OSR 20 DAS CHRISTLICHE DEUTSCHLAND 1933-1945 DIE KATHOLISCHE REIHE: Aus dem geistigen Kampf, den die katholische Kirche und der gesamte deutsche Katholizismus in den Jahren 1933-1945 führen mußten gegen die alle christlichen Fundamente unseres Volkes zu unterspülen drohende Sturmflut der antichristlichen, politischen und kulturellen Bewegung, sollen in dieser Reihe Dokumente und Zeugnisse gesammelt werden. Nicht um ein Heldenlied dieses Kampfes der jüngsten Vergangenheit zu singen, der ja keineswegs nur Erhebendes, sondern auch unendlich viel Schwäche, Versagen und Schuld bei uns selbst gezeigt hat, vielmehr um die trotz allem ungebrochene Linie aufzuweisen, die es mutig in die Zukunft weiterzuführen gilt. Gezeigt soll werden, wie auch in dieser dunklen Epoche die echte Tradition als Boden für die Zukunft nicht verlorenging, sondern auf die verschiedenste Weise gewahrt und schöpferisch weiterentwickelt wurde. Wahrung und Weiterführung dieser Tradition geschah zunächst durch die mit nichts zum Schweigen zu bringende Stimme der Kirche selbst. Daher wird die Reihe eröffnet durch Hefte, die das Wort des obersten Hirten, des Papstes, das Wort des deutschen Gesamtepiskopates, das Wort des Bischofs Graf von Galen( Münster) und des Erzbischofs Dr. Conrad Gröber( Freiburg), wie es in die Zukunft hineinsprach, dem Gedächtnis bewahren. Auf das Wort der Kirchenführung folgt das Zeugnis der Kirchenmitglieder. Dabei soll berichtet werden vom tapferen Einsatz, ja selbst Sterben von Menschen, die ihren Weg gingen gegen alle Mächte dieser Zeit. Zugleich soll ein Bild entstehen christlichen Lebens und Wirkens, wie es sich entgegen allen Schwierigkeiten dennoch Lebens- und Wirkraum schuf. Schließlich stehen neben diesen Zeugnissen dann noch Vorträge, die in jener Zeit den Versuch wagten, christliches Erbgut und christliche Haltung weiterzugeben und dabei sogar die christliche Fragestellung in der Bedrängnis der Zeit in neue, tiefere Dimensionen vorzutreiben. In jedem Kampf geht weithin Schwaches und Nebensächliches verloren und behauptet sich das wirklich Gültige und Wesenhafte. Besinnung auf dieses wirklich Gültige und Wesenhafte katholischen Christentums im Zeugnis gesprochenen Wortes und gelebten Lebens will diese Reihe im ganzen vermitteln. D herausgege INHALT Seite Geleitwort Constantin von Dietze Christengeist hinter Gefängnismauern Albert Riesterer ,, Es ist der Herr" Friedrich Justus Perels ,, Ich bin getrost, seid Ihr es auch" Reinhold Friedrichs Priesterweihe in Dachau Dietrich Bonhoeffer Nächtliche Stimmen Klaus Bonhoeffer Das geistige Vermächtnis eines Vaters *** ,, Mich umkreiste von weitem Dein treues Erbarmen".. Hermann Hesse ,, Er verbirgt mich heimlich in seinem Gezelt" Nanda Herbermann ,, Ein Abgrund ruft den andern" Ludwig Steil ,, Jeden Tag Grund genug zum Danken!".. Franz Weinmann Unerwartete Christusbegegnung 7 $ 13 17 96 26 32 32 39 46 50 50 64 72 82 - Una sancta catholica 96 Das Hohelied der Liebe Apokalyptische Reiter - Friedrich Weißler Fürchte Dich nicht! 104 Heinrich Feurstein In der Schule des heiligen Stephanus .. 107 Hildegard Schaeder Ostern im KZ .. 120 Alfons Wachsmann ,, Immer stehe ich vor Gott".. .. 129 Paul Schneider In der Kreuzesnachfolge .. 138 Max Josef Metzger ,, Nun, Herr Jesus, ich komme bald" 148 Die hier ver wollen als ein Das gemeinsam schlossen in de Ein Streben, n aus, aber ein S Gegen alle W Angst und Not Maße, in dem zu wissen. Ihre Herrn, sie kön nissen stehen, Kraft ihres L wie sie in de eilen; wie das macht. Das Ge hier nicht me eine Einheit i das Verlanger wir uns gewis dem einen Die Ehrfurcht bar zu mache uns zu vertei sie uns an. Frauen; was den sein, eh darüber beru Liebe zu bez zur Staatsma solange die Apostel( He . 107 GELEITWORT .. 120 .. 129 .. 138 .. 148 Die hier vereinigten Zeugnisse von Bekennern beider Konfessionen wollen als ein Ganzes, in der Einheit des Geistes, verstanden werden. Das gemeinsame Anliegen dieser Männer und Frauen ist vielleicht be. schlossen in den Worten Ludwig Steils ,, weg von mir, hin zu Christus". Ein Streben, nicht ein Vollkommensein, prägt sich in diesen Dokumenten aus, aber ein Streben der höchsten Art, dessen Vollendung im Tode liegt. Gegen alle Widerstände des Fleisches, gegen alle weltliche Bedrohung, Angst und Not nähern sich diese Männer und Frauen dem Herrn; in dem Maße, in dem sie ihm näher kommen, werden sie einig, ohne voneinander zu wissen. Ihre Wege sind so angelegt, daß sie sich begegnen müssen im Herrn, sie können, sie müssen einig werden, so treu sie zu ihren Bekenntnissen stehen, so sicher die Kraft ihres Bekenntnisses gerade auch die Kraft ihres Leidens, ihrer Zeugenschaft ist. Es ist ergreifend, zu sehen, wie sie in der tiefsten Einsamkeit der Gefangenschaft aufeinander zueilen; wie das höchste Leben, das ewig eins ist, sie an sich zieht und stark macht. Das Gespräch der Bekenntnisse, das wir so inständig wünschen, wird hier nicht mehr ausgetragen, offenbar ist es nicht mehr geboten. Es gibt eine Einheit über alles Begreifen: das Übermächtigwerden von Christus, das Verlangen zu sterben in Ihm und dieses Sterben selbst. Hier nähern wir uns gewissermaßen der Krypta, die den geteilten Kirchenraum trägt: dem einen heiligen Raum, dem alle verpflichtet sind. Die Ehrfurcht vor diesem Raume verbietet es uns, die Zeugnisse uns dienstbar zu machen, wie es so leicht geschehen könnte. Sie sollen nicht dienen, uns zu verteidigen oder wieder zu Ansehen zu bringen; vielmehr klagen sie uns an. Wir hätten handeln und leiden sollen wie diese Männer und Frauen; was aber mußte in der Welt alles geschehen und versäumt worden sein, ehe es zu diesem Leiden kam! Nicht zu rasch sollten wir uns darüber beruhigen, daß es nicht möglich war, die Wahrheit zu sagen, die Liebe zu bezeugen, Gottes Gebot zu erfüllen, ohne in tödlichen Gegensatz zur Staatsmacht zu geraten. Die Klage der Kirche um ihre Heiligen währt, solange die Kirche besteht: ,, Ihrer war die Welt nicht wert", sagt der Apostel( Hebr. 11, 38). Wehe uns, daß wir ihrer nicht wert waren, daß 7 wir schwiegen, während sie redeten, und uns verbargen, während sie sich aussetzten! Wieviel schlimmer aber noch ist es um uns bestellt, wenn der Vorwurf ihres Lebens uns nicht heute und morgen und, solange wir leben, im Gewissen trifft. Diese Zeugnisse sollen nicht dazu helfen, uns zu entlasten, und wir sollten uns ihrer nicht rühmen, so ruhmvoll sie sind. Sie sollten uns aufrütteln zu einem anderen Leben, zu der todernsten Frage, was geschehen muß, daß ein solches Unrecht nicht wieder geschieht, eine widergöttliche und widermenschliche Staatsmacht nicht wieder aufgerichtet wird. Sie sollen uns in die Verantwortung des Christen rufen, der unwiderruflich dahin verpflichtet ist, daß dem Gebot des Herrn Gehorsam geleistet werde in allen Bezirken des Daseins und Wirkens, des persönlichen und überpersönlichen, des geistigen und politischen Lebens, nicht etwa nur im ,, Kämmerlein"; das Kämmerlein ist vielmehr der Ort sich erneuernder Hingabe an Gott für Alle und Alles. Ehe es aber möglich ist, daß ein Wort, ein Werk der Liebe, wie diese Christen sie gewagt haben, den Tod oder die Todesnot bringt, muß schon alle Ordnung solcher Verpflichtung zerrissen worden, muß der Einspruch des Gewissens tausend- und abertausendmal überhört worden sein. - Die Bekenner verteidigen uns nicht; sie stehen nicht für uns, sondern für Christus und damit gegen uns, die wir ihn verleugnet, verraten, verschwiegen haben. Zu leicht kommt uns die Wahrheit auf die Zunge, daß Gefangenschaft, Schmach und Tod als Gnade erfahren wurden. Was wissen wir von dem ,, selbstdurchlittenen Leid", von dem Pfarrer Wachsmann spricht, und von seinem ununterbrochenen Gebet; was von der Erfahrung Paul Schneiders, daß der ,, Sterbensweg der Kirche... der Weg zu Christus" sei; was von der Kälte der Verlassenheit, in der etwa Hildegard Schaeder die innerste, ihren Leidensschwestern zum Segen gereichende Glaubensgewißheit und-sicherheit erringt? Gott hat es so gewendet, daß grauenhaftes Unrecht, daß die Verlassenheit der Bekenner Heil gewirkt haben. Wie sollte es uns nicht bis zum Ende schmerzen, daß sie verlassen waren, daß auf der Trägheit der Gewissen, der Herzen die Gewalt sich gründete und behauptete, die offenbar unsühnbare Verbrechen am Heiligen wie an den Menschen, an Gottes Schöpfung verübt hat? Die wenigen Stimmen, die sich hier zusammenschließen, sprechen für unzählbare Stimmen, die auf uns einstürmen wollen, mit einer einzigen Stimme tausendfacher Gewalt, sie verklagt unser Gewissen heute und morgen; sie verklagt die Welt, in der geschah, was geschehen ist und nimmer hätte geschehen dürfen. Diese Zeugnisse wollen nicht gelesen werden ein Buch unter Büchern. Wir wehren uns auf das entschiedenste dagegen, daß fort und fort Bücher aus Zeugnissen gemacht werden oder Prozeßakten für weltliche Tribunale; diese Zeugnisse hier wollen wieder ins Leben, um ein anderes Leben zu 8 - erwecken. ,, Waru nicht von Dachau sollen nicht schw deten unter w - sie sich entschliel die Pforten der Kreuz es wagen und seinen Knec der Wahrheit vo Zeugen, die hin Augen" geblickt und Richtstätten sie will uns nic haben an den s über denen die Verzagenden, di Stunde gingen. klärten Unerbit Täuschen wir u ganze Wirklichk einigten Zeuger tragen. Ihnen a einige unter ihr So war es, um Licht zu senden schmolzen werd Einsicht in die Pfarrer Hesse was H. Feurst verkündete, da dem ein jeder frühen Zeit d nach dem We bare Größe de im unbedingte sprechlich auf In Ketten lag vielleicht habe die Zeugen in bare Leiden setzliche beste nd sie sich wenn der wir leben, ans zu ente sind. Sie ten Frage, Chieht, eine ufgerichtet m, der unGehorsam es personmens, nicht Ort sich ermöglich ist, agt haben, olcher Verusend- und ondern für raten, ver. unge, daß Was wissen nn spricht, rung Paul Christus" Schaeder Glaubens B grauenrkt haben. sen waren, gründete gen wie an Stimmen, mmen, die facher Ge die Welt, dürfen. Büchern. Ort Bücher Tribunale; Leben zu - - erwecken. ,, Warum", hören wir wieder und wieder fragen ,,, schweigen wir nicht von Dachau, von Buchenwald, Auschwitz, Ravensbrück?" Nein, wir sollen nicht schweigen, denn es ist gewiß, daß Menschen, die solches duldeten völlig anders werden, daß unter welchem Zwange auch immer sie sich entschließen müssen, eine Verantwortung zu ergreifen, die bis an die Pforten der Hölle reicht, und im Vertrauen auf die Gnade und das Kreuz es wagen müssen, in dieser Verantwortung für die vom Widersacher und seinen Knechten fort und fort bedrohte Welt zu stehen. Wir bedürfen der Wahrheit von Gott und der Wahrheit vom Bösen. Aber nur gültige Zeugen, die hin zu Christus gingen und dem Bösen ,, in die diabolischen Augen" geblickt haben, sollten sprechen. Von den Gefängnissen, Lagern und Richtstätten her will eine erschütternde Kraft in unser Dasein dringen; sie will uns nicht lassen, wie wir sind; wir sollen fortan einen Anteil haben an den schrecklichen Nächten der in ihren Zellen Eingeriegelten, über denen die Hölle herniederbrach, an der ausweglosen Einsamkeit der Verzagenden, die scheinbar überwunden und doch sieghaft in ihre letzte Stunde gingen. Ihre Züge sollten vor unseren Augen haften in ihrer verklärten Unerbittlichkeit. Täuschen wir uns nicht: was hier an Leiden geschildert wird, deutet die ganze Wirklichkeit des bestandenen Leides kaum an. Keiner der hier vereinigten Zeugen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Greuel zusammenzutragen. Ihnen allen ist es sehr schwer geworden, zu sprechen. Und wenn einige unter ihnen noch zu schreiben vermochten mit gefesselten Händen, so war es, um Gott zu danken, der ihnen nahe war, und um das innere Licht zu senden aus der Finsternis. Auch wir sollen ja eingefordert, eingeschmolzen werden von der Gnade. Die Gnade ist das Anderswerden, die Einsicht in die Schuld und die umwandelnde Kraft dieser Einsicht. Was Pfarrer Hesse und sein Sohn nach dem Angriff auf Barmen gesagt haben, was H. Feurstein in seiner großen Predigt zu Beginn des Jahres 1942 verkündete, das war im Grunde nur das einem jeden auferlegte Wort, dem ein jeder hätte schützend zustimmen müssen. ,, Heilige" waren in der frühen Zeit der Kirche die Gläubigen; glauben: das hieß heilig sein, nach dem Werk zu trachten, das der Herr getan; und es ist die furchtbare Größe der letzten Verfolgungszeit, daß Glauben wieder als Heiligung im unbedingten Sinne verstanden werden mußte; daß der Glaube unwidersprechlich auf den Weg der Heiligung wies, in das eine, heilige Leben. In Ketten lagen wir ja alle; Sieger in Ketten waren nur wenige. Aber vielleicht haben sie für alle gesiegt. Gleichsam am Rande des Lebens, das die Zeugen in den Lagern und Gefängnissen führten, erscheint das furchtbare Leiden derer, die nicht Zeugen waren, die ohne Christus das Entsetzliche bestehen mußten und bestanden. Es wäre eine verhängnisschwere, 9 ungeheuerliche Täuschung, wenn wir unter dem Eindruck christlicher Dokumente dieses andere Leiden nicht sehen wollten. Die Bekenner waren versprengt in eine Wüstenei des Elends unter Peiniger und Gefangene, die viel bedürftiger waren als sie; diesen, die ihre ganze Armut vielleicht nicht einmal kannten, geschweige denn eingestanden, sollten die Gläubigen das Licht bringen; sie sollten ihnen das Licht sein. Was von ihnen ausgegangen ist, wem sie wirklich geholfen haben und auf welche Weise: dies alles gehört zur großen erschütternden Geschichte des Gottesreiches in der Welt - für welche Welt das Gottesreich ja gegründet ist, auf daß es sie rette. Aber wir werden diese Geschichte nicht erforschen. Allein der schwache, umwölkte Schimmer weitverstreuter Sterne verkündet das andere, das eigentliche Reich. Das Licht mußte in diese Finsternis; durch die Menschen, deren Christus sich bemächtigt hatte, die ihm nachtrachteten, drang es in die Finsternis ein. Sein Wirken konnte oftmals nur ein Leiden, das Aushalten sein; doch auch dieses Aushalten im Glauben war vielleicht schon erhörtes Gebet. Und so dürfen wir vielleicht sagen, daß all diese Felder des Entsetzens nicht vom Gottesreiche gelöst waren. Die Gestalten der Zeugen erwecken eine Hoffnung in uns, die alles Begreifen übersteigen möchte: als könnte die Gnade nicht allein die Ungläubigen erreicht haben oder die Blinden; als könnte sie im geheimen auch die Herzen solcher gewendet haben, die sich Jahr um Jahr dem Lichte und seinen armen Boten widersetzten. Das Eine ist gewiß, daß die Be kenner für alle gelitten haben. Dieses ,, für alle", das mit einem heiligen Anspruch einigende Wort, haben sie uns hinterlassen. Wir sollten ihre Namen nicht nennen, wenn wir nicht entschlossen sind, Ernst mit diesem Vermächtnis zu machen. Das gemeinsame Gebet der Befreiten ist kein Ende: es ist ein Anfang und geschah nicht mehr im Bann der zwölf Jahre, es geschah diesseits der Grenze der Zeit, für die wir mit allem, was wir sind und tun, bei unserer Seele Seligkeit, verantwortlich sind. Wir erlebten eine Phase des Reiches, das mit sich selbst uneins ist und daher immerfort zerfällt, solange es währt; in ihm steht, verfolgt, verkannt, beschattet das Reich, das eins ist als das Leben des Einzigen. So zeigen die Bekenntnisse vom Leiden derer, die für alle gelitten haben, auf daß alle gerettet würden, auf eine ganz andere Zeit der Gläubigen, die bestimmt wäre von deren entschiedenstem Willen zur Einswerdung. Wir wagen wahrlich nicht zu sagen, daß diese Zeit kommen werde; gewiß ist nur, daß sie kommen m u ẞ und daß Vergangenheit wie Gegenwart verfehlt werden, wenn diese Hoffnung sich nicht erfüllt. Vergessen wir doch nicht, daß die Vorgeschichte der Lager und Gefängnisse sehr weit zurückreicht in Jahrhunderte der Spaltung, der Lauheit; daß der Verzicht des Christen auf die Verantwortung für die Welt ein großes Thema dieser Geschichte 10 ist. Steht die ter Peiniger, zichtes? Ist di die ohne alle lingsanzug zu nend für alle, Falle größer vergeben, zu größer ist als Hoffnung? Davon lassen Zeichen zwisch brennt. Ist es Oder das Mo winnt, sich w für sich selbe aber Den wil sam die Scha der Widersch hat. Und was eigen, diesen ist Geist und und dennoch schließen wo uns siegen: Zeit und Ma Freiheit. Die evange lischen Hau die Gesamt licher Doku- waren verangene, die elleicht nicht aubigen das n ausgegan e: dies alles in der Welt es sie rette. er schwache, andere, das ch die Men eten, drang Leiden, das leicht schon Felder des ie alles Bedie Ungläu meimen auch dem Lichte Haß die Be em heiligen sollten ihre mit diesem en ist kein zwölf Jahre, em, was wit nd. Wir er und daher verkannt, itten haben, äubigen, die erdung. Wir e; gewiß ist wart verfehlt doch nicht zurückreicht des Christen Geschichte ist. Steht die für Volk und Menschheit beschämende Heraufkunft vertierter Peiniger, wahngeschlagenen Hasses nun wirklich am Ende dieses Verzichtes? Ist dieser Verzicht nicht endlich überwunden worden von denen, die ohne alle Macht, in Fesseln, unter einem Tisch verborgen, im Sträflingsanzug zu Füßen des armseligsten Altars die Seele aushauchten, sühnend für alle, bittend für alle? Und wenn die Liebe nicht in einem jeden Falle größer ist als der Wunsch, recht zu behalten, die Bereitschaft, zu vergeben, zu umfassen, weg von sich selbst zu streben zu Christus, nicht größer ist als ein jeder Anspruch: wo ist dann die Wahrheit und wo eine Hoffnung? Davon lassen wir aber nicht, daß die Stätten der Schande zum großen Zeichen zwischen den Zeiten geworden sind und über ihnen ein Morgenrot brennt. Ist es das Morgenrot eines Schlachttags, stürmischen Untergangs? Oder das Morgenrot einer Liebe, kraft deren der Mensch sich selbst gewinnt, sich wieder erhebt? Allein behauptet er sich nicht; alles, was er für sich selber will, reißt ihn hinab, von Abgrund zu Abgrund. Wenn er aber Den will, der sich selber gab für das Leben der Welt. so wird lang. sam die Schande von ihm fallen. Seine Würde ist ja nichts anderes als der Widerschein der ewigen Liebe, an der er sich tausendfach versündigt hat. Und was auch geschehen sein mag, der Stirne des Menschen bleibt es eigen, diesen Widerschein empfangen und tragen zu können. Diese Liebe ist Geist und Wahrheit, sie ist der einzige, wieder und wieder verfehlte und dennoch unabweisliche Weg. Und wenn wir uns ein einzigesmal entschließen wollten, Christus zu wollen und nur Ihn, so würde Er auch in uns siegen: in den Ketten unseres schuldbeschwerten Lebens, einer jeden Zeit und Macht, aus deren Herrschaft Er uns ruft in seine verpflichtende Freiheit. Reinhold Schneider Die evangelischen Beiträge besorgte Professor Dr. Erik Wolf, die katholischen Hauptschriftleiter Dr, Konrad Hofmann. Dieser führte auch die Gesamtredaktion durch. 11 CONSTANTIN VON DIETZE Im Juli 1937 wurde Constantin v. Dietze, Professor der Nationalökonomie an der Universität Freiburg, erstmals verfolgt. Er hatte für den verhafteten Pfarrer einen Gottesdienst der Bekennenden Gemeinde in der Heilig- GeistKirche zu Potsdam gehalten. Dafür wurde er 11 Tage lang eingesperrt und angeklagt wegen Störung eines Gottesdienstes, Hausfriedensbruchs und Abhaltung einer nicht angemeldeten Versammlung. Seit 1937 befreundete er sich mit Dr. Goerdeler. Auf dessen Anregung verfaßte er wirtschafts- und sozialpolitische Ausarbeitungen für eine künftige Regierung. Am 8. September 1944 verhaftete ihn die Gestapo. Man hielt ihn im Berliner Gefängnis, Lehrterstraße 3, und im Konzentrationslager Fürstenberg in Mecklenburg gefangen. Die Anklage lautete, daß er sich ,, an den Putschvorbereitungen des Verräters Goerdeler und seiner Hintermänner durch Vorschläge für die wirtschafts-, sozial- und kulturpolitische Neugestaltung des Reiches beteiligte, wobei er wußte, daß der Umsturz durch einen Gewaltakt gegen den Führer ausgelöst werden sollte, und sich daher als Hoch- und Landesverräter außerhalb der Volksgemeinschaft gestellt hatte( Verbrechen nach§ 80 Abs. 2,§ 83 Abs. 2 und 3 Nr. 1,§§ 91 b, 47, 73 St. G. B.)". Die Anklage wurde infolge der Verbombung des Volksgerichtshofes so spät erhoben, daß die mündliche Verhandlung dank der raschen Abwicklung der kriegerischen Ereignisse nicht mehr stattfand. Sonst wäre unzweifelhaft Todesurteil ergangen. Als die russischen Truppen sich bis in die Nähe des Gefängnisses vorgekämpft hatten, erfolgte die Entlassung. CHRISTENGEIST HINTER GEFANGNISMAUERN Im Sommer 1937, kurz nach der Verhaftung Niemöllers, wurden nach und nach 67 evangelische Pfarrer in das Potsdamer Gefängnis eingeliefert. Fast alle waren beschuldigt, durch die Abkündigung der Kollekten der Bekennenden Kirche gegen das staatliche Sammlungsverbot verstoßen zu haben. Ich selbst wurde festgesetzt, weil ich als Laie im Auftrage des Bruderrates anstelle des verhafteten Pfarrers den sonntäglichen Gottesdienst gehalten hatte. Als ich nach vierstündigem Verhör durch einen wenig angenehmen Gestapobeamten ins Polizeigefängnis eingeliefert wurde, fragte ich den Wachtmeister, ob ich mein Neues Testament, das ich in der Tasche trug, 13 behalten dürfe. Die Antwort war: ,, Selbstverständlich, und wenn Sie keines bei sich hätten, könnte ich es Ihnen leihen." Im Gerichtsgefängnis, wohin die Beschuldigten meist nach wenigen Tagen kamen, waren sogar noch Besuche durch Gefängnispfarrer gestattet, und sonntags durfte jeder, der es wünschte, am Gottesdienst teilnehmen. Dazu drangen von draußen zu uns die beglückenden und kräftigenden Mitteilungen von den großen Fürbitte. gottesdiensten, die die Gemeinden veranstalteten, und von den Andachten, zu denen sich die Angehörigen der Verhafteten an den Besuchstagen jeweils versammelten. Immer wieder hörten wir durch die Fenstergitter hindurch den Choral, den das Glockenspiel der Garnisonkirche regelmäßig erklingen ließ. Die amtliche Erlaubnis zur Seelsorge und zum Gottesdienste im Gefängnis wurde durch unsere Bewacher verständnisvoll, von manchen sogar liebevoll gehandhabt. Zwar hat mich keiner von ihnen so gerührt, wie 1916 während meiner Kriegsgefangenschaft in Sibirien ein russischer Soldat, der uns eines Abends einen Gefallen abschlug und dann nach kurzer Zeit wieder. kam mit der Erklärung: ,, Ich darf nicht so häßlich zu Euch sein, Ihr seid doch auch Christen." Aber unsere Gefängnisbeamten waren durchweg freundlich und teilnahmsvoll. Sie machten sich auch ernste Gedanken darüber, was es bedeutete, wenn sie jetzt plötzlich so viele Pfarrer zu be wachen hatten, und sie bemerkten verständnisvoll die frohe Festigkeit, welche die Verhafteten erfüllte. Sie freuten sich herzlich mit an guten Scherzen, die auf diesem unzerstörbaren Grunde erwuchsen, so wenn ein junger Pfarrer eine Postkarte, die er auf dem Dienstwege an Niemöller ins Gefängnis nach Moabit sandte, mit den Worten schloß: ,, Mit freundlichen Grüßen von Haus zu Haus." Nur die von unserer Gemeinde erbetene Erlaubnis, im Gefängnishofe Choräle zu singen, wurde abgeschlagen mit der Begründung, darüber würden die gefangenen Kommunisten toben, und andere könnten dann ja auch beanspruchen, für ihre Freunde Lieder zu singen. Was drinnen im Gefängnis für ein Geist herrschte, das sprach am schönsten aus den Worten eines Pfarrers, eines äußerlich wenig ansehnlichen Menschen, der mir alsbald nach seiner Einlieferung laut über die ganze Gefängnistreppe hinweg zurief: ,, Hier wollen wir aber unserem Herrgott Loblieder singen!" Wir erlebten etwas davon, was die Fröhlichkeit der Apostel bedeutete, als sie würdig gewesen waren, um Christi willen Schmach zu leiden( Apg. 5, 41). Aber uns ging auch jetzt erst recht zu Herzen, daß wir als Knechte des Herrn die anderen, auch die Bösen, zu tragen haben ( 2. Tim. 2,24-26). Als sich 1944 abermals Gefängnispforten hinter mir schlossen, erschien hier die vorausgegangene Gefangenschaft, so dankbar ich für alles damals Erfahrene, auch für die gewonnene Bekanntschaft mit manchen Äußerlich14 keiten unbesch auch di Verneh die Un Arbeits zur Er Tageso Vor all die son ich im Mitgefa ment. H amtes Bemerk lung d für die alle W und K sungen im Kon kramp hatten. Etwa s der Be gen Zu wurder durchg Einber Bewac zum m bindun konnte zu Zel lich da so dan stig g Verwa Fliege schütz der A keiten des Gefängnisses blieb, doch bald wie eine fast ungefährliche und unbeschwerte Zeit. Jetzt war nämlich nicht nur die Anklage weit ernster, auch die Behandlung der Verhafteten und namentlich die Methoden der Vernehmungen hatten sich erschreckend verschlimmert. Allgemein wurden die Untersuchungsgefangenen von vornherein in der Verpflegung, in den Arbeitsverpflichtungen und auch sonst wie Strafgefangene behandelt, und zur Erpressung von Geständnissen waren scheußliche Quälereien an der Tagesordnung. Vor allem war die Ablehnung des Herrn Christus durch die Polizei und die sonstigen Behörden viel offener spürbar geworden. Meine Bibel durfte ich im Gerichtsgefängnis nicht lesen; nur durch die Freundlichkeit eines Mitgefangenen, der die Bücherei verwaltete, erhielt ich ein Neues Testa- ment. Bei der Einlieferung in den Gewahrsam des Reichssicherheitshaupt- amtes in Berlin wurden Bibel, Losungsbuch und Gesangbuch mit höhnischen Bemerkungen abgenommen; sie wurden erst nach Wochen mit der Ertei- lung der Leseerlaubnis zurückgegeben. Aber Seelsorge und Gottesdienste für die Gefangenen blieben verboten. Dennoch hat der Herr Christus über alle Widerstände der Gestapo hinweg hinter den Mauern der Gefängnisse und Konzentrationslager kräftig gewirkt. Aus den Zellen ließen sich ge- sungene Liturgien oder Choräle vernehmen, besonders am Sonntag, und im Konzentrationslager erklang abends, nachdem tagsüber die erzwungenen krampfhaft-lustigen Marschlieder der unglücklichen Insassen uns bedrückt hatten, oft ein schöner und mehrstimmig gesungener Choral. Etwa seit der Jahreswende 1944/45 änderte sich der Ton und das Benehmen der Beamten zu uns. Manche suchten sich, wohl in Erwartung eines baldi- gen Zusammenbruchs des Dritten Reiches, mit uns gut zu stellen, viele wurden unglaublich bestechlich, im ganzen wurden die Vorschriften lässiger durchgeführt. Überhaupt war die SS. durch die unzähligen zwangsweisen Einberufungen keine„verschworene Gemeinschaft“ mehr, und unter den Bewachungsmannschaften gab es nicht wenige, die ebenso dachten wie wir, zum mindesten freundlich zu uns waren. Dadurch ergaben sich mehr Ver- zwischen den Gefangenen. Mitgefangene Pfarrer konnten Kalfaktoren werden und dadurch auch gelegentlich allein von Zelle zu Zelle gelangen. Sie nutzten dies, um denen, die danach verlangten, heim- _ lich das Abendmahl zu reichen und denen nahe zu sein, die so lange allein, so dankbar wie noch nie in ihrem Leben, Gottes Wort gelesen und inbrün- stig gebetet hatten, gestärkt und beglückt durch die treue Fürbitte von Verwandten, Freunden und Gemeinden. Seit Februar 1945 durften wir bei Fliegeralarm die Zellen des Kellergeschosses aufsuchen. Als russische Ge- schütze und Granatwerfer das Gefängnis zu beschießen begannen, wurde der Aufenthalt im Keller tags und nachts gestattet, ohne daß noch eine 15 strenge Absperrung erfolgte. Jetzt konnten auch Gottesdienste und Abendmahlsfeiern für eine größere Zahl von Teilnehmern gehalten werden, allerdings immer noch ohne Erlaubnis. Sie fanden meist in früher Morgenstunde statt, wenn eine Störung durch die Wachmannschaft am wenigsten zu befürchten war. So wurde auch in einer verdunkelten Zelle eine einzig. artige Abendmahlsfeier gehalten, kurz nachdem wieder einmal mehrere unserer Gefährten von der Gestapo abgeholt worden waren, und wir die ( inzwischen leider auch bestätigte) Befürchtung haben mußten, sie würden umgebracht werden. Auf Anregung von Katholiken und Evangelischen wurde gleich darnach in Aussicht genommen, wir wollten künftig die Gottesdienste gemeinsam haben, abwechselnd durch einen katholischen Priester und einen Pfarrer der Bekennenden Kirche gehalten. Zur Ausführung ist es nicht mehr gekommen. Auch als wir Überlebenden am Abend des 25. April 1945, da die russischen Truppen bereits auf 2 Kilometer dem Gefängnis sich genähert hatten, erfuhren, daß wir entlassen werden sollten, war keine Möglichkeit für den von vielen gewünschten gemeinsamen Gottesdienst. Aber ehe wir auseinandergingen, haben mehrere von uns gemeinsam das Gebet des Herrn gesprochen. Einer d lager I fähigur Daraus ladung Pfarre gottes Wallfa bringe stiftete in das bensbe enger sicher hung ten ve das A 16 Fuß, polize dern: der Ju Eine ein g erneut Mülh war e 14. N und s teren digter Weise her se тив den was 2 Siege bendaller orgen. igsten einzig. ehrere wir die würden ach in am harer der gekomda die nähert ichkeit he wir et des ALBERT RIESTERER Einer der 23 Geistlichen aus der Freiburger Erzdiözese im Konzentrations. lager Dachau war Pfarrer Albert Riesterer. Mit besonderer Liebe und Befähigung nahm er sich in der Seelsorge der heranwachsenden Jugend an, Daraus erwuchsen ihm seitens der Gestapo viele Schwierigkeiten und Vorladungen. Am 1. Juli 1941 machte er sich mit den Ministranten. seiner Pfarrei Mülhausen bei Engen auf nach dem Heiligtum der herben Muttergottes von Schenkenberg, um mit ihren am Feste Mariä Heimsuchung dem Wallfahrtsgottesdienst beizuwohnen. In Zelten wollte man die Nacht verbringen. Da tauchte nachts um 10 Uhr unverhofft die vom Ortslehrer angestiftete Gestapo auf. Aus dem Zelt weg verschleppte sie im Auto den Pfarrer in das Polizeigefängnis nach Singen. Dort gab er zu Protokoll, die Glaubensbedrohung in der Schule zwinge ihn, auch weiterhin mit der Jugend in enger Fühlung zu bleiben. Demgemäß befahl und begründete das Reichssicherheitshauptamt in Berlin die Haft ,,, weil er die staatliche Jugenderziehung für eine Glaubensbedrohung hält und mit allen Mitteln und Kräften versucht, diese zu sabotieren". Nach einigen Wochen kam Riesterer in das Amtsgefängnis Konstanz. Am 2. Oktober setzte man ihn auf freien Fuß, wies ihn jedoch aus Baden und Hohenzollern aus. Auf der Staatspolizeileitstelle in Stuttgart suchte man ihn bei einer Unterredung zu ködern: ,, Kommen Sie zu uns, Sie bekommen sofort einen guten Posten in der Jugendbetreuung. Ziehen Sie den Priesterrock aus, und alles ist gut." Eine Zumutung, die auf die nationalsozialistische Denkungsart und Taktik ein grelles Schlaglicht wirft! Am 26. Oktober wurde er in Freudenstadt erneut in Schutzhaft genommen. Der kommissarische Bürgermeister von Mülhausen, über die Anhänglichkeit der Gemeinde an ihren Pfarrer erbost, war eigens zu diesem Zweck nach Berlin gefahren. Riesterer wurde am 14. November 1941 in Dachau eingeliefert. Gesuche der Kirchenbehörde und seiner 74jährigen Mutter um Freilassung blieben erfolglos. Der letzteren bedeutete die oberste Gestapo- Instanz: ,, Ihr Sohn ist in seinen Predigten und in seinem sonstigen Verhalten in äußerst staatsabträglicher Weise in Erscheinung getreten. Im Interesse der Staatssicherheit wurde da her seine Festnahme erforderlich. Gerade in der gegenwärtigen Kriegszeit muß von allen deutschen Volksgenossen ein bedingungsloser Einsatz für den nationalsozialistischen Staat erwartet und alles unterlassen werden, was die innere Widerstandskraft unseres Volkes irgendwie schwächen 2 Sieger in Fesseln 17 könnte. Leider bietet das Verhalten Ihres Sohnes noch nicht die Gewähr dafür, daß er diesen selbstverständlichen Pflichten im Falle seiner Freilassung nachkommen wird". Erst das Vordringen der allierten Armeen brachte ihm am 11. April 1945 die Befreiung. Kantine men aus, Mit dem Himmel Mit diese Ben sie u liche Wil ,, ES IST DER HERR" Ja, überall wohnt der Herr. In vielerlei Gestalt offenbarte er uns seine Nähe. Auch in Dachau. In sieben Stationen will ich es zeigen. Jetzt wa Mauern die Wolk War das daraus d 1. Er stand neben mir, als der Polizist zu Nürnberg mir den ,, klingenden Achter" um die Hand wickelte und sie mit der eines Fremdenlegionärs aus Nordafrika zusammenband. Auch zum Herrn hatten sie in einer Nacht gesprochen: Senatus Populusque Romanus, Im Namen des Römischen Volkes! Als wir dann in Reihen standen, um in die Lagerkartei aufgenommen zu werden, kam einer unserer SS- Bewacher und schrie: ,, Sind hier Priester darunter?" Es waren in unserem Trupp Mörder, Betrüger, Vaterlandslose und Zigeuner. Die alle ließ er in Ruhe, nur die Priester rief er, um sie in wildem Haẞ zu schmähen, ja sogar zu schlagen, wenn es ihm gerade einfiel. Es war aber der Herr Jesus Christus, den er schmähen wollte, der Eckstein, den die Bauleute des Reiches verworfen hatten. An dem sie aber doch nicht vorbeikamen! Und indem sie Ih n, den so oft totgesagten, nun wieder lästerten, bekannten sie, daß er noch lebte: lebte und wirkte in seinen Priestern. 42 Hung Sonne se uns war, Aposteln mancher war dar pelle, zv die dritt reich ma Ich hab folgende 1) bei ist es u chauer Stunden Nacht z Nein, es hungert stellten cheldra 2. Erst ging es wie ein Flüstern und Raunen durch die Reihen der Priester: wir bekommen eine Kapelle! Aber die Alten unter ihnen und vielerfahrenen Lagerhasen schüttelten den Kopf: ,, Eher wird man dem leibhaftigen Teufel eine bauen als unserm Herrn." Sie bekamen diesmal nicht recht. Mit nie gekannter Eile sogar, als sollte ein jahrhundertealtes Unrecht wieder gutgemacht werden, wurden Schreiner, Schneider und Maler aufgeboten, und in wenigen Tagen waren zwei Stuben der Priesterbaracke des Herrn Haus. Freilich, arm genug sah es darin aus: die Verzierung am Tabernakel schnitt der Don- Bosco- Karle aus dem Blech eines Marmeladeeimers, das ewige Lichtlein nährte sich von Haaröl, das uns Kurzgeschorenen die 18 halb of um die aber na Vorbeh hin, o Die Maß u po Kapell mehr v ewähr Frei meen seine enden ionärs Nacht mischen nen zu riester dslose sie in de ein te, der e aber n, nun rkte in iester: hrenen en Teu ht. Mit wieder eboten, Herrn Taber eimers, men die Kantine zum ,, Troste" anbot. Es half auch mit seinem Rauchen und Qualmen aus, als die Kerzen zeitweilig knapp wurden. Mit dem Tabernakel war uns Heimatlosen ein Stück Priesterheimat vom Himmel selbst geschenkt. ,, Die Volksgemeinschaft hat euch ausgestoßen". Mit diesen Worten hat uns der Lagerführer eingangs begrüßt. Dann stieBen sie uns hinein in den Irrgarten der Nacht, hinein in eine unaussprechliche Wildnis. Der Tabernakel aber ließ uns die Orientierung wiederfinden. Jetzt war Nord und Süd wieder gut zu unterscheiden. Er stieg über die Mauern und riẞ mit derselben Hand, die den Sturm auf dem Meere stillte, die Wolken auseinander, so daß das Licht der Sterne tausendfach einfiel. War das Leid brunnentief, so grub Er der Gnade noch tiefere Brunnen, daraus die erquickenden Wasser quollen. Als der Todessommer des Jahres 42 Hunger, Seuche und Elend über unsere Leiber schüttete, da glühte die Sonne seiner Liebe unsere Seelen aus. Da der Herr im Tabernakel unter uns war, wurde die Wirrnis zum Tabor. Wir bauten die Hütten, die er den Aposteln versagte, und aus dem Erlebnis der Gottesnähe heraus sprach mancher: Hier ist gut sein. Die erste Hütte war die armseligste, aber Jesus war darin zu Gast, es war unser Herz. Die zweite Hütte war unsere Kapelle, zwar arm genug, aber umleuchtet von der Herrlichkeit Gottes, und die dritte Hütte war das Herz des Heilandes selbst, wo er uns Arme überreich machte. - Ich habe damals eine Predigt ausgearbeitet- ohne sie zu halten mit folgenden Punkten, die allen Regeln der Rhetorik auf die Füße treten: 1) bei Jesus ist es schön; 2) bei Jesus ist es noch schöner; 3) bei Jesus ist es unendlich schön. So etwas konnte natürlich nur im Lichte der Dachauer Moorkapelle wachsen und würde vom Leben draußen in den ersten Stunden schon zehnmal überfahren. Aber so ist es eben einmal, wenn die Nacht zum Tage wird und tausend Sonnen statt einer zu glühen beginnen. Nein, es hatte schon im großen Weltgeschehen seinen Sinn, daß wir litten, hungerten und froren, daß sie uns in den Schatten der Volksgemeinschaft stellten. In der Tat, ohne Neid schauten wir durch die Gitter des Stacheldrahtes in eure armselige Freiheit hinaus, wo die Werke Gottes nur halb offenbar werden. Was waret ihr arm gegen uns! Dachau war Gnade, um die man Gott freilich nicht bat, weil sie gar so herb schmeckte. Den Er aber namentlich und einzeln hinausrief und zeichnete, nachdem er ohne Vorbehalt sprach: Suscipe, Domine universam meam libertatem, Nimm hin, o Herr, meine ganze Freiheit, den überschüttete Er mit Gnaden ohne Maß und schenkte sich ihm selbst. Die polnischen Priester waren ärmer als wir, denn sie durften nicht in die Kapelle. Wir arbeiteten in den Kommandos beieinander. Ich kann es nie mehr vergessen, wie mich der eine oder andere so innig bat, ihm doch den 2* 19 Herrn im Sakrament in die Plantage herauszubringen. In ein reines Pa pierchen eingewickelt, gut versteckt in einer Falte unserer gestreiften Häftlingsjacke, trugen wir unseren darbenden Mitbrüdern die heilige Weg. zehrung zu. In einem Tannnenbäumchen war der Tabernakel. Durch die Gitter des Stacheldrahtzaunes hindurch reichte uns eine mutige Frauenhand Weizenbrot und Wein. In einem wogenden Ährenfeld versteckt, feierte ich die heilige Messe, da ich an Sonn- und Feiertagen zuweilen Dienst hatte. Der Wind übernahm das Spiel der Orgel, die Lerchen jubelten die Responsorien, für das Memento mori war auch gesorgt. Priesterkameraden stiegen über eine wackelige Leiter auf den Speicher eines Geräteraumes, hefteten ein Kreuzbildchen an einen Dachsparren und flüsterten zwischen Blumenkörben, Drahtgestellen und Schilfmatten das Hoc est corpus meum oft genug klopfenden Herzens, wenn unter ihnen die polternde Stimme eines der SS- Männer hörbar wurde. So ward unser Tagwerk ein wahres sacrum convivium ein heiliges Zusammenleben mit Christus. - 1 Wagens die Jacke tio cruci Tief bew Knechts Das Kre jedoch nommen Dann w kannten Wohl of an ihre Reichsfi vertraul Dieser hundert 3. Wiederum in anderer Gestalt zeigte Er uns seine Nähe an: ,, Er ent äußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an, wai den Menschen gleich und ward im Äußern als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze"( Phil. 2, 5-8). Priester waren dazu ausersehen, die übelriechenden Abfälle aus dem Lager und seiner Umgebung zusammenzutragen und auf einem schweren, gummibereiften Wagen fortzuführen. Knietief standen sie im Schmutz, verschwitzt und ermüdet von der schweren Arbeit, staubig von Ruß und Asche. Sie dachten wohl auch manchmal an die blendend weiße Albe und den Goldbrokat, der ihnen besser stand und den sie als Priester getragen, auch an die weißen Linnen und goldenen Gefäße, die sonst ihre geweihten Hände berührten. Wie tief hinabzusteigen gebot ihnen die Nacht! Da kam der Herr auf sie zu in seiner tiefsten Erniedrigung: Die Geistlichen hatten auch aus den großen Siedlungshäusern der SS- Familien rings um das Lager die Mülleimer zu leeren. Da! In einem der Schmutzkübel, begraben unter Asche und Ruẞ, faulenden Kartoffeln und Gurkenschnitzen, lag ein weggeworfenes Kruzifix. Ein Arm des Gekreuzigten war gebrochen, der ganze Leib in Unrat getaucht. Ehrfürchtig und liebevoll nahm ihn der Priester auf; allen um ihn erstarb das Wort auf der Zunge. Eine halbe Minute lang mögen sie es betrachtet haben, dann legten sie es in eine Ecke des 20 Sie ar trocken setzten ster ge Manche schmug eben im fielen z Dinge, den alle ten den viele je auf, es wie be und ge Dynam meister wächsh als Vo wären nicht i der an mes Pa Häft e Wegne mueld ver gen zu Lerchen t. Prie. er eines Wagens und deckten ein Rübenblatt darüber. Sie werden es nachher unter die Jacke bergen und in die Baracke nehmen. Was war das für eine Adoratio crucis, die dann die sieben Kreuzträger mit blutendem Herzen hielten! Tief bewegt, aber ebenso dankbar waren wir dafür, daß uns der Herr in Knechtsgestalt besucht hatte. Das Kreuz wurde später in unserer Kapelle zur Verehrung aufgestellt, jedoch nur wenige wußten um den schmachvollen Weg, den der Herr genommen hatte, um uns seine Nähe anzuzeigen. 4. and flü. as Hoc men die er TagDen mit rent , wai sein t und He am m Lager gummischwitzt che. Sie en Gold. auch an Hände kam der ten auch ager die en unter ein weger ganze Priester Minute Ecke des Dann wieder stand Er am Ufer, winkte herüber, und erst viel später erkannten wir, daß Er es war. Wohl oder übel mußte die SS- Besoldungsstelle dazu übergehen, Priester an ihre Karteien zu rufen oder an die Schreibmaschinen zu setzen. Die Reichsführung besann sich lange genug; denn es handelte sich um sehr vertrauliche Dinge. Nun ja! ,, Heraus kommt von euch ja doch keiner mehr!" Dieser Spruch stammte von dort und schlug alle Bedenken nieder. Gegen hundert Priester mögen auf der Besoldungsstelle beschäftigt gewesen sein. Sie arbeiteten gerne dort, denn die Arbeit war annehmbar, es war trocken dort und einigermaßen warm. Der größere Teil der SS- Vorgesetzten war verträglich. Sie hatten auch allen Grund dazu, weil die Priester gewissenhaft und zuverlässig arbeiteten. - - Mancher geheime Brief wurde da mit der ausgehenden Post herausgeschmuggelt und fand den Weg in die Heimat. Doch einmal wie das eben immer so ist, solange auf dieser Erde ,, Krüge zum Brunnen gehen" fielen zwei Priester damit herein. Zu allem standen in beiden Briefen noch Dinge, die den SS- Männern auf die Nerven gingen. Zur Strafe dafür wur. den alle Priester aus der Besoldungsstelle entfernt. Viele von ihnen machten den beiden Briefschreibern wegen ihrer Unvorsichtigkeit, derentwegen so viele jetzt aus dem Kommando flogen, bittere Vorwürfe. Drei Wochen darauf, es war ein glasklarer Sommertag, sahen wir von unserer Plantage aus, wie bei einem Fliegerangriff sich ein Bomber aus seinem Verband löste und gegen das Lager herunterstieß. Und schon tanzten die Gläser unserer ,, Dynamisch- biologischen Versuchsabteilung" wild durcheinander, der Kapellmeister aus Göttingen rettete seinen Kopf unter die Tischplatte des Gewächshauses. Aber die Bomben saßen ein gutes Stück neben uns, nämlich als Volltreffer in der SS- Besoldungsstelle. Die Toten und Verwundeten dort wären alle oder doch zum größten Teil Priester gewesen, wenn jene zwei nicht ihre ,, Dummheit" gemacht hätten. So also war uns der Meister nahe, der am Ufer stand, ohne daß wir im Augenblick seiner achteten. 21 5. Wieder stand Er mitten unter uns und schaute uns an aus den Augen eines Kindes. Iwan Krichorowitsch wird 15 Jahre gezählt haben, als die SS ihn aus seinem Heimatdorf am Dnjepr aushob und mit Gewalt den Händen der sich verzweifelt wehrenden Mutter entriẞ. Mit vielen älteren und jüngeren Kameraden wurde er nach dem Westen verfrachtet. Ohne Worte, aber bitter weinend, schaute die Mutter dem davondampfenden Zuge nach; an ihrer Schürze hingen die zwei kleineren Geschwister und schrieen laut in ihrer großen Angst. Weit trieb ihn ein unmenschlicher Befehl fort in ein unbekanntes Land zu Menschen, deren Sprache er nicht verstand und die, wie er annehmen mußte, kein Herz zu haben schienen. Als ein Trupp von ihnen im Lager bei uns ankam, regnete es heftig, und der Wind blies kalt aus den Bergen herüber. Lange mußten sie auf dem Appellplatz stehen. Da erbarmten sich einige wohlmeinende Häftlinge, die im warmen Kesselhaus arbeiteten, und sagten: ,, Kommt ihr ein wenig mit uns, da könnt ihr euch wärmen und die Kleider trocknen." Als sie aber die großen Kessel sahen mit den Feuerschlünden, schrieen sie in heller Angst und rannten wieder hinaus in den Regen, um ihr armes Leben noch eine Weile zu retten. Iwan hatte von seiner Mutter Gebete gelernt. Sie gingen jetzt mit ihm. Auch die meisten seiner Kameraden waren getauft. Sie erfuhren auch bald, ich weiß nicht woher, daß Priester im Lager waren. Nach diesen hielten sie Ausschau. Es war einige Wochen später, an einem recht kalten Sonntagnachmittag, als Iwan mit einem seiner Kameraden auf der Auslinie des Fußballplatzes im Lager stand. Ganz schmal war sein Gesicht, vom Hunger zusammen. gedrückt. Seine hellblonden Haare waren auf einen Millimeter geschoren. Vom Nacken zur Stirne lief ein Kahlstreifen zur Kenntlichmachung als Russe. Das Blau seines durchfrorenen Gesichtes setzte sich in ihm fort. Trotzdem blieb er hier beharrlich stehen, denn in der Baracke war ein böser Stubenältester, da konnte man nicht sein. Wind und Regen sind nicht so grausam wie die Menschen. Es fiel mir auf, wie er und sein Kamerad nur unaufmerksam dem schönen Spiel zwischen Tschechen und Italienern vor uns folgten. Sie ließen ihre Augen die Zuschauerreihen entlang gehen und schätzten die Gesichter ab. Da flüsterte Iwan mir die Frage ins Ohr: ,, Du Batuschka?", d. h. bist du ein Priester? Ich sagte ,, Ja". Da sah er mich an, so fröhlich und lachend aus seinem jungen Elend heraus, und nickte seinem Kameraden zu. Es ging nicht lange, so streckte er seine eis. kalte Hand in die weite Tasche meines Mantels. Ich ergriff sie, um ihr ein wenig Wärme zu schaffen. ,, Komm mit zum Priesterblock, ich will dir 22 ein St ein gr Schulte Liebe Es wa war. I Und w Einma schütt Der le SS- Ha Hund sich s lich h alle N in de Rad vorne Der Reche bitz ware auf d Bes, Z wenn holt, Gem der er nu der zum inne an d scha Wel brin nig das Augen n aus en der ngeren = bitter n ihrer n ihrer ein Stück Brot und Wurst geben." Da er es empfangen hatte, schlug ei ein großes, schönes russisches Kreuz von der Stirne zur Brust und von Schulter zu Schulter. Das war sein Dankeswort in einer Sprache, die die Liebe am Kreuze gesprochen hat, und alle Welt versteht sie. Es war aber wiederum der Herr, der mir in diesem armen Kinde begegnet war. Denn die Armen und Elenden gehören zur Hofhaltung des Herrn. Und wo sein Hof ist, da ist Er. unbe ie, wie ihnen alt aus en. Da selhaus r euch sahen wieder n. it ihm. ch bald, ten sie mittag platzes ammen choren. ng als m fort. war ein nd nicht amerad alienern gehen s Ohr: sah er us, und eine eis. um ihr will di 6. Einmal hörte ich Seine Stimme wie aus dem Grabe. Wie die eines Verschütteten. Aber es war Seine Stimme. Der letzte Kommandoführer der Teekräuterkulturen hatte den Rang eines SS- Hauptscharführers und gebot über zwei Dutzend Wachtposten, acht Hunde und zwölfhundert Häftlinge. Wenn ihn der Zorn packte, überschlug sich seine Stimme, und er stieß wilde Drohungen aus, die allerdings ziemlich harmlos waren; denn er hat keinen Häftling geschlagen und gab sich alle Mühe, ein Mensch zu bleiben. Und das war bei den Befehlen, die er in der Tasche trug, sicher nicht immer leicht. Immerhin, wenn er auf dem Rad an uns vorbeifuhr, sahen wir lieber seinen Rücken als die Kokarde vorne: man konnte ja nie wissen... und Rätselmänner waren sie alle! Der Tabak war schon am Reifen, als ich in unserem Versuchsgarten den Rechen über die schwarze Moorerde zog. Dieser Garten war wegen ,, Kiebitz und Stiebitz" eigens noch einmal eingezäunt. Drei Priesterkameraden waren bei mir. Da wurde gewarnt, und ich sah den SS- Kommandoführer auf dem Rad herfahren. Unter den rechten Arm hatte er ein großes, weiBes, zusammengerolltes Papier geklemmt. Hoffentlich fährt er vorbei! Denn, wenn er auch mein Landsmann ist und manchmal eine Prise ,, Schneeberger" holt, ist sein Kommen bei uns von unsicheren Gefühlen begleitet. Auf den Gemüsefeldern ringsum haben sie ihn natürlich längst beobachtet, denn der Warndienst der Häftlinge arbeitet zuverlässig. Sie denken alle: Wenn er nur an uns vorbeigeht! Richtig, er steigt ab, lehnt das Rad an den Zaun, der über und über mit blauen Ipomea bona nox übersät ist, und schreitet zum hinteren Gartentörchen. Es wird sich also voraussichtlich das Unwetter innerhalb des Zaunes austoben. Nun stand er vor mir, statt der Kokarde an der Mütze den Totenkopf und am Kragenspiegel etwas größer dasselbe schaurige Zeichen. Wir starrten auf die Rolle Papier in seinen Händen. Welche Teufelei war jetzt wieder los? Hat mich einer verpetzt, und der bringt jetzt eine liebe Einladung? Der Herr Kommandoführer machte wenig Umstände. ,, Na, was meinen Sie, was ich hier habe?" Weil wir uns das ,, Meinen" sowieso längst abgewöhnt hatten und nur auf Hören und 23 Sehen gingen, blieb ich die Antwort schuldig. Da entfaltete er feierlich die Papierrolle. Eine gelbrote Sonne war daraufgemalt. Ihre Strahlen vergoldeten die vier Worte, die in großen Buchstaben über diese Sonne geschrieben waren. Der Spruch aber hieẞ: GOTT IST DIE LIEBE Wir standen im Rauch des Krematoriums, den der Westwind herüberwehte, und man roch verbrannte Haare und Nägel. In den Invalidenbaracken starben die Menschen zur gleichen Stunde an übergroßem Elend. Eine Weile stand ich da wie von Sinnen, fand keine Worte, und der Rätselmann weidete sich an meiner Verwirrung. Dann sagte er: ,, Ich habe mir das nachts so ausgedacht. Wer diesen Spruch versteht, der braucht nichts weiter zu fragen. Das werde ich meiner Frau schicken." War das nun nicht die Stimme des Herrn aus dem Grabe? Oder wie die eines Verschütteten? aufzuge Pfleglin Tagen wirkter mir am in mei Antlitz starrte mit un 7. Ich sah den Herrn über dem Antlitz eines entschlafenen Priesters. So dick und beißend in den Augen war der Staub im Arbeitsraum des Pfarrers Fränznick, daß ich durch das Fenster ihn manchmal nur wie in einem Nebel sah. Dazu lärmte seine motorgetriebene, große Teekräuterschneidmaschine den kleinen Raum unmäßig voll; der Boden war aus Zement und ließ die Füße erstarren. Trotz allem hielt Fränznick aus, obwohl er eine leichtere und angenehmere Arbeit hätte finden können. In der Typhuszeit verbrachte er mit mir etwa zehn Wochen außerhalb des Lagers; wir waren damit auch vom Quell der Gnade, dem Tabernakel, abgeschnitten. Durch eine geheime Verbindung mit der Außenwelt gelang es uns, die heiligen Geheimnisse zwischen den Bettgestellen doch feiern zu können, und ich brachte meinem geistlichen Mitbruder, der nicht dabei sein konnte, die heilige Kommunion. Ich werde sein verklärtes Lächeln, das sich dann immer um seinen Mund zeigte, nie vergessen können. Er wußte sich sicher geborgen in Gottes Schutz. Vorbehaltlos vertraute er sich der Vorsehung an, dankbar dafür, daß sie ihn durch Leid und Einsamkeit führte. ,, Zufrieden sein mit allem, was ein Tag bringt, will verstanden sein; ist es aber einmal so weit, dann gibt es der Freude und des innerlichen Glückes wirklich keine Grenzen", schrieb er einmal nach Hause. Seine reichlichen Paketgaben, die eine dankbare Heimat ihm zukommen ließ, verteilte er unter die andern. Besonders einem armen polnischen, jungen Mitarbeiter, einem Kind beinahe noch, war er ein sorgender, tröstender Vater. Da seine Gesundheit uns immer mehr Sorge machte, drangen wir in ihn, seine Stelle 24 aufzugeben, und boten ihm eine bessere an. Aus Mitleid mit dem armen Pflegling blieb er auch diesmal, bis er zusammenbrach und sich nach drei Tagen zum Sterben legte. Die Priesterkameraden im Krankenrevier er- wirkten seine Aufbahrung.