W. NOLTING HAUFF ,, IMI'S" CHRONIK EINER VERBAN NUNG 1946 BEI FRIEDRICH TRUJEN IN BREMEN Published under authority of 6871 District Information Services Control Command license number US- W- 1031 Der Okten Umberlital Z 1947/48 21 best. Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten Copyright 1946 by Friedrich Trüjen Verlag, Bremen Gedruckt und gebunden bei Gerhard Stalling AG., Oldenburg Printed in Germany Bei der handelt es vielen Tau werden, w naheliegen und ruhige genugsam sich Ankla Diese Ch zeichnunge nach die E lagen der auf den nä verbände Bremen VORWORT Bei der Verbannung, deren Geschichte hier aufgezeichnet werden soll, handelt es sich um einen kleinen Ausschnitt aus einem Schicksal von vielen Tausenden von Menschen, Es sollen dabei nur Tatsachen berichtet werden, wie es sich für eine Chronik gehört, Werturteile, auch wenn sie naheliegen, werden grundsätzlich vermieden, Sie mögen einer späteren und ruhigeren Zeit überlassen bleiben. Auch werden die Tatsachen genugsam aus sich selber sprechen. Denn diese Tatsachen sind schon aus sich Anklage und Urteil zugleich. Diese Chronik wird auf Grund von fortlaufenden tagebuchartigen Auf- zeichnungen heute an einem Tage begonnen, an dem sicheren Vernehmen nach die Bremer Geheime Staatspolizei die Akten, welche die Grund- lagen der hier geschilderten Begebnisse gebildet haben, mit Rücksicht auf den näherkommenden Vormarsch der britisch-amerikanischen Panzer- verbände verbrannt hat, Bremen, 10, April 1945, VORSPUK 1. Nur noch vorläufig Deutscher. Die Erlebnisse, die meinen Schicksalsgenossen und mir das halbe Jahr vom Oktober 1944 bis April 1945 gebracht hat, haben eine Vorgeschichte von fast einem Dutzend Jahren, Als ich an einem sonnigen Märzmorgen des Jahres 1933 aufwachte, wußte ich, daß ich kein richtiger Deutscher mehr war. Lastwagen, gefüllt mit braununiformierten SA.-Männern, fuhren durch die Straßen, Haken- kreuzfahnen wehten von allen Türmen der Stadt und vor allen„nicht- arischen” Geschäften, Büros und Wohnhäusern standen nationalsozialisti- sche Wachtposten mit einem Plakat, auf dem zu lesen war, daß das inter- nationale Judentum der Todfeind Deutschlands sei und ausgerottet werden müsse, Zu den Menschen„nichtarischer Abstammung‘, die mit„revolutio- närer” Plötzlichkeit aus dem deutschen Volke mehr oder weniger aus- geschieden wurden, gehörten nicht nur die Juden, sondern alle Männer und Frauen, die auch nur einen Großvater oder eine Großmutter hatten, die der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört hatten, Die Eltern meines Vaters, den ich niemals gekannt habe, weil er schon, als ich noch nicht 2 Jahre alt war, als preußischer Beamter— Senatspräsident an einem Oberlandesgericht— gestorben war, sind mosaischen Bekenntnisses ge- wesen, Mein Großvater väterlicherseits, der sein Leben lang als Magi- stratsmitglied in Breslau gewirkt hat, ist übrigens, was ich nur der Merk- würdigkeit halber erwähne, bereits im Jahre 1805 zu Glogau geboren, also zu einer Zeit, als der Staat Friedrichs des Großen noch aufrecht stand, Mein Schicksal, als es mich ereilte, war also gewissermaßen weit über ein Jahrhundert alt, Dies spielte aber den Gesetzen des Dritten Reiches gegenüber keine Rolle, ebensowenig wie die Tatsache, daß ich mütterlicherseits aus einer alten deutschen Familie stamme, die ihren Stammbaum bis auf Kaiser Rudolph II, zurückleitet und dem deutschen Volke einen vielgelesenen und auch noch heute besonders von der deut- schen Jugend geliebten Dichter geschenkt hat. Ohne Bedeutung war auch, daß mein Vater als hoher Beamter dem preußischen Staate sein ganzes Leben lang treu gedient hatte und in seiner Jugend den Deutsch-Franzö- sischen Krieg von 1870/71 als Reserveoffizier in einem schlesischen Reiterregiment mit Auszeichnung mitgekämpft hatte. Es war eben von einem Tage auf den anderen ein schwerwiegender Irrtum von mir ge- worden, mich stets für einen guten Deutschen gehalten zu haben. Auf Grund des sog,„Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” 1 mußte ich an meinem 31. Geburtstage aus der deutschen Rechtsanwaltschaft ausscheiden. Darüber, was diese ebenso plötzliche wie öffentliche Deklassierung für die Betroffenen seelisch bedeutet hat, will ich an dieser Stelle nicht sprechen. Die Überraschung in meinem Freundes- und Bekanntenkreise war groß und nachhaltig. Für meine Abstammung hatte sich bis dahin niemand interessiert. Denn derartige Fragen waren, bevor die rassepolitischen ,, Erkenntnisse" Hitlers zur Herrschaft gelangten, ohne Bedeutung gewesen. Daß ich trotzdem gleich auf die Liste der ,, Verfemten" kam, hatte ich einem Richter zu verdanken, mit dem ich eine persönliche Differenz gehabt hatte und der mich deswegen sofort bei den neuen Regierungsinstanzen denunzierte. Was von Staatswegen geschieht, war vom deutschen Bürgertum stets als eine Art Offenbarung hingenommen worden, und so blieb es auch für die weitesten Kreise, zum mindesten in der ersten Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Ich hatte infolgedessen, nachdem meine Maßregelung bekanntgeworden war und sie verbreitete sich besonders wegen der Neuartigkeit des Vorganges wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt die Menschen in zwei Kategorien einzuteilen, nämlich in diejenigen, die mich nicht mehr auf der Straße grüßten und die ich infolgedessen auch nicht mehr grüßen konnte, und in diejenigen, die bei ihrem früheren Gruße, sei es auch zum Teil mit größerer oder geringerer Reserve, blieben. Zur Ehre meines früheren Bekanntenkreises muß ich sagen, daß beide Kategorien im Anfang ungefähr gleich groß waren und daß sich die Zahl der Grüßer", als der erste Schock vorüber war, sogar auf Kosten der ,, Nichtmehr- Grüßer" später wieder vermehrt hat. - Im Gerichtsgebäude war ich von gestern auf heute ein Fremdling geworden. Um so weniger kann ich hier unerwähnt lassen, daß sich der große Konzern, den ich als Anwalt vertreten hatte, unter der Führung seines verehrungswürdigen Präsidenten damals, ohne einen Augenblick zu schwanken, schützend vor mich gestellt hat. Meine damalige Absicht, in die Schweiz auszuwandern und dort ein ganz neues Leben zu beginnen, kam nicht zur Ausführung, weil sich der genannte Konzern entschloß, mir trotz aller Bedenken, die ich dagegen pflichtgemäß geltend machen mußte, einen leitenden Posten zu übertragen. und aus de Beamtenste als ,, Gäste Folgezeit f bestimmun oder zu ei brachten a Alle meine geschäftlichen Freunde, die mir im Gegensatz zu vielen privaten Bekannten ausnahmslos treu blieben, rieten mir dringend, meine Heimat nicht zu verlassen, zumal auch diese Revolution sich wie alle früheren Revolutionen ,, wieder beruhigen werde". Die gute Meinung meiner Freunde hat sich allerdings in diesem Punkte als irrig erwiesen. Die nationalsozialistische ,, Revolution" hat sich auf dem Gebiete der Judenverfolgung und alles dessen, was damit zusammenhing, durchaus nicht beruhigt, sondern sie ist im Laufe der Zeit sogar über ihre eigenen ursprünglichen Zielsetzungen hinweg immer weiter in der Richtung auf die völlige Vernichtung des selbstgeschaffenen Feindes fortgeschritten. Während es im nationalsozialistischen Parteiprogramm ursprünglich geheißen hatte, daß die Juden nur aus dem politischen Leben Deutschlands 8 gewisse S die eine Deutschla bürgerrech Dreivierte Gesetze e dem etwas kalen habe den Konse sich dem d die zahlrei haben, mit Gesetzes, s denen das Der neu stellte als der öffentli und sonsti listischen R Juden ein Neger, die folgerichti Staates ga doch Met etwas, das Die Juden artige" un Mischlinge pierenen Of kaum eine Menschen Rasse hat zeichneten Das gesetz das akten Behörden bannungsla sohn Duno gemacht u und aus den staatlichen Schlüsselstellungen, wie insbesondere aus den Beamtenstellungen ausgeschaltet werden sollten und daß sie insbesondere als„Gäste” in Deutschland frei Handel treiben könnten, wurde in der Folgezeit fast jeder nur denkbare Beruf der„Säuberung” durch Arier- bestimmungen unterworfen, Für diejenigen Menschen, die nur zur Hälfte oder zu einem noch geringeren Blutsanteil jüdischer Abstammung waren, brachten allerdings die sog.„Nürnberger Gesetze" vom Jahre 1935 eine gewisse Stockung der in Frage stehenden Entwicklung. Diese Gesetze, die eine völlige Erledigung der bürgerlichen Stellung der Juden in Deutschland zum Gegenstande hatten und den Betroffenen das Reichs- bürgerrecht absprachen, bezogen sich hierbei nur auf die Voll- und Dreiviertel-Juden, Dem Vernehmen nach hat unmittelbar vor Erlaß dieser Gesetze eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem radikalen und dem etwas gemäßigteren Flügel der Nazipartei stattgefunden. Die Radi- kalen haben den gesetzlichen Judenbegriff mit allen sich daraus ergeben- den Konsequenzen auch auf die Halbjuden ausdehnen wollen, während sich dem die gemäßigteren Elemente, nicht zuletzt wohl im Hinblick auf die zahlreichen adligen Offiziere, die jüdische Mütter hatten, widersetzt haben, mit dem Erfolge, daß die Halbjuden nicht zu„Juden“ im Sinne des Gesetzes, sondern zu„jüdischen Mischlingen I. Grades“ erklärt wurden, denen das„vorläufige Reichsbürgerrecht” verblieb. Der neugeschaffene gesetzliche Begriff des„jüdischen Mischlings" stellte als solcher eine Diskriminierung dar, welche die Betroffenen in der öffentlichen Wertschätzung auf die Stufe von Mulatten, Halbnegern und sonstigem„Halfcast” herabdrückte, Nach der sog. nationalsozia- listischen Rassenlehre, die auf dem fundamentalen Irrtum beruht, daß die Juden eine dem Europäertum entgegengesetzte Rasse, wie etwa die Neger, die Indianer oder die Ostasiaten seien, war das allerdings nur folgerichtig, Wie hinsichtlich mancher anderen Maßnahmen des neuen Staates galt auch hier das Hamlet-Wort:„Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode,” Ein Federstrich des Gesetzgebers und„Rasse” war etwas, das von nun ab nach der Religion der Großeltern bestimmt wurde. Die Juden waren damit gegenüber den deutschen Volksgenossen„anders- artige’ und die Menschen von teilweiser jüdischer Abstammung als „Mischlinge” minderwertige Existenzen geworden, Entgegen dieser pa- pierenen Offenbarung habe ich allerdings unter meinen Schicksalsgenossen kaum eine minderwertige Persönlichkeit, dagegen eine große Anzahl von Menschen gefunden, die im Sinne Nietzsches und Oswald Spenglers „Rasse hatten”, bei denen also eine weitgehende Harmonie von ausge- zeichneten körperlichen und geistig-seelischen Eigenschaften bestand. Das gesetzlich sanktionierte Schimpfwort„jüdischer Mischling I, Grades”, das aktenmäßig bei der Gestapo und bei den anderen mit uns befaßten Behörden in„J.M.L" abgekürzt wurde, haben wir später in unserem Ver- bannungslager, ähnlich wie einst der„natürliche“ französische Königs- sohn Dunois von Orleans den Namen„Bastard”, zu unserem Ehrennamen gemacht und uns mit Stolz„Imis” genannt, 2. Sturmzeichen: Eine Entlassungsorder und ihre Folgen. Durch die Gesetzgebung des Dritten Reiches waren wir Imis zunächst in ein eigenartiges Zwielicht geraten. Wir waren zwar keine Juden, denen mit dem Fortschreiten der nationalsozialistischen ,, Revolution" immer mehr der Vernichtungskampf angesagt wurde, wir waren aber, wenn auch zunächst Reichsbürger, trotzdem keine deutschen Volksgenossen. Das Wehrgesetz erlaubte zuerst, uns als Freiwillige zu melden. Erst im Jahre 1938 wurde die allgemeine Wehrpflicht wieder auf uns ausgedehnt. Weder als Freiwillige noch als nunmehr wieder Wehrpflichtige konnten wir aber Vorgesetzte in der Wehrmacht werden. Über den Dienstgrad des Gefreiten hinaus durfte keiner von uns befördert werden. Allerdings waren in der Wehrmacht von früher aus der Reichswehr her noch zahlreiche, zum Teil auch höhere und hohe Offiziere ,, gemischter" Abstammung verblieben, aber auch diese unterlagen einem allmählichen Ausscheidungsprozeß, wenn sie nicht, weil sie als unentbehrlich galten, kurzerhand durch einen in den Gesetzen vorbehaltenen ,, Gnadenakt" Hitlers, der nur von diesem persönlich ausgehen konnte, ,, arisiert" wurden. Auf Grund des Wehrdienstgesetzes sind viele meiner Schicksalsgenossen zu Beginn des Krieges einberufen worden und haben, wenn auch sicher in der Regel geteilten Herzens, im Polenfeldzug 1939, im Norwegen- und Frankreich- Feldzug 1940 und auch noch im Balkanund Rußland- und Afrika- Feldzug 1941 ihre vaterländische Pflicht erfüllt. Ich bin nur deswegen nicht einberufen worden, weil ich, bei der Musterung voll kriegsverwendungsfähig befunden, auf Grund meiner wirtschaftlichen Position unabkömmlich gestellt wurde. der die Gerich meistens an d man noch davo gesetz einfach eine tatsächlic Gatten zu erz schen Ehepar dabei um Pe wurde, um d die Verbann Lager beschl Betroffenen 1940 auf eine des Frankrei ierung der Ha Krieges gefor ginn dieser b zentrationslag schließen soll Bevor die V licht wurde, k vorbereitende die einzige M keine„ Rassen war den Imis, ratet waren, a teilt wurde, ge laubt, führte a damit gesetzlic Konsequenzen den außerehel jeder intime V und zwar gleic schwerer Zuch des Imis, sei Konsequenzen. order, welche fronten nach haltbarer Zusta Geheimerlaß H um Männer oc boten und led Eheverhältniss delte, der im aber keine Ko Betroffenen, ü und anderer Bereits im April 1940 war aber ein Geheimerlaẞ Hitlers ergangen, wonach die ,, J.M.I." nicht mehr zum Wehrdienst einberufen werden sollten und die bereits Einberufenen aus der Wehrmacht wieder zu entlassen waren. Dieser Geheimerlaß ist mit außerordentlicher Langsamkeit durchgeführt worden. Mir wurde er erst Ende des Jahres 1942 ganz zufällig bekannt, und ich habe diese Order sogleich als das, was sie war, nämlich als Anfang von etwas Bösem angesehen, das ich in ähnlicher Form, wie es sich für die Volljuden bereits verwirklicht hatte, auch für meine Schicksalsgenossen schon seit Jahren erwartete. Der betreffende Geheimerlaß, der sich übrigens nicht nur auf die ,, J.M.I.", sondern auch auf die ,, jüdisch Versippten", also auf arische Männer, die mit jüdischen Frauen verheiratet waren, bezog, dürfte aus verschiedenen, allerdings untereinander zusammenhängenden Erwägungen ergangen sein. Bei der großen Judendeportation des Jahres 1940, die nach Beendigung des Polenfeldzuges durchgeführt wurde, waren die arisch verheirateten Juden und Jüdinnen ausgenommen und zunächst in Deutschland belassen worden. Das Vernichtungsprogramm der Partei duldete aber auf die Dauer keine Ausnahmen, zumal nicht auf Grund von ehelichen Verbindungen, die nach der Terminologie der Nürnberger Gesetze als ,, Rassenschande" anzusehen waren. Da die vielfältigen Versuche der unteren Parteiinstanzen, die ,, Mischehen" durch eine Scheidungsklage des arischen Ehepartners, 10 en. s zunächst EEE De ERS AR N ee a u si der die Gerichte ohne weiteres stattgaben, zur Auflösung zu bringen, meistens an dem Widerstand des arischen Ehegatten scheiterten und man noch davor zurückschreckte, die betreffenden Ehen durch ein Staats- gesetz einfach für aufgelöst zu erklären, blieb nichts anderes übrig, als eine tatsächliche Trennung solcher Ehen durch Deportation des jüdischen Gatten zu erzwingen, was eine vorherige Unschädlichmachung des ari- schen Ehepartners und seiner Abkömmlinge, mindestens soweit es sich dabei um Personen männlichen Geschlechts handelte, voraussetzte. So wurde, um die letzten Juden aus Deutschland loszuwerden, zuvörderst die Verbannung der ,„J.M.L” und der jüdisch Versippten in besondere Lager beschlossen, was wieder die vorherige Ausscheidung der hierdurch Betroffenen aus der Wehrmacht erforderte, Hinzu kam, daß im Jahre 1940 auf einem rassepolitischen Kongreß der Partei, der nach Beendigung des Frankreich-Feldzuges in Frankfurt am Main stattfand, die Evaku- ierung der Halbjuden aus Deutschland für die Zeit nach Beendigung des Krieges gefordert und zum Programmpunkt erhoben worden war. Der Be- ginn dieser beabsichtigten Austreibung aus Deutschland war das Kon- zentrationslager, das sich an die Ausstoßung aus der Wehrmacht an- schließen sollte, Bevor die Verschleppung der Betroffenen in besondere Lager verwirk- licht wurde, kam es in den Jahren 1942 und 1943 noch zu einer anderen „vorbereitenden” Maßnahme. Die Imis waren nämlich merkwürdigerweise die einzige Menschengattung, die auf Grund der Nürnberger Gesetze keine„Rassenschande” begehen konnten, Die Verehelichung mit Ariern war den Imis, soweit sie bei Erlaß dieser Gesetze nicht bereits verhei- ratet waren, allerdings nur mit Genehmigung, die praktisch kaum je er- teilt wurde, gestattet und die Verehelichung mit Volljuden war zwar er- laubt, führte aber dazu, daß auch der Imi, der eine solche Ehe schloß, damit gesetzlich Jude mit allen sich daraus ergebenden schwerwiegenden Konsequenzen wurde, Dagegen enthielten die Nürnberger Gesetze über den außerehelichen Verkehr von Imis keine Bestimmungen. Während jeder intime Verkehr zwischen Volljuden und Ariern bei dem Manne, "und zwar gleichgültig, ob dieser der arische oder jüdische Teil war, mit schwerer Zuchthausstrafe belegt war, hatte ein außerehelicher Verkehr des Imis, sei es mit Ariern, sei es mit Volljuden, keine gesetzlichen Konsequenzen, Dies war nun besonders im Hinblick auf die Entlassungs- order, welche die Imis vom Wehrdienst befreite und von den Kampf- fronten nach Haus zurückschickte, in den Augen der Gestapo ein un- haltbarer Zustand geworden, dem abgeholfen werden mußte, Durch einen Geheimerlaß Himmlers wurde den Imis, und zwar gleichgültig, ob es sich um Männer oder Frauen handelte, jeder intime Verkehr mit Ariern ver- boten und lediglich den Verheirateten die tatsächliche Fortsetzung des Eheverhältnisses noch gestattet. Da es sich um einen Geheimerlaß han- delte, der im übrigen mit den Nürnberger Gesetzen, was der Gestapo aber keine Kopfschmerzen bereitete, völlig unvereinbar war, wurden die Betroffenen, über welche die Staatspolizei auf Grund der Volkszählung und anderer Unterlagen ein Register angelegt hatte, einzeln auf das zu- 11 ständige Staatspolizeiamt geladen und ihnen dort der Erlaß mit dem Hinweise eröffnet, daß sie sich bei Zuwiderhandlungen ,, den strengsten staatspolizeilichen Maßnahmen aussetzten". Mündlich begründet wurde bei dieser Gelegenheit der Erlaß meist damit, daß es sich hier um eine Forderung des Frontheers handele, da den für ihr Vaterland kämpfenden deutschen Männern nicht zugemutet werden könne, ihre Frauen und Töchter in der Heimat der Zudringlichkeit der dorthin zurückgeschickten Imis ausgesetzt zu wissen. Diese Begründung paẞte nun allerdings überhaupt nicht auf die Imi- Frauen und-Mädchen, was aber wohl gleichfalls behördlicherseits keine Skrupel hervorgerufen hat. Nur der Merkwürdigkeit halber sei hier erwähnt, daß eines Tages eine 61jährige Frau halbjüdischer Abstammung zu mir kam und mir berichtete, daß auch sie die Kenntnisnahme des Himmler- Erlasses bei der Gestapo unterschriftlich habe bestätigen müssen; auf ihren Hinweis, daß die Unterschrift für sie als bejahrte verheiratete Frau doch gegenstandslos sei, hatte der Beamte erwidert, der Erlaẞ müsse ausnahmslos durchgeführt werden und ,, es sei ja auch denkbar, daß sie ihren Mann beispielsweise bei einem feindlichen Bombenangriff plötzlich verliere und dann früher oder später Lust verspüren könnte, sich mit einem anderen arischen Manne zusammenzutun". Die Gestapo hat tatsächlich auch die Durchführung dieser eigenartigen Zölibatsverordnung überwacht und in meiner Heimatstadt sogar eine Agentin eingesetzt, deren Aufgabe es war, junge Imis zu einer Verletzung des Erlasses zu verführen. Auf Anzeige solcher ,, Provokateurinnen" oder auch auf Denunziationen von Bekannten und Nachbarn sind immerhin einige junge Imis wegen verbotener Liebesabenteuer ins Konzentrationslager gewandert, und ich bin einigen davon auf dem späteren Verbannungswege auch dort begegnet. zusammen m jahrgangsmä Organisation welche u. a. Jedenfalls war der Zölibatserlaß ein weiterer Schritt auf dem planmäßigen Wege des allmählichen Ausschlusses der Imis aus dem deutschen Volk, und die endgültige Verbannung war damit eine Frage nur noch kurzer Zeit geworden. 3. ,, Wehrunwürdig" zur OT. richtung vo gaben der Durch ein auftragt, di Gestapo zu unwürdigen usw., zum A Arbeitsämter anders als be kömmlichkei hier doch noc bisherigen A mandos und betraf, haben stellung eing wägungen ei meines Konz vortrug, und kunft eingehen Es war von vornherein klar, daß bei längerer Dauer des Krieges, zumal wenn dieser eine kritische Wendung nahm, die aus der Wehrmacht entlassenen Imis und jüdisch Versippten für die ,, Befreiung" vom Wehrdienst durch einen anderen ,, Kriegseinsatz" belastet werden würden. Dafür sorgte schon der in nationalsozialistischen Kreisen allmählich um sich greifende Neid, mit dem es für paradox erklärt wurde, daß ,, gerade diese Leute sich, während die besten deutschen Männer an der Front kämpfen und sterben, friedlich die Sonne auf den Kopf scheinen lassen könnten". Weiter betrachtete man die Betroffenen, nach allem, was ihnen von ihrem Vaterlande angetan worden war, als ,, politisch unzuverlässig" und war daher bestrebt, sie aus feindbedrohten Teilen des Reiches möglichst frühzeitig zu entfernen. Infolgedessen kam man auf den Gedanken, die Imis 12 von der Unm sprochen hatte von Schwerver zerns allerding Zurückzustelle werden sollte. der Zurückstel sogar meiner druck verliehe lichen Einberu delte es sich u beamte. Denn Frage stehend Bei der Ein waren schließl Mißfallen der daß einzelne d entzogen hatte sich einer Pr nicht gemeldet weitere Einber zusammen mit allen anderen von der Wehrmacht noch nicht erfaßten, jahrgangsmäßig dienstpflichtigen Personen zu Arbeitsbataillonen bei der Organisation Todt(OT.) zusammenzufassen, derjenigen Organisation, welche u, a, die Festungsbauten, kriegsbedingte Straßenbauten und die Er- richtung von Rüstungswerken neben der Erfüllung vieler anderer Auf- gaben der technischen Kriegführung durchzuführen hatte, Durch einen neuen Geheimerlaß Hitlers wurden die Arbeitsämter be- auftragt, die Imis und jüdisch Versippten, deren Register dazu von der Gestapo zur Verfügung gestellt wurden, zusammen mit anderen„Wehr- unwürdigen“, u. a, mit schweren Freiheitsstrafen Vorbestraften, Zigeunern usw,, zum Arbeitsdienst zu erfassen und kurzfristig einzuberufen. Die Arbeitsämter sind entsprechend verfahren. Wenn nach dem Erlaß auch anders als bei Einberufungen zum Wehrdienst eine wirtschaftliche Unab- kömmlichkeit der erfaßten Personen keine Rolle spielen sollte, so blieb hier doch noch die Möglichkeit, daß die Einberufenen, sofern sie auf ihren bisherigen Arbeitsstellen unentbehrlich waren, über die Rüstungskom- mandos und die Gauwirtschaftskammer reklamiert wurden. Was mich betraf, haben sich beide Instanzen mit Nachdruck für meine Zurück- stellung eingesetzt. Dabei spielten unausgesprochen persönliche Er- wägungen eine nicht unbeträchtliche Rolle. Dem Vertrauensmann meines Konzerns, der die Angelegenheit beim Rüstungskommando vortrug, und meine geschäftliche Stellung sowie meine persönliche Her- kunft eingehend schilderte, hat der dort amtierende Major, der auch erst von der„Unmöglichkeit der Zurückstellung eines Wehrunwürdigen” ge- sprochen hatte, schließlich kopfschüttelnd erwidert:„In die Gesellschaft von Schwerverbrechern und Zigeunern gehört der Syndikus Ihres Kon- zerns allerdings nicht‘ und hat dann meinen Namen auf die Liste der Zurückzustellenden gesetzt, die von vornherein möglichst beschränkt werden sollte, Der Syndikus der Gauwirtschaftskammer hat, was in Fällen der Zurückstellung vom Kriegsdienst außerordentlich ungewöhnlich war, sogar meiner Firma gegenüber schriftlich seiner Freude darüber Aus- druck verliehen, daß es möglich gewesen war, mich von der arbeitsamt- lichen Einberufungsaktion zu befreien. Bei diesen Persönlichkeiten han- delte es sich um Nationalzosialisten oder doch zum mindesten um Staats- beamte, Dennoch ging aus ihrer Haltung klar hervor, daß sie die in Frage stehende Maßnahme in ihrem eigenen Herzen mißbilligten. 4,„Sonderaktion J“, Bei der Einberufung der„Wehrunwürdigen” durch die Arbeitsämter waren schließlich doch so viel Zurückstellungen erfolgt, daß dies das Mißfallen der maßgebenden Regierungsstellen hervorrief, Hinzu kam, daß einzelne der Betroffenen sich der Erfassung durch die Arbeitsämter entzogen hatten, indem sie sich auf die formularmäßige Aufforderung, sich„einer Prüfung ihrer Einsatzfähigkeit zu unterziehen”, überhaupt nicht gemeldet hatten, Da die Arbeitsämter sich im übrigen weigerten, weitere Einberufungen, die rüstungswirtschaftlich nicht mehr verantwortet 13 werden könnten, aus dem Kreise der in Frage kommenden Personen vorzunehmen und die Aktion für abgeschlossen erklärten, erging kurzerhand ein weiterer Geheimerlaẞ Himmlers, mit welchem nunmehr die Geheime Staatspolizei angewiesen wurde, Imis und jüdisch Versippte, ohne daß noch irgendeine Ausnahme zugelassen werden könne, in Zwangsarbeitslager zu verbringen. nicht gemacht ich mir schon Zwei Tage auf Bremen, lichen übrigen hatte, erhielte stunden, teil schriftlich zu am nächsten ten und min melden hatter gedroht wurd rufenen" hatte terer erheblich stellung der L ihnen gelassen sich auch nur ihre Sachen ni daß sie Gelege geschäftlichen bei diesem erst lediglich verseh gezogen und mu Diese Aktion, die amtlich ,, Sonderaktion J" betitelt wurde, offenbar um zum Ausdruck zu bringen, daß die Betroffenen nunmehr gleichsam" als Juden behandelt werden sollten, wurde, da die polizeilichen Register auf dem fraglichen Gebiet nach wie vor lückenhaft waren, durch eine Rundfrage vorbereitet. Die Betroffenen erhielten eines Tages von dem ,, Vertrauensmann der Reichsvereinigung der deutschen Juden"( der staatlichen Zwangsorganisation der Volljuden) die formularmäßige Aufforderung, in ihrer Eigenschaft als deutsch- jüdischer Mischling I. Grades ihre ehelichen und unehelichen Kinder anzugeben und über ihre gegenwärtig ausgeübte Tätigkeit Mitteilung zu machen". Da die Adressaten dieses Zirkulars nicht zu der betreffenden Reichsvereinigung gehörten und auch weder tatsächlich noch gesetzlich Juden waren, haben sie diese eigenartige Anfrage, die von einem arisch verheirateten Volljuden ,, im Auftrage der Aufsichtsbehörde" ausging, wohl ganz im allgemeinen nicht beantwortet. Infolgedessen erging wenige Wochen später eine gleichlautende, von der Gestapo unterzeichnete Anfrage, die nun beantwortet werden mußte. Die Frage nach den Kindern der Adressaten hat wohl nur Tarnungszwecken, vielleicht aber auch, wie mir erst viel später klar geworden ist, zur ,, Erfassung" für künftige Deportationen gedient. Die Hauptsache war wohl, daß auch die Gestapo, bevor sie handelte, einen Überblick über die rüstungswirtschaftlichen Interessen haben wollte, deren Verletzung durch die Herausnahme der Betroffenen aus ihren bisherigen Arbeitsstellungen unvermeidlich war. Es hat dies aber nichts daran geändert, daß die Aktion dann tatsächlich so gut wie ohne Ausnahme mit der größten Rücksichtslosigkeit durchgeführt worden ist. Was die Angabe der Kinder anbelangte, so habe ich mir den besonderen Spaß gemacht, darauf hinzuweisen, daß meine Kinder genau derselben Abstammung seien wie ein mir bekannter Admiral, der als rühmlich hervorgehobener Hilfskreuzerkommandant das Eichenlaub zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes aus Hitlers eigener Hand erhalten hatte. Mein Hinweis hatte immerhin den Erfolg, daß ich zur Gestapo geladen und dort mit ausgesuchter Höflichkeit darüber ausgeforscht wurde ,,, ob ich nicht lediglich jüdischer Mischling II. Grades sei", also nur 25 Prozent jüdischen Blutsanteils besitze. Diese Frage konnte ich nicht bejahen, da sich auf dem Taufschein meines verstorbenen Vaters, den die Gestapo entweder bei ihren Akten hatte oder sich zum mindesten beschaffen konnte, ergab, daß meine beiden väterlichen Großeltern mosaischen Bekenntnisses gewesen seien. Der vernehmende Beamte meinte darauf bedauernd ,,, dann bleibe also alles so, wie es gewesen sei, denn die Ausnahme, die der Führer mit einem Admiral gemacht habe, werde mit mir 14 heiten, soweit d lassen. Wie ich gebäude auch worden, daß ich überhaupt nich damals Bomber ten Anschrift j Irrtum oder um Frist zu geben, Es wurde bal zentrationslager Aufenthalt von im Wesergebirge Jedenfalls wu ich mich mit H legenheiten und wartenden Fall mir hierfür noc daß alles seine überhaupt nicht Hause, um mög der Gestapo ka reichs durch die nen vor- rzerhand gr ERENTO WERE N. en> DIEB RN nicht gemacht werden können”, Die Ursache dieses Bedauerns konnte ich mir schon damals vorstellen, Sie wurde bald offenbar. Zwei Tage nach einem besonders schweren britischen Bombenangriff auf Bremen, der das Zentrum der Stadt einäscherte und auch in sämt- lichen übrigen Stadtbezirken die schlimmsten Verheerungen hervorgerufen hatte, erhielten etwa 200 Imis und jüdisch Versippte in den späten Abend- stunden, teilweise auch erst gegen Mitternacht, eine von ihnen unter- schriftlich zu bestätigende Gestapo-Ladung zugestellt, wonach sie sich am nächsten Morgen um 7 Uhr mit Marschgepäck, festen Schuhen, Spa- ten und mindestens einem Tag Verpflegung im Gestapo-Gebäude zu melden hatten, andernfalls die üblichen schwerwiegenden Folgen. an- gedroht wurden. Ein großer Teil der auf diese abrupte Weise„Einbe- rufenen” hatte in den Wohnungen schweren Bombenschaden, ein wei- terer erheblicher Teil war total ausgebombt und konnte bei der Zu- stellung der Ladung nicht aufgefunden werden. Wegen der Kürze der ihnen gelassenen Frist waren die„Einberufenen” gar nicht in der Lage, sich auch nur in einigermaßen vernünftiger Weise auszurüsten, soweit ihre Sachen nicht überhaupt gerade verbrannt waren, geschweige denn, daß sie Gelegenheit gehabt hätten, noch ihre persönlichen oder gar ihre geschäftlichen Angelegenheiten irgendwie zu ordnen, Bekannte, die ich bei diesem ersten Schub hatte, sind im Straßenanzug und Straßenmantel, lediglich versehen mit einem kleinen Koffer oder einem Rucksack los- gezogen und mußten die Erledigung ihrer ganzen laufenden Angelegen- heiten, soweit dieselben nicht einfach liegenblieben, ihren Frauen über- lassen, Wie ich dann später hörte, ist beim Namensaufruf im Gestapo- gebäude auch mein Name wiederholt mit der Feststellung aufgerufen worden, daß ich nicht erschienen sei, Tatsächlich hatte ich eine Ladung überhaupt nicht erhalten, obwohl ich weder ausgebombt war noch damals Bombenschaden hatte und an meiner der Behörde bekann- ten Anschrift jederzeit zu erreichen war. Ob es sich dabei um einen Irrtum oder um die bewußte Absicht gehandelt hat, mir noch eine gewisse Frist zu geben, ist niemals aufgeklärt worden. Es wurde bald bekannt, daß die„Einberufenen‘ zunächst in das Kon- zentrationslager Farge überführt worden waren und nach einem dortigen Aufenthalt von 10 Tagen durch die OT, in ein Arbeitslager, das in Lenne im Wesergebirge errichtet worden war, weiter transportiert wurden, Jedenfalls wußte ich nun Bescheid und tat zweierlei, Erstens machte ich mich mit Hochdruck an eine. Regelung meiner persönlichen Ange- legenheiten und geschäftlichen Verpflichtungen für den nun bald zu er- wartenden Fall meiner Abwesenheit und es gelang mir, dieselben in den mir hierfür noch zur Verfügung stehenden drei Wochen so zu ordnen, daß alles seinen Gang ging, auch wenn ich lange Zeit oder schließlich überhaupt nicht wiederkam, Zweitens traf ich Vorkehrungen in meinem Hause, um möglichst„verreist” zu sein, wenn die zu erwartende Ladung der Gestapo kam. Nach der kurz vorausgegangenen Überrennung Frank- reichs durch die Invasion gab man schon damals dem Kriege keine allzu 15 lange Frist mehr und ich sagte mir, daß, wenn ich noch ein oder zwei Transporte versäumen könnte, die Angelegenheit für mich womöglich gegenstandslos werden würde. Es war allerdings schon damals in Deutschland mit großen Unzuträglichkeiten verbunden, auf längere Zeit zu verreisen. Mein Gepäck lag jederzeit fertig gepackt und ich hatte alles so eingerichtet, daß ich sowohl bei Tage als auch bei Nacht mein Haus durch einen hinteren Eingang jederzeit in 1-2 Minuten verlassen konnte. Nur an eine Möglichkeit hatte ich nicht gedacht, und gerade diese unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten wurde zur Wirklichkeit. Mein geschäftliches Büro war bei dem schweren Luftangriff von Anfang Oktober 1944 ein Raub der Flammen geworden, und ich hatte deshalb mir ein behelfsweises Büro in meinem Privathause einrichten müssen. Eines Morgens wollte ich zur Stadt gehen und befand mich schon auf dem Wege zur Haustür, als das Telefon klingelte. Der Telefonapparat stand auf meinem Schreibtisch und meine Sekretärin, die in einem anderen Raume saß, hatte dort noch keinen Telefonanschluß. Da ich glaubte, daß es sich um einen geschäftlichen Anruf handelte, den ich noch gleich erledigen könnte, kehrte ich um und ging, ohne meine Sekretärin zu rufen, selbst an den Apparat. Als ich meinen Namen genannt hatte, meldete sich das Geheime Staatspolizeiamt Bremen! Es wurde mir erklärt, es sei nun die höchste Zeit, daß ich meinen Verpflichtungen genügte und ,, zur OT. einrückte"; ich hätte mich am nächsten Tage, mittags 12 Uhr, auf dem Polizeiamt mit Marschgepäck zu melden. Meinem Schicksal wäre ich, wie sich später herausstellte, auch auf keine Weise entgangen. Denn die Gestapo hat noch bis in das Frühjahr 1945 hinein in buchstäblicher Ausführung des Befehls, keinerlei Ausnahmen mehr zuzulassen, Imis, deren Anschriften gewechselt hatten oder die sich zunächst der Erfassung zu entziehen wußten ,,, einberufen". Über ein paar Wochen hinaus hätte ich unter den damaligen Verhältnissen nicht verreisen können, und selbst wenn ich eine Möglichkeit gehabt hätte, für ein halbes Jahr irgendwo unterzutauchen, hätte man, indem man meiner Familie auf dem bekannten Wege der ,, Sippenverantwortung" Ungelegenheiten bereitete, Mittel und Wege genug gehabt, um meiner habhaft zu werden. An dem Tage, an dem ich ,, einzurücken" hatte, herrschte in Bremen infolge zahlreicher britischer Luftangriffe auf Nordwestdeutschland und Mitteldeutschland, die eine nicht abreißende Kette von Fliegeralarmen auslösten, ein erhebliches Durcheinander. Im Luftschutzbunker, in welchem meine Frau und ich inmitten der sich dort stauenden dichten Menschenmasse standen, hatten wir Muße, voneinander Abschied zu nehmen. Nach der Vorentwarnung hatte ich noch gerade Zeit, meinen Kindern, die in einem anderen Luftschutzraum gewesen waren, die Hand zu geben und dann ging es durch einen strömenden Herbstregen, der allerdings zu diesem Aufbruch paẞte, ausgerüstet mit einem Rucksack, zwei Wolldecken, einem alten Lodenmantel und Gummistiefeln, die mir ein hilfsbereiter Bekannter zur Verfügung gestellt hatte, zur Gestapo, einem unbekannten Ziel und einem noch ungewisseren Schicksal entgegen. 16 Als i meinen den Sc bestäti dies au liche V telefo Gründ Im V dessen lächelt aufgesc gedräng mit ein gewese zu trage ihre Sy tionen pflegte bunden, heraufb dies bei ganz wir abe Verwan hungen in Dritten irgende Was Lebens wachse mir ein Herzens aus ein jedenfal Gesicht herauss Deutsch zu beg Junger der H im we ordent gerisse Leuten 2,, Imi's wei ich cherSO aus te. ungeber ein mes em and ren daß erfen, lete sei zur auf wäre Denn cher Imis, Sung ätte elbst dwo nten und men und men hem henmen. lern, eben s zu Wollmilfsun5. ,, Häftlinge" ohne Verhaftung. Als ich die Türe des Gestapogebäudes hinter mir schloß, war ich mit meinen dort zum Teil schon anwesenden, zum Teil allmählich eintreffenden Schicksalsgenossen, wie mir dies auch später ausdrücklich ,, amtlich" bestätigt wurde, Gefangener. Den anderen ,, Einberufenen" waren, wie dies auch bei dem ersten Schub geschehen war, am Tage zuvor schriftliche Vorladungsbefehle zugestellt worden. Den besonderen Scherz einer ,, telefonischen Verhaftung" hatte man sich ich weiß nicht, aus welchen Gründen - nur mit mir gemacht. - Im Warteraum der Gestapo, dessen Fenster vergittert waren und von dessen einer Querwand ein Bild des Reichsführers S.S. Himmler herniederlächelte, betrachteten sich zwischen auf dem Tisch und auf den Stühlen aufgeschichteten Rucksäcken, Koffern und Decken die dort zusammengedrängt auf das Kommende wartenden Objekte der„ Sonderaktion J" mit einer gewissen Neugier. Das Besondere an unserem Schicksal war ja gewesen, daß es bisher jeder einzelne mehr oder weniger für sich allein zu tragen gehabt hatte. Die Juden hatten, soweit sie noch religiös waren, ihre Synagogengemeinde gehabt oder sie hatten ihre Interessenorganisationen oder waren jedenfalls durch weitläufige und meist sorgfältig gepflegte Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen miteinander verbunden, so daß sie das Unglück, welches das Dritte Reich über sie heraufbeschwor, als ein Gemeinschaftsschicksal traf. Ganz anders hatte dies bei uns Imis gelegen. Rein zufällig hatte vielleicht einer den anderen in ganz vereinzelten Fällen auch schon vorher gekannt. Im übrigen hatten wir aber jeder für sich inmitten einer mehr oder weniger ,, arischen" Verwandtschaft und Bekanntschaft gestanden, ohne zueinander Beziehungen zu haben oder gar gegenüber dem Druck, den wir von seiten des Dritten Reiches bereits von Anbeginn an hatten leiden müssen, zu irgendeiner Gemeinschaft gekommen zu sein. Was sich nun bei der Gestapo versammelte, waren Männer aus allen Lebensaltern, und zwar vom 16jährigen, dem Knabenalter kaum entwachsenen Jüngling bis zum 70jährigen Greis. Unter den Jungen fiel mir ein 16jähriger auf, den seine Mutter bestimmt besonders schweren Herzens hatte ziehen lassen müssen. Auch er kam, wie viele von uns, aus einem abgebrannten Hause und war deshalb recht mangelhaft und jedenfalls vollkommen unzweckmäßig gekleidet und ausgerüstet. Sein Gesicht war von tiefer Trauer überschattet. Er fühlte, wie sich später herausstellte, im tiefsten Herzen ganz besonders leidenschaftlich als Deutscher und war überhaupt nicht imstande, mit seinem jungen Kopfe zu begreifen, was sein Vaterland ihm antat. Es war mir, als ich diesen Jungen und seine Alterskameraden, von denen der eine sogar Führer in der Hitler- Jugend gewesen war, sah, sofort klar, daß es für uns Ältere im weiteren Verlaufe der Sache notwendig, aber zugleich auch außerordentlich schwierig sein würde, bei diesen, aus ihren Familien herausgerissenen und in eine ihnen unbegreifliche Umgebung versetzten jungen Leuten, die zwar keine Knaben mehr, aber auch noch keine Männer 2,, Imi's" 17 waren, gleichsam Vaterstelle zu vertreten. Zwischen den Älteren unseres Schicksals, die zum großen Teile auch schon den ersten Weltkrieg als Soldaten mitgemacht hatten, spannen sich schon im Gestapogebäude sehr schnell die ersten Fäden der Kameradschaft an. - Als der enge Warteraum, der uns als Versammlungstelle zugewiesen war, längst überlief und die„ Einberufenen" schon den ganzen Korridor füllten, erschien der ,, Sachbearbeiter", ein von der Gestapo übernommener früherer Kriminalbeamter. Um uns das Maß seiner Achtung zu zeigen, über deren Größe wir allerdings auch ohnedies keine Illusionen gehabt hätten, hatte sich dieser Herr mitten im Hause seinen Hut aufgesetzt, den er bis zu unserem ,, Abmarsch" auf dem Kopf behielt. Er verkündete uns, daß wir zunächst in das Arbeitserziehungslager" Farge überführt würden. Diese Eröffnung kam uns, da wir den Weg des ersten Schubs kannten, nicht unerwartet. Immerhin war sie gegenüber Männern, die wohl so gut wie ausnahmslos in ihrem Leben bisher im wesentlichen nur Arbeit gekannt und die wenigstens zu einem erheblichen Teil in der deutschen Wirtschaft verantwortliche Stellungen innegehabt hatten, von eigenartigem Reiz. Man stand wohl allerdings amtlich auf dem Standpunkt, daß wir als„, Geistesarbeiter" im übrigen waren auch viele Handwerker unter uns- bisher, selbst wenn wir nicht gefaulenzt hatten, fehl an unserem Platze gewesen waren, da solchen minderwertigen Menschen wie uns die gröbste Handarbeit gebühre, zu der wir eben, da wir uns derselben bisher entzogen hätten, mit Nachdruck erzogen werden müßten. Es scheint mir dies jedenfalls der Gedankengang gewesen zu sein, aus dem heraus die findigen Köpfe der Naziverwaltung dazu gekommen waren, uns vor der Verbringung in die uns vorbehaltenen Lager mit einem Spezialgefängnis bekannt machen zu lassen, das ursprünglich für unverbesserlich arbeitsscheue Elemente und anderes asoziales Gelichter eingerichtet worden war. Der Merkwürdigkeit halber sei noch erwähnt, daß ich wenige Tage vor meiner„ Einberufung" von seiten des Wehrbezirkskommandos noch einen Befehl zugestellt erhalten habe, wonach ich mich als unabkömmlich gestellt ohne Genehmigung meiner Firma, des Arbeitsamtes und des Rüstungskommandos nicht von meiner Arbeitsstelle auf länger als 48 Stunden entfernen dürfe. Diesen militärischen Befehl legte ich dem Gestapo- Beamten vor. Er las das Blatt durch, ohne eine Miene zu verziehen, gab es mir zurück und erklärte trocken, das sei hier gänzlich ohne Bedeutung. Es stellte sich dabei heraus, daß eine ganze Anzahl meiner Schicksalsgenossen ähnliche Befehle hatten. Beispielsweise wies ein Diplom- Ingenieur, der im U- Bootbau wichtige Funktionen erfüllt hatte, eine solche Anweisung vor. Es war aber eben für das Dritte Reich wichtiger, uns einzusperren, als von unserer Berufsarbeit weiter Gebrauch zu machen, Einer meiner Kameraden, der mir auf den ersten Blick sympathisch war, wandte sich an den Gestapobeamten mit der Frage, ob er denn nun eigentlich auch mit müsse, obwohl er an jeder Kampffront, nämlich an der Westfront, an der Südfront und an der Ostfront je einen Sohn in der vordersten Kampflinie habe. Der Beamte zuckte die Achseln und meinte, 18 bei F könn wenn seien der gezo mein es g deut aber chen aber versi erzie stätte der halbe Schul noch müsse sei", broch halter Als erschi SD.- P lich, Polize aber nisch druck Ich aus sich men a von d Unter unter gekän aus d war. nis d broc sipp verh Rass 2" Be un ae bei Frauen unserer Abstammung, die entsprechend eingezogen würden, könne dies vielleicht Bedeutung haben, aber nicht für Männer; selbst wenn die drei Söhne fallen würden, könnte dies nichts ändern, denn es seien schon zahlreiche Männer unserer Abstammung, deren Söhne an der Front gefallen wären, zu dem hier fraglichen Arbeitseinsatz heran- gezogen worden. Es war schon allerhand, daß der Beamte gegenüber meinem Schicksalsgenossen schloß:„Ich möchte Sie ja gerne helfen, aber es geht nicht, Diese deutsche Ansprache wurde von einem Über- deutschen an einen Mann gerichtet, der kein Deutscher mehr sein sollte, aber als biederer Handwerker immerhin noch besser deutsch zu spre- chen wußte als ein Gestapobeamter des Dritten Reiches. Dieser war nun aber doch in eine gewisse Verlegenheit geraten und, um sie los zu werden, versicherte er uns,„wir würden höchstens drei Tage in dem Arbeits- erziehungslager verbleiben, das lediglich als eine Art Versammlungs- stätte für uns anzusehen sei, um uns in einem einheitlichen Transport der OT, zuzuführen”. Derselbe Beamte hatte, was der Vollständigkeit halber erwähnt werden muß, die Frau eines Arztes, der bei dem ersten Schub dabei gewesen war und die ihrem Mann in das Lager nach Farge noch Lebensmittel bringen wollte, mit den Worten begrüßt,„ihr Mann müsse ja gehörig etwas ausgefressen haben, wenn er Gefangener in Farge sei‘, worauf die Arztfrau erwidert hatte, ihr Mann habe gar nichts ver- brochen, er sei„Mischling“, um hierauf die amtliche Erwiderung zu er- halten,„das sei allerdings ja nun auch genug”. Als die Listenverlesung und die sonstigen Formalitäten erledigt waren, erschienen zwei mit sehr sichtbar getragenen Pistolen bewaffnete SD.