümer. 56 aus Frankreich, 33 aus Deutschland, 20 aus Polen, 5 aus Belgien, 5 aus Holland, 12 aus Italien, 6 aus der Tschechei, 2 aus Slovenien, 1 aus Kroatien, 1 aus Rumänien und schließlich die Bistümer Luxemburg und Wilna. Zu 44 verschiedenen Orden bezw. Kongregationen gehörten 162 Ordenspriester und 40 Ordensbrüder. Es waren 108 Kameraden als Seminaristen eingetragen. Die 160 eingeschriebenen französischen Geistlichen setzen sich aus 95 Pfarrern, 17 Ordenspriestern und 48 Seminaristen, bezw. Ordensbrüdern, zusammen. Vom höheren Klerus schmachteten in Dachau Msgr. Piguet Gabriel, Bischof von Clermont, Benediktinerabt Hondet und dessen Prior Jeannatey, aus der Abtei Belloc im Bistum Bayonne, sowie der Generalvikar Daguzan aus Bayonne. Leider sind zwölf unserer französischen Mitbrüder gestorben. Die Nazis haßten alle Geistlichen, besonders aber unsere polnischen Mitbrüder. Im Ganzen waren 1646 polnische Geistliche in Dachau, darunter 323 Ordenspriester. Genau 846 Confratres vom polnischen Klerus sind gestorben, darunter ihr Weihbischof Michael Kocchal. Der älteste katholische Priester Pujdo, Pfarrer aus Wilna, war 81 Jahre alt, als ihn die Amerikaner befreiten. Unter den orthodoxen Geistlichen zählten wir einen Patriarchen, einen Erzbischof, einen Bischof und den Generalvikaf von Athen. Der bekannte protestantische Pfarrer Niemöller war in Sachsenhausen und in Dachau lange Jahre hindurch der persönliche Häftling Hitlers. " V K d d d b น P 0 H t I Z b S V S K k 2. Schikanierungen und Quälereien Die Geistlichen erlebten von 1940 bis 1943 demütigende Schikanen und unsagbare körperliche Quälereien. 34 A n 26 ichs- ıder, nen. alls aus aus burg ge Ka- ‚chef; ‚then. ausen itlers- geje? kanel Pius XII. hielt am 2. Juni 1945 in Rom eine Ansprache über das „satanische Gespenst des Nationalsozialismus‘, das er mit harten Worten geißelte, wußte ja der Papst, wie dieses höllische Untier gerade die Geistlichen unmenschlich gemartert hat. Pius XII. sagte unter anderem in seiner Ansprache:„Aus den Gefängnissen, aus den Konzentrationslagern und aus den Zuchthäusern strömen jetzt mit den politischen Gefangenen auch die Scharen von Priestern und Laien, deren einziges Vergehen in der Treue zu Christus und zum Glauben der Väter oder in der mutigen Erfüllung der priesterlichen Pflichten bestand.... Angaben sind uns reichlich zugegangen von Priestern und Laien, die als Inhaftierte im Lager Dachau gewürdigt wurden, um Jesu Namen willen Schmach zu leiden.... Viele von diesen Priestern und Laien haben um ihres Glaubens und ihres Berufes willen unsägliche Leiden erduldet. In einem Falle ging der Haß der Gottlosen gegen Christus so weit, daß sie an: einem internierten Priester mit Stacheldraht die Geißelung und Dornenkrönung unseres Herrn nachgeäfft haben...‘“ Soweit der Papst. Ich möchte nur einige typische Beispiele über Priesterschindereien angeben. Papst Pius XII. redet von einer Dornenkrönung. Diese wurde in Dachau an dem österreichischen Kaplan Rieser aus Bad Gastein voll- zogen. SS-Männer geißelten meinen Kollegen am nackten Oberkörper, bis das Blut spritzte, und wanden ihm dann eine Dornenkrone aus Stacheldraht um den Kopf. Der brave Rieser hat mit mir das Lager verlassen und ist heute noch ein lebendiges Zeugnis für die Anklage unseres Papstes. Am Karfreitag des Jahres 1940 hängten die SS-Leute einen Geist- lichen an den hinter den Schultern zusammengebundenen Armen eine Stunde lang an einen Baum. Es war dies eine schreckliche Qual. Das Körpergewicht zog mit seiner ganzen Schwere nach unten. Der Brust- korb wurde dabei zusammengepreßt. Atemnot schmerzte furchtbar. Gewöhnlich starben die derart Gequälten nach zwei bis drei Stunden. Am Karfreitag 1941 erlitten viele andere Priester über zwei Stunden lang dieselbe Tortur. Einige sind an dieser Marter gestorben. Am Gründonnerstag 1942 herrschte im Pfarrerblock große Aufregung. Es ging das Gerücht, daß Geistliche aufgeknüpft würden, da ein Stubenältester ausgerufen hatte, man solle die früheren Karfreitage 35 nicht vergessen. Es geschah aber nichts. Immerhin wurde an einem anderen Tage ein polnischer Geistlicher eine ‚Stunde lang mit den Armen auf dem Rücken aufgehängt, nur weil er beim Waschen den Oberkörper nicht entblößt hatte. Ich selber ‚kannte einen Geist- lichen, der durch solches Aufknüpfen eine für immer verdrehte Hand davon getragen hat. Der österreichische Zisterzienserpater Just ist besonders hart mit- genommen worden. Er schmachtete seit Juni 1938 in Gefängnissen und in Lagern. Pater Just saß ohne Unterbrechung einmal 30 Tage im Bunker, bekam 25 Hiebe, erhielt bei einer anderen Gelegenheit 47 Tage Dunkelarrest und dabei nur jeden vierten Tag Nahrung, wurde zwei- mal mit den Händen auf dem Rücken aufgehängt usw. Er kam trotzdem mit dem Leben davon. Der Tiroler Pfarrer Würl, schon seit 1940 ein Zwangsgast Himm- lers, wurde derart schlecht behandelt, daß heute seine Nerven völlig zerrüttet sind. Nur ein Beispiel: Während eines Appells hielten sich einige Inhaftierte vor Kälte die Ohren zu. Vom Lagerkommandanten erwischt, mußten sich alle mit Mund und Nase auf den Boden in das Schneewasser werfen. Als einige Kameraden die Köpfe etwas erhoben, stellte der Kommandant seinen Fuß auf deren Rücken. Würl lag so über zwanzig Minuten mit der Nase im Schneewasser, ohne sich rühren zu dürfen. Die Nase schwoll an, zeigte bald fortschreitende krebs- artige Wucherungen und faulte schließlich an den beiden Flügeln ab. Vergeblich ließ Pfarrer Würl sich vier Jahre lang behandeln. Bis zur Entlassung hieß unser Tiroler Kollege nur:„der lustige Pfarrer ohne Nase” Die Nazi-Unholde verspotteten obendrein den Bedauerns- werten. Einst mußte sich Würl über eine Stunde lang in die Lager- straße stellen, ununterbrochen zur Sonne hinaufschauen, ihr zuwinken und fortgesetzt ausrufen:„Komm, liebe Sonne, komm und heile meine kranke Nase!‘ Der tschechische Arzt Dr. Franz Blaha, erzählte gelegentlich der Verhandlungen des Nürnberger Prozesses geradezu unglaubliche Tatsachen, die von dem pfälzischen Pfarrer Seitz in Presseartikeln bestätigt wurden. Unter den 2400 bei Linz ermordeten Leidensgenossen befanden sich etwa 100 katholische Priester, auch ein Pfarrer aus dem Bistum Augsburg. Die Schwester dieses Geistlichen erhielt von der 56 m u Ho Fe ET RE er an mit en istand mitund im age weikam mmöllig sich nten das ben, g so ahren rebsn ab. s zur ohne ernsagerinken meine ch der bliche tikeln ossen s dem on der Lagerleitung einen Brief, ihr geistlicher Bruder sei an Lungenentzündung gestorben. Wegen Seuchengefahr könne die Leiche nicht ausgeliefert werden. Der SS- Arzt Dr. Schilling erklärte bei Gelegenheit des Prozesses, in dem Dachauer SS- Mörder verurteilt wurden, allmonatlich dreißig Häftlinge als Versuchskaninchen benutzt zu haben. Im Ganzen seien etwa tausend Internierte durch seine Finger gegangen. Vergiftete Fliegen verseuchten das Blut unserer Kameraden. So erkrankten diese Leidensbrüder an Malaria und an anderen Krankheiten, sie bleiben ihr Leben lang Krüppel, wenn sie nicht gestorben sind. Ich selbst hatte im Büro des Arbeitseinsatzes die Liste der Malariakranken in Händen. Mit Vorliebe wählte Dr. Schilling Pfarrer als Versuchsobjekte. Viele polnische Geistliche endeten infolge dieser Vergiftungen im Krematorium. Persönlich kenne ich zwei Redemptoristenpatres, die infolge solcher Versuche immer wieder durch Malariafieber schwer erkrankten. Ein Kamerad aus Sarreguemines wurde ebenfalls als Versuchsobjekt mißbraucht. Seine Gesundheit ist heute noch zerrüttet. Dr. Schilling machte auch Versuche mit heißem und kaltem Wasser, um feststellen zu können, bei welchem Hitze- oder Kältegrad der Mensch dahinstirbt. Es wäre zu grausig, weitere Einzelheiten erzählen zu wollen. Die Geistlichen waren auch Opfer vieler anderer, weniger blutiger Schikanierungen. In der Kantine konnte in den Jahren 1940 bis 42 jeder Häftling Eßwaren, wie Fleisch- und Gemüsekonserven, kaufen. Nur der Klerus durfte von dieser Bewilligung lange Monate hindurch keinen Gebrauch machen.- Sämtliche Häftlinge, die in schweren Kommandos arbeiteten, erhielten morgens um neun Uhr eine größere Portion Brot mit Wurst oder Margarine. Nach einer Berliner Verordnung entzog man jahrelang nur den Pfarrern diese Brotzeit. Ein Geistlicher wurde gezwungen, einen Affen zu streicheln, der auf Staatskosten ein besseres Leben im Lager Sachsenhausen führte als die Häftlinge. Sobald unser Mitbruder das Tier berührte, schlug es ihm immer wieder mit der Tatze ins Gesicht, worüber sich die SSMänner köstlich amüsierten.- Nazi- Flegel legten eine SS- Mütze auf den Boden der Lagerstraße. Pfarrer mußten in militärischer Haltung stundenlang an der Mütze vorbeimarschieren und diese mit aufgehobenem Arm ehrfurchtsvoll grüßen.- Befehl der SS- Leute an eine 37 Gruppe Geistlicher:„Werft euch auf den Boden, krabbelt wie Hunde! Legt euch wieHunde unbeweglich auf die Straße!‘ Ein SS-Mann schlug bei dieser Gelegenheit einem Prager Domherrn, der auch am Boden lag, mit einer Schüssel aus hartem Aluminium auf den kahlen Kopf. Der Verletzte mußte regungslos liegenbleiben.— Als einmal die Pfarrer rasiert wurden, warf ihnen ein SS-Mann das Papier mit dem abgeschabten Seifenschaum ins Gesicht. Solange die Nazis in der Stube waren, durften sie den Dreck nicht aus dem Antlitz entfernen.— Einige Geistliche standen vor einem SS-Mann stramm. Da griff dieser nach einem mit Wasser angefüllten Eimer und setzte diesen einem Pfarrer auf den Kopf, sodaß der ganze Inhalt von allen Seiten an, dessen Körper herunterlief. Der betreffende Geistliche, obwohl durch- näßt, mußte mit diesem Helm eine zeitlang umherlaufen.— Befehl eines SS-Buben:„Alle Saupfaffen sofort unter den Tisch kriechen! Mit dem Tisch auf dem Kopf aufstehen, niederknien, aufstehen usw.“ So ging es hin und her, bis die Bedauernswerten total erschöpft waren. Neuer Befehl:„Sofort auf die Spinde hinaufspringen!: Setzt euch! Jetzt singt im Chor euer Lied:„O Haupt voll Blut und Wunden—.“ Pfarrer Seitz kam als erster reichsdeutscher Geistlicher im Jahre 1940 nach Dachau. Kaum stand er bei der Ankunft in der Lagerstraße, da zog ihm ein SS-Mann mit viel Gespött den Rosenkranz aus der Tasche und legte ihn dem Geistlichen, mit dem Kreuz über die Stirne hängend, auf den Kopf. Nun führte er den Pfarrer Seitz in dieser Ausstaffierung mit Faustschlägen und Fußtritten im Lager umher, wobei er überlaut brüllte:„Der erste Saupfaff ist aus dem Altreich angekommen!“ Seitz hatte in seinem Brevier ein Bild des Papstes Pius XII. Der SS-Mann hielt das Bild einigen Häftlingen unter die Nase und rief:„‚Der römische Oberpfaff wird mit allen andern Pfaf- fen nach dem Krieg auch in Dachau eingesperrt. Dann hört der ka- tholische Schwindel für immer auf!“ Ein Madonnenbild gab diesem elenden Nazi Gelegenheit, derbe Witze über die Mutterschaft Mariens zu reißen, Lästerungen, die keine Feder wiedergeben darf.— Geistliche mußten auch oftmals die Aborte mit Schöpfeimern ohne Henkel leeren. Wenn einem Geistlichen oder einem andern Kameraden ein Knopf am Kleid fehlte oder wenn ein Knopf nicht zugemacht war, schnitten die SS-Leute alle Knöpfe der Kleider ab. Ein Nazi setzte bei mir ein- Id mal wül Da mi W bet ein ges erh inn jed die gsem ‚riens tliche erel. nopf ‚itten ‚ ein” mal das Messer schon an.„Herr Scharführer,‘ flehte ich,„wenn Sie wüßten, was mich das Annähen all der Knöpfe für Mühe kosten wird! Da will ich doch lieber einen Roman in zwei Bänden fabrizieren.‘“ Da mußte der Mann selber lachen und ließ meine Knöpfe‘am Leben. 3. Die sogenannten Privilegien Im Jahre 1941 änderte sich unerwartet die Lage der Geistlichen. Wohl durch Vermittlung des Papstes setzte theoretisch eine Vorzugs- behandlung ein. Die Pfarrer durften nicht mehr in Arbeitskommandos eingereiht werden, blieben von Transporten in andere Lager aus- geschlossen, bekamen das Recht eines Mittagsschläfchens im Bett, erhielten täglich für je drei Mann eine Flasche Wein und durften innerhalb ihres Blocks Gottesdienst abhalten. Diese Privilegien arteten jedoch zum Teil in bösartige Schikanen aus. a) Arbeitslosigkeit Die mej'sten Pfarrer hatten bisher teils schwere, teils leichtere Kommandos. Die reichsdeutschen Pfarrer erhielten Brotzeit, während die Ausländer leer ausgingen. Arbeitslos geworden, verloren jetzt alle die Sonderration, Brot mit Wurst oder mit Margarine. Das war ein empfindlich spürbarer Nachteil, da um jene Zeit vollständige Paket- sperre bestand. Durch den Wegfall dieser Brotzeit stieg die Qual des Hungers noch mehr. Selbst die Arbeitslosigkeit blieb ein leeres Ver- sprechen. Statt der früheren Beschäftigung in den Kommandos mußten die Geistlichen das ganze Jahr hindurch die schweren Eßkübel dreimal am Tage vor der Küche in alle Blocks des Lagers schleppen und die leeren Kessel wieder in die Küche zurücktragen, sowie den Schneg aus dem Lager räumen. Das Personal schikanierte auch in der Freizeit den Klerus aufs unmenschlichste. Tagsüber durfte selten ein Geistlicher in der Stube bleiben, auch wenn der Himmel den Regen in Strömen, herabgoß oder der Nordwind bei einer Temperatur von'20 Grad unter Null durch die Straßen heulte. Drei Stunden am Morgen und nachmittags von. zwei bis vier Uhr, mußten die Geistlichen auf der Lagerstraße marschieren, laufen, hüpfen, auf dem Boden herumrollen, singen usw. 39 Das sogenannte Privilegium der Arbeitslosigkeit quälte die Pfarrer derart, daß sich die meisten freiwillig nach Kommandos umsahen. Seit dem Frühjahr 1942 gelang es fast allen, wieder Arbeit in dent verschiedenen Kommandos zu finden, besonders in den Gärten, atıch als Pfleger im Revier oder als Schreiber in den verschiedenen Büros. b) Die Flasche Wein für je drei Pfarrer Pius XII. hatte nach Lagerparolen zwei Millionen Lire für Wein, Bier und Kakao zugunsten der Dachauer Geistlichen gestiftet. Falls dies tatsächlich auf Wahrheit beruht, wollte der Papst doch zweifels- ohne den internierten Priestern ein die Gesundheit förderndes Ge- schenk anbieten. Die boshaften Nazis verstanden es aber glänzend, diese wohlgemeinte Gabe in eine derart teuflische Schikane zu gestal- ten, daß sämtliche Geistlichen alle nur denkbaren Schritte unternahmen, um vom Weintrinken dispensiert zu werden. Dies wird schwer Glauben finden, erfreut ja der Wein das Menschenherz, besonders das armer Gefangener, die jahrelang jedweden Alkohol entbehren mußten. Im K.Z. stand alles auf dem Kopf. Selbst das Weintrinken wurde in Dachau zur Qual, obwohl der Wein nach den Angaben der Geistlichen sehr gut war. Die Art, mit der man zum Trinken zwang, war eben furchtbar. Morgens früh nach dem Appell, oftmals auch während des Tages, stürmten die SS-Männer in die Pfarrerblocks. Mit viel Gebrüll und nervösem Drängen schrien sie überlaut:„Weinholer heraus!“ Zehn bis zwanzig Mann sprangen an das Gitter des Blocks, wohin der Wein mit einem Wagen gebracht worden war, und schleppten die Flaschen herbei. Unterdessen setzten sich alle Pfarrer an den Tisch und hielten vorschriftsmäßig die Becher in Händen. Kein Wörtchen durfte ge- gesprochen werden. Ein SS-Mann stellte die Frage:„Sind die Pfaffen saufbereit?“ Der Stubenälteste brüllte:„Jawohl, Herr Blockführer!‘ Neuer Kommandoruf des Nazi:„Flaschen aufmachen!“ Mit zwei Kork- ziehern mußten zwanzig Flaschen überstürzt geöffnet werden. Ging es den SS-Leuten zu langsam oder riß sich der Pfropfen nicht mit einem Zuge heraus, dann setzte es Hiebe ab. Mit Bangen erwartete 40 Mil Blo die der kn nac ver mo rrer hen. den auch ros. arrer Vein, Falls FelsGeend, stalmen, uben rmer .Im de in man den Befehl: ,, Austeilen!" Eine Flasche wurde in drei Becher gegossen. Wehe jenen Geistlichen, die es nicht verstanden, auf den Millimeter genau die Becher gleichhoch anzufüllen! Nun stieg der Blockführer auf einen Schemel. Jeder Pfarrer nahm den Becher in die Hand und richtete den Blick zum SS- Mann. Dieser brüllte jetzt: ,, Aussaufen!" Der SS- Mann paßte scharf auf, ob jeder mit einem Zuge den Becher leerte. Alle waren gezwungen, zu gleicher Zeit, in der knappen Frist von einer halben Minute, fertig zu sein, und den Becher nach unten umgekehrt über den Kopf zu halten. Wer sich verschluckte, verspätete, oder gar den Wein überhaupt nicht hinunterzugießen vermochte, bekam Hiebe auf den Kopf und Schläge ins Gesicht. Manchmal fiel an einem Tage das Weintrinken absichtlich aus. Am anderen Tage wurde dann jeder Geistliche genötigt, nicht selten morgens früh in fast nüchternem Zustande, die doppelte Portion, demnach etwa ein halbes Liter, in einem Zuge auszutrinken. Mir erzählte ein Kollege, daß es ihm unmöglich war, soviel Wein in den leeren Magen zu schütten. Trotz des Überschluckens und des Erbrechens bekam der Kamerad einen Faustschlag ins Gesicht. Welche unsaubere Witze die SS- Leute dabei über die ,, versoffene Pfaffenbande" losließen, muß schamhaft verschwiegen werden. Gottlob war die Qual des Weinprivilegiums nur kurzfristig. ichen eben ages, und Zehn Wein schen elten te gefaffen rer!" KorkGing ht mit artete c) Der Gottesdienst Bis Dezember 1940 wohnten die Pfarrer nicht gesondert in einem Block, sondern in alle Blocks zerstreut unter den anderen Kameraden. Kurz vor Neujahr 1941 kamen aber alle Geistlichen, auch die Ausländer, in den Block Nr. 26. Die religionsfeindlichen Nazis schäumten vor Wut, als sie den Befehl zum Block Nr. 26 bringen mußten, die Stube Nr. 1 als Kapelle einrichten zu lassen. Im Tempo verschwanden die Betten aus dem Schlafraum, die Tische und die Schemel aus der Wohnstube, schließlich auch die Holzwand, die den Schlafraum vom Wohnraum trennte. In ein paar Stunden war das neue Gotteshaus, ein Rechteck, von zehn auf zwanzig Meter, fertiggestellt, Platz für etwa dreihundertfünfzig Menschen. 41 In der Hapelle Am 20. Januar 1941 stellten die Pfarrer zwei Tische neben- einander in diesen Raum, und legten zwei Bettücher darauf. Ein kleines Stehkreuz, zwei armselige Kerzenhalter mit winzigen Kerzenstummeln, ein Kelch in Miniaturform und ein Meßbüchlein, wie die Gläubigen sie mit zur Kirche nehmen, zierten diesen ersten Altar im Dachauer K.Z. Meßgewänder, Hostien, Wein und Kerzen besorgte der Dachauer Stadtpfarrer. Ein Priesterhäftling trat in weißem Meßgewande zu diesem Tisch und feierte auf Block Nr. 26 die erste hl. Messe. Etwa zweihundert Geistliche standen hochbeglückt im neuen Gotteshaus. Der Herrgott in Brotgestalt wohnte jetzt auch bei den Häftlingen. Unsere armselige Kapelle wandelte sich nach und nach in ein, würdiges Gotteshaus um. Die Priesterhäftlinge„organisierten‘ einen Altar mit Tabernakel, ein schönes Christusbild, Leuchter, Statuen, und schließlich gar einen schmucken Kreuzweg. Neben unserer ein- fachen, ganz hölzernen Monstranz, hatten wir auch eine andere für die 42 0f Bo „P au Sta au Ste hl, Vie Un kei a N beneines meln, n sie K.Z. mauer Tisch dert rgott mein einen tuen, reinür die hohen Festtage. In ihr glänzten die Einlagen wie reinstes Silber! Es war aber nur Blech aus alten Konservendosen. Ein österreichischer Kommunist rühmte sich mit Recht, diesen Kultusgegenstand in der Schreinerei unter den Augen der SS- Männer geheim hergestellt zu haben. Anfangs durfte die hl. Messe nur einmal am Tage vor dem Morgenappell, und zwar immer nur von demselben Geistlichen, einem früheren polnischen Militärpfarrer, gelesen werden, der von der Lagerleitung als Kapellencapo bestimmt war. Die anwesenden Geistlichen beteten halblaut mit dem Zelebranten. Jeder hielt eine kleine Hostie in Händen und spendete sie sich auch selber. Feierliche Gottesdienste blieben verboten, ebenso jede religiöse Betätigung außerhalb der Kapelle. Tagsüber durfte man die Kapelle nicht betreten. Anfangs stand während der hl. Messe öfters ein SS- Mann beim Altartisch mit bedecktem Haupt und rauchte. Ein Augenzeuge erzählte uns, daß einmal ein unflätiger SS- Bursche nach der Wandlung die hl. Hostie in die Hände nahm und gottesschänderisch laut in die Kapelle schrie: ,, Das Ding hier ist euer Gott? Dann soll er euch doch befreien!" Er warf die Gestalten vor sich hin und rief: ,, Unsinn das, lauter Schwindel!" Oftmals warfen die Nazis auch Rosenkränze und Medaillen auf den Boden, spukten drauf, und zertraten sie mit ihren Stiefeln. An einem Sonntag stürzten sich SS- Männer während der hl. Messe in die Kapelle, schrien und brüllten, wie vom Teufel besessen: ,, Pfaffensäue, Priesterschweine...." Dabei schlugen sie mit Stöcken auf die Geistlichen ein und teilten Ohrfeigen und Fuẞtritte aus. Es entstand ein beängstigendes Gedränge. Die meisten Anwesenden flohen aus dem Gotteshaus. Nun grinsten diese Nazis satanisch und lachten stolz, als ob sie eine außergewöhnliche Heldentat vollbracht hätten. Ich selbst war manchmal Zeuge, wie man uns während der hl. Messe aus nichtigen Gründen aus der Kapelle zu Sonderappellen rief. Der amtierende Priester legte überstürzt die Meßgewänder ab und setzte erst nach dem Appell die hl. Handlung wieder fort. Noch im Spätherbst 1944 zerriß unser Blockführer, den wir wegen seiner krummen Beine und drolligen Fußbekleidung den ,, gestiefelten Kater" nannten, vor unseren Augen ein Madonnenbild, das wir in unserer Stube aufgehängt hatten. Meist ließ man Geistliche gerade während 43 der Sonntagsmesse aus der Kapelle rufen zur Abbüßung der Strafen, die über sie verhängt worden waren. Im Oktober 1941 herrschte in dem Pfarrerblock Nr. 26, wie so oft, die allergrößte Aufregung. Phantasiereiche Geistliche posaunten aller- hand Parolen aus: Papst und Bischöfe hätten scharfe Reden gegen die Nazis und auch gegen die Konzentrationslager gehalten. Was eigentlich los war, wußte in Dachau kein Häftling. Jedenfalls schien den Pfarrern wiederum ‚der Vernichtungskrieg erklärt worden zu sein, da unerwartet SS-Leute in die Priesterblocks stürzten und mit viel Lärm herumbrüllten:„Alle Pfaffen heraus auf die Blockstraße!“ Nun gings los. Ein Laufen, Rennen, Schieben, Stoßen. Das Personal tobte auch wild, gab Ohrfeigen, versetzte Fußtritte und teilte Rippenstöße aus. Da man eine Taschenfilzung vermutete, warfen die Pfarrer ihre Me- daillen und Rosenkränze in irgend eine Ecke. Kommandant Hoffmann erschien persönlich. Befehl:„Polen und Deutsche sollen sich von ein- ander trennen.“ Die Holländer, Belgier und Luxemburger schlugen sich zu den Polen. Franzosen waren noch keine im Lager. Der Kom- mandant hielt eine üble Hetzrede gegen den Papst, die Bischöfe und die Priester.„Mit euren Privilegien ist es aus. Nur die Reichsdeutschen dürfen die Kapelle betreten, nur sie erhalten Wein und Mittagsruhe, nur sie sind von Transporten befreit. Wer von euch ist Volksdeutscher?“ Da sich kein einziger sogenannter Volksdeutscher auf seiten der Reichs-, deutschen stellte, mußten die Holländer, Luxemburger, Belgier und Polen auf Block Nr. 28 wandern. Auf Nr. 26 durften nur noch reichs- deutsche Geistliche wohnen. Um den Block Nr. 26 kam jetzt ein besonderer Drahtverhau mit einem Wachtposten. Da man ‚von der Blockstraße Nr. 28 in die Kapelle hineinsehen konnte, wurden die Kapellenfenster mit dicker weißer Farbe bestrichen. Auf dem Polen- priesterblock mußten alle Breviere, Rosenkränze und dergleichen ein- gesammelt werden. Der Kommandant verbot den Insassen des Blocks Nr. 28 jede religiöse Praxis, auch innerhalb des Blocks, unter'An- drohung schwerster Strafe. So blieb es bis Weihnachten 1942. Unterdessen war der erste französische Priester in Dachau angekommen. Er wurde in den Polen- block abgeschoben. Erst ab Neujahr 1943 wohnten auch die aus- ländischen Geistlichen, mit Ausnahme der Polen, im Block Nr. 26. Ste öst Fat Da fei ku M: nu sch erg nu un W. al un tu Wir durften jetzt von daheim Breviere kommen lassen und religiöse, Gegenstände bei uns tragen. Die schwerkranken Priester konnten die Sterbesakramente empfangen. Auf den polnischen Militärpfarrer folgte als Kapellencapo der österreichische Geistliche Dr. Ohnmacht, und nach dessen Befreiung im Frühjahr 1943 Georg Schelling, auch ein Österreicher. Kardinal Faulhaber ernannte im Jahre 1944 Schelling zum Dechanten unserer Dachauer Priestergemeinde. Schelling war ein edler Priester. Seiner feinfühligen Diplomatie gelang es in kurzer Zeit, fast alle Beschrän- kungen abzuschütteln. Wir hatten jetzt meist jeden Morgen zwei hl. Messen, die wir Priester abwechselnd lasen. Jeder Geistliche konnte nun einmal im Jahre zelebrieren. Die gemeinsame Konsekration hörte schon im Jahre 1942 auf. Wir kommunizierten wie die Laien. Es war ergreifend, wenn vier Confratres in armseligen Häftlingskleidern, oft- mals barfuß, mit dem Ziborium von Reihe zu Reihe sschritten. Von nun an ignorierten die SS-Leute die Kapelle fast vollständig. Sie ließen uns in unserem Gotteshause nach eigenem Gutdünken schalten und walten, ernannten sogar für die beiden Pfarrerblocks meist Geistliche als Personal. Jetzt waren wir ungestört, die Herren im eigenen Hause und konnten die Gottesdienste genau nach den Vorschriften der Li- turgie feiern. Jeden Sonntag hatten wir vor dem Appell eine Frühmesse, und um acht Uhr ein feierliches Hochamt mit Predigt. Die großen Feste wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Allerheiligen..... gestalteten sich ebenso würdig und weihevoll wie in einer Kathedrale. In dem letzten Halbjahr vor der‘Befreiung hielt unser Bischof Piguet oft feierlichen Pontifikalgottesdienst. Unter den Priestern und Laien waren außergewöhnliche Talente, wortgewaltige Redner, gottbegnadete Sänger, auch Musikkenner von internationalem Ruf. Ich nenne nur den Stadtpfarrer Adam Ott aus Mainz, den Dominikanerpater Roth und den Pallotinerpater ‚Kentenich aus Schönstadt, deren Ansprachen und religiöse Vorträge unvergeßlich bleiben. Viele Meister der Instrumentalmusik stellten uns ‚ihr. bestes Können zur Verfügung. Sie besorgten die Einübungen der Gesänge oder bedienten in der Kapelle die Instrumente, wie der frühere Opern- dirigent Kulawik, auch der holländische Dirigent des Radioorchesters 45 von Hilversum, van de Hurck, der italienische Geigenkünstler Gottipavero, ein bulgarischer Violinprofessor, sowie ein spanischer Komponist, deren Namen ich vergessen habe, schließlich der bekannte Wohlheim, der bei Furtwängler spielte, und viele andere wie Bacchia, Janicek, Travini usw. Ein Mithäftling konnte in Dachau sein 50 jähriges Priesterjubiläum feiern, drei andere Pfarrer ihren 25 jährigen Jubeltag. Mir war es am Weißen Sonntag des Jahres 1944 vergönnt, die Festpredigt zum 25jährigen Gedenktage der Priesterweihe des Kameraden Lanique von Metz, zu halten. Jeder verstorbene Priester erhielt ein Requiem. Eine Priesterbeerdigung in Dachau war für mich das Schauerlichste, was ich je erleben mußte. Am 3. Januar 1945 starb mein 57jähriger Priesterfreund Johann Rieß aus dem Saargebiet. Als wir morgens vor der hl. Messe die Nachricht von seinem unerwarteten Tode ins Ohr geflüstert wurde, lief ich schnellstens nach Nr. 3, wo die Leiche bereits ,, aufgebahrt" war. Nach der Lagerordnung mußten den in der Nacht auf den Blocks Verstorbenen sofort alle Kleider vom Leibe weggenommen werden. Die nackten Leichen lagen im Waschraum neben dem Abort aufeinander, oder man legte sie in die Lagerstraße, um sie nachher auf einen Moorexpreß zu werfen, der von Block zu Block geschoben wurde. Im Spital nahm ein Arzt die Obduktion vor, und dann gings ohne Weiteres zum Krematorium. So wollte es die vielgerühmte Nazikultur. Nicht nur Schändung der lebendigen Leiber, auch Leichenschändung! Da lag nun mein lieber Freund Rieß tot im Waschraum, ohne einen Fetzen Kleid am Leibe. Das war doch zu schrecklich. Da legte ein Kamerad dem verstorbenen Priester als Totengewand ein Brett auf den Leib. Gottlob warf man dann die Leiche nicht auf den Moorexpreß, sondern legte sie in einen Kasten, wie eines unserer Bilder es zeigt. Wir erlebten in Dachau auch eine Priesterweihe mit nachfolgender Primiz. Seit Ende 1939 schmachtete der schwer lungenkranke Diakon Karl Leistner aus der Diözese Münster in Dachau. Oft habe ich ihm Hoffnung gemacht, Gott werde ihm sicher das hohe Glück schenken, in der Heimat die Priesterweihe zu empfangen. Leider ging es mit ihm gesundheitlich immer mehr bergab. Im Herbst 1944 schwand jede Aussicht auf Rettung. Doch der liebe Heiland erbarmte sich des 46 [ C d k d I b V b GottiKomannte cchia, iläum ar es zum e von @ 241 esterich je reund Messe wurde, war. s Ver. Die ander, einen wurde. ohne kultur. dung! einen te ein tt auf xpreß, gt. gender Diakon ch ihm enken, es mit d jede ch des 1 Leichentransport Diakons. Im September 1944 kam Msgr. Piguet, der Bischof von Clermont- Ferrand, als Häftling zu uns. Nun begann eine illegale Korrespondenz mit dem Kardinal Faulhaber aus München und mit dem Bischof von Münster. Sämtliche zur Priesterweihe nötigen Papiere langten an. Geheim fabrizierten Häftlinge die bischöflichen Gewänder und alles andere, was zu einer solchen Feier gehört. Ring und Brustkreuz lieferten die Messerschmitt- Werke. Der Trappistenpater Spitzig drehte den Hirtenstab. Der Stoff für die violette Soutane und das Mäntelchen( camail) kam von der Beute, die sich Nazi- Diebe im Judenviertel von Warschau geholt hatten. Der englische Oblatenpater Durand stellte aus Seide und Perlen eine Mitra her. Kardinal Faulhaber besorgte aus München die nötigen Öle und die Ritualbücher. Alles verlief so vorsichtig und so geheim, daß nur vereinzelte Priester unseres Blockes es merkten. Kein Nazi ahnte etwas, weder von der Vorbereitung noch von der Zeremonie selbst. Am 17. Dezember 1944 stand dann der junge Diakon, eine schlankgewachsene Gestalt, mit vor Fieber glühenden Wangen in unserer 47 Stube Nr. 2. Warm drückte ich ihm die Hand. Als er die Albe über das Zebrakleid warf und die Stola des Diakons anlegte, konnte ich doch die Tränen nicht zurückhalten. ImGeiste sah ich mich im hohen Dome von Metz, wo ich am 17. Juli 1910 mit zwanzig anderen Diakonen die hi. Priesterweihe empfing. Damals brauste in der herrlichen Metzer Kathedrale unsere Orgel. Von den Türmen jubelten die Glocken. Im Dom knieten unsere Eltern, unsere Verwandten und Tausende frommer Gläubigen— und hier in Dachau nur die enge Stube einer Holzbaracke inmitten eines Straflagers, keine Festgewänder, keine Glocken, keine Orgel, kein einziger Verwandter aus der Heimat———. Der Bischof legte die Pontifikalgewänder über sein Häftlingskleid. Ach, alles so armselig, und doch paßte es zu unserem Milieu.— Die Prozession bewegte sich zur nahen Kapelle. Alle Seminaristen, auch viele Laien, sowie die ehemaligen Capos des Diakons und Mithäftlinge seiner Kommandos durften der ergreifenden Zeremonie in der Kapelle beiwohnen. Wir anderen Priester blieben wegen Platzmangel draußen und folgten still der heiligen Handlung. So ist einer von uns in Dachau Priester geworden. Am 26. De- zember 1944 hielt Karl Leistner seine feierliche Primiz. Da stand der Neugeweihte an dem größten Festtage seines Lebens am Altar, fern der Mutter, fern dem Vater, den Geschwistern und den Freunden. Er weinte, und wir weinten mit ihm. Diese Priesterweihe und diese Primiz stehen in ihrer Art einzig da in den Akten der Geschichte der Kirche. Bei verschlossener Türe wurden in aller Stille einige Photo- aufnahmen von dieser Primizfeier in der Kapelle aufgenommen. So sahen die Eltern wenigstens im Bilde ihren Priestersohn am Primizaltar im K.Z. von Dachau. J Der Neupriester KarlLeistner hat seine Heimat nie wieder gesehen. Er starb ein paar Wochen nach der Befreiung in einer Lungenheil- anstalt bei München. %* Im Jahre 1936 wohnten im Dachauer Lager 500 Häftlinge. Damals duldeten die Nazis den öffentlichen Gottesdienst in einer kleinen Ka- pelle, die etwa 30 Mann faßte. Der Stadtpfarrer von Dachau hielt jeden Sonntag einen Gottesdienst. Bald wurde die Kapelle abgeschafft und jeder religiöse Kult blieb untersagt, selbst als Anfang 1940 die 48 Liber doch Dome die etzer ersten Geistlichen als Häftlinge ankamen. Alle religiösen Gegenstände, wie Gebetbücher, Breviere, Rosenkränze, Medaillen, mußten bei der Ankunft im Lager abgeliefert werden. Sogar die Unterhaltung über religiöse Fragen war verboten. In den Jahren 1941 und 1942 übten nur kranke Priester, die im Spital lagen, illegale Seelsorge im Revier aus, begreiflicherweise bloẞ Im mmer racke keine leid. -Die auch linge apelle außen 5. Ded der fern n. Er Primiz irche. hotom. So zaltar sehen. enheilDamals en Kahielt schafft 40 die Maria mit dem Kinde durch die Erteilung der Absolution, da die hl. Wegzehrung und die hl. Ölung wegen der scharfen Absperrung des Spitals den Kranken unmöglich erteilt werden konnten. 4 Zeugen des Abendlandes 49 Während des Jahres 1943 wirkten Geistliche als Krankenpfleger. Selbstverständlich kümmerten sie sich auch um die unsterblichen Seelen jener Mithäftlinge, die geistlichen Beistand erbaten. Als zweimal der Typhus ausbrach, meldeten sich viele Priester freiwillig als Krankenpfleger in die Seuchenlazarette. Vier Kollegen starben dort an Ansteckung. Der bereits genannte pfälzische Pfarrer Fritz Seitz war schon 1943 als Portier am Tor des Spitals angestellt. Frühmorgens schlich er zur Kapelle, nahm hl. Hostien aus dem Tabernakel, versteckte sie im Zipfel seiner Unterkleider, und brachte sie den Sterbenden. Als die Pfarrer später restlos aus dem Spital vertrieben wurden, schlichen sich einzelne Priester trotzdem mit Hilfe katholischer Häftlingsärzte immer wieder zu den Kranken. War dies nicht möglich, dann gaben wir die hl. Kommunion Laienkrankenpflegern, dem Personal oder den Ärzten. Die hl. Gestalten wurden den Kranken übergeben und sie kommunizierten sich selbst. Unser lothringischer Landsmann Lucien Untereiner aus Metz und viele andere Laien spendeten Kranken und Gesunden die hl. Kommunion. Einen besonders hl. Eifer zeigte auch unser heutiger Armeeminister Edmond Michelet. So brachte er oft dem kranken Bischof Msgr. Piguet die hl. Hostie ins Spital und wirkte auch in andern Fällen als Tarzisius. Ein kranker Kamerad riẞ vom Fenster des Waschraumes ein kleines Stück Glas unten an der Ecke heraus. Ich selbst schlich mich oft vorsichtig heran und reichte ihm durch diese Öffnung für Sterbende und Gesunde die hl. Hostien in einem Zigarettenetui. Jesuitenpater Pereyra veröffentlichte im Paulinusblatt im Jahre 1945 einen Artikel mit dem Titel: ,, Christus in Dachau." Er schreibt unter anderem: ,, Die Priester hatten sich im Revier als Pfleger oder Hausel anstellen lassen, verrichteten dort die schmutzigsten und niedrigsten Dienste, um den Sterbenden nahe sein zu können. Heiliges Öl und jeweils die hl. Hostien ließen sie sich von Kameraden des Blocks Nr. 26 ins Revier bringen, natürlich nicht offiziell, sondern im Geheimen, und hier muß ich in rühmender Weise besonders die polnischen und französischen Priester erwähnen, die in opfervoller Liebe oft bis zur Hingabe ihres eigenen Lebens für ihre Landsleute sorgten. Ebenso 50 auch viele von uns‘deutschen Priestern. Da ist auch mancher Laie ein Tarzisius gewesen, der den Kranken die hl. Kommunion über- brachte, wenn es unmöglich war, in die eine oder andere Stube einen Priester hinzuschicken. Und Hunderte sind hier eines seligen Todes gestorben....