„Da mußt du hingehen und schauen“, sagte mir am Abend, als ich von der Arbeit heimkehrte, Heinrich Becker.„Nie in meinem Leben habe ich einen Toten gesehen, der ein solch verklärtes Antlitz zeigte.‘ So war es, wahr und wahrhaftig. Sein Gesicht war die er- starrte Liebe. Der Widerschein der Gegenwart des Herrn lag auf ihm, der mit uns durch„die Nacht“ ging. FRIEDRICH JUSTUS PERELS und gesch terun tat m ausk Bericht von Rechtsanwalt Dr. Schulze zur Wiesche, teilweise nach Mitteilungen der Witwe Perels' und der Pastoren Lic. Wilhelm Niesel und Eberhard Bethge. für d seine Nur ,, ICH BIN GETROST, SEID IHR ES AUCH!" Wir trafen uns einige Tage nach dem 20. Juli 1944 auf der Wilhelmstraße in Berlin. So etwas wie ein Erstaunen darüber, daß man sich noch lebend wiedersah, lag über dem Zusammentreffen. Und als ich den Tod der Erschossenen, insbesondere unseres Freundes von Haeften, bedauerte, da antwortete er: ,, Wie, armer Kerl? Gibt es denn was Besseres, als für eine gute Sache zu sterben?" An dieses Wort mußte ich denken, als sich die dunkle Ahnung von Perels' Tode bestätigte. Es gibt die ganze Haltung dieses Mannes wieder, die er auch in der schwersten Zeit, der Zeit nach dem Erlaß des Todesurteils, an den Tag legte. Und auch die Situation, in der es damals fiel, war bezeichnend für ihn. Gerade nach Berlin zurückgekehrt, befand er, der selbst in dauernder Gefahr lebte und mit einer Verfolgung rechnen mußte, sich auf dem Wege zu einem Ministerium, um sich für Graf Paul York einzusetzen, der einen Tag vorher verhaftet worden war. Perels dachte nicht an sich, nur an die andern. So auch, als wir einige Tage später mit unserem Freund Klaus Bonhoeffer überlegten, was wir aussagen würden, falls wir von der Gestapo ergriffen und vernommen würden, ohne uns noch einmal verstän digen zu können, und als wir die schwere Frage erörterten, ob wir nicht über die Grenze gehen sollten, wenn wir Anzeichen dafür hätten, daß man auch uns suchte. Da erklärte Perels ohne Überlegung, er dächte nicht an Flucht, da er damit rechnen müßte, daß man sonst seine Frau in Sippen. haft nähme. So wurde er dann doch noch verhaftet und am 2. Februar 1945 durch den Volksgerichtshof mit Klaus Bonhoeffer, Rüdiger Schleicher und Hans John wegen Beteiligung an dem Komplott gegen Hitler zum Tode verurteilt, hauptsächlich wegen unterlassener Anzeige. Man hatte ihn, der von überzarter Gesundheit war, besonders grausam verhört: körperliche Mißhandlungen, ständige Bedrohungen für seine Familie, Schmähungen gemeiner Art mußte er wochenlang über sich ergehen lassen. Durch solche langandauernde Quälereien 26 hand zoge er se Gefa Halt letzt er b Und als spar Brie „ Jet Hilf Geb wir Und ,, Di hat daß Die reit der Ich hie und Eu au Se and im LS der raße bend Er , da ne zu erels Lie er s, an zeichost in hauf etzen, sich, eund n der rstän nicht man Cht an ppen h den John haupt er Ge stän er wo ereien und die Drohung, das Gleiche würde mit seiner Frau und seinem Jungen geschehen, hat man von ihm Geständnisse erpreßt, die er ohne diese Folterungen nicht abgegeben hätte( auch seinen Vater, den Berliner Historiker, tat man um des Sohnes willen ins KZ., aus dem er nicht mehr lebend herauskam). Selbst hier im Zustande halber Bewußtlosigkeit handelt er nur für die andern, seine Familie, und belastet keine Kameraden. Aber er läßt seine ihn besuchende Frau nichts merken von dem, was er zu ertragen hat. Nur einmal verliert er seine Fassung, erzählt von den furchtbaren Miẞhandlungen und erklärt unter Tränen zitternd: ,, Wir sind zu weich erzogen!" Doch schon bei ihrem nächsten Besuch in der Gefängniszelle hatte er seine Ruhe wieder vollkommen zurückgewonnen und gab ihr durch seine Gefaßtheit viel tröstende Kraft. Am Gerichtstag zeigte er eine prächtige Haltung und führte die geschickteste Verteidigung. Es war übrigens der letzte Prozeß, den der unglückselige Freisler führte; denn tags darauf kam er bei einem Luftangriff ums Leben. Und diese Ruhe hält bei Perels an, auch nach dem Fällen des Todesurteils, als er der Hinrichtung entgegensah. Wohl gibt es nach der Zeit der Anspannung bis zum Termin nun Tage der Erschöpfung. So heißt es in seinem Brief an seine Frau vom 19. Februar 1945: ,, Jetzt gehen die Tage wieder so dahin, und für jeden Tag erbitte ich mir Hilfe und Trost und umgebe Euch mit meinen Gedanken und bittendem Gebet. Nicht immer ist es leicht. Aber wie sollte das auch sein, solange wir Menschen sind?" Und auch am 28. Februar klingt es wieder durch: ,, Die Stunden gehen hier so hin. Nicht immer ist es leicht, aber bis hierher hat der gnädige Gott mir noch immer geholfen, und ich vertraue darauf, daß er Dich und mich nicht verlassen wird." Die Zeit nach dem Erlaß des Todesurteils ist eine einzige Zeit der Vorbe. reitung auf den Tod. Das schreibt er klar in seinem Brief vom 11. Februar: ,, Eine Woche ist nun wieder verstrichen, und die innere Spannung, die in den ersten Tagen nach dem Termin angehalten hatte, läßt wieder nach. Ich bin sehr dankbar, daß ich mich auf das zeitliche Ende in der Stille hier vorbereiten darf. Da sehe ich von Tag zu Tag unerkannte Schwäche und Sünde. Und ich versuche, die einfach Gott zu übergeben... Ihr müßt Euch ganz fest an Ihn klammern. Er hilft wirklich, weil Er lebendig und auferstanden ist." Sein Glaube nimmt zu an Kraft und Tiefe. Das beweist die Stelle in einem anderen Briefe: ,, Man muß so glauben, wie Abraham, Moses und Jakob und wie diejenigen im Evangelium, an denen der Herr Wunder tut. Man darf nicht mit Gott 27 rechten. Immer wieder zu ihm kommen, gerade dann, wenn wir fühlen, daß die Kräfte nachlassen! Das Schlimmste ist Gleichgültigkeit." Es ist ein tiefes Gespräch mit Gott, diese Zeit im Gefängnis. Ständig ist seine Bibel aufgeschlagen. Er spürt die Kraft und Verheißung des Gebetes. Sein Herz findet Ergebung und Trost: " - Wir wollen anhalten am Gebet betet weiter für mich wie ich für Euch! Ich bin hier sehr dankbar, daß ich so von den Brüdern getragen werde, innerlich und äußerlich. Und die Gebete der, Heiligen' haben ihre Verheißung. Letzten Endes bin ich sicher, daß alles auf unsere Gebete ankommt. Die haben nämlich wirkliche Verheißung. Und das bestätigt sich immer wieder bei mir, wenn man den Herrn nicht losläßt und um Stärkung im Glauben bittet, dann stärkt er uns und hilft uns auch. Ich bin ganz getrost, wie alles auch werden mag. In dieser Zeit habe ich viel innere Hilfe erfahren. Das Entscheidende für uns alle ist:, Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid'. Ich mußte erst ganz kaputtgehen und zuschanden werden, um das zu verstehen. Darum sei ganz getrost! Er hilft Dir und Euch allen wunderbar. Wie alles auch kommen mag, wir wissen es nicht. Gott allein weiß es. Er hat mich hier nicht verlassen, sondern oft wunderbar errettet und gestärkt. Er wird Dich ganz gewiß auch nicht verlassen. Halte Dich ganz fest an Ihn! Er ist auferstanden und lebt... Aber über all unserer Not, Anfechtung und Sünde dürfen wir uns in dem Tod und der Auferstehung des Herrn getrösten. Das höre ich immer wieder, und das gilt auch für Euch. Er erlebt Karfreitag und Ostern bewußter denn je, weil ihm nur das Le ben und Sterben Christi Kraft gibt, diese aber in einer ihn nicht verlassen. den Stärke. Im Karfreitagsbrief heißt es: ,, Heute, am Karfreitag, steht der ganze große Trost des Kreuzes Jesu Christi unmittelbar vor unseren Augen. Das ist eine starke und ewige Ge wißheit, daß er für unsere Sünden dahingegeben ist und daß wir durch seine Wunden geheilt sind. Diese Gewißheit gibt er uns und macht uns damit in der größten Trübsal fröhlich und reißt uns aus Angst und Qual. Das erfahre ich hier in ganz großem Maße. Und daran und an nichts anderes dürft und sollt Ihr Euch halten." Hilfe aus d die O seine drück mein und Im L dem gegn strah suche ihm leere kom ,, Ich So is Den tigte in d spri altp mal „ Au letzt Und Krie hau „ Da Nich meh vert Mar selb „ Es An diesen Christus, an ihn allein, hält er sich. Er bittet seine Frau um ein kleines Kruzifix, und als er es besitzt, sagt er zu ihr: den bei ,, Es ist gut, daß ich das habe. Darauf sehe ich, und dann sage ich mir: Warum soll ich es besser haben?" Wochenlang hatte Perels versucht, auf offiziellem Wege die Erlaubnis zum Empfang des heiligen Abendmahles zu erhalten, aber stets vergeblich. Da brackte ihm am ersten Ostertage ein Mitgefangener( Pfarrer Bethge) mit wied Im Mil fige 28 Die ben ich Blut erst rum ‚Er irkt, t an fech- Jesu urch uns )ual. ; an nein Hilfe eines freundlichen Postens heimlich das Abendmahl. Der Wein war aus der Zelle von Ernst von Harnack, der schon früher hingerichtet wurde, die Oblaten hatte ein katholischer Pater, der Jesuitenprovinzial Rösch, aus seiner Zelle gegeben. Übergroß ist da das Glück von Perels. Immer wieder drückt er dem Bruder seine Freude und Dankbarkeit darüber aus und meint, wie unwesentlich alles dagegen sei, was er je an Laufereien, Planen und Anstrengungen vollbracht habe. Im Leben Perels’ spürt man etwas von der großen Verwandlung, die mit dem Menschen vorgeht, wenn er der Wirklichkeit und Macht Gottes be- gegnet und sich ihm ganz ausliefert. Dieses neue Wesen des Menschen strahlt in seine Umgebung aus. So gibt er, der Todgeweihte, seiner ihn be- suchenden Frau Kraft zum Durchhalten. Wenn sie ihn nicht sehen, sondern ihm nur Nahrungsmittel bringen kann, läßt er ihr mit den Büchern oder leeren Schachteln fast immer einen Zettel mit den wenigen Worten zu- kommen: „Ich bin getrost, seid ihr es auch!“ So ist sein ganzes Sein zur damaligen Zeit ein einziges Bekenntnis zu Gott. Den höhnischen Bemerkungen der Gestapo-Beamten und auch dem berüch- tigten Präsidenten des Volksgerichtshofes, der immer nur hohnlächelnd in der Gerichtsverhandlung von dem„Justitiar der Bekennenden Kirche“ spricht— Perels war der Justitiar des Rates der evangelischen Kirche der altpreußischen Union— tritt er mit aller Ruhe entgegen. So sagt er ein- mal dem.vernehmenden Beamten: „Auch Sie müssen sich, Herr Kommissar, ob Sie es glauben oder nicht, im letzten Gericht verantworten für Ihre Taten.“ Und als seine Peiniger dann voller Spott und Drohung sagten:„Nach dem Krieg wird noch ganz anders gegen die Kirche vorgegangen, sie wird über- haupt noch ganz abgeschafft“, antwortete er: „Das glaube ich nicht, die Kirche bleibt, ob Sie es wollen oder nicht.“ Nicht als Politiker wurde er auch letzten Endes gefangen genommen, viel- mehr hatte ihn die Tätigkeit für die Kirche in Gefahr gebracht. Der Pflicht: verteidiger bestätigte es, wenn er Perels mitteilte, der Vorwurf, er sei„ein Mann der Kirche“, zöge sich wie ein roter Faden durch die Akten. Und er selbst äußerte einmal bei einem Besuch seiner Frau: „Es ging immer wieder gegen die Kirche, und ich bin dankbar, daß ich denen da Verschiedenes habe sagen können. Wenn auch viel anderes da- bei war, im Grunde richtete sich alles gegen die Kirche. Dies trat auch wieder am Verhandlungstage vor dem Volksgerichtshof zu Tage.“ Im Dienste der Bekennenden Kirche knüpfte er all die Bande zu Politikern, Militärs und hohen Dienststellen. Die Beziehungen zu diesen und die häu- figen Besuche bei ihnen verrieten ihn schließlich. Dieses rastlose Leben 29 konnte ja der Gestapo nicht verborgen bleiben, dieses Leben, das der befreundete Pfarrer bei der Trauerfeier am 11. Juni 1945 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zu Berlin in die Worte faßte: ,, Wann kam einer vergeblich zu Friedrich Justus Perels? Vom Morgen bis zum Abend ließ er sich in Anspruch nehmen und machte Wege bis zur Erschöpfung, um Gefangenen die Freiheit zu verschaffen, Angehörigen von KZ.- Leuten zu helfen, Pfarrfrauen zu beraten, Juden ihr Los zu erleichtern, sie zu ver. stecken oder ihnen zur Flucht zu verhelfen, der Kirche Möglichkeiten zum Wirken zu schaffen. Was sind wir ihm doch Dank schuldig?" Seine Freunde versuchten, diese Dankesschuld ihm gegenüber abzutragen. Zur Vorbereitung der Verteidigung konnten wir leider nichts tun, da der Gerichtstermin wider Erwarten plötzlich stattfand. Aber nach dem Spruch des Todesurteils taten wir alles, wie auch Perels selbst und seine Frau die größten Anstrengungen machten. Wir taten manchen gefährlichen Weg, um die Vollstreckung hinauszuschieben. Mit nervöser Teilnahme verfolgten wir den Weg der Feinde auf Berlin, wo er mit seinen Freunden im Gefängnis saẞ. Immer wieder bewegte uns die bange Frage: Wird der Feind eher in Berlin sein, als die SS. oder die Vollstreckungsbehörde zugreifen werden? Es war, wie wenn man an einem Wettlauf zwischen den Russen und der SS. teilnahm. Und dann geschah doch das Entsetzliche: Als der Russe schon in Berlin kämpfte, wurde Perels mit seinen Freunden am 22. April 1945 von starkbewaffneter SS. aus dem Gefängnis herausgeholt und in den Trümmern Berlins meuchlings ermordet. Seine Sterbeurkunde enthält die grausige, nüchterne Tatsache: ,, Auf dem Gelände des Lehrter Bahnhofes tot aufgefunden". Es richtet uns die Gewißheit auf, daß Perels getrost in den Tod ging, als Zeuge für die Kraft, die Gott dem Menschen gibt, wenn er sich ganz auf ihn verläßt, wenn er Christus ,, nachfolgt". Nicht von ungefähr las Perels im Gefängnis mit Vorliebe das Büchlein ,, Die Nachfolge Christi" von Tho mas a Kempis. Aus ihm schöpfte er Kraft und Trost. Für seine Frau hat er darin die Stellen angestrichen, die ihm lieb und wert waren. Wie oft mag er das angestrichene Gebet des frommen Katholiken nachgebetet haben:„ Mein Gott, entferne dich nicht von mir, mein Gott, sei auf meine Hilfe bedacht! Denn vielerlei Gedanken sind in mir aufgeschrieben, und große Schrecken ängstigen meine Seele. Wie werde ich unverletzt durch sie hindurchkommen, wie sie durchbrechen?" Man liest die angestrichenen ,, Betrachtungen des Todes" in dem Büchlein, als seien es Perels' eigene Worte: Wenn es schrecklich ist, zu sterben, so ist es vielleicht noch viel gefährlicher, länger zu leben... Halte Dich für einen Fremdling und Gast auf dieser Erde, den das Treiben der Welt nichts angeht. Bewahre Dein Herz frei von dieser Welt und zu Gott erhoben, denn Du hast hier keine 30 bleiber Träner überzu rufen: in der Nach es bes nicht, Troste richter Wir k der M den u gefan isti land nich sein erk e- 0. er eB m zu er. m en. Her ch die um wir nis in en? der on 945 den bleibende Stätte. Dorthin richte Dein Gebet, Deine täglichen Seufzer und Tränen, damit Dein Geist verdiene, nach dem Tode selig zum Herrn hin überzugehen... Ich höre den Gottmenschen Jesus Christus selbst am Kreuze rufen: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Ich sehe ihn in der bittersten Not, ihn, den Heiligen, wie er allen Trost entbehren will. Nach einem solchen Vorbilde, o meine Seele, kannst Du nicht verlangen, es besser haben zu wollen. Nein, mein sterbender Heiland, ich verlange es nicht, sondern will auch den Zustand der Trockenheit und den Mangel allen Trostes als Deine Fügung betrachten und an Deinem Beispiel mich auf richten." Wir können annehmen, daß Perels, der ein so nüchterner, sachlich denken. der Mann war, in der letzten Zeit der Gefangenschaft kaum noch auf Erden weilte. So wie es Philipper 3, 20 und 21 heißt, worauf er einen Mitgefangenen immer wieder besonders hinwies: ,, Unser Wandel aber ist im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilandes Jesu Christi, des Herrn, welcher u n seren nichtigen Leib verklären wird, daß er ähnlich werde seinem verklärten Leibe, nach der Wirkung, mit der. er kann auch alle Dinge sich untertänig machen." die ofes als auf rels Tho hat oft ha eine und sie enen gene viel Gast Dein keine 31 REINHOLD FRIEDRICHS deln un scheiden wollen, sehung Friedrichs, jetzt Domkapitular in Münster( Westfalen), wurde 1935 vom Nationalsozialismus als Religionslehrer aus der Schule entfernt. Seine Vorträge und Predigten erregten bei der Gestapo wiederholt Anstoß. Am 8. März 1941 verhaftete sie ihn nach einer Predigt in RecklinghausenEssel, Ohne Gerichtsverhandlung schaffte man ihn einige Wochen darauf vom Polizeigefängnis Münster( Westfalen) gefesselt in das Konzentrations. lager Sachsenhausen- Oranienburg, etliche Monate später von da nach Dachau. Hier blieb er als politischer Häftling vom 12. September 1941 bis zum 5. April 1945 begraben. Kirchengeschichtlich wohl einzigartig ist die Dachauer Priesterweihe. Sicher. lich ist Karl Leisner der erste und einzige Geistliche, der hinter Stacheldraht, in der Entmenschlichung eines Konzentrationslagers dieses Sa krament empfing und dort seine Primiz feierte. Wegen einer Äußerung zum mysteriösen Bombenattentat auf Hitler im Bürgerbräukeller vom November 1939 war der 24jährige Diakon auf die Denunziation seines jüdischen Zimmergenossen hin aus dem Krankenhaus in St. Blasien weg ins Gefäng nis nach Freiburg, von hier ohne gerichtliche Aburteilung nach Buchenwald, im Dezember 1940 nach Dachau verbracht worden. Die Leiden und Entbehrungen des Lagers, dazu die feuchte Luft des Dachauer Moors ver. schlimmerten seinen Zustand, um dessentwillen er die theologische Ausbildung hatte unterbrechen müssen, zu offener Tuberkulose, Mühselig hielt sein bedrohtes Leben fünf Jahre KZ. durch, erlosch jedoch bald nach der Befreiung. Als einen Helden christlichen Bekennertums begrub und wie einen Heiligen verehrt ihn seine niederrheinische Heimat. Der Dia 1909, a stapo v Der fri war ein ligen natürlic seelte Stepha sche Das wa ins Ko lichen und di Gefang zu ver 12. Se meiner ich min dem S Ganz der, ,, exkon wurde schloss Mitfei ten? älteste PRIESTER WEIHE IN DACHAU Dachaus Geschichte ist neben dem Grausigen auch eine Geschichte priesterlichen Lebens, Opferns und Sterbens. Tiefbewegt stehen heute Millionen von Menschen, nachdem die Zustände der Konzentrationslager vor aller Welt aufgedeckt sind, vor der niederschmetternden Wirklichkeit, daß in unserer hochentwickelten Kultur derartiges in Deutschland von Menschen an Menschen geschah. Aber unwissentlich waren in dieser Hölle die Feinde Christi, indem sie glaubten, der Kirche Gottes durch das Miẞhan. 32 zu de Mona Enge breit mir: terred als an nach rück v 3 Siege vom Vor: Am isen- rauf Ions- nach ] bis ‚cher: - Sto- s Sa: ; zum yyem- schen fäng: wald, ) Ent s ver: Aus: 4 hielt h der ‚ einen deln und Morden von Priestern, Ordensleuten und heroischen Laien ent- scheidende Schläge versetzen zu können, Werkzeuge Gottes. Ohne es zu wollen, gaben sie das Signal zu dem großen Triumphe, den Gottes Vor- sehung seiner Kirche aufbewahrt hat. Der Diakon der Diözese Münster, Karl Leisner, wurde bereits im Jahre 1939, auch wegen seiner Arbeit an der katholischen Jugend, von der Ge- stapo verhaftet und bald in das Konzentrationslager Dachau transportiert. Der frische, jugendbewegte Streiter Christi mit dem brennenden Herzen war ein Mann wie Stephanus,„volldes Glaubensunddeshei- ligen Geistes“, den Saulus, der Gegner Christi— die Gestapo— natürlich verfolgen und verbannen mußte. Aber nur umsomehr noch durch- seelte den jugendlichen Apostel der Geist und das heilige Feuer eines Stephanus:„Ich sehe den Himmel offen und den Men. schensohn zur Rechten Gottes stehen“(Apg. 7, 56). Das war das Leitmotiv seines Lebens, war der Gedanke, den er mitnahm ins Konzentrationslager und hier vom Morgen bis zum Abend zu verwirk- lichen strebte. Er scharte die Gefangenen um sich, organisierte eine Klampfe und die Liederbücher der katholischen Jugend, sang und spielte mit den Gefangenen, um sie abzulenken, aufzumuntern und ihnen trübe Stunden zu verscheuchen. Als ich selbst am Namensfest der Muttergottes, am 12. September 1941, nach Dachau kam, war er der erste, der sich besorgt meiner annahm. Heimlich drückte er mir fünf Mark in die Hand, damit ich mir das Notwendigste kaufen könne, und holte mir sein Stück Brot aus dem Spind. Almosen spendend wie ein Stephanus, ein Vater der Armen! Ganz plötzlich, ohne daß ein Grund dafür angegeben wurde, hieß es, daß der„Religionslehrer‘‘— das war ich— aus dem reichsdeutschen Block „exkommuniziert“ werden sollte. Das war ein harter Schlag, denn ich wurde damit nicht bloß aus der Gemeinschaft der Landsleute ausge- schlossen, sondern auch vom Sakramentenempfang und vom Anhören und Mitfeiern der hl. Messe. Was sollte meine willkürliche Verlegung bedeu- ten? Hatte ich etwas verschuldet? Auf meinen Einspruch beim Lager- ältesten, ich sei doch Reichsdeutscher, bekam ich zur Antwort:„Du gehst zu den Böcken!“ Die„Böcke“, das waren die polnischen Priester. Drei Monate lang habe ich auf dem Polenblock gelebt, in einer ungeheuren Enge und Fülle von Menschen, in einem Gang, der nur vierzig Zentimeter breit war. Es herrschte eisigste Kälte. Der gute Karl Leisner empfand mit mir:„Dein Fall ist ein ganz besonders schwerer.“ Ich gab nach dieser Un- terredung meine Hoffnung auf. Eher hätte ich an 25 Stockhiebe gedachi als an eine Verlegung. Aber Leisners Novene fand Erhörung. Zwei Tage nach der Vernehmung wurde ich in den reichsdeutschen Priesterblock zu- rückverlegt. 3 Sieger in Fesseln Hier konnte ich nun unter meinen Confratres als Priester wirken. Alle vierzehn Tage versammelte ich diejenigen aus dem Bistum Münster zu einer sogenannten ,, Diözesansynode". Die ,, Sitzung" fand stehend auf der Blockstraße statt. Aber schon sehr bald wurden unsere priesterlichen Zusammenkünfte vom kommunistischen Stubenältesten beanstandet, und wir kamen nur noch ganz geheim zusammen. Als Einführung unserer ,, Synode" diente stets eine Lesung aus den Gefangenschaftsbriefen des hl. Paulus, die uns Mut und Kraft und Bekennergeist gaben. Dann erzählte man sich aus der geliebten Heimat, Gedanken wurden ausgetauscht, Briefe vorgelesen, die von daheim eingelaufen waren. Dies stärkte unsere brüderliche Gemeinschaft: ,, Einer trage des andern Last!"( Gal. 6, 2). Am Schluß unserer ,, Tagung" beteten wir gemeinsam für unseren Bischof Clemens August, für die geistlichen Mitbrüder der Diözese Münster, vor allem auch für die Priester aus Welt- und Ordensklerus, die im KZ. bereits gestorben waren. Inzwischen war unser lieber Karl Leisner sehr krank geworden. Man stellte eine hochgradige Tuberkulose fest. Oft haben wir Priesterhäftlinge untereinander den Wunsch ausgesprochen: ,, Wenn doch auch ein katholischer Bischof nach Dachau käme!" Dann könnte Karls Herzenswunsch in Erfüllung gehen, er könnte zum Priester geweiht werden! Welch ein Erlebnis müßte das sein im KZ.! Hier, an der Stelle, wo Priesterleben und Priesterwirken so brutal vernichtet wurde, sollte ein neuer Priester geboren werden! ,, Was toben die Heiden und schmieden die Völker eitle Pläne?"( Ps. 2, 1). Die gütige Vorsehung erfüllte auf wunder bare Weise unseren Wunsch. Im September 1944 wurde der französische Bischof Gabriel Piquet von Clermont- Ferrand als Gefangener in Dachau eingeliefert. Unser Pfarrer und Dechant im KZ., selbst Häftling, teilte es mir bewegt mit. Jetzt konnte Karl zum Priester geweiht werden! Unbeschreiblich war unsere Freude über diese Aussicht. Karl aber lag schwer krank als Todeskandidat im Revier. Was mußte es ihm bedeuten, als Priester in die Ewigkeit gehen zu dürfen! Mit dem unauslöschlichen Merkmal des Priestertums durfte er dann, ein Apostel Christi, ein zweiter Stephanus, sich in der ewigen Heimstatt des Himmels erfreuen! Mit tiefer Ergriffenheit denke ich hier an die heiligen Vierzig gekrönten Märtyrer, deren Fest die Kirche am 10. März begeht. Zur Zeit des Kaisers Lizinius zeichneten sich 40 Soldaten in einer Kleinstadt Armeniens durch Glauben und heroische Standhaftigkeit aus. Gefesselt lagen sie im dunklen Kerker. Mit Steinen bewarfen die Schergen des Kaisers ihr Gesicht. Unbekleidet mußten sie im kältesten Winter unter freiem Himmel auf einem zugefrorenen Teich die Nacht verbringen. Auf diese Weise sollten sie umkommen. Standhaft hielten sie die grausame Marter aus. Keiner dachte 34 daran, ewige Gott schlief auf ein abkam sich: er, wi aushie untreu hatte, sich zu des S neue. hüter Als d beoba gelade Sohn, hoffte Mutte belad Sie al Die A tause das H hat si hat si für d tause bist F Hung hund schwe zig S tause Dama treue verrie und Bisch 3* daran, Christus und den Glauben zu verleugnen. Zu vierzig wollten sie die ewige Krone erlangen. Sie beteten füreinander, daß nicht einer aus ihnen Gott untreu würde. Während die Wächter des Staithalters Agrikolaus schliefen, blieb einer aus ihnen wach. Es war der Türhüter. Der erblickte auf einmal, wie von hellem Lichtschein umflossen Engel vom Himmel her- abkamen und neununddreißig Kränze an die Soldaten austeilten. Er dachte sich: Es sind doch vierzig! Warum nur neununddreißig Kränze? Da sah er, wie einer der vierzig Soldaten es vor Kälte auf dem Eis nicht mehr aushielt und in das nebenan bereitete warme Bad stieg. Einer also wurde untreu. Doch der Türhüter, tief ergriffen von dem, was er da gesehen hatte, bekannte sich jetzt laut als Christ, warf seine Kleider ab und stellte sich zu den Glaubenszeugen auf den zugefrorenen Teich. Wie die Schergen des Statthalters dies hörten, stiegen Wut und Empörung in ihnen aufs neue. Sie zerschlugen den neununddreißig tapferen Soldaten und dem Tür- hüter mit Knütteln die Gebeine. Der jüngste der Märtyrer aber lebte noch. Als die heldenhafte Mutter, die bei der grausamen Szene zugegen war, beobachtete, wie die Leiber der neununddreißig Soldaten auf die Karren geladen wurden zur Verbrennung auf einem Scheiterhaufen, während ihr Sohn, fast noch ein Kind, zurückgelassen wurde, weil die Frevler noch hofften, er werde sich zum Götzendienst bekehren, da nahm ihn die heilige Mutter selbst auf ihre Schultern und schritt hinter dem mit den Leichen beladenen Karren her. In ihren Armen gab der Jüngling seinen Geist auf. Sie aber warf ihr Liebstes auf den Scheiterhaufen zu den anderen. Die Anwendung auf unseren Fall? Es befanden sich im KZ. Dachau vier- tausend Priester. Immer wieder hat man neu versucht, sie zu Apostaten, das heißt zu Abtrünnigen ihres Glaubens und Standes zu machen. Man hat sie mißhandelt, gefesselt, mit Füßen getreten und geschlagen, ja man hat sie hungern lassen und dann den Zerschlagenen und Halbverhungerten für den Verrat an Christus die Freiheit angeboten. Einer von diesen vier- tausend Priestern ist schwach geworden. Ich sagte ihm als Letztes:„Du bist Priester in Ewigkeit“. Seine erschütternde Antwort lautete:„Aber der Hunger!“ Das geschah im Jahre 1942, wo im KZ. Dachau allein acht- hundert Welt- und Ordenspriester, von tapferen Bekennerlaien ganz zu schweigen, an Unterernährung und Hunger zugrunde gingen. Unter vier- zig Soldaten ward damals im christlichen Altertum einer untreu, unter vier- tausend im 20. Jahrhundert verriet ein Einziger seinen Herrn und Meister. Damals ergänzte einer von den Wachhabenden die durch den einen Un- “treuen entstandene Lücke, in Dachau wurde für den einen, der Christus verriet, ein neuer Priester im KZ. geweiht. Unbegreiflich sind Gottes Wege, und wie wunderbar ist Gott in seinen Heiligen! Bischof Piquet griff voller Freude unser Vorhaben auf. Gern übernahm er 5* 35 die Priesterweihe im KZ. Aber zunächst war die Erlaubnis des zuständigen Bischofs einzuholen. Auf einen Brief an Leisners Eltern erfolgte die An- frage beim Ordinarius von Münster. Seine für uns alle beglückende Ant- wort lautete:„Ich gebe gern die Erlaubnis, aber unter der Bedingung, daß alles rite und für die Zukunft nachweisbar vollzogen wird.“ Nun hieß es, alles zu organisieren, was für die Ordination erforderlich war. Beherzte Frauen aus Dachau und München spielten heimlich Kurier zwischen dem Dachauer Stadtpfarrer und dem Kardinal Faulhaber von München. Sie be- sorgten auf dem Weg über die„Plantage“, auf der Priesterhäftlinge ar- beiten mußten, Pontificale, heiliges Öl und was sonst notwendig war. Im Lager fertigte ein Priester aus Trier die Mitra, ein Benediktiner schnitzts aus Eichenholz den Bischofsstab mit dem Wappen und der Inschrift Victor in vinculis(In Fesseln siegreich), ein Russe schmiedete in der Waffen- werkstätte Brustkreuz und Ring. Alles mußte ganz im Geheimen vor sich gehen. Kein Außenstehender durfte davon erfahren. Was wäre uns ge schehen, wäre die Lagerleitung dahinter gekommen! Es war der Sonntag Gaudete im Advent 1944. Am Tage vorher hatte heimlich eine Generalprobe in unserer„Kapelle“, das war die Stube 1 im Block 26, stattgefunden. Karl, der vor Schwäche nicht mehr stehen konnte, wohnte sitzend der Probe bei. Zur Priesterweihe tags darauf er- schien der Häftlingsbischof in einem Chormantel, die Mitra auf dem ge- weihten Haupte. Ich war inzwischen Blockältester geworden und durfte Archidiakon sein. Nie habe ich mein Jawort so gern und freudig, nie auch so ergriffen gegeben wie in dieser heiligen Stunde, nachdem der Diakon sechs Jahre lang Exerzitien des Duldens im KZ. gemacht hatte. Wahrlich, ein hartes Priesterseminar! Weil der Patient es körperlich nicht ertragen konnte, daß alle Priester des Blockes bei der feierlichen Handlung zugegen waren, wurden nur die ältesten Priesterkameraden und die dreißig Theo- logiestudenten zur Priesterweihe geladen; die Letzteren sollten in ihrem künftigen Priester!eben und bei allem Priesterwirken daran denken, wie unser Karl im KZ. gelitten, gebetet, geopfert und gesühnt hat, aber auch von Gott die große Gnade erhielt, in seiner Verbannung durch das Sacer- dotium gekrönt zu werden. Am Stephanstage, am Tage der Primiz, kam dann die zweite Hälfte der Priesterhäftlinge dazu, um auch an dieser Feier teilzunehmen, bei der wohl kaum einer die Tränen unterdrücken konnte, Die Priesterweihe selbst bot ein erschütterndes Bi!d. Der Weihekandidat bleich, abgezehrt, zitternd, in seiner Zebra-Uniform am Altare. Der Bischof in Pontifikalgewändern, unter denen die Sträflingshosen hervorschauten, wie der Kandidat alle Anwesenden in Häftlingskleidern. Karl Leisner sitzt auf einem Holzschemel. Ganz nahe bei ihm stehen die dreißig Prie- ster aus der Diözese Münster, die damals noch lebten. Einzeln legen sie 36 indigen die An-; de Ant- ing, daß hieß es, 3eherzte en dem Sie be inge ar- war. Im schnitzts ft Vietor Waffen vor sich uns ge ier hatte Stube 1 r stehen ‚rauf er- dem ge .d durfte nie auch r Diakon Wahrlich, ertragen y zugegen Big Ther in ihrem nken, wie konnte. „kandidat " Bischof rschautel, ‚j Leisnet „Big Prie jegen## ihm nach dem Bischof schweigend in ihrem Zuchthäusleraufzug die Hände auf. Alle andern Priesterhäftlinge strecken gemeinsam die Arme aus. Ganz still war es in unserer„‚Kapelle“. Die Herzen zitterten:„Veni sancte spiritus...“ Hier erst erfaßten wir ganz, daß die Priesterweihe eine Bluttaufe ist für die Ewigkeit. Nun wurden die Hände, die gebunden waren, mit heiligem Öl] gesalbt, damit sie die segnen, die sie in Ketten gelegt haben, daß sie für diejenigen sich zum Gebet erheben, die sie ver- fluchten. Es war so, wie es der heilige Paulus in seinem Gefangenschafts- brief an die Korinther schreibt(1 Kor. 4, 12—13):„Man flucht uns,und wirsegnen; manverfolgtuns,undwirneh- men es geduldig hin; man verleumdet uns, und wir spenden Trost. Wie der Auswurf der Welt sind wir geworden,wiederAbschaumallerbiszur Stunde.“ Was wir hier mit ehrfürchtigem Schauern erlebten, ist nicht in Worte zu fassen. Innig lagen sich am Schluß Neupriester und Blockältester in den Armen. Ich gab dem Neugeweihten, dessen Antlitz von Ergriffenheit und Freude überstrahlt war, den Friedenskuß und konnte es nicht unterlassen, zu sagen:„Karl, es geschehen noch Zeichen und Wunder!‘ Auf der Stube 3 unseres Blockes, auf der er früher beheimatet war, gab es zum Abschluß ein kleines Frühstück. Die Mitbrüder hatten hierzu Gaben aus ihren Pake- ten gestiftet und bedienten nun Bischof und Neugeweihten. Es war eine wirkliche Agape, ein heiliges Liebesmahl. Ein Karmelitenbruder hatte eine prächtige Urkunde geschrieben, unterzeichnet von Bischof, Spiritual und Blockältesten, zum dauernden Zeugnis und Gedächtnis an diese feierliche Handlung. Am Tage des Heiligen, der ihm so teuer war, am Feste des Stephanus, hat Karl Leisner die erste heilige Messe gefeiert. Sie sollte auch die letzte seines Lebens sein. Der Tag der Priesterweihe hatte ihn seelisch und kör- perlich so stark mitgenommen, daß er sich erst 14 Tage erholen mußte. Zwar noch lebend, aber dem Tode verfallen, wurde er am 4. Mai 1945 aus dem Lager entlassen. Sein treubesorgter Freund, Jesuitenpater Pies, sein “stiller Exerzitienmeister, mußte ihn aber sofort in ein Krankenhaus ein- liefern. Im Waldsanatorium Planegg in Oberbayern verbrachte er seine letzten Lebenswochen, reich an Liebe und Glück in die Ewigkeit hinüber- wachsend. Hier durfte er das Wiedersehen mit seinen guten Eltern und Geschwistern begehen. Kurz darauf hauchte er in den Armen seiner Mutter aus. Es war am Sonntag, den 12. August. Die Leiche wurde nach Cleve in seine Heimat übergeführt. Der Begräbnistag war für den Niederrhein wie sein Primiztag. Rote Rosen als Symbol des Martyriums und grüne Palmen zur Versinnbildlichung des Sieges lagen auf dem schlichten Sarge, der im roten Meßgewand sein Irdisches barg. Beim Gang in die Ewigkeit mag 37 das Wort seines Lebens zur Wahrheit geworden sein: ,, Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen." Die Beteiligung bei der Beerdigung war gewaltig. Die Erschütterung der Anwesenden und darüber hinaus des ganzen katholischen Volkes vom Niederrhein war so tief, daß nur ein anbetendes Niederknien vor dem Walten Gottes der rechte Ausdruck dessen war, was die Menschen in ihren Herzen empfanden. Das Leben und Sterben Karl Leisners, sein Stephanusgeist, sein brüderliches und oft väterliches Gutsein, seine frohgemute Haltung und heroische Ergebung während der Jahre der Verbannung haben eine göttliche Sendung im 20. Jahrhundert zu erfüllen. Der letzte Eintrag in sein Tagebuch nennt Liebe und Sühne als Programm seiner irdischen Pilgerschaft und bricht mit dem Stephanusruf ab: ,, Segne auch, Höchster, meine Feinde!" Karl Leisner, der jugendliche Held und Heilige, hat nicht nur dem deutschen Volke, sondern der ganzen Welt gezeigt: es gibt noch eine Jugend, die Christus gehören will, und ihr gehört eben darum die neue Zeit. Keine Gewalt kann es auf Erden geben, die gegen diese Macht der Liebe aufkäme. So erfüllt uns sein gelebtes Beispiel mit berechtigter Hoffnung auf die Wiedergeburt eines christlichen Europa, auf einen neuen Siegeszug des Christentums über die Erde. Kostbarste Saat ist ausgestreut worden in den Konzentrationslagern. Gott wird dafür sorgen, daß sie aufgeht und tausendfältige Frucht bringt. Am 4 Mediz kannt von H an de kamp schlos Unive Beker heime Wide dächt haftet Verho er nic 38 und Natio bruar Trup zusan Von kume religi Wäch Späh DEBTRICOHBONHOEFEFEER Am 4. Februar 1906 zu Breslau geboren als Sohn des Psychiaters Geh. Medizinalrat Dr. Karl Bonhoeffer und seiner Frau, einer Tochter des be- kannten protestantischen Dogmatikers und Kirchenhistorikers Karl August von Hase, war Dietrich Bonhoeffer seit 1930 als Lic. theol. Privatdozent an der Universität Berlin. Er stand längere Zeit im Pfarramt. Im Kirchen- kampf der Jahre 1933 bis 37 hat er sich der Bekennenden Kirche ange- schlossen und gehörte ihrer vorläufigen Leitung an. 1934 wurde er von der Universität relegiert. Er übernahm dann das illegale Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde. Nach dessen Auflösung durch die Ge- heime Staatspolizei 1940 beteiligte er sich mit seinem Bruder Klaus an der Widerstandsbewegung in Berlin. Durch seine früheren Auslandsreisen ver- dächtig, wurde er im April 1943 wegen angeblichen Landesverrats ver- haftet und in das Zellengefängnis Tegel verbracht. Als man ihm mit der Verhaftung seiner Eliern, seiner Schwestern und seiner Braut drohte, falls er nicht Weiteres aussage, bekannte er vor seinen Schergen ohne Umschweife und Rückhalt, er sei von seiner christlichen Überzeugung her ein Feind des Nationalsozialismus. Mit anderen besonders Gehaßten wurde er am 7.Fe. bruar 1945 verschleppt und kurz vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen im Lager Flossenbürg auf Befehl Himmlers am 9. April gehängt zusammen mit Admiral Canaris und General Oster. Von seinen Gedichten stehe hier eines aus dem Frühsommer 1944 als Do- kument seiner Erlebnis- und Gestaltungskraft ebenso wie der Stärke seiner religiösen Haltung. Es wurde der Nachwelt dadurch gerettet, daß einer der Wächter die Originalhandschrift vor den Blicken und Nachforschungen der _ Späher in seinem Schrebergarten vergrub. NACHTLICHE STIMMEN Langgestreckt auf meiner Pritsche starre ich auf die graue Wand. Draußen geht ein Sommerabend, der mich nicht kennt, singend ins Land. Leise verebben die Fluten des Tages an ewigem Strand. Schlafe ein wenig! 40 40 Stärk Leib und Seele, Kopf und Hand! Draußen stehen Völker, Häuser, Geister und Herzen in Brand. Bis nach blutroter Nacht dein Tag anbricht halte stand! Nacht und Stille. Ich horche. Nur Schritte und Rufe der Wachen, eines Liebespaares fernes, verstecktes Lachen. Hörst du sonst nichts, fauler Schläfer? Ich höre der eigenen Seele Zittern und Schwanken. Sonst nichts? Ich höre, ich höre, wie Stimmen, wie Rufe, wie Schreie nach rettenden Planken, der wachenden, träumenden Leidensgefährten nächtlich stumme Gedanken. Ich höre unruhiges Knarren der Betten, ich höre Ketten. Ich höre, wie Männer sich schlaflos werfen und dehnen, die sich nach Freiheit und zornigen Taten sehnen. Wenn der Schlaf sie heimsucht im Morgengrauen, murmeln sie träumend von Kindern und Frauen. Ich höre glückliches Lispeln halbwüchsiger Knaben, die sich an kindlichen Träumen laben. Ich höre sie zerren an ihren Decken und sich vor gräßlichem Alptraum verstecken. Ich höre Seufzen und schwaches Atmen der Greise, die sich im stillen bereiten zur großen Reise. Sie sahn Recht und Unrecht kommen und gehn, nun wollen sie Unvergängliches, Ewiges sehn. Nacht und Stille. Nur Schritte und Rufe der Wachen. Hörst du's im schweigenden Hause beben, bersten und krachen, wenn Hunderte die geschürte Glut ihrer Herzen entfachen? Stumm ist ihr Chor, weit geöffnet mein Ohr: and. en? Wir Alten, wir Jungen, wir Söhne aller Zungen, wir Starken, wir Schwachen, wir Schläfer, wir Wachen, wir Armen, wir Reichen, im Unglück Gleichen, wir Guten, wir Bösen, was je wir gewesen, wir Männer vieler Narben, wir Zeugen derer, die starben, wir Trotzigen und wir Verzagten, wir Unschuldigen und wir schwer Verklagten, von langem Alleinsein tief Geplagten, Bruder, wir suchen, wir rufen dich! Bruder, hörst du mich? Zwölf kalte, dünne Schläge der Turmuhr wecken mich. Kein Klang, keine Wärme in ihnen bergen und decken mich. Bellende, böse Hunde um Mitternacht schrecken mich. Armseliges Geläute trennt ein armes Gestern vom armen Heute. Ob ein Tag sich zum andern wende, der nichts Neues, nichts Besseres fände, als daß er in kurzem wie dieser ende, was kann mir's bedeuten? Ich will die Wende der Zeiten sehen, - wenn leuchtende Zeichen am Nachthimmel stehen, neue Glocken über die Völker gehen und läuten und läuten. Ich warte auf jene Mitternacht, in deren schrecklich strahlender Pracht die Bösen vor Angst vergehen, die Guten in Freude bestehen. 41 42 Bösewicht, tritt ins Licht, vor Gericht. Trug und Verrat, arge Tat, Sühne naht. Mensch, o merke, heilige Stärke ist richtend am Werke. Jauchzt und sprecht: Treue und Recht einem neuen Geschlecht! Himmel, versöhne zu Frieden und Schöne die Erdensöhne. Erde, gedeih, Mensch, werde frei, sei frei! Ich habe mich plötzlich aufgerichtet, als hätt' ich von sinkendem Schiffe Festland gesichtet, als gäbe es etwas zu fassen, zu greifen, als sähe ich goldene Früchte reifen. Aber wohin ich auch blicke, greife und fasse, ist nur der Finsternis undurchdringliche Masse. Ich versinke in Grübeln. Ich versenke mich in der Finsternis Grund. Du Nacht, voll Frevel und Übeln, tu' dich mir kund! Warum und wie lange zehrst du an unsrer Geduld? Tiefes und langes Schweigen; dann hör' ich die Nacht zu mir sich neigen: Ich bin nicht finster, finster ist nur die Schuld! Die Schuld! Ich höre ein Zittern und Beben, ein Murmeln, ein Klagen sich erheben, ich höre Männer im Geiste ergrimmen in wildem Gewirr unzähliger Stimmen, ein stummer Chor dringt zu Gottes Ohr: Von Menschen gehetzt und gejagt, wehrlos gemacht und verklagt, unerträglicher Lasten Träger, sind wir doch die Verkläger. Wir verklagen, die uns in Sünde stießen, die uns mitschuldig werden ließen, die uns zu Zeugen des Unrechts machten,— um den Mitschuldigen zu verachten. Unser Auge mußte Frevel erblicken, um uns in tiefe Schuld zu verstricken, dann verschlossen sie uns den Mund, wir wurden zum stummen Hund. Wir lernten es, billig zu lügen, dem offnen Unrecht uns fügen. Geschah dem Wehrlosen Gewalt, so blieb unser Auge kalt. Und was uns im Herzen gebrannt, blieb verschwiegen und ungenannt. Wir dämpften das hitzige Blut‘ und zertraten die innere Glut. Was Menschen einst heilig gebunden, das wurde zerfetzt und geschunden, verraten Freundschaft und Treue, verlacht waren Tränen und Reue. Wir Söhne frommer Geschlechter, einst des Rechts und der Wahrheit Verfechter, wurden Gottes- und Menschenverächter unter der Hölle Gelächter. Doch wenn uns jetzt Freiheit und Ehre geraubt, vor Menschen erheben wir stolz unser Haupt. Und bringt man uns in böses Geschrei, vor Menschen sprechen wir selbst uns frei! Ruhig und fest stehn wir Mann gegen Mann als die Verklagten klagen wir an. Nur vor Dir, alles Wesens Ergründer, vor Dir sind wir Sünder. 44 Leidensscheu und arm an Taten haben wir Dich vor den Menschen verraten. Wir sahen die Lüge ihr Haupt erheben und haben der Wahrheit nicht Ehre gegeben. Ruhig und fest stehn wir Mann gegen Mann, und fürchteten nur den eigenen Tod. Wir treten vor Dich als Männer, als unsrer Sünde Bekenner. Herr, nach dieser Zeiten Gärung, schenk uns Zeiten der Bewährung! Laß nach soviel Irregehn uns des Tages Anbruch sehn! Laẞ, soweit die Augen schauen, Deinem Wort uns Wege bauen. Bis Du auslöschst unsre Schuld, halt uns stille in Geduld. Stille woll'n wir uns bereiten, bis Du rufst zu neuen Zeiten, bis Du stillest Sturm und Flut und Dein Wille Wunder tut. Bruder, bis die Nacht entwich, bete für mich! Erstes Morgenlicht schleicht durch mein Fenster bleich und grau, Leichter Wind fährt mir über die Stirn sommerlich lau. ,, Sommertag!" sage ich nur ,,, schöner Sommertag!" Was er mir bringen mag? Da hör' ich draußen hastig verhaltene Schritte gehn. In meiner Nähe bleiben sie plötzlich stehn. Mir wird kalt und heiß, ich weiß, o ich weiß! Eine leise Stimme verliest etwas schneidend und kalt. Fasse dich, Bruder, bald hast du's vollbracht, bald, bald! Mutig und stolzen Schrittes hör ich dich schreiten. Nicht mehr den Augenblick siehst du, siehst künftige Zeiten. Ich gehe mit dir, Bruder, an jenen Ort, und ich höre dein letztes Wort: „Bruder, wenn mir die Sonne verblich, lebe Du für mich!“ Langgestreckt auf meiner Pritsche starre ich auf die graue Wand. Draußen geht ein Sommermorgen, der noch nicht mein ist, jauchzend ins Land. Brüder, bis nach langer Nacht unser Tag anbricht, halten wir stand! KLAUS BONHOEFFER und d verste Daß Wenn nen. herun Um dieselbe Zeit wie sein jüngerer Bruder Dietrich( siehe S. 39) und zwei Schwäger erlitt auch Dr. Klaus Bonhoeffer, Rechtsanwalt in Berlin, ein gewaltsames Ende. Er hatte mit den Vorgängen des 20. Juli 1944 in Zusammenhang gestanden und wurde deshalb vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Eine SS- Mannschaft vollzog das blutige Werk an ihm. Sie gab den tötenden Genickschuß, als die Lawine des rächenden Schicksals gegen das nationalsozialistische Terrorsystem bereits herandonnerte. So zählt Klaus Bonhoeffer mit seinen Verwandten zu den Opfern, die eine unselige Tyrannis noch in ihren letzten Zuckungen forderte. Kurz zuvor, an Ostern 1945, hatte er Abschied genommen von seinen noch unmündigen Kindern in einem edlen Brief, der würdig ist, festgehalten zu werden, weil er hochzielende Erziehungsweisheit widerspiegelt und ein lauteres Dokument christlicher Humanität darstellt. Hand Euch zusan mach Gesch Ich t lich Я Der hören gang Sei t Enke Liebe furch kunf aus Freu nicht Hord DAS GEISTIGE VERMACHTNIS EINES VATERS Meine lieben Kinder! Ich werde nicht mehr lange leben und will nun von Euch Abschied nehmen. Das wird mir sehr schwer, denn ich habe jeden von Euch so sehr lieb, und Ihr habt mir immer nur Freude gemacht. Ich werde nun nicht mehr sehen, wie Ihr heranwachst und selbständige Menschen werdet. Ich bin aber ganz zuversichtlich, daß Ihr an Mamas Hand den rechten Weg geht und dann auch von Verwandten und Freunden Rat und Beistand finden werdet. Liebe Kinder, ich habe viel gesehen und noch mehr erlebt. Meine väterlichen Erfahrungen können Euch aber nicht mehr leiten. Ich möchte Euch deshalb noch einiges sagen, was für Euer Leben wichtig ist, wenn Euch auch manches erst später aufgehen wird. Vor allem, haltet weiter in Liebe, Vertrauen, Ritterlichkeit und Sorge fest zur Mama, solange Gott sie Euch erhält. Denkt immer, ob Ihr ihr nicht irgendeine Freude machen könnt. Wenn Ihr einmal groß seid, wünsche ich Euch, daß Ihr Eurer Mutter so herzlich nahe. bleibt, wie ich meinen Eltern nahegeblieben bin. So recht versteht man seine Eltern nämlich erst, wenn man selbst erwachsen ist. Ich habe Mama gebeten, bis zum Ende bei mir zu bleiben. Es waren schwere, aber herrliche Monate. Sie waren auf das Wesentliche gerichtet und von der Liebe 46 Die nicht guter selbs blüh Auge den einm keine erst sond sich dem Verk Euer durc und der starken Seele Eurer Mutter getragen. Ihr werdet das erst später verstehen. Haltet auch Ihr Geschwister fest und immer fester zusammen. Daß Ihr so verschieden seid, ist jetzt noch manchmal Anlaß zum Zank, Wenn Ihr erst älter seid, werdet Ihr Euch dafür um so mehr geben kön- nen. Mal ein Zank ist nicht so schlimm. Tragt ihn aber nicht mit Euch herum. Denkt dann an mich, und gebt Euch schnell wieder vergnügt die Hand. Helft Euch, wo Ihr könnt. Ist einer traurig oder mißmutig, kümmert Euch, bis er wieder heiter ist. Lauft nicht auseinander; pflegt, was Euch zusammenführt. Spielt, singt und tanzt miteinander, wie wir es so oft ge- macht haben. Schließt Euch mit Euren Freunden nicht ab, wenn Ihr die Geschwister teilnehmen lassen könnt. Das festigt auch die Freundschaft. Ich trage an meiner rechten Hand den Ring, mit dem mich Mama glück- lich gemacht hat. Es ist das Zeichen, daß ich ihr und auch Euch gehöre. Der Wappenring an meiner Linken mahnt an die Familie, der wir ange- hören, an die Vor- und Nachfahren. Er sagt: Höre die Stimme der Ver- gangenheit. Verliere dich nicht selbstherrlich an die flüchtige Gegenwart. Sei treu der guten Art deiner Familie und überliefere sie Kindern und Enkeln. Liebe Kinder, versteht nun diese besondere Verpflichtung recht. Die Ehr- furcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zu- kunft geben fürs Leben die rechte Haltung. Haltet stolz zu Eurer Familie, aus der solche Kräfte wachsen. Stellt Ansprüche an Euch und Eure Freunde. Nach Anerkennung streben, macht Euch unfrei, wenn Ihr sie nicht mit Anmut auch entbehren könnt, und das gelingt nicht jedem. Horcht nicht auf billigen Beifall. Die Menschen, die Euch sonst begegnen, nehmt, wie sie sind. Stoßt Euch nicht gleich an dem, was fremd ist oder Euch mißfällt, und schaut auf die guten Seiten. Dann seid Ihr nicht nur gerechter, sondern bewahrt Euch selbst vor Engherzigkeit. Im Garten wachsen viele Blumen. Die Tulpe blüht schön, aber duftet nicht, und die Rose hat ihre Dornen. Ein offenes Auge aber freut sich auch am unscheinbaren Grün. So entdeckt man bei den Menschen meist verborgene, erfreuliche Seiten, wenn man sich erst einmal in sie hineinversetzt. Wer nur mit sich beschäftigt ist, hat dafür keinen Sinn. Glaubt mir aber, liebe Kinder, das Leben erschließt sich Euch erst dann im kleinen Kreise und im Großen, wenn Ihr nicht nur an Euch, sondern auch an die anderen denkt, sie miterlebt. Wer beim Musizieren sich nur an seine Stimme klammert oder gar nur sich selbst hören will, dem entgeht das Ganze, Wer es aber recht erfühlt, lebt auch beim edlen Verklingen seines Instrumentes mit in den anderen Stimmen. Wenn Ihr Euer Leben so einstellt, wird es von diesem weiten Geiste ganz und gar durchdrungen. Es geht nicht nur darum, hin und wieder hilfsbereit einzu- 47 springen. Das macht gewiß viel Freude. Wer aber herzlich dankbar annimmt, gibt oft mehr. Den Menschen gerecht zu werden, gehört dazu und wohlwollend an ihnen teilzunehmen, nie Spielverderber zu sein. Aus diesem Geiste entspringt dann ganz natürlich die Form des Umgangs, auch die Höflichkeit, die Euch die Menschen gewinnt. Pflegt sie als feine, lebenskluge Kunst des Herzens.