-Polizisten, um uns zum Bahnhof zu eskortieren, Man hätte uns natür- lich, ebenso frei wie wir auf die uns zugegangene Aufforderung zum Polizeigebäude gekommen waren, auch zum Bahnhof gehen lassen können, aber die Tatsache, daß wir Häftlinge waren, ohne allerdings im tech- nischen Sinne verhaftet worden zu sein, mußte entsprechend zum Aus- druck kommen, Ich habe später in Farge aus den Erzählungen unserer Schicksalsgenossen aus Wesermünde und dem Bremer Landgebiet feststellen müssen, daß sich unsere„Festnahme“ noch in verhältnismäßig recht maßvollen For- men abgespielt hatte, In Wesermünde hatte man die Betroffenen einfach von der Arbeitsstelle weg regelrecht verhaftet und zwei Tage lang im Untersuchungsgefängnis zu allen möglichen Verbrechern gesteckt, dar- unter auch einen Mann, der über drei Jahre im Kriege mit Auszeichnung gekämpft hatte und erst wenige Tage vorher, wegen seiner Abstammung aus dem Heer entlassen, von der vordersten Kampffront zurückgekommen war, Als die Betroffenen bei ihrer„Vorführung“ aus dem Gerichtsgefäng- nis den Gestapobeamten in ihrer Empörung fragten, was sie denn ver- brochen hätten, um so behandelt zu werden, hat der den jüdisch Ver- sippten zugeschrien;:„Warum habt ihr Schweine euch mit Judenweibern verheiratet?', während er den Imis geantwortet hat:„Das habt ihr der Rassenschande eurer Väter und Mütter zu verdanken”, Besonders dramatisch ist die Gefangennahme des Ingenieurs Waclaff 2" 19 verlaufen, mit dem ich mich später eng befreundet habe. Waclaff, der eine große Baustelle leitete, die zufälligerweise gerade in dem Ort Farge lag, hielt eine Konferenz mit etwa einem halben Dutzend Ingenieuren und sonstigen Mitarbeitern ab, als sich die Tür öffnete und der Gendarm, den Waclaff in dem kleinen Ort gut kannte, mit den Worten erschien, „es tue ihm leid, aber Herr Waclaff müsse mitkommen”, Auf die humor- volle Erwiderung Waclaffs, es sei doch hoffentlich nicht auf lange, er- widerte der Gendarm,„es sei schon so, er komme nicht zurück", worauf alle Anwesenden völlig erstarrten und schließlich einer von ihnen, der zudem noch ein strammer Nationalsozialist war, mit der Faust auf den Tisck schlug und mit den Worten,„da hört nun wirklich alles auf, aus dem Zimmer stürmte. Waclaff blieb nichts anderes übrig, als so, wie er ging und stand, ohne irgendeine Vorbereitung getroffen zu haben und ohne jedes Gepäck dem Gendarm zu folgen, der ihn in dem Arbeitserzie- hungslager Farge ablieferte, Als ich Waclaff, der so zwei Tage vor mir nach Farge gelangt war, dort kennenlernte, war er, ein blonder, hell- äugiger Hüne und überhaupt von Gestalt ein deutscher Siegfried, immer noch völlig verstört. 6. Die Reise nach Farge, Von den Polizisten eskortiert ging es durch großenteils zerbombte Straßen zum Hauptbahnhof, Die„Häftlinge” in den verschiedensten Zivil- anzügen, teilweise mit Hüten, teilweise mit Mützen als Kopfbedeckungen, teilweise hoch bepackt mit Rucksäcken und Decken, teilweise die ver- schiedensten Gepäckstücke, wie Koffer, Aktentaschen und Kartons in der Hand, gaben ein eigenartiges Bild ab. Die entgegenkommenden Passan- ten musterten uns erstaunt und einer meiner Bekannten, der unserem Zuge begegnete, sah ängstlich weg. Er war ein guter Nationalsozialist und hat mir später gestanden, er habe sich für das Dritte Reich geschämt. Am Bahnhofsportal stand gewissermaßen als letzter Gruß des jetzt von mir verlassenen bürgerlichen Lebens mein 15jähriger Sohn, dem ich noch zurufen konnte, wohin unsere Fahrt zunächst ging. In der Bahnhofshalle erregte das Räuberzivil, in dem wir auftauchten, erst auch erhebliche Sensation, und so ist es, wohin wir auf unserer Reise auch kamen, immer geblieben. Eine Uniform, wie sie die eigentliche OT, trug oder auch nur irgendwelche Ausrüstungsstücke haben wir niemals erhalten, Unsere Aus- rüstung war und blieb ausschließlich unsere eigene Angelegenheit, Unsere Bewachung nahm mit ausgesuchter Gemütlichkeit die für den ganzen„Transport” erforderlichen Fahrkarten, während wir mitten in dem Gewühl standen, das in der Bahnhofshalle herrschte. Auch dort hätten wir noch alle ohne jede Schwierigkeit die Flucht ergreifen können wenn ‚auch niemand von uns an eine solche Sinnlosigkeit dachte, Die Polizeibewachung war eine Demütigung, keine Sicherungsmaßnahme, Als der Zug nach Vegesack kam, wurden wir von unserer Polizeibedeckung aufgefordert, in den„Schutzwagen” einzusteigen, Mit Rücksicht auf die Tieffliegerangriffe, die regelmäßig den Lokomotiven galten, wurde da- 20 mals zum Schutze des Reisepublikums der erste Personenwagen, der hinter der Maschine fuhr, leer gefahren, um Verletzungen der Passagiere durch Maschinengewehrgeschosse und Sprengstücke möglichst zu ver- ‘ hindern. Ein solcher Schutzwagen war infolgedessen das gegebene Trans- portmittel für Menschen unserer Herkunft, Ein pflichttreuer Eisenbahn- beamter, der gesehen hatte, daß wir in den Schutzwagen einstiegen, eilte herbei und rief, der Wagen müsse frei bleiben. Unsere Polizeimannschaft erklärte darauf, sie hätten den ausdrücklichen Befehl, uns in diesem be- stimmten Waggon zu transportieren, Der Bahnbeamte ging darauf kopf- schüttelnd und achselzuckend davon, Die Polizisten, die als S,S,-Leute ihr wertvolles Leben im Gegensatz zu uns minderwertigen Exi- stenzen besonders sichern mußten, fuhren in einem der hinteren Wagen, Bevor sie die Türen des Schutzwagens abschlossen— denn auch das gehörte natürlich zu einem Transport von„Häftlingen— begann noch eine Aktion, die wir in der Folgezeit immer wieder durchmachen mußten; Wir wurden nämlich gezählt. Hierbei stellte sich heraus, daß die beiden „volksdeutschen” Polizisten, die aus Rumänien stammten und daher be- sonders geeignet waren, uns zum größten Teil aus alten deutschen Fami- lien stammende Reichsdeutschen zu bewachen, sich nicht nur auf die deutsche Sprache, sondern auch auf die deutschen Zahlen sehr wenig verstanden oder überhaupt das Zählen, vom Kopfrechnen ganz zu schwei- gen, auf der Schule sehr schlecht gelernt hatten. Wir waren 32 an der Zahl oder sollten es wenigstens sein, Trotz eifrigen Hin- und Herzählens der beiden Polizeimänner war diese Zahl aber nicht zu erreichen, Immer waren es weniger, einmal sogar auch mehr, Schließlich blieb es immer wieder bei 31 Mann, Einer fehlte unabänderlich und es wurde schließlich zur amtlichen Notiz genommen, daß ein Mann unwahrscheinlicherweise davongelaufen sei, Erst an unserem Reiseziel klärte sich die Sache auf, Unser Schicksalsgenosse Ehlers, der uns später mit seiner Neigung, immer eigene Wege zu gehen, große Sorgen gemacht hat, hatte seine hervor- stechendste Charaktereigenschaft bereits hier zum Beginne unserer Fahrt betätigt: Er besaß von früheren Geschäftsreisen her eine Netz- karte und hatte sich mit dieser seelenruhig in ein Abteil 2, Klasse gesetzt. Als wir, ohne daß ein Flugzeugangriff auf den Zug und speziell auf unseren „Schutzwagen” erfolgt war, in Vegesack umstiegen, war der kurze Tag— es war der 30, Oktober— schon zu Ende, Der Bahnhof, den ein Durch- einander von Transporten und hin- und herfahrenden Zügen belebte, war bereits ganz dunkel, Es erfüllte sich hier für mich ein alter Traum, über den ich früher einmal gelächelt hatte: Ich hatte nämlich eines Nachts die Vision gehabt, ich müsse auf dem kleinen Bahnhof Vegesack, der mir aber im Schlaf den Eindruck eines von Zügen und Aufregung durch- brausten Großstadtbahnhofs gemacht hatte, am Beginne einer großen Reise umsteigen, In dem Zug nach Farge mußte der größte Teil unseres„Transportes” in den völlig dunklen Gepäckwagen, Ein kleiner Teil von uns fand noch in einem Personenabteil Platz, aber, wie sich bald herausstellte, nicht zu seinem Glücke, Der Zug war überfüllt mit Ausländertransporten, vor 21 allem mit einem Transport von Russen. Unsere Kameraden, denen es geglückt war, in das Personenabteil zu kommen, hatten ihr umfangreiches Gepäck zu einem erheblichen Teil in das Gepäcknetz verstaut. Das nächste Abteil war, worum unsere unerfahrenen Kameraden sich zunächst nicht gekümmert hatten, nur durch eine bis zu dem Gepäcknetz reichende Teilwand von ihrem Abteil getrennt. Infolgedessen konnte man von dem nächsten Abteil aus, wenn auch mit erheblicher Mühe, in das Gepäcknetz hinübergreifen. Die Russen, die von einem Lager in ein anderes überführt wurden, waren völlig ausgehungert und griffen verständlicherweise nach allem, was sie bekommen konnten. Als unsere Kameraden in Farge ausstiegen, stellte sich zu ihrem Entsetzen heraus, daß ein erheblicher Teil ihrer Gepäckstücke, insbesondere die Kartons, von hinten aufgebrochen und fast völlig ausgeräumt waren. Es handelte sich dabei um wertvolle Bedarfsgegenstände, besonders um Lebensmittel, die für die nächste Zeit eine ganz besondere Bedeutung für uns hatten. Wir anderen hatten in dem völlig dunklen Gepäckwagen, unmittelbar umgeben von einer dicht gedrängten Masse von Russen, gestanden. Uns liche haben dem s einmal stehen Wir Schubs dieser die Bre auf nic Weise schon von lausung ohne S Als wir in Farge ausstiegen, ereignete sich ein Wolkenbruch, der uns auf dem halbstündigen Marsch über Sturzäcker und aufgeweichte Lehmwege bis zum Lager Farge begleitete. Der Weg durch die stürmische Dunkelheit und den kalten Schlagregen war für die meisten von uns mit ihrer ungenügenden Ausrüstung Halbschuhe und Straßenmantel Anfang an eine Katastrophe. Mein Lodenmantel und meine Gummistiefel hielten dicht und haben mich auch später bei ähnlichen Gelegenheiten nicht im Stich gelassen. - Was der Menschennatur alles möglich ist, wurde in dieser Nacht an einem Schicksalsgenossen sichtbar, der ,, einberufen" worden war, obwohl ihm das eine Bein bis zur Hüfte und das andere bis zum Knie abgenommen war und er auf seinen beiden Prothesen sich nur an zwei Stöcken vorwärts bewegen konnte. Dieser Unglückliche, der es lächelnd abgelehnt hatte, von uns getragen zu werden, war schneller am Ziel als die meisten von uns. Er war unter den ersten, die das Tor des ,, Lagers" erreichten, das nun, ein Fragezeichen, das noch finsterer als diese finstere Nacht war, vor uns stand, sie höc mitgeb in hygi den au reinige typhus Leicht Es w an die hier e Wacht sonder mischt 22 22 vor un die An linge" vermä hin m doch es ve sollen stigun kung FARGE 1. Invasion im Arbeitserziehungslager. Unser Erscheinen am Lagertor rief dort eine uns zunächst unerklär- liche Aufregung hervor, Der schwer bewaffnete Posten hatte dem Wach- habenden gemeldet und es erhob sich alsbald ein wütendes Gebrüll, aus dem schließlich die öfter wiederholten Worte:„Wieder 32 Mann auf einmal und nicht angemeldet— eine verfluchte Schweinereil’' zu ver- stehen waren, i Wir waren aus den Erzählungen, die über das Schicksal des ersten Schubs im Umlauf waren, auf einiges vorbereitet. Die etwa 200 Mann dieser ersten Serie waren ebenfalls nach Farge gekommen, ohne daß die Bremer Behörde eine Anmeldung für nötig gehalten hätte, und die auf nichts Derartiges Gefaßten waren durch das Lager kurzerhand in der . Weise„geschluckt” worden, daß sie in das Waschhaus und in den Ent- lausungsraum eingesperrt worden waren, wo sie ohne Bettstellen und ohne Strohsäcke auf dem nackten Fußboden schlafen mußten, über den sie höchstens ihre eigenen Decken breiten konnten, soweit sie solche mitgebracht hatten; dieses summarische Verfahren war übrigens auch in hygienischer Beziehung recht problematisch gewesen, weil viele unter den ausländischen Gefangenen, die sich am Tage in dem Waschhaus zu reinigen hatten, stark verlaust waren und durch die Filzläuse der Fleck- typhus, der noch kurze Zeit zuvor im Lager geherrscht hatte, mit Leichtigkeit übertragen werden konnte. Es war augenscheinlich die Erinnerung an unseren ersten Schub und an die Unbequemlichkeiten, die nicht nur ihm, sondern auch dem Lager hier entstanden waren, die den Wachthabenden, einen dänischen SS.- Wachtmeister, der nicht nur mit starkem Auslandsakzent deutsch sprach, sondern auch, was er sagte, ständig mit dänischen Kraftausdrücken mischte, besonders aufregte, Er pflanzte sich mit zornsprühenden Augen vor uns auf und rief:„Sind das Strafhäftlinge oder Mischlinge?” Auf die Antwort des einen uns begleitenden SD.-Mannes, wir seien„Misch- linge”, schlug er die Hände über den Kopf zusammen und schrie:„Gods- vermäd, auch das noch.” Er stampfte mit dem Fuß auf und tobte:„Wo- hin mit Ihnen?" Auf den Hinweis des Wachpostens, das Gegebene sei doch wieder das Waschhaus, erwiderte er leiser, aber doch so, daß ich es verstehen konnte;„Bei Strafhäftlingen ginge das, bei denen da aber sollen wir das nicht mehr,” Es war dies ebenso wie andere„Vergün- stigungen”, die wir später vor den anderen Häftlingen hatten, die Wir- kung einer nach den Erlebnissen des ersten Schubs von Bremen an den 23 Lagerkommandanten ergangenen Anweisung, uns ,, menschenwürdig zu behandeln". Daß wir in dieser Richtung gewissermaßen als eine lebende Zumutung vor ihm standen, steigerte die Aufregung des Wachhabenden noch ganz besonders und sein Zorn über die Bremer Behörde, die uns dem Lager einfach auf den Hals schickte und noch dazu so arrogante Anweisungen gab, über uns, die wir nun einmal da waren und untergebracht werden mußten und über den übrigen Stab des Lagers, der auch diesmal, wie wir später erfuhren, nach dem üblichen Abendgelage sich tiefem Schlaf hingab und ihm, dem Wachtmeister, alles allein überließ, mußte sich irgendein Ventil suchen. Mit dem Rufe: ,, Kommt mit!" stürmte er vor uns her auf die erste Baracke des Lagers zu, sammelte unterwegs noch ein paar herumstehende Wachleute auf, fuhr wie ein plötzlicher Windstoß in den Flur des hölzernen Gebäudes und riẞ dort drei oder vier Türen auf, in die er hineinschrie: ,, Raus!... Sofort alles raus!". Wir waren seinem wütenden Lauf, da wir auch durch unser schweres Gepäck behindert waren, etwas langsamer gefolgt und uns bot sich nun, als wir durch die Tür der Baracke auf deren Flur traten, dort ein Bild, das aus einem Angsttraum oder auch aus Gorkis Nachtasyl stammen konnte. Aus den Türen quollen die aus dem Schlaf gerissenen Stubeninsassen, alle mehr oder weniger mangelhaft bekleidet, mit entsetzten Gesichtern, wirrem Haar und einem Durcheinandergeschrei in allen Sprachen Europas, zum Teil Erscheinungen, wie ich sie einmal bei der früheren Besichtigung eines Zuchthauses gesehen hatte, zum Teil Gestalten wie von einer Schwerkranken- Station eines Lazaretts. Ein Bild ist mir besonders haften geblieben: Es war ein spindeldürrer, völlig nackter, etwa 17jähriger Junge, der einen wilden Springtanz aufführte, um in seine Hose zu gelangen, die er an sich gerissen hatte, was ihm aber erst nach längeren verzweifelten Bemühungen gelang. Das Durcheinander wurde durch das Gebrüll der Wächter, die den Unglücklichen klarmachten, daß sie diese Nacht teils ohne Strohsäcke und teils zu zwei und drei Mann auf einem Strohsack zu schlafen hätten, weil wir die Betten haben müßten, noch gesteigert. Plötzlich nahm der Lärm erheblich ab. Ein in dieser Umgebung besonders zivil aussehender, sorgfältig gekleideter Herr, der mit einem Bein erheblich lahmte, hinkte, auf einen Stock gestützt, den Gang entlang, klopfte hier jovial einem Wachmann auf die Schulter, warf dort lächelnd einem Häftling ein deutsches oder fremdsprachiges Wort zu und begütigte mit der freundlichen Aufforderung:„ Aber nur Ruhe, Ruhe, meine Herren" die allgemeine Aufregung. Dann blieb er einen Augenblick stehen und sagte mit etwas melancholischem Kopfschütteln:„ Das ist nun also die zweite Invasion." hinter mit se sagte blick gewar ihn, sagte ,, seine um W Boger umwa Stube neide Pluto C. wegen sollte, infolge Farge, Häftlin leute Mitbe sehr s drei A auch lingen Warum wie s nomm auf d tionär führer Queru der attent partei alten v. B., kamm mitgli Der a ehem wand den runge 2. Die Plutokratenstube. In diesem Augenblick erkannte ich den Mann, dessen Überlegenheit wie Öl auf die hochgehenden Wogen der nächtlichen Aufregung wirkte. Es war Herr C., den ich in der in diesem Augenblick unendlich fern 24 daß Schn 6 zu hinter mir liegenden Bürgerlichkeit bei geschäftlichen Verhandlungen ende mit seiner Firma kennengelernt hatte, Ich streckte ihm die Hand hin und den» sagte ihm guten Abend, Er nahm meine Hand, sah mich einen Augen- Be blick erstaunt an, erkannte mich und sagte:„Auf Sie habe ich schon gewartet, Sie kommen natürlich zu mir auf die Elitekammer.' Ich bat ihn, noch möglichst viele meiner Schicksalsgenossen mitzunehmen, Er sagte dies zu und hat dann außer mir noch 5 meiner Kameraden auf „seine Kammer” mitgenommen, Es handelte sich hierbei um eine Stube, um welche die Farger Wachleute und sogar oft der Kommandant einen Bogen machten und deren Türe auch jetzt bei der nächtlichen Lager- umwälzung von niemand geöffnet worden war. Diese Vorzüge genoß die Stube in erster Linie dank der besonderen Qualitäten C’s, Von den etwas neiderfüllten Bewohnern der anderen Stuben wurde sie später„die Plutokratenstube” genannt, > C, war politischer Häftling. Er war von einer ihm bekannten Dame wegen irgendwelcher staatsfeindlichen Äußerungen, die er getan haben sollte, denunziert worden und befand sich, trotzdem sein eines Bein infolge eines Betriebsunfalles vorläufig steif war, schon wochenlang in Farge, wo er gewissermaßen die Egeria des Lagers geworden war, Jeder ge Häftling, der irgendwelche Sorgen hatte, kam zu ihm, und die Wach- leute verkehrten mit ihm respektvoll wie mit einem Vorgesetzten. Die Mitbewohner der Kammer, in der er seine Farger Tage verbrachte, waren sehr stark gesiebt. Wir trafen dort fast nur politische Häftlinge, die mit drei Ausnahmen keine Nummer trugen und denen mit einer Ausnahme auch das Haupthaar nicht abrasiert war, wie es sonst allen Farger Häft- lingen geschah und außerdem zwei Belgier, die selbst nicht wußten, warum sie in Farge waren und es auch nicht wissen konnten, da sie, wie sich später herausstellte, ohne jeden persönlichen Grund festge- nommen worden waren, Bei den„hoch“-politischen Häftlingen, die sich auf der Stube befanden, handelte es sich um zwei„marxistische Funk- tionäre”, einen„bewußten Christen”, einen ehemaligen SA.-Brigade- führer, der eine besondere Geschichte hatte, drei Meckerer und einen Querulanten, Die beiden„marxistischen Funktionäre”, die aus Anlaß der„Aktion des 20, Juli”, also bei Gelegenheit und infolge des Führer- attentats mit Tausenden von anderen ehemaligen Angehörigen der Links- parteien festgesetzt worden waren, setzten sich aus einem fast 60 Jahre alten ehemaligen sozialdemokratischen Provinziallandtagsabgeordneten v, B., der jetzt Steuerbeamter und in Farge Stubenältester der„Elite- kammer” war und aus einem ehemaligen sozialistischen Bürgerschafts- , mi mitglied, einem Dreher von der Aktiengesellschaft Weser, zusammen, weite Der aufrechte Christ war ein Bauer aus der Umgegend Bremens, und der ehemalige SA,-Brigadeführer war insofern mit uns etwas schicksalsver- wandt, als bei ihm ein jüdischer Großvater entdeckt worden war. Von den drei Meckerern hatten zwei irgendwelche höchst harmlose Äuße- rungen gemacht, die ihnen die Gestapo trotzdem so übelgenommen hatte, daß sie schon monatelang in Farge saßen, während der dritte, ein dicker Schneider aus dem Oldenburgischen, als Defaitist angezeigt war und 25 - infolgedessen das Konzentrationslager zu fürchten hatte, das ihn auch während unserer Anwesenheit noch ereilte. Der eine der beiden anderen Meckerer hieß ,, Heini", war Bauarbeiter und tat sich bereits an diesem ersten Abend durch stille Eẞlust hervor, indem er, wie er es auch in Zukunft hielt, etwa insgesamt sechs Portionen des Farger ,, Fraẞes", die er aus von den Stubengenossen übriggelassenen Resten zusammensetzte, wortlos vertilgte. Er war ganz allgemein einer von den ,, Stillen". Führte man gerade ein irgendwie anzügliches oder gefährliches Gespräch und er war nicht fern, so konnte man sicher sein, daß er plötzlich hinter einem stand, ohne daß man wußte, wie er dort hingekommen war. Mir ging das mit ihm schon an diesem ersten Abend so, und ich hielt ihn zunächst für einen gefährlichen Spitzel. Er war aber ganz harmlos. Wenn er einmal ausnahmsweise ins Reden kam, so handelte es sich stets um die Arbeit, die er zu Beginn des Dritten Reiches an einer der Reichsautobahnen geleistet hatte. Darüber konnte er sich geradezu begeistern. Er ist der einzige von allen im Lager befindlichen Männern gewesen, der und zwar das mit der ruhigsten und sanftesten Miene von der Welt erklärte, daß er zu Recht eingesperrt worden sei. ,, Er habe eine dumme Äußerung gemacht und das dürfe man eben nicht." Diese Anschauung wollte schon etwas besagen, da er sich bereits über 10 Wochen im Lager und mit abgeschorenen Haaren in der Sträflingskleidung befand. Er wußte die Zeit aber gut hinzubringen, da er es verstanden hatte, sich gute Arbeit" zu verschaffen, wenn sie auch nicht ganz so schön war wie die seinerzeit von ihm an der Autobahn geleistete: Er hatte nämlich das Motorrad des Lagerkommandanten in Ordnung zu halten, und damit war sein Tagewerk in Farge, wie er uns gleich zu Beginn mit einem gewissen Stolz erzählte, regelmäßig getan. Die beiden Belgier waren, da ihnen tatsächlich nichts vorgeworfen werden konnte, völlig unbeschriebene Blätter und der eine lediglich durch dauernde treue Sehnsucht nach seiner schönen Braut, die in der weiteren Umgebung des Lagers irgendeine Beschäftigung hatte und bei ihren Besuchen, die sie hin und wieder bei ihrem Erkorenen machen durfte, sämtlichen Farger Wachleuten in die Augen stach, bemerkenswert. Der Querulant war ein unverbesserlicher Querkopf und, wie sich bald herausstellte, der Stein des allgemeinen Anstoßes in der Stube. - Dieser nach Herkunft und Schicksalen etwas buntscheckigen Gesellschaft, die aber die Crême des Lagers war, wurden wir Neuankömmlinge von C. mit einer so formvollendeten Grandezza, als ob wir unsere Bekanntschaft im Glanze eines Ballsaales machten, als die ,, 2. Invasion" präsentiert. Wir waren alsbald von einer ebenso lebhaften wie sympathischen Teilnahme umringt, da die Erinnerung an die ,, 1. Invasion", die erst vor 1½ Wochen durch die OT, abgeholt, nach der Oberweser weitergezogen war, noch recht frisch war. C. besänftigte auch hier die etwas lärmend gewordene Bewegung und forderte uns lächelnd auf, uns zunächst einmal zu setzen und etwas auszuruhen, denn wir seien von unseren Erlebnissen sicher noch ziemlich verstört. Er sprach hier aus den Erfahrungen, die er und seine Lagerkameraden mit unserer ,, 1. Inva26 sion" ge nicht gan lich aus unser Ei etwas n hatten. schemel übrigen freien, Stube, hauses einander der auch bett, das gen Stu 40 Schla Dreifach Wir w begierde weniger Bremen, angriffs den ganz war, Dan wie ich stets ein beruhte, wie das steht, fü beendig Handbe diesem salsgeno seiner ju fern des sich sag er, lang Frau ge mal das schehe, eigentli Erzeug Es e es ja sei sch mit ein früh a von sion” gemacht hatten. Diese Erfahrungen trafen zwar insofern bei uns nicht ganz zu, als wir nicht so unvorbereitet wie der erste Schub plötz- lich aus unserem früheren Leben herausgerissen worden waren, aber unser Eintritt in das Lager war doch derart gewesen, daß unsere an so etwas noch nicht gewöhnten Nerven einen gewissen Stoß erhalten hatten, Wir setzten uns daher dankbar auf die uns angebotenen Holz- schemel, die an zwei rohgezimmerten Tischen standen, während sich die übrigen Bewohner der Stube daran machten, die Strohsäcke auf den freien, nun für uns bestimmten Betten in Ordnung zu bringen, In der Stube, welche die Größe eines der mittleren Zimmer meines Privat- hauses hatte, standen„nur“ 16 Betten, nämlich 5 schlafwagenartig über- einander angeordnete hölzerne Bettstellen zu je 3 Betten und für C., der auch hier etwas Besonderes hatte, ein alleinstehendes eisernes Feld- bett, das sogar Matratzen und Bettbezug aufwies, während in den übri- gen Stuben, die auch nicht größer als die unsere waren, 30 bis sogar 40 Schlafstellen, ebenfalls in der Form von übereinander angeordneten Dreifachbetten, aufgeschlagen waren, Wir wurden von den bisherigen Stubenbewohnern mit der Wiß- begierde, die von dem gewöhnlichen Nachrichtenverkehr mehr oder weniger abgeschlossene Lagerinsassen kennzeichnet, nach der Lage in Bremen, besonders nach den Wirkungen des letzten gewaltigen Luft- ‚angriffs ausgefragt, der von Farge aus als ein riesiges rotes Feuer, das den ganzen nächtlichen Horizont entzündet hatte, wahrgenommen worden war, Dann aber mußten wir auch von unserem Schicksal erzählen, das, wie ich schon früher wiederholt erfahren hatte, für Außenstehende stets einen besonderen Reiz besaß, der offenbar im wesentlichen darauf beruhte, daß uns zwar persönlich nichts vorzuwerfen war, daß wir aber, wie das in dem allerdings von den Juden herrührenden Alten Testament steht, für eine angebliche Schuld unserer Vorfahren büßen mußten, C. beendigte die Erörterung dadurch, daß er zu mir gewandt mit einer Handbewegung sagte:„Ihre Cöte muß sich damit abfinden, daß sie in diesem Staate als von Geburt an vorbestraft gilt.” Einer unserer Schick- salsgenossen, der Arier war und seine Teilnahme an unserem Abenteuer seiner jüdischen Frau zuzuschreiben hatte, meinte, er sei eigentlich inso- fern deswegen besser daran als seine halbjüdischen Kameraden, weil er sich sagen könne, daß er für eine eigene Handlung, nämlich dafür, daß er, lange elie es einen Nationalsozialismus gab, sich eine Jüdin zur Frau gewählt habe, jetzt eintreten müsse, während wir noch nicht ein- mal das befriedigende Bewußtsein hätten, für alles, was mit uns ge- schehe, eine eigene Verantwortung zu tragen, da wir, genau gesagt, eigentlich nicht erst von der Geburt an, sondern bereits von unserer Erzeugung ab, also schon als Embryonen vorbestraft gewesen seien. Es entstand darauf eine allgemeine Heiterkeit und C. meinte, nun sei es ja wohl so weit, daß wir den ersten Schock überwunden hätten, es sei schon spät in der Nacht, der„Arbeitstag— er sprach dieses Wort mit einem besonderen Lächeln aus— fange in Farge manchmal recht früh an und es sei daher geraten, zu Bett zu gehen und wenigstens den 27 Versuch zu machen, etwas zu schlafen. Zum Abschluß wies er noch darauf hin, daß wir in Farge insofern in einer besonderen Lage wären, als wir ja offiziell nicht wegen einer Verfehlung oder des Verdachts einer solchen oder wegen spezieller politischer Gefährlichkeit eingesperrt seien und das Lager für uns nur eine Durchgangsstation zur OT. sei. Die Tatsache, daß wir alle nicht nur wie die übrigen Bewohner der Elitestube nicht in Sträflingskleidung eingekleidet würden, sondern auch bei uns, weil wir ja nicht einzeln gekommen, sondern in corpore angerückt wären, die Einlieferungsformalitäten" erst nachträglich und wohl recht lax gehandhabt würden, müßten wir ausnutzen, um uns auch im übrigen möglichst eine Sonderstellung im Lager zu bewahren. Wir sollten uns nur immer auf den Standpunkt stellen, daß das Lager für uns kein Gefängnis, sondern eine Versammlungsstätte sei, die nur deswegen für uns gewählt worden wäre, weil in dem zerbombten Stadtbezirk von Bremen keine Kaserne oder andere hierfür geeignete Räumlichkeiten etwa das ausgebrannte Polizeigefängnis! zur Verfügung gestanden hätten. Hiergegen würde letzten Endes niemand etwas machen können, da. es ja der offizielle Standpunkt der Gestapo sei, die sich zu unserem Glücke hier offenbar doch einmal etwas vor sich selber geschämt und sich demzufolge gedrungen gefühlt habe, eine recht fadenscheinige, aber für uns eben immerhin in mancher Hinsicht brauchbare neutrale Begründung für unsere Einsperrung zu geben. - 3. Lager- Erfahrungen. C. hatte gewußt, warum er vorsichtig gemeint hatte ,,, wir sollten den Versuch machen, zu schlafen". Ihm war aus eigener Erfahrung und aus den Erfahrungen vieler Mithäftlinge bekannt, daß es in der ersten Lagernacht mit dem Schlaf meistens nichts ist. Abgesehen von der Nervenerregung, die auch verhältnismäßig ruhig veranlagte Menschen in einem derartigen Falle nicht leicht loswerden können, ist es für jemand, der gewohnt ist, in einem bezogenen Bett und vor allem in einem ruhigen Zimmer zu schlafen, fast unmöglich, auf einem harten Strohsack, umgeben von dem vielfältigen Geräusch, das von der Anwesenheit zahlreicher anderer Stubengenossen ausgeht, ein Auge zuzutun. Ich habe erst gegen Morgen für eine kurze halbe Stunde einschlafen können. Meinen Schicksalsgenossen war es nicht anders ergangen. C. versicherte uns, nachdem er uns einen guten Morgen gewünscht hatte, daß die Anpassungsfähigkeit der menschlichen Natur gerade in der hier fraglichen Beziehung ganz erstaunlich sei und daß wir wahrscheinlich schon die zweite, aber mit Sicherheit die dritte Nacht völlig normal schlafen würden, womit er durchweg recht behalten hat. Es war für uns Grünhörner in dieser Umgebung von ganz außerordentlichem Wert, nicht nur im ,, Lagerleben" bis ins Letzte erfahrene Stubenkameraden zu haben, sondern auch in C. einen Ratgeber zu besitzen, der mit Witz und Verstand jedem ,, Problem" die richtige Wendung zu geben wußte. Er warnte uns zunächst eindringlichst, uns ohne seine Be28 gleitung umgab, a auf der keinesw schen" deutsche mehr sc in Farg um eine unmitte Hinsi merksan wenig, schrift, Uhren werden sachen trag, und nächsten überhaup Gefahr, aber die freiheit das uns hat: Wi quenzen schrift ü Bei de und dan malig d konnten der ver unsere Wachba Prachtge Gepäck lange G anschrie den Ra sicht d auf der laßt... seiner zufolge allerdi gewor der a gleitung dem Stacheldraht, der das Lager als hohes Gitter lückenlos umgab, allzusehr zu nähern. Denn die an allen Ecken aufgehängte Tafel, auf der zu lesen war,„hier wird ohne Warnung scharf geschossen”, sei keineswegs eine Formalität, sondern bitterer Ernst, und die„germani- schen” Wachposten hätten zwar mehr oder weniger keine Ahnung von deutscher Sprache, aber schießen könnten sie und sie würden um so mehr schießen, je weniger sie uns verständen, Mit Menschenleben würde in Farge um so weniger Federlesens gemacht, als der Begräbnisplatz, um einen langwierigen Leichentransport zu ersparen sinnvollerweise in unmittelbarer Nachbarschaft des Lagers angelegt worden sei. Hinsichtlich der„Einlieferungsformalitäten” wurden wir darauf auf- merksam gemacht, daß wir etwas von unseren Effekten, aber möglichst wenig, zur„Deponierung” abgeben sollten. Es bestand die strenge Vor- schrift, daß insbesondere alles Geld, alle Wertsachen, wie besonders Uhren und alle Lebensmittelmarken, bei der Einlieferung abgegeben werden müßten. Wir sollten aber unsere Uhren und sonstigen Wert- sachen ruhig behalten und etwas Geld, möglichst einen krummen Be- trag, und von den Lebensmittelmarken nur solche abgeben, die in den nächsten Tagen ohnehin verfallen würden und die wir daher praktisch überhaupt nicht gebrauchen könnten. Wir liefen zwar eine erhebliche Gefahr, wenn man die verbotenen Dinge einmal bei uns finden würde, aber dieses Risiko sollten wir im Interessee der eigenen Bewegungs- freiheit ruhig tragen, Es fing hier bereits am ersten Morgen etwas an, das uns während unserer ganzen Verbannungszeit unwandelbar begleitet hat: Wir mußten, immer in der Gefahr, die unangenehmsten Konse- quenzen heraufzubeschwören, sozusagen jede Stunde eine andere Vor- schrift übertreten. Bei der Abgabe unseres Gepäcks, d. h. unserer vorher fast entleerten und dann wieder abgeschlossenen Koffer und Behältnisse lernte ich erst- malig den„Kommandanten” des Lagers kennen, Ein Kamerad und ich konnten uns nicht gleich zurechtfinden, da es bei unserer Ankunft in der vergangenen Nacht völlig dunkel gewesen war und so gerieten wir, unsere Effekten in der Hand, statt in die am Lagereingang befindliche Wachbaracke, die unser Ziel war, in die Kommandantenbaracke,„das Prachtgebäude” des Lagers. Als wir uns auf dem Korridor nach dem Gepäckdepot umsahen, öffnete sich die eine Tür und heraus schoß eine lange Gestalt, die mit wütenden Schritten auf uns zustelzte und uns anschrie:„Was wollt Ihr Kerle hier?” Als ich antwortete, wir suchten den Raum, in dem wir unsere Koffer abliefern könnten, wurde das Ge- sicht des Kommandanten krebsrot und er brüllte wie besessen:„Raus... auf der Stelle raus mit euch... und daß ihr euch hier nie wieder blicken laßt.,, nie wieder, ihr verdammten Kerls!" Er verfolgte uns noch mit seiner angenehmen Stimme, als wir seiner freundlichen Aufforderung zufolge die Kommandanturbaracke schon längst verlassen hatten, ohne allerdings bezüglich der Lage des Kofferabstellraumes irgendwie klüger geworden zu sein, Mein Schicksalsgenosse Lüders, ein Bankbeamter, der als Gefreiter den ersten Weltkrieg mitgemacht hatte, meinte, er 29 habe ja damals bei seinem Hauptmann auch einiges erlebt, aber ein derartiges Benehmen sei ihm dabei doch nicht widerfahren. Wir waren ja aber auch keine Soldaten, sondern wir waren Häftlinge, was wir auch gleich wieder schwarz auf weiß erfuhren, als wir die Wachbaracke nun endlich fanden und unser Gepäck abgaben. In dem Buch, in welchem die Gepäckabgabe verzeichnet wurde, hatten wir uns unter der Rubrik ,, Unterschrift des Gefangenen" einzuschreiben. An diesem ersten Tage wurde uns bereits völlig klar, daß das ,, Lagerleben" bis ins Kleinste etwas dem bürgerlichen Leben völlig Entgegengesetztes war. Während in unserem früheren Dasein die Tagesarbeit weitaus die Hauptsache gewesen war und die Sorge für die eigenen persönlichen Bedürfnisse in der zweiten und dritten Linie gestanden hatte, war im ,, Arbeitserziehungslager" die Erfüllung jedes persönlichen Bedürfnisses ein Problem, dessen Bewältigung so lange Zeit beanspruchte, daß man, selbst wenn man sich außerhalb des eigentlichen ,, Arbeitsprozesses" zu halten wußte, fast den ganzen Tag beschäftigt war. Ob es sich dabei um Waschen und Rasieren ,,, Bauen" des Bettes, das zugleich als Kleiderständer und Depot für die Eẞvorräte und sonstigen Effekten dienen mußte, Stiefelreinigen oder Abwaschen des Eẞnapfes, des Löffels und des Messers handelte, was mangels warmen Wassers alles auf kaltem Wege geschehen mußte: Es war alles gleich schwierig und gleich zeitraubend. 4. Ein Mustergefängnis. Das Lager war in einer Umgebung errichtet worden, die früher zu den reizvollsten Landstrichen in der näheren Umgegend Bremens gehört hatte. Ich erinnere mich noch aus meiner Jugendzeit, die ,, Farger Heide" als sonntägliches Ausflugsziel loben gehört zu haben, ohne daß ich damals eine Ahnung davon gehabt hätte, mit dieser Gegend später einmal so nachdrückliche Bekanntschaft machen zu müssen. Der ehemalige Reiz der Landschaft war fast vollkommen verschwunden. Die großen Kriegsbauten, die in der Gegend durchgeführt wurden und die vielen OT.- und Konzentrationslager, die sich dort überall befanden, haben die Heide nahezu völlig vernichtet, und gerade die nähere Umgebung des Lagers Farge machte grau in grau den Eindruck, als ob auf dem Lande ein Fluch liege. Es war die Landschaft am Eingange zu einer Danteschen Hölle, mit der überhaupt das Lager, nicht zuletzt in seinem Aufbau, eine weitgehende Ähnlichkeit aufwies. Ich hatte mir auf meine Reise, da ich mein Gepäck soweit wie nur irgend möglich beschränken mußte, nur zwei im Gewicht sehr leichte Bücher mitgenommen, nämlich Taschenausgaben von Goethes Faust und von Dantes Göttlicher Komödie. Ich muß sagen, daß mir das ,, Inferno" in Dantes großem Gedicht beim Lesen früher noch niemals so plastisch geworden war wie jetzt in Farge, wo ich vieles von dem genialen mittelalterlichen Dichter Beschriebene oder zum mindesten sehr Ähnliches unmittelbar vor Augen hatte. 30 Dant Bolger außer wähnt die wi der R In uns vier", gehört broche mals b wurde konnte dem H sunden und au wie C. kneifen der V empfing kräftete Verfügu schon Aufenth daß sic fiel. Wa füllt wa schon g ebenso nur vor dem K wenn e dort ein handen Untersc führer Mitglie worden die Rä und di zu be Lager und das V Entla hatte war er ein waren r auch ie nun Dantes Hölle ist in verschiedene Kreise eingeteilt, die der Dichter „Bolgen” nennt. Solche Bolgen waren in Farge die Baracken, Es gab außer der Kommandanturbaracke und der Wachbaracke, die bereits er- wähnt wurden, im Lager zwei Hauptbaracken, nämlich die Baracke I, in die wir hineingeraten waren und die Baracke II, in der sich das Elend der Russen und der mit ihnen zusammengepferchten Juden abspielte. In unserer Baracke I befand sich im hinteren Teile noch das sog,„Re- vier”, in dem die Kranken lagen, litten und starben. Zu diesem Revier gehörte auch ein Toilettenraum, in dem allerdings sämtliche Gefäße zer- brochen waren und nur noch aus Restteilen bestanden, Wenn, was da- mals besonders nachts außerordentlich häufig war, Fliegeralarm herrschte, wurden die Barackentüren durch die Wachtposten zugeschlossen und es konnte infolgedessen das 00, das sich in einem anderen Gebäude auf dem Hofe befand, nicht betreten werden. Es mußten dann auch die Ge- sunden die Krankentoilette benutzen, was, da diese niemals gelüftet war und auch mangels eines Fensters gar nicht gelüftet werden konnte, nur, wie C, uns zu Beginn warnend gesagt hatte, nach„entschlossenem Ab- kneifen aller Geruchsnerven” möglich war. Das Krankenrevier war dank der„Vorzugsverpflegung”, welche die„krankgeschriebenen” Häftlinge empfingen(Pellkartoffeln mit Magermilch) dauernd, vor allem von Ent- kräfteten und Erschöpften, derart überfüllt, daß die Belegung der zur Verfügung stehenden zwei Stuben noch weit über diejenige der auch schon zum großen Teile überfüllten anderen Stuben hinausging. Der Aufenthalt in dem sog. Revier war daher für uns so wenig verlockend, daß sich niemand bei uns krank meldete, wenn er nicht sozusagen um- fiel, Während die Baracke I so für Gesunde und Kranke dauernd über- füllt war und die Baracke II derartig wimmelte, daß Überfüllung dafür schon gar kein Begriff mehr war, wurde die Kommandanturbaracke, die ebensoviel Raum aufwies wie jede der beiden anderen Hauptbaracken, nur von dem Kommandanten, ferner einem Untersturmführer, der neben dem Kommandanten rangierte und dem engeren Stabe dieser Herren, wenn es hoch kam, alles in allem etwa 10 Personen, bewohnt, Es waren dort ein Speisesaal, eine Art Klubraum und andere Vornehmheiten vor- handen, die für derartige Persönlichkeiten— der„Kommandant, ein Unterscharführer, war ein ehemaliger Bäckerlehrling und der Untersturm- führer ein früherer Verkehrspolizist— unerläßlich waren, Die jüngeren Mitglieder unserer„Aktion’, d. h. die 16—20jährigen, waren ausgesucht worden, um zusammen mit einer weiteren Anzahl jüngerer Lagerinsassen die Räume der Kommandanturbaracke in blitzender Sauberkeit zu halten und die persönliche Aufwartung für den Kommandanten und seinen Stab zu besorgen, Eine kleinere Baracke enthielt die Handwerksstube des Lagers und ein weiteres kleineres Haus die beiden Latrinen„00 Deutsche“ und„00 Ausländer”, übrigens die einzige Örtlichkeit im Lager, wo ich das Wort„Deutsche” gelesen habe, und unmittelbar anschließend die Entlausungskammer, den Baderaum und den Waschraum; der Waschraum hatte, was erst sehr junge Errungenschaft war, fließendes Wasser, Er war vor Beginn der eigentlichen„Arbeitszeit ständig überfüllt, und vor su allem die Ausländer standen dort dauernd in Gruppen herum, allerdings meist nicht, um sich zu waschen, sondern um Gelegenheit zum„Organi- sieren” zu erspähen, Wenn man sich dort wusch oder rasierte, mußte man sein Waschzeug unverwandt im Auge behalten, Wandte man auch nur einmal kurz den Rücken, so konnte man sicher sein, daß Schwamm, Lappen, Seife oder Rasierzeug oder was sonst gerade am griffbereite- sten gelegen hatte, vielleicht auch der ganze Waschbeutel, spurlos ver- schwunden waren, Eine weitere kleine Baracke beherbergte die Wä- scherei, in der die Sträflingskleidung der Lagerinsassen„gereinigt” wurde, Ein abseits liegendes kleines Holzhaus, das wie eine grüne Jahr- marktsbude aussah, war die Essenausgabe, die weitaus wichtigste Ört- lichkeit des Lagers. Meist war diese Bude abgeschlossen, Sie wurde nur zur Ausgabe der„Morgensuppe” zwischen 4% und 5% Uhr, zur Ausgabe des„Mittagessens” zwischen 12 und 13 Uhr und zur Ausgabe des „Abendessens’ zwischen 17 und 18 Uhr geöffnet, wo sich dann die Massen der Hungrigen vor diesem für sie schicksalsvollen Häuschen stauten, Die Küche war in einem besonderen Bretterhaus, das noch weiter abseits lag. Zwischen den einzelnen Baracken war Raum genug, der, besonders wenn es geregnet hatte, wegen der tiefen Pfützen, die sich dann bilde- ten, fast unpassierbar war. Ein erheblicher Teil des Lagergeländes war für Vorratsmieten für den eigenen Unterhalt des Lagers in Anspruch genommen. Dieses ganze Wirrsal von schlecht angebautem Gelände und wie von ungefähr in dasselbe hineingesetzten Holzbaracken und Bretterbuden war nicht nur von einem etwa 8 m hohen Stacheldrahtgitter, das mit elektrischer Hochspannung geladen werden konnte, sondern auch an jeder der 4 Ecken von etwa 12 m hohen Wachtürmen umgeben, auf deren jedem ein Posten mit scharfgeladenem und entsichertem Gewehr stand, so daß das gesamte Lager auf die geringste verdächtige Bewegung hin jederzeit sofort unter Kreuzfeuer genommen werden konnte, Tatsäch- lich hat es auch während unseres dortigen Aufenthaltes sehr oft ge- knallt, da die„volksdeutschen” Wachposten bei jedem geringfügigen Anlaß zunächst einmal schossen, Es war deswegen nicht ungefährlich, in dem Lagergelände umher zu spazieren, was auch jedesmal, wenn man etwa dem„Kommandanten” dabei begegnete, zu einer Katastrophe füh- ren konnte, die im günstigsten Falle in einem wütenden Gebrüll bestand, Auch außer diesen so oft durch das ganze Lager hörbaren Tönen war das Geschrei von mißhandelten Gefangenen, das Winseln der Kranken aus dem Revier und das Geschimpfe der Wachen eine selten abreißende höllische Melodie, die das Lagerleben in Farge begleitete, War dieses Lager ein Konzentrationslager?„Sachkenner” meinten immer wieder, dies Lager sei noch schlimmer als die großen Konzentrationslager Buchen- wald, Oranienburg, Dachau usw. Farge hieß drinnen und draußen in ein- geweihten Kreisen allgemein das„Männervertilgungslager”, da schon im Hinblick auf die nicht ausreichende Verpflegung, die noch erheblich 32 schlec Teil ı De, hieß fürch ins I zwei mals Stur der der Mon des stan, bis. fortl Ware Dant in G Tr beits Rege Ging, Lage ist d chen noch schlechter als in den großen Konzentrationslagern war, nur ein kleiner Teil der Gefangenen das Lager überstand. Der große Schatten Satans, der unaufhörlich über dem Lager stand, hieß„Gestapo“, Er materialisierte sich nur dann, wenn Beamte der ge- fürchteten Behörde zu einer„Vernehmung” oder sonstigen Seelentortur ins Lager kamen, Davon wurde dann nur im Flüsterton gesprochen, Ein zweiter nicht minder gefürchteter und ebenso finsterer Schatten, der nie- mals von Farge wich, war der Tod. Er wechselte jeden Tag, ja jede Stunde proteusartig seine grauenhafte Gestalt: Die Kugel, der Galgen, der Stock, der Hunger, die Kälte und nicht zuletzt der Flecktyphus, der zwar schon vor unserem Erscheinen erloschen war, aber noch wenige Monate früher die Lagerinsassenschaft auf 50% ihres damaligen Bestan- des dezimiert hatte. Wenn meine Schicksalsgenossen und ich auch ver- standen, bei dem furchtbaren Schauspiel, das sich rings um uns mit 500 bis 700 Menschen abspielte, deren Zahl durch tägliche Einlieferungen fortlaufend„aufgefrischt wurde”, großenteils Zuschauer zu bleiben, so waren wir doch für unseren ganzen Aufenthalt ständig in der Lage Dantes, der durch die Hölle ging, wir waren nämlich jeden Augenblick in Gefahr, in den Abgrund hineinzustürzen, der überall um uns war, Trotz alles Furchtbaren, das Farge bedeutete, sagte ein deutscher Ar- beitshäftling, der einmal bei dem Marsch von der Baustelle zurück durch Regen und eisigen Wind neben mir in der sinkenden Abenddämmerung ging, durchfroren, müde und hungrig, als die abgedunkelten Lichter des Lagers vor uns auftauchten:„Nun sind wir bald zu Hause.” So seltsam ist das menschliche Herz. 5, Tageslauf der„Arbeitserziehung‘“. Man sollte meinen, daß der erste Grundsatz, nach dem ein„Arbeits- erziehungs‘-Lager geleitet würde, in welchem arbeitsscheue und lässige Elemente an Ordnung und Pflichtbewußtsein gewöhnt werden sollen, die strengste Regelmäßigkeit des Tageslaufes sein müßte, Das Gegenteil war in Farge der Fall, Der Tag setzte sich für die„Insassen” des Lagers aus einer bunten Kette von Willkürakten zusammen, die immer wieder anders war, Das erste und grundsätzliche Axiom der Lagerführung bestand darin, die Häftlinge in dauernder Furcht und Unruhe zu halten. Das galt schon hinsichtlich des Beginns des sogenannten Arbeitstages. Hier war nur das eine sicher, daß der„Arbeitstag schon in der Stockfinsternis der zwei- ten Nachthälfte begann. Etwa um 4 Uhr morgens, manchmal aber auch um%4 Uhr, manchmal auch erst zwischen 4 und 5 Uhr, ertönte der scharfe Ton einer Trillerpfeife, der den Lagerinsassen anzeigte, daß sie nunmehr sich von ihren Strohsäcken zu erheben hatten, Manchmal kam aber auch die Pfeife gar nicht und die Wachleute oder auch der Lager- kommandant in eigener Person rasten durch die Baracken und trieben oder warfen die Häftlinge von ihren Lagerstätten. Dann ergab sich das Problem, ob man sich einigermaßen ungefährdet waschen und rasieren könne, Besonders die Russen wurden sehr häufig von den Wachleuten 3°, Imi’e:. 