‘‘ Wir Geistlichen hörten auch die Beichte der gesunden Kameraden, die darum baten, und reichten ihnen die hl. Kommunion in einem- Papier, in einem weißen Tuch oder in einem Etui. Die Priester teilten ‘auch auf dem'Appellplatz oftmals in der Dunkelheit die hl. Kommu- nion aus, während die SS-Leute die anderen Blöcke abzählten. Oft empfingen Prinz Xavier de Bourbon, der Bruder der Kaiserin Zita, wie auch der Prinz Leopold aus dem Hause Hohenzollern, der französische Minister Blaisot, alle in ärmlichen Häftlingskleidern, illegal in der Kapelle die hl. Kommunion neben Ärzten, Offizieren, Arbeitern oder Kleinbauern. Polnische Priester erbaten sich vom Kapellencapo Hostien undWein. Draußen in der Plantage arbeiteten viele polnische Pfarrer in Gewächs- häusern. Während einer von ihnen Wache hielt und andere Kame- raden sich mit Scheinarbeit beschäftigten, kniete der Polenpriester der schon am längsten im Lager schmachtete, am Boden, das Gesicht in das Gewächshaus hineingerichtet, um den Schein zu erwecken, als jäte er Unkraut. Droben vom Beobachtungsturm aus hätten ja SS-Posten etwas erspähen können. Der kniende Priester hatte einen kleinen Trag- altar in den Boden gedrückt und dort las er die hl. Messe. Viele Kame- raden eilten herbei, mit Gras oder Pflanzen in der Hand, gleich als ob sie dort etwas zu schaffen hätten. Auch sie knieten nieder und spen- deten sich selber die heilige Kommunion. Nie sind die Polen bei einer solchen heiligen Handlung in diesen modernen Katakomben erwischt worden. Von 1941 bis 1943 stellten die SS-Wächter im Polenpriesterblock ausgesucht glaubensfeindliches Personal an. Gottesdienst innerhalb des Blocks kam daher nicht in Frage. Nach dem Fall von Stalingrad wurden aber die Block- und Stubenältesten durch Polenpriester ersetzt. Jetzt zelebrierte in jeder Stube ein Geistlicher morgens vor dem Appell ohne Meßgewand und ohne Kerzen. Wachtposten sorgten dafür, daß kein Judas Verrat üben konnte. Auch polnische Laien wohnten den 51 Gottesdiensten bei. Msgr. Piguet zelebrierte im Polenblock seine erste hl. Messe geheim, nur mit der Stola angetan. Der Heiland feierte bei den eucharistischen Weltkongressen in der goldenen Monstranz zum Jubel des katholischen Volkes herrliche Triumphe. Aber so oft Geistliche und Laien in Dachau schlicht mit den hl. Hostien in einem Stück Papier durch die Lagerstraße schritten, war die Verherrlichung Christi ergreifender und die Freude der armen Häftlinge war inniger als die der Pilger bei gewaltigen eucharistischen Kundgebungen. Ein französischer Commandant d'Etat Major erinnerte uns einst an das große Wort Pascals: ,, L'homme n'est grand qu'à genoux devant Dieu." Ja, viele Kameraden fühlten in Dachau, daß der Mensch sich nur stark fühlen kann, wenn er vor Gott auf der Knien liegt. Christi Kreuz hat Hitlers Vier- Galgen- Kreuz in Dachau überwunden, und das Blut der Ermordeten von Dachau ist der Same neuer Christen geworden. 52 rste in iche mit ten, men hen erte qu'à daß den bereuer B Meine persönlichen Erlebnisse in Dachau I. Ab nach Dachau 1. Meine Verhaftung Gauleiter Bürckel und Gestapohäuptling Dunckern schlugen seit 1940 mitleidlos auf unsere religiösen Überzeugungen los, zertrümmerten vielfach unsere kirchliche Freiheit und behandelten die Lothringer politisch schlimmer als Sklaven. So verbot man vielen Pfarrern, auch mir persönlich in Dieuze, dreimal im Monat die Sonntagsmesse. Die Polizei zog sogar die Kirchenschlüssel ein. Trotz Androhung schwerster Strafe lasen wir die hl. Messe auch ohne die Kirchenschlüssel. Wir drangen auf Umwegen in die Gotteshäuser. Kinder sollten am Sonntag statt zur hl. Messe ins Kino geführt werden. Einige Kapellen wurden abgerissen. Zahlreiche Pfarrer wanderten in die Verbannung oder in Gefängnisse. Allgemein untersagte Bürckel den Gebrauch der französischen Sprache auch im rein französischen Sprachgebiet, dies selbst auf der Kanzel und in der Schule. Trotzdem predigte ich jeden Sonntag und hielt auch den Kindern Religionsunterricht in französischer Sprache. Protest folgte auf Protest, brieflich direkt an die Adresse Bürckels, und mündlich von der Kanzel aus. Das war meine heiligste Pflicht. Schweigen wäre Judastat gewesen. 53 Am Sonntag, dem 31. September 1942, protestierte ich beim Dieuzer Stadtkommissar gegen das Einziehen der lothringischen Rekruten ins deutsche Heer, da wir Franzosen seien. Ich selbst würde auch in keinem Falle die deutsche Nationalität annehmen. Am Tage darauf besuchte mich ein befreundeter deutscher Unter- offizier der Dieuzer Garnison. Dieser Antinazist wußte, daß ich viele französische Kriegsgefangene über die Grenze gerettet hatte. Er legte mir nahe, mich jetzt selbst sofort durch die Flucht in Sicherheit zu bringen, da meine Verhaftung unmittelbar bevorstände. Ich lehnte dies als Feigheit ab. Der Hirt muß bei der Herde bleiben. Schon nach zwei Tagen, am Mittwoch, dem 24. September 1942, lauschte mein Ohr gegen sieben Uhr morgens den neuesten Nachrichten des englischen Senders, als die Hausglocke des Pfarrhauses von Dieuze heftig gezogen wurde. Unsere Köchin redete hochdeutsch, ein Zeichen drohender Gefahr. Schnell war das Radio in Ordnung gebracht. Ein Sarrebourger Gestapobeamter erklärte mich als verhaftet. Äußerlich gefaßt, innerlich jedoch von größter Unruhe ergriffen, saß ich bald im Auto das in Richtung Sarrebourg abfuhr. Vergeblich war die Bitte, unterwegs nach Guermange einzubiegen, wo ich ein Beerdigungsamt singen sollte. In Sarrebourg Verhör über meine Schriften, Reden und sonstige öffentliche Tätigkeit, die nach Aussagen des Beamten den Nachweis erbrächten, daß ich trotz meiner erheuchelten deutsch- freundlichen Gesinnung, ein heimtückischer Gegner des Nationalsozia- lismus, ja, ein fanatischer Franzose sei. Es erwecke den Anschein, als ob ich Wasser auf beiden Schultern trüge. Der Beamte hörte geduldig und mit begreiflicher Neugierde auf meine Antwort. Es waren Erörterungen über die lothringische Grenzlandtragik, der einzige meiner scheinbar sich widersprechenden politischen Tätigkeit. Drei Tatsachen müsse man im Auge behalten: 1. Viele lothringische Gebiete waren bald Frankreich, bald Deutschland angegliedert. Lothringen bildete jedoch fast tausend Jahre lang ein selbständiges Herzogtum. 2. Ein Drittel der Bevölkerung spricht nur französisch, etwa ein Drittel ausschließlich deutsch, die übrigen beide Sprachen. 3. Mindestens 900% aller Lothringer sind überzeugte Katholiken. Welches sind die Folgen dieser Tatsachen? Der Lothringer denkt, fühlt und handelt vor allen als Lothringer. Ich persönlich bin fanatischer lothringischer Partiku- zer ins mem terele gte ZII nte 42, ten euze hen Ein lich dim tte, samt den mten schoziamein, örte Es nzige Drei biete ngen tum. Frittel 90% olgen allem tikularist. Während der deutschen Herrschaft erfüllten wir loyal unsere Pflichten, sind aber nie überzeugte Deutsche geworden, ja das Deutschtum wurde von der großen Masse scharf abgelehnt. Wir sind keine Chauvinisten und hassen Deutschland nicht. Wir wollen mit dem deutschen Nachbarn in Frieden leben, aber nie wieder an Deutschland angeschlossen werden. Die Gestapo hat überall diese Stimmung feststellen können. Unser Verhältnis zu Frankreich gestaltet sich ganz anders. Wir lieben Frankreich. Bei der indirekten Abstimmung vor einigen Tagen, haben fast sämtliche Lothringer offen ihre Anhänglich. keit an Frankreich gezeigt. Sie ließen sich lieber umsiedeln, einsperren, ja töten, als daß sie der deutschen Fahne dienten. Meines Erachtens wollen 98% aller Lothringer Franzosen bleiben. - - mein Vater hatte Als Kind im französischen Geiste erzogen fünf meiner Geschwister in den Jahren 1900 bis 1914 zu Studienzwecken nach Frankreich geschickt blieb ich, auch als Gönner der deutschen Kultur, stets Franzose. Die Gestapo bewies es mir ja aus meinen Schriften. Wenn meine Bücher und Reden manchmal Frankreich angriffen, wurde nicht mein Vaterland bekämpft, sondern die Regierungsmehrheit, deren Religionspolitik mir nicht zusagte. Ein reichsdeutscher Gegner des Nationalsozialismus kann guter Deutscher bleiben. Ebenso sind die Gegner des französischen Regimes recht gute Franzosen. Wir verlangen das Recht der deutschen Mundart im deutschen Sprachgebiet. Für meinen Kampf um dieses Recht hatte mich der Minister Mandel einige Wochen interniert. Heute raubt mir die deutsche Polizei die Freiheit, weil ich unter anderem für die Erhaltung der französischen Sprache in Dieuze und im ganzen französischen Sprachgebiet mit aller Energie eintrat. In meinem Verhalten liegt durchaus kein Widerspruch. Die Behauptung, ich trüge Wasser auf beiden Schultern, ist eine oberflächliche Kritik. Die Lothringer lehnen schließlich als überzeugte Katholiken den Nationalsozialismus ab, vorab wir Priester. Diesen Nationalsozialismus bekämpfe ich auch als Freund der Demokratie und aus. Liebe zu meinen lothringischen Landsleuten, die vom Gauleiter Bürckel hart mitgenommen worden sind. Mit kurzer Unterbrechung dauerte die Auseinandersetzung fast vier Stunden. Kein hartes Wort ist dabei gefallen. Obwohl das Konzentrationslager in Aussicht gestellt worden ist, fiel mir nach Abfassung des Protokolls ein schwerer Stein 55 vom Herzen. Die Gestapo wußte gottlob nichts von den vielen Kriegs- gefangenen und lothringischen Rekruten, die von meiner Schwester und von mir in Rech und in Dieuze beherbergt und über die Grenze gebracht worden sind. Nachdem ich photographiert und mein Fingerabdruck genommen worden war, begleitete mich der Beamte zum Auto, wo zu meinem größten Erstaunen Pfarrer Fabing von Fossieux saß. Wir fuhren nach Saarbrücken. Meine Bitte, man möge einen Umweg über Rech fahren, damit ich meine 82jährige Mutter noch einmal umarmen könne, fand als„dienstwidrig“ Ablehnung. Trotzdem fuhren wir über Rech. Der Abschied von Mutter und Schwester, von Kirche und Pfarrkindern war herzzerreißend. Wir sahen uns erst am 29. Mai 1945 wieder. Beim letzten Händedruck geriet meine Schwester in solche Wut, daß sie sich mit geballten Fäusten vor den Beamten stellte und laut schrie:„Rache nach dem Krieg!“ Meine Schwester wurde übrigens auch, und zwar am 7. März 1944, eingesperrt, erhielt wegen Beihilfe zur Wehrmacht- entziehung lebenslänglichen Aufenthalt in einem Konzentrationslager und schmachtete in den Gefängnissen von Metz, Sarreguemines und Saarbrücken bis zur Ankunft der Amerikaner. Fabing und mich brachte das Auto ins Gefängnis nach Saarbrücken. 2. Im Saarbrücker Gefängnis Nachdem sämtliche Habseligkeiten abgegeben waren, wurde mir in grobschnauzigem Tone befohlen, die Soutane gegen blaue Arbeits- kleider umzutauschen. Später durfte ich Privatkleider anlegen. Man stieß mich in eine enge Zelle des Erdgeschosses. Ein winziger Sonnenstrahl eroberte sich mühevoll den Weg durch eine Spalte, den einzigen Fensterersatz. Mein Auge sah nur. den Giebel eines Hauses. Kein Tisch, kein Stuhl, kein Bett, nur ein schmutziger Eimer als Abort- anlage, ein Krug mit Wasser, etwas Stroh am Boden und eine dünne Decke. Die Luft war atemberaubend, kalt. Müde sank mein Kör- per auf das Stroh. Schon nach einigen Minuten riß ein Grobian die Türe auf und schrie:„Aufstehen, fauler Pfaff! Hier schläft man nur nachts.“ Höflich erbat ich meinen Mantel, da ich fröre. Ein höhni- 56 \ | | jegs- und acht men em nach hren, fand Der war eim ‚ sich ache zwar acht- lager und achte gnis mir eits- Man iger den 1565. yort- inne Kör- ‚ die nur hai sches Lachen mit der Bemerkung:„Ihren Mantel sehen Sie nie wieder. Wir dulden keine Pfaffenkleider hier.‘ Die Türe wurde zugeschlagen, der Schlüssel knarrte im Schloß; man schob obendrein einen dicken Riegel vor, ein täglich sich oft;wiederholendes Geräusch, das mir zeit- lebens in den Ohren klingen wird. Da stand nun der bischöfliche Kommissar an die Wand gelehnt, betete, stöhnte, dachte an die Lieben daheim, entwarf kühne Fluchtpläne und weinte auch still vor sich hin. Man brachte eine; dicke Suppe. Der Anblick dieses ungewohnten Fraßes, den man bei uns nur Tieren gibt, erregte Brechreiz. Trotz des Hungers konnte ich kaum etwas hinunterwürgen. Als der Wärter die fast unberührte Suppe sah, schrie er nicht wiederzugebende Worte und sprach von Zwangsernährung. Einige Wochen später hätte ich allerdings für eine solche Suppe mit Handkuß hundert Franken be- zahlt. Wieder blieb meine Antwort höflich, abermals verlangte ich ‚meinen Mantel, da.mich eine Lungenentzündung hinwegraffen könnte. Er solle keinen Priestermord auf sein Gewissen laden. Jedenfalls würde der bischöfliche Kommissar seine Beschwerden bis zu den höchsten Spitzen der Gefängnisverwaltung vorzubringen wissen. Dies wirkte. Bei den Preußen muß man seine Titel an den Mann bringen, ihnen imponiert eine jenergische Sprache. Bald brachte der Kranken- wärter Müller meinen Mantel, gab mir einige Pillen und fand auf- munternde Worte. In den dicken Pfarrermantel eingehüllt, legte ich mich auf das Stroh. Ein unruhiger Schlaf entzog mich für mehrere Stunden der traurigen Wirklichkeit. So stand und lag ich in diesem Loch zwei volle Tage, unvergeßliche Stunden roher Grausamkeit. * Die Neuankömmlinge wurden am Freitagnachmittag dem Ge- fängnisdirektor vorgestellt.„Sind Sie mit dem lothringischen Schrift- steller Pfarrer Goldschmitt verwandt, der die vielen Leute nach Trier zum hl. Rock führte?“—„Das bin ich selbst.“—„Also auch Sie verhaftet!“ Bekümmert schüttelte er den grauhaarigen Kopf.„Viel kann ich für Sie nicht tun, werde aber jede Erleichterung gewähren, die zu geben in meiner Macht liegt.“ Er wies mir ein weiträumiges Zimmer im Neubau zu mit einem größeren Fenster, einem bequemen Bett, einem Tisch, einem Schränkchen, einem Stuhl und einem Klosett 5 mit Spüleinrichtung. Ein Heizkörper und ein peinlich sauber gewichster Fußboden gaben dem Raum ein beinahe behagliches Aussehen. Eintönig war das Tagesprogramm. Aufstehen um sechs Uhr, Bett machen! Tägliches Aufwaschen des Fußbodens, Gebete, so lang und so gut wie selten im Leben. Man lebte ja in klösterlicher Einsamkeit. Ich wähnte mich bei den Exerzitien im Metzer Priesterseminar. Beim Morgenessen bitteren Kaffee, mittags und abends je ein Liter Suppe, hier und da ein Stückchen Wurst, je einmal in der Woche etwas Marmelade und Fleisch, jeden Tag ein Stück Brot. Täglich nur sechs Stunden Arbeit als Tütenkleber, nachdem ich das Korbflechten abgelehnt hatte. Dazwischen Breviergebet, Bibellesung, Lektüre interessanter Bücher und der Tageszeitung. Auf dem harten Strohsack lag ich von abends neun bis morgens sechs Uhr meist ohne Schlaf. Während der ersten Woche gefiel mir dieses eintönige Leben, aber 71 Tage nacheinander allein wie ein Taubstummer eingepfercht bleiben, ist schier untragbar, bin ich doch sehr gesellig veranlagt. Dutzende Male am Tage stand ich verbotswidrig auf dem Tisch, von wo aus mein Auge durch das Fenster die Sonne, den blauen Himmel und auch einzelne Menschen zu sehen vermochte. Wie lauschte mein Ohr dem Gesang der Vögel, dem Gespräch der Menschen im Hof drunten, wie klopfte mein Herz vor Freude und zugleich voll Wehmut beim Glockengeläute! Oftmaliger Fliegerangriff brachte unheimliche Abwechslung, auch Todesgefahr. Neben dieser drückenden Einsamkeit quälte mich jeden Tag immer mehr der nagende Hunger. Die fettlose Kost führte zur schnellen Abmagerung. Das Gewicht verringerte sich um nahezu 30 Kilo. Mein Bild im Spiegel ließ mich vor mir selber erschrecken, so hatte der Hunger meine Gesichtszüge entstellt. Der Muskelschwund verursachte derartige Schmerzen, daß ich mich krümmte. Besonders stechendes Weh in den Gedärmen, in der Rippengegend und an den Schultergelenken. Mir wurde oft schwarz vor den Augen. Schwindelanfälle beunruhigten mich. Kaum konnte ich stehen, sitzen oder liegen. Hunger, Hunger, welch ein Martyrium! Lichtstrahlen der Freude brachten aber etwas Linderung. Gebet, hl. Kommunion und die Sonntagsmesse richteten immer wieder auf. Brave Menschen wurden zu Nothelfern. Der Gefängnisgeistliche Schlichter hat mir manche harte Stunde im Gefängnis versüßt. Mein 58 M S d b B V e g Mitgefangener, der lothringische. Pfarrer Müller aus Guenetrange, spielte am Sonntag die Orgel. Mir war die Ehre zuteil, die Epistel und das Evangelium auf der Emporbühne deutsch vorzulesen. So hatten wir beide Gelegenheit, in der Kapelle einander schriftlich zu trösten. Tags- über konnte ich auch verstohlen ein paar Minuten mit dem Rasierer und einigen Mithäftlingen etwas sprechen. Ach, wie tat mir dies so wohl! Eine süße Erholungsstunde war der sogenannte tägliche Spaziergang. Wir Internierten liefen, einer hinter dem anderen, schweigend im Vier- eck des Gefängnishofes,'ermutigten uns mit ein paar Worten ganz. geheim oder warfen uns stumme, aufmunternde Blicke zu, obwohl an jeder Ecke ein Wärter spähte, der uns das bißchen Freude vergällte. Schlimm war besonders der Oberwärter, ein dürrer Mann mit falten- reicher, lederartiger Gesichtshaut. Zerberus, der dreiköpfige Höllen- portier, muß in der Phantasie der Griechen so ausgesehen haben wie dieser gefürchtete Oberaufseher, der überail seine bösen Blicke hinschleuderte, um einen. Gefangenen zu erwischen, anzubrüllen und zu bestrafen. Pfarrer Müller bekam schon gleich am ersten Tage Schreibverbot, da er mir ein paar Worte zugeflüstert hatte, obwohl ich mehr sprach als er. Immerhin genoß man in diesem Hof frische Luft, und die Glieder kamen etwas in Bewegung. Eine böse und doch so gute Fliege brachte mir Trost. Sie legte nämlich ihr Gift in einen meiner Finger, der anschwoll und stark eiterte. Alles ertrug ich gerne, da der kranke Finger mich zu Menschen brachte, mit denen ein paar Worte gesprochen werden konnten. Fast täglich auf der Verbandsstation bei Pfleger Müller, oft auch vor derHöhensonne. Und da hatte der brave Sanitäter es so ein- gerichtet, daß Lothringer zusammentrafen. Welche erlösenden Plau- dereien trotz des eiternden Fingers! Mit Schrecken sah ich der Heilung entgegen. Doch Müller drückte beide Augen zu, als meine Blicke bettelten, und ließ auch den geheilten Finger von der Höhensonne bestrahlen, nur um uns Freude bereiten zu können. Tröster und Helfer war auch der Wärter Willy Glysner aus Holz bei Saarbrücken. Obwohl ihm Gefängnis drohte, schlich er sich oft in meine Zelle, legte Butterbrot, Wurst und Obst auf das Bett und brachte Nachrichten'von meiner Schwester, die jeden Mittwoch frische Wäsche besorgte, ohne mich sehen zu dürfen. Er erzählte mir unter anderem, daß er am 59 Sonntag in Oeting gewesen wäre. Pfarrer Müller hätte für mich öffentlich beten lassen. Auch ein Trost. So waren mir im Saarbrücker Gefängnis drei Müller als Wohl- täter gewesen. Eines Tages drang eine hohle Stimme in französischer Sprache durch die Mauer zu meinen Ohren:„Cure, drehe die Schraube am Heizkörper ab!“ Es mutete mich wie ein Wunder an. Ein Kamerad der Nachbarzelle und ich redeten nun durch das Rohr wie durch ein Telephon miteinander. Es war ein Itäliener aus Teting. Den Blick auf das Guckloch in der Türe gerichtet, durch welches ein Wärter uns hätte überraschen können, telephonierten wir uns jeden Tag öfters. Allabendlich diktierte er mir den Heeresbericht nach dem englischen Radio. Dies in einem Gefängnis der Gestapo. Die Nachrichten von Stalingrad waren damals gerade hochinteressant. In den Kerkern: haben wir uns, zu schlimmeren„Banditen‘ entwickelt, als wir es vorher waren. Ich konnte auch mit einem Franzosen durch das Rohr sprechen, der seine Zelle über mir hatte. Doch dieser telephonische Verkehr mußte bald eingestellt werden, da der Mann zu laut sprach. Er wurde erwischt, verprügelt, und in eine andere Zelle verlegt. Wie jämmerlich hat dieser Kamerad oft laut geschrien:„Mama, hilf mir. Ich muß hier sterben.“ Was ist wohl aus ihm geworden? Auch vielen anderen Leidensgenossen erging es schlechter als mir. Aus manchen Zellen drangen Schmerzensschreie, Hilferufe, Fluchworte, Verwün-. schungen und das Geräusch von Stockschlägen. In einer Nacht weckte mich ein Hin- und Herlaufen. Zwei Aufseher sprangen in eine gegen- überliegende Zelle. Ich lauschte an der Türe und glaubte die Worte zu hören:„Schon wieder einer....‘“ Ein bedauernswerter Kamerad hatte wohl Selbstmord verübt. Bei all den körperlichen und seelischen Qualen, ohne Aussicht auf Erlösung, entschuldigt man solche Selbst- morde, ohne sie gutheißen zu können. 3. Auf Transport Am 8. Dezember 1942, morgens vier Uhr, pochte jemand an meine Gefängniszelle. ‚Aufstehen, ankleiden! Sie verlassen sofort 60 mich Wohlache = am erad urch Blick ärter fters. schen von kern ir es Rohr ische rach. Wie fmir. vielen chen wünreckte egenWorte merad schen elbstsport and an sofort das Gefängnis." Mit einem Jubelschrei, wie um zehn Jahre verjüngt, sprang ich vom harten Strohsack. Im Nu angekleidet, alles eingepackt, die Zelle gereinigt, das bißchen Eigentum zum Büro getragen. Welches Glück! Entlassen! Heute noch wieder daheim bei der Mutter! Vor der Türe standen schon zirka 20 Kameraden abmarschbereit, alle in bester Stimmung. Doch unsere Begeisterung machte der tiefsten Niedergeschlagenheit Platz, als uns die Kunde zugeflüstert wurde, wir kämen auf Transport nach Dachau. In einem in der Schweiz erschienenen Buche hatte ich bereits über dieses Mordlager gelesen. ,, Eine Fahrt in den sicheren Tod", zuckte es mir durch das Gehirn. Bald standen wir in dunkler Nacht am Saarbrücker Bahnhof. Pfarrer Müller sagte mir leise ins Ohr: ,, Wir wollen fliehen. Kein Wärter ist sichtbar." Ich lehnte das Wagnis der Flucht ab. Möge Gottes Wille geschehen! Der Gefangenenwaggon war in enge Zellen mit vergitterten Fenstern eingeteilt, in jeder kaum Platz für drei oder vier Personen. Unterwegs: standen wir zu sechs, manchmal zu zehn und mehr in diesem Raum, von Müdigkeit, Hunger und Durst gequält. ,, Ich habe Hunger", knurrte Pfarrer Müller. ,, Auch ich habe Hunger", fiel ich in den ersten Refrain ein. Mehr tot als lebendig kamen wir nach 12 stündiger Fahrt in Ludwigshafen an, wo wir die Nacht auf einem Haufen Stroh verbrachten. Tags darauf dasselbe Bild in den Zellen des Zuges. Wieder etwa zwölf Stunden Fahrt. Diesmal nächteten wir im Würzburger Gefängnis, wo jeder ein eigenes Bett und ein gutes, warmes Essen bekam. Am 10. Dezember brachte uns der Gefangenenwaggon nach Nürnberg. Man führte uns in eine Turnhalle, deutlicher ausgedrückt, in einen Schweinestall. Wenn ich nicht selbst erlebt hätte, was gewiß mehr als 50 000 Gefangene hier im Laufe einiger Jahre erduldeten, müßte die Schilderung als erträumtes Phantasiegebilde Ablehnung finden. Die Feder sträubt sich, alles zu erzählen. Und doch soll der Versuch gemacht werden, das Bild des Grauens zu entwerfen. Vom 10. bis zum 16. Dezember 1942 waren wir hier wie Sardinen in der Büchse zusammengepreßt. Die Turnhalle faßt normalerweise kaum 400 Menschen, und wir waren zu 1000, ja zu 1500 aneinander gedrückt. Ein Kommen und Gehen wie in einem Bienenstock. Nur Krüppel und Schwerkranke saßen auf Bänken oder hockten am Boden. Die anderen standen da, bald auf dem rechten, bald auf dem linken Fuẞ, dicht 61 aneinander gelehnt, von morgens früh bis abends spät. Welch ein Glück, wenn manchmal ein Transport abzog! Bis zur Ankunft von Zugängen konnte man etwas auf- und abgehen. Da waren Menschen jedweden Alters, vieler Nationen und Sprachen, gutgekleidete Männer, Priester in der Soutane, Ordensleute in der Kutte, Zigeuner in Lumpen, auch Vertreter der Verbrecherwelt. Die einen beteten, die anderen fluchten, die meisten schwiegen mit verzerrten Gesichtern und zusammengepreßten Lippen. Jeder achtete uns Priester. Wir waren ja alle Leidensgenossen, wir saßen ja alle, abgesehen von den Verbrechern, wegen unserer Überzeugung auf der Folterbank. Das bildete den Grund des Gefühls der Zusammengehörigkeit, das später in Dachau oftmals vermißt wurde. Von der Nürnberger Turnhalle aus erfolgte die Verteilung der Eingesperrten in die Zuchthäuser und Konzentrationslager. Wohl ein Viertel, wenn nicht noch mehr, waren Todeskandidaten. Kamen doch viele nach Mauthausen, wo die SS Hunderttausende kalten Herzens hingemordet hat. Trost zu spenden hatte keinen Zweck. Man begehrte nur Wasser, Brot und Tabak. Für eine Zigarette zahlte man sechs Mark, für einen Zug daraus eine Mark, für den Stumpen, die Kippe, 50 Pfennig. Mäntel, Leibwäsche, ja schöne Kleider wurden für etwas Brot hingegeben. Auf meine Kritik erfolgte die Antwort: ,, Die Kleider werden ja doch weggestohlen", was durch meine spätere Erfahrung Bestätigung fand. Gegen Abend, welche Hitze im Saal, welche verpestete Luft! Als Abort dienten zwei hohe Eimer, die ohne Vorhang in einer Ecke standen. Tagsüber konnten diese öfters geleert werden, nachts aber waren sie schon vor 12 Uhr angefüllt und liefen über. Die Leute verrichteten ihre Not auf den Boden. Der Gestank benahm einem den Atem. Darüber stetes Schimpfen und Händeln in ganz gemeinen Ausdrücken. Nirgendwo im Leben war ich vom menschlichen Elend so erschüttert wie in Nürnberg. Nur Dachau sollte noch Schlimmeres bringen. Die fünf langen Nächte ohne Schlaf vermag selbst die beste Feder nicht zu schildern. Einige Franzosen boten mir abwechselnd Decken an. Doch lag ich meist auf dem kalten Boden, den Kopf zwi. schen den Beinen oder auf der Brust eines Kameraden. Beim Austreten konnte man unmöglich zu den Dreckeimern gelangen, ohne mit jedem Schritt auf einen Körperteil eines Mitgefangenen zu treten. Da 62 1 ein und und leute welt. ı mit htete alle, f der men- 1 der rrten wenl nach ‚ordet 1sel, & für nnig: t hin- erden ostäti- ‚Luft! Ecke ; abel Leute m den ‚ Aus“ nd so mere$ | beste ‚selnd gi Aus ne mil I. Da regnete es Fluchworte, Faustschläge und Fußtritte. Leibweh, An- schwellen des Unterleibes ängstigten mich. Urinvergiftung, baldiger Tod schwebten vor meiner aufgeregten Phantasie, die jetzt alles durchs Vergrößerungsglas schaute. Am 14. Dezember drohte mir ein Nervenzusammenbruch. Bleich wie Kreide wankte ich zum Oberauf- seher und erbat zum Sondieren einen Arzt. Er fragte:„Wie alt sind Sie?“— ‚60 Jahre.“—„Ihr Beruf?“—„Katholischer Geistlicher.‘ —„Pfaffen und Greise brauchen wir nicht mehr! Sie können ruhig eingehen, Sie hinterlassen keine Lücke. Scheren Sie sich weg!‘ Später führte mich ein Unterwärter, Zeuge des Gesprächs, in einen Abort außerhalb der Halle und rettete mir vielleicht dadurch das Leben. Plötzlich helles Lachen in einer Ecke des Saales.„Goldschmitt, komm mal her! Eine Laus wird Dir helfen!“ In der Tat war ein Radikal- mittel gefunden, um aus dieser Dreckhalle in das saubere Stadtgefäng- nis zu kommen. Läuse sind nämlich gefährliche Überbringer der Fleck- typhusbazillen. Wer eine Laus hatte, durfte ein Bad nehmen, bekam frische Wäsche und bezog einen freundlicheren Kerker. Nun wurden Läuse gesucht und für eine Zigarette oder sechs Mark das Stück ver- kauft. Ja, die Häftlinge stibitzten die erlegten Läuse weg und verhan- delten sie unter den Kameraden. Leider konnte ich keiner Laus habhaft werden, und doch plagten mich in Dachau allzuviele. Am 16. Dezember 1942 wurden wir zu je zwei aneinander gefesselt. Pfarrer Müller war arı mich gekettet. Vor Wut drangen mir die Tränen in die Augen. Da Müller größer ist als ich, Zerrten wir uns die Hand- gelenke wund. Mitleidig betrachteten uns am Bahnhof einige Frauen. Als wir ihnen zuflüsterten, daß wir katholische Priester seien, hielten manche beschämt die Hand vor die Augen und gingen traurig weg. Ahnten sie vielleicht, daß dieses alles-einmal eine furchtbare Sühne fordern würde? Bald standen wir wieder in einer der Zellen des Ge- fangenenwaggons, der uns nach Dachau brachte. „Transport“ zählt nur neun Buchstaben, ein Wort so klein, doch riesengroß an Menschenelend für Häftlinge, die oft zahlreiche Trans- porte mitmachen mußten. Damals ahnte ich nicht, daß man mich bald zwingen würde, gegen meinen Willen so viele Transporte zusammen- zustellen. 63 4. Ankunft in Dachau h e i ,, Dachau, alles aussteigen!" rief jemand in den Gefangenenwaggon. Wie ein Stich ging es mir durch das Herz. Still stieg ein Vaterunser zum Himmel auf. Wann werde ich den Bahnhof wiedersehen? Bald schrie eine schnauzige Stimme: ,, Zu fünf aufstellen, auf gehts, etwas flinker, ihr Schweine!" Ohrfeigen und Fuẞtritte fehlten nicht. Die Ankömmllinge schritten vom Bahnhof zu einem Autobus. ,, Auf gehts, auf gehts, hineinspringen, na, mal was schneller, ihr Ölgötzen." Rasch gesagt für die Jungen, doch wie konnten wir Alten so schnell hinaufspringen? Gerade wollten meine Hände den Rand des Wagens umklammern, um den Versuch zu machen, mich langsam hinaufzuziehen, da griff mich ein SS- Mann am Gesäß- ein wuchtiger Stoß- der bischöfliche Kommissar war wie ein Tier hinaufgeworfen. ,, Alte Sau, leg Dich hin, sonst werden wir Dir die Rippen spalten", war die Begleitmusik. Bald waren wir im Lager. Stockfinstere Nacht. ,, Aussteigen, auf gehts, auf gehts, ihr Giftkröten! Bei uns gehts im Sturmschritt." Die Jungen sprangen ab. Wir Alten rutschten nach. Wiederum Fußtritte und Rippenstöße. In einem Zimmer begann das Einzelverhör. Eine anständige Feder vermag nicht, alle Ausdrücke wiederzugeben. Über meine angebliche Haushälterin sind abfällige Worte gefallen. Der Dreckspatz, der so unflätig redete, war doch etwas betroffen, als ich langsam, mit Würde, antwortete: ,, Meine Haushälterin ist meine alte Mutter, 82 Jahre alt, die jetzt daheim um mich Tränen vergießt." Das Scheusal änderte mir gegenüber jetzt den Ton. Er schämte sich, dachte vielleicht auch an seine Mutter. Nach dem Verhör nahmen uns Häftlinge auf, also Kameraden. Sie redeten auch nicht gerade sauber und gingen gar nicht anständig mit uns um. Eine tieftraurige Erfahrung schon gleich am ersten Abend, daß in Dachau oftmals der Häftling des Mithäftlings grausamer Peiniger war. Wir mußten uns auskleiden, alle Habseligkeiten abgeben und wurden vom Kopf bis zu den Füßen rasiert. Dann ging es ins Bad. Nach dem Aufenthalt in der Nürnberger Dreckhalle wirkte diese Dusche wie eine Erlösung. Plötzlich drang die Stimme des Pfarrers Müller am mein Ohr: ,, Goldschmitt, komm her! Man ersäuft mich." Im Baderaum stand eine große Bütte; darin war reich64 S 7 k k H S G I H chau ggon. unser Bald twas Die ehts, Rasch aufumehen, chöfDich usik. ehts, ngen und Feder poliche er so ürde, e alt, derte auch also nicht ham grauzeiten ging wirkte des 1ereichlich Wasser für einen Mann. Die älteren Kameraden warfen Müller hinein und stülpten einen Deckel darüber. ,, Der arme Müller wird ertränkt", dachte ich ,,, dann komme ich dran." Im Stillen bereitete ich mich auf den Tod vor. Bald zog man Müller wieder heraus. Während ich erleichtert aufatmete und Müller etwas zu schmunzeln versuchte, lachten die andern boshaft. Man warf uns Wäsche und Kleider zu. Wenn doch meine Feder die neue Kostümierung beschreiben könnte! Das Hemd erreichte kaum den Unterleib, die Hemdärmel knapp die Ellbogen, der Hals blieb unbedeckt. Keine Unterhose. Und wir schrieben doch den 16. Dezember. Die enge, zerrissene Hose mußte vorn mit Papierschnüren festgebunden werden. Das eine Hosenbein ging bis zum Knie, das andere brachte es nicht so weit, da beim Anziehen ein Stück abriẞ. Und die Weste? Eine Zusammensetzung von durchlöcherten Fetzen, kein einziger Knopf, auch viel zu eng. Die linke Seite fehlte, mit Ausnahme der Tasche, fast gänzlich. Ich hatte den Eindruck, als ob mir ein Brotbeutel um den Hals gehängt wäre. Als wir bessere Kleider bekamen, wurde auf den Rücken der Weste mit roter Farbe ein K und ein L gemalt, später nähte man uns sogar in Kreuzform zwei Lappen Tuch von anderer Farbe auf den Rücken! Dieser spaßige Stempel sollte uns vor der Flucht abschrecken. Wir bekamen keine Kopfbedeckung, keine Strümpfe, keinen Mantel. Als Schuhe dienten Holzsohlen mit einem Stück Segeltuch über den Zehen. Das war eine nette, zigeunermäßige Körperbekleidung! Sollte man weinen oder lachen? Am besten beides zugleich. Wir sahen tragikomisch aus. Pfarrer Müller glich mit seinem rasierten Kopf und den engen Kleidern einem Hanswurst auf der Bühne. Jeder Häftling bekam eine Nummer, Pfarrer Müller die Nummer 41 349 und ich bekam Nummer 41 350. Wir mußten unsere Nummern auf die linke Westenseite und das rechte Hosenbein annähen. Auch kleine Winkel aus Tuch wurden ausgeteilt und unter der Nummer angebracht. Je nach dem Grund der Verhaftung war die Farbe verschieden. Die politischen Gefangenen hatten rote Winkel, die Berufsverbrecher grüne, die Arbeitsscheuen schwarze, die Bibelforscher violette, die Juden gelbe mit einem Stern, die Homosexuellen rosarote. So waren wir alle öffentlich abgestempelt. Ich bekam die rote Farbe, denn mein Schutzhaftbefehl hatte folgenden Wortlaut: ,, Franz Goldschmitt, in Morsbach am 5 Zeugen des Abendlandes 65 28. Januar 1883 geboren, Geistlicher von Beruf, Volksdeutscher, katholisch, wohnhaft in Duß, gefährdet nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Feststellungen durch sein Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und des Staates dadurch, daß er sein Amt als Geistlicher dazu mißbraucht, um in geradezu übler und herausfordernder Weise gegen alles Deutsche zu hetzen, erwarten läßt, er werde bei Freilassung sein staatsfeindliches Treiben fortsetzen und die Belange des Reiches schädigen." In Berlin unterzeichnete dieses in blödem Deutsch verfaßte Schriftstück ein gewisser Müller, in Saarburg der sattsam bekannte Kommissar Jung. Der Chef des Berliner Reichssicherheitshauptamtes hat diesmal bei mir ausnahmsweise nicht gelogen. Gegen zehn Uhr abends führte man uns vom Bad in den Zugangsblock Nr. 15. Obwohl wir seit zwölf Stunden nichts gegessen hatten, fütterte uns ein Mithäftling nur mit unsagbaren Grobheiten ab. Der rauhborstige Mann war der Blockälteste Nikolaus Muth. Wir beide lagen uns bereits am ersten Abend in den Haaren, da sein loses Mundwerk in obszönen Ausdrücken die SS noch übertraf. Erst auf meine energische Drohung hin, beim Kommandanten Beschwerde einzureichen, änderte er den Ton. Jemand hatte ihm auch ins Ohr geflüstert, ich sei der Bischof von Metz und könnte Ehrenhäftling werden. NB W น S S S la b n C a g 6 g II. Im Zugangsblock Nr. 15 1. Die erste Nacht in Dachau Die vierwöchige Einzelhaft im Saarbrücker Gefängnis, der achttägige Transport über Nürnberg nach Dachau, die tragikomische Empfangsszene seitens der rohen SS, der scharfe Zusammenstoß mit dem Blockältesten Nikolaus Muth sowie der bohrende Hunger nach einem zwanzigstündigen Totalfasten hatten mich am Abend des 16. Dezember 1942 moralisch und körperlich ganz heruntergebracht. Wie ein Haufen Elend stand ich abends nach zehn Uhr in der Stube 66 S er, kastaatsnd die mt als rdernde bei elange lödem rg der Reichscht geen Zugessen iten ab. . Wir n loses rst auf de einOhr geäftling Vr.15 Dachau er achtomische stoß mit er nach nd des ebracht. er Stube Nr. 2 vor einem Spind und mußte mich bis aufs Hemd ausziehen, das wie armselige Tuchlappen Brust und Rücken nur notdürftig bedeckte. Blockältester Muth drängte uns Neuankömmlinge in den Schlafraum und zündete dort das Licht an. Aus allen Ecken drang vieltöniges Schnarchen an meine Ohren. ,, Ruhe, Ruhe, Licht aus!" knurrten einige Stimmen aus den Betten. Muth schrie laut: ,, Schnüffel halten, ihr Säue, sonst hole ich euch heraus und ihr steht mir eine ganze Stunde lang draußen auf der Blockstraße." Alle verstummten. Muth durchbohrte mich boshaft mit einem scharfen Blick und schrie wiederum übermäßig laut: ,, Dich sollte ich ja hoch in die dritte Etage verlegen. Das Hinaufturnen würde deine dreckig- freche Schnauze etwas zähmen." Da ihm die Antwort versagt blieb, fuhr er wütend fort: ,, Na, altes Schwein, leg' dich mal hier in dieses Bett neben den geschlechtskranken Tschechen!" Ich blieb unschlüssig stehen. Nachdem den andern Neuankömmlingen die Betten angewiesen waren, stieß er mich auf eine leerstehende Klappe der untersten Reihe, dem Tschechen gegenüber. Ich lag dicht an der feuchten Wand. Bevor das Licht ausgelöscht wurde, erspähte mein Auge den Bettnachbar zur Linken, einen ältlichen Mann, der noch wach lag. Eiskalt war das Bett. Mein ganzer Körper erschauerte. Nach einer Weile stieß mich der Bettnachbar an, beugte sich über mich und flüsterte leise: ,, Wir sind hier in einem Narrenhaus. Schlimmer noch, Dachau ist die Hölle. Wir dürfen nicht sprechen, möchte dir nur sagen, daß ich katholischer Priester bin. Ich heiße Cordonnier. Falls du gläubiger Katholik bist, gebe ich dir meinen priesterlichen Segen. Bete jetzt still ein Vaterunser. Bleiben wir gute Kameraden!" Ich hörte, wie er leise betete: ,, Benedictio Dei..." Tränenfeuchten Auges machte ich das Kreuzzeichen, tastete nach der Hand des Kollegen und flüsterte schluchzend in französischer Sprache: ,, Merci bien! Ich bin auch Priester, Pfarrer im Bistum Metz." Da umfaßte der alte Mann meine Hände. Wie wir beide zitterten! ,, Ruhe, Pfaffenschwein!" knurrte jemand in der Nähe. Bonsoir, Bonsoir!" Dieses glückliche Zusammentreffen war ein Lichtstrahl für meine dunkle Seelenstimmung. دو Mir träumte nach dem aufregenden Tag von einem bösen Teufel und einem guten Engel. 