I Nach der Rückkehr aus seinem längeren Krankheitsurlaub empfand Frank Fabian, Rechtsanwalt und Syndikus der Stadt, von der hier die Rede ist, mit großer Deutlichkeit die auffallenden Veränderungen, die in seiner Umgebung vor sich gegangen waren. Der Nachtschnellzug, mit dem er damals ankam, hatte eine volle Stunde Verspätung, so daß er erst um ein Uhr seine Wohnung erreichte. Zu seiner angenehmen Überraschung war Martha, das Mädchen, noch wach und öffnete die Türe, sobald er die Treppe heraufkam. Er drückte ihr herzhaft die Hand, indem er ihr dankte, daß sie wach geblieben war, und bat sie, ihm Rotwein ins Speisezimmer zu bringen. Er wolle seine Heimkehr feiern, fügte er lächelnd hinzu. ,, Meine Frau schläft wohl schon?" fragte er, während er seinen Überzieher in der Diele ablegte. Er sprach mit gedämpfter Stimme, um seine Gemahlin, die nervös war und an Schlaflosigkeit litt, nicht aufzuwecken. Ja, die gnädige Frau sei heute frühzeitig schlafen gegangen, antwortete Martha und versprach, den Rotwein sofort zu bringen. Fabian befand sich in ausgezeichneter Laune. Er war froh, wieder zu Hause zu sein, und rieb sich vergnügt die Hände, während er die sommerliche Wärme der Wohnung genoß, denn in der Droschke, die ihn vom Bahnhof brachte, war es zugig und kalt gewesen. Sogar der besondere Geruch, den jede menschliche Behausung an sich hat, erfreute ihn, er hatte ihn in den vier Monaten seiner Abwesenheit völlig vergessen gehabt. Nun schön, da war er also wieder! Von der Diele begab er sich in sein Arbeitszimmer und schaltete alle Lampen ein. Alles war noch da, die bunte Bücherreihe seiner Bibliothek, auf die er stolz war, die wenigen Bilder und 7 Kleinigkeiten, an denen er hing. Schon fühlte er sich zu Hause. Er liebte nichts mehr als seine Behaglichkeit und Ruhe. Auf seinem Schreibtisch lag ein Stapel eingegangener Post, und er griff nach den Briefen, deren Abschriften er rasch überflog. Auch die Arbeit wartet schon auf dich, sagte er befriedigt zu sich, während er sich in das anstoßende Speisezimmer begab. Er konnte ohne Tätigkeit nicht leben, und die letzten müßigen Wochen des Urlaubs waren ihm zur Qual geworden. Der Speisetisch war mit Blumen geschmückt und mit bestechenden Herrlichkeiten überladen. Kalter Braten und ein zerlegtes Brathuhn lagen auf einer kunstvoll garnierten Platte, umgeben von Schälchen mit allerlei Salaten und Leckerbissen. Fabian liebte es, gut zu speisen, und machte sich sofort, ausgehungert von der Reise, mit großem Appetit an die Mahlzeit. دو , Und was gibt es sonst Neues in der Stadt, Martha?" fragte er das Mädchen, das den Wein brachte, und griff nach dem Brathuhn. Er fragte eigentlich nur, um sich freundlich gegen das Mädchen zu zeigen, das solange wach geblieben war. Martha, die schon gehen wollte, wandte sich ins Zimmer zurück und lächelte mit ihrem alten, verschlafenen Dienstbotengesicht. ,, Es gibt ja jetzt immer etwas Neues", antwortete sie und suchte in ihren Gedanken. ,, Daß Bürgermeister Krüger gehen mußte, wissen Herr Doktor wohl schon?" Fabian fuhr zusammen, als habe er einen Stoß vor die Brust bekommen, und blickte das Mädchen mit offenem Munde an, eine Schnitte des Brathuhns an der Gabel. ,, Was haben Sie gesagt, Martha?" fragte er ungläubig. ,, Wer mußte gehen? Doktor Krüger mußte gehen?" „ Ja, Doktor Krüger mußte von heute auf morgen gehen", wiederholte das Mädchen.„ Die ganze Stadt spricht davon." Fabian fand noch immer kein Wort. Er legte die Gabel mit der Hühnerschnitte auf den Teller. Plötzlich fühlte er sich müde von der Reise und seine prächtige Laune war wie weggeblasen. Doktor Krüger war der erste Bürgermeister der Stadt, ein Freund und Studiengenosse Fabians. Er war bei allen Leuten geachtet und beliebt, außerordentlich tüchtig, und es ließ sich prächtig mit ihm zusammen arbeiten. Sein heiterer Optimismus 8 ließ niema seiner beso „ Ja, so ,, weshalb denn?" Martha weil er So Fabian Sozialdem ,, Man s richtigte Wieder und wer i ,, Ein H „ Taube er denn?" Martha wisse sie in Pomm „ In Po ,, Man schlossen Fabian „ Nun er „ Das Ka Marth gehört h achselzu geklingel Ich 1 dem Ma sagen." Die E lagen in freundsc Fabian geschloss ließ niemals Erschlaffung aufkommen, und Fabian hatte sich seiner besonderen Gunst erfreut. „Ja, so sagen Sie mir nur, Martha“, brachte er endlich hervor, „weshalb in aller Welt Doktor Krüger gehen mußte? Weshalb denn?“ Martha zuckte die Achseln und blickte zu Boden.„Man sagt, weil er Sozialdemokrat war.“ Fabian lachte ärgerlich.„Krüger war Zentrum und niemals Sozialdemokrat!“ sagte er etwas lauter als er wollte. „Man sagt, er hatte soviel mit Sozialdemokraten zu tun“, be- richtigte das Mädchen. Wieder lachte Fabian und schütrelte erregt den Kopf.„Nun, und wer ist denn an seine Stelle gekommen?“ „Ein Herr Taubenhaus.“ „Taubenhaus?“ fragte Fabian kopfschüttelnd.„Woher kommt er denn?“; Martha zuckte die Achseln und zog sich zur Türe zurück. Das wisse sie nicht.„Man sagt, er soll Beamter in einer kleinen Stadt in Pommern gewesen sein.“ „In Pommern?“’ „Man sagt es. Ja, und dann soll das Kapuzinerkloster ge- schlossen werden, erzählt man sich.“ . Fabian lachte wiederum, diesmal aber mit gerunzelter Stirn. „Nun erzählen Sie wohl Märchen, Martha?“ sagte er ungläubig. „Das Kapuzinerkloster?“ Martha öffnete die Türe, da sie die Klingel auf dem Korridor gehört hatte.„Die Leute reden ja heute sehr viel“, erwiderte sie achselzuckend. Dann fügte sie eilig hinzu:„Die gnädige Frau hat geklingelt“, und schlüpfte hinaus. „Ich lasse meine Frau bestens grüßen, Martha“, rief Fabian dem Mädchen nach.„Morgen früh werde ich ihr guten Tag sagen.“ Die Ehe Fabian war seit längerer Zeit erschüttert. Die Gatten lagen in Scheidung, aber beide bewahrten vor der Welt noch freundschaftliche Formen. Fabian schüttelte noch immer den Kopf, als Martha die Türe geschlossen hatte. Dann goß er sich ein Glas Rotwein ein und 3 begann sich erneut an das Brathuhn zu machen. Krüger mußte gehen, murmelte er vor sich hin. Er verspeiste das Brathuhn und griff nach dem kalten Braten. Während er sich Tomatensalat auf den Teller legte, sagte er kopfschüttelnd: Von heute auf morgen mußte er gehen? Der arme Theo. Er nickte bedauernd mit dem Kopf. Es ist schade um ihn, er war ein guter Junge. Gewiß hätte er mir auch im Januar mein Gehalt erhöht, wie? Fabian löffelte noch ein Schälchen mit gemischten Früchten aus, dann schob er den Teller zurück. Und bei den Kapuzinern scheint etwas nicht in Ordnung zu sein? Verrückt, verrückt! murmelte er. Wie soll das alles ein Mensch begreifen? Seine Müdigkeit war vergangen, und er war völlig wach geworden. Ja, es gingen Dinge vor sich im heiligen Deutschen Reich, es gingen wahrhaftig Dinge vor sich! Krüger entlassen, das Kapuzinerkloster vor der Auflösung, das verstand der Teufel! Er nahm die Karaffe mit Rotwein und das Glas an sich und kehrte wieder in sein Arbeitszimmer zurück, um nach langer Abwesenheit noch eine Stunde der Stille in seinem Heim zu genießen. Sein Blick glitt zerstreut über die bunten Bücherreihen der Bibliothek, über den Stoß von Briefen und Zeitungen auf seinem Schreibtisch, aber er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Mit der Ruhe war es vorbei. Immer wieder kehrte der Gedanke in seinem Kopf zurück, daß Dinge im heiligen Deutschen Reich vor sich gingen, unbegreifliche, überraschende und verwirrende Dinge! Schließlich griff er nach einer Zigarre und ließ sich in einem bequemen Sessel nieder. Er streckte die Beine lässig von sich und dachte nach, die Zigarre in der Luft. und ungeh Erst waren umblickter auch an sie ankamen Ja, man sah sie schon seit langer Zeit in der Stadt herumlaufen. In ihren braunen Uniformen und hohen Reitstiefeln, als wären sie soeben von Schlachtrossen gestiegen, Lederriemen um die Schulter, erschienen sie halb wie Landsknechte, halb wie Cowboys. Sie sahen gut aus, man mochte sagen, was man wollte, stark, kräftig, mutig, tatendurstig, manche sogar verwegen. Sie benahmen sich im allgemeinen gesittet, manchmal etwas derb noch Aufs verdienten stets etwas Gedanken lohnte jag Auch h zwei Tisc Es waren kamen, d sie untere fordernd bewußtsei raschend Es sah gar geworden Fabian Oder täus Dann neuem se Parteien, den kon Kirchen begannen Fliege et den vier Ansprüc unleugba abgewirt lachte st licher Ir diesen In Seine ΙΟ Jeut- e4 TEE EEE EEE RN und ungehobelt, aber die Stadt hatte sich längst an sie gewöhnt. Erst waren es ihrer nur wenige, so daß die Leute sich nach ihnen umblickten, dann wurden ihrer immer mehr und mehr, aber auch an sie gewöhnte man sich. Nur wenn sie in ganzen Rudeln ankamen und mit ihren Sammelbüchsen rasselten, erregten sie noch Aufsehen, und manche Leute, die ihre Groschen schwer verdienten, wichen den rasselnden Büchsen aus. Er selbst hatte stets etwas Kleingeld bereitgehalten— man sollte nicht auf den Gedanken kommen, daß er sich ostentativ abseits halte, nein, es lohnte ja gar nicht der Mühe. Auch heute im Zug hatte er sie wieder gesehen. Sie nahmen zwei Tische im Speisewagen ein und taten laut und anmaßend. Es waren zumeist junge, frische Leute, die von irgendeiner Tagung kamen, die ihnen neue Impulse einflößte. Manchmal schrien sie untereinander, und dann gingen ihre Blicke keck und heraus- fordernd über die andern Gäste hin. Ohne Zweifel, ihr Selbst- bewußtsein war in den vier Monaten seines Urlaubs über- raschend gestiegen und ihr Machtanspruch auffallend gewachsen. Es sah ganz so aus, als seien sie über Nacht eine Macht im Staate geworden! Oder täuschte er sich?| Fabian erhob sich und machte einige Schritte durchs Zimmer. Oder täusche ich mich? fragte er sich erneut. Dann warf er sich wieder in den Sessel und überließ sich von neuem seinen Gedanken. Gut, erst waren es die sozialistischen Parteien, die ihnen nicht behagten, dann die bürgerlichen bis zu den konservativen, aber noch nicht genug, dann waren die Kirchen ihrer Machtgier im_Wege. Sogar hier in der Stadt begannen sie Krieg mit den harmlosen Kapuzinern, die keiner Fliege etwas zuleide tun. Ohne jeden Zweifel hatte die Partei in den vier Monaten weitere und immer weitere Kreise in ihren Ansprüchen gezogen, sie war mächtiger und stärker geworden, unleugbar! Und er hatte geglaubt, sie würde in ein, zwei Jahren abgewirtschaftet haben, wie andere Parteien vor ihr. Fabian lachte still in sich hinein. Welch ein Irrtum, welch ein unbegreif- licher Irrtum! Gottlob, dachte er, bin ich nicht der einzige, der diesen Irrtum beging, es waren viel Klügere darunter, gottlob. Seine Gedanken verschwammen und die Reisemüdigkeit von II vorhin kehrte plötzlich zurück, Er war kaum imstande sich zu erheben. Es wird ja auch allmählich Zeit, zu Bett zu gehen, sagte er sich. Kaum bist du zu Hause, und schon beginnt wieder die alte Rastlosigkeit der Gedanken und die alte Unruhe. Nun, alles wird sich morgen finden, morgen, morgen. Morgen wirst du alles mit ruhigen und klaren Augen betrachten. Morgen beginnt so etwas wie ein ganz neuer Tag! Er gähnte, ja, nun war er in Wahrheit jämmerlich müde. Er schaltete die Deckenlampen aus. Morgen wirst du auch Clotilde begrüßen, nicht wahr? Erst jetzt kam ihm wieder seine Frau in den Sinn und der unselige Konflikt, der seine Ehe bedrohte. Nun, Clotilde wird sich in den vier Monaten wohl alles gründlich überlegt haben, Zeit genug hatte sie dazu. Wir werden es ja sehen, morgen wird es sich zeigen! Wenn sie aber-, mühselig schleppten sich seine Gedanken dahin-, wenn sie aber auch jetzt noch auf der Trennung bestehen sollte? Wie? Er hielt inne und lauschte in sein Inneres. Wie eigentümlich, dachte er, daß ich jetzt in aller Ruhe darüber nachdenken kann, während ich im Sanatorium schlaflose Nächte darüber verbrachte? Denn letzten Endes war es ja diese elende Sache, die mich krank gemacht hat! Er stand eine Weile am Schreibtisch, müde und fast taumelnd. Wenn sie aber auch nach diesen vier Monaten noch auf der Trennung bestehen sollte, dachte er weiter, wenn sie es unbedingt, trotz der beiden Jungen, so haben will? Nun, dann soll sie eben die Trennung haben! Er runzelte die Brauen und staunte selbst über seine Entschlossenheit. Nun schön, Clotildes Wille war noch immer Clotildes Himmelreich. Er war zu müde, um irgendwelche Bitterkeit oder sonst irgend etwas zu empfinden, und begab sich in sein Schlafzimmer. Neu ges Morgen. E falt an, wo zufrieden gemacht! Frühstück, nahm. Sein schon heu hatte er a Hände VO Als er s grüßen, hö Besuch. D denn Clot liebenswür sie ihn ger Wer is blickte, al ,, Baroni Mädchen. Er trat Begrüßun mußte, di Clotild lackrote F brachten. besonders üppig. Da derischen schimmer die Fabian nun scho Ihr ges ihn erfreu Die Ba 12 I Neu gestärkt und voller Zuversicht erwachte Fabian am Morgen. Er machte Toilette und kleidete sich mit großer Sorg- falt an, wobei er sich aufmerksam im Spiegel musterte. Er war zufrieden mit sich, die Kur hatte einen neuen Menschen aus ihm gemacht! Da es schon auf zehn Uhr ging, beeilte er sich beim Frühstück, das er wie gewöhnlich allein im Speisezimmer ein- nahm. Sein Urlaub ging morgen zu Ende, er wollte sich aber schon heute eine Stunde in seinem Büro einfinden. Übrigens hatte er an diesem ersten Tag nach langer Abwesenheit alle Hände voll zu tun. Als er sich dem Zimmer seiner Frau näherte, um sie zu be- grüßen, hörte er fröhliches Geplauder und Lachen. Clotilde hatte Besuch. Das war ihm für die erste Begegnung nur angenehm, denn Clotilde pflegte in Gegenwart von Besuch gewöhnlich liebenswürdiger zu ihm zu sein, als wenn er sie allein antraf, wo sie ihn gern ihre'momentane Laune fühlen ließ. „Wer ist da?“ fragte er Martha, die aus der Küche heraus- blickte, als sie seine Schritte im Korridor vernahm. „Baronin Thünen ist soeben gekommen“, antwortete das Mädchen. ga Er trat ein. Clotilde reichte ihm die Hand zum Kusse, und die Begrüßung spielte sich in einer Weise ab, daß jedermann glauben mußte, die Gatten hätten sich schon gestern abend gesehen. Clotilde trug ein neues auffallendes Morgenkleid und kokette, lackrote Pantöffelchen, die ihre zierlichen Füße gut zur Geltung brachten. Sie war in den letzten Monaten etwas voll geworden, besonders ihre Brust erschien in dem losen Morgenkleid zu üppig. Das blonde Haar trug sie in einem lockeren, verschwen- derischen Schopf, unter dem ihre Augen von blassem Blau schimmerten. Es waren jene betörenden Vergißmeinnichtaugen, die Fabian einst zu lyrischen Ergüssen begeistert hatten. Das war nun schon viele Jahre her. Ihr gegenüber saß Baronin von Thünen, deren helle Augen ihn erfreut grüßten. Die Baronin, überschäumend von Lebendigkeit und Frische, 13 lag hingegossen im grauen Straßenkleid in einem niedrigen Sessel, ein sehr flottes winziges Hütchen mit stahlblauen Federn auf den leicht ergrauten Haaren. Dieses flotte Hütchen war die Ursache gewesen, weshalb sie der Freundin einen Morgenbesuch machte. Die Baronin war an die Fünfzig, sah aber noch immer recht jugendlich aus, und niemand konnte ihr ansehen, daß sie bereits einen erwachsenen Sohn hatte, der um einen Kopf größer war als sie selbst. Er war Oberleutnant. ,, Du wirst eine Tasse Tee mit uns nehmen, Frank, und uns einen Augenblick Gesellschaft leisten", bestimmte Clotilde und klingelte nach dem Mädchen, ohne Fabians Zusage abzuwarten. ,, Baronin Thünen war so reizend, auf einen Sprung zu mir heraufzukommen." ,, Ich ahnte ja nicht, daß Ihr Urlaub heute zu Ende ist, mein verehrter Freund", rief Frau von Thünen lebhaft aus und lächelte ihr etwas geziertes Lächeln, das sie stets annahm, wenn ein Mann anwesend war. ,, Meine erste Begegnung in der Stadt könnte nicht angenehmer sein, Baronin", entgegnete Fabian mit einer jener höflichen Redensarten, wie er sie liebte. Enttäuschu zum Gene Er hatte sofort gesehen, daß Clotilde während seines Urlaubs ihr Vorzimmer, das sie Boudoir nannte, neu tapezieren ließ. Sie hatte eine helle, goldfarbene Tapete mit großen Chrysanthemen gewählt, von der sie schon lange schwärmte. Die großen lachsfarbenen Blüten wirkten etwas unruhig, paßten aber vorzüglich zu ihrem Morgenkleid, das den Schnitt eines Kimonos zeigte, zu den wenigen niedrigen Sesseln, die im Zimmer standen, und dem kleinen gelben indischen Teppich, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Ein zurückgeschlagener erdbeerfarbener Samtvorhang führte zu ihrem Schlafzimmer, aus dem ein leiser Duft von Parfüm und Essenzen strömte. hatte ja so Partei zur , Vergiß nicht, die Baronin zu beglückwünschen", begann Clotilde mit einem liebenswürdigen Lächeln, das jedermann täuschen konnte, nur Fabian nicht. ,, Herr Oberst von Thünen wurde zum Standartenführer ernannt." Die Bar Hütchen zückten A der Bewes Posten, de jetzt sofor Fabian verbeugte sich. ,, Meinen aufrichtigen Glückwunsch, Baronin!" rief er aus, aber seiner Stimme hörte man eine leichte Offizier er Haut und Murat sich wären sie kleine Ko ebenfalls s wie gückl stens wied müssen ja der Obers Fabian Offizier v Offenheit kaiserliche seiner Ab mit große Heeresber seiner Ka Die Ba Jungen, d steckt, ha täglich, w entweder große St ein paarm wunderv sehr, me 14 gen Hern die uch mer sie ößer uns und ten. hermein und wenn enehchen laubs 3. Sie emen achsglich te, zu dem er gerhang ParCloaschen e zum unsch, eichte Enttäuschung an. Er hatte geglaubt, der Oberst sei mindestens zum General befördert worden.„ ,, Herr Oberst von Thünen hatte ja schon lange die Absicht, seine großen Fähigkeiten der Partei zur Verfügung zu stellen?" Die Baronin nickte eifrig und die stahlblauen Federn auf ihrem Hütchen schillerten. ,, Ja, das hatte er", versicherte sie mit verzückten Augen. ,, Er war ja von jeher ein begeisterter Anhänger der Bewegung und bewarb sich schon seit langem um einen Posten, der seinem Rang als Oberst entsprach. Natürlich griff er jetzt sofort zu. Man muß dabei sein, sagte er. Als Patriot und Offizier erblicke ich meine Pflicht darin, mich der Bewegung mit Haut und Haaren zur Verfügung zu stellen. Wenn die Ney und Murat sich so lange besonnen hätten, bis Napoleon Cäsar wurde, wären sie nicht Marschälle und Könige geworden, sondern kleine Korporale geblieben." Sie lachte ein helles Lachen, das ebenfalls sehr jugendlich klang. ,, Sie können sich nicht vorstellen, wie gücklich der Oberst ist", fuhr sie fort. ,, Jetzt hat er wenigstens wieder etwas zu tun. Pensionierte Offiziere ohne Tätigkeit müssen ja rapide verkalken, rapide. Ich gebe Ihnen mein Wort, der Oberst ist um zwanzig Jahre jünger geworden." Fabian drückte seine Freude aus. Oberst von Thünen war ein Offizier von altem preußischen Schlag, dessen Aufrichtigkeit und Offenheit er bewunderte. Er machte keinen Hehl aus seiner kaiserlichen Gesinnung, seinen imperialistischen Ansichten und seiner Abneigung gegen die Republik. Im Weltkrieg hatte er mit großem Erfolg ein Regiment geführt und war wiederholt im Heeresbericht erwähnt worden. Eine schwere Verwundung hatte seiner Karriere ein Ende gemacht. Die Baronin fuhr mit großem Eifer fort: ,, Auch Wolf, meinen Jungen, der noch allzusehr in den süßen Torheiten der Jugend steckt, hat er mit seiner Begeisterung angesteckt. Er predigt ihm täglich, wer heute in Deutschland nicht seinen Weg macht, sei entweder ein Esel oder ein vaterlandsloser Geselle. Deutschlands große Stunde hat geschlagen, wiederholt der Oberst jeden Tag ein paarmal. Ja, bei Gott, wir leben in einer herrlichen Zeit, einer wundervollen, großen Zeit, nicht wahr? Ich wundere mich auch sehr, mein verehrter Freund", wandte sie sich unerwartet an IS Fabian mit ihrem gewinnendsten Lächeln ,,, daß Sie, gerade Sie, sich bis heute noch nicht positiv erklärt haben!" Sie schüttelte den Kopf und ihre hellen Augen betrachteten ihn mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens. Fabian wurde verlegen. Offenbar hatte Clotilde der Baronin ihre geheimen Wünsche mitgeteilt und die Damen hatten in seiner Abwesenheit häufig über dieses Thema gesprochen, das man heute überall im Lande diskutierte. Er hatte in seinem Urlaub reichlich Muße gehabt, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, hielt es aber für verfrüht, Clotilde seine Entschlüsse zu offenbaren. Er setzte sich in den Sessel zurück und legte die Hände wie zum Gebet aneinander, wie es seine Gewohnheit war, wenn er einen längeren Vortrag halten wollte. ,, Sie wiederholen den Wunsch Clotildes, Baronin", begann er lächelnd. ,, Sie hat diese Frage schon oft mit der gleichen Ungeduld an mich gerichtet.". ,, Ich würde mich auch heftig wundern, wenn sie es nicht getan hätte", rief die Baronin lachend aus und griff mit ihren zarten Fingern nach einer Zigarette. ,, Ich befürchte nur, Frank fehlt es an der nötigen Wendigkeit, Baronin", warf Clotilde ein. دو Wendigkeit!" Die Baronin schnellte entzückt im Sessel empor. Ja, das ist das richtige Wort für unsere Tage. Wendigkeit! Alle Schwerfälligkeit ist heute ein Fehler, ein Vergehen, das völlig, aber auch völlig unverzeihlich ist." Clotilde hatte sich offenbar vorgenommen, heute die liebenswürdige Gattin zu spielen. Sie lächelte Fabian sogar zu, wenn er auch die Aufrichtigkeit ihres Lächelns bezweifelte. ,, Ich befürchte nur, Frank kann seine alte Anhänglichkeit an frühere politische Parteien nicht völlig überwinden", sagte sie. Fabian lachte. Dann versicherte er, daß ihn keineswegs so innige Beziehungen mit politischen Parteien verbunden hätten. Er habe einige Jahre der deutschnationalen Partei nahegestanden, ganz wie die Baronin, was er zufällig wisse, habe sich aber später dem Zentrum zugewandt, dem er ja als Katholik zuneigte, all das aber seien Bindungen höchst bedeutungsloser Natur gewesen. 16 „ Ich erklä eilung nie ten, bis ein Warten auflachend " der Tat w sich ihrem Baronin Hand. ,, A benswürdi zögern? H ein Genie haben nie vielen uns sah Fabian sich schon Freund, is die Stellun Fabian » Verze hob, imm Sessel zur ernst und Redensar len, bis d Schließlic Überzeug den Vero vielen vo Die be ten durc Frau von an ihren nahm ein Lippen, „ Abge Sicherhe 2 Totenta Sie, elte USnin in das mit ilde wie ner den hat geetan arten keit, emandig, das bensnn er beühere gs so ätten. unden, später te, all wesen. ,, Ich erklärte Clotilde wiederholt", fuhr er fort ,,, daß Übereilung nie meine Sache war und ich meine Gründe hätte zu warten, bis eine gewisse-" ,, Warten? Warten?" unterbrach ihn die Baronin so heiter auflachend, daß es fast unhöflich klang. Ihr helles Lachen klang in der Tat wie das eines jungen Mädchens. Auch Clotilde schloß sich ihrem Lachen an. Baronin von Thünen beugte sich vor und berührte Fabians Hand. ,, Aber ich bitte Sie, verehrter Freund!" sagte sie mit liebenswürdigem Vorwurf. ,, Wie kann man denn da noch lange zögern? Hören Sie, was der Oberst täglich wiederholt. Er sagt, ein Genie ist Deutschland geboren worden, aber die Deutschen haben nie ein Genie erkannt und auch heute scheint sich bei vielen unserer Landsleute das alte Erbübel zu wiederholen." Sie sah Fabian noch immer lächelnd an, aber in ihr Lächeln mischte sich schon nachsichtiges Bedauern. ,, Und dieses Erbübel, mein Freund, ist die tragische Ursache, daß Deutschland heute nicht die Stellung in der Welt einnimmt, die ihm zukommt." Fabian errötete. ,, Verzeihen Sie, Baronin!" sagte er, indem er leicht die Hand hob, immer noch rot und verlegen. Er legte sich wieder in den Sessel zurück und führte wortreich aus, daß das Thema viel zu ernst und lebenswichtig sei, als daß man darüber mit flüchtigen Redensarten hinweggehen könne. Er habe lediglich warten wollen, bis die Entwicklung der Dinge ein klareres Bild zulasse. Schließlich sei es doch die Pflicht eines jeden einzelnen, seine Überzeugungen zu überprüfen, nicht wahr? Er könnte sonst in den Verdacht der Opportunität kommen, die man heute schon vielen vorwarf. Oder sei es nicht so? Die beiden Damen nickten. Gewiß habe er recht! Sie drückten durch ihre Haltung die Geneigtheit aus, ihm zuzuhören. Frau von Thünen betrachtete aufmerksam die glitzernden Steine an ihren Fingern und ließ sie leicht im Lichte funkeln. Clotilde nahm eine Zigarette und blies den Rauch aus den zugespitzten Lippen, während sie ihn von der Seite betrachtete. ,, Abgesehen davon", schloß Fabian, der mehr und mehr seine Sicherheit zurückfand, ,, befand ich mich in einer Lage, die eine 2 Totentanz Institut für neuere deutsche Literatur Justus- Liebig- Universität Otto- Behaghel- Str. 10. 6300 Giessen 17 besonders reifliche Überlegung erforderte. Ich bin Katholik und Offizier!" Er hielt inne. Man sah ihm an, daß er seine stärksten Trümpfe ausgespielt hatte. III Frau von Thünen ließ weiter ihre Ringe funkeln, richtete sie an ihren Fingern und nickte. Dann blickte sie unvermittelt mit ihren kleinen raschen Augen zu Fabian auf. ,, Gewiß, ich verstehe", sagte sie. ,, Ich stamme aus einem Geschlecht von Offizieren und hohen Beamten, nebenbei bemerkt aus gut protestantischem Hause. Einer meiner Uronkel war Konsistorialrat und ein berühmter Kanzelredner. Er hinterließ eine Reihe bekannter Bücher und hieß Bergenström. Haben Sie nie von ihm gehört?" Fabian mußte gestehen, daß er von dem berühmten Kanzelredner Bergenström nie gehört hatte. Die Baronin lächelte nachsichtig. ,, Die Achtung vor allen Konfessionen liegt uns im Blute", beteuerte sie.„ Das brauche ich wohl nicht erst zu betonen. Ich frage mich aber, welche Haltung in der Bewegung- sie sprach stets von der Bewegung, nie von der Partei, welche antikatholische Haltung konnten Sie denn in der Bewegung entdecken?" ten und sa Argument Schließlich Fabian dachte nach. Es war nicht leicht, die Antwort klar und taktvoll zu formulieren. ,, Es schien mir", sagte er dann ,,, als ob ich eine positiv christliche Haltung nicht in ihr finden könnte." Wieder erstrahlte Frau von Thünens freundlichstes Lächeln. Sie nahm eine Zigarette aus der Schale auf dem Teetisch. ,, Scheint es Ihnen nicht positiv christlich genug", fragte sie ,,, daß die Bewegung stark antikommunistisch eingestellt ist? Für mich aber und für viele ist Kommunismus nichts als klarstes Antichristentum." Sie lächelte triumphierend und setzte die Zigarette in Brand. Partei mit Die beide Clotilde einem kühl Als Fabian antworten wollte, hob sie ihre kleine beringte Hand und blies den Rauch in einer zarten Wolke in die Luft. Sie schüttelte den Kopf, daß die blauen Federchen auf ihrem Hut glitzer18 Wahrheit z schen Kirc einmal zur gleichgültig gen. Sooft war, fand solchen Fä Du er kann religi gen, nicht Die Bar dem kann ger aber d und Obers mann der Fabian schen Ran hatte den Die S nicht gek Regiment Er empfa Die Ba strahlende schlecht noch von Sie doch Offiziere Kasten si andern. inte De 2 a 2 ten und sagte:„Verehrter Freund, ich glaube nicht, daß Ihr Argument mit dem Katholizismus stichhaltig ist. Nein, nein, nein! Schließlich kann man auch nicht erwarten, daß eine politische Partei mit dem Bischofsstab in der Hand daherkommt! Oder?“ Die beiden Damen lachten. Clotilde zuckte die Achseln. Mit einem Lächeln, aber mit einem kühlen Blick auf ihren Gatten, warf sie ein:„Um die Wahrheit zu sagen, macht sich ja Frank nichts aus der katholi- schen Kirche. Er besucht nur selten eine Messe und geht nicht einmal zur Beichte. Der Katholizismus ist ihm im Grunde völlig gleichgültig.“ Wiederum ließ sie ihr etwas leeres Lachen erklin- gen. Sooft Clotilde der Unterstützung eines Anwesenden sicher war, fand sie, wie viele Frauen, den Mut, ihn anzugreifen. In solchen Fällen ging sie sogar oft so weit, ihn zu desavouieren. „Du erlaubst, Clotilde“, entgegnete Fabian höflich,„man kann religiöse Gefühle auch besitzen, ohne Frömmigkeit zu zei- gen, nicht wahr?“ Die Baronin nickte.„Natürlich“, stimmte sie zu.„Trotz alle- dem kann ich den Katholizismus nicht gelten lassen, noch weni- ger aber den Offizier. Sie wissen, mein Mann ist aktiver Militär und Oberst. Ich glaube mich recht zu erinnern, daß Sie Haupt- mann der Reserve sind, verehrter Freund?“ Fabian richtete sich unwillkürlich auf, als sie seinen militäri- schen Rang erwähnte. Er war begeisterter Soldat gewesen und hatte den Weltkrieg'mit Auszeichnung mitgemacht. „Die Stellungnahme der Armee“, erwiderte er,„war lange nicht geklärt, Baronin. Ich habe sogar wiederholt mit meinem Regimentskommandeur korrespondiert, um korrekt zu handeln. Er empfahl mir immer abzuwarten.“ Die Baronin unterbrach ihn. Mit einem reizenden Lächeln und strahlenden Augen sagte sie:„Ihr Regimentskommandeur scheint schlecht orientiert gewesen zu sein, vielleicht aber war er auch noch vom alten Kastengeist besessen? Wer weiß es? Betrachten Sie doch meinen Mann, ich bitte Sie, und Hunderte von hohen Offizieren. Nein, mein verehrter Freund, die Schranken der Kasten sind gottlob gefallen. Und sie fallen täglich, eine nach der andern. Wenn ich denke, wie es früher war! Es war einfach ent- Ze 19 setzlich! Als ich der Hochzeit meiner Nichte beiwohnte, die vor Jahren einen Grafen Stumm heiratete, befand sich eine Fürstin Crailsheim unter den Gästen, die man mit Erlaucht ansprechen mußte. Erlaucht! Alles drehte sich um sie, wie um eine Königin, eine veritable Königin! Mich, zum Beispiel, hat sie überhaupt nicht beachtet, stellen Sie sich das vor! Ich war einfach Luft für sie, obschon unser Adel gewiß so alt, ja vielleicht älter ist als der ihrige." Die Baronin lachte noch heute empört über die Zurücksetzung. ,, Nein, nein", fuhr sie leidenschaftlich fort. ,, Diesen lächerlichen Kastengeist gibt es heute gottlob nicht mehr. Wir nähern uns heute mehr der Egalité, wie sie den Franzosen seinerzeit vorschwebte. Mein Mann, der Oberst, aber sagt, der Bewegung haben wir es zu verdanken, daß uns die Kommunisten nicht das Dach über dem Kopf angezündet haben." ,, Und die Kehle durchgeschnitten!" setzte Clotilde voll Überzeugung hinzu. Fabian lächelte. Er konnte der Logik der Baronin nicht so rasch folgen. ,, Aber urteilen Sie selbst, Verehrtester", fuhr die Baronin fort, und die Ringe an ihren Händen blitzten ,,, ging es denn so weiter? Heute streikte die Straßenbahn und morgen das Elektrizitätswerk, und man hatte kein Licht. Wie frech und unverschämt wurden doch die Handwerker! Ein wenig Sozialismus lasse ich mir ja gefallen, aber was zuviel ist, ist zuviel. Heute gibt es das alles nicht mehr. Die Großindustrie hat nicht umsonst Millionen geopfert, um der Bewegung in den Sattel zu helfen." ,, Die Großindustrie hat es wohl in erster Linie aus patriotischen Gründen getan?" warf Fabian ein, und man wußte nicht, ob er seine wahre Meinung aussprach. Die Erregu Freund, Sie bitte Sie? D sende hier, Feier der B deutete auf » Ja, gewiß, in erster Linie aus patriotischen Gründen, natürlich", stimmte die Baronin bei. ,, Aber das Überhandnehmen des sozialistischen Einflusses spielte natürlich ebenfalls eine wichtige Rolle. Wo es um Millionen geht, verehrter Freund, da genügen Ideale allein nicht. Die Diktatur der Arbeiter und Gewerkschaften mit ihren abscheulichen Bonzen mußte ebenfalls gebrochen werden." Die Baronin stieß abermals eine Rauchwolke in die Luft, diesmal aber eine mächtige, die das ganze Zimmer füllte. Fabian m benswürdig Aber die das nicht! Auf keinen stehen. Sie dig!" Sie le den Finger Federn, da Clotilde Augen mi Beste, soll Mensch vo angebracht sollte man seiner Söh Die Erv liebte, bra Die Bar der seine S nicht erst einiger Er Familie zu der sofort an den ne merschen Sandkuhl ken Sie Das Te delte sich finden SO 20 Die Erregung hatte ihre Wangen gefärbt.„Und Sie, verehrter Freund, Sie sollten zurückstehen? Ein Mann Ihrer Begabung, ich bitte Sie? Das größte Rednertalent der Stadt? Es gibt noch Tau- sende hier, die sich an Ihre berühmte Rede im Rathaussaal zur Feier der Befreiungskriege erinnern. Und dazu gehöre ich!“ Sie deutete auf ihre Brust.„Ich!“ Fabian machte eine kleine Verbeugung.„Ihre allzu große Lie- benswürdigkeit, Baronin—“ Aber die Baronin fiel ihm lächelnd ins Wort.„Nein, sagen Sie das nicht! Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Auf keinen Fall dürfen Sie, um es geradeheraus zu sagen, zurück- stehen. Sie sind es dem Lande schuldig, Sie sind es Clotilde schul- dig!“ Sie lehnte sich wieder in den Sessel zurück und prüfte mit ‚den Fingerspitzen flüchtig, ob das Hütchen mit den stahlblauen Federn, das ihr ausgezeichnet stand, richtig sitze. Clotilde, die hinter der Baronin neuen Tee eingoß, richtete ihre Augen mit! kaum erkennbarem Spott auf Fabian.„An mich, Beste, soll er gar nicht denken“, sagte sie.„Das erwartet ja kein Mensch von ihm, ich am allerwenigsten. Aber vielleicht wäre es angebracht, ihn an seine beiden Jungen zu erinnern? Ein Vater, sollte man meinen, hat schließlich die Pflicht, an die Zukunft - seiner Söhne zu denken.“ Die Erwähnung seiner beiden Jungen, die er leidenschaftlich liebte, brachte Fabian in Verwirrung. Die Baronin aber griff das Argument sofort auf.„Einem Vater, der seine Söhne so vergöttert, wie unser Freund, braucht man das nicht erst zu sagen, meine Liebe“, rief sie aus.„Jeder Mann von einiger Erziehung weiß, daß es seine oberste Pflicht ist, für seine Familie zu sorgen. Denken Sie an den Staatsanwalt Hollenbach, der sofort einen$prung ins Reichsgericht getan hat, denken Sie an den neuen Herrn Taubenhaus, der aus einer winzigen pom- merschen Stadt hierhergekommen ist. Denken Sie an Doktor Sandkuhl, der plötzlich Chefarzt des Krankenhauses wurde, den- ken Sie—“ Das Telefon klingelte. Clotilde eilte an den Apparat. Es han- delte sich um einen Ausflug zu Pferd, der am Nachmittag statt- finden sollte, und Clotilde sagte freudig zu. Fabian benützte die Gelegenheit, sich zu erheben. ,, Denken Sie, wollte ich erzählen", griff die Baronin den Faden des Gesprächs wieder auf, als Clotilde den Hörer des Telefons ablegte ,,, denken Sie an den Karpfenwirt! Ja, an ihn denken Sie! Er war ein einfacher Gastwirtssohn, dessen Vater das Wirtshaus , Zum Karpfen' besaß. Heute ist er, nun, was glauben Sie? Er ist Gauleiter! Ein Fürst, ein unumschränkter Herrscher, mehr als das. Ich werde Ihnen die Geschichte von Hans Rumpf erzählen - CC Fabian unterbrach sie. Er verbeugte sich. ,, Ich bedauere unendlich, mich der Gesellschaft der Damen berauben zu müssen“, sagte er ,,, ich habe hundert dringende Geschäfte!" Er ging rasch durch den Korridor. Das helle Lachen Clotildes schlug an sein Ohr. für einen lichste So Die Sta ringsten sah, beme Der B verg sich War es n krat mit ihn soga fenster w haber. D eben ein tionen in Juwelier Lorbeer des Sch rollen. IV Fabian verließ rasch das Haus. Mit der gelben schweinsledernen Aktentasche unter dem Arm eilte er geschäftig durch die StraBen dahin. Er wurde häufig gegrüßt und zog selbst ununterbrochen den Hut. Die ganze Stadt kannte ihn und seine gelbe Aktentasche, denn er gehörte allen angesehenen Vereinen an, der Concordia, dem Musik- und Theaterverein, dem Tennisklub, dem Männerquartett, dem Verschönerungsverein und wie sie alle hießen. In den meisten dieser Gesellschaften bekleidete er irgendein Ehrenamt. Es gab auch keine öffentliche Veranstaltung in der Stadt, bei der er nicht eine Rolle gespielt hätte. Das städtische Treiben gefiel ihm und ließ ihn die vielen Monate Kuraufenthalt in einem langweiligen Herzbad vergessen. Das Hupen der Autos, das Klingeln der Trambahnen, die dahineilenden Menschen erfüllten ihn mit einem neuen, starken Lebensgefühl. Fabian war ein gut aussehender Mann, stattlich und mit vorzüglicher Haltung. Mit seinen vom Urlaub gebräunten Wangen, seinen lockeren braunen Haaren und seinen frischen graublauen Augen war er eigentlich zu hübsch für einen Mann. Dazu galt er ein weif Ladentü ,, Ihr und Fab Auch chen, P sie ihm Dann woch u stehen, Sonne herabsc Dan weiber lingsbr Seit Ja ständli alten F Jünglin 22 für einen der bestgekleideten Männer der Stadt, der die pein- lichste Sorgfalt auf sein Äußeres verwendete. Die Stadt schien sich während seiner Abwesenheit nicht im ge- ringsten verändert zu haben, und erst als er aufmerksamer hin- sah, bemerkte er eine Wandlung in vielen Dingen. Der Buchhändler Dillinger, der auch sein Lieferant war, hatte sich vergrößert, seht an, und den Nachbarladen dazugenommen. War es nicht erstaunlich? Früher schien dieser Dillinger Demo- ie krat mit stark sozialistischer Färbung zu sein, manche nannten —_ ihn sogar einen Kommunisten, und jetzt hatte er sein Schau- SE fenster voller Parteiblätter und Postkarten der heutigen Macht- ie haber. Dillinger, ein zierliches, gestriegeltes Herrchen, legte so- eben ein Buch mit ausgesprochen antibolschewistischen Illustra- tionen in sein Fenster. Selbst in dem feierlichen Schaufenster des Juweliers Nicolai entdeckte er eine Führerbüste, die unter einem Lorbeerbäumchen stand. Einige Häuser weiter war die Auslage des Schneiders März, angefüllt mit gelben und braunen Tuch- rollen. Oder sah er sie heute das erstemal? Der Schneider März, ein weißhaariges, fast durchsichtiges Männchen, stand unter der Ladentür und grüßte respektvoll. „Ihr Wintermantel ist fertig, Herr Doktor!“ rief er Fabian zu, und Fabian erwiderte, daß er dieser Tage vorbeikommen werde. Auch sonst entdeckte er noch da und dort Embleme, Abzei- chen, Photographien und Führerbüsten, aber vielleicht waren sie ihm früher gar nicht aufgefallen? Dann bog er zum Rathausplatz ein, auf dem, wie jeden Mitt- H woch und Sonnabend, Wochenmarkt abgehalten wurde. Er blieb stehen, um sich an dem geschäftigen Treiben zu erfreuen und die Sonne zu genießen, die mit sommerlicher Wärme auf den Platz eldes Jtuldes A herabschien. Dann suchte er sich den Weg zwischen Hausfrauen, Bauern- weibern und Stapeln von Gemüsekörben, um zu seinem Lieb- lingsbrunnen zu gelangen, der in einer Ecke des Platzes stand. Seit Jahren hatte er ihn täglich erblickt, und es war selbstver- irvor| ständlich, daß er ihn heute mit besonderer Freude, wie einen ‘ alten Freund, begrüßte. Er lächelte ihm sogar zu. Eine schlanke Jünglingsgestalt, die auf dem Becken des Brunnens stand, spie- v > n EEE TE I 23 gelte sich träumerisch in der Wasserfläche, der Brunnen wurde Narziẞbrunnen genannt. Auf dem Marmorbecken war mit deutlichen Lettern sein Name eingemeißelt. Der Brunnen stammte von seinem Bruder Wolfgang, den er liebte und bewunderte. Wahrhaftig, es war eine Schande, daß er Wolfgang nicht mehr als einige flüchtige Karten aus seinem Urlaub geschrieben hatte! Er machte sich Vorwürfe und beschloß, seinen Bruder heute als ersten zu besuchen, mochten alle anderen sich noch etwas gedulden. Das Rathaus, das nur einige Schritte vom Marktplatz entfernt lag, war ein modernes Barockgebäude, das prunkvoll und verschwenderisch gebaut war und doch einen nüchternen und leeren Eindruck machte. Irgend etwas fehlte, aber man wußte nicht was. In einiger Entfernung von der breiten, repräsentativen Haupttreppe führte ein zweiter schmaler Eingang hinauf zu den Büroräumen. Diesen benutzte Fabian, der die Rechtsabteilung der Stadt leitete, daneben aber noch eine umfangreiche Praxis als Rechtsanwalt betrieb. Er stieg eilig die Treppe zu seinen Amtsräumen empor, ohne jemand in dem kahlen, frostigen Treppenaufgang zu begegnen, der für gewöhnlich nur von Beamten benutzt wurde. Als er aber die Türe seines Büros aufsperren wollte, fand er, daß von innen schon ein Schlüssel steckte. Er trat verwirrt zurück. Hatte er sich im Stockwerk getäuscht? In diesem Augenblick näherten sich geheimnisvolle Schritte, die Türe wurde geöffnet und ein junger, hochaufgeschossener Mann stand vor ihm. Er hatte ein langgezogenes, hölzernes Gesicht, und besonders an den Wangen glaubte man noch die derbe Arbeit des Schnitzmessers zu erkennen. Sein Teint war unrein und der eines verbummelten Menschen. ,, Sie wünschen?" fragte der junge Mann mit dem hölzernen Gesicht frostig und rauh, wobei er ihn von oben herab musterte. Fabian blickte ihn mit offenem Munde und albernem Gesichtsausdruck an. Er glaubte zu träumen und suchte sich angestrengt das rätselhafte Erscheinen des jungen Mannes zu erklären, der fast einen Kopf größer war als er. Während er langsam zurückwich, blickte er in das unbewegte, gefrorene u nen jungen kennen. Di rat Schwab er einige M hatte. Er h war er ein Rufes erfr bestanden antun kon irgendweld Zeit als fa nun, ihn ö Er emp heiß wurd länger den zu sprech ,, Herr S Sie seher Augenblic sein beste Der lan Hüfte, es der Unte wulstigen Schill irre, Her Türe we plumpen setzte er zum Leit sönliche seit viele großen S Brief in kennen Fabian 24 gerte ichts- rengt der yegle TE TEITTRER Pr WR RATES LE 4 | ae Se gefrorene und dabei hochmütige Gesicht des hochaufgeschosse- nen jungen Mannes, und in dieser Sekunde glaubte er ihn zu er- kennen. Dieser junge Mann war einmal Rechtsgehilfe bei Justiz- rat Schwabach gewesen, eine Art Praktikant und Volontär, den er einige Male kurz in irgendeiner juristischen Frage gesprochen hatte. Er hieß Schillinger oder so ähnlich. Soviel er sich erinnerte, war er ein verkommener Student, der sich keines besonders guten Rufes erfreute und nur wenige Prüfungen mit Ach und Krach bestanden hatte. Justizrat Schwabach, der keiner Fliege ein Leid antun konnte, hatte ihn einige Zeit aus lauter Gutmütigkeit oder irgendwelchen anderen Gründen beschäftigt. Er galt seit langer Zeit als fanatischer Parteianhänger, und Fabian erinnerte sich nun, ihn öfter mit der Sammelbüchse getroffen zu haben. Er empfand die Peinlichkeit seiner Lage und fühlte, wie er heiß wurde. Mußte er sich nicht lächerlich machen, wenn er sich länger den arroganten Blicken des jungen Mannes aussetzte, ohne zu sprechen? „Herr Schillinger— wenn ich nicht irre?“ sagte er endlich. „Sie sehen, daß ich einigermaßen erstaunt bin.“ Im gleichen Augenblick fand er seine Fassung zurück und es gelang ihm sogar sein bestechendes Lächeln. Der lange junge Mann machte eine steife Verbeugung aus der Hüfte, es sah aus, als verbeuge sich nur der Oberkörper, während der Unterkörper unbeweglich blieb. Gleichzeitig verzog er die wulstigen Lippen, was ein Lächeln bedeuten sollte. „Schilling, ich bitte“, antwortete er kühl.„Wenn ich nicht irre, Herr Doktor Fabian?“ Da Fabian nickte, öffnete er die Türe weiter und lud ihn mit einer ungelenken Bewegung der plumpen Hand ein, einzutreten. Mit etwas freundlicherer Stimme setzte er hinzu:„Bitte treten Sie ein. Ich bin seit einer Woche zum Leiter der Rechtsabteilung ernannt worden. Über Ihre per- sönliche Verwendung gibt wohl der Brief Auskunft, der für Sie seit vielen Tagen bereitliegt.“ Der junge Mann ging mit steifen großen Schritten zum Schreibtisch und überreichte Fabian einen Brief in einem braunen Umschlag, der sofort als amtlich zu er- kennen war.„Darf ich bitten?“ Fabian fühlte, wie seine Knie schwach wurden und sein Herz 25 heftig pochte. Dieses Herz, da sieht man es wieder, ganz gesund werde ich wohl nie mehr werden, ging es ihm durch den Kopf. Schlimme Ahnungen erfüllten ihn. دو Wir haben uns zuweilen bei Justizrat Schwabach gesprochen, Herr Kollege Schilling?" sagte er zu seinem eigenen Erstaunen sehr ruhig, indem er den Brief entgegennahm. ,, Aber Sie waren doch lange Zeit vom Justizrat weg, glaube ich?" fügte er unbefangen hinzu, in einem Ton, als wolle er ein langes Gespräch einleiten. Er legte sogar den Hut und die gelbe Aktentasche auf ein Büchergestell, das ihn sehr vertraut anmutete. ,, Ich habe einige Prüfungen nachgeholt", entgegnete Schilling und wandte den Blick den hohen Fenstern zu, um anzudeuten, daß er keine Lust zu einem langen Gespräch habe. Er wandte sogar den Kopf zur Seite, so daß Fabian die Pickel und unreinen Pusteln auf seiner Wange erkennen konnte. ,, Einen Augenblick darf ich wohl noch stören? Es ist ja ein dienstliches Schreiben", wandte er sich höflich an den aufgeschossenen jungen Mann. ,, Aber ich bitte", erwiderte Schilling gleichgültig, ohne den Blick zu wenden. Ohne jede Rücksicht deutete er Fabian an, daß er ihn möglichst rasch wieder los sein wollte. Schon aber hatte Fabian das Schreiben überflogen: er war bis auf weiteres beurlaubt und sollte sich zu weiterer Verfügung bereit halten. Und da stand auch der Name des neuen Herrn, den Fabian gestern zum erstenmal gehört hatte: Taubenhaus. Fabian erblaßte. Seine schlimmen Ahnungen hatten sich erfüllt. Aber er sammelte sich rasch, trat auf den jungen Mann zu und reichte ihm die Hand. ,, Herzlichen Dank, Herr Schilling", sagte er in liebenswürdigem Ton und fügte hinzu: ,, Wenn Sie beim Durchsehen der Akten auf den einen oder den anderen Punkt stoßen, über den Ihnen eine Aufklärung nötig erscheint, so klingeln Sie mich einfach an, ich stehe Ihnen gerne zur Verfügung. In der Sache Kraus und Söhne, zum Beispiel, sind ja die Wasserrechte reichlich verworren." Trotz der Erregung, die ihn erfaßt hatte, gelang es ihm, in kühler Sachlichkeit mit dem jungen Mann zu sprechen, der von triumphierender Schadenfreude bis zum Rande angefüllt war. 26 " Vielen Blickes zu schön. Di tuell, die Verbeugu Als Fa sich hin. Esel", da und scho Der S mußte seinen K und Kla vertrag den Stu höchstw bringen einen b Ruhe z In di Herrn vorübe rückt u hastig Wesen von ih Der Lie Korrid doch Dann telte il nz ge- ch den ochen, taunen waren er un- jeuten, wandte ‚reinen u BR N Le „Vielen Dank“, sagte der junge Mann, ohne Fabian eines Blickes zu würdigen.„Ich werde Sie von Fall zu Fall anrufen, schön. Die Sache Kraus und Söhne ist ja noch lange nicht ak- tuell, die Firma ist doch jüdisch?“ Er machte wieder eine steife Verbeugung und Fabian verließ das Zimmer. V Als Fabian die Tür hinter sich zugezogen hatte, lachte er vor sich hin.„Du wirst noch manchmal anrufen, du eingebildeter Esel“, dachte er wütend. Langsam ging er durch den Korridor und schöpfte Atem. Der Schrecken war ihm tüchtig in die Glieder gefahren, das mußte man sagen. Noch immer fühlte er ein leises Zittern in seinen Knien, aber schon begann er seine Lage mit größerer Ruhe und Klarheit zu betrachten. Besaß er nicht einen Anstellungs- vertrag mit der Stadt? Man konnte ihm doch nicht ohne weiteres den Stuhl vor die Türe setzen, oder? Es war wahrscheinlich, höchstwahrscheinlich, daß man diesen jungen Taugenichts unter- bringen wollte und für ihn selbst einen andern Posten bereit hielt, einen bedeutenderen, gewichtigeren Posten. Schon kehrte seine Ruhe zurück. In diesem Augenblick sah er einen kleinen, etwas beleibten Herrn in großer Hast die Treppe heraufstürmen und an sich vorübereilen. Der kleine, dicke Herr hatte den Hut ins Genick ge- rückt und eilte auf die Tür eines benachbarten Büros zu, die er hastig aufschließen wollte. An seiner Eile und seinem hastigen Wesen erkannte er ihn. Es war Baurat Krieg, ein guter Freund von ihm. Er rief ihn an, gerade als er ins Büro schlüpfen wollte. Der Baurat wandte den Kopf. „Lieber Freund!“ rief er erfreut aus und so laut, daß es im Korridor widerhallte.„Ja, da sind Sie also wieder! Kommen Sie doch zu mir herein, damit ich Sie mir genau ansehen kann.“ Dann eilte er Fabian mit aufrichtiger Freude entgegen und schüt- telte ihm die Hand.„Sie müssen mir von Ihrem Urlaub erzählen, 27 lieber Freund! Also wieder glücklich von den Toten auferstanden?" fügte er mit hallendem Lachen hinzu, während er Fabian in sein Büro nötigte. ,, Rasch, bitte. Heute ist es wieder sehr spät geworden. Ich kann niemals pünktlich sein, so sehr ich mir auch Mühe gebe." Der Baurat hatte ein quecksilbriges Wesen, das sich in jeder Bewegung und jeder Geste ausdrückte. Er war klein, hatte ein rundes Bäuchchen, gesunde volle Backen und einen ergrauten Spitzbart. Wie immer trug er eine flotte Lavallièrebinde aus schwarzer Seide. " Was haben Sie denn da?" unterbrach er plötzlich Fabian, der von seinem Urlaub berichtete, und deutete auf den braunen Brief, den Fabian auf seiner Aktentasche trug. Bevor er aber Fabians Antwort abwartete, sprang er zu einer Türe, stieß sie auf und steckte den Kopf hinein. Im Nebenzimmer arbeitete sein Personal und man hörte eifrige Schreibmaschinen klappern. ,, Ich wollte nur sehen, ob die Luft rein. ist. Man kann nicht vorsichtig genug sein, seit der Neue im Hause ist", sagte er mit gedämpfter Stimme, indem er die Türe wieder schloß. Erneut deutete er auf den braunen Brief Fabians. ,, Ich wette, es ist der gleiche Brief", rief er lachend ,,, den Dutzende von Kollegen erhielten." Er warf sich in seinen Sessel und klatschte sich vergnügt auf die runden, kurzen Schenkel. Fabian nickte, er war erleichtert zu hören, daß er sein Miẞgeschick mit vielen anderen teilte. " Waren es Dutzende?" fragte er, ohne seine Freude zu verbergen. Seine Unruhe war völlig verschwunden und er hatte seine gewöhnliche gute Laune zurückgefunden. Ja, Dutzende. Mit einem Wort, alle Herren, die sich bis heute noch nicht für die Partei begeistern konnten. Auch ich", lachte der Baurat und deutete mit dem Finger auf seine Brust, ,, auch ich erwarte den Brief täglich, täglich! Ja, lieber Freund, wir werden wohl noch alle in den sauren Apfel beißen müssen, ob wir wollen oder nicht. Nun, lassen Sie es gut sein, lieber Freund, was soll Ihnen schon passieren? Ein Anwalt mit einer glänzenden Praxis, der eine Pracht heiratete, die ihm vier Häuser 28 in die Ehe Ich habe zwei junge ter Sorgen Sie, lieber müssen o voller Gal betrachter » Ja, ihr „ Der a leisen Pfif ,, Aber doch leich Der B haben", e aufnehme auf. Dazu kein gute Fabian überaus ,, Früh sich gew stuben sa oder Ihn vätern u eine ma gehen so Den » Ja, d verschle im Som zu schn Stadtsäc häufig am Tag glänzter Darau anan pät ch der ein ten aus an, men ber sie rige cht mit eut der erwerS Mißveratte bis ch", rust, und, Essen, eber einer user in die Ehe brachte, haha? Aber sehen Sie mich an, ich bitte Sie! Ich habe nur ein paar lumpige Groschen auf der Bank und dazu zwei junge Töchter, die täglich anspruchsvoller werden. Vor lauter Sorgen mußte ich mir gestern einen Rausch antrinken. Sehen Sie, lieber Freund, ich werde wohl wieder als Bauführer anfangen müssen oder als Zeichner in einem Baubüro, wie?" Er lachte voller Galgenhumor und wühlte in seinen grauen Haaren. ,, Aber betrachten Sie nur unseren guten Krüger!" ,, Ja, ihm ist es schlimm ergangen, wie ich hörte." ,, Der arme Theo, er ist zu bedauern!" Baurat Krieg stieß einen leisen Pfiff aus. ,, Schlimm, sehr schlimm." ,, Aber ein so außerordentlich tüchtiger Mann wie Krüger wird doch leicht wieder eine Stellung finden", sagte Fabian. Der Baurat zuckte die Achseln. ,, Leicht wird er es nicht haben", entgegnete er bekümmert. ,, Eine Behörde darf ihn nicht aufnehmen und private Firmen bringen nur selten den Mut dazu auf. Dazu hat die Presse seinen guten Ruf völlig zerstört, sie hat kein gutes Haar an ihm gelassen." Fabian blickte ihn verwundert an. ,, Aber Krüger war doch überaus beliebt", rief er aus. ,, Früher, ja, früher einmal!" versetzte Krieg. ,, Die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Ein Mann, der jede Nacht in den Weinstuben saß und mit was für fragwürdigen Leuten? Nicht mit mir oder Ihnen, mein Lieber, nein, mit sozialdemokratischen Stadtvätern und üblerem Gesindel. Ein Mann, der bei den Freimaurern eine maßgebende Rolle spielte? Wenn das nicht schlimm ausgehen soll? Man will ihm ja den Prozeß machen." ,, Den Prozeß?" ,, Ja, den Prozeß!" nickte der Baurat. ,, Er soll städtische Gelder verschleudert haben. Da fuhr er, zum Beispiel, mit seiner Kleinen im Sommer abends auf die Dörfer, um ein bißchen frische Luft zu schnappen. Das kostet natürlich Benzin und Öl, und der Stadtsäckel muß es bezahlen. Und dann hat er, nun hören Sie, häufig mit seiner Flamme privat telefoniert, mindestens dreimal am Tag, dreimal." Der Baurat lachte, daß seine roten Bäckchen glänzten. Er lachte vor allem über Fabians verblüfftes Gesicht. ,, Daraus will man ihm einen Strick drehen, sehen Sie." 29 ,, Sollte man es für möglich halten?" fragte Fabian ungläubig. دو , Was für ketzerische Gedanken!" rief Krieg aus. ,, Sie wissen noch immer nicht, woher der Wind weht? Es muß wieder Ordnung herrschen in deutschen Landen. Wenn Sie Partei sind, können Sie machen, was Sie wollen, wenn Sie aber nicht Partei sind, haben Sie sich in Tugend zu üben. Haben Sie übrigens schon Ihren Bruder Wolfgang gesprochen?" fügte er hinzu. ,, Ich werde ihm heute noch guten Tag sagen", erwiderte Fabian. Der Baurat beugte sich vor. ,, Ihr Bruder Wolfgang ist auch so ein Ketzer, wie wir sie eben sind, ein ganz fürchterlicher Ketzer", sagte er lachend, und seine Bäckchen glänzten. Und er erzählte, daß sie vor ein paar Tagen zusammen in der ,, Kugel" saßen, einige Freunde, Lehrer Gleichen war dabei und sein Bruder Wolfgang. Das Gespräch sei auf Redefreiheit und freie Meinungsäußerung gekommen, und bei dieser Gelegenheit sei Wolfgangs Rebellengeist hell zum Ausbruch gekommen. Er kenne ja sein Temperament! ,, Haben wir, meine Herren, begehrte Wolfgang auf, haben wir zweitausend Jahre gegen Pfaffen und Könige gekämpft, um uns jetzt einen Maulkorb anlegen zu lassen? Nein und dreimal nein! Kein deutscher Mann wird sich seine Ansichten verbieten lassen. Ich werde meine Meinung sagen, und wenn sie mich auch vor eine Kanone binden, wie die Engländer es mit den Hindus getan haben sollen. Er kam tüchtig in Fahrt, Sie kennen ihn ja. Im Lokal waren ein paar Gesellschaften, die schon aufzuhorchen begannen. Am runden Stammtisch saßen auch Leute von der Partei und spitzten bedenklich die Ohren. Einer war etwas Höheres, nach den Sternen und Abzeichen am Kragen. Auch dieser da saß dabei." Der Baurat deutete mit dem Daumen nach rückwärts. ,, Dieser eingebildete Esel, Ihr Nachfolger." Fabian mußte lachen, es war der gleiche Ausdruck, den er vor wenigen Minuten in Gedanken gebraucht hatte. ,, Schilling heißt er", sagte er. Ja, auch dieser Herr Schilling", fuhr Krieg fort. ,, Wir hatten ja alle Hände voll zu tun, Wolfgang zu beruhigen", erzählte er mit großer Lebhaftigkeit, wobei er sogar die Hände rang. ,, Wenn 30 Sie also he Sie ihn, et Worte auch wieder mä Fabian um zu geh sehen?" fra Herrn Tau Der Bau erwiderte formen. U mand ein Pommern laufen, wi im Dienst seine Dien weshalb i ,, Bei dem Pfennigfu Selbst die Bronze er So ein fü mein Fre wohnung Siche ger geher naheging Der B schwerer es ein sch Es war n lingsplan sein Liel fest. Si ehrter F nicht? S langwei Wenn Sie also heute zu ihm kommen, so bitten Sie ihn, beschwören Sie ihn, etwas mehr Zurückhaltung zu üben. Man könnte seine Worte auch einmal falsch auslegen, die Geheimpolizei ist zur Zeit wieder mächtig an der Arbeit.“ Fabian versprach, die Warnung auszurichten und erhob sich, um zu gehen.„Haben Sie den neuen Herrn der Stadt schon ge- sehen?“ fragte er, als er dem Baurat die Hand reichte.„Diesen Herrn Taubenhaus?“ Der Baurat nickte.„Natürlich, ich habe oft mit ihm zu tun“, erwiderte er.„Ein stattlicher Mann mit sehr gefälligen Umgangs- formen. Über seine Fähigkeiten kann sich natürlich noch nie- mand ein Bild machen. Er kommt aus einer kleinen Stadt in Pommern, wo die Gänse und Ziegen auf dem Marktplatz herum- laufen, wie er selbst sagt. In erster Linie sieht er auf Pünktlichkeit im Dienst und auf peinlichste Sparsamkeit. Ich baue zur Zeit seine Dienstwohnung aus, und das ist wohl auch der Grund, weshalb ich noch nicht den braunen Brief habe!“ Krieg lachte. „Bei dem Ausbau der Wohnung freilich ist er durchaus‘ kein Pfennigfuchser, o nein. Nichts kann fein und teuer genug sein! Selbst die Klinken an den Türen mußten durch neue aus schwerer Bronze ersetzt werden, und das Schlafzimmer—! Ich bitte Sie! So ein fürstliches Schlafzimmer haben Sie noch nicht gesehen, mein Freund. Unser guter Krüger würde seine alte Dienst- wohnung nicht wiedererkennen!“ „Sicherlich ist es ein schwerer Verlust für die Stadt, daß Krü- ger gehen mußte“, sagte Fabian, dem die Entlassung Krügers sehr naheging. Der Baurat begleitete ihn zur Türe.„Ein schwerer, ein sehr schwerer Verlust!“ versicherte er aufrichtig.„Auch für mich ist es ein schwerer Verlust, wie ich Ihnen als Freund gestehen kann! Es war mir im Laufe der Zeit gelungen, Krüger für meinen Lieb- lingsplan zu erwärmen.“ Da er aus Fabians Blicken sahj daß ihm sein Lieblingsplan unbekannt war, hielt er ihn am Mantelknopf fest.„Sie scheinen meinen Lieblingsplan nicht zu kennen, ver- ehrter Freund?“ fuhr er mit neuem Eifer fort.„Nein? Wirklich nicht? Seit Jahren träume ich schon davon, den Platz vor der langweiligen alten Reitschule umzubauen. Die Gebäude ringsum 31 werden in Kolonnaden verwandelt, Laden neben Laden, verstehen Sie? Der Wochenmarkt wird dahin verlegt und alle Messen, so daß der Rathausplatz frei wird für eine gärtnerische Ausgestaltung. Auch der Brunnen Ihres Bruders bekommt einen würdigeren Platz." ,, Die Idee scheint wirklich originell zu sein", versetzte Fabian, der nur flüchtig hingehört hatte. Der Baurat strahlte vor Begeisterung. ,, Kommen Sie, kommen Sie!" rief er und zerrte am Mantelknopf Fabians. ,, Ich werde Ihnen sofort meine Entwürfe zeigen, die Sie gewiß begeistern werden. Krüger war einfach entzückt von ihnen und wollte die Kolonnaden bauen lassen. Dabei ist das Projekt nicht teuer, die Ladenmieten allein sichern die Rentabilität, verstehen Sie?" Aber Fabian dankte, er habe heute noch vieles vor. ,, Ein anderes Mal, mein lieber Baurat, heute bin ich allzusehr beschäftigt." ,, Also in den nächsten Tagen? Stets willkommen!" sagte der Baurat. ,, An die Arbeit, an die Arbeit!" rief er dann halb singend aus und tänzelte an seinen Arbeitstisch, während Fabian ging. VI und Die kurze Unterhaltung mit dem Baurat hatte Fabian in eine zuversichtliche Laune versetzt. Er war nun nahezu überzeugt, daß man einen prächtigen Posten für ihn in Bereitschaft hielt. Am liebsten wäre er zu diesem Herrn Taubenhaus gegangen hätte ihm die Hand gedrückt: ,, Fabian, melde mich gehorsamst vom Urlaub zurück. Als siebzehnjähriger Freiwilliger im Weltkrieg bei der Artillerie eingetreten, zum Offizier avanciert, mit dem Eisernen Erster an der Front ausgezeichnet, deutsch bis in die Knochen!" Er lächelte zufrieden, als er über den Rathausplatz ging. die Straßenke Arbeit und Wieder bl Die Sonne hatte eine fast sommerliche Wärme hervorgerufen und der Glanz des blauen Himmels erfüllte ihn mit Freude. Auf dem Platz wurde soeben der Markt abgebrochen. Bauernfuhrwerke, mit leeren Körben und Landvolk bepackt, rasselten dahin, 32 stehen. Schad geringen Eh Professur in zubleiben, w Kunstschule und befürch rischen Prod heute schon Sein Brud eine halbe St dem Erlös d inmitten ein Straßenbahn Fuß zu gehe Er durch wohnten un Schellhamm ten. Sie hat gründet. Et alte Pappela In den let zu Wolfgan sonst aber Wolfgangs ändert, und tiven Holzt altmodische Als Fabi schernden gangs, eine Durch eine Arbeitsrau anfangs nic Atelierfens 3 Tolentanz die Straßenkehrer waren mit Besen und Schläuchen schon bei der Arbeit und räumten Berge von Kohlblättern zur Seite. Wieder blieb Fabian einige Augenblicke am Narzißbrunnen stehen. Schade, dachte er, indem er weiterging, daß Wolfgang so geringen Ehrgeiz besitzt. Man hatte ihm vor einem Jahr eine Professur in Berlin angeboten, aber er hatte es vorgezogen hier- zubleiben, wo er eine Lehrstelle an der recht unbedeutenden Kunstschule bekleidete. Er hatte eine förmliche Angst vor Berlin und befürchtete, Berlin würde ihn zu stark in seiner künstle- rischen Produktion hemmen. Schade, schade! Wie weit könnte er heute schon sein! Sein Bruder Wolfgang lebte in Jakobsbühl, einem alten Dorf, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Dort hatte er sich von dem Erlös des Narzißbrunnens ein altes Bauernhaus gekauft, das inmitten eines Obstgartens lag. Nach Jakobsbühl führte eine Straßenbahn, aber das schöne Herbstwetter verlockte Fabian zu Fuß zu gehen. Er durchquerte den Norden der Stadt, wo zumeist Arbeiter wohnten und kam an den ausgedehnten, modernen Werken Schellhammer vorbei, die gegen fünftausend Arbeiter beschäftig- ten. Sie hatten im wesentlichen den Wohlstand der Stadt be- gründet. Etwas später gelangte er aufs offene Land und in die alte Pappelallee, die nach Jakobsbühl führte. In den letzten Jahren waren einige Villen und Landhäuser, sehr zu Wolfgangs Verdruß, in dem uralten Dorf erbaut worden, sonst aber lag das Dorf noch wie vor hundert Jahren da. Auch Wolfgangs Bauernhaus hatte kaum sein ländliches Aussehen ver- ändert, und noch immer sprudelte der Brunnen mit dem primi- tiven Holztrog vor seiner Gartentür neben einem schmalen Beet altmodischer violetter Bauernastern. Als Fabian die kleine hölzerne Gartentür neben dem plät- schernden Brunnen öffnete, nickte ihm die Wirtschafterin Wolf- gangs, eine alte Bäuerin, aus dem niedrigen Küchenfenster zu. Durch eine kleine Diele gelangte er in Wolfgangs geräumigen Arbeitsraum, der so sehr mit Zigarrenrauch erfüllt war, daß er anfangs nichts unterscheiden konnte. Dann sah er bei dem hohen Atelierfenster, das in die Giebelwand des früheren Bauernhauses 3 Totentanz 33 eingebaut war, zwei lebhaft plaudernde, zigarrenrauchende Männer in niedrigen Sesseln sitzen. Sie saßen vor einer lebensgroßen Figur, deren Ton noch feucht glänzte, auf einem runden Tisch vor ihnen standen zwei halbleere Weingläser. An dem hellen Arbeitskittel, dem wirren Schopf angegrauter dunkler Haare und der dünnen Virginia im Mund, erkannte er seinen Bruder, während die krausen braunen Haare den Lehrer Gleichen vermuten ließen, der häufig bei ihm verkehrte. ,, Empörend und schamlos!" rief Lehrer Gleichen eben mit einer lebhaften Gebärde aus und griff nach seinem Glas. Wolfgang erblickte ihn zuerst, sprang auf und eilte ihm entgegen. ,, Der Frank!" rief er erfreut aus. ,, Seht an, der Frank!" Auch Lehrer Gleichen erhob sich, um ihn zu begrüßen, und augenblicklich fiel Fabian wieder der Zauber seiner weichen, schönen Stimme auf. دو Welch eine angenehme Überraschung!" fuhr der Bildhauer fort. ,, Du kommst gerade recht zu unserer kleinen Beratung, und wir wollen dich mit einem Gläschen begrüßen!" Dabei öffnete er einen großen, mit roten Rosen bemalten Bauernschrank, der Reihen von Flaschen und Gläser aller Größen enthielt. Einige Gläser und eine Flasche stellte er auf die Tonkiste neben der noch feuchten Figur. ,, Ein Portwein, sage ich dir, Frank, der einen Toten aufwecken kann!" rief er frohgelaunt aus und goß die Gläser voll, während er den Bruder mit zärtlichen Blicken betrachtete. ,, Ich habe mich nämlich heute entschlossen, vor einigen Stunden, genau gesagt, den Akt endlich fertigzumachen und ihn im Oktober zur großen Ausstellung nach München zu schicken. Das also ist es, worüber wir uns beide besprachen. Gleichen hat mir gut zugeredet, und wir haben den Entschluß gleich mit einem Gläschen begossen. Daß du nun noch dazugekommen bist, Frank, betrachte ich als ein günstiges Zeichen des Himmels!" „ Sie ken nie zufried rung wäre Fabian wandte den Blick zu der noch feuchten Tonfigur hin. ,, Der Kettensprenger!" rief er aus.„, Endlich also bist du soweit." Wolfgang nickte. ,, Ja, das ist er", sagte er. ,, Er soll nun endlich fertig werden. Natürlich wird es noch einige heiße Wochen kosten!" Der Bild bessern", W von einem dann mach gab viel a Gleicher Schriftstell zeitschrift Fabian gang arbe weilen, in des Atelie zu Ende lungen zu Es war Kraft un die Glied Die leicht Dehnen s lung sein gang ver mit Mu seiner Be konnte n geistreich Spric " Worte manches mit den Erst j hatte, waren. وز au Der kommer 34 3* Mänoßen Tisch hellen und wähmuten los!" sund -1" , entund chen, hauer atung, Dabei uernnentnkiste recken Chrend mich gesagt, großen Orüber t, und gossen. ich als ur hin. poweit." endlich Wochen ,, Sie kennen ja Wolfgang", mischte sich Gleichen ein. ,, Er ist nie zufrieden. Ich behaupte aber, auch nur die kleinste Veränderung wäre ein Verbrechen." Der Bildhauer lachte. ,, Am Rücken ist noch manches zu verbessern", widersprach er. ,, Aber was soll ein Schulmeister schon von einem Rücken verstehen? Nun, noch vier Wochen und dann mache ich Schluß. Ich verspreche es Ihnen, Gleichen!" Er gab viel auf Gleichens Urteil. Gleichen war nichts als ein kleiner Schullehrer, aber als Schriftsteller äußerst geachtet. Er schrieb besonders für Kunstzeitschriften. Fabian kannte den ,, Kettensprenger" seit langer Zeit. Wolfgang arbeitete seit einem Jahr daran. Monatelang stand er zuweilen, in feuchte Lappen eingehüllt, unbeachtet in einer Ecke des Ateliers. Nun freute es ihn, daß Wolfgang die Arbeit endlich zu Ende gebracht hatte und sie ihm ganz außerordentlich gelungen zu sein schien. Es war die Gestalt eines zarten Jünglings, der mit verhaltener Kraft und einem unmerklichen Lächeln der trotzigen Lippen die Glieder einer Kette über dem Knie sprengte. Nichts sonst. Die leicht vorgeneigte Haltung des Jünglings, das Aufatmen und Dehnen seiner Brust, die gebundene und unwiderstehliche Ballung seiner Kräfte schienen Fabian schlechthin vollendet. Wolfgang verabscheute alles Übertriebene, Gewaltmäßige, Brutale, ,, mit Muskeln macht man keine Plastik", sagte er. Fabian gab seiner Bewunderung Ausdruck.„ Herrlich!" sagte er. ,, Vielleicht konnte nur ein Meunier ähnlich empfinden." Er zeigte sich gerne geistreich und vielseitig. ,, Sprich nicht, ich bitte dich", unterbrach ihn Wolfgang. ,, Worte haben noch nie ein Kunstwerk geschaffen, aber schon manches zerstört." Er zog an seiner Virginia und blickte, zuweilen mit den Augen blinzelnd, prüfend auf die Figur. Erst jetzt sah Fabian, daß die Figur einen Sockel bekommen hatte, auf dem die Worte ,, Lieber tot als Sklav" eingegraben waren. ,, Der Kettensprenger hat ja neuerdings einen Wahlspruch bekommen?" sagte er. ,, Oder habe ich es früher übersehen?" 3* 35 Wolfgang schwieg eine Weile, dann lachte er auf. ,, Das ist ja die Sache!" rief er aus. ,, Dieser Wahlspruch ist in erster Linie die Ursache, daß ich die Figur ausstellen will, und zwar gerade jetzt. Nicht wahr, Gleichen? Wir sprachen lange darüber." Lehrer Gleichen nickte. ,, Es ist ein Protest!" erklärte er und flüchtige rote Flecke erschienen auf seinen fahlen, hageren Wangen. ,, Es ist ein Protest gegen würdelose Unterwürfigkeit." , Wird man den Protest nicht als Provokation empfinden?" fragte Fabian. دو Wolfgang zuckte die Achseln. ,, Es fragt sich sehr, ob man den Protest überhaupt als Protest erkennen wird. Wenn man ihn als Provokation empfinden sollte, um so besser. Mir ist alles einerlei. Jedenfalls werden Tausende den Protest sofort verstehen und damit habe ich meine Absicht erreicht! Und nun wollen wir den Akt vorläufig wieder einhüllen." Er legte feuchte Tücher um die Figur, die bald als häßliches, unförmliches Bündel dastand. Zuletzt verhüllte er den Sockel mit dem Spruch. ,, Und nun wirst du uns erzählen, Frank, wie es in der Welt aussieht", wandte er sich an den Bruder. ,, Natürlich wirst du bei mir zum Mittagessen bleiben, das versteht sich von selbst. Gleichen hat schon zugesagt. Es gibt Pfannkuchen, die meine Retta herrlich zuzubereiten versteht. Setzen wir uns an den Tisch am Fenster!" und sprach Fabians. Lehrer C krausen, fas grübelten Wolfgang war von einer fast immer gleichmäßigen Heiterkeit erfüllt, der Heiterkeit schöpferischer Menschen. Er war um zwei Jahre älter als sein Bruder, kleiner und stämmiger und hatte kräftigere und derbere Gesichtszüge. Sein Haar machte einen wirren und unordentlichen Eindruck und war schon stark von weißen Fäden durchzogen. Seine hellbraunen Augen, die einige dunklere Punkte zeigten, waren ebenfalls von Heiterkeit erfüllt, aber sie hatten einen merkwürdigen geheimnisvollen Ausdruck, den man nicht so rasch ergründen konnte. Im Gegensatz zu seinem Bruder schien er auf sein Äußeres geringen Wert zu legen. Sein heller Arbeitskittel war verknittert, voller Asche und Flecken trockenen Tons. Man sah deutlich, daß er mitten in der Arbeit steckte und Tätigkeit und Gedanken ihn erregt hatten. Er lachte häufig war sehr sc aufs neue Sprache. Wolfgan Bruder au Tische star sam an, Fr Sie sprach er besonde Währen Margarete verheirate Unruhe in leben sollt zu macher uneingesch Lerche- Sc Diese R wachsene ins Atelier wurde sie und verst Schubring Die Leute „ Nicht lachte. Nein, und den wie dama Pfingstpr und schli hinausgin 36 ee EIERN SE ERTTTÄTEN DR und sprach keineswegs die fließende, pausenlose, korrekte Sprache Fabians. Lehrer Gleichen war etwas größer als beide, ein Mann mit krausen, fast schon völlig_ergrauten Haaren, einem kantigen, zer- grübelten Gesicht und düster glimmenden, großen Augen. Er war sehr schweigsam, aber sobald er den Mund öffnete, war man aufs neue erstaunt über die Weichheit und Schönheit seiner Sprache. Wolfgang zündete sich eine neue Virginia an und machte den Bruder auf die Glasur einer Schale aufmerksam, die auf dem Tische stand.„Es ist eine echte Sungschale, sieh sie dir aufmerk- sam an, Frank, ich will das Geheimnis ihrer Glasur ergründen.“ Sie sprachen über Glasuren und Wolfgangs Brennofen, auf den er besonders stolz war. Während sie plauderten, trat Wolfgangs Wirtschafterin ein, die Margarete hieß und Retta genannt wurde. Wolfgang war nicht verheiratet. Er war der Ansicht, daß Frauen und Kinder zuviel Unruhe ins Haus brächten und ein Künstler nur seiner Kunst leben sollte. Offenbar schien er sich ziemlich wenig aus Frauen zu machen, und Fabian hatte ihn nur einmal über eine Frau mit uneingeschränktem Lob sprechen hören, es war Frau Beate Lerche-Schellhammer, die sie schon seit ihrer Jugend kannten. Diese Retta, in Wesen und Tracht eine ältliche, etwas ver- wachsene Bäuerin von der seltenen Häßlichkeit einer Hexe, trat ins Atelier und ging ohne alle Umstände auf Wolfgang zu. Dabei wurde sie immer kleiner und ihre hageren Züge sahen unruhig und verstört aus. Es stände ein Auto vor dem Haus von Tierarzt Schubring, sagte sie aufgeregt, das käme ihr nicht geheuer vor. Die Leute deuteten immer hierher. „Nicht'geheuer sieht das Auto aus?“ fragte Wolfgang und lachte, Nein, nicht geheuer. Zwei Leute in Uniformen säßen darin, und den Chauffeur, den kenne sie. Es sei der gleiche Chauffeur wie damals, als sie den Pfarrer Rechtling mitnahmen nach seiner Pfingstpredigt.„Die Herren können sie ja sehen“, schloß Retta und schlich an eines der kleinen Bauernfenster, die auf die Straße hinausgingen. Vor dem Hause des Tierarztes Schubring, der eine der geschmacklosen Villen bewohnte, die Wolfgang auf den Tod haßte, stand ein ganz gewöhnliches, ziemlich großes Auto. Der Chauffeur ging um das Auto herum und schlug das Verdeck hoch. Er war klein und etwas verwachsen, und daran glaubte Retta ihn zu erkennen. Zwei Herren in brauner Uniform standen bei einem kleinen dicken Herrn in Zivil, dem Tierarzt Schubring, man sah seine Glatze bis hierher. Der kleine Herr schien ihnen etwas zu erklären, wobei er fortwährend auf das Haus des Bildhauers deutete. ,, Sie deuten fortwährend hierher!" wiederholte die alte Retta erregt, wobei sie vom Fenster zurücktrat. ,, Sie wollen gewiß zu Ihnen, Herr Professor." Der kleine verwachsene Chauffeur öffnete den Schlag des Autos und die beiden Herren in braunen Uniformen stiegen ein. ,, Sie kommen hierher, Herr Professor", wiederholte die Bäuerin in heller Angst. Ihr Gesicht war ganz gelb geworden. ,, Es war mir gleich nicht geheuer." ,, Nun schön, Retta, weshalb die Angst? Sie wollen vielleicht ein Denkmal bei mir bestellen?" scherzte Wolfgang. Da rollte das Auto auch schon vor das Haus und hielt plötzlich an. Retta zuckte zusammen. ,, Habe ich es nicht gesagt?" flüsterte sie und krümmte sich noch mehr zusammen. Schon hörte man die Glocke anschlagen. Sie gab nur einen heiseren Laut von sich. ,, Gehen Sie hinaus auf die Äcker, Herr Professor", zischelte Retta zitternd. ,, Ich sage, Sie sind ausgegangen. Sonst haben Sie nichts als Scherereien." Sie wollte zur Türe, aber Wolfgang hielt sie zurück. Lehrer Gleichen wandte sich mit besorgter Miene an den Bildhauer. ,, Sagte ich es Ihnen nicht gleich damals in der, Kugel'. Sie waren zu unvorsichtig. Es sind Leute aus der Heiligengeistgasse, ich kenne sie." Nun wu recht, gehe ersparst dir Wolfgan euch nicht jemand da Alle drei Man hö Wieder schlug die Glocke an, diesmal gab sie sogar einen wirklichen Ton von sich. Der Draht rasselte vernehmlich. Gleich darauf wurde heftig an die Tür geklopft. 38 Türe gesch Wand, die Stimmen wieder im unhöfliche Wolfgan blaß und Streichhöl zünden. er wütend Retta richten. rief sie au Endlich Das Blut Retta, un Retta an Retta hatte sie " Gottl Was WO Wolfg in der T lich, wäh schämth „ Eine hagerer glühte. Dingen K [3 Br ua EEE ENTER ER NTTE EEE ET ae ER pe En EB ER Bi Nun wurde auch Fabian von Unruhe ergriffen.„Retta hat recht, gehe hinaus auf die Felder, Wolfgang“, sagte er rasch.„Du ersparst dir Unannehmlichkeiten. Ich werde öffnen.“ Wolfgang aber ging statt aller Antwort rasch zur Türe.„Laßt euch nicht auslachen“, entgegnete er und öffnete die Türe.„Ist jemand da?“ rief er laut und verließ das Atelier. Alle drei lauschten und regten sich nicht. Man hörte Stimmen auf dem kleinen Flur, dann wurde eine Türe geschlossen und man vernahm die Stimmen hinter der Wand, diesmal etwas lauter. Einige Minuten vergingen, die Stimmen drangen noch immer durch die Wand, dann hörte man wieder im Flur sprechen.„Sie werden pünktlich sein!“ sagte eine unhöfliche Stimme. Die Haustüre wurde geschlossen. Wolfgang kehrte wieder in den Arbeitsraum zurück. Er sah blaß und verstört aus und seine Hand zitterte, als er nach den Streichhölzern griff, um die erloschene Zigarre wieder anzu- zünden.„Das waren wahrhaftig widerliche Burschen!“ knurrte er wütend vor sich hin. Retta war die erste, die den Mut fand, ein Wort an ihn zu richten.„Lieber Gott, wie blaß Sie aussehen, Herr Professor!“ rief sie aus. Endlich hatte Wolfgang die Zigarre wieder in Gang gebracht. Das Blut schoß in sein Gesicht zurück.„Geh in deine Küche, Retta, und sieh zu, daß dein Essen fertig wird!“ herrschte er Retta an, indem er zu ihr hinschielte. Retta verschwand augenblicklich. So außer Rand und Band hatte sie den Professor noch nicht gesehen. „Gottlob, daß du wieder da bist, Wolfgang!“ sagte Fabian. „Was wollten die Leute denn?“ Wolfgang zuckte wütend die Achseln.„Die Burschen traten in der Tat recht anmaßend auf“, sagte er, fast nicht verständ- lich, während er an der Virginia zog.„Welch bodenlose Unver- schämtheit! Die beiden Kerle überbrachten mir eine Vorladung.“ „Eine Vorladung?“ fragte Gleichen erschrocken und sein hagerer Kopf reckte sich in die Höhe, während sein Blick auf- glühte.„In die Heiligegeistgasse?“ Gleichen wußte in diesen Dingen Bescheid. 39 ,, Jawohl! Heiligegeistgasse sieben sagten sie", erwiderte Wolfgang, der sich allmählich beruhigte. ,, Morgen früh um neun Uhr habe ich zu erscheinen." ,, Mit diesen Burschen ist nicht zu spaßen, Professor", rief Gleichen aus. ,, Ich kenne sie ja. Aber es scheint noch einmal gut abgegangen zu sein? Sagten sie etwas von der, Kugel'?" " Ja", knurrte Wolfgang. ,, Man wünscht Aufklärung über Bemerkungen, die ich vor wenigen Tagen in der, Kugel' fallen lieẞ." Gleichen stieß einen leisen Pfiff durch die Zähne. ,, Sehen Sie?" rief er. ,, Ich sagte ja damals schon, Vorsicht, es sind verdächtige Kerle!" Der Bildhauer warf die halbgerauchte Virginia auf den Boden und zertrat sie mit dem Fuße. Damit aber schien er seinen Ärger überwunden zu haben. Er nahm eine neue Zigarre aus der Tasche und sagte mit seiner gewohnten Stimme: ,, Nun aber Schluß mit dem Unfug, bitte ich!" Er fand sogar seine frühere gute Laune zurück. ,, Kommen Sie, meine Herren!" bat er. ,, Lassen wir uns von diesen widerlichen Flegeln nicht den Appetit verderben." Und er öffnete eine Türe, die zu seinem bescheidenen Eẞraum führte. Porzellanf sechs solch gesehene, hatte sie i Die Leu Porzellan. bat, die e Gleichen wäre, das „ Natür ,, daß bei Kunstgew frage mic Zeit, woh Vor a mahnte Wort hal Sofort Bildhauer chen, de wollte ih Eine V VII ,, Und nun bitte ich Sie zuzugreifen, meine Herren!" forderte der Bildhauer seine Gäste mit heiterer Stimme auf. ,, Sie werden sehen, niemand kann so herrliche Pfannkuchen backen wie Retta. Wir wollen bei einem Glas Mosel diese widerlichen Dinge vergessen, die nachgerade unerträglich werden. Trinken wir darauf, daß die Zeiten sich bald wieder bessern werden!" Fabian mußte von all seinen Kuren ausführlich berichten, besonders wollte Wolfgang genau wissen, wie man sich in so einem langweiligen Herzbad die Zeit vertreiben könne? Während der schlichten Mahlzeit schien Wolfgang den unangenehmen Zwischenfall völlig vergessen zu haben. Dann holte er aus einer Truhe zwei Tafelleuchter hervor, die er für eine 40 der Land Pappeln und dort und unan es heftig und an Schlief Es hat auf die Gutes zu Was sorgloses Ich man sein legen kö Ärger Tasche uß mit Laune yrderte Re Een ee: Porzellanfabrik geschaffen hatte. Die Fabrik wollte einen Satz sechs solcher Leuchter herausbringen, deren Hauptmotiv lebendig gesehene, farbige Papageien und Kakadus bildeten. Wolfgang hatte sie in seinem eigenen Brennofen gebrannt. Die Leuchter waren prächtig und erinnerten an altes Meißner Porzellan. Fabian und Gleichen waren beide begeistert. Fabian bat, die erste Serie für ihn reservieren zu wollen, während Gleichen immer wieder betonte, welch ein großes Verdienst es wäre, das armselige Kunstgewerbe neu zu beleben. „Natürlich weiß ich recht wohl, Gleichen“, sagte Wolfgang, „daß bei dem schauerlichen Schund in unserem Lande gutes Kunstgewerbe so dringend wie das tägliche Brot ist. Aber ich frage mich trotzdem; ob ich den Auftrag annehmen kann? Zeit, Zeit, woher soll ich all die Zeit nehmen?“ „Vor allem andern, vergessen Sie den ‚Kettensprenger‘ nicht mahnte Gleichen.„Ich werde wirklich böse, wenn Sie nicht Wort halten!“ Sofort nach Tisch verließen Fabian und Gleichen das Haus des Bildhauers. Fabian mußte in die Stadt zurückkehren und Glei- chen, der noch einen Besuch in der Nachbarschaft vorhatte, wollte ihn einige Schritte begleiten. Eine Weile gingen die beiden schweigend nebeneinander auf der Landstraße dahin, die an beiden Seiten von mächtigen Pappeln bestanden war. Die Felder waren lange abgeernter, da und dort lag noch gemähtes Grummet, das durchweicht war und unansehnlich erschien. Während sie bei Tisch saßen, mußte es heftig geregnet haben. Die Pappeln glänzten noch vor Nässe und an vielen Blättern hingen vereinzelte Tropfen. Schließlich begann Gleichen in seiner schönen Sprechweise: „Es hat den Anschein, als ob Ihr Bruder die Vorladung ein wenig auf die leichte Schulter nähme. Und doch hat sie gewiß nichts Gutes zu bedeuten.“ „Was wollen Sie, Herr Gleichen? Wolfgang hatte immer ein sorgloses Naturell“, versetzte Fabian zerstreut. „Ich habe Ihren Bruder schon öfter darauf hingewiesen, daß man seine Worte, so harmlos sie auch sein mochten, falsch aus- legen könnte. Es handelt sich ja stets um die Tendenz der Inter- ge 41 pretation. Die Geheimpolizei ist zur Zeit wieder erschreckend eifrig. Man hat zum Beispiel eine junge Verkäuferin verhaftet, weil sie bei einer Rede des Führers ganz offen herauslachen mußte. Sie ist seitdem spurlos verschwunden." Fabian lachte leicht auf. ,, Sie werden mir zugeben, Gleichen", sagte er ,,, daß ein Staatsoberhaupt sich nicht auslachen lassen kann." Die düstere Glut in Gleichens grauen Augen belebte sich für einen Augenblick. Das leichte Lachen Fabians, das ganz harmlos war, hatte ihm mißfallen. Man mußte heute vorsichtig sein, bevor man offen seine Meinung äußerte. Fabian begann etwas rascher auszuschreiten und schwieg, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Immer noch glaubt Wolfgang, dachte er, daß die Zeiten sich bald ändern werden. Nein, nein, mein Lieber, auch ich glaubte es einmal. Heute weiß ich, daß ich mich täuschte. Es wird noch lange Jahre dauern. Es dauer Achseln. Gleichen ging ebenfalls rascher und warf einen unruhigen Blick über die Stoppelfelder. Er wartete eine Weile, ob sein Begleiter noch etwas sagen wolle, dann schwieg auch er und sah Fabian von der Seite an, wie er zerstreut dahinschlenderte, die Hände auf dem Rücken, die Stirn leicht gekräuselt. Er betrachtete seinen Gang, seine elegante Kleidung, den kurzen Mantel aus englischem Stoff, seine Bügelfalten und Schuhe. Seine glatten, rasierten Wangen mißfielen ihm plötzlich, etwas wie Hochmut lag um seinen locker geschlossenen frauenhaften Mund. Gleichen war Wolfgang bedingungslos ergeben, er schwor auf ihn, aber vor Fabian hatte er stets eine gewisse Scheu empfunden. Auf ihn hätte er nicht geschworen. Man konnte nie wissen, was er dachte. Hübsche Männer neigen zur Oberflächlichkeit, ging es ihm durch den Sinn, gewiß ist er zu hübsch und zu gewandt, um tief und aufrichtig zu sein. daß es sich „ Überga wüßte, daß handelt? W Darauf Seine un eingehen z Nach geraumer Zeit aber drängte es Gleichen von neuem zu sprechen. ,, Das Recht ist das feste Fundament, mit dem ein Volk steht und fällt", begann er von neuem. ,, Halten Sie es als Jurist nicht für bedenklich, Einrichtungen zu schaffen, die die Rechtssicherheit des Volkes verwirren können." 42 Er zog gann erneu etwas wie menden A Übrigens kann so hi eitel, und ging er we Nähe. Nach e schlagen Ich m ,, Ich will krank, un auf eine feldern z Als er Augen erfüllt a W Etwas folgte Fa Dächern entgegen Er wa damit er was er Damen erfüllte kend aftet, ußte. hen", assen h für rmlos , beS, mit WolfNein, 6 ích, higen in Bed sah ze, die r bezurzen chuhe. etwas haften n, er ewisse Man es ihm t, um em zu Volk es als die die Es dauerte längere Zeit, bis Fabian antwortete. Er zuckte die Achseln. ,, Vor allem wäre es nötig, dem Volk klarzumachen, daß es sich um Übergangserscheinungen handelt", erwiderte er. ,, Übergangserscheinungen?" Gleichen lachte.' ,, Ja, wenn man wüßte, daß es sich nur um vorübergehende Einrichtungen handelt? Wie aber sollte man das wissen?" Darauf gab Fabian nur eine unverständliche, kurze Antwort. Seine unverkennbare Abneigung, ernsthaft auf ein Gespräch eingehen zu wollen, mahnte Gleichen zur Vorsicht. Er zog die Stirn seines zergrübelten Gesichts kraus und begann erneut zu schweigen. Wieder betrachtete er Fabian, und etwas wie leichtes Mißtrauen erschien in seinen düster glimmenden Augen. Er weicht aus, ging es ihm durch den Sinn. Übrigens denkst du einen völligen Unsinn zusammen: Man kann so hübsch und gewandt wie nur möglich sein, und auch so eitel, und trotzdem tief und aufrichtig. Oder nicht? Schweigend ging er weiter, aber er fühlte sich fortan unbehaglich in Fabians Nähe. Nach einigen Minuten erblickte er den Seitenweg, den er einschlagen mußte. ,, Ich muß hier abbiegen", sagte er, indem er den Hut zog. ,, Ich will zu einem Kollegen in dem Dorf da drüben. Er ist krank, und ich besuche ihn an jedem freien Tag." Er deutete auf eine Gruppe roter Dächer, die über den gelben Stoppelfeldern zu sehen war. Als er Fabian die Hand reichte, blickte er ihn mit düsteren Augen an, die von einem fragenden, forschenden Ausdruck erfüllt waren. Etwas verwirrt durch den forschenden Blick Gleichens verfolgte Fabian seinen Weg zur Stadt. Über den fernen bunten Dächern kam ihm ein großer blauer Fleck am Himmel rasch entgegengezogen. Er war, offen gestanden, froh, daß sein Begleiter ihn verließ, damit er seinen Gedanken ungestört nachhängen konnte. Alles, was er heute erlebt hatte, seit dem Gespräch mit den beiden Damen in Clotildes Zimmer, ging ihm durch den Kopf und erfüllte seinen Sinn mit Unruhe. Die Luft war mild, und er 43 nahm den Hut ab, um sich an der leichten Brise, die über die Felder strich, zu erfrischen. War es nicht sonderbar, dachte er, diese viel geschmähte Partei verfolgt mich heute auf Schritt und Tritt. Sie scheint wahrhaftig allgegenwärtig zu sein und wird auch nicht so rasch verschwinden, wie Wolfgang und viele es glauben, Jahre wird sie dauern, viele, viele Jahre, vielleicht Generationen! ,, Ja, man muß sich klar werden", sagte er zu sich. ,, Man kann ja jetzt auch schon deutlicher die Entwicklung überblicken, nicht wahr? Jedenfalls wird es höchste Zeit, einen klaren Entschluß zu fassen, wie ich mir das schon oft im Bad gesagt habe. Auf keinen Fall wird man mir vorwerfen können, daß ich leichtfertig in die Sache hineingegangen wäre, wie es so viele getan haben." Nachdenklich blieb er vor einer Regenlache stehen, die hell und blau geworden war, und blickte nach oben. Zwischen den Pappeln sah er den großen blauen Fleck, der rasch über die Stadt heraufgestiegen war und ihn nahezu erreicht hatte. ,, Wie so viele", wiederholte er. ,, Ich habe lange beobachtet und zugesehen, viele werden sagen, zu lange, aber laß sie doch reden, was kümmert es dich? Eine Menge von Vorurteilen hat mich anfangs abgeschreckt. Vieles erschien mir unecht und billig, vieles ging mir zu rasch. Ich hielt das Tempo für überstürzt. Die Rassenfrage hielt ich, offen gesagt, für eine Schrulle, eine Laune, für völlig unnötig. Heute aber begreife ich, daß flüchtige Vorurteile mich scheu gemacht haben." völlig neue wirrten mic Großtat de losigkeit! D lichen Zusa Die blaud winzige For wahrhaftig schritt er » Ja, richtig scheu gemacht, wiederholte er seine Gedanken. Das Rassenbewußtsein sollte gestärkt und gehoben werden. Die Anhänger der Partei wurden ganz offensichtlich bevorzugt, zugegeben, ganz wie in andern Ländern auch, z. B. in Amerika, und das war wiederum richtig und sinnvoll. Die Partei aber wollte diese Bevorzugten vorher erst zu bestimmten Parteitugenden erziehen, und diese Tugenden im Volk weiterverbreiten. Natürlich konnte man das nicht von heute auf morgen erreichen, aber allmählich wird auf diese Weise ein ganz neues Volk entstehen, gesättigt mit Tugenden, die die Partei predigt. Das verwahrloste, unsicher gewordene, zum Teil auch in seinen sittlichen Grundsätzen schon schwankende Volk sollte auf eine 44 großer Kla Ein Fuhr Bäuerinnen den Kopf Reihe von starken M aus den W machten. Fabian tra wieder eili „ Ja, nat wohl mand zugegeben Menschen nicht wah Revolution In der Fra Leuten, di fach die Kopf absc unsanft an Adligen d greifen k griffen es Fabian gehört. D „ Aber Fall über völlig neue ethische Basis gestellt werden. All diese Dinge ver- wirrten mich, wie sie viele verwirrten. Dabei habe ich aber nie die Großtat der Partei vergessen: die Überwindung der Arbeits- losigkeit! Die Partei hat damit das deutsche Volk vor dem gänz- lichen Zusammenbruch bewahrt.“ Die blauen Räderspuren wurden plötzlich düster, und feine, winzige Fontänen stiegen aus ihnen empor. Fabian blieb stehen, wahrhaftig, es regnete. Aber unbekümmert um den Regen schritt er weiter, zufrieden mit sich, daß er heute alles mit so großer Klarheit sah. Ein Fuhrwerk rasselte ihm entgegen, auf dem lauter schwatzende Bäuerinnen saßen, Säcke und zum Teil auch die Röcke über den Kopf gezogen. Hinter dem Fuhrwerk rollte eine lange Reihe von Lastautos, alle hellgrau gestrichen. Der Lärm der starken Motoren erschütterte die Luft. Es waren neue Wagen aus den Werken von Schellhammer, die ihre Probefahrten machten. Der Schmutz spritzte weit über die Straße, und Fabian trat zur Seite, um sie vorbeizulassen. Dann schritt er wieder eilig weiter. „Ja, natürlich, nahm er seine Gedanken wieder auf, es kamen wohl manche Dinge vor, die diese Großtat wieder verdunkelten, zugegeben. Vieles war erlogen, vieles wahr, man muß die Menschen kennen. Aber schließlich war es ja eine Revolution, nicht wahr, und für eine bis in die Tiefe des Volkes gehende Revolution bedeuteten solche Dinge nichts, nichts, rein nichts. In der Französischen Revolution zum Beispiel schlug man den Leuten, die die neuen Ideen nicht begreifen wollten, ganz ein- fach die Köpfe ab. Was ist dir nun lieber, daß man dir den Kopf abschlägt oder dich in einem Lager etwas, vielleicht etwas unsanft anpackt? Was ist dir lieber? Die Franzosen haben den Adligen den Kopf abgeschlagen, weil sie ganz einfach nicht be- greifen konnten, daß auch die Bürger Rechte hatten. Sie be- griffen es einfach nicht.“ Fabian hielt die Hand in die Luft. Der Regen hatte auf- gehört. Das reinste Aprilwetter, dachte er. „Aber wir wollen weiter denken. Die Partei verfügt auf jeden Fall über viele beachtenswerte Ideen, ein Volk zu erziehen, ohne 45 jede Frage. Natürlich können viele diese Ideen nicht begreifen, auch Wolfgang nicht, der sonst doch klug ist. Auch ich konnte sie ja bis heute in ihrer ganzen Bedeutung nicht erfassen. Es ist eine Revolution der Ideen, mein lieber Wolfgang, werde ich zu ihm sagen, eine Revolution, verstehst du? Man schlägt dir nicht den Kopf ab, nein, sondern man ersucht dich, mehr oder weniger höflich, einige Zeit den Mund zu halten, sagen wir, ein, zwei Jahre, bis das Volk eine gewisse Reife erreicht hat. Dann wird man dir gewiß wieder eine Privatmeinung erlauben, aber dann wirst du vielleicht gar keinen Wert mehr darauf legen, wie?" Fabian lachte vor sich hin. ,, Eins aber erscheint heute schon völlig klar, die neuen Ideen ergreifen heute das Volk, sie sind überall, sie sind allgegenwärtig und allzeit gegenwärtig. Die Leute mit den neuen Ideen wachen auch darüber, daß widersprechende Ideen nicht mehr in Umlauf kommen. Sie haben heute schon dazu ein System der Überwachung und Kontrolle eingerichtet, wozu sie vollkommen berechtigt sind, nicht wahr? Sie wären ja kurzsichtig, es nicht zu tun, oder?" aus ihren sichtspunk Entschluß Unterde Erst als er aus seinen hatten. E würfe, daf ,, Die Baronin kann nicht verstehen, daß ich bis heute meine Kräfte nicht in den Dienst der neuen Ideen stellte wie alle Welt. Sie war sehr unzufrieden mit mir und sprach es ganz offen aus. Schließlich hat man ja auch als erwachsener Mann und Vater zweier Söhne die Pflicht, daran zu denken, was weiter wird? Die Partei wird von Tag zu Tag mächtiger, das sieht ein Blinder. Und sie wird lange bleiben, solange ich lebe, wird sie wahrscheinlich bleiben und vielleicht noch viel länger. Ja, natürlich, wären Ney und Murat ewig kleine Korporale geblieben, wenn sie gewartet hätten, bis Napoleon Cäsar wurde. Das hat die Baronin übrigens sehr hübsch gesagt, nicht wahr? Man darf selbstverständlich nicht erst warten, bis alle einflußreichen Positionen, um ganz offen zu reden, in anderen Händen sind! Man würde ja ein kurzsichtiger Narr sein." Sein Tage raten. Für sich lange aufzusuch ,, Clotilde will ja nichts für sich, die Edle, ganz und gar nichts, aber sie ist der Ansicht, daß ich an die Jungen denken müßte. Die Jungen! Hätten Murat und Ney solange gezögert, was wäre 46 hatte, bei bald er au bei Frau jederzeit dings noc sich selbst Frau B Christa in neben de modisch sich der gann, vo lag, war Rasen, a Schritt sehender Vor und gitter en Wehe, Schritt, eifen, onnte Es ist ch zu dir - oder , ein, Dann aber legen, Ideen gegenIdeen ehr in m der mmen cht zu meine Welt. en aus. Vater wird? linder. wahrtürlich, wenn at die in darf reichen n sind! nichts, müßte. as wäre aus ihren Kindern geworden? Das ist ein sehr wichtiger Gesichtspunkt, und auch daran muß man denken, wenn man einen Entschluß fassen will." Unterdessen hatte er die ersten Häuser der Stadt erreicht. Erst als er Menschen und Trambahnen erblickte, erwachte er aus seinen Gedanken, die ihn willenlos mit sich fortgetragen hatten. Er wurde gleichsam nüchtern und machte sich Vorwürfe, daß er sich solange bei seinem Bruder aufgehalten hatte. Sein Tagesprogramm war dadurch völlig in Unordnung geraten. Für viele seiner Besuche war es zu spät geworden. Ohne sich lange zu besinnen, beschloß er, Frau Lerche- Schellhammer aufzusuchen, eine langjährige Klientin, die ihm geschrieben hatte, bei ihr in dringender Angelegenheit vorzusprechen, sobald er aus dem Urlaub zurückkäme. Zudem wußte er, daß er bei Frau Beate Lerche- Schellhammer als Freund des Hauses jederzeit willkommen war. Er hatte zu diesem Besuch allerdings noch einen Beweggrund, über den er sich aber kaum vor sich selbst Rechenschaft ablegte. VIII Frau Beate Lerche- Schellhammer wohnte mit ihrer Tochter Christa in dem alten Schellhammerschen Haus auf einer Anhöhe neben dem Hofgarten. Jedermann kannte es. Es war ein altmodisch aussehendes, wenig anziehendes breites Gebäude, das sich der alte Schellhammer, der als einfacher Autoschlosser begann, vor fünfzig Jahren erbauen ließ. Der Garten, in dem es lag, war unbedeutend, es war eigentlich nur ein ungepflegter Rasen, auf dem einige Fliederbüsche standen. Sobald sich ein Schritt dem Hause näherte, kam Nero, ein unbehaglich aussehender Bernhardiner aus seiner Hütte hinter dem Hause hervor und strich mit bernsteingelben Augen lautlos am Eisengitter entlang, so daß niemand Lust hatte, lange stehenzubleiben. Wehe, wenn jemand das Gitter berührte! Entfernte sich der Schritt, so verschwand Nero wieder in seine Hütte. institut für neuere deutsche Literatur Justus- Liebig- Universität Otto- Behaghel- Str. 10, 6300 Giessen 47 Fabian kam den kleinen Seitenweg aus dem Hofgarten gegangen, und sobald er den schmalen Fahrweg überschritt, stand Nero schon am Tor. Der Hund kannte ihn von vielen Besuchen und schlug freudig an. Sofort erschien eines der hübschen Dienstmädchen, die im Hause beschäftigt waren, um ihm zu öffnen. Aus dem Hause drang Klavierspiel, jemand übte fleißig eine schwierige Köhler- Etüde, brach aber sofort ab, als der Hund bellte. Es war die gleiche Köhler- Etüde, die Fabian oft gehört hatte, als er sich mit Clotilde verlobte, die später in der Ehe kaum noch das Klavier anrührte. Man vernahm rasche Schritte im Haus, und im gleichen Augenblick erblickte er Christa LercheSchellhammer in der geöffneten Haustüre. Als sie ihn sah, schritt sie rasch die wenigen Stufen herab und kam ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. Ihre sanften, warmen Augen strahlten, und sie lächelte. Wie gut, daß Sie aus dem Urlaub zurück sind!" begrüßte sie ihn. ,, Sie ahnen nicht, wie langweilig es war, die Menschen hier sind zu armselig." دو Schon wochenlang hatte Fabian sich auf dieses Wiedersehen gefreut und ihm voller Spannung entgegengesehen. Seitdem seine Ehe mit Clotilde in die Brüche gegangen war, übte er eine große Zurückhaltung gegen Frauen. Er empfand eine starke Zuneigung zu Christa und hatte im Grund seines Herzens gewünscht, daß sie ihn nach der langen Trennung enttäuschen würde. Fast ärgerlich über sich selbst, mußte er sich gestehen, daß er sie in gleichem Maße anziehend fand wie früher. ,, Ich bin glücklich, Sie wiederzusehen", sagte er aufrichtig. Von allen seinen Bekannten hatte er in Wahrheit am häufigsten an sie gedacht. Ihr lächelnder Blick antwortete ihm. Auch heu Wie reize plaudernd ich es selbst gessen konn Stimme! N wahrhaft re Christa Lerche- Schellhammer war eine ansprechende junge Dame mit braunen Augen, so weich wie Samt. Ihre regelmäßigen, schlichten, auffallend klaren Gesichtszüge fanden viele für ungewöhnlich schön, während andere diese Schönheit nicht entdecken konnten. Niemand aber leugnete den Reiz ihres Lächelns, das ihr ganzes Wesen erhellte, wie ein Licht, das von irgendwoher aus ihrem Innern strahlte. 48 ,, Sie kom Tagen", sag zimmer. Auch di ganz gleich weichen St Das Em Raum, in Sofa hinger hammer un Mutter abg eine auffall „ Ich bit begann Ch letzten Ta Aufger Stimme F Zorn gerö platzt bin verehrten dem sie au Freund?" während Fabian Behalt fort. Ich fort werd an mich waschen gelegt, C 4 Totenta en ge- ‚stand n Be- nschen »rsehen m seine große N stehen, 9, Von y a0 sie yunge abıgen, ur un“ „g ent“ a a TEE en . Auch heute war Fabian von ihrem Lächeln wieder bezaubert. Wie reizend ist doch ihr Lächeln? dachte er, während er plaudernd mit ihr ins Haus trat. Ist es nicht merkwürdig, daß ich es selbst während meiner langen Abwesenheit nicht ganz ver- gessen konnte? Und wie wundervoll ist doch der Klang ihrer Stimme! Nein, du kannst sagen, was du willst, sie ist wirklich ein wahrhaft reizendes Wesen. „Sie kommen gerade recht zum Tee, Mama erwartete Sie seit Tagen“, sagte Christa und öffnete die Türe zum Empfangs- zimmer. Auch diese einfachen Worte gefielen ihm. Es ist schließlich ganz gleichgültig, was sie sagt, dachte er. Es liegt am Zauber ihrer weichen Stimme. Das Empfangszimmer war ein großer, altväterlich möblierter Raum, in dem einige helle Biedermeiermöbel standen. Über dem Sofa hingen zwei nachgedunkelte Ölgemälde, die den alten Schell- hammer und seine Frau darstellten. Frau Schellhammer, als junge Mutter abgebildet, zeigte mit ihrem schlichten, braunen Scheitel eine auffallende Ähnlichkeit mit Christa. „Ich bitte Sie herzlich, beruhigend auf Mama einzuwirken“, begann Christa und deutete auf einen Sessel.„Sie war in den letzten Tagen unsagbar aufgeregt.“ „Aufgeregt, sagt sie?“ rief in diesem Augenblick mit lauter Stimme Frau Beate Lerche-Schellhammer, die breit und mit vor Zorn geröteten Wangen in der geöffneten Türe erschien.„Ge- platzt bin ich vor Wut! Räuber und Spitzbuben, das sind meine verehrten Herren Brüder, Banditen!“ Sie lachte wütend auf, in- dem sie auf Fabian zuging.„Endlich zurück von der Reise, lieber Freund?“ fügte sie ruhiger hinzu und reichte ihm die Hand, während die Röte auf ihrem Gesicht verging. Fabian begrüßt sie herzlich wie eine alte Bekannte. „Behalten Sie ruhig Platz, mein verehrter Freund“, fuhr sie fort.„Ich habe wieder, wie sooft, Ihren Rat dringend nötig. So- fort werde ich Ihnen den Brief geben, den meine edlen Brüder an mich geschrieben haben. Es ist ein Briefchen, das sich ge- waschen hat. Wo habe ich denn den Brief dieser Schurken hin- gelegt, Christa?“ 4 Totentanz Frau Beate Lerche- Schellhammer war eine schwere, massige Frau mit kräftigen Schultern und einem geröteten, in die Breite gegangenen Gesicht. Sie hatte die gleichen braunen Augen wie Christa, nur daß sie um eine Schattierung dunkler waren und nicht dieselbe samtartige Weichheit zeigten. Sie waren härter. Wenn man die beiden auf der Straße sah, so konnte man nicht eine Sekunde im Zweifel darüber sein, daß sie Mutter und Tochter waren. Endlich hatte Frau Beate den Brief auf einer Kommode in der Ecke gefunden und reichte ihn Fabian: ,, Lesen Sie den Brief in aller Ruhe", sagte sie ,,, und erklären Sie mir dann, worauf meine edlen Brüder hinauswollen. Es scheint, als hätten sie endlich die Maske abgeworfen! Wenn ich sie recht verstehe, soll ich aus den Werken Schellhammer ausscheiden, kurzerhand ausbooten wollen sie mich, da ich ihnen im Wege bin! Nun, Sie werden ja sehen." Schon stieg ihr wieder die Röte ins Gesicht. Sie entnahm einer Schachtel eine schwarze Zigarre, ließ sich in einem bequemen Sessel nieder und begann in erregten Zügen zu paffen. Dabei ließ sie Fabian nicht eine Sekunde aus den Augen. Sobald er nur die Brauen hochzog, richtete sie sich im Sessel auf und rief: ,, Nun, habe ich recht?" ,, Er muß ja den Brief erst lesen", warf Christa ein. Fabian nickte nachdenklich. ,, Es scheint, daß Sie recht behalten, gnädige Frau", erwiderte er. Die Sche deutenden Weltkrieg Frau Beate stieß eine mächtige Rauchwolke zur Decke empor und lachte wütend. ,, Natürlich kann ich meine edlen Brüder recht gut verstehen", begann sie von neuem. ,, Was wollen sie? Nützen kann ich ihnen nichts mehr und schaden kann ich ihnen noch weniger. Was für ein Interesse sollten sie also an mir haben? Ich bin nicht in der Lage, ihnen den Ehrendoktor zu verleihen oder glänzende Orden, wie ihre Weiber sie lieben, oder haushohe Titel, vor denen ihre Dienstboten herumkriechen. Ich verstehe ja, daß ihnen ihre Weiber näherstehen als ihre Schwester." Das Mädchen brachte den Tee, und sie brach ab. Christa half den Tisch zurechtzumachen. gebaut, heu Fabian las den Brief zu Ende und versuchte sich nochmals die Rechtslage vorzustellen. 50 er sie im V Werke sch den letzter Maschinen dern hinte Söhnen lei rend der j genoß, die war Frau Fabian hatte sich zubilligten hatte aber großzügig dem heut willigkeit suchen, di Als das Fabian, u Er nick gnädige F der Firm werden." Frau B Wangen Aschensc erregter geben? W Fabian winnen Ich b Christa. Ich Die Schellhammerschen Werke repräsentieren heute einen be- deutenden Wert, den man auf mehrere Millionen schätzte. Im Weltkrieg hatte der alte Schellhammer die erste große Halle gebaut, heute waren es zehn riesenhafte Anlagen. Erst heute hatte er sie im Vorbeigehen bewundert. In erster Linie fabrizierten die Werke schwere Lastwagen, Autobusse und Schlepper, erst in den letzten Jahren produzierten sie auch landwirtschaftliche Maschinen. Der alte Schellhammer hatte die Werke seinen Kin- dern hinterlassen, zwei Söhnen und einer Tochter. Von den Söhnen leitete der ältere, Otto, den kaufmännischen Teil, wäh- rend der jüngere, Hugo, der als Ingenieur einen ziemlichen Ruf genoß, die technische Leitung übernahm. Die einzige Tochter war Frau Beate Lerche-Schellhammer. Fabian stand Frau Beate seit Jahren als Anwalt zur Seite. Sie hatte sich wiederholt über die Bezüge beklagt, die ihr die Brüder zubilligten. Mehrmals stand man vor einem Prozeß. Schließlich hatte aber immer die Rücksichtnahme der Brüder, die Fabian als großzügige Menschen kannte, die Oberhand gewonnen. Auch in dem heutigen Schreiben deutete eine Wendung auf die Bereit- willigkeit der Brüder hin, einen Weg der Verständigung zu suchen, die für beide Teile tragbar wäre. Als das Mädchen aus dem Zimmer schlüpfte, erhob sich Fabian, um den Brief auf den Tisch zu legen. Er nickte erneut.„Es kann gar kein Zweifel mehr bestehen, gnädige Frau“, sagte er,„der Wunsch Ihrer Brüder, daß Sie aus der Firma ausscheiden, könnte kaum unverhüllter ausgedrückt werden.“ Erau Beate fuhr auf und abermals färbte der Zorn ihre Wangen dunkelrot. Sie zerdrückte die schwarze Zigarre in einer Aschenschale.„Nicht unverhüllter, wahr, wahr!“ rief sie mit erregter Stimme aus.„Aber können Sie mir den Grund an- geben? Was hat all das zu bedeuten?“ Fabian zuckte die Achseln.„Wir werden erst Klarheit ge- winnen müssen.“ „Ich bitte dich, Mama, rege dich nicht von neuem auf!“ bat Christa. „Ich rege mich nicht im geringsten auf“, beruhigte sie Frau $I Beate. ,, Ich will nur wissen, was das bedeutet!" Sie schlug heftig auf die Lehne des Sessels. ,, Was ist plötzlich in meine edlen Brüder gefahren?" Ein kleines Gläschen? Frau Beate goß sich aus der Karaffe einen Kognak ein. ,, Ihre Brüder schreiben“, erläuterte Fabian ,,, daß wir lebhaften Zeiten entgegengehen, die oft blitzschnelle Entscheidungen fordern werden. Das könnte immerhin manches andeuten." Frau Beate schüttelte den Kopf. ,, Ich kenne doch meine Brüder", sagte sie. ,, Es müssen besondere Ereignisse eingetreten sein!" Sie begann nachdenklich durch das Zimmer zu gehen. Im Gehäuse einer Standuhr in der Ecke hörte man das Werk klingen bei ihren Schritten. ,, Besondere Ereignisse!" wiederholte sie zuweilen. ,, Der Brief scheint mir sogar eine schlecht verborgene Dringlichkeit zu verraten", warf Fabian ein. " Was ist lauchten C Nein, au sprechen, noch meh dungssucht sprechen k ,, Nicht wahr?" Frau Beate blickte Fabian ins Gesicht und zum erstenmal sah er die feinen Linien, die ihren Mund umgaben. ,, Sie scheinen es eilig zu haben, die beiden Räuber. Um so unerklärlicher erscheint mir die ganze Geschichte." Sie nahm eine neue Zigarre aus der Schachtel und steckte sie in Brand. ,, Oh, ich werde euch schon auf eure Schliche kommen, ihr Spitzbuben!" rief sie aus, während sie sich in einem Sessel am Teetisch niederließ. Sie schwieg nachdenklich, dann stieß sie eine mächtige Rauchwolke in die Luft. ,, Und doch fällt es mir schwer, zu denken, daß die beiden Spitzbuben aus reiner Gewinnsucht handeln", sagte sie mehr zu sich selbst. ,, Aber schließlich wäre auch das möglich, warum nicht? Vielleicht ließen sie sich von ihren Weibern aufputschen, die noch nicht reich genug sind? Von den beiden Durchlauchten, dieser Cäcilie und Angelika, hahaha!" Frau Beate brach in lautes Gelächter aus, das aber gutmütig klang. Ihre verdrießliche Laune schien plötzlich vergangen zu sein, sie war fast heiter geworden. ,, Sie nehmen doch gewiß eine Tasse Tee mit uns, lieber Freund!" wandte sie sich an Fabian, und Christa rief sie zu, sofort an den Teetisch zu kommen. Nachdem sie sich aus der Karaffe noch zwei Kognaks eingegossen hatte, begann sie in der heitersten Laune von ihren Schwägerinnen und ihren Brüdern zu sprechen, sie schien ihren Zorn völlig vergessen zu haben. 52 Da war was war si Stimme w sich nicht muten. Da Anna und Schneider, die beiden Gott! Und die beiden sich zu be als Wund und Lehr natürlich Männern Anwalt in „ Gewif wortete F hörte, de goß ihm halblauter Ja, wie send Art schwende Grübchen wie eine blicken, und uner Ihr Läch wohin SO heftig Brü- h aus - a sein! n Ge- ven bei reilen. Iring- ä E = Er SE a „Was ist die Königin Viktoria gewesen gegen die beiden Durch- lauchten Cäcilie und Angelika, hahaha!“ rief sie lachend aus. Nein, auf ihre beiden Schwägerinnen war sie nicht gut zu sprechen, das konnte man wohl nicht sagen. Sie verachtete sie noch mehr als ihre Brüder, deren Hörigkeit und Verschwen- dungssucht sie mit Spott übergoß. Wenn sie auf dieses Thema zu sprechen kam, konnte man sie schwer davon abbringen. Da war zunächst Cäcilie, die Frau des Ingenieurs Hugo, nun, was war sie schon früher? Eine kleine Sängerin mit einer hohen Stimme wie eine Blechtrompete. Über ihr Vorleben wollte sie sich nicht näher auslassen, nein, das konnte sie Christa nicht zu- muten. Dann war da die Angelika von Otto, sie hieß früher Anna und war nichts als eine kleine Buchhalterin, ihr Vater war Schneider, was ja keine Schande ist. Aber heute, da spielten sich die beiden Weiber auf, als seien sie aus königlichem Geblüt, weiß Gott! Und da waren die Kinder, die drei Jungen von Hugo und die beiden Mädchen von Otto, fünf im ganzen. Aber, wie sie sich zu bemerken erlaube, alles reinste Wunderkinder! Nichts als Wunderkinder!„Sie hatten einen Schwarm von Erziehern und Lehrerinnen, Bonnen und Nurses, und das alles kostete natürlich Geld, schandhaftes Geld, und ihre Strohköpfe von Männern bezahlten es!“ schloß Frau Beate.„Es dürfte Sie als Anwalt interessieren, mein Freund.“ „Gewiß, ich erhalte interessante Einblicke, gnädige Frau“, ant- wortete Fabian lächelnd, obschon er nur mit halbem Ohr hin- hörte, denn die meisten Geschichten kannte er schon. Christa goß ihm lächelnd eine neue Tasse Tee ein und reichte ihm mit halblauter Stimme Kuchen. Er streifte sie zuweilen mit demBlick. Ja, wie ist ihr Lächeln nur? fragte er sich wieder. Es gibt tau- send Arten von Lächeln, aber das ihre bezaubert. Es ist ver- schwenderisch! Was lächelt eigentlich an ihr? Die Lippen, die Grübchen und Wangen, die Stirn, die Augen, was noch? Es ist wie eine geheimnisvolle Sprache, die ich nur in den Augen- blicken, da ich bei ihr bin, verstehe. Jedenfalls ist es rätselhaft und unergründlich. Er bemühte sich, Christas Blick zu meiden. Ihr Lächeln scheint in die Tiefen meines Wesens einzudringen, wohin sonst nichts reicht, dachte er weiter. Es fehlte gerade noch, daß du dich in sie verliebst, ging es ihm durch den Sinn und er errötete. Seine Gedanken verwirrten sich, und er versuchte wiederum Frau Beate zuzuhören. Frau Beate war nun bei ihren Brüdern angekommen, deren verschwenderisches Leben sie verspottete. Sie sprach von ihren Autos, ihrem Park von Automobilen und den beiden protzigen Villen, die ja jedermann kannte. Ihrer Schwester aber hatten sie großmütig das altmodische Haus des Vaters überlassen! Die Kinder von Otto besaßen sogar ein Ponygespann. Und ihre Weiber behängten sie mit Brillanten und Perlen und Pelzen. Voriges Jahr hatten sie ein Gut in der Schweiz gekauft. ,, Für den Fall", sagte Frau Beate ,,, daß ein neuer Weltkrieg kommen sollte und ihre dicken Weiber nicht verhungerten." Wieder lachte sie heiter. Plötzlich aber brach sie mitten im Wort ab. ,, Schluß", rief sie heftig ,,, Schluß mit diesen albernen Sachen! Sie, mein lieber Freund, werden in der Stadt Erkundigungen einziehen und dann wollen wir beraten, was wir den beiden Spitzbuben antworten sollen." Sie griff nach einer neuen Zigarre. ,, Und jetzt wollen wir von anderen Dingen plaudern. Der Doktor muß uns von seiner Reise erzählen. Ich hoffe, Sie haben noch ein Viertelstündchen Zeit?" Fabian blickte auf die Uhr. ,, Ein Viertelstündchen, gewiß", erwiderte er. ,, Ich muß leider heute noch in mein Büro." Er blieb noch eine volle Stunde. war, nicht dämmerun führen wü Das Ges nichts erw trat er ein Wintergar keine Gel durchsicht besten Ku menheit u Schrank. Mit d Fabian un „ Übera eines alte können S zieren!" Fabian waren. D und der sie auf d nicht jed ziemlich Währe IX Das sanfte Lächeln Christas begleitete Fabian, während er durch den stillen Hofgarten zurückging. Ich fühle mich leicht und unbeschwert in ihrer Nähe, dachte er. Sobald er aber die erhellten Schaufenster der Stadt erblickte, kehrten wieder jene Gedanken zurück, die ihn auf dem Nachhauseweg von Wolfgang beschäftigt hatten. Nun gut, er war entschlossen zu handeln! Es gab keinen andern Weg für ihn. Noch sah er den Weg, der ihm vorgezeichnet 54 Ballen br trug, mit Tuch zw Erstk Schneide Sie inzw lassen?" Fabian Herzges „ Ja, hier bei gruppe? war, nicht völlig klar vor sich, wie eine Straße in der Morgen- dämmerung lag er vor ihm. Aber er wußte, daß er ihn zum Ziele führen würde. Das Geschäft des Schneiders März war völlig leer, und da ihm nichts erwünschter sein konnte, als völlig unbeobachtet zu sein, trat er ein. Es war ja schließlich auch nötig, daß er sich um seine Wintergarderobe kümmerte, wozu er während seines Urlaubs keine Gelegenheit hatte. Der schneeweiße, schmächtige, fast durchsichtig erscheinende Schneidermeister März, zu dessen besten Kunden er zählte, begrüßte ihn mit devoter Zuvorkom- menheit und holte sofort den neuen Wintermantel aus einem Schrank. „Mit dem Mantel kann ich mich überall sehen lassen“, sagte Fabian und betrachtete sich befriedigt im Spiegel. „Überall!“ erwiderte März mit der leicht heiseren Stimme eines alten Mannes.„Mit der schönsten jungen Dame der Stadt können Sie getrost Arm in Arm durch die Wilhelmstraße spa- zieren!“ Fabian lachte. Er liebte Schmeicheleien, auch wenn sie plump waren. Dann bat er Muster für Winteranzüge sehen zu dürfen, und der Schneider holte Stoffbündel aus den Regalen und warf sie auf den Ladentisch. Fabian wünschte gerne einen Stoff, den nicht jeder Beamte und Verkäufer trug, und wählte schließlich ziemlich auffällige Muster. Während er seine Stoffe aussuchte, streifte er öfter einige dicke Ballen brauner Stoffe, wie man sie zu den Uniformen der Partei trug, mit den Blicken.„Schöne Stoffe!“ lobte er und prüfte das Tuch zwischen den Fingern. „Erstklassige Ware, einfach unverwüstlich!“ versicherte der Schneider, das Metermaß um den Rockkragen gehängt.„Sind Sie inzwischen schon bei Habicht gewesen, um sich eintragen zu lassen?“ Fabian schüttelte den Kopf.„Sie wissen, ich war wegen einer Herzgeschichte vier Monate auf Urlaub.“ „Ja, das weiß ich. Nun aber bleiben Sie ja wohl vorläufig hier bei uns? Sie kennen doch Habicht, den Leiter der Orts- gruppe?“ ,, Ja, natürlich kenne ich ihn", erwiderte Fabian. ,, Er hat mir vor Jahren meine Reitstiefel ausgebessert." ,, Ausgebessert?" Der Schneider lachte. ,, Heute bessert er nichts mehr aus. Er kann sich ja heute nicht mehr retten vor Aufträgen und beschäftigt fünfzig Gesellen. Es ist ihm zu gönnen. Tag und Nacht war er für die Partei tätig, Tag und Nacht, und das in einer Zeit, wo es noch Leute gab, die einen nicht ernst nahmen, wenn man sich für die Partei einsetzte. Habicht und ich sind fast die ersten hier in der Stadt gewesen. Nun, Habicht hat sein Glück gemacht, er hat das lange Haus der Witwe Kirsch gekauft und eine Unmenge Maschinen angeschafft. Einem Ortsgruppenleiter leiht jede Bank Geld! Er dürfte wohl bald eine Fabrik eröffnen! Dieser Stoff würde Sie herrlich kleiden, sehen Sie? Sie werden ja doch noch zu uns kommen, ich wette mit Ihnen, was Sie wollen." ,, Ich weiß es nicht", antwortete Fabian ausweichend. ,, Als ehemaliger Militär müßte ich mich ja wohl einer militärischen Formation anschließen?" ,, Ganz unbedingt! Sie waren Hauptmann, soviel ich weiß? Nun, da würden Sie sehr rasch einen hohen Posten erhalten." Fabian sah wenig begeistert aus und schüttelte den Kopf. ,, Das will ich eben vermeiden", erwiderte er. ,, Sie ahnen nicht, wie wenig Zeit ich habe." ,, Ach, Sie meinen wegen des Postens?" fuhr der Schneider eifrig fort. ,, Nun, wenn Sie keine Zeit haben, nehmen Sie eben nichts an. Das machen ja viele. Ein Mann, der so sprechen kann wie Sie, gehört zu uns. Oft habe ich zu den Kameraden gesagt: Warum ist Doktor Fabian nicht bei uns? Solch einen Mann müßten wir haben, einen solchen Redner! Noch heute höre ich Sie im Rathaussaal sprechen, das war wirklich eine Rede! Es scheint, daß Ihnen dieser Stoff weniger gefällt? Ich werde Ihnen noch andere Nuancen vorlegen." Endlich Fabian lieba der fast wi Fabian ließ sich noch eine Anzahl von Stoffen zeigen, die März mit großer Gewandtheit auf den Tisch warf. Dabei saß er auf dem Ladentisch und telefonierte mit seinem Büro. Er bat seine Sekretärin, Fräulein Zimmermann, noch eine Viertelstunde zu warten, er werde in wenigen Minuten ins Büro kommen. 56 لد sagte er. ,, viel Dringl mit dem A Der klei wohl!" rief daranzuhal men. Jetzt allein habe lassen, Rel Historische weiß scho „ Aber h neuem und erfahren, Der Sch erwiderte: Fabian Fingern. ,, den Anzug kann ich j Ordnung? Aber geben!" D Vom S Hammers ein alter, personal, res, unans auf dem Die g Urlaub z hier notic geklingel Amselwie t mir nichts Aufönnen. , und ernst and ich ht hat ch geOrtseine sehen ze mit ,, Als ischen weiß? en." „ Das ut, wie neider e eben kann gesagt: müßich Sie cheint, noch e März er auf at seine nde zu Endlich schien März seinen Geschmack getroffen zu haben. Fabian liebäugelte mit einem etwas helleren, zimtfarbenen Ton, der fast wie Plüsch aussah. ,, Ich würde diesen Stoff vorziehen", sagte er. ,, Nun habe ich in den ersten Tagen allerdings noch soviel Dringliches zu erledigen, aber immerhin, wir könnten ja mit dem Anzug beginnen, Herr März? Wie meinen Sie?" Der kleine weißhaarige Schneider dienerte. ,, Sehr wohl, sehr wohl!" rief er diensteifrig aus. ,, Es wird jedenfalls gut sein, sich daranzuhalten, denn es kann jederzeit wieder eine Sperre kommen. Jetzt will jeder in die Partei eintreten. In dieser Woche allein haben sich drei Professoren vom Gymnasium eintragen lassen, Rektor Müller, Redakteur Schill, Dr. Mittmann vom Historischen Verein, die ganze Intelligenz der Stadt. Habicht weiß schon nicht mehr, wo ihm der Kopf steht." ,, Aber hören Sie, unter einer Bedingung!" begann Fabian von neuem und dämpfte seine Stimme. ,, Niemand darf etwas davon erfahren, niemand, unter gar keinen Umständen!" Der Schneider hob beide Hände beschwörend in die Höhe und erwiderte: ,, Keine Seele, bei meinem Wort!" Fabian fühlte nochmals den zimtfarbenen Stoff zwischen den Fingern. ,, Gut, diesen also nehme ich!" sagte er. ,, Dann habe ich den Anzug fertig daliegen, wenn ich ihn brauche, und zu Habicht kann ich ja jeden Tag gehen, er bringt die Sache wohl schnell in Ordnung?" ,, Aber natürlich. Bei Ihnen wird er sich besondere Mühe geben!" Der Schneider lachte heiser und öffnete die Ladentüre. Vom Schneider begab sich Fabian sofort in sein Büro. Doktor Hammerschmidt, der ihn während seiner Abwesenheit vertrat, ein alter, leidender Jurist, war bereits gegangen, ebenso sein Büropersonal, aber seine Sekretärin, Fräulein Zimmermann, ein älteres, unansehnliches Mädchen, erwartete ihn noch, den Hut schon auf dem Kopf. ,, Die ganze Stadt scheint schon zu wissen, daß Sie aus dem Urlaub zurück sind", empfing sie ihn. ,, Die Anrufe habe ich hier notiert. Herr Sanitätsrat Fahle hat heute schon dreimal angeklingelt und läßt Sie bitten, ihn, wenn möglich, noch heute in Amselwies anzurufen", bestellte sie. 57 Fabian bat, ihn sogleich mit Sanitätsrat Fahle zu verbinden. Der Sanitätsrat war seit Jahren Fabians Hausarzt, dem er sehr verpflichtet war und, wie die ganze Stadt, aufrichtig verehrte. Sanitätsrat Fahle sprach mit müder Stimme und ziemlich verworren. Es handle sich um eine private Angelegenheit, die sich am Telefon nur schwer berichten lasse. Ja, er lebe seit einiger Zeit auf seinem Landsitz und sei von all den Aufregungen krank geworden. Fabian versprach, morgen bei ihm vorzusprechen. Dann gab er Fräulein Zimmermann den Auftrag, ihm alle aktuellen Akten bereitzulegen, er wolle heute bis in die späte Nacht arbeiten. ,, Bringen Sie mir auch bitte die Jahresberichte der Schellhammerschen Werke", fügte er hinzu. ,, Die Berichte Schellhammer werde ich sofort heraussuchen. Die Akten liegen schon bereit", erwiderte die Sekretärin. ,, Es ist übrigens wenig Neues hinzugekommen, wie Sie wissen. In der Praxis ist es zur Zeit sehr still!" fügte sie hinzu. Da Fabian nichts entgegnete, wünschte sie ihm gute Nacht und ging. ,, Gute Nacht", sagte Fabian. Er war allein und vertiefte sich in den Stapel Akten. Seine Praxis als Anwalt, die vordem außerordentlich florierte, war in den letzten Monaten ganz auffällig zurückgegangen, sie deckte kaum noch seine Spesen. Am näch gung im H lich noch aber er wa konnte in Die Interes ,, In der Praxis ist es zur Zeit sehr still!" Er lachte vor sich hin. ,, Sie scheinen noch immer nicht zu verstehen, Fräulein Zimmermann, daß man uns ganz einfach boykottiert!" sagte er zu seiner Sekretärin und erinnerte sich erst, als er zu sprechen begonnen hatte, daß sie schon gegangen war. ,, Noch immer scheinen Sie die wahre Lage der Dinge zu verkennen, mein wertes Fräulein", fuhr er sarkastisch fort. Und mit einem überlegenen Lächeln fügte er hinzu:„ Ich glaube, Ihnen indessen verraten zu dürfen, meine Beste, daß sich das bald ändern dürfte, sehr bald." einen Ents man ihm d Er war ab Lebensstan keiten gab Er griff nach einem Aktenstück und begann darin zu lesen. ,, Glauben Sie, daß ich ein Mann bin, der die geringste Lust hat, unterzugehen? Wie? Nun, man kennt doch die Geschichte, Verehrteste. Murat und Ney wären zeit ihres Lebens kleine Korporale geblieben, wenn sie nicht die Klugheit und den Mut besessen hätten, Entschlüsse zu fassen." 58 Und no in der Part der Angst geholt zu An dies dankte sei ihm auch doppeln aus, er sch erblickten von neuer bat ihn Ein Re u andere St Eine a rade jetzi nichts, m und gab i Schellham lässige K ja nicht Einige nem Bür Bruder V inden. er sehr rehrte, suchen. „Es st ‚In der n nichts ‚fre sich - Der BEE x Am nächsten Morgen frühstückte Fabian mit großer Befriedi- gung im Herzen. Nun wohl, er hatte gehandelt! Es gab natür- lich noch dieses und jenes, womit er nicht einverstanden war, aber er war froh über seine Entschlossenheit. Nur ein Narr konnte in dieser Welt Vollkommenheit erwarten, sagte er sich. Die Interessen seiner Familie und seiner beiden Jungen hatten einen Entschluß von ihm gefordert. In wenigen Wochen hätte man ihm das Büro geschlossen, und dann saß er auf der Straße. Er war aber keineswegs geneigt, wegen einer Formalität seinen Lebensstandard aufzugeben, solange es noch andere Möglich- keiten gab. Das konnte wahrhaftig niemand von ihm verlangen. Und noch etwas kam dazu, etwas sehr Wesentliches! War er in der Partei, so ließ man ihn in Ruhe, und er brauchte nicht in der Angst zu leben, von den Leuten der Heiligengeistgasse ab- geholt zu werden, wenn es ihnen gerade Vergnügen machte! "An diesem Morgen hielt er sich länger in seinem Büro auf. Er dankte seinen Mitarbeitern und sprach die Hoffnung aus, daß sie ihm auch die Treue bewahren würden, wenn die Arbeit sich ver- doppeln und verdreifachen würde. So ähnlich drückte er sich aus, er schien voller Zuversicht zu sein, und seine Mitarbeiter erblickten in ihm einen Mann, der völlig neugeboren und erfüllt von neuem Mut aus dem Urlaub zurückkehrte. Ein Rechtspraktikant, der als Volontär mäßig bezahlt war, bat ihn um Gehaltsaufbesserung, sonst müsse er sich um eine andere Stellung bemühen, er habe seine alte Mutter zu erhalten. „Eine andere Stellung?“ fiel ihm Fabian ins Wort.„Und ge- rade jetzt, da die Praxis wieder aufblühen wird? Daraus wird nichts, mein Freund.“ Er bewilligte dem Volontär seine Bitte und gab ihm sofort den besonderen Auftrag, sich in die Materie Schellhammer gründlich einzuarbeiten. Er brauche eine zuver- lässige Kraft, die in jeder Einzelheit beschlagen sei, er selbst habe ja nicht die Zeit dazu. Einige Stunden erledigte er die dringendsten Arbeiten in sei- nem Büro, dann bat er Fräulein Zimmermann, ihn mit seinem Bruder Wolfgang in Jakobsbühl zu verbinden. 59 Wolfgang war in gereizter Laune. Er knurrte wütende Worte ins Telefon, sprach von Würdelosigkeit, Beschimpfung, Unverschämtheit und Anmaßung, so daß Fabian laut auflachen mußte. ,, In der Französischen Revolution hätte man dir einfach den Kopf abgeschlagen", rief er aus, was Wolfgang zu beruhigen schien. Man hatte ihn heute morgen in der Heiligengeistgasse eine volle Stunde warten lassen, was er skandalös fand, dann hatten ihm zwei Grünschnäbel einen unverschämten Vortrag über die Pflichten im Tausendjährigen Reich und allen möglichen Unsinn gehalten. Es ging etwas laut dabei her, und schließlich hatten sie ihm mit ,, Birkholz" gedroht. Mit einem Wort, Würdelosigkeit, Schamlosigkeit und Frechheit! Am Schluß hatten sie ihn mit einer Verwarnung entlassen. Fabian versuchte ihn zu beruhigen. Heute oder morgen würden sie beide eine Flasche Wein im ,, Stern" zusammen trinken und die Welt durch das herrliche Rubinrot eines vollen Glases betrachten, nicht wahr? Zur Mittagszeit verließ Fabian sein Büro. Langsam schlenderte er durch die Straßen. Er hatte die Absicht, sich zu Baurat Krieg zu begeben, um vielleicht etwas in der Angelegenheit Schellhammer zu erfahren, lief ihm aber zu seiner Überraschung auf dem Marktplatz in die Arme. Den Schlapphut in der Hand, mit fliegender Lavallièrebinde, stürmte der Baurat am Narziẞbrunnen vorbei, ohne jemand zu sehen, tief in Gedanken versunken. Mit einer nicht mehr auf die We „ Die Sch ein neues P mancherlei sei ja seit z pfeng habe Werkhalle zu besprec ,, Krieg!" rief ihn Fabian an. ,, Zu Ihnen wollte ich gerade." Der Baurat befand sich mitten in einer Pechserie, wie er klagte. Seine Frau und seine beiden Töchter, die Zwillinge, waren gestern abend nach Hamburg abgereist. Die Tante Agathe war plötzlich gestorben, ein Lästermaul ersten Ranges, das im Sarg noch lästern würde. Um zehn Uhr fuhren sie ab, um zwölf Uhr erkrankte das Mädchen, er mußte den Arzt in der Nacht rufen, wahrscheinlich Diphtherie. Am Morgen mußte er sein Frühstück allein kochen, zur selben Zeit kam der Krankenwagen und holte das Mädchen ab. Es war, um die Wände hinaufzuklettern. Fabian ließ sein tröstendes Lachen hören und lud den Baurat ein, mit ihm Leberknödel in der„, Kugel" zu essen. 60 und Glas. „ Sie bau schäftigt. Krieg ni Riesenhalle „ Drei?" » Ja, dre von Eisen wahnsinni werden. V des alten H Schwe einfach w Herrli bestellen weiß ich das neue Haben Fabian. Der Ba sichtig un sollen jetz ja, daß d tische Zw eine bede vor der Millioner Worte Invermußte. Kopf schien. volle ihm er die Unsinn ten sie igkeit, n mit würrinken Glases nderte Krieg Schellang auf ebinde, and zu ade." klagte. waren he war m Sarg Slf Uhr trufen, Frühgen und lettern. Baurat Mit einem Pilsner und Leberknödeln sah Krieg seine Pechserie nicht mehr so hoffnungslos an, und Fabian brachte das Gespräch auf die Werke Schellhammer. ,, Die Schellhammerschen Werke?" Baurat Krieg bestellte sich ein neues Pilsner. ,, Die Werke Schellhammer?" Ja, da wußte er mancherlei zu sagen. Sein Freund Schimmelpfeng, der Architekt, sei ja seit zwei Jahren Architekt bei Schellhammer. Schimmelpfeng habe ihm vor einigen Wochen den Entwurf einer neuen Werkhalle gebracht, um einige statische Schwierigkeiten mit ihm zu besprechen. Es war eine mächtige Werkhalle, nichts als Eisen und Glas. ,, Sie bauen wohl?" fragte Fabian, mit seinen Knödeln beschäftigt. Krieg nickte. ,, Es hat den Anschein", lachte er. ,, Drei solcher Riesenhallen wollen sie bauen." ,, Drei?" ,, Ja, drei. Nichts als Eisen und Glas. Sie haben schon Hunderte von Eisenträgern lagern. Die beiden Schellhammer sind größenwahnsinnig geworden. Das Werk soll mehr als doppelt so groß werden. Vor einiger Zeit schwebten Verhandlungen um das Gut des alten Barons Metz am Nordrand der Stadt." ,, Schwebten?" fragte Fabian. ,, Finden Sie die Knödel nicht einfach wunderbar?" ,, Herrlich!" nickte Krieg. ,, Ob man sich noch eine Portion bestellen kann? Ja, schwebten. Ob etwas daraus geworden ist, weiß ich nicht. Das Gut von Metz wäre ein herrlicher Platz für das neue Werk." ,, Haben denn die Schellhammer so große Aufträge?" fragte Fabian. Der Baurat lachte, dann blickte er sich argwöhnisch und vorsichtig um, beugte sich näher zu Fabian und sagte flüsternd: ,, Sie sollen jetzt mächtige Heeresaufträge haben, sagt man. Man weiß ja, daß die Schellhammer kürzlich eine halbe Million für politische Zwecke gezeichnet haben. Eine halbe Million, jedenfalls eine bedeutende Summe. Sie wollten offenbar nicht zurückstehen vor der Großindustrie im Westen, die, das wissen Sie, ungezählte Millionen zeichnete. Aber das bleibt unter uns, nicht wahr?" 61 Plötzlich sprang Krieg auf und zupfte einen vorübergehenden Herrn am Rock. ,, Herr Assessor!" rief er lachend. ,, An unserm Tisch ist noch Platz!" Auch Fabian erhob sich. ,, Aber gewiß", rief er und deutete auf seinen Stuhl. Er verabschiedete sich, da er dringend gehen müsse. Auf der Straße winkte er ein Auto heran, das ihn nach dem nahen Dorfe Amselwies bringen sollte. Frau Beate ebenso Chri war. Dokto Gast, Wolfs war vielleic tätsrat wah Gleichen, v versetzt wu standen sich beherrscht spielen! Di Schach, un Fabian XI hatte ihn schweigsam fragte sie leben!" Ta schmack, Spelunke! In dem sonnigen, stattlichen Dorf Amselwies, eine halbe Autostunde von der Stadt gelegen, befand sich das Landgut, das Sanitätsrat Fahle im Sommer bewohnte. Es hieß kurz ,, Amsel". Im Winter lebte er in seinem Haus am Rathausplatz. Er war Internist und Röntgenologe im städtischen Krankenhaus, ein ausgezeichneter Arzt und als Röntgenspezialist eine internationale Kapazität. Seine Röntgenogramme der Lunge hatten ihn in der ganzen Welt berühmt gemacht. In seinem Stadthause hatte er zwei Säle für röntgenologische Forschung errichtet, ausgestattet mit den besten, zum Teil von ihm selbst erfundenen und konstruierten Apparaten der Welt, die häufig von bedeutenden Ärzten des In- und Auslandes in Anspruch genommen wurden. Er war wohlhabend und verdiente dazu mit seinen Büchern achtbare Summen, besonders in Amerika und England mit seinem Standardwerk ,, The secret of the x- rays". Ganz nebenbei bemerkt, hatte er auch Wolfgang Fabians Narzißbrunnen der Stadt gestiftet. Er wollte ihn zuerst in seinem Landgut in Amselwies aufstellen, hatte sich aber später entschlossen, den Brunnen der Öffentlichkeit zum Geschenk zu machen. Aber der S Bei selte intime Tee Das Gut Amsel war jedermann in der Stadt bekannt, denn Fahle war sehr gastfreundlich und seine Einladungen hatten Berühmtheit erlangt. Es war indessen nicht einfach, zugezogen zu werden, denn der Sanitätsrat liebte nur Menschen von Originalität und Rechtschaffenheit um sich, er haßte alles Konventionelle. 62 Gelehrten, ten vorste Das Ge Landhaus, wartete, n zu sehen. einzige, du Räume w die der Sa Gastraum Komfort Nobelpre holt viele Weltruf b erzählte Frau Beate Lerche-Schellhammer fehlte bei keiner Einladung, ebenso Christa, die mit der Tochter Fahles, Marion, befreundet war. Doktor Krüger, der frühere Bürgermeister, war hier öfter zu deutete Gast, Wolfgang Fabian, der Bildhauer, verkehrte häufig dort, er henden unserm gehen war vielleicht der einzige Mann in der Stadt, mit dem der Sani- tätsrat wahrhaft befreundet war. Als Wolfgangs Freund, Lehrer -h dem Gleichen, vor einem Jahr an die Dorfschule von Amselwies straf- versetzt wurde, führte er ihn bei Fahle ein, und die beiden ver- standen sich sofort. Ein seltener Mensch, sagte der Sanitätsrat, er beherrscht gleich zwei Dinge meisterhaft: Schweigen und Schach- spielen! Die beiden spielten jeden Montag abend eine Partie - Schach, und an diesem Abend durfte sie niemand stören. Fabian selbst kam nur selten nach Amsel. Ein einziges Mal hatte ihn Clotilde begleiten dürfen, die vor Erstaunen völlig schweigsam wurde.„Warum hast du nicht solch einen Besitz?“ fragte sie erregt und blaß.„Da könnte man menschenwürdig leben!“ Tagelang kam sie nicht darüber hinweg.„Dieser Ge- schmack, diese Möbel! Wir leben ja im Vergleich dazu in einer -$pelunke! Nun, hoffentlich lädt mich Fahle bald wieder ein.“ Aber der Sanitätsrat erwähnte ihren Namen nicht mehr. Bei seltenen Gelegenheiten gab Fahle auch größere Einladungen, intime Tees, wenn er inländischen und ausländischen Ärzten und Gelehrten, die ihn besuchten, einige seiner, Freunde und Bekann- ten vorstellen wollte. Das Gebäude war ein ausgedehntes, sehr einfach gebautes - Landhaus, das beim ersten Anblick enttäuschte, denn man er- - wartete, nachdem man soviel gehört hatte, stets eine Art Schloß zu sehen. Im Grunde genommen war es eigentlich nichts als eine einzige, durch alle Stockwerke gehende Bibliothek. Die einzelnen Räume waren eingerichtet mit meist alten, kostbaren Möbeln, die der Sanitätsrat im Laufe seines Lebens erworben hatte. Die Gasträume waren kleine Wohnungen, die mit jedem erdenkbaren Komfort ausgestattet waren. Hier hatten schon englische Lords, Nobelpreisträger, Mitglieder der französischen Akademie wieder- holt viele Tage und Wochen gewohnt. Man mußte allerdings ‚= Weltruf besitzen, um dazu aufgefordert zu werden. In der Stadt IN erzählte man sich wahre Märchen von den Badezimmern, die FESTE m 5 —— Gr a ra ae 63 aber alle übertrieben waren. Fast niemand hatte sie gesehen. Einmal ließ Rebekka, Hausdame und Wirtschafterin, Fabian, der sehr neugierig war, einen Blick hineinwerfen, und er fand, daß die Gasträume keineswegs über den Geschmack und Komfort erstklassiger Hotels hinausgingen. Das Haus selbst aber, ja natürlich, es war kein Kunststück, daß es jemand gefiel. ,, Clotilde hat recht, in solch einem Haus würde man menschenwürdig leben!" sagte er zu sich. das Kätzche gerutscht, u den Haarsch lachen. Als Schöner und bestechender noch als das Haus war der Park, in dem es lag. Er bestand fast nur aus exotischen Sträuchern und Bäumen. Er war nicht groß, aber nach Art japanischer Gärten täuschte er Größe vor. Zu dem Landhaus gehörte ein ausgedehnter Obstgarten mit edlen und gepflegten Bäumen, Treibhäuser und eine kleine Landwirtschaft. Das war die Welt, wo der Sanitätsrat sich wohlfühlte. Er verbrachte im Sommer jeden Vormittag von sechs Uhr an im Obstgarten bei seinen Bäumen, von deren Pflege er mehr verstand als ein Gärtner, und in der Landwirtschaft, die musterhaft geführt wurde. Er beschäftigte nur erprobte Leute, und sein Stolz bestand darin, daß sich Amsel trotz beträchtlicher Löhne nur mit geringen Zuschüssen( er nannte sie minimal) erhielt. Der Sinn des Sanitätsrats ging nicht auf Reichtum, er war sogar dafür bekannt, daß er besondere Krankheitsfälle ohne jedes Honorar behandelte. Arme Frauen und Kinder hatte er häufig auf längere Zeit zur Rekonvaleszenz in einen Kurort geschickt. sie sofort au mern, und rasch pen, „ Herrlich reichte ihm In Amsel lebte der Sanitätsrat, der verwitwet war, mit seiner Tochter Marion, einer älteren Hausdame Rebekka und einigen Dienstboten. Rebekka war wie die Herrin im Hause. Sie hatte Marion von Kindheit an wie eine Mutter erzogen und wurde Mamuschka genannt. ter auf den Marion heit und Fr Italienerin wie Steink Jahre alt, Als Fabian nach kurzer Autofahrt vor Amsel ankam, vernahm er vom Hause her ein heiteres, herzliches Lachen, an dem er sofort die ausgelassene Heiterkeit Marions erkannte. Zur gleichen Zeit erblickte er auch Marion, die unter einem Busch auf einer Steinbank saß und mit einem kleinen weißen Kätzchen spielte, das auf ihrem schwarzen lockeren Haarschopf herumkletterte. Marion neckte das Kätzchen mit einem kleinen Zweig, nach dem 64 vorzüglich zwei Jahre Lachen wa wie bunte das Leben macht. Na und Bewu Wolf von war dama dieser Zeit verloben „ Рара men", rie Das S Fabian, d studierte Institut il Das ju das Blut lienerin a O ne mal nich 5 Totenta en. Einan, der nd, daß Comfort natürilde hat leben!" Park, in ern und Gärten gedehnibhäuser Her Sanien Vormen, von er Landigte nur h Amsel Essen( er ng nicht esondere e Frauen valeszenz mit seiner deinigen Sie hatte and wurde vernahm em er sogleichen auf einer en spielte, kletterte. nach dem das Kätzchen gierig hechelte. Es war über den Hinterkopf abgerutscht, und über seine drolligen Anstrengungen, wieder auf den Haarschopf hinaufzuklettern, konnte sich Marion fast totlachen. Als sie die Gartentüre hörte und Fabian erblickte, sprang sie sofort auf, ohne sich um das Kätzchen im geringsten zu kümmern, und kam ihm, noch das ausgelassene Lachen auf den Lippen, rasch entgegen. ,, Herrlich, daß Sie kommen, Doktor!" rief sie ihm zu und reichte ihm die Hand. Das Kätzchen glitt dabei über ihre Schulter auf den Weg herab und flüchtete eilig in die Büsche. Marion war ein junges Mädchen von ungewöhnlicher Schönheit und Frische. Sie machte den Eindruck einer dunkelhäutigen Italienerin mit schwarzen Haarlocken und dunklen Augen, die wie Steinkohle aus dem bläulichen Weiß funkelten. Etwa zwanzig Jahre alt, trieb sie leidenschaftlich Sport. Sie galt als eine der vorzüglichsten Tennisspielerinnen der Stadt und gewann vor zwei Jahren das große Klubturnier. Ihr heiteres, herzliches Lachen war überall bekannt, es umflatterte sie Tag und Nacht wie bunte Schmetterlinge. Die Frische und Heiterkeit, mit der sie das Leben hinnahm, hatte sie in der ganzen Stadt beliebt gemacht. Natürlich war sie stets von einer Schar von Verehrern und Bewunderern umschwärmt. Auch der junge Oberleutnant Wolf von Thünen machte ihr vor Jahren auffällig den Hof. Er war damals bis über die Ohren in sie verliebt und erzählte in dieser Zeit allen seinen Kameraden, daß er sich bald mit Marion verloben werde. Aber daran war nichts wahr. ,, Papa freut sich ganz ungeheuer, daß Sie zu uns herauskommen", rief Marion aus, als sie Fabian zum Hause geleitete. ,, Das Semester hat wohl noch nicht begonnen?" begrüßte sie Fabian, der Marion seit Monaten nicht gesehen hatte. Marion studierte Medizin und wollte sich später als Röntgenologin im Institut ihres Vaters ausbilden. Das junge Mädchen errötete jäh. Wie eine Flamme schoß ihr das Blut in die Wangen, so daß sie jetzt noch mehr einer Italienerin ähnlich sah, die von der glühenden Sonne verbrannt war. ,, O nein", stotterte sie ,,, o nein, mit dem Semester ist es diesmal nichts geworden." Sie brach unvermittelt ab und strich sich " 5 Totentanz 65 ordnend über das schwarze Haar, das das Kätzchen zerwühlt hatte. ,, Sie haben vergessen, daß ich zur Zeit als Hilfslehrerin in unserer Schule beschäftigt bin", fügte sie hinzu. In diesem Augenblick wandte sie sich in auffallender Hast ab und ging voran ins Haus. ,, Sie erlauben, daß ich vorangehe", rief sie mit ihrer hellen Stimme. ,, Bitte, treten Sie ein. Papa wartet schon sehnsüchtig auf Sie." Fabian folgte ihr zögernd und betreten. Ihr jähes Erröten und die unerklärliche Hast hatten ihn erschreckt. In dieser Sekunde fiel ihm ein, daß er eine unverzeihliche Taktlosigkeit begangen hatte: Marion war ja Jüdin! Er hatte es im Moment völlig vergessen. Welch unbegreifliche Torheit, die Frage nach dem Semesterbeginn! schoß es ihm durch den Kopf. Er errötete voller Beschämung und war glücklich, daß ihn niemand beobachtete. Da hörte er Marions frische Stimme, die laut in die Halle hineinrief: ,, Mamuschka, Mamuschka!" Er atmete auf, niemand hatte seine Verwirrung bemerkt. Im gleichen Moment kam auch schon die Hausdame Rebekka aus einer Türe, gefolgt von einem Mädchen, das eine Schüssel voll ausgesuchter Birnen trug. دو , Welch herrliche Birnen Sie da haben!" rief Fabian aus. ,, Es ist die Köstliche aus Charneu", sagte Rebekka und preẞte Fabian herzlich die Hand, wobei sie ihm dankbar in die Augen blickte. Sie hielt seine Hand fest und liebkoste sie mit ihren weichen Händen. ,, Haben Sie vielen Dank, daß Sie zu uns herauskommen. Wir sehen nur selten Menschen bei uns. Zuweilen kommt Ihr Bruder Wolfgang zu uns, jede Woche auch Herr Gleichen. Sonst aber haben uns alle vergessen." Rebekka war eine behäbige ältere Frau mit einem Tituskopf grauweißer Löckchen auf dem Kopf. Sie war klein, hatte verschwommene Züge, Hängebäckchen und einige schwarze Schnurrbarthaare auf der Oberlippe. Ihre Augen strahlten gütig hinter kreisrunden Brillengläsern. ,, Ich werde Herrn Doktor Fabian bei Papa anmelden, Mamuschka", rief Marion und eilte durch die Diele. ,, Sie kennen ja 66 den Weg, P die Treppe mand es bed blitzschnell Da ist M man hörte ,, Sie ist Rebekka u Fabian fo Art Saal, d auf drei S eine Flut h bis oben m der soeben empor. So Ruhe und überkam hier denke Wieder Möbel, Sc ohne prac bestand in hatte Fah Die Te beim Hau ner Garte und Lorb Fahle lag dunklen, Sie e mit dün men 5* hei erwühlt rerin in Hast ab me", rief wartet ten und Sekunde gangen lig vermesterller Betete. alle hinniemand Rebekka Schüssel us. preßte Augen ren weien. Wir Bruder nst aber tuskopf tte verchwarze en gütig en, Maennen ja den Weg, Papa ist oben auf der Terrasse." Leichtfüßig rannte sie die Treppe empor. Das weiße Kätzchen war ihr, ohne daß jemand es beobachtet hatte, gefolgt. Es flog hinter ihr her, kletterte blitzschnell auf ihren Rücken und ihren Kopf. ,, Da ist Michel wieder, Mamuschka", schrie Marion lachend, und man hörte ihr Gelächter noch, als sie die Tür hinter sich schloß. ,, Sie ist nichts, als der reinste Übermut, diese Marion!" sagte Rebekka und schüttelte verliebt den grauweißen Tituskopf. Fabian folgte Marion durch das große Bibliothekszimmer, eine Art Saal, der nahezu das ganze Erdgeschoß einnahm. Er hatte auf drei Seiten bis zum Boden reichende Fenster, durch die eine Flut helles Licht aus dem Garten strömte. Die Wände waren bis oben mit Büchern angefüllt, eine breite bequeme Treppe, auf der soeben Marion verschwunden war, führte in die erste Etage empor. Sobald man diesen Raum betrat, fühlte man sich von der Ruhe und Feierlichkeit eines Museums umgeben, und Fabian überkam abermals sein alter Gedanken, wie wundervoll es sich hier denken ließ. Wiederum betrachtete er im Vorübergehen die vereinzelten Möbel, Schränke, Truhen. Sie waren alle gediegen und erlesen, ohne prächtig zu sein. Ihr Zauber, wie der des ganzen Hauses, bestand in ihrer Gediegenheit und Vollendung. In allen Dingen hatte Fahle Pracht und Prunk vermieden. Die Terrasse war breit und geräumig und zeigte in einer Ecke beim Hause eine Gruppe von Kübelgewächsen, die wie ein kleiner Garten erschien. Zwischen den grünen Blattpflanzen, Myrten und Lorbeerbäumchen stand ein Ruhebett, auf dem Sanitätsrat Fahle lag. Er wandte ihm das blasse, magere Gesicht mit den dunklen, leicht fiebrigen Augen zu, als er eintrat. XII ,, Sie erlauben, daß ich liegenbleibe, lieber Freund!" sagte Fahle mit dünner, kraftloser Stimme.' ,, Ich kann Sie auch so willkommen heißen und Ihnen danken für Ihren Besuch bei einem Ver5* 67 femten." Er deutete mit seiner weißen, durchsichtigen Hand auf einen Korbsessel an seiner Seite. Fabian begrüßte ihn mit herzlichen Worten. Sanitätsrat Fahle nickte. ,, Sie sehen, die Erregungen der letzten Monate haben mich niedergeworfen", fuhr er fort. ,, Heute versuchte ich noch ein wenig die letzten Sonnenstrahlen zu genießen." Fahle hatte stets das asketische, magere Gesicht eines Menschen gehabt, der zeit seines Lebens geistig arbeitete, heute aber erweckte er den Eindruck eines leidenden Greises. Sein kurzer grauer Bart schien dünner geworden zu sein und erschien nun fast weiß. Der hohe Schädel war fast völlig kahl, und in seinem abgezehrten Kopf lebten nur noch die dunklen Augen mit den buschigen dunkelgrauen Brauen, die sich beim Sprechen lebhaft bewegten und die blasse Stirn in tiefe Furchen legten. An seiner Rechten trug er wie stets einen mausgrauen Handschuh, um die Verstümmelungen zu verbergen, die er vor einem Menschenalter bei Experimenten mit Röntgenstrahlen erlitt. umflorten B sichtigen H daß seine F „ Ich glau von der Tr Ein Läch er fort, oh nicht an e Können Si und niema schien befr Marion heiteren W Hund hint ,, Ich liege hier und denke daran, wie schön das deutsche Land ist", begann er von neuem und richtete die dunklen Augen voller Trauer auf den kleinen Park, wo eine exotische Buche mit rotem Laub stand, als sei sie soeben in Flammen aufgegangen. ,, Können Sie begreifen, wie schwer es ist, nicht mehr dabei zu sein, ausgeschlossen zu sein aus einem Lande, in dem man aufwuchs und siebzig Jahre alt wurde? Können Sie das? Ich sehe vor mir das Gebäude des deutschen Geistes, unsichtbar für die meisten, kristallen und herrlich, vor dem die ganze Kulturwelt Achtung empfand. Ich bin stolz, daß auch ich mit meinen bescheidenen Kräften an diesem Gebäude mitarbeiten durfte! Ich sehe vor mir das Reich der Forscher und Wissenschaftler, das erhabene Reich der Musik, Dichtkunst und Philosophie. Es ist nicht leicht, all die Reiche zu überblicken! Ein ganzes Leben lebte ich in diesen Reichen, und heute bin ich gezwungen, ausschließlich in ihnen zu leben, da ich meine irdische Heimat verloren habe. Können Sie die Befriedigung begreifen, die mich bei dem Gedanken erfaßt, daß man mich aus diesen Reichen nicht vertreiben kann, auch mit Feuerbränden nicht? Können Sie das?" Er schwieg, den 68 Marion habe eine e Fahles A schen, mei Marion Mit einem Der beg Augen, als er zu Fab niederdrü mit der T fürchtet, keit und Universita Fabian losigkeit s " Welch denken S Vater zw innehatte Blicke w schen Sch und nur umflorten Blick auf Fabian gerichtet und strich mit seiner durch- sichtigen Hand über den fast weiß gewordenen Bart, so leicht, daß seine Fingerspitzen ihn kaum berührten. „Ich glaube, Sie zu verstehen“, entgegnete Fabian, erschüttert von der Trauer des alten Mannes. Ein Lächeln erwachte in Fahles Zügen.