Für meine tapfere Frau VORHER 1926 bis 1930 N LOB DES KRIEGES Zwischen Zotenreißen, Skat und Saufen Wird mit Schlachtenglück geprunkt: „Wie die Hasen sind die Kerls gelaufen. Unsre Artillerie traf auf den Punkt. Mensch, da türmten sich die Leichenhaufen. Wir natürlich: immer reingefunkt!“ Und sie lauschen diesem Lob der Schlachten, Dem der üble Duft von Aas entquillt. Und im Horchen, Lügen und Betrachten Wird verborgner, dunkler Trieb gestillt. Bis sie den als schlapp und schlecht verachten, Dem das Morden nicht als Höchstes gilt. Und es ragt schöngefärbter Heldenschwindel Aus der Zeiten Trümmer wie ein Fels. Die im Pschorrbräu oder Münchner Kindl Loben Gasgranaten und Schrapnells. (Und im Kriege lag das in der Windel, Oder vollgefressen in Bordells.) LOKALANZEIGER-DIKTATUR So haben sich die Brüder das gedacht! Ein wilder Unsinn. Doch wer wollte spotten? Die sind die Mächtigen, auch ohne Macht. Wo ist die Faust, das Tollkraut auszurotten? Rings die Bornierten machen sie mobil! Das wird ein Aufmarsch ungeahnter Schrecken. Wer denken kann,„ist schäbiges Zivil“, Und Subalterne wünschen Blut zu lecken. Verlacht mir nicht die Leute solchen Schlags. Die schärfsten Waffen könnten da versagen. Wir müssen alle eines schönen Tags Die Schlacht der Schlachten mit der Dummheit schlagen. ,, IRGENDWIE" ,, Irgendwie muß man das Volk regieren", Sprach der große Mann gelassen aus. Irgendwie I wir haben doch Manieren- Holt der Kanzler sich den Schlußapplaus. - Irgendwie erfährt von deutscher Feme Hin und wieder mal die Polizei, Irgendwie läßt sie dann unbequeme Oder hochgestellte Zeugen frei. Irgendwie sind die im Hintergrunde Vaterland- errettend überstrahlt, Irgendwie wird jede Anwaltsstunde Der Verteidigung geheim bezahlt. Irgendwie lebt so ein Held auf Krücken Etwas schlechter, als sich mancher denkt. Irgendwie kann es den Fürsten glücken, Daß man ihnen Millionen schenkt. Irgendwie entgeht der großen Pleite Der und jener Industriekonzern. Irgendwie tritt ihm der Staat zur Seite Oder läßt er die Belegschaft sperr'n. Irgendwie in vaterländ'schen Kreisen Wird noch etwas gegen Genf geschehn. Irgendwie wird irgendwer beweisen, Daß wir irgendwas von Politik verstehn. 11 FRÜHJAHRS- OFFENSIVE Ob Li Ching Lin schon vor Tsientsiens Toren, Ob de Rivera Land gewinnt am Riff, Nur wenig Worte seien dran verloren, Denn wie der Osten sagt: Ist's unser Schiff? - Ob Mussolinis Adria- Marine, Ob Polens Adler weißgefiedert droht, Ob sich am Brenner lockert die Lawine, Was kümmert's uns? Die Jugend reventloht! Wir wissen nur, daß gen das Volksbegehren Die in Neustrelitz und um Eisenach Mit echtem Untertanenmut sich wehren. ( Komtessentränen machen Männer schwach). Wir wissen, daß die Münchner, Mainzer, Linzer ,, Fröhlicher Weinberg"-Bau ,, zutiefst" empört Und daß im Moselland verarmte Winzer Finanzbeamte in der Ruh gestört. Wir wissen nichts von Wulle oder Kube. Was völkisch ist, bleibt in den Tod getreu. Verräter graben ihre eigne Grube. Und Hitlers Mannen sammeln sich im Bräu. Der Frühling naht für alle Heldensöhne. Bald hast du, Deutscher, was du innig willst. Der Lenz von Hildach bringt uns wilde Föhne, Und mit dem Schnee die Republik zerschmilzt. 12 12 DER URBERLINER Ihm ist Berlin die Welt, die Welt: Berlin! Sein Kosmos: Schmackhafte Lokalberichte. Und was vom Zoo geschieht bis Tauentzien, Hält er bedenkenlos für Weltgeschichte! - Zwar eine Null, wie jeder Kunz und Hinz, Zieht er die Winkel seines Mundes straffer. Was nördlich Tempelhof, das heißt ,, Provinz", Wer nicht vom Strand der Spree, der ist ein ,, Kaffer". Er hat natürlich seinen eignen Kreis" Und wohlgeformte Wiederaufbau- Phrasen, Sagt stets mit Kennermiene: ,, Unsa Fleiß!" Schluckt ,, echte Weiße" oder ,, falschen Hasen". Er spricht vom ,, Tempo dieser Zauberstadt" Und hält sich selbst für einen Hexenmeister, Und ist so ,, knorke" sich der Junge hatIn neunzig Fällen auch ein Zugereister! - - 15 DAS BASTELLIED Laßt uns alleine machen! Wir bauen uns den Drachen, Der hoch in Wolken schwebt. Wir bau'n uns Rad und Roller Schneller und wundervoller, Als wenn ihr Geld ausgebt. Was selbst gebaut, hält länger. Wir bauen uns Empfänger. Ihr Klang ist hell und klar. Im eignen Segelflieger Blieben wir Jungens Sieger, Eh es ein Großer war. Was selbst gebaut, läuft schneller. Ob Wagen, ob Propeller. Weil es von uns erprobt. Wir fragen nicht nach Normen. Nicht nach exakten Formen Und nicht, ob ihr uns lobt. Ihr seht nur auf Firmierung, Auf Glätte und Lackierung, Am Laufband hergestellt. Wir wollen bau'n und leisten. Nennt ihr uns dreist die Dreisten. Wir basteln uns die Welt! Vertont von Paul Hindemith 16 VON DRAUSSEN 1933 bis 1940 CHOR DER EMIGRANTEN Die Geschäftigen: Wir tragen unsre Wünsche und Begierden Wie ehedem laut in die Welt hinein; Wir suchen Süchte, Spielerei'n und Zierden Und sind, trotz aller Sorgen, nie allein. Wir wünschen nur zu wissen, nur zu wirken, Uns ist der Mensch nur ein Projekt im Keim - Blüht uns ,, Betrieb": in allen Weltbezirken Sind wir geborgen, glücklich und daheim. Die Verzweifelten: Wir schleppen schwer an dem, was wir Die Bereiten: einst waren Und spüren blutend, was wir nicht mehr sind. Um uns nur Kälte, Feinde und Gefahren. Die Sonne schmerzt. Zur Last wird uns das Kind. Wir sind zu wund, um immer neu zu klagen, Wir sind der Tränen, sind des Hoffens satt Und wissen nur: uns wird das Schicksal schlagen Noch ärger, als es uns geschlagen hat. Wir warten schaffend, ohne viel zu träumen Und was vergangen ist, ist abgetan. Es gibt gar manches vor uns wegzuräumen. Die Zukunft, die uns winkt, will Weg und Plan. Wir werden das an neuen Schätzen heben, Was, nie gewertet, in uns selber ruht. Vielleicht ist dieses Neue erst das Leben. Denn: was verging, muß fort, und was geschieht, ist gut! 19 19 Bör Bür Rin Pu Un - PANGE? We Ke Me De DER ZEITDICHTER SPRICHT Tip- tip- tip- und tap- tap- tap. Nein, der Stoff wird mir nicht knapp, Lauter Sensationen: Roosevelt Stalin Rüsterei - - Friedensschmaus und Kriegsgeschrei Hungernde Millionen! Jeder Tag ein blut'ger Witz: Konferenzen- und Miliz, Fackelzug und Leichen. - Dollarkurs- Sanierungstraum. Kleiner Abstand, Zwischenraum. Deutlich unterstreichen. Tapp- tapp- tapp und tipp- tipp- tipp: Reisescheck, transfer und scrip, Handelsziffern schrumpfen. Hoch die Nahrungs- Autarkie! Helft der Waffenindustrie! Hetzen, übertrumpfen: Selbstlob, Wahn- und Rassenhaẞ, Visum- Zwang und Nansenpaẞ, Gruß und Hoheitszeichen, Wohlfahrtsgeld und Reisescheck. ,, Ich bin groß und Du bist- Dreck!" Deutlich unterstreichen. Tipp- tipp- tipp und tapp- tapp- tapp, Herz ist rar und Geld ist knapp, Giftgas- Philosophen. 20 20 Börsensturz und Sturz beim Sport, Bürgerkrieg und Notselbstmord. Ringsum Katastrophen. Punkt! Wenn Ihr so weiterrast, Werden bald zerfetzt, vergast Unsere Knochen bleichen. Keiner sei des anderen Knecht. Menschenrecht bleibt Menschenrecht. Deutlich unterstreichen! 