67 2. Im Waschraum Am andern Morgen, punkt halb fünf Uhr, flammte das Licht auf. Der Stubenälteste Kopp rief laut: ,, Aufstehen!" Vier Beine streckten sich über mir zu meinem Bett herunter. ,, Heraus aus der Klappe!" rief mir einer zu. ,, Jetzt wird die Visage geputzt." Auch ich krabbelte heraus, wegen meiner Nacktheit etwas beschämt. Die andern Kameraden liefen auch, meist im Adamskostüm, in den Stubenraum. Kopp wünschte mir mit Händedruck einen guten Morgen. Ich solle mich durch den Blockältesten Muth nicht einschüchtern lassen. Vor den Spinden zogen wir die Hosen an und liefen in den Waschraum. Alles eilte und rannte und stürmte dahin. Jeder wollte der erste sein. Wer, wie ich, schüchtern blieb, wurde mit Stößen weggeschoben, beiseitegedrückt und in die Ecke gestellt. Schreien, Toben, Schimpfen, Fluchen und Lachen ließen sich in wüstem Durcheinander hören. Jeder Häftling gab seinen Namen an, wurde notiert und mußte sich das Antlitz, den Kopf und den Oberkörper waschen. Ich legte die Seife, die mir noch aus der Heimat geblieben war, auf den Rand eines Troges. Nach dem Abtrocknen war sie bereits verschwunden, wegstibitzt ,,, organisiert", wie man dies in Dachau nannte. In der Stube zogen wir uns an. Nach einigen Minuten schrie eine Baẞstimme: ,, Zum Bettenbauen antreten!" Alle stürzten jetzt wieder in den Schlafraum. Jeder schien Angst davor zu haben, der letzte zu sein. Schweren Herzens schlich ich langsam nach. P l F N V F S I H H 3. Die Kameraden Im Zugangsblock Nr. 15 wohnten in den Stuben eins und zwei je 80 Mann, meist Deutsche, Polen und Tschechen, in den Stuben drei und vier rund 300 Leidensgenossen, ausschließlich Russen. Ich kam auf die Stube zwei. Unser taktloser und unbeherrschter Blockältester Nikolaus Muth, ein kleines, zimperliches Männchen von knapp 30 Jahren, war eitel wie ein Affe, empfindlich wie eine alte Jungfer und saugrob wie ein versoffener Bürstenmacher. Hier und da konnte Muth auch menschliche Empfindungen zeigen. So sang er, obwohl Gottesleugner, an Weihnachten mit einer gewissen Rührung religiöse Lieder, 68 raum it auf, ockten ppe!“ bbelte mera- Kopp mich ır den Alles Wer, iseite- \ Flu- Jeder ch das | Seife, eines weg- je eine wieder tzte zu d wei en drei ch kam ilteste? a nd sa“ + Muth Gottes" Liedeh, plauderte auch manchmal recht freundlich mit uns Geistlichen. Als der lothringische Pfarrer Fabing mir gelegentlich verbotswidrig Brot und Fleisch über den Blockzaun warf, fiel die Liebesgabe auf das Dach. Da kletterte Muth selbst hinauf und übergab mir das Päckchen. Kein Mensch ist halt ganz gut oder ganz schlecht. Jeder hat ein Gemisch von beiden. Er ist übrigens wegen seines bestialischen Wesens im Frühjahr 1943 in ein anderes Lager überwiesen worden. Aus ganz anderem Holz war der Stubenälteste Willy Bader ge- schnitzt. Er regierte in den Stuben drei und vier wie ein guter Papa. Der kurz gewachsene, breitschulterige Mann mit den abgehärmten, blassen Gesichtszügen schaute ernst und kummervoll drein. Willy hatte das frohe Lachen ganz verlernt. Kein Wunder! Wir Neuange- kommenen schauten mit Ehrfurcht, ja mit einem gewissen Grauen auf seine Häftlingsnummer, die niedrigste, die mir unter das Auge kam, Nr. 9. Der brave Willy schmachtete schon seit 1933 hinter dem Stacheldraht von Dachau. Der arme Tropf mußte Grausiges miterlebt haben, so menschenscheu und wortkarg war er geworden. Trotz un- serer politischen und religiösen Gegensätze verband mich mit diesem Kommunisten fast 30 Monate lang echte, aufrichtige Freundschaft. Nie entschlüpfte ihm ein hartes Wort, nie tat er einem Leidensgenossen weh, immer reichte er jedem, wo es nur ging, eine hilfreiche Hand. Wenn wir in Dachau nur Blockpersonal und Capos wie Willy Bader gehabt hätten, wären Tausende Kameraden am Leben geblieben. Willy Bader ging in seiner Herzensgüte sogar SO weit, daß er, trotz An- drohung schwerster Strafen, uns Geistlichen half, den Sterbenden die hl. Sakramente zu spenden. Leider ist dieser kreuzbrave Mann vor der Befreiung gestorben. Unser Stubenältester Kopp war Rechtsanwalt in Frankfurt am Main. Ein mittelgroßer Mann in den vierziger Jahren, korpulent, mit intelligentem Blick, flottem, autoritätgebietendem Auftreten und ge- winnendem Gesichtsausdruck. Gegen alle Leidensgenossen blieb er stets höflich. Nur jene, die Kameradschaftsdiebstahl betrieben, spürten seine harte Hand. Im dienstlichen Verkehr mit der SS spielte Kopp den schlauen Diplomaten. So hielt dieser taktvolle Rechtsanwalt seine Stube in mustergültiger Ordnung und besaß dabei die Anhänglichkeit aller anständigen Mithäftlinge. Wo nur zu helfen war, sprang er ein. 69 - - Täglich plauderte ich viele Stunden lang mit ihm. Als gläubiger Katholik schloß er sich gerne uns Geistlichen an, ohne der Überzeugung anderer Leidensgenossen nahe zu treten. Kopp hat es glänzend verstanden, manche tieftraurige Stunden unseres vierwöchigen, leidensreichen Aufenthaltes im Sperrblock Nr. 15 aufzuhellen. Er wurde im Laufe des Jahres 1943 zur Wehrmacht entlassen. Auch unser Blocksekretär, ein Tscheche, Lehrer von Beruf, blieb uns Neulingen ein herzensguter Nothelfer. In noch besserer Erinnerung steht uns Kamerad Schremmer, unser Kantineur, der als Lehrer zugleich unsere sogenannte Umschulung zu leiten hatte. Dieser schlanke Mann, mit .einem bleichen Gesicht und freundlichen Augen, war nicht aus der Ruhe zu bringen. Hunderterlei Fragen wurden ihm täglich gestellt. Jeder wollte gerne wissen, wie es im Lager zugehe, welche Arbeit man bekomme, ob Dachau so schlimm sei, wie man uns erzähle usw. Eine freundliche Antwort blieb nie aus. Wenn man sich Alarmberichte über gute oder schlimme neue Maßnahmen von Ohr zu Ohr tuschelte, verzog Schremmer kaum das Gesicht und meinte stets recht trocken: ,, Kinder, laßt euch nicht aufregen! Glaubt nichts! Das sind lauter Latrinenparolen." Unser Kantineur und Lehrer gehörte den hochgebildeten Kreisen an; er leitete als Direktor den Münchener Theatinerverlag und war wegen seiner katholischen und königstreuen Gesinnung hinter den Stacheldraht gekommen. Auch Schremmer brachte den kranken Kameraden im geheimen das hl. Abendmahl. Der allgemein hochgeschätzte Mann soll Ende 1944 entlassen worden sein. Neben diesen Kameraden, die zum Personal gehörten, hatte ich auch bald gute Freunde unter den Neuankömmlingen. Der 69jährige Geistliche Cordonnier, ein Belgier, war mir besonders lieb. Dieser noch rüstige, stark gebaute Priestergreis hatte schon einige Monate in verschiedenen Gefängnissen zugebracht. Viele Hungergeschwüre plagten ihn. Bei der Ankunft in Dachau wurde er von der SS aus dem Autobus hinausgeworfen. Cordonnier hatte sich das Nasenbein gebrochen. Der kurzsichtige Mann verlor dazu seine Brille und konnte jetzt nicht mehr lesen, was ihm ungemein leid tat. Auch war sein ganzes Antlitz durch Wunden entstellt. Dieser feinfühlige frühere Seminarprofessor von Liège brachte sein Talent als Lehrer mit ins Dachauer Lager. Wie oft trat er aufklärend, vermittelnd und auch zurechtweisend auf! 70 U น V 6 ง Kathog anveridens-de im Blocken ein nt uns unsere n, mit us der estellt. it man . Eine erichte chelte, rocken: lauter hgebilatinerinnung te den gemein atte ich jährige er noch in verplagten Autobus rochen. zt nicht Antlitz ofessor Lager. and auf! Unter den Kameraden wimmelte es von vielem Gesindel mit grünen und schwarzen Winkeln, demnach Arbeitsscheuen, Trunkenbolden, ja Verbrechern. Da hetzte der eine gegen die Pfarrer, ein anderer riẞ unsaubere Witze, ein dritter stahl den Kameraden Brot, Seife usw. Wir hatten unter uns bärbeißige Grobiane, großmäulige Schwätzer, klatschsüchtige Besserwisser, Krakeeler aller Art. Cordonnier, der einigermaßen gut deutsch sprach, suchte besonders in Abwesenheit des Stubenältesten Kopp zwischen den Streithähnen zu vermitteln. Besonders mutvoll und energisch trat er gegen die Pfaffenfresser und Religionsspötter auf und brachte sie nicht selten zum Schweigen. Er zog sich dadurch die Feindschaft des Blockältesten Nikolaus Muth zu und hatte von ihm nicht wenig zu leiden. Den frommen, 45jährigen Luxemburger, Pfarrer Dominique Trausch, erwählte ich mir zum Seelenführer. Wir beide blieben bis zum Ladenschluß unzertrennliche Freunde, waren übrigens auch fast immer in denselben Arbeitskommandos beschäftigt. So teilten wir über zweieinhalb Jahre lang Freud und Leid miteinander. Beim Abschied, Ende Mai 1945, verabredeten wir eine jährliche Zusammenkunft aller lothringischen und luxemburgischen Dachauer Freunde. Kaum war jedoch Trausch in der Heimat angekommen, starb er unerwartet am 11. Juni 1945. Die vielen Entbehrungen und manche harte Mißhandlung hatten ihm den Keim des Todes ins Herz gelegt. Zu unserem Freundeskreise gehörte ferner der reichsdeutsche Pfarrer Ludwig Bauer aus Neustadt an der Weinstraße, ein frommer Geistlicher, der mit seiner großzügigen Freigebigkeit viele Herzen eroberte. Auch unter den Laien fand ich brave Leute, wie den einbeinigen Sportlehrer Vogel aus Frankfurt, den stets hilfsbereiten einarmigen Matz aus Saarbrücken, der zufällig in meiner Pfarrei Dieuze verhaftet worden war, unseren engeren Landsmann Gustave Dieudonné aus Montigny, den kleinen, schwarzäugigen Hausierer Winterstein aus Forbach und viele andere, deren Namen vergessen sind. 4. Das Bettenbauen Im Saarbrücker Gefängnis war mir das Bettenmachen zur Leichtigkeit geworden, aber das blöde Bettenbauen in Dachau stellte in den 71 ersten Wochen harte Forderungen. Ein braver Tiroler führte mich in die mühevolle Theorie und einige Tage lang in die gewiß nicht leichte Praxis des Bettenbauens ein. Die zu bearbeitenden Objekte waren der Strohsack, der Kopfkeil, bei uns Kopfkissen genannt, das weiße Leintuch und eine dicke, graue Decke, wie man sie daheim dem Vieh auf den Rücken legt. Diese Decke zeigte im Breiteabstand von 60 cm der Länge nach zwei blauweiße Streifen. Als Hilfsmittel zum Bauen des Bettes dienten die Hände, eine scharfe Beobachtungsgabe, ein Stock und zwei mit Griffen versehene, glatte Bretter. Der erste Angriff galt dem Strohsack. Er mußte in eine große, rechteckige Zigarrenkiste mit scharfen Kanten an den vier Seiten umgeformt werden. Der Stock suchte sich einen Weg durch den Strohsackschlitz und stieß das Stroh, das in der Nacht auseinander oder zusammengedrückt worden war, gegen die Ränder. Dann bearbeiteten die zwei Bretter durch Drücken, Reiben und Glätten den armen Strohsack so lange, bis er an den vier Eckseiten und auf der Liegefläche ohne irgend eine Buchtung, glatt wie das Wasser auf dem Spiegel eines Teiches, aber auch besonders scharf gekantet war. Das weiße Leintuch mußte sodann über den Strohsack gespannt werden, ohne dabei auch nur ein millimeterbreites Fältchen zu bilden. Das kunstgerechte Umschlagen des Leintuches unter den Strohsack, sodaß er wie angegossen schien, überstieg fast immer meine Fingerfertigkeit. Manch heißer Angstschweißtropfen träufelte mir bei dieser Operation von der Stirne. Da nützten mir alle meine philosophischen, theologischen und anderen Kenntnisse garnichts. Sobald ich an einer Kante glücklich allen Falten den Garaus gemacht hatte, grinsten mich an anderen Stellen neue Falten unheilverheißend an. Nun kam der steife, mit Seegras vollgestopfte, scharfkantige Kopfkeil an die Reihe. Er mußte auf den Millimeter genau am Kopfende mitten auf dem Strohsack liegen und zwar in einer solchen Höhe, daß die Kopfkissen der anderen Betten, die nebeneinander standen, eine kerzengerade Linie bildeten. Da bückte ich mich, drückte ein Auge zu und blinzelte auf die anderen Betten, strich an meinem Kopfkissen herum, bis die gerade Linie, meiner Meinung nach, erreicht war. Jetzt hieß es alle Vorsichtsmaßnahmen treffen, um ja nicht das Kopfkissen durch eine unvorsichtige Berührung zu verschieben. Zum Schluß wurde die graue Decke auf dem Boden oder auf einem Tisch so zusammen72 ge F mich in leichte en der Leineh auf m der en des Stock ff galt ste mit Stock Stroh, n war, ücken, en vier glatt onders er den breites tuches eg fast en träue meine gelegt, daß die beiden blauweißen Streifen dicht an den Rändern gerade noch sichtbar waren. Behutsam rollte man die Decke nach der Faltung zusammen und legte den Anfang 20 Zentimeter, ja keine rnichts. emacht meißend kantige KopfHöhe, en, eine Auge zu en hertzt hieß n durch wurde ammenIm Schlafraum 19 Zentimeter vom Fußende des Bettes an, und rollte sie vorsichtig langsam über das Bett bis zum Kopfkeil. Hier mußte sie treppenartig auf das Kissen steigen. Nun warf man sein schärfstes Beobachtungs73 talent in die Waagschale, um ja haarscharfe Kanten zu bilden, ohne dabei die gerade Linie mit den Nachbarbetten aus dem Auge zu verlieren. Die zwei Bretter besorgten wieder das Glätten und die Kantenherstellung. Das nannten die Nazis ,, deutsche Ordnung"-ich nenne es ,, verrückte Schikane".- Das weiße Leintuch mußte noch an irgend einer Stelle kunstgerecht um die Decke eingeschlagen werden: ich habe aber den Blödsinn vergessen. Denn seit Frühjahr 1943 waren die Leintücher verschwunden, und man nahm es mit dem Bettenbauen nicht mehr so genau. Jedoch vor diesem Datum gehörte das Bettenbauen zu einer der schlimmsten Gefangenenquälereien. Vier Wochen lang habe ich theoretischen und praktischen Unterricht bekommen, brachte es aber nur auf ,, kaum genügend". Zigaretten ersetzten meinen Mangel an Kunstfertigkeit, sodaß ich mit dem Prädikat ,, prima" schließlich dieses dämlichste all meiner Examina glänzend bestand. Wie waren die armen Kameraden zu bedauern, denen solche Schmiermittel abgingen! Viermal quälte uns täglich eine stramme Revision der Bettenbauerei, der nicht wenige zitternd und mit klopfendem Herzen entgegensahen. Zuerst überschaute der Schlafraumcapo, dann der Stubenälteste, meist auch der Blockälteste und immer der gefürchtete SS- Blockführer den Schlafraum sehr genau. Wenn irgend etwas nicht klappte, flogen Kopfkeil, Leinwand und Decke auf den Boden. Ohrfeigen, Rippenstöße, Fuẞtritte sowie gröbste Schimpfereien wie ,, Rindvieh, du dämliches! Hornochs, du deppiger! Sauhammel, du eselhafter!" suchten die Kunst des Bettenbauens einzupeitschen. Zwei-, drei-, ja viermal mußte von vorne angefangen werden. Bei öfterem Rückfalle in die Fehler gegen das Bettenbauen erfolgte als Sühne 24 stündiger Kostentzug, 25 Hiebe und dergleichen mehr. Ein Kamerad wurde wegen mangelhaften Bettenbauens derart geschunden, daß er sich in selbstmörderischer Absicht gegen den elektrisch geladenen Draht stürzte. Seine Leiche hing den ganzen Tag über am Draht. Ähnliche grausame Kleinigkeitskrämereien waren mit der Spindordnung, dem Mantelfalten, dem Aufstellen des Eẞgeschirrs, dem Einstecken der Gabel und des Messers, dem Aufhängen des Hand- und Abwischtuches usw. verbunden. Auf dem Zugangsblock plagte und schindete uns das Erlernen der ,, deutschen Ordnung und Reinlichkeit" jeden Tag mindestens vier volle Stunden. 74 14 e daeren. stel, vereiner aber icher mehr einer e ich aber el an lieses mdie ngen! uerei, ahen. meist r den Kopfstöße, Fiches! Kunst e von gegen Hiebe ettenbsicht g den ereien en des Aufm Zuschen unden. 5. Der Morgenappell ,, Zum Morgenappell antreten!" Auf diesen Ruf hin liefen alle Stubeninsassen in überstürzter Eile zur Türe hinaus auf die Blockstraße. Obwohl auf dem Zugangsblock außer der Sorge für Reinlichkeit, Ordnung und Umschulungsunterricht den ganzen lieben langen Tag hindurch kaum etwas zu tun war, wurde stets herumgehetzt. ,, Auf gehts, auf gehts", schrie man wild durcheinander. Dann begann ein Laufen, Rennen, Beiseiteschieben, Über- den- Haufenwerfen, als ob ein Rudel Wölfe hinter einem wäre. Phlegmatisch wankte ich nach. Stockfinstere Nacht war es noch draußen. Die Uhr zeigte ja kaum die sechste Morgenstunde. Ein eiskalter Wind blies mir um die Ohren und über den kahlgeschorenen Kopf. Selbst wollene Unterkleider hätten kaum Schutz geboten. Wir gestern Angekommenen hatten keinen Mantel, kein Wams, keine Unterhose, nichts auf dem Kopf, nur Holzpantinen an den nackten Füßen, einen leeren Magen, kein Fett mehr unter der Haut. Zähneklappernd trat ich zögernd und behutsam, mit den Händen tastend, eine Stufe hinunter auf die gefrorene, glatte Straße. Plumps! das ungewohnte Schuhwerk war mir von den Füßen gerutscht. Ich verlor das Gleichgewicht, fiel auf den Boden und riẞ noch einen Kameraden mit. ,, Scheeler Hund, paß auf! Ich haue dir eine in die Fresse!" schrie mich der Mann roh an. In der Dunkelheit konnte der eine Schuh nicht mehr gefunden werden, und so stand ich mit einem nackten Fuß auf der eiskalten Erde. Unser Blockältester Muth schrie überlaut: ,, Stube eins und zwei, getrennt in Reihen zu je 10 Mann antreten! Etwas hurtiger! Vordermann, Seitenrichtung! Ihr Schweinehunde, ihr verdammten, könnt ihr Esel nicht bis auf 10 zählen? Da stehen doch nur 9 Hornochsen in der Reihe, Schnauze halten, sonst trete ich euch in den A...!" So gings fast ohne Unterbrechung weiter. Nervös lief Muth in den Reihen umher, gab Ohrfeigen links und rechts und stieß einige Kameraden so fest an, daß sie kopfüber zu Boden plumpsten. Mein Nebenmann versuchte, mit ein paar alten Lappen die Ohren gegen die Kälte zu schützen. Flugs bekam er einen Schlag ins Gesicht. Der arme Kerl purzelte auch um. Muth riß ihn hoch, gab ihm ein paar Maulschellen, ließ ihn wieder fallen und versetzte ihm einen Tritt. ,, Auf! Gerade sollst du stehen! 75 Hände vom Kopf weg! Du Scheißhammel. Du Mastschwein! Du Elender!" schrie Muth wie ein Tobsüchtiger. Trotz der Kälte wurde es mir warm im Kopf. Die innere Empörung trieb mir das Blut nach oben. So etwas mußte man sich von einem Mithäftling gefallen lassen. Links von mir stand ein Greis von über 70 Jahren. Er zitterte vor Kälte wie Espenlaub. Hinter mir flüsterte ein baumlanger, häßlich abgemagerter Mann mir ins Ohr, er habe gehört, ich sei Pfarrer, auch er sei Priester. Da Muth gerade wieder laut brüllend Ruhe forderte, wagte ich keine Antwort. Vor uns trabte Muth noch immer nervös auf und ab. Es näherte sich ihm ein kurzgewachsener Mann. Es war Willy Bader, der Stubenälteste der Stube drei und vier. ,, Bei mir sind alle angetreten", meldete er Muth einsilbig und verschwand. Draußen auf der Lagerstraße gingen lange Kolonnen im Schritt schweigsam zum Appellplatz. Da nun elektrisches Licht das ganze Lager überstrahlte, konnte man Tausende und Abertausende von Männern reihenweise vorbeimarschieren sehen. Wir Ankömmlinge wurden während der vierwöchigen Quarantaine in unserer Blockstraße gezählt. Unser freundlicher Stubenältester Kopp machte nach einer Weile seinem Chef Muth die Meldung, daß alle Männer der Stube angetreten seien. Es fehle nur Nikolaus Cordonnier. Dieser Mann habe die Füße geschwollen und könne kaum stehen. Man möge ihn mitzählen, ohne daß er angetreten wäre. Muth stürzte in die Stube hinein und schrie: ,, Saupfaff, heraus zum Appell! Heraus du altes Wildschwein, auch wenn du krepierst! Für dich sehe ich schon lange schwarz." Muth zog den Geistlichen aus der Stube und stieß ihn in die Blockstraße. In meiner grenzenlosen Empörung wäre ich gerne dem Barbaren an den Hals gesprungen. Wie konnte der kaum 30jährige Flegel einen so alten Priester derart mißhandeln! Pfarrer Cordonnier verschwand in einer Reihe. Da standen wir nun in steter Aufregung schon über eine halbe Stunde. Mir froren die Knochen im Leibe. Die meisten Kameraden stampften mit den Holzschuhen auf den Boden, um sich die Füße etwas zu erwärmen und hatten die Hände in die Hosentaschen vergraben. Bald gröhlte Muth wieder: ,, Die Tatzen aus der Tasche! Kein Fuß bewegt sich mehr!" Er stürmte zur Türe, die zur Lagerstraße führte, und kam mit einem SS- Mann heran. Schon von weitem lautete der Befehl: ,, Stillgestanden! 76 ! Du wurde nach assen. tterte Blich auch derte, herte Cuben, melstraße z. Da e man eimarchigen r Stue Melkolaus kaum Muth Appell! h sehe Stube pörung konnte andeln! wir nun ren die Holzen und Muth mehr!" einem Canden! Mützen ab!" Die paar Mützen wurden blitzschnell heruntergezogen. Muth gab die Zahl der Häftlinge an. Der SS- Mann zählte alle Reihen ab. ,, Es stimmt", knurrte er und verschwand. Das Abzählen hatte knapp drei Minuten gedauert. Dafür mußten über 400 Menschen fast eine Stunde lang in der furchtbaren Kälte stehen und dazu noch unsagbare Grobheiten einstecken. Muth kommandierte: ,, Mützen auf! Rührt Euch!" Nun war ja eigentlich der Appell zu Ende und wir hätten an sich wegtreten können. Aber die blöde Lagerordnung schrieb uns vor, in der Blockstraße stehen zu bleiben, bis alle Kameraden des ganzen Lagers gezählt waren, was oftmals stundenlang dauerte. Das Sprechen war jetzt erlaubt. Muth hatte auch etwas von seiner krankhaften Nervosität verloren. Mit Kopp und Willy spazierte er lachend auf und ab. Wir stampften mit den Füßen, hielten uns mit den Händen die blaugefrorenen Ohren zu und schwatzten miteinander, durften aber die Reihen nicht verlassen. Da trat ein alter Mann, zitternd vor Kälte, zu Muth und sagte eintönig die einstudierte Formel her: ,, Ich bitte den Blockältesten gehorsamst, in die Stube gehen zu dürfen. Mich friert zu sehr." Muth winkte ihm bejahend, und der alte Mann verschwand in der Stube. Bald trat auch Pfarrer Cordonnier vor und bat höflich, aber ohne die dämliche Formel, sich hinter den Ofen setzen zu dürfen. Er habe kalt und könne wegen der geschwollenen Füße nicht mehr länger stehen. Muth schrie so laut, daß sich seine Stimme überschlug: ,, Nein, Saupfaff, du bleibst stehen, auch wenn du krepierst!" Pfarrer Cordonnier bekam einen Stoß und fiel zu Boden. Viele Kameraden murrten. Kopp trat vermittelnd ein. Nun schrie Muth: ,, Na, schleppt das alte Schwein hinter den Ofen. Ich will mal aus(- nahmsweise gnädig sein. Der alte Pfaff müßte eigentlich bestraft werden. Hat dieser elende Schafskopf mir gestern vorgeworfen, ich behandle Menschen wie Tiere. Meint dieses dämliche Hornvieh, ich solle anständigere Redensarten gebrauchen. Ich pfeife auf seine Predigten. Leck mich.... und hau jetzt ab, sonst kriegst du noch eine in die Fresse...." Cordonnier verschwand, ohne eine Silbe Antwort zu geben. Uns ließ dieser elende Bube noch einige Minuten in der Kälte stehen und schrie sodann: ,, Block 15, stillgestanden! Abtreten!" Alle Kameraden stürzten wild durcheinander in die Stuben. Das nannte man Appell. 77 6. Beim Erkennungsdienst Gerade waren unsere froststarren Leiber in der warmen Stube etwas aufgetaut, da drangen schon wiederum laute Rufe zu unserem Ohr. ,, Block 15, Kaffee fassen!" Ein Dutzend Kameraden eilte zu der Pforte und schleppte keuchend schwere Kessel heran. Unsere Stube bekam deren zwei. Mit einer Aluminiumschüssel in der Hand stellten wir uns einer hinter dem andern auf, schoben uns im Gänsemarsch zu den Kesseln heran und faßten pro Mann etwa einen Liter der braunen, bitteren Brühe. Seit 20 Stunden hatten wir weder gegessen noch getrunken. Mit gieriger Wollust wurde daher das heiße Wasser hinuntergeschlürft, das wenigstens den leeren, knurrenden Magen etwas erwärmte. Da wir, die neuen Zugänge, in der Küche noch nicht angemeldet waren, bekamen wir erst am Nachmittag ein Viertel Brot für den vollen Tag. Kaum war die Schüssel gewaschen, schrie schon wieder eine Stimme: ,, Alles hinaus, ihr Mistschweine! Stubendienst antreten!" Nach dem Schlusse des Appells hatten wir die Pantinen abgelegt Jeder stürzte sich nun auf die Pantinen, die im Vorraum zwischen dem Abort und dem Waschraum standen. Welch ein Schreien und Fluchen, welch ein Stoßen und Wegschieben! Man trat mir oft auf die nackten Füße. Endlich faßten meine Hände zwei halbzerschlagene Holzschuhe, die unter dem Arm hinausgetragen und erst auf der Blockstraße über die Zehen gestülpt wurden. Die schneidend kalte Dezemberluft spürte man nach der vorübergehenden Erwärmung jetzt um so besser. Wir spazierten auf und ab, machten Bekanntschaften mit Kameraden aus aller Herren Länder und purzelten ein paarmal, der unpraktischen Pantinen wegen, auf den Boden, während drinnen der Stubendienst die Aborte, Waschräume und die Schlafräume in Ordnung brachte. Da wurde mit viel Geschrei sehr hastig geputzt, gefegt, der Boden gewichst, die Fenster blitzblank gerieben, der Ofen und das Schuhgestell gereinigt usw. Jedem Dreck, auch dem geringsten Stäubchen, wurde der Vernichtungskrieg erklärt. Schimpfkanonaden und Stockhiebe halfen bei der Arbeit fleißig mit. Selbst der böswilligste Schwarzseher mußte der wohltuenden Reinlichkeit im ganzen Lager Lob spenden. 78 uns dem imm schn vern wob Bar die die Tsc Bele alle älte Lun Die tran An stie Ra Bli an etw sas Kir Bli an Sch Vor Gl dro zog hin 合击 no Ei ı na. 0==> 2 Nach etwa einer guten halben Stunde geruhte der Blockälteste uns wieder hereinzurufen. Wir saßen jedoch kaum fünf Minuten auf dem Hocker, da erscholl ein neues Kommando, selbstverständlich wie immer im gröbsten Brüllton:„Alle Zugänge von gestern Abend schneller als ein geölter Blitz beim Blockschreiber antreten!” In diesem vermaledeiten Dachau lebte man im Zustande dauernder Aufregung, wobei die Nervenkraft des stärksten Mannes zu versagen drohte. Barfuß liefen wir zu dem noch unbekannten Kameraden, der im Block die Feder führte. Der Schreiber gehörte gottlob zu den Vorgesetzten, die nie das grobe Schimpfregister zogen; ja, der noble, gebildete Tscheche fand für uns Neulinge aufmunternde Worte sowie praktische Belehrungen. Jeder von uns mußte seinen Lebenslauf schreiben und alle notwendigen Auskünfte für die Kartothek abgeben. Als ich gerade eine Zeile geschrieben hatte, brüllte der Block- älteste Muth unerwartet das eine Wort:„Achtung!“ mit einer solchen Lungenkraft, daß mir vor Schrecken die Feder aus der Hand glitt. Die Kameraden sprangen schnell auf, Hocker fielen um, und das Ge- trampel der Füße beim Aufspringen vermehrte noch den Lärm. Alle Anwesenden nahmen Haltung ein; standen wie zu Statuen erstarrt und stierten gleich Hypnotisierten verängstigt auf den SS-Mann, der im Rahmen der Türe stand, majestätisch wie ein Halbgott, und funkelnde Blicke in die Stube hineinschleuderte. Muth trat bis zu drei Schritten an den Allgewaltigen heran und schrie:„Stube eins— 84 Häftlinge und “etwa 20 Zugänge beim Blockschreiber aus der Stube zwei.‘ Alle In- sassen standen, mit der Hand an der Hosennaht, wie Taubstumme da. Kirchhofsstille! Der SS-Blockführer riß einige Spinde auf. Sein scharfer Blick musterte die Kasten von oben bis unten und las die Namen, die an den Schränken angebracht waren. Beim dritten Spind zog er eine Schüssel heraus und rief einen Namen. Ein Kamerad sprang zitternd vor.„Du Dreckmolch‘‘ schrie der SS-Mann.„Schau mal mit Deinen Glotzaugen hierher.‘ Auf der Schüssel erhob ein fahler Kaffeeileck drohend Anklage. Der SS-Mann griff nach dem Ohr des Delinquenten, zog dessen Gesicht nach der Schüssel, rieb dessen Nase auf dem Fleck hin und her, gab dem Mann ein paar Ohrfeigen links und rechts, dazu noch einen Tritt in das Gesäß, daß der arme Kerl in die Ecke flog. Eine lange Litanei der gemeinsten Schimpfworte beschloß den Akt. 79 Dann schritt die SS- Majestät wortlos im Zimmer von einer Ecke zur anderen und musterte mit scharfem Blick einzelne Kameraden. Es herrschte immer noch eine beängstigende Stille. In den Augen des SS- Schinders glühte sichtbar eine teuflische Wollust, die wehrlosen Gefangenen vor sich zittern zu sehen. O Schrecken, jetzt stand der Unhold vor mir. ,, Na, wie bist denn du Narr ausstaffiert? Wo bleibt denn eines deiner Hosenbeine? Warum sind die Nummern noch nicht angenäht? Warum bist du barfuß? Kerl, du bist ja noch nicht gewaschen, du dreckiges Meerschwein..." Ohne mich überhaupt zu Worte kommen zu lassen, packte er mich am Arm und schüttelte mich hin und her, so daß meine Brille zu Boden fiel. ,, Was bist du von Beruf?" ,, Pfarrer."- ,, Das sieht man deiner dummen Fresse an, brauchte ja gar nicht zu fragen. Du Menschenbetrüger! Du Jugendverderber! Du Schürzenjäger! Man kennt euch, ihr Saukröten...." Der Grobian schlug mich jedoch nicht, obwohl er im Vorbeigehen Püffe und Stöße austeilte. Bei der Türe blieb er noch eine Weile stehen, warf uns einen verächtlichen Blick zu, ließ noch einige Drohunauf uns los und wandte sich endlich zum Gehen. Muth schrie laut: ,, Achtung!" Das SS- Ungeheuer verschwand. gen - Wie von einem Alp erlöst, atmeten wir erleichtert auf. Nur langsam setzte die Unterhaltung wieder ein, nachdem uns Muth noch ein paar Minuten angebrüllt und dem Kameraden, der eben bestraft worden war, noch eine Dreingabe über die Ohren gehauen hatte. Täglich erlebten wir zwei bis drei solcher und ähnlicher Szenen. Schließlich gewöhnte man sich daran, machte äußerlich ein verängstigtes Gesicht, in Gedanken sagte man sich: Steig mir den Buckel hinauf, und nachher spottete man über den ganzen dramatischen Aufzug. Ein Pfarrer, der einige Wochen vor mir angekommen war, gab mir den Rat, da die SS es vor allem auf die Geistlichen abgesehen habe, fliehe man beim Herannahen eines solchen Barbaren in den Abort. Sich auf den Sitz niederlassen, den Kopf in die Hände vergraben oder auf eine Zeitung stieren, muß das Werk eines Augenblickes sein. Die SS betrete nämlich nur ganz selten einen' Abort. Dieser fein ausgeklügelte Rat bewahrte mich später, als Rapportführer Kuhn mich stets zu schikanieren suchte, vor vielen Unannehmlichkeiten. 80 N da bri Im Gl sah m genau Pantin weiße weiter auszie Raum Matti macht kam ü gerad zeigte gealte gere, stand einen aber krieg sagte hatte groß Gesi Schli Fede kenn SS- K verfa sich über das nie lich 6 Zeu nel, ing“ ckel ‚heil hell den vei” ges“, D port: href jten Noch war die Aufregung über den SS-Besuch nicht ganz verebbt, da brüllte schon wieder jemand:„Zugänge zu je fünf Mann antreten! Im Gleichschritt marsch!” Es ging zum Tore hinaus. Zum erstenmal sah mein Auge die breite Lagerstraße und die vielen Blocks etwas genauer. Vor Kälte schnatternd, humpelten wir in den ungewohnten Pantinen zum Spital. Dort erwartete uns ein Häftling, der in einen weißen Mantel eingehüllt war, wohl ein Krankenwärter. Schon von weitem schnauzte er uns an:„Etwas schneller, ihr elenden Scheißkerle, ausziehen!” Im Nu standen wir splitternackt in einem ungeheizten Raum und warteten geduldig wohl eine halbe Stunde lang. Vor Mattigkeit, Kälte und Wut erschöpft, mußte ich mich gegen eine Ohn- macht wehren. Ein SS-Arzt untersuchte uns oberflächlich. Kein Wort kam über seine Lippen. Nach seinem Gesicht zu urteilen, schien er nicht gerade herzlos zu sein. Wir wurden sodann abgewogen. Die Waage zeigte bei mir nicht ganz 65 Kilo. Im Spiegel sah ich hier mein bleiches, gealtertes Antlitz, mein weiß gewordenes spärliches Haar, meine ma- gere, entkräftete Gestalt. Ganz zusammengeschrumpft, ja gekrümmt stand ich da. Drei Monate hatten genügt, mich rüstigen Mann in einen baufälligen Greis umzuwandeln. Meine Zungengeläufigkeit blieb aber intakt, meine Energie und meinen Humor hatte man nicht klein kriegen können!„Un se mache mich doch nit kaputt, die Saupreiße”, sagte ich mir jeden Tag. Nachdem wir unsere Lumpen wieder um den Körper geworfen hatten, führte man uns in ein anderes Zimmer. Hier stand neben einem großen Photoapparat ein junger SS-Schurke. Das alkoholgerötete Gesicht, das boshafte Grinsen und der höhnische Blick stießen ab. Schlimmes stand bevor. Das war eine wirkliche Mörderfratze. Die Feder sträubt sich wieder, alles zu erzählen, was sich hier beim Er- kennungsdienst abspielte. Und doch soll der Leser erfahren, wie diese SS-Kreatur einer empörenden Schamlosigkeit, maßlos bis zur Bestialität verfallen war.„Homosexuelle vortreten!‘“ rief der Kerl. Es meldete sich ein älterer Mann. Nun wurden Fragen gestellt und Antworten über Praktiken der Homosexualität erzwungen, die mir vor Entrüstung das Blut in den Kopf trieben. Solche Saugeschichten sind mir im Leben nie zu Ohren gekommen, ja, ich hätte solches überhaupt nie für mög- lich gehalten. Dieser SS-Teufel mußte praktisch auf diesem Gebiete & Zeugen des Abendlandes 81 reichliche Erfahrungen gesammelt haben, sonst hätte er unmöglich derart auf dem Laufenden sein können. Man mußte schon tief unter das schmutzigste Tier gesunken sein, um sich eine Viertelstunde lang vor jungen Burschen, ergrauten Männern und hochgebildeten Menschen wollüstig im Schmutz herumwälzen und sich mit sadistischem Schmunzeln an der Verlegenheit eines alten Mannes boshaft weiden zu können. ,, Pfaffen vortreten!" kommandierte dann der Bursche. Als wir zu zweien vor ihm standen, lachte er laut und höhnisch. Mein Herz klopfte vor Empörung heftig, und ich war bereit, mir um jeden Preis nur mit Protest den Saukübel gemeiner Redensarten über den Kopf gießen zu lassen. Frech grinste mich der Bursche an. Ich maẞ ihn mit verächtlichem, ja mit herausforderndem Blick. Der Mann war mir doch viel zu gemein. Er fragte: ,, Wie alt sind Sie?" Er wagte kein freches Du. ,, Wie oft haben Sie homosexuelle Schweinereien getrieben? In welchem Fach der Homosexualität sind Sie besonders bewandert?" Der Sadist sprach Wörter aus, die mir gänzlich unbekannt waren Seine Anspielungen konnten nur Fachleute auf dem Gebiete der Knabenschändung genau verstehen. Meine Empörung hatte den Höchstgrad erreicht. ,, Mein Herr," sagte ich mit betonter Würde ,,, beleidigen Sie mich nicht. Ich bin ein 60jähriger Priester, ein wehrloser Gefangener, der entrüstet ist, derartige Gemeinheiten mitanhören zu müssen. Ich halte es unter meiner Würde, Ihnen Antwort zu geben und trage bereitwillig die Folgen. Wollen Sie mich einer höheren Instanz vorführen! Ich heiße Franz Goldschmitt und bin bischöflicher Kommissar in Metz." Statt des erwarteten Faustschlages ins Gesicht schob mich der SS- Held mit einem verlegenen Lachen beiseite und sagte: ,, Sie gefallen mir. So einen mutigen Kerl nehme ich auf mein Büro." Wie mir ein Geistlicher, der im Erkennungsdienst angestellt war, später versicherte, hatte der feige SS- Mann eine heillose Angst vor meiner Beschwerde, da der damalige Lagerkommandant Weiß solch schmutzige Anrempelungen sicher bestraft hätte. Dieser schamlose Bursche ist mir nie wieder unter die Augen gekommen. Nachdem die Fingerabdrücke und die Photos aufgenommen waren, durften wir in unseren Block zurückkehren. An das wohlverdiente Mittagschläfchen konnten wir aber nicht denken. 82 ältes diese D Hock insas ander geric die U steht eine die je lader vor u Schm gesel läche drein stärk müss Dach dam jedo imme wide welc Ziel, sond zu er lich nter ang enem den wir Herz reis Copf mit doch ches In rt?" ren der chsteleiLoser n zu eben Inicher sicht agte: Liro." war, t vor solch mlose m die wir in fchen Kaum war die Rotkohlsuppe hinabgewürgt, da schrie der Blockälteste: ,, Lauskontrolle." Der elementarste Anstand verbietet mir, diese, jedes Schamgefühl höhnende Szene ausführlich zu schildern. Drei Lausinspektoren in Gefangenenkleidern sitzen breitspurig auf Hockern. Ein Sekretär steht daneben und macht Notizen. Alle Blockinsassen ziehen sich ganz nackt aus und treten, einer hinter dem anderen, mit den Unterkleidern auf dem Arm, vor den hohen Lausgerichtshof. Der erste Inspektor untersucht das Hemd, der zweite die Unterhose, so man eine solche besitzt, der dritte den Körper. Da steht man vor der hohen' Amtsperson splitternackt und muß sich eine hochnotpeinliche Untersuchung und Äußerungen gefallen lassen, die jeden halbwegs anständigen Menschen vor Wut kochen lassen. Zu diesem anekelnden Schauspiel wurden oftmals Gäste eingeladen, Personal und auch SS- Kerle, die gaffend und höhnisch lächelnd vor uns standen. Es war dies ein teuflisches Grinsen, ein sadistisches Schmunzeln, wie ich es sonst noch nie auf einem Menschenantlitz gesehen habe. ,, Schreibtafel her! Ich muß mir das niederschreiben, daß einer lächeln kann und immer lächeln, und doch ein Schurke sein kann." Fast drei Jahre lang war ich gezwungen, mich, zuweilen zwei- bis dreimal am Tage, auf der Arbeitsstätte und im Block, mit jedesmal stärkerem Ekel nackt vor die Läusekommission hinzustellen. Läuse müssen vertilgt werden. Darüber ist jede Diskussion überflüssig. Die Dachauer Methode war aber über jedes Maẞ abscheulich und verdammenswert. Alle Schikanen will ich vergessen; die Läusekontrolle jedoch hält in mir das Gefühl des tiefsten Abscheus gegen die Bande immer wach, und der Ekel steigt mir heute noch in den Hals. Diese widerliche Lauskontrolle zeigt sonnenklar die tierischen Instinkte, welche die SS- Schmutzfinke mit Wollust befriedigten und auch das Ziel, das sie bei uns im Auge hatten: nicht in erster Linie die Läuse, sondern jedes sittliche Empfinden und das angeborene Schamgefühl zu ermorden. 