- Wer es versteht, die Menschen, die von Macht und Einfluß sind, recht zu nehmen, ohne an innerer Freiheit einzubüßen, kann damit viel Gutes wirken. Es wäre töricht, seine Weltgewandtheit zu verachten. Ist sie Euch nicht gegeben, so haltet Euch in aller Unbefangenheit zurück. Doch das hat noch lange Zeit. Nur weil ich dann nicht mehr bin, spreche ich jetzt davon. Hoffentlich lassen Euch die Verhältnise die Ruhe und eine lange Zeit, einen jeden in seiner Art geistig auszuwachsen und noch viel zu lernen, damit Ihr einmal an dem unerschöpflichen Glück einer lebendigen Bildung teilhabt. Sucht aber nicht den Wert der Bildung in den höheren Leistungen, zu denen sie Euch befähigt, sondern darin, daß sie den Menschen adelt durch die innere Freiheit und Würde, die sie ihm verleiht. Sie weitet Euch den Horizont von Raum und Zeit. Die Berührung mit dem Edlen und GroBen veredelt Anstand, Urteil und Gefühl und entzündet die nie erlöschende Begeisterung, die kein dürftiges Alltagsleben kennt. So werdet Ihr Könige! Beherrscht nun auch Euch selbst. Entwickelt Eure Gaben aus dieser Kraft zum Können und zur Tüchtigkeit. Wenn dann die Zeit Euch einmal hold ist, wird sie den Menschen und nicht die Leistung schätzen. Ich wünsche Euch, daß Ihr, solange Ihr jung seid, recht viel im Lande wandert und es in vollen Zügen und mit offenen Sinnen in Euch aufnehmt. Beim Wandern hat man noch die rechte Muße, sich der Landschaft und den Eindrücken von Menschen, Dörfern und den schönen alten Städten ganz zu überlassen. Wenn dann beim Wandern und bei Liedern die Phantasie von unseren Tagen in vergangene Zeiten schweift, entsteht vor Euch versonnen, unergründlich das Bild vom schönen deutschen Lande, in dem sich unser eigenes Wesen findet. Dann wendet Euch nach Süden. Im nie erfüllten sehnsuchtsvollen Drange nach besonnter Klarheit liegt unsere Kraft und unser Schicksal. Die Zeiten des Grauens, der Zerstörung und des Sterbens, in denen Ihr, liebe Kinder, aufwachst, führen den Menschen die Vergänglichkeit alles Irdischen vor Augen; denn alle Herrlichkeit des Menschen ist wie des Grases Blume. Unter diesem Bewußtsein führen wir unser Leben im Bewußtsein seiner Vergänglichkeit. Hier beginnt aber alle Weisheit und Frömmigkeit, die sich vom Vergänglichen dem Ewigen zuwendet. Das ist der Segen dieser Zeit. Überlaẞt Euch nun nicht allein den frommen Stimmungen, die solche Erschütterungen hervorrufen oder die in der Hast und 48 Verw brech dern zu en Besit keit Lebt 4 Sie Verwirrung dieser Welt aus einem Gefühl der Leere ab und zu hervor- brechen, sondern vertieft und festigt sie. Bleibt nicht im Halbdunkel, son- dern ringt nach Klarheit. ohne das Zarte zu verletzen und das Unnahbare zu entweihen. Dringt in die Bibe] ein, und ergreift selbst von dieser Welt Besitz, in der nur gilt, was Ihr erfahren und Euch selbst in letzter Ehrlich- keit erworben habt. Dann wird Euer Leben gesegnet und glücklich sein. Lebt wohl! Gott schütze Euch! In treuer Liebe umarmt Euch Euer Papa. 4 Sieger in Fesseln . *** einande stalten Brief v Was je getrage Für die im Folgenden wiedergegebenen Auszüge aus Gefängnisbriefen und Tagebuchnotizen eines Ungenannten übernehmen die Herausgeber die Gewähr dokumentarischer Echtheit. Ihr Verfasser wurde Anfang Mai 1944 nach Berlin gebracht und beim Reichssicherheitshauptamt, der Zentrale der Gestapo, zuerst in der PrinzAlbrecht- Straße, später im Zellengefängnis Moabit an der Lehrterstraße in Einzel- Schutzhaft gehalten, nach Aussage der inhaftierenden Beamten ,, als katholischer Aktivist und auf Veranlassung einer allerhöchsten Stelle" ( Martin Bormann von der Parteikanzlei nach späterer Feststellung!). Zur Zeit der Inhaftnahme war der Schreiber Soldat. In Beantwortung einer Rückfrage seiner Einheit beim Reichssicherheitshauptamt wurden die ihm zur Last gelegten Vergehen gekennzeichnet als ,, politische Umtriebe und Wehrkraftzersetzung": so die gestapomäßige Verdrehung eines Auftrages zu religiös- literarischer Soldatenbetreuung, den der Verfasser mit Geldmitteln der katholischen Bischöfe und unter kluger, mutiger. Förderung durch den katholischen Feldgeneralvikar Prälaten Georg Werthmann bis zu seiner Verhaftung durchführte, aller Spitzelei und allen Verboten zum Trotz aus der Not des Gewissens! Zur Anklage und zur Verurteilung ist es seltsamerweise nicht gekommen, nicht einmal zu einer ordentlichen Vernehmung. Hingegen erfolgte Anfang April 1945, völlig überraschend und lediglich mit der grotesken Bestätigung: ,,... hat bis zum 2. April 1945 an Gemeinschaftsverpflegung teilgenommen...", die Entlassung. Sie geschah zu einem Zeitpunkt, da dem Briefschreiber und anderen am unterirdischen Betreuungswerk Beteiligten neue Haftbefehle drohten, die aber durch den katastrophalen Ablauf der Ereignisse nicht mehr zur Wirkung kamen. mit se kommt serer oft nich immer eine V ... Ich schen sich gl Wirkli Doch i mit kei liche E len Go Morge . es min auch e bleiber Brief Und 1 allem graue beweg Seligk Hymn weint. unsere und h ,, MICH UM KREISTE VON WEITEM DEIN TREUES ERBARMEN" - Brief vom 11. Mai 1944 An die Frau Es ist nun eine Zeit für uns gekommen, da es nur auf das helle Innen ankommt, weniger auf das betonte Außen. Gebe Gott uns allen Kraft, das Auferlegte schlicht und wahrhaftig durchzustehen, so wie wir bis jetzt mit50 Brief Gott s wie ü bare ** 2. ind Geeim inze in als lle" Zur iner ihm und ges Geldrung bis zum gist Verund 15 an h zu chen den TEN" nnen , das miteinander versucht haben, unser Leben zu einer Einheit ohne Bruch zu gestalten- in der Liebe zu beiden Reichen. Brief vom 25. Mai 1944 An die Frau Was jetzt geschieht, wollen wir als unsern Anteil an dem betrachten, was getragen werden muß. Es rührt schon an die Geheimnisse, die der Herr mit seinen Kindern hat. Du hast ganz recht: in der Welt der Psalmen kommt dies oft erschütternd zum Ausdruck, vor allem so, daß wir in unserer Schwachheit die führende Vaterhand doppelt spüren. Wenn es auch oft nicht ganz leicht ist, zu ihrer Führung gleich ja zu sagen, so ist es doch immer ein Trost, fest zu wissen, daß diese Hand da ist und daß sie eben eine Vaterhand ist. Ich verkleinere das Bittere der Gegenwart gewiß nicht: für einen Menschen meiner Art sind Stäbe vorm Fenster nichts Geringes, über das man sich gleichgültig und unangefochten hinwegsetzen könnte. Die sehr harte Wirklichkeit dieses Zustandes ist mir klar und schmerzlich bewußt... Doch ich gebe mir Mühe, ganz nüchtern in der Gegenwart zu bleiben und mit keiner Art Romantik mich über die Wirklichkeit hinwegzusetzen: christliche Existenz gebietet ja, mit der Aufgabe fertigzuwerden, die vom Willen Gottes jedem Tage vorgegeben ist, wobei es wieder müßig ist, an das Morgen zu denken, dieweil jeder Tag seine Plage schon hat. Bis jetzt ist es mir geschenkt gewesen, über diesem Denken und Sinnen, das immer auch ein Sprechen der Seele mit ihrem Urgrund ist, ruhig und gefaßt zu bleiben. Brief vom 25. Mai 1944- An die Kinder - ... Und Ihr, liebe Kinder.. helft Eurer Mutter, stärkt sie und stärkt in allem Guten einander. Und tragt mir, Eurem Vater, nicht nach, wenn jetzt graue Wolken über Eurer Jugend stehen. Glaubt, daß Gutes immer mich bewegt hat. In einigen Tagen singen wir miteinander:, 0 Du Licht voll Seligkeit, mach Dir unser Herz bereit, dring in unsre Seelen ein... Der Hymnus dieser Zeit und unserer eigenen Lage: Tröste den, der Tränen weint.' Wir wollen am Pfingsttage alle Not, unsere und die ungeheure unseres Volkes und Landes, bittend vor den Geist tragen, der alles neu und heil machen kann in der Kraft seiner Allmacht, er allein! Brief vom 13. Juli 1944 An die Frau - - Gott steht über allem, über menschlichem Glück und über irdischer Freude, wie über allem Unglück und auch über der Schuld... Wir sind ja fehlbare Geschöpfe, wo immer wir mit dem Nachdenken anfangen, und meinen 4* 51 wirs mit der Führung des Lebens noch so ernst und treu: irgendwo liegen doch Schatten. Der heilige Augustinus hat darüber bittere Tränen geweint und zum Himmel aufgeschrieen mit dem großen Wort:„Ecce cor meum, Deus meus!— Siehe da, mein armes Herz, o mein Gott, siehe an mein Herz, dessen Du Dich erbarmt hast in der Tiefe des Abgrundes!“ Er- schrick nicht vor dem Ernst dieser Zeilen, aber die Einsamkeit offenbart einem das eigene Selbst und die Wahrheit anders als der rasche Alltag. Brief vom 31. Juli 1944— An die Frau Ja, diese Art von Existenz läuft nicht problemlos ab, erbaulich wie eine Fronleichnamsprozession; sie gewinnt Gewalt im Raum der Schmerzen und will durchlitten sein im Glauben, Hoffen, Warten voll Ungewißheit... Das Ölberggebet des Herrn hat ja zwei Teile! Ergeben wir uns in allem in Seinen Willen und lassen wir, was wir schulden, so flammend als mög- lich Ihm entgegenlodern; Sein Wille geschieht ja doch, nur ist es oft so seltsam schwer und schmerzlich für uns, zu erkennen, daß eben dieser Wille unser Glück ist. Brief vom 31. Juli 1944— An die Frau ... Als ich gestern nacht einmal aufstand und zum Fenster trat: siehe, das herrliche Bild des himmlischen Wagens. die Sterne verteilt auf alle Gitterfelder! Es war mir wie ein Trost vom Himmel, und ich grüßte Euch alle über das nächtliche Land hin von Herzen. Brief vom 29. August 1944— An die Frau _——— Gestern war St. Augustinustag. Bei Pfleger(„Christozentrische Sehnsucht“) fand ich ein Wort, das St. Augustinus von der Zeit seiner Gottes-Not schrieb:„Und mich umkreiste von weitem Dein treues Er- barmen.“——— Brief vom 24. September 1944— An die Frau Nein, Du darfst wirklich nicht die Sorge haben, ich würde in einer Woge oder Wolke von Schwermut versinken. Ich bin vielmehr guten Mutes, und, da ich Dich ja voll Zuversicht weiß, auch ruhig und getrost. ...Was Du vom einfachen Leben sagst, ist gerade das große Thema der kommenden Zeit. Nur schade, daß die Menschheit immer erst durch soviel 52 Schade 14, 31 Brief Dankt leucht bin sc daheit welch weiße) sich it Stube jetzt greift Psalte mithis mag, senor deres Schift ihn e ihm; im H ihm| Geist disch lage Brief Die] Lebe a ) u zu F And mit, er, m] hätte, Vielsa Selige da de Ausge egen weint eum, mein Ermbart lltag. eine erzen eit... allem mög. Oft so dieser siehe, f alle Euch trische seiner es ErWoge s, and, ma der soviel Schaden und nach soviel Unfug klug wird. Aber die Weisheit von Lukas 14, 31 und 32*) wird offenbar sehr schwer erworben, wenn überhaupt! Brief vom 7. Oktober 1944( Rosenkranzfest) An die Frau Dankbar muß ich sagen, daß die Geheimnisse, die am heutigen Fest aufleuchten, die Welt bedeuten, in der ich getrost und ruhig werde... Ich bin schon immer gern( zwar mit wechselndem Begeisterungsgrad) in ihnen daheim gewesen, aber in dieser Zeit des Fürmichseins merke ich doch, welche Liebe und mütterliche Weisheit diesen dreifachen Rosenstrauß aus weißen, gelben und roten Rosen gewunden und gebunden hat. Man darf sich in der Welt dieser Geheimnisse sozusagen vorkommen wie in Gottes Stuben: in jeder strahlt eine neue Herrlichkeit und Tröstlichkeit. So wie jetzt ist mir diese noch nie aufgegangen, und weil es mich innerlich ergreift und zufriedener macht, wandle ich täglich durch die ganze Welt des Psalters zu drei verschiedenen Zeiten, auch Euch alle und vor allem Dich mithineinnehmend mit allem, was ängstigen, kümmern und bedrängen mag. Doch wir wollen, Liebste, nicht ablassen von dem, was wir uns vorgenommen haben, und was uns doch auch zu einem sicheren Urgrund unseres Glückes geworden ist. Es verlohnt sich immer, den getreuen Gott im Schifflein unseres Lebens zu wissen, und es soll uns nicht gereuen, daß wir ihn eingeladen haben, allezeit unter uns zu sein. Ich bin so froh, daß Du ihm ganz gehörst, und wenn ich an unsere Kinder denke, wird es mir heiß im Herzen und in den Augen, weil wir doch hoffen dürfen, daß auch sie ihm gehören und ihn lieben wollen aus dem Tiefsten ihres Herzens, ihres Geistes und mit allen ihren Kräften. Und daß auch die Liebe zu allem Irdischen, vor allem zu Volk und Land, für sie auf dieser gesicherten Grundlage steht. Brief vom 5. November 1944- An die Töchter Die letzte Seite für Euch! Es ist sehr lieb, mich auch an Eurem inneren Leben teilnehmen zu lassen. Dies Glück haben nicht alle Väter, um so *) Luk. 14, 51 und 32: ,, Wenn ein König gegen einen anderen König zu Felde ziehen will, setzt er sich dann nicht vorher hin und überlegt, ob er mit 10 000 dem entgegentreten kann, der mit 20 000 gegen ihn heran rückt? Vermag er es nicht, so schickt er, solange jener ferne ist, eine Botschaft ab und bittet um Friedensbedingungen" Es ist leich abzusehen, was geschehen wäre, hätten die Briefzensoren der Gestapo sich die Mühe gemacht, diese für damals so vielsagende Schriftstelle nachzuschlagen; ihre Anführung wäre zweifellos als feindselige Kritik am Führer, als Heimtücke ,,, Schwächung des Widerstandswillens" und, da der Briefschreiber Soldat war, am Ende auch als ,, Zersetzung der Wehrkraft" ausgelegt worden, mit all den damaligen Folgen für solche ,, Verbrechen". 53 53 en and dankbarer bin ich Euch.— Nun fiel mir aus Euren letzten Briefen ein dunkler Klang ins Ohr: D. klagt, es gelinge ihr schwer, die glücklichen und erfüllten Augenblicke in den Alltag zu nehmen, und G. schlägt sich gar mit einem Ungeheuer wie mit dem Wort ‚Existenz‘ herum, und man spürt deutlich, es schmerzt Euch irgendwo. Liebe Kinder: es wird uns alle allezeit irgendwo schmerzen, solange wir atmen. Aber vielleicht hört Ihr dazu ein Vaterwort: an meinem vergitterten Fenster, an einem ganz 8T0- ben Zimmermannsnagel hängt, mit einem dünnen Fädchen dort angeheftet, ein seltsames Sträußlein; ein störrig Kraut würdet Ihr wohl sagen: Blät- ter, Blüten, wie sie mir Mutti oder Ihr selber wohl mitgeschickt habt: fahl- gewordene Nelken, Asparagus, eine Kleeblüte, ein Röslein, Erika und noch einiges, was sich kaum mehr ‚botanisieren‘ läßt. Aber ich spüre, wie auf dem armseligen noch ein Kuß glüht, ich sehe die bergende, streichelnde Gebärde geliebter Hand beim Entsenden. Und darum ist trotz Armut Herr- lichkeit um die schlichte Zier, und so oft ich hinsehe, sagt mein Herz: Re du armer Strauß, o du geliebter Mund, o ihr lieben guten Hände, o Liebe, Seele, Seligkeit!‘“ Sonst nichts. Und alle Sonne, die je über dem leben- digen Blühen gelegen, leuchtet hell aus dem armen Sträußlein und er- quickt mir das Gemüt. Ob man daslernen kann? Das kann man: bereit sein für die Freude! Ich grüße Euch von Herzen. Euer Vater Tagebuchnotiz vom 6. November 1944 Gestern also(23. Sonntag nach Pfingsten) war es ein halbes Jahr! Aber auch an diesem Abend habe ich das Te Deum gebetet; weil ja Gottes Wille jederzeit lobwürdig ist. Und weil auch Dank fällig ist— trotz der mit diesem Zellendasein verbundenen Not. Manchmal ist mir doch, als erginge es mir wie den Dreien im babylonischen Feuerofen: die Flammen der Be- drängnis werden verdrängt durch die Kühlung des Gottestrostes, der mir von überallher durch spürbares Gebet zuteil wird. Nie zuvor hatte ich wie jetzt die fortdauernde Empfindung der Ruhe, des Friedens und der Ge- borgenheit... Die Gewißheit geistig-geistlicher Erfülltheit ist eine blei- bende Wirklichkeit meines Tageslaufs; sie durchdringt mich als eine Ver- bundenheit mit dem Willen Gottes, der auch in diesen Mauern sich an uns vollziehen will, intensiver vielleicht als unter„normalen“ Umständen. Meine Seele, ihre Kleinheit, Schuld, Verzagtheit habe ich hier besser einsehen können als draußen, und so ist es gewiß der göttliche Wille, daß ich Ihm jetzt mich hingebe, ohne nach dem Warum und nach dem Ausgang zu fra- sen; einfach in der Gewißheit: ‚Du wirst es recht machen, mein Gott, 34 Du, irdis erfü dab: sem wer! als die kom den sch ein da No bei Fr n ein lichen st sich ] man 15 alle rt Ihr z g10- heftet, - : fahl- d noch je auf helnde t Herr- zZ:„O Liebe, leben- ind er- teude! [atet ! Aber s Wille jer mit erginge der Be: jer mit ich wie jer Ge ne blei- ne Ver- an UNS Meine insehen ich Ihm ‚zu fra: n Gott; Du, ja Du wirst es gut machen.‘ Es kommt dabei nicht einmal auf den irdischen Ausgang an..., sondern einzig auf den Vollzug und die Sinn- erfüllung des Auftrages: Zeuge zu sein! Bei meiner Seele: ich sehe mich dabei durchaus nicht in Heldenpose, und es steht fest, daß ich aus die- sem Mitleidendürfen(Kol. 1, 24) nie etwas zu meinem Ruhme machen werde(wenn es einmal vorbei sein wird!), sondern daß ich es betrachte als ein besonderes Gnadengeschenk, ja als eine besondere Bevorzugung, die meiner Seele gewährt wurde, weil sie sonst vielleicht nicht an ihr Ziel kommen könnte. Tagebuchnotiz vom 13. November 1944 .Das Warten bekjimmert doch, macht ungeduldig und reißt an den Ner- ven. So daß man sich oft fragt, wer da wohl ein Interesse oder gar einen Spaß daran haben mag, mich zu quälen. Ich hüte mich, jemand zu Unrecht anzuklagen, und ich spreche darum oft die Bitte der Allerheiligenlitanei: ‚Vor'Zorn, Haß und allem bösen Willen— erlöse uns, o Herr!‘ Um nicht Nutzloses zu sinnieren, notierte ich ein Gespräch mit Ihm, bei dem allein meine Nöte zur Ruhe kommen können. Dabei fand ich, wie schwer es eigentlich ist, zu Gott zu sprechen. Denn da kann es nur ganz einfach hergehen; jede Phrase und alles Gezierte, alle„Literatur“ verdorrt da vor der Macht der Wahrheit. Die Niederschrift hat mir geholfen, hat mich ruhiger werden lassen... Gespräch mit Ihm „Herr, Du mußt mir helfen, befreie bald Deinen Knecht!“ So habe ich in Not und Herzensangst zu Dir gerufen, als eine arme Zelle mir zur Her- berge wurde. Da mein Herz stürmisch aufbegehrte gegen den Raub der Freiheit und der Geist mit Leidenschaft sich wehrte gegen ungerechte Ver- dächtigung und falsche Anklage. An Deine. Boten in der Urzeit dachte ich da, die Du durch Deinen mächtigen Engel ihrer Ketten und ihrer Haft hast ledig werden lassen, und wenn ich auch kein Wunder von Dir erwartete meinetwegen, so blieb meine Hoffnung auf Erlösung aus der Gefangen- schaft doch groß. Und unablässig rief ich darum zu Dir. Hast Du mich nicht erhört, o Gott? Nicht so zwar, wie mein menschliches Wähnen und Wünschen sieh Deine Hilfe zuerst vorstellte; aber geholfen hast Du mir doch. Du hast eine große Gelassenheit über mich kommen lassen und hast das ungeduldig pochende Warum meines Fragens zur Ruhe gebracht. Und an jedem neuen Tag er- fuhr ich neu die sänftigende Nähe Deiner Güte. Mein Herz, in der Sorge um Familie und Werk zuerst sehr in Aufruhr, wurde auf eine fast unfaß- 53 bare Weise still. Ich flüchtete mich innig zu Deiner Macht, und Friede und Zuversicht senkten sich immer tröstlicher in mich ein. In Deinen gütigen Händen geborgen, spürte ich meine Geschicke, und ich durfte erfahren, wie liebend und göttlich bergend Deine Hände sind. Wir erzittern ja allezeit im Leid, und Tränen sind unser Teil, solange wir atmen: doch Du hast Gewalt, beide zu stillen. So hast Du mich aufgerichtet Tag um Tag, hast mir Hoffnung und Freude stets erneuert und hast mich gütig wissen lassen, daß die Kraft Deiner Liebe auch den Meinen stärkend beistand; denn der Gedanke an die Trauer und Not der geliebten Menschen war mir die größte Qual, der bitterste Teil der Prüfung. Herr, es gehört zu den unergründlichen Verborgenheiten Deines weisen Ratschlusses, wie Du Deine Kinder, die Du doch liebst, im Feuer mannig. fachen Leides läuterst. Ach, unsere Sünden sind ja offenbar, und so darf keines von uns nach dem Warum fragen, wenn einmal über uns kommt, was wehe tut. ,, Denn wir empfangen die gerechte Strafe für unsere Taten"( Luk. 23, 41), und wir sehen ein, daß Deine Gerechtigkeit Genugtuung fordern muß für all unsere Torheit und Bosheit. Doch wir vertrauen auch auf Deine Barmherzigkeit, die nicht den Tod des Sünders will, sondern unser reineres Leben. Ja, wir bauen fast verwegen auf das göttliche Übermaẞ Deiner Güte, die uns immer wieder von neuem Fall zu Gnaden aufnimmt, als wären wir Dir allezeit treu und gehorsam geblieben. So ist Deine unerschöpfliche, unbegreifliche Liebe Dein größtes Geheimnis und unser größtes Glück. Du selber hast uns gesagt, wer Dir nachfolgen will, müsse das Kreuz liebhaben( Matth. 16, 24), und von Deinen Heiligen wissen wir, daß das Kennzeichen Deiner besonderen Liebe Leid ist und Schmerzen, mit denen Du begnadest. Ja, Schmerzen sind der wahre Weg zu Dir. Nicht als wärest Du ein Gott, der seine Geschöpfe quält, sondern weil Deine Großmut uns will teilnehmen lassen an dem Werk der Sühne für menschliche Sünde. Alles, was Qual ist und Trauer, Unordnung und Schmerz auf dieser Erde, der Welt ungeheuer abgründiges Leid samt Blut und Tränen, ist ja Menschenschuld und gegen Deinen Plan und Willen aus unserer Verkehrtheit gekommen. Weil wir das königliche Geschenk unserer Freiheit immer wieder mißbrauchen. So sind wir im Elend, und das Seufzen wird nicht aufhören bei aller Kreatur, bis Du einst wiederkommst, den neuen Himmel zu schaffen und die neue Erde und alle Tränen abzuwischen von unseren Augen, wie Du es verheißen hast( Offb. 21). Bis dahin laß uns Deinem Willen ergeben sein und Deiner Liebe. Und laß uns Dir danken ohne Unterlaẞ für Deine große Herrlichkeit, miteinstimmend in den himmlischen Lobpreis Deiner Engelwelt. Auch meiner Armseligkeit Lob und Dank verschmähe nicht! Unaufhörlich 56 und in In eine Mensch Güte, f Ein He allem der Er Du has beglüc Bund Aus de dern b uns m Erbarn Zum b rufen. oder f Herr, Dies a nichts Untreu verpfli gerufe zu dar Abgru guten Auch ich B Siehe, Ich ha und T Kraft werde füge, bitte uns u je erb stimm wohl Und leid g und in grenzenlosem Verschwenden häuftest Du Deine Gnaden und Gaben. In einer schönen‘Heimat, in einem großen Volke durfte ich leben, als Mensch unter Menschen, als Kind guter Eltern— ich danke Dir, Gott der Güte, für den Jubel dieses Seins. Ein Herz hast Du mir geschaffen, das sich erfreut an aller Schönheit und allem Glanz Deiner Schöpfung, dem Licht der Sonne und der Sterne, an der Erde Blumen, Bergen und frohen Auen— ich danke Dir, Gott der Güte! Du hast mir Menschen gegeben zur Liebe und damit die Fülle frohen und beglückenden Lebens: eine Frau, edel und stark, gute Kinder aus dem Bund der Herzen..: Herr unendlicher Liebe, wie könnte ich Dir danken? Aus dem Bade der Wiedergeburt hast Du uns alle zu Deines Reiches Kin- dern berufen, nährst uns mit dem Brot des ewigen Lebens und begnadest uns mit der Geheimniskraft Deiner heiligen Sakramente.— Gott ewiger Erbarmung, sieh meine Tränen! Zum besonderen Dienst bei der Arbeit für Dein Reich hast Du mich be- rufen. So durfte ich oftmals Werkzeug sein, in Deinem Namen Gutes tun oder für Deinen Namen Zeugnis geben.— Dienend will ich Dir danken, Herr, lebenslang! Dies alles und noch viel mehr hast Du für mich getan. Und nichts, gar nichts bist Du mir schuldig geblieben. Auch mein Versagen und manche Untreue haben Dich nicht abhalten können, Deine Begnadigungen wie eine verpflichtende Last auf mich zu legen. So ganz unverdient hast Du mich gerufen und an Dein Herz gezogen. Ich aber habe nichts, um Dir würdig zu danken. Nur meine leeren Hände kann ich Dir entgegenheben aus dem Abgrund meiner Armseligkeit. Verschmähe nicht meine Reue und meinen guten Willen, Herr! Auch in den Prüfungen, die Du mir und den Meinen jetzt sandtest, sehe ich Boten Deiner Liebe, Deines Rats und Deiner väterlichen Führung. Siehe, wir wollen sie in Willigkeit annehmen und in vertrauendem Dank. Ich habe nicht den Mut, Dich zu bitten, Du mögest das Schwere, was Haft und Trennung auf unsere Schultern legen, von uns nehmen. Nein, gib nur "Kraft zum Tragen; laß es als geringe Sühne gelten und laß es fruchtbar werden durch seine Einung mit Deinem erlösenden Opfer am Kreuze! Ver- füge, Herr, verfüge ganz über uns nach Deinem Willen! Nur um dieses bitte ich Dich: laß es nie geschehen, daß sich dunkle Schatten zwischen uns und Deine Liebe stellen, daß Zweifel an Deiner Güte unsere Herzen je erbittern! Kindlich verehrend wollen- wir hinnehmen, was Du uns be- stimmst, Du hast uns ja bei unserem Namen gerufen und Du wirst alles wohl machen.— Stärke unseren Glauben! Und mach unser Herz göttlich groß und weit! So grauenvoll ist das Welt- leid gewachsen in unseren Tagen. Wir erzittern alle unter dem Ungeheuren, 57 - das dieser entsetzensvolle Krieg mit Not, Tod, Elend und Vernichtung bringt. Laß uns starkmütig werden und leidensbereit! Wir wollen ohne Murren unser redlich Teil an diesem Weltleid tragen. Und wir wollen darüber hinaus noch Herzen und Hände offen halten für das Leid der andern, damit aus dem tapferen Füreinander Linderung der Schmerzen sprieẞe und damit Deiner Liebe Geist wieder Macht gewinne unter Deinen durch Not verbitterten und entzweiten Kindern. Wir dürfen doch nicht umsonst Deinen Namen tragen! Mache uns stark in heiliger Zuversicht! Und erhalte unser Herz in banger Unruhe um das Heil der Seelen! Laß uns selber den Weg zu Dir finden aus dem Dunkel dieser Welt! Ziehe auch die vielen an Dich, deren Herzen in Versuchung oder Wirrnis Deiner rufenden Güte sich versagen! Alle sind ja Deine Kinder und unsere Geschwister, und wir wollen sie zuletzt daheim wissen in Deiner Liebe und im Hause Deiner seligen Ewigkeit auch um den Preis eigener Opfer und Schmerzen. Erbarme Dich ihrer und unser aller, für die Dein heiliges Blut erlösend geflossen ist. Entzünde in uns Deine Liebe! - - Und dies noch, o Herr: laẞ Dich erinnern an Dein eigen Wort: ,, Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben dahingibt für seine Freunde". Vergilt unseren Soldaten nach diesem Deinem Wort. Gib den Kämpfenden Kraft, den Wunden Linderung! Den Sterbenden leuchte das Zeichen Deiner Erlösung als frohe Verheißung Deines ewigen Reiches! In diesem Reiche Deines ewigen Lichtes laß alle sich wiederfinden, die Dich lieben und die nach Deiner Herrlichkeit Verlangen tragen! Amen. Brief( Weihnachtsbrief) vom 10. Dezember 1944 An die Frau .. Sollen wir kleinmütig werden, wenn oder weil nun Kummer und Leid hinzukam in diesen Monaten? Nein, wir wollen es in unsern Dank mit hineinnehmen, tapfer und ganz fest entschlossen! Die Myrrhe des einen der Könige war dem Gott in der Krippe nicht weniger lieb als das Gold und der Weihrauch der zwei andern Weisen. Ja, ich meine fast, wir dürfen in diesem Jahre sogar etwas näher bei ihm knieen, vor Seiner Krippe im armen Stall, weil Seine Weisheit uns ein wenig unter die ,, Herzgebeugten" gereiht hat, die seinem Herzen gewiß am nächsten stehen. O freuen wir uns dieses Krippenopfers, das wir... Ihm darbringen können und bitten wir Ihn, daß Er es Seinem eigenen Leid zufüge und der armen Welt zu Heil und Trost werden lasse Nein, wir wollen nicht meinen, mit unserer Last nun den Mittelpunkt der Welt zu bilden; wir wollen Ihn nur ganz schlicht bitten, daß er unser Leid als unser Herzopfer annehme und segne. Es hat mich immer schon im Innersten ergriffen, daß im Weihnachtsoratorium J. S. Bachs der Text, Wie soll ich Dich empfan58 ... ge lic an Na hi se T di m H m m na k ne B h d W m n W t S S S n 11 Z 0 C tung ohne dardern, rieße durch sonst Laß = auch er ruGee und Opfer eiliges Eine da. nach rung! ißung e Dich Leid nk mit einen s Gold ir dür Krippe Herzgemen. O können armen meinen, wollen fer ann, daß mpfangen?' die Melodie von, Wenn ich einmal soll scheiden' führt. Welch herrliche, tiefe Sinnbildlichkeit! Krippe und Kreuz stehen nicht weit voneinander.... Denkt an mich, ohne Beschwernis Eures Gemüts, in der heiligen Nacht, wenn Ihr Ihn in die Seele aufnehmt! Wir wollen dann alle zu Ihm hinknien und sprechen:, 0 Kindelein, von Herzen will ich Dich lieben sehr in Freuden und in Schmerzen, je länger mehr und mehr... Tagebuchnotiz vom 24. Dezember 1944( An Vigil von Weihnachten, als die Tochter bei einem Besuch im Gefängnis verborgenerweise das Sakrament mitbrachte.) ... Man muß nur an die Wunder der Gnade und Barmherzigkeit des Heilandes glauben: sie werden an uns gewirkt! Und gestern kam Er zu mir in dieses Haus der Schmerzen durch mein eigenes Kind. Wie habe ich mich die Monate her nach Ihm gesehnt, wie auf Ihn gewartet! O Weihnachtsglück! Ich werde jetzt im Frieden des Gotteskindes an seiner Krippe knien und Ihm anbetend danken dürfen für dies wunderbare Zeichen seiner besonderen Liebe.*) Brief vom 25. Dezember 1944 An die Frau - .. Weihnachten ist ja an sich kein Idyll... Und so versöhnt uns sein heilig großer Sinn: daß hier Einer zu Schmerzen und zu einem Dasein des erlösenden Leides geboren wurde, mit dem, was Gottes Rat uns in diesem Jahre zumaß. Bei Euch und auch bei mir sind Tränen geflossen; warum sich ihrer schämen? ,, Weh dem, der keine Tränen hat!" Doch was mich anlangt, so muß ich dazu sagen: es waren mehr Tränen der Freude und des Glückes als des Leids. Mir ist in diesen zwei Tagen das Übermaß der ganzen, wirklich unergründlichen Liebe Gottes gewiß und spürbar geworden,... so, daß ich jetzt wirklich weiß, wie innig sich die Liebe Gottes um jedes Einzelne von uns kümmert, ja mehr: wie wir alle, in allem und allezeit von ihr getragen sind. Ist es nicht wie im Märchen, wenn da mit einemmal am Tage vor der Vigil unser Kind vor mir stand, lächelnd und weinend, strahlend vor Güte, Mitleid, Glück und froher Weihnachtszuversicht?... Dich brachte sie mit im Bilde und Abbild, die Heimat und die ganze selige Fülle, die das Gotteskind denen schenkt, die es lieb hat. *) Diese Andeutung und einige Stellen im folgenden beziehen sich auf die heimliche Überbringung des eucharistischen Brotes durch die in der Tracht einer Rotkreuzschwester den Vater besuchende Tochter. Dem scharf aufpassenden Beamten der Gestapo entging der geschickt verhüllte Vorgang völlig. Herzensmutige Berliner Frauen sorgten dafür, daß dem Gefangenen und seinen Kameraden in der Weihnachts- und in der Fastenzeit das Sakrament regelmäßig in die Zelle gebracht wurde, ohne dak die Wächter von SS und SD etwas ahnten. 59 Ja, Gott ist gut, und unser Herz darf Ihn ruhig und kühn um Großes bitten: Er übertrifft in jedem Fall die Kühnheit unseres Bittens; denn er schenkt sich ja selber. Und es war, als sei das Kind... Zeichen und Bote.:. O, es war eine schöne halbe Stunde, und ich war schon er- schüttert, als mir D. am Schlusse— da sie doch Gottes Fülle selber ge- bracht— frohe Weihnachten wünschte... Tagebuchnotiz(St. Stephanustag), 26. Dezember 1944 ... Und so beging ich denn einsame, aber innige Weihnacht. Mitternachts- messe mit einem einzigen Kerzlein, das die arme Zelle festlich durch- leuchtete... Es war, als wichen die Wände in diesem Haus der Schmer- zen, der Schuld, der Reue, vielleicht auch manchmal— der Heiligen! Und als sei alles eine Schar, die an der Krippe kniete... Hirtenmesse und Hochamt— beide beging ich mit Liedern und mit meiner Missa de Angelis, und ich habe fast noch nie so viel und so freudig gesungen wie in meiner Zelle... Der arme braune Tisch war Altar und Krippe. Ein Krippenbild war da(H. Baldung Grien), ein Kreuz(Seewald), ein Michael (Wendling), ein herrliches winterliches Heimatbild, ein Bild meiner lieb- sten Frau und das Familienbildchen. Auch weihnachtsgrünes Papier als festliche Hülle, ein Sträußlein aus Beuron und ein getrocknetes Blümchen aus unserem Garten. Die Wellen der Freude wollten gar nicht abschwel- len... In der innersten Seele spürte ich, wie lieb uns der Herr hat und wie gut Er zu denen ist, die sich Ihm zu eigen geben.„Allen aber, die Ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“(Joh. 1,12). Brief vom 14. Januar 1945— An die Frau In Deinem lieben Neujahrsbrief entscheidest Du Dich für die Zuversicht: ‚vertrauen, man kann doch nicht ausweichen‘. Und Du hast recht: Man kann dem Willen Gottes— und Sein Wille ist ja identisch mit Seineı Liebe— nicht ausweichen, ohne sein Ziel zu verfehlen. So wollen wir also... still warten, was Er uns zumißt. Nicht auf das Kommende hin- starren wie auf ein dunkles Unheil, sondern wie vertrauende Kinder auf die Kerze beim Gewitter. Alles ist Gnade und das Schwere gar erst recht. Tagebuchnotiz vom 18. Januar 1945(Als der Sohn zum letztenmal ins Feld ziehen mußte.) Du hast ihn bei seinem Namen gerufen und seinen reinen Sinn sich freuen lassen am Glanz Deiner Geheimnisse, die ja die leuchtenden Abgründe Deiner Liebe sind... Man konnte spüren, daß er sie erfahren hatte in 60 [* en er De Babe RE EEE arena ern em ern eg De un gel El Deiner Gnade... Und sicher ist es Dein Sakrament, mit dem Du sein Herz bereitet hast, um es an Deines zu ziehen... Wir können nur in Dank und Freude... jetzt beim Abschied erneut ihn Dir ans Herz legen. Wir seben ihn Dir ganz und ohne Vorbehalt und ohne Wünsche des eigenen Elternherzens frei; wir wollen ihn Dir in Deine liebende Heilandshand zurückgeben mit dem stammelnden Dank unserer Herzen. Wie Abraham, ja! Auch zum Opfer, wenn Du es willst. Denn willst Du ihn. so ruft ihn ja Deine Liebe zur letzten Erfüllung zu Dir in Deine selige Ewigkeit. Brief vom 25. März 1945(Palmsonntag)— An die Frau ...Die strahlende Helle der Liturgie dieses Palmentages reicht vom Alle- luja der jubelnden Kinder über die Trauer und Todesnot des Herrn, der Sein Leiden vor der betenden Seele hat, hinüber zur Glorie der Aufer- stehung... Einmal, wie es Gottes Wille ist, geht auch all dies Schreckliche zu Ende. Wir wollen, wenn wir unter den Überlebenden sein werden, mit Mut, mit Würde und mit selbstloser Liebe von neuem anfangen, zu trauen und zu bauen. Das österliche Alleluja dieses Leidensjahres soll so he!] auf unsern Lippen liegen wie in Zeiten äußeren Glücks, weil wir hinter Tod und Leıd die Gewißheit seliger Auferstehung und der Ewigkeit sehen, die ewige Heimat, in der nicht mehr Schmerz ist und Trauer und jede Träne ge- trocknet. Brief zum ersten Fronleichnamstag nach wiedergewonnener Freiheit— an die Tochter ...und Dich selbst, mein liebes Kind, hatte der Herr auserwählt, mir sein Erbarmen zu offenbaren: damals, an der Vigil von Weihnachten, kamst Du zu mir in mein Gefängnis. So grüßtest Du mich Staunenden: „Nun kannst Du, lieber Vater, mit Ihm Weihnachten feiern.“ Mit einem schlichten Wort, das mir enthüllte, was es dem armen, ahnungslos auf uns aufpassenden Gestapobeamten verhüllte, legtest Du mir das lange Monate entbehrte Sakrament in die Hand. Kein Priester durfte ja— es sei denn als Gefangener!— die Düsternis dieses Gemäuers, wahrlich einer Stätte srauenvollen Wütens dämonischer Mächte gegen meist schuld- lose Menschen, betreten! Der aber durch geschlossene Türen einst zu sei- nen erschrockenen Jüngern trat, besiegt auch heute noch alle Bosheit. So kam er durch Dich. durch Dein mutiges Wagen zu mir, und ich feierte sein Kommen in der Krippe mit frohem Herzen. Ganz gewiß:„In dulei jubilo‘“ erklang mir noch nie so innig wie in dieser Gefängnisweihnacht in Moabit, da ich einfach nicht aufhören mochte, die alten Krippenlieder 61 - zu singen inmitten so vieler Gefesselter, Gequälter, Blutiggeschlagener und zum Tode Verurteilter, einer Brüderschaft im Leid, doch gewiß auch in der Gnade. Heute verstehe ich es, wenn Heilige über das Innewerden der Güte Gottes weinten, in Glück und Seligkeit gestillten Hungers. Ach, dies große Sakrament des Brotes ist wirklich die Kraft, die uns hält und rüstet, auch Schweres zu bestehen, selbst den Haß, der aus der Feindschaft zu Gott erglüht. Und Du darfst glauben: dieser Haß wehte heiß und sengend durch die Gefängnisse der Gestapo. Doch um so sieghafter überwindet der Geist Gottes alle Tücke verblendeter Herzen: Inmitten des Tobens errichtet der Herr Sein Zelt. Er stärkt die Seinen buchstäblich mit des Weizens Mark und mit dem Wasser aus Seinem Felsen. Staune und bete an, mein Kind: bis zum Tage meiner Befreiung war meine arme, so ganz und gar verwohnte Zelle das Zelt des Herrn! Priesterliche Freunde und verstehende, helfende Frauen sorgten in rührender Treue, daß das heilige Brot uns nicht fehlte, auch nicht einen einzigen Tag. Kannst Du ermessen, was dies bedeutet in der Todesbereitschaft während so vieler Bombenangriffe eingeschlossen in der engen Zelle und in der doppelten Todesbereitschaft aus der Art dieser politischen Gefängnisse? Jene Freunde also brachten jede Woche aus ihrem eigenen Opfer die Gaben ihrer Treue. Und mit dem Brot für den Leib auch das, das der Herr unseren Seelen schenkt. Doch dies läßt sich nur ganz schlicht sagen: zwischen zwei Scheiben getrockneten Brotes leuchten weiße Hostien, dabei ein kleines Papier mit dem Christuszeichen! ,, Solches tut die Liebe!" steht irgendwo bei Romano Guardini über die Eucharistie. Was ich er lebte, erschien mir ganz wie damals, als der Herr seinen Jüngern erschien nach seiner Auferstehung. Ungehemmt durch Mauern und Türen! Und wie den Emmausjüngern, so ungefähr erging es den sonst so scharfen und durch berufsmäßiges Mißtrauen geübten Augen der Gestapo: sie durchsuchten zwar alle Päckchen, die von draußen hereingereicht wurden, aufs genaueste, indes ,, sie erkannten Ihn nicht". Wir aber in den Zellen, wir mit unserem Kummer und unserer Not, wir erkannten Ihn als unsern Herrn und als den erbarmungsreichen Tröster. Denn jene kleinen Scheiben weißen Brotes gehörten nicht mir allein. Viele waren ja, die da hungerten und dürsteten. Und so brach ich immer mit meinen armen Händen das heilige Brot und gab es weiter in die Zellen der einsamen Not, damit uns allen Hilfe würde aus dem großen Geheimnis. Ein Kommunist war es, der das Sakrament in die Zellen weitertrug, ein prächtiger Mensch, der nach zwei Jahren politischer Zuchthausstrafe in diesem Hause der Unmenschlichkeit das Amt des Kalfaktors, des Bedieners der Gefangenen, geradezu in der Weise eines Jüngers christlicher Liebe verwaltete. Er wird gewiß einmal in Gottes Arme laufen, und ich bete jeden Tag, daß 62 es ges Vertr hatte, geht vor d in No Zeller regel uns dem h begeg So is Gitte Brot Güte weiß Sinn und Dein heim ment es geschehe. Stelle Dir also vor: dieser gute Mensch, dem ich in großem Vertrauen ein paar Worte über das Geheimnis unseres Glaubens gesagt hatte, um für den Dienst des Tarcisius die Voraussetzung zu schaffen, geht mit einem armseligen Medikamentenschächtelchen über die Laufstege vor den Zellen und verteilt das heilige Brot, selbst voll Freude, Brüdern in Not den Dienst seelischer Hilfe erweisen zu dürfen. Und in einer dieser Zellen feiert sogar verborgener- und verbotenerweise ein Jesuitenpater regelmäßig in der Morgenfrühe das heilige Opfer! So brauchte keiner von uns hungern, und am österlichen Mahle konnten alle teilnehmen, die, mit dem leidenden Herrn geeint, auch dem'Auferstandenen und Verklärten begegnen wollten. So ist mir, liebes Kind, die Grenzenlosigkeit der Liebe Gottes hinter Gitterstäben begegnet. Wie in der Wüste war es, da Gott seinen Kindern Brot vom Himmel gab. Und weil auch ich in dieser Wüste die Fülle der Güte Gottes erfuhr, kann ich diese vergitterten Tage nur segnen. Heute weiß ich, daß selbst diese dunkle Strecke meines Lebens nicht ohne hellen Sinn ist. Aus jenen Tagen kommt mir spürbar Kraft für das Kommende, und es wird ja nicht ganz leicht sein. Möge solche Kraft auch Dir und Deinen Geschwistern in Euer junges Leben strömen: Kraft aus dem Ge- heimnis, das wir staunend und stammelnd verehren: Tantum ergo sacra- mentum... HERMANN HESSE Im G Stelle Hung Dazu zerbr über währe ,, ER VERBIRGT MICH HEIMLICH IN SEINEM GEZELT" Mein jüngster Sohn, Pastor Helmut Hesse, und ich wurden am 8. Juni 1943 verhaftet. Am Sonntag Exaudi morgens hatte ich das Bombardement auf Barmen als ein Gericht Gottes bezeichnet, und nachmittags waren wir in einer Bekenntnisversammlung für die Bekehrung der Juden zu dem Herrn Christus eingetreten. Helmut hatte die entscheidenden Sätze aus dem Zeugnis zu den Judenverfolgungen verlesen, das zu Ostern 1943 von bayerischen Ältesten an Landesbischof D. Meiser überreicht werden sollte. Ein Verhör fand zunächst nicht statt. Wir wurden in Einzelzellen abgeführt; dabei sagte der leitende Beamte des Polizeipräsidiums: ,, Euch Schweine müßte man an die Wand stellen!" So saßen wir allein, vier Stockwerke voneinander getrennt, ohne jede Beschäftigung und ohne jedes Buch, auch ohne unsere Bibel. Es mußte nun Klarheit darüber werden, ob wir bereit seien, um des Zeugnisses Christi willen uns an die Wand stellen zu lassen. Unter dieser Frage entstand eine wunderbar gesegnete Stille. Ich bemühte mich, mir ins Gedächtnis zu rufen, was ich vom ersten bis zum letzten Blatt der Heiligen Schrift wußte, und ließ meinem Sohn sagen, er möchte das Gleiche tun. Er antwortete mit der Bitte, ich solle ihm aufschreiben, was ich von der Bibel wisse. Ich hatte zunächst weder Papier noch Bleistift, aber es wurde ,, organisiert", und so konnten fünf Monate hindurch Mitteilungen von Zelle zu Zelle gehen. Es wurden einzelne biblische Bücher durchgenommen und teils in ausführlicher Inhaltsangabe, teils in wörtlichen Zitaten, teils in kurzen Grundlinien dargelegt. Allmählich entstand auf kleinen Zetteln eine Art Bibelkunde. Wir freuten uns dankbar all dessen, was wir aus der Bibel wußten, schämten uns aber auch dessen tief, was wir nicht wuẞten. Wir lernten den Hunger nach Gottes Wort wie nie zuvor kennen und uns über jedes Stücklein vom Brot des Lebens königlich freuen. Als wir dann endlich nach einem Vierteljahr wieder Bibel und Grundtext in die Hand bekamen, haben wir den Psalmisten verstanden, der sich über Gottes Wort freut wie einer, der eine große Beute kriegt( Ps. 119, 162). Unser Sohn hatte beim Arbeitsdienst durch Stehen im Wasser seine Gesundheit verloren und wurde seit April 1940 auf gestörte Drüsentätigkeit behandelt. In schwerkrankem Zustand war er nun in die Haft gekommen. 64 kenne worde noch der A Melo 1937 dort durch es nu liche Morg worte Haft Platz der einer dere lippi Sowe Was Jude Gott len esse wese Lage nicht denk uns aber wird Ank word durc 5 Sie T" SSE 8. Juni -dement ren wir zu dem tze aus n 1943 werden zelzellen : ,, Euch er Stocke jedes es Zeuger Frage ins GeHeiligen che tun. von der es wurde gen von enommen ten, teils Zetteln wir aus Ficht wußnnen und Als wir xt in die Liber Got2). seine Gentätigkeit ekommen. Im Gefängnis fehlten ihm alle Einspritzungen und Medikamente, und an Stelle der sorgsamen nütterlichen Betreuung trat eine ausgesprochene Hungerkost. Alle Bitten um Aufnahme in ein Krankenhaus schlugen fehl. Dazu machte Helmut im Gefängnis eine tiefe geistliche Krisis durch. Sie zerbrach ihn innerlich völlig und versetzte ihn zugleich in die Freude über die Vergebung der Sünden im Sinne des 32. Psalmes, wie ich sie während meines mehr als vierzigjährigen Dienstes in der Gemeinde nie so kennengelernt habe. Wir konnten uns, nachdem mein Sohn Kalfaktor geworden war, öfter sprechen. An unserer geistlichen Gemeinschaft fehlte nur noch die Gemeinschaft am Tisch des Herrn, und auch sie ist uns noch in der Abschiedsnacht von Barmen zuteil geworden. Eines Tages hörte ich die Melodie eines unserer Psalmen pfeifen. Das war mein Helmut. Ich war 1937 schon einmal im Elberfelder Polizeigefängnis gewesen und hatte mich dort mit meinem inzwischen gefallenen Freunde, Pastor Hermann Ziegler, durch Pfeifen von Psalmen und Gesängen verständigen können. So machte es nun auch mein Sohn. Wir haben auf diese Art täglich dreimal eine geistliche Verbindung miteinander gehabt. Helmut begann morgens nach dem Morgenkaffee, nach dem Mittagessen und nach dem Abendbrot, und ich antwortete ihm mit denselben Melodien. Es hat nie einen Tag während dieser Haft gegeben, an dem nicht der Ton des Lobens und Dankens den ersten Platz eingenommen hätte, auch wenn es hindurch ging durch tiefe Seufzer der Not. Nur selten wurde dieses regelmäßige Pfeifen über den Hof von einem Beamten verboten. Wohl aber ertönte manchmal auch aus einer anderen Zelle noch die gleiche Melodie und sagte uns, daß es sich wie in Philippi erfüllte: ,, Und es hörten sie die Gefangenen"( Apg.16,25). Soweit es die Gefängnishaft zuließ, gab es auch, vor allem morgens beim Waschen, Verbindung mit anderen Gefangenen. Ich vergesse nicht einen Juden aus Velbert, der jeden Morgen darauf wartete, daß ich ihm ein Gotteswort sagte, und der einmal das Matthäus- Evangelium mit seinen vielen Rückblicken auf das prophetische Wort mit frohem Eifer und Interesse gelesen hat. Oder ich denke an Kommunisten, die schon im Lager gewesen waren, und durch die Helmut wertvolle Winke für unsere spätere Lagerzeit erhielt. Sie waren sehr hilfsbereit, ließen freilich das Gespräch nicht über eine gewisse Grenze ihrer Ideologie hinausgehen. Mit Helmut denke ich auch an einen nationalsozialistischen Schuster aus Solingen, der uns manche Hilfe leistete und später ebenfalls nach Dachau kam, von da aber mit einem ,, Invalidentransport" nach Lublin befördert wurde; er wird kaum mehr am Leben sein. Anklage war gegen uns vor allem von offizieller kirchlicher Seite erhoben worden wegen Übertretung des Himmler- Erlasses durch die Visitation und durch die Ordination meines Sohnes. Aber die Anklage, die bis ans Innen5 Sieger in Fesseln 65 ministerium nach Berlin ging, erwies sich als völlig grundlos. Daher kamen wir auch nicht, wie uns anfänglich gesagt wurde, ins Elberfelder Gerichts- gefängnis. Wir waren beide darüber froh, daß wir nicht wegen irgend- welcher Ungeschicklichkeiten bestraft wurden, sondern einzig wegen des Zeugnisses Christi. Am schwersten belastete uns beide unser Eintreten für die Juden. Für sie hatte sich unser Sohn seit Jahren in brennender Her- zensnot und erfinderischer Fürsorge, selbst mit Lebensgefahr, eingesetzt. Wir konnten uns über das verständigen, was wir bei der Gestapo über unsere Stellung zur Judenfrage zu Protokoll geben sollten; unabhängig voneinander kamen wir hierbei zu den gleichen Grundsätzen von der Hei- ligen Schrift her. Vor allem wurde uns Römer 11, 15 klar mit dem Wort des Apostels von den Juden:„Denn so ihre Verwerfung der Welt Versöhnung ist, was wird ihre Annahme an- deresseinals Leben von den Toten?“ Im übrigen wurden wir auch darin eins, was es heißt:„Gott übt Gnad’ auch im Gericht, das ist meine Zuversicht!“ Wie ergeben Helmut sein Schicksal in die Hand Gottes legte, leuchtet aus den Worten hervor, die er auf einen hinausge- schickten Zettel geschrieben hat:„Was wird, dürfen wir dem getrost überlassen, der uns bis heute jeden Tag bewiesen hat seine väterliche Güte und göttliche Allmacht. Er sei gelobt allein!“ Am 12. November wurde uns wider alles Erwarten eröffnet, es gehe für uns beide am folgenden Tage nach Dachau. Eine treue Freundin aus der Gemeinde, die es immer wieder mit unserer Schwiegertochter gewagt hatte, uns ein wenig zu versorgen, gab uns Proviant für die Reise mit, dar- unter ein Fläschchen Wein. In der Nacht feierten wir still beide zusammen das Mahl des Herrn. Wir sprachen miteinander das Abendmahlsformular unserer Gemeinde, so gut wir es auswendig konnten: zum Schluß legte ich Helmut segnend die Hände auf, ohne zu ahnen, daß es die Einsegnung zum Tode war. Beim Gefangenentransport nach Dachau kamen wir am Sonntag durch die Stadt Augsburg. Plötzlich stand eine Jugendhelferin vor uns. die wir im Allgäu kennengelernt hatten. Ihr konnten wir noch kurze Grüße an meine Frau mitgeben. mit den Worten:„Auf Wiedersehen beim Herrn Christus!“ Vom Bahnhof Dachau zogen wir unter Gesang von Psal- men und Liedern hinter den Beamten her. Beim Eingang ins Lager dach- ten wir an den bayrischen Pfarrer Steinbauer, der einst durch dasselbe Tor schritt und dabei fröhlich sagte:„Nun soll’s mich wundern, wie der himm- lische Vater mich da wieder herausbringt!