21 21 GLÜHENDE BÜCHER Sie haben euch zu Haufen aufgeschichtet; Ohnmächt’'ger Haß, von eurem Sein erschreckt, Hat, wutberauscht, den Holzstoß angesteckt, Die Flamme bäumt sich, zittert, zuckt und leckt. Ihr glimmt nur noch, doch seid ihr nicht vernichtet. Der rote Widerschein glänzt von den Mauern. Die Henker schaudert, die der Glutschein trifft. Sie spieen Feuer aus und Gall’ und Gift, Doch avus der Asche leuchtet noch die Schrift, Papier zerbröckelt, doch ihr werdet dauern! Umsonst die Tücke und der Wut Bemühen: Der gierig-geile Flammenfeverstrahl, Der Scheiterhaufen— eig’'ner Schande Mal— Strahlt weit hinaus als flammendes Fanal. Doch ihr: glüht fori! Wir brauchen euer Glühen! Vor einem herabgebrannten Scheiterhaufen zu singen 22 C=> =,<< Y 7 ——y rr C9 y——d AN DIE HITLER- JUGEND Einem nur die Blicke zugewendet, Wandelst du, ergriffen und geblendet, Mitgerissen einem Traumbild zu. Aber einmal wird die Wolke reißen, Werden Götter stürzen, Berge kreißen, Und erfahren, sehen, wissen wirst auch du. Mögen Spiel und Prunk dich jetzt betäuben, Jahrmarktzaub'rer bunte Wolken stäuben, Auch der holde Jugendwahn vergeht. Dann, in Schreck und Kampf zu Eins gerottet, Weißt du, daß um den, den du vergottet, Nacht, Verwesung und der Wahnwitz weht. Tief in deines Irrtums Scham entbrennend, Wirst du kämpfend, wissend und erkennend, Nicht mehr dumpf vor einem Popanz knien. Sondern, endlich klar und reif geworden, Wirst du, statt ins letzte wilde Morden, Froh mit uns in neue Freiheit ziehn! 23 23 MAN MUSS SICH WUNDERN ( N Man muß sich wundern, daß noch Kinder lachen In dieser Welt, die ihre Eltern jagt. Di MONW Daß man Juwelen nicht muß mehr bewachen, Wo an so Vielen nachts der Hunger nagt. Man muß sich wundern, daß nicht Kriege toben, Und einer in des andern Messer läuft, Es M Da sie nur ,, Abwehr" ,,, Schutz" und ,, Angriff" proben, Und jedes Land die Todeswaffen häuft. Man muß sich wundern, daß die alten Phrasen Auf junge Menschen ihre Wirkung tun, Und daß kein Film zu blöd' und zu verblasen, Daß nicht bewundernd Augen auf ihm ruhn. Man muß sich wundern, daß so manche Währung Auf Spinneweben wie auf Stahlband thront, Die Welt, die's weiß, kommt nicht einmal in Gärung, Mit Schaumgeld wird als sei es Gold- entlohnt. - Man muß sich wundern, daß noch Menschen lesen, Wo aller Orten Radio faucht und kracht; Daß sie noch wissen, wer Voltaire gewesen, Wo jeden Sonntag tobt die Fußballschlacht; Man muß sich wundern, daß noch Kühe grasen, Und daß der Landmann zieht mit seinem Pflug, Wo wir von sinnloser Vernichtung lasen, Damit der Marktpreis auch nur hoch genug. Man muß sich wundern, daß die Diplomaten ( Und alles andre, was sich dafür hält) In fremden Ländern ,, streng privat" beraten Und dies Privatgespräch der Welt gefällt. 24 24 Man muß sich wundern, daß es Staatenlenker (Natürlich nur in fernen Zonen) gibt, Die Friedensfreunden drohn mit Haft und Henker, Wo jeder doch s0 heiß den Frieden liebt?! Es isf ein sehr bescheidenes Jahrhundert, Man muß sich wundern, daß sich keiner wundert. WAS SOLLICH MEINEN ENKELN EINMALSAGEN? Was soll ich meinen Enkeln einmal sagen, Wenn ich's erlebe, und sie einmal fragen, Wie das in diesen wirren Zeiten war? Wie kann ich ihnen zu erklären wagen, Daß es noch Lächeln gab und Wohlbehagen, Trotz Unheil, Elend, Drohung und Gefahr. Was soll ich meinen Enkeln einmal zeigen Von dieser Zeiten wildem Todesreigen, Der sich im Taumeltanz zum Abgrund schlingt? Daß es ein Schauspiel sei, wert, sich zu neigen? Oder ist's besser, schuldbewußt zu schweigen, Weil dieser Opfergang wohl kaum bedingt? Was soll ich meine Enkel einmal lehren, Wenn sie sich ob der Ahnen Schuld beschweren, Oh ihrem sinnlos-grauenhaften Tun? Daß es ein Unglück, blut'gen Ruhm begehren, Daß sie ihr Leben lieben und verehren, Und, daß der Mensch nur Mensch, wenn Waffen ruhn! uhn! ZUM BUCH: NAZIFUHRER SEHEN DICH AN" Hier sieht Europa nackt, dokumentarisch Spezial- Verbrechertum, bewußt und arisch, - Das unbekümmert um die Menschheit- haust. Unfug und Untat im verworr'nen Knäuel; Kein Greuelmärchen, sondern echte Greuel. Die Welt verwundert sich, Europa graust. - Nur keine Hemmung oder Lustverdrängung: Entführung, Überfall, Zerstörung, Sprengung. Weg mit der Menschlichkeit es gilt die Tat ( Die Wahrheit gegen Propagandadichtung)! Hier seht das Werk: Bedrohung und Vernichtung. Wer glaubt ans Endziel, an den Musterstaat? - Und wer dies las und vor dem Tun erstarrte, Der wisse: Dies ist nur die Musterkarte, 1st nur ein Rinnsal von der blut'gen Spur. Darum, sich wappnend gegen braune Horden, Ist der Entschluß in allen reif geworden: Zusammenschluß zur Rettung der Kultur! 27 WITZE MACHEN VERBOTEN Auf die Herren Führer nämlich. Kommst du Rudolf Heß zu dämlich, - Trittst du Goebbels' Fuß zu nah, Streifst du Görings tausend Orden, Wagst du, Streicher aufzunorden, Mensch, so holt dich die SA! Hitlers Schnurrbart ist nicht streifbar, Schachts ,, Manschette" unangreifbar, SS- Himmler ein Apoll! Rosenberg war nie ein Heide, Baldurchen tu nichts zuleide, Sonst kriegst du die Schnauze voll! Rust ist kein Gehirnerkrankter, Darré noch viel sakrosankter, Ley haßt Alkohol wie Gift; Gehst du Papen an die Ehre, Zweifelst du an Feders Lehre: Der befohl'ne Schlag dich trifft! Arbeitsdienst ist unentbehrlich, Alle Statthalter sind ehrlich, Dachau ist im Volk beliebt. Wenn du Witze machst, dann weiche. Weil's im schönen Dritten Reiche Einfach nichts zu lachen gibt! 28 A0 | 15 DIE BETRIEBSGEFOLGSCHAFT FLÜSTERT: Wir hören unentwegt und mit Entsagung, — Abkommandiert zur Radio-Übertragung— Die Führerworte im Maschinenraum; Wir lesen in den vorgeschriebenen Blättern, Wie sie den Klassenkampf ganz leicht zerschmettern (Um unsre Lippen sieht mans Lächeln kaum). Wir hören Herren, die wir sehr gut kennen, Von oben her treuhänderisch ernennen Und folgen ihnen schweigend, stur und blind; Wir tragen„Ehre“ unter Arbeitsschürzen Und lassen ständig den Tariflohn kürzen (Und wissen, was wir Thyssen schuldig sind). Wir drehn— verschwiegene Industriesoldaten— In stillen Schuppen neueste Granaten Und fragen nicht nach Wie, Warum und Wann; Lesen den Abzug auf der dünnen Tüte, Vertraun auf Gott und des Betriebsherrn Güte (Und sehn uns gegenseitig prüfend an). Wir schuften sehend, wartend und verschlossen, Wir werben still entschloßne Kampfgenossen Und nehmen alle Lügen stumm in Kauf. Wir kennen uns und brauchen nicht zu sprechen. Und wenn wir stark genug, um loszubrechen, Dann— kündigen wir die Gefolgschaft auf! l ZUSAMMENHANGE Wenn der Onkel von der Lina Winkelmeier Sich mit Tante Hildegard versöhnt, So, daß sie erscheint zu Jupps Geburtstagsfeier, Und ihr Heinz dort nicht zuviel von Else stöhnt. Wenn dann Tante über Arthurs Reise (Na, du weißt: im Winter nach Athen!) Sanft hinweggeht. Und die Ly ist leise. Dann, mein Kind, kann es am End geschehn, Daß die Lina und der Doktor Krauß Eventuell, vielleicht, s0 sieht es aus, Unter Uniständen, gegebenenfalls, wenn alles gut geht, Sich verloben dürfen. Wenn der Seniorchef von Hoffmannsdorf und Lincke Bei der Lieferung von Robert Schiebelbein Mitbeteiligt is. Und sein Kompagnon, Herr Stracks, die Winke Sich zunutze macht, vom Stahlverein, So, daß Stolz und Specht auch die Verbindungsstücke Für die Siebenhundert-Liter-Kolben drehn. Und die Bergische baut noch die Landungsbrücke. Dann, mein Kind, kann es am End geschehn, Daß der Lithograph in unserm Haus Eventuell, vielleicht, so0 sieht es aus, Unter Umständen, gegebenenfalls, wenn alles gut geht, Die Geschäftsbogen drucken darf. Wenn sich Mussolini mit dem Ras verständigt, So, daß England nicht mehr um den Seeweg bangt, Und es wird in Genf von Frankreich sanft gebändigt, Und Herr Hitler nicht nach Wien hinüberlangt, Und infolgedessen auch die Balkanstaaten Nicht zur Offensive übergehn, Wodurch USA und Japan nicht zusamm'geraten. Dann, mein Kind, kann es vielleicht geschehn, Daß trotz aller Fehler dieses Weltenbau's Eventuell, vielleicht, s0 sieht es aus, Unter Umständen, gegebenenfalls, wenn alles gut geht, Diesmal noch kein Krieg ausbricht.