„Befriedigung?“ fuhr er fort, ohne Fabians Einwurf zu beachten.„Wenn ich zur Zeit nicht an einer Depression litte, würde ich sagen: das Glück? Können Sie das Glück begreifen? Es ist mein kostbarster Besitz und niemand kann ihn mir nehmen. Niemand, niemand!“ Er schien befreit aufzuatmen und lächelte vor sich hin. Marion kam auf die Terrasse und brachte Kaffee, den sie mit heiteren Worten servierte. Das weiße Kätzchen lief wie ein Hund hinter ihr her. Marion lachte belustigt auf.„Du siehst, Papa“, rief sie aus,„ich habe eine ernste Eroberung gemacht!“ Fahles Augen strahlten beglückt.„Du eroberst nicht nur Men- schen, mein Kind“, rief er. Marion ergriff das Kätzchen und setzte es auf ihre Schulter. Mit einem hellen Lachen verließ sie die Terrasse. Der beglückte Ausdruck verklärte noch immer Fahles dunkle Augen, als er ihr mit den Blicken folgte.„Ich danke Gott“, sagte er zu Fabian,„daß das Geschick Marion nicht so zermalmend niederdrückt wie ihren alten Vater. Sie trägt es tapferer als ich, mit der Tapferkeit der Jugend, die ja selbst den Tod nicht fürchtet, weil sie nicht an ihn denkt. Ihr Herz ist voller Heiter- keit und Lachen. Sie wissen, daß man ihr das Studium an der Universität untersagt hat?“ Fabian nickte und errötete stark, da er sich wieder der Takt- losigkeit seiner Frage beim Eintritt erinnerte. „Welch eine schmachvolle Bestimmung!“ fuhr Fahle fort.„‚Be- denken Sie, es ist die gleiche Universität, an der Marions Groß- vater zwanzig Jahre lang einen Lehrstuhl für Augenchirurgie innehatte.“ Fahle hielt einen Moment inne und richtete die Blicke wieder düster auf den Park.„Heute ist sie in der jüdi- schen Schule als Lehrerin tätig. Sie haben dort dreißig Schüler und nur einen kellerähnlichen Unterrichtsraum. Aber das Unter- 69 richten befriedigt sie und sie scheint glücklich zu sein. Wenigstens habe ich von ihr noch nie die leiseste Klage gehört." ,, Es sind schwere Prüfungen für alle Welt", sagte Fabian. ,, Sie erinnern sich wohl meiner Ansichten über diese unsinnigen Dinge? Ich habe mein Urteil darüber bis heute nicht geändert und werde es auch niemals ändern. Übrigens bin ich noch immer überzeugt, daß alle diese unbegreiflichen Maßnahmen Übergangserscheinungen und vorübergehend sind." seine beide setzte sie d für das Inst wenigen W des Institut Fahle hob die Hand in dem mausgrauen Handschuh und drehte sie skeptisch hin und her. ,, Lassen Sie uns das hoffen, junger Freund!" rief er aus. ,, Ihre Worte machen Mut und beglücken mich. Aber vergessen Sie doch nicht, Ihren Kaffee zu trinken." Bei dieser Gelegenheit gelang es Fabian, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Er erzählte von seiner Kur, den Sanatorien, den Ärzten, den Bädern, den Spaziergängen, der Verpflegung. Das Interesse des Sanitätsrats erwachte nach kurzer Zeit und schon warf er kurze Fragen dazwischen, erbat Ergänzungen und nähere Einzelheiten über das und jenes, lobte, tadelte. Bald hatte er seine niedergedrückte Stimmung völlig überwunden und etwas von seiner gewohnten alten Lebendigkeit kehrte zurück. er aus eige Menge selt ,, Ich freue mich über Ihre Fortschritte, die ja unverkennbar sind", sagte er schließlich. ,, Und nun darf ich wohl von meinen eigenen Sorgen sprechen und von der Angelegenheit, in der ich Ihre Hilfe und Ihren Rat nötig habe?" neue Direk Institut mi Umständer Fabian beteuerte, daß er alles tun werde, was in seiner Macht stände. ,, Verfügen Sie über mich", versicherte er. Fabian rief er emp Ja!" Sa Fabians A die von G darüber. Nach ei lich!" rief ehrter He ,, Ich wußte ja, daß ich mich auf Sie verlassen kann, lieber Freund", erwiderte Fahle dankbar. ,, Ihr Bruder Wolfgang war neulich bei mir und gab mir den Rat, auf Ihre Rückkehr zu warten. Mein Bruder, sagte er, hat sich sein offenes Herz und seinen unbeirrbaren Kopf bewahrt und wird schon Rat schaffen." Man hatte Sanitätsrat Fahle auf Grund der bekannten Rassegesetze seines Postens im städtischen Krankenhaus enthoben und nach einer gewissen Zeit nur das Praktizieren unter seinen Rassegenossen erlaubt. Dann aber ging es um sein Röntgeninstitut, dessen Leitung er nach wie vor behalten hatte. Zunächst entließ man telte den Willküral Ich werd tor des K mir ja gu Fahle la Franke w Monaten Voller Franke se gabter M entließ?" Fahle widerte Untersu frühere erhoben geführt 70 m. Wenigört." abian.„ Sie unsinnigen geändert och immer Übergangsund drehte en, junger beglücken trinken." präch eine Kur, den ingen, der ach kurzer Dat Ergänmes, lobte, ung völlig bendigkeit erkennbar on meinen in der ich ner Macht ann, lieber fgang war hr zu warund seinen Hen." ten Rassehoben und nen Rassestitut, desntließ man seine beiden Assistenten, Juden, sehr tüchtige Leute, und ersetzte sie durch neue, schließlich wurde auch ein neuer Direktor für das Institut ernannt, übrigens eine selten tüchtige Kraft. Vor wenigen Wochen nun hatte ihm der neue Direktor das Betreten des Instituts verboten. Es war letzten Endes Fahles Institut, das er aus eigenen Mitteln aufgebaut und unterhalten hatte, eine Menge seltener Apparate waren sogar seine eigene Erfindung. Der neue Direktor aber erklärte ihm unverfroren, daß das kostbare Institut mit seinen unersetzbaren Einrichtungen unter gar keinen Umständen der Gefahr der Sabotage ausgesetzt werden dürfe. Fabian sank in seinen Sessel zurück. ,, Gefahr der Sabotage?" rief er empört aus. ,, Ja!" Sanitätsrat Fahle nickte. Sein Gesicht verschwamm vor Fabians Augen. Er sah nur noch seine großen dunklen Augen, die von Gram erfüllt waren, und die buschigen dunklen Brauen darüber. Nach einer Weile fand Fabian seine Fassung wieder. ,, Unmöglich!" rief er. ,, Das ist ja der Gipfel der Schamlosigkeit, mein verehrter Herr Sanitätsrat!" Er richtete sich wieder auf und schüttelte den Kopf. ,, Gewiß, ja ganz sicher handelt es sich um den Willkürakt eines untergeordneten Beamten", sagte er endlich. ,, Ich werde jedenfalls sofort, morgen vormittag, mit dem Direktor des Krankenhauses Rücksprache nehmen, Doktor Franke ist mir ja gut bekannt." Fahle lächelte bitter. ,, Doktor Franke?" entgegnete er. ,, Doktor Franke werden Sie nicht mehr antreffen. Er wurde schon vor Monaten entlassen." Voller Erstaunen blickte Fabian auf ihn. ,, Ich kannte Doktor Franke sehr gut", rief er aus ,,, er war ein selten gütiger und begabter Mann. Sie wissen nicht, aus welchem Grunde man ihn entlieẞ?" Fahle nickte. ,, Doch, ich weiß es, wie alle Welt es weiß", erwiderte er mit müder Stimme. ,, Es schwebte lange Zeit eine Untersuchung gegen ihn, dann griff der Staatsanwalt ein. Eine frühere Krankenschwester hat Anklage gegen Doktor Franke erhoben, vor fünf Jahren einen unerlaubten Eingriff an ihr ausgeführt zu haben." 71 ,, Dann muß ja wohl der Eingriff mit ihrem Einverständnis erfolgt sein?" ,, Auf ihren Wunsch sogar. Sie war damals erst siebzehn Jahre alt. Nun, man wollte Doktor Franke vernichten und man hat ihn vernichtet. Die Krankenschwester dagegen, die der Partei angehört, wurde freigesprochen und bekam einen auskömmlichen Posten." Fahle lachte kurz auf, es sah aus, als blecke er die Zähne. Fabian schwieg und blickte mit unruhiger Stirn in den Park hinaus, ohne das geringste zu sehen. ,, Der Leiter des Krankenhauses ist heute ein Doktor Sandkuhl, noch sehr jung und völlig unnahbar", fuhr Fahle nach heftigem Husten fort.„ Es dürfte schwer sein, ihn zu einer Änderung der neuen Bestimmungen über das Institut zu bewegen, die wahrscheinlich von ihm selbst ausgehen." Das Institut sei zu gemeinnützigen Zwecken beschlagnahmt worden, begann Fahle nach kurzem Schweigen, während Fabian mit unruhiger Miene seinen Gedanken nachging und kaum zuzuhören schien. Es diente ja immer schon gemeinnützigen Zwecken, zwanzig Jahre lang, wenn es auch nebenbei der reinen Forschung gewidmet war. Fahle hatte ohnedies die Absicht gehabt, das Institut bei seinem Tode der Stadt zu vermachen. tische Schru sich um ein „ Danke, einem bitte hat mir die Leider habe wollte mich jeder Zeit v wenn es ei ,, Seit Wochen indessen beschäftigt mich eine eigenartige Idee", sprach Fahle weiter, und Fabian wachte aus seinen Gedanken auf und seinen Augen war es anzusehen, daß er wieder zuhörte ,,, eine eigenartige Idee, die ich aber nur mit meinen neuesten Apparaten im Institut nachprüfen kann, verstehen Sie? Es ist eine Idee von einiger Tragweite, vielleicht sogar von großer Tragweite. Ich müßte zu diesem Zweck zuweilen im Institut arbeiten, vielleicht an den Sonntagen, wo kein Mensch im Institut ist. Das würde gewiß nicht stören. Es wäre also nichts anderes zu tun, als mir bei Doktor Sandkuhl diese Erlaubnis zu erwirken. Glauben Sie, daß Sie diese Sache in die Wege leiten könnten? Das war die Bitte, weshalb ich Sie zu mir bat." muß ich da ten zu dür Fabian erhob sich und seine Miene zeigte einen entschlossenen Ausdruck. ,, Ich glaube bestimmt, daß es nicht allzu schwer sein wird. Jedenfalls will ich alles, was in meiner Macht steht, versuchen", versicherte er. ,, Man wird doch schließlich eine poli72 Er brach digte sich, bitten, sofo leichtsinnig sich an Fab uns zu Ab Fabian b heutigen A Halb น fon eilte.. Zusage err mit Wolfs gang konn kommen z befallen. Im Aug „ Nun g zu, w rend zu erheben Übrige Christa z ihrem Wa Christa Namen h tische Schrulle für einen Augenblick vergessen können, wenn es sich um eine wissenschaftliche Forschung handelt?“ „Danke, lieber Freund!“ Fahle griff nach Fabians Hand. Mit einem bitteren Lächeln fügte er hinzu:„Vor einigen Jahren hat mir die Universität Cambridge einen Lehrstuhl angeboten. Leider habe ich das Angebot ausgeschlagen. Unser Freund Krüger wollte mich auf keinen Fall gehen lassen und schwor mir, sich zu jeder Zeit wie ein Erzengel schützend vor mich stellen zu wollen, wenn es einmal nötig sein sollte. Wie ein Erzengel! Und heute muß ich darum betteln, einige Stunden in meinem Institut arbei- ten zu dürfen!“ Er brach ab. Wieder war es Marion, die eintrat. Sie entschul- digte sich, es fange an, kühl zu werden und sie müsse die Herren bitten, sofort ins Haus zu kommen.„Als Arzt solltest du weniger leichtsinnig sein, Papa“, schalt sie den Vater. Dann wandte sie sich an Fabian:„Ich hoffe, Sie machen uns die große Freude, mit uns zu Abend zu speisen?‘ fragte sie. Fabian bedauerte. Er habe halb und halb seinem Bruder den heutigen Abend versprochen. „Halb und halb?“ rief Marion lachend, während sie ans Tele- fon eilte.„Sie werden sehen, wie rasch ich die andere Hälfte der Zusage erreiche!“ Sofort führte sie ein heiteres Telefongespräch mit Wolfgang, den sie ebenfalls zum Essen einlud. Aber Wolf- gang konnte nicht, er konnte auch heute nicht in den„Stern“ kommen zu seinem Bruder, eine plötzliche Arbeitswut hatte ihn befallen. Im Augenblick war alles in Ordnung gebracht. „Nun gibt es kein Hindernis mehr“, rief sie Fabian triumphie- - rend zu, während sie dem Vater behilflich war, sich vom Diwan zu erheben. „Übrigens werden auch Frau Lerche-Schellhammer und Christa zu Tisch sein. Die Damen nehmen Sie sicher gern in ihrem Wagen mit zur Stadt zurück.“' Christa? Fabian sah ihr mildes Lächeln vor sich, als er ihren 1 Namen hörte. Er freute sich, sie überraschend wiederzusehen. | 5 so: i ar XIII Fabian war aufrichtig entschlossen, sich der Sache Fahles anzunehmen. Er fand es empörend, daß man einen Gelehrten von Fahles internationaler Bedeutung so herabwürdigend und schamlos behandelte. Die Beschränktheit subalterner Gehirne, nichts anderes! Es handelt sich in erster Linie darum, an den neuen Direktor des Krankenhauses, diesen Doktor Sandkuhl, heranzukommen, und der aussichtsreichste Weg schien ihm über Justizrat Schwabach zu führen, der eine maßgebende Rolle in der Partei spielte. Schwabach war Vorsitzender in der Anwaltskammer der Stadt und vertrat Fabian gleichzeitig in seiner Scheidungsangelegenheit. Das traf sich sehr gut, er hatte ohnehin mit ihm zu tun. Sofort vereinbarte er mit Schwabach telefonisch eine Unterredung auf den nächsten Tag. Nun erst war er beruhigt. Justizrat Schwabachs Büroräume lagen in der Hauptgeschäftsstraße, im Hause des Juweliers Nicolai, das völlig renoviert worden war. Der Treppenaufgang machte einen wahrhaft großstädtischen Eindruck und ebenso eindrucksvoll war das blitzende Messingschild mit der Aufschrift: Edler von Schwabach. Fabian lächelte. Edler von Schwabach! Das hörte sich gut an und war in diesen Tagen nicht mit Gold zu bezahlen. Dieser Schwabach gehört zu den Menschen, bei denen alles zum Guten ausschlägt, dachte er. Schwabach hatte, wie alle Anwälte, eine Reihe von Urkunden vorlegen müssen, um seine arische Abkunft zu beweisen. In seiner Heimat, einem kleinen Dorf in Württemberg, hatte er erfahren, daß er einer alten adligen Familie entstammte. Als Bürgerlicher fuhr er hin, als Adliger kam er zurück. Seine Briefbogen trugen jetzt ein Wappen: ein Vogel, der einen Fisch im Schnabel hält. Das wie ein Salon eingerichtete Wartezimmer saß voller Klienten, was Fabian nicht ohne gewissen Neid wahrnahm. Schwabach galt als einer der besten Anwälte der Stadt, und zur Zeit benötigten auch viele seinen bekannten Einfluß als mächtiges Parteimitglied. Der Bürovorsteher meldete Fabian aber sofort an, und er brauchte kaum einige Minuten zu warten. ,, Sie sin Sagte Sch haus hat Schwal ein Pudel der wirre Fabian in und einig runde Ki seiner Ju ,, Hoffe lich läch Lieber H fleisch V „ Ja, w schließlic haben Si Fabian Stillschw Schwa er. ,, Wi vielen D fährt T schließli wahr?" Sessel hi ten An dungsan Ihrer R tivität, Fabia zu. Oh Seit sein den let manch er, wie schen L 74 es ann von Chamnichts rektor mmen, chwapielte. Stadt enheit. Sofort mg auf chäftst worstädtitzende gut an Dieser Guten e, eine e Ab Dorf in gen Faer kam Vogel, ler KliSchwazur Zeit ächtiges fort an, ,, Sie sind ja zur Zeit als Syndikus beurlaubt, lieber Kollege?" sagte Schwabach, als er Fabian begrüßte. ,, Bürgermeister Taubenhaus hat es mir gestern in der Sitzung erzählt." Schwabach war ein untersetzter, beleibter Herr und sah wie ein Pudel aus, ein gutmütiger grauer Pudel. Jedenfalls erinnerten der wirre graue Haarschopf und der aufgeplusterte Schnurrbart Fabian immer an einen Pudel. Dazu hatte er wulstige Lippen und einige tiefe Schmisse, die ihm die fleischigen Backen und das r in runde Kinn förmlich in Stücke zerschnitten hatten. Er war seiner Jugend ein großer Raufbold gewesen. ,, Hoffentlich nicht allzu lange", erwiderte Fabian zuversichtlich lächelnd und betrachtete die tiefen Schmisse des Justizrats. Lieber Himmel, dachte er, sie haben den Pudel förmlich in Hackfleisch verwandelt. ,, Ja, wir wollen es hoffen", entgegnete der Justizrat. ,, Nun, schließlich liegt es ja bei Ihnen. Wie mir Taubenhaus erzählte, haben Sie schon die einleitenden Schritte unternommen?" Fabian war äußerst erstaunt. ,, Ich hatte doch um äußerstes Stillschweigen gebeten", sagte er. Schwabach lachte. ,, Stillschweigen? Stillschweigen?" erwiderte er. ,, Wir leben in einem geordneten Staatswesen, in dem es in vielen Dingen kein Stillschweigen mehr geben darf! Jedenfalls erfährt Taubenhaus alles und als Stadtoberhaupt muß er auch schließlich alles wissen, was in der Stadt vor sich geht, nicht wahr?" Er deutete auf einen zusammengesessenen bequemen Sessel hinter seinem Schreibtisch. Mit der Hast des vielbeschäftigten Anwalts begann er ohne jede Vorbereitung von der Scheidungsangelegenheit zu sprechen. ,, Die Gegenpartei bezeigte nach Ihrer Rückkehr mit auffallender Eile sofort wieder die alte Aktivität, ich nehme an, der Motor ist Ihre Frau Gemahlin?" Fabian nickte. ,, Mit größter Wahrscheinlichkeit", stimmte er zu. Oh, er kannte Clotildes Augen zu gut, um sich zu täuschen. Seit seiner Rückkehr sahen sie härter und gleichgültiger aus, in den letzten Tagen hatte er sie nur glänzend und hart gesehen, manchmal erschienen sie völlig gläsern. Sie verachtete ihn, weil er, wie sie glaubte, nicht genug Entschlossenheit in jenen politischen Dingen zeigte, die ihr am Herzen lagen. 75 Schwabach kramte in einem Stoß von Schriftstücken auf seinem Schreibtisch und plusterte die fleischigen Lippen auf, so daß es förmlich schnurrte. ,, Ihr Anwalt hat mir einen neuen Schriftsatz übersandt", sagte er,„ einen Schriftsatz, der eine gewisse Verschärfung der Lage bedeutet." Schwabach war sehr kurzsichtig, so daß er gezwungen war, die Brille dicht auf das Schreiben zu senken. Fabian erblickte jetzt nur noch den Pudelkopf und seine mächtige Glatze, die den roten Schädel in einem Gewirr grauer Haare entblößte. Unerwartet schielte der Justizrat in die Höhe, um Fabian ins Gesicht zu blicken. ,, Ihre Beziehungen zur Sängerin Lucie Ölenschläger haben Sie ja nie bestritten?" fragte er. Fabian schüttelte den Kopf. ,, Ich würde mich auch schämen, es zu tun", antwortete er, während er an diese unglückliche Frau dachte, die er einmal vorübergehend liebte. Sie weinte fast immer und vergiftete sich ein Jahr später in einem Hamburger Hotel. Einige Tage vor dieser Liebelei hatte ihn Clotilde kurzerhand ausquartiert. Sie hatte ihr Schlafzimmer im Salon aufgeschlagen, zu dem bald darauf ihr intimes ,, Boudoir" kam. ,, Es ist ja immerhin schon geraume Zeit her", fuhr der Pudelkopf nickend fort. ,, Nun behauptet der gegnerische Schriftsatz, Frau Fabian hätte es als besondere Schmach empfinden müssen, daß Frau Lucie Ölenschläger Jüdin war. Dieser Umstand sei besonders gravierend." „ Schade Pudelkopf Fabian verzog ironisch die Lippen. ,, Frau Fabian", sagte er, ,, hatte damals keine Ahnung, daß Frau Ölenschläger Jüdin war, ebensowenig wie ich." Brief? Da Frau, die i er den gra wir dieses es abstreite Sie besp seine Ehe Schwabach wühlte in den grauen Haaren. ,, Immerhin wäre es sehr wirksam", begann er von neuem ,,, wenn wir diesen Vorstoẞ mit einem Gegenangriff erwidern könnten. Behaupteten Sie nicht, daß Ihre Ehe in die Brüche ging, weil Ihre Frau keine Kinder mehr haben wollte? Sagten Sie nicht, sie wolle sich nicht die Figur verderben lassen? War es nicht so? Wenn ich nur das geringste Beweismaterial in Händen hätte, einen Brief, eine Notiz!" Traurig schämende ,, Clotilde drückte ihre Abneigung gegen eine erneute Schwangerschaft noch viel derber aus", erwiderte Fabian ,,, leider aber habe ich kein schriftliches Beweisstück in Händen." 76 Er sah wippender dunkelbla war frisch Interesse eifrig Klay mit ihrer und gerne vermögen Fabian ko reizten, si Von ein würde ja Muter sta theken üb froh war, All das schiedene vorlas. E kaum no Der ga ihm vor der Ehe? Ehe durc die leicht veranlagt E „Schade, schade!“ rief der Justizrat aus, indem er den grauen Pudelkopf hin und her wiegte.„Keinerlei Aufzeichnung, keinen Brief? Das hätte stärksten Eindruck gemacht! Eine deutsche Frau, die ihre Figur schonen will! Schade, schade!“ Wieder wiegte er den grauen Pudelkopf hin und her.„Auf jeden Fall werden wir dieses Verhalten in das grellste Licht setzen, auch wenn man es abstreitet.““ Sie besprachen noch dies und jenes, während Fabian über seine Ehe nachdachte. Traurigkeit überkam ihn, daß eine Liebesheirat ein solch be- schämendes Ende nehmen sollte. Er sah Clotilde als Mädchen vor sich, einen schneeweißen wippenden Florentinerhut auf den blonden Haaren, dessen dunkelblaue Schleife ihre Augen noch heller erscheinen ließ. Sie war frisch und reizend wie alle jungen Mädchen, strebsam, voller Interesse für Kunst und Literatur, wißbegierig, fleißig, spielte eifrig Klavier und lernte fremde Sprachen. Damals reiste sie viel mit ihrer Mutter, die eine launenhafte und hochmütige Frau war und gerne die große Dame spielte. In dieser Zeit galt Clotilde für vermögend, ihre Mutter besaß vier stattliche Mietshäuser, und Fabian konnte nicht leugnen, daß ihn diese vier Häuser besonders reizten, sich um die Hand des jungen Mädchens zu bewerben. Von einer Mitgift war natürlich nicht die Rede, denn Clotilde würde ja als einziges Kind die vier Häuser erben. Als aber die Muter starb, stellte sich heraus, daß die vier Häuser mit Hypo- theken überlastet und so stark vernachlässigt waren, daß Fabian froh war, sie endlich abstoßen zu können. All das ging ihm durch den Sinn, während der Justizrat ver- schiedene Punkte aus dem Schriftsatz des Gegenanwalts halblaut 'vorlas. Er hatte alles schon oft gehört und es interessierte ihn kaum noch, als beträfe es einen Fremden. Der ganze unglückliche Verlauf seiner Ehe mit Clotilde stand ihm vor Augen. Vielleicht verändern sich alle Frauen völlig in der Ehe? dachte er. Vielleicht bricht ihre wahre Natur in der Ehe durch, jetzt, da sie ihr Ziel erreicht haben? Vielleicht werden die leichtsinnigen in der Ehe Verschwenderinnen, die häuslich veranlagten wahre Wirtschaftsteufel? Wer weiß es? den Sinn, is konnte, mi heiratet zu Clotilde spielte prächtig Klavier und er, der die Musik über alles liebte, hatte sich auf die Musikabende gefreut. So ein kleiner Kreis von Musikenthusiasten, wäre das nicht herrlich? Wie oft träumte er davon? Aber in der Ehe rührte Clotilde das Klavier kaum mehr an. Sie öffnete auch kaum noch ein Buch und fand alle Gespräche über Bücher und Literatur zum Sterben langweilig. Mehr und mehr hing sie ihr Herz an äußerliche Dinge. Die vier Häuser, die sie in die Ehe brachte, hatten sich zwar als völlig wertlos erwiesen, trotzdem behielt sie ganz die Passionen einer reichen Erbin bei. Natürlich mußte sie ein Auto haben, einen bestechenden Wagen, daß ihre ,, Freundinnen vor Neid platzten", später entdeckte sie ihre Liebe zu Pferden und hielt Reitpferde. Sie liebte elegante Kleider und Hüte, sie liebte luxuriöse Badeorte und Hotels, Ostende, zum Beispiel, oder das ,, Stephanie" in Baden- Baden. Vornehme Herrschaften erträumte sie sich als ihre Gesellschaft, Barone, Grafen wenn möglich, sie konnten gar nicht vornehm genug sein. Auch ihre Freundschaft mit der Baronin Thünen ließ sich mit dieser Neigung erklären. Ihre Liebe verging, ihre Oberflächlichkeit blieb zurück. Er verdiente damals viel Geld, aber wenn er nur wagte, etwas Sparsamkeit in dem und jenem zu empfehlen, pflegte sie die Achseln zu zucken und zu lachen: Mein Gott, wenn ich denke, welche Unsummen andere Männer verdienen! Reichtum, das war ihr Traum! Es wäre wieder zusa Jetzt hande Forderunge Auf keinen Ihre Ansichten über Sinn und Ziel des Lebens trennten sich immer mehr, und als er es gewahr wurde, waren sie schon hoffnungslos entfernt voneinander. ziehung der Christ sei i Der Just den Schrift und den Pu Nun tru Sofort hör Er konnte mit einem guten Buch, einer Flasche Wein und einer guten Zigarre zufrieden sein, Clotilde aber hatte nur kostbare Dinge im Kopf, Mäntel, Pelze, Hotels, Reisen, Autos, Pferde, alles andere war Unsinn. Weshalb war man denn auf dieser Welt? Allmählich waren sie in die Zone des Schweigens geraten, die gefährlichste Zone in einer Ehe, denn aus ihr führt kaum mehr ein Weg zurück. kehrte wied Herr Kolle Wir leben auf zwei verschiedenen geistigen Ebenen, dachte Fabian oft. Diese Erkenntnis überkam ihn endlich, und er war stolz auf seine Weisheit. Und vielleicht, ging es ihm oft durch 78 Schwaba aufmerksan seine dicke murmelte erstenmal. bach hatte Arbeitszim Es hand Bedeutung großer W Schwab habe er nu seiner fleis lich einem gern behi aber keine k über kleiner Wie oft Klavier .d fand n lang- Dinge. h zwar Pasio- ) haben, ’r Neid nd hielt Jusuri- a5„Ste: jmte sie je konn- jaft mit en. Ihre e, etwas , sie die 2 denke, um, das gen sic on hoff- i nd einer kostbart Pferde,|: ’ er wel! zten, de ‚m mehr | dacht ja ft dur den Sinn, ist es das schlimmste Schicksal, das einen Mann treffen konnte, mit einer Frau auf verschiedener geistiger Ebene ver- heiratet zu sein? XIV Es wäre natürlich unsinnig gewesen, eine derart zermürbte Ehe wieder zusammenflicken zu wollen. Fabian sah das längst ein. Jetzt handelte es sich lediglich darum, die gewiß nicht geringen Forderungen Clotildes auf ein vernünftiges Maß zurückzuführen. Auf keinen Fall aber, erklärte er Schwabach, werde er die Er- ziehung der beiden Jungen der Mutter überlassen. Als Vater und Christ sei ihm das völlig unmöglich! Der Justizrat warf einige Notizen aufs Papier, dann legte er den Schriftsatz zur Seite und erhob sich, indem er sich reckte und den Pudelkopf schüttelte. Nun trug Fabian die Angelegenheit von Sanitätsrat Fahle vor. Sofort hörte Schwabach mit dem Recken und Strecken auf und kehrte wieder auf seinen Stuhl zurück.„Ich stehe zur Verfügung, Herr Kollege!“. Schwabach, an dessen Gutherzigkeit niemand zweifelte, hörte aufmerksam zu, aber allmählich wurden seine Züge leblos, selbst seine dicken Lippen bewegten sich nicht mehr. Fahle? Fahle? murmelte er halblaut vor sich hin, als höre er den Namen zum erstenmal.„Ich war stets ein großer Bewunderer Fahles!“ Schwa- bach hatte die Stimme gedämpft, obwohl alle Türen seines Arbeitszimmers gepolstert waren. „Es handelt sich um eine neue Entdeckung, die von epochaler Bedeutung sein kann, Herr Justizrat“, schloß Fabian sein mit großer Wärme vorgetragenes Ansuchen. Schwabachs Stirn legte sich in tiefe Falten, so daß es aussah, als habe er nun auch tiefe Schmisse in der Stirn. Dann tastete er mit seiner fleischigen Hand nach Fabians Arm.„Man möchte natür- lich einem so bedeutenden und prachtvollen Manne wie Fahle gern behilflich sein, von Herzen gern, verstehen Sie? Ich sehe aber keine Möglichkeit, nicht die geringste“, sagte er endlich. 7% , Wenn ich, oder noch besser Sie mit dem neuen Direktor des Krankenhauses sprächen?" widersprach Fabian. دو ,, Direktor Sandkuhl ist ein Fanatiker", raunte Schwabach so leise und tief, als befürchte er, jemand lausche an der Türe. ,, Er lebt wahrscheinlich in der Furcht, daß Fahle als fanatischer Jude die unersetzlichen Instrumente zerstören könnte. Lächeln Sie nicht! Wie ein Katholik an das Dogma glaubt, ohne zu deuteln, so glaubt er an die Unfehlbarkeit der höchsten Stelle. Wir kennen die Gedankengänge der höchsten Stelle nicht. Vielleicht ist sie der Ansicht, daß die Juden für die deutsche Mentalität schädlich sind, vielleicht glaubt sie, daß der Einfluß des Judentums die deutsche Mentalität in hundert Jahren zerstören und vernichten wird? Wer sollte es wissen? Nur ein Seher und Prophet könnte es wissen! Sandkuhl wagt es nicht, eine eigene Meinung zu haben. Er kommt von der Armee und ist gewohnt, Befehle blind auszuführen." دو Fabian erhob sich. ,, Sie erlauben mir, daß ich es trotzdem versuche", versetzte er. Vielleicht gelingt es mir, Sandkuhl zu überzeugen, daß die von der ganzen Stadt geschätzte Persönlichkeit Fahles und seine wissenschaftlichen Forschungen eine Ausnahme zulassen." gleich and Scherflein Und ich Idealist ge Schwabach stand ebenfalls auf, er schüttelte den Kopf. ,, Sie werden nichts erreichen, lieber Freund, nichts und bei niemand!" fuhr er mit gedämpfter Stimme fort. ,, Ich weiß, wie man an höchster Stelle denkt, glauben Sie es mir. Als Kollege aber, der Sie schätzt, gebe ich Ihnen den guten Rat, lassen Sie die Hände von diesen Dingen!" ,, Patrio lächelnd. Fabian blickte Schwabach forschend an und zögerte zu antworten. ich fast Schwal rief er au waltskam Ihre Beg Darauf legte Schwabach seine fleischige Hand auf Fabians Schulter und setzte hinzu: ,, Es ist der Rat eines Freundes. Sie begeben sich auf ein heikles Gebiet, ja auf ein gefährliches Gebiet! Hören Sie auf mich." kommen mehr wa Sie wohl, Er geleitete Fabian bis ins Vorzimmer und sagte mit seiner gewöhnlichen lauten Stimme: ,, Und das mit der Stadt bringen Sie wohl am besten bald ins reine? Taubenhaus ist ein großzügiger Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck hat." Da Fabian nicht 80 Wenig berichtet Angelege Kräften Zeit. Es mitzutei Schad legte. Es tung ha orientier liches Ge Er bes zu essen Speisesaa Appetit und eine Glas, ga vor ihm Daß fechten seines L zugegeb sein, da Toten e.„Er r Jude In Sıe suteln, ennen ist Sie of.„sie mand!“ man ad her, der . Hände FRSSETER gleich antwortete, fügte er hinzu:„Wir müssen ja alle unser Scherflein auf dem Altar des Vaterlandes niederlegen, nicht wahr? Und ich weiß doch, daß Sie immer ein großer Patriot und Idealist gewesen sind!“ „Patriot werde ich wohl immer bleiben!“ erwiderte Fabian lächelnd.„Und auch Idealist- bin ich noch immer, leider, hätte ich fast gesagt.“ Schwabach lachte.„Gott sei Dank, wollen wir lieber sagen!“ rief er aus und reichte Fabian die Hand.„Wir haben in der An- waltskammer oft von Ihnen gesprochen und im Hinblick auf Ihre Begabung es sehr bedauert, daß Sie zu keinem Entschluß kommen können. Allerdings, viel länger könnten wir nun nicht mehr warten, will ich Ihnen ganz im Vertrauen sagen... Leben Sie wohl, lieber Kollege.“ Wenige Stunden später rief Fabian bei Sanitätsrat Fahle an. Er berichtete ihm, daß er bereits die ersten Schritte in der bewußten Angelegenheit unternommen habe. Er werde sich weiter nach Kräften bemühen und bäte nur um etwas Geduld, alles brauche Zeit. Es war ihm gänzlich unmöglich, Fahle die bittere Wahrheit mitzuteilen, die ihn vernichtet hätte. Schade, dachte er voll echten Mitleids, als er den Hörer ab- legte. Es ist nichts zu machen, dreimal schade.,Schwabachs Hal- tung hat mich mehr als überzeugt. Er ist immer vorzüglich orientiert. Gefährliches Gebiet? Hast du gehört, daß er gefähr- liches Gebiet sagte? Er begab sich völlig zermürbt in den„Stern“, um zu Abend zu essen. Da es noch früh war, befand sich noch kein Gast im Speisesaal. Trotz aller Erschöpfung verspeiste er mit gutem Appetit ein vorzügliches Sahnengulasch, und bei einer Zigarre und einer Flasche Bordeaux, die er langsam austrank, Glas um Glas, gab er sich seinen Gedanken über das Leben hin, das sich vor ihm ausbreitete. i Daß Clotilde die Scheidungsklage zu ihren Gunsten durch- fechten würde, daran bestand wohl kein Zweifel. Ein Abschnitt seines Lebens lag hinter ihm, er hatte schwere Fehler begangen; zugegeben, Clotildes Ansprüche würden auf keinen Fall gering sein, das war sicher. Die vier wertlosen Mietshäuser Clotildes 81 Totentanz - - aber seinem kug durchleuch schickte er Lieferung werden mich eine schöne Stange Geld kosten er lachte vergessen wir nicht, daß sie mir zwei prächtige Jungen geboren hat. Das wollen wir niemals, niemals außer acht lassen! Er hob das Glas und trank auf seine Jungen, Harry und Robby hießen sie. Was war, das war! Gottlob hatte er Kraft und Mut genug behalten, um ein neues Leben zu beginnen. Wenn er ehrlich sein sollte, so hatte er nur aus Bequemlichkeit bis heute die Verhältnisse nicht geändert. Clotilde hielt das Haus in Ordnung und sorgte für eine feine Küche. Ihre Küche werde ich ja wohl vermissen, dachte er und lachte. Er hob das Glas. ,, Mut, Fabian!" sagte er laut, er trank sich selbst zu. Mädchen n Das Bür vertäfelung um einen ring und e Hände des Da siehst aufgestande Darf ic vier dunke XV Der Schuhmacher Habicht, ehemals nichts als ein kleiner Flickschuster, hatte sein Geschäft früher in einem Keller am Hafenplatz, aber dort sagte man Fabian, daß er seit langem in den Schottengraben verzogen sei. Hier im Schottengraben fiel Fabian sofort ein langgestrecktes Gebäude auf, dessen Aufstockung soeben beendet wurde. Eine Schar von Maurern war noch auf einem Gerüst lärmend bei der Arbeit. Das Erdgeschoß des langen Gebäudes, das fast den ganzen Schottengraben einnahm, enthielt die Büroräume der Fabrik von Habicht. zu benutze such, Herr Fabian h ihn nach und ihm w Wenige Soeben fuhr ein Lastauto, beladen mit herb riechenden Lederballen, durch die Einfahrt zum Fabrikhof. Ein Diener in schlichter, grauer Livree, der nach Fabians Wünschen fragte, bedeutete ihm, daß der Herr Sturmführer, so nannte er ihn, im Kontor beschäftigt sei, zu dem einige neue granitene Stufen emporführten. Hier saß Habicht, eine Zigarre im Mund, und diktierte einer Sekretärin Geschäftsbriefe in die Maschine. haus die A Wenn m einem Fräu Dame emp Krüger wa Fabian erw zufinden, überrascht Fabian war aufs äußerste erstaunt. Ein tadellos gekleideter Herr mit weißem Kragen und einer kostbaren Krawatte erhob sich, und er hatte Habicht nur mit der Lederschürze und einem blauen Arbeitskittel in Erinnerung, in seinem düsteren Keller damals. Immerhin waren die großen Ohren, die wie Klappen von 82 vor sich zu Herr C in der gelb zimmer de Der Bü lichkeit, d Über di Krieg geh peinlich - aber boren Er hob hießen neues er nur Endert. e feine er und -trank kleiner er am gem in Den fiel Aufrn war geschoß en einLederschlichdeutete tor beührten. te einer leideter e erhob deinem eller daDen von seinem kugelrunden Schädel abstanden und vom Licht rot durchleuchtet wurden, unverkennbar. Als Fabian eintrat, schickte er die Sekretärin ins Nebenzimmer. ,, Vergessen Sie nicht, Lieferung nicht vor einem Vierteljahr ausführbar", rief er dem Mädchen nach. Das Büro war mit großem Luxus eingerichtet. Teppiche, Holzvertäfelung an den Wänden, vier dunkelrote Klubsessel standen um einen großen, gediegenen Schreibtisch. Ein schwerer Siegelring und ein Brillant am kleinen Finger schmückten die roten Hände des früheren Flickschusters. Da siehst du, wie es gemacht wird, dachte Fabian, er ist früher aufgestanden als du. ,, Darf ich bitten!" sagte Habicht und deutete auf einen der vier dunkelroten Klubsessel, die so neu waren, daß man sie kaum zu benutzen wagte. ,, Seit Jahren warte ich schon auf Ihren Besuch, Herr Doktor." Fabian hatte nur zehn Minuten mit Habicht zu sprechen, der ihn nach der Unterredung bis an die Einfahrt hinausbegleitete und ihm wie einen alten Bekannten bieder die Hand schüttelte. Wenige Tage später erhielt er vom Bürgermeister Taubenhaus die Aufforderung, ihn zu besuchen. Wenn man früher zu Doktor Krüger ging, so wurde man von einem Fräulein Baum, einer stets liebenswürdigen und gewandten Dame empfangen, mit der es sich vorzüglich plaudern ließ. Mit Krüger war auch seine liebenswürdige Sekretärin verschwunden. Fabian erwartete im Vorzimmer eine ältere, steife Person vorzufinden, die nichts als ihre Pflicht kennt, und war äußerst überrascht, ein junges, hübsches Mädchen in gelber Seidenbluse vor sich zu sehen. ,, Herr Oberbürgermeister erwartet Sie", sagte die junge Dame in der gelben Seidenbluse und öffnete die Türe, die in das Amtszimmer des Stadtoberhauptes führte. Der Bürgermeister empfing Fabian mit gemessener Freundlichkeit, die Besprechung aber dauerte länger als eine Stunde. Über diesen Taubenhaus hatte Fabian nur einiges von Baurat Krieg gehört, der ihn als engstirnigen Pedanten beschrieb, der peinlich auf die Einhaltung der Dienststunden achtete. Bei 83 zu Krüger konnte man getrost eine Stunde später kommen oder früher gehen, das gab es jetzt nicht mehr. Was die Menschen alles erzählen! Taubenhaus sollte an den Türen lauschen, um hören, ob die Damen schwatzten anstatt mit der Maschine zu klappern, wie es sich gehörte. Seine Sparsamkeit sollte schon an Knickerei grenzen, jeder Bleistift, jedes Farbband und jeder Bogen Papier mußte peinlich gebucht werden. Natürlich war das alles stark übertrieben, und Fabian war angenehm überrascht, einen nicht unsympathischen Herrn, der kaum die Vierzig überschritten hatte, anzutreffen. Bürgermeister Taubenhaus war ganz Würde. Von großer Erscheinung, durfte er ein stattlicher Mann genannt werden. Gekleidet in einen schwarzen Gehrock, hatte er halblanges, wie schwarze Borsten emporstehendes Haar und ein gestutztes, schwarzes Schnurrbärtchen unter den Nasenlöchern, das an zwei Rußflecke erinnerte. Er trug eine goldene Brille, die beim Sprechen lebhaft funkelte und die Fahlheit seines etwas steifen Gesichts hervorhob. Im Knopfloch war das Parteiabzeichen zu sehen, und auf der Brust seines Gehrocks gewahrte man eine Ordensschnalle, an der die Miniaturausgaben von mehreren Auszeichnungen hingen. Im Laufe der Besprechung konstatierte Fabian, daß es sich um recht alltägliche Auszeichnungen handelte, einfaches Blech, wie es jeder Offizier besaß. Da konnte er mit ganz anderen Dingen aufwarten! „ Ich be Sagte Fabi „ Ist es nur selten ,, Storchen ,, Eine Also das treffliche Der neue Bürgermeister hatte eine volle und tiefe Stimme, die zuweilen etwas scharf und knarrend klang und preußischen Tonfall verriet. Er sprach rasch und mit einer Gewandtheit, die Fabian oft bei Leuten gefunden hatte, die sich nicht durch besonderen Reichtum an Gedanken auszeichneten. Zuerst tauschten sie Erlebnisse aus dem Weltkrieg aus, und es fand sich, daß sie beide längere Zeit im Argonner Wald gelegen hatten. Seht an! Fabian stieg augenblicklich in der Achtung von Taubenhaus, weil er das„, Storchennest" im Argonner Wald kannte. fügte er ,, mit den ,, Das, Storchennest'!" rief Taubenhaus erfreut aus. Ich habe das, Storchennest' für schwere Minenwerfer ausgebaut." 84 von jetzt die Engla müssen schon so Endlic sprechen in Pomn platz he gebender Ort war herrliche Natür fort, di kennenl Das we Wetter! Sehe aus und Bauerno keine L fiel mi Gassen aus der tungen. ich sage Taul S hatte moder n alles m zu ine zu mon an Bogen as alles einen überBer Eren. Gees, wie tutztes, an zwei unkelte ob. Im r Brust der die en. Im m recht es jeder en aufme, die en Toneit, die urch be, und es gelegen ung von er Wald Ich habe ,, Ich bediente die schweren Minenwerfer im, Storchennest", sagte Fabian. ,, Ist es möglich? Im, Storchennest'?" lachte Taubenhaus, der nur selten lachte, und eine ganze Weile sprachen sie nur vom ..Storchennest". ,, Eine böse Ecke, der Argonner Wald!" rief Taubenhaus aus. ,, Also das, Storchennest' kennen Sie auch, seht an? Eine vortreffliche Schule für den Soldaten, der Argonner Wald! Nun", fügte er mit einem bösen Funkeln der goldenen Brille hinzu, ,, mit dem schamlosen Friedensvertrag von Versailles hat es ja von jetzt an, Gott sei Dank, ein Ende! Ich bin überzeugt, daß die Engländer und Franzosen jeden Groschen wieder ausspucken müssen und noch einige Groschen dazu! Dafür werden wir schon sorgen, nicht wahr?" Endlich begannen sie von ihrem eigentlichen Thema zu sprechen. Taubenhaus berichtete, daß er aus einer kleinen Stadt in Pommern käme, wo die ,, Gänse und Ziegen auf dem Marktplatz herumliefen". Das waren seine eigenen Worte. An maẞgebender Stelle habe man auch sofort erkannt, daß das nicht der Ort war, wo er seine Fähigkeiten entfalten konnte und ihm diese herrliche Stadt anvertraut. Natürlich müsse er sich hier erst einleben, fuhr Taubenhaus fort, die Stadt, ihre Bürger, die sozialen Verhältnisse genau kennenlernen, ehe er mit der Arbeit des Aufbaus beginnen könne. Das werde natürlich eine wahre Herkulesarbeit werden, alle Wetter! Man sehe sich nur das Pflaster an! ,, Sehen Sie sich nur einmal das Pflaster an!" rief Taubenhaus aus und seine goldene Brille funkelte. ,, Ein Pflaster wie in einem Bauerndorf, bucklig und krumm, kein Stein dem andern gleich, keine Linie gerade, eine Affenschande. Gleich am Bahnhofsplatz fiel mir das fürchterliche Pflaster auf. Und diese winkligen Gassen in der Altstadt mit ihren armseligen Häusern, die noch aus dem Mittelalter stammen, ohne alle hygienischen Einrichtungen. Es gibt Leute, die für die alten Giebel schwärmen, aber ich sage mir, fort mit dem alten Gerümpel!" Taubenhaus richtete sich auf und strich seine Weste glatt. Er hatte sich warm geredet, und seine Haltung verriet großes Selbst85 bewußtsein. ,, In wenigen Monaten", fuhr er fort und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch ,,, wird diese Stadt zu den bestverwalteten Städten unseres geliebten Vaterlandes zählen, das kann ich Ihnen schriftlich geben." Fabian nickte voller Überzeugung, als zweifle er nicht einen Augenblick daran. Ermutigt entwickelte Taubenhaus sein Programm und seine Pläne. Die goldene Brille funkelte und häufig schlug er mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Man hatte ihm diese herrliche Stadt anvertraut und, beim Himmel, man sollte es nicht zu bereuen haben! ,, Die Stadt sollte die schönste im Kranze der deutschen Städte werden!" rief er aus. ,, Aber nicht allein die schönste, sondern auch die gesündeste und angenehmste. Eine Musik- und Theaterstadt soll sie werden, etwa wie München, eine Kunststadt, etwa wie Düsseldorf, kurz, alle Künste sollen erblühen, und dabei will ich den Wohlstand nach Möglichkeit heben. Die Bürgerschaft soll zur wahren Vaterlandsliebe und zu echtem Opfersinn erzogen werden, zur wahren Volksgemeinschaft. Es soll eine Stadt werden, in der zu leben man uns beneiden soll! Verstehen Sie mich?" Offizier, Dann, al waren, n meiner „ Jedenfa Bitte, m Die d Fabian nickte. Etwas viel auf einmal, alle Wetter, dachte er. Es ist der Geist der Partei, dem nichts unmöglich erscheint! Er setzt sich das Unmögliche zum Ziel, um das Mögliche zu erreichen. دو ,, Ich glaube, Sie zu verstehen", entgegnete er. Wenn man die Fähigkeit besitzt, die geistigen und seelischen Motoren der Stadt anzuwerfen, so ist die ungeheure Aufgabe möglich." günstige Miene daß wir schnarr ,, Die geistigen und seelischen Motoren der Stadt!" rief Taubenhaus begeistert aus. ,, Ein herrliches Wort! Ich sehe, daß Sie mich verstanden haben. Sie bezeichnen die Aufgabe selbst als ungeheuer, sie ist gewiß kein Kinderspiel. Nun ist es ja natürlich, daß ich mir dazu Mitarbeiter heranziehen muß, helle, aufgeklärte, tüchtige Kräfte, wie sie sich mir bieten und wie ich sie im Laufe meiner Tätigkeit zu entdecken hoffe. Ich gestehe ganz offen, daß ich dabei auch an Sie, Herr Fabian, gedacht habe." Fabian erhob sich und nahm straffe Haltung an, wie ein 86 erst zu ersten hören g Fabia Taub und de größere sellscha umfang kaum Samml rede na Sie ver Fabi sen Au mühen Tau Sein st Art F gewach ihr ma mit ih bach, einigen die ge etwas g mit bestmn, das einen seine mit der rliche zu beStädte ondern meater, etwa Dei will rschaft nn erStadt en Sie hte er. nt! Er zu erman die Stadt aubene mich ls uncürlich, Gaufich sie e ganz De," wie ein Offizier, der den Befehl seines Kommandeurs in Empfang nimmt. Dann, als er sich daran erinnerte, daß sie nicht im Argonner Wald waren, machte er eine leichte Verbeugung. ,, Ich stehe Ihnen mit meiner ganzen Kraft zur Verfügung", sagte er fast feierlich. ,, Jedenfalls können Sie über mich verfügen. Ich habe nur die eine Bitte, mir bald mein Arbeitsfeld anzuweisen." Die diensteifrige Haltung Fabians hatte auf Taubenhaus einen günstigen Eindruck gemacht. Er lächelte befriedigt und seine Miene wurde noch selbstbewußter. ,, Ich freue mich ungemein, daß wir uns so gut verstehen", antwortete er und seine Stimme schnarrte kräftiger. ,, Ihre Tätigkeit kann ich Ihnen natürlich erst zuweisen, sobald ich Ihre Fähigkeiten genauer kenne. Den ersten Auftrag aber kann ich Ihnen schon jetzt erteilen. Sie hören gut zu!" Fabian antwortete wieder mit einer leichten Verbeugung. Taubenhaus fuhr fort: ,, Ich habe die Absicht, mich der Stadt und der Bürgerschaft in einigen Wochen in einer öffentlichen größeren Kundgebung vorzustellen. Nun wissen Sie ja, daß gesellschaftliche Verpflichtungen aller Art und besonders meine umfangreiche amtliche Tätigkeit mir in den ersten Monaten kaum eine freie Stunde Zeit lassen, geschweige denn die nötige Sammlung erlauben. Ich bitte Sie daher, mir diese Antrittsrede nach den soeben dargelegten Gesichtspunkten zu entwerfen. Sie verstehen mich?" Fabian nickte. ,, Sehr wohl", erwiderte er. ,, Ich empfinde diesen Auftrag als besondere Auszeichnung und werde mich bemühen, ihn zu Ihrer Zufriedenheit zu erfüllen." Taubenhaus erhob sich ebenfalls und reichte Fabian die Hand. Sein steifer und etwas harter Gesichtsausdruck wurde von einer Art Freundlichkeit gelockert. ,, Sie sind ja in dieser Stadt aufgewachsen", sagte er ,,, und wissen besser als ich, was man aus ihr machen kann. Ich hatte ja noch gar nicht die Zeit, mich viel mit ihr zu beschäftigen. Von meinem Freund, Justizrat Schwabach, auf dessen Urteil ich viel gebe, hörte ich, daß Sie vor einigen Jahren einmal im Rathaussaal eine Rede gehalten haben, die geradezu enormes Aufsehen erregte. Vielleicht gelingt Ihnen etwas ähnliches! Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, daß die Rede 87 in die weiteste Öffentlichkeit dringen wird, die ganze deutsche Presse wird sie aufgreifen, höchstwahrscheinlich wird auch der Gauleiter anwesend sein. Es hängt also viel davon ab, vergessen Sie das nicht. In etwa vierzehn Tagen werden Sie wohl mit dem Entwurf ins reine kommen?" Fabian warf Taubenhaus einen raschen Blick zu. ,, Wenn es nötig ist, kann ich den Entwurf in zwei, drei Tagen unterbreiten", sagte er. Taubenhaus lachte. ,, So eilig habe ich es nicht", sagte er. ,, Vor vier Wochen kann ich ja doch nicht sprechen. Gut Ding will Weile haben. Ich möchte vor allem, daß Sie sich Zeit und Muße dazu lassen. Also sagen wir in zwei Wochen? Und vergessen Sie mir das furchtbare Pflaster der Stadt nicht!" Damit war Fabian entlassen. Er klappte mit den Absätzen und verbeugte sich. Ein freundliches Lächeln geleitete ihn zur Türe. Dieser Taubenhaus ist ja ein ganz prächtiger Mann, dachte er, als er die Türe hinter sich schloß. Wie kurzsichtig urteilte doch dieser Baurat Krieg? Es schien ihm, als ob ihn die Sekretärin in der gelben Seidenbluse mit besonderer Aufmerksamkeit grüße, als er das Vorzimmer durchschritt. steckte. V seiner Beg klärten ih den„ Blend Wangen. Der Ent während e am Tage schönsten hier kann genau an, vom Pflas Häuser in immer au eng, aber sollten sie viel vom lich der abenteuer Unterstü Baurat K schildes e Fabian maligen einige go XVI Auf der Treppe des Rathauses blieb Fabian eine Weile stehen und blickte über den Platz. Man konnte ihm deutlich ansehen, daß das Gespräch mit Taubenhaus ihn mit tiefer Befriedigung erfüllt hatte. Er empfand den Auftrag von Taubenhaus als überaus ehrenvoll. Welches Vertrauen setzte dieser ihm unbekannte Taubenhaus in ihn? Natürlich würde er sich hüten, auch nur mit einer Seele darüber zu sprechen! Die Rede würde ihn in der ganzen Stadt, ja, im ganzen Land bekannt machen. Vielleicht lenkte sie auch die Aufmerksamkeit des Gauleiters auf ihn? Seine Position war gerettet. Er würde zeigen können, was in ihm 88 ein paar allerlei F Zeit, die niemand Auch Hier sab Brand e und Sch Am Stadt m gestellt Gemäld utsche ch der gessen t dem enn es eiten" ,, Vor g will Muße sen Sie sätzen hn zur dachte urteilte Seidens Vorestehen ansehen, edigung sehrenTaubenmit einer ganzen t lenkte ? Seine in ihm steckte. Viele Leute, das wußte er genau, zweifelten nicht an seiner Begabung, andere aber, Mißgünstige und Neidische, erklärten ihn für einen ,, Blender". Nun, diesen Leuten würde er den ,, Blender" zeigen! Eitelkeit und Stolz färbten seine hübschen Wangen. Der Entwurf der Rede beschäftigte ihn Tag und Nacht, selbst während er in seinem Büro Schriftsätze diktierte. Viele Stunden am Tage und am Abend ging er in der Stadt spazieren, die zur schönsten Stadt des Reiches werden sollte. Hier war er geboren, hier kannte er jeden Stein, und doch sah er sich alles nochmals genau an, mit neuen, prüfenden, kritischen Augen gleichsam, vom Pflaster bis zu den Dächern und Turmspitzen. Die barocken Häuser in der Altstadt, die Taubenhaus störten, gefielen ihm wie immer außerordentlich. Zwar waren sie nur schmal und standen eng, aber sie verliehen der Stadt ihren Charakter. Natürlich sollten sie erhalten bleiben. Er erinnerte sich, daß man früher viel vom sogenannten Nord- Süd- Durchbruch sprach, bis endlich der Historische Verein, den Professor Hall leitete, den abenteuerlichen Projekten ein Ende machte. Er genoß die Unterstützung Krügers, der für alte Häuser schwärmte, und die Baurat Kriegs, der einmal wegen eines geschmiedeten Wirtshausschildes eine hitzige Zeitungskampagne entfesselte. Fabian besuchte den Historischen Verein, der in einem ehemaligen Nonnenkloster untergebracht war. Hier waren nur einige gotische Grabplatten mit abgeschlagenen Nasen zu sehen, ein paar verstaubte Säulenstümpfe und zwei kleine Vitrinen mit allerlei Feuersteinsplittern und Topfscherben aus germanischer Zeit, die von einer Ausgrabung bei Amselwies stammten und die niemand beachtete. Auch dem Städtischen Museum stattete er einen Besuch ab. Hier sah man eine Anzahl von Stichen und alten Bildern, den Brand einer Kirche mit roter Lohe, einige Truhen, Kommoden und Schränke, alles mit auffallender Lieblosigkeit angeordnet. Am meisten fesselte ihn hier ein altes Gemälde, auf dem die Stadt mit den früher vergoldeten Turmspitzen des Doms dargestellt war. ,, Die Stadt mit den goldenen Türmen" hieß das Gemälde, das ihn nicht mehr losließ. In diesem Augenblick 89 durchfuhr ihn der Gedanke, in seinem Entwurf von diesen goldenen Turmspitzen auszugehen, denn er hatte den Eindruck gewonnen, daß es Taubenhaus vor allem darum zu tun war, Aufsehen zu erregen. ,, Die Stadt mit den goldenen Türmen!" Dieser Gedanke erfüllte ihn, als er dem Hofgarten zustrebte, um sich mit seinem Auftrage zu beschäftigen. War das nicht ein prachtvolles Schlagwort, eine wirkungsvolle Empfehlung für die neue Stadt und das neue Programm? Eine Weile wurde er durch die herrlichen prunkvollen Dahlien abgelenkt, die vor dem hübschen Haus des Hofgärtners standen, dann verlor er sich in den Alleen, bis er an entlegene Stellen des Hofgartens kam, wo ihn eine magisch grüne Dämmerung völlig einhüllte, die zum Nachdenken wie geschaffen war. Dort nahm er auf einer stillen Bank Platz, zog einen Notizblock aus der Tasche und versenkte sich in tiefes Nachdenken. Niemand sollte auf den Gedanken kommen, daß Rechtsanwalt Fabian am lichten Tag im Hofgarten säße und untätig vor sich hinträume. Zweifel deuten, e diese We gestalten. Rathaus eine hoh herrliche Jeden Türmen Ja, wi stellen, t Daneb gesellscha In der Stadt gab es eine alte Brücke, die ,, Bischofsbrücke" genannt wurde. Ein Bischof und die Apostel, herrliche Barockstatuen, bildeten ihren Schmuck. Kaum tausend Schritte von der ,, Bischofsbrücke" entfernt führte eine moderne, höchst nüchterne Brücke über den Fluß, die kurz ,, Neue Brücke" hieß. Fabian wollte sie, ganz wie die ,, Bischofsbrücke", ebenfalls mit einer Anzahl von Statuen schmücken. Sie sollten Krieger aus allen Epochen der deutschen Geschichte darstellen, Germanen mit Keulen, Landsknechte mit Spießen, einen Trommler aus den Freiheitskriegen, einen Reitergeneral, etwa Friedrich den Großen, wie meinst du? Alle zusammen würden sie das Pendant zu dem Bischof mit den Aposteln bilden, und die Brücke sollte fortan ,, Heldenbrücke" heißen. Es war zur Zeit beliebt, das Heldische im Volk zu betonen. Fabians altes Soldatenherz selbst begeisterte sich dafür, und Taubenhaus, Pionierhauptmann aus dem Weltkrieg, würde von dem Vorschlag sicher hell entzückt sein. Man ko seiner ge Auch den Gedanken des Baurats Krieg, die alte Reitschule umzubauen, verflocht er in seine Vorschläge. Wenn es auch nicht sein eigener Gedanke war, er war gut zu verwenden. Ohne 90 Er hie Zimmer man sah nachts w Zuwe diesen W und öfte Bericht ,, Ich und Eise Metz im Frau keinen sollen he len", for Um suche n klar we starke M In de in Chris ganze S n gol- ‚druck ı wat, ke er- seinem chlag- It und lichen chrern? Fabian ig eine 5 allen en mit us den Großen: zu dem fortaN eldische „eistert i yelt- 4 & % Zweifel würde es für die Stadt einen ungeheuren Gewinn be- deuten, einen neuen Marktplatz zu erhalten. Man konnte auf diese Weise den heutigen Rathausplatz prächtig und würdig aus- gestalten. Wolfgangs Narzißbrunnen kam in die Mitte, vor dem Rathaus selbst aber stand, wie in vielen alten deutschen Städten, eine hoheitsvolle Rolandfigur. Wolfgang müßte sie schaffen. Ein herrlicher Auftrag für ihn! Jeden Tag dichtete er etwas in seiner„Stadt mit den goldenen Türmen“. Ja, wir werden Taubenhaus schon ein neues Städtchen hin- stellen, triumphierte er, er soll die Augen, nur so aufreißen! Daneben versäumte Fabian keineswegs seine beruflichen oder gesellschaftlichen Pflichten. Seine Arbeitskraft war erstaunlich. Man konnte kaum durch die Straßen der Stadt gehen, ohne seiner gelben Aktentasche zu begegnen. Er hielt Besprechungen in seinem Büro ab, diktierte Fräulein Zimmermann stundenlang Schriftsätze, nahm Termine wahr, man sah ihn im Theater, am späten Abend noch und häufig auch nachts war sein Büro noch hell erleuchtet. Zuweilen kam er auch zu seinem Bruder Wolfgang, der in diesen Wochen fieberhaft an seinem„Kettensprenger“ arbeitete, und öfter besuchte er auch Frau Lerche-Schellhammer, um ihr Bericht zu erstatten. „Ich höre, daß die Werke drei neue große Hallen, ganz Glas und Eisen, zu bauen gedenken und vielleicht das Gut von Baron Metz im Norden der Stadt aufkaufen wollen.“ Frau Beate lachte:„Weiß ich alles, dazu brauche ich doch keinen Anwalt, mein Lieber.“ Sie lachte Fabian einfach aus.„Sie sollen herausfinden, weshalb mich meine Brüder ausbooten wol- len“, forderte sie. Um die Wahrheit zu sagen, machte Fabian diese häufigen Be- suche nur, um Christa wiederzuschen. Er wollte sich darüber klar werden, ob ihr Lächeln und ihre Sprache noch dieselbe starke Macht auf ihn ausübten. In der Tat, sie taten es. Er fühlte, daß er nahe daran war, sich in Christa Lerche-Schellhammer zu verlieben. Sie plauderten oft ganze Stunden lang und Christa erzählte ihm von ihren Reisen, 91 die sie im letzten Jahr in Spanien gemacht hatte. Zuweilen kam es vor, daß ihn ein dringender Anruf in sein Büro zurückrief. Er hatte eine wichtige Besprechung völlig vergessen. Autos, u Löb& La Währe Linden s XVII Eines Tages überfiel Fabian ganz plötzlich der Gedanke, die Stadt in eine Gartenstadt umzuwandeln! Er war wie im Fieber. Der Hofgarten und einige Alleen aus der bischöflichen Zeit bildeten einen herrlichen Anfang, der sich mit Grünflächen, Alleen und Blumenrabatten ohne Schwierigkeiten vervollständigen ließ. Es war in der Tat ein wundervoller Einfall! Ohne großen Aufwand an Geld und Zeit konnte man der Stadt besondere Schönheit und Großartigkeit verleihen. Eine Gartenstadt, Herr Taubenhaus! Seinen ganzen Stolz aber bildete sein neuer Bahnhofsplatz. Wie war er heute? Nun, heute war er völlig reizlos, um nicht zu sagen öde und langweilig. Er war, offen gestanden, nichts als eine triviale Haltestelle der Trambahnen, um die sich die Leute bei Regen mit entsetzlichen Regenschirmen drängten. Morgen aber, morgen sollte er eine prächtige gärtnerische Anlage darstellen, mit einem lustig plätschernden Springbrunnen in der Mitte und reizvollen Kolonnaden für die Trambahnen. Kurz ein Bahnhofsplatz, ganz nach dem Geschmack Fabians, das würdige Vorzimmer einer noblen, beglückenden und reichen Stadt. unterbro er seine nur auf Haus lag Er nahm eigens eine Tram, um sich von der Reizlosigkeit des heutigen Bahnhofsplatzes zu überzeugen. Einige veraltete Gasthöfe lagen hier, zweitklassige, schlecht bewirtschaftete Wirtschaften, und einen großen Teil des Platzes nahm das Gelände der Speditionsfirma Löb& Löb ein, auf dem ein Dutzend alter Möbelwagen stand, die im Wetter verkamen. Auto h kleinen hinter si Es war ja selbstverständlich, daß ein blendend geführtes großstädtisches Hotel die Reisenden empfangen mußte, die aus der Bahnhofshalle strömten! Als er mit der Tram zurückfuhr, sah er dieses Prachthotel vor sich, mit Omnibussen, Droschken und 92 wendete hatte sie vor ihm Sobal Fassung sein Be Dabei und das Es ha schen K heit zu denscha Zeiten und be Da a blicklic Linie, Sie sch wöhnl danken den sie We das wa daß e Da um. D kam ef. Er ke, die Fieber. Zeit ächen, ollstänOhne dt beGartensplatz. icht zu chts als Leute Morgen ge darin der Lurz ein würdige dt. osigkeit eraltete e WirtGelände and alter es großaus der uhr, sah ken und Autos, und er dachte gleichzeitig an das Gelände der Firma Löb& Löb. War der alte Löb nicht nach der Schweiz gegangen? Während er im grünen Dämmer der alten Kastanien und Linden saß und an seiner Stadt baute, beschäftigte ihn fast ununterbrochen ein geheimer Gedanke, der immer da war, sooft er seine Theaterbauten, Sportplätze und Schwimmhallen auch nur auf Sekunden vergaß, es war die Erinnerung an Christa. Ihr Haus lag nicht weit entfernt, zuweilen sah er ein kleines hurtiges Auto hinter den Gebüschen vorüberfliegen, das ihn an den kleinen Wagen gemahnte, den sie steuerte, zuweilen hörte er hinter sich einen leisen Schritt auf dem Kiesweg knirschen und wendete sich um und sein Herz pochte. Christa? Wie reizend hatte sie neulich von Spanien erzählt, und ihr Lächeln stand noch vor ihm. Sobald er seine Einfälle geordnet hatte, ging er an die formale Fassung seiner Rede. Das fiel ihm nicht schwer, denn es war ja sein Beruf, seine Gedanken gewandt und klar auszudrücken. Dabei besaß er auch eine gewisse journalistische Gewandtheit und das, was er seine ,, poetische Ader" nannte. Es handelte sich, kurz gesagt, darum, die geistigen und seelischen Kräfte der Stadt zu wecken und Gleichgültigkeit und Lauheit zu überwinden. Die Stadt mußte von allen Bürgern in leidenschaftlicher Anteilnahme mitgebaut werden, wie in alten Zeiten von den Zünften. Bei ihrem Ehrgeiz, ihrem Gemeinsinn und besonders bei ihrer Eitelkeit mußte man alle Bürger packen. Da aber spürte Fabian einen Ruck im Herzen und sah augenblicklich auf. Kein Zweifel, das war Christa! Er erkannte jede Linie, obschon sie fast ganz von den Gebüschen verborgen war. Sie schlenderte langsam den schmalen Weg entlang, den sie gewöhnlich mit ihrem Auto fuhr, weil er asphaltiert war. In Gedanken ging sie dahin und schwang einen Zweig in der Hand, den sie zuweilen wie einen Taktstock bewegte. Wenn er laut gerufen hätte, würde sie ihn gehört haben, aber das wagte er nicht, er sprach ihren Namen nur ganz leise aus, daß er ihn kaum selbst verstand. Da blieb sie wie durch einen Zauber stehen und blickte sich um. Dann aber schlenderte sie weiter. Ich werde rufen, dachte 93 er, aber im gleichen Augenblick hielt Christa erneut den Schritt an, um sich umzublicken. Diesmal ging sie näher an das Gebüsch heran. Sie war zu weit entfernt, als daß sie ihn erkennen konnte, aber etwas an der Gestalt auf der Bank im dämmerigen Gebüsch mußte sie gefesselt haben, denn sie ging einige Schritte zurück, um auf einem schmalen Seitenweg zu erscheinen. Sofort erhob er sich, voller Freude, daß ein Zufall, oder was es sein mochte, sie zu ihm geführt hatte. Im gleichen Augenblick eilte sie auf ihn zu, sie hatte ihn erkannt. ,, Ist es möglich?" rief sie erfreut aus, als sie noch einige Schritte entfernt war. ,, Ich hatte das Gefühl, es ist jemand in der Nähe, den du kennst. Wie sonderbar ist das?" Sie lächelte. ,, Ich sah Sie an den Büschen entlang gehen und erkannte Sie sofort", rief Fabian und ging ihr entgegen. Sie reichte ihm die Hand. ,, Sie arbeiten hier im Hofgarten", fragte sie und blickte auf den Block, den er noch in der Hand hielt. ,, Ich störte Sie doch nicht?" ,, Nicht im geringsten. Ich bin eben fertig geworden, als ich Sie erblickte." ,, Ich hatte eine Panne", fuhr Christa lebhaft fort ,,, und mußte den Wagen in der Stadt stehenlassen, um zu Fuß nach Hause zu gehen. Begleiten Sie mich ein Stückchen, wenn Sie Zeit haben." ,, Gerne." Sofort begann Christa eifrig zu plaudern. ,, Die Photos von meiner Spanienreise", sagte sie,„ ,, von denen ich das letztemal sprach, als der dumme Anruf aus Ihrem Büro kam, sind wirklich so interessant, daß Sie sie sehen müssen. Sobald Sie wieder zu uns kommen, müssen Sie sich ein Stündchen Zeit freihalten. Oder noch besser, Mama ist auf einige Tage verreist, und ich trinke jetzt häufig im ,, Residenzcafé" meinen Tee, da es mir zu Hause zu langweilig ist. Haben Sie Zeit, mir einmal im ,, Residenzcafé" Gesellschaft zu leisten?" Fabian. ,, S dieser Wo Christa Erscheint Fabian Ihre Aufforderung war so herzlich und natürlich, ihre braunen Augen schimmerten freudig aus ihrem lächelnden Gesicht, daß Fabian errötete. Es war fast, als ob sie gesagt hätte: ich liebe Sie. ,, Zeit? Ja, natürlich, ich würde mich sehr freuen", erwiderte 94 44 können, w Bürgerme morgen? I " Gegen „ Gut, f Genau ten hatte. Er wurde Wenige Bürgerme fing ihn leuchtet. Lassen und putz Sie sich a spiele Pu ist kostba Fabian einer Rei ten Schre gesessen für die waren, d gezählte gekleidet der schw bewegte. Rede. Schritt s Geennen erigen chritte Sofort es sein k eilte chritte Nähe, te Sie Fabian. ,, Sie brauchen nur den Tag zu bestimmen, gerade in dieser Woche habe ich viel freie Zeit." Christa lachte und blieb stehen. ,, Wenn ich aber morgen sage? Erscheint das nicht aufdringlich?" Fabian lächelte. Es tat ihm leid, nicht sofort zustimmen zu können, wie dumm das war. ,, Morgen nachmittag bin ich beim Bürgermeister bestellt", erwiderte er. ,, Aber sagen wir übermorgen? Das würde sehr gut passen, Zu welcher Zeit?" ,, Gegen fünf Uhr." ,, Gut, fünf Uhr." arten", Hand als ich mußte Hause e Zeit Os von ztemal wirkwieder halten. and ich mir zu sidenzraunen at, daß be Sie. widerte XVIII Genau zwei Wochen, nachdem Fabian seinen Auftrag erhalten hatte, meldete er Taubenhaus, daß sein Entwurf fertig sei. Er wurde einige Tage später auf sechs Uhr abends bestellt. Wenige Minuten nach sechs verließ der letzte Besucher den Bürgermeister, und Fabian wurde vorgelassen. Taubenhaus empfing ihn sehr leutselig. Sein Arbeitszimmer war nur matt beleuchtet. ,, Lassen Sie hören, was Sie sich ausgedacht haben", begann er und putzte seine goldene Brille mit dem Taschentuch. ,, Stellen Sie sich an meinen Schreibtisch. Ich nehme hier vorn Platz und spiele Publikum. Machen Sie keine langen Umstände, die Zeit ist kostbar." Fabian klappte mit den Absätzen und postierte sich nach einer Reihe höflicher Verbeugungen an den schweren geschnitzten Schreibtisch des Stadtoberhaupts, an dem schon Napoleon gesessen haben sollte. Taubenhaus nahm auf einem der Stühle für die Besucher Platz, die mit schwarzem Leder überzogen waren, das im Laufe der Jahre brüchig geworden war und ungezählte haarfeine Sprünge aufwies. In seinen dunklen Anzug gekleidet, sah man nur sein etwas fahles, breites Gesicht unter der schwarzen Haarbürste und die goldene Brille, wenn er sich bewegte. Das breite Gesicht neigte sich, und Fabian begann seine Rede. 95 ,, Ich komme aus einer kleinen pommerschen Stadt", rief er aus ,,, wo die Gänse und Ziegen über den Marktplatz laufen." Das breite Gesicht unter der schwarzen Haarbürste fuhr in die Höhe und die goldene Brille funkelte unwillig. Sogar die kleinen Liliputsterne der Ordensschnalle gerieten in heftige Bewegung, sie hüpften förmlich, Fabian sah es ganz deutlich, obschon er nicht hinblickte. ,, Auch in dieser schönen und großen Stadt, in die ich gesandt wurde, laufen noch häufig Gänse und Ziegen über den Marktplatz", fuhr Fabian mit erhobener Stimme fort ,,, die Gänse und Ziegen sind der Geist der Gleichgültigkeit, der Gedankenlosigkeit, der Trägheit!" Das fahle Gesicht schwankte hin und her, auch die Hände waren plötzlich zu sehen. ,, Ausgezeichnet!" rief Taubenhaus lachend aus. ,, Ganz ausgezeichnet!" Er lachte so herzlich, daß er husten und spucken mußte. Ein neuer Geist müsse die Stadt erfassen, rief Fabian voller Pathos an seinem schweren, geschnitzten Tisch, die geistigen Motoren der Stadt müssen angeworfen werden, die schlummernden seelischen Kräfte und Energien geweckt! Fort mit der Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit, Trägheit, ja, zum Teufel mit ihnen! Wie Sturmwind in halberloschene Glut fährt, so müsse ein neuer Geist in die Asche fahren und eine züngelnde Lohe emporschlagen, eine helle, heilige Lohe! Taubenhaus hob das Gesicht und nickte befriedigt. Tauben zwische Er ha große T so oft h Es g es gibt e es verlo gibt hie verein, Zeiten, denken Taub Und Fabian baute vor seinen Augen die neue ,, Stadt mit den goldenen Türmen" auf, gebettet in Grün, funkelnd wie ein Garten. Als er ihm seine neue Brücke zeigte, die ,, Heldenbrücke" mit den Germanen, Trommlern, Grenadieren, Friedrich dem Großen in ihrer Mitte, setzte Taubenhaus sich aufrecht, er machte Miene aufzuspringen und rief ein paarmal halblaut: ,, Gut, gut!" Fabian baute unaufhaltsam weiter. Der neue Rathausplatz mit der Rolandstatue, Symbol des Rechts und der Gerechtigkeit, das neue Theater, das Museum, Sportplätze, Schwimmhallen, der Straßendurchbruch Nord- Süd, der neue Bahnhofsplatz mit dem heiter sprudelnden Springbrunnen, er fand kein Ende. 96 an hielt blickte worden seiner einem gültigen Als putzte nahe a deutlic auf Fa stand. lich au gut ge aller p geladen Wie sich. In g W lein Z blutro Persön meiste 7 Tote rief er aufen." fuhr in gar die ige Bech, obgesandt Marktnse und enlosigHände benhaus , daß er voller geistigen mmernmit der Teufel ährt, so angelnde mit den wie ein brücke" ich dem echt, er halblaut: platz mit chtigkeit, mhallen, platz mit n Ende. Taubenhaus nickte und rief zuweilen: ,, Gut! Ausgezeichnet!" dazwischen. Sein Lob trieb Röte in Fabians Wangen. Er hatte einen guten Tag. Er sprach ausgezeichnet und trug große Teile der Rede völlig frei vor. Er konnte sie auswendig, so oft hatte er sie gelesen, er wußte, worum es ging. ,, Es gibt hier einen Museumsverein", rief er aus. ,, Er schläft, es gibt einen Historischen Verein, auch er schläft. Und dabei gab es verlockende prähistorische Grabstätten nahe der Stadt. Es gibt hier einen Fremdenverkehrsverein, einen Verschönerungsverein, auch sie schlafen, schlafen. Wacht auf, wacht auf! Die Zeiten, da man nur Geld verdienen will und andere für sich denken läßt, sie sind vorbei!" Taubenhaus lachte. Doch das war seine letzte Äußerung, fortan hielt er sich ganz still. Er saß mit ausgestreckten Beinen und blickte zur Decke empor, als sei er müde und gleichgültig geworden. War er müde? Ganz und gar nicht, dachte Fabian, der seiner Sache gewiß war. Er ist nicht müde, aber er spendete einem Untergebenen zu offen Beifall, nun spielt er den Gleichgültigen. Ich kenne dich sehr gut, Taubenhaus. Als Fabian geendet hatte, stand Taubenhaus langsam auf und putzte umständlich die goldene Brille. Er dehnte sich, als sei er nahe am Einschlafen gewesen.„ Gut", brummte er in etwas zu deutlich gespielter Gleichgültigkeit vor sich hin. Dann blickte er auf Fabian, der in bescheidener Haltung neben dem Schreibtisch stand. ,, Sie haben meine Andeutungen von neulich ganz vorzüglich aufgegriffen", sagte er ,,, als Unterlage ist Ihr Entwurf recht gut geeignet, ich danke Ihnen. Wollen Sie mir bitte eine Liste aller prominenten Persönlichkeiten aufstellen, die unbedingt eingeladen werden müssen?" Wie gut ich dich doch kenne, dachte Fabian und verbeugte sich. In glänzender Laune kam er in sein Büro zurück. ,, Wir haben einen äußerst ehrenvollen Auftrag erhalten, Fräulein Zimmermann!" begann er und die hagere Sekretärin wurde blutrot vor Freude. ,, Wir sollen eine Liste aller prominenten Persönlichkeiten der Stadt aufstellen, die zur Rede des Bürgermeisters eingeladen werden müssen." 7 Totentanz 97 ,, Sind Sie sich darüber im klaren, welch bedeutende Leute wir geworden sind? Es liegt in unserer Macht, jemand eine hohe Ehre zu erweisen oder aufs tiefste zu verletzen. Verstehen Sie?" Am späten Abend erschien er im ,, Stern" und bestellte sich eine Flasche Sekt und ein halbes Dutzend der besten Zigarren. Wir haben es uns verdient", sagte er zu sich. دو Aufnahm viele jedo Christa dellieren wie sie sa größtem nahm sie abwechse Monate Aufnahm Portale, XIX Das kleine ,, Residenzcafé" lag in einem barocken Pavillon neben dem früheren bischöflichen Schloß. Es bot einen schönen Ausblick auf die alte Lindenallee, war aber nur an Sonn- und Feiertagen während des Promenadenkonzertes stärker besucht. Sonst traf man dort nur stille Zeitungsleser und häufig Damen, die ihren Kaffeeklatsch veranstalteten. Am Mittwoch hielt der Schachverein dort seine Spielabende ab. Als Fabian um fünf Uhr die Promenade überschritt, fühlte er, daß Christa schon anwesend war. Er empfand es an dem stärkeren Daseinsgefühl, das ihn durchströmte, augenblicklich fühlte er sich freier, leichter und fröhlicher. Sein Gefühl hatte ihn. nicht getäuscht. Als er die Türe öffnete, sah er Christa an einem kleinen Fenstertisch sitzen. Sie hob in diesem Augenblick den Kopf, sah ihn mit einem zarten Lächeln ihrer braunen Augen an, und ihr Lächeln und ihr Blick erfüllten ihn mit Freude. Er war von diesem Augenblick an ein völlig neuer, verwandelter Mensch. ,, Sie kommen gerade zur rechten Zeit", begrüßte sie ihn ,,, ich bin schon mitten im Schwelgen. Nehmen Sie bitte hier an meiner Seite Platz, wir können so die Photos zusammen besser betrachten." ,, Das also ist die Ausbeute Ihrer letzten Spanienreise?" fragte Fabian, indem er Platz nahm. ,, Sie sind außerordentlich fleißig gewesen!" Auf dem Tisch vor Christa lag ein großer Stapel Photos, in denen sie soeben geblättert hatte. Es waren kleinere und größere 98 dere Det Christ Ihnen zu eben hat ältesten herrlichs restaurie nur dies Und kneipe Mutter. hohen in die H gehalten ganze K der alte lichsten Gläsche Greccos Sie e Einzelh stehen. und di Fabian Klarhe aneinan te wir e hohe Sie?" te sich ren. neben AusFeierSonst en, die elt der hlte er, stärkefühlte tte ihn einem ck den Augen ude. Er ndelter n ,,, ich meiner ser befragte fleißig otos, in größere Aufnahmen, wie man sie auf Reisen unterwegs kaufen kann, viele jedoch hatte sie mit der eigenen Kamera festgehalten. Christa Lerche- Schellhammer hatte sich einige Jahre mit Modellieren und Malen beschäftigt, war aber nunmehr endgültig, wie sie sagte, zur Architektur übergegangen, um die sie sich mit größtem Ernst bemühte. Zusammen mit ihrer Mutter unternahm sie jedes Jahr eine Reise im Auto, das die beiden Frauen abwechselnd steuerten. Im vergangenen Jahr hatten sie einige Monate Spanien bereist und all diese Photos mitgebracht, meist Aufnahmen von Bauwerken und architektonischen Einzelheiten, Portale, Treppen, Kapitäle, Säulengänge, Wasserspeier und andere Details, die Christa besonders interessierten. Christa nickte. ,, Warten Sie", begann sie eifrig ,,, ich will Ihnen zuerst diese herrliche kleine Kapelle aus Toledo zeigen, eben hatte ich sie noch in der Hand, ich glaube, sie ist eine der ältesten Kirchen Spaniens. Im Kirchenschiff hängen einige der herrlichsten Greccos, die aber zum Teil leider leichtfertig restauriert wurden. Hier ist sie. Unglücklicherweise konnte ich nur diese armselige Photographie auftreiben." Und sie erzählte, daß gegenüber von dieser Kapelle eine Weinkneipe lag, in die sie sich beide verliebt hatten, besonders ihre Mutter. Das war ein kleiner Keller, in dem Reihen von mannshohen Weinkrügen, Amphoren, standen, mit dem spitzen Fuß in die Erde eingegraben und mit primitiven Stangen aufrecht gehalten. Die riesigen Amphoren waren aus rotem Ton, und der ganze Keller sah wohl überhaupt noch ebenso aus wie zur Zeit der alten Römer. Er war einfach herrlich! Es gab hier die köstlichsten alten Weine, und sie tranken beide hier jeden Tag ein Gläschen. Ihre Mutter pflegte zu sagen: Gehe du ruhig zu deinen Greccos, ich bleibe hier bei meinen Amphoren. Christa lachte. Sie erzählte reizend, mit einer seltenen Anschaulichkeit. Jede Einzelheit schien ihr in der Erinnerung plastisch vor Augen zu stehen. Ihre schlanken Hände formten die hohen Amphoren, und die herrlichen Greccos leuchteten im Glanz ihrer Augen. Fabian genoß erneut den Klang ihrer weichen Stimme und die Klarheit ihrer Sprache, die die einzelnen Worte wie Geschmeide aneinanderreihte. 7* 99 ,, Ich bin erstaunt", sagte er ,,, daß Sie sich an jede Kleinigkeit erinnern." ,, Man erinnert sich immer gut an Dinge, die man liebt", erwiderte Christa. ,, Sehen Sie hier", fuhr sie voller Begeisterung fort ,,, ist es nicht schlechthin eine Herrlichkeit? Es sind drei Details eines zierlichen Säulengangs aus dem alten Barcelona, der heute zu den Diensträumen des Präsidenten von Katalonien führt. Ist es nicht ein Wunder an Gotik?" Fabian nickte, entzückt von ihrem Lächeln und den klingenden Nebentönen in ihrer Sprache. Die Säulenhalle war in der Tat ganz wundervoll. ,, Einfach herrlich!" rief er aus, und um sein Licht leuchten zu lassen, fügte er hinzu: ,, Ist es möglich, daß die Zierlichkeit der maurischen Architektur die Zartheit dieser Säulen beeinflußt hat?" Christa sann nach, und an dem kleinen Geknitter ihrer schönen Stirne erkannte er, daß die Frage sie ernsthaft beschäftigte. Dann blickte sie ihn nickend an. ,, Es ist nicht nur möglich", erwiderte sie ,,, es ist sogar wahrscheinlich. Wahrhaftig, ein interessanter Hinweis, wie arabische Kunst die spanische Gotik bereicherte." Ihr offenes Lob beglückte Fabian. Sie waren so eifrig mit dem Studium der Photos und dem Austausch ihrer Meinungen beschäftigt, daß sie alles ringsum vergaßen. Wenn der eine einen Gedanken nicht mit voller Klarheit auszudrücken vermochte, so kam ihm der andere zu Hilfe, und wenn auch das miẞlang, so genügte ihnen eine Geste oder ein Lächeln. Säulengan der Klost kam, in wie mär fügte sie sprach d habe dic An einem Nebentisch hatte sich nach und nach ein Kaffeekränzchen weißhaariger Damen zusammengefunden, die lebhaft schnatterten. Sie beachteten es kaum. Sie übersahen auch die beiden jungen Herren, die dicht neben ihnen die Schachfiguren aufzustellen begannen, während sie Kaffee bestellten und ihre Zigarren anzündeten. Christa zeigte nun einige Klosterhöfe, die sie meist selbst aufgenommen hatte. Es waren Bilder, die den Frieden, die Stille und Unwirklichkeit einer anderen Welt verkörperten. Bei dem ein simp Mama." Beide Sie w solche Wunsch Fabian die auf mal sehe einmal n wie man frauenha dann ers während war dam Ich sagt ausgebild Chris frauenh Hand u abgegeb der Bru an ihn schon wandels Z geform „ Wie Fabia Ziemli Weihe. IOO „Ist&5 Is eines ute ZU „Ist& Jingen- in der nd um ch, daß + dieser r Ihrer aft be- "ht nur Wahr- ‚anische d dem Pingsum ‚r Klar- , Hilfe, se oder Kaflee- jebhaft uch die „figuren nd ihre bst auf je Seile Bei dem Säulengang eines Nonnenklosters aus Sevilla sagte sie:„Dies ist der Klosterhof, der so verzaubert aussah, daß ich fast Lust be- kam, in diesen Konvent als Nonne einzutreten. Sehen Sie doch wie märchenhaft schön und friedlich, nicht wahr? Mama aber“, fügte sie lächelnd hinzu,„Mama schalt mich richtig aus und sprach das herrliche Wort: Was für eine Verrücktheit! Ich habe dich nicht geboren, damit du eine Heilige wirst, sondern ein simpler Mensch mit allen seinen Sünden. Sie kennen ja Mama.“? Beide lachten.. „Sie wissen“, wandte sie sich an Fabian,„man hat zuweilen solche Anwandlungen. Hatten Sie nicht auch einmal den Wunsch, Priester zu werden? Erzählten Sie es nicht?“ Fabian antwortete nicht sofort. Er betrachtete Christas Hand, die auf den Photos lag, und es schien ihm, als ob er zum ersten- mal sehe, wie frauenhaft zart ihre Hand war. Wolfgang hatte sie einmal modelliert. Ihre Hand hatte Grübchen an den Knöcheln, wie man es oft bei Kindern sieht. Zum erstenmal sche ich wie frauenhaft schön ihre Hand ist, ging es ihm durch den Sinn, dann erst erwachte Christas Frage in seinem Ohr, und er sagte, während er flüchtig errötete:„Gewiß, ich habe es erzählt. Es war damals eine fixe Idee von mir, nun, ich war noch sehr jung. Ich sagte Ihnen auch, daß ich bereits in einem Priesterseminar ausgebildet wurde.“ Christa streifte sein Gesicht mit den flachen Wangen und dem frauenhaften Mund, sie blickte auf seine männlich geformte Hand und dachte: In der Tat, er hätte recht wohl einen Priester abgegeben. Dann errötete sie plötzlich. Ein Mönch fiel ihr ein, der Bruder Lorenzo, der ihr spanischen Unterricht erteilt hatte, an ihn erinnerte sein. Gesicht. Bruder Lorenzo, hochgelehrt, war schon zweimal aus dem Kloster wegen seines lockeren Lebens- wandels ausgeschlossen worden. Er hatte die gleichen frauenhaft geformten Lippen. „Wie lange waren Sie im Priesterseminar?“ fragte sie. Fabian sprach nur ungern von dieser Epoche seines Lebens. „Ziemlich lange“, antwortete er.„Ich stand dicht vor der ersten Weihe.“ ,, Und weshalb haben Sie Ihre Absicht wieder aufgegeben, Priester zu werden?" forschte Christa weiter, während sie Fabian mit einem Lächeln ermutigte. Fabian wurde verlegen. ,, Nun, ich war unterdessen älter geworden und zur Einsicht gekommen, daß ich nicht die nötige Eignung zum Priester besaß", erwiderte er. ,, Nicht die nötige Eignung?" ,, Nein. Ich fand, daß ich zu weltlich gesinnt war. Es fehlte mir der entsagungsvolle Charakter, den ein Priester haben muß." ,, Gut, daß Sie rechtzeitig zu dieser Erkenntnis kamen", erwiderte Christa und lächelte. ,, Nur auf Wahrheit und Lauterkeit läßt sich ein Leben aufbauen, pflegt Mama oft zu sagen." Das Kaffeekränzchen in der Ecke begann lebhaft zu klatschen und zu rufen. Eine wunderlich gekleidete schneeweiße Dame mit einem altmodischen Ridikül war ins Café getreten. Selbst die Schachspieler, die mit dem Gesicht in den Händen am Tisch saßen, blickten auf. Christa wandte sich wieder den Photos zu. ,, Das hier", begann sie von neuem, indem sie auf einen Stoß von Abzügen gleichen Formats deutete ,,, sind die Aufnahmen vom letzten Winter, den wir auf Palma de Mallorca verbrachten. In diesem Dom hier", fuhr sie fort ,,, der berühmten Kathedrale von Palma de Mallorca, habe ich eines der tiefsten Erlebnisse meines Lebens gehabt. Hören Sie zu! Wir wohnten der Christnachtmesse bei, Mama und ich. Es war unvergeßlich einfach unvergeßlich!" - Und Christa erzählte, daß tausend Kerzenflammen den mächtigen Dom erhellten. Hunderte von armdicken Kerzen brannten auf dem Hauptaltar, und doch waren die ungeheuren Umrisse des Kirchenschiffes kaum zu ahnen. Auch von der dichtgedrängten Menge sah man nicht mehr als schattenhafte Umrisse. Die Männer knieten im linken Kirchenschiff, auch ihre Bekannten, Ärzte, Anwälte, die höchsten Beamten, sonst so vornehme Herren, alle knieten, die Frauen in ihren dunklen, spanischen Mantillen knieten auf der rechten Seite. Auch sie knieten, ihre Mutter und sie. Scharen von Domherren in prunkvollen Gewänd heiligen der Bis Unzahl Weihra helle G tragen. hörten „ Die Dom v der W konnte weinen noch n verdam müßte rühmt troffen Unver Tausen schwö hielt i „ Ich halbla Al Mama die T blickt Die nannt gerisse Stirn zitter allen und f sehen sehen I02 geben, d sie er genötige fehlte haben ", erLauteren." tschen me mit bst die Tisch en Stoß mahmen rbrachKatheErlebten der Blich - mächrannten Umrisse - dichtte Umihre BeSO vorn, spaniknieten, nkvollen Gewändern saßen im Chor. Priester wandelten während der heiligen Handlung die Stufen zum Hauptaltar auf und nieder, der Bischof, ein ergreifender Greis, zelebrierte die Messe. Eine Unzahl von Ministranten bewegte sich lautlos beim Altar, der Weihrauch stieg im Schein der Kerzenflammen in die Höhe, die helle Glocke klingelte, ein Buch wurde feierlich hin und her getragen. Und das alte Latein, es hatte einen feierlichen, nie gehörten Klang! Herrlich erzählte Christa. ,, Die Orgel ertönte! Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß der Dom von Palma eine der größten und wunderbarsten Orgeln der Welt besitzt? Diese Orgel konnte mehr als ein Mensch, sie konnte flüstern, seufzen, schluchzen, schreien, wimmern, lachen, weinen, frohlocken, jubeln, was konnte sie nicht? Ja, sie konnte noch mehr als ein Mensch, sie konnte brausen, donnern, rasen, verdammen und segnen. Wenn Gott eine Stimme hätte, so müßte er so reden! Ein Mönch saß oben bei der Orgel, der berühmte Franziskaner Franzisco, einer der größten und unübertroffensten Meister nicht nur Spaniens, sondern der Welt! Unvergeßlich wird mir für immer sein Spiel in dem von Tausenden von Kerzen erleuchteten Dom bleiben! Und das beschwörende alte Latein, es war wie ein Fest im Himmel." Sie hielt inne. ,, Ich kenne den Wortlaut der Messe sehr gut", sagte Fabian halblaut und nickte, völlig benommen von ihrer Schilderung. ,, Alle Leute weinten vor Ergriffenheit", schloß Christa ,,, auch Mama weinte, die niemals weint. Und auch ich weinte, daß mir die Tränen übers Gesicht liefen, überwältigt wie alle." Sie blickte Fabian an und lächelte. Die Schilderung ihres Erlebnisses, das Christa selbst ihr größtes nannte, hatte sie in starke Erregung versetzt und von neuem hingerissen. Das nervöse, feine Geknitter erschien wieder auf ihrer Stirn, ihre Lider und Brauen bebten, und auch ihre Lippen zitterten. Ihr Gesicht war blasser geworden und spiegelte in allen Zügen so klar ihre Erregung wider, daß es sich verwandelte und förmlich verklärte. Niemals hatte Fabian ihr Gesicht so gesehen, niemals hatte er ein menschliches Antlitz so wahr gesehen. 103 Lange blieben sie still. Fabian wagte nicht, sich zu bewegen. Er blickte in ihr verändertes, verklärtes Gesicht. Ich liebe diese Frau, dachte er. Ja, nun weiß ich, daß ich sie liebe. XX Noch am gleichen Abend schrieb Fabian einen Brief an Christa, aber er empfand schon beim Schreiben, daß es ihm nicht gelang, die Gedanken und Empfindungen, die ihn bewegten, auszudrücken. Immer sah er ihr verändertes, verklärtes Gesicht vor sich und zerriẞ dreimal den Brief. Er ging spät schlafen, aber unaufhörlich sah er ihr verklärtes Gesicht, ob er die Augen offenhielt oder schloß. Ja, bei Gott, er liebte diese Frau! Am nächsten Morgen erstand er einen Strauß herrlicher Marschall- Niel- Rosen, die er mit seinem Kärtchen, das nur wenige Worte trug, an Christa senden ließ. Christa fand die Rosen in ihrem Zimmer, als sie ihre Mutter von der Bahn abgeholt hatte und war hocherfreut darüber. ,, Dank für die Christmesse auf Palma de Mallorca", stand auf der Karte. Nichts sonst. Sie wählte drei der herrlichsten Rosen aus dem Strauß und brachte sie herunter zu ihrer Mutter. ,, Mama", rief sie erfreut aus, ich bin erst jetzt in der Lage, dich würdig willkommen zu heißen!" Sie beugte ein Knie und überreichte ihrer Mutter die Rosen kniend mit einer reizenden Geste. ,, Laß die Faxen, Christa", erwiderte lachend Frau Beate, die noch müde war von der Reise. ,, Woher hast du denn die herrlichen Rosen bekommen?" Christa erhob sich. ,, Oh", sagte sie ,,, ich fand einen riesigen Strauß auf meinem Zimmer. Ein Verehrer hat sie mir geschickt", fügte sie hinzu und wurde plötzlich rot. ,, Ein Verehrer? Ich sehe, die Männer sind immer noch so verrückt wie vor zweitausend Jahren." Christa tat ein wenig gekränkt. ,, Aber es ist ein Verehrer, der mir außerordentlich sympathisch ist, Mama!" entgegnete sie. 104 I Die große Rede, mit der Taubenhaus sich im Rathaussaal der Stadt vorstellte, war ohne Zweifel ein bedeutender Erfolg. Auf elf Uhr war die Ansprache angesetzt, aber bereits eine halbe Stunde vorher sah man Scharen von Geladenen die Treppe des Rathauses emporsteigen. Fabian war schon früh auf den Beinen. Er brauchte fast eine Stunde, um sich für die Feier in Gala zu werfen. Heute wollte er zum erstenmal seine neue zimtfarbene Uniform vorführen, die Menschen sollten staunen. Die Breeches, die scharf wie Messer von den Schenkeln abstanden, gaben ihm das verwegene und herausfordernde Aussehen eines Menschen, mit dem nicht zu spaßen ist. Außerordentlich gut kleidete ihn der Rock, der seine Schultern breiter und kräftiger erscheinen ließ. Dieser kleine, weißhaarige März war wirklich ein Künstler in seinem Fach, man konnte sagen, was man wollte. Seine Ordensauszeichnungen putzte Fabian mit einem Läppchen, bevor er sie anlegte, das Eiserne Erster trug er links unten an der Brust, wie es sich gehörte. Geschniegelt und gebügelt, sah er wahrhaftig stattlich aus. Martha wagte vor lauter Ehrfurcht kaum ihn anzublicken, als sie ihm das Frühstück brachte. Er war nicht mehr als ein schlichter Soldat der Partei und wollte auch gar nicht mehr sein, man sollte nur seinen guten Willen sehen, der Idee zu dienen, alles andere würde sich ja finden. Ehrgeizige Ambitionen lagen ihm fern, aber man konnte schließlich nicht von ihm verlangen, den Offizier zu verleugnen, der er nun einmal war. In seiner Uniform, mit seinen Orden und seiner soldatischen Haltung, mußte man ihn unbedingt für einen hohen Kommandeur halten. Die neuen Reitstiefel von Habicht, wahre Wunderwerke aus Glanz und Lack, knarrten vornehm, und er knarrte so oft im 107 Korridor hin und her, bis Clotilde, die beim Ankleiden war, neugierig die Tür öffnete und herausspähte. Als er sich anschickte zu gehen, kam sie selbst auf den Korridor, im eleganten Mantel, einen Silberfuchs um die Schultern gelegt, den Hut auf dem Kopf. Dieser Hut war ein kunstvolles Gebäude von hellbraunen Samtschleifen, die beim Gehen lustig auf ihrem blonden Haarschopf wippten. ,, Nimm mich mit, bitte! Es wird doch das beste sein, wenn ich gleich mit dir komme", rief sie, als sei es die alltäglichste Sache der Welt, daß sie ihn begleite. ,, Bitte", erwiderte er und öffnete ihr höflich die Türe. Clotilde befand sich in angeregter, vorzüglicher Laune. Das bevorstehende Ereignis regte sie auf wie eine Premiere im Theater. Befriedigt schritt sie mit ihrem wippenden Hut an der Seite ihres Gatten einher und genoß die erstaunten und anerkennenden Blicke, die man ihm zuwarf. Also auch er ist bei der Partei! Es war zum erstenmal seit vielen Wochen, daß man sie zusammen auf der Straße sah. Nun, etwas war in ihrer Ehe nicht in Ordnung, das wußte die ganze Stadt, aber schließlich war ja heute ein besonderer Tag. Clotilde hielt manchmal den Schritt an und musterte ihren Mann mit prüfenden Blicken. Ohne Tadel, wahrhaftig, ohne den geringsten Tadel! Mit solch einem Mann konnte man sich recht gut auf der Straße sehen lassen! ,, Vorzüglich siehst du aus!" sagte sie voll aufrichtiger Anerkennung. Es war seit langer Zeit das erste anerkennende Wort, das er von ihr hörte. ,, Ja, März hat wirklich gut gearbeitet", erwiderte er. ,, Die ganze Stadt erwartet in großer Spannung die Rede von Taubenhaus", fuhr Clotilde fort. ,, Alle Welt wundert sich, was er zu sagen haben wird?" Seht an, dachte Fabian, eine richtige Konversation will sie beginnen. Er aber hatte keineswegs die Bosheiten ihrer Scheidungsklage vergessen und zögerte zu antworten. ,, Er wird sicher ganz interessant sprechen", erwiderte er, indem er weiterging. ,, Er ist ja ein aufgeweckter Kopf. Natürlich hat man ihn in vielen Dingen informiert, er ist ja noch ganz neu." 108 Cloti Tauben auf den Seit dre ihres M Fabian kannt würde ,, Siel Rathau die Tre eine zu Bauch Lavalli haftig. waren ander Beide H reizend Lächel „ Ein Gener verstel man k Du gang muß für m Clo Läche völlig füm. zeigen kannt Un war e vielen neuKorItern volles lustig nich Sache - Das eater. ihres enden ei! Es mmen Ordheute mund wahronnte AnWort, e von , was sie beHungser, intürlich ganz Clotilde lächelte in sich hinein. Oh, sie wußte ganz genau, was Taubenhaus sagen würde. Die Heldenbrücke, der Springbrunnen auf dem Bahnhofsplatz, der Roland am Rathaus, nicht wahr? Seit drei Tagen lagen Durchschläge der Rede auf dem Schreibtisch ihres Mannes, mit der blauen Anschrift ,, Streng vertraulich"! Fabian wußte recht wohl, wie man Geheimnisse in der Stadt bekannt machte, wenn es sein mußte. Auch Fräulein Zimmermann würde aus lauter Wichtigtuerei den Mund nicht halten. ,, Sieh doch, die vielen Leute!" rief Clotilde aus, als sie über den Rathausplatz gingen. Eine Menge Menschen stieg soeben hastig die Treppe empor. Unter ihnen befand sich Baurat Krieg, der eine zu enge Leutnantsuniform trug, die sich kaum über dem Bauch schließen ließ. Er war bei den Pionieren gewesen. Die Lavallièreschleife und der Schlapphut paẞten besser zu ihm, wahrhaftig. Seine beiden Töchter, die Zwillinge, waren mit ihm. Es waren zwei hübsche Mädchen, Hermine und Helene, die einander so ähnlich sahen, daß es schwer war, sie zu unterscheiden. Beide hatten sie die gleichen roten Pausbacken und die gleichen reizenden Stupsnäschen. Sie lächelten auch das verwirrend gleiche Lächeln, während sie verlegen grüßten, als Fabian nähertrat. ,, Ein General! Nehmt Haltung an, Mädchen, ein wirklicher General!" scherzte Krieg und bestaunte Fabian. ,, Wahrhaftig, Sie verstehen es, Ihre Freunde zu überraschen", fügte er hinzu und man konnte aus seinem Lachen nicht recht klug werden. ,, Du entschuldigst mich", sagte Fabian zu seiner Frau am Eingang des Saales, als er ihr höflich die breite Türe öffnete. ,, Ich muß noch zum Bürgermeister, er hat vielleicht noch Aufträge für mich." Clotilde verabschiedete sich von ihm mit ihrem reizendsten Lächeln, die Töchter Kriegs standen neben ihr. Sie waren beide völlig gleich gekleidet und gebrauchten auch das nämliche Parfüm. Fabian will sich wohl bei Taubenhaus in der neuen Uniform zeigen? dachte Clotilde. Es war ja alles Berechnung bei ihm, sie kannte ihn ganz genau. Uniformen, Menschen, Hüte, Flaggen und wieder Flaggen, es war ein Anblick, der Clotilde begeisterte. Der Saal war mit vielen Lorbeerbäumen geschmückt und von Fahnen geradezu 109 übersät. Nur wenig Fahnen zeigten die Farben der Stadt, die meisten trugen das Hakenkreuz. Auch die Rednertribüne war mit der Hakenkreuzfahne ausgeschlagen, Taubenhaus hatte es so angegeben. Der Eindruck war förmlich berauschend und Clotildes Herz jubelte, als sie sich den Weg durch die Menge bahnte. Natürlich behaupteten einige Nörgler, es sei eine Feier der Partei und nicht der Stadt, und Doktor Krüger sollte nicht einmal ein privates Telefongespräch erlaubt sein, da konnte man schon lachen. Es wimmelte von Militärs, selbst die Offiziere der Reserve benutzten den Anlaß, sich in ihren Uniformen sehen zu lassen. Man sah sogar eine richtige rote Husarenverschnürung, die man schon für ausgestorben hielt, und die drei breiten Ärmelstreifen der Marine. Nun, das Stadtoberhaupt hatte sie eingeladen, und sie hielten es für ihre Pflicht, alle in großer Gala zu erscheinen. Viele Hauptleute und Majore hatten, es sei offen gesagt, dicke Bäuche, als säßen sie noch immer in der Etappe in Frankreich. Ganz auffallend aber waren die vielen Orden! Ja, war denn ein Ordensregen auf die Stadt niedergegangen? Man konnte glauben, sie alle seien in der mörderischen Schlacht von Verdun gewesen, schon viele von ihnen nicht einmal den Geruch von Pulver kannten. obHeute daran w Ja, un fast jede Gerichts des Kra spielte j nasiums heide un fach alle frieden bäuche Jedermann trug einen Orden und wenn er auch noch so klein und unscheinbar war, ein Kreuz, eine Medaille, ein Bändchen. Auch der kleinste Beamte wollte nicht zurückstehen. Wer war man denn schließlich, wenn einem jede Auszeichnung fehlte? Man kam doch schließlich nicht aus dem Zuchthaus. Ein weißhaariger Herr mit gekrümmtem Rücken trug eine winzige, unscheinbare, billig aussehende Medaille. Es war Professor Hall vom Historischen Verein, und die winzige Medaille war eine Rettungsmedaille, die niemand kannte und niemand beachtete. Dagegen sah man häufig den dekorativen türkischen Halbmond, der sofort in die Augen fiel. Ja, überall leuchtete und funkelte es. Voller Neid betrachtete man verstohlen die wenigen wirklich hohen Auszeichnungen, die im Saal waren, wie die seltenen Orden von Oberst von Thünen, der als tapferer Frontoffizier geschätzt war. Die Ausgezeichneten gewannen erneute Achtung. man so einem Im H jungen plauder den bra durchsc Es m nicht geladen sonen a vorbeh fielen, den Sa einer g saß Le nomm Mensch die Do wie ma IIO ‚Heute konnte man wirklich sehen, was an einem Menschen daran war! Ja, und du lieber Himmel, heute konnte man auch sehen, daß fast jedermann, der etwas auf sich hielt, Mitglied der Partei war! Gerichtspräsident Liborius, Museumsdirektor Graß, Direktor des Krankenhauses Sandkuhl, Justizrat Schwabach, natürlich, er spielte ja eine ganz große Rolle in der Partei, Rektor des Gym- nasiums Pett, Medizinalrat Haverlag, die Professoren Koppen- heide und Rhode, Direktor der Kunstschule Sanftleben, alle, ein- fach alle. Die Herren sahen sämtlich würdig, gut genährt und zu- frieden aus, manche hatten sich im Laufe ihres Lebens Schmer- bäuche erworben und viele zeigten ihre glänzenden Glatzen, die man sonst überhaupt nicht sah, da sie Hüte trugen. Es war mit einem Wort die Creme des Bürgertums der Stadt. Im Hintergrund des Saales hielten sich Scharen von meist jungen Leuten in brauner Uniform auf, die ohne jede Scheu plauderten und scherzten. Selbst einige Grauköpfe waren unter den braunen Soldaten, und in ihrer Mitte sah man die großen durchscheinenden Ohren des Schusters Habicht rot aufleuchten. Es mußte in Wahrheit auffallen, wie wenige der Anwesenden. nicht der Partei angehörten. Vielleicht waren viele nicht ein- geladen worden? Fabian hatte eine Liste von achthundert Per- sonen aufgestellt, die letzte Sichtung aber hatte sich Taubenhaus vorbehalten. Zu den Parteilosen, die auf den ersten Blick auf- fielen, zählte Wolfgang Fabian, der mit fröhlicher Miene durch den Saal blickte, bald aber seine Unbefangenheit verlor, da er einer gewissen Zurückhaltung begegnete. In seiner Nachbarschaft saß Lehrer Gleichen, der mit düsteren Augen abseits Platz ge- nommen hatte und mit niemand ein Wort wechselte. Seine Menschenscheu war bekannt, man erinnerte sich auch, daß er an. die Dorfschule von Amselwies strafversetzt worden war, weil er, wie man sagte, die Hakenkreuzfahne nicht gegrüßt hätte. II Frau von Thünens kleines Hütchen mit den stahlblauen Federchen bewegte sich erregt hin und her. Die Baronin sprach und lachte fast ohne Pause. Durch den ganzen Saal hörte man ihre begeisterte Stimme und ihr helles Lachen. Sie hatte dieser Tage einen führenden Posten in der Frauenschaft übernommen und fühlte sich ganz in ihrem Element. Oberst von Thünen tänzelte in seiner Oberstenuniform zwischen den Damen wie ein jugendlicher Kavallerist, seine Brust war mit Reihen von hohen Orden übersät und glitzerte förmlich. Er klappte mit den Absätzen, grüßte militärisch, grüßte mit hochgereckter Hand, lachte, scherzte. Kurz, er schien sich tatsächlich verjüngt zu haben mit seinem grauen Scheitel, der wie immer peinlich frisiert war. ,, Frau Fabian!" rief er, als er Clotilde gewahrte, die sich ihren Weg durch die Menge suchte. Er eilte ihr entgegen, stand vor ihr in militärischer Haltung, als sei sie ein General und verbeugte sich übermäßig tief. Clotilde errötete, beglückt über diese Auszeichnung vor allen Leuten. ,, Kommen Sie zu uns, Clotilde", schrie die Baronin. ,, Es hat sich hier ein solch reizender Kreis zusammengefunden, meine. Liebe." Liste ges kleinen A den Dan Der junge Oberleutnant Wolf Thünen hielt sich hochmütig lächelnd etwas abseits von den Damen, die seine Mutter umgaben, da ihn, wie er sagte, Frauen über vierzig nicht interessierten. Er bewahrte noch ganz die alten gesellschaftlichen Formen, verbeugte sich gemessen und küßte Clotilde aufmerksam die Hand. decken. Schade letzten S ihren br Seite un In diesem Augenblick wurden die Türen geschlossen und die Leute nahmen Platz. Aber das wirre Geplauder stockte kaum eine Minute, und abermals hörte man die begeisterte Stimme der Baronin durch den ganzen Saal. mandeur Fabian ging als letzter möglichst unauffällig durch den Saal und durchforschte im Vorbeigehen die Sitzreihen. ,, Er si „ Herrlic Er hätte es gern gesehen, daß Christa und Frau Beate LercheSchellhammer erschienen wären. Er hatte ihre Namen auf die Wen " Clotilde militäris „ Das Baronin eines m anrechn Ja, nu Aber debattie Ratsher Stühle Da w in brau sich ras war ein schritt. und ro haltene Ordens sich in schiene sahen i Im S hoben die Ha 8 Tote II2 Federch und an ihre Tage en und vischen st war lich. Er hochCatsächimmer h ihren und vor rbeugte se Aus„ Es hat meine chmütig ter uminteraftlichen ufmerkund die te kaum mme der den Saal Lercheauf die Liste gesetzt, obschon er wußte, daß sie in diesen Tagen einen kleinen Ausflug nach Baden- Baden planten. Trotzdem er unter den Damen eifrig Umschau hielt, konnte er sie nirgends entdecken. Schade, Christa ist nicht da, dachte er und begab sich zu den letzten Stuhlreihen, wo die einfachen Soldaten der Partei in ihren braunen Uniformen saßen. Sie rückten bereitwillig zur Seite und man gewann den Eindruck, als sei soeben ihr Kommandeur zu ihnen getreten. ,, Er sieht prächtig aus", raunte die Baronin in Clotildes Ohr. ,, Herrlich, daß er sich endlich positiv erklärte!" دو Wenn man etwas tut, so soll man es ganz tun!" antwortete Clotilde. ,, Als begeisterter Soldat mußte er sich natürlich einer militärischen Formation anschließen." ,, Das erwartete man selbstverständlich von ihm", fuhr die Baronin fort. ,, Daß er es aber tat, ohne vorher die Bedingung eines militärischen Ranges zu stellen, das wird man ihm hoch anrechnen." Ja, nun konnte der Bürgermeister kommen. Aber er kam noch nicht. Etwas schien noch zu fehlen. Man debattierte und deutete auf die drei Sitze, die in der Reihe der Ratsherren noch unbesetzt waren. Für wen mochten diese drei Stühle reserviert sein? Wurden hohe Gäste erwartet? Da wurde nochmals die Haupttüre geöffnet und drei Herren in braunen und schwarzen Uniformen der Partei erschienen, um sich rasch zu den reservierten Stühlen zu begeben. Der vorderste war ein gedrungener, breitschultriger Mann, der hurtig dahinschritt. Er hatte ein breites, gutmütiges Gesicht mit vollen Lippen und rostrotes, gescheiteltes Haar. Dazu trug er einen kurz gehaltenen, schmalen Backenbart. Auffallend war, daß er keinerlei Ordensauszeichnungen besaß, nur ein unansehnliches Band zeigte sich in seinem Knopfloch. Die zwei Herren seiner Begleitung schienen seine Adjutanten zu sein, sie waren um vieles jünger und sahen in ihrer straffen, militärischen Haltung vorzüglich aus. Im Saal entstand einige Aufregung und Unruhe, Neugierige erhoben sich, und die braunen Parteisoldaten warfen die Hand in die Höhe und schrien: ,, Heil." 8 Totentanz II3 Der gedrungene, breitschultrige Mann aber hob nur kurz die Hand und winkte ab. Sofort war der Saal völlig still. ,, Es ist Gauleiter Rumpf", flüsterte die Baronin voller Erregung Clotilde ins Ohr. ,, Sagte ich Ihnen nicht, daß er zum Vortrag hierherkommen wird?" ,, Der Gauleiter?" Clotilde war enttäuscht. Sie hatte sich unter einem Gauleiter stets eine Art Fürst in königlicher Haltung und mit prunkvollem Gefolge vorgestellt. Die Baronin aber war so erregt, daß sie zitterte. ,, Haben Sie das Band in seinem Knopfloch beachtet?" fragte sie Clotilde und grub ihr vor Erregung die Nägel in die Hand. ,, Es ist der Blutorden, die höchste Auszeichnung, die unser Führer verleihen kann! Der lange blonde Offizier ist Adjutant Vogelsberger, der dunkle mit dem verschlossenen Gesicht ist Adjutant Graf Dosse. Gott, was für ein unvergeßlicher Tag, Clotilde!" In diesem Augenblick öffnete sich eine schmale Türe hinter dem mit Hakenkreuzflaggen ausgeschlagenen Podium, und Taubenhaus im schwarzen Gehrock erschien. mersche fallen an zu höre und Zieg wenig e und kla Eine von dies wachen. „ Ich seine go Stadt schließe Er b Ja, d Türme in weni Landes ihres R Beifall und Sch gegen e sten Sp Bürger Asphal III Langsamen und gemessenen Schrittes trat Taubenhaus an das Rednerpult. Er schien etwas befangen zu sein, erwies sich aber bald als ein gewandter Redner. Sein langes, hageres Gesicht sah im halben Licht des Saales fahler als gewöhnlich aus, stumpf und gelblich, übernächtig, die schwarze Haarbürste darüber erschien glanzlos und matt, ebenso die dunklen Bürsten unter seinen Nasenlöchern. Er hatte heute seine Orden in Originalgröße angelegt, und die Kenner sahen sofort, daß nichts Besonderes unter ihnen war. Nicht einmal das Eiserne Erster besaß er. Niemand sah ihm das ,, Storchennest" in den Argonnen an. Dazu klapperten die Orden, als er sich verneigte. Fabian lächelte, als Taubenhaus begann. Natürlich fing er mit den Gänsen und Ziegen an, die über den Marktplatz der pomII4 ler Fol Bahnen der U Die alterlic brüllte schaffe auf de mitten mit H Streita sende urz die er Erer zum hunter ng und ben Sie Clotilde ist der er verVogelsdjutant de!" e hinter m, und san das ich aber es Saales htig, die ebenso te heute er sahen mnmal das nest" in sich verang er mit Her pommerschen Stadt liefen, aus der er kam. Die Zuhörer hatten Gefallen an dieser Schlichtheit und waren aufs äußerste erstaunt, zu hören, daß über den Marktplatz ihrer Stadt ebenfalls Gänse und Ziegen liefen, aber Gänse und Ziegen ganz anderer Art, einer wenig erfreulichen, ja beschämenden Art. Sie lachten belustigt und klatschten Beifall. Eine feine Röte stieg in das leblose und steife Gesicht und von diesem Augenblick an schien Taubenhaus zum Leben zu erwachen. ,, Ich bin hierhergekommen", rief er mit lauter Stimme und seine goldene Brille funkelte ,,, um die geistigen Motoren dieser Stadt anzuwerfen und die seelischen Kraftquellen zu schließen!" Er brüllte es so laut, daß die Zuhörer erschraken. Ja, diese Stadt, einstmals genannt ,, die Stadt der goldenen Türme", sollte wieder in ihrem alten Glanz erstrahlen. Sie sollte in wenigen Jahren die schönste und gepriesenste aller Städte des Landes werden, beneidet und bewundert wegen ihrer Schönheit, ihres Reichtums, ihres Gemeinsinns und ihrer Gastfreundschaft. Beifall rauschte auf. Er wollte ein völlig neues Theater für Oper und Schauspiel errichten, das heutige sollte wie ein Gänsestall dagegen erscheinen, eine Kunsthalle, eine Musikakademie, die schönsten Sportplätze und Schwimmhallen der Welt. Die Augen der Bürger glänzten. Die ganze Stadt sollte mit spiegelglattem Asphalt überzogen werden, auf dem rasche Autobusse in schneller Folge dahinrollten. Was nützten denn diese elektrischen Bahnen, auf die man volle fünfzehn Minuten warten mußte? Mit der Uhr in der Hand hatte er die Minuten gezählt! ,, Die Stadt schläft, ja bei Gott, sie schläft noch ihren mittelalterlichen Schlaf! Wie ein Donner will ich sie wecken!" Hier brüllte er lauter noch als das erstemal. Neue Brücken wollte er schaffen, und er verweilte längere Zeit bei der ,, Heldenbrücke", auf der Friedrich der Große auf stolzem Rosse dahinritt, inmitten von Bannerträgern und Trommlern, von Landsknechten mit Hellebarden und Morgensternen, gefolgt von Germanen mit Streitäxten und knorrigen Keulen. Neues Siedlungsland für Tausende und aber Tausende wollte er erschließen, denn die Stadt 8* 115 würde in zehn Jahren doppelt soviel Einwohner zählen wie heute. Neue Plätze wollte er anlegen, neue Straßen und Durchbrüche schaffen, was alt war und im Wege stand, das mußte weichen. Weg damit! Schwere Lastautos müßten mit ihrer Last ungehindert durch die Stadt rollen können. Fort mit dem alten Gerümpel! Er wollte auch dafür sorgen, daß die Stadt einen modernen Bahnhof bekam und einen würdigen Flugplatz. Wie jämmerlich sah heute der Bahnhofsplatz aus! Es war eine glatte Schande! Ein Rausch von Blüten sollte den Reisenden in Zukunft empfangen, dazu das heitere Geplätscher von zwei gigantischen Springbrunnen! Zwei? Fabian horchte auf. Taubenhaus hatte seinen Entwurf fast wörtlich verwendet. Er hatte darüber hinaus fast alle jene Vorschläge, deren Verwirklichung Fabian für spätere Jahre empfahl, in sein Programm von heute aufgenommen und teilweise ins Phantastische gesteigert. Fabian sprach von einem Umbau des Theaters, bei Taubenhaus wurde es ein völliger Neubau, eine Modernisierung des Bahnhofs wurde bei Taubenhaus ein ganz neues Bahnhofsgebäude. Es war der neue Geist, der stets bis an die Grenzen des Möglichen strebte, ja, bis dahin, wo sie ans Unmögliche streiften. ,, Wer ein Schloß bauen will, darf nicht mit einer Hundehütte beginnen", zitierte Taubenhaus wörtlich aus Fabians Entwurf. Die Leute lauschten und staunten über die verlockende Phantasie des Redners, von dessen Pedanterie und Krämergeist man vielerorts munkelte. reich we nicht m Reichtü heute, n Halt! gessen, d Schluß Das aber er größere Nun schüttete Taubenhaus ein wahres Füllhorn von Reichtümern über die Stadt aus. Neue Industrien, neue Gewerbe wollte er einbürgern, das Handwerk sollte neu erstehen und vervollkommnet werden. Die Bürger saßen mit trunkenen Augen. Ja, das war ein anderer Kopf als dieser ängstliche und vorsichtige Krüger, der war bei Gott ein schöpferischer Kopf! Von den Reichtümern, die über die Stadt dahinströmten, mußte auch ein Teil in ihre Taschen fließen, nicht wahr? Ob man Häuser besaß oder nicht, ob man Fabrikant war oder nicht, wenn das Baugewerbe blühte, blühte alles, der Grundbesitz stieg, Bauunternehmer, Tischler, Glaser, Maler, Schlosser, jeder mußte 116 Haus v der Gen Parteier großen ratungs ragen, H Wahrze Eine der Ga geschre Wo wocher den ge sich he Stadt die Sta gabe e zieren. Dies Hal Opfer, schaft zimme zeichn was je N zusehe heute. brüche eichen. mgehinen GeI einen IZ. Wie e glatte in Zuzwei Entwurf alle jene Jahre nd teilm UmNeubau, maus ein stets bis sie ans rf nicht wörtlich Le Phaneist man ReichGewerbe und verAugen. vorsichVon den Ste auch Häuser wenn das eg, BauEr mußte reich werden. Die Zuhörer wurden lautlos still und regten sich nicht mehr. Verdienen, verdienen! Reich werden! Die Begierde, Reichtümer zu erraffen, las man in allen Augen. Reich werden, heute, morgen, dann hatte das Leben wieder einen Sinn. Halt! Etwas hatte Taubenhaus noch vergessen, nein, nicht vergessen, er vergaß nie etwas, ein Mann wie er, er hatte es bis zum Schluß aufgehoben: das Gemeinschaftshaus! Das Gemeinschaftshaus? Auch das war ein Gedanke Fabians, aber er hatte das Gemeindehaus für die Zukunft als eine Art größeres Klubhaus vorgeschlagen. Taubenhaus aber wollte ein Haus von geradezu gigantischen Ausmaßen errichten! Es sollte der Gemeinschaft gehören, den Klubs, den Parteien, dem Sport. Parteien? Gab es denn etwas anderes als die Partei? Einen großen Konzertsaal würde es enthalten, Versammlungssäle, Beratungs- und Kongreßsäle, zwölf Stockwerk hoch sollte es emporragen, höher als der Dom, Wahrzeichen der Stadt, der Provinz, Wahrzeichen unserer herrlichen, großen Zeit! Eine mit Ringen geschmückte Frauenhand fuhr in die Höhe, der Gauleiter hob die Rechte, und sofort erscholl Beifallsgeschrei. Wo aber sollte das Gemeindehaus stehen? Er hatte sich wochenlang mit seinen Freunden beraten, und endlich hatten sie den geeigneten Platz gefunden. Im Hofgarten, auf der Höhe, wo sich heute der Friedenstempel erhob! Es war eine Anhöhe, die Stadt und Land beherrschte, der zierliche Friedenstempel, den die Stadt nach den Freiheitskriegen errichtete, hatte seine Aufgabe erfüllt und mochte eine andere Stelle des Hofgartens zieren. Dies war also sein Programm. Halt! Noch eines! Taubenhaus brauchte Geld, Geld, Geld! Opfer, Opfer, Opfer! Der bekannte Gemeinsinn der Bürgerschaft müßte sich in neuem Glanze bewähren. In seinem Vorzimmer liege eine Liste auf, niemand sollte sich schämen, zu zeichnen, ganz wie er sich nicht schämen würde, nachzusehen, was jeder gezeichnet hatte! ,, Nein, ich werde mich nicht schämen, auf das genaueste nachzusehen!" schrie er. Damit verbeugte er sich. Er war zu Ende Institut für neuere deutsche Literatur Justus- Liebig- Universität Otto- Behaghel- Str. 10, 6300 Giessen 117 und minutenlanger, tosender Beifall, vermischt mit stürmischen Heilrufen, belohnte seine Rede. Der Gauleiter erhob sich, schritt rasch zum Rednerpult und schüttelte Taubenhaus minutenlang die Hand. Die die Leu mit vo wurden haus zu kenne net hal Ein das Stä IV , Taubenhaus wirft die geistigen Motoren der Stadt an!" schrieben die Zeitungen. ,, Taubenhaus erschließt die seelischen Kraftquellen der Stadt!" Die Rede erschien im vollen Wortlaut und bildete tagelang das Gespräch der Stadt. Die Wirtschaften und Weinstuben waren bis lange nach Mitternacht geöffnet, über jeden einzelnen Punkt der Ansprache wurde erregt debattiert. Müdigkeit, Unlust und Mutlosigkeit schienen wie auf einen Schlag überwunden. Pläne wurden entworfen, Gründungen vollzogen, man kaufte, verkaufte, der Unternehmungsgeist erwachte wieder, in vielen Straßen wurden Gerüste aufgebaut. Es ging aufwärts. Maurer und Zimmerleute hatten alle Hände voll zu tun. Wenn Taubenhaus auch nur Versprechungen gemacht hatte und dazu noch Opfer forderte, so lag doch schon der Geruch von Geld in der Luft, eine Ahnung künftiger Reichtümer. ,, Ein perikleisches Zeitalter steigt herauf!" prophezeite Justizrat Schwabach am Stammtisch in der ,, Kugel" begeistert. Er wiederholte das Wort ,, perikleisch" jeden Abend, wenn er seinen Schoppen Wein trank. Ein Justizrat konnte doch nicht einfach Unsinn daherschwätzen? ,, Aber das Geld? Woher will denn Taubenhaus das Geld nehmen?" im Juv Tafel Der V „ Kuge Verein weißha Rettur Schutt Die mächt blasen In schaft Aufse manch heirat chen, der e Fabia bei G recht sonde ,, Soviel er will?" ,, Bah, Geld? Er hat soviel Geld, wie er will." Fabia W" ,, Ja, soviel er will." ,, Taubenhaus ist ein Genie!" ausführt, so muß man ihm ein Denkmal setzen." ,, Wenn Taubenhaus auch nur ein Zehntel seines Programms lache „ Es etwa 118 mischen alt und t an!" elischen agelang nstuben nzelnen Unlust wunden. kaufte, vielen Maurer Taubenzu noch d in der Justiztert. Er er seinen einfach as Geld ogramms Die Türe zum Vorzimmer des Bürgermeisters stand offen, und die Leute kamen, um ihre Zeichnungen einzutragen, die täglich mit voller Namensnennung in den Zeitungen veröffentlicht wurden. ,, Ich bin mit den Zeichnungen zufrieden", sagte Taubenhaus zu einem Pressemann ,,, die erste Million ist erreicht. Ich kenne aber noch viele, die bis heute nicht einen Heller gezeichnet haben, ich warte auf sie. Ich bin unersättlich!" Ein Kaufmann stiftete einen herrlichen Barockschrank für das Städtische Museum. Der Schrank war eine ganze Woche lang im Juweliergeschäft von Nicolai ausgestellt, mit einer zierlichen Tafel davor: Stiftung des Kaufmanns Modersohn, Flußhafen 18. Der Verschönerungsverein hielt eine Vorstandssitzung in der ,, Kugel" ab, die bis zum frühen Morgen dauerte. Der Historische Verein veranstaltete einen Tagesausflug nach Amselwies, wo der weißhaarige Professor Hall, derselbe, der im Rathaussaal die Rettungsmedaille trug, auf einem mit Unkraut bewachsenen Schutthaufen einen Vortrag über germanische Gräberfunde hielt. Die Stadt bewegte sich. Schien es nicht, als ob Taubenhaus' mächtiger Atem wie ein Sturmwind in verlöschende Glut geblasen hätte? In allen Kreisen der Stadt, besonders in den Damengesellschaften, wurde häufig der Name Fabians in Verbindung mit der Aufsehen erregenden Rede genannt. Nun ja, man wußte ja so manches! ,, Dieser Hübsche, Sie wissen doch, der eine Pracht heiratete und ein Anwaltsbüro unterhält. Wenn Sie etwas brauchen, gehen Sie zu ihm. Der hellste Kopf der Stadt!" An einem der ersten Tage erschien auch schon Frau von Thünen bei Fabian, um ihn zu dem großen Erfolg zu beglückwünschen. ,, Ja, bei Gott, welch ein überraschender, aber durch und durch gerechtfertigter Erfolg! Wir sind stolz auf Sie, mein Freund, besonders aber Clotilde! Sie wird nicht müde, Ihr Lied zu singen." Fabian wies den Glückwunsch in aller Bescheidenheit zurück. ,, Man weiß ja Bescheid, Verehrtester", versicherte die Baronin lachend und zwinkerte drollig mit ihren kleinen listigen Augen. ,, Es war natürlich Ihre Pflicht und Schuldigkeit, Taubenhaus etwas zu inspirieren, ich weiß es. Er kann ja die Stadt noch gar 119 nicht ordentlich kennen, nicht wahr? Dieses Gemeinschaftshaus, um nur eines zu nennen, welch eine geniale Idee!" Fabian lächelte. Er erklärte, von dem zwölfstöckigen Gemeinschaftshaus in dieser Form erst bei der Rede gehört zu haben. Die Baronin lachte ihn aus. ,, Sie sind allzu bescheiden, mein Lieber!" rief sie aus. ,, Ach, wenn nur alle Menschen solche Idealisten wären, wie wunderbar wäre das, welch ein Segen für unser Vaterland! Der Gedanke, einer gemeinschaftlichen großen Sache zu dienen, ist Ihnen schon Lohn genug. Diese Haltung macht Ihnen alle Ehre! Möge Ihnen der große Erfolg Ansporn zu neuem Schaffen für unser geliebtes Vaterland sein! Leben Sie wohl, ich muß eilen. Meine Stellung bei der Frauenschaft macht mir viele Scherereien und Mühe, aber ich bin glücklich." Tag für Tag erwartete Fabian, etwas von Taubenhaus zu hören. Aber Taubenhaus schwieg, er hatte vorläufig noch keine Zeit. Der Gauleiter war noch in der Stadt, und man sah ihn täglich im Auto durch die Straßen fahren. Vor dem ,, Stern" standen noch immer die Kübel mit den Lorbeerbäumchen, wie bei einer Hochzeit, und das Hotel war die ganze Nacht bis zum frühen Morgen hell beleuchtet. Der Gauleiter liebte Diners, Festessen, Bankette, und es war bekannt, daß er fast ohne jeden Schlaf auskam. Von mit kei de Schließlich wurde Fabian unruhig. Er erschien häufiger in seinem Büro und fragte, ob es etwas von Bedeutung gäbe? Aber es gab nichts von Bedeutung. Auch in seinem Büro fand er keine Ruhe, er hatte immer etwas vergessen und mußte wieder fortlaufen. rung nicht v kam ih plaude Einn betrach in letz Fabi waren bald e lasten Mit besonderem Eifer betrieb er seine laufenden Geschäfte. Er hatte wiederholt Konferenzen mit den Brüdern Schellhammer und war in langen Besprechungen bemüht, die hohe Rente durchzusetzen, die Frau Beate forderte. Er hatte häufig auch Rücksprachen mit Frau Beate selbst, denn solch heikle Dinge ließen sich ja telefonisch schlecht erledigen. In Wahrheit aber kam er nur so oft, um Christa wiederzusehen. Sie war unverändert freundlich zu ihm, plauderte frisch und kameradschaftlich und begrüßte ihn mit ihrem innigen Lächeln, das ihn stets stundenlang verfolgte. Sie errötete jetzt häufig, wenn er kam. „ H lächel Der Nic wicht Er mit S sich zu tr irrige Taub hoffe und Es sich den Au ihn a Ich in de einer ganz Kar I 20 ftshaus, Gemeinhaben. , mein me Ideazen für großen Haltung Ansporn Leben enschaft cklich." haus zu h keine ihn tägn" stanwie bei bis zum ers, Festme jeden figer in pe? Aber er keine der fortGeschäfte. hellhamThe Rente fig auch le Dinge heit aber ar unveradschaftihn stets er kam. Von ihrer kürzlichen Plauderstunde im ,, Residenzcafé" wurde mit keiner Silbe mehr gesprochen, weder von Christas Schilderung der Christmesse in Palma de Mallorca, die Fabian bis heute nicht vergessen hatte, noch von seinem Rosengruß. Oft überkam ihn das Verlangen, wieder einmal einige Stunden mit ihr zu plaudern, aber er fühlte sich in diesen Tagen zu rastlos dazu. Einmal schüttelte Christa den Kopf, während sie ihn prüfend betrachtete und sagte: ,, Sie scheinen mir reichlich nervös zu sein in letzter Zeit, mein Freund?" Fabian lachte. ,, Ich weiß es", entgegnete er. ,, Die letzten Tage waren etwas anstrengend für mich. Aber ich bekomme jetzt bald eine tüchtige Arbeitskraft für mein Büro, die mich entlasten wird. Dann wird es wieder besser werden." ,, Hoffentlich kommt die Hilfskraft bald!" sagte Christa lächelnd. Der warme Ton ihrer Stimme erfreute sein Herz. Nichts von Bedeutung? Nein, nichts von Bedeutung, nur unwichtige Kleinigkeiten. Er fand sogar die Muße, nach Amselwies hinauszufahren, um mit Sanitätsrat Fahle eine Stunde lang zu plaudern. ,, Es bahnen sich neue Verbindungen an", sagte er, bemüht, den alten Mann zu trösten, aber er errötete und brach ab, da er in Fahle keine irrigen Hoffnungen erwecken wollte. ,, Ich bin neuerdings mit Taubenhaus in engere Beziehungen getreten", fuhr er fort ,,, und hoffe, auf diesem Weg Ihre Sache fördern zu können. Geduld und Mut, das ist alles, worum ich Sie bitte." Es war wirklich, um nervös zu werden. Vielleicht hatte er sich volle zwei Wochen ganz vergebens bemüht, die ,, Stadt mit den goldenen Türmen" aufzubauen? Auch Wolfgang ließ nichts mehr von sich hören. Wenn man ihn anrief, war er am Telefon kurz angebunden und fast schroff. Ich plage mich mit diesem verfluchten Kettensprenger! schrie er in den Apparat und hängte ab. Endlich gelang es Fabian, ihn zu einem Karpfenessen in die ,, Kugel" einzuladen. Aber er war am ganzen Abend wortkarg und schlechter Laune, trotzdem der Karpfen vorzüglich war. I2I ,, Du trinkst ja heute gar nicht, Wolfgang!" beklagte sich Fabian. Wolfgang warf ihm von unten einen raschen, grimmigen Blick zu, einen förmlichen Hieb von Blick. ,, Beruhige dich nur", knurrte er.„ Ich werde mich heute betrinken! Schon aus Wut darüber, daß mein Bruder diese Komödie mitmacht!" Es war heraus. Fabian schoß das Blut in den Kopf. ,, Ich muß dir offen gestehen, Wolfgang", begann er ,,, daß ich dich nur deshalb so hartnäckig anrief, weil ich diese Aussprache herbeisehnte, die mir notwendig schien." ,, Und ich!" rief Wolfgang und seine Augen funkelten. ,, Ich bin überhaupt nur aus dem Grunde hierhergekommen, um eine Erklärung deines Gesinnungswechsels zu erhalten." ,, Gesinnungswechsel?" Fabian lächelte. ,, Ich habe meine Gesinnung nicht im geringsten geändert, ich bin noch ganz der alte. Es handelt sich lediglich um eine Formsache." ,, Formsache?" Wolfgangs Augen waren glühend auf Fabian gerichtet. ,, Ja, um nichts anderes." Wolfgang dürfe nicht vergessen, daß er eine Frau und zwei Jungen zu ernähren habe. Bei der Stadt habe man ihn kaltgestellt, als Anwalt habe man ihn boykottiert. Er mußte der Partei beitreten oder sein wirtschaftlicher Untergang war besiegelt. Da er Offizier war, forderte man von ihm, sich einer militärischen Organisation anzuschließen. ,, Vergiß all das nicht, bevor du urteilst, Wolfgang", schloß Fabian. ,, Es war die höchste Zeit für mich, zu einem Entschluß zu kommen. In drei Wochen hätte man mir das Büro geschlossen!" Der Bildhauer knüllte seine Serviette zusammen und warf sie auf den Tisch. Er war dunkelrot vor Zorn geworden, und die Purpurröte blieb lange Zeit in seinem Gesicht stehen. ,, Gewiß, es sind Erpresser", knirschte er ,,, aber trotz alledem!" Auch in der Kunstschule habe man einen neuen Direktor eingesetzt, einen gewissen Sanftleben, einen talentlosen Bilderschmierer, fuhr er fort, und seine Stimme war in der Erregung kaum zu verstehen, und der Neue habe ihm schon häufig deutliche Anspielungen gemacht. Aber er überhörte sie ganz einfach! Sollten sie ihn entlassen, schön. Ihm war es höchst gleichgültig. Dann g die Wel Fabia ,, In und da entgegr lob wic Der er vers brannt politisc verliere nüge u wirst. nichts sicht wieder umkeh Fab V dich paar einma sein, Wo rückt Jahre ander sam d lieber Ich n Brüc fellen Er umw den? Taul kinso I22 te sich nmigen hnur", s Wut daß ich sprache n. ,, Ich am eine ne Geder alte. bian gesen, daß er Stadt sottiert. Unteron ihm, ergiß all Es war men. In warf sie en, und n. ,, Geledem!" tor einBilderErregung fig deuteinfach! chgültig. Dann gehe er für dreihundert Mark in eine Porzellanfabrik, und die Welt ginge trotzdem nicht unter. Fabian atmete auf, das Schlimmste war vorüber. ,, In deinem Beruf gibt es glücklicherweise Porzellanfabriken, und dazu hast du weder für Frau noch für Kinder zu sorgen", entgegnete er. ,, Deine Lage scheint also weitaus günstiger." Gottlob wich die gefährliche Röte allmählich aus Wolfgangs Gesicht. Der Bildhauer zündete sich eine Virginia an.„, Frank", sagte. er versöhnlich, während er hastig paffte, da die Zigarre schlecht brannte ,,, Frank, ich möchte unter keinen Umständen wegen politischer Meinungsverschiedenheiten meinen einzigen Bruder verlieren, verstehe mich recht! Dazu kenne ich dich zur Genüge und weiß, daß du nie etwas Unrechtes tun oder billigen wirst. Einmal wolltest du Priester werden und warst durch nichts in der Welt davon abzubringen. Aber als du zur Einsicht kamst, kehrtest du von selbst um. Heute sage ich mir wieder, laß ihn nur, einmal wird er zur Einsicht kommen und umkehren, gerade wie damals." Fabian streckte dem Bruder die Hand hin. ,, Darauf kannst du dich verlassen!" rief er aus. ,, Aber wir wollen in diesem Fall ein paar Jahre warten, Wolfgang. Vielleicht, wer weiß es, wirst du einmal die Dinge anders sehen? Vielleicht wirst du es diesmal sein, der sich bekehrt." Wolfgang lachte. ,, Ich gebe zu, daß schon manch einer verrückt geworden ist", erwiderte er. ,, Wir werden uns in einigen Jahren wieder sprechen, schön. Heute aber wollen wir von etwas anderem reden. Lassen wir diesen politischen Unsinn, der langsam das ganze Reich in ein Irrenhaus verwandelt. Reden wir lieber von der famosen, Heldenbrücke' dieses Herrn Taubenhaus. Ich muß noch heute laut lachen, wenn ich an seine grandiose Brücke denke. Friedrich der Große und Germanen mit Bärenfellen und Keulen, hahaha!" Er lachte so laut und herzlich, daß die Gäste des Lokals sich umwandten. ,, Wie lang soll eigentlich diese, Heldenbrücke werden?" lachte er. ,, Eine Meile, drei Meilen? Überhaupt hat dieser Taubenhaus der Stadt blauen Dunst vorgemacht und ihr Potemkinsche Dörfer vorgegaukelt." 123 دو , Glaubst du nicht, daß es in erster Linie sein Bestreben war, den gesunkenen Mut der Bürger zu neuem Leben zu erwecken?" Wolfgang lachte wiederum, und Fabian bestellte eine neue Flasche. In später Stunde verließen beide die ,, Kugel". Sie trennten sich als Freunde und Brüder. Am Morgen nach diesem Versöhnungsessen kam Fabian spät in sein Büro. Er war eben dabei, den Mantel auszuziehen, als man ihn ans Telefon rief. Es war Taubenhaus selbst, der ihn zu sprechen wünschte, und Fabian erschrak freudig, als er seine Stimme erkannte. Taubenhaus bat, ihn sofort zu besuchen. Fabian wurde mit großer Freundlichkeit empfangen. Das Gesicht des Stadtoberhaupts sah weniger fahl aus, es hatte sogar etwas Farbe bekommen, die Augen schienen gerötet und etwas geschwollen. ,, Ich fand leider früher nicht die Zeit", begann Taubenhaus, ,, aber ich wollte Ihnen nur kurz sagen, daß ich äußerst zufrieden mit Ihnen bin. Der Herr Gauleiter hat sich sehr anerkennend geäußert über die Rede und meine Pläne. Der Herr Gauleiter hat auch den Wunsch ausgedrückt, Sie bei der nächsten Gelegenheit persönlich kennenzulernen." Fabian verneigte sich. ,, Er hat mir befohlen, Ihnen das zu sagen!" fuhr Taubenhaus fort. ,, Ich habe mich nun entschlossen, für alle Pläne, die die Stadt betreffen, eine besondere Zentrale einzurichten, in der alte und neue Ideen gesammelt und bearbeitet werden. Übrigens hat der Herr Gauleiter besonders meine Absicht begrüßt, das Pflaster der Stadt von Grund auf zu verbessern!" Taubenhaus lächelte. ,, Das jetzige Pflaster, sagte er, erlaube es den Autos kaum vorwärtszukommen, es sei nur für Kühe geschaffen, die Klauen haben statt Hufe." Hier lächelte auch Fabian. Taubenhaus befürchtete wohl, schon etwas zu vertraulich geworden zu sein und verfiel wieder in seinen trockenen, dienstlichen Ton. ,, Für die oben erwähnte Zentrale des Aufbaus, wie ich sie nennen will", sagte er ,,, brauche ich einen Mann, der Fleiß mit Erfindungsgabe verbindet, die ja nie schaden kann, nicht wahr? Das ist muß er solcher werden schweb fort: دوو Herr D Fabia Taub an, daf des', Bü er. ,, Ic aufgem ist alles Für de die alle arbeite fügung Tagen samme Fab hallen folg! das fü nicht. Am bau" Mi Welt voller er ni schrie du, m U V den 124 en war, cken?" e neue ten sich an spät men, als ihn zu er seine en. en. Das te sogar d etwas penhaus, zufrienerkenrr Gauächsten benhaus die die der alte gens hat ßt, das benhaus Autos offen, die ulich gedienst, wie ich Fleiß mit at wahr? Das ist die Grundbedingung. Auch einige juristische Kenntnisse muß er besitzen und gewisse diplomatische Fähigkeiten. Nun, ein solcher Mann ist nicht leicht zu finden, wie Sie mir zugeben werden, aber ich glaube ihn doch gefunden zu haben." Wieder schwebte eine Spur von Lächeln auf seinen Lippen, und er fuhr fort: ,, Als Leiter für das Büro Aufbau' habe ich Sie bestimmt, Herr Doktor Fabian!" Fabian murmelte seinen Dank und verbeugte sich. Taubenhaus griff nach einem Aktenstück und deutete damit an, daß die Unterredung beendet sei. ,, Sie werden die Leitung des', Büros Aufbau' vom heutigen Tage an übernehmen", schloß er. ,, Ich wünsche, daß das Büro ganz besonders repräsentativ aufgemacht wird, vor allem die Empfangsräume. Repräsentation ist alles im Leben! Es wird Ihre Aufgabe sein, dafür zu sorgen! Für den Anfang werden Ihnen sechs bis zehn Räume genügen, die allerdings in der besten Gegend der Stadt liegen müssen. Mitarbeiter und Hilfskräfte stehen Ihnen nach Bedarf zur Verfügung, ebenfalls ein Dienstauto, nötigenfalls zwei. In acht Tagen bitte ich mir Bericht zu erstatten. Ich hoffe auf Zugute sammenarbeit!" Fabian dankte und ging. Wie benommen schritt er durch die hallenden Korridore. Es war ein Erfolg, es war ein großer Erfolg! Er stand am Anfang einer verheißungsvollen Laufbahn, das fühlte er in seinem Innern. Zu denken vermochte er noch nicht. Am nächsten Tag standen Einzelheiten über das Büro Aufbau" in der Zeitung, Fabian wurde als dessen Leiter genannt. دو Mißgünstige und Neidische gab es natürlich überall in der Welt. So fand Fabian in den nächsten Tagen einen geheimnisvollen Brief auf seinem Schreibtisch, dessen Sinn und Ursprung er nicht enträtseln konnte. Der mit der Schreibmaschine geschriebene Brief war eigentlich nur eine Zeile und lautete: ,, Auch du, mein Sohn Brutus?" Unterschrieben war er: ,, Der unbekannte Soldat." Völlig unverständlich! Fabian warf den rätselhaften Brief in den Papierkorb. 125 V Noch am gleichen Tage ging Fabian an die Arbeit. Es handelte sich zunächst darum, ein repräsentatives Haus zu finden, das Taubenhaus zusagte. In acht Tagen bitte ich um Ihren Bericht! In seinem Büro war er kaum noch zu sehen und dann nur auf Minuten. Fräulein Zimmermann hatte eine schlimme Zeit. ,, Ich wünsche Doktor Fabian zu sprechen." ,, Doktor Fabian ist zur Zeit nicht im Hause." ,, Notieren Sie bitte, daß Frau Beate Lerche- Schellhammer anrief." ,, Sehr wohl." Frau Beate klingelte jeden Tag an, aber Fabian war nie im Büro. Er nahm die Meldung jeden Tag entgegen, aber aus irgendeinem Grunde kam er nie dazu, anzurufen. Endlich verlor Frau Beate die Geduld. ,, Nicht im Hause? Sagen Sie bitte Doktor Fabian, daß ich einen anderen Anwalt nehmen werde, wenn er sich nicht meldet. Es gibt ja noch mehr Anwälte in der Stadt. Bestellen Sie ihm auch, daß ich in kurzer Zeit ins Ausland reisen werde. Wenn er mich also noch sehen will, wird es höchste Zeit!" ,, Sehr wohl." Alles stand schwarz auf weiß auf einem Notizzettel auf seinem Schreibtisch. ,, Vergessen, vergessen, Fräulein Zimmermann. Rufen Sie sofort an. Ich stehe morgen nachmittag um fünf Uhr zur Verfügung." Nun ging es plötzlich, obschon er eigentlich keine Zeit hatte. Das Wort Ausland hatte ihm einen wahren Schrecken eingejagt. Er eilte rasch durch den Hofgarten, in seinen Mantel gehüllt. Das Wetter war herbstlich geworden. Die Lindenalleen standen gelb und braun, zuweilen hörte er seinen Schritt nicht, so dick war der Teppich des welken Laubes auf dem Wege. Das grüne Gewölbe der Wipfel war durchlöchert und sah zum Teil zusammengestürzt aus. Es war Spätherbst geworden, ohne daß er es merkte. Im Drange der Geschäfte hatte er sogar Christa in den letzten Tagen völlig vergessen. Erst als das Schellhammersche Haus in Sicht kam, versuchte er seine Gedanken zu sammeln. 126 Die zur Zeit beibring lehnend gen ein eine A raschte. schlug ergänze Ansprü „ Seie Keine geblase können Million von ih sind ja Ich wi damit Weiber An handlu suchen Er OH begrüß Wang würfe Fab Be lungen raten, nehm دوو lunge habe Sie andelte en, das jericht! ur auf (2 jammer Die Verhandlungen mit den Brüdern Schellhammer waren zur Zeit ins Stocken geraten, das mußte er Frau Beate schonend beibringen. Die beiden Brüder nahmen plötzlich eine kühle, ab- lehnende Haltung an. Geduld bildete in derartigen Verhandlun- gen einen starken taktischen Faktor. Zuerst hatten die Brüder eine Abfindungssumme genannt, deren Höhe Fabian über- raschte. Sie wollten kein langes Feilschen, sagten sie. Daraufhin schlug er Frau Beate vor, die Abfindung durch eine Rente zu ergänzen. Sie fand die Lösung vorzüglich, steigerte aber ihre Ansprüche von Tag zu Tag. „Seien Sie nur nicht zimperlich, mein Freund“, sagte sie. „Keine Gnade mit diesen beiden Spitzbuben, damit sie ihren auf- geblasenen Weibern noch mehr Pelze und Kolliers umhängen können! Nicht einen Heller will ich ihnen schenken. Wenn Millionäre einen Taler bieten, so muß man eine Tonne Gold von ihnen verlangen. Fordern Sie getrost eine Tonne Gold, Sie sind ja nur mein Anwalt und brauchen sich nicht zu schämen. Ich will dann gerne ein Waisenhaus mit hundert Betten stiften, damit sie sehen, daß ich nicht so habgierig bin wie sie und ihre Weiber.“ An den hohen Rentenansprüchen Frau Beates waren die Ver- handlungen vorläufig gescheitert. Ich muß einen neuen Weg suchen, um sie wieder in Fluß zu bringen, dachte er. Er klingelte. „Oh, wie lange ich Sie nicht sah!“ rief Christa aus, als sie ihn begrüßte, und wieder flog eine zarte Röte blitzschnell über ihre Wangen. Frau Beate dagegen empfing ihn mit heftigen Vor- würfen. Fabian versuchte sich lachend zu rechtfertigen. „Bei mir ist zur Zeit die Hölle los!“ lachte er. Die Verhand- lungen mit den Brüdern seien zur Zeit leider ins Stocken ge- raten, aber sie ließen sich, wie er hoffe, jederzeit wieder auf- nehmen. „Nein!“ fiel ihm Frau Beate barsch ins Wort.„Die Verhand- lungen sind zu Ende! Es gibt keine Verhandlungen mehr. Ich habe genug, mehr als genug. Treten Sie bitte ein!“ Sie schloß die Türe und bat ihn Platz zu nehmen. ,, Es wird nötig sein, den Vertrag sobald wie möglich abzuschließen, mein verehrter Freund!" rief sie aus. Sehr sachlich und klar, wie ein Mensch, der alles hundertfach reiflich überlegt hat, fügte sie dann hinzu: ,, Gehen Sie auf die Summe der totalen Abfindung zurück, die meine Brüder zuletzt vorschlugen. Versuchen Sie unter Umständen an Stelle der Rente eine erhöhte Pauschalabfindung zu erzielen. Sie verstehen mich? Im übrigen, wenn die Erhöhung nicht gelingen sollte, autorisiere ich Sie, die letztgenannte Summe der Totalabfindung ohne weitere Worte zu akzeptieren. Das ist alles." Sie atmete auf, da sie zu rasch gesprochen hatte. ,, Ich will keine Rente mehr", fuhr sie nach einer Pause fort ,,, da ich nichts mehr mit den Werken zu tun haben will! Erklären Sie das meinen Brüderchen ganz offen. Ich weiß jetzt auch, warum sie mich unbedingt ausbooten wollten, die beiden Spitzbuben! Doch nun sollen Sie meine Gründe hören. Schließe bitte die Terrassentüre, Christa, es wird kalt. Bringe mir den Schaukelstuhl mit, darauf liegen meine Zigarren." Christa schloß die Türe, die in den Garten führte, gelbe und braune feuchte Blätter lagen auf der Terrasse. Nun wurde es plötzlich auffallend dunkel im Zimmer. Frau Beate nahm im Schaukelstuhl Platz, der alt und abgenutzt aussah und gewiß von ihrer Mutter stammte. Sie zündete sich eine Zigarre an und fing an, sich leicht im Stuhl zu schaukeln. ,, Nun aber sollen Sie meine Gründe hören, lieber Freund, ich will in aller Ruhe berichten", begann sie. war gan erstarrte „ Es w vom Sch karaffe ,, Du solist dich nicht wieder erregen, Mama", bat Christa. Frau Beate schüttelte den Kopf und rauchte in aller Ruhe. ,, Keineswegs, keineswegs", sagte sie. ,, Ich habe es schon überwunden." Da war sie also zu den Werken gefahren, um den großen Reisewagen nachsehen zu lassen. Der Ingenieur, dem sie für gewöhnlich den Wagen anvertraute, war dringend beschäftigt, und man wies sie nach der Halle VI. In der Halle VI waren viele Leute, Ingenieure und Techniker, auch einige auswärtige Offiziere waren dabei. Alle waren um einen Wagen versammelt und debattierten eifrig. Was aber für ein Wagen war das, lieber Freund? Sie traute ihren Augen kaum, dieser Wagen 128 Schlie Frau Be zu verb ihr den sicht. N zweihu „ Ihr " We es Krie Frau aus. Al lügt eu für Of Der Frau fiel au stand wollte Chr Frau B loren, schlach nau, w und e Sie Sessel พบ als C wie m Brüd mögl Rom 9 To h abzu- sachlich überlegt totalen n. Ver- erhöhte übrigen, Sie, die Torte zu sch ge- ch einer n haben ch weiß ten, die » hören. ‚ Bringe war ganz niedrig und hatte keine Räder, er lief auf Ketten! Sie erstarrte! Es war ein Tank! „Es war ein Tank!