‘“ Er ist wieder freigeworden. Auch ich wurde wieder frei. Von unserem Helmut kam freilich nur die Aschenurne heraus. Gleich am ersten Tage bekamen wir eine abscheuliche Gefangenenkleidung. Wir sagten uns, es sei die Uniform des Barabbas, die der Herr vor uns 66 steh Mar Elbe sche ten, Im: mit äuß: Bla Phil mei fra; zur mut dan ven guli bra den er ahn tho unc nid ihr blü hie amen ichtsgenddes n für Heresetzt. über ängig HeiWort der an. urden t, das Hand ausge. getrost Güte sgehe in aus gewagt it, darammen rmular gte ich egnung wir am rin vor kurze en beim on Psaler dachelbe Tor himmworden. nur die leidung. vor uns und für uns getragen hat; so mühten wir uns, im Glauben darüber zu stehen. Schon am Abend konnte ich mündlich Grüße bestellen lassen an Martin Niemöller und an den katholischen Caritas- Direktor Karls aus Elberfeld. Auch gab es gleich Besuch von einem gefangenen evangelischen Pastor. Karls reichte uns einen Nachmittagstee mit belegten Broten, und wir wurden für die ersten Tage mit allem versorgt, was nötig war. Im Zugangsblock hatte ich nun noch einige Tage köstlicher Verbundenheit mit unserem Helmut. Wir schliefen nebeneinander, teilten innerlich und äußerlich alles miteinander. Wir hatten interessante Gespräche mit dem Blockschreiber, einem gelehrten Tschechen. Er hatte sich der indischen Philosophie zugeneigt und lehnte das Evangelium radikal ab. Als er meinte, Gott sei so groß, daß wir ihm gegenüber nur Ameisen seien, fragte ihn Helmut: ,, Und was meinst Du denn nun dazu, wenn Gott selbst zur Ameise wird?" Ich vergesse es nicht, daß dieser Mann mir nach Helmuts Heimgang nur sagte:„ ,, Das sehe ich, daß Du Trost hast". Er kam dann plötzlich weg, und ich sah ihn nie wieder. In der Nacht zum 20. November erkrankte Helmut schwer. Im Revier, wo er eine verhältnismäßig gute Behandlung erhielt, konnte ich ihn noch zweimal besuchen. Dabei brachte ich ihm aus der am Morgen im Pastorenblock gehörten Predigt den Satz eines Dieners von seinem fernen Herrn mit: ,, Meinetwegen kann er jeden Tag kommen!" Wie bald dies Wort für Helmut wahr wurde, ahnte ich nicht. Am Dienstag, den 23. November abends fand ihn der katholische Bruder aus Nimwegen, sein treuer Pfleger, wie er unruhig wurde und plötzlich mit dem Wort: ,, Ach, Vater!" in Erstarrung fiel, aus der er nicht mehr erwachte. Am andern Morgen wurde ich zu seiner Leiche gerufen, die für Dachau bis dahin unerhört aufgebahrt war. Ich konnte ihm noch die Augen zudrücken. Eine freundliche Hand hatte für grünen, blühenden Schmuck und brennende Kerzen um den Sarg gesorgt. An ihm hielt Pastor Walter aus Danzig am Nachmittag in Gegenwart von evangelischen und katholischen Brüdern eine Feier unter dem Worte Gottes. Mit meiner Frau wurde ich eins in getrösteter Trauer. Wir hatten innerhalb zwei Jahren von unseren vier Söhnen, die alle Theologen der Bekennenden Kirche waren, zwei vor Moskau verloren und nun den 271/ 2jährigen Helmut in Dachau. Am Abend berichtete ich in der Kapelle des Pastorenblocks über den Glaubensweg des Heimgegangenen im Anschluß an den Denkspruch, den ich ihm bei der Konfirmation gegeben hatte: ,, Aber das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf den Herrn und verkündige all Dein Tun"( Ps. 73, 28). Am Schluß der Feier sagte mir ein katholischer Freund: ,, Dann kann man ja wohl gratulieren!" worauf ich antwortete: ,, So ist es recht verstanden." 5° - - 67 62 Im Zugangsblock hatte ich allerlei interessante Begegnungen. Mein Spindgenosse war ein griechisch- orthodoxer Archimandrit aus Sparta, der eine Gemeinde in München und Leipzig betreut hatte und einigermaßen Deutsch verstand. Rechte Freundschaft verband mich für einige Monate mit einem katholischen Ministerialrat aus Wien, der um seine nichtarische Frau in Auschwitz in größter Sorge war und im Hören auf das Evangelium mit mir übereinstimmte. Gern denke ich auch an jenen Ernsten Bibelforscher, dem ich wegen seiner Leugnung der leiblichen Auferstehung und Wiederkunft Christi widersprechen mußte. Zum Abschied sagte er mir:„ ,, Ich sehe wohl, daß Du auf gutem Wege bist; Du wirst schon noch weiterkommen!" Etwa 14 Tage nach dem Heimgang Helmuts kam ich aus dem Zugangsblock in den Pastorenblock und fand dort sehr herzliche Aufnahme. Christian Reger erbot sich sofort, mir in der Fürsorge die Stelle meines Sohnes zu vertreten. In seiner erfinderischen Liebe fühlte ich mich immer wieder bei aller Not von Herzen wohl. In unserer Stube begegneten mir auch die Männer, die ich in der Fürbittenliste der Bekennenden Kirche unserer Gemeinde selber so oft genannt hatte, und für die wir zum Teil schon seit Jahren vor dem Thron der Gnade eingetreten waren. Nun waren wir beisammen in der Gemeinschaft des Leidens um des Zeugnisses Christi willen und waren dessen inmitten der Drangsale vor Gottes Angesicht getrost. Der Pastorenblock zählte damals etwa 1000 Geistliche. Die allermeisten gehörten der römisch- katholischen Kirche an. Daneben gab es Angehörige der Ostkirche, Altkatholiken und Evangelische. In unserer Stube, 9 auf 9 Meter groß, waren wir gewöhnlich 130 Mann. Es gab aber auch eine Doppelbelegschaft von 260 Mann. - - ( in Der Tageslauf hatte bei uns einen geistlichen Anfang und Schluß. Wenn morgens um 4 Uhr von der Nebenstube her an die Wand geklopft wurde, rief einer, der in unserem Schlafraum erwachte: ,, Gelobt sei Jesus Christus!" Alles antwortete: ,, In Ewigkeit. Amen!" Das war der Morgengruß. Die Katholiken kleideten sich zuerst an, um zur Messe zu gehen. Dann folgten wir Evangelischen. Beim Waschen begrüßte ich öfter einen griechischen Archimandriten aus Korinth mit dem apostolischen Segenswunsch: ,, charis kai eirene"( Gnade und Friede); er: ,, en Christo Jesu"- Christus Jesus); ich: ,, to kyrio hemon"( unserem Herrn); er: ,, Amen!". Wir Evangelischen gingen nach dem Kaffee in die gemeinsame Kapelle des Blocks. Unsere Morgenandacht darin begann mit Gesang unter Harmoniumspiel. Dann folgten Losung und Lehrtext und eine Ansprache über die Bibellese des Tages von etwa zehn Minuten. Mit Gesang und, Gebet wurde geschlossen. Oft war freilich die Zeit schon sehr knapp geworden, und die Pfiffe riefen uns zum großen Morgenappell auf den Lagerplatz. Vom Appell aus zogen die meisten auf ihr Kommando, wir Nichteinge68 - teilter meine ein h viele heirat ligen diens uns, die n darüb insbe den logis lische den In un Beke den vertr unse Dien kenn und ders über dach mäß Nach raun Woo von oft Geb Bibe am Vul reid zwis mit der cha f Spindr eine eutsch einem rau in mit mir , dem rkunft wohl, gangs. Chris Soher wieFir auch unserer mon seit wir beiwillen getrost. sten geehörige auf 9 me DopWenn wurde, us Chriengruß. . Dann en griewunsch: --( in Amen!" Kapelle ter Harche über d. Gebet eworden, gerplatz. hteinge teilten konnten uns den Tag über im Block frei beschäftigen. Ich hatte meine deutsche Bibel nebst dem hebräischen und griechischen Urtext, auch ein hebräisches Lexikon. Im Anschluß an das Bibelwort gab es für mich viele Gespräche, bald mit Evangelischen, bald mit Katholiken. Ein verheirateter altkatholischer Priester aus Kroatien forschte eifrig in der Heiligen Schrift und nahm gerne an unseren Morgenandachten und Gottesdiensten teil, ging auch bei uns zum Tisch des Herrn. Beschämend war für uns, wieviele Männer es aus der römisch- katholischen Kirche waren, die die nationalsozialistische Weltanschauung radikal abgelehnt hatten und darüber nach Dachau kamen. Was ihnen die Messe bedeutet, wurde uns insbesondere klar durch tägliche Vorträge, die ein belgischer Jesuit vor den Nichteingeteilten über Fragen der Seelsorge hielt. Jenseits der theologischen Differenzen gab es aber mit frommen Brüdern aus der katholischen Kirche, mit ihrer innigen Gebetsfrömmigkeit und ihrem hingebenden Liebesdienst herzliche Verbindung. In unserem eigenen evangelischen Kreis hatten wir nicht bloß Männer der Bekennenden Kirche. Mehrere Pastoren saßen aus rein politischen Gründen im Lager. Einer davon war ein ausgesprochener Spötter. Ein anderer vertrat eine unbiblische Philosophie, die alles in Symbolismus auflöste; unser Konvent mußte ihn in einem kirchlichen Lehrzuchtverfahren vom Dienst am Wort ausschließen. Die Verbindung mit den Brüdern der Bekennenden Kirche und diejenige mit den Brüdern aus Holland, Böhmen und Polen äußerte sich sehr ersprießlich. Ernst Wilm leitete unsere Bruderschaft mit großer Ruhe und Klarheit. Unsere Gemeinschaft trat jedem überspitzten Konfessionalismus nachdrücklich entgegen, nur darauf bedacht, daß wir uns unter dem Schriftwort die Hand reichten. In regelmäßigen Stunden hielten wir eine homiletische Arbeitsgemeinschaft. Nach dem großen Abendappell und dem Abendessen hatten wir im Schlafraum eine gemeinsame Abendandacht, nach unserer Zahl sechsmal in der Woche von einem Katholiken geleitet und einmal, nämlich am Sonntag, von Evangelischen. Dabei stand auch von katholischer Seite das Bibelwort oft im Mittelpunkt. Geschlossen wurde mit dem von allen gesprochenen Gebet des Herrn. Als ich das erstemal diese Abendandacht hatte, war die Bibellese des Tages der Gruß des Engels Gabriel an Maria. So kam ich am Ave Maria nicht vorbei und damit am Wort ,, kecharitomene", das die Vulgata mit plena gratia übersetzt. Ich konnte den Katholiken die Hand reichen bis zum ,, theotokos"( Gottesgebärerin), zog dann aber die Grenze zwischen der Deutung ,, Begnadigte" und ,, Gnadenbringerin". Das wurde mit großer Aufmerksamkeit gehört; am nächsten Morgen begrüßte mich der griechische Archimandrit unter einem Bruderkuẞ mit dem Wort: ,, kecharitomene!" 69 Am Sonntag erfolgte das Wecken etwas später. Da fielen Frühmesse und Andacht fort. Statt dessen hatten wir Gottesdienst in der Blockkapelle. Nach dem Morgenappell hatten die Katholiken Predigt und Hochamt, dann folgte unser Gottesdienst, alle Monat einmal mit einer Feier des heiligen Abendmahles verbunden. An sich durften nur Geistliche teilnehmen. Aber wir hatten auch aus manchem anderen Block gute Freunde, die im stillen regelmäßig ihren Platz bei uns einnahmen. Daneben hielten wir kleine Zaungottesdienste für solche, die am Vormittag nicht kommen durften und die das Evangelium mit großer Begier und Dankbarkeit aufnahmen. Zu meiner unbeschreiblichen Freude besuchte mich meine Frau am ersten Weihnachtstag in Dachau. Auf ihre Frage, ob sie noch einmal in Berlin wegen Freilassung vorstellig werden solle, antwortete ich mit einem Nein, da ich noch meine Aufgabe im Dachauer Bruderkreis zu deutlich vor Augen hatte. Gegen Ende des Winters hatte ich die besondere Freude, Martin Niemöller, der ganz von uns getrennt im ,, Bunker" lebte, in der Zahnklinik eine Stunde lang zu sprechen, ihn so frisch vor Augen zu haben wie nie zuvor und mich mit ihm wie in den guten Tagen der Bekennenden Kirche zu verständigen, jetzt über den weiteren Weg der Evangelischen Kirche in Deutschland nach Eintritt der Katastrophe. Am 18. April 1944 wurde ich wider Erwarten frei; meine Frau hatte es bei Himmler erwirkt. Am Karfreitag wurde mir eine Erklärung vorgelegt, ich sollte unterschreiben, daß ich mich in Zukunft aller politischen Betätigung enthalten wolle. Ich betonte, ich hätte es auch bisher nicht getan, sondern nur meinen Dienst am Wort ausgeübt und unterschrieb. Am 18. April folgte dann die zweite Erklärung; sie sei nur eine andere Form der ersten Danach solle ich mich einer abfälligen Kritik des Nationalsozialismus enthalten; es wurde mir aber die Ausübung meines evangelischen Predigerberufes ausdrücklich gewährleistet. Nur wegen dieses Predigtdienstes war ich aber verhaftet, nicht etwa wegen einer Kritik des Nazitums. Ich hatte seit Jahren den Rat eines Freundes befolgt, weder eine politische noch eine unpolitische Predigt zu halten, sondern eine biblische, die allerdings politische Wirkung haben müßte. Und eben solche politische Wirkung meiner biblischen Predigt war mein Weg ins Gefängnis und Lager gewesen. Bei Wiederaufnahme meines Predigtdienstes mußte ich sofort wieder mit einer gleichen Wirkung rechnen. Tatsächlich bin ich Sommer 1944 nur wie durch ein Wunder daran vorbeigekommen, daß ein bereits in Berlin gegen mich ausgestellter neuer Haftbefehl mich nach Dachau zurückbrachte. Meine Erklärung der Gestapo gegenüber hatte das Einverständnis der Dachauer Brüder. Mit ihnen fühle ich mich bis auf den heutigen Tag in jener geistlichen Gemeinschaft verbunden, die uns als Gemeinde unter dem Kreuz Jesu Christi geschenkt worden ist. 70 Rück steht Das endu und pelle. dann iligen Aber tillen kleine n und a ersten Berlin Nein, r Au- Mar- Zahn- haben enden ischen es bei st, ich tigung »ndern ‚April ersten. s ent- odiger- es Wal hatte ch eine s poli- meine! ;n. Bei it einef 3 durch n mich ‚ine Er- „chauel 1 geist: Kreuz Rückblickend schreibe ich über meine"Gefangenschaft, was Psalm 27, steht:„Er verbirgt mich heimlichin seinem Gezelt 5 1% Das wolle der Herr als Segen dieser Trübsalszeit einmal in ewiger Voll- endung wahr machen! 71 NANDA HERBERMANN Barmhe voll der Tief ha ganz in sem K und so Die 1905 in Münster( Westfalen) geborene katholische Schriftstellerin Nanda Herbermann war seit 1928 Sekretärin des Jesuitenpaters Friedrich Muckermann und von 1934 bis 37 Schriftleiterin des ,, Gral". Am 4. Februar 1941 wurde sie durch die Gestapo geholt, zu gleicher Zeit wie Muckermanns Ordensgenosse und Mitarbeiter Dr. Albert Maring, dessen Leben nach einem schweren Leidensweg in Dachau endete. Der von Heydrich unterzeichnete Schutzhaftbefehl enthielt die Begründung: ,, Sie gefährdet nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Feststellungen durch ihr Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates, indem sie durch ihre staatsfeindliche Betätigung und Zusammenarbeit mit einem der entschiedensten und schärfsten Gegner des nationalsozialistischen Staates die Interessen des Reiches auf das schwerste schädigt." Ein halbes Jahr verbrachte Nanda Herbermann im Gerichtsgefängnis zu Münster in Einzelhaft. Nach dem ersten zehnstündigen Verhör folgten weitere 41 quälende Verhöre. Da sie dabei keine Namen von Priestern preisgab und sich damit ,, genau so verseucht und verlogen wie alle Pfaffen" erwies, kam sie nach Durchstehen der fünf schweren Luftangriffe auf Münster Mitte Juli 1941 über Herne als Zwischenstation in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück( Mecklenburg). Mit ihren 80 Pfund Gewicht hatte sie ein halbes Jahr schwere Außenarbeit, dann für ein Jahr den seelisch martervollen Posten einer Blockältesten bei den Dirnen und Asozialen, in den letzten Monaten Dienst im Büro der Oberaufseherin zu versehen. Obwohl die Haft erst ein Jahr nach Kriegsende ablaufen sollte, erwirkte einer ihrer Brüder im März 1943 bei Himmler ihre Freilassung. Ihre bitterschweren Erlebnisse im Gefängnis und KZ. hat Nanda Herbermann in einem Buch ,, Der gesegnete Abgrund"( Nürnberg 1946) niedergeschrieben. Der folgende Beitrag aus ihrer Feder ist unabhängig davon. so wür zusamn blicken selber Besond Tage u und je feigen ungewe tobend chen h war de und im gebete Erwäg andere Donde hielt i gewan die Ve Minde Frauen Sie wu Liebe, christli ,, EIN ABGRUND RUFT DEN ANDERN" Wenn ich die Worte des Psalmes: ,, Ein Abgrund ruft den andern" über meine Ausführungen setze, so hat das seine tiefere Bedeutung. Ist doch das KZ., ein Abgrund teuflischer Bosheit, für mich und für viele meiner Leidensgefährtinnen zu einem gesegneten Abgrund göttlicher 72 und fr Gefang wie sie möchte Da wa ellerin edrich ebruar manns nach unter- nach halten durch r ent- es die nis ZU olgten jestern Pjof fe aul rauen d Ge hr den d 450. zu ver- Ite, ef- ng. Jerber” nieder davon. Barmherzigkeit geworden. Ja, dieser Abgrund der Bosheit erschloß uns erst voll den unendlichen Abgrund göttlichen Erbarmens und überreicher Gnade. Tief haben wir unter das Kreuz treten müssen, durften dafür aber auch ganz in die große Gottesliebe hinein. Wenn Christus mich berief zu.die- sem Kreuzweg seiner Nachfolge, dann erwartete er auch etwas von mir, und so wie ich das Kreuz mit ihm zu tragen mich jeden Tag neu bemühte, so würde die Gnade Gottes mir schon helfen, unter diesem Kreuze nicht zusammenzubrechen. Sie hat es wunderbar getan. Gerade in den Augen- blicken, da ich mich am Rande des menschlich Erträglichen befand und selber nicht mehr weiter konnte, trug sie mich. Besonders in den einsamsten Stunden des Dunkelarrestes, wo ich acht Tage und acht Nächte in einer kleinen, stockfinstern Zelle zubringen mußte und jede Stunde des Tages die diensttuende Aufseherin erschien, um Ohr- feigen und Fußtritte willkürlich auszuteilen, wo die Augen brannten von ungeweinten Tränen, wo ich das Wimmern, Stöhnen, das rasende Geschrei tobender, wahnsinnig gewordener und zu Tode gequälter Frauen und Mäd- chen hörte, wo ich vermeinte, es nicht mehr länger ertragen zu können, da war der verlassene Erlöser am Kreuze meine ganze Hoffnung, und so oft und immer wieder habe ich leise, damit nur niemand es vernahm, für mich gebetet: Dornen, Hohn und Hiebe, o gekreuzte Liebe! Liebe, die sich selbst vergibt, Liebe, die sich totgeliebt! Erwägungen und Kraft zum ergebenen Kreuztragen strömten mir unter anderem aus Reinhold Schneiders Büchlein„Der Kreuzweg“ zu. Dompropst Donders hatte es mir in die Bitternisse des KZ. geschickt. Im Strohsack hielt ich es versteckt, und von da ist es heimlich von Häftling zu Häftling gewandert. Sicherlich hat es manchen von ihnen aufrichtende Antriebe in die Verlorenheit ihres Zertretenseins gegeben. Mindestens siebzig bis achtzig Prozent aller deutschen Häftlinge im Frauen-KZ. Ravensbrück waren Berufsverbrecher, Asoziale und Dirnen. Sie wußten nichts mehr vom Kreuz und von der bereiten, kreuztragenden Liebe, die sich selbst vergißt, die mit Christus das Kreuz trägt in tief- christlicher Erfüllung des Lebens und Leidens und die doch noch lächeln und froh sein konnte, wenn auch unter Tränen. Aber wie Christus in der Gefangenschaft denen begegnete, die sich an ihn hielten oder ihn suchten, wie sie immer neu seinen Halt, seinen Trost, seine Liebe erfuhren, davon möchte ich hier berichten. Diese Begegnungen waren mannigfaltigster Art. Da war die liebe, edle Generaloberin aus dem Sudetengau, mehr als sieb- 73 zig Jahre alt, überzart, das feine Antlitz ganz vergeistigt, zu allen Häftlingen stets überaus opferbereit und gütig. Ihr frommer Sinn war freudig bereit, im Geiste der Nachfolge Christi das schwere Kreuz zu tragen. Ich sehe sie noch vor mir an einem naẞkalten Herbstabend, mit nackten FüBen, zitternd am ganzen Körper, mich bittend: ,, Bete, bete, daß ich es körperlich aushalten kann!" Als ich ihr tröstend antwortete, ich wolle drei Tage lang alles Schwere für sie aufopfern, damit sie nicht zerbreche, da war sie wieder froh wie ein Kind und flüsterte mir das ,, Magnificat" zu, das ihr liebstes Gebet war. Oft nahm sie einen weinenden Häftling bei der Hand und versuchte, ihn durch ihre christliche Herzensgüte und wundersame Gelassenheit wieder aufzurichten. Ich habe sie wie eine Heilige verehrt. Und Elfriede, das sanfte Lämmchen aus Köln, das aber auch fröhlich und sprühend sein konnte in echt rheinischer Art. Sie arbeitete in der Kaninchenzucht. Bei diesen stillen Tieren war gerade der richtige Platz für sie. Ihre größte Freude war es, sich ganz der Betrachtung hinzugeben. Tiefe Demut und letzte Bereitschaft, alles zu ertragen, war in ihr. Sie hat ihren Kreuzweg heroisch gemeistert. Aber wir wissen heute nichts mehr von ihr. Sie gehört zu den vielen ,, Vermißten", die bis zum Kriegsende im KZ. aushalten mußten. Wer weiß, wohin man sie noch am Schluß verladen hat? Ob sie überhaupt noch lebt oder auch in einer der großen unheimlichen Gaskammern ermordet worden ist? Aber das Eine weiß ich, daß sie in ihrer großen Liebe zu Christus auch zum Allerschwersten ein freudiges ,, Ja, Vater" gesprochen hat. An Angela denke ich, die als Geisel für den Vater, den die Gestapo nicht auffinden konnte, in das KZ. eingeliefert wurde. Sie erschien uns wirklich als ein Engel, trug also ihren schönen Namen mit Recht. Fünf volle Jahre verbrachte sie an dieser Leidensstätte. Trotz körperlicher Elendigkeit besaß sie in ihrer starken Seele einen Glauben, der Berge versetzen konnte. Bei ihrem Anblick mußte ich oft an das Wort der Heiligen Schrift denken: ,, Gott hat das Schwache geschaffen, um das Starke zu beschämen." Häufig haben wir mit einigen Gleichgesinnten bei zwanzig Grad Kälte und mehr unsere Sonntagsmesse versteckt in einer äußersten Ecke des Lagers gebetet. Ihre Hände kuschelten sich fest in meine Hände, und ich rieb und rieb sie warm, erst die eine, dann die andere Hand. Und dann sangen wir ganz leise, damit die herumpatrouillierende SS- Wache es nicht vernahm: 74 ,, O mein Christ, laß Gott nur walten, seine Lieb' wacht immerfort, seine Hand wird treu dich halten, wahr und heilig ist sein Wort." Als An wenn 6 auf la der Ki oder et nen in Eltern vereint Hier i um Ch zeugen sich u haben wir hi zu die sichtba schen zuhalt folgun Oft h religio deren aller halter Von Wir a Cred war 6 müsse Brot Und eine s ich. S Volke kämp lin, M und solche dazu Ein ältest Br Als Angela krank im Revier lag, schlichen Nettchen, Alfredine und ich, wenn es nur irgendmöglich war, für ein paar Minuten zu ihr, immer dar- auf lauernd, daß die SS-Wache uns nicht erwischte. Nettchen arbeitete in der Küche und hatte manchmal ein„erganisiertes“ Stückchen Margarine oder etwas Marmelade für die kranke Angela. Und dieser standen die Trä- nen in den sanften Augen. Wieviel Heimweh hat sie gehabt nach ihren Eltern und Geschwistern in Holland,. mit denen sie jetzt glücklich wieder vereint sein darf! Hier im KZ. konnte man an lebendigen Beispielen lernen, wie man leidet, um Christi Glauben zu verteidigen und so zu sterben, wie die großen Blut- zeugen Christi gestorben waren, großmütig und unschuldig. Hier fanden sich unter den wenigen katholischen Frauen Apostel und Engel. Bewußt haben wir aus unserem felsenfesten Glauben das Fiat gesprochen: Wenn wir hier sterben oder getötet werden, wollen wir Gott danken, daß er uns zu diesem Opfer auserwählt. Erfuhren wir doch in dieser Hölle soviel sichtbare Gnade, wie sie im gewöhnlichen Leben nur selten einem Men- schen zuteil wird. Solche Güte und Gnade Gottes gab uns dic Kraft, aus- zuhalten bis zum Ende. Und wir wußten es: Trotz al!er schlimmen Ver- folgung in Deutschland wird die katholische Kirche leben. Oft habe ich mich an ed'en Polinnen erbaut, die in ihrer Gesamtheit tief religiös und gottvertrauend waren. Geschickt verstanden sie es, an beson- deren Festtagen noch am Abend, wenn die Nachtwache vorüber war, mit aller Inbrunst ihren Gottesdienst gemeinsam in der elenden Baracke abzu- halten. Einmal hatte ich Gelegenheit, an einer ihrer Feiern teilzunehmen. Von ganzem, Herzen habe ich mit ihnen gemeinsam gebetet und gesungen. Wir alle wähnten uns in einer Kirche versammelt, und unser„Gloria“ und „Credo“ wird Gott im Himmel erbarmt und erfreut haben. Schmerzlich war es für uns katholische Häftlinge, auf die Eucharistie verzichten zu müssen. Um so inniger erglühte in der brennenden Sehnsucht nach dem „Brot der Engel“ unsere Andacht, unsere Liebe. Und erst die Polinnen, die erschossen wurden! Eine solche Bereitschaft, eine solche Haltung habe ich nie sonst gesehen. So sterben Märtyrer, dachte ich. Sie waren in der Tat Zeuginnen ihres Glaubens, ihrer Heimat, ihres Volkes. Ihr Leben und Sterben mahnte uns, getreu bis in den Tod zu kämpfen.„Es geht ja in den Himmel, Nanda“, sagte mir eine ältere Po- lin, Mutter von vier Kindern, von denen sie seit Jahren nichts mehr wußte und die sie längst im Himmel glaubte. Gott allein weiß, wie es uns bel -solchen Erschießungen zumute war. Konnten nicht auch wir eines Tages dazu gehören? Ein Herzensbedürfnis ist es mir, ein wenig von den armen. mir als„.Block- älteste“ des Blockes II über ein Jahr lang anvertrauten Dirnen und Aso- 75 zialen zu erzählen, wohl den Ärmsten der Armen, über deren Leben nie eine Sonne geleuchtet hatte. Es waren junge Mädchen und alte Frauen. Oft kam mir der Gedanke: Wäre es nicht besser gewesen, eure Mutter hätte euch nie geboren? Wie schwer waren sie zu bändigen, wie verlogen, miẞgünstig und haẞerfüllt, wie armselig im ganzen waren sie! Es gehörte schon letzte Energie und eine ganz große Liebe dazu, mit ihnen fertig zu werden. Zahlreiche aus ihnen waren behaftet mit ansteckenden Krankheiten und Seuchen, waren entfesselt und großgezogen in der Unterwelt der Menschheit, verkommen an Leib und Seele, alle Menkmale dieses Lasters an sich tragend. Herzlos und gleichgültig gingen diese Ausgestoßenen über sich selbst und über ihre Mitgefangenen hinweg. Viele benahmen sich ohne jeglichen Anstand. Schwülste Erlebnisse wurden laut zum Gaudium der ganzen Baracke zum Besten gegeben. Gegenseitiger Verrat und Verleumdungen untereinander machten mir das Leben in diesem Block unsagbar schwer. Und wie sie das Stehlen verstanden! Nichts war vor ihnen sicher. Oft haben sie mir meine kärgliche Tagesration Brot gestohlen, selbst die Pellkartoffeln vom Teller! Ob die Lagerleitung auch härteste Strafen dafür verhängte, oft sogar 25 Stockhiebe, nach einigen Tagen fielen sie schon wieder in ihr altes Laster zurück. In die liebevolle Fürsorge gütiger, verstehender Menschen hätten diese Unglücklichen hineingehört, aber nicht in das Inferno eines KZ., wo unter Peitsche, Gummiknüppel und dressierten Hunden dieser Schlag Menschen ohne Halt, ohne Glauben, ohne Gott nur noch schlechter werden mußte. Herzen. siebzig schon Wenn s aus ihre die nie häusler um Gel nen wa ihnen mensch Als ich den überschweren Posten als Blockälteste in diesem Block zu übernehmen hatte, war ich entsetzt. Aber meine Bitte an die Lagerleitung, in der Außenarbeit bleiben zu dürfen, hatte keinen Erfolg. ,, Sie haben den Posten zu übernehmen, ob Sie es wollen oder nicht!", sagte die Oberaufseherin, und tiefunglücklich ging ich auf den Block II. Während ich am Abend auf meiner Pritsche lag, dachte ich an die Worte des heiligen Paulus: ,, Allen alles werden!" Doch welche Elastizität, wieviel Güte und Nachsicht und geduldiges Ertragen menschlicher Sonderbarkeiten, ja Niederträchtigkeiten wurden hier verlangt! In dieser Umgebung einen solchen großmütigen Grundsatz und Vorsatz durchführen zu können, dafür war ich noch lange nicht reif und gütig genug. Dazu bedurfte es schon eines Heiligen, wie du, großer, heiliger Paulus, einer warst, mit einem ,, Herzen, stark wie der Diamant, aber zart wie eine Mutter", um das Wort des französischen Kanzelredners Lacordaire zu gebrauchen. In diese neue, mir völlig fremde Welt ganz plötzlich hineingestellt ich hätte verzagen können. Doch es blieb mir ja nichts anderes übrig, als den Versuch zu wagen. Der Versuch hat sich gelohnt. Viele dieser Verworfenen habe ich sehr lieb gewonnen, und sie hingen an mir mit ihrem ganzen leidenschaftlichen 76 - versagt machen verbroo saß ich fällen hielt ik tröstete Da wa und de Tagsüb für Ab tüchern Stirn 1 Abend Hilfe ausbef mensch kleine Schlaf kranke den N fragte Nand meiner losen, rita vo berich Sinner hörte mir. V en nie rauen. Mutter logen, ehörte tig zu Krankerwelt es LaBenen en sich udium Verunsagmen siselbst Strafen en sie ütiger, nicht ressiere Gott überng, in en den Deraufich am PauGüte ten, ja en soldafür schon einem Wort e neue, rzagen wagen, hr lieb tlichen nen waren - Herzen. Meine Schutzbefohlenen standen im Alter von siebzehn bis siebzig Jahren. Manche aus ihnen hatte ihr silbernes Dirnenjubiläum schon gefeiert, was sie mir stolz erklärten. Und die Jüngeren? Wenn sie ihre Lebens- und Leidensgeschichten erzählten, mir berichteten aus ihrer fried- und freudlosen Kindheit und Jugend. Kinder von Dirnen, die nie den Vater gekannt haben oder deren Vater ein Zuhälter und Zuchthäusler war, die mit zwölf Jahren schon auf die Straße getrieben wurden, um Geld zu verdienen, genau auf die gleiche Art wie ihre Mütter, die Dirda ergriff mich tiefes Erbarmen und eine große Liebe zu ihnen Ich konnte manchmal nicht anders, als diese Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft, an denen vielleicht auch die Caritas gänzlich versagte, an mich zu drücken. Es trieb mich, einen Teil dessen gutzumachen, was Menschen, Gemeinschaft und Staat an ihnen gesündigt und verbrochen hatten. Um ihre Seelen habe ich mit Gott gerungen. Häufig saß ich nachts auf den Pritschen der Kranken, die sich in schweren Anfällen wanden, schaute in ihre gramzerfurchten, harten Leidensgesichter, hielt ihnen bei schweren Krämpfen die Hände fest, beschwichtigte und tröstete sie. Da war die kleine Maria. Sie hatte den Schmutz der Großstadt durchlebt, und der zarte Körper war bei ihren 25 Jahren schon ganz verbraucht. Tagsüber mußte sie schwerste Außenarbeit verrichten und lag fast Abend für Abend in bebenden Krämpfen. Ich konnte ihr nur mit unseren Handtüchern kalte Umschläge machen und meine Hand auf die fieberheiße Stirn legen. Medikamente standen nicht zur Verfügung. Ging ich spät am Abend noch ins Revier, um wenigstens für die schwersten Fälle etwas Hilfe zu erbitten, wurde ich oft genug mit Ohrfeigen und Fuẞtritten hinausbefördert. ,, Laß sie verrecken, die alten Schweine!", lautete die unmenschliche Antwort der SS- Ärzte. Glücklich war ich immer, wenn ich die kleine Häftlingspflegerin Gerda antraf, die mir heimlich ein Herz- oder Schlafmittel zusteckte. Diese Gerda aus Leipzig hat viel Gutes für die kranken Häftlinge getan. Aber ich erzählte ja von Maria. Wenn ich in den Nächten bei ihr war und sie nach den Anfällen wieder zu sich kam, fragte sie mich, die ich mit gefalteten Händen auf ihrer Pritsche saẞ: ,, Nanda, betest Du? Glaubst Du denn, daß es einen Gott gibt, der sich meiner noch erbarmt?" Ich erzählte ihr viel von Gott und seiner grenzenlosen, barmherzigen Liebe, sprach ihr von Maria Magdalena, von Margarita von Cortona, deren Lebensgeschichte mich so stark beeindruckt hatte, berichtete ihr von dieser großen Liebenden und Büßenden, die von der Sinnenliebe durch läuternde Buße zur Gottesliebe gelangte. Aufmerksam hörte Maria zu, und schon nach einigen Wochen betete sie gemeinsam mit mir. Viele kleine Stoßgebetchen habe ich ihr beigebracht. Schreckliche Ver- 77 suchungen hat sie durchkämpfen müssen, seit sie erkannt hatte, wie arm ihr Leben doch gewesen war und worum es einzig in diesem Leben ging. In aufgeschlossenen Stunden teilte sie mir davon mit. Nun lag sie im Sterben, einsam im KZ., aber gelassen und gottergeben im tiefen Glauben an ihren Heiland und Erlöser. In meinen Armen ist sie, die die Ärzte und braunen Schwestern nicht ins Revier aufnehmen wollten, auf dem Boden liegend, gestorben. Ich bin überzeugt: sie, die so reumütig war und so innig mit mir das Vaterunser beten konnte, hat einen milden Richter dort oben gefunden. Ich drückte ihr die Augen zu. Zum letzten Abschied, bevor sie zum Verbrennen ins Krematorium geholt wurde, konnte ich nur noch ein Kreuzlein auf ihre kalte Stirn machen. Lang ausgestreckt lag sie auf ihrem Strohsack, mit unsäglichen Leidenszügen auf dem kleinen, weißen Gesichtchen. Und Lotte, du schwarzes, leidenschaftliches Menschenkind von nahezu fünfzig Jahren! Mehr als die Hälfte davon hattest du in Bordellen zugebracht. Wie oft sagtest du mir: ,, Könnte ich doch auch so glauben wie Du!" Aber du hast es gelernt zu glauben, und du warst es, die am inbrünstigsten singen konnte: Harre meine Seele, harre des Herrn, alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Und erst die Worte der zweiten Strophe: Größer als der Helfer ist die Not ja nicht. Als ich sie einige Stunden vor ihrem Tode heimlich im Revier besuchte, wozu ich durch die Barackenfenster einsteigen mußte, konnte sie kaum mehr sprechen. Flüsternd stammelte sie nur noch die Frage: ,, Geht's jetzt wirklich in den Himmel?" Und als ich ihr die Frage tiefbewegt bejahte, strahlte sie mich mit großen, schwarzen Augen dankbar an, mit dem Brand der Blicke noch ,, danke, danke" sagend. Ich schaute erschüttert in das jetzt ausgeglichene, ruhige Antlitz, in das sich zwar die furchtbaren Spuren des Lasters tief eingeprägt hatten. Schluchzend verließ ich die kleine Sterbezelle. Feuer f schriebe gesprun Anitas sonders wegver Sie, die Auch von der wilden Anita muß ich hier reden. Sie war ihr Leben lang durch Feuer gewandelt, durch irdische Feuer. Ihr Herz hatte sich dabei verzehrt. Erst in der Marter des KZ. hat die Gnade Gottes sie zum Nachdenken gebracht und ihr den Weg zur himmlischen Liebe gezeigt. Eines Morgens erzählte sie mir ganz aufgeregt ihren Traum, den ich wörtlich zu wiederholen versuche: ,, Heute nacht war ein Engel bei mir, der hat mit mir gesprochen. Ich sah Feuer, ein ganz großes Feuer, und durch das 78 zen Bl die Gna Gang. port in spreche Vorstan ich ste nieder kinder leuchte Zum S der We hielt S tration mehr im II. Strafes wesen dem w schon mußte mir. A ihrer geste ter vo von se bende Da wa sie fa fortan kaum neuer Block mein e arm ging. Steren an e und Boden and so er dort bevor r noch ie auf weißen nahezu nzugee Du!" ünstig esuchte, e kaum ..Geht's vegt bemit dem Littert in chtbaren ich die en lang ch dabei m Nacht. Eines rtlich zu hat mit urch das Feuer führten viele Straßen, und über diesen Straßen stand leuchtend geschrieben: Zur ewigen Liebe'. Und dann bin ich in dieses Feuer hineingesprungen und verbrannt". Dieser Traum versinnbildete ganz und gar Anitas Leben. Er hat mich wochenlang beschäftigt und nachher ganz besonders wieder, als sie mit einem ,, Krankentransport" aus unserem Lager wegverfrachtet wurde, wahrscheinlich zur Vergasung in ein anderes KZ. Sie, die stest so unbändig gewesen war und oft ein Ärgernis für den ganzen Block, war nun geläutert im Feuerofen der Liebe Gottes, war durch die Gnade Gottes ganz still geworden, in sich versunken, bereit zum letzten Gang. Als ich sie morgens früh um zwei Uhr wecken mußte zum Abtransport in den wohl sicheren Tod und ich vor seelischer Erschütterung nicht sprechen konnte, da sie doch erst in diesem Augenblick erfuhr, was ihr bevorstand, da faßte sie meine Hände und sagte ganz schlicht: ,, Weine nicht, ich sterbe so gern jetzt." Ja, Sonne, Mond und Sterne gingen auf und nieder auch über Ravensbrück. Aber aus der Asche dieser Magdalenenkinder blühte das Wunder der Güte Gottes immer neu auf, stärker und leuchtender, als alle Himmelsgestirne es vermöchten. Zum Schluß noch einiges über die arme Else, die keine Heimat mehr auf der Welt, kein Heim und keinen Menschen hatte, der ihr nahestand. Nie erhielt sie einen Gruß von daheim. Acht Jahre schon weilte sie im Konzentrationslager. Nun lag sie da mit einer unheilbaren Beinkrankheit. Nie mehr würde sie gehen können. Ich sehe sie noch vor mir auf ihrer Pritsche im II. Stock liegen, immer das eine Bein auf das andere gelegt. Das viele Strafestehen und Marschieren ohne Schuhe, ohne Strümpfe war Gift gewesen für ihre kranken Füße. Alle Glieder waren dick angeschwollen. Zudem war sie schwer herzleidend. Jeden Abend, wenn die meisten Häftlinge schon schliefen, schlich ich noch zu ihr hin. Sie hatte viel Zeit, und ich mußte mir die Minuten stehlen, riefen doch die andern Kranken auch nach mir. Aber sie freute sich so darauf, wenn ich ein paar Minuten nur auf ihrer Pritsche saẞ. ,, Sag mir noch etwas von Deinem Christus!", bat sie, ,, gestern hast Du mir von der Geißelung erzählt." So erzählte ich ihr weiter von der Dornenkrönung, vom schweren Kreuzweg unseres Heilandes, von seiner Kreuzigung und seinem schmachvollen Tode. Die Worte des sterbenden Erlösers an den Schächer am Kreuze mußte ich ihr wiederholen. Da war es auch, daß ich zum erstenmal Tränen in diesen Augen sah. Auch sie fand suchend und kämpfend den Weg zu Christus. Geduldig trug sie fortan ihr schweres Kreuz und die vielen Schmerzen ihrer Krankheit wie kaum eine Zweite. Wenn ich ihr am Tage zuweilen die Umschläge erneuerte, flüsterten wir gemeinsam kleine Gebete miteinander. Als ich vom Block II wegversetzt wurde, zog sie mich weinend zu sich herab. Ich mußte mein Herz in beide Hände nehmen, denn auch mir brannten die Augen. 79 Schwer ist es mir überhaupt geworden, von meinen Dirnen wegzugehen. Ungern überließ ich sie, für die ich alles Verstehen und Erbarmen aufzubringen mich täglich neu bemüht hatte, einer andern. Beglückend war es für mich, daß ich als Werkzeug der Gnade Gottes manche dieser gottfremden und gottfernen Menschenseelen tief in die erbarmende Liebe Gottes habe hineinwachsen sehen. Solches gemeinsam erkämpfte und erlittene Geschehen verbindet mehr als alles andere auf der Welt. Erhebend und erschütternd zugleich war es, wenn wir in unserem Block der Asozialen und Dirnen in dunkler Nacht gemeinsam unser Te Deum, an hohen kirchlichen Festen morgens schon um 4 Uhr, bevor die Lagersirene grausam in den neuen Morgen hineinrief, zum Himmel sandten. ,, Großer Gott, wir loben Dich!" Nicht nur die erste Strophe haben wir gesungen, sondern auch die zweite und dritte, die ich ihnen beigebracht habe. Wir Ausgestoßenen priesen in unserem mitleidslosen Elend und Grauen starkmütig und ohne Zittern den großen Gott in seiner Allmacht und Güte. Nie zuvor hätte ich geglaubt, daß Menschen dieser Art in dieser erniedrigenden Lage eine solche heroische Tat vollbringen konnten. Ja, wir haben dazu beigetragen, daß Gott verherrlicht wurde, auch noch in den Greueln des Konzentrationslagers, wo jedes Beten, Singen, jedes Kreuzzeichen strengstens untersagt war. Von den wenigen Häftlingen, von denen ich hier habe berichten können, bin ich überzeugt, sie, die so gern einem Priester ein Bekenntnis abgelegt hätten, was aber bei uns nicht möglich war, da kein Priester jemals unser KZ. betreten durfte, sind nach ihrem Tode Gott dennoch direkt in die Arme gelaufen; sie, die auf dieser Erde nie ein Heim, nie wahre Liebe gekannt hatten, sind sicherlich in die Heimat des Himmels gelangt. Denn bei soviel gutem Willen und tiefinnerlicher Reue müssen doch diese armen Irregegangenen und Verstoßenen dort oben wenigstens nach Hause kommen. Ganz trostlos waren die völlig Verzweifelten, die an nichts mehr glaubten und nichts mehr erhofften, die an Gott, Vaterland, Menschen, Heimat, an sich gänzlich irre geworden waren. Und das waren viele, viele im Block II. Ihr Seelenzustand muß erschütternd gewesen sein. Ohne Hoffnung vermag der Mensch nicht zu leben, erst recht nicht in solcher Hölle. So wurden diese bedauernswerten Frauen und Mädchen oft genug zu Irrsinnigen und Selbstmördern. Hier trugen alle ihr schweres Kreuz. Der große Unterschied bestand darin, daß die einen es mit Christus trugen, die andern aber ohne ihn. Wenn man nicht in völlige Verzweiflung und Bitterkeit versinken wollte, von einem Abgrund in den anderen hinein, mußte man einen unbändigen Glauben besitzen. Aber ohne diesen Glauben ging in den Seelen der Ärmsten etwas 80 vor Si und m Ich da die G Diese Segen tiefen eine H den lichen 6 Sie ‚gehen. aufzu- war e8 7 gott- Liebe ınd er- ı Block um,&D rsirene Großer sungen, Je. Wir 1 stark- ite, Nie ‚genden ;n dazu eln des streng können; ‚bgelegt |s unser ie Arme gekannt e soviel Irreg® men. „Jaubten imat, 89 Block II. vermaß wurden gen und .d dar" nn vor sich, das grausamer, qualvoller ist als alle körperliche Mißhandlung und materielle Not. Ich darf mit Dank bekennen, daß mir hinter Gitterstäben und Lagermauern die Grenzenlosigkeit der Güte Gottes stündlich begegnet ist. Diese vergitterten Jahre sind mir zu einer lebenspendenden Fülle und zum Segen geworden. Sie hatten für mich und mein zukünftiges Leben einen tiefen Sinn. Ich hoffe, daß aus ihnen für mich und für viele andere stets eine Kraft für das Kommende fließen wird.„Ein Abgrund ruft den andern.“ Der Abgrund teuflischer Bosheit erschloß den unend- lichen Abgrund göttlicher Liebe und Barmherzigkeit. 6 Sieger in Fesseln 8 LUDWIG STEIL Got kame fährt nach einrü war gehe abfä Bericht seiner Gattin G. Steil, Bad Godesberg Mein Mann, seit 1929 Pfarrer der evangelischen Gemeinde Holsterhausen ( in Wanne- Eickel), geriet mit dem Nationalsozialismus von Anfang an in Konflikte, weil er kein Hehl daraus machte, daß er ihn für Deutschlands Verderben hielt. Die wenigen ,, Deutschen Christen" der Gemeinde versuchten lange Zeit, seinen Ruf und sein Wirken zu untergraben. Er wurde oft verhört und bedroht. Schon im Dezember 1933 sollte eine Gemeindeversammlung durch auswärtige SA gesprengt und der Pfarrer tätlich angegriffen werden, allein die Gemeinde schützte ihn, so daß er unbehelligt aus dem Saale und nach Hause kam. Seine Mitarbeit in der Bekennenden Kirche stand in all den Jahren unter dem Argwohn und der Bedrohung durch den nationalsozialistischen Staat. Im Sommer 1944 hielt mein Mann in Herne und Wanne vor vielen Hunderten Vorträge für Angefochtene". Gestapo, Partei und ,, Deutsche Christen" schrieben mit. Man verhörte ihn und stellte einige Sätze heraus, die den Grund zur Verhaftung hergeben mußten. Am 11. September wurde er nach Dortmund in die Steinwache gebracht. In diesem Gefängnis teilte er die Einzelzelle mit zwei katholischen Geistlichen, mit denen er vom ersten Tage an Arbeits- und Gebetsgemeinschaft hatte. Auch bei Vollalarm in den Zellen eingesperrt, standen die Gefangenen bei den Bombenangriffen am 6. und 9. Oktober furchtbare Stunden aus. Da die Steinwache schwer beschädigt und die Verpflegung in der zerstörten Stadt nicht mehr möglich war, kamen die Häftlinge in das Polizeigefängnis von Herne. Hier war die Haft leichter, die Gefangenen konnten in die anderen Zellen gehen, sie kamen täglich zweimal auf den Hof. Ich konnte jeden Tag Essen bringen und meinen Mann gewöhnlich auch sprechen. Inzwischen wurde unsere Gemeinde durch Bombenangriffe mehr und mehr zerstört, auch die Kirche. Mitte November fragte ich bei der Gestapo an, ob mit Entlassung zu rechnen sei, und brachte meinem Mann den Bescheid, daß sein Weg ins Lager gehe. Ohne ärztliche Untersuchung auf Lagerfähigkeit kam er am 5. Dezember auf Transport. Auf den Bahnsteigen der berührten Städte wurden die Gefangenen zu zweien oder dreien aneinander gefesselt. Aus Briefen und Berichten von Mitgefangenen, die zum Teil nur auf dem Transport mit ihm zusammen waren, geht hervor, welch ein Halt mein Mann ihnen sein durfte. 82 dem sei, Brie aber erlos konn den Laza 21. spät von sein Freu Die tiefe Sein vom Dun nun mili Brie uns der wir ges JE Dor In Did unt 6. EIL mausen n Kons Veruchten oft versamingriffen us dem Kirche ch den n HunChrius, die urde er eilte er ersten in den ffen am wer bemöglich war die , sie ka gen und sere Ge - ,, Gott läßt sinken, aber nicht ertrinken", sagte er oft. Am 23. Dezember kamen sie in Dachau an. Er hat noch am Heiligen Abend den Leidensgefährten in der Aufnahmebaracke eine Weihnachtsansprache gehalten. Bald nach Weihnachten erkrankte er an Grippe. Noch ehe er in den Pfarrerblock einrücken konnte, bekam er Typhus und kam ins Lazarett. Die Erkrankung war nicht schwer, aber es fehlte jegliche Pflege, dazu war die Baracke ungeheizt, und die Kost bestand aus gekochten Kartoffelschalen und Rübenabfällen. Über Weihnachten war ich mit unserem Töchterchen Brigitte auf dem Lande und teilte von da aus meinem Mann mit, daß ich entschlossen sei, nach Holsterhausen zurückzukehren. Seine Antwort der einzige Brief aus dem Lager ist mit fast versagender Feder geschrieben, verriet aber nichts von seiner Krankheit. Als noch eine Lungenentzündung hinzutrat, erlosch sein Leben rasch. Er ist am 17. Januar 1945 sehr einsam gestorben, konnte aber den Kameraden noch sagen lassen, daß er sich ganz im Frieden Gottes geborgen fühle. Am nächsten Morgen haben sie auf dem Hof des Lazaretts an seiner Bahre eine Trauerfeier gehalten unter dem Wort Joh. 21, 7: ,, Es ist der Herr!" Seine sterbliche Hülle wurde einige Tage später dem Krematorium zur Einäscherung übergeben. Er ist im Alter von 44 Jahren heimgegangen, im 19. Jahr seiner Ordination. Die Jahre seines Dienstes waren erfüllt von Kampf, aber getragen von Frieden und Freude im heiligen Geist. Er war ein Lobsänger Gottes. - - Die Briefe meines Mannes, die ich aus der Haft erhielt, spiegeln diesen tiefen Frieden, den Gott ihm geschenkt hatte, in besonderer Weise wider. Seine große Vorfreude auf Freiheit und Heimkehr( vergleiche den Brief vom 31. Oktober 1944) war ähnlich der Vorfreude eines Kindes, das im Dunkeln vor der Weihnachtsstube auf das Öffnen der Tür wartet. Sie ist nun erfüllt, schneller als wir erwarteten, aber nicht als Heimkehr zu Familie und Gemeinde, sondern als Eingang in die ewige Herrlichkeit. Diese Briefe, im folgenden mit den nötigen Kürzungen wiedergegeben, sprechen uns an wie ein Ruf aus der andern Welt, denn sie wurden geschrieben an der Schwelle des Todes, im Widerschein der Ewigkeit. Sie wollen uns, die wir noch im dunklen Tale wandern, dazu helfen, daß auch bei uns der Lobgesang nicht verstumme. Kirche. zu rechas Lager m 5. Dewurden Briefen mit ihm in durfte. ..JEDEN TAG GRUND GENUG ZUM DANKEN!" Dortmund, 2. Oktober 1944 In diesen Tagen habe ich meinen Brief, den ich am 30. September für Dich abgab, mit vielen guten Wünschen begleitet: daß er nicht zu lange unterwegs bleibe, daß er ungekürzt in Deine Hände käme, daß er Dich 6* 83 DE SE m ein ganz klein wenig froh mache. Solche erste genauere Kunde aus einer so ganz neuen Lebenslage konnte Dir(besser noch als das gesprochene Wort fast) sagen, wie unsere Ehe jetzt ganz darin ruht, daß jedes das andere und sich selbst geborgen weiß in Gottes Hand. Du hast es gewiß viel schwerer als ich, aber Du hast die Gemeinde und den Dienst des Trostamtes in ihr, das ist eine köstliche Hilfe.— Ich sandte Brigitte als Einschub in ihr Abendgebet die Zeilen:„Mach Mutter stark und Vater frei, bis wir zusammen alle drei in Holsterhausen wieder Dir bringen Dank und Lieder.“ 3. Oktober Heute bekam ich zu meiner Freude Losung und Senfkornbibel ausgehän- digt. Ich las alle Losungen seit 11. September, da war’s ein Kalender der Güte und des Ernstes Gottes. Nun haben wir doch täglich zwei Sternlein, die uns beiden Freude machen. Den Gefährten las ich gleich die Bile- amsgeschichte 4. Mose 22 ff. vor, als Anfang einer kursorischen Lesung aus prophetischem Wort. Großartig! Aus Stauffer besprechen wir täglich nachmittags zwei bis drei Abschnitte und haben viel davon. Wenn Du W. Fr. von mir grüßest, dann schreibe ihm, dies Buch bewähre sich sehr unter dem Kreuz.— Schreibe mir den Vers:„Die Hoffnung wart’t...“ mal auf, ich kriege ihn nicht mehr zusammen. Und frage bei den Frauen N., Sch., Th. nach ihren Männern, Ich gedenke ihrer täglich vor Gott. 5. Oktober Eben beim Essen erfreute mich die schöne Zeichnung eines Lorbeerblattes in meiner Suppe. Ich ließ es auf dem Rand des Napfes liegen, während ich aß, und staunte über die Verästelung der Rippen und die vollendete Form. So erinnert uns Gott auch in einer Umgebung, in der alles fehlt, „was lieblich istund wohllautet‘“, an die Schönheiten seines Reiches. Es hat mir noch an keinem Tage an Grund zum Danken gefehlt. Wenn ich jetzt abends schon um 18 Uhr der Dunkelheit wegen mein Lager auf dem Boden bereite, um 12 Stunden darauf zu liegen, freue ich mich schon aufs Aufstehen; aber auch die langen Stunden des Wachseins zwi- schen kurzen Strecken Schlafs sind voller Erquickung.„Dennsoman auf dich harrt, das macht deinen Kindern offenbar, wie süß du seist“(Weish. 16, 21). Gestern hatte ich Gelegenheit zu erfahren, daß ich gar nichts tun kann, um Sprecherlaubnis für Dich zu bekommen. Das ist mir leid, und wenn ich Dich auch bitte, die Sache dringlich zu beantragen, so liegt mir doch viel daran, daß Du Dir keine vergebliche Mühe machst und keine unnützen 84 einer chene das gewiß t des te als Vater ingen gehän er der rnlein, e BileLesung äglich Du W. sehr t..." Frauen tt. blattes ührend lendete fehlt, seines gefehlt. Lager ch mich ns zwiman mbar, kann, enn ich och viel nützen Wege, die nur Kraft kosten. Wenn ich wieder zu Dir komme, wird Gott uns einige Zeit der Stille und der Zweisamkeit schenken in der Geborgenheit seines Friedens. Ich habe mir die 75 Glieder unserer beiden Familien aufgeschrieben, um täglich namentlich an sie zu denken. Da fehlt mir an Namen... Gib mir doch diese Namen an. Ich bin auf den Bericht von Deinem Besuch in Düsseldorf sehr gespannt. Du bist jetzt außer allem anderen auch noch mein einziges Guckloch in die Welt. 6. Oktober Diese Nacht hörte ich ein wonniges Konzert, als säße ich daheim am Schallplattenschrank. Jeder Ton war klar. Die Pariser Orgel von NotreDame spielte Bachs ,, Christ lag in Todesbanden", der Berliner Domchor sang: ,, Befiehl Du deine Wege", der Londoner Jungenssopran schmetterte: ,, Be not afraid". Es folgte Beethovens ,, Et incarnatus est" und Bachs ,, Wenn Trost und Hilf", dazu Händels ,, Dank sei dir, Herr", bis ich müde wurde vor Glück und Heimweh. Diese Klänge strömten aus dem Gedächtnis bis in die letzte Feinheit hervor, unverlierbar. Bitte, nimm Dir auch einmal eine solche Stunde, wo Du Deinen Sessel an den Apparat heranrückst. 