…. KONGRESS DER FRIEDENS- VERTRAGE In irgendeinem Land mit Seen und Bergen, Wo sich's parlieren und dinieren läßt, Da trafen sich(bewacht von ihren Schergen) Die Friedenspakte jüngst, aus Os und West. Der aus Versailles saß grau am Tafelende, Er schien sehr dünn und wirkte arg senil. Ganz zahnlos war er, kraftlos seine Hände, Und überhaupt, man sah von ihm nicht viel. Die Reden stiegen, und die Gläser klangen, Und jeder sah, ob ihn die andern säh'n. Zwei blieben wortkarg, ängstlich und befangen: Von Trianon der und von St. Germain. Ein Humorist von einst— wie Siegfried Arno— Bemüht, daß man mit Lachen an ihn denkt, Agiert im Vordergrunde Herr Locarno, Und trotzdem ward ihm kaum ein Blick geschenkt. Zwischen Hors d’'oevre, Portwein und Langusten Bracht’ der aus London manchen Trinkspruch dar, Man hörte zu, obwohl sie alle wußten, Daß er s0 gut wie schon gestorben war. Ein Dutzend waren da, die keiner kannte. Doch alle tranken ihre Gläser leer. Und als man plötzlich auch den Stresa nannte, War der verschwunden, schon vor dem Dessert. Sie sprachen lebhaft, leicht beschwipst und zweckvol!, Foto-Reporter füllten das Lokal, Die Tonfilmlampen machten jedes Eck voll, Und alle freuten sich auf's nächste Mal. Sie schwangen Reden und sie aßen Braten Und glaubten, ohne sie könnt" nichts geschehn. Und als sie rauchend vor die Türe traten, Da war die Erde grad’ am Untergehn. DIE ANGST Sie hockt, ein Tier, auf unser aller Rücken Und formt mit ihrer Drohung Schein und Sein. Verträge, Heere, Bündnisse und Brücken Bestimmt die Angst, die nackte Angst allein. Stellt eine Kammer die Vertrauensfrage, Gewährt ein Schuldner mehr, als du verlangst, Zählt ein Minister seines Amtes Tage: Im Hintergrund diktiert das Tun die Angst. -- Wenn du als Abgott etlicher Millionen Bei Freudenfesten in der Menge prangst, Stehst du umjubelt unter Kranz und Kronen: Wenn du allein bist, hetzt dich doch die Angst. Bist du aus deinem Heimatland vertrieben, Weil du nicht die beliebte Fahne schwangst, Und fandest Zuflucht nur mit deinen Lieben: Auf deinem Eiland lauert stumm die Angst. Wo ist die Zeit, da du im frohen Kreise Um echte Freunde deine Arme schlangst? Wohl kannst du laut sein, aber bohrend leise, Wenn du ernüchterst, meldet sich die Angst. Wenn trotz Entwertung, Absatzschwund und Krise Du eine kleine Stellung dir errangst: Im Sturm erschüttert dich die erste Brise. O Existenz- Angst, ärgste Form der Angst! Angst um Asylrecht... Angst um die Ernährung. Ob Fürst, ob Bettler: du erhoffst und bangst. Angst um die Mehrheit, Ängste um die Währung.... Aus allen mut'gen Worten schreit die Angst. 36 Was man auch redet, unterschrieb und druckte, Die Menschheit steht, wie ehmals, nackt und bloß. All’ ihre Gaben, schöne— Angstprodukte. Die Zeit ist klein, und nur die Angst ist groß. AUF FALSCHEM GLEIS Es kommt ein Zug von auswärts her, Der fährt wohl kreuz und fährt auch quer, Fährt bald in Nacht und Nebel. Das kommt: Sein altes Personal Schmiß man hinunter ganz brutal Und packte selbst den Hebel. Nun glaubt die Welt, die halb begreift, Es fährt ein Zug schon, wenn er pfeift, Und horcht nur auf sein Brausen. Wer wirklich führen kann, erkennt: Der Zug, wenn er so weiter rennt, Muß in die Tiefe sausen! Wohin des Wegs? Zu Tal, zu Tal! Kein Warnungszeichen, kein Signal Stört ihn( von Seine und Themse). Wenn er ins Schleudern erst gerät, Ist jeder Hebelgriff zu spät. Denn dann versagt die Bremse! - 10 Ich U כ םכי D U D N D 40 40 ES ICH SEH DICH SPIELEN, KIND Ich seh dich spielen, Kind, Und muß beglückt dein kluges Tun bestaunen. Du spielst so leise, still und ohne Launen Und bist für alle andern Dinge blind. Du spielst s0 abgeklärt. Noch haben Hast und Wollust keine Nahrung. Wohl mischt sich in das leise Tun Erfahrung, Doch nur, was man von Baum und Tier erfährt. Ich seh dich spielen, Kind, Und meine Sinne werden leicht und freier.| Von vielen Dingen fallen sanft die Schleier,| Ich glaube jetzt, daß sie zu lösen sind. VON DEM MANNE, DER ÜBRIG BLIEB Er trat aus seiner stillen Gletscherhütte, Darin er forschend Jahr um Jahr verbracht, Daß er sein Wissen unter Menschen schütte. Jetzt schritt er schweigend durch der Berge Pracht. Doch, da er abstieg zwischen Grat und Schroffen, Wehte ihn Eishauch an von ungefähr, Als wenn vermodert aller Zukunft Hoffen, Als wenn die Menschheit rings gestorben wär. Ein Grauen zog ihm seine Brust zusammen, Und immer schwerer ward ihm Herz und Hauch. Aus fernen Tälern wuchsen spitze Flammen, Hoch über Wäldern standen Staub und Rauch. Da trieb ihn plötzlich ahnendes Entsetzen, Daß er, geschüttelt, in den Talgrund lief. Kein Ruf, kein Tier. Nur Brandgeruch und Fetzen. Und Häuserreste, aufgeschlitzt und schief. Des Mannes Augen starrten in die Leere, Bei Lag Un Ein Me Un 이 Un 58 ᎠᎴ U Bi U Er Ei U K D D E D Wie Eisesflut es ihm zum Herzen kroch. Er stand im Tal. Vor einem Trichtermeere. Wo einst ein Haus stand: Wüste, Krater, Loch... Da wußte der Gelehrte, was geschehen, Daß ihn der Kehricht einer Welt umfing. Dies blieb vom Krieg. Nun schritt er, um zu sehen, Bevor er selbst den Weg zu Ende ging. Er schritt. Wo einst ein Kraftwerk war, Da stand jetzt ein rauchender Opferaltar Mit Schaltbrettern, Splittern und Spleißen. 42 B Beim Blechschild ,, Vorsicht! Lebensgefahr!" Lagen zwei Beine, ein blutiges Paar. Und ringsum die Kacheln, die weißen. Ein stinkender Haufen, der Seuchen gebar. Meẞuhren. Und Hebel. Ein Blatt ,, Inventar". Und Dämpfe, die beizen und beißen. Ölkannen. Tabellen. Ein Pfeifchen sogar. Und Stangen. Und Drähte. Wie wehendes Haar. Das hatten sie Technik geheißen... Und er sah einen Raum: Zwischen Mörtel und Staub, Bilder und Büsten, den Flammen zum Raub, Und Noten, durchlöchert, gleich Sieben; Er sah eine Orgel, verbogen und taub, Ein Buch mit dem Titel ,, Vertraue und glaub!" Und die Leiche der Frau, die's geschrieben. Kostüme, Kulissen, Harnisch und Haub, Den Rest eines Teppichs mit Rossegeschnaub, Darin Ratten ihr Spielchen getrieben; Ein Schildchen aus Messing ,, Die Rheinpfalz bei Caub", Die Stirn eines Helden mit schmückendem Laub. Das war von den Künsten geblieben... Und Speicher sah er. Zerschmettert, verrenkt. Und Schiffe, die waren im Meere versenkt. Und Waagen: einarm'ge Prothesen; Läden und Läger, von Wasser durchschwenkt, Und Lieferwagen, in Trichter gelenkt. Und Blut, als geschäftliche Spesen. Und Waren, die lagen zerstreut, wie verschenkt. Und Kaufleute hingen, an Schlingen gehenkt. Bei Höchstpreisen, deutlich zu lesen. 