33 aus dem Waschraum mit der Begründung hinausgejagt, daß es Zeit sei, die Morgensuppe, eine Brühe, auf die noch zurückzukommen sein wird, zu empfangen oder gar schon auf die außerhalb des Lagers befindlichen ,, Baustellen" abzurücken. Wer sich dann gerade, um sich zu waschen, sein Geschirr zu spülen, seine Kleider zu reinigen oder zu einem sonstigen Zwecke zwischen den Russen im Waschraum befunden hatte, geriet unter Umständen für den ganzen Tag in den Mahlstrom, der die Russen bis zum Abend aus dem Lager von einer ,, Baustelle" zur anderen und dann wieder ins Lager zurückführte. ,, Frühstück" gab es, je nach Laune des Lagerkochs, nur eine Viertelstunde bis höchstens eine Dreiviertelstunde nach dem Wecken. Für die meisten Lagerinsassen war dies von lebenswichtiger Bedeutung, da hierbei außer der sogenannten ,, Suppe" ein Drittel der Brot- Tagesration, nämlich eine trockene Scheibe, die 100 g wiegen sollte, meist aber nur etwa 60 g im Gewicht hatte, verabfolgt wurde. Wer nicht rechtzeitig zu der Essenausgabe- Bude kam, mußte den ganzen Vormittag bis zum sogenannten ,, Mittagessen" hungern. Wir in der ,, Plutokratenstube", die von den Wachleuten regelmäßig und vom Kommandanten jedenfalls oft in Ruhe gelassen wurde, haben schon vom zweiten Tage ab auf die ,, Morgensuppe" und die trockene Scheibe Brot verzichtet und je nachdem es uns gefiel, bis 7 oder 8 Uhr morgens geschlafen. Wenn wir dann in den Waschraum kamen, war derselbe fast völlig leer, und wir konnten uns weit besser waschen und rasieren als in dem frühmorgendlichen Gedränge. Das war allerdings insofern mit einer dauernden Gefahr verbunden, als der Kommandant oder einer der Wachleute über den Hof brausen konnten, um mit der wütenden Frage, warum wir noch nicht ,, arbeiteten", und mit dem Rufe: ,, raus, raus", der überhaupt den ständigen Refrain der Farger Musik bildete, unser Idyll zu stören. Dieselbe Gefahr bestand während des Frühstücks, das wir uns auf der Stube aus unseren mitgebrachten Vorräten zusammenstellten, und überhaupt während des ganzen Tages. Jeden Augenblick konnte der Ruf: ,, raus, raus"- in der sinnreichen Abwandlung eines aus Rumänien stammenden Wachmannes: ,, Raus, alles was Beine hat" tönen oder gar der Kommandant in der Stube erscheinen und einen großen Krach mit der Frage anfangen, was unsere gegenwärtige Tätigkeit sei. Es konnte dann passieren, daß man unversehens zum Kloakenreinigen, zum Beseitigen von Pfützen auf dem Hofe und in der Lagerumgebung, zum Ausräumen einer verschlammten Kartoffelmiete, zum Mistfahren, Schlacke Auf- und Abladen oder zu einer sonstigen besonders sympathischen Tätigkeit abgeordnet wurde. - erDa sich auch unsere Schicksalsgenossen in den anderen Stuben auf den Standpunkt stellten, daß wir ja offiziell bloß in Farge wären, um für den Arbeitseinsatz bei der OT. versammelt zu werden und daher keine Arbeit, insbesondere keine Sträflingsarbeit, zu machen brauchten, wurde die Gefahr für den abgesonderten Tageslauf, den wir uns zurechtgemacht hatten, natürlich immer größer. Die Vorarbeiter der Kolonnen, die täglich am frühesten Morgen oder eigentlich noch in der Nacht zu den Baustellen ausrückten, waren fast durchweg recht unerfreuliche Erschei34 nungen. die lang Beendig Freihei großent Konzen lager" bergie, dabei a delte, waren und di Wenn getraut einen l ausrück und ein geholt Für d und glü einem eines d werden geben w Selbs die Lag gerade beiten" wir im angefau mußten Das Beginn. etwa zw daß dan keinesw selben Triller hinausg gedehn auch hinder Die eigene 3* nungen. Zum großen Teil handelte es sich dabei um Schwerverbrecher, die langjährige Zuchthausstrafen abbüßen mußten, welche aber erst nach Beendigung des Krieges zu beginnen hatten. Diese Leute, die nicht ihre Freiheitsstrafen ableisten sollten, während die unbescholtenen Männer großenteils an der Front standen, wurden daher für die Kriegszeit in Konzentrationslager eingesperrt und auch in dem„Arbeitserziehungs- lager” Farge, das überhaupt alle nur denkbaren Menschentypen beher- bergie, befand sich eine ganze Anzahl der fraglichen Gattung, Da es sich dabei allgemein um äußerst rücksichtslose und gewalttätige Naturen han- delte, die sich unter den Mitgefangenen Respekt zu verschaffen wußten, waren sie als Vorarbeiter denkbar geeignet. Diesen Leuten waren wir und die Sonderrechte, die wir uns herausnahmen, ein Dorn im Auge. Wenn sich die Betreffenden auch nicht an die„Elite-Stube” heran- getrauten, so gab es doch fast allmorgendlich bei den anderen Stuben einen lärmenden Auftritt wegen der„Judenjungen”, die nicht zur Arbeit ausrücken wollten, Es kam dann oft so, daß einer der Wachleute eingriff und ein großer Teil unserer Schicksalsgenossen unbesehen mit heraus- geholt und auf die sogenannten Baustellen getrieben wurde, Für diejenigen, die den morgendlichen Herauswurf überstanden hatten und glücklich im Lager zurückgeblieben waren, verlief der ganze Tag in einem dauernden Alarmzustand. Das Nahen des Kommandanten oder eines der oberen Wachleute, das meist vom Stubenfenster beobachtet werden konnte, bedeutete höchste Gefahr, und wenn„Entwarnung” ge- geben werden konnte, so war dies nie für lange Zeit, Selbstverständlich gab es im Lager keinen Sonntag. Im Gegenteil schien die Lagerführung ihr Augenmerk darauf gerichtet zu haben, die Häftlinge gerade am Sonntag mit möglichst schmutzigen und unangenehmen„Ar- beiten” zu beschäftigen, So erinnere ich mich eines Sonntags, an dem wir im Lager Zurückgebliebenen vom Morgen bis zum Abend Massen angefaulter und völlig verdreckter Kartoffeln„verlesen und reinigen mußten, Das Ende des„Arbeitstages” war zeitlich ebenso ungewiß wie sein Beginn, Es konnte vorkommen, daß der„Kommandant’ noch spät abends, etwa zwischen 10 und 11 Uhr, irgendeinen geistreichen Einfall hatte und daß dann bis 2 oder 3 Uhr nachts„gearbeitet”' werden mußte, was dann keineswegs ausschloß, daß es am nächsten oder richtiger dann schon am selben Tage um 4 Uhr morgens wieder losging und der schrille Klang der Trillerpfeife ertönte, Sehr oft kam es allerdings nicht zu über Mitternacht hinausgehender Arbeit, da dies sowohl durch die fast allabendlichen aus- gedehnten Gelage des Kommandanten und der höheren Wachleute als auch durch die damals sehr häufigen nächtlichen Fliegeralarme ver- hindert wurde, 6. Eine männliche Flickwerkstatt, Die im Lager verfügbare Leibwäsche, in die nicht wir, die wir unsere eigenen Sachen behalten hatten, aber die eigentlichen Häftlinge einge- a 35 kleidet wurden, befand sich in einem trostlosen Zustand. Sowohl Hemden als auch Unterhosen wiesen zum Teil handgroße Löcher auf, zum Teil waren sie völlig zerrissen oder Sieben nicht unähnlich. Der Kommandant stellte daher eines Tages, und zwar sehr bald nachdem wir im Lager eingetroffen waren, auf der Kammer einen seiner gefürchteten Krachs an und verfügte sodann, daß C., der immer geholt wurde, wenn etwas im Lager hoffnungslos verfahren schien ,,, die Oberaufsicht über die Kammer übernehmen solle". C. hatte in diesem Zusammenhang alsbald einen genialen Einfall, mit dem er uns dem dauernden Alarmzustand, in dem wir im Lager leben mußten, auf eine nicht unbeträchtliche Zeit entzog. Er stellte nämlich dem Kommandanten vor, es müsse, wenn die Lagerwäsche nicht einem rettungslosen Ruin verfallen sollte, eine Flickstube eingerichtet werden. Der Kommandant gab C. alle Vollmachten hierzu und C. kommandierte nun die gesamte ,, Elite- Stube" und ferner unsere Schicksalsgenossen aus den anderen Stuben zum Flicken der Wäsche, Die Sache hatte zunächst nur insofern eine beträchtliche Schwierigkeit, als weder Garn noch Nadeln vorhanden waren. Auf unserer Stube fand sich unter den politischen Häftlingen schließlich ein Mann, der sich für die Zeit seines Farger Aufenthaltes sehr reichlich mit Näh- und Flickgarn eingedeckt hatte und daher bereit war, für den allgemeinen Zweck eine dicke Rolle festes weißes Nähgarn zur Verfügung zu stellen. Auch auf den anderen Stuben konnte zur Befriedigung C's. einiges Nähgarn zusammenorganisiert werden. Dagegen fehlte es fast völlig an Nähnadeln. Der eine oder andere von uns besaß zwar eine zum Strümpfestopfen geeignete große Stopfnadel, mit der aber für den gedachten Zweck nichts anzufangen war. Indessen beunruhigte C. dieses Manko keineswegs. Er forderte kurzerhand vom Kommandanten 40 Nadeln an und zog sich einen höchst ungnädigen Anschnauzer des Inhalts zu, daß Nadeln im Lager nicht vorhanden und überhaupt sehr knapp wären und jedenfalls in der genannten Anzahl nicht beschafft werden könnten. Dies hinderte C. keineswegs, dem ihm erteilten Auftrage weiter nachzukommen und eine ausgedehnte Flickwerkstatt einzurichten, die zunächst darin bestand, daß auf den 3 Stuben jeder der 38 Leute, die er dazu kommandiert hatte, alle Morgen einen Berg zerrissener Lagerwäsche vor sich auf den Tisch legte und sich hinter diesen Hügel verschanzte. Kamen Wachleute, so hatten wir Befehl des Kommandanten! unsere Arbeit", gegen die nichts zu sagen war. - Was kommen mußte, kam aber. Eines Morgens erschien der Kommandant in eigener Person, riß die Tür zur ,, Elite- Stube" auf und platzte mit der zornigen Frage herein, was alle die Leute täten, die hier in der Baracke wären. C. meldete gelassen: ,, Es sitzen 38 Leute zum Flicken, jedoch fehlt es allerdings an Nadeln." Der Kommandant stand einen Augenblick, überlegte sichtbar angestrengt, murmelte dann wütend in sich hinein, es wären noch keine Nadeln da, ging davon und schlug die Tür hinter sich zu. Wir waren damit seinen Besuch für einige Tage los. 36 Tatsä allerdin reihum alles h schließ haben Ahnun von H Frau recht ging e Von Wäsch die Lö wegs H des Ko Loch Wäsch fingen waren, weichli gehen. erfüllt frühere von vo Die wurder Arbeit für das minimu daß ei übersta Farger Die Essen Kohlra durch werde gerad waren der t Kohl dann Stück unter emden n Teil andant Lager chs an yas im ammer Il, mit leben ämlich Tatsächlich erschienen aber nach geraumer Zeit auch einige Nadeln, allerdings höchstens eine auf 6 Mann, Mit diesen Nadeln fingen wir reihum an, unsere Flickkünste tatsächlich zu versuchen, zumal C. meinte, alles habe seine Zeit und der Kommandant sowie die Kammer müßten schließlich auch einmal Ergebnisse unserer„Arbeit sehen. Nun, wir haben nicht gerade vorbildlich geflickt. Einige von uns hatten etwas Ahnung davon und die anderen sahen es ihnen ab, Ich hatte, bevor ich von Hause fortging, in guter Voraussicht des Kommenden, von meiner Frau das Strümpfestopfen etwas erlernt, aber vom Flicken hatte ich so recht keine Vorstellung, und den meisten meiner Schicksalsgenossen ging es nicht anders, Von den recht schülerhaften Stichen gab es um die Löcher in der Wäsche regelrechte Sterne mit sehr unregelmäßig langen Strahlen. Aber die Löcher gingen auch auf diese Weise zu und obwohl wir uns keines- wegs beeilten, war zu unserem eigenen Erstaunen und zur Befriedigung des Kommandanten in der Wäsche des Lagers nach etwa 14 Tagen kein Loch mehr vorhanden. Wir rissen uns bald geradezu um die aus der Wäscherei kommenden Stücke, die wieder geflickt werden konnten und fingen an, unsere„Arbeit”, mit der wir doch noch zu schnell gewesen waren, zu rationieren, um dem früheren Alarmzustand, der nun unaus- weichlich allmählich wieder begann, noch so lange wie möglich zu ent- gehen, Eines Tages wurde aber die Flickwerkstatt, da sie ihren Zweck erfüllt habe, durch den Kommandanten für geschlossen erklärt, und die früheren Sorgen und Gefahren des„Arbeitstages” begannen für uns von vorn, 7. Kohlrabi und Gulasch. Die eigentliche„Erziehung, der die Häftlinge in Farge unterworfen wurden, bestand, entgegen dem schönen Namen des Lagers, nicht in der Arbeit, sondern, abgesehen von dem dauernden Zustand der Furcht, der für das Lagerleben kennzeichnend war, in der das menschliche Existenz- minimum weit unterschreitenden Verpflegung. Ich kann mir wohl denken, daß ein arbeitsscheues Individuum, welches das Lager Farge glücklich überstanden hatte, allmorgendlich schon durch die Erinnerung an das Farger„Essen aus dem Bett und an die Arbeit gejagt werden konnte, Die ganzen 3% Wochen, die ich in Farge gewesen bin, bestand das „Essen wochentags ohne jede Abwechslung und Unterbrechung aus Kohlrabi, der zum Teil stockig und ungenießbar und zum anderen Teil durchgängig so wenig weich gekocht war, daß er auch kaum gegessen werden konnte, Das Lagermenü richtete sich nach den Zufuhren, und da gerade kurz vor unserer Ankunft mehrere Waggons Kohlrabi eingetroffen waren, so gab es eben Kohlrabi, und zwar morgens zum Frühstück zu der trockenen Scheibe Brot eine Kohlrabisuppe und zum„Abendessen Kohlrabigemüse, das auch wieder eine Suppe war, Dazwischen gab es dann als sogenanntes Mittagessen nur noch 2 Scheiben Brot mit einem Stückchen Margarine, das 15 g wiegen sollte, tatsächlich aber meistens unter diesem Gewicht blieb, sowie einen Becher Kaffee-Ersatz. 37 Vor dem Kohlrabi hatte es wochenlang Kürbissuppe gegeben, die nicht besser gewesen war. Das Essen gab es in Blechschüsseln, die großenteils verbeult und stark verrostet waren. Jeder der Häftlinge mußte sein Essen selber bei der Essenausgabe- Bude holen. Eine stubenweise Essenausgabe, wie sie in jedem vernünftig geleiteten Lager stattfindet, gab es nicht. Vor der Ausgabe- Bude kamen zunächst die Deutschen, dann die übrigen Ausländer unter Ausschluß der Russen, sodann die Russen und zuletzt die Juden dran. Wir Imis wurden in dieser Beziehung als Deutsche behandelt und wurden, da wir nur gleichsam" Häftlinge waren, noch vor den anderen deutschen Häftlingen abgefertigt. Man mußte aber sehr aufpassen, daß man zur rechten Zeit da war. Denr andernfalls erhielt man nichts oder geriet in die nächste Kategorie und wurde entsprechend behandelt. Die Russen, die stets hinter uns versammelt standen und sämtlich fürchterlichen Hunger hatten, konnten verschiedentlich nur durch die Gummiknüppel der Wachleute davon abgehalten werden, die Essenausgabe zu stürmen. Mit der Verabfolgung der minderwertigen Verpflegung waren viele Schikanen verbunden, die zum Teil geradezu Blüten des Bürokratismus darstellten. Es mußte natürlich verhindert werden, daß Häftlinge sich das elende Essen doppelt oder gar mehrfach holten. Um dies unmöglich zu machen, verfiel die Lagerleitung fast täglich auf neue Spitzfindigkeiten. Es wurde ein Markensystem eingeführt, das aber niemals richtig funktionieren wollte. Eines Nachmittags wurde beispielsweise das ganze Lager auf dem Hof versammelt, um auf Grund der Lagerlisten eine Markenausgabe unter namentlichem Aufruf der Häftlinge durchzuführen. Da insbesondere die Namen der Russen zum Teil nicht richtig gelesen, zum Teil nicht richtig verstanden wurden, gab es ein großes Durcheinander. Nachdem die ,, Markenausgabe" etwa 3½ Stunden gedauert hatte, mußte sie als undurchführbar abgebrochen werden. Dann kam der Kommandant auf den Gedanken, morgens beim Empfang des ,, Frühstücks" Marken für das ,, Mittag- und Abendessen" oder auch für den folgenden Tag ausgeben zu lassen. Damit hatte er zugleich auch uns gepackt, die wir das Frühstück regelmäßig verschliefen. So viel Verpflegung, daß wir ohne Gefahr auf die Lagerkost und insbesondere auf das Lagerbrot verzichten konnten, hätte sich der Vorsichtigste von uns nicht ins Lager mitnehmen können und es blieb uns daher nichts anderes übrig, als morgens beim Ton der Trillerpfeife aufzustehen und vor den Russen her zur Frühstücksausgabe und zum Markenempfang zu gehen, solange die betreffende Anordnung in Kraft war, die allerdings schon nach wenigen Tagen wieder durch eine andere, ebenso kurzlebige Regelung abgelöst wurde. Damit die Lagerinsassen doch an etwas merkten, daß es Sonntag war, gab es an diesem Tage der Woche an Stelle des schrecklichen und vom ganzen Lager verfluchten Kohlrabi ,, Pellkartoffeln mit Gulasch". Das ,, Gulasch" bestand in einer undefinierbaren hellbraunen Brühe, die bestenfalls eine verunglückte Mehlschwitze war, ohne einen Faden Fleisch, der 38 sich karto den zunä zwa hatt daue toffe von sein Pell sie gege Als die brüll der das daß Kart es hi Es lich genie toffel Män diese Skele 8 W war 20-2 sicht je na nach solvi zeit infol Häft D mei bra gro die ein das bes für janze sich auch in dem übrigen Essen der Woche nicht finden ließ, Die„Pell- kartoffeln” waren, so wie sie aus der Erde kamen, völlig ungewaschen in den Kochkessel geworfen worden und wurden so in die Eßnäpfe, in die zunächst das„Gulasch“ geschöpft wurde, hineingefüllt. Da wir von Hause zwar allerhand Eßvorräte, aber natürlich keine Kartoffeln mitgenommen hatten, legten wir auf dieses„Sonntagessen” Wert, zumal in der an- dauernden Kohlrabisuppe der Woche niemals auch nur die kleinste Kar- toffel war. Um nun das Sonntagessen genießen zu können, nahm jeder von uns einen besonderen Napf, oder wenn er einen solchen nicht hatte, seinen Hut oder seine Mütze zur Essenausgabe mit, um die schmutzigen Pellkartoffeln gesondert zu empfangen und dann erst abzuschälen, bevor sie in die„Gulasch”-Schüssel kamen. Die Essenausgabe hatte sich uns gegenüber auf dieses besondere Verfahren auch zunächst eingelassen. Als der Kommandant das aber bemerkte, war die Hölle los. Er raste in die Ausgabe-Bude, warf das aus Häftlingen bestehende Personal beiseite, brüllte, die Ausgabe ginge viel zu langsam, warf dem nächsten von uns, der gerade dran war, die dreckigen Kartoffeln in die Essenschüssel, daß das„Gulasch“ hoch aufspritzte, und wachte mit Argusaugen darüber, daß das Küchenpersonal von da ab die ungeschälten und ungewaschenen Kartoffeln auch uns wieder zusammen mit dem„Gulasch” ausgab,„da es hier keine Extrawürste gäbe“. i Es bedarf keiner Erwähnung, daß besonders diese Verpflegung— täg- lich 200—300 g Brot, 15 g Margarine und eine mehr oder weniger un- genießbare dünne Gemüsesuppe ohne Fleisch und werktags ohne Kar- toffeln— der hauptsächlichste Faktor für die Funktion von Farge als „Männervertilgungslager” war. Denn wer ohne eigene Lebensmittel von diesem Essen leben mußte, war spätestens nach 3—4 Wochen zum Skelett abgemagert und unter Umständen schon schwerkrank und nach 8 Wochen so entkräftet, daß ein Wiederaufkommen mehr als zweifelhaft war und in den meisten Fällen ernsteste Lebensgefahr bestand. Viele 20—25jährige Gefangene sahen am ganzen Körper und besonders im Ge- sicht verrunzelt wie 60jährige aus. Die arbeitsscheuen Elemente kamen, je nach der Schwere ihrer Verfehlungen, für 2, 3, 4, 6 oder 8 Wochen nach Farge, und es war für diejenigen, die eine längere Strafzeit zu ab- solvieren hatten, eine Frage der leiblichen Ausstattung, ob sie die Haft- zeit überstehen konnten, Diese Frage war meist um so kritischer, als infolge der Kriegsernährung die körperlichen Reserven bei den meisten Häftlingen nicht groß waren, Der allgemeine Hunger im Lager führte zu eigenartigen Zuständen. Da meine Schicksalsgenossen und ich einigermaßen mit von Hause mitge- brachten Vorräten versorgt waren, so aßen viele von uns, die noch zu große„Leckermäuler” waren, den Kohlrabi überhaupt nicht, während die anderen höchstens den flüssigen Teil der„Suppe” und die seltenen einigermaßen weichgekochten Kohlrabistücke aßen, Im übrigen wurde das Essen an Lagerinsassen, die keine eigenen Lebensmittel hatten, ins- besondere an Ausländer, weggegeben, und auf die für uns und oft auch für die sonstigen Ausländer ungenießbaren Reste stürzten sich die 39 Russen, welche die steinharten Kohlrabistücke, die auch sie mit ihren meistens hervorragenden Gebissen nicht zerbeißen konnten, einfach verschlangen. Schon kurz nach unserer Ankunft hatten sich im ganzen Lager die Chancen, die sich bei unseren Stuben für Hungrige boten, herumgesprochen, und es bildeten sich an den Türen lange Schlangen, in denen in allen Sprachen Europas, meist aber auf deutsch, das auch die ausländischen Häftlinge wenigstens insoweit beherrschten ,,, Suppe, Suppe" in flehendem Tone gerufen und geschrien wurde. Die Hungernden drängten schließlich in unsere Türen herein und machten Miene, unsere Stuben zu stürmen, Das ganze Lager geriet in Aufruhr, und es bestand die größte Gefahr, daß der Kommandant den Sachverhalt bemerkte und sofort mit einer seiner berüchtigsten Verfügungen eingriff, die in diesem Falle ohne Zweifel dahingegangen sein würde, uns die Lagerverpflegung überhaupt zu entziehen, da wir ja, was er schon in anderem Zusammenhang geäußert hatte ,,, offenbar mehr als genug zu essen hätten". Mit tatkräftiger Hilfe C's., der auch hier einmal wieder sämtliche Völker Europas, die sich im Lager befanden, in kurzer Zeit zu beruhigen wußte, gelang es uns, dem Aufruhr zu steuern. Eine Wiederholung desselben konnten wir nur mit der äußersten Strenge verhindern. Die Hungernden wurden davon in Kenntnis gesetzt, daß keiner bei uns auch nur einen Bissen erhalten würde, der in eine unserer Stuben käme oder auch nur eine unserer Türen aufmachte. Der Kohlrabi wurde von denen, die ihn ganz oder teilweise nicht essen wollten, auf den Korridor hinausgebracht; auch dort drohte es, unter den Hungernden zu Lärm und Schlägerei zu kommen, so daß wir noch bekanntgeben mußten, jeder, der sich irgendwie vorzudrängen oder einen anderen beiseite zu schieben suche, würde gleichfalls nichts erhalten, worauf endlich Ruhe war. Kurze Zeit nach der Essenausgabe die meisten der hungrigen Häftlinge verschlangen ihr eigenes Essen, zu dessen Verzehr ein normal ernährter Mensch, auch wenn das Essen tadellos in Ordnung gewesen wäre, mindestens 10 Minuten gebraucht haben würde, in der fast unvorstellbar kurzen Zeit von 1-2 Minuten füllte nun den Gang unserer Baracke immer eine lange Reihe abgezehrter Gestalten, die sich kaum mehr zu bewegen wagten, weil sie fürchteten, so der Anwartschaft auf die heißbegehrte Zusatzration verlustig zu gehen. Nur die Augen baten. Ich habe es schließlich nicht mehr fertiggebracht, auf den Korridor hinauszugehen und das Elend zu sehen und habe meine Essenschüssel meist einem unserer schon längere Zeit in Farge befindlichen Stubengenossen, die durch die Dauer ihres Aufenthaltes gegen den Anblick abgehärtet waren, zur Weitergabe anvertraut. - - staunlich, oft entsp schung al Unter den Arbeitshäftlingen, die Lebensmittel von Hause hatten, waren einige, die hin und wieder ihren Kohlrabi oder sogar auch eine Scheibe Brot an hungernde Lagerinsassen verkauften, was wir unter uns auf unseren Stuben streng untersagten. Immerhin bildeten sich, trotzdem der Vorgang nicht allzu häufig war ,,, feste Preise". Für eine Portion des fast ungenießbaren Kohlrabi wurden 20 RM und für eine trockene Scheibe Brot 50 RM und in einigen Fällen sogar bis 100 RM bezahlt. Es war er40 sie ja tä gegeben dung wa handgrof die er in er doch fast unb mel, sch achselzu später ze retten, d auch son Die of der Lage teilungen hauptsäch antworter tur- Barac hineinges in der K Wachleut spielsweis und Kart ist ohne Bei un Arbeitse keit, auf ferner He Hause. I unserer sein. In nicht vo Urlau einzelne heit des zu eine salsgend in ärztl finden. war, au in diese staunlich, über wieviel Geld beispielsweise die Russen verfügten, die uns oft entsprechende Angebote machten, welche zu ihrer großen Enttäu- schung abgelehnt wurden, was sie um so verständnisloser hinnahmen, da sie ja täglich sahen, daß der Kohlrabi von uns unentgeltlich weiter- gegeben wurde, Ein Russe, der völlig zerlumpt war— seine Lagerklei- dung war sozusagen bis auf die Haut zerrissen und seine Schuhe wiesen handgroße Löcher auf— zeigte mir einmal die Summe von über 2000 RM, die er in seiner Hosentasche mit sich herumtrug und meinte, dafür müsse er doch 1 bis 2 Pfund Brot oder einige„ganze Zigaretten‘, die in Farge fast unbezahlbar waren, wo die„Kippen“, d. h. die abgerauchten Stum- mel, schon Goldwert hatten, bekommen können, Ich habe ihm darauf nur achselzuckend geantwortet, von mir könne er nichts erhalten. Einen Tag später zeigte er mir triumphierend 5 Scheiben trockenes Brot und 6 Ziga- retten, die er für seinen Papiergeldschatz, mit dem er allerdings in Farge auch sonst nicht das geringste anfangen konnte,„gekauft“ hatte. Die oft aufgeworfene Frage, wo eigentlich die Lebensmittelrationen der Lagerinsassen verblieben, die doch sämtlich ihre normalen Zu- teilungen an Brot, Fleisch, Fett, Nährmitteln und Kartoffeln, um nur die hauptsächlichsten zu nennen, zu bekommen hatten, war leicht zu be- antworten, wenn man sich öfter in der Nachbarschaft der Kommandan- tur-Baracke aufhielt. Was dort nur an Fleisch, Speck und Würsten hineingeschafft wurde, konnte mehrere große Fleischerläden füllen. Was in der Kommandantur-Baracke nicht verzehrt wurde, konsumierten die Wachleute, und was auch die nicht aufessen konnten— es war ja bei- spielsweise für die höchstens 20 Wachleute unmöglich, die Nährmittel- und Kartoffelrationen von vielen hundert Häftlingen zu verzehren— ist ohne Frage in irgendwelche dunklen Kanäle gelangt, 8. Oifizielle und inoffizielle Post. Bei unserer„Festnahme” im Gestapogebäude waren uns für unseren „Arbeitseinsatz 3„Freiheiten verheißen worden, nämlich die Möglich- keit, auf der Arbeitsstätte Besuch von Angehörigen zu empfangen, ferner Heimaturlaub und ungehinderter Brief- und Paketverkehr mit zu Hause, Davon, was es mit diesen„Freiheiten“ im weiteren Verlauf unserer Verbannungsfahrt auf sich hatte, wird später noch zu berichten sein, In Farge waren die fraglichen Freiheiten alle drei grundsätzlich nicht vorhanden, „Urlaub“ konnte es hier natürlich nicht geben, es sei denn, daß im einzelnen Falle die Willkür der Lagerleitung oder die besondere Schlau- heit des Einzelnen, der irgendeine besondere Lage auszunutzen wußte, zu einer Ausnahme führte, Beispielsweise hatte einer unserer Schick- salsgenossen das Glück, sich im Zeitpunkt seiner„Einberufung gerade in ärztlicher Behandlung zwecks Herstellung einer Zahnprothese zu be- finden, Da eine solche Spezialbehandlung, wenn sie in Bremen begonnen war, auch dort zu Ende geführt werden mußte und der Kommandant in diesem Falle auch keine Einwendung erhob, weil der Betreffende es 41 verstanden hatte, sich ihm durch Anfertigung von Entwürfen für Türbeschriftungen einer geplanten neuen Gefängnisbaracke ,, unentbehrlich" zu machen, so fuhr der Glückliche alle 3 bis 4 Tage nach Bremen und ließ sich dabei jedesmal von seinem Arzt bescheinigen, daß er spätestens in 3 bis 4 Tagen zur Fortsetzung der Behandlung wiederkommen müsse. Zum Schluß wurde es allerdings dem Kommandanten auch in diesem Falle zu viel und er stellte kurzerhand ein Ultimatum dahin, daß die fragliche Behandlung das nächste Mal beendet oder abgebrochen werden müsse. Ein anderer Schicksalsgenosse, der zufällig in Farge wohnte und in seinem Beruf als Zimmermann im Lager Verwendung fand, ging oft stundenlang nach Hause, angeblich um Handwerkszeug oder Material zu besorgen. Im allgemeinen kam aber niemand, außer den unter strenger Bewachung auf die auswärtigen Baustellen geführten Kolonnen, aus der Stacheldrahtumzäunung des Lagers heraus. Auch von uns Imis hat, bis auf die wenigen vorerwähnten Fälle, für die 3½ Wochen, die wir dort waren, niemand diese Zwangsarbeitsanstalt auf längere oder kürzere Zeit verlassen können. Eine einzige größere Ausnahme ist erst später zu erwähnen. 1 - - und es bleiben Mit der Freiheit", Besuch zu empfangen, stand es in Farge ähnlich wie mit dem Urlaub. Im allgemeinen war zwar für sämtliche Häftlinge eine Möglichkeit, in gewissen Zeitabständen im allgemeinen alle 4 Wochen von nahen Verwandten besucht zu werden, gegeben. Der Besuch mußte vorher auf der Gestapo in Bremen genehmigt werden und fand dann in Farge hinter dem Stacheldraht in einem besonderen Raume statt, in dem ein bewaffneter Posten stand, welcher die ganze Zeit nicht nur zuhörte, sondern auch den Häftling und seinen Besuch mit Argusaugen beobachtete und bewachte. Wir wurden auch in dieser Beziehung nicht anders und besser behandelt als die übrigen Lagerinsassen. Ehefrauen von Schicksalsgenossen, denen es nach stundenlangem Antichambrieren und nach meist recht unwürdiger Behandlung durch die Beamten gelungen war, auf der Bremer Gestapo eine Genehmigung zum Besuch ,, des im Lager Farge einsitzenden Häftlings X" zu erhalten und die nun zu ihren Gatten durch das mit entsicherten Gewehren bewachte Lagertor und die Stacheldrahtumzäunung in das von Maschinengewehren flankierte Lager kamen, erlitten in zahlreichen Fällen durch alles, was sie sahen und hörten, einen Nervenzusammenbruch oder bekamen einen Weinkrampf. Da ich von einem guten Bekannten, der die ,, erste Invasion" in Farge mitgemacht hatte und von dort wegen Lagerunfähigkeit entlassen wurde, vorher gut informiert war, hatte ich meine Frau und meine übrigen Angehörigen dringend gebeten, von jedem Besuch im Lager und von jedem entsprechenden Antrage an die Gestapo grundsätzlich Abstand zu nehmen. Ein kurzes Gespräch in Gegenwart eines bewaffneten Wachpostens war die Schikanen und die Nervenbelastung, die für den Besucher mit einer solchen ,, Aktion" verbunden war, bei weitem nicht wert. gegen Farge Um so wichtiger war die Briefpost, zumal ja die Angehörigen von uns allen zu Hause natürlich in größter Sorge über unser Schicksal schwebten 42 Insasse ordnun des K der au Arbe mußte dann, die Po gehörig verfahr 2 Wo unsere fürchtu ihre Be geschri die zun arbeitsl Familie nicht b erhielte Staatsp bewohn denn er Brief d artiger überhau ich mi Bekann ich mic bekann junges meine Gemein unzuläs Ernähr nichts sache im Ar Wen einstin Postw ab ein Zahnp für Tür- ehrlich" men und jätestens n müsse, ı diesem daß die ı werden hnte und ging oft ‚terial zu strenger aus der hat, bis wir dort kürzere t später ähnlich Häftlinge nen alle ben, Der werden sonderen je ganze Besuch in dieser n Lager nD 7 2 und es besonders ja völlig unsicher war, wie lange wir in Farge ver- bleiben mußten. Auch hinsichtlich des Briefschreibens waren wir, ent- gegen den uns auf der Bremer Gestapo gemachten Zusicherungen, in Farge nicht besser gestellt als die übrigen Häftlinge, da wir uns„als Insassen des Lagers” der Lagerordnung zu fügen hatten, Nach der Lager- ordnung war es erlaubt, alle 2 Wochen— mit besonderer Genehmigung des Kommandanten auch öfter— einen Brief nach Hause zu schreiben, der auf einem besonderen vorgedruckten Formular mit dem Absender „Arbeitserziehungslager Farge‘ geschrieben und offen abgegeben werden mußte, worauf er zunächst der Zensur durch die Gestapo zugeleitet und dann, wenn er unbedenklich befunden war, an den Adressaten durch die Post weiterbefördert wurde, Bei der„ersten Invasion”, deren An- gehörige hier noch allgemein nach den ihnen gegebenen Vorschriften verfahren waren, hatte die Gestapo sämtliche Briefe zunächst über 2 Wochen lang unerledist liegengelassen, so daß die Angehörigen unserer damals verhafteten Schicksalsgenossen schon die größten Be- fürchtungen über deren Los gehabt hatten und die Briefe aus Farge ihre Bestimmungsorte erst erreichten, als schon die fast 3 Wochen später geschriebenen Mitteilungen aus dem Wesergebirge vorlagen, mit denen die zum ersten Schub gehörigen Leute ihre Ankunft in dem Zwangs- arbeitslager Lenne nach Hause meldeten, Ich hatte deswegen meinen -Familienangehörigen beim Abschied gesagt, sie sollten sich auch dann nicht beunruhigen, wenn sie einige Wochen von mir keinerlei Nachricht erhielten, Ich hatte von vornherein nicht die Absicht, über die Geheime Siaatspolizei und mit dem Absenderstempel, der mich sämtlichen Haus- bewohnern als Strafgefangenen kundtat, an meine Familie zu schreiben, denn erstens war es mir äußerst unsympathisch, einen noch so neutralen Brief durch die Gestapozensur zu schicken und zweitens hatte ein der- artiger„Postverkehr” nach den Erfahrungen der„ersten Invasion” überhaupt keinen praktischen Wert, Über den Absenderstempel hätte ich mich allerdings nicht zu beunruhigen brauchen. Denn alle meine Bekannten und auch unsere ganze Nachbarschaft wußten sehr bald, wo ich mich befand, Das wurde schon durch die Lebensmittelkartenausgabe bekannt, Bereits wenige Tage nach meiner„Einberufung” erschien ein junges Mädchen von unserer Kartenstelle bei meiner Frau und forderte meine Lebensmittelkarten ein,„da ich als Gefangener in Farge dort Gemeinschaftsverpflegung erhalte und eine Verwendung meiner Karten unzulässig und strafbar sein würde”, Die betreffende Angestellte des Ernährungsamtes, die in unserer Gegend wohnhaft war, hat ohne Frage nichts Eiligeres zu tun gehabt, als überall die aufsehenerregende Tat- sache zu erzählen, daß ein juristischer Doktor in meiner Person eine Haft im Arbeitserziehungslager Farge zu verbüßen habe, Wenn ich auch, entsprechend meiner vorgefaßten Absicht, in Über- einstimmung mit den meisten meiner Schicksalsgenossen den offiziellen Postweg nicht benutzte, so öffneten sich doch schon vom ersten Tage ab einige inoffizielle Wege, Der Kamerad, der die Anfertigung seiner Zahnprothese zwecks möglichst oftmaliger Reisen nach Bremen so glück- 43 lich rationierte, nahm, sobald er fuhr, Briefe in unbeschränkter Zahl nach Bremen und von Bremen wieder nach Farge mit. Das hatte allerdings für ihn wie auch für die Absender der Briefe ernste Gefahren. Der Bremen- Reisende konnte nämlich am Lagertor bei seinem Fortgang oder seiner Rückkehr durchsucht werden und wenn dann Briefpost von Lagerinsassen bei ihm gefunden wurde, war dies gleichbedeutend mit mindestens 8 Monaten Konzentrationslager für sämtliche an diesem ,, Verbrechen" Beteiligten. Der Betreffende ist allerdings glücklicherweise niemals durchsucht worden, dagegen ist das bei einem politischen Häftling geschehen, der mit einem unserer Schicksalsgenossen zusammen in einem speziellen„, Arbeitseinsatz" in Aumund, einige Bahnstationen von Farge nach Bremen zu entfernt, arbeitete, hierzu täglich frühmorgens. das Lager verließ und erst abends zurückkam, Auch diese beiden Lagerkameraden fungierten in großem Umfange als Kuriere und warfen unsere nach Bremen adressierte Post in Aumund in irgendeinen Briefkasten. Der Bahnhofsvorsteher in Aumund hat dabei einmal Verdacht geschöpft. Möglicherweise hat der Mann aus besonderer Neugier die beiden ,, Farger", die in Aumund ziemlich allgemein als solche bekannt waren, einmal beim Einwerfen der zahlreichen Briefe in den Bahnhofsbriefkasten beobachtet oder ihm sind die überraschend vielen Briefe und Postkarten, die an seinem Bahnhof ohne Absender durchliefen, aufgefallen. Jedenfalls wurde von dort eine Anzeige an die Lagerkommandantur gemacht und es erfolgte eine Durchsuchung, die glücklicherweise aber bei Rückkehr des einen„ Außenarbeiters" in das Lager stattfand. Da die beiden ,, Aumund- Fahrer" nur Post nach Bremen mitnahmen, aber keine Post von dort zurückbringen konnten, so wurde bei der abendlichen Revision, die, am Morgen angestellt, zu einer Katastrophe geführt haben würde, nichts gefunden. Polen u Postweg dieser diesem Ich habe auf dem einen oder anderen Wege fast täglich nach Hause geschrieben und ziemlich unvorsichtig, wenn ich gerade nicht zu einem Brief kam, sogar offene Postkarten geschickt, auf denen Andeutungen über meinen Aufenthalt und meinen damaligen Lebenslauf standen, die zunächst nur für meine Angehörigen verständlich waren, aber beim sehr genauen Lesen durch einen Zensurbeamten doch recht unangenehme Folgen, ganz abgesehen von der Tatsache des überhaupt verbotenen Briefverkehrs, für mich haben konnten. Es war daher ein recht unerfreuliches Erlebnis für mich, als eines Abends der Untersturmführer, der damals so eine Art zweiter Lagerkommandant war und unsere Elitestube häufig besuchte, um insbesondere mit C. Gespräche über alles mögliche zu führen, ganz unvermittelt äußerte, es gäbe neuerdings ganz unglaubliche Dinge im Lager und er sei gerade einer illegalen Briefpost auf der Spur, wobei er mich eigentümlich ansah. Die Sache hat mir einige unangenehme Tage bereitet, zumal uns die ,, Alteingesessenen' des Lagers immer wieder warnten und uns versicherten, daß es gerade in diesem Falle bei einer Aufdeckung keine Gnade geben würde. Ob der Untersturmführer mit seiner Andeutung tatsächlich unsere Postverbindung oder eine solche von Ausländern gemeint hat auch die 44 - lassen, unseres Beson versorgu daß die mich, so einigerm erforder wurde s in Farge alle Leb mußten wesentli stets er mitbring teiligten mittelma müssen. die eing Frage, T habe, zu Da un einige T hatten, weiterer Die Hä Pakete zensur, durch Schicksa im allge hatten, reiche mit der lassen Schwar zusamm Stapel eine B Paket ausgel wiege noch Polen und Russen hatten nämlich verstanden, sich einen heimlichen Postweg zu verschaffen—, ist niemals bekannt geworden. Jedenfalls hat dieser Offizier vorgezogen, über das Ergebnis seiner Ermittlungen auf diesem Gebiet zu schweigen und wir haben uns nicht davon abhalten lassen, die für unsere Angehörigen so wichtige Briefpost während unseres ganzen Farger Aufenthaltes fortzusetzen. Besonders wichtig war die illegale Post auch für unsere Lebensmittel- versorgung, Bei unserer Festnahme hatten die meisten von uns gewußt, daß die„erste Invasion” 10 Tage in Farge gewesen war und ich hatte mich, so gut es ging, zu Hause so verproviantiert, daß ich für 14 Tage einigermaßen zu leben hatte, mit Ausnahme von Brot, das man in den eriorderlichen Mengen natürlich nicht mitnehmen konnte, Die Brotfrage wurde schon nach einigen Tagen akut, da die 2—3 Scheiben, die man in Farge täglich erhielt, kaum für den hohlen Zahn genügten. Da wir fast alle Lebensmittelmarken, insbesondere Brotmarken bei uns hatten, so mußten die wenigen Kameraden, die das Lager täglich verließen— im wesentlichen handelte es sich nur um die beiden Aumund-Fahrer— stets erhebliche Mengen Brot, dazu auch Wurst und Butter kaufen und mitbringen, Auch das war mit erheblichen Gefahren für sämtliche Be- teiligten verbunden, da wir bei unserer„Einlieferung‘' sämtliche Lebens- mittelmarken und alles Geld, das wir mit uns führten, hatten abgeben müssen, Wenn also bei einer Durchsuchung unserer„Proviantkuriere” die eingekauften Lebensmittel gefunden worden wären, so würde die Frage, wer die Marken und wer das Geld hierfür zur Verfügung gehabt habe, zu recht unliebsamen Konsequenzen geführt haben. Da unser Aufenthalt in Farge, den unter uns die Vertrauensvollen auf einige Tage und die Informierten auf etwa 2 Wochen vorausgeschätzt hatten, sich unvorhergesehen verlängerte, wurde auch die Zuführung weiterer Lebensmittel von zu Hause zu einer dringenden Notwendigkeit. Die Häftlinge hatten zwar das Recht, nicht nur Briefe, sondern auch Pakete von ihren Angehörigen zu empfangen, Wie die Briefe der Gestapo- zensur, so unterlagen aber die Pakete der Öffnung und Durchprüfung durch den Lagerkommandanten, Die zur„ersten Invasion” gehörigen Schicksalsgenossen, die ja völlig ununterrichtet gewesen und überdies im allgemeinen nur mit Lebensmitteln für 1 bis 2 Tage versehen waren, hatten, als sich ihr Aufenthalt verlängerte, von ihren Angehörigen zahl- reiche Lebensmittelpakete auf dem offiziellen Wege erhalten, und zwar mit dem Erfolge, daß der Kommandant sämtliche Pakete hatte öfinen lassen und den Inhalt der meisten, ganz egal, ob es sich dabei um Schwarz-, Weißbrot, verschiedenartigste Kuchen, Fett usw. handelte, zusammen- und durcheinandergeworfen hatte, um dann den ganzen Stapel in die Küche zu geben, mit der Anweisung, daraus zum Sonntag eine Brotsuppe für das gesamte Lager zu kochen, Der übrige Inhalt der Pakete, Fleisch, Wurst usw., war in einigen Fällen den Adressaten ausgeliefert worden, meistens aber verschwunden, zumal es auch über- wiegend gar nicht möglich war, bei diesem Verfahren die Adressaten noch ausfindig zu machen, Um einer Wiederholung dieser Erfahrung des 45 uns her in ersten Schubs zu entgehen, blieb uns nichts anderes übrig, als unseren Kameraden mit der Zahnprothese zu bitten, bei seinem Aufenthalt in Bremen unsere Angehörigen anzurufen und sich von diesen Pakete zustellen zu lassen und uns mitzubringen. Der betreffende Schicksalsgenosse hat sich dieser Aufgabe mit einer geradezu rührenden Kameradschaft unterzogen. Die Schwierigkeiten waren sehr groß. Zunächst herrschte, wenn der Betreffende in Bremen anwesend war, sehr oft den größten Teil des Tages Fliegeralarm, so daß die Möglichkeit, sich mit unseren Angehörigen in Verbindung zu setzen, schon zeitlich außerordentlich beschränkt war. Trotzdem hat das unser Kamerad immer wieder ermöglicht. Er kam bei seiner Rückkehr von Bremen, trotz der damit verbundenen Gefahren, mit Paketen über und über bepackt, meistens wie ein Weihnachtsmann ins Lager und sehr oft mußte er sich auf dem Bahnhof in Bremen aus einem Sträflingstransport, der nach Farge ging, eine Handvoll Ausländer organisieren, die ihm die Pakete, die er allein gar nicht bewältigen konnte, mitzutragen hatten, was dann aber wieder eine strenge Beaufsichtigung dieser Postgehilfen", die er mit Zigaretten entlohnte, erforderte. 91 Jedenfalls hat unsere private, im Entdeckungsfalle mit schwerstem Konzentrationslager bedrohte Post uns den Aufenthalt in Farge, soweit dies möglich war, einigermaßen erträglich gemacht. 