7. Oktober Gestern abend, Freitag, ab 20.30 Uhr, waren wir eine Stunde in der Hölle oder doch mindestens im Feuerofen, aber der Heiland war mit drin. Er erhörte unser Flehen. Es ist mir noch wie ein Wunder. Nach dem Angriff, als ringsum alles brannte, konnten wir in den Keller gehen, wo der Qualm nicht so sehr beizte wie oben. Da gab es dann mit vielen Gespräche des Trostes und der Aufrichtung. Gegen Mitternacht waren wir dann wieder oben, lobten Gott und gingen unter dem Knistern der Flammen, dem Stürzen der Mauern, dem Krachen der Zeitzünder zur Ruhe. Du wirst bei Deinem Wäschebringen mehr des Grauens gesehen haben als ich. Ich habe Dich mit meinen Gebeten begleitet hin und her. 8. Oktober Noch jetzt, 40 Stunden nach dem Angriff, gehen rings fern und nah die Zeitzünder hoch. Unser Fenster verlor auch das letzte Glas, Licht und Wasser fehlen sehr, aber Trinkwasser gibt's, Gott sei Dank. Die heutige Erbsensuppe war anscheinend außer dem Hause gekocht; sie schmeckte vorzüglich. Anschließend teilten wir drei eine prachtvolle große Birne als Nachtisch. 85 55 9. Oktober Die Nacht war schlecht, denn der Magen bzw. Darm streikte wegen der zu guten Sonntagssuppe. Auch sonst gab's Störungen, unser Zellensenior bekam einen schweren Asthmaanfall.... Stelle Dir dabei ein wasserloses Klosett vor! dann Elende herzig chem gierige dann Hören Franz 12. Oktober - Als mir vorhin bei Alarm im Keller Dein Brief vom 1. Oktober gegeben wurde, war ich froh über die gute Kunde. Und dann kamst Du selbst... Jetzt geleiten Dich meine Gedanken. Daß Du nur gut heimkommst und auch unser Haus noch antriffst, wie Du es verlieẞest! Spare Dir bitte nicht irgendwelche Dinge vom Munde ab für mich. Ich komme mit dem ausgezeichneten Brot, das wir bekommen, und mit den Suppen gut aus, durch meine Konstitution besser als viele andere. Aber leckere Plätzchen usw. erschweren das Einleben, und das ist nicht richtig. Ich habe Ja gesagt zu dieser Zeit, die ich nach Gottes Willen durchstehen muß. Ich habe Ja gesagt auch zu dem großen Opfer, diese schweren Wochen nicht in der Arbeit in der Gemeinde zubringen zu dürfen. Und dafür hat mir Gott einen tiefen Frieden geschenkt, der mich umfängt wie ein Mantel. Nun ist mir nur noch die Last geblieben, daß Du durch mein Fernsein viel schwerer gestraft bist als ich. 13. Oktober - Dein Brief und Dein Besuch haben mir gezeigt, daß Du von oben gestärkt wirst mit Himmelskraft. Dieses Mal, wo Du schon zum siebten Male das, Haus hier betratest, war's ja der erste richtige Besuch, bei dem eine Aussprache möglich war, fast wie daheim. Es ist für uns gut, daß wir seit dem 10. Oktober bei Vollalarm in den Keller dürfen. Wir wären ja hier oben genau so in Gottes Hand, aber Du glaubst nicht, wie notvoll es ist, in einem so schalltragenden Hause wie diesem wohl an 50 eiserne Türen Menschen in Todesangst mit den Fäusten oder harten Gegenständen donnern zu hören. Heute ist der Angriff schon eine Woche her, und noch immer krachen die restlichen Blindgänger. Als ich in dieser Nacht wach lag, klang manche schwere Erschütterung durch das zerstörte Fenster. Ich habe daheim in wachen Nachtstunden immer die Zeit als langsam empfunden. Hier gehört es zu den Geschenken Gottes, daß solche Nächte garnichts mit ,, Zeit" zu tun haben, sondern ein Stück Ewigkeit sind: Fürbitte vor Gottes Thron und großer Friede füllen sie aus. Der Schritt der Wachleute, das Husten der Mitgefangenen, der Pfiff einer Lokomotive sind die einzigen Töne der Zeit", die ab und zu hörbar werden. Und 86 mit al dann Du m Gottes darf! will i nach dem noch weiß 14 Ich k heim wiede 34. T genu habe ( 23 besp K. W der will ja m und groß „ D Sei und So a Bild mel Her zu or berloses geben Ost... st und bitte t dem t aus, tzchen Ja gehabe in der Gott un ist schwe- dann denke ich all derer, die sich hier als einzelne aus der Masse des Elendes herausheben, vor dem Angesicht Gottes. Da rühmt sich die Barmherzigkeit wider das Gericht. Es ist rührend und beschämend, mit welchem Vertrauen alle Mitgefangenen uns begegnen. Wie das dreist- neu-* gierige Du des Gefangenenjargons alsbald schweigen mußte und( da war dann Du und Sie durcheinander) dem vertrauenden Fragen und Hören Platz machte. Um die Deutschen herum stehen die Slawen und die Franzosen. In den Nächten des 6. und 9. Oktober waren es Russen, die mit abgerissenen Heizkörpern die Türen ihrer Zellen aufhämmerten und dann an allen Zellen die Riegel aufschoben. - Du mußt die Gemeinde von mir grüßen mit Jes. 27, 5, wenn Du selbst Gottesdienst hast. Und sage ihnen, daß der Lobgesang nicht verstummen darf! Den kleinen Apfel aus Deiner letzten Sendung vom Samstag will ich im Keller einem 13jährigen verschüchterten Jungen geben, der nach dem Angriff auf der Straße eine Dose Wichse auflas und dafür seitdem hier ist.- Deine Hoffnungen sind auch die meinen. Ob der Weg noch nach Dachau führt oder in absehbarer Zeit nach Hause weiẞ". Ich würde ja jubeln, wenn ich wieder in den Dienst dürfte. 14. Oktober - ,, Gott estärkt ale das, sprache it dem r oben ist, in Türen en dond noch t wach ter. Ich mpfunte garürbitte Wachomotive n. Und - Ich kann mir denken, daß bei den notvollen Reisen Du oft recht geschlagen heimkommst. Aber einmal wird es das letztemal sein, dann bin ich wieder bei Dir. Ich freue mich so auf Dienst und Gemeinde. Heute ist der 34. Tag seit meiner Verhaftung, und ich habe noch an jedem Tag Grund genug gehabt zum Danken für die Wege Gottes mit seinen Kindern. Ich habe Stille genug. Heute morgen lasen wir kursorisch weiter im Lukas ( 23-24), dann gab ich eine Auslegung vom Matth. 9, 9-17, schließlich besprachen wir einen feinen Abschnitt aus Guardinis Jesusbuch ,, Der Herr". K. war da, und mich bewegte sein Bericht über den Holsterhauser Angriff, der am Donnerstag, als Du hier warst, soviel Unheil anrichtete. Ich will beten für alle Betroffenen. Wenn Du zu den Leuten gehst, wirst Du ja meinen Dienst tun. Gott gebe Dir, daß Du mit den Weinenden weinen, und doch als eine Getröstete auch trösten darfst. Bei aller Not und der großen Zahl der Erschlagenen gilt da doch das Wort aus den Klageliedern: , Die Güte des Herrn ist, daß wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende." Bewahrung und Bewährung gehören zusammen. Beides kommt von Gott, wenn's auch so aussieht, als sei das zweite unsere Sache. Und wenn Dein und Brigittes Bild immer vor meinem inneren Auge steht, dann ist mir um Eure und meine Wege im Frieden Gottes nicht bange. 99 87 15. Oktober Welch gestörte Nacht und gestörter Sonntagmorgen! Schreibe mir doch- wenn's auch eine traurige Aufgabe ist die Namen unserer Toten und in etwa auch die zerstörten Häuser auf! 16. Oktober - Ich ging im Geist durch die Straßen unserer Gemeinde und in alle die Häuser, von denen ich noch nicht einmal weiß, ob sie noch stehen. Ihr seid ohne Licht und Wasser? Hier holt eine Kolonne jeden Tag dreimal eine Tonne Wasser weit weg aus einem Hydranten. Die müssen durch all die Trümmer, die mein Auge noch nicht sah. Es ist eine schwere Arbeit, aber die Leute sind meist froh, an die Luft zu kommen. - Diese schwere Zeit, die uns gerade da Trennung brachte, wo eins das andere besonders nötig hatte, wird das hoffe ich zu Gott eine rechte Segenszeit zur Folge haben. Wir können dann umgekehrt sagen wie Hiob: ,, Haben wir das Böse von Gott empfangen und sollten das Gute nicht auch annehmen?" Es kommt alles von ihm. Er hat mich noch nie so zur Anbetung und zum Lobpreis geführt wie seit dem 6. Oktober, wo handgreiflich das geschah, was Du in die Worte R. A. Schröders faßtest: ,, unverletzlich, lichtverhüllt". Gerade so ist es gewesen, und das ist mir auch die Verheißung kommender Segnungen Gottes für Dich und mich. So groß für mich die Freude darüber war, daß Du Dein Verständnis meines Weges auf einem Rückweg von Herne.mir gesagt hattest, ehe er begann( ,, Wenn sie Dich mal holen, wissen wir jedenfalls, daß die Kirche mehr durch ihr Schweigen gesündigt hat als durch ihr Reden"), so groß ist mir nun die Gewißheit, daß wir drei in Gottes Händen geborgen sind. 17. Oktober Wir beteten gestern, wie jeden Abend: ,, Visita, quaesumus, Domine, habitationem istam, et omnes insidias inimici ab ea longe repelle! Angeli tui sancti habitent in ea, qui nos in pace custodiant, et benedictio tua sit super nos semper...") Es ist ein rechter Haussegen, auch für Hiberniastraße 72²). Wir waren 36 Stunden ohne Alarm, so fehlte auch der Gang nach unten, der immerhin eine Abwechslung bedeutet. Aber ein Tag nach dem andern sinkt in die Ewigkeit, und auch die Stunde unseres Wiedersehens rückt täglich näher. Sie kön das mad 1) ,, Suche, Herr, diese Wohnstätte auf und halte weit ab von ihr alle Nachstellungen des bösen Feindes. Deine heiligen Engel mögen in ihr wohnen und uns in ihre Friedenshut nehmen. Dein Segen sei immerdar über uns!" 2) d. i. das Pfarrhaus in Holsterhausen. 88 wir an dürfen auch da dem er ein wer Ob Du für die die Bit gelehnt hier bi Ja helf ser gef Apfel, lich we Herne Der al Lager; Er war 26. Mir g zerrin ein he leben lischen komme Gottes nicht die ke todtra waren ihnen den, g Geleg gemac 162) mitein mit ih och— und in lle die hr seid al eine all die t, aber Jas an- ‚ rechte ‚ Hiob: soll- les von hrt wie . Worte tes ge Gottes jaß Du gesagt enfalls, ihr Re Händen ., habi- geli wu it supeT ge 7°). i unten, andern M zückt Be Se 32 722 SEE ie Sie können uns nichts von dem nehmen, was Gott uns gegeben hat, und das macht mich sehr still und froh. Es wäre ja unbeschreiblich schön, wenn wir an unserem Hochzeitstag wieder beieinander sein könnten, und wir dürfen auch kräftig darum bitten. Wenn es aber nicht sein soll, wollen wir auch darin Gottes Regiment anerkennen und weiter auf den Tag warten, an dem er die Tür auftun wird.„‚Es wird nicht lang mehr währen, halt nur ein wenig aus!“ Ob Du am Sonntag auf der Kanzel stehen wirst? Laß Dir sagen, daß ich für diesen Deinen Dienst die Hände falten will. Schrieb’ ich Dir, daß mir die Bitte, am Sonntag im Keller beim Alarm Gottesdienst zu halten, ab- gelehnt wurde? Ich habe mir vorgenommen, an jedem Sonntag, den ich hier bin, neu zu bitten. Vielleicht, daß Gott irgendwann doch zu einem Ja helfen kann. Zu Mittag aß ich, nachdem ich den Rotkohl aus dem Was- ser gefischt und mit Appetit gegessen hatte, das kostbare W.sche Ei. Der Apfel, den wir uns hernach teilten, war aus Herne. Der Bart wächst fröh- lich weiter. Herne, 25. Oktober _ Der alte Judenchrist aus W. kommt diese Tage nach Theresienstadt ins Lager; hoffentlich kannst Du ein kleines Reichsliederbuch von B. kriegen. Er wäre sehr froh darüber. 26. Oktober Mir ging diese Nacht oft der Vers durch den Sinn:.„Schien auch alles zu zerrinnen, ward doch deiner Hilf’ ich innen.“ Was ist das überhaupt für ein herrliches Lied:„Womit soll ich dich wohl loben“! In den Liedern leben wir mit denen, die schon vollendet sind, und loben mit den himm- lischen Heerscharen. Aber der Lobgesang derer, die aus Not und Elend kommen, ist gewiß schöner als der der Engel, die nie anders als mit einem Gottesauftrag ‚im finstern Tal“ gewandert sind.— Du kannst Dir gar nicht denken, wie bevorzugt wir Christen im Gefängnis vor denen sind, die keine Hoffnung haben. Sie sind zum Teil tapfer, aber irgendwie doch todtraurig. Ich bin schon mal einen Tag, nachdem„Neue“ gekommen waren, in die anderen Zellen gegangen und habe gefragt, ob einer von ihnen nach Hause an die Frau schreiben wolle. Da taten sie das mit Freu- den, gewiß auch solche, die von sich aus zu stumpf gewesen wären, nach einer Gelegenheit zu suchen.— Eben haben wir einen guten Gang auf dem Hof gemacht, und ich ging mit dem alten Judenchristen, der vor 50 Jahren(mit 161/e) getauft worden ist, auf und ab. Wir hatten eine sonntägliche Stunde miteinander, und ich machte ihm Mut, wenn er im Lager Christen fände, mit ihnen auch das Abendmahl zu halten, mit Brot und Wasser. 89 11. 31. Oktober Heute stellen. Antwor ( englis Ich habe bisher Gott für jeden der 50 Tage Haft danken dürfen. Heute ist Reformationsfest- Dienstag, und wenn ich daran denke, daß Gott mir vielleicht in 8 Tagen am Dienstag die Tür auftun wird, dann klopft mein Herz vor Sehnsucht nach Dir, nach der Gemeinde, nach der Freiheit. Und dann fange ich schon an, wieder um das Ja und die Stille zu bitten für den Fall, daß Gott noch ein Nein sagt und den Dienst im Kerker vielleicht in der härteren Form Dachaus noch weiter von mir und von Dir fordert. Aber das tut der Bitte um die offene Tür keinen Abbruch, sogar nicht der großen Vorfreude. Die mitgebrachte Post hat mich erquickt, auch der inhaltreiche Brief P.s über seinen Geburtstag. Ob ich je wieder solche Plauderbriefe schreiben werde? Hier scheint mir das kaum möglich, weil gerade vor der überreichlich verrieselnden Zeit das Gefühl nicht aufhört: Wäge deine Worte vor der Ewigkeit!- Das Buch vom ,, heiligen Dienst" hat die Bewährungsprobe, in der Zelle gelesen zu werden, überraschend gut bestanden. Ich habe es immer gern gelesen, aber nun merkte ich manche geistliche Feinheiten, die sich in dieser Situation meldeten wie Rufe aus dem hellen Licht in das Dunkel. Es geht mir unverdient gut. Heute wachte ich um 5 Uhr auf, lag noch eine Weile meditierend und froh, stand um 5.40 Uhr, als die Tür aufging, auf, war als einer der ersten bei der Morgenwäsche. Nach einer Pfeife kam um 7 Uhr der Spaziergang, anschließend der Morgenkaffee. Auf meine Bitte zogen mir die beiden Kumpels in meine kaputte Sprungfedermatratze ein paar Drähte, so daß ich viel besser liegen werde. Dann war es hell genug zum Lesen von Losung, Gesangbuch und Schriftabschnitt. Gestern abend saßen wir, als die Zelle um 7 Uhr dicht gemacht war, im Dunkeln und bei allmählich wachsendem Mondlicht bis gegen 10 Uhr, wobei uns einer hochinteressant von Land und Leuten in Sibirien erzählte, wo er von 1918 bis 1920 kriegsgefangen war. Überhaupt erzählen wir uns viel. Noch im Dunkeln vor 7 Uhr habe ich heute ein wenig von der Bedeutung des Thesenanschlags berichtet. Es geht hier wie in Dortmund: das rückhaltlose Vertrauen ist bei den Menschen, um die es sich lohnt, ohne weiteres da, zu meiner Person sofort, und dann auch zu der Sache, für die ich hier bin. Damit ist der Weg der Gespräche völlig gekennzeichnet: weg von mir, hin zu Christus. - 8. November ten:" dir dei Tröstur unser Unsere drei Begegnungen am Sonntag, Montag, Dienstag, die waren sehr verschieden. Wir haben miteinander gelacht, geweint, geplaudert, nachgedacht, wie rechte Eheleute. Und heute denke ich daran, daß in einer Woche unser 11. Hochzeitstag ist. 90 13. Am So Indiens byrinth Lamas Herrsc Gott u einmal Dienst etliche bitte S Gottes Mensc seins. viele S 14 Auf d wöhnt herum 15 Wenn nicht beigel nach 16 Eins einen leute ist mir vielein Herz nd dann en Fall, t in der Aber das großen altreiche Herbriefe vor der ne Worte ährungsden. Ich che Feinlen Licht m 5 Uhr Uhr, als che. Nach Morgenkaputte en werde. d Schriftdicht gent bis geten in Siberhaupt te ein weer wie in m die es auch zu che völlig aren sehr t, nachgener Woche 11. November Heute nacht lag ich eine Stunde wach und hatte viele Fragen an Gott zu stellen. Die waren nicht aus Anfechtung gestellt, nur in der Sehnsucht nach Antwort. Und mit einemmal klangen die Zeilen aus einem langvergessenen ( englischen?) Lied des Berliner Ostens in mir auf, so daß sie mich stillten: ,, O daß du könntest glauben, du würdest Wunder sehn! Es würde dir dein Jesus allzeit zur Seite stehn." Und die heutige Losung setzte die Tröstung der gestrigen fort. Und als Letztes: sag Dir auch mal wieder unser beider Lied auf: ,, Auf den Nebel folgt die Sonn'!" 13. November Am Sonntag habe ich eine rechte Freude gehabt, indem ich mit Kim über Indiens Straßen zog. Was kann doch in solcher Zelle alles ,, durch das Labyrinth der Brust" wandern, vom Wort Gottes an bis zu den Wegen der Lamas und ihrer Schüler! Und über dem allem steht das Geheimnis der Herrschaft Gottes genau so wie über unserer Ehe. Die Geborgenheit, die Gott uns immer wieder schenkt, ist wie ein Vorgeschmack davon, wie es einmal bei IHM sein wird. Mich verlangt aber noch nach einem langen Dienst hier auf dieser Erde, an Deiner Seite, unter unserm Volk, damit etliche der Geplagten unseres Volkes Glieder des Gottesvolkes werden. Laẞ bitte Schw. E. über die Bezirksfrauen und andere Getreue einladen zu den Gottesdiensten. Wenn wir in solchen Unruhewochen nicht von Mensch zu Mensch persönlich einladen, versinken alle in der Unstetigkeit ihres Daseins. Also seid darin nicht zu zaghaft! Wenn ich wiederkomme, will ich viele so am Rockzipfel packen und ihnen keine Ruhe lassen, zu ihrem Heil. 14. November Auf dem Hof habe ich mir das geruhsame Tempo des Schlendrians abgewöhnt und schreite mit raschen Schritten meine Pfade um die Langsamen herum. Das tut dem Körper gut. 15. November Wenn wir jetzt für eine Weile äußerlich ganz getrennt werden, wollen wir nicht vergessen, daß der kürzeste Weg zueinander am Herzen Gottes vorbeigeht. ,, Unverletzlich, lichtverhüllt dürfen Gottes Kinder reisen", auch nach Dachau! 16. November Eins war nicht richtig in Deinem Brief. Du schreibst, Du müßtest mir einen Schmerz bereiten. Nein, Du brachtest mir einen Befehl, der von Gott 91 - kam. Hat nicht Jesus gesagt: ,, Der nehme sein Kreuz auf sich"! Das gehört zu Deinem köstlichen Vers von den Wunderwegen hinzu und von ihrem Ende im Segen. Die Nacht war trotz Störungen erquickend. ,, Tu als ein Kind und lege dich in deines Vaters Arme! Bitt' ihn und flehe, daß er sich dein, wie er pflegt, erbarme! So wird er dich durch seinen Geist, auf Wegen, die du jetzt nicht weißt, nach wohlbestand'nem Ringen aus allen Sorgen bringen." Wie gut haben wir es in unserer Zweisamkeit mit dem Schatz der Lieder gehabt! Wenn ich auch ohne Bibel und Gesangbuch bleiben müßte, so hätte ich Vorrat auf viele Jahre. 17. November - Mit der ersten Nachricht von D. aus kann's natürlich lange dauern, aber was macht das? Du erinnerst an die Frauen, die ihre Männer seit fünf Jahren nicht mehr bei sich haben. Und ich füge bejahend hinzu: Wieviel leichter haben wir es um Jesu willen! Sorge nicht und um nichts! ,, Wir sind in Jesus, dem Felsen, geborgen!" Und der unsere Tränen zählt, der wird auch unserem Weinen ein Ende machen. Leute, die sich so liebhaben wie Du und ich, lernen täglich mehr, daß sie dem andern nur helfen können durch das Anklopfen bei Ihm. Ob wir es wohl fertig bringen, die Minuten unserer Begegnungen in stillem Beieinander( ohne allzuviel Beratungen über morgen) auszukosten? Gott gebe es. ,, Es gehe, wie es gehe, dein Vater in der Höhe, der weiß zu allen Sachen Rat." 20. November - Du hast das Abendmahl für mich mitgefeiert, das wußte ich, und daß Du es noch ausdrücklich schriebst, machte mich heute jauchzen. Wenn ich es im Lager einmal mit den Brüdern feiern darf, werde ich an Deine Feier vom 19. November denken. Und wo Du dann auch bist, wir werden beieinander sein vor Gottes Thron. 21. November Gestern kam P. so hungrig, da gab ihm der Doktor eine Schnitte, ich die letzte Zigarre. Das große Brot begannen wir heute mittag; sage der Geberin, es sei leckerer als Kuchen. Gott segne alle, die Deiner und meiner so freundlich gedenken. 22. November Was ist das heute für eine Losung! Und das Gebet: ,, Steh uns in unserem Elend bei, mach uns von allen Plagen frei!" Ich bin so froh über die Zusage: ,, Über seine Knechte wird er sich erbarmen", das 92 kann aud Beim Sp Beerdigu eine Fül wund, d zu sich fahren u Kräfte 23.1 ( An Br heute is will. Ab Plauder zählst d etwas N hernach ja kein neu ler lieben weißt d aufgesta ( die Ha Tür gel das nic nur so wir hab Mutter sie unt Grüße 28. Die Lo von Di möchte 2.1 Ich wü kannst Freude uz auf derwegen Störungen me! Bitt' d er dich h wohlbewir es in ich auch wiele Jahre. uern, aber fünf Jah: Wieviel hts! ,, Wir zählt, der liebhaben helfen könringen, die Izuviel Bewie es gehe, nd daß Du Wenn ich es Deine Feier werden beiitte, ich die ge der Ge und meiner in unserem ber die Zumen", das kann auch heißen: ,, Über seine Mägde", denn Du bist ja auch gemeint.- Beim Spaziergang dachte ich eben daran, daß das nun die Stunde Deiner Beerdigungen sei. Nimm doch jedesmal ein Wort, dessen Auslegung Dir eine Fülle des Trostes und der Hoffnung zuträgt. Die Leute sind alle so wund, daß das Thema immer das gleiche ist: ,, Es ist der Herr, der Euch zu sich ziehen will." Wie wir selbst losgemacht sind von dem Karussellfahren um unsere Meinung( warum, wozu, wie lange), müssen wir Gottes Kräfte weitergeben. 23. November - ( An Brigitte) Es ist schon eine Woche her, daß ich Euch schrieb, und heute ist es fast zu dunkel zum Schreiben, weil die Sonne nicht kommen will. Aber anfangen will ich den Brief doch schon und Dir danken für den Plauderbrief vom 3. November, der mir große Freude gemacht hat. Du erzählst darin vom Turnen bei Tante E.- Du mußt nicht betrübt sein, wenn etwas Neues beim Lernen nicht gleich leicht geht. Was schwer ist, macht hernach viel größere Freude, auch Tintenschreiben und Rechnen. Lernen ist ja kein Spielen. Das merke ich als Dein Vater jetzt auch wieder, wo ich neu lernen muß, als ein Gefangener ein frohes Herz zu behalten und dem lieben Gott zu sagen: ,, Drum wart' ich still, dein Wort ist ohne Trug, du weißt den Weg für mich, das ist genug." Gestern nachmittag war ich eben aufgestanden, da wurde ich heruntergeholt. Wer stand da? Unsere G. ( die Hausangestellte). Sie wollte in Herne einkaufen und hatte an der Tür gebettelt, sie wollte mich doch mal sehen. Erst hatte der Wachtmeister das nicht erlaubt, dann ließ er sie aber doch ein. Die Tränen kullerten nur so aus ihren Augen. Ich habe mich zu ihr auf die Bank gesetzt, und wir haben uns was erzählt. Dann ging sie ganz fröhlich wieder davon. Mutter kommt jeden Tag, das ist meine größte Freude. Manchmal muß sie unterwegs in den Bunker, aber gestern war ein Tag ohne Alarm. Grüße Tante E. von mir... Gott behüte Dich und die ,, Kinderheimat". 28. November Die Losung heute erinnert mich daran, daß ich nicht gern täglich Zulage von Dir habe. Sonst wird mir das hiesige Essen zu schwierig. Und ich möchte doch so gern auch das mit Danksagung empfangen. 2. Dezember Ich wünsche Dir eine Adventszeit, für die Du noch in Deinem Alter danken kannst, so voller Sternlein in der Nacht, voller Durchhilfe und voll kleiner Freuden. Und wenn ich dann für eine Zeit leiblich aus Deiner Nähe ver93 schwinde, wünsche ich Dir darüber hinaus eine adventliche Geborgenheit wie Phil. 4. Daß die Freude bleibt. Um mich mußt Du nie bekümmert sein, hörst Du? 4. Dezember Diese Nacht habe ich überhaupt nicht geschlafen. Wenn ich Licht gehabt hätte, hätte ich Karten geschrieben. Aber so lag ich und sagte mir alle Adventsworte und Hoffnungsverse, die ich kannte. Es war wie eine Heer- schau. Und fertig bin ich damit auch nicht geworden. So lang war die Nacht nicht. Bochum, 5. Dezember Es sieht nicht so aus, als könntest Du mich am Donnerstag früh noch hier treffen, sondern wir werden wohl gleich morgen weitergeleitet, irgendwie in Richtung Dachau. Du hast mich also am Montag, ohne daß wir beide das wußten, zum vorläufig letztenmal durch Deinen Besuch erquickt und gestärkt. Gott hat uns bei den großen Bombennöten des Monats November doch darin eine reiche Zeit geschenkt, daß wir die Not zusammen tragen durften, daß wir gemeinsam auch die Frage des Hernach für Dich und das Kind besprechen konnten.— Zum erstenmal in den drei Monaten der Haft habe ich heute(für eine Nacht) eine schöne Einzelzelle für mich allein. Herunterklappbar sind Tisch und Stuhl, auch auf der anderen Seite das Bett. Wie verschieden waren die Zeiten in Dortmund zu dritt und in Herne zu sechsen gerade durch die Menschen. Heute genieße ich die Möglichkeit des Schweigens; man muß sich ja auch zurichten für die nicht ganz, leichte Fahrerei. Ich will das getrost in Gottes Hände legen, denn er hat mir das schwere Vierteljahr dieser Haftanfänge zu einer gesegneten Zeit gemacht. _—_ Weil Gott Dich tröstete, konntest Du auch trösten. Und weil Du trugest, bekamst Du auch Kraft genug, Halle, 13. Dezember Es wird noch etwas dauern, bis wir am Ziel sind. Gestern abend machten wir nach Bochum, Bielefeld, Hannover, hier die vierte Station. Wir hatten gestern einen Reisetag, an dem die Sonne, die Farben, der Abendstern uns erquickten. Auf den Harzbergen sah ich den ersten Schnee. Grüße unsere Brigitte und die Hausgenossen und sei gewiß, daß der Lobgesang von Psalm 68 bei Euch und bei mir nicht aufhören darf. Leipzig, 15. Dezember Liebe Brigitte, wir sind noch auf der langen Reise... Du wirst Dich auf das Fest so freuen wie ich, denn Du kennst auch das Wort des Engels: 94 „Bu so kor zusam kunft Dacha Gott: zum| und I selbst Gotte hältst N Er se grüßt orgenheit ekümmert ht gehabt = mir alle eine Heergwar die noch hier irgendwie wir beide quickt und November men tragen hund das en der Haft ich allein. Seite das in Herne Möglichkeit anz leichte at mir das t gemacht. Du trugest, 99 ,, Euch ist heute der Heiland geboren" und das Lied: ,, Ei, so kommt und laßt uns laufen"... Wir feiern Weihnachten auch getrennt zusammen an der Krippe. Hier haben wir gestern abend nach der Ankunft ein herrliches Brausebad bekommen, das tat gut. Dachau, 9. Januar 1945 - -- Gott segne Deinen Entschluß zur Rückkehr nach Holsterhausen. Wir hatten zum Fest auch alle Irrfahrten hinter uns. Es war reizend, wie sich hier W. und R., sobald es ging, für mich einsetzten mit Liebesdiensten. Aber sie selbst waren mir der größte Trost. Ich bin sehr getrost, uns drei in Gottes Hand geborgen zu wissen. Er hat Dich bisher bewahrt, und Du hältst die Stellung, solange Du innerlich kannst. Grüße die Gemeinde-. .. Wie werden Gottes Wege mit uns weitergehen? Am Ende steht immer Er selbst. Das ist Erquickung. Schreib auch von Brigitte! Dich und sie grüßt und küẞt Dein Ludwig. d machten Wir hatten dstern uns üße unsere gesang von st Dich auf es Engels: 95 95 — GER EEE TER TEE ERTEE u a EEE FRANZ WEINMANN Der 1909 in Deilingen(Württemberg) geborene Priester der Erzdiözese Freiburg, Franz Weinmann, jetzt Pfarrverweser in Heiligenzell bei Lahr, leitete als Kaplan an der Jesuitenkirche in Mannheim eine religiöse Ju- gendgruppe. Am 16. März 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet unter der Anschuldigung, er habe mit seinen„zu zeitgemäßen“ Belehrungen die katholische Jugend fortlaufend verhetzt und ihr Vertrauen zum national- sozialistischen Staat untergraben. Ohne Verhör und Verhandlung behielt man ihn drei Monate in Einzelhaft im Untersuchungsgefängnis Mannheim. Von da wurde er auf Anweisung von Berlin in das Konzentrationslager Dachau überstellt. Hier verbrachte er, am 5. Juni 1942 eingeliefert, drei bittere Jahre. Am 11. April 1945 erfolgte mit einer Anzahl anderer.deut- scher Geistlicher zusammen seine unerwartete Entlassung. Weinmann schrieb im Lager eine Reihe„Seelsorgsbriefe aus der Verban- nung“, in der Absicht, für sich selbst und für andere seine Erlebnisse und Gedanken religiös-seelsorgerlich auszuwerten. Sie sind zum Teil dort im Verborgenen geschrieben und auf illegalem Weg hinausgeschmuggelt, zum andern Teil in Dachau skizziert und nachträglich ausgearbeitet worden. Wir geben vier dieser Briefe wieder. UNERWARTETE CHRISTUSBEGEGNUNG „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch er- quicken!“(Matth. 11, 28). Dieses Wort ruft auf zur Christusbegegnung. Auf meiner Fahrt nach Dachau und bei meiner Ankunft dort dachte ich nicht, daß es schon am ersten Tag zu einer wirklichen Christusbegegnung käme. Und doch.— Nachdem'an diesem ersten grausigen Tag der Dach- auer Zeit die Seele wirklich ganz„beladen“ war mit all den neuen und unschönen, unwürdigen und gemeinen, rohen und brutalen Eindrücken, wie sie bei den verschiedenartigsten„Aufnahmezeremonien“ erweckt wer- den, kam am Abend unerwartet wie ein Wunder Christus, um die Seele zu erquicken. Es war Herz-Jesu-Freitag im Herz-Jesu-Monat, als ich am 5. Juni 1942 ankam, Schon dieses Zusammentreffen von Einlieferungstag und Herz-Jesu- Freitag zeigte mir ganz deutlich die Sühneabsicht Gottes. Im stillen be- 96 ANN rzdiözese bei Lahr, giöse Juftet unter ungen die nationalg behielt annheim. tionslager fert, drei erer deutVerbannisse und dort im ggelt, zum orden. Wir ll euch eregegnung. dachte ich begegnung der Dachdauerte ich noch, daß dieser erste Freitag ohne heilige Kommunion vorbeigehen mußte, gerade wo man die Seelenspeise so notwendig brauchte. Doch ich hatte mich ohne weiteres damit abgefunden, weil es total unmöglich erschien. Ich sollte mich täuschen. Ich selbst konnte zwar nicht zum sakramentalen Gott kommen, aber Er fand den Weg zu mir. Zunächst wurde ich im sogenannten„ Zugangsblock" untergebracht. Am Abend, als ich gerade im Begriff war, an den Bettstellen in ,, den dritten Stock" hinauf zu klettern, um zum erstenmal zu versuchen, wie man da hinaufkommt, und wie man da oben so knapp unter der Holzdecke in der Sommerhitze wohl ruhen und schlafen könne, zupfte mich ein älterer Mitbruder am Ärmel, gab mir ein kleines zusammengefaltetes Papierchen und sagte ganz leise: ,, species consecrata", das heißt auf deutsch: ,, Verwandelte Gestalt". Er fügte noch hinzu: ,, Es ist mein Einführungsgeschenk." Ich machte große Augen, verstand und verschwand in den sogenannten ,, dritten Stock". Dort oben gerade noch ungestört und ungesehen, sah ich zu meinem ,, kleinen Geheimnis" im Papier. ,, Es war wirklich der Herr!" Ich entnahm dann dem Papier, allerdings mit zitternder Hand, die heilige Gestalt des Brotes, betete an den Herrn im Sakrament, vereinigte mich mit ihm und dankte aus überfrohem Herzen für diese unerwartete geheime Christusbegegnung am ersten Tag meiner Dachauer Jahre. Das Seelenglück war groß. Und diese Christusbegegnung mit dem aus der Nachbarbaracke, dem Priesterblock, herausgeschmuggelten Heiland ist mir zum guten Vorzeichen geworden. Es ist mir, wie wenn der Herr sagen wollte: So wie heute, bin ich täglich bei Dir: Du gehst nicht allein diesen Weg, den zu gehen ich Dich gerufen habe. Und ich betete: ,, Wenn ich auch wandle mitten in Todesschatten, fürchte ich doch kein Unheil, weil Du, o Herr, bei mir bist"( Ps. 22, 4). Und an diesem Abend der unerwarteten Christusbegegnung überkam mich eine Art vertrauensvoller Gewißheit: Du wirst es überstehen. Und so will ich denn gläubig vertrauen. Juni 1942. neuen und indrücken, weckt werdie Seele Juni 1942 Herz- Jesustillen beUNA SANCTA CATHOLICA Wenn irgendwo, dann haben wir hier auf engem Raum die Weltkirche er lebt. Ich habe euch schon einmal geschrieben von unserer Priestergemeinschaft. Seit dort, seit 1942, sind wir schon längst zu einer internationalen Priestergemeinschaft geworden. Von fast allen Nationen, die im Lager vertreten sind, sind auch Priester da: Deutsche, Österreicher, Polen, Tsche7 Sieger in Fesseln 97 chen, Jugoslawen, Franzosen, Belgier, Holländer, Luxemburger, Norweger, Italiener, Letten, Litauer, Ungarn, ein Russe, ein Amerikaner. Nach Konfessionen: 95 Prozent katholische Priester, die übrigen evangelische und orthodoxe Geistliche. Nach Rangstufen und Arbeitsgebieten setzen wir uns folgendermaßen zusammen: Kapläne, Pfarrer, Dekane, Religionslehrer, Universitätsprofessoren, Schriftsteller, Prälaten, Domkapitulare, Generalvikare, Rektoren von Schulen, Seminarien und Konvikten, Regens von Priesterseminarien, Vertreter von 34 Orden, und schließlich zwei Äbte, ein Prior, ein Bischof.*) Man kann schon sagen; freiwillig hätten wir uns in so bunter Form nie zusammengefunden. Auch alle Altersstufen sind vertreten, angefangen von 18- bis 21jährigen französischen Studenten über den jungen Priester, der gleich in den ersten Tagen seiner Wirksamkeit verhaftet wurde, bis zu unserem Senior, einem 81jährigen Priestergreis aus Lettland. Hier lebt in ihren Vertretern die Weltkirche: die una sancta catholica. Alle Unterschiede nach Rang, Alter, Herkunft sind aufgehoben. Alle sind wir im gleichen Häftlingskleid. Uns hat das gleiche Los getroffen. Für uns alle gilt das kameradschaftliche ,, Du", wenn wir auch vor der bischöflichen Würde eine Ausnahme machen. - Vor allem aber eint uns das einigende Band der Kirche Christi. Hier erlebt man mächtig die Einheit der Kirche in aller Welt. Hier sehen wir untereinander die Einigkeit im Glauben, im Kultus, in der Opferfeier, in den Sakramenten. Hier überbrückt die Einheit in der Liebe, in der Liebe Christi so manche Unterschiede, beseitigt so manches Vorurteil der Natiodas sei offen zugestannen untereinander. Und wenn auch die Liebe den in diesen liebelosen Verhältnissen und infolge menschlicher Unzulänglichkeit nicht immer und bei allen durchbricht, geübt wird sie stets und von jedem. Und das entscheidet. Und das einigt. So erleben wir die Größe und Weltweite der Einheit der Kirche auf engem Raum. Was hat man doch Anregungen aller Art, was bekommt man doch Weitblick und Verständnis für andere im Gespräch mit anderen Nationen. Und wenn uns in vielen Fällen die Sprache keine Brücke sein kann zum Verstehen, - - ist sie es dann hilft uns wieder die ,, una sancta" mit der Einheitssprache der Kirche, dem Latein. Treten wir dann gemeinsam hin vor den gemeinsamen Herrn im Heilig. tum, dann sind wir noch mehr eins. Wir stehen als Einheit, zusammenge. *) Ein anderer Bischof, der Pole Koszal, war 1943 an Typhus gestorben. Er hatte im düsteren Alltag des KZ. ein stilles, heiliges Beispiel gegeben. 98 setzt onsso Der der S diger gar, lings Welt uns Krip Trau Wir Welt kath bishe verst Absi zusa der nale in d cath DAS Ja, 1.K geüb viele Arm rend meh die durc vers Seud In d rase von such E orweger, evangeermaßen versitätsre, Rekstersemirior, ein Form nie jährigen en ersten r, einem etern die Alle sind Für uns höflichen er erlebt ir unterI, in den er Liebe er Natiozugestaner Unzusie stets wir die Was hat blick und wenn uns en Fällen Einheitsm Heilig. ammenge Er hatte im setzt aus vielen Nationen, am Altar bei feierlichem Gottesdienst am Missionssonntag, am Pfingstfest, am Jahresschluß und bei besonderen Anlässen. Der zelebrierende Priester vertritt eine Nation, der Diakon eine andere, der Subdiakon die dritte, die Ministranten wieder andere, und der Prediger spricht lateinisch in der Einheitssprache aller. An Weihnachten 1944 gar, da standen alle Nationen mit ihren Vertretern am Altar um den Häftlingsbischof, während er als Repräsentant der gefesselten und verfolgten Weltkirche ein Pontifikalamt feierte. Und am Abend dieses Tages trafen wir uns wieder in unserem Heiligtum zu einem internationalen ,, nationalen Krippensingen". So erleben wir durch Gottes Fügung in der Enge und Trauer der Haft die Weite und Freude der Weltkirche. Wir sind eins! Wir wollen ja das gleiche: Zu uns komme Dein Reich" in aller Welt! Das Reich Christi komme zu allen Völkern durch die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Sollen wir das noch mehr lernen als bisher? Sollen wir jetzt und später dieses Hauptanliegen des Herrn besser verstehen und verwirklichen helfen? Ist das vielleicht die weise und weite Absicht Gottes, daß er Priester aus so vielen Völkern so eng und so lang zusammenführt und zusammenleben läßt? Mag sein. Mögen später, wenn der Friede die Kriegsgegensätze überbrückt hat, als Frucht der internationalen Priestergemeinschaft von Dachau, auch die Völker im Glauben und in der Liebe Christi noch mehr geeint werden durch uns, die una sancta catholica! Februar 1945 99 DAS HOHELIED DER LIEBE - Ja, die Liebe! Die Liebe Christi für die Brüder, das ist ,, das Größte"( vergl. 1. Kor. 13, 13). Und dieses Größte wird von vielen hier, im Reich des Hasses, geübt. Meist still und von der lauten Masse unbemerkt. Denken wir an das viele karitative Schenken von Lebensmitteln und Gaben aus Paketen an Arme und Ärmste im Lager, wobei unser Priesterblock ohne Zweifel führend ist. Das weiß jeder ehrliche Mann im Lager. Doch darüber wollen wir mehr schweigen als reden, damit die Linke nicht weiß, was die Rechte tut"( Matth. 6, 3). Manchmal jedoch wurde diese Liebe durch ihr stilles und stetiges Wirken so laut, daß auch die laute Masse sie verspürte und vor ihr verstummte. So in diesen letzten Wochen, da die Seuche am wildesten wütet. 99 In dieser Zeit schlimmster Not und höchster Gefahr, als das Fleck fieber rasend um sich griff, als viele Pfleger und Ärzte starben, kam der Aufruf von der Lagerleitung: Freiwillige Helfer auf die verseuchten Blocks gesucht! Man wandte sich besonders an uns Priester. Zwanzig waren gesucht. 99 Siebenundzwanzig haben sich gemeldet. Freiwillig! Was das bedeutete, wußte jeder. Das hieß mit höchster Wahrscheinlichkeit: Ansteckung und Tod. Es war ein heroischer Entschluß dieser heldenhaften Priestersamariter. Es war der Entschluß und die Bereitschaft, ihr Leben im Dienste christlicher Nächstenliebe, im Dienst an den Ärmsten der Armen zu opfern. Der Herrgott hat uns und sie dafür sichtlich belohnt. Auf den beiden Priesterblocks starben verhältnismäßig wenige an der Seuche, obwohl wir zwischen zwei verseuchten Blocks lagen. Von den freiwilligen Pflegern wurden die meisten angesteckt, nur ein paar wenige wurden verschont. Von den Angesteckten starben etwa zehn, die andern aber haben den Typhus überstanden. Und was haben sie Segensvolles getan an den Armen an Leib und Seele! Einer dieser Priester erzählte mir in diesen Tagen nach seiner Wiedergenesung: ,, Die Arbeit war ungeheuer. Kranke und Sterbende in Massen. Die Pflege war sehr schwer. Arzneimittel und genügend Nahrung gab es nicht. Und so bestand die Hilfe eigentlich nicht im Gesundmachen, sondern im Sterbenhelfen. Ich habe unzählige versehen. Das heilige Öl hatte ich immer in der Tasche. Nur einer hat die Sakramente verweigert. Viele sind auf dem Sterbebette zu ihrem Gott zurückgekehrt. Manche, die aus der Kirche ausgetreten waren, ließen sich sterbend wieder aufnehmen. Allen aber konnte man den Weg in eine gute Ewigkeit weisen Was bin ich froh um diese schweren und doch so gnadenreichen Wochen! Was bin ich glücklich über diese Hilfe, die ich den Armen bieten konnte!" Helden waren diese Armen in ihrer mannigfachen Not. Helden diese Priestersamariter im Häftlingskleid. Wer die größeren waren, die sterbenden Dulder oder die sich selbst opfernden Helfer, ist schwer zu sagen. Das weiß Gott. Aber das eine wissen wir: ,, Eine größere Liebe hat niemand als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde"( Joh. 15, 13). Der Herr hat es getan. Seine Jünger haben es immer getan im Laufe der Geschichte. Und auch bei uns ist diese Liebe Christi für die Was ihr einem Brüder bis zum eigenen Lebensopfer gegangen. ,, dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan"( Matth. 25, 40). Das wußten die Helden, diese Priester im verachteten Kleid des Gefangenen, diese Jünger Christi mit der Liebe zu Christus und damit auch mit der Liebe zu den Brüdern im Herzen. Das ist der Beweggrund und die Basis zugleich, auf der heroische Entschlüsse im Dienst an den andern meistens nur möglich sind: wirksam werden durch die Tat und wertvoll bleiben in Gottes Augen. Und denen, die sie fassen und ausführen in Selbstverzicht und unter Lebensgefahr, ge100 bührt von Meng des sich komm und Brüd die kann gehe len verg eina Lieb AP Dra Ros In Tem nied reit gro Dri zen bro die die des ziel mö Jah gan Jet geg Ser sch edeutete, ung und tersamaDienste opfern. en Priewir zwiwurden Von den us überd Seele! WiedergeMassen. ggab es sondern hatte ich iele sind aus der bührt das Hohelied der Liebe: ob es hier ist in dem Massenelend einer von Haft und Hunger, von Seuche und Pest, von Not und Tod gequälten Menge, sei es an den blutigen Fronten draußen auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges, wo der einzelne oft für den andern und damit für alle sich opfert, sei es in der namenlosen Not und der grenzenlosen Armut kommender Nachkriegsjahre in unserm Volk. Es ist gleich. Immer ist es und wird es die Liebe sein, die heldenhafte Liebe zu Christus für die Brüder, die Armut, Elend, Not und Tod allein überwinden kann. ,, Und diese Liebe währet ewig"( 1 Kor. 13, 8). Ohne diese Liebe kann die Welt nicht bestehen, können die Menschen nicht leben. Ohne sie gehen sie unter in Kälte und Grausamkeit, in Lieblosigkeit und Haẞ. Wollen wir Menschen uns selber retten, müssen wir einander verzeihen und vergeben, müssen einander helfen und heilen, mit einem Wort: Wir müssen einander lieben! Lieben durch die Tat! Lieben im Geiste und mit der Liebe Christi! Ende März 1945. en. Allen ich froh ich glückPriesteren Dulder Gott. Aber and als e"( Joh. getan im ti für die einem t, das den, diese Christi mit rüdern im sche Entwirksam and denen, gefahr, geAPOKALYPTISCHE REITER Draußen in der Welt reitet schon jahrelang der Reiter auf ,, feuerrotem Rosse"( Apok. 6, 4): der Krieg mit seinem erstickenden Blut und Brand. In diesen letzten Wochen reitet er Galopp. Er rast mit atemraubendem Tempo durch unser Land und tritt mit seinen starken Hufen unbarmherzig nieder, was ihm lebend unter die Füße kommt. Und in seinem Gefolge reitet der Reiter auf dem ,, fahlen Roẞ"( Apok. 6, 8), der Tod, und hält große Ernte für seine Scheunen. Draußen herrscht ein großes Sterben. Drinnen bei uns reitet schon drei Monate lang der Reiter auf dem ,, schwarzen Roẞ"( Apok. 6, 5): Hungersnot und Seuche. Fleck fieber ist ausgebrochen, in dem Menschenknäuel der eng gepferchten 50 000! Es herrscht die furchtbarste Epidemie, von der je das Lager heimgesucht wurde. Durch die ungeheure Überfüllung des Lagers, durch die 5- bis 6fache Erhöhung des Bestandes infolge Räumung anderer Lager hierher und infolge Zurückziehens von Außenkommandos ins Lager, durch das Hereinschleppen aller möglichen Krankheiten und allen möglichen Ungeziefers ist Anfang dieses Jahres die Seuche ausgebrochen. Sie wütet nun schon monatelang. Das ganze Lager ist verlaust. In früheren Jahren hatten wir wenig Ungeziefer. Jetzt aber ist alles voll davon. Es kann nicht anders sein. Der Kampf dagegen ist fast unmöglich. Keine Mittel, Ungenügende Desinfektion. Kein Serum. Reinlichkeit bei der wahnsinnigen Zusammenpferchung ausgeschlossen. Übertragung von Läusen selbstverständlich. Uns, auf unserem 101 Block, und auf einem Teil der Blocks mit geraden Zahlen ist es bis jetzt trotzdem gelungen, die Läusegefahr und damit die Typhusfälle zurückzudämmen und auf eine verhältnismäßig kleine Zahl von Todesopfern zu beschränken. Es ist aber furchtbar schwer. Ständige Wachsamkeit. Dauernde Entlausungen. Immer wieder Selbstkontrolle, und wenn es geht, saubere Wäsche. Das ist überhaupt das Hauptproblem. Und an dem beginnt auch unser Kampf zu scheitern. Im Lager gibt es keine Wäsche mehr. Unzählig viele haben schon drei bis vier Monate das gleiche Hemd an. Die Läuse nehmen immer zu. Gegenmittel sind keine da. Der Hunger hat auch wieder furchtbar eingesetzt. Fast keine Verbindung mehr mit außen. Viele der Opfer sind schon von Kräften vor der Ansteckung. Dann werden sie infiziert. - ,, Eine Laus dein Tod!" Überall, in 11 Sprachen haben wir diese Plakate angebracht, die zur Wachsamkeit mahnen; aber es ist kein Gegenmittel. Ganze Blocks sind verseucht, sind abgesperrt. Und da drinnen hat schon längst das große Sterben begonnen. Nur zwei Beispiele. Ein Block mit 1600 Mann belegt, zählt nach einem Monat Flecktyphus noch 400 Mann. Ein anderer Block, der zudem Invalidenblock ist, ist mit seiner Belegschaft von 1500 Mann ganz ausgestorben. Das Revier ist überfüllt von Kranken. Pfleger und Ärzte Häftlinge natürlich sterben fortgesetzt. Auf den überfüllten Blocks liegen Typhuskranke, Sterbende, Tote und noch Gesunde durcheinander. In's Gefolge des ,, schwarzen Reiters" tritt sein Geselle, der Reiter auf dem ,, fahlen Roẞ" und mordet in Massen. Die tägliche Sterbeziffer beläuft sich im Durchschnitt auf 150 Mann und öfters auch darüber. Die Masse der Toten beträgt seit dem Ausbruch der Seuche .bis jetzt über 10 000 Mann. Der ,, fahle Reiter" versteht sein Handwerk gut und scheint unbarmherzig und unersättlich. - Mit dem Verbrennen der Leichen kommt man im Krematorium nicht mehr nach. So bleiben die Leichen liegen, auf den Blockstraßen aufgeschichtet, wo alle, Kranke und Gesunde, ständig vorbei müssen. Nach und nach werden die Leichen abgeholt und zum Verbrennen weggeschafft. Immer neue Wagen voll von toten nackten Menschen fahren hinaus. Aber schon liegen wieder neue da. Im Revier, in der Totenkammer, in den Blocks, im Krematorium liegen die Leichen aufgeschichtet. Und aus dem Kamin des Feuerofens steigt Tag und Nacht ein dicker Rauch empor, und der Geruch von verbrannten Leichen liegt ständig wie ein Nebelschwaden auf dem Lager, auf der Totenstadt. Jetzt aber gehen die Kohlen aus. Es entsteht ein Massengrab. Es ist ein großes Sterben. Es hört nicht auf. Es ist grausam. Es ist ein ungeheures Elend, dieses Sterben und dieses Leben in unserer Totenstadt! ,, Herr, wie lange noch?" Das ist die bange Frage, die immer wieder auf102 steigt ,, Her daß v lich se noch gewiß Ja, es das b und sen, ten T Will kann für d den, durch wir, Näm gelte Ungl wind stört Sühn wird Schlu tung diese gege bis jetzt urückzun zu beauernde saubere nt auch Unzählig e Läuse uch wien. Viele rden sie Plakate enmittel. at schon Clock mit 0 Mann. legschaft Kranken. Auf den noch Gesein GeDie tägnd öfters er Seuche Handwerk icht mehr eschichtet, nach wermer neue on liegen im Kreles Feuereruch von m Lager, ein Masusam, Es 1 unserer steigt aus der Qual der verseuchten Masse, hinauf zum alleinigen Erretter. ,, Herr, wie lange noch?" Bis sich unser Schicksal wendet? Willst du, daß wir alle hier verderben und so elend und so grausam, wie wir es täglich sehen, zugrunde gehen? Sind der Opfer noch nicht genug? Ist die Zahl noch nicht voll? Das ist die Klage, die Frage und das Gebet der von Ungewißheit und vom großen Sterben umgebenen Menschen. - - Ja, es bleibt ein Geheimnis Gottes, daß er gerade in dieser Zeit, wo wir das baldige Ende unserer Unfreiheit ahnen, ja, wo wir um die Wende und wie wir hoffen um eine glückliche Wende unseres Schicksals wissen, daß Gott gerade noch in dieser letzten Zeit, so kurz vor dem geöffneten Tor der Freiheit so viele Lebensopfer fordert. Sind es Sühneopfer? Will er Opferer, die sich unschuldig für die Schuldigen hingeben? Nur so kann ich's verstehen. Das wäre Weisheit Gottes. Das wäre größte Gnade für die Ungnädigen! Ungnade kann ja nur durch Gnade überwunden werden, Haß nur durch Liebe. Will Gott uns durch die Unschuldsopfer, die er durch die apokalyptischen Reiter holen läßt, vielleicht zeigen, daß auch wir, wenn wir bald uns zu entscheiden haben, das Gleiche tun sollen? Nämlich, daß wir Gleiches nicht mit Gleichem, Böses nicht mit Bösem vergelten? Daß wir vielmehr das Gleiche, nämlich das Böse, mit dem total Ungleichen, nämlich mit dem Guten, daß wir den Haß mit Liebe überwinden? Mit einer Liebe allerdings, die sich auch zuerst das längst zerstörte Fundament der sühneheischenden Gerechtigkeit und der gerechten Sühne schafft, um dann auf diesem Boden neu wirksam zu werden. Das wird es wohl sein. Nur so kommen wir zu einem Ende, wenn wir einen Schlußstein setzen hinter den ewigen Kreislauf von Unrecht und Vergeltung, von Untat und Rache, einen Schlußstein hinter Haẞ und Hölle. Und dieser Schlußstein ist ein doppelter Quader, ist uns von Gott in die Hände gegeben durch Christus und heißt: Gerechtigkeit und Liebe! Ende März 1945. ieder auf103 FRIEDRICH WEISSLER mir Liede Hut. tiefe ... F nuar Zu Königshütte 1891 aus dem Schoße einer gläubig evangelischen Familie hervorgegangen, wuchs Weißler dank seiner Begabung und seinem ernsten Streben zur Reife des Lebens und des Berufes empor. Als Richter und juristischer Schriftsteller erwarb er sich die Anerkennung der Fachgenossen. Religiöse Triebkräfte sprachen in seiner Amtsführung mit. Sie stärkten seinen Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit; sie vertieften in ihm die Treue zu den christlichen Grundsätzen und zu den Forderungen des Gewissens; sie verboten ihm, von dem für richtig erkannten Weg abzuweichen oder bei prinzipiellen Fragen aus Zweckmäßigkeits erwägungen dem Kompromiß und der Nachgiebigkeit das Tor zu öffnen. Recht blieb ihm Recht, auch wenn die neuen Gewalthaber es verfälschen oder beugen wollten. Schon 1933, ein Jahr nach seiner Ernennung zum Landgerichtsdirektor in Magdeburg, erregte er bei ihnen Anstoß wegen einer in öffentlicher Sitzung vorgenommenen richterlichn Handlung. Er wurde darob aus dem Staatsdienst mit gekürztem Ruhegehalt entlassen. Mit seiner Familie zog er sich nach Berlin in ein wirtschaftlich bedrohtes, aber in allen Anfechtungen glaubensstarkes Privatleben zurück. Die Nichtigkeit der Welt, die Unzulänglichkeit des Irdischen trat eindrucksvoller vor sein Bewußtsein. Sie wies ihn noch stärker hin auf das ,, Eine, das nottut". Er trat in die vorläufige Kirchenleitung ein. Deren berühmte Denkschrift 1936 an Hitler über den drohenden Zerfall der sittlichen und rechtlichen Ordnung( vergleiche Heft 5 der evangelischen Reihe dieser Sammlung) hat ihn zum Verfasser. Im Zusammenhang damit wurde er im Oktober verhaftet. Nach fünf Monaten im polizeilichen Untersuchungsgefängnis kam er im Februar 1937 in ein Konzentrationslager. Dort führte das Erlittene nach wenigen Tagen seinen Tod herbei. Seiner Frau, seinen zwei Kindern, uns allen hinterließ er, wie die folgenden Briefauszüge und Gedichte beweisen, das Beispiel christlicher Geborgenheit und Fülle inmitten aller Erdennot. wir uns den zwar Beis eine Klei getr Gott Gei bau mei FURCHTE DICH NICHT! ... arme Frau, arme Mutter, arme Kinder! Gott wird Euch trösten, ich kann es nicht. Lest Ps. 27. Ich habe wunderbare Ruhe und Kraft geschenkt bekommen. Denn ich weiß, daß der Herr auch dort( im Lager) täglich 104 SLER Familie n ernsten r und jugenossen. stärkten die Treue ewissens; 7 oder bei romiß und uch wenn 1933, ein eburg, ervorgenom dienst mit ach Berlin ensstarkes eit des Irch stärker eitung ein, en Zerfall ngelischen ang damit hen Untertionslager. Sei. Seiner den Brief enheit und rösten, ich geschenkt er) täglich mir helfen wird, wie er es bisher so wunderbar getan hat. Der Schatz der Lieder und Gottesworte bleibt mir innerlich. Ich weiß Euch alle in bester Hut. Unsere innere Bindung wird nur noch fester, unsere Liebe nur noch tiefer. Und Gott ist uns näher, als wenn es uns gut geht. Fürchte Dich nicht, glaube nur. Dies Wort aus der Lesung des 28. Januar begleitet mich seitdem und stärkt mich ungemein. Wirklich, wenn wir glauben, daß Gott der liebe Vater ist, der uns hilft, wovor sollten wir uns fürchten? Er hilft ja nicht nur zum ewigen Leben, sondern auch in den Nöten des Alltags. Davon habe ich nun so viele Beweise erlebt, und zwar kommt die Hilfe meist auf ganz unwahrscheinlichem Wege. So zum Beispiel gestern Dein lieber Besuch. Er erschreckte mich zuerst, weil ich einen bösen Anlaß fürchtete. Wie unrecht war die Furcht! Sie war bloßer Kleinglaube. Hilft uns also Gott im Alltag, so können wir jeder Zukunft getrost ins Auge schauen, auch einer solchen, die uns unerwünscht scheint. Gott wird auch dann, und dann erst recht, uns beistehen. Läẞt denn Gott der Seinen Flehn jemals unerhört? Hat er ihnen nicht ersehn mehr als sie begehrt? Darum ist, wer ein Christ, unentwegt im Hoffen, Gottes Hand steht offen. ... Das Christkind war auch bei mir, doch nur im Geist. Aber Gott ist ja Geist, und das Christkind kommt lieber in Niedrigkeit als in Pracht. Christbaum, Geschenke usw. habe ich nicht vermiẞt, nur Euch, denen ich von meiner inneren Fülle so gern abgegeben hätte. Fürchte dich nicht, glaube nur, spricht der Heiland zu den Seinen. Wenn der irdischen Natur keine Hoffnung mehr will scheinen, dann ist Gott wahrhaftig nah und mit seiner Hilfe da. Dich und alle, die ihm trauen, liebt er ja als seine Kinder. Kann dem Kind vor'm Vater grauen? Dein Leid ist sein nicht minder. Drum sei froh und unverzagt! Gott wird wenden, was dich plagt. 