43 Und Säcke und Kisten, mit Giftgas getränkt. Hallen und Keller, mit Balken verschränkt. Das war ihr Handel gewesen... In Hörsäle stieg er, durch wüstes Gestein. Da lagen die Hörer auf Bank und Schrein, Wohin die Gase sie bliesen. Granaten stampften in Löcher hinein, Die Instrumente, die blitzend und fein U M DUDS D Einst Wahrheit der Lehren bewiesen. Und Tafeln, die riefen: Dies präge dir ein, Die fraẞ jetzt die Flamme mit funkelndem Schein: Logarithmen, Axiome, Devisen.. So sah er denn unter Geröll und Gebein Begraben die Fragen nach Schein oder Sein, Die sie als das Wissen gepriesen... Da schritt der Forscher, ganz zu Eis geworden, Durch die entseelte, wüste Erde hin. Er hob die Augen von dem großen Morden, Als stünde in den Wolken Zweck und Sinn. Zum Himmel rief er laut, dem weitgespannten, Und klagte ihn, ob all des Unheils, an. Er sah sich selbst wie einen Unbekannten Und fragte sich nach Wie und Wo und Wann. Ihn trieb, dem Himmel und sich selbst zu zeigen, Wie ungeheuer hier die Erde litt. Doch, von den Wolken, aus der Brust nur Schweigen. Da floh der letzte Mensch im Wahnsinnsschritt. Aus seiner Brust, die das Entsetzen engte, Stieg weißer Atem, wie ein Leichentuch. S B 44 Und in das Schweigen streute der Versprengte Mit wildem Schluchzen, schreiend, Fluch auf Fluch. Dann hörte er sich leis ein Trostwort sagen, Und über all dem Grauen lag die Ruh. Dann wieder, unter Flüchen, Weinen, Klagen, _Stürzte er fessellos dem Abgrund zu. Die alten Kämpfe schienen zu geleiten Selbst diesen einen Mann, der übrigblieb. Und s0 begann er mit sich selbst zu streiten, Bis es auch ihn von dieser Erde trieb. RECHTFERTIGUNG Ich will an dieser Schmach nicht Anteil haben. Sie haben meinen besten Freund begraben, Den braven Juden Robert Harf, Der sich verzweifelt aus dem Fenster warf ( Weil sich ein Jude doch nicht wehren darf), Als sie sich zur Zerstörung in sein Haus begaben. Ich will an dieser Schmach nicht Anteil haben. Zehn ganz auf Mord gedrillte rohe Jungen Sind früh am Morgen bei ihm eingedrungen Mit Hammer, Hacke, Beilen und Benzin. Sie sprengten Türen, hackten wild und schrien, Sie suchten seine Werte, suchten ihn. Zerschlagend, brüllend, hoch das Beil geschwungen, Bis die Zertrümmerung auch ganz gelungen. Als sie den Hausrat überall zerschlagen, Sah er ein Bild sie an das Fenster tragen, Der Mutter Bild( mit Augen, groß und bang). Da war es, daß er aus dem Fenster sprang. Er wollte vor ihr unten liegen zum Empfang. Sein Kopf zerschlug an einem Leiterwagen. Er schrie ,, Mama!", wie alle Nachbarn sagen. Im Hause Harf bin ich mit großgeworden Bei guten Reden und Klavierakkorden. Wir fragten nicht nach Rasse, Art und Nam. Wir lernten, spielten, teilten unsern Kram. Frau Harf half Mutter, die ins Kindbett kam. ,, Faust" griff ich mir aus Roberts Bücherborden Und ahnte nicht, daß sie ihn mir ermorden. Sie De Er Er th Er U D ONS Z S S V U G 46 Sie jagten den Gefährten, den Gespielen. Der Robert Harf ist einer nur von vielen. Er hatte Glück, daß er zur Zeit entsprang. Er braucht nicht sterben, langsam, jahrelang, Ihm ist nicht vor der nächsten Hetzjagd bang. Er schmachtet nicht in eines Lagers Sielen, Und niemand prügelt ihn mit Schaufelstielen. Doch ich sah viel in seiner Todesstunde: Zerschnittnes Bett, ein Kind mit Schädelwunde, Sah einen Hund, den man aus Lust erschlug, Sah Heiligstes, das man aufs Mistbeet trug, Verjagte Greise... oh, ich sah genug. Und, da das Schweigen Gift mir wird im Munde, Gebe ich weinend von der Schande Kunde. Dieses Gedicht wurde von dem Autor ohne Namensnennung in vielen deutschsprachigen Zeitungen des Auslandes unmittelbar nach den Synagogenzerstörungen veröffentlicht. Aus erzieherischen Gründen hielt der Verfasser die Fiktion aufrecht, daß es sich um die Aussage eines nichtjüdischen Vertreters des anderen Deutschland" handele. 47 47 INMITTEN 1940 bis 1945 ERLEDIGT Was sollten sie mit dem Toten auch tun? So haben sie ihn denn angepackt, Im Winkel vom Waschraum liegt er nun, Mager und wächsern und nackt. Er kam ganz kräftig in das KZ Und war immer munter und laut. Erst verlor er die Laune, dann verlor er das Fett. Jetzt liegt da nur Knochen und Haut. Um die spitzige Nase ein bitterer Zug, Den Mund halb auf, wie zum Schrei. Es ist, als wollte er rufen: ,, Genug"! Doch, mit dem Protest ist's vorbei. Sie schlagen ihn in ein dreckiges Tuch Und schleppen ihn endgültig fort. Dann streicht man den Namen in einem Buch. Und einer geht ab beim Rapport. Dachau 1940 51 VISION Frau, schau mich nicht so seltsam an Und forsche nicht in meinen Zügen. Ja, ja, ich bin's, ich bin dein Mann, Dein Auge will dich nicht betrügen. Wenn ich dir fremd geworden bin, Und unverständlich meine Sitten: Ich bin durch Not und Elend hin Und oft am Tod vorbeigeschritten. Und bin ich endlich auch zu Haus, Wir wollen unsre Freude dämpfen. Denn, Frau, ich ruhe mich nicht aus, Ich muß für unsre Kinder kämpfen! Gewiß, es käme mir auch zu, Mich endlich einmal auszustrecken, Doch find ich weder Rast noch Ruh, Solange Haß rings herrscht und Schrecken. Ich bin nicht eher froh und frei Und habe keine guten Stunden, Bis daß ein End' die Tyrannei Für jeden Schaffenden gefunden. Drum halte nicht den Kopf gesenkt, Sag nicht, daß ich nicht an euch denke. Die Freiheit ist mir erst geschenkt, Wenn ich der Welt die Freiheit schenke. Buchenwald 1942 52 52 DEUTSCHER WEHRMACHTSBERICHT Vom Donezbogen bis zum Don Kam heut der Feind nicht gut davon, Er mußte weidlich hetzen. Doch uns gelang es, neu gestärkt, HOW - Vom Feinde ziemlich unbemerkt-, Uns von ihm abzusetzen! Auch unterhalb des Peipus- Sees Gelang's ihm nicht, trotz aller Drehs, Sich wirklich aufzubäumen. Doch wir vermochten eine Stadt, In Eilmärschen und ziemlich glatt Und planmäßig zu räumen! Was unser ruhmgekröntes Heer Vollbrachte heut am Asow- Meer, Wird jeden Feind bestürzen; Die Truppen konnten dort mit Schwung In herrlicher Begeisterung Wirksam die Front verkürzen! So sorgt die Führung mit Elan, Nach vorher festgelegtem Plan, Daß hell der Ruhm erglänze. Das Heer zieht, wie im Adlerflug, In wunderbarem Siegeszug Bis zu der deutschen Grenze! Buchenwald 1943 53 333 JEDEM DAS SEINE Die Herren haben wirklich Humor In diesen bitteren Zeiten: ,, JEDEM DAS SEINE" steht höhnisch am Tor, Durch das die Häftlinge schreiten. So leuchtet, erhaben und arrogant, Was sie an das Höllentor schmieden. Uns ist auch ohne das Sprüchlein bekannt, Was jedem im Lager beschieden: Dem Häftling- das Stehen in Sonne und Sturm, Erfrieren und klatschende Güsse. Dazu vom todesdrohenden Turm Das ernste Versprechen der Schüsse. Den Henkern die Ehre, der schmackhafte Schmaus, - Das Gleiten auf federnden Felgen; Die Ruhe und das behagliche Haus, Die Wollust, die Macht und das Schwelgen. Dem Häftling- der Hunger, die Angst und die Last, Die Marter, die viehischen Witze; Das Essen, das Baden, das Schlafen in Hast Und schließlich die mordende Spritze. Ihr Herren, die ihr heute noch grient, Glaubt mir, was ich schwörend beteure: Einst holt sich der Häftling, was er verdient. Und ihr? Ihr bekommt dann das Eure! Buchenwald 1943 54 54 DER HAFTLING Sie standen um ihn, roh und wutbesessen, Und drohten ihm mit Knüppel, Kugel, Beil. Sie wollten ihn mit Schreck und Schlag erpressen, Und ihre Henkeraugen glänzten geil. Er sah nur stumm in ihre Mörderfressen Und schwieg und litt. Und dachte sich sein Teil. Sie schlugen zu in blutigen Exzessen Und gingen lachend fort und brüllten„Heil!“ Er lag und überlegte unterdessen: Wie schweig ich nur noch eine kurze Weil”. Hat nie den Auftrag, nie das Ziel vergessen. Der Körper wund, der Wille stark und steil! Buchenwald 1943 55 | y ; 4 4 DER STEINBRUCH Eine Landschaft, wie am Schöpfungstage: Sand und Steine, Büsche. Und sonst nichts. Grave Gräser. Schreie wilder Klage. Ort des Grauens, Tal des Weltgerichts. Müde Füße, abgewetzte Treppen. i Alles jagt und hastet, keucht und rennt. Schleppen— Schleppen— Schleppen— Schleppen. Und erbarmungslos die Sonne brennt. Schläge klatschen, Menschen fallen nieder. Wolken Staubes und dazwischen Blut. Fallen— Tragen. Immer, immer wieder. Schmerzensschreie, Schreie wilder Wut. Doch der Tag der Freiheit kommt für jeden. Kamerad im Steinbruch, bist noch Knecht. Einmal werden Steine für dich reden. Wird der Steinbruch einst an dir gerächt?.