“ rief Frau Beate erregt aus und erhob sich vom Schaukelstuhl. Sie entnahm einem Schränkchen die Kristall- karaffe und goß sich einen doppelten Kognak ein. Schließlich gelang es ihr, ihren Ingenieur heranzurufen, fuhr Frau Beate fort, während sie auf und ab ging und ihre Erregung zu verbergen suchte.„Ist das ein Tank?“ fragte sie ihn.„Wollt ihr denn Krieg führen?“ Der einfältige Narr lachte ihr ins Ge- sicht. Nein, das wäre ihre neueste Heereslieferung. Sie hätten zweihundert solcher Tanks in Auftrag bekommen. „Ihr wollt also doch Krieg führen?“ wiederholte Frau Beate. „Wenn ein Heer rüstet, so bedeutet das noch lange nicht, daß es Krieg führen will“, antwortete der Dummkopf. Frau Beate lachte.„Glauben Sie? Oh, ich kenne mich besser aus. All diese Dinge kenne ich noch vom Weltkrieg her. Man lügt euch die Ohren voll und ihr Dummköpfe glaubt es. Was für Offiziere sind denn das?“ Der Ingenieur gab keine Antwort mehr. Frau Beate blieb stehen. Die lange weiße Asche ihrer Zigarre fiel auf den Boden. Ja, nun wußte sie genug. Augenblicklich stand bei ihr fest, daß sie keine Rente von einem Werk beziehen wollte, das Kriegsmaschinen baute. Schluß damit! Schluß! Christa verließ das Zimmer, um für den Tee zu sorgen, und Frau Beate fügte hinzu, sie habe ihren Mann im Weltkrieg ver- loren, den Major Lerche-Schellhammer, er war in einer Tank- schlacht bei Soissons schwer verwundet worden. Sie wußte ge- nau, was ein Tank ist! Erregt schlürfte sie noch einen Kognak und einen zweiten. Sie zündete sich eine neue Zigarre an und nahm in einem Sessel Platz. „Und nun bitte ich Sie um eines“, wandte sie sich an Fabian, als Christa wieder eintrat,„versuchen Sie, den Vertrag so rasch wie möglich unter Dach und Fach zu bringen. Grüßen Sie meine Brüder, ich bäte um Eile. Wir hätten die Absicht, sobald wie möglich nach Italien zu reisen, um den Winter in Florenz und Rom zu verbringen.“ 9 Totentanz 129 Fabian fuhr ein Stich durchs Herz. ,, Sobald also wollen die Damen die Stadt schon verlassen?" fragte er. " Ja", antwortete Christa an Stelle der Mutter, mit einem Lächeln, das nicht sehr freudig aussah. ,, Sobald wie möglich!" rief Frau Beate aus. Ob die Reise im Auto für die Damen in dieser Jahreszeit nicht zu beschwerlich sei? ,, Beschwerlich?" Frau Beate lachte. ,, Vielleicht könnten wir den Wagen auch vorausschicken, Mama?" ,, Nein! Ich fahre von der Haustüre ab und werde so lange fahren, bis wir im Schnee steckenbleiben. Du wirst sehen, wie rasch wir in Florenz sind, mein Kind." Da trat das Mädchen mit dem Tee ein. „ Ich d ist mir a so rasch Die er ausgelöst söhnung verloren getreten neue Gr nicht me Knaben gessen a sie ihm bettete das Fuß Nacht Zimmer schimpf Her VI Wieder fuhr Fabian Tag für Tag im Auto mit Maklern durch die Stadt, um geeignete Räume für sein ,, Büro Aufbau" zu finden. Die Verhandlungen mit den Brüdern Schellhammer nahm er nur lässig auf. Schließlich konnte man es ihm nicht verdenken, die Abreise der Damen Lerche- Schellhammer etwas zu verzögern. Schon jetzt graute ihm vor dem Winter, da er Christa entbehren sollte. Eines Abends, als er mutterseelenallein im ,, Stern" saß, trat Justizrat Schwabach mit einigen Bekannten in die Weinstube. Justizrat Schwabach kam später an seinen Tisch. , Glänzende Nachrichten!" sagte Schwabach.„ Der Anwalt Ihrer Frau war heute vormittag bei mir. Clotilde will sich wieder versöhnen, freuen Sie sich!" دو ,, Clotilde will sich wieder versöhnen?" Fabians Frage klang ungläubig. der ihm Am lehnte ,, Ja, so habe ich wenigstens die lange Rede des Kollegen gedeutet. Aber Sie scheinen ja gar nicht erfreut zu sein?" Fabian schüttelte den Kopf, während er lächelte. nung im Scho spüren. Frau sp bekam Gesells sie auch zimme ich für Da wärts Jetzt Clot sie eine g+ 130 ollen die it einem Jahreszeit schicken, so lange ehen, wie ern durch " zu finner nahm erdenken, Szu verer Christa saß, trat Weinstube. r Anwalt Ich wieder age klang llegen ge,, Ich danke Ihnen herzlich, Herr Justizrat", erwiderte er. ,, Es ist mir aber unmöglich, mich zu der überraschenden Wendung so rasch zu äußern. Ich komme morgen früh in Ihr Büro." Die erste Empfindung, die die Nachricht Schwabachs in ihm ausgelöst hatte, war Triumph gewesen. Clotilde will die Aussöhnung! Schön, aber nun wollte er nicht mehr. Clotilde hatte verloren! Eine andere Frau, eine wertvollere, war in sein Leben getreten, und er hatte beschlossen, sein Leben auf eine ganz neue Grundlage zu stellen. Lebe wohl, Clotilde. Er liebte sie nicht mehr, er haßte sie jetzt. Daß sie ihm zwei begabte gesunde Knaben geschenkt hatte, sollte ihr nie vergessen sein, unvergessen aber waren für alle Zeiten jene beiden Beleidigungen, die sie ihm zufügte: Einmal hatten sie sich gezankt, und Clotilde ,, bettete sich um". Sie nahm ihr Kopfkissen und bettete es an das Fußende des Bettes. Das andere Mal verließ sie mitten in der Nacht mit ihrem Bett den Schlafraum und zog in ein anderes Zimmer. Solche Beleidigungen vergißt ein Mann nie! Die Beschimpfung fraß noch heute in seiner Seele. ,, Herr Justizrat!" rief er und hob sein Glas gegen Schwabach, der ihm vom Nachbartisch aus zutrank. Am nächsten Vormittag begab er sich zu Schwabach und lehnte den Versöhnungsversuch rundweg ab, gegen eine Trennung im Guten dagegen habe er nichts einzuwenden. Schon am Tage darauf bekam er die Folgen der Ablehnung zu spüren. Clotilde erschien nicht mehr bei Tisch. ,, Die gnädige Frau speist in ihrem Boudoir", bestellte Martha verlegen. Clotilde bekam jetzt häufig Damenbesuch. Es waren Damen der besten Gesellschaft, die schon im Korridor politisierten. Zuweilen waren sie auch von Clotilde zum Mittagessen eingeladen. ,, Das Speisezimmer benötigt heute die gnädige Frau", bestellte Martha. ,, Soll ich für den Herrn Doktor im Arbeitszimmer decken?" ,, Danke, nein", erwiderte Fabian ,,, ich werde in Zukunft auswärts essen." Clotilde ist verletzt, dachte er voller Genugtuung. Jetzt weiß sie, daß sie das Spiel verloren hat. Clotilde ließ Fabian über Anwalt Schwabach wissen, daß auch sie eine gütliche Trennung einem Prozeß vorziehe, vor allem, da 9* 131 sie Fabian in seiner Laufbahn als Beamter nicht schädigen wolle. Sie mache aber ihre Geneigtheit von zwei Bedingungen abhängig. Die erste Bedingung sei, daß die beiden Jungen ihr völlig überlassen würden, die zweite, daß die jetzige Wohnung in ihren Besitz übergehe. Clotilde wußte, wo er verwundbar war und schlug ohne Erbarmen zu. Fabian liebte seine beiden Jungen zärtlich. Robby war heute zehn Jahre alt und Harry zwölf. Er hatte sich tausendmal geschworen, daß er es ,, als Vater und Christ" nicht verantworten könne, sie der geistigen Atmosphäre der Mutter auszuliefern. Noch kürzlich wollte er wenigstens darauf bestehen, daß man die beiden Jungen noch drei bis vier Jahre im Institut ließ, bis sie etwas reifer wären. Sein Herz blutete, seine beiden Jungen, aus denen er weiß Gott was machen wollte, aufzugeben, aber er beugte sich. Er tat es für Christa. Dem etwas erstaunten Schwabach erklärte er, daß er es stets für eine Herzlosigkeit gehalten habe, einer Mutter die Kinder vorzuenthalten. Eine derartige Härte widerstrebe seinem innersten Wesen. Zudem habe er sich zur Ansicht durchgerungen, daß es einem Mann leichter falle, sich ein neues Leben aufzubauen als einer Frau. Die zweite Bedingung war leichter zu erfüllen. Seitdem er sich klar darüber geworden war, daß er Christa in Wahrheit liebte und er ihr, wie es ihm schien, nicht gleichgültig war, strebte er danach, klare und eindeutige Verhältnisse in seinem Leben zu schaffen. Seit dieser Zeit hatte er die Absicht, sich von Clotilde auch räumlich zu trennen. Daß sie beide in Scheidung lagen, wußte die ganze Stadt und gewiß auch Christa. Mittag. senden, Schon seit Tagen hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Er stand mit dem Besitzer des ,, Stern", Roßmeier, für den er einige Rechtshändel geführt hatte, sehr gut, und der Hotelier stellte ihm zu mäßigem Preise zwei geeignete Räume zur Verfügung, die er mietete. Wo " " Ja" Tagen längst Chri blitzsch „ Ich Am Tage, bevor die Damen Lerche- Schellhammer ihre Autoreise nach Florenz und Rom antraten, speiste er mit ihnen zu 132 ihm di Sie s zu erw jede H Clo der W Fabian Büche men d Am bald n einger die g redete Seir und F hunde peinig Ehrge in de durch An mers. behas Dann lang essen weih n wolle. gen ablig überin ihren ohne Erar heute dmal gentworten zuliefern. man die B, bis sie ngen, aus aber er Schwagehalten derartige be er sich ter falle, er Christa ht gleicherhältnisse r die Ab3 sie beide wiß auch roffen. Er einige n er lier stellte Verfügung, ihre Autoihnen zu Mittag. Als Christa ihm versprach, zuweilen einen Gruß zu senden, bat er sie, die Post an den ,, Stern" zu richten. " Wohnen Sie denn jetzt im, Stern'?" fragte sie erstaunt. " Ja", antwortete er voller Genugtuung ,,, ich werde in wenigen Tagen im, Stern' wohnen. Bis Ihr erster Gruß eintrifft, bin ich längst eingezogen." Christa errötete, und ihr tastender Blick sagte ihm, daß sie blitzschnell die Zusammenhänge erkannt hatte. ,, Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück", sagte sie, indem sie ihm die Hand hinstreckte. Sie sind es, die mein Glück in der Hand hält, war er versucht zu erwidern, aber er antwortete unklar: ,, Danke herzlich. Ohne jede Hoffnung glaube ich ja nicht zu sein." Clotilde war sehr erstaunt, eines Tages zehn neue Kisten in der Wohnung vorzufinden. Fünf standen in der Diele, fünf in Fabians Arbeitszimmer. Sie hatten vereinbart, daß er seine Bücher, seinen Schreibtisch und einige Habseligkeiten mitnehmen dürfe. Am nächsten Tag zog er um. Die beiden Hotelzimmer waren bald mit den ,, Wrackstücken aus seiner Ehe" ziemlich behaglich eingerichtet, und obschon er an bürgerliche Behaglichkeit und die großen Räume eines gutsituierten Mannes gewöhnt war, redete er sich ein, sich zu Hause zu fühlen. Sein neues Leben hatte begonnen! Der Strom seiner Gedanken und Empfindungen floẞ ruhig dahin, nicht mehr gestört durch hundert Nichtigkeiten des Alltags, die ihn wie Mückenschwärme peinigten, und befreit vom anmaßenden Wesen Clotildes, deren Ehrgeiz in letzter Zeit dahin gegangen war, ihren Willen auch in den unscheinbarsten und gänzlich unwesentlichen Dingen durchzusetzen. An den ersten Abenden genoß er die Stille seines Hotelzimmers. Er setzte sich mit der Zigarre in einen Sessel und streckte behaglich die Beine aus, das war seine ganze Beschäftigung. Dann vertiefte er sich in seine Bücher, und als ihm auch das zu langweilig wurde, lud er seinen Bruder Wolfgang zum Abendessen ein, um ihn in das Geheimnis seines neuen Domizils einzuweihen. 133 Sie speisten ausgezeichnet, und als der Kellner eine neue Flasche Chablis brachte, fragte Wolfgang: ,, Sage einmal, feierst du ein Fest?" " Ja", antwortete Fabian lachend. ,, Du weißt noch nicht, daß ich seit vierzehn Tagen im, Stern' wohne? Ich habe mich jetzt endgültig von Clotilde getrennt." Wolfgang kostete den Chablis auf der Zunge und nickte. Nach einer Weile sagte er: ,, Das ist allerdings ein Grund, ein Fest zu feiern! Du hast das große Talent, begangene Fehler immer wieder gutzumachen. Das ist geradezu auffallend! Den Priester hast du in letzter Stunde vermieden, die Ehe mit Clotilde, von der dir deine Freunde abrieten, löst du wieder auf. Da kann man ja hoffen, daß du deine letzte Liebhaberei, die politische, ebenso eines Tages aufgeben wirst." ,, Meine politische Liebhaberei?" fragte Fabian. ,, Ich sehe nicht mehr darin, sei mir nicht böse. Aber sprechen wir von der armen Clotilde. Du kennst meine Meinung über sie. Sie ist ein Jagdhund, den man auf die Jagd tragen muß. Es fehlt ihr meines Erachtens ein Sinn." ,, Ein Sinn?" Fabian lächelte. ,, Ja, sie hat zu wenig Gemüt." Vielleicht hatte Wolfgang recht, dachte Fabian, wenn man auch Gemüt gewöhnlich nicht als Sinn bezeichnete. Die beiden Beschimpfungen fielen ihm ein, die er nicht vergessen konnte. Fabian war von einem neuen Lebenswillen erfüllt. Keine Saumseligkeit, keine Faulheit mehr! Sein neues Leben hatte begonnen, und das alte war abgetan. Vorwärts! Mit großem Eifer stürzte er sich in seine Geschäfte. Er hatte das Erdgeschoß einer Villa in der Goethestraße bezogen, die sich prächtig für sein Büro Aufbau" eignete. Sie lag wenige Minuten vom Rathaus entfernt in einer mit jungen Kastanien bestandenen Straße. Wochenlang hatte er mit dem Umbau zu tun, einige Wochen mit der Einrichtung, bald aber war er fertig, und dann konnte er mit der Arbeit beginnen. Soba überzu Pläne, das A Täglich stand sein Dienstauto Punkt neun Uhr vor dem ,, Stern" und man sah ihn zu jeder Stunde des Tages eilig durch die Stadt fahren. 134 die bu sessel. Marqu ,, Di Verkä Mann peten Oh, wähle zu mu nicht legen edlen Und bezau Es Frau" Clo vorne De über blond Als hatte komm wiede heute Hi den SO e brau ne neue , feierst cht, daß ich jetzt te. Nach Fest zu mer wiester hast von der mman ja , ebenso sprechen über sie. Es fehlt enn man Die beiden konnte. It. Keine hatte beEr hatte , die sich enige Mitanien beau zu tun, Fertig, und vor dem eilig durch VII Sobald Fabian die Wohnung geräumt hatte, um in den ,, Stern" überzusiedeln, begann Clotilde mit der Verwirklichung ihrer Pläne, die sie schon lange mit sich herumtrug. Martha mußte das Arbeitszimmer ausfegen, das ganz jämmerlich aussah, ohne die bunte Bibliothek, ohne den Schreibtisch und den Arbeitssessel. Am gleichen Tage noch ging sie ins Tapetenhaus von Marquard und ließ sich Tapeten vorlegen. ,, Die Preislage spielt keine Rolle", sagte sie zu dem jungen Verkäufer ,,, aber Sie dürfen nicht den Mut verlieren, junger Mann, ich bin sehr schwer zufriedenzustellen und brauche Tapeten für eine Achtzimmerwohnung." Oh, endlich, endlich, konnte sie nach eigenem Geschmack wählen, ohne die Einwände eines pedantischen Gatten anhören zu müssen, der jeden Pfennig umdrehte und, nebenbei bemerkt, nicht den leisesten Schimmer von Geschmack hatte.„, Halt, legen Sie diese Tapete zur Seite, junger Mann, die mit dem edlen Silbergrau, ich werde sie für die Diele verwenden können. Und jene türkisfarbene mit dem altgoldenen Streifen, sie ist ja bezaubernd!" ,, Es ist eines der vornehmsten Muster, die wir führen, gnädige Frau", wagte der Verkäufer zu bemerken. Clotilde lachte belustigt. ,, Sie werden sehen, daß ich nur Ihre vornehmsten Muster wählen werde, junger Mann." Der Verkäufer breitete eine Rolle nach der anderen geduldig über die Stange, entzückt von den himmelblauen Augen der blonden Dame, bei der das Geld keine Rolle spielte. Als Clotilde ihre Tapeten nach einigen Stunden ausgewählt hatte, sagte sie:„ Legen Sie bitte die Tapeten zur Seite, ich komme morgen mit einer Freundin, der Baronin von Thünen, wieder, um die endgültige Wahl zu treffen. Meine Augen sind heute übermüdet." Hierauf begab sie sich zum Möbelgeschäft von Stoll, wo sie den Geschäftsinhaber persönlich zu sprechen wünschte. Er hatte so einen bequemen niedrigen Sessel in der Auslage, aber sie brauchte davon sechs, und zwar möglichst rasch. Herr Stoll er135 bot sich, noch heute an die Fabrik zu telefonieren, um anzufragen, wann die Sessel lieferbar seien. Auch so einen niedrigen Tisch könne sie brauchen, nur doppelt so groß. Herr Stoll versprach, den Tisch zu besorgen. Dann besuchte Clotilde das Geschäft von Kemnitzer, um Gardinen einzukaufen. Damit war es Abend geworden. Ja, bei Gott, was man alles brauchte! Eine Reihe von Tagen war sie unterwegs. Ein Teeservice für zwanzig Personen und Likörgläser, denn die Herren kamen ja nicht wieder, wenn man ihnen nicht wenigstens einen Likör vorsetzte. Natürlich müßte sie auch einen Vorrat von Likören und Schnäpsen im Hause haben, damit sie nicht immerzu rennen mußte. Sie kaufte gleich eine ganze Kiste voll. Baronin Thünen begleitete sie häufig. ,, Ich habe meinen Mann im, Stern' einquartiert, solange die Wohnung renoviert wird", sagte Clotilde. ,, Dann werden Sie wohl auch Ihre beiden Jungen bald kommen lassen, meine Liebe?" ,, Ja, Sie erraten meine Gedanken, dann werde ich sie kommen lassen. Leider wird es noch ein Weilchen dauern, denn vorläufig habe ich ja einige Zeit mit der Wohnung zu tun." Um einen genügend großen Teppich zu finden, waren die beiden Damen eine volle Woche unterwegs. Sie gaben sogar eine Annonce in der Zeitung auf. Endlich wurde ihnen ein großer Teppich angeboten, der Clotildes neuen Salon völlig bedeckte. Er gehörte einer Generalin, die ihn abstoßen wollte und der Baronin bekannt war. Auf dem Wege zu ihr kamen sie am Geschäft des Juweliers Nicolai vorbei, vor dessen Auslagefenster sich eine Menge Menschen drängte, besonders junge Mädchen. Irgend etwas Besonderes mußte zu sehen sein! Mitten im Fenster lag ein schwarzes Samtkissen, worauf, ganz wie ein Orden, ein Hakenkreuz aus Brillanten geheftet war. Ein Kärtchen lag vor dem Kissen: Eigentum von Frau Cäcilie Sch. ,, Cäcilie Sch.? Wer mag die Glückliche sein?" fragte die Baronin, von Staunen und Ehrfurcht überwältigt. ,, Cäcilie Schellhammer? Es gibt ja wohl nur eine Dame in der 136 Stadt lange Die dem liche! ich h De sechs Fabia ausge En gerad Strei diner die muf C Salo endl " bega schl D Sie „ Ein " D Wie I Wie sagt gen ihr che VO n anzu- iedrigen toll ver- um Gar- n Tagen nen und enn man h müßte n Hause te gleich c lange die ld kom- kommen enn vol “ yaren die Stadt, der es gehören kann“, antwortete Clotilde, ohne sich lange zu besinnen. Die Baronin vermochte ihre Blicke kaum loszureißen von dem blitzenden Schmuckstück.„Die Beneidenswerte, die Glück- liche!“ rief sie wiederholt aus.„Doch eilen wir, meine Freundin, ich habe der Generalin versprochen, daß wir pünktlich sind.“ Der Teppich war herrlich und hatte die nötige Größe. Daß er sechstausend Mark kosten sollte, kümmerte Clotilde nicht, Fabian mußte ja bezahlen, solange die Scheidung noch nicht ausgesprochen war. Endlich war Clotildes neuer Salon fertig. Er sah in der Tat geradezu fürstlich aus. Die Wände waren türkisblau mit goldenen Streifen, türkisblaue Quasten rafften die elfenbeinfarbenen Gar- dinen, dazu kam der prunkvolle Teppich der Generalin und die gedämpfte neuartige Deckenbeleuchtung. Wahrhaftig, man mußte Clotilde seltenen-Geschmack zusprechen. lud die Baronin eigens zum Tee ein, um ihr ihren Salon vorzuführen. Dabei hielt sie es an der Zeit, der Freundin endlich ihr lang'gehütetes Geheimnis anzuvertrauen. „Um Deutschland und seinem genialen Führer zu dienen“, begann sie mit erregt zitternder Stimme,„habe ich mich ent- schlossen, einen politischen Salon zu gründen!“ Die Baronin stieß einen Schrei aus.„Einen politischen Salon!“ Sie umarmte Clotilde.„Herrlich, meine Liebe!“ rief sie aus. „Ein genialer, ein berauschender Gedanke! Einfach genial!“ „Einfach genial!“ wiederholte sie mehrmals. Die beiden Damen brauchten eine geraume Zeit, bis sie sich wieder beruhigen konnten. Die Baronin war die erste, die ihre Fassung zurückfand.„Und wie erstaunt wird unser Doktor sein, wenn er das alles sieht!“ sagte sie.„Wie prächtig hat das mein kleines Frauchen wieder gemacht, wird er sagen!“ Clotilde aber hatte noch eine andere Überraschung. Das war ihre Bar. Sie öffnete ein Schränkchen, und siehe da, das Schränk- chen stand voller Liköre, Liköre aller Sorten und Dutzenden von Likörgläsern. „Herrlich, herrlich!“ rief die Baronin hingerissen aus.„Sie 137 haben den Geist dieser großen Zeit erfaßt. Diese Zeit will Großes schaffen, aber den Menschen auch Lebensfreude geben." Sie beglückwünschte Clotilde. ,, Ich prophezeie wohl nicht zuviel, wenn ich voraussage, daß Ihr politischer Salon bald Berühmtheit in der Stadt erlangen wird." Clotilde kredenzte einen Benediktiner. leiter, meier gen A Die h und a beider roten noch dann Offizi VIII Im ,, Stern" wurde gescheuert und gefegt, sogar die Spucknäpfe in den Ecken der Korridore wurden mit neuem Sand gefüllt. Mittags trugen Hausdiener und Pikkolos die Kübel mit den Lorbeerbäumen vor den Eingang des Hotels, und die Glatze Roẞmeiers, des Besitzers vom ,, Stern", erschien plötzlich mitten auf dem Fahrdamm, so daß er von Fabian gesehen werden konnte, der im zweiten Stock auf seinen Balkon getreten war. Roßmeier dirigierte mit herrischen Bewegungen seines dicken Zeigefingers Hausdiener und Pikkolos, bis die Lorbeerbäume an der richtigen Stelle standen. Zuletzt wurde noch ein roter Kokosläufer gelegt, wie bei einer Galahochzeit, dann trat Roẞmeier auf den gegenüberliegenden Bürgersteig, um nochmals alles zu überprüfen und fegte mit einer kleinen herrischen Bewegung des Zeigefingers Hausdiener und Pikkolos ins Hotel zurück. Ja, nun konnte selbst der Kaiser kommen. Einige Stunden später flogen vier stattliche, völlig gleiche silbergraue Autos vor das Hotel und hielten mit einem plötzlichen Ruck an. An der Farbe und dem Tempo erkannte man, wem sie gehörten. Augenblicklich erschien wieder die höckrige Glatze Roẞmeiers zwischen den Lorbeerbäumen, um sich feierlich vor dem zweiten Auto zu verneigen. Roẞmeier hatte früher ein Hotel in Nizza betrieben und viele Fürsten, Millionäre und Berühmtheiten empfangen, er wußte, wie man sich zu benehmen hat. Der Gauleiter Hans Rumpf und sein langer Adjutant Vogelsberger in schwarzer Uniform entstiegen diesem Auto. Der Gau138 Ein leiter imme mal s Ku den klapp ganze reser Speis weiß hatte blitz Düft brate chef V Emp Gau F Tau dem sein und bis hau sehe Großes Sie be- zuviel, rühmt- Spuck- and ge- mit den | mitten werden en war. dicken jume aD n roter at Roß- ochmals hen Be- (otel zu leiter, strahlend vor guter Laune und Gesundheit, streckte Roß- meier leutselig die Hand hin und zeichnete ihn mit einer launi- gen Anrede aus, so daß man seine Goldplomben aufblitzen sah. Die höckrige Glatze Roßmeiers hüpfte einige Male auf und ab, und auch der Adjutant lachte herzlich. Dann verschwanden die beiden rasch ins Hotel, ohne die Lorbeerbäumchen und den roten Kokosläufer zu beachten. Die Glatze Roßmeiers machte noch vor den übrigen Autos eine achtungsvolle Reverenz, um dann zur Seite zu treten und einem Stab von Adjutanten und Offizieren den Vortritt zu lassen. Einige Tage später fragte Fabian den Hotelier, was der Gau- leiter gesagt hatte, und Roßmeier antwortete ihm:„Er macht immer die gleichen Scherze über meine Glatze, wissen Sie. Dies- mal sagte er: die Hörner sind noch immer nicht ganz heraus.“ Kurz vor der Dämmerung rollten Reihen rascher Autos vor den„Stern“, man hörte Bremsen kreischen und Wagentüren klappen, Stimmengewirr erfüllte das Treppenhaus, denn der ganze erste Stock des„Stern“ pflegte stets für den Gauleiter reserviert zu sein. Schon gestern hatten Gärtner begonnen, den Speisesaal zu dekorieren, die Tafel war mit förmlichen Beeten weißer Rosen geschmückt, die der Gauleiter liebte. Der„Stern“ hatte sein gesamtes Silber und den ganzen Kristallschatz an blitzenden Gläsern und Karaffen zur Schau gestellt. Wunderbare Düfte zogen durch das Treppenhaus, man roch Krebssuppe, ge- bratene Hühner und Fische, allerlei Herrlichkeiten, der Küchen- chef war seit Tagen fieberhaft tätig. Von acht Uhr an ertönte meisterhaftes Klavierspiel aus den Empfangsräumen, ein berühmter Pianist aus Berlin spielte. Der Gauleiter liebte die Musik leidenschaftlich. “ Fabian hatte Urlaub genommen und blieb im Hotel, denn Taubenhaus wollte ihn, wie er versprach, bei diesem Besuch dem Gauleiter vorstellen. Er hielt sich bereit und speiste auf seinem Zimmer. Zuweilen schnupperte er in den Korridor hinaus und zog die Düfte ein, die den ganzen„Stern“ vom Erdgeschoß bis zum Dach erfüllten. Manchmal trat er auch an das Stiegen- - haus heran, um hinabzuspähen. Viel konnte er allerdings nicht sehen, nur das leise Klingen von Weingläsern drang zu ihm her- 139 auf. Erhitzte Kellner, die Flaschen schleppten, hasteten rasch vorbei, und einmal sah er sogar die höckrige Glatze Roẞmeiers, die jetzt rot funkelte, als wäre sie von Glut angehaucht. Roßmeier prüfte das Etikett jeder Weinflasche, die vorbeigetragen wurde, es ging um seine Ehre. Und wie herrlich der Meister aus Berlin spielte, nur Mozart, nichts als Mozart,„ Figaro",„ Don Juan"! Die Musik berauschte ihn. Wünsche und ehrgeizige Träume erwachten in seinem Herzen. Nun, morgen vielleicht, wenn Taubenhaus nicht flunkerte? Nach elf Uhr, er wollte sich soeben zur Ruhe begeben und war halb ausgekleidet, hörte er einen eiligen Schritt die Treppe emporkommen und über den Korridor stürmen. Zu seinem Erschrecken pochte es an seiner Türe. Aufs äußerste verwundert sah er den langen Adjutanten in sein Zimmer treten und mit ihm drangen einzelne Töne Mozarts herein. Herr Doktor Fabian werde vom Gauleiter erwartet! Ein Schauer von Schrecken und Freude, ein wahrer Schauer wirrer Empfindungen durchrann Fabians Herz. Er erblaßte und spang auf. ,, Sofort", stammelte er. ,, Sie sehen, ich wollte mich soeben niederlegen." Vogelsberger lächelte über Fabians Verwirrung. ,, Es wird ja nur einige Minuten dauern, nicht wahr?" sagte er und zog die Türe hinter sich zu. Die Launen eines großen Herrn, dachte Fabian und stürzte sich in größter Hast in seine Uniform. Warum konnte er mir nicht einige Minuten früher bestellen lassen, daß er mich nach dem Diner sprechen will? In aller Eile versuchte er sich einige wahrscheinliche Fragen und schlagfertige Antworten darauf zurechtzulegen, aber gerade als er seine herrlichen zimtfarbenen Breeches im Spiegel bewunderte und zur Übung einige Male kräftig mit den Stiefeln klappte, hörte er denselben eiligen Schritt über die Treppe heraufkommen, und abermals stürmte der Adjutant in sein Zimmer, diesmal ohne anzuklopfen. ,, Kommen Sie, Herr!" rief Vogelsberger außer Atem. ,, Er sagte, ich soll Sie mitbringen, wie Sie sind!" Er half ihm in den Rock und zog ihn am Arm durch die Türe, die sperrangelweit offen blieb. 14° Ein pe aus de klatsch Schne geht e Fab schäft als ih sich u nicht. Zimm warer mit st in ein unter bitzte berge an. D Vora Fa er e zu Billa Que Er H erwi " laut Spie " gew n rasch Rmeiers, t. Roß- yetragen ister aus Treppe nem Er- wundert und mit r Fabian# Ein perlendes Finale, irgendein bestrickendes Mozartfinale, drang aus dem Treppenhaus herauf, gefolgt von begeistertem Beifalls- klatschen.„Sie können sich unterwegs in Ordnung bringen. Schnell, er ist wütend, daß ich Sie nicht sofort mitbrachte. So geht es immer bei uns.“ Fabian hatte, noch mit dem Zuknöpfen der Uniform be- schäftigt, kaum die Zeit, einen Blick in den Spiegel zu werfen, als ihn Vogelsberger durch einen Saal voller Gäste schob, die sich um den Pianisten im Frack drängten. Man beachtete sie nicht. Dann stieß Vogelsberger eine Türe auf, die in ein stilles Zimmer führte, wo einige Tische mit Kartenspielern besetzt waren. Im Vorbeigehen erkannte Fabian auch Taubenhaus, der mit steifem, fahlem Gesicht mitten unter Spielern saß, eingehüllt in eine Rauchwolke. Ein eleganter pechschwarzer Adjutant von untersetztem Wuchs, der neben einem Spieltisch saß und kie- bitzte, deutete auf eine Türe, und augenblicklich ließ Vogels- berger Fabians Arm los. Er eilte zur Türe und klopfte behutsam an. Dann klinkte er die Türe auf und winkte Fabian heran. „Doktor Fabian!“ rief er ins Zimmer und bedeutete Fabian voranzugehen. Fabian holte Atem und trat ein. Noch auf der Schwelle machte er eine tiefe Verbeugung. IX Fabian war höchst erstaunt, sich im Billardzimmer des„Stern“ zu befinden. Der Gauleiter stand in Hemdärmeln gegen das Billard gelehnt, eine Zigarre im Mundwinkel, und versah sein Queue mit der Sorgfalt eines erfahrenen Spielers mit Kreide. Er heftete seine dunkelblauen Augen regungslos auf Fabian und erwiderte seine Verbeugung mit einem kurzen Kopfnicken. „Direktor Sanftleben, der heute erkrankt ist“, begann er mit lauter Stimme,„hat mir erzählt, daß Sie ein ausgezeichneter Spieler sind. Deshalb ließ ich Sie bitten, herunterzukommen.“ „Es ist für mich eine hohe Ehre“, erwiderte Fabian, unsicher geworden unter dem Blick der blauen Augen, und klappte mit 141 den Absätzen. Sein Ehrgeiz war aufs tiefste verletzt. Er hatte erwartet, der Gauleiter werde ihn in ein wichtiges politisches Gespräch ziehen, das ihm Gelegenheit gab, sein Licht leuchten zu lassen. Doch es gelang ihm, seine Enttäuschung zu verbergen, mehr als das, er fühlte sich in gehobener Stimmung, heute abend schon die Bekanntschaft des hohen Herrn machen zu dürfen. ,, Machen Sie sich fertig", fuhr der Gauleiter fort ,,, es ist meine Gepflogenheit, mich von der Arbeit des Tages bei einer Partie Billard zu erholen. Wir spielen auf fünfzig par le rouge, Sie verstehen mich?" ,, Sehr wohl!" Schon waren sie mitten in der Partie. er ausdruc strähne der He Nach Erst jetzt fiel Fabian das völlig neue große Matchbillard auf. Noch vor einigen Wochen hatte er mit diesem Direktor Sanftleben auf einem alten, abgenützten Billard gespielt, aber Roẞßmeier schien es jetzt wohl nicht mehr gut genug zu sein. Dieser Herr Sanftleben, den zu vertreten heute abend die Ehre hatte, war ein junger Maler, der kürzlich zum Direktor der Kunstschule ernannt worden war. Den früheren Direktor dieses Instituts, einen alten geschätzten Künstler, hatte man kurzerhand entlassen und Sanftleben, der kaum dreißig Jahre zählte, die Stelle übertragen. Das alles fiel Fabian während der ersten Stöße ein, die ihm mißlangen, da er noch zu erregt war. Er erinnerte sich, daß Wolfgang kürzlich eine boshafte Bemerkung über diesen Direktor Sanftleben gemacht hatte. ,, Schade", scherzte er ,,, daß er nicht so gut malt, wie er Billard spielt. Sie haben sich offenbar getäuscht und wollten ihn zum Direktor einer Billardakademie machen." Vogels Mosel sagend und fo wieder seine g Sie s Billard Neb All diese lächerlichen Dinge gingen ihm durch den Kopf, so daß er einen kinderleichten Ball verfehlte. Der Gauleiter lachte, und Fabian nahm sich vor, sich in Zukunft mehr auf das Spiel zu konzentrieren. Wirklich gelang ihm gleich darauf eine Serie von vier Bällen, was bei dieser schwierigen Spielart nicht sehr häufig ist. Der lange Vogelsberger trat an ihn heran und raunte ihm halblaut ins Ohr, ob er Weißwein, Rotwein oder Sekt wünsche. ,, Sie müssen wissen, daß Kellner nicht ins Zimmer kommen." Vogelsberger war ein junger Mann von fader Hübschheit und dem S Schlief Rump und w Stirn Zimm Run Wort tiefen schütt zu sic Komb Fab schwie in alle Ru der L Ball g Er starke ersten dem schma sich 142 Er hatte litisches leuchten rbergen, te abend ärfen. st meine er Partie Sie verlard auf. Or Sanftper Roßn. Dieser die Ehre ktor der or dieses kurzere zählte, er ersten ar. Er ermerkung Schade", spielt. Sie Direktor Kopf, so er lachte, das Spiel eine Serie nicht sehr unte ihm wünsche. mmen." hheit und ausdruckslosem Gesicht. Auffallend helle, weizenblonde Haarsträhnen glänzten auf seinem schmalen Kopf wie ein schimmernder Helm aus Messing. Nachdem Fabian seine Wünsche geäußert hatte, entfernte sich Vogelsberger lautlos, um in wenigen Minuten mit zwei Flaschen Mosel zurückzukommen. Dann saß er wieder blond und nichtssagend in einem Sessel, rauchte eine Zigarette nach der andern und folgte jeder Bewegung des Gauleiters, dessen Glas er sofort wieder füllte, sobald Rumpf es ausgetrunken hatte. Das schien seine ganze Beschäftigung zu sein. Sie spielten eine halbe Stunde, ohne ein Wort zu sprechen. Im Billardzimmer war kein Laut zu hören. Nebenan bei den Kartenspielern war es ziemlich ruhig, aus dem Speisesaal aber drang immer mehr Lärm und Geschrei. Schließlich klirrte Glas und ein tobendes Gelächter erscholl. Rumpf, der fast auf dem Billard saß, setzte mitten im Stoß ab und warf Vogelsberger einen Blick zu, wobei er die niedrige Stirn runzelte. Sofort sprang Vogelsberger auf und verließ das Zimmer. Im Speisesaal legte sich auf einige Minuten der Lärm. Rumpf knurrte mit rotem Gesicht ein verächtliches Schimpfwort und griff nach seinem Glas, aus dem er ärgerlich einen tiefen Schluck nahm. Dann trat er wieder an das Billard. Er schüttelte den Kopf. ,, Nur mit Kopfstoß zu machen", sagte er zu sich selbst. Er war ein meisterhafter Spieler, voll glänzender Kombinationen. Fabian trat rücksichtsvoll zurück, um den Partner bei dem schwierigen Stoß nicht zu stören. Er konnte nun den Gauleiter in aller Ruhe betrachten. Rumpf saß völlig auf dem Billard, das Queue senkrecht in der Luft, die Blicke seiner dunkelblauen Augen scharf auf den Ball geheftet. Er war ein untersetzter, muskulös gebauter Mann mit einem starken Nacken und kräftigen, entschlossenen Zügen. Auf den ersten Blick fiel sein Haar auf, das von rostroter Farbe war. Auf dem Kopf trug er es halblang und sorgfältig gescheitelt, sein schmaler Backenbart war etwas zu lang geworden und kräuselte sich bei den Ohren wie rostrote Wolle. Seine dunkelblauen 143 Augen blickten etwas hart und starr, zuweilen fast gläsern. Er hatte bemerkenswerte kleine Füße und zarte Hände. An der Linken, die er auf das Billard stützte, trug er am kleinen Finger einen erbsengroßen Brillanten, der in allen Farben sprühte. Das Handgelenk war mit dichten Haaren wie mit rostroten Seidenfäden überzogen. Fabian hatte selten ein so stark behaartes Handgelenk gesehen. Das Hemd, das er trug, war aus Rohseide gefertigt und zeigte ausländischen Schnitt. Der schwierige Stoß gelang, und Rumpf sprang elastisch vom Billard zur Erde. Er lächelte beglückt wie ein Knabe, dem etwas gelang, und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas. Vogelsberger bewegte applaudierend die Hände, ohne zu klatschen, und Fabian wagte eine anerkennende Verbeugung. Den Gauleiter schien der Erfolg in ausgezeichnete Laune versetzt zu haben. ,, Es ist ein Stoß, der selten gelingt!" lachte er. Dann wandte er sich an seinen Adjutanten. ,, Vogelsberger!" rief er.„ Nun glaube ich auch, daß der Hengst mir Glück bringen wird. Rufen Sie Graf Dosse herein." Der elegante schwarze Adjutant aus dem Spielzimmer erschien. Er war Berufsoffizier und sah verträumt und zart aus. ,, Graf Dosse", rief ihm Rumpf zu ,,, telegrafieren Sie sofort nach dem Elsaẞ. Ich werde den Zuchthengst kaufen, man soll mir den äußersten Preis nennen. Ich habe eine Ahnung, daß mir der Hengst Glück bringen wird." Graf Dosse entfernte sich eilig. „ Nur dienstei „ Scha aufhalte Schiffer Ich kön übergeb Chikag Es war allgemein bekannt, daß Rumpf den erfolgreichsten Rennstall des Landes unterhielt. Er hatte ihn in wenigen Jahren aufgebaut, indem er die meisten Rennställe einfach auflöste, besonders jene, die im jüdischen Besitz waren. Die besten Pferde kamen dadurch in seinen Besitz. Daneben betrieb er auf seinem Gut in Ostpreußen eine bekannte Zucht für Vollblut. Jahr als Nach dem gelungenen Kopfstoß schien der Gauleiter das Bedürfnis nach Ruhe zu haben. Er lehnte das Queue gegen die Wand und nahm bei seinem Glase Platz. Dieser entwor Waren Sie viel im Ausland, Doktor?" wandte er sich an Fabian. دو „ Ich meister ziehen. „ Un haus?" ,, Es Fabian endlich Run verlass Höre Taube Nein, tungst besesse seine sein, s Als er den zeigte Glatz So Hote ein un sinde zu ne 10 To 144 isern. Er An der n Finger ihte, Das n Seiden- es Hand- 1seide ge- isch vom em etwas e zu klat- „Nur kurze Zeit in Italien und London“, antwortete Fabian diensteifrig. „Schade“, fuhr Rumpf fort.„Man muß sich viel im Ausland aufhalten, um die Welt kennenzulernen. Ich war jahrelang auf Schiffen tätig und hielt mich lange in Amerika und Mexiko auf. Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen, daß Ihnen die Augen übergehen. Haben Sie schon einmal von den Schlachthäusern in Chikago gehört? Nun, in diesen Schlachthäusern habe ich ein Jahr als Schlächter gearbeitet.“ Plötzlich wechselte er das Thema. „Diesem Taubenhaus haben Sie übrigens eine ganz tolle Rede entworfen, alle Wetter!“ „Ich habe lediglich die Anweisungen des Herrn Bürger- meisters befolgt“, erwiderte Fabian, ohne eine Miene zu ver- ziehen. „Und die Heldenbrücke, der Bahnhofsplatz, das Gemeinde- haus?“ fragte Rumpf lachend. „Es waren Anregungen des Herrn Bürgermeisters“, entgegnete Fabian lächelnd. Befriedigung erfüllte ihn, daß der Gauleiter endlich doch etwas anderes in ihm sah als einen Billardpartner. Rumpf lachte belustigt auf.„Ich sehe, daß man sich auf Sie verlassen kann, mein Freund!“ sagte er voller Anerkennung. „Hören Sie doch, Vogelsberger, er will uns glauben machen, daß Taubenhaus all diese Erfindungen selbst gemacht hat, hahaha! Nein, mein Lieber, Taubenhaus ist ein vorzüglicher Verwal- tungsbeamter, den wir alle schätzen, aber Phantasie hat er nie besessen. Na, es ist ja schließlich einerlei! Jedenfalls will ich alle seine Pläne mit allen Kräften unterstützen und ihm behilflich sein, soweit es in meiner Macht steht.“ i Als Fabian spät in der Nacht die Treppe hinaufstieg, begegnete er dem Hotelier, der aus einem Zimmer herauskam. Roßmeier zeigte alle Spuren der Erschöpfung und die Hörner auf seiner Glatze glühten purpurrot. „So lange waren Sie bei ihm?“ fragte er halblaut, um seine Hotelgäste nicht zu wecken, obschon aus den unteren Räumen ein unbeschreiblicher Lärm drang.„Ich beglückwünsche Sie! Sie sind ein gemachter Mann, mein Verehrter, wenn Sie ihn richtig zu nehmen verstehen. Hat er nicht diesen Maler, diesen Sanft- v 1 0 Totentanz 145 leben, von heute auf morgen zum Direktor der Kunstschule” gemacht, nur weil er so gut Billard spielt?“ Und er erzählte von diesem Maler Sanftleben, der früher ein Hungerleben führte und nichts als Schulden hatte, Schulden, nichts als Schulden, und heute fahre er mit einem Mercedes. Der Gauleiter werde übrigens bald in diese Stadt übersiedeln und im bischöflichen Palais Wohnung nehmen. Ein Offizier habe es ihm erzählt. Dann hoffe er, daß der Gauleiter auch einmal an die Bezahlung seiner Rechnung denken werde. Er sei ja schließlich nur ein einfacher Hotelier! Auf einhundertsechzigtausend Mark sei die Rechnung jetzt angewachsen, auf einhundertsechzig- tausend Mark. „Verlieren Sie nicht den Mut, Roßmeier“, tröstete Fabian den Hotelier.„Das wird sich alles zehnfach rentieren.“ „Hoffen wir es, hoffen wir es“, nickte Roßmeier.„Ich kredi- tiere natürlich gerne, es ist mir ein Vergnügen und eine Ehre“, sagte er, indem er die Treppe hinabstieg.„Ich weiß ja auch, für wen ich es tue und welcher großen Sache ich diene. Wer könnte das vergessen? Nochmals meinen Glückwunsch!“ Stimmengewirr verschlang seine Worte. Fabian legte sich schlafen. Er war befriedigt, heute abend den Gauleiter kennengelernt zu haben, der ihm als ein jovialer, schlichter und gutmütiger Mann erschien, Einige Abende blieb er im Hotel und hielt sich bereit, denn% der Gauleiter hatte ihn mit den Worten entlassen, daß er ihn bitte, sich zur Verfügung zu halten in den nächsten Tagen. Eines Morgens aber, zu sehr früher Stunde, sagte ihm das Zimmermädchen, der Herr Gauleiter reise soeben ab. Er trat_ rasch auf seinen Balkon hinaus und war erstaunt über die große Menge Menschen, die sich auf der Straße angesammelt hatte. Die silbergrauen Automobile waren soeben\aufgefahren und wurden von einer Schar von Neugierigen umdrängt. Der Stab des Gauleiters erschien und zuletzt Rumpf selbst, begleitet von Vogelsberger. Hinter ihnen kam Roßmeier, und seine höckrige Glatze glänzte, beleuchtet von einem Strahl der Morgensonne. Die Leute winkten und schrien begeistert: Heil, heil! Der Gau- leiter nahm Platz. In diesem Augenblick drängte sich eine arm- % sel au die Me zum\ sehalte „Ali! Eini und di Wager Die stiegen Die mit d aufhö die H unstschule früher ein Schulden, cedes. Der eln und im abe es ihm mal an die schließlich Send Mark ertsechzigFabian den Ich kredi ine Ehre", auch, für Wer könnte abend den n jovialer, ereit, denn daß er ihn Tagen. e ihm das b. Er trat r die große t hatte. ahren und Der Stab gleitet von e höckrige orgensonne. ! Der Gaueine armselig aussehende Frau mit einem schwefelgelben Kopftuch durch die Menge. Sie gestikulierte lebhaft und versuchte sich den Weg zum Wagen des Gauleiters zu bahnen, behindert und zurückgehalten von der Menge. Dabei schrie sie immerfort gellend: ,, Alix! Alix!" Einige schwarzgekleidete Offiziere verließen den letzten Wagen und drängten sie zurück. Sie standen mit dem Rücken gegen den Wagen des Gauleiters, als ob sie ihn decken wollten. Die Signale schrillten und die Wagen fuhren rasch ab. Zuletzt stiegen die schwarzgekleideten Offiziere in ihr Auto. Die Straße leerte sich rasch. Nur die armselig aussehende Frau mit dem schwefelgelben Kopftuch blieb zurück und schrie unaufhörlich: ,, Alix! Alix!" Sie lag jetzt auf den Knien und streckte die Hände aus nach den Autos, die in der Straße verschwanden. X Einige Stunden später sah Fabian die erregte Frau mit dem schwefelgelben Kopftuch zu seinem großen Erstaunen wieder. Sie saß im Wartezimmer seines Büros, als er wie gewöhnlich zwischen elf und zwölf Uhr sein Anwaltsbüro aufsuchte. Er erkannte sie an dem grellgelben Kopftuch sofort wieder, obschon sie das Tuch abgenommen und über ihre Knie gelegt hatte. Im Wartezimmer saßen noch zwei Klienten, ältere Kaufleute, die sofort aufstanden, als er eintrat, und ihm wie alte Bekannte die Hand hinstreckten. In seinem Büro aber fragte er sofort, wer die Bäuerin mit dem gelben Kopftuch sei. ,, Es ist eine Frau Frieda Alix", entgegnete Fräulein Zimmermann ,,, sie ist die frühere Karpfenwirtin von Einstetten bei Amselwies." ,, Wo es früher die guten Karpfen gab?" erwiderte Fabian gutgelaunt und bat, Frau Alix hereinzurufen. Die Frau interessierte ihn. Jedermann wußte, daß Einstetten vor einigen Jahren vom Gauleiter Rumpf erworben wurde. 10* 147 Die Bäuerin, die Frieda Alix hieß, schlürfte langsam ins Zimmer. Sie hatte die Augen auf den Boden geheftet, schwankte leicht von einem Fuß auf den andern, bis Fabian sie bat, Platz zu nehmen. Das gelbe Kopftuch hielt sie in der Hand. Sie hatte noch junge, wenn auch eingefallene Züge, ihr Haar, dünn und ergraut, war zu einem kleinen, armseligen Knoten im Nacken gerafft. ,, Ich suche Recht und Gerechtigkeit!" begann sie leise, ohne den Blick vom Boden zu erheben. ,, Ich komme zu Ihnen und möchte Sie bitten, meinen Prozeß zu führen. Ich habe Geld", fügte sie fast ohne Pause hinzu ,,, ich kann auch gleich eine Anzahlung leisten, wenn es sein muß. Sie brauchen mir nur zu sagen, welche Anzahlung nötig ist." Ihre Stimme klang etwas heiser. Das gab Fabian Gelegenheit zu einigen scherzhaften Bemerkungen. Er lachte sogar heiter, um die erregte Frau zu beruhigen. Sie müsse ihm vor allem erzählen, was sie auf dem Herzen habe. Sie könne getrost sprechen und sich auch Zeit lassen. ,, Kann ich mit dem Anfang beginnen?" fragte Frau Alix. ,, Ich meine nur, wie alles gekommen ist?" Zum erstenmal blickte sie auf. Sie hatte schöne, klare, junge Augen. ,, Darum muß ich Sie sogar bitten", ermunterte sie Fabian. Und die junge Frau mit den grauen Haaren und den jungen Augen begann ihren Bericht. Fabian unterbrach sie nur ganz selten, um die eine oder andere Frage zu stellen. دو , Wie nun dieser Hannes plötzlich ein großer Mann geworden war", fing sie ihre Erzählung an, aber schon unterbrach sie Fabian. دو , Welcher Hannes?" fragte er. Die junge Frau mit den grauen Haaren duckte sich zusammen und blickte scheu um sich, obwohl sie wußte, daß niemand sonst im Zimmer war. ,, Ich werde den Namen nie nennen", sagte sie mit gedämpfter Stimme. ,, Sie werden später schon selbst wissen, wen ich meine." Fabian nickte und bat sie fortzufahren. ,, Der Hannes war also plötzlich ein großer Mann geworden", nahm die Frau ihre Erzählung wieder auf ,,, und das ist jetzt etwa drei Jahre her. Ja, vor drei Jahren also habe ich den Hannes zum erstenmal wiedergesehen. 148 Einm mit dre aus, Al Da sah wußte richtige Er 90 den Ku einzeln der frü und zu es nur waren einer H hatte Wirts W Herr Da noch W das an Un -Si De in der mich Es De die N doch eine der Es Wirt daß wuß ins Zimchwankte Platz zu matte noch dergraut, gerafft. eise, ohne hnen und be Geld", eine Anzu sagen, heiser. en Bemerberuhigen. rzen habe. Alix. ,, Ich blickte sie Fabian. en jungen nur ganz geworden erbrach sie zusammen mand sonst , sagte sie lbst wissen, geworden", jetzt etwa Hannes zum Einmal im Sommer, da es sehr schwül war, da fuhr ein Auto mit drei Herren in Uniform vor der Wirtschaft vor., Geh hinaus, Alix', sage ich zu meinem Mann ,, es kommen feine Leute. Da sah ich einen feinen Herrn in den Garten kommen, aber ich wußte nicht, daß es der Hannes war, so vornehm sah er aus, ein richtiger großer Herr. Er ging im Garten umher, als gehöre ihm Einstetten, und bei den Kunstbäumen stand er still. Sie müssen wissen, daß im Garten einzelne Bäume mit Figuren aus Buchsbaum standen. Ein Förster, der früher das Wirtshaus besaß, hat sie so kunstvoll zugeschnitten und zugestutzt. Früher war es eine ganze Menge, aber jetzt waren es nur noch drei, ein Hahn, ein Igel und eine Kugel. Vorher waren es noch ein Wildschwein, ein Zwerg und eine Hexe mit einer Kiepe auf dem Buckel und alles mögliche Zeug. Aber Alix hatte das meiste weggeschlagen, da es zuviel Platz in unserm Wirtschaftsgarten wegnahm. , Wo ist denn das Wildschwein hingekommen?' fragte der feine Herr etwas herrisch, als ob er hier zu befehlen hätte. , Das habe ich weggeschlagen', antwortete Alix., Es waren nur noch Stacheln übriggeblieben.' , Weggeschlagen? Ja, und wo ist denn die Hexe geblieben und das andere?, Das Zeug habe ich alles weggeschlagen." - , Und du wunderst dich gar nicht, woher ich das alles weiß?' -, Sie waren wohl früher einmal in der Gegend?' Der feine Herr lachte., Ja', sagte er ,, ich war wirklich früher in der Gegend und du solltest mich doch kennen, Konrad, schau mich einmal näher an.' , Es muß lange her sein, ich habe Sie nie gesehen.' Der féine Herr lachte wieder., Du hast mich sogar einmal in die Nase gebissen. Es ist noch zu sehen, eine Schramme, sieh doch her. Damals gingen wir noch in die Dorfschule und hatten eine Rauferei, weil ich dir ein Osterei gestohlen hatte. Ich bin der Hannes, jetzt kennst du mich doch, wie?" Es war also wirklich der Hannes. Sein Vater hatte früher die Wirtschaft besessen, aber alles auf den Hund kommen lassen, so daß er verkaufen mußte. Er trank Tag und Nacht. Von Hannes wußten wir nicht viel mehr, als daß er ein Faulenzer war, der 149 nichts gelernt hatte und sich herumtrieb. Später ging er nach Amerika und soll als Koch auf den Schiffen gearbeitet haben. Nun, der Hannes kommt herein und sieht sich alles in der Stube und der Küche an. Auch die feinen Herren in den Uniformen kamen mit herein. Der Hannes setzt sich auf den Stuhl am Herd und legt den Kopf in die Hand., So saß meine Mutter immer, hier auf diesem Platz, genau so wie ich, denn sie hatte viele Sorgen, weil nie Geld im Hause war. Mein Vater aber lebte einen guten Tag. Dann fragte er plötzlich nach der Therese. , Ist denn die Therese nicht mehr im Haus, Konrad?' fragt er. , Diese Therese', sagte Hannes zu den Herren ,, die konnte Karpfen braten, so was haben Sie noch nicht gegessen. Sie schwammen in Butter und waren so knusprig, daß es schon ein Genuß war, sie anzusehen. Die Flossen konnte man mitessen, sie krachten nur so. Höre, Konrad, die Therese muß hierherkommen und uns Karpfen auf ihre Art backen. Sie bekommt freie Fahrt erster Klasse und hundert Mark Trinkgeld. Schreibe ihr sofort, Konrad. Dann bestellte er für zehn Gäste doppelte Portionen Karpfen und ließ den besten Wein bringen. Er warf hundert Mark auf den Tisch und sagte:, Der Rest ist für dich, Konrad, auch wenn du mich in die Nase gebissen hast! Therese kam wirklich zum Karpfenessen hierher, und Hannes erschien mit drei Autos voller Gäste, alles feine Leute. Er hatte sogar eine Kiste Wein mitgebracht., Dein Wein ist zu schlecht, Konrad! sagte er., Damit du aber nichts verlierst, schreibe uns zehn Flaschen auf die Rechnung. Wie er nun ging, sagte er: , Heute hat mir das Grundstück noch besser gefallen als das erstemal. Es ist eben das Grundstück meines Vaters, wo ich als Junge aufwuchs. Verkaufe es mir, Konrad, du sollst nicht schlecht dabei fahren." - , Nein', sagte Alix. Er konnte Hannes nicht leiden, da er sich immer so aufspielte., Ich habe zehn Jahre Tag und Nacht geschuftet und die Wirtschaft wieder in die Höhe gebracht.' , Dieser Hannes', sagte er zu mir ,, hat einmal drei junge Igel an das Scheunentor genagelt.' , Nun, du wirst es dir überlegen, Konrad. Ich will dir das 150 Doppe wegges Grund Gedäch Wirtsc nisten, für me Landsi Ein rad? I den T trage lege ic Alix Leuter eigent Ali böse. schwo noch In einen Tasch Ums möch Karp Ich A bring Stub Ge kan Zwe sich, F Kop sam ger nach haben. les in der den Unilegt den uf diesem lnie Geld ag.' Dann fragt er. ie konnte essen. Sie schon ein itessen, sie erkommen Freie Fahrt ihr sofort, Portionen f hundert Konrad, , nd Hannes Er hatte schlecht, schreibe , sagte er: 5 das ersteals Junge lecht dabei da er sich Nacht gebracht.'nge Igel an ill dir das Doppelte bezahlen, obschon du das Wildschwein und die Hexe weggeschlagen hast. Laß es dir durch den Kopf gehen. Es ist das Grundstück meines Vaters, siehst du, und nur der Sohn kann das Gedächtnis des Vaters richtig in Ehren halten. Kaufe dir eine Wirtschaft in der Stadt, da haben es deine Freunde, die Kommunisten, viel näher zu dir. Das Land und die Koppeln hier sind für meine Zwecke wie geschaffen. Ich will mir hier einen kleinen Landsitz schaffen!' Ein Vierteljahr später kam er wieder., Nun, wie steht es, Konrad? Ich habe das Geld gleich mitgebracht und lege es sofort auf den Tisch, wenn du mich auch in die Nase gebissen hast. Ich trage es dir nicht nach. Eine goldene Armbanduhr für die Frau lege ich auch noch dazu.' Alix aber sagte:, Nein. Da machte Hannes böse Augen., Mit Leuten, die ihre Mitmenschen in die Nase beißen, sollte man eigentlich ganz anders umgehen. Willst du oder willst du nicht?' Alix war weiß wie eine Wand., Nein', sagte er. Hannes wurde böse. Er wurde rot im Gesicht und die Adern an seiner Stirn schwollen an., Nun schön, vielleicht bereust du diese Antwort noch einmal. In acht Tagen komme ich wieder, Konrad.' In einer Woche kam er wirklich wieder, diesmal hatte er nur einen Zivilisten bei sich. Der Zivilist nahm ein Metermaß aus der Tasche und fing an, die Wirtsstube auszumessen., Hier in dem Umschlag liegt der Scheck mit dem Geld, sieh gut nach! Ich möchte nicht, daß die Leute sagen, ich hätte das»> Wirtshaus zum Karpfen« gestohlen. Bist du noch nicht zur Vernunft gekommen? Ich gebe dir noch eine letzte Woche Zeit.' Alix schüttelte nur den Kopf, er konnte kein Wort herausbringen, so sehr ärgerte er sich über den Zivilisten, der die Stube ausmaẞ. Genau acht Tage später", schloß die Bäuerin ihren Bericht, ,, kam der Zivilist, der die Wirtsstube ausgemessen hatte, wieder. Zwei Männer kamen mit ihm im Auto. Sie nahmen Alix mit sich, und seitdem ist er verschwunden." Frau Alix schwieg und atmete schwer. Sie hatte das gelbe Kopftuch auseinandergelegt und versuchte es nun wieder zusammenzufalten. 151 ,, Seitdem ist er verschwunden?" fragte Fabian. ,, Ja, seitdem ist er verschwunden", antwortete die Bäuerin. ,, Es ist jetzt fast drei Jahre her." Sie hatte geschrieben und geschrieben, Gesuche um Gesuche eingereicht, aber nie eine Antwort erhalten. Anfangs wußte sie nicht, wo Alix war, ob er überhaupt noch lebte. Seit einem Monat aber wußte sie, daß er sich jetzt im Lager Birkholz aufhielt, ein Arbeiter hatte ihn dort gesehen. Und nun wollte sie prozessieren und bis ans oberste Gericht gehen, wenn es sein mußte. Fabian erhob sich. ,, Liebe Frau Alix", sagte er nachdenklich und schüttelte den Kopf ,,, es scheint dies ein höchst merkwürdiger Fall zu sein. Eine Reihe von Punkten wären da noch zu klären, aber es ist unnötig, denn der Fall ist nichts für mich. Es ist kein Fall für mich, verstehen Sie mich recht! Wir Anwälte haben jeder ein Spezialgebiet, genau wie die Ärzte. Der eine Arzt ist für die Ohren, der andere für die Augen, ein dritter für die Lunge, nicht wahr. Ihr Fall nun schlägt ganz und gar nicht in mein Gebiet. Ich habe Ihnen hier die Adresse eines Kollegen aufgeschrieben, ein sehr tüchtiger Anwalt, der solche Fälle bearbeitet. Gehen Sie zu ihm, ich werde Sie sofort bei ihm telefonisch anmelden." wieder darübe Das trug en versun beküm gingen irgend dächtn stets u das La Eine Marke er lack Chr lich go Dame angela Sie w den W Die Sekun Auge Chris licher XI Fabian konnte zufrieden sein. Dieser Tage hatte er völlig überraschend seine Ernennung zum Regierungsrat erhalten. Er war hoch erfreut. Nicht, daß er sich viel aus Titeln machte, nein, aber die Ernennung erhöhte natürlich sein Ansehen. ,, Regierungsrat!" klang schließlich nach etwas Besonderem. In der Stadt war es auch bekannt geworden, daß ihn der Gauleiter ganz vorzüglich aufgenommen hatte. Von einem Gauleiter stundenlang in politische Gespräche gezogen worden zu sein, verlieh seiner Person in der Stadt einen gewissen Nimbus. In den letzten Wochen hatte sich seine Anwaltspraxis so stark vergrößert, daß er einen gewiegten Juristen in sein Büro nehmen mußte, der ihm die gröbste Arbeit abnahm. Er verdiente nun 152 kläru stand Er café ihm Mall dara brau In Ihre in W losc e Bäuerin. en und geeine Antwar, ob er sie, daß er e ihn dort oberste Gechdenklich hst merkn da noch für mich. ir Anwälte - Der eine dritter für gar nicht s Kollegen e Fälle bebei ihm er völlig chalten. Er chte, nein, Regierungsder Stadt ganz vortundenlang rlieh seiner xis so stark ro nehmen diente nun wieder viel Geld, und niemand verübelte es ihm, daß er sich darüber freute. Das Glück begünstigte Fabian ganz außerordentlich, und doch trug er eigentlich keine frohe Miene zur Schau. In Gedanken versunken fuhr er durch die Stadt dahin, manchmal sah er sogar bekümmert aus. Seit seine Geschäfte ihren geordneten Gang gingen, hatte er mehr Zeit, an Christa zu denken. Sie war fern, irgendwo. Zu seiner Betrübnis hatte er ihr Lächeln aus dem Gedächtnis verloren, ihr unbeschreibliches, zartes Lächeln, das sie stets umschwebte. Er konnte sich Mühe geben, soviel er wollte, das Lächeln kam nicht zurück. Eines Abends fand er eine Postkarte mit einer italienischen Marke, und sein Gesicht sah wieder froh und glücklich aus. Ja, er lachte sogar vor sich hin. Da war also Christa wieder! Christa sandte ihm eine Karte aus Florenz, die äußerst herzlich gehalten war. Da siehst du es also, dachte er erfreut. Die Damen Lerche- Schellhammer waren wohlbehalten in Italien angelangt. Nur am Brenner hatten sie Station machen müssen. Sie waren tatsächlich ,, im Schnee steckengeblieben" und mußten den Wagen mit dem Zug befördern. Die herzliche Karte Christas beglückte Fabian und auf Sekunden sah er/ wieder Christas betörendes Lächeln vor seinen Augen schweben. Er verwandte den ganzen Abend darauf, Christa einen langen Brief zu schreiben. Es war kein eigentlicher Liebesbrief, keineswegs, es war ebensowenig eine Erklärung; aber eine Frau, die zwischen den Worten zu lesen verstand, konnte daraus entnehmen, was sie entnehmen wollte. Er schrieb ihr, daß sie ihm seit jener Plauderstunde im ,, Residenzcafé" wie durch einen Zauber nähergerückt sei. Unvergessen sei ihm ihre Schilderung der Christmesse im Dom von Palma de Mallorca geblieben, und es vergehe kaum ein Tag, daß er nicht daran denke. Dabei höre er die wundervolle Orgel des Doms brausen. Immer noch erblicke ich Ihr verklärtes Gesicht am Ende Ihrer Erzählung, wollte er schreiben, aber er unterließ es, denn in Wahrheit war die Vision ihres verklärten Gesichts in ihm erloschen, was er mit Trauer empfand. So schrieb er ihr, es sei sehr I'53 eigentümlich, daß er sich schon bei dem bloßen Gedanken an sie geläutert vorkomme und sich empfänglicher für alles Gute finde. So sei er wieder imstande, Gedichte neu zu empfinden, die ihn früher banal und schal erschienen. In der Tat, er fühle sich als ein besserer Mensch! Natürlich sei es reine Selbstsucht von ihm, wenn er wünsche, daß sie bald wiederkäme, er gestehe es offen, und er träume von dem Gedanken, daß er ihr dann immer nahe sein dürfe. Wie gesagt, es war ein langer Brief. Es war eine Art Bekenntnis, dem sie manches entnehmen konnte. dieser T ist doch trage, Stadt." Fabia sich, lie schläge Idee vo für aus sam ma Krie Fabian „ Sie Zweite XII Das neue ,, Büro Aufbau" hatte seine Tätigkeit aufgenommen. Die Schreibmaschinen klapperten und die neuen Mitarbeiter saßen über ihren Zeichentischen. Fabian liebte seine neue Beschäftigung. Sie war nicht rein bürokratischer Natur und brachte ihn mit vielen Leuten in Verbindung. Trotz der vielen Arbeit hatte er täglich auch einige Stunden für sich. Es war schließlich recht angenehm, einen Beamtenposten errungen zu haben, der ihm ein ruhiges Leben sicherte wie Tausenden von Beamten, die unter dem Schutz des Staates oder einer Stadt ohne Sorgen ihr Dasein verbrachten und sich sonst um nichts zu kümmern brauchten. In verschiedenen Straßen der Stadt wurde das Pflaster aufgerissen, es erschienen schwarze, von Teer besudelte Kesselwagen, deren Pechgestank die ganze Stadt erfüllte. Die Asphaltarbeiter auswärtiger Firmen hatten ihre Arbeit aufgenommen. Fabian war an der Arbeit, und die Zahl der Arbeitslosen sank von Tag zu Tag. Einer der ersten Besucher, die sich bei ihm meldeten, war Baurat Krieg. Mit wirren Haaren und flatternder Lavallièrebinde stürmte er in sein Zimmer und streckte ihm die Hände entgegen, als habe er ihn jahrelang nicht gesehen. ,, Sagen Sie mir eines, mein Freund!" rief er erregt aus ,,, sagen Sie mir nur eines! Wie kam wurde hätte gestoh braune den B entläß der St Mut faltete nicht Kogn Ic Fab haft gewil daß samm in vi བ.S ich De lich? ich Krü 154 ken an sie Gute finde. m, die ihn le sich als von ihm, es offen, mer nahe eine Art aufgenomuen Mitseine neue Natur und der vielen . Es war rungen zu enden von Finer Stadt um nichts laster aufesselwagen, altarbeiter slosen sank Heten, war stürmte er n, als habe Fines, mein Wie kam dieser Taubenhaus auf meine Idee vom zweiten Marktplatz? Es ist doch mein Gedanke, den ich seit fünf Jahren mit mir herumtrage, und Taubenhaus ist doch nur wenige Monate in der Stadt." Fabian lachte und bot Krieg einen Kognak an. ,, Beruhigen Sie sich, lieber Freund!" sagte er. ,, Ich habe Taubenhaus einige Vorschläge zu seinem Programm gemacht und darunter auch Ihre Idee vom neuen Marktplatz erwähnt. Ich halte Ihren Gedanken für ausgezeichnet und wollte Taubenhaus sofort darauf aufmerksam machen." Krieg fiel eine Last vom Herzen. Er sprang auf und drückte Fabian die Hände. ,, Sie waren es also! Ihnen also habe ich es zu danken, daß der zweite Marktplatz in der großen Rede besonders erwähnt wurde!" rief er aus und tanzte vor Freude durchs Zimmer. ,, Man hätte wirklich glauben können, ich hätte die Idee Taubenhaus gestohlen. Sie wissen ja, daß auch ich jetzt den bewußten braunen Brief bekommen habe? Der Umbau der Wohnung für den Bürgermeister ist ja nun zu Ende. Wenn mich die Stadt entläßt, hören Sie, so sitze ich mit meinen beiden Mädchen auf der Straße. Sie aber haben mir mit Ihrer Erklärung wieder etwas Mut eingeflöẞt!" Er zog eine Rolle aus der Tasche und entfaltete sie auf dem Tisch. ,, Sehen Sie hier, diese Pläne kann man nicht in wenigen Tagen entwerfen. Darf ich mir noch einen Kognak einschenken?" ,, Ich bitte herzlich!" Fabian vertiefte sich in das Studium der Pläne, die gewissenhaft und peinlich sauber gezeichnet waren.„ Der Platz würde gewiß sehr hübsch aussehen", sagte er. ,, Haben Sie keine Angst, daß die Stadt Sie entlassen wird! Wir werden ohnehin viel zusammen arbeiten müssen, lieber Freund, Sie sind ja Fachmann in vielen Dingen. Schon bei meinem nächsten Besuch werde ich Taubenhaus Ihre Entwürfe vorlegen." Der Baurat klatschte in die Hände. ,, Wie? Sie wollten wirklich?" rief er beglückt aus. ,, Sie werden ihm auch sagen, daß ich diese Idee seit fünf Jahren mit mir herumtrage? Sogar Krüger hat sich für die Sache erwärmt, obschon er immer mit 155 dem Geld knauserte. Es wäre meine Rettung, wenn ich diesen Auftrag bekäme! Unter uns gesagt, ich fand in diesen Tagen weder Ruhe noch Schlaf. Vergessen Sie nicht, daß ich zwei Mädchen zu ernähren habe, die Helene und die Hermine, zwei junge Damen, die Ansprüche stellen. Bedeuten Sie Taubenhaus auch, daß ich auch bereit bin, in die Partei einzutreten, wenn es sein muß." ,, Ich glaube nicht, daß es nötig sein wird." Der Baurat lachte. ,, Sie wissen doch so gut wie ich, daß Aufträge nur an Mitglieder der Partei vergeben werden", rief er aus. Fabian erwiderte mit würdevoller Miene:„ Nein", sagte er kopfschüttelnd ,,, ich weiß es nicht. Und wenn ich es wüßte, so würde ich es vielleicht nicht so offen aussprechen. Man soll nicht alles glauben, was die Leute sagen." Krieg blickte ihn von der Seite an. ,, Sie haben recht, lieber Freund", entgegnete er in verändertem Ton, bemüht größere Zurückhaltung zu üben. ,, Die Leute schwätzen heute wirklich viel albernes Zeug zusammen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sich bei Taubenhaus etwas für mich einsetzen würden, mein Verehrter. Private Aufträge sind heute, wie Sie wissen, eine wahre Seltenheit. Die Wohnung für Taubenhaus machte mir eine Menge Arbeit, aber dafür kann ich doch kein Honorar verlangen, nicht wahr? Also sehen Sie, was Sie erreichen können. Morgen gehe ich zu Habicht, Sie können es Taubenhaus getrost andeuten." Als Fabian die Entwürfe Kriegs dem Bürgermeister vorlegte, befand sich Taubenhaus gerade in mürrischer Laune. Es Fabian " Wir sehen! einreich dann k ,, Dieser Krieg", sagte er, ,, ist ein pedantischer Angstmeier. Mir schwebte so eine hübsche Treppe zu meiner Privatwohnung vor, aber glauben Sie, er wagte sich zuerst an die Treppe heran? Es seien Umbauten nötig, die Treppe würde dreißigtausend Mark kosten. Was kümmert das mich, frage ich Sie? Ist ein Bürgermeister keine dreißigtausend Mark wert? Nun, die Entwürfe sind ja ganz nett, ganz nett und sauber. Aber, was soll man aus diesen Grundrissen und Aufrissen mit all den langweiligen Linien ersehen? Ich frage Sie, Herr Regierungsrat, hat dieser Krieg nie etwas von Perspektive gehört?" 156 Persp eine de Bei Fab geschic Rekla reden, man stöhnt Der frieden Jetzt schen in den über e Auto sich e Tatsa Himm kann Fab verge Mark ein d Aber müss glaub Ta Sach Wi geze scho ich diesen sen Tagen Bich zwei mine, zwei Taubenhaus n, wenn es , daß Aufrief er aus. ", sagte er wüßte, so soll nicht echt, lieber ht größere te wirklich dankbar, en würden, Sie wissen, aus machte n Honorar en können. aus getrost er vorlegte, Angstmeier. Privatwohdie Treppe de dreißigge ich Sie? ? Nun, die Aber, was I den langngsrat, hat " ,, Es sind allerdings rein technische Zeichnungen", wagte Fabian einzuwerfen. دو Wir sind weder Techniker noch Baumeister. Man muß etwas sehen! Sagen Sie Krieg, er möge perspektivische Zeichnungen einreichen, aus denen auch ein Laie etwas ersehen kann. Erst dann können wir uns entscheiden." Perspektivische Zeichnung? Nur bei Millionenobjekten sei eine derartige anspruchsvolle Darstellung üblich, erklärte Krieg. Bei Fabian war ein junger, sehr begabter Maler tätig, der äußerst geschickt in wirkungsvollen Darstellungen war, die der Baurat , Reklame und Plakate' nannte. Schließlich aber ließ er sich überreden, mit dem Maler zusammen zu arbeiten. ,, Was tut man nicht für zwei Mädchen, die bald heiratsfähig sind?" stöhnte er. Der junge Maler löste seine Aufgabe zu Fabians größter Zufriedenheit. Ja, wie sah dieser öde Platz hinter der Reitschule jetzt aus? Man konnte glauben, den Marktplatz einer italienischen Stadt zu erblicken. Eine malerische Menge drängte sich in den Bogengängen, die Verkaufsstände zeigten farbige Schirme über einem Stapel von Gemüse und Orangen, flanierende Damen, Autobusse, wirklich vorzüglich, und über den Dächern wölbte sich ein herrlicher azurner Himmel. ,, Eine Vorspiegelung falscher Tatsachen", lachte der Baurat ,,, niemals wird man einen solchen Himmel hier in dieser Stadt erblicken!" So war er eben, niemand kann einen Menschen ändern. Fabian aber rief den jungen Maler zu sich. ,, Etwas haben Sie vergessen", sagte er zu ihm ,,, wissen Sie was? Auf dem ganzen Marktplatz sieht man keine einzige braune Uniform, ohne die ein deutsches Stadtbild heute nicht mehr überzeugend wirkt. Aber, das läßt sich wohl noch nachholen, nicht wahr? Sodann müssen wir dem neuen Marktplatz auch einen Namen geben, glaube ich? Schreiben Sie darunter: Taubenhausplatz." Taubenhaus aber war von dem Bild entzückt. ,, So muß eine Sache aussehen, für die man sich einsetzen kann!" erklärte er. , Wir müssen doch den Leuten etwas zu sehen geben! Ausgezeichnet, ausgezeichnet! Und dieser Krieg hat dem Platz auch schon einen Namen gegeben, wie ich sehe." 157 ,, Es ist mein Vorschlag, wenn Sie gestatten", sagte Fabian bescheiden. Taubenhaus nahm die Brille ab und hauchte darauf. Er lächelte. ,, Sehr schmeichelhaft, ich danke Ihnen. Aber wir werden den Platz umtaufen. Wir werden ihn Hans- RumpfPlatz nennen, man könnte uns sonst den Vorwurf der Eitelkeit machen. In vier Wochen soll mir Krieg alle Kostenanschläge und Rentabilitätsmöglichkeiten vorlegen. Wie weit sind Sie mit dem Asphaltpflaster?" Täglich fuhr Fabian mittags und abends nach seinem Anwaltsbüro, um dort nach dem Rechten zu sehen und einige Briefe zu unterschreiben. Bei einer dieser Fahrten sah er plötzlich die Bäuerin mit dem gelben Kopftuch wieder. Soviel er gehört hatte, machte diese Frau Alix seit Wochen alle Anwaltsbüros der Stadt unsicher, um ihren Fall vorzutragen. Nun stand sie vor der Auslage des Juweliers Nicolai, völlig bezaubert von dem Hakenkreuz aus Brillanten, im Besitz von Frau Cäcilie Sch. Sie war derart begeistert, daß sie den Mund aufriß und die Hände flach gegen die Scheibe drückte. Da sein Wagen gerade halten mußte, konnte er sie genau beobachten. In diesem Augenblick aber schlich sich ein unscheinbares Auto heran, dem zwei Herren entstiegen. Einer berührte die Schulter der Bäuerin. Sie fuhr erschrocken zusammen, als sie die Herren wahrnahm und stürzte augenblicklich schreiend davon. Sofort aber hielten die beiden Herren sie fest und zerrten sie zu ihrem Auto, obschon sie verzweifelt um sich schlug und gellend aufschrie. Das Auto fuhr ab, und Fabian sah, wie sich zwei verzweifelte Hände aus dem Fenster des Autos streckten, weit hinein in die Straße. Dann verschwand das Auto. dem n würde Umstä noch Nachf Hie überha andere die sie sacken Sie an bach Intere Bau Jamm kaum Zeit Welt " beruh A U keit, mit verlo wärt und der D gute XIII Es dauerte noch eine geraume Weile, bevor Krieg zu seinem Auftrag kam. Genaue Kalkulationen und Rentabilitätsberechnungen lagen vor, vierzig große Läden und Magazine würden an 158 aus F über freu sind von bei Fabian bedarauf. Er Aber wir s- Rumpfr Eitelkeit nanschläge nd Sie mit AnwaltsBriefe zu mit dem chte diese sicher, um uslage des kreuz aus derart beach gegen te, konnte Dares Auto e Schulter lie Herren on. Sofort zu ihrem ellend aufzwei verweit hinzu seinem ätsberechwürden an dem neuen Platz entstehen, ein völlig neues Geschäftsviertel würde emporwachsen. Aber dieser Taubenhaus, der ohne große Umstände eine Treppe für dreißigtausend Mark bauen ließ, hatte noch eine Menge Bedenken. Endlich wurde Schilling, Fabians Nachfolger, mit dem Ankauf der Reitschule beauftragt. Hier aber gab es eine neue Schwierigkeit, die den ganzen Plan überhaupt in Frage stellte. Die Reitschule war unterdessen in anderen Besitz übergegangen. Jahrelang gehörte sie einer Mühle, die sie als Lagerraum benutzte, ein Haufen von leeren Mehlsäcken lag darin, das war alles. Vor vier Wochen aber wurde sie an einen auswärtigen Interessenten verkauft, Justizrat Schwabach hatte die Verkaufsurkunde ausgefertigt. Der unbekannte Interessent wollte die Reitschule zu einem Kino umbauen. Baurat Krieg war völlig außer sich. ,, Ein wahres Verhängnis!" ,, Vor jammerte er und streckte die Hände zum Himmel empor. ,, kaum vier Wochen, bedenken Sie! Natürlich haben wir zuviel Zeit verloren. Man hat es wahrhaftig nicht leicht auf dieser Welt!" دو Wir wollen noch nicht den Mut verlieren, lieber Freund", beruhigte ihn Fabian. ,, Ach, ich könnte mir die Haare ausreißen!" schrie Krieg. Überraschenderweise aber zeigte Taubenhaus eine Großzügigkeit, die niemand von ihm erwartet hätte. Er hatte sich nun mit dem Projekt befreundet und gab nicht so leicht eine Sache von dem ausverloren. Schwabach mußte die Reitschule wärtigen Interessenten zurückkaufen, was ihm nach vielem Hin und Her auch gelang. Der auswärtige Interessent verdiente an der Transaktion in vier Wochen dreißigtausend Mark. Der Baurat atmete auf.„ Ein boshafter Zufall hätte uns zu guter Letzt noch einen Schabernack gespielt", rief er beglückt aus und lud Fabian zum Abendessen ein. Fabian wurde nachdenklich. ,, Denken wir nicht weiter darüber nach, welche Art von Zufall es war", sagte er ,,, sondern freuen wir uns, daß alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt sind." Außer ihm, Krieg und Taubenhaus hatte niemand etwas von dem Projekt gewußt. Es fiel ihm ein, daß Taubenhaus sich bei den Verträgen mit den Asphaltierungsfirmen eigensinnig auf 159 eine Berliner Firma versteifte, obschon sie zehn Prozent mehr forderte als alle anderen Bewerber. Nun verstand er manches. In den Zeitungen erschienen packende Aufnahmen von den Asphaltierungsarbeiten und das Phantasiebild des neuen Marktplatzes, der den Zauber Süditaliens zeigte. Taubenhaus war begeistert. ,, Das Volk muß etwas sehen!" Dies war sein ständiger Ausdruck. ,, Propaganda ist das Wichtigste in der Welt. Geben Sie Bilder in die Zeitungen, soviel Sie können!" Obwohl der neue Marktplatz erst im Frühjahr fertiggestellt sein würde, fanden sich heute schon viele Interessenten für die Läden, die von der Stadt vergeben wurden. Man hörte, daß die Werke Schellhammer das stattlichste Magazin gemietet hatten, neben ihnen wurde die Schuhfabrik von Habicht genannt und der Schneider März, der am neuen Markt einen Laden für Heeresbedarf errichten wollte. Baurat Krieg war außer sich vor Freude. ,, Ich freue mich für meine beiden Mädchen!" sagte er. Taubenhaus aber ließ ihm bestellen, daß er keine Kosten zu scheuen brauche, um wahrhaft großstädtische Läden zu schaffen. Taubenhaus war von glühendem Ehrgeiz erfüllt. Er buhlte förmlich um die Gunst der Bürgerschaft. Man mußte von ihm sprechen, ihn loben, er wollte unbedingt im Brennpunkt des Interesses stehen. Sein Geltungsbedürfnis war ohne Grenzen. Wenn man das erkannt hatte und seinen Wünschen Rechnung trug, war vorzüglich mit ihm zu arbeiten. Nun, Fabian hatte es von der ersten Stunde an erkannt. Die Sammlung, die Taubenhaus bei seiner großen Rede seinerzeit angeregt hatte, war ein überraschender Erfolg gewesen. Sie brachte rund zwei Millionen Mark ein, die Werke Schellhammer zeichneten allein vierzigtausend. Später war es Taubenhaus gelungen, die Zustimmung der Stadträte zu einer Anleihe von zwölf Millionen zu gewinnen, für den Anfang, wie er sagte. Es gehörte Mut dazu, dieses Ersuchen an die Stadträte zu richten, die zur Zeit Krügers wegen hunderttausend Mark zetermordio schrien. Aber die Mehrzahl von ihnen gehörte zur Partei und war in dem Gedanken erzogen, daß die Hauptaufgabe des Geldes darin bestehe, zu zirkulieren. 160 Mit ginner tekten gärtne in Flo De kame De Jahr Frühj sehr konn plant hörli „ D bruch man er. S wir daß müss rung U Es Der lich zu Der mög Pres sch Von nöt eine Str Ne 11 zent mehr manches. m von den en Marktas sehen!" Wichtigste können!" rtiggestellt en für die te, daß die tet hatten, nannt und Laden für mich für ß ihm bewahrhaft Er buhlte e von ihm punkt des Grenzen. Rechnung an hatte es ede seinerwesen. Sie Schellhamaubenhaus nleihe von r sagte. Es zu richten, termordio Partei und des Geldes Mit dieser Summe konnte man immerhin schon manches beginnen, und Fabian hatte fortwährend Besprechungen mit Architekten, Baumeistern, Städtebauern, Ingenieuren, Landschaftsgärtnern, so daß ihm die Zeit nicht lang wurde, während Christa in Florenz weilte. Der Ehrgeiz ließ Taubenhaus nicht ruhen und fast jeden Tag kam er zu Fabian mit neuen Vorschlägen. Der Winter stand vor der Türe, und er wußte, daß in diesem Jahr nur Arbeiten vorbereitender Natur in Frage kämen. Im Frühjahr aber, da wollte er loslegen! Eine Sache jedoch lag ihm sehr am Herzen. Wenn man auch im Winter nicht bauen konnte, so konnte man doch einreißen, nicht wahr? Der geplante Straßendurchbruch Nord- Süd beschäftigte ihn unaufhörlich. ,, Der Gauleiter, mein lieber Regierungsrat, verlangt den Durchbruch sobald wie möglich", sagte er zu Fabian. ,, Eine Stadt muß man nach allen Richtungen rasch durchqueren können, so sagt er. Setzen wir einmal den Fall, es gäbe Krieg, was dann? Nun, wir beide wünschen keinen neuen Krieg, aber ich glaube nicht, daß wir vor dem Gedanken erschrecken, wie? Einerlei, wir müssen den Durchbruch in Angriff nehmen, mein lieber Regierungsrat." Und Fabian nahm den Durchbruch in Angriff. Es gab lange Beratungen mit allen möglichen Kapazitäten. Der Nord- Süd- Durchbruch war immerhin ein Projekt, das reiflich überlegt sein wollte. Man erlaubte der Presse, ihre Meinung zu äußern. Die Presse war fast einstimmig für den Durchbruch. Der industrielle Aufschwung der Stadt und dann ein immerhin möglicher Kriegsfall! Taubenhaus konnte die Äußerungen der Presse gestatten, denn er wußte genau, ein Wink und die Presse schwieg. Oberst Thünen, allgemein sehr geachtet, beleuchtete die Frage vom Standpunkt des Strategen. Natürlich war der Durchbruch nötig, ja, er war lebenswichtig! ,, Blicken wir der Möglichkeit eines Krieges kühn ins Auge", schrieb er. ,, Nehmen wir an, die Strategie erfordert es, den Feind im Norden rasch anzugreifen? Nehmen wir an, die Strategie will den Feind in eine Falle locken 11 Totentanz 161 und ein rasches Rückzugsmanöver nach Süden vortäuschen? Deshalb fordere ich den Durchbruch und jeder wahre Patriot wird ihn fordern." Es war verblüffend, mit welcher Schnelligkeit die öffentliche Meinung für den Durchbruch gewonnen wurde. Schon vor zehn Jahren hatte man über diesen Straßendurchbruch lebhaft debattiert. Damals erhoben alle möglichen Leute ihre Stimme, der Historische Verein, der Verschönerungsverein, die Kunstschule, Künstler und Architekten, die Presse aller Schattierungen, der Verein der Hausbesitzer, die Kapuziner, wie man die Bewohner der Kapuzinergasse nannte. Auch Baurat Krieg machte damals mächtig Lärm. Wo aber waren heute alle diese Leute? Sie machten den Mund nicht auf, sie schwiegen, sie waren, so schien es, gar nicht mehr vorhanden. Baurat Krieg jammerte bei Fabian ein wenig darüber, daß die alten Barockgiebel der Kapuzinergasse verschwinden müßten, in der Presse aber war er mäuschenstill. دو an Ihre Vorstad Es wird Stadt vo großen ihre neu ,, Es ist jammerschade um die herrlichen, alten Barockgiebel!" klagte er und saß förmlich zusammengebrochen in seinem Stuhl. , Wenn das Alte im Wege ist", erwiderte Fabian ,,, dann weg damit, mag es auch noch so hübsch sein! Eine Stadt muß die Fesseln sprengen, die man ihr in früheren Zeiten aus irgendwelchen Gründen anlegte. Denken Sie an einen Krieg, zum Beispiel? Könnten Militärautos und Tanks durch die enge Kapuzinergasse fahren? Eine moderne Stadt braucht Luft und Freiheit." Krieg verabsch Die S Autos, Krieg nickte. ,, Ich sehe schon, daß ich nicht mehr in die neue Zeit passe", sagte er resigniert. ,, Aber erlauben Sie mir eine Frage. Wohin denn mit allen Leuten aus der Kapuzinergasse, wohin?" Er rang die Hände. Kapuzi die Leu Anwält verschw nicht Schlösse Fabian lachte. ,, Ein Gemeinwesen kann sich nicht um solche Nebensächlichkeiten kümmern. Sie müssen sich eben der Notwendigkeit beugen! Man wird sie in Gasthäusern unterbringen, oder irgendwo. Denken Sie an Berlin, München, Hamburg; Taubenhaus tut nur das gleiche. Glauben Sie, daß man dort große Umstände machte? Der Oberbürgermeister von Berlin, der Einspruch erhob, mußte einfach gehen, weil er sich einer höheren Einsicht verschloß. Natürlich haben wir auch schon 162 Fabia aber es für sein er auch Er h Direkt Verleg lenkte des Ra handle neue Pro zu gew stören erfüllt Fallen Judith San Juden Fab sich S rtäuschen? are Patriot öffentliche BendurchChen Leute ungsverein, " resse aller uziner, wie ch Baurat heute alle wiegen, sie er, daß die müßten, in ockgiebel!" nem Stuhl dann weg t muß die aus irgend , zum BeiKapuzinerreiheit." in die neue eine Frage. e, wohin?" um solche ader Notterbringen, Hamburg; man dort von Berlin, sich einer auch schon an Ihre armen Kapuziner gedacht. Sie staunen? Eine völlig neue Vorstadt soll gegründet werden, auf dem Wege nach Amselwies. Es wird die modernste Gartenstadt Deutschlands werden, eine Stadt von zehntausend Einwohnern. Die Pläne liegen bereits im großen und ganzen vor. In Kürze werden sich die Kapuziner ihre neuen Wohnungen auswählen können." Krieg erhob sich. Nun hat es auch ihn gepackt, dachte er und verabschiedete sich in gedrückter Stimmung. Die Spitzhacken begannen in der Kapuzinergasse zu wüten, Autos, mit Schutt beladen, fuhren durch die Stadt. Die alte Kapuzinergasse verwandelte sich in einen Trümmerhaufen. Und die Leute der Kapuzinergasse selbst, die ,, Kapuziner", Ärzte, Anwälte, Händler, Beamte, Rentner, wohin kamen sie? Sie verschwanden, ohne ein Wort zu sprechen, und man wußte nicht wohin. Das städtische Museum sicherte sich einige alte Schlösser und Türklinken. Fabian war in kurzer Zeit eine Macht in der Stadt geworden, aber es muß gesagt werden, daß er seinen großen Einfluß auch für seine Freunde geltend machte, wo es nötig war. So vergaß er auch nicht den verehrten Sanitätsrat Fahle in Amselwies. Er hatte in letzter Zeit häufig mit Professor Sandkuhl, dem Direktor des Städtischen Krankenhauses, zu sprechen, da eine Verlegung der Anstalt außerhalb der Stadt geplant war. Dabei lenkte er gelegentlich das Gespräch auf den verdienten Schöpfer des Röntgeninstituts und brachte die Wünsche Fahles vor. Es handle sich, wie er verraten könne, um eine epochemachende neue Erfindung des weltbekannten Gelehrten. Professor Sandkuhl war nur schwer für die Wünsche Fahles zu gewinnen. ,, Fahle wird mir die unersetzlichen Apparate zerstören", sträubte er sich. ,, Als Jude ist er von angeborenem Haẞ erfüllt. Lesen Sie bitte mein Buch. Die Bibel berichtet in hundert Fällen von Heimtücke und Betrug. Ist nicht die Mentalität Judiths Beweis genug?" Sandkuhl hatte kürzlich ein Buch über die ,, Psychologie der Juden" veröffentlicht, das von blindem Haß diktiert war. Fabian bot seine ganze Überredungskunst auf, und endlich fand sich Sandkuhl bereit, eine Ausnahme zu machen. Er erklärte: 11* 163 ,, Vorausgesetzt, daß Sie die volle Bürgschaft übernehmen und mir diese Bürgschaft schriftlich geben, bin ich gewillt, Fahle jeden Sonntag von zehn bis acht Uhr im Institut arbeiten zu lassen." Fabian gab die Bürgschaft schriftlich. Er bat Marion telefonisch in sein Anwaltsbüro und teilte ihr die gute Nachricht mit. Das schöne Mädchen jubelte hell auf und fiel ihm augenblicklich um den Hals. ,, Gott im Himmel!" rief Marion lachend aus, während Tränen in ihren schwarzen Augen glänzten.„ Papa wird überglücklich sein und Ihnen ewig danken." ,, Grüßen Sie Ihren Vater tausendfach", sagte Fabian. ,, Ich wäre ja selbst mit Freuden nach Amselwies hinausgekommen, aber Sie wissen, wie sehr ich überlastet bin." ,, Papa und wir alle", entgegnete Marion ,,, sind rechtschaffen unglücklich, daß die Umstände es Ihnen nicht mehr erlauben, zu uns zu kommen." ,, Die Umstände?" Marion lachte. ,, Weshalb tun Sie so erstaunt? Wir sind Juden, um es ganz offen zu sagen." „ Das war Marion 1 rief sie aus, Fabian erhob sich. ,, Wollen Sie mich verletzen, Fräulein Marion?" erwiderte er. ,, Ich kümmere mich nicht im geringsten um diese läppischen Dinge. Am kommenden Sonntag um fünf Uhr bin ich bei Ihnen, werde ich nicht stören?" Hand hin. Als sie d mann: We dann könn Marion klatschte in die Hände.„ Herrlich!" rief sie lachend aus. ,, Sie werden glückliche Menschen sehen!" Nun aber wollte sie gleich aufbrechen, um die beiden Freudenbotschaften nach Hause zu bringen. Fabian aber ließ sie nicht gehen, er unterhielt sich mit ihr noch eine halbe Stunde, obgleich sein Wartezimmer voller Leute war. Marions frohes Lachen erfüllte sein Büro. Eilige Sc und heiter öffnete ihr waren jung Doktor Da hatte das scher Nati Wochen Als sie sich verabschiedete, bat sie lachend und errötend, ihm zum Dank für seine Güte die Hand küssen zu dürfen. Dabei standen ihre schwarzen Augen wieder voll Tränen. Fabian verweigerte es lachend. ,, Das wäre ja noch schöner!" sagte er. ,, Zum Dank bitte ich meinerseits um eine Gunst, schöne Marion." Und er küßte sie auf die Stirn, sie verwehrte es ihm nicht, sondern hielt ganz stille. 164 ersten Fan sorgfältig um sie in Clotilde e richtigen all, es gelt stige Fund Die bei großer Lie heit hatte undankba deutlich z reichen P War, der Clotild zückend rote Kora men und Fahle eiten zu telefocht mit. augenwährend d über an.„ Ich Commen, schaffen uben, zu Wir sind Fräulein eringsten um fünf lachend er wollte en nach unterhielt ezimmer üro. end, ihm n. Dabei chöner!" Gunst verwehrte ,, Das war mein Dank, Marion!" دو Marion lachte laut auf. Was für Einfälle Sie doch haben!" rief sie aus, noch immer tiefrot. Sie streckte ihm lachend die Hand hin. ,, Am Sonntag!" Als sie durch die Büros zurückging, dachte Fräulein Zimmermann: Wenn ich so lachen könnte wie sie und so schön wäre, dann könnte ich meinetwegen auch Jüdin sein. XIV Eilige Schritte knarrten die Treppe empor, Sporen klirrten, und heitere Stimmen erfüllten das Treppenhaus. Clotilde eröffnete ihren ,, Salon" und empfing ihre Gäste. Viele von ihnen waren junge Offiziere, Freunde des Oberleutnants von Thünen. Doktor Däubler vom Gymnasium hielt den ersten Vortrag. Er hatte das Thema gewählt: ,, Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation." Wochenlang hatte Clotilde mit der Baronin Thünen in den ersten Familien der Stadt Besuche gemacht, es mußte ja alles sorgfältig vorbereitet werden. Die Baronin begleitete Clotilde, um sie in ihrer großen Aufgabe zu unterstützen. Allein war Clotilde etwas befangen, die Baronin aber hatte jederzeit die richtigen Worte zu Gebote. Bereit sein sei alles, begann sie überall, es gelte die geistige Bereitschaft vorzubereiten und das geistige Fundament des neuen Reiches zu errichten. Die beiden Damen wurden in fast allen Bürgerhäusern mit großer Liebenswürdigkeit aufgenommen, sobald man die Gewißheit hatte, daß sie weder Geld wollten, noch für irgendein undankbares Amt warben. Auf Clotildes Besuchskarte war deutlich zu lesen, daß sie eine geborene Pracht war, eine der reichen Prachts, die mit dem Regierungsrat Fabian verheiratet war, der rechten Hand des Bürgermeisters Taubenhaus. Clotilde sah bei ihrer Premiere wirklich vornehm und entzückend aus, sie trug zu ihrem dunklen Kleid eine lange, hellrote Korallenkette, die mit der Feierlichkeit ihres Kostüms aus165 söhnte. Der neue Salon erregte Bewunderung, Martha, hochrot vor Erregung, reichte den Tee. Doktor Däubler sprach wirklich sehr interessant, etwas zu lange vielleicht, jedenfalls ermüdeten die vielen geschichtlichen Einzelheiten. Er war jung und schlank und gefiel mit seinen blonden Haaren besonders den Damen. Clotilde wußte schon, was sie tat. Vielleicht erlebte man heute die Morgenröte eines neuen Römischen Reiches Deutscher Nation, ohne es zu wissen? Die Stimmung der Gesellschaft war anfangs vielleicht etwas zu ernst, sie belebte sich erst, als Martha die Schnäpse an Clotildes Bar reichte. Nun hörte man sogar lautes Lachen, besonders in der Ecke, wo die Offiziere standen. ,, Österreich? Ja, Österreich. Endlich hat Österreich zu seinen Brüdern ins Reich zurückgefunden." erwecken. sellschaftli Profess Thema la grabunger Er war würdig, ,, Es ist erstaunlich, wie unwissend man ist!" sagte die Baronin zu Clotilde. ,, Wer sollte von all diesen historischen Zusammenhängen Kenntnis haben? In Wahrheit, Sie erfüllen eine heilige und hehre Pflicht, meine Liebe, mit Ihrer Aufklärungsarbeit. Was hat unser gequältes Vaterland in diesen tausend Jahren alles durchgemacht an Schrecken, Kriegen und Wirrnissen? Gott sei Dank, daß es heute endlich eine starke, zielsichere Hand lenkt, die es zur Ruhe und Größe führen wird. Ein Gläschen von diesem smaragdgrünen Likör, Wolf, Martha weiß Bescheid." Dann knarrten wieder die vielen Schritte die Treppe hinab, die Sporen klirrten und die Stimmen klangen laut und lebendig durch das Treppenhaus. Die Zeitungen brachten ausführliche Berichte und prophezeiten Doktor Däubler eine große Zukunft. Es war immerhin ein bemerkenswerter Erfolg! seidendün mit dünn lang den Dinge pla Hörte es jahrelang ,, Ich beglückwünsche Sie, meine Liebe", sagte die Baronin zu Clotilde, als sie am nächsten Morgen bei ihr Tee trank. Clotilde lag von den Anstrengungen der Premiere noch im Bett. ,, Sie werden sehen, Ihr Salon wird der geistige Mittelpunkt der Stadt werden, ganz wie ich es prophezeite. Die Menschen der hiesigen Gesellschaft müssen sich natürlich erst daran gewöhnen." befremde waren! E ungünstig geistvolle Der blonde, junge Doktor Däubler hatte das Eis gebrochen, aber erst Professor Hall vom Historischen Verein war imstande, die richtige Wärme und Zwanglosigkeit in Clotildes Salon zu 166 Germane waren so Und man ihren lan Met? Ein und der Wenn m ihren Ba Hausrat Zäunen einige Sc funden menten Zweifel Zuhörer Das schen V zu herrs begeister mentene mochrot was zu tlichen en blonOn, was S neuen m? twas zu Clotildes ders in seinen Baronin ammene heilige gsarbeit Jahren n? Gott Hand Gläschen escheid." e hinab lebendig ührliche Zukunft ronin zu Clotilde ett. ,, Sie der Stadt " hiesigen brochen, mstande Salon zu erwecken. Man lachte diesmal sogar mitten im Vortrag, die gesellschaftliche Steifheit der Premiere war überwunden. Professor Hall sprach anfangs des neuen Jahres, und sein Thema lautete: ,, Die Kultur der Germanen und die Ausgrabungen von Amselwies." Er war klein und schmächtig, Professor Hall, alt und ehrwürdig, etwas gebeugt, und die weißen Locken wehten wie seidendünne Fahnen um seinen kahlen Schädel. Zwar sprach er mit dünner Stimme, doch hatte man immerfort eine Stunde lang den Eindruck, daß nur ein alter Gelehrter so herrlich über Dinge plaudern konnte, die Tausende von Jahren zurücklagen. Hörte es sich nicht so an, als habe er mit den alten Germanen jahrelang zusammen gehaust? Am Anfang war man wohl etwas befremdet, als er erklärte, daß die Germanen ein Mischvolk waren! Ein Mischvolk? Die Baronin rümpfte die Nase. Aber dieser ungünstige Eindruck wurde bald wieder verwischt von seinen geistvollen Ausführungen. Wer hätte gedacht, daß die alten Germanen rasiert gingen? Rasiert, ich bitte Sie! In den Gräbern waren sogar häufig kunstvolle Rasiermesser aufgefunden worden. Und man hatte immer geglaubt, sie lägen haarig und zottig, von ihren langen Bärten eingehüllt, auf Bärenhäuten und tranken Met? Einige von ihnen waren sogar römische Offiziere gewesen, und der Bruder des berühmten Hermann sprach sogar lateinisch. Wenn man Professor Hall zuhörte, so sah man sie förmlich in ihren Bauernhöfen wirtschaften, umgeben von kunstvollem Hausrat, reiche Verzierungen und kunstvolle Schnitzereien auf Zäunen und Dachfirsten. Der weißhaarige Gelehrte zeigte sogar einige Scherben vor, die bei den Ausgrabungen in Amselwies ge-funden wurden. Sie wiesen Spuren von beachtenswerten Ornamenten auf, die leider kaum zu sehen waren, aber ohne jeden Zweifel auf sagenhafte Zeiten hindeuteten, die niemand in der Zuhörerschaft sich richtig vorstellen konnte. ,, Das also waren die Stammväter eines starken und schöpferischen Volkes, das Gott berufen hat, einst über die ganze Welt zu herrschen", rief Professor Hall mit seiner dünnen Stimme begeistert aus und die weißen Locken wehten um seinen pergamentenen Schädel. Lauter Beifall belohnte ihn. 167 Clotilde hatte allen Grund, mit ihren Erfolgen zufrieden zu sein. Schon war Taubenhaus auf sie aufmerksam geworden. Er hatte in einer Gesellschaft geäußert, er begreife nicht, wie man sich von einer geistig so bedeutenden Frau scheiden lassen könne? Die beiden Damen, Clotilde und die Baronin, triumphierten. Sie genossen ihren Tee in Clotildes geschmackvollem Salon und plauderten. Die Baronin ließ ihre Ringe funkeln und kokettierte mit ihren schmalen Händen, während sie sich an schönen Worten berauschte. ,, Freuen wir uns, meine Teure", sagte sie ,, genießen wir die Genugtuung, zu den Pionieren zu gehören, die am geistigen Aufbau des neuen Reiches mitarbeiten." Clotilde hatte sich ein Buch angelegt, in dem die Titel und Themen künftiger Vorträge verzeichnet waren. Diese Reihe war endlos. Das Nibelungenlied, das Reich Karls des Großen, die Bedeutung Friedrichs des Großen, unsterbliche deutsche Heerführer, es nahm kein Ende. Viel schwieriger war es, die geeigneten Redner zu finden. Ihr gesellschaftlicher Ruf mußte ohne jeden Tadel sein und ihr nationaler Sinn so ausgeprägt, daß man sie für würdig hielt, in Clotildes Salon zu sprechen. Auch Oberst von Thünen stand schon lange auf der Rednerliste. Er wollte über die Schlacht von Verdun sprechen, in der er schwer verwundet worden war. ,, Die Helden des Forts Douaumont", unter diesem Titel war sein Vortrag eingetragen. gebracht, lichen Pal Auch d Aufenthal Nachde hatte, bli Das besch lag verwa dinen, ein plötzlich Rasenplat zurechtge dafür abe Dann ka Wirtshau trennte d Pietätv Gasthaus in alter Im fo Schwarm ein mass Rohbau lichen Z Aus d Karpfen tik und vergesse XV Roßmeier, der Hotelier des ,, Stern", behielt tatsächlich recht. Taubenhaus erzählte es Fabian: der Gauleiter hatte den Entschluß gefaßt, in die Stadt zu übersiedeln. Er werde seine Geschäftsräume im bischöflichen Palais haben, in der ,, Burg" von Einstetten aber Wohnung nehmen. Wieder fuhren die schnellen Autos am ,, Stern" vor, und eine volle Woche lang war das Hotel erfüllt von ungezwungenem Lärm. Der Gauleiter hatte zwei Architekten aus München mit168 war, der mannsch ein Jago Schlu Im n Gästen Dienern Leben Das Hen zu en. Er e man könne? ierten. On und ettierte Worten enießen m geicel und he war en, die Heeren. Ihr and ihr mielt, in Rednerin der Forts etragen. h recht. en Entine Geg" von and eine ngenem en mitgebracht, die den Umbau und die Verbesserungen im bischöflichen Palais überwachten. Auch die ,, Burg" von Einstetten wurde für einen längeren Aufenthalt eingerichtet. Nachdem Rumpf das„, Wirtshaus zum Karpfen" angekauft hatte, blieb in Einstetten einige Monate lang alles ganz ruhig. Das bescheidene Gasthaus mit seinem hohen, altmodischen Dach lag verwahrlost am Wege, die Fenster schwarz und ohne Gardinen, einige zerbrochen. Es sah jämmerlich aus. Dann kamen plötzlich Gärtner, die den Wirtschaftsgarten in einen hübschen Rasenplatz umwandelten. Der Hahn blieb stehen, er wurde nur zurechtgestutzt, gleichsam geschoren, der Igel weggeschlagen, dafür aber wurde die struppige Kugel in einen Igel verwandelt. Dann kamen Maurer und Handwerker aus der Stadt, das alte Wirtshausschild wurde neu gestrichen, ein hohes Eisengitter trennte das Grundstück vom Wege, und die Zeitungen schrieben: ,, Pietätvoller Sohn, der im Ausland Geld verdiente, erwirbt das Gasthaus seines Vaters, in dem er aufwuchs, und läßt es wieder in alter Ehrwürdigkeit erstehen." Im folgenden Frühjahr aber erschien plötzlich ein ganzer Schwarm von Maurern und Zimmerleuten, die bis zum Sommer ein massives Wohnhaus und ausgedehnte Wirtschaftsgebäude im Rohbau errichteten, dazu drei kleinere Villen für alle möglichen Zwecke. Aus der Jagdhütte, die der Gauleiter aus dem„, Wirtshaus zum Karpfen" schaffen wollte, war nichts geworden. Mit der Romantik und dem Idyll war es ein für allemal vorbei. Er hatte völlig vergessen, daß er in erster Linie ein Diener des Staates geworden war, dem Sekretäre und Adjutanten, Dienerschaften und Wachtmannschaften nicht mehr die Zeit ließen ,,, am rauchenden Herd ein Jagdfrühstück" zu bereiten. Schluß mit all dem törichten Firlefanz! Im nächsten Frühjahr kam Rumpf mit einer Schar von Gästen selbst an, begleitet von einem Zug von Automobilen, Dienern und einem Troß von Wachtmannschaften. Ein heiteres Leben begann. Das alte kleine Wirtshaus lag abseits am Wege und diente 169 Kutschern und Chauffeuren als Schenke. Sie aßen auch in der alten Wirtsstube, Rumpf und seine Gäste aber betraten das alte Haus nur noch einmal, um es zu besichtigen und den kunstvollen Hahn, der herrliche Schwanzfedern bekommen hatte, zu bewundern und über den kleinen Igel mit seiner spitzen Schnauze zu lachen. Sie lebten im großen Hause, das den Namen ,, die Burg" erhalten hatte. In jed stetten, e Ja, wie sah die ,, Burg" aus? Man hatte schon vieles gesehen, aber niemals etwas wie die ,, Burg"! Die ,, Burg" hatte zwei mächtige Türme und war ungewöhnlich stark gebaut. In Wahrheit, ihre Mauern waren so dick wie die einer Festung, die Fenster lagen in förmlichen tiefen Nischen. Ein Münchner Architekt hatte das Haus geschaffen und gefällig und prächtig eingerichtet, so daß man sich sofort darin wohlfühlte. Die Gesellschaftsräume lagen zur ebenen Erde, zwei breite und wahrhaft schloßähnliche Treppen mit schweren schmiedeeisernen Geländern führten zum ersten Stockwerk empor, eine in die Wohnräume des Hausherrn, die zweite in den sogenannten Kavalierflügel der Adjutanten. Das Haus hatte noch eine Merkwürdigkeit, das war das Souterrain, das genau wie ein gewöhnliches Stockwerk ausgebaut war. Es enthielt die Küchen, die Vorratsräume und ausgedehnte Weinkeller, die niemand sah, obschon sie eine Sehenswürdigkeit waren. Die Decken waren wie mittelalterliche Gewölbe errichtet und stellenweise genau so dick wie die Mauern. Sie enthielten viele Tonnen von Eisenträgern. So unver der Aufe leiter ha gerichtet schaft v Wachtm pferde w ,, Der kluge Mann baut vor", sagte Rumpf und lachte schlau. Ein Eisenbahnzug mit Pferden lief ein, und die Ställe füllten sich mit edlen, herrlichen Tieren. Jagdausflüge, Geländeritte wurden veranstaltet, Picknicks, Konzerte, Feste, Paraden und Aufmärsche, aber nach kaum drei Wochen war alles zu Ende. Die Autos rollten wieder ab, die Wachtmannschaften verschwanden, die Adjutanten, Sekretäre. Die herrlichen Reitpferde wurden wieder verladen und der Hofstaat des Gauleiters von heute auf morgen nach Ostpreußen verlegt. Einstetten und die„, Burg" versanken wieder in Stille und Frieden. in Ostp ein beso gerichte einander wochen Einladu sich aud Er fü Anzeich schaft schon Diner t Vogelsb mit de hielt. E nicht z Am auch d man ha Plöt schwie seinen dunkel führte zuweil seiner Un Er bli 170 Sehens® che Ge Mauern:} schlau: In jedem Jahr kam der Gauleiter einige Wochen nach Ein- stetten, einmal blieb er sogar zwei Monate, aber immer reiste er so unvermutet ab, wie er angekommen war. Diesmal aber sollte der Aufenthalt längere Zeit dauern, Jahre vielleicht. Der Gau- leiter hatte seine Geschäftsräume im bischöflichen Palais ein- gerichtet, er speiste im„Stern“ oder in der„Burg“. Die Hundert- schaft von Soldaten war im Palais untergebracht, eine starke Wachtmannschaft lag in Einstetten. Mit der Schar der Reit- pferde war Rittmeister Möhn eingetroffen, der bisher das Gestüt in Ostpreußen leitete, es wimmelte von Offizieren, Sekretären, ein besonderes Postbüro wurde in einer der kleinen Villen ein- gerichtet. Empfänge, Picknicks, Diners und Soupers folgten einander, Schmausereien, Zechgelage, völlige Orgien. Das ging wochenlang so. Zuweilen veranstaltete Rumpf auch größere Einladungen im„Stern“, und auf einem großen Bankett befand sich auch Fabian unter den geladenen Gästen. Er fühlte sich sehr geehrt und erblickte in der Einladung ein Anzeichen dafür, daß er fortan zur tonangebenden Gesell- schaft gehöre. Rumpf beachtete ihn aber kaum, er war aber schon mit seinem derben Händedruck zufrieden. Nach dem Diner trank er eine Flasche Wein zusammen mit dem langen Vogelsberger und dem untersetzten schwarzen Grafen Dosse, mit dem er sich vorzüglich über französische Malerei unter- hielt. Er hätte dem kleinen Grafen solch erstaunliche Kenntnisse nicht zugetraut. Am nächsten Tag durchblätterte er die Zeitungen, ob man auch den Regierungsrat Fabian nicht vergessen hatte? Nein, man hatte ihn nicht vergessen. Plötzlich aber änderte sich alles in Einstetten. Der Gauleiter schwieg, er machte keine Witze mehr bei Tisch, trank still seinen Rotwein, die gedrückte Stirn gerunzelt, und seine dunkelblauen Augen waren hart wie Kugeln aus Glas. Täglich führte er einige Telefongespräche mit München, er knirschte zuweilen sogar mit den Zähnen. Es war sehr ungemütlich in seiner Nähe und die Adjutanten gingen ihm aus dem Wege. Unvermutet reiste er mitten in der Nacht nach München ab. Er blieb eine ganze Woche fort und niemand hörte ein Wort 171 von ihm. Sein Geburtstag sollte in drei Tagen stattfinden, und man war ohne jede Nachricht. Indessen kam er unerwartet mitten in der Nacht zurück, und die Miene seines alten Kammerdieners, der früher beim König von Sachsen gedient hatte, strahlte beglückt, als er am Morgen sein Schlafzimmer verließ. Am Frühstückstisch erschien Rumpf in prächtiger Stimmung. Wir werden vorläufig noch einige Monate hierbleiben", sagte er. ,, Jedenfalls werden wir meinen Geburtstag diesmal in der, Burg' feiern, und zwar ganz unter uns." Gutgelaunt fügte er hinzu, er wolle dieses Jahr kein langweiliges Ballett aus Berlin haben oder einen ähnlichen Zauber, er habe vielmehr auf der Rückreise eine blendende Idee gehabt, eine geradezu blendende Idee. دو Die Adjutanten blickten ihn erwartungsvoll an. ,, Eine geradezu blendende Idee!" wiederholte er lächelnd. ,, Die Herren haben doch alle hübsche Bräute, wie? Einige kenne ich ja bereits. Man hat mir erzählt, daß Sie, Graf Dosse, sogar mit einer preisgekrönten Schönheit liiert sind?" Graf Dosse, der unansehnlich und schmächtig, fast häßlich war, bekam einen blutroten Kopf.„ Sie ist in der Tat eine Schönheit, die bei einer Konkurrenz in Wien den ersten Preis erhielt", erklärte er. Der Gauleiter blickte rings im Kreise. ,, Nun", sagte er ,,, all diese Bräute werden wir zum Geburtstag einladen, auch Ihre Schönheit, Graf Dosse." Graf Dosse warf verlegen ein, daß seine Braut in Wien am Theater sei, es würde wohl schwer für sie sein, am Geburtstag zu erscheinen. Der Gauleiter unterbrach ihn lachend und schickte sich an, aufzubrechen. Rittmeister Möhn wird alles in die Hand nehmen", entschied er. Im Sta Adjutant In solch ausgezeichneter Laune hatten sie den Gauleiter noch nie gesehen. halben Ja Der im wegenem Rennreit er es na Kognak lichen A Westen, Graf Do regt hin preisgek Pflicht, Graf ten Kog Seine H glückt s ten Wie am The haben n verzwei Luft Möhn. das The Budapes länge, Graf block. vor zw ersten I Austria der He blonde illustrie 172 en, und rwartet Kamt hatte, verließ. mmung. leiben", smal in mt fügte ett aus ielmehr eradezu chelnd. Einige Dosse, häßlich Tat eine en Preis er ,,, all ch Ihre Wien am burtstag sich an, e Hand er noch XVI Im Stab des Gauleiters herrschte große Aufregung. Alle sechs Adjutanten waren Junggesellen, bis auf einen, der vor einem halben Jahr geheiratet hatte, da seine Braut ein Kind bekam. Der immer vergnügte Rittmeister Möhn, ein Mann mit verwegenem Gesicht und kastanienbraunen Haaren, berühmter Rennreiter, richtete augenblicklich sein„ Hauptquartier", wie er es nannte, im Rauchzimmer ein. Er bestellte eine Flasche Kognak und begann zu telefonieren, zu telegrafieren, alle möglichen Ausweise auszuschreiben. Zwei Damen kamen aus dem Westen, zwei aus Berlin und eine aus Wien. ,, Sie haben es gehört, Graf Dosse?" wandte er sich an den dunklen Adjutanten, der erregt hin und her ging.„ Er interessiert sich besonders für Ihre preisgekrönte Schönheit, Madame Austria, es ist also unsere Pflicht, sie tot oder lebendig herbeizuschaffen." Graf Dosse, der sonst niemals trank, goß sich einen doppelten Kognak ein. ,, Aber natürlich", entgegnete er und errötete. Seine Hand zitterte, als er das Glas hob. ,, Charlotte wird beglückt sein, hochbeglückt!" Unwillkürlich nahm er einen leichten Wiener Dialekt an. ,, Aber Sie wissen ja, mein Lieber, sie ist am Theater in Wien, das zur Zeit in Budapest gastiert. Wir haben nur noch zwei knappe Tage! Ich wäre ja unglücklich, verzweifelt wäre ich, wenn es nicht mehr möglich wäre." ,, Lufthansa! Weshalb haben wir denn die Lufthansa", lachte Möhn. ,, Eine Depesche an die Privatadresse, eine Depesche an das Theater in Wien und eine Depesche an das Theater in Budapest. Es müßte des Teufels sein, wenn es uns nicht gelänge, die göttliche Charlotte heranzuholen." Graf Dosse schrieb Charlottes Privatadresse auf einen Notizblock. Sie war in der Tat eine preisgekrönte Schönheit, die vor zwei Jahren bei einer Schönheitskonkurrenz in Wien den ersten Preis bekommen hatte und seitdem den Namen Madame Austria trug. Zur Zeit trat sie in Wien als Tänzerin auf. Keiner der Herren hatte sie bis heute zu Gesicht bekommen, nur der blonde Vogelsberger sah eine Abbildung von ihr in einer illustrierten Zeitung und fand ihr Aussehen ,, berauschend". 173 Möhn nahm eine Handvoll Zigaretten aus der Tasche und warf sie auf den Tisch. ,, Bedenken Sie, Graf Dosse", rief er, ,, daß die Zeiten vorbei sind, wo Sie Ihre Schönheit egoistisch in einen Glaskasten einschließen können. Meine Liste wird bald komplett sein. Versuchen Sie doch, bitte, Vogelsberger aufzufinden." Er klingelte nach einer Sekretärin. Graf Dosse begab sich auf sein Zimmer, um eine Stunde Geige zu üben, was er fast nie versäumte. Während er übte, lag sein Hund, ein prachtvoller Schäferhund, auf dem Bett und betrachtete ihn mit sorgenvoll gerunzelter Stirn. Mitten in der Etüde brach Dosse plötzlich das Spiel ab und ging ins Freie. Er konnte es im Zimmer nicht mehr aushalten. Die Aussicht, seine Geliebte gänzlich unerwartet, wie durch ein Wunder, bald wiederzusehen, hatte ihn förmlich betäubt. Er ging zu Fuß in die Stadt, um die Zeit zu vertreiben. holte die eine Majo ,, Wie lange wird es dauern, bis wir Antwort von Frauchen haben, Pascha?" fragte er seinen Hund. Der Hund, der die freudige Erregung des Herrn fühlte, sprang aufgeregt und kläffend an ihm empor. Graf Dosse speiste in der Stadt und ging müde zu Fuß zurück. Die Antwort war noch nicht da. Sie kam erst am Abend aus Budapest. des langer gab sich s Empfang „ Das W ankomme Möhn stand in dauernder Verbindung mit der Lufthansa. Er war in ausgelassener Stimmung und leicht beschwipst. Seine Liste war längst komplett. Die jungen Adjutanten waren alle übermütig gelaunt, nur einer war wütend: Seine Braut hatte ihm eine glatte Absage gedrahtet. morgens Dosse wa weiteres los, daß treffen k Der offizielle Teil der Geburtstagsfeier begann um sieben Uhr und dauerte bis ein Uhr. Es kam ein Kurier aus München, es kamen Deputationen der Behörden und der Stadt, es kamen Unmengen von Blumen und Kisten voller Wein. Um ein Uhr fand ein Diner im ,, Stern" statt, das bis fünf Uhr währte. " Wir Möhn un knapp ei Charlotte Sonderflu Auch Fabian gehörte wieder zu den Geladenen und der Gauleiter zeichnete ihn diesmal durch eine längere Anrede aus. Er versprach, ihn bald in seinem Büro zu besuchen, die Aufbaupläne hätten Beifall an höchster Stelle gefunden. Möhn verschwand beim Diner kurz nach den Likören. Er Graf I worden. Flughafen wollte ab Nun g Pascha" springen, immer n Burg" Telefon S Wind tr Endlich gelandet daß es s Graf fror, un Stunde Man Auto M entdeckt schnell 174 che und rief er, goistisch Frd bald ger aufStunde er übte, m Bett Mitten ging ins Le durch betäubt. Frauchen der die gt und adt und t da. Sie ansa. Er st. Seine aren alle ut hatte n sieben urier aus and der in voller das bis und der rede aus. die Aufören. Er holte die erste der geladenen Damen vom Bahnhof ab. Es war eine Majorin Silberschmied, eine geschiedene Frau, die Erwählte des langen Vogelsberger. Er fuhr sie nach Einstetten und begab sich sofort wieder zum Bahnhof, um seine Braut Klara in Empfang zu nehmen. ,, Das Wiener Flugzeug wird in zwanzig Minuten in Dresden ankommen!" rief ihm Graf Dosse zu, als er zurückkehrte. Graf Dosse war in heller Aufregung, denn er hatte gehört, daß kein weiteres Flugzeug die Linie beflog. Es schien nahezu aussichtslos, daß Charlotte bis zehn Uhr, dem Beginn der Feier, eintreffen könnte. Völlig verstört sah er aus, obschon er lächelte. ,, Wir werden die Lufthansa in Schwung bringen!" lachte Möhn und ließ sich mit der Lufthansa in Berlin verbinden. In knapp einer Viertelstunde hatte er alles geordnet. Die schöne Charlotte sollte sich zwei Stunden im Hotel ausruhen, ein Sonderflugzeug aus Berlin würde sie abholen. Graf Dosse atmete auf, er war schon völlig mutlos geworden. Eine Weile später sprach er mit Charlotte auf dem Flughafen zu Dresden. Sie war im Flugzeug seekrank geworden, wollte aber die Reise trotzdem fortsetzen. Nun gab es keinen glücklicheren Menschen als Graf Dosse. Pascha" durfte zehnmal über seinen vorgestreckten Arm springen, bis er völlig erschöpft war. Dann ging er mit dem immer noch keuchenden Hund in der Dämmerung vor der ,, Burg" spazieren, immer hin und her, um jederzeit sofort ans Telefon gerufen werden zu können. Es wehte leicht und der Wind trieb spärliche Schneeflocken dicht über die Felder. Endlich kam die Meldung, daß das Berliner Flugzeug in Dresden gelandet sei, und wenige Minuten später traf die Nachricht ein, daß es soeben wieder startete. Graf Dosse holte sich seinen dicken Wintermantel, da er fror, und begab sich mit ,, Pascha" zum Flugplatz. In einer Stunde würde Charlotte hier sein! Man hörte schon den Motor am dunklen Himmel, als das Auto Möhns auf dem Flugplatz eintraf, und in diesem Moment entdeckte Graf Dosse in der Finsternis oben ein rotes Licht, das schnell dahinschoß. Als das Flugzeug aufsetzte, wurde der helle 175 Lichtschein seiner Kabine von Schneeflocken umwirbelt, die man vorher gar nicht gesehen hatte. Graf Dosse erkannte Charlotte an der Art, wie sie den Fuß auf die Leiter setzte, und sein Herz stockte. Man konnte vergessen, wie häßlich ein Mensch war, aber daß man auch vergessen konnte, wie schön ein Mensch war, erfuhr er erst jetzt. Charlotte sah wie eine vollendete Dame aus. Sie war in einen Nerzmantel gehüllt und trug ein Hütchen mit kostbaren Agraffen. Aber es war ja schließlich kein Kunststück, einen Nerzmantel und ein Hütchen mit kostbaren Agraffen zu besitzen, wenn man eine preisgekrönte Schönheit war. Preisgekrönt, o bitte sehr, nicht von einem Turnverein oder Ruderklub, sondern von einer Jury zwölf erstklassiger Maler Wiens. ,, Ein Fußsack liegt im Wagen, meine Gnädigste, dazu Decken", sagte Möhn eifrig und warf dem beglückten Graf Dosse einen vielsagenden Blick zu: Jetzt verstehe ich, daß Sie sie bisher verbargen! Die Damen waren in eine der Gastvillen neben der ,, Burg" einquartiert, Zofen, Friseusen standen ihnen zur Verfügung. Als die beiden Herren mit Charlotte eintraten, kredenzte Vogelsberger eben einen Wermut im Vorzimmer. Sie waren schon alle in der heitersten Stimmung. Es war halb zehn Uhr. Die sch Stündchen Beruf wa schob Rit hinaus, u holen. De scheinen. Um el raum zu angeheite und dies und lach die Dam besten ge Hause st zu heira reichen H entführt bald alle lachen, stattlich Modesal kaum e schweig fallend Graf Freude, XVII Die Ausdauer des Gauleiters grenzte ans Unglaubliche. Seit sechs Uhr morgens war er auf den Beinen, sprach mit Hunderten von Menschen, machte ein Diner von vier Stunden mit zwei Flaschen schwerem Bordeaux und einer Serie von Schnäpsen mit, dann empfing er noch ein Dutzend dienstliche Besuche im Palais, und als er um neun Uhr in die ,, Burg" zurückkehrte, war er noch genau so frisch wie früh um sechs Uhr. Selbst der rostrote Scheitel sah genau noch so tadellos peinlich gescheitelt aus wie am Morgen. Zu Hause angelangt, legte er sich auf den Diwan und begann in einem Abenteuerroman zu lesen. 176 nur and und als dienste auf ein später Alle das hel in eine still un manns 12 Tot belt, die te Char und sein Mensch chön ein in einen kostbaren ck, einen en zu be r. Preiser Ruder er Wiens Decken" Osse einen bisher ver er ,, Burg" gung. Ab te Vogels en schoo r. poliche. Se Hunderten mit zwe äpsen mit esuche im zehrte, war st der rost cheitelt aus auf den Die schöne Charlotte mußte nach der anstrengenden Reise ein Stündchen ruhen. Sie hatte längst begriffen, daß Schönheit ein Beruf war, den man nicht ernst genug nehmen konnte. Gefällig schob Rittmeister Möhn den Beginn des Soupers um eine Stunde hinaus, und Graf Dosse versprach, Charlotte rechtzeitig abzuholen. Der Gauleiter würde sowieso kaum vor zwölf Uhr erscheinen. Um elf Uhr begann ein Quartett irgendwo in einem Nebenraum zu konzertieren und das Essen begann. Die Herren, noch angeheitert vom Diner im ,, Stern", waren in übermütiger Laune, und die geladenen Damen verloren augenblicklich jegliche Scheu und lachten und scherzten ausgelassen. Sie bemühten sich alle, die Dame zu spielen, fielen aber allzuoft aus der Rolle. Am besten gelang es noch der Majorin Silberschmied, die aus gutem Hause stammte. Vogelsberger sprach schon ein Jahr davon, sie zu heiraten. Möhns geliebte Klara, die Tochter eines schwerreichen Fabrikanten, ein hübsches, blutjunges Mädchen, das Möhn entführt hatte, benahm sich anfangs sehr affektiert, verlor aber bald alle Geziertheit und begann unmäßig mit heller Stimme zu lachen, ohne wieder aufhören zu können. Dann saß da noch eine stattliche Dame sehr eleganten Aussehens, die Leiterin eines Modesalons am Kurfürstendamm in Berlin. Sie sprach anfangs kaum ein Wort und hatte nur Augen für ihren Freund, den schweigsamen Adjutanten Frey, während Möhn ihr etwas auffallend den Hof machte. Graf Dosse saß über seinen Teller gebeugt und strahlte vor Freude, sein Gesicht sah heute fast hübsch aus. Wenn ihn jemand nur anblickte, so hob er in verschwenderischer Laune sein Glas, und als der lachenden Klara die Serviette entfiel, schnellte er diensteifrig vom Sessel. Alle Augenblicke zog er die Uhr, und auf ein Zeichen Möhns verließ er den Saal. Wenige Minuten später kam er in Begleitung der schönen Charlotte zurück. Alle Herren sprangen auf, die Damen drehten die Köpfe, und das helle Gelächter der leicht beschwipsten Klara brach mitten in einer klingenden Kaskade ab. Einige Augenblicke war es ganz still und man hörte das turbulente Heilgeschrei der Wachtmannschaft, die unten im Keller den Geburtstag feierte. 12 Totentanz 177 Charlotte war in der Tat sehr schön. Sie hatte die Gestalt einer Juno von seltener Ebenmäßigkeit und wirkte doch schlank. Das Herrlichste an ihr war ihr gleichmäßiger Teint, glatt wie Elfenbein, nur etwas zu blaß. Über ihre hellen Schläfen rieselten sandfarbene, zarte Locken, und wenn sie die Wimpern aufschlug, so war es, wie wenn ein Pfau sein Rad schlägt, so allmählich und majestätisch geschah es. Ihre Hände, meisterhafte Gebilde Boticellischer Frauenhände, hätten die zwölf Wiener Maler besonders prämiieren sollen. Madame Austria trug ein stahlblaues Phantasiekostüm und goldene Schuhe und sprach einen weichen, einschmeichelnden Wiener Dialekt. Als sie an den Tisch trat, sah man, daß ihre Lippen eine Spur zu rot gefärbt waren, und die angeheiterte Klara blickte augenblicklich in den Spiegel ihrer Handtasche, um nachzusehen, ob ihr Mund nicht ebenfalls zu rot sei. Kaum hatte die schöne Charlotte an der Tafel Platz genommen, als der Gauleiter eintrat. Überschäumend von guter Laune, drückte er den Damen, die ihm zum Teil schon bekannt waren, flüchtig die Hand. Als er Charlotte gewahrte, stutzte er und blickte sie lächelnd mit offener Neugierde an. Er nickte ihr freundlich zu und zeichnete sie durch einen kräftigen Händedruck aus. Dann bat er seine Gäste, sich nicht im geringsten stören zu lassen. ,, Tun Sie, als ob ich nicht da wäre", rief er laut. ,, Ich bin ein Mann aus dem Volke." Die Damen waren von soviel Einfachheit entzückt, denn schließlich war er einer der mächtigsten Männer Deutschlands, und man erinnerte sich, daß er zu jener Schar zählte, die den Marsch zur Feldherrnhalle mitgemacht hatte. Rumpf begab sich an seinen Platz, und der Kellner im schwarzen Frack füllte sein Glas mit Rotwein. ,, War es nicht eine blendende Idee von mir, die Damen hierher zu bitten?" schrie er über den Tisch, während er die Damen einzeln aufmerksam ansah. ,, Und nun, meine Herrschaften, Sie sind zu Hause, vergessen Sie das nicht." Er löffelte schweigend seine Suppe und betrachtete abermals neugierig die schöne Charlotte. Schließlich winkte er sie zu sich 178 heran. ,, I Leisten S Dosse kan Vogelsh Gauleiters einen erre Triumph ausgezeich Die U wieder a Klaras he ,, Wie " Madame Charlo gegnete ganz einf mich gan Rump Charl erwidert sie erzäh daß der daß er si ansehen, und ließ fiel, dest unzufrie Pein dienung besonde noch da Char tung de Mic haben? ins Ges Kan mäßigkeit hr gleichÜber ihre nd wenn Pfau sein Ihre es. e, hätten üm und chelnden daß ihre cheiterte sche, um Platz geon guter bekannt Stutzte er mickte ihr Händeeringsten h bin ein xt, denn schlands, die den llner im men hiere Damen aften, Sie abermals Te zu sich heran. ,, Ich sehe, Sie speisen ebenfalls jetzt erst?" sagte er. ,, Leisten Sie mir doch etwas Gesellschaft, Madame Austria. Graf Dosse kann Sie ja noch oft genug sehen." Vogelsberger sprang auf, und Charlotte nahm an der Seite des Gauleiters Platz. Sie errötete flüchtig, und ihre Augen bekamen einen erregten Glanz. Man sah ihr deutlich an, daß sie den Triumph genoẞ, von dem hohen Würdenträger vor allen Damen ausgezeichnet zu werden. Die Unterhaltung am Tisch war nach kurzer Unterbrechung wieder aufgenommen worden, und schon hörte man wieder Klaras helles Gelächter. ,, Wie ich hörte, hatten Sie eine wenig angenehme Reise, Madame Austria? Ich darf Sie doch so nennen?" Charlotte verbeugte sich. ,, Ganz wie es Ihnen beliebt", entgegnete sie, noch etwas befangen. ,, Nein, die Reise war nicht ganz einfach, besonders vor Dresden war es schlimm. Ich fühlte mich gar nicht wohl in der Kabine." Rumpf lachte laut auf. ,, Wurden Sie seekrank?" Charlotte lachte ebenfalls und schüttelte den Kopf. ,, Nein", erwiderte sie ,,, nicht ganz, aber es hat nicht viel gefehlt." Und sie erzählte eine Menge Einzelheiten von ihrer Reise. Sie fühlte, daß der Gauleiter ihr gerne zuhörte, und es störte sie auch nicht, daß er sie unaufhörlich aufmerksam musterte. Sollte er sie ruhig ansehen, daran war sie gewöhnt. Sie kokettierte mit ihren Blicken und ließ ihre verführerischen Lider spielen. Je mehr sie ihm gefiel, desto mehr nützte sie Dosse, der mit seinem Chef oft recht unzufrieden war. ,, Peinlich, sehr peinlich!" lachte Rumpf und gab der Bedienung ein Zeichen, auf Charlottes Glas zu achten. ,, Peinlich, besonders für eine Dame! Und schönen Frauen schenkt man noch dazu erhöhte Aufmerksamkeit, nicht wahr?" Charlotte nickte lächelnd, als wisse sie die scharfe Beobachtung des Gauleiters zu würdigen. ,, Mich wundert nur, weshalb Sie nicht die Notbremse gezogen haben?" scherzte Rumpf übermütig, indem er Charlotte ernst ins Gesicht blickte. ,, Kann man denn das?" fragte Charlotte gedankenlos. 12% 179 Rumpf lachte laut auf. ,, Natürlich kann man das", entgegnete er und seine blauen Augen funkelten vor Vergnügen. ,, Man protestiert einfach gegen diese Art von Beförderung und verlangt sein Geld zurück." Die schöne Charlotte betrachtete ihn unsicher. ,, Und wenn der Protest nichts nützt, so steigt man einfach aus!" fuhr Rumpf zu scherzen fort, von Übermut erfaßt. Graf Dosse verzog die Lippen. Er fand diesen albernen Spaß Charlotte gegenüber sehr geschmacklos. Vogelsberger und Möhn dagegen lachten laut auf, sie kannten diesen Scherz, den der Chef schon öfter gemacht hatte. Auch die Majorin Silberschmied lachte hell auf. Sie verlor kein Wort des Gesprächs und triumphierte ganz unverhohlen über diese eingebildete Schönheit, der sie die Bevorzugung mißgönnte. Zuletzt lachte auch die schöne Charlotte, aber ihr Lachen klang beschämt und verletzt. ,, Wie häßlich!" rief sie und drohte dem Gauleiter mit ihrem schönen Zeigefinger. ,, Sie machen sich lustig über mich, Herr Gauleiter?" دو Graf Dosse saß wie betäubt in seinem Sessel. ,, Charlotte!" rief er mahnend über den Tisch, aber niemand beachtete ihn. Rumpf barst fast vor Lachen. ,, Sie sind ja köstlich!" rief er aus. Auch die Kellner in den schwarzen Fräcken, die bei Tisch bedienten, lachten, hier durften auch sie ein Lebenszeichen von sich geben. Übrigens bedienten sie Charlotte mit besonderer Sorgfalt, bezaubert von soviel Schönheit. Die sc hoch und Zauber s aber war schien in Auch Er empf hörte au Rumpf hatte sich endlich beruhigt. Er füllte sein Glas und trank Charlotte zu. ,, Vor einiger Zeit habe ich übrigens gelesen", fuhr er fort ,,, daß in der Tat zwei junge Damen der englischen Gesellschaft kurzerhand ausstiegen, gerade als das Flugzeug über London war." ,, Sie wollten gewiß Selbstmord begehen?" sagte die schöne Charlotte und begriff nicht, daß ihre Bemerkung abermals laute Heiterkeit hervorrief. „ Ich an die ge noch all krankhe ,, Offenbar! Offenbar!" schrie Rumpf lachend, und die ganze Gesellschaft wurde von seinem Gelächter mitgerissen. ,, Offenbar, schönste Madame Austria!" 180 Köln ur Landskn gekotzt lachte s Char Höhe u ansprac Rum eine gr Reisend Obe den ne Zur gern a Ozean, er aber Möhn Der Sein G Hübsc tgegnete ,, Man nd vereinfach Bt. en Spaß d Möhn der Chef schmied chs und Schönauch die verletzt. it ihrem ch, Herr te!" rief h!" rief Tisch behen von sonderer Glas und gens geder eng Has Fluge schöne als laute die ganze Die schöne Charlotte aber war gekränkt. Sie zog die Brauen hoch und würdigte niemand mehr eines Blickes. Wie durch einen Zauber sah sie plötzlich völlig unnahbar aus. Das Sonderbare aber war, daß die Erregung sie noch schöner machte. Sie erschien in Wahrheit wie eine beleidigte Göttin. Auch Rumpf konnte sich diesem Eindruck nicht entziehen. Er empfand, daß er mit seinem Spott zu weit gegangen war und hörte auf zu lachen. Im Nu war es im Saal völlig still. ,, Ich wollte nur sagen", wandte er sich in versöhnlichem Ton an die gekränkte Charlotte ,,, daß die Reisenden in der Luft heute noch allzu zimperlich sind. Man muß sich eben an die Seekrankheit im Flugzeug gewöhnen. Wir flogen kürzlich nach Köln und das Wetter war miserabel. Nun, wir sind ja alte Landsknechte, aber ich sage Ihnen, schöne Charlotte, wir haben gekotzt wie die Schloßhunde, ohne uns zu schämen." Rumpf lachte schallend. Charlotte schob ihr etwas zu rot gefärbtes Mündchen in die Höhe und lächelte. Daß der Gauleiter sie mit dem Vornamen ansprach, hatte sie wieder völlig mit ihm ausgesöhnt. Rumpf sprach von den Reisen zur See, wo die Passagiere schon eine große Erfahrung gesammelt hätten, ganz anders wie die Reisenden im Flugzeug. Ob er viel zur See gefahren sei? fragte Charlotte, die erfreut den neuen Gesprächsstoff ergriff. ,, Zur See?" rief Rumpf. Und er zählte an seinen dicken Fingern auf, welche Meere er befahren hatte. ,, Atlantik, Stiller Ozean, Indischer Ozean", begann er und fuhr endlos fort. Als er aber beim Gelben Meer angelangt war, erhob sich Rittmeister Möhn zu einem Trinkspruch auf den Gauleiter. XVIII Der frohe Glanz auf dem Gesicht Graf Dosses war erloschen. Sein Gesicht sah wieder matt und grau aus, und der Anflug von Hübschheit war verschwunden. Nichts als ein kleines, mattes 181 A Lächeln, das gemacht und künstlich erschien, als habe er es vergessen, war geblieben. Er hörte nicht, was Rittmeister Möhn sprach und ergriff ganz mechanisch sein Glas, als alle aufstanden, er öffnete mechanisch den Mund, als alle ,, Heil" schrien, aber kein Laut kam aus seiner Kehle. Seit Charlotte das Gefallen des Gauleiters gefunden hatte, war es ihr nicht ein einziges Mal eingefallen, sich nach ihm umzusehen und ihm ein Lächeln zuzuwerfen. Es schien, als wäre er nicht mehr vorhanden. Verstohlen beobachtete er sie, während er eine Zigarette um die andere rauchte. Ihr Lächeln war lebhafter, voller Gefunkel, ihre Augen glänzten hell und fieberisch. Sie hatte ein volles Glas Sekt getrunken, und doch vertrug sie Sekt nicht im geringsten. Er kannte sie genau! Sie war bemüht, Rumpf zu gewinnen, ihn verliebt zu machen, man brauchte nur zu sehen, wie sie ihre Brust, die ein Gott geformt hatte, den Blicken preisgab. Hüte dich, Charlotte! Sie liebte unkomplizierte, kräftige, gesunde Männer, warum sollte sie es nicht? Sie konnten noch so unwissend und primitiv sein wie dieser Rumpf, der ja nichts war als ein früherer Schiffskoch auf einem Frachtdampfer. Schon Ungebun Als sie dem Gauleiter scherzhaft mit dem Finger drohte, war sein Herz stehengeblieben. Welch eine unfaßbare Naivität! Sie kannte ihn ja nicht, sie wußte ja nichts von ihm, diesem Mann aus dem Volke, sie kannte nicht seine maßlose Eitelkeit und seine Launen, die im Bruchteil einer Sekunde in Haß und Verderben umschlagen konnten. „ Ludw durch de Après no Après annehmb Falsch uns!" sch Nach un Möhn teten Ha Man Die Kellner stellten Reihen von Sektflaschen und Likören bereit. Das Gelage konnte beginnen. Rumpf zündete sich eine Zigarette an und lachte schallend. Nun war er in seinem Element. Erst wenn seine Gäste besinnungslos zu Boden stürzten, fühlte er sich wohl. Die hübsche Klara zerbrach ein Sektglas, sie schien schon bezecht zu sein und lachte ganz wie eine helle Glocke, die nicht mehr zur Ruhe kommen kann. Rittmeister Möhn mit dem verwegenen Gesicht hatte sie auf dem Gewissen, wie er schon viele auf dem Gewissen hatte. Er würde ihr Geld verprassen, und wenn sie nichts mehr besaß, dann kannte er sie nicht mehr, von heute auf morgen, bei Gott! 182 Lasse quot ka zu und e Vierzehn sagte er Sonnenk Charl sollte, le Gleich gesellsch großer garten. aber im der Ga den Sal Lorbeer Graf D nieman den ho Vorgese sollte, a mit sei zu tun Doss r es verer Möhn fstanden, ien, aber atte, war hm umswäre er rette um Gefunkel Olles Glas ringsten. nen, ihn sie ihre b. Hüte gesunde so unchts war ohte, war vität! Sie m Mann und seine erderben Likören sich eine Element n, fühlte sie schien Locke, die mit dem er schon erprassen, cht mehr, Schon herrschte Ausgelassenheit und Lärm an der Tafel, Ungebundenheit und Geschrei würden in kurzer Zeit folgen. ,, Ludwig der Vierzehnte", rief Rumpf mit einer Stimme, die durch den Lärm drang, ,, oder war es Ludwig der Sechzehnte? Après nous helfen Sie mir, Möhn!" - ,, Après nous le deluge!" antwortete Möhn, der einzige, der ein annehmbares Französisch sprach. ,, Falsch! Er kannte uns nicht, jedenfalls paßt es nicht auf uns!" schrie Rumpf. ,, Wir müssen den Spruch ändern, Möhn: Nach uns das Paradies!" Möhn erhob sich und deklamierte salbungsvoll mit ausgebreiteten Händen: ,, Après nous le paradis!" Man klatschte begeistert in die Hände. ,, Lassen Sie zwei Dutzend von diesem göttlichen Veuve Cliquot kaltstellen", rief Rumpf den schwarzbefrackten Kellnern zu und erhob gegen Charlotte das Glas. ,, Ob es nun Ludwig der Vierzehnte oder der Sechzehnte war, das ist schließlich einerlei", sagte er. ,, Ich jedenfalls bedauere es sehr, heute keiner der Sonnenkönige zu sein!" Charlotte errötete. Sie wußte nicht, wie sie seine Worte deuten sollte, legte sie aber als ein Kompliment aus. Gleich darauf hob der Gauleiter die Tafel auf, und die Tischgesellschaft begab sich in den Salon nebenan, in dessen Mitte ein großer Mahagonitisch stand. Der Salon war ein einziger Blumengarten. Im Vorbeigehen wandte sich Charlotte an Graf Dosse, aber im Augenblick, da sie ein Wort an ihn richten wollte, rief der Gauleiter sie an, und sie eilte weiter. Graf Dosse folgte in den Salon und nahm in einer Ecke bei der Türe unter einem Lorbeerbäumchen Platz. Kaffee und Liköre wurden gereicht. Graf Dosse fühlte sich wohl unter seinem Lorbeerbäumchen, niemand störte ihn hier, während er durch die Blumenbüsche in den hohen Vasen alles beobachten konnte. Im Programm war vorgesehen, daß er nach Tisch ein kleines Violinsolo vortragen sollte, aber niemand erinnerte ihn daran, und Möhn hatte soviel mit seinem hübschen Flirt, der Berlinerin mit dem Modesalon, zu tun, daß er ihn vergaß. Dosse hatte sich darauf gefreut, sich heute abend vor Char183 lotte hören zu lassen. Nur für sie allein wollte er spielen, für niemand sonst! Jetzt aber war er zufrieden, daß Möhn das Programm vergaß. Ich werde nicht spielen, dachte er boshaft, soll sie sich von Rumpf mit der Haarfarbe eines Kalbes etwas vorfiedeln lassen. In diesem Augenblick war er böse und fest davon überzeugt, daß er die Gesellschaft um einen unersetzlichen Genuß brachte, aber die Gesellschaft dachte gar nicht daran, sich um irgend etwas zu bekümmern. Die Gäste waren lauter und übermütiger als im Speisesaal und zuweilen herrschte ein solcher Lärm, daß man kein Wort mehr verstand. Die Sektkorken knallten. ,, Die jungen Leute müssen sich langsam an das Geschützfeuer gewöhnen", schrie Rumpf lachend. Er bemühte sich mit erhöhtem Eifer um Charlotte. Aber Charlotte hatte jetzt eine Nebenbuhlerin bekommen. Vogelsbergers Braut, die blonde Majorin Silberschmied, machte ihr Konkurrenz. Sie saß höchst ungeniert auf der Lehne eines Sessels und ließ ihre schönen Beine bewundern. Graf Dosse in seiner Ecke lachte höhnisch. Machen Sie sich nicht lächerlich, meine Dame, dachte er, ein Droschkengaul kann nicht mit Vollblut wetteifern. Das Gesicht der blonden Silberschmied war gerötet vom Wein, der Blick ihrer Augen verschwommen, ihre kunstvolle Frisur hatte sich im Nacken gelockert, aber was sprach sie eigentlich? Graf Dosse machte die Ohren scharf. Sie sprach englisch mit dem Gauleiter. Oh, es i die ich so wieder. Rumpf Der Gauleiter schien sehr interessiert zu sein und erwiderte lebhaft. Er sprach englisch, aber so laut, daß ihn alle hören konnten, denn auf sein Englisch bildete er sich eine Menge ein. Schweine Rad und einem Ha Schnitt Lautes Gelächter erfüllte in diesem Augenblick den Salon, so daß Graf Dosse nichts mehr verstehen konnte, und als der Lärm abflaute, hörte er, daß Rumpf jetzt deutsch sprach und irgend etwas erzählte, was alle zu interessieren schien. Es wurde vorübergehend ruhiger. Die D „ Aber schriftsm ,, Zweihundert Schweine am Tag!" rief der Gauleiter. ,, Zweihundert Schweine?" fragten verschiedene Stimmen. ,, Tausende Schweine wurden damals in Chikago täglich geschlachtet!" fuhr Rumpf fort. ,, Ich verdiente ein hübsches Geld." 184 Das B gemäß a Schwein schon ka seinem Strahl V zuletzt die Glo mals wa Die I waren Nat „ Nerve Nerven starkes müssen fragen relen v Sie trin hören Wie her. D Likör die Ko Sein r Gle elen, für das Prosich von In lassen. berzeugt, brachte, m irgend ermütiger ärm, daß en. hützfeuer amit erkommen. , machte hne eines Dosse in lächerlich, mit Volld war gemen, ihre was sprach Sie sprach erwiderte alle hören Menge ein. Salon, so der Lärm and irgend wurde vorer. immen. täglich geches Geld." Oh, es ist die Geschichte von den Schlachthäusern in Chikago, die ich schon kenne, dachte Graf Dosse. Er erzählt sie immer wieder. Rumpf schilderte ausführlich, wie sie damals zweihundert Schweine am Tage geschlachtet hatten. Da war also ein großes Rad und die Schweine hingen mit dem Kopf nach unten an einem Haken des Rades und kamen aus der Höhe herunter, ein Schnitt durch die Kehle und das Blut schoẞ heraus. Die Damen schrien auf. ,, Aber ich bitte Sie, meine Damen, die Schweine waren vorschriftsmäßig betäubt, nach allen Regeln der Kunst." Das Blut wurde nun, was ja selbstverständlich ist, ordnungsgemäß aufgefangen, schon klingelte wieder die Glocke, das Schwein versank durch den Fußboden in die Brühanstalt. Und schon kam ein neues Schwein von oben, quiekte und zappelte an seinem Haken, ein Schnitt durch die Kehle, wieder spritzte ein Strahl von Blut heraus. Die weißen Mäntel, die man trug, waren zuletzt vom Blut völlig durchtränkt. Und schon wieder klingelte die Glocke und ein neues Schwein kam von oben herab. Ja, damals war er jung und liebte es, viel Geld zu verdienen. Die Damen starrten ihn mit Grauen in den Augen an und waren ganz still geworden. ,, Natürlich, starke Nerven mußte man haben", rief er aus, ,, Nerven aus Stahl. Die Amerikaner haben alle solch stählerne Nerven, wenn sie nicht in frühen Jahren sterben. Sie sind ein starkes Geschlecht, wie wir es hier in Deutschland erziehen müssen, ein Geschlecht mit Drahtseilen als Nerven. Wie lange, fragen Sie? Nun, ein halbes Jahr habe ich es in den Schlächtereien von Chikago ausgehalten, dann war auch ich fertig. Aber Sie trinken ja gar nicht, meine Herrschaften? Auch beim Zuhören muß man trinken können." Wieder erklangen die Gläser und die Kellner liefen hin und her. Der Gauleiter trank nur seinen Rotwein, zuweilen einen Likör dazwischen. Sein Gesicht war kaum eine Spur gerötet, nur die Kopfhaut schimmerte rosig durch sein kurzgehaltenes Haar. Sein rostroter Scheitel aber war noch tadellos wie am Morgen. Gleich darauf erzählte er wieder eine Geschichte aus seinem 185 Leben in Amerika. ,, Damals verdiente ich fünfzig Dollar am Tag", begann er. ,, Das läßt sich hören, nicht wahr? Es war aber auch ein höchst gefährlicher Job." Das war damals auf den Petroleumfeldern in Mexiko, erzählte er, und seine Aufgabe bestand darin, das Auto, das die Dynamitladungen transportiert, von Camp zu Camp zu fahren. Das Auto war aufs kunstvollste abgefedert, aber jedes Jahr flogen trotzdem ein paar Wagen in die Luft. Diesen Job, wie er sich ausdrückte, mußte er aber schon nach vier Monaten wieder aufgeben. Der Gauleiter konnte stundenlang von seinen Reiseerlebnissen erzählen und liebte es, wenn er bei guter Laune war wie heute. Graf Dosse kannte fast alle Geschichten, aber je öfter er sie hörte, desto mehr bezweifelte er, daß alle auf Wahrheit beruhten. Da aber gab es einen kleinen Zwischenfall. Die übermütige Klara zerbrach wieder ein Glas, aber dieses Mal war es nicht ein kleiner Schwips, diesmal schien sie förmlich behext zu sein. Sie raffte in ihrem Übermut die Sektkelche vom Tisch und warf sie einfach gegen die Wand. Beim dritten Glas hielt man ihre Hände fest, und als sie sich losreißen wollte, fiel sie zu Boden. Da saß sie nun und lachte so hell und ohne Pause, daß alle von ihrem Gelächter mitgerissen wurden. Am herzlichsten lachte Rumpf. Möhn hob sie auf und stellte sie wieder auf die Beine. Sie schwankte bedenklich, versuchte aber tapfer durchs Zimmer zu gehen. Als sie ein Lorbeerbäumchen umgehen wollte, wankte sie höchst gefährlich und fiel wie ein Sack gegen einen Glasschrank. Die Scheiben klirrten und eine Menge von Tassen und Väschen rollten in Scherben über den Boden. Die Gäste schrien lachend auf, der Gauleiter aber klatschte in die Hände. Es war eine kostbare Sammlung von seltenem weißen chinesischen Porzellan, die Rumpf, wie er sagte, aus dem Orient mitgebracht hatte. Nun h auf den sehr gut Die blon Möhn führte Klara aus dem Zimmer, aber auf dem Korridor hörte man sie wieder lustig und hell auflachen, so daß wiederum alle in lautes Gelächter ausbrachen. Natürlich war das ein Anlaß, sein Glas auf das Wohl der ausgelassenen Klara zu leeren. 186 Blicken a Kraft in Der G Entgegnu „ Ich d alle hord Möchte unsere a sehbarer über die Salons, schmaler flogen ü kriegeris Wie Und Schilde schon drüben S macht, Den benützt lassen. konzer jauchze Möh teten T ab zu Gesells wunde dürfen liegen Die ollar am war aber ko, er- , das die| u fahren.) des Jahr b, wie er Ü n wieder# 2%“ jebnissen ie heute, sie hörte, yeruhten. Nun hielt Vogelsberger es an der Zeit, seinen Trinkspruch auf den Gauleiter auszubringen. Man mußte zugeben, daß er sehr gut und hübsch sprach, was ihm niemand zugetraut hätte. Die blonde Majorin Silberschmied hing mit bewundernden Blicken an seinen Lippen und war auch die erste, die mit aller Kraft in ihre zarten Hände klatschte. Der Gauleiter war hocherfreut und erhob sich sofort zu einer Entgegnung. Die kurze Rede war auch wirklich ausgezeichnet! „Ich danke Ihnen, mein lieber Vogelsberger“, begann er, und alle horchten auf, denn es war selten, daß er das Wort ergriff. „Möchten Sie recht behalten! Ich erwarte, wie Sie, daß wir unsere alte Kraft wiedergewinnen! Hoffen wir, daß wir in ab- sehbarer Zeit wieder wie ehemals auf unseren schnellen Booten über die Meere fahren werden!“ Er deutete auf den Fries des Salons, den bisher kaum jemand beachtet hatte. Reihen von schmalen Wikingerbooten mit phantastischem, hohem Bug flogen über die Wogen, und im erhöhten Heck drängten sich kriegerische Wikinger mit erhobenen Schilden zusammen. „Wie die da oben!“ rief der Gauleiter voller Begeisterung aus. „Und wir werden wie sie mit den Schwertern auf unsere Schilde schlagen. Endlich wird die Reihe an uns sein, wie es uns schon seit Hunderten von Jahren zukommt. Die Pfeffersäcke drüben auf ihrer Insel aber werden abtreten müssen. Platz ge- macht, jetzt kommen wir!“ Den begeisterten Jubel, der seiner kurzen Erwiderung folgte, benützte Möhn, um die breiten Türen zum Tanzsaal öffnen zu lassen. Das Quartett, das dort auf erhöhter Bühne bis jetzt konzertiert hatte, spielte Tanzmelodien, und die Damen stießen jauchzende Rufe aus. Möhn war der erste, der seine Berlinerin in den matt erleuch- teten Tanzsaal führte, andere Paare folgten. Charlotte lehnte es ab zu tanzen, sie sei zu abgespannt von der Reise. Sie zog die Gesellschaft des Gauleiters vor, der niemals tanzte. Er be- wunderte ihre Hände und bat, in den Linien ihrer Hand lesen zu dürfen.„Ihr Schicksal wird unverschleiert vor meinen Augen liegen“, warnte er sie. Die Diener servierten abermals Kaffee und Liköre. Sie trugen 187 Flaschen von Wein und Sodawasser herbei, riesige Platten mit allerlei Leckerbissen und Früchten für den Fall, daß jemand noch Hunger hätte. Ihre Gesichter glänzten von Schweiß. Wenn sie die Türe zum Speisenaufzug öffneten, hörte man Gelächter und Singen aus der Küche, aus den Kellerräumen drang Geschrei und Gesang der Wachtmannschaften, die ebenfalls lärmend den Geburtstag feierten. ,, Schöne Hände!" rief der Gauleiter aus und studierte wie ein Kenner aufmerksam die Linien der Handfläche Charlottes. Er bog die geschmeidigen Finger. ,, Aber, aber?" fuhr er erschrocken fort und blickte Charlotte verwundert ins Gesicht. Charlotte lachte ausgelassen. ,, Sie sind eine gefährliche Frau, Madame Austria", schloß Rumpf. ,, Wissen Sie das? Sie werden viele Männer im Leben unglücklich machen!" Charlotte stieß ein Lachen aus, das Graf Dosse mißfiel. Das Herz zog sich ihm bei diesem Lachen zusammen. ,, Aber auch glücklich, hoffe ich!" erwiderte Charlotte und begleitete ihre schlagfertige Antwort mit triumphierenden Blicken. Der Gauleiter drückte ihre Hand, daß sich ihr Gesicht schmerzlich verzog. ,, Das wissen Sie selbst am besten", entgegnete er ,,, habe ich recht oder nicht?" kannte si unberech Aber zu glänze machte e hung aust Da die Da aber spielte das Quartett einen Walzer, der Charlotte wie ein elektrischer Strom durch die Glieder floẞ. Sie sprang auf. Ja, nun wollte sie tanzen! ,, Zeigen Sie, was Sie können, Madame Austria!" ermunterte sie der Gauleiter lachend. den Salo Charlotte nickte und stand in einer betörenden Tanzpose, ihre Augen glänzten hingerissen.