105 Nicht wo wir die Hilfe sehen, pflegt zwar Gottes Fuß zu schreiten. Er kann tausend Wege gehen, die wir ahnen nicht von weitem. Seine Weisheit weiß allein Zeit und Rat, uns zu erfreun. 106 Bericht IN DE Wer v nennt samke lose G ten A seine eine F ihm e mühte antwo er ,,, e halte. alles erst r im ga würde Daß e nis ab gung bensm Bewä Bild. Unter Feurs Mach dies len k gesch lung Mach Bericht von Dr. Konrad Hofmann HEINRICH FEURSTEIN IN DER SCHULE DES HEILIGEN STEPHANUS Wer von Dr. Feurstein spricht, nennt eine wahrhaft edle Priestergestalt, nennt einen Seelsorger von geistiger und sittlicher Größe. Seine Gelehrsamkeit und sein Kunstsinn stehen hier nicht zur Erörterung. Er, der selbstlose Güte anderen erzeigte, übte gegen sich selbst die Strenge eines Aszeten Äußerst bescheiden in den eigenen Ansprüchen, spendete er sich und seine Habe aufs freigebigste bis zur Selbstentäußerung. Kaum ein Haus, eine Familie gab es in Donaueschingen, die nicht irgendeine Wohltat von ihm erhalten hätten. Obgleich er sich mit allem Ernste in der Pastoration mühte und schöne Erfolge darin erntete, quälte sich sein empfindliches Verantwortungsbewußtsein doch oft mit dem verzagenden Zweifel herum, ob er ,,, ewig nur ein armer Triarier und Ruderknecht", den richtigen Kurs einhalte. Die bange Frage, ob er Kraft und Kunst genug daran setze, allen alles zu werden, ob er den rechten Weg gehe und führe, beschäftigte ihn erst recht, ja durchrüttelte ihn bis ins Mark seines Wesens in der Zeit, als im ganzen Reich jene unseligen Gewalten gegen Religion und Menschenwürde aufstanden und auch in die Hürde seiner Pfarrgemeinde einbrachen. Daß er, gehorsam der Forderung seines Gewissens, ein tapferes Bekenntnis ablegte und in Treue zum inneren Anruf für seine religiöse Überzeugung entschlossen Kerker und Tod auf sich genommen hat: dieser Glaubensmut und Opfergang ist das Erhabenste an ihm. Mit dem Siegel der Bewährung steht er vor uns, der Palmzweig des Überwinders schmückt sein Bild. Unter dem kulturellen wie dem politischen Gesichtspunkt betrachtete Dr. Feurstein die Entscheidung vom Jahre 1933, die zur nationalsozialistischen Machtergreifung führte, als unfaßbar und verhängnisvoll. Wie man bloß ,, diesen Hitler mit seinen diabolischen Augen, der nur Unheil bringt", wählen könne! In seinem teilnehmenden Geist und priesterlichen Herzen aufgeschreckt, verfolgte er mit wachem Sinn und blutender Seele die Entwicklung, um so leidvoller, je mehr sich die Unmoralität und Despotie, der Machtrausch und Kirchenhaẞ offenbarten. Er ließ sich ja nicht von den 107 Scheingütern und Augenblickserfolgen blenden. An die Werte legte er die letzten Maßstäbe an. Freimütig und aktiv verfocht er, was die Geiststimme in ihm für recht und heilig erklärte. Es hätte seiner Art widersprochen, sich entmutigt und tatenlos in ein fatalistisches Hinnehmen der Irrlehre und Gewaltmethode zurückzuziehen. Was er von sich selbst verlangte und seinen Pfarrkindern predigte, war ein klares Stellungnehmen und starkes Handeln aus der Kraft und Richtschnur des christlichen Glaubens gegen die anbrandende Flut des Neuheidentums. Bei solcher Haltung mußte es zum Konflikt mit dem nationalsozialistischen System und Staat kommen. Eine Predigt Dr. Feursteins vom 8. Oktober 1939 erweckte den ersten amtlichen Anstoß. Der Oberstaatsanwalt beim Sondergericht in Mannheim forderte ihren Text ein. Die Sache verlief diesmal noch im Sand. Aber Partei und Gestapo richteten seitdem ein scharfes Auge auf den markanten, bekenntnistapferen Pfarrherrn. Das Bespitzeln und Fallenstellen schüchterte diesen jedoch nicht ein. Seine innere Not über das Maß des Unrechts, der Unbußfertigkeit und Gottlosigkeit zwang ihn zum Reden. Auch daß viele Christen unter den Prüfungen des Krieges, statt sich zu läutern und religiös zu erstarken, lauer wurden und inmitten der Bäche von Blut und Tränen das Leben gierig auskosteten, bedrängte ihn sehr. Daher sprach er in seiner Neujahrspredigt 1941 ein unmiẞverständliches Wort: den Sä Lebens stus. M führun wußt s haben, Natur wird d ,, Man müßte von unserer Pfarrgemeinde erwarten, daß sie in diesen Tagen ernster Entscheidung religiös mehr anspricht, daß sie mehr Eifer zeigt im Besuch des Gottesdienstes, der, Kriegsandachten, im Empfang der heiligen Sakramente. Viele von uns haben den Ernst der Lage noch nicht begriffen. Sie werden ihn begreifen, wenn es zu spät ist. Wieviele feige Mütter gibt es noch, die, anstatt ihre Jugend zur Pflicht aufzurufen, vor ihren eigenen Kindern kapitulieren und so diese kleinen Teufel heranziehen, die sie einmal peinigen werden in der ewigen Verdammnis, weil sie ihre eigenen Mütter verantwortlich machen für ihr zeitliches und ewiges Unglück! Alle, die unter uns, die in diesen Tagen im alten Schlendrian weiterleben, in bürgerlicher Sattheit, im üblichen Genießertum, sind die gewissenlosen Verlängerer dieses Krieges und damit die Feinde ihres Volkes und ihres Vaterlandes. Was von uns Christen heute gefordert wird, ist die heroische Haltung, die eiserne Pflichterfüllung, die Überwindung der Genuẞsucht, der Verzicht auf Tanzereien, sündhaften Geschlechtsgenuß, Nikotin und andere Rauschgifte und Genußmittel. Wir brauchen Menschen, die einer heroischen Haltung fähig sind. Sonst werden wir zum zweitenmal das traurige Schauspiel erleben, daß der Krieg... in der Heimat verspielt wird an den räsonierenden Biertischen, auf den Tanzdielen, von den leichtgeschürzten Damen an den Tischen unserer Kaffeehäuser, von den Kettenrauchern, 108 in Kre heiden wird, lösung genan In der sein u stus, d ,, Du b einer du un und h sen es Bilder treten der M Anku der A gen d achtur zur Sc sal. A um z schon ligen kaste Blut Tagen haben sich t ihres Ein M selber gte er die eiststimme rsprochen, er Irrlehre angte und and starkes ens gegen alistischen tober 1939 im Sonderef diesmal arfes Auge itzeln und Ot über das g ihn zum ieges, statt mitten der rängte ihn iẞverständesen Tagen er zeigt im er heiligen t begriffen. Mütter gibt en eigenen die sie einare eigenen glück! Alle, erleben, in wissenlosen und ihres e heroische Genußsucht, Nikotin und , die einer al das trauielt wird an chtgeschürzenrauchern, den Säufern, Spielern und Kriegsgewinnlern. Wir Christen haben unseren Lebensstil, und der ist geprägt durch das Beispiel des gekreuzigten Christus. Man braucht uns keine Vorträge zu halten über heroische Lebensführung. Die haben wir, wenn wir unserer übernatürlichen Sendung bewußt sind und das ungebrochene katholische Lebensgefühl uns bewahrt haben, nicht nur mit der Muttermilch eingesogen, sondern längst als zweite Natur in uns ausgeprägt. Der Christ allein, der diesen Namen verdient, wird die kommenden Dinge zu meistern wissen; denn seine Kirche ist die in Kreuz und Leid geprüfte, bewährte und sieghafte Kirche. Für den Neuheiden unserer Tage dagegen ist, wenn sein Miẞerfolg einmal offenbar wird, der Selbstmord die einzige und letzte Lösung oder vielmehr Nichtlösung der Rätsel seines Lebens, der letzte traurige Ausklang seiner sogenannten tragischen Lebensform". In derselben geistlichen Rede trägt er dann das christliche Schuldbewußtsein und Anliegen in Form dieses ergreifenden Confiteor- Gebetes vor Christus, den Herrn und König der Zeiten: ,, Du bist gekommen, um alle, die das Ebenbild Gottes an sich tragen, zu einer wundervollen Einheit zusammenzuschließen. Zu diesem Zwecke hast du uns zu deinen Brüdern eingeweiht und zu Kindern desselben Vaters und hast diese Weihe besiegelt mit deinem kostbaren Blute. Aber wir wissen es besser! Wir Menschen zerfleischen uns gegenseitig in jammervollen Bildern des Hasses, treten unsere christliche Würde mit Füßen und vertreten unsere Ansprüche mit der Ethik des Raubtieres. Das ist der Ablauf der Menschheitsgeschichte seit Jahrtausenden gewesen. Einst, vor deiner Ankunft, war es Unwissenheit und Mangel an sittlicher Kraft. Heute, in der Ära des Christentums, geschieht es trotz deinem Beispiel und entgegen dem Grundgesetz der Liebe, das du uns gegeben hast, und unter Miẞachtung der Gnade, die uns zu ungeahnten Höhen emporführen sollte, und zur Schande unseres christlichen Namens. Wir verdienen daher unser Schicksal. Aber du bist die Güte, du bist das ewige Erbarmen. Du hättest einst um zehn Gerechter willen die Lasterstädte Sodoma und Gomorrha verschont. Du wirst dich auch deines heiligen Volkes erbarmen: um aller Heiligen willen, die je auf deutschem Boden ihre Nächte durchwachten, sich kasteiten, ihr Flehen zu dir hinaufschickten, ihre Liebe versprühten, ihr Blut vergossen; um der edlen und heiligen Seelen willen, die in diesen Tagen beten und büßen; um der 7000 willen, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor dem Götzen Baal, die nicht das Zeichen der Bestie tragen, die sich trotz aller Verfolgung die Freiheit ihrer Entschließung und den Mut ihres Bekenntnisses bewahrt haben." Ein Mann des Einklangs zwischen Wort und Tat, gesellte sich Dr. Feurstein selber in den bedrohten Vortrupp der Tapferen und Edeln hinein ,,, die 109 ihre Knie nicht beugen vor dem Götzen Baal". Wider die Halbheit, Passivität und Verwirrung, denen allzu viele anheimfielen, ruft ihn sein Amt und Inneres auf. In privater Unterhaltung spricht er sich stets eindeutig gegen die nationalsozialistische Lehre und Praxis aus. Immer stärker ergreift ihn der Gedanke, jene hinterlistigen Gewalten könnten nur durch eine geschlossene Front gegen sie überwunden werden; es müsse etwas geschehen, daß dem Volke die Augen aufgehen; die Bischöfe möchten sich einmütig und offen gegen Hitler und seine Regierung erklären, auch um den Preis vieler Martyrien, denn nur durch Blut lasse sich diese Blutschuld löschen. Es machte ihm viel zu schaffen, die Klugheit und Feigheit auseinanderzuhalten. Sein stürmischer Eifer und sein heißes Blut drängten ihn zum Kampf und zum Opfer. Sind wir nicht zu furchtsam und damit zu feige, fragte er sich oft. Müßte man den bellenden Hunden, statt ihnen ängstlich auszuweichen, nicht mit Prügeln entgegentreten und sie bellen und schließlich beißen lassen? Zwar verschloß er sich nicht gegen die äußere Tatsache der Vergeblichkeit der partiellen Vorstöße und hatte Sorge für seine Vikare, daß sie sich nicht in Predigt und Katechese straffällig machten und sich in nutzlosen Schaden brächten. Doch seiner selbst wollte er auf die Dauer nicht schonen, sondern einmal losschlagen und anstelle des ewigen Leisetretens sich erheben gegen die Lüge und die Verfolgung. geschriebe Dr. Feurst und Anfor nisierte Ti sei ein ei Frieden. Ein schwerer Kampf, den Dr. Feurstein in sich ausfocht! Am meisten gewährte er seinem engsten Freund, dem Pfarrer von Mindelaltheim, in dessen stillem Pfarrhaus er gewöhnlich die Ferien verbrachte, so auch die letzten, Einblick in dieses Ringen seiner Seele. Es ließ ihm keine Ruhe, er fühlte sich verpflichtet, auch auf der Kanzel zum offenen Angriff weiterzuschreiten. Gelegentlich der Glockenabgabe wagte seine Predigt vom 7. Dezember 1941 gefährlich freie Worte. Wohlgesinnte mahnten Dr. Feurstein zu größerer Vorsicht, zu menschlicher und pastoraler Klugheit; seine Worte hätten bei der Partei böses Blut gemacht. Allein die Einrede eines geistlichen Mitbruders wies er kategorisch zurück: ,, In meiner Neujahrspredigt werde ich erst richtig mit ihnen abrechnen. Ich bin schon daran, Beweise für diese Predigt zu sammeln. Wenn sie mich dann abführen wollen ich bin bereit!" - schichte v in Widers des Raub also fress vor gefal religiöser den übera Also nicht in einer Augenblickswallung, sondern aus klarer Überlegung und längerer Vorbereitung sowie im vollen Bewußtsein der Folgen ist jene Ansprache priesterlichen Bekennermutes entstanden, die er am Neujahrsmorgen 1942 beim Achtuhr- und beim Zehnuhr- Gottesdienst in seiner Stadtpfarrkirche hielt. Sie war eine umfassende, auf den Grund stoßende Anklage gegen das antichristliche Toben des Nationalsozialismus. Leider können wir sie nicht wörtlich wiedergeben. Weder liegt uns im Augenblick das Original, noch eine zuverlässige Nach- oder Abschrift vor, sondern lediglich der hand110 brief 13, für den F ,, er sich a vor den G ungeschrie jedes Mer Im zweite mitanhört schönen G würden. dem imme den Priest losen Men Zahl der Vergottun ziehung in Verständl Anhang s Stadtpfar stürzten H mal die W koste. Es griff werd stein zur digt zu P erweiterte des Beam ssivität mt und gegen eift ihn ine ge chehen, inmütig en Preis löschen. nderzuKampf ragte er auszulieblich che der Vikare, sich in Dauer n Leise. Esten ge in desauch die Ruhe, er weitervom igt Dr. Feurit; seine de eines rechnen. Wenn sie erlegung ist jene eujahrser Stadt Anklage nnen wir Original, er handgeschriebene, schwer entzifferbare Entwurf zum ersten Teil. Darin bezeichnet Dr. Feurstein den Weltkrieg mit seinem Übermaß an Grausamkeit, Leiden und Anforderungen geradewegs als Wahnsinn. Während jedes höher organisierte Tier seine Art schone, töte der Mensch seine eigenen Artgenossen. Es sei ein einziger blutiger Hohn auf die Weihnachtsbotschaft vom ewigen Frieden. Dahin führe also der Abfall von Gott, und so müsse die Geschichte verlaufen, wenn der Mensch, das große Wagnis der Schöpfung, in Widerstreit seiner Triebverhaftung gegen den Geist zum Standpunkt des Raubtieres herabsinkt: ich bin stärker als du und du bist fetter, also fresse ich dich! Dann nahm die Ansprache Bezug auf die kurz zuvor gefallene Drohung Hitlers gegen eine mögliche Erhebung unter religiöser Tarnung. Der Prediger schloß eine gewaltsame Revolution für den überzeugten Katholiken aus. Er forderte unter Hinweis auf Römerbrief 13, 4 zur Hochachtung vor dem Staatsoberhaupt auf und zum Gebet für den Führer, daß ,, er sich auf der Höhe seiner Aufgabe halte, daß er in Ehrfurcht stehe vor den Gesetzen Gottes, vor dem Rechte seiner heiligen Kirche, vor dem ungeschriebenen Rechte jedes Volkes und vor der persönlichen Freiheit jedes Menschen." - - Im zweiten Teil er sei nach der Bezeugung des Vikars, der die Predigt mitanhörte, wiedergegeben verabschiedete sich Dr. Feurstein von seinen schönen Glocken, die, wie er prophezeite, nie mehr den Frieden einläuten würden. Er spricht über die Schmach und Schande des Gewissensterrors, dem immer mehr Menschen erliegen müßten, über die Kirchenverfolgung, den Priesterhaß und Klostersturm, über die Ermordung von unschuldigen, wehrlosen Menschen, von Krüppeln und Schwachsinnigen, und gab die damalige Zahl der so Beseitigten mit 114 Million im Altreich an. Er geißelte die Vergottung der Rasse und die Verdrängung alles Religiösen aus der Erziehung in Schule und Öffentlichkeit. Verständlich, daß die Predigt großes Aufsehen erregte. Die Partei und ihr Anhang schimpfte und drohte, die Getreuen fürchteten um ihren verehrten Stadtpfarrer. Er selbst behielt die Gelassenheit erfüllter Pflicht. Der bestürzten Haushälterin erwiderte er beim Heimkommen etwa so, einer habe mal die Wahrheit sagen müssen, das sei nun er, und wenn es ihm den Kopf koste. Es war denn auch nicht zu erwarten, einen solch enthüllenden Angriff werde die Gestapo hinnehmen. Am Dreikönigstag holte sie Dr. Feurstein zur Vernehmung aufs Rathaus. Dort diktierte er seine gehaltene Predigt zu Protokoll. Er begnügte sich nicht damit. Mündlich erläuterte und erweiterte er noch seine Anklage gegen das gottlose System. Auf die Frage des Beamten: ,, Nicht wahr, Herr Pfarrer, wenn auch manches Wort richtig 111 ist, was Sie da ausführten, so war es doch wenigstens unklug, das jetzt zu sagen", gab er die Antwort des freien Mannes: ,, Lieber wollte ich in meinem Leben hierin unklug gehandelt haben, als dauernd feig." Und seinem Mindelaltheimer Freund schrieb er noch am Abend: ,, Ich bin in die Klauen der Gestapo gefallen wegen einer Predigt. Bete für mich, daß ich alles gut überstehe, denn ich werde kaum mehr zurückkommen. Verbrenne alles, was Du von mir hast, damit Du meinetwegen nicht in Schwierigkeiten kommst! Und nun in Gottes Namen weiter! Möge das Opfer angenehm sein in den Augen Gottes und zum Nutzen der Kirche das mein Suscipiat! Dein treuer Heinrich. - Tags darauf am Nachmittag, als er seinen zum Dies versammelten Konfratres eben eine ergreifende Ansprache zur Andacht gehalten hatte, verhafteten ihn zwei Gestapo- Leute und brachten ihn nach Konstanz in das Untersuchungsgefängnis. Das Karlsruher Kultusministerium schickte ihm ein Verbot zur Erteilung des Religionsunterrichtes in den Schulen Badens nach; völlig wahrheitswidrig behauptete es, die ,, äußerst gehässigen Ausführungen" der Predigt hätten viele Besucher des Gottesdienstes, darunter auch Wehrmachtsangehörige, veranlaßt, aus Protest die Kirche vor dem Ende der Predigt zu verlassen. Der Unterstellung, sie habe beunruhigend, statt befreiend und klärend gewirkt, wollten Bürger der Stadt durch ein Gesuch mit etwa 130 Unterschriften bei der Landesstelle der Gestapo entgegentreten und die Haftentlassung erwirken. Es wurde alsbald beschlagnahmt, und die Sammlerin der Unterschriften kam von ihren fünf unmündigen Kindern weg längere Zeit ins Gefängnis. durfte er engt. Be der Verk empfang nachdem ,, wahnsin Der Leidensweg des Kämpfers für Kreuz und Kirche, für Volk und Gemeinde, begann. Der Pfarrei, in der er 36 Jahre mit apostolischer Glut, mit der Vielseitigkeit seiner Geistesgaben und mit hochsinniger Nächstenliebe segensvoll gewirkt hatte, entriß man den, der ihr Hirte und Vorbild zugleich gewesen war. In der Not und Einsamkeit des Kerkers wird er durch Dulden und durch briefliche Anweisungen das Priesteramt für die Gemeinde fortsetzen, wird er vor allem ihr großer Beter und Opferer bleiben. sen, und fängnisa ordnete. Konstan ,,... in munion, stark ni dieser a Dr. Feurstein stand im 65. Lebensjahr; seine Gesundheit war durch ein Magen- und Blasenleiden schwer angeschlagen; er besaß einen aktiven und agilen Geist, ansprechbare Nerven und den lebhaftesten Drang nach seelsorgerlicher, sozialer und wissenschaftlich- künstlerischer Betätigung. Auf ihn mußte daher die Härte, Verlassenheit und Tatenruhe des Gefängnisses grausam wirken. Dazu verschärfte die Gestapo zwischendurch, anscheinend weil die erhoffte Zermürbung nicht eintrat, geflissentlich seine Lage. Er bekam zunächst das Brevier nicht mit in seine Zelle. Nur an eine Adresse 112 teure, S derwerti Seele, s in der und es daß ma die Ver morgens Die Nä Arbeit 20 eine Er sung tä sie ist der Bru Form d wendige fangene nicht gu groß se Krankh auch di Stand, sal, son großen - Daz vollkom man si 8 Sieger etzt zu en, als . Bete zurücktwegen Möge er Kirn Konte, verin das te ihm Badens en Ausarunter or dem higend, urch ein po ent. eschlagunmün und Geer Glut, ächstenVorbild wird er für die Opferer urch ein diven und ach seelng. Auf Engnisses cheinend Lage, Er Adresse durfte er schreiben und war bei dem, was er mitteilen wollte, sehr eingeengt. Besuche ließ man nicht zu. Eine Zeitlang wurden ihm jede Lektüre, der Verkehr mit dem Gefängnisgeistlichen, das Beichten, der Kommunionempfang und sogar die Teilnahme am Gefängnisgottesdienst verboten. Erst nachdem er, wie er sich dem Gefängnisgeistlichen gegenüber ausdrückte, ,, wahnsinnig gehungert" hatte, durfte er sich zusätzliche Kost schicken lassen, und er mußte erst völlig heruntergekommen sein, bis ihm der Gefängnisarzt wegen der Herz- und Verdauungsschwäche Wermutwein verordnete. Wie tief er die Not empfand, macht einer seiner Briefe aus dem Konstanzer Gefängnis sinnfällig: - ,,... in diesem scheinbar gottverlassenen Hause, ohne Messe, ohne Kommunion, ohne jedes christliche Zeichen. Es ist klar, daß die Umwelt so stark niederziehende Wirkung ausübt. Man ist mindestens äußerlich einer dieser armen Menschen, die den Weg verfehlten, dieser Schmuggler, Deserteure, Schwarzschlächter, Landstreicher, Diebe, Verbrecher, Zuhälter, Minderwertigkeitsgefühle melden sich, man wird nicht nur durch die Nacht der Seele, sondern auch des Geistes geführt; man fühlt sich wie der Heiland in der Ölbergsnacht mit dem Seelenschmerz aller Jahrtausende bedeckt, und es fällt schwer zu glauben, daß man in Wirklichkeit König ist und daß man als gekrönter Sieger das Feld behauptet. Es ist dann weiter die Vereinsamung. Einzelhaft in einer kleinen Zelle von 21/ 4X414 m von morgens bis abends und von abends bis morgens ist ein bitteres Erlebnis. Die Nächte sind endlos lang, die Sonntage, da der Spaziergang und die Arbeit ausfällt, endlos und ohne jeden Reiz. Hier sind Gebet und Arbeit eine Erlösung. Der Gefangene unterliegt dem Arbeitszwang. Die Zuweisung täglicher Arbeit wird nicht als Zwang oder Entmündigung empfunden, sie ist eine Wohltat, bringt Ablenkung und Bewegung. Dazu kommt der Bruch mit allen Beziehungen, Lebensgewohnheiten, eine ganz schlichte Form der Lebensführung, auf der ganzen Linie nur das unbedingt Notwendige, viele den Priester und den Gebildeten und den schuldlos Gefangenen beschämende Einzelheiten. Aber schließlich soll es der Gefangene nicht gut haben und muß auch die zahlreichen kleinen Unbequemlichkeiten groẞ sehen, aus den großen Zusammenhängen verstehen. Nicht nur die Krankheit ist ein Stand nach den Worten des heiligen Vinzenz von Paul, auch die Gefangenschaft, die Haft des nicht schuldig Gefangenen ist ein Stand, nicht teuflisches Verhängnis, sondern göttliche Fügung, nicht Schicksal, sondern Gnade, Anstoß und Möglichkeit zur letzten Reife, zu einer großen, wenn auch schmerzlichen Lösung und damit Schule der Heiligkeit. -Dazu kommt die Ungewißheit des eigenen Schicksals. Man fühlt sich vollkommen rechtlos, preisgegeben, überliefert, man spinnt... ins Nichts, man sieht sich angenagt... 8 Sieger in Fesseln 66 - 113 Anfechtungen der Verzagtheit überkamen ihn. Er rang tapfer mit ihnen. Daß er für sich nie anspruchsvoll gewesen war, sondern sich beschieden und in Abtötungen geübt hatte, bedeutete für ihn eine aszetische Vorschule auf die Armseligkeit der Gefangenschaft. Zu ihr sagte er sein Ja, wie es am Schluß seines Briefes vom 10. Januar 1942 aufklingt: ,, Ich habe nun jene schlichte Form des Lebens gefunden, die ich mir schon längst gewünscht habe. Ich bin zufrieden." Und an die Haushälterin, die mit Sendungen ihm das Los zu erleichtern suchte, schrieb er einmal: 99 , Verwöhnt mich nicht! Ich will es nicht gut haben, sondern mich nur über Wasser halten; denn ich habe hier eine große Aufgabe zu erfüllen." Es ist menschlich nur allzu begreiflich, daß sich Dr. Feurstein unbeschadet seines Martyrergeistes dann wieder aus der Bitterkeit seiner Gefangenschaft heraussehnte. Er wünschte dringend, daß er, sei es durch den zu früh erwarteten Zusammenbruch des Hitlerstaates, sei es durch die Bemühungen einflußreicher Gönner, sei es durch eine Aktion seiner Pfarrbevölkerung bald frei werde. Aber alle drei Hoffnungstaue rissen. Schmerzlich enttäuschte ihn das. Doch wurde er mit diesen geistigen, seelischen Bedrängnissen fertig. Er versank weder in Verzweiflung oder Hader mit Gott, noch in Lethargie oder Stumpfheit. Er maß seinem Leiden eine große Mission zu und war entschlossen, seinen Kreuzweg, so es Gottes Wille sei, zu Ende zu gehen. In den einsamen Stunden ging ihm aus eigenem Erleben auf, daß in christlicher Sicht das Leben ein langsames Losschälen vom Irdischen, das Leiden Läuterung und Gewinn ist. Jenes Sichfügen und Vertrauen strömten immer mehr in ihn ein, das aus einem von ihm verfaßten Gebetstext spricht, den man nach dem Tode in seinem Brevier fand: ,, Je tiefer wir in Leid und Schmerz versenkt sind, desto näher ist uns der gütige Jesus, der Mann der Schmerzen, mit seinem Trost und Frieden. Und auch Maria weiß, was Leiden heißt. Sie ist die Trösterin der Betrübten, das Heil der Kranken, sie wird in diesen Tagen und Stunden am Herzen ihres Sohnes uns die Gnade der Geduld und Gottergebenheit erflehen. Dein Wille, Herr, geschehe, Wenn ich's auch nicht verstehe!" Er suchte die Zeit und Werte seiner Haft zu verstehen und auszunützen in geistige Früchte. Deshalb erbat er sich in seine Zelle kostbare Werke der Gefangenenliteratur: Dostojewskij, Memoiren aus einem Totenhaus; Silvio Pellico, Meine Gefängnisse; Kraus, Im Kerker vor und nach Christus. Ebenso ließ er sich theologische und erbauliche Schriften kommen: die Paulusmonographie von J. Holzner; Hallfeld, Wende zu Christus; Leiprand, 114 Vinzer Kreuz Schmi vier, konnt dieser verbu bot u und e griffe Neber er in gesch sönlic abzul trage teten tragte gegar nes G reits sich d ihr s Stärk sowie zuko hung rückt ,, Ich Halte schli Du k ches mat. Bis halte ordn Was da i den tägi 80 ihnen. chieden Tschule Ta, wie schon eichtern ur über 1." schadet fangenden zu die BePfarrbe chmerzhen Beit Gott, Be Missei, zu Erleben vom Ird Ver. rfaßten d: uns der Frieden. der Beden am heit eritzen in rke der : Silvio hristus. en: die eiprand, Vinzenz von Paul; Zimmermann, Aszetik; Dantes Inferno; Johannes vom Kreuz, Aufstieg zum Berge Karmel; Friedrich Heiler, Das Gebet; Josef Schmid, Das Lukasevangelium. Besonders sehnlich erwartete er sein Brevier, das die Gefängnisverwaltung ihm doch nicht dauernd vorenthalten konnte. Während er körperlich litt und schwächer wurde, hielt er mit Hilfe dieser gedruckten Freunde seinen Geist aufrecht, seine Seele stark und gottverbunden. Am meisten war er beglückt, als er nach einem längeren Verbot unerwartet am Karsamstagmorgen die Sakramente empfangen konnte und er zusammen mit dem Gefängnis geistlichen in der Öde seiner Zelle ergriffen die vere beata nox feierte. Neben dem, was es für das Hauswesen zu regeln und anzuweisen gab, war er in seinen Briefen vor allem für eine geordnete Fortführung der Pfarrgeschäfte besorgt. Er nahm darin regen Anteil an den geistlichen und persönlichen Vorgängen seiner Gemeinde. An den Vikar schrieb er, wie die abzuliefernden Glocken zu beschriften, die Gefallenen ins Totenbuch einzutragen, die Schulden zu tilgen, die Firmung zu gestalten, die alten gestifteten Messen zu behandeln, die Kirchendächer zu decken seien. Er beauftragte das Pfarrhaus, die von teilnehmenden Freunden ihm in die Haft zugegangenen tröstenden Zeilen herzlich zu erwidern und die Adressaten seines Gebetes zu versichern. Seine mildtätige Hand, die, ohne zu rechnen, bereits ein stattliches Vermögen den Notleidenden zugeführt hatte, öffnete sich auch vom Gefängnis aus weit der christlichen Caritas. Einer Frau, die ihr sechstes Kind bekam, läßt er einen Geldbetrag, einem Operierten eine Stärkung, mehreren Familien und Bedürftigen zu Ostern und Pfingsten sowie einer Kranken auf jeden ersten Freitag eine finanzielle Unterstützung zukommen. Einer Person, die ihn beleidigt hatte, schickt er seine Verzeihung und sein Gebet. Einem jungen Verwandten, der zur Marine einrückte, läßt er diese Abschiedsworte väterlicher Mahnung übermitteln: ,, Ich habe in diesen 13 Jahren manches für Dich getan, vergiß es nicht! Halte Dich brav! In den Kneipen der Hafenstädte treiben sich allerlei schlimme Elemente herum. Vergreife Dich nie an einem schlechten Weibe, Du kannst Dich seelisch und körperlich für immer ruinieren! Dein tägliches Gebet sei das Geheimnis Deiner Kraft und Dein Trost fern der Heimat. Gott segne und schütze Dich!" Bis zum 5. Juni 1942 ward Dr. Feurstein zu Konstanz in Einzelhaft gehalten. Obgleich seine gebrochene Gesundheit Lagerfähigkeit ausschloß, ordnete das Reichssicherheitshauptamt die Verbringung nach Dachau an. Was kümmerte Berlin schon ein solches Justizverbrechen! An dem Tage, da in seiner Pfarrei daheim die Firmung gespendet wurde, schleppte man den abgezehrten Priestergreis über Bodensee und Allgäu ab. Nach neuntägigem Transport zog er am Feste des heiligen Johannes des Täufers, des 8. 115 - und Patrons seiner Pfarrkirche, der über das Unrecht seines Despoten auch nicht geschwiegen hatte, halb tot im Konzentrationslager als Gefangenennummer 30594 ein. Dachaus Entmenschung und Hunger mußten sollten wohl auch seinen baldigen Tod herbeiführen. Der Ärmste hatte nicht einmal Schuhe und Strümpfe. Er wurde dazu bestimmt, die Abortanlagen der Stube 1 und 2 des Zugangsblocks sauber zu halten. Barfuß und sterbenselend mußte er den ganzen Tag auf dem nassen Zementboden herumlaufen, Wasser schleppen und die Böden reinigen. Freilich gelang es geistlichen Mithäftlingen, ihn am 11. Juli auf den Pfarrerblock zu bringen. Ein badischer Mitbruder, der ,, Schlafsaalkapo" war, nahm ihn zu sich auf die Stube, bettete seinen Strohsack neben den eigenen und nahm dem völlig Entkräfteten an Arbeit alles ab, was nur möglich war. Dr. Feurstein litt namenlos unter seinem körperlichen Gebrechen. Dabei mußte man seinen Zustand verheimlichen, sonst wäre er alsbald bei der Zusammenstellung des nächsten ,, Himmelfahrtskommandos" mit anderen Unglücklichen in die Gaskammer geschickt worden. Die Schmerzen nahmen immer noch zu. Weil tagsüber die Benützung des Bettes" streng untersagt war und er anderswo seinen Stubenkameraden im Wege gewesen wäre, legte er sich untertags oft unter den Tisch. Des Nachts mußte man den vor Qualen Stöhnenden beruhigen, auch um derjenigen willen, die tagsüber wieder zur Arbeit auszurücken hatten. 25 Die leibliche Gebrechlichkeit verlangte ihren Tribut. Aber seine Seele blieb groß inmitten schlimmster Qualen. Alles wollte er den andern geben: sein kärgliches Brot, sein armseliges Essen. Er begnügte sich mit ein paar Bissen, und die mußte man ihm aufnötigen. Seine Gedanken waren ganz auf Leiden und Sühne gerichtet. scher P ein ge körperl dings ursache Täglich ging er zur heiligen Messe und zur heiligen Kommunion. Als jener priesterlich hilfsbeflissene Landsmann ihm einmal Mut zusprach und ihn aufmunterte, sein Leben als Opfer für die Rettung unseres Vaterlandes vor der Gottlosigkeit Gott aufzuopfern, entgegnete er, das habe er schon längst getan. Und ein anderesmal bekannte er ihm: ,, Täglich opfere ich mich dem Herrgott auf für meine Pfarrgemeinde Donaueschingen, damit der liberale Geist verschwinde, die Lauheit weiche und alle meine Pfarrkinder eifrige Katholiken und ganze Katholiken sind." Trotz aller Fürsorge seiner Mitpriester, wie sie freilich gerade in jenem schlimmsten Hungerjahre Dachaus nur beschränkt möglich war, ging es mit Dr. Feurstein rapid abwärts. Obschon man ihm abriet, sich krank zu melden, weil Aufnahme ins Revier für die meisten den Tod bedeutete, ließ er sich nicht davon abbringen. Offenbar vermochte er seinen Zustand nicht mehr auszuhalten. Am Freitag, den 31. Juli kam er ins Revier. Am Sonntagnachmittag 1 Uhr erfuhren die Kameraden seinen Heimgang. Ein schlesi116 seine A Wandn Im Ge sein Fi gelöst, Predig kündet ,, Der T im To gehind kein E alle So ist nic barmu In jen sich se Unwes klarbe am zw Den h Fruch griffe Seine Es gl zu ge seque christ des E und Dr. F Das det v ihn a Joch rufes Mens , auch genen- — und hatte Abort- Barfub tboden gelang u brin- zu sich m dem urstein an sei venstel- klichen r noch ar und gie er Qualen wieder le blieb n! sein ar Bis- scher Priester hatte ihm heimlich noch die heilige Olung gespendet. An ein gewaltsames Ende ist nicht unbedingt zu denken; denn die letzte körperliche Kraft war völlig aufgebraucht. Die amtliche, darum aller- dings noch nicht zuverlässige Mütteilung gibt Darmkatarrh als Todes- ursache an. Feursteins Leiche wurde am 5. August in Dachau verbrannt, seine Asche am 30. September in der Donaueschinger Stadtkirche in einer Wandnische neben einem ehemaligen Beichtstuhl feierlich beigesetzt. Im Geiste des Opfers hat Dr. Feurstein seinen Tod hingenommen. Er hatte sein Fiat gesprochen und sich von der Verhaftung an die Dinge dieser Welt gelöst, bevor der Engel des Todes seine Stirne gezeichnet hat. Was seine Predigt vom Seelensonntag 1941 den Pfarrkindern gläubig und trostvoll kündete, das war ihm selbst zur Gewißheit, zur seelischen Haltung geworden: „Der Tod ist nur scheinbar ein Verlust, in Wirklichkeit ein Gewinn, weil im Tode die hemmenden Schranken des Fleisches fallen und die Seele un- gehindert hineinflammt in jenes andere Leben am Herzen Gottes, dessen kein Ende ist. Der Tod ist daher höchster Gewinn. So gesehen, verblassen alle Schrecken des Todes, und das Rätsel des Sterbens ist gelöst: der Tod ist nicht mehr Grausamkeit der Natur, sondern eine der ganz großen Er- barmungen Gottes— Hingang zum Vater.“ In jenen Tagen, da Dr. Feurstein in schwerster Auseinandersetzung mit sich selbst zu letzter Offenheit der Anklage gegen das nationalsozialistische Unwesen und damit in voller Kenntnis des herrschenden Terrorsystems zur klarbewußten Selbstpreisgabe sich durchrang, hat er in seiner Pfarrkirche am zweiten Weihnachtsfeiertag 1941 eine seiner tiefsten Predigten gehalten. Den heiligen Stephanus als Blutzeugen für seinen Glauben, als erste reife Frucht am Baume der jungen Kirche feiernd, verbreiteie er sich darin er- griffen über die Größe, Notwendigkeit und Zeitgemäßheit des Martyriums. Seine Worte spiegelten seine tiefste Überzeugung und Gesinnung wider. Es glühte in ihnen seine eigene Bereitschaft, hierfür in Schmach und Tod zu gehen. Deshalb kennzeichnen sie ihn selbst und die gerade, eherne Kon- sequenz seines Handelns. Was er hier predigte, hat er, haben viele andere christuserfüllte Bekenner aus der jüngsten Vergangenheit in der Schule des Erzmartyrers der Kirche durch die Tat vorgelebt. Als Zeugnis über ihn und als religiöses Vermächtnis für uns seien daher die Stephanusworte Dr. Feursteins aufbewahrt: „Das Martyrium ist etwas Großes als freiwillige Tat. Mancher Kranke lei- det vielleicht mehr, als ein Martyrer litt, aber die Krankheit kommt über ihn als Verhängnis, ohne seinen Willen, und er hat Stunden, wo er sein Joch abschütteln möchte. Andere tragen schwer unter der Last ihres Be- rufes, an Vermögensverlust, an den Folgen des Krieges, am Verlust lieber Menschen. Das ist Schicksal, Verhängnis, höhere Fügung, der man sich 117 nicht entziehen kann. Aber der Martyrer konnte anders! Er geht mit freier Entscheidung in den harten Tod, er weiß, daß seine Predigt, seine Lehre, sein Verhalten, sein offenes Bekenntnis zu Christus ihm das Leben kostet, und trotzdem setzt er die Tat, im vollen Bewußtsein der Tragweite seines Handelns. Gewiß nicht ohne Bangen und Hangen, ohne den Reiz der Welt und des Lebens zu verspüren, ohne die Versuchung, irgendwie sein Leben zu retten. Aber er ringt sich durch, und während rechts und links die Feigen sich ducken und fallen, bleibt er fest wie ein Fels. Er gehört zu den Gesiebten, die die Probe des Satans bestanden haben. Der Kranke kann nicht anders, er muß seine Schmerzen aushalten. Aber Martyrer sein, heißt, sich selbst in den Glutofen des Leidens stürzen, den Sturm kommen fühlen und ihn über sich ergehen lassen als Ruf der Pflicht, um Christi willen und zur Ehre seiner heiligen Kirche. Und noch ein Zweites! Das Martyrium ist uns groß, weil es ein öffentlich schmachvolles Sterben ist, begleitet von dem wilden Triumph eines gehässigen Pöbels. Wenn wir Schmerzen haben, können wir sie friedlich zu Hause austragen, gehegt und gepflegt von liebenden Menschen, und wenn es zum Sterben kommt, wird irgend ein guter Mensch uns die Augen zudrücken. Anders der Martyrer. Er stirbt als Gegenstand des Hasses, er verfällt der allgemeinen Verachtung. Während selbst der Verbrecher manchmal Mitleid erntet, ist sein Ende verflucht. Aber das alles dauert nur einen Augenblick: in der kurzen Spanne eines heiligen Todes besitzt er die Krone des Lebens, und nach kurzen Jahren und Jahrzehnten, wenn der Allmächtige die Verfolger mit dem Hauche seines Mundes getötet hat, beginnt sein Nachruhm auf ewige Zeiten, indes die Feigen, die ihre Seele verkauften, der Vergessenheit anheimfallen. Die langen Friedensjahre haben bei uns die Meinung hochkommen lassen, als ob der Martyrer der Vergangenheit angehört. Nichts ist falscher als das. Das Martyrium als Bekenntnis, als gefahrvolles Bekenntnis ist mit jeder gesunden Entwicklungsspanne unserer heiligen Kirche naturnotwendig verbunden. Das muẞ so sein, weil das Christentum dem Geiste der Welt entgegengesetzt ist, weil sich seine Auseinandersetzung mit der Welt dauernd in polaren Gegensätzen, in ewigen Spannungen vollzieht. Die Zeugenschaft, das Martyrium, das blutige und unblutige, gehört daher zu den Baugesetzen der Kirche und ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Selig die Zeiten, in denen dieser Gegensatz lebendig ist, wo sich die großen Entscheidungen vollziehen, wo in mutigem Bekenntnis oder in feiger Verleumdung sich die Geister scheiden, wo die Spreu vom Weizen sich trennt und die Kirche als die treue Braut Christi sich darstellt ohne Makel und Runzel. Auch unsere Zeit ist von dieser Art. Auch wir erleben eine Wiederkehr des Martyrertums in blutiger und unblutiger Form. Wir grüßen sie, 118 alle die N Glaubens drängten im Gefä treuen L als es de serer Ki Beten wi Ernstfall langt. A t mit edigt, n das n der ohne hung, hrend ie ein en haalten. Fürzen, f der entlich gehäsch zu wenn en zues, er alle die Martyrer unserer Tage, auch die unblutigen Zeugen ihres heiligen Glaubens, die wegen ihrer heiligen Überzeugung aus ihrer Stellung verdrängten Priester und Laien, alle die Abgesetzten, die Strafversetzten, die im Gefängnis und Konzentrationslager schmachtenden und bekenntnistreuen Laien. Vielleicht schlägt ihnen rascher die Stunde der Befreiung, als es den Anschein hat. Auf alle Fälle werden sie in der Geschichte unserer Kirche fortleben als Confessores Christi, als Bekenner Christi. Beten wir heute wieder um den Geist des heiligen Stephanus, daß wir im Ernstfall als katholische Christen das tun, was die Stunde von uns verlangt. Amen." recher dauert Desitzt wenn et hat, Seele assen, er als st mit otwente der - Welt e Zeuzu den Selig Entleumat und RunViederen sie, 119 HIELDEGCARD SCHADEN Die Verfasserin des folgenden Beitrages, die Tochter eines evangelischen Theologieprofessors aus Kiel, wandte ihr Studium und ihre Promotion der osteuropäischen Geschichte und Christenheit zu. Schmerzlich empfand sie den Zusammenbruch der akademischen Freiheit und Brüderlichkeit durch den Nationalsozialismus. Zunächst mehr aus menschlicher Achtung als in bewußter Glaubensverbundenheit trat sie 1934 der Bekennenden Kirche bei. Der Tod des Vaters 1936 führte sie in die aktive Gemeindearbeit und zum theologischen Studium neben ihrem Berufsdienst. Die Teilnahme an der Kirchlichen Hochschule in Berlin, die 1937 verboten wurde, und die Übersendung von Liebesgaben an deutsch-jüdische Evakuierte in Polen zo-. gen ihr mehrere kurze Polizeiverhöre zu. Seitdem wurde sie bespitzelt. Im Herbst 1943 erfolgte ihre Verhaftung durch die Geheime Staatspolizei. Nach zweimonatiger Einzelhaft erhielt sie, ohne Zulassung eines ordent- lichen Gerichtsverfahrens, den„Schutzhaftbefehl“ wegen„Judenbegünsti- gung“. Nachdem sie ein halbes Jahr Einzelzelle im Berliner Gefängnis ab- gesessen hatte, kam sie in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück bei Neustrelitz. Die Auflösung des Lagers beim Anmarsch der Russen gab ihr am 28. April 1945 die Freiheit wieder.— Der nachstehende Bericht erscheint in erweiterter Form beim Verlag ‚„‚Haus und Schule“ in Berlin. OSTERN IM EZ Mein erstes Vierteljahr der Einzelhaft im Berliner Polizeigefängnis war vorüber. Es war Sonnabend vor dem ersten Advent. Um Mittag hatte es Fliegeralarm gegeben. Rasch waren meine paar Habseligkeiten zusammen- gepackt, jetzt stand ich, bis in die Knochen frierend, zitternd, hungrig in meiner kahlen Zelle, an deren schimmelnden Wänden die Wassertropfen herunterliefen. Die angekündigten fremden Flugzeuge ließen auf sich war- ten. So nahm ich meine Bibel heraus, die ich auf meine Bitte im Gefäng- nis noch haben durfte. Ich wußte, mir stand heute ein noch schwererer Kampf bevor als der mit Einsamkeit, Hunger und Kälte: der Kampf mit dem Bibelwort. Rüsten wollte ich mich auf das Fest der Ankunft des lebendigen Herrn, von dem die Schrift sagt, er sei uns unsichtbar gegen- wärtig und werde einst sichtbar wiederkommen zu uns als der Herr über 120 ER ischen on der nd sie durch als in Kirche it und me an and die len zoelt. Im polizei. wordent günsti nis absbrück en gab Bericht erlin. his war atte es ammengrig in tropfen ch warGefäng wererer Kampf unft des gegenrr über Himmel und Erde. Die Auferstehungsberichte, das Geschehen von Ostern, wollte ich lesen und an ihnen mich prüfen, ob ich Ja sagen dürfe zu dem Wort, daß Jesus Christus der Lebendige sei. Ich hatte mich auf meine Pritsche gesetzt und las. Aber wie die dichte graue Wolkenwand draußen, so lag undurchdringlicher Schleier über diesen Osterberichten. Warum waren die Jüngererzählungen so widerspruchsvoll, so unvollständig, letzten Endes so unbefriedigend? Wer war es, dem Jesus am Ostermorgen begegnet war? Wo war es geschehen? Hatten seine Jünger Glauben gefaßt, und wie und woran glaubten sie? Aufgeregte Frauen, darunter eine, von der Jesus sieben Teufel ausgetrieben hatte, kommen zu den verschüchterten Jüngern und erzählen etwas von leuchtenden Engelsgestalten und deren Worten, was diejenigen, die Jesus am nächsten standen, für Märchen erklären. Diese machen sich aber selbst auf, finden das leere Grab und ,, wundern sich". Dazu dann die schlicht notierte Nachrede von dem Jüngerbetrug: sie selbst, so sei die Rede aufgekommen, hätten den Leichnam aus dem Grabe genommen und hielten ihn verborgen. War dies alles? Sollte ich auf diese Berichte meinen Glauben an den Todesbezwinger gründen, hier Kraft gewinnen zum Leben und zum Sterben? Ich hatte zunächst den Worten aus den frühen Paulusbriefen( besonders 1. Kor. 15) die drei ersten Evangelienberichte, in diesem Fall besonders Matthäus und Lukas, als die angeblich besten Quellen vorangestellt. Nun war ich ratlos, ich grollte und war nahe der Verzweiflung. Nietzsches Antichrist, mit dem ich vorher in der Zelleneinsamkeit einen wechselvollen Kampf ausgefochten, hatte mir weniger zu schaffen gemacht als diese Evangelientexte. Ich schlug als letztes, schon beinahe hoffnungslos, das Johannesevangelium auf. Hier war plötzlich alles ganz schlicht, ganz persönlich gefaßt. Maria Magdalena, so las ich nun, findet in der Morgenfrühe das leere Grab, sie berichtet es Petrus und Johannes, die beiden Lieblings jünger eilen im Wettlauf zum Grabe, der jüngere erreicht es zuerst, verweilt am Eingang des Felsengrabes ,, und sieht die Leinentücher zusammengelegt". Simon Petrus holt Johannes ein, betritt das Grab ,,, sieht die Leinentücher zusammengelegt und das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, beiseite, zusammengewickelt an einem besonderen Ort". Da geht auch Johannes hinein, der zuerst angekommen war ,,, und sah und glaubte es". Was hat Johannes am Ostermorgen gesehen? was geglaubt? Bande, Fesseln sieht er, mit denen man den Leichnam umwickelt hatte, Zeichen der Ohnmacht des Toten. Sie waren nicht verschwunden mit dem Körper des Meisters, die Bande waren vielmehr abgestreift worden und lagen sorgfältig geordnet, sichtbar da. ,, Und das - 121 habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen", diese ersten Worte der Verkündigung stiegen vor mir auf: die Bande, die den aus der Ewigkeit Gesandten an die Erde fesselten von der Geburt bis zum Grabe, sie lagen abgestreift, erledigt am Boden, aber liebreich vom Überwinder den Trauernden dargeboten, zum Zeichen'. Und Johannes sah und glaubte es. - Ein Vierteljahr später geschah meine Überführung in das zentrale FrauenKZ. Ravensbrück. Und wiederum vier Wochen später es war Ostern lag ich mit 40 Grad Fieber im Krankenblock, in der oberen Bettenschicht. Wir lagen dicht nebeneinander, mehrere hundert in einem Raum, zu meinen beiden Seiten eine zum Skelett abgemagerte, leidenschaftliche Polin und ein bronzefarbenes, verträumtes junges Zigeunerkind, dessen schön gewachsene Glieder über und über mit Eiterwunden bedeckt waren. Es war Ostern. Und wie ich es im KZ., seit man mir die Bibel genommen hatte, hielt, daß ich täglich mir und, wo die Gelegenheit sich gab, auch anderen eine Geschichte der Bibel erzählte, so wollte ich mir an diesem Tage die Ostergeschichte erzählen. Doch meine Konzentrationskraft reichte nicht aus, das Fieber versengte mein Gehirn. Ich konnte meine Gedanken selbst nicht sammeln, aber sie waren gesammelt, mein Herz war gesammelt in der Hand meines lebendigen Herrn, es war durchflutet vom hellen Auferstehungslicht des Ostermorgens. - Ein Jahr später, April 1945, Mittwoch vor Ostern, war Generalappell. Wir mußten für unser Leben Probe marschieren vor den SS- Herren, Ärzten und Aufseherinnen. Wer nicht kräftig erschien, dessen Nummer wurde notiert. Wofür? Und ich verspielte, wurde aufgeschrieben und beiseite gestellt. Immer wieder griff man eine Frau heraus. Man ließ uns schließlich abtreten zur Arbeit. Wir Aufgeschriebenen hatten mit stündlichem Abtransport zu rechnen zur Beförderung so wußten wir- ,, durch den Schornstein". Doch auch die Nacht verging ungestört. Am Gründonnerstag, früh vor dem Morgenappell und dem zwölfstündigen Arbeitstag sitze ich neben einer etwa gleichaltrigen, sehr zarten, kränklichen Polin aus meiner Arbeitskolonne; wir schlucken unseren Kaffee und unser Stück Brot. Ich reiche ihr die Hand: ,, Wie schön, daß du es gestern geschafft hast". Sie antwortet: ,, Dich müssen wir auch noch freikriegen, wir werden uns darum bemühen." Am Nachmittag kommt die Arbeitsanweiserin unserer Kolonne zu mir. Sie macht mir gut durchdachte Vorschläge, mit welcher Begründung ich um Streichung von der gestrigen Liste bitten solle. Ich sagte ihr, das stehe mir nicht an, ich könne nicht um mein Leben bitten. ,, Ich wollte es Dir gesagt haben die Entscheidung liegt bei Dir." Ich wußte nun, sie, 122 - die sons in der mittag, nische دوو an:„ N willst? es sei möchtes nicht ir her", s fügte i nicht a sus Ch angetre Gewiss das Le gen Bl stehun Am O Armee aus de hinter meine in ihre Soziali nen O alle zu aus To Wir d Es gal Gering hatten ken. Z uns g dem I erzähl ganze Kame war O Verga ein g 50 die sonst so Aufmerksame und Hilfsbereite, würde selbst in dieser Sache, in der es um das Leben gehen konnte, sich nicht exponieren. Am Nach- mittag, als wir wieder hinauf zur Arbeit gehen, tritt die kränkliche pol- nische Kameradin, eine gläubige Katholikin, etwas unwirsch an mich her- an:„Nun wirst Du doch nicht verrückt sein und sagen, daß Du nicht willst? Ich habe eben der Aufseherin erzählt, Du könntest gut marschieren, es sei ein Versehen, daß man Dich für den Transport notiert habe, Du möchtest gern weiter in unserer Kolonne arbeiten. Nun wirst Du hoffentlich nicht irrsinnig sein und mir einen Strich durch die Rechnungmachen?