83 33 7. Lehrer für Nazipropaganda Im Zugangsblock versammelten sich die Insassen der Stuben eins und zwei von morgens 9 bis 12 Uhr, und nachmittags von 3 bis 5 Uhr in der Stube zwei. Hier erhielten sie Belehrungen über die Lagerordnung sowie Unterweisungen über nationalsozialistische Organisationen. Auch die dämlichen Lieder, wie sie die Hitlerjugend abbrüllte, mußten uns eingepaukt werden. Unser Lehrer war, wie gesagt, Kamerad Schremmer aus München. Vor allem erlernten wir die Erkennungszeichen der Grade der SS- Formationen vom gewöhnlichen Rottenführer ab bis zum Reichsführer Himmler. Trotz meines sonst guten Gedächtnisses war es mir unmöglich, nach den Sternen, Achselzeichen usw. die verschiedenen Scharführer, Sturmbannführer und ähnliche langweilige Bezeichnungen auswendig zu lernen. Und doch mußte ich in den sauren Apfel beißen, da angeblich kein Neuangekommener in die Freiblocks entlassen werden konnte, ohne das Rekrutenexamen bestanden zu haben. Mit innerem Widerstreben lernte ich auch einige gedankenlose SS- Lieder wie ,, Erika" und ähnlichen Unsinn. Beim Singen machte ich aber nur Lippenbewegungen, da mir übrigens jede musikalische Begabung fehlt. Unser braver Lehrer nahm gottlob das ihm aufgezwungene Lehrerhandwerk nicht sehr genau, blieb meist nur bei der Anwesenheit der SS- Leute einigermaßen ernst und flocht in seine Vorträge nicht uninteressante ernste und heitere Erzählungen aus seinem Leben ein, wobei er scharf Stellung gegen die Nazis nahm, was mich sehr wunderte. Übrigens wurde wohl nirgends in Deutschland der Nazionalsozialismus mehr kritisiert und bewitzelt als im Lager, obwohl manche Kameraden der SS Spitzeldienste leisteten. Derartige erbärmliche Kreaturen waren bald durchschaut und aus unserer Mitte hinausgeekelt oder hinweggedrängt. Als unser Lehrer für einige Wochen erkrankte, erwählte der Stubenälteste Kopp den Pfarrer Trausch und mich als Lehrerersatz. Mein neues Handwerk machte mir mehr Spaß, als das langweilige Zuhören. Wir stellten Wachtposten aus, die das Herannahen der SS melden sollten. Solange keine Gefahr drohte, erzählte ich meinen Leidensgenossen meist lustige Anekdoten, die zu hunderten in meinem Gedächtnis aufgespeichert waren. Die dankbaren Zuhörer interes84 sierte der H als fi risch satt, mand ihm war Stud vertr Ecke und laub men da s ware bloc floss an für nach Kop bazi und von der bef ein feh nda eins bis die | ab- sagt, Er- ‚chen sonst hsel- und doch nge- ; Re ernte jichen a mit nahm enal, ernst eitere gegen ‚nit t und pitzel" jurch“ rängt. je. der orsatz: „eilige der 9 einen zeineM „ters“ sierten sich für Hypnotismus, die Geschichte Lothringens, das Leben der Bergleute und für meine witzigen Schnerkelchen natürlich mehr als für den dummen Quatsch der SS-Erkennungszeichen, für die prahle- rischen SS-Lieder und die verhaßte Lagerordnung. Wir lachten uns satt, und dabei floß die Zeit rasch dahin. Sogar Nikolaus Muth horchte manchmal mit Interesse zu. Meine volkstümliche Beredtsamkeit zwang ihm sichtlich Hochachtung ab. Gegen seine groben Anrempelungen war ich nun vollends gefeit. Außerhalb der offiziellen Lehrstunden bildeten wir Geistlichen Studienzirkel, in denen wissenschaftliche Plaudereien die Langeweile vertrieben. Auch unsere Gebete verrichteten wir gemeinsam in einer Ecke der Stube und, trotz der grimmigen Kälte, draußen beim Auf- und Abspazieren in der Blockstraße. Leider wurde uns Neuangekommenen erst kurz nach Neujahr er- laubt, den ersten Brief in die Heimat zu schicken. In welcher beklem- menden Angst mußten meine unglücklichen Angehörigen gelebt haben, da sie seit dem 8. Dezember 1942 ohne Nachricht von mir geblieben waren. Die paar Wochen des langweiligen Lagerlebens im Zugangs- block wären einigermaßen schnell und abwechselungsreich dahinge- flossen, wenn nicht am 18. Dezember ein neuangekommener Kamerad an Typhus gestorben wäre. Nun wurde unser Zugangsblock Nr. 15 für einige Wochen noch„luftdichter‘ abgeschlossen. Jeder Verkehr nach außen war strengstens untersagt. 8. Nadtkultur Am 20. Dezember 1942, abends spät, flüsterte mir Stubenältester Kopp ins Ohr:„Morgen wird unser Block zur Vertilgung von Typhus- bazillen desinfiziert. Wir müssen alle unsere Kleider im Block lassen und splitternackt zum Baderaum marschieren. Diese Schweinebande von Nazis kennt kein Erbarmen. Wir könnten doch den Weg in Klei- dern zurücklegen und diese dann durch andere Kameraden zurück- befördern lassen. Eine böse Geschichte!“ Ich hielt die Nachricht für ein Mätzchen, für eine Latrinenparole. Am anderen Morgen, halb sechs Uhr, ging uns der grausame Be- fehl durch Mark und Bein:„Nach einer halben Stunde alles nackt 85 antreten! Sämtliche Kleider sind auf die Betten zu legen!" War denn eine solche Barbarei im 20. Jahrhundert noch möglich? Draußen eine Kälte von mindestens 20 Grad, dazu blies ein scharfer Nordost. Vom Block bis zum Baderaum hin und zurück maß der Weg 600 Meter. Ich nahm mir vor, die Methode Coué anzuwenden. Man muß sich einreden, es sei nicht kalt draußen, im Gegenteil recht warm; dann spüre man statt der Kälte warme Frühlingsluft. Diese schöne Theorie, die mir manchmal im Leben Dienste geleistet hatte, versagte jedoch diesmal vollständig. In Reihen zu je fünf stellten wir uns nackt in der warmen Stube auf. Muth gab den Befehl: ,, Antreten! Im Gleichschritt marsch!" Als ich die Blockstraße betrat, rieb meine Hand die Herzgegend und ich suggerierte mir: Es ist warm es ist heiß... Armer Coué, laẞ dich mit deiner Methode begraben! Wir schrien alle auf: ,, Hu,' hu, wie kalt, wie kalt!" Kaum hatten wir das Tor des Blocks passiert und die breite Lagerstraße betreten, löste sich die Ordnung auf. Die Jungen rannten verbotswidrig im Laufschritt voran. Wir anderen folgten ihrem Beispiel. Der hartgefrorene Boden riẞ einem die Haut von den Füßen. Ich blutete. Die Kälte benahm mir den Atem. Bald ging's nicht mehr. Keuchend blieb ich eine Weile stehen. Zwei Kameraden lagen schon wie tot am Boden. Pfarrer Cordonnier hatte bereits seit Wochen offene Beine. Nur mühsam und schweratmend schleppte er sich voran. Wir reichten uns den Arm, vermochten aber vor Wut, Scham und Kälte kaum ein Wort über die Lippen zu bringen. ,, Wenn ich sterben sollte", flüsterte mein Confrater ,,, gib mir die Lossprechung. Ach Gott! Ich möchte doch nicht in Dachau verbrannt werden." Mir traten die Tränen in die Augen! Immer noch krochen wir langsam dahin; da entglitt mir Cordonnier und fiel ohnmächtig auf den Boden. Er war im Gesicht ganz blau geworden. Ich kniete neben ihm auf dem kalten Boden und stammelte ein Gebet. Ein unvergeßlicher Augenblick! Ich versuchte, den alten Priester aufzuheben. Unmöglich! Er war zu schwer, ich zu matt. Nikolaus Muth, natürlich auch ganz nackt, kam heran, gab Cordonnier mit dem Fuß einen Stoß und schrie: ,, Auf, altes Schwein, voran, marsch, sonst trete ich Dir auf den Bauch!" Cordonnier erhob den Oberkörper, ließ ihn aber wieder nach hinten auf den Boden fallen. Drei Mann wurden herbeikommandiert. Wir 86 trug nahr den Schy wur den zwe befl vor zum Cor verl zu selb rade gew Blo Gär sere mat gew mu stä wa wir lan sch dar pol VO aut tre Sch de ich laß hu, iert Die rel trugen nun den halb ohnmächtigen Cordonnier voran. Zwei Kameraden nahmen ihn an den Beinen, wir zwei anderen hielten den Greis an den Schultern. Trotz der schneidenden Kälte drängte sich mir der Schweiß in die Poren. Vor Mattigkeit zitterte mein Körper. Mir wurde es schwarz vor den Augen— auch ich lag am Boden und riß den armen Cordonnier mit. Die drei anderen fluchten, ließen uns zwei zurück und liefen davon. Blut floß mir von den Knien. Blut- befleckt waren auch meine Füße. Ich weinte vor Schmerz, mehr noch vor Wut. Ein paar Mithäftlinge des Freiblocks trugen Cordonnier zum Baderaum, während ich langsam nachwankte. Als ich ankam, lag Cordonnier wie eine Leiche auf einer Bank. Er redete etwas wirr, verlangte ein Tuch, um sich zudecken zu können. Nirgends war etwas zu finden. Ich setzte mich neben ihn, spendete Trost, obwohl mir selbst der Mut auf den Nullpunkt gesunken war. Die anderen Kame- raden spazierten lachend auf und ab. Keiner genierte sich mehr. Man gewöhnte sich an das Nacktsein. Nach drei Stunden kehrten wir zum Block zurück, die Jungen im Laufschritt, und wir Alten humpelten im Gänsemarsch nach. Cordonnier mußte heimgetragen werden. Zu un- serer Bestürzung erfuhren wir, daß wegen Mangel an Desinfektions- material unsere winterliche Promenade im Adamskostüm zwecklos gewesen war. Am 24. Dezember 1942, am Vorabend des lieben Weihnachtsfestes, mußten wir nach dem Morgenappell, gegen sechs Uhr, abermals voll- ständig nackt antreten und zum Baderaum abmarschieren. Das Wetter war umgeschlagen. Es fiel halb Regen, halb Schnee. Diesmal hielten wir den Pfarrer Cordonnier zu zweien an den Armen und trotteten langsam dahin. Nach zweistündigem Warten erlebten wir eine himmel- schreiende Quälerei, die nicht mit Stillschweigen übergangen werden darf, muß doch die Mit- und Nachwelt erfahren, wie Adolf Hitler seine politischen Gegner abgrundtief moralisch zu erniedrigen suchte. Ein aus Häftlingen zusammengesetztes Desinfektionskomitee saß vor uns. Einige SS-Leute spazierten gaffend, lachend und witzelnd auf und ab. Kommandoruf:„Alle, einer hinter dem anderen, an- treten!“ Der Desinfektionshäuptling tauchte eine Spritze in einen mit scharfer Säure angefüllten Eimer. Erster Befehl an den Kameraden, der an der Spitze der langen Reihe stand:„Arme hoch!“ Ein Druck 87 auf die Spritze, und die Säure drang in die Haut. Der Mann brüllte vor Schmerz. Eine zweite Ladung wurde auf die Brust, eine dritte auf den Leib losgelassen. Zweiter Befehl: ,, Umdrehen, tief bücken!" Eine neue Ladung sauste hinein. Dritter Befehl: ,, Abtreten!" Heulend vor Schmerz lief der Mann unter die Dusche. Das ist kurz und drastisch die Dachauer Körperdesinfektionsmethode, einigermaßen anständig erzählt. Alle die schmutzigen Worte und vieldeutigen Redensarten, die dabei fielen, sollen verschwiegen bleiben. An mich erging natürlich auch der dreifache Befehl. Zuvor sagte ein SS- Mann oder ein Mithäftling, genau erinnere ich mich nicht mehr: ,, Das ist der Pfaffe mit der frechen Schnauze. Dem wollen wir den Bauch verbrennen." Für ,, Bauch" gebrauchte er ein Wort, das zu schreiben der Anstand verbietet. Bei mir wurde die Spritze in eine Säure getaucht, die nur wenig oder überhaupt nicht mit Wasser gemischt war. Diese Säure ließ der Unmensch obendrein in größerer Menge auf mich los, als es bei den anderen Leidensgenossen geschah. Ich hatte das Gefühl, von Brust bis Unterleib in Flammen zu stehen. Da man es besonders auf die empfindlichsten Körperteile abgesehen hatte, war der Schmerz kaum ertragbar. Wie Feuer schoß es mir in den Kopf. Mir deuchte, das Gehirn müsse aus dem Schädel herausfliegen. Fast ohnmächtig glitt ich auf den Boden. Die Desinfektionsbanditen und die SS- Teufel lachten laut auf, ja, sie johlten förmlich vor viehischer Lust. Ihre spöttischen Bemerkungen darf ich nicht wiedergeben, troffen sie ja vor Schmutz. Man schleppte mich auf eine Bank. Die Haut der Brust und des Unterleibes war scharlachrot und hing an einigen Stellen in Fetzen herab. Nur mit der Anstrengung meiner ganzen Willenskraft konnte ich das volle Bewußtsein langsam zurückgewinnen. Ein SS- Arzt untersuchte mich, spottete in gemeinen Ausdrücken über meine Haut und verordnete zur Heilung der Brandwunden eine halbstündige Bespritzung mit eiskaltem Wasser. Ein Mithäftling nahm einen Schlauch in die Hand, genau wie ihn die Feuerwehrleute zum Löschen eines Brandes benutzen, und schleuderte kalte Wasserstrahlen auf mich los. Schon nach einigen Minuten brach ich wieder zusammen. Viele Kameraden, selbst Blockältester Muth, legten zu meiner Schonung Fürsprache ein, um mich von den Qualen zu befreien. Man verzichtete auf die halbe Stunde Marter. Ich war frei. 88 Ban tod Hu Geg Kaf nac Blo WO ate: wir Lic Lei zus Die der zen leg ges Di ihr me na unl wa St en re di sta je m W di IIte itte ein ıffe Pfarrer Cordonnier lag, auch schauderhaft verbrannt, auf einer Bank. Da mir die Wunden das Sitzen unmöglich machten, stand ich todmüde, schmerzgekrümmt, meist wortlos, neben ihm. Grimmiger Hunger bohrte in den Eingeweiden. Schon drei Uhr nachmittags. Gegen sechs Uhr am Morgen hatten wir den üblichen schwarzen Kaffee bekommen. Seither garnichts. Gegen vier Uhr kehrten wir nackten Männer, zitternd vor Kälte, durch die Lagerstraße nach dem: Block 15 zurück. Während unserer Abwesenheit waren die Stuben auch desinfiziert worden. Hier empfingen uns ein kalter Ofen, eine vergaste, kaum atembare Luft und die kalte, dünne Mittagssuppe. Und doch sangen wir am Abend:„Stille Nacht, heilige Nacht!“ Daheim brannten die Lichter am Weihnachtsbaum, mir brannte die Desinfektionssäure am. Leibe und bitteres Heimweh in der Seele. Ich war zernagt vom Hunger, zusammengeschrumpft, schmerzverkrampit, eine menschliche Ruine. Diese heilige Nacht bleibt mir unvergeßlich. Auf dem Rücken oder auf dem Bauche zu liegen oder wenigstens zu sitzen verboten die schmer- zenden Brandwunden. Lange Stunden stand ich neben dem Bett, legte mich dann und wann, auf die Hüftenknochen und die Ellbogen gestützt, ächzend auf den Strohsack. Das Hemd war klebrig vom Blut. Die in Nürnberg aufgeschnappte Nierenkrankheit lebte wieder mit all ihren schmerzenden Begleiterscheinungen auf. Der Autosuggestions- methode Cou& verdankte ich einige Linderung. Wir Geistlichen hatten vergeblich den Antrag gestellt, am Weih- nachtsfest der hl. Messe beiwohnen zu dürfen. Vergeblich war auch unsere Hoffnung, geheim kommunizieren zu können. Unser Block war scharf abgesperrt. In tiefster Niedergeschlagenheit bat ich den Stubenältesten, mich ins Spital zu bringen. Der brave Kopp riet mir energisch ab. Man würde mir zweifelsohne eine Spritze verab- reichen, um mich als Expreßgut in die Ewigkeit zu befördern. Alles dieses zermürbte mich körperlich und seelisch derart, daß ich voll- ständig die Nerven verlor. Die Hoffnung, das liebe Lothringerland je wiederzusehen, war aufgegeben. Still flehte ich den Herrgott an, mich abzuberufen. Ein solch elendes Dasein wollte ich nicht mehr weiterfristen... Gelegentlich eines Appells stützte ich den Arm auf die Schultern eines geistlichen Confraters. Meine sonst so starke 89 Willenskraft und sogar die Denkfähigkeit waren dahin. Dieser Kollege hat mir später erzählt, ich hätte wie im Wahnsinn vor mich hinge- murmelt:„Jetzt mache ich mit dem Leben Schluß.‘ Obwohl mein Gedächtnis von dieser verzweifelten Stimmung nichts mehr weiß, muß es sehr schlimm um mich gestanden haben. Meine Wunden am Unterleib schmerzten mich wochenlang furcht- bar und sind übrigens unheilbar geblieben. Heute noch brechen sie oftmals’auf. Ich ließ mich 1945 daheim von zwei Ärzten untersuchen, die feststellten, daß die ganze Haut verbrannt ist. Zwei meiner Kameraden sind gleich nach Weihnachten an den Folgen der barbarischen Desinfektionsmethode gestorben. Der eine hieß Stahl und war Vater von fünf Kindern. Entsetzt stand ich vor seiner Leiche. Ein anderer harter Todesfall sollte mich bald noch mehr erschüttern. Mein Bettnachbar, Pfarrer Cordonnier, stöhnte stunden- lang in der Nacht abwechselnd mit mir. Wir beteten und weinten. Kurz vor Jahresschluß richtete man für die Kranken unseres Blocks in der Stube 4 ein Notspital ein, da kein Typhusverdächtiger unseres Blocks ins Revier aufgenommen wurde. Die Kranken und Sterbenden lagen im ungeheizten Raum, ohne Arzt und ohne Pflege; auch Pfarrer Cordonnier befand sich hier. Der brave Stubenälteste Willy Bader gestattete mir, im geheimen meinem armen Freunde Besuche abzu- statten. Ein Priester des Pfarrerblocks Nr. 26 schickte durch einen Kameraden die hl. Kommunion und die hl. Öle. Es war, wenn ich nicht irre, am 6. Januar 1943, da lag Cordonnier am Sterben. Ich stand tiefbetrübt neben ihm.„O, was habe ich Durst‘, röchelte der Kranke. Es gelang mir, einen Apfel zu erbetteln. Da Cordonnier nicht mehr schlucken konnte, zerdrückte ich den Apfel zu Brei und legte diesen dem Sterbenden auf die Zunge. Noch einmal gab ich ihm den Segen.„Auf Wiedersehen im Himmel!“ hauchte der Sterbende. Tags darauf war mein Priesterfreund tot. Einige Wochen später wurde in unserer Kapelle für ihn ein Totendienst gehalten. Mir war die schmerzliche Ehre zuteil geworden, die Totenpredigt zu halten. Das war mein erstes, ach so trauriges Weihnachtsfest in Dachau. Gottlob, daß der Schleier uns die Zukunft verhüllte, denn ich wäre verzweifelt, wenn ich gewußt hätte, daß ich in Dachau noch einmal®Weihnachten feier müßte. 90 gan vor, beg war bis: zen ers So Die ter: ele Be Fu gel ri sar gel Wu Be ko Ku au sti len jet III. Im Pfarrblodi Nr. 26 1. Ankunft bei den Priesterkollegen Mitte Januar 1943 führte Nikolaus Muth uns Priester des Zu- gangsblocks zum Pfarrerblock Nr. 26. Nachdem wir uns beim Personal vorgestellt hatten, legte ich meine paar Habseligkeiten in ein Spind, begrüßte einige kranke Kollegen, die nicht zur Arbeit angetreten waren, und eilte sofort in die Kapelle. Da kniete nun der ehemalige bischöfliche Kommissar barfuß und in lumpigen Kleidern, voll schmer- zender Wunden am Leibe und noch größerem Weh im Herzen, zum ersten Male seit sechs harten Wochen wieder vor dem Tabernakel. So vieles hatte ich dem lieben Heiland mit heißen Tränen zu sagen. Die rohe Anrempelung eines Stubenältesten, es sei strengstens un- tersagt, während der Arbeitszeit die Kapelle zu betreten, ließ mich gleichgültig. Wie wohl tat mir auch eine gemütliche Plauderei mit einem alten Bekannten, der fast drei Jahre hinter dem Stacheldraht von Dachau Furchtbares miterlebt hat. Es war Johann Schmitt, früher Gefängnis- geistlicher in Saarbrücken. Er gehörte zum Kommando der Reichs- criposchreiber, die im Block selbst aus Kriminalakten Statistiken zu- sammenstellten. Johann Schmitt und ich hatten uns seit 1920 häufig getroffen. Und jetzt gab er mir in Dachau allerhand gute Ratschläge, wie man sich als Gefangener Hitlers durchs Leben schlagen müsse. Bevor die Plauderei begann, hatte der gutherzige Johann allerhand kostbare Dinge vor mir auf den Tisch gestellt, wie Schinkenbrote, Kuchen, Obst und Zigaretten. Die freundliche Einladung, energisch zu- zugreifen, war überflüssig. So gute Sachen, in so reichlicher Fülle, exi- stierten ja für mich seit dreieinhalb Monaten nur noch als Phantasie- bilder. Ein protestantischer Pfarrer brachte eine leere Schachtel und legte gleich milde Gaben hinein. Abb& Fabing sorgte dafür, daß am Abend meine Schachtel dick angeschwollen war. Die materielle Not hatte nun ein Ende. Übrigens liefen bald regelmäßig jede Woche Liebespakete aus Lothringen ein. Wie wohl fühlte ich mich inmitten von 1200 Geistlichen! 91 Trotz der reichlichen Lebensmittel und eines beglückenden Zusammenlebens mit geistlichen Mitbrüdern aus fast ganz Europa nagte dennoch eine bittere Sorge an meinem Herzen. In welches Arbeitsme der sch geg un Je ga de sä sta sä Wa de SC H ei S V Blockstraße 26 kommando wirst du nun eingereiht? Von der zukünftigen Beschäftigung hing vielleicht mein Leben ab. Büroschreibereien sagten mir allein zu. Die angeborene Unbeholfenheit meiner Muskelarbeit und auch mein elender Gesundheitszustand ließen mich wünschen, zur Gruppe der beschäftigungslosen Kameraden zu kommen, wo es mir möglich gewesen wäre, den ganzen Tag über zu lesen und zu studieren. Die Lagerordnung schrieb aber vor, daß sämtliche Häftlinge bis zum 65. Lebensjahre mit allen Kräften zur Erringung des Endsieges beitragen. So blieb mir denn nichts anderes übrig, als schweren Herzens ein Arbeitskommando anzunehmen. 92 a Z B e T h d D a fe ISSID Ar En 2. Der große Lagerappell Wir Geistlichen wurden eine Stunde vor den anderen Häftlingen, meist um halb vier Uhr, geweckt, wohnten der hl. Messe bei, schluckten den Kaffee hinunter und marschierten in Reihen zu je zehn Mann schweigend zum Appellplatz. Dies geschah auch um ein Uhr und gegen sieben Uhr nachmittags. Hier stellten sich viele Tausende Männer und Jünglinge, nach Blocks geordnet, in endlos langen Reihen auf. Jeder Blockälteste kommandierte:„Stillgestanden! Mützen ab!“ Er gab sodann die Zahl der Angetretenen einem SS-Mann an, der an den Reihen vorbeischritt und nachkontrollierte. Die Zahl der Insassen sämtlicher Blocks wurde sodann einem Lagerführer gemeldet. Wir standen hier schweigsam still, bis der Offizier festgestellt hatte, daß sämtliche Häftlinge des Lagers angetreten waren. Fehlte ein Kamerad, was manchmal vorkam, mußten wir alle solange stehen bleiben, bis der Betreffende aufgefunden wurde. Manchmal hatte sich einer ver- schlafen oder war durchgebrannt. In der Regel warteten wir trotz Hitze, Regen, Sturm und Kälte eine halbe bis eine Stunde lang. An einem Sonntag standen wir einmal vier volle Stunden in den glühenden Sonnenstrahlen ohne Mützen, da das Tragen einer Kopfbedeckung von Anfang Mai bis September untersagt war. Viele Kameraden sind an jenem Sonntag ohnmächtig zusammengebrochen. Ich war Augen- zeuge, wie ein polnischer Pfarrer vor Müdigkeit und Elend tot zu Boden fiel. Geistliche erzählten mir, daß kurz vor meiner Ankunft ein Appell etwas über sieben Stunden gedauert hatte. An die zwanzig Tote mußten weggetragen werden. Bei einer solchen Gelegenheit hatte einmal Lagerführer Redwitz Dienst. Er gehörte zu der Klasse der Hunde, die viel bellen, aber nicht beißen. Wenn manchmal der Dunst des Alkohols dem Redwitz in den Kopf gestiegen war, hielt er uns Pfarrern.auf dem Appellplatz witzig-sein-sollende„Predigten.” An einem kirchlichen Feiertage begann er eine solche Ansprache mit den Worten:„Du bist Paulus der Fels, lehrt Ihr Pfaffen, und auf diesem Felsen ist Eure Kirche aufgebaut.‘ Einige Geistlichen platzten aus. Nun regneten seine bekannten Kraftausdrücke über uns:„Ihr Gipsköpfe, Ihr Säue, Ihr motorisierten Wildschweine‘‘, und dergleichen “mehr. Dabei lachte er selber dummlaut, wie die Besoffenen es manch- 93 IEREENESREEL BEE BL mal zu tun pflegen, und schrie: ,, Ob der Paulus heißt oder Petrus, das ist mir scheißegal. Euer Paulus- Petrusfelsen wird gesprengt. Unser Felsen aber bleibt hart wie Kruppstahl. Wir haben noch das Heft in Händen." Dabei betonte Redwitz das Wort ,, noch" absichtlich, wohlwissend, daß der Hitlerfelsen am Bersten war. ,, Alle Toten zum Appell antreten!" hätte eigentlich auch ein Kommandoruf lauten sollen. Denn bis Sommer 1942 mußten auch die in der Nacht verstorbenen Kameraden zum Morgenappell getragen und mitgezählt werden. Die Leichen lagen hinter jedem Block unbedeckt am Boden. Schwerkranke und Krüppel wurden ebenfalls zum Appell gezwungen. Freunde trugen ihre schwachen Kameraden meist auf dem Rücken oder fuhren sie auf Schubkarren zum Appellplatz. Die reichsdeutschen Mithäftlinge wandten beschämt ihre Blicke von den Bedauernswerten ab, und uns Ausländern stieg die Wut über solche Herzlosigkeit bis in den Hals. Im Spätsommer 1944 erlebte ich eine unvergeßliche Szene. Wir waren nach dem Abendappell zum Block zurückgekehrt und ich begab mich auf das Büro. Da begegnete mir ein Mithäftling, der einen Schwerkranken im Reitsitz auf den Schultern vom Appell heimtrug. Der Sterbende hielt sich krampfhaft an der Stirne des Freundes fest. Als ich mich ihnen gerade näherte, glitten die Hände von der Stirne. Ohne mein schnelles Hinspringen wäre der Mann kopfüber zu Boden gefallen. Wir legten den Kameraden auf das Gras des Straßenrandes. Traurig schaute mich der Sterbende mit seinen großen Augen starr an. Leise flüsterte ich ihm ins Ohr, ich sei katholischer Priester. Da suchte er meine Hand und lispelte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Der noch junge Mann faltete die Hände wie zum Gebet. Mit zitternden Worten gab ich die Lossprechung. Nach einigen Minuten war mein Kamerad tot. Daheim bangte gewiß ein armes Mütterlein um den heißgeliebten Sohn- hier lag seine Leiche am Rande der Lagerstraße. Bis zum Herbst 1944 teilten die SS- Leute auf dem Appellplatz die offiziellen 25 und 50 Hiebe vor uns Angetretenen mit sichtlicher Wollust aus. Man stellte den Bock, in den die Delinquenten eingezwängt wurden, vor die beiden Pfarrerblocks. Da standen wir einmal anderthalb Stunden und sollten zusehen, wie man Kameraden quälte, und zuhorchen, wie die armen Leute vor Schmerz aufschrien. Ich schloß 94 stets brüd Tre Ans bare erzä noch Als rich Stat 48 bein die Mar Ich sch der Wor daß blie den lott and Neu bee Tak bild Bis sch zun ma Mä sen sol stets die Augen und hielt mir die Ohren zu. An die vierzig Leidens- brüder sind an diesem Tage verprügelt worden. Der Rapportführer Trenkle schlug mit starker Wucht drauflos. Sein Gesicht war von der “E Anstrengung krebsrot geworden. Teuflisch grinste Trenkle in sicht- barer Schadenfreude. Er glich wahrhaftig dem Satan. Ein Lothringer erzählte mir: Ich stak im Block, bekam kräftige Hiebe und mußte dabei noch mitzählen. Mit Absicht übersprang ich zwei Zahlen: 13, 14, 17... n Als der 25. Schlag gegeben war, brüllte der SS-Mann:„Lerne mal m richtig zählen, du Hund. Wir fangen wieder vorne an. 1929870157255 e: Statt der 25 Hiebe hatte demnach unser braver Bitscherländer ist 48 bekommen. Als er wegwankte, floß das Blut aus seinen Hosen- & beinen. ® Da der eselhaft dumme SS-Mann nur die Reihen zählte und nie die zehn Mann in jeder Reihe, stellten wir uns so, daß neun statt zehn R Mann die Reihe ausfüllten. Der fehlende Kamerad lag daheim im Bett. “- selbst habe manchmal aus der bereits gezählten Nachbarkolonne ei schnell einen herübergezogen als Ersatz für einen kranken Kollegen, e der im Block geblieben war. Wehe uns, wenn wir dabei erwischt # worden wären! Da hätte es bombensicher mindestens 25 abgesetzt. Ib: Gegen Spätherbst 1944 war die Disziplin derart abgesunken, st daß die SS-Leute überhaupt nicht mehr nachzählten. Manche Häftlinge er blieben jeden Morgen im Bett liegen. Am 1. März 1944 bekamen wir An| den neuen Lagerführer Kampe. Er wollte etwas Ordnung in die ver- es. lotterte Dachauer Wirtschaft bringen, wie er sich stolz brüstete. Unter all. anderem führte dieser Offizier beim Abendappell eine interessante nte| Neuerung ein. Die Lagermusik spielte Märsche, sobald die Abzählung te.| beendet war. Während wir zum Block heimkehrten, mußten wir im jen| Takt der Musik stramm marschieren, was mir, dem militärisch Unge- ein| bildeten, einen wahren Schreck einjagte. Im September 1944 kam der jen| Bischof von Clermont- Ferrand zu uns nach Dachau. Monatelang be.| schritten wir zwei nebeneinander zum Appellplatz und wieder zurück atz| zum Block. Exellenz hielt als früherer Offizier tapfer Schritt. Manch- her mal brummte er mit Recht:„Ist es nicht eine Schande, daß wir altert ge- Männer in lumpigen Kleidern dieser Zigeunermusik nachtraben müs- nal sen.“ Eigentlich hätten wir geschlossen bis zum Block marschieren Ite, sollen. Die Reihen lösten sich jedoch schon unterwegs, wenn kein Ioß> SS- Mann zu sehen war. Die Musikkapelle blieb beim Block Nr. 30 stehen und spielte noch einige lustige Stücke. Unsere Kühnheit erreichte manchmal einen sehr hohen Grad. Die Musik spielte: ,, Muẞ ich denn, muß ich denn zum Städtlein hinaus, Städtlein hinaus und du, mein Schatz, bleibst hier..." Im Refrain brüllten viele: ,, Und die SS bleibt hier." Unsere früher so gefürchteten Appelle sind mit der Zeit zur reinsten Komödie geworden. ,, Du bist Paulus, der Fels", meinte der Lagerführer Redwitz spöttelnd und bejubelte den stahlharten Hitlerfelsen. Armer Redwitz! Du hattest im Winter 1944 das Heft nicht mehr in Händen. Uns kitzelte jahrelang der Strang am Halse. Jetzt spürten ihn Redwitz, Kampe, Trenkle und Kompanie. und Früh Ich m nach Amer hatte warf in di Ein unter säube eine noch 3. Das Blockpersonal Personal ist öfters gewechselt worden. Zur Charakterisierung des Lagerlebens ist hier nur die Rede von drei Chefs im Zebrakleid Der Blockälteste Robert Gerke, früher Volksbeauftragter bei der deutschen November- Revolution 1918, hinterläßt ein unrühmliches Andenken. Obwohl ich dank meines Cognacs und meiner Lasso- Zigaretten gut mit ihm auskam, quälte er manchen Pfarrer oftmals grundlos. Sein umfangreiches Schimpflexikon enthielt all die SS- Schmutzausdrücke, die eine anständige Feder nicht wiedergeben darf. Es war für uns Geistliche recht demütigend, von diesem Flegel immer wieder auf die gemeinste Weise angerempelt zu werden. Obwohl körperlich ein Krüppel( er hatte einen gelähmten Arm, verkrümmte Glieder und war dazu einäugig), schlug er mit der Faust drein und sparte nicht mit Fußtritten. Ich war selber Zeuge, wie er meinem Priesterfreunde Dominique Trausch mit der Faust ins Gesicht schlug. Ein andermal schleuderte der jähzornige Blockälteste den leeren Eẞkübel einem Pfarrer auf den Fuß, sodaß eine Zehe total zerquetscht wurde. Wohl selten verging ein Tag ohne viel Geschrei, Brüllen und derben Anrempelungen. Wir gingen diesem wilden Mann meist aus dem Wege. Mein erster Stubenältester hieß Fritz Dürr. Er war vor seiner Verhaftung Vorsitzender des deutschen gottlosen Jugendverbandes -96 dem und Verg Raur sehe Kral nach Tag rung pein Los allge Lied Lag Lach dies wie ling hieb Kon 1 Zeu a und herrschte jetzt über hundert Geistliche. Fritz überflügelte im) uß Frühjahr 1943 an Roheit den Blockältesten Robert noch um vieles.| Bi Ich möchte nur zwei Beispiele angeben. Gelegentlich wurden wir kurz| ss nach Mitternacht mit viel Geschrei aus den Betten gejagt. Sollten die| 2 Amerikaner schon angekommen sein? Leider noch nicht. Ein Kamerad| Zeit hatte in seiner Nachlässigkeit seine Schuhe noch nicht geputzt. Nun| E warf Fritz sämtliche Schuhe von etwa hundert Geistlichen mitten e in die Stube, ja zum Teil zum Fenster hinaus auf die Blockstraße. Ein jeder von uns mußte im Hemd und barfuß bei kaltem Wetter elle unter der Flut niedrigster Schimpfworte seine Schuhe suchen und fein «ei säuberlich in das Regal stellen. Diese blöde Schikane dauerte über eine Stunde und verdarb uns die Nachtruhe. In jener Zeit durften wir unsere Privatwäsche weder in die Spinde noch in Schachteln unter das Bett stellen, sondern wir mußten sie unter onal| dem Strohsack verstauen, daß man äußerlich nichts merkte. | Nun zog einmal Fritz meine Wäsche unter dem Strohsack heraus pe und warf sie tief unter ein Bett auf den Boden. Er machte sich ein leid| Vergnügen daraus, mich alten, damals baufälligen Mann in den engen “= Raum zwischen dem Fußboden und dem Bett hinunterkriechen zu Al sehen. Lothringischer Speck und gute Butter schmierten die scharfen Liga" Krallen unseres geistig etwas beschränkten Fritz, sodaß sie nach und rund- nach weniger schmerzhaft verwundeten. Es tat mir leid, daß er am mutz- Tage vor der Befreiung im Kampf mit der SS ums Leben kam. s wal Blockältester Karl Frey bleibt uns allen in angenehmer Erinne- ieder rung. Nie sprach er ein hartes Wort. Mit vollem Recht hielt er auf erlich peinliche Ordnung und eiserne Disziplin, milderte aber unser hartes ‚und Los und sprang oft uneigennützig vermittelnd für uns ein. Frey war nicht allgemein beliebt. Wir feierten im Jahre 1944 seinen Geburtstag mit ounde Liedern und Vorträgen, sogar mit einem Theaterstück, in dem wir das ermal Lagerleben witzig verspotteten. Drei Stunden lang blieben unsere einem Lachmuskeln in Bewegung. Der pfälzische Pfarrer Römer hat uns an wohl diesem Abend köstlich amüsiert. Selten im Leben habe ich so herzlich „Ar wie damals gelacht, als Römer in köstlichen Knüttelversen die Sonder- Wege linge unter uns verulkte. Ich bekam auch ein paar harmlose Seiten- seinet hiebe, doch kein Mensch fühlte sich verletzt. Unser österreichischer andes Kommunist Karl Frey hätte wohl nie in seinem Leben geahnt, daß ihm 7 Zeugen des Abendlandes 97 dabei sogar ein französischer bischöflicher Kommissar die Festrede halten würde. Als Vorspruch zu meiner Ansprache wurde Schillers bekannter Vers gewählt: Wo das Strenge mit dem Zarten, Wo Starkes sich und Mildes paarten, Da gibt es einen guten Klang. Mit besonderem Nachdruck betonte ich in meiner Rede, daß Karl Frey vor versammelter Mannschaft sich geweigert hatte, einem Kameraden im berüchtigten Bock die 25 offiziellen Hiebe zu verabfolgen. Unser braver Karl kam in ein anderes Straflager. Soll er noch am Leben sein? grob auch Off verk gere Sau dan nac Str ZW IV. Zwangsarbeiter Hitlers 1) Strohsackkommando Ende Januar 1943 stellte ich mich nach dem Morgenappell zu den Kameraden des Strohsackkommandos und marschierte mit 40 Mann zur Arbeitsstätte. Der Strohsack- Capo war ein kleines, zimperliches Männchen. Trotz seiner schwächlichen Gesundheit sang und pfiff er immer lustig. Und doch hauste er mindestens schon fünf Jahre als Zwangsgast Hitlers im Dachauer Lager. Wenn ich heute an ihn denke, darf ich mit Uhland singen: ,, Ich hatt' einen Kameraden, einen besser'n find'st du nit." Von erster Stunde ab schloß ich nämlich unseren Capo in mein Herz ein, und auch er stand zu mir wie ein Bruder. Zwei sozialdenkende Männer hatten sich hinter dem Stacheldraht gefunden, ein pechschwarzer und ein knallroter. Der Capo war Kommunist, ehemals Stadtverordneter in Leipzig. Köstliche Stunden verplauderten wir miteinander über die soziale Frage. In den ersten Tagen schonte er mich, da meine Brandwunden immer noch bluteten. Die Zeit konnte ich beliebig verwenden. Der Untercapo hieß Krause, war auch Kommunist, aber aus ganz anderem Holze geschnitzt. Acht Jahre Dachauer Internierung hatten dem armen Kerl den Gehirnkasten etwas demoliert. Der verbitterte und launische Chef stieß mit seinem düstern Essiggesicht und seinen 98 mic bes Ar sch de de wi H re fe ge sa m in be n b S e S je groben Manieren alle Kameraden ab. Ich suchte mit guten Worten, r$ auch mit Lebensmitteln, den nervenerschütterten Mann zu gewinnen. Offenherzig gab er mir einen Einblick in seine zerrütteten Familien- verhältnisse. Von zu Hause kamen weder Briefe noch Pakete. Es gereichte mir zu großer Freude, bei Krause erfolgreich den David beim Saul zu spielen. Die Strohsackfabrik hatte fünf Unterabteilungen, in denen ich, dank der Gunst meiner Vorgesetzten, beliebigen Beschäftigungen nachgehen konnte. Gewaltige Tuchrollen wurden zerschnitten und zu Strohsäcken zusammengenäht. Mit Nadel und Faden arbeiteten je zwei Mann an einem Strohsacktuche. Ein belgischer Kommunist führte mich in die Kunst dieser Näherei ein. Wir beide mußten täglich ein bestimmtes Quantum abliefern, was für jeden kaum sechs Stunden Arbeit erheischte. Bei mir ging es aber sehr langsam voran, da mein IS| schwaches Augenlicht das Nadelloch zur Einfädelung kaum zu ent- decken vermochte. Ich stellte mich auch so dämlich dran und machte ;2 derart unvorschriftsmäßige Stiche, daß der Capo einmal spöttelte: ien„Wenn du so schlecht gepredigt hast, wie du nähst, wunderts mich, = wie du zum Bischof von’ Metz avanciert bist.” Doch mein steter ” Humor, mehr noch der lothringische Speck und die Lasso-Ziga- > retten, ersetzten reichlich jede Unbeholfenheit im Nähen. 2 Von Zeit zu Zeit brachte ein Lastwagen zentnerschwere Ballen festgepreßter Holzwolle herbei, die fein säuberlich auseinander- .