….. Buchenwald 1944 Б D SAND NACHRUF FÜR ALBERT KAISER Albert, wenn wa heute Dein jedenken, Nur een ernstet, aba kurzet Wocht. Unse Zunge wolln wa nich verrenken, Denn, det haste janich jern jemocht. Albert, kiek, Du warst nich von die Sorte, Die jroẞ anjiebt, wennse wat passiert. Darum heite keene jroßen Worte, ( Wenn't uns ooch den Hals zusammenschniert). Menschenskind, wir kenn det noch nich fassen: Wie im Strudel biste wegjetaucht. Viel zu friehe haste uns verlassen, Und wa hätten Dir noch sehr jebraucht! Hast im Kampfe Deinen Mann jestanden, Nie jewankt, jedeutelt und jedreht. Aba heite biste nich vorhanden, Jrade, wo et uff det Letzte jeht. Mensch, man konnte mit Dir Pferde stehlen, Warst een Kämpfer, warst een Aktivist. Und den Roten Wedding wirste fehlen, Wo Du erster Mann jewesen bist. Immer uffrecht hieltste Deinen Nacken, Hieltst Dir stark fier unsere Idee. Nun zum Schluß muß Dir de Seuche packen. Lieber Albert, det tut bitter weh. Sicher sei, det wir Dir einmal rächen! Jetzt jenieß die viel ze friehe Ruh. Und zum Abschied wolln wir Dir versprechen, Det wir kämpfen werden, treu wie Du! Gesprochen bei der illegalen Gedächtnisfeier, Buchenwald, Herbst 1944. 59 ZEBRA Ich bin der Häftling XYZ, Bin irgendeiner vom Lager. Mein Bett ist nicht weich, mein Essen nicht fett, Und ich selber bin traurig und mager. Ein sterbender Zeuge der Nazikultur, Muß ich einen Auftrag erfüllen: Das, was ich erlitten und was ich erfuhr, Der Welt in die Ohren zu brüllen! Als letztes Opfer der Tyrannei Hört mich, von Augsburg bis Bebra. Mein Dasein, ein einziger Anklageschrei: Zebra! Zwangsarbeiten haben mich ausgehöhlt, Der Mangel mein Innres zerrissen. Ich wurde bespieen, gefoltert, begröhlt Und am Ende zum Abfall geschmissen. Erst wurde ich schwach, dann wurde ich krank Und nutzlos war's, mich zu jagen. Doch, als ich hinkte, versagte und stank, Da ward ich gehetzt und geschlagen. ,, Ins kleine Lager!"- ein düstres Loch, Wie für Aussatz, Pestkranke und Lepra. Um den Rest eines Menschen schlotterte noch Zebra! Doch blieb ich erhalten als Rache- Fanal. Belohnt ward mein Harren und Dulden. Als lebendes Beispiel von Jammer und Qual Zeig ich, was Faschisten verschulden! Ich habe mich noch in die Freiheit geschleppt, Noch konnte der Tod mich nicht beugen. 60 Ver Ich Die Bin Als Ze Gesc 61 Vergeltung— mein Atem, Geduld— mein Rezept. Ich blieb, denn man braucht einen Zeugen. Die Rechnung geht auf. Durch mich ist sie ganz. Bin die letzte Zahl der Algebra. Als letzter Posten in der Bilanz: Zebra! Geschrieben, unmittelbar nach der Befreiung durch die 111. Amerikanische Armee, April 1945, Buchenwald. NACKTE AUSSAGE Ich habe so tief im Elend gesteckt, Ich schien verloren, verkommen, verdreckt. Gejagt ward ich und gepeinigt. Erst, wenn ich sage, was ich sah, Erst wenn ich schreibe, was geschah, Bin ich vom Schmutz gereinigt. „ D ᎠᎴ Bewe ( D W D Er Si ESS So D ,, BAUM DER SCHMERZEN" Gleich Scheuchen, die im Winde wehen, Frei schwebend über Zeit und Raum. Bei dummen Disziplin- Vergehen Als Strafe ,, eine Stunde Baum"! Sie hingen uns wie Vieh an Haken. Sie hatten, wenn man's recht erwägt, In ihren Brüsten nur Kloaken, Wo anderen ein Herze schlägt. Bu IN DER JAUCHE Umströmt von pestilenz'schem Hauche, Getrieben von SS- Gebelf, So schleppte vierzehn Stunden Jauche ,, Kommando 4711". Und wenn vor Schwäche dann versagte Ein Mistbeförderungsautomat, Ein Fußtritt ihn ins Becken jagte, Wo man ihn in den Unrat trat. 62 53 63 ,, DER JUDENHAUFENSINGEN!" Das arme Volk der ,, Auserwählten" ( Den ,, Ariern" gleich in Reih und Glied), Wie sie es höhnten, jagten, quälten: ,, Der Haufen singt das Judenlied!" Erniedrigte und Angespiene, Sie kamen dem Befehle nach. Sangen mit unbewegter Miene Das Lied. Zu ihrer Henker Schmach. Buchenwald 1945, nach der Befreiung UND HEUTE LIED DES HEIMKEHRERS Nu bin ick also wirklich doch ze Hause. Man hat mir sojar feierlich bejrüßt. Nu seid ma still und macht ne kleene Pause, Denn ick bin frei, doch in mir is det wüst: Jeputzte Menschen seh ick, höre lachen, Und manche machen ooch vor Hunger schlapp! Ick sehe scheeene, höre schlimme Sachen Und weeß nur eens, de meisten ham det knapp. Det is janz anders, wie ick det jedacht hab, Ick finde uff det alles keenen Reim. Ob ick am Ende wat verkehrt jemacht hab? So kehr ick heim. Erst dachte ick, du läßt dir nich verkohlen, Wenn se mir so mit ,, Menschlichkeit" jenaht. Denn, scheene Worte soll der Deibel holen. Und die jabs allezeit. Wo blieb de Tat?! Ik dachte: Jeht mir weg mit Volksjemeinschaft. Det is der alte Zimmt, mir kommt et hoch. Jemeint is wohl, det man fier sich allein schafft. Un, wer de Pinke hat, dem hilft man ooch. Ick dachte so, wie ick zerickjekommen: Nu jehste keinem wieder uff den Leim! Nu bin ick hier, un- mir is janz beklommen. So kehr ick heim. Vielleicht is doch wat dran, ick muß mal warten, Vielleicht jibts anderet, wie ,, immer Ich!" Vielleicht, det alle nu wat Neuet starten Und unter Jestern machen eenen Strich? Vielleicht hat uns det Schicksal abgeschliffen, Und ham wer nu von all dem Kram jenuch? 67 Vielleicht ham alle endlich nu bejriffen: So jeht det nich! So jibt det immer Bruch! Vielleicht wer weiß det unter all die Trümmer - 1 Et sowat jibt, wie neuen Blütenkeim! Ick will ma sehn, wie ick mir mit drum kümmer.- So kehr ick heim! 68 80 B الم B H HB V M V N BERLINER NACHTGESPRÄCH ,, Junge, sag, was ist in dich gefahren, Hast dich heute ja so fein gemacht: Blanke Schuh, Pomade in den Haaren. Wohin willst du mitten in der Nacht?" - ,, Quatsch nich, Oller, laß doch det Jeflunker. Mieser Kackschmus. Hältste mir fier doof? Wohne du mal, so wie ick, im Bunker. Ick ha Neese pläng, ick jeh zun Schwoof! Meine Eltern sind verschütt jejangen, Und mein Bruder kam aus Charkow, lahm. Meinen Onkel hamse uffgehangen! Na und ick: will wat vont Leben ham! Zijaretten jejen Kombineechen. Sehn Se, so wat bringt mir jleich in Trab. Schwarzer Marcht und nette, kleene Meechen. Viel Verjniejen, Herr, ick have ab. Ick will leben, wenn der Herr jestatten. Ick schieb Kohldampf, seit ick denken kann. Na und heute: Hunger! Kälte! Ratten! Also: raus ausn Bau und nischt wie ran! ,, Junge, geh: Du bist zutiefst verdorben. Ja, dein Vater fiel bei Leningrad. Auch dein Onkel ist umsonst gestorben! Und um dich, mein Kind, da ist es schad." ,, So jefiehlvoll, Mensch? Wer nur nich krötig. Bei mir zieht det nich, wer hat, der hat. Ihr Erwachsnen habt det jrade nötig! Mensch, zieh Leine, denn ick hab euch satt!! 69 Î Erst habt ihr den Hitler euch erfunden Und denn sagt ihr, ihr habt nischt jemacht. Laßt uns loofen! Ihr seid faule Kunden! Ick jeh scherbeln.— Stike!— Jute Nacht!