“„Komm her“, sagte ich zu ihr,„ich muß Dir einen Kuß geben“. Und etwas leiser fügte ich hinzu:„Das kann ich Dir nie vergessen. Ich weiß, Du hast das nicht aus besonderer Vorliebe für mich getan, sondern unserem Herrn Je- sus Christus zur Ehre, der an diesem Tage seinen Todesweg für uns alle angetreten hat. ich weiß, er hat lebendig vor Dir gestanden und Deinem Gewissen keine Ruhe gelassen, bis Du Dich einsetztest für mich, was Dir das Leben kosten konnte.“ Sie schaute mich mit einem versonnenen, güti- gen Blick an; alle Heftigkeit von vorhin war verschwunden. Die Aufer- stehungssonne begann über uns zu leuchten. Am Ostermorgen aber saß ich neben einer Bolschewistin aus der Roten Armee, einer ehemaligen Mathematikprofessorin, die durch ihre Begabung aus dem Bauernstand aufgestiegen war, auf einem umgestürzten Karren hinter einem Schuppen verborgen. Die grauhaarige Russin sang mir auf meine Bitte mit reiner, klarer Stimme altchristliche Osterchoräle, die sie in ihrer Kindheit im Kirchenchor gelernt hatte.„Jesus Christus ist auch ein Sozialist‘“, meinte die bolschewistische Professorin am Schluß unserer klei- nen Ostermorgenfeier.„Der ein und einzige Sozialist aller Zeiten, der uns alle zu Brüdern und Schwestern macht und uns aus aller Verknechtung, ja aus Tod und Todesfurcht befreit“, antwortete ich. Sie schaute fragend drein. Wir drückten einander geschwisterlich die Hand im Ostermorgenlicht. Es gab auch Spitzel unter uns. Sie waren unter Umständen bereit, um ein Geringes, bessere Nahrung und Kleidung, Kameradinnen, die sich etwas hatten zuschulden kommen lassen, in den wahrscheinlichen Tod zu schik- ken. Zwei angesehene Frauen unserer Bürokolonne hatten früh noch mit uns gearbeitet, abends standen sie in der allerdürftigsten Kleidung auf dem Lagerplatz, fertig gemacht für den Straftransport. Die Lagerpolizei erzählte am nächsten Morgen, der Transport habe in eisigem Wind die ganze Nacht auf dem Lagerplatz stehen müssen. Kurz darauf ging jene Kameradin an mir vorbei, die wir für die Denunziantin halten mußten. Es war Ostermorgen, das zweite Ostern im Lager, an dem eigentlich mir die - Vergasung bestimmt war. Ich gab der jungen Frau die Hand, wünschte ihr ein gutes Ostern, was sie freundlich erwiderte, und sagte darauf:„Ich 123 kann unsere beiden in dem Straftransport nicht vergessen, ich sehe sie immerfort vor mir". ,, Sie haben selbst schuld", meinte sie mit steinernem Gesicht. Da wußte ich, daß diese das Leben der beiden auf dem Gewissen hatte. Ich hielt ihre Hand fest: ,, Wer von uns ist denn ohne Schuld?" Sie ließ mir ihre Hand. - das kur wunder auch m aufs ne die Vög die Bef auf den dete, ve Kleidun Zu den schichte daß ich Zu Beginn der Passionszeit vor diesem zweiten Ostern steckte eine Kameradin, die in der Kleiderkammer arbeitete, mir ein Büchlein in die Hand: ,, Kannst Du das lesen? Willst Du es haben?" Es war eine französische Übersetzung des Lukas- Evangeliums. Die Geschichte Jesu durfte ich wieder in ihrem ganzen Zusammenhang lesen, und Gottes Sehnsuchtsruf nach uns Menschen: ,, mich hatherzlich verlangt, dies Osterlamm mit Euch zu essen, ehe denn ich leide", füllte mir das Herz. Besitz von Gedrucktem außer dem Völkischen Beobachter, der im Lager in wenigen Exemplaren ausgegeben wurde, war verboten; insbesondere wurde Besitz und Weitergabe religiöser Schriften gelegentlich streng verfolgt. Ich fragte mich, was aus meinem kostbaren Bücherbesitz ein holländisches Gebetbüchlein hatte sich dazu gefunden werden sollte. Es gab verschiedene Möglichkeiten: weggeben, in den Ofen stecken oder behalten, darunter das im Ofen verbrennen entschieden das sicherste. Es war ja nicht das Göttliche selbst, es war nur bedrucktes Papier und würde drauBen tausendfach ersetzt werden können. Ich hatte die Geschichte von der Verleugnung des Petrus gelesen und sann darüber nach, was die dreifache Frage und dreifache Ableugnung des ängstlichen Jüngers mir sagen wolle. Da wurde es mir klar, es gab drei Wege, den Herrn zu verraten: Jesus Christus selbst abzusagen; sein heiliges Wort das mir in die Hände gelegt warpreiszugeben; mich von seiner Gemeinde, deren Gebete ich in Händen hielt, zu trennen. Ich durfte hier Inneres und äußerliche Verkörperung nicht scheiden, wollte ich nicht zum Verräter werden: ich mußte die mir anvertrauten Bücher behalten und in Ehren halten. Frühling, Erwachen des jungen Lebens draußen unter Gottes Himmel, und drinnen in den Mauern des KZ. das Werk der Zerstörung und Vernichtung! Dieser grelle Kontrast war manchmal an die Grenzen der Fassungskraft gegangen. Was nützte es, daß die jugendlichen Geister unter uns täglich, wenn die Sirene den Schluß des morgendlichen Zählappells ankündigte, mit einem Jubelruf die Arme in die Luft warfen! Es folgte doch der lange, gehetzte Arbeitstag, es folgte der nächste Appell am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang. Da standen wir vielfach Zerlumpten und Kranken eine Stunde, zwei Stunden im Schweigen und beobachteten, wie sich der Himmel färbte und die Sterne erloschen, bis das erste Licht die bleichen, angespannten Gesichter traf. Da lernten wir den Flug der Vögel unterscheiden: das stille Kreisen und den langen Gleitflug der Raubvögel, 124 - Gesicht mer: B oder ni der ge denn s Traum aber ic Träum würde Aufwa den tra angebo Frankf ben be teten, lassen Schmer wir ab das Un oberen sicht, letzte S ten sch Mir t aber v -bed hörten sagt di ken un ehe sie mernem ewissen ?" Sie KameHand: ösische wieder ach uns amm s Herz. ager in wurde ■ lgt. hollänEs gab halten, war ja e drauvon der reifache wolle. : Jesus Hände Dete ich e Vermußte el, und Vernichssungster uns ells ante doch genden en und en, wie icht die Vögel abvögel, das kurzatmige Flattern der Krähen. Und wenn der Gegensatz zwischen der wunderbaren Freiheit dort droben in den Lüften und unserem Sklaventum auch manchmal den Kopf sprengen wollte, so wußte ich es doch immer aufs neue und sagte es den Kameradinnen: Derselbe, der es machte, daß die Vögel über uns in Freiheit sich regen, der kann auch uns Gefangenen die Befreiung schenken, sobald er es will. Derselbe, der die jungen Blüten auf den ärmlichen Rabatten des Lagerplatzes in schimmernde Farben kleidete, vermag auch unseren versehrten Leibern Gesundheit und erwünschte Kleidung zu geben, sobald er es will. Zu den Gefangenen gehören Träume, wie man aus den biblischen Geschichten von Joseph und Daniel weiß. Ich war in den Geruch gekommen, daß ich ,, Träume deuten könne", und so brachten sie mir ihre nächtlichen Gesichte Ihre ausgesprochene oder unausgesprochene Frage dabei war immer: Bedeutet der Traum Gutes oder Schlechtes? werde ich heimkommen oder nicht? Denn Befreiung, Heimkehr war der erste und letzte Gedanke der gefangenen Frauen. Ich fragte sie manchmal scherzend: ,, Könnt ihr denn schon heim? Ich habe hier noch nicht ausgelernt". Denen, die ihren Traum vortrugen, sagte ich zunächst, ich hätte nie ein Traumbuch studiert, aber ich würde glauben, daß Gott durch alle Dinge, also auch durch die Träume, zu denen sprechen will, die Jesus Christus lieb haben. Deshalb würde ich ihnen gerne sagen, was mir, meist am nächsten Morgen beim Aufwachen, dazu einfiele. Einmal habe ich einem gebildeten Mädchen, um den tragischen Ernst ihres Traumes zu mildern, scherzend drei Deutungen angeboten, eine im Sinne des Völkischen Beobachters, eine im Sinne der Frankfurter Zeitung, eine im Sinne der Bibel; unsere Gedanken aber blieben bei der dritten haften. Ich glaubte, diese Sehnsuchtsrufe der Verknechteten, wenn sie zu mir drangen, um Christi willen nicht unbeantwortet lassen zu dürfen, sondern, soweit es mir geschenkt wurde, den Ton ihrer Schmerzen dem Akkord der göttlichen Liebe zuordnen zu sollen. Da saßen wir abends eng gedrängt auf den Rändern unserer Pritschen und suchten das Ungeziefer aus unserer Kleidung; an uns vorbei kletterten sie zu den oberen Betten, traten uns dabei unversehens auf den Arm oder ins Gesicht, von oben baumelten die Beine und Wäschestücke herunter; schräge, letzte Sonnenstrahlen drangen von außen durch die Fenster. Manche schauten schweigend, abgekehrt hinaus in die sich verschleiernde Ferne. ,, Mir träumte", sagte eine alte Frau ,,, ich lag hier in der Baracke, sie war aber viel größer, und ich war rings umgeben von unzähligen Rosenblüten bedeutet das Gutes?" ,, Rosen", sagte ich ihr und den anderen, die zuhörten ,,, das Zeichen der Schönheit, der Freude und der Liebe. Rosen, so sagt die Legende, trug die heilige Elisabeth im Arm, als sie zu den Kranken und Armen ging, und ihr Mann, der Landgraf von Thüringen, ihr das 125 verbieten wollte. Wenn wir einander Zeichen der Liebe ,, Rosen' schenken, kann auch bei uns hier im Totenhaus etwas von Schönheit und Freude sein; ja wahrhaftig, die Baracke wird größer werden: wir werden die Gefängnismauern weniger spüren". ,, Ich reiste mit meinem Mann", hub die 40jährige Frau an, deren Mann ins Ausland geflohen war.., Wir wollten in einem Hotel übernachten, fanden aber nirgends Unterkunft. Schließlich, als wir schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, zeigte ein Wirt uns mehrere schöne Zimmer, die könnten wir haben, aber nur, wenn wir auch das Badezimmer dazu haben wollten. Werde ich meinen Mann wiedersehen?", Wir haben hier keine bleibende Statt", so sagt der Traum ,,, und wir bleiben bedroht von neuer Unruhe und Obdachlosigkeit. Aber unverhofft tut sich uns die Heimat auf, die uns keiner rauben kann. Doch kommen wir hinein nur durch ein Bad. Paulus nennt es ,, das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Geistes." An meinem Geburtstag, kurz vor Ostern, reichte eine greise Frau mir beim Morgengrauen die Hand. ,, Ich wünsche Ihnen die heilige Befreiung". Ich war betroffen von dem ungewohnten Wort; aber es war der rechte Name , Heilige Befreiung', wovon? von dem Unheiligen, von der Selbstliebe. Wodurch? durch das Heilige, durch Gott. Wofür? für die Heiligung, für den Dienst, für Gott und für den Nächsten. Diese Befreiung konnte nicht durch Einhändigung des Entlassungsscheines eingeleitet werden. Sie sollte nicht beim Ausgang, sondern beim Eingang in die Haft beginnen, da, als miteinander Heimat und Freundschaft, Beruf und Familie, Eigentum und Standesprivileg oder erworbener Name und Einfluß zusammen mit den Kleidern und manchmal auch dem Haupthaar von uns abfiel. - hier i meine Beim Dinge einen ich zu Solche innere Befreiung, wofür die Entkleidung von allem äußerlich uns anhaftenden Eigenen das Sinnbild war, habe ich im Lager wahrnehmen dürfen. Ich konnte wegen starker Entkräftung einige Wochen beim Frühappell einen Schemel benutzen, in einer Reihe mit einigen anderen besonders schwachen oder sehr alten Frauen. Wenn die Aufseherin zum Zählen kam, wurde, Achtung geschrien, und auch wir mußten hochspringen und strammstehen. Als sie außer Sicht war, bat eine feingliedrige, früh gealterte Frau, sich einen Augenblick auf meinen Schemel setzen zu dürfen. Wir flüsterten ein Gespräch, wobei die Frage gestellt wurde über das Woher und über den Grund der Verhaftung. ,, Ich weiß wohl, warum ich hier bin", sagte meine Unbekannte und blickte in die Ferne ,, Nicht um dessentwillen, was in meiner Akte steht, nein, die Stapo weiß den wahren Grund selbst gar nicht, aber ich habe ihn hier in den langen Morgenstunden beim Appell erkannt. Ich bin Sängerin und habe oft in Kirchenkonzerten gesungen. Dann war es mir wohltuend, wenn die Leute auf mich aufmerksam wurden und zu mir hinschauten. In den kalten Frühstunden 126 sah, w tenza Kinde weise Kind plünd stimm Und auch Freih Beton hand mern die m den F die Fro Die gisch mein draul war und Vol und Beim das gesch dei zeit s Einze das was in d verki enken, Freude die Ge", hub r wollSchließirt uns ir auch wieder,,, und unverh komer Wie. r beim g". Ich Name De, Wo. für den t durch te nicht als mitm und mit den ich uns nehmen n FrühbesonZählen en und rüh ge. dürfen. as Woich hier um deswahren genstunhenkonuf mich stunden - hier ist es mir klar geworden: ich habe nicht zur Ehre Gottes, sondern zu meiner Ehre gesungen. Darum bin ich hier." Heilige Befreiung! Beim Verbrennen der Akten vor der Auflösung des Lagers hatte ich Dinge, die m. E. den Feuertod nicht verdienten, wie Bleistifte, Taschen, einen Hosenträger, aus dem Scheiterhaufen beiseite gelegt. Einiges nahm ich zum Verschenken mit. Das erste, was ich hart jenseits des Lagertores sah, war eine Mutter mit einer blühenden Kinderschar, die von ihrem Gartenzaun aus unserem gespenstischen Ausmarsch zuschauten. Ein billiges Kinderarmband aus blauen Vergiẞmeinnicht- Blumen, das sich seltsamerweise zwischen den SS- Papieren gefunden hatte, konnte ich dem jubelnden Kind um das runde Ärmchen legen. So durfte ich Entkräftete und Ausgeplünderte beim ersten Schritt aus dem Lager das sein, wozu Christen bestimmt sind: ein gebender, nicht ein fordernder Mensch. Und dann kam das Wunder, daß uns Ausgestoßene der Vater im Himmel auch sichtbar wieder in seine Arme nahm. Die erste Nacht draußen in der Freiheit habe ich im Walde geschlafen: nach all der grauen und grausamen Beton- und Stacheldraht- Künstlichkeit des Lagers freie, aus Gottes Schöpferhand geschenkte hohe Waldbäume über mir und durch ihre Zweige schimmernd das klare Sternenzelt. Da war ich, während die Wasser der Sintflut, die mich umtost hatten, versanken, in den göttlichen Schöpfungsbund Noahs, den Bund der Langmut Gottes wieder sichtbar aufgenommen: ,, Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht". Die zweite Nacht, als ich ein mit Flüchtlingen vollgestopftes mecklenburgisches Städtchen erreicht hatte, durfte ich in einer Kirche zubringen. Über meiner Strohschütte wölbten sich, ähnlich wie die Zweige der Waldbäume draußen, die edlen gotischen Bogen und verdämmerten hoch droben. Da war ich in den Bund Gottes mit seiner Gemeinde, den Abrahams-, Moseund Christusbund sichtbar wieder aufgenommen: Ihr sollt mein Volk sein und ich will euer Gott sein". Es dauerte noch Tage und Nächte, bis ich in einer Menschenwohnung Obdach fand. 99 Beim Scheiden aus dem Berliner Gefängnis war es mir aufgegangen, daß das Wort von einem meiner Vorgänger, hoch oben an meine Zellenwand geschrieben: ,, Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, und deinen Nächsten wie dich selbst", der Leitspruch meiner Haftzeit sein sollte., Gott lieben von ganzem Herzen': der Sinn meiner Berliner Einzelhaft; Deinen Nächsten wie dich selbst': die aufgegebene Lektion für das kommende Lagerleben. Im Lager habe ich mich manchmal gefragt, was darnach darüber hinaus noch kommen könne. Jetzt weiß ich es: nun, in der neu geschenkten Freiheit, bleibt das, und' zu üben, die nicht zu verkürzende, doch immer wieder verletzte Verbindung der Gottes- und 127 Nächstenliebe. Und diese Lektion wird dauern, bis die heilige Befreiung' zu ihrem Ziel kommen, bis die Heimkehr in des Vaters Haus Wirklichkeit werden darf. Am Morgen, ehe ich in die fast zweijährige Wüstenwanderung geführt wurde, hatte ich nach der Tageslese der evangelischen Verbände die Geschichte von der Trennung Abrahams von seinem Verwandten Lot gelesen, dem Abraham um des Friedens willen die fetten Weideplätze überläßt, und dem er später, als das Gottesgericht hereinbricht, durch seine Fürbitte die Rettung bringen darf. Ich habe in der Haft oft an diese Erzählung zurück denken müssen. Unser Herr Jesus Christus schenke es uns, daß aus der gewaltsamen Absonderung seiner Gefangenen nicht Anklage und Vergeltung, sondern Friede erwachse, daß aus willig und aufgeschlossen getragener Not und aus fürbittendem Eintreten Heilkräfte hineinströmen in die Welt unter dem Gerichtheilige Befreiung! Fünfze als Pf sporasemind die H nicht d und W stapo den a haus 128 ihn im lebte Am 5 Volks denbu 21. Fe Pfarre schrie geteil wiede Verha lisch aus d Gnad irdisc notvo senhe IM Stetti Hab Brief ein b 9 Sieg eiung chkeit eführt e Geelesen, ALFONS WACHS MANN erläßt, Girbitte ihlung aß aus d Veren gemen in Fünfzehn Jahre lang war Dr. phil. Alfons Wachsmann, aus Berlin gebürtig, als Pfarrer und Studentenseelsorger in Greifswald tätig. Durch seine Diaspora- Vorträge hatte er sich auch in vielen süd- und westdeutschen Priesterseminarien rühmlich bekannt gemacht. Unter der Beschuldigung, er habe die Höhe der Versenkungen durch die deutschen U- Boote angezweifelt, nicht an den Führer und an den Sieg geglaubt, sich defaitistisch geäußert und Wehrkraftzersetzung geübt, wurde er am 23. Juni 1943 von der Gestapo verhaftet, in das Untersuchungsgefängnis von Stettin eingeliefert, mit den anderen Sträflingen wegen Fliegergefahr am 6. August in das Zuchthaus von Gollnow( Pommern) verbracht. Für die Termine verwahrte man ihn im Gefängnis Moabit, dann in Tegel. In seine Zelle eingeriegelt, durchlebte er hier wie dort bei den schweren Luftangriffen furchtbare Stunden. Am 5. November und 4. Dezember 1943 fand die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof in Berlin statt. Am 5. Januar 1944 wurde er nach Brandenburg- Görden, zur Stätte der Todgeweihten, transportiert und hier am 21. Februar enthauptet. Pfarrer Dr. Wachsmann hat aus seinen Gefängnissen eine Reihe Briefe geschrieben an seine leibliche Schwester Maria, die bisher mit ihm das Leben geteilt hatte. Zweierlei bricht aus den Briefen, die wir hier auszugsweise wiedergeben, in hellem Glanze hervor. Das eine ist das wahrhaft herzinnige Verhältnis geschwisterlicher Liebe, zum andern kämpft sich darin ein seelisch schwer getroffener Rufer nach Rettung unter der Glut des Leidens aus dem Dunkel anfänglicher Depression durch zum heißen Dank für die Gnade solcher Prüfung und zum befreiten Gegenüber mit Gott. Die letzte, irdisch düsterste Strecke eines priesterlichen Lebens schwingt sich aus der notvollen Unruhe der Leidensungeübtheit, Hilfsbedürftigkeit und Verlassenheit zur Sonnenhöhe christlicher Ergebung und Vollendung hinauf. ,, IMMER STEHE ICH VOR GOTT" Stettin, 20. Juli 1943 Hab herzlichen Dank für die schnelle Zustellung der Schlafpillen! Dein Brief hat mir sehr wohlgetan. Ich weiß, daß hinter Deinen tapferen Zeilen ein blutendes Herz zuckt. Aber ich weiß auch, daß Du mir nicht gram bist, 9 Sieger in Fesseln 129 der ich ja schuld bin an Deinem großen Weh. So wie Du schreibst: wir wollen es tapfer tragen in der festen Hoffnung, daß nach dieser Zeit der Buße und Prüfung Tage stillen Glückes und geschwisterlichen Zusammenseins kommen werden. Du weißt, meine große Liebe gehört meinem schönen Beruf. Du weißt aber auch, sonst gehört alle Liebe meines Herzens nur Dir. Ich habe immer gewußt, was ich an Dir habe in Deiner beispiellosen Selbstlosigkeit. Aber durch die schmerzliche und leidvolle Trennung kommt mir erst ganz Deine große stille Liebe zum Bewußtsein. Werde nicht bitter! Bewahre Dir und mir Deine Güte und Liebe! Ich werde sie sehr brauchen. Meine Tage fließen einsam dahin, einer wie der andere. Wenn nur recht bald der tägliche Gang in der frischen Luft erlaubt würde! Ich freue mich schon sehr auf Dein Kommen am Dienstag.... Stettin, 1. August 1943 Gollnow ... Ich nur ein Wie ge möchte Wegen soviel als das Von B ich für Gebet. sehr s muß m Nun, 1 und B ... Zelle 66, die ich allein bewohne, ist doppelt so groß wie die im PolizeiGefängnis. Das Bett ist tadellos sauber und sehr ordentlich. Wenn ich an die Wanzen denke, die mir 5 Wochen lang keine Nacht Ruhe ließen, dann bin ich von Herzen froh, daß ich ohne Tabletten schlafen kann. Das Essen ist schmackhaft, wenn auch fettarm und ein wenig knapp. Ich darf noch in Zivil gehen und meine Wäsche tragen.... Als Arbeit muß ich alte Uniformen in Lumpen reißen und sortieren. Wenn die Arbeit nicht so schrecklich stauben würde, wäre sie erträglich.... Morgen, an meinem Namenstag, werde ich in Gedanken nur bei Dir sein. Ich weiß, daß Deine Gedanken hier sind, und daß Deine besten Wünsche nur mir gelten. Auch wenn ich morgen keine Post erhalten sollte, sind wir so sehr vereint, wie nie zuvor. Not und Leid bindet ja unsere Herzen so fest. Ich bin so froh, daß Du so tapfer bist und mir dadurch hilfst, das Schwere zu tragen. Wenn ich doch recht bald alles Gute Dir vergelten könnte!... Den Rosenkranz von Guardini bete ich täglich und vom richtigen auch noch. Noch nie habe ich solche Einkehr gehalten. Wenn nur der Herrgott mir gnädig ist und unsere heißen Gebete erhören wollte! Alles, was in mir hohl und lau war, soll von mir fallen. Ich will zu meinem ersten Eifer zurückkehren. Ich habe wohl nie in meinem Leben so sehr die Kraft und Gnade, aber auch die Konzentration des Gebetes erfahren, wie in diesen Wochen. Trotzdem kommen Stunden tiefer Depression, die so ganz allein durchlitten werden müssen.... Nun, liebe Maria, wie geht es Dir? Ich weiß, daß Du viel tapferer bist als ich. Deswegen gehört Dir nicht nur meine brüderliche Liebe, sondern auch meine große Verehrung. Gräme Dich nicht, sorge für Deine Gesundheit, spare alle Liebe und Güte für den Gnadentag, wenn Gott uns wieder vereint! 130 im Lei mich g dann e Stettin ... C Ge Tag is Es we len un keine Trost lange ich Di und n stark der R Stettin ..In ganz fang a es nic der P kränz ist fü 1), Um wird e 90 st: wir Zeit der enseins men Beur Dir. iellosen kommt bitter! auchen. ur recht ue mich Polizeimich an en, dann as Essen noch in Uniforrecklich menstag, edanken wenn ich ie zuvor. daß Du Wenn ich ranz von habe ich d unsere war, soll Ich habe auch die em komden müs tapferer ebe, sonDeine Ge Gott uns Gollnow, 15. August 1943 ... Ich empfinde diese grenzenlose Einsamkeit sehr schmerzlich. Ich darf nur einmal im Monat Dir schreiben, aber Ihr dürft doch öfter schreiben. Wie geht es Dir, innigstgeliebte Schwester? Ich bin so viel bei Dir und möchte Dir so gern helfen und kann doch nichts tun in meiner großen Not. Wegen meiner Gesundheit kannst Du unbesorgt sein. Ich esse alles und soviel ich nur bekommen kann. Das Seelische ist viel schwerer zu ertragen als das Körperliche. Wir müssen jetzt auch in Gefangenenkleidung gehen. Von Berlin habe ich auf meinen Brief auch keine Zeile erhalten. Was bin ich für andere in Not gelaufen! Es bleibt wirklich nur noch Gott und das Gebet. So ist mein ganzer Tag ausgefüllt mit Brevier, Rosenkranz und sehr schweren Stoßgebeten und stillem Denken an Dich. Bis zum Termin muß man mit 10 bis 12 Wochen rechnen.... Nun, liebste Maria, tröste mich mit Deiner Liebe, Deinem Gebet, Besuch und Brief! Täglich kommt mir immer mehr zum Bewußtsein, wie ungeübt im Leiden ich bin und wie groß Du vor mir stehst. Denke nicht, ich lasse mich gehen! Aber glaube es: diese 50 Tage sind eine harte Schule und dann erst der Anfang. Stettin, 19. September 1943 Gesundheitlich geht es mir gut. Seelisch bin ich oft deprimiert. Der Tag ist ausgefüllt mit heißen Bittgebeten und ,, es geschehe Dein Wille!" Es wechseln Hoffnung und Ängste. Ich bin vollkommen isoliert. Deine Zeilen und Schwester Amatas sind das einzige, was ich höre.... Seit August keine heilige Messe, kein Sakrament, kein Priester! Was mir den meisten Trost bringt, ist, wenn Deine große Liebe im Brief zu mir kommt. Wie lange noch? Ach, liebste Maria, wenn ich Dir doch sagen könnte, wie lieb ich Dich habe und wie ich in Zukunft außer im heiligen Beruf nur für Dich und nur mit Dir leben möchte! Ich bin so froh, daß die Exerzitien Dich stark und froh gemacht haben. Mich trägt nur noch das Gebet, besonders der Rosenkranz.... Stettin, 17. Oktober 1943 ... In letzter Zeit bin ich viel ruhiger geworden. Ich habe mein Schicksal ganz und restlos in Gottes. Hand gelegt. Zwar hatte ich das von Anfang an getan, aber erst in der Schule des Kreuzes gewann ich die Gnade, es nicht nur mit einem betenden Wort, sondern mit dem vollen Einsatz der persönlichen Existenz zu tun. Mein ganzer Tag ist Gebet: Rosenkränze, Kreuzweg, Litanei. Dann lese ich Heilige Schrift. Mark. 11, 24 ¹) ist für mich die Quelle unerschütterlichen Vertrauens. Wie Gott helfen 1) ,, Um was immer ihr im Gebete bittet, glaubt nur, daß ihr es schon besitzet; dann wird es euch zuteil werden." 90 131 wird, weiß ich nicht, aber daß er mir hilft, glaube ich fest, Lies Hebr. 11, 12) Meine Devise ist Röm. 12, 123). Ich weiß mich geborgen in Gottes Güte; aber deswegen bleibt mir manche trübe Stunde nicht erspart. Apok. 3, 19) und 2, 105), Röm. 8, 35%) und 2. Kor. 7, 107). Wie oft habe ich all diese Schriftworte gelesen, und jetzt erst in der Dunkelheit des eigenen Lebens leuchten sie wie Sterne... Wenn Gott in seiner Barmherzigkeit mich wieder an den Altar treten läßt, dann hoffe ich, es zu tun als Priester, der vom Ölberg kommt und vom Mysterium der Sünde, aber auch vom Geheimnis der Erlösung und Gnade wissend geworden ist. Nur in der Schule des Kreuzes, erfahren im selbst durchlittenen Leid und nur in der Übung heißen Gebetes wird die Erkenntnis Christi gewonnen, die kein Studium erschließt. Heute bin ich so weit, Gott aufrichtig und heiß zu danken für die Gnade dieser Leidenszeit, wenngleich ich bitte, daß sie abgekürzt wird. Seit Ende Juli kein Sakrament mehr! Gott tröstet oft so wunderbar und gerade dann, wenn man es gar nicht erwartet. Die Nachfolge Christi lateinisch hätte ich sehr gern... Berlin- Tegel, 1. Dezember 1943 Was ich in der letzten Woche durchlebte, läßt sich kaum in Worte fassen. Die Angriffe waren so nah und schlimm, daß ich in jeder der ersten Nächte glaubte, Dich nicht wiederzusehen. Seit 22. November ist keine Scheibe in meiner Zelle mehr ganz. Gottlob habe ich den warmen Mantel hier. Eine Garnitur Wäsche ist verbrannt. Glassplitter im Gesicht, aber nichts passiert. Donnerstag nach Tegel übergesiedelt. Donnerstag auf Freitag der furchtbare Angriff auf Tegel. Wieder Scheiben zertrümmert. Die Zellen bleiben verschlossen. Im Gottvertrauen habe ich die Ruhe des Herzens bewahrt und die Kraft des Geistes aktiviert. Was mich mit großer Sorge erfüllt: Lebst Du? Bist Du gleich Montag nach Hause gefahren? Der Verteidiger war immer noch nicht bei mir. So sitze ich in einer qualvollen Ungewißheit. Aber ich habe das Vertrauen, daß Gott, der mich so wunderbar behütet hat, Euch alle in seiner Hand hält. Ich bete ja stündlich 2) ,, Der Glaube ist die Grundlage von dem, was man erhofft, ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht." 3) ,, Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet!" 4) ,, Ich strafe und züchtige alle, die ich liebe. So sei denn eifrig und ändere deinen Sinn!" 5) ,, Hab keine Furcht vor dem was du noch leiden mußt! Sieh, der Teufel wird manche unter euch ins Gefängnis bringen, daß ihr geprüft werdet; ihr werdet Trübsal haben zehn Tage lang. Doch sei getreu bis in den Tod, dann will ich dir den Kranz des Lebens geben." Lebens geben." 6) ,, Wer wird uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal, Bedrängnis und Verfolgung, Hunger oder Blöße oder Todesgefahr oder Schwert?" 7) ,, Bewirkt doch die gottgefällige Betrübnis Reue, die heilsam ist und darum nicht bereut wird; die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod." 132 für E Euch Trotz lese i sehr v täglic sein Sonn in Gr für d ich k und als d Berli 1897 gera ist I Dich klar an d meu hin veru Voll Als lass me mic will che SO Ge ten Ab lich me da ich Hebr. Gottes erspart. ft habe eit des mherzig. tun als er auch in der nd nur vonnen, nd heiß daß sie t oft so e Nachfassen. Nächte heibe in er. Eine hts pasitag der e Zellen zens beSorge erDer Verualvollen so wunstündlich gtsein von Gebet!" Den Sinn!" eufel wird Het Trübsal den Kranz Verfolgung, arum nicht für Euch. Während des Angriffes habe ich meine heißesten Gebete für Euch verrichtet. Jeden Abend die Frage: Werden sie heute nacht kommen? Trotz der vermehrten Gefahren bin ich noch ruhiger geworden... Jetzt lese ich in der lateinischen Nachfolge und in Guardini, Der Herr. Ich habe sehr viel Gelegenheit, mich auf Weihnachten gut vorzubereiten: Hunger, Kälte, tägliche Todesgefahr. Ich hoffe zuversichtlich, daß Gott uns barmherzig sein wird. Ich hoffe, daß ich Dich recht bald sehen und sprechen kann. Sonntag war ich der ununterbrochene Anbeter beim ewigen Gebet in Greifswald. Wie mag die Beteiligung gewesen sein? Besonders bete ich für die Kinder. Was mag uns noch alles bevorstehen? Manchmal meine ich, und dann muß ich doch weiter. Ich umarme Dich ich könnte nicht mehr, und danke Dir aus tiefstem Herzen für Deine Liebe und Treue, trage Dich als den einzig geliebten Menschen in meinem Herzen. - Berlin- Tegel, 23. Dezember 1943 ... Ich bin in großer Sorge, wie Du den heiligen Abend verleben wirst. 1897 verloren wir Weihnachten den Vater, vor zwei Jahren rief Gott gerade zu Weihnachten unsere geliebte Mutter heim. In diesem Jahre ist Dir der Bruder genommen, der auf Erden unter allen Menschen nur Dich geliebt hat und jetzt hoch verehrt. Bei mir ist der Rahmen des Festes klar umgrenzt: die Kerkerzelle. So arm wie in diesem Jahr habe ich noch nie an der Krippe gekniet. Mir ist alles abgesprochen: mein Heim, meine Ehre, mein Leben. So will ich an der Krippe dessen knien, der nicht hatte, wohin er sein Haupt legen konnte, der als Freund seines Volkes zum Tode verurteilt wurde, der sein Blut als Trankopfer ausgoß für das Heil seines Volkes und der ganzen Welt. Als Gabe trage ich zur Krippe: Hunger und Kälte, Einsamkeit und Verlassenheit. Mein einziger Schmuck sind die blanken Fesseln. So will ich mein Leben, das im Dienste des Weihnachtskönigs stand, ihm geben, der mich mit seinem kostbaren Blut erlöst hat. Mit reichen Tränen der Reue will ich abwaschen, was Schuld und Sünde in mir geworden ist. In solcher Gesinnung pilgere ich zur Krippe. Ich hoffe, mit der Gnade Weihnachten so tief im Herzen und im Geist zu feiern, wie nie zuvor im Leben. Kein Geschenk und kein Festbissen wird mich ablenken, keine Kerze wird leuchten, keine Tanne duften; nicht einmal die heilige Messe ist mir vergönnt. Aber das Jesuskind in der Eucharistie wird als herrliche Weihnachtswirklichkeit mich mit dem ewigen Licht durchleuchten, mit der Wärme erbarmender Liebe erfüllen. Ich werde das Brevier beten, so langsam und innig, daß ich die Süßigkeit jedes Wortes schmecke; das primo tempore werde ich leise singen. Viel werde ich Rosenkranz beten und in der Heiligen 133 Schrift lesen. So hoffe ich, wird Christi Friede mein Anteil und seine Gnade meine Herrlichkeit sein. Ich bin ohne jede Bitterkeit, ich trage alles mit der Geduld, die nur Christus gibt. Ich hoffe, daß mein Gebet und das Gebet so vieler erhört wird; daß ich wieder einmal das Gloria anstimmen darf am Altar. Dir wünsche ich die Gnade Christi, damit Du stark und in Liebe mit mir die Myrrhe trinkst, die uns Gottes Liebe in diesem Jahr kredenzt. Wisse, daß ich immer bei Dir bin, und daß ich Gott wohl stündlich anflehe, er möge Dein reicher Vergelter sein für alles, was Du in Treue und Liebe für mich getan und getragen hast. Du bist der einzige Mensch, der in keiner Sekunde versagt hat. Liebste Maria, grüße Oberin und alle Schwestern recht herzlich von mir. Wenn Du willst, lies ihnen als Weihnachtswunsch diesen Brief vor. Also reichen Segen für Dein Herz! Um unsere Herzen schlingt sich der Dornenkranz des Leids unlöslich. Brandenburg- Görden, 6. Januar 1944. ... Wir hatten in letzter Zeit fast jede Nacht Alarm. Hier sind, Gott sei Dank, die Fenster ganz, so daß es warm ist. Ich hatte heute recht große Freude am Brevier. Illuminare, Jerusalem!( Werde Licht, Jerusalem!). Dann werde ich jetzt täglich aus dem Brevier hinten die Commendatio animae beten... Es soll mir eine tägliche Einübung zum Sterben sein. Dann lese ich viel das Neue Testament, jetzt den Hebräerbrief. Er ist wundervoll. Jetzt habe ich den ersten Johannesbrief griechisch gelesen. Herr Pfarrer wird mir oft die heilige Kommunion bringen. So lebe ich ganz im Geistigen und Pneumatischen. Mein treuester Begleiter ist der Rosenkranz. Mutter bekommt täglich einen, und für Dich bete ich ohne Unterlaẞ. Ich kann Dir immer wieder versichern, wie sehr lieb ich Dich habe. Das schwerste Opfer ist mir, daß ich Deine Nähe entbehren muß. Jetzt warte ich jeden Tag, daß Du kommst! Als ich an den Hochaltar meißeln ließ ,, Et iterum venturus est", ahnte ich nicht, daß ich einmal jeden Tag nach der Tür schauen würde, ob der Herr schon kommt. So wie ich jetzt täglich auf die Parusie Christi warte, müßte es eigentlich jeder Christ tun. Ich wache und bete, um die Einladung Christi ,, Ecce sponsus venit" zu hören. Trotz der Herrlichkeit des ewigen Lebens( Geh. Offb.), die an den transparenten Horizonten wetterleuchtet, wird das Ausziehen des alten Kleides, wird das Abschiednehmen von der Erde schwer. Ich bin ein Mensch! So hoffe ich und bete, daß Gottes Gnade mich wieder an den Altar führt, wenn es dem Willen Gottes so gefällt. Grüße alle, die für mich beten. Sage jedem, daß es nur ein Unglück gibt, die Sünde. Grüße besonders Oberin, alle Schwestern, die Kinder, die Armen, die Kranken und die Kummer und Leid tragen! Komme bald und bringe gute Nachricht! Brand Am 2 diesen wie s Gewi dankh Ich h flehe Arme sie S in de kennt Tertu Neue gute wir habe welch als e das oder dank daß erhö zigke opfe Nun bete mir und from dig lieb für Bra Wer dies scho lige nich 134 seine ge alles und das timmen und in m Jahr stündn Treue Mensch, and alle s Weihz! Um Gott sei Freude n werde eten... ich viel tzt habe mir oft d Pneuekommt rimmer ist mir, daß Du venturus würde, Christi um die rlichkeit orizonten Abschied nd bete, Willen Bes nur western, tragen! Brandenburg- Görden, 29. Januar 1944 Am 27. Januar waren es 15 Jahre, daß ich in Greifswald bin. Ich habe diesen Tag still im Herzen gefeiert. Da ist mir so recht klar geworden, wie sehr ich die Pfarrei liebe. Ich habe Gewissenserforschung gehalten. Gewiß, ich habe Fehler begangen und Unterlassungen; aber ich muß doch dankbar sein für all das Gute, das Gott durch mich zu wirken sich würdigte. Ich habe viel und für jede Familie gebetet. Dies tue ich jeden Tag. Ich flehe zu Gott, daß er die Kinder segne und daß keines verloren gehe, für die Armen, daß sie ihren Reichtum in Christus erkennen, für die Reichen, daß sie Schätze im Himmel sammeln, für die Studierenden, daß sie wachsen in der Erkenntnis, für die Professoren, daß sie die alles übersteigende Erkenntnis Christi schätzen... Ich studiere jetzt Augustins Gottesstaat und Tertullian. Ich lebe strenger und schweigsamer als ein Kartäuser. Das Neue Testament lese ich griechisch mit viel Freude. Gestern Joh. 10: Der gute Hirte, und heute Joh. 11: Lazarus. ,, Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er schon gestorben ist." Wie oft habe ich diese großen heiligen Texte gelesen und meditiert! Und doch, welch ewiges Leuchten, welch göttlicher Glanz blitzt auf, wenn ich sie lese als einer, der am Rande der Welt steht und in der Sterbekerze Christus, das Licht der Welt erkennt. Jetzt ist mein ganzer Tag Gebet. Ob ich lese oder sinne, ob ich meine Sünden beweine oder für die Barmherzigkeit danke, immer stehe ich vor Gott. Wenn meine Stunde kommt, hoffe ich, daß Christus mich hinüberreißt zum Vater. Wenn Gott unser heißes Gebet erhört, daß ich wieder am Altare stehen darf, dann will ich die Barmherzigkeit preisen in Ewigkeit. Ich möchte in diesem Fall irgendwo ganz still opfern, beten und wirken. Nun, liebe Minka, muß ich Dir sagen, daß ich ohne Unterlaẞ für Dich bete und Gott den überströmenden Dank meines Herzens sage, daß er Dich mir geschenkt hat. Ich habe Dir im Leben nicht viel Zärtlichkeit gesagt und getan, aber ich habe Dich geliebt und war und bin stolz auf meine fromme und so gute Schwester. Ach könnte ich Dir doch noch einmal würdig danken! Jetzt bleibt mir nur die tägliche Begegnung vor Gott. Sei so lieb und sage ein Wort des Dankes allen, die ein gutes Wort an mich oder für mich geschrieben oder gesagt haben... Brandenburg- Görden, 11. Februar 1944 Wenn Du diese Zeilen erhältst, sind wir schon in der Fastenzeit. Sie in diesem Jahre zu gestalten, ist durch die Situation gegeben. Ich faste ja schon über 8 Monate, habe also Übung darin. Ich will daher dieses Fasten heiligen besonders im Gebet. Manchmal möchte ich müde werden, wie einer, der nicht mehr kann. Dann hilft Gott mit seiner Gnade. Als besondere Buẞe will 135 ich in Geduld die Fesseln tragen, die ich schon über 70 Tage trage, die mich furchtbar quälen und schmerzen. Was ich mit den Händen gesündigt habe! Um mich zu trösten und zu stärken, denke ich oft daran, wie Christus Fesseln trug, wie Petrus und Paulus in Fesseln lagen. Im März ist es der neunte Herz- Jesu- Freitag. Ich weiß, daß Du alles mit mir leidest, aber bitte, faste Du nicht! Sorge, daß Du gesund bleibst! Wir wollen zusammen beten, daß Gott uns barmherzig sei. An die Einsamkeit habe ich mich gewöhnt und fange an, sie zu lieben. Ich entdecke langsam Talent zum Mönch. Als Trost und Spruch der Woche merke Dir von Bloy: ,, Es gibt nur eine Traurigkeit, diejenige, kein Heiliger zu sein." Für Deinen letzten Besuch bin ich Dir sehr dankbar. Es ist der Lichtpunkt; die gezählten Minuten Deines Hierseins sind die Kraftreserven für die nächsten Wochen. Nun hoffe ich wieder, bis Du hier bist. Im Herzen werde ich noch ruhiger. Mein Leben liegt in Gottes Hand. Meine Existenz ist geborgen in der Gnade dessen, der am Kreuze hingerichtet worden ist. Die Form meines Lebens: zu hoffen auf die Barmherzigkeit und Treue Gottes. Die Passion ist die Weise, wie der Mensch von der geistigen Einsicht zur Realisierung Christi gnadenvoll geführt wird. Ein schmerzlicher, aber doch süßer Weg! Am schwersten wird mir die Geduld. O, was kann ich noch ungeduldig beten! All meine Sorgen, Schmerzen und Gebete opfere ich für die Gemeinde auf. Ich bete täglich, fast möchte ich sagen, für jeden einzelnen. Am meisten und inbrünstigsten für Dich. O, daß wir doch wieder nebeneinander knien dürften! Sehr gefreut habe ich mich über die Zeilen aus Göttingen. Schreibe ihnen doch, mir seien vor Freude über die tiefe Religiosität die Tränen gekommen. Ich denke ihrer in besonders dringlicher Weise... Dir selbst die herzlichsten Grüße und den gestammelten Dank von Deinem Bruder, dem nichts mehr gehört, nicht einmal das Leben. Auf baldiges Wiedersehen! Schreibe bald! Brandenburg- Görden, 21. Februar 1944 Liebe Minka! Ich sterbe um 3 Uhr. Nun ist die Stunde gekommen, die Gott in ewiger Liebe für mich bestimmt hat. Der gute Scholz hat mir meine Beichte gehört und die Wegzehrung gereicht. In einer Stunde gehe ich hinüber in die Herrlichkeit des lebendigen Gottes. Ich habe mich ganz und restlos und ohne jeden Vorbehalt Gott ergeben. In Seiner Hand bin ich geborgen. In Seinem heiligen Herzen wird mich Christus hinüberreißen zum Vater. Maria wird mich beschützen und St. Josef mich begleiten. Nun muß ich noch Abschied nehmen von Dir. Hab herzlichen Dank für alles, alles, was Du im Leben mir Gutes getan hast! Sei gesegnet für die Liebe, die Du mir geschenkt, für die Nachsicht und Geduld, die Du mit mir gehabt. Besonders herzlich bitte ich Dich um 136 Verze ursach sorger Die a doch gehen alle, Ahnu drei Liebe und Auf An A für s beter ie mich habe! us Feses der , aber ammen mich gemt zum Es gibt letzten ten MiVochen. uhiger. in der meines Verzeihung, daß ich Dir in den letzten acht Monaten soviel Herzweh verursacht habe. Ich lege Dich hinein in das Herz Christi. Gott wird für Dich sorgen. Sei nicht mutlos! Vertrau auf Gott! Er hat mich nicht verlassen. Die acht Monate meiner Vorbereitung auf die Ewigkeit waren schwer, aber doch sehr schön. Nun muß ich durch die enge Pforte der Guillotine heimgehen. Ich bin überzeugt, daß Vater und Mutter auf mich warten. Grüße... alle, alle! Ahnungslos, daß ich heute sterben muß, las ich von Reinhold Schneider die drei ersten Erzählungen aus ,, Dunkle Nacht". Liebe Maria! Es segne Dich der Allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! Auf Wiedersehen im Himmel! Alfons. An A. wollte ich noch schreiben, aber es ist keine Zeit mehr. Ich habe oft für sie gebetet. Wenn ich bei Gott bin, will ich viel für die Greifswalder beten. Passion sierung er Weg! eduldig für die nzelnen. ebeneinus Götgiosität eise... Deinem baldiges 3 Uhr. estimmt zehrung s lebenorbehalt Herzen schützen von Dir. es getan Nachsicht Dich um 137 PAUL SCHNEIDER oder woll Am gew er d Auto kehr folg Wen Bericht von Rechtsanwalt Dr. Schulze zur Wiesche IN DER KREUZESNACHFOLGE Es gibt wohl wenig Männer, die so kompromißlos den ihnen von Gott gewiesenen Weg durch das Dritte Reich gingen wie Paul Schneider. Nach achtjährigem seelsorgerlichen Wirken in Hochelheim( Kreis Wetzlar) als Nachfolger seines Vaters, war er 1934 Pfarrer der reformierten Hunsrückgemeinde Dickenschied- Womrath geworden. In den kirchlichen Kämpfen schloß er sich unverzüglich der Bekennenden Kirche an und wurde einer ihrer entschlossensten Verfechter. Bald nach der Übernahme der neuen Pfarrei wurde er für fünf Tage in Haft genommen, weil er sich offen gegen eine Mythologisierung des Todes gewandt hatte. Als nämlich bei Gelegenheit der Beerdigung eines Jungen in der Nachbargemeinde Gemünden über das Grab gerufen wurde, der Verstorbene sei hinübergegangen in den Sturm Horst Wessels, da protestierte Pastor Schneider mutig am offenen Grabe. Am 31. Mai 1937 wurde er wiederum verhaftet, weil er, wie es in einer Zeitung hieß ,,, in unverantwortlicher Weise zum Boykott eines Volksgenossen von der Kanzel aufgefordert hatte". In Wirklichkeit hatte er gegen drei Gemeindeglieder wegen Untergrabung der Lehre und Sitte der Kirche die sogenannte Kirchenzucht, das heißt den Ausschluß vom Empfang der Sakramente und die Aufhebung ihrer kirchlichen Rechte, von der Kanzel herab ausgesprochen. Da jegliche Nachricht über sein Verbleiben ausblieb, wandte sich der Rat der Evangelischen Bekenntnis- Synode im Rheinlande mit Schreiben vom 18. Juni 1937 an den Reichskirchenminister: ,, Am 31. Mai dieses Jahres wurde, Herr Pfarrer Schneider aus Dickenschied verhaftet, angeblich, weil er einen Beschluß des Presbyteriums den Gemeinden Dickenschied und Womrath bekanntgegeben hatte, durch den gegen einzelne Gemeindeglieder Kirchenzucht verhängt wurde. Die Ausübung der Kirchenzucht ist eine rein kirchliche Angelegenheit. Keine Macht der Erde kann der Kirche verbieten, Kirchenzucht zu üben. Auch kann eine außerkirchliche Stelle nicht entscheiden, ob in einem bestimmten Fall Kirchenzucht ausgeübt werden durfte 138 dens ,, Da des deut Weg SO V für keit sinn und lich den Kir aus sich von Feir che ist geg sch nich uns nich sin Vo er sen gie Tu A Bel Gott ge Wetzlar) HunsKämpde einer neuen ffen gebei Gemünden n in den offenen in einer Volksgeer gegen T Kirche ang der - Kanzel der Rat Ben vom s Jahres ich, weil ied und deglieder eine rein erbieten, icht ent. en durfie DER oder nicht... Wir bitten daher... die Entlassung... veranlassen zu wollen." Am 24. Juli 1937 wurde Schneider entlassen, aber aus der Rheinprovinz ausgewiesen. Da er sich im Gewissen an seine Gemeinde gebunden hielt, nahm er den Ausweisungsbefehl nicht an. Darauf wurde er von der Gestapo im Auto nach Wiesbaden gebracht, aber dort auf freien Fuß gesetzt. Sofort kehrte er nach Dieckenschied zurück. Hier und in Womrath predigte er am folgenden Sonntag von der Kanzel über Lukas 18,31-43. Wenn wir heute seine Predigt lesen, ist's immer, als hätte er seinen Leidensweg geahnt: ,, Daß unser gekreuzigter Herr uns mitnehmen möchte hinauf auf die Höhe des Kreuzes, hinab in die Tiefen des Leidens, das dürfte jedem allmählich deutlich geworden sein, der den Herrn Christus aufrichtig liebhat... Der Weg des Meisters ist aber der Weg seiner Jünger und seiner Gemeinde, so wie es die Apostel hernachmals auch gelernt und erfahren haben. Auch für die Jünger und die Gemeinde kann es nur durch Leiden zur Herrlichkeit, durch das Kreuz zur Krone gehen... Die der Kirche günstig Gesinnten sind schon baß erschrocken über den geringen Anfang von Kampf und Leiden, in den Gott uns geführt, und meinen, es könne doch unmöglich so weiter gehen; und indem sie das meinen, nehmen sie dann sich jedenfalls von solchem Leidensweg aus. Die andern aber, die Feinde der Kirche, urteilen nun vollends, daß unsere Sache, die Sache Jesu Christi aus und verloren sei, daß von der Kirche jetzt schon nur noch ein Haufe sich streitender Pfarrer übrig sei und man die Kirche ruhig ihrem sich von selbst vollziehenden Ende überlassen könne. Und beide, Freunde wie Feinde, können nicht sehen, daß der Sterbensweg der evangelischen Kirche nun gerade der Weg Jesu, der Weg des Kreuzes, der Weg zum Leben ist... So hat uns Gott in der Kreuzesnachfolge unseres Herrn einen Weg gegeben durch Leiden zur Herrlichkeit. Ist er nicht am Ende doch der schönste und beste Weg durch dieses Erdenleben? Der Weg, bei dem wir nicht im Bettelleben dieser Welt bleiben, sondern reiche gesegnete Kinder unseres reichen himmlischen Vaters sein dürfen? Der Weg, auf den wir nicht auf die schalen, nichtigen, giftigen Freuden dieser Welt angewiesen sind, sondern die Freude am Herrn allerwege gewinnen dürfen?" Von Eschbach aus, wohin er sich dann zur Erholung begeben hatte, reichte er am 30. September 1937 eine Eingabe an die Reichskanzlei ein mit Übersendung einer Abschrift an das Reichsinnenministerium und an den Regierungspräsidenten in Koblenz. Das Schreiben rechtfertigt sein bisheriges Tun und kündigt seine Rückkehr an. Es lautet: ,, Am 30. Mai dieses Jahres wurde ich, gerade aus dem Krankenhaus nach Behandlung eines Unterschenkelbruches entlassen, von Beamten der Ge139 heimen Staatspolizei aus meinem Pfarrhaus zu einer Vernehmung nach Koblenz mitgenommen und dort sofort gemäß einer mir gemachten Eröff nung ohne Vernehmung in längere Schutzhaft genommen. Der Schutzhaftbefehl, der mir in den ersten Tagen meiner Haft zugestelli wurde, beruft sich auf den Erlaẞ Hindenburgs vom Februar 1934 zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung und nennt als Gründe meiner Verhaftung ganz allgemein mein Verhalten als geeignet, die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gefährden. Acht Wochen weniger zwei Tage wurde ich in Schutzhaft gehalten, ohne daß mir in einem Verhör oder einer Untersuchung eine unrechte oder aufrührerische Handlung nachgewiesen wurde, die diesen Schutzhaftbefehl gerechtfertigt hätte. Am 24. Juli wurde mir meine Ausweisung aus dem Rheinland eröffnet. Als Begründung bezeichnet der Ausweisungsbefehl wieder mein Verhalten, das die öffentliche Sicherheit und Ordnung diesesmal der ganzen Rheinprovinz gefährde. Bei der Ausweisungsverhandlung vor der Geheimen Staatspolizei, Leitstelle Koblenz, erklärte ich: In acht Wochen Schutzhaft habe man nicht einmal den Versuch gemacht, mir eine unrechte oder aufrührerische Handlung nachzuweisen. Die mir jetzt gemachte Eröffnung meiner Ausweisung sei für mich nunmehr ein Beweis, daß schon die Schutzhaft eine Verfolgungsmaßnahme gegen die Bekennende Kirche und damit gegen die Kirche Jesu Christi in Deutschland darstelle. Ich müsse den Schutzhaftbefehl mit Berufung auf den Hindenburgerlaß als unrecht und unwahr bezeichnen; ich zerreiße zum Zeichen dessen den Schutzhaftbefehl. Dieses tat ich dann auch. Ein Vermächtniswort Hindenburgs sei gewesen: ,, Sorgen Sie dafür, daß Christus in Deutschland gepredigt wird." Nichts anderes tue die Bekennende Kirche. Selbstverständlich könne ich auch die Ausweisung nicht anerkennen oder annehmen. Ich wisse mich vor Gott an meine Gemeinde gewiesen und könne mich von ihr nicht durch Menschen, auch durch die Obrigkeit nicht einfach losreißen lassen, ohne daß mir ein Unrecht nachgewiesen sei. In der Konsequenz dieser Erklärung lehnte ich es auch ab, einen Ort außerhalb des Rheinlandes zu nennen, wo ich Wohnung nehmen wolle. Die Unterschrift des von dem die Verhandlung leitenden Herrn Kommissar aufgenommenen Protokolls verweigerte