„ Ja, nun werde ich tanzen", rief sie. ,, Aber nicht im Saal will ich tanzen, sondern hier auf dem Tisch!" Mahagon Hände e aber jede können" sie nicht ,, Auf diesem Tisch!" beharrte sie besessen und machte einige Tanzschritte näher zum Tisch. Der Gauleiter befahl die Gläser vom Tisch zu räumen, aber Charlotte widersprach: ,, Mit all den Gläsern auf dem Tisch will ich tanzen und nicht ein einziges umwerfen, nicht ein einziges!" rief sie. Graf Dosse erhob sich. ,, Charlotte!" rief er halblaut. Er 188 „ Ich b er näher Er is Streifte Augen, „ Ein Fest sein behaglic leicht Eifer m tanzen, Ja, auf auf der einziges Endli zu hebe Man blickte lich sch hatte C Trauer Scho den Fi es hier latten mit mand noch Wenn ichter und schrei und d den Ge te wie ein lottes. Er schrocken ", schloß im Leben ißfiel. Das te und been Blicken r Gesicht ten", entarlotte wie prang auf ermunterte Tanzpose tanzen", n hier auf chte einige die Gläser Mit all den in einziges blaut. Er kannte sie gut. Wenn sie Sekt getrunken hatte, war sie völlig unberechenbar. Aber Charlotte kümmerte sich nicht um ihn. Ihre Begierde, zu glänzen, war erwacht und durch nichts mehr zu stillen. Sie machte einige Tanzschritte, aber als ihr schöner Kopf eine Drehung ausführen wollte, geriet sie ins Schwanken und lachte auf. Da die schöne Charlotte tanzen wollte, waren alle Gäste in den Salon gekommen und standen in der Nähe des großen Mahagonitisches. Charlotte stieg auf einen Sessel, und viele Hände erboten sich, ihr auf den Tisch zu helfen. Sie lehnte aber jede Hilfe ab. ,, Ich werde doch allein auf den Tisch steigen können", rief sie aus, und lachte hoch und hell und so sehr, daß sie nicht fähig war, den Fuß zu heben. ,, Ich bitte dich herzlich, Charlotte", bat Graf Dosse, indem er nähertrat. ,, Vergiß nicht, daß die Reise dich ermüdete." ,, Er ist eifersüchtig!" sagte Charlotte verächtlich lachend und streifte Graf Dosse mit einem flüchtigen Blick ihrer schönen Augen, die wie im Fieber glänzten. ,, Ein Mann sollte sich wahrhaftig schämen, bei einem solchen Fest seine Eifersucht zu zeigen!" rief Rumpf aus und lachte unbehaglich. ,, Eifersucht ist Albernheit!" erklärte Charlotte und stampfte leicht mit den goldenen Schuhen. ,, Ich werde aber trotzdem tanzen, alle Wetter!" Sie fluchte sogar ein bißchen wienerisch. Ja, auf dem Tisch wollte sie tanzen, wiederholte sie eigensinnig, auf der Tafel, zwischen all den Sektgläsern, und sie werde kein einziges umstoẞen, kein einziges, nicht einmal das in der Mitte. Endlich wagte sie es, die Füßchen in den goldenen Schuhen zu heben und auf den Tisch zu steigen. Man jubelte und klatschte in die Hände. Da stand sie nun und blickte mit dem Triumph eines Kindes um sich. Ja, sie sah göttlich schön aus, wie sie triumphierend auf dem Tisch stand. Nie hatte Graf Dosse sie so schön gesehen. Sein Herz war voller Trauer, die ihn zu Boden drückte. Vor Gram wandte er sich ab. Schon aber streckte Charlotte die Arme aus, als taste sie mit den Fingerspitzen nach einem Halt in der Luft. ,, Oh, wie hoch es hier oben doch ist!" rief sie etwas verzagt aus. • 189 ,, Gestatten Sie, daß ich mich entferne", sagte hier Graf Dosse mit einer Verbeugung zum Gauleiter. ,, Gewiß. Wir sind froh, Spielverderber los zu sein." ,, Er ist böse!" rief Charlotte mit leisem Kichern auf ihrem Tisch. ,, Lassen Sie sich nicht stören, schöne Charlotte!" sagte der Gauleiter. ,, Er ist nicht böse und wird bald wiederkommen." „ Zwan Ihr voller Auf n Charlo und ihre Wien ein sie. Sie m Tisches schritten. sie heftig Kopf. ,, E Heute H XIX Charlotte holte Atem und lächelte ihr schönstes Lächeln. ,, Er hat mich nervös gemacht", sagte sie und lachte. ,, Nun fühle ich mich um vieles freier. Ach, wie albern die Männer doch sein können! Jetzt aber spielt!" rief sie den Musikern zu. ,, Langsam, feierlich, ich bitte!" Das Quartett setzte zu einem verhaltenen Walzer ein, sehr leise. Charlotte hob die Arme zu einer bezaubernden Pose, aber schon ließ sie die erhobenen Hände wieder sinken. ,, Nein, bei den vielen Sektgläsern geht es doch nicht", sagte sie etwas kleinlaut. Im Nu waren die Sektgläser verschwunden. Wieder machte Charlotte einige graziöse Schritte, ja, nun schien es zu gehen, aber sobald sie die Arme in den weiten Ärmeln schwang, verließ sie wieder der Mut. ,, Es geht nicht", sagte sie voller Betrübnis und schüttelte den Kopf ,,, die ungewohnten Kleider stören." ,, So machen Sie es sich doch bequem und tanzen Sie wie Sie sind!" rief Rumpf und lachte derb. Ja?" Charlotte lauschte, als habe sie nicht recht gehört. Warum denn nicht? Wir sind doch hier keine Spießbürger", ermutigte sie Rumpf. Alle sahen gespannt auf Charlotte oben auf dem Tisch und feuerten sie durch Zurufe an. دو Charlotte blickte Rumpf durch eine schmale Spalte ihrer Lider forschend an.„ Ja?" fragte sie erneut. ,, Es ist wahr, ohne Kleider tanzt es sich am besten." ,, Mut, immer Mut!" schrie Rumpf. ,, Ich biete für fünf Minuten Tanz ein Honorar von zwanzigtausend Mark!" tanzen k tausend Auch „ Gut, freut auf ,, Helft n Auf dem etwas ab „ Ein vom Tis Dank wunderu stark er Und damit sie klatschte Ich Glas Sel mir den Sekt uns jetz Zigarren Flasche angewie Aber 190 raf Dosse uf ihrem sagte der men." heln. te. ,, Nun ner doch u. ,, Langein, sehr Pose, aber n, bei den kleinlaut. ja, nun en weiten at nicht" ,, die unie wie Sie hört. Bbürger", otte oben alte ihrer ahr, ohne fMinuten ,, Zwanzigtausend Mark?" rief Charlotte ungläubig. ,, Ist das Ihr voller Ernst?" ,, Auf mein Wort!" Charlotte errötete vor Erregung. Dann erblaßte sie plötzlich und ihre Ohren sahen ganz weiß aus. Sie erhielt am Theater in Wien eine Gage von dreihundert Kronen. Und wieder errötete sie. Sie maß mit raschen Blicken nochmals Breite und Länge des Tisches und begann wieder mit einigen bezaubernden Tanzschritten. Als sie aber die Hände in die Höhe warf, schwankte sie heftig, diesmal stärker als früher. Sie senkte entmutigt den Kopf. ,, Es wird heute schwer gehen", sagte sie niedergeschlagen. ,, Heute habe ich schon zuviel getrunken. Morgen werde ich tanzen können. Werden Sie auch morgen noch die zwanzigtausend Mark bieten?" ,, Auch morgen, Sie kennen ja meine Bedingungen?" ,, Gut, dann werde ich morgen tanzen!" schrie Charlotte erfreut auf und versuchte eine Pirouette, die aber nur halb gelang. ,, Helft mir herunter", bat sie. ,, Morgen werde ich gut tanzen! Auf dem Tisch hier und alle sollen zusehen! Heute bin ich schon etwas abgespannt und will nur noch Sekt trinken." ,, Ein tapferes Mädchen!" lachte Rumpf. Er hob Charlotte vom Tisch herunter und trug sie an ihren Sessel. ,, Danke!" sagte Charlotte. Und voller Erstaunen und Bewunderung rief sie den anderen Gästen zu: ,, Mein Gott, wie stark er ist!" ,, Und nun wollen wir der schönen Charlotte gleich Sekt geben, damit sie bis morgen nicht den Mut verliert!" sagte Rumpf und klatschte in die Hände. Die Kellner flogen. ,, Ich werde mein Wort halten!" versicherte Charlotte. ,, Ein Glas Sekt noch und ich werde wie in Wien sein. Dort haben sie mir den Spitznamen, Blühendes Leben gegeben." ,, Sekt, Wein, Musik!" befahl der Gauleiter. ,, Wir wollen es uns jetzt erst recht gemütlich machen", sagte er. Er ließ Zigarren und Zigaretten bringen und bestellte für sich eine neue Flasche von seinem gewöhnlichen Rotwein. Das Quartett wurde angewiesen, von jetzt an nur heitere Weisen zu spielen. Aber als man in der besten Unterhaltung war, öffnete sich 191 die Türe, und wer kam herein? Die übermütige Klara mit ihrem hellen Gelächter. Da war sie also wieder! Sie hatte sich völlig neu angezogen und frisiert und war erfrischt für neue Abenteuer. Sie wurde mit großem Jubel empfangen. ,, Das nenne ich Tapferkeit!" rief Rumpf aus. ,, Solch tapfere Frauen müssen wir in Deutschland haben. Sie sind nicht totzukriegen. Setzen Sie sich zu mir, mein Kind." Das Fest ging weiter. Kaviar und Schlemmerbissen wurden gereicht und neue Schnäpse. Dosses sta zu sein schlecht Immer lauter und übermütiger wurden die Gäste. Die wiedererstandene Klara lachte ohne Unterbrechung und sang mit heller Stimme kecke französische Chansons, während sie tanzte. Der Gauleiter saß breit und glücklich auf seinem Sessel und sein Gesicht glänzte vor Wohlbehagen und Zufriedenheit. Auf seinem einen Schenkel saß die schöne Charlotte, auf dem andern die blonde Silberschmied, die nun wirklich völlig beschwipst war. Bald legte er die Hand auf den Nacken der Majorin, bald auf den der schönen Charlotte. Der große Brillant an seinem kleinen Finger sprühte in allen Farben, und man sah den starken, rötlichen Haarwuchs an seinen Handgelenken. Die beiden Damen redeten immerzu auf ihn ein, obschon er kaum hinhörte und nur zuweilen lachend nickte. al „ Was " sonderba die Wand Ich d feindselig ,, Seht, seht! Seht dahin!" rief die schöne Charlotte plötzlich und deutete auf die Türe. In der Türe stand Graf Dosse, gepflegt und nüchtern wie vorher, er sah nur merkwürdig blaß aus. ,, Herein, Junker!" rief Rumpf barsch, ungehalten über die Störung. fragen- Rump sein Nac rostroter können fragen!" ,, Ich darf mir wohl erlauben?" begann der blasse Graf Dosse an der Türe mit ruhiger, aber kalter und feindseliger Stimme. Er brach ab und sagte nichts mehr. In all dem Qualm von Zigarren und Zigaretten sah es aus, als ob er sehr weit entfernt stände, aber trotz des Gelächters und Geschreis waren merkwürdigerweise seine Worte klar zu vernehmen. دو Graf fuhr ihm soldatisc totenstill man hö schlicher hatte, W keinen I „ Ich Stimme sage stir So haber weil Sie Er ve Platz zu außer A , Was wollen Sie sich erlauben?" fragte Rumpf mit drohender Stimme und zog die Beine an sich, da die beiden Damen aufgesprungen waren. Seine Stimme klang unwillig. Jetzt erst fiel allen auf, daß zwei senkrechte Falten mitten in der Stirn Graf aber sei Neh sagte er Er na in Bran Dosse Adjuta 192 13 Tote mit ihren sich völls eue Aber‘ ch tapfer nicht to: n wurde )ie wieder: , mit helk | und ei Auf seinen BE andern KE wipst wi n, bald au} h ‚em klein arken, DE den Dame ahörte un! Dosses standen. Seine Augen schienen dichter zusammengerückt zu sein als sonst und gaben seinem bleichen Gesicht den Ausdruck schlecht verhehlter Erbitterung und verhaltener Wut. „Was wollen Sie sich erlauben?“ wiederholte Rumpf mit sonderbar erstickter Stimme. Schon wichen die Kellner gegen die Wand zurück. „Ich darf mir erlauben“, begann Graf Dosse mit der gleichen feindseligen Stimme von neuem.„Ich darf mir wohl erlauben zu fragen—?“ Rumpf sprang auf. Seine Schläfenadern waren angeschwollen, sein Nacken färbte sich dunkel, und die Kopfhaut, die durch die rostroten Haare schimmerte, war purpurrot geworden.„Sie können sich hier nichts erlauben!“ rief er.„Sie haben nichts zu fragen!“ Er trat einen Schritt vor und schrie:„Stillgestanden!“ Graf Dosse war viele Jahre aktiver Offizier und der Befehl fuhr ihm wie Feuer durch die Glieder. Er nahm augenblicklich soldatische Haltung an und stand wie angewurzelt. Sofort war es totenstill im Raum, ein Sektglas fiel um, ohne zu zerbrechen, man hörte nur den Sekt auf den Boden tropfen. Die Kellner schlichen sich lautlos hinaus. Wenn der Gauleiter seinen Anfall hatte, wich man ihm am besten aus. Auch die Damen wagten keinen Laut, sie zitterten und hielten sich gegenseitig fest. „Ich bin Ihr Vorgesetzter“, fuhr Rumpf mit tiefer, markiger Stimme fort, die durch das ganze Haus dröhnte.„Wenn ich sage stirb, so haben Sie zu sterben, wenn ich sage versteinern Sie, so haben Sie zu Stein zu werden, verstanden? Sie glauben wohl, weil Sie Graf sind, können Sie hier Fragen stellen?“ Er verstummte, lachte wütend auf und schickte sich an, wieder Platz zu nehmen, purpurrot, mit geschwollenen Schläfenadern, außer Atem. Dann versuchte er in ruhigem Ton zu sprechen, aber seine Stimme klang heiser. „Nehmen Sie wieder Ihre alten Plätze ein, meine Damen“, sagte er, als sei nichts vorgefallen.„Wir lassen uns nicht stören.“ Er nahm eine Zigarre aus einer Kiste und steckte sie ohne Eile in Brand. Dann nahm er wieder in seinem Sessel Platz. Graf Dosse stand noch immer unbeweglich bei der Türe, die Adjutanten regten sich nicht, niemand wagte ein Wort zu 13 Totentanz 193 sagen, nur die blonde Majorin Silberschmied begann halblaut zu sprechen. Graf Dosse richtete die Blicke herausfordernd auf den Gauleiter und begann von neuem: ,, Ich wollte mir erlauben zu fragen-" ,, Stillgestanden!" donnerte Rumpf abermals. Er hatte sich soeben in seinem Sessel zurechtgerückt und lud die beiden Damen ein, wieder näher zu kommen, denn die schöne Charlotte und die blonde Silberschmied waren bestrebt, sich etwas entfernt zu halten, wie man einen feuerspeienden Berg meidet. Jetzt sprang er von neuem auf und heftete den Blick seiner dunkelblauen Augen durchdringend auf Graf Dosse. ,, Sie sind wohl des Teufels?" schrie er. ,, Stillgestanden!" kommandierte er erneut ,,, stillgestanden, rechtsum! Das Gesicht gegen die Wand! So bleiben Sie stehen, bis ich, Rührt euch' befehle. Sie haben zu gehorchen und sonst nichts. Wenn ich sage, fahren Sie in die Hölle, so haben Sie so rasch wie möglich in die Hölle zu fahren. Zu fragen haben Sie nichts, selbst wenn ich Sie töte. Haben Sie mich endlich verstanden?" Er begab sich wieder zu seinem Sessel. ,, Vielleicht befehlen die Damen noch Kaffee. Bitte sich zu bedienen. Wir werden uns von Spielverderbern nicht die Laune verderben lassen!" Graf Dosse stand regungslos bei der Türe, das Gesicht gegen die Wand gerichtet. Es war jämmerlich anzusehen. ,, Ich bitte Sie, doch wieder näher zu rücken, schöne Charlotte!" begann Rumpf erneut. ,, Sie haben doch nicht etwa Angst vor mir? Und auch Sie, mein liebstes Silberschmiedchen. Ich sehe, Klara wünscht ebenfalls noch eine Erfrischung. Sind denn die Kellner schon eingeschlafen, Möhn?" Es war zu hören, daß Graf Dosse sich bei der Türe bewegte, das Parkett knirschte. Man konnte beobachten, daß er den Kopf wandte und die Lippen bewegte, als ob sie steif geworden wären. Hierauf begann er mit verstörtem Gesicht zu sprechen: ,, Ich erlaube mir, zu bemerken, daß Sie gar nicht mein Vorgesetzter sind", sagte er mit klarer Stimme zum allgemeinen Entsetzen. ,, Ich bin Oberleutnant der Armee, während Sie einfacher Obermaat waren." ,, Wie?" Sofort war Rumpf wieder aufgesprungen. Er deutete 194 mit dem neuem." den Man werden Kopf, da Haupt Das F hellen M Als de hörte ih erschosse alblaut zu nd auf den lauben zu hatte sich en Damen te und die ntfernt zu tzt sprang mkelblauen en!" komas Gesicht euch' be m ich sage glich in die enn ich Sie ich wieder ch Kaffee verderbern icht gegen Charlotte!" Angst vor Ich sehe d denn die e bewegte r den Kopf den wären. n: mein Vorallgemeinen and Sie ein Er deutete mit dem Finger auf Graf Dosse. ,, Stillgestanden!" brüllte er von neuem. ,, Das ist Rebellion! Herr Hauptmann Frey, nehmen Sie den Mann in Gewahrsam! Führen Sie ihn auf sein Zimmer! Sie werden kein Wort mit ihm sprechen und bürgen mit Ihrem Kopf, daß er nicht entflieht." Hauptmann Frey erhob sich, um den Befehl auszuführen. Das Fest ging weiter. Die Geburtstagsfeier dauerte bis zum hellen Morgen. Als der Tag graute, fiel ein Schuß im Hause, aber niemand hörte ihn, da es überall sehr laut zuging. Graf Dosse hatte sich erschossen. 195 13* I Milliarden und Billionen von Gedanken und Gefühlen bilden ein Volk, nichts anderes. Dies war die Äußerung, die Fabian in die Augen sprang, als er Christas ersten langen Brief entfaltete, und er hörte ihre Stimme dabei in seinen Ohren klingen, als lese sie die Briefstelle vor. Diese Weisheit hatte, wie Christa schrieb, der Abt eines Klosters in einer Unterhaltung ausgesprochen, ein ehrwürdiger Priester mit schneeweißem Haar, in den sie sich verliebt hatte. Ja, wahrhaftig verliebt. Fabian spürte Unruhe im Herzen, als er dieses Eingeständnis. las, obschon sie mitteilte, daß der Abt alt und schneeweiß war und die runzligen, eingefallenen Lippen einer alten Frau hatte. Diese Milliarden und Billionen von Gedanken und Gefühlen werden in gewissen Zeiten gut und edel sein, in einer anderen Zeit aber niedrig und böse. Wehe aber dem Volk, wenn die Schale der bösen Gedanken das Übergewicht bekommt über die Schale des guten, so sagte der Priester. Christa schilderte ausführlich, wie sie den greisen Abt kennenlernte, als sie im Hof des Klosters der ,, Drei Samariter" bei Rom aquarellierte. Der ehrwürdige Priester hatte sie angesprochen, und sie war augenblicklich berauscht von der herrlichen Reinheit seiner leuchtenden, bernsteinbraunen Augen, als er zum erstenmal mit ihr sprach. Meine Tochter pflegte er sie zu nennen. Er war Österreicher von Geburt, lebte aber schon vierzig Jahre in Italien. Bald kam es dahin, daß sie stundenlang zusammen plauderten. Zuerst redeten sie von allgemeinen Dingen, dann versteifte sich der Abt auf politische Gegenstände, besonders auf die politische Lage in Deutschland. Es sähe betrüblich in der Welt aus und eine schwere Prüfung sei über die Menschheit hereingebrochen. 199 ,, Wehe, wehe dem deutschen Volk!" rief er aus. ,, Die Schale der bösen Gedanken ist übervoll und sinkt tiefer und tiefer. Die Zeit ist nicht mehr fern, da sie das Übergewicht über die guten Gedanken haben wird!" Der Abt machte kein Hehl aus der großen Bewunderung, die er früher für Deutschland empfand. Früher? Jetzt nicht mehr? Nein, jetzt nicht mehr. Deutschland habe sich in den letzten Jahren allzusehr zu seinen Ungunsten geändert, antwortete er. ,, Wehe, wehe, dem deutschen Volk!" So habe man ihm berichtet, daß es heute in Deutschland sehr gefährlich sei, die Wahrheit auszusprechen. Sein Gewährsmann führte Hunderte von Beispielen an, erschreckende Beispiele. Ob sie davon hörte, wie schändlich man viele religiöse Genossenschaften und Klöster in Österreich behandelte? Nein, davon habe sie nie etwas gehört. sich den gungen des Böse und ver hm tägl Phantast meine T Das Böse wächst und gebiert Böses! Sein Gewährsmann berichtete ihm, wie man ehrwürdige und gottesfürchtige Nonnen aus ihren Klöstern roh und rücksichtslos vertrieb, unter Umständen, die jedem die Schamröte ins Gesicht treiben mußte. Ja, der alte Abt sah in Wahrheit die Zukunft des deutschen Volkes in Finsternis und Nacht gehüllt, schrieb Christa, und sie konnte sich nicht losreißen von ihrem ehrwürdigen Abt mit seinen herrlichen Augen, so daß Fabian fast ärgerlich wurde. Ganz besonders war es dem Abt aufgefallen, daß sich im Wesen des deutschen Volkes erschreckende und gefährliche Züge zeigten, die er früher niemals beobachtet habe. es anfan ein klein was glau riß mei Welche erschreckenden Züge er eigentlich meine? fragte Christa erschrocken. ,, So zum Beispiel die Heimtücke, meine Tochter", entgegnete der Abt ,,, um nur einen grauenhaften Wesenszug zu nennen. Es ist ein erschreckender und völlig überraschender Zug im Wesen des deutschen Volkes, der mir seit geraumer Zeit öfters auffiel." diese Ru Ich hätt gehalten worden Fabia Und darauf erzählte er eine Geschichte, die gänzlich unfaẞbar klingt. Nicht seinem Gewährsmann passierte sie, sondern seinem eigenen Neffen, der sie ihm selbst berichtete. Seinem Neffen, einem Studenten in Wien, gläubig und gottesfürchtig von seiner leiblichen Schwester erzogen, widerstrebte es, behager digen, a war ja katholis Hand ihres el müssen Nun möglic deutlic Glaube dem P Wir lich ve sie ebe alles ersche Sonst Jedent gründ Sie da 200 Die Schale tiefer. Die die guten erung, die cht mehr? en letzten wortete er. hland sehr währsmann spiele. Ob Genossennn berich onnen aus mständen, der alte Volkes in sie konnte a, einen herrGanz beWesen des ge zeigten, me? fragte entgegnete ennen. Es im Wesen rs auffiel." unfaßbar ern seinem and gottesrstrebte es, sich den nationalistischen Jugendverbänden, Studentenvereinigungen anzuschließen, die heute in Österreich wie giftige Pilze des Bösen aus der Erde schossen. Er widmete sich seinen Studien und vermied den Umgang mit Bekannten und Kameraden, die ihm täglich mit Versprechungen, Verlockungen und unsinnigen Phantastereien in den Ohren lagen. Was aber geschah nun, meine Tochter? Sie halten es nicht für möglich, ebenso wie ich es anfangs nicht für möglich hielt. Mein Neffe fand eines Tages ein kleines Paket vor seiner Türe, und als er es sorglos öffnete, was glauben Sie, was sich ereignete? Das Paket explodierte und riẞ meinem Neffen die rechte Hand ab! Sie entsetzen sich über diese Ruchlosigkeit, meine Tochter, ganz wie ich mich entsetzte. Ich hätte diese Geschichte für die Erfindung eines bösen Teufels gehalten, wäre nicht mein eigener Neffe dabei zum Krüppel geworden." Fabian schüttelte ungläubig den Kopf und lächelte voller Unbehagen. Nun hatte er wahrhaftig genug von diesem ehrwürdigen, alten Abt mit den schneeweißen Haaren. Diese Christa war ja zu harmlos, um zu ahnen, daß sie einer Verleumdung der katholischen Kirche zum Opfer fiel. Dieser Neffe, der seine Hand verlor, war nichts als eine dramatisch ersonnene Lüge ihres ehrwürdigen, weißhaarigen Abtes. Warnen werde ich sie müssen vor diesem schneeweißen Abt, in Wahrheit warnen! Nun, Christa sträubte sich auch dagegen, diese Geschichte für möglich zu halten, sie schrieb es selbst, aber er konnte doch deutlich erkennen, daß sie ihrem Abt letzten Endes völligen Glauben schenkte. Auf jeden Fall aber hatten die Gespräche mit dem Priester sie im tiefsten aufgewühlt. Wir haben bis heute leider alle politischen Gespräche absichtlich vermieden, schrieb sie. Mama verbot sie mir, und Sie liebten sie ebenfalls ganz und gar nicht. Sie sagten stets, man muß nicht alles glauben, was die Leute schwätzen, es seien Übergangserscheinungen, man müsse abwarten, abwarten, oder was Sie sonst sagten. Aber ich finde jetzt, daß wir unrecht daran taten. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, mit Ihnen in Zukunft gründlich über all diese Dinge zu sprechen, denn es ist klar, daß Sie darüber verständiger zu urteilen vermögen als tausend andere. 201 Nun aber sah er zu seiner großen Enttäuschung, daß der Brief zu Ende ging, ohne auf die entscheidenden Punkte einzugehen, die für ihn lebenswichtige Bedeutung besaßen. ,, Ich bin ins Schwatzen gekommen", schloß Christa ,,, aber die Gespräche mit dem Abt haben mich unsagbar gefesselt, und ich wollte sie Ihnen nicht vorenthalten. Für heute ist es zu spät geworden, um einen neuen Brief zu beginnen, Mama wird schon ungeduldig. Wir wollen morgen in aller Frühe im Wagen in die Campagne fahren. Aber in meinem nächsten Brief werde ich endlich auf Ihren langen und schönen Brief, den, Brief eines wahren Freundes', wenn ich ihn so nennen darf, antworten, ich verspreche es Ihnen." Der Brief mit den unbehaglichen Erzählungen des Abtes hatte Fabian sehr enttäuscht und, um die Wahrheit zu sagen, ihn in wirklich schlechte Laune versetzt. Es war ein Glück, daß er heute abend um zehn Uhr vom Gauleiter zum Billardspiel aufgefordert war. Nach einigen Wochen langen Wartens kam endlich wieder ein Brief von Christa und diesmal schien es der richtige zu sein. Er begann ihn mit großer Sorgfalt zu lesen und nicht hastig zu überfliegen, wie es gewöhnlich seine Art war. Christa begann mit der Versicherung, daß sie seinen langen und schönen Brief, den Brief eines wahren Freundes, wochenlang mit sich herumgetragen und wiederholt gelesen habe. Und je öfter sie ihn las, desto schöner habe sie ihn gefunden, und desto wärmer empfand sie die freundschaftlichen Gefühle, die ihn durchströmten. Fabian lächelte beglückt, er errötete sogar. Er fühlte erneut, wie tief und wahrhaft er diese Frau liebte. Käme sie nur bald zurück, käme sie nur bald! dachte er. oh, das gegnen Sie kö näherge Sie habe, fuhr Christa fort, diesen Brief auch in Gedanken häufig beantwortet, nun aber, da sie sich anschicke, die Antwort niederzuschreiben, fände sie, daß es einer jener Briefe sei, die man gar nicht schriftlich beantworten könne und die eine mündliche Aussprache unbedingt erforderlich machten. fühle. C dauern Sie schreiben, daß Sie in meiner Gegenwart eine größere Sicherheit und Klarheit empfänden, sich besser und edler fühlten, dies mö Hier versage freue si diese D und ho Ich in unse Viellei wenn Doch Fabi begann Dar eine K Bemer ich do sie nic naheli warte doch wenn So licher war e späte bei C 202 S der Briel inzugehen, ,,, aber die elt, und ich zu spät ge wird schon agen in die werde ich Brief eines worten, ich Abtes hatte gen, ihn in aß er heute dspiel auf wieder ein ge zu sein at hastig zu nen langen es, wochenhabe. Und unden, und Gefühle, die hlte erneut ie nur bald Gedanken die Antwort sei, die man mündliche ne größere dler fühlten, oh, das ist ein so großes Lob für mich, daß ich darauf nichts entgegnen kann. Ich kann darauf nur schweigen. Sie könne ihm aber heute schon sagen, daß sie sich freue, ihm nähergekommen zu sein und sich ihm geistig nahe verbunden fühle. Ganz wie er, wünsche sie, daß diese Verbundenheit andauern und sich noch vertiefen möchte. Sie bitte zu Gott, daß dies möglich sei. Ich bitte zu Gott, schrieb sie wahrhaftig. Hier aber fühle sie wieder eine jener Schranken, wo die Feder versage und man die mündliche Aussprache herbeisehne. Sie freue sich darauf, ihn wiederzusehen und sich mit ihm über all diese Dinge, über die man nicht schreiben kann, auszusprechen und hoffe, daß diese Begegnung in nicht allzu ferner Zeit erfolge. Ich sehne mich jetzt häufig danach, wieder einmal mit Ihnen in unserem kleinen ,, Residenzcafé" zu sitzen und zu plaudern. Vielleicht kehren wir diesmal früher zurück als geplant, und wenn wir es tun, so sind Sie gewiß nicht ganz ohne Schuld daran. Doch mehr will ich nicht sagen! Fabian war glücklich, als er diese Worte las, und sein Herz begann in Wahrheit lebhafter zu schlagen. Dann schrieb sie noch einiges über eine gemeinsame Freundin, eine Klientin von ihm, und hier erfreute ihn wieder eine ihrer Bemerkungen. Wenn ich einen Mann liebe, schrieb sie, so denke ich doch nicht zuerst an die Ehe, wie Ruth es tut. Warum wird sie nicht seine Geliebte, was doch das natürlichste, einfachste und naheliegendste wäre? Sie braucht doch nicht erst darauf zu warten, bis er von seiner Frau geschieden ist? Schließlich ist Ruth doch keine kleine Verkäuferin. Sagen Sie ihr meine Meinung, wenn sie wieder in ihr Büro kommt. So denkt nur ein klarer, aufrichtiger Mensch, der alle kleinlichen Vorurteile überwunden hat, dachte er beglückt. Ja, das war eine Frau, die man getrost heiraten konnte, ohne früher oder später über ihre Rückständigkeit entsetzt zu sein, wie es häufig bei Clotilde der Fall war. 203 II Tagelang erwärmte Christas Antwort Fabians Herz, zumal es in seinem ,, Büro Aufbau" um vieles ruhiger geworden war. Die Unrast des Sommers war gewichen und man konnte nun in Ruhe einen Likör mit einem guten Bekannten trinken, ohne sich Vorwürfe machen zu müssen. Noch als der Schnee um die schwarzen, pechbesudelten Asphaltwagen wirbelte, sah man die Arbeiter in dicken Socken im Qualm in den Straßen arbeiten, erst die Kälte vertrieb sie. Der Umbau des Hans- Rumpf- Platzes war im Rohbau fertiggestellt, und Baurat Krieg hoffte, ihn im Frühjahr mit all seinen Läden und Magazinen bis auf die letzte Fensterscheibe zu vollenden. Vom ersten Mai an sollte auf dem Hans- Rumpf- Platz der Wochenmarkt stattfinden und die Umgestaltung des alten Rathausplatzes beginnen. Im Herbst trafen noch die Pläne und Entwürfe für das Gemeinschaftshaus ein, das den Stolz von Taubenhaus bildete. Sie kamen aus München und stammten aus dem Atelier eines vielgenannten Architekten. Es erschien als eine Art Wolkenkratzer und sah ziemlich langweilig aus, trotz seiner vier dünnen Ecktürmchen, die an Minarette erinnerten. Fabian bestellte ein richtiges Gemälde, groß wie eine Türe, auf dem das Gebäude hoch über den Wipfeln des Hofgartens imponierend dargestellt war. Es fiel derart glänzend aus, daß Taubenhaus es in seinem Empfangszimmer anbringen wollte. Vorher aber ließ Fabian es im Schaufenster des Juweliers Nicolai ausstellen, und wochenlang stauten sich die Spaziergänger davor, um das Gemälde mit offenen Mäulern zu bestaunen. Die vorbereitenden Arbeiten für das Gemeinschaftshaus waren noch im Spätherbst ausgeführt worden. Der ,, Friedenstempel" im Hofgarten, ein verträumtes, bescheidenes Pantheon im Stile Schinkels, nach den Befreiungskriegen von der Stadt errichtet, wurde abgebrochen und sollte im Frühjahr an einer stillen Stelle des Parks wieder errichtet werden. An seiner Stelle sollte auf einer grünen Anhöhe, von der aus n man die ganze Stadt überblickte, das Gemeinschaftshaus erstehen. Vorläufig wurde der 204 Hügel v mauern in dieser Dann Archite entwerf üblicher Bahnho Man st übersät glitzern von Ni rischer volle W ein zier tischch berausc Ta war d Ähnlic Tau Büro beweg werde Komp Bitte vorhe Fab chen Im Bahnh gesetz De hatte auf d Holz Dutz g z, zumal es en war. Die nte nun in ken, ohne besudelten ken Socken wertrieb sie bau fertig it all seinen be zu voll umpf- Platz des alten Has GemeinSie kamen vielgenans ratzer und Ecktürmin richtiges hoch über war. Es fiel angszimmer ufenster des en sich die Mäulern zu haus waren lenstempel" on im Stile It errichtet, tillen Stelle sollte auf Stadt überwurde der Hügel vermessen und die Ausschachtungslinien für die Grundmauern durch rote Pflöcke gekennzeichnet, mehr konnte man in diesem Jahre nicht tun. Dann sah man Fabians Auto häufig am Bahnhofsplatz. Seine Architekten mußten für den Platz nach seinen Angaben Skizzen entwerfen, und zuletzt ließ er den neuen Bahnhofsplatz in der üblichen bestechenden Art zeichnen und malen. Ja, das war ein Bahnhofsplatz, wie ihn kaum eine Großstadt besaß, alle Wetter! Man staunte über die prächtigen Blumenrabatten und blütenübersäten Rondelle, aus denen zwei herrliche Springbrunnen ihre glitzernden Strahlen in einen Märchenhimmel sandten, Plakate von Nizza und Monte Carlo konnten bei Gott nicht verführerischer sein. Die Warteplätze der Trambahn waren geschmackvolle Wandelhallen, und zwischen den Springbrunnen erhob sich ein zierlicher Pavillon, mitten im Rasen, von einladenden Kaffeetischchen umgeben, ganz wie in Paris. Die Stadt war förmlich berauscht, als eine illustrierte Zeitung die Abbildung brachte. ,, Taubenhaus, Taubenhaus! Was für ein phantasieloser Bursche war doch dieser Krüger dagegen gewesen! Niemals wäre ihm Ähnliches eingefallen." Taubenhaus war so begeistert, daß er persönlich in Fabians Büro kam, was er nie tat. ,, Vorzüglich!" sagte er mit fast unbeweglicher, steifer Miene. ,, Auf unseren neuen Bahnhofsplatz werden wir in der Tat stolz sein können. Ich mache Ihnen mein Kompliment!" Und mit einem rügenden Blick fügte er hinzu: ,, Bitte aber in Zukunft niemals eine Veröffentlichung ohne meine vorherige Zustimmung, mein lieber Regierungsrat!" Fabian verbeugte sich und klappte mit den Absätzen als Zeichen seines bedingungslosen Gehorsams. Immer noch aber sah man Fabians Wagen häufig nach dem Bahnhofsplatz fahren. Eine Idee hatte sich in seinem Kopf festgesetzt und ließ ihn nicht mehr los. Der geräumige Lagerplatz der Transportfirma Löb& Löb hatte sein Interesse gefunden, ein gänzlich verwahrloster Platz, auf dem ein schäbiges Bürogebäude und einige halbverfaulte Holzschuppen standen. Ferner diente er als Abstellraum für ein Dutzend kleiner und großer verkommener Möbelwagen, auf 205 denen die Firmenaufschrift Löb& Löb und ein etwas komischer heraldischer Löwe zu sehen waren. Bei rechtem Lichte betrachtet war dieser verwahrloste Platz ein Schandfleck für die Stadt, der natürlich auf dem neuen Bahnhofsplatz völlig verschwinden mußte! An seiner Stelle sollte sich das zukünftige Prachthotel erheben, das Fabian schon seit Wochen vorschwebte. In den Schreibti Gesicht Brief in Clotilde hatte ihm immer seine Geschäftsuntüchtigkeit vorgeworfen, in der sie die Ursache dafür erblickte, daß er„ zu nichts komme, während andere Leute Millionäre würden". Nun, es würde sich ja zeigen, ob sie recht behielt? Jedenfalls hatte er heute nicht mehr die geringste Lust, untätig zuzusehen, wie alle Leute das Geld in vollen Scheffeln einheimsten! Der Flickschuster Habicht besaß heute eine florierende Schuhfabrik, die er jedes Jahre vergrößerte, der Scharführer Dörr, früher ein kleiner Gemüsehändler, leitete jetzt eine Eiersammelstelle und baute sich heute eine prächtige Villa am Prinzenwall. Sein Freund Taubenhaus wählte konsequent nur die teuersten Firmen für die Asphaltierung der Straßen, und er wußte wohl, weshalb er es tat, nicht wahr? Derselbe Taubenhaus hatte noch rasch einige billige Objekte in der Kapuzinergasse käuflich an sich gebracht, bevor er den Abbruch der Gasse anordnete. Der Sturmführer Lampenbart handelte früher mit Kaninchen- und Hasenfellen, und heute besaß er das vornehmste Pelzgeschäft in der Stadt. Dutzende von ähnlichen Fällen gingen Fabian durch den Kopf. Und er, der all diesen Leuten geistig zehnfach überlegen war, sollte aus dieser Zeit des Umsturzes hervorgehen, ohne sich wie sie ein Vermögen zu erwerben? Nein, ein solcher Dummkopf war er wahrhaftig nicht. Mühe m Entschlossen öffnete Fabian das verrostete Eisentor und betrat den Lagerplatz der Firma Löb& Löb. Aus dem Kamin des kleinen Bürohauses wirbelte dünner Rauch und ein Arbeiter schaufelte scharrend Koks in ein Kellerloch. „ Ich b Fabian. Ich H stürzt de ,, Ist jemand von der Firma zugegen?" fragte Fabian. ,, Ja, der junge Herr Löb ist im Büro", antwortete der Arbeiter und hielt im Scharren inne. die Trä Fabian klopfte an die Türe und trat ein, ohne lange auf Antwort zu warten. und zog Sie Den Regieru In den gesehen Fabia haben noch in Der " Ja", auf der Schwei Sohn, den he Do voller ohne s Isid auf se es ist gram alles Si den 206 komischer te betrach ir die Stadt erschwinden Prachthotel tigkeit vor daß er zu den". Nun, alls hatte er men, wie alle Der Flick abrik, die er r ein kleiner und baute Sein Freund Firmen für weshalb er rasch einige ch gebracht Sturmführer Hasenfellen, n der Stadt h den Kopf erlegen war hne sich wie Dummkopf tor und be n Kamin des ein Arbeiter an. der Arbeiter nge auf AntIII In dem kahlen, völlig leeren Büroraum saß an einem alten Schreibtisch ein junger Mann mit brennendroten Haaren, dessen Gesicht von Tränen überströmt war. Er hielt einen zerknitterten Brief in der Hand und starrte ihn verstört an, nicht einmal die Mühe machte er sich, seine Tränen zu trocknen. ,, Ich bitte Sie, die Störung zu verzeihen", entschuldigte sich Fabian. ,, Ich hörte nicht klopfen, Herr Regierungsrat", erwiderte bestürzt der junge rothaarige Mann, der endlich daran dachte, sich die Tränen von den Wangen zu wischen. Er erhob sich lustlos und zog den einzigen Holzstuhl heran, der an der Wand stand. ,, Sie kennen mich?" ,, Den möchte ich kennen, der nicht weiß, wer Sie sind, Herr Regierungsrat", begann der junge Mann mit müder Stimme. In den letzten Wochen habe ich Sie oft auf dem Bahnhofsplatz gesehen, Sie hatten Leute mit Meßlatten bei sich." Fabian nickte. ,, Ja", sagte er, indem er sich niederließ. ,, Wir haben den Platz vermessen. Herr Löb ist, wie man mir sagt noch immer in der Schweiz. Sie sind wohl der Sohn?" Der junge Mann nahm wieder an dem Schreibtisch Platz. " Ja", erwiderte er niedergeschlagen und deutete mit der Hand auf den zerknitterten Brief. ,, Vater ist noch immer in der Schweiz, in Zürich. Er ist dort ganz allein. Jawohl, ich bin der Sohn, Isidor Löb." Und schon hingen wieder helle Tränen an den hellroten Wimpern des jungen Mannes. ,, Doch keine schlimmen Nachrichten?" erkundigte sich Fabian voller Anteilnahme, er konnte weinende Menschen nicht sehen, ohne sofort Mitleid zu empfinden. Isidor Löb schüttelte den Kopf und einige Tränen sprangen auf sein sommersprossiges Gesicht. ,, Nein, nein", antwortete er, ,, es ist nur, weil wir alle so allein sind, Vater sitzt in Zürich und grämt sich, und ich sitze hier und gräme mich. Es ist nur, weil alles so schwer geworden ist." ,, Sie müssen es ruhiger nehmen, Herr Löb!" versuchte Fabian den jungen Mann zu beruhigen, der nur schwer das Weinen 207 unterdrückte. Sein Kummer war echt, und der junge Bursche tat ihm leid. Isidor Löb war ein schmächtiges Bürschchen, rot wie ein Eichhörnchen, mit brandroten Wimpern, und das blasse Gesicht war so sehr mit Sommersprossen bedeckt, daß sie auf der Nase zusammenflossen. Es schien sehr zart und erweckte den Eindruck eines verwöhnten Muttersöhnchens, das man im Stich gelassen hat. ,, Ich bin ja schon ruhiger", versetzte Isidor und trocknete sich mit einem zusammengeknüllten, schmutzigen Taschentuch das Gesicht ab, die Anteilnahme Fabians hatte ihm offenbar wohlgetan. ,, Und nun hören Sie, Herr Löb", hub Fabian in geschäftlichem Tone an ,,, ich bin in Geschäften hierher gekommen. Einer meiner Klienten hat mich beauftragt, bei Ihnen vorzusprechen. Er interessiert sich für Ihren Lagerplatz." bieten. S übernehn Isidor auf seiner daß me schätzt S Und schon waren sie mitten in ihren Geschäften und hörten kaum noch das Scharren der Schaufel draußen, womit der Arbeiter den Koks in das Kellerloch warf. Es wären ja schon wiederholt Interessenten hier gewesen, sagte Isidor Löb, aber die Verhandlungen hätten sich stets zerschlagen. Sie wollten alle den Platz für ein Butterbrot haben! Vater aber habe ihn beauftragt, nicht unter hundertsechzigtausend Mark herabzugehen, auch nicht um eine Mark. Ihnen. A wird. N den Kop können. Jede Fabian pfiff leise durch die Zähne.„ Hundertsechzigtausend Mark?" sagte er. ,, Das läßt sich hören! Mein Klient hatte an eine weitaus geringere Summe gedacht. Er bietet Ihnen rund achtzig Mille und die Sicherheit, daß alles korrekt geordnet wird. Ich bürge dafür, Sie kennen mich ja." Angebo „ Ich Wie Volle Z heutige möglich Isidor blickte Fabian mit seinen blaßblauen, wässerigen Augen an, die ihn etwas an Clotildes Augen erinnerten, und nickte. Er war jetzt ganz ernst und sachlich geworden. ,, Es ist gerade die Hälfte. Bedenken Sie, es sind über dreitausend Quadratmeter." Fabian hatte die Summe genannt, nicht um die Forderung um die Hälfte zu unterbieten, sondern weil es gerade die Summe war, die ihm im Augenblick zur Verfügung stand. Er erhob sich. ,, Schreiben Sie Ihrem Vater", schloß er. ,, Ich bin im Auftrage meines Klienten hier, und mein Klient kann leider nicht mehr 208 haupt aber m Fabia ihm vo gegen das ve Ich er we Zürich Wie si hältnis diesen Isid Langsa Ic dieser wiede sucht dabe 14 T nge Bursche schchen, ro nd das blasse B sie auf der weckte den man im Stich rocknete sid hentuch da enbar wohl schäftlichen men. Einer zusprechen und hörten womit der en ja schon öb, aber die lten alle den beauftragt gehen, auch chzigtausend matte an eine rund achtzi et wird. Ich rigen Augen d nickte. Er t gerade die adratmeter." orderung um Summe war, erhob sich im Auftrage nicht mehr bieten. Schreiben Sie ihm, daß ich die Garantie für alles andere übernehme." Isidor nickte, und zum erstenmal erschien ein blasses Lächeln auf seinem sommersprossigen Gesicht. ,, Ich weiß", erwiderte er, ,, daß mein Vater das allergrößte Vertrauen zu Ihnen hat. Er schätzt Sie sehr und sprach oft mit großer Hochachtung von Ihnen. Aber ich glaube nicht, daß er das Angebot akzeptieren wird. Nein, das glaube ich nicht." Er schüttelte voller Bedauern den Kopf, als ob es ihm leid tue, Fabian nicht gefällig sein zu können. ,, Jedenfalls wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie ihm das Angebot sofort mitteilen würden, Herr Löb." ,, Ich werde noch heute an Vater schreiben." Wie lange der alte Herr Löb schon in der Schweiz sei? Volle zwei Jahre? Nun, dann könne er ganz unmöglich die heutige Lage beurteilen, ganz unmöglich. Es wäre ja immerhin möglich, daß eine Zeit kommt, in der er für den Platz überhaupt nichts mehr bekommen wird. Wir wollen es nicht hoffen, aber möglich ist es immerhin, nicht wahr? Fabian wollte nicht mehr sagen. Justizrat Schwabach hatte ihm vor einer Woche berichtet, daß sehr strenge neue Gesetze gegen den jüdischen Grundbesitz in Vorbereitung seien, doch das verschwieg er Isidor Löb. ,, Ich will Ihnen einen guten Rat geben, Herr Löb", drang er weiter in den jungen Mann,„, fahren Sie doch selbst nach Zürich. Fahren Sie hin und stellen Sie Ihrem Vater die Lage vor, wie sie heute wirklich ist! In zwei Jahren hätten sich die Verhältnisse ja völlig verändert. Sagen Sie ihm ruhig, ich hätte Ihnen diesen Rat gegeben." Isidor blickte Fabian mit großen Augen an, die sich wieder langsam mit Tränen füllten. Er schüttelte traurig den Kopf. ,, Ich würde hinfahren, ich würde gerne hinfahren, jetzt in dieser Stunde", erwiderte er.„ Aber ich darf ja nicht." Schon wieder flossen ihm die Tränen über die Wangen, und er versuchte sie mit dem schmutzigen Taschentuch aufzuhalten. ,, Und weshalb dürfen Sie nicht?" fragte Fabian und lachte dabei, um den jungen Mann zu ermutigen. 14 Totentanz 209 Isidor Löb hatte sich in ein wahres Bild des Jammers verwandelt. ,, Weshalb ich es nicht darf?" rief er aus. ,, Ich erhalte keinen Paß, müssen Sie wissen. Ich bin neunzehn Jahre alt, und die Wehrmacht gibt mir keinen Paẞ." ,, Die Wehrmacht?" Fabian lachte nicht mehr, aber er vermochte kaum ein Lächeln zu unterdrücken. Welches Interesse konnte die Wehrmacht an diesem armseligen, hilflosen Muttersöhnchen haben, das beim ersten Kanonenschuß in Ohnmacht fiel? ,, Hören Sie, Herr Löb", sagte er, während er die Uhr zog. ,, Nehmen wir noch eine Minute Platz, ich habe noch zehn Minuten Zeit. Wenn es nur das ist, so läßt sich vielleicht Rat schaffen. Die Wehrmacht hat doch wohl nur das Interesse, daß Sie wieder aus der Schweiz zurückkommen? Nun, in einer Woche sind Sie wieder hier. Die Wehrmacht wird Ihnen augenblicklich die Ausreisegenehmigung geben, wenn jemand die Bürgschaft übernimmt, daß Sie wiederkommen werden." " Ja, ja!" Isidor hatte sich über den Tisch gebeugt und starrte Fabian mit geweiteten Augen an, in denen ein Licht der Hoffnung erwachte. ,, Wer aber wird diese Bürgschaft für mich übernehmen?" fragte er, während hektische Flecke der Erregung auf seinen sommersprossigen Wangen erschienen. Er zitterte an allen Gliedern. ,, Lesen Sie diesen Brief, Herr Regierungsrat!" rief er aus, da Fabian nicht antwortete und schob ihm den zerknitterten Brief hin. Fabian dachte nach. Er ergriff den Brief und überflog ihn rasch. Es war der Brief eines verzweifelten Vaters an seinen Sohn. Ich habe Angst um dich, schrieb der alte Löb, daß ich nicht mehr schlafen kann. Befreie mich von dieser Pein, komme hierher, mein Augapfel. Augapfel nannte der alte Löb in seiner Vaterliebe dieses sommersprossige Eichhörnchen. Aber Fabian lächelte nicht, der Brief des alten Löb hatte ihn ergriffen. ,, Ich werde diese Bürgschaft übernehmen", ließ er sich nach einigem Nachdenken vernehmen. ,, Es besteht keinerlei gesetzliches Hindernis, daß ich sie übernehme." Isidor sprang auf und streckte Fabian die blasse, von Sommersprosse rat?" „ Und Fab armun dauern darüb läßt. zustell Ihres scheid „ Ic Isid absch Fal Warte Vielle sich Isido In gebra unter ein G Bede her von es de dem Eine wen der und Gel D Nei Das daz 210 14" ammers ver „ Ich erhalte ahre alt, und aber er ver hes Interesse Osen Mutter Ohnmacht ie Uhr zog noch zehn Helleicht Rat daf teresse, un, in einer hnen augen jemand die rden." und starrte at der Hofffür mich ke der Er chienen. Er Herr Regie und schob berflog ihn s an seinen ob, daß ich ein, komme liebe dieses e nicht, der er sich nach erlei gesetz on Sommersprossen bedeckte Hand entgegen. ,, Sie wollten, Herr Regierungsrat?" schrie er und seine Stimme klang schrill vor Erregung. ,, Und ich kann reisen, morgen kann ich abfahren?" Fabian lächelte und trat zurück, da er eine plötzliche Umarmung des Rothaarigen fürchtete. ,, Es wird wohl einige Tage dauern, rufen Sie täglich bei mir an", sagte er.„ Ich muß erst darüber nachdenken, ob sich nicht noch ein besserer Weg finden läßt. Sie versprechen mir aber, Ihrem Vater die neue Lage darzustellen und mir sobald wie möglich telegrafisch die Antwort Ihres Vaters zu übersenden, damit ich meinem Klienten Bescheid geben kann?" fügte er in geschäftlichem Tone hinzu. ,, Ich verspreche, ich verspreche, ich verspreche!" rief Isidor. Isidors Hände waren naß von Schweiß, als sie sich verabschiedeten. Fabian begab sich zu seinem Auto, das an der Straßenecke wartete. Er war zufrieden mit der geschäftlichen Aussprache. Vielleicht behält Clotilde doch unrecht? dachte er, während er sich mit dem Taschentuch die Hände trocken rieb. Dieser Isidor, bei Gott, weshalb schwitzte er nur so? In drei Tagen hatte Fabian die Paßangelegenheit in Ordnung gebracht. Er begab sich zum General, der das Generalkommando unter sich hatte und trug ihm den Fall vor. Es handle sich um ein Grundstück, das für den neuen Bahnhofsplatz von eminenter Bedeutung sei, sagte er. Der alte General, den er vom ,, Stern" her kannte, erklärte, es sei das beste, Isidor Löb ordnungsgemäß von einem Militärarzt mustern zu lassen. Sei er untauglich, wie es den Anschein habe, so wolle er ihn einfach laufen lassen, zudem er auf Juden überhaupt nicht den geringsten Wert lege. Eine. Woche später reiste Isidor Löb nach der Schweiz. Nach wenigen Tagen erhielt Fabian telegrafisch die Nachricht, daß der Vater den Preis von achtzigtausend Mark akzeptiert habe und der Verkauf in dem Augenblick rechtsgültig sei, da das Geld bei einer bestimmten Bank in Zürich einträfe. Der junge Isidor Löb kam nicht zurück. Er schien keinerlei Neigung dazu zu haben, und niemand kümmerte sich darum. Das Generalkommando hatte nicht einen besonderen Beamten dazu angestellt, auf die Person Isidor Löbs zu achten. 14* 211 Fabian war zufrieden, irgendwelche Gewissensbisse kamen ihm nicht in den Sinn. Wenn ich das Geschäft nicht gemacht hätte, dachte er achselzuckend, so wäre früher oder später ein anderer auf diesen Gedanken gekommen. fordert Ihr Ohren, aus Haaren wuc lernt hatte, Mein K Fabian, ohn achthundert Justizrat IV Es zeigte sich, daß Fabian keineswegs so geschäftsuntüchtig war, wie Clotilde geglaubt hatte. Er ließ von Baurat Krieg den Entwurf eines Prachthotels anfertigen und brachte die effektvolle Skizze zu Justizrat Schwabach, der als Spezialist für Gründungen galt. ,, Man erbittet Ihren Rat zu einer Hotelgründung, Herr Kollege", sagte er. Justizrat Schwabach rollte seinen Pudelkopf über den Plan, dann setzte er seinen Kneifer auf.„, Großartig, einfach hinreißend, dieses, Hotel Europa"", entschied er, nachdem er die einzelnen Skizzen genau geprüft hatte. ,, Ja, dieser Taubenhaus ist ein Tausendsassa!" ,, Die Idee stammt nicht von Taubenhaus, sondern von einem meiner Klienten, der den Bauplatz besitzt", berichtigte Fabian. Schwabach nickte. Er wußte nun genau, wer der Besitzer des Bauplatzes war. sich, wobei Klienten zu zufriedenzu Aufwendun zu tragen dienen. Nachden ,, Und wo soll das, Hotel Europa' stehen?" fragte er. ,, Am Bahnhof, auf dem Lagerplatz von Löb& Löb." Der Justizrat plusterte die Lippen auf und nickte wiederholt. ,, Eine gute Sache, ein aussichtsvolles Projekt, alle Wetter!". gut, gründe vorbereiten Es würde jedenfalls kaum schwerfallen, einige kapitalkräftige Leute dafür zu gewinnen. Die Werke Schellhammer hätten ein natürliches Interesse an einem Hotel am Bahnhof, auch andere Firmen, die häufig Geschäftsbesuche empfingen. Habicht suche sein Geld anzulegen, es gab überhaupt eine ganze Menge Leute, die von der neuen Konjunktur in die Höhe getragen wurden und nach einer guten Kapitalsanlage suchten. Auf zwei Millionen schätzte der Architekt das Objekt. Nun schön, und was In einer einem Dine von Intere den Gäster gelungen s einbrachte sich glück Aktien de Förderung Europah Schwabac hochvereh tausend M wegs sich verständn zu versuc Bei den in vorzüg die Grün und Bod 212 e kamen ihm macht hätte, ein anderer ftsuntüchtig at Krieg den e die effektst für Gründung, Herr er den Plan, einfach hinchdem er die aubenhaus ist n von einem tigte Fabian Besitzer des e er. öb." e wiederholt Wetter!" apitalkräftige er hätten ein auch andere Tabicht suche Menge Leute, agen wurden of zwei Milön, und was fordert Ihr Klient für den Bauplatz? Schwabach schärfte die Ohren, aus denen förmlich Löckchen von gekräuselten grauen Haaren wuchsen. Es interessierte ihn, wieweit sein Kollege es gelernt hatte, geschäftlich zu denken. ,, Mein Klient fordert zweihundert Mille in bar", entgegnete Fabian, ohne mit der Wimper zu zucken. ,, Dazu fordert er achthundert Mille in Hotelaktien." Justizrat Schwabach wühlte in seinem Haarschopf und erhob sich, wobei er den Kopf schüttelte. ,, Ich würde Sie bitten, Ihrem Klienten zu empfehlen, sich mit fünfhundert Mille Hotelaktien zufriedenzugeben." Er sei nicht erfahren genug, um die hohen Aufwendungen ermessen zu können, die eine Gesellschaft heute zu tragen habe. Geld! Geld! Jedermann wolle heute Geld verdienen. Nachdem er Fabian diese Lehre erteilt hatte, schloß er: ,, Nun gut, gründen wir die Gesellschaft, Europahotel'. Ich werde alles vorbereiten." In einer Woche wurde die Gesellschaft„ Europahotel" bei einem Diner im ,, Stern" gegründet. Schwabach hatte ein Dutzend von Interessenten eingeladen, auch Taubenhaus befand sich unter den Gästen. Der Justizrat beglückwünschte Fabian, daß es ihm gelungen sei, die Ansprüche seines Klienten, der den Bauplatz einbrachte, um dreihundert Mille zu ermäßigen und schätzte sich glücklich, daß Taubenhaus ein Geschenk von hundert Milie Aktien der neuen Gesellschaft ,, Europahotel" für wohlwollende Förderung der Gesellschaft annehmen wolle. Damit war die ,, Europahotel" auf die Beine gestellt. Eine Kleinigkeit hatte Schwabach noch vergessen. Er bitte ihn zu ermächtigen, dem hochverehrten Herrn Gauleiter eine Gabe von zweihunderttausend Mark Aktien anbieten zu dürfen, obschon er keineswegs sicher sei, daß der Gauleiter das Geschenk für sein Einverständnis annehmen werde. Immerhin, er habe den Mut, es zu versuchen. Bei der Gründungsfeier ging es hoch her, und Fabian, der sich in vorzüglicher Laune befand, regte in später Nachtstunde noch die Gründung einer GmbH. an, die vorerst den Namen ,, Grund und Boden" führen sollte. Ihre Aufgabe bestand darin, sich 213 in erster Linie mit den Grundstücken in der Bahnhofstraße zu befassen und diese völlig vernachlässigte Straße neu zu beleben und von Grund auf zu modernisieren. Der Bahnhof lag zwei Kilometer von der alten Stadt entfernt und die Bahnhofstraße war nur uneinheitlich mit billigen Wohnhäusern, Fabrikanlagen, Gasthöfen, Gärtnereien und veralteten Villen bebaut. Die Aufgabe der ,, Grund und Boden" sollte darin bestehen, die Besitzverhältnisse der einzelnen Grundstücke zu untersuchen und im Laufe der Zeit soviel Grundstücke wie möglich in ihren Besitz für spätere Neubauten modernsten Stils zu bringen. ,, Die heute so armselige Bahnhofstraße soll in Zukunft zu einer der glänzendsten Straßen der Stadt werden", rief Fabian aus, ,, zu einer der prächtigsten Geschäftsstraßen!" Justizrat Schwabach trank Fabian zu. Dieser Fabian zeigte in der Tat mehr Geschäftssinn, als er ihm zugetraut hatte. Am selben Abend erhielt Schwabach den Auftrag, die ,, Grund und Boden GmbH." vorzubereiten und einen vertrauensvollen Makler zu verpflichten. Fabian war in dieser erregenden Nacht zum erstenmal richtig bezecht. Man muß die Pfeifen schneiden, solange man im Rohre sitzt, ging ihm die ganze Nacht nicht aus dem Sinn, und er muẞte immerzu in sich hineinlachen, wenn er sich vorstellte, wie er im Rohre saß und Pfeifen schnitt. Beim Himmel, es mußte verteufelt schwierig sein, im schwankenden Kahn zu sitzen und aufzupassen, nicht in den Sumpf zu fallen, und übrigens, wie schnitt man denn eigentlich Pfeifen? Er hatte es nicht gelernt. Als er sich niederlegte, sagte er ganz laut: ,, Und Clotilde hat doch nicht recht behalten, wie? Auch eine geborene Pracht kann sich irren, ganz wie Homer." Zum erstenmal schlief er noch fest, als ihm sein Chauffeur gemeldet wurde, der ihn täglich ins Büro fuhr. Er entschuldigte sich mit Unwohlsein, er wolle am Nachmittag anrufen. Der Wein war gut, dachte er, aber wie konnte es mir einfallen, Whisky zu trinken? dem de Um ein Uhr klopfte es und der lange Vogelsberger trat ein. Der Gauleiter lasse ihn bitten, bei ihm in Einstetten zu speisen. Es wäre Besuch von der Lufthansa aus Berlin gekommen, mit hätten d der Gau „ Sehr jedenfall Nun anlegen. „ Sie Mein W trinke e Brr! lich!" We haben!" Beim guten sich in besser. darum, Flugha Bev sein G auf un neigte richt e führer Fab die Gl rieselt Augen Sof deutet gewiß zu sch glück mann ein v 214 straße© dem der Gauleiter wichtige Besprechungen habe.„Und Sie zu be- hätten doch immer so gute Ideen, Herr Regierungsrat, meinte hof lag der Gauleiter“, sagte Vogelsberger lachend. ıhnhef-„Sehr schmeichelhaft“, erwiderte Fabian.„Ich werde mır Fabrik-© jedenfalls Mühe geben!“ bebaut, Nun hieß es aber sich sputen, baden, rasieren, Besuchsanzug anlegen. „Sie können sich ruhig Zeit nehmen, Herr Regierungsrat. Mein Wagen wartet unten. Ich gehe hinunter in die Halle und trinke einen Whisky.“ „Brr! Sie sollten keinen Whisky trinken, der ist sehr schäd- lich!“ warnte Fabian. „Wenn Sie ahnen könnten, wie wir heute nacht gekneipt haben!“ rief Vogelsberger. Beim Diner wachte Fabian langsam auf, aber er hatte keinen guten Tag, und es fiel ihm nichts Beachtenswertes ein. Er tröstete sich indessen, denn der Herr aus Berlin wußte doch alles viel besser. Soviel er erkennen konnte, handelte es sich im Grunde darum, daß der Gauleiter den städtischen Flugplatz zu einem Flughafen yon internationaler Bedeutung ausbauen wollte. Bevor der Nachtisch serviert wurde, erhob der Gauleiter sein Glas gegen Fabian.„Wir wollen heute ein spezielles Glas auf unseren geschätzten Regierungsrat trinken“, sagte er und neigte sich über den Tisch.„Ich habe heute morgen die Nach- richt erhalten, daß der Führer Ihnen den Rang eines Obersturm- führers verliehen hat.“ Fabian hob das Glas, schlug die Hacken zusammen und nahm die Glückwünsche der Tafelrunde entgegen. Ein Schauer durch- ihn, und es hätte nicht viel gefehlt und er hätte feuchte Augen bekommen. Triumph erfüllte ihn. | Sofort ging ihm Christa durch den Sinn. Die Ernennung be- deutete eine Anerkennung seiner Tüchtigkeit und würde ihr gewiß Freude bereiten. Auf jeden Fall würde sie sich seiner nicht zu schämen brauchen! Was ihn selbst betraf, so war er tief be- glückt, wenn auch die Auszeichnung nur dem Range eines Haupt- manns entsprach, den er in der Armee einnahm. Indessen, es war ein verheißungsvoller Anfang! hen, die 215 Einige Tage, nachdem seine Ernennung zum Obersturmführer in der Presse bekanntgegeben wurde, fand er seinen Schreibtisch bedeckt von Telegrammen und Briefen, die ihn beglückwünschten. Die Gratulanten nahmen in seinem Büro kein Ende. Auch Clotilde fühlte sich gedrungen, ihm Glückwünsche zu übersenden. ,, An einem solchen Tage muß jegliche Stimme des Zwistes und des Haders schweigen", begann ihr Glückwunsch. Aber er erhielt auch, wie man sich denken kann, Zuschriften anonymer Art, und besonders ein Brief fiel durch besondere Schärfe auf, so daß er sich hütete, ihn jemand zu zeigen. Wiederum war er unterzeichnet: ,, Der unbekannte Soldat." Da er eine Reihe von Beleidigungen und Schmähungen enthielt, entschloß er sich, ihn nicht wieder in den Papierkorb zu werfen, sondern der Geheimen Staatspolizei zu übergeben. Der Schmähbrief, den Fabian niemand zeigte, lautete: ,, Die Bibel spricht von einer Sünde, die nicht vergeben werden kann: es ist die Sünde wider den Heiligen Geist! Die Verräter am Geiste aber werden am höchsten aller Galgen hängen! Kehren Sie um, Dr. Fabian, ehe es zu spät ist! Besudeln Sie Ihre Seele nicht länger damit, einem erbärmlichen Haufen von Verbrechern mit Ihrem Geiste zu dienen, denn diese Sünde kann nicht vergeben werden. Kehren Sie um, Dr. Fabian, solange es noch Zeit ist!" Aus Wacht betrach barer H posten, Posten, auf die daß er ganz s gekom Mar macht. die Pel daß di sehen Dame Die rascht man, Trepp Heilig ström Es ers ihren Sie die A V Marion stieg zögernd die Stufen zum bischöflichen Palais hinan. Es war frischer Schnee gefallen, und als sie oben angelangt war und sich unentschlossen umwandte, sah sie alle Spuren ihrer Schritte auf den Stufen mit auffallender Klarheit abgeprägt. Da stand sie nun und schöpfte Atem. Nun, da sie das Wagnis unternommen hatte, konnte sie nicht mehr zurück, obschon der ganze Mut, der noch soeben ihr Herz erfüllte, wie weggeblasen war. Sie gehörte zu den Menschen, die immer beherzt, manchmal sogar keck auftreten, aber im entscheidenden Augenblick plötzlich von der Angst gelähmt werden. 216 hörte stimm die g Türe In und Jahre hinal Türe auf rmführer hreibtisch beglück ein Ende insche zu imme des kwunsch schriften besondere zeigen. dat." ngen enterkorb zu eben. e: en werden Verräter hängen! erbärm u dienen, n Sie um, en Palais oben ansie alle Klarheit da sie das rück, obFüllte, wie mmer beheidenden Aus der Tür oben trat mit umgeschnalltem Revolver ein Wachtposten, ein Soldat in schwarzer Uniform, der sie neugierig betrachtete. Augenblicklich erwachte ihr abgründiger, unsagbarer Haß, und ihr Mut kehrte zurück. Sie erklärte dem Wachtposten, daß sie den Gauleiter zu sprechen wünsche, und der Posten, der sie neugierig und voller Gefallen musterte, deutete auf die Türe. Der Gauleiter hatte wiederholt bekanntgegeben, daß er für jedermann ohne Ausnahme zu sprechen sei, aber nur ganz selten war jemand über das Adjutantenzimmer hinausgekommen. Marion hatte sich so schön und anziehend wie möglich gemacht. Ein wertvoller Pelz umhüllte ihren schlanken Körper, die Pelzmütze trug sie so weit in den Nacken zurückgeschoben, daß die pechschwarzen Locken über der freien, schönen Stirn zu sehen waren, Schuhe und Handschuhe und alles, was zu einer Dame gehört, waren ohne jeden Tadel. Die auffällige Stille und der Anblick des Treppenhauses überraschten sie. Wenn man von der Straße hier eintrat, so glaubte man, plötzlich in eine völlig neue Welt gekommen zu sein. Das mit Gemälden von Treppenhaus war von oben bis unten Heiligen, Propheten und allegorischen Gestalten bedeckt und strömte eine Atmosphäre des Überirdischen und Heiligen aus. Es erschien wie eine Vorhalle des Himmels. Marion war seit ihren Kinderjahren nicht mehr im bischöflichen Palais gewesen. Sie stieg langsam die Treppe aus weißem Marmor empor, und die Angst von vorhin preẞte ihr Herz aufs neue zusammen. Da hörte sie von oben heiteres Gelächter und fröhliche Männerstimmen, die ermutigend klangen, und sie pochte entschlossen an die graugestrichene, mit verschnörkelten Ornamenten verzierte Türe des Adjutantenzimmers. In diesem Augenblick erschienen zwei Offiziere in der Türe und verabschiedeten sich lachend. Der eine, ein Mann in reiferen Jahren, dessen verwegenes Gesicht auffiel, eilte rasch die Treppe hinab, ein hellblonder, hochaufgeschossener Offizier blieb in der Türe stehen und bedeutete Marion näherzutreten. ,, Ich bitte", sagte er freundlich, noch das Lachen von vorher auf den Lippen, während er die Türe zuzog. Er musterte sie Institut für neuere deutsche Literatur Justus- Liebig- Universität Otto- Behaghel- Str. 10, 6300 Giessen 217 rasch und unauffällig, und sie konnte an seinem Wesen erkennen, daß sie ihm gefiel. Ihre wichtigste Aufgabe bestand heute darin, all den Männern, denen sie begegnete, zu gefallen, wenn sie etwas erreichen wollte. ,, Wollen Sie bitte Platz nehmen", fuhr er höflich fort, indem er auf einen Stuhl deutete. Das Adjutantenzimmer, angefüllt von Zigarettenrauch, war ein mittelgroßer Bibliotheksraum, der bis an die Decke vollgestopft mit Büchern war. Marion fühlte den musternden, aber freundlichen Blick des Offiziers auf sich gerichtet und nannte ihren Namen. Sie begann den Grund ihres Besuches zu erklären, als ihr der Offizier ins Wort fiel. Ja, ich Adjutante ,, Fräulein Fahle?" sagte er lächelnd. ,, Ich zerbrach mir soeben den Kopf, wo ich Sie schon gesehen habe. Sie sind doch die bekannte Tennisspielerin? Und nun bitte ich Sie fortzufahren. Wenn Sie rauchen wollen?" Er reichte ihr eine Schachtel Zigaretten. wachte h Glauben Sie sich, stand sie Er war hellen H neuem d er wieder bemühen Bescheid Marion errötete, so gut war es bis jetzt gegangen. ,, Danke", sagte sie und berichtigte, daß sie zur Zeit als Lehrerin tätig sei. Dann trug sie das Anliegen vor, das sie hierher führte. Sie hatten dreißig Schüler und Schülerinnen in der Klasse, aber es stände ihnen nur ein kleines Zimmer für den Unterricht zur Verfügung, das nicht halb so groß wäre wie diese Bibliothek. Nun habe ein Glaubensgenosse ihnen drei Zimmer zu Unterrichtszwecken angeboten, und sie sei hergekommen, um die Einwilligung des Herrn Gauleiters zu erbitten. Marion äußerst Der la Schritte Mario wartete, Bande a Der lange Offizier hörte ihr aufmerksam zu und nickte, aber seine frühere Freundlichkeit verschwand mehr und mehr, je länger sie sprach. Zuletzt wandte er den Blick ab und senkte den Kopf. dachte s ,, Lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken, Fräulein Fahle", sagte er in etwas kühlerem Tone. ,, Ihr Fall liegt keineswegs so einfach. Ich werde mich aber trotzdem bemühen, Ihnen gefällig zu sein", hier hob er wieder den Blick und sah sie an, ,, obschon es, wie gesagt, eine ziemlich heikle Sache ist. Der Herr Gauleiter ist augenblicklich sehr beschäftigt, und ich weiß nicht, ob er Sie anhören wird. Sie sind Jüdin? Sagten Sie es nicht?" 218 günstige Nach hochauf kamen Herr G Genugt Mari Ich den Ko von zw er mit Mari Grö im erst herrlic Das D Schar Wesen erand heute en, wenn rt, indem uch, war cke vollden, aber d nannte erklären, ir soeben ch die be zufahren. Schachtel Danke" tätig sei Sie hatten es stände zur Ver mek. Nun terrichtsEinwilli kte, aber mehr, je enkte den Fräulein gt keinesen, Ihnen ah sie an, Der Herr eiß nicht, icht?" ,, Ja, ich bin Jüdin", antwortete Marion und blickte dem Adjutanten ins Gesicht. In ihren großen, schwarzen Augen erwachte heiße Glut, die nicht mißzuverstehen war. Sie sagten: Glauben Sie nur nicht, daß ich mich dessen schäme, und hüten Sie sich, die geringste Kränkung zu äußern. Vogelsberger verstand sie recht gut. Er wandte den Blick ab und schüttelte den Kopf, daß seine hellen Haarsträhnen aufleuchteten. Dann aber erwachte von neuem das Lächeln auf seinen Lippen. ,, Schön, schön!" begann er wieder. ,, Bleiben Sie ganz ruhig, ich werde mich jedenfalls bemühen, Fräulein Fahle. In einigen Minuten werde ich Ihnen Bescheid sagen." Marion warf ihm einen dankbaren Blick zu. ,, Ich bin Ihnen äußerst verbunden!" rief sie aus. Der lange Offizier verließ das Zimmer und man hörte seine Schritte auf dem Korridor hallen. Marion war mit dem Erfolg zufrieden, sie blieb sitzen und wartete, während sie die Augen über die alten, schweinsledernen Bände auf den Gestellen gleiten ließ. Er meint es gut mit dir, dachte sie, von Dankbarkeit erfüllt. Je länger es dauert, desto günstiger ist es. Nach einer Viertelstunde hörte man wieder die Schritte des hochaufgeschossenen Offiziers auf dem Korridor hallen. Sie kamen näher, sie hielten an, die Türe wurde aufgerissen. ,, Der Herr Gauleiter läßt bitten!" rief der Adjutant mit einer leisen Genugtuung in der Stimme. Marion dankte ihm mit einem Lächeln, sie errötete freudig. ,, Ich bitte die Türe geradeaus!" sagte der Offizier, der ihr über den Korridor folgte und endlich an eine hohe Türe klopfte, die von zwei weißen Karyatiden flankiert wurde. ,, Ich bitte!" fügte er mit einer Verbeugung hinzu und klappte mit den Absätzen. Marion trat ein. Größe und Eigentümlichkeit des Empfangsraums verwirrten sie im ersten Augenblick. Es war ein großer Saal, dessen Decke eine herrliche Bemalung schmückte, die Marion förmlich berauschte. Das Deckengemälde stellte die Himmelfahrt Christi dar, eine Schar von Engeln umkreiste den Heiland, während andere 219 Engel aus dem heiteren Gewölk herabstießen gegen die Menge von Aposteln und Gläubigen, die auf der Erde zurückblieb. Es war der Kunst des italienischen Malers gelungen, die Decke unendlich hoch erscheinen zu lassen, sie schien sich im Himmel zu verlieren. Ein sternförmiges Parkett aus hellen und dunklen Hölzern bildete den Fußboden. An den Wänden befanden sich Reihen von roten Prunksesseln, zwischen denen sich Engel erhoben, alle in Grau und Gold. Dazwischen standen in Abständen nüchterne und häßliche Heizkörper. Marion erinnert sich, daß man seinerzeit in der Stadt erzählte, die Heizung, die der Gauleiter in das Palais einbauen ließ, habe über eine Million Mark gekostet. fiel." Die achtete Plötzli Schreibti Feder au blaue Ku „ Trete hallte kr Am Ende dieses Saales, ganz am Rande des sternförmigen Parketts, stand ein großer Schreibtisch, und davor saß schreibend ein untersetzter Mann mit rötlichem Scheitel und rötlichem Backenbart. Das war der Gauleiter, die Kinder in ihrer Schule nannten ihn den ,, Wolf". Marion erkannte ihn wieder, obschon man ihn ihr nur ein einziges Mal flüchtig gezeigt hatte. Der Wolf" schrieb ohne aufzusehen und hatte sich auch kaum bewegt, als sie eintrat. دو Mario auf eine nachlässi folgte, e und etw nicht hi Moch sie muß reichen Sie saẞ regungslos auf ihrem Stuhl neben der Türe, in der geduldigen Haltung einer Dame, die sich an ihre gute Erziehung erinnert, und wartete. Ein Engel des Deckengemäldes, der aus einer gelben Wolke direkt auf sie herabzustoßen schien, während er mit vollen Backen in die Posaune blies, fesselte lange ihre Aufmerksamkeit, und seine aufgeblasenen Wangen, die rot gefärbt waren, belustigten sie sogar. Jede einzelne Gestalt des Gemäldes beschäftigte ihre Phantasie, so daß sie zuweilen vergaß, daß sie wartete. Wie aber konnte der untersetzte Mann mit dem rötlichen Scheitel sich unter all den vielen Engeln und Heiligen wohlfühlen? ging es ihr durch den Sinn. Nun Adjutan seinerze Mari Sie wuf Der Gauleiter jedoch schien unter ihnen ganz zu Hause zu sein. Am Anfang, als er seinen Arbeitssaal bezog, fühlte er sich noch häufig zu einem Scherz angeregt, den er einige Tage wiederholte. Damals pflegte er zu sagen: ,, Die vielen Engel und Heiligen stören mich längst nicht mehr, und ich hoffe, auch sie haben sich an mich gewöhnt, wenn es ihnen auch etwas schwer„ Ich scheider Der erinner sein wo er fort gelacht Wa gewöhn gessen, ihre G oft es unmög Ich h lachte 220 die Menge kblieb. Es Decke unHimmel zu Hölzern ch Reihen hoben, alle nüchterne man seiner eiter in das kostet. rnförmige schreibend rötlichem rer Schule er, obschon hatte. Der kaum be , in der ge Erziehung les, der aus n, während e ihre Auf rot gefärb s Gemälde aß, daß sie t dem röt and Heiligen Hause zu hlte er sich einige Tage Engel und He, auch sie was schwerfiel." Dies geschah aber nur in den ersten Wochen. Heute beachtete er die Engel und Heiligen nicht mehr. Plötzlich hörte Marion, daß der Gauleiter sich an seinem Schreibtisch bewegte. Er rückte mit dem Stuhl und warf die Feder auf den Tisch. Dann hob er das Gesicht, und zwei dunkelblaue Kugeln richteten sich auf sie. ,, Treten Sie näher, mein Fräulein!" rief er und seine Stimme hallte kräftig und laut durch den stillen Saal. Marion erhob sich und nahm in der Nähe des Schreibtisches auf einem der roten Prunksessel Platz, auf den der Gauleiter nachlässig deutete. Sie fühlte, daß er jeder ihrer Bewegungen folgte, ein belustigtes Lächeln lag über seinem breiten, geröteten und etwas fetten Gesicht. Sie sah es, obschon sie sich bemühte, nicht hinzublicken. Mochte er sie ruhig begaffen, mochte er ruhig über sie lächeln, sie mußte alles tun, um ihm zu gefallen, wenn sie ihr Ziel erreichen wollte. Nun lachte der Gauleiter leicht auf und sagte:„ Mein Adjutant hatte recht, Sie sind tatsächlich die Spielerin, die seinerzeit im Hofgarten das Tennisturnier gewann!" Marion errötete und richtete ihre schwarzen Augen auf ihn. Sie wußte, daß ihre Augen schön waren. ,, Ich war eine ziemlich starke Spielerin", entgegnete sie bescheiden, aber mit tapferer Stimme. Der Gauleiter nickte und betrachtete sie voller Interesse. ,, Ich erinnere mich, Sie spielten ganz ausgezeichnet!" rief er aus und sein wohlwollender Ton ermutigte Marion. ,, Warum aber", fuhr er fort ,,, warum haben Sie damals beim Turnier so ausgelassen gelacht? Wir konnten es alle nicht begreifen." ,, Warum?" Marion brach in Erinnerung an das Turnier in ihr gewöhnliches, herzliches Lachen aus, sie hatte vollkommen vergessen, mit wem sie sprach. Nun, sie hatte nur gelacht, weil sie ihre Gegner beim Spiel so heimtückisch hin und her hetzte. Sooft es ihr gelang, einen Ball so zu setzen, daß der Gegner ihn unmöglich noch erreichen konnte, mußte sie unbändig lachen. ,, Ich hatte damals meine boshaften Tage", schloß Marion und lachte wieder herzlich. 221 Ihr Lachen riẞ den Gauleiter mit. ,, Sind Sie denn besonders boshaft?" fragte er. ,, O ja, ich kann sehr boshaft sein", nickte Marion. ,, Wie viele Frauen." Und wieder lachte sie herzlich auf. Der Gauleiter schien an ihrem freimütigen Ton Gefallen zu finden. In diesem Sommer sähe er sie nie im Hofgarten spielen, sagte er. Sie spiele wohl nicht mehr? ,, Nein", erwiderte Marion und schüttelte den Kopf. Diesmal lachte sie nicht. Dann blickte sie dem Gauleiter ins Gesicht, wobei ihre dunklen Augen wieder in der Tiefe aufglühten, und fuhr in verändertem Ton fort:„ Man hat mich aus dem Klub ausgeschlossen, weil ich Jüdin bin!" ,, Ich verstehe", nickte der Gauleiter. Er wiegte nachdenklich den Kopf und lachte mißbilligend. ,, Das war sehr dumm von dem Klub, sehr dumm!" rief er aus. ,, Eine solche Kraft mußte er sich unbedingt erhalten. Der Klub hätte ja um eine Ausnahme nachsuchen können! Hätten Sie Lust, wieder in den Klub einzutreten?" Marion schüttelte leidenschaftlich die schwarzen Locken. ,, Nein!" rief sie aus. Ihr Gesicht war dunkelrot geworden und ihre Augen funkelten. ,, Unter gar keinen Umständen!" lich, w leiter s Sie wollte diesen Klub nicht mehr sehen, das war die Wahrheit. Die ersten Kreise der Stadt gehörten ihm an, Ärzte, Offiziere, Richter, Anwälte. Aber diese ganze vornehme Gesellschaft hatte sich gegen sie wie charakterloses Gesindel benommen. All diese Ärzte, Offiziere und Richter, die ihr heute den Hof machten, hatten sie morgen nicht mehr gekannt. Gott möge sie beschützen vor ihnen. Ein Glück nur, daß sie sie alle zusammen im Tennis geschlagen hatte, da mußten sie laufen! Der Gauleiter lachte vor sich hin. Er schwieg und heftete die dunkelblauen Augen nachdenklich und stumm auf sie. Man im Lan sie die die Dö nicht 1 Plöt wollte Lautlose Stille erfüllte den Saal, und das Schweigen und die dunkelblauen prüfenden Augen beunruhigten Marion. Vielleicht hätte sie das von der ,, Jüdin" nicht so unverblümt, sagen sollen, jedenfalls aber durfte sie sein Entgegenkommen, als er vom Klub sprach, nicht so schroff zurückweisen. Seine Augen hatten einen harten, fast gläsernen Ausdruck, und es war gänzlich unergründIn dies zurück seinen am O aber atmete Der umspi „ Sie Gew Die auflac diese Worte Au verste Worte besch nicht Ihre Gaule führli ich sie Beric finder mir n „ A erhel 222 besonders Wie viele efallen zu n spielen, Diesmal icht, wound fuhr Klub aus hdenklich umm von aft mußte Ausnahme Klub einLocken orden und ie Wahr Offiziere haft hatte All diese machten e sie be zusammen neftete die n und die Vielleicht gen sollen, vom Klub atten einen nergründ lich, was er dachte. Vielleicht hatte sie ihn verletzt? Der Gauleiter sei unberechenbar, sagten die Leute. Man durfte nicht vergessen, daß er Herr über Tod und Leben im Lande war. In seinem berüchtigten Lager Birkholz hetzten sie die Gefangenen, die ausbrechen, mit Bluthunden, und bis in die Dörfer hörte man die Gemarterten schreien. Ein Bauer, der nicht log, hatte es ihr persönlich erzählt. Plötzlich wurde Marion von Unruhe und Angst erfaßt. Sie wollte aufspringen und fortlaufen aus diesem unheimlichen Saal. In diesem Augenblick lehnte sich der Gauleiter in seinem Sessel zurück. Ein dünner Sonnenstrahl, der durchs Fenster fiel, streifte seinen Backenbart, der rostrot aufsprühte, und man sah, daß er am Ohr gekräuselt war. Das gerötete Gesicht begann zu nicken, aber das Nicken verriet keinerlei Mißbilligung, und Marion atmete wieder auf und ihre plötzliche Angst verflog. Der Gauleiter räusperte sich und ein wohlwollendes Lächeln umspielte seinen derben Mund. Er nickte abermals. ,, Sie sind ein schönes Mädchen!" begann er, und er fuhr fort: Gewiß haben Sie auch einen Geliebten?" Die Frage war so überraschend und plump, daß Marion laut auflachen mußte. ,, Herr Gauleiter", rief sie lachend aus ,,, auf diese Frage wird Ihnen jede Frau mit einer andern Lüge antworten." Auch der Gauleiter lachte. ,, Ausgezeichnet!" lachte er.„, Sie verstehen es vorzüglich, Antworten zu geben, die keine Antworten sind." Er stand auf.„, Meine Zeit ist bedauerlicherweise beschränkt", sagte er ,,, und zur eigentlichen Sache sind wir leider nicht gekommen." In geschäftsmäßigem Tone fügte er hinzu: Ihre Schulangelegenheit, Fräulein Fahle, interessiert mich als Gauleiter jedenfalls lebhaft, und wir müssen noch darüber ausführlich sprechen. Ich kann Ihnen heute schon versichern, daß ich sie ordnen werde. Heute aber habe ich leider einen dringenden Bericht fertigzustellen, doch morgen werde ich Zeit für Sie finden, da arbeite ich zu Hause. Können Sie um sechs Uhr zu mir nach Einstetten kommen?" ,, Aber gewiß!" antwortete Marion, deren Züge ein Lächeln erhellte. 223. Der Gauleiter streckte ihr die Hand über den Tisch entgegen. ,, Gut, dann morgen um sechs Uhr!" rief er aus. ,, Sie melden sich bei Rittmeister Möhn. Auf Wiedersehen!" Die Audienz war zu Ende. Beim Hinausgehen fiel Marions Blick auf eine Frauengestalt des Deckengemäldes, die, in helle Gewänder gehüllt, ihre erhobenen Hände verzückt gegen den Himmel streckte. Das war ihr letzter Eindruck, dann schloß sie rasch die Türe. Mit leichten Füßen eilte sie die Treppe hinunter, der Erfolg beflügelte ihre Schritte. Sie hatte der Schule einen ungewöhnlichen Dienst erweisen können, obschon alle, alle einen Mißerfolg voraussahen. Als sie die Stufen des Palais hinabstieg, waren alle ihre Schritte noch zu sehen, nur waren sie, da es leicht taute, ganz schwarz geworden. Das sah lustig aus. Er Karten hatte. Hecht jünger Weibe knaller war in günsti Mö räumi Vasen haften Pelz beugt Hause melde Ma Ihr H VI Nach Einstetteh fuhr seit der Zeit, da der Gauleiter die ,, Burg" bewohnte, ein Omnibus, der stündlich verkehrte, aber Amselwies lag höchstens fünfzehn Minuten entfernt, und Marion machte den kleinen Weg zu Fuß. Pünktlich um sechs Uhr meldete sie sich bei der Wache und sagte, daß sie Herrn Rittmeister Möhn zu sprechen wünsche. Der Posten führte sie, ohne ein Wort zu erwidern, zu dem schweigend daliegenden großen Haus; aber sie waren kaum einige Schritte gegangen, als der Offizier mit dem verwegenen Kopf, den sie gestern im Palais gesehen hatte, aus dem Haus trat und ihr entgegenging. Er begrüßte sie mit der größten Zuvorkommenheit. ,, Ich erhielt den ehrenvollen Auftrag, Sie zu empfangen, mein Fräulein", sagte er. ,, Der Herr Gauleiter erwartet Sie. Er sagte mir, daß er von Ihrer zwanglosen Art zu plaudern einfach entzückt sei, besonders aber hat ihn Ihr herzliches Lachen bezaubert." umzu De brach haber suche ja fes Sie n Wo raum in e bede dabe einz Lero WO Sie lach kan 1991 224 entgegen. elden sich engestalt ihre er Das war er Erfolg mgewöhn men Miß e Schritte schwarz ie ,, Burg" er Amsel d Marion sechs Uhr errn Ritt , zu dem um einige men Kopf, Strat und agen, mein Er sagte infach entachen beEr verriet ihr nicht, daß Rumpf ihm gestern abend beim Kartenspiel eine halbe Stunde lang die Ohren vollgeschwärmt hatte. ,, Ein ganz seltenes Geschöpf", sagte er,„ frisch wie ein Hecht im Wasser! Wenn sie lacht, fühlt man sich um zehn Jahre jünger. Ich wußte ja nicht, daß die Juden solch bezaubernde Weiber haben. Beim Himmel, man könnte sich glatt in sie verknallen!" Weiß Gott, was er noch alles sagte. Rittmeister Möhn war intim mit dem Gauleiter befreundet, er kannte und begünstigte seine Vorliebe für schöne Frauen. Möhn bat Marion einzutreten und geleitete sie in eine geräumige, hohe Diele, auf deren Fliesen meterhohe, dunkelblaue Vasen mit weißen Fliederzweigen standen, die einen märchenhaften Duft ausströmten. Ein alter Kammerdiener nahm ihr den Pelz ab. Dann öffnete. Rittmeister Möhn eine Türe und verbeugte sich höflich. ,, Der Herr Gauleiter bittet Sie, sich ganz zu Hause zu fühlen", sagte er. ,, Ich werde ihm sofort Ihre Ankunft melden." Marion war von soviel Höflichkeit überrascht und verwirrt. Ihr Herz klopfte, als sie allein war, und sie wagte es kaum, sich umzusehen. Den gestrigen Abend hatte sie in dem Triumphgefühl verbracht, der Schule drei neue Unterrichtsräume verschafft zu haben. Erst später fand sie die Ruhe, alle Einzelheiten ihres Besuches beim Gauleiter nochmals zu durchleben. Das eine stand ja fest, daß sie ihm nicht mißfiel! Ob sie ihm gefallen hatte, wagte sie nicht zu sagen. Erst später fand sie es auffallend, daß der ,, Wolf" sie nach Einstetten bestellte, wegen einiger Klassenräume für Judenkinder, man denke! Sie war, ohne es zu wollen, in ein richtiges Abenteuer hineingeraten, in ein nicht ganz unbedenkliches, ja vielleicht gefährliches Abenteuer. Das schlimmste dabei war, daß sie sich mit niemand besprechen konnte. Die einzige Freundin, der sie volles Vertrauen schenkte, Christa Lerche- Schellhammer, sie war in Florenz oder Rom, weiß Gott, wo sie war. Die halbe Nacht lag sie schlaflos, aber endlich fand sie ihre ruhige Überlegung zurück. Was kann dir schon passieren? lachte sie. Der ,, Wolf" wird dich nicht fressen, schließlich kannst du dich auch wehren! 15 Totentanz 225 Endlich kam sie auf den Gedanken, den spanischen Dolch ihres Vaters mitzunehmen. Sie wollte ihn in ihr Kleid einnähen, für alle Fälle! Damit schlief sie beruhigt ein, und am Morgen schämte sie sich des Gedankens. Der ,, Wolf" würde sich hüten, sie anzurühren. Am Nachmittag aber überfiel sie wieder die Unrast, und um sich selbst zu beruhigen, nähte sie den spanischen Dolch kunstvoll in ihr Kleid ein. Ja, jetzt konnte ihr nichts mehr geschehen! Und nun war sie hier. Der Raum, in dem sie sich befand, war ein kleiner, in hellblau gehaltener Salon mit blauen Sesseln und vielen gerahmten kleinen Stichen, die Pferde darstellten, an der Wand. In der Mitte stand ein gedeckter Teetisch mit Gebäck und einem Strauß von weißem Flieder. Da hörte sie einen schweren Tritt draußen auf der Treppe, das konnte nur der Herr des Hauses sein. In der Tat, der Gauleiter stieg langsam die Treppe hinab. Er ließ sich Zeit, da er seine Zigarre zu Ende rauchen wollte und ihm in diesem Moment allerlei Gedanken durch den Kopf gingen. Aber j derte ga Geduld? Kräfti raum. M das ihn Anzug a nicht di niedriger lichen, Bis heute hatte er, wenn er es richtig bedachte, nur käufliche Frauen gekannt. Einer zum Beispiel bezahlte er ein Billett für einen Dollar, eine kaufte er für drei Zigaretten, die er in der Tasche hatte, eine in Frisko gewann er für einen Hut mit einer mächtigen Pleureuse. Er erinnerte sich nicht mehr an die lächerlichen Einzelheiten. Die Frauen, früher nichts als Sklavinnen, schienen auch heute noch nicht ihre Sklavinnenmoral völlig vergessen zu haben, wie es ihm schien. Jede Frau hat ihren Preis, dachte er, auch heute noch. Bei der einen ist es ein Kopftuch, bei der anderen sind es drei Zigaretten, bei der dritten ist es ein Schloß oder ein hoher Titel. Es ist auch heute noch ein Gesetz in dieser Welt, daß die Frau sich verkauft und der Mann sie bezahlt. Eine Seltenheit aber scheint es zu sein, daß eine Frau einem Mann bedingungslos gehört, ohne nach dem Preis zu fragen. Er wenigstens hatte nie eine solche Frau gekannt! Laut nicht sc Und doch war es immer sein Traum gewesen, solch eine Frau zu besitzen, die ihn liebte, ohne nach dem Preis zu fragen. Dann, ja dann wollte er gerne Schloß und Titel geben. er, jun sammen ich. Ab gutgelau den Tel ,, Ich ihr her Dies schäfte Ihrer S Und Schule getan schen Keuch und sp in ihre ter ve schwer ernster D Mario dunke Unrat Mario 17 15* 226 Dolch innähen, Morgen hhüten, und um hkunstschehen! hellblau kleinen er Mitte auß von Treppe inab. Er Sollte und gingen. käufliche Gillett für er in der mit einer e lächer lavinnen, Sllig veren Preis, opftuch ist es ein in Gesetz un sie beau einem agen. Er eine Frau n. Dann, Aber jenes Judenmädchen, das da unten auf ihn wartete, forderte gar nichts, weder Schloß noch Titel. Was forderte sie? Geduld? Geduld? Er war geneigt, einen hohen Preis zu zahlen. Kräftig drückte er auf die Türklinke und trat in den Teeraum. Marion sprang es sofort in die Augen, daß er in Zivil war, das ihn jünger erscheinen ließ. Er trug heute einen hellgrauen Anzug anstatt der abscheulichen braunen Uniform. Wenn er nicht diesen rostroten Scheitel gehabt hätte, der seine Stirn niedriger erscheinen ließ, konnte er wahrhaftig für einen stattlichen, wenn auch etwas untersetzten Mann gelten. Laut und lachend machte er Marion Vorwürfe, daß sie es sich nicht schon längst bequem gemacht habe. ,, Hurtig, hurtig", rief er ,,, junge Damen müssen immer hurtig sein. Wir werden zusammen Tee trinken und dabei unsere Geschäfte erledigen, dachte ich. Aber ich sehe schon, daß ich Sie bedienen muß", fuhr er gutgelaunt fort und legte Marion einen Berg von Kuchen auf den Teller. ,, Ich bitte Sie herzlich! Genug, genug!" rief Marion und fand ihr herzliches, unbekümmertes Lachen zurück. Diesmal aber wollte der Gauleiter sogleich an die„, Geschäfte", wie er es nannte, gehen. ,, Sprechen wir zunächst von Ihrer Schule", sagte er. Und Marion begann die mißlichen Verhältnisse der jüdischen Schule zu schildern, ähnlich wie sie es gestern beim Adjutanten getan hatte, wobei sie besonders auf die unhaltbaren hygienischen Miẞstände hinwies. Natürlich verschwieg sie nicht die Keuchhustenepidemie, die sie im Frühjahr durchgemacht hatten und sprach ausführlich über die ansteckenden Krankheiten, die in ihrer Schule von Kind zu Kind übergingen. ,, Im letzten Winter verlor die Schule allein sechs Kinder an Diphtherie, ein schwerer Verlust für die jüdische Gemeinde!" sagte sie mit ernster Miene. ,, Das Schlimmste aber ist unser Klassenraum im Keller", fuhr Marion fort ,,, er ist nicht so groß wie dieses Zimmer und völlig dunkel. Durch die Kellergitter warfen die Gassenjungen allerlei Unrat, tote Mäuse und Katzen und noch üblere Dinge." Marion lachte laut auf, als sie an diese Vorfälle dachte. ,, End15* 227 lich mußten wir die Gitter verglasen, aber seitdem ist der Keller ohne genügendes Licht. Den ganzen Tag brennt eine elektrische Lampe in einem Raum, der keine richtige Lüftung besitzt." Der Gauleiter verfolgte den Bericht Marions mit großer Aufmerksamkeit. Zuletzt winkte er ab, es war genug. Er nötigte Marion zu einer neuen Tasse Tee. ,, Ich hatte von all diesen Dingen keine Ahnung", sagte er. ,, Nehmen Sie ruhig die drei Räume dazu, eine ganze Etage, wenn man sie Ihnen anbietet, ich habe nichts dagegen einzuwenden." ,, Die Schule wird Ihnen von ganzem Herzen dankbar sein, Herr Gauleiter!" Marion verbeugte sich in rührender Weise, als sie ihren Gefühlen Ausdruck gab. Der Gauleiter lachte. ,, Ich hoffe nur, man wird langsam einsehen, daß ich nicht der Unmensch bin, als den man mich hinstellt", entgegnete er. ,, Sie wissen, daß man mich allzugroßer Strenge beschuldigt. Oder tut man es nicht? Sie können ganz offen sprechen, Fräulein Fahle." Marion zögerte, dann blickte sie den Gauleiter mit ihren groBen Augen an, die im matten Licht des Zimmers völlig schwarz aussahen, und nickte. ,, Gewiß, man tut es", sagte sie. ,, Man nennt Sie sehr streng!" ,, Sehr streng?" Der Gauleiter lachte laut auf. ,, Kürzlich erklärte mir eine hohe Stelle, eine sehr hohe Stelle", rief er aus, ,, daß ich ein Schwächling sei, den man um den Finger wickeln könne. Haha, was sagen Sie dazu? Dabei habe ich von jeher die Ansicht vertreten, daß man ein Volk nur mit Strenge regieren könne. Manche Völker, wie leider auch das deutsche, gehorchen überhaupt nur mit der Peitsche." Und während sie den Tee tranken, setzte er Marion seine Ansichten auseinander. ,, Um die Wahrheit zu sprechen", sagte er, ,, seitdem die Welt steht, gibt es nur Herren und Knechte, Herren und Knechte, nichts anderes. Wenn man Ihnen etwas anderes erzählt, so belügt man Sie. Herren und Knechte, oder um es deutlicher auszudrücken, Herren und Sklaven. Das ist meine Meinung." Nach seiner Ansicht waren die Menschen nur höflicher geworden, das aber war alles. Früher nannte man die Herren Ge228 bieter u Direkto ihnen zu in der F man hö gleiche. Herren „ Geh Fräulein Chef, d größten mehr, bis er b begreift einem der Skl Der spräch Menge Sie w ahnen" macher sich en Ab Mar Schule Sie Ja, Sie Interes Ja Kind franz W eine nachd Sei der Keller elektrische Desitzt." roßer Auf bieter und die Knechte Sklaven, heute nenne man sie Chef oder Direktor und die Sklaven Angestellte oder Mitarbeiter, um ihnen zu schmeicheln. Man nenne sie sogar Genossen, wie man sie in der Französischen Revolution ,, bourgeois" genannt hatte, weil man höflich sein wollte. Im Grunde genommen sei es immer das gleiche. Seit die Welt stehe, habe eine ganz dünne Schicht von ig die dré Herren die Sklaven beherrscht. Er nötigte all diesen nbietet, ich nkbar sein, ,, Gehen Sie doch in das sogenannte freieste Land der Welt, Fräulein Fahle, und sehen Sie sich die Sache dort näher an. Der Chef, der nicht zufrieden ist, sagt dem Angestellten mit der Weise, als größten Höflichkeit, ab Ersten brauche ich Ihre Dienste nicht mehr, und der Angestellte wird dasselbe hundertmal hören, bis er begriffen hat, was die Chefs wollen. Und wenn er es nicht begreift, so wird er ganz einfach krepieren. Vielleicht sogar in einem eleganten Krankenhaus, das die Stadt mit den Groschen der Sklaven gegründet hat, hahaha!" ngsam ein mich hir allzugroßer Snnen ganz ihren gro Der Gauleiter lachte laut und voller Hohn. Da ihn das Gespräch auf sein Spezialgebiet geführt hatte, erzählte er eine lig schwan Menge Einzelheiten über die sozialen Verhältnisse Amerikas. sie. Man Kürzlich er rief er aus, ger wickeln on jeher die nge regieren gehorchen n seine An", sagte er, hte, Herren was anderes oder um es as ist meine öflicher ge Herren Ge ,, Sie werden da drüben früher den Bolschewismus haben als sie ahnen", prophezeite er und verfiel, um Eindruck auf Marion zu machen, in die englische Sprache. Eine Weile unterhielten sie sich englisch, bis ihm auffiel, daß Marion ebenfalls englisch sprach. ,, Aber Sie sprechen ja sehr gut englisch!" rief er aus. Marion lachte. ,, Ich gebe ja englischen Unterricht in der Schule", sagte sie. ,, Sie geben auch Sprachunterricht?" » Ja, ich unterrichte in englisch, französisch und italienisch." ,, Sie sprechen auch italienisch?" fragte der Gauleiter voller Interesse. " Ja, auch italienisch." Und Marion erklärte ihm, daß sie als Kind von Bonnen erzogen wurde, mit denen sie nur englisch, französisch und italienisch sprach. ,, Warten Sie einen Augenblick", sagte Rumpf und bat Marion, cine Zigarette zu nehmen. ,, Einen Augenblick, bitte", fuhr er nachdenklich fort. ,, Ich hatte soeben eine wundervolle Idee!" Seit gestern zerbrach er sich den Kopf, auf welche Weise es 229 möglich wäre, dieses bezaubernde Wesen an sich zu fesseln. Daß es nicht leicht sein würde, sie zu gewinnen, das wußte er vom ersten Augenblick an. Er liebte ihr freimütiges Wesen, ihren Takt, ihre Unbekümmertheit und besonders ihr erfrischendes Lachen. Es handelte sich vorläufig darum, sie öfter sehen zu können, sie erschien ihm wie eine italienische Madonna. Nun zeigte ihm der Zufall einen Weg. ,, Einen Augenblick", wiederholte er und trat ans Fenster, um sich eine Zigarette anzuzünden. Er wandte sich um und sagte: ,, Ich habe den Auftrag, im nächsten Sommer nach Italien zu gehen. Nun denke ich, es wäre glänzend, wenn Sie mir bis dahin die Anfangsgründe des Italienischen beibrächten? Nur ein paar Worte, man steht sonst so blöde da. Wollen Sie sich die Mühe geben? Jede Woche eine Stunde? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, Fräulein Fahle." Marion blickte ihn mit hilfloser Miene an. Sie konnte seinen Vorschlag unmöglich annehmen, war aber völlig ratlos, wie sie ihre Weigerung aussprechen sollte. Rumpf lachte. ,, Weshalb zögern Sie!" sagte er. ,, Haben Sie Angst vor mir? Das wäre ja lächerlich. Ich werde Ihnen stets die Achtung entgegenbringen, die ich Ihnen schuldig bin. Ich kenne Sie ja, Fräulein Fahle, und ich kenne auch Ihren Vater." Marion errötete. Ihren Vater? In diesem Augenblick wußte sie, was ihre Pflicht war. Sie nickte. ,, Schön!" erwiderte sie. ,, Wir können es ja versuchen." Die dunkelblauen Augen Rumpfs glänzten zufrieden. Er drückte ihr die Hand. ,, Ich danke Ihnen", sagte er. ,, Sie werden Ihr ganzes pädagogisches Genie entfalten müssen, denn Sie bekommen einen Schüler, der nie Zeit hat. Beginnen wir heute in acht Tagen zur selben Zeit? Schön! Und nun werden wir uns noch ein Likörchen genehmigen, wie?" Sie plauderten noch eine Weile über den Tennisklub und andere sportliche Verbände in der Stadt. ,, Glauben Sie nur nicht, daß ich Sie aushorchen will", lachte Rumpf. ,, Dafür habe ich meine Leute." Dann klingelte das Telefon und Marion erhob sich. ,, Leider ist meine Zeit abgelaufen", sagte der Gauleiter. ,, Sie müssen mich entschuldigen!" Er g Bring Ged Es ben ha Autos Möhn Da ten na Mö schnei Befeh In berief einige In samk erfre glück D gelau M rief s mich W Cha sein muß tat und دور mut D Eise in d heu 230 esseln. Dil \te er von esen, 1 rfrischends yen zu körl Nun zeit# .derhol ünden. im nach Er geleitete Marion in die Diele und rief dem alten Diener zu: „Bringen Sie die Dame zum Tor.“ Geduld! Geduld! dachte er, während er Marion nachblickte. Es war dunkle Nacht geworden und ein heftiges Schneetrei- ben hatte eingesetzt. Vor dem Tor stand eines der silbergrauen Autos, und eine dunkle Gestalt näherte sich Marion. Es war Möhn.„Ich habe die Ehre, Sie nach Hause zu bringen“, sagte er. „Danke“, wehrte Marion ab.„Ich habe ja nur einige Minu- ten nach Hause.“ Möhn aber vertrat ihr höflich den Weg.„Sie sehen ja, wie es schneit, ich bitte Sie herzlich“, widersprach er.„Ich habe den Befehl, Sie bis zu Ihrer Türe zu bringen.“ In wenigen Minuten waren sie in Amselwies, und wiederum berief Rittmeister Möhn sich auf einen Befehl, als er Marion einige Zweige weißen Flieder überreichte. In aufgeräumter Laune betrat sie die Küche. Die Aufmerk- samkeiten, mit der ihr der Gauleiter seine Neigung ausdrückte, erfreute sie im Grunde ihres Herzens. Jedes Mädchen ist be- glückt, wenn man ihm den Hof macht. „Du bist ja so gut gelaunt?“ fragte Mamuschka schlecht- gelaunt, während sie argwöhnisch den Fliederstrauß musterte. Marion lachte.„Ich habe auch allen Grund dazu, scheint mir“, rief sie aus.„Ich glaube, der hohe Herr hat seine Sympathien für mich entdeckt.“ „Um Gottes willen!“ Wiederum lachte Marion. Sie freue sich vor allem, weil sie eine Chance zu erblicken glaube, der Schule und ihnen allen nützlich sein zu können. Das müsse ja Mamuschka verstehen! Natürlich mußte sie die Erlebnisse des Tages bis ins kleinste erzählen. Sie tat es mit viel Humor, während sie die Fliederzweige zerbrach und ins Feuer warf. „Es ist ein Jammer um den schönen Flieder!“ klagte die Pflege- mutter.„Weshalb muß der arme Flieder es büßen?“ Der Flieder verkohlte und verbrannte, und Marion schob die Eisenringe wieder über das Feuer.„Es ist ein Jammer um vieles in der Welt“, entgegnete sie.„Ist es nicht ein Jammer, daß man heucheln und lügen muß in dieser Welt?“ 231 Einige Tage darauf erhielt Sanitätsrat Fahle ein überaus höfliches Schreiben vom Direktor des Krankenhauses, von demselben Doktor Sandkuhl, der das abscheuliche Buch über die Juden geschrieben hatte. Der Direktor erklärte sich glücklich, dem hochverehrten Gelehrten sein Forschungsinstitut wieder mit allen Rechten übergeben zu können. Er bäte nur, daß das Krankenhaus in notwendigen Fällen das Institut benutzen könne. Das eigene Forschungsinstitut, dessen Bau gestern durch den Herrn Gauleiter beschlossen wurde, werde erst im Sommer fertiggestellt sein. ,, Es geschehen wahrhaftig noch Wunder in unserer Zeit", sagte Fahle beglückt. ,, Nun, wer weiß, vielleicht kommen sie doch endlich zur Vernunft?" Seine erfüllt, Sie aus Parteim tun hal ten. Si sonder nalism Orden falsche Gle er den " W kann U VII ,, Wahnsinnige! Tollhäusler! Besessene! Ich gebe Ihnen mein Wort, Professor, man wird sie nach der Teufelsinsel verschicken, wo sie sich gegenseitig totschlagen können!" ,, Ihr Wort in Gottes Ohr, Gleichen!" sagte Wolfgang in seiner Ecke. Es war spät in der Nacht. ,, Sie werden dem tschechischen Präsidenten Gift in den Wein geschüttet haben, vielleicht haben sie ihn auch chloroformiert! Skandal über Skandal! Sie werden sehen, Professor, morgen kommt ein telegrafischer Hilferuf aus Prag, ganz wie er seinerzeit aus Wien kam. Ich wette mit Ihnen, was Sie wollen. Lüge, Betrug, Hinterlist, Verruchtheit, wohin man blickt!" ,, Trinken Sie, Gleichen!" rief Wolfgang und lachte laut auf, als Gleichen in verzweifelter Gebärde die Arme zum Himmel emporstreckte. Gewöhnlich äußerst beherrscht und ruhig, war Gleichen heute in förmliche Raserei geraten. Er ging mit großen Schritten im Atelier auf und ab und sprach laut und kräftig, als ob er vor einer großen Versammlung stände. Jede Silbe, jeder Buchstabe funkelte klar und schön und dabei fühlte man, daß aus jedem Wort seine innerste Überzeugung sprach. 232 hatte Gedan doch das g rischs heute Hölle Gleic Da sich D Schn und spür Lam Eck Vire Hall spre fade peraus höf von dem über die glücklich wieder mit das Kran zen könne durch den m Sommer erer Zeit" ommen sie hnen mein erschicken ng in seiner den Wein roformiert or, morgen eer seiner ollen. Lüge te laut auf m Himmel ichen heute chritten im ob er vor Buchstabe aus jedem Seine verschleierten grauen Augen, sonst von gedämpfter Glut erfüllt, flammten auf, als er fortfuhr: ,, Die Elenden! Was haben sie aus dem deutschen Volk gemacht? Sie haben es gespalten in Parteimitglieder und Parteilose, die nichts mit dem Skandal zu tun haben wollen, sie haben es in Religionen und Rassen gespalten. Sie haben nicht die guten Eigenschaften des Volkes gepflegt, sondern seinen schlechten geschmeichelt, seinem falschen Nationalismus, seinem Uniformfetischismus, seiner Eitelkeit, seiner Ordenssucht, seinem pathologischen Geltungsbedürfnis, seinem falschen militärischen Ehrgeiz!" Gleichen hielt den Schritt an und schüttelte vor Verzweiflung den ergrauenden Kopf. ,, Wir stehen mittendrin, Professor", schrie er ,,, und niemand kann unseren Schmerz, unsere Trauer je ermessen, niemand!" ,, Und doch", fuhr Gleichen nach einer Pause fort ,,, und doch hätte dieser König aller Hochstapler, dessen einziger origineller Gedanke darin bestand, die Prügelstrafe wieder einzuführen, und doch hätte er alles aus diesem Volk machen können! Er könnte das gebildetste, gütigste Volk aus ihm machen, das schöpferischste und edelste Volk, dem die Welt ihre Achtung nicht versagt hätte! Ein Denkmal im Himmel hätte man ihm erbaut, und heute, heute wird man diesem Elenden ein Denkmal in der Hölle errichten. Tragisch, tragisch, unerhört tragisch!" stöhnte Gleichen. Dann ließ er sich erschöpft in einen Stuhl fallen und raufte sich das Haar. Das Atelier des Bildhauers war überheizt, aber ein heftiges Schneetreiben umtobte an diesem Abend das alte Bauernhaus, und wenn die Fensterwand unter einem Windstoẞ erbebte, so spürte man deutlich den eisigen Luftstrom im Raum und die Lampe an der Decke schwankte. Wolfgang lag in einer dunklen Ecke in einem niedrigen, abgenützten Sessel und rauchte seine Virginia. Neben ihm ragte eine lebensgroße Figur empor, die im Halbdunkel des Raumes fast weiß aussah. Das war der ,, Kettensprenger". Die Ausstellung in München hatte das Werk unter fadenscheiniger Begründung abgelehnt. Es war nur natürlich, daß Wolfgang sich zur Zeit nicht in der rosigsten Stimmung be233 fand. Banausen und Rohlinge bestimmten zur Zeit den Geschmack im Lande! Ein neuer Windstoß traf die Fenster mit großer Heftigkeit, man spürte diesmal sogar den Pulverschnee, der durch die Fensterritzen getrieben wurde. Wolfgang erhob sich in seiner dunklen Ecke und trat in den Lichtschein. Er stellte eine neue Flasche auf den Tisch. ,, Wir wollen uns besaufen, lieber Freund!" rief er. ,, Nur so ist es noch möglich, in diesem Land zu leben." " Ja, wir wollen uns besaufen, Professor!" erwiderte Gleichen und leerte sein Glas bis zum Boden. ,, Etwas anderes haben uns diese Elenden nicht gelassen." Nach einer Weile fuhr er fort: ,, Ich habe Ihnen, glaube ich, nicht erzählt, daß die Gestapo gestern meine Schreibmaschine beschlagnahmte?" Wolfgang blickte erschrocken auf. ,, Aber ich bitte Sie, Gleichen!" rief er bestürzt aus. Gleichen lachte beruhigend. ,, Befürchten Sie nichts, Professor. So klug wie die Gestapo bin ich auch noch." Wolfgang aber konnte sich lange nicht beruhigen. ,, Seien Sie vorsichtig, Gleichen!" mahnte er. ,, Sie kennen nicht alle Schliche der Gestapo. Ein winziger Fehler und Ihr Kopf ist weg. Vorbei ist es dann mit dem, Unbekannten Soldaten'!" ,, Das weiß ich!" lachte Gleichen und nachdenklich fügte er hinzu:„ Ahnen Sie, wie viele Gruppen des unterirdischen Kampfes es heute im Lande gibt? Ahnen Sie es? Es sind viele Hunderte! Was weiß die Welt davon? Nichts. Was weiß die Welt von den Zehntausenden, die heute in den Kerkern umkommen? Sie weiß nichts davon. Zuweilen nur lesen wir in den Zeitungen eine kleine Notiz, daß der und jener bei einem Fluchtversuch erschossen wurde. Mehr erfahren wir nicht. Wir aber wissen, Professor, das war einer von den Unbestechlichen, von den Unentwegten." ,, Lassen Sie uns die Hoffnung nicht verlieren, Gleichen!" versetzte Wolfgang und holte eine neue Flasche aus seinem Schrank. ,, Noch haben wir keinen Anlaß, den Mut sinken zu lassen. Trinken wir auf eine bessere Zukunft!" ,, Ja, auf eine bessere Zukunft!" Bei ging Garte La hin. 2 den I En wesh Hock Rhei genü tagsb noch Deut Voll Unt Hun über den Fast Pro Mo WO Ra tot un un de er te 234 Heftigket einer dunk ME Beide schwiegen und lauschten auf die Windstöße. Manchmal ging ein Krachen durch den Dachstuhl, irgendwo draußen im Garten®splitterte ein Ast und schlug dumpf auf.den Boden. Lange saß Gleichen und starrte mit düsteren Augen vor sich hin. Zuweilen trank er einen Schluck, dann starrte er wieder auf den Boden. Endlich sagte er:„Eines ist mir noch nicht klar, Professor, weshalb brachen die demokratischen Mächte mit dem König der Hochstapler nicht augenblicklich die Beziehungen ab, als er ins Rheinland einmarschierte? Weshalb nicht? Ihr Einspruch hätte genügt! Sie kannten doch die skandalösen Vorgänge des Reichs- tagsbrandes, die das deutsche Volk nie erfuhr, und auch heute noch nicht kennt! Sie wußten, daß Verbrecher die Herrschaft in Deutschland ergriffen hatten. Weshalb warnten sie das deutsche Volk nicht? Weshalb ließen sie das deutsche Volk blind in seinen Untergang rennen? Heute sprechen sie Tag und Nacht von Humanität und Menschlichkeit. Sie mußten ja in tiefster Seele überzeugt sein, daß der König der Hochstapler Deutschland in den Abgrund stürzen würde. Wünschten sie seine Vernichtung? Fast scheint es, so! Das ist es, was ich bis heute nicht verstehe, Professor.“ Wolfgang antwortete nicht mehr. Er schlief. Es ging auf den Morgen. Gleichen redete noch eine lange Zeit, obschon er keine Ant- wort mehr bekam. „Rührselige Weihnachtslieder und gefühlvolle Volkslieder am Radio singen lassen und gleichzeitig Sozialisten mit Knüppeln totschlagen, das ist dieser Bande von Elenden würdig. Schmach und Schande, Schande und Schmach!“ knurrte er laut vor sich hin, dann wurde seine Stimme schwächer und schwächer. „Täglich sinken wir tiefer und tiefer in den Morast von Lüge und Verderbnis“, sagte er noch halblaut vor sich hin.„Ich sehe den Tag des Untergangs vor meinen Augen!“ Schließlich schwieg er völlig. Nun schliefen beide, während die Lampen im Atelier brann- ten und der Schneesturm das Haus umtobte. 9 VIII Wie alle Menschen hatte auch Fabian seine glückverheißenden Tage. An einem Morgen im April erwachte er in besonders froher und zufriedener Laune. Er hatte herrlich tief und lange geschlafen und als er erwachte, fiel ihm ein, daß er von Christa geträumt hatte. Er sah ihr Gesicht so klar und deutlich wie nie in seinem Leben, schien ihm, und als er ganz wach wurde, erblickte er es immer noch scharf vor sich. Ihr Lächeln begleitete ihn in den Tag. Auf der Straße fiel ihm ein, was sie im Traum gesprochen hatten. Christa hatte ihm zu seiner Ernennung zum Obersturmführer beglückwünscht, irgend jemand hatte es ihr geschrieben. Nur noch etwas Geduld mußt du haben, sagte sie im Traum, eine Kartenlegerin in Rom prophezeite mir: Sie werden einen hübschen Mann heiraten, der in seinem Lande Minister wird. Darüber hatten sie beide nicht genug lachen können. Die Sonne leuchtete und war ordentlich heiß, obschon es erst Anfang April war. Fabian beschloß, zu Fuß in sein Büro zu gehen. Er grüßte und die Leute erwiderten achtungsvoll seinen Gruß. Bei Gott, sie sahen alle heute so wohl und frisch gewaschen aus, das kam von der Sonne. Im Büro wartete der Makler auf ihn, der die Bahnhofstraße bearbeitete. Die Gesellschaft ,, Grund und Boden" hatte bereits eine Menge von Objekten aufgekauft, viele spottbillig, und der Agent machte eine Reihe neuer vorzüglicher Vorschläge. Jedenfalls, die ,, Grund und Boden" war im Begriff, gute Geschäfte zu machen, und Fabian berechnete, daß er bei diesen Transaktionen mindestens eine Million verdiente. Nein, Christa, du wirst keinen armen Schlucker heiraten und vielleicht wird dein Zukünftiger sogar Minister. Es ist ja möglich, daß die Kartenlegerin in Rom richtig prophezeite, warum nicht? Um elf Uhr nahm er einen Termin wahr, in dem er günstig abschnitt, wie gesagt, heute ging alles herrlich. Dann aber fuhr er eine Stunde mit dem Wagen an die frische Luft, immer noch schien und leuchtete die Sonne. Als halbe war e aber s gesehe alle ga gen so Tagen von ter u durft Stadt von Wun sailles Na dem De ähnli dem dott von pen. cher Win wen voll sah Kn nun Sein ma geb Jed 236 rheißenden ders froher lange ge on Christa ich wie nie wurde, erbegleitete gesprochen Obersturmeschrieben. m Traum, rden einen ister wird hon es erst m Büro zu voll seinen frisch genhofstraße atte bereits und der age. , gute Gebei diesen in, Christa, leicht wird B die Karer günstig aber fuhr mmer noch Als er bei der Überfahrt der Schellhammerschen Werke eine halbe Stunde warten mußte, fuhr ein endloser Zug vorbei. Es war ein Zug von dreißig Güterwagen, er hatte sie gezählt. Was aber stand auf den Wagen? Nun, er hatte es mit eigenen Augen gesehen: Tanks, Tanks, funkelnagelneue, grau gestrichene Tanks, alle ganz gleich, wenn auch starke, wetterfeste Plane sie verbergen sollten. Ein erfrischender Anblick für Fabians Herz! Vor Tagen hatte man ihm erzählt, daß sie in der Nähmaschinenfabrik von Wurmser Granaten drehten, in drei Schichten. Die Arbeiter und das gesamte Personal waren vereidigt worden, man durfte nicht darüber sprechen, und doch wußte es die ganze Stadt. Bei Wurmser drehten sie Granaten, auch in der Weberei von Langer& Co. und noch irgendwo, er hatte es vergessen. Wunderbar, das Heer rüstete auf und so war es gut. Versailles war zu Ende. Nach Tisch fuhr er zum Hofgarten und ließ den Wagen vor dem barocken Eingangstor halten. Der Hofgarten war noch ganz kahl. Die Linden warfen besenähnliche struppige Schatten über die aufgeräumten Wege. Auf dem Rasen vor dem Haus des Hofgärtners standen vereinzelte dottergelbe und lila Krokusse, dicht am Haus blühten Büschel von Schneeglöckchen neben einer Gruppe hellgelber Zwergtulpen. Fabian ging gemächlich den Hauptweg entlang. Die Sträucher zeigten alle strotzende Knospen, viele trugen sogar schon winzige Blätter, manche aber standen noch völlig tot da. Doch wenn man mit dem Nagel einen Zweig ritzte, so waren sie grün, voller Saft und Leben. Die Linden schienen noch völlig leblos, sah man sie aber näher an, so waren die Zweige bedeckt mit Knospen. Ohne Zweifel, so hartnäckig auch der Winter war, nun kam der Frühling. Einen Monat noch und Christa war wieder in der Stadt und sein Leben erhielt wieder Sinn und Inhalt. Nur Menschen, die man liebt, dachte er, geben dem Leben Reichtum, ohne sie ist das Leben arm und schattenhaft. Christa hatte ihm versprochen, noch nähere Nachricht zu geben und es wäre würdelos, nicht noch etwas Geduld zu haben. Jedenfalls war es bei ihm eine beschlossene Sache, Christa so 237 rasch wie möglich zu heiraten, um sie für immer um sich zu haben. Schon seit Wochen hatte er eine hübsche Villa in Aussicht, die Christas Geschmack ohne Zweifel zusagen würde. Vielleicht war sie etwas zu groß, aber sie würden ja wohlhabend sein und Dienstboten halten können, soviel sie wollten. Seine Praxis und seine laufenden Geschäfte sicherten ihm ein hohes Einkommen und Christa selbst würde ja ein bedeutendes Vermögen in die Ehe mitbringen, ganz anders wie seinerzeit Clotilde mit ihren vier bankrotten Häusern. Sein Heimweg führte ihn an Christas Haus vorüber. Alle Läden waren noch geschlossen. Der kleine Vorgarten lag verwahrlost und winterlich da, welke Blätter hingen noch an vielen Büschen. Schon aber war Nero da und sprang kläffend am Gitter empor und seine hellen Augen blendeten aufgeregt. Fabian sprach ihn an und sofort begann er freudig zu wedeln und den Kopf gegen das Gitter zu reiben, so daß Fabian ihn am Kopf kraulen konnte. Nero folgte ihm bis zum Nachbargrundstück und kläffte ungeduldig, als er seinen Weg fortsetzte. Noch lange hörte Fabian sein Gekläff und nahm es als ein gutes Zeichen. Auf sein Zimmer zurückgekehrt, fand er ein Telegramm auf dem Schreibtisch. Es war von Christa. ,, Wir kehren am sechsten Mai zurück. Denken Sie an unsere große Aussprache!" depeschierte sie. Das Telegramm berauschte ihn förmlich. Er küßte es hingerissen, ganz wie ein Gymnasiast, sogar an die große Aussprache dachte sie! Er öffnete das Fenster und blickte lange in die dunkle Nacht hinaus. Ein einziger großer Stern war am Himmel zu sehen. Das war Christas Stern! Fürwahr, er stand auf dem Gipfel seines Lebens. Da er in diesem Glücksrausch unmöglich einschlafen konnte, stieg er nochmals ins Hotel hinab und bestellte sich eine Flasche Sekt. Roẞmeier begleitete soeben die letzten Gäste hinaus und machte einen ziemlich vergnügten Eindruck, so daß ihn Fabian zu einem Glas Sekt einlud. Der über di ,, Ich habe eine gute telegrafische Nachricht erhalten", sagte er gutgelaunt ,,, trinken Sie doch ein Glas mit mir, Roẞmeier." 238 „ Sie Fabian. Der bezahlt Aber „ Nu „ Ich es mir böhere will, u Karlsba In Ja. Silber Schein zerbro De Waren hohen Di geöff Fenst Stad Straß lange aus ten die um sich zu lla in Ausürde. 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Die Banken leihen mir Geld, soviel ich haben will, und Rittmeister Möhn fragte bei mir an, ob ich Hotels in Karlsbad und Marienbad übernehmen will?" ,, In Karlsbad und Marienbad?" Ja. Alle jüdischen Hotels sollen enteignet werden, und ich soll nächste Woche hinfahren, um mir ein Dutzend Kisten voll Silber und Kristall abzuholen. Der Gauleiter will mir einen Schein ausstellen, sie wissen ja, in den letzten Jahren wurde viel zerbrochen und gestohlen." IX Der April ging rasch zu Ende und mancherlei Vorbereitungen waren für den ersten Mai zu treffen. Denn den ersten Mai, der seit Jahren ein Feiertag der Arbeiter war, hatte man in einen hohen Festtag der Partei umgewandelt. Die Wirtshäuser und Gasthöfe waren bis spät in der Nacht geöffnet, und schon am Abend erschienen einzelne Fahnen an den Fenstern. Am Morgen des großen Tages aber war die ganze Stadt mit Hakenkreuzfahnen wie übersät! In der Wilhelmstraße hingen aus jeder Etage unzählige Flaggen, darunter ganz lange, die bis aufs Pflaster herabreichten, eine zum Beispiel hing aus dem Fenster von Justizrat Schwabach. Die Block warte hatten den Befehl, besonders darauf zu achten und alle zu melden, die nicht flaggten. Man hatte natürlich keine Lust, auf die 239 schwarze Liste zu kommen. Auch aus den Büroräumen Fabians hingen Fahnen, aus jedem Fenster eine Flagge kleinen Formats. Am Morgen blieben die Leute verblüfft stehen, als sie diese dichten Wände von Fahnen erblickten, die den überwältigenden Sieg der Partei verkündeten. Manche schüttelten verwundert den Kopf. Es war ja schließlich erlaubt, den Kopf zu schütteln, obwohl niemand zu empfehlen war, es allzu deutlich zu tun. Hunderte von Spitzeln waren in den Straßen unterwegs. Ein Kopfschütteln konnte freudiges Einverständnis bedeuten, es konnte aber auch Kummer und Trauer über das bedauernswerte Deutschland verraten. dem R glasten Tauber Wartet Nun einher Züge i In allen Teilen der Stadt erscholl Marschmusik, sie quoll aus Straßen und Gassen. Braune und schwarze Uniformen eilten aus den Häusern, und ältere Herren stolzierten in ihren Uniformen der Partei würdevoll und eitel dahin. Man sah Richter und Professoren, Beamte und Lehrer, alle in ihren Uniformen, nun, es war ja der große Tag der Partei. Aus den Gassen schwenkten Züge der Hitlerjugend, in braunen Uniformen, viele mit Dolchen am Gürtel, ein Hakenkreuzfähnlein an der Spitze. Sie sangen mit ihren frischen, jungen Stimmen, daß es durch die ganze Stadt schallte. ,, Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!" so sangen sie und noch andere Lieder. Auch Züge von jungen Mädchen kamen aus den Gassen gezogen, in blauen Röckchen, ein Hakenkreuzfähnlein an der Spitze. Sie schnatterten und schwatzten, die jungen Dinger, und auch sie begannen zuweilen heiter ein frisches Lied zu singen. Die Welt sollte sehen, daß sie sich glücklich fühlten unter der Hakenkreuzfahne und einem musikliebenden Volk entstammten. Betonten die Führer der Partei nicht immerfort, daß das deutsche Volk einen Beethoven und Mozart hervorgebracht hatte? ten die mit de ter Ma auffiel den v Zuweilen bogen Läufer, einzeln oder in kleinen Trüppchen, in die Wilhelmstraße ein und die Leute machten ihnen Platz und bestaunten sie. Die Läufer waren schweißbedeckt, ihre Hemden naẞ, auf dem Rücken schleppten sie einen schweren Tornister. Sie gehörten dem Sportverein ,, Sieger" an, der zum ersten Mai einen Gepäckmarsch veranstaltete. In diesem Augenblick hatten sie schon zwanzig Kilometer mit dem schweren Tornister auf mein Kreuz nahm Hohe Nu und Ferne Die Gaul von beite schm Ma und zudr CS W Hein passe Dre Siere F er a Mü Ran Sein 240 16 men Fabians men Format als sie dies rwältigende wundert de zu schütte lich zu tun terwegs. En bedeuten, dauernswert sie quoll au men eilten a n Uniform ter und Pro men, nun, schwenkte emit Dolche Sie sange e ganze Sta gen die ganz ch Züge va blauen Röd e schnatterte begannen z t sollte sehe euzfahne un en die Führe k einen Beet Trüppchen men Platz und ihre Hemde ren Tornister um ersten Ma enblick hatte Tornister au dem Rücken zurückgelegt und strebten nun erschöpft, mit verglasten Augen, durch die Wilhelmstraße zum Rathausplatz, wo Taubenhaus sie schon mit einem schweren Silberhumpen erwartete. Nun aber zog eine lärmende Kapelle mit Blechinstrumenten einher, die einen frischen Marsch schmetterte. Ihr folgten drei Züge in braunen Uniformen und die stampfenden Stiefel erfüllten die Wilhelmstraße mit Getöse und Lärm. Den letzten Zug mit den kräftigsten, stämmigsten Burschen führte ein untersetzter Mann, dessen abstehende krebsrote Ohren von weitem schon auffielen. Das war Sturmführer Habicht und sein Sturm machte den verwegensten Eindruck. Wenn diese Leute losschlugen, du mein lieber Himmel! Über den Kolonnen schwankten Hakenkreuzfahnen, die Leute machten Front wie es befohlen war, sie nahmen den Hut ab und streckten den Arm zum Gruß in die Höhe. Nun rasselten die Trommeln und die Züge begannen zu grölen und mit rauhen Stimmen zu singen. Ihr Gesang verklang in der Ferne. Die Kolonnen marschierten zum Exerzierplatz, wohin der Gauleiter sie befohlen hatte. Alle Welt marschierte dorthin, Züge von Arbeitern der Werke von Schellhammer, Arbeiter und Arbeiterinnen der Webereien, der Waggonfabriken, der Kesselschmieden und Warenhäuser, der Büros, alle, alle. Man hatte ihnen befohlen, die Rede des Gauleiters anzuhören, und sie gehorchten, um ihre Verbundenheit mit der Partei auszudrücken. Wer da glaubte, auskneifen zu können, täuschte sich, es wurden genaue Listen geführt, beim Abmarsch und beim Heimmarsch. Außerdem gab es Scharen von Spitzeln und Aufpassern. Niemand konnte wissen, ob der Mitarbeiter an der Drehbank nicht ein Spitzel war oder auch die hübsche Kassiererin im Warenhaus? Fabian hatte sorgfältig Toilette gemacht. Zum erstenmal nahm er als Offizier der Partei an einer offiziellen Feier teil. Die neue Mütze des Obersturmführers sah mit ihrem hellroten steifen Rand nach etwas Besonderem aus und kleidete ihn vorzüglich. Seine alten Stiefel, die so herrlich knarrten, waren ihm zu klobig 16 Totentanz 241 vorgekommen, er hatte sie durch elegante aus dünnerem Lackleder vertauscht. Obwohl das Wetter unbeständig war und zuweilen sogar einzelne Regentropfen aus dem bedeckten Himmel fielen, fuhr er im offenen Auto durch die Stadt. Er saß nachlässig im Wagen und ließ sich von den Passanten bewundern. Wenn ihn jemand grüßte, so hob er freundlich und liebenswürdig, fast leutselig die Hand. Die Menschen wollen etwas zum Bewundern haben, etwas zu dem sie aufblicken können. Es gibt auch Menschen, die es lieben, auf andere herabblicken zu können! Zu diesen gehöre ich, aber das darf man nicht laut sagen, dachte Fabian. In der Wilhelmstraße befahl er dem Chauffeur, langsam zu fahren, da er sich die Geschäftsstraße etwas ansehen wollte. Viele Läden waren dekoriert mit Blumen, Flaggen, Bildern und Büsten des Führers, am schönsten war das Magazin des Juweliers Nicolai geschmückt: Lorbeerbäumchen umstanden ein großes Hakenkreuz aus weißen und roten Rosen. Der gute Schwabach will uns wieder alle übertrumpfen, dachte Fabian lächelnd, als er die mächtige Fahne sah, die von Schwabachs Balkon bis auf den Bürgersteig herabhing. weilen t ausgesch bune. H Eine Brandung von Heilrufen brauste ihm entgegen, als er in den Exerzierplatz einfuhr. Der Gauleiter hatte soeben die Rednertribüne betreten. Inmitten einer Schar von Adjutanten, Sturmführern, Obersturmführern, Standartenführern hörte Fabian sich die Rede des Gauleiters an und zuweilen konnte er ein Lächeln nicht unterdrücken. Er kannte diese Rede ganz genau, denn er hatte sie selbst verfaßt. Rumpf hatte ihn darum gebeten, als sie neulich in Einstetten Billard spielten. heftig ten Ex fog. V in aller ,, Ein Staat kann nie ein großer Staat sein ohne Kolonien!" schrie der Gauleiter. ,, Er wäre wie eine Stadt, die von Wüste und nicht von Gärten, Feldern und Wäldern umgeben ist. Wir bewundern Staaten, die die Kraft aufbringen, sich Kolonien zu erobern, wo sie noch zu erobern sind, wie zum Beispiel das Italien Mussolinis!" Fabian nickte, das waren seine Worte und seine Meinung. Das alland seine F Der Gauleiter sah in diesem Augenblick, da die Sonne schien, viel röter aus, als er wirklich war, manchmal fast fuchsrot. ZuFrauen Betra Feld, dieser " tel der den R Nur uns di gescha Obery A regen Stoß tobte zige P seiner U stark Heu habe E gesch D Grü nun 242 16 e merem Lad en sogar ein elen, fuhre g im Wage weilen tobte er förmlich auf der kleinen, mit Hakenkreuzfahnen ausgeschlagenen und von Lorbeerbäumchen umstandenen Tribüne. Er sprang lebhaft hin und her und einmal schlug er so heftig auf das Rednerpult, daß man das Krachen über den weiten Exerzierplatz vernahm und sein Manuskript in die Höhe ihn jeman flog. Vogelsberger sprang rasch hinzu und ordnete die Blätter leutselig din aller Eile. haben, etwa schen, die gehöre ich In der Wi Fahren, da e Läden ware des Führen geschmückt z aus weiße apfen, dacht von Schwa gen, als er i soeben di Adjutanten rern hör en konnte e Lede ganz ge ce ihn darum Kolonien!" n Wüste und ist. Wir be lonien zu er el das Italien te und seine Sonne schien fuchsrot. Zue Das kleine Holland besäße einen ganzen Archipel als Kolonialland, Frankreich beherrschte ungeheure Gebiete, obgleich es seine Felder mit importierten Negern bestellen müsse, da seine Frauen keine Lust mehr hätten, Kinder zu gebären. Und England! ,, Betrachten wir England", schrie Rumpf Fabians Worte über das Feld ,,, es ist nicht größer als eine Hand, aber es hat die Finger dieser Hand ausgestreckt und was blieb daran hängen? Ein Fünftel der Erde blieb daran hängen!" Lautes Heilgeschrei belohnte den Redner, der sich den Schweiß aus dem Gesicht wischte. Nun aber, wie sähe es bei uns aus? Die Großmächte hätten uns die ärmlichen Kolonien geraubt, die Bismarck zusammengeschachert hatte, obschon wir bei unserer himmelschreienden Übervölkerung bei Gott keine Neger zu importieren brauchten. ,, Als der Elefant zu Boden geschlagen war und sich nicht mehr regen konnte", schrie Rumpf ,,, da sägten ihm die Sieger die Stoßzähne ab, unsere Kolonien. Und was haben sie uns gelassen?" obte der Gauleiter mit blutrotem Gesicht. ,, Nicht eine schmutzige Pfütze und nicht einen toten Nigger!" Das waren Ausdrücke seiner eigenen Erfindung. ,, Und warum? Warum, frage ich euch?" heulte Rumpf über das Feld, auf dem die Menschen Kopf an Kopf standen. ,, Der starke Mann fehlte, um den Räubern in die Arme zu fallen! Heute würden sie es nicht mehr wagen! Denn heute, heute haben wir den starken Mann!" Er hielt erschöpft inne und wartete, bis das rasende Heilgeschrei verhallte. Dann schloß er ziemlich rasch, er hatte aus irgendwelchen Gründen einige Sätze aus Fabians Entwurf gestrichen. ,, Uns bleibt nichts als die Hoffnung", schrie er ,,, die Hoffnung auf künftige Zeiten. Wer da glaubt, die Welt sei auf immer 16* 243 und für alle Zeiten aufgeteilt, der ist ein Narr! Andere Ge schlechter werden der Erde entsteigen, kühne, todesmutige, wal-N yısi fengeübte Geschlechter, und sie werden neue Ordnung in dieser Welt schaffen! Euch aber rufe ich zu: Vergeßt nicht zu hoffen und seid bereit zu jeder Stunde!“ Die Rede war zu Ende. Endloses Heilgeschrei brandete über das Feld. Die Musikkapellen spielten alle zusammen. Dann sang die Menge das Deutschlandlied und auch Fabian hob die Hand und sang bewegt mit. Seit seiner frühesten Jugend hatte ihn dieses Lied ergriffen. Die silbergrauen Autos fuhren heran und wurden von Off- zieren der braunen und schwarzen Truppen umringt, die den Gauleiter zu seiner Rede beglückwünschten und ihm ihre Hul- digung darbrachten. Im bischöflichen Palais nahm der Gauleiter später noch den Vorbeimarsch der schwarzen und braunen Parteitruppen ab. Er stand ganz allein auf dem großen Balkon des Palais und ver- schwand, als der letzte Sturm vorübergezogen war. Fabian plauderte mit einigen Offizieren auf dem Platz vor dem bischöflichen Palais. Oberst Thünen, der die Uniform eine Standartenführers trug, urteilte fachmännisch über die einzelnen Formationen, die auf dem Rückweg vorbeimarschierten. „Prachtvolles Material!“ rief der eisgraue Oberst mit begei- sterten Armbewegungen aus.„Diese Jugend macht uns kein Volk der Erde nach. Beachten Sie diese kaum zu bändigende Kampf- entschlossenheit! Mit dieser Jugend können wir die Welt er- obern. Doch sehen Sie, da kommt Ihr Sturm, Herr Regierungs- rat!“ brach er ab und deutete auf eine Kolomte brauner Sol- daten, die lauten Schritts heranzog. Es war der Sturm Habichts, der mit anderen Formationen Fabian unterstand. Habicht war Unteroffizier in Potsdam gewesen und hatte sich große Mühe gegeben, dem Landsknechtshaufen militärischen Schliff beizubringen. A!s er Fabian erkannte, warf er nur einen Blick auf seine Soldaten und schon faßten sie Schritt und die Fahne, die einer nachlässig auf dem Rücken trug, wurde blitz- schnell parademäßig aufgerichtet. 244 Andere Ge smutige, w mung in diese cht zu hoffer brandete über en. Dann sang hob die Hand Fabian trat einige Schritte vor und warf den Arm in die Höhe, wie es sich gehörte. Habicht richtete die Augen auf ihn und schon waren alle Augen auf ihn gerichtet, und mit gleichmäßigen, hämmernden Schritten zogen sie an Fabian vorüber. Fabian war ergriffen, als er den Arm wieder senkte. end hatte in den von Offringt, die da hm ihre ter noch ruppen ab. alais und ve em Platz Uniform ein -die einzeln mierten. rst mit beg uns kein Vo gende Kamp die Welt d X Die Damen Lerche- Schellhammer waren einige Tage früher zurückgekommen, als sie beabsichtigt hatten. Amerikanische Freunde fuhren mit ihrem Auto nach Genua, um dort den Dampfer zu erreichen, und sie schlossen sich ihnen an. Da in Genua die Hitze unerträglich war, brachen sie sofort nach dem Norden auf und fuhren Tag und Nacht, bis sie gänzlich erschöpft zu Hause ankamen. Sie konnten sich einen vollen Tag nicht regen und mußten im Bett liegenbleiben. Danach aber fühlte sich Christa so frisch und lebendig, daß sie mit ihrem kleinen Wagen in die Stadt fuhr. Ihr erster Weg führte sie zum ,, Stern", um sich nach Fabian zu erkundigen. Fabian war bei der Maifeier. Nun, er war ja Städtischer Beamter und da mußte er wohl oder übel der Feier beiwohnen? Darauf fuhr sie nach der Buchenallee, um sich das Haus Nummer sechs anzusehen. Fabian hatte in seinem letzten r Regierung Briefe mancherlei Andeutungen über dieses Haus gemacht, das er brauner So erwerben wolle. Es war ja schließlich keine Kunst, zu erraten, Deshalb er überhaupt diesen Hauserwerb erwähnte. Daß er es ihretwegen kaufen wollte, darüber bestand für sie kein Zweifel. Nun, wenn sie ehrlich sein wollte, so mußte sie zugeben, daß Formatione und hatte sie ihr Fabian mehr als sympathisch war, ja, daß sie ihn liebte. Er militärische of er nur eine chritt und d Gwurde blin war ein über den Durchschnitt begabter Mann, darüber war sie sich klar, vor allem schätzte sie seinen ausgeprägten Sinn und sein großes Verständnis für Kunst. Daneben war er ein hübscher Mann und besaß vorzügliche Manieren, so daß man gut mit ihm auskommen konnte. Sie liebte es auch, daß er einmal Priester 245 werden wollte, gewiß konnte nur ein guter Mensch diesen Wunsch haben. Sie lachte. Kann man es überhaupt mit Worten ausdrücken, weshalb man einen Menschen liebt? Das Haus Nummer sechs gefiel ihr, wenn es ihr auch etwas groß erschien. Nun, da sie ihre Neugierde befriedigt hatte, fuhr sie ins Zentrum der Stadt zurück, um Marion zu besuchen. Der Anblick der Wilhelmstraße entsetzte sie über alle Maßen. Hier waren ja kaum mehr die Häuser zu sehen hinter der Wand dieser abscheulichen Hakenkreuzfahnen, die sie schon immer gehaẞt hatte. So schnell wie möglich versuchte sie, die Wilhelmstraße hinter sich zu bringen. Man sagte ihr indessen, daß die jüdische Schule seit einigen Wochen verlegt worden sei, sich aber gar nicht weit von hier befände. Sie ließ Marion herausbitten und plauderte längere Zeit mit ihr. ,, Große Neuigkeiten!" rief Marion lachend aus. Die merkwürdigsten und überraschendsten Dinge hätten sich ereignet! Marion errötete fortwährend. Sie lachte derartig laut und fröhlich, daß ihre Zöglinge neugierig die Türe zum Korridor öffneten, um zu sehen, was es gebe. Zuweilen weinte Marion auch. ,, Gottlob, daß du wieder hier bist, Christa!" rief sie aus. ,, Ich brauche dringend deinen Rat!" Christa würde es ja nicht für möglich halten, es sei alles wie ein Wunder, und doch müsse sie annehmen, daß der Gauleiter in sie vernarrt sei, tatsächlich. Marion flüsterte geheimnisvoll. Nun aber begannen die Zöglinge drinnen ein richtiges Lied anzustimmen und Marion mußte eilig wieder in die Klasse zurück. zu tri über Au WO S Grup dem Als Offiz erkan keine Hand schla gleich Fuß Di Vorg درو In teiso schla Arm Ste Si dan klei WO ,, Ich werde dich besuchen, Christa, und dir alles erzählen!" rief sie, indem sie in der Türe verschwand. Fra auf Das Wiedersehen mit Marion hatte Christa herzlich erfreut, denn Marion, die oft fast verzweifelte, schien wahrhaftig in vielen Dingen hoffnungsvoller zu sein. Christa machte noch kleine Besorgungen, die möglich waren, doch wurde sie bald von Zügen brauner und schwarzer Parteisoldaten aufgehalten, so daß sie kaum mehr von der Stelle kam Auf Umwegen fuhr sie zum ,, Residenzcafé", um eine Tasse Tee Sc SC 246 diesen Wuns en ausdrücke hr auch etw igt hatte, f besuchen. er alle Make ter der Wa schon imm die Wilhel Hessen, daß& en sei, sich ab erausbitten un Die merkwi reignet! Mari fröhlich, d ffneten, um ef sie aus. es ja nicht f doch müsse sei, tatsächlid richtiges Li in die Kla alles erzählen erzlich erfre hrhaftig in vi möglich wares warzer Parte der Stelle kam eine Tasse Te zu trinken und über alles, was ihr Marion erzählte und auch über das Haus Nummer sechs, nachzudenken. Auf diese Weise kam sie in die Nähe des bischöflichen Palais, wo sie in einer Seitengasse anhielt, um sich nicht von einer Gruppe von Parteioffizieren begaffen lassen zu müssen, die auf dem Platze standen. Als sie die Stufen zum ,, Residenzcafé" hinaufsteigen wollte, fielen ihr die ausholenden Gesten eines eisgrauen, sehr beweglichen Offiziers auf dem Platze auf, in dem sie sofort Oberst Thünen erkannte. Ihre Mutter nannte Thünen den Bajazzo, weil er keinen Augenblick ruhig stehen konnte und immer mit den Händen redete. Oberst Thünen sprach mit einem jüngeren, schlanken Offizier, der neben ihm stand und lachte, aber im gleichen Augenblick stockte Christas Atem, und sie zog den Fuß von der Stufe wieder zurück. Dieser schlanke Offizier, der lachte, war ihr plötzlich bekannt vorgekommen, aber sie sträubte sich, es für möglich zu halten. ,, Es ist unmöglich!" flüsterte sie und erbleichte. In diesem Augenblick marschierte eine Kolonne brauner Parteisoldaten in militärischem Schritt über den Platz und der schlanke Offizier trat einige Schritte vor und hob salutierend den Arm. Er wandte ihr dabei voll das Gesicht zu und da erkannte sie ihn. Kein Zweifel! Es war Fabian! Sie taumelte zurück und suchte Halt an einem jungen Baum, dann tastete sie sich über den Bürgersteig und schlüpfte in einen kleinen Laden, der eben geöffnet wurde. Hier pflegte sie gewöhnlich ihre Handschuhe zu kaufen. دو Was ist mit Ihnen?" fragte sie freundlich eine ältere weißhaarige Dame, der dieser Laden gehörte. ,, Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein Lerche- Schellhammer?" ,, Verzeihen Sie, mir ist übel geworden!" Und Christa nahm auf einem Stuhl Platz, so sehr zitterten ihre Beine. Sie war weiß wie eine Wand. ,, Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!" Man reichte ihr ein Glas Wasser und sie erholte sich langsam. ,, Ein bißchen Ruhe wird Ihnen gut tun, Fräulein LercheSchellhammer", sagte die alte Dame. ,, Vielleicht sind Sie erschrocken?" 247 „Erschrocken? Ja, ich bin erschrocken“, entgegnete Christa mit versagender Stimme.„Die vielen Menschen haben mich ver- wirrt.“ Ihre Hände waren wie gelähmt.„Nur noch einen Augen- blick!“ Dabei spähte sie unausgesetzt aus dem Fenster. XI Die Straße hatte sich geleert. Ein Zug von braunen Partei- truppen stampfte laut und lachend am Laden vorbei, gefolgt von einer Menge Neugieriger. Endlich wurde es still. Dann rollten einige Autos vorüber, und nun konnte man wohl wieder auf die Straße gehen? Sie spähte nach allen Seiten, und da sie niemand mehr in der Nähe erblickte, schlich sie sich wie betäubt zu ihrem Auto zurück und fuhr ganz langsam und automatisch nach Hause. Sie war so benommen, daß sie lange Zeit vor ihrem Hause stand, ehe sie es gewahr wurde, Müde wie eine alte Frau kroch sie die Treppe empor. „Was ist dir, um Gottes willen?“ schrie Frau Beate entsetzt auf, als sie ins Zimmer trat.„Du siehst ja ganz grau aus!“ „Mama!“ rief Christa und ließ sich in einen Stuhl fallen.„Der Himmel ist über mich zusammengebrochen.“ „Rede doch vernünftig, mein Kind!“ „Der Himmel ist über mich zusammengebrochen!“ wieder- holte Christa und nahm wie in Betäubung den Hut ab.„Warte, Mama, warte eine Weile, ich werde dir alles erzählen. Fort von hier, fort, fort!“ Frau Beate war überzeugt, daß Christa ein schweres Miß- geschick getroffen hatte, von dem sie nur schwer erzählen konnte, Sie verließ das Zimmer und kam erst nach einiger Zeit mit einem großen Glas Grog zurück. Das war ihr Allheilmittel. Nützt es auch nicht, so stärkt es doch den Körper! Erst nach geraumer Zeit war Christa fähig, der Mutter in aller Kürze das Erlebnis ihrer schweren Täuschung, Enttäuschung, Ernüchterung, Bestürzung zu berichten.„Fort von hier, Mama!“ rief sie unaufhörlich. ‚Fort! Fort! Fort aus dieser Stadt!“ 248 Frat nitsc vorC auf de indie verlor undb „u re a oder sekor sprec Christa mit mich ver en Augenen Partei efolgt von nn rollten der auf die e niemand t zu ihrem tisch nach rem Hause Frau kroch te entsetzt allen.„ Der !" wieder b... Warte Fort von veres Mißerzählen iniger Zeit lheilmittel ter in aller täuschung er, Mama!" dt!" Frau Beate schwieg lange Zeit, dann erhob sie sich und ging mit schweren Schritten im Zimmer auf und ab. Endlich blieb sie vor Christa stehen und sagte:„ Es ist schwer, einem Menschen bis auf den Grund seines Herzens zu sehen, Christa! Die Menschen in diesem Lande haben zur Zeit fast alle das bißchen Verstand verloren, das sie noch besaßen." Dann klingelte sie dem Mädchen und bat starken Tee zu bringen. ,, Hören Sie", sagte sie zu dem Mädchen ,,, sperren Sie die Haustüre ab! Wir wollen niemand sehen. Und wenn jemand kommt oder anruft, so sagen Sie, wir sind erst von der Reise zurückgekommen und noch so müde, daß wir niemand sehen oder sprechen können. Haben Sie verstanden?" Christa fand allmählich ihre Fassung zurück. Nur fort wollte sie aus dieser Stadt, fort, fort! Sie zog sich bald auf ihr Zimmer zurück und erschien am nächsten Morgen schweigsam und totenblaẞ. Nach einer vielstündigen Unterredung beschlossen die beiden Damen, noch einige Wochen auf Reisen zu gehen, und zwar wollten sie nach Baden- Baden fahren, wo es immerhin schon etwas wärmer sei als hier im Norden. Sie packten erneut die Koffer, die sie erst ausgepackt hatten. Der große Reisewagen stand noch in der Garage, bedeckt vom Staub und Schmutz, den sie aus Italien mitbrachten. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fuhren sie ab. Erst als sie die Stadt hinter sich hatten, konnte Christa wieder freier atmen. Frau Beate saß am Steuer und fuhr die Landstraße mit hoher Geschwindigkeit dahin, wie sie es immer tat, wenn sie gut geschlafen hatte. Christa saß neben ihr und blickte, mit ihren Gedanken beschäftigt, teilnahmslos über die Felder. Es ist eigentümlich, dachte sie, daß er nie ein Parteiabzeichen getragen hat und wir auch nie oder ganz selten über Politik gesprochen haben. Zuweilen fiel es mir ja auf, daß er stets das Gespräch wechselte, sobald ich politische Dinge berührte. Niemals trat er mit einem Wort für die Partei ein, aber er sprach auch nie ein Wort gegen sie! Es waren immer die gleichen, alten Gedanken, die sie in ihrem Kopf hin und her wälzte. ,, Cheer up, my girl!" rief Frau Beate heiter. ,, Ich glaube, die 249 Sonne will herauskommen. Ja, ich weiß es, Christa, wenn man jung ist, glaubt man, die Männer sind alle eine niederträchtige Bagage! Aber wenn man älter wird, urteilt man gerechter. Dann weiß man, daß die Männer weder Engel noch Teufel sind, sondern nur Menschen. Ganz genau wie die Frauen.“ Und sie lachte. X Als Fabian abends zum Diner kam, das der Gauleiter am ersten Mai allen Offizieren der Partei und bekannten Persönlichkeiten der Stadt gab, sagte ihm der Portier, daß vormittags eine Dame nach ihm gefragt habe, die in einem Kabriolett vorfuhr. Wie ein Stich ging ihm die Freude durchs Herz. Christa! Es konnte ja nur Christa sein. Sie war also noch früher als beabsichtigt zu- rückgekommen, herrlich! Er verlebte das Diner in geradezu überschäumender Laune. Am nächsten Morgen rief er sofort bei Christa an, aber das Mädchen sagte ihm, daß die Damen sehr übermüdet seien und für niemand zu sprechen wären. Darauf bestellte er bei seinem Blumengeschäft eine prächtige Schale mit Maiglöckchen, die er selbst sehr liebte, und legte einen kurzen Brief an Christa bei. Er sei voller Freude und Glück, schrieb er. Die letzten Monate seien für ihn eine harte, fast unerträgliche Probe gewesen, nie habe er die Leere und Einsamkeit seines Lebens so bitter emp- funden. Als er am Abend erneut anklingelte, erhielt er den gleichen telefonischen Bescheid, und sandte daraufhin einen Brief an Christa, den sie am Morgen vorfinden würde. „Ruhen Sie sich gründlich aus, meine geliebte Christa“, schrieb er,„wenn ich Ihnen mit Blumen und Briefen lästig falle, so bitte ich Sie, mein unstillbares Verlangen zu entschuldigen, Sie nach langer T'rennung wiederzusehen. Ich hoffe zuversichtlich, daß Sie bis zum Nachmittag Ihre Müdigkeit so weit überwunden haben, daß es Ihnen möglich sein wird, mir fünf Minuten zu schenken. Ab heute nachmittag fünf Uhr werde ich mich im 250 ste] wenn man erträchtige mter. Dann d, sondern am ersten lichkeiten eine Dame r. Wie ein konnte ja chtigt zu geradezu , aber das seien und bei seinem men, die er sta bei. Er n Monate wesen, nie itter emp in gleichen Brief an a", schrieb le, so bitte Sie nach tlich, daß berwunden Minuten zu mich im , Residenzcafé aufhalten und bis sieben Uhr auf Sie warten. Es verlangt mich in erster Linie nach der vereinbarten großen Aussprache, der, gewichtigen Aussprache, wie Sie schrieben. Das Haus Buchenallee sechs habe ich gekauft, und ich werde glücklich sein, es Ihnen in den nächsten Tagen zeigen zu können." Der Tag verging wie jeder andere mit Arbeit, nach Tisch kaufte er bei dem Juwelier Nicolai eine antike, ganz dunkle Bernsteinkette, die ihm schon lange in die Augen stach. Sie mußte Christa vorzüglich kleiden. Mit dem Schlag fünf Uhr saß er im ,, Residenzcafé", um seinen Tee zu trinken. Das Café war völlig leer, nur nach einiger Zeit erschien ein alter Mann, der seine Zeitung las und dabei heftig hustete. Fabian begann zu warten, so daß er Muße hatte, den Raum genau zu betrachten. Das Café stammte noch aus der Zeit, da ein Bischof im Palais residierte, und war in einem billigen Rokokostil eingerichtet. Die Wände waren geschmückt mit Gemälden im Stile Watteaus, von ungeübter Hand gemalt, nunmehr aber völlig dunkel und fast schwarz, die Umrahmungen teilweise beschädigt. Auf einem Gemälde, das ein Picknick im Walde darstellte, unterschied er mit Mühe zwei junge Damen, die dem Flötenspiel eines jungen Kavaliers lauschten. Allmählich wurde es vor dem Fenster immer düsterer, und schwere Dämmerung sank auf die Straße und auf Fabians Herz herab. Bei jedem Auto, das sich näherte, schreckte er zusammen, und sobald die Türe aufging, war er bereit, aufzuspringen. Das Warten wurde zur Qual. Nachdem er alle Zeitungen durchblättert hatte, begann er, sich Notizen zu einem Prozeß zu machen, den er heute morgen übernommen hatte, auf diese Weise verging wenigstens die Zeit. Dann studierte er erneut die Gemälde und wunderte sich, daß der junge Kavalier immer noch Flöte spielte. Es war eigentümlich, seit er wußte, daß Christa in der Stadt war, war er sich der Inhaltlosigkeit und Leere seines Lebens noch erschrekkender bewußt geworden. Er sehnte sich nach ihr wie ein Verschmachtender nach einem Trunk Wasser. Wieder sann er über das Geheimnis nach, wieso ein Mensch über einen anderen eine derartige Macht haben kann. War es nicht wie ein Zauber? Ein 251 Schläfer öffnet die Augen, wenn man ihn lange ansieht, vielleicht war es mit der Liebe nicht anders? Vielleicht waren dann Hunderte von Augen auf uns gerichtet und Hunderte von unbekannten Augen in uns öffneten sich dank einer geheimnisvollen Macht? Vielleicht ruft die Liebe auch eine tatsächliche körperliche Veränderung in uns hervor? Wer kann es wissen? Und niemals würde ein Mensch dieses Mysterium ergründen können. Völlig benommen erhob er sich. Es war fast acht Uhr geworden, und er gab die Hoffnung auf, daß Christa noch erscheinen könne. Etwas schien nicht in Ordnung zu sein! Vielleicht war sie erkrankt? Mit müden und quälenden Gedanken ging er durch die schweigende Dunkelheit in sein Hotel zurück. Immer mehr begriff er, daß sein Leben ohne diese Frau völlig unsinnig, ja unmöglich geworden war. Erschöpft und niedergeschlagen betrat er sein Hotelzimmer. Er drehte alle Lampen an, denn die Dunkelheit des Heimwegs und seine trüben Gedanken verfolgten ihn bis hierher. Weshalb hatte ihm Christa nicht ein kleines Billett ins ,, Residenzcafé" geschickt? Weshalb hatte sie nicht angeklingelt? Er war im höchsten Grad beunruhigt, wagte aber heute abend keinen Anruf mehr, um nicht aufdringlich zu erscheinen. Etwas war hier nicht so, wie es sein sollte! Mißmutig und voller Unruhe setzte er sich an den Schreibtisch, um einige lange fällige Briefe zu schreiben. Es war ein verunglückter Tag, ein hoffnungslos verunglückter Tag! Er schrieb eine Stunde an seinen Briefen, dann legte er die Feder weg, weil ihm seine Gedanken nicht mehr gehorchten. Müde und zerschlagen begab er sich zur Ruhe. Sein erster Gedanke am nächsten Morgen galt Christa. Heute aber wollte er sich nicht mehr auf das unsichere Telefon verlassen. Er arbeitete eine Stunde in seinem Büro und ließ sich um elf Uhr zum Hause Lerche- Schellhammer fahren. Der Bernhardiner empfing ihn mit erfreutem Gebell, er begleitete ihn sogar die Treppe hinauf, was er sonst nie tat. Ob die Damen jetzt genügend ausgeruht seien, um ihn empfangen zu können? fragte er das Mädchen. 