“ OFFENES WORT IN EIGENER SACHE Ich will euch sagen, liebe Volksgenossen, ( Die ihr jetzt wieder Demokraten seid): Warum die Freiheitsmonde, kaum verflossen, Schon wieder angefüllt von Haß und Neid. Von eurem Hasse und von eurem Neide, Die ihr mir zeigt, der kaum dem Tod entrann. Weil ich jetzt gehen darf in ganzem Kleide Und etwas besser esse, dann und wann. Und weil ich, nicht mehr in Baracken hausend, Ein wenig atme, der ich lang gequält. ( Es leben Zwanzig-, starben Fünfzigtausend! Ihr sprecht von uns, die werden nicht gezählt!) Ihr machts uns schwer, geliebte Volksgenossen, ( Die ihr jetzt wieder Demokraten seid). Ich kam nach Deutschland, dem ich einst entsprossen, Aus fremdem Land, wo wenig Müh und Leid. Ich kam freiwillig, um mit euch zu leben ( Die ihr mir beinah doch das Leben nahmi), Ich wollt euch Trost und wollt euch Hilfe geben. Ihr aber höhnt und schimpft und krächzt und kramt. Ihr schreibt uns allen, daß wir- übertrieben Und wieder säten neuen Hasses Keim. Und ich verlor doch alle meine Lieben, Verlor fünf Jahre, Freiheit, Kraft und Heim... Ihr seid entsetzlich, liebe Volksgenossen, ( Die ihr jetzt wieder Demokraten seid). Zu allem Unrecht seid ihr schnell entschlossen, Nur nicht zur Einsicht, Prüfung und Entscheid. Ihr seht das Elend nur in euern Mauern, Nicht aber, was ihr ringsum aufgehäuft; 71 Ihr kennt nur Jammern, Stöhnen, Selbstbedauern, Ihr denkt, daß unsre Schuld im Nichts verläuft. Und dennoch bleib ich! Trotz aller Beschwerden. Vielleicht vergeßt ihr: Blockwart, Pimpf und Maid. Vielleicht gelingts euch trotzdem, Mensch zu werden, Damit ihr wirklich Demokraten seid. 12 72 ES IST ALLES WIEDER DA! Es sind noch nicht anderthalb Jahre, Seitdem sich die Menschheit gedacht, Jetzt endlich käme das Wahre, Jetzt käme das Ende der Macht, Jetzt kämen die goldenen Zeiten, Wo der Löwe sanft ruhe beim Lamm, Wo Menschen sich Freude bereiten Und Keiner vor Keinem steht stramm. Es sind kaum anderthalb Jahre, Da man glaubte, man habe gelernt, Man liebe das Gute, das Wahre, Und jeder Konflikt sei entfernt. Es gäbe nicht Falschheit und Rache, Nicht mehr Verleumdung noch Dieb, Und Jeder vertrete die Sache, Für welche er sprach oder schrieb. Es sind noch nicht anderthalb Jahre, Seitdem uns die Sintflut so nah, Doch wie ich fast täglich erfahre- Ist alles, was war, wieder da: - Es gibt wieder neuerdings Tränen, Gibt wiederum Eimer voll Dreck, Gibt Tiger, Schakale, Hyänen Und Schiebung und Schande und Scheck. Es sind noch nicht anderthalb Jahre, Seitdem man sich bessern gewollt, Wir hupften dem Tod von der Bahre, Doch der uralte Wahn uns umtollt. Sie schimpfen, sie streiten, verdrehen, Sie spritzen mit Galle und Gift, Es ist, als wär nichts geschehen, Ich mein, was die Menschheit betrifft: 73 Es sind noch nicht anderthalb Jahre, Schon gibt es, anstatt der Geduld, Kommandos, Kommerz, Kommentare Und Schuldige, Schulden und Schuld. Es gibt viel Parteien und Bünde Und Zwietracht, Zerwürfnis und Zunft, Für all diesen Unfug gibt's Gründe. Ach, gäb es auch endlich Vernunft. 74 WIE KONNTE ES DAHIN KOMMEN? Ihr steht und staunt. Die Akten sind geschlossen. Was da zutage trat, war nie geahnt: Feigheit, Befehl und Furcht der Volksgenossen, Wie waren sie zu schlimmer Schuld verzahnt. Wie konnten Menschen, die einst Kinder waren- Von Ehrfurcht, Scham und Menschlichkeit entblößt, In langen harten, mitleidlosen Jahren Untat verbreiten, die zum Abgrund stößt? Wie konnte dieses Volk der Weihnachtslieder, Der zarten Märchen und des Minnesangs Zerbrechen: Rechte, Völker, Frauenglieder, Herold des Mordes und des Menschenfangs? Wie konnte es mit diesem Volke dahin kommen? Wir haben uns wie alle Welt befragt. Wir stellten diese Frage arg beklommen, Wir haben auf den Grund zu gehn gewagt. Wir sind uns über Vieles klar geworden, Und wissen mehr vom Werden dieser Zeit. Und nun zu andern, friedlichen Akkorden, Zum Lied von Freiheit und Gerechtigkeit. Vielleicht erkannten wir uralte Triebe, Vielleicht erkannten wir, was künftig frommt. Vielleicht versuchen wir's mit Menschenliebe, Damit es niemals wieder dahin kommt! Zum Urteil von Nürnberg 75 DIE NEUEN KRIEGSHETZER Eigentlich sind es die alten, Immer dieselben Gestalten: Söldner, bestochene Schreiber, Tratsch- und auch andere Weiber, SS- Mann und Koltschak- Russe, Pfiffi- und Syndikusse. Sie haben's von ,, wichtigen Leuten" Und ,, wissen die Zeichen zu deuten", Verbreiten zu gerne die Hiobspost: ,, West gegen Ost!"... Sie wittern ,, bestimmte Gefahren" ( Warum taten sie das nicht vor Jahren?), Sie haben ,, private Spione" Stets in der ,, anderen Zone". Und jede Ex- Schlachtfeld- Hyäne Kennt ,, künftige Aufmarschpläne". Wunschbildstrategen, Kriegsphilosophen, Raunen sie nur von Weltkatastrophen. Es stinkt ihrer Gerüchte Pest: ,, Ost gegen West!"... Die Herren Atombombenflüstrer, Sie sehen die Zukunft nur düstrer; Raketen und Bomben sie hexen Aus Minderwertskomplexen. Von jedem, der's Pöstchen verloren, Wird neu ein Weltkrieg beschworen. Und wirklich muß sehr bald auf Erden Ein neuer Krieg entfesselt werden: Bekämpft die Kriegsgerücht- Industrie! Wir gegen sie! 76 FRAU DAMALS Gestatten Sie: ,, Damals" - Wer lacht denn so roh? Da gibts nichts zu lachen, ich heiße mal so Und bin aus der besten Familie. - Mein Urgroßgroßonkel war fast- Philosoph, Mein Vater ein Richter am Volksgerichtshof, Ich selbst heiße Karin- Cäcilie. Mein erster Gatte war Garde- Ulan, Und auch mein zweiter hat nie was getan, Er hieß Freiherr Schkeudewitz- Trotha. Er war mit dem Kaiser verwandt( ganz entfernt), Wir haben alle nichts Rechtes gelernt, Doch standen wir damals im„ Gotha". Wenn ich an die großen Zeiten denke, Reichslandbund, Luisenbund, Wenn ich mich ins Kaiserreich versenke: Gott, war unser Deutschland da gesund! Damals hat es so was nicht gegeben. So was war beim Kaiser nicht erlaubt. Damals konnte man nach Höh'rem streben. Damals. Damals! Ja, und überhaupt... Als Dritter kam Damals und nahm mich zur Frau, Erst war er nur Blockwart und ich NSV. Doch später, da sind wir gestiegen. Mein Mann war im Reichstag und sagte nur ,, Ja" Und er führte die Kasse im NSKK. Und mein Sparbuch, das wuchs mit den Siegen! Wir hatten zwei Villen und Reichsmarschalls Gunst. Und Autos und Pferde und ,, jüdische Kunst" ( Was ,, artfremd", das ward uns gespendet). Wir hatten ein Jagdschloß und einen Palast, Und einmal war beinah der Führer zu Gast, Den uns der Himmel gesendet. 79 Wenn ich an die großen Zeiten denke, An die ,, Frauenschaft" und NSV, An die Spangen und Parteigeschenke, Und den Fünfuhrtee der Hohen Frau! Damals konnte man vor Wonne beben. War mein Gatte auch leicht angestaubt, Konnte ihn der Marschall doch ,, erheben". Damals. Damals! Ja, und überhaupt...! Und dann kam der Mai. Da zerplatzte das Ding. Mein Gatte ganz plötzlich auf ,, Dienstreise" ging. Es fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Wo mag er nur bleiben? Er hat nichts getan! Das NSKK war manchmal human. Seh ich ihn in Nürnberg wieder?... - Jetzt hab ich kein Auto und sehr wenig Schmuck Und trinke mal Rotwein und mal Muckefuck. Doch zur Neige gehn meine Konserven. Ich war an Pakete aus Feindland gewöhnt, Jetzt wird man beim Anstehn um Möhren verhöhnt. Mir geht das direkt auf die Nerven. Wenn ich an die großen Zeiten denke, Aber die sind vorderhand vorbei. Und sie nahmen mir die schönen Judenschränke Und sie fragen mich nach der Partei. Damals war es eine Lust zu leben, So was war beim Führer nicht erlaubt, Damals hat es so was nicht gegeben, Damals. Damals! Na, und überhaupt! 