ich mit doppelter Begründung. Ich sagte, daß das Protokoll nicht die ganze Verhandlung wiedergebe, indem es meine Eingangserklärung über Schutzhaft und Schutzhaftbefehl vermissen lasse als Begründung für die Ablehnung der Ausweisung. Ich sagte weiter, daß ich durch alle bisherigen offenherzig gemachten und unterschriebenen Protokollerklärungen für die Geheime Staatspolizei nur tiefer in die Bestrafung nicht ,, Verantwortung", wie das Protokoll sagt- hereingeraten sei. Ich faßte dabei die lange Schutzhaft als Strafmaßnahme 140 -- auf, w war. sage Sodan von m Geme beider der H Der v Schut chen dung ein u sung Pfarr wiese ligen Men Ehest ten ein s ständ sten Die Schu retter eine daß den, seine mer und 5,29 sch weis Ich sche teres acht ein Juge auf, was mir auch im Gestapo-Gefängnis von hoher Stelle bestätigt worden war. Nur der zweite Grund mit der erwähnten Veränderung meiner Aus- sage wurde protokolliert. Sodann wurde ich mit dem Auto über die Grenze gebracht. Gemäß der von mir gemachten Erklärung nahm ich mir das Recht, sofort in meine Gemeinden zurückzukehren. Am folgenden Tage prediste ich in meinen beiden Gemeinden wieder das Evangelium von Jesus Christus, daß er sei der Herr, und daß wir vom Bekenntnis zu ihm nicht weichen dürfen. Der von mir nun genommene längere Urlaub, den ich wegen der langen Schutzhaft und wegen meines noch nicht ausgeheilten Beines auch brau- chen konnte, ändert nichts an meiner grundsätzlich getroffenen Entschei- dung in dem von mir bezeugten und zu bezeugenden Ungehorsam gegen ein unrechtes Gebot der Menschen. Ohne Rechtsgrund greift die Auswei- sung erheblich in das Leben der Kirche und Gemeinde hinein. Sie reißt Pfarrer und Gemeinde auseinander, die vor Gott feierlich zueinandef ge- wiesen sind. Auch für diese Zueinanderweisung gilt das Wort der Hei- ligen Schrift:„Was Gottzusammengefügthat, das sollder Menschnichtscheiden“, ebenso wie für den heiligen christlichen Ehestand. Gemeinden und Pfarrer sind hier darum gehalten, dem unrech- ten Verlangen und Gebot obrigkeitlicher Personen zu widerstehen, zumal ein solcher ohne Rechtsgrund gemachter Eingriff in Freiheit und Selb- ständigkeit des kirchlichen Lebens den feierlichen Versicherungen der höch- sten obrigkeitlichen Personen des Deutschen Reiches widerspricht. Die gemachten Strafandrohungen von Geldstrafen oder Haft und neuer Schutzhaft können mich nicht schrecken. Gott kann mich wohl davon er- retten, wenn er will, durch Einsicht obrigkeitlicher Stellen oder auf sonst eine Weise. Mögen die Strafen auch angewandt werden, so weiß ich doch, daß Gott Gericht und Gerechtigkeit schaffen wird allen, die Unrecht lei- den, und daß er auch richten wird zwischen meiner Obrigkeit und mir an seinem Gerichtstage über den schuldigen Gehorsam nach Gottes. Wort, Rö- mer 13, 1, welches Wort man mir bei meiner Ausweisung vorgehalten hat, und über den gebotenen Ungehorsam nach Gottes Wort, Apostelgeschichte 5,29:„Man muß Gott mehr’gehorchen denn den Men- schen“, auf welches Wort ich mich auch bei Ablehnung meiner Aus- weisung berufen habe. Ich darf nun auf einige Punkte hinweisen, die zwar meine getroffene Ent- scheidung nicht maßgeblich begründen, die aber schon von äußerem In- teresse der Kirche und aus Gesichtspunkten staatspolitischer Klugheit be- achtenswert erscheinen. Meine Gemeinden sind bereits seit 20, März, also ein halb Jahr, ohne geregelte Seelsorge; die christliche Unterweisung der Jugend liegt vollkommen brach. Es besteht ferner die Gefahr, daß: bei 141 einer etwaigen Befolgung der Ausweisung meine Pfarrgemeinde als öffentlich- rechtliche Pfarrstelle überhaupt nicht mehr ordnungsmäßig besetzt werde, nachdem schon viele kleine Pfarrstellen eingespart worden sind. Meine sechs Kinder sehen in Dickenschied ihre Heimat, wie ich selber auch, der ich auch geborener Hunsrücker bin. Zum Zeichen der Verbundenheit mit der Gemeinde habe ich mir in Dickenschied einen eigenen Garten erworben. Durch die lange Schutzhaft im Gefängnis unter Gefängnisordnung mit verschärften Bedingungen ist meine Ehre als deutscher Staatsbürger, als Mensch, als Christ, als evangelischer Pfarrer, als früherer Offizier und Kriegsteilnehmer, der 31/2 Jahre an der Front war, genügend geschändet. Eine weitere Verfolgung meiner Person und weitere Bedrängung der Gemeinden, die an ihrem rechtmäßigen Pfarrer festzuhalten gewillt sind, würde von allen gut und rechtlich gesinnten Leuten der Gemeinden, würde vor allem von allen ernsthaften Christen der Gemeinden nicht verstanden werden und zu großer Vertrauenseinbuße in die Gerechtigkeit der derzeitigen Staatsführung Ursache geben. Das Geschrei der ganz wenigen Gegner des bekenntniskirchlichen Lebens in der Gemeinde, die sich als offenbare, Zerstörer kirchlichen Lebens überhaupt, zum Teil seit langem, erwiesen haben und das Prebyterium zur Abwehr mit der gebotenen und im Bekenntnis verankerten kirchlichen Zucht nötigten, ist dagegen nicht aufzuwiegen. Endlich will ich auch noch auf ein Letztes hinweisen, indem ich hoffe, daß die Stimme der Christlichen Gemeinde noch das Ohr der Obrigkeit findet: Meine beiden Gemeinden haben mich durch ihre ordentlich bestellten Presbyterien ausdrücklich schriftlich aufgefordert, zurückzukehren und mein Amt weiter zu versehen. Damit lehne ich die Ausweisung nicht mehr nur aus meinem eigenen in Gott gebundenen Gewissen heraus ab, sondern meine Presbyterien und Gemeinden nehmen die schwere Last und Verantwortung des Ungehorsams gegen ein obrigkeitliches Gebot aus Gehorsam gegen den Herrn der Kirche, der doch zugleich der Herr der Obrigkeit ist, auch auf sich. Ich befehle hiermit meine Sache dem Gerichte Gottes, dem Obrigkeit und Kirche für das ihnen beiden von Ihm verliehene Amt Rechenschaft schulden, der jener das weltliche Schwert zur Strafe der Bösen und zum Schutze der Frommen, dieser aber das geistliche Schwert seines heiligen und ewigen Wortes gegeben hat, bis daß Gottes Reich in ewiger und vollkommener Gerechtigkeit kommt, da unser Herr und Heiland Jesus Christus selber Priester und König zugleich sein wird. Bis dahin halten wir es damit: ,, Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist." 142 Am 2 Hesse wegen zurüc Regie gegen er au vemb Obwo fahre Freih Auch in die bens sproc hitler nation benss beim gens pells trotz mach gesch Fenst niskr ins I ,, Im Imm schen ringe imme S len seine ser Am Seele Noch seine er in Lebe entetzt ber enten verals und det. GeFind, irde den zeiGeg fenerim aufdaß det: Presmein nur Hern antsam gkeit und chulutze ewiener elber mit: was Am 28. August nahm Paul Schneider eine pfarramtliche Vertretung in Hessen- Nassau an. Aber bereits Ende September rief ihn sein Presbyterium wegen Brachliegens einer geordneten Seelsorge dringend nach Dickenschied zurück. Er folgte dem Ruf und begründete seine Rückkehr eingehend dem Regierungspräsidenten, dem Reichsinnenminister und der Reichskanzlei gegenüber. Als er aber am 3. Oktober nach Dickenschied heimkehrte, wurde er auf dem Wege zu einem Abendgottesdienst erneut verhaftet. Am 27. November 1937 verbrachte man ihn in das Konzentrationslager Buchenwald. Obwohl am 10. Juni 1938 alle gegen ihn anhängigen Sonder- Gerichtsverfahren eingestellt wurden, da keine höhere Strafe oder Gesamtstrafe als Freiheitsstrafe von 6 Monaten zu erwarten sei, wurde er wieder festgehalten. Auch im Konzentrationslager hört sein Kampf um die Herrschaft Christi in dieser Welt nicht auf. Weiter legt er Zeugnis für den Herrn seines Lebens ab, auch da, wo es nicht unmittelbar von der Staatsgewalt angesprochen und gefordert wird wahrlich eine Seltenheit in der Zeit der hitlerischen Despotie, in der die Tapfersten nur da widerstanden, wo der nationalsozialistische Herrschaftsanspruch unmitelbar in ihre eigene Lebenssphäre eingriff. Schneider verweigert nicht nur den Gruß beim Vorbeimarsch des Häftlingszuges an der Hakenkreuzfahne, sondern ruft morgens bei der Verlesung von nazistischen Tagessprüchen während des Appells biblische Losungsworte über den Lagerplatz. Er tut es immer wieder trotz all der Strafen, die seiner warten. Und welche Pein hat er durchzumachen! Er bekommt Dunkelarrest, er wird häufig mit einem Ochsenziemer geschlagen, wird mit nach hinten durchgehobenen Armen rücklings an das Fensterkreuz seiner Zelle aufgehängt. All das aber bricht seine Bekenntniskraft nicht. Als er hört, daß Juden im Lager getötet wurden, ruft er ins Lager hinein: 99 - , Im Namen Jesu Christi erkläre ich Euch, daß Ihr Mörder seid!" Immer wieder neue grauenhafte, qualvolle Strafen. Er darf sich nicht waschen, die faustgroßen Schlagwunden eitern, man gibt ihm nur ein Geringes und dies bloß in unregelmäßigen Zeitabständen zu essen. Trotzdem immer wieder neues Verkünden des Wortes Gottes von seiner Seite an dieser Stätte entsetzlicher Gottesferne und Sünde, obwohl er weiß, welche Qualen folgen werden. Bis zum Schluß ist er ein bewegter Bekenner, folgt er seinem Herrn auf dem Leidenswege, bis seine Kraft völlig erschöpft ist. Am 18. Juli haucht er, an einem Herzkollaps durch eiskalte Wickel, seine Seele aus, einen Monat vor Vollendung seines 42. Lebensjahres. Noch am 3. Juli 1939, zu einer Zeit, als er schon viele Drangsale wegen seines von der Welt nicht verstandenen Bekenntnisses erlitten hatte, schrieb er in einem herrlichen, seinem letzten Brief, in dem er teilnimmt an allem Leben zu Hause, seiner Frau: 143 „Möchten wir nur auch lernen und reifen an dem, was uns aufgegeben wird, und überwinden!“ Nicht weil er etwa von einem religiösen Fanatismus oder Wahn ergriffen ist, sondern weil er stets Gott um die Kraft zum Durchhalten bittet, deshalb, nur deshalb hält er durch, läßt er sich nicht leiten von der Furcht vor Kör- perschmerzen, sondern gehorcht er dem Gebot seines Gottes, der Welt das Wort des Herrn zu verkünden, auch da, wo es nicht gehört werden will, um ihr ihre Sünde vorzuhalten. Er fühlt es, daß Gott immer bei ihm ist. Däs umgibt ihn mit einer festen Mauer. So schreibt er am 4. Oktober 1937 an seine Kinder: „Ich weiß, daß Gott Euch hört und daß Eure Gebetlein auch mitbauen an der festen Mauer, die um uns her ist, so daß auch Eurem Vater kein Haar gekrümmt werden kann ohne Gottes Willen... Wenn wir dann bei Gott ein wenig warten müssen auf die Erfüllung unserer Bitte, dürfen wir nicht irre werden, als ob Gott uns nicht hörte, und nicht müde werden, weil es so lang dauert... Vielleicht gibt es Gott den Männern im Staat noch ins Herz, daß sie den Vater bald wieder freilassen. Wenn nicht, so müßt Ihr denken. daß es auch so gut und nötig ist, damit die Menschen wieder mehr auf Gottes Wort hören.“ Am geichen Tage schreibt er an seine Frau: „Nun wollen wir recht Glauben halten und auf Gottes Wundermacht ver- trauen. Auch die Gemeinden sollen sich nicht erschrecken und einschüch- tern lassen. Jetzt stehen wir halt immer einsam, darum um so mehr auf Gott geworfen. Wir wollen noch treuer beten.“ Sein Brief vom 26. Oktober 1937 an die Gattin enthält die Stelle: „Gottes Wort und Geist und Segen sind ja nicht gebunden und kommen auch in der Stille und Einsamkeit meiner Zelle auf eine sonderliche Weise zu mir. In der Stille und Einsamkeit mit Gott und seinem Wort hat jetzt unsereins das, was er sonst zu wenig hat, oder sich zu wenig genommen hat. Darum dürfen wir Pfarrer in den Gefängnissen auch für uns persön- lich die Haftzeit als freundliche Führung Gottes ansehen.“ Die Sorge, daß er gehorsam bleibe und der Welt ein Vorbild gebe, erfüllt ihn stets: er möchte doch ‚„.den Feinden nicht Ursache geben, unseren Glau- ben zu lästern.“ Er ist sich seiner menschlichen Schwäche bewußt, aber er baut in seiner Passion froh auf die Nähe, Zusage und Kraft Gottes. Das beweisen Sätze in seinen Briefen aus Buchenwald: „Es beschämt wohl, daß man zu dem allem die Ermahnung des Apostels noch so nötig hat, aber es macht doch auch froh, daß man das alles ha- ben darf, sich schenken lassen darf und vielleicht auch hie und da einen schwachen Anfang gemadhıt hat. 144 ben Effen alb, Kördas will, ist. 1937 n an Haar Gott nicht eil es h ins t Ihr ieder t verhichr auf mmen Weise t jetzt mmen ersonerfüllt Glauber er s, Das postels es haeinen - Du fragst, was ich den ganzen Tag mache. In der Hauptsache bin ich Schüler am göttlichen Wort und will's auch bleiben. Du kannst Dir denken, daß ich mich bei aller großen Kameradschaft hier doch oft recht einsam fühle. Aber der treue Gott ist ja auch hier bei mir und kann mir auch diese ,, Ferne" zur ,, Heimat" machen und mir auch in dieser ,, Welt" adventlich begegnen. Auch hier darf man ja Arbeit und Speise gesegnet aus Gottes Hand nehmen, auch hier macht Gott den 23. Psalm wahr, daß er unsere Seelen erquicket und uns auf rechter Straße führet um seines Namens willen. Im übrigen wollen wir uns fest auf die Zusagen Gottes verlassen, daß Er die Gefangenen herausführt zur rechten Zeit, und unsere Seelen in Geduld fassen. Betet für mich, da ich auch hier auf dem Wege der Nachfolge unseres gekreuzigten Herrn erfunden werde und rechte Passionszeit halte. Wir wollen auch für die Zukunft hin der gnädigen und wunderbaren Durchhilfe unseres Gottes vertrauen, aber auch allezeit bereit sein, den reichen Ersatz unserer menschlichen Liebe, von dem ich Dir schrieb, in Ihm anzunehmen, der doch mehr ist als ein bloẞer Ersatz... Ich befehle mich dauernd Eurer Fürbitte an, daß ich meinen Weg recht gehe." Daß er seinen Weg recht gehe, das ist sein Hauptanliegen und die Bitte gegenüber seinem Herrn. Er, der Mann mit dem starken, frohen Herzen, hat ja ein so zartes Gewissen, das aus seinem Brief vom November 1937 so deutlich und fein spricht: ,, Gelt, das Schwerste ist ja die Gewissenslast, daß man immer sorgt, daß man's recht macht, und vor Menschen und vor Gott bestehen kann. Darum ist ja die Last, die uns Christen vor andern aufliegt, viel schwerer, als alles äußerliche Leiden ist. Die wenigstens will ich mit Dir und für Dich tragen, und manchmal liegt mir diese Last auch sehr schwer auf, und ich muß mich auch im Glauben wieder mühsam hochkrabbeln, daß ich vertrauen kann, daß doch Gott mein ganzes unvollkommenes und sündiges Tun und Verantworten und Bekennen in Gnaden ansieht. In solchen Stunden wollen wir dann vertrauen, daß er unser sündiges Menschenwerk um des vollkommenen Opfers und Werkes Jesu willen in seine treue Gotteshand nimmt und heiligt und reinigt und segnet. Über unserem ganzen Tun und Leben bleibt es wahr:, Gottes Hand und Christi Blut macht ja allen Schaden gut'. So wollen wir auf's neue alles in seine Hände befehlen." Weil er dieses feine Gewissen hat und immer wieder darum bittet, daß ,, Sein Wille geschehe", darum konnte er, der, wie sein Freund Pastor Lutze bei seinem Tode sagte ,,, ein so zarter Mensch war, so unbeugsam sein", konnte er auch im Lager der Versuchung widerstehen in der Gestalt des Angebotes, ihn freizulassen, wenn er die Ausweisung annehme, und konnte er mit einem mit menschlicher Vernunft kaum 10 Sieger in Fesseln 145 noch faßbaren Glaubensmut den Peinigern seiner Lagerkameraden die Sünden vorhalten. Ein besonderes Anliegen ist ihm auch die Bedrängnis der Bekennenden Kirche, deren Verfolgung er wie am eigenen Leib, so auch tief in seiner Seele mitleidet. Aber er nimmt an ihrer nackten Not keinen Anstoß; im Vertrauen auf Christi Verheißung sieht er sie durch die Erniedrigung hindurch zum Siege schreiten. Der von Sturm und Winter kahl gewordene Kastanienbaum, in dessen Krone hinein ihm das kleine Fenster des Koblenzer Gefängnisses einen dürftigen Blick gewährt, ist ihm Symbol und Ankündigung hierfür. Im Brief vom 18. Oktober 1937 an seine Frau stehen die Worte: ,, So kommt der Herbst- und Wintersturm auch über die Kirche der Christenheit, und es wird sich zeigen, was nur Blätter gewesen sind und was kernig und holzig ein Stück des Baumes selber geworden ist, der zwar die Welt erfüllt nach Jesu schönem Gleichnis, aber doch auch so nackt und kahl geschlagen werden kann wie ein Baum im Winter. Möchten wir uns dann nicht ärgern an dem traurigen und störrischen Geäst, das doch für den Sehenden und Freund auch seine Schönheit hat." Und in der Hoffnung auf die Auferstehung Jesu Christi von den Toten schreibt er im November desselben Jahres aus dem Kerker nach Hause: ,, Sollte diese Hoffnung nicht Lebens- und Triebkraft haben können für alle, die ihr nicht mit letztem Unglauben und Verstockung abgesagt? Sollte Gott nicht seine Kirche, die er aus ihrer Weltseligkeit aufrüttelt, aus dieser Hoffnung schön erneuern in dieser gefährlichen Zeit? Wieder predigt mir der Kastanienbaum und streckt mir nun von seinen kahlen schwarzen Zweigen so verheißungsvoll die braunen kleinen Knospen für nächstes Frühjahr entgegen. Man sieht sie nahe vor dem Fenster und sieht sie auch in den obersten Zweigen. Sie waren schon da, als das gelbe, fallende Laub sie noch verhüllte. Sollten wir im Undank und Kleinglauben unter den fallenden, welkenden Blättern der Kirche die auch hier vorhandenen, fest an Stamm und Zweige gewachsenen Knospen übersehen wollen? Die Bekennende Kirche, die es wahrhaft ist, ist der Baum mit den Knospen, die heimlichen Gemeinden in den Gemeinden sind die Knospen der Kirche. Da, wo man bereit ist, auf Pfarrstellen zu gehen, die keine Pfarrstellen" mehr sind, die auch ohne gesicherte ,, staatsfreie Position" sind, weil eine solche ,, Position" kein Glaubensposten mehr wäre, da, wo alle kirchenpolitischen Erwägungen und Überlegungen aufhören, da sieht schon jetzt das geistliche Auge die kommende Kirche und ihren Frühling. Die Welt freilich und der ungeistige Kirchenmann sehen den kahlen Baum, seiner Kulturbedeutung, seiner Öffentlichkeitsbedeutung beraubt, und urteilen, daß es bald aus mit ihm sei und er nur noch zu Brenn146 holz bleib religi losen mit den. teten strec Pfor siche die heit eind deln das 10 nz ä RE EEE EEE holz tauge, wenn ihm die Anerkennung der Welt und des Staates versagt bleibt. Sie retten sich in das Schlinggewächs der falschen Kirche und Staats- religion, das sich an dem in Wahrheit gerichtsreifen Baum dieser gott- losen, selbstherrlichen und selbstsicheren Welt üppig emporrankt, um dann mit dem Baum dieser vergehenden Welt zu stürzen und verbrannt zu wer- den. Wir aber bleiben sitzen in den Zweigen der armen, kahlen, verach- teten, geschändeten Kirche, die uns so verheißend ihre Knospen entgegen- streckt, und wissen es, sie und sie allein trägt die Verheißung, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden. Nur in ihr'kann man sicher wohnen,„wohlgeborgen in allen Lagen“; nur in dem Glauben, der die unverwüstliche Kraft ihres Lebens und Knospens ist, ist wahre Frei- heit und Freude, und wir wollen es ferner nur immer mehr und immer eindeutiger halten mit diesem Glauben, aus ihm leben und aus ihm han- deln als die reich„Getrösteten“, weil dieser Glaube allein der Sieg ist, der das Gefängnis und die Todesmacht dieser Welt überwunden Hate Bericht von Dr. Matthias Laros MAX JOSEF METZGER mein gen und eine im B Der die war den ,, NUN, HERR JESUS, ICH KOMME BALD" - - Daß das Kreuz das Gesetz unseres diesseitigen Lebens ist nicht als tragische Notwendigkeit, in der es endigt, sondern als Durchgang in die wahre Freude, die erst darin erschlossen wird hat ,, in carcere et vinculis", in dunklen Kerkern und harten Banden Dr. Metzger tief wie je nur ein Gefangener erlebt. Durch seine Gefängniszeit und sein Bekennersterben ist er in seine Wesensgröße und in die Erfüllung seines Daseins ganz hineingewachsen, hierin Repräsentant für tausende andere, für die der Weg durch harte Haft und bittere Todesnot ebenfalls der Weg in ihre Vollendung gewesen ist, die sie ohne das vielleicht nie erreicht hätten. Man hat diesen katholischen Priester weit und breit gekannt, über die konfessionellen und politischen Grenzen hinaus, den Gründer der„ ,, Christkönigsgesellschaft vom Weißen Kreuz" in Meitingen bei Augsburg, der das dreifache Ziel vorschwebte: sozial- caritative Arbeit und Seelsorgshilfe, christlicher Pazifismus und Befriedung der Völker, und in den letzten Jahren besonders Arbeit für die ,, Una Sancta" an der Befriedung und schließlichen Einigung der christlichen Konfessionen. Erstmals im Jahre 1939 erlitt Dr. Metzger eine vierwöchige Haft. Seine Person und Arbeit wurde den nationalsozialistischen Organen immer unerträglicher. Er wußte genau, daß er Freiheit und Leben daransetzte. Wohl in Ahnung des Kommenden schrieb er 1942 in seinem Testament: ,, Im Angesichte des Todes, an den das memento mori des Aschermittwochs besonders eindringlich mahnt, will ich nochmals meine letzten Verfügungen treffen. Vor dem allwissenden Gott bekenne ich zunächst, daß ich im heiligen katholischen Glauben als treuer Sohn der einen Kirche Christi sterben will, deren Einheit ich, nach Christi Willen, im Heiligen Vater in Rom dargestellt und gesichert sehe. Dieses Bekenntnis wird nach meiner festen Überzeugung nicht beeinträchtigt durch die Tatsache, daß ich mich den gutgläubigen und gewissenstreuen evangelischen Brüdern in Christo Jesu von der Taufe her und vom gemeinsamen Bekenntnis des gleichen Herrn ebenso verbunden weiß, wie den Brüdern, mit denen ich die Ge148 Stra ihn eine er s der, lisch trau herd stän an Vor dau Die lich beid Aug A Kir me sche letz hin auc spü fen De seit las wie in ihn N" meinschaft des heiligen Sakramentes der Einheit und des Friedens pfle- gen darf. Es war mein ganzer Lebensinhalt, für die Reinheit, Heiligkeit und Einheit der Braut Christi zu wirken. Nichts könnte meinem Leben einen sinnvolleren Abschluß geben, als wenn ich für den Frieden Christi im Reiche Christi mein Leben hingeben dürfte.“ Der Herr hat sein Opfer angenommen, und zwar auf dem Umweg über die Politik. Seit seinen Erlebnissen als Feldgeistlicher im ersten Weltkrieg war er leidenschaftlicher Pazifist. Schon 1917 hatte er mit einigen Freun- den einen„Weltfriedensbund vom Weißen Kreuz“ und später mit Pater Stratmann O.P. den„‚Friedensbund deutscher Katholiken“ gegründet, der ihn den Braunen von vornherein verdächtig machte. Im Jahre 1942, da ihm eine vernichtende Niederlage der deutschen Waffen sicher schien, entschloß er sich, auf eigene Verantwortung einen Schritt für den Frieden zu tun, der, wie er meinte,„vielleicht noch zum Ziele führen könnte“. Der evange- lische Bischof Eidem von Upsala war ihm seit Jahren bekannt und ver- traut. Durch ihn hoffte er an die englischen und amerikanischen Bischöfe heranzukommen, um durch diese die Regierungen zu einem baldigen Ver- ständigungsfrieden zu bewegen. In einem Memorandum legte er ihm das „andere Deutschland“ mit seinem Friedenswillen dar und machte konkrete Vorschläge, wie dieser Krieg schnell und mit Anstand beendigt und ein dauernder Friede gesichert werden könne. Die Freunde warnten eindringlich davor, weil der Schritt für ihn persön- lich die äußerste Lebensgefahr heraufbeschwöre und weil er sachlich von beiden Seiten aussichtslos sei. Allein Dr. Metzger erwiderte blitzenden Auges und mit bebender Stimme: „Aber wozu habe ich die weiten Verbindungen mit den einflußreichsten Kirchenmännern des Auslandes, wenn ich sie. in der höchsten Notzeit meines Volkes nicht einsetzen soll? Da müssen alle Mann an die morali- sche Front, auch wenn sie damit ihr Leben einsetzen. Erst mit diesem letzten Mut werden sie gerade als Christen und Priester über den Tod hinaus glaubwürdig, und am Ende wird das Opfer des Lebens vor Gott auch fruchtbar für das ganze Volk. Mein Gewissen drängt mich— ich spüre den Schlag des Herzens— das letzte Mögliche zu versuchen, hof- fend gegen die Hoffnung, wie es der Christ immer tun muß.“ Der Brief fiel der Gestapo in die Hände, die den Unerwünschten bereits seit Jahren durch eine angebliche schwedische Konvertitin hatte bespitzeln lassen. Am 29. Juni 1943, an seinem Namenstag, wurde Bruder Paulus, wie Dr. Metzger in seiner Christkönigsgesellschaft hieß, festgenommen und in das gefürchtete Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße ‚gebracht. Aus ihm schrieb er nach vier Wochen unter anderem: „Nun bin ich einen Monat in Haft und habe keine Aussicht, sobald wieder 149 zu Euch zu kommen. Ich trage mein Schicksal gefaßt und froh im Bewußt- sein, Volk und Vaterland damit gemäß meinem Gewissen gedient zu ha- ben. Alles andere steht bei Gott. Er wird alles recht fügen. Seid nur unbe- sorgt! Wenn auch der Himmel mit Wolken verhängt ist, die Sonne geht wieder auf zu ihrer Zeit.— Deus providebit—. Wir stehen mit unserem Volke alle in schwerer Prüfung und können nur beten, daß wir sie ın Tapferkeit des Herzens und in frohem Gottvertrauen bestehen.“— „Es tut mir leid, daß ich Euch Not und Sorge bereitet habe(so schreibt er an die Schwestern seiner Genossenschaft), aber ich tröste mich damit, daß ich nach bestem Gewissen meinem Volk und Vaterland zu dienen gesucht habe. Spätere Zeiten werden mich besser verstehen. Es kann aber niemand “ seinen Auftrag verleugnen... „Heute muß ich Euch sagen: Der Aufenthalt in einem großen Gemein- schaftsraum ist nicht dazu angetan, einen zu rechter Stille und Sammlung kommen zu lassen; auch die Konzentration geistiger Art fällt schwer. Aber die Zerstreuung dieses Gemeinschaftslebens hat doch auch wieder das Gute, daß man leichter die lange Zeit überwindet. Langeweile ist mir ja immer fremd gewesen, aber für ernste Arbeit braucht man eben doch eine ge- wisse Einsamkeit und Stille, und da muß man sich halt zu schicken wis- sen. Im ganzen kann ich gottlob nur sagen, daß es mir auch innerlich gut geht— wenn auch nicht himmelhoch jauchzend, so doch still gefaßt und zufrieden. Es fehlt mir nur die liebe Freiheit, und auch dafür muß ich, wie es in der heiligen Messe heißt, semper et ubique gratias agere (immer und überall Dank sagen). So bete ich täglich und feiere in Ge- danken Eucharistie mit Euch allen.“ Immer wieder betont er, daß er sich wie der Apostel in alles zu schicken gelernt habe und darum immer wieder Gott für seine Gefangenschaft von Herzen danke. Aber in der Gemeinschaft sind ihm besonders sorgenvolle- Gedanken über die Zukunft seiner Kirche gekommen: „Noch nie im Leben habe ich es so empfunden wie hier, wie vereinsamt wir gläubige Christen doch eigentlich in dieser„Welt“ stehen. Wenn ich an meine Umgebung denke, dann möchte ich mir vorkommen wie ein welt- ferner Idealist und Träumer, der in einer anderen Welt lebt. Es ist gut so, daß man diese wirkliche„Welt“ erlebt und sich nicht verkapselt in einem Isolierraum— unsere Gemeinschaft könnte einem als solcher vor- kommen im Vergleich mit der Umgebung, in der ich lebe— erst in sol- cher Bewährung erweist sich der Glaube als Gnade, die von Gott geschenkt ist zur Bewährung. Wenn ich von meiner Umwelt spreche, so denke ich dabei nicht einmal zuerst an den Vorsitzenden des deutschen Freidenker- verbandes, der bis vor ein paar Tagen mein Bettnachbar war. Trotz der weltanschaulichen Kluft, die uns trennte, standen wir uns doch in gegen- 150 seiti vorn mod zieh eine tauf Ich urte Sin 2er ee ee m—— EEE RE —————— SEEN ANET: Der seitiger Achtung näher als andere. Ich fand in ihm einen Charakter, der vornehm und gerecht urteilte und gute Kameradschaft pflegte— ich möchte meinen, in ihm wirkt unbewußt etwas weiter von christlicher Er- ziehung vieler Jahrhunderte deutscher Geschichte, Ja ich möchte irgendwie einen solchen Menschen mehr zur Gemeinde Christi rechnen als so viele Ge- taufte, deren Seele unberührt geblieben ist vom heiligen Pneuma Christi. Ich habe nicht das Recht, über das jenseitige Schicksal eines Menschen zu urteilen. Jedenfalls ist es mein Glaube, daß„verloren‘‘ im eigentlichen Sinn, zur„Hölle“ bestimmt nur ist, wer wider seine Gewissensüberzeu- gung stand. Wieviel„Christen“ sind da freilich schlechter daran als die„Heiden“. Nein, wenn ich mich geistig vereinsamt fühle in dieser „Gemeinschaft“(trotzdem ich glaube, mich an guter Kameradschaft mit allen von keinem andern übertreffen zu lassen), so deshalb, weil das ganze Denken und Leben fast aller Kameraden um‘ die primitiven Dinge des Trieblebens kreist— was wir Christen nicht verwerfen, solange es sich an den Gesetzen des Schöpfers orientiert— und daß das Ethos des Evangeliums den Allermeisten ganz fremd geworden ist. Ich las einmal das erschütternde Buch des Amtsarztes Hoffmann in Stuttgart über den Geburtenrückgang— hier kann ich mich überzeugen, wie richtig er die Diagnose des tatsächlichen(sexual-) ethischen Standes unseres Volkes stellt. Auch in unserem Volk ist eine sittliche Entwurzelung Tatsache ge- worden, vor der man erschauert. Und wenn ich nach den Gründen forsche, so sind es wohl vor allem zwei, wie ich gerade hier wieder feststellen kann: die geistige Leere, die nie das beglückende Erlebnis der Frohen Botschaft hatte, und die Verhaftung an den narkotischen Genuß. Die bei- den Dinge hängen wesentlich zusammen. Dem Genußmenschen geht das Organ ab für die tieferen Freuden des„Geistes“, und andererseits führt die Inhalts-, Sinn- und Ziellosigkeit des Lebens ohne Glauben dazu, sich dem greifbaren Genuß zu ergeben und ihm alles zu opfern. Ja, ich habe in dieser„Welt“ meinen Glauben nicht bedroht gefunden, sondern erfuhr aufs neue ihn als Kraft und Gnade. Je mehr ich über alles nachdenke, um so klarer wird mir wieder, daß im letzten Grund alles Leben sinnlos wird ohne ihn und alles einen letzten tiefen Sinn erhält von ihm. So bin ich meines Glaubens wieder neu froh geworden. Möchtet auch Ihr alle täglich daraus Kraft und Segen beziehen! Dominus vobiscum!“ Am 11.September 1943 wurde er in Einzelhaft nach Plötzensee gebracht und berichtet über die Änderung der Verhältnisse: „Außerlich gesehen, ging es in der Prinz-Albrecht-Straße leichter; aber die stille Einzelzelle hier tut mir wohl; ich„genieße“ die Stille als Offen- barung. Gottlob liegt die Zelle auf der Sonnenseite mit dem Blick auf den 151 Garten, auf dessen Bäumen Gottes Singvögel mir im Lobe Gottes Gesell- schaft leisten. Ihr könnt Euch denken, daß ich das tägliche heilige Opfer sehr entbehre; und doch kann ich wieder sagen, daß ich in der täglichen stillen Feier der memoria passionis Jesu Christi, wie ich sie Euch gelehrt, für meine Seele alles fand, was sie brauchte, Mehr eigentlich, ja richtig schmerzhaft entbehrte ich das Gotteswort der Schrift.... Was mich in diesen Tagen trotz aller fühlbaren Anfechtung des Herzens innerlich froh macht, das ist in dem einen Wort:„Abba‘“— guter Vater— enthalten. Das Wort hat es mir immer schon angetan. Es besteht nur aus den zwei ersten Buchstaben des Alphabetes, wie um auszudrücken, daß es hier um die elementarsten Dinge geht. Es sind ja die natürlichen Laute, die ein Kind natürlicherweise zuerst stammelt. Das Wort liest sich von hinten und vorn gleich, und vor allem der Herr hat es gebraucht, wenn er in geheimnisvoller Weise mit dem ewigen Vater unter dem nächtlichen Ster- nenhimmel sprach..... Ein unsagbarer Trost liegt in dem Glauben an diesen Vater in so schweren Stunden der Prüfung, wie ich sie jetzt durch- lebe. Was haben die Kinder eines solchen Vaters zu fürchten? Nichts kann geschehen, was uns nicht zum Segen würde, wenn wir es aus des Vaters Hand entgegennehmen. So bete ich auch, ich unwürdiger Knecht, mit dem Herrn tapferen Herzens:, Vater, wenn es mög lich ist...aber nicht mein, Dein Wille geschehe!“ Ich habe Ihm, dem Vater, ja mein Leben angeboten für den Frieden der Welt und die Einheit der Kirche Christi. Ich wäre glücklich, wenn ich durch die Hingabe meines Lebens dem wirksam dienen dürfte, was mein Leben ohne sichtbaren Erfolg anstrebte.“ Aus diesem vollen Herzen schrieb er, mit gefesselten Händen, folgenden Hymnus an den Vater im Himmel, der es verdient, einmal eines der be- liebtesten Kirchenlieder aller Konfessionen zu werden: In Deinen guten Händen Dem Vater blind vertrauen ruht meines Lebens Los, will ich, sein gläubig Kind. Die Todesdrangsal wenden Auf wen sollt’ ich sonst bauen, mag Deine Allmacht bloß. wo allum Feinde sind? So ruf’ aus Herzensgrunde O treue Vaterliebe, zu Dir ich, starker Gott! halt über mich die Hand! Mach, Herr, mein’ Seel’ gesunde! Ja, ohne Dich verbliebe Errett’ mich vor dem Tod! mir keiner Hoffnung Pfand. Kyrie eleison! Kyrie eleison! Die Lichter all ersterben, Schon naht die grause Nacht. Soll also ich verderben? Hält keiner ob mir Wacht? Die Sonne mag vergehen, Es bleibt Dein ewig Licht. Mag alle Welt verwehen, Du, Herr, verläßt mich nicht. Kyrie eleison! Am 14. Oktober wurde über Dr. Metzger vor dem berüchtigten Volksge- richtshof verhandelt. Er bekannte von sich aus alles, was er in der Sache des Friedens getan hatte, so daß es gar keines Belastungszeugen bedurfte. Die Teilnahme an geheimen Putschplänen zu einem Attentat auf Hitler hatte er immer abgelehnt, sondern ihm offen entgegentreten wollen, um ihn so von seiner Ehrlichkeit und Ungefährlichkeit zu überzeugen. So hatte er an ihn ein persönliches Schreiben abgefaßt und nur auf dringendstes Widerraten seiner Freunde nicht abgesandt, worin er mit unerhörtem Freimut den unheilvollen„Führer“ zum Rücktritt aufforderte, um die schlimmste Katastrophe abzuwenden. Sogar von diesem nichtabge- gangenen Schreiben gab Dr. Metzger in der entscheidenden Gerichtsver- handlung selber Kenntnis. Auch sein Plädoyer vor der Fällung des Urteils- spruches wollte er selbst halten und mit letzter Freimütigkeit sprechen. Doch er bekam keine Gelegenheit dazu. Kaum hatte er begonnen, die Ge- danken der„Una Sancta‘“ darzulegen, schnitt ihm der Vorsitzende Freis- ler das Wort ab:„Una Sancta, una sanctissima!— Una— una— das sind Wir! Sonst gibt es nichts!“ Das Urteil stand von vornherein fest: „Wegen Vorbereitung zum Hochverrat des Todes schuldig.“ In der ge- lassenen Ruhe des Philosophen, die man sonst bei ihm nicht gewohnt war, nahm er das Urteil an. Mit Ketten an den Händen, auf dem Rücken ge- fesselt, tröstet er die bestürzten Freunde, die ihn vor der Abführung noch einmal sprechen dürfen:„Nun ist es geschehen. Ich bin ganz ruhig. Ich habe mein Leben Gott angeboten für den Frieden der Welt und die Ein- heit der Kirche. Gott hat es angenommen, und das freut mich. Die da drinnen sind doch nur seine Werkzeuge. Wenn er mir aber noch weiter das Leben schenkt(ein„Gnadengesuch“ wurde vom Vertreter seines Bischofs in Freiburg in Aussicht gestellt), dann bin ich auch dankbar. Wie Gott will! Sagt allen Brüdern und Schwestern einen letzten Gruß, und seid nicht traurig. Das Christkönigsfest(am letzten Sonntag im Okto- ber) wird diesmal etwas schwer werden. Aber singt trotzdem Alleluja und bleibt eurem König Christus treu.“ 153 Dann berichtet er: ,, Als ich am Abend in meine Zelle kam, habe ich mich niedergekniet und Gott gedankt, daß er mich so in die Jüngerschaft Christi hineingezogen hat, und Ihn gebeten, mir das starke Herz bis zuletzt zu bewahren. Ich konnte mich auch ruhig niederlegen. Aber die sehr beengenden Fesseln, die ich auch des Nachts tragen mußte, im Zusammenhang mit der geistigen Überanstrengung des Tages, brachten mir schließlich solche Herzbeschwerden, daß ich läuten mußte, um mir für kurze Zeit die Fesseln abnehmen zu lassen. Die Beamten, die durchweg ihr Mitgefühl mit mir spüren ließen, waren so rücksichtsvoll, dem Rechnung zu tragen, so daß ich dann mehr oder minder ruhig schlafen konnte." Und bei einem Besuch der Schwester Judith Maria antwortete er ihr auf die Frage, was er den Tag über tun dürfe: ,, Für uns( bei Tag und Nacht Gefesselte) hat man keine Arbeit mehr. Wir haben nur zu sterben. Aber ich bete und singe unsere alten, schönen Kirchen- und Jugendlieder, betrachte, lese und schreibe das Wenige, das man uns zugesteht. Ganz besonders angetan haben es mir die beiden Lieder ,, Mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen" und ,, Was Gott tut, das ist wohlgetan". Singt sie doch täglich mit mir! Und wenn der Tod das Tor zum Leben aufstößt, warum soll ich mich da nicht freuen? Er macht es doch nur schneller auf, als es sonst geschehen wäre. Ach, wie lernt man hier das Leben neu sehen! Darum seid nicht traurig! Ich werde bald beim Herrn sein, nach dem ich von Jugend an verlangt. Wer freut sich nicht, wenn er nach langer, mühevoller Reise heimkommt? Darum freut Euch mit mir und danket Gott, daß Er mich für seine große Sache sterben läßt, damit sie nachher desto besser wachse und gedeihe!" Einige Tage nachher berichtet er: ,, Ich bin jetzt in einer Gemeinschaftszelle. So gemischt das Publikum ist, so ist doch ordentliche Gemeinschaft. Man hat wenigstens die Möglichkeit einer Ablenkung. Freilich kostet es für einen Menschen, der zum erstenmal im Leben so mit andern zusammen ist, allerhand. Aber ich finde auch darin Sinn. Ich habe in diesen Tagen viel über den Heiligen Geist betrachtet. Pneuma nennt ihn die Schrift, das heißt eigentlich Hauch, Odem, auch Wind. Es ist der warme Lebensodem, der aus dem Innersten Gottes kommt. Man kann dafür auch sagen: Die strömende Liebe Gottes. Dieser Lebenshauch Gottes erfüllt das All, wie der Apostel sagt:„, In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir." Durch ihn werden wir auch untereinander verbunden.... Es war mir anfangs schwer, so die Luft der gemischten Gemeinschaft, besonders den Rauch, zu atmen, aber es ist mir zum Bewußtsein gekommen, daß auch gerade das etwas von der Liebesgemeinschaft ist, die wir doch von Christus her anstre154 ben.. Leben Wille Luft stehe in die bin i Gotte habe reich Volk dafü An gewe den „ Nu Auch Zelle mitg schä Lese Silve In lan fol ET RETTET Pr Be ben.... Ist nicht auch der Kuß das Bestreben, in der im.uigsten Weise am Lebenshauch des andern gegenseitig teilnehmen zu lassen? So ist Gottes Wille, daß wir durch das wechselseitige Aus- und Einatmen der gleichen Luft Gemeinschaft pflegen. Seit ich mir das zum Bewußtsein gebracht habe, stehe ich mit einer gewissen Freude— trotz natürlicher Hemmungen— in dieser Gemeinschaftsverbundenheit.... Im ganzen muß ich sagen: Ich bin im Tiefsten froh und unbekümmert, da ich mein Schicksal ganz in Gottes Hand gegeben habe. Was sollte ich da fürchten?— Langeweile habe ich nie, da ich so viel Beschäftigung habe, daß der Tag kaum aus- reicht. Meine Sorgen gehen dabei nicht zuletzt auf die Zukunft unseres Volkes. Dafür zu leiden, bin ich gerne bereit; doch hoffe ich, auch noch dafür arbeiten zu können.“ An Silvester 1943 berichtet er aus Brandenburg, dem Lager der Tod- geweihten, wohin er 8 Tage nach seiner Verurteilung transportiert wor- den war: „Nun ist es ein halbes Jahr, daß ich keine heilige Messe mehr feiern durfte, Auch an Weihnachten waren wir ausgeschlossen, doch habe ich hinter der Zellentür eine evangelische Weihnachtsandacht mitgemacht und habe feste mitgesungen.— Una Sancta!— Ich bin froh, daß ich mich geistig be- schäftigen darf, wenn auch das Schreiben in Fesseln schwer ist und dem Leser wohl kaum Freude macht.... Zum neuen Jahr dachte ich in der Silvesternacht für mich und für Euch: „So heb’ ich’s an in Gottes Namen, das Jahr, das die Entscheidung bringt. Ich sag’ im voraus schon mein Amen zu dem, was Deinem Rat entspringt. Was gut, was bös für mich— für alle— verbargst Du unserm Unverstand. Doch Segen ist in jedem Falle, was Deine Weisheit uns erfand. So magst Du den Kalender schreiben für uns, die wir in Deiner Hut! Laß nur in Deiner Gnad’ uns bleiben! Was„Vater“ Du uns fügst, ist gut.“ In den Januartagen bewegte ihn besonders das Schicksal seines Vater- ‘ landes. In seinem übervollen Herzen verdichieten sich seine Gefühle zu folgenden Versen: 155 „Mutter Deutschland! Die du getragen mich im Mutterschoße, aus deren Herzen floß mein warmes Blut, die mir bestimmt des Lebens Schicksalslose, an deren treuer Brust ich froh geruht, dir, Mutter, bleib’ ich wandellos verbunden, wohin auch dunkle Sphinx mich führen mag. Ich teile deinen Stolz und deine Wunden, ich halt’ zu dir, auch an dem schwarzen Tag. Du bist’s, mein Volk, dir hab’ ich zugeschworen des Herzens Dienst und opfertreue Tat. Heil dem, der dich vor allen auserkoren, dich, heil’ges deutsches Volk, zur Mutter hat!“ In anderen Tagen und Stunden packt ihn auch wieder der Zorn, und sein altes Temperament sprüht die aufwallenden Gedanken in die folgenden Verse: „Wo sich der Hochmut bläht und geile Macht sich brüstet, da kocht mein Blut, es drängt die Hand zum Schwert: jedrängtem Recht des Ritters Schutz zu leih’n gelüstet mich mehr als weicher Pfühl am warmen Herd. Nie möcht’ ich feige sein! Mein Zorn soll stets entbrennen vor Trug und Bosheit, Niedertracht, Gewalt! Doch— ist’s in Deinem Geist? Laß mich mein Herz erkennen, und irrt’s vor Dir, gebiete Du ihm Halt! Ich weiß darum, wie ungeläutert Triebe sehren den heil’gen Zorn und ritterlichen Drang, wie schlimmer Rache Geister edeln Sinn verzehren— mir ist um meinen Christennamen bang! Im Schweigen Unrecht tragen, dieser Kunst ein Meister wie Du ach, wär ich’s, Herr! ich bin es nicht! In Liebesüberschwang besiegen böse Geister, fürwahr, das war Dein göttliches Gericht! Wie groß, der Tücke und Gemeinheit zu begegnen in sühnender Geduld und kreuzbereit! Nur Heilandsgeist vermag in Unbill noch zu segnen, befriedet, ohne Groll und Bitterkeit.... O Herr, Du mußt mein ungebärdig Herze wandeln! In Deines Herzens Gluten brenn’ es rein! Laß mir den kühnen Mut, doch laß mein täglich Handeln ein Taterweis des Christengeistes sein!“ d sein enden en, Die Vollstreckung des Urteils ließ lange auf sich warten. Hoffnung stieg wieder in ihm auf. Haben die Gesuche um Begnadigung vielleicht doch Erfolg gehabt? Soll er nicht vielleicht doch zu neuer wertschaffender Arbeit aufbehalten sein? 99 Warum machen sie bei mir nicht voran? Mit dem Krieg kann es doch nicht mehr lange dauern. Vielleicht zieht sich meine Sache hin bis zum Einmarsch der Alliierten. Dann werde ich wieder frei, und ich kann ganz anders als bisher für den Frieden der Völker und für die Einheit der Kirche arbeiten. Dann war alles, was ich hier durchgemacht habe, nur der große Exerzitienkurs, in dem ich für meine neue Mission vorbereitet worden bin." Die Begeisterung steigt neu in ihm auf und formt sich in die Verse: 99 , Was ist's, was Du nun willst von mir, o Herr? Als Sühnelamm geopfert wortlos leiden? Des Rechts ein Kämpfer bis zum letzten streiten? Ich weiß es nicht sag Du mir Dein Begehr! Nur feige nicht, nicht glaubensschwach und müd! Du hast umsonst mir nicht das Herz gegeben voll Sturm und Drang und fieberndem Erleben, zum Höchsten eifernd nur, von ihm durchglüht.... Laß mich nicht länger blind! Ich will mich Deiner Zorneshand nicht weigern, so es nur dient, die Ehre Dein zu steigern, Ich füg' mich Deiner Führung als Dein Kind." Aber es kam anders. Am Montag nach der Osterwoche, am 17. April 1944, um die Mittagszeit, wurde ihm vom Zuchthausgeistlichen mitgeteilt, daß er am Nachmittag enthauptet werde. Er war gerade am Briefschreiben, mit gefesselten Händen. Ruhig, wie ein alter Stoiker, nahm er die Nachricht auf, legte den Stift nieder und bat um die heilige Wegzehrung. Nach ihrem Empfang setzte er sich auf seine Pritsche nieder mit den Worten: ,, Nun, Herr Jesus, ich komme bald." Um 1/24 Uhr wurde er zur Richtstätte des Brandenburger Zuchthauses geführt, aufrecht wie in seinen besten Tagen und mit verklärtem Antlitz. Wie einst Thomas Morus, den er so sehr verehrte, legte er mit einem Lächeln auf den Lippen den Kopf auf den Block. Sein letztes Wort war: ,, Vater, in Deine Hände gebe ich meinen Geist." Ein diensttuender Beamter berichtete nachher einem Bekannten: ,, So habe ich in meiner ganzen Tätigkeit noch keinen sterben sehen." Ungefähr um dieselbe Zeit beteten die Schwestern im Mutterhaus, ohne es zu wissen, die Sterbegebete und sangen dann, seinem Wunsche entsprechend, das Te Deum. 157 DAS CHRISTLICHE DEUTSCHLAND 1933-1945 DIE EVANGELISCHE REIHE: Diese Reihe soll ein Bild des geistigen Kampfes geben, den die Bekennende Kirche gegen die Dämonie des Neuheidentums, der Entchristlichung der Jugend, der Rechtszerstörung und des politischen Machtstrebens im Raum der Deutschen Evangelischen Kirche geführt hat. Es sind Zeugnisse ausgewählt, die entweder überhaupt nicht gedruckt werden konnten, aber oft in großer Zahl vervielfältigt von Hand zu Hand gingen, oder Privatdrucke waren, welche die Bekennende Kirche für ihre Mitglieder, meist nur in kleinen Auflagen, hergestellt hat; ferner Veröffentlichungen in Zeitschriften, die durch Beschlagnahme unterdrückt wurden oder auf andere Weise an der Verbreitung gehemmt worden sind. Unser Bemühen ist, im Geschichtlich- Einmaligen das Bleibende sichtbar zu machen und die Erkenntnisse zu bewahren, die damals als Richtschnur einer evangelisch- christlichen Lebensordnung erkämpft wurden. Deshalb bringen wir außer grundsätzlichen Erklärungen, Botschaften und Ausarbeitungen auch Berichte, Briefe, Verteidigungsreden, Predigten, Aufrufe an die Gemeinden und Stimmen aus den Gemeinden zum Gehör. Denn die damals so beglückend geschenkte Einigkeit im Wesentlichen des Glaubens und die daraus entstandene Überbrückung der Verschiedenheiten im Bekenntnis von Lutheranern und Reformierten, die Einsicht in tragfähige Verfassungsgrundlagen der Kirche, die allmählich wachsende Bereitschaft zu immer besserem Verständnis des Glaubenslebens unserer römisch- katholischen Brüder, nicht am geringsten endlich die gemeinsame Front aller Christen in Deutschland gegen das Neuheidentum- alles dieses läßt sich nicht trennen von der zeitgeschichtlichen Not, in die unsere Deutsche Evangelische Kirche seit 1933 in immer wachsendem Ausmaß gestellt war. Diese schwere Anfechtung ist aber unserer Kirche, trotzdem ihre sichtbare Gestalt fast darunter zerbrach, dennoch zum Segen geworden. Davon lassen die Zeugnisse, die wir hier vorlegen, etwas verspüren. Es war von Anfang an der Bekenntniskirche klar, daß Gott ihr den Kampf um die Kirche zur Buße und nicht zum Ruhme verordnet hatte. Wenn wir heute die Zeugnisse dieser Prüfungszeit neu ans Licht treten lassen, so geschieht es im gleichen Geist ohne Bitterkeit, ohne Anspruch und ohne Selbstberuhigung. Der Blick ist dabei nicht nach rückwärts, sondern nach vorwärts gerichtet. Stärkung und Ausrüstung für die uns bevorstehenden Aufgaben ist das Ziel. Über die bisher erschienenen oder vorbereiteten Hefte vergleiche die Übersicht am Schluß dieses Heftes. r\ u Zu an ne an gen n R DAS CHRISTLICHE DEUTSCHLAND 1933— 1945 DIE EVANGELISCHE REIHE; Diese Reihe soll ein Bild des geistigen Kampfes geben, den die Bekennende Kirche gegen die Dämonie des Neuheidentums, der Entchristlichung der Ju- gend, der Rechtszerstörung und des politischen Machtstrebens im Raum der Deutschen Evangelischen Kirche geführt hat. Es sind Zeu gnisse ausgewählt, die entweder überhaupt nicht gedruckt werden konnten, aber oftin großer . Zahl vervielfältigt von Hand zu Hand gingen, oder Privatdrucke waren, welche die Bekennende Kirche für ihre Mitglieder, meist nur in kleinen Auf- lagen, hergestellt hat; ferner Veröffentlichungen in Zeitschriften, die durch Beschlagnahme unterdrückt wurden oder auf andere Weise an der Verbrei- tung gehemmt wordensind. Unser Bemühen ist, im Geschichtlich-Einmaligen das Bleibende sichtbar zu machen und die Erkenntnisse zu bewahren, die damals als Richtschnur einer evangelisch-christlichen Lebensordnung er- kämpft wurden. Deshalb'bringen wir außer grundsätzlichen Erklärungen, ‚Botschaften und Ausarbeitungen auch Berichte, Briefe, Verteidigungsreden, Predigten, Aufrufe an die Gemeinden und Stimmen aus den Gemeinden zum Gehör. Denn die damals so beglückend geschenkte Einigkeit im Wesentlichen des Glaubens und die daraus entstandene Überbrückung.der Verschieden- heiten im Bekenntnis von Lutheranern und Reformierten, die Einsichtin tragfähige Verfassungsgrundlagen der Kirche, die allmählich wachsende Bereitschaft zu immer besserem Verständnis des Glaubenslebens unserer römisch-katholischen Brüder, nicht am geringsten endlich die- gemeinsame Front aller Christen in Deutschland gegen das Neuheidentum—alles dieses läßt sich nicht trennen von der zeitgeschichtlichen Not, in die unsere Deutsche Evangelische Kirche seit 1933 in immer wachsendem Ausmaß ge- stellt war. Diese schwere Anfechtung ist aber unserer Kirche, trotzdem ihre ‚sichtbare"Gestalt fast darunter zerbrach, dennoch zum Segen geworden. : Davon lassen die Zeugnisse, die wir hier vorlegen, etwas verspüren. Es war von Anfang an der Bekenntniskirche klar, daß Gott ihr den Kampf um die Kirche zur Buße und nicht zum Ruhme verordnet hatte. Wenn wir_ heute die Zeugnisse dieser Prüfungszeit neu ans Licht treten lassen, so ge- schieht es im gleichen Geist: ohne, Bitterkeit, ohne Anspruch und ohne‘ Selbstberuhigung. Der Blick ist dabei ‚nicht nach rückwärts, sondern nach vorwärts gerichtet. Stärkung und Ausrüstung für die uns bevorstehenden Aufgaben ist das Ziel. ' Über die bisher erschienenen oder vorbereiteten Hefte vergleiche die Über- sicht am Schluß dieses Heftes.