252 dem D „ A Da sich. heit N unter sich klein Se sei, H der broc zu s hatt Ja n ohn E lore Tra um em er s lag De Fra ZU me un SC vielleicht nn Hunon unbenisvollen körpersen? Und können. Uhr genoch erein! Vielie schweibegriff er, nmöglich elzimmer. Heimwegs ins ,, Resi elt? ute abend en. Etwas Schreibur ein vergte er die chorchten. sta. Heute lefon versich um Bernhar sogar die jetzt gefragte er ,, Die Damen sind nicht mehr hier, sie sind heute morgen mit dem Auto abgereist." ,, Abgereist? Wohin?" Er taumelte. Das wußte das Mädchen nicht zu sagen, und Fabian empfahl sich. Er gab sich nicht einmal die Mühe, seine Niedergeschlagenheit vor dem Mädchen zu verbergen. Nun, die Damen konnten ja noch irgendeinen kleinen Ausflug unternommen haben, versuchte er sich einzureden, aber er glaubte sich selbst nicht mehr. Nicht ein Gruß von Christa! Nicht das kleinste Wort von ihr! Seine gestrige Empfindung, daß irgend etwas nicht in Ordnung sei, hatte ihn nicht getäuscht, und er mußte den Mut aufbringen, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Christa hatte mit ihm gebrochen, einfach gebrochen, ohne auch noch ein Wort mit ihm zu sprechen! Er stand vor einem völligen Rätsel. Wahrscheinlich hatte man ihn infam verleumdet? Wiederum aber war Christa ja nicht die Frau, der man phantastische Lügen erzählen konnte, ohne daß sie von ihm eine Erklärung gefordert hätte. Eine tiefe Trauer ergriff ihn, sie auf so rätselhafte Weise verloren zu haben, nachdem er sie kaum gewonnen hatte. Die Trauer vernichtete ihn völlig, und er fuhr in sein ,, Büro Aufbau", um sich einige Stunden mit Arbeit zu betäuben. Er aß nichts zu Mittag, da er weder Hunger noch Durst empfand und kehrte frühzeitig ins Hotel zurück. Hier mußte er sich angekleidet auf sein Bett legen, so elend fühlte er sich. Da lag er nun viele Stunden, regungslos, wie betäubt und starrte zur Decke empor. Nein, nein, nein! Es ging nicht. Sein Leben hatte ohne diese Frau keinen Sinn mehr! Sie hatte ihm in Wahrheit erst die Türe zum Leben erschlossen, und als er das Leben mit all seinen Herrlichkeiten vor seinen Augen liegen sah, verließ sie ihn. Das war mehr, als ein Mensch ertragen konnte! War es nicht das beste und einzig Mögliche, daß er sich eine Kugel durch den Kopf schoß? Lebe wohl, Christa, das würde sein letzter Gedanke sein. Es dämmerte, es wurde dunkel, die Nacht kam, er lag noch immer und starrte zur Decke. Ich stand auf der Höhe meines 253 Lebens, und dann stürzte sie mich in einer Sekunde in die Verzweiflung! dachte er, nahe daran, in Tränen auszubrechen. Mühsam erhob er sich und machte Licht. Dann trank er ein Glas Wasser und wusch sich Hände und Gesicht. Einigermaßen erfrischt und dem Leben zurückgegeben, nahm er an seinem Schreibtisch Platz. Christa sollte wissen, daß er ohne jede Schuld war und sie eine unbegreifliche Grausamkeit beging, als sie ihn ohne ein Wort verließ. Ein Wort nur, Christa, ein kleines Wort, und alles hätte sich vermeiden lassen! Nun war es zu spät. Du hast mich auf den Gipfel meines Lebens geführt und mir die Herrlichkeiten dieser Welt gezeigt, welcher Dämon hat dir den Gedanken eingegeben, mich in diesem Augenblick, gerade in diesem Augenblick in das Nichts hinabzustürzen, sprich, Christa? Habe Dank und lebe wohl! Da er sich reichlich schwach fühlte, stärkte er sich mit einem Kognak, und dann begann er rasch zu schreiben. Er füllte Seite um Seite und die Welt versank rings um ihn. Zuweilen hörte er ein Auto auf der Straße, ein Kellner ging draußen auf dem Korridor, dann herrschte wieder tiefe Stille. such?" er erka Nur wohnh „ Sie mit au Die blüffte Hotel auf la allein Grund Fab hr Z versch diese G Auger Im spräc XIII Nach einiger Zeit war es ihm, als ob man an seine Türe poche. Er schreckte zusammen, hatte es geklopft? Ja, in der Tat, wieder pochte es. Nun richtete er sich am Schreibtisch auf und fragte:„ Ist jemand da?" Eine weibliche Stimme antwortete lachend auf dem Korridor, und die Türe öffnete sich. Wäre Christa in diesem Augenblick eingetreten, es hätte ihn nicht in Erstaunen gesetzt, so verwirrt waren seine Gedanken in dieser Stunde. Zu seiner Überraschung aber trat eine fremde Dame ein, die er nicht sofort erkannte. ,, Herr Regierungsrat", rief die fremde Dame lachend aus ,,, Sie werden höchst erstaunt sein über meinen überraschenden Be254 Stets gewö erlese heit rasch losie duste losu C heite sagte fürc sich sage der die Verhen. ank er ein germaßen an seinem r und sie ein Wort alles hätte ch auf den ten dieser ingegeben, ick in das und lebe mit einem üllte Seite ilen hörte auf dem eine Türe Ja, in der agte:„ Ist Korridor, Augenblick Overwirrt erraschung erkannte aus ,,, Sie enden Besuch?" Bei diesen Worten war sie näher ins Licht getreten, und er erkannte sie. Es war die schöne Charlotte. Nur mit Mühe verbarg er seine Überraschung, er sprang gewohnheitsmäßig auf und ging ihr entgegen. ,, Sie sind hier im Hotel, gnädige Frau?" sagte er zerstreut und mit ausgetrockneter Stimme. Die schöne Charlotte lachte über seine erstaunte, fast verblüffte Miene.„ Ja, ich wohne seit heute nachmittag hier im Hotel", sagte sie ,,, auf der gleichen Etage. Der Gauleiter muß auf längere Zeit verreisen und wollte nicht, daß ich mich allein in dem öden Einstetten zu Tode langweile. Aus diesem Grunde soll ich einige Wochen im Hotel wohnen." Fabian schob ihr mechanisch einen Sessel zu und reichte ihr Zigaretten. ,, Einen kleinen Kognak werden Sie wohl nicht verschmähen, gnädige Frau?" Aus reiner Verlegenheit stellte er diese Frage. ,, Gewiß nicht, danke!" Und Charlotte schlug die herrlichen Augen zu ihm auf. Im Augenblick befanden sie sich mitten in einem heiteren Gespräch. Fabian erwachte allmählich aus seiner Geistesverwirrung. Er hatte Charlotte einige Male in der„, Burg" gesehen, aber stets nur sehr flüchtig. Erst jetzt hatte er Gelegenheit, ihre ungewöhnliche Schönheit zu bestaunen, und der Anblick solch erlesener Linien und Formen rief ihn sofort zur völligen Wachheit zurück. Nichts konnte ihm willkommener sein als ihr überraschender Besuch in dieser Stunde der Verzweiflung und Hilflosigkeit. Es war wie ein Wunder, vor dem urplötzlich seine düstern Gedanken zerstoben, ihre Erscheinung bedeutete Erlösung für ihn. Charlotte schwätzte unbekümmert darauf los, und ihre Plattheiten und ihr leeres Lachen störten ihn nicht im mindesten. ,, Ich bin wirklich glücklich, Sie zu Hause getroffen zu haben", sagte Charlotte ,,, denn ich befinde mich heute in einer geradezu fürchterlichen Laune, in einer Stimmung sage ich Ihnen, wo man sich entweder aufhängen oder betrinken muß. Der Gauleiter sagte zu mir, wenn du dich langweilst, Kind, so gehe zu Fabian, der wird dir ganze Romane erzählen. Laß dir zum Beispiel den 255 Roman vom, Storchennest' von ihm erzählen. Ist das ein Roman von Ihnen?" Fabian mußte lachen und schüttelte den Kopf. ,, Storchennest?" erwiderte er. ,, Das war eine stark umkämpfte Höhe im letzten Weltkrieg, die Tausenden von Menschen das Leben kostete." Die schöne Charlotte schüttelte sich. ,, Um Gottes willen, nichts vom Krieg!" rief sie aus. ,, Dann haben Sie wohl auch nicht Verdun erobert?" Fabian lachte laut auf. ,, Nein!" antwortete er. ,, Ganz und gar nicht. Ich kämpfte nie bei Verdun." ,, Es sind lose Vögel!" lachte Charlotte. ,, Dieser Gauleiter und der noch schlimmere Rittmeister Möhn! Ja, wahrhaftig, lose Vögel sind beide, man weiß nie, ob man ihnen glauben soll oder nicht. Trotzdem bin ich ihnen dankbar, daß sie mich an Sie verwiesen haben. Es war ein Glück, daß ich Sie an diesem Abend im Hotel angetroffen habe, denn sonst wäre ich wahrscheinlich verzweifelt." Fabian dankte ihr für das Kompliment. ,, Eine so schöne Frau hat nicht das Recht, so rasch zu verzweifeln", erwiderte er. Er wünsche nichts sehnlicher, als ihr behilflich sein zu können, und erwarte, daß es ihr in der Stadt gefallen werde. ,, Hoffentlich hat man Ihnen im Hotel ein schönes Zimmer gegeben?" fragte er. Charlotte lachte hell auf. ,, Ein schönes Zimmer?" rief sie aus. ,, Der Gauleiter müßte sich ja schämen! Natürlich gab man sich Mühe, mich gut unterzubringen." Sie warf die halbgerauchte Zigarette in eine Schale und stand auf. ,, Ich habe drei schöne Zimmer", sagte sie,„ es ist eine richtige kleine Wohnung, die für den Gauleiter reserviert war. Kommen Sie, wenn Sie einen Augenblick Zeit haben, und ich werde sie Ihnen zeigen." Sie wandte sich zur Türe und winkte Fabian, ihr zu folgen. Wenn er nicht unhöflich erscheinen wollte, mußte er mit ihr gehen, und es lag nicht in seinem Wesen, der Bitte einer schönen Frau sein Ohr zu verschließen. Die Zimmer waren sehr geräumig und mit äußerster Sorgfalt eingerichtet. Überall standen große Schalen mit Maiglöckchen, ganz wie Fabian sie gestern für Christa gekauft hatte. 256 „ Sie lotte. Sch mit zie weitere heute Sie kla und sp Abend Sie Pla Zigare schien Grund essen Sekt Denn Ich bi Sie W sein." Fabia 1st u könn befin U دور aber und Sted Do die Wu 17 ein Roman „ Storchen e Höhe im das Leben ttes willen wohl auch unz und gar muleiter und haftig, los en soll oder an Sie ver sem Abend hrscheinlich chöne Frau derte er. Er önnen, und Hentlich hat fragte er rief sie aus ab man sich e und stand st eine rich rviert war en, und ich und winkte inen wollte, Wesen, der ter Sorgfalt iglöckchen ,, Sie wohnen in der Tat herrlich!" beglückwünschte er Charlotte. ,, Schön, nicht wahr?" erwiderte Charlotte, die alle Zimmer mit ziemlicher Gleichgültigkeit durchschritt. Ohne auf Fabians weiteres Urteil zu warten, fügte sie hinzu: ,, Haben Sie übrigens heute schon zu Abend gespeist? Nein! Das finde ich herrlich!" Sie klatschte sogar etwas in die Hände. ,, Dann seien Sie so nett und speisen Sie mit mir. Ja? Wir werden diesen abscheulichen Abend zusammen verbringen, wenn es Ihnen recht ist. Nehmen Sie Platz, bitte, und machen Sie es sich bequem. Hier sind auch Zigaretten." Charlotte wartete kaum Fabians Zusage ab und schien zu fürchten, daß er ihre Einladung aus irgendeinem Grunde ablehnen könne. ,, Ich werde beim Kellner zwei Abendessen bestellen, was er bringt, ist schließlich gleichgültig. Aber Sekt werde ich kommen lassen, wenn Sie nichts dagegen haben. Denn heute abend muß ich unbedingt Sekt trinken, viel Sekt! Ich bin Gast des Gauleiters, solange ich im Hotel wohne, müssen Sie wissen, und er befahl mir ausdrücklich, nicht knauserig zu sein." Sie klingelte dem Kellner. ,, Sie wissen besser als ich, Herr Fabian, welche Sektmarke hier im Hause die empfehlenswerteste ist und sprechen bitte mit dem Kellner. Ach, wenn Sie ahnen könnten, in welch furchtbarer Stimmung ich mich heute abend befinde!" Und die schöne Charlotte lachte, während sie das sagte. XIV ,, Niemand weiß, in welch furchtbarer Stimmung ich heute abend bin", sagte Charlotte abermals, nachdem sie gespeist hatten -und vom Speisezimmer in den reizenden kleinen Salon übersiedelten. Und wiederum lachte sie dabei. ,, Sie glauben es nicht, Doktor, weil ich dabei lache? Ach, wie wenig kennen Sie doch die Frauen!" ,, Dann muß ich Ihre große schauspielerische Kunst bewundern, Ihre schlechte Laune zu verbergen", antwortete Fabian. 17 Totentanz 257 Charlotte schlug die herrlichen Augen gegen ihn auf.„Ich liebe Schmeicheleien!“ sagte sie und lächelte.„Aber nun bitte ich Sie, Platz zu nehmen. Ich darf Ihnen ein Glas Sekt eingießen? Sie wissen nicht, wie dankbar ich Ihnen bin, daß Sie mir über diesen Abend hinweghelfen. Trinken wir auf gute Freund- schaft!“ Fabian verneigte sich.„Auf gute Freundschaft!“ Charlotte ließ sich in einem der breiten hellblauen Sessel nieder, in dem man mehr lag als saß. Sie hatte Zigarren und Zigaretten auf den Tisch gestellt und zündete sich selbst eine Zigarette an. Fabian möge ruhig seine Wünsche äußern, Liköre, Mokka, Whisky, was er wolle. „Ja“, begann Charlotte dann und stieß den Rauch ihrer Zigarette durch die Nase,„ich kann Ihnen nicht genug danken, daß Sie mir Gesellschaft leisten. Sehen Sie all diese Koffer hier? Nun, ich werde vorläufig nicht nach Einstetten zurückkehren, verstehen Sie? Mein Besuch in der ‚Burg‘ ist zu Ende. Der Gauleiter war sehr huldvoll zu mir. Sehen Sie diesen herrlichen Ring! Es ist ein zweikarätiger Brillant. Und dann hier, haben Sie je solch eine originelle Zigarettenspitze gesehen? Auf dem silbernen Band ist eingraviert: ‚Dem blühenden Leben!‘ Das ist natürlich ein Scherz, meine Wiener Theaterkollegen haben mir diesen Spitznamen gegeben, hahaha. Ein Mensch mit mehr Ver- stand würde glücklich sein. Aber ich bin es nicht. Ein dummer Mensch kann nicht glücklich sein, behaupte ich, die törichten Gedanken haben zu große Macht über ihn. Ein geistvoller Mensch wird heiter, wenn er Sekt trinkt, aber ein dummer wird nur noch trauriger. Sie wissen, daß Graf Dosse tot ist?“ Fabian nickte.„Ja“, sagte er voller Anteilnahme.„Ich schätzte ihn sehr.“ „Der arme Alexander, er mußte früh sein Leben lassen“, fuhr Charlotte fort,„es ist jetzt über vier Monate her, und ich habe mich schon etwas beruhigt. In den ersten Tagen konnte ich es gar nicht fassen! Sie können nicht ahnen, wie mir zumute war, als mir der Gauleiter ein Telegramm auf den Tisch legte: Graf Dosse in München bei einem Autozusammenstoß schwer ver- unglückt.“ 258 „ii ‚ erzäl neue nach Klin; auch Gau seine Saur It hl De di ki mn auf.„ Ich mun bitte ich t eingießen? Sie mir über ute Freundlauen Sessel Cigarren und selbst eine ern, Liköre, Rauch ihrer nug danken, Koffer hier? rückkehren, Ende. Der n herrlichen hier, haben ? Auf dem Den! Das ist haben mir mehr Ver Ein dummer lie törichten geistvoller ein dummer sse tot ist?" Ich schätzte lassen", fuhr und ich habe onnte ich es umute war, legte: Graf schwer ver,, In München?" fragte Fabian aufs äußerste erstaunt. ,, Ja, in München. Ich wollte sofort nach München reisen", erzählte Charlotte weiter, während sie aufstand und sich eine neue Zigarette anzündete.„ Vogelsberger telefonierte sofort nach München, aber man sagte ihm, niemand würde in die Klinik gelassen werden, dazu würde mein Besuch den Operierten auch zu stark erregen. Drei Tage später überreichte mir der Gauleiter den hiesigen Beobachter, und ich las, daß Graf Dosse seinen Verletzungen in der Klinik erlegen sei." Fabian richtete sich unwillkürlich verdutzt auf, und er war froh, daß Charlotte die Überraschung in seinen Mienen nicht sehen konnte, da sie gerade eifrig mit ihrer Zigarette beschäftigt war. Es war auch ein Glück, daß in diesem Augenblick der Kellner eintrat und den Mokka servierte. Charlotte unterbrach ihren Bericht und wandte sich an den Kellner: ,, Bestellen Sie Herrn Roßmeier", sagte sie zu ihm ,,, daß ich mit seinen Diensten sehr zufrieden sei. Ich würde nicht versäumen, es dem Herrn Gauleiter ganz besonders zu berichten." Der Kellner murmelte etwas und verbeugte sich. Während er mit den Mokkatassen hantierte, erhob sich Charlotte und ging im Zimmer auf und ab. ,, Ich konnte drei Tage niemand sehen", fuhr sie in ihrer Erzählung fort ,,, und war herzlich froh, daß man mich in diesen Tagen völlig in Ruhe ließ." ,, Keine Sahne, bitte", sagte Fabian zu dem Kellner, nur um etwas zu sagen. Er erinnerte sich noch recht deutlich, wie Vogelsberger ihm vertraulich mitgeteilt hatte, daß Dosse sich auf der Geburtstagsfeier nach einem Wortwechsel mit dem Gauleiter erschoẞ, vielleicht sei er auch betrunken gewesen. Jedenfalls wäre eine äußerst peinliche Lage entstanden. Der Hund Dosses, der Pascha hieß, habe drei Tage geheult und gejammert, daß man verrückt werden konnte. Schließlich habe der Gauleiter befohlen, den Hund zu erschießen, und ein Unteroffizier führte den Befehl aus. Er selbst habe es nicht übers Herz gebracht, sagte Vogelsberger, er kannte ja Pascha schon seit Jahren. Das alles ging Fabian blitzschnell durch den Sinn. ,, Heute hätte der arme Alexander Geburtstag!" begann Charlotte von neuem und rührte seufzend mit dem Löffel in ihrer 17* 259 Tasse.„Nun kennen Sie auch die Ursache meiner heutigen schweren Depression. Wollen Sie mir bitte noch ein Glas Sekt eingießen? Danke!“ Sie leerte den Kelch Sekt bis zur Neige, dann fuhr sie fort:„Alexander wußte, wie ich geliebt werden will. Er allein wußte es. Er liebte mich wie ein Hund! Denn sehen Sie, wenn man eine Frau wahrhaft liebt, so muß man sie wie ein Hund lieben, nicht anders, treu und bedingungslos. Da ich nicht häßlich bin, hat man mich von Jugend an geliebt und verehrt. Geliebt und verehrt, haha, was heißt das, geliebt und verehrt? Es ist das alletleichteste, es ist gar keine Kunst. Ich aber will angebetet werden, gepriesen, angedichtet, verherrlicht, vergöttert! Alexander wußte es, und so liebte er mich, ohne zu fragen, bedingungslos wie ein Hund.“ Charlotte ging auf und ab, nippte zuweilen an ihrem Glas oder streifte die Asche ihrer Zigarette ab. Sie sagte, daß sie im Laufe der Jahre von einer entsetzlichen Leidenschaft, geliebt zu wer- den, erfaßt wurde, einer wahren Sucht, und daß sie unglück- lich sei, wenn diese Leidenschaft nicht gestillt werde. Fabian hörte ihr zu, die Blicke ohne Unterbrechung auf sie gerichtet. Er sah ihr schönes Gesicht durch den Schein der Lampe gleiten, zuweilen heller, zuweilen gedämpfter, und er wußte nicht, wann es schöner war. Ihre Stirn, ihre Schläfen bezauberten ihn, und immer entdeckte er neue Schönheiten. Nie hatte er solch ein Ohr gesehen, es war wie aus einer blassen Koralle geschnitten. Niemals hatte er empfunden, daß der Mensch so sehr einer Pflanze ähnlich sein konnte. Sie erschien ihm wie eine seltene, schöne Blume, die sich bewegte. Charlotte war ins Reden gekommen und sprach fast ohne Pause. Fabian versuchte es nicht, sie zu unterbrechen. „Der Gauleiter Rumpf“, sagte Charlotte,„versteht die Frauen nicht, nein, nein! Er ist herrisch und gewalttätig, oft gut- mütig, aber sehr oft herzlos, verstehen Sie? Völlig herzlos! Er behandelt die Frauen wie Puppen. Komme hierher, setze dich, stehe auf, ich bitte dich pünktlich zu sein. Komme meinet- wegen schlecht frisiert, wenn die Friseuse nicht rechtzeitig fertig wird, aber komme pünktlich. Ein Mann, der fordert, daß eine Frau pünktlich erscheint, selbst wenn sie schlecht frisiert ist, ver- 260 BTL TE I FE steht: Forde - heutigen Glas Sekt zur Neige bt werden and! Denn ß man sie ngslos. Da zeliebt und geliebt und Kunst. Ich erherrlicht, h, ohne zu Glas oder e im Laufe Ot zu were unglückung auf sie Schein der er, und er e Schläfen chönheiten. ner blassen daß der ie erschien fast ohne ersteht die ig, oft gutherzlos! Er setze dich, me meinetzeitig fertig , daß eine ert ist, versteht die Frauen nicht. Kein Wiener würde eine solch absurde Forderung stellen." Sie blieb stehen und runzelte flüchtig die Stirne. ,, Zur Zeit kommt häufig eine andere zu ihm", fuhr sie fort. ,, Es ist eine junge Dame, die Jüdin sein soll. Er nimmt bei ihr hebräischen Unterricht." ,, Hebräischen Unterricht?" unterbrach sie Fabian. ,, Ja, hebräischen Unterricht. Er sagt, es ist Zeit, daß wir endlich die Sprache der Juden erlernen. Ich glaube, er ist verschossen in sie, doch das bleibt unter uns. Einmal stellte er sie mir vor, sie sieht aus wie eine hübsche Italienerin. Ich weiß nicht, ob er mich eifersüchtig auf sie machen wollte? Aber er wußte ja nicht, daß ich kein Talent zur Eifersucht habe, dazu bin ich zu schön!" fügte sie hinzu und lachte laut und hell. Dann bat sie Fabian, ihr noch ein Glas Sekt einzugießen und sich selbst nicht zu vergessen. ,, Alexander war nicht hübsch", begann sie von neuem ,,, ganz im Gegenteil, er war häßlich. Das war sein einziger Fehler. Aber hören Sie, sind die Männer nicht im allgemeinen häßlich? Ja, haha, was für garstige Knirpse seid ihr Männer doch!" rief sie aus. ,, Zumeist seid ihr häßlich und kraftlos. Manche sehen mit ihrem Schnauzbart aus wie Seehunde, besonders in Österreich gibt es davon viele. Der Kaiser Franz Joseph war auch so ein alter Seehund. Viele sehen aus wie melancholische alte Affen, das sind oft sehr kluge Männer, manche erinnern an Vögel mit mächtigen Adlernasen und großen Augen." Charlotte konnte nicht ausgelassen und belustigt genug lachen. Dann blieb sie stehen, den Blick nachdenklich auf den Boden geheftet und fuhr in ernstem Tone fort:„ Ja, auch Alexander war kein schöner Mann, er war sogar häßlich, aber er war ein guter Mensch, und er war der einzige Mann, der mich zu lieben verstand. Er wollte mich auch heiraten, sobald seine kranke Mutter gestorben war. Ach, und nun ist alles anders gekommen!" Charlotte ließ sich in einen Sessel fallen und schwieg. Fabian sah, daß ihre Züge sich veränderten und an ihren Wimpern plötzlich große Tränen hingen. ,, Ich habe Alexander großes Unrecht zugefügt, ganz schreckliches Unrecht!" sagte sie. ,, Ich 261 habe schlecht, sehr schlecht an ihm gehandelt, oh, sehr schlecht!" Sie streifte langsam den Ring mit dem kostbaren Stein vom Finger und schleuderte ihn zusammen mit der silbernen Zigarettenspitze auf den Boden. ,, Ich will diesen Kram gar nicht! Er ekelt mich an!" rief sie mit flammenden Wangen aus, und ihre schönen Augen schwammen in Tränen. Fabian erhob sich nach einer Weile und bat, sich verabschieden zu dürfen. Es war spät geworden, als er in sein Zimmer zurückkehrte. Seine finsteren Gedanken überfielen ihn, sobald er wieder allein war, aber der Sekt, den er bei der schönen Charlotte genossen hatte, verlieh ihm mehr Mut. Vielleicht sind es nur Albernheiten, die du dir einbildest, sagte er zu sich. Wahrscheinlich wird sich in wenigen Tagen alles aufklären, und du hast dir ganz umsonst das Herz schwergemacht. Jedenfalls wird es das beste sein, du schläfst erst einmal darüber. Morgen kann ein Brief von Christa da sein und alles wird anders aussehen. Du hast noch immer Zeit, diesen Brief zu schreiben, vergiß dies nicht. In g in die Abzeic Sie der G neigte auf se absich lassen. Cha den si origin mung plaud als of Sonsti Fab kurze N" Freun XV Am andern Morgen erwachte Fabian ermüdet und völlig apathisch, es war schon ziemlich spät. Er hatte nicht die geringste Lust, zu arbeiten, und bat seinen Vertreter, an seiner Stelle einen Termin beim Gericht wahrzunehmen. Die losen Blätter des Abschiedsbriefes an Christa verschloß er in seinem Schreibtisch, ohne einen Blick hineinzuwerfen, ganz als seien es Schriftstücke eines fremden Menschen, so gleichgültig war ihm alles. Es kam kein Brief von Christa, aber als er sich rasierte, klopfte der lange Vogelsberger an seiner Türe, um ihm mitzuteilen, daß der Gauleiter ihn um ein Uhr zum Frühstück im ,, Stern" befehle. ,, Madame Austria wird auch anwesend sein." Diese Einladung empfand er als eine hohe Ehre, und sie belebte ihn ein wenig. Es war das erste freudige Gefühl, das ihn seit Tagen erfüllte. 262 W lotte der D leiter Pl Sie mit Sie R ihm eine G A er v geha er s - schlecht!“ Stein vom - silbernen Kram gat Tangen aus, rabschieden rückkehrte ieder allen IE te genossen} ur Alben} rscheinlic| st dir ganz| es das beste n Brief vor hast nocl# In gehobener Stimmung begab er sich um ein Uhr hinunter in die Speiseräume des Hotels. Er trug seine Uniform mit den Abzeichen eines Obersturmführers. Sie dinierten zu dritt in einem kleinen Zimmer des„Stern“, der Gauleiter, die schöne Charlotte und er. Roßmeier ver- neigte sich voller Ehrfurcht vor ihm, daß er sogar die Hörner auf seiner Glatze deutlich sehen konnte. Der Gauleiter be- absichtigte, die Stadt am nächsten Tag auf längere Zeit zu ver- lassen. Charlotte trug natürlich den Ring mit dem kostbaren Stein, den sie gestern abend auf den Boden geworfen hatte, auch die originelle silberne Zigarettenspitze mit der eingravierten Wid- mung:„Dem blühenden Leben“ gebrauchte sie später. Sie plauderte und lachte wie immer, aber es machte den Eindruck, als ob Rumpf, der sehr geistesabwesend war, ihr nicht die sonstige Aufmerksamkeit schenke. Fabians apathische Stimmung verlor sich rasch während des kurzen Diners und er wurde bald sogar recht guter Laune. „Nehmen Sie sich der jungen Schönheit etwas an, mein lieber Freund“, sagte Rumpf zu Fabian. Freund nannte er ihn! „Wir werden gewiß gute Freunde werden!“ erwiderte Char- lotte und warf Fabian einen Blick aus ihren schönen Augen zu, der von einem verführerischen Lächeln begleitet war. „Das wird mich von ganzem Herzen freuen“, lachte der Gau- leiter,„eine schöne Frau darf sich nie langweilen.“ Plötzlich hatte er es sehr eilig. Er befahl, Roßmeier zu rufen. „Sie haben da neulich einen alten Sekt gehabt“, sagte er zu ihm, „mit einer goldenen Kapsel, der war ganz vorzüglich. Bringen Sie uns eine Flasche, wir wollen sie zum Abschied trinken.“ Roßmeier verneigte sich geschmeichelt, und Rumpf erklärte ihm lachend, daß die Hörner auf seinem Kopf in der Tat um einen Zentimeter gewachsen seien. Gleich darauf verabschiedete er sich. Als Fabian nach dem Mittagessen die Treppe emporstieg, sah er vor seinem Zimmer zwei junge Leute stehen. Es waren An- gehörige der Hitlerjugend oder sonst etwas Ähnliches. Sobald er sich näherte, nahmen sie augenblicklich militärische Haltung 263 an, der größere schlug die Hacken zusammen, kommandierte scharf und vernehmbar: ,, Achtung!", der kleinere aber stand still und steif mit einer Hakenkreuzfahne in der Hand. Da erst erkannte er sie. Es waren seine beiden Söhne, Harry und Robby, die er seit Jahren nicht gesehen hatte und an denen er mit heißer Liebe hing. Helle Freude loderte durch sein Herz! Er begrüßte sie stürmisch, während die beiden sich förmlich und zurückhaltend benahmen. Der kleinere, Robby, der die Hakenkreuzflagge trug, sah schmächtig und blaß aus, dazu hatte er einen weißen Verband um die Stirn, was ihm das Aussehen eines Soldaten gab, der soeben verwundet aus der Schlacht kam. ,, Da seid ihr ja, ihr beiden!" rief Fabian aus und seine Brust. ,, Und was hat denn unser armer Robby?" Aufwa Er lief Wie er gehört einer fragw Clo als Va gesteh dies w sie an zog Schlu M Ihr sechs ,, Er wurde gestern beim Sturm auf die Schanze verwundet", antwortete der ältere Harry, der einen kräftigen und forschen Eindruck machte. دو Fabian lachte., Wie soll man daraus klug werden? Kommt herein, Kinder!" sagte er und schob seine beiden Söhne in sein Zimmer. ,, Wo wurde er verwundet, sagst du?" ,, Beim Sturm auf die Schanze, Papa", erklärte Harry. ,, Einen Augenblick", fiel ihm Fabian ins Wort. ,, Wollt ihr beide Schokolade und Kuchen? Ja? Eine Menge Kuchen?" Er machte beim Kellner die Bestellung, und dann mußten die Knaben ausführlich von ihrer Schanze erzählen. Sie hatten da im Schindergraben eine große Schanze gebaut, und diese Schanze sollte gestürmt werden. Robby gehörte zu den Verteidigern, der roten Partei, und Harry zur blauen, die stürmte. ,, Ihr habt uns betrogen!" rief der kleinere Robby, der seine Fahne an das Sofa gelehnt hatte, wo sie immer wieder umfiel. ,, Ihr habt nicht aufgepaßt", erwiderte Harry schroff. ,, Ihr habt euch überrumpeln lassen, ihr Feiglinge." ,, Feiglinge? Wir Roten sind keine Feiglinge!" verteidigte sich Robby mit seiner Binde um den Kopf. ,, Eine solche Schanze verliert man nicht!" erklärte Harry. Fabian ließ die beiden Jungen ruhig streiten, wobei er sie genau beobachtete. Das waren seine beiden Söhne, die er in einer HI „ S eine wach „ G Stur S H siebe mir Fa H mit Von E und aller der D Sch Fab 264 mmandierte aber stand d. hne, Harry and an denen sein Herz! ch förmlich py, der di dazu hatte as Aussehen hlacht kam zog sie an werwundet" and forschen en? Kommt Shne in sein arry. Wollt ihr " uchen?" E mußten di anze gebaut gehörte zu blauen, die py, der seine er umfiel Schroff. Ihr arteidigte sich e Harry. wobei er si die er in einer Aufwallung für Christa geopfert hatte und sie Clotilde überließ. Er lieferte sie der geistigen Atmosphäre der Mutter aus, die ihnen, wie er wußte, unter Umständen gefährlich werden konnte. Heute gehörten sie der Hitlerjugend an. Er selbst hätte sie sicherlich von einer Politik ferngehalten, die er selbst in vielen Punkten für fragwürdig hielt. Clotilde hatte die Macht über ihre Seelen ergriffen, und er als Vater war völlig ausgeschaltet, wie er sich bekümmert eingestehen mußte. Seit einigen Monaten waren sie in der Stadt, und dies war ihr erster Besuch bei ihm. ,, Ihr habt die Trommel geschlagen", rief Robby ,,, das war als Schlußzeichen vereinbart." ,, Mache dich nicht lächerlich, Robby!" widersprach Harry. ,, Ihr mußtet eben wissen, daß es noch volle fünf Minuten vor sechs Uhr war." ,, Ihr habt uns betrogen!" schrie Robby. ,, Es war glatter Betrug!" ,, Schwätze doch nicht, Kleiner!" ereiferte sich Harry. ,, Es war eine erlaubte Kriegslist. Ein Soldat muß bis zur letzten Minute wachsam sein! Ihr habt die Schanze aus Nachlässigkeit verloren." ,, Genug jetzt!" schlichtete Fabian den Streit.„, Und beim Sturm bekam Robby seine Beule?" ,, Sie schlugen mich mit einer Zaunlatte über den Kopf, Papa." Harry zeigte stolz seinen Ehrendolch. ,, Ich bin Führer des siebenten Fähnleins", sagte er selbstbewußt. ,, Der Dolch wurde mir wegen tapferen Verhaltens verliehen.“ Fabian lächelte. ,, Wer ist denn euer Führer?" fragte er. Harry erhob sich, nahm militärische Haltung an und grüßte mit erhobenem Arm. ,, Unser Führer ist Standartenführer Oberst von Thünen. Er hat auch die Schanze gebaut." Endlich brachte der Kellner die Schokolade und den Kuchen, und nun plauderten die Knaben etwas ruhiger. Sie erzählten von allen möglichen Abenteuern und von den letzten Ereignissen in der Pension, die Fabian häufig besucht hatte. Da hatte sich zum Beispiel der Mathematiklehrer Doktor Scholl erschossen, einen Monat vor ihrem Abgang. ,, Doktor Scholl? Ja, warum erschoß er sich denn?" fragte Fabian. 265 „Er sollte seine Stellung verlieren, weil er nicht in die Partei| eintrat“, antwortete Robby. n „Weil er ein Feigling war!“ urteilte Harry. Fabian widersprach ihm kopfschüttelnd.„Traurig“, sagte er, „höchst traurig, er war bei allen Menschen als ein rechtlicher Mann und vorzüglicher Pädagoge geschätzt. Du urteilst zu übereilt, lieber Harry.“ „Nur ein Feigling kann sich erschießen“, verteidigte Harry seine Ansicht.„Die Partei verurteilt den Selbstmord als feige Handlung aufs schärfste.“{ Endlich aber kamen die beiden Jungen auf den eigentlichen Grund ihres Besuches zu sprechen. Es handelte sich um Harrys Geburtstag. „Am nächsten Ersten feiere ich Geburtstag“, rief Harry, „und wir sind gekommen, dich zu meinem Geburtstag ein- zuladen.“ Fabian. dachte nach.„Schön“, sagte er unentschlossen,„ich werde mein möglichstes tun, Harry.“ „Auch Mama erwartet dich“, ergriff Harry abermals das Wort, und Robby fügte hinzu:„Mama läßt dich bitten, an Harrys Geburtstag bei uns zu Mittag zu essen und erwartet dich bestimmt. Ich habe den Auftrag, dir dies zu bestellen.“ Nach einer Weile gingen die beiden Jungen wieder. Fabian blickte ihnen nach, wie sie durch den Korridor gingen, Harry mit seinem Ehrendolch und der kleine Robby mit seinem verbundenen Kopf und der Fahne. Meine Söhne! dachte er. Sie werden noch viele Jahre einen Berater nötig haben. Es ist gut, daß sie kamen und mich an meine Pflichten als Vater erinnerten. XVI Fabian speiste häufig am Abend mit/Charlotte im Hotel. Zu- weilen lud sie ihn auch in ihre reizende kleine Wohnung zu| einem erlesenen Diner ein, das sie selbst zusammenstellte und 266 Cs anordnete. Das war eine ihrer Begabungen. Bei dieser Ge- legenheit ließ sie die kostbarsten Rheinweine und stets Sekt servieren. Der Gauleiter hatte sie nicht umsonst ermahnt, nicht n die Part knauserig zu sein. ‚sagte& \ rechtliche” gewöhnte Fabian sich an Charlotte, nur an ihre urteilt" Schönheit vermochte er sich nicht zu gewöhnen. Sie überwältigte ihn täglich aufs neue. Christas Bild verblaßte mehr und mehr in ihm, wenn: auch die Trauer um ihren Verlust erst nach Monaten aus seinem Herzen ganz verschwand. Den Abschiedsbrief an Christa hatte er eines Tages verbrannt. Welch eine Verirrung! i sagte er vorwurfsvoll zu sich.’ An deine zwei Söhne mußtest du ‚um Hai vor allem denken! i Seine Trauer wurde eines Tages wieder geweckt, als er einen 7 Brief von Frau Beate aus Baden-Baden erhielt. Dem Brief lag ein hoher Scheck bei. Frau Beate dankte ihm kühl, aber sehr höflich für seine Bemühungen, sie habe sich nun ja mit ihren 4" Brüdern geeinigt. Kein Gruß von Christa, kein Wort von Me Christa. Er schüttelte seufzend den Kopf und ging hinunter ins Hotel, “ um mit Charlotte und Rittmeister Möhn zu Abend zu essen. Rittmeister Möhn war zum Stellvertreter des Gauleiters er- © mnnt worden und führte in seiner Abwesenheit die Geschäfte. | Charlotte, die bis zwölf Uhr schlief und nachmittags einige , Stunden auf ihre Toilette verwandte, hatte es leicht, am Abend - vor Lebendigkeit zu sprühen. Sie kokettierte an diesem Abend "auffallend mit Rittmeister Möhn, dessen verwegenes Aussehen sie liebte. -„Herr Rittmeister“, sagte sie lachend zu ihm,„Sie sehen aus al ob Sie vor nichts Angst hätten! Haben Sie denn wirklich vor u nichts Angst?“ „Doch, ich habe Angst vor Ihrer Schönheit!“ erwiderte der Rittmeister. „Also kann Schönheit auch abschreckend wirken?“ fragte i Charlotte und tat bestürzt.„Und Sie, mein Freund?“ wandte sie sich an Fabian.„Haben Sie auch vor meiner Schönheit Angst?“ "Fabian schüttelte den Kopf.„Nicht im geringsten“, er- er. 267 Char ,, Gott sei Dank!" rief Charlotte wie befreit aus und richtete ihre schönen Augen strahlend auf Fabian. ,, Dann habe ich ja noch Aussichten. Ich befürchtete schon, Sie hätten eine unglückliche Liebe, da sie oft so niedergedrückt sind." Fabian erinnerte sich den ganzen Tag ihres Blicks und ihrer Worte. Nein, dachte er bei sich, mit der unglücklichen Liebe ist es für immer vorbei. Zuweilen ging er mit ihr in der Dämmerung in den Straßen spazieren, um die Läden zu betrachten. Es war nach seinem Geschmack, sich mit einer solch schönen Frau zeigen zu können. Die Leute bestaunten Charlotte, sie erschien ihnen wie ein Mensch aus einer andern Welt mit schöneren Wesen. ,, Es ist die Mätresse des Gauleiters", hörte er einen Mann seiner Frau ins Ohr tuscheln. Mätresse? Das Wort gab ihm einen Stich ins Herz. Nur selten betrat er mit ihr die Läden, die sie bei ihren Einkäufen besuchte, denn sie besaß die üble Angewohnheit, stets auf ihre intime Bekanntschaft mit dem Gauleiter anzuspielen. Von ihren kleinen Spaziergängen kehrten sie ins Hotel zurück und plauderten noch ein wenig. Bald hatte er Christa völlig vergessen, und sogar in seinen Träumen erschien sie nicht mehr wie früher. An einem Abend lud ihn Charlotte wieder in ihre kleine Hotelwohnung zum Abendessen ein.„ Ich feiere ein kleines Fest!" sagte sie geheimnisvoll. ,, Was für ein Fest es ist, werden Sie später erfahren." Er besorgte besonders schöne Blumen für den Abend. Wahrscheinlich feiert sie Geburtstag, dachte er. Das kleine Speisezimmer war festlich beleuchtet, der Tisch herrlicher geschmückt denn je zuvor. Silber und Kristall blitzten, in den Karaffen funkelte weißer und roter Wein. Ein Kellner aber war nicht zu sehen. ,, Hier bin ich!" rief Charlotte aus dem kleinen Salon. Dort lag sie festlich gekleidet in einem Sessel und streckte ihm die Hand zum Kusse entgegen. Fabian überreichte seine Blumen. ,, Dem unbekannten Gott des Festes!" sagte er. sein, ob Müde " M sehr au „ Gn und fas lotte z Charlo Sie nicht. sie end n Sessel Finger sei das Sucher Ich gegnet Ga Magne cigens Fab zart e ermü D schon schlaf Fund die L Strich Er Antli Die 268 und richtet habe ich j ten eine un cks und ihrer klichen Liebe den Straßen h seinem Ge n zu können nen wie e - einen Man TZ. Dei ihren Ei ohnheit, ste ranzuspiele Hotel zurüc sta völlig ver e nicht meh kleine Hote kleines Fest! werden Si Abend. Wah et, der Tisch ristall blitzten Ein Kellner Salon. Dort eckte ihm die kannten Gott Charlotte dankte mit leiser Stimme. Ihr schien nicht wohl zu sein, obschon ihr Antlitz gepflegt und frisch wie immer aussah. Müde und gleichgültig nahm sie die Blumen entgegen. " , Was ist mit Ihnen, gnädige Frau?" fragte Fabian, der sich sehr auf den Abend gefreut hatte. ,, Gnädige Frau?" erwiderte Charlotte mit zerknitterter Stirn und fast unfreundlicher Stimme. ,, Sagen Sie doch einfach Charlotte zu mir." Er beugte sich über ihre Hand. ,, Was ist mit Ihnen heute, Charlotte?" Sie lächelte müde, und dieses apathische Lächeln gefiel ihm nicht. Offenbar hatte sie sich erkältet. ,, Ich habe Kopfschmerzen, mein lieber Freund", antwortete sie endlich. ,, Ich habe schon alles probiert, aber der Kopfschmerz will nicht vergehen." Mit einem Seufzer legte sie sich in den Sessel zurück und schwieg. Dann begann sie mit ihren zarten Fingern langsam ihre Schläfen zu streichen und behauptete, das sei das einzige Mittel, das ihr helfen könne. ,, Vielleicht versuchen Sie einmal Ihre Kunst?" ,, Ich befürchte, daß ich keine glückliche Hand habe", entgegnete Fabian. ,, Ganz im Gegenteil, ich bin überzeugt, Ihre Hand ist voller Magnetismus. Einerlei, versuchen Sie es", bestand Charlotte eigensinnig auf ihren Wunsch. Fabian trat bereitwillig näher und vollführte langsam und so zart er konnte dieselben Striche über ihre Schläfen, ohne zu ermüden, immer von der Stirn herab zum Ohr. ,, Das tut gut", flüsterte Charlotte ,,, das ist herrlich! Ich fühle schon, wie ich müde werde. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, müssen Sie wissen." Zuletzt sagte sie nur: ,, Schön, wundervoll!" Und endlich öffnete sie nur noch die Lippen, als ob sie ,, schön" sagen wollte. Nach einiger Zeit bewegte sie auch die Lippen nicht mehr, während er fortfuhr, die magnetischen Striche zu vollführen. Ihr Gesicht wurde ganz ruhig. Er hatte reichlich Gelegenheit, dieses märchenhaft schöne Antlitz zu betrachten, das ihn mit einer gewissen Scheu erfüllte. Die Stirn, die Nase, die Wangen, die Lippen, wie das alles ge269 bildet war! Die Nase war besonders herrlich geformt, zart und doch kräftig, einen schöneren Mund hatte er nie gesehen, er er- I - innerte an die Formen sanft gewellter Rosenblätter. Deutlich vermochte er sogar den unendlich zarten, blonden Flaum auf ihrer Oberlippe zu erkennen. Plötzlich seufzte sie ganz leise, dann bewegte sie sich nicht im leisesten mehr. Sie schien ein- geschlafen zu sein. Nach einer Weile löste er vorsichtig die Hände von ihren Schläfen, aber als er im Begriff war, sich lautlos aufzurichten, war es ihm, als ob ein Lächeln um die Mundwinkel der Schlafen- den spiele. Gleich darauf lächelte Charlotte stärker und schlug ihre Augen auf, deren heller Glanz ihn traf. „Bin ich eine gute Schauspielerin, wie?“ flüsterte sie.„Glauben Sie, daß ich es zu etwas bringen werde?“ fuhr sie mit erwachen- der Stimme fort und begann hell und triumphierend zu lachen. Fabian vermochte nicht ein Wort hervorzubringen und konnte nur nicken, so überrascht war er. Charlotte aber umschlang seinen Nacken mit ihren zarten Händen und mit einer Kraft, die er nicht für möglich gehalten hätte, zog sie seinen Kopf zu ihrem Gesicht herab und küßte ihn herzhaft auf die Wange. Dann sprang sie auf und lachte laut. „Haben Sie noch immer keine Angst vor meiner Schönheit!“ rief sie aus.„Nein? Nun, dann wollen wir unser Fest feiern!“ Und sie klingelte nach dem Kellner. Das Fest dauerte bis zum frühen Morgen, und als sie sich verabschiedeten, duzten sie sich. Seit diesem Abend waren sie unzertrennlich. Man sah s« häufig durch die Stadt fahren, Charlotte holte Fabian vom Büro ab, an den Sonntagen machten sie Ausflüge in die Umgebung der Stadt. Sie verlebten zusammen einen schönen Sommer, und es sah ganz so aus, als wären sie verheiratet. Tate dick ICKt Einmal nahm Fabian sie sogar auf eine Dienstreise nach Berlin mit, wo er eine Woche zu tun hatte. Ihre Schönheit bezauberte alle Welt. Die Gespräche verstummten, wenn sie vorüberging: Ihre Erfolge schmeichelten Fabian. Im übrigen beobachtete er, daß sie nicht urfempfindlich gegen die Blicke begeisterter Männer war. Dann schlug sie ihre Augen 270 mt, zart un gesehen, er er tter. Deutlic en Flaum au sie ganz leise Sie schien en de von ihre aufzurichten I der Schlafen er und schi sie. ,, Glaub mit erwache end zu lache gen und kom ihren zart Sglich gehal und küßte nd lachte la r Schönhe Fest feier and als sie s Man sah Dian vom Bir die Umgebu Sommer, un crise nach Berl eit bezauber e vorübergi pfindlich gege sie ihre Auge groß auf, ihr Lächeln veränderte sich, es wurde lebendiger, beseelter, manchmal erschien es voller Liebe. Auch ihr Lachen veränderte sich, es wurde heller, sieghafter, oft aber klang es auch gemacht und künstlich. Die bewundernden Blicke schwärmerischer Frauen aber übersah sie völlig. Sie existierten für sie überhaupt nicht. Eines Tages aber, ganz plötzlich, war alles zu Ende. Der lange Vogelsberger mit seinem weizenblonden Haarschopf erschien, als sie im ,, Stern" zu Mittag speisten und sagte: ,, Ich habe die Ehre, gnädige Frau, Ihnen mitzuteilen, daß morgen vormittag um elf Uhr ein Flugzeug für Sie bereitsteht." Charlotte erblaßte. ,, Ein Flugzeug?" hauchte sie. ,, Der Gauleiter hat Sie mit dem Flugzeug hierherfliegen lassen", fuhr Vogelsberger in seiner schwarzen Parteiuniform mit der gleichen Höflichkeit lächelnd fort ,,, und er hält es für seine Schuldigkeit, Sie wieder mit dem Flugzeug nach Hause zurückzubringen. Und zwar hat er mir den ehrenvollen Auftrag erteilt, Sie bis Wien zu begleiten und Sie auf dem Wiener Flugplatz abzusetzen. Das ist mein Befehl." Charlottes Blicke flackerten. Sie sah noch immer blaẞ aus. Und wenn ich mich weigere, das Flugzeug zu benutzen?" fragte sie. Vogelsberger verschlug es vor Erstaunen die Rede. Lächelnd blickte er Charlotte an. Seine Bewunderung für sie war grenzenlos. Er gehörte zu den wenigen Menschen, die sie damals bei der Geburtstagsfeier des Gauleiters auf dem Mahagonitisch nackt tanzen sahen. Sie trug lediglich ein winziges Schleierhöschen, und der Anblick war so verwirrend, daß er ihn sein ganzes Leben nicht vergessen würde. Daran dachte er jetzt. 13 Er blickte noch immer lächelnd auf Charlotte, als er sagte: Als Ihr Freund und Verehrer würde ich Ihnen raten, es nicht Zu versuchen. Sie wissen, daß ich es gut mit Ihnen meine. Also gut! Pünktlich einhalb elf Uhr morgens werde ich vor dem Hotel sein und Sie abholen." Und Vogelsberger klappte mit den Absätzen und ging. 271 XVII Die plötzliche Abreise Charlottes war für Fabian eine sehr unangenehme Überraschung. Er hatte sich an sie gewöhnt und vergaß es ihr nicht, daß sie ihm, ohne daß sie es wußte, über schwere Wochen und Monate seines Lebens hinweggeholfen hatte. Zu seinem eigenen Erstaunen aber war er im Grunde genommen nicht betrübt, daß sie fortging, er empfand keine tiefere Sehnsucht und keinen Schmerz. Im Gegenteil, er fühlte sich erleichtert und befreit. Sie war einer jener Menschen, die man vergißt, sobald sie die Türen hinter sich geschlossen haben. Nichts hinterließ sie als die Erinnerung an ihre Schönheit. Es genügt also keineswegs, nur schön zu sein, dachte er, als er allein bei einem Glas Wein im ,, Stern" saß. Wir lieben ganz andere Eigenschaften in einem Menschen. Wenn er an Christa dachte, so schämte er sich fast, so viele Monate mit einem Wesen vergeudet zu haben, das eine volle Stufe niedriger stand als sie. ich die Oft war es ihm nicht leicht gewesen, über ihrer Schönheit die Oberflächlichkeit und Anmaßung zu vergessen, die ihr eigen war. Ihre Schönheit war ihr zum Fluch geworden, so daß sie die Menschen nur mit rein ästhetischen Maßstäben maß und ihre moralischen und geistigen Fähigkeiten überhaupt nicht beachtete. Man sagt, meine Schönheit behext die Männer, man sagt, mein Lachen kann Tote erwecken, diese Aussprüche Charlottes gingen ihm durch den Sinn. Über cher liefe. Ihre Schönheit war für sie der Mittelpunkt der Welt geworden, um den sich alles drehen mußte, und ihr heißester Wunsch war es, angebetet und vergöttert zu werden. Ein Mann mußte ihr Sklave und Diener sein, er durfte nur sie sehen, und die Aufgabe seines Lebens war es, sie zu verherrlichen. „ N Sie daß F Ein Gaule Er dachte auch an den Hochmut, mit dem sie über Frauen urteilte, die sie für gewöhnlich keiner Beachtung wert fand Wie oft hatte er ihre Überheblichkeit heftig verurteilt. Heute mußte er über ihre hochmütigen Bemerkungen lachen. Wenn eine vollbusige Dame vorüberging, pflegte sie zu sagen: wenm 272 Einen moch sich Laun ᎠᎴ schah Weite mir SOVIC zum D wäh sagte wart Hen gebr IN Lau F dies Ein reid na ian eine seh gewöhnt und wußte, übe weggeholfe de genomme tiefere Sehr hlte sich e die man ve haben. Nicht dachte er, a ir lieben gan er an Christ e mit eine iedriger sta Schönheit d die ihr eig en, so daß s maß und ihr pt nicht be Männer, sprüche Cha der Welt ma ihr heißeste den. Ein Man sie sehen, chen. e Un über Fraue g wert fand rurteilt. He lachen. Wen sagen: went ich diesen Busen hätte, würde ich sofort Selbstmord begehen. Über eine Frau mit großen Füßen äußerte sie: ich würde mir eher die Zehen mit dem Beil abschlagen, bevor ich so herumliefe. ,, Nun, lebe wohl, Charlotte", sagte Fabian und hob sein Glas. Sie war jetzt drei Tage fort, und man konnte nicht behaupten, daß Fabian sich sonderlich grämte. Eine Frage aber beschäftigte ihn häufig. Weshalb hatte der Gauleiter Charlotte so plötzlich nach Wien bringen lassen? Einen Anlaß dazu mußte er doch wohl gehabt haben. Er vermochte aber nie hinter dieses Geheimnis zu kommen, so sehr er sich auch Mühe gab. Wahrscheinlich war es nichts als eine Laune von ihm, dachte er. Doch plötzlich beunruhigte ihn die Frage aufs neue. Das geschah, als ihn der Gauleiter nach einigen Wochen ohne jede weitere Erklärung nach Einstetten beorderte. Vielleicht wird er mir Vorwürfe machen, dachte er, daß ich mich mit Charlotte soviel vor aller Welt zeigte? Es war ihm etwas unbehaglich zumute. Doch Rumpf dachte nicht im entferntesten daran, er erwähnte Charlotte überhaupt mit keinem Wort. In der ,, Burg" sagte man ihm, daß der Gauleiter ihn im Billardzimmer erwarte. Er war jedoch äußerst überrascht, Rumpf, der ihn in Hemdärmeln und mit dem Queue in der Hand begrüßte, nicht allein zu finden. Eine schwarzhaarige junge Dame mit sonnengebräunten Wangen lehnte am Billard. ,, Die Dame behauptet, Sie zu kennen", sagte Rumpf in bester Laune. Fabian machte der jungen Dame eine Verbeugung, und in diesem Augenblick drehte sie sich um. Es war Marion! Man durfte sich in dieser Welt wahrhaftig über nichts mehr wundern! Einmal traf man bei dem Gauleiter die schönste Frau Osterreichs, einmal eine gute Bekannte, die Jüdin war. ,, Marion?" rief Fabian freudig überrascht aus. Rumpf lachte laut auf. Derartige Überraschungen waren nach seinem Geschmack. Ja, ich bin es in der Tat", begrüßte Marion Fabian und 18 Totentanz 273 lachte ihr kerniges, frisches Lachen. Dabei wurde sie blutrot vor Verlegenheit.„Sie sehen mich hier in doppelter Eigenschaft“, sagte sie,„als Lehrerin für Italienisch und als Schülerin im Billardspiel.“: Rumpf lachte noch immer heftig, während er sein Queue leb- haft mit der Kreide bearbeitete.„Nun sehen Sie sich nur das Mädchen an!“ rief er aus.„Klingt es nicht wie eine Entschuldi- gung? Man könnte fast glauben, ich hätte ein Verhältnis mit ihr angefangen?“ Marions Wangen wurden noch röter. Sie würdigte Rumpf keines Blickes, sie blickte an ihm vorbei und beschäftigte sich wieder mit den Elfenbeinbällen auf dem Billard. Rumpf aber wandte sich, noch immer lachend, an Fabian. „Und dabei bin ich ihr noch nie näher als Ihnen gekommen!“ sagte er.„Fräulein Marion ist in der Tat als italienische Lehrerin bei mir tätig. Nun habe ich aber nicht das geringste Talent, den gehorsamen Schüler zu spielen und an einem Tisch zu sitzen. Da kam mir der Gedanke, ob man nicht italienische Konver- sation recht gut mit Billard verbinden könne? Und es ging. Oder ging es nicht, professora?““ „Eccelentissimo, commodore!“ rief Marion, über das Billard gebeugt. „Professora und commodore“, erklärte Rumpf,„das sind die Titel, auf die wir uns geeinigt haben, müssen Sie wissen. Sie werden erstaunt sein“, fuhr er fort,„welche Fortschritte Fräu- lein Marion in den wenigen Wochen gemacht hat! Es ist einfach unglaublich! Ich werde ihr bald nichts mehr vorgeben können.“ Fabian beobachtete Marion beim Spiel. Sie spielte in der Tat recht gut. Als ausgezeichnete Tennisspielerin konnte ihr das Billardspiel, das ein rasches Auge und große körperliche Ge- wandtheit erfordert, natürlich nicht schwerfallen. Da verfehlte sie, halb auf dem Billard sitzend, einen Ball und schüttelte den Kopf. Sie lachte laut auf.„Es ist doch schwerer als man glaubt!“ rief sie aus. „Ihr Effet war zu schwach, das war alles“, bemerkte Rumpf. „Nun aber wollen wir eine kleine Pause einschalten, professora, und eine Tasse Tee trinken. Bitte hierherzukommen.“ 274 Sa re eine daR Ikte : blutrot vor isenschaft‘, ‚chülerin in »ekommen! che Lehren! Talent, de In einer Ecke des Billardsaals war eine erhöhte Nische für Zu- schauer und Gäste eingebaut, und hier tranken sie Tee. „Lieber Freund“, begann der Gauleiter lächelnd zu Fabian ge- wandt,„als Menschenkenner werden Sie längst beobachtet haben, daß Marion meine Sympathien im höchsten Maße ge- funden hat?“ „Herr Commodore!“ rief Marion lachend.„Ich sehe, daß ich den Herren im Wege bin.“ „Es ist schwer, Marion nicht äußerst sympathisch zu finden“, erwiderte Fabian mit Überzeugung. „Schwer, Sie sagen schwer?“ fuhr Rumpf fort.„Es ist völlig unmöglich, behaupte ich: Und doch, ich gebe Ihnen mein Ehren- wort, habe ich es noch nicht gewagt, ihr die Hand zu küssen, so spröde und unnahbar ist sie.“ Marion erhob lebhaften Einspruch. Rumpf aber lachte nur.„Ja, so spröde und unnahbar!“ wider- holte er.„Und dazu ist es auch gefährlich, müssen Sie wissen!” schloß er laut lachend. Marion strich sich die schwarzen Locken unruhig aus der Stirn und machte Miene sich zu erheben.„Herr Commodore!“ rief sie erneut aus und wiederholte ihren Einspruch auf italienisch, so daß Fabian sie nicht völlig verstand. Noch nie hatte er den Gau- leiter so kameradschaftlich mit einem Menschen umgehen sehen. Rumpf aber fuhr fort zu lachen.„Verzeihen Sie, professora“, erwiderte er,„ich werde ja nichts von dem Dolch erzählen!“ „Ich bitte herzlich!“ rief Marion aus, der die Röte bis in die Haarwurzeln schoß. Nunmehr wandte Rumpf sich an Fabian.„Marion führt nämlich immerfort einen Dolch bei sich“, sagte er.„Diesen Dolch will sie gegen jedermann gebrauchen, sei es, wer es auch sei. Sogar gegen mich, wenn es sein muß.“ Marion sprang auf. Sie war plötzlich blaß geworden. Sich! bitte, mich entfernen zu dürfen, Herr Gauleiter!“ sagte sie förmlich und ernst. Sofort hörte Rumpf auf zu lachen. Mit bestürzter Miene blickte er auf Marion.„Aber ich bitte Sie herzlich, Marion!“ rief er aus.„Sie werden doch einen Scherz verstehen? Ich wäre wirk- 185# 275 lich aufs äußerste betrübt, wenn meine Albernheiten Sie vertreiben würden. Trinken Sie in aller Ruhe weiter Ihren Tee und lächeln Sie, zum Zeichen, daß Sie nicht mehr böse sind." Er behandelte sie wie ein Kind, dachte Fabian, bei Gott, Charlotte hatte recht, er versteht die Frauen nicht. Marion nahm wieder Platz. Sie lächelte, während sie Tränen in den Augen hatte. Verzeihen Sie, Marion", sagte Rumpf ,,, ich habe heute meinen übermütigen Tag!" دو Die Besuche Marions waren dem Gauleiter zur Gewohnheit geworden. Er hatte mehrmals den Versuch gemacht mit dieser Gewohnheit zu brechen und ließ Marion kurzerhand absagen. ,, Zum Teufel!" fluchte er und knirschte mit den Zähnen. ,, Bist du denn verrückt geworden? Laß die hochmütige Jüdin doch einfach laufen, es gibt ja genug andere!" Aber der Versuch bekam ihm sehr schlecht. Eine quälende Unruhe folterte ihn, seine Laune war einige Tage lang einfach unerträglich, so daß er sich betrinken mußte. Was, bei allen Teufeln, war in ihn gefahren? Er kannte sich selbst nicht mehr. Am nächsten Tag rief er selbst bei Marion an und wurde erst wieder ruhig, als er sie erblickte. So war es nun einmal. ,, Gut", sagte er sich ,,, daran ist nichts zu ändern. Eines Tages wird sie selbst von diesem platonischen Unfug genug haben, schließlich ist sie ja eine junge Frau." die Lastwa eine drohe der Straße mit ihren acht! Juda lärmenden halten, dar wieder in Der Lär Unrast und gute Sitten konnte nic grölen ko niemand d großen La aufgetauch So bega Im Her Stadt plöt schrocken rasselnde die schrill rissen ersc Auf der S hin, und e Synagoge XVIII Die Unruhe begann schon im Sommer, als Charlotte noch in der Stadt weilte. Eines Tages wollten Charlotte und Fabian in der Wilhelmstraße Besorgungen machen, als sie durch drei große Lastwagen aufgehalten wurden. Auf den Lastwagen standen dicht gedrängt Rudel johlender und grölender brauner Landsknechte, deren herausfordernde Mienen und anmaßende Gebärden allgemeines Ärgernis erregten. Offenbar waren sie betrunken. Vor Restaurationen, Konditoreien, Cafés und jüdischen Geschäften hielten 276 Ja, die lichterloh Synagoger bis auf di mehr als Die Feuer schützen, Aber d in dieser Hölle ha Sie zu zü ır Gewohnheit acht mit diese© die Lastwagen an, und die pöbelhaften Landsknechte nahmen eine drohende Haltung gegen die verängstigten Menschen auf der Straße und gegen die Insassen der Häuser ein. Sie grölten mit ihren rauhen. Stimmen in rohen Sprechchören:„Juda gib acht! Juda gib acht! SA wacht! SA wacht!“ Dann rollten die lärmenden Autos weiter, um nach kurzer Zeit wieder anzu- halten, damit die Landsknechte ihre pöbelhaften Sprechchöre wieder in die Straßen hineinrufen konnten. Der Lärm erschreckte die Straßen und erfüllte die Stadt mit Unrast und Angst. Was war das? Die Stadt hatte bis heute auf gute Sitten gesehen, sie war aus ihrer Ruhe aufgescheucht und konnte nicht verstehen, daß man in den Straßen toben und - grölen konnte, ohne daß die Polizei eingriff. Dazu kam, daß niemand die braunen Landsknechte kannte, sie waren auf ihren sroßen Lastwagen von irgendwoher urplötzlich in der Stadt aufgetaucht. So begann es. Im Herbst aber, es ging schon in den Winter, wurde die Stadt plötzlich von Feueralarm und dem wilden Geschrei er- schrockener Stimmen erfüllt. Löschzüge, schwere Autos und rasselnde Pferdegespanne rollten und tobten durch die Straßen, die schrillen Glocken der Feuerwehr gellten und die Bürger rissen erschrocken die Fenster auf. Da war der Himmel blutrot! Auf der Straße rasten die wilden Schritte erregter Menschen da- hin, und entsetzte Rufe quollen aus der Dunkelheit empor:„Die Synagoge brennt.“ Ja, die Synagoge, ein altes, ehrwürdiges Gebäude, brannte lichterloh. Sie hatte urplötzlich Feuer gefangen, ganz wie viele Synagogen in Deutschland in der gleichen Nacht. Sie brannte bis auf die Grundmauern nieder, und am Morgen war sie nicht mehr als ein Haufen schwelender Balken und rauchender Schutt. Die Feuerwehr hatte alle Hände voll zu tun, ein Benzinlager zu schützen, das in bedrohlicher Nähe lag. Aber der Brand der Synagoge war nicht der einzige Schrecken in dieser fürchterlichen Nacht. Die Erde war geborsten und die ' Hölle hatte ein Heer von Teufeln auf die Stadt losgelassen, um sie zu züchtigen. Wieder rollten große Lastwagen voll brauner, 277 Bett aus d Morgen st schlug ma haften. Besonde gasse, der lang geller Frauen. S drangen w Grauen Am Mo dem grau gehörige d aber triun den ganze durch die mark Buf grölender Landsknechte durch die Straßen. In der ganzen Stadt klirrte und splitterte es. Ungezählte Fenster gingen in Scherben, die sämtlichen Auslagescheiben der jüdischen Firmen wurden zerschmettert. Die wirklich herrlichen Verkaufsräume des Juweliers Nicolai zertrümmerte man völlig. Die zerschlagenen Spiegelscheiben bedeckten wie dicke Platten von Eis den Bürgersteig. Wer hatte denn gewußt, daß Nicolai Jude war? Hatte er nicht das Hakenkreuz aus Brillanten, Frau Cäcilie Sch. gehörig, ausgestellt und den Barockschrank des Kaufmanns Modersohn? Nicolai war in einer Nacht ein ruinierter Mann! Alle Vitrinen und Schränke hatte man erbrochen und ausgeplündert, Hunderte von Ringen, goldenen Ketten und Uhren gestohlen. Es kam auch Gesindel aus den Vorstädten dazu, die noch das mitnahmen, was die andern übriggelassen hatten. Ähnlich wie Nicolai ging es vielen jüdischen Geschäften. Das Blumengeschäft von Rosental wurde in tausend Fetzen zerschlagen. Auch das Warenhaus der Gebrüder Frenzel hatten die tollgewordenen Banden halb zerstört und ausgeraubt. Fußhoch lagen die Glasscherben um das fünfstöckige Gebäude. Große Ballen und Bündel von Tuchen und Weißzeug hatte man mit Benzin übergossen und angezündet, ganze Wohnungsausstattungen zerschlagen und in die Flammen geworfen. Man sah Vorhänge und Gardinen brennend über die Dächer fliegen, und noch tagelang hing eine angekohlte Ottomane zur Hälfte aus einem der Fenster im obersten Stockwerk. Porzellan, Glaswaren und Spiegel wurden in den Liftschacht hinabgestürzt, daß man das Klirren meilenweit hörte, Teppiche, Läufer aber warf man ganz einfach auf die Straße hinab. Mäntel und Anzüge wurden kurzerhand von den Stangen gerissen und geraubt. Der kl Büro, um rief er au chen aus Fabian tröstete i „ Höre Wangens Auch in die privaten Wohnungen von Juden drangen die entmenschten Horden ein, sie zertrümmerten die Türen mit Beilen und zerschlugen wie Tollwütige Möbel und Geschirr, sie schlitzten sogar die Betten mit Messern auf, so daß die Federn wie Schneeflocken in den Straßen herumwirbelten. Ein Dienstmädchen, das die Habe seiner Herrschaft verteidigen wollte, hatten die braunen Landsknechte einfach niedergestochen, und einen alten Mann, der krank im Bett lag, warfen sie mit dem 278 Leute erz mengelog Mama hätten es Mam trieben. Harr Fabian kleiner G Jetzt raso chen. D Bescheid Stadt er ganzen en in Scherben, Firmen wurden caufsräume des ezerschlagenen Eis den Bürger war? Hatte er lie Sch. gehörig mns Modersohn? ! Alle Vitrinen mdert, Hunderte en. Es kam auch mitnahmen, was Nicolai ging it von Rosental Warenhaus der anden halb zer cherben um da del von Tuchen und angezündet in die Flammen ennend über die ohlte Ottomane ckwerk. Porzel tschacht hinab Teppiche, Läufer ab. Mäntel und gerissen und ge len drangen die die Türen mit and Geschirr, sie daß die Federn ten. Ein Dienst teidigen wollte ergestochen, und fen sie mit dem Bett aus dem Fenster in den Hof hinab, wo er am nächsten Morgen starb. Einen jüdischen Arzt, der ihm zu Hilfe eilte, schlug man mit Prügeln halbtot, um ihn schließlich zu verhaften. Besonders aus den schmalen Gassen der Altstadt, der Gerbergasse, der Spitalgasse und dem Gänseweg hörte man stundenlang gellendes Geschrei und lautes Jammern von Kindern und Frauen. Schrille Angstschreie erfüllten die Dunkelheit und drangen wie Messer in die Herzen der Menschen. Grauen über Grauen! Entsetzen ergriff die Stadt. Am Morgen waren die Leute wie verstört und gelähmt von dem grauenhaften Spuk der Schreckensnacht. Selbst viele Angehörige der Partei schämten sich der Vorfälle, andere wiederum aber triumphierten hämisch. Manche Menschen weinten, und den ganzen Tag knarrten die Fuhrwerke mit den Glasscherben durch die Straßen, die Juden aber mußten zehn Millionen Reichsmark Buße bezahlen für die Schäden, die man ihnen zufügte. Der kleine Robby eilte vor Erregung zu seinem Vater ins Büro, um ihm sein Herz auszuschütten. ,, Hast du gehört, Vater?" rief er aus ,,, in der Spitalgasse haben sie ein zwölfjähriges Mädchen aus dem dritten Stock auf die Straße geworfen." Fabian, den die Geschehnisse selbst völlig verstört hatten, tröstete ihn, so gut er konnte. ,, Höre, mein lieber Robby", sagte er zu ihm, während er seine Wangen streichelte ,,, du sollst nicht alles nachschwätzen, was die Leute erzählen. Hast du eine Ahnung, was heute alles zusammengelogen wird?" ,, Mama sagt auch, es ist alles Lüge. Die Feinde der Partei hätten es erfunden", rief Robby. ,, Mama will dich trösten, Robby, aber gewiß ist vieles übertrieben. Und was sagt denn Harry?" ,, Harry sagt, es geschieht den Juden ganz recht." Fabian wurde dunkelrot. ,, Bestelle Harry, daß er wie ein kleiner Gassenjunge urteilt!" rief er aus. ,, Du aber, Robby, gehst jetzt rasch in die Spitalgasse und fragst nach dem armen Mädchen. Dann kommst du wieder zurück zu mir und sagst mir Bescheid, nicht wahr?" 279 Eine Stunde später erschien Robby wieder mit strahlender Miene. ,, Das von dem Mädchen ist nicht wahr", sagte er. ,, Nun, siehst du, Robby?" sagte Fabian erfreut. ,, Was sagte ich dir? Man darf nicht alles glauben." London und Mut haben, hat mich ge mich und da staplern und Reichen des selbst, wem XIX Die wohlhabenden Juden hatten sich zusammengetan und einen unbenutzten, armseligen Tanzsaal im Weberviertel gekauft, den sie in aller Eile und Stille zu einem jüdischen Betsaal herrichten ließen. Sie scheuten keine Kosten und zahlten den wenigen Handwerkern, es waren meistens alte Leute, den fünffachen Stundenlohn. Nach vierzehn Tagen war der Betsaal fertig und wurde durch einen besonderen Gottesdienst eingeweiht. Am gleichen Abend noch ging er in Flammen auf. als ein Hem Landes, die schenkten? An diesem Abend kam Wolfgang in die Stadt, um sich mit Gleichen in der ,, Kugel" zu treffen. In der sinkenden Dämmerung besuchte er, in seinen Mantel gewickelt, all die Gassen und Straßen, wo die Mordbuben, anders nannte er sie nicht, gehaust hatten. Paris und L ihr könnt verstehen. I Die Däm So schwer kroch Neb Dunst. Wo Es sind Verbrecher, dachte er, wir wußten es schon lange, aber das törichte Volk begreift es noch heute nicht. Es bekommt zu fressen und zu saufen und kümmert sich um nichts weiter. Wie sollte es auch? Wenn die Schellhammer und andere Millionäre, wenn die Industriellen und Kohlenbarone diese Verbrecher noch unterstützen und ihnen Millionen spenden? sah ganz un auffallend Interessante lustigte Ge Nahezu wäre er mit einem der braunen Landsknechte zusammengestoßen, der aber noch im letzten Augenblick zurücksprang. ,, Sehen Sie sich vor!" schrie er dem braunen Soldaten zu, es war heute nicht zu spaßen mit ihm. Wolfgang, mochte es Im erste Die Ehre Deutschlands wurde in diesen Tagen vor die Hunde geworfen, dachte er bekümmert, indem er weiterging, es ist jetzt endgültig dahin gekommen, daß man sich schämt, ein Deutscher zu sein! Schmach und Schande, Schande und Schmach, um mit Gleichen zu sprechen. Meine Freunde in Paris und 280 Auf den herumzuto schattenha fegten. Vo projizierte Hauser. Es über die hinblickte, Schattenfi Stutzig un Zylinderh Anblick. Ju Waren mit strahlende , sagte er. Freut. ,, Was sagt ammengetan und Weberviertel jüdischen Besu und zahlten da Leute, den für der Betsaal fert st eingeweiht. An adt, um sich m nkenden Dämme all die Gassen und sie nicht, gehaus schon lange, abe Es bekommt z nichts weiter. We andere Millionär Verbrecher no ZU Landsknechte ugenblick zurück unen Soldaten z en vor die Hunde weiterging, es ist schämt, ein Deut de und Schmach ande in Paris und London und in der Welt, lebt wohl! Ich werde nicht mehr den Mut haben, euch wieder unter die Augen zu treten. Ein Fluch hat mich getroffen, wie sollt ihr das verstehen? Ein Fluch traf mich und das deutsche Volk! Das deutsche Volk schenkte Hochstaplern und Lügnern sein Vertrauen, weil die Mächtigen und Reichen des Landes an sie glaubten. Das war seine Schuld! Sagt selbst, wem sollte der Mann der Straße, der nicht mehr besaß als ein Hemd, mißtrauen, wenn die Mächtigen und Reichen des Landes, die etwas zu verlieren hatten, ihm ihren Glauben schenkten? Das ist der Fluch, der mich traf. Meine Freunde in Paris und London und in der ganzen Welt, die ihr einsichtig seid, ihr könnt mich bedauern, aber meine Trauer werdet ihr nicht verstehen. Lebt wohl, lebt für immer wohl! Die Dämmerung war nun schwer auf die Stadt herabgesunken, so schwer wie die Trauer auf Wolfgangs Herz, vom Fluẞ her kroch Nebel durch die Straßen und hüllte alles in leichten Dunst. Wolfgang befand sich in der Nähe des Rathauses und sah ganz unerwartet viele Menschen auf dem Marktplatz stehen, auffallend viele braune Parteisoldaten darunter, die irgend etwas Interessantes zu betrachten schienen. Die meisten hatten belustigte Gesichter, und viele lachten auch vergnügt und heiter. Wolfgang, von Natur neugierig, trat näher. Was in aller Welt mochte es hier Interessantes zu sehen geben? Im ersten Augenblick war er nahe daran, selbst aufzulachen. Auf dem Marktplatz schienen Betrunkene zu tanzen und herumzutorkeln. Aber es waren keine Betrunkenen, es waren schattenhafte Gestalten, die mit langen Besen den Marktplatz fegten. Vor dem Rathaus hielt ein Auto, und seine Scheinwerfer projizierten die Schatten zum Teil riesengroß auf die Wände der Häuser. Es waren in der Tat phantastische und groteske Bilder, über die man hellauf lachen konnte. Als aber Wolfgang näher hinblickte, da sah er, daß einzelne der Straßenkehrer und der Schattenfiguren Zylinderhüte trugen. Schon aber wurde er stutzig und trat einige Schritte näher. Straßenkehrer und Zylinderhüte? Es war ein phantastischer und erschreckender Anblick. Da sah er, daß es Juden waren! Ja, ohne Zweifel, es waren Juden, und das erregte Geplapper der Menge klärte ihn 281 rasch über das ungewöhnliche und beschämende Schauspiel auf. Die Juden hatten, so hörte er, heute abend ihren neuen Betsaal im Weberviertel eingeweiht, und als sie in die Stadt zurückkehrten, waren sie von den braunen Horden aufgehalten worden, die ihnen die Besen der Straßenkehrer aus dem Rathaus in die Hand drückten und sie zu diesem erniedrigenden Dienst zwangen. Das Lachen, das ihn befallen wollte, erstarrte in seinen Zügen, und er wurde totenbleich vor Empörung. Es waren ehrwürdige Männer, zumeist in reiferen Jahren, viele in schwarzen Gehröcken und mit Zylindern, die hier in der Dämmerung dem lachenden und johlenden Straßenpöbel ein groteskes Schauspiel abgaben. Es war das Staatspolize mender Me durcheinan Wolfgan chen auszu getrieben v In diesem Augenblick bemerkte er in der Nähe seines Brunnens einen alten Mann im schwarzen Gehrock, mit dünnen, weißen Barthaaren, einen Zylinderhut auf dem Kopf, der ihm bekannt vorkam. Ganz wie die andern Unglücklichen war er bemüht, den langen Besen zu handhaben, taumelte bei der ungewohnten Beschäftigung hin und her und sah blaß und erschöpft aus. Sein Zylinder war von dem langen, hellen Besenstiel in die Stirn geschoben worden, so daß er den Eindruck eines Betrunkenen machte. Ohne jeden Zweifel, es war sein alter Freund Sanitätsrat Fahle. Augenblicklich stieß er einige der lachenden braunen Parteisoldaten zur Seite und stürzte auf den Sanitätsrat zu. Er riß ihm den Besen aus der Hand und schrie: ,, Das ist keine Beschäftigung für Sie, mein Freund!" Dabei erhie Es war ei tiert waren fuhren. Tau dreißig Stü geliefert w Sanitätsrat Fahle taumelte erschrocken zurück und wollte wiederum seinen Besen ergreifen. ,, Es ist auch keine Arbeit für Sie, mein lieber Professor", rief er aus. sein rechte in sein Sch durch die den Sinn, Doch Wolfgang ließ den Besen nicht mehr los, und er fing an, damit zu kehren wie die anderen Männer. Doch plötzlich fühlte er einen harten Griff an seinem Arm: ,, Was tun Sie hier?" schrie eine laute Stimme dicht an seinem Ohr. ,, Scheren Sie sich zum Teufel!" Und sofort trat ein anderer hochgewachsener Bursche hinzu und rief etwas von Verhaftung. heulen, all einmal fas denken. In seine Halb gestoßen, halb gezerrt wurde Wolfgang in die nächste Gasse geschoben, die er sofort als die Heiligegeistgasse erkannte. Er erkannte auch den Raum wieder, in den man ihn hineinstieẞ. 282 Leute im Handwerk schienen nommen Roter F Gar k sagte ein bespritzte Gerec gesteckt!" der Schill worfen" beide Bei auf der S Himmel! Der br Schauspiel auf meuen Betsaal im zurückkehrten, en worden, die aus in die Hand st zwangen. Das Zügen, und er würdige Männer, mröcken und mit menden und job gaben. seines Brunnens dünnen, weiße er ihm bekannt rer bemüht, den mgewohnten Be chöpft aus. Sein in die Stirn ge es Betrunkene Freund Sanitäts braunen Parte t zu. e: ,, Das ist keine ick und wollte keine Arbeit für , und er fing an plötzlich fühlte Sie hier?" schrie ren Sie sich zum achsener Bursche g in die nächste stgasse erkannte n ihn hineinstiel Es war das gleiche Zimmer, in dem er einmal vor der Geheimen Staatspolizei verhört worden war. Der Raum war voller lärmender Menschen, Männer und Frauen, die alle jammerten und durcheinanderschrien. Wolfgang hatte noch nicht die Zeit gefunden, sich ein Plätzchen auszusuchen, als alle Verhafteten aus dem Raum hinausgetrieben wurden und man sie in ein kleines Auto hineinstieẞ. Dabei erhielt er einen heftigen Schlag gegen das rechte Ohr. Es war einer jener kleinen Wagen, die jetzt, da die Straßen asphaltiert waren, in Abständen von zehn Minuten durch die Stadt fuhren. Taubenhaus hatte seinerzeit von diesen kleinen Omnibussen dreißig Stück eingesetzt, die von den Schellhammerschen Werken geliefert wurden. Halb betäubt von dem heftigen Schlag gegen sein rechtes Ohr, kauerte Wolfgang in einer Ecke des Wagens, in sein Schicksal ergeben, und der Wagen fuhr ab und stolperte durch die Stadt. Jetzt haben sie dich gefaßt, ging es ihm durch den Sinn, wie sie alle einmal fassen, die nicht mit den Wölfen heulen, alle, alle, einen um den anderen, auch dich werden sie einmal fassen, Gleichen. Etwas anderes vermochte er nicht zu denken. In seiner halben Betäubung bemerkte er, daß die meisten Leute im Wagen Juden waren, Frauen und Männer, auch einige Handwerker, Maurer und Zimmerleute, waren dabei. Alle schienen von einem neuen Ereignis so lebhaft in Anspruch genommen zu sein, daß sie ihre Verhaftung vergaßen. Roter Feuerschein fiel durch die Fenster des kleinen Omnibusses. ,, Gar kein Zweifel, es ist der neue Betsaal im Weberviertel!" sagte ein kleiner, krummbeiniger, alter Maurer mit kalkbespritzten Arbeitshosen. ,, Gerechter Himmel! Sie haben den neuen Betsaal in Brand gesteckt!" jammerte ein alter Jude und raufte sich das Haar. ,, In der Schillergasse haben sie gestern eine Frau aus dem Fenster geworfen", fuhr er fort und sah dabei allen ins Gesicht. ,, Sie hat beide Beine gebrochen. Auch ein Kind warfen sie hinaus, es blieb auf der Stelle tot liegen. Was für Zeiten sind das! Gerechter Himmel!" Der braune Parteisoldat, der auf dem Trittbrett des Omnibusses 283 stand, schob die Türe auf und schrie in den Wagen: ,, Wollt ihr gleich das Maul halten oder ich schieße euch alle über den Haufen." Wolfgang verzerrte das Gesicht zu einer Grimasse. Ich wollte, daß Gleichen hier wäre, dachte er, oder noch besser, mein Brüderchen, da könnte er erleben, wie man die Menschen behandelt. Und er tastete aufgeregt nach seiner Brieftasche, nicht um seine Brieftasche zu suchen, sondern um sich zu überzeugen, ob die Virginia noch in seiner Tasche steckte. Die Virginia war noch da, er atmete auf, überglücklich, daß er sie gerettet hatte und genoß im voraus schon die Stunde, da er sie rauchen würde. Sonderbarerweise gingen ihm nur derartig alberne Dinge durch den Kopf. Geifer floß mit blicklos er unausgese Jetzt, da der kleine Omnibus über freie Felder fuhr, sah man einen mächtigen Brand in der fernen Stadt. Der alte Jude begann wieder laut zu jammern. ,, Gerechter Himmel!" schrie er. ,, Was für Zeiten sind das! Gerechter Himmel!" Doch da hielt das Auto. Sie waren angelangt. Suchte verge „ Oho, du lichte roh. stieß er eine dicht vor schwarzen, Hand hielt. Der braune Parteisoldat stieß mit dem Gewehrkolben nach den Schienbeinen der Häftlinge, und sie stürzten so schnell wie möglich aus dem Wagen. Wolfgang mit seinem geschwollenen Ohr, das ihm so groß wie ein zweiter Kopf erschien, kroch als letzter heraus und dachte noch immer an seine Virginia. Sie standen in völliger Dunkelheit vor einem kahlen drähteglitzernden Tor, das sich weit öffnete. Nun wußte er endlich, wo sie waren. Heil Hi Bart und be wohl nicht Sie waren in Birkholz, das er von vielen Abbildungen her kannte. Wolfgang seinem Kop Ihr kön mir verlang „ Wie?" rasch näher einem grau aus und ha Man m rief der Ma Der Unt und blickte Das Gittertor schloß sich hinter ihm, und er schritt auf einen kalkweißen Turm zu, über dessen Eingangstor in schwarzen, plumpen Lettern zu lesen war: Gleichheit! Freiheit! Brüderlichkeit! Der Posten herrschte ihn an, sich zu beeilen, und er durchschritt einen kahlen, getünchten Raum, eine Art von Einfahrt, in der die Schar der verhafteten Juden verschwand. Am Ende der Einfahrt sah er einen Mann, der mit einer Hand an die Decke gebunden war und aussah wie ein Gehängter. Aber er war nicht tot, sein Gesicht war gerötet und glänzte von Schweiß, 284 der gleiche gang einen Wolfgan An dem den über oder hatte hafteten gen: ,, Wollt ihr alle über den Grimasse. Ich er noch besser die Menschen rieftasche, nicht zu überzeugen lücklich, daß er e Stunde, da er um nur derartig rfuhr, sah man alte Jude began schrie er. ,, Was ehrkolben nach n so schnell wie m geschwollene chien, kroch a me Virginia. S drähteglitzern endlich, wo sie Abbildungen her schritt auf einen or in schwarzen heit! Brüderlich m, und er durchart von Einfahrt wand. Am Ende er Hand an die gter. Aber er war te von Schweiß Geifer floß aus seinem verzerrten Mund. Er blickte Wolfgang mit blicklosen, blutunterlaufenen Augen an, und dabei bewegte er unausgesetzt die nackten, schmutzbedeckten Füße und versuchte vergebens, mit den Zehen den Boden zu erreichen. ,, Oho, du hängst ja noch immer da!" schrie der Posten und lachte roh. ,, Es ist wohl schon etwas kalt in der Nacht?" Dabei stieß er eine Türe auf und schob Wolfgang in ein enges Zimmer, dicht vor einen Tisch, an dem er einen Mann mit einem schwarzen, krausen Bart gewahrte, der einen Bleistift in der Hand hielt. ,, Heil Hitler!" schrie der Mann mit dem schwarzen krausen Bart und bekam vor Zorn einen purpurroten Schädel. ,, Du weißt wohl nicht, was sich gehört, du Flegel?" Wolfgang fühlte, daß sein Ohr jetzt groß wie ein Ballon an seinem Kopfe saß. Das Blut stieg ihm ins Gesicht. ,, Ihr könnt mich nicht verhaften und noch Höflichkeiten von mir verlangen!" erwiderte er kurz angebunden. دو , Wie?" brüllte der Mann und sein purpurroter Schädel kam rasch näher. ,, Komm herein, Willi!" Ein untersetzter Mann in einem grauweißen Sträflingskittel trat ins Zimmer. Er sah blaẞ aus und hatte eine spitze schiefstehende Nase. ,, Man muß diesem Lümmel gute Manieren beibringen, Willi!" rief der Mann mit dem schwarzen krausen Bart. Der Untersetzte im Sträflingskittel trat an Wolfgang heran und blickte ihn von unten herauf mit schielenden Augen an. In der gleichen Sekunde bewegte er den Arm und versetzte Wolfgang einen furchtbaren Hieb gegen das Kinn. Wolfgang stürzte wie ein Klotz zu Boden. XX An dem Abend, da der neue jüdische Betsaal abbrannte, wurden über hundert Juden verhaftet, viele andere waren geflohen oder hatten sich verborgen. Unter den auf dem Marktplatz Verhafteten befand sich auch Sanitätsrat Fahle. Festgenommen 285 wurden alle Handwerker, Maurer, Zimmerleute, Tischler, die am Bau des Betsaals, den der Gauleiter als eine Provokation erklärte, mitgearbeitet hatten, dazu alle Lieferanten von Material, soweit sie nicht zur Partei gehörten. Der Geheimen Staatspolizei schienen selbst die unbedeutendsten und lächerlichsten Einzelheiten bekannt zu sein, es war einfach erschreckend. Die Bürger der Stadt waren völlig eingeschüchtert. Sie wagten kaum noch ihrem besten Freund etwas anzuvertrauen, da sie nicht wußten, ob er nicht im Dienste der Gestapo stand. Fortan verstummten sie und ein unheimliches Schweigen herrschte in der früher so heiteren Stadt. Man mißtraute Dienstboten, Handwerkern, Lieferanten, aller Welt. Der einzige, der noch den Mut zur Offenheit hatte, war der ,, Unbekannte Soldat" in seinen anonymen Briefen. ich werde einfach tot Rittmeist zusammen. Geduld, sag Gedanken Hütet euch vor den Spitzeln! schrieb er. Hütet euch vor Rittmeister Möhn, aus der Armee wegen übler Weibergeschichten ausgestoßen. Er leitete den Pogrom beim Brand der Synagoge. Hütet euch vor dem langen Schilling, dem heutigen Chef der hiesigen Gestapo, er führte die Aktion gegen den Betsaal im Weberviertel, hütet euch vor dem ,, Brillenputzer" Orlowski, dem Chef aller Spitzel! Er nannte noch viele andere Namen. Judenmädc Teufel gehe Ich wer anrufen", sei ein sch nach Birkh „ Aber Wer war dieser ,, Brillenputzer" Orlowski? Es war ein früherer Gerichtsvollzieher, der wegen Trunksucht den Dienst verlassen mußte. Nun saß er elegant gekleidet jeden Abend in den Wirtshäusern und Weinstuben, putzte seine Brille und trank, bis er nur noch lallen konnte. Die Gäste schwiegen, sobald er eintrat. Er verkehrte in den ersten Häusern, war gut befreundet mit der Baronin von Thünen, bei der er sich häufig zum Tee einstellte, und fehlte auch selten in Clotildes Salon. SO lassen woll das schwer Sanitäts gefangenen ubung nan Als Gauleiter Rumpf am nächsten Tage in der Liste der Verhafteten den Namen Fahle las, bekam er einen Wutanfall, und Rittmeister Möhn, der ihm die Liste überreichte, befürchtete zum erstenmal, von ihm niedergeschlagen zu werden. Laufschrit hof laufen Sie vorn au Milgeschi zukommen Judenhint der breitsc ,, Man kann doch einen weltberühmten Gelehrten wie Sanitätsrat Fahle nicht einfach verhaften wie jeden beliebigen Judenbengel!" tobte er. ,, Haben Sie denn keine Augen im Kopf? Ich werde diesen Idioten Schilling einfach an die Wand stellen lassen, 286 zen Partei Gitter des neben sich Fahle Vorderma nicht den einer mac nach wen während War er sel es fielen z narbe ben ich werde diese ganze Idiotenbande totpeitschen lassen, Möhn, ec te, Tischler, di Provokation:" einfach totpeitschen Rittmeister Möhn wurde totenblaß und schlug die Hacken zusammen. Er stand wie ein Kadaver und regte keinen Muskel. - Geduld, sagte er sich, es geht vorüber! Wie sollte ich alle seine - Gedanken erraten und was kümmert mich. schließlich sein Judenmädchen, für das er sich verrückt macht? Er würde zum Teufel gehen, wenn ich es melde. „Ich werde augenblicklich den Kommandanten von Birkholz anrufen“, erwiderte er in unterwürfigem Ton.„Im Falle Fahle sei ein schwerer Irrtum unterlaufen. Ich werde sogleich selbst nach Birkholz fahren.“ „Aber sofort, Möhn, wenn Sie noch lebend das Zimmer ver- lassen wollen!“ schrie Rumpf mit blaurotem Gesicht und warf - hs schwere bronzene Tintenfaß hinter Möhn her. Sanitätsrat Fahle machte soeben mit einer Kolonne von Mit- gefangenen die„Frühmesse‘“ mit, wie man im Lager die Morgen- übung nannte. Sie bestand darin, daß alle jüdischen Häftlinge im - Laufschritt hintereinander um den abgegrenzten inneren Lager- hof laufen mußten, bepackt mit sechs bis acht Ziegelsteinen, die - sie vorn auf der Brust halten mußten. Der Unglückliche, dem das - Mißgeschick widerfuhr, einen Stein zu verlieren oder nicht mit- zukommen, sollte fünfundzwanzig Stockhiebe auf seinen bloßen erhalten. Das hatte soeben mit drohender Stimme der breitschultrige, wie aus dem Ei geschälte Offizier der schwar- zen Parteitruppe verkündet, der in glänzenden Lackstiefeln am Gitter des kleinen Innenhofes stand, zwei riesige Bulldoggen neben sich an der Leine. Fahle taumelte auf seinen schwachen Beinen hinter seinem Vordermann her, einem fetten Juden mit dickem Hals, bemüht, "nicht den Abstand zu verlieren in der Kolonne, die, wie von einer mächtigen Peitsche angetrieben, im Kreise dahinlief. Er war nach wenigen Minuten am Ende seiner Kräfte und hörte fort- während das Zischen einer Dampfmaschine in seinen Ohren. Das war er selbst, so pfiff sein Atem. Da und dort fıel ein Mauerstein, 6 fielen zwei und mehr, es fiel ein Mensch in den mit einer Gras- narbe bewachsenen Sand, und sofort eilten Soldaten in schwarzen nzuvertrauen,& Wi Gestapo stanl du Der einzige, 287 brecher, gnadigte, Nochm und hob Noch i großen C seiner Sei den Tote Decke ge Uniformen herbei und begannen auf ihn mit ihren Haselnuẞstöcken einzuschlagen. Zuweilen, wenn er sich nicht mehr erhob, zerrten sie ihn zur Seite, und dann kam ein Sträfling in grauweißem Kittel wie ein Wiesel herangestürzt, sie riefen ihn Willi, und fing an, mit furchtbaren, langsamen Schlägen auf den Besinnungslosen einzudreschen, wobei er jeden Schlag laut zählte. Fahle hastete halb bewußtlos weiter. Da verschwand plötzlich der dicke Hals vor ihm, sein fetter Vordermann stürzte mit all seinen Steinen zu Boden, und er mußte einen weiten Bogen um ihn machen. In dieser Sekunde hörte er, der völligen Ohnmacht nahe, eine laute Stimme aus dem Himmel, die seinen Namen rief: Fahle! Fahle! Ja, es war in der Tat, als ob der Himmel ein Loch hätte, durch das die Stimme drang, und er sah nach oben. Im gleichen Augenblick kamen alle seine Ziegelsteine ins Gleiten und er verlor sie alle, einen um den andern. Es war die Katastrophe! Wenn ihm auch nur noch ein Rest von Besinnung verblieb, wußte er doch, daß er jetzt verloren war, aber sonderbarerweise war ihm alles völlig gleichgültig. Doch die ganze Kolonne hatte urplötzlich Halt gemacht, er hörte das harte Klirren von Ziegelsteinen und sah, daß viele Männer sich erschöpft auf den Boden warfen. ,, Fahle, Fahle! Sanitätsrat Fahle, Professor Fahle!" Ein Po Freien. N Ohne Zweifel, das war er. Man rief ihn, und er keuchte langsam und ohne jeden Gedanken über den Hof. er sich in Hier sa Der Man Kopf, m erregte di wußten, scheinlich grüßten Amsel wie Dann oben im Tränen, endlich, durchs G mählich Neben dem großen, breitschultrigen Offizier mit den Doggen stand ein untersetzter Mann in schwarzer Uniform, dessen runder Schädel völlig glattgeschoren war und lächelte ihm wohlwollend zu. Er kam ihm sogar einige Schritte entgegen und hob flüchtig den Arm. Zu seinem großen Bedauern sei ein schwerer Irrtum unterlaufen, den er Sanitätsrat Fahle zu entschuldigen bitte. Fahle verstand nur, daß er frei war und der große Offizier ihn zum Ausgang bringen werde. Er war völlig apathisch und keuchte noch immer von der Anstrengung. Der Sträfling im gestreiften Kittel, den sie Willi nannten, flog rasch wie ein Wiesel heran und überreichte ihm Gehrock und Zylinder. Dieser Willi war ein zum Tode verurteilter Ver288 nach Ha Die m wird das wenn ma weiß kei bilder au schrecker Die Ba seinem so hinging erdigung 19 Totent brecher, den der Kommandant von Woche zu Woche be- gnadigte, wenn er sich gut führte. Nochmals trat der kahlgeschorene Offizier einige Schritte vor und hob grüßend den Arm. Fahle lüftete den Zylinder. Noch immer nach Luft ringend, schwankte Fahle neben dem großen Offizier völlig teilnahmslos dahin. Er durchquerte an seiner Seite den kalkweißen Turm und beachtete nicht einmal den Toten, der ohne Bewegung, die Hand an einen Haken der Decke gebunden, in der Durchfahrt hing. Ein Posten öffnete das große Gittertor, und Fahle stand im Freien. Nach wenigen Minuten erreichte er die Landstraße, wo er sich in den Straßengraben setzte und Atem schöpfte. Hier saß er ziemlich lange, bis sein Atem wieder ruhig ging. _ Der Mann im schwarzen Gehrock, einen Zylinder auf dem Kopf, mit dünnen, weißen Barthaaren und schwarzen Augen - erregte die lebhafte Neugierde der Bauern, die vorbeikamen. Sie , daß es ein entlassener Häftling aus Birkholz war, wahr- scheinlich einer der Juden, die man gestern verhaftete. Viele ihn sogar, und einer beschrieb ihm den Weg nach Amselwies, der viel kürzer war und an der Stadt vorbeiführte. - Dann lauschte er noch lange dem Lied einer Lerche, die hoch I oben im Äther ihr Lied trillerte. Der Gesang rührte ihn zu Tränen, und er beobachtete, wie die Lerche herabstieg, bis sie endlich, ein brauner und unscheinbarer Vogel, in seiner Nähe - durchs Gras trippelte, Ihr Gesang hatte ihn erfrischt, und all- - mählich kamen seine Gedanken zurück. Er erhob sich, um mach Hause zu gehen. Die menschliche Seele ist unergründlich, dachte er. Niemand "wird das leugnen. Welche Miasmen aber werden aufgewirbelt, wenn man den Grund der menschlichen Seele aufwühlt? Das weiß kein Mensch! Vergebens versuchte er die Erinnerungs- bilder aus Birkholz abzuwehren, die ihn hartnäckig und er- ‚schreckend verfolgten und klar vor ihm standen. Die Bauern auf den Feldern sahen ihn erstaunt an, wie er in seinem schwarzen Bratenrock, den Zylinder auf dem Kopf, da- Hl und vor sich dahinredete. Er kommt von einer Be- ‚ erdigung, dachten sie. Aber schließlich kamen sie überein, daß 19 Totentanz 289 er aus Birkholz käme und sein Verstand wohl etwas gelitten habe. sofort zu diesem Au Tragisch, dachte Fahle weiter, unerhört tragisch, daß die rätselvollen Miasmen auf dem Grund der deutschen Seele aufgewühlt wurden. Er durchquerte einen Hain junger Birken, den Zylinder in der Hand und freute sich über das lichte Grün der Birkenblätter und die Sonnenflecken zwischen den weißen Stämmen. Es ist unendlich schade um das deutsche Volk, denn das, was ich erlebt habe, ist nichts anderes als eine Erkrankung der Volksseele. Und er dachte, daß man in der Geschichte zuweilen unfaẞbare Erkrankungen der Seele ganzer Völker beobachtet hatte, bei den Kinderkreuzzügen zum Beispiel, in der Inquisition, in der Französischen Revolution. In allen Fällen waren es rätselhafte Massenpsychosen. Die Seele des Menschen war noch lange nicht erforscht, sie warf immer neue Rätsel auf. Die deutsche Seele aber war schwer erkrankt, und das deutsche Volk ging zugrunde, wenn nicht ein Wunder die Rettung brachte. zitterte a Rittmeist Es sei ein Sanitätsra Rittme er hatte Wald ein Der Birkenhain war allmählich in einen hohen Buchenwald übergegangen. Während der Birkenhain erfüllt war vom heiteren Gezwitscher der Vögel, war es zwischen den hohen Buchen völlig still. Nur einmal hörte er ein Rascheln und erblickte einen einsamen Eichelhäher, dessen Schwingen stahlblau aufblitzten, als er über den Rand eines ausgedehnten Sonnenfleckens trippelte. Fahle blieb stehen, um den Vogel nicht zu stören. Da aber flog der Häher plötzlich fort, und ein rotes Eichhörnchen kam mit dem Kopf nach unten an einem Buchenstamm herabgeklettert und schwang sich auf den Nachbarbaum. Sanitätsrat Fahle ließ sich Zeit, es war für ihn eine wundervolle Wanderung, voll von Beobachtungen und philosophischen. Betrachtungen. Erst am späten Nachmittag kam er nach Hause ,, und er war erstaunt, daß Marion sich ihm tränenüberströmt an die Brust warf. Nun W was habe Es wa mir gar unterlauf habe eine Eine schwere Nacht war das gewesen, eine entsetzliche Nacht! Marion hatte sie in Angst und Schrecken verbracht. Am Morgen, als der Vater immer noch nicht zurück war, war sie entschlossen, zum Gauleiter zu gehen, der sie häufig ermutigte, 290 macht, je Fahle Als ab einem So ihn ein V Setze rend er weiter, w das deuts brechern hl etwas gelitten ragisch, daß die schen Seele auf nger Birken, den lichte Grün der men den weißen sche Volk, den eine Erkrankung Geschichte zu nzer Völker be m Beispiel, in der In allen Fällen le des Menschen neue Rätsel auf und das deutsche er die Rettung phen Buchenwald war vom heiteren ahohen Buchen and erblickte einen blau aufblitzten fleckens trippelte ren. Da aber flog Srnchen kam mit n herabgekletter hn eine wunder d philosophischen mer nach Hause menüberströmt a atsetzliche Nacht! verbracht. Am ück war, war sie häufig ermutigte 19* sofort zu ihm zu kommen, wenn sie irgend etwas bedrückte. In diesem Augenblick erschreckte sie das Schrillen des Telefons. Sie zitterte am ganzen Körper, als sie an den Apparat ging, aber Rittmeister Möhn beruhigte sie durch seinen freundlichen Ton. Es sei ein Irrtum unterlaufen, aber in einer Stunde werde er den Sanitätsrat im Auto persönlich nach Hause bringen. Rittmeister Möhn war tatsächlich in Birkholz gewesen, aber er hatte den Sanitätsrat verfehlt, da Fahle den Weg durch den Wald einschlug. Nun war Marion außer sich vor Freude. ,, Wo warst du, Papa, was haben sie mit dir gemacht?" forschte sie unter Tränen. ,, Es war nicht so schlimm", sagte Fahle und lächelte ,,, es ging mir gar nicht schlecht. Ein Irrtum, der sich bald aufklärte, war unterlaufen, weißt du? Später werde ich euch alles erzählen. Ich habe einen herrlichen Spaziergang durch den Buchenwald gemacht, jetzt aber bin ich außerordentlich hungrig." Fahle kletterte mühselig in seine Bibliothek hinauf. Als aber Marion kam, um ihn zu Tisch zu bitten, saß er auf einem Sofa in der Bibliothek und weinte. Ganz plötzlich hatte ihn ein Weinkrampf befallen. ,, Setze dich zu mir, Marion", flüsterte er geheimnisvoll, während er still weinte, aber sei vorsichtig und sage niemand weiter, was ich dir nun sagen werde. Es ist unsagbar tragisch, das deutsche Volk geht zugrunde. Es ist in die Hände von Verbrechern gefallen! Aber still, Marion, hörst du?" 29 I I Clotildes politischer Salon, neuerdings ,, Bund der Freunde" genannt, stand in voller Blüte. Die Vorträge, die nun in jeder Woche stattfanden, wurden im ,, Beobachter" angekündigt und waren immer vorzüglich besucht. Seit Baronin von Thünen viele Damen der von ihr geleiteten ,, Frauenschaft" mitbrachte, war der Salon häufig schon überfüllt. Nun war es nicht mehr nötig, daß Oberleutnant von Thünen mit seinen Kameraden erschien, im Gegenteil, sie konnten wegbleiben, Clotilde vermiẞte sie nicht. Die Herren Offiziere waren ohne jene Begeisterungsfähigkeit, die eine so große Sache erforderte. Sie kamen doch nur, um ein paar Gläschen Kümmel oder Chartreuse zu trinken, und seit sie nur Tee nach dem Vortrag servieren ließ, blieben sie ganz weg. Nur rein militärische Vorträge interessierten sie, und sie mußte zugeben, daß Oberst von Thünen mit seinem Vortrag ,, Die Helden von Douaumont" einen großen Erfolg gehabt hatte. Ausgesprochen politische Themen dagegen schienen die jungen Offiziere ziemlich gleichgültig zu lassen, und gerade um die politische Schulung war es Clotilde zu tun. Als der Vortrag des bekannten Professors Mönnich von der Universität Königsberg stattfinden sollte, beschloß Clotilde, ihre lächerliche Bescheidenheit", wie sie sagte, endlich aufzugeben und ,, aufs Ganze" zu gehen. Was sie mit dem ,, Ganzen" meinte, sagte sie nicht. Der Vortrag von Professor Mönnich aber bot den würdigen Anlaß dazu. Professor Mönnich, eine Leuchte der Partei, sprach über„ Alarmsignale in Polen". Er hatte den gleichen Vortrag schon in einer Reihe großer Städte gehalten und damit überall ungeheures Aufsehen erregt. Ja, fort mit der unsinnigen Bescheidenheit! دو Wir waren bis heute ein Kaffeekränzchen, meine Liebste!" sagte sie zur Baronin von Thünen. ,, Fortan wollen wir ein 295 Parlament verkörpern, dessen Bedeutung das ganze Land erkennt." Zum Vortrag des Professors ließ sie Einladungskarten drucken, sie ging zusammen mit Baronin von Thünen zur Redaktion des ,, Beobachters" und forderte eine besondere Vorankündigung des Vortrags, eine Leuchte der Partei wie Mönnich konnte das verlangen. Natürlich sandte das Sekretariat des ,, Bundes der Freunde" auch besondere Einladungen an den Gauleiter, an Taubenhaus und Justizrat Schwabach, der jetzt in der Partei die erste Geige spielte. Repräsentation war das Geheimnis dieser Welt. betrachte er sie in da Im Vor Junge Dam Töchter K Hedwig, st Gott sei Dank war das Vortragspult, von Clotilde selbst entworfen, beim Tischler noch rechtzeitig fertig geworden. Es war aus hellem Holz und trug eingelegt in Mahagoni ein Hakenkreuz. Das sah ernst und würdig aus. Den Clou des Salons aber bildete das neue Führerbild! Clotilde hatte es in München erworben, es kostete dreihundert Mark, und der Maler sollte berühmt sein. Der Führer sah auf dem Gemälde ,, genial" aus, jeder ,, Zoll Genie und Held", sagte Clotilde. Er trug einen weiten Mantel und zeigte, die Künstlerlocke kühn über die ,, alle Geheimnisse der Welt umspannende Stirn" gelegt, ein ziemlich romantisches Aussehen. Jedenfalls gefiel das Bild aller Welt und bildete in dem breiten pompösen Goldrahmen ein imposantes Schmuckstück des Salons. Ach, F geschmeich Nein, diesmal wollte Clotilde keinerlei Mühe scheuen, jetzt, da sie ,, aufs Ganze" ging. tätig?" Ja, sch Und e Oh, se Der Her keit." Nun no man muß weise nich Schreibtis Natürli lich. De W rühmt Thünen, halten, n Da sie von den prominenten Persönlichkeiten keine Antwort auf ihre Einladung erhielt, raffte sie sich dazu auf, persönlich Besuche zu machen, obschon sie für gewöhnlich sehr träge war. Justizrat Schwabach, mit dem sie dutzende Male gesprochen hatte, erkannte sie nicht einmal wieder. Er schüttelte seinen wirren Pudelkopf, setzte den Kneifer auf, um sie genau zu betrachten, nahm den Kneifer wieder von der Nase und schüttelte abermals den Kopf. Endlich sagte er zu, wenn seine Zeit es ihm erlaube. Taubenhaus, äußerst beschäftigt wie immer, hatte nur zwei Minuten Zeit für sie. Er gab aber sofort seine Zusage, natürlich 296* Verdun, in Fort D Clotild blasse Ve rauschte ählen, s Sogar per Sehr während Engeln a gezeichn Erschein lohnt. G gerade ganze Land erkarten drucken r Redaktion des Vorankündigung nich konnte das es der Freunde" an Taubenhaus i die erste Geige er Welt. otilde selbst enteworden. Es war ein Hakenkreuz alons aber bildete hen erworben, e te berühmt sein jeder„ Zoll Genie eiten Mantel und Geheimnisse der romantisches Aus d bildete in dem es Schmuckstück The scheuen, jetzt en keine Antwort zu auf, persönlich ch sehr träge war Male gesprochen schüttelte seinen sie genau zu be ase und schüttelte 7 seine Zeit es ihm r, hatte nur zwei Zusage, natürlich betrachte er die Einladung als eine hohe Ehre. Höflich geleitete er sie in das Vorzimmer und küßte ihr die Hand. Im Vorzimmer begrüßte Clotilde im Vorübergehen eine junge Dame mit apfelroten Pausbäckchen, die sie als eine der Töchter Kriegs, einen der Zwillinge erkannte. Hermine oder Hedwig, sie konnte sie nie unterscheiden. ,, Ach, Fräulein Krieg?" sprach sie die Pausbäckige an, die sich geschmeichelt erhob. ,, Sie sind jetzt beim Herrn Bürgermeister tätig?" ,, Ja, schon seit einem Vierteljahr, gnädige Frau." ,, Und es gefällt Ihnen hier?" ,, Oh, sehr!" erwiderte der Zwilling mit strahlender Miene. ,, Der Herr Bürgermeister überhäuft mich mit Liebenswürdigkeit." Nun noch rasch zum Gauleiter. Sie wurde sofort vorgelassen, man mußte Glück haben, der Gauleiter schien heute ausnahmsweise nicht sonderlich mit Arbeit überlastet zu sein. Er saß am Schreibtisch und empfing sie mit einer Zigarre im Mund. Natürlich kannte der Gauleiter ihren Salon, selbstverständlich. Der ,, Bund der Freunde" war ihm sogar geradezu gerühmt worden. Oberst von Thünen, der Standartenführer von Thünen, ein prächtiger Soldat, habe ja dort einen Vortrag gehalten, nicht wahr? ,, Er sprach damals über die Schlacht von Verdun, jetzt fällt es mir ein. Der alte Knabe war ja persönlich in Fort Douaumont, sollte man es für möglich halten?" Clotilde schien Rumpf zu gefallen. Er hatte etwas übrig für blasse Vergißmeinnichtaugen, und die Fülle blonder Haare berauschte ihn förmlich. Er bat sie, ihm von ihrem Salon zu erzählen, schob ihr eine Schachtel Zigaretten hin und erhob sich sogar persönlich, um ihr Feuer zu geben. ,, Sehr gut, sehr gut!" unterbrach er zuweilen ihren Bericht, während er in dem großen Saal mit den Heiligen und den vielen Engeln auf und ab ging. ,, Friedrich der Große, sagten Sie? Ausgezeichnet! Wollt ihr denn ewig leben, Kerls? Eine herrliche Erscheinung! Sein Genie und seine Kühnheit wurden auch belohnt. Glauben Sie denn, daß diese Katharina ganz zufällig starb, gerade als es Friedrich so lausig ging? Nie und nimmer, das 297 Schicksal belohnt Mut, Tapferkeit und eisernen Willen. Wir erleben ja heute etwas Ähnliches! Wie? Abessinien? Sehr richtig. Ich bewundere die Geschwindigkeit Ihrer Auffassung. Ja, auch ich verehre den Duce ganz ungewöhnlich. Aus lauter Verehrung für ihn lerne ich heute italienisch sogar hahaha! Wie meinen Sie? Sehr gut, äußerst verdienstvoll!" - Der Gauleiter blieb vor Clotilde stehen. ,, Sehr gut, äußerst verdienstvoll", wiederholte er.„ Der Himmel erhalte Ihnen Ihre Begeisterungsfähigkeit. Ihre Bemühungen werde ich natürlich unterstützen, wo immer ich kann. Es ist mein Bestreben, in allen Städten meines Gaues ähnliche Festungen der Begeisterung, des Fanatismus und der bedingungslosen Hingabe ins Leben zu rufen! Und zwar werde ich Sie, meine verehrte Parteigenossin, in diese Städte senden, um die Fundamente solcher Festungen des blinden Glaubens und der unverbrüchlichen Treue zu errichten." Clotilde errötete vor Glück über diese Auszeichnung und verneigte sich dankend. Rumpf schob ihr erneut die Zigaretten zu. ,, Ich bitte, rauchen Sie noch eine Zigarette bei mir", sagte er, während er Clotilde ungeniert betrachtete. ,, Sie verstehen ausgezeichnet zu plaudern." der schönen Marion, die sie nicht zu Wieviel onvermittel „ Leider Jungen", fü Nur zw blühende, r heute sechs kreuz trage Clotilde aus und wa Rumpf 1 Gesicht ste schlagen ka zu wenig. er ein Auge Clotilde rot, der R verschämt so hochge wollendes, II Clotilde kam dieser schmeichelhaften Aufforderung gerne nach und blies den blauen Rauch der neuen Zigarette genießerisch gegen die Decke. ,, Sie sind allzu gütig, Herr Gauleiter!" sagte sie. antwortet Plötzlic schlecht tehen Sie auf dem S solche Fra Sie ist ganz hübsch, dachte Rumpf und begann erneut im Saal hin und her zu gehen, sie versteht auch ganz leidlich zu kokettieren. Wenn ich sie nach Einstetten zum Tee einlade, so wäre das kein schwieriger Fall, ganz und gar nicht. Aber sie ist schon am Verblühen, das sieht ja ein Blinder, die Falten an ihrem Hals sind schon recht deutlich, da hilft kein Puder mehr, meine Liebe. Wenn ich dagegen an die kleine Majorin Silberschmied denke, die noch nicht das leiseste Fältchen aufweist, von 298 nun gar schieden sich hin Wo er g Tigarre in nicht so er stehen bald sie m Willen. Wir er ien? Sehr richtig fassung. Ja, aud lauter Verehrun maha! Wie meine Sehr gut, äußers rhalte Ihnen Ihn rde ich natürlid Bestreben, in all Begeisterung, de ms Leben zu rufen igenossin, in diese ungen des blinden errichten." Auszeichnung und Ich bitte, rauche hrend er Clotild net zu plaudern Fforderung ger Zigarette genieße Herr Gauleiter! begann erneut in ganz leidlich zu m Tee einlade, so nicht. Aber sie ist er, die Falten an kein Puder mehr, e Majorin Silber then aufweist, Von der schönen Charlotte ganz abgesehen, oder an die reizende Marion, die nichts ist als Jugend und Frische! Nein, ich werde sie nicht zum Tee nach Einstetten einladen. ,, Wieviel Kinder haben Sie vom Regierungsrat?" fragte er unvermittelt, indem er stehenblieb. ,, Leider nur zwei", antwortete Clotilde verlegen. ,, Zwei Jungen", fügte sie hinzu, um weniger beschämt dazustehen. ,, Nur zwei Kinder!" lachte Rumpf verächtlich. ,, Eine frische, blühende, rassige Frau wie Sie und nur zwei Jungen? Sie müßten heute sechs Jungen wie die Orgelpfeifen haben und das Mutterkreuz tragen." Clotilde errötete. ,, Ich würde es voller Stolz tragen?" rief sie aus und wandte Rumpf das errötete Gesicht zu. Rumpf lachte nickend. ,, Bei Gott, es würde Ihnen herrlich zu Gesicht stehen", sagte er. ,, Schade, daß ich Sie nicht dafür vorschlagen kann. Zwei Kinder, das werden Sie zugeben, ist etwas zu wenig. Erlauben Sie noch eine Frage", fuhr er fort, während er ein Auge zukniff ,,, sind die beiden Jungen vom Regierungsrat?" Clotilde erschrak und wandte den Blick ab. Sie wurde blutrot, der Rauch ihrer Zigarette stieg ihr in die Nase. Diese unverschämte Frage hätte sie bei jedem anderen empört, von einer so hochgestellten Persönlichkeit aber nahm sie sie als wohlwollendes, vielleicht ungeschickt ausgedrücktes Interesse hin. Sie antwortete indessen nichts darauf. Plötzlich lachte Rumpf ohne jeden Grund laut auf, die schlecht verhüllte Verlegenheit Clotildes belustigte ihn. ,, Verzeihen Sie", hub er wieder an und griff nach einer neuen Zigarre auf dem Schreibtisch ,,, ich sehe, Sie sind zu zimperlich für eine solche Frage. Aber Sie wissen: You never can tell! Ich wage es nun gar nicht mehr zu fragen, aus welchem Grunde Sie geschieden wurden, obschon ich sehr neugierig bin." Er lachte vor sich hin und begann wieder im Saal hin und her zu gehen, und wo er ging, schwebten lange die blauen Rauchfahnen seiner Zigarre in der Luft. ,, Vielleicht ist es mit dem Regierungsrat gar nicht leicht zu leben, wer kann es wissen?" fuhr er fort, indem er stehenblieb. ,, Es gibt Männer, die sich völlig verändern, sobald sie ihr Haus betreten, nicht wahr?" SO 299 In den Mienen Clotildes erwachte ein verständnisvolles Lächeln. und haben lose Zerspli nicht gege genossin?" „ Ganz u Sinnen, und Ich freu ,, Ich schätze Fabian ungemein", fügte Rumpf hinzu ,,, er ist ein sehr kluger Mann, dessen Ideenreichtum uns schon vielfach von größtem Nutzen war. Vielleicht ist er aber etwas zu unentschlossen und schwankend, vielleicht fehlt es ihm auch etwas an Härte, ohne die ein Mann nicht auskommen kann? Stimmt es oder stimmt es nicht? Er gehört zur Partei, sehen Sie, aber mich kann er nicht täuschen! Er gehört nur mit halbem Herzen zu uns, das ist mein Eindruck. Er kann sich für eine Sache wohl erwärmen, aber er kann sich nicht völlig für sie aufopfern, wie wir beide, Sie und ich!" Plötzlich blieb er dicht vor Clotilde stehen. ,, Er müßte etwas von Ihrem Fanatismus besitzen!" rief er aus. ,, Dann wäre er ein idealer Parteigenosse! Habe ich recht?" Rumpf un Clotilde Augenblick leiters zu k Clotilde nickte. ,, Ja, Sie haben recht, Herr Gauleiter", antwortete sie mit Überzeugung. Unschickli deutlich di 1st ja ein f Rumpf vergessen fessors ,, Ihre Aufgabe, verehrte Parteigenossin", fuhr der Gauleiter fort und deutete mit dem Finger auf Clotildes Brust ,,, Ihre Aufgabe wäre es, Fabian Ihren Fanatismus zu übertragen. Sie hören wohl, was ich sage? Seine Fähigkeiten qualifizieren ihn zu den höchsten Stellungen im Reiche. Unter diesem Gesichtspunkte verblassen private Zwistigkeiten zu lächerlichen Nichtigkeiten. Habe ich recht? Lächerliche Nichtigkeiten aber darf es in unseren Zeiten nicht geben! Verstehen Sie mich?" Er hielt inne, da er zu laut geworden war. we Taubenhau wöhnlich Clotilde nickte einige Male.„ Ich verstehe", sagte sie, eingeschüchtert von Rumpfs lautem, befehlendem Ton. Ja, jetzt hatte der Gauleiter gesprochen! falls könne Als Clo gemälde Scherz vo Clotilde geheuer g großen G ,, Ihre ganze Scheidungssache ist lächerlich, entschuldigen Sie mich", fuhr Rumpf mit gewöhnlicher Stimme fort. ,, Was wird unser Regierungsrat schon Großes verbrochen haben? Jedenfalls scheint mir die Sache nicht irreparabel!" lachte er. ,, Eine kleine Liebelei, wenn es sich darum handeln sollte, ist ja nicht von Bedeutung. Und unser Regierungsrat sieht nicht so aus, als lehne er unter allen Umständen jede Aussöhnung ab. Es geht ja heute um größere Dinge als um das bißchen Liebe. Wir brauchen ihn 300 Mit rot zurück. D halbe Stu die Er völlig un die über leiter selb gewesen, Wort vo hatte nich den rostr verständnisvolle f hinzu ,,, er ist e chon vielfach vo etwas zu unent hm auch etwas a kann? Stimmt& Then Sie, aber mich albem Herzen z ne Sache wohl e aufopfern, wie wi Er müßte etwa Dann wäre er e Gauleiter", a uhr der Gauleite Brust ,,, Ihre Auf rtragen. Sie hörn zieren ihn zu de m Gesichtspunkte men Nichtigkeite aber darf es ch?" Er hielt inne und haben feste Pläne mit ihm vor! Jedenfalls darf es keine sinnlose Zersplitterung der Kräfte geben. Sie selbst werden ja wohl nicht gegen eine Aussöhnung sein, meine verehrte Parteigenossin?" دو , Ganz und gar nicht", antwortete Clotilde, ohne sich zu besinnen, und sie sagte die Wahrheit. ,, Ich freue mich sehr, daß wir uns so gut verstehen", entgegnete Rumpf und streckte Clotilde die fleischige Hand hin. Clotilde dankte für die Audienz und verbeugte sich. Einen Augenblick kämpfte sie mit der Versuchung, die Hand des Gauleiters zu küssen, ließ aber doch davon ab, da sie fürchtete, etwas Unschickliches zu tun. Bei dieser Gelegenheit konnte sie recht deutlich die rötlichen Haare auf seinem Handgelenk sehen. Es ist ja ein förmlicher roter Pelz, dachte sie. Rumpf lachte. ,, Beinahe hätte ich den Grund Ihres Besuches vergessen", begann er von neuem. ,, Zu dem Vortrag dieses Professors werde ich natürlich erscheinen." Clotilde dankte. ,, Auch Taubenhaus kommt? Um so besser. Donnerstag habe ich für gewöhnlich Spielabend, aber das läßt sich wohl arrangieren. Jedenfalls können Sie bestimmt auf mich zählen." Als Clotilde beim Abschied den Blick über das Deckengemälde gleiten ließ, fand Rumpf Gelegenheit, seinen alten Scherz von den Heiligen und Engeln wieder anzubringen. Clotilde lachte voller Bewunderung. Sie fand den Scherz ungeheuer geistvoll und hielt ihn für das blendende Aperçu eines großen Geistes. ", sagte sie, ein em Ton. Ja, jetz entschuldigen Se e fort. ,, Was wird haben? Jedenfalls te er. ,, Eine kleine st ja nicht von Be t so aus, als lehne Es geht ja heute Wir brauchen ihn Mit roten, fiebernden Wangen kehrte Clotilde nach Hause zurück. Das war eine Audienz, beim Himmel! Eine geschlagene halbe Stunde stand sie am Telefon, um Baronin von Thünen all die Ereignisse des Vormittags mitzuteilen. Das größte und völlig unvergeßliche Erlebnis war ihre Audienz beim Gauleiter, die über eine Stunde dauerte. Und dann dieser prächtige Gauleiter selbst, so menschlich und schlicht! Sie war nahe daran gewesen, sich in ihn zu verlieben. Ja, es war die Wahrheit, ein Wort von ihm und er konnte mit ihr machen, was er wollte. Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte ihm die Hand geküẞt. Von den rostroten Haaren an seinem Handgelenk, von diesem roten 301 Haarpelz, der sie erschreckte, erwähnte sie keine Silbe. Die wichtigsten Dinge aber, die geheimsten, könne sie unmöglich dem Telefon anvertrauen. Die Baronin müßte unbedingt heute nachmittag kommen, aber nicht später als fünf Uhr! Überhau Clotilde gr simmtheit durch drin aus dem s seinen Ver liters mit Da konnte Clotilde befand sich den ganzen Tag über in der höchsten Erregung. Besonders der Auftrag des Gauleiters, sich wieder mit Fabian auszusöhnen und ihm ihren Fanatismus zu übertragen, beschäftigte sie ununterbrochen. Sie hatte es schon lange äußerst bedauert, mit Fabian in einem Augenblick gebrochen zu haben, da es sichtlich in die Höhe mit ihm ging, höher, immer höher. Er bekleidete heute eine der einflußreichsten Stellungen in der Stadt, die gewiß die Möglichkeit bot, das Geld nur so zu scheffeln, sein Anwaltsbüro florierte wie nie zuvor. Die Aussichten auf eine ganz seltene Karriere, die der Gauleiter heute angedeutet hatte, konnten einen schwindlig machen. Ja, vielleicht würde sie bald reich sein, wie viele andere! Vielleicht hatte sie Autos, Garderobe, Dienerschaft, vielleicht fuhr sie in einem Extrazug durch die Welt? Wer konnte es wissen? Und ihre Jungen? Wie würde es ihren Jungen dann ergehen? Nein, d pielte Kar anwalt und drei Uhr Fabian war zur Zeit an keine andere Frau gebunden, soviel sie wußte. Diese schöne Tänzerin war Gott sei Dank nicht mehr in der Stadt. Sie hatte ihn zweimal auf der Straße mit ihr gesehen, und so sonderbar es auch klingt, seit dieser Zeit empfand sie wieder etwas für ihn. Ein Lo den Gäste sonderer F um Ernst Ja, nun aber wollte sie keine Zeit mehr vertrödeln mit ihren Träumereien, sondern handeln, handeln! Die Welt sollte sehen, was es bedeutet, wenn sie sagte, sie gehe ,, aufs Ganze"! hatte. Er ein Treues erstenmal Profess ein alter H allen Seit milde und Noch am gleichen Tag mußte Harry eine besonders freundlich gehaltene Einladung zum Vortrag Professor Mönnichs persönlich in den ,, Stern" überbringen. Der Gauleiter, Taubenhaus, Schwabach hätten bereits zugesagt, mußte Harry andeuten, da dürfe Papa unter keinen Umständen fehlen, wenn er Mama nicht betrüben wolle. Harry kam zurück und berichtete, daß Papa nahezu gerührt zu sein schien und versprochen habe zu kommen, wenn der Dienst es ihm erlaube. Bei seinen von Polen der polni gentlich Nachbarn vertreibe Aber er kam nicht, sandte aber einen Brief, daß er leider zur Zeit bettlägerig sei. auch zuv oder ein sein Vor In de sehender Danzig im poln seren, w 302 keine Silbe. D nne sie unmöglid me unbedingt heu Enf Uhr! er in der höchste ers, sich wieder mus zu übertrage schon lange äußen brochen zu habe Sher, immer höhe Stellungen in de nur so zu scheffe Die Aussichten an heute angedeus vielleicht würde thatte sie Auto in einem Extraz Überhaupt erschienen einige der Ehrengäste nicht, auf die Clotilde großen Wert legte. Taubenhaus, auf den sie mit Bestimmtheit gerechnet hatte, blieb aus, und der Gauleiter wurde durch dringende Geschäfte abgehalten. Es kam nur Schwabach, aus dem sie sich weniger machte. Der Gauleiter aber schickte seinen Vertreter, Rittmeister Möhn, der ihr ein Photo des Gauleiters mit eigenhändiger liebenswürdiger Widmung überreichte. Da konnte man sehen, was Anstand heißt! Nein, der Gauleiter konnte wahrhaftig nicht kommen. Er spielte Karten im ,, Stern" mit Taubenhaus, dem Ersten Staatsanwalt und dem Rektor der Hochschule. Die Herren spielten bis drei Uhr nachts Einundzwanzig. Ein Lohndiener in Schwarz mit weißen Handschuhen öffnete den Gästen lautlos die Türen, und Clotilde sprach mit besonderer Feierlichkeit den ,, Führergruß", den sie seit einiger Zeit, um Ernst und Feierlichkeit des Abends zu betonen, eingeführt hatte. Er bestand darin, daß sie den Redner kurz einführte und ihre Jungen? Win Treuegelöbnis der Versammlung an den Führer richtete. Zum erstenmal konnte sie heute die Hand gegen das Gemälde recken. Professor Mönnich, der berühmte Redner aus Königsberg, war gebunden, soviel s ein alter Herr mit weißem Distelkopf, seine Haare standen nach Dank nicht mehr i Be mit ihr gesehe allen Seiten struppig um seinen Schädel. Er lächelte immerzu Zeit empfand s ertrödeln mit ihre e milde und versöhnlich und schien keinerlei Erregung zu kennen. Bei seinem Vortrag sprach er eine Stunde lang ungemein fesselnd von Polen, in dem er jahrelang gelebt hatte, besonders aber von Welt sollte sehe der polnischen Bevölkerung. Ja, was für Leute sind die Polen afs Ganze"! eigentlich geworden?" lächelte er. ,, Sie waren früher angenehme e besonders freund Nachbarn, aber heute? Heute gehen sie einfach über die Grenze, essor Mönnichs per uleiter, Taubenha Harry andeuten, d wenn er Mama nich erichtete, daß Pap chen habe zu kom ef, daß er leider zu vertreiben die Bauern von ihren Feldern, und dabei kommt es. auch zuweilen vor", hier lächelte er besonders, ,, daß sie einen oder ein paar Deutsche totschlagen." Milde und Versöhnung war sein Vortrag. In der Diskussion ging es lebhafter zu. Ein würdig ausschender Herr, der, wie er sagte, seit fünf Jahren beim Zoll in Danzig arbeitete, erzählte, daß Prügeleien, Mord und Totschlag im polnischen Korridor seit langer Zeit an der Tagesordnung seien, wie jedermann wisse. Scharen von Deutschen befänden 303 sich in den letzten Wochen auf der Flucht, um im Reich Schutz zu suchen. In Danzig wisse das jedes Kind, und es sei lebhaft zu begrüßen, daß sich jetzt endlich auch weitere Kreise in der Heimat für diese beklagenswerten Zustände interessierten. Baronin von Thünen, eine glänzende Rednerin, erntete starken Beifall, als sie auf die Friedensliebe und Geduld des Führers hinwies, dem das deutsche Volk bedingungslosen Gehorsam schuldig sei. ,, Eines Tages aber", rief sie aus ,,, wird es zu Ende sein mit seiner Langmut! Er wird die Brauen runzeln, und dann wehe allen Feinden des Reiches!" den Tee. U Beule an d Er folgte Würfelzu Harry Clo Der po tilde seine Satz über Bei dieser Stelle der Rede der Baronin rief der junge Harry deutlich: Bravo! und klatschte laut in die Hände. In seiner Uniform der Hitlerjugend, den Ehrendolch an der Seite, saß er wie stets dicht beim Rednerpult. Er war ein fünfzehnjähriger hübscher, großer Junge mit einem peinlich gezogenen hellblonden Scheitel und verfolgte alle Reden mit gespanntester Aufmerksamkeit, ohne eine Miene zu verziehen. Nur als Professor Mönnich davon sprach, daß die Polen manchmal einen oder ein paar Deutsche totschlügen, hatte er sich in voller Größe aufgerichtet und drohend die Stirne gerunzelt. An dem Führerbild ging er nur mit erhobener Hand vorüber. um ein B Harry fühlte sich schon ganz als Soldat. Er wollte Offizier werden, und im Hause nannten sie ihn ,, General". ihrer ehrg Der zwei Jahre jüngere Robby verkroch sich mit seiner grünen Beule an der Stirn irgendwohin in den Salon. Vor dem Beginn des Vortrags aber hielt er sich beim Lohndiener in der Diele auf und lauschte auf die Schritte der Gäste draußen auf der Treppe. War der Zeitpunkt gekommen zu öffnen, so rief er leise ,, jetzt" und verschwand in der Küche. Poet" burtstag, Vielleicht nicht in wohnten zu tun ha wurden, Ich W klagte er auch nich So ge Sagte Clo ihre Lieb den Vate Wiederho Und fügte Ha Lokomo Sicher ko Harry Er wollte nichts vom Militär wissen, da er das frühe Aufstehen haẞte. Verträumt und nachdenklich von Natur, beschäftigte er sich zur Zeit mit dem Verfassen kleiner Geschichten. Im Gegensatz zum„ General" nannte ihn Clotilde ,, Poet". Sie liebte schönklingende, bedeutungsvolle Worte. Nach der Diskussion folgte noch ein kurzes, geselliges Beisammensein. Der Lohndiener in Schwarz mit den weißen Handschuhen und das Mädchen mit einer neuen, steifen Frisur reichten 304 gedrung einfach, 20 Totent m im Reich Schut nd es sei lebhaft z tere Kreise in de nteressierten. Rednerin, ernte und Geduld de gungslosen Gehor aus ,,, wird es z rauen runzeln, und f der junge Ham Hände. In seine un der Seite, safe m fünfzehnjährige gezogenen h gespanntester Au Nur als Professor anchmal einen od voller Größe An dem Führerb Er wollte Offizie neral". h mit seiner grüne Vor dem Begi er in der Diele au en auf der Treppe rief er leise je er das frühe Au von Natur, be assen kleiner Ge annte ihn Clotilde volle Worte. zes, geselliges Be den weißen Handfen Frisur reichten den Tee. Und da war auch der kleine Robby mit seiner grünen Beule an der Stirn wieder, an den niemand mehr gedacht hatte. Er folgte dem Diener und dem Mädchen mit einer Schale voll Würfelzucker. ,, Robby macht sich lächerlich, Mama", flüsterte Harry Clotilde ins Ohr. Der politische Redakteur des ,, Beobachter" aber sprach Clotilde seine vollste Anerkennung aus. Er wollte einen großen Aufsatz über den ,, Bund der Freunde" veröffentlichen und bat sie um ein Bild für die illustrierte Beilage. Clotilde errötete. Einer ihrer ehrgeizigen Träume ging in Erfüllung. III ,, Poet" Robby war in schweren Nöten. Morgen war sein Geburtstag, und er hatte seit Wochen nichts vom Vater gehört. Vielleicht hatte er die Einladung längst vergessen? Daß etwas nicht in Ordnung war mit den Eltern, wußte er. Andere Väter wohnten ja auch bei sich zu Hause, selbst wenn sie noch soviel zu tun hatten, wie Ärzte, die oft mitten in der Nacht geholt wurden, oder Bäcker, die morgens um vier Uhr aufstehen mußten. ,, Ich wette, daß Papa meinen Geburtstag vergessen hat", klagte er jeden Morgen. Zu Harrys Geburtstag war der Vater auch nicht gekommen, obwohl er es fest versprochen hatte. ,, So gehe doch zu ihm und lade ihn nochmals ein, Robby", sagte Clotilde jeden Tag. Harry war ihr Stolz, aber Robby war ihre Liebe. Sie baute fest darauf, daß es Robby gelingen werde, den Vater zu überreden, und wurde nicht müde, ihren Rat zu wiederholen. ,, Und vergiẞ ja nicht, ihm deine Geschichte mitzubringen", fügte Harry spöttisch hinzu. ,, Wenn er erst, Weihnachten eines Lokomotivführers' gelesen hat oder gar, Stolperchen', wird er sicher kommen." Harry war schon mehr in die Welt der Erwachsenen eingedrungen und wußte, daß die Eltern geschieden waren, höchst einfach, weil Papa alles immer besser wissen wollte. Die Richter 20 Totentanz 305 hatten ihn schuldig gesprochen, und seitdem mußte er für die Mama bezahlen und auch für sie, ihn und Robby, bis sie achtzehn Jahre alt waren. Harry lachte über Robbys Geschichten, Robby aber hielt seinen Rat für ausgezeichnet und steckte die Geschichten ein, als er seinen Besuch machte. Volle zwei Stunden wartete er vor dem Hotel, bis endlich der Wagen des Vaters kam, dann erst trat er ein. Er folgte dem klugen Rat der Mutter, die ihm sagte, er müsse sich erst vergewissern, daß der Vater auch wirklich im Hotel sei. Was sind das nun für Geschichten, Robby?" fragte Fabian, als sie zusammen im ,, Stern" bei der Limonade saßen. دو Die Geschichten Robbys waren ganz kurz, nachlässig auf herausgerissenen Blättern eines alten Rechenhefts geschrieben. In der ersten Geschichte hatte der Lokomotivführer am Weihnachtsabend Dienst, und sein Zug fuhr und fuhr, und plötzlich hatte er keine Einfahrt und mußte stehenbleiben. Da hielt er vor einem Bahnwärterhaus, und der Lokomotivführer sah durchs Fenster einen Christbaum mit hundert Kerzen und die Kinder, die in der Stube spielten. Harr schuhe g Das Mädchen hatte eine Puppe bekommen, der Knabe ein Schaukelpferd, das aus einer Kiste gemacht war. Den Schluß wollte Robby noch ändern. Fabian was Rob Märchen aber wer Und Papa!" Nein ich best weiß ich fallen. D Fabian ,, Sehr hübsch, Robby, und was ist mit diesem Stolperchen?" fragte Fabian, der Robby besonders ins Herz geschlossen hatte, da er in ihm viele seiner Wesenszüge wiedererkannte. eine vol Er ha meister, baute, u ten aus Zweihu worden verständ ordnung errichte monatig War, of gesetzt Etwa tagsesse Stolperchen? Nun, das war ein winziger Zwerg, ein kleiner Mensch, nicht größer als ein Daumen, der sich auf den Treppen herumtrieb. Er trug einen Zylinder und hatte ganz kleine Lackschuhe, und wenn nun jemand die Treppe herunterkam, so zog er den Zylinder und fragte, wieviel Uhr ist es? Der große Mensch aber beugte sich herab und war furchtbar erstaunt, einen so winzigen Menschen mit Lackschuhen zu sehen. Da stolperte er, und manchmal fiel er die Treppe herab. Darüber konnte dann Stolperchen nicht genug lachen! ,, Die Geschichte von, Stolperchen' gefällt mir sehr gut", lobte Fabian ,,, ich finde sie wirklich ausgezeichnet!" von R Verspr Doc nach k von Li dig du wie fri ihm S lassen. 306 mußte er für di obby, bis sie acht Robby aber hie Geschichten ein den wartete er vo ers kam, dann en tter, die ihm sagte r auch wirklich in wy?" fragte Fabia He saßen. nachlässig auf he geschrieben. In d r am Weihnacht dplötzlich hatte hielt er vor einen sah durchs Fenste die Kinder, die i en, der Knabe e war. Den Schlu sem Stolperchen geschlossen hatte erkannte. Zwerg, ein kleine h auf den Treppe ganz kleine Lack erunterkam, so z Der große Mensch erstaunt, einen so en. Da stolperte e rüber konnte dann mir sehr gut", lobte ,, Harry sagt, Märchen seien Blödsinn und solch kleine Lackschuhe gäbe es gar nicht." Fabian tröstete den Jungen und küßte ihn vor allen Leuten, was Robby sehr peinlich war. ,, Bestelle Harry", sagte er ,,, in den Märchen gibt es Schuhe jeder Größe. Zu deinem Geburtstag aber werde ich tot oder lebendig kommen." ,, Und du wirst nicht wieder krank werden wie bei Harry, Papa!" ,, Nein, bei Harry hatte ich die Grippe. Zu dir aber komme ich bestimmt, weil du das, Stolperchen' erfunden hast. Jetzt weiß ich endlich, weshalb die Leute so oft die Treppe herunterfallen. Das kannst du allen erzählen." Fabian kam auch zur Geburtstagsfeier Robbys, wenn auch eine volle Stunde später. Er hatte an diesem Tage lange Beratungen mit dem Baumeister, der zur Zeit das Hotel ,, Europa" am Bahnhofsplatz baute, und langweilige Besprechungen mit den beiden Architekten aus München, die den Bau des Gemeindehauses leiteten. Zweihundert Lastautos voll Erde waren im Sommer abgefahren worden, und eine Reihe von Planungen, die Fabian völlig unverständlich waren, verzögerten den Bau. So mußte auf Anordnung des Gauleiters ein zweistöckiger Keller im Souterrain errichtet werden, so daß das zwölfstöckige Gebäude nach viermonatiger Arbeit kaum über das Erdgeschoß hinausgekommen war, obschon man eine Kolonne von hundert Arbeitern eingesetzt hatte. Etwas verärgert und abgespannt kam Fabian zum Geburtstagsessen, nachdem alle schon sein Erscheinen bezweifelt hatten, von Robby abgesehen, der unerschütterlich an das väterliche Versprechen glaubte. Doch Fabians getrübte Laune verschwand schnell, und schon nach kurzer Zeit fühlte er sich zu Hause. Eine förmliche Welle von Liebe und Zuneigung umgab ihn. Die Knaben schrien freudig durcheinander, Martha, sein altes Dienstmädchen, das ganz wie früher für ihn schwärmte, und auch Clotilde waren bemüht, ihm sein altes Heim so behaglich wie möglich erscheinen zu lassen. Clotilde hatte ihre ganzen Kochkünste aufgeboten, und 20* 307 der Tisch war so herrlich geschmückt, daß selbst Roẞmeier die Augen aufgerissen hätte. Natürlich lag die ,, Illustrierte Beilage" bereit, für den Fall, daß ihm die Abbildung Clotildes entgangen sein sollte, und es war selbstverständlich, daß er das Vortragszimmer besichtigen mußte. Er fand manchen Grund zu loben, Geschmack hatte Clotilde ja stets besessen, das Führerbild aber, vor dem Harry den Arm hob, gefiel ihm ganz und gar nicht, und er sprach es offen aus. ,, Ein miserables Machwerk", erklärte er. Clotilde lachte heiter. ,, Man kann für dreihundert Mark keinen Rembrandt beanspruchen", sagte sie. ,, Gewiß. Aber man müßte diese Fabrikation von Kitsch verbieten." werde dir zur Zeit 1 vertraulic niemals S „ Neue fast wie Du w wohlfühl zu klein nase der Harry dachte bei sich: siehst du, er muß wahrhaftig immer recht behalten, ganz wie die Richter entschieden. gelenkt. Clotildes heiteres Lachen hatte ihn angenehm berührt, ihre hellblauen Augen schimmerten dabei wie früher. Vielleicht hatte die Gegenwart der Jungen ihre mütterliche Güte und Liebe geweckt und sie versöhnlicher gestimmt. Sie schien sich gewandelt zu haben in den letzten Monaten, und er betrachtete sie heute mit anderen Augen. Heute sah er nicht mehr die Geliebte in ihr, deren Liebe verblaßte, sondern die Mutter seiner Kinder, die er schätzte. Medizina ratin wo Durch g schaffen, Der Gau fügung g Auch für den men soll Fabian Clotilde berichtete von ihren Reisen, die sie in verschiedene Städte des Gaues unternommen hatte, um dort auf Befehl des Gauleiters überall einen ,, Bund der Freunde" ins Leben zu rufen. Sie war in allen Städten wie eine Fürstin, ja, wie eine richtige Fürstin empfangen worden. Die Baronin von Thünen begleitete sie, und man hatte ihnen in allen Hotels eine Suite von Zimmern zur Verfügung gestellt, Autos standen Tag und Nacht für sie bereit und Adjutanten begleiteten sie auf all ihren Wegen. Die einflußreichsten Damen rissen sich um sie, kurz, es war herrlich, in allen Dingen die Macht des Gauleiters zu fühlen. Clotildes Augen strahlten glücklich. Harry und Robby blickten voller Bewunderung auf die Mutter. n Fabian sprochen gestimm das Land ,, Das Glück, etwas für mein Land leisten zu können", sagte Clotilde ,,, überwältigte mich nahezu auf meinen Reisen. Ich 308 entschlos lich dar gewonne er sonst verzog Clotil eine kle Martha sofort in Es w hören Jungen lbst Roßmeier di reit, für den Fall sein sollte, und e immer besichtige Geschmack hatt , vor dem Harry und er sprach& te er. undert Mark keine on von Kitsch ver wahrhaftig imme den. ehm berührt, ihr er. Vielleicht hatte Güte und Liebe g ien sich gewande trachtete sie het die Geliebte in it iner Kinder, die werde dir nun auch von meinen neuen Plänen erzählen, die mich zur Zeit lebhaft beschäftigen, Frank", fügte sie hinzu, indem sie vertraulich den Arm um Fabians Nacken legte, als habe es niemals Streit zwischen ihnen gegeben. ,, Neue Pläne?" fragte Fabian, der die Berührung ihres Arms fast wie eine Liebkosung empfand. ,, Du weißt ja", fuhr Clotilde eifrig fort ,,, daß ich mich nicht wohlfühle ohne neue Pläne." Ja, die Wohnung hier sei nun viel zu klein geworden und ein günstiger Zufall, oder besser die Spürnase der Baronin, habe ihr Augenmerk auf eine größere Wohnung gelenkt. Clotilde lächelte beglückt. Es wäre die Wohnung des Medizinalrats Flohr, der vor einiger Zeit starb. Die Medizinalrätin wollte die Riesenwohnung gegen die kleine hier tauschen. Durch geringfügige Umbauten ließ sich ein großer Vortragssaal schaffen, und doch hätten sie noch alle zusammen reichlich Platz. Der Gauleiter habe ihr für den Umbau zwanzig Mille zur Verfügung gestellt. ,, Auch für dich, Frank, wären noch zwei große Räume frei, für den Fall, daß du einmal das Wohnen im Hotel satt bekommen solltest", fügte Clotilde wie nebenbei hinzu, während sie Fabian mit einem freundlichen Lächeln streifte. Fabian erinnerte sich, daß der Gauleiter neulich mit ihm gesprochen hatte und ihm sagte, daß die Zersplitterung gleichgestimmter, aufbauwilliger Kräfte heutzutage ein Unfug sei, den das Land sich in dieser Zeit nicht mehr leisten könne. Er sei auch entschlossen, diesen Unfug abzustellen. Im übrigen habe er neulich darüber mit seiner Gattin gesprochen und den Eindruck gewonnen, daß sie eine Aussöhnung begrüßen würde, und was er sonst alles noch sagte. Daran erinnerte er sich jetzt, aber er verzog keine Miene und erwiderte nichts. sie in verschiedene ort auf Befehl de ns Leben zu rufen wie eine richtige von Thünen be tels eine Suite von en Tag und Nach uf all ihren Wegen sie, kurz, es war uleiters zu fühlen and Robby blickten zu können", sagte einen Reisen. Ich Clotilde erwartete offenbar seine Antwort und es entstand eine kleine Verlegenheitspause, so daß er glücklich war, daß Martha in diesem Augenblick zum Kaffee rief. Die Knaben eilten sofort ins Speisezimmer. ,, Es wäre mir angenehm, gelegentlich deine Ansicht darüber zu hören", fügte Clotilde hinzu, während sie und Fabian den Jungen folgten. ,, Ich hoffe, du besuchst uns in Zukunft öfter, 309 Harry und Robby sind ja jetzt schon ganz vernünftig geworden. Du kannst sie ins Hotel bitten, wenn du Sehnsucht nach ihnen hast, du kannst sie auch hier besuchen, sooft du willst. Das wollte ich dir nur sagen. Wir kommen schon!" rief sie den Jungen im Speisezimmer zu, die ungeduldig wurden. Clotilde wünscht meine Ansicht zu hören? dachte Fabian. Seit wann wollte Clotilde die Ansicht irgendeines Menschen hören? Es geschehen noch Wunder in dieser Welt, wahrhaftig! Was sie über die Jungen sagte, beglückte ihn. Er liebte seine beiden Jungen, und ihre Großzügigkeit zeigte eine versöhnliche Haltung, die ihn tief erfreute. Natürlich mußte er auch noch zum Abendbrot bleiben, Harry, Robby und Clotilde vereinigten ihre Bitten. Clotilde hatte kalte Platten mit allerlei Herrlichkeiten vorbereiten lassen und ließ auch zwei Flaschen herrlichen Rheinwein auftragen. Sie kannte Fabians Schwächen. früh um v telefoniert stellen, dar In Wahrheit, es war ein beglückender Tag! Um zehn Uhr verabschiedete sich Fabian, um ganz langsam in der warmen Nacht nach Hause zu gehen. Viele Dinge gingen ihm durch den Kopf. Vorläufig dachte er nicht daran, zu Clotilde zurückzukehren, er wollte erst warten, wie die Dinge sich entwickelten. Die Freuden des Familienlebens, dachte er und blieb nachdenklich stehen, sind jedenfalls die reinsten der Welt. Sie erfüllen das menschliche Herz mit Glück und Liebe. zu leben!" „ Martha In hell außer Ran aus den B Zivil an di zu werden die gesam meter in F dem Rote um fünf bespre Ich w Die Sta truppen gewisse un gebildete schon ihr gewissen S bis die K Sonderme hatten D lache nur Weisheit eine Kan einen So Frankreic aufgereg IV In aller Frühe ging das Telefon. ,, Endlich, endlich, liebste Clotilde!" rief Baronin von Thünen in den Apparat. ,, Sagte ich nicht kürzlich beim Vortrag von Professor Mönnich, eines Tages wird die Langmut des Führers zu Ende sein und er wird die Brauen runzeln? Er hat sie endlich gerunzelt und nun wehe den polnischen Meuchelmördern!" ,, Die Aufregung in meinem Hause können Sie sich unmöglich vorstellen, meine Liebe. Das Regiment Wolfs wurde schon heute 310 schwiege Da an Fabian st aufgewü fel es ih er alles früh um vier Uhr verladen und ging jubelnd ins Feld. Der. Oberst telefoniert mit Gott und der Welt, um sich zur Verfügung zu stellen, damit er ja nichts versäumt. Wahrhaftig, es ist eine Lust zu leben!“ „Martha erzählt, die ganze Stadt sei in heller Aufregung!“ „In heller Aufregung?“ rief die Baronin und lachte.„Sie ist außer Rand und Band! Mitten in der Nacht wurden die Männer aus den Betten geholt, selbst alte Landsturmleute. Sie wurden in Zivil an die polnische Grenze transportiert, um dort eingekleidet zu werden. Ein neuer, verwegener, todesmutiger Geist beseelt die gesamte Armee! Unsere Truppen sollen schon fünfzig Kilo- meter in Polen eingedrungen sein. Ich beabsichtige, meine Kräfte dem Roten Kreuz zur Verfügung zu stellen. Kommen Sie doch um fünf Uhr zum Tee zu mir, Liebste, es gibt ja tausend Dinge zu besprechen!“ „Ich werde pünktlich sein!“ Die Stadt war wie besessen! Braune und schwarze Partei- txuppen zogen in Kolonnen durch die Stadt und grölten sieges- gewisse und siegestrunkene Lieder. Tausende von Bürgern, aus- gebildete Soldaten, Handwerker und Beamte, hatten seit Stunden - sehon ihre Frauen und Kinder verlassen und fuhren einem un- gewissen Schicksal entgegen, viele sorgenvollund niedergeschlagen, - bis die Kriegstrunkenheit der Kameraden sie mit fortriß. Die Sondermeldungen im Radio jagten sich. England und Frankreich hatten Deutschland den Krieg erklärt, da konnte man wirklich mr lachen! Mit einem einzigen genialen Schachzug hatte die Weisheit des Führers sie schon mattgesetzt, bevor sie auch nur &ine Kanone auffahren konnten. Einige Wochen früher hatte er einen Sondervertrag mit Rußland abgeschlossen! England und Frankreich begingen glatten Selbstmord. Die Menschen redeten aufgeregt durcheinander, nur ganz wenige blieben still und schwiegen. Da an eine vernünftige Arbeit nicht zu denken war, schloß Fabian seine beiden Büros. Er war bis ins tiefste seines Wesens aufgewühlt. Als ehemaliger Hauptmann und begeisterter Soldat fiel es ihm schwer, anders als militärisch zu empfinden und wenn er alles recht bedachte, schien ihm die einzig mögliche Lösung vo Ti Vortrag m a ‚1 311 der Krieg zu sein! Nur der Krieg konnte Deutschland aus der demütigenden Lage befreien, in die der Versailler Vertrag es gestürzt hatte. Er begab sich zu Clotilde und bat sie, ihm seine Hauptmannsuniform und alle militärischen Effekten, die sich noch immer bei ihr befanden, ins Hotel zu schicken. ,, Es eilt?" fragte Clotilde mit erschrockener Miene. ,, Ist dein Jahrgang schon an der Reihe?" ,, Nein, noch nicht", entgegnete er. ,, Aber ich halte es für meine Pflicht, in jeder Minute bereit zu sein." Seine beiden Jungen fand er in aufgeregter Gemütsverfassung vor. Harry war tief unglücklich, daß er erst sechzehn Jahre alt war, er weinte fast. Der Krieg werde längst zu Ende sein, jammerte er, bevor er ins Feld käme. Robby, der ,, Poet", dagegen war seelenvergnügt, er freute sich auf die schulfreien Tage, die er kommen sah. Er war ausgesprochen faul. Ja", sa Jahr bei Dienst. I einige W ein fast v schleife. H Schon waren einige Offiziere der Reserve in den Straßen und Geschäften zu sehen, die eifrig und erregt, viele mit strahlenden Mienen, eilige Besorgungen machten. In der Wilhelmstraße lief er Baurat Krieg in die Arme, der in höchster Eile daherkam. ,, Was sagen Sie dazu", rief er ihn an ,,, daß unsere Panzertruppe wie im Manöver in Polen vordringt?" Vater gew „ Groß sprechen, den Auge Krieg schüttelte den Kopf, ihm gefiel der Krieg nicht. ,, England! England!" erwiderte er mit besorgter Miene. ,, Ich habe erst dieser Tage gelesen, daß England volle zwanzig Jahre mit dem revolutionären Frankreich Krieg führte. Zwanzig Jahre, bedenken Sie!" Ja, G vollkomm Meinung Miene: rührte n ,, Lassen Sie sich nicht auslachen mit Ihrem England", entgegnete Fabian lachend. ,, Englands Rolle ist ausgespielt! Diesmal werden wir Ihrem Piratenstaat England die Haifischzähne ausreißen, aber richtig, verstehen Sie? Kommen Sie, wir gehen zusammen essen." dachte ic dich doc Kind sch Krieg schüttelte den Kopf und sah sorgenvoll zu Boden. ,, Ich kann leider nicht", entgegnete er ,,, ich muß meine Tochter Hedwig vom Bahnhof abholen." Fabian fiel. Er s ,, Hedwig? Das war doch die lustige, die bei Taubenhaus arbeitete?" 312 Ja", mit mir verstörte Wochen sie hat h fassung kann ic lieber Fr hinab. Fabia Auch ei den Gas Rittmei wesend rücken. Pour le fallend -hland aus de Vertrag gt och immer x „Ja“, sagte Krieg mit düsterer Miene.„Sie arbeitete ein volles Jahr bei Taubenhaus, und häufig hatte sie bis nachts um vier Uhr Dienst, Ihr Dienst war so anstrengend, daß sie sich jetzt auf einige Wochen aufs Land zurückziehen mußte.“ Krieg machte ein fast verstörtes Gesicht und zerrte nervös an seiner Lavalliere- schleife. Er blickte Fabian mit düsteren Augen an.„Ich bin Groß- vater geworden, lieber Freund“, fügte er niedergeschlagen hinzu. „Großvater?“ Fabian wollte eben seinen Glückwunsch aus- sprechen, aber die sorgenvolle Miene Kriegs, der fast Tränen in den Augen hatte, hielt ihn zurück. Er wurde plötzlich unsicher. „Ja, Großvater“, nickte der verstörte Baurat.„Die Welt ist vollkommen verrückt geworden, lieber Freund, das ist meine Meinung! Eines Abends erklärte mir Hedwig mit strahlender Miene: ‚Freue dich, Papa, ich werde bald Mutter werden!‘ Mich rührte nahezu der Schlag. Sie ist plötzlich irrsinnig geworden, dachte ich. Aber Hedwig schüttelte mich heftig am Arm. ‚Freue dich doch mit mir, Papa!“ rief sie aus. ‚Ich wollte dem Führer ein Kind schenken, und jetzt ist es soweit.‘ Irrsinn, völliger Irrsinn.“ Fabian war so verwirrt, daß ihm keine passende Antwort ein- fiel. Er starrte Krieg wortlos mit verblüffter Miene an. „Ja“, fuhr der Baurat fort,„ich schleppe also eine neue Sorge mit mir herum!“ Er hielt eine Weile inne, dann begann er mit verstörtem Lächeln von neuem:„Nun aber ist seit einigen Wochen meine Hermine bei Taubenhaus beschäftigt, und auch sie hat häufig Dienst bis um vier Uhr!' Können Sie sich die Ver- fassung eines Vaters vorstellen? Was kann ich dazu sagen? Nichts kann ich dazu sagen. Irrsinn, völliger Irrsinn! Leben Sie wohl, lieber Freund.