80 pt...! . g. k e höhnt. berhaupt! LEBT HITLER NOCH? Und wenn auf einer stillen Felsenklippe Ein Mann mit abrasierter Oberlippe Allein mit sich und seinem Größenwahn, Und wenn er irgendwo in Wind und Wellen An seine Morde denkt und Spießgesellen: Was ist dabei? Was ist damit getan? Und wenn in Japan, blätterdach- umgittert, Ein feiger Unhold vor Entdeckung zittert Und schmiedet schon zur nächsten Flucht den Plan; Wenn er verlorenen Palast bejammert, Sich an ein tierhaft Weiterdämmern klammert: Was hilft es ihm? Was ist damit getan? Und wenn er lebte, wenn er wiederkäme, Schwach hoffend, daß man ihn mit Macht verbräme: Nie wieder wär ein Erdenfleck bedroht! Es blieb ihm nichts. Auch nicht sein Popanz ,, Ehre". Es blieb nur Blutgeruch. Und Leere, Leere... Und wenn er Glück hat, ist er wirklich tot. Er lebt nicht mehr, auch wenn er wirklich lebte. Doch: alles Unheil, das er wild erstrebte, Lebt immer noch in Kreaturen nach: Wo einer mitleidlos, lebt Hitler weiter! Und, wo man knechtet einen Wahrheitsstreiter, Und, wo man Schwache schlägt und Worte brach! Wo man verfolgt wird um des Glaubens willen, Wo Rachedurstge ihre Lüste stillen, Und wo man Freiheit zwingt in fremdes Joch; Wo Lügen sich in große Worte kleiden, Wo Kleine um der Großen willen leiden... Wo Unrecht triumphiert, lebt Hitler noch! 81 SIND NUR DIE TOTEN NAZIS SCHULDIG? Schon Schiller schrieb: Der starb euch sehr gelegen! Das gilt auch für die Nazi- Heldenschar. Der Führer Tod betrachten sie als Segen, Wie deren Leben einst ihr Segen war. Da wälzt man Wortbruch, Wahnsinn und Verbrechen Auf die gestürzten Götzenbilder ab. Da, wie sie glauben, Tote nicht mehr sprechen. ( Denn Lebende, die bringt man schnell in Trab.) Die großen Männer, einst so sehr besungen, Hört man sie jetzt, sie waren winzig klein; Sie waren Hausknechte und Botenjungen. Und die Regenten?- Ja, die grub man ein.— Nur eins vergaßen sie, die Unschuldslämmer: Daß es geschwätzige Notizen gab. - Die selbstgefäll'gen Mord- und Leichenschlemmer, Sie schwätzen noch! Sie schwätzen aus dem Grab! Da war notiert mit Datum, Ort und Stunden Jedwede ,, Heldentat", die Menschen fraẞ. Im Tagebuch der Henker ward gefunden, Wie, wann und wo so ein Genickschuß saẞ. Die Präzisionsmaschinen, die sie schufen, Verschlingen sie. Der Mechanismus klappt. Klappt automatisch. Ja, die Toten rufen! Registratur erschlägt. Ihr seid ertappt! Es ist so weit. Man war doch sehr geduldig. Die Weltgeschichte schreibt ein neues Blatt. Wie meinen Sie: die Toten nur sind schuldig? Sie warten schon: Macht eure Rechnung glatt. 62 82 en IN EINER FREIEN WELT Wenn auch nicht alle Blütenträume reiften, Und mancher Abhub unsern Weg verstellt, Wenn uns auch Mißgunst, Haß und Dummheit streiften: Wir leben doch in einer freien Welt! Wir, allen Qualen und dem Tod Geweihten, Wir schritten lebend aus dem Höllentor. Wir, von dem Druck, dem Mord, der Angst Befreiten, Wir stehn im Licht und sehn den Blütenflor. Und wurden uns nicht Paradiesesfreuden, Und sind wir nicht vor Alltagsnot geschützt: Wir sind doch frei! Nun keine Zeit vergeuden, Den frohen Tag, den freien Tag benützt. - Was, machtberauscht, uns hinter Drähte bannte - - Und heute feig und falsch von Freiheit harft; Das unbelehrbar Dumme und Verrannte Es sei verfolgt von uns, gestellt, entlarvt! Und was mit braven Biedermännertönen Sich tarnen will und schmeichelnd an uns klebt, Laẞt uns beim Namen nennen und verhöhnen. Dann lacht das Leben erst, das wir erstrebt. - Die schöne Freiheit die wir mit erkämpften!-, Verdient sie täglich euch, zum Kampf bereit. Der Freiheit Feinde schlagt, die wir nur dämpften. Nur wer um Freiheit ringt, der ist befreit! 83 ERKENNTNIS Wir, die geknechtet und gefangen waren, Wie unverwischbar haben wir erfahren, Was nur die Not, die tiefste Not beweist. In Einsamkeiten, Dunkel und Verkettung, Gibt es nur eine Hoffnung und Errettung: Leben im Geist! Wie haben wir in dunklen, dumpfen Stunden Die letzte Einsicht unverhüllt gefunden. ( Und waren doch so klug und weit gereist.) Es gibt in Kerkerschatten, Schuld und Schickung Nur einen Weg aus Wirrnis und Verstrickung: Leben im Geist! D V B C S 84 DIE OPFER RUFEN Wieviel dazwischen lag, Bis wir in die Grube sanken Oder grau zu Asche fielen. Qual um Qual, Tag um Tag, Schlag um Schlag. Und immer in den Sielen. Wieviel Erniedrigung und Schmutz, Wieviel Verachtung, Kälte, Grauen; Wie fern von Wärme, Liebe, Frauen, Fern von Geborgenheit und Schutz. Wieviel Entsetzen, endlos viel, Das nie und nie zu Ende ging. Von kalter Grausamkeit ein Ring. Und immer nur der Tod als Ziel. Ihr seht uns nur dahingerafft, Als Opfer, Gleichnis und Idol. Verzeiht: uns klingt das Mitleid hohl; Leer eure Worte, ohne Kraft. Denn: nicht ein Heldenbildnis blieb, Nicht ein entseelter, stummer Gast: Ein Wrack, ein Krüppel, Dreck, ein Sieb. Zerwühlter Schlamm- Haut- Blut- Morast... Wenn diese Welt die Qual vergaß, Dann sind wir nur ein stinkend Aas, Dann sind wir nur ein modernd Fell. Dann wird die Erde nie mehr hell. Wir dürfen nicht im Schutt vergehn. Wir müssen wieder auferstehn. Wir müssen bei euch, um euch sein - In eines neuen Tages Schein.— Denn sonst war nutzlos alle Pein! 85 95 98 86 Vielleicht war euer Weinen echt. Allein, ihr habt uns nicht gerächt! Habt nur geschaudert und geflucht, Habt unsre Mörder nicht gesucht! Vielleicht, die ihr noch lebt im Licht, Ist euer Warten das Gericht, Und will die Welt die Rache nicht. Vielleicht, da euer Blut noch pocht, Verflackerte mit Recht der Docht, Habt ihr kein Morden mehr gemocht. Vielleicht ist's gut, daß man vergiẞt? Vielleicht. Vielleicht... Ihr lebt, ihr wiẞt. Wir aber sagen euch aus unsern dunklen Gruben: Ihr sitzt mit Unrecht in besonnten Stuben Und räkelt euch wie einst im weichen Pfühl! Die Untat trabt aufs neu durch alle Lande... Und wenn ihr uns vergeßt, ists Schimpf und Schande. Seid hart und klug und karg. Doch: seid nicht kühl! Ihr seid mit diesen Zeiten nicht im Reinen, Wenn ihr vergesset, über uns zu weinen, Die wir der neuen, bessern Zeiten Dung. Wenn ihr bedachtsam mit ,, Vergangnem" brechet, Wenn ihr den Schwur vergeßt und uns nicht rächet: Dann seid ihr nie mehr froh und nie mehr jung! Denn wir, zum Opfer für euch auserlesen, Wir wollen hier nicht für ein Nichts verwesen. Wir wollen unsrer Qualen Ziel und Sinn! Wenn ihr nicht kämpft, da, wo wir kämpften, litten, Wenn ihr euch beuget feiger Mörder Bitten Dann sterben wir zum zweiten Male hin! - Nein: reißt uns aus den Urnen, aus den Schächten, Entreißt uns unsern dunklen, stummen Nächten Und baut ein neues Heim auf das Gebein! Nur, wenn ihr ringsum das Gezücht zerschmeißet, Nur, wenn ihr uns aus unserm Dunkel reiẞet, Nur, wenn wir wieder sind, werdet ihr sein! 87 88 88 DAS ATOM SPRICHTI ( Als Bombe) Ich bin der Mikrokosmos, kraftgespannt, Bin die Zerstörung, lauernd und brisant. In mir kreist All, mit seinen kleinsten Teilen. In meinen Raum sind Welten eingezwängt; In mir ruht Macht, die alle Macht zersprengt. Was ich zerreiße, ist nie mehr zu heilen. Ich bin der kreisenden Vernichtung Geist, Die kleinste Welt, die größte Welt zerreißt. Kraftfelder strömen, lonen, Elektronen... Ich bin der rasenden Zerstörung Kern. Wer mich beflügelt, macht sich selbst zum Herrn, Zum Herrn zerfetzter Menschenmillionen. Ich, euer Werkzeug, werde euch benutzen! Vom Fuyijama bis zu den Abruzzen Wird eure Erde meinem Fall zum Raub. In alle Winde blas' ich Qual und Freude. Ich schlage auf: von eurem Weltgebäude Bleibt in den Winkeln etwas Atherstaub... Ein Krater: Wien, Paris und Rom. Von Towerbridge, Versailles und Petersdom Nicht ein Atom! Nicht ein Atom! DAS ATOM SPRICHT II ( Als neue Kraft) Ich bin der Kraftquell für das Zukunftsland. Ich bin Turbine, Schwungrad, Kolben, Band, Der kleinste Anstoß, lasse Urkraft kreisen; Ich spende Wärme, Wachstum, Schnelligkeit, Verbreite Schönheit, Stärke, Helligkeit, Verlängre Leben und verkürze Reisen. Ich heile Krankheit und vermittle Kraft und neue Quellen für die Wissenschaft, Als Segensspender und als Leidbezwinger; Ich zaubre Brot aus Gräsern, Gold aus Kies, Verwandle Wüsten in ein Paradies. Ich, euer Werkzeug, werde euch beschenken. Ihr könnt die Blitze, könnt die