% gerissen werden mußte. Da half ich auch manchmal mit. Neben mir = saß der gleichalterige Pfeil, früher Kaplan im Heimatdorfe des Ex- ns ministers von Papen. Stundenlang rupfte ich mit dem braven Hugo wel im dichten Staub Holzwolle auseinander, keine halsbrecherische Ar- Ien, beit, für Gebildete jedoch eine geisttötende Beschäftigung. Wenn wir he| nach unserer Leistung entlohnt worden wären, hätte uns selbst der wir| bestgesinnte Brotherr kaum fünfzig Pfennige für eine elfstündige Zu Schicht geben können. Wir haben mehr geplaudert und geschlafen ante| als gearbeitet. | Das Einstampfen der Holzwolle in den Strohsack erforderte schon ya| etwas mehr Muskelkraft, ich habe mir aber dabei nie wehgetan, tten| sintemalen wir während der elf Stunden kaum sechzig Minuten in erte Tätigkeit waren. Beim Strohsacktragen leistete ich meist auch nur ineP 99 Scheinarbeit. Man lud uns einen Sack auf den Kopf, und wir schleppten ihn zum Magazin. Höchstens fünfmal am Tage legten wir einen Weg von je dreihundert Meter zurück. Da standen wir an den Ecken der Baracken, schwatzten und rauchten insgeheim. Die allerwichtigste Arbeit geschah mit den Augen. Da hieß es, ja gut aufpassen, ob ein SS- Mann heranschleiche. Kam einer in Sicht, dann rannten wir mit Feuereifer, spielten aber wieder den Eckensteher, sobald das SS- Auge uns nicht mehr zu erspähen vermochte. In unserem Atelier fabrizierten sechs Kameraden Strohsäcke für die SS- Leute und das Spital. Sie stampften mit einem Brett, an dent unten eine eiserne Platte angebracht war, Seegras in das Tuch. Dieser Strohsack mußte rechteckig scharf gekantet, ohne irgend eine hohle Stelle, und sehr fest geformt werden. Da die SS- Leute oftmals die fertige Arbeit persönlich inspizierten, wurde hier auf dem Gebiete der Strohsackfabrikation Facharbeit verlangt. Da hielt ich mich wohlweislich fern, begnügte mich damit, den Kameraden dieser Branche Witze zu erzählen und Zigaretten zu spenden. Besonders lieb war mir Jean Tribout, der Sohn des Kasinobesitzers von Deauville. Der von zu Hause aus verzärtelte junge Mann war Vater von zwei Kindern. Tribout trug einen Fluchtplan auf dem Rücken und gehörte viele ¡ Monate lang wegen allerhand dummer Streiche zur Strafkompagnie, bekam einige Male fünfundzwanzig Hiebe und verschwand schließlich in einem anderen Lager. Sollten er und seine Frau, die ebenfalls in Deutschland arbeitete, Deauville wiedergesehen haben? Unser braver Leipziger Capo hat nie jemand zur Arbeit gedrängt. Nur wenn der SS- Kommandoführer uns kontrollierte, lief er nervös von einer Gruppe zur anderen und sang mit tonvoller Mädchenstimme: ,, Hier wird genäht und nicht faul herumgespäht. Und ihr Dämel, wollt ihr lustig zupfen und rupfen, ja nicht blöd herumhupfen. Ihr dummen Hämmel, jetzt wird fest gestampft, und glättet nur den Strohsack recht sanft..." Unser Kommandoführer lachte herzlich dabei und verschwand schon nach ein paar Minuten. Da legte sich der Capo wieder hinter den Ofen, las oder schlief und ließ uns nach Belieben schalten und walten. Gutmütig schaute er zu, wie wir den Abort belagerten, um dort verbotswidrig Zigaretten zu rauchen. kran Tag Gla wäh das tet ken du ers W für W ich sti S Ja Sa S n 100 open zen ste ein mit ige für Hent eser pohle die der ohlche war Der ern. Anfang März schaute dieser Capo ganz elendig drein. Er war krank. Ich saß einmal lange neben ihm. Wir plauderten an diesem Tage, statt von Karl Marx oder Papst Leo XIII., über religiöse Fragen. Glaubst du wirklich das, was du predigst..? Ihr Pfarrer betet während der Arbeit Psalmen und den Rosenkranz... Ich habe stets das Auge zugedrückt... Ich... ich habe schon lange nicht mehr gebetet... Seit ein paar Tagen muß ich so oft an meine gute Mutter denken.. ah, die ist fromm.. wir sind ja Protestanten, wie du weißt, du, lieber Pfarrer, sag's aber keinem, gestern Abend habe ich zum ersten Male wieder seit langen Jahren das Vaterunser gebetet... Weißt du, Goldschmitt, ihr Pfarrer imponiert uns.." Ich betete viel für unseren kranken Capo. Er war doch ein Prachtkerl... Ein paar Wochen später endete er im Krematorium. Am anderen Morgen stand ich lange vor dem Tabernakel, dachte an den guten Toten und weinte still um ihn. viele gnie, Blich Is in angt. ervös mme: wollt men recht verFrieder alten erten, 2) Im Desinfektionskommando Als ich gelegentlich einmal mit einem Strohsack auf dem kahlen Schädel zum Magazin trabte, begegnete mir der Desinfektionscapo Jakob Koch. Er war der Ansicht, daß ein ehemaliger Bischof doch eine sauberere Arbeit verrichten müsse, als Strohsäcke herumschleppen. Er sei bereit, mich in seinen ,, Verein" aufzunehmen. Dies ließ ich mir nicht zweimal anbieten, weil in diesem Kommando die Geistlichen recht bequem und abwechslungsreich die Zeit totschlagen durften. Nach ein paar Tagen saß ich im Desinfektionskommando. Koch war gläubiger Katholik. Er faßte uns nicht gerade mit Glacêhandschuhen an, blieb aber, mit etwas Zurückhaltung, stets anständig. Mich ließ er nach Belieben faulenzen oder arbeiten. Koch starb nach 12jähriger Inhaftierung kurz vor der Befreiung. Der Untercapo dieses Kommandos war ein Wiener Fuhrknecht, dem es an Takt und guten Manieren fehlte. Dieser rohe Kommunist hat mir daher nie Sympathie abgerungen. Obendrein schwärmte er einseitig für seine russischen Lieblinge. Der bärbeißige Wiener Max darf aber keineswegs zu den Häftlingsschindern gezählt werden. 101: Da Koch und Max viel anderswo zu tun hatten, versah der katholische Geistliche Dr. Karls oft ihre Ämter mit dem seinigen zugleich. In seinem Hauptberufe war er Kommandoschreiber; er konnte aber sein Tagespensum bequem in zehn Minuten erledigen. Nebenbei spielte er den Ober- und Untercapoersatz, war auch Sprücheklopfer, vor allem jedoch Schriftsteller. Dr. Karls hielt fast jeden Morgen eine spöttische Ansprache über die ,, hohe" Wichtigkeit des Desinfektionskommandos. Den steten Refrain bildete in abwechselungsreichen Formen der bekannte Scherzreim: Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt. Oder: Wer die Arbeit kennt, sich danach drängt, der ist beschränkt... Diese stille Aufforderung zur Sabotage beherzigten wir mit begreiflicher Freude. Karls herzerfrischenden Schnurren und auch seine ernsten Vorträge werden mir immer in angenehmer Erinnerung bleiben. Den ganzen lieben langen Tag schrieb unser ,, Chef" an seinen Memoiren über Dachau und zwar schon in Reinschrift, während ich es nur klopfenden Herzens wagte, scheu einige Notizen zu sammeln, welche ich dann noch ängstlich versteckte. Mit hohem Interesse las ich einen Teil des Karls'schen Manuskriptes und bestellte von seinem zukünftigen Buche gleich 500 Exemplare für die deutschsprechenden Franzosen. Leider hatte ein Mithäftling seinen Kameraden Dr. Karls verraten und auch mich in diese unrühmliche Geschichte mit hineingezogen, wie es später geschildert werden wird. Der Verräter hieß bei uns ,, Hundesepp", weil der Kommandant ihm die Pflege der Lagerhunde anvertraut hatte. Da dieser Mann im Zivilberufe Wundarzt war, pflegte er mich mit glänzendem Erfolg. Als Entgelt suchte ich den schwarzseherischen Tiefsinn des Hundesepps durch hypnotische Behandlung etwas zu mildern, was mir auch gelang. Das geschah trotz der Lagerordnung, welche ärztliche Praktiken außerhalb des Spitals strengstens untersagte. Unter uns hatten wir den ehemaligen Präsidenten der rheinischen Republik Joseph Matthes. Nach seiner Ausweisung bekleidete dieser Berufspolitiker einflußreiche Ämter in den Pariser Ministerien, vorab in der elsaẞ- lothringischen Abteilung. Er erzählte mir manches Interessante, was sich zur Zeit Herriots hinter den Kulissen abgespielt hatte, obwohl in Dachau keine politischen Gespräche geführt werden 102 du un de st ku ve wns ZU St ka W e W S1 V d W durften. Zweifelsohne waren daher Dr. Karls, der Hüundesepp, Matthes und ich nach den Paragraphen der Lagerordnung reif für den Strang. In unserem Kommando arbeitete auch ein unbezahlbarer Witzbold, der tiroler Anekdotenerzähler Pfarrer Sigismund Würl, ein Mann mit starker Phantasie und bewundernswertem Plaudertalent. Lebhaft gesti- kulierend, gab er mit feurigem Blick, sprudelnder Beredsamkeit und nie versagendem Humor jeden Tag stundenlang seine derben Schnurren zum Besten. Im Vergleich zu Würl waren Karls und ich die reinsten Stammler. So oft Sigismund erzählte, lachten wir, daß uns die Tränen kamen. Das Dachauer Elend trat dabei etwas in den Hintergrund. Wenn sich die lärmende Heiterkeit gelegt hatte, nahmen viele von uns ein Buch in die Hand oder wir legten uns zum Schlafe nieder. Nur wenig oder nur Scheinarbeit wurde geleistet. Unausgesetzt und ange- strengt verrichtete der doppelte Wachposten seinen verantwortungs- vollen Dienst. Wenn einer rief:„Achtung!“, da sprangen wir aus dem Schlafe auf, die Bücher verschwanden, und emsig schufteten wir während der Anwesenheit der SS-Leute. Während Sigismund seine Witze losließ, zog ich aus alten Säcken die Hanffäden heraus, nach Dr. Karls„Befehl“ höchstens zehn pro Tag. Ich brachte es immerhin auf hundert, was kaum ein Stündlein pro Schicht in Anspruch nahm. Sodann drehte ich je drei Fäden zu einer Schnur und rollte diese zu einem Knäuel zusammen. Da kein Mensch meine Kunst im Schnurfabrizieren zu bewundern geruhte, wurde am Abend die verfertigte Schnur meistens in den brennenden Ofen geworfen. Von Auschwitz waren einige Waggons mit Frauen- und Kinder- bekleidungsstücken angelangt. Die ehemaligen Besitzer hatten dort in der Gaskammer ihr Leben lassen müssen. Wir sortierten nun diese Wäsche, banden je zehn Stück zusammen und trugen sie zum Des- infektionsraum. Es wurden zwischen 25- bis 30 000- Kleidungsstücke gezählt. Es handelte sich meist um gute, ja allerbeste Qualität, vielfach mit dem Stempel Pariser Verkaufshäuser. Wie zitterten wir vor be- greiflicher Aufregung, als an Kinderhemdchen Blutflecken festgestellt wurden. An einem Säuglingskleide lasen wir einen hebräischen Bibel- text. Einige Namen der Besitzer konnten wir noch deutlich lesen wie 103 Levy, Salomon... Bekanntlich sind in Auschwitz Millionen unschuldiger Juden vergast worden. Trotz strengster Überwachung nahmen wir Kleider für uns und die Kameraden. Ein paar Tage lang trug ich eine ,, geraubte" wollene Unterjacke. Doch der quälende Gedanke an die gemordete Jüdin, die einst in glücklichen Stunden dieses Kleid getragen hatte, bewog mich, es einem neu angekommenen Franzosen zu überlassen, der von der ganzen Geschichte nichts wußte. Bei einer anderen Gelegenheit fand ich unter den Stoffen auch Meßgewänder, Stolen, Alben, sogar Kirchenteppiche. In der Nacht verloren diese Gegenstände zum Teil den Weg zur Spinnstoffsammlung und landeten in unserer Kapelle. Ein Mithäftling entdeckte in einem Mantel 80000 französische Franken. Einem anderen fielen Goldstücke in die Hände, die in Kleidern eingenäht waren. Solche Wertgegenstände wurden bis zur Befreiung vergraben. Mancher Kamerad hat in Dachau Wertsachen versteckt und ist im Winter 1944/45 das Opfer des Hungertyphus geworden. Wer hat wohl seitdem diese Schätze gefunden? In meinem Besitz befindet sich ein wertvoller Platinring, den ich fast zwei Jahre lang den Blicken der raubgierigen Nazis entziehen konnte und glücklich mit nach Hause brachte. In dem Ring stehen in französischer Sprache die Worte eingraviert: ,, Henriette à Pierre, 28 janvier 1936." Wem gehörte dieser Ring? Im Frühjahr 1943 wurden einige Pfarrer des Desinfektionskommandos ausgesucht, die mit einer Säure alle Türgriffe sämtlicher Blocks, besonders jene der Aborte, zweimal täglich befeuchten mußten. Die Säure sollte alle Bazillen vernichten. Der Eimer in der Hand galt als Passepartout für sämtliche Blocks. Wir tauchten einen Pinsel in die Säure und schmierten das Wasser an die Türklinken. Das Ganze war nur eine Propagandakomödie. Die Kommission des Schweizer Roten Kreuzes sollte feststellen, wie ,, rührend" der Lagerkommandant für die Gesundheit der ,, lieben" Häftlinge sorgte. Mir gefiel dieses Amt über alle Maßen. In knapp 60 Minuten war meine Tagesarbeit bewältigt, und so verblieben mir zehn Stunden, um mit Kameraden zu schwatzen, Almosen zu verteilen, Kranke zu besuchen und Glaubensbrüdern die hl. Kommunion zu bringen. 104 schri ring mein Tas Nr. 2 „ Va Zuc blei grol ich und auc das Kar und ger Ta ges ein He Ba WO sa fäl de SS in sin W B E L St ulmen ich ke eid sen uch cht imche ern ung eckt den. ich hen hen rre, omcher ten. cks. sser die. wie Den" app mir vernion دو Welch ein Massenelend in den überfüllten Blocks! Viele Hungrige schrien nach einem Stückchen Brot. Damals trafen Pakete aus Lothringen in sehr großer Zahl ein. So konnte ich viel geben. Auch meine geistlichen Mitbrüder spendeten reichlich. Mit vollgepfropften. Taschen ging ich von Block zu Block. Immer wieder wurde auf Nr. 26 neu gefaßt. Arme Russenkinder lagen röchelnd auf den Betten. Vater", hauchten sie in gebrochenem Deutsch ,,, Vater, Brot... Brot.... Zucker..." So sah ich einmal drei junge Russen nebeneinander liegen, bleiche Wachsgesichter, nur noch Haut und Knochen. Mit ihren großen, hohlen Augen schauten sie gierig auf ein Stück Kuchen, das ich in der Hand hielt. Ich gab es einem der schwerkranken Jungen und ließ die anderen durch den Dolmetscher trösten, sie würden später auch Kuchen bekommen. Der Kleine, obwohl am Verhungern, nahm das Stück Kuchen, zerlegte es in drei Teile und gab seinen beiden Kameraden je ein Stück. Sofort eilte ich wieder zum Pfarrerblock und erbettelte dort Kuchen, Butterbrote und Zucker... Da gab jeder gerne, als ich den Liebesakt des kleinen Russen erzählte. Ein paar Tage später waren die Russenjungen tot... Sie waren vor Hunger gestorben. Unsere Hilfe kam zu spät. Vor Rührung wurde mein Herz weich, wenn es mir vergönnt war, einem Kameraden die hl. Kommunion zu reichen. Da sagte ich meinem Herrgott Dank, daß er mich nach Dachau geschickt hatte. Der Bazillenmörder fühlte sich wieder in seinem hehren Priesterberufe. Einige Wochen später bin ich auf andere Weise zum Mörder geworden. Zum Schutze der Häftlingsgesundheit kam der Nazibefehl, sämtliche Fliegen des Lagers erbarmungslos auszurotten. Diese gefährlichen Bestien könnten uns ja in ihrer Bosheit als Bazillenträger den Todeskeim ins Blut legen. Zu gleicher Zeit züchtete aber ein SS- Arzt künstlich Bazillen und ließ in seiner Versuchsstation Häftlinge in großer Zahl durch vergiftete Fliegen stechen. Viele Kameraden sind dabei ums Leben gekommen. Vom Arbeitseinsatzführer Pflaume wurde mir befohlen, in vielen Sprachen eine Verordnung in sämtlichen Blocks anbringen zu lassen, alle Mücken des Lagers umzubringen. Ein 60köpfiges Mückenmordkommando erblickte das Licht der Welt. In jedem Block mußten je zwei Mann mit einem schmalen Kartonstreifen die Fliegen totschlagen. 105 Vorübergehend war ich auch Capo des Spritzkommandos. Zwanzig Russen erhielten Gießkannen. Wir schöpften das Wasser im Wurmbach und benetzten jeden Tag sechs Stunden lang die Straße, die von den SS- Büros zur Kommandantur führte. Es wäre zu schade gewesen, wenn die kostbare Gesundheit eines SS- Mannes durch ein Stäubchen gelitten hätte. Nicht allzu weit von Dachau entfernt standen die Mauern der Gaskammer. Ein SS- Mann sollte ja kein Staubatom einatmen, Häftlinge aber mußten Giftgase schlucken. Als das Strohsackkommando mit seinem Capo Krause in unser Atelier verlegt wurde, waren die goldenen Zeiten des Desinfektionskommandos vorbei. Streit und Denunziationen verbitterten uns manche Stunden. Capochef Jakob geriet oft in eine begreifliche Nervosität. Der Wiener Max bekam mit einigen Pfarrern immer wieder Krach. In der Karwoche verschwanden in unserem Arbeitsblock die Lederhandschuhe eines SS- Mannes, die aus Versehen liegen geblieben waren. Einige Geistliche des Desinfektionskommandos mußten am Ostersonntag und die ganze Osterwoche hindurch als Sühne den ganzen Tag Schützengräben auswerfen. Auch mein Verhältnis zu Max spitzte sich immer mehr zu. Als er mich gar aufforderte, statt meinen französischen Landsleuten nur seinen russischen Lieblingen Lebensmittel zu geben, kam es zu einem scharfen Wortwechsel. Zu meinem nicht geringen Staunen gelang es Max, mich in die Strumpfstopferei strafversetzen zu lassen. Meine Desinfektionskollegen waren erbittert. Die Intervention des Capos Koch auf dem Einsatzbüro blieb fruchtlos. schi Eine als und 3) Strumpfstopfer Das Gebäude Nr. 4 unseres Planes ist durch einen tiefen und weiten Keller unterhöhlt. Hier arbeiteten in einem licht- und luftarmen Raum die Strumpfstopfer. Unser Capo war ein kreuzbraver Mann, der keiner Fliege etwas zuleide tat. Wir zwei kamen von erster Stunde an gut miteinander aus, ja er hatte eine gewisse Angst vor mir. Wie ist so etwas in Dachau möglich, wo doch der Häftling vor seinem Capo zu zittern pflegte? 106 m el D m d V P U nzig bach den wenn itten der HäftInser ionsanche sität. rach. ederwaren. OsterTag e sich zösitel zu gerinsetzen InterZur Erklärung muß ich etwas weit ausholen. Im Frühjahr 1940 schickte mich Minister Mandel in das französische Lager Sablou. Eines Tages langte dort ein korpulenter Elsässer aus Sesenheim auch als Internierter an, Binder mit Namen. Wir wurden gute Kameraden und klopften jeden Tag ein paar Stunden lang einen kräftigen Skat TAFE M B> 0 topfer n und armen Mann, Stunde . Wie seinem Strumpfstopfer miteinander. Wer mag mein Staunen schildern, als ich in Dachau den ehemaligen Sablouer Leidensgenossen wiederfand? Binder war beileibe kein armer Strumpfstopfkollege, ein strammer SS- Hauptscharführer. Den Häftlings- Strumpfstopfer Goldschmitt verband zwei Jahre lang mit ihm ein gutes Verhältnis. Durch Binder lernte ich bald den Hauptchef der Strumpfstopferei kennen, den kurzgewachsenen, dicken Oberverwalter Weber. Wie die meisten korpulenten Leute war Weber phlegmatisch- gütig. Dank diesen beiden Nazi- Männern war ich auch im Strumpfstopfkommandɔ wieder der Hahn im Korbe. Selbst wenn unser braver Capo ein Häftlingsschinder gewesen wäre, hätte er mich 107 aus Angst vor Binder und Weber in Ruhe lassen müssen. Auch meine Strumpfstopfkollegen hatten in mir begreiflicherweise einen 15. Nothelfer. Unser Strumpfstopfkommando zählte 180 Mann; darunter waren 140 Geistliche. Zu den Laien gehörten fast nur Gebildete, wie ein Professor, der früher‘die Geschichte des Rechts an einer Universität vortrug, ferner ein ehemaliger Konsul in Japan, dann ein Oberbürger- meister und andere. Da ich eine mir beliebige Arbeit auswählen durfte, blieben Nadel und Wolle unberührt. In meiner Unbeholfenheit wäre es mir übrigens nie gelungen, einen Strumpf vorschriftsmäßig zu stopfen. Da setzte ich mich lieber neben den Prälaten Matthias Munda, der ehedem mit Mitra und Bischofsstab pontifizierte. Dieser fromme Priester hatte in Dachau durch eine Operation die rechte Hand ver- loren und wickelte jetzt seit langem einhändig Wolle auf Knäuel. Ich half dem braven Matz bei seiner Arbeit, suchte aber auch von der guten Wolle für mich und andere Kameraden wegzuklauen. Viele flickten nämlich auf den Blöcken ihre Privatstrümpfe selbst. Der menschenfreundliche Capo verbot mir, pro Schicht mehr als zwei Knäuel fertig zu machen, was kaum ein Stündlein Arbeit erforderte. Die Langeweile wußten wir schon praktisch zu vertreiben. Für die Pfarrer herrschte nach freiwilliger Übereinkunft täglich vier Stunden lang absolutes Stillschweigen. Während dieses Silentiums hielten wir religiöse Betrachtungen und verrichteten Gebete. Mich interessierten besonders die Psalmen. Viele Geistliche in Dachau studierten die praktische Psalmenerklärung des heutigen Bischofs von Straßbourg. Die meisten verstanden ja genügend französisch. Lektüre war während der Arbeit strengstens verboten. Doch unser Wachtposten schlug beizeiten Alarm, und die Bücher verschwanden unter einem Haufen alter Strümpfe, sobald ein SS-Mann den Keller betrat. Da ich hinter einer stets offenen Türe saß, konnte der Schlaf mich ungestört über- mannen. Wenn der Capo oder Kommandoführer Binder mich hie und da aus dem tiefsten Schlafe herausrissen, entschuldigten sie sich sogar, wofür ich gerne als Sühne Zigaretten bezahlte. Es war mir auch erlaubt, im Lager herumzuspazieren oder auf dem Block Nr. 26 zu verweilen. Pater Weyland aus Volmerange-les-Mines und ich haben sehr reichlich von diesem Privileg Gebrauch gemacht. 108 vor traı ein die die He Ve Str W ch nen ren ein sität gerfte, wäre zu nda, mme veruel. der Viele Der zwei erte. - die nden wir erten die burg. rend chlug ufen inter überhie sich mir r. 26 aben In den meisten Kommandos waren die Geistlichen am Sonntag von der Arbeit dispensiert. Nur die Strumpfstopfer machten eine traurige Ausnahme. Meine Sonderstellung erlaubte mir, erfolgreich einzugreifen. Eines Tages jammerte ich bei der Firma Weber- Binder über diesen empörenden Zustand. Die Nazis duldeten eine Kapelle für die Geistlichen, verwehrten aber vielen Pfarrern das sonntägliche Hochamt. Das sei doch ein Widerspruch. Ich machte einen praktischen Vorschlag, und er fand Billigung. Nach der Lagerordnung durften die Strumpfstopfer wöchentlich, während der Arbeitszeit, einmal baden. Wir könnten nun, so meinte ich, dieses Bad auf die freie Zeit verlegen, um sonntags in der Kapelle ein Seelenbad nehmen zu können. Mit dem Ausdruck ,, Seelenbad" war der dicke Weber gewonnen.„ Na, wie ,, An die zwei Stunden." lange dauert denn so ein Seelenbad?" Nach ein paar Tagen war das Seelenbad genehmigt. Ich selbst mußte die Geistlichen, mit Ausnahme der polnischen Confraters, geschlossen zum Seelenbad führen und sie nach zwei Stunden nochmals zu der Strumpfstopferei zurückbringen. Schon am zweiten Sonntage kehrten wir überhaupt nicht mehr in den Keller zurück, und bald sind wir sonntags gar nicht mehr zur Arbeit angetreten. So lockerte sich im Dachauer Lager langsam die früher so tyrannisierte Disziplin. - Der zartfühlende Leser möge jetzt die übelriechende Dachauer Redeweise entschuldigen! Wir 350 Strumpfstopfer, Schuster und Schneider der Kellerräume im Gebäude Nr. 4 hatten nur eine sehr beschränkte Anzahl von Aborten, die im ersten Stock lagen. Wir mußten über dem Platze die Treppe hinaufsteigen. Jeder benutzte gerne die Gelegenheit, von Zeit zu Zeit aus dem dumpfen Keller hinauszukommen, draußen etwas Luft und Licht zu schnappen, auch ungestört eine Zigarette zu rauchen, was nur im W. C. möglich war. Dort herrschte daher stets ein beunruhigendes Gedränge. Wie war dem abzuhelfen? Die Abortfrage quälte unseren nervösen Capo ungemein. Viele langatmige Reden mußten wir deshalb über uns ergehen lassen. Reformvorschläge, Methodenänderungen und Strafandrohungen brachten unsere Lachmuskeln oft in Bewegung. Alles half nichts. Die W. C. blieben umlagert und auch rauchgeschwängert. Nach einer schlaflosen Nacht hatte unser phantasiereicher Capo 109 endlich eine radikale Neuordnung erdacht. Es wurde die sogenannte Abortkommission ins Leben gerufen, in der drei Geistliche Sitz und Stimme hatten. Ein Pfarrer saß im Vorraum des W. C. mit der amt- lichen Mission, die Sitze nach Gebrauch auf Reinlichkeit nachzu- kontrollieren. Ein anderer Geistlicher mußte den Verkehr regeln, wie die Polizisten auf den Plätzen unserer Großstädte es zu tun pflegen. Ich wurde Generalsekretär dieser lebenswichtigen Kommission. Zur Eindämmung des menschenerdrückenden Andranges lag eine Liste vor mir, in die sich jene eintragen ließen, die ein Bedürfnisfeststellten, zu den W. C. hinaufsteigen zu müssen. Es durften zu gleicher Zeit nur zwei Mann austreten. Mir war auch die Schlüsselgewalt für die W.C. übertragen. Ich legte nun auf einem Bogen Papier zwei Kolonnen an, die eine mit der Überschrift:„große Kommission“, die andere „kleine Kommission“. Der ersten Gruppe wurden zehn Minuten be- willigt, der anderen vier Minuten. Es standen stets sehr viele Namen auf der Liste, und immer wieder liefen neue Petitionen ein. Da kam einmal ein bleicher Ordensmann zu mir und meldete ein Dringlichkeits- bedürfnis. Da ich ihm trocken zur Antwort gab, er käme erst am anderen Morgen um zehn Uhr dran, meinte er ebenso trocken:„Dann gibts einen Kurzschluß.“ Mit Recht verulkten wir die Abortkommission. Bald wurde sie auf Nimmerwiedersehen begraben. Ich schlug nun eine andere Lösung vor. Ein Oberinspektor sollte ununterbrochen vom Keller bis zu den W.C. auf und abgehen, die Säumigen zur Eile anspornen, die Wider- spenstigen notieren, den Rauchern die Zigaretten abnehmen usw. Mein Vorschlag fand allgemeine Anerkennung, und mir fiel das hohe Amt dieses Obergeneralinspektors zu. Das Geschäft gefiel mir, da ich jetzt andauernd auf Reisen sein konnte. Eines Tages redete mich ein unbekannter Lageroffizier an:„Na, warum laufen Sie denn immer hin und her? Sie sollen bei der Arbeit bleiben!“ In ein paar Worten waren meine amtlichen Obliegenheiten erklärt. Da meinte der Offizier lachend:„Sie sind also der Sch...hausgeneralinspektor?‘ Ich nickte bejahend!„Was sind Sie im Zivilberufe?“ Mit absichtlicher Betonung und scheinbar mit blutigem Ernst wurde die Antwort ge- geben:„Herr Lagerführer, nach Ihren Akten bin ich kommissarischer Bischof von Metz!“ Bluff! Der Offizier legte nachdenklich seine 110 Stir zu blir gei tra pa: „D eu lic en ınte und mt- ZU- wie Jen. Zur iste ten, Zeit die nen jere men kam eits- am ann Stirne in Falten. Ohne meine Begabung im Gedankenlesen angewandt zu haben, erriet ich bombensicher, was der SS-Offizier in diesem Augen- blick dachte: Ein kommissarischer Bischof ist in Dachau Sch...haus- generalinspektor. Armer Himmler, du hast uns mit deinen Konzen- trationslagern in der ganzen Welt arg blamiert! Vielleicht war er, ein paar Monate nach Stalingrad, selber zu der Erkenntnis gekommen: „Das ganze NS.-System ist ein Sch hatlsse; Nach ein paar Tagen stürzte SS-Binder in allergrößter Aufregung in den Keller und rief nervös:„Alles sauber machen, Kerls, sputet euch. Der Herr Lagerkommandant wird die Strumpfstopferei persön- lich besuchen.“ Das war noch nie erlebt worden. Hastig wurde alles entstäubt, geputzt, der Boden aufgewaschen, die Tische in Ordnung gebracht... Unser Wachposten meldete bald den Kommandanten. Kirchhofstille herrschte im Keller. Nur die Näh- und Wollstrick- maschinen klapperten. Der Capo setzte die Amtsmiene auf. Munda drehte wie wahnsinnig Wolle von seinem Holzgestell herab. Die Pfarrer stopften Strümpfe, strickten Pullover, Ohrenwärmer... Auch ich rollte hastig die Wollfäden um den Knäuel. Lagerkommandant Weiß ging von Tisch zu Tisch. Mit freund- lichem Lächeln bewunderte er einige fachmännisch schön gestopfte Strümpfe. Sodann ließ er die reichs- und volksdeutschen Geistlichen antreten und gab den Befehl, daß außer den Polen kein Pfarrer mehr in der Strumpfstopferei arbeiten solle. Wörtlich sagte er zum Lager- führer Trenkle:„Geistliche dürfen von jetzt ab nur leichte Arbeit in sauberen Räumen verrichten.“ Es wehte wieder ein anderer Wind. Bald waren die Geistlichen hoch, bald die Kommunisten. Tags drauf brachte mir der Blockschreiber die Ernennung zum Angestellten des Arbeitseinsatzbüros. 4) Im Arbeitseinsatzbüro Das Arbeitseinsatzbüro war die Seele des Lagers. Das gesamte Häftlingsleben wurde von hier aus dirigiert: Verteilung aller Häftlinge in die verschiedenen Arbeitskommandos, Zusammenstellung von Trans- porten, Befürwortung der Anstellung, aber auch Forderung der Ab- setzung von Capos, Verlegungen in andere Kommandos usw. Dieses 111 Büro sollte auch die Strafmeldungen an die SS- Befehlsstelle weiterleiten, was natürlich oft unterblieb; es sandte täglich einen langen Bericht über die Arbeitslage nach Berlin, stellte die Rechnungen für die Arbeitslöhne an die Privatfirmen aus, und dergleichen mehr. Die Angestellten dieses Büros besaßen wichtige Sonderrechte. Sie hatten über das Verteilen der guten und schlechten Kommandos, auch über das Verbleiben der Häftlinge in Dachau oder deren Abtransport in andere Lager oft ein entscheidendes Wort mitzusprechen. Sämtliche Capos des Lagers umschmeichelten die führenden Männer des Einsatzbüros, um sich ja in ihren Stellungen halten zu können. Ich war jetzt also auch Angestellter daselbst. Wir trugen sauberere Kleider, konnten uns täglich rasieren lassen, nahmen alle Mahlzeiten im Büro selbst ein und verbrachten hier unsere freie Zeit, auch abends nach dem Appell, oftmals bis Mitternacht, sowie sonntags den ganzen Tag. Es braucht wohl nicht betont zu werden, daß die Kameraden der guten Kommandos um unsere Gunst zu buhlen pflegten, wie jene der Kantine, Küche, Kleiderverteilungsstellen usw. Alle Türen und Tore sämtlicher Blocks öffneten sich uns ohne Schwierigkeit. Die Angestellten des Arbeitseinsatzbüros gehörten im Lager zweifelsohne zu den sogenannten ,, besseren" Leuten, mußten aber auch meist fleißig mit der Feder hantieren und an den Schreibmaschinen herumhämmern. Lagerführer Trenkle führte uns Geistliche am ersten Tage persönlich zum Bürochef und schrie mit gewohnter Grobheit: ,, Ihr Kommunisten habt hier ausgewirtschaftet. Vier Pfarrer treten sofort den Dienst an." SS- Vernehmungsführer Bach sagte mir ein paar Tage später: ,, Sie kamen zur Überwachung der Kommunisten in dieses Büro. Es liegt daher in Ihrem Interesse, uns auf dem Laufenden zu halten." Keinem Häftling war es übrigens in den Jahren 1942/43 entgangen, daß der kommunistisch eingestellte Arbeitseinsatz die kommunistisch gesinnten Kameraden bevorzugte. Durchweg lagen alle besseren Stellen des Personals und der Capodienste in den Händen der Linksparteien. Darüber darf man sich nicht allzusehr wundern, da die Kommunisten vielfach zu den alten Lagerhasen gehörten. Manche schmachteten ⚫ schon seit 1933 hinter dem Stacheldraht. Wir Geistlichen durchschauten sofort, was die SS- Leitung mit uns beabsichtigte. Die Kommunisten sollten aus dem einflußreichen Büro verdrängt, eine Kluft 112 ZW ge di m li W ge re ha ru W al es tr tr b N S 6 a 6 e น F S rt u zwischen den Internierten aufgeworfen und so eine Häftlingsgruppe gegen die andere ausgespielt werden. Doch die SS-Schufte waren an die falsche Adresse geraten. Bereits am ersten Tage gab ich den kom- munistischen Kollegen unseres Büros die Erklärung ab:„Wir Geist- lichen sind hierher gezwungen worden. Allen Kameraden, einerlei welcher weltanschaulichen und politischen Einstellung, muß tunlichst geholfen werden.“ Obwohl die Roten uns Schwarzen anfänglich nicht recht trauten, entwickelte sich trotzdem ein freundschaftliches Ver- hältnis. Übrigens haben wir Geistlichen nie bedeutenden Einfluß er- rungen. Ich bin allerdings in die meisten Dienstzweige eingeführt worden, brachte es jedoch nie zu der Würde eines Chefs. Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß es uns Pfarrern gelang, die Inter- essen der christlich eingestellten Leidensgenossen energisch zu ver- treten. Dies geschah aber nicht auf Kosten der Kommunisten, die es trotz der vorübergehenden SS-Feindschaft glänzend verstanden, fast bis zum Ladenschluß das Heft in Händen zu behalten. Die neue Maßnahme ließ die Waage des Einflusses, parteipolitisch ausgedrückt, sich nur etwas von links nach rechts neigen. Wenn wir Schwarzen auch nicht viel zu sagen hatten, so durften wir doch jetzt wenigstens etwas sagen. Unser Capo hieß Kuno. Er bekleidete nach dem Umsturz des Jahres 1919 das Amt eines sozialdemokratischen Kammerpräsidenten, später sogar das eines Ministers, in Braunschweig. Er war ein heller Kopf und auch, als welterfahrener Politiker, ein geriebener Diplomat. Die zehnjährige Haft hatte die Nerven dieses Mannes arg zerrüttet. Seine unparlamentarischen Anrempelungen haben uns nicht selten bittere Pillen schlucken lassen. Leider starb Kuno im Frühjahr 1945 an Magenkrebs. Der Untercapo hieß Julius. Ihm oblag in erster Linie die Orga- nisation der gefürchteten Transporte in andere Lager. Obwohl er etwas schnurrig war, standen die meisten Häftlinge nicht schlecht mit ihm. Sooft wir meinten, Julius könnte zur Linderung des Häftlings- elendes etwas beisteuern, durften wir uns vertrauensvoll an ihn wen- den. Viele unserer französischen Landsleute verdankten Julius auf unsere Empfehlung hin gute Arbeitskommandos, mehr noch, die Rettung vor den Himmelfahrtstransporten. Im Sommer 1944 entdeckte 113 8 Zeugen des Abendlandes die Gestapo im Lager eine geheime kommunistische Zellenbildung. Arg kompromittierende Schriftstücke wurden unter dem Dielboden eines Blocks aufgefunden. Man soll auch auf die Spur eines geheimen Kurzwellensenders gekommen sein. Fieberhaft nahm die Gestapo in den Blocks, auch in unserer Kapelle, Haussuchungen vor. Inwieweit wichtige Geheimnisse durch feigen Verrat zu den Ohren der SS- Leitung gelangt sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls sind Anfang Juli 1944 fast hundert Kommunisten im Lager erschossen worden. Klopfenden Herzens zählte ich zweiundneunzig Schüsse. Julius war nicht dabei, er saß aber lange Wochen im Bunker und Monate hindurch in der Strafkompanie. Julius und andere Dachauer Kommunisten konnten damals die Erfahrung machen, daß geistliche Arbeitseinsatzkollegen den Kameraden nicht im Stiche ließen, obwohl uns wegen illegaler Unterstützung des eingesperrten Untercapos der Strang drohte. Im Laufe des Winters verschwand Julius von der Bildfläche. Lagerparolen tuschelten sich von Ohr zu Ohr zu, er sei gehängt worden. Dem war aber nicht so. Nach der Befreiung wurde ich von der russischen Polizei über meine Beziehungen zu Julius verhört. Zu meiner größten Freude erklärten mir diese Herren, daß unser Untercapo gerettet sei. Wir stehen seit Neujahr 1946 in brieflichem Verkehr miteinander. Als Kollegen hatte ich noch einen anderen Kommunisten, unseren ,, Außenminister", der die Korrespondenz und die Verbindung mit allen Außenkommandos zu regeln hatte. Der redegewandte Junggeselle, ein langer, spindeldürrer Reichsdeutscher, schlug nicht leicht einen Liebesdienst ab. Nie hat er jemand mit einem harten Worte angerempelt, was in Dachau als eine löbliche Ausnahme hoch anzurechnen war. Er ließ sich auch keine Gelegenheit entgehen, geräuschlos kommunistische Propaganda zu machen. Kuno, Julius und dieser junge Kommunist galten als verantwortliche Leiter unseres Büros. Der frühere österreichische Gymnasialprofessor Max, ein Mann ernsten und vielseitigen Wissens, führte die Korrespondenz mit den Firmen, bei denen Dachauer Häftlinge beschäftigt waren. Max und auch Kuno verstanden sich auch vortrefflich auf die Kochkunst. Meine Angehörigen schickten uns Mehl, Butter, Alkohol und Rauchmaterial in مه g te A S B d P d b f S e H i I f 9 114 N C ng. den men in veit cung Fang den. war mate -Eraden des ters sich t so. meine ärten seit undung ungleicht Worte anzuuschdieser Büros. Mann it den x und Meine terial in staunenswerter Fülle. Nur ganz selten aẞen wir Lagerkost. Frischgemüse durften die Angestellten des Arbeitseinsatzbüros aus den Gärten beziehen. Die Geburtstage, sogar mein Namenstag, wurden mit Ansprachen, Vorträgen, Gedichten und einem ,, Festessen", bei dem sogar der echte Kognak nicht fehlte, bis in die Nacht hinein gefeiert. Meine Gesundheit blühte wieder auf. Die hier und da aufbrechenden Brandwunden, mehr noch mein chronischer Husten, fanden im Spital die vortrefflichste Pflege. Wir hatten vier mustergültig organisierte Kartotheken, zwei alphabetisch nach Namen, die dritte nach den Häftlingsnummern, und die vierte nach den verschiedenen Berufen geordnet. Jeder Häftling besaß seine Karten. Wir konnten sofort von jedem die Personalien feststellen, auch wann und wo jeder eingesperrt wurde, seine verschiedenen Arbeitsstellen usw. Der Lagerkommandant erkundigte sich einmal nach den Uhrmachern. Sofort wurden ihm die gewöhnlichen Uhrmacher und die Spezialisten für Turmuhren angegeben und wo jeder einzelne zu finden sei. Jeden Tag mußten alle Änderungen in der Situation eines jeden Häftlings auf den Karten notiert werden. Da sich viele Tausende Häftlinge in Dachau befanden, war dies gewiß keine Kleinigkeit. Diese interessante Riesenarbeit besorgten meine Kollegen Hans und Otto, zwei nette Burschen, mit denen ich gerne arbeitete. Auch der österreichische Kaplan Walter, ein langjähriger Angestellter unseres Büros, und der Erzpriester Dr. Joseph aus dem Sudetengebiet halfen hier mit. Ein etwas nervöser Kamerad aus Kassel stellte die Rechnungen über die Arbeitslöhne an die Firmen aus, die Häftlinge beschäftigten und auch ausbeuteten. Aus diesen Dokumenten ersahen wir, was das Lager an den Internierten verdiente, viele Millionen Mark jeden Monat. Der Häftling war ja billiges Arbeitsvieh. Die tägliche Wassersuppe kostete nur ein paar Pfennige. Die Firmen zahlten aber an das Lager für die Fachleute, die unter den Arbeitssklaven waren, zwischen 4 und 6 Mark pro Schicht, für die Tagelöhner 2 Mark. Der fromme katholische Priester Alois aus dem Sudetenland und Professor Msgr. Joseph aus dem Prager Priesterseminar waren die Nähr- und Pflegeväter des Lagers. Sie mußten dafür Sorge tragen, daß kein Kamerad bei der Brotzeit übergangen wurde. 