9. ,, 100 g die Schippe", eine Brotkiste für 380 Mann und andere Merkwürdigkeiten. Eines Morgens ereilte uns doch das Schicksal, daß wir uns dem Abrücken mit der ,, Kolonne" auf die außerhalb des Lagers befindlichen Baustellen nicht mehr entziehen konnten. Der ,, Leiter des Arbeitseinsatzes für die Baustellen des Lagers", ein Zuchthäusler, der allgemein der ,, Hauptmann von Köpenick" hieß und dem in diesen Aufzeichnungen später noch ein besonderes Kapitel gewidmet wird, stellte nach der morgendlichen Trillerpfeife einen Riesenlärm an, da unsere Flickwerkstatt geschlossen war und wir trotzdem keine Miene machten, uns zum frühmorgendlichen oder richtiger spätnächtlichen Ausmarsch zu erheben. Der Kommandant stürmte herein und erklärte nur die Ältesten unter uns, d. h. die über 60jährigen, als für diesen Tag von der Außenarbeit ausgenommen, so daß uns nichts anderes übrigblieb, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. und ihn s Trotz d kannte St die wir, et volle, mit holländisch Läufe nac und gleich Mit dem Frühstück wurde es nichts mehr, da wir schon zu spät daran waren, und auch zum Ausmarsch der Kolonne kamen wir nicht mehr rechtzeitig. Der Kommandant vollführte auf dem Lagerhof sein gefürchtetes Wutgebrüll und schrie uns an, wir sollten sehen, wie wir den Weg fänden, er würde aber sofort hinter uns herschießen lassen, wenn wir uns nicht im Augenblick in der richtigen Richtung davonmachten, was ohne Frage bei ihm keine leere Drohung war. Bei dauernden ,, Raus- Rufen" trat er mit seinem einen Reitstiefel dauernd hinter 46 und uns er zu verlasse entsicherte ren Marsch Erfahrung die vor un a Wir nahme fast ganz v und Heide grauen Öde Stückchen und alles s hatten noch auch braun Morgensonn ganzen etwa Die Baus wede. Es w Kanalröhren Das war di andere Ar gegend und den Dünen gen Ameise Poliere, die und sich un dische Wa nächst zug zwischen e auf der ein saken und asien gera hörigen d herausstel Lage, zum aber doch den verst Drohunger ıseren ‚alt in uns her in die Luft und wir beeilten uns, das Lager hinter uns zu bringen und ihn seinem Zorn zu überlassen. Trotz der noch herrschenden Pechfinsternis fanden wir die uns unbe- kannte Straße und alsbald auch die auf ihr dahinziehende Kolonne, an die wir, etwa 30 Mann, uns hinten anhängten. Es gab dabei eine geräusch- volle, mit schlimmsten Drohungen gespickte Auseinandersetzung mit der holländischen Wachmannschaft, die mit schußbereiten Gewehren, die Läufe nach unten gekehrt, zu beiden Seiten der Kolonne hintrottete und gleichfalls äußerst aufgebracht darüber war, daß wir zu spät kamen und uns erlaubt hatten, das Lager ohne bewaffnete Bedeckungsmannschaft zu verlassen, was strengstens verboten war. Den Finger am Abzug der entsicherten Gewehre, umringten uns nun die Wachleute auf dem weite- ren Marsch von allen Seiten, da wir ihnen nach der frühmorgendlichen Erfahrung als ganz besonders gefährliche Elemente erschienen, während die vor uns marschierenden Russen fast ohne Bedeckung weiterzogen, Wir nahmen dies mit Gleichmut hin und ich hatte bald für einige Zeit fast ganz vergessen, wo ich war, denn mir wurde, als ich Wiesen, Wald und Heide sah, erst ganz bewußt, daß ich über zwei Wochen lang in der grauen Öde des Lagers und seiner näheren Umgebung kaum das kleinste Stückchen Natur erblickt hatte, Es war schon gegen Mitte November und alles sehr spätherbstlich, ja fast schon winterlich, Aber die Birken hatten noch einiges Laub und Tannen, Wacholder und Heide, wenn diese auch braun und verdorrt war, trotzten der Jahreszeit, Als noch die späte Morgensonne über die Landschaft schien, war mir der Marsch, der im ganzen etwa zwei Stunden dauerte, wie ein langentbehrter Genuß, Die Baustelle, auf die wir an diesem Tage gelangten, hieß Schwane- wede. Es wurden dort in dem Heidesand tiefe Gräben zur Verlegung von Kanalröhren ausgehoben und nach Legen der Rohre wieder zugeschüttet, Das war die gegebene Arbeit für eine Farger Kolonne. Es waren noch andere Arbeitskolonnen aus weiteren Konzentrationslagern der Um- gegend und auch aus Lagern freier ausländischer Arbeiter da, so daß auf den Dünen von Schwanewede ein Völkergewimmel wie auf einem riesi- gen Ameisenhaufen herrschte, Die Leitung der Arbeit hatten holländische Poliere, die Mussertleute, also niederländische Nationalsozialisten waren und sich uns gegenüber noch unangenehmer gebärdeten als unsere hollän- dische Wachmannschaft, Wir wurden an einen großen Graben, der zu- nächst zugeworfen werden mußte, trotz unserer Einwendungen, einzeln zwischen eine russische Arbeitskolonne gesteckt. Ich hatte neben mir auf der einen Seite offenbar einen Tartaren, auf der anderen einen Ko- saken und mir gegenüber einen Mongolen, war also nach Mittel- und Ost- asien geraten, Ich hatte es damit aber gut getroffen, da sich die Ange- hörigen der genannten Völkerschaften als recht harmlose Naturkinder herausstellten, Andere Schicksalsgenossen waren in einer schwierigeren Lage, zumal sie alle nicht russisch konnten. Wir Imis haben uns dann aber doch schon im Verlauf der ersten Stunden wieder zusammenzufin- den verstanden und trotz aller dagegen gerichteten Schimpfereien und Drohungen der holländischen Nazipoliere, deren„Einsatzmaßnahme“ uns 47 gegenüber nichts weiter als eine bösartige Schikane war, eine feste Front unter uns zwischen den übrigen Völkern gebildet. Es war schon Schnee in der Luft und es wehte ein schneidend kalter Wind. Infolgedessen waren wir schon, um uns einigermaßen warm zu halten, genötigt, den Sand mit einiger Regelmäßigkeit zu schippen. Trotzdem waren einige von uns, die nicht für eine derartige winterliche Unternehmung ausgerüstet waren oder als Ausgebombte nicht über genügend warme Kleidung verfügten, sehr bald halb erstarrt. In unserer Nähe befand sich eine kleine Holzbude, in der ein Ofen war, an welchem sich unsere Wachmannschaften abwechselnd hin und wieder aufwärmten. Wir richteten nun gleichfalls einen Turnus ein, indem immer zwei Mann von uns für 5-10 Minuten sich in den Windschutz der Bude und an den Ofen begaben. Zunächst gab es mit der Wachmannschaft, die grundsätzlich keinen Häftling in ihre Schutzhütte lassen wollte, natürlich eine lärmende Auseinandersetzung, die aber durch ein paar Zigaretten in unserem Sinne beigelegt wurde. Es dauerte aber gar nicht lange, da tauchte unter der Heide düne, auf der wir arbeiteten, am Waldesrand das Motorrad des Lagerkommandanten auf und es war deutlich zu erkennen, wie der Kommandant abstieg, die ganze Gegend eine Weile lang scharf beäugte und dann wieder davonfuhr. dort befin Ein einzig leistet. M Als wir am späten Nachmittag bei früh einbrechender Finsternis, mehr oder weniger durchgefroren, durchnäßt und ermüdet durch den langen Tag und den stundenlangen Hin- und Hermarsch, ins Lager zurückgelangten, stand der Kommandant am Tor, und es gab ein fürchterliches Donnerwetter. Wir seien alle Faulpelze, denen Arbeit noch ganz gründlich beigebracht werden müsse. Er habe uns auf der Arbeitsstelle beobachtet und wir hätten samt und sonders nichts anderes getan, als in der Bude herumzusitzen, aber wir würden es schon noch lernen, uns gehörig anzustrengen! vorhabens gedauert genügend Schon vom Lage nahmen zwischen stellen m Dieser Auftritt ließ uns allerdings kalt und das einzige greifbare Ergebnis des Tages und seines Abschlusses war, daß in der nächsten Morgenfrühe beim Ausrücken der Kolonnen von unserer ,, Côté" statt der etwa 30 Mann vom Vortage nur noch etwa 20 Mann antraten, was ein neues Donnerwetter des Kommandanten hervorrief, der in unsere Baracke raste und die dort unter allen möglichen Vorwänden Zurückgebliebenen den ganzen Tag über mit allen nur erdenklichen unangenehmen ,, Beschäftigungen" schikanierte. Kiste get vorn von lonnen m recht erh stens 10Vortage H Tage, an kam plötz Kiste, die betrug, m mit dem die sich scheinend Farge ge sollten u Diesmal ging es mit unserer Kolonne zum sogenannten„ Ölbunker", einem der vielen Bauten des Dritten Reiches, die nicht fertig geworden sind. Bei dieser Baustelle, die aus den verschiedensten Gründen sehr gefürchtet war, handelte es sich, entgegen dem Namen, nicht um einen Bunkerbau, sondern wieder um Sandbewegungen, die als solche noch weniger sinnvoll organisiert waren als in Schwanewede. Hatte sich da schon zwangsläufig die Frage ergeben, warum das Ausschachten der dort in Bau befindlichen Kanäle nicht mit Baggern durchgeführt wurde, so handelte es sich bei dem sogenannten Ölbunker einfach darum, einen Dünenzug abzutragen und den Sand einige hundert Meter weiter in eine 48 herausnel die Kiste denden V an und forderter unverzüg der Gewa die Kiste Schultern Hans To das gold Toms, d unfähig schmerz giebig Wille i da die den S verstar Gesund litten 4,, Imi's eine feste dend kalter m warm zu open, Trotz- eine lär- ten in unse” da tauchte | das Motor dort befindliche Talsenke, eben an den sogenannten Ölbunker, zu schaffen, Ein einziger großer Bagger hätte diese Arbeit in allerkürzester Zeit ge- leistet. Mit Hand und Spaten dauerte die Verwirklichung dieses„Arbeits- vorhabens" schon Jahre und es würde, wenn der Krieg noch Jahrzehnte gedauert hätte, die Farger ohne Frage auch noch für diesen Zeitraum genügend mit ständiger„Arbeit‘ versorgt haben. Schon auf dem Marsch zum Ölbunker, der etwa 1% Stunden Weges vom Lager entfernt lag, ereignete sich ein Zwischenfall. Die Kolonnen nahmen das„Mittagessen“, d, h. die zwei Scheiben Brot pro Mann, zwischen denen das 15 g schwere Margarinestück klebte, auf die Bau- stellen mit. Die gesamte Brotration wurde sänftenartig in einer großen Kiste getragen, unter der sich zwei Tragbalken befanden, die hinten und vorn von je zwei Mann auf der Schulter geschleppt wurden. Da die Ko- lonnen meist mehrere hundert Mann stark waren, hatte die Kiste ein recht erhebliches Gewicht, und auch starke Männer konnten sie höch- stens 10—12 Minuten tragen und mußten dann abgelöst werden, Am Vortage hatten die Russen die Kiste abwechselnd gestemmt. An diesem Tage, an dem wir Imis vor den Russen an der Spitze des Zuges zogen, kam plötzlich die holländische Wachmannschaft mit der Forderung, die Kiste, die besonders schwer war, weil die Kolonnenstärke 380 Mann betrug, müsse heute auch von uns getragen werden, Wir weigerten uns mit dem Hinweis, daß wir keine Strafgefangenen seien. Die Holländer, die sich schon am Tage zuvor über unsere ihnen herausfordernd er- scheinende Haltung erbost hatten, erwiderten höchst aufgebracht, in Farge gebe es überhaupt nichts anderes als Strafgefangene und wir sollten uns nicht einbilden, daß wir uns irgendwelche Sonderrechte herausnehmen könnten. Als wir uns auf die nochmalige Aufforderung, die Kiste zu tragen, wiederholt weigerten, entsicherten die rabiat wer- denden Wachmannschaften ihre Gewehre, zum Teil legten sie sie bereits an und schrien uns zu, daß sie uns zum dritten- und letztenmal auf- forderten, ihrem Befehl nachzukommen und uns im Weigerungsfalle alle unverzüglich umlegen würden, Es blieb uns nichts anderes übrig, als der Gewalt zu weichen, und zunächst habe ich mit drei Schicksalsgenossen die Kiste, die uns die Russen, die sie vorher getragen hatten, auf die Schultern packten, geschleppt. Neben mir schritt unter der schweren Last Hans Toms, ein Schwerkriegsverletzter, der neben dem Eisernen Kreuz das goldene Verwundetenabzeichen dieses Krieges von Verdun her trug. Toms, der mit einer schweren Stirnverletzung zu 80 Prozent arbeits- unfähig geschrieben war und bei jeder Anstrengung sofort starke Kopf- schmerzen bekam, hat schon hierbei, wozu er später noch oftmals aus- giebig Gelegenheit fand, bewiesen, was für ein harter und unbeugsamer Wille in ihm war, Er mußte die ganze übliche Zeit die Kiste mit tragen, da die Niederländer unseren wiederholten Hinweis, daß sie wenigstens den Schwerkriegsverletzten hiervon entbinden sollten, entweder nicht verstanden oder nicht hören wollten, Toms, der unter der Last, die mir Gesundem schließlich schon fast zu schwer geworden ist, sicher sehr ge- litten hat, ist, solange wir die Kiste auf unseren Schultern hatten, hoch 4„Imi's’’ 49 aufgerichtet neben mir gegangen und hat mit keinem Wort, ja noch nicht einmal mit einer Miene verraten, daß er nahe am Zusammenbrechen war. Ich hatte unmittelbar vor dem Ausrücken mit einem der Vorarbeiter, einem Volljuden, gesprochen, um möglichst zu verhindern, daß man uns bei der Arbeit wie am Vortage wieder zwischen die Ausländer steckte, und wir wurden infolgedessen nun diesmal und von da ab von den übrigen Häftlingen gesondert ,, eingesetzt". Flucht nache ,, Bestr verfuh „ Ober Es war wieder naẞkalt und schneite und regnete durcheinander. Der Tag wurde lang und die öde Düne am Ölbunker und alles, was sich auf ihr begab, erschien mir wie eine neue ,, Bolge" im Danteschen Inferno. Die ,, Arbeit war ebenso nutzlos wie grotesk. Je vier Mann der zahlreichen Arbeitsabteilungen gruben vom Fuße des Dünenzuges Sand ab und warfen ihn 2-3 Meter weit auf einen Haufen. An diesem Haufen standen wieder 2-4 Mann, die den Sand wieder 2-3 Meter weit auf einen weiteren Haufen warfen, an dem wieder 2-4 Mann standen, die dasselbe taten und so einige hundert Meter weit fort. Der Vorarbeiter Sobelsohn, der uns unseren von den übrigen Arbeitern abgesonderten Platz angewiesen hatte, belehrte uns dahin, daß es die Hauptsache bei dieser Arbeit sei, die Schippe nicht zu voll zu nehmen. Denn bei der Farger Verpflegung müsse man sehr haushälterisch mit seinen Kräften umgehen. Die Russen, die er unter seinem Kommando habe und die überhaupt Künstler darin wären, jede Arbeit nahezu unvorstellbar zu dehnen, seien daher auf die Norm gekommen, jede Minute die Schippe höchstens sechsmal anzusetzen und auf die Schippe jedesmal nicht mehr als 100 g Sand zu nehmen, was beides gerade noch ausreiche, um einer Aufsichtsperson die Möglichkeit zu nehmen, gegen Untätigkeit einzuschreiten. Es war für uns sehr schwer, dieses russische Rezept zu befolgen. Dem Deutschen liegt es nicht, dauernd nur zu einem Bruchteil tätig zu sein, sondern er arbeitet in solchem Falle lieber einmal eine Weile gehörig und hört dann eine zeitlang ganz auf. Wir haben zwar die Russen, die das uns von Sobelsohn mitgeteilte Rezept mit Virtuosität handhabten und das sich daraus ergebende Konglomerat von langsamer Bewegung und Trägheit bewundernd betrachtet, aber wir haben dann lieber, besonders wenn dies zum Zwecke der Erwärmung notwendig wurde, einige Schippen ganz voll genommen, um dann wieder eine Weile ,, arbeitslos" zusammenzustehen, um uns dies und jenes zu erzählen. Das war aber, wie sich bald herausstellte, ein recht bedenkliches Verfahren. Die Wachmannschaften hatten zwar theoretisch nur die Aufgabe, darauf zu achten, daß sich keiner der Häftlinge von der Arbeitsstelle entfernte, während die Beaufsichtigung der Arbeit wie deren Einteilung an sich Sache der Vorarbeiter war. Die auf dem Kamm des Dünenzuges über unserer darunter befindlichen Arbeitsstätte aufgestellten Wachen standen denn auch dort oben wie die Ölgötzen, solange nicht einer der Gefangenen aus irgendeinem Grunde zu ,, bestrafen" war, was dann so vor sich ging, daß der Betreffende auf die Düne heraufgezerrt und auf der anderen Seite wieder heruntergeworfen wurde, wobei er einen Schuß ins Genick oder in den Rücken bekam und dann als ein ,, auf der 50 das so Umge Gefan ihn zu Arbei entfer je nac schritt sagte, her un Nacker wieder sein O Drohun Dann b und ko holländ hatte ei eine Fr wehrlos satanisc es sich einer v mechan in dera rade u hatte. gestützt Wachp an uns übliche endgült stellt u lung w nun e Wachl wieder Ich und b bereits gesich zu ko 4° och nicht hen war, rarbeiter, man uns - steckte, von den der, Der sich auf Inferno, der zahl- Sand ab n Haufen weit auf en, die rbeiter ıderten sache bei 1, bei der ı Kräften die über- r zu deh- , Schippe icht mehr wi einer zit einzu nt zu be- Bruchteil „mal eine ‚ zwat die 7 tuosität ‚otwendig Flucht Erschossener” unten liegenblieb, Ebenso willkürlich und völlig nach eigenem Gutdünken wie ihre Kameraden auf der Düne bei der „Bestrafung“ von Gefangenen, die irgendwie ihr Mißfallen erregt hatten, verfuhren aber auch die Wachmannschaften unten, insofern sie sich eine „Oberaufsicht” über die dort geleistete„Arbeit anmaßten, Sie taten das schon aus Zeitvertreib, da es ihnen zu langweilig war, in der öden Umgebung bloß immer Wache zu stehen, Wenn einer der Holländer einen Gefangenen einmal einen Augenblick untätig stehen sah, rannte er auf ihn zu, jagte ihn mit drohend erhobenem Gewehr aus der Reihe der Arbeitenden hinaus und trieb ihn etwa 100 Schritt von der Arbeitsstätte entfernt auf der Heide hin und her. Der betreffende Unglückliche mußte je nach Laune seines Quälgeistes 10 oder auch bis 20 Minuten im Lauf- schritt immer im Kreise herumrennen, Wenn er, weil ihm der Atem ver- sagte, einmal langsamer wurde, war der Wachmann sofort hinter ihm her und stieß ihm den Kolben des hochgeschwungenen Gewehres in den Nacken, in den Rücken oder in die Kniekehlen, Dann rannte er schon wieder, daß der Sand flog und der Verfolger ruhte oft nicht eher, bis sein Opfer ihm zusammenbrechend vor die Füße rollte und durch keine Drohungen und keine Kolbenschläge mehr emporgejagt werden konnte, Dann bekam der„Faulpelz‘' meist noch eine ausgiebige Anzahl Fußtritte und konnte auf seinen Arbeitsplatz zurückkriechen. Besonders einer der holländischen Wachleute tat sich bei diesen Exekutionen hervor. Er hatte ein böses, scharfes Gesicht mit einer messerförmigen Nase, das wie eine Fratze aus Dantes Teufelstadt wirkte, und betrieb diese Tortur wehrloser Menschen ganz offensichtlich aus einem tief eingewurzelten satanischen Vergnügen daran. Bei den anderen Wachleuten handelte es sich mehr um die Abreagierung eigener Unlustgefühle, Plötzlich kam einer von ihnen und wollte einen unserer Schicksalsgenossen, einen Fein- mechaniker, der betreffenden Exekution unterwerfen, Wie es fast immer in derartigen Fällen geht, handelte es sich bei dem„Delinquenten” ge- rade um denjenigen, der noch am meisten von uns allen„gearbeitet” hatte, Er hatte nur einmal einen Augenblick ruhig auf seinen Spaten gestützt gestanden, was schon genügt hatte, um den Sergeanten der Wachposten, die nur auf eine Gelegenheit warteten, ihr Mütchen auch an uns zu kühlen, zu veranlassen, auf ihn loszustürzen, um ihn in der üblichen Art über die Heide zu jagen, Bei uns war damit das Maß nun endgültig voll, Wir haben uns wie ein Mann vor unseren Kameraden ge- stellt und dem Wachmann erklärt, wir ließen uns eine derartige Behand- lung wie die übrigen Häftlinge nicht gefallen, denn wir seien, was sie nun endlich einsehen müßten, keine eigentlichen Gefangenen, Andere Wachleute kamen hinzu und die Auseinandersetzung endete zunächst wieder mit entsicherten und bereits drohend erhobenen Gewehren, Ich hatte mir die Gesichter der Wachleute schon vorher angesehen und bei mir im stillen festgestellt, daß sie bis auf den einen, den ich bereits erwähnte, alle nicht ungute Bauernjungens- oder Kleinbürger- gesichter hatten, In dem Augenblick, als es nun endlich zur Katastrophe zu kommen schien, wir unseren Kameraden zu der ihm zugedachten 4 51 Katast nicht reiche er dar war, a abges Stein Züchtigung unter keinen Umständen herausgeben wollten und die Wachleute auf die Weiterdurchführung ihres Zeitvertreibs mit wütendem Geschimpf bestanden, habe ich den mir zunächst stehenden Wachmann gefragt, wo er eigentlich zu Hause sei. Er ließ sein Gewehr sinken, sah mich von oben bis unten an und stellte die Gegenfrage, warum ich dies wissen wolle. Ich sagte ihm darauf, ich kennte Holland sehr gut und hätte nahe Verwandte in Bussum bei Amsterdam. Darauf ging ein Leuchten über sein Gesicht, es verklärte sich geradezu und er meinte, da sei er ja in der Nachbarschaft zu Hause, denn er stamme aus Hilversum, das ganz nahe bei Bussum liege. Ich bot ihm eine Zigarette an und wir waren bald in einem ausgedehnten Gespräch über die ganze Gegend seiner Heimat begriffen. Die anderen Wachleute, die erstaunt nähergetreten waren, hängten ebenso ihre Gewehre wieder um, ließen sich von meinen Kameraden gleichfalls Zigaretten schenken und fingen ebenfalls an, mit Eifer über ihr Vaterland zu sprechen. Es stellte sich alsbald heraus, daß es sich entgegen unserer ursprünglichen Annahme bei diesen Wachmannschaften nicht um niederländische Nationalsozialisten, sondern um holländische Polizisten handelte, die von der deutschen Militärverwaltung zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Paris mit eingesetzt und von dort, als Paris geräumt werden mußte, nach Deutschland abtransportiert worden waren, wo sie nun in Farge die Kolonnenarbeit der Sträflinge bewachen mußten. Diese Niederländer, bei denen in kurzer Zeit immer mehr verschüttet gewesene Menschlichkeit an die Oberfläche gelangte, fühlten sich auf ihrem derzeitigen Posten, was wir ihnen nachempfinden konnten, äußerst unglücklich und sie waren deswegen, obwohl sie fast ausnahmslos ganz biedere Leute waren, wie Hofhunde, die man an die Kette legt, bösartig geworden. Es dauerte gar nicht lange, bis sie anfingen, uns gegenüber mit der Klage, sie seien seit Monaten ohne Verbindung mit Holland und ohne jede Nachricht von zu Hause, das Dritte Reich und alles was damit zu tun hatte, aufs kräftigste zu beschimpfen und zu verfluchen, wogegen wir natürlich weniger einzuwenden hatten als gegen ihr anfängliches Verhalten. Als wir mit ihnen und sie mit uns so weit waren, begannen sie, neugierig zu werden, und besonders einer von ihnen fragte mit schlauer Miene, was nun eigentlich mit uns los wäre; wir brauchten ihm und seinen Kameraden ja nun nicht weiter einen Bären aufzubinden und sollten ihnen doch ganz offen und ehrlich sagen, was wir ausgefressen hätten. Als wir darauf beteuerten, sie hätten früher von uns die volle Wahrheit erfahren, unser ganzes Verbrechen bestände in unseren Voreltern oder in der Wahl unserer Frauen, sahen sie erst uns noch einmal mißtrauisch und dann sich gegenseitig völlig fassungslos an, schüttelten immer wieder die Köpfe und meinten, das sei doch einfach unmöglich. Als wir ihnen schließlich sagten, im Dritten Reiche, in dem ja auch sie schon ihre besonderen Erfahrungen gemacht hätten, sei vieles sonst Unmögliche möglich, beruhigten sie sich notgedrungen dabei, aber es ging nach wie vor sichtbar über ihren Verstand. Gerade als das uns drohende Unglück so glimpflich abgewendet war, ereignete sich bei den dicht neben uns arbeitenden Ausländern eine 52 100- g- worde war b zwei spring neben Ein Ma Fuß de gerade zweiter eine Be schafter auf ein nicht at Ein b dort ein ten Bär verzehr in diese brot, v Völkern in dem natürlic freiem kälte, i nicht g Wachm Mittag Bude e ziger P der Ba unange stand rem e der d Mit etwas Kolon zählt one Katastrophe, Es handelte sich um eine Arbeitsabteilung, die den Sand nicht nur mit Spaten über das Feld schippte, sondern technisch insofern reicher ausgestattet war, als sie den Sand in Loren verlud, mit denen er dann auf dem einzigen Geleise, das auf der ganzen Baustelle gelegt war, abgefahren wurde, Der Sand wurde zum Teil oben von der Düne abgeschippt und in die Loren hineingeworfen, Steter Tropfen höhlt den Stein und die Düne, die ja nur aus Sand bestand, war auch durch die 100-8-Schippen im Laufe der Zeit derartig unterwühlt und abgegraben worden, daß sie an einigen Stellen ganz brüchig war, Gerade kurz vorher war bei unserer Abteilung ein großes Dünenstück heruntergekommen, und zwei Kameraden hatten sich noch gerade durch blitzschnelles Zurseite- springen davor retten können, völlig verschüttet zu werden, Bei den neben uns arbeitenden Ausländern stürzte plötzlich die ganze Düne ein. Ein Mann, der oben auf dem Kamm gestanden hatte, fiel dabei auf das am Fuß der Düne gelegte Geleise herunter und wurde von einer Lore, die gerade über das Geleise rollte, überfahren und völlig zerquetscht, Einem zweiten Sträfling, der gleichfalls mit heruntergefallen war, wurde das eine Bein abgefahren und das andere schwer verletzt. Die Wachmann- schaften hatten dafür nur ein Achselzucken. Ob ein Häftling so oder auf eine andere Weise umkam, war ihnen gleich und für sie jedenfalls nicht aufregend, Uns ließen sie von da ab in Ruhe, Ein besonderer Genuß war das„Mittagessen” am Ölbunker, Es gab dort eine einzige Bretterbude, in der normalerweise auf roh gezimmer- ten Bänken vielleicht 40—60 Arbeiter ohne Gedränge ihr Brot hätten verzehren können, Mit unserer Kolonne drängten aber über 300 Mann in diese Bude und man kann sich vorstellen, was es hieß, das Mittag- bıot, von allen Seiten gedrängt und umdrängt von den verschiedensten Völkern und in dem entsetzlichen Gestank, der sich selbstverständlich in dem Raume sofort entwickelte, zu verzehren. Das einfachste wäre natürlich gewesen, draußen zu bleiben und die frugale Mahlzeit unter freiem Himmel stehend einzunehmen, Aber erstens war das in der Naß- kälte, in der sich strömender Regen und Schneegestöber ablösten, auch nicht gerade eine Annehmlichkeit und zweitens wollten das auch die Wachmannschaften nicht gestatten, da sie es mit der Bewachung in der Mittagpause natürlich leichter hatten, wenn der ganze Haufen in der Bude eingesperrt war, die nur eine schmale Tür hatte, welche ein ein- ziger Posten sichern konnte, so daß die übrigen sich in dieser Zeit von der Baustelle entfernen konnten. Der einzige Vorzug, den für uns die unangenehme Umgebung hatte, in der wir zu Mittag essen mußten, be- stand darin, daß wir so von dem bißchen Brot und Margarine, zu unse- rem eigenen Erstaunen, tatsächlich satt wurden, weil schon der Geruch, der die Bude erfüllte, uns von vornherein jeden Appetit verdarb, Mit dem Mittagessen ereignete sich an diesem Tage insofern noch etwas Besonderes, als der volksdeutsche Wachmann in Farge, der die Kolonne vor dem Ausrücken durchgezählt hatte, sich wieder einmal ver- zählt hatte und infolgedessen 8 Brotportionen zu wenig mitgenommen 53 worden waren. Ordnung mußte nun einmal auch am Ölbunker sein und es wurden infolgedessen zwei Mann abgeordnet, um die fehlenden 16 Scheiben Brot nebst der zugehörigen Margarine aus dem Lager zu holen. Da der Weg 1 Stunden erforderte und die beiden Leute erst bei Entdeckung des Irrtums, um 12 Uhr mittags, losgeschickt wurden, waren sie erst um 3 Uhr, 1 Stunde vor dem damals um 4 Uhr bei Eintritt der Abenddämmerung stattfindenden Arbeitsschluß, wieder da. Aber Ordnung mußte eben sein. Diejenigen, die bisher kein Mittagbrot erhalten hatten, wurden zur Bude gerufen und die nachgeholten Brotscheiben ausgegeben. Am Schluß stellte sich zum Erstaunen des damit befaßten Vorarbeiters heraus, daß wieder eine Portion zu wenig da war. Es wurde aber festgestellt, daß nicht acht, sondern neun Leute sich zum Nachempfang von Brot gemeldet hatten und daß ein Russe, der bereits um 12 Uhr bei der allgemeinen Abspeisung sein Brot bekommen hatte, ,, die Frechheit besessen hatte", sich eine zweite Portion zu holen. Da dieser Russe, der sozusagen halb totgeschlagen wurde, das erlistete Brot noch nicht ganz aufgegessen hatte, wurde es ihm entrissen und der Mann gerufen, der bisher völlig leer ausgegangen war. Ehe dieser aber die Trümmer seiner Brotration an sich nehmen konnte, stürzte sich ein anderer Russe darauf und aß sie im Augenblick auf, worauf natürlich auch dieser Russe nahezu halb totgeschlagen wurde. Endlich ging es an den Rückmarsch, auf dem an diesem Tage drei Todesfälle zu verzeichnen waren. Zunächst starb der Ausländer, dem von der Lore die Beine abgefahren waren. Dann brach ein zweiter Ausländer vor Entkräftung zusammen und war alsbald gleichfalls tot. Schließlich fiel noch ein Russe um und hatte im Augenblick ausgelitten. Ich habe nicht feststellen können, ob es sich bei diesem Russen um einen der beiden gehandelt hat, die für die eine Brotportion ihr Leben gewagt hatten. Da sich die Todesfälle noch weit vom Lager und damit auch weit von der in unmittelbarer Nachbarschaft des Lagers befindlichen Begräbnisstätte ereigneten, mußten die Toten bis dorthin mitgenommen werden. Aus abgehauenen Ästen und herumliegendem Reisig wurden Tragbahren improvisiert und die Toten in derselben Weise wie die leere Brotkiste nach Hause getragen, plötzlich einmal folgen u wir ja a kurz da Am dritten Tage, an dem ich die ,, Kolonnenarbeit" mitmachte und an dem bei Abwesenheit des Kommandanten vom Lager nur noch etwa 12 Mann aus unserer Schicksalsgenossenschaft beim frühmorgendlichen Abrücken auf die Baustellen mit antraten, bestand unsere Tätigkeit im wesentlichen im Herummarschieren. Wir zogen zunächst wieder zum Ölbunker. Dort stellte sich heraus, daß nicht genügend Werkzeug für die Kolonne, die im ganzen an diesem Tage noch stärker war als an den Vortagen, vorhanden war. Infolgedessen wurden wir nach der anderen Baustelle Schwanewede geschickt, um dort Werkzeug zu holen. Wir haben uns auf dem Hin- und Rückwege, der schon in normaler Gangart weit über eine Stunde erforderte, nicht beeilt und es war schon 10 Uhr vorbei, als wir mit unseren Schippen wieder am Ölbunker anlangten. Dort stand 54 gehorch auf der bleiben nahe vo als wir Schlaglo gewichti uns der Schipper sich das werden gegeben dem ein trockeng zurückve hatten, Mittagess St dem Lag dieses Ta zwei Sch um dann essanten ausstellte die 5 Mi und unse aufgetrag Ölbunker dert, oh Rechnun Intelligen wir auf i klären. Ölbunke einmal, euch! F Lagerto uns nic schiere hinter den zu beseiti wurden, Eintritt . Aber jrot er- n Brot- s damit da war, plötzlich ein OT.-Polier vor uns, der offenbar danach dürstete, auch einmal etwas zu sagen zu haben. Er befahl uns kurzerhand, ihm zu folgen und eine Straße vor Farge auszubessern, Unsere Einwendung, daß wir ja aus Farge kämen und am Ölbunker zu arbeiten hätten, schnitt er kurz damit ab, daß er hier zu befehlen habe und daß wir lediglich zu gehorchen hätten. Wir hatten auch keinen Anlaß, uns darum zu reißen, auf der uns besonders unsympathischen Baustelle am Ölbunker zu ver- bleiben und trotteten daher hinter dem Polier her. Er führte uns bis nahe vor das Tor unseres Lagers zurück und es war nahezu halb 12 Uhr, als wir unsere neue„Arbeit” begannen, die darin bestand, auf einer an Schlaglöchern reichen Landstraße die Pfützen zu beseitigen! Mit einem gewichtigen Ernst, der dieser kriegswichtigen Arbeit würdig war, zeigte uns der Polier, daß zunächst das Wasser aus den Pfützen mit den Schippen auf die Äcker geworfen und sodann die Vertiefungen, in denen sich das Regenwasser angesammelt hatte, durch Zuschippen ausgeglichen werden mußten, Nach Empfang dieser Belehrung, die weit ausführlicher gegeben wurde, als es hier berichtet wird, war es nahezu Mittag. Nach- dem ein jeder von uns einige Pfützen nach der uns gewiesenen Methode trockengelegt hatte und wir uns alle angenehm in unsere Kinderzeit zurückversetzt fühlten, in der wir hin und wieder ähnliches getrieben hatten, steckten wir die Köpfe zusammen und berieten, wie es mit dem Mittagessen, das nun doch fällig war, werden solle, Da wir uns dicht vor dem Lagertor befanden, schien es uns allzu sinnlos, die Sinnlosigkeit dieses Tages noch dadurch zu vermehren, daß wir nun wegen unserer zwei Scheiben Brot wieder 1% Stunden zum Ölbunker marschierten, um dann wieder 1% Stunden zu unserer ebenso dringenden wie inter- essanten Arbeit zurückzuziehen, Wir kamen zu dem, wie sich bald her- ausstellte, höchst vernunftwidrigen Ergebnis, daß es das richligste sei, die 5 Minuten bis zum Lager zu gehen, dort unsere zwei Scheiben Brot und unseren Becher Kaffee-Ersatz zu verzehren und sodann in der uns aufgetragenen Straßenveredlung fortzufahren, wobei unsere nach dem Ölbunker dirigierten Mittagsportionen eben von dort als nicht abgefor- dert, ohne weiteres zurückgekommen wären. Wir hatten aber diese Rechnung ohne den Kommandanten und die durch ihn vertretene höhere Intelligenz gemacht, Als wir kaum das Lagertor hinter uns hatten, stießen wir auf ihn, sind aber kaum dazu gekommen, ihm den Sachverhalt zu er- klären, Er schrie uns an:„Euer Mittagbrot ist am Ölbunker, marsch zum Ölbunker, wo ihr hingehört, Raus mit euch! Untersteht euch nicht noch einmal, während der Arbeitszeit ins Lager zurückzukommen, raus mit euch! Raus!“ Es bedarf keiner Erwähnung, daß wir so schneller zum Lagertor wieder hinauskamen, als wir hereingekommen waren, Es blieb uns nichts anderes übrig, als wieder 1% Stunden zum Ölbunker zu mar- schieren und dort diesmal ohne die Russen, die das Mittagessen längst hinter sich hatten, unser Brot zu verzehren, um dann wieder die 1% Stun- den zurückzumarschieren, Als wir schließlich wieder zu den von uns zu beseitigenden Pfützen gelangten, brach bereits die Dämmerung herein. 53 Es war Feierabend, und wir konnten diesmal mit vollem Recht und ohne daher einen neuen Hinauswurf fürchten zu müssen, ins Lager einziehen, womit wieder einmal ein besonders erlebnisreicher ,, Arbeitstag" zu Ende war. 10. ,, Mützen ab". Sämtliche Häftlinge des Lagers waren des deutschen Grußes unwürdig und insbesondere durfte der geheiligte Name des Führers nicht dadurch entweiht werden, daß ihn ein Strafgefangener in den Mund nahm. Der Gruß ,, Heil Hitler" war daher in Farge streng untersagt. Da die Lagerinsassen aber irgendwie dazu angehalten werden mußten, ihre Ehrfurcht vor dem Staat und der ihn vertretenden Wachmannschaft gebührend zu bezeugen, so war es Vorschrift, daß die Kolonnen, wenn sie am Feierabend wieder ins Lagertor hereintrotteten, die Mützen abzunehmen hatten. Da man uns nicht in die Gefängniskleidung hineingezwungen hatte, so trugen wir nur zum Teil Mützen, zum anderen Hüte, und wir erklärten den Wachmannschaften etwas sophistisch, daß die betreffende Vorschrift deswegen auf uns keine Anwendung finde. Jedesmal, wenn wir ins Lager zurückkehrten, marschierten wir im Gegensatz zu den Russen und sonstigen Ausländern, die in Dreierreihen und im übrigen ganz ungeregelt mit abgezogenen Mützen hereintrotteten, in deutschen Viererreihen und im knallenden Gleichschritt, die Häupter hoch erhoben, durch das Tor und behielten auf das Kommando ,, Mützen ab" unsere Kopfbedeckungen stets unverändert auf. Die Wachposten am Tore starrten uns jedesmal dabei wieder in fassungslosem Staunen an. Aber zu einem Zwischenfall ist es deswegen nie gekommen. Der Untersturmführer, der einmal unseren Einzug sah, sagte mit beifälligem Kopfnicken zu dem neben ihm stehenden Wachtmeister: ,, Das sind eben doch Deutsche". von unser hatte, beg erhielt, zu Ich hatte stück, das mandant richtigen das soll e sonst noc gegenüber Der Wüter und mein auf Kamm Die Kan Namen, de ganzen V Fürst hat trieb Ehr magazin d Ordnung Toms und darin, dal gebene Z kleidung sichtliche Sextaner während 1% Woc C. hat habt. De meistern entlaster 11. Auf Kammer, Eines Morgens sagte ich C., daß ich gerne aus der ,, Kolonnenarbeit" wieder herauswolle. Erstens hätte ich nun genug davon gesehen und zweitens habe ich auch die Befürchtung, daß bei einer weiteren Verminderung unseres Kontingents, die unvermeidlich schien, da jeden Tag weitere Teilnehmer abbröckelten, es schließlich einmal zu einem ganz großen Krach mit dem Kommandanten kommen könnte, bei dem es mich nicht gelüste, Mitobjekt zu sein. C. legte seine Stirn in nachdenkliche Falten und meinte, auch er habe schon darüber nachgedacht und für den Schwerkriegsbeschädigten Toms und mich etwas gefunden. Die Kammer, die ja auch nach Schließung unserer Flickwerkstatt unter seiner Oberaufsicht stände, müsse weiter ,, durchorganisiert" werden und dazu brauche er notwendig Gehilfen, zu denen er uns beide ausersehen habe. Ich dankte ihm und verschlief am nächsten Morgen zufrieden das Ausrücken der Kolonnen, bei denen an diesem Tage kein halbes Dutzend 56 stellte. I gemacht einmal vielen H an ihm. unvorsi nicht w noch w nur di der G gebrac die S wiede Konz blühe von unseren Schicksalsgenossen mehr war, Wie ich es vorausgesehen hatte, begann der Kommandant, als er von dem Sachverhalt Kenntnis erhielt, zu toben und raste, Strafarbeiten verteilend, durch unsere Baracke. Ich hatte unglücklicherweise meine Gummistiefel an, ein Ausrüstungs- stück, das im Lager sehr selten war, ja fast einzig dastand. Als der Kom- mandant mich erblickte, schnob er sofort los,„der Mann da hat die richtigen Stiefel, der kann mal den Hauptkanal in Ordnung bringen und das soll er heute und wenn er hundertmal Jurist, Doktor und wer weiß sonst noch was ist”, C,, der neben mich getreten war, meldete dem- gegenüber ganz ruhig:„Er ist auf Kammer kommandiert, Kommandant!” Der Wütende stand einen Augenblick verdutzt, blickte noch einmal mich und meine Gummistiefel durchbohrend an, wiederholte gedehnt:„So, auf Kammer!”, drehte uns den Rücken und verschwand, Die Kammer des Lagers war von einem politischen Häftling, Fürst mit Namen, der im Zivilberuf Buchhalter war, aufs beste und an sich für die ganzen Verhältnisse schon viel zu gut in Ordnung gebracht worden. Fürst hatte Listen und Bücher angelegt, die jedem kaufmännischen Be- trieb Ehre gemacht hätten und in dem Wust, der das Bekleidungs- magazin des Lagers früher gewesen war, erst einmal eine mustergültige Ordnung geschaffen. Die„Durchorganisation” der Kammer, zu der C. Toms und mich berufen hatte, bestand im wesentlichen zunächst nur darin, daß die beiden Grundlisten über die von den Häftlingen abge- gebene Zivilkleidung und über die an sie dafür ausgefolgte Sträflings- kleidung„paginiert” und in einigen weiteren Kleinigkeiten etwas über- sichtlicher gestaltet werden sollten, Es war dies eine Arbeit, die ein Sextaner ohne Schwierigkeiten in zwei Stunden hätte leisten können, während Toms und ich den Rest unseres Farger Aufenthaltes, also etwa 1% Wochen, hierfür„eingesetzt blieben. C, hatte allerdings bei dieser Einrichtung einen Nebengedanken ge- habt. Der Kammerverwalter Fürst war infolge der Zustände, die er zu meistern hatte, nur noch ein Nervenbündel, und C, wollte ihn dadurch entlasten, daß er ihm in mir einen hilfsbereiten Vertreter zur Seite stellte, Damit hatte er allerdings zunächst seine Rechnung ohne Fürst gemacht, Der war am Ende seiner seelischen Kraft und zunächst nicht einmal imstande, sich von einem anderen helfen zu lassen, Wie es bei vielen Häftlingen der Fall war, zehrte die Unsicherheit seines Schicksals an ihm, Er hatte gegenüber einigen Leuten, die ihn angezeigt hatten, die unvorsichtige Äußerung getan,„mit dem Bombenterror ginge es so doch nicht weiter und das Volk müsse sich dagegen erheben, daß der Krieg noch weiter fortgesetzt werde, da dies unter den gegebenen Umständen pur die völlige Zerstörung Deutschlands bedeuten könne”. Er war von der Gestapo für das Verbrechen dieser Äußerung zunächst nach Farge gebracht worden und er schwankte nun dauernd zwischen der Hoffnung, die Sache werde als nicht so schwerwiegend angesehen und er bald wieder entlassen werden und der Befürchtung, daß ihm eine unabsehbare Konzentrationslagerhaft oder gar der Volksgerichtshof und der Strang blühen könne, hin und her, Zu dieser persönlichen Belastung kam, daß 57 Schuhfrage. der aus seiner Bürgerlichkeit gerissene Buchhalter dort ohne Frage ein wahres Muster an Gewissenhaftigkeit gewesen war und sich diesen Charakter auch für die Zeit seines Farger Aufenthaltes nicht abgewöhnen konnte. Auf der einen Seite sah er, wie die Häftlinge mit ihrer ungenügenden Bekleidung schon jetzt unter dem einsetzenden Winterwetter litten und war zudem ständig von dem Alpdruck verfolgt, daß er bald überhaupt nicht mehr genügend Kleidung zur Verfügung haben werde, da die Zahl der Lagerinsassen ständig anwuchs und die Bekleidungsbestände durch hohen Verschleiß immer weiter abnahmen. Auf der anderen Seite wurde seinen mehr als berechtigten Forderungen nach Neuanschaffungen seitens des Kommandanten ein hochmütiger Widerstand entgegengesetzt, der aber den Genannten nicht daran hinderte, den guten Fürst dauernd mit den furchtbarsten Drohungen dafür, daß dieses oder jenes fehle, oder dies oder jenes nicht in Ordnung sei, verantwortlich zu machen. Als C. mich Fürst mit dem Hinweise präsentierte, ich sei bereit, ihn zu unterstützen, war bei dem Letztgenannten ,, das Maß voll". Er bekam einen Nervenzusammenbruch und schrie unter Tränen, wenn sich nun auch noch jemand in seine Arbeit hineinmenge, so werde er überhaupt nicht mehr durchfinden und könne dann ja besser den ganzen Kram hinschmeißen. Ich legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter und sagte ihm, daß ich gar nicht daran dächte, auf seinem schwierigen Posten noch zusätzliche Verwirrung zu stiften. Ich sei ja auch wohl nicht mehr lange in Farge und es handle sich für mich mehr darum, das, was sich in seinem Magazin ereigne und wovon ich schon manches gehört hätte, einmal mit eigenen Augen zu sehen. Mit einem interessierten Zuschauer war Fürst einverstanden und beruhigte sich. Tatsächlich habe ich aber dann, solange ich noch in Farge war, allmählich einen erheblichen Teil der Kammerverwaltung übernommen, womit Fürst, der mit der Zeit ruhiger und zugänglicher wurde, schließlich sehr zufrieden war. linge sahen s schuhe, die oder aber h ihre Zivil"- besten Zusta erledigt wa welche inso nackten Füß hatten, durc einen großer und schützte es waren na welche die zurück zu Holzschuhtr Wunden wu Die Kammer befand sich auch nach der Auffrischung der Leibwäsche durch unsere Flickwerkstatt in einem Zustand, der alles andere als wünschenswert war. Es fehlte sozusagen fast alles. Auf Grund der maẞgebenden Vorschriften hatte Fürst eine minutiös ausgearbeitete Liste über die an die Häftlinge auszufolgenden Kleidungsstücke aufgestellt. Diese Liste, in der Sachen wie Mäntel, Wollschals, Pullover, Leibbinden, Kopfschützer, Kniewärmer, Socken, Fußlappen usw. figurierten, die das Lager überhaupt nicht besaß, wies etwa 20 Spalten auf, von denen jede ein anderes Kleidungsstück zum Gegenstande hatte. Ausgefüllt konnten aber bei der Bekleidungsausgabe immer nur vier, allerhöchstens 5 Spalten werden, nämlich: Jacke, Hose, Hemd und Unterhose und allenfalls, was aber längst nicht immer möglich war, eine Mütze. Weil es keine Strümpfe und Fußlappen gab, mußten die Häftlinge insoweit ihre eigene Kleidung behalten, die sie bei der Einlieferung getragen hatten. Da die meisten Häftlinge vom Fleck weg verhaftet waren, so brachten sie nichts mit, als was sie auf dem Leibe trugen. Das eine Paar Socken, das sie anhatten, war meistens in weniger als einer Woche verschlissen und unbrauchbar. Ein ganz wunder Punkt war, was damit zusammenhing, die 58 merte und arbeiten mu Betreffende Krankenrev von neuem Fürst hat d doch eine eindringlich schuhen sc nur ein A in den Ho stellen ma nehmen un weis, daß unfehlbar frören ja zu kalt h Bemerkun kleidung noch für und bei kommen Lagerjac kein Fa Werkst darunte vorkam völlig völlig den ko Frage ein sen Chagewöhnen hrer unterwetter 3 er bald n werde, leidungsHer andeach Neuiderstand Hen guten eses oder twortlich , ich sei Maß voll". en, wenn werde er en ganzen Schulter wierigen ohl nicht das, was es gehört erten Zuhabe ich heblichen der Zeit ibwäsche andere als der maßete Liste aufgestellt. bbinden, die das nen jede konnten 5 Spalallenfalls, es keine re eigene Da die chten sie cken, das ssen und hing, die Schuhfrage. Arbeitsschuhe gab es im Lager fast gar nicht und die Häftlinge sahen sich infolgedessen der Notwendigkeit gegenüber, die Straßenschuhe, die sie bei ihrer Verhaftung getragen hatten, weiter zu tragen oder aber höchstens, wenn einmal Holzschuhe zur Verfügung standen, ihre Zivil"-Schuhe, meistens Halbschuhe, die auch nicht mehr im allerbesten Zustande und nach einem Regenarbeitstag regelmäßig vollkommen erledigt waren, gegen Holzpantinen umzutauschen. Diese Holzschuhe, welche insonderheit die Russen, und zwar mangels Socken, auf den nackten Füßen trugen, wenn sie nicht völlig zerrissene Lederschuhe anhatten, durch deren Löcher überall die bloße Haut hindurchsah, hatten einen großen Nachteil. Sie waren zwar, wie alles Holz, am Fuße warm und schützten denselben viel besser als andere Schuhe vor Kälte, aber es waren natürlich keine Marschierschuhe. Bei den recht langen Wegen, welche die ,, Kolonnen" täglich vom Lager zur Arbeitsstätte und wieder zurück zu machen hatten, war es daher ganz unvermeidlich, daß die Holzschuhträger sich ihre Füße in schlimmer Weise wundliefen. Die Wunden wurden, da sich zunächst grundsätzlich niemand darum kümmerte und die Bedauernswerten weiter in ihren Schuhen laufen und arbeiten mußten, zu teilweise ganz schrecklichen Geschwüren, und die Betreffenden endeten dann schließlich für mindestens 2 Wochen im Krankenrevier, um ihre Füße, wenn sie wieder einigermaßen heil waren, von neuem wundzulaufen und das ganze Elend von vorn zu beginnen. Fürst hat den Kommandanten immer wieder händeringend gebeten, ihm doch eine Möglichkeit nachzuweisen, Schuhe zu beschaffen. Auf die eindringliche Vorstellung, daß die Leute durch das Laufen in den Holzschuhen schließlich alle arbeitsunfähig würden, hatte der Kommandant nur ein Achselzucken und meinte, ,, die Kerle müßten, wenn sie sich in den Holzschuhen nicht bewegen könnten, eben barfuß auf die Baustellen marschieren; sie können die Holzschuhe ja unter dem Arm mitnehmen und erst auf dem Arbeitsplatz anziehen". Auf den weiteren Hinweis, daß sich bei der herrschenden Witterung dann die Leute ihre Füße unfehlbar erfrieren würden, erklärte der Kommandant barsch ,,, die Kerls frören ja immer irgendwo, und ob sie es nun an den Füßen oder sonstwo zu kalt hätten, sei schließlich gleichgültig". Mit dem Vordersatz dieser Bemerkung hatte der Kommandant allerdings nur zu recht: Die Anstaltskleidung war derart dünn, daß sie wohl für den Sommer und allenfalls noch für den Frühherbst, aber niemals für die kältere Jahreszeit genügte und bei der Naẞkälte des herrschenden Spätherbstwetters bereits vollkommen versagte. Selbst die doch so abgehärteten Russen froren in der Lagerjacke und-hose, die aus Kunstfasern hergestellt waren und an denen kein Faden Wolle war, entsetzlich, zumal sie nichts als ein aus gleichem Werkstoff hergestelltes dünnes Hemd und eine nicht wärmere Unterhose darunter anhatten. Wenn es