Stürme lenken, Daß keine Urkraft euren Werken grollt; Ihr könnt die Krankheit, könnt das Siechtum zügeln, Der Südsee Glanz und Reichtum überflügeln, Ins Ungemeẞne steigern, wenn ihr wollt, Den unaufhaltsam segensreichen Strom, Elektrokräfte, Volt, Ampère und Ohm, Durch das Atom! Durch das Atom! 91 Selbstgespräch eines satirischen Dichters auf der Brücke der Zeit - Da ziehen sie vorüber Dicke, Dünne, Abgehärmte und Verfressene, Kämpfer, Denker, Stillvergnügte, die Lärmenden, die Geldschrankknacker, die Politiker, die Betenden, die Freudenmädchen und die Prediger, das Arbeitsvolk, die Schieber, die Hausfrauen, die Studenten, Richter, Polizei und Hochschullehrer, ein Leichenzug dazwischen, eine Besatzungslimousine, Filmschauspielerinnen, Journalisten, Nachtklubleute, Bauern, Geld- und Güterjäger, Menschenfänger, Seelenmörder, Fahnen über ihnen, Losungen, Parteiparolen. Wer hat in diesem Zug wohin? noch das Herz am rechten Fleck? Wer springt, sofern er denkt und fühlt und einmal eine Hoffnung darauf hatte, daß es anders werden würde, endlich einmal von Grund auf anders, nicht aus Verzweiflung über das Geländer der Brücke dieser unserer Zeit? Wer wiederum hinterher, um die herauszuziehen, die es satt sind, und ihnen einen neuen Weg zu weisen? Wo ist der Platz, auf dem Vernunft, Besinnung sich noch vernehmen lassen können? - - Ich Narr! Als ob es jemals einen wesentlichen Unterschied in Zeiten gegeben hätte... An der Ecke drüben sitzt ein Leierkastenmann. Der und jene werfen in den Hut des Blinden einen Groschen für den Fetzen Melodie, der eine Erinnerung weckt, und um sich loszukaufen von der Mahnung, die seine Gegenwart und seine Orgel in ihr Dasein leiern. Ich sollte ihm meine Satiren geben, damit sein Werkel auf neuen Platten läuft und jedes Lied vom Morgen bis zum Abend die Wahrheit in die Menge schreit: ,, Es ist so weit. Man war doch sehr geduldig. Die Weltgeschichte schreibt ein neues Blatt. Wie meinen Sie: Die Toten nur sind schuldig? Sie warten schon: Macht eure Rechnung glatt!" Würden sie nicht doch aufhorchen, wenn es aus dem Leierkasten über ihre Köpfe hinweg, als wär's ein Lied vom Liebchen, Klänge- immer gleich, immer so dahin, für einen Groschen: ,, Was soll ich meinen Enkeln einmal sagen,/ Wenn ich's erlebe und sie einmal fragen,/ Wie es in diesen wirren Zeiten war?/ 92 92 - Wie kann ich ihnen zu erklären wagen,/ Daß es noch Lächeln gab und Wohlbehagen/ Trotz Unheil, Elend, Drohung und Gefahr?" Ein Gestrandeter, steh' ich da, wie jener an der Brückenbrüstung sitzt,- heimgekehrt und ohne Heimat. Sie sehen und beachten uns doch nicht, hören uns beide und hören uns doch nicht an. Mit ein bißchen Geld und ein wenig Beifall tun sie allzu leicht den Schlag ihres erwachenden Herzens ab. Gleich den Blinden erkenne ich, was wirklich ist, mit einem inneren Organ: dem untrüglichen Gespür für Echtheit, mag einer Prolet sein oder Pfarrer, Stadtrat oder Stiefelputzer. Auf die Echten haben wir's abgesehen, auf sie allein, da lohnt sich's noch- für den Leierkastenmann und mich: auf jene, die ein Herz haben, die nach der Wahrheit suchen, die bereit sind, für ein besseres Leben Aller das Feuer zu verlassen, über dem die Suppen des eigenen Vorteils kochen. - - - - Ah, was bin ich für ein Moralist! Natürlich Moralist, was sonst? Ein Lyriker vielleicht? Auch das. Doch nicht zuerst. Denn ich empfinde zwar, aber mehr die Not als die Natur, mehr den Jammer als die Lust. Ich höre, nur sind's die Schwingen von Todesvögeln, die von Leichenhaufen kommen und über Elendsscharen flattern, nicht Nachtigall und fröhliches Gezirp. Ich horche, aber nicht auf verliebtes Flüstern hinter Busch und Strauch, sondern auf den fernen Schrei des Freiheitsadlers über länderweiten Straßen von Ruinen, durch die der Mensch in Not sich Wege zurück ins Licht erbuddelt. Ich forme Reime, nur kaum aus Freude, meist aus Zorn, und der entstellt sie manchmal, weil der Stachel in das Fleisch der Satten fahren muß, die sich nicht um Blut und Tränen scheren, ob vergangen, gegenwärtig oder künftig. Wie könnte ich Lyriker sein, da die Satire der Empörung über so viel Unrecht, das geschehen, und so viel Schmach, die weiterleben darf, mir Tag und Nacht den Reim auf diese Zeit diktiert? - - Wozu das Ganze, blinder Leierkastenmann? Wozu? Weil ich glaube, Mann! Auch du glaubt's: daß es Milde, Güte, Einsicht in diesem unablässigen Haufen gibt, der über die Brücke zieht; der und jener bezahlt den Zoll des Herzens 93 - gern. Ich glaube mehr: daß nicht bloß die Gutheit, die Gutmütigkeit nicht aussterben werden, daß in vielen- wie vielen?, die da vorüberziehen, soweit sie nicht einfach harte Schufte oder nichtsnutziges Gesindel sind, der Trieb nach Recht und Freiheit lebt für sich, für uns, für alle, die das gleiche Menschenantlitz tragen, mag es entstellt, verhärmt, verkümmert und von den Falten vieler Interessen gezeichnet, ja wohl sogar überdeckt sein. Ich glaube an die Bruderschaft von allen, die irgendwo in ihrem Innern noch guten Willens sind. Bin ich ein Narr?! Mein Beitrag, der Beitrag des Satirikers, soll es mit erweisen... Spiel weiter, Mann, an deiner Ecke. Ich will's an meiner tun. - Lieber Karl Schnog! Nichts von dem, was Du im Lager Buchenwald für uns bedeutet hast, ist vergessen. Du warst tapfer, treu und menschlich, was sollten wir, über alle Unterschiede hinweg, mehr sein? Deine Satire, gegen die übelste Abart der Schergen Hitlers bei unseren illegalen Veranstaltungen von Dir vorgetragen, hat uns damals mit befreiendem Lachen erfüllt. Sogar Wilhelm- Busch- Verse gaben Dir Gelegenheit, den ,, Führer" als das darzustellen, was er war: ein leerer Sack, der sich mit Körnern füllte, ihnen aber weiszumachen suchte, daß er allein es sei, der sie zu einer Volksgemeinschaft mache. Nun, da Hitler nicht mehr ist, triffst Du seinen Geist mit jeder Zeile, die Gewesenes beschwört, Gegenwärtiges entlarvt und vor künftigen Gefahren warnt. Denn: ,, Alles Unheil, das er wild erstrebte, Lebt immer noch in Kreaturen nach:/ Wo einer mitleidlos, lebt Hitler weiter!/ Und, wo man knechtet einen Wahrheitsstreiter,/ Und, wo man Schwache schlägt und Worte brach!/ Wo man verfolgt wird um des Glaubens willen, Wo Rachedurst'ge ihre Lüste stillen, und wo man Freiheit zwingt in fremdes Joch,/ Wo Lügen sich in große Worte kleiden,/ Wo Kleine um der Großen willen leiden...,/ Wo Unrecht triumphiert, lebt Hitler noch!" Du wirst nicht aufhören, dies zu sagen, und es trägt seine Rechtfertigung in sich, auch wenn die Getroffenen dagegen toben mögen. Gelegentlich scheint mir ein 94 e er 4- er h n ! er Hieb nicht so ganz sicher im Objekt zu sitzen, und manchmal meinte ich: Ob's nützen wird? Aber das Bedenken ist im Selbstgespräch auf der Brücke dieser Zeit bereits geäußert worden, und wer wüßte auch im Durcheinander unserer Gegenwart so haargenau, was jeweils angemessen ist, was nicht. Auf die Klarheit der Sicht im ganzen und auf die Sauberkeit der Absicht im einzelnen kommt es an. Im übrigen les: sag', was zu sagen ist! Von den Menschen, die vorüberziehen, haben es die einen wohl verdient, die anderen, die nach der ungeschminkten Wahrheit lechzen, werden befreit aufatmen, wie wir in Buchenwald es taten, wenn Du auftratest; die Dritten, klug und abwägend, nachdenklich schmunzelnd oder schmerzlich berührt von unheilvollen Verpflichtungen, werden, wo es nottut, zu unterscheiden wissen. Eugen Kogon J st e e it e 1, =, i, r e r d , t + d r 95 95