115 Ein Österreicher namens Karl, ein gläubiger Katholik, schrieb für das Ministerium jeden Morgen einen Bericht über alles, was sich auf dem Dachauer Arbeitsmarkt tags zuvor zugetragen hatte. Obwohl dieser sechs bis acht Seiten starke Rapport anfänglich als geheim und vertraulich galt, habe ich oft das interessante Schriftstück durchgelesen und mir Notizen für meine späteren Broschüren abgeschrieben. Ein Jahr lang-war ich mit diesen Kollegen in den verschiedenen Dienstzweigen des Arbeitsbüros tätig, wo es mir stets ausgezeichnet gefiel.- Bis zum Sommer 1942 hinein regierte in Dachau als Kommandant ein roher Tyrann. Die Häftlinge starben vor Hunger und Überan- strengung, mehr noch durch Mißhandlungen, massenweise dahin. Der neue Lagerkommandant Weiß milderte die Disziplin, verbot die körper- liche Züchtigung und gestattete den Empfang von Heimatpaketen. Der Fall von Stalingrad zeitigte für uns die ersten greifbaren Vorteile. Persönlich kannte ich Weiß nicht näher, hörte aber von alten Lager- hasen nur dessen Lob und Anerkennung. Auf ihn folgte der kurz- gewachsene, unbeholfen dicke Kommandant Werner. Dieser Phlegma- tiker kümmerte sich kaum um uns, ließ alles laufen, wie es halt ging und trägt die furchtbare Verantwortung am Massensterben infolge des Hungertyphus in den Monaten Januar bis Mai 1945. Scheinbar sorgenvoll sagte dieser Werner einmal gelegentlich eines Besuches im Pfarrerblock:„Warum spazieren die Herren Pfarrer bei dieser naßkalten Witterung im Freien? Sie bekommen ja den Schnupfen.“ Antwort:„Unmöglich in der Stube zu bleiben. Dort ist nur Platz für 70 Leute, und wir sind zu 380 in jeder Stube. Im Nachbarblock sind gar 2000 Mann. Wenn nicht Remedur geschaffen wird, gehen wir alle zugrunde.‘ Ärgerlich stampfte der Kommandant mit dem Fuße auf den Boden und schrie energisch:„Ich werde Remedur schaffen.“ Es geschah aber gar nichts. Und doch war Platz übergenug im Lager. Was nützten uns seine schönen Worte? Nach der Befreiung fanden wir auch Lebensmittel in Fülle, allein über eine Million Büchsen mit Fleischkonserven. Der Lagerkommandant ließ uns hungern und ver- derben. Was lag ihm an uns! Lagerführer Redwitz soll einer heruntergekommenen Adelsfamilie angehört haben. Jedenfalls trank er wie ein Bürstenbinder. Er machte 116 BES 3 N EN ER ENT er_ u rieb sich vohl und esen enen hnet dant eranDer rperzeten. teile. agerkurzgmaging folge einbar suches dieser fen." tz für k sind en wir Fuße affen." Lager. fanden sen mit and verfamilie machte دو auf mich stets den Eindruck eines hohlen Schwätzers und rauhborstigen Mannes. Aber man kann ihm keine Grausamkeiten nachsagen. Einst rief er uns Angestellten zum Appellplatz. Dort standen bei frostkaltem Wetter 150 Mann des Metzgerkommandos splitternackt. Ihre Kleider lagen vor ihnen. Wir mußten nun filzen, das heißt, alle Taschen, den Saum der Kleider, auch die Schuhe nach Geld untersuchen. Durch feigen Verrat hatte die Lagerverwaltung erfahren, daß diese Metzger an Zivilisten Fleischwaren verkauft hatten. Dieses , Verbrechen" konnte unter Umständen den Strang kosten. Redwitz wünschte natürlich, daß wir Geld fänden, unsere Kameradschaftlichkeit selbstverständlich das Gegenteil. Unschlüssig stand ich vor dem ersten Kleiderhaufen. ,, Exzellenz", spottete Redwitz ,,, schleunigst anfangen und das etwas hurtiger."- ,, Herr Lagerführer, das paẞt mir nicht recht. Mir gehen Fachkenntnisse ab, ich bin ja nur Seelendetektiv!" Solche außergewöhnliche Wortausdrücke machten dem Baron immer Spaß. Er lachte unbändig. Gottlob erspähte mein Auge gerade den Rücken des Redwitz, als ich in der Tasche der ersten Hose gleich eine 50- Mark- Banknote entdeckte. Flugs verschwand der Schein in meinem Hemdärmel... Verängstigt schaute ich mich nach Redwitz um. Als dieser sich mir näherte, rief ich laut: ,, Herr Lagerführer, ich habe Geld gefunden!" ,, Das ist großartig. Sie bekommen eine schöne Prämie, Sie Seelendetektiv..." Ich reichte ihm ein paar Fünfpfennigstücke hin, die ich auch gefunden hatte. Der Lagerführer knurrte enttäuscht: ,, Das ist Sch...!" Am Abend rief mich ein SS- Mann aus dem Büro und flüsterte mir ins Ohr: ,, Sie sind mir auch ein Gelungener. Sie haben doch die hundert Mark, die Sie im Hemdärmel verschwinden ließen, hoffentlich ins Feuer geworfen. Auf Vertrauensmißbrauch ruht die Todesstrafe. Sie hatten Glück, einem anständigen SS- Mann in die Finger geraten zu sein. Ich werde nichts verraten." Dieser SS- Mann stand nämlich ohne mein Wissen während der Filzung hinter mir. Ich stammelte verlegen ein paar Worte innigen Dankes, versicherte aber, es wären nur fünfzig Mark gewesen. - Lagerführer Kampe war für uns, nach dem Dachauer Redegebrauch, eine Naziwildsau. Wie Vollmond glänzte das feiste Gesicht des Dickbauchigen, dessen Augen stets einzuschüchtern suchten. 117 Wir zwei stießen schon am ersten Tage seines Dienstantrittes zusammen. ,, Kerl, lehne Er sich nicht an die Wand! Gerade stehen soll Er, auch wenn Er mich nicht sieht", hauchte Kampe mich an. Wenn Kampe mich mit seinem bösen Blicke erhaschte, ging das Donnerwetter los. Da wich ich ihm aus. Sobald der Wachtposten die Ankunft dieses allseits gehaßten Chefs meldete, nahm ich eine leere Mappe unter den Arm, steckte den Bleistift hinter das Ohr, setzte die Amtsmiene auf und ,, inspizierte" irgend ein Arbeitskommando des Wir hatten ein Innenlagers, wo geschwatzt und geraucht wurde.- nettes schwarzes Hündlein, das auf den Namen Lumpi hörte und im ganzen Lager wohlbekannt war. Wie lieb war uns das Tier! Da schrie Kampe uns einmal an: ,, Ihr Arbeitseinsatzbrüder seid Schurken, wie alle anderen. Kein Privileg mehr! Der Hund verschwindet sofort!" Kampe hatte sich stets ein boshaftes Vergnügen daraus gemacht, uns das Leben sauer zu machen, mehr noch das der anderen Leidensgenossen. Gottlob blieb diese Bestie in Menschengestalt nur kurze Zeit im Lager. Gemütlich saß ich manchmal im Zimmer des zweiten Lagerführers Jung. ,, Das ist geflunkert", wird beim Lesen dieser Zeilen der Dachauer Kamerad denken. ,, Wir mußten ja in Anwesenheit eines SS- Kerls stramm stehen." Pardon, ich saß, ja ich saß auf der Tischdecke und Jung neben mir. Noch schlimmer war es, wir plauderten französisch miteinander. Schade, daß ein rechtdenkender Mensch, wie Jung, in einem Augenblicke tiefster Verblendung, die Naziuniform angezogen und sich dadurch eine schwere Kollektivschuld aufs Gewissen geladen hatte. Jung ist Elsässer, war französischer Soldat und Eisenbahnbeamter in Wolfskirchen, auch in Obermodern. Oft trat ich, für andere nie vergeblich, mit Bittgesuchen an diesen Lagerführer heran. Wenn er manchmal per Rad im Lager umherfuhr, sprang er oft ab wenn er mich sah, und erkundigte sich bei mir, was es Neues gäbe. Einmal sagte er wörtlich: ,, Wir wollen euch in Ruhe lassen, verhaltet auch ihr euch ruhig." Nur ein einziges Mal wollte ich für mich selbst um Hilfe bitten. Welches Pech! Jung fuhr mich grob an, und ich bekam drei Tage Bunker. Trotz alledem ist mir dieser Nazi- Elsässer lieb geblieben. Er bildete unter seinesgleichen eine rühmliche Ausnahme. Immerhin ist Jung ein Verräter an Frankreich. 118 I V ZUhen an. das die eere tzte des ein dim chrie wie Port!" uns enszurze agereilen eines ischerten , wie form Getund at ich, ührer ng er Neues ssen, ch für grob dieser eine reich. Trenkle war vorübergehend auch Lagerführer. Seine äußere Teufelsfratze und seine noch häßlichere Seele kennt der Leser bereits. Als er sich einmal den Arm gebrochen hatte, wünschten nicht wenige Leidensgenossen, Trenkle hätte sich besser den Hals gebrochen. Er war halt eine ganz üble Nummer im Lager. Zur Zeit der Bazillenmörderei war Böttcher Chef bei der Post, allgemein im ganzen Lager beliebt. Einen besseren Kommandoführer hätte man sich nicht wünschen können. Als er aber Rapportführer wurde, fuhr ihm gleichsam der leibhaftige Satan ins Herz. Böttcher wurde brutal, abstoßend, und war bald von allen Kameraden gehaßt. Dummheit und Ehrgeiz haben diesen früheren Althändler auf die schiefe Bahn geführt. Böttcher wollte sichtlich in der Gunst des Kommandanten steigen, um zur Würde eines Lagerführers hinaufklettern zu können. Er plumpste aber hinunter und brach sich dabei das Genick. Sein Kollege Kuhn war eine Ausgeburt der Hölle. Viele Leidensbrüder hat er in namenloses Elend gestürzt. Mich verfolgte er, als ob ich ein gefährliches Tier wäre. Nirgends war ich vor diesem gefühllosen Menschenquäler sicher, nur im Abort. Im ganzen Lager hatte Kuhn keine Gönner. Kurz vor der Ankunft unserer Befreier schlich er bleich und niedergedrückt umher. Als ich ihm zufällig begegnete, wandte er den Blick verlegen ab. Sollte ein Gefühl der Reue in ihm aufgestiegen sein? Nach Gerüchten endete Kuhn durch Selbstmord. - Bei der SS und der Gestapo der politischen Abteilung hatte ich manches erschütternde Erlebnis. Der Gestapochef Kick war mir seit dem Sommer 1943 bekannt. Obwohl persönlich vornehm und zurückhaltend, ja freundlich zu uns, ist er nicht mit Unrecht gehängt worden. Die Gestapo schindete und mordete überall, wo sie das Szepter führte. Kick hatte in Dachau seine Agenten in Naziuniform, leider auch solche in Häftlingskleidern. Er saß kaum zehn Meter von meiner Schreibstube entfernt und hörte genau wie ich fast tagtäglich das nervenerschütternde Schreien der Kameraden, die zum Geständniszwang oder zum Verrat der Mitwisser barbarisch verprügelt wurden. Kick und Konsorten tragen auch die Verantwortung für viele Morde, die uns in Dachau entsetzten. Nur zwei Beispiele! Mitte Februar 1944 119 kamen 29 russische Offiziere ins Lager. Ich selbst hatte ihre Personalien aufgenommen und ihnen durch den Dolmetscher Mut zugesprochen. Am 28. Februar mußten diese Offiziere neue Kleider anlegen. Etwas verschüchtert standen sie im Vorraum unseres Büros. Bevor sie abgeführt wurden, drückte ich einigen die Hand und schaute ihnen von unserem Fenster aus nach. O Schrecken! SS- Leute brachten die 29 Männer zum Krematorium. Ich zählte bald die Schüsse. Es waren 32. Am anderen Morgen brachte man uns, wie alltäglich, die Liste der tags zuvor Verstorbenen. Die Namen der 29 Offiziere waren mit drei anderen darauf verzeichnet. Ich schrieb die Personalien der ermordeten Offiziere in mein Brevier. Nach der Befreiung erhielt ein russischer General über dieses Drama einen genauen und eingehenden Bericht. Einige Monate später sah ich von unserem Bürofenster aus etwa 70 Frauen, die weinend auf dem Appellplatz standen. Ein Kollege machte sich eigens in der Nähe zu schaffen und meldete uns, daß die Unglücklichen französisch sprachen. Diese 70 Französinnen wurden am selben Tage gehängt. Gerade damals erhielt ich den bereits erwähnten Platinring. Sollte nicht vielleicht auch Pierre mit Henriette zugleich aufgeknüpft worden sein? Viele Franzosen männlichen und weiblichen Geschlechts haben nämlich um diese Zeit als Maquisards ihre Vaterlandsliebe mit dem Strang bezahlen müssen. Sie trugen auf ihren Kartothekkarten die Buchstaben N. N. Wir deuteten das: durch ,, Nacht und Nebel". Der Tod solcher Kameraden ist nie gebucht worden, das Vermögen fiel an die Reichskasse, und die Angehörigen blieben offiziell ohne Todesurkunde. Hauptscharführer Tulke leitete als Chef die Unterabteilung des politischen Büros, die alle Neuankömmlinge buchte. Abbé Seelig und ich arbeiteten mit ihm. Seit Sommer 1943 spielte ich bei Tulke den Dolmetscher. Damals schon stellte er sich offen auf unsere Seite gegen die Nazis. Wir vertrauten ihm rückhaltlos, und auch er schenkte uns uneingeschränktes Zutrauen. Wenn wir durch unvorsichtiges Ausplaudern Tulke vor das SS- Gericht gebracht hätten, wäre er unrettbar an die Wand gestellt worden. Für diesen braven Katholiken stelle ich mich jederzeit gerne als Entlastungszeuge zur Verfügung. 120 B m SU br m ra ic di R n g K m D น Z a น n 7 S N S g f SOgegen. sie nen die 32. tags drei erein einetwa lege die den seriette und sards auf urch bucht igen des und den Seite enkte das geerzeit Ganz anders lautet das Urteil über den elenden Hauptscharführer Bach, der früher Gastwirt in Kehl gewesen sein soll. Wie konnte Kommandant Weiß einen solch dummen, eingebildeten Mann als Untersuchungsrichter anstellen und dazu jahrelang im Amte dulden? Bach brüstete sich gerne. Gelegentlich sagte er mir, seinem Dolmetscher, mit stolzem Lächeln: ,, Goldschmitt, mir entrinnt kein Gauner. Ich errate sofort die Schuld noch vor der Untersuchung." Nun erlaubte ich mir, um seine Gunst zu gewinnen, eine plumpe Schmeichelei, über die ich mich eigentlich schämen müßte. Mir lag aber vor allem die Rettung meiner Kameraden am Herzen. ,, Das stimmt, Herr Vernehmungsführer", log ich frech ,,, Ihr intelligentes Auge sagte mir gleich bei unserem ersten Zusammentreffen, daß Sie ein geborener Kriminalist sind... Sie besitzen die geistige Kraft, die Delinquenten mit einem Schlage zu verwirren und Geständnisse zu erzwingen..." Da schwoll Bach vor Stolz gleichsam an. Er schloß mich in sein Herz, und ich hatte nun leichtes Spiel, diesen Gernegroß und Wichtigmacher zu überrumpeln, indem ich hier und da Scheinzugeständnisse machte, als ob ich gegen die Kameraden den Dolmetscher spielte... Wie man hörte, soll Bach von den Amerikanern zum Tode verurteilt worden sein. Den Strang hatte er jedenfalls verdient, meinst du nicht auch, lieber Johann Schmitt? Dich hatte Bach wegen Rauchens 72 Stunder lang in den Stehbunker gebracht. Nur drei Arbeitseinsatznazis sollen noch erwähnt werden. Der schon genannte Oberscharführer Pflaume hatte nach dem Fall von Stalingrad viel von seiner früheren Grobheit verloren. Er schrie manchmal ungebärdig, war aber nicht mehr ernst zu nehmen. In den letzten Monaten verkehrte Pflaume sogar kameradschaftlich mit uns. Öfters sind wir bei Fehltritten von ihm erwischt worden. Jedesmal hatte er gnädig ein Auge zugedrückt. Seine Prophezeiung, ich würde nach eventueller Entlassung ein Buch über Dachau schreiben, ging in Erfüllung. Ungewollt lieferte er selbst wichtigen Stoff dazu. Meine Bitte, aus den Archiven Statistiken zusammenstellen zu dürfen, welche die immensen Leistungen der SS in ein helleres Licht rücken müßten, schlug Pflaume nicht ab. Nun konnte ich einen Monat lang in den Archiven herumwühlen und kostbaren Stoff sammeln. Pflaume war es großartig gelungen, den Bock zum Gärtner zu machen. 121 re ET EEE 1 LE ER Eden FE Ebenderselbe Pflaume stellte gelegentlich fest, daß Neuankömm- linge zum Ergattern guter Kommandos vielfach falsche Berufe angaben. Jeder wollte halt im Lager Koch, Metzger, Magaziner, Bürobeamter oder sonst was werden. Das ist ja recht verständlich, blieb aber für die meisten Häftlinge nur ein Wunschtraum. Ich bekam nun den strengen Befehl, die Berufsangaben schärfstens nachzukontrollieren. Selbstverständlich wurde weiter gemogelt. Professoren wurden in Schneider, Elektriker in Tagelöhner, ein Handwerker in einen bereits tonsurierten Theologiestudenten, ein Bürobeamter sogar in einen Pfarrer verwandelt. Manche dieser Metamorphosen kosteten Angst- schweißtropfen. Doch viele Kameraden sind durch solche Fälschungen vor schwerer Arbeit, besonders vor Transporten, verschont geblieben. In den Pfarrerblocks sollten nach Anweisung Pflaumes nur tonsurierte Seminaristen gemeinsam mit den Geistlichen wohnen. Wenigstens zehn der„geistlichen“ Häftlinge hatten überhaupt nie ein Priesterseminar inwendig gesehen. Gelt, Henry, du hattest es schön bei uns, obwohl du von der lateinischen Sprache soviel Ahnung besaßest, als mein Hund Tell vom Einmaleins?, Bei Gelegenheit solcher Berufsfälschungen machte ich im Zugangs- block Nr. 15 eine interessante Bekanntschaft. Ein arg verängstigter Franzose wollte beichten. Es war Granger, der Bruder des Schwieger- sohnes des Generals Giraud. Die Gestapo hatte Granger, dessen Schwägerin, nämlich die Tochter Girauds, und deren vier kleine Kinder bei Tunis verhaftet. Ein Flugzeug brachte die Gefangenen nach Neapel. Granger sah schon zwei Tage später Dachau. Er blieb mir monatelang ein guter Kamerad. Das letzte Jahr verbrachte Granger als Ehren- häftling mit den Exministern Blum, Daladier, Mandel... in einem Schloß bei München. Wir korrespondierten von Dachau und dem Schloß aus illegal. Wehe uns, wenn wir ertappt worden wären. Scharführer Krause war ein strohdummer, aber ganz gefährlicher Häftlingsschinder. Als er einen französischen Zöllner öfters blutig schlug, wurde er von mir ernstlich verwarnt. Ich durfte mir dies er- lauben, weil dieser Esel seine Liebesbriefe durch mich schreiben ließ und sich auch sonst vor uns arg blamierte. Als Letzter kommt Unterscharführer Schratzenberger aus Pforz- heim an die Reihe.„Ah!“ wird mancher ehemalige Kamerad denken, 122 mmben. nter für den ren. m in reits einen ngstngen eben. ierte zehn ninar wohl mein angstigter egeressen Cinder eapel. elang Chreneinem dem en. rlicher blutig es eren ließ Pforzenken, ,, das war ein Saukerl." Selbst auf die Gefahr hin, scharf kritisiert zu werden, nehme ich diesen gefürchteten Mann in Schutz. Schratzenberger war oberflächlich, äußerlich grob wie ein Brummbär, doch ein guter Kern in rauher Schale. Er mußte halt dienstlich neue Arbeitskräfte in der Zahl der Uneingeteilten finden. Leider auch Kandidaten für die Transporte. Fast jeden Morgen, von neun bis elf Uhr, zog Schratzenberger mit Böttcher oder Kuhn von Block zu Block, wo die Kommandolosen verängstigt in Reih und Glied standen. Arbeitssklaven wurden herausgeholt. Bereits am anderen Tage jagte aber Schratzenberger nicht wenige mit gemachten Drohungen wieder heim zum Block. Auch er leistete vielfach nur Scheinarbeit. Schlimmer gestaltete sich die Zusammenstellung der Himmelfahrtstransporte für andere Lager. Wir Angestellten wußten, daß diese ausgesuchten unglücklichen Kameraden zum Teil in Gaskammern oder auf eine andere Art als unnütze Esser in die Ewigkeit befördert wurden. Und doch blieb uns nichts anderes übrig, als zwangsweise mitzuarbeiten und dabei zu retten, was gerettet werden konnte. Da perlten mir manchmal Tränen in den Augen, wenn an die 1500 Mithäftlinge nackt im Baderaum standen und einer nach dem andern, mit den Kleidern auf dem Arm, vor die Kommission hintrat, bei der ich oft den Dolmetscher spielte. Zum Irreführen brüllte ich manchmal einen Landsmann auf deutsch als Faulenzer oder Kretin an, was er natürlich nicht verstand, und gab ihm einen sanften Fußtritt, damit er aus der Reihe der noch nicht Untersuchten in jene der bereits Kontrollierten flog, oder warf einen zur Türe hinaus und drohte, laut schreiend, Meldung wegen Ungehorsam zu erstatten. Der Betreffende zog sich draußen schnell an und stürmte glückstrahlend fort. Wer sich etwas unbeholfen anstellte, war meist verloren. Wie oft schrieben wir nur zum Schein eine Zahl auf den Zettel oder gar falsche Nummern. Nicht selten strichen wir sogar von der Reinschrift manche Namen. Wir konnten aber unmöglich alle retten. Schratzenberger und Pflaume wußten von diesen unerlaubten Betrügereien, drückten aber meist ein Auge zu. Andere wachhabende SS- Leute waren zu dumm, unsere Rettungsmanöver überhaupt zu merken. Nachgiebig zeigte sich auch oft der SS- Arzt der Kommission. Er hätte ja blind und taub sein müssen, wenn ihm unsere Mogeleien 123 nicht aufgefallen wären.„Ihr Pfarrer solltet keine derartigen Stellen haben”, sagte er mir gelegentlich.„Ihr habt ein zu weiches Herz.’ Leider konnten weder die Kommunisten noch wir Geistlichen alle unsere Kameraden in Sicherheit bringen. Sooft die zum Transport Bestimmten das Lager verließen, drückte ich manchem zum letzten Male die Hand, munterte ihn auf und dachte gramerfüllt:„Auf Wieder- schen im Himmel!“ Dachau glich im Jahre 1944 nur zu oft einem Narrenhaus, blieb aber doch für viele Leidensbrüder eine furchtbare Hölle.- 5. Im Knopfkommando Im Frühjahr 1945 wurden zirka 800 Pfarrer im Knopfkommando angestellt. Viele Geistliche hatten ihre Arbeitsstätte in der Kapelle. Vor das Chor spannten wir ein schwarzes Tuch. Wir saßen einer neben dem anderen auf Schemeln. Auch ich verdiente hier für eine zehnstündige sogenannte Arbeit täglich ein Stück Brot mit Wurst oder Margarine, was mir sehr mundete, da um jene Zeit keine Heimatpakete mehr anlangten. Unsere Aufgabe bestand darin, Knöpfe und Knopflöcher an Zelttüchern anzubringen. Wir waren in drei Gruppen eingeteilt. Die erste maß und zeichnete die Abstände zwischen den einzelnen Knöpfer und den Löchern, dann stanzte sie mit Hilfe eines kleinen Werkzeuges die Öffnungen für die Knopflöcher. Diese Letzteren wurden nun von der zweiten Gruppe im Knopflochstich geschickt und fein ausbordiert. Ich gehörte zur dritten Gruppe. Wir mußten die Knöpfe annähen. Diese wurden in einer Reihe am Rande und teilweise auch in der Mitte des Zelttuches aufgesetzt, und zwar je ein Knopf auf der Oberseite und einer auf der Unterseite des Tuches. Der obere Knopf und sein Nachbar auf der Unterseite mußten gleichzeitig miteinander am Tuche befestigt werden, und zwar sollte die Nadel den Zwirn viermal durch die Öse der beiden Knöpfe ziehen. Das Gewebe des Zelttuches war äußerst zäh und steif. Es wehrte sich mit aller Kraft gegen die Nadel- stiche. Wohl standen uns Fingerhüte zur Verfügung; diese waren aber so winzig, daß kaum die Spitze des kleinen Fingers hineinzu- 124 N d ( | N PER len alle Dort zten derlieb ndo ando elle. einer eine oder kete r an Die pfer uges von diert. hen. Mitte rseite sein Tuche durch Swar adelvaren inzuschlüpfen vermochte. Wenn ich nun die Nadel mit dem dicken Zwirn durch den oberen Knopf, das Gewebe und den unteren Knopf und dann wieder zurückführen wollte, mußte der kleine Finger nachdrücken und stoßen, so fest er nur konnte. Mit Mühe und Not machte so die Nadel zweimal den Hin- und Rückweg durch Tuch und Knöpfe, aber dann ging es nicht mehr leicht. Manche Nadel habe ich dabei krumm gedrückt, was die Arbeit noch mehr erschwerte. Ersatznadeln standen uns selten zur Verfügung. Beim Nachdrücken stach ich mir oft in die Finger, so daß Blutstropfen über die Hand perlten. Da keuchte ich alter, kurzsichtiger Mann. Und so sollte ich hundert Knöpfe jeden Tag ansetzen, und brachte in zehn Minuten ächzend kaum einen einzigen an das Tuch. Wegen meiner Unbeholfenheit niedergedrückt, schaute ich nach links und rechts zu den Nachbarn hinüber. Pater Riquet, der gerade jetzt, während ich dieses niederschreibe, in Paris die Fastenpredigten hält, saẞ in meiner Nähe und hantierte fleißig mit Nadel und Zwirn. Dabei lachten er und sein Nachbar unbändig. Einer von ihnen rief mich herbei und sagte spöttisch: ,, Heureka, ich hab's gefunden." Da wir gerade unbewacht waren, zeigte uns der witzige Kamerad, wie wir durch Schwindeln uns die Arbeit erleichtern und dabei sogar Sabotage treiben konnten. Folgende Methode wurde nun vorgeschlagen: Wir sollten Nadel und Zwirn nur einmal hin und einmal zurück durch das Zeltgewebe und den Knopf führen, dann das Tuch in Ruhe lassen. Durch die Ösen des oberen Knopfes wurden nun die vorgeschriebenen vier Zwirnfäden gezogen, zum Knopf herein, zum Knopf hinaus. Wir wickelten den Faden einige Male um den Knopf und griffen dann den Nachbarknopf auf der anderen Seite an, den wir ebenfalls dann auf dieselbe Weise bearbeiteten. Bei der Revision schaute der Aufseher nur, ob der Knopf mit einem vierfachen Faden überspannt war und kümmerte sich weiter nicht um unsere Arbeit. Den SS- Leuten fiel es nie ein, die angenähten Knöpfe auf ihre Widerstandskraft zu prüfen. Hätten sie die beiden Knöpfe, die ja nur ein Faden zusammenhielt, in die Löcher gesteckt und zugemacht, dann wären ihnen die zwei Knöpfe sofort in die Hände gefallen. Obendrein rieten wir vielen Kameraden unseres Kommandos, täglich ein paarmal eine Handvoll Knöpfe im Abort verschwinden zu 125 lassen, was die meisten mit Freuden taten. Werden sich die Bauern der Umgegend von Dachau wohl gewundert haben, als sie eines Tages Tausende von Knöpfen auf ihren Äckern wachsen sahen? Manch einer wird vielleicht gar noch annehmen, man hätte uns mit unverdaulichen Blechknöpfen gefüttert. Abb& Fabing, heute mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmückt, bekleidete eine zeitlang das Amt unseres Capos. Er war in das Geheimnis der Sabotage eingeweiht. Wie lachten wir allabendlich, wenn die Zelte abgegeben wurden. Weißt du noch, Leo; wie ich dir einmal ins Ohr flüsterte:„Do wäre die Preiße fluche wie die Tirke, wenn se mol die Knepp zumache un kän äner heppt. Es geschietne gonz recht. Wie kinne die Dunle so alte Paschdore enspärre un sie zwinge, Knepp anzenähe.. Wenn die Knöpfe Era: angenäht worden wären, hätten die verlangten hundert Knöpfe pro Tag acht bis zehn Stunden Arbeit erfordert. Mit unserem Schwindelmanöver war das Pensum in ein paar Stunden erledigt. In der Zwischenzeit beteten wir Brevier, lasen und hörten wissenschaftliche Vorträge in französischer, deutscher, polnischer und tschechischer Sprache. Sobald unser Wachtposten das Herannahen eines SS-Mannes meldete, flüchtete der Redner vom Pult und die Bücher verschwanden. Bis einige Wochen vor der Befreiung blieb ich meist passives Mitglied des Vereins der Knopfannäher. Meine Hauptbeschäftigung bestand meist im Verzehren des Brotes mit Zubehör. 6. Die Hundeseppkatastrophe Kommandant Weiß hatte in seiner Schwärmerei für die Lager- hunde dem bereits genannten Hundesepp uneingeschränktes Vertrauen geschenkt. Er ließ ihn, ohne die Begleitung eines SS-Wächters, unge- hindert außerhalb des Lagers mit den Hunden herumspazieren. Sepp benutzte die Gelegenheit, um öfters mit seiner Frau ein Rendez-vous zu organisieren und auch für seine Kameraden Briefe aus dem Lager hinauszuschmuggeln. Dr. Karls erzählte mir eines Tages, daß die Handschrift seines zukünftigen Buches über Dachau durch den Hunde- sepp glücklich bei seinen Verwandten in Elberfeld angelangt sei. 126 ern ges ner hen ckt, das lich, dir rke, etne sie tten beit ein asen her, das Pult sives gung ophe agerauen angeSepp Vous Lager die ndeWie ein Blitz aus heiterem Himmel traf mich daher die Nachricht, Sepp sei durchgebrannt. Die Hunde wären ohne ihren Pfleger heimgekommen. Mir grauste vor der Zukunft, wußte ja dieser geistig gestörte Kamerad, daß ich das Manuskript des Dr. Karls zum Teil gelesen und sogar schon Vorbestellungen für das Buch gemacht hatte. Wird Sepp im Falle der Wiederfestnahme nicht alles verraten? Bereits drei Tage später saß der Flüchtige im Bunker, und richtig, er verriet seinen Freund Karls, der sofort auch mit dem Bunker Bekanntschaft machen mußte. Die Gestapo beschlagnahmte obendrein die Handschrift in Elberfeld. In dem Manuskript fanden die SS- Leute nicht wenig Angaben, die Karls nur den in den Büros angestellten Geistlichen verdanken konnte. Bald saßen vier katholische und ein protestantischer Kollege im Bunker. Nur einer gestand ein, Karls Stoff für seine Aufzeichnungen geliefert zu haben. Die anderen hatten illegalen Briefschmuggel getrieben. Im ganzen Lager herrschte große Aufregung. Am 7. März 1944 ließ mich Lagerführer Trenkle um 11 Uhr auf sein Büro kommen. In steigender Unruhe mußte ich zwei volle Stunden vor der Tür warten. Lagerführer Kampe schrie mich grob an. Vernehmungsführer Bach brachte zweimal Akten ins Büro. Sonst plauderte er gerne mit mir. An diesem Tage aber hatte er nur böse Blicke für mich übrig. Durch einen Kameraden, der auf dieser Etage beschäftigt war, erfuhr ich, daß zwei höhere Berliner Offiziere im Zimmer säßen. Eine weitschweifige Untersuchung über die Karlsaffäre sei im Gange. Schon viele Häftlinge seien verhört worden. Wird man nun auch mich in den Strafbunker abführen? Jedenfalls stand mein Entschluß fest, eher den Kopf unter das Beil zu legen, als einem Mithäftling durch meine Aussagen Schaden zuzufügen. Punkt ein Uhr rief man mich in das Zimmer. Obwohl mein Herz vor Aufregung klopfte, heuchelte ich den Gleichgültigen. Am Tische saßen zwei SS- Offiziere, die Eichenlaub auf den Achselstücken trugen. Es waren also Offiziere im Range eines Generals. Gegen die Vorschrift der Lagerordnung wurde ich aufgefordert, Platz zu nehmen und nach Belieben Notizen zu machen. Unwillkürlich fiel mir der Vers des Dichters Vergil ein: ,, Timeo Danaos! Was auch kommen mag, die Griechen fürchte ich, selbst wenn sie Geschenke bringen." 127 Eine halbe Stunde lang verhörten mich diese Offiziere über Dr. Karls und die eingesperrten Geistlichen. Die Angelegenheit habe weitgehende Bedeutung, erklärten sie, da durch illegal geschmuggelte Briefe Lügennachrichten gegen die Nazis in das Ausland gekommen seien. Hochverräter verdienen den Strang, auch wenn sie im geistlichen Kleide steckten. Man verlange, daß sämtliche Pfarrer des Lagers das schlimme Vergehen ihrer Kollegen scharf miẞbilligten, sonst träfe sie wohlverdiente Kollektivbestrafung. Jedenfalls würden im Falle einer Verweigerung alle bisher den Geistlichen gewährten Privilegien wie Kapelle, leichte Arbeit und Ausnahmestellung bei den Transporten in Zukunft wegfallen. Da ich der rangälteste Geistliche des Lagers wäre, verlange Reichsführer Himmler von mir persönlich eine schriftliche Erklärung, welche im Namen aller Kollegen die schwerwiegenden Übertretungen der Lagergesetze seitens Dr. Karls und der anderen eingesperrten Pfarrer mißbillige. Ferner solle ich angeben, ob nach meiner persönlichen Wahrnehmung Geistliche gemordet, mißhandelt oder zu schweren Arbeiten in unsauberen Räumen genötigt worden seien, und schließlich möge ich kurz erwähnen, was im Lager mein Mißfallen errege und was mir gefalle. In der Einleitung solle ich meinen Lebenslauf schildern und abschließend meine Entlassung aus dem Lager erbitten. Dieses von mir unterschriebene Schriftstück würde persönlich dem Reichsführer Himmler in die Hand gegeben werden. Es bestünde für mich die Hoffnung, sofort frei in die Heimat abreisen zu können. Die Verweigerung des Berichtes würde Reichsführer Himmler telegraphisch mitgeteilt, es würden zweifelsohne sofort alle Privilegien der Pfarrer aufgehoben und die eingesperrten Kollegen mildernde Umstände versagt werden. Eine solche Zumutung setzte einem wehrlosen Gefangenen das Messer an den Hals. Unschlüssig schaute ich einige Minuten lang die Offiziere wie verstört an. Versuchen nicht diese Nazis, meinen Namen zu Propagandazwecken zu mißbrauchen? Würde es nicht eine Feigheit sein, die mich arg bloßstellen würde? Mit höflichen Worten lehnte ich das Ansinnen ab. Man möge für den verlangten Bericht keinen Ausländer wählen, der übrigens erst seit kurzem im Lager sei, sondern einen Reichsdeutschen, etwa den Kapellencapo Schelling, der schon über fünf Jahre Dachau kennt. 128 1 N I b Dr. habe gelte men chen agers träfe Falle egien worten Lagers chriftiegenderen nach andelt worden mein lle ich ng aus ftstück egeben Heimat Reichse sofort ollegen men das en lang meinen cht eine an möge übrigens en, etwa u kennt. Wie könnte ich ferner im Namen aller Kollegen reden, ohne von diesen dazu bevollmächtigt zu sein? Wahrheitsgemäß müßten nicht wenige Mißstände des Lagers Erwähnung finden, wodurch die Rache der Lagervorgesetzten gegen mich doch herausgefordert würde. Übrigens könne dem erzwungenen Bericht eines Häftlings kaum hoher Wert beigemessen werden. Doch alle diese Ausflüchte nützten nichts. Die Antwort der Offiziere war kurz und bündig: ,, Sie und kein anderer." Die Bitte, eine vierundzwanzigstündige Bedenkzeit und eine freie Besprechung mit wenigstens fünf Kameraden zu gewähren, wurde anstandslos genehmigt, eine öffentliche Abstimmung aller Pfarrer jedoch abgelehnt. Sorgenvoll kam ich gegen drei Uhr ins Büro zurück. Chef Kuno sagte, mein Gesicht sei gelb vor Aufregung. Zu meinem Beratungskomitee wählte ich den Sozialisten Kuno, den Kommunisten Julius und den Altkatholiken Max, meine drei Kollegen des Arbeitseinsatzbüros, ferner unseren Kapellencapo Georg Schelling und den früheren Zentrumsabgeordneten Joseph Joos, einen Altelsässer. Wir arbeiteten die geforderte Erklärung so geschickt aus, daß keine Propaganda damit gemacht werden konnte. Folgende Gedanken wurden mit der Schreibmaschine auf drei Seiten Großformat getippt: Jeder Geistliche des Lagers müsse, nach meiner Auffassung, im Gewissen den illegalen Briefverkehr mißbilligen, da er schlimme Folgen für den einzelnen und für die Gesamtheit zeitige. Nach meiner persönlichen Wahrnehmung sei kein Pfarrer vor meinen Augen durch die SS- Leute ermordet oder schwer mißhandelt worden. Die Geistlichen hätten jetzt leichte Arbeit in sauberen Räumen. Seit dem 16. Dezember 1942, dem Tage meiner Ankunft im Lager, mißfielen mir die langjährigen, ohne triftige Gründe und ohne Gerichtsurteil vollstreckten Inhaftierungen, ferner die ungenügende, fettlose Ernährung, die zu langen und zu schweren Arbeiten in vielen Kommandos, manche harte Mißhandlung durch die SS- Leute und durch das Personal, besonders auch die Überfüllung aller Blocks. Als Selbsterlebtes erzählte ich meine traurigen Erfahrungen im Zugangsblock, speziell den Fall des Pfarrers Cordonnier. Zum Schlusse wurde in ein paar Worten das kurz erwähnt, was uns das harte Lagerleben etwas erleichterte, für die Geistlichen die Kapelle, für alle anderen Kameraden die Reinlichkeit, das schön eingerichtete 9 Zeugen des Abendlandes 129 Spital und die Erholungsgelegenheiten wie Theater, Kino, Fußballspiel, Rezitations- und Musikabende, sowie die reichhaltige Bibliothek. Das Bittgesuch um Entlassung lehnte ich mit der Begründung ab, ich sei unschuldig eingesperrt; ich könne demnach die Freiheit nicht erbitten, die mir rechtlich zustände. Meine Entlassung wäre auch zwecklos, ja ungünstiger für mich als die Internierung. Ich müßte nämlich daheim meine kirchlichen Amtspflichten wieder genau so verrichten, wie vor meiner Inhaftierung, würde also nochmals eingesperrt und gezwungen werden, meine Leidensstationen von vorne anzufangen. Eine fast vierstündige Aussprache über die einzelnen Punkte verlief korrekt. Die Offiziere grollten mir nicht. Einer der Herren meinte spöttisch: ,, Ihr Schriftstück ist recht jesuitisch abgefaßt." Bevor ich weggeschickt wurde, erbat ich für meine eingesperrten Kollegen mildernde Umstände. Es wäre gewiß interessant, Einzelheiten der langen Unterredung näher zu beleuchten. Aber nur weniges kann Erwähnung finden. Einer der beiden Offiziere verfügte über staunenswerte theologische Kenntnisse. Er gebrauchte auch Redewendungen, die man nur bei Geistlichen anzutreffen pflegt. Er war wohl ein abgefallener Priester. Als gelegentlich Rede von meiner alten Mutter war, die sich gewiß über meine Entlassung freuen würde, sagte ich diesem SS- Offizier: ,, Sie haben doch wohl auch ein Mütterlein daheim. Wie würde dieses sich grämen, wenn Sie unschuldig das Häftlingskleid achtzehn Monate lang tragen müßten." Da wurde das Auge des Offiziers feucht. Seine Mutter weinte vielleicht daheim mehr um einen miẞratenen Sohn, als meine Mutter um mich, da ich schuldlos die Ketten trug. Der fanatische Nationalsozialismus hatte es bei diesem Manne nicht fertig gebracht, das Herz ganz in Stein zu verwandeln, wie es bei den meisten jungen SS- Leuten geschehen ist. Sein Kollege zeigte sich äußerlich hart und empfindungslos, blieb jedoch stets höflich. Unter anderem redeten wir von den ,, Parolen", die im Lager herumschwirrten. Da stellte mir dieser Offizier die Frage: ,, Kennen Sie die Strafe, die wir in Judenlagern anwenden, um den Parolenverkündern das Handwerk zu legen?" Auf meine verneinende Antwort erzählte er mir: ,, Der zu bestrafende Häftling wird drei Wochen lang mit Händen und Füßen an die Bettpfosten angebunden, sehr reichlich ernährt und darf zur 130 B B Z S a V 1 Η 6 2 ußballiothek. ung ab, it nicht e auch müßte so vergesperrt fangen. kte vermeinte evor ich gen milrredung n. Einer e Kenntei GeistPriester. h gewiß Offizier: de dieses Monate ht. Seine Sohn, als Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse drei Wochen lang das Bett nicht verlassen. Wenn einer während drei Wochen so in seinem Dreck liegen bleiben muß, wird er in Zukunft seine Zunge im Zaume zu halten wissen." Es waren also nicht allein die untergeordneten SS- Kreaturen, die solche barbarischen Strafmaßnahmen erfanden, sondern auch die höchste Berliner Instanz hatte derartige unmenschliche Torturen ausgesonnen und anbefohlen. Einige Wochen