einmal an einem Tage, was sehr häufig vorkam, draußen stark geregnet oder geschneit hatte und die Kolonnen völlig durchnäßt abends wieder ins Lager kamen, so waren die Einzelnen völlig blau gefroren. Hinzu kam, daß die Kleidung nicht gewechselt werden konnte, da jeder Häftling nur die eine Garnitur ausgehändigt erhielt 59 und so weit in der Kamm tausch". Es die Kammer stellen könn lich vorhand mittelgroß u handenen w fügung. Die nehmen, was teristischen seiner Einlie Hinweis ,,, V umtauschen und sich mit derselben bei Tag und Nacht behelfen mußte. Ein Trocknen der Kleidung war mit den größten Schwierigkeiten verbunden, da jede Stube, d. h. also gewöhnlich 30-40 Mann, und in der Russenbaracke noch erheblich mehr, nur über einen einzigen kleinen Ofen verfügte, der zudem nur noch sehr wenig geheizt werden konnte, da damals schon die Kohlen im Lager anfingen, sehr knapp zu werden und von dem zuständigen Wachmann nur noch mit größten Schwierigkeiten zu erhalten waren. Hinzu kam, daß der Kommandant die Öfen aus einigen Stuben der Russenbaracke ,, zur Strafe" hatte herausreißen lassen, da die frierenden Bewohner sonst die Bettstellen kleinschlugen und verfeuerten. Um das Unglück vollzumachen, war auch der Vorrat an Wolldecken erschöpft. Den Russen waren Decken überwiegend überhaupt entzogen, da sie, wenn sie solche erhielten, dieselben meist zerschnitten, um sich Halsund Unterleibswärmer daraus zu machen. Die Leute, die durchnäßt und durchgefroren ins Lager zurückkamen, konnten sich also, wenn sie sich mit ihrer nassen oder höchstens notdürftig getrockneten Kleidung auf ihre Strohsäcke legten, zum Teil noch nicht einmal zudecken und wurden des Nachts von dem kalten Luftzug, der durch die Fugen und die undichten Fenster der ungeheizten Räume blies, weiter durchgekältet. Daß dabei Lungenentzündungen und sonstige schwere Erkältungskrankheiten an der Tagesordnung waren, braucht nicht erwähnt zu werden, von Rheumatismus, Ischias und schwerem Hexenschuß, womit die Leute oft tagelang, ohne sich bewegen zu können, lagen, ganz zu schweigen. Unsere Schicksalsgenossenschaft wurde im Lager nicht nur wegen der warmen Kleidung, welche die meisten von uns hatten mitnehmen können, sondern vor allem auch wegen der wollenen Decken, von denen beinahe jeder von uns mindestens 2 mitgebracht hatte, glühend beneidet. Nach einem einzigen Tage, an dem ich auf der Kammer war, hatte ich den Nervenzustand des Verwalters Fürst vollkommen begriffen. Wenn sich ein übergewissenhafter Mensch wie er auch noch für alle Leiden und Übelstände, die sich aus der ungenügenden Lagerkleidung ergaben, mitverantwortlich fühlte, ohne allerdings an dem Sachverhalt das geringste ändern zu können, so konnte er allmählich nur dem Wahnsinn zusteuern. Die Kammer mußte schließlich, wenn nicht gerade Einlieferungen mit den damit verbundenen Einkleidungen oder Entlassungen mit der sich daraus ergebenden Notwendigkeit, den Häftlingen die Reste ihrer Privatkleidung wieder auszufolgen, vorlagen, dauernd geschlossen gehalten werden. Denn andernfalls versammelte sich dort der Menschheit ganzer Jammer, ohne daß ihm irgendwie abzuhelfen war. Der eine kam und wies die Fetzen vor, die einmal seine Schuhe gewesen waren, mit dem nur zu verständlichen aber unerfüllbaren Begehren, nun endlich andere und bessere Schuhe zu erhalten, der zweite verlangte, da er immer noch barhäuptig sei und sich draußen das Reißen im Kopf zugezogen habe, mit flehend erhobenen Händen eine Mütze, der dritte, der seine mit Frostbeulen übersäten Hände vorwies, war von dem unmöglichen Gedanken, Arbeitshandschuhe zu erhalten, schlechterdings nicht abzubringen, der vierte wollte für sein Halsweh gern einen Schal haben 60 Hemd" vor auch noch e für einen 1 noch dazu können, ha oder aufger Brustkasten bis auf sein Da die Zivilkleidun kommen a kehrten Zw genaues B Leute wäh Entlassung delte, die stets das gemergelt wieder er sich die es sich da Bauern n hatten M zogene selbstän und wo Zustand ren Sch dieselb dauer Körper Knoch Trocknen 1, da jede ; baracke st und so weiter, Was außerhalb des Einlieferungs- und Entlassungsturnus in der Kammer allerdings nicht vermieden werden konnte, war der„Um- tausch”, Es mußte hierfür eine besondere Zeit angesetzt werden, in der die Kammer lediglich zu diesem Zwecke geöffnet war. Ich habe nicht fest- stellen können, in wieviel Größen die spärliche Gefängniskleidung eigent- lich vorhanden war. Mehr als 2 oder allerhöchstens 3 Größen, klein, mittelgroß und groß, können es aber nicht gewesen sein, Auch die vor- handenen wenigen Größen standen aber keineswegs immer zur Ver- fügung. Die zur Einkleidung gelangenden Häftlinge mußten zunächst das nehmen, was gerade da war. Ich erinnere mich an den besonders charak- teristischen Fall eines hünenhaften russischen Vorarbeiters, der am Tage seiner Einlieferung die kleinste Größe erhalten hatte und dem auf seinen Hinweis,„viel zu klein”, kurz wie üblich erklärt worden war,„später umtauschen”, Er erschien bereits am nächsten Morgen und zeigte sein „Hemd“ vor, das seinem Format nach— es war vielfach„geflickt", wohl auch noch erheblich kleiner geworden, als es vorher gewesen war, eher für einen 10jährigen Knaben als für einen ausgewachsenen Mann und noch dazu für einen Riesen paßte, Um überhaupt hineingelangen zu können, hatte der bärenstarke Russe das Hemd hinten aufgeschnitien oder aufgerissen, und es war kaum groß genug, um seinen gewaltigen Brustkasten zu bedecken, geschweige denn, daß es noch um ihn herum bis auf seinen Rücken gereicht hätte, Da die Häftlinge bei ihrer Einlieferung sich zwecks Abgabe ihrer Zivilkleidung und zwecks Empfangnahme der Anstaltskleidung voll- kommen ausziehen mußten und das gleiche auch wieder zum umge- kehrten Zwecke bei ihrer Entlassung der Fall war, gewann ich hier ein genaues Bild über die Entwicklung des körperlichen Zustandes der Leute während ihres längeren oder kürzeren Lageraufenthalts. Bei der Entlassung war, wenn es sich nicht um ganz kurzfristige Häftlinge han- delte, die nur ein bis zwei Wochen in Farge gewesen waren, das Bild stets das gleiche: die zurückerhaltenen Zivilkleider schlotterten um aus- gemergelte Jammergestalten herum. Bei der Einlieferung war ich immer wieder erstaunt zu sehen, in welchem tadellosen körperlichen Zustand sich die Russen und die sonstigen Ostarbeiter befanden. Entweder hat es sich dabei in der Hauptsache um Landarbeiter gehandelt, die bei den Bauern noch gut ernährt worden waren, oder die betreffenden Ausländer hatten Mittel und Wege gefunden, ihre in den freien Arbeitslagern be- zogene Verpflegung, die meistens doch auch nicht mehr großartig war, selbständig zu verbessern. Ich sah erstaunlich muskulöse Arme und Beine und wohlproportionierte Leiber, kurz, im allgemeinen einen körperlichen Zustand, der erheblich besser war als derjenige, in dem sich unsere enge- ren Schicksalsgenossen befanden, Um so kläglicher war das Bild, wenn dieselben Russen nach einer achtwöchentlichen oder noch längeren Haft- dauer das Lager wieder verließen. Es waren dann von den stattlichen Körpern, wie ich sie bei der Einlieferung sah, nur noch wandelnde Knochengerüste übrig. 61 Die scho Ich habe die Russen, die ja den Hauptteil der Lagerinsassenschaft von Farge bildeten, auf der Kammer näher, und zwar im allgemeinen als recht gutartige Menschen kennengelernt. Sie waren, im Vergleich zu dem Analphabetentum des zaristischen Rußland, überraschend gebildet. Mir ist kein einziger begegnet, der nicht seinen Namen klar und deutlich schreiben konnte, was auf der Quittung für die empfangene Lagerkleidung erforderlich war. Fast alle sprachen mindestens etwas deutsch. Wenn man sie abseits der Essenausgabe, die sie bei ihrem großen Hunger immer wild machte, traf, waren sie durchweg harmlos und umgänglich. Einer von ihnen ist mir als lebendes Witzblatt im Gedächtnis geblieben. Ein hochgewachsener, breitschultriger und massiger Kerl, der von den Schultern bis zu den Füßen über und über mit einer Tätowierung bedeckt war, die ich in gleicher Mannigfaltigkeit noch niemals gesehen habe. Sie war geradezu ein Gobelin. Über die ganze Breite der mächtigen Brust hinweg zog sich das riesige Bild eines mit genauer Heraldik ausgeführten, höchstwahrscheinlich aus der zaristischen Epoche stammenden russischen Adlers mit der Krone auf dem Haupte und dem Reichsapfel in der einen Kralle. Darunter waren alle möglichen Genrebilder aus dem Leben der Wolgaschiffer zu sehen. Unmittelbar unter der Herzgrube war die mit kunstvollen Lettern gefertigte Inschrift ,, Ljuba" sichtbar. Auf meine Frage, was dies bedeuten solle, erklärte das wandelnde Bilderbuch stolz, dies sei der Name seiner Frau. Auf einem noch exponierteren Körperteil dieses ganz besonderen Exemplars von Männlichkeit befand sich eine russische Inschrift, die mir ein herbeigerufener Dolmetscher auf meine Bitte mit Frechling" übersetzte. Die schöne Tätowierung, die absolut unverwüstbar war und die der Mann, ein russischer Pilot, wie er erklärte, schon seit fast zwei Jahrzehnten trug, hat sicher den Unbilden von Farge getrotzt. Ob aber auch der Mann, steht natürlich dahin. Bettwäsche gab es selbstverständlich für die Häftlinge nicht. Das Bettzeug des Lagers war bei der Flecktyphus- Epidemie völlig verschmutzt worden. Ein Handtuch gab es pro Gefangenen, wenn es gut ging, einmal im Monat. Wir haben, wenn wir im Krankenrevier die Bettwäsche des Lagers sahen, auf bezogene Betten gerne verzichtet und beim Waschen nur von unseren eigenen, vorsorglich von Hause mitgebrachten Handtüchern Gebrauch gemacht. 12. Kartoffel- und Gemüsemieten, wie sie sein und nicht sein sollen. uns, daß b sei, sich d sitzenden grundsätzli Durch das ganze Lagergelände zwischen den einzelnen Baracken zogen sich langgedehnte Kartoffel- und Rübenmieten, die in den Sand gegraben waren und die Kartoffel- und Gemüsevorräte für das Lager und für die benachbarten OT.- und Marinelager enthielten. Die Kartoffelmieten waren, als wir nach Farge kamen, bereits geschlossen, während sich die Rübenmieten, deren Inhalt allmählich angefahren wurde, noch im Entstehungsstadium befanden. 62 42 abgelehnt nicht ausg wie ein so viel zu tie anfingen, z miete nich der Wäsch heißes Wa wenige Ta ein derart schicht, w übergegan täglich mi es aber s elende Pe geschilder sonstiger wordenen hätte wie Strafbesti sicher nic licher, da gesetzten Wiederau Lagerinsa waren ei einiger Freude d als Kalf im Gegen Sein mandant dessen Gebiet keinen schaft sonder Beruf von un eigene die da unser chaft von als recht zu dem ildet. Mir deutlich Tätowie- als ge- reite der t genauer Epoche Die schon länger im Lager befindlichen politischen Häftlinge erzählten uns, daß bei der Anlage der Mieten dem Kommandanten geraten worden sei, sich der sachverständigen Hilfe eines damals im Lager gefangen sitzenden Bauern zu bedienen, Der Kommandant, der Sachkenntnisse grundsätzlich für etwas völlig Überflüssiges hielt, hatte dies hochmütig abgelehnt und war offensichtlich der Auffassung gewesen, daß er als nicht ausgelernter Bäckerlehrling so etwas ebensogut anordnen könne wie ein sogenannter Fachmann. Der Erfolg war, daß die Kartoffelmieten viel zu tief gegraben worden waren und die Kartoffeln schon damals anfingen, zu sticken und zu faulen, Außerdem war die größte Kartoffel- miete nicht gerade zweckmäßigerweise in unmittelbarer Nachbarschaft der Wäscherei angelegt worden, wo ein Rohr, das dauernd fast kochend heißes Wasser führte, an der Miete vorbeilief, Diese Miete mußte wenige Tage nach unserer Ankunft in Farge geöffnet werden und stellte ein derartiges Depot an Verwesung dar, daß schon die dicke Stroh- schicht, welche die Kartoffeln bedeckt hatte, völlig naß und in Fäulnis übergegangen war. Allein aus dieser Miete hätte das Lager wochenlang täglich mit Kartoffeln versorgt werden können. Die Kommandantur zog es aber statt dessen vor, den Häftlingen nur jeden Sonntag ein paar elende Pellkartoffeln zuzuteilen und im übrigen die Kartoffeln in der geschilderten Weise verkommen zu lassen. Ein Landwirt oder ein sonstiger Staatsbürger, der die im 6. Kriegsjahr schon sehr knapp ge- wordenen und außerordentlich wertvollen Kartoffeln derartig behandelt hätte wie der Lagerkommandant von Farge, würde im Hinblick auf die Strafbestimmungen für Kriegswirtschaftsverbrechen dem Zuchthaus sicher nicht entgangen sein, Für den Kommandanten aber war es wesent- licher, daß er nun eine Arbeit für die nicht auf den Baustellen ein- gesetzten Häftlinge im Lager hatte, die so leicht nicht abriß, Das Wiederausgraben und Reinigen der verfaulten Kartoffeln wurde für die Lagerinsassen eine Zeitlang zu einer Dauerbeschäftigung. Auch wir waren einige Tage hierfür„eingesetzt", und zwar unter dem Kommando einiger„Vorarbeiter”, die sämtlich Zuchthäusler waren und sich eine Freude daraus machten, uns diese Arbeit zuzuweisen, bei der sie selbst als„Kalfaktoren”, wie sie erklärten, nicht zuzugreifen und daher auch im Gegensatz zu uns sich die Hände nicht schmutzig zu machen brauchten. Sein Mißerfolg mit der Einmietung der Kartoffeln hatte den Kom- mandanten aber doch nachdenklich gemacht und er sah sich infolge- dessen nach jemandem um, dem er die Verantwortung für dieses leidige Gebiet künftig überbürden konnte, Er wählte sich aber dazu wieder keinen Bauern, obwohl sogar unter unserer engeren Schicksalsgenossen- schaft einer war, auf den er besonders aufmerksam gemacht wurde, sondern er suchte sich unseren Schicksalsgenossen Ehlers, der von Beruf Ingenieur war, dazu aus, Ehlers war auch nach seiner abseits von unserem Transport durchgeführten 2.-Klasse-Fahrt nach Farge seine eigenen Wege weitergegangen, Er war einer von denjenigen unter uns, die da meinten, sie sollten der Kuliarbeit, die nun für die nächste Zeit unser Schicksal war, dadurch zu entgehen versuchen, daß sie sich 63 verinnerhalb unserer Aktion irgendwie einen gehobenen Posten schafften. Gerade Ehlers konnte sich, wie er mir immer wieder zum Ausdruck brachte, gar nicht mit dem Gedanken abfinden, bei seiner bürgerlichen Vergangenheit als Oberingenieur nun das Tagewerk eines ungelernten Arbeiters leisten zu müssen. Obwohl ich ihm immer wieder sagte, daß sein Schicksal das von uns allen sei und das unter uns ja doch auch Männer seien, die im bürgerlichen Leben eine noch höhere Position als er eingenommen hätten, sträubte sich in ihm alles dagegen, dem Beispiel der übrigen zu folgen, die ihr Schicksal in der Hoffnung, daß es nur vorübergehend sein würde, mit Gelassenheit auf sich nahmen. In seinem Bestreben, diesem Schicksal zu entgehen, hatte Ehlers es verstanden, sich dem Kommandanten als der Mann zu präsentieren, der nicht nur in der Lage sei, die Einlagerung der jetzt angefahrenen Rüben sachgemäß anzuordnen, sondern auch den bei den Kartoffeln eingetretenen Übelstand zu beseitigen. Der Kommandant gab ihm darauf den entsprechenden Auftrag, und Ehlers ließ sich täglich 60-100 Russen zuweisen und ging an sein Werk, wobei er als Nicht- Landwirt allerdings Grundsätze anwendete, über welche die im Lager befindlichen Bauern nur den Kopf schütteln konnten. Er ließ die Kartoffelmieten sämtlich wieder aufgraben und die Kartoffeln über weite Sandflächen zum Trocknen ausbreiten. Daß es dauernd regnete und schneite, genierte ihn dabei nicht, und als er darauf hingewiesen wurde, daß die Kartoffeln so immer nässer und die Fäulniserscheinungen immer größer werden müßten, erklärte er, die Feuchtigkeit von oben sei sehr gut, der Schmutz und die Fäulnis müsse von den Kartoffeln abregnen. Die so behandelten Kartoffeln wurden in neue flachere Mieten gelegt, die allerdings wohl sachgemäßer gegraben waren als die früheren. Daß die Kartoffeln sich darin gehalten haben, ist nach dem Urteil sämtlicher Sachkenner allerdings völlig ausgeschlossen gewesen. In dem Zeitpunkt, in dem sich diese Frage entscheiden mußte, war allerdings weder der Kommandant, der später abberufen wurde, noch Ehlers, der mit uns auf unsere weitere Verbannungsfahrt gegangen ist, mehr im Lager. Ich habe nicht erfahren, was aus den Kartoffelmieten, an die soviel unproduktive und erfolglose Arbeit gewendet worden war, später geworden ist. bestand z Feldfrücht das ohne einem roh er war, w die Lagerk einigermaß weggeschni Lager den es auch, n fahren war das Essen Leichter war die Anlage der Rüben- und Kohlrabimieten, da dies Gemüse waggonweise frisch angefahren wurde und, als es unter der Leitung von Ehlers eingemietet wurde, noch nicht verdorben war. Auch brauchten hierfür keine Mieten in die Erde gegraben zu werden, sondern die Möhren und Steckrüben sowie die Kohlrabis wurden einfach mit Stroh überschichtet und dann auf das Stroh eine verhältnismäßig dünne Sandschicht gebracht. Ehlers nannte sein Verfahren Spielen im Sand", und ob die Rübenmieten später dem Ansturm der Zeit und besonders dem Frost und der Nässe besser standgehalten haben als die Kartoffelmieten, habe ich gleichfalls nicht erfahren können. 11 Sowohl bei den Kartoffel- als auch bei den Rübenmieten ergab sich bei der Bearbeitung der gleiche Übelstand, der in dem grenzenlosen Hunger der dabei beschäftigten Russen begründet war. Deren ,, Arbeit" 64 gestellt w waren. Die Kohlrabi toffeln mit dieselben streben, Wo unse Kohlrabi bekamen, lich und konnten u schienen, ,, illegale" Lagerleitur es doch s ihnen ausg in der Er sich plötz andere be sie mit de und den h blicklich ließen. D artigem beugen, 20 Stock Russen geladen Kniebe Boden wieder auch m grausam sich kau 5,, Imi's" ver- r zum seiner eines wieder uns ja höhere bestand zu einem ganz wesentlichen Teile darin, die einzumietenden Feldfrüchte roh aufzuessen. Bei den Möhren und den Kohlrabis war das ohne weiteres zu verstehen, Ich habe selbst hin und wieder von einem rohen Kohlrabi gekostet und war erstaunt, wie wohlschmeckend er war, wenn ich dabei an den meist ungenießbaren Fraß dachte, den die Lagerküche aus diesem an sich vorzüglichen Material kochte, Eine einigermaßen sachgemäß geleitete Küche, welche die stockigen Teile weggeschnitten und den übrigen Kohlrabi gar gekocht hätte, würde dem Lager den Genuß des eintönigen Essens sehr erleichtert haben, bei dem es auch, nachdem Möhren und Steckrüben in Hülle und Fülle ange- fahren waren, verblieb, da nun einmal der Kohlrabi„daran war und das Essen daher erst auf die anderen vorhandenen Gemüsesorten um- gestellt werden konnte, wenn die Kohlrabivorräte völlig erschöpft waren, Die Russen aßen bei ihrer Arbeit außer den rohen Rüben und Kohlrabi aber auch die von ihnen zu verlesenden angefaulten Kar- toffeln mit der Schale auf, ja, sie verschluckten, wie ich oft beobachtete, dieselben in ihrem Hunger und in dem dadurch hervorgerufenen Be- streben, möglichst viel davon zu konsumieren, ohne sie zu zerbeißen. Wo unsere engeren Schicksalsgenossen, wenn sie einmal einen rohen Kohlrabi gegessen hatten, schon recht erhebliche Magenbeschwerden bekamen, wußten die Russen, die sich den ganzen Tag über unermüd- lich und sozusagen ohne aufzuhören mit ihrer„Rohkost” ernähren konnten und deren Mägen zur Verdauung von Kieselsteinen eingerichtet schienen, von derartigen Unpäßlichkeiten überhaupt nichts, Der „ilegale" Konsum der Russen nahm hier derart überhand, daß von der Lagerleitung dagegen die strengsten Maßnahmen ergriffen wurden, Kam es doch so weit, daß die Russen nicht nur einen großen Teil der von ihnen ausgebuddelten oder einzugrabenden Rüben und Kartoffeln stait in der Erde hinter ihren Gebissen verschwinden ließen, sondern auch sich plötzlich in einem unbewachten Augenblick auf die eine oder andere bereits geschlossene Miete stürzten, dieselben aufbrachen, indem sie mit den Händen durch die Sand- und Strohdecke hindurchstießen und den hierbei errafften Inhalt der Miete, soweit sie ihn nicht augen- blicklich verschlangen, in ihre Jacken- und Hosentaschen verschwinden ließen, Dies zu verhindern, wurde verkündet, daß jeder, der bei der- artigem Mundraub ertappt würde, im leichteren Fall mit 100 Knie- beugen, im schwereren und besonders im Wiederholungsfalle aber mit 20 Stockschlägen bestraft würde, Es hat aber nichts genützt. Ich habe Russen gesehen, die, nachdem sie vor dem Lauf des auf sie gerichteten geladenen Gewehres des Wachpostens ächzend und stöhnend ihre 100 Kniebeugen ausgeführt hatten und dann buchstäblich kaum noch vom Boden wieder emporkommen konnten, schon nach wenigen Minuten wieder Kartoffeln und Rüben zu mausen versuchten. Das gleiche war auch mit denen der Fall, welche die recht ausgiebige und meist mit grausamem Nachdruck durchgeführte Prügelstrafe erhalten hatten und sich kaum noch wieder an ihren Arbeitsplatz schleppen konnten. 5 lını'a“ 65 Ehlers hielt es, nachdem die hohen Schaftstiefel, die er trug, auf die ihm unterstellten Russen keinen Eindruck mehr machten, selbst für erforderlich, zwischen den ihm„Untergebenen“ mit einem Stock in der Hand herumzulaufen, wenn er ihn natürlich auch nicht gebrauchte. Es entstand darüber unter uns eine allgemeine Empörung, und ich habe, als mir der Sachverhalt zu Ohren kam, mit Ehlers sehr ernstlich gesprochen und ihm vorgestellt, daß sein Weg, wenn er ihn fortsetze, in die völlige Isolierung führe und daß er es sich dann jedenfalls ausschließlich selbst zuzuschreiben habe, wenn er sich außerhalb unserer Schicksalskamerad- schaft gestellt sehe. Er hatte kein Gefühl dafür, daß es unser, die wir im Dritten Reich letzten Endes ebenso schlecht daran waren wie die russischen Häftlinge, nicht würdig war, gegenüber den letztgenannten noch irgendwelche Bütteldienste zu leisten. Meine Mahnung ist frucht- los gewesen, Ehlers Furcht vor Kuliarbeit und Kulidasein war größer. Er war einer von den Menschen, die nicht den Stolz in sich haben, daß ihnen im Grunde von irgendeiner irdischen Macht überhaupt nichts geschehen kann, da ihnen niemand zu nehmen vermag, daß sie, ganz gleich in welchem Kleide, unter welchen Lebensbedingungen und bei welcher Arbeit auch immer, stets sie selbst bleiben. Ehlers ist unter uns immer mehr in die selbstverschuldete Vereinsamung geraten, wovon noch später zu sprechen sein wird. 43. Rauch in der Wäscherei und in der Manufaktur. Eine Wäscherei ist ihrem Wesen nach dazu da, die Wäsche rein zu waschen oder jedenfalls den Reinheitsgrad der ihr zur Behandlung an- vertrauten Wäsche zu erhöhen, Diese Binsenwahrheit wird hier aus- gesprochen, weil es sich bei der Lagerwäscherei in Farge erheblich anders verhielt. Wer seine Wäsche dort waschen ließ, in der Erwartung, sie wie aus einer Waschanstalt des bürgerlichen Lebens in reinem Zustand zurückzuerhalten, wurde bald eines besseren belehrt. Die Wäsche eines Menschen, der dieselbe nur normal schmutzig getragen hatte, kam, wenn sie in die Farger Wäscherei geriet, mit Sicherheit in einem vielfach dreckigeren Zustand, als sie in dieselbe hineingeraten war, wieder heraus. Das lag daran, daß sich die im Lager getragene Wäsche im allgemeinen schon in einem völlig verschmutzten Zustande befand, was bei den Strapazen, denen die Kleidung durch Arbeit und Witterung ausgesetzt war, auch nicht zu verwundern war, Die gesamte Wäsche wurde beim„Waschen“ einfach so, wie sie war, ohne vorherige Einweichung und andere vorbereitende Maßnahmen, welche die sorg- same Hausfrau zu treffen pflegt, in riesige Kessel hineingeworfen, die mit kochendem Waser gefüllt waren. Bei diesem Verfahren verklumpte der in der Wäsche befindliche Schmutz und teilte sich auch denjenigen Stücken mit, die noch verhältnismäßig rein in den Kessel hinein- gekommen waren, so daß der Eigentümer, wenn er dieselben zurück- erhielt, nur den Kopf schütteln konnte, Es sei hier nebenbei noch ver- ihre Leibwäscxhe rein waschen zu lassen, Das kostete allerdings nicht 66 | darauf z Wer sich konnte, Wasser wenige| stehende sind sie wandten Es gal ihre Lei Dampf, ı Spanische ab und] ® zwei gro boten w Kessel ur Sorgtalt| 2, Zigaret B in der H =. möglich, B Lager da i bekam 0 i Schneide, 4 Mut fade] | ei&r seit | eine gröf Zigarette Sich mit Normierf Jene Ma Handwe, ling: |{ | auf die elbst für k in der chte. Es habe, als sprochen e völlige ich selbst kamerad, die wir wie die genannten st fruchtar größer. aben, daß upt nichts sie, ganz und bei ist unter en, wovon he rein zu ndlung anhier ause erheblich Erwartung, in reinem elehrt. Die ig getragen icherheit in neingeraten r getragene en Zustande Arbeit und Die gesamte me vorherige me die sorgeworfen, die verklumpte h denjenigen essel hineinben zurückei noch vererdings nicht darauf zurückzuführen war, daß die Häftlinge keine Seife erhielten. Wer sich solche nicht von Hause mitgebracht hatte oder schicken lassen konnte, war in die Notwendigkeit versetzt, sich stets nur mit kaltem Wasser ohne weitere Zutaten zu waschen, da heißes Wasser nur für wenige Bevorzugte zur Verfügung stand. Wo die den Häftlingen zustehenden Seifenrationen blieben, war nicht aufzuklären. Vermutlich sind sie aber dort verschwunden, wo auch die im Lager nicht verwandten Lebensmittelrationen hingerieten. Es gab aber für anspruchsvolle Lagerinsassen eine Möglichkeit, sich ihre Leibwäsche rein waschen zu lassen. Das kostete allerdings nicht Dampf, wie er gewöhnlich in einer Wäscherei ist, sondern Rauch. Ein spanischer Lagerinsasse holte die Wäsche mit vollendeter Grandezza ab und brachte sie ebenso glänzend von Sauberkeit wieder, wenn für zwei große oder drei kleinere Stücke je eine Zigarette als Entgelt geboten werden konnte. Die Wäsche wurde dann in einem besonderen Kessel und getrennt von der übrigen Lagerwäsche mit außerordentlicher Sorgfalt behandelt. Zigaretten waren in Farge überhaupt die Lagerwährung. Besonders in der Handwerksstube war dafür alles zu erhalten. Es war völlig unmöglich, zum Besohlen oder auch nur zum Flicken von Schuhen im Lager das kleinste Stück Leder aufzutreiben. Für einige Zigaretten bekam man jedoch in der kleinen Manufaktur, die sich aus einer Schneider- und Schusterwerkstatt entwickelt hatte, seine Schuhe mit tadellosem Leder besohlt. Ebenso war es, wenn man seinen Rucksack oder seinen Koffer instandzusetzen hatte oder wenn an der Kleidung eine größere Reparatur notwendig war. Alles war unmöglich, aber mit Zigaretten war jede Unmöglichkeit möglich zu machen und es hatte sich mit der Zeit ein ganzer Preiskatalog entwickelt, in dem genau normiert war, mit welcher Anzahl Zigaretten diese Dienstleistung und jene Materiallieferung zu honorieren war. Dabei stand an der Tür zur Handwerksstube die lapidare Inschrift ,, Zutritt für hier nicht beschäftigte Häftlinge strengstens verboten" Trotzdem darauf zur Ehlers hielt es, nachdem die hohen Schaftstiefel, die er trug, auf die ihm unterstellten Russen keinen Eindruck mehr machten, selbst für erforderlich, zwischen den ihm ,, Untergebenen" mit einem Stock in der Hand herumzulaufen, wenn er ihn natürlich auch nicht gebrauchte. Es entstand darüber unter uns eine allgemeine Empörung, und ich habe, als mir der Sachverhalt zu Ohren kam, mit Ehlers sehr ernstlich gesprochen und ihm vorgestellt, daß sein Weg, wenn er ihn fortsetze, in die völlige Isolierung führe und daß er es sich dann jedenfalls ausschließlich selbst zuzuschreiben habe, wenn er sich außerhalb unserer Schicksalskameradschaft gestellt sehe. Er hatte kein Gefühl dafür, daß es unser, die wir im Dritten Reich letzten Endes ebenso schlecht daran waren wie die russischen Häftlinge, nicht würdig war, gegenüber den letztgenannten noch irgendwelche Bütteldienste zu leisten. Meine Mahnung ist fruchtlos gewesen. Ehlers Furcht vor Kuliarbeit und Kulidasein war größer. Er war einer von den Menschen, die nicht den Stolz in sich haben, daß ihnen im Grunde von irgendeiner irdischen Macht überhaupt nichts geschehen kann, da ihnen niemand zu nehmen vermag, daß sie, ganz gleich in welchem Kleide, unter welchen Lebensbedingungen und bei welcher Arbeit auch immer, stets sie selbst bleiben. Ehlers ist unter uns immer mehr in die selbstverschuldete Vereinsamung geraten, wovon noch später zu sprechen sein wird. 13. Rauch in der Wäscherei und in der Manufaktur. Eine Wäscherei ist ihrem Wesen nach dazu da, die Wäsche rein zu waschen oder jedenfalls den Reinheitsgrad der ihr zur Behandlung anvertrauten Wäsche zu erhöhen. Diese Binsenwahrheit wird hier ausgesprochen, weil es sich bei der Lagerwäscherei in Farge erheblich anders verhielt. Wer seine Wäsche dort waschen ließ, in der Erwartung, sie wie aus einer Waschanstalt des bürgerlichen Lebens in reinem Zustand zurückzuerhalten, wurde bald eines besseren belehrt. Die Wäsche eines Menschen, der dieselbe nur normal schmutzig getragen hatte kam wenn Wer sich so konnte, wa Wasser oh wenige Be stehenden sind sie a wandten L Es gab ihre Leib Dampf, wi spanischer ab und br zwei groß boten wer Kessel und Sorgfalt be Zigarette in der Har möglich, z Lager das bekam ma Schneidermit tadello oder seine eine größer Zigaretten sich mit d normiert w jene Mater Handwerks Häftlinge Kunden- t seinem W schritt nic sprechend in der Ma gehe dort seine Fel Druckfehlerberichtigung! Der Druckfehlerteufel hat uns einen bösen Streich gespielt. Auf Seite 66 ließ er den Setzer die letzte Zeile verwechseln. Es muß richtig heißen: merkt, daß der schlimme Zustand der Lagerwäsche nicht zuletzt auch hat sich benen Ko Farge Nationen kamen n 5 Bitte ausschneiden und aufkleben oder zwischen die Seiten 66 und 67 legen. f die t für ı der e. Es e, als ochen öllige selbst erad- e wir e die nnten rucht- rößer. 1, daß nichts ganz d bei unter wovon darauf zurückzuführen war, daß die Häftlinge keine Seife erhielten, Wer sich solche nicht von Hause mitgebracht hatte oder schicken lassen konnte, war in die Notwendigkeit versetzt, sich stets nur mit kaltem Wasser ohne weitere Zutaten zu waschen, da heißes Wasser nur für wenige Bevorzugte zur Verfügung stand. Wo die den Häftlingen zu- stehenden Seifenrationen blieben, war nicht aufzuklären, Vermutlich sind sie aber dort verschwunden, wo auch die im Lager nicht ver- wandten Lebensmittelrationen hingerieten. Es gab aber für anspruchsvolle Lagerinsassen eine Möglichkeit, sich ihre Leibwäsche rein waschen zu lassen. Das kostete allerdings nicht Dampf, wie er gewöhnlich in einer Wäscherei ist, sondern Rauch, Ein spanischer Lagerinsasse holte die Wäsche mit vollendeter Grandezza ab und brachte sie ebenso glänzend von Sauberkeit wieder, wenn für zwei große oder drei kleinere Stücke je eine Zigarette als Entgelt ge- boten werden konnte, Die Wäsche wurde dann in einem besonderen Kessel und getrennt von der übrigen Lagerwäsche mit außerordentlicher Sorgfalt behandelt, Zigaretten waren in Farge überhaupt die Lagerwährung. Besonders in der Handwerksstube war dafür alles zu erhalten, Es war völlig un- möglich, zum Besohlen oder auch nur zum Flicken von Schuhen im Lager das kleinste Stück Leder aufzutreiben, Für einige Zigaretten bekam man jedoch in der kleinen Manufaktur, die sich aus einer Schneider- und Schusterwerkstatt entwickelt hatte, seine Schuhe mit tadellosem Leder besohlt. Ebenso war es, wenn man seinen Rucksack oder seinen Koffer instandzusetzen hatte oder wenn an der Kleidung eine größere Reparatur notwendig war. Alles war unmöglich, aber mit Zigaretten war jede Unmöglichkeit möglich zu machen und es hatte sich mit der Zeit ein ganzer Preiskatalog entwickelt, in dem genau normiert war, mit welcher Anzahl Zigaretten diese Dienstleistung und jene Materiallieferung zu honorieren war. Dabei stand an der Tür zur Handwerksstube die lapidare Inschrift„Zutritt für hier nicht beschäftigte Häftlinge strengstens verboten”, Trotzdem wickelte sich ein reger Kunden- und Marktverkehr durch diese Tür unter den Augen des auf seinem Wachturm hoch darüber stehenden Postens ab. Der Posten schritt nicht mehr ein, nachdem ihm einer von uns bei einem ent- sprechenden Versuch einmal ganz erstaunt erwidert hatte, er sei doch in der Manufaktur gegenwärtig, und zwar recht dringend beschäftigt; er gehe dort nicht etwa müßigen Geschwätzes halber hinein, sondern um seine Feldflasche reparieren zu lassen, Der„volksdeutsche” Wachmann hat sich dann über Bedeutung und Auslegung des an die Tür geschrie- benen Kommandanturverbotes keine weiteren Gedanken mehr gemacht. 14, Wer zählt die Völker? Farge war ein Europa im kleinen, Es gab sicher keine der zahlreichen Nationen dieses Erdteils, die dort nicht vertreten gewesen wäre, Hinzu kamen noch die Vertreter exotischer Völkerschaften aus Lagern von 5” 67 britischen oder russischen Kriegsgefangenen, wie zum Beispiel Mongolen, Chinesen, Inder, Annamiten, Tartaren, Malaien. Bloẞ Neger sind mir in Farge nicht begegnet, es sollen aber vor unserer Zeit einige dort gewesen sein. den Russen betrachteter als ihre de werkstatt s Von den Russen ist schon öfter die Rede gewesen. Sie setzten sich, wie auch die meisten anderen der in Farge vertretenen Völkerschaften aus den beiden Kategorien: kriegsgefangene Soldaten und Zivilarbeiter zusammen. Der Grund, aus dem die zivilen Ostarbeiter in Farge waren, war ebenso wie bei den dort befindlichen deutschen Arbeitern zum mindesten grundsätzlich klar. Es handelte sich durchweg um Fälle von Arbeitsversäumnis, Widerstand gegen Aufsichtspersonen, Sabotage, wiederholte schlechte Arbeitsleistung und dergleichen. Bei den russischen Kriegsgefangenen wie auch bei den Kriegsgefangenen der anderen gegen Deutschland kämpfenden Nationen, wie Amerikaner, Briten, Franzosen, Polen, Tschechen, Jugoslawen usw., war es wohl eine Schicksalsfrage, ob sie aus einem Kriegsgefangenenlager einmal in ein Lager wie Farge gerieten. Ich habe jedenfalls niemals herausbekommen können, aus welchen Gründen Kriegsgefangene dorthin kamen. Es mag sich in dem einen oder anderen Falle um besondere ,, politische Gefährlichkeit", auch um Arbeitssabotage oder Widersetzlichkeit gehandelt haben. Im allgemeinen war dies jedoch nicht der Fall, und es schwebte über dieser Frage wie über manchen anderen Fragen ein dunkles Ungefähr. Die Russenbaracke war im Sinne Dantes wohl einer der untersten Höllenkreise. Sie war völlig verwanzt und verlaust und es grassierten dort Krätze und alle möglichen anderen mit Ungeziefer und Schmutz zusammenhängenden Krankheiten. Auch der Flecktyphus, der einige Monate vor unserer Zeit gedroht hatte, das ganze Lager auszulöschen, hatte von dort seinen Ursprung genommen. Die Russen hatten zu je zwei Mann höchstens ein Strohsackbett; gewöhnlich mußten aber drei Mann in je einem der zu je drei Schlafstellen übereinander angeordneten Betten schlafen. Es lagen dann zwei Mann auf je einem Strohsack und der dritte Mann lag auf der Ritze. Denn die übereinander drei Strohsäcke enthaltenden Bettstellen standen wiederum in den engen Räumen so dicht nebeneinander, daß niemand, der sich auf die Ritze legte, hindurchfallen konnte. Man kann sich das Elend vorstellen, das sich entwickeln mußte, wenn diese dichtgedrängte Menschenmasse, womöglich in dem nassen Zeug, in dem sie von der Arbeit gekommen war, ohne eine Möglichkeit, dasselbe zu trocknen und fast ohne Decken, in den engen und niedrigen Stuben der Baracke wie in einem Faß eingepökelte Heringe die Nacht verbrachte. - - war, klagte sonst nur auf die Be guten Sach sicher hatt meiste abg Die Volljuden hatten es um nichts besser als die Russen, sondern insofern noch erheblich schlechter, als sie zum Teil Intellektuelle längst nicht so abgehärtet gegen alles mögliche Ungemach waren, wie dies bei den Russen der Fall war, und außerdem fehlte ihnen der Massenzusammenhalt, der bei den Russen bestand, da es sich bei den Juden in Farge nur um vereinzelte Erscheinungen handelte, die schwer zueinander fanden und auch, wenn ihnen dies gelang, sich gegenüber 68 er das Pal hatte er e das Licht auf den S Schädelkn er mir, al hatte noch geworden, noch einze raubte zitt wagte, bei übrigen ta geringste g Vorarbeite russische sogar mit derten Ra das er in Schicksals keinen hal und das P wurde vor dem als Untersuch nichts zu das kümm sam, Sie völlig reg Wort. Sch lig hoffnu Stufe de sich sow sämtlich handelte sollten den Rus Mon- r sind e dort 1 sich, haften rbeiter waren, n zum le von otage, den Russen stets in einer hoffnungslosen Minderzahl befanden, Diese betrachteten die Juden, die sich nicht mit ihnen verständigen konnten, als ihre deutschen Feinde, Ein jüdischer Schneider, der in der Lager- werkstatt saß und von dem Leben in Farge bereits völlig ausgemergelt war, klagte mir einmal sein Leid. Er schlief auf einer Stube, auf der sonst nur Russen waren, Seine Frau hatte ihm, um ihm etwas wieder auf die Beine zu helfen, ein großes Lebensmittelpaket mit allerhand guten Sachen geschickt, was damals schon sehr schwierig war, und sicher hatte die Frau sich von ihren kargen Lebensmittelrationen das meiste abgespart. Ihr unglücklicher Mann war aber an dem Abend, als er das Paket erhielt, gar nicht dazu gekommen, es aufzumachen. Kaum hatte er es auf der Stube, so ging wie bei einem plötzlichen Kurzschluß das Licht aus und er wußte nur noch, daß er einen furchibaren Schlag auf den Schädel erhalien hatte, der eine deutliche Vertiefung sogar im Schädelknochen, also ein regelrechtes Loch im Kopf, erzeugt hatte, das er mir, als die Wunde längst vernarbt war, noch zeigen konnte, Er hatte noch furchtbar geschrien, war dann aber eine Weile ohnmächtig geworden, und als er wieder zu sich kam, fand er von seinem Paket nur noch einzelne auseinandergerissene Teile des leeren Kartons, Der Be- raubte zitterte derart vor seinen Stubengenossen, daß er nicht einmal wagte, bei der Lagerverwaltung eine Anzeige zu erstatten, die ihm im übrigen tatsächlich auch nur geschadet und praktisch auch nicht das geringste genützt haben würde, Dies bewies ein ähnlicher Fall, der dem Vorarbeiter Sobelsohn passierte, gleichfalls einem Volljuden, der eine russische Arbeitskolonne unter sich hatte und in der Russenbaracke sogar mit einigen anderen Volljuden zusammen einen kleinen abgeson- derten Raum bewohnte. Auch der Genannte hatte ein Paket erhalten, das er in dem sorgfältig abgeschlossenen Raume, in dem er und seine Schicksalsgenossen schliefen, aufbewahrte. Das Paket war aber noch keinen halben Tag in Farge, als schon die Tür zu dem Raume erbrochen und das Paket verschwunden war, Sobelsohn erstattete Anzeige, und es wurde von der Lagerverwaliung, und zwar von dem Untersturmführer, dem als früheren Kriminalbeamten dies besonders lag, eine strenge Untersuchung durchgeführt, mit dem Ergebnis, daß nichts, aber auch gar nichts zu ermitteln war. Auch gegenüber der Drohung, ihnen tagelang das kümmerliche Essen zu entziehen, blieben die Russen völlig schweig- sam, Sie standen vor dem zornigen Untersuchungsführer in langer Front völlig reglos, als wenn sie eine steinerne Mauer wären, und sagten kein Wort, Schließlich gab auch der ehemalige Kriminalbeamte die Sache als völ- lig hoffnungslos auf, Daß für die Lagerleitung die Juden auf der untersten Stufe der Wertschätzung standen, kann nicht wundernehmen, da es sich sowohl bei der Gestapo, der das Lager unterstand, als auch bei sämtlichen Vorgesetzten der Farger Wachmannschaft um SS-Leute handelte, Der Lagerkommandant hat die Juden einmal angeschrien, sie sollten sich stets darüber klar sein, daß sie noch„weit, sehr weit hinter den Russen kämen”, Es war dies nach der sogenannten Weltanschauung 69 des Nationalsozialismus auch nur logisch, da die Russen ,, immerhin" Arier waren. Ein aparter völkerrechtlicher Fall waren die Iren. Irland ist während des ganzen Krieges neutral geblieben. Wie andere neutrale Seeleute waren aber irische Kapitäne, Schiffsoffiziere und Mannschaften der Handelsmarine für englische und amerikanische Kriegsaufträge gefahren und hatten insbesondere auch Konterbande, wie Munition, Waffen aller Art und sonstiges Kriegsmaterial an Bord mitgeführt. Eine Anzahl dieser mit irischen Seeleuten besetzten Schiffe waren von deutschen Hilfskreuzern und sonstigen Handelsjägern, auch von U- Booten, aufgebracht und entweder als Prisen in einen deutschen Hafen eskortiert oder aber unter teilweiser Rettung der Mannschaft versenkt worden. Die irischen Seeleute waren in Deutschland zunächst in Kriegsgefangenenlager verbracht worden, wogegen nicht das geringste einzuwenden war, da ein neutraler Staatsangehöriger, der sich an einem Kriege auf der einen Seite beteiligt und von der anderen Seite gefangen wird, sich damit abfinden muß, dann ebenso behandelt zu werden, wie ein Gefangener derjenigen Nation, die er mit seinem Kriegsdienst unterstützt hat. Auch die Iren hatten hiergegen nichts einzuwenden gehabt und dies ganz natürlich gefunden. Im Kriegsgefangenenlager war man aber seitens der deutschen Verwaltung sehr bald mit dem Ansinnen an sie herangetreten, sie sollten nunmehr auf deutschen Schiffen für Deutschland fahren oder aber zum mindesten in Deutschland für die Rüstung arbeiten. Dies lehnten die irischen Seeleute einmütig ab, und zwar mit der doppelten Begründung, es ginge gegen ihre Überzeugung, die deutsche Kriegführung zu unterstützen, und außerdem würden, wenn sie in Deutschland derart arbeiteten, ihren Familien in Irland die staatlichen Hilfszahlungen, die diese dort während der Abwesenheit ihrer Ernährer erhielten, entzogen werden. Die zuständigen deutschen Behörden blieben aber bei ihrer allerdings durchaus nicht zwingenden Schlußfolgerung, daß die Iren, wenn sie bisher für England und Amerika gearbeitet hätten, nun sie dabei in deutsche Hände gefallen seien, ebenso für Deutschland arbeiten müßten. Da die Iren von dieser Schlußfolgerung nicht zu überzeugen waren, die tatsächlich auch völkerrechtlich gar nicht vertreten werden konnte, wurden sie eben wie sonstige arbeitsunwillige und arbeitsscheue Elemente in das Arbeitserziehungslager verbracht. Der irische Gesandte in Berlin hat wiederholt versucht, seine Landsleute aus dieser ihnen durchaus nicht zukommenden Umgebung zu befreien, es ist ihm aber nicht gelungen. Die Iren, die ausnahmslos prächtige Menschen waren, hatten ihr Schicksal mit bewundernswertem Gleichmut und jedenfalls mit unveränderlicher Unerschütterlichkeit auf sich genommen. Behördliche Anfragen, ob sie nicht, um aus Farge herauszukommen, endlich in der geforderten Weise arbeiten wollten, beantworteten sie stets einmütig mit einem kategorischen Nein, Im Lager hatten sie sich ein Sonderleben geschaffen. Sie bewohnten eine abseits liegende kleine Baracke, die stets von Sauberkeit blitzte, und beschäftigten sich damit, allerhand schon fast kunsthandwerkliche Arbeiten durchzuführen. Wer 70 10 zum Beisp nicht und verrostete freundlich grünen I solches Fr oder Kaff Baracke heblicher ähnlichem verwaltu von Far herein a machte diesen L mannsfäu ausgezeic das Rote ihrem Le Wenn m untersetz gen unser zum mind die Ger wir von gebroche zurückka diesen L fangen!" wo wir kamerad der gege mitten e gesellsch erklärte würdig abends gekümm Eine wir ihn Hut sc der an Schwi Hände aufgel dabei die H „ rhin hrend leute ı der 'ahren ‚ aller dieser Hilfs- bracht r aber ischen er ve ja ein einen ‚it ab- ıgener Auch ganz ns der treten, 1 oder ‚ Dies ‚pelten iegfüh- ‚chland Jungen: Q, ent- ‚er bei „b die ‚n, DUO ‚chland „ über ‚rtreten se und ji Der ‚ute aus ; os Ist gnschen zum Beispiel ein Frühstücksbrett brauchte— Teller gab es ja in Farge nicht und andere Gefäße nur in Gestalt der zerbeulten und zum Teil verrosteten Essenschalen—, ging zu den Iren und sprach ein paar freundliche Worte, worauf sich bestimmt einer der Bewohner der „grünen Insel” sofort bereitfand, ihm aus irgendeinen Kistendeckel ein solches Frühstücksbrett zu machen. Wer das Bedürfnis hatte, eine Tee- oder Kaffeekanne zu erhalten, bekam sie bestimmt in der irischen Baracke in tadelloser Ausführung. Solche Kannen wurden dort in er- heblicher Anzahl aus gebrauchten Konservendosen, Keksbüchsen und ähnlichem Material hergestellt. Zu unserer Zeit versuchte die Lager- verwaltung längst nicht mehr, die Iren in den sonstigen„Arbeitsprozeß“ von Farge hineinzuzwingen. Sie hatten auch insoweit es von vorn- herein abgelehnt, sich zwingen zu lassen, und auch der Kommandant machte um die Irenbaracke meist einen großen Bogen. Es war