“ In höchster Eile rannte Krieg die Wilhelmstraße hinab. Fabian war erstaunt, im„Stern“ alle Tische besetzt zu finden. Auch einige Reserveoffiziere in Uniform befanden sich unter den Gästen. Der Gauleiter und seine Adjutanten Vogelsberger, Rittmeister Möhn und Hauptmann Frey waren ebenfalls an- wesend. Hauptmann Frey sollte in dieser Nacht noch ins Feld rücken. Überall sah man Orden und Ehrenzeichen, sogar ein Pour le merite war zu sehen. Alle waren in aufgeregter und auf- fallend heiterer Stimmung und die Trinksprüche wollten kein 313 Ende nehmen. Sehr häufig unterbrach das Radio die rauschende Musik von Militärmärschen, um neue Meldungen vom Kriegsschauplatz zu verkünden. Die Gläser wurden wieder und wieder auf das Wohl der ,, unvergleichlichen Truppen" geleert. Allein an der verblüffenden Menge von Weinflaschen aller Art konnte man die wundervollen Erfolge der Armee ermessen, die Polen überrannte. Es war wirklich erstaunlich, mit welcher Einmütigkeit sich alle Gäste, Richter, Staatsanwälte, Professoren, Prediger, Offiziere dem Siegesrausch und den ausschweifendsten Hoffnungen und Prophezeiungen hingaben. Von Zeit zu Zeit riẞ eine Woge von Begeisterung sie von ihren Sitzen hoch, und sie reckten die Weingläser zur Decke empor und tranken auf ein " größeres Deutschland". Still! Was sagt der Gauleiter? Ja, wirklich, der Gauleiter hielt an seinem Tisch eine Ansprache und alles lauschte. Da es aber eine geraume Zeit dauerte, bis der wirre Lärm zum Schweigen kam, hörte man nur den Schluß seiner Rede. Er schloß: ,, Und in einem Jahr werden wir Kaffee aus unseren Kolonien trinken!" gekommen Verteilung Eine donnernde Brandung von Begeisterung war die Antwort der Anwesenden, und Scharen von Weingläsern klirrten voll ungestümer Begeisterung aneinander. Er kam Pfarrer vo Fabian schien der Nüchternste und Besonnenste von allen zu sein. Die Sie Ansicht ä führte er a zuwiesen. land über ein Volk Physikern nicht wie zen verkü land war rechtigkei war Batte leisten!" Der Pf Und b Nun ja, er teilte zwar die allgemeine Begeisterung der Gäste, konnte aber nicht allen verstiegenen und oft unsinnigen Prophezeiungen beistimmen. Es würde ja nicht so einfach sein, diesen Pfeffersäcken, wie sie England nannten, Gibraltar, den Suezkanal und Indien zu entreißen, wie es soeben der Landgerichtsrat Petersmann prophezeite. Nein, so einfach war das keineswegs, mein verehrter Herr Landgerichtsrat! Diese Pfeffersäcke England und das halb ,, vernegerte" Frankreich waren nicht zu unterschätzende, gewaltige Gegner! Er hatte sie im Weltkriege zur Genüge kennengelernt. Im allgemeinen aber, wenn man von all dem Geschwätz und den üblen Phrasen absah, begrüßte er den Krieg! Deutschland war bei der Aufteilung der Erde zu kurz 314 spruch au Gegen Adjutant Heiter u gesprung Nach aus. Zie Zimmer. Das A bühl, un dem W Verlas grungest geschloss e rauschende vom Kriegsr und wieder ert. Allein an Art konnte en, die Polen mütigkeit sich n, Prediger, dsten Hoff zu Zeit rib hoch, und sie nken auf ein sch eine An Zeit dauerte man nur den r werden wir die Antwort klirrten voll ste von allen ung der Gäste igen Prophe Th sein, diesen ar, den SuezLandgerichtsar das keines e Pfeffersäcke aren nicht zu am Weltkriege wenn man von , begrüßte er Erde zu kurz gekommen, es mußte abermals Krieg führen, um den Fehler der Verteilung der Erde zu korrigieren, das war seine Meinung. Er kam langsam in Eifer und trug seine Ansichten einem Pfarrer vor, der immerfort zustimmend nickte. ,, Die Sieger des Weltkriegs hatten, wenn er seine bescheidene Ansicht äußern dürfte, einen ungeheuren Fehler begangen", führte er aus ,,, als sie Deutschland eine solch demütigende Rolle zuwiesen. Sie konnten es nur tun, weil sie das wahre Deutschland überhaupt nicht kannten, ganz und gar nicht! Sie durften ein Volk mit solchen ungeheuren Kräften, solchen Chemikern, Physikern, Chirurgen, Philosophen, Musikern und Dichtern nicht wie ein Balkanvolk behandeln und in seinen engen Grenzen verkümmern lassen. Nein, das durften sie nicht! Deutschland war jetzt zu einem neuen Waffengang für Recht und Gerechtigkeit angetreten und die Kanonen mußten entscheiden. Ich war Batterieführer und weiß sehr wohl, was deutsche Kanonen leisten!" Der Pfarrer nickte und bestellte sich eine neue Flasche Mosel. Und begeistert erhob sich Fabian bei einem neuen Trinkspruch auf ein„ größeres Deutschland". Gegen zwei Uhr verabschiedete sich der Gauleiter mit seinen Adjutanten, um Hauptmann Frey zum Bahnhof zu begleiten. Heiter und jovial winkte Rumpf allen Gästen zu, die aufgesprungen waren. Nach seinem Weggang artete die Feier zu einer wahren Orgie aus. Ziemlich bezecht erreichte Fabian am Morgen sein Zimmer. V Das Auto hielt vor dem Hause Wolfgang Fabians in Jakobsbühl, und die beiden Damen Lerche- Schellhammer stiegen aus dem Wagen. Verlassen und öde lag das Haus des Bildhauers da, die kleinen grüngestrichenen Fensterläden, verschossen in der Sonne, waren geschlossen. Der wilde Wein, der an der Hauswand aus dem 315 Boden sproẞ, begann an vielen Stellen schon rot zu werden, eine Ranke war in einen Fensterladen hineingewachsen. ,, Sieh doch, Mama!" sagte Christa, die mit ihrer Mutter um das Haus ging, und deutete auf die wuchernde Ranke. ,, Man sieht, daß er schon lange fort ist", antwortete Frau Beate. ,, Es scheint niemand zu Hause zu sein." ,, Aber das Telefon hat doch geantwortet." Christa blieb plötzlich stehen. Im hohen Gras lag mit einem zerbrochenen Lauf das ,, Eintier", eine Jugendarbeit, die Wolfgang als Schmuck im Garten aufgestellt hatte. ,, Das Eintier, Mama!" دو , Wahrscheinlich hat der Sturm es vom Sockel geworfen." Die Damen waren sehr enttäuscht. Sie hatten ihren Rundgang beendet und polterten erneut gegen die Haustüre. ,, Retta! Retta!" Da hörten sie eines der kleinen Küchenfenster knarren, und ein Gesicht, wie das einer Hexe aus dem Märchen, lugte vorsichtig heraus. dachten. A einen wahr Erst als de und fuhre Haben ,, Es kommt Besuch!" rief Frau Beate lachend. ,, Ach, du mein Gott, welch hohe Gäste!" kreischte die Alte erfreut. Nicht einen Ton habe ich gehört. Und Fräulein Christa ist auch dabei. Gleich werde ich öffnen!" Beate, als Nur se ingof. W war kaum war gegen Retta schloß die Haustüre auf und führte die Damen in das kleine Speisezimmer, das von sanfter, grüner Dunkelheit erfüllt war. ,, Es ist das einzige Zimmer, das aufgeräumt ist", rief sie und stieß einen Fensterladen auf, so daß der grelle Tag in den kleinen Raum brach. ,, Ich bin gerade beim Kaffeekochen und werde den Damen gleich eine Schale bringen." Birkholz, ,, Keine Umstände, Retta", sagte Christa. ,, Wir sind hierhergekommen, um Neuigkeiten von Ihnen zu hören." rückkäme „ Aber Ach, können si Retta aber war nicht aufzuhalten. ,, Seit sechs Wochen sind Sie die ersten Menschen, die ich sehe", rief sie aus ,,, da werden die Damen schon ein paar Minuten Zeit haben für ein altes Weib." manchmal kommt. Z bruch sch halten, ab müssen da das hat sc Hölle, sag den Hill Gesch Retta haben sch prach de mich tots metzen b richten m Vorige W modellier Und fragte Fra Retta Bruder W Die Damen Lerche- Schellhammer hatten sich einige Wochen in Baden- Baden aufgehalten und darauf eine Reise in den Schwarzwald unternommen. Mitten im Wald entdeckten sie ein gepflegtes, stilles Hotel, wo sie einige Tage zu bleiben ge316 nahmen. werden, eine er Mutter um Lanke. wortete Fra ta blieb plötz rochenen La s Schmuck in geworfen." ihren Rund stüre. ,, Rett knarren, und en, lugte vor ischte die Al Und Fräulein Damen in da Dunkelheit er äumt ist", elle Tag in den rief Feekochen und " sind hierher Wochen sind us ,,, da werden für ein altes einige Wochen Reise in den entdeckten si zu bleiben ge dachten. Aus den einigen Tagen aber wurden Monate, da Christa einen wahren Abscheu davor hatte, in die Stadt zurückzukehren. Erst als der Krieg mit Polen ausbrach, packten sie ihre Koffer und fuhren ohne Aufenthalt nach Hause. ,, Haben Sie Nachrichten vom Professor, Retta?" fragte Frau Beate, als die Bäuerin mit dem Kaffee zurück ins Zimmer kam. ,, Nur sehr wenige", erwiderte Retta, während sie den Kaffee eingoẞ. Wenn sie leise sprach, klang ihre Stimme heiser und war kaum zu verstehen, sprach sie laut, so kreischte sie. Sie war gegen siebzig Jahre alt.„ Der Professor ist noch immer in Birkholz, und es sieht noch gar nicht so aus, als ob er bald zurückkäme." ,, Aber zuweilen erhalten Sie Nachricht? Schreibt er denn?" ,, Ach, du mein Gott!" kreischte die alte Bäuerin. ,, Schreiben können sie da nicht, es ist schlimmer als im Zuchthaus. Aber manchmal schleicht sich einer zu mir heraus, der aus Birkholz kommt. Zuerst mußte der Professor wie ein Knecht im Steinbruch schuften, das war eine harte Arbeit, die viele nicht aushalten, aber der Professor ist ja ein starker, gesunder Mann. Sie müssen da die schweren Blöcke einen Abhang hinaufschleppen, das hat schon vielen das Leben gekostet. Birkholz ist die reinste Hölle, sagen sie. Anfangs wurde er jeden Tag geschlagen, weil er den Hitlergruß nicht sprechen wollte." ,, Geschlagen?" rief Christa entsetzt aus. Retta nickte. ,, Sie prügeln in Birkholz Tag und Nacht und haben schon viele totgeschlagen", schrie sie. ,, Aber der Professor sprach den Hitlergruß nicht, ich weiß ja, wie er ist. Sollen sie mich totschlagen, sagte er. Dann war er lange Zeit bei den Steinmetzen beschäftigt, wo sie zwölf Stunden lang die Quadern zurichten müssen. Jetzt aber soll es ihm besser gehen, hat mir einer vorige Woche erzählt. Er muß die Frau des Kommandanten modellieren", schloß Retta ihren Bericht. ,, Und sein Bruder, der Rechtsanwalt? Tut er denn nichts?" fragte Frau Beate. ,, Er ist doch jetzt ein großes Tier geworden." Retta schlürfte ihren Kaffee.„ Ja“, nickte sie ,,, bei seinem Bruder war ich natürlich auch, gleich nachdem sie ihn mitnahmen., Sehen Sie zu', sagte ich zu ihm,, Sie sind doch sein Institut für neuere deutsche Literatur Justus- Liebig- Universität Otto- Behaghel- Str. 10, 6300 Giessen 317 Bruder, das geht ja nicht.', Meine liebe Retta', sagte er zu mir, , von diesen Dingen verstehen Sie nichts. Ich kann mich als Anwalt doch unmöglich in ein schwebendes Verfahren einmischen. Wie stellen Sie sich das vor?"" Die beiden Damen schüttelten den Kopf und wechselten Blicke. ,, So sagte er", bekräftigte Retta. ,,, Haben Sie nur etwas Geduld, Retta. Wenn meine Zeit gekommen ist, so werde ich Wolfgang von heute auf morgen herausholen."" ,, Seine Zeit ist aber wohl noch nicht gekommen?" rief Frau Beate sarkastisch aus. schlagen. der Bode Teppiche wüstung großen B allen Fre „ Beim Ja, si schrie Fr Christa Wilde!" Frau F allein no Deine Welch hatte Sie „ Ich ri So sehen, Vor dem haben sie soffen wa Als die Bitte las Retta goẞ neuen Kaffee ein und fuhr fort, ohne auf den Einwurf zu achten. ,, Es war vielleicht ganz gut so, wer weiß es? Neulich war ein armer Jude aus Birkholz bei mir, der arme Kerl zitterte an allen Gliedern, so elend ging es ihm. Ich gab ihm drei Tage zu essen, daß er wieder auf den Beinen stehen konnte. Der sagte mir, nur nichts unternehmen, um Gottes willen! Dann sperren sie den Professor in einen dunklen Bunker, gleich wochenlang. Da steht man bis über die Knöchel im Wasser. Mein Gott, was für Dinge mir der arme Jude erzählte, er war über ein Jahr in Birkholz. Darf ich den Damen noch eine Schale eingießen?" ,, Nein, nein, danke!" Die Damen erhoben sich gleichzeitig, sie hatten genug von den schrecklichen Dingen gehört, die Retta alle mit einer merkwürdigen Empfindungslosigkeit vorbrachte, die zuweilen alten Leuten eigen ist. ,, Einen Augenblick noch!" rief sie ,,, die Damen müssen einen Blick ins Atelier werfen. Ich habe mit Fleiß kein Stäubchen daran geändert, das kann ich Ihnen schwören!" Bei diesen Worten sperrte sie die Tür zum Atelier auf, und die beiden Damen erstarrten, solch ein Bild der Verwüstung bot sich ihren Augen. Das große Atelier war über und über mit weißem Staub wie mit Mehl bedeckt. Die Abgüsse waren von den Wänden herabgerissen und auf den Fußboden geschleudert worden. Die Figur des ,, Kettensprengers" war völlig zertrümmert, der Sockel mit der Inschrift ,, Lieber tot als Sklav" in viele Teile zer318 Freunde Wir Hast Ja, ic lachend. ihrem K sie sich a mutter u bei sich gte er zumi, kann mich& Verfahren et ‘ wechselte r T auf den Ex , wer weiß 6 ‚rzählte, er# och 1 eine Sch j schlagen. Schränke und Stühle waren mit dem Beil zerhackt, der Boden mit zersplitterten Flaschen und Gläsern bedeckt, die Teppiche waren zerschnitten und zerfetzt, kurzum, die Ver- wüstung war unvorstellbar. Mit blauer Farbe war in ellen- großen Buchstaben quer über die Wand geschmiert: So geht es allen Freunden der Juden! „Beim Brennofen sieht es genau so aus!“ kreischte Retta. „Ja, sind denn die Deutschen zu Kannibalen geworden?“ schrie Frau Beate außer sich vor Empörung. Christa schüttelte fassungslos den Kopf.„Wilde sind das, Wilde!“ rief sie aus, und ihr Gesicht verfiel vor Trauer. Frau Beate deutete auf den Abguß einer Hand, der ganz allein noch an der Wand hing. „Deine Hand, Christa.“ Welch ein Wunder, ihre Hand war übriggeblieben. Wolfgang hatte sie vor Jahren modelliert. „Ich rühre nichts an!“ rief Retta aus.„Der Professor muß es so sehen, wie es war.“ Sie deutete auf den Haufen Scherben, die vor dem zerschlagenen Bauernschrank lagen.„Den Wein haben sie dem Professor auch noch ausgetrunken, bis sie be- soffen waren wie Schweine.“ Als die beiden Damen sich verabschiedeten, sagte Frau Beate: „Bitte lassen Sie dem Professor bestellen, Retta, daß seine alten Freunde fest und treu zu ihm stehen.“ „Wir haben ihm nicht vergessen!“ fügte Christa hinzu. VI „Hast du ihn mit dir?“ »Ja, ich habe ihn mit mir, Mamuschka“, antwortete Marion hhchend. Sie meinte den spanischen Dolch, den sie immer in ihrem Kleid verborgen trug, wenn sie zu den„andern“ ging, wie sie sich ausdrückte. Sie hatte keine Geheimnisse vor der Pflege- mutter und hatte ihr den Dolch gezeigt und die Art, wie sie ihn ei sich trug. zu nahe zu 65 unter de Seit diese Hüfte mit sie mit den Sicherheit, heit, die sie daß selbst kommen. Eines Ta hatte, Run ,, Schade, daß er nicht vergiftet ist!" sagte Mamuschka mit stockendem Atem. Sie flüsterte vor Erregung und führte den Dolch nahe an ihre kurzsichtigen Augen, um ihn genau zu betrachten. ,, Scharf genug ist er!" flüsterte sie, und ihre Augen glühten vor Haß. ,, Damit stichst du hart zu, wenn dir einer der Ruchlosen zu nahe kommt, hörst du, Marion, das schwörst du mir!" Und Marion beschwor es. ,, Wenn sie dich dann töten, so ist es dein Schicksal, das dir Gott bestimmte, aber es ist besser tot zu sein, als seine Ehre zu verlieren." Die bejahrte Jüdin haẞte die ,, Ruchlosen" nicht erst, seit sie die Juden verfolgten, sie haßte sie von Anfang an mit einem tödlichen Haß, der wie eine glühende Kohle in ihrem Herzen brannte. Sie brauchte nur an sie zu denken, und augenblicklich begann die Kohle in ihrem Herzen zu glühen. ,, Hütet euch, Gott wird euch zertreten wie Gewürm, ihr Ruchlosen!" Ihr Gesicht verzerrte sich vor Abscheu, wenn sie nur einen braunen Parteisoldaten auf der Straße sah. Sie hatte ihrem Gott auch geschworen, jeden zu töten, der Marion etwas zuleide tun sollte, mochte man sie dann auch in Stücke zerhacken! Mamuschka mordete hundertfach in Gedanken, jeden Tag, tausendfach, und doch konnte sie nicht einmal einem Huhn den Hals umdrehen. Was ha Häfte, pro Es fiel mi es ein Mes Marion Frage nich Marion war entschlossen, ihre Ehre bis zum letzten Atemzug zu verteidigen, sie hatte es nicht nötig, es erst zu beschwören. Es war selbstverständlich für sie, auch nicht eine Sekunde würde sie zögern, wenn es nötig sein sollte. Hoffentlich aber würde es nie nötig werden, Gott helfe ihr! Sie konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. ihrem S Aber Rum rechten H Ich we Sein La bleiches G Vangen b wandte ih Ja, es zitternd v Der Ga das ist ja einen Dol Die Ge wieder lau Den Dolch trug sie in ihrem Rock, rechts an der Hüfte. Sie hatte es geübt, rasch nach dem Dolch zu greifen und ihn blitzschnell zu ziehen. Mamuschka war bei der Übung zugegen gewesen, und erst beim dritten Versuch war sie zufriedengestellt. Marion zog den Dolch so blitzartig und stieß ihn so rasend in die Luft, daß in Wahrheit niemand imstande war, sich ihr zu nähern. ,, Sehr gut! Der steht nicht mehr auf!" lobte die Pflegemutter mit fanatisch funkelnden Augen, als sie Marions verwegene Entschlossenheit sah. ,, Nur ein Wahnsinniger kann es wagen, dir 320 bei mir" kommt. " Rumpf tahe kom Marion 21 Totenta amuschka mit nd führte de genau zu be nd ihre Auge n dir einer der as schwörst d dann töten, so er es ist besser te Jüdin habt verfolgten, s Haß, der wi e brauchte nu Kohle in ihrem zertreten w e sich vor Ab auf der Straße n zu töten, de dann auch rtfach in Ge te sie nicht ein etzten Atemzug zu beschwören Sekunde würd aber würde mer Fliege etwa der Hüfte. S zu nahe zu kommen. Aber du weißt ja, wie viele Wahnsinnige es unter den Verruchten gibt, deshalb sieh dich vor!" Seit dieser Zeit trug Marion den Dolch stets an ihrer rechten Hüfte mit sich, wenn sie nach Einstetten ging, auch dann, wenn sie mit dem Gauleiter Billard spielte. Er gab ihr Ruhe und Sicherheit, und sie war überzeugt, daß die tödliche Entschlossenheit, die sie unter einer heiteren Miene verbarg, die Ursache war, daß selbst die rohen Soldaten es nicht wagten, ihr zu nahe zu kommen. Eines Tages aber trat das ein, was sie schon lange befürchtet hatte, Rumpf entdeckte den Dolch. " Was haben Sie eigentlich für ein Ding an ihrer rechten Hüfte, professora?" fragte er, als sie halb auf dem Billard saẞ. Es fiel mir schon einigemal auf. Das sieht ja ganz so aus, als ob " es ein Messer wäre?" Marion wurde blaß wie eine Wand, und nur weil ihr diese Frage nicht völlig überraschend kam, hatte sie die Beherrschung, in ihrem Spiel fortzufahren und seine Frage nicht zu beachten. Aber Rumpf trat näher, um sich die verdächtige Falte an ihrer rechten Hüfte genauer anzusehen. ,, Ich wette meinen Kopf", lachte er ,,, daß es ein Messer ist!" Sein Lachen gab Marion Mut, und die Farbe kehrte in ihr bleiches Gesicht zurück. Sie errötete plötzlich heftig und ihre Wangen brannten. Langsam stieg sie vom Billard herunter und wandte ihm offen den Blick zu. » Ja, es ist eine Art Messer", antwortete sie, noch immer zitternd vor geheimer Angst. ,, Es ist ein spanischer Dolch." Der Gauleiter lachte belustigt auf. ,, Bei Gott", rief er aus, das ist ja ungeheuer drollig. Wozu, in aller Welt, tragen Sie einen Dolch bei sich wie ein spanischer Grande im Mittelalter?" Die Gefahr war vorüber, und augenblicklich begann Marion wieder laut und herzhaft zu lachen. ,, Ich trage den Dolch immer bei mir", antwortete sie ,,, für den Fall, daß mir jemand zu nahe und ihn blitz ung zugegen ge ufriedengestell nn so rasend in war, sich ihr z die Pflegemutter verwegene Ent es wagen, dir kommt." Rumpf war äußerst erstaunt. ,, Ja, wer sollte Ihnen denn zu nahe kommen?" fragte er. Marion lachte. ,, Nun, es gibt Strolche, Betrunkene und Wahn21 Totentanz 321 sinnige", erwiderte sie, und die Angst wich völlig aus ihrem Herzen, als sie diese lange vorbereitete Antwort gab. ,, Und was wollen Sie denn anfangen", forschte Rumpf weiter, ,, wenn ein Strolch oder ein Wahnsinniger auf Sie losgeht?" ,, Ich werde ihn niederstechen!" antwortete Marion ernst und entschlossen, und Rumpf sah ihr deutlich an, daß sie nicht scherzte. ,, Alle Wetter!" rief er lachend aus. ,, Alle Wetter! Sie sind ja eine gefährliche junge Dame. Jeden, der Ihnen zu nahe kommt, sagen Sie?" Marion nickte. ,, Jawohl, jeden!" ,, Also auch mich, wenn es sein müßte?" fragte der Gauleiter weiter. alter Kenn mute, eine Dolch zur sein Queue Jetzt a Wir weiter an diesem trinken, u zwei groß Zuweile zurück, di Einmal, hm lacher Marion senkte den Blick. Niemand konnte ahnen, daß sie in dieser Sekunde fast vor Angst verging. Die Röte wich aus ihren Wangen. In diesem Augenblick, da ihre blauglänzenden schwarzen Locken über ihre blassen Wangen fielen, sah sie ungewöhnlich schön aus. Sie kannte die sprunghaften Launen und die Unberechenbarkeit des Gauleiters und wußte, daß ihre Antwort ihren Tod bedeuten konnte. Er brauchte nur auf die Klingel zu drücken und man führte sie ab. Sie spielte mit ihrem Leben, aber der Gauleiter sollte erfahren, daß es noch Menschen gab, die den Mut besaßen, ihm die Wahrheit zu sagen. Langsam hob sie die Lider und sah den Gauleiter mit ihren schwarzen Augen lange an, länger als es nötig war. ,, Wenn Sie wahnsinnig würden, ja auch Sie", antwortete sie leise und senkte wieder die Lider. Wande!" zuckte die wart einig Rumpf betrachtete sie. Sie hatte die Wahrheit gesagt, daram war nicht zu zweifeln. Ohne jede Frage, sie war das begehrenswerteste Mädchen, das er je sah. Und um seine Unsicherheit zu verbergen, lachte er laut heraus. Nach d War ein C agen kön noch der anstarrte. Es sind brennen." Gold zers und unsch Glut mit Niemand Woche müdet un Dann trat er auf Marion zu und streckte ihr die Rechte hin= ,, Sie sind das mutigste Mädchen in meinem Gau, alle Wetter! sagte er und drückte ihr herzhaft die Hand. Marion wurde verlegen und errötete. Sie versuchte es mit dem alten Lachen, aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Dann mußte sie Rumpf den Dolch zeigen, den er wie ein 322 um nach bleiben z Man übe Wieder na Ende zun wie er sag Er lud lichkeit. öllig aus ihrem gab. Rumpf weiter e losgeht?" arion ernst und daß sie nich tter! Sie sind zu nahe komm te der Gauleite nnen, daß sie i wich aus ihre zenden schwar sie ungewöh aunen und d ß ihre Antwor f die Klingel it ihrem Lebe Menschen g n. Langsam ho chwarzen Auge , antwortete& eit gesagt, dar r das begehre Unsicherheit die Rechte hin u, alle Wetter! arion wurde ver ten Lachen, abe den er wie e alter Kenner betrachtete. ,, Sehr hübsch", sagte er. ,, Ich vermute, eine Arbeit aus Toledo", fügte er hinzu, indem er ihr den Dolch zurückgab. Dann schritt er rasch zum Billard und ergriff sein Queue. ,, Jetzt aber genug von diesen Albernheiten", rief er. ,, Spielen wir weiter!" Er schien nie in besserer Laune gewesen zu sein, als an diesem Nachmittag. Marion mußte ein Glas Wein mit ihm trinken, und beim Abschied schenkte er ihr einen Ring mit zwei großen Brillanten. Zuweilen kam er noch mit gutmütigem Spott auf diese Szene zurück, die für Marion eine Folter war. Einmal, als Rittmeister Möhn nahe an sie herantrat, rief er ihm lachend zu: ,, Vorsicht, die Dame hat einen Dolch im Gewande!" Rittmeister Möhn blickte sie verständnislos an und zuckte die Achseln. Einmal konnte er auch in Fabians Gegenwart einige boshafte Anspielungen nicht unterdrücken. anstarrte. دو Nach dem Ring mit den beiden Brillanten fragte er nie. Es war ein Glück, denn sie hätte ihm unmöglich die Wahrheit sagen können. Natürlich hatte sie den Ring am selben Abend noch der Pflegemutter gezeigt, die ihn wie ein giftiges Insekt , Wasche deine Hände mit Soda, Marion", sagte sie. Es sind einkarätige Steine, und wir wollen sehen, ob sie brennen." Sie warf den Ring in die Glut des Herdfeuers. Das Gold zerschmolz, die Steine aber blieben blauschwarz wie Stahl und unscheinbar in der Glut liegen. Dann nahm Mamuschka die Glut mit der Schaufel heraus und warf sie in den Aschenkasten. Niemand soll Unglück durch sie haben!" Wochenlang war der Gauleiter in Polen, dann kehrte er, ermüdet und erschöpft von den Zechgelagen in der Etappe, zurück, um nach drei Tagen wieder abzufahren. Endlich schien er länger bleiben zu wollen, aber ein Telegramm rief ihn nach München. Man übertrug ihm ein neues Amt, und seine Autos brausten wieder nach dem Osten ab. Als der Feldzug in Polen sich dem Ende zuneigte, traf er wieder in Einstetten ein, auf längere Zeit, wie er sagte. Er lud Marion zum Tee ein und begrüßte sie mit großer Herzlichkeit. Majorin Silberschmied, die sie zuweilen schon in Ein21* 323 stetten getroffen hatte, war ebenfalls zu Gast, dazu die Adjutanten Vogelsberger und Möhn, Hauptmann Frey war gefallen. Marion war von Herzen froh, nicht allein zu sein. Die Majorin Silberschmied war ihr stets mit größter Höflichkeit begegnet. Sie sollte mit Vogelsberger verlobt sein, war indessen ebensosehr mit dem Gauleiter befreundet. Vor Wochen hatte die Majorin einmal zu ihr gesagt: ,, Der Gauleiter schätzt Sie ungemein. Er ist in Ihr Lachen verliebt, sie könnten alles von ihm haben." Der Gauleit Möhn", schri lassen, sie wer Das freue sie sehr, erwiderte Marion, sie wolle aber gar nichts von ihm. ,, Dann sind Sie sehr töricht, mein Kind", tadelte sie die Majorin. ,, Ich wäre glücklich, wenn ich nur die Hälfte der Sympathien genösse, die er Ihnen entgegenbringt." des Führers, d reich ganz ein Der Gauleiter war in blendender Laune, förmlich berauscht von den deutschen Siegen. Er begann den Tee mit einer Reihe von Schnäpsen. دو spielen keine leiter fort ,,, ic den Sieges übe Alle sagten Vater sei zur sie aufmerksa daß gerade Si Rittmeister ,, Der Feldzug gegen Polen wird als eine der glänzendsten Waffentaten in der Geschichte fortleben!" rief er aus. Wir haben sie wie welkes Laub zusammengekehrt! Polen wird von der Karte verschwinden. Die Kraft ist alles, das ist eine ewige Wahrheit. Ein großes Volk muẞ kämpfen, England und Frankreich haben gekämpft und sind groß geworden. Ein großes Volk, das müde wird zu kämpfen, geht unter. Wir haben gottlob Raum gewonnen, um uns auszubreiten, als großes Volk können wir uns nicht ewig mit einer Dreizimmerwohnung zufriedengeben. Es ist unser nicht würdig." Marion be ersten Schritt War dieser Ar ruchten", sag auch nur eine Und er erzählte, daß man ihm in Polen ein Gut von zwanzigtausend Morgen angeboten habe, zusammen mit einem Schloß in französischem Stil. Das Schloß enthalte sechs Badezimmer, herrlich gekachelt von oben bis unten, mit versilberten Armaturen! Rings um das herrliche Schloß aber sei nichts als Dreck, Morast und Schmutz. Deutscher Fleiß und deutsche Tüchtigkeit aber würden das verkommene Polen in ein Paradies verwandeln! Nun, sie h pit. Niemals Schulräume, Waren. Sie ha onein, nicht Rittmeister Möhn erlaubte sich, darauf hinzuweisen, daß der Krieg noch nicht zu Ende sei. England und Frankreich würden versuchen, den Krieg in die Länge zu ziehen. 324 dachte sie nic Fallen, so da konnte. Er so Waren und si Ihre Eitelk bald man ihr Wünsche sein konnte nicht Sie nicht das azu die Adj wwar gefalle Die Major keit begegne dessen ebenso gesagt:„ De achen verlich aber gar nich ad", tadelte s die Hälfte de lich berausch mit einer Re glänzendste er aus. ,, W Polen wird v ist eine ewig and und Frank in großes Volk haben gottl Volk könne ung zufriede t von zwanzig einem Schlo s Badezimme ilberten Arm ichts als Dreck tsche Tüchtig Paradies ver weisen, daß de nkreich würde Der Gauleiter lachte laut auf. ,, Versuchen, versuchen, lieber Möhn", schrie er lachend ,,, wir wollen ihnen das Vergnügen lassen, sie werden bald genug haben. Die blendende Diplomatie des Führers, die Rußland ausschaltete, hat England und Frankreich ganz einfach aus der Weltgeschichte hinausmanövriert, sie spielen keine Rolle mehr! Meine Herrschaften", fuhr der Gauleiter fort ,,, ich lade Sie alle zu einer Feier unseres überwältigenden Sieges über Polen ein, heute abend um zehn Uhr!" Alle sagten erfreut zu, nur Marion ließ sich entschuldigen, ihr Vater sei zur Zeit leidend und erwarte sie. Der Gauleiter brachte sie aufmerksam bis zur Türe. ,, Es tut mir außerordentlich leid, daß gerade Sie gehen!" sagte er. Rittmeister Möhn begleitete sie wie immer nach Hause. VII Marion befand sich in großen Nöten. Nein, sie hätte den ersten Schritt nie tun dürfen, nie und nimmer! Auch Mamuschka war dieser Ansicht. ,, Man muß sich fernhalten von diesen Verruchten", sagte sie. ,, Man fordert Gott heraus, wenn man ihnen auch nur einen Schritt entgegengeht." Nun, sie hatte den ersten Schritt getan, und nun war es zu spät. Niemals hätte sie zum Gauleiter gehen dürfen wegen der Schulräume, und wenn sie auch in Schmutz und Staub erstickt wären. Sie hatte sich damals noch geputzt und schön gemacht, o nein, nicht um Rumpf verliebt zu machen in sie, pfui, daran dachte sie nicht im Traum, sondern um ihm angenehm aufzufallen, so daß er ihr ihre Bitte nicht ohne weiteres abschlagen konnte. Er sollte auch sehen, daß es Jüdinnen gab, die hübsch waren und sich wie eine Dame zu kleiden verstanden. Ihre Eitelkeit wurde bestraft! Das Lachen verging ihr, sobald man ihr in der Schule meldete, Herr Rittmeister Möhn wünsche seine Stunden heute um fünf Uhr fortzusetzen. Sie konnte nicht mehr zurück, sie konnte nicht nein sagen, wenn sie nicht das Leben des Vaters, Mamuschkas und vielleicht ihr 325 eigenes in Gefahr bringen wollte. Der Gauleiter hatte ihr in zwei Fällen sein Wohlwollen bewiesen, einmal, da er ihrem Vater das Institut zurückgab, sodann als er ihm die Gitter von Birkholz öffnete, wo noch heute viele hundert Juden auf ihre Befreiung warteten. Zu ihrer Freude sah sie den Gauleiter nur selten, seit er aus Polen zurück war, vielleicht nur einmal im Monat, er schien jetzt wirklich ,, mit Arbeit überhäuft zu sein". Sie sind meine einzige Erholungsstunde in diesen Wochen, sagte er öfter. In ihrem Benehmen ihm gegenüber war sie nun freier und sicherer geworden, und sie pries täglich den erfinderischen Kopf, der das Billardspiel ersonnen hatte, da er ihr die wenigen Stunden in der ,, Burg" erleichterte. Die wenigen Stunden aber verlangten die höchste Aufmerksamkeit von ihr, die sie auch nicht eine Sekunde außer acht lassen durfte. Der Gauleiter wollte sie natürlich und heiter haben, schön, er sah sie natürlich und heiter. Er liebte ihr Lachen, und sie lachte häufig, was ihr nicht schwerfiel. Sie durfte ihn nicht langweilen, auf keinen Fall aber durfte er sie weniger anziehend finden. Das war die schwerste Aufgabe für sie. Sie mußte sich stets reizvoll kleiden und zuweilen sogar eine kleine Koketterie wagen. als ein verzogene Willen durchzus Ob er sie lieb konnte, das wuf gewiß war aber, Daß sie Jüdin ist mir völlig g mich zehn Jahre genügend. Übera zusammenleben. auskam, kann A aber keineswegs keineswegs, ich die Juden mache Weisungen geho gehorchen muß, Amerika ist nich von Dollars den seit Hunderten Initiative, ihrem Warum sollen sie das ungerecht. W man ihnen ja a scheidenheit zu tun, wissen Sie weit gehen und schneiden. Das trügern zu warr Es wäre aber Sie allen Betrüge abschnitten." Den Dolch hatte sie schon lange weggelassen, es war ein romantischer Einfall von ihr gewesen, von der Angst geboren. Rumpf entdeckte es sofort: ,, Was sehe ich?" sagte er ,,, Sie tragen ja den Dolch nicht mehr? Was wollen Sie denn tun, wenn ein Strolch Sie überfällt?" ,, Ich habe meine Stimme, meine Nägel und meine Zähne", erwiderte Marion, indem sie ihre Zähne zeigte. Rumpf wollte sich halbtot lachen. ,, Alle Wetter!" rief er aus. ,, Da würde ja sogar ein Schinderhannes davonlaufen." Sie kannte den Gauleiter nun auch ziemlich gut. Alles bei ihm war Laune. Wenn er seinen Rotwein trank und seine Zigarre rauchte, war ganz gut mit ihm auszukommen. Eitelkeit und Egoismus waren seine auffälligsten Eigenschaften. Sonst fand sie sein Wesen voller Widersprüche und Rätsel. Sie fand ihn gutmütig und grausam, gesittet und barbarisch, sentimental und zynisch. Oft dachte sie, er ist eigentlich nichts 326 Rumpf blickt wahr, man muf werde ich den B Plötzlich brac war ihm eingefa Völker würden s " ihr in r ihrem tter von auf ihre it er aus er schien d meine er. eier und en Kopf en Stun ber ver auch nicht wollte sie lich und ihr nicht Fall aber schwerste und zu war ein gebore گیر( er enn tun Zähne ef er aus es bei ihm e Zigarre keit und d Rätsel arbarisch ch nicht als ein verzogenes Kind, dem man die Macht gegeben hat, seinen Willen durchzusetzen, wenn immer er es will. Ob er sie liebte, wenn er überhaupt einen Menschen lieben konnte, das wußte sie nicht, obschon er es häufig behauptete, gewiß war aber, daß er Gefallen an ihr gefunden hatte. Daß sie Jüdin war, kümmerte ihn nicht im geringsten. ,, Es ist mir völlig gleichgültig", sagte er ,,, ich bin Seemann, habe mich zehn Jahre im Ausland aufgehalten und kenne die Welt genügend. Überall sah ich die Juden friedlich mit andern Völkern zusammenleben. Nur ein Mensch, der nie über sein Dorf hinauskam, kann Antisemit werden, behaupte ich. Damit will ich aber keineswegs sagen, daß ich ein großer Freund der Juden bin, keineswegs, ich liebe sie nicht sonderlich, aber die Hetze gegen die Juden mache ich nicht mit. Natürlich muß ich bestimmten Weisungen gehorchen, wie jedermann in der Welt Weisungen gehorchen muß, der nicht ganz frei ist. Auch der Präsident von Amerika ist nicht völlig frei, ihm zeichnen ungezählte Milliarden von Dollars den Weg vor, den er zu gehen hat. Die Juden haben seit Hunderten von Jahren am Aufbau Deutschlands mit ihrer Initiative, ihrem Geist, ihrer Geschäftstüchtigkeit mitgearbeitet, warum sollen sie heute Menschen zweiter Klasse sein? Ich finde das ungerecht. Wo sie sich etwas zu energisch vordrängen, kann man ihnen ja auf die Hühneraugen treten, um sie zur Bescheidenheit zu erziehen, nicht wahr? Etwas aber würde ich tun, wissen Sie was? Allen Juden, die in ihrer Erwerbsgier zu weit gehen und die Menschen betrügen, würde ich ein Ohr abschneiden. Das würde ich tun, schon um die Leute vor Betrügern zu warnen." ,, Es wäre aber nur dann gerecht", warf Marion ein ,,, wenn Sie allen Betrügern, auch denen anderer Rassen, ebenso ein Ohr abschnitten." Rumpf blickte Marion an und kniff ein Auge zu. ,, Ja, das ist wahr, man muß gerecht sein!" erwiderte er. ,, Ihnen zu Liebe werde ich den Betrügern aller Rassen ein Ohr abschneiden." Plötzlich brach er in lautes Lachen aus, irgend etwas Drolliges war ihm eingefallen. ,, Nein, es ginge doch nicht", sagte er. ,, Die Völker würden so ein Gesetz nicht billigen. Es könnte ja schlieẞ327 lich im Laufe der Zeit einohrige Nationen geben!" Und wieder lachte er unbändig. Kurz nach seinem Empfangstee sagte der Gauleiter zu Marion: , Wissen Sie, daß ich in Polen ein ganz reizendes, kleines Schlößchen für Sie entdeckt habe, Fräulein Marion." دو ,, Für mich? Ein Schlößchen?" lachte Marion. ,, Ja, für Sie", fuhr Rumpf fort ,,, aber ich will heute nicht mehr darüber sagen. Es scheint mir außerordentlich gut geeignet für Sie zu sein und liegt nur zwei Autostunden von dem großen Gut entfernt, das man für mich bestimmt hat. Ich habe Photos von dem Schlößchen in Polen bestellt, und Sie sollen dann selbst urteilen." Marion war beunruhigt über die neuen, geheimnisvollen Absichten Rumpfs, hatte aber bald das Schlößchen in Polen völlig vergessen. Indessen kam ihr der Gauleiter eines Nachmittags mit freudiger Miene entgegen und rief ihr zu, daß die Photos des Schlößchens in Polen jetzt endlich eingetroffen seien. Er deutete auf das Billard, das voller Photographien lag. ,, Treten Sie bitte näher, Fräulein Marion, und sehen Sie selbst", sagte er mit dem frohen Gesicht eines Kindes, dem man einen Wunsch erfüllt hat. ,, Das Schlößchen gehörte einem polnischen Fürsten, wie es davon Hunderte in Polen gab, seinen Namen kann ich leider nicht aussprechen. Man wollte es mir schenken, aber ich habe es für ein Kilo von erobertem polnischen Papiergeld regelrecht erworben. Wie gefällt es Ihnen?" aufnahme finde von Büschen u dacht, als ich a sicher meiner k Während de Es war ein altes Schlößchen in reichem Rokokostil erbaut, ungewöhnlich schön. zu sprechen, da Ich stelle I sagte er. ,, Sie w wie eine große können Sie Verstehen Sie n auc nicht mehr erl diesem Fall wer chen anweisen, Zuflucht zu ha beruhigend ihr sagte er, aber die Photos mit haben, so sagen nach Polen gel Provinzen zu ü Marion betrachtete es aufmerksam, um Interesse zu heucheln. Sie nickte. ,, Herrlich", sagte sie ,,, es ist wirklich bezaubernd!" ,, Da ist der Brunnen, der vor dem Schlößchen steht", fuhr Rumpf fort, indem er auf eine andere Aufnahme deutete. ,, Er stellt eine Gruppe übermütiger Najaden dar." Eine große Anzahl ausgezeichneter Aufnahmen lagen auf dem Billard, Innenräume, Portale, Treppenaufgänge, Festsäle, Boudoirs, Gartenpartien. ,, Das sind die Gemächer, Salons und Boudoirs der Fürstin“, erläuterte Rumpf. Und während er lachte, fügte er hinzu: ,, Oder besser gesagt, jener Dame, die sie fortan bewohnen wird. Die Garten328 mir Bescheid sa Prachtvoll als sie die Phot Gauleiter! Abe mit Brillanten die Schweiz f sollten wir ein Lehrer Glei hatte täglich bi sechs Uhr unte Winter, wenn nd wieder Marion: Schlöß icht mehr ignet für oßen Gut motos von nn selbst wollen Ab len völlig ittags mit hotos des Er deutete Sie selbst man einen polnischen n Namen schenken en Papier cil erbaut heuchel ernd!" cht", fuhr tete.„ Er Be Anzahl aufnahme finde ich besonders hübsch. Sehen Sie diese Gruppe von Büschen und diese bewachsene Pergola! Ich habe an Sie gedacht, als ich acht Tage da wohnte. Ich dachte, hier würde es sicher meiner kleinen, stolzen Jüdin gefallen", fügte er hinzu. Während des Nachmittags kam er öfter auf das Schlößchen zu sprechen, das von seinem Gut leicht zu erreichen war. ,, Ich stelle Ihnen das Schlößchen zur Verfügung, Marion", sagte er. ,, Sie werden die Position einer Fürstin einnehmen und wie eine große Dame unter den Bauern wohnen. Natürlich können Sie auch Ihre Pflegemutter mitbringen und Ihren Vater. Verstehen Sie mich recht, es kann die Zeit kommen, da es Juden nicht mehr erlaubt sein wird, in Deutschland zu wohnen. In diesem Fall werde ich Ihnen und Ihren Angehörigen das Schlößchen anweisen, und es kann Ihnen nur angenehm sein, eine sichere Zuflucht zu haben." Da er sah, daß Marion erblaßte, berührte er beruhigend ihre Hand. ,, Noch ist es ja nicht soweit, Marion", sagte er ,,, aber der Tag kann ja jederzeit kommen. Nehmen Sie die Photos mit nach Hause, und wenn Sie irgendwelche Wünsche haben, so sagen Sie es mir. Ich werde dieser Tage auf längere Zeit nach Polen gehen, um dort die Verwaltung einer der eroberten Provinzen zu übernehmen. Wenn ich zurückkomme, werden Sie mir Bescheid sagen, nicht wahr?" ,, Prachtvoll", sagte Mamuschka mit dem eisgrauen Tituskopf, als sie die Photos des Schlößchens betrachtete, prachtvoll, Herr Gauleiter! Aber nicht für uns, und sollten sie auch die Treppen mit Brillanten pflastern. Wenn es soweit ist, so werden wir in die Schweiz fliehen, zu Fuß, wenn es nicht anders geht, und sollten wir ein volles Jahr unterwegs sein." menräume tien. ,, Das erläuterte der besser e Garten VIII Lehrer Gleichen, der die Dorfschule von Amselwies leitete, hatte täglich bis fünf Uhr Unterricht, und dann war er frei. Um sechs Uhr unternahm er jeden Tag seinen Spaziergang, auch im Winter, wenn es schon völlig dunkel war. Er ging stets die gerade 329 Pappelallee hinab, die zur Stadt führte und traf jeden Tag unterwegs einen hageren, weißhaarigen Mann mit einem Schlapphut, begleitet von zwei reizenden gelben Dackeln. Die beiden plauderten eine Viertelstunde auf der Landstraße zusammen, der Doktor, wie ihn Gleichen anredete, übergab ihm einen Packen Zeitungen und ein Bündel von Notizen, Gleichen hingegen händigte ihm ein Manuskript aus, das er in der Tasche trug, und die beiden trennten sich wieder. Zuweilen gingen sie auch zusammen in die Stadt, wo beide in einem Mietshaus des Weberviertels verschwanden. Das geschah aber höchstens alle vierzehn Tage. Zumeist kehrte Gleichen sofort wieder in sein kleines Haus zurück, wo er mit seiner kranken Frau, die seit zwei Jahren bettlägerig, und seinem vierzehnjährigen aufgeweckten Jungen wohnte. Der Abend gehörte ausschließlich ihm und seiner Arbeit. Das war das Leben, das Gleichen seit Jahren führte, es war nicht leicht, aber es mußte ertragen werden. treten könne, wa gute Verbindung Da aber zeigte Die halbe Nacht saß er über seinen Büchern und Karten, über den Notizen und Zeitungen, die ihm der Doktor auf der Landstraße übergeben hatte. Dann warf er hastige Sätze aufs Papier, oft viele Seiten und versank stundenlang in seine Arbeit. Von seinem kleinen Mansardenzimmer aus leitete er die gesamte geheime Gegenpropaganda des Gaues, von dem der ,, Unbekannte Soldat" nur ein Bruchteil war. Der Doktor v dung in einer a Professor hinzuw age dieser Zeitun Es klang wie Ho Büste Modell." berüchtigte Birk versuchte, durch Kunst in Birk tat. In größter E korpulente Frau Oft fand er die ganze Nacht kaum eine Stunde Schlaf. Bis zum Morgen tigerte er ruhelos in seinem Zimmer auf und ab. Die Gedanken an die erschreckende Lage Deutschlands und das grauenhafte Schicksal des deutschen Volkes drückten ihn zu Boden. Da standen auf der einen Seite das furchtbare England und das mächtige Frankreich, das schweigende Amerika und die rätselvolle Sphinx Rußland, auf der anderen Seite aber stand ein großmäuliger Abenteurer, der in seiner Unwissenheit und Gewissenlosigkeit die Mächte der Welt herausforderte! Eine Katastrophe war unausbleiblich, es war, um graue Haare zu bekommen! bequemen Sessel verriet in ihrer A hauer aber, den Hintergrunde ze als Wolfgang Fa Gleichen, lang zeitschriften, suc reichlichen Abbi von Ergebenheit selbst lachen mu bat ganz ergebe dantin, die sicher Kunstkritiker in lation auf die we bedürfnis des F Fenigen Tagen besuchen. Da sah er da lassenheit und C stem Komfort Rande eines Wa Etage hinauf, u In diesen Nächten zermarterte er sich auch immerfort den Kopf über Wolfgangs Schicksal, der noch immer in Birkholz gefangen saẞ. Er grübelte darüber nach, wie er mit ihm in Verbindung 330 treten könne, was bis heute gänzlich unmöglich war, obschon sie gute Verbindungen mit dem Lager Birkholz hatten. Da aber zeigte ihm der Zufall einen Weg. Der Doktor von der'Landstraße machte ihn auf eine Abbil- dung in einer auswärtigen Zeitung aufmerksam, die auf den Professor hinzuweisen schien. In der Tat, in der illustrierten Bei- lage dieser Zeitung war ein Bild erschienen:„Kunst in Birkholz.“ Es klang wie Hohn!„Die Frau des Kommandanten sitzt zu ihrer Büste Modell.“ Offenbar waren die empörten Urteile über das berüchtigte Birkholz zu laut und allgemein geworden, und man versuchte, durch die Mitteilung die Offentlichkeit zu beruhigen. Kunst in Birkholz! Gleichen lachte hellauf, was er nur selten tat. In größter Erregung betrachtete er die Aufnahme. Eine etwas korpulente Frau mit kühner, auffallender Frisur, saß in einem bequemen Sessel einem Bildhauer Modell. Die halbfertige Büste verriet in ihrer Anlage die Hand eines großen Könners. Der Bild- 7 hauer aber, den die Abbildung absichtlich nur verschwommen im - Hintergrunde zeigte, konnte der Statur nach kein anderer sein 1 als Wolfgang Fabian. Gleichen, langjähriger Mitarbeiter von Zeitungen und Kunst- - Zeitschriften, suchte einige der bestechendsten seiner Aufsätze mit - reichlichen Abbildungen heraus und sandte sie mit einem Schwall von Ergebenheitsversicherungen und Schmeicheleien, über die er selbst lachen mußte, an den Kommandanten von Birkholz. Er bat ganz ergebenst um die Erlaubnis, die Büste der Komman- dantin, die sicher das Interesse weiter Kreise erwecken würde, als - Kunstkritiker in Augenschein nehmen zu dürfen. Seine Speku- auf die weibliche Eitelkeit des Modells und das Propaganda- bedürfnis des Kommandanten erwies sich als richtig, und in wenigen Tagen konnte er Birkholz zu einer bestimmten Stunde besuchen. Da sah er das berüchtigte Lager, grauenhaft in seiner Ver- lassenheit und Ode, und man zeigte ihm die stattliche, mit höch- stem Komfort ausgestattete Villa des Kommandanten, die am Rande eines Waldes lag. Eine Wache begleitete ihn in die obere Etage hinauf, und hier erblickte er das Modell mit der kühnen 331 Frisur und gleichzeitig dahinter Wolfgang im hellen Arbeitskittel bei der Arbeit. Er begrüßte die etwas korpulente, vollbusige Dame mit hochgeworfener Hand und einem kräftigen ,, Heil Hitler!", während er Wolfgang nicht beachtete. Der Kommandant war gottlob dienstlich abwesend." Wolfgang erkannte ihn augenblicklich, verbarg jedoch sein Erstaunen hinter einem Lächeln. Gleichen aber hatte Wolfgang kaum wiedererkannt. Sein wirres Haar war kurz geschoren, sein Gesicht erschreckend mager und eingefallen, dazu fehlten ihm einige Zähne, und er schien leicht zu hinken. Seine Hände aber, die Gleichen so gut kannte, waren zu Skeletten abgemagert. Sofort nach auf den Weg. ,, Sie waren w Als Kunstkritiker mußte Gleichen die Büste natürlich von allen Seiten eingehend betrachten und studieren, so daß das Modell schließlich aufstand. ,, Schreiben Sie für den Beobachter?" fragte die Dame mit der kühnen Frisur. ,, Nein", entgegnete Gleichen, er schreibe für verschiedene große Kunstzeitschriften und werde sich erlauben, der Frau Kommandantin die Aufsätze zuzusenden. gegen, als er in denn möglich g unglaublich?" ,, Wie haben gleichzeitig. Die „ Sie müssen „ Aber auch a Gleichen erza teuer und dem zu können. E bühl besuchen meine Freunde ,, Dann studieren Sie nur alles recht gut", sagte die Dame und verließ das Zimmer. Sie war eine leidlich hübsche, gutmütige Frau, frühere Bardame. Im Nebenzimmer hörte man sie mit ihrer Schneiderin umständlich telefonieren. Fast zehn Minuten konnten die Freunde halblaut miteinander sprechen. Als der Hörer des Telefons nebenan abgelegt wurde, drückten sie sich die Hände, und Gleichen machte wieder eifrig Notizen. Wenige Minuten später verließ er das Haus. der Professor." Die Damen wieder frei wür Gleichens Mi Die gutmütige meine Büste red anlassen, Sie ba Während des ganzen langen Heimweges lachte er glücklich in sich hinein, und das Düster in seinen Augen wurde von einer eigentümlichen Helligkeit abgelöst, die den ganzen Tag anhielt. Erst jetzt wußte er, wie sehr er Wolfgang zugetan war. fertig, wenn die Die jetzige Fris Gott segne Und der K Noch am gleichen Tage lief er zwei volle Stunden nach Jakobsbühl, um Retta die Grüße Wolfgangs zu überbringen. Der Professor hoffe nun bald, Birkholz verlassen zu dürfen. Dann klingelte er bei den Damen Lerche- Schellhammer an. Er habe Grüße von Professor Wolfgang Fabian zu bestellen, und zwar habe er versprechen müssen, sie persönlich auszurichten. Man bat ihn um seinen Besuch am morgigen Nachmittag. 332 am Teetisch Pla Krieg?" Der Krieg? düsteren, grauer Frau Beate prechen. Meine und sie wissen Gleichen nic Sprechweise ful Krieg? Der Kri Wie?" schri rbeitskittel vollbusig gen Hel Komman edoch sein Wolfgang horen, sein hlten ihm ände aber magert. h von allen das Model er?" fragt erschiedene der Frau Dame und gutmütige an sie mit n Minuten . Als der en sie sich en. Wenige lücklich in von einer Tag anhielt ar. mnden nach ringen. De rfen. Dan 1. Er habe und zwar chten. Man Sofort nach der Schule machte sich Gleichen am nächsten Tag auf den Weg. دو ,, Sie waren wirklich in Birkholz?" rief ihm Frau Beate entgegen, als er ins Zimmer trat. Wie in aller Welt ist es Ihnen denn möglich gewesen, in das Lager zu kommen? Es schien uns unglaublich?" ,, Wie haben Sie den Professor angetroffen?" fragte Christa gleichzeitig. Die beiden Damen waren in heller Aufregung. ,, Sie müssen uns alles berichten, Herr Gleichen. Hören Sie?" ,, Aber auch alles, jede Kleinigkeit!" Gleichen erzählte ausführlich von seinem glücklichen Abenteuer und dem günstigen Zufall, allein mit Wolfgang sprechen zu können. ,, Er war beglückt, daß die Damen ihn in Jakobsbühl besuchen wollten", berichtete er. ,, Nur die Tatsache, daß meine Freunde mich nicht vergessen, hält mich aufrecht, sagte der Professor." Die Damen wollten vor allem wissen, ob der Professor bald wieder frei würde. Gleichens Mienen strahlten, als er nickte. ,, Doch", sagte er. ,, Die gutmütige Bardame sagte zu ihm: Sehen Sie zu, Herr, daß meine Büste recht ähnlich wird, dann werde ich den Chef veranlassen, Sie bald freizugeben. Übrigens wäre die Büste längst fertig, wenn die Bardame nicht ständig neue Frisuren versuchte. Die jetzige Frisur scheint ihr allerdings zu konvenieren." د" Gott segne die Bardame!" rief Christa lachend aus. ,, Und der Krieg, Herr Gleichen?" fragte Frau Beate, als sie am Teetisch Platz nahmen. ,, Wie denken Sie über den unseligen Krieg?" ,, Der Krieg?" antwortete Gleichen und blickte mit seinen düsteren, grauen Augen zur Türe. ,, Kann man hier offen sprechen?" Frau Beate lachte. ,, Ja", rief sie aus ,,, hier können Sie offen sprechen. Meine Mädchen bekommen Ohrfeigen, wenn sie lauschen, und sie wissen es." Gleichen nickte. ,, Gut", sagte er. Und mit seiner schönen Sprechweise fuhr er fort, als ob er ein Gedicht vortrage: ,, Der Krieg? Der Krieg ist verloren!" " Wie?" schrie Christa auf. ,, Wie sagen Sie?" Und Frau Beate 333 rief entsetzt dazwischen: ,, Aber um Gottes willen! Sie sind wohl toll?" Ein flüchtiges Lächeln huschte über Gleichens Lippen. Er schüttelte den Kopf. ,, Nicht im geringsten", erwiderte er in völliger Ruhe ,,, er ist verloren. Es ist so klar, wie daß die Flüsse ins Meer fließen. Es ist ein Krieg des Öls, des Stahls und des Geistes. In allen drei Dingen sind uns die Gegner überlegen." Hier aber schlug Frau Beate mit der flachen Hand auf den Tisch, daß es laut hallte und sprang triumphierend auf. ,, Einen Augenblick!" lachte sie. ,, Nun habe ich Sie! Sie sitzen in der Falle, Herr Gleichen. Wo ist der Brief des, Unbekannten Soldaten, Christa? Dieser Brief wird vielen Leuten in der Stadt zugeschickt." ,, Auch mir", versicherte Gleichen. ,, Ich kenne ihn." ahnen Sie, wie dem norwegisch Sie, wie viele uns Krieg ersticken, viele in den Lu hr Leben einbu Tropfen!" Christa hatte chens gelauscht, leicht schulmeist Frau Beate legte den Brief vor Gleichen auf den Tisch. ,, Ist es nicht merkwürdig", rief sie aus ,,, daß er genau das gleiche sagt, in genau den gleichen Worten?" ,, Weshalb sollte es merkwürdig sein?" entgegnete Gleichen, während ein Lächeln über seine Züge glitt. ,, Ich zitiere die Worte des, Unbekannten Soldaten', weil sie mir richtig erscheinen. Das Richtige kann man am besten mit denselben Worten wiedergeben." meisten aber är Du mußt ni sagt", rügte sie Gleichen. ,, Ich rief sie mit eine nicht, daß die Le denken?" ,, So sind Sie also der gleichen Ansicht wie der Unbekannte Soldat?" fragte Christa. ,, Und unsere großen Erfolge in Polen und neuerdings in Norwegen können Ihre Meinung nicht ändern?" „ Nein!" erwi Staunen in der von ihnen hat d Frau Beate sp Sie war sehr err Gleichen dach und vergrämta widerte er. Ab enden wird!" fü Gleichen schüttelte den Kopf. ,, Nein, nicht im geringsten", sagte er ernst. ,, Der Krieg wird noch Jahre dauern. England und Frankreich sind furchtbare und zähe Gegner. Die völlig sinnlose Besetzung Norwegens erlaubt einen neuen Einblick in die Verschrobenheit eines Narren, den die Generale, wenn sie denken könnten, noch heute in Ketten schließen müßten. Aber unglücklicherweise können sie nicht denken, wahrscheinlich halten sie das Abenteuer Norwegen für den Gedankenblitz eines Genies, während es nichts ist als der dilettantische Einfall eines Phantasten. Der Phantast wird nicht eher ruhen, als bis er den letzten Tropfen deutsches Blut vergossen hat. Polen kostete weitaus mehr Blut, als der Phantast dem deutschen Volk bekanntgab, und 334 Christa schütt da, der die groß „ Niemand!" Bestimmtheit., nichts und könn die Macht brac Offiziere und C doppelte und di besser. Alle We da nach der Ve Tausend Männer ahnen Sie, wie viele Zehntausende unserer blauen Jungen bei dem norwegischen Abenteuer den Seemannstod fanden? Ahnen Sie, wie viele unserer tapferen Jungen Tag für Tag beim U-Boot- Krieg ersticken, ertrinken, von Granaten zerfetzt werden? Wie viele in den Luftkämpfen Tag um Tag und Nacht um Na“..: ihr Leben einbüßen? Wir werden uns verbluten, Tropfen unı Tropfen!“ Christa hatte gefesselt den pessimktischen Ausführungen Glei- chens gelauscht, Frau Beatelaber war ärgerlich geworden. Sein leicht schulmeisterlicher und apodiktischer Ton mißfiel ihr, am meisten aber ärgerte sie Christas kritiklose Gläubigkeit. „Du mußt nicht alles für bare Münze nehmen, was Gleichen sagt“, rügte sie Christa. Dann wandte sie sich kampflustig an Gleichen.„Ich bewundere die Kaltblütigkeit Ihrer Gedanken!“ rief sie mit einem spöttischen Lächeln aus.„Glauben Sie denn nicht, daß die Leute in der Regierung dann und wann auch etwas denken?“ „Nein!“ erwiderte Gleichen ohne Zaudern mit einem leichten iere& Staunen in der Stimme.„Sie denken wirklich nichts. Nur einer „e von ihnen hat das Recht zu denken, und er denkt falsch.“ ; Frau Beate sprang auf.„Und wie wird das enden?“ fragte sie. Sie war sehr erregt und goß allen einen Kognak ein. :H Gleichen dachte eine Weile nach, und seine Augen sahen er Bd vergrämt aus.„Niemand weiß, wie es enden wird“, er- - widerte er,„Aber eines ist sicher, daß es mit einer Katastrophe enden wird!“ fügte er ruhig und bestimmt hinzu. Christa schüttelte fassungslos den Kopf.„Aber ist denn niemand „wa der die große Verantwortung empfindet?“ „Niemand!“ entgegnete Gleichen mit der gleichen Ruhe und - Bestimmtheit.„Die Leute, die heute an der Macht sind, besaßen 13 nichts und können nichts verlieren. Die Industriellen, die sie an 0 die Macht\brachten, verdienen Millionen und Milliarden, die PA„Offiziere und Generale erhalten hohe Ordensauszeichnungen, doppelte und dreifache Gehälter, Rittergüter, es ging ihnen nie | besser. Alle Welt verdient Geld in Hülle und Fülle, wer sollte da nach‘der Verantwortung fragen? Ob zweitausend oder fünf- ‚tausend Männer am Tage fallen, wen kümmert es? Wenn eines 3) Tages das Kartenhaus zusammenbricht, so werden sich die Hasardeure eine Kugel durch den Kopf schießen und das Trauerspiel ist zu Ende." Aufgewühlt und nachdenklich ließ Gleichen die beiden Damen Lerche- Schellhammer zurück. Am gleichen Abend zu später Stunde erhoben die Sirenen ihr schauerliches Geheul. Aber dieses Mal schien es ernst zu werden. Dutzende von Scheinwerfern tasteten über den finsteren Himmel und die Flakgeschütze feuerten ohne Pause. Der Lärm ferner Motoren drang aus der Dunkelheit, und Nero, der Bernhardiner, kläffte fortwährend, so daß Christa ihn ins Haus bringen mußte. Der Keller des alten Schellhammer war am solidesten und stärksten in der Hofgartengegend gebaut und diente allen Nachbarhäusern als Luftschutzraum. Als aber Frauen, Männer und Kinder den Weg zum Keller durch Finsternis und Schmutz gefunden hatten, ertönte schon das Entwarnungssignal und alle gingen wieder nach Hause. Ein schwacher Feuerschein in der dunklen Stadt erlosch bald wieder. und vor allem größer, die Ge schrieb er. ,, Es Maschinen am und nichts wird Das waren er dem Osten, heu Tage und auch fanterie, Artill Strom von Sol dem Bahnhof. Wie die Bra sche Armee di reich, und war Bei Dünkirche Fabian triumpl einzuschlafen! auf Paris vor, ganten Frankre land erbarmun Als die Vor Am Morgen erfuhr man, daß ein schwacher Verband englischer Aufklärer die Stadt überflogen und zwei kleine Bomben abgeworfen hatte, die keinerlei Schaden anrichteten. Eine war in einen Garten gefallen, die andere hatte einen leerstehenden Pferdestall in Brand gesetzt. Zwei Maschinen sollten von der Flak abgeschossen worden sein. Viele Leute betrachteten den abgebrannten Pferdestall und lachten. Von England waren sie gekommen, um diesen elenden Stall zu vernichten, wahrhaftig eine großartige Sache! Auch Gleichen war in die Stadt gekommen, um sich den Schaden zu besehen. Mitten in einem Haufen von Neugierigen erblickte er einen älteren Kollegen, der ebenfalls in gehobener, zuversichtlicher Stimmung war. ,, Wenn sie weiter nichts vermögen!" sagte der Kollege lachend. ,, Aber natürlich, sie können ja von England keine schweren Bomben mitschleppen, zusammen mit all dem Brennstoff, den sie brauchen." Am nächsten Tag geißelte der„, Unbekannte Soldat" den überheblichen Spott der Bevölkerung, ihre lächerlichen Ansichten 336 Orten genannt eine fast festlic Geschütze dan beiden Söhne z gar ihr Lieblin Harry und trugen beide b Hosen anhatte saals im Stern empfand er es siert hatte, dal 22 Totentanz die HasarTrauerspiel ie beiden Sirenen ihr zu werden und vor allem ihren kindischen Optimismus.„ Die Gefahr ist größer, die Gefahr ist näher, als alle glauben, hütet euch!" schrieb er. ,, Es kommt die Zeit, da Geschwader von tausend Maschinen am hellichten Tag über der Stadt erscheinen werden, und nichts wird von ihr übrigbleiben als Schutt und Trümmer!" en Himme Irm ferner nhardiner gen mußte esten und llen Nach änner und hmutz ge I und alle ein in de band eng e Bombe Eine war rstehenden von der destall und en elenden e! sich den Neugierigen gehoben ge lachend schweren nstoff, den den über Ansichten IX Das waren erregende Tage. Gestern rollten alle Züge noch nach dem Osten, heute rollen alle nach dem Westen, Zug um Zug, am Tage und auch in der Nacht. Truppen, Truppen, Truppen, Infanterie, Artillerie, Panzertruppen, Fliegertruppen, ein endloser Strom von Soldaten, oft stehen drei Züge zur gleichen Zeit auf dem Bahnhof. Wie die Brandung eines wilden Meeres überflutete die deutsche Armee die Grenzen im Westen, Holland, Belgien, Frankreich, und warf alles zu Boden, was sich ihr in den Weg stellte. Bei Dünkirchen wurden die Engländer ins Meer geworfen, und Fabian triumphierte. Es ist nicht gut, über seinen Reichtümern einzuschlafen! spottete er. Die deutschen Panzerspitzen drangen auf Paris vor, und sein Herz schlug höher. Er gönnte dem arroganten Frankreich die Demütigung, es hatte in Versailles Deutschland erbarmungslos in den Schmutz getreten. Als die Vorhuten die Marne überschritten und Namen von Orten genannt wurden, wo er als Offizier gekämpft hatte, kam eine fast festliche Stimmung über ihn. Er wußte noch, wo seine Geschütze damals standen! Zur Feier dieser Tage lud er seine beiden Söhne zum Essen in den ,, Stern" ein, sie durften sich sogar ihr Lieblingsgericht bestellen. Harry und Robby hatten sich besonders fein gemacht, sie trugen beide blaue Anzüge. Robby, der zum ersten Male lange Hosen anhatte, war überzeugt, daß es allen Gästen des Speisesaals im ,, Stern" auffallen mußte, und war etwas unsicher, dazu empfand er es peinlich, daß Mama seinen Scheitel so stark pomadisiert hatte, daß er die Pomade ununterbrochen roch. 22 Totentanz 337 A PERE GR Harry dagegen, dem Vater besonders ähnlich, war geschniegelt und gebügelt und fühlte sich wohl in seiner Gepflegtheit. Er hatte sich als Freiwilliger bei der Panzertruppe gemeldet und sollte in drei Monaten im Regiment eingestellt werden. Aber er fühlte sich heute schon als Soldat und nahm militärische Haltung bei jeder Gelegenheit an, die ihm dafür geeignet schien. Niemand verargte Fabian den väterlichen Stolz, als er seine jungen Söhne in den Speisesaal geleitete. In Wahrheit, er war berechtigt, sich einen glücklichen Vater zu nennen. Sobald die Suppe aufgetragen war, fielen die beiden Jungen sehr rasch in ihre Ungezwungenheit zurück, und Fabian mußte sie wiederholt ermahnen, nicht so laut zu sprechen und vor allem nicht durcheinander zu reden. Jeder bekam zur Feier des Tages ein Glas Wein, und sie stießen auf die Siege im Westen an. „ Soweit wer aus. ,, Es ist ja Offizier des R Ritterkreuz zu den ganzen haben. Schneid schwieg erst, a Tablett servier S Deine Täu Fabian ergriff die Gelegenheit, seinen Söhnen die schicksalhafte Rolle der Marne im Weltkrieg zu erläutern, wo ein einzelner höherer Offizier über Vormarsch oder Rückmarsch der Armee zu entscheiden hatte. Wie das möglich war, Harry? Nun, die Generale waren unsicher geworden, ob sie weiter vorstoßen sollten oder ob es besser sei, sich zu sammeln. ,, Heute würden sie wohl nicht zögern!" rief Harry mit blitzenden Augen aus. ,, Nein, heute sicher nicht", erwiderte Fabian und lächelte über den Eifer seines Sohnes. sein Lieblingsg „ Ein förmli „ Aber man nennen!" spot Warum ka kann sie sogar Natürlich führte Harry bei Tisch das große Wort. Seine Prüfungen in der Schule, nun, sie kümmerten ihn herzlich wenig, gottlob wurden Prüfungen ja heute nicht mehr so wichtig genommen, bedeutsamer war für ihn seine Einstellung bei der Panzertruppe, die er in erster Linie Oberst von Thünen verdankte. In drei Jahren konnte er Offizier sein! ,, Und ich werde es sein!" rief Harry begeistert aus. ,, Und was sagst du zu Wolf von Thünen, dem jetzigen Hauptmann? Ist er nicht ein toller Junge, Papa?" Du meinst Robby", nahn Taube und bes Und meine bewußt aus. H Du hast al Vater. Harry lacht aufgebe. ,, Gan mir, Oberst v Harry war er die fliegen Segelflugzeug Er zog die Beilage der Morgenzeitung aus der Tasche und breitete sie auf dem Tisch aus. Das Bild des ,, jungen Helden Wolf von Thünen, Hauptmann und Ritterkreuzträger" war darin abgebildet, neben dem der Baronin, die sich selbst als die ,, stolzeste und glücklichste Mutter der Stadt" bezeichnete. 338 dem Ziel bef Knopf, Papa, sagte Harry u Der kleine War, lachte lau Harry war fast ohne Unt fort. An der gescheitert, da eschniegelt gtheit. Er meldet und rden. Aber rische Ha schien. als er seine er war be en Jungen Dian mußte dvor allem des Tages en an. e schicksal wo ein ein marsch de arry? Nun vorstofer te würden aus Augen chelte über Seine Pro lich wen wichtig ge ng bei de hünen ver dich werde du zu Wolf at ein toller Tasche und elden Wall ar darin ab estolzeste ,, Soweit werde ich es auch eines Tages bringen!" rief Harry aus. ,, Es ist ja keine Kleinigkeit", begeisterte er sich ,,, als erster Offizier des Regiments, als erster Offizier der ganzen Stadt, das Ritterkreuz zu erhalten. Dieser Wolf soll einen General und den ganzen Stab aus einem umzingelten Dorf herausgehauen haben. Schneidig, nicht wahr?" Er fuhr fort zu schwärmen und schwieg erst, als drei knusperig gebratene Täubchen auf einem Tablett serviert wurden, deren Anblick ihn verwirrte. ,, Deine Täubchen, Robby!" sagte er, denn Robby hatte als sein Lieblingsgericht Täubchen gewählt. ,, Ein förmliches Gedicht!" rief Robby hingerissen aus. ,, Aber man kann doch gebratene Tauben nicht ein Gedicht nennen!" spottete Harry. دو Warum kann man es nicht?" versetzte Robby lachend. ,, Man kann sie sogar eine Gedichtsammlung nennen, wenn man will." ,, Du meinst, jeder kann so geschmacklos sein, wie er will, Robby", nahm Harry wieder das Wort. Er wählte sich seine Taube und begann sie augenblicklich kunstvoll zu zerlegen. ,, Und meine fliegende Bombe wird, Papa!" rief er dabei selbstbewußt aus. Harry liebte es, von sich zu sprechen. ,, Du hast also deine Idee noch nicht aufgegeben?" fragte der Vater. Harry lachte, um auszudrücken, daß er eine Idee nie so rasch aufgebe. ,, Ganz und gar nicht, Papa", erwiderte er. ,, Es gelang mir, Oberst von Thünen dafür zu interessieren." Harry war seit langer Zeit mit einer Erfindung beschäftigt, die er die ,, fliegende Bombe" nannte. Eine Bombe wurde in einem Segelflugzeug hochgeschleppt und, wenn sie sich senkrecht über dem Ziel befand, drahtlos ausgelöst. ,, Du drückst auf einen Knopf, Papa, und das Munitionsdepot fliegt in die Luft. Bum!" sagte Harry und drückte auf den Tisch wie auf einen Knopf. Der kleine Robby, dem der Wein etwas in den Kopf gestiegen war, lachte laut auf, so daß die Gäste die Köpfe wendeten. Harry warf dem Bruder einen wütenden Blick zu, fuhr aber fast ohne Unterbrechung in der Beschreibung seiner Erfindung fort. An der drahtlosen Auslösung der Bombe war er bis jetzt gescheitert, da er von drahtlosen Dingen nichts verstand. 22* 339 Allmählich waren sie zum Nachtisch gekommen. Die Wangen Robbys glühten, er lachte häufig ohne allen Grund. Gesprochen hatte er während des Essens fast kein Wort. ,, Und nun, Robby", wandte sich Fabian an ihn, den sie während der Mahlzeit kaum beachtet hatten ,,, was machen denn deine Geschichten? Ist, Weihnachten des Lokomotivführers' fertig geworden?" Robby nickte nur, da er gerade einen großen Löffel Eis in den Mund schob. ,, Ja ,, Weihnachten des Lokomotivführers' ist jetzt fertig", sagte er.„ Ich habe noch viel geändert. Früher war es so, daß der Lokomotivführer alles sieht, was im Bahnwärterhaus vor sich geht, jetzt aber klettert er von der Lokomotive herunter und geht in das Haus des Bahnwärters hinein." ,, Darf ein Lokomotivführer denn überhaupt die Maschine verlassen, Robby?" warf Harry ein. دو Warum soll er das nicht dürfen?" antwortete Robby auf Harrys Zwischenfrage. ,, Der Zug hielt ja noch immer, er hatte ja noch immer keine Einfahrt. Also er ging hinein ins Haus und wurde vom Bahnwärter und seiner Frau zum Essen eingeladen." Robby erzählte nun, was es alles zum Essen gab. ,, Dann sangen die Kinder Weihnachtslieder und der Lokomotivführer erhielt eine feine Zigarre." ich euch keine vorhatte." " Wir streite einem Munde. Schließlich b perchen für il schmeichelt so ,, Und dann ließ der Heizer die Lokomotive pfeifen", schloß Robby seine Geschichte. ,, Der Lokomotivführer kletterte rasch auf die Maschine, und die Frau des Bahnwärters gab ihm noch einen Christbaumengel mit auf die Reise." ,, Wirklich sehr schön!" lobte Fabian. ,, Und die Geschichte von Stolperchen?" ,, Kassiert!" antwortete Robby kurz.. Die Nachric kreuz bekomm war das Tages für angemesser eine öffentliche Rathaussaal Abend seinen t rasendem Beifa eine kurze An gelernt hatte, Satz brach er ,, Da tust du gut daran, Robby, das Stolperchen hätte man doch nur ausgelacht", sagte Harry. ,, Genau wie deine fliegende Bombe!" erwiderte Robby kampflustig. ,, Mein fliegende Bombe?" Harry richtete sich auf. ,, Aber erlaube mal, Robby, du bist viel zu jung, um die Bedeutung der fliegenden Bombe zu begreifen!" ,, Wenn ihr streitet, Jungen", mischte sich Fabian ein ,,, werde ste das Podium un Beifall wollte Den Schluß mit dem Them Wir mußte Armee besitzt Volk von ein revolutionäre Recht kämpft schließlich, we Den Schluß während er die Am nächste Gauleiter die Thünen zur nannte. F Kommandan war selig. End henden Vater 340 € Wangen esprochen 5‘ ich euch keine Torte zum Kaffee bestellen, wie ich es eigentlich vorhatte.“ »Wir streiten ja nicht, Papa!“ erwiderten die Jungen wie aus einem Munde. Schließlich bat Fabian Robby noch, die Geschichte vom Stol- perchen für ihn allein aufzuschreiben, und Robby willigte ge- ‚schmeichelt sofort ein. Die Nachricht, daß der junge Wolf von Thünen das Ritter- kreuz bekommen hatte und zum Hauptmann befördert wurde, war das Tagesgespräch der Stadt, und Gauleiter Rumpf hielt es für angemessen, den ersten Ritterkreuzträger seines Gaues durch eine Öffentliche Ehrung auszuzeichnen. Im festlich geschmückten Rathaussaal stellte Oberst von Thünen den geladenen Gästen am Abend seinen tapferen Sohn Wolf vor, den die Versammlung mit tasendem Beifall und lauten Heilrufen begrüßte. Wolf hielt dann eine kurze Ansprache. Obwohl er seine kleine Rede auswendig gelernt hatte, sprach er schlecht und'stockend und mitten im Satz brach er ab. Da aber stürmte die Baronin von Thünen auf das Podium und umarmte und küßte ihren Sohn stürmisch. Der Beifall wollte nicht enden. Den Schluß der Feier bildete eine kurze Rede des Gauleiters mit dem Thema:„Warum wir siegen müssen.“ „Wir mußten siegen, weil kein Volk eine solch todesmutige Armee besitzt“, führte er mit markiger Stimme aus,„weil das Volk von einem neuen, revolutionären Geist beseelt ist und revolutionärg Armeen immer gesiegt hatten, weil wir um unser Recht kämpften, das uns die Welt bis heute vorenthielt, und schließlich, weil wir um unsere Existenz kämpften!“ Den Schlußsatz brüllte er in der gewohnten Art in den Saal, während er die Arme wie in Raserei in die Höhe streckte. Am nächsten Tag erfuhr man durch die Zeitung, daß der - Gauleiter die Mutter des neuen Ritterkreuzträgers Wolf von zur Kommandantin des Roten Kreuzes der Stadt er- nannte, »-Kommandantin des Roten Kreuzes! Baronin von'Thünen ‚war selig. Endlich hatte sie eine ihren Kräften und ihrer glü- ‚henden Vaterlandsliebe angemessene Aufgabe erhalten. Vom 341 ersten Tag an stürzte sie sich mit großem Eifer in die Arbeit und, um die Wahrheit zu sagen, sie arbeitete von früh bis nachts. ,, Man muß arbeiten", sagte sie ,,, schwätzen können wir später." Sie bot auch Clotilde eine führende Stelle im Roten Kreuz an, aber Clotilde lehnte sie unter großem Bedauern ab. Der ,, Bund der Freunde" erfordere all ihre Kräfte. In Wahrheit aber wich Clotilde jeder anstrengenden Arbeit aus. Sie liebte es, lange zu schlafen und im Bett zu frühstücken. Sie haßte, um ehrlich zu sein, die häßlichen Krankensäle und den entsetzlichen Karbolgeruch. Auch konnte sie Verwundete und Kranke nicht sehen, es ekelte sie, es wurde ihr übel. Nein, meine Teuerste, es ist kein Posten für mich, danke. Indessen gelang es Clotilde, den jungen Ritterkreuzträger zu einem Vortrag ,, Wie ich das Ritterkreuz erwarb" im ,, Bund der Freunde" zu gewinnen. Er allein wäre würdig, ihrem neuen Vortragssaal die wahre Weihe zu geben! salen einige Kli leicht hinkend, der Privatsekre von ihrer Masc „ Mein Brude Hut auf dem H Fräulein Zim Gesicht wich e rief sie aus. Regierungsrat Arbeitszimmer Sie öffnete Schließlich nahm sie die Gelegenheit wahr, den Gauleiter mit einem Schwall von Worten und Schmeicheleien zu diesem bedeutenden Ereignis einzuladen. In diesem Falle konnte er unmöglich ablehnen und sagte zu. ,, Ich hoffe, wir werden uns in kurzer Zeit in ihrer neuen Wohnung wiedersehen, die Frau Fabian so prachtvoll ausbaute", sagte er zu Fabian, als er ihm in den nächsten Tagen begegnete. Fabian war bis dahin noch immer nicht entschlossen, die beiden Räume der Zehnzimmerwohnung, die Clotilde für ihn bereit hielt, zu beziehen. Nun aber schien es bald nicht mehr zu umgehen zu sein. الدور Fabians eintret nahm eine Ziga alten abgetrage an seinen Stiefe Das Zimmer ausgestattet und dinen versehen raum, in dem der Tür klappe Wolfgang sa seines Bruders Der Gauleiter erschien auch diesmal nicht zum Vortrag. Er schien sich nicht dafür zu interessieren, wie man das Ritterkreuz gewinnt. n hatte sich nebe sah gebieterisch über Kanonen entdeckte er a nahm den billi trachtete ihn n teres in den Pa Der Komma heute Herr übe X Lärmend und laut wie ein Mensch, der entschlossen ist, keinerlei Rücksichten mehr zu nehmen, stapfte Wolfgang, der Bildhauer, die Treppe zu Fabians Büro empor. Im Wartezimmer 342 im Frühjahr zu Büste sehr zufr Nun, Sie w Straße zu fege runden, kahlge rbeit und bis nachts ir später. ten Kreuz ab. Der rheit aber liebte es te, um ehr tsetzlichen anke nicht danke. zträger z Bund der meuen Vor auleiter mi diesem be er unmög hrer neue ausbaute begegnete die beiden ihn bere ehr zu um Vortrag. E Ritterkre ist, keiner der Bild artezimmer saßen einige Klienten, aber er schritt ohne ein Wort zu sprechen, leicht hinkend, an ihnen vorbei, und drang bis in das Zimmer der Privatsekretärin Fräulein Zimmermann vor, die erschrocken von ihrer Maschine aufsprang. ,, Mein Bruder ist noch nicht hier?" fragte er barsch, noch den Hut auf dem Kopf. Fräulein Zimmermann mit ihrem mageren, ausgetrockneten Gesicht wich erblassend zurück. ,, Herr Professor! Sie sind es?" rief sie aus.„ Mein Gott, wie erschrocken ich bin! Der Herr Regierungsrat muß jeden Augenblick kommen. Ich bitte im Arbeitszimmer Platz zu nehmen." Sie öffnete die Tür und ließ Wolfgang ins Sprechzimmer Fabians eintreten. Wolfgang warf den Hut auf das Sofa und nahm eine Zigarre aus der Schachtel auf dem Schreibtisch. Den alten abgetragenen Überzieher behielt er an, und der Schmutz an seinen Stiefeln schien ihn nicht im geringsten zu stören. Das Zimmer war behaglich durchwärmt, mit viel Geschmack ausgestattet und empfing sein Licht durch hohe, mit hellen Gardinen versehene Fenster. Es war ein abgelegener, stiller Arbeitsraum, in dem man sofort zur Sammlung angeregt wurde. Hinter der Tür klapperte wieder emsig Fräulein Zimmermanns Maschine. Wolfgang sah sich alles genau an. Über dem Sofa hing das Bild seines Bruders in der Uniform eines Artilleriehauptmanns. Er hatte sich neben einem Feldgeschütz photographieren lassen und sah gebieterisch und stolz aus, wie ein Offizier aussehen muß, der über Kanonen gebietet. Wolfgang lächelte voller Spott. Dann entdeckte er auf dem Schreibtisch eine kleine Hitlerbüste. Er nahm den billigen und kümmerlichen Abguß in die Hand, betrachtete ihn mit gutmütigem Lächeln und warf ihn ohne weiteres in den Papierkorb. Der Kommandant von Birkholz, ein ehemaliger Feldgendarm, heute Herr über Leben und Tod, hatte Wolfgang die Entlassung im Frühjahr zugesagt, da seine Frau, die hübsche Bardame, mit der Büste sehr zufrieden war und ihn um die Freilassung gebeten hatte. ,, Nun, Sie werden es sich jetzt wohl überlegen, für Juden die Straße zu fegen?" fragte der untersetzte Kommandant mit dem runden, kahlgeschorenen Schädel. 343 Wolfgang erwiderte nichts darauf, sondern knurrte nur einige unverständliche Worte in den verwahrlosten Bart. Diese Art zu antworten miẞfiel dem Mann mit dem geschorenen Schädel, und Wolfgang mußte daraufhin noch sechs Monate im Lager bleiben. ,, Ich will Ihre eingebildete Visage nicht länger sehen, verschwinden Sie!" herrschte ihn der Kommandant an, als er ihn endlich freilieẞ. Als Wolfgang sich in das Studium einer Photographie von Kindern, in denen er seine Neffen Harry und Robby erkannte, vertiefte, hörte er, daß sein Bruder gekommen war. Fabian riß die Tür auf und rief überrascht ins Zimmer. ,, Du bist hier, Wolfgang?" Wolfgang wandte sich von der Photographie ab: ,, Ja, hier bin ich!" sagte er mit tiefer Stimme, während seine Augen bedrohlich funkelten. seinem abgetrag bejammernswer Fabian erschr Lippen zu brin wurden fahl. Du darfst di gang mit rauher kommt ja alles schäbigen Mant nicht wundern. stohlen." Meine Leute Mensch gewese nicht die äußer Fabian eilte ihm entgegen und ergriff seine Hand. ,, Gott sei Dank, daß du die böse Zeit hinter dir hast, Wolfgang!" fuhr er fort, während er rasch seinen eleganten Mantel ablegte und an einen Haken an der Tür hängte. ,, Du kannst dir meine Freude gar nicht vorstellen", fügte er hinzu, aber der Jubel in seiner Stimme klang gedämpfter, da Wolfgang schwieg und seine Augen so drohend funkelten. Auch hatte er es als Kränkung empfunden, daß Wolfgang seine Hand nur flüchtig berührte. Wolfgang hingegen hatte die Absicht gehabt, die Hand des Bruders überhaupt zurückzuweisen und war nur im letzten Augenblick durch die Photographie mit den Jungen versöhnlicher gestimmt worden. Erst jetzt fand Fabian Gelegenheit, den Bruder genauer anzusehen. ,, Mein Gott, wie siehst du denn aus?" rief er aus. ,, Was hast du mit deinen Zähnen gemacht?" selige Haltung Wesen so heraus wahren. Werde nur gerade noch. Ic den braunen un bei mir Haussuc offen meinen mir schließlich Wolfgang lachte rauh und derb und fast unhöflich. ,, Mit meinen Zähnen?" lachte er. ,, Die haben sie mir beim Empfang in Birkholz am ersten Abend ausgeschlagen. Das ist dort so Sitte." Er öffnete absichtlich weit den Mund, daß man die Zahnlücke deutlich sehen konnte. Am Oberkiefer fehlten drei Zähne, das schwarze Loch bot einen erschreckenden Anblick. Mit seinen geschorenen, völlig ergrauten Haaren, den mageren, ausgehungerten Wangen und der fahlen Gesichtsfarbe war Wolfgang in 344 Es gibt nati achselzuckend besänftigen. Zugegeben!" Stimme lauter. land und Frank dern im deutsc Banden an der Fabian erblei rief er erregt a gibt dir aber nic keidigen!" Nicht um chrie Wolfgan nur einige ese Art zu chädel, und ger bleiben sehen, ver als er ihn raphie vo erkannte mmer. ,, D Ja, hier bi en bedroh hast, Wolf ten Mantel kannst dir , aber der ng schwi te er es al ur flücht t, die Hand im letzten en versöhn enheit, de denn aus? ht?" flich.„ Mit Empfang i rt so Sitte." Zahnlücke Zähne, das Mit seinen ausgehun Wolfgang in seinem abgetragenen Mantel und den schmutzigen Stiefeln eine bejammernswerte Erscheinung. Fabian erschrak und vermochte kein Wort mehr über die Lippen zu bringen. Seine von Gesundheit geröteten Wangen wurden fahl. ,, Du darfst dich nicht an meinem Aussehen stoßen", fuhr Wolfgang mit rauher Stimme fort. ,, Birkholz ist kein Sanatorium. Das kommt ja alles wieder in Ordnung. Auch daß ich mit diesem schäbigen Mantel ein so gepflegtes Bürgerhaus betrete, darf dich nicht wundern. Deine Leute haben mir meine Garderobe gestohlen." ,, Meine Leute?" fragte Fabian ungehalten. Er wäre ja kein Mensch gewesen, wenn er auf den Nervenzustand Wolfgangs nicht die äußerste Rücksicht genommen hätte, aber die feindselige Haltung Wolfgangs war so unverkennbar, sein ganzes Wesen so herausfordernd, daß es ihm schwerfiel, die Ruhe zu bewahren. ,, Werde nur nicht böse, Frank!" lachte Wolfgang. ,, Das fehlte gerade noch. Ich weiß, es gibt auch noch anständige Kerle unter den braunen und schwarzen Landsknechten. Die Bande aber, die bei mir Haussuchung hielt, bestand nur aus rohen Halunken. Sie soffen meinen Wein aus, zerschlugen meine Möbel und stahlen mir schließlich die paar Anzüge und Mäntel, die ich besaẞ." ,, Es gibt natürlich überall kriminelle Elemente", warf Fabian achselzuckend und ruhig dazwischen, bemüht, den Bruder zu besänftigen. ,, Zugegeben!" erwiderte Wolfgang, und wieder wurde seine Stimme lauter. ,, Aber seitdem ihr die Tschechei und Polen, Holland und Frankreich systematisch ausplündert, scheint das Plündern im deutschen Heer und bei den braunen und schwarzen Banden an der Tagesordnung zu sein." Fabian erbleichte. ,, Ich verstehe deine Bitterkeit, Wolfgang", rief er erregt aus und nahm an seinem Schreibtisch Platz. ,, Sie gibt dir aber nicht das Recht hierherzukommen, um mich zu beleidigen!" ,, Nicht um dich zu beleidigen, bin ich hierhergekommen", schrie Wolfgang zornrot im Gesicht ,,, sondern um dir die Wahr345 heit zu sagen, bin ich da!" Er schrie so laut, daß die Schreibmaschine im Nebenzimmer augenblicklich verstummte. ,, Gut, sage mir die Wahrheit!" versetzte Fabian und deutete dabei mit dem Kopf gegen die Tür. ,, Es ist aber wohl unnötig, daß alle Welt hört, was du mir sagen willst." Wahrheit anhö zu bedienen, w Ihr peitscht un hr verlangt ha auf. Geh dock kennenlernen, s in die Jaucheng seinen früheren Fabian stand verfallen aus. hören", sagte e fahrst, Wolfga Sein vergräm gang, und er H seinen Ton zu während er aut bin zur Zeit n aber ich werde Und mit rul gewiß schon v hört? Gott mö ,, Entschuldige", fuhr Wolfgang mit gedämpfter Stimme fort. ,, Du mußt mich entschuldigen, Birkholz ist kein Institut für feine Manieren. Aber ich muß laut reden, damit du mich wirklich verstehst, Frank! Denn ihr Leute von der Partei, ihr wollt ja nicht verstehen und nicht hören. Wenn man euch die Wahrheit sagt, so erklärt ihr es für Lüge und Propaganda, wenn aber die Wahrheit unleugbar ist, so sagt ihr, es sei ein vereinzelter Fall. Kriminelle Elemente gibt es ja wohl überall, sagtest du eben. Früher pflegtest du zu sagen, es ist ja nur vorübergehend, es ist eine für den Augenblick notwendige Maßnahme, in kurzer Zeit wird alles anders sein und wir werden zu normalen Verhältnissen zurückkehren." Erschöpft setzte er sich auf das Sofa und schöpfte Atem, dann nahm er nach einer kurzen Pause das Wort wieder auf, erfaßt von der alten Erregung. ,, Warum geht ihr nicht nach Birkholz? frage ich. Ihr werdet euch hüten! Hahaha! Seht euch doch an, was ihr aus der Jugend in euren Hitlerschulen, eurem Arbeitsdienst und euren Erziehungslagern gemacht habt? In diesen Hochschulen der Roheit und Universitäten der Unmenschlichkeit! Wilde Tiere und kannibalische Bestien habt ihr aus der Jugend gemacht. Ihr wißt recht gut, daß die Bauern erzählen, sie hörten das Geschrei der Gefolterten bis in ihre Dörfer. Warum geht ihr den Gerüchten nicht nach? Warum nicht? Ich will es dir offen sagen: Weil ihr nur eure Bequemlichkeit und euer schönes Leben liebt und kein Gewissen mehr habt, keinerlei Gewissen und nicht die Spur von menschlichem Empfinden! Ihr habt nicht laut genug gegen die Anmaßungen und die Gewissenlosigkeit eurer Führer Einspruch erhoben, so daß sie immer schamloser und gewissenloser werden konnten. Und das, das ist eure schwerste Schuld!" schrie er wieder laut. lernst. Ich hab Monate! Heut Minute wälzen Menschen sch bruch losgespr Baracken der S hinaufschleppe Strafe hat ma ,, Ich muß dich nochmals herzlich bitten!" unterbrach ihn Fabian und hob den Kopf. ,, Das heißt", lachte Wolfgang ,,, wenn du willst, daß ich die 346 und einige Ste vor Schwäche Skelett abgema nach Luft zu überströmten Zuchthäusler werden selbst schlagen." ie Schreib te. und deutete hl unnötig timme fort ut für feine irklich ver ollt ja nich hrheit sagt die Wahr Kriminell mer pflegtes den Augen alles ander ückkehren Atem, dan auf, erfal Birkhol ch doch an em Arbeits liesen Hoch schlichke der Jugen , sie hörten um geht i es dir offe önes Lebe en und nicht at laut genug Furer Führer and gewisse ste Schuld!" erbrach i daß ich die Wahrheit anhören soll, so muß ich bitten, dich höflicher Formen zu bedienen, wie sie unter Gebildeten üblich sind, nicht wahr? Ihr peitscht unschuldige Menschen buchstäblich zu Tode, aber ihr verlangt höfliche Umgangsformen!" Wolfgang lachte laut auf. ,, Geh doch nach Birkholz, da kannst du höfliche Formen kennenlernen, sage ich dir! Da werfen dich die schwarzen Bestien in die Jauchengrube und lachen dazu!" Wolfgang war wieder in seinen früheren lauten Ton verfallen. Fabian stand auf. Er war sehr bleich, und seine Züge sahen verfallen aus. ,, Es ist mir gänzlich unmöglich, dir weiter zuzuhören", sagte er mühsam atmend ,,, wenn du in diesem Ton fortfährst, Wolfgang." Sein vergrämtes und verhärmtes Aussehen erschreckten Wolfgang, und er beschloß, all seine Kraft zusammenzuraffen, um seinen Ton zu mäßigen. ,, Verzeihe", begann er von neuem, während er auf einem Stuhl beim Schreibtisch Platz nahm. ,, Ich bin zur Zeit noch sehr erregt, wie du dir wohl denken kannst, aber ich werde mir Mühe geben, ruhiger zu sprechen." Und mit ruhiger, beherrschter Stimme fuhr er fort: ,, Du hast gewiß schon von dem berüchtigten Steinbruch von Birkholz gehört? Gott möge dich beschützen, daß du ihn nicht selbst kennenlernst. Ich habe drei Monate in dieser Hölle gearbeitet, drei volle Monate! Heute und morgen und übermorgen, jetzt in dieser Minute wälzen zwanzig und dreißig vom Hunger ausgemergelte Menschen schweißtriefend die rohen Steinblöcke, die im Steinbruch losgesprengt werden, den steilen Hohlweg hinauf zu den Baracken der Steinmetzen. Man könnte sie ja auch durch Maschinen hinaufschleppen lassen, natürlich, aber man tut es nicht. Zur Strafe hat man den Häftlingen nur ein paar Dutzend Stangen und einige Stemmeisen zum Transport überlassen. Sie taumeln vor Schwäche und Anstrengung im Hohlweg hin und her, zum Skelett abgemagert. Machen sie auch nur die kleinste Pause, um nach Luft zu ringen, so hageln Peitschenhiebe auf ihre schweißüberströmten Leiber, daß das Blut ihre zerfetzten Hemden färbt. Zuchthäusler und Berufsverbrecher schwingen die Peitschen, sie werden selbst wieder gepeitscht, wenn sie nicht hart genug zuschlagen." 347 ausgerückt! We treten, alle, alle Stunden, sechs Stunden in grell ,, Willst du die Narben sehen, Frank? Nein? Ich hinke heute noch etwas von den Hieben! Am Hohlweg oben sitzt ein Posten, ein schwarzgekleideter Halunke und raucht Zigaretten. Seinen Blicken entgeht nichts, nicht das geringste. Hoho, so also geht es da zu! Wenn aber ein schwerer Block zurückrollt, so reißt er alle mit, und es gibt Krüppel und Tote. Ich sah viele angesehene Juden und Häftlinge auf diese Weise verrecken, Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren! Kleinere Blöcke mußte ein Mann allein hinaufschleppen. War er zu alt oder zu schwach, nun gut, dann brach er zusammen und blieb liegen, bis ihm die Peitschen wieder Beine machten, wenn er noch lebte, heißt das. Du schweigst?" Hunger! Einma treiben, und de Schultern, Kälte Da! Endlich bel Ja, sie haben i umelt an den schwarzen Mörd die Menschen! H Da liegt das genug. Man bin Händen an einer kuli, der Zuchth Der Prügel aber Morgenstern'. Rücken. Hast ,, Ich rede die Wahrheit!" fuhr Wolfgang nach einer Pause fort, da der Bruder ihm nur mit einem Blick geantwortet hatte. ,, Die Blöcke kommen in den Schuppen der Steinmetze. Hier habe ich über ein halbes Jahr gearbeitet. Die Arbeit war hier um vieles leichter. Im Steinbruch war es der Tod durch Erschöpfung, hier war es der Tod durch Hunger. Wir meißelten Tag um Tag den Stein, zwölf Stunden lang, fast ohne die Pause, die nötig war, um die Wassersuppe hinunterzuschlingen. Die meisten sterben hier an Hunger. Plötzlich fällt einer um. Ach, das ist ja der Teppichhändler Lewinsohn, sagte man sich, wenn man ihn liegen sah und dachte sich nichts dabei. Hahaha!" Unvermittelt konnte Wolfgang in ein derbes, völlig sinnloses Lachen ausbrechen. Dann schwieg er eine Weile und starrte vor sich hin. Fabian saf zu Blicklosen Auge Wolfgang erh Wahrheit!" beg Stundenlang kö aber sage ich di Hölle! Ich bin H st!" Dabei schl Tasche seines ab schwoll wieder ,, Ja, wir hatten viele Tote im Lager, alle Arten von Toten, nicht Dutzende, sondern Hunderte, Hunderte. Eine Art war der Tod durch den elektrisch geladenen Draht, besonders beliebt bei Neuankömmlingen. Eine andere Art war der Tod durch die Flucht, die nie gelang, solange ich in Birkholz war. Jede Flucht gab den schwarzen Teufeln Gelegenheit, alle ihre höllischen Instinkte spielen zu lassen. Ich glaube, sie liebten nichts mehr, als diese Menschenjagden mit ihren Bulldoggen! Oho, mein Lieber, das ist keine Sache für gebildete Menschen, nein! Für Menschen, die gerne Sekt trinken und in Klubsesseln sitzen, denen es gleichgültig ist, daß Tausende verrecken! Die roten Wimpel auf den Wachtürmen steigen hoch: Flucht! Einer, der nicht den Mut aufbrachte, in die elektrisch geladenen Drähte zu laufen, ist 348 icht vorüberge Wie du immer sa Revolution einn Nein, es ist ein Tuchtheit!" Er blieb vor Du mußt die Frank! Es sind hinke heute tten. Seinen also geht es so reißt er angesehene zte, Rechts Mann allein ein Posten, ausgerückt! Welch ein Narr! Die Häftlinge aber müssen antreten, alle, alle, auch Frauen und Kinder. Wir standen drei Stunden, sechs Stunden, einmal standen wir vierundzwanzig Stunden in greller Sonne, im Regen, im Schnee, wahnsinnig vor Hunger! Einmal standen wir zwölf Stunden in einem Schneetreiben, und der Schnee lag dick wie eine Faust auf unsern Schultern, Kälte und Erschöpfung bedeutete für viele den Tod. Da! Endlich bellen die Hunde, wir hatten ihrer sechs im Lager. Ja, sie haben ihn, den Wahnsinnigen. Ein blutiges Gespenst taumelt an den Drähten vorbei, umtanzt von den Doggen des schwarzen Mördergesindels. Denn mit Bluthunden jagen sie dort die Menschen! Hörst du wohl?" dann n gut, chen wieder schweigst? einer Pause wortet hatte metze. Hie war hier un rschöpfung Tag um Ta e nötig wa sten sterba s ist ja de an ihn liege Ettelt konnte echen. Dann von Toten ne Art wa sonders be Tod durch war. Jede e ihre höll ebten nichts ! Oho, mein nein! Für itzen, denen ten Wimpe er nicht den u laufen, ist ,, Da liegt das blutige Gespenst, und selbst die Doggen haben genug. Man bindet den Wahnsinnigen an zwei Pflöcke, mit den Händen an einen, mit den Füßen an den andern, und der Prügelkuli, der Zuchthäusler Willi, beginnt seine Arbeit mit dem Prügel. Der Prügel aber ist mit Stacheldraht umwickelt, sie nennen ihn Morgenstern. Die Doggen lecken das Blut vom zerfleischten Rücken. Hast du genug?" Fabian saß zusammengesunken am Schreibtisch und starrte mit blicklosen Augen vor sich hin. Er nickte stumm. Wolfgang erhob sich und griff nach dem Hut. ,, Das ist die Wahrheit!" begann er wieder. ,, Du weißt, daß ich nicht lüge. Stundenlang könnte ich in dieser Tonart fortfahren. Das eine aber sage ich dir, lebendig kriegen sie mich nicht mehr in diese Hölle! Ich bin heute soweit, daß mir alles gleichgültig geworden ist!" Dabei schlug er heftig auf einen harten Gegenstand in der Tasche seines abgetragenen Mantels, und der Ton seiner Stimme schwoll wieder an. ,, Du weißt nun, wie die Dinge liegen. Es sind nicht vorübergehende Erscheinungen, die sich verlieren werden, wie du immer sagtest, es sind nicht Erscheinungen, wie sie in jeder Revolution einmal vorkommen können. Auch das sagtest du. Nein, es ist ein ausgeklügeltes System des Terrors und der Verruchtheit!" Er blieb vor dem Bruder stehen und seine Augen funkelten. Du mußt die Beziehungen zu diesen Leuten sofort abbrechen, Frank! Es sind Verbrecher und Mörder, nichts anderes", rief er 349 laut und bebend vor Zorn. ,, In einer Woche wirst du jede Verbindung mit diesen Leuten gelöst haben, in einer Woche, hörst du mich? Eine Woche gebe ich dir Zeit, oder wir sind geschiedene Leute für immer. Lebe wohl!" In seinem abgetragenen Mantel, den alten Hut auf dem Kopf, verließ er das Zimmer. Rasch durchquerte er den Vorraum, ohne Fräulein Zimmermann zu beachten. Fabian saß wie tot, grau im Gesicht, er atmete kaum. Dann klingelte er Fräulein Zimmermann. ,, Ich empfange heute keine Besuche mehr, Fräulein Zimmermann", sagte er mit tonloser Stimme. der mit Entsch instinktiv ausw ganz ähnlich de Zu seinem E Aussehen völlig Platten ausgele neu gepflanzt tanden darauf. in der Ecke, so Figur des Narz Er ging nähe das alte, die Ein war abmontier Hut in den Na In der Nähe XI In seinem abgerissenen Mantel, mit dem alten Hut und den schäbigen Stiefeln, die er für ein Brot in Birkholz eingehandelt hatte, schritt Wolfgang durch die Straßen der Stadt. Er war noch immer erregt von der Aussprache mit dem Bruder, aber tiefe Genugtuung belebte ihn, und ein merkwürdiges Wohlbehagen steigerte seine Kräfte. der Straßenbah des Brunnens n Der Mann k Seite. Schon v erwiderte er. Und warum Er fror sonderbarerweise nicht mehr, und sogar seine Hände: waren warm. Leider hatten die braunen Halunken auch seine Handschuhe mitgenommen. Unbekümmert und mit gesammel ter Kraft blickte er den Passanten in die Augen, bereit, jeden Menschen, dessen Blicke ihn herausfordern sollten, ohne Zögern zur Verantwortung zu ziehen. Achtung, dachte er, hier kommt ein Mann, der soeben aus Birkholz zurückkehrte! Indessen, die Leute beachteten ihn kaum und wandten sofort die Augen ab wenn sie seinem Blick begegneten. V Man sagt, s Von einem Während er we Juden wird un nicht auch?" U Der Arbeiter o daß es jetzt a Dann blickte e Vor dem Geschäft des Juweliers Nicolai, das noch immer verwüstet und trostlos aussah, bemerkte er einen Bekannten, den Direktor der Kunstschule, diesen guten Billardspieler, Sanftleben hieß er. Aber als er den Blick eine Sekunde abwandte, war Sanftleben wie durch einen Zauber spurlos verschwunden. Direktor Sanftleben hatte ihn von weitem erkannt und war sofort abgebogen. Wolfgang wußte nicht, daß die Menschen einem Mann, 350 war ein Wahn Birkholz gehör Wolfgang na lag noch imme zu Ende sein!" Zu Hause a Mantel und H die Stätte der Ju jede Ver- Toche, hört | geschieden: f dem Kopi ‚raum, oht kaum. Dan heute kat mit. tonlost Indessen" F Ag d der mit Entschlossenheit und gesteigerten Kräften angefüllt ist, instinktiv ausweichen und eine Begegnung mit ihm vermeiden, ganz ähnlich den Tieren. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, daß der Rathausplatz sein Aussehen völlig verändert hatte. Er war mit großen, hübschen Platten ausgelegt, einige junge Bäume, jetzt ohne Laub, waren neu gepflanzt worden, ein paar grüngestrichene bequeme Bänke standen darauf. Sein Narzißbrunnen aber befand sich nicht mehr in der Ecke, sondern in der Mitte des Platzes. Indessen war die Figur des Narziß, der sich im Becken spiegelte, verschwunden. Er ging näher, um sich alles genau anzusehen. Das Becken war das alte, die Einfassungssteine waren die gleichen, aber sein Narziß. war abmontiert. Wolfgang schüttelte den Kopf und schob den Hut in den Nacken. In der Nähe hämmerte ein Straßenarbeiter an einer Weiche der Straßenbahn, ihn rief er an.„Seit wann ist denn die Figur des Brunnens nicht mehr da?“ fragte er. Der Mann kniete auf der Erde und wandte das Gesicht zur Seite.„Schon vor einem halben Jahr hat man sie abgenommen“, erwiderte er. „Und warum wissen Sie nicht?“ „Man sagt, sie war von einem Juden gestiftet“, brummte er. „Von einem Juden gestiftet?“ Wolfgang lachte laut auf. Und während er weiterging, fügte er hinzu:„Dieser Scherz mit den Juden wird uns noch teuer zu stehen kommen, glauben Sie nicht auch?“ Und wieder lachte er laut und belustigt. Der Arbeiter drehte erstaunt das Gesicht noch mehr zurück, so daß es jetzt aussah, als säße sein Kopf verkehrt auf den Schultern. Dann blickte er sich nach allen Seiten um.„Mein Himmel, das war ein Wahnsinniger! Der Mann hat wohl noch nichts von - Birkholz gehört?“ Wolfgang nahm eine Tram nach Jakobsbühl. Auf seinen Zügen - lag noch immer Heiterkeit.„Nun, auch dieser Spuk wird einmal zu Ende sein!“ dachte er und lachte. Zu Hause angelangt, nahm er einen Stuhl und setzte sich in Mantel und Hut bei der Türe seines Arbeitsraumes nieder, um ug ie Stätte der Verwüstung abermals zu betrachten, still und 351 regungslos, während er eine Virginia nach der andern rauchte. So hatte er zur Verzweiflung Rettas drei Tage gesessen, bevor er sich entschloß, zu seinem Bruder zu fahren. Heute aber warf er die letzte Virginia halb geraucht auf den Boden, legte Hut und Mantel ab und zog den Rock aus. Er ging in die Küche und verlangte Schaufel und Besen. ,, Koche einen starken Grog, Retta", sagte er, ,, und heize tüchtig ein. Wir fangen an!" die tiefe, zornig cher Ruhe geben sechs Uhr morg verabschiedete Retta lieẞ still die Tränen über ihre hageren Backen laufen, während sie Feuer machte, zeigen durfte sie es nicht, sonst wurde der Professor böse. Endlich also schien er wieder zur Vernunft zu kommen! Schule. Am Nachmit Besuch. Wolfga Beate schüttelte er sogar in seine und Retta muf Kuchen zu hole Wolfgang fegte den Schutt zusammen und warf ihn.durch das Fenster in den Garten. Einzelne Stücke nahm er sorgfältig auf und legte sie auf ein Fensterbrett: einen Fuß, ein Stück Schulter, ein Ohr. Die Trümmer des zerschlagenen ,, Kettensprengers" legte er in eine Ecke, dann richtete er das Eisengerüst der zertrümmerten Figur auf und begann zu biegen und zu hämmern, daß er schwitzte. Nachts um zwei Uhr stand er noch auf einer Leiter und bürstete Wände und Decke ab. Das Atelier sah aus, als ob zehn Tüncher an der Arbeit wären. Dann trank er den letzten Grog. Das war der Anfang! Herr Gleich wieder gekräfti können, Profess Wolfgang ni r voller Zuver natürlich zu En meiner Liebling wird auch mein Frau Beate a versprachen Si Freund", began hoffe aber nun, der Wolfgang ni mir helfen, wi dachte er. Sie Am nächsten Morgen mußte Retta scheuern und fegen, während Wolfgang in die Stadt fuhr. Am Nachmittag stand er wieder auf der Leiter, um Wände und Decken zu streichen. Er brauchte keine Handwerker. Einige Stunden blieb er jetzt täg lich in der Stadt, es kamen Pakete mit Wäsche, Schuhen, Anzügen, Kragen. Und eines Tages beobachtete Retta, daß seine Zähne wieder in Ordnung waren. Die neuen Zähne gefielen ihr besser als die alten, aber sie hütete sich, davon zu sprechen. Von diesem Augenblick an war Wolfgang wieder ganz alte. Er pfiff, sang und polterte in seinem Atelier, ganz wie in früheren Zeiten. Zum erstenmal hörte Retta nach langen Zeiten wieder das Telefon klingeln. Lehrer Gleichen kam zum Abendessen, sie mußte Hühner braten, und die beiden Herren tranken die ganze Nacht hindurch und debattierten so laut, daß man es bis auf die Straße hören konnte. Die ganze Nacht vernahm sie 352 der Zukunft ha chaft erwärm Schultern mit Freude sein, Ih Aufgabe ist nic ich noch etwas prechen, nicht Ich werde Beim Kaffee Wolfgang sollt m Wagen mit 23 Totentanz Hern rauchte. Sessen, bevor cht auf den aus. Er ging Koche einen tig ein. W cken laufe sonst wurd zur Vernun hn durch d orgfältig a ck Schulte ensprenger rüst der zer zu hämmen och auf eine elier sah aus trank er den fegen, wi tag stand streichen B er jetzt ti chuhen, Ar ta, daß seine e gefielen i prechen Her ganz der ganz wie in angen Zeite zum Abend rren tranken daß man 6 vernahm sie die tiefe, zornige Stimme des Professors, er würde wohl nicht eher Ruhe geben, bis sie ihn wieder nach Birkholz brachten. Um sechs Uhr morgens ging die erste Tram zur Stadt, und Gleichen verabschiedete sich. Er hatte ja morgens um acht Uhr wieder Schule. Am Nachmittag kamen die Damen Lerche- Schellhammer zu Besuch. Wolfgang empfing sie mit freudigen Ausrufen. Frau Beate schüttelte er minutenlang die Hand und Christa schloß er sogar in seine Arme. Die Damen hatten Blumen mitgebracht, und Retta mußte Kaffee kochen und in die Stadt fahren, um Kuchen zu holen. ,, Herr Gleichen hat uns berichtet", sagte Frau Beate ,,, daß Sie wieder gekräftigt genug sind, um Ihre Arbeit aufnehmen zu können, Professor?" Wolfgang nickte. ,, Morgen fange ich wieder an!" antwortete er voller Zuversicht. ,, Da es mit meiner Professur an der Schule natürlich zu Ende ist, habe ich endlich reichlich Zeit, mich mit meiner Lieblingsidee zu befassen, mit glasierter Keramik. Endlich wird auch mein Brennofen wieder zu Ehren kommen." Frau Beate aber hatte ihre besonderen Wünsche. ,, Seit Jahren versprachen Sie mir, eine Büste von mir zu schaffen, lieber Freund", begann sie ,,, und nie sind Sie dazu gekommen. Ich hoffe aber nun, daß Sie auch für mich endlich Zeit finden werden?" Wolfgang nickte lachend. ,, Gewiß!" antwortete er. Sie will mir helfen, wieder auf die Beine zu kommen, die gute Seele, dachte er. Sie ahnt nicht, daß ich nicht die geringste Angst vor der Zukunft habe, wie sollte sie es auch? Aber Frau Beates Freundschaft erwärmte sein Herz. Er streifte ihr Gesicht und ihre Schultern mit einem prüfenden Blick. ,, Es wird mir eine große Freude sein, Ihre Büste zu schaffen", begann er von neuem. ,, Die Aufgabe ist nicht leicht, aber selten dankbar. In acht Tagen, wenn ich noch etwas mehr ausgeruht bin, können wir wieder darüber sprechen, nicht wahr?" ,, Ich werde es nicht vergessen." Beim Kaffee hatten die Damen einen verlockenden Einfall. Wolfgang sollte bei ihnen den Abend verbringen, sie würden ihn im Wagen mitnehmen. Wolfgang nahm die Einladung sofort an. 23 Totentanz 353 ,, Gute Nacht, Retta", rief er, und wie immer ließ er alle Türen offen, obschon geheizt war. Es war alles wie früher. XII Während sie möglich, begann ises, peinigend denken, was sie ,, Rittmeister Möhn erwartet Sie morgen zur Stunde", wurde Marion in der Schule bestellt. Er rief vor zehn Minuten an." Marion erschrak, daß die Farbe aus ihren braunroten Wangen wich. Der Gauleiter war zurückgekehrt! ihrem rechten A Das Schlimmste mußte, damit M und plauderte di Endlich war es „ Vergiß die Aber es sah grundlos gewese drei silbergraue Chauffeure safe tanden daneber Gut, daß Sie Diesen Augenblick hatte sie seit langem gefürchtet, denn jetzt galt es, Farbe bekennen. Es gab keine Ausreden und kein Geflunker mehr, die Zeiten waren vorbei. Es war selbstverständlich, daß er Bescheid haben wollte über das unselige Schlößchen in Polen, das ihn seinerzeit ein böser Geist entdecken ließ. Nur ihre Feigheit hatte sie damals gehindert, ihm sofort reinen Wein einzuschenken, augenblicklich, während er noch fragte. Angst erfüllte sie, eine leise, schleichende Angst, sie wußte, was auf dem Spiele stand. Was in aller Welt sollte sie tun? der ihr entgegen reit abzufahren. Sie ging zu Christa Lerche- Schellhammer, um sich Rat zu holen, aber Christa konnte ihr keinen Rat geben. ,, Es bleibt dir nichts anderes übrig, als ihm die Wahrheit zu sagen", erklärte Christa. ,, Vielleicht hast du dann endlich Ruhe vor ihm? Natürlich riskierst du, in Ungnade zu fallen, aber was kümmert dich das schon, wie? Mache dich so hübsch wie möglich. Einer hübschen Frau kann man nicht böse sein, und vergiß vor allem dein Lachen nicht." Der Gauleite Stelle der Pferde die wohl aus Po hatte dadurch wunderbare Mu War derart beza konnte. Wir haben Tee zusammen Stunden erhielt Nun, mögen sie Nun, sie riskierte es gerne, in Ungnade zu fallen, sie wünschte es sogar, und kehrte um vieles beruhigter von Christa zurück. Sie beschloß, die Bluse aus zartgelber Seide zu tragen, die ihr schwarzes Haar gut hervorhob und ihre Brust, die voller ge worden war, vorteilhaft zur Geltung brachte, besonders wenn man im Rücken mit einigen Stichen nachhalf. Warum sollte sie es nicht tun? Alle Frauen hoben ihre Reize hervor, auch wenn sie nicht davon sprachen, und erst wenn ihre Schönheit verblaẞte, predigten sie die Tugend. 354 thel" Erst jetz hatte mich sehr freur", rief er au Marion!" Marion errot bergen, suchten malachitgrünen Die Madonn er ließ er ale Während sie sich so schön und begehrenswert machte wie möglich, begann die alte Angst wieder in ihr zu erwachen. Ein leises, peinigendes Angstgefühl bebte in ihr, mochte sie tun und denken, was sie wollte. Immerfort klopfte ein feiner Nerv an ihrem rechten Augenlid, der sie fast zur Verzweiflung brachte. Das Schlimmste war, daß sie immerfort die beste Laune heucheln mußte, damit Mamuschka ihre Angst nicht merkte. Sie trällerte unde", wurd und plauderte die ganze Zeit, während sie ihre Toilette beendete. Minuten an Endlich war es soweit. roten Wanger tet, denn je und kein G selbstverstin ge Schlößche cken ließ. N t reinen W ragte. st, sie wul e sie tun? sich Rat Es bleibt d gen", erklin ihm? Nati kümmert di ch. Einer hi Vor allem de , sie wünschte Christa zurid tragen, die die voller g sonders we arum sollte Or, auch wen Schönheit ver ,, Vergiß die Photos nicht, Marion!" rief Mamuschka. Aber es sah ganz so aus, als ob all ihre Angstzustände völlig grundlos gewesen seien. Als sie sich der„, Burg" näherte, sah sie drei silbergraue Wagen reisefertig vor der Einfahrt stehen, die Chauffeure saßen auf ihren Sitzen, die Offiziere und Adjutanten standen daneben. Ein schwerer Stein fiel Marion vom Herzen. ,, Gut, daß Sie pünktlich sind", begrüßte sie Rittmeister Möhn, der ihr entgegenkam. ,, Der Gauleiter erwartet Sie, wir sind bereit abzufahren." Der Gauleiter empfing sie in bester Laune im Teesalon. An Stelle der Pferdebilder hingen jetzt einige der herrlichsten Ikone, die wohl aus Polen stammten, an den Wänden. Der kleine Salon hatte dadurch das Aussehen einer Kapelle bekommen. Eine wunderbare Mutter Gottes in einem malachitgrünen Umhang war derart bezaubernd, daß man wochenlang von ihr träumen konnte. " Wir haben noch genügend Zeit, um in aller Ruhe eine Tasse Tee zusammen zu trinken", begrüßte sie Rumpf ,,, vor zwei Stunden erhielt ich telefonisch den Befehl, sofort abzureisen. Nun, mögen sie etwas warten, Ungeduld steht großen Geistern übel." Erst jetzt fand er die Zeit, sie näher zu betrachten. ,, Ich hatte mich sehr auf unser Wiedersehen nach so langer Zeit gefreut", rief er aus. ,, Und, oh, wie hübsch Sie sich gemacht haben, Marion!" Marion errötete und lachte. Um ihre Unsicherheit zu verbergen, suchten ihre Augen Zuflucht bei der Mutter Gottes im malachitgrünen Umhang. ,, Die Madonna ist herrlich!" sagte sie. 355 ,, Lieben Sie Ikone?" fragte Rumpf. ,, Von Fall zu Fall", antwortete Marion. ,, Die meisten sind mir zu ernst und zu düster. Aber diese Mutter Gottes im grünen Mantel finde ich einfach bezaubernd." Rumpf schüttelte den Kopf. ,, Ich mache mir ganz und gar nichts aus ihnen", sagte er. ,, Sie sind mir zu katholisch und zu sehr finsteres Mittelalter, das ich hasse. Man hat sie für mich in Polen gesammelt, und irgendein Verrückter hat sie mir zugeschickt. Nehmen Sie sich einige mit, wenn Sie Lust dazu haben." Marion lehnte dankend ab, sie seien ihr zu unheimlich, erwiderte sie. müssen, daß ich Knochen blami Wieso sollte plötzlich wieder Rumpf lacht Knochen habe i Wissen Sie, Ma worden ist? Nu Auch Mario Mause?" Sie fü ,, Ganz wie mir", lachte Rumpf und tastete nach Marions Hand. ,, Ich liebe es mehr, meine kleine jüdische Madonna zu betrachten, die bei Gott kein Mittelalter ist. Es scheint mir, als ob es dieselbe gelbe Bluse sei, die Sie einmal im Frühjahr trugen, habe ich recht? Auch sieht es so aus, als seien Sie etwas voller geworden?" ,, Es ist wirklich erstaunlich, wie scharf Sie beobachten, Herr Gauleiter!" entgegnete Marion, während sie am Tisch Platz nahm. batte aufzuspri roten Haaren S an ihr vorübers Rumpf fuhr gelungener Sch reizende Schlö noch genau so Rumpf nickte. ,, Es ist wahr", sagte er ,,, wenn ich etwas einmal gesehen habe, so vergesse ich es nicht so schnell wieder." Plötzlich lachte er laut auf, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihm unvermutet etwas Heiteres einfiel. ,, Und unser Schlößchen in Polen?" rief er lachend aus. ,, Haben Sie denn zuweilen an unser Schlößchen in Polen gedacht?" Untersuchung nicht mehr bew Mäuse haben Decken, den D jederzeit in sich Marions Herz blieb stehen. Sie wurde fahl. Jetzt kommt es, dachte sie, jetzt! Und ich hatte schon die Hoffnung, er würde abfahren, bevor er diese Frage berührte. " Ja", sagte sie leise und stockend. ,, Ich habe häufig daran gedacht." Aber Rumpf überhörte die Gepreẞtheit und Angst ihrer Stimme, er zündete sich gerade eine Zigarette an. mehr bewohnt. Marion konn lachen. Ich freue m So wenig wie ,, Nehmen Sie eine Zigarette, Marion", sagte er ,,, ich weiß, Sie rauchen zuweilen gern zum Tee, nicht wahr?" Er blinzelte ins Licht. ,, Mir ist es außerordentlich peinlich, Ihnen sagen zu 356 Besseres finden etwas weitaus Bauern hätten nicht das Rich tut, ich muß je Rumpf trat im malachitgri Marion", rief er Sie gefiel Ihnen lich sehr eilig. -"müssen, daß ich mich mit dem polnischen Schlößchen bis auf die Knochen blamiert habe.“ „Wieso sollten Sie sich blamiert haben?“ fragte Marion, die plötzlich wieder frei und leicht atmen konnte. Rumpf lachte laut.„Ja“, rief er aus,„wahrhaftig, bis auf die Knochen habe ich mich blamiert. Man kann darüber nur lachen. Wissen Sie, Marion, was aus unserem herrlichen Schlößchen ge- worden ist? Nun, die Mäuse haben es aufgefressen, Hahaha!“ Auch Marion lachte auf.„Die Mäuse?“ rief sie aus.„Die Mäuse?“ Sie fühlte sich plötzlich frei und leicht, daß sie Lust hatte aufzuspringen. Zum erstenmal war ihr der Mann mit den roten Haaren sympathisch. Der bittere Kelch war noch einmal an ihr vorübergegangen. Rumpf fuhr fort, belustigt zu lachen.„Ja, es ist wirklich ein gelungener Scherz“, rief er aus.„Natürlich haben die Mäuse das seizende Schlößchen nicht völlig aufgefressen, es steht heute noch genau so entzückend da. Ich habe einen Architekten zur Untersuchung hingeschickt, und er fand, daß das Schlößchen nicht mehr bewohnbar ist. Die Mäuse, ganz bestimmte polnische Mäuse haben sämtliche Balken zerfressen, die Fußböden, die Decken, den Dachstuhl, die Treppen, alles. Das Schlößchen kann Jederzeit in sich zusammenstürzen, es war seit zehn Jahren nicht mehr bewohnt.“ Marion konnte nicht lange und herzlich genug über die Mäuse N Jıchen. eilen?„Ich freue mich, daß auch Sie die Sache nicht tragisch nehmen, eu so wenig wie ich“, sagte Rumpf.„Ich werde etwas anderes, Besseres finden müssen“, fügte er hinzu, während er aufstand, etwas weitaus Besseres! Nebenbei bemerkt, diese polnischen Bauern hätten Sie zu Tode gelangweilt. Es wäre an und für sich nicht das Richtige für Sie gewesen. Aber, so leid es mir auch Aut, ich muß jetzt aufbrechen, schöne Marion.“ ‚Rumpf trat rasch an die Wand und nahm die Mutter Gottes im malachitgrünen Mantel vom Haken.„Da, nehmen Sie, ‚ Marion“, rief er, indem er Marion die leichte Holztafel aufdrängte, f„sie gefiel Ihnen doch so gut. Ich bitte Sie herzlich, ich bin wirk- Ich sehr eilig.“ r& rt komf 4 Er geleitete Marion in die Diele und wartete bis der Diener ihr in den Mantel geholfen hatte. ,, Leben Sie wohl", sagte er und reichte Marion die Hand. ,, Ich werde suchen, bis ich das Richtige für Sie finde, Marion. Wir sehen uns wieder. Erlauben Sie, daß ich vorausgehe." Der Gauleiter trat rasch durch die Türe, und fast in derselben Minute hörte Marion die Autos mit großem Lärm abfahren. XIII Wolfgang zu v wußte, daß ihn Immerhin, se hinaus erschütte zurück, als die Küste der Nord Die freudige Abend saß er r Krieg waren ha Die Armee stan nach England. I Zweifel. Es sta Wir werden E orakelte Landg Taubenhaus Das Amokl Nach dem stürmischen Besuch Wolfgangs war Fabian eine volle Woche krank. Zwei Tage mußte er sogar das Bett hüten, er sah abgemagert und quittengelb aus, als habe er die Gelbsucht. Die Anklagen Wolfgangs hatten ihn wie Keulenschläge getroffen. Viele seiner Beschuldigungen waren völlig ungerecht, in vielen andern aber mußte er ihm leider, leider recht geben. Soldat" in seine heit Deutschl Narren aufhän hellem Zorn, d schwor er das H deutschen Bom Haupt des deu virrung der Be der Sieger eine ation auf, und e kurzerhand Natürlich war es gänzlich unmöglich, daß er seine Verbindungen mit der Partei lösen konnte. Wie einfach sich das Wolfgang vorstellte! Er sollte sich, zum Beispiel, an Dr. Papenroth erinnern, der vor zwei Jahren aus der Partei ausschied, trotzdem man ihn gewarnt hatte. Man verbot ihm kurzerhand zu praktizieren und strengte einen Prozeß gegen ihn an. Es sollte irgendeine undurchsichtige Geschichte in seiner Praxis passiert sein, die ihn mit den neuen Gesetzen in Konflikt brachte. Dr. Papenroths Praxis blieb geschlossen, er war wirtschaftlich ruiniert und seine Nerven derart zerstört, daß er sich schließlich vergiftete. Fabian kannte Dutzende ähnlicher Fälle. Nein, mein lieber Wolfgang, es ist nicht so einfach, die Verbindungen mit der Partei zu lösen, wie du dir das vorstellst, keineswegs. Nicht nur die Ausbrecher in Birkholz werden zu Tode gehetzt, auch jeder einzelne Mensch, der die Partei verlassen will. In den meisten Fällen bedeutete es den glatten Selbstmord! Ordnung. Der Verlust des Bruders schmerzte ihn tief, seine Feindschaft war unerträglich. Wochenlang kämpfte er mit dem Gedanken, sich nach Jakobsbühl zu begeben und eine Aussöhnung mit 358 Wie Neger auben, so bre ller moralische iber die Gren Kannte Soldat Obertreibungen recht? Er per eingetreten und nationalen Krie L s der Diener e Hand. Ich Marion. Wir 4 in derselben bfahren. Fabian eine s Bett hüte lie Gelbsuch age getroffe ht, in viele seine Verbi ich das Wo Dr. Papenrot schied, trotz urzerhandz an. Es solls Praxis passie rachte. Dr. P ftlich ruinier hließlich ver Nein, me ungen mit de gs. Nicht nu zt, auch jede aden meiste me Feindschaf em Gedanke ssöhnung mi Wolfgang zu versuchen. Aber er kannte ja seinen Trotz und wußte, daß ihn Wolfgang nicht einmal anhören würde. Immerhin, sein blinder Glaube an die Partei war auf Monate hinaus erschüttert und er fand sein volles Vertrauen erst wieder zurück, als die Armee nach schwindelerregenden Siegen an der Küste der Nordsee und des Kanals stand. Die freudige Erregung half ihm über vieles hinweg. Jeden Abend saß er mit Freunden im ,, Stern", auch Taubenhaus und Krieg waren häufig dabei, und sie debattierten über die Lage. Die Armee stand in Norwegen und am Kanal, bereit zum Sprung nach England. Das englische Empire krachte in allen Fugen, kein Zweifel. Es stand schlecht, es stand sehr schlecht um England. ,, Wir werden England überrennen wie Polen, nur noch rascher!" orakelte Landgerichtsrat Petersmann. ,, Und dann, und dann!" Taubenhaus erhob sein Glas. ,, Auf das größere Deutschland!" ,, Das Amoklaufen hat begonnen!" schrieb der„ Unbekannte Soldat" in seinen anonymen Briefen, die er in schamloser Frechheit ,, Deutschland erwache!" überschrieb. Man sollte diesen Narren aufhängen, sobald man ihn entdeckt, rief Fabian in hellem Zorn, der Wahnsinnige vergiftet die ganze Stadt! So beschwor er das Blut von dreißigtausend Bürgern Rotterdams, die deutschen Bomben zum Opfer gefallen sein sollten, auf das Haupt des deutschen Volkes. Hatte man je eine größere Verwirrung der Begriffe erlebt? Seit es moderne Kriege gab, forderte der Sieger eine Stadt, die ihm den Weg versperrte, zur Kapitulation auf, und wenn sie das Ultimatum ablehnte, so schoß er sie kurzerhand zusammen, und die ganze Welt fand das in Ordnung. ,, Wie Negerstämme in ein Land einbrechen und das Vieh rauben, so brechen die deutschen Soldaten unter Miẞachtung aller moralischen Gesetze als Mordbrenner, Räuber und Mörder über die Grenzen und nennen es Krieg", schrieb der„, Unbekannte Soldat". Fabian lachte empört über diese schamlosen Übertreibungen. Wußte dieser Wirrkopf nichts vom„ Beuterecht"? Er persönlich war stets nur für den ritterlichen Krieg eingetreten und verurteilte scharf alle Verletzungen der internationalen Kriegsrechte. 359 von dem Wun und schöpferis Nun, wenn das ,, größere Deutschland" zur Tatsache geworden war, dann würde auch der ,, Unbekannte Soldat" beschämt in sein Büro, sein Amtszimmer oder seine Dachkammer zurückkehren, wenn man ihm nicht vorher den Kopf abschlug, was Fabian von Herzen hoffte. Dann war aber auch Wolfgang wieder zur Versöhnung bereit! Er würde endlich begreifen, daß alles notwendig und durchdacht war, wie dieses Birkholz und andere Lager. Er würde verstehen, daß man das ,, größere Deutschland" unmöglich errichten konnte, ohne vorher alle Schwierigkeiten und Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Und endlich, hier lächelte Fabian, würde er einsehen, daß sie nicht alle zusammen, Richter, Professoren, Offiziere, nichts als einfältige Dummköpfe und gewissenlose Egoisten waren, als sie an Deutschlands große Mission glaubten. Dann hatte dabei glücklich er einst in Sie besaß ni zu erziehen, w rechthaberisch in manchen D gere gibt nach schiedener Me Die Arbeit in Fabians ,, Büro Aufbau" war völlig ins Stocken geraten. Es gab keine Arbeitskräfte mehr in der Stadt! Alle Männer, die ein Gewehr tragen konnten, standen im Feld oder waren in den Kasernen, soweit sie nicht in der Rüstung gebraucht wurden. Tag und Nacht gingen Züge mit neuen Truppen an die Fronten, täglich marschierten Trupps mit ihren Koffern in die Kasernen. Deutschland hatte sich in ein einziges, gewaltiges Heerlager verwandelt. waren sie sich größeres De Schon sah man häufig schwarz verschleierte Frauen in der Stadt, oft begegnete man Verwundeten und Krüppeln, Einarmigen, Einbeinigen. Kolonnen von Kriegsgefangenen vieler Nationen marschierten durch die Straßen. sagte, bis zu i Dazu hatte getan war. Sie ein Mann me In diesen Tagen entschloß sich Fabian in Clotildes neue Wohnung überzusiedeln, wo zwei schöne Zimmer seit Monaten zu seiner Verfügung standen. Clotilde hatte geduldig gewartet, sie war ihrer Sache sicher. Der Umzug wurde ihm so bequem wie möglich gemacht, seine beiden Jungen besorgten alles, er spürte die Übersiedlung kaum. Nur in den ersten Nächten konnte er nicht schlafen. In den letz lischen Flugge und gefährlic Seine Odyssee war zu Ende, oder sollte er Irrfahrt sagen? Eine kurze Zeit in seinem Leben war er wahrhaftig glücklich, das war damals, als er Christa liebte. In Wahrheit, damals war er ein anderer Mensch. Sein Herz blühte, es war voller Liebe und 360 ganzer Häuse auf. Sie warf die Stadt. Die Zeiten nichteten und stürzte alles schon empfin und Neugebo de das Not schem Schrec in irgendeine Nein, es war dachte an Ka che geworden beschämt in mer zurückabschlug, was fgang wieder en, daß alles z und andere Deutschland hwierigkeiten endlich, hi le zusammen, Dummköp chlands groß gins Stocke r Stadt! Al im Feld ode ang gebrauch ruppen an Koffern in d waltiges Her Frauen in de rüppeln, E ngenen viele es neue Woh Monaten z gewartet, s bequem W alles, er spürt ten konnte d art sagen? ftig glücklich damals war ller Liebe und d von dem Wunsch erfüllt, Gutes zu tun, sein Geist war lebendig und schöpferisch. Er würde Christa nie vergessen. Dann hatte er die Küsse der schönen Charlotte genossen, ohne dabei glücklich zu sein, und nun lebte er wieder bei Clotilde, die er einst in Haß verließ. Sie besaß nicht mehr den Ehrgeiz, ihn nach ihren Wünschen zu erziehen, wenn er sie auch gleich selbstsüchtig, eigensinnig und rechthaberisch wiederfand. Er mußte indessen zugeben, daß sie in manchen Dingen viel verständiger geworden war. Der Klügere gibt nach, pflegte sie nunmehr stets zu sagen, wenn sie verschiedener Meinung waren, und wich jedem Streit aus. Übrigens waren sie sich auch geistig nähergekommen, da sie beide ein größeres Deutschland" erstrebten, für das Clotilde, wie sie sagte, bis zu ihrem letzten Blutstropfen kämpfen wollte. Dazu hatte er seine zwei Söhne, denen er in tiefer Liebe zugetan war. Sie gediehen prächtig und waren gesund. Was wollte ein Mann mehr? XIV In den letzten Wochen mehrten sich die Angriffe der englischen Fluggeschwader auf die Stadt. Sie wurden hartnäckiger und gefährlicher. Eine Anzahl von Häusern wurde zerstört, ein ganzer Häuserblock bei der Bischofsbrücke ging in Flammen auf. Sie warfen jetzt Benzinkanister und Phosphorbomben auf die Stadt. Die Zeiten waren längst vorbei, da sie einen Pferdestall vernichteten und die Leute lachten. Sobald die Sirenen heulten, stürzte alles in höchster Eile in die Luftschutzkeller, die nun schon empfindlich kalt waren. Mit Kind und Kegel, mit Babys und Neugeborenen, Kinderwagen, Betten und kleinen Koffern, die das Notwendigste enthielten, hasteten die Familien in panischem Schrecken durch die finsteren Straßen und verschwanden in irgendeinem unscheinbaren Loch, das nur ein Kundiger fand. Nein, es war nicht mehr zu spaßen mit den Engländern, man dachte an Köln, Düsseldorf, Bremen und andere Städte. Seit der 361 4 14 8604 große Häuserblock bei der Bischofsbrücke in einer Stunde niederbrannte, erschraken auch die Mutigsten beim ersten Ton der Sirene. wie sie ihr Quar Jeder Luftangr er es, möglichst Fabian war befand sich als jeden Sonnaber zurück, und n neigung gegen Sobald die S Eifer in seine b schwarzen Kaf Robby hatte seine großen Tage. Zunächst hatte man nur für die älteren Jahrgänge der Hitlerjugend Verwendung. Sie mußten auf Befehl des Obersten von Thünen, des Chefs des gesamten Luftschutzes der Stadt, Hilfsdienste bei der Flak leisten. Denn der Oberst vertrat die Ansicht, daß man ,, junge Leute nicht früh genug an das Feuer gewöhnen könne". Die jüngeren Jungen aber, zu denen Robby gehörte, hatten immer noch nichts zu tun und mußten, wie andere Leute, in irgendeinem Luftschutzkeller sitzen, was ungeheuer langweilig und stumpfsinnig war. Da aber rief der Oberst eine neue Einrichtung ins Leben, die er ,, Bürgerschutz" nannte, wozu aber nur die kräftigsten Jungen ausgewählt wurden. Robby wurde abermals zurückgewiesen und mußte weiterhin bei Luftangriffen mit„, Kindern und Säuglingen", wie er sagte, in einem langweiligen Keller sitzen. Die Jungen vom ,, Bürgerschutz" aber konnten nicht genug von ihren Abenteuern erzählen. Sie hatten Fliegerkämpfe beobachtet, wobei mit Leuchtspur geschossen wurde, sie hatten Brände gelöscht, sie hatten Betten aus den Fenstern geworfen, während das Dach über ihnen brannte, und was sie noch alles erlebten. rannte im Lau den Bunker S Feldlager, mit Kaffee und Bie sehr lustig. We werfer über de schüsse der Fla Es waren Abenteuer nach Robbys Geschmack und er beschwor seine Mutter, bei Oberst von Thünen ein Wort für ihn einzulegen, er sei genau so kräftig wie die andern. Seitdem gehörte er zum ,, Bürgerschutz drei", dessen Quartier sich im Schellhammerschen Bürohaus befand, einem besonders massiven Gebäude. auf, die Einsch ten kurz und man sagte, sch saßen auch T Verbindung m Oft ereigne Abenden kling Sechs Fliegerangriffe hatte Robby schon mitgemacht! Es war natürlich etwas anderes, als in einem kalten, stumpfsinnigen Keller mit schreienden Kindern zu hocken. Dreimal hatte er Straßendienst gehabt. Da mußte er verspätete Passanten zum nächsten Luftschutzkeller führen, er mußte der Feuerwehr den kürzesten Weg zu einem brennenden Haus zeigen, er mußte einen Luftschutzwart aus dem Keller holen, weil im vierten Stock seines Hauses ein Licht brannte. Dabei hörte er die feindlichen Maschinen hoch in der Luft donnern und er sah die Flakgranaten am schwarzeń Himmel explodieren. Im Bunker selbst, 362 die halbe Nach Heute tobte tung! Achtun Bombern nähe Hundertzy sie nur alle di Halte den Schon feuer dem Dach h schütterten da Die Jungen ju Waren auch ih einer Stunde ersten Ton man nur für Sie mußten Hes gesamte eisten. Denn te nicht frü Jungen aber s zu tun und tschutzkelle war. Da abe er ,, Bürger en ausgewähl und muß glingen", wi Jungen von ihren Aben et, wobei mit gelöscht, s und das Dach Her beschwor Für ihn einzu m gehörte chellhammer Gebäude. macht! Es war umpfsinnigen mal hatte et assanten zum euerwehr de en, er mußte il im vierten er die feind sah die Flak Bunker selbs wie sie ihr Quartier nannten, da war es noch viel unterhaltsamer. Jeder Luftangriff war für ihn eine neue Sensation. Dazu liebte er es, möglichst lange in der Nacht aufzubleiben. Fabian war höchst zufrieden über Robbys Wandlung. Harry befand sich als Offiziersaspirant in einem Übungslager und kehrte jeden Sonnabend in seiner schmucken Uniform ins Elternhaus zurück, und nun hatte Robby endlich seine unausrottbare Abneigung gegen alles Militärische verloren. Sobald die Sirene ertönte, stürzte sich Robby mit freudigem Eifer in seine braune Uniform, hakte sich die Feldflasche mit dem schwarzen Kaffee an den Riemen, und schon war er fort. Er rannte im Laufschritt durch die Dunkelheit und hatte im Nu den ,, Bunker Schellhammer" erreicht. Dort gab es ein heiteres Feldlager, mit vielen Geschichten, Neuigkeiten und Gerüchten, Kaffee und Bier, einer hatte sogar häufig Kognak dabei. Das war sehr lustig. Wenn man die Kellertür öffnete, sah man die Scheinwerfer über den schwarzen Schacht des Hofes geistern, die Abschüsse der Flak blendeten an den Mauern des Hofes gespenstisch auf, die Einschläge dröhnten, und oben auf dem Dach hämmerten kurz und scharf die schweren Maschinengewehre, die, wie man sagte, schon viele Tommys ,, fertiggemacht" hatten. Sie besaßen auch Telefon im Keller, denn sie standen in dauernder Verbindung mit der ,, Zentrale Luftschutz". Oft ereignete sich nicht das geringste, aber an manchen Abenden klingelte das Telefon ununterbrochen, und man kam die halbe Nacht nicht zur Ruhe. Heute tobte die ,, Zentrale Luftschutz" ganz besonders: ,, Achtung! Achtung! Verband von hundertzwanzig viermotorigen Bombern nähert sich der Stadt." ,, Hundertzwanzig Viermotorige! Mein Himmel, wo nehmen sie nur alle die Maschinen her?" ,, Halte den Schnabel, Robby!" gebot der Kommandant. Schon feuerte die Flak mächtig, die Maschinengewehre auf dem Dach hämmerten. Einige schwere, nahe Einschläge erschütterten das Haus, Scheiben splitterten und klirrten im Hof. Die Jungen jubelten, sie waren zu jung, um Furcht zu haben, sie waren auch ihrer zwanzig. 363 Inmitten des Lärms kam ein rußgeschwärzter Soldat vom Dach herunter und wollte ein paar Flaschen Bier haben. Er wußte, daß man den Junkern, wie sie die Jungen nannten, etwas berichten mußte, wenn sie ein paar Flaschen Bier abgeben sollten, obwohl sie die ganze Holzbank voll davon hatten. ,, Heute ist der Tommy ganz toll!" erzählte der Soldat. ,, Er hat etwas vor, scheint es. ,, Habt ihr schon einen abgeschossen?" Der Soldat lachte. ,, Einer schien herunterzugehen., Feuert, was die Rohre halten', schrie der Hauptmann ,, die letzte Bombe galt uns. Die Teufel haben es heute auf unseren Bunker abgesehen! Los, los! Sie kommen zurück!" دو wandelte sich rotem Qualm wälzte sich wi Der Soldat erhielt drei Flaschen Bier, aber als er bezahlen wollte, lachte man ihn aus:, Wir sind doch keine Wirtschaft!" Und der Soldat mit den drei Flaschen Bier verschwand wieder. Das Telefon schrillte, und Robby, der heute Telefondienst hatte, saß am Apparat. ,, Das Geschwader dreht nach Norden ab, baldige Entwarnung zu erwarten", rief er in den Keller. Stadt. Kurze Zeit dung, daß der stort worden gab augenblick Warnung klette in die Wolke Feuerwehr ras nichts mehr zu Die Soldater udringen, ga tausende von lich! Oberst v roll Glasscher den Weg zu d Zweifel! Die vernichtet, d Regierungsgeb nisse? Spione, Eine halbe qualmenden S Zehntausende Der Soldat mit seinen drei Flaschen Bier aber kletterte weiter zum Dach empor, und gerade, als er den Kopf durch die Luke steckte, dröhnte so lauter Donner von Motoren an sein Ohr, als. fliege eine feindliche Maschine in nächster Nähe über das Dach. Die drei Maschinengewehre beim Schornstein schossen, daß die Funkengarben aus ihren Rohren sprühten. Drei rote Leuchtkugeln fielen soeben aus dem dunklen Himmel, dazu eine Unmenge kleiner blitzender Sterne. Der Soldat kletterte vollends durch die Luke und spürte in der gleichen Sekunde einen starken Luftzug, der ihm fast die Jacke auszog, und etwas wie ein mächtiger Schatten huschte geisterhaft dicht über das Dach dahin. Der Schornstein aber neigte sich vornüber. Den Einschlag der Bombe hörte er nicht mehr. Das Dach mit den sechs schweren Maschinengewehren, den dunklen Haufen von Soldaten und dem Schornstein stürzte in sich zusammen und wie eine donnernde Lawine rollte das fünfstöckige Gebäude in die Tiefe. Augenblicklich schlugen Flammen empor, aber das helle Feuer 364 Balken, Glass Der Keller Hier kampie ist zu hoffen, Unterwegs Nacht stören mine total ze Herr Regieru gung! Eine kleine graute. Die Soldat Soldat vom er haben. Er annten, etwas geben sollten oldat. ,, Er hat ., Feuert, w te Bombe g er abgesehen ser bezahle Wirtschaft mwand wiede Telefondiens e Entwarnun letterte weite urch die Luk n sein Ohr, a über das Dach Ossen, daß d Leuchtkuge eine Unmens vollends durd starken Luft ein mächtige ch dahin. De Das Dach m nklen Haufe ich zusammen ckige Gebäud das helle Feue wandelte sich rasch in lohende, rote Glut, und eine Säule von rotem Qualm und Rauch quoll aus dem Trümmerhaufen und wälzte sich wie eine dunkle, funkensprühende Wolke über die Stadt. Kurze Zeit darauf erhielt die ,, Zentrale Luftschutz" die Meldung, daß der ,, Bunker Schellhammer" von einer Luftmine zerstört worden sei, und Oberst von Thünen, unermüdlich tätig, gab augenblicklich seine Befehle. Einige Minuten nach der Entwarnung kletterten schon Soldaten beim Schein von Pechfackeln in die Wolke von Qualm und Funken hinein. Löschzüge der Feuerwehr rasselten heran, aber jedermann sah sofort, daß hier nichts mehr zu retten war. Die Soldaten machten einige Versuche, in den Schuttberg einzudringen, gaben es aber bald auf. Zehntausende, Hunderttausende von Mauersteinen, kein Mensch hielt so etwas für mögLich! Oberst von Thünen suchte mit seinem Auto durch Straßen voll Glasscherben, eingestürzten Fassaden, zersplitterten Bäumen den Weg zu dem zerstörten Bunker. Ein schwerer Angriff, ohne Zweifel! Die Webereien von Caspar, die Munition herstellten, vernichtet, drei Kasernen vernichtet, zwei alte Kirchen, ein Regierungsgebäude. Woher hatten die Engländer alle diese Kenntnisse? Spione, Spione! Eine halbe Stunde lang kletterte Oberst Thünen auf dem qualmenden Schuttberg umher, bis er völlig schwarz von Ruß war. Zehntausende, Hunderttausende von Mauersteinen, Eisenträger, Balken, Glasscherben, Dachziegel, der Teufel hole die Tommys! ,, Der Keller muß in erster Linie freigelegt werden!" befahl er. Hier kampierte der Bürgerschutz drei', lauter junge Leute. Es ist zu hoffen, daß noch viele am Leben sind." Unterwegs rief er Fabian an. Er müsse leider mitten in der Nacht stören, der ,, Bunker Schellhammer" sei durch eine Luftmine total zerstört worden. ,, War Ihr Robby heute im Dienst, Herr Regierungsrat? Bitte nochmals herzlich um Entschuldigung!" Eine kleine Stunde später war Fabian beim Schuttberg. Der Tag graute. Die Soldaten, Feuerwehrleute und Freiwillige hatten schon 365 einen Schacht bis zum Keller ausgehoben, sie arbeiteten in einer Wolke von Qualm und Staub, obschon ein leichter Regen herab- rieselte. Fabian warf seinen Mantel auf den Schutt und begann mit ihnen fieberhaft Mauersteine und angekohlte Balken zur Seite zu räumen. Seine Handschuhe gingen in Fetzen, seine Hände bluteten. „Ich suche meinen Jungen!“ keuchte er. „Hier ist keine Maus mehr am Leben“, antwortete trocken ein Soldat. Als es heller wurde, hatten sie die Kellertüre freigelegt und mit einer Axt zerschlagen. Dahinter aber lag ein neuer Schuttberg, Zehntausende, Hunderttausende von Mauersteinen, Balken, Eisen- träger. Als es wieder dunkel wurde, hatten sie den ersten Toten vom „Bürgerschutz drei“ geborgen, und um Mitternacht lagen alle zwanzig Jungen fahl und starr im sprühenden Regen auf dem Bürgersteig. Es waren Söhne angesehener Bürger, Gymnasiasten fast alle. Auch Robby lag unter ihnen, man hatte ihn in der Ecke beim Telefon gefunden. Oberst von Thünen kam in seinem Wagen angefahren, er stand eine Minute ernst vor den Toten, während er die Hand militärisch grüßend an die Mütze legte, Dann fuhr er wieder ab, er hatte Dienst. Nicht im Felde ist er gefallen, dachte Fabian, er war noch nicht einmal im militärpflichtigen Alter und starb in einer siche- ren Stadt. Ein Feuerwehrmann brachte ihn völlig erschöpft und ge- brochen nach Hause. I Die Sirene heulte. Erst war es ein lautes Stöhnen, das aus der Tiefe der Erde zu dringen schien, um zum tobenden Gebrüll eines zornigen, höllischen Stiers anzuwachsen, das die Luft erschütterte und die Trommelfelle zerriẞ. Das Dröhnen schwoll einige Male drohend an und ab, um endlich in Jammern und Gewinsel zu ersterben. Frau Beate legte sich fröstelnd ein Tuch um die Schultern und trat auf die Terrasse ihres Hauses hinaus. Augenblicklich kam Nero, der Bernhardiner, aus dem Garten zu ihr herauf. Er sprang an ihr in die Höhe, winselte und kläffte und legte ihr die schweren Pranken auf die Brust, während er aufgeregt keuchte und ihr den feuchten, heißen Atem ins Gesicht stieß. Er suchte Schutz und Hilfe bei ihr vor dem nahenden Schrecken, denn er wußte, daß sie die ruhigste von allen im ganzen Hause war. Unruhig funkelten seine Augen vor ihrem Gesicht. " türe. Wo bist du, Mama?" fragte Christa erregt in der Zimmer,, Hier, dicht an der Wand, Christa", antwortete Frau Beate mit ruhiger Stimme. ,, Nero ist bei mir, du hörst ihn ja keuchen. Vernünftig sein, Nero!" Frau Beate war bei jedem Angriff voller Furcht und Grauen, wußte sich aber so vorzüglich zu beherrschen, daß sie vollkommen besonnen erschien. Die Scheinwerfer schossen ihre scharfen Lichtpfeile in die Finsternis der dunklen Frühlingsnacht hinein, erst zwei, dann drei, dann ein Dutzend und mehr. Sie tasteten sich zu den vereinzelten großen Sternbildern empor, kämmten vorsichtig durch dünne Wolkenschleier, die wie das zarteste Frauenhaar da und dort zwischen den Sternen hingen, sie verschwanden urplötzlich, um augenblicklich wieder aufzuzucken und über den Himmel zu geistern. 24 Totentanz 369 Nero kläffte und winselte laut. Er vernahm die Motoren früher als die Frauen. Schon hörte man die Flak im Westen der Stadt feuern. Die Abschüsse erhellten auf Sekunden die Hauswand, und die explodierenden Granaten zuckten wie blitzende Messer in großer Höhe am graublauen Nachthimmel empor, Büscheln kurzer, greller Blitze ähnlich. Nero schlug wütend an. nicht artig bist Nero an. ,, Sie kommen, ich höre sie, Mama!" rief Christa mit unsicherer Stimme aus, zitternd vor Kälte, Erregung und Angst. ,, Komme ins Haus, Mama, es wird kalt." Sieh doch, N Vor dem Ste Scheinwerfer g Norden. Ein wi den wenigen gr wieder einmal ,, Ich finde die Luft heute abend geradezu herrlich!" entgegnete Frau Beate mit der gleichen Ruhe, aber zu Christas Verwunderung von ganz anderer Stelle. ,, Nimm doch deinen Mantel, dann wirst du nicht frieren!" Beim Aufblenden der Abschüsse sah Christa die Mutter zu ihrem Erstaunen mitten auf der Terrasse stehen. schah. Warum flie Ihre Stimme kl Jetzt vernahm man deutlich die Motoren. Die Flak feuerte nun in allen Richtungen, und rings um die dunkle Stadt blitzten am Himmel die gleißenden Dolche. Die Motoren donnerten hoch oben in der Luft, ihr Lärm schien von Horizont zu Horizont zu dröhnen. Nach geraun Mutter, die k Himmel verfol Messer, verzwe Kind? Sie brau strumente ables kein Wort meh Das fliehend Nebelwolke er unsicher und z ,, Es sind heute viele", sagte Christa mit etwas verzagter Stimme. ,, Einige Hunderte werden es wohl sein", erwiderte Frau Beate, und Christa konnte hören, daß sie sich ihr zugewandt hatte. ,, There are gentlemen in the air, Christa!" fügte sie hinzu, und ihre Stimme klang laut in der Stille der Nacht. Sie sprach sonderbarerweise englisch, wie sie es oft bei Luftangriffen tat. ,, Ist es nicht eine Schande", setzte sie englisch hinzu ,,, daß die vielen jungen Männer Tausende von Kilometern fern von ihrer Heimat ihr Leben aufs Spiel setzen müssen wegen eines Wahnsinnigen? Eine Schmach ist es!" ,, Sprich nicht so laut, Mama! Ich bitte dich!" Entwischt! ihr pochend Sie haben und lachte. Zwei rote un Himmel und Frau Beate lachte plötzlich ganz nahe bei Christa. ,, I do'nt care!" fuhr sie fort. ,, Glaubst du nicht, sie würden lieber bei ihren Girls in London sitzen? Hoffentlich treffen sie keinen von den armen Jungen! So hole doch endlich einen Mantel, ich höre ja, wie du vor Kälte zitterst." Sie wehrte den Hund ab. ,, Wenn du 37° unter Lichter dunklen Stadt. Achtung!" hatte ein verda olgte, ein böse Das Rauschen icht mehr zu deutlicher. Sch das die Erde en Eine Bomb Motoren frühe: nicht artig bist, Nero, kommst du an die Kette!" herrschte sie dt feuern. Die und die explon großer Höhe Kurzer, greker mit unsicherer ngst. ,, Komme h!" entgegne as Verwund Mantel, dam Abschüsse s uf der Terras ak feuerte nu dt blitzten an onnerten ho u Horizont zagter Stimme arte Frau Beate gewandt hatte sie hinzu, un Sie sprach son griffen tat. daß die viele n ihrer Heima Wahnsinnigen den arista. I do' lieber bei ihren einen von el, ich höre j ab. ,, Wenn de Nero an. ,, Sieh doch, Mama!" rief Christa und deutete nach oben. Vor dem Sternbild des Großen Bären hatten sich zwei, drei Scheinwerfer gekreuzt und folgten einem winzigen Licht nach Norden. Ein winziges Sternchen schien in höchster Eile zwischen den wenigen großen Sternen dahinzufliegen. Die Abwehr hatte wieder einmal ein Flugzeug im Scheinwerfer, wie es häufig geschah. ,, Warum fliegen sie denn mit Licht?" wollte Christa wissen. Ihre Stimme klang sehr leise und fern. Nach geraumer Weile erst antwortete die tiefe Stimme der Mutter, die klopfenden Herzens das winzige Lichtchen am Himmel verfolgte, das, umgeben von einem Kranz blitzender Messer, verzweifelt die Flucht ergriff. ,, Wie soll ich das wissen, Kind? Sie brauchen natürlich Licht in der Kabine, um ihre Instrumente ablesen zu können." Lange Zeit sprachen die Frauen kein Wort mehr. Das fliehende Sternchen war plötzlich verschwunden, eine Nebelwolke erschien an seiner Stelle, die Scheinwerfer wurden unsicher und zerflatterten. ,, Entwischt! Entwischt!" frohlockte Frau Beate leise und griff an ihr pochendes Herz. ,, Sie haben sich eingenebelt", rief Christa mit freier Stimme und lachte. Zwei rote und drei grüne Leuchtkugeln erschienen am dunklen Himmel und gleich darauf schwebte ein glitzerndes Gebilde bunter Lichter, das wie ein Christbaum aussah, dicht über der dunklen Stadt. ,, Achtung!" rief Frau Beate und trat näher an das Haus. Sie hatte ein verdächtiges Klicken in der Luft gehört. Ein Rauschen folgte, ein böses Fauchen, etwas Wuchtiges sauste durch die Luft. Das Rauschen und Fauchen schwoll an und ab, manchmal war es nicht mehr zu hören, aber immer kam es wieder und wurde deutlicher. Schließlich endete es mit einem lauten Krachen, das die Erde erschütterte. ,, Eine Bombe!" 24* 371 Eine Minute später glomm Feuerschein aus der dunklen Stadt. ,, Es ist in der Nähe der Werke!" sagte Frau Beate. ,, Man sieht zuweilen den Michaelsturm." Dies war die Bombe, die den kleinen Robby begrub. Das Gedonner der Motoren erstarb in der Ferne. Aber wie die Wipfel der Bäume sich wieder heben, sobald der Sturm vorbei ist, quoll eine unheimliche Stille aus der Erde, aus der Stadt, den Feldern. Ein neuer Schwarm von Flugzeugen donnerte in der Luft, die Flak feuerte, was die Rohre hergaben, die Scheinwerfer tasteten wieder über den Himmel, die Einschläge der Bomben erschütterten die Erde. Am blaugrauen Himmel wurde in der Ferne mehrere Sekunden lang ein fahlroter Strich sichtbar, als habe jemand mit rötlicher Schminke über dunklen Samt gewischt: ein Flieger war brennend in die Tiefe gestürzt, ob ein deutscher oder ein feindlicher, niemand wußte es zu sagen. Frau Beate vermischte N griffe von ihre lich in ihrer N bei jedem Ans Zeit zu Zeit Kognak zu st Bei manche Leuchtkugeln Himmel, das Nachtjäger, d fernem Gekn Perlen schrieb aber sahen sie Im Hause hörte man schlürfende Schritte und das Poltern eines umgefallenen Stuhles. Die frische Stimme eines Mädchens rief aus dem Dunkel: ,, Der Luftschutzwart schickt mich herauf, die Damen sollen in den Keller kommen." II schießen, ein Reifen, das so Frau Beate au Immer wie Luftschutzwa Frau Beate ei schutzes, Obe Der alte S Frau Beate verfluchte diesen Luftschutzwart von ganzem Herzen. ,, Der Teufel hat uns diesen unausstehlichen Luftschutzwart auf den Hals geschickt!" Er hieß Krebs, war fanatisches Parteimitglied und Hausmeister in einem Nachbarhaus. Da seine Frau ein Kind erwartete, hatte Frau Beate ihr einen Stof alte Babywäsche geschickt, aber Krebs blieb unbestechlich. ,, Pflicht ist Pflicht, bedaure!" sagte er. Frau Beate litt im Winter an einem empfindlichen Bronchialkatarrh und konnte den kalten Keller nicht vertragen, sie ließ sich vom Arzt ein Attest ausstellen, worauf sie einige Zeit Ruhe hatte. Sobald aber ihr Husten nachließ, bestand Krebs wieder auf ihrer Pflicht, bei Angriffen den Luftschutzkeller aufzusuchen. 