später sind alle Geistlichen aus den Büros und auch die geistlichen Krankenpfleger aus dem Spital verjagt worden, und zwar nicht allein in Dachau, sondern auch in den übrigen Lagern Deutschlands. Dr. Karls und die anderen Kollegen erhielten mehrwöchige Bunkerstrafen. Ich fürchtete lange um den Kopf Dr. Karls. Er wird uns in seinem Buche erzählen, wie es möglich war, mit einem blauen Auge davonzukommen. Einer von ihnen, mein Kollege Schrammer, wurde im Januar 1945 erschossen. Auch ich verlor meine Stelle im Arbeitseinsatzbüro und blieb. lange arbeitslos im Pfarrerblock. Das für die Konzentrationslager zuständige Berliner Ministerium verlangte funktelegraphisch die Anzahl der Geistlichen des Lagers und die Art ihrer Beschäftigungen. Wir hofften auf Entlassung. Alles blieb jedoch beim Alten. Der Hundesepp kam in die Strafkompanie und verschwand kurz vor der Befreiung aus dem Lager. Soll er noch am Leben sein? Der fanaFertig gemeisten äußerlich anderem arten. Da , die wir Handwerk ,, Der zu and Füßen darf zur 7. Arbeitslos Mit mehr als 6000 anderen Kameraden war ich nun arbeitslos. Das Rohmaterial fehlte in den Fabriken. Die Begeisterung der SS- Leute war eingefroren. Kaum kümmerte sich die Lagerleitung um uns Geistliche; übrigens auch wenig um die übrigen uneingeteilten Mithäftlinge, herrschte doch im Lager Überschuß an ,, Menschenmaterial." Das Tagesprogramm verlief jetzt eintönig. Allmorgens nach der hl. Messe trabten wir zum Appell, ebenso jeden Abend um sechs Uhr. Dies war unsere einzige dienstliche Obliegenheit während des ganzen langen Tages. Die meisten arbeitslosen Lagerinsassen langweilten sich zu Tode. Mir aber floß die Zeit rasch dahin. Wie einst als 131 Student im Priesterseminar hatte ich mir ein genau geregeltes Tagesprogramm aufgestellt und suchte es möglichst treu zu befolgen. So trat das Bewußtsein meines elenden Gefangenendaseins ganz in den Hintergrund. Nach dem Breviergebet folgte ein ernstes Studium der Psalmen nach dem hebräischen Text, für mich ein wahrer Seelengenuẞ. Kommentare standen mir mehr als genug zur Verfügung. Heimlich hatten wir Priester auf dem Block gediegene theologische Werke, die übrigens auch in der Lagerbibliothek nicht fehlten. Wir hatten auch viele Bücher in französischer Sprache, die wir selbst kommen ließen oder durch das Rote Kreuz erhielten. Geschichte war stets mein Lieblingsfach gewesen. Mindestens drei Stunden täglich beschäftigte ich mich mit der Lektüre einer mehrbändigen Weltgeschichte und zahlreicher Lebensbeschreibungen großer Männer. Dicke Hefte wurden mit Notizen angefüllt. So verflogen die Morgenstunden angenehm und rasch. Um halb zwölf Uhr gings dann zur Krippe. Da sich die Lagerkost wieder verschlechtert hatte, bildeten wir Kochgemeinschaften. Vom Kochen verstand ich soviel wie vom Strumpfstopfen, daher überließ man mir nur die Besorgung von Eßwaren. Von zu Hause liefen bis September 1944 regelmäßig reichlich Pakete ein. Es gab auch in Dachau einen illegalen Markt, auf dem wir mit französischen Zigaretten allerlei Einkäufe machen konnten. Die Verkäufer waren Kameraden, die in Gärten, in Magazinen, in der Küche, in der Schusterei, Schneiderei, in den Kleiderverteilungsstellen oder in Außenkommandos arbeiteten. In den letzteren blühte der Tauschhandel mit Zivilpersonen, die uns gegen Stoffe und Leder Kartoffeln, sogar Fleischkonserven gaben. In den Innenkommandos wurde jetzt noch fleißiger weggeklaut als früher. Die Verkäufer boten ihre Waren an den Fenstern des Blocks Nr. 24 an. Je nach der Saison kaufte man Kartoffeln, Gemüse aller Art, Salat, Tomaten... aber auch Schuhe, Strümpfe, Hosen, Westen, Mützen, Gürtel, Hosenträger, Wolle, Zwirn, Nadeln, Holz, Kohle, Streichhölzer, Kerzen, kurz alles, was das Herz begehrte. Auf diesem Markt habe ich mich oft köstlich amüsiert. Da erhandelte man mit vielen Worten und ernster Miene, wie auf einer Geldbörse, fünf bis sechs Kartoffeln für zwei Zigaretten, zwei Tomaten für eine Zigarette usw. Für ein Pfund Speck und ein Pfund Butter sowie 132 el au m P W n T S n b n H a Tagesen. So in den um der genuß. eimlich Werke, hatten Commen ar stets ich beschichte e Hefte den anagerkost n. Vom überließ e liefen auch in en Zigam Kamehusterei, mandos ersonen, Conserven ggeklaut tern des Gemüse Hosen, In, Holz, begehrte. handelte eldbörse, für eine er sowie ein Paket Lasso- Zigaretten erwarb ich mir einen schönen neuen Anzug aus Halbplüsch, der mir ausgezeichnet paẞte. Gelegentlich wurde meine Gutmütigkeit auch mißbraucht. Ein Schuster zeigte mir ein Paar neue Lederschuhe und verlangte dafür viel Speck und Butter. Wir wurden handelseins, Leider hatte ich vorausbezahlt und erhielt nur den einen Schuh, den der Mann mir als Muster gezeigt hatte. Trotz aller Reklamationen konnte ich nicht in den Besitz des anderen Schuhes gelangen. Mich bei der Behörde zu beschweren, war unmöglich, da man den Schuster und mich eingesperrt hätte. Als ich beim Abschied von Dachau meine paar Habseligkeiten einpackte, stand mein linker Schuh immer noch vereinsamt auf dem Regal. Ich schenkte .ihn großmütig den Amerikanern. Mit den so erhandelten Lebensmitteln und dem Inhalt der Heimatpakete stellte der Koch das Menu zusammen. Der Speisezettel war bis zur Hungerperiode des Winters 1944/45 inhalt- und abwechslungsreich. Glücklicherweise waren in dieser Zeitperiode die meisten SS- Leute alte, faule und auch meist blöddumme Männer, die kaum Dienstinteresse zeigten. Wir steckten ihnen Butter, Speck und Zigaretten zu, und so ließen sie uns nach Herzenslust klauen und kochen. Hier und da wurde einmal ein Pechvogel erwischt. Er ließ sich am Abend auf seine vier Buchstaben fünfundzwanzig auszahlen, stahl aber tags darauf wieder seelenruhig weiter. Nach dem Essen füllten wir Töpfe und Einmachgläser mit EBwaren an, steckten sie vorsichtig mit Brotportionen in unsere Taschen und spazierten auf der Lagerstraße, wo hungernde Kameraden auf unser Kommen warteten. Heute bekomme ich noch Dankschreiben für die gespendeten ,, Hungerpillen." Kein Häftling wird uns Geistlichen vorwerfen können, daß wir nicht das Menschenmögliche versuchten, um das ,, Kohldampfschieben", wie das Hungern in Dachau hieß, etwas zu erleichtern. Vor allem dachten wir an die armen Kranken in den Spitälern. Wir durften nur bis ein Uhr auf der Lagerstraße spazieren. Nach einem kurzen Mittagsschläfchen spielten wir fast regelmäßig eine Stunde lang Skat. Von drei bis fünf Uhr herrschte Stillschweigen. Nun hatten wir nochmals das Brevier oder Lehrbücher in Händen. 133 Zum Abendbrot fabrizierten die Abteilungsköche wieder etwas Appe- titliches. Nach dem Sechs-Uhr-Appell erlebten wir die köstlichsten Augenblicke des Tages. Wir Lothringer gaben uns in irgend einer Ecke des Lagers ein Rendez-vous, wo wir meist zweiStunden verplauderten. Wir sprachen über die neuesten Lagerparolen, lasen gemeinsam die Briefe, die aus der Heimat eingelaufen waren und übten Kritik an den Zeitungsnachrichten. Die Optimisten pröphezeiten immer wieder das unmittelbar bevorstehende Kriegsende und baldige Massenentlas- sungen, während die Pessimisten glaubten, noch jahrelang im Lager bleiben, ja durch den Schornstein des Krematoriums hinausdampfen zu müssen. Die Realisten meinten:„Mir holes, wis kummt. Die Preiße krin uns nit. Awer hämm kumme mer sicher. Gode Nat! Schlofe gut! Morge Owend sihn mer uns widder.‘ Auf dem Block spielten wir noch ein Stündchen Karten und legten uns dann auf den harten Strohsack in die Klappe. So gings tagein, tagsaus, im ewigen Einerlei. Hier und da gabs auch Abwechslungen, angenehme, aber auch abscheuliche. Unter uns Geistlichen befanden sich gelehrte Professoren und auch namhafte Fachleute vieler wissenschaftlicher Gebiete. Wir er- baten von ihnen Vorträge, ja regelrechte Kurse. So konnten wir unser Wissen erweitern und vertiefen. Pallotinerpater Kentenich hielt über die geheime Offenbarung des hl. Johannes mindestens 20 interessante Vorlesungen. Obwohl philosophische Fragen mein Interesse weniger anregten, hörte ich gelegentlich mehr zur Bußübung als aus Wissensdrang ein paar Stunden lang zu, wiesich ein Redner abmühte, das„Seiende ansich, das ens“, plausibel zu gestalten. Jesuitenpater Conninck gab in fran- zösischer und in deutscher Sprache eine Vortragsserie über moderne Methoden der Kindererziehung. Das soziale und religiöse Großstadt- elend und dessen Bekämpfungsmethoden durch Staat and Kirche schilderte ein Berliner evangelischer Pfarrer. Geistliche aus Polen und der Tschechei erzählten vom politischen und religiösen Leben ihrer Heimatländer. Wir hatten auch nicht wenige Reiseonkel unter uns, selbst einige Missionare. Sie führten uns im Geiste in vieler Herren Länder, ja wir stiegen sogar hier und da mit einem Astronom zum Mond oder sonst einem Gestirn hinauf. Religionsgeschichtliche 134 Appeichsten er Ecke derten. am die itik an wieder mentlasLager ampfen Preiße fe gut! legten tagein, Jungen, en und Wir err unser barung Obwohl arte ich paar an sich, in franmoderne BstadtKirche Polen Leben el unter vieler tronom chtliche Plaudereien, vor allem die modernen religiösen Bestrebungen im Protestantismus, zogen mich besonders an. Einige begabte Vertreter weltberühmter Benediktinerabteien erbauten uns durch ihre Vorträge über Liturgie und Kirchengesang. Als im Sommer viele französische Kollegen ankamen, da floẞ bald der Redestrom der Wissenschaft unaufhaltsam. Unter dem Präsidium von Monseigneur Piguet blühte ein Studienzirkel auf, der allsonntags mehrstündlich die soziale Frage erörterte. Selbst werktags ergriff ein französischer Jesuit regelmäßig das Wort. Wir Franzosen dürfen auf Männer ernster Wissenschaft und hinreißender Beredsamkeit stolz sein. Ich nenne nur den Pater Riquet, der dieses Jahr in Notre Dame in Paris die Fastenpredigten hielt. Die Seminaristen folgten regelmäßig den philosophischen und theologischen Vorlesungen des Generalvikars Daguzan. Jeder Häftling unseres Blocks hatte auch reichlich Gelegenheit, Sprachen zu erlernen oder sich in einer Fremdsprache zu vervollkommnen, wohnten ja unter uns Vertreter aus fast sämtlichen europäischen Nationen. Die Bibliothek besorgte die nötigen Lehrbücher. Unsere Kameraden der Ostgebiete lernten aus begreiflichen Gründen vielfach russisch. Einige Pfarrer traten auch als englische Sprachlehrer auf. Zu unserer größten Freude erlernten nicht wenige Mithäftlinge die französische Sprache. Ich selbst gab einem Innerfranzosen Unterricht im Deutschen und mühte mich auch ab, einem jungen Mann die Anfangskenntnisse des Lateinischen einzupauken. Die verulkte ,, kochende Kirche" schuf im Lager manch Gutes für den Leib, die lehrende Kirche trug aber auch Sorge für die Bildung des Geistes und der Seele. So verwandelte sich der Block Nr. 26 unerwartet in eine Studienanstalt, gewiß in einem K. Z. etwas Außergewöhnliches. Ein derartiger wissenschaftlicher Betrieb konnte natürlich den SS- Blockführern nicht entgehen. Ausnahmslos drückten sie jedoch beide Augen zu. Die Schüler zahlten nämlich ihren Lehrern kein Honorar, sondern Lehrer und Schüler spendeten gemeinsam zur Aufrechterhaltung der Lehrfreiheit den SS- Vorgesetzten gerne und reichlich Zigaretten mit allerhand Zubehör. Der Wachtposten am Tor meldete uns das Heranschleichen der Rapportführer und der Lageroffiziere, die von der unvorschriftsmäßigen Lehrtätigkeit ja nichts wissen durften. 135 Das köstlichste und von allen stets still herbeigesehnte Lagererlebnis war die Meldung des Blockschreibers: ,, Folgende Leidensbrüder erhalten heute Pakete oder Briefe." Jeder horchte da gespannt auf. Die Kameraden des Postkommandos holten jeden Tag frühmorgens beim Hauptpostamt in der Stadt Dachau unsere Heimatpakete ab. Anfangs schoben sie die schwere Last auf einem Moorexpreß ins Lager. Später stellte man ihnen einen motorisierten Lastwagen zur Verfügung. Mitten im Lager hatten wir eine Postbaracke, wo die Pakete nach Blöcken sortiert wurden. Bald erscholl der Ruf in alle Blockstuben hinein: ,, Pakete abholen!" Unter Anführung des Schreibers trugen einige Uneingeteilte die vielbegehrten praktischen Heimatgrüße in die Stube Nr. 1 jedes Blocks. Etwa eine Stunde später rückten zwei SS- Männer heran. Sie zählten die Pakete ab, ließen sie vor unseren Augen öffnen und nahmen jeden Gegen'stand in die Hand. Briefe, Geld und Alkohol verfielen der Beschlagnahme. Oftmals spalteten Messerstiche Brot und Kuchen, da man zu Hause unerlaubte Gegenstände hätte hineinbacken können. Nicht verbotene Waren nahmen wir restlos gegen schriftliche Quittung in Empfang. Bis zum Frühjahr 1943 wagte man der scharfen Kontrolle wegen an Betrügereien kaum zu denken. Wehe, wenn die SS- Leute im Zigarettenpapier manchmal statt Tabak vertrauliche Briefe und in Dosen statt Milch oder Fleisch guten Wein und den vielbegehrten Schnaps entdeckten! Mit Recht suchten wir in den vollständigen Besitz unseres Eigentums zu gelangen, was seit 1943 nicht mehr unmöglich war. Mit einer einzigen Ausnahme gelang es mir jedesmal, alles, auch das Verbotene, besonders den vortrefflichen echten Kognak in Sicherheit zu bringen. Mit Hilfe eines Mitverschworenen landete mein Paket schon vor der Revision im Schlafraum. Der versprochene Schnaps und die guten französischen Zigaretten hatten das Aufsichtspersonal mit totaler Blindheit geschlagen. Auf einem Bett entschnürten wir vorsichtig das Paket und entfernten alles, was ein Naziauge hätte erzürnen können. Altes Papier füllte den so entstandenen hohlen Raum aus. Bald fiel uns ein anderes, praktischeres Betrugsmanöver ein. Sobald ein neues Paket anlangte, ersetzten wir es hurtig durch ein anderes, das tags 136 LagerLeidensda gefrühHeimatMooren LastDaracke, oll der führung n prakva eine Pakete Gegen' eschlagman zu Nicht tung in ontrolle S- Leute efe und gehrten Eigenit einer rbotene, boringen. vor der e guten totaler htig das können. Bald fiel n neues as tags zuvor mit dem Packpapier eines früheren Paketes geschnürt wurde. Die SS- Leute kamen ja nicht auf den Gedanken, die Paketnummer mit der Begleitkarte zu vergleichen. So rettete ich manche Flasche Schnaps, meistens Kognak, was meinen Freunden und mir sehr zugute kam. 8. Meine Sonderstellung Ende Mai 1944 meldete eines Tages der Wachtposten das Herannahen des allgemein verhaßten Vernehmungsführers Bach. Auf das bekannte ,, Achtung!" sprangen wir in der Stube Nr. 2 blitzschnell auf und nahmen stillschweigend Haltung an. Wie zu Salzsäulen erstarrt, standen wir unbeweglich da und mußten diesen stolzen Gecken mit erheucheltem Respekt anglotzen. Die frechen Augen des gefürchteten Mannes suchten jemand. ,, Aha!" rief er bald spöttisch lächelnd. ,, Da steht ja unser Goldschmitt. Treten Sie mal vor!" Ich ging zu Bach hin. Innerlich war ich aufgeregt genug. Sollte ich wegen Übertretung einer Lagervorschrift erwischt oder verraten worden sein? Ich nahm es mit den Paragraphen nicht so genau. Durch eine kaltblütige Haltung suchte ich jedoch ein gutes Gewissen vorzutäuschen. Bach schrie: ,, Sie sind vom Herrn Lagerkommandanten zum Vertreter der Pfarrer ernannt worden und haben das Recht, Bitten sowie Beschwerden vorzutragen. Sorgen Sie dafür, daß bei den Pfarrern stets Ordnung herrscht. Mißbräuche haben Sie bei uns zu melden! Verstanden?" ,, Jawohl, Herr Vernehmungsführer", war meine knappe Antwort. Bach hielt noch eine geräuschvolle Ansprache, in der uns die genaueste Befolgung aller Vorschriften eingeschärft und harte Strafmaßnahmen für jedwede Übertretung angedroht wurde. Als Bach verschwunden war, lachten wir uns das Fäustchen voll und ich meinte kühl: ,, Bach, du kannst mir den Buckel hinaufrutschen!" Einen Kameraden, dazu noch einen Geistlichen, zum Denunzianten anzustellen, wirft ein helles Licht auf den Charakter der SS. In welch peinliche Lage mich mein neues Amt manchmal brachte, zeigt die Schilderung einiger Erlebnisse. - Eine harte Nuß war bei dem Delikt eines geistlichen Professors zu knacken, der einen illegalen Brief in seine westfälische Heimat 137 geschickt hatte und, dabei erwischt, in den Bunker gekommen war. Ein Laie, nennen wir ihn Peter, kam als Mithelfer in Verdacht. Ich bekam den Auftrag, diesen mir gänzlich unbekannten Häftling Peter so lange zu bearbeiten, bis ein volles Geständnis erzielt wäre. Das war mir peinlich und gefahrvoll. Dieser Peter hätte ja ein Spitzel der Gestapo sein können, um auch mich auszuprobieren und bloßzustellen. Peter gab vor, meinen Namen vom Arbeitseinsatzbüro her gut zu kennen und mir, einem geistlichen Mithäftling, uneingeschränktes Ver- trauen zu schenken. Er erzählte mir:„Meine Schwester arbeitete als Privatangestellte mit mir in demselben Münchener Außenkommando. Kein Vorgesetzter weiß davon. Mit Hilfe meiner Schwester sind viele Briefe aus dem Lager geschmuggelt worden, auch jener des westfäli- schen Professors. Ich bin natürlich bereit, eher zu sterben, als meine Schwester zu verraten. Du mußt den geistlichen Professor bearbeiten, ja seinen Mund zu halten.“ War dies alles Roman oder Wirklichkeit? Unsere Besprechung fand nicht weit vom Tor statt, das zu den Bunkern führte. Gerade erblickte mein Auge den Vernehmungsführer Bach, der uns vom Fenster seines Büros aus beobachtete. Meinem Mithäftling scharf ins Auge schauend, fragte ich:„Bist du sicher kein Judas im Zebra- kleid?‘“ Antwort:„Ich leiste einen Eid auf meine unsterbliche Seele! Ich rede die volle Wahrheit. Deine Pflicht ist es, die Mitwisser zur Schweigepflicht anzuhalten. Wenn unvorsichtig geplaudert wird, endet meine Schwester am Galgen— und ich wohl auch. Du weißt jetzt, was du zu tun hast.” Ich antwortete:„Guten Mut!Ich glaube dir., Wir werden schweigen, mag kommen was will.“ Ich stieg die Treppe hinauf zu Bach ins Büro und sagte:„Ich melde dem Herrn Ver- nehmungsführer gehorsamst, daß ich versucht habe, Klarheit in die peinliche Affäre zu bringen. Ich habe den Eindruck, daß mein Kamerad, mit dem ich soeben lange gesprochen habe, von dem Briefschmuggel gar nichts weiß.“ Der geistliche Professor wurde von mir eindringlichst aufgefor- dert, Schweigepflicht zu üben. Durch Zufall kam ich einige Zeit später auch als Gefangener in den Bunker und zwar gerade in die Zelle, in welcher dieser mein Kollege wegen seines Briefschmuggels eine mehrwöchige Strafe abbüßen mußte. Er bestätigte mir, daß viele 138 hin hat der Sch hät po am Bis Ich ng ele! ‚det tzt, dir., pe die rad, ‚oel > for- äter le, ‚ine iele Er ge. Seae Briefe durch die Schwester des Kameraden Peter aus dem Lager illegal hinausbefördert worden waren. Trotz der empfindlichen Bunkerstrafe hat der geistliche Professor selbstverständlich niemand verraten. Nach unserer Befreiung kam ich zufällig mit Peter zusammen, der mir zu meinem allergrößten Erstaunen mitteilte, daß er und seine Schwester von irgend jemand angezeigt worden waren. Die SS-Leute hätten ihn furchtbar mißhandelt und in ein anderes Straflager abtrans- portiert. Er sei jetzt frei, wisse aber nicht, ob seine Schwester noch am Leben wäre. Er würde mich brieflich auf dem Laufenden halten. Bis heute jedoch blieb ich ohne Nachricht. Als Vertrauensmann des Pfarrerblocks kam ich auch manchmal mit dem Lagerführer Redwitz zusammen. Einst trug ich ihm mit kühner Begründung eine Bitte vor:„Die Zeitungen berichten, daß jetzt ein besseres Verhältnis zwischen„uns“ und der polnischen Bevölkerung erstrebt werde. Die Polen sollen zur Abwehr einer etwaigen russischen Invasion gewonnen werden. Ich möchte dem Herrn Lagerführer Redwitz ein aussichtsreiches Propagandamittel vorschlagen, das übrigens zugleich ins Gebiet meiner Befugnisse ge- höre. Fast 1000 polnischen Geistlichen wäre es immer noch verboten, - Gottesdienst innerhalb ihres Blocks zu halten. Würde man endlich den polnischen Klerus allen anderen Pfarrern gleichstellen, könnte man annehmen, daß diese Kameraden das Entgegenkommen mit Freuden ihren Angehörigen mitteilen. Ein solches Propagandamittel dürfte doch großen Erfolg haben.....“ Redwitz ließ sich fangen. Mein Bittgesuch wurde der Berliner Zentralstelle mitgeteilt. Redwitz ver- sicherte mir später, daß wohl für Weihnachten die erbetene Erlaubnis ankäme, Sie blieb vorläufig aus. Doch wurde einem polnischen Prä- laten gestattet, in der Kapelle sein 35jähriges Priesterjubiläum zu feiern. Alle polnischen Geistlichen durften dem Hochamt beiwohnen. Dem diplomatischen Vorgehen unseres Kapellencapos Schelling ge- lang es schließlich Anfang 1945, für den polnischen Klerus Gottes- dienste organisieren zu dürfen. Redwitz erteilte, wohl ohne Zustim- mung Berlins, die Genehmigung. Auf dem Block Nr. 26 zeigte das Barometer wieder einmal Sturm- wetter an. Ein Pfarrer wurde dabei erwischt, als er einem hungernden Kameraden eine größere Portion Brot übergab. Seit langen Monaten 139 war dies, trotz des Verbotes, stillschweigend geduldet worden. Plötz- lich untersagte die SS-Leitung den Geistlichen jedes Almosengeben, das jetzt wieder als indirekte religiöse Beeinflussung galt. Der Lager- kommandant verfügte obendrein über die beiden Pfarrerblocks eine 14tägige Brotsperre. Zwei Wochen lang ohne Brot, das war eine harte Strafe. Die meisten Kollegen waren der Ansicht, ich müsse eine Beschwerde einreichen. Mein schriftliches Gesuch um eine Audienz beim Lagerkommandanten hatte Erfolg. Die Aussprache war peinlich genau vorbereitet. Ich wurde zum neuen Lagerführer Lippmann be- schieden. Dieses kurzgewachsene, nicht unfreundliche Männchen hörte mit sichtlichem Interesse meinen Erörterungen über den Nutzen unserer Freigebigkeit zu. Wir Geistlichen erbäten ja eigens für die hungernden Kameraden, die keine Pakete bekommen können, Liebesgaben von zu Hause. Unsere Almösen fördere doch zweifelsohne die Arbeitsfähig- keit vieler Mithäftlinge, was gewiß im Interesse des Endsieges läge... Ein Mann mit hungerndem Magen leiste sicher weniger, als ein gesät- tigter... Uns zwei Wochen lang wegen idealer Kameradschaftlichkeit das Brot zu entziehen, sei doch eine empfindliche Strafe und würde gewiß außerhalb des Lagers erzählt und als Kulturkampfakt kritisiert werden.... Die Brotsperre hörte sofort auf. Wir Geistlichen durften unseren näheren Landsleuten im Lager persönlich Liebesgaben über- reichen, den Invaliden weiterhin Geld überweisen und einmal in der Woche auf das uns zustehende Brot zugunsten der Kameraden, die in schweren Kommandos arbeiteten, Verzicht leisten, was jeden Freitag geschah. Dem Rapportgesuch war diesmal voller Erfolg beschieden. Leider hatte ich aber ein paar Wochen später entschieden Pech. Meine Inter- vention zugunsten reichsdeutscher Kollegen erbrachte mir die erste und die einzige Lagerstrafe. 9. Scharfer Zusammenstoß mit SS-UVorgesetzten Kameraden der Außenkommandos erzählten uns, daß manche Zivilisten in den Städten Dachau und München die Brotsperre der Pfarrer scharf kritisierten. Jedenfalls erhielten wir aus München von 140 sti th M eil pe si ötzben, gereine eine eine ienz lich bemit serer den n zu hige... esätkeit ürde isiert rften iberder , die eitag eider Intererste tzten anche e der von Unbekannten, die unsere Adressen von Kameraden der Außenkommandos erhalten hatten, einige Brotpakete. Auf einem beiliegenden Zettel stand der Satz: ,, Die Pfarrer sollen nicht vor Hunger sterben." Die SS kochte darüber vor Wut. Rapportführer Kuhn und Böttcher stürmten unerwartet mit zehn SS- Leuten in unseren Block. Wir mußten uns in der Lagerstraße aufstellen, den Inhalt unserer Taschen in die Mütze legen und die Kopfbedeckung, auf beiden Handflächen liegend, einem SS- Mann vor die Augen halten. Nun erfolgte eine hochnotpeinliche Körpervisitation. Nur Papier und Aufzeichnungen interessierte die Nazis. Mir war es sehr übel zumute, da ich einige Notizen für mein zukünftiges Buch über Dachau in der Tasche hatte. Gottlob fiel mir ein schlauer Gedanke ein. Ich legte die Papierstücke auf die Handfläche und stülpte die Mütze darauf. Schlimm wäre es mir ergangen, wenn es den Nazi- Filzern eingefallen wäre, meine Mütze in die Hand zu nehmen. Mit fast sicherem Erfolge durfte man immer wieder auf die bodenlose Dummheit der SS- Leute spekulieren. Während dieser Komödie auf der Lagerstraße untersuchten andere SS- Männer die Spinde und die Betten der Stube Nr. 3, wo ausschließlich Reichsdeutsche wohnten. Damals waren die Franzosen in der Stube Nr. 4 untergebracht. Alles, was in den Schränken, unter dem Strohsack oder in den Paketen lag, wurde herausgezerrt und kunterbunt auf den Boden geworfen. Sämtliche Notizen, auch Wäschestücke, sogar Tabakwaren mußten von uns zusammengepackt und zum Büro der Rapportführer gebracht werden. Aus Furcht, man werde auch die Stube Nr. 4 durchsuchen, versteckten wir alles Verbotene. Während dieses Trubels verschwanden meine Schlappen, die unter dem Bett standen. In der Nacht trat ich barfuß in ein Stück Glas und verwundete mich so stark, daß sofort ein Notverband angelegt werden mußte. Da meine engen Privatstrümpfe nicht über den Verband hinwegrutschten, lieh mir ein Kamerad weite Socken in weißer Farbe, die wir Badoglio- Strümpfe nannten. Sie stammten nämlich aus der italienischen Beute. Solche Badoglio- Strümpfe sollten ja eigentlich nur die Nazis tragen. Häftlinge hatten aber viele in den SS- Magazinen weggenommen. Da die Nazis meinen reichsdeutschen Kollegen wertvolle Sachen gestohlen hatten, baten mich einige Kameraden, ich solle über die 141 Wegnahme dieses Privateigentums beim Lagerführer Jung Be- schwerde vortragen. Da ich Jung ohne Voranmeldung zu jeder Zeit besuchen durfte, humpelte ich mit meinem verletzten Fuß zu den Büros der SS. Wir hatten gerade einen Skat gekloppt. In der Zer- streuung steckte ich die Spielkarten in die Tasche. Diese Unklugheit kam mich teuer zu stehen, denn eine neuere Verordnung hatte das Kartenspielen untersagt. Unterwegs fiel mir dies ein. Statt nun zum Block zurückzukehren und diese Spielkarten wie bisher in einem mit Sand angefüllten Eimer zu verstecken, die zum Löscher eines even- tuellen Brandes im Waschraum standen, schob ich die Spielkarten unter den Badoglio-Strumpf, dummerweise noch gerade unter den des verletzten Fußes. Als ich mich beim Posten zur Audienz anmeldete, schickte mich dieser nicht zu Jung, sondern zu den Rapportführern. Böttcher und Kuhn standen angriffsbereit da. Wie ich später erfuhr, wußten beide durch feigen Verrat eines Kameraden den Zweck meines geplanten Besuches bei Jung und erblickten darin eine Denunziation, da ja Böttcher und Kuhn es waren, die das Privateigentum beschlagnahmt hatten. Die üblichen Schimpfereien und Drohungen wegen angeblichen Anschwärzens untergeordneter Vorgesetzten beiOffizieren ließ mich kalt. Meine Beschwerde wurde grob abgewiesen. Nun verlangte ich höflich eine Audienz beim Herrn Lagerkommandanten oder die Er- laubnis, dem Herrn Reichsführer Himmler die Angelegenheit schrift- lich unterbreiten zu dürfen, da ich ja nach Aussagen des Herrn Trenkle von Himmler zum Vertrauensmann der Pfarrer auserkoren worden war.„Das ist eine gemeine Drohung”, schrie Böttcher, griff mich an der Gurgel und holte zum Schlagen aus. Unerschrocken folgte die Antwort:„Ich habe nicht gedroht, nur gebeten. Sie werden doch wohl keinen 60jährigen Greis, dazu noch einen kommissarischen Bischof schlagen.” Wütend stieß Böttcher mich beiseite, während sich der sonst so grobe Kuhn sonderbarerweise ruhig verhielt. Als ich gerade weggehen wollte, fragte letzterer, warum ich hinke. Nach- dem die Erklärung abgegeben war, schrie Kuhn:„Die Wunde vor- zeigen!“ Jetzt war ich mit meinen Badoglio-Strümpfen und den Spiel- karten jämmerlich blamiert. Böttcher brüllte scheinbar entrüstet:„Sie Saupfaff wagen eine Reklamation und sind selbst doppelt im Fehler. 142 W BeZeit den Zerheit das zum mit venrten den nich und eide nten a ja hmt chen mich e ich Erriftenkle rden mich olgte doch chen rend Als NachvorpielSie hler. Wie kommen Sie zu diesen Strümpfen?" ,, Ein Kamerad hat sie mir geliehen. Den Namen werde ich nicht verraten." Böttcher raste. Wiederum griff er mich an der Gurgel, schlug aber nicht. Mit unerschütterlicher Ruhe gab ich zu, im Fehler zu sein und die verdiente Strafe selbstverständlich abbüßen zu wollen. Endlich brachte mich Böttcher zu Jung die Treppe hinauf, ließ mich aber nicht allein mit dem Lagerführer. Jung machte mir bittere Vorwürfe. Ich hätte mein Amt zugunsten der Pfarrer einseitig mißbraucht, nie aber Kollegen, die bei Fehlern erwischt worden waren, angezeigt. Auf meine Antwort, ich könne doch kein Judas sein, rief er barsch: ,, Hauen Sie ab!" Später kam ich wieder mit Jung zusammen. Er blieb stets freundlich und hat nie ein Wörtchen über diese mich demütigende Affäre fallen lassen. Auf Befehl Kuhns mußte ich alle Pfarrer des Blocks Nr. 26 antreten lassen und dort öffentlich Bericht über mein Erlebnis mit den Spielkarten und den Strümpfen geben, was in humorvoller Form geschah. Selbst Kuhn konnte das Lachen nicht verbeißen. Als ein Pfarrer meldete, bei der Beschlagnahmung seien auch zwei Postpakete verschwunden, ließ Kuhn abermals sämtliche Gegenstände aus den Spinden der Stube Nr. 3, diesmal in die Blockstraße, werfen. Die Pakete sind nicht gefunden worden. Das war ein Glück für uns, sonst hätten die SS- Leute geglaubt, wir hätten die Postpakete versteckt, um die Nazis des Diebstahls beschuldigen zu können. Die reichsdeutschen Pfarrer erhielten ihr Privateigentum zurück. Nur die Tabakwaren wurden von uns an andere Kameraden verteilt, da diese Sachen unvorschriftsmäßig untergebracht waren. Einen Monat lang kam Kuhn fast jeden Tag in unsern Block und verhöhnte mich mit rohen Worten. Wenn es nur möglich war, suchte ich das Heil in der Flucht. Da man um diese Zeit wiederum Pfarrer in die Büros aufnahm, meldete ich mich freiwillig in das Büro der politischen Abteilung, wo der Hauptscharführer Tulke und auch der Gestapochef Kick trotz des Kartenspiels und der BadoglioStrümpfe stets anständig zu mir blieben. Bach sagte mir einmal: ,, Ihre Affäre ist harmlos." Selbst Böttcher meinte gelegentlich: ,, Fleißig sind Sie, das wollen wir zugeben, aber ihre böse Schnauze." Später hat mich nie wieder jemand gefragt, wer mir die Strümpfe ge143 liehen hatte. Die peinliche Angelegenheit schien also beigelegt zu sein. Das war aber nicht der Fall. Das dicke Ende kam, allerdings mehr als Komödie denn als Tragödie. Meine Pfarrei Rech, wo ich nun bereits 27 Jahre wirke, feiert Maria Heimsuchung als Patronsfest. Kein Wunder, daß ich am ersten Sonntag im Juli 1944 während des Hochamtes inniger als sonst mit meinen Pfarrkindern im Gebet vereint war. Als der Zelebrant gerade das Gloria anstimmte, schrie jemand in unserer Blockstraße: ,, Goldschmitt, zum Bunker antreten!" Also doch bestraft! Dazu der Sonntag ausgewählt! Ich stürzte die Kapelle hinaus. Ein Schreiber des Lagerbüros führte mich zum Gebäude der Bunker. Dort angekommen, belieẞ man mir nur ein Taschentuch und den Rosenkranz. Auf meine Frage, warum ich eigentlich bestraft werde, meinte ein SS- Mann: ,, Sie haben in der Kirche falsch gesungen." Der Grund meiner Verhaftung blieb mir unbekannt. Ob es die Spielkarten, die Badoglio- Strümpfe oder die angebliche Drohung waren, ist übrigens belanglos. Jedenfalls bekam ich drei Tage ,, Bulles" mit halber Lagerkost, und während 48 Stunden Dunkelarrest. Zwei Tage lang in einer stockfinsteren Zelle sitzen zu müssen, ist ja langweilig, aber ertragbar. Der Hunger der drei Tage kann als verdienstliches Fasten mit in Kauf genommen werden. Mit diesen stärkenden Gedanken schritt ich die Treppe hinauf. Hier reihte sich Zelle an Zelle. Ein SS- Wärter schob mich in einen engen, hellerleuchteten Raum, in dem mein geistlicher Mitbruder, der westfälische Professor, eine mehrwöchige Haft wegen seines Briefschmuggels absaß. Wir waren also zu zweien, hatten allerdings nur eine Holzpritsche ohne Strohsack und jeder eine Decke, konnten aber miteinander plaudern. Da der steife Westfale wortkarg war, ging das Schwatzen auf meine Kosten. Nach ein paar Minuten bekamen wir schon Besuch. Ein mir längst bekannter SS- Mann trat ein. Es war der Hauptscharführer Aron aus Ensisheim im Elsaß. Er wohnte dort in der nämlichen Straße, in welcher eine meiner Nichten zuhause ist und von der mir Aron schon öfters Grüße überbracht hatte. Aron bekleidete hier das Amt eines Kerkermeisters. ,, Ich bin doch ein wahres Glückskind", dachte ich bei mir. ,, Immer wieder schickt mir der Himmel einen Sonderschutzengel, diesmal gar einen in der Naziuniform." Aron war, wie ich längst wußte, eine 144 lö d d Z1 D f d g ง ge zu ngs iert sten mit ade oldtag gerließ age, ben lieb oder falls rend Celle der men auf. inen der riefings Enten war, betrat Isaß. einer übersters. mer gar löbliche Ausnahme unter den SS- Schindern. Wo er nur die Schrecken des Bunkers etwas zu lindern vermochte, tat er es, obwohl ihm dafür die schwerste Bestrafung in Aussicht stand. Dieser Aron sagte nun zu uns beiden: ,, Paßt jetzt mal gut auf! Von morgen ab habt ihr Dunkelarresttage. Das Fenster mit der Holzverschalung wird aber für euch nicht fest eingehängt. Ihr drückt auf den Rand des Fensters, das sich beliebig hoch öffnet. Droht die Gefahr eines höheren Besuches, dann klopft jemand dreimal an die Tür. Das Fenster muß sofort geschlossen werden. Verstanden?"", Jawohl", antworteten wir lachend und stammelten einige Worte des Dankes. Da kein höherer SS- Führer uns mit seinem Besuch beehrte, blieb das Fenster die ganze Zeit über offen. Wir beide hielten nun dreitägige Priesterexerzitien ab. Rasch flogen die Stunden dahin. Beim Anbruch der ersten Nacht wurde die Tür unerwartet hastig geöffnet und jemand warf einige Päckchen in die Zelle. Etwas beunruhigt rührten wir anfänglich nichts an. In Dachau war man stets schwarzseherisch. Vielleicht waren es kleine Bomben mit Zeitzündung oder Fläschchen mit Giftgasen? Den Nazis trauten wir alles zu. Nach einer Weile betastete ich ein Paketchen. Kein Zweifel! Es war Brot und Wurst. Am andern Morgen untersuchten wir beim anbrechenden Tageslicht die vermeintlichen Gasbomben etwas genauer. Es war schönes Weißbrot mit Butter belegt. Wurst und Käse, nach der Qualität und Quantität zu urteilen zweifelsohne SS- Kost. Jeden Abend erhielten wir derartige Liebespakete. So war ich im Bunker ebenso gesättigt wie auf dem Block und hatte mehr Licht, als mir lieb war. Aron, du warst ein Prachtkerl von Kerkermeister! Körperlich und seelisch gestärkt verließ ich mittwochs um 11 Uhr das fidele Gefängnis. Diese drei Bunkertage gehören zu den schönsten meiner Dachauer Erinnerungen. Am Donnerstag trat ich auf dem Büro der politischen Abteilung wiederum meinen Dienst an. Ich meldete mich bei meinem Chef Tulke mit den Worten: ,, Von der Reise zurück!" Tulke machte über seine Kollegen Böttcher und Kuhn einen derben Witz, den wiederzugeben unpassend wäre. Auch der Gestapohäuptling Kick empfing mich freundlich. eine 10 Zeugen des Abendlandes 145 10. Der Ehrenbunker Während meines Arrestes lernte ich auch den Ehrenbunker kennen. An die Häftlingszellen, in denen manche Kameraden furcht- bare Mißhandlungen erduldeten, reihten sich nämlich einzelne größere Zimmer, in denen die„Ehrenhäftlinge‘“ wohnten. Das Wort„Ehren- häftling‘‘ ist ja schon in sich ein grober Unsinn. Wie kann man Inter- nierter sein und zugleich geehrt werden? In Dachau stieß man halt auf viele Widersprüche. Hitler sperrte jahrelang Männer in die K.Z. und überhäufte sie zugleich mit„Ehren“. Es gab drei Arten von Ehrenhäftlingen. Die erste Gruppe wohnte nicht wie wir herdenweise in den engen Stuben eines Blocks, sondern jeder Einzelne dieser Bevorzugten hatte sein eigenes Zimmer im „Ehrenbunker‘‘(Nr. 2 unseres Plans). Diese privilegierten Leidens- brüder durften ihre Privatkleider und langes Haar tragen, hatten am linken Arm eine violette Binde, brauchten nie zu arbeiten, konnten ohne Bewachung außerhalb des Lagers spazieren und erhielten SS-Kost. Die Geistlichen unter ihnen lasen jeden Tag die hl. Messe in ihrer Zelle. Wir durften mit diesen Ehrenhäftlingen nicht verkehren. Die zweite Gruppe dieser Ehrenhäftlinge wohnte innerhalb unseres Lagers, anfänglich in einer mit Lehnstühlen säuberlich ein- gerichteten Stube, später im besten Zimmer des Reviers. Diese Kame- raden trugen Zebrakleider mit violetter Binde und auch langes Haar, waren von der Arbeit dispensiert, durften aber nur innerhalb des Lagers umhergehen und erhielten SS-Kost. Die dritte Gruppe nannte man„bevorzugte Häftlinge‘“. Solche Inhaftierten brauchten nicht mit kahlgeschorenem Schädel umher- laufen und durften sich eine beliebige Arbeit aussuchen, blieben aber ohne violette Abzeichen und-ohne Sonderkost. Die oberste Berliner Gestapobehörde verlieh diese Ehrentitel nach Willkür, meistens Männern, die vor der Verhaftung ein höheres Amt bekleideten, wie Äbten, Domherren, Generälen usw. Im Ehrenbunker saßen acht bis zehn Kameraden, im Lager knapp ein halbes Dutzend, während fast jeder Block einige„bevorzugte Häftlinge“ aufwies. Die SS-Beköstigung dieser Ehrenhäftlinge gab mir manchmal Gelegenheit zu köstlichen Erlebnissen. Wo es uns ja nur möglich war, 146 ker nker chtBere rennterhalt K.Z. Ohnte ndern er im densn am nnten ielten sse in ehren. erhalb heinKameHaar, spielten wir den Nazi gelungene Streiche. Ein österreichischer Ehrenhäftling durfte unter uns einige Kameraden auswählen, um in der SS- Küche die Spezialkost zu holen. Wir schmiedeten mit den Köchen der SS- Küche, wo auch einige Franzosen angestellt waren, ein Komplott, um möglichst viel SS- Kost zu klauen. Normalerweise trugen wir leere Eimer in die Küche, die vor einem SS- Mann mit der genehmigten Portion angefüllt wurden. An die Ecke der Küche stellten aber unsere Freunde einen Eimer, der die beste Kost in reichlicher Quantität enthielt. Beim Hinausgehen ließen wir unsern Eimer sachte auf den Boden gleiten und nahmen den dort stehenden Eimer mit, den die Kameraden zuvor angefüllt hatten. Wir sind dabei nie erwischt worden. Einmal in der Woche bekamen die SS- Leute wohlschmeckende ,, Krumbärkichele", von ihnen Reibekuchen genannt. Für die fünf Ehrenhäftlinge hatten wir nur das Recht auf fünf Reibekuchen. Mit unserm Schwindelmanöver brachten wir es jedesmal mindestens auf das Doppelte und noch mehr. Es war uns dabei weniger auf die Krumbärkichele als um den gelungenen Spaß zu tun. Solche Streiche hatten stets Heiterkeitserfolge und versüßten uns manch harte Stunde unseres sonst elenden Gefangenendaseins. b des Solche mhern aber el nach es Amt bunker utzend, wies. nchmal ch war, "" 11. Der Hungertyphus Die deutsche Niederlage in Nordafrika, mehr noch die Landung der amerikanischen Truppen an der französischen Küste, schufen in Dachau eine neue Lage. Bisher lebten die jugendlichen SS- Leute bei uns ohne jede moralische Hemmung in blindem Siegesrausch und in scheinbar endlosem Beutejubel. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam die von ihnen nie geahnte, unerwartete, plötzliche Ernüchterung. Wir sind verloren", dämmerte es langsam in den vom Stolz umnebelten Gehirnen auf, und diese Befürchtung wurde im Sommer 1944 zur unzweifelhaften Gewißheit. War der Aufstieg blitzschnell vor sich gegangen, bergab ging es noch viel geschwinder. Die jugendlichen SS- Leute waren bisher gegen wehrlose Häftlinge eingesetzt worden, nun mußten auch sie schweren Herzens zur Front marschieren. Wir ergötzten uns mit begreiflicher Schadenfreude 147 an den verdutzten Gesichtern. In Dachau zogen jetzt bejahrte, graubärtige und krummbeinige Wehrmachtlandsturmleute als Wächter ein. Diesen harmlosen Männern paßte die SS- Uniform wie dem Schaf der Wolfspelz. Beglückt sahen wir zu, wie diese Zwangs- Nazi ihren Dienst mit gleichgültiger Wurstigkeit versahen. Ganz neue, köstliche Bilder traten vor unsere Augen: SS- Männer spielten mit uns Karten, SSMänner beteten in der Kapelle, SS- Männer hüteten die Pfarrer mit dem Rosenkranz in der Hand, SS- Männer leisteten uns Mithilfe beim Übertreten der Lagerordnung, ja SS- Männer betrieben mit uns bewußt Sabotage. Es waren ja nur vereinzelte Fälle, doch es knisterte und krachte im morschen Gebäude Adolf Hitlers recht bedenklich. Auch die Nazitorturen nahmen mildere Formen an. In den Blocks wurde angeschlagen, daß körperliche Mißhandlungen verboten seien. Der Lagerkommandant Weiß sagte einmal in unserer Gegenwart zu einigen SS- Männern: ,, Die Häftlinge sind auch Menschen." Das Antreiben zu überschneller Arbeit fiel in Mißkredit. In fast allen Betrieben, außer in den wehrwichtigen Kommandos, kam die Scheinarbeit zur Blüte. Ich selbst hörte, wie der rauhborstige Rapportführer Ruppert spöttelte: ,, Ihr seid jetzt im Vergleich zu früher in einem Erholungsheim. Ich werde veranlassen, daß jeder Häftling einen Regenund einen Sonnenschirm erhalte." Auch beim Personal und im Capodienst trat nach und nach ein radikaler Umschwung ein. Aus den groben Häftlingsschindern mauserten sich langsam gleichgültige Vorgesetzte, kameradschaftlich gesinnte Chefs, schließlich gar kühne Nazibekämpfer. Die Ernährungsfrage änderte sich ebenfalls zum Bessern, obwohl die Häftlingskost miserabel blieb. Sämtliche Gefangenen durften Pakete von beliebigen Personen und beliebigem Umfang aus der Heimat erhalten. Der Inhalt all dieser Pakte wurde uns restlos übergeben. Mit Ausnahme der Russen empfingen fast sämtliche Häftlinge Liebespakete. Die Paketempfänger gaben jenen Kameraden gern und reichlich, die keine Fühlung mit ihren Familien hatten. Selbst in der Kantine konnten wir um diese Zeit Lebensmittel kaufen, wie Milch, Käse, Tabak, Zigaretten, anfangs auch alkoholfreies Bier, später sogar Normalbier. Es war uns sogar gestattet, den ärmeren Häftlingen Geld zu überweisen. 148 K H k 0 V k g V f 1 I Dun gm mm, ER Auch für Erholung wurde jetzt besser gesorgt. Wir besuchten während dieser milden Periode mindestens zweimal im Monat ein Kino, das meist schöne Sprachfilme darbot. Hie und da veranstalteten Häftlinge Theatervorstellungen, sowie Musikabende, wo Berufs- künstler Vorzüglichstes leisteten. Fußballspiele, besonders Länderwett- spiele ergötzten die Jugendlichen. Der Häftlingsgesundheitszustand besserte sich bedeutend. Jeder objektive Dachauer Geschichtsschreiber muß zugeben, daß im Re- vier die Krankenpflege während dieser Zeit nicht beanstandet werden konnte. Schwere Operationen an Häftlingen wurden sogar in den großen Münchener Spitälern vorgenommen. Als im Spätfrühjahr 1945 vorübergehend eine Typhusepidemie ausbrach, standen alle Betriebe fast fünf Wochen still. Wir mußten von abends 9 bis morgens 3 Uhr im Bett liegen bleiben. Begreiflicherweise sank die Ziffer der Sterbe- fälle bedeutend. Im Jahre 1940 kamen auf durchschnittlich 6000 Häftlinge 1515 Todesfälle, im Jahre 1941 auf 9000 deren 2576, im Jahre 1942 auf 12000 Häftlinge deren 470 und im Jahre 1943 auf 18000 Häftlinge nur 1102. Im Sommer 1944 änderte sich aber unsere Lage wiederum zum Schlechteren. Unter dem Druck der heranrückenden Amerikaner wurden Gefängnisse und Lager geräumt und deren Insassen nach Dachau verschoben. Vom 2. Juli 1944 ab strömten Neuankömmlinge in großen Massen herbei. Gelegentlich des Transportes vom 26. Juni 1944 erhielt unser lothringischer Kamerad Aubertin Marcel die Nr. 74791. Am Tage der Befreiung hätte der letzangekommene Leidensbruder die Nr. 168254 erhalten, wenn alle Nummern ausgeteilt worden wären. Vom 26. Juni 1944 bis zum Ladenschluß kamen demnach 93463 unglückliche Menschen hinter unsern Stacheldraht. Wir Geistlichen nahmen meist die Personalien der Neuankömmlinge auf. Mit eigenen Augen sahen wir unsagbares Elend und hörten mit eigenen Ohren grauenhafte Berichte. Da versagten unsere hartgewordenen Nerven, da wollte unsere Phantasie die Bilder des Grauens nicht mehr aufnehmen. Nur Weniges soll von einigen Transporten erzählt werden, die seit Juli 1944 in Dachau anlangten. 149 In der ersten Juliwoche 1944 liefen zwei Züge mit Franzosen aus Compiegne ein. Am 5. Juli erlebten wir geradezu Unglaubliches. In den Viehwagen lagen unter den Lebenden 370 Leichen. Die Feder sträubt sich, zu erzählen, wie diese bedauernswerten Landsleute durch Hunger, Durst und Hitze während der mehrtägigen Reise von Com- piegne bis Dachau unter den gräßlichsten Schmerzen dahinstarben. Peupion Felix, Bürgermeister von Montigny-Metz, der zu diesem Totentransport gehörte, berichtete mir folgendes: Als der Zug an einem Bahnhof hielt, bat ich einen SS-Mann, der vor dem Waggon stand, doch die Leichen entfernen zu lassen und den Lebenden etwas Wasser zu reichen. Da gab der Unmensch die schamlose Antwort: „Ireten Sie den Leichen auf den Bauch, dann spritzt Wasser heraus, das Sie saufen können.‘ Leider ist mein Kamerad Peupion wohl an den Folgen dieses Transportes am 10. Februar 1945 in Dachau gestorben. Mein lothringischer Landsmann Thillot Auguste aus Scy bei Metz gehörte mit seinem Sohn Jules auch zu diesem Transport. Als Häftlinge die vielen Hundert Leichen aus den Abteilen trugen, hörte Vater Thillot, wie ein SS-Mann laut sagte:„Diese verfluchten Hunde stinken wie die Pest, und doch leben noch viel zu viel.“ Ein reichsdeutscher Pfarrer, der Zeuge des Totentransportes war, sagte zu mir:„Dies allein kann Deutschland nie wieder gut machen, nie genug sühnen.‘“ Im September 1944 räumten die Nazi das Lager Natzweiler. In einem Zeitraum von vier Tagen schob der Lagerkommandant 18 000 Häftlinge nach Dachau, nachdem zuvor zahlreiche Männer und Frauen erhängt und eingeäschert worden waren.„Die Flammen der Ver- brennungsanstalt schlugen zwei Meter hoch zum Schornstein hinaus“, so erzählten die Ankömmlinge. i Am 26. November 1944 kam ein großer Transport vom Mordlager der goldenen Bremm bei uns an. Ich notierte die Namen von 142 Lothringern, von denen 72 in kurzer Zeit in Dachau starben. Der lothringische Lehrer Fischer Emile aus Willerwald sah Dachau am 28. Februar 1945 zum zweitenmal. Er schilderte mir seine tragische Flucht vor den Russen: Am 18. Januar 1945 begann der Abmarsch aus der Gegend von Auschwitz. Mit seltenen Pausen trabte 150 die 1 S : 1 i S e , n 0 r 72 2 h e er e eine Kolonne von 1200 Mann im Schnee, bei einer Kälte von mindestens 10 Grad, leicht gekleidet, ausgehungert, mit erbärmlicher Kost versehen, unter Anführung grober SS- Leute langsam dahin, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, tagein, tagaus, während 41 langer Tage. Sobald sich ein Häftling nur einige Meter von der Gruppe absonderte oder vor Mattigkeit zu Boden sank, wurde er ohne Erbarmen niedergeknallt. Als wir eine Waldlichtung durchquerten, begann von Seiten dieser herzlosen Barbaren eine wilde Schießerei.. Wohl an die 400 meiner Kameraden wurden hingemordet. Die übrigen 800 trieb man mit Kolbenstößen weiter. Welche trostlose, unsichere Zukunft! Bei Katschen kamen wir gegen Abend in eine enge Talmulde. Rund um uns stellten sich die SS- Männer schußbereit auf. Entsetzt betrachteten wir einander, schauten wir ja dem sicheren Tod in die Augen. Unsere letzten Gedanken weilten bei den Lieben in der Heimat. Was hielt diese Unmenschen vor dem Mord zurück? Wir wissen es nicht. Die SS- Männer führten uns aus der Mulde in einen Bunker, in dem wir zusammengepfercht die Nacht stehend verbrachten. Auf dem Weitermarsch schliefen wir abgehetzt oftmals in Scheunen, nicht selten aber auch auf dem mit hohem Schnee bedeckten harten Boden. Täglich sanken viele zu Boden; diese erhielten einen Schuß in die Schläfe oder ins Genick und wurden in fremder Erde begraben. Niemand schrieb die Namen der Toten auf. Heute werden zahllose Kameraden als vermiẞt gebucht. Wir können leicht ahnen, wo die Bedauernswerten geblieben sind. Von Reichenbach nach Dachau wurden wir, bei einer Kälte von durchschnittlich zehn Grad, in offenen Güterwagen transportiert. Jeder von uns besaß nur eine Decke. Bei unserer Ankunft in Dachau hatten wir in unserm Waggon über 40 Tote. Wir legten dieselben unterwegs in den Waggons entlang der Wände. Tagsüber setzten wir uns auf die Leichen, nachts dienten sie uns als Kopfkissen. Wie roh und gefühllos sind wir halbwahnsinnige Menschen geworden! Kein Wunder, daß von den 1200 Mann nur 208 in Dachau ankamen. Eisenbahner Bretnacker aus Sablon- Metz langte am 28. April 1945 in Dachau an. Sein Bericht gibt uns ein traurig- anschauliches Bild von dem jämmerlichen Zustand, in dem die neuen Kameraden eingeliefert worden sind. Gegen Ende März 1945 dringt das Donnern der amerikanischen Geschütze näher. Hoffnungsfroh richten sich 151 unsere Blicke nach Westen. Am 31. März 1945 bereiten die SS-Leute den Abmarsch überstürzt vor. Die Häftlinge werden in zwei Gruppen eingeteilt. Zuerst müssen die 350 Kranken und Krüppel antreten. Sie sind nackt und haben nur eine dünne Decke um den abgezehrten Leib geschlagen. Das schauerliche Bild all dieser wandelnden Leichen gräbt sich unvergeßlich in unsere Phantasie ein. Der wachhabende Feld- webel äußerte sich vor uns Häftlingen wörtlich:„Das ist eine Kultur- schande!“ Ein Autocar bringt die Bedauernswerten zum Bahnhof. Unterwegs sterben zwei Häftlinge. Bei der Abfahrt des Zuges liegen schon vier Leichen am Bahnhof. Die Zahl der unterwegs Verstorbenen bleibt ein Geheimnis.— Bald stehen auch die 500 anderen Insassen des Lagers zum Abmarsch bereit. Eine 27tägige Fußreise steht bevor. Die Flüchtigen sind fast ohne Nahrung, in dünnen Kleidern und in schlechtem Schuhwerk, dazu den rohesten Mißhandlungen der SS- Leute ausgesetzt. Die Wagen mit dem Gepäck werden von den aus- gemergelten Gefangenen dahingeschleppt. Viele Kameraden fallen er- schöpft auf die Erde. Wir requirieren bei den Bauern Schubkarren, legen unsere Freunde darauf und schieben die Gefährte schweren Herzens langsam dahin, und dies während 27 langer Tage. Unterwegs sterben fünf Leidensgenossen. Wir beerdigen sie oder besser, wir scharren sie längs des Straßenrandes in Löcher. Zu der lähmenden Müdigkeit gesellt sich der Hunger. Bauern werfen uns Runkelrüben hin. Wir fallen darüber her, obgleich die SS-Leute mit ihren Stöcken auf unsere Finger schlagen. Kamerad Görgen aus Montigny ladet eine Leiche auf den Schubkarren. Die SS-Leute halten diese für einen Schwerkranken. So bekommt Görgen für drei Tage noch die karge Tagesration des Verstorbenen. Dann macht der Verwesungsgeruch den Betrug zuschanden. Nachts liegen wir in Ziegeleien oder in Scheunen. Schon gleich am ersten Tag fliehen in der Dunkelheit zwei SS-Wächter mit 30 Leidens- genossen. Nun verschärft sich die Überwachung, und die Mißhand- lungen werden grausamer. In einem Dorf, das wir passieren, protes- tieren Zivilisten, besonders Frauen, gegen die Torturen, die man uns antut. Den SS-Leuten wirds ganz ungemütlich. Sie wagen kaum, ein Wort zu sagen. Als wir aber allein sind, lassen die SS-Banditen ihre Wut an uns aus. Bei einem Morgenappell fehlen zwei Russen. Diese 152 ep. Vai. a N pen Se n n n 1. n 5- 3- T- 1, en gs Fir en en en ne en ge ch m S- d- s- ns ein re se e n e b ot liegen noch schlafend im Stroh. Der eine wird herbeigezerrt. Unteroffizier Frick und Oberscharführer Gillberg schlagen mit einer Wagendeichsel auf den Unglücklichen los. Der Russe bricht tot zusammen, ein Knall, der Gnadenschuß trifft nur eine Leiche. Wir sind entrüstet, eingeschüchtert, doch machtlos. Die Schurken finden auch den andern Russen. Der arme Tropf wird bereits in der Scheune zusammengeknallt. Kameraden schaufeln ein Grab und betten die Leichen hinein. Heiße Tränen fließen, Tränen des Mitleids, Tränen der Wut. Immer weiter, immer weiter, als ob nichts geschehen wäre. Kein Wort fällt mehr. Halb ohnmächtig wanken wir dahin. Immer wieder sinken Kameraden zu Boden und bekommen Hiebe. Wir suchen Schubkarren und laden auch sie auf. Die SS- Leute treiben uns wie einen Viehtransport weiter und schreien: ,, Aufgehts, schneller ihr Idioten, ihr Rindvieh, ihr Verbrecher, ihr Dreckkerle!" Wir unterdrücken die aufsteigenden Tränen wilder Empörung. Immer weiter. Unser Mut sinkt auf den Gefrierpunkt. Wirre Gedanken treiben einander im Gehirn. Wir sind keine Menschen mehr. Geistlose Maschinen schleppen sich fast empfindlos dahin. Das trostlose Elend eines solchen Trauerzuges vermag sich die kühnste Phantasie kaum auszumalen. Wieder liegen wir schlapp und wortlos in einer dunklen Scheune. Der Hunger zerfleischt uns die Eingeweide. Ein Kamerad steckt seine Hand in einen Sack Getreide, kaut die Körner und wird erwischt. Obergefreiter Stange schlägt mit einem Bambusrohr auf den ,, Dieb" und jagt ihm dazu einen Schuß ins Handgelenk. Ein paar Tage darauf ist der Verletzte tot. Ein anderer Häftling nimmt einige Lebensmittel vom Wagen des SS- Proviantes und wird erbarmungslos zusammengehauen. Wir legen auch ihn auf einen Schubkarren. Gottlob bleibt er am Leben." Soweit unser Kamerad Bretnacker. Während der letzten sechs Monate unserer Internierung hausten durchschnittlich zwischen 50- bis 60 000 Häftlinge in Dachau. In den überfüllten Blocks wohnten jetzt in je einer Stube meist 400 bis 500 Mann eng zusammengepfercht. Ein 90 cm breiter Strohsack bot genügend Platz für einen Mann. In unserm Pfarrerblock hatten aber um diese Zeit fünf Kameraden nur zwei Betten. Viele Geistliche schliefen am Boden der Wohnstube, selbst in der Kapelle. In den andern Blocks sah es noch schlimmer aus. Sieben Mann erhielten 153 a N N a oftmals nur zwei Betten. Kein Wunder, daß die meisten Kameraden selbst im kalten Winter lieber am Boden schliefen. Da es an Kleidern und Wäsche fehlte, liefen die Neuankömmlinge halb nackt umher. Edelgesinnte Kameraden halfen aus, wo und wie sie nur konnten. Wir opferten gerne unsere persönliche Privatwäsche bis zum letzten Stück, klauten auch viel in den Magazinen. Einige SS-Männer und die meisten Capos drückten die Augen zu und taten sogar Handlangerdienste. Unmöglich konnten jedoch die nötigen Kleider für alle Nackten besorgt werden. Die meisten Kameraden er- hielten kaum noch jeden Monat ein sauberes Hemd. Die Lagerkost war seit Sommer 1944 stets knapper und immer schlechter geworden. Im Winter erhielten wir nur noch 180 Gramm sogenanntes Brot pro Tag. Margarine und Wurstportionen wurden immer kleiner, immer seltener. Seit 1943 waren die Wassersuppen kaum genießbar. Nur an Sonntagen gabs Nudeln, und jeden Monat einmal richtiges Gemüse. Sonst schwammen in dem heißen, fettlosen Wasser nur Rüben- und Rotkohl- blätter oder Stücke von Runkelrüben und dergleichen. Da der Westen und der Osten in die Hände der Alliierten ge- fallen war, erhielten die Polen und auch wir seit dem Spätherbst 1944 keine Pakete mehr. Wir magerten zu Skeletten ab. An Weih- nachten 1944 wog ich noch knapp 53 Kilo. Hätten wir nicht von einigen Kameraden und dem französischen Roten Kreuz einige Lebensmittel erhalten, wären noch mehrere Lagerinsassen vor Hunger elend ge- storben. Geschwüre plagten uns. Heute erinnern mich noch 62 Narben an die quälenden Phlegmonen jener Zeit. Der Mangel an sauberer Wäsche und an Badegelegenheit ver- schlimmerte die Läusegefahr. Seit Weihnachten 1944 riß daher der . Typhus viele Lücken in unsere Reihen. Heilmittel fehlten, und in den Spitälern war kaum noch Platz. Wir verloren in kurzer Zeit auch etwa 60 Geistliche. Dank meiner Beziehungen zu den Büros kann ich die genaue Zahl der Toten fest- stellen. Es starben im Monat Januar 1945 genau 2888, im Februar 3972, im März 3668, im April 2625. Die Verbrennungsanstalt vermochte nicht mehr alle Leichen einzuäschern. In vier Massengräbern ließ der lothringische Capo des Bestattungskommandos, Schmitt Heinrich aus 154 Lix bot hei Lixing les Saint-Avold, 3350 Leichen verscharren. Das Dachauer Lager bot damals ein Bild des Grauens. Befreiung durch die Amerikaner Anfang April drang der Kanonendonner immer näher. Es herrschte bei den SS-Leuten, mehr noch bei uns Inhaftierten, eine unbegreifliche Aufregung. Es ging um Leben und Tod. Tagebuchnotizen geben Aufschluß über die sich überstürzenden Ereignisse der zweiten Hälfte des Monats April 1945. Am 14. April telegraphierte Himmler dem Dachauer Kommandanten, das Lager sofort räumen zu lassen. Kein Häftling dürfe lebend in die Hand der Feinde fallen. Zwei Tage später langt ein großer Transport von Neu- ankömmlingen an. Lebende, Sterbende und Tote liegen auf dem Appellplatz durcheinander. An einigen Leichen sind Fleischteile herausgerissen. Der Hunger hat Halbwahnsinnige zu Menschen- fressern gemacht. Am 17. April bekommt der Kommandant von Himmler ein neues Telegramm mit der Aufforderung, alle Lagerinsassen nach Tirol ab- transportieren zu lassen. Nur die Kranken sollen verbleiben. Es werden etwa 200 Geistliche entlassen, die Kardinal Faulhaber unter- bringt. Nur drei Lothringer sind dabei. Mit banger Sorge fragt sich jeder, ob er jetzt in letzter Minute nach den langen Jahren furcht- barer Leiden doch noch umgebracht werde. Schweizer Rotekreuzautos bringen die Schweizer Kameraden in ihre Heimat. An die 400 Dänen werden durch schwedische Autocars abtransportiert. Gerüchte machen uns Franzosen Hoffnung auch heimbefördert zu werden. Es sind nur eitle Latrinengerüchte. Die Akten werden am 18. April aus den Büros wegtransportiert und verbrannt. SS-Leute packen ihre Habseligkeiten ein. Hochbeladene Lastwagen rollen von jetzt ab Tag und Nacht aus dem Lager. Ein elsässischer SS-Mann sagt mir, daß auf ein bestimmtes Zeichen der Sirene hin alle Nazi abmarschieren werden. Es verblieben dann nur noch.300 SS-Wärter. Immer tollere Gerüchte zirkulieren. In den 155 kommenden Nächten würden alle Internierten durch Luftbombarde- ment oder Gift umgelegt. Nachts elf Uhr holt man uns aus den Betten. Still bereite ich mich auf den Tod vor. Aber die SS-Leute suchen in den Blöcken nur nach Waffen. Um zwei Uhr morgens liegen wir wieder auf den Strohsäcken.-Niemand kann schlafen. Der 19. April bringt neue Aufregungen. Die Appelle fallen aus. Einige Kameraden werden zu den Büros gerufen, zum Krematorium geführt und durch Genickschuß ins Jenseits befördert. Klopfenden Herzens zählen wir die Schüsse. Frühmorgens kommuniziert der französische General Delaistraint aus der Hand des Bischofs von Clermont-Ferrand. Der edle 66jährige Delaistraint ist seit September unser lieber Kamerad. Immer wieder hat er uns aufgemuntert. Gegen elf Uhr bringen die Rapportführer Ruppert und Böttcher den General zum Büro und von dort zum Krematorium. Unterwegs schießt ein SS-Mann unserm allseits beliebten General Delaistraint eine Kugel ins Genick. Pfarrer Seelig berichtet uns tags darauf, daß auf der Toten- liste der Satz steht„Karl Delaistraint durch Tod abgegangen.” Der französische Pater Fily liest tags darauf auf dem Block Nr. 8 geheim die hl. Messe für den ermordeten General. Die nervöse Aufregung steigt mit jeder Stunde. Wir werden tagsüber öfters zum Appellplatz kommandiert. Es regnet. Wir schnattern vor Kälte. Hoffnungslos stehen wir stundenlang da. SS-Leute laufen erregt hin und her. Auf dem Büro der Kommandantur beraten die Offiziere, was mit uns geschehen soll. Wir müssen wieder in den Block zurückkehren. Kanonendonner dringt am 25. April aus weiter Ferne zu unsern Ohren. Amerikanische Flieger kreisen im Tiefflug über uns. Wir winken ihnen zu. Immer noch packen SS-Leute, schnallen Rucksäcke auf, fahren per Rad oder in Autocars ab. Unsere Häftlingslagerpolizei wird verstärkt. Sie tragen weiße Binden am Arm. Am 26. April um 6 Uhr morgens kommt der Befehl, das Lager müsse sich abmarschbereit halten. Alte und schwächliche Leute können freiwillig zurückbleiben. Wir Franzosen zögern hin und her und be- schließen endlich, das Lager zu verlassen. Der Abschied von der Kapelle kostet eine Träne. Die Tabernakeltür steht offen. Der Heiland wohnt nicht mehr in Brotgestalt in Dachau. Karfreitagsstimmung in unsern Herzen. An der Seite meines Freundes Fabing schreite ich 156 el ’ el je” jer ng ich zu dem Appellplatz. Dort stehen wir über eine Stunde. Amerikanische Flieger kreisen immer wieder über uns her. Einige Bomben fallen auf das Dachauer Bahngleise, sogar eine in das SS-Lager. Rauch steigt auf. Erneuter Befehl, nochmals zu den Blöcken zurückzukehren. Unser Transport nach Tirol ist auf die kommende Nacht verschoben. Vor- läufig dürfen nur Reichsdeutsche und Russen abmarschieren, 11 000 an der Zahl. In Gruppen zu je 1500 Mann schreiten sie durch das Tor. Etwa 1000 SS-Männer und viele Spürhunde sind die Begleiter. Ich stehe an der Ecke eines Blocks, reiche noch manchem Freund die Hand und denke:„Auf Wiedersehen im Himmel.“ Der Zeiger der Lageruhr steht zwischen acht und neun Uhr abends. Gerade will ich ins Bett. Da kommen Ehrenhäftlinge heran, die vorübergehend in der früheren„höheren Töchterschule“ untergebracht worden waren. Als ich Monseigneur Piquet die Hand reiche, wird mein Auge feucht. Trotz der brüllenden SS-Leute, die uns zurückdrängen, begrüße ich noch den Prinzen Francois Xavier de Bourbon, erkenne unsern früheren Minister Leon Blum, den Pastor Niemöller, den Bürger- meister Schmitt aus Wien, den früheren österreichischen Bundes- kanzler Schuchnigg, der mit seiner Frau und seinem fünfjährigen Mädchen.dahinschreiten..... Werden diese Ehrenhäftlinge ermordet? Erst in der Heimat sollte ich erfahren, daß sie alle in Italien gerettet worden sind. Kummer- vollen Herzens gehe ich zum Block Nr. 26 zurück. Eine schlaflose Nacht. Kanonendonner rollt, Flieger surren, Bomben krachen. Jede Minute kann uns den Tod bringen. Am 27. April schleiche ich nach der hl. Messe in ein Büro, um Nachrichten zu erhaschen. Nur Widersprechendes wird erzählt. In der Nacht sind 562 Neuankömmlinge aus Flossenburg angekommen. Ihre Kleider liegen auf dem Appellplatz. Jede Ordnung ist dahin. Unsere verstärkte Häftlingspolizei kontrolliert die Blöcke. Kamerad Philipp von Sarreguemines ist ihr Chef. Von ihm erfahre ich etwas Sicheres. Kein Häftling könne mehr das Lager verlassen. Die Bahn- gleise sind zerstört, die Straßen nicht mehr passierbar. Hunderte von Juden sind in Waggons verladen worden, die immer noch am Bahnhof stehen. Die armen Leute schreien, müssen vor Hunger sterben. Einige hundert Jüdinnen, die zwei Tage umherirrten, kommen 157 an. Viele von ihnen sterben vor Erschöpfung. Unterdessen kämpfen Jagdflieger über dem Lager und in der Nähe. Flackgeschütze krachen Der Flughafen von Schleisheim in der Nähe brennt. Viele SS-Männer fliehen überstürzt. Unerwartet rufen Kameraden:„Seht dort, die weiße Fahne flattert. Das Lager ist übergeben. Wir sind frei.‘ Ich selbst sehe die weiße Fahne auf einigen SS-Gebäuden. Wir sind gerettet. Niemand darf mehr die Lagerstraße oder den Appellplatz betreten. Verbotswidrig eile ich oft zu Freund Philipp, der mich über die neuesten Ereignisse auf dem Laufenden hält. Wir schreiben Samstag, den 28. April. Ohne Unterbrechung ver- lassen SS-Männer in größter Aufregung das Lager. Eine lange Pro- zession von Neuankömmlingen zieht durch das Tor. Es sind meist wandelnde Leichen. Einige brechen tot zusammen. Das politische Büro teilt keine Nummern mehr aus, ersieht aber aus den Begleitpapieren, daß es 116 meist schwerkranke Frauen aus Leipzig und 5628 Männer aus sieben andern Lagern sind. Obendrein stehen auf dem toten Gleis vor dem Westtor des Lagers noch 15 bis 20 Waggons, in denen jetzt 2600 Leichen liegen. Es handelt sich meist um Kameraden aus Flossen- burg und Buchenwald, die in den Abteils vom Hunger dahingerafft wurden. Das Bestattungskommando transportiert die Leichen zum Krematorium. Bis gegen Mitternacht dauert die grausige Arbeit. Plötzlich fliehen all SS-Leute, die dieses Kommando beaufsichtigen. Die Kameraden der Bestattungsabteilung eilen zu ihren Blöcken. Berge von Toten türmen sich noch am Lagerbahnhof, am Krematorium und auf der Blockstraße der Revierbaracken auf. Ich besitze viele photographische Aufnahmen von diesen Bildern des Grauens. Sonntag, den 29. April. Bis gegen Mittag werden in der Kapelle hl. Messen gelesen. Auch viele Laien wohnen bei. Die nervöse Auf- regung steigt, als plötzlich vom SS-Lager her Gewehrgeknatter zu unsern Ohren dringt. Lagerbrücken und auch einige SS-Baracken fliegen krachend in die Luft. Die SS-Leute haben selbst das Feuer angelegt. Angstvoll richten wir die Blicke auf die Gebäude des Kre- matoriums. Nazi hatten uns versichert, daß kurz vor der Übergabe die Verbrennungsanstalt durch Dynamit gesprengt würde. Alle SS-Leute, die bisher im Lager wohnten, sind spurlos verschwunden. Etwa 300 unbekannte Beamte rücken heran, bitten höflich, Disziplin zu be- 158 u FRI en A: a Ba E wahren. Kampflos würde das Lager den Amerikanern übergeben werden. Um 9 Uhr lautet der Befehl:„Alles in die Blöcke‘. Nur unsere Häft- lingspolizei spaziert auf der Lagerstraße. Es herrscht Kirchhofsstille. Von den Straßen der Stadt Dachau her dringen Schüsse. München wird stark beschossen. Dort scheint ein furchtbarer Kampf zu toben. Unterdessen entfalten sich jetzt auch weiße Fahnen auf den Beob- achtungstürmen. Wir erwarten gespannt die Ankunft der Amerikaner. Langsam fließen die Minuten dahin. Schweigsam, doch mit ange- spannten Sinnen sitzen wir in den Blöcken. Um zwei Uhr nachmittags lege ich mich aufs Bett und schlafe ein, obwohl das Gewehrgeknatter immer näher dringt. Gegen fünf Uhr weckt mich ein vielstimmiges Geschrei und lautes Rufen:„Die Amerikaner sind da.‘ Ich springe wie elektrisiert aus dem Bett, direkt aus dem Fenster hinaus auf die Blockstraße Nr. 28. Ich sehe jenseits des Grabens, der unser Lager von dem SS-Lager trennt, in einer Entfernung von knapp zehn Metern, acht SS-Männer mit erhobenen Armen, hinter ihnen einige Amerikaner mit Revolverpistolen in den Händen. Ein Kamerad dringt über den Graben, obwohl ihm die Befreier zuwinken, zurückzukehren. Unser Mithäftling hat wohl einen SS-Mann an der Gurgel gefaßt. Sehen kann ich es nicht. Plötzlich kracht ein Schuß. Mir stockt der Atem. Eine Maschinenpistole knattert. Acht SS-Leute sinken tot zu Boden. Die Leichen bleiben zwei Tage dort liegen. Auch in der Nähe des Ein- gangstors zur Plantage liegen acht SS-Leichen. Sonst ist meines Wissens innerhalb des Gefangenenlagers kein Nazi getötet worden. Hie und da hören wir noch Gewehrgeknatter. Es sind nur Schreck- schüsse. Aus allen Blocks stürzen nun Kameraden auf die Lagerstraße und den Appellplatz. Amerikaner rücken heran. Wir rufen ihnen be- geistert zu, umarmen sie und tragen sie auf den Schultern. Ein to- sender Jubel erfüllt das Lager. Wir sind frei. Eine Stunde später singen wir in der Kapelle das Te Deum. Schon gegen sieben Uhr flattern auf vielen Gebäuden und auf einzelnen Blocks französische, polnische, russische, italienische und andere Fahnen, die schon lange geheim hergestellt worden waren. Unsere Befreier verteilten Brot, Konservenfleisch und Zigaretten. Bis gegen zehn Uhr tobt überall 159 Jubel und Begeisterung. Einige früher boshafte Capos werden ver- prügelt. In der Nacht erschießen die Amerikaner den gehässigen Lagerältesten Menzerian und den Häftlingsschinder Polizeicapo Wer- nicke. Beide haben den Tod hundertmal verdient. Am 30. April flattern Hunderte von Fahnen verschiedener euro- päischer Staaten und zahlreiche amerikanische Fahnen auf allen Blocks, die auch mit Girlanden und Bildern bekannter Generäle ge- schmückt sind. Auf unserm Pfarrerblock weht die päpstliche Fahne. Ein Altar wird außerhalb des Pfarrerblocks gegen die Lagerstraße aufgebaut, wo hl. Messen öffentlich zelebriert werden. In der Nacht errichten Kameraden auf dem Appellplatz ein zehn Meter hohes Kreuz und einen Altar. Die Amerikaner schauen phlegmatisch zu, wie die Häftlinge SS-Baracken plündern und für jeden Block einen Radio- apparat herbeischleppen. Wir hören die Nachrichten und lauschen der Musik. Weh tut es uns, daß manche Nachrichten über Dachau gefunkt werden, die unsere Angehörigen daheim beunruhigen müssen, Mit Sorgen denken wir an die Heimat. Liegt das liebe Lothringerland nicht in Trümmern? Sollten unsere Verwandten noch am Leben sein? Seit August 1944 sind wir ohne Nachrichten. Um zehn Uhr treten wir auf dem Appellplatz an, wo uns ein ame- rikanischer Offizier begrüßt, um Disziplin bittet und die Versicherung zum Ausdruck bringt, daß wir bald die Heimreise antreten können. Wir erhalten nun ausgezeichnete Kost und bald auch frische Wäsche. Am Nachmittag langt per Flugzeug ein französischer General an, der uns freundlichst beglückwünscht. Wir dürfen einen kurzen Brief an unsere Angehörigen schreiben. Am 1. Mai ist es bitter kalt. Schneeflocken fallen vom Himmel. Die Russen organisieren eine Maifeier, der wir alle beiwohnen. Tags darauf wird an dem Altar auf dem Appellplatz eine hl. Messe für alle Verstorbenen gesungen. Es herrscht ein solch naßkaltes Wetter, daß viele nur mit dem Aufwand aller Energie bis zum Schluß ausharren können. Um vier Uhr werden wir zum Appellplatz kommandiert. RapportführerBöttcher steht gefesselt im Häftlingskleid mit rasiertem Schädel auf dem Dachvorsprung eines Gebäudes. Auf seiner Brust hängt ein Schild mit der Inschrift:„Ich bin wieder da.” Böttcher ist der erste eingefangene der flüchtigen SS-Leute. Ein Häftling treibt 160 en verissigen Wereuroallen ile geFahne. straße Nacht Kreuz wie die Radioschen Dachau üssen, erland sein? amemerung önnen. äsche. al an, Brief allerhand Spott mit Böttcher. So muß unser früherer Chef laut rufen: ,, Ich bin das größte Nazischwein von Dachau. Ich habe viele Häftlinge ermordet...." Ein tosendes Gebrüll setzt immer wieder ein. So was kann ich nicht ansehen und anhören und ziehe mich zurück. Gerade höre ich noch, wie Böttcher feige lügt: ,, Ich war immer gut zu den Häftlingen." Vervielfältigungsapparate stellen Lagerzeitungen her. Wir haben auch eine solche in französischer Sprache. Nach ein paar Tagen werden wir desinfiziert und geimpft. Die ehemaligen SS- Lazarette nehmen unsere Kranken auf. Der Vatikan organisiert in der Stadt Dachau ein Sonderrevier. Am 15. Mai beträgt die Zahl der Kranken im Lazarett Nr. 1 386 und jene im Lazarett Nr. 2 3804 Kranke. Leider sterben täglich viele Leidensbrüder. Vom 1. bis zum 15. Mai fordert der Tod das Leben von 1433 Kameraden. Hart ist es, nach der Befreiung doch noch auf das Wiedersehen in der Heimat verzichten zu müssen. Ein Metzer Offizier bringt mir Anfang Mai die ersten Grüße aus der Heimat. Meine alte Mutter lebt noch. Wie gerne reiste ich sofort ab, muß aber bis Freitag, den 25. Mai, aushalten. Amerikanische Autocars bringen uns am 27. Mai über Konstanz nach Mulhouse ins Elsaß. Nach ein paar Ruhetagen bei Familienangehörigen in Bollwiller, sehe ich am 30. Mai, nach einer Trennung von fast 33 Monaten, mein 85jähriges Mütterlein, meine Schwester, die ebenfalls monatelang im Gefängnis gesessen hatte, meine Verwandten, Freunde und Pfarrkinder wieder. Deo gratias! immel. Tags Für alle r, daß arren diert. Tertem Brust er ist treibt 161 Inhalts- Verzeichnis Vorwort Plan des Lagers Dachau A Das K. Z. Dachau in den Jahren 1933 bis 1945 I. Beschreibung des Lagers an Hand eines Planes II. Zahlenmäßige Zusammenstellung der Dachauer Häftlinge III. Personal und SS- Vorgesetzte des Häftlingsblocks IV. Die Arbeitskommandos V. Grausame Behandlung der Häftlinge besonders in den Jahren 1933 bis 1943 1. Von seiten der SS 2. Von seiten des Personals Die Geistlichen in Dachau 1. Zahlenmäßige Zusammenstellung 2. Schikanierungen und Quälereien 3. Die sogenannten Privilegien a) Arbeitslosigkeit b) Die Flasche Wein für je drei Pfarrer c) Der Gottesdienst B Meine persönlichen Erlebnisse in Dachau 162 I. Ab nach Dachau 1. Meine Verhaftung 2. Im Saarbrücker Gefängnis 3. Auf Transport 4. Ankunft in Dachau Seite 5 9 9 11 . 11 .16 . 27 . 27 . 31 33 . 33 . 35 . 39 39 42 . 42 . 53 . 53 53 56 60 64 9 9 11 11 16 27 is Beite 5 II. Im Zugangsblock Nr. 15 1. Die erste Nacht in Dachau 2. Im Waschraum 3. Die Kameraden 4. Das Bettenbauen 5. Der Morgenappell 6. Beim Erkennungsdienst 7. Lehrer für Nazipropaganda 8. Nacktkultur III. Im Pfarrerblock Nr. 26 1. Ankunft bei den Priesterkollegen 2. Der große Lagerappell 66 66 68 68 : 71 75 78 84 85 91 91 . 93 3. Das Blockpersonal 27 . 96 31 IV. Zwangsarbeiter Hitlers 98 1. Strohsackkommando 33 98 2. Im Desinfektionskommando . 101 33 3. Strumpfstopfer . 106 35 4. Im Arbeitseinsatzbüro . 111 39 39 42 5. Im Knopfkommando 6. Die Hundeseppkatastrophe 7. Arbeitslos . 124 . 126 . 131 42 8. Meine Sonderstellung . 137 53 9. Scharfer Zusammenstoß mit SS- Vorgesetzten . 140 53 10. Der Ehrenbunker . 146 53 11. Der Hungertyphus . 147 56 Befreiung durch die Amerikaner . 155 60 Inhaltsverzeichnis 64 . 162 163