mit diesen Leuten schlecht Kirschen essen. Sie hatten alle schwere See- mannsfäuste, und die meisten von ihnen waren richtige Riesen und ganz ausgezeichnet ernährt und bei Kraft, denn sie bekamen ständig über das Rote Kreuz Pakete aus ihrer Heimat, mit denen alles, was sie zu ihrem Lebensunterhalt irgendwie gebrauchten, in ihre Hände gelangte. Wenn man diese gewaltigen blauäugigen Irenmänner mit den meist untersetzten dunkeläugigen und keineswegs imponierenden Erscheinun- gen unserer„volksdeutschen” Wachmannschaft verglich, so konnte man zum mindesten ernstliche Zweifel darüber bekommen, auf welcher Seite die„Germanen in diesem Völkerringen denn tatsächlich standen. Als wir von einem abendlichen Besuch in der Irenbaracke, wo es nach ein- gebrochener Dunkelheit meistens sehr lebhaft und angeregt zuging, zurückkamen, sagte C, einmal sehr berechtigterweise zu mir:„Und mit diesen Leuten und ihren Stammverwandten haben wir Krieg ange- fangen!” Ich konnte ihm nur beipflichten, Der Abend in der Irenbaracke, wo wir mit unseren Gastgebern um einen langgestreckten Holztisch in kameradschaftlichem Gespräch über die uns alle interessierenden Fragen der gegenwärtigen Zeit verbracht hatten, hatte auf mich— und das in- mitten eines Lagers wie Farge— wie eine stimmungsvolle Herren- gesellschaft, ja geradezu wie ein Bankett gewirkt. Die Lagerleitung erklärte allerdings alsbald,„es sei Deutscher auch in der Haft nicht würdig— dabei waren wir einmal wieder Deutsche— mit Feinden abends zusammenzusitzen”, Wir haben uns um diesen„Verweis wenig gekümmert. Eine besondere Erscheinung unter den Iren war„Buffalo Bill", wie wir ihn nannten, Ein Hüne von Gestalt, stets wie ein Präriereiter den Hut schief im Nacken, und zwar einmal nach der einen und einmal nach der anderen Seite gesetzt, konnte er mit jedem Arm zugleich ohne Schwierigkeiten einen ausgewachsenen Mann hochheben, Ein herzlicher Händedruck von ihm, und er war uns gegenüber meist sehr herzlich aufgelegt, war eine schmerzhafte Angelegenheit. Er schüttelte einem dabei in der besten Laune und ohne an etwas Böses zu denken, fast die Hand aus dem Gelenk, und man mußte schon froh sein, wenn man 71 ohne Quetschungsspuren davonkam. Ich befand mich in dieser Lage, als ich ihm als Jurist bestätigen konnte, daß die Behandlung der irischen Seeleute in Farge völkerrechtswidrig sei. Er wurde dadurch in eine besondere Begeisterung versetzt, die er in einem herzlichen shake hands zum Ausdruck bringen mußte, und ich hatte alle Mühe, meine Hand den so nicht vorausgesehenen Folgen meines juristischen Gutachtens zu entziehen. Bill hatte von der Lagerleitung einen besonders verantwortungsvollen Posten übertragen erhalten, den er trotz der sonst grundsätzlichen Ablehnung aller Lagerarbeiten durch seine Landsleute geruht hatte anzunehmen, weil er ihm Spaß machte: Er war nämlich der Oberaufseher der für das Lager sehr wichtigen oder richtiger von der Lagerleitung für sehr wichtig gehaltenen Entlausungsanlage. Bei jedem Häftling, der eingekleidet wurde, mußte zunächst die zivile Kleidung durch diese mit hohen Temperaturen geheizte Maschine wandern, was der Kleidung, besonders wenn sie aus Kriegswerkstoff war, sehr übel bekam. Ebenso wurde bei jeder Entlassung die Anstaltskleidung der Entlausung unterworfen. Bill hatte allerdings über diese segensreiche Anlage seine eigenen Ansichten. Er zeigte mir einmal, daß die verschiedenen Arten der Läuse auf die Temperatur der Entlausungsmaschine ganz verschiedenartig reagierten. Es gab Lausesorten, die tatsächlich in der Anlage zerplatzten und zu Grunde gingen. Dafür gab es aber wieder andere Gattungen, denen die betreffende Temperatur offenbar sehr angenehm war, sie empfanden dieselbe offenbar als Bruttemperatur und vermehrten sich demzufolge in der Maschine noch ganz entsprechend, so daß ein der Entlausung unterworfenes Kleidungsstück erstens zerrissen oder zum mindesten erheblich lädiert und zweitens noch beträchtlich verlauster, als es gewesen war, aus der ganzen Aktion wieder herauskommen konnte. Bill verhielt sich gegenüber diesem Sachverhalt mephistophelisch: ,, Er hatte seine Freude dran." Am Geburtstag des britischen Königs trat er morgens vor den Wachposten am Lagertor und verlangte von ihm, er solle ,, God save the king" rufen! Der Posten glotzte ihn verständnislos an. Bill trat, obwohl er waffenlos war, drohend näher: ,, Rufst du nun gleich, God save the king'?" Der Posten rief erschrocken ein furchtsames„ Ja", womit Bill sich zufrieden gab und weitertrollte. Es bleibt zu hoffen, daß die Iren aus der Hölle von Farge, die sie sich selbst so wohnlich zu gestalten gewußt hatten, bei Beendigung des Krieges den Weg zurück in ihre schöne Heimat gefunden haben. gang me sprechen konnte u keineswe blieben, denen m Ein besonderer, gleichfalls völkerrechtlich interessanter Fall waren in Farge auch die ,, Staatenlosen". Sie hatten ein schwer erklärliches Miẞfallen bei den nationalsozialistischen Behörden erregt. Man konnte sich dabei an den alten Witz erinnern, daß beim preußischen Militär zunächst die Katholiken, aufgerufen, links und die Protestanten rechts herauszutreten hatten, wobei ein Soldat stehenblieb, den der Feldwebel anfuhr, zu welchen beiden Menschenarten denn er gehöre, worauf dieser auf seine Antwort, er gehöre zu keiner von beiden, er sei Freigeist, den weiteren Anschnauzer erhielt: ,, Bis morgen früh um 8 Uhr zum Kirch72 irgendwi lager zu Fall des stammte damalige gebiet h können. wegen w waren s land aus ohne we gesperrt Kaffee Politik keit nat geführt hatte ihr sprühte sich die Frage e Und wü den ho Kellner danturvielleic ironisch allerers reichlic sumier fewußt keit d richter daß d einer gestar war Siebe für F den erzie Straf waren irliches konnte Militar rechts ‚äwebel z dieser 1 po isch” gang melden Sie sich mit einem anständigen Glauben!” Da ein ent- sprechendes Verfahren bei den Staatenlosen nicht angewandt werden konnte und diese Unglücklichen, die zum überwiegenden Teil ihre Lage keineswegs verschuldet hatten, ohne„anständige Staatsangehörigkeit“ blieben, so war das Dritte Reich dazu übergegangen, diese Menschen, denen man ebenso mißtraute wie allen anderen, die der offiziellen Norm irgendwie nicht entsprachen, in Konzentrations- und Arbeitserziehungs- lager zu verbringen, Recht seltsam war in diesem Zusammenhang der Fall des Kellners Johann aus dem Bremer Columbus-Keller. Seine Eltern stammten aus der Gegend von Pressburg, also aus einem Gebiet an der damaligen Grenze zwischen Ungarn und der Slowakei. In diesem Grenz- gebiet hatten die Bewohner für den einen oder anderen Staat optieren können. Da Johanns Eltern deutscher Abstammung waren und sich des- wegen weder entschließen konnten, Ungarn noch Slowaken zu werden, waren sie staatenlos geworden und kurz vor dem Kriege nach Deutsch- land ausgewandert, wo sie auch die deutsche Staatsangehörigkeit nicht ohne weiteres hatten erhalten können, da diese während des Krieges gesperrt war. Johann, der im Columbus-Keller die Gäste eifrig mit Kaffee und Bier bediente und sich bestimmt in keiner Beziehung in Politik gemischt hatte, war eines Tages als wegen seiner Staatenlosig- keit national verdächtig vom Fleck weg verhaftet und nach Farge über- geführt worden. Dieser gewaltsame Eingriff in sein recht harmloses Leben hatte ihm aber die gute Laune nicht verdorben. Wo er in Farge erschien, sprühte es nur so von Witzen und Bonmots, Schon früh morgens konnte sich die Stubentür öffnen und Johanns stets heiteres Gesicht mit der Frage erscheinen:„Haben die Herrschaften auch alle gut geschlafen? Und wünschen die Herren Kaffee oder Tee zum Frühstück oder was ist den hochgeschätzten Gästen sonst gefällig?” Da Johann ein tadelloser Kellner war, war er sofort als Leiter in die Aufwartung der Komman- dantur-Baracke kommandiert worden, und er versah diesen guten und vielleicht besten Posten, den Farge für Häftlinge zu vergeben hatte, ironisch mit der Grandezza eines Oberkellners in einem Grandhotel allererster Klasse, Er kam selbst auch nicht zu kurz dabei. Von dem reichlichen Essen und Trinken, das in der Kommandantur-Baracke kon- sumiert wurde, hat er sich ohne Frage stets seinen Anteil zu nehmen gewußt, Selbst der Kommandant konnte gegen die philosophische Heiter- keit des ständig gleichmütigen und freundlichen Kellners nichts aus- richten, Wenn einmal ein morgendlicher Krach darüber in Szene ging, daß der Kaffee zu kalt sei, wußte Johann den Tobenden sehr bald mit einer Bemerkung wie„Sie sind heute aber auch unvoraussehbar spät auf- gestanden, Kommandant” zum Schweigen zu bringen. Ebenso wie Johann war es anderen Männern deutscher Abstammung ergangen, die aus Siebenbürgen stammten und sich bei der Option in diesem Gebiet weder für Rumänien noch für Ungarn hatten entscheiden können. Sie hatten den Verlust ihrer früheren Staatsangehörigkeit nunmehr im Arbeits- erziehungslager zu büßen, wobei nicht nur die Frage, worin eigentlich die Strafbarkeit dieser Leute bestand, sondern auch die Strafbemessung ein 73 unauflösliches Geheimnis der Gestapo blieb. Johann hatte zum Beispiel das Glück, noch während unserer Anwesenheit in Farge wieder von dort in den Keller des im übrigen völlig zerbombten Bremer Columbus- Hotels entlassen zu werden. Andere Staatenlose, die erheblich länger in Farge saẞen als wir, blieben noch beim Ende unseres dortigen Aufenthaltes eingesperrt, und einige haben vielleicht bis zum Ende des Krieges Gefangene bleiben müssen. Auch Italiener beider damaliger Schattierungen, also Faschisten und Badoglio- Anhänger, waren in Farge vertreten. Zwischen beiden Kategorien stand ein Schiffskapitän, der offenbar aus Grundsatz nicht arbeiten wollte. Er war infolgedessen an sich der gegebene Zögling für ein Arbeitserziehungslager. Bei ihm zeigte es sich mit unbestreitbarer Deutlichkeit, daß das Lager Farge seinen eigentlichen Zweck gerade bei den arbeitsscheuen Elementen vollkommen verfehlen mußte. Weder Drohungen noch Arreststrafen noch selbst Schläge, die zwar, wie der römische Seemann wortreich versicherte, seine Ehre kränkten, aber keinerlei Aktivität in ihm zu entzünden vermochten, konnten ihn dazu bewegen, einmal wirklich zu arbeiten. Wenn man ihn fragte, ob er Badoglio- oder Mussolini- Anhänger sei, so war er Häftlingen gegenüber, in denen er nicht zu Unrecht ganz allgemein Gegner des Faschismus vermutete, stets Badoglio- Anhänger, während er bei dem Kommandanten und den SS- Wachmannschaften sich, wenn er dort schlecht behandelt wurde, stets mit großer Beredsamkeit darauf berief, daß er ein treuer Gefolgsmann des Duce sei und daß er gar nicht begreifen könne, wie das Dritte Reich, der große Verbündete des faschistischen Staates, ihm so ungerecht, wie es geschehe, begegnen könne. Die Kontingente, welche die Zivilarbeiter der anderen europäischen Nationen, wie Holländer, Belgier, Franzosen, Dänen und Norweger, zu der Lagerinsassenschaft von Farge gestellt hatten, beruhten regelmäßig auf sogenannten ,, Aktionen", welche die Gestapo zu irgendeinem Zeitpunkt aus irgendeinem allgemeinen Anlaß für erforderlich hielt. Beispielsweise liefen bei einer Leitstelle der Geheimen Staatspolizei von deren Spitzeln und Auskunftspersonen einmal plötzlich Berichte ein, wonach unter den Belgiern oder unter den Franzosen sich in letzter Zeit eine sichtbare Arbeitsunlust oder Widersetzlichkeit bemerkbar mache. Es wurden dann nach Gutdünken etwa 5-10 Prozent der belasteten Nationalität aus den Zivilarbeitslagern des betreffenden Bezirks verhaftet und in Straflagern wie Farge verbracht. Daß in solchem Falle sehr oft gerade die besten und arbeitswilligsten Elemente bestraft" wurden, versteht sich bei diesem Verfahren von selbst. Da nun nicht der Anschein erweckt werden durfte, als ob die betreffenden Ausländer persönlich überhaupt in keinerlei Verdacht standen, wurden die Entlassungen, die meist erst nach einer erheblichen Anzahl von Wochen erfolgten, im Gegensatz zu den Verhaftungen sukzessive vorgenommen. Es waren zwei junge Belgier in Farge. Sie schliefen nicht nur auf unserer Elitestube, sondern sie waren tatsächlich beide hervorragende Menschen und uns allen außerordentlich sympathisch. Beide waren unzertrennliche Freunde, und sie waren beide 74 mit noc worden, was ihn niemals brochen waren, Belgiern teten, E es gab nun gär untröstl Die An gewesen nicht m salsgen Die a befindli beitshä schen gefange häftling lichen Bumme worden junge nach bei se besser wiede dieser meist oder im K alter ralis ihm jung sche am Rei ord gev tis po Fa Ve gr Beispiel on dort -Hotels Farge mthaltes ges Geten und tegorien arbeiten ein Arr Deutbei den Drohunömische keinerlei ewegen, o- oder enen er te, stets nd den wurde, Gefolgsas Dritte so ungepäischen er, zu der mäßig auf Zeitpunkt pielsweise Spitzeln unter den sichtbare den dann t aus den traflagern lie besten sich bei kt werden in keinermach einer den VerBelgier in sie waren rordentlich aren beide mit noch anderen Belgiern zusammen an demselben Tage verhaftet worden, ohne daß sie während ihrer Gefangenschaft erfahren konnten, was ihnen eigentlich vorgeworfen wurde. Sie werden dies auch später niemals haben erfahren können, da sie persönlich fraglos gar nichts verbrochen hatten, und nichts weiter als Objekte einer Terrormaßnahme waren, mit denen nationalsozialistische Polizeiorgane eine bei den Belgiern derzeit aufgekommene Widerstandsstimmung zu brechen trachteten. Eines Tages wurde der jüngere der beiden Belgier entlassen, und es gab bei dem älteren einen unaufhörlichen Jammer darüber, daß er nun gänzlich vereinsamt in Farge allein weitersitzen müsse. Er war ganz untröstlich und befand sich in offenbarer Gefahr, zugrunde zu gehen. Die Anwesenheit seines Freundes war deutlich der letzte Halt für ihn gewesen. Das weitere Schicksal dieses armen Belgiers habe ich in Farge nicht mehr erlebt. Er saß noch völlig verzweifelt dort, als unsere Schicksalsgenossenschaft dieses Lager verließ. - Die außer uns, die wir ja eigentlich keine Deutschen waren, in Farge befindlichen beiden Kategorien Deutscher, nämlich politische und Arbeitshäftlinge, hatten sehr wenig Berührung miteinander, da die politischen Häftlinge sich grundsätzlich mit Recht von den Arbeitsgefangenen möglichst abseits hielten. Auch bei den deutschen Arbeitshäftlingen war immer wieder zu beobachten, daß Farge seinen eigentlichen Zweck niemals erfüllen konnte. Wer zur Arbeitsscheu und zur Bummelei neigte, ist in Farge notwendig stets noch weiter demoralisiert worden, als er es schon vorher war. Sogar ein knapp 16jähriger Lehrjunge war aus einem Bremer Werftbetrieb bereits zur Arbeitserziehung" nach Farge geholt worden. Es wäre für diesen Jungen, der tatsächlich bei seiner Einlieferung einen recht verkommenen Eindruck machte, besser gewesen, wenn ihm sein Vater oder sein Lehrmeister hin und wieder eine gehörige Tracht Prügel verabreicht hätten. In Farge hat dieser Junge auch nicht arbeiten gelernt, er stand auf der Baustelle meistens mit den Händen in den Hosentaschen irgendwo frierend herum oder lief mit den anderen Faulpelzen" unter der Fuchtel des Postens im Kreise und ist im übrigen bei allem, was er dort an für sein Lebensalter nicht geeigneten Dingen sehen und hören mußte, ohne Frage moralisch bald gänzlich zugrunde gegangen, zumal er auch keinen Halt an ihm irgendwie nahestehenden älteren Männern hatte, wie dies bei den jungen Leuten unserer Schicksalsgenossenschaft der Fall war. Die deutschen politischen Häftlinge waren in Farge eigentlich grundsätzlich fehl am Ort. Die fortschreitende Desorganisation innerhalb des Dritten Reiches hatte aber auch zu einer immer mehr um sich greifenden Unordnung auf dem Gebiet der Konzentrationslager geführt. Farge wurde gewissermaßen als Durchgangs- und Aushilfelager für die großen politischen Konzentrationslager verwandt. So saßen Häftlinge, die sich durch politische Äußerungen vergangen hatten, zunächst einmal monatelang in Farge, bis der Sachverhalt ihrer ,, Straftat" durch verschiedene Gestapovernehmungen eingehend geklärt war, worauf sie dann nach einem der großen Konzentrationslager wie Buchenwald oder Oranienburg abge91 75 schoben oder dem Volkgerichtshof in Berlin zur Aburteilung, die dann meistens mit der Kugel oder dem Strang endete, zugeführt wurden. So spielte sich der Fall des auf unserer Stube wohnenden Schneiders aus dem Oldenburgischen ab, der es trotz des Kohlrabi verstanden hatte, durch Monate hindurch seine ihn charakterisierende erhebliche Korpulenz aufrechtzuerhalten. Er war von einer Frau wegen der Äußerung angezeigt worden ,,, seit der Katastrophe von Stalingrad sei der Krieg für Deutschland verloren". Da es sich dabei um eine Äußerung gehandelt hatte, die nur einem einzigen Menschen gegenüber in einer augenblicklichen Aufwallung gemacht worden und in keiner Weise in die Öffentlichkeit gedrungen war, hoffte er immer wieder, noch mit einem blauen Auge davonzukommen. Erst als er beim Lagerkommandanten ein von der Gestapo aufgesetztes Protokoll, wonach er ,, die innere Front untergraben habe", unterzeichnen mußte und ihm kurz darauf eröffnet wurde, daß er nun in das Konzentrationslager Oranienburg abtransportiert werde, verfiel er von Tag zu Tag zusehends. Ebenso lag der Fall des Kammerverwalters Fürst, der, entgegen seiner bestimmten Erwartung, aus Farge nicht freigelassen, sondern dem Volksgerichtshof überwiesen wurde, ohne daß bekannt geworden wäre, was dort sein allerdings nur zu wahrscheinliches Schicksal gewesen ist. Ein Aushilfslager war Farge insofern, als, wenn in den großen Konzentrationslagern einmal für eine bestimmte Kategorie politischer Häftlinge kein Platz war, auch die ,, Politischen" Jahr und Tag in Farge sitzenbleiben konnten, wo sie es ja auch nicht besser, sondern eher noch schlechter als in den Konzentrationslagern hatten. Schließlich aber war noch eine besondere Sorte von politischen Untersuchungs- und Sicherheitshäftlingen in Farge, deren dortiger Aufenthalt sich daraus erklärte, daß das Bremer Polizeigefängnis durch Fliegerbomben zerstört war und das dortige Gerichtsgefängnis jedenfalls nicht mehr ausreichte. Zu dieser Kategorie gehörten insbesondere die Angehörigen der Aktion des 20. Juli", bei der man aus Anlaß des„ Führer- Attentates" bekannte frühere Sozialdemokraten und Kommunisten festgesetzt hatte, denen nichts als ihre ehemalige Parteizugehörigkeit vorzuwerfen war. Von den ,, Kriminellen", welche außer den politischen und den Arbeitshäftlingen die deutsche Nation in Farge vertraten, ist bereits in anderem Zusammenhang die Rede gewesen. Es handelte sich hierbei zum Teil auch um politische ,, Delinquenten", die beispielsweise wegen des Abhörens fremder Rundfunksender mit langjähriger Zuchthausstrafe belegt waren, zum Teil handelte es sich aber um gewöhnliche Gewalt- und Eigentumsverbrecher, die mit den anderen Zuchthaussträflingen zunächst einmal bis zum Ende des Krieges in Farge wie auch in anderen Konzentrationslagern saßen, da die Zuchthäuser überfüllt waren, Zwischen den verschiedenen Nationen Europas und den verschiedenen Gefangenenkategorien der einzelnen Völker standen nun wir Imis, ohne daß jemand klar angeben konnte, wohin wir eigentlich gehörten. Denn ebenso unklar wie die Frage, ob wir nun eigentlich Deutsche seien, war die weitere Frage, ob wir freie Männer oder Gefangene waren. Die 76 Tatsach uns bei Zweck Zweifel handel mußte, Häftlin da Kri wenn d war no worden land g einen viele u dern e hielten spruch Kassen und A die sc Sorge haben zum n lien eigene wo si als k stisch höchs konn einig ist a vorü von U fran ers kle Br hi hi B T n il 0 tr Tatsachen sprachen eindeutig für das letztere, die Eröfinungen, die man uns bei unserer ‚Einberufung‘ gemacht hatte und der ganze offizielle Zweck unserer„Akiion“ für das erstere, Ebenso wie man sich trotz aller Zweifel dafür entschieden hatte, uns„gleichsam als Deutsche zu be- handeln, so wurden wir, da den Tatsachen Rechnung getragen werden mußte, obwohl wir an sich keine Gefangenen waren,„gleichsam” als Häftlinge angesehen. Die sich hieraus ergebende fernere Frage, ob wir, da Kriminalität bei uns ausschied, nun politische oder Arbeitshäftlinge, wenn das letztere auch nicht in dem sonst in Farge üblichen Sinne, seien, war noch erheblich schwerer zu entscheiden und ist niemals geklärt worden. Es war schon so, daß das Dritte Reich, das uns unser Vater- land genommen hatte, uns noch nicht einmal unter seinen Gefangenen einen klar umgrenzten Platz zuzuweisen wußte, Diese Fragen halten für viele unserer Schicksalsgenossen nicht nur theoretische Bedeutung, son- dern ein sehr bitteres praktisches Gewicht. Die Gefangenen in Farge er- hielten keinerlei Arbeitslohn und ihre Familien hatten auch keinen An- spruch auf eine irgendwie gearteie Unterstützung aus den staatlichen Kassen. Bei einem großen Teile von uns handelte es sich um Arbeiter und Angestellte, die über keine beträchtlichen Ersparnisse verfügten und die schon von der zweiten Woche unseres Aufenthaltes ab mit ernster Sorge an das Schicksal ihrer Familien denken mußten. Auch wir Imis haben in Farge keinerlei Arbeitslohn erhalten und sind auch insofern zum mindesten„gleichsam” als Häftlinge behandelt worden. Die Fami- lien meiner Schicksalsgenossen, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenen Mitteln bestreiten konnten, mußten sich an die NSV, wenden, wo sie aber praktisch nur unter den größten Schwierigkeiten eine mehr als karge Unterstützung erhalten konnten. Die NSV. als nationalsoziali- stische Einrichtung half den Familien unserer Schicksalsgenossenschaft höchstens dann, wenn ein äußerster Notstand nachgewiesen werden konnte und auch in solchem Falle keineswegs zuverlässig oder auch nur einigermaßen ausreichend, Gerade im Hinblick auf diesen Sachverhalt ist auch unsere Schicksalsgenossenschaft keineswegs nur Zuschauer oder vorübergehender Gast, sondern Teilhaber an dem europäischen Unglück von Farge gewesen. Unserem besonderen Schicksal am nächsten stand ein Angehöriger des französischen Volkes, Er war Rennfahrer von Beruf gewesen und er erschien noch ganz wie ein solcher aussehend, schnittig und patent ge- kleidet, eines Tages in Farge, nachdem er in einem Ausländerlager bei Bremen als Autoschlosser gearbeitet hatte. Er war völlig fassungslos, hielt seine Verhaftung für einen fatalen Irrtum und wandte sich alsbald hilfesuchend an mich. Er erzählte folgende Geschichte: Er habe eine Bremer junge Dame kennen und lieben gelernt, die Halbjüdin sei. Da er run allerhand von den merkwürdigen Gesetzen des Dritten Reiches ver- nommen habe, sei er so vorsichtig und korrekt gewesen, sich zu der für ihn zuständigen Polizeiwache zu begeben und dort Nachfrage zu halten, ob irgendwelche Bedenken dagegen beständen, daß er sich mit der be- treffenden Bremerin verlobe. Der herbeigerufene Polizeileutnant habe 77 ihm lächelnd erwidert, daß dagegen nicht das mindeste einzuwenden sei, zumal es sich um eine Dame nichtarischer Abstammung handle, bei der es nach der nationalsozialistischen Weltanschauung nur begrüßt werden könne, wenn sie von einem Ausländer und nicht von einem Deutschen zur Frau gewählt werde. Trotzdem habe ihn nun die Gestapo wegen seiner Beziehungen zu der betreffenden Dame verhaftet! Auf seine entrüstete Verwahrung sei ihm kalt erwidert worden, die ihm erteilte Auskunft der Ordnungspolizei sei durchaus unzutreffend gewesen. Wenn das in Frage stehende Mädchen auch eine Halbjüdin sei, so sei ,, es doch immerhin" eine Deutsche, und Beziehungen zwischen Ausländern und deutschen Frauen seien verboten; außerdem sei der betreffenden Halbjüdin durch Geheimerlaß der Gestapo der Verkehr mit arischen Männern untersagt, weswegen das Mädchen, da er, der Franzose, Arier sei, sich ebenfalls vergangen habe. Sie müßten daher beide bestraft werden! Tatsächlich hat dann die Gestapo, die der Franzose alsbald zu seinem größtem Schmerz erfuhr, auch seine Verlobte festgesetzt. Dieser Fall ist ein Schulbeispiel dafür, daß dem Dritten Reich in Fällen, in denen ein Mann oder eine Frau unserer Abstammung beteiligt war, so leicht nichts recht gemacht werden konnte. Ich vermochte nichts anderes zu tun, als den patenten Franzosen, mit dem wir alle das lebhafteste Mitgefühl hatten, auf das hoffentlich nicht mehr ferne Ende des Krieges und des ,, Reiches der tausend Jahre" zu vertrösten. 15. Wallensteins Lager. Wir haben die uns bewachende ,, Kriegsmannschaft" sehr oft mit dem berühmten Lager aus Schillers großer dramatischer Trilogie verglichen. Es waren ohne Frage auch starke Berührungspunkte zwischen beiden vorhanden. Unsere Wachmannschaft war, was die nationale Herkunft anbelangte, mindestens ebenso buntscheckig zusammengesetzt wie die Lagerinsassenschaft einerseits und wie das bekannteste Heer des 30jährigen Krieges andererseits. Die Soldateska von Farge war auch ebenso roh, rücksichtslos und allem möglichen derben Genuß zugewandt, wie die Dragoner Butlers, Terzkys Kürrasiere und die Kroaten Isolanis in dem Lager von Pilsen vor mehr als drei Jahrhunderten. Auch waren die Farger insofern ähnliche Krieger wie die Wallensteiner in der Zeit, die uns Schiller in seinem dramatischen Vorspiel schildert, als sie ebenso wie diese eben im Lager saßen und den Krieg nur ganz von ferne kannten Erstaunlicherweise waren nicht nur unter den Lagerinsassen, sondern auch unter der Wachmannschaft zahlreiche Russen. Diese Russen, die zu Deutschland übergetreten waren, hießen ,, SS- Freiwillige". Als Angehörige ,, germanischer SS" wurden sie wohl nicht geführt, da sich selbst Himmlers so weit gespannter Germanenbegriff auf Großrussen nicht ausdehnen ließ. Wir gingen diesen Russen, die ja nun einmal ein Gewehr hatten und mit demselben recht unberechenbar waren, möglichst aus dem Wege. Ein besonders gutmütiges Exemplar dieses Kriegerkontin78 gents wa mit knal Er rauch geschenk um sich dem ihm Kopf, da murmelt sehr vi Armbew zum Sch Auch m zu seine wahrsch Ob es galizisch Baltikum sische schieden stiefeln mäßig s besonder Zu diese Front d Clausen bürger über de schen C delt, di ten, en Arbeit ( schne nen Gu oder Arbeit Gefan niema stein Vo Lage ihren hat trunk gar komm sie en fest e enden e, bei grüßt einem estapo f seine rteilte Wenn ; doch n und Halb- annern i, sich erden! ‚einem r Fall denen leicht res zU - es und gents war ein Kavallerist, den wir, weil er ständig eine Husarenmütze mit knallrotem Aufschlag trug,„Ziethen aus dem Busch” getauft hatten. Er rauchte allzugern Zigaretten und kam oft zu uns, um solche von uns geschenkt zu erhalten, Innerhalb der dicken Rauchwolken, die er dann um sich herum blies, zeigte er große Teilnahme für unser Schicksal, von dem ihm offenbar einiges klargeworden war. Er schüttete dann seinen Kopf, daß der rote Aufschlag seiner Mütze nur so flog, hin und her und murmelte immer wieder„arme Leute”....„sehr unglücklich“ „sehr viel Elend in der Welt”, wobei er dann oft eine weitausholende Armbewegung machte, die uns, aber auch ihn umfaßte, indem er dann zum Schluß mit gegen seine Brust gerichtetem Zeigefinger hervorbrachte: „Auch mich sehr elend und unglücklich so fern der Heimat”. Die Liebe zu seinem Vaterland war bei ihm offenbar vielfach stärker als seine ihm wahrscheinlich nur aufgezwungene Anhänglichkeit an das Dritte Reich. Ob es sich nun bei unseren„Wallensteinern um Russen, Rumänen, galizische Polen, ‚Volksdeutsche” aus Siebenbürgen, Ungarn oder dem Baltikum, Dänen, Norweger, holländische Nationalsozialisten, franzö- sische oder wallonische Legionäre handelte, sie alle liefen, so ver- schiedenartig ihre Uniform auch sonst sein mochte, in hohen Schaft- stiefeln herum, in deren einem ein Gummiknüppel steckte. Verhältnis- mäßig stark vertreten waren Siebenbürger Volksdeutsche, bei denen besonders die russischen Gefangenen damals sehr schlechte Tage hatten. Zu dieser Zeit drangen nämlich die Sowjetheere, die an der rumänischen Front durchgebrochen waren, über die Waldkarpaten vor. Städte wie Clausenburg, Hermannstadt und Kronstadt, aus denen unsere Sieben- bürger Wachleute stammten, fielen in ihre Hand, In der Verzweiflung über den Verlust ihrer Heimat haben diese Wachleute dann die russi- schen Gefangenen aus nationalen Rachegefühlen in einer Weise behan- delt, die selbst unter den Farger Verhältnissen auffiel. Die Russen konn- ten, entgegen ihrem gewöhnlichen Phlegma, noch so schnell bei der Arbeit sein, sie waren den Siebenbürgern, die ihnen dauernd„Vistro“ („schnell!‘) zuschrien, immer noch viel zu langsam, Wenn die vorhande- nen Gummiknüppel nicht ausreichten, wurde auch noch mit dem Koppel oder mit dem Gewehrkolben geprügelt, und was bei der sogenannten Arbeit geschah, ereignete sich ebenso auch bei der Essenausgabe an die Gefangenen. Dafür, daß die Russen Hunger hatten, haben die Wachleute niemals Verständnis bewiesen, obwohl sie ebenso wie die echten Wallen- steiner außer Frauen nur Essen und Trinken im Kopfe hatten. Von den nächtlichen Gelagen des Kommandanten und der höheren Lagerchargen ist bereits gesprochen worden. Die Wachmannschaft gab ihren Vorgesetzten hierin nichts nach, und ein dänischer SS-Wachtmeister hat mir„im Vertrauen" gesagt, er habe einmal in der allgemeinen Be- trunkenheit die für die Wachablösung erforderliche Anzahl„Krieger” gar nicht zusammenbekommen können und schließlich einige voll- kommen„blaue Leute auf Posten stellen müssen, mit dem Erfolge, daß sie erst dauernd gegrölt hätten und dann später auf ihrer„Wache“ so fest eingeschlafen wären, daß er sie bei einem Kontrollgang überhaupt nicht 79 deutsch ma wesende U dies als ei seine zusan nie zu seh erfüllt wer lären Trup habe wecken können Nur nebenbei sei bemerkt, daß der Wachtmeister, der dies erzählte, selber dem zu Beginn von Shakespeares Hamlet erwähnten dänischen Nationalübel verfallen und mindestens jede zweite Nacht vollkommen ,, dick" war. Wir konnten natürlich nichts dagegen haben, daß das Lager zeitweise so unzuverlässig bewacht war, immerhin überwog aber doch die Befürchtung, daß die Wachleute in ihrem nächtlichen Zustand, dessen Nachwirkungen auch noch am Tage sich oft allzu deutlich äußerten, mit ihren Maschinengewehren und Maschinenpistolen einmal einen fürchterlichen Unfug anstellen könnten, was besonders bei der Rechtlosigkeit, welche die Lage der Farger Gefangenen kennzeichnete, nur allzu nahe lag. Ein krasser Einzelfall dieser Art hatte sich kurz vor unserer Ankunft zugetragen. Der Amtsvorgänger des Lagerkommandanten wohnte noch im Lager, und da er dort nichts Rechtes mehr zu tun hatte, verfiel er besonders leicht auf Allotria. So schoß er einmal bei hellichtem Tage in noch oder auch schon wieder angetrunkenem Zustand aus seinem Stubenfenster auf einen holländischen Gefangenen, der gerade auf dem Hof vorüberging, um diesen zum Zeitvertreib ,, umzulegen". Da dem Exkommandanten in seinem Zustand offenbar die Hand gezittert hatte, traf er schlecht und verletzte den Holländer lediglich, allerdings noch immer recht schwer, am Fuß. Infolge dieser Verletzung war der Fuß des Holländers, als ich den Bedauernswerten zu sehen bekam, derart angeschwollen, daß er etwa 5-6mal größer als ein normaler Männerfuß war und der Holländer an ihm keinen Schuh mehr tragen konnte, sondern sich zur Essenausgabe mit seinem trotz der Kälte völlig unbekleideten leidenden Fuß schleppen mußte. Als er sich dabei nach Ansicht eines der Siebenbürger Wachleute einmal nicht schnell genug bewegte, wurde er auch noch mit dem Koppel geschlagen. Der arme Holländer hatte ebensowenig verbrochen wie die meisten Angehörigen seiner und anderer ,, Ausländer- Aktionen" in Farge. Ebenso wie unsere beiden belgischen Stubenkameraden war er mit einer Anzahl seiner Landsleute nur verhaftet worden, um die niederländischen Zivilarbeiter in der Bremer Gegend einmal wieder gründlich in Respekt zu versetzen. Das hinderte aber nicht, daß er in Farge erheblich schlimmer daran war als ein im Zuchthaus sitzender Mörder, den bestimmt niemals ein Wächter als lebende Zielscheibe ungestraft hätte benutzen dürfen. Aber ein Zuchthaus ist ja auch kein Gestapogefängnis und die Wächter einer ,, ordentlichen" Strafanstalt auch kein ,, Wallensteins Lager". Er ließ dab Üben" au Produktion muskeln, di von uns w Wir Deutschen, die keine mehr sein sollten, waren in Farge einem bewaffneten Völkergemisch ausgeliefert, das nur angeblich aus„, Volksdeutschen" oder ,, Germanen" bestand. Die Lebensführung unserer Wächter war in Wirklichkeit ebensowenig deutsch oder germanisch, wie es die Zustände in dem historischen Lager Wallensteins auf dem Höhepunkt des 30jährigen Krieges gewesen sind. 16. Parade ,, Germanischer SS". ten gewese Dinge. Zur zu setzen, einmal so mando A Abgesehen davon, daß unsere Wächter weder deutsch zu sprechen, noch zu leben und zu denken vermochten, konnten sie nicht einmal 80 erst bei de einigermaß an einen und im ru schon bei rechts s Übung" lich lauter anderen C schwenke stand, of drucksvol genannte abseits st oft verpa des Wach ruhig we sich die Schwenk dringend nien wi Unterst das erst hindern diese E wie sich der Un ren, de Parade deren 6,, Imi's ıtmeister, amlet er- ie zweite dagegen immerhin m nächt- ‚ oft allzu npistolen s bei deutsch marschieren oder„auf preußisch exerzieren”. Der im Lager an- wesende Untersturmführer, der sehr für Äußerlichkeiten war, empfand dies als ein ernstes Manko. Er stand sicher auf dem Standpunkt, daß seine zusammengewürfelte Mannschaft, wenn sie auch schon die Front nie zu sehen bekam, doch im Kriege insoweit mit soldatischem Geist erfüllt werden müsse, daß sie es auf dem Exerzierplatz mit einer regu- lären Truppe der deutschen Wehrmacht einigermaßen aufnehmen könne. Er ließ daher die gesamte wachfreie Wachmannschaft eines Mittags zum „Üben“ auf dem Lagerhof antreten. Das Ergebnis dieser militärischen Produktion war erschütternd, und zwar nicht zuletzt für unsere Lach- muskeln, die wir als Zuschauer dieses Schauspiel umsäumten. Die meisten von uns waren im ersten Weltkrieg oder auch in diesem Kriege Solda- ten gewesen und die anderen hatten jedenfalls Blick für militärische Dinge, Zunächst war es kaum möglich, die Truppe überhaupt in Marsch zu setzen, da manche der Ausländer die deutschen Kommandos nicht einmal so weit verstanden, daß sie wußten, ob sie nun bei dem Kom- mando„Abteilung marsch!” sich bereits bei dem Wort„Abteilung“ oder erst bei dem Wort„marsch” in Bewegung zu setzen hätten. Als dies nun einigermaßen geklärt war, übergab der Untersturmführer das Kommando an einen„volksdeutschen” Wachtmeister, der aus Rumänien stammte und im rumänischen Heer gedient hatte, Dieser Wachtmeister versagte schon bei so einfachen Kommandos wie„links schwenkt marsch!” und „rechts schwenkt marsch!” so vollkommen, daß darüber die ganze „Übung“ zu Bruch zu gehen drohte. Ob bei ihm die Erinnerung an ähn- lich lautende rumänische Kommandos so überstark war oder ob das einen anderen Grund hatte, jedenfalls war er nicht davon abzubringen,„links schwenken!” und„rechts schwenken!” zu kommandieren, Da der Übel- stand, obwohl ihn der Untersturmführer ein halbes dutzendmal ein- drucksvoll rügte, immer derselbe blieb, befahl schließlich der Letzt- genannte dem ersien Glied seiner Kohorte so leise, daß es der etwas abseits stehende Wachtmeister nicht hören konnte, auf das nun schon so oft verpatzte Schwenkkommando nur zu reagieren, wenn es von seiten des Wachtmeisters reglementsmäßig gegeben werde und im anderen Falle ruhig weiter geradeaus zu marschieren. Was kommen mußte, kam: Als sich die Schar in Bewegung gesetzt hatte und das Kommando zum Schwenken schon im Hinblick auf die näherkommende Lagerumzäunung dringend notwendig wurde, kommandierte der Wachtmeister aus Rumä- nien wieder ‚links schwenken!”, worauf die Kohorte, dem Befehl des Untersturmführers gehorsam, stracks geradeaus weitermarschierte, bis das erste Glied— Befehl ist Befehl— ehe es der Untersturmführer ver- hindern konnte, mit Stiefeln und Hosen im Stacheldraht festsaß. Als auch diese Erfahrung den„volksdeutschen Wachtmeister” immer noch nicht, wie sich sofort darauf zeigte, über das richtige Kommando belehrt hatte, gab der Untersturmführer die Sache als hoffnungslos auf und ließ den Wacke- ren, der sichtlich befreit aufatmete, wieder ins Glied eintreten, Aus dem Parademarsch, den der Oberkommandierende dieser Übung sich als deren Krönung vorgestellt hatte, wurde nichts. Er brach bald resigniert a Imi a” 81 das ganze Abenteuer ab und ließ wegtreten. Wahrscheinlich hat er, der offenbar ein leidenschaftlicher Soldat war, bei dieser Gelegenheit traurig im stillen bei sich feststellen müssen, daß Germanen" doch noch immer keine Preußen sind. 17. Rübezahl, 19 Die bekannte Sage von Rübezahl, der die Rüben auf den Feldern zählen wollte und sich dabei immer wieder verzählte, hätte zur Nationalsage des in Farge befindlichen SS- Germanen- Volkes erhoben werden müssen. Immer wieder und nach immer neuen Systemen wurden die Häftlinge gezählt, und mir ist kein einziges Mal erinnerlich, bei der die Istziffer auf Anhieb mit der Sollziffer gestimmt hätte. Wenn die Siebenbürgen und Rumänen, die besondere Meister im Zählen waren, schlieẞlich gar nicht mehr weiterkamen, weil sie auch noch rechnen mußten, da während der Tageszeit, in der die Zählungen meistens stattfanden, ein großer Teil der Häftlinge auf den auswärtigen Baustellen war, griff meistens der Untersturmführer ein, mit dem Ergebnis, daß nach vielem Hin und Her eine Istziffer zwar einigermaßen zuverlässig festgestellt werden konnte, die aber dann fast immer noch geringer als die Sollziffer war, mit dem resignierten Schluß: ,, Es sind also wieder einmal einige auf und davon." Während wir in Farge waren, brachen jeden Tag durchschnittlich 2-5 Mann aus, an einem besonderen Unglückstage für die Lagerleitung waren es sogar 9. Mehr als höchstens die Hälfte der Flüchtlinge konnte trotz nachdrücklicher Verfolgung in den meisten Fällen nicht wieder eingebracht werden. Denn die Ausbrecher fanden, wenn es ihnen gelungen war, aus der nächsten Nachbarschaft des Lagers zu entkommen, in den nicht weit entfernten Lagern ausländischer Zivilarbeiter die weitgehendste Unterstützung; sie konnten sich dort gewöhnlich, was ja erstes Erfordernis für sie war, der Lagerkleidung entledigen und irgendeinen Zivilanzug, der dort für sie organisiert wurde, anziehen, auch bekamen sie meistens Verpflegung, mit der sie sich dann weiter forthelfen konnten. Trotz der recht grausamen Strafen, mit denen ein Fluchtversuch geahndet wurde Prügelstrafe, schwerer Arrest und tagelange Essenentziehung-, waren die Chancen doch so günstig, daß Ausbrüche sozusagen am laufenden Band stattfanden. Meistens zerschnitten die Häftlinge, die sich bei einbrechender Dunkelheit, statt die besonders streng bewachten Baracken aufzusuchen, zunächst in irgendeinem Winkel verbargen, nachts, möglichst bei Fliegeralarm, an einer günstig liegenden und von den Posten möglichst wenig eingesehenen Stelle den Stacheldraht mit Werkzeugen, die sie sich natürlich vorher für diesen Zweck mit allen möglichen Listen beschaffen mußten. Trotzdem wäre, wenn die Wachmannschaft immer ihre Pflicht getan hätte, eine Flucht, wie das Lager einmal angelegt war, gänzlich unmöglich gewesen. Da die Posten aber sehr oft lässig und wenig wachsam waren, gelang der Ausbruch immer wieder. Selbstverständlich wurden dann 82 auch Abe U ganz zu e tägli scha ältes sturn schie Kom und ausga vortr einig Kopf Gebe Aug meist bald stimm einzig stattg Ma er w der woch lich hätte dring Lage Zwei berü Fur dess Pati D giel Leb ein das Far zu S 6° t er, der it traurig ch noch Feldern Nationalwerden urden die ei der die e Sieben, schließn mußten, attfanden, war, griff ach vielem festgestellt e Sollziffer mal einige Tag durchge für die Hälfte der en meisten mer fanden, des Lagers scher Zivilort gewöhnledigen und iehen, auch weiter fortdenen ein und Arrest günstig, daß eistens zereit, statt die st in irgendm, an einer eingesehenen ärlich vorher ßten. Trotzgetan hätte, ch unmöglich chsam waren, wurden dann auch die verantwortlichen Wachleute mit schwerem Arrest bestraft. Aber auch das half nicht viel. Um das Zählen", das oft nach Stuben, oft nach der Belegschaft der ganzen Baracken und manchmal auch auf den Arbeitsstellen stattfand, zu erleichtern, kam der Untersturmführer schließlich auf den Gedanken, tägliche Appelle einzuführen, bei denen die gesamte Lagerinsassenschaft nach Stuben und Baracken geordnet anzutreten und die Stubenältesten ihre Belegschaft zu melden hatten. Hierbei hatte der Untersturmführer Gelegenheit, seiner Vorliebe für militärische Dinge die Zügel schießen zu lassen. Es war immer wieder ein Eindruck von seltener Komik, wenn ,, Stillgestanden" und ,, Augen rechts" kommandiert wurde und die Häftlinge vor dem SS- Offizier wie die Fronten eines zur Paroleausgabe angetretenen Regiments standen, während die Stubenältesten vortretend und vor dem ,, Kommandeur" gleichfalls strammstehend einige legten dabei in Erinnerung an ihre Militärzeit die Hand an ihre Kopfbedeckung, andere nahmen dieselbe dabei sogar ab wie zum Gebet ihre Meldung erstatteten. Wenn der ,, Befehlshaber" dann ,, Augen geradeaus" und ,, Wegtreten" kommandiert hatte, so gingen wir meist in dem heiteren Bewußtsein davon, daß dieselbe ,, Übung" sehr bald wiederholt werden würde. Meistens traf das auch ein: Die Ziffer stimmte einmal wieder ganz und gar nicht. Manchmal haben an einem einzigen Nachmittag drei oder vier solche feierlichen Rübezahl- Appelle stattgefunden. 