372 als Schlosser seinen Wein räumigen Kel Vorzügliche I Sobald die Leute der Na ten durch R sechzig. Dan paar Stunden die ganze Na hüllt, die Sa schleppten av einen Imbiß nung nach d wurde. Man unklen Stadt e. ,, Man sieht rub. Aber wie die Sturm vorbei der Stadt, den nnerte in der Scheinwerfer eder Bomben rere Sekunden mit rötlicher war brennend n feindliche d das Polter nes Mädchen t mich herau von ganzen en Luftschutz war fanatische chbarhaus. D hr einen Stol unbestechlich en Bronchia tragen, sie lieb mige Zeit Ruhe rebs wieder auf ufzusuchen Frau Beate liebte über alles frische Luft, und eine mit Grauen vermischte Neugierde trieb sie unwiderstehlich dazu, alle Angriffe von ihrer Terrasse aus zu verfolgen. Christa mußte natürlich in ihrer Nähe sein, denn es war nicht zu leugnen, daß man bei jedem Angriff in unmittelbarer Todesgefahr schwebte. Von Zeit zu Zeit glitt sie in das dunkle Haus, um sich mit einem Kognak zu stärken. Bei manchen Angriffen war kaum etwas zu beobachten, einige Leuchtkugeln und die blitzenden Messer der Flakgranaten am Himmel, das war alles. Zuweilen beobachteten sie auch kämpfende Nachtjäger, die in abenteuerlicher Höhe, völlig unsichtbar, unter fernem Geknatter mit Leuchtmunition schossen. Leuchtende Perlen schrieben lichte Kurven in den dunklen Himmel. Einmal aber sahen sie eine brennende Maschine über die Stadt dahinschießen, ein rotfunkelndes Maschinenskelett in einem glühenden Reifen, das so bedrohlich und rasend auf ihr Haus zuflog, daß Frau Beate aufschrie und mit Christa ins Haus floh. Immer wieder aber wurden ihre Freiheiten beschnitten, der Luftschutzwart drohte, sie zu melden, und schließlich erhielt Frau Beate eine scharfe Warnung vom Kommandeur des Luftschutzes, Oberst von Thünen. Der alte Schellhammer wußte, wie man baute, denn er hatte als Schlosser viel auf Bauten zu tun gehabt. Für seine Kartoffeln, seinen Wein und seine Kohlen baute er einen massiven, geräumigen Keller, ein Kellergewölbe wie für eine Burg, das heute vorzügliche Dienste leistete. Sobald die Sirene ihr schauerliches Geheul erhob, eilten die Leute der Nachbarschaft herbei, sie kamen von allen Seiten, rannten durch Regen, Schnee und eisige Kälte, oft waren es über sechzig. Dann kauerten sie in dem düsteren, kalten Keller ein paar Stunden lang, manchmal vier und sechs Stunden, manchmal die ganze Nacht. Viele brachten ihre Kinder mit, in Mäntel gehüllt, die Säuglinge in Decken gewickelt. Die meisten Parteien schleppten auch noch Koffer mit sich, die das Notwendigste und einen Imbiß enthielten, denn man wußte ja nicht, ob die Wohnung nach dem Angriff noch stand und man nicht verschüttet wurde. Man hatte vieles gehört! Das Herz voller Angst saßen sie 373 auf Kisten und primitiven Bänken, auf Kokshaufen, einige brachten auch Liegestühle mit, manche sogar Betten. Der Keller war mit einer schwachen Glühbirne erleuchtet, die mit blauem Papier umwickelt war, denn nicht der leiseste Schimmer von Licht durfte hinausdringen, wenn die Kellertüre geöffnet wurde. Für den Winter hatte Frau Beate zuerst einen kleinen eisernen Ofen aufgestellt, aber die alten Weiber husteten zu sehr und fürchteten die Kohlengase, so daß sie bald den Ofen nicht mehr heizte, auch war das rationierte Heizmaterial knapp. Wie hatte Fab der Duft eine Gesicht. Er ha Auf der Kellertreppe saß der Luftschutzwart Krebs, den Frau Beate verfluchte und bewachte die Türe. Zuweilen kroch er ins Freie. In dem düst Leute beteten, Köpfen wahrn geige. Bei jeden Ruhe!" bef ,, Das Wetter ist ihnen zu schlecht", sagte er, wenn er zurückkam. ,, Sie rücken wieder aus. Zwei herrliche Christbäume stehen über der Stadt." Oder er sagte mit meckerndem Lachen: ,, Heute machen sie schlechte Geschäfte. Unsere Nachtjäger sind hinter ihnen her. Eben wurde einer abgeschossen, er überkugelte sich wie ein Karnickel." Stimme. Die Kinder ten, daß etwas Schlafe störte. Einmal schlu Der Keller w Fensterscheiber dicht bei der Alles sprang e ,, Bringen Sie uns weiter gute Nachrichten, Krebs", ermunterte ihn die Baronin von Thünen, die häufig, wenn sie dienstfrei war, im Keller Schutz suchte. ,, Das macht den Kleinmütigen Mut, die der Ansicht sind, ein Krieg werde in vierzehn Tagen gewonnen." ,, Ein neues Geschwader ist über der Stadt, Frau Baronin." ,, Nun laß sie nur kommen. Unsere Nachtjäger werden unter ihnen aufräumen!" Die Baronin Thünen in ihrem hübschen Schwesternkostüm wickelte sich wieder in ihre Decken und bat um einen Schluck Wasser. wirr durcheina Ich bitte schutzwartes Wir Deuts ben!" rief die durch den Tu Ein Schluck Wasser war stets zu bekommen, einen Schluck Kaffee aber bekam nur, wer ohnmächtig wurde, was oft geschah. Frau Beate hatte bei jedem Angriff eine Thermosflasche mit Kaffee bei sich. Sie saẞ stets unter der Lampe auf derselben Kiste, etwas steif aufgerichtet, ruhig lächelnd, als habe sie nicht eine Spur von Furcht. Bevor aber noch näher e Boden geworf Geschrei und Christa kauerte auf einer Bank mitten in einer Reihe von Kindern, die sie beruhigte, sooft es sein mußte. Sie saẞ still und geduldig, das Herz voller Angst, aber ihr sanftes Lächeln war fortwährend über ihr Gesicht gebreitet, auch wenn sie schwieg 374 ten sich die Schmutz von Waren von de einem Knäuel fluchten woll von den Kind gehen zu dürf Pflicht ist schied Krebs. Bomben dicht haufen, einige ten. erleuchtet, de leiseste Schimertüre geöffnet einen kleinn steten zu sehr en Ofen nich knapp. rebs, den Fra n kroch er in menn er zurück stbäume stehe achen: ,, Het ger sind hinte berkugelte sid Os", ermuntert dienstfrei wa Gütigen Mut, d en gewonnen Baronin." werden unte rem hübsche Decken und b einen Schlud was oft gescha asche mit Kaffe en Kiste, etwa eine Spur vo ner Reihe vo Sie saß still und Lächeln w nn sie schwieg Wie hatte Fabian in einer poetischen Anwandlung gesagt? Wie der Duft eine Rose umschwebt, so umschwebt das Lächeln ihr Gesicht. Er hatte gar nicht so unrecht. In dem düsteren Keller herrschte keine Minute Ruhe. Viele Leute beteten, wenn sie das Dröhnen der Motoren über ihren Köpfen wahrnahmen. Im Keller brummte es dann wie eine Baẞgeige. Bei jedem dumpfen Einschlag schrien sie auf und jammerten. ,, Ruhe!" befahl Krebs von seiner Kellertreppe her mit tiefer Stimme. Die Kinder weinten und die Säuglinge plärrten, weil sie fühlten, daß etwas nicht in Ordnung war und man sie in ihrem Schlafe störte. Einmal schlug eine Bombe ganz in der Nähe im Hofgarten ein. Der Keller wankte, als stürze er ein, die Glühbirne ging aus, Fensterscheiben klirrten im Haus, und die Scherben prasselten dicht bei der Kellertreppe auf die Erde. Es entstand eine Panik. Alles sprang entsetzt in die Höhe und schrie, die Kinder heulten wirr durcheinander und weinten nach ihren Müttern. ,, Ich bitte mir Ruhe aus!" donnerte die Stimme des Luftschutzwartes Krebs aus dem Dunkel. " , Wir Deutsche müssen es lernen, für eine große Idee zu sterben!" rief die Stimme der Baronin von Thünen klar und hell durch den Tumult. Bevor aber Krebs seine Notlampe angezündet hatte, erfolgte noch näher ein zweiter Einschlag. Die Menschen wurden zu Boden geworfen und gegeneinander geschleudert, man hörte nur Geschrei und Jammern. Endlich brannte die Kerze. Viele wischten sich die Tränen aus dem Gesicht und klopften sich den Schmutz von den Kleidern, denn Kalk und staubige Spinngewebe waren von der Decke gefallen. Baronin von Thünen lag unter einem Knäuel von schreienden Kindern, die alle zu ihren Müttern flüchten wollten. Sie war bemüht, sich mit verstauchter Hand von den Kindern frei zu machen und bat Krebs, nach Hause gehen zu dürfen, da sie befürchtete, den Arm gebrochen zu haben. ,, Pflicht ist Pflicht, bedauere. Sie müssen hierbleiben!" entschied Krebs. ,, Niemand kann jetzt ins Freie. Sie sind mit ihren Bomben dicht über uns." 375 Die beiden Bomben hatten den Bunker im halbfertigen Gemeindehaus gesucht, der über tausend Menschen Schutz bot. Erst nach diesem Angriff ging Fabian ein Licht auf, weshalb die beiden Münchener Baumeister und der Gauleiter so hartnäckig auf ihren Kellergewölben bestanden hatten! د" Woher hatten die Engländer all diese Kenntnisse? Seit der starke Schellhammerbunker zerstört wurde, wobei der Bürgerschutz" mit zwanzig jungen Schülern ums Leben kam, befanden sich alle Bewohner der Stadt in ungewöhnlicher Erregung. Allen Leuten in Frau Beates Keller stand immer die Angst ins Gesicht geschrieben, von einer Bombe vernichtet zu werden. III was der Füh planen, das i dem Nil vor „ Ah, ah, „ Ja, eine von Metalle In ruhigen Stunden schwätzten die Frauen wirres Zeug durcheinander, von Unglücksfällen, von Verhaftungen, vom Anstehen auf die knapper werdenden Rationen, die Männer aber politisierten, um die Zeit zu vertreiben. Es war nicht gerade ein Vergnügen, dieses Geschwätz mit anhören zu müssen. sondern dur den wir nac Zange, und ,, Ewig schade, daß wir nicht gleich nach England nachstießen", sagte ein etwas schiefgewachsener, kleiner Beamter ,,, glauben Sie, daß wir in diesem Jahr England besetzen werden?" schwupp, sc Sprung nach Ah, ah, wohl die En Gibralta plötzlich in ein Flugzeug Krebs geht Suez komm ,, Ganz gewiß!" entgegnete ein dicker Weinhändler, der gescheiter als alle anderen war. ,, Der Führer sagte im Reichstag: , Ich komme schon', und wenn der Führer das sagt, so kommt er auch, darauf können Sie Gift nehmen! Wir stießen nicht nach, Sie haben recht, aber den tieferen Sinn haben Sie nicht erfaßt. Wir wollten warten, bis die Engländer gerüstet waren, um ihnen dann gleich ihre Rüstung wegzunehmen, das war der tiefere Sinn des Wartens, verstehen Sie?" Amen in de einem seiner zunehmen, Stoßzähne sich wunder ,, Sie beruhigen mich, denn die Engländer müssen die Jacke vollbekommen, schon wegen der Buren. Und sagen Sie mir, wie ist das in Afrika und Kreta? Ich schäme mich zu sagen, daß ich das nicht verstehe. Es muß aber doch einen Sinn haben?" ,, Einen Sinn?" Der dicke Weinhändler lachte belustigt. ,, Alles 376 sich umsieh Kindes." Baronin Ihnen zuzu mehr haben Stundenl tasien, in d Selbst die F zu. Natürli Zögernd in gen, wenn Herr Bo bierhandel Krieges abe albfertigen Ge chutz bot. E halb die beiden äckig auf ihre nisse? Seit de ei der Bürger kam, befande Erregung. Alle gst ins Gesich den. es Zeug durd vom Anstehen mer aber pol gerade ein Ve 1. d nachstiefe ,, glauben S n?" ändler, der e im Reichstag gt, so kommt Ben nicht nach wie nicht erfa waren, um ihnen war der tiefer üssen die Jacke gen Sie mir, wi daß ich sagen, haben?" belustigt. Alles was der Führer tut, hat Sinn, mein Lieber. Sehen Sie, was wir planen, das ist so eine Art Zange. Der Italiener schiebt sich nach dem Nil vor und wir kommen vom Norden." ,, Ah, ah, eine Zange! Ich verstehe." ,, Ja, eine Zange. Da wir die Türkei als Lieferant für alle Art von Metallen benötigen, gingen wir nicht durch die Türkei, sondern durch Griechenland und über Kreta. Von da aus werden wir nach Palästina gehen. Das ist der nördliche Hebel der Zange, und die italienische Zange kommt uns entgegen, und schwupp, schon ist er weg, der Suezkanal. Von da ist es nur ein Sprung nach Abessinien." ,, Ah, ah, so einfach ist das! Da ist aber noch Gibraltar, das wohl die Engländer nicht so leicht aus der Hand geben werden?" ,, Gibraltar?" rief der Weinhändler lachend aus, hielt aber plötzlich inne. ,, Da! Hörten Sie das Krachen? Wahrscheinlich ist ein Flugzeug in der Nähe abgestürzt. Hörten Sie das Splittern? Krebs geht schon hinaus. Gibraltar, mein verehrter Herr? Nach Suez kommt Gibraltar an die Reihe, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Der, Unbekannte Soldat' schrieb zwar in einem seiner lächerlichen Wische: Den Engländern Gibraltar wegzunehmen, wird ebenso schwer sein, wie einem Elefanten die Stoßzähne auszureißen. Hahaha! Der, Unbekannte Soldat' wird sich wundern! Im Nu sind die Stoßzähne ausgerissen, bevor man sich umsieht, ganz wie die Milchzähnchen eines vierjährigen Kindes." Baronin von Thünen lachte laut auf. ,, Es ist so erfrischend, Ihnen zuzuhören, Herr Bornewohl. Solche Männer müßten wir mehr haben in Deutschland!" Stundenlang ergingen sich die Männer in politischen Phantasien, in denen Herr Bornewohl stets das große Wort führte. Selbst die Frauen vergaßen allmählich ihr Geschwätz und hörten zu. Natürlich gab es auch schweigsame Männer, die sich aber nur zögernd in das Gespräch einmischten und augenblicklich schwiegen, wenn Herr Bornewohl sie ins Gespräch zog. Herr Bornewohl hatte früher einen bescheidenen Flaschenbierhandel in einem kleinen Keller betrieben, zu Anfang des Krieges aber die Weingroßhandlung von Salomon an sich ge377 bracht und durch den Handel mit französischem Beutewein ein großes Vermögen erworben. Zu seinem Vergnügen schrieb er häufig kleine Aufsätze für den ,, Beobachter", von denen in letzter Zeit seine launigen ,, Stimmungsbilder aus den Luftschutzkellern" große Beachtung fanden. Da er ein intimer Freund des Gestapochefs Schilling war, hatten indessen manche Leute nicht mit ihm zu tun. gern Männchen. رو stellen. Schon vom Himmel den Menschen ein. Er hat sch Sie sollter sagte die Fra Million verdi Bei jedem Luftangriff war in Frau Beates Keller auch ein kleiner schwarzer Herr anwesend, den man den ,, Leichenbitter" nannte. In der Tat, einen solchen ,, Leichenbitter" konnte man sich nur wünschen. Er erschien stets im feierlichen, schwarzen Rock mit kleiner, schwarzer Binde und tadelloser, weißer Hemdbrust, wie zu einem Fest gekleidet. Klein und zart wie ein Schüler war er bereits schneeweiß, er hatte sehr kurze Haarlocken, eine wahre weiße Negerwolle. Stets kam er in Begleitung seiner Frau, die ebenso klein, schmal und weiß war, nur daß sie keine Locken trug, sondern ihr Scheitel in schneeweiße Strähnen geteilt war. Auch sie war stets festlich gekleidet wie ihr Mann, sie trug ein altes, schwarzes Seidenkleid, das da und dort schon etwas brüchig geworden war, offenbar ihr Hochzeitskleid. Sie saß immer an der gleichen Stelle, hatte noch nie ein Wort mit jemand gesprochen und war stets in ein schwarzes Gebetbuch mit verblaẞtem Goldschnitt vertieft. Meine Da gegen die Fr dauert jetzt dauern, bis w nirgends gesc Nun mac lich und erho im schwarze derben." Der ,, Leichenbitter" tat nie jemand etwas zuleide, und man beachtete ihn kaum. Er sollte ein früherer Gerichtsvollzieher sein. Stundenlang konnte er schweigend hin und her gehen, wenigstens soweit er Raum dazu hatte, drei Schritte vor und drei Schritte zurück. War auch dazu kein Raum, so ging er in einem ganz engen Kreise um sich selbst, die dünnen Hände ineinander geflochten, während er die Lippen bewegte, als bete er. Der schwa " hatte eine fa dunkelrot. Ruhe ,, mein Herr kann u bereit sein. D Als eine Bombe in der Nähe einschlug und ein Haus unter ungeheurem Krachen zusammenstürzte, sagte er, als das Geschrei verstummt war: ,, Es ist das Jüngste Gericht!" Und dazu lächelte er, man sah ihm keinerlei Angst an. ,, Lassen Sie sich nicht auslachen!" rief der Weinhändler Bornewohl. ,, Eine Bombe war es, sonst nichts." ,, Es ist das Jüngste Gericht!" wiederholte das weiẞlockige 378 haben wir un Herr Born über diesen tung dagegen schutzkeller In Frau B gekommen. Warum sollte Die Frau des niedergekom mit etwas sc gerade eigne bei ihrem M Beutewein ei. gen schrieb& denen in letz) n Luftschutz yer Freund ds he Leute nich eller auch. Leichenbitter‘ “ konnte mi ‚en, schwarz weißer Hart wie ein Schüle ‚arlocken, et ng sei iner Fri) keine Locke en ar m ort mit jemap! ‚buch mit e, und mal h “ ollzieher in gehen, weh vor und© - Männchen.„Anders kann ich mir das Jüngste Gericht nicht vor- stellen. Schon in den Evangelien steht geschrieben, Feuer wird ‘vom Himmel fallen und Heulen und Zähneklappen wird unter den Menschen sein.“ „Er hat schließlich nicht so unrecht“, mischte sich Frau Beate ein. „Sie sollten Ihren Mitbürgern nicht solche Angst einjagen“, sagte die Frau eines Knopffabrikanten, der im Kriege eine halbe - Million verdient hatte. „Meine Dame!“ Der weißhaarige Mann verneigte sich leicht gegen die Frau des Knopffabrikanten.„Das Jüngste Gericht dauert jetzt schon viele Monate und kann auch noch Jahre dauern, bis wir alle gezüchtigt sind. In der Heiligen Schrift steht nirgends geschrieben, daß es nur einen Tag währen soll.“ „Nun machen Sie aber Schluß!“ rief der Weinhändler ärger- lich und erhob sich.„Es wäre viel besser, wenn Sie nicht täglich im schwarzen Rock herumliefen, um uns die Laune zu ver- derben.“ Der schwarze, kleine Mann mit den schneeweißen Löckchen Hatte eine fahle Gesichtsfarbe. Jetzt aber wurde sein Gesicht dunkelrot.„Erlauben Sie, mein Herr“, erwiderte er in voller Ruhe,„meine Gattin und ich sind als gute Christen erzogen. Der Herr kann uns in jeder Stunde zu sich abrufen, und wir wollen bereit sein. Damit wir aber vor seinem Antlitz bestehen können, haben wir unsere besten Kleider angezogen.“ Herr Bornewohl brachte im„Beobachter“ eine witzige Glosse über diesen Vorfall, die aber ohne Wirkung blieb. Mehr Beach- tung dagegen fand seine Plauderei:„Der Hitlerjunge im Luft- schutzkeller“, die einige Wochen später erschien. In Frau Beates Keller war in Wahrheit ein Knabe zur Welt gekommen. Viele Menschen starben in den Luftschutzkellern, warum sollte nicht auch einmal einer im Keller geboren werden? Die Frau des Luftschutzwartes Krebs war mit einer Frühgeburt niedergekommen. Frau Krebs war eine dicke, gutmütige Person mit etwas schwachen Nerven, die sich für diese ‚Zeiten nicht ‚gerade eigneten. Jede Nacht kauerte sie neben der Kellertreppe bei ihrem Mann, zuletzt hatte sie sich eine schmale Matratze mit- 6) மமடா gebracht, da sie sich nicht mehr kräftig genug fühlte, sie war im siebenten Monat. Bei jedem Bombeneinschlag schrie sie laut auf, das waren ihre schwachen Nerven, und Krebs mußte sie oft zur Ruhe ermahnen. Bei Anbruc Männer forde ,, Elvira", rief er, ,, immer die Ruhe behalten!" Daher wußte man, daß sie Elvira hieß. In einer Sonntagnacht aber war sie bei einem vier Stunden währenden Angriff besonders aufgeregt. Sie warf sich auf ihrer Matratze hin und her und stöhnte und jammerte, sie bekomme keine Luft mehr. ,, Nimm dich zusammen, Elvira!" schrie Krebs ihr zu, Höflichkeit war nicht seine Sache. Nun, Elvira nahm sich zusammen und tat ihr Bestes, aber als Scherben in der Nachbarschaft klirrten, hörte man ihr Jammern aus dem Geschrei heraus, und das Jammern wollte nicht mehr aufhören, während sie die Hände in der Matratze verkrampfte. Sie war blaß wie der Tod. ,, Man muß Frau Krebs sofort in die Klinik bringen", rief ein alter Arzt, es war aber schon zu spät. machen und n keit, einige W Der Gedan als sie im Aut bekommen, ruhig und gef gendein ver ,, Handtücher, Mädchen, rasch! Bettzeug, Kissen!" schrie Frau Beate ihren Mädchen zu. ,, Steht nicht so blöde herum! Es ist eine ganz natürliche Sache, auch Goethe und Schiller sind auf diese Art zur Welt gekommen. Heißes Wasser! Hole Watte, Christa. Warte, ich muß selbst gehen!" Sie war völlis deren Sache natürlich, sie machen, aber Christa wa gang Fabian, keineswegs d daß dazu ihre leidenschaftli Glasieren vor zur Meistersc an und für s Mittwoch un und am Bren Sie rannte über die Kellertreppe ins Freie. Über der dunklen Stadt schwebten zwei böse aussehende rote Lampen und ein dumpfer Einschlag drang herauf. ,, Könnt ihr denn nicht wenigstens warten, bis das Kind da ist!" schrie sie zum Himmel empor, und Christa mußte lachen, ob sie wollte oder nicht. ,, Da gibt es bei Gott nichts zu lachen!" rief Frau Beate böse aus. In einer Stunde war alles vorbei, die Flieger waren abgezogen, und man hatte Mutter und Kind in das Krankenhaus LercheSchellhammer gebracht, das Frau Beate während des Krieges stiftete. Zwei Wochen später wurde Frau Beate verhaftet. wenn man w Ein Buckl Stadt fuhr. Mutes. Frau Beate Nonnenklost dort viele W Die Aufna schwarzen P sich Witze e ließen sie ein hatten. 380 lte, sie war in rie sie laut auf ßte sie oft zur " Daher wußte aber war sie be s aufgeregt. S hnte und jam ich zusammen cht seine Sache Bestes, aber a n ihr Jammen lte nicht meh e verkrampf bs sofort in de schon zu spat n!" schrie Fra rum! Es ist eine r sind auf diese Watte, Christ er der dunkin ampen und ei an nicht wenig Himmel empor nt. Frau Beate böse aren abgezoge enhaus Lerche and des Kriege tet. IV Bei Anbruch der Dämmerung fuhr ein Auto vor, und zwei Männer forderten Frau Beate kurz auf, sich rasch fertig zu machen und mit ihnen zu kommen. Sie hatte kaum die Möglichkeit, einige Worte mit den verstörten Mädchen zu sprechen. Der Gedanke an Christa war das Quälendste für Frau Beate, als sie im Auto rasch dahinfuhr. Sie wird einen hübschen Schreck bekommen, wenn sie nach Hause kommt! Sonst war sie sehr ruhig und gefaßt. Eine Denunziation wahrscheinlich, dachte sie, irgendein verlogenes Geschwätz, das sich bald aufklären wird. Sie war völlig überzeugt, daß man sie nicht irgendeiner besonderen Sache beschuldigen konnte. Einige unbequeme Tage, ja natürlich, sie mußte sich auf einige unbequeme Tage gefaßt machen, aber die würden vorübergehen. Arme Christa! Christa war nicht zu Hause. Sie war in Jakobsbühl bei Wolfgang Fabian, wo sie seit Monaten Unterricht genoẞ. Sie besaß keineswegs den Ehrgeiz, Bildhauerin zu werden, da sie wußte, daß dazu ihre Kräfte nicht ausreichten, aber sie interessierte sich leidenschaftlich für Kleinplastik, Keramik und das Brennen und Glasieren von Figuren, Gefäßen und Schalen, worin es Wolfgang zur Meisterschaft gebracht hatte. Mit der Architektur hatte es an und für sich vorläufig ein Ende, und so verbrachte sie jeden Mittwoch und Sonnabend die Nachmittage draußen im Atelier und am Brennofen als Hilfsarbeiterin, als Lehrjunge, als Schülerin, wenn man wollte. Ein Buckliger steuerte das Auto, das Frau Beate durch die Stadt fuhr. Bucklige brachten ihr immer Glück, sie war guten Mutes. Frau Beate wurde ins Frauengefängnis eingeliefert, ein früheres Nonnenkloster, das im Weberviertel lag, so benannt, weil sich dort viele Webereien befanden. Die Aufnahme erfolgte durch zwei blutjunge Burschen der schwarzen Parteitruppe, die kaum zwanzig Jahre alt waren und sich Witze erzählten. Sie beachteten die Eingelieferte kaum und ließen sie eine Viertelstunde lang warten, bis sie sich ausgelacht hatten. 381 ,, Assessor Müller bestimmte Nummer siebzehn!" sagte einer der jungen Burschen verletzend gleichgültig und begann einen neuen Witz zu erzählen. Nehmen Sie auf die Ecke Eine hagere, finstere Wärterin, die eine viel zu weite Soldatenjacke trug, wahrscheinlich die ihres Mannes, nahm sie in Empfang und führte sie drei Stockwerke hoch über eine schmale schlecht beleuchtete Wendeltreppe, die mit abgetretenen Platten aus hellgrauem Sandstein belegt war. Völlig teilnahmslos folgte ihr Frau Beate. Dann betraten sie einen breiten, mit den gleichen hellgrauen Platten aus weichem Sandstein belegten Korridor, in dem die genagelten Schuhe der Wärterin widerhallten. An der Türe siebzehn rasselte die hagere Frau mit den Schlüsseln und schob Frau Beate unwirsch brummend in die Zelle, deren Türe sie sofort wieder verschloß. Frau Beate mochte aber Welche C Frau im Bett da Frau Beat deren freun Staatsfeindl Sie ausländis angezeigt?" und ließ ihre Da war sie nun, glücklich, weder beschimpft noch geschlagen worden zu sein, wovor sie sich sehr gefürchtet hatte. Ihr Herz pochte erregt, erst jetzt begriff sie, daß sie im Gefängnis war. Unruhige Augen richteten sich forschend und ängstlich auf sie, aber die Angst verflog rasch und nur unverhüllte Neugierde blieb. Die düstere Zelle schien voller Frauen zu sein, in Wirklichkeit aber waren es nur drei. Zwei von ihnen saßen dicht nebeneinander auf dem Boden, gleichzeitig aber blickten sie die fast schwarzen Augen einer dicken, rotbäckigen Frau an, die in einem hellen Bettkittel auf dem einzigen Bett der Zelle lag und sich jäh aufgerichtet hatte. Endlich fü nicht, wesha unsicher. Die dicke Person im hellen Bettkittel lachte gutgelaunt und beugte sich neugierig vor. Die Frau stapo wird e Leugnen Frauen, die wenn man S etwas zugibt Erst jetzt zusehen, die breit war. N Ecke war e Scheiben, du hereindrang ,, Immer hereinspaziert!" rief sie laut mit frischer, lebhafter Stimme. ,, Immer Courage! Sie kommen hier in die beste Gesellschaft, Lukasch ist mein Name, Frieda Lukasch, die anderen werden sich gleich mit Ihnen bekannt machen, wie es sich gehört, und es wird Ihnen bei uns sicher gefallen. Wir drei kommen alle vor das Volksgericht. Ich habe morgen meinen Termin, müssen Sie wissen, und mache mich auf drei bis fünf Jahre Zuchthaus gefaßt. Aber das ist mir jetzt völlig einerlei, man gewöhnt sich ja an alles. Nur keine Schüchternheit, meine Dame, vor uns brauchen Sie keine Angst zu haben, wir sind alle gute Menschen. 382 kauerte eine eisgrauem So förmlich un mädchenhaf blassen, eig Augen. Das ugnen. W Beate, wahr phiffigen Au verbeugte. einer sagte begann einen weite Soldaten sie in Empfang hmale schlecht latten aus hell folgte ihr Fra gleichen hell rridor, in dem An der Türe eln und schob en Türe sie sooch geschlagen atte. Ihr Herz Gefängnis war ngstlich auf sie Neugierde blieb Wirklichkeit icht nebenein m sie die fast an, die in einem ag und sich ja gutgelaunt und cher, lebhafter die beste Ge ch, die anderen wie es sich ge ir drei kommen einen Termin af Jahre Zucht man gewöhnt Dame, vor uns gute Menschen Nehmen Sie ruhig Platz!" Sie ließ die Beine herunter und deutete auf die Ecke im Bett, die frei wurde. Frau Beate ließ die Augen hilflos durch die Zelle gehen, vermochte aber nicht eine Silbe zu erwidern. دو , Welche Geschäfte führen Sie hierher, meine Dame?" fuhr die Frau im Bett nach kurzer Pause mit gleicher Lebhaftigkeit fort, da Frau Beate nicht antwortete. Sie hatte eine angenehme Stimme, deren freundlicher Ton Frau Beate mit Vertrauen erfüllte. ,, Staatsfeindliche Gesinnung, Sabotage, Nihilismus? Oder haben Sie ausländische Sender gehört und Ihr Dienstmädchen hat Sie angezeigt?" Die dicke Frau brach in ein gutmütiges Lachen aus und ließ ihre vergnügten Augen auf Frau Beate ruhen. Endlich fühlte Frau Beate, daß sie sprechen konnte. ,, Ich weiß nicht, weshalb ich hier bin", versetzte sie etwas benommen und unsicher. Die Frau auf dem Bett lachte. ,, Sie wissen es nicht? Die Gestapo wird es sicher wissen, seien Sie nur beruhigt." ,, Leugnen Sie alles!" raunte mit etwas heiserer Stimme eine der Frauen, die auf dem Boden saßen. ,, Leugnen Sie immer, und wenn man Sie auch foltert. Leugnen Sie, leugnen Sie! Wenn man etwas zugibt, ist man verloren." Erst jetzt hatte Frau Beate Gelegenheit, sich in der Zelle umzusehen, die etwas über zwei Meter lang und nicht ganz so breit war. Neben dem Bett blieb nur ein schmaler Raum. In einer Ecke war ein schmales, vergittertes Fenster mit zerbrochenen Scheiben, durch das ununterbrochen die kühle Luft des Abends hereindrang. Auf einem niedrigen Schemel neben dem Bett kauerte eine kleine Frau, dürftig, aber sehr sauber gekleidet, mit eisgrauem Scheitel und großen, fieberischen, traurigen Augen, die förmlich um Hilfe schrien. Neben ihr saß auf dem Boden eine mädchenhafte Erscheinung, ein gelbes Tuch um den Kopf, mit blassen, eigentümlichen Zügen und sonderbaren lächelnden Augen. Das war die Frau, die ihr soeben den Rat gab, alles zu leugnen. Was für verschlagene Augen sie hat, dachte Frau Beate, wahrhaftig, es sind pfiffige Augen. Die junge Frau mit den pfiffigen Augen winkte ihr zu und lächelte, als sie sich gegen sie verbeugte. 383 ,, Sie sind eine gute Frau!" sagte sie mit heiserer Stimme. ,, Ich kann sehen, wenn ein Mensch gut ist, und Sie sind eine gute Frau!" Erst jetzt sah Frau Beate, daß die junge Frau ein blauweißes Kattunkleid nach der Art der Köchinnen trug, zu dem das gelbe Kopftuch schlecht paßte. Sie fühlte sich hilflos und antwortete verlegen, nur um etwas zu entgegnen: ,, Was sagen Sie da? Ich verstehe Sie nicht." Aber die junge Frau mit den pfiffigen Augen fiel ihr ins Wort: ,, Ja, ich weiß es", sagte sie ,,, Gott hat mir die Gabe verliehen, auf den ersten Blick zu sehen, ob ein Mensch gut ist oder schlecht. Und trotzdem werde ich auch Ihnen nicht seinen Namen nennen, sehen Sie!" Sie lachte sonderbar. ,, Wessen Namen denn?" fragte Frau Beate. sie mit brüch den war. ,, Wi Sohn nicht m ,, Nun, seinen Namen, den Namen des Mannes, der das Unglück über mich gebracht hat", antwortete die Frau mit den pfiffigen Augen und lachte. auch, daß ich muß, ich muf den Kopf ab gesehen habe Frau Beate z Anwalt hat retten, Frau wiedersehen. Der Anw Wissen Sie d hof unter ein del, und ich haus davonk hob den fleisc Die dicke Frau auf dem Bett schob sie etwas derb mit dem Fuß zurück. ,, Schwätze doch nicht so dummes Zeug, Käthchen!" herrschte sie die junge Frau an. ,, Du glaubst, jeder Mensch interessiert sich für deinen Unsinn!" Augenblicklich standen die pfiffigen Augen voller Tränen. ,, Das Käthchen ist sonst kein schlechter Mensch", wandte sie sich an Frau Beate. ,, Sie ist Käthchen Alix von der, Wirtschaft zum Karpfen' in Einstetten, wo es früher die guten Karpfen gab. Sie war viele Jahre hindurch als Köchin im Frauenlager Weresdingen, wo man sie halbtot geprügelt hat. Jetzt ist sie hier und soll vor dem Volksgerichtshof erscheinen. Aber setzen Sie sich doch endlich, liebe Frau. Ich kann ja sehen, daß es Ihnen ganz schwarz vor Augen wird, Sie sind andere Dinge gewöhnt." Über der wie Messer d lende Schreie weilen Frau Beate setzte sich auf den Bettrand neben die Dicke. Sie war in der Tat nahe daran gewesen, ohnmächtig zu werden. war a Atem anhielt ,, Und das hier ist Frau Rüdiger", fuhr die gesprächige Dicke mit den roten Wangen fort und deutete auf die Frau mit dem eisgrauen Scheitel. ,, Sie ist die Witwe eines Steuerbeamten und hat entsetzliche Angst, daß man ihr den Kopf abschlagen wird." Immer fe doch nichts Frau. Sie hab Die ärmliche, aber sauber gekleidete ältere Frau Rüdiger hielt sich beide Ohren zu. ,, Wie roh Sie sprechen, Frau Lukasch!" rief 384 kleine Eibens sie erst heute bei den Prin waschen hatt neben der Fa aussagen. A schlagen, che Wenn sie au bestraft ist." 5 Totentanz Stimme. Ich sind eine gute Frau ein blau trug, zu dem nur um etwas e nicht." ihr ins Wort verliehen, auf oder schlecht Namen nennen, nnes, der da e Frau mit den derb mit den s Zeug, Käth , jeder Mensch ich standen die kein ist sonst ,, Sie ist Käth WO Einstetten, Jahre hindurch sie halbtot ge Tolksgerichtshof liebe Frau. Ich Augen wird, S die Dicke. Sie zu werden. Sprachige Dicke Frau mit dem serbeamten und schlagen wird." u Rüdiger hie Lukasch!" rief sie mit brüchiger Stimme aus, die von der Angst zerstört worden war. ,, Wie roh, wie herzlos! Ich habe Angst, meinen einzigen Sohn nicht mehr zu sehen, das wissen Sie recht gut. Sie wissen auch, daß ich ihn noch einmal sehen muß vor meinem Tod, ich muß, ich muß! Es ist wahr, ich habe auch Angst, daß man mir den Kopf abschlagen wird, bevor ich meinen Sohn wiedergesehen habe", setzte sie hinzu, indem sie die traurigen Augen Frau Beate zuwandte. ,, Was meinen Sie nun, liebe Frau? Der Anwalt hat mir gesagt, wir werden versuchen, Ihren Kopf zu retten, Frau Rüdiger, und dann werden Sie auch Ihren Sohn wiedersehen. Was meinen Sie, liebe Frau?" ,, Der Anwalt!" lachte die Dicke in ihrem hellen Bettkittel. Wissen Sie denn nicht, daß alle Anwälte mit dem Volksgerichtshof unter einer Decke stecken? Es ist ja alles Betrug und Schwindel, und ich werde froh sein, wenn ich mit drei Jahren Zuchthaus davonkomme. Horch!" unterbrach sie sich plötzlich und hob den fleischigen Finger in die Höhe. ,, Horch!" Über der Decke hörte man gellende Schreie, die Frau Beate wie Messer durchs Herz fuhren. Es waren langanhaltende, gellende Schreie, die in Gewinsel und Gekreisch übergingen. Zuweilen war auch hysterisches Gelächter zu hören, daß man den Atem anhielt und erstarrte. ,, Immer feste!" schrie die Dicke. ,, Immer feste! Ihr werdet doch nichts erfahren. Das ist unsere tägliche Nachtmusik, liebe Frau. Sie haben wieder die kleine Eibenschütz in der Arbeit. Die kleine Eibenschütz aber wird nichts sagen, ich kenne sie und habe sie erst heute morgen gesprochen. Es war da so eine Schweinerei bei den Primus- Flugzeugwerken, eine Sabotage, die sich gewaschen hatte. Siebzehn Mann hat man gleich erschossen, dicht neben der Fabrik, und nun soll die kleine Eibenschütz noch mehr aussagen. Aber die kleine Eibenschütz können sie eher totschlagen, ehe sie jemand verrät. Sie ist eine anständige Person, wenn sie auch zwei uneheliche Kinder hat und viermal vorbestraft ist." 25 Totentanz 385 jungen Arch schluß geko V Als Christa an jenem Abend von Jakobsbühl zurückkehrte, war sie in den ersten Augenblicken wie gelähmt von der Schrekkensbotschaft. Nur die Hoffnung konnte sie aufrecht halten, daß es sich um eine unselige Verwechslung, einen schweren Irrtum handle, der sich in kürzester Zeit aufklären mußte. ,, Es ist ja bekannt, daß auch bei ihnen die unglaublichsten Versehen und gröbsten Fehler unterlaufen", versuchte sie sich zu trösten ,,, denke nur an den Irrtum mit Sanitätsrat Fahle, den sie sogar bis nach Birkholz verschleppten." lehnen, als Π meldete. „ Fräulein und unglaub seinem Stuh Sekretärin a der Doktor nervöse Erso Um zehn Uhr hatte sie noch einen leisen Funken Hoffnung, um elf Uhr aber war auch dieser letzte schwache Funken der Hoffnung erloschen, und sie gab sich der wildesten Verzweiflung hin. Ihr ganzer Körper brannte wie Feuer, auf ihrem Gesicht und ihrem Hals erschienen talergroße rote Flecke, ihre Augen aber waren ohne jeden Blick, bis an den Rand angefüllt mit Grauen. Sie legte sich mit ihren Kleidern aufs Bett und verbrachte schlaflos die Nacht, von entsetzlichen Phantasien gemartert. Als es tagte, wollte sich wiederum ein trügerischer Hoffnungsschimmer in ihr Herz einschleichen, aber sie wies ihn augenblicklich von sich. ,, Wozu willst du dich selbst belügen?" In äußer fügte die Se Fabian mu so schwach ich der Dam und seine St langer Zeit höchsten G lange gedau seinen Entw den jungen Stunde über ,, Man muß handeln!" rief sie sich zu und machte sich rasch fertig, von Unruhe und Qual gepeinigt. Jedes Auto, das näher kam, konnte die Erlösung bringen, nach der ihr Herz schrie, aber alle Autos rollten vorüber, es war ja kindisch, sich irgendwelchen törichten Hoffnungen hinzugeben. Sie telefonierte noch lange Zeit mit Wolfgang, dann verließ sie das Haus. Es gab ja nur einen Menschen in der Stadt, auch Wolfgang war dieser Ansicht, einen einzigen Menschen, der ihr in ihrer entsetzlichen Lage helfen konnte, und das war Fabian. genen Weise mir sehen aufgegeben rasch. Im Anwaltsbüro sagte man ihr, daß Doktor Fabian nie vor elf Uhr, zwölf Uhr hier zu erscheinen pflege, und verwies sie an sein ,, Büro Aufbau". Sie fuhr rasch dorthin und ließ sich durch die Sekretärin anmelden. ,, In äußerst dringender Angelegenheit, bitte ich zu bestellen!" rief sie der Sekretärin nach. Fabian befand sich gerade in einer Besprechung mit einem 386 Fabian ha nicht wesha tisch und gi vernahm er hörte ihr K einem einzi strömte sei seinen Trau einen Schri den Augen legre. zurückkehrte won der Schrekecht halten, daß chweren Irrtum Ste. ublichsten Verchte sie sich zu at Fahle, den sie mken Hoffnung the Funken d en Verzweiflun rem Gesicht und Thre Augen abe illt mit Graue erbrachte schla martert. Als nungsschimme genblicklich va achte sich ras Auto, das näh Herz schrie, abe h irgendwelche erte noch lang gab ja nur eine er Ansicht, eine en Lage helfe Fabian nie vo and verwies sie a ließ sich durc Angelegenheit ch. ung mit einen jungen Architekten und war nach langer Debatte zu dem Entschluß gekommen, den vorgelegten Entwurf endgültig abzulehnen, als man ihm ein Fräulein Christa Lerche- Schellhammer meldete. ,, Fräulein Christa Lerche- Schellhammer?" fragte er stockend und ungläubig, indem er sich sonderbar langsam und feierlich von seinem Stuhl erhob. Er wurde plötzlich so blaß, daß es der Sekretärin auffiel. Sie dachte sich aber nichts weiter dabei, denn der Doktor zeigte nach dem Verlust seines Sohnes oft ähnliche nervöse Erscheinungen. ,, In äußerst dringender Angelegenheit, läßt die Dame bitten", fügte die Sekretärin rasch hinzu. Fabian mußte sich am Tisch festhalten, um nicht zu schwanken, so schwach fühlte er sich auf einmal.' ,, In einer Minute stehe ich der Dame zur Verfügung!" rief er der Sekretärin lebhaft zu, und seine Stimme, wochenlang müde und teilnahmslos, klang seit langer Zeit freudig und frisch. Der Architekt störte ihn nun im höchsten Grade. Die Begründung seiner Ablehnung hätte ihm zu lange gedauert, am raschesten würde er ihn loswerden, wenn er seinen Entwurf einfach annahm. ,, Nun gut", wandte er sich an den jungen Architekten ,,, Ihre Argumente haben mich in letzter Stunde überzeugt. Führen Sie die Änderungen in der vorgeschlagenen Weise durch, in einer Woche bitte ich Sie, sich wieder bei mir sehen zu lassen." Der Architekt, der schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, dankte und verabschiedete sich zufrieden und rasch. Fabian hatte die Empfindung, als habe er große Eile und wußte nicht weshalb. Er warf einen raschen Blick über den Schreibtisch und ging zum Spiegel, um sein Aussehen zu prüfen. Da aber vernahm er schon Christas leichten Schritt auf dem Korridor, er hörte ihr Klopfen nicht, und schon stand sie in der Türe. Mit einem einzigen Blick umfaßte er ihre Gestalt, und Wärme überströmte sein Herz. Ja, das war Christa, wie er sie zuweilen in seinen Träumen noch gesehen hatte! Kaum war er imstande, ihr einen Schritt entgegenzugehen, als sie auch schon mit Tränen in den Augen auf ihn zueilte und ihm ihre Hände auf die Schultern legte. 25* 387 ,, Sie müssen Mama helfen!" rief sie aus und barg ihr Gesicht an seiner Brust. Alles ging so rasch, daß er nicht zur Überlegung kam, es war wie in einem Traum, er fühlte nur, daß er glücklich war. Sonderbarerweise empfand er es gar nicht als ungewöhnlich, daß sie ihm die Hände auf die Schultern legte und an seiner Brust schluchzte. Es erschien ihm alles ganz natürlich, als wären sie nicht einen Tag getrennt gewesen. Christa ist bei dir! dachte er. Christa aber schien überhaupt nicht zu wissen, was sie tat. Er hatte sie über zwei Jahre nicht gesehen, obschon sie in der gleichen Stadt wohnten. Nur zuweilen hatte er ihren kleinen gelben Wagen erblickt, und einmal sah er, wie sie aus dem Geschäft von Nicolai trat, zu ihrem Wagen eilte, und wie ihr kleiner Fuß verschwand. Das sah er noch heute ganz genau, sie trug dunkelgraue Schuhe. All die Jahre und Monate schienen wie durch einen Zauber fortgewischt zu sein. Er führte sie an ein kleines Sofa und bat sie, ganz ruhig zu sein. ,, Erzählen Sie mir, was Sie beunruhigt, Christa", bat er sie in einem schonenden Ton, den man bei Kranken anwendet. ,, Ich verstehe ja nichts, ich weiß ja gar nichts." Christa hob die sanften, braunen Augen, die voller Tränen standen, zu ihm empor. ,, Sie wissen gar nichts?" fragte sie erstaunt. Dann aber begriff sie und berichtete, was zu berichten war. ,, Er ist nicht ineinander. Sie H ihn erst jetzt zu dachte sie. Auch Fabian schütt er. ,, Aber ich w das werden wir Gauleiters verbi meister Möhn, Fabian nickte. ,, Eine fatale Sache", sagte er.„ Ich bedauere außerordentlich das Mißgeschick Ihrer Mutter, Sie aber bitte ich, sich zu beruhigen. Als Freund gebe ich Ihnen das Versprechen, alles zu tun, was in meiner Macht liegt. Sie hören?" Christa griff nach seiner Hand. ,, Dank!" stammelte sie. Da hielt er ihre weiche, frauliche Hand, die er so gut kannte, wieder in der seinen. ,, Lassen Sie uns nachdenken, Christa!" rief er nachdenklich aus und ging zu seinem Schreibtisch, wo das Telefon stand. die mir freundsc „ Der Gauleit wird heute in M er wieder hier. hinzu. Christa aber übermorgen?" kann nichts tun I Er kann na braucht er die 2 anrufen, sobald beruhigt, Christ lich ist." Ihr sanftes L Rose", dankte i Als er sie abe lehnte sie voller Unmöglich! sie aus und ging Fabian blieb war er von der wußte er, was e Christa hatte ,, Ich wußte ja, daß Sie ein gütiger Mensch sind, Fabian", sagte Christa leise auf ihrem Sofa, und ihr Lob beglückte ihn. ,, Wenn der Gauleiter in der Stadt wäre", fügte Fabian bedauernd hinzu ,,, so würde Ihre Mutter noch heute frei sein. Ich würde sofort zu ihm hinfahren." 388 us nach Jakob eines Kakadus b er war der Ansi benommen habe Er ist imme r Gesicht m, es war .Sonderaß sie ihm chluchzte. cht einen sie tat. sie in der en kleinen dem Ge wie ihr genau, sie mienen wie ig zu sein at er sie in ndet.„ Ich er Tränen gte sie er chten war. bedauere bitte ich rsprechen sie. ut kannte, enklich aus d ian", sagte Fabian be i sein. Ich ,, Er ist nicht hier?" rief Christa und flocht die Finger nervös ineinander. Sie blickte erschrocken zu Fabian empor und schien ihn erst jetzt zu sehen. Wie abgemagert und verhärmt er ist, dachte sie. Auch schien er um vieles grauer geworden zu sein. Fabian schüttelte betrübt den Kopf. ,, Leider nicht", erwiderte er. ,, Aber ich weiß, daß er in diesen Tagen erwartet wird. Doch das werden wir gleich erfahren." Er ließ sich mit dem Büro des Gauleiters verbinden und führte ein längeres Gespräch mit Rittmeister Möhn, der ihn vertrat. ,, Es handelt sich um eine Dame, die mir freundschaftlich sehr nahesteht", hörte Christa ihn sagen. ,, Der Gauleiter", berichtete er Christa ,,, war in Belgrad und wird heute in München erwartet. Morgen oder übermorgen ist er wieder hier. Das trifft sich ausgezeichnet!" setzte er freudig hinzu. Christa aber war keineswegs seiner Meinung. ,, Morgen oder übermorgen?" rief sie enttäuscht aus. ,, Der Stellvertreter allein kann nichts tun?" ,, Er kann natürlich vieles tun, aber in besonderen Fällen braucht er die Zustimmung des Gauleiters. Doch wird er mich anrufen, sobald er Genaueres erfährt. Seien vor allem Sie völlig beruhigt, Christa! Es wird alles geschehen, was menschenmöglich ist." Ihr sanftes Lächeln, das ,, sie umschwebte, wie der Duft die Rose", dankte ihm. Als er sie aber bat, noch einige Minuten bei ihm zu bleiben, lehnte sie voller Unruhe ab. ,, Unmöglich! Ich bin nahe daran, verrückt zu werden!" rief sie aus und ging. Fabian blieb allein zurück. Er mußte sich setzen, so erschöpft war er von der kurzen Unterredung. Dieses Lächeln! Erst jetzt wußte er, was er verloren hatte! Christa hatte keine Ruhe und fuhr, um Trost zu suchen, hinaus nach Jakobsbühl. Sie fand Wolfgang mit der Fertigstellung eines Kakadus beschäftigt, der ein Leuchter werden sollte. Auch er war der Ansicht, daß sein Bruder sich wie ein wahrer Freund benommen habe und man sich auf ihn verlassen könne. ,, Er ist immer ein guter Kerl gewesen, der allen Menschen 389 helfen wollte!" sagte er. ,, Schade, ewig schade, daß er diesen verbrecherischen Hochstaplern auf den Leim ging." Auch Wolfgang bat sie, Ruhe zu bewahren und sich in Geduld zu fassen. Geduld, Geduld! Alle verlangten sie Geduld von ihr, das schwerste, was man von ihr verlangen konnte! Wolfgang, der wieder eifrig an seinem Kakadu weiterarbeitete, lud sie ein, mit ihm zu essen, aber sie hatte keine Ruhe und fuhr nach zehn Minuten wieder in die Stadt zurück. Sie saẞ neben dem Telefon endlose Stunden, ja, endlose Stunden, und wirklich klingelte Fabian am Abend an. Rittmeister Möhn hatte soeben mit München telefoniert, der Gauleiter komme morgen. ,, Dank! Dank!" Die Tränen stürzten Christa aus den Augen, aber sie lachte dabei. Da sie müde und zerschlagen zum Umfallen war, mußte sie sich einige Stunden hinlegen. Ein Mädchen erhielt den Auftrag, das Telefon zu überwachen. Frau Beate ve Schlaf. In ihren der mädchenhaf sprächige Frau witwe teilte, di empfindliche N Der Gauleiter traf am nächsten Abend um neun Uhr ein, und Fabian ließ seinen Besuch für den kommenden Vormittag anmelden. Rumpf aber lud ihn zum Abendessen ein. Er war sehr abgespannt und hatte Lust, mit ihm eine Flasche Wein zu trinken und nach Tisch in aller Ruhe eine Partie Billard zu spielen. Während sie zu Abend speisten, trug Fabian sein Anliegen vor. ,, Schellhammer?" fragte der Gauleiter. ,, Ist es eine von den bekannten Schellhammer?" ,, Ja, die Schwester der beiden Brüder." gitterte Fenster Rumpf lachte. ,, Sie hat wohl das Maul zu weit aufgerissen, wie?" Er runzelte einen Augenblick die Stirn, als überlege er, dann beauftragte er Rittmeister Möhn, die Sache sofort nach Tisch in Ordnung zu bringen. Mehr wurde nicht darüber gesprochen. Um neun Uh wie ein schwar Lichtschimmer vortraten. Das die späte Nacht Die dicke Fr große Wort. Da hatte, genoß sie hatte das Recht Seit Wochen hr gehört als heiten auswend nochmals mitan die ihre Geschi auch für ratsam mals aufzufrisch Sie sollen nu der Finsternis, hat, und Sie w ist. Meine Nich Wog damals nic Jahren aber wo Wirtschaft, wei als sie sich herau herunter. Wir Walter und ich bei mir. Die En Und der Gauleiter verspeiste mit Genuß seinen Rehrücken, während er voller Triumph von Belgrad erzählte, das die deutschen Bombenstaffeln zum größten Teil in Schutt und Asche gelegt hätten. dabei goldehrli 390 diesen verWolfgang sen. ihr, das du weiterkeine Ruhe Lick. a, endlose an. Ritt der Gauden Augen zum Umn Mädchen hr ein, und rmittag an Er war sehr zu trinken pielen. nliegen vor me von den aufgerissen überlege e sofort nad Rehrücken as die deut d Asche ge VI Frau Beate verbrachte die erste Nacht in der Zelle völlig ohne Schlaf. In ihren Mantel eingehüllt, lag sie auf dem Boden neben der mädchenhaften Frau, die sich Alix nannte, während die gesprächige Frau Lukasch das Bett mit der mutlosen Beamtenwitwe teilte, die noch einmal ihren Sohn sehen wollte. Eine empfindliche Nachtfrische strömte durch das zerbrochene, vergitterte Fenster in der Ecke. Um neun Uhr erlosch die winzige Lampe, und die Nacht lag wie ein schwarzer Block in der Zelle, bis auf einen düsteren. Lichtschimmer beim Eckfenster, dessen Gitterstäbe dunkel hervortraten. Das Geschwätz der Frauen dauerte aber noch bis in die späte Nacht hinein. Die dicke Frau Lukasch mit den roten Bäckchen führte das große Wort. Da sie morgen ihren Termin vor dem Volksgericht hatte, genoß sie heute den Vorzug, das Bett zu benutzen und hatte das Recht, soviel zu sprechen wie sie wollte. Seit Wochen hatten ihre Mitgefangenen nichts anderes von ihr gehört als ihre Geschichte, die sie längst mit allen Einzelheiten auswendig kannten, trotzdem mußten sie die alte Sache nochmals mitanhören, da Frau Beate heute dazugekommen war, die ihre Geschichte noch nicht kannte. Frau Lukasch hielt es auch für ratsam, ihr Gedächtnis für den morgigen Termin nochmals aufzufrischen. ,, Sie sollen nun sehen, meine Dame", begann Frau Lukasch in der Finsternis ,,, wie sich meine Nichte, die Emmy, benommen hat, und Sie werden staunen, daß so etwas überhaupt möglich ist. Meine Nichte, die Emmy, kam verhungert in mein Haus, sie wog damals nicht mehr als achtundneunzig Pfund, nach zwei Jahren aber wog sie einhundertunddreißig. Sie half bei mir in der Wirtschaft, weil sie zu schwach für eine andere Arbeit war, aber als sie sich herausgemacht hatte, nahm ich sie in das Ladengeschäft herunter. Wir hatten damals eine gutgehende Fleischerei, der Walter und ich. Der Walter, das war mein Geselle, aber er lebte bei mir. Die Emmy war nun eine ganz erste Kraft im Laden und dabei goldehrlich, ich kann es nicht anders sagen. Der Herings391 salat und alle Salate, die sie machte, waren im ganzen Viertel berühmt. Nun, die Emmy war jung und frisch und schmiß nur so mit den Augen, aber das verstehen ja alle jungen Mädchen, nicht wahr? Natürlich hatte sie viele Verehrer, aber die muß ja ein Mädchen haben, damit sie ihre Auswahl treffen kann. hatte Emmy nu auswärtigen Sen Einstellen. Sie li Emmy konnte n wenn gar nichts Jahr lang, jeden „ Einmal nun von Eduard, die Punkt zehn, wie schaltete Englan nahm ich Schrit es ist Walter. sprochen', sagte Nun aber begann sie auch auf den Walter Blicke zu werfen, und diese Blicke genügten mir. Ein einziger Blick, müssen Sie wissen, meine Dame, und ich weiß Bescheid! Ich paßte natürlich auf und eines Tages erwischte ich die beiden. Ich warf die Emmy, so wie sie war, sofort aus der Wohnung, da stand sie nun im Hemd und in der Hose auf der Treppe, und die Leute kamen nach Hause und lachten sich halbtot, das ganze Haus lachte!" Frau Lukasch in ihrem unsichtbaren Bett lachte laut auf, und alle lachten, selbst die bekümmerte Witwe hörte man kichern. Frau Lukasch machte hier eine kleine Abschweifung und erzählte von der Mutter ihrer Nichte Emmy, die eigentlich gar nicht ihre Nichte war, sondern nur eine weitläufige Verwandte. Diese Mutter war so dünn und mager, daß sie einen Strick um die Hüfte binden mußte, sonst verlor sie ihre Röcke. Auch diese arme Frau, die Mäntel nähte, fütterte sie ebenfalls heraus, so daß sie die Röcke nicht mehr verlor. Morgen würde die Näherin als Entlastungszeugin bei Gericht erscheinen, der Anwalt hatte sie angefordert. -Schade, sch jemand griff fe n Student, der Pf gegangen. Emm und sie hatten Frau Lukasch welche Wahrhe Ist das Recht es erlaubt, daß wog, und den erlaubt, daß sol meinheit zufüg Richter?" Frau Lukasch Richtern alles s ,, Mit dem Walter söhnte ich mich wieder aus, meine Dame", fuhr Frau Lukasch fort ,,, denn er war so ein Mann, nach dem ersten Gläschen mußte man ihn lieben, ob man wollte oder nicht, nach dem zweiten aber war er ein Teufel, der seine eigene Mutter im Bett erschlagen konnte." Nun, auch mit Emmy söhnte sie sich schließlich wieder aus, sie konnte ja schließlich nichts dafür, daß sie sich in Walter verliebte. Emmy hatte damals einen Bräutigam, einen Studenten, der Pfarrer werden wollte. Er hieß Eduard und war so ein armes Luder, das einem das Erbarmen überkommen konnte. Auch ihn fütterte sie in diesen schweren Zeiten heraus, daß er sich wieder sehen lassen konnte. Frau Lukasch seufzte tief auf.„ Ja, nun aber kommt es", seufzte sie. Nach einer Pause fuhr sie fort: ,, Nun aber kamen diese schlimmen Zeiten, in denen wir heute leben, und darauf 392 haben. Endlich schw geschlafen sei. Es war ganz gedämpft Auto die weit entfer Stadt. Da aber dran eise, schüchter 1. Viertel bemiß nur so chen, nicht muß ja ein zu werfen, müssen Sie e natürlich die Emmy, sie nun im eute kamen us lachte!" ut auf, und an kichern ung und ergentlich gar Verwandte Strick um Auch diese daß raus, so Näherin als alt hatte sie eine Dame" , nach dem oder nicht gene Mutter y söhnte sie nichts dafür einen Bräu hieß Eduard armen über weren Zeiten kommt es aber kamen und darau hatte Emmy nur gewartet. Wir hörten jeden Abend zu dritt die auswärtigen Sender im Radio, und Walter war sehr geschickt im Einstellen. Sie lügen uns ja den Buckel voll, sagte er, und die Emmy konnte nicht genug hören und suchte noch am Apparat, wenn gar nichts mehr zu hören war. Das machten wir ein ganzes Jahr lang, jeden Abend um zehn Uhr." ,, Einmal nun wurde Walter um einhalb zehn durchs Telefon von Eduard, diesem Lumpen, abgerufen. Er versprach um zehn, Punkt zehn, wieder zurück zu sein. Aber er kam nicht, und ich schaltete England ein und hörte den Sender. Im Korridor vernahm ich Schritte und, da jemand ins Zimmer trat, so dachte ich, es ist Walter., Eben hat dieser Churchill ganz wunderbar gesprochen', sagte ich ,, schade, daß du es nicht gehört hast, Walter!' - , Schade, schade', sagte eine fremde Stimme hinter mir, und jemand griff fest um mein Handgelenk. Es war Eduard, der Student, der Pfarrer werden wollte. Er war zur Gestapo übergegangen. Emmy hatte einen Nachschlüssel anfertigen lassen, und sie hatten mich also fest." Frau Lukasch machte eine lange Pause, dann erklärte sie, welche Wahrheiten sie morgen dem Gerichtshof sagen würde. ,, Ist das Recht und Glaube, meine Herren", werde sie sagen ,,, ist es erlaubt, daß ein Mensch, der nur noch achtundneunzig Pfund wog, und den man auf einhundertdreißig herausfütterte, ist es erlaubt, daß solch ein Mensch seinem Wohltäter eine solche Gemeinheit zufügt? In welcher Welt leben wir, meine Herren Richter?" Frau Lukasch redete noch lange davon, was sie morgen den Richtern alles sagen würde, sie würden bei Gott nichts zu lachen haben. Endlich schwieg sie, und es hatte den Anschein, als ob sie eingeschlafen sei. Es war ganz still in der Zelle, und man hörte zuweilen ganz gedämpft Autos hupen und die Turmuhren in der Stadt schlagen, die weit entfernt zu sein schienen, gleichsam in einer anderen Stadt. Da aber drang plötzlich eine leise Stimme durch die Stille, eine leise, schüchterne, brüchige Stimme, die irgendwoher von oben 393 zu kommen schien. Es war Frau Rüdiger, die mutlose Witwe, die vor sich hin in die Dunkelheit hineinsprach. Sie sagte leise und flehend: ,, Karl, Karl, der einzige, der mir geblieben ist, ich werde dich nicht mehr wiedersehen, Karl!" Offenbar hatte die Witwe sich im Bett aufgesetzt, denn die Stimme schien von der Decke zu kommen. Sofort aber knarrte das Bett. Frau Rüdiger hatte leise und schüchtern gesprochen, nun aber antwortete ihr eine laute und grobe Stimme, die Stimme der Frau Lukasch, so derb und zurechtweisend, daß die schüchterne Stimme augenblicklich verstummte und die ganze Nacht nicht mehr zu hören war. genannt hatte. S sobald sie seinen sie glaubte ihner genannt hatte, s Der Herr, v ,, Lassen Sie uns doch endlich mit Ihrem Karl in Ruhe!" rief Frau Lukasch rücksichtslos. ,, Die Franzosen haben ihn gefangengenommen, und er ist in Afrika, wo die Mädchen schwarz sind. Sie werden ihn ja auch wiedersehen. Jetzt aber sollen Sie mit Ihrem Gejammer aufhören. Ich habe morgen um neun Uhr Termin, und da muß ich ausgeschlafen haben!" sie etwas näher tigen Uniform schaft weg und Gefängnis. Er ha liebt, müssen Si solch herrliche Nun war es wieder ganz stille, und man hörte nur noch die Atemzüge einer Schlafenden, die zuweilen einzelne unverständliche Worte rief. Frau Lukasch begann zu schnarchen. in der Welt he eine Hexe mit mit langen Hau kicherte lange war ein grasgri hatte einen lan krummen Säbe zwei Elefanten daß man die Ki Frau Beate lag regungslos mit geöffneten Augen. Sie war todmüde, aber sie konnte kein Auge schließen. Christa wird jetzt ebensowenig wie ich Schlaf finden, dachte sie. Morgen wird sie den ganzen Tag mit ihren Wagen unterwegs sein, und morgen nachmittag wird ein Anwalt kommen, den sie für mich angenommen hat. Vielleicht bringt er auch einen kurzen Brief mit, einen Zettel mit wenigen kleinen Worten. Mehr konnte Frau Beate die ganze Nacht nicht denken. Sie wälzte sich hin und her auf dem harten Bretterboden, bis der graue Schimmer des vergitterten Fensters lichter wurde. Da vernahm sie ein leises Kichern an ihrer Seite. in die Wirtsch standen drei zo Schweif wie ein Alix zischelte u Frau Beate h eiskalt. War sie hier von ,, Sie können auch nicht mehr schlafen?" flüsterte die mädchenhafte Frau Alix mit den pfiffigen Augen. ,, Ich wache auf, sobald nur der Tag graut. In Weresdingen mußte ich schon um fünf Uhr in der Küche sein." Dann wisperte und flüsterte sie fast unverständlich von allen möglichen Dingen wirr durcheinander, und auch von einem Herrn flüsterte sie, den sie einen Mörder 394 all ihr Sie schauerte über ihre brei mutige Frau W Endlich ersc draußen auf d Warterin rasse ose Witwe, e sagte lei ben ist, ich ır hatte die ien von der e leise und genannt hatte. Sie sollte unbedingt seinen Namen nennen, und sobald sie seinen Namen nannte, sollte sie sofort frei sein. Aber sie glaubte ihnen kein Wort, denn wenn sie den Namen einmal genannt hatte, so schlugen sie ihr höchst einfach den Kopf ab. „Der Herr, von dem ich spreche“, flüsterte Frau Alix, indem sie etwas näher rückte,„‚war ein stattlicher Herr mit einer präch- tigen Uniform und vielen Autos. Er nahm mir zuerst die Wirt- schaft weg und den Garten und brachte dann meinen Mann ins Gefängnis. Er hatte sich in die Buchsbäume vor meinem Haus ver- liebt, müssen Sie wissen, und wollte sie unbedingt haben, denn solch herrliche Buchsbäume hätte er nie gesehen, obschon er viel in der Welt herumkam. Da war ein Hahn mit langen Federn, eine Hexe mit einer Kiepe auf dem Rücken, ein Wildschwein mit langen Hauern, ach, was da alles zu sehen war!“ Frau Alix kicherte lange Zeit, dann fuhr sie fort erregt zu flüstern:„Da war ein grasgrünes Pferd mit einem stolzen Reiter darauf, der hatte einen langen Schnurrbart, ein dicker Soldat mit einem krummen Säbel, ein vier Meter hohes Kamel, da waren noch zwei Elefanten mit kleinen Elefantenjungen, die waren so hoch, daß man die Kinder darauf reiten lassen konnte, wenn die Leute in die Wirtschaft kamen zur Karpfenzeit. Hinter dem Haus standen drei zottelige Hunde, groß wie Bären, einer hatte einen Schweif wie ein Fuchs, wir nannten ihn den Isegrim.“ Und Frau Alix zischelte und flüsterte erregt und kichernd endlos weiter. Frau Beate hielt sich die Ohren zu, es überrieselte sie plötzlich eiskalt. War sie in ein Narrenhaus geraten oder waren die Leute hier von all ihrem Unglück irrsinnig geworden? Sie schauerte zusammen, und ein paar dicke Tränen rollten über ihre breiten Wangen, obschon sie für gewöhnlich eine mutige Frau war. Endlich erschollen verworrene Stimmen und laute Schritte draußen auf dem Korridor, und man hörte die Schlüssel der Wärterin rasseln, die die Zellen aufschloß.. rischen Redensa nahmslos den T VII Das waren bittere Tage für Frau Beate. Am Morgen besorgte ihr die kleine Frau Alix aus der Kantine einen Blechtopf voll brauner Brühe und ein Stück Brot. Die braune Brühe widerstand ihr, sie benützte sie zum Ausspülen des Mundes, das Brot würgte sie hinunter. Als sie die Aborträume aufsuchte, mußte sie sich erbrechen vor Gestank und Schweinerei. richtig wach, a rückkam und g Frau Lukasch wieder Mensche noch den Geri wahre Erquick den Walter und sie die Emmy Treppenflur sta richtshof gewichert. Wer Die Emmy Vormittags wurde sie in die Nähstube beordert, wo es einigermaßen erträglich war, da laute Unterhaltungen verboten waren. Zum Mittagessen holte sie sich ihren Blechtopf voll dünner Erbsensuppe, die sie auslöffelte, um ihren Hunger zu stillen. Keine Spur von einem Anwalt, mit der Außenwelt hatte sie keinerlei Verbindung mehr, sie war vom Leben hoffnungslos abgeschnitten. Was tat Christa? Ihr gutes Mädchen rannte sicherlich in größter Sorge von Pontius zu Pilatus, aber alles brauchte ja seine Zeit. Wo waren ihre Bekannten und Freunde hingekommen? Die einen waren Juden, die selbst Hilfe brauchten, die andern waren in Birkholz gewesen und höchst verdächtig. Mit den meisten hatten sie alle Beziehungen abgebrochen, sie waren bei der Partei oder standen im Verdacht, der Partei anzugehören, sie waren in Wahrheit unzuverlässig. Entsetzt mußte sie sich eingestehen, daß sie völlig allein stand. nur s rot. Jedermann Hose, und jetz einen hohen H Frau Lukasch Triumph an di auf der Zeugen ließ, sie war a Manteln, die sic um ihre Röcke se herausgefüt Scheibe Wurst Speck. Frau Lu die alte Frau s Das Publikum In der Nähstube gab man ihr einige barsche Anweisungen, aber als sie die zerrissene Schürze ausgebessert hatte, wurde die Stube geschlossen, und sie konnte wieder in ihre Zelle gehen. Frau Lukasch saß auf dem Bett und baumelte mit den Beinen, die Strümpfe waren unordentlich bis auf die Knöchel herabgerutscht. ,, Mein Termin wurde um zwei Tage verschoben", brummte sie in schlechter Laune. ,, Die Alix und die Rüdiger sind in der Waschküche." Frau Beate hatte die beiden nicht vermißt, sie war völlig erschöpft und legte sich wie ein Tier auf den Boden, um zu schlafen. gar Halb betäubt lebte sie den nächsten Tag und den übernächsten dahin, immerfort von den gleichen Gedanken gemartert. Sie wußte nichts mehr und wollte auch gar nichts mehr wissen. Eines Morgens verabschiedete sich Frau Lukasch unter vielen prahle396 Das war Fra Zeuge verhört Weshalb verh diger ist als ich mit mir gemein Walter lacht diese Frau hat böse und sagte haften sollen o der Kantine Brot. Die sspülen des Aborträume Schweinerei o es einiger oten waren oll dünner stillen. Keine sie keinerle abgeschnit sicherlich i es brauchte reunde hin brauchten verdächtig brochen, si er Partei an setzt mußte sungen, aber de die Stube gehen. Fra Beinen, die chel herab verschoben" rischen Redensarten zu ihrem Termin. Frau Beate saß völlig teilnahmslos den Tag über in der Nähstube und wurde erst wieder richtig wach, als Frau Lukasch lärmend von ihrem Termin zurückkam und große Aufregung in der Zelle herrschte. Frau Lukasch war sehr aufgeräumt. Seit langer Zeit hatte sie wieder Menschen und etwas Leben gesehen, und dazu hatte sie noch den Gerichtshof zum Lachen gebracht, was für sie eine wahre Erquickung bedeutete. Als sie erzählte, wie sie die beiden, den Walter und die Emmy, in ihrer Wohnung ertappte, und wie sie die Emmy hinauswarf auf die Treppe und die Emmy im Treppenflur stand in Hemd und Hose, da hatte der Hohe Gerichtshof nur so herausgelacht und das Publikum hatte förmlich gewiehert. Wenn das kein Erfolg war! ,, Die Emmy aber saß auf der Zeugenbank und wurde purpurrot. Jedermann sah sie ja im Treppenflur stehen in Hemd und Hose, und jetzt war sie aufgetakelt wie eine Bardame und trug einen hohen Hut mit einem Möwenflügel." Frau Lukasch genoß ihren Triumph. Er war nicht der einzige Triumph an diesem Tage. Da war noch die Mutter der Emmy auf der Zeugenbank, die der Anwalt als Entlastungszeugin laden ließ, sie war auch noch da. Diese abgehärmte Näherin von Mänteln, die sich früher einen Strick um die Hüfte binden mußte, um ihre Röcke nicht zu verlieren, sie erzählte, wie Frau Lukasch sie herausgefüttert hatte. Sie erinnerte sich an alles, an jede Scheibe Wurst, jedes Kotelett, jede Wurstsuppe, jedes Stück Speck. Frau Lukasch war selbst erstaunt, und der Richter mußte die alte Frau sogar unterbrechen, sie wollte gar nicht aufhören. Das Publikum war zufrieden und murmelte beifällig. Das war Frau Lukaschs zweiter Triumph. Als aber Walter als Rüdiger sind Zeuge verhört wurde, machte sie einen schweren Fehler, sie rief: ar " nicht ver Weshalb verhaften Sie nicht diesen Mann, der zehnmal schulTier auf den diger ist als ich, meine Herren Richter? Er hat ein ganzes Jahr übernächsten martert. Sie wissen. Eines vielen prahle mit mir gemeinsam gehört!" Walter lachte laut auf und sagte: ,, Da kann man nur lachen, diese Frau hat ja einen Nagel im Kopf." Der Richter aber wurde böse und sagte:„ Überlassen Sie es gefälligst uns, wen wir verhaften sollen oder nicht, Angeklagte!" 397 ,, Ja, richtig böse war er." Sonst aber war Frau Lukasch mit dem Tag sehr zufrieden und lud alle Frauen der Zelle zu einem besonderen Essen ein, wenn sie einmal wieder herauskämen, auch die fremde Dame, die gestern erst gekommen war. Sie konnten alle essen, was sie wollten, Kalbsbraten, Schweinebraten, Beefsteak, und soviel konnten sie essen, bis sie platzten. Das war eine wirklich großzügige Einladung, auf die sich alle schon freuten. Die traurige Witwe aber fragte: ,, So sind Sie also richtig freigesprochen worden, Frau Lukasch?" Die Wärteri Zelle. ,, Frau B machen zum V Frau Lukasch lachte belustigt auf, es war nun schon dunkel in der Zelle geworden. ,, Freigesprochen? Was denken Sie denn? Das Volksgericht spricht niemand frei, den es einmal in seinen Klauen hat. Aber ich bin mit drei Jahren Zuchthaus davongekommen und habe mit fünf Jahren gerechnet. Alles nur, weil ich die Richter zum Lachen brachte." So rasch?" lich dauert es z Hals und E Frau Beate her, Eine Weile war alles still. Drei Jahre Zuchthaus waren immerhin keine Kleinigkeit! Frau Lukasch selbst fühlte, daß sie ihre Zuhörer beruhigen mußte. ,, Drei Jahre, bah!" rief sie aus. ,, Was sind drei Jahre! Drei Jahre sind rasch herum." Unter dem C saß an einem ein schweigsam inen hellgraue sein ganzer K nicht die Spu ge Brauen waren der aus nichts Beate aus Glas Während da schien er die voller Unordn Und Frau Lukasch sprach noch, als es schon wieder finstere Nacht in der Zelle geworden war, sie konnte stundenlang über ihren heutigen Termin sprechen. Sie erging sich in Phantasien, was sie tun würde, wenn die drei Jahre um waren! Nun, das hatte sie sich schon alles bis ins kleinste ausgedacht. Sie würde sich wieder mit Walter und Emmy aussöhnen, zum Schein nur, natürlich, das waren ja damals so aufgeregte Zeiten. Sie würde die beiden zum Essen einladen und ihnen guten Wein auftischen. Im Nebenzimmer aber, da machte sie schon ihre Lockenschere glühend, und ganz plötzlich würde sie der Emmy die Nase abbrennen und dem Walter die glühende Schere in die Augen stoßen. ,, Das hast du davon, weil ich einen Nagel im Kopf habe!" Und wenn sie nun vor Schmerz tobten, so lag schon ein Tranchiermesser bereit, und damit schnitt sie ihnen einfach die Kehle durch, eins, zwei, drei, es geht sehr rasch. Gepflegtheit. draußen an de In diesem Augenblick rasselten die Schlüssel in der Zellentüre, und alle setzten sich erschrocken aufrecht, die zwei Frauen auf dem Bett, die kleine Frau Alix und Frau Beate auf dem Boden. 398 Endlich bew Frau Beate, di gab ihr mit ei Zeichen, näher Es scheint, pathie erfreut? Ich muß o belegter Stimm Partei beschäft daß Assessor M Sehr zu Ih ie Lukasch mit le zu einem ämen, auch Sie konnten raten, Beef Das war eine mon freuten richtig fre chon dunke en Sie denn mal in seinen maus davon les nur, wel aren immer daß sie ihr aus. " Wa eder finster denlang über Phantasien Nun, das hatt würde sid Schein nur n. Sie würd in auftischen Lockenscher die Nase ab in die Auge Kopf habe in Tranchier ch die Kehl er Zellentüre ei Frauen au of dem Boden Die Wärterin blendete mit ihrer elektrischen Lampe in die Zelle. ,, Frau Beate Lerche- Schellhammer!" schrie sie.„, Fertigmachen zum Verhör!" ,, So rasch?" flüsterte die mädchenhafte Frau Alix. ,, Gewöhnlich dauert es zwei Wochen." ,, Hals und Beinbruch", rief Frau Lukasch ausgelassen hinter Frau Beate her, als sie die Zelle verließ. VIII Unter dem Ölgemälde des Führers, dessen Lackierung glänzte, saß an einem großen Schreibtisch, über ein Aktenstück gebeugt, ein schweigsamer junger Mann und regte sich nicht. Er trug einen hellgrauen Anzug neuesten Schnitts, hatte ein Milchgesicht, sein ganzer Kopf schien rasiert zu sein, dazu zeigte sich auch nicht die Spur eines Bartes, kaum seine hellblonden, dünnen Brauen waren zu sehen. Auf der schmalen Nase saß ein Kneifer, der aus nichts als Gläsern bestand. Der ganze Mann schien Frau Beate aus Glas zu sein und förmlich durchsichtig. Während das düstere Gefängnis voller Unruhe und Gram war, schien er die Ruhe und Sorglosigkeit selbst, das Gebäude war voller Unordnung und Schmutz, er aber bot ein Bild äußerster Gepflegtheit. Das war Assessor Müller II, sein Name stand draußen an der Türe. Endlich bewegte er unmerklich den Kneifer und blickte auf Frau Beate, die in der Nähe der Tür stehengeblieben war. Er gab ihr mit einer unmerklichen Bewegung des Zeigefingers ein Zeichen, näher an den Schreibtisch heranzutreten. ,, Es scheint, daß die Partei sich nicht Ihrer besonderen Sympathie erfreut?" begann er in dünnem Tonfall. ,, Ich muß offen gestehen", antwortete Frau Beate mit leicht belegter Stimme ,,, daß ich mich niemals eingehender mit der Partei beschäftigte." Aus den Gesprächen in der Zelle wußte sie, daß Assessor Müller als fanatischer Anhänger der Partei galt. ,, Sehr zu Ihrem Schaden!" erwiderte der gepflegte Assessor 399 und bewegte vorwurfsvoll die dünnen Brauen. ,, Sie können jederzeit in die peinliche Lage kommen, das Versäumnis nachholen zu müssen. Als offen parteifeindlich aber muß man es auffassen, daß Sie sich von dem Bildhauer Wolfgang Fabian, einem bekannten Parteigegner und Judenfreund, porträtieren lassen." Sie habe die Büste schon seit zwei Jahren bestellt, erwiderte Frau Beate und war froh, daß ihre Stimme jetzt nicht mehr belegt, sondern völlig klar klang. Dieser glatte Assessor sollte nicht glauben, daß es ihm gelungen sei, sie einzuschüchtern. Die Röte sti seinen Ton V läutete das Te Der Assessor blickte sie ruhig durch seine geschliffenen Gläser an und fuhr fort: ,, Es ist unter diesen Umständen nicht verwunderlich, daß Sie eine so offene Sympathie für unsere Feinde hegen. Sie verstehen mich nicht? Wie kommt es, daß Sie als eine deutsche Frau englische Mordbrenner, die unsere Kirchen und Krankenhäuser einäschern, mit Gentlemen titulieren?" Frau Beate erinnerte sich nicht, bei welcher Gelegenheit sie es getan haben sollte. begann eine zi Beate die ger werde ich in Der junge Untersuchungsrichter lächelte boshaft und las in dem Aktenstück. ,, Sie sagten zu Ihrer Tochter am Soundsovielten", begann er wieder, indem er aufblickte ,,, there are gentlemen in the air! Sie sprachen englisch." wurde zu ein diesem Grund recht, man sc zur Ordnung z Wie meinen andere Stellen ,, Ich erinnere mich nicht", entgegnete Frau Beate achselzuckend ,,, aber es ist möglich. Ich spreche zuweilen englisch mit meiner Tochter, ich bin in England erzogen. Ich begreife aber nicht, wie eine solch belanglose Bemerkung Sie interessieren sollte?" das ganze Re schwer es ein etwa bin ich b tiefte sich ein völlig vergesse stift, wobei sid Lippen zeigte Endlich bli Frau Beate deres waren a Anklagepunk Wichtigkeit Wieder lächelte der Assessor boshaft. ,, Nichts ist belanglos im Leben", sagte er. ,, Wir sind über alles unterrichtet und wissen auch, wenn jemand eine fremde Sprache zu gebrauchen pflegt. Das deutsche Volk ist so gut erzogen, daß jeder zweite Mensch englisch versteht, das sollten Sie sich endlich merken. Weshalb uns eine derartig belanglose Bemerkung, wie Sie sich ausdrückten, interessieren sollte, fragen Sie? Es steht Ihnen keineswegs zu, zu entscheiden, was belanglos für uns ist und was nicht, und ich weise Ihre anmaßende Frage als ungebührlich auf das allerentschiedenste zurück. Haben Sie mich verstanden?" schloß er mit einiger Schärfe. Frau Lerc sprechen ,,, Si keit kein Zw ist der Gipfe kann zwanzi unter denselb beginnen. St haftierung. I diese Bemerk malitios. Sein Läche Kopf und sie sie: ,, Ich leug 400 26 Totentanz önnen jedermachholen zu uffassen, daß m bekannten lt, erwiderte cht mehr ber sollte nicht n. fenen Gläser n nicht verunsere Feinde B Sie als eine Kirchen und genheit sie es ft und las in am Soundsoere are gentle Beate achselenglisch mit begreife aber interessieren belanglos im et und wissen Die Röte stieg Frau Beate in die Wangen, und sie wollte gegen seinen Ton Verwahrung einlegen, aber in diesem Augenblick läutete das Telefon. Der junge Assessor griff zum Hörer und begann eine ziemlich lange, vertrauliche Unterhaltung, ohne Frau Beate die geringste Beachtung zu schenken. ,, In einer Stunde werde ich in der, Kugel' sein, lieber Freund", sagte er. ,, Ja, ich wurde zu einer besonderen Sache abgerufen und konnte aus diesem Grunde nicht früher kommen, verstehen Sie? Sie haben recht, man schindet sich ab, dieses verkommene Volk wieder zur Ordnung zu erziehen, aber es wird einem nicht leicht gemacht. Wie meinen Sie? Ja, unaufhörlich mischen sich irgendwelche andere Stellen in unsere undankbare Arbeit und verderben uns das ganze Rezept. Aber Sie wissen ja, man muß gehorchen, so schwer es einem auch manchmal fällt! Schön, in einer Stunde etwa bin ich bei Ihnen." Er legte lächelnd den Hörer ab und vertiefte sich einige Zeit in das Aktenstück, als habe er Frau Beate völlig vergessen. Er unterstrich sogar einige Worte mit dem Bleistift, wobei sich seine blaẞrote Zungenspitze zwischen den rosigen Lippen zeigte. Endlich blickte er wieder auf. Frau Beate wußte, daß die vorhergehenden Fragen nichts anderes waren als ein Abtasten, und daß er jetzt zu gewichtigeren Anklagepunkten gelangte. Sein Gesicht nahm den Ausdruck von Wichtigkeit und Ernst an. ,, Frau Lerche- Schellhammer", begann er, bemüht, sehr klar zu sprechen ,,, Sie haben zu einer Zeugin, über deren Glaubwürdigkeit kein Zweifel besteht, die folgende Bemerkung gemacht:, Es ist der Gipfel der Gewissenlosigkeit und nur ein Wahnsinniger uchen pflegt kann zwanzig Jahre nach dem Weltkrieg einen zweiten Krieg unter denselben, ja unter noch ungünstigeren Voraussetzungen beginnen. Stimmt es? Das war der eigentliche Grund Ihrer Inhaftierung. Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich annehme, daß Sie diese Bemerkung leugnen werden?" Der junge Richter lächelte weite Mensch ken. Weshalb ausdrückten eswegs zu, zu und ich weise entschiedenste r mit einiger malitiös. Sein Lächeln beleidigte Frau Beate. Das Blut schoß ihr in den Kopf und sie richtete sich auf. Lauter als sie wollte, antwortete sie: ,, Ich leugne gar nichts, Herr Assessor! Ich lüge niemals, hören 26 Totentanz 401 Sie, ich lüge unter keinen Umständen, und wenn sie mir auch den Kopf abschlagen!" Sie atmete auf, befriedigt, diesem hochmütigen Herrchen eine deutliche Belehrung erteilt zu haben. In Wahrheit, erst jetzt war die Entschlossenheit in ihr erwacht, sich gegen jede, auch die kleinste Beleidigung zu verteidigen, ganz einerlei, was sie mit ihr anfingen. Der Assessor blickte sie verwundert an und nickte. Er lächelte sogar ein wenig. ,, So schlimm wird es hoffentlich nicht kommen", erwiderte er. ,, Sie geben also die Bemerkung zu?" ,, Sie wissen, gessen Sie das Mal werden Ih auf die Türe ,, Für heute k Ja!" rief Frau Beate. ,, Ich gebe zu, diese Bemerkung in dieser oder ähnlicher Form gemacht zu haben, weiß allerdings im Augenblick nicht, zu wem ich das gesagt haben soll. Die Äußerung aber deckt sich mit meiner Meinung." Wieder nickte der junge Richter. Er öffnete verblüfft den Mund, so daß man eine Reihe kleiner Zähne, förmliche Kinderzähne erblickte. ,, Sie sind sich vollkommen klar über das, was Sie soeben sagten?" fragte er leicht erstaunt. Frau Beate Assessor das wurde sie vor keine richtige klug geworde ,, Assessor N kleiner, bosha Justiz heraus Knaben abgal Da rasselte abermals mit fertig?" rief wütend, daß Die Wärte sie die Wend um ihr aufzu ,, Vollkommen klar!" antwortete Frau Beate und nickte. Der Assessor begann im Aktenstück ausführliche Eintragungen daß Sie geher zu machen. In diesem Augenblick klingelte wieder das Telefon, und der Assessor griff abermals nach dem Hörer, unmutig, in diesem Augenblick unterbrochen zu werden. Er runzelte sogar die Stirn, als er seinen Namen hineinrief. Aber augenblicklich änderte sich seine verärgerte Miene, er richtete sich straff auf und machte sogar eine kleine Verbeugung gegen den Apparat. ,, Jawohl, Herr Rittmeister!" sagte er im höflichsten Ton. ,, Jawohl, gewiß! Es sind nur noch einige Formalitäten zu erledigen, das ist alles. Heute abend noch? Bis spätestens zehn Uhr? Aber natürlich, in einigen Minuten ist es soweit. Wie bitte? Ja, ich bürge dafür, Assessor Müller II. In spätestens zehn Minuten, Herr Rittmeister!" Behutsam legte er den Hörer ab. Das kurze Gespräch schien ihn stark mitgenommen zu haben. Er erhob sich und ging einige Male im Zimmer auf und ab, ohne Frau Beate zu beachten. erregt Dann nahm er wieder am Schreibtisch Platz und schloß unmutig das Aktenstück. Er legte sich in den Stuhl zurück, während er wieder die scharfen Gläser auf Frau Beate heftete. Beeilen S Schon schl Sobald die War von ein hatte. Die G war völlige tief und lang Frei! Ihr frohlockte e daran, wie si 26 402 sie mir auch diesem hoch zu haben. In ,, Sie wissen, wir haben Ihr Geständnis in unseren Akten, vergessen Sie das nicht!" sagte er in höhnischem Ton. ,, Das nächste Mal werden Ihnen Ihre Freunde nicht helfen können." Er deutete auf die Türe und fügte mit einem spöttischen Lächeln hinzu: eidigen, ganz ,, Für heute können Sie gehen!" erwacht, sich Frau Beate verließ sofort das Zimmer, erstaunt, daß der e. Er lächelte Assessor das Verhör so plötzlich abgebrochen hatte. In der Zelle cht kommen", wurde sie von allen Seiten mit Fragen bestürmt. Sie konnte aber keine richtige Auskunft geben, da sie aus dem Verhör selbst nicht klug geworden war. kung in dieser mgs im Augenußerung aber verblüfft den liche Kinderer das, was Sie d nickte. Eintragungen r das Telefon, ,, Assessor Müller war es?" rief Frau Lukasch aus. ,, Er ist ein kleiner, boshafter Teufel, ich kenne ihn sehr gut. Er flog aus der Justiz heraus, weil er sich etwas zu auffallend mit schönen Knaben abgab, verstehen Sie? Hahaha!" Da rasselten die Schlüssel und die hagere Wärterin blendete abermals mit ihrer Lampe in die Zelle. ,, Sind Sie denn noch nicht fertig?" rief sie ungehalten Frau Beate zu. ,, Assessor Müller ist wütend, daß Sie noch im Hause sind. Er hat Ihnen doch gesagt, daß Sie gehen können!" Die Wärterin konnte Frau Beate kaum folgen, so schnell eilte unmutig, in sie die Wendeltreppe hinab. Der Portier stand schon am Portal, runzelte sogar augenblicklich sich straff auf den Apparat sten Ton. ,, Ja azu erledigen n Uhr? Aber bitte? Ja, ich Minuten, Her espräch schien and ging einige e zu beachten chloß unmutig k, während e um ihr aufzuschließen. ,, Beeilen Sie sich!" rief er. ,, Es ist Voralarm." Schon schlüpfte Frau Beate in die Finsternis hinaus. IX Sobald die Türe hinter ihr zufiel, blieb Frau Beate stehen. Sie war von einer tiefen Finsternis umgeben, wie sie sie nie erlebt hatte. Die Gasse war schwarz und auch der Himmel über ihr war völlige Dunkelheit. Da stand sie nun und atmete. Sie atmete tief und lange die kühle Nachtluft ein. Frei! Ihr Glück berauschte sie. ,, Jetzt komme ich, Christa!" frohlockte es in ihr, und erst in diesem Augenblick dachte sie daran, wie sie den Weg nach Hause fände. Sie erinnerte sich, daß 26* 403 sie mit dem Auto vom Fluẞ heraufgekommen waren und tastete sich Schritt für Schritt die schmale Gasse hinab, die zum Fluß führte. Ringsum herrschte so tiefe Nacht, daß sie nur zuweilen die Linie eines Hauses und eines Giebels erkannte. Selbst die angeweißten Hausecken und Treppenstufen waren erst zu bemerken, wenn man dicht davorstand. Aus den Ritzen einzelner Fensterläden quoll Lichtschimmer, da drinnen lebten Menschen! breiten Fluß, hier ein Ende zum Rathaus den sicheren gehen, wo si werde krieche Auch die Randsteine des schmalen Bürgersteigs trugen kaum erkennbare kreidige Striche, und da, wo sie zu Ende waren, bog die Gasse in die Flußpromenade ein. Frau Beate fühlte die harten Kopfsteine der Fahrstraße unter den Sohlen, und als sie an die dunkle Wolke geballter Baumwipfel heranschlürfte, hörte sie plötzlich den Kies der Promenade unter ihren Schritten knirschen. Sie wußte, daß die Promenade gegen den Fluß zu mit derben, vierkantigen Eisenstangen eingefaßt war, konnte aber erst nach vieler Mühe und langem Tasten eine dieser derben Stangen fassen. Nun atmete sie auf! Sie brauchte nur diesen Stangen zu folgen und würde an die Bischofsbrücke gelangen, von der aus sie den Weg nicht mehr verfehlen konnte. In diesem klang härter Sirene wurde des Flusses ho rung von Fra Jubel erfaßte wölk am Hi Am Fluß war es kühler und fast kalt, so daß sie sich fester in ihren Mantel hüllte, die Wasserfläche selbst aber war nicht zu erkennen. Man hörte nur zuweilen ein Glucksen und Plätschern, und manchmal schäumte auch eine Welle am Ufer auf. Sonst war der Fluß so schwarz wie die Erde, nur schien seine Schwärze weniger stumpf und tot zu sein. hoher Häuser war zu Ende! Erde entlang, darauf zu und Ich bin u einer guten St Ein Militär vorbei, und ei Zeit deutlich wärtsschreiter Hoch oben Leuchtkugel& In zwei Stunden werde ich zu Hause sein und Christa wird ihren Augen nicht trauen! ging es ihr freudig durch den Sinn. Langsam, Schritt für Schritt, tastete sie sich durch die Dunkelheit weiter, ängstlich darauf bedacht, den Eisenstab niemals länger als für ein paar Schritte loszulassen. Sie zweifelte nicht einen Augenblick daran, den Weg in der Finsternis zu ihrem Hause zu finden, wenn sie nur Geduld hatte. Ringsum herrschte lautlose Stille, kein Schritt, kein Wagen war weit und breit zu hören. Siehst du, es geht vorwärts! rief sie sich beglückt zu, als der vierkantige Eisenstab endlich nach mühseliger Wanderung zur Seite abbog. Eine schwarze Masse spannte sich quer über den um die Stadt s auf die Straße Haustor. Gott stehe schlossener T ausgeliefert. A folgte, aus de unglücklichen ihren Sohn Frau hatte ihr die Hand, dan Lazarett, und 4° 4 und tastete e zum Fluß ur zuweilen lbst die anerst zu been einzelner Menschen! rugen kaum waren, bog e die harten ls sie an die e, hörte se en knirschen mit derben per erst nach Den Stangen Stangen zu von der aus sich fester is var nicht z d Plätschern uf. Sonst war ne Schwär Christa wird ch den Sinn die Dunkel iemals länger nicht einen em Hause zu kein Wagen xt zu, als der anderung zur er über den breiten Fluß, das war die Bischofsbrücke. Die Platanenallee hatte hier ein Ende, und die Tram führte von der Brücke aus direkt zum Rathaus. Trotzdem brachte Frau Beate nicht den Mut auf, den sicheren Eisenstab loszulassen, um quer über die Straße zu gehen, wo sie auf die Schienen der Tram stoßen mußte. Ich werde kriechen, dachte sie. In diesem Augenblick heulte die Sirene Alarm. Das Geheul klang härter und lauter als im Hofgartenviertel. Eine zweite Sirene wurde zur gleichen Zeit etwas entfernter am anderen Ufer des Flusses hörbar. Und schon begannen zur großen Erleichterung von Frau Beate die Scheinwerfer zu spielen. Etwas wie Jubel erfaßte sie. Sie erkannte zu ihrer Freude das dunkle Gewölk am Himmel, die Massen der Baumwipfel, die Umrisse hoher Häuser und steiler Dächer. Die erschreckende Finsternis war zu Ende! Ein blauer Funke traf ihr Auge und kroch auf der Erde entlang, das war die Kurve der Trambahn. Sie eilte rasch darauf zu und fühlte bald die Schienen unter den Schuhen. ,, Ich bin unterwegs, Christa! Freue dich, mein Mädchen, in einer guten Stunde bin ich bei dir." Ein Militärauto mit abgeblendeten Lampen rauschte an ihr vorbei, und eine lange Strecke der Trambahngeleise lag auf kurze Zeit deutlich vor ihren Blicken. Sie konnte nun rascher vorwärtsschreiten. Hoch oben am Himmel donnerten die Motoren. Eine rote Leuchtkugel erschien urplötzlich am Himmel, und die Flak rings um die Stadt schoß aus allen Rohren. Da vereinzelte Sprengstücke auf die Straße herunterprasselten, flüchtete Frau Beate unter ein Haustor. Gott stehe mir bei, dachte sie, jetzt sitzen die drei hinter verschlossener Türe auf Nummer siebzehn, wehrlos den Bomben ausgeliefert. Als ein dröhnender Einschlag im Weberviertel erfolgte, aus dem sie soeben kam, sah sie die traurigen Augen der unglücklichen Witwe vor sich, deren einziger Wunsch es war, ihren Sohn noch einmal wiederzusehen. Diese unglückliche Frau hatte ihrem Sohn ins Feld geschrieben:, Schieße Dich durch die Hand, dann wirst Du aus dem Heer entlassen und kommst ins Lazarett, und ich besuche Dich jeden Tag.' 405 Die Nähstube war der Ansicht, daß dieser Brief den Tod bedeute, so oder so, den Tod und nichts anderes. Sie gaben keinen Heller mehr für das Leben der traurigen Witwe. Mit einem hellen, schrillen, teuflischen Ton, so hell, schrill und teuflisch, wie ihn Frau Beate noch nie gehört hatte, pfiff eine Bombe durch die Luft und krachte gegen ein Haus, so nahe, daß Frau Beate laut aufschrie. Eine Minute darauf züngelte heller Feuerschein aus der Finsternis empor und erhellte Giebel und Dächer. Die schwarze Nacht der Straße lockerte sich zu einer ungewissen Dämmerung, und Frau Beate verließ ihren Torbogen und lief so schnell es ihr massiger Körper zuließ bis zum Rathausplatz. Ein Löschzug der Feuerwehr rasselte an ihr vorüber, und sie war glücklich, wieder Lärm und Menschenstimmen zu vernehmen. Auf Kreta schaften ganz Maschinengew zu machen?" Manneszucht schweren Stie Über dem Gerade in diesem Augenblick erfolgten jedoch zwei schwere Einschläge, so daß in nächster Nähe Fensterscheiben zersplitterten und klirrten und eine Menge von Dachziegeln auf die Straße herabprasselten. Frau Beate flüchtete in eine breite Einfahrt, völlig erschöpft vom langen Lauf. Hier blieb sie lange Zeit. Beate nur noc Weg. Da ertö Wie konnt mit Christa e are gentlemen Menge von L hatte ihre O Und wem Wahnsinniger in beginnen kon für Schritt w merkung ein Baronin Thür Es begann Mitternacht zu schlagen. Die Johanneskapelle begann mit hellen, raschen Schlägen. Dann erhob der Dom seine feierliche Stimme, ihm folgten alle anderen, St. Sebaldus und die Kapelle des Heiligen Franziskus, St. Bartholomä und St. Michael, und schließlich schlugen alle durcheinander. Als sie zu Ende waren und der Klang ihrer Glocken noch die Luft erfüllte, begann behäbig und geduldig die Heilige Magdalena, als habe sie die Zeit verschlafen. Die Flak schoß noch immer. fällt dir ein? S gute Erziehun wart der Bard Endlich hat dunkelsten N Das Feuer hatte jedoch an Heftigkeit verloren, der Motorenlärm in der Luft war verstummt, und Frau Beate wagte sich wieder auf die Straße hinaus. Sie war jetzt zwei Stunden unterwegs. In der Wilhelmstraße aber war es wieder so dunkel, daß sie sich an den Hauswänden entlangtasten mußte. Zwei Männer in schweren Stiefeln gingen dicht an ihr vorüber, ohne sie wahrzunehmen, und doch war sie fast mit ihnen zusammengestoßen. Sie plauderten gemächlich über den Krieg, als ob sie am hellen Tag spazierengingen. 406 Sie bog in jedes Gitter, wandelt. An einiger Zeit be Minute began Freude unauf Augenblick mit Lärm, St Da bin ic schreiend ents ich dir alles en ine Zigarre den Tod begaben keinen schrill und te, pfiff eine so nahe, daß ingelte heller Giebel und sich zu einer en Torbogen bis zum Ratihr vorüber, nstimmen zu zwei schwere iben zersplit egeln auf die me breite Einmeskapelle be er Dom seine baldus und die d St. Michael sie zu Ende It erfüllte, be a, als habe sie der Motoren ate wagte sich tunden unter dunkel, daß sie wei Männer in hne sie wahr mmengestoßen sie am heller ,, Auf Kreta", sagte der eine ,,, da haben sie die Korporalschaften ganz einfach aus dem Flugzeug geworfen, mitten in das Maschinengewehrfeuer der Engländer hinein."- ,, Was ist da zu machen?" erwiderte mit tiefem Baß der andere. ,, Ohne Manneszucht kannst du nicht Krieg führen." Die Schritte der schweren Stiefel entfernten sich. Über dem Platz beim bischöflichen Palais vermochte Frau Beate nur noch mühselig zu kriechen, sie war jetzt todmüde vom Weg. Da ertönte die Entwarnung. Wie konnte dieser widerliche Assessor nur wissen, daß ich mit Christa englisch sprach? ging es ihr durch den Sinn., There are gentlemen in the air! Sie lachte. Natürlich gab es eine Menge von Leuten, die englisch verstanden. Die Gestapo aber hatte ihre Ohren überall, man mußte sich vorsehen, bei Gott. Und wem in aller Welt konnte sie gesagt haben, daß nur ein Wahnsinniger einen Krieg zwanzig Jahre nach dem Weltkrieg beginnen konnte? Sie dachte lange nach, während sie sich Schritt für Schritt weitertastete. Endlich fiel ihr ein, daß sie diese Bemerkung einmal zur Baronin Thünen gemacht hatte. Aber Baronin Thünen, alter Adel, eine Dame gediegener Bildung, was fällt dir ein? So fanatisch konnte wohl niemand sein, daß er seine gute Erziehung vergaß? Immerhin nahm sie sich vor, in Gegenwart der Baronin in Zukunft vorsichtig zu sein. Endlich hatte sie die hohen Linden erreicht, die sie auch in der dunkelsten Nacht erkannte, da sie oft unter ihnen parkte. Sie bog in ihre Straße ein. Aber auch hier, wo sie jedes Haus, jedes Gitter, jedes Portal kannte, schien ihr alles fremd und verwandelt. An den Gittern tastete sie sich vorwärts, und nach einiger Zeit begann sie, ihrem Hund zu pfeifen. Fast in derselben Minute begann Nero zu kläffen, und er kläffte und heulte vor Freude unaufhörlich, bis sie die Türe öffnete. Augenblicklich füllte sich das schwarz und tot daliegende Haus mit Lärm, Stimmen und Lichtschimmer. ,, Da bin ich, siehst du!" rief sie Christa entgegen, die ihr schreiend entgegenstürzte. ,, Frage nichts, mein Kind, bald werde ich dir alles erzählen. Laß mir starken Grog machen und gib mir cine Zigarre." 407 Mit einer ihrer schwarzen Zigarren lag Frau Beate in ihrem Sessel, rauchte und trank den heißen Grog. Sie schämte sich etwas vor Christa und vor sich selbst, weil sie sich nicht so mutig benommen hatte, wie sie es hätte tun sollen. Das glaubte sie wenigstens. Noch zweimal mußte ihr Christa heißen Grog bringen, er war ihr nicht stark genug. Rußland zus ist zu Ende! Bis heute Oberst!" sag Gläschen au ,, In sechs Wochen!" ,, Wie, Herr Oberst?" X ,, In sechs Wochen!" wiederholte Oberst von Thünen mit einem Lächeln des Triumphes. ,, Sie sehen mich sprachlos vor Erstaunen!" rief Fabian aus, indem er aufsprang. ,, Ich erblickte gerade im Feldzug gegen Rußland erhebliche Schwierigkeiten." Oberst von Thünen lachte spöttisch. Er preßte die Zähne zusammen und sein Gesicht zeigte den Ausdruck äußerster Entschlossenheit. ,, Schwierigkeiten?" lachte er. ,, Es wird ein Blitzfeldzug werden, genau wie in Polen und Frankreich, ohne Beispiel in der Geschichte. Unsere Panzerkorps rollen unaufhaltsam vorwärts und haben schon Smolensk überrannt. Millionen fassungsloser Gefangener sind in unserer Hand, Millionen!" ,, Smolensk?" ,, Ja, Smolensk!" „ Für ein Oberst.„ Ich bauen, der stört." Er k Hand hoch. aus und ergr Dann verl Fabians Arb Fabian bli der Ungedul Und der Oberst führte aus, daß gigantische Heere von Finnland im Norden bis Rumänien im Süden Rußland überfluteten, um es in wenigen Wochen zu zerschmettern. ,, Am 15. August werden unsere Truppen in Moskau einmarschieren, am 30. August in Petersburg!" fügte er in voller Begeisterung hinzu, und seine hellen Augen sprühten. ,, Der Gauleiter hat es mir vor einer Stunde berichtet." ,, Ja, diesmal gehen wir aufs Ganze!" rief Fabian entflammt und förmlich berauscht aus, nahe daran, Oberst von Thünen zu umarmen. in Kreta hat viel Blut, u Anfang an Gehorsam u gehabt hatte Ja, ohne i land aufrich zimmer hin stürmenden diesen Herz Schicksal ge Warum nich Oberst von Thünen erhob sich und rief, während er das Koppel festzog, triumphierend aus: ,, Dann aber wird das irregeleitete 408 er nicht im Es war wirk benhaus alle als Smolensk funkelnageln Stadtkomma Auszeichnun In meine Fabian, we Er glaubte, ate in ihrem schämte sich icht so mutig s glaubte sie heißen Grog Thünen mit abian aus, ingegen Rußdie Zähne zuußerster Ent ird ein Blitzch, ohne Beiunaufhaltsam Millionen fas nen!" ere von Finn überfluteten m 15. August am 30. August zu, und seine mir vor einer an entflamm n Thünen zu d er das Kop as irregeleitete Rußland zusammenstürzen wie eine Bretterbude, und der Krieg ist zu Ende!" ,, Bis heute sind alle Ihre Prophezeiungen eingetroffen, Herr Oberst!" sagte Fabian und goẞ Likör in die Gläser. ,, Noch ein Gläschen auf den Sieg!" ,, Für ein Gläschen wird ja noch Zeit sein", erwiderte der Oberst. ,, Ich bin eben dabei, mir einen neuen Gefechtsstand zu bauen, der Tommy hat mir den alten heute nacht völlig zerstört." Er klappte scharf mit den Absätzen und warf die rechte Hand hoch. ,, Auf den größten Feldherrn aller Zeiten!" rief er aus und ergriff das Glas. Dann verließ er unter Absatzklappen und vielen Verbeugungen Fabians Arbeitszimmer. Fabian blieb in gehobener, froher Laune zurück. Er zieh sich der Ungeduld und des Kleinmuts. Das Abenteuer in Afrika und in Kreta hatte nicht seine Zustimmung gefunden, es kostete zuviel Blut, und das Waffenbündnis mit Italien hatte ihm von Anfang an mißfallen. ,, Ein Soldat aber muß Geduld haben und Gehorsam üben", rief er sich zu. Heute sah er ein, daß er unrecht gehabt hatte, noch wenige Monate und der Krieg war zu Ende! Ja, ohne ihn, leider ohne ihn würden sie das größere Deutschland aufrichten, dachte er, während er in seinem neuen Arbeitszimmer hin und her ging. Er hatte gewünscht, sich der vorstürmenden Armee anzuschließen, aber das Schicksal hatte ihm diesen Herzenswunsch versagt. Viele Tage hatte er mit dem Schicksal gehadert und war von Pontius zu Pilatus gelaufen. Warum nicht er? Konnte er etwa kein Geschütz bedienen, hatte er nicht im Weltkrieg seine Batterie mit Auszeichnung geführt? Es war wirklich zum Verzweifeln! Schließlich hatte dieser Taubenhaus alle seine Pläne zunichte gemacht. Schon in den Tagen als Smolensk noch umkämpft wurde, erschien er in herrlicher, funkelnagelneuer Equipierung im„, Stern" und stellte sich als Stadtkommandant von Smolensk vor. Natürlich hatte er diese Auszeichnung seinem Freunde Rumpf zu verdanken. ,, In meiner Abwesenheit, lieber Regierungsrat", sagte er zu Fabian ,,, werden Sie die Verwaltung dieser Stadt übernehmen!" Er glaubte, Fabian noch eine Gunst zu erweisen. 4.09 Fabian mußte gehorchen, so schwer es ihm auch fiel. Mit Groll im Herzen bezog er das feierliche Arbeitszimmer des Bürgermeisters mit dem großen Schreibtisch, an dem Napoleon einen Brief geschrieben haben sollte. Vorbei war es mit allen Träumen von Waffenruhm und Waffenehre! propagandis bin ausgebild es ich hatte „ Und Ihr Gleichen Ruhe hin", Nichte ist z Wer noch einen Offiziersrock tragen konnte, mußte hinaus ins Feld, so erschreckend waren die Offiziersverluste der vorstürmenden Armee. Hunderte von Offizieren der Reserve reisten zur Front, nur ihn hatte man vergessen! Der egoistische Wunsch von Taubenhaus, sich auszuzeichnen, hatte ihn dazu verdammt, in dieser Stadt zu bleiben, wo es keine Auszeichnungen zu erringen gab. Kaum vermochte ihn der Trost Clotildes, sein Posten hier sei ebenso wichtig wie der eines Artillerieoffiziers, mit seinem Schicksal auszusöhnen. Er langweilte sich, offen gestanden, in seinem pompösen Arbeitszimmer. Über die Karte von Rußland gebeugt, in die er blaue und rote Striche einzeichnete, verbrachte er den größten Teil seiner Bürostunden. Die Verwaltungsgeschäfte waren verschwindend, irgendein alter Stadtrat hätte sie ebensogut erledigen können. Dazu kam, daß das ,, Büro Aufbau" seine Arbeit fast völlig eingestellt hatte. Selbst Baurat Krieg verstand es, im Osten Lorbeeren zu ernten. Man hatte ihm die Bauten von Hotels in polnischen Städten übertragen, dazu Bauten in Smolensk und Kiew, das noch gar nicht erobert war, und er war dieser Tage mit einem Stab von zwanzig Zeichnern und Architekten abgereist. Seien Si werde zuwe Fahle nach mittag zu m Abschied w Gleichen geht nun de Ihr Brude der ebenfall Die Stadt wurde arm an Männern. Alles, was ein Gewehr tragen konnte, mußte hinaus ins Feld oder in die Kasernen zur Ausbildung. Die Lehrer in den Schulen wurden eingezogen, fort, die Beamten bei den Behörden, fort, die Verkäufer in den Geschäften, fort, Maurer, Zimmerleute, Handwerker, Chauffeure, alle verschwanden, und Frauen traten an ihre Stelle. Eines Tages erschien auch Gleichen bei Wolfgang, um sich zu verabschieden. Selbst ihn, dessen Haare schon ergrauten, hatte man nicht vergessen. Ende, Rußl man weiß j hat." ,, Ich bin eingezogen", sagte er, völlig ruhig, aber seine düsteren Augen glühten in der Tiefe wie immer, wenn er erregt war. ,, Schade, sehr schade! Gerade jetzt ersticken wir in dringender 410 Wolfgang der das gla Gleichen, W Voller N lächelnd de schlimmer darüber ges nungslos ve gegen die lächelte fre hoffe jetzt daß Rußlan russischen H und fangen Es ging s Urlaub kan stattlicher, uniform, al l. Mit Groll des Bürgeroleon einen en Träumen te hinaus ins e der vorserve reisten che Wunsch verdammt, ngen zu ersein Posten , mit seinem estanden, in on Rußland verbrachte Verwaltungstrat hätte sie uro Aufbau" ut Krieg vertte ihm die Cragen, dazu erobert war, ig Zeichnern ein Gewehr Kasernen zur gezogen, fort, rin den GeChauffeure, , um sich zu rauten, hatte eine düsteren erregt war. in dringender propagandistischer Arbeit! Morgen abend geht mein Zug. Ich bin ausgebildeter Infanterist, was Sie vielleicht nicht wissen. Auch ich hatte es schon längst vergessen." ,, Und Ihre kranke Frau?" fragte Wolfgang. Gleichen lächelte. ,, Sie nimmt es, Gott sei Dank, mit großer Ruhe hin", erwiderte er. ,, Sie weiß ja, worum es geht! Eine Nichte ist zu ihrer Pflege gekommen, dazu bleibt ihr der Junge." ,, Seien Sie unbesorgt, Gleichen", versicherte Wolfgang ,,, ich werde zuweilen nach dem Rechten sehen, ich komme ja öfter zu Fahle nach Amselwies. Sie aber, lieber Freund, bitte ich, morgen mittag zu mir zum Essen zu kommen, wir wollen wenigstens den Abschied würdig begehen. Am Abend begleite ich Sie zur Bahn." Gleichen dankte und drückte Wolfgang die Hand. ,, Vielleicht geht nun der Krieg früher zu Ende, als wir alle glauben", sagte er. ,, Ihr Bruder, der neue Bürgermeister, erzählte einem Kollegen, der ebenfalls eingezogen wurde, der Krieg sei bis zum Herbst zu Ende, Rußland breche wie eine Bretterbude zusammen. Aber man weiß ja, was man von dieser Art von Propaganda zu halten hat." Wolfgang lachte. ,, Mein Bruder war schon immer ein Narr, der das glaubte, was er wünschte", rief er aus. ,, Aber Sie selbst, Gleichen, was glauben denn Sie?" Voller Nachdenken blickte Gleichen vor sich hin. Er schüttelte lächelnd den Kopf. ,, Ihr Bruder ist Reserveoffizier, die sind noch schlimmer als die aktiven", erwiderte er ,,, und wir haben ja oft darüber gesprochen, daß das deutsche Volk militaristisch hoffnungslos verseucht sei! Wie sollte gerade er unempfindlich sein gegen die Massenpsychose? Was ich glaube, fragen Sie?" Er lächelte freudig, und in seine Augen trat ein seltener Glanz. ,, Ich hoffe jetzt wieder!" rief er aus. ,, Stärker als je bin ich überzeugt, daß Rußland das Ende des Tausendjährigen Reiches bedeutet. Die russischen Heere haben in diesen Tagen den Rückzug eingestellt und fangen an, die Zähne zu zeigen!" Er lachte zuversichtlich. Es ging schon tief in den Winter, als Harry für drei Tage auf Urlaub kam, um darauf ins Feld zu rücken. Harry war ein stattlicher, junger Mann geworden und trug seine neue Offiziersuniform, als ob er mit ihr auf die Welt gekommen wäre. Er war 411 knapp achtzehn Jahre alt, und Clotilde liebte es, sich mit ihm in den Geschäften der Wilhelmstraße zu zeigen. Fabian mußte ihr die Gefälligkeit erweisen, seine Hauptmannsuniform anzuziehen, denn sie wollte Vater und Sohn in Uniform photographieren. Die Aufnahme gelang glänzend, und Clotilde war sehr stolz darauf. Das Bild erschien sogar in der Sonntagsbeilage des ,, Beobachters": ,, Garanten des Sieges!" lautete die Unterschrift. An einem windigen Abend brachte Fabian Harry zum Bahnhof. Der Zug war überfüllt mit Offizieren und Mannschaften. ,, Lebe wohl, Papa!" rief Harry aus dem Fenster, als der Zug sich in Bewegung setzte. ,, Jetzt bin ich endlich vollkommen glücklich!" vor Gram v ohne Freund Sie wäre v noch viele sich in ihren war beglück ganz wie in Jede Woche ab, um mit an die frisch Wolfgang F kam später Schach zu s gebracht, un schweigsame XI und ihr zul zählte ihr ta hatte! Wie tion bei de sollte sie et Marion hatte ihr altes Lachen und ihre alte Fröhlichkeit wiedergefunden. Unbekümmert und frohen Gemüts ging sie durch die Straßen. Sie wußte, daß man häufig Juden verhaftete und abtransportierte, aber eines Tages mußte auch dieser fürchterliche Krieg ein Ende haben und alles würde wieder ins Gleichgewicht kommen. Sie arbeitete täglich einige Stunden in ihrer Schule, gab am Nachmittag jüdischen Kindern Sprachunterricht und las unendlich viel. Bei Gott, was hat Marion in dieser Zeit alles gelesen! So verging die Zeit und man verzweifelte nicht. Alimählich hatte sie ihren Gleichmut wiedergefunden und ihre feindselige Verachtung in vielen Dingen war durch Einsicht und Nachsicht gemildert worden. Deutschland Luftgeschwa unterrichtet hörte Tag u berauscht, a wie die Pest sindel mit e übertraf., Vor Jahren hatte sie getobt und Tränen vergossen, als sie erleben mußte, daß ihre Bekannten und Freunde sich von heute auf morgen von ihr zurückzogen, daß ihre Verehrer, wohlerzogene, gebildete, junge Leute, die sonst keine Mühe scheuten, um einen Blick von ihr zu erhaschen, ihr plötzlich auf der Straße auswichen. In Wahrheit, die Schamröte war ihr ins Gesicht gestiegen, was für charakterlose, erbärmliche Burschen waren diese jungen Menschen doch! Damals durchlebte sie Wochen, da sie 412 sagte er. ,, G Sippe von Deutsche! M Zur Zeit wa grauten Ha bei der leide tig mit ihr. Nein, es Bauern von h mit ihm in Hauptmannsin Uniform und Clotilde Her Sonntagslautete die y zum BahnMannschaften der Zug sich mmen glück chkeit wieder sie durch die tete und ab fürchterliche Gleichgewicht er Schule, gab at und las un Zeit alles ge cht. Alimah d ihre feind ht und Nach en, als sie er ch von heute rehrer, wohl The scheuten auf der Straße as Gesicht ge n waren diese ochen, da sie vor Gram verging. War es nicht grauenhaft, daß man sie zwang, ohne Freundschaft und Kameradschaft dahinzuleben? Sie wäre verzweifelt am deutschen Volke, wenn es nicht immer noch viele Menschen, oh, gar nicht wenige, gegeben hätte, die sich in ihrem Wesen nicht im mindesten verändert hatten. Sie war beglückt, daß Frau Beate Lerche- Schellhammer und Christa ganz wie in alten Zeiten zu ihnen nach Amselwies hinauskamen. Jede Woche holte Christa sie mit ihrem Wagen von der Schule ab, um mit ihr stundenlang spazierenzufahren, damit ,, sie etwas an die frische Luft käme und nicht trübselig werde". Professor Wolfgang Fabian stellte sich wie früher in ,, Amsel" ein. Dazu kam später als regelmäßiger Gast Lehrer Gleichen, um mit Papa Schach zu spielen. Gleichen hatte auch ihr das Schachspiel beigebracht, und es war beglückend für sie, zu sehen, wie der schweigsame und düstere Mann allmählich aus sich herausging und ihr zuletzt unbegrenztes Vertrauen schenkte. Ach, er erzählte ihr tausend Dinge, von denen sie sonst nie etwas erfahren hätte! Wie sollte sie etwas ahnen von der ungeheuren Korruption bei der Partei, von ihrer schamlosen Verlogenheit? Wie sollte sie etwas wissen von den ungeheuren Kräften, die gegen Deutschland im Kampfe standen, von den riesigen Flotten- und Luftgeschwadern, von den Armeen? Gleichen wußte alles und unterrichtete sie von allem. Seine kranke Frau lag im Bett und hörte Tag und Nacht die ausländischen Sender! Marion war wie berauscht, als sie vernahm, daß Millionen Deutscher die Partei wie die Pest verabscheuten. Gleichen selbst haßte das braune Gesindel mit einem abgründigen Fanatismus, der selbst den Marions übertraf. ,, Mut und Geduld, Geduld und Mut, Fräulein Marion!" sagte er. ,, Geben Sie acht, die ganze Welt wird sich gegen diese Sippe von Hochstaplern erheben!" Es gab also auch solche Deutsche! Marion war beseligt, daß es auch solche Deutsche gab. Zur Zeit war sie tief unglücklich, daß Gleichen trotz seiner ergrauten Haare ins Feld rücken mußte. Jede Woche machte sie bei der leidenden Frau Gleichen Besuch und verstand sich prächtig mit ihr. Nein, es war nicht ganz so hoffnungslos! Die Gärtner und Bauern von Amselwies waren gleich freundlich und gefällig wie 413 früher. Mehr und mehr erkannte Marion, daß nur eine gewisse Schicht des Volkes, und vor allem die verhetzte Jugend, einen heftigen Judenhaß zeigte, der ,, Pöbel und die auf den Mann dressierte Hitlerjugend", wie Gleichen sagte, und diese Erkenntnis verlieh Marion wieder Mut und Hoffnung. Zuweilen gab es sogar einige freudige Überraschungen. Ihr einstiger Verehrer, der junge Wolf von Thünen, der mit dem Ritterkreuz, hatte sie auf der Wilhelmstraße vor allen Leuten aufs herzlichste begrüßt und durch die ganze Stadt begleitet. Natürlich konnte ein Hauptmann mit dem Ritterkreuz schließlich tun was er wollte, aber es war immerhin etwas. An diesem Tage war Marion wahrhaftig glücklich. der Stadt. N zur Erholun morgen mit nicht. Sie w allein seine gerade nicht Gauleiter sic sie, auch die hat er nicht Sie bereite liebenswürdi Hut. Mamus sicht. Mario und heftigen Die frohe Laune, die Marion in dieser Zeit zur Schau trug, hatte noch eine andere, tiefere Ursache, die niemand kannte. Eine schwere Last war von ihrem Herzen gefallen, der Gauleiter hatte sie vergessen! Er dachte augenscheinlich nicht mehr an sie, und Marion atmete befreit auf. Wie sie erfuhr, war er zuerst in Rußland, dann in politischer Mission in Bukarest und zuletzt viele Monate ununterbrochen in Rom. In der Stadt war er höchst selten und dann stets nur für einige Tage. Einmal ließ er ihr durch Rittmeister Möhn einen Gruß bestellen, einmal sandte er ihr sogar einen Strauß herrlicher roter Rosen, die Mamuschka augenblicklich auf den Müllhaufen warf, als seien sie vergiftet. Sonst aber hörte sie nichts von ihm und sie dankte dem Himmel. Rittmeiste Garderobe a dern der alte einem König auch schon Kürzlich war eine Konferenz sämtlicher Gauleiter des Reiches in Salzburg, sogar der englische Sender wußte davon, wie Frau Gleichen erzählte. Seit dieser Zeit behauptete sich in der Stadt hartnäckig das Gerücht, Rumpf sei wieder einmal in Ungnade gefallen, und niemand freute sich mehr darüber als Marion, Man erzählte sogar, daß er nicht mehr in die Stadt zurückkehrte, und nannte den Gauleiter von Thüringen als seinen Nachfolger. Ich freud wiederzusehe Er beeilte sic befinden sich Tausend und lachte il Ich bitte Eines Tages aber, es war Ende des Winters, erfolgte plötzlich wieder ein Anruf in der Schule, Herr Rittmeister Möhn wolle den italienischen Unterricht wieder aufnehmen, bäte aber vorher um Marions Anruf. Marion blieb das Herz vor Schrecken stehen. Alle Gerüchte schienen also völlig aus der Luft gegriffen zu sein, und es bestand kein Zweifel, der Gauleiter war wieder in 414 mir ganz all Im Speise schien mage welk aus. Se ebenso tadel weniger gep auffallendste tärisch ersch schuld sein. Sie fühle Nein, da eine gewisse ugend, einen f den Mann ese Erkenntgen. Ihr eint dem RitterLeuten aufs leitet. Natürchließlich tun em Tage war Schau trug kannte. Eine Gauleiter hatte r an sie, und uerst in Rußzuletzt viel war er höchst al ließ er ihr mal sandte er e Mamuschka sie vergiftet dem Himmel er des Reiches von, wie Frau in der Stadt al in Ungnade Marion, Man ckkehrte, und achfolger. Olgte plötzlich Möhn wolle te aber vorher recken stehen t gegriffen zu war wieder in der Stadt. Marion erfuhr telefonisch, daß er für längere Zeit zur Erholung in der Stadt bleiben werde und sie bitten lasse, morgen mit ihm zu Abend zu speisen. Sonstige Gäste erwarte er nicht. Sie würde also das Vergnügen haben, einige Stunden ganz allein seine Unterhaltung anzuhören. Angenehm war ihr das gerade nicht, aber Rittmeister Möhn hatte ihr angedeutet, daß der Gauleiter sich zur Zeit nicht völlig wohl befände. Nun gut, dachte sie, auch diese paar Stunden werden vorübergehen. Hoffentlich hat er nicht wieder ein Schlößchen in Polen entdeckt. Sie bereitete sich wieder auf ihre gewöhnliche Haltung vor: liebenswürdig, scheinbar völlig natürlich und doch stets auf der Hut. Mamuschka entließ sie mit tausend Ermahnungen zur Vorsicht. Marion lachte. Kurz vor acht Uhr, bei trübem Mondlicht und heftigem Wind, verließ sie das Haus. Rittmeister Möhn nahm sie wie immer in Empfang, in der Garderobe aber bediente sie nicht ein gewöhnlicher Diener, sondern der alte persönliche Kammerdiener Rumpfs, der früher bei einem König in Diensten stand. Im gleichen Augenblick stieg auch schon der Gauleiter, in Zivil gekleidet, die Treppe herab. ,, Ich freue mich ganz außerordentlich, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen!" begrüßte er sie von der Treppe aus auf italienisch. Er beeilte sich und schüttelte ihr kräftig die Hand. ,, Ich hoffe, Sie befinden sich wohl?" ,, Tausend Dank, Herr Gauleiter!" erwiderte Marion heiter und lachte ihr herzliches Lachen wie immer. ,, Ich bitte Sie einzutreten", bat Rumpf. ,, Sie müssen heute mit mir ganz allein vorliebnehmen." Im Speisezimmer erst fiel Marion seine Veränderung auf. Er schien magerer geworden zu sein und sein Gesicht sah gelb und welk aus. Seine Haare waren etwas länger als gewöhnlich, doch ebenso tadellos gescheitelt, sein rötlicher Backenbart aber war weniger gepflegt als sonst. Er sah sogar etwas verwildert aus. Am auffallendsten war, daß seine Haltung weniger straff und militärisch erschien, daran konnte aber der bequeme helle Zivilanzug schuld sein. ,, Sie fühlen sich nicht völlig auf dem Posten?" fragte Marion. ,, Nein, das könnte ich nicht gerade behaupten", erwiderte 415 Rumpf, und seine Stimme klang etwas heiser und hatte nicht den sonstigen metallischen Klang. ,, Vielleicht bin ich auch nur übermüdet. Aber ich bitte Sie, ohne alle Umstände Platz zu nehmen. Ich hoffe, Sie sind mit den italienischen Fortschritten zufrieden, die ich in Rom gemacht habe?" ,, Ich bin, ehrlich gestanden, maẞlos überrascht!" sagte Marion anerkennend. Seine gute Aussprache war wirklich erstaunlich. Der alte, fast schneeweiße Kammerdiener bediente sie bei Tisch und verweilte nie länger im Zimmer, als seine Pflichten es erforderten. XII „ Ich gebe leiter", erwid „ Ja, es ist beneide", füg auf den Tell ist das mögli ,, Um ganz offen zu sein", begann Rumpf in deutscher Sprache, als sie allein waren,„ ,, ich bin krank geworden, ich bin seelisch erkrankt, der russische Feldzug hat mich krank gemacht!" ,, Aber die siegreichen Berichte jagen einander doch?" sagte Marion. Langweil weile mich in „ Auch in sagte Rumpf ster Feind ist Sie haber Nun, ich h genug." Rumpf la leerte sein G auf, daß er h tümliche Un Sie schütt flogen.„ Nein Ich habe aber ich kan " Ja!" Rumpf nickte lachend und goß die Gläser voll. ,, Ja, das tun sie, Gott sei Dank, bis heute wenigstens. Ich war stets gegen den Krieg mit Rußland und bin es auch heute noch. Meiner Ansicht nach haben wir uns zuviel auf die Schultern geladen, und das sagte ich auch unverblümt an höherer Stelle. Aber die höhere Stelle weiß alles besser und erlaubt nicht die Meinung eines anderen Sterblichen!" Rumpf lachte höhnisch, und seine dunkelblauen Augen funkelten. Er schüttelte den Kopf und stieß mit Marion an. ,, Lassen wir das!" Nun berichtete er von all den Orten, wo er sich in den vielen Monaten seiner Abwesenheit aufhielt. Er sprach von Budapest, Bukarest, Istambul und besonders ausführlich von Rom. ,, Doch nun sollen Sie mir etwas erzählen, Marion!" unterbrach er plötzlich seinen Bericht. ,, Sagen Sie mir vor allem, wie Sie es anstellen, daß Sie immer so heiter sind. Ich möchte Unterricht im Lachen bei Ihnen nehmen." langweilt. Sie das nicht bes nicht den ga dann Dann Beispiel, Brie Wieder lad gegnete er la habe nicht nicht einmal ,, Unterricht im Lachen?" Das fand Marion ungeheuer amüsant, und sie lachte ihr herzliches Lachen, dem sich niemand verschlieBen konnte. nun aber alle Wenn ich Ich habe in Der Gaule Flecke auf Se 27 Totentanz 416 dhatte nicht ich auch nur nde Platz zu Fortschritten sagte Marion erstaunlich. e sie bei Tisch lichten es erscher Sprache ch bin seelisch macht!" doch?" sagte voll. ,, Ja, da war stets gegen h. Meiner An geladen, und ber die höhere Meinung eines seine dunke und stieß mit r von all den wesenheit auf und besonder twas erzählen Sagen Sie mir heiter sind. Ich 14 neuer amüsant and verschlie ,, Ich gebe Ihnen gern Unterricht im Lachen, Herr Gauleiter", erwiderte sie bereitwillig. ,, Ja, es ist eine unschätzbare Kunst, eine Gabe, um die ich Sie beneide", fügte Rumpf hinzu und legte ihr einige Scheiben Braten auf den Teller. ,, Sie scheinen sich auch nie zu langweilen? Wie ist das möglich?" ,, Langweilen?" rief Marion verwundert aus. ,, Nein, ich langweile mich in der Tat nie." ,, Auch in dieser großen Kunst müssen Sie mich unterrichten", sagte Rumpf. ,, Sie wissen ja, daß die Langeweile mein gefährlichster Feind ist." ,, Sie haben es mir wenigstens oft gesagt", entgegnete Marion. ,, Nun, ich habe ja meine Schule und meine Arbeit, das ist mir genug." Rumpf lachte belustigt. ,, Und das langweilt Sie nicht?" Er leerte sein Glas und füllte es neu aus der Karaffe. Marion fiel es auf, daß er heute mehr und hastiger trank als sonst. Eine eigentümliche Unruhe schien ihn zu erfüllen. Sie schüttelte lebhaft den Kopf, daß ihre dunklen Locken flogen. ,, Nein", sagte sie erstaunt. ,, Ich habe auch meine Arbeit", begann Rumpf von neuem, ,, aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr mich meine Arbeit langweilt. Sie langweilt mich unaussprechlich!" Marion konnte das nicht begreifen. ,, Ihre Schule und Ihr Unterricht dauern ja nicht den ganzen Tag", fuhr Rumpf fort. ,, Was tun Sie aber dann?" ,, Dann?" antwortete Marion. ,, Nun, dann schreibe ich, zum Beispiel, Briefe." Wieder lachte Rumpf. Er schüttelte den Kopf. ,, Nein", entgegnete er lachend. ,, Sie sind mir ein Rätsel. Ich, zum Beispiel, habe nicht die geringste Lust, Briefe zu schreiben. Ich wüßte nicht einmal, an wen ich einen Brief schreiben sollte! Wenn Sie nun aber alle Ihre Briefe geschrieben haben?" forschte er weiter. Wenn ich dann noch Zeit habe, so lese ich", erwiderte Marion. » Ich habe in den letzten Jahren ungeheuer viel Bücher gelesen." Der Gauleiter lächelte, und Marion fielen wieder die gelben Flecke auf seinen Wangen auf. ,, Wissen Sie, wieviel Bücher ich " 27 Totentanz 417 Institut für neuere deutsche Literatur Justus- Liebig- Universität Otto- Behaghel- Str. 10, 6300 Giesseh in meinem ganzen Leben gelesen habe?" fragte er. ,, Wissen Sie, wann ich überhaupt mein letztes Buch gelesen habe? Ich meine, richtig gelesen? Offen gestanden, sie langweilen mich ebenfalls, Ihre Bücher." ,, Ohne Bücher könnte ich mir das Leben nicht vorstellen", versetzte Marion aufs höchste erstaunt. Rumpf blickte sie prüfend an, ihr ernstes Auge gefiel ihm. ,, Ich möchte es versuchen, einmal ein Buch mit Ihnen zusammen zu lesen", rief er aus. ,, Ich glaube auch, ich könnte Ihnen weiß Gott wie lange zuhören, wenn Sie mir einmal ein Buch vorlesen würden." Ihnen etwa diese Gesch die Politik schung. Es Leben. Ein stimmen h ich für nic Freunde, i habe auch Geschwiste könnte, ic nichts. Ist Marion lächelte, fühlte aber gleichzeitig, daß sie rot wurde. Der Blick des Gauleiters hatte sie verwirrt. Rumpf hatte nie in dieser vertraulichen Weise mit ihr gesprochen, auch den Ton seiner Stimme fand sie verändert. Am auffallendsten aber war es für sie, daß er heute so wenig scherzte. Gewöhnlich liebte er es, scherzhafte Wendungen und oft sogar Scherze, gute und schlechte, ins Gespräch einzuflechten. So ernst hatte sie ihn noch nie gefunden. Eine Weile schwieg er, während er die gemischten Früchte auslöffelte. Er leerte abermals ein Glas Rotwein, dann klingelte er dem Diener und bestellte Sekt. ,, Sie wissen, welche Marke ich zur Zeit vorziehe?" Marion das die gle ließ. Sie sc haftig nich ich das sag Rumpf gegnete er. agen, die ich die W ,, Fräulein Marion", wandte er sich erneut an sie ,,, ich finde in der Tat, daß Sie ein vorzüglicher Lehrer gegen die Langeweile sind, ein geradezu seltener Lehrer, wie ich ihn suche. Sie sind mehr als das, Sie sind ein Lebenskünstler, während ich in dieser Beziehung ein vollendeter Stümper bin. Ich werde einen Kursus in der Lebenskunst bei Ihnen nehmen müssen!" schloß er lachend, aber völlig ernsthaft. Auflachen einen Men Sein vertraulicher, fast freundschaftlicher Ton beunruhigte Marion. Sie lachte und da sie nicht wußte, was sie antworten sollte, sagte sie aus Verlegenheit: ,, Aber Sie sind doch mehr mit Geschäften in Anspruch genommen als wir alle." Er begab uf das den zu ihm zu Der Gauleiter nickte, sein Blick verriet jedoch deutlich, daß Marions Antwort ihn nicht befriedigte. fuhr er for ,, Mag sein", erwiderte er mit düsteren Augen. ,, Aber ich will O ernsten tehen, in c fand ich he innlos ist. vie das Ihr S von Gru Ich hör velchem C Tigarette a Hand zitte 171 418 r. ,, Wissen Sie " be? Ich meine, mich ebenfalls cht vorstellen" gefiel ihm. ,, Ich zusammen zu nen weiß Got Buch vorlesen sie rot wurde pf hatte nie in auch den To ten aber war ich liebte er e e und schlechte un noch nie ge en Früchte aus ann klingelte Marke ich zu ie ,,, ich finde i die Langewe E suche. Sie sind and ich in diese de einen Kursu Thloß er lachend on beunruhigt ss sie antworte doch mehr mit ch deutlich, da „ Aber ich wil Ihnen etwas gestehen, Marion. Ich habe sehr wenig Interesse für diese Geschäfte, wie ich schon vorhin sagte. Anfangs glaubte ich, die Politik würde mich völlig ausfüllen, aber es war eine Täuschung. Es war eine Täuschung, wie vieles andere in meinem Leben. Eine Politik, in der ich fast nicht das Geringste zu bestimmen habe, kann mich nicht befriedigen. In Wahrheit habe ich für nichts Interesse! Ich habe, sehen Sie, keine wirklichen Freunde, ich habe nur Kumpane zum Spielen und Saufen. Ich habe auch niemand, den ich wahrhaft liebe, keine Eltern und Geschwister. Ich habe keine Ideale, für die ich mich begeistern könnte, ich habe keinen Glauben und keinen Gott, ich habe nichts. Ist das nicht etwas wenig?" Marion war von diesem nüchternen Bekenntnis erschüttert, das die gleichgültige Stimme nur noch nüchterner erscheinen ließ. Sie schüttelte den Kopf und sagte: ,, Dann sind Sie wahrhaftig nicht zu beneiden, Herr Gauleiter, was fast alle tun, wenn ich das sagen darf." Rumpf lächelte. ,, Sie dürfen alles sagen, was Sie wollen", entgegnete er. ,, Ich wünsche sogar, daß Sie mir auch Wahrheiten sagen, die mir mißfallen könnten. Sie glauben nicht, wie selten ich die Wahrheit höre. Sehen Sie", fügte er mit einem kurzen Auflachen hinzu, indem er aufstand ,,, ich habe nicht einmal einen Menschen, der mir die Wahrheit sagt." Er begab sich zu einem kleinen runden Tischchen in der Ecke, auf das der Diener die Sektkelche gestellt hatte, und bat Marion, zu ihm zu kommen. Während er sich eine Zigarre anzündete, fuhr er fort: ,, Sie werden wohl erstaunt sein, mich heute in einer so ernsten Stimmung zu finden! Nun, ich will Ihnen offen gestehen, in den letzten Monaten viel nachgedacht zu haben. Dabei fand ich heraus, daß das Leben, das ich lebe, völlig unsinnig und sinnlos ist. Es ist keineswegs so durchdacht und sinnvoll aufgebaut wie das Ihre, ganz und gar nicht! Kurzum, ich habe beschlossen, es von Grund auf zu ändern. Hören Sie? Von Grund auf!" ,, Ich höre", entgegnete Marion mit beklommener Stimme. Aus welchem Grund sagte er ihr all das? Sie wollte sich soeben eine Zigarette anzünden, unterließ es aber, da sie fühlte, wie stark ihre Hand zitterte. 27* 419 Rumpf aber beachtete sie überhaupt nicht. Er leerte seinen Kelch Sekt und legte sich in den niedrigen Sessel zurück. ,, Ich werde Ihnen etwas sagen", fuhr er mit etwas gedämpfter Stimme fort ,,, etwas, was noch niemand weiß und auch niemand zu wissen braucht, Sie verstehen mich, Marion? Ich beschäftige mich sehr ernsthaft mit dem Gedanken, mich gänzlich von der Politik zurückzuziehen." Marion vermochte kein Wort zu äußern. Sie saß mit offenem Munde. faches Leben endlich auch daß Bücher da ohne sie viele ist. Ich brauch der Welt wer „ Durch ein Land gefunde berge, herrlich blaues Meer wohnen könn vor einem Ja dort wohnen, den Englände mit allem Ko und ich griff r einfach, Istam Konzerte, Kin Sagte ich Ihne etwas Besseres Schlößchen in Rumpf lachte kurz auf. ,, Ich sehe, Sie sind erstaunt. Natürlich habe ich meine stichhaltigen Gründe dafür. Ein Mann, der noch etwas auf sich hält, kann diese Komödie, denn etwas anderes ist es nicht, nicht länger mit ansehen. Nun, vielleicht werde ich Ihnen eines Tages mehr darüber erzählen, Einzelheiten, hunderttausend der verblüffendsten Einzelheiten!" fügte er hinzu, während sein Gesicht sich langsam dunkelrot färbte. Dann fuhr er mit einem vergnügten Lächeln fort: ,, Noch mehr aber werden Sie sich wundern über das, was ich Ihnen jetzt sage. Ich beschäftige mich ernsthaft mit dem Gedanken, dieses Land zu verlassen! Und wissen Sie, wohin ich gehen werde? Nach der Türkei! Dieses Land hat mich begeistert! Ich war einige Wochen in Istambul und bin viel herumgekommen. Es gibt dort guten Tabak und ausgezeichnete Weine! Die Menschen sind schlicht und einfach, so daß man gut mit ihnen auskommen kann. Dort will ich also in Zukunft meine Zelte aufschlagen!" Er trank Marion zu. ,, Sie sehen mich außerordentlich erstaunt", rief Marion aus, von einer ungewissen Angst beschlichen. ,, Es ist ernsthaft Ihre Absicht?" klug und gebi wen?" Marion sch Rumpf an. Sie, Mario ihm überließ, Mich?" f " Ja, ernsthaft!" versicherte der Gauleiter und genoẞ Marions Erstaunen. ,, Ich habe dort unten ein Fleckchen Erde erworben und will es kultivieren. Verstehen Sie etwas von Gärtnerei und Landwirtschaft?" Marion schüttelte den Kopf, und eine böse Ahnung stieg in ihr auf. ,, Sehr wenig", sagte sie kaum hörbar. Rumpf lachte. ,, Das ist mehr als ich!" rief er aus. ,, Aber keine Angst, alles läßt sich lernen. Dort also will ich leben und ein ein420 bergen. Ja, Sie!" mütig wie ein tasche, den en Sie sollen w Türkei reisen und lockerte Ein Haufch Erbsen, teils n Er leerte seinen sel zurück.„Ich ämpfter Stimm ch niemand zı beschäftige mich ‚ von der Politik saß mit offenen “pi taunt, Natürlich Mann, der no was anderes heiten, hundert e er hinzu, wit faches Leben unter einfachen Menschen führen. Dann werde ich endlich auch Zeit und Ruhe zum Lesen finden. Denn ich weiß, daß Bücher das Leben unendlich reich machen können, und daß ohne sie vielen Leuten, wie Sie sagten, das Leben unvorstellbar ist. Ich brauche ja nur Sie anzusehen! Die herrlichste Bibliothek der Welt werde ich besitzen.“ „Durch einen glücklichen Zufall habe ich ein prachtvollesStück Land gefunden, am Marmarameer gelegen. Olivenhaine, Wein- berge, herrliche Gärten, die in Terrassen bis an ein traumhaft blaues Meer herabsteigen. Der Landsitz, in dem drei Familien wohnen können, gehörte einem früheren englischen Minister, der vor einem Jahr gestorben ist. Seine drei Töchter, die zur Zeit dort wohnen, wollen nach London zurückkehren. Man mag von den Engländern sagen, was man will, sie verstehen es, ein Haus mit allem Komfort einzurichten. Es traf sich alles sehr günstig, und ich griff Au zu. Die Aussicht auf das Meer berauschte mich einfach, Istambul ist unschwer zu erreichen. Da gibt es Theater, Konzerte, Kinos, Hotels, und man ist nicht ganz aus der Welt. Sagte ich Ihnen nicht immer, Marion, ich werde mich bemühen, etwas Besseres zu finden als das kleine von den Mäusen zerfressene Schlößchen in Polen? Dahin nun will ich jemand mitnehmen, der klug und gebildet ist, jedenfalls gebildeter als ich. Und wissen Sie, wen?“ Marion schwindelte und sie wurde blaß. Hilflos blickte sie Rumpf an. „Sie, Marion!“ sagte er und tastete nach ihrer Hand, die sie ihm überließ, da sie nicht die Kraft besaß, sie ihm zu entziehen. „Mich?“ flüsterte Marion, bemüht, ihre Verstörtheit zu ver- bergen. »Ja, Sie!“ wiederholte Rumpf und stand auf. Er lachte über- mütig wie ein Knabe und zog einen Tabaksbeutel aus der Hosen- tasche, den er mit leicht prahlerischer Geste auf den Tisch warf. „Sie sollen wissen, daß Sie nicht mit einem Vagabunden in die Türkei reisen! Sehen Sie her!“ Wiederum lachte er übermütig und lockerte die Bänder des Beutels. Ein Häufchen von Kieselsteinen war zu schen, teils groß wie Erbsen, teils noch größer. Eine Anzahl der unscheinbaren Kiesel 421 nahm er in die Hand. ,, Ich habe noch mehr von diesen", sagte er mit wegwerfender und zugleich prahlerischer Geste. ,, Sie stammen aus unserer Beute in Antwerpen. Sie wissen, es hat noch nie einen siegreichen Krieg ohne Beute gegeben. Es sind Brillanten aus den Amsterdamer Schleifereien. Sehen Sie, einige sind schon angeschliffen! Die Steine hat man mir geschenkt. Dazu besitze ich noch Ringe, Ketten und Goldmünzen, einen ganzen Kasten voll. Sie sehen, Marion, Not werden wir keineswegs zu leiden haben." Marion schüttelte den Kopf. Sie hatte ihre glänzenden Kirschenaugen auf den Gauleiter gerichtet und ein verstörtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie war so verwirrt in diesem Augenblick, daß sie kein Wort hervorbrachte. Nur mühsam fand sie ihre Beherrschung zurück. Nimm dich zusammen! rief sie sich zu. Nur jetzt im letzten Augenblick keine Ungeschicklichkeit! Voller Abscheu, aber mit geheucheltem Interesse betrachtete sie die kleinen Kiesel im Beutel und spielte damit mit ihren Fingern. دو , Wählen Sie sich davon aus, soviel Sie wollen!" sagte lachend der Gauleiter. Zum erstenmal schien er ihr heute leicht bezecht. , Warum den kleinsten?" Marion hatte einen kleinen, aber zur Hälfte geschliffenen Stein gewählt, der die Größe einer Linse besaẞ. دو دو , Weil er schon geschliffen ist", antwortete sie. Noch vers war noch im und Primitivi auch sie betra Von der ,, B Am Eingang Möhn mit der Rumpf lachte. Ihre Bescheidenheit gefiel ihm. ,, In der Türkei leben viele Juden, Marion", begann er von neuem. ,, Niemand wird Sie da unten scheel ansehen. Es sind schlichte, aufrichtige und herzliche Menschen. Sie werden sich wohlfühlen unter ihnen. Mit den Juden hier aber ist es bald völlig zu Ende. Am meisten aber wird Ihnen das Meer gefallen, es ist einfach göttlich." daß sie nur m Schneewehe f gefegt. Westwind die entsetzlich Welch ein " Ein gerade was unsere Tr Vor dem H und Marion gangstüre err Taschenlampe Ich bin d Stimme klang Kraft zu End Sie verbra erstenmal am hatte sie befal Das ist di Verruchten m Das wußte geladen. Am um sich Rat b die unsagbare ihr keinen ve niemand kann Es gab nur Möglichkeit w ,, Und nun wollen wir nicht mehr vom Marmarameer sprechen", fuhr er in verändertem Tone fort. ,, Ich habe Ihnen meine Pläne und Absichten offen dargelegt und möchte Sie nun bitten, mir Ihre Entschlüsse in etwa drei, vier Tagen mitzuteilen. Ich weiß, daß es nicht so einfach für Sie sein wird, keineswegs, aber ich nehme an, daß Sie in einigen Tagen Klarheit gewonnen haben werden, nicht wahr? Vielleicht kommen Sie dann ins Palais zu mir, was mir am liebsten wäre." 422 XII “Noch verstört und betäubt verließ Marion die„Burg“. Sie war noch immer wie erstarrt über. die verblüffende Naivität und Primitivität, mit der Rumpf die Welt und das Leben und auch sie betrachtete. Von der„Burg“ bis zur Einfahrt war ein breiter Weg gekehrt. Am Eingang wartete in einem heftigen Schneetreiben Rittmeister Möhn mit dem! Wagen. Der Wind blies noch immer sehr heftig, daß sie nur mühsam vorwärtskamen, einmal fuhren sie in einer Schneewehe fest, an anderen Stellen war die Straße wie rein- gefegt. „»Westwind!“ rief Rittmeister Möhn erfreut.„Endlich scheint die entsetzliche Kälte gebrochen zu sein.“ „Welch ein schwerer Winter!“ sagte Marion. „Ein geradezu furchtbarer Winter. Es ist ganz unausdenkbar, was unsere Truppe in Rußland gelitten haben muß!“ ‘Vor dem Hause fuhren sie wieder in einer Schneewehe fest, und Marion versank mehrmals tief im Schnee, ehe sie die Ein- gangstüre erreichte. Möhn beleuchtete mit einer elektrischen Taschenlampe ihren Weg. „Ich bin da, vielen Dank!“ rief Marion zurück, und ihre Stimme klang fröhlich und heiter. Dann aber war es mit ihrer Kraft zu Ende. Sie verbrachte eine schlaflose Nacht und versäumte zum erstenmal am Morgen ihre Schule. Eine Art von Schüttelfrost hatte sie befallen. „Das ist die Strafe!“ sagte Mamuschka.„Du mußtest diese Verruchten meiden!“ Sonst sagte sie nichts. Das wußte Marion selbst, sie hatte eine schwere Schuld auf sich geladen. Am Vormittag raffte sie sich auf und besuchte Christa, um sich Rat bei ihr zu holen. Christa staunte genau wie sie über die unsagbare Naivität und Primitivität Rumpfs, aber sie konnte ihr keinen vernünftigen Rat geben. Niemand konnte es, denn niemand kannte ihre schwere Schuld. Es gab nur eine Möglichkeit, sie zu retten, und diese einzige - Möglichkeit war ihr aus tausend Gründen verschlossen. 423 schöne und waren die mit der H Tante gena Sie konnte zum Gauleiter gehen, ihm ihre Schuld bekennen und ihn bitten, ihr zu vergeben. Das war die einzige Möglichkeit, sie zu retten. Das erstemal war sie zu ihm gegangen, um ihm zu gefallen, es war damals, als sie die Schulräume benötigte. Sie gefiel ihm. Damit begann ihre Schuld. Als er sie aufforderte, ihm italienischen Unterricht zu erteilen, hätte sie es unbedingt verweigern müssen, sie tat es nicht. Oh, es war keineswegs so, daß sie sich bemühte, die Neigung, die Rumpf für sie empfand, zu steigern, nein, so war es nicht, keineswegs, aber sie tat auch nichts, um diese Neigung in Abneigung und Gleichgültigkeit zu verwandeln. Sie gab sich heiter und fröhlich, weil er es liebte, sie lachte, weil er es gerne hatte, sie machte sich hübsch, um ihn zu fesseln. Sie lernte sogar das Billardspiel, weil er es liebte, und es muß gesagt werden, sie gefiel sich in den schönen Posen, die das Billardspiel ermöglicht! Sie genoß seine Weine, Liköre, sein Essen, seinen Schutz! All diese tausend Dinge aber bildeten ihre Schuld, sie häufte Schuld auf Schuld, immer mehr und mehr. Sie täuschte ihn Jahre hindurch! storben. Die beid grüßten M uns bist, M Sie konnte unmöglich zu ihm gehen, um ihm zu sagen, daß sie ihn jahrelang täuschte, nein, das konnte sie nicht! Kein Mensch aber konnte das verstehen. Am dritten Tag schrieb sie einen Brief an den Gauleiter, den sie am vierten in der„, Burg" abgab. Von diesem Tage an hielt sie sich bereit. Sie wußte, daß die Zeit gekommen war, ihre Schuld zu sühnen. Marion sie zuweile herannahte und ihrem Tropfe alter Jude mein Her Simon und Zwei Tage später fuhr in der Dämmerung ein Wagen vor ,, Amsel" vor, und Marion und Mamuschka wurden verhaftet. Einer der beiden Beamten war der Chef der hiesigen Gestapo, der lange Schilling, der sich sehr ernst und gemessen betrug. ,, Ich bitte, meinem Vater Lebewohl sagen zu dürfen", bat ihn Marion, aber er untersagte es ihr in schroffem Ton. in der Wi galt als rei heute einer handel, Ma den Verlus das Leben. etwas wun dicke Hän steifen Hu Wetter ein Bald w Die beiden Frauen wurden in der Heiligengeistgasse in Gewahrsam gebracht, wo sich schon mehrere ihrer Schicksalsgenossen befanden. Einige bejahrte Frauen und Männer saßen da, völlig gebrochen und apathisch, und eine ältere Dame mit schneeweißen Locken, die ihr bis ins Genick herabfielen. Sie hatte zwei reizende Mädchen von etwa acht Jahren bei sich, auffallend 424 die Stille. Gott h müssen sie Mamuschk tiefsten He machte. N du nun, w läßt, Mari dich nicht Die prin Schuld bekennen zige Möglichkeit, mgen, um ihm zu benötigte. Sie geaufforderte, ihm sunbedingt vereineswegs so, daß sie empfand, zu e tat auch nichts, ültigkeit zu ver ler es liebte, sie übsch, um ihn zu es liebte, und es en Posen, die das Liköre, sein Essen, Heten ihre Schuld mehr. Sie täuschte daß sie zu sagen, cht! Kein Mensch en Gauleiter, den e wußte, daß die ein Wagen vor rden verhaftet. hiesigen Gestapo messen betrug. dürfen", bat ihn Ton. geistgasse in Ge ihrer Schicksals Männer saßen da Dame mit schnee en. Sie hatte zwe ei sich, auffallend schöne und aufgeweckte Kinder, die Marion bekannt waren. Es waren die Mädchen eines Arztes, der in Birkholz gefangen saß, mit der Hausdame, die Rebekka hieß und von den Kindern Tante genannt wurde. Die Mutter war schon vor Jahren gestorben. Die beiden schwarzlockigen Mädchen, Meta und Rosa, begrüßten Marion mit großem Jubel. ,, Wie schön, daß du auch bei uns bist, Marion!" riefen sie. ,, Nun sind wir nicht mehr so allein." Marion war bis zur Dunkelheit mit ihnen beschäftigt, so daß sie zuweilen völlig ihre furchtbare Lage vergaß. Als die Nacht herannahte, erzählte sie ihnen Märchen, bis beide auf Rebekkas und ihrem Schoß einschliefen. ,, Tropfen um Tropfen, bis der Kelch voll ist!" jammerte ein alter Jude mit erschreckend tiefer Baẞstimme. ,, Habe Erbarmen, mein Herrgott!" Dieser Jude mit der tiefen Baẞstimme hieß Simon und war allen Leuten der Stadt bekannt. Er besaß früher in der Wilhelmstraße ein großes Geschäft für Südfrüchte und galt als reicher Mann. Als man ihm sein Geschäft wegnahm, das heute einem Parteianhänger gehörte, betrieb er einen Hausierhandel, Mamuschka hatte oft von ihm gekauft. Seine Frau, die den Verlust des Geschäfts nicht verwinden konnte, nahm sich das Leben. Das war zuviel für einen Mann. Seitdem war Simon etwas wunderlich geworden. Er hatte ein rotes Gesicht und rote, dicke Hände, einen grauen, breiten Bart und trug einen alten, steifen Hut, der ihm bis auf die Ohren herabsank und vom Wetter eine rötliche Farbe angenommen hatte. ,, Bald wird der Kelch voll sein, mein Herrgott!" rief er durch die Stille. دو , Gott hat eine schwere Prüfung über uns verhängt, und wir müssen sie in Geduld ertragen, Simon!" klang aus der Finsternis Mamuschkas Stimme. Sie war sehr religiös. Marion war ihr im tiefsten Herzen dankbar, daß sie ihr nicht die leisesten Vorwürfe machte. Nur ein einziges Mal hatte sie zu ihr gesagt: ,, Da siehst du nun, wohin es führt, wenn man sich mit den Verruchten einläßt, Marion. Du hast deine Strafe weg, und ich mit dir, weil ich dich nicht abgehalten habe!" Die primitive Kammer war ungeheizt und in der Nacht eisig 425 kalt. Der entsetzliche Winter wollte nicht weichen. Am nächsten Tag gab man ihnen einen Eimer dünne Brotsuppe mit einem einzigen Holzlöffel für sie alle, gegen Abend brachte man sie zum Bahnhof und stopfte sie in den Zug, der sie in der Nacht zu einer Station bei einer großen Stadt beförderte, die viele für Dresden hielten. mehr von M Hier wurden sie in einen kleinen Wartesaal geführt, der überfüllt von Menschen war. Die Luft war dick von Qualm und üblen Gerüchen. Frauen und Kinder, alte und junge Männer kampierten zwischen Haufen von Koffern, Säcken, Schachteln und Gepäckstücken aller Art und vollführten einen ungeheuren Lärm. Wenn der Tumult zu stark wurde, befahl ein junger Soldat der schwarzen Parteitruppe mit lauter Stimme ,, Ruhe", und es blieb auf einige Minuten still. Der Soldat stand in Mantel und hohen Stiefeln in einer Ecke des überfüllten Raumes voll frierender Menschen, denen der Atem aus dem Munde dampfte. Es waren Juden aus Frankfurt und anderen Orten, die hier zu einem Sammeltransport vereinigt werden sollten. unternomme lein? Nur zeh er umfiel." Plötzlich e Marion, wie eine Dame mit einem Pelzmantel bekleidet, erregte Aufsehen durch ihre Jugend und südländische Schönheit, Bewunderung aber riefen die beiden bildhübschen Mädchen Meta und Rosa hervor, die jedermann liebkosen wollte. war da. Die aber der Sold Bahnsteig hin Der Zugb wagen. Der I für die Begleit Hochschwangere Frauen, die Mäntel über den Leib geknöpft, befanden sich unter der Menge, andere gaben ihren Säuglingen die Brust, andere machten sich zurecht, kämmten, bürsteten, frisierten ihr Haar. Eine Anzahl der Männer lag schlafend auf Bänken und Stühlen, viele auf dem Fußboden. Marion stockte der Atem. soldaten, die und Witze m wagen unter ,, Immer la kommen noc schön zusam Eine korpulente Frau wälzte sich auf dem Boden hin und her und schlug mit Händen und Füßen wie besessen um sich, während sie gellend schrie:„ Ich will nicht mehr leben. Ist denn niemand da, der mich totschlägt? Ihr seid alle ein feiges, herzloses Gesindel!" ,, Ruhe!" rief der Soldat in der Ecke. Endlich w schen, daß ni dem Gewehr und mit einer Es dauerte ,, Ihr Mann wurde gestern erschossen", raunte ein junger Mann Marion zu. Er sah aus wie ein Verkäufer aus einem Modesalon, hatte braune Locken, eine hellblaue Binde und wich nicht 426 und Pack ve gekommen, Mamuschka, Mädchen hat sprachige jun Einsteigen be sicht und den Wagen gestol Als die Sch Wagen. Eine Kinder alle a sie schnell zu voller Schoko Grundgü merte eine al n. Am nächsten mit einem ein- 'e man sie zum hrt, der über- on Qualm und junge Männer 0, Schachteln ungeheuren 5 fahl ein junger timme„Ruhe“, ß eib geknöptt Säuglingen hin und br Ist den! s, herz iR sich, wir mehr von Marions Seite.„Man sagt, er hat einen Fluchtversuch unternommen‘“, tuschelte er weiter.„Wer soll das glauben, Fräu- lein? Nur zehn Schritt hat er sich vom Zug entfernt, ich sah wie er umfiel.“ Plötzlich entstand Bewegung und Geschrei: der Transportzug war da. Die Menge drängte mit Kisten und Koffern zur Türe, aber der Soldat jagte sie zurück und ließ nur einen Teil auf den Bahnsteig hinaus.„Erster Wagen!“ befahl er. Der Zug bestand aus einem Personenwagen und fünf Vieh- wagen. Der Personenwagen, gleich hinter der Lokomotive, war für die Begleitmannschaft bestimmt, blutjungen schwarzen Partei- soldaten, die lachend und rauchend auf dem Bahnsteig standen und Witze machten über die eilende Menge, die den ersten Vieh- wagen unter Geschrei stürmte. „Immer langsam, Herrschaften!“ rief der Wachtsoldat.„Alle kommen noch mit. Die Fensterplätze sind schon besetzt. Immer schön zusammenrücken, es gehen noch zehn Stück hinein!“ Endlich war der erste Viehwagen so vollgestopft mit Men- schen, daß niemand mehr Platz hatte, auch wenn der Soldat mit dem Gewehrkolben nachhalf. Die Schiebetür wurde geschlossen und mit einer eisernen Querstange abgeschlossen. Es dauerte über eine Stunde, bis der ganze Wartesaal mit Sack und Pack verstaut war. Marion war in den letzten Viehwagen gekommen, da sie nicht die Gabe besaß, sich vorzudrängen. Mamuschka, die Hausdame Rebekka und die beiden schönen Mädchen hatten sich nicht von ihr trennen lassen. Der ge- sprächige junge Verkäufer mit der blauen Binde war ihr beim Einsteigen behilflich. Zuletzt wurde Simon mit dem roten Ge- sicht und dem tiefsitzenden steifen Hut mit dem Kolben in den Wagen gestoßen. Als die Schiebetür geschlossen wurde, war es fast dunkel im Wagen. Eine Weile waren alle ganz still, dann begannen die Kinder alle auf einmal aus’ Angst zu schreien, doch es gelang, sie schnell zu beruhigen. Marion hatte die ganze Handtasche voller Schokolade. Und schon setzte sich der Zug in Bewegung. „Grundgütiger Himmel, wohin werden sie uns fahren!“ jam- merte eine alte Frau mit heiserer Stimme. 427 ,, Nach dem Osten! Wir kommen alle ins Getto." ,, Grundgütiger Himmel! Gibt es so etwas in der Welt?" Da aber ertönte Simons tiefe Baẞstimme von der Tür her. Er rief laut und drohend, so daß alle Gespräche verstummten: ,, Der Herr aber wird Schwefel und Feuer auf ihre Häuser herabwerfen, daß sie verbrennen!" Im Waggon herrschte eine erstickende Luft, und schon nach geraumer Zeit verbreitete sich ein unerträglicher Gestank aus einer Ecke, wo die Männer einen primitiven Abort eingerichtet hatten. Wollte jemand die Ecke aufsuchen, so mußte er über Kisten und Säcke klettern und sich zwischen den zusammengepferchten Menschen hindurchzwängen. Der Zug fuhr nach Osten, und man sah durch die Spalte der Schiebetüre den Schnee auf den Feldern. Zuweilen glitt die Spalte an verschneiten Wäldern und Gehöften vorbei, und manchmal sah man auch die Schneeflocken draußen vorüberwirbeln. Erst war es eisig kalt im Wagen gewesen, je näher aber der Abend kam, desto grimmiger wurde die Kälte. Die Füße in den dünnen Schuhen erstarrten. und ihre Ki wanken!" E Allmählic schwarz. Je noch einen Kerze sah verängstigte lebte wieder Lichtschein Ein schmaler Schatten drängte sich an Marion heran. Es war der junge Verkäufer mit den braunen Locken. Obschon es sehr dunkel war, sah sie, daß er den Hut abnahm. ,, Ich sehe Sie leiden, gnädiges Fräulein", sagte er höflich. ,, Kann ich irgend etwas für Sie tun?" Marion war todmüde und zu Eis erstarrt. Sie versuchte mit den eisigen Lippen zu lächeln. ,, Danke", erwiderte sie ,,, wir leiden ja alle." I das leise H und die Ges Es wurde und Ballen, , Wollen Sie sich nicht auf meinen Koffer setzen, er ist bequemer als der Ihre? Ich werde glücklich sein, Ihnen dienen zu können." " Schnarchen Türspalte. ,, In welches Getto sollen wir denn kommen?" fragte die gleiche heisere Stimme wie vorhin bei der Abfahrt des Zuges. ,, Nun, nach Krakau oder Warschau, sie haben jetzt überall Gettos eingerichtet." " Wenn dame mit d hielt. Mario Die heisere Stimme lachte. ,, Ja, bis dahin sind wir alle längst krepiert! Ist denn so etwas in der Welt möglich?" Mantel gehi Simon aber sagte mit seinem tiefen Baß an der Türe: ,, Die Frucht ihrer Weiber aber wird zu Stein im Mutterleib werden, 428 Aus dem des Singen Am näch vorbei, daß blaugefroren gingen. Au liegen, so da Simons, der breiter Bar blauen Nase Hatte ma nicht einen Eine korpu keuchend a der Welt?“ der Tür her. Er mten;„Der z# Häuser herab- und schon nach Gestank aus eingerichtet fte er über den zusammen- Zug fuhr nach s den Schnee zen Wäldern ne flich.„Ram und ihre Kinder werden an Stöcken blind durch die Gassen wanken!“ Es hörte sich an wie ein schauerlicher Fluch. Allmählich wurde es dunkel, der Streifen an der Türe wurde schwarz. Jemand zündete irgendwo eine Kerze an.„Ich habe noch einen kleinen Stumpen gefunden!“ Im trüben Licht der Kerze sah man blasse, erstarrte Gesichter, tränende, frostrote, verängstigte, vom Grauen erfüllte Augen. Die Unterhaltung lebte wieder auf und alle wandten den Blick nach dem fahlen Lichtschein wie auf etwas Wunderbares, Glückverheißendes, das leise Hoffnung einflößte. Dann erlosch das Licht langsam und die Gespräche schliefen wieder ein. Es wurde still im Wagen. Die Menschen schliefen auf Kisten und Ballen, auf Menschenleibern, auf dem Boden, man vernahm Schnarchen da und dort. Die Kälte aber drang wie Eis durch die Türspalte. „Wenn wir nur erst im Getto wären“, flüsterte die Haus- dame mit den langen weißen Haaren, die Rosa auf dem Schoß hielt. Marion hatte auf ihren Knien die kleine Meta in ihren Mantel gehüllt. Aus dem Personenwagen hinter der Lokomotive drang grölen- des Singen und Gelächter. | XIV Am nächsten Morgen fegte der Schnee so dicht an der Spalte vorbei, daß einzelne Flocken in den Wagen drangen, wo sie auf blaugefrorenen Gesichtern und frostroten Händen langsam ver- gingen. Auf Mänteln, Koffern, Kisten und Säcken blieben sie liegen, so daß der Wagen wie eingeschneit aussah. Der steife Hut Simons, der dicht bei der Spalte saß, war voller Schnee, und sein breiter Bart war steif wie ein Brett. Der Tropfen unter seiner blauen Nase war zu einer Eismasse gefroren. Hatte man den Transport vergessen? Nicht ein Stück Brot, nicht einen Löffel Suppe, nicht einmal einen Schluck Wasser! Eine korpulente Frau mit vollem Busen lag erschöpft und keuchend auf dem Boden, die dicken Beine ausgestreckt, den 429 Rücken gegen die Wagenwand gelehnt. Sie hatte nicht mehr die Kraft, sich auf den Beinen zu halten. Als der Zug in einer Station hielt, rief der junge Verkäufer mit den braunen Locken den Soldaten an, der bei jedem Aufenthalt zur Kontrolle am Zug entlangging. ,, Wir haben eine Kranke im Wagen, Soldat", schrie er durch die Spalte. ,, Nur sachte, sie wird schon wieder gesund werden", antwortete der Soldat lachend. ,, Die Fahrt dauert noch lange." ,, Aus der Hölle sind sie gestiegen, in die Hölle wird der Herr sie hinabstoßen!" schrie Simon mit seinem tiefen Baß durch die Spalte und lachte zornig, so daß der Schnee von seinem steifen Hut fiel. Die hübs blickte auf. rasch. Panik während sie trommelten Hunger, Durst, Kälte, es war etwas zuviel. Man durchwühlte Koffer und Säcke, aber nichts, nichts, nichts, die letzten Vorräte waren längst aufgezehrt. Es war zum Verzweifeln. Der Zug hielt erneut, und man schob die beiden kleinen schwarzlockigen Mädchen Meta und Rosa an die Türspalte, sie riefen mit ihren feinen Stimmchen in das Schneetreiben hinaus: ,, Wasser, Soldat, Wasser! Wir bitten um Wasser!" Die Hausdame Rebekka mit den schneeweißen Locken schrie über den steifen Hut Simons hinweg so laut sie konnte: ,, Brot, ein Stück Brot, Soldat!" jeder Statio Endlich Parteitrupp am schrei Mann, knap Eine wahre Rebellion entstand im Viehwagen. Männer und Frauen stießen Beschimpfungen und Flüche aus. ,, Wir sollen wohl krepieren? Schämt euch, ihr gemästeten Halunken! Frauen und Kinder laßt ihr verhungern! Schande und Schmach! Pfui über euch!" runzelte sei Wenn das ganzen Was " Simon aber schrie mit seinem tiefen Baß durch die Spalte: ,, Aus der Hölle sind sie gestiegen, in die Hölle werden sie fahren!" Der Soldat aber ging achtlos weiter. Aus allen fünf Viehwagen drangen Rufe und Geschrei. Im Wage sie alle Ang frieren. Die Frau zur Seite un Die Kinder ner auf, die In einer größeren Station, wo der Zug länger hielt, versuchte Marion ihr Heil, und alle Augen waren voller Hoffnung auf sie gerichtet. Sie sah eine junge hübsche Schwester des Roten Kreuzes Zigaretten rauchend auf dem Bahnsteig stehen. ,, Haben Sie Mitleid, Schwester!" rief sie der jungen Pflegerin zu. ,, Geben Sie uns eine Kanne Wasser! Der Brunnen ist gleich hinter ihnen." 43° Wir hab dem braune lierenden So Laßt sie der Dämme Endlich stehenblieb. Passagieren und die be Türen blieb noch imme Als es sc Nacht, Fros Waggon wa sie schliefen Wand geleh in der Dun e nicht mehr die junge Verkäufer ei jedem Aufent ben eine Kranke werden", antmoch lange." le wird der Herr n Baß durch die on seinem steifen Man durchwühlte letzten Vorräte n. Der Zug hielt arzlockigen Mädmit ihren feinen Soldat, Wasser! en Locken schrie e konnte: ,, Brot, en. Männer und aus. ,, Wir sollen eten Halunken! de und Schmach! urch die Spalte: erden sie fahren!" fünf Viehwagen rhielt, versuchte Hoffnung auf sie es Roten Kreuzes Haben Sie Mit. ,, Geben Sie uns ter ihnen." Die hübsche Schwester nahm die Zigarette aus dem Mund und blickte auf. Dann spie sie verächtlich aus und entfernte sich rasch. Panik erfaßte die Eingeschlossenen. Sie schrien und riefen, während sie mit Füßen und Stöcken gegen die Wagenwand trommelten. Panikgeheul und Getrommel wiederholten sich in jeder Station aus allen Viehwagen. Endlich kam mit dem Soldaten ein Offizier der schwarzen Parteitruppe an den Waggon, gerade als das Getrommel und Geschrei am heftigsten tobte. Es war ein junger, semmelblonder Mann, knapp zwanzig Jahre alt. Er trat dicht an die Spalte, runzelte seine knabenhafte Stirn und rief mit heller Stimme: ,, Wenn das Getrommel nicht sofort aufhört, so lasse ich den ganzen Waggon glatt erschießen, verstanden!" Im Waggon wurde es ganz still. Vor dem Erschießen hatten sie alle Angst, es schien noch schlimmer als verhungern und erfrieren. Die Frau mit dem vollen Busen war gestorben. Sie glitt still zur Seite und lag starr da. Niemand wagte es, sie zu berühren. Die Kinder schrien und weinten. Endlich rafften sich zwei Männer auf, die sie zur Seite trugen und mit einem Sack zudeckten. ,, Wir haben eine Tote im Wagen!" schrie der Verkäufer mit dem braunen Lockenkopf auf der nächsten Station dem patrouillierenden Soldaten zu. ,, Laßt sie nur liegen. Tote laufen nicht davon!" erscholl es aus der Dämmerung. Endlich lief der Zug in Görlitz ein, wo er eine volle Stunde stehenblieb. Ein Zug aus Berlin mit jammernden und schreienden Passagieren in acht Viehwagen war fast gleichzeitig eingefahren, und die beiden Transporte wurden zusammengekoppelt. Die Türen blieben die ganze Zeit geschlossen, und die tote Frau lag noch immer unter ihrem Sack. Als es schon völlig dunkel war, fuhr der lange Zug ab, in Nacht, Frost und Schnee hinein. Die meisten Häftlinge in Marions Waggon waren durch Hunger und Kälte so sehr erschöpft, daß sie schliefen. Manche schliefen im Stehen, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, und nur noch einzelne vertraten sich stöhnend in der Dunkelheit die Füße. Selbst Simon mit der tiefen Baẞ431 stimme war völlig still. Die Kinder hatten längst aufgehört zu jammern und zu schreien. Als der Zug mitten in der Nacht in einer Station bei Breslau einlief, öffneten nur noch wenige die verquollenen, geröteten Augen, geblendet von dem grellen Licht der Lampen, das durch die Spalte fiel. In dieser halb vom Schnee begrabenen Station gelang es Marion, von einer älteren Krankenschwester ein großes Stück Brot zu erhalten. Die Schwester, betroffen von der Schönheit des jungen Mädchens, reichte es ihr verstohlen. ,, Nehmen Sie es rasch!" sagte sie. ,, Es ist uns aufs strengste verboten." Der junge Verkäufer, der sich stets in Marions Nähe aufhielt, beglückwünschte sie zu ihrem Erfolg. ,, Ich bete zu Gott", sagte er ,,, daß ich in das gleiche Getto komme wie Sie, gnädiges Fräulein!" Als der Tag graute, wurde die Begleitung des Transports gewechselt. Zum erstenmal wurde die Türe aufgeschoben, und ein Soldat mit einer trüben Laterne überprüfte eine Liste. Kaum daß sich noch ein Kopf hob. Zwei alte, steifg fielen ihnen entge ,, Die Juden verpesten die ganze Gegend!" schrie er hustend einem Kameraden zu, der neben ihm stand. ,, Ein Saustall ist nichts dagegen. Ausmisten müßte man den Wagen." len Schädel, Gle Glasaugen und m setzt zurückwich schwarzlockige N und mit Glasaug Krieg, und sie h Mut! Sie räumte dem Viehwagen die Hände kame Eingewickelt in gerollt, daß sie w der fromm war, Sein Kamerad nahm einen Eimer Wasser, den er in der Hand trug, goß ihn über die Schlafenden aus und lachte laut. ,, In Polen haben sie Zeit dazu!" lachte er. Dann wurde die Türe wieder zugeschoben und der Zug fuhr weiter. Das letzte, was Marion im Halbschlaf sah, war der Feuerschein von Hochöfen. Im Wagen war es jetzt ganz still geworden. Man hörte kein Sprechen mehr, kein Räuspern, kein Stöhnen, kein Husten, nicht einen Laut. Totenstill bewegte sich der Transport durch die verschneite Landschaft. Die Kälte sank in dieser Nacht auf fünfzehn Grad unter Null. Als sie in einer Kopf voller eisg sches, junges Mäd sofort in die Aug Ein schönes fragten sie. Aber andern in den S langsam die schw Sie lebt ja no Marion zu einer konnte sie ja mi Hier in der w An der polnischen Grenze entstand ein längerer Aufenthalt. Es wurde endlos gehämmert, rangiert und geschrien. Marions Waggon wurde abgekoppelt und auf ein Nebengeleis geschoben, wo man ihn stehenließ. Seine Achse war defekt. Als Bahnarbeiter einige Stunden später gegen Mittag die Schiebetür öffneten, bekamen sie einen tödlichen Schrecken! 432 mählich wieder Milch, in die sie " Was in aller leinchen?" fragte Ich weiß es n wegen konnte. Am Abend ha denken konnte. und einen Bleisti paar Worte für uns beiden gut", 28 Totentanz gehört zu Nacht in wenige die ellen Licht es Marion, ck Brot zu des jungen es rasch!" The aufhielt, Gott", sagte diges Fräunsports geen, und ein ste. Kaum er hustend Saustall ist n der Hand . ,, In Polen e wieder zuMarion in hörte kein usten, nicht rch die ver auf fünfzehn ufenthalt. Es ons Waggon en, wo man Mittag die Schrecken! Zwei alte, steifgefrorene Juden mit langen, vereisten Bärten fielen ihnen entgegen, dem einen rollte der steife Hut vom kahlen Schädel. Gleich darauf aber stürzte sich ein Gespenst mit Glasaugen und mit schneeweißen Locken über sie, so daß sie entsetzt zurückwichen. Das Gespenst trug in Decken gehüllt zwei schwarzlockige Mädchen auf den Armen, ebenfalls steifgefroren und mit Glasaugen. Es graute den Bahnarbeitern, aber es war Krieg, und sie hatten schon viel Entsetzliches gesehen. Immer Mut! Sie räumten die Erfrorenen, die kein Ende nahmen, aus dem Viehwagen und legten sie nebeneinander, wie sie ihnen in die Hände kamen, in den Schnee. Zählen wollten sie sie später. Eingewickelt in Mäntel und Tücher, waren viele so zusammengerollt, daß sie wie Bündel dalagen, besonders die Frauen. Einer, der fromm war, drückte ihnen die Augen zu. Als sie in einer Ecke eine ältere Frau aufhoben, die den ganzen Kopf voller eisgrauer Löckchen hatte, gewahrten sie ein hübsches, junges Mädchen in einem wertvollen Pelzmantel, der ihnen sofort in die Augen stach. ,, Ein schönes Mädchen! Wie kommt die Italienerin hierher?" fragten sie. Aber in dem Augenblick, da sie das Mädchen zu den andern in den Schnee legen wollten, seufzte Marion und schlug langsam die schwarzen Augen auf. ,, Sie lebt ja noch!" riefen sie erstaunt, und zwei Männer trugen Marion zu einem nahen Wärterhaus. Der nächste Transport konnte sie ja mitnehmen. Hier in der warmen Stube des Wärterhauses kam Marion allmählich wieder zu sich. Eine alte, rundliche Frau gab ihr heiße Milch, in die sie Brot einweichte. ,, Was in aller Welt haben Sie denn verbrochen, liebes Fräuleinchen?" fragte die Alte und weinte. ,, Ich weiß es nicht", flüsterte Marion, die kaum die Lippen bewegen konnte. Am Abend hatte sie sich schon so weit erholt, daß sie nachdenken konnte. Die Alte gab ihr auf ihre Bitte ein Stück Papier und einen Bleistift, und sie schrieb langsam und voller Mühe ein paar Worte für ihren Vater nieder. ,, Sorge Dich nicht, es geht uns beiden gut", schrieb sie. ,, Du erhältst bald einen langen Brief." 28 Totentanz 433 Die Alte hatte einen Sohn, der Soldat war und morgen nach Breslau in die Kaserne mußte. ,, Er kann den Brief in Breslau einwerfen", flüsterte sie Marion leise ins Ohr ,,, niemand wird es erfahren." Marion dankte ihr, als sie aber für den Boten einen Hundertmarkschein hinlegen wollte, hob die Alte abwehrend die Hand. ,, Von Unglücklichen nehmen wir kein Geld, Fräuleinchen", sagte sie. ,, Gott soll uns davor beschützen." Marion fand beim Suchen in ihrem Täschchen zu ihrem Erstaunen einen flachen, geschliffenen Brillanten von der Größe einer Linse. Sie erinnerte sich nicht, woher dieser Stein gekommen war, vielleicht wollte sie sich einmal einen Ring daraus machen lassen? ,, Nehmen Sie diesen Brillanten zum Andenken", sagte sie zu der Alten. ,, Sie können ihn jemand schenken, vielleicht ist er auch nichts als Glas." Die Alte nahm den Stein zum Andenken, sie war überzeugt, daß es Glas war, sie stammte aus der Gablonzer Gegend. Am nächsten Morgen kam ein neuer Transport von fünfzehn Viehwagen aus Berlin durch, und zwei Soldaten holten Marion ab. 434 Stundenlang g und ab. Das Vor großen Karte s völlig bedeckte, die sich vom Eis ungeheure Rußla nicht zu sagen be Der Winter h die Truppe tun? dung, ohne feste ja nur mit sechs Sechs Wochen burg? Um Fabia konnte sich irren Gestern sprach sie wegen völlige war ein Hüne vo nervt, daß er kau wochenlang, mo sie vor Übermü gimenter! Ein H Deutschland, die Glücklicherwe Handschuhen, w W daß gestattet, so Briefen für seine fürchteten als de Es war Zeit, da ertönen ließ, um fachen. Er erklä I Stundenlang ging Fabian in seinem pompösen Arbeitsraum auf und ab. Das Vorzimmer war verödet. Zuweilen blieb er vor der großen Karte stehen, die nahezu seinen riesigen Schreibtisch völlig bedeckte, und vertiefte sich in die blauen und roten Kurven, die sich vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer quer durch das ungeheure Rußland zogen. Seine Miene war nachdenklich, um nicht zu sagen besorgt. Der Winter hatte ungeheure Verluste verursacht. Was sollte die Truppe tun? Kein Dach über dem Kopf, ohne warme Kleidung, ohne feste Stiefel, ohne genügende Ernährung? Man hatte ja nur mit sechs Wochen Krieg gerechnet. Sechs Wochen, Herr Oberst von Thünen! Moskau? Petersburg? Um Fabians Mundwinkel zuckte es. Selbst ein Oberst konnte sich irren und sogar ein General! sagte er sich. Gestern sprach er in der„, Kugel" einen älteren Stabsarzt, den sie wegen völliger Erschöpfung in Urlaub geschickt hatten. Es war ein Hüne von einem Mann, heute aber war er derartig entnervt, daß er kaum ein Weinglas halten konnte. Tag und Nacht, wochenlang, monatelang hatten sie da draußen amputiert, bis sie vor Übermüdung umsanken, ganze Kompanien, ganze Regimenter! Ein Heer von Einbeinigen gespensterte heute durch Deutschland, die Toten aber schwiegen. Glücklicherweise hatte Clotilde den jungen Harry mit dicken Handschuhen, warmen Strümpfen und Wollsachen gut ausgestattet, so daß man unbesorgt sein konnte. Er bettelte in allen Briefen für seine Kameraden und Soldaten, die die Kälte mehr fürchteten als den Tod. Es war Zeit, daß der oberste Kriegsherr wiederum seine Stimme ertönen ließ, um den sinkenden Mut des Volkes neu zu entfachen. Er erklärte klipp und klar, daß das russische Heer ver437 nichtet sei, ein für allemal vernichtet, es werde sich nicht wieder erheben! Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen! Wenn das nicht genügte? Der Pressechef des Reiches verkündete nach einigen Tagen dasselbe. Vernichtet, vernichtet, vernichtet! Fabians Augen glänzten wieder voller Vertrauen. Was sollte man von den Meldungen des ,, Unbekannten Soldaten" halten, der behauptete, die deutschen Truppen hätten vor Moskau schwere Niederlagen erlitten, die sie zum Rückzug zwangen? Lug und Trug war alles, nichts sonst. Oberst von Thünen klingelte ihn sogar an, um ihm zu sagen, daß der vom Winter verursachte Stillstand überwunden sei und die Heere sich wieder vorwärts bewegten. ,, In vier Wochen sind wir in Moskau, ich wette meinen Kopf!" schrie er ins Telefon. Major Ta zu erzählen ihn vor sich wie? Nein, Die Fanfaren im Radio kündigten große Siege in der Ukraine an. Schlachtenlärm und Siegesgeschrei erfüllten Fabians Ohr, und es gab Tage, da er seinen langweiligen Bürodienst nur schwer ertragen konnte. Er sah sich hoch zu Roẞ neben seiner Batterie über die Acker sprengen, die Geschütze klirrten, die Schollen schwarzer Erde flogen in die Höhe. Gerade in einer solchen Stimmung erfuhr er eine Neuigkeit, die in seinem Herzen wieder neue Hoffnung entfachte. Taubenhaus ist in der Stadt, sagte man ihm. deutsche A macht. Er und jetzt b Berlin und Taubenhaus! Vielleicht kam er, um seinen Dienst als Bürgermeister wieder zu übernehmen, und dann, Fabian, bist du frei und du weißt, wohin du zu gehen hast! ihn nach S wie hier, w mordio sch Krieg seine Zwillingen! Schon aber war Taubenhaus auch im Rathaus. Das erste, was Fabian sah, war, daß er Major geworden war. Braungegerbt vom Wetter sah er aus, nichts mehr von seiner Blässe, die Kopfhaare, die sonst wie Borsten emporstanden, waren kurzgeschoren, er hatte sich einen stattlichen Bart stehenlassen, der ihm ein entschlossenes, feldmäßiges Aussehen gab. genommen, e war. Und er war früh Wunder! N haftig nicht damit hung Taubenhaus sprach nicht mehr laut, er schrie, er kommandierte, alle Welt flog nur so. Das war der Ton von da draußen! Großzügig lud er Fabian auf heute abend um neun Uhr in den ,, Stern" zu einer Flasche ein. Der Gauleiter würde ebenfalls zugegen sein. nötig hatte schon lagen Weine! Sch Malaga? Sch Leider bl kaufen hier für seine W Ofen, Vorh Büstenhalte Taubenha Langeweile, An vielen gab immer Verkehr ka herrschte K in der Stad träge in Clo Fabian, wer 438 icht wieder er Herr gegen Tagen Was sollte en" halten, or Moskau zwangen? hünen klinWinter versich wieder Moskau, ich der Ukraine ms Ohr, und nur schwer ner Batterie die Schollen ner solchen rzen wieder Stadt, sagte als Bürger bist du frei as erste, was gegerbt vom Kopfhaare, eschoren, er hm ein enter kommanda draußen! Uhr in den ebenfalls zuMajor Taubenhaus, das war wohl selbstverständlich, hatte viel zu erzählen, wie alle, die von da draußen kamen. So wie man ihn vor sich sah, war er Kommandant von Smolensk. Eine Stadt, wie? Nein, keine Stadt, sondern ein einziger Trümmerhaufen, deutsche Artillerie und deutsche Tanks hatten ganze Arbeit gemacht. Er hatte sich ein Regierungsgebäude herrichten lassen, und jetzt bauten sie ein Kasino, die gottvollste Sache zwischen Berlin und Moskau. Stadtbaurat Krieg von hier baute es, er hatte ihn nach Smolensk befohlen. Da brauchte er nicht zu knausern wie hier, wo er wegen einer Treppe von dreißig Mille zetermordio schrie. Ein Schauspiel für Götter war es gewesen, als Krieg seine Tochter Hermine wiedersah, den einen von den Zwillingen! Taubenhaus hatte ja die Kleine mit nach Smolensk genommen, wo sie als Hausdame und Chef des Sekretariats tätig war. Und einen Küchenchef hatten sie, ganz einfach erstklassig, er war früher im ,, Hotel Eden" in Berlin gewesen, ein wahres Wunder! Nun, über ihre Verpflegung konnten sie sich wahrhaftig nicht beklagen, ja, man könnte behaupten, im Vergleich damit hungerten die Leute in der Heimat. Wenn sie einen Ochsen nötig hatten, schon war er da, brauchten sie fünfzig Hasen, schon lagen sie am nächsten Tage in der Küche. Und Weine, Weine! Schnäpse, Liköre. Wollten sie Sekt, Whisky, Tokaier, Malaga? Schon ist es da! Leider blieb Taubenhaus nur drei Tage. Er war zum Einkaufen hierhergekommen. Riesige Kisten und Ballen kaufte er für seine Wohnung in Smolensk zusammen, Lampen, elektrische Ofen, Vorhänge, Bettvorleger, Teppiche, Staubsauger, Parfüme, Büstenhalter für die Damen, es war ein ganzer Waggon voll. Taubenhaus war abgereist und in der Stadt herrschte die alte Langeweile, bis wieder jemand mit Neuigkeiten von der Front kam. An vielen Abenden war sogar der„ Stern" völlig verödet, es gab immer weniger Männer in der Stadt. Einen gesellschaftlichen. Verkehr kannte man schon lange nicht mehr. In allen Familien herrschte Kummer und Trauer, es gab nur noch wenige Familien in der Stadt, die nicht einen Toten zu beklagen hatten. Die Vorträge in Clotildes Salon waren seltener geworden und langweilten Fabian, wenn er ehrlich sein sollte. 439 Zuerst hatte es den Anschein, als ob seine Beziehungen zu den Damen Lerche- Schellhammer wieder neu aufleben würden, aber diese Hoffnung, die Fabian beglückte, war bald wieder in nichts zerronnen. Frau Beate hatte ihn einige Male zum Abendessen eingeladen, um ihm ihren Dank auszudrücken, daß er ihr seinerzeit beigesprungen war. Bei einer dieser Gelegenheiten überreichte sie ihm eine Mappe wertvoller Kupferstiche, die sie von ihrem Vater geerbt hatte. Man speiste gut, trank ein Glas Wein, man unterhielt sich ein paar Stunden lang vorzüglich, schön, aber es war nicht zu leugnen, daß jene herzliche Stimmung von früher nicht wieder aufkommen wollte. Häufig stockte das Gespräch, noch öfter aber bewegte es sich in konventionellen Formen, die alle drei peinlich empfanden. halblauten I Frau Beate war die einzige, die ihre gute, alte Laune bewahrte, während sie wie zuvor ihre starken Zigarren rauchte. ,, Ich besitze in der Tat eine prophetische Ader", scherzte sie. ,, Habe ich nicht vorausgesagt, meine beiden Schwägerinnen würden mit den Kindern auf ihrem Gut in der Schweiz sitzen, wenn wieder Krieg kommen sollte? Erinnern Sie sich nicht, Doktor?" Das hatte sie in der Tat wiederholt geäußert. Fabian fand, daß sie in neuerer Zeit auffallend mehr Kognak trank als früher. man zu sage „ Vorzügl raten mir z halb sollten sprechen kö Frau Bea lich wäre da hat sich ve sind nicht n imstande. D andere Bede Wahrheit, von der W vergiftet un hinter der Christa dagegen hatte die Unart angenommen, während des Gesprächs Zeichnungen und Einfälle auf ein Stück Papier zu kritzeln, als ob sie ihre Gedanken mehr beschäftigten als die Unterhaltung. Sie schwieg oft lange Zeit, schien zerstreut und geistesabwesend. Wie früher umschwebte ein Lächeln ihre Züge. Zuweilen hatte es auch den Anschein, als ob in ihr wieder die alte Sympathie für ihn erwache, aber doch spürte er in der gleichen Minute deutlich, daß sie jedem vertraulichen Wort auswich. Nun errötete sie nicht mehr, wenn er sie anblickte. Früher, wenn sie ihm auch nur eine Tasse Kaffee eingoẞ, umspielte ein zärtliches Lächeln ihre Lippen, heute aber war es nur ein Lächeln der Höflichkeit, nichts anderes. ,, Die Damen sind um vieles stiller geworden, scheint es mir", konnte Fabian sich nicht enthalten, einmal zu bemerken. ,, Um vieles stiller?" fragte Frau Beate und nickte. Mit einem 44° zu oft das gab. Uns all noch einfac Wenn d " nachdenklic Frau Bea allzu wahr! im höchsten Betrübt Fabian an di Sollte es wa Fabian ha und Mamus gefährlich w halten. Seit den Sanitäts gen zu den ürden, aber er in nichts eingeladen, merzeit beierreichte sie hrem Vater mielt sich ein zu leugnen, aufkommen bewegte es empfanden. me bewahrte, te. ,, Ich be . ,, Habe ich den mit den wieder Krieg Das hatte sie e in neuerer während des Papier zu gten als die erstreut und an ihre Züge r wieder die r in der glei Wort auskte. Früher, mspielte ein ein Lächeln eint es mir" erken. e. Mit einem halblauten Lachen fuhr sie fort: ,, Das ist wohl möglich. Je mehr man zu sagen hätte, desto stiller wird man." دو Vorzüglich ausgedrückt", erwiderte Fabian ,,, aber Sie verraten mir zur selben Minute, daß Sie viel zu sagen hätten. Weshalb sollten Sie in meiner Gegenwart nicht alles ebensogut aussprechen können wie früher?" Frau Beate lachte. ,, Wie früher!" rief sie aus. ,, Ach, wie herrlich wäre das! Aber es gibt kein, Früher' mehr. Die Welt um uns hat sich verändert, und wir haben uns mit ihr verändert. Wir sind nicht mehr fähig, wie früher zu sprechen, niemand ist dazu imstande. Die Begriffe haben sich geändert, die Worte haben eine andere Bedeutung gewonnen. Man hat zuviel gehört, Lüge und Wahrheit, alles durcheinander, und kann kaum noch die Lüge von der Wahrheit unterscheiden. Wir sind alle vom Argwohn vergiftet und von Mißtrauen zerfressen, wir befürchten alle, hinter der Wand könnte einer stehen, der zuhört. Wir haben zu oft das Wort Denunziant gehört, das es früher bei uns kaum gab. Uns allen fehlt es an Unbefangenheit und Natürlichkeit, um noch einfach, klar und wahr sprechen zu können." دو Wenn das alles wahr wäre, was Sie sagen", versetzte Fabian nachdenklich ,,, so wäre es unendlich traurig." Frau Beate griff nach einer neuen Zigarre. ,, Leider ist es nur allzu wahr!" erwiderte sie. ,, Und es ist nicht nur traurig, sondern im höchsten Grade tragisch, daß es dahin gekommen ist." Betrübt und von tiefer Niedergeschlagenheit erfüllt, ging Fabian an diesem Abend durch den stillen Hofgarten nach Hause. Sollte es wahr sein, was Frau Beate sagte? II Fabian hatte Sanitätsrat Fahle sofort besucht, als er von Marions und Mamuschkas Verhaftung erfuhr, wenn es auch nicht ungefährlich war, mit einem Juden irgendeine Verbindung zu unterhalten. Seit diesem Besuch hatte er sich allerdings nicht mehr um den Sanitätsrat gekümmert und war daher sehr überrascht, als 441 Fahle eines Tages in seiner Sprechstunde im Rathaus bei ihm vorsprach. Seine Sekretärin fragte schüchtern an, ob er einen alten Mann mit einem ,, Judenstern" empfangen würde? Seit er Taubenhaus vertrat, war es in der Tat das erstemal, daß ein Jude zu ihm kam. ,, Selbstverständlich!" entschied Fabian, ohne sich zu besinnen. Er liebte es, seine unabhängige Haltung in der Judenfrage zu betonen. ,, Meine Stellung als Bürgermeister macht es mir zur Pflicht, jeden Bürger der Stadt zu empfangen, Fräulein." Sie ken Sanitätsrat Fahle ni Zähne zwis Als aber zu seinem Erstaunen der Sanitätsrat eintrat, wich er unwillkürlich einen Schritt zurück. Ein Skelett kam zur Türe herein. Im durchsichtig blassen Gesicht Fahles brannten große schwarze Augen unter grauen buschigen Brauen, sein Bart war schneeweiß geworden und bestand nur noch aus spärlichen, dünnen Haaren, wie Fabian es zuweilen bei chinesischen Masken gesehen hatte. Aber nicht Fahles Aussehen allein hatte Fabian erschreckt, mehr noch war es der gelbe Judenstern, den der Sanitätsrat auf dem viel zu weiten Mantel trug. ihn, jawohl ich weiß. U rührte, von zugeben mi einzige, wa Fabian e das Gesprä er ihn, ob e Bei Gott, ein in der ganzen Welt berühmter Gelehrter, Mitglied vieler Akademien des Auslandes, trug dieses beschämende Abzeichen! Fabian versuchte sein Gefühl der Scham hinter der ungewöhnlichen Höflichkeit zu verbergen, mit der er Fahle empfing und zu einem Sessel führte. ,, Ich kann diesen Stern bei Ihnen nicht ertragen, Herr Sanitätsrat", rief er bei der Begrüßung unwillig aus. ,, Sofort werde ich beim Gauleiter anklingeln und Ihnen einen Dispens erwirken." Sofort v Augen flam erschienen Von Ma der polnisc Breslau und geschrieben Hoffentlich einzige Glü Indessen, heit zu Fal Angelegenh Sanitätsrat Fahle aber protestierte sehr höflich dagegen. ,, Ich würde jegliche Vergünstigung augenblicklich ablehnen müssen", sagte er in völligem Gleichmut, und die vereinzelten Haare seines Bartes bewegten sich, während er sprach. ,, Es ist der, Stern' der Partei, dem man aus Hohn die Gestalt eines Ordens gegeben hat. Offen gestanden, ich schäme mich keineswegs, ihn zu tragen, denn jedermann kann sofort erkennen, daß ich nicht zu der Nation gehöre, die Pogrome verübt." Er sprach klar und ohne alle Rücksichtnahme, und Fabian staunte über die starke und selbstsichere Haltung, die der alte Mann heute verriet. 442 wies verkau „ Amsel Erstaunen lionär bin" Man zw Wieder Es war in Sanitätsrat Schikanen, seinen siebz seiner Ner stellen kon jedoch nich zu ihm kam. zu besinnen. es mir zur n. crat, wich er im zur Türe anten große ein Bart wat spärlichen, chen Maske hatte Fabian „Sie kennen ja meinen Standpunkt in diesen Fragen, Herr Sanitätsrat“, erwiderte er, um sich persönlich reinzuwaschen. Fahle nickte und lächelte ironisch, daß man seine kleinen Zähne zwischen den dünnen, stahlblauen Lippen sah.„Ich kenne ihn, jawohl!“ sagte er.„Es ist der Standpunkt vieler Leute, wie ich weiß. Um so erstaunlicher ist es, daß niemand eine Hand rührte, von Ihrem Bruder Wolfgang abgesehen! Sie werden das zugeben müssen. Verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit, sie ist das "einzige, was man uns Juden gelassen hat.“ Fabian errötete über die bitteren Vorwürfe Fahles und um das Gespräch von diesem peinlichen Thema abzulenken, fragte er ihn, ob er Nachricht von Marion habe? Sofort veränderte sich Fahles blasses Gesicht, seine dunklen Augen flammten lebhaft, und an den Seiten seiner kalkigen Nase erschienen lebhafte rote Streifen. „Von Marion?“ fragte er erfreut.„Ja, einen kleinen Zettel von der polnischen Grenze konnte sie mir zusenden! Er kam aus Breslau und ist sehr flüchtig und in starker Erregung hin- geschrieben. Trotz aller Flüchtigkeit hat er mich hochbeglückt! Hoffentlich sehe ich mein Kind gesund wieder. Marion ist ja das einzige Glück meines alten Herzens!“ Indessen, der Sanitätsrat war in einer besonderen Angelegen- heit zu Fabian gekommen, in einer sehr eiligen und wichtigen Angelegenheit, wie er sagte. Er wollte ihm sein Gut in Amsel- wies verkaufen. „Amsel wollen Sie verkaufen?“ fragte Fabian mit äußerstem Erstaunen und lachte.„Aber Sie wissen ja, daß ich kein Mil- lionär bin“, setzte er belustigt hinzu. Fahle blieb ernst. „Man zwingt mich dazu, lieber Freund!“ sagte er völlig ruhig. Wieder wunderte sich Fabian über seinen Gleichmut. Es war in der Tat erstaunlich, mit welcher Ruhe und Würde Sanitätsrat Fahle die jahrelangen Verfolgungen, Bedrohungen, , Schikanen, Beschlagnahmungen, Vermögenskonfiskationen bei seinen siebzig Jahren ertrug. Zwar litt er an einer Erkrankung seiner Nerven, die aber niemand bei kurzer Beobachtung fest- stellen konnte. Häufig überfielen ihn Weinkrämpfe, die sich jedoch nicht bei niederdrückenden Anlässen und schweren Schick- 443 salsschlägen einstellten, sondern bei Nichtigkeiten und selbst bei Vorstellungen, die ihn vorher kaum berührten. Wenn er hörte, daß ein Urlauber nach Hause kam und sein Haus nicht mehr vorfand, so mußte er in Tränen ausbrechen, und selbst die Meldung, daß der Urlauber Frau und Kind bei Nachbarn gesund und wohl antraf, konnte ihn nicht mehr beruhigen. Er las, daß irgendwann Tausende von Hessen von ihrem Landesvater als Soldaten verkauft wurden, und war bis zu Tränen ergriffen, obschon er diese Begebenheit schon lange Jahre kannte, ja, er mußte weinen, wenn er sich nur vorstellte, daß ein Hund seinen Herrn verloren hatte. Die Empfindsamkeit war eine Erkrankung seiner Nerven, das wußte er sehr wohl, und doch wollte sich trotz aller Bemühungen keine Besserung einstellen. ich kann di werde Ihne Stelle der sc Organisation tausend Ma dreihundert mehr, aber abkaufen, o An jenem Abend, da man Marion und Mamuschka wegbrachte, und er das Haus verlassen fand, wurde er ohnmächtig. Eine entschlossene Gärtnersfrau pflegte ihn zur Zeit und führte seine Wirtschaft. Ich gebe Ih Doch seine Gedanken gewannen ihre volle Klarheit zurück. Er wußte, daß sein Leben zu Ende war und fügte sich in sein Schicksal. In Zukunft lebte er nur der Hoffnung, Marion wiederzusehen, alles andere hatte keinen Sinn mehr für ihn und ließ ihn völlig gleichgültig. allerdings, S Freunde in ist für Sie s Fabian ha ist das alles In vollem Gleichmut, nur zuweilen unterbrochen von einem leisen ironischen und spöttischen Lächeln, erzählte er Fabian von den Erpressungen, die er von dem Chef der hiesigen Gestapo, einem gewissen Herrn Schilling, erdulden mußte. Er hatte zehn und zwanzig, im ganzen gegen achtzig Mille an ihn unter allen möglichen Drohungen ausbezahlt. Fahle lach Man sah alle Natürlich Sie jetzt, da Einen A seinem Arbe ,, Nun, vor vierzehn Tagen kam dieser Herr Schilling wieder zu mir", fuhr Fahle in seinem Bericht fort ,,, und sagte:, Ich verehre Sie so sehr, Herr Sanitätsrat, daß ich unfähig bin, es auszudrücken. Können Sie dreißig Mille opfern, dann will ich Ihnen verraten, wenn es Zeit ist für Sie, zu verschwinden.' Da ich völlig ausgeplündert war, gab ich ihm zwei kostbare Uhren." Das einzig fahren und zuschenken. schädigen, ge Der Sanitätsrat lächelte, dann fuhr er fort: ,, Gestern nun aber kam Herr Schilling wieder und sagte:, Es ist höchste Zeit! Packen Sie Ihren Koffer, in drei Tagen dürfen Sie nicht mehr hier sein, so einfach is obachten un ist sicher üb wir das Rat Fahle ein sch gabe besteht werde den Amsel" sin Teppiche sin Unausgese auf und ab Es wäre ge einer Weile 444 r nd selbst bei m und sein ausbrechen, d Kind bei ht mehr ben von ihrem is zu Tränen ahre kannte, ß ein Hund war eine Er, und doch instellen. wegbrachte, g. Eine entführte seine it zurück. Er sich in sein rion wiederund ließ ihn von einem Fabian von gen Gestapo, r hatte zehn unter allen illing wieder ad sagte: Ich g bin, es auswill ich Ihnen Da ich völlig ren." tern nun aber Zeit! Packen wehr hier sein, ich kann die Verhaftung unmöglich länger hinausschieben. Ich werde Ihnen eine Adresse in Berlin geben, es ist eine geheime Stelle der schwarzen Parteitruppe, da erhalten Sie einen Paß der Organisation Todt und fernere Weisungen. Der Paß wird dreitausend Mark kosten, die Lebensmittelkarten kosten monatlich dreihundert Mark. Ihr Konto ist gesperrt, Geld haben Sie nicht mehr, aber damit Sie keine Not leiden, will ich Ihnen» Amsel«< abkaufen, obschon ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Ich gebe Ihnen hundertfünfzig Mille in bar. Lieber wäre es mir allerdings, Sie fänden einen anderen Käufer! Sie haben gewiß Freunde in der Stadt. Aber es muß rasch geschehen, in drei Tagen ist für Sie sowieso alles verloren!'' CC Fabian hatte sich empört und zornrot erhoben. ,, Sagen Sie mir, ist das alles wahr?" fragte er, indem er an Fahle herantrat. Fahle lachte nun wirklich, es war das erstemal, daß er lachte. Man sah alle seine kleinen Zähne zwischen den bläulichen Lippen. ,, Natürlich ist es wahr!" rief er spöttisch aus. ,, Vielleicht ahnen Sie jetzt, daß auch der Betrug im Dritten Reich organisiert ist?" ,, Einen Augenblick", bat Fabian und ging nachdenklich in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Das einzig Richtige wäre es ja, dachte er, zum Gauleiter zu fahren und ihm über die Schurkerei Schillings reinen Wein einzuschenken. Elemente wie Schilling, die den Ruf der Partei schädigen, gehören glatt erschossen! Aber, schon blieb er stehen, so einfach ist das alles nicht. Schilling läßt Fahle natürlich beobachten und weiß genau, daß er bei mir ist. Auch mein Telefon ist sicher überwacht. Er wird uns beide verhaften lassen, sowie wir das Rathaus verlassen, mich und Fahle. Damit aber wäre Fahle ein schlechter Dienst erwiesen, und die dringendste Aufgabe besteht letzten Endes darin, Fahle zu helfen. Geduld, ich werde den Weg schon finden. Die hundertfünfzig Mille für ,, Amsel" sind ja eine lächerliche Sache, allein die Möbel und Teppiche sind mehr wert. Geduld, noch etwas Geduld. Unausgesetzt folgte Fahle mit seinen schwarzen Augen dem auf und ab gehenden Fabian. ,, Es wäre mir natürlich auch darum zu tun", begann er nach einer Weile unauffällig und leise, um Fabian in seinen Gedanken 445 nicht zu stören ,,, daß, Amsel in gute Hände kommt und jemand für meine Bibliothek die Bürgschaft übernimmt. Hundertfünfzig Mille sind ja schließlich auch ein bescheidener Preis für, Amsel', und Marion wird mich immer finden, wo ich auch bin." Fabian schüttelte den Kopf.„ Amsel" ist mit einer Million noch halb geschenkt, dachte er. Die Bürgschaft für die Bibliothek konnte er natürlich leicht übernehmen, und hundertfünfzig Mille aufzutreiben, war ihm nicht schwer. Soeben war ihm auch die Lösung eingefallen, wie er Fahle helfen konnte, ohne seine Notlage unehrenhaft auszunutzen. ,, Mein verehrter Herr Sanitätsrat!" sagte er lächelnd. ,, Seien Sie völlig beruhigt, Ihre Freunde werden Sie auf keinen Fall im Stich lassen. Ich werde, Amsel' kaufen und heute abend noch mit Justizrat Schwabach den Kaufvertrag aufsetzen. Um elf Uhr morgens können Sie das Geld in Empfang nehmen und am Nachmittag die Stadt verlassen. Eine Bedingung aber werde ich unter allen Umständen stellen müssen, nämlich die, daß Sie, Amsel zu jeder Zeit wieder zum gleichen Preis zurückkaufen können." Einige Zeit später verließen beide das Arbeitszimmer. Fabian begleitete Fahle durch das Vorzimmer bis auf den Korridor hinaus. Die Sekretärin im Vorzimmer stand mit offenem Munde, als sie Fabian mit dem ,, Mann mit dem Judenstern" auf den Korridor verschwinden sah. „ Der M Sie kein L Stimme. Wolfgan Tornister Soldat, ein Fenster ins ,, Gott se Gleichen. H zu. ,, Und Gleichen der Stirn. vieles grau denen die völlig wei staubte Un Weshal nachdem Kommen 6 Gleichen für immer, und ließ sic „ Deserti Gleichen ginnen, abe er. Zuerst III Wolfgang hatte soeben das Licht in seinem Schlafzimmer ausgedreht, als er ein dreimaliges leichtes Picken am Fenster vernahm. Er setzte sich aufrecht und lauschte. Wieder pickte es ans Fenster, leise, wie wenn jemand mit dem Fingernagel an die Scheibe pochte. Nun glitt er aus dem Bett und ging näher. ,, Ist jemand da?" fragte er laut. ,, Ich bin es, Gleichen", raunte eine leise Stimme draußen. ,, Öffnen Sie das Fenster, Professor." Wie?" rief Wolfgang erstaunt aus. Dann lachte er. ,, Kommen Sie doch zur Haustüre, Gleichen." دو 446 aus der Ke ins Atelier, blicken kan rechtmache Wolfgan Gleichen b gewöhnlich Schlaftrunk gekommen, vird vorlä er hier ist. und jemand mdertfünfzig für, Amsel', bin." iner Million ie Bibliothek fünfzig Mille wie er Fahle unutzen. helnd. ,, Seien einen Fall im end noch mit Um elf Uhr and am Nachrde ich unter Sie, Amsel fen können." mmer. Fabian Korridor hinm Munde, als auf den Korafzimmer aus Fenster ver pickte es ans ernagel an die ng näher.„ Ist mme draußen er. ,, Kommen ,, Der Mond ist zu hell. Öffnen Sie das Fenster, aber machen Sie kein Licht. Ich habe meine Gründe", erwiderte Gleichens Stimme. Wolfgang öffnete das Fenster, und sofort wurde ein bestaubter Tornister auf das Fensterbrett geschoben, dann kletterte ein Soldat, eine alte Feldmütze auf dem Kopf, mühsam durchs Fenster ins Zimmer. ,, Gott sei Dank, daß Sie zu Hause sind, Professor!" keuchte Gleichen. Er lauschte in den Garten hinaus und zog die Vorhänge zu. ,, Und jetzt können Sie Licht machen", sagte er. Gleichen legte die Mütze ab und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Sein Gesicht war dick mit Staub bedeckt. Er war um vieles grauer geworden, fast ebenso grau wie seine Augen, in denen die alte düstere Glut brannte. Die Schläfen aber waren völlig weiß. Sein Gesicht war abgezehrt und hart, seine verstaubte Uniform abgerissen und beschmutzt. ,, Weshalb diese Geheimnisse, Gleichen?" fragte Wolfgang, nachdem er sich von der ersten Überraschung erholt hatte. ,, Kommen Sie auf Urlaub?" Gleichen lachte und warf den grauen Kopf herum. ,, Auf Urlaub für immer, damit Sie es wissen, Professor!" antwortete er ruhig und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. ,, Ich bin desertiert!" ,, Desertiert?" Gleichen nickte. Er wollte eine ausführliche Erklärung beginnen, aber Wolfgang unterbrach ihn. ,, Später, Gleichen!" sagte er. ,, Zuerst müssen Sie etwas zu sich nehmen und sich den Staub aus der Kehle spülen. Ihre Lippen sind ja ganz grau! Gehen Sie ins Atelier, die Läden sind geschlossen, so daß niemand hereinblicken kann. Ich werde Retta wecken, Sie soll Ihnen etwas zurechtmachen. Erzählen können Sie später." Wolfgang hatte augenblicklich die Lage übersehen, in der sich Gleichen befand. Wenn er desertierte, so mußte etwas Außergewöhnliches geschehen sein. Er weckte Retta und gab der Schlaftrunkenen Anweisungen. ,, Gleichen ist plötzlich auf Urlaub gekommen, Retta", sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihr. ,, Er wird vorläufig bei uns bleiben. Niemand darf aber wissen, daß er hier ist. Hören Sie, Retta, keine Seele!" 447 Aus dem Schlaf gerissen, nur notdürftig angekleidet, mit zerwühlten, grauen Haarsträhnen bot Retta ein groteskes Bild von Häßlichkeit. ,, Von mir wird niemand etwas erfahren", sagte sie mürrisch, indem sie sich am Kopf kratzte. ,, Ich kann mir denken, daß Herr Gleichen ausgerückt ist, das Militär war nichts für ihn." Gleichen schlang gierig seine Mahlzeit herunter, wie ein Mensch, der tagelang keine Nahrung zu sich nahm. Den Wein trank er wie Wasser. Wolfgang, in einen alten Schlafrock eingehüllt, rauchte schweigend seine Virginia. Endlich hatte Gleichen seinen ersten Hunger und Durst gestillt, er erhob sich und humpelte zu einem Sessel, in den er sich niederließ. ,, Sie hinken ja, Gleichen?" fragte Wolfgang. " ,, Professo Höhle unte Gleichen machte eine wegwerfende Handbewegung. ,, Nichts von Bedeutung", wehrte er ab ,,, ich bin auf der Flucht gestürzt. Einige Tage Ruhe und das Knie wird wieder in Ordnung sein." Er schwieg eine Weile, während er vor sich hinstarrte. Dann begann er langsam seinen Bericht, den Wolfgang vorhin unterbrochen hatte. ansehen. Li reißen!" Erschöpf ,, Die Infa schwiegen und starrt Visionen. Endlich holen.„ Un Er konnte es nicht mehr ertragen, hub er zögernd an. Er hatte wohl gewußt, daß Krieg keine Sachen für Damen und Kinder sei, aber das da draußen war ja kein Krieg mehr, es war Gemetzel und Mordbrennerei! Sie gehörten zu einer Formation, deren Aufgabe es war, die Partisanen im Raume von Petersburg zu bekämpfen. Die Hauptarbeit fiel einem Regiment schwarzer Parteitruppen zu. " Welche Pl Welche Linie will ic Jungen ans Gesinnungs Und da Dann?" ,, Professor!" schrie er. ,, Was haben sie aus unserer Jugend gemacht in ihren Arbeitslagern und ihren Ausbildungsschulen? Gott möge sie in die tiefste Hölle verdammen! Sie haben sie zu wilden Tieren dressiert, sie haben sie in reißende Bestien verwandelt." Dann fah Kampfgrup gesandt, da einen Gehe ruhigem To Russen habe setzt, unver lichen Tanks Scharen vo Armeen. Si motiven un Sehen S Gleichen", Nein, nein, nicht einen Tag länger konnte er das mit ansehen! Brennende Dörfer, brennende Scheunen, brennende Frauen und Kinder, Gehängte, Erschossene, Totgeschlagene, Gefolterte, Verhungerte, Reihen von Juden, Reihen von Partisanen, hineingeschossen in die selbstgeschaufelten Gräber! Nein, nein, nein, nicht einen Tag länger wollte er das miterleben. Er wollte auch nicht mehr davon sprechen, selbst das wollte er nicht mehr! 448 lernt!" Er z und überrei Gleichen ich ihn ja Dackeln. H Mene, m 29 Totentanz det, mit zerkes Bild von en", sagte sie mir denken, chts für ihn." er, wie ein m. Den Wein hlafrock einnd Durst gein den er sich gung. Nichts ucht gestürzt. rdnung sein." starrte. Dann vorhin unterand an. Er hatte n und Kinder ar, es war Ge er Formation won Petersburg ment schwarzer rer Jugend ge sschulen? Gon an sie zu wilden verwandelt." as mit ansehen! de Frauen und Gefolterte, Ver isanen, hinein ein, nein, nein Er wollte auch nicht mehr! ,, Professor!" schrie er. ,, Lieber will ich wie ein Tier in einer Höhle unter der Erde leben, als diese Verruchtheiten länger mit ansehen. Lieber sollen sie mich hängen, köpfen oder in Stücke reißen!" Erschöpft schwieg Gleichen still. ,, Die Infamen!" stieß Wolfgang nach einer Weile hervor, dann schwiegen sie beide lange Zeit. Wieder saß Gleichen regungslos und starrte vor sich hin, das Auge angefüllt mit düsteren Visionen. Endlich erhob sich Wolfgang, um sich eine neue Zigarre zu holen. ,, Und was wollen Sie jetzt anfangen, Gleichen?" fragte er. , Welche Pläne haben Sie?" دو ,, Welche Pläne?" Gleichen richtete sich langsam auf. ,, In erster Linie will ich nach Amselwies gehen und meine Frau und meinen Jungen ans Herz drücken", antwortete er. ,, Dann will ich meine Gesinnungsgenossen in der Stadt besuchen und dann-" ,, Und dann?" ,, Dann?" begann Gleichen, der allmählich hellwach wurde. ,, Dann fahre ich nach Berlin, wo eine starke, entschlossene Kampfgruppe am Werke ist. Sie haben mir ins Feld Botschaft gesandt, daß sie mich brauchen. Neuerdings besitzen sie sogar einen Geheimsender. Der Krieg, lieber Freund", fuhr er in ruhigem Ton fort ,,, der Krieg wird nicht mehr ewig dauern. Die Russen haben ungeheure Heere in Marsch gegen unsere Front gesetzt, unvergleichlich ausgerüstet, mit Geschwadern von vorzüglichen Tanks, gegen die nicht einmal die Hölle ankämpfen kann. Scharen von Partisanen kämpfen im Rücken der Front, ganze Armeen. Sie plündern die Eisenbahnzüge, zerstören die Lokomotiven und reißen kilometerlang die Schienen auf." ,, Sehen Sie sich den neuen, Unbekannten Soldaten an, Gleichen", unterbrach ihn Wolfgang. ,, Er hat viel von Ihnen gelernt!" Er zog ein Blatt aus einem Stapel von Papieren hervor und überreichte es Gleichen. Gleichen ergriff es voller Begierde und Freude. ,, Morgen werde ich ihn ja sehen", rief er aus.„ Es ist der Alte mit den zwei Dackeln. Hoffentlich macht er seine Sache gut!" ,, Mene, mene, tekel, upharsin!" war der Propagandabrief über29 Totentanz 449 schrieben. ,, Die Wende des Kriegs ist überschritten! In Rußland, Afrika, auf dem Meer und in der Luft, überall ist das deutsche Heer in die Defensive gedrängt. Die Landung der Engländer und Amerikaner in Algier aber bedeutet den Nagel für den Sarg der deutschen Armee." ,, Tausende deutsche Männer verlieren täglich das Leben, zweitausend und an Schlachttagen fünftausend und zwanzigtausend! Deutschland verblutet wie ein Mensch, dem man die Pulsadern aufschneidet. Zerbrecht die Ketten!" Gleichen nickte befriedigt und lachte. ,, Wenn jetzt dem Volk immer noch nicht die Schuppen von den Augen fallen!" ,, Ihre Pläne, Gleichen", begann Wolfgang von neuem ,,, scheinen mir ganz vernünftig zu sein. Vorläufig aber lasse ich Sie hier nicht fort, damit Sie es wissen! Sie sehen ja halbverhungert aus und müssen erst wieder in einigen Wochen Kräfte sammeln. Vergessen Sie nicht, daß Sie in Berlin gute Nerven brauchen werden, auch Ihr Knie muß erst völlig ausgeheilt sein. Sie können doch nicht so jämmerlich herumhumpeln!" erwachte was er tat in die Er Retta die Gleichen sah all das ein. Er nickte. ,, Besonders mein Knie muẞ wieder in Ordnung kommen!" rief er aus. ,, Sie haben natürlich recht, und daß ich in Berlin Kräfte brauchen werde, auch das ist sicher." Aber er hielt es für nötig, Wolfgang auf die Gefahren aufmerksam zu machen, denen er sich selbst aussetzte. fort Vork geschickt von der C an der H fenster, ,, Sie können Gift darauf nehmen, Professor", sagte er ,,, daß die Gestapo eines Tages hierherkommen wird, früher oder später, und dann werden wir beide gehängt." SO Er selb durch das Garten al Dicht am aus, breit er mit ein Erde irge haben m wenn es irdische H brochene Wolfgang wackelte unruhig mit den Beinen, wie er es immer tat, wenn er sich etwas Unangenehmes vorstellte. ,, Das wäre sicher äußerst unangenehm", erwiderte er ,,, besonders da ich nichts mehr fürchte als den Galgen. Ich bin, offen gestanden, zu feige, um selbst aktiv irgendwie tätig zu sein. Den Tod fürchte ich nicht so sehr als Kerker und Mißhandlungen. Aber was wollen Sie, in Zeiten wie diesen muß man schließlich etwas wagen. Sie geben mir Gelegenheit, auch meinerseits eine Kleinigkeit für unsere Sache zu tun, indem Sie sich einige Wochen bei mir erholen." Gleichen schlief in dieser Nacht im Atelier wie ein Toter und Gleiche Wolfgang mit dem Die Sp räume, o und Bette durchwül ofens, des Schritte Dann zog Gleiche erst wiede war. De gegangen, regung. Retta a Schreck in 20+ 菊 450 In Rußland, das deutsche ıgländer und den Sarg der Leben, zwei- zigtausend! Jie Pulsadern em Volk Ilen!“ em,„scheinen Sie hier nicht erwachte am nächsten Tag erfrischt und zuversichtlich. Das erste, was er tat, war, Uniform, Mütze und Tornister einen Meter tief in die Erde zu vergraben. Er arbeitete so geschickt, daß selbst Retta die Stelle nicht wiederfinden konnte. Dann begann er so- fort Vorkehrungen für ihre allgemeine Sicherheit zu treffen. Sehr geschickt in technischen Dingen, legte er eine elektrische Klingel von der Gartenpforte zum Haus. Eine weitere Klingel brachte er an der Haustüre an, dazu einen kleinen Spiegel am Küchen- fenster, so daß man sie nicht einfach überrumpeln konnte. Er selbst hauste im kleinen Speisezimmer, von dem aus man durch das Fenster rasch in den Garten verschwinden konnte. Im Garten aber arbeitete er geheimnisvoll eine volle Woche lang. Dicht am Haus schachtete er in einem Fliedergebüsch eine Grube aus, breit und tief genug, um darin zu sitzen. Nachts humpelte er mit einem Sack über die Acker und verstreute die ausgehobene Erde irgendwohin. Er war de? Ansicht, daß er ein Versteck haben müsse, in dem er sich einige Stunden aufhalten konnte, wenn es nötig sein sollte. Den schmalen Eingang in seine unter- irdische Klause verbarg ein altes Mistbeetfenster mit halbzer- brochenen Blumentöpfen. Gleichens Prophezeiung, daß die Gestapo eines Tages auch in Wolfgangs Haus kommen würde, traf tatsächlich ein, allerdings mit dem Unterschied, daß man sie nicht überraschen konnte. Die Spitzel durchsuchten das ganze Haus, Keller und Boden- räume, ohne etwas zu finden. Sie durchstöberten alle Schränke und Betten, durchstreiften den verwahrlosten kleinen Garten und durchwühlten die Arbeitskammer und den Heizraum des Brenn- ofens, dessen Koksvorrat sie umschaufelten. Gleichen hörte ihre . Schritte dicht an seinem unterirdischen Versteck vorübergehen. Dann zogen sie wieder ab. Gleichen kauerte vier Stunden in seiner Klause und wagte sich erst wieder heraus, nachdem weit und breit nichts mehr zu sehen war.„Der Galgen ist noch einmal glücklich an uns vorüber- gegangen, Professor!“ sagte er lachend, immer noch blaß vor Er- regung. Retta aber mußte sich sofort ins Bett legen, so sehr war ihr der Schreck in die Glieder gefahren. .29* Volle acht Wochen lebte Gleichen bei Wolfgang, ohne daß irgend jemand etwas ahnte, nicht einmal Christa, die jede Woche zwei Nachmittage in Jakobsbühl verbrachte. Er war wieder zu Kräften gekommen und sein zerschundenes Knie war völlig ausgeheilt. Nun aber konnte ihn keine Macht der Welt länger zurückhalten. Einige Abende verbrachte er bei seinen Gesinnungsgenossen in der Stadt und endlich konnte er es auch wagen, seine Familie in Amselwies in aller Heimlichkeit zu besuchen. Da er weder Tram noch Omnibus benutzen konnte, brauchte er allein drei volle Stunden für den Weg und konnte sich bei seiner Frau und seinem Jungen nur eine knappe Stunde aufhalten. Zu seiner großen Freude fand er seine Frau bei gebesserter Gesundheit vor. Sie war ruhig und gefaßt wie immer, nur als er sie wieder verlassen mußte, weinte sie. , Welch ein Land ist das", rief sie aus ,,, wo man sich wie ein Verbrecher verbergen muß, nur weil man nichts Schlechtes tun will!" " ,, Du weißt, daß wir für die Freiheit und eine bessere Zukunft kämpfen!" ermutigte er sie. Sein Junge aber durfte ihn in der Nacht bis nach Jakobsbühl begleiten. Am nächsten Tag brachte ihn ein Bauer in einer Fuhre Heu nach der nächsten größeren Stadt, wo er verschwand. Er war auf dem Wege nach Berlin. die ihren e war die wi einer der k Empfänge Gauleiter Billard mit seinem Ro Im Herb Möhn, daß aber bei B brachte er losen Zech rück. Er sa geprägt tri bei der Beg vom russis Monaten w Aber R Rumpf ein deutschen weil er rec ersten Tag Ich hat lassen hatte mich nicht wage es nic IV Um Gauleiter Rumpf war es sehr still geworden. An dem Gerücht, daß er in Ungnade gefallen sei, schien in der Tat etwas Wahres zu sein. Man schien ihn vergessen zu haben. Es kamen keine Anrufe aus München mehr, keine Kuriere und Sonderflugzeuge. Rumpf war ein toter Mann. Nachdem die ,, schöne Jüdin" nicht mehr in die ,, Burg" kam, erhielt er häufig Besuche einer Schauspielerin vom Stadttheater, 452 Heere ersc ihn seit Jal Vorsehung Rittmeis war nicht russischen Drei Ta konnte vor Empfänge wieder die Da aber ohne daß jede Woche wieder zu völlig auslänger zusgenossen in e Familie in te, brauchte nte sich bei He aufhalten. esserter Gemur als er sie sich wie ein hlechtes tun sere Zukunft Jakobsbühl Fuhre Heu and. Er war An dem Geer Tat etwas en. Es kamen d Sonderflug„ Burg" kam, Stadttheater, die ihren eigenen Wagen hatte, aber bald wieder wegblieb. Dann war die witzige Majorin Silberschmied einige Wochen lang Gast einer der kleinen Villen, die zur ,, Burg" gehörten. Es fanden viele Empfänge und Gelage in der ,, Burg" statt, wie immer, wenn der Gauleiter an Langeweile litt. Er spielte die halbe Nacht lang Billard mit Fabian und leerte dazu zwei bis drei Flaschen von seinem Rotwein. Im Herbst wurde er besonders unruhig, er erzählte Rittmeister Möhn, daß er nun bald nach der Türkei übersiedeln werde, reiste aber bei Beginn des Winters plötzlich nach Kiew ab. Hier verbrachte er den ganzen Winter mit großen Treibjagden und endlosen Zechgelagen und kehrte erst im beginnenden Frühjahr zurück. Er sah wohlgenährt und gesund aus und trug eine so ausgeprägt triumphierende Miene zur Schau, daß Rittmeister Möhn bei der Begrüßung annahm, er bringe ausgezeichnete Nachrichten vom russischen Kriegsschauplatz mit. Man hatte in den letzten Monaten wenig Erfreuliches aus dem Osten gehört. Aber Rittmeister Möhn täuschte sich. Nicht deshalb trug Rumpf eine triumphierende Miene zur Schau, weil die Lage der deutschen Truppen sich erheblich gebessert hatte, sondern nur weil er recht behalten hatte, als er den Krieg mit Rußland vom ersten Tag an verurteilte. ,, Ich hatte recht, Möhn", sagte er, kaum daß er das Auto verlassen hatte ,,, die Sache in Rußland sieht mulmig aus. Fragen Sie mich nicht, was uns Sebastopol und die Krim gekostet haben. Ich wage es nicht, Ihnen die Zahlen zu nennen! Jetzt stoßen unsere Heere erschöpft und lustlos erneut zum Don vor. Nun, ich habe ihn seit Jahren gewarnt, Sie wissen es, aber der Busenfreund der Vorsehung ließ sich ja nichts sagen, er wußte stets alles besser!" Rittmeister Möhn verneigte sich zustimmend, aber sein Lächeln war nicht überzeugend. ,, Es ist wahr, Sie haben stets von dem russischen Feldzug abgeraten", sagte er. Drei Tage lang fand Rumpf es in der Stadt erträglich. Er konnte von seinen Jagden erzählen, Bekannte begrüßen, offizielle Empfänge im ,, Stern" veranstalten, dann aber peinigte ihn schon wieder die alte Langeweile. Da aber ereignete sich ein Wunder! Mitten in der Nacht wurde 453 er aus dem Hauptquartier angerufen und zum Vortrag befohlen. Zwei Stunden später saß er in seinem Flugzeug. Nach vier Tagen kam er zurück, noch den Glanz der neuen Gnadensonne im Gesicht. Er stürzte sich sofort in die Arbeit und schloß sich sogar in seinem Arbeitszimmer in der„, Burg" ein. ,, Ich bin drei Tage nicht zu sprechen, für niemand!" befahl er. ,, Rittmeister Möhn wird mich vertreten." Er arbeitete einige Tage ohne jede Pause, denn wenn er wolite, war er von einer unfaßbaren Zähigkeit. Dazu trank er täglich drei Flaschen von seinem Rotwein und rauchte Dutzende von schweren Importen. Vogelsberger tippte Tag und Nacht auf der Maschine, denn die Angelegenheit war so geheim, daß selbst eine vereidigte Sekretärin keinen Einblick erhalten durfte. In jeder Nacht führte er lange Gespräche mit dem Hauptquartien Endlich war er fertig und befahl Rittmeister Möhn zu sich. Grunde gen haben wir se Auch Mo ,, Hören Sie, Möhn", sagte er ,,, dieses Schreiben ist so wichtig, daß es niemand zu Gesicht bekommen darf. Ich erteile Ihnen den Auftrag, es persönlich dem Statthalter in Wien zu überbringen. Machen Sie sich schnellstens zur Abreise bereit." Er sah in der Tat erschöpft aus, sechsunddreißig Stunden hatte er kein Auge zugemacht. auch amüsa Am gleic hatte ein K heit, sich ei In Wien war jetzt be Rittmeister seines Hote sie seinerzei galt sie als wertvolle S geheuer ges der Oper zu Rittmeister Möhn klirrte mit den Sporen. ,, Zu Befehl!" ,, Halten Sie, Möhn", rief Rumpf ihn zurück ,,, es ist mir noch etwas eingefallen. Da Sie nach Wien kommen, wird es Ihnen leicht fallen, Madame Austria ausfindig zu machen. Sie erinnern sich? Wir sind zwar das letztemal etwas rauh mit ihr umgegangen, aber sie wird uns das schließlich nicht mehr übelnehmen, sie ist nicht so empfindlich. Das beste wäre, wenn Sie die schöne Charlotte einfach gleich mitbrächten! Sagen Sie ihr, daß ich sie auf drei Monate einlade. Sie hat auch Aussicht, Hausdarhe auf meiner Gralsburg am Marmarameer zu werden. Die Türken lieben schöne Frauen. Erzählen Sie ihr das." Aufs tiefste in die Hän Schauspieler ein Theater und Direkt Mit ihrer Rittmeister Möhn war sehr erfreut, den Gauleiter in so vorzüglicher Laune zu sehen, es war immerhin erstaunlich für einen Mann, der sechsunddreißig Stunden nicht geschlafen hat. , Charlotte ist ja schließlich ganz drollig, wenn sie mir auch damals auf die Nerven ging", fuhr Rumpf lachend fort. ,, Im " 454 Madame sollte. Mit ersten Scha viel auf ein aber dann dieselbe hü grün, einma konnte sie heit nichts. mehr aus Möhn eint war pleite, Rittmeis Hotel zu A war völlig a befohlen. ı der neuen ‚Arbeit und „Burg“ ein. “ befahl er. ner wollte, k er täglich ende von acht auf der ß selbst eine te. In jeder artıen End- so wichtig, \e Ihnen den erbringen. Grunde genommen ist sie nicht alberner als andere Frauen. Wie haben wir seinerzeit über das ‚blühende Leben‘ gelacht, hahaha!“ Auch Möhn lachte.„Gewiß, sie ist nicht nur schön, sondern auch amüsant!‘ sagte er. Am gleichen Abend reiste Rittmeister Möhn nach Wien. Er hatte eirr Kurierabteil für sich allein und benützte die Gelegen- heit, sich einmal richtig auszuschlafen. In Wien kannte natürlich jedermann die schöne Charlotte. Sie - war jetzt berühmt als Inhaberin des Kabaretts„Madame Austria“. Rittmeister Möhn erfuhr ohne alle Schwierigkeiten vom Portier seines Hotels eine Menge interessanter Einzelheiten über sie. Als sie seinerzeit mit dem Flugzeug aus Deutschland zurückkehrte, galt sie als reich. Sie besaß Geld in Hülle und Fülle und viele wertvolle Schmuckstücke. Natürlich waren ihre Ambitionen un- geheuer gestiegen, sie war vom Ehrgeiz erfüllt, Solotänzerin bei der Oper zu werden. Indessen reichte dazu ihr Können nicht aus. Aufs tiefste verletzt zog sie sich von der Oper zurück und fiel in die Hände einiger gerissener Theaterleute und fragwürdiger Schauspieler, die ihr einredeten, sie sei zugkräftig genug, um allein ein Theater zu füllen und könne weiß Gott auf alle Regisseure und Direktoren verzichten. Mit ihrem Geld und ihrem Kredit gründeten sie das Kabarett „Madame Austria“, dessen Hauptattraktion sie selbst werden sollte. Mit einem Schlag avancierte die schöne Charlotte zur ersten Schauspielerin, ersten Tänzerin und ersten Sängerin, etwas viel auf einmal. Das Kabarett ging im ersten Monat glänzend, aber dann wurden die Besucher seltener. Es langweilte sie, immer dieselbe hübsche Puppe tanzen zu sehen, die einmal gelb, einmal grün, einmal rot gekleidet war. Als Schauspielerin und Sängerin konnte sie ohnehin nicht gefallen, da nützte ihr die ganze Schön- heit nichts. Seitdem kam das Kabarett„Madame Austria“ nicht mehr aus den Schulden heraus, und zur Zeit, da Rittmeister Möhn eintraf, lag es in den letzten Zügen. Mit einem Wort, es war pleite, wie der Portier sagte. Rittmeister Möhn speiste mit der schönen Charlotte in seinem Hotel zu Abend, aufs neue begeistert von ihrer Schönheit. Sie war völlig außer sich vor Freude, ihn wiederzusehen.„Wie geht 455 es Ihrer entzückenden Braut?" fragte sie.„ Erinnern Sie sich noch, wie reizend beschwipst sie an jenem Abend war? Hieß sie nicht Klara?" ,, Ja, sie hieß Klara", erwiderte Möhn und lachte. ,, Die Kleine ist mir bald darauf mit einem Filmschauspieler durchgegangen." ,, Oh!" Charlotte konnte nicht genug lachen. ,, Wie kann man nur einem Mann wie Ihnen untreu werden? Ich finde das einfach geschmacklos!" rief sie lachend aus. ließ, schwang zuweilen wie einhüllten. D Sie erkundigte sich nach Fabian, den sie etwas langweilig und eingebildet nannte, sie fragte nach allen Bekannten, natürlich war sie in erster Linie für das Befinden des Gauleiters interessiert. ,, Er ist der großzügigste und genialste Mann, den ich in meinem Leben kennenlernte", rief sie schwärmerisch aus. Sie schien ganz vergessen zu haben, daß Rumpf sie eines Tages sehr schroff und fast beleidigend ausquartierte.„ Ich werde ihn nie vergessen", sagte sie. ,, Immer muß ich daran denken, daß er so liebenswürdig war, mir ein Flugzeug nach Wien zur Verfügung zu stellen!" Nun, sie schien Rumpf auf keinen Fall noch böse zu sein. angestrahlt, lodernder Fl letzt stand C geschickt Schluß lache allein drei g schienen auss Dann erzählte sie von ihren Eroberungen und Erfolgen, die geradezu ans Märchenhafte grenzten, Barone und Grafen, ein Fürst sogar, hatten sie umschwärmt, Majore, Obersten und Generale. Sie nannte alle Namen, bis Möhn der Kopf schwirrte. Das waren gottvolle Zeiten! Die Bühne ihres Theaters stand voller Blumen, sie mußte zuweilen einen besonderen Fiaker nehmen, um sie alle nach Hause zu schaffen, wie gesagt, es war ein Leben wie im Paradies! m Als Charl eine exklusiv Kellner sich Erst jetzt, Um ein halb zehn Uhr aber mußte Charlotte in ihrem Kabarett auftreten, und es war selbstverständlich, daß sie Rittmeister Möhn ihre Loge zur Verfügung stellte. hielt es Ritt Gauleiters z Charlotte Das Theater war klein und faßte kaum mehr als zweihundert Leute. Zu beiden Seiten waren kleine Boxen eingebaut, die Charlotte Logen nannte. war sie berei Die Oh, der sch ja noch imm ,, Er wird tanzen, Cha Die Son Rittmeister Möhn hörte einen Wiener Komiker, dessen Scherze er kaum verstand und darauf eine leidlich gute Sängerin. Dann aber trat ,, Madame Austria" in ihrer neuesten Glanznummer ,, I Sonnenbraut" auf. In ein dünnes Trikot gekleidet, das sie fast nackt erscheinen Möhns Han Monate sage aus und rich werden wir Ich habe wenn es Ihn Schön, ü alle hier zuri als Schwind Geld aus de schönes Leb sie aus ihren lachte vergn einen Rosens 456 rn Sie sich ar? Hieß sie „ Die Kleine ngegangen." e kann man das einfach gweilig und m, natürlich interessiert. in meinem schien ganz schroff und vergessen", ebenswürdig zu stellen!" sein. Erfolgen, die Grafen, ein ten und Gechwirrte. Das stand voller ker nehmen, ar ein Leben rem Kabarett Rittmeister zweihundert ut, die Charessen Scherze ngerin. Dann nummer ,, Die kt erscheinen ließ, schwang die schöne Charlotte lange, dünne Schleier, die sie zuweilen wie duftige Wolken umflatterten und manchmal völlig einhüllten. Die wehenden Schleier aber wurden mit grellen Lampen angestrahlt, bald weiß, bald rosa, bald rot, bald in den Farben lodernder Flammen, wie es einer Braut der Sonne gebührt. Zuletzt stand Charlotte allein im blendenden Licht und jonglierte geschickt mit einer Anzahl von goldenen Bällen, die sie am Schluß lachend in das Publikum warf. Rittmeister Möhn erhielt allein drei goldene Bälle zugeworfen, und ihre Verbeugungen schienen ausschließlich ihm zu gelten. Als Charlotte sich abgeschminkt hatte, führte sie Möhn in eine exklusive Bar, wo alle Leute sie kannten, und die eleganten Kellner sich tief vor ihr verbeugten wie vor einer Königin. Erst jetzt, da er die schöne Charlotte erneut beobachtet hatte, hielt es Rittmeister Möhn für angemessen, ihr die Einladung des Gauleiters zu übermitteln. Charlotte schrie auf vor Entzücken! Sie war bereit, natürlich war sie bereit, jederzeit, mit Handkuẞ, morgen, wenn er wollte. ,, Oh, der scharmante Gauleiter!" rief sie begeistert aus. ,, Ich bin ja noch immer ganz rasend in ihn verliebt!" ,, Er wird beglückt sein, wenn Sie ihm die, Sonnenbraut' vortanzen, Charlotte", sagte Rittmeister Möhn. ,, Die Sonnenbraut? Aber gerne!" Sie liebkoste Rittmeister Möhns Hand und wollte sie gar nicht mehr loslassen. ,, Drei Monate sagen Sie? Es wird eine herrliche Zeit werden", rief sie aus und richtete ihre schönen Augen auf Möhn.„, Und wann werden wir reisen, mein Freund?" ,, Ich habe morgen noch in Wien zu tun, aber übermorgen, wenn es Ihnen recht ist?" antwortete Möhn. ,, Schön, übermorgen!" sagte Charlotte. ,, Ich bin glücklich, sie alle hier zurücklassen zu können, wissen Sie... Es sind ja nichts als Schwindler, die mir goldene Berge versprachen und mir das Geld aus der Tasche stahlen. Die Hochstapler machten sich ein schönes Leben und lebten wie die Fürsten. Sollen sie sehen, wie sie aus ihren Schulden herauskommen." Die schöne Charlotte lachte vergnügt und verbeugte sich gegen einen Kavalier, der ihr einen Rosenstrauß durch den Kellner überbringen ließ. ,, Aber wir 457 haben ja keine Bühne in der, Burg'?" fragte sie plötzlich erschrocken. ,, Nun, wir werden eine kleine Bühne bauen lassen!" ,, Und keine Beleuchtung für die Sonnenbraut?" fuhr Charlotte mit ihren Fragen fort. ,, Können wir nicht den Beleuchter aus dem Kabarett mitnehmen?" regte Möhn an. ,, Ja, das können wir!" rief Charlotte triumphierend aus. ,, Alle Kabel und Lampen nehmen wir ihnen fort. Dann sollen die Schwindler sehen, wie sie ohne, Madame Austria' weiterkommen!" Charlotte und Rittmeister Möhn reisten am übernächsten Abend ab. Sie blieben einen Tag in München, wo Möhn noch Geschäfte hatte und trafen am nächsten Vormittag in Einstetten ein. ,, Die schöne Charlotte ist in Einstetten", meldete Rittmeister Möhn dem Gauleiter. ,, Herrlich! Das haben Sie wieder glänzend gemacht, Möhn!" Der Rittmeister ließ eine kleine Bühne zimmern, die Beleuchtung einrichten, und am Abend um zehn Uhr tanzte Charlotte die ,, Sonnenbraut". ganzen Während verwandelt w glimpflich d durch Volltr häuser, Kirch Straßenzüge Schäden aber Oberst T nannte die S Fabian und Ansicht der der auszubes Blendendes Licht umfunkelte sie, als Rittmeister Möhn den Gauleiter in den Saal führte. Sie erstrahlte betörend in allen Farben und stand am Schluß in ihrer berückenden Schönheit da, während sie mit den goldenen Bällen jonglierte. Der Gauleiter war hingerissen und die Gäste applaudierten. ,, Da sind Sie ja, schönste Charlotte!" rief der Gauleiter aus. Er half ihr von der Bühne und zog sie an seine Brust. ,, Wir werden uns in diesen drei Monaten nicht langweilen, und ich hoffe nur, daß Sie noch immer das gleiche, blühende Leben sind!" ,, Hatten Sie je daran gezweifelt?" fragte Charlotte lachend, und ihre herrlichen Augen strahlten. essierte. Die Fachl mer hindurc um schließli Stadt in zw würde es et allerdings all Jahr wieder Oberst T durch die St der Hand a In zwöl Krieg gewes Berlin ging Einige W gefallen, abe Während heimgesucht den Besuch sie bevorzug wieder, sie schließlich wann sie wo 458 plötzlich erhr Charlotte Cabarett mitend aus. ,, Alle nn sollen die terkommen!" übernächsten Möhn noch in Einstetten te Rittmeister cht, Möhn!" , die Beleuchuzte Charlotte er Möhn den rend in allen berückenden jonglierte. laudierten. auleiter aus. Er Wir werden 99 ich hoffe nur, sind!" lotte lachend V Während Dutzende von großen Städten schon in Schutthaufen verwandelt wurden, war die Stadt bis heute bei den Luftangriffen glimpflich davongekommen. Eine Anzahl von Häusern wurde durch Volltreffer zerstört, einige öffentliche Gebäude, Krankenhäuser, Kirchen, Fabriken vernichtet, und wenige unbedeutende Straßenzüge und Gassen gingen in Flammen auf. Trotz aller Schäden aber blieb die Stadt in ihrem Wesenskern unberührt. Oberst Thünen, der über jede Bombe genau Buch führte, nannte die Schäden unbedeutend. Er erschien eines Tages bei Fabian und wünschte klipp und klar zu wissen, welche Zeit nach Ansicht der Fachleute nötig sei, um die sämtlichen Schäden wieder auszubessern? Das war die Frage, die ihn am meisten interessierte. Die Fachleute bildeten eine Kommission, die den ganzen Sommer hindurch in der Stadt herumlief, maß, rechnete, debattierte, um schließlich festzustellen, daß sich der gesamte Schaden der Stadt in zwei Jahren wieder beheben lasse. Bei den Kirchen würde es etwas länger dauern. Eine Gruppe von Baumeistern, die allerdings alle der Partei angehörten, wollte die Stadt in einem Jahr wiederherstellen, und zwar bis auf die letzte Dachrinne. Oberst Thünen rauschte in seinem eleganten Auto zufrieden durch die Straßen und triumphierte, als habe er die Bomben mit der Hand aufgehalten. ,, In zwölf Monaten steht die Stadt wieder, als sei niemals Krieg gewesen", schrieb er in seinem Generalbericht, der nach Berlin ging. Einige Wochen später wäre sein Bericht weniger günstig ausgefallen, aber das konnte er ja nicht wissen. Während des Sommers war die Stadt wenig von Fliegern heimgesucht worden, aber im Herbst erhielt sie wieder häufig den Besuch von kleineren Geschwadern. Erst sagten die Leute, sie bevorzugen Mondlicht, damit sie besser sehen können, dann wieder, sie lieben finstere Nächte, um nicht gesehen zu werden, schließlich aber kamen sie darin überein, daß die Flieger kamen, wann sie wollten, ob bei Mondschein oder bei Dunkelheit. 459 In der ersten Oktoberwoche kamen sie zwei Nächte hintereinander, ohne irgendeinen Schaden anzurichten, in der dritten Nacht aber kamen sie in solch starken Geschwadern, daß Frau Beate bei ihrem Gedonner das Herz stehenblieb. Es war eine Nacht mit tiefhängenden Regenwolken, und Frau Beate und Christa saßen beide und lasen, als das Geheul der Sirene sie aufschreckte. Es war kurz nach elf Uhr. دو Wieder! Das ist nun die dritte Nacht, Mama", sagte Christa und legte ihr Buch weg. ,, Ich habe heute gar keine Lust, in den Keller zu gehen, vielleicht halten sie uns wieder zum Narren wie gestern." " C Schatten am wegten sich Beate am Ha Angst. Die beiden Damen blieben jetzt häufig in der Wohnung, die Bestimmungen waren gelockert worden. Anfangs hielt Oberst Thünen streng darauf, daß alle Bewohner den Luftschutzkeller aufsuchten, als aber dreimal die Besucher in Luftschutzkellern bei Rohrbrüchen elend ertranken und wiederholt Wohnungen ausbrannten, während die Besitzer im Keller saßen, stellte es Oberst Thünen jedermann anheim, sein Leben zu Hause oder im Luftschutzkeller aufs Spiel zu setzen. Es scheint nach einer W und bebte s Unheimlich Die Flak begann ihr heftiges Feuer, und Frau Beate und Christa hatten kaum ihre Mäntel angezogen, als auch schon die Geschwader über ihnen dahindonnerten, in einer Breite, die sich von Horizont zu Horizont zu erstrecken schien. Nero, der Bernhardiner, erschien winselnd auf der Terrasse. In der Sch zu zeigen, ab liche Fleck ve Nein, nein, n Fleck blieb in wurde allmä aus der Nach Da unten Die Scheinwerfer huschten nicht wie gewöhnlich mit ihrem gespenstisch bleichen Licht eilig hin und her, sie erschienen wie struppige Rasierpinsel, die gegen die tiefhängenden Regenwolken stießen, in deren zerfetzte Falten sie vergebens einzudringen versuchten. Die Stadt lag dunkel und stumm da, kaum in ihren Umrissen zu erkennen. der Treppe Nun funke und verwand sam durch d schwoll an, mungen und Augenblick s funkelte, qu Plötzlich schwebten vier helle Lampen über der toten Stadt, sie blieben zehn Minuten lang fast unbeweglich in der Luft hängen und sanken kaum merklich tiefer. Und schon begannen die Bomben zu fallen. Sie rauschten, sie gurgelten und ihre Aufschläge dröhnten, daß die Terrasse erbebte und die Scheiben klirrten. ,, Aber heute greifen sie an!" rief Frau Beate, deren massiger 460 mpor, scho Glut gefärbt. Und wied Stadt dahin in die Tiefe. Aus der St Rufe, Schrei erschollen in zur gleichen wolken emp Sieh doch Ich sehe, kämpfte. ächte hinter- n der dritten en, daß Frau Es war eine u Beate und Sirene sie auf- ste Christa ‚ Lust, in den n Narren wie Tohnung, die Schatten am Rand der Terrasse sichtbar war. Neben ihr be- wegten sich unruhige, helle Flecken. Das war Nero, den Frau Beate am Halsband festhielt. Der Hund kläffte und winselte vor Angst. „Es scheint ein schwerer Angriff zu sein, Mama“, sagte Christa ‘ nach einer Weile. Sie wagte sich nicht auf die Terrasse hinaus und bebte so heftig, daß sie nicht sofort sprechen konnte. Unheimlich war das Schweigen ringsum. In der Schwärze der Nacht schien sich ein rötlicher Schimmer zu zeigen, aber man hatte sich wohl getäuscht? Doch der röt- liche Fleck verschwand nicht, er schien sich purpurrot zu färben. Nein, nein, nun war es keine Täuschung mehr! Der purpurrote Fleck blieb im Dunkel zurück, er vergrößerte sich langsam und wurde allmählich tiefrot. Wie ein rotes, böses Auge starrte er aus der Nacht, und plötzlich glomm helle Glut in seinem Innern. „Da unten brennt es“, sagte eines der Hausmädchen, die auf der Treppe des Hauses standen. Nun funkelte das rote Auge drohender, aber plötzlich zerfloß es und verwandelte sich in eine rotglühende, dicke Raupe, die lang- sam durch die Dunkelheit dahinkroch. Die rotglühende Raupe schwoll an, wurde dicker und dicker, sie wand sich in Krüm- mungen und fraß sich unaufhaltsam vorwärts. Nicht einen Augenblick stand sie still. Wo früher das dunkelrote, böse Auge funkelte, quoll purpurner Qualm bis zu den Regenwolken empor, schon waren die Ränder der Wolken von der düsteren Glut gefärbt. Und wieder donnerten neue Geschwader über der finsteren Stadt dahin und die Bomben rauschten, fauchten und gurgelten in die Tiefe. Aus der Stadt drang der wirre Lärm von unzähligen Stimmen, Rufe, Schreie, Signale, die gellenden Glocken der Feuerwehr erschollen in weiter Ferne. Aber auch an anderen Stellen quollen zur gleichen Zeit wie aus einem Vulkan düsterpurpurne Qualm- wolken empor, an drei, vier Stellen, an sechs. „Sieh doch, Mama!“ flüsterte Christa verstört. „Ich sehe, mein Kind!“ rief Frau Beate, die mit dem Hund kämpfte. 461 Im Westen der Stadt aber schossen plötzlich helle Lohen in die Nacht. ,, Das ist im Weberviertel!" riefen die Mädchen auf der Haustreppe wie aus einem Munde. Die Raupe aus dickem, rotem Qualm hatte sich unaufhaltsam vorgeschoben, gefräßig und unheimlich. Sie krümmte sich, wand sich, umschloß nun das ganze Weberviertel, und ganz plötzlich machte sie eine Wendung, als wolle sie zurückkriechen, und man sah da und dort das Band des Flusses, der feuerrot und blank glänzte. ,, Entsetzlich, die armen Menschen!" Die Brandherde verbreiterten sich, flossen an manchen Stellen zusammen, und an einzelnen Orten erkannte man schon Kirchtürme, Schornsteine, steile Giebel. Plötzlich ertönte eine dumpfe Explosion in der Stadt, daß das Haus wankte. دو , Was war das?" Die Mädchen schrien entsetzt auf. Nahe der Stadtmitte stob etwas wie flimmernder, glühender Sand in die finstere Nacht. Helle Flämmchen tanzten auf den Dächern wie Irrlichter. ,, Das sind die Schellhammerschen Werke!" rief Frau Beate aus. ,, Ich sehe deutlich die beiden Kirchtürme, zwischen denen sie liegen." ,, Ich werde rasch das Glas holen, Mama." Stadt schlug sionen erfol Aber da Hofgartens, Bäume haar man vom H stand hinter ,, Da brauche ich kein Glas!" Frau Beate kam mit Nero näher ans Haus und schrie in die Dunkelheit hinaus: ,, Da habt ihr die Antwort auf eure Tanks, seht ihr es? Solange habt ihr das Maul aufgerissen, ihr Großmäuler! Nicht genug konntet ihr kriegen, ihr Besessenen! Wenn das Vater erlebte! Eine Bombe soll euch mit euren Weibern erschlagen!" Sie schluchzte laut und schickte sich an, ins dunkle Haus zu flüchten. zu rücken. ,, Laß dich nicht so gehen, Mama, ich bitte dich!" flehte Christa. Sie war aufs tiefste erschrocken, denn sie hatte es nie erlebt, daß die Mutter schluchzte. „ Das Da chen drauß Und wie die Bomber Frau Beate aber war nicht mehr zu besänftigen. ,, Es ist mir alles einerlei!" schrie sie. ,, Aber bevor sie mich köpfen, sollen sie noch die Wahrheit hören, die Tollhäusler!" Aus dem flimmernden, glühenden Sand inmitten der dunklen 462 Am näch Schutthauf dunstigen selbst das L einer knap Ganze Vie züge nichts sollten zeh Der Stol baut hatter nichtet, da und Schule ten Freske hundert v Asche gele bekannten tausend A Vom W schichten. wie wilde helle Lohen in auf der Haush unaufhaltsam mte sich, wand ganz plötzlich echen, und man rrot und blank manchen Stellen un schon Kirchmte eige dumpfe auf. ander, glühender anzten auf den Frau Beate aus schen denen sie mit Nero nähe Da habt ihr die bt ihr das Mau tet ihr kriegen Sombe soll euch aut und schickte " flehte Christa s nie erlebt, daß gen. ,, Es ist mir öpfen, sollen si ten der dunklen Stadt schlugen helle Flammen, und eine Anzahl dumpfer Explosionen erfolgte rasch hintereinander. Aber da wurde es plötzlich hell hinter den hohen Linden des Hofgartens, so hell, daß man die Stämme und kahlen Wipfel der Bäume haarscharf erkennen konnte. Dahinter lag der Dom, den man vom Hause aus nicht sehen konnte. Eine Wand aus Feuer stand hinter den Linden, sie blendete förmlich und schien näher zu rücken. ,, Das Dach des Doms! Der Dom brennt!" schrien die Mädchen draußen und flohen ins Haus. Und wieder donnerten neue Geschwader über der Stadt, und die Bomben rauschten und gurgelten in die Tiefe. VI Am nächsten Tage bot die Stadt den Anblick eines rauchenden Schutthaufens. Bis hinauf zu den Wolken war sie mit einer dunstigen Schicht aus Staub und Aschenteilchen bedeckt, die selbst das Licht der Sonne nur mühsam durchdringen konnte. In einer knappen Stunde war sie größtenteils vernichtet worden. Ganze Viertel waren zerstört und ausgebrannt, lange Straßenzüge nichts als Trümmer, im eingeäscherten Weberviertel allein sollten zehntausend Menschen umgekommen sein. geDer Stolz der Stadt, der Dom, an dem drei Jahrhunderte baut hatten, war eine qualmende Ruine. Der Bahnhof war vernichtet, das Rathaus, der Justizpalast, Dutzende von Kirchen und Schulen, das herrliche bischöfliche Palais mit seinen berühmten Fresken, es war ein Raub der Flammen geworden. Gegen hundert von kriegswichtigen Fabriken waren in Schutt und Asche gelegt, darunter die Schellhammerschen Werke, die den bekannten Tank ,, Leopard" bauten. Sie hatten zuletzt zwanzigtausend Arbeiter beschäftigt. Vom Weberviertel erzählte man sich die fürchterlichsten Geschichten. Die Leute, vom Feuer ringsum eingeschlossen, flohen wie wilde Tiere bei einem Präriebrand und flüchteten zu 463 Tausenden mit Kindern und Säuglingen durch die Straßen und Gassen, sobald sie aber die glühende, des Sauerstoffs beraubte Luft einatmeten, fielen sie zu Boden und blieben liegen. Andere Tausende wiederum stürzten sich mit brennenden Kleidern in den Fluß und ertranken elend, und nur ganz wenige wurden durch einen günstigen Zufall gerettet. Hunderte, der Hitze erschien als geschürzt, u mit verzerr verkohlten Fünfzigtausend Menschen waren in einer Stunde obdachlos geworden. Am nächsten Morgen war es noch völlig unmöglich, die Straßen zu passieren, eine solch ungeheure Hitze strahlten Straßen und Häuser aus. Auch vermochte niemand die heißẞe, von Brandgeruch erfüllte Luft einzuatmen, die wie ein brauner Nebel aus Staub und Asche zwischen den Häusern schwebte. Noch tagelang hatte die Feuerwehr mit der Bekämpfung alter und neu aufflackernder Brände zu tun. ihren ausge Strümpfen sie verkohl Säugling an Das Frau hatte einen Fabian arbeitete Tag und Nacht in einem der erhalten gebliebenen Zimmer seines halbzerstörten ,, Büros Aufbau". Er hatte mit der Unterbringung der Obdachlosen und tausend anderen dringenden Dingen zu tun. Oberst von Thünen lag mit schweren Brandverletzungen in einem der überfüllten Krankenhäuser, die Baronin von Thünen aber erfüllte unermüdlich, fast ohne Nahrung und Schlaf, ihre schwere Pflichten. Überall tauchte ihre schmucke Uniform mit dem roten Kreuz auf, ihre Schwestern fürchteten ihre Strenge und Unerbittlichkeit. In Wahrheit, die Baronin kam volle drei Tage nicht aus den Kleidern. Schutthauf zählte, hat Müller II, war umgek sich darübe lich hat es a Sie gehörte auch zu den ersten, die den Mut fanden, in das zerstörte und eingeäscherte Weberviertel vorzudringen, das sogar beherzte Männer mieden, ein solches Grauen verbreitete es. Einige Wochen später berichtete sie Clotilde darüber, die von der Katastrophe einfach krank geworden war, so krank, daß sie sich drei Tage ins Bett legen mußte. ,, Nerven mußte man haben, meine Teuerste!" sagte die Baronin ,,, Nerven aus Stahl! Wenn ich allein an die toten Kinder denke!" Allen Spit ergehen!" In der St das bischöf verlassen h Burg" zu Am Anfang der Straßen sah man die Toten nur vereinzelt, je mehr man aber in die Straßen eindrang, um so dichter lagen sie. Sie lagen noch genau so, wie sie niedergestürzt waren, auf dem Gesicht, die Arme ausgestreckt, übereinander, viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. In den Gassen fand man oft gleich 464 war völlig kannte kein heit. Es wa halle, als m zu Boden den. Nein, Einstetten sich in seine stören lasse verachtete, An jenen Fest mit se bis neun U 30 Totentan e Straßen und beraubte Luft Andere Tauleidern in den wurden durch nde obdachlos lig unmöglich, Hitze strahlten and die heiße, wie ein brauner chwebte. Noch alter und neu rhalten geblie bau". Er hatte usend anderen g mit schweren kenhäuser, die Fast ohne Nahtauchte ihre are Schwestern Wahrheit, die ern. fanden, in das ringen, das soverbreitete es. rüber, die von krank, daß sie Ste man haben, s Stahl! Wenn r vereinzelt, je achter lagen sie waren, auf dem le bis zur Unman oft gleich Hunderte, erstickt, halbverkohlt, verbrannt, viele waren von der Hitze ausgetrocknet, so daß ein Erwachsener nicht größer erschien als ein Knabe. Die Frauen hatten häufig die Röcke aufgeschürzt, um besser laufen zu können, so lagen sie da, die Kinder mit verzerrten, aufgerissenen Mäulchen an die Brust gezogen, die verkohlten Säuglinge in eine versengte Decke gewickelt, mit ihren ausgestreckten, dicken Beinen lagen sie da, Löcher in den Strümpfen und verbrannte Schuhe an den Füßen. Häufig saßen sie verkohlt auf Stufen und Treppen, nur einen verbrannten Säugling an der Brust. Gott stehe mir bei! Das Frauengefängnis, in dem Frau Beate einmal in Haft war, hatte einen Volltreffer erhalten, es war nichts als ein großer Schutthaufen. Seine vierhundert Häftlinge, die es an diesem Tage zählte, hatten nicht lange zu leiden gehabt. Auch Assessor Müller II, der geschniegelte und gebügelte Untersuchungsrichter, war umgekommen. Frau Beate las es in der Zeitung und freute sich darüber, offen gestanden. Sie gönnte ihm dieses Ende. ,, Endlich hat es auch einen wirklichen Schurken erwischt!" rief sie aus. ,, Allen Spitzeln und Henkern und schamlosen Lumpen soll es so ergehen!" In der Stadt machte man dem Gauleiter den Vorwurf, daß er das bischöfliche Palais beim ersten Alarmsignal aus lauter Angst verlassen habe, um sich in seine unterirdischen Gemächer in der ,, Burg" zu flüchten, wie er es stets bei Luftangriffen tue. Aber es war völlig unsinnig, ihm Angst vorzuwerfen. Der Gauleiter kannte keine Angst, er war im Gegenteil mutig bis zur Tollkühnheit. Es war bekannt, daß er sich beim Marsch zur Feldherrnhalle, als man mit Maschinengewehren auf sie schoß, erst dann zu Boden warf, als zwei Kameraden an seiner Seite getötet wurden. Nein, nicht aus Angst zog er sich bei Luftangriffen nach Einstetten zurück, sondern aus dem einfachen Grunde, weil er sich in seinem privaten Leben nicht im geringsten von Engländern stören lassen wollte, die er als ein ,, degeneriertes Volk" ebenso verachtete, wie er die Amerikaner schätzte. An jenem Unglücksabend feierte er in der„, Burg" ein kleines Fest mit seinen Parteifreunden und befand sich überhaupt nur bis neun Uhr im bischöflichen Palais. Sturmführer, Obersturm30 Totentanz 465 führer, Standartenführer, Kreisleiter, Lagerkommandanten waren seine Gäste. Es gab erprobte Zecher unter ihnen, mächtige Zecher, Champions und Weltmeister im Saufen, vor denen selbst Rumpf Angst hatte. Sie tranken eine halbe Flasche Kognak auf einen Zug, ohne mit der Wimper zu zucken. Die schöne Charlotte, die an ihrem Glas nippte, erblaßte, und sie bewunderte Rumpf, der seinen klaren Kopf behielt, obwohl berühmte Kämpen nur noch lallten und stotterten. Den ganzen Abend vollführten sie den übermütigsten Unfug, stopften sich Kissen unter die Uniform, spielten Bucklige und Fettwänste und wollten sich halbtot lachen. geschrumpf gebettet un leiter trat Als Alarm in der Stadt gegeben wurde, brachen die Zecher in ein lautes Triumphgeschrei aus, sie ignorierten den Angriff, und erst, als man dem Gauleiter meldete, daß die Stadt an allen Ecken brenne, begab er sich mit seinen bezechten Gästen auf einen Turm der ,, Burg", von dem aus man die Feuersbrunst unter den purpurnen Wolken grauenhaft deutlich erblickte. Er kanzelte telefonisch den Major ab, der die Flak befehligte, weil es ihm nicht gelang, die Luftpiraten, Mörder von Frauen und Kindern, abzuknallen, und riet ihm, sich von einer Schießbude anstellen zu lassen. müssen wir kämpfen, chem Hel kämpft, di bar vor un Wenige Minuten später, noch während des Angriffs, jagte er mit sechs Autos nach der Stadt, wo er in der brennenden Wilhelmstraße von einem zusammenstürzenden Haus aufgehalten wurde. Die rußgeschwärzten Feuerwehrmänner, die Heil" schrien, als sie ihn in dieser Hölle antrafen, waren sehr erstaunt, in seinem Auto eine ,, märchenhaft schöne Frau" zu erblicken. Fabians meisters sp tragen, und Auch na nicht über war, der U losen, die schwer au Am Morgen sah Rumpf, daß die ,, englischen Mordbrenner" nicht davor zurückgeschreckt waren, auch seinen Arbeitssaal zu vernichten. Aber er trauerte nicht um die unsterblichen Fresken mit den vielen Engeln und Heiligen, er beklagte nur die Vernichtung von zweitausend Havannazigarren, die er in einem alten Barockschrank eingeschlossen hatte. Gemütszus land eintra Harry H Tapferkeit Tagen bel Er befahl, daß ein Ehrenfriedhof mit einem sechs Meter hohen Hakenkreuz für die ,, ruhmvoll Gefallenen" errichtet werde. Die verstümmelten Opfer des schweren Angriffs, Schaufeln voll Asche und Knochen, einzelne Gliedmaßen und zusammen466 Da war rück in di Clotilde ihren Bek Kreuz ber such dem ihr Held, er auch ein guter Got wirklich aber keine Harry Armeegru den Kauls sprach wi seine Zuv danten waren chtige Zecher, selbst Rumpf mak auf einen Sne Charlotte, derte Rumpf, Kämpen nur rigsten Unfug, Bucklige und die Zecher in Angriff, und an allen Ecken sten auf einen unst unter den . Er kanzelte , weil es ihm und Kindern, de anstellen zu griffs, jagte er ennenden Wilus aufgehalten r, die Heil" sehr erstaunt, zu erblicken. Mordbrenner" Arbeitssaal zu polichen Fresken nur die Verin einem alten as Meter hohen tet werde. riffs, Schaufeln and zusammengeschrumpfte, halbverkohlte Körper wurden in ein Massengrab gebettet und unter feierlichem Zeremoniell bestattet. Der Gauleiter trat als erster auf die Rednertribüne: ,, Härter und härter müssen wir werden!" schrie er. ,, Bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, das sei unser Gelöbnis. Die Welt soll sehen, mit welchem Heldenmut ein Achtzigmillionenvolk um die Rechte kämpft, die man ihm bis heute vorenthielt. Der Sieg steht greifbar vor unseren Augen, wenige Monate noch und er ist unser!" Fabians Rede, der nach Rumpf als Stellvertreter des Bürgermeisters sprach, war von einem gedämpften Optimismus getragen, und man fand sie sehr würdig und maẞvoll. Auch nach so langer Zeit hatte Fabian den Tod Robbys noch nicht überwunden. Die Zerstörung der Stadt, in der er geboren war, der Untergang Tausender ihrer Bürger, die Not der Obdachlosen, die zermürbende Arbeit der letzten Tage, all das lag ihm schwer auf der Seele. Er versank in tiefe Melancholie, und sein Gemütszustand besserte sich erst, als Harry unerwartet aus Ruẞland eintraf. Harry hatte sich im Felde ausgezeichnet und war für seine Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz und einem Urlaub von acht Tagen belohnt worden. Da war er wieder, Clotildes ,, General", als Held kam er zurück in die Heimat! Clotilde war außer sich vor Mutterstolz. Sie führte ihn bei ihren Bekannten und Freunden vor, damit sie alle sein Eisernes Kreuz bewundern konnten. Natürlich mußte auch Harrys Besuch dem ,, Klub der Freunde" zugute kommen. Harry, ihr Sohn, ihr Held, sollte als Redner Triumphe feiern! In Wahrheit hielt er auch einen einstündigen Vortrag über ,, Panzerschlachten". Du guter Gott, wie es in Rußland zuging, davon hatte man hier wirklich keine Ahnung. ,, Sechs russische Tanks rollen heran, aber keine Angst, nun kommen wir!" Harry war zuletzt in Rostow am Don gewesen und seine Armeegruppe stieß nun gegen die Wolga vor, eine zweite wollte den Kaukasus bezwingen. Harry mit seinen neunzehn Jahren sprach wie ein gewiegter Generalstäbler, und seine Kühnheit und seine Zuversicht belebten Fabian mit neuem Mut. 30* 467 ,, Es wird keine leichte Sache sein, Papa", sagte er zum Vater, ,, aber wir werden es schaffen, du kannst Gift darauf nehmen! Wir werden die Wolga überschreiten und bis zum Ural mit seinen Erzen vorstoßen, Baku mit seinen Ölfeldern wird in wenigen Monaten unser sein, ich schwöre es dir, Papa! Mein General, ein genialer Stratege, ist der Ansicht, daß wir von Baku nach Persien vordringen werden, um England in Indien den Dolch ins Herz zu stoßen!" Im Nu aber war der Urlaub zu Ende, und Harry mußte zurück. Nach Wochen erst erhielten sie wieder eine kurze Nachricht von ihm. Harrys Regiment war plötzlich in den Raum von Stalingrad abkommandiert worden. ,, Draußen donnert schon die Maschine, und in zehn Minuten fliege ich dahin ab!" schrieb er. VII menschen! sich zwisc ,, Die Fanfaren der Sondermeldungen im Radio ertönen immer seltener", sagte Fabian. ,, Ist das nicht auffallend?" um, ausge spenstisch seinen Ge Wie alle es in jeder mieden ih dachte un reizend un aber er fü zu sein. Si wand, die Er wußte Die Frische und Gläubigkeit Harrys hatten ihm für kurze Zeit neue Kraft eingeflößt und ihm seinen herrlichen Glauben wiedergegeben. Wie wunderbar das war! Aber schon nach einigen Wochen, wie sah es da in seinem Herzen aus? Die wiedergewonnene Zuversicht war von seinen Grübeleien aufgezehrt, die früheren Zweifel hatten ihn wieder übermannt, und seine einstige Siegeszuversicht war bis in ihre Tiefen erschüttert. Man konnte sagen, was man wollte, es waren unvorhergesehene Widerstände eingetreten, die den Siegeslauf der Armee hemmten! Er verstand es doch, Karten zu lesen, mochten die offiziellen Berichte noch so zuversichtlich klingen. dessen Sch er noch in ein für al kämpfte i mutig bis zuversicht nur die G daß er ni Neuerdings war es ihm zum Bedürfnis geworden, jeden Abend nach der erschöpfenden Arbeit einige Stunden in der zerstörten Stadt spazierenzugehen. Dabei vermied er alle Wege, die auf und ab über Schutthaufen und Hügel führten. Die aufgeräumten Straßen waren durch Notbeleuchtung spärlich erhellt und fast 468 werde. Mit Clo ein Obdac seines ,, Bü Wenige dem Land nung groß Amsel" geschmack Bibliothek Keller. Nu tadellos ge Haus ein hatte. Was las ja seit er zum Vater, rauf nehmen! um Ural mit ern wird in Papa! Mein wir von Baku n Indien den ry mußte zurze Nachricht en Raum von nert schon die !" schrieb er. rtönen immer für kurze Zeit auben wiedermigen Wochen, wonnene Zuüheren Zweifel egeszuversicht gen, was man ingetreten, die doch, Karten zuversichtlich jeden Abend der zerstörten ge, die auf und aufgeräumten hellt und fast menschenleer, nur selten begegnete man einem Fuhrwerk, das sich zwischen den Schuttbergen den Weg suchte. Ruinen ringsum, ausgebrannte Fensterhöhlen, rauchgeschwärzte Gebäude, gespenstische Giebel! Er liebte es, hier in der vollkommenen Stille seinen Gedanken nachzugehen. Wie allein er doch war, wie fürchterlich allein, und er spürte es in jeder Stunde! Wertvolle Menschen, denen er zugetan war, mieden ihn heute. Sein Herz schmerzte, wenn er an Christa dachte und er dachte oft an sie. Es bestand kein Zweifel, sie war reizend und liebenswürdig zu ihm gewesen, als er sie zuletzt sah, aber er fühlte, daß sie sich Mühe gab, reizend und liebenswürdig zu sein. Sie konnte tun, was sie wollte, er spürte die Trennungswand, die sich zwischen ihnen erhob, er spürte sie allzu deutlich. Er wußte auch, daß sie sich Wolfgang wiederum genähert hatte, dessen Schroffheit ihr früher mißfiel. Sein Bruder Wolfgang, den er noch immer wahrhaft liebte, hatte ihm die Türe verschlossen, ein für allemal. Robby war elend umgekommen, und Harry kämpfte irgendwo im Raum von Stalingrad mit seinem Panzer, mutig bis zur Tollkühnheit gewiß, berauscht von der Siegeszuversicht der Jugend. Ob er ihn wiedersehen würde, wußten nur die Götter. Harry selbst hatte ihm beim Abschied erklärt, daß er nicht anders als mit dem ,, Ritterkreuz" zurückkehren werde. Mit Clotilde hatte er gebrochen, für jetzt und alle Zeiten. Wie ein Obdachloser hauste er zur Zeit in einem kleinen Zimmer seines ,, Büros Aufbau". Wenige Tage, nachdem er ,, Amsel" kaufte, hatte Clotilde von dem Landhaus Besitz ergriffen und ihre geräumige Stadtwohnung großzügig dem ,, Klub der Freunde" überlassen. Sie richtete ,, Amsel" mit den herrlichen alten Möbeln und Teppichen sehr geschmackvoll ein, wie man offen zugeben mußte. Die riesige Bibliothek des Sanitätsrats schaffte sie zum größten Teil in den Keller. Nur einige tausend Bände behielt sie in der Wohnung, tadellos gebundene, prächtig aussehende Bücher. Das gab ihrem Haus ein gelehrtes Aussehen, wogegen sie nichts einzuwenden hatte. Was in den Büchern stand, kümmerte sie nicht, denn sie las ja seit Jahren kein Buch mehr. 469 Fabian ließ all das ruhig geschehen. Er sorgte dafür, daß die seltenen Bücher im Keller ordentlich gelagert wurden, machte Clotilde aber erneut darauf aufmerksam, daß Fahle nach dem Vertrag das Recht habe ,,, Amsel" jederzeit zurückzukaufen, sobald andere Zeiten kämen. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich erneut der tiefe, unüberbrückbare Abgrund, der sie beide trennte. Clotilde maß ihn von oben bis unten, und ihre hellblauen Augen blitzten böse. ,, Du bist ein völliger Narr!" schrie sie außer sich vor Verachtung. ,, Eher lasse ich mich in Stücke reißen, ehe ich, Amsel wieder aus der Hand gebe! Glaubst du denn, ein Jude würde dir etwas zurückgeben, was er dir abgekauft hat? Wie? Ein solcher Narr kannst nur du sein! Ich denke an meinen Sohn, der für sein Land kämpft, du aber denkst an einen unnützen Juden!" An diesem Abend verließ er das Haus für immer. ging in S worden, Kasino ha könnte au nie eine R Krieg sitzt gewi fußhohen ihm gut, stimmte schaften Ohr. Er statten, z ,, In Ti „ Ja, in zug in T Fabian blieb stehen. Er wich drei einbeinigen Kriegskrüppeln aus, die lachend und schwätzend die Straße entlangkamen. Auf Schritt und Tritt begegnete man heute diesen einbeinigen Opfern des unseligen kalten Winters im ersten Jahr des russischen Krieges. Genug für heute. Fabian war müde vom Umherirren und den Grübeleien. Wie jeden Abend begab er sich in die Weinstube des ,, Stern", um dort zu essen. Die Weinstube war noch offen, alle anderen Räume des Hotels hatte der Gauleiter für seine Büros beschlagnahmt. Hier saß er nach dem Essen bei einer Flasche leichten Mosel und rauchte seine Zigarre, mit seinen Gedanken beschäftigt, die ihm folgten wie ein Schwarm peinigender Insekten. Häufig war er der einzige Gast, es war höchst ungemütlich geworden in der Stadt. Wer sollte auch Lust haben auszugehen, um bei Alarm viele Stunden in irgendeinem Luftschutzkeller verbringen zu müssen? und Tep Nun scho Heute aber hatte er Glück. Die Türe öffnete sich, und wer kam herein: Baurat Krieg! Ja, er war es wirklich. bekam. R spenden. sind Sie Geld!" fi Fabian sprang vor Freude auf. Herrlich, endlich konnte er wieder mit einem vernünftigen Menschen ein Wort sprechen! Auf den ersten Blick sah er, daß Krieg zwei neue Orden auf der Brust seiner Uniform trug. Tiflis? gewesen? scheute, den Fuß Krieg brachte Grüße von Taubenhaus, dem es ganz prächtig nicht ein Unbeka richten. Als di bracht w würdiger Erlau tisch aus Fabian l Ja, so ne Recht. S 47° dafür, daß die urden, machte| ahle nach dem kzukaufen, so- unüber- ke reißen, ehe du denn, ein » W „cischen Krieges irren und den einstube de noch offen, ill - ging in Smolensk. Ein wahrer Pascha war dieser Taubenhaus ge- - worden, ein Maharadscha, ein Großmogul, weiß Gott! Und ein Kasino hatte er ihm in Smolensk gebaut, einfach ein Traum, es "könnte auch in Paris stehen! Geld? Geld spielte bei Taubenhaus nie eine Rolle. Krieg kam soeben vom Bahnhof, er hatte sich gedacht, Fabian sitzt gewiß im„Stern“, und da sitzt er auch! Krieg machte einen fußhohen Sprung und klatschte in die Hände. Gewiß, es ging _ ihm gut, sehr gut, danke! Er hatte vier Wochen Urlaub. Etwas stimmte da nicht im Kaukasus, unter uns gesagt, die hohen Herr- schaften hatten sich offenbar verrechnet, flüsterte er Fabian ins Ohr. Er hatte den Auftrag, ein Prachthotel in Tiflis auszu- - statten, zusammen mit einem Münchner Architekten. „In Tiflis?“ fragte Fabian verwundert. „Ja, in Tiflis“, lachte Krieg.„Vor drei Wochen sollte der Ein- zug in Tiflis stattfinden, heute der Einzug in Baku. Die Möbel und Teppiche für das Prachthotel in Tiflis lagen schon in Kiew. - Nun schön, daß war der Grund, weshalb ich vier Wochen Urlaub bekam. Roßmeier muß uns heute einen besonders guten Tropfen - spenden. Das Kasino inSmolensk hat mich verwöhnt. Heute aber sind Sie mein Gast, Fabian, kein Wort weiter, ich schwimme in Geld!“ fügte er mit einer tiefen Verbeugung hinzu. Tiflis? Waren sie irrsinnig geworden? Oder waren sie es immer gewesen? Der„Unbekannte Soldat“, den Fabian früher verab- scheute, hatte dieser Tage geschrieben:„Bis an die Wolga, bis an den Fuß des Kaukasus werden die Tollhäusler kommen, aber nicht einen Schritt weiter!“ Er neigte allmählich dazu, dem j 8 „Unbekannten Soldat‘ mehr zu glauben als den offiziellen Be- richten, Als die kostbare Flasche alten Rheinweins vom Kellner ge- bracht wurde, spielte Krieg unter einem Schwall von liebens- würdigen Redensarten den Gastgeber. „Erlauben Sie mir, mein verehrter Wohltäter!“ rief er pathe- tisch aus, indem er das Glas feierlich gegen Fabian hob. Da Fabian lachte, fuhr er mit strahlender Miene fort.„Wohltäter! Ja, so nenne ich Sie, mein verehrter Freund, und zwar mit gutem Recht. Sie haben mich seinerzeit Taubenhaus empfohlen, als ich 471 den neuen Marktplatz bauen wollte und bis an den Hals in der Tinte saß. Sie haben mich bei vielen Projekten herangezogen, aus uneigennütziger, edler Freundschaft! Sie waren es auch, der mich veranlaßte, in die Partei einzutreten. Ich folgte ja nur Ihrem Beispiel, da ich Ihre Einsicht, Ihre Voraussicht und Ihre Weisheit schätze. Ich sagte mir, wenn ein Mann wie Fabian in die Partei eintritt, dann kannst du es wohl auch tun! Allein hätten mich allerlei Bedenken zurückgehalten, alberne und kindische Bedenken. Wenn ich heute glücklich vor Ihnen stehe, wem verdanke ich es also? Nur Ihnen allein." müssen Sie arbeit!" Keine N wenig aus Immer ha Armeegru traf Fabia Eines A ihm erzäh grad bei ih Aber S Man s herausgebr Am näc Es war VIII Am anderen Abend war Fabian wieder allein, Krieg war mit Tochter und Enkelkind auf ein Bauerngut gereist, um sich zu erholen. Wieder waren Ruinen um ihn, verbrannte Häuser und geschwärzte, gespenstische Giebel. Wie häufig dehnte er seinen einsamen Spaziergang bis zum Bahnhof aus. Der Bahnhof war eine jämmerliche Ruine, man sah die Lokomotiven hinter den Fensterhöhlen und eingestürzten Gewölben qualmen. Rings um den Bahnhof war alles zerstört und verbrannt, nur das neue Hotel ,, Europa" war wie durch ein Wunder unversehrt stehengeblieben, kaum einige Scheiben waren geplatzt. Zur Zeit ließ Roßmeier vom ,, Stern", der das Hotel ,, Europa" gepachtet hatte, auf dem fertigen Neubau einen Dachgarten errichten, von dem aus man einen herrlichen Blick auf die Stadt hatte. Das fiel Fabian ein, als er an dem sechsstöckigen Bau in die Höhe blickte. Du wirst nicht viele Gäste auf deinem Dachgarten sehen, Roẞmeier, dachte er mit einem bitteren Lächeln. Der wundervolle Rundblick ist geblieben, aber die Stadt ist verschwunden. einem Ho man es sel Staling war völlig von Stalin froh, noch Wochen und Monate lebte Fabian dieses Leben, die zerstörte Stadt ließ ihn nicht mehr los. Übrigens hatte Krieg die Verwüstungen gar nicht so schlimm gefunden. ,, Die Stadt ist schwer beschädigt", sagte er ,,, wenn Sie zerstörte Städte sehen wollen, 472 finden." So leich sagt, einen Jedoch Man h Baß, der hoch und nicht meh bruch und Fabian drehte sic hören vor und Verb Einen Der Ha und richt n Hals in der Ingezogen, aus uch, der mich ur Ihrem Bei- Ihre Weisheit n hätten Kan: kindische Be- e, wem VEI- e Häuser und te er seinen Bahnhof war .n hinter r den = Rings um ur das neue ehrt stehen- Zur Zeit Jieß „“ gepachtt richten, VOR müssen Sie nach Rußland gehen! Da sehen Sie deutsche Qualitäts-. arbeit!“ Keine Nachricht von Harry in all den Monaten! Man erfuhr wenig aus Stalingrad, und was man erfuhr, war nichts Gutes. Immer hartnäckigepserhielt sich das Gerücht, daß eine starke Armeegruppe bei Stalingrad eingeschlossen sei. Diese Meldung traf Fabian wie ein neuer furchtbarer Schlag. Eines Abends aber begegnete er einem Arzt im„Stern“, der, ihm erzählte, daß heute ein verwundeter Hauptmann aus Stalin- grad bei ihnen eingeliefert worden sei. „Aber Stalingrad soll doch eingeschlossen sein?“ „Man sagt es, aber viele Offiziere wurden durch Flugzeuge herausgebracht.“ Am nächsten Tag besuchte Fabian den Hauptmann. Es war ein ergrauter Mann mit einem verwilderten Bart, eher einem Holzfäller als einem Offizier ähnlich. Sein Gesicht, soweit man es sehen konnte, war scharlachrot vom Fieber. „Stalingrad?“ röchelte der Hauptmann in seinem Bett. Er war völlig heiser und konnte nur mühsam sprechen.„Siesprachen von Stalingrad, Herr? Da fressen sie alle Pferde auf und sind froh, noch einen abgenagten Knochen auf dem Müllhaufen zu finden.“ So leicht aber war Fabian nicht abzufinden. Er habe, wie ge- sagt, einen Sohn in Stalingrad, Leutnant bei den Panzern. Jedoch der Hauptmann ging gar nicht auf seine Fragen ein. „Man hat uns Entsatz versprochen!“ knurrte er im tiefsten Baß, der aus seinem Holzfällerbart hervorkam.„Man hat uns hoch und heilig Entsatz versprochen, hundertmal. Reden wir nicht mehr darüber: Lug und Trug, Schwindel und Betrug, Wort- bruch und Meineid! Ich will nichts mehr hören von Stalingrad.“ Fabian versuchte es mit anderen Fragen, aber der Hauptmann drehte sich ächzend auf die andere Seite.„Ich will nichts mehr hören von Stalingrad!“ röchelte es voller Wut.„Alles Irrsinn und Verbrechen! Irrsinnige, Wahnsinnige, Tollhäusler!“ „Einen Augenblick noch, Herr Hauptmann!“ Der Hauptmann wandte Fabian das scharlachrote Gesicht zu und richtete sich auf seinen haarigen Armen halb in die Höhe. 473 ,, Das haben uns diese Elenden eingebrockt!" brüllte er heiser. ,, Und Sie gehören zu ihnen, Herr. Sonst wären Sie ja nicht Bürgermeister geworden!" Fabian empfahl sich eilig. Die mißlichen Ereignisse häuften sich. Justizrat Schwabach wurde tot in seinem Bett aufgefunden, er hatte sich vergiftet. Die Leute waren der Ansicht, daß ihn der Verlust seines Hauses und seiner Habe in den Tod getrieben habe, wie viele andere. Fabian aber wußte, daß die Gestapo schon vor geraumer Zeit eine unangenehme Untersuchung gegen ihn einleitete. In seinem kleinen Heimatort in Baden sollte es zwei Familien seines Namens gegeben haben, die eine hieß Schwabacher und war jüdischer Herkunft, das andere, längst erloschene Geschlecht, nannte sich Edle von Schwabach. Von dieser Linie sollte der Justizrat seine Abstammung hergeleitet haben, widerrechtlich, wie die Gestapo behauptete. Jedenfalls wurde er als Edler von Schwabach beerdigt, und Fabian gehört zu den wenigen, die ihn zu Grabe trugen. die Arme Als er den Friedhof verließ, begann es zu schneien, und nun schneite es tagelang. Unheimliche Massen von Schnee fielen aus dem grauen Himmel, und die Stadt verwandelte sich in ein schneebedecktes Ruinenfeld von grauenhafter Öde. Verteidig kämpft. H abschiede ,, Es ist er die ,, B Retta Brief, den „ Ich m zu überg Es konnte Fabian nur angenehm sein, daß ihn der Gauleiter in diesem Winter öfter zum Billardspiel einlud, er wäre sonst vor Langeweile und trüben Gedanken vergangen. Rumpf aber war sorglos und guter Dinge wie immer. Man wußte, daß er sieben vollgeladene Güterwagen mit Möbeln, Gemälden, Plastiken und Kunstwerken aller Art nach der Türkei geschickt hatte, um damit sein Landhaus am Marmarameer einzurichten, von dem er des öfteren sprach. Charlotte bekam Fabian nie zu Gesicht, cbschon sie noch immer in der ,, Burg" wohnte, offenbar verbarg sie Rumpf vor ihm. Vielleicht wollte sie ebenfalls nach der Türkei übersiedeln? Baronin von Thünen erzählte wenigstens, daß sie in allen Geschäften, die noch bestanden, nach ,, dünnen Stoffen für ein heißes Land" Umschau hielt. Nun, Fabian war das alles höchst gleichgültig, er hatte andere Gedanken im Kopf. Wolfg Ton. Er Wer hat Benehme Retta Eines Abends aber berichtete ihm Rumpf, der mit zwei Stunden Verspätung aus dem Büro kam, mit ernster Miene, daß hagerer heiseren Und Ret Wolfg recht w den Kop schmutz eigentlic enthielt. Mein hat uns achtund niemand hängt w Es is leicht, d unser Le hingeber 474 üllte er heiser. e ja nicht Bürrat Schwabach hvergiftet. Die mes Hauses und andere. Fabian r Zeit eine undie Armee von Stalingrad kapituliert habe, nach heldenmütiger Verteidigung natürlich, sie habe bis zur letzten Patrone gekämpft. Fabian spielte an diesem Abend sehr schlecht und verabschiedete sich zu früher Stunde. ,, Es ist Zeit! Es ist höchste Zeit!" sagte er laut vor sich hin, als er die ,, Burg" verließ. seinem kleinen es Namens gejüdischer Herannte sich Edle izrat seine Abe die Gestapo Schwabach be ihn zu Grabe meien, und nun chnee fielen aus lte sich in ein de. Her Gauleiter in wäre sonst vor umpf aber war , daß er sieben Plastiken und dathatte, um en, von dem er zu Gesicht, cbmbar verbarg sie ach der Türkei stens, daß sie in nen Stoffen für das alles höchst der mit zwei ster Miene, di IX Retta trat leise ins Atelier und überbrachte Wolfgang einen Brief, der etwas verknittert war und nicht ganz sauber aussah. ,, Ich mußte mein Wort geben, Ihnen den Brief nur persönlich zu übergeben, Herr Professor!" sagte sie und tat geheimnisvoll. Wolfgang war mitten in der Arbeit und hatte die Hände voller Ton. Er nickte ihr zu. ,, Legen Sie den Brief auf den Tisch, Retta. Wer hat ihn denn gebracht?" fragte er, argwöhnisch über ihr Benehmen. Retta zögerte etwas mit der Antwort. ,, Es war ein alter, hagerer Mann mit grauen Haaren", erwiderte sie mit ihrer heiseren Stimme. ,, Er hatte zwei kleine gelbe Dackel mit sich." Und Retta ging hinaus. Wolfgang kannte den alten, hageren Mann mit den Dackeln recht wohl. Eine Botschaft von Gleichen! schoß es ihm durch den Kopf, und sein Herz stockte vor Freude. Trotz seiner beschmutzten Hände öffnete er den Brief ohne Zögern. Es war eigentlich nur ein Zettel ohne Unterschrift, der nur einige Zeilen enthielt. ,, Mein verehrter Freund!" lautete er. ,, Ein lächerlicher Zufall hat uns der Gestapo in die Hände geliefert. Wir waren unserer achtundvierzig, einer ist während der Folter gestorben, aber niemand hat ein Wort verraten. Morgen früh sollen wir alle gehängt werden." ,, Es ist nicht leicht in Deutschland zu leben, und es ist nicht leicht, darin zu sterben. Uns hält der Glaube aufrecht, daß wir unser Leben für die Freiheit und die Wiedergeburt Deutschlands hingeben. Leben Sie wohl, mein Freund!" 475 X ,, Es ist Zeit! Es ist höchste Zeit!" wiederholte Fabian unaufhörlich wie in Betäubung. Einen andern Gedanken vermochte er nicht mehr zu fassen. Von dieser Stunde an war er von einer todernsten Entschlossenheit. Am nächsten Morgen fuhr er schon in früher Stunde nach ,, Amsel" und packte seine Hauptmannsuniform, den Mantel und alles, was er im Felde brauchte, in den abgeschabten Offizierskoffer, der ihn schon im Weltkrieg überallhin begleitet hatte. Clotilde schlief noch, er sah sie nicht. mandeur Dann telefonierte er mit seinem Regiment. Er war erfreut, einem alten Obersten, den er persönlich kannte, seine Wünsche vortragen zu können. Er halte es ganz einfach nicht mehr zu Hause aus, um ohne alle Umschweife zu sprechen, er müsse unbedingt an die Front, sofort, so schnell wie möglich. ,, Es ist ja noch immer Zeit für mich zu kämpfen, Herr Oberst!" rief er in den Apparat. ,, Nicht wahr?" zu schicke und seine tropfen z armen Te gefangens Hauptn Der Oberst lobte seinen patriotischen Eifer und versprach ihm, die Dokumente noch heute zu beschaffen und sie ihm sobald wie möglich zuzuschicken. Das Regiment stände südlich von Woronesch. Es werde gewiß erfreut sein, einen so kriegserfahrenen Batterieführer wie ihn zu erhalten, gerade in einem kritischen Augenblick, da die schwersten Schlachten bevorstanden. rief er sic Batterie g Fabian fieberte vor freudiger Erregung. Schwerste Schlachten! Das war es gerade, was er suchte. mann Kie schütze in Reste der der Hand man einen Am Ab im ,, Stern Es war ja sonnenklar, daß die russische Heeresgruppe, die fähig war, die Armee von Stalingrad zur Kapitulation zu zwingen, von bedeutender Stärke sein mußte. Gewiß war sie heute schon, berauscht vom Sieg an der Wolga auf dem Marsche zum Don, und die Kaukasusarmee hatte die größte Eile, sich zurückzuziehen, wenn sie nicht abgeschnitten werden wollte. Dann aber stieß das russische Heer gegen Rostow und Charkow vor, gegen den Dnjepr, unaufhaltsam, unwiderstehlich. von Rum mit mir n Er würde gerade zur rechten Minute kommen und den KomEr war einem En hatte. Am M mannsuni Zweiten H sich bitte Taubenha jetzt an ge Um G fragte aufs Mann. ,, A abkömmli Unabk Sie, daß n Gefahr be Freund, w rischer Ha Von die 476 Fabian unaufvermochte er ten EntschlosStunde nach en Mantel und bten OffiziersDegleitet hatte. r war erfreut, seine Wünsche nicht mehr zu , er müsse unlich. ,, Es ist ja " berst!" rief er und versprach nd sie ihm sode südlich von so kriegserfahade in einem chten bevorte Schlachten! uppe, die fähig zwingen, von ute schon, bezum Don, und rückzuziehen, aber stieß das , gegen den und den Kommandeur bitten, ihn mit seiner Batterie an die Stelle der Front zu schicken, wo die Hölle am höllischsten tobte. Der Fahneneid und seine Ehre als Offizier geboten ihm, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Noch konnte er Hunderttausende von armen Teufeln vor der Schande erretten, in schmähliche Kriegsgefangenschaft zu geraten. Hauptmann Kiesewetter! Denke an Hauptmann Kiesewetter! rief er sich zu. Dieser Hauptmann Kiesewetter von der dritten Batterie ging ihm den ganzen Tag nicht aus dem Sinn. Hauptmann Kiesewetter hatten sie seinerzeit in Frankreich drei Geschütze in Fetzen geschossen, und als die Franzosen die letzten Reste der Batterie stürmten, trat er ihnen mit dem Degen in der Hand entgegen. So fiel er! War das nicht ein Tod, um den man einen Mann beneiden mußte? Am Abend trank er noch in bester Laune eine Flasche Wein im ,, Stern" und tröstete Roßmeier, der noch immer kein Geld von Rumpf bekommen hatte. ,, Sagen Sie dem Gauleiter, er soll mit mir nach Woronesch kommen, da gibt es Arbeit für ihn!" Er war in froher, fast festlicher Stimmung, nun, da er sich zu einem Entschluß, der ihm männlich deuchte, durchgerungen hatte. Am Morgen des nächsten Tages erschien er schon in Hauptmannsuniform mit all seinen Orden an der Brust. Er ließ den Zweiten Bürgermeister, einen nüchternen, ehrlichen Mann, zu sich bitten und übergab ihm die Geschäfte der Stadt. Was Taubenhaus denken würde, das war ihm höchst gleichgültig, von jetzt an gehorchte er nur seiner inneren Stimme. ,, Um Gottes willen! Weshalb wollen Sie denn an die Front?" fragte aufs höchste erstaunt der Zweite Bürgermeister, ein älterer Mann. ,, Als Oberbürgermeister sind Sie doch ohne weiteres unabkömmlich." ,, Unabkömmlich?" rief Fabian verächtlich lachend aus. ,, Wissen Sie, daß niemand unabkömmlich ist, wenn das Vaterland sich in Gefahr befindet? Die Front ruft mich! Verstehen Sie, mein Freund, was das heißt, die Front ruft mich!" fügte er in kriegerischer Haltung hinzu. Von diesem Augenblick an fühlte er sich als freier Mann. Seine 477 einzige Aufgabe bestand nun noch darin, dem Gauleiter seinen Rücktritt mitzuteilen, wenn er korrekt sein wollte. Und als Offizier wollte er korrekt sein bis zur letzten Minute. Als er das Büro des Gauleiters betrat, das sich zur Zeit im früheren kleinen Speisesaal des ,, Stern" befand, traf er zu seinem Erstaunen nur Rittmeister Möhn an, dem er den Grund seines dienstlichen Besuches nannte. Rittmeister Möhn mit dem verwegenen Gesicht sah ihn verwundert an. ,, Ich bin erstaunt, daß Sie so plötzlich ins Feld rücken wollen!" sagte er.„ Selbstverständlich geht der Dienst fürs Vaterland allen anderen Pflichten vor, und ich erteile Ihnen ohne weiteres alle Genehmigungen, die Sie wünschen. Der Herr Gauleiter ist verreist, wie Sie wissen werden?" , Verreist?" fragte Fabian. ,, Ich habe doch noch vorgestern mit ihm Billard gespielt, und er sagte mir kein Wort von seinen Reiseplänen?" دو lands vorw Nein, Rum Er schrit zu erledige rend die S barg. Der Rittmeister lächelte. ,, Er wollte wohl nicht, daß man darüber spricht", erwiderte er. ,, Seine Reise stand schon seit einiger Zeit fest. Er hatte drei Wochen Sonderurlaub erbeten und reiste heute morgen um zehn Uhr nach der Türkei ab. Sie wissen, er hat da wieder so eine Marotte mit einem Landhaus am Marmarameer?" Fabian nickte. ,, Der Herr Gauleiter hat mir zuweilen von diesem Landsitz vorgeschwärmt", sagte er.„ Und Sie glauben, daß er nach drei Wochen wiederkommen wird?" دو Am Abe gang zu ve Rittmeister Möhn lachte. ,, Aber es ist doch selbstverständlich, daß er wiederkommt!" lachte er. Was sollte er sonst tun?" Fabian war taktvoll und vorsichtig genug, um seinen Zweifel auszudrücken, er verabschiedete sich von Möhn und ging. Auf den schon erfü Ein Aut leicht hatte ändert zu Gartentüre besonders Dazu war Aber di öffnete, un Ach, der Ihr werdet wohl vergebens auf den Gauleiter warten! dachte er, überlegen lächelnd, als er langsam die Treppe des ,, Stern" hinabstieg. Rumpf ahnt, daß die Hölle näherkommt! Er ahnt es, genau so wie ich es ahne und weiß. Nur ein Narr kann heute noch blind sein. Unaufhaltbar wie das Meer werden die Armeen Rußlands sich durch die Ukraine und Polen wälzen, die Heere der Alliierten werden von Frankreich, von Italien, vom Balkan aus wie eine furchtbare Brandung gegen die Grenzen Deutsch478 Sie waren aus dem M Ich mö sagte er mi ihn nur zw Überras auf und bl sie ihn, ins Unter d hing, blieb Werkstatt rauch erfü kannte und tief berühr Gauleiter seinen ollte. Und als te. h zur Zeit im af er zu seinem m Grund seines ht sah ihn vertzlich ins Feld eht der Dienst cherteile Ihnen chen. Der Herr och vorgestern Wort von seinen t, daß man darchon seit einiger beten und reiste 5. Sie wissen, er us am Marmarazuweilen von nd Sie glauben, bstverständlich sonst tun?" m seinen Zweifel und ging. warten! dachte ppe des ,, Stern" mmt! Er ahnt es Narr kann heute den die Armeen Falzen, die Heere en, vom Balkan renzen Deutschlands vorwärts rollen. Zu Ende, zu Ende, die Hölle bricht los. Nein, Rumpf kommt nicht wieder! Er schritt rascher aus, um noch einige Einkäufe für das Feld zu erledigen. Einzelne Schneeflocken fielen vom Himmel, während die Sonne sich mit mattem Glanz hinter den Wolken verbarg. XI Am Abend fuhr Fabian nach Jakosbühl, um sich von Wolfgang zu verabschieden. Auf den Feldern lag düsterer Schnee, die frische Luft aber war schon erfüllt von einer Ahnung des Frühlings. Ein Auto wartete auf der Straße vor Wolfgangs Haus, vielleicht hatte er Besuch? Hier draußen schien sich manches verändert zu haben. Der alte Holzzaun war erneuert worden, an der Gartentüre befand sich eine elektrische Klingel, eine zweite, die besonders laut schrillte, hatte man an der Haustüre angebracht. Dazu war die Haustüre von einer hellen Lampe beleuchtet. Aber die gleiche gekrümmte Retta mit dem Hexengesicht öffnete, und ihre Stimme klang laut und kreischend wie immer. ,, Ach, der Herr Frank, und dazu in Uniform!" schrie sie erfreut. ,, Sie waren schon lange nicht mehr bei uns." Sie wollte Fabian aus dem Mantel helfen, aber er lehnte ab. ,, Ich möchte mit meinem Bruder ein paar Worte sprechen", sagte er mit ernster Stimme. ,, Sagen Sie ihm bitte, Retta, daß ich ihn nur zwei Minuten stören werde." Überrascht von dem fremden Ton seiner Stimme sah Retta auf und blickte in sein abgemagertes, graues Gesicht. Dann bat sie ihn, ins Atelier einzutreten. Unter der Lampe, die aus der Mitte des Arbeitsraumes herabhing, blieb Fabian nachdenklich stehen. Wie immer war die Werkstatt vom Geruch von Ton und abgestandenem Zigarrenrauch erfüllt, es war ein Geruch der Arbeit, den Fabian so gut kannte und der ihn heute, da er ihn zum letztenmal einatmete, tief berührte. 479 Augenblicklich fiel ihm die Figur des ,, Kettensprengers" in die Augen, die sich in voller Größe von einer Wand abhob. Ein Strauß Maiglöckchen befand sich auf dem Arbeitstisch dicht neben einer aus rotem Wachs geformten kleinen Gruppe von drei schnatternden Gänsen; die Modellierhölzer lagen noch daneben. Die Büste einer vollbusigen Frau, in feuchte Lappen eingehüllt, stand auf dem Drehschemel. Das war alles, was Fabian mit den ersten Blicken erhaschte, dazu kam noch ein neuer Teppich, der den Fußboden bedeckte, nicht der alte, abgetretene, in dem man so leicht hängenblieb. Aus dem Zimmer nebenan drang heiteres Stimmengewirr. Fabian s haltend. ,, I letzten Bes gang", fuh zu sagen, d atmete tief „ Vergif ihn Wolfga noch besch Da aber kam auch Wolfgang schon aus dem Speisezimmer. Er ging lebhaft auf den Bruder zu, hielt aber plötzlich den Schritt an, betroffen von seinem Aussehen. Die Uniform hatte den Bruder völlig verändert, er schien größer und um viele Jahre älter geworden zu sein. Sein mageres, graues Gesicht hatte einen harten Ausdruck von Entschlossenheit angenommen, die Wolfgang nie an ihm beobachtete. Es war das Gesicht eines Menschen, das seelische Kämpfe und schwere Erschütterungen völlig umgeformt hatten. Auch stand sein Bruder fast bewegungslos und hatte kaum die geringste Bewegung gemacht, ihn zu begrüßen. ,, Du wolltest mich sprechen, Frank?" begann Wolfgang mit versöhnlicher Stimme. „ Bitte, Du sagtes süchtigen bequemes stehen, da Scherereien Kampf um kommen auf mich Sollten Wolfgang Fabian nickte. Er hatte sich nicht von der Stelle gerührt und bewegte sich auch jetzt nicht. Nur die Handschuhe streifte er langsam ab. ,, Ich bin dir sehr dankbar, Wolfgang, einige Worte mit dir sprechen zu können", sagte er halblaut mit einer Stimme, die ihm selbst fremd erschien ,,, ich will dich nicht lange aufhalten, nur eine Minute." Sein Blick ruhte mit angespannter Aufmerksamkeit auf dem Bruder, er durchforschte alle seine Züge. Wolfgangs Haar war grauer geworden, eisgrau an den Schläfen, auch etwas magerer sah er aus, wie alle Menschen nach den langen Kriegsjahren. Er trug einen dunklen Anzug und war mit einer Sorgfalt gekleidet, die Fabian auffiel. Nein!" mir nur n ,, Einen Augenblick wirst du wohl Platz nehmen können?" fragte Wolfgang und streifte erneut Fabians graues, entschlossenes Gesicht, in dem sich keine Miene bewegte. 480 Wahrheit Wie wahr hören und daß es die genug geg diesem G geworden Schuld, sa gegnen, tr und erreg unsere alle Er war mit der f was ich di aus, bevor 31 Totenta prengers" in die and abhob. Ein beitstisch dicht Gruppe von drei noch daneben. open eingehüllt, Fabian mit den er Teppich, der ne, in dem man drang heiteres peisezimmer. Er lich den Schritt Form hatte den viele Jahre älter tte einen harten ie Wolfgang nie Menschen, das öllig umgeformt gslos und hatte egrüßen. Wolfgang mit Fabian schüttelte den Kopf. ,, Nein, danke", sagte er zurückhaltend. ,, Ich möchte dich auch nicht lange stören. Bei deinem letzten Besuch hast du mir heftige Vorwürfe gemacht, Wolfgang", fuhr er lebhafter fort. ,, Ich bin heute gekommen, um dir zu sagen, daß deine Vorwürfe alle völlig berechtigt waren!" Er atmete tief auf. ,, Vergiß nicht, daß ich damals sehr erregt war", unterbrach ihn Wolfgang, dem die heftige Aussprache im Büro des Bruders noch beschämend vor Augen stand. ,, Bitte, unterbrich mich nicht", begann Fabian von neuem. ,, Du sagtest damals, wir Leute der Partei seien nur r von selbstsüchtigen Gedanken erfüllt und dächten lediglich an unser gutes, bequemes Leben. Wie wahr war das! Ich will dir heute offen gestehen, daß ich in Wahrheit mein gutes, bequemes, von allen Scherereien ungestörtes Leben mehr als alles liebte und es dem Kampf um die Wahrheit und das Recht vorzog. Du hattest vollkommen recht! Ich bekenne, daß ich damit eine schwere Schuld auf mich geladen habe, Wolfgang!" ,, Sollten wir nicht diese alten Dinge ruhen lassen?" wehrte Wolfgang ab. ,, Nein!" fiel Fabian dem Bruder fast schroff ins Wort. ,, Erlaube mir nur noch eine Minute. Du sagtest damals, wir wollten die Wahrheit nicht hören und leugneten sie mit allerlei Ausflüchten. Wie wahr war das! Wir wollten in der Tat die Wahrheit nicht hören und verschlossen uns gegen sie, obschon wir längst wußten, daß es die Wahrheit war! Du sagtest, wir hätten nicht energisch genug gegen die Willkür unserer Führer protestiert, und aus diesem Grunde seien sie immer willkürlicher und gewissenloser geworden. Oh, wie wahr war das! Das sei unsere schwerste Schuld, sagtest du!" Da Wolfgang Miene machte, etwas zu entgegnen, trat Fabian einen Schritt vor und rief mit lauter Stimme und erregt erhobener Hand: ,, Und es war auch unsere schwerste, unsere allerschwerste Schuld, Wolfgang!" elle gerührt und huhe streifte er g, einige Worte it einer Stimme, nicht lange aufgespannter Aufalle seine Züge isgrau an den Menschen nach Anzug und war men können?" , entschlossenes Er war sehr blaß geworden und atmete erregt. Dann schloß er mit der früheren, ruhigen, etwas heiseren Stimme: ,, Das ist es, was ich dir sagen wollte, Wolfgang! Deshalb kam ich zu dir heraus, bevor ich die Stadt verlasse." 31 Totentanz 481 Wolfgang war bewegt. Die Wandlung, die er beim Bruder lange erwartet hatte, war eingetreten. Sie hatte das Innerste seines Wesens aufgewühlt. Er lächelte und reichte ihm die Hand. ,, Nun aber wollen wir nicht länger von diesen alten Dingen sprechen, Frank!" rief er gutgelaunt aus und gab sich Mühe, als der alte zu erscheinen. ,, Du willst die Stadt verlassen, sagst du? Was hat die Uniform zu bedeuten?" ,, Ich reise an die Front", antwortete Fabian, indem er aufatmete. Zum erstenmal glitt ein unmerkliches Lächeln der Erleichterung über seine verhärmten, harten Züge. Fabian Schritt an Christa be Einen A hatte den Fabian seiner Züg braunen A ein Zucke „ Ich bi Wolfgang suchte den Sinn des erleichterten Lächelns zu deuten und schwieg einen Augenblick. ,, An die Front willst du?" fragte er erstaunt. ,, Was in aller Welt willst du nun noch an der Front? Jetzt, da Deutschland nach langer Finsternis endlich der Freiheit und einer besseren Zukunft entgegengeht, willst du uns verlassen?" Fabian senkte den Blick zu Boden. Er erwiderte nichts. Wolfgang trat einen Schritt näher und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er schüttelte den Kopf. ,, Laß es dir nochmals durch den Kopf gehen, hörst du? Glaubst du wirklich, daß all das Unheil, das ihr über die Welt brachtet, mit einer romantischen Geste gesühnt werden kann?" Einen Augenblick zuckte Fabian zusammen, er warf einen raschen Blick auf Wolfgang. sehen dur leise. ,, Dan Christa ,, Romantische Geste nennst du es?" sagte er langsam und leise. Dann knöpfte er seinen Mantel zu. ,, In einer Stunde geht mein Zug", rief er.„ Ich bin nur gekommen, um dich noch einmal zu sehen, Wolfgang." Er streckte dem Bruder die Hand hin und schien es plötzlich sehr eilig zu haben. ändert ,, Lebe wohl!" sagte er, während er Wolfgangs Hand festhielt und ihm fest in die Augen blickte. ,, Wir werden uns wohl nicht wiedersehen in diesem Leben!" ers „ Kehre lächelte. Fabian Werden drückte i Christa! Und er Wolfgang verwirrte sein eigentümliches Gebaren, und er lachte verlegen auf. ,, Das wollen wir nicht hoffen!" rief er aus, während er den Bruder zur Türe geleitete. ,, Ich weiß, ich habe nicht die Macht, dich heute zurückzuhalten", setzte er mit unsicherer Stimme hinzu. ,, Aber höre, willst du dich nicht auch von Christa verabschieden?" 482 Fabian in ihm, er gang ausg sehen. Aber so von Unru Herzen hatte er f Schmerz die für ih dringen k er beim Bruder s Innerste seines die Hand. en alten Dingen sich Mühe, als assen, sagst du? indem er aufLächeln der Erchelns zu deuten illst du?" fragte h an der Front? ich der Freiheit uns verlassen?" te nichts. m die Hand auf nochmals durch ch, daß all das er romantischen er warf einen ngsam und leise tunde geht mein noch einmal zu Hand hin und Hand festhielt uns wohl nicht en, und er lachte er aus, während habe nicht die mit unsicherer uch von Christ Fabian hielt, wie von einem Zauber berührt, plötzlich den Schritt an. ,, Christa?" fragte er wie ein Träumender. ,, Ist denn Christa bei dir?" Einen Augenblick später stand Christa im Atelier. Wolfgang hatte den Raum verlassen. Fabian ging langsamen Schrittes auf Christa zu, und die Härte seiner Züge löste sich. Ihr schlichtes, klares Gesicht, ihre sanften, braunen Augen, ja, sie war es! Er streckte ihr die Hand hin, und ein Zucken lief über seine hageren Wangen. ,, Ich bin dem Zufall sehr dankbar, daß ich Sie noch einmal sehen durfte, Christa", sagte er, und seine Stimme klang sehr leise. ,, Dank für alles!" Christa sah ihn verlegen an und fand keine Worte, so verändert erschien ihr sein graues Gesicht. ,, Kehren Sie gesund zu uns zurück!" sagte sie dann und lächelte. Fabian schüttelte den Kopf. Er trat dicht an Christa heran. ,, Werden Sie recht glücklich!" rief er mit leiser Stimme und drückte ihr nochmals die Hand. ,, Und jetzt leben Sie wohl, Christa! Wir werden uns nicht wiedersehen." Und er ging schnell zur Türe. XII Fabian eilte rasch zu seinem Auto. Etwas wie Freude zitterte in ihm, er konnte es fast Glück nennen. Er hatte sich mit Wolfgang ausgesöhnt und das Wunder erlebt, Christa noch einmal zu sehen. Aber schon, als der Wagen sich der Stadt näherte, wurde er von Unruhe erfüllt. Eine nie gekannte Traurigkeit stieg in seinem Herzen empor. Die einzigen Menschen, die er wahrhaft liebte, hatte er für immer verlassen, und er würde sie nie mehr sehen. Schmerz überfiel ihn. Die beiden lebten in einer Welt für sich, die für ihn abgeschlossen war für alle Zeiten, in die er nur eindringen konnte wie ein Dieb. Der Gram drückte ihn zu Boden. 31* 483 Er ließ halten und verließ voller Qual das Auto. Nicht eine Minute hätte er es länger im Wagen ausgehalten. Rings um ihn standen kalkweiße Ruinen und häuften sich verschneite Trümmer. Eine Scherbe des Mondes stand hell zwischen gespenstischen Giebeln. Kein Mensch war weit und breit zu sehen, keine menschliche Stimme zu hören. Der Zufail hatte ihn in die verschneite Schlucht der abgerissenen Kapuzinergasse geführt. Die Kapuzinergasse, seht an! dachte er voll Schrecken. Du selbst hast sie niedergerissen und Hunderte von Menschen obdachlos gemacht. Warum? Wozu? Welch ein Wahn hatte dich ergriffen, welch ein sinnloser, unbegreiflicher Wahn? Die Gartenstadt Eschlohe, wo die Kapuziner einmal Wohnung finden sollten? Erinnerst du dich? Wahn, Wahn, Wahn! Hatte. nicht Wolfgang einmal von Potemkinschen Dörfern gesprochen? Trümmer, Trümmer, nichts als Trümmer hatten sie auf ihrem Weg zurückgelassen. Er hatte Lust, verzweifelt aufzulachen, aber er fürchtete sich vor der eisigen Stille, die ihn umgab, und schlug eilig die Richtung nach seinem ,, Büro Aufbau" ein, wo er kampierte. Schweiß Trümme Irgendwo zur Linken, da wo die Scherbe des Mondes blitzte, lag der beschneite Schutthaufen von hunderttausend Mauersteinen, die seinen kleinen Robby erschlugen. Harry aber war in Stalingrad gefangen, irgendwo in der Welt war er, wenn er noch lebte, irgendwo irrte er umher, vielleicht bettelte er, blau vor Kälte, vor einer Spelunke um eine Kruste Brot, und die Hunde rissen ihm die Fetzen vom Leibe? Wie? Du schlägst hart Herrgott! zu, Nach zerschlag setzte sic Sofa im deckt, un festgefro Gesicht es gefiel Hier s pen einer gespensti Schande ihn vern hin. Sein weiter n Nun, Wozu? Ein G der, ro vielleich wäre er Glaub gebrach kann? mein Hatte Einge Da erschrak Fabian und blieb voll Schrecken stehen. Menschen? Waren das nicht Menschen? Zwei Betrunkene, auf Krücken mit einem Bein, einst Soldaten des ruhmreichen Heeres, krochen über die Straße. Sie versuchten grölend einen Schuttberg zu erklimmen und stürzten beide fluchend in die Trümmer. ,, Verflucht! Verflucht!" brüllte der eine und erhob sich mühsam. ,, Verflucht, sage ich!" Und er stürzte abermals unter Gelächter zu Boden. Harry? Vielleicht kroch Harry in diesem Augenblick gleich erbarmungswürdig und jämmerlich über Schutthaufen? In 484 ich liebe offen mi verstrick mehr be Du k form ein zulaufer mandier von tau to. Nicht eine 4 uften sich ver- 1 | hell zwischen breit zu sehen, der abgerisse- Schweiß gebadet stand Fabian wie gebannt zwischen den eisigen Trümmern. Nach endlosem Umherirren gelangte er endlich todmüde und "zerschlagen nach Hause. In seinem Zimmer war es kalt, und er setzte sich im Mantel, den Kragen hochgeschlagen, auf sein kleines Sofa im Büro. Immer noch war sein Gesicht mit Schweiß be- deckt, und es sah ganz so aus, als ob der Schweiß an seiner Stirn festgefroren wäre. In irgendeinem Spiegel hatte er flüchtig sein > Gesicht gestreift. Kreidig sah sein Gesicht aus, grau und kreidig, es gefiel ihm nicht, ganz und gar nicht. Hier saß er nun in seinem Mantel, er zündete sich den Stum- ‚pen einer Zigarre an, den er in einer Schale fand, und starrte mit wachen Augen vor sich hin. Trauer, Qual, Schmach, Schande, Ekel, sonst war nichts mehr in ihm. Das Schicksal hatte "ihn vernichtet und zermalmt. Er stöhnte zuweilen leicht vor sich hin. Sein Zug war längst fort, nach dem Osten lief er, immer =. weiter nach dem Östen. Nun, er reiste nicht. Es hatte ja keinen Sinn mehr! Wozu? Wozu? - Ein Glück war es, daß Wolfgang das entscheidende Wort von ‘der„romantischen Geste“ ausgesprochen hatte, er dachte sich vielleicht nur wenig dabei. Ohne dieses Wort, er kannte sich gut, _ wäre er wohl wieder in die Lüge hineingeraumelt. Wer weiß es? Glaubst du wirklich, daß all das Unheil, daß ihr über die Welt gebracht habt, durch eine„romantische Geste“ gesühnt werden kann? Hatte er das nicht gesagt? Eingebrannt in meine Seele sind deine Worte, Wolfgang, den ich liebe. Du hast in mein Herz geblickt. Wahrhaftig, wir wollen offen miteinander sprechen, hörst du, es ist furchtbar, in der Lüge verstrickt zu sein, ich ertrage es nicht mehr, ich will mich nicht mehr belügen! Du kennst mein Herz, Wolfgang, ja, ich liebe es, in der Uni- form eines Hauptmanns mit vielen Orden auf der Brust herum- . zulaufen. Du hast ganz recht, ich liebe es, eine Batterie zu kom- “mandieren und Befehle zu schreien. Das Grauen einer Luft, die - von tausendfachem Tod erfüllt ist, ich liebe dieses Grauen, so irr- 485 sinnig es klingt. Kannst du das begreifen? Wenn der Kommandeur dir einen Orden an die Brust heftet, vor dem ganzen Regiment, findest du das nicht schön? Ich hatte eine Schwäche dafür. Verurteile mich, aber ich liebte den Gedanken an das größere Deutschland, ich liebte diese Fata Morgana, sei mir nicht böse. ,, Romantische Geste" nennst du es? Ja, du hast recht, wie du immer recht hattest. Jetzt, da ich alles verlor, was ich in diesem Leben besaß, da das Geschick mich bis auf den Grund vernichtete, begreife ich dich. Ich bin nicht mit dem Zug gefahren, du siehst, ich bin noch hier. Ich werde auch nicht fahren! Nein, es hat keinen Sinn mehr. Und weißt du, weshalb? Ich will keine Lüge mehr, keine Lüge und kein Blut! Auch von Sühne sprachst du, Wolfgang? Von Sühne? Ja, laẞ uns anfangen, von Sühne zu sprechen, Wolfgang. Um acht Uhr morgens, als die Wirtschafterin, die Fabian das Frühstück besorgte, das Haus aufschloß, hörte sie zu ihrem Schrecken im Büro einen dumpfen Schuß fallen. Fabian saß in der Ecke des Sofas, den Mantel aufgeknöpft, den Kopf weit nach hinten geneigt. Er sah aus, als sei er, von einer schweren Müdigkeit erfaßt, plötzlich eingeschlafen. Der Revolver war seiner wächsernen Hand entfallen und lag neben ihm auf dem Sofa.