18. Farger Charakterköpfe. a) Herr C. - Manchmal wurde er der ,, ungekrönte König des Lagers" genannt, und er war tatsächlich etwas Ähnliches. Er konnte sich, trotzdem sein vor der Verhaftung erlittener Betriebsunfall er hatte zwischendurch wochenlang im Bremer Untersuchungsgefängnis gesessen schon erheblich zurücklag, nur mühsam auf seinen Stock gestützt bewegen. Man hätte denken sollen, daß er in seinem leidenden Zustand Hilfe anderer dringend nötig gehabt hätte. Tatsächlich gab es aber kaum jemanden im Lager, dem nicht vielmehr er aus irgendwelchen Schwierigkeiten oder Zweifeln half. Der Arzt, der ihn vor seiner Verhaftung behandelte, ein berühmter Professor, der aber auch als solcher vor der Gestapo gehörige Furcht gehabt haben muß, hatte, als er über die Haftfähigkeit C's. bei dessen Festnahme befragt wurde, die delphische Auskunft gegeben, sein Patient sei ,, haftfähig, aber liegend". Dieses merkwürdige medizinische Gutachten hat C. in Farge ausgiebig auszunutzen verstanden. Er führte persönlich sozusagen das Leben eines Grandseigneurs. Selbst auf unserer Elitestube war er der einzige, der eine Einzelbettstelle, und zwar ein eisernes Feldbett besaß, das sogar mit Bettwäsche bezogen war und in dem C. sich den in Farge unvorstellbaren Luxus gestattete, mit einem Schlafanzug bekleidet zu schlafen. Morgens stand er selten vor 29 Uhr auf. Wenn er nicht in 6° 83 1 auch das ein heißes der Laune war oder wenn er, was leider noch oft vorkam, tatsächlich schlimme Schmerzen in seinem leidenden Bein hatte, blieb er auch bis Mittag liegen und frühstückte im Bett. Vorher pflegte er jedenfalls für einen Häftling dort ein unerhörter Luxus Wannenbad zu nehmen oder sich, wozu er dann mehrere von uns mitnahm, im Waschhaus gründlichst abzuduschen. Sein Frühstück nahm er selten vor 10 oder 11 Uhr ein. Demselben zuzusehen, war inmitten der Farger Umgebung ein ganz besonderer ästhetischer Genuß. Ich habe es oft mit dem Morgenfrühstück des Fürsten Metternich in dem einmal sehr bekannt gewesenen Film„ Der Kongreẞ tanzt" verglichen. Es vollzog sich mit Weißbrot, Butter, Marmelade und anderen guten Sachen, die C. stets vorrätig hatte, gravitätisch, dabei maẞvoll und im ganzen als eine Art weihevoller Handlung. Auch wir hatten ja schließlich gute Sachen von daheim mitgebracht, aber wir waren in der Umgebung, in der wir uns befanden, viel zu nervös, um das Tempo, das C. bei seinen morgendlichen Verrichtungen entwickelte, zu dem unsrigen machen zu können, auch wenn wir an dem einen oder anderen Tage hierzu Gelegenheit gehabt hätten. Es ist öfter vorgekommen, daß der Kommandant gerade, wenn C. seinen Morgenimbiß einnahm, auf unserer Stube erschien. Auf das Kommando ,, Achtung!", das dann seitens des Stubenältesten zu ertönen hatte, worauf sich alle Anwesenden erheben mußten, blieb C. meistens im Hinblick auf sein Leiden sitzen und ließ sich auch keineswegs darin stören, in dem Verzehr seines Frühstücks in der vorher geübten Weise fortzufahren. Dem Kommandanten stieg jedesmal dabei der Zorn hoch, aber er sagte meistens nichts, bis er eines Tages doch explodierte, wobei er dennoch einem indirekten Angriff den Vorzug gab, da er mit direkten Beanstandungen des lukullischen Frühstücks schon früher an der gelassenen Antwort C's., sein Arzt habe ihm dies eben so verordnet, gescheitert war. Wenn C. nämlich Roggenbrot, insbesondere das im Lager zur Ausgabe gelangende Brot, aß, so pflegte er es vorher auf dem Stubenofen anzurösten. Der Kommandant, der nun unbedingt einmal etwas sagen mußte und sich auf diesem Gebiet als ehemaliger Bäckerlehrling für sachverständig halten konnte, stelzte also auf den Ofen zu, sah sich das dort getoastete Graubrot an und sagte zu C. in wütendem Tone: ,, Sehr unzweckmäßig das, solches Brot zu rösten! Ist geradezu gesundheitsschädlich!" C. erwiderte darauf, ohne eine Miene zu ziehen: ,, Ich esse Graubrot so schon seit 18 Jahren, habe bisher die Verantwortung für meine eigene Ernährung selber tragen können und gedenke, dazu auch zukünftig imstande zu sein, Kommandant!" Entgegen meiner Annahme, daß nun ein ganz großes Gewitter losbrechen werde, stand der Kommandant noch eine Weile schweigend und ging dann, da ihm offenbar keine passende Antwort einfiel, schnurstracks davon, indem er die Tür unserer Stube, in der alsbald ein viels timmiges Gelächter erscholl, krachend hinter sich zuwarf. verC. hatte sich so etwas in Farge keineswegs von Anfang an leisten können und die Stellung, die er im Lager hatte, sich erst nach heftigen 84 Kämpf dem hatte vom H manda SO VO Einwe lassen haupt ohne ja tota im Bre ziefer lieferu Läuse weil d laust mehr sich, u barack von F sucher kelhei gar ni einen dem B achter einen Revol Schni wiede auf d ängst ohne gewa leitur sonst seine C. der teil ten Gef hat ihm bet insa chlich bis dem tend ‚ütel Kämpfen mit dem Kommandanten erworben. Angefangen hatte es mit dem„Haarschnitt“, In der Einlieferungsanweisung der Gestapo für C., hatte es ausnahmsweise geheißen, daß er nicht eingekleidet und auch vom Haarschnitt verschont werden solle. Trotzdem verlangte der Kom- mandant sofort, daß C, sich die Haare schneiden lassen solle, und zwar „so völlig, wie es sich für einen Häftling gehöre”, C, berief sich auf seine Einweisungsorder und erklärte, daß er sich die Haare nicht schneiden lassen werde. Der Kommandant, dem solcher Widerstand damals über- haupt noch nicht begegnet war, zog den Revolver. Als auch dies auf C, ohne Eindruck blieb, erklärte er:„Werde Sie untersuchen lassen! Sind ja total verlaust‘‘. Nun hatte C, durch seinen wochenlangen Aufenthalt im Bremer Untersuchungsgefängnis tatsächlich von dem dortigen Unge- ziefer sich nicht freihalten können, Es war ihm aber nach seiner Ein- lieferung in Farge durch latkräftige Reinigungsmaßnahmen gelungen, die Läuse völlig los zu werden. Trotzdem stellte der deutsche Lagerarzt, weil der Kommandant es so wollte, ein Gutachten dahin aus, daß C, ver- laust sei. Der Kommandant verlangte auf Grund dieses„Gutachtens” nun- mehr nochmals den Haarschnitt. C, weigerte sich nochmals und verbarg sich, um dem Wütenden zu entgehen, in der Nachbarschaft der Wasch- baracke, Der Kommandant machte darauf die ganze Wachmannschaft von Farge und ferner seinen besonders scharfen Hund mobil, um C, zu suchen. Die ganze Umgegend des Lagers wurde in der abendlichen Dun- kelheit abgestreift und C., der den von ihm gewählten Platz im Lager gar nicht verlassen hatte, erst nach langem Suchen gefunden, Es gab einen fürchterlichen Auftritt, bei dem sich C. zum dritten Male weigerte, dem Begehren des Kommandanten nachzukommen, da das ärztliche Gut- achten unzutreffend sei. Der Kommandant ließ darauf den Lagerfrisör, einen französischen Häftling, kommen und C, mit ständig vorgehaltenem Revolver die Haare schneiden, wobei er sich jedoch mit„preußischem Schnitt" begnügte, Die Standhaftigkeit, die C,, der sich alsbald die Haare wieder lang wachsen ließ, bei dieser Gelegenheit bewiesen hatte, war auf den Kommandanten, der besonders unter den Arbeitshäftlingen nur ängstliche und zitternde Gestalten um sich zu sehen gewohnt war, nicht ohne Eindruck geblieben, Er hatte gegen C, nichts mehr zu unternehmen gewagt und zog ihn zu Arbeiten nur heran, wenn es sich um die„Ober- leitung” eines„Einsatzes handelte, zumal sich C. gegenüber allen sonstigen Zumutungen auf seinen leidenden Zustand berief und auf Grund seines merkwürdigen Haftfähigkeitsattestes auch berufen konnte, C, hatte nicht nur einen starken Willen, sondern auch, wie wir es von der ersten Stunde unseres Farger Aufenthaltes ab erfahren hatten, ein teilnahmsvolles Herz. Diese so selten bei denselben Menschen vereinig- ten Eigenschaften hatten seine einzigartige Stellung unter den Farger Gefangenen begründet, Nicht nur wer Sorgen oder irgendein Anliegen hatte, sondern auch wer ihm irgendeinen Gefallen tun konnte, kam zu ihm, und ein solcher Gefallen bestand dann sehr häufig darin, daß der betreffende Bereitwillige auf Empfehlung von C, einem anderen Lager- insassen irgendwie zu helfen hatte, C,, von einer Elternseite her italieni- 85 scher oder jedenfalls mittelmeerländischer Abstammung, war ein guter Europäer" im Sinne Nietzsches. Er wußte in Farge mit allen Völkern Europas aufs beste fertig zu werden. Mit der biederen Treuherzigkeit der Iren stand er auf ebenso gutem Fuße wie mit der Lebhaftigkeit der Franzosen und Belgier oder mit dem sprühenden Temperament der Italiener. Er wußte überall den richtigen Ton zu treffen und bei sämtlichen Schwierigkeiten, wenn es sich nicht gerade um etwas ganz Unmögliches handelte, einen Ausweg oder eine Auskunft zu finden. Wenn irgend etwas im Lager schief ging, so hieß es ganz allgemein: ,, C. wird das schon irgendwie wieder in Ordnung bringen". Wenn jemand eine Eingabe an die Gestapo oder eine sonstige Behörde zu machen hatte, C. verfaßte sie ihm; wenn ein Lagerinsasse mit seinem Latein zu Ende war, C. beriet ihn; wenn ein Unglücklicher die Nerven verlor, C. beruhigte ihn. Bei Dingen, die auch er nicht ändern konnte, wußte er den Betroffenen zum mindesten meisterhaft zu trösten oder gar aufzuheitern. Unsere Schicksalsgenossenschaft hat diesem Mann, dessen Weg sich bald von dem unseren trennte, dessen Name aber auch danach noch oft in unserer Mitte erklang, auf der ganzen weiteren Verbannungsfahrt ein dankbares Andenken bewahrt. b) Der Kommandant. Er war Scharführer in der SS und als solcher von der Gestapo zum Lagerführer ernannt worden. Von Hause aus war er, wie bereits erwähnt wurde, Bäcker, der jedoch seine Lehre zugunsten eines unteren SSFührer- Postens vorzeitig abzubrechen vorgezogen hatte. Er war weit über das normale Durchschnittsmaß lang aufgeschossen und sehr schmal gebaut. Seine Haltung war schlecht. Er stelzte in den Schaftstiefeln, die er ständig trug, stets mit nach vorn gebeugten Schultern einher, wobei er den Zeigefinger seiner rechten Hand über und den Mittelfinger unter den zweiten Knopf seiner Jacke zu schieben pflegte. Aus seinem Gesicht und besonders aus seinen harten kleinen Augen sprach eine empfindungslose Seele. Er war, wie es für manche Ostfriesen typisch ist, nicht nur geistig schwerfällig, sondern intellektuell geradezu unbeweglich. Er hatte eine unangenehm knarrende Stimme. Er war auch darin extremer Nationalsozialist, daß es für ihn nur urplötzliches und unmittelbares Handeln, aber keine Überlegung gab. Er war deswegen die Verzweiflung seiner Untergebenen und der mit irgendeinem Verwaltungsposten betrauten Häftlinge, da er stets völlig unberechenbar war und blieb. Niemand wußte bei irgendeiner Verrichtung im Lager, ob nicht der Kommandant völlig unerwartet auftauchen konnte und alles durcheinander bringen würde. Die Häftlinge waren für ihn bloß Nummern, die für ihn alle das eine gemeinsam hatten, daß er sie sämtlich verachtete. Er war ein Gefängnisdirektor, wie er stets gefürchtet werden muß. mit dem wies dies zurück. Al stieg, sagt Besonders kennzeichnend war für ihn folgender Vorfall. In der ersten Zeit der Anwesenheit des C. in Farge war zwischen beiden das für C. so gefährliche Geplänkel über den Haarschnitt desselben weitergegangen. Da das Haupthaar C's. wieder wuchs, so kam der Kommandant wiederholt 86 denn für e geschoren reist und um so syn geglichen der Komm von C's. Nach dies masse ge gedacht!" Trotz alle Kommand Die tief Denken k in denen sonderen Jurist ger an und bl aussah w meistens a irgendwel schimpfte Mein S das Auftr machen. einem Ko Arsch" ti Farge, ab Wenn Lü nachmack wurde, a in das K war, we Zwecke wurden. halter b mandan schien: denke ja über das haft und ter Häft Beinen H сег rn eit Her Her mtJnenn ird ine tte, de beden ern. ald in ein zum hnt SSweit mal die obei nter sicht pfinnicht Er emer Dares flung beNieKomander ir ihn rwar ersten Für C. angen. erholt mit dem Ansinnen, daß der Frisör wieder in Tätigkeit treten müsse. C. wies dies mit seiner bekannten lächelnden Standhaftigkeit immer wieder zurück. Als der Kommandant sich aber wieder einmal zu Drohungen verstieg, sagte ihm C. schließlich, er verstände eigentlich gar nicht, was er denn für ein Vergnügen daran haben könne, daß auch C. die Haare kurz geschoren trage. Der Kommandant sei sicher auch schon manchmal verreist und habe von den durch ihn besuchten Städten doch zweifellos ein um so sympathischeres Bild erhalten, je weniger die eine der anderen geglichen habe. Mit Menschen sei es ganz ebenso, und deswegen könne der Kommandant nun wirklich nichts dagegen haben, daß der Schnitt von C's. Haupthaar von demjenigen der übrigen Häftlinge abweiche. Nach dieser einleuchtenden Darlegung hat der Kommandant eine Grimmasse geschnitten, verachtungsvoll gesagt: ,, Da haben Sie ja nachgedacht!", hat C. den Rücken gewandt und ist seines Weges gegangen. Trotz aller seiner Geringschätzung des ,, Nachdenkens" ist allerdings der Kommandant auf C's. Haarschnitt seitdem nicht wieder zurückgekommen. Die tief eingewurzelte Feindschaft des Kommandanten gegen alles Denken kam auch immer wieder darin zum Ausdruck, daß er Häftlinge, in denen er irgendwie Intellektuelle vermutete, mit seiner ganz besonderen Abneigung beehrte. In diese Lage war auch ich als Doktor und Jurist geraten. Ich brauchte nur seinen Weg zu kreuzen, dann lief er rot an und blies dazu noch seine breite Oberlippe auf, wobei er so ähnlich aussah wie ein Puter, der im Begriff ist, loszukollern. Es kam dann meistens auch dazu, daß er mich als Drückeberger, Herumsteher oder mit irgendwelchen ähnlichen wenig schmeichelhaften Bezeichnungen beschimpfte. Ich ging ihm so weit wie möglich aus dem Wege. Mein Schicksalsgenosse Lüders, der auf unserer Stube wohnte, konnte das Auftreten und die Sprechweise des Kommandanten meisterhaft nachmachen. Lüders war im ersten Weltkrieg Gefreiter und Ordonnanz bei einem Kompanie chef gewesen, der ihn, wie er erzählte, ständig ,, Gefreiter Arsch" tituliert hatte und auch so ein Kaliber wie der Kommandant von Farge, aber doch bei weitem noch nicht so schlimm gewesen sein sollte. Wenn Lüders das Auftreten und die Sprechweise der beiden Koryphäen nachmachte, so lachten wir immer wieder Tränen. Und gerade Lüders wurde, als der Sanitäter des Lagers erkrankte, als dessen Stellvertreter in das Krankenrevier befohlen, wo der Kommandant ständig anwesend war, wenn der deutsche Lagerarzt kam, und zwar besonders zu dem Zwecke, um zu verhindern, daß zu viele Häftlinge krank geschrieben wurden. Lüders war, wie der Kommandant wußte, langjähriger Buchhalter bei einer Bremer Bank. Trotzdem war die erste Frage des Kommandanten an Lüders, als dieser im Sprechzimmer des Lagerarztes erschien: ,, Können Sie schreiben?" Lüders hat darauf geantwortet: ,, Ich denke ja". Er brachte dann aus dem Ordinationszimmer einen Bericht über das dortige Verhalten des Kommandanten mit, der zum Teil grauenhaft und zum Teil grotesk war. Zum Beispiel hatte ein völlig entkräfteter Häftling, der nahe am Verhungern war, sich nicht mehr auf den Beinen halten können und war vor dem Kommandanten und dem Arzt 87 - langhin auf den Boden geschlagen, wo er eine Art Krämpfe bekam und ständig die Augen verdrehte. Der Lagerarzt erklärte achselzuckend, der Mann sei völlig unterernährt und leide an einer Darmkrankheit, die man wohl als Hungertyphus bezeichnen könne. Der Kommandant hat diese gegen die Lagerverpflegung gerichtete vorsichtige Äußerung des Arztes völlig unbewegten Gemehr konnte dieser nun einmal nicht tun sichts und ohne etwas dazu zu äußern, entgegengenommen. Dieses Verarme Verhungerte halten hatte Lüders zutiefst empört, zumal der Schaum vor den Mund bekam und seine Augen bereits so aussahen, als ob sie brechen wollten. Lüders hat darauf dem Mitleidslosen zugerufen: ,, Aber der Mann stirbt doch, Herr Kommandant!" Der Lagergewaltige ist dann einige Schritte in seiner üblichen Haltung mit der rechten Hand zwischen den Jackenknöpfen vor den unter ihm liegenden Haufen Elend herangetreten und hat geknarrt: ,, Der Kerl will tatsächlich verrecken, aber er tuts doch noch immer nicht!" Tatsächlich hat der Todeskampf des Unglücklichen noch eine Weile gedauert, und der Kommandant hat dieses Schauspiel mit derselben interessierten Ruhe beobachtet, mit der eine Spinne auf die Zuckungen eines Insektes blickt, das sich in ihrem Netz rettungslos verfangen hat. Lüders war ganz flammende Empörung, als er uns diese Geschichte erzählte, Mich hat sie nicht besonders wundern können, denn sie entsprach völlig dem Wesen des Kommandanten, wie es mir schon nach kurzer Zeit deutlich geworden war, Auch der Gestapo wurde aber manches, was sich ihr Lagerführer leistete, schließlich doch zu toll. Besonders die unsachgemäße Behandlung der Lagervorräte und vor allem der Kartoffeln dürfte ihm seinen Posten gekostet haben. Er wurde von einem Tag auf den anderen von Farge wegversetzt und fiel, wie es im Nazistaat in derartigen Fällen geschah, die Treppe hinauf, indem er als Gefängnis direktor nach Wilhelmshaven berufen wurde. Das ganze Lager war heilfroh, ihn los zu sein. Die wenigen Tage, die wir noch ohne ihn in Farge waren, kamen uns beinahe wie eine Erholung vor. Es war schon eine Wohltat, morgens auf unseren Strohsäcken ausschlafen zu können, ohne die verhaßte Stimme dieses Menschen, der diesen Namen gar nicht verdiente, zu hören. c) Der Untersturmführer. Es konnte schwer entschieden werden, ob er bei näherer Betrachtung und Bekanntschaft nicht doch noch unsympathischer als der sogenannte Kommandant war. Dieser war ein Schweinehund, aber was er war, das war er ganz; wir wußten zwar, daß wir stets nur Böses von ihm zu erwarten hatten, aber wir konnten damit klar rechnen. Der Untersturmführer dagegen war ein charakterlicher Schwächling und entsprach ohne Frage als Mann weit weniger den SS- Idealen, die er ständig im Munde führte, als der Kommandant. Er kehrte nach außen immer wieder auch gegenüber den Häftlingen den verständnisvollen und sogar hilfsbereiten Menschenfreund hervor, während er insgeheim, ein typischer ehemaliger Kriminalbeamter, recht gefährlich werden konnte, 88 wenn nur Figur phil Vorg wede Er Wes dant anwe saß, dara lich Revis führe mach in ihr selber abend zog e uns, nahm gewo den mal kaum höchs Häftl zugle und alle Brem auch versu teil z sturm und hatte setze aben Arbe Baus Mor wurd auf d sah gege und , der man diese Arztes GeVergerte n, als rufen: waltige Hand Elend ecken, Todesmmanachtet, s sich mende ht been des worden führer ehandseinen en von len gehelmsein. Die ns beiens auf Stimme achtung enannte war, das ihm zu Unteratsprach ndig im er wied sogar in typikonnte, wenn man ihm gegenüber etwa zu vertrauensselig wurde. Er hatte nicht nur militärisch, sondern auch ,, menschlich" stets das Bestreben, gute Figur zu machen. Wenn es sich aber darum handelte, irgendwelche ,, philantropischen" Gesichtspunkte gegen den leisesten Widerstand von Vorgesetzten oder auch von Untergebenen durchzusetzen, wich er entweder von vornherein aus oder versagte jedenfalls völlig. Er und der Kommandant waren, wie es bei den Gegensätzen ihres Wesens auf der Hand liegt, einander spinnefeind. Solange der Kommandant, der nur Sergeanten- oder höchstens Feldwebelrang hatte, in Farge anwesend war, konnte sich der Untersturmführer, der Leutnantsrang besaß, überhaupt nicht gegen ihn durchsetzen. Der Kommandant fußte darauf, daß die Lagerführung seine Sache sei und der ihm doch eigentlich vorgesetzte Untersturmführer lediglich den Verwaltungsposten eines Revisionsbeamten bekleide. Es war kennzeichnend für den Untersturmführer, daß er gegenüber diesem recht eigenartigen Sachverhalt völlig machtlos war und blieb. Seinen Zorn auf den Kommandanten, der sich in ihm jeden Tag reichlich aufspeicherte, den er aber dem Objekt desselben gegenüber nicht zu äußern wagte, reagierte er bei ausgedehnten abendlichen Besuchen ab, die er auf unserer Elitestube machte. Dort zog er in stundenlangen Gesprächen mit den politischen Häftlingen und uns, insbesondere mit C., den auch er besonders verehrte, alle Maẞnahmen und Äußerungen des Kommandanten, die ihm irgendwie bekannt geworden waren, ins lächerliche. Ständig hieß es ,,, der Lange", wie er den Kommandanten auch uns gegenüber meist nannte, hat wieder einmal diese Dummheit gemacht und jenen Blödsinn geäußert: Eine wohl kaum je dagewesene Sache, daß in einem Gefangenenlager sich der höchste anwesende Bewachungsoffizier in ausgedehnten Diskussionen mit Häftlingen über das Verhalten seines rangnächsten Untergebenen und zugleich seines Kameraden in der rücksichtslosesten Weise lustig macht und beschwert. Wir sind zum Beispiel von dem Untersturmführer über alle Maßnahmen, die er bei seiner vorgesetzten Gestapo- Behörde in Bremen traf, um den Kommandanten zu stürzen, was ihm schließlich ja auch gelang, vorher aufs genaueste unterrichtet worden! Wir haben auch versucht, von der Feindschaft der beiden Lagerkommandierenden Vorteil zu ziehen, was uns aber meistens nicht gelungen ist, da der Untersturmführer, wenn es einmal darauf ankam, nicht zu seinem Worte stand und Versprechungen, die er uns Häftlingen leichtsinnigerweise gemacht hatte, gegen den harten Willen des Kommandanten niemals durchzusetzen wagte. So hatte er uns einmal bei einem seiner ausgedehnten abendlichen Besuche auf unserer Stube erklärt, wir seien ,, freie deutsche Arbeiter" und brauchten daher die Zwangsarbeit auf den auswärtigen Baustellen des Lagers nicht mitzumachen. Als wir dann am nächsten Morgen zum Ausmarsch nach dem Ölbunker aus unseren Betten geholt wurden, stand der Untersturmführer dabei, als wir, vom Kommandanten auf das gröblichste beschimpft, durch das Lagertor abziehen mußten. Er sah es und sah schleunigst fort, weil er kein Wort dazu oder gar dagegen sagen mochte. 89 Er war auch sonst in seinen Äußerungen sprunghaft und völlig unzuverlässig. Einem meiner Schicksalsgenossen hatte er einmal erklärt, derselbe sei ein ,, freier Mann", auch in Farge. Als dieser Kamerad noch am gleichen Tage von seiner Frau besucht wurde, erklärte der Untersturmführer dieser Dame ,,, ihr Mann sei nun einmal Gefangener und sie müsse sich damit abfinden". Der Untersturmführer gehörte zu den SSLeuten, die damals nachts schon böse Träume und Alpdrücken von dem Gedanken bekamen, der Krieg könne verlorengehen. Diese Angst kam bei ihm auch am Tage manchmal in einer Weise zum Ausdruck, daß er sich dabei um seinen Hals reden konnte. Er hatte einmal in unserer Stube großartig davon gesprochen, daß der Krieg trotz aller Gefahren, die das Dritte Reich bedrohten, gewonnen werden würde und gewonnen werden müßte. Wenige Stunden darauf sagte er zu einem meiner Kameraden und dessen Frau, die gerade zu einem Besuch nach Farge gekommen war, der Krieg sei endgültig verloren, über welche Äußerung aus diesem Munde das betreffende Ehepaar natürlich in Staunen erstarrte. Im Hinblick auf Frauen war der Untersturmführer völlig direktionslos. Er war u. a. in Fräulein Blanchard, die Verlobte des einen auf unserer Stube wohnenden Belgiers, bis über die Ohren verschossen und es verging eigentlich kein Abend, an dem er nicht einen Hymnus auf die Schönheit dieser Dame in Anwesenheit von deren Bräutigam von sich gab, mit dem immer wieder beredt ausgedrückten Wunsche, an dessen Stelle zu sein, ohne daß er sich dabei bewußt wurde, wie lächerlich er sich damit machte, zumal ja bekanntlich für irgendwelche Beziehungen der fraglichen Art zwischen Deutschen und Ausländern damals gerade seitens der durch ihn vertretenen Gestapo das Konzentrationslager verhängt wurde. Er war sehr unglücklich verheiratet und ersparte uns keine noch so kleine Einzelheit seines Eheromans und der Vorwürfe, die er gegen seine Gattin zu erheben hatte, welche es vorzog, von ihm getrennt in Süddeutschland zu leben. Er dachte, mit alledem geistreich zu sein und war es ganz und gar nicht, und ich muß sagen, daß mir der Kommandant mit seiner brutalen Ablehnung und Verachtung alles Geistigen denn doch noch lieber war. von der H sie danac Zwei Vorfälle warfen ein besonders grelles Licht auf die Wesensart des Untersturmführers: Er bewachte uns inhaftierten ,, Judenmischlinge", was ihn aber keineswegs hinderte, sich in dem Haus eines unserer Schicksalsgenossen, der aus dem Ort Farge stammte und bei uns im Lager saẞ, zu einer Hochzeit einladen zu lassen, die dort zwischen der Tochter der Familie, einem ,, Judenmischling 2. Grades"( also nur mit 25- prozentigen jüdischen Blutsanteil) und einem Arier stattfand. Allein dies hätte ihm nach den Gesetzen der SS nicht nur seinen Offiziersrang, sondern auch das Leben kosten müssen. Nicht genug damit, hatte sich aber auf der besagten Hochzeit sein leicht entzündliches Herz für ein junges Mädchen, das ,, Mischling 1. Grades", also in der Lage von uns in Farge sitzenden Imis war, derart entflammt, daß er die junge Dame, deren Abstammung er genau kannte, weil ihr einer Bruder in Farge war, nicht nur 90 Er war Weltansc geschilder für ihn re Einer der aber auf von uns hatten, e nach sein führer ful Wesermü Farge zur einen vol Verhalten blieb äuß sten Lage auch bei grausame trationsla führer, w brauche Sache kl traggeber die Ans sturmführ davon al und wir in Vorau indem er Als es Lagerko er uns e nächsten noch gar wurde, h verpflich schwätzi lich, übe stellung würden, eine Stu rühmten er einem fügung d könne ja irt, ch er- sie nsart ges seret ‚age chter „pr0” dies son“ ber unges Farge ‚g nuf von der Hochzeitsfeier in der Dunkelheit nach Hause begleitete, sondern sie danach auch nachts noch zu wiederholten Malen zärtlich besucht hat! Er war, wie viele Nationalsozialisten, ein Vertreter der sogenannten Weltanschauung nur in Worten, nicht aber in Taten. War der vorstehend geschilderte Vorfall, von dem viele von uns im Lager Kenntnis erhielten, für ihn recht gefährlich, so war ein anderer für uns nicht ungefährlicher. Einer der politischen Häftlinge, der zwar nicht auf unserer Elitestube, aber auf einer der anderen Stuben wohnte, in denen Schicksalsgenossen von uns weilten, die ihm ständig großes Vertrauen entgegengebracht hatten, ergriff plötzlich die Flucht und es gelang ihm, aus dem Lager nach seiner Heimatstadt Wesermünde zu entkommen, Der Untersturm- führer fuhr— völlig ungewöhnlich in solchem Falle— persönlich nach Wesermünde, fand den Mann in seiner Wohnung und brachte ihn nach Farge zurück, wobei er uns am nächsten Abend erzählte, der Mann habe einen vollkommenen Nervenzusammenbruch gehabt, woraus allein sein Verhalten zu erklären sei. Dies wär an sich wohl zutreffend, aber es blieb äußerst merkwürdig, daß der Flüchtling nicht nur durch den höch- sten Lageroffizier persönlich wieder eingeholt worden war, sondern daß auch bei ihm von allen sonst gegenüber Fluchtversuchen verhängten grausamen Strafen völlig Abstand genommen wurde. Auch ins Konzen- trationslager wurde der Mann nicht weitergeschickt, da der Untersturm- führer, wie er unvorsichtig sehr bald danach äußerte,„ihn in Farge ge- brauche und dort nicht entbehren könne”. Damit war allerdings die Sache klar: Der betreffende Häftling war ein Spitzel, der seinem Auf- traggeber alles, was er im Lager sah und hörte, berichtete, und auch über die Anschauungen unserer Schicksalsgenossenschaft wird der Unter- sturmführer auf diesem schönen Wege allerhand erfahren haben. Er hat davon allerdings uns gegenüber keinen sichtbaren Gebrauch gemacht und wir haben bei ihm sehr oft das Gefühl gehabt, als suche er bei uns in Voraussicht des nahenden Zusammenbruchs eine Rückversicherung indem er uns zum mindesten mit Worten stets„menschlich behandelte“. Als es ihm endlich gelungen war, bei der Gestapo in Bremen den Lagerkommandanten zu stürzen, um dessen Posten zu erhalten, erzählte er uns eines Abends brühwarm von dieser großen Veränderung, die am nächsten Tage bevorstand, während der Kommandant, der die Verfügung noch gar nicht erhalten hatte, mit der er nach Wilhelmshaven versetzt wurde, hierüber noch in völliger Unkenntnis war, Der Untersturmführer verpflichtete uns Insassen der Elitestube, nachdem er sich recht ge- schwätzig über die Zukunft des Lagers ausgelassen hatte, sozusagen eid- lich, über seine Eröffnungen zu schweigen, da, wenn dieselben vor Zu- stellung des Versetzungsbescheides an den Kommandanten bekannt würden, dies ihm seine Offiziers-Achselstücke kosten könne. Noch nicht eine Stunde später vergaß sich der Untersturmführer bei einem der be- rühmten Appelle vor der Front der versammelten Häftlinge so weit, daß er einem Wachtmeister, als dieser ihm eine ihm nicht genehme Ver- fügung des Kommandanten mitteilte, laut anschrie:„Sagen Sie ihm, er könne ja nun nach Wilhelmshaven gehen und dort derartige Anordnungen 9 treffen!" Damit war, was uns kurz vorher als ein ängstlich zu hütendes Geheimnis mitgeteilt worden war, dem ganzen Lager bekannt geworden. d) Ein gefühlvoller Wachtmeister. Er war Däne von Geburt und liebte nicht nur den Wein, sondern auch die Frauen und beides auf recht wüste Art. Er war ungefähr 25 Jahre alt und ein rechter Tunichtgut, der seinen Eltern bestimmt nicht nur damit, daß er ihnen zur germanischen SS entlaufen war, große Sorge gemacht haben wird. Auch er war ein eifriger, meist allabendlicher Besucher unserer ,, Elitestube". Besonders C. und meinem Schicksalsgenossen Lüders, dessen komische Soldatengeschichten aus dem ersten Weltkrieg er gern hörte, war er sehr zugetan. Er suchte etwas darin, sich in jeder Beziehung als ein großes Rauhbein und ein noch größerer Wüstling zu geben, und zwar als ein wesentlich größerer, als er tatsächlich war. Daß er jede Nacht ,, blau" war, wenn auch nach seinen Angaben nicht so blau wie der Kommandant, verstand sich von selbst. Er hatte aber auch fast jeden Abend wieder eine andere Geliebte und ersparte uns selten eine genaue und wenig zarte Beschreibung derselben. Einer unserer Schicksalsgenossen, der im bürgerlichen Leben Schildermaler von Beruf gewesen war, mußte ihm einen Rahmen, in den die Bilder der von ihm angebeteten weiblichen Wesen hineinkamen, geschmackvoll ausstatten. Der betreffende Schicksalsgenosse malte unten auf dem polierten Holzrahmen ein gewaltiges rotes Herz, das an die weltbekannte Kaffee- Hag- Reklame erinnerte, mit der schöngesetzten Inschrift ,, Behalt mich lieb!" Dieser Rahmen fand den begeisterten Beifall des liebereichen Wachtmeisters, obwohl die Inschrift eigentlich nicht so recht paẞte, da der Rahmen ein Wechselrahmen im wahrsten Sinne des Wortes war und mindestens alle paar Tage ein anderes Mädchenfoto beherbergen mußte. In seiner Rauhbeinigkeit sah unser Wachtmeister auch etwas darin, ständig den Eindruck zu erwecken, als ob er bei den von ihm geliebten Frauen nicht in letzter Linie materielle Vorteile erstrebe. Die eine mußte ihm eine Armbanduhr, die andere eine Kragennadel, die dritte seidene Taschentücher schenken und so fort. Wenn es ihm einmal schwer fiel, eine seiner Damen so schnell wie er es gewöhnlich wünschte, wieder loszuwerden, was besonders kurz nach Empfangnahme eines der vorgenannten wertvollen Geschenke sicher meist nicht einfach war, so spielte er den Schwerkranken, was er uns dann meisterhaft vorimitierte. Wenn diejenigen seiner kurzfristigen Freundinnen, die so viel Haare auf den Zähnen hatten, daß sie sich überhaupt ins Lager hineingetrauten, ihm dort einen Besuch machten, um ihn an seine allzu schnell erkalteten Gefühle zu erinnern, so lag er, wenn ihm durch den Posten eine solche ,, Belästigung" gemeldet wurde, alsbald auf seinem Bett und lallte, die Augen verdrehend, wie ein Irrsinniger, so daß selbst die tapferen Damen, die bis dahin gekommen waren, schleunigst die Flucht ergriffen. zu Hause treffende einladen Er hatte eine geradezu krankhafte Vorliebe für Kuchen und war naschhaft wie ein Backfisch, Wenn jemand von uns in einem Paket von 92 ihm auff er meiste Erzählun Derselbe konnte, der in di los wie stiefel z stürzte. Unser dem End hatte er druck ka daß das es ein w diesseitig offenbar unserer S Sie, wen Philosop unruhiger wandelte mit Sch ihm, zug nichts; e hinkomm von ebe sich den funden künftiger jetzigen ohne da ihm auf in einer er sich rungsver abgeseh Tode e Existenz samten schrock wichen. jedenfal Abend ndes zu Hause Kuchen bekommen hatte, so saß er bestimmt bald bei dem Be- treffenden und ließ sich mit der größten Leidenschaft zu der Süßigkeit einladen, die er mit Wohlbehagen kaute. Wenn abends unsere Tür vor ihm aufflog und er mit jungenhafter Plötzlichkeit hereinstürmte, schrie er meistens zuerst:„Habt Ihr heute keine Torte?', um sodann in seinen Erzählungen zu den weiteren„Süßigkeiten seines Lebens überzugehen. Derselbe Mann, der als Kuchenfreund und Don Juan so harmlos sein konnte, brachte es aber auch fertig, eines Nachts einen Arbeitshäftling, der in die Arrestzelle gebracht werden sollte und verschlafen und kraft- los wie er war, ihm nicht schnell genug ging, derart mit seinem Reit- stiefel zu treten, daß der Arme kopfüber in die dunkle Zelle hinein- stürzte, Unser Wachtmeister hatte vor nichts Angst, außer vor dem Tode. Vor dem Ende seines bisher ja nicht gerade mit Guttaten verbrachten Lebens hatte er im stillen eine gehörige Portion Furcht, die deutlich zum Aus- druck kam, wenn er immer wieder den Franz-Moor-Standpunkt vertrat, daß das menschliche Leben eben mit dem Tode völlig zu Ende sei und es ein weiteres Dasein nicht gäbe, so daß auch keine Jenseitsstrafe für diesseitige Sünden bestehen könne, Als er ständig auf dieses ihn ganz offenbar sehr beschäftigende Thema zurückkam, sagte ihm einmal einer unserer Stubeninsassen:„Darüber, was nach dem Tode sein wird, müssen Sie, wenn Sie das so interessiert, den Doktor fragen, der ist so ein Philosoph und weiß darüber sicher Bescheid“. Darauf wendete er einen unruhigen Blick auf mich und fragte mich nach meiner Meinung, Mich wandelte in diesem Augenblick die Lust an, den furchtsamen Wüstling mit„Schopenhauerschen” Gedankengängen zu erschrecken und ich sagte ihm, zugrunde gehen könne in Wahrheit in der Welt überhaupt gar nichts; es sei zum Beispiel denkbar, daß er nach seinem Tode eben da hinkommen werde, wo er vor seiner Geburt gewesen sei, nur daß er da- von ebensowenig wissen werde, wie er jetzt noch davon wisse, wo er sich denn vor seiner Geburt oder richtiger vor seiner Erzeugung be- funden habe; vorstellbar sei infolgedessen auch, daß es ihm in einem künftigen Leben wegen Verfehlungen, die er möglicherweise in seinem jetzigen Dasein auf sich geladen habe, einmal sehr schlecht gehen könne, ohne daß er dann noch wüßte, warum, und nicht anders könne es ihm auf seinem gegenwärtigen Erdenwege besonders gut gehen, weil er in einer früheren Daseinsform preiswürdige Taten vollbracht habe, an die er sich jetzt nur nicht erinnere, da allerdings das menschliche Erinne- rungsvermögen, von ganz verschwindenden und unsicheren Ausnahmen abgesehen, die der alte Griechenweise Plato entdeckt haben wolle, mit dem Tode ende, womit aber eben keineswegs gesagt sei, daß auch die Existenz an sich ende, da hiergegen die offenbar ewige Dauer des ge- samten Weltalls spräche. Er sah mich, nachdem ich geendet, recht er- schrocken an und ist mir seitdem, wenn er irgend konnte, weit ausge- wichen, Was ich ihm dargelegt hatte, war ihm sicher unheimlich und jedenfalls nicht geheuer erschienen. Er rettete sich an dem betreffenden Abend alsbald wieder in groteske Witze und brachte es so weit, zu- 93 sammen mit dem Lagerfrisör, einem französischen Häftling, der auf unserer Stube war, einen großen Teil der Anwesenden, darunter auch meinen von ihm so geschätzten Schicksalsgenossen Lüders einzuseifen und zu rasieren, worüber ein großes Gelächter entstand. Als ich diese Szene sah: ein Wachtmeister unserer gefürchteten Wachmannschaft in voller Uniform, Häftlinge mit Seifenschaum traktierend und das Rasiermesser kunstgerecht an den Wangen von Gefangenen handhabend, habe ich mich im stillen gefragt, ob ich etwa träume oder wie ich denn sonst in diese seltsame Umgebung geraten sei. an Der Wachtmeister wurde sehr melancholisch, als sein Vater ohne Rücksicht darauf, daß er Erzeuger eines solchen ,, Mustergermanen" war, in Kopenhagen als Sozialdemokrat von der Gestapo eingesperrt wurde. Stelle des Seitdem trat bei seinem hoffnungsvollen Sohne sonst ständig gebrauchten Fluches ,, Godsvermäd" die deutsche Wendung ,, Alles Seisse"( Scheiße). Doch in seiner Furcht vor dem Tode blieb er sich stets gleich. Als ich einmal in seiner Gegenwart in meinem Notizkalender blätterte, um das Datum festzustellen, sah er, daß ich den 30. Oktober, den auch ihm wohlbekannten Tag unserer Einlieferung, mit einem aufrechtstehenden Kreuz versehen hatte. Ich hatte dieses Zeichen, mit dem ich das für mich wichtige Datum festhielt, in einer mehr spielerischen Augenblicksregung im Hinblick darauf gewählt, daß ich mich seit dem genannten Tage bürgerlich tot fühlen mußte. Er blickte verstört auf das Signum, das ich mir gewissermaßen selbst aufs Grab gesetzt hatte und starrte mich dann fassungs- und sprachlos an. e) Der p fützenfeindliche Sergeant. Er verstand, wie es früher geschildert wurde, nicht auf deutsch zu kommandieren, und er wurde auch mit den Pfützen auf dem Lagerhof nicht fertig. Wenn es geregnet hatte, standen zwischen den einzelnen Baracken ganze Seen, die schließlich kaum noch zu überqueren waren. Wie der Kommandant dann so etwas machte: Es war einfach Schlacke angefahren und in die Pfützen hineingeworfen worden, womit diese aber auch nicht zugingen, sondern nur von ihrem ursprünglichen Standort etwas verdrängt wurden. Als es wieder einmal stark geregnet hatte, hatte der ,, volksdeutsche" Rumäne von der Lagerleitung den strikten Auftrag erhalten, den Hof trockenzulegen, Er hatte demzufolge eine Kolonne von nicht weniger als 50 Russen um sich her zusammengerafft, welche die Pfützen mit Sand und Schlacke nach dem im Lager altbewährten Rezept ,, zuwerfen" mußten. Trotz aller Flüche und antreibenden Vistro- Rufe des Sergeanten und trotzdem die Russen, die den Gummiknüppel desselben besonders fürchteten, entgegen ihren sonstigen ,, Arbeits"-Gewohnheiten verzweifelt schippten, wollten die Pfützen nicht verschwinden. Das Wasser war immer wieder woanders, aber es blieb da. C., der den Vorgang zunächst eine zeitlang mit stillem Vergnügen betrachtet hatte, konnte es schließlich nicht mehr mit ansehen und fragte den immer mehr ins Toben ge94 raten gebe ihm lasse war. die I ersta Hofe Hier in R Rinn Pfütz Rinn einig gar n Als sei ja schüt der F schrie wurd Wass aussc Abe selbs faller Verz könn nun gesan herau werd volks Die obwo Zähn Wo S lände schlu Deut De Volli unter eigne Verfo auf auch eifen liese ft ın sier- habe sonst ohne war, urde. des Wen- Tode inem ı den rung, lieses einer ‚ daß e, Er aufs ‚rach- ratenden Befehlshaber dieses Unfugs, ob er ihm nicht einen guten Rat geben solle, Als dieses eifrig bejaht wurde, meinte C,, der Sergeant solle ihm einmal auf kurze Zeit die Leitung seines löblichen Werkes über- lassen, womit dieser ebenso verwundert wie erleichtert einverstanden war. C, schickte von den 50 Pfützenbekämpfern zunächst 40 fort, da sich die Leute nur im Wege standen, Den verbleibenden zehn, die ihn höchst erstaunt ansahen, befahl er, auf der am tiefsten gelegenen Stelle des Hofes ein etwa einen Meter tiefes, ziemlich breites Loch zu graben. Hierzu genügten zwei Leute, die anderen acht standen erwartungsvoll in Reserve. Diese ließ er dann in die auf dem Hof liegende Schlacke Rinnen graben, mit denen eine Verbindung zwischen den einzelnen Pfützen und dem Loch hergestellt wurde. Das Wasser floß durch die Rinnen, in seinem Gefälle noch da und dort auf Anweisung Cs. durch einige zweckmäßige Grabungen gefördert, in das Loch ab und es dauerte gar nicht lange, daß das Loch vollgelaufen und der Hof wasserfrei war. Als C. sich von unserem Sergeanten mit der Bemerkung, die Sache sei janun in Ordnung, verabschieden wollte, kratzte der sich den Kopf, schüttelte denselben energisch hin und her und schrie:„Kübbel!” Vier der Russen schleppten darauf einen riesigen Kübel heran. Der Sergeant schrie weiter:„Eimer!”, worauf auch noch einige Eimer herangebracht wurden, C, war starr vor Staunen:„Sie wollen doch nicht etwa das Wasser, wo es nun in dem Loch glücklich zusammengelaufen ist, wieder ausschöpfen lassen”? Die Antwort des Wackeren war:„Das muß ich,“— „Aber das Wasser wird doch in dem Loch, wo es niemand stört, von selbst versickern!—„Geht zu langsam, kann bis dahin jemand hinein- fallen.”—„Dann lassen Sie doch ein Brett über das Loch legen!"— Verzweifeltes Kopfschütteln:„Muß so viel in meinem Kopf behalten, könnte es vergessen!” Herr C, verfügte sich auf seine Kammer, da er nun nicht auch noch mit ansehen wollte, wie das in dem tiefen Loch an- gesammelte Wasser mit Eimern wieder in den bereitgestellten Kübel herausgeschafft wurde, um in diesem— wohin nur?— fortgetragen zu werden und alles dies, um das— womit?— überlastete Gedächtnis des volksdeutschen Rumänen-Sergeanten zu schonen. Dieser Mann war nicht nur dumm, sondern auch grausam. Er hatte, obwohl er wenig über dreißig Jahre sein konnte, den Mund voller fauler Zähne und schneeweiße Schläfen. Er hatte das Gesicht eines Wolfes. Wo seine dürre Gestalt auftauchte, flüchtete besonders von den Aus- ländern alles. Denn beim geringsten Anlaß oder auch ohne einen solchen schlug er mit seinem Gummiknüppel oder seinem Koppel zu, Weder Deutschland noch Rumänien hatten Grund, auf ihn stolz zu sein, f) Die Russenkalfaktoren. Der eine war der bereits genannte Sobelsohn, ein arisch verheirateter Volljude, der zu diesem gehobenen Posten aufgestiegen war, erstens weil unter den Russen nicht genug Leute waren, die sich zu Vorarbeitern eigneten, und zweitens weil dieser Mann, dessen Nerven bisher keine Verfolgung etwas hatte anhaben können, über eine ganz besondere 95 er ein bewährter FrontEnergie verfügte. Im ersten Weltkrieg war cffizier gewesen, und wie er damals seine Kompanie befehligt hatte, so kommandierte er jetzt seine Russenkolonne, deren Stärke er einmal dem Kommandanten frischweg wie folgt meldete: ,, Dreiundsechzig Mann ohne die Kaputten!" Natürlich war es ein Unterschied: einstmals deutsche Soldaten und er selbst in Ehren ein solcher, jetzt fremde Strafgefangene und er selbst ein Häftling unter den schmachvollsten Umständen. Aber er beklagte sich nicht. Er war stets guten Mutes, weil er mit den Dingen dieser Welt innerlich wohl längst abgeschlossen hatte. Sein Sohn war in Amerika und für seine Frau war gesorgt. Ich sagte ihm einmal, ich fände es nicht richtig und vor allem für ihn im Hinblick auf später bedenklich, daß auch er unter den Russen mit einem Stock herumlaufe. Er lachte nur darüber und sagte, erstens sei dies eine Sache der Form und die Russen wüßten das von ihm; antreiben müsse er sie bei der sogenannten Arbeit, das sei seines Amtes, auch er müsse eben dauernd ,, vistro" ( schnell!)) schreien und dabei manchmal mit dem Stecken in der Luft herumfuchteln, aber getan habe er noch keinem seiner„ Untergebenen" etwas und ich hätte doch sicher auch schon gesehen, daß er mit seiner Kohorte, wenn er sie, wie gewöhnlich, mit einer Schimpfkanonade wegen ihrer Faulheit und Widersetzlichkeit überschütte, stets ein heimliches Lächeln des Einverständnisses tausche. Zweitens aber wisse er, daß er das Ende des Krieges nicht überleben werde. Ob ihn die Nazis umbrächten oder ihn statt dessen die Russen aus einer mißverständlichen Rache töteten, sei ihm letzten Endes gleich. Er hatte so unrecht nicht und lebte in Farge nicht so gedrückt wie die anderen Juden. Nachdem er sich noch eine schlimme Krätze geholt hatte, mußte er zu Beginn der letzten Judendeportation der Nazis von 1944/45, mit der die noch übrigen Reste des Judentums in Europa vernichtet werden sollten, von Farge fort in eines der östlichen Konzentrationslager. Ich weiß nicht, ob er es überstanden hat und noch unter den Lebenden weilt. Sollte er den Tod, gleichgültig, in welcher Gestalt, erlitten haben, wird er gewußt haben, aufrecht zu sterben. Manche Nazis, die schließlich nur aufs kläglichste zu enden verstanden, hätten sich an ihm ein Beispiel nehmen können. Der andere Russenkalfaktor war ein Stockrusse und doch in seiner ganzen Erscheinung alles andere als ein Moskowiter. Er war weit über zwei Meter lang, schmal wie eine Bohnenstange und ein blaẞgesichtiger Flegel, wie er in diesem körperlichen und seelischen Großformat unter den Zwanzigjährigen aller Nationen wohl selten zu finden sein dürfte. Er war nicht nur unter den Nichtrussen, sondern auch unter den Russen gefürchtet, weswegen er, so jung er war, seinen ,, Kommandoposten" erhalten hatte. Er verschmähte einen Stock, aber stand in dem Rufe, daß bei ihm Messerstiche in jeder ,, Preislage" zu haben waren, von einer noch einigermaßen harmlosen bis zur tödlichen Verletzung, obwohl der Besitz jeglicher Waffen den Häftlingen natürlich strengstens und bei den schwersten Strafen untersagt war. ,, Susulla" oder„ Susulka", wie er hieß, war vor unserer Farger Anwesenheit schon fünfmal ausgebrochen, aber stets nach kürzerer oder längerer Zeit wieder dingfest gemacht 96 word Kalfa Lager selbe schlin schle auf s meile racke unver oder licher vortä aufger dem H leicht oder e dem F arbeite schlec entfloh Eines Casano Vegesa noch u seinen der ein die Hä und ei Lager. drei T schlech Im D schen männer lichen Köpen steigen als ein lang in die Be gegen der G Reiches sturmfü 7, Iml's te lie worden, Nach Verbüßung härtester Arreststrafen war er immer wieder Kalfaktor geworden, Seine„lTätigkeit” bestand darin, daß er, wenn im Lager eine bestimmte Anzahl seiner Landsleute gebraucht wurde, die- selben promptestens, wenn auch unter fürchterlicher Schreierei und schlimmsten Flüchen in der Russenbaracke aufsammelte und heran- schleifte. Im übrigen lief er mit seiner roten Vorarbeiterbinde am Arm auf seinen unwahrscheinlich langen Beinen, die aussahen wie Sieben- meilenstiefel, im Lager herum und schrie in diesen Winkel und jene Ba- racke von Zeit zu Zeit unvermittelt ein paar Worte seiner uns allen unverständlichen Sprache. Es war möglich, daß er dann die Faulheit oder eine sonstige Unordnung seiner Landsleute tadelte, wahrschein- licher aber war, daß er bloß den Anschein eines besonderen Eifers vortäuschen wollte und so etwas wie das„Rhabarber, Rhabarber“ einer aufgeregten Theatervolksmasse schrie oder gar seine Kameraden vor dem Herannahen eines gefährlichen Wachmanns warnte oder ihnen viel- leicht einen auf geheimen Wegen erfahrenen Sieg der russischen Waffen oder eine andere für sie interessante Neuigkeit mitteilte, Er stand in dem Rufe, in der Gegend etwa ein Dutzend Geliebte unter den Ost- arbeiterinnen zu haben, Mit der Unterstützung des schöneren Ge- schlechts gelang ihm auch immer wieder der Ausbruch. Zu unserer Zeit entfloh er das sechstemal und ward zunächst nicht wieder ergriffen, Eines Abends kam unser liebereicher Wachtmeister von einer seiner Casanovafahrten nach Bremen zurück und sah in der Dämmerung zu Vegesack auf dem Bahnsteig in elegantem Zivilanzug eine für ihn den- noch unverkennbare, überlange Gestalt, Geistesgegenwärtig riß der Däne seinen schweren Revolver aus der Tasche und zwang den Russen, ehe der eine Waffe ziehen konnte, mit dem Gruß:„Guten Abend, Susulla, die Hände hoch!”, sich zu ergeben. Er fand bei ihm ein Dolchmesser und einen Schlagring. Schwer gefesselt brachte er ihn im Triumph ins Lager. Susulla wurde in der Arrestzelle krumm geschlossen, Doch nach drei Tagen war er wieder Kalfaktor. Er war in Farge als solcher schlechterdings nicht zu entbehren. g) Hauptmann von Köpenick II Im Dritten Reiche war alles größer, als es im bismarckisch-wilhelmini- schen Staat gewesen war: von der Beredsamkeit der leitenden Staats- männer abgesehen aber nicht nur die neuerrichteten Straßen und öffent- lichen Gebäude, sondern u, a, auch die Geschichte vom Hauptmann von Köpenick, die sich im Nazistaat in grotesker Vergrößerung und Über- steigerung wiederholte, Der historische Hauptmann von Köpenick IL, der als einfacher Schuster in einem märkischen Städtchen einmal einen Tag lang in der Hauptmannsuniform das Militär in Angst und Schrecken und die Behörden in tiefsten Respekt versetzt hatte, war ein Waisenknabe gegen den Hauptmann von Köpenick II gewesen, der es verstand, in der Großstadt Bremen, der zweitgrößten Hafenstadt des Deutschen Reiches, fast zweieinhalb Jahre lang in der Uniform eines SS.-Haupt- sturmführers als„Sonderbeauftragter für den Luftschutzbunkerbau in 7„Imi's’ 97 Bremen” zu fungieren und sämtlichen hiermit in Verbindung stehen- den Behörden, wie der Baupolizei, dem Luftschutzbauamt, der Organi- sation Todt, Wehrmacht- und Luftwaffenstellen sowie der Ordnungs- polizei, den Verwaltungsstellen des Baugewerbes usw. Befehle und Anordnungen zu erteilen, die diese allerdings nicht beachtet haben würden, wenn sie nur gewußt hätten, daß es sich bei dem energischen und allgemein gefürchteten„Hauptsturmführer"” um einen davon- gelaufenen und mehrfach vorbestraften„ungelernten” Bauarbeiter handelte, Außer seiner schönen Uniform, die er irgendwo aufgelesen, vielleicht auch dem rechtmäßigen Eigentümer entwendet hatte, besaß der Haupt- mann von Köpenick II. als allerdings wichtiges Instrument für die Aus- übung seiner Befehlsgewalt nur noch einen Gummistempel, der eben den pompösen Wortlaut„SS.-Hauptsturmführer Zeiter, Sonderbeauftragter für den Luftschutzbunkerbau in Bremen“ hatte, Damit hat er„regiert und täglich alle möglichen mehr oder weniger prominenten Leute in Atem gehalten, so daß er allmählich zum Schrecken aller von ihm„heim- gesuchten” Stellen wurde, die sich aber sämtlich vor ihm, d. h. vor seiner Uniform und seinem Stempel duckten, Er kontrollierte, forderte Rechenschaft, tadelte, drohte und ordnete an. Alles gehorchte, Daß seine Befehle und sonstigen Äußerungen regelmäßig nicht gerade von Sach- kenntnis zeugten, fiel nicht weiter auf und erregte zum mindesten keinen Verdacht gegen ihn, da so etwas im Dritten Reiche alltäglich war. Nie- mand hat sich in der ganzen Zeit seiner„Regierung näher mit der Frage befaßt, wo er eigentlich herkam und wer ihn denn beauftragt hatte. Er hielt in Kinos und Gaststätten großangelegte Reden für das Winter- hilfswerk, in denen es vom„Wunsche unseres geliebten Führers” und vom„Willen der Vorsehung” nur so wimmelte, Er veranstaltete mit einer hierzu gewonnenen SS.-Kapelle auch Konzerte für die Winterhilfe, Die auf diese Weise„gesammelten” erheblichen Geldbeträge— im ganzen über 30000 RM— vertrank er oder wandte sie freigebig dem schöneren Geschlecht zu. Wenn er sich nicht einmal in angetrunkenem Zustand im Kaffee Atlantik zu Bremen gegenüber einem Offizier der Wehrmacht so flegel- haft benommen hätte, daß dieser eine Anzeige mit dem Hinweise machte, es sei völlig undenkbar, daß sich ein SS,-Führer diese„anges so be- trage, hätte er sein Wesen vielleicht bis zum Ende des Dritten Reiches weitertreiben können, So aber wurde er, zwar zunächst noch mit Vor- sicht, denn im Dritten Reiche entgleisten manchmal auch sehr hoch- gestellte Persönlichkeiten, abgeführt und auf der Gestapo um Vorlage seines Personalausweises, den er in Gestalt seines Soldbuches mit sich führen mußte, ersucht, Einen solchen Ausweis besaß er nicht und konnte ihn daher auch nicht vorlegen. Binnen kurzem kam der ganze ungeheuer- liche Schwindel heraus. Er wurde wegen Amtsanmaßung und einer An- zahl weiterer hiermit in Zusammenhang stehender Delikte zu langjähriger Zuchthausstrafe verurteilt und, wie dies allgemein in derartigen Fällen geschah, für die Dauer des Krieges in ein Konzentrationslager übergeführt, 98 an ee ani- ngs- und ben ‚hen eiter So war er nach Farge gekommen, wo er mit seinen Qualitäten bald zu den höchsten Stellungen aufrückte, Zu unserer Farger Zeit war er be- reits„Leiter des Arbeitseinsatzes für die gesamten Baustellen”, Wo das Fahrrad, mit dem er in dieser Eigenschaft ständig stolz umherfuhr, auf- tauchte, erscholl bald seine ständig schnauzende Stimme, Man konnte sich gut vorstellen, wie er in seiner Eigenschaft als SS,-Hauptsturmführer und Sonderbeauftragter Befehle erteilt hatte, Eigentlich war er nur auf einen anderen Posten„versetzt, wenn auch nicht gerade, wie es sonst mit derartigen Koryphäen im Nazistaate geschehen konnte, befördert worden, Er war ein untersetzter, ja geradezu kleiner, häßlicher, kahlköpfiger und säbelbeiniger Kerl mit stechenden Augen und einem verkniffenen Mund, Bei allen diesen körperlichen Vorzügen sprach er ein höchst un- gebildetes Deutsch. Wer die Zustände im damaligen Deutschland nicht kannte, würde es niemals für möglich gehalten haben, daß sich ein solcher Mann auf dem von ihm vorgetäuschten hohen Posten und noch dazu so unglaublich lange Zeit hatte halten können, Aber es war genau so wie bei dem Hauptmann Köpenick I. eben die Uniform gewesen, Wenn er von seiner„schönen Zeit als SS,-Hauptsturmführer" sprach, be- kam er feuchten Glanz in seine sonst stechenden kleinen Augen,„Men- schenskind”, konnte er dann mit in der Erinnerung vor Begeisterung zitternder Stimme sagen,„die Mädchens waren wie dull nach mir! Wenn ich in meine Uniform kam, stand alles vor mir auf!” Unsere Schicksalsgenossenschaft hatte mit diesem Mann, der in seiner „neuen Stellung” ständig das Ohr des Kommandanten hatte, anfangs die heftigsten Zusammenstöße, und zwar erstens, weil wir überhaupt nicht auf die Baustellen wollten und zweitens, weil wir es ablehnten, uns von einem Hochstapler kommandieren zu lassen. Er verfolgte uns deswegen mit seinem besonderen Hasse, Mich nahm er dabei allerdings, ich weiß nicht aus welchem Grunde, aus, Ich sei ihm unter den übrigen, hat er einmal zu C. gesagt, bei den Kartoffelreinigungsarbeiten auf dem Lager- hof„als besonders tätig aufgefallen”, Da dieses hohe Lob in den Tat- sachen kaum begründet sein konnte, war es vielleicht darauf zurück- zuführen, daß Zeiter von den freundschaftlichen Beziehungen wußte, die sich zwischen C, und mir entwickelt hatten und C, der einzige Mann im Lager war, vor dem auch er Respekt hatte, Gerade C., ist es gewesen, der meine Schicksalsgenossen gewarnt hat, die Sache gegenüber dem Hauptmann von Köpenick auf die Spitze zu treiben, Der hatte erfreu- licherweise, abgesehen von seinem Ehrgeiz, der ihn nach Farge geführt hatte, noch eine schwache Seite: Er rauchte leidenschaftlich gern Zigaretten, Als er solche in ausreichender Menge von uns erhielt, war alle Feindschaft begraben, Er hat uns sogar dann vor den Spitzeln der Gestapo, von denen nach seinen Angaben das ganze Lager voll war, ein- dringlichst gewarnt, Wir hatten allerdings begründeten Anlaß zu der Überzeugung, daß er nicht in letzter Linie zu diesen Spitzeln gehörte, Bei den von ihm bewiesenen Qualitäten war er für eine Position innerhalb der Gestapo wie geschaffen, + 99 h) Der Russenarzt und sein Sanitäter, - Wie schon einmal erwähnt, wurde das Lager von einem deutschen Arzt ,, betreut", der aber höchstens jede Woche einmal für wenige Stunden auf seinem Motorrad heranbrauste und das Revier in Augenschein nahm. Außer ihm aber war noch ein russischer Arzt vorhanden, der ständig in Farge war, weil er dort ebenso wie die andern Lagerinsassen gefangen saẞ. Er war als Stabsarzt eines ukrainischen Regiments an der Ostfront aus welchen Gründen gefangengenommen und zunächst längere Zeit besonders schlecht behandelt worden. Er war unerfindlich geblieben hatte u. a. Abfallgruben und Kanäle reinigen müssen. Schließlich war er, aus ebenso unklaren Gründen wie die meisten dort arbeitenden Kriegsgefangenen, nach Farge gekommen. Dort konnte er zwar, eben weil er Gefangener war, und zwischen Deutschland und Rußland die Genfer Konvention keine Geltung hatte, nicht offiziell Arzt sein, er übte aber die Tätigkeit eines solchen tatsächlich aus. Er war ein kleiner, sehr beweglicher Mann mit einem verhältnismäßig großen Kopf und energisch blickenden Augen. Er sah so etwas wie Napoleon I. aus und wurde darum auch manchmal„, Napoleon" genannt. Allgemeiner Witz war, daß er ein natürlicher Abkomme des großen Korsen von dessen russischem Feldzug des Jahres 1812 sei. Er hatte in Kiew und Minsk studiert und war ein sehr gebildeter, ja geistreicher Mann. Trotz oder vielleicht gerade wegen alles Elends, das er um sich hatte, war er ständig zu Witzeleien aufgelegt, die in seinem etwas abenteuerlichen, aber doch immer klar verständlichen Deutsch noch besonders witzig klangen. So war einmal in Farge ein deutscher Arzt in Haft gewesen, der die Überzeugung vertrat, daẞ sehr viele Krankheiten in dem Genuß von Zucker ihre Ursache \ hätten und dieser Stoff in der menschlichen Nahrung daher möglichst vermieden werden müsse. Als er seinem medizinischen Glaubensbekenntnis einmal Ausdruck gab, hatte der Russenarzt dazu schelmisch gesagt: ,, Das serr gutt. Du krank, gibst mirr dem Zucker, ich fress dem Zucker und Du gesund!" Dem Russenarzt machten besonders seine Landsleute das Leben sehr schwer. Abgesehen davon, daß er dem furchtbaren Leid, das besonders bei den Russen herrschte, nicht abhelfen konnte, waren die Russen auch meisterhafte Simulanten. Wenn sie nicht arbeiten wollten, verdrehten sie die Augen oder hielten mit Schmerzgrimmassen, die einen Stein erweichen konnten, ihre Hände auf den Magen oder sie klagten mit einer Stimme, die nur noch ein Flüstern war, herzzerbrechend, während ihnen tatsächlich überhaupt nichts fehlte. Ich hörte einmal, wie der russische Arzt zu einem solchen Simulanten sagte: ,, Du zum Doktor? Ich bestes Arzt für Dir. Ich Dir schlagen tot." Er sprach mit seinen Landsleuten in der Ordination regelmäßig deutsch, schon um den Verdacht zu vermeiden, als habe er mit ihnen irgendwelche besonderen Einverständnisse. Auch bemühte er sich, eisern objektiv und gerecht zu sein und seine Landsleute in keiner Weise vorzuziehen, was für ihn deswegen schon nicht einfach war, weil das weitaus größte gesundheitliche Elend tatsächlich bei 100 den mand linde schre und erste kein retto De Stub leide kauf Käm zeit Briga ereilt entde war, den H liefert hatte, gerad mann Weltk von p Web ständi Kopf beruh Führe leiter tusche gedec Brigad Wo er thusia unsere näher Wese mit i schm einma was eines aller meine manch den Russen war. Obwohl er der eigentliche Arzt des Lagers war und manche Not, soweit es überhaupt in menschlichen Kräften stand, ge- lindert hat, konnte er Häftlinge nicht einmal für ein paar Tage krank schreiben, Dazu war nur der deutsche Arzt befugt, bei dessen flüchtigen und kurzen Visiten der Russenarzt, den der deutsche Landarzt, dem ersteren an fachlichem Können und Wissen sicherlich weit unterlegen, keineswegs als Kollegen behandelte und geradezu übersah, wie ein Laza- rettdiener stumm beiseite stand, Der Sanitäter und ständige Gehilfe des Russenarztes war unser Stubengenosse, der ehemalige SA.-Brigadeführer, der wegen eines Herz- leidens für eine andere Arbeit nicht tauglich war. Er hatte in leitender kaufmännischer Position eine sehr gute Stellung gehabt und war„alter Kämpfer“, Als begeisterter Nationalsozialist war er während der Kampf- zeit in der SA, sehr schnell im Rang aufgerückt und wäre wohl über den Brigadeführer noch hinausgekommen, wenn ihn nicht dann sein Schicksal ereilt hätte, Kliemann, wie er hieß, hatte eines Tages zu seinem Schrecken entdeckt, daß einer seiner beiden Großväter ursprünglich Jude gewesen war, und zwar war er zu dieser Feststellung gelangt, als nach 1933 von den höhern SA.-Führern der sogenannte„große Arier-Nachweis” ge- liefert werden mußte, um den sich in der Kampfzeit niemand gekümmert hatte, da damals Abstammungsfragen, wenn die jüdische Herkunft nicht geradezu auf der Hand lag, überhaupt keine Rolle gespielt hatten. Klie- mann, der früher aktiver Offizier gewesen war und auch den ersten Weltkrieg als solcher mitgemacht hatte, war mit seinem ganzen Wesen von peinlichster preußischer Korrektheit. Er hat darum, als er von dem „Webfehler” in seiner Ahnentafel Kenntnis erhielt, auch sofort den zu- ständigen Kreisleiter der Partei informiert, Der hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und ihn dringend ersucht, die Sache auf sich beruhen zu lassen, da die Bewegung solche bewährten und fähigen Führer, wie er einer sei, nicht entbehren könne, Der betreffende Kreis- leiter hat Kliemann dann auch geholfen, die Sache irgendwie zu ver- tuschen, Schließlich wurde aber der Sachverhalt durch die Gestapo auf- gedeckt, und Kliemann wurde nicht nur sofort seiner Würde als SA.- Brigadeführer entkleidet, sondern auch gnadenlos nach Farge gesteckt, wo er nun bei ständig zunehmender Abkühlung seines früheren En- thusiasmus für das Dritte Reich schon seit Jahr und Tag saß. Während unseres dortigen Aufenthaltes ist ihm keiner von uns Imis persönlich nähergekommen, Es war dies bei seinem zugeknöpften, kühl-korrekten Wesen auch fast unmöglich, Außerdem wußte man nie so recht, wie man mit ihm daran war. In seines Herzens Grund war er trotz all seiner schmerzlichen Erfahrungen wohl noch immer Nazi, Aber darauf, was er einmal gesagt hatte, konnte man sich verlassen und er hielt es mit dem, was man ihm selber sagte, nicht anders, Ich sah zum Beispiel, als ich eines Morgens zur Erwärmung einen Schluck Kognak nahm, daß er bei aller seiner sonstigen Selbstbeherrschung einen sehnsüchtigen Blick auf meine Flasche warf, Ich hielt ihm dieselbe, da er mir bereitwilligst schon manchen kleinen Gefallen getan hatte, sofort hin, Er schüttelte den Kopf, 101 dankte und sagte:„Heute abend gern.” Ich stellte die Flasche mit den Worten:„Also dann heute abend” fort. Abends hatte ich dies ganz ver- gessen. Es wäre mir später natürlich irgendwann bestimmt wieder ein- gefallen, aber das war gar nicht notwendig. Denn plötzlich stand er vor mir und streckte mir wortlos einen kleinen Becher hin, und zwar mit einem leisen Vorwurf im Gesicht, als wollte er sagen,„es sollte ja eigent- lich nicht nötig sein, daß man Dich daran erst erinnern muß”, worauf ich mich beeilte, mit einer freundlichen Entschuldigung meiner Vergeßlich- keit, die er wortlos entgegennahm, mein vernachlässigtes Versprechen zu erfüllen, Ähnlich konnte er im Gespräch sein. Er vertrat einmal über die Anwendung der Nürnberger Gesetze und ihrer Ausführungsbestimmungen auf uns Imis Anschauungen, die juristisch unrichtig waren. Ich unterbrach ihn daher, um ihn über seinen Irrtum aufzuklären. Er erhob sich sehr steil und ging mit den Worten:„Wenn Sie das besser wissen, können Sie ja weitererzählen!” ohne weiteres aus der Tür. Hinter diesem kalten und abweisenden Wesen verbarg sich aber ein sehr warmes und empfindsames Herz, was wir schon vor unserem Ab- schied von Farge, wo es ganz offenbar wurde, deutlich durchschauten und uns daher mit seinem eckigen und manchmal fast kränkenden Ver- halten ruhig abfanden. Er hat es zum Beispiel fertiggebracht, den deut- schen Lagerarzt gegen die dauernden Gefangenenmißhandlungen der Farger Wachleute zu mobilisieren. Der Arzt, dem dieses Kapitel natur- gemäß äußerst peinlich war, hatte sich immer wieder dahinter verschanzt, daß er keine Beweise für die Mißhandlungen in Händen habe, obwohl er die blutig geschlagenen Rücken der Häftlinge nur allzuoft sehen mußte. Darauf hatte Kliemann zu ihm in seiner steilen Art gesagt,„wenn Sie jemanden brauchen, der Ihnen ein Protokoll verantwortet, werde ich Ihnen nicht ein Protokoll, sondern eine ganze Anzahl vorlegen.” Der Arzt konnte nicht anders als darauf erwidern:„Wenn Sie mir die proto- kollarischen Unterlagen zur Verfügung stellen, werde ich natürlich ein- schreiten,” Kliemann hat darauf bei jeder ihm bekannt werdenden Ge- fangenenmißhandlung— und die schwereren Fälle liefen ja alle durch das Krankenrevier— eine Niederschrift mit Tag, Stunde, genauer Be- schreibung des Vorfalles und Namensangabe des Mißhandelten und des schuldigen Wachmannes verfaßt und mit seinem Namen unterschrieben. Bei seinem nächsten Besuch erhielt der deutsche Arzt einen ganzen Stoß solcher Protokolle und konnte nun, ohne sich selbst irgendwie zu gefähr- den, den Kommandanten nachdrücklichst ersuchen, doch diesen Vor- fällen seine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden und zur Vermeidung weiterer Wiederholungen die betreffenden Wachleute nachdrücklichst zu bestrafen, Der Kommandant kochte, die Wachleute kochten, doch an den ehemaligen SA.-Brigadeführer hat sich tatsächlich niemand von ihnen herangetraut. Die Gefangenenmißhandlungen hörten zwar nicht auf— das war in Farge ganz unmöglich— aber sie ließen doch etwas nach und sie wurden jedenfalls nicht mehr so öffentlich, sondern mehr irgendwo im stillen Winkel verübt, da die Wachleute genau wußten, daß der„ver- 102 dam sich schi Es] dies den wereinvor mit entich ichzu die gen rach sehr Sie ein Abuten Vereutder aturanzt, wohl ehen wenn e ich Der rotoeinGeBurch -Bedes eben. Stoß efährVorFidung ast zu den ihnen uf hund endwo " verdammte Sanitäter" in jedem ihm bekannt werdenden Falle kühl und rücksichtslos ein neues Protokoll schrieb. Den deutschen Arzt zwang er einmal sozusagen, bei drei im Revier Verschiedenen protokollarisch zu vermerken: ,, An Entkräftung gestorben." Es kam darauf ein Sanitätsauto und holte die Leichen ab, die man bei dieser ,, Notiz" in Farge nicht ohne weiteres zu begraben wagte. i) Ein Querulant. Nicht nur anderen, sondern sich selbst zur Last war er mit der Welt völlig zerfallen. Er war kaufmännischer Buchhalter, dann Angestellter bei einem Steueramt und schließlich Schreiber bei einer anderen Amtsstelle gewesen. Überall hatten, wenn man ihn hörte, böse Menschen ihn angefeindet, Streit mit ihm begonnen, Intrigen gegen ihn gesponnen und ihm schließlich sein Brot genommen und seine Existenz untergraben. Überall hatte er, auch wenn er sich an die Gerichte oder gar an die Staatsanwaltschaften wandte, Unrecht bekommen und bittere Ungerechtigkeit erfahren. Auch in seiner Familie war es nicht anders gewesen. Sie hatten ihm alle Böses getan und ihn schließlich verlassen, so daß er ganz allein auf der Welt stand. Das hatte ihn aber nicht so gebrochen, daß er nicht sein Recht oder richtiger, was er dafür hielt, auch weiter nach allen Richtungen und mit allen Mitteln verfocht. Er hätte die Menschheit außerhalb des Farger Lagers wohl noch lange mit seinem Unwesen behelligen können, wenn er sich nicht dazu verstiegen hätte, in langen Eingaben, die er wegen seiner angeblich schikanösen und ungerechten Entlassung von seiner letzten Arbeitsstelle bei allen möglichen Behörden machte, auch verhältnismäßig hochgestellte Nazipersönlichkeiten heftig anzugreifen. Da hatte die Gestapo nicht gefackelt und den galligen über 60jährigen nach Farge geschickt. Er hieß Kurz. Die Zeit wurde ihm, da er, körperlich recht gebrechlichen Zustandes, völlig arbeitsunfähig war, im Lager recht lang. Er konnte sie sich seiner ganzen Naturanlage nach nur damit vertreiben, daß er seinen Stubengenossen ständig mit seinen Quengeleien lästig fiel. Er war das einzige Negativum, das C. bei der Siebung seiner ,, Elitekammer" nicht hatte loswerden können. Man nahm ihn allgemein komisch, was ihn aber immer nur erst richtig in Harnisch brachte. Das Dritte Reich hatte ihn ja nun nicht gerade gut behandelt. Da er aber merkte, daß wir anderen alle mehr oder weniger Gegner desselben waren, mimte er stets den guten Nationalsozialisten, schon um Gelegenheit zu haben, uns zu widersprechen oder zum mindesten zu ärgern. Wenn ihm niemand zuhören wollte, führte er seine Anklagereden gegen Gott und alle Welt als Monologe. In immer neuen Tönen und Wendungen beklagte er sich über den Wahnsinn, einen in Ehren grau gewordenen Mann wie ihn nach einem ehrlich und tätig verbrachten Leben in eine derart abscheuliche Umgebung zu versetzen. Die Wendung, die er ständig im Munde führte, war, daß er sich in Farge ,, nicht lukrativ" beschäftigen könne und daß eine ,, lukrative Beschäftigung" für ihn Lebensnotwendigkeit sei. Wir konnten ihm ja nun zu einer solchen beim besten Willen 103 nicht verhelfen, weswegen wir seine Feinde waren, auf die er aus seinen ständig zorngeschwollenen Augen heftige Blicke warf, Auch seine Nase war, ich weiß nicht, ob aus Kummer, ständig gerötet, Er war unserer- seits, wenn man ihn hörte, ständig verfolgt, sei es, daß wir uns unberech- tigterweise trotz seiner grauen Haare über ihn lustig machten, sei es, daß wir ihm sonst Böses taten. Er war immer unschuldig und wir immer „schuld”, Eine Besonderheit war bei ihm, daß er bis zum Rand voll von Zitaten steckte, Ob es paßte oder nicht, man bekam von ihm bestimmt bei jeder Gelegenheit ein„geflügeltes Wort an den Kopf geworfen. Er hatte in seiner Jugend offenbar viel gelesen und ein besonderes Gedächtnis für brilliante Redewendungen und Zitatstellen, bei denen er aber nie wußte, von welchem Dichter sie gerade stammten: Goethe, Schiller und Shake- speare warf er grundsätzlich durcheinander, Wenn er wieder einmal aus- gelacht wurde, pflegte er zu sagen:„Die Hunde bell'n, die Karawane zieht vorüber!”, wobei nicht ausdrücklich gesagt werden braucht, daß wir die Hunde und er die allerdings etwas kümmerliche Karawane vor- stellen sollten oder er zitierte aus dem Faust bei jeder Gelegenheit: „Grau— guter Freund ist alle Theorie und grün des Lebens goldener Baum”, wobei er unter dem grün-goldenen Leben, seiner Wesensart ent- sprechend, offenbar die Möglichkeit verstand, mit aller Welt ungestört Krakeel zu suchen, Oder er zitierte aus derselben Quelle, sich unbewußt selbst verspottend:„Was man nicht weiß, das eben brauchte man und was man weiß, kann man nicht brauchen.” Oder wenn er sich ganz in die Enge getrieben fühlte, flüchtete er, nicht ohne dann mit dem frommen Christen in weitere Konflikte zu geraten, bis in die Heilige Schrift: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.” Seine letzte Verteidigungslinie war immer:„Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens”, wobei er sich jedenfalls nicht mit der Dummheit identifizierte, Da er mit seiner engsten Familie völlig verfeindet war, erhielt er von zu Hause weder Briefe noch Pakete und verkam, insbesondere was Kleidung anbelangt, in Farge zusehends. Die Stubenkameraden waren deswegen immer wieder in ihn gedrungen, er solle an seine Tochter schreiben, Er hatte sich schließlich nur aus dem Grunde, um zu be- weisen, was er für mißratene Kinder hätte, bereit gefunden, einen Brief an seine verheiratete Tochter abzusenden, In diesem Brief, der alles andere als liebreich abgefaßt war, hatte er ein langes Verzeichnis von Sachen aufgestellt, die er brauchte, und er schwor Stein und Bein, daß er nicht das geringste davon geschickt bekommen würde, Eines Tages kam aber ein dickes an ihn adressiertes Paket, und der Untersturmführer der mit dem Querkopf aus unserer Stube besonderes Mitleid hatte, freute sich so darüber, daß er ihm das Paket persönlich brachte, Kurz war voll- kommen perplex und fing an, das Paket auszupacken, Es war tatsächlich alles, was er gefordert hatte, von den Stiefeln bis zur Zahnbürste darin enthalten und außerdem noch ein schöner Kuchen und andere gute und nahrhafte Dinge, Statt sich nun aber auch zu freuen, begann er jeden Gegenstand, den er aus dem Karton nahm, zu bekritteln, zu beschimpfen 104 ur u Ei und Toch es sc Unte verli zum er sc laut nach der inne: hatte aufs den t nen ase rerchdaß mer ten der e in für Bte, keausane daß woreit: ener entstört wußt und z in men rift: etzte elbst erte. von was aren hter beBrief alles von daß ages ihrer reute vollChlich darin und eden apfen und schließlich zu bekeifen. Wenn man ihn hörte, so hatte ihm seine Tochter nur das schlechteste und verdorbenste Zeug geschickt, während es sonnenklar vor aller Augen lag, daß das Gegenteil der Fall war. Der Untersturmführer, der zunächst noch versucht hatte, ihn zu begütigen, verließ achselzucknd die Stube und wir haben ihn schließlich dadurch zum Schweigen gebracht, daß wir ihm erklärten, wir würden ihn, wenn er so fort fahre, zur Tür hinauswerfen, und er könnte dann sein Paket, so laut scheltend wie er nur wolle, draußen weiter auspacken. In den letzten Tagen unseres Farger Aufenthaltes wurde er von dort nach Buchenwald übergeführt, weil er in einem Brief an die Gestapo, den der Kommandant törichterweise hatte durchgehen lassen, den Reichsinnenminister und Reichsführer SS. Himmler aufs heftigste gescholten hatte. Er hätte dann schon besser daran getan, den lieben Herrgott aufs fürchterlichste zu lästern. Wir haben keinen anderen Lagergenossen den traurigen Weg ins KZ. so leichten Herzens ziehen lassen wie ihn. k) Fidi von Bremen. Auf dem Bremer Freimarkt sollte er Moppen verkauft haben. Wenn es nicht wahr war, so war es doch gut erfunden. Er war ein waschechter Bremer Junge mit einem Mutterwitz, der nicht von Pappe war. Er hieẞ im bürgerlichen Leben selbstverständlich anders. Im Lager wurde er aber allgemein ,, Fidi von Bremen" oder kurz ,, Fidi" gerufen. Er war besonders wegen seiner unverfälschten Natürlichkeit und seines unverwüstlichen Humors die ständige Begeisterung des Herrn C. Fidi war von seiner Frau, die ihre Wohnung außerhalb Bremens aufgeschlagen hatte, getrennt, da er in Bremen arbeiten mußte. Mit diesem Sachverhalt hatte er sich aber schließlich nicht mehr abfinden wollen ,,, da man ja schließlich auch noch ein Mann ist" und war kurzerhand von der Arbeit weg für vierzehn Tage zu seiner besseren Hälfte auf Urlaub gefahren, den er so selbstherrlich war, sich eben selbst zu geben. Ebenso kurzerhand hatte ihn die Gestapo für diese Spritztour gleich auf sechs Wochen nach Farge geschickt. Dort war er Stubenältester unserer Nachbarstube, kam aber sehr oft zu uns. Wenn er mit seinem ,, einen wunderschönen guten Morgen, allerseits" erschien, wurde der ganze Raum plötzlich heller. Er brachte immer irgendeine komische Geschichte mit. Einmal erzählte er, einer seiner Freunde, der längst das Zeitliche gesegnet habe, sei auf dieser Erde von seiner ,, Altschen" furchtbar geplagt worden. Er habe infolgedessen darauf gesonnen, seinem Drachen im Himmel nicht wieder zu begegnen und dabei den klugen Gedanken gehabt, da die Olle vor ihm abgefahren sei, sie auf dem Bauche liegend zu begraben und dabei gemeint ,,, daß sie so wohl nicht würde gen Himmel fahren können". Dabei habe er aber die Rechnung ohne seine Alte gemacht, die sei nämlich durch die ganze Erde hindurchgekrabbelt, in Australien herausgekommen und dann zum Himmel aufgestiegen, wo er sie wieder auf dem Halse gehabt habe. Fidi steckte nicht nur voll guter und schlechter Witze, sondern er hatte auch eine schwere Hand. Als einer seiner ,, Untergebenen" in der 105 einer Nachbarstube einmal nicht so wollte wie er, hat er, der nur mittelgroß war, dem anderen, der körperlich wie ein Schrank aussah, derartig eine geklebt", daß der andere nur so zu Boden krachte. Es gab dann eine Untersuchung, bei der Fidi schamhaft bekannte: ,, Er habe ihn wohl ein bißchen gestreichelt, das sei aber auch alles gewesen." Da er die Lacher wie immer auch hierbei auf seiner Seite hatte, blieb es bei einer ernsten Verwarnung. Für die Zukunft trug er sich mit dem Plan, nicht nur Moppen zu verkaufen, sondern auch ein Dampfkarussell zu betreiben: Dampf darum ,,, weil es mit Motor und Benzin im vierten Reich wohl schlecht aussehen würde." Auf dem nächsten Bremer Freimarkt werden wir Fidi hoffentlich wieder begegnen. 1) Ein aufrechter Marxist. Der Röteste" auf unserer ,, Plutokratenstube" war der eine Angehörige der ,, Aktion des 20. Juli". Er war früher in Bremen sozialdemokratisches Bürgerschaftsmitglied gewesen, hatte sich, nachdem der Nationalsozialismus zur Macht gelangt war, von aller Politik zurückgezogen und, wie er sagte, nur seinem Beruf als Dreher auf einer großen Werft und der Bebauung seines Gemüsegartens gelebt. Er war ein Schwerarbeiter, wie er sein muß: Ein großer und kräftiger Mann mit einem Kopf, den ein harter und stets tatbereiter Wille geformt hatte. Ich habe mich mit ihm oft und gern über allgemeine Lebensfragen unterhalten, wobei ich versuchte, mit ihm darüber einig zu werden, daß der Marxismus eine viel zu enge Anschauung sei, da er dem Menschengeist nicht den ihm zukommenden Platz im Weltgetriebe einräume. Das Primäre sei, entgegen der Anschauung von Marx, nicht die Wirtschaft, sondern die Kultur. Unser Radikalsozialist hatte bei derlei Auseinandersetzungen meistens ein feines Lächeln auf seinem sonst so harten Gesicht, trat aber hierbei aus einer ihm offenbar zur zweiten Natur gewordenen Reserve nicht heraus. Daß er ein ganzer Deutscher war, bewies er mit folgendem: Da er gar nichts verbrochen hatte und nur als ehemaliger ,, Funktionär" nach dem Attentat vom 20. Juli in Bausch und Bogen mit einer Anzahl ehemaliger Funktionäre", die inzwischen bereits wieder freigelassen waren, verhaftet worden war, meinte der Untersturmführer, der ihn persönlich schätzte, es würde nur eines Gesuches an die Gestapo bedürfen, um seine alsbaldige Entlassung herbeizuführen. Er hat ihn deshalb aufgefordert, eine entsprechende Eingabe zu schreiben und ihm ganz aus freien Stücken erklärt, er werde ein solches Gesuch nachdrücklichst befürworten. Unser Marxist erklärte darauf, ohne zu überlegen, er danke für die freundliche Absicht, aber er wolle das angeregte Gesuch nicht schreiben, denn er könne es nicht über sich gewinnen, die Geheime Staatspolizei um irgend etwas zu bitten, geschweige denn, daß er sie für sich selbst um etwas bitten möchte und gar noch darum, daß eine ihm von dieser Behörde zugefügte Vergewaltigung rückgängig gemacht würde. Ich glaube nicht, daß sich unter den uns bewachenden Farger Nazis 106 so ge Un nach treff Trün das der auf in W das nahm herei der A setzte treffe lichst lassen telefo Wi deren gehen mögli zu er zustän Akti Frage Der seits Vater Beam nicht damit draht an di Krieg sein besta diese als e konn Dal nation schwu s. groß eine eine ein acher einer hätte finden lassen, der in der Lage unseres Lagerkameraden ebenso gehandelt hätte. 19. Der Fall Hartstein. sten ppen ampf lecht tlich örige sches ialisie er Beie er arter t und e, mit e Anenden chaudikalfeines einer Da er nach 1 ehewaren, önlich n, um baufnz aus ast bedanke nicht eheime sie für me ihm würde. Nazis Unser Schicksalsgenosse dieses Namens war einberufen" worden, nachdem kurz vorher sein Wohnhaus in Wesermünde durch einen Bombentreffer total zerstört worden war, wobei er seine Frau, die unter den Trümmern lag, verloren hatte. Dieser Mann, auf den so von allen Seiten das furchtbarste Unglück hereingebrochen war, hatte einen einzigen Sohn, der noch nicht 20 Jahre alt, an der Front stand. Dieser Sohn kam gerade auf Urlaub, als sein Vater nach Farge abgeführt worden war. Zu Hause in Wesermünde fand dieser arme Junge nur einen Trümmerhaufen und das Grab seiner Mutter sowie die ihm unfaßbare Nachricht von der Festnahme seines Vaters durch die Gestapo vor. Durch einen in unser Lager hereingeschmuggelten Brief seiner alten Haushälterin erfuhr Hartstein von der Ankunft seines Jungen in seiner Heimatstadt. Der hartgeprüfte Vater setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um mit seinem Sohne zusammentreffen und diesen wenigstens trösten zu können. Er bat mit den beweglichsten Worten, ihn nur für einige Tage nach Wesermünde fahren zu lassen, von wo er, falls inzwischen unser Abtransport erfolge, stets auf telefonischen Anruf binnen weniger Stunden wieder zurück sein könne. Wir besprachen auf unserer Stube Hartstein wohnte auf einer anderen den ,, Fall" mit dem Untersturmführer, der wieder einmal ,, weitgehendes menschliches Verständnis" hatte und in diesem Falle auch alles mögliche versucht hat, um den selbstverständlichen Wunsch Hartsteins zu erfüllen. Trotz aller seiner Bemühungen erklärte der in Wesermünde zuständige Gestapo- Beamte, daß ,, Urlaub" für die Angehörigen unserer ,, Aktion" grundsätzlich verboten sei und daher für Hartstein nicht in Frage kommen könne. - - Der Sohn hat, wie wir später erfuhren, als sein Vater nicht kam, seinerseits versucht, bei der Gestapo eine Genehmigung zum Besuche seines Vaters in Farge zu erhalten. Diese Genehmigung ist ihm durch denselben Beamten gleichfalls abgeschlagen worden ,,, da es sich für einen Soldaten nicht gezieme, in einem Lager wie Farge Besuche zu machen und er sich damit abfinden müsse, daß sein Vater nun einmal hinter dem Stacheldraht sitze". Der bedauernswerte junge Vaterlands verteidiger mußte also an die Front zurückfahren, nachdem ihn die Gestapo bei allem, was der Krieg ihm genommen hatte, auch noch zur Waise gemacht hatte. Denn sein Vater war ein Staatsgefangener, den er, solange das Dritte Reich bestand, nie wieder zu Gesicht bekommen durfte. Mit welchen Gefühlen dieser Soldat, der auch selbst schon insofern deklassiert worden war, als er wegen seiner einen jüdischen Großmutter nur Gefreiter werden konnte, auf das ,, Feld der Ehre" zurückgekehrt ist, läßt sich denken, Daß sein Vater, unser Schicksalsgenosse, der Gestapo und dem ganzen nationalsozialistischen Staat aus diesem Anlaß alle nur erdenkliche Rache schwur, ist nur zu natürlich. 107 20. Der Gang zum Zahnarzt. Mein Freund Waclaff mußte sich dringend einer Zahnbehandlung unterziehen. Bei ihm lag die Sache nicht so günstig wie bei unserem Kameraden, der wegen der Herstellung seiner Zahnprothese so oft nach Bremen fahren durfte, weil die dort begonnene Behandlung von einem Farger Zahnarzt nicht übernommen werden konnte. Wer das Lager verließ, bekam einen bewaffneten Posten mit. So ging es übrigens auch jedes Mal unserem Bremenfahrer, dem es nur immer wieder durch Beredsamkeit und reichliche Zigarettengaben gelang, dieses ,, Ehrengeleit" auf dem Bremer Hauptbahnhof bis zu seiner Rückfahrt nach Farge loszuwerden, was so weit weg vom Lager auch regelmäßig möglich war. Waclaff dagegen mußte einen Farger Zahnarzt aufsuchen, und hier gab es keinerlei Auskunft: Der Wachmann begleitete den Patienten mit umgehängtem Gewehr in das Behandlungszimmer des Zahnarztes und stand, während die Bohrmaschine surrte und der Zahndoktor die sonst erforderlichen ärztlichen Verrichtungen vornahm, mit seiner Bewaffnung hinter dem Stuhl. Nach Beendigung dieser eigenartigen Konsultation ,, transportierte" er Waclaff auf dieselbe Weise wieder ab, auf die er ihn hergeführt hatte. Was der Zahnarzt über diesen Besuch gedacht hat, kann ich der Nachwelt nicht überliefern. Vermutlich hat er, der den vor seiner Festnahme in Farge tätigen Waclaff in diesem kleinen Orte gut kannte, im stillen bei sich gemeint, daß die ganze Welt Kopf stünde. Denn abgesehen von allem, was sonst an dem Sachverhalt merkwürdig erscheinen mußte, war der ,, Germane", der Waclaff bewachte, ein kleiner schwarzhäutiger und dunkeläugiger Tscheche, während der ,, Judenmischling" Waclaff mit seiner hohen Gestalt, seinem blonden Haar und seinen blauen Augen eine Figur war, die aus einem Propagandaplakat ausgeschnitten sein konnte, welches das rassepolitische Amt für die ,, Aufnordung" des deutschen Volkes herausgegeben hatte. 21. Orden und Ehrenzeichen. Unser Kamerad und Schicksalsgenosse Toms trug bei seiner Ankunft in Farge seine zahlreichen Kriegsauszeichnungen, darunter das Eiserne Kreuz und das goldene Verwundetenabzeichen, die er 1940 vor Verdun verliehen erhalten hatte, auf der Rockklappe. Als der Kommandant diese Auszeichnungen sah, näselte er den schwer Kriegsverletzten, der die Spuren seiner schlimmen Verwundungen deutlich sichtbar an seinem Kopf trug, an: ,, Sie müssen Ihre Auszeichnungen hier ablegen, ein Häftling darf keine Orden und Ehrenzeichen tragen; stecken Sie sie meinetwegen in die Tasche, sonst muß ich Ihnen die Dinger fortnehmen." So äußerte sich ein SS.- Mann, der niemals die Front gesehen hatte, gegenüber einem schwer Kriegsverletzten über Auszeichnungen, die diesem durch das Dritte Reich selbst verliehen waren! Toms überlegte sich die Sache nicht lange und erwiderte gerade und aufrecht, wie er immer war, wenn er hier nur deswegen, weil er Halbjude sei, als Sträfling behandelt werden solle, so denke er nicht daran, die Auszeichnungen eines Staates, 108 der Kom an d nahn nahr Di Wer dies faßt in s gefü die zum zeitl ihn Sand nahm geda nicht Ein salsg schie inmit ich d stolz, habe mach in de das n er ei halte überz Imi v gespe das I kreuz über erfol ganz vers es i kom Ei linge der es für recht befände, ihn derart zu kränken, weiter zu tragen; der Kommandant möge die Orden und Auszeichnungen mit dieser Erklärung an die hierfür zuständige Stelle zurücksenden, worauf er die Orden ab- = nahm und dem Kommandanten übergab, die dieser schweigend entgegen- nahm, rger Die Sache hatte noch ein Nachspiel, Toms Erklärung, er lege keinerlei nr Wert darauf, die Ehrenzeichen überhaupt noch weiter zu tragen und gebe das dieselben zurück, wurde als eine Beleidigung des Dritten Reiches aufge- keit faßt, die geahndet werden müsse, Besonders der Untersturmführer, der dem in seinen militärischen Gefühlen getroffen war, die allerdings Etappen- den, gefühle waren, da auch er noch niemals die Front gesehen halte, faßte claft die Angelegenheit in diesem Sinne auf, Toms war zu allem, was man ihm ner“ zum Lohne für seine„Vaterlandsverteidigung‘ schon angetan hatte, eine tem zeitlang ernstlich von einem Strafverfahren bedroht, das sehr übel für rend ihn hätte ausgehen können, Schließlich verlief die Sache aber doch im chen Sande, da sich entweder die Lagergewaltigen oder diesmal sehr aus- dem mahmsweise auch die Gestapo geschämt haben, die Angelegenheit in dem rte" gedachten Sinne„weiter zu verfolgen“, Toms hat jedenfalls seine Orden atte, nicht mehr angelest, auch nachdem wir Farge verlassen hatten, ach- Ein seltsames Pendant zu diesem Falle war der eines anderen Schick- ‚hme salsgenossen, eines Ariers, der mit einer Jüdin verheiratet war, Er er- illen schien in Farge mit einem goldenen Hakenkreuz am Rock. Als ich dies von inmitten unserer ,„Cöte‘” recht überraschende Zeichen entdeckte, fragte war ich den Inhaber desselben, was das denn bedeuten solle, Er erklärte und stolz, das sei das„Reichssportabzeichen”, das er sich als Segler erworben mit habe, Er war recht erstaunt, ja indigniert, als ich ihn darauf aufmerksam ugen machte, daß in unserer Mitte und nicht zuletzt auch in der Umgebung, sein in der wir uns befänden, dieses Abzeichen recht fehl am Orte sei. Ob deut- das nun ein Hakenkreuz sei oder nicht, er sähe durchaus nicht ein, warum er eine solche Auszeichnung, die er als erfolgreicher Regatta-Segler er- halten habe, nicht weiter tragen solle, Er war vom Gegenteil nicht zu überzeugen, obwohl dies auch infolge des Umstandes, daß sein Sohn als Imi wegen Beziehungen zu einem arischen Mädchen in Buchenwald ein- gesperrt war, nahegelegen hätte, Der eifrige Sportsmann, der im übrigen das Dritte Reich in allen Tonarten verfluchte, hat das goldene Haken- kreuz, das von uns allgemein belächelt wurde— da in diesem Falle überraschenderweise auch seitens der Lagerleitung keine Beanstandung erfolgte— während unseres Farger Aufenthaltes und auch während der ganzen übrigen Verbannungszeit weiter an sich herumgeschleppt. Selbst- verständlich hätten wir ihn zwingen können, das Ding abzulegen oder es ihm auch einfach fortnehmen können, Aber es ist dazu nicht ge- kommen, 22. Ein teurer Brief. Einer der nach unserer Ankunft hinzugekommenen„politischen” Häft- linge in unserer Elitestube war ein kleiner, buckliger und auf der einen 109 Hüftseite vollkommen verwachsener Mensch, der mit dem einen Bein stark lahmte, wenn er sich bewegte. Er war eine treue Seele und ein eifriger Arbeiter und hat sich, da er vom Außendienst auf Grund seines körperlichen Zustandes von vornherein befreit werden mußte, auf der Kammer des Lagers sehr nützlich gemacht. Ein Brief hatte ihn nach Farge geführt, ein Brief, den er an eine Russin geschrieben hatte, die längere Zeit bei seiner Firma unter seiner Leitung gearbeitet hatte und dann zu einer anderen Firma versetzt worden war. In diesem Briefe, mit dem er ein ähnliches Schreiben der Russin beantwortete, hatte der Gute geschrieben, er dächte noch oft und gern an die schönen Stunden, die sie zusammen verlebt hätten. Er behauptete, er habe damit nur ihre gemeinsame Arbeit gemeint, die ihnen beiden viel Spaß gemacht hätte. Man konnte ihm das auch wirklich glauben. Denn wie ein Don Juan sah er nicht aus. An der vorstehend erwähnten etwas blumigen Briefstelle hatte sich aber die Gestapo, die den Brief bei einer Kontrolle des Lagers, in dem die Russin jetzt wohnte, gefunden hatte, sehr erheblich gestoßen, und der kleine Bucklige und Verwachsene war wegen des Verdachtes, mit einer Ausländerin unerlaubte Beziehungen unterhalten zu haben, in das Arbeitserziehungslager" überführt worden. Die Ehefrau des ,, Delinquenten" war nicht so argwöhnisch wie die Gestapo: Da sie nicht weit vom Lager wohnte, wagte sie alles mögliche, um ihrem Manne täglich das schönste Mittagessen und die nahrhaftesten Butterbrote ins Lager zu schmuggeln, so daß er es auch in dieser Beziehung während seines ganzen unfreiwilligen Aufenthaltes dort nicht schlecht gehabt hat. Immerhin mußte er sein schwungvolles Sendschreiben mit 14 Tagen Haft in unserer Mitte bezahlen, bevor er, nachdrücklich darüber belehrt, daß auch allzu liebenswürdige Briefe im Dritten Reiche recht gefährlich werden könnten, zu den heimatlichen Fleischtöpfen zurückkehren durfte. 23. Ein Hundeliebhaber. Er war ein 70jähriger Kunstmaler und tat mir ganz besonders leid. Seine Stimme zitterte ihm von allem, was er, der nun als Volljude in der Russenbaracke kampieren mußte, erlitten hatte. Er stammte aus Hamburg, das gemeinhin in dem Rufe stand, in der Judenverfolgung noch verhältnismäßig maßvoll zu sein, was man im Dritten Reich in dieser Hinsicht so ,, maßvoll" nannte. Ihm war verboten worden, sein Haus zu verlassen, was für ihn, der auf einem kleinen Etagenzimmerchen wohnte und keinen Garten besaß, eine ganz schmerzliche Sache war. Wie er mir immer wieder unter Tränen versicherte, hätte er das Verbot strengstens befolgt, wenn nicht sein Hund gewesen wäre. Da er ganz alleine stand, war er auf die Hilfe seiner Hausgenossen angewiesen. Die waren wohl bereit, ihm hin und wieder Brot oder was er sonst für sein kümmerlich gewordenes Leben noch benötigte, zu besorgen, aber es fand sich niemand, der Zeit und Lust gehabt hätte, den Hund des alten Mannes einmal auszuführen. Der Hund litt darunter, daß er den Stubenarrest seines 110 Herrn mehr war, n in der hinaus sich a war, f hande ob er mals führt Die herau bei d land Vollju dieser dieren dation schaft die be Vorwä gewes einen genom dritte ertapp den S Es wa Mensc genoss Eine infolge Zwar schütt Landr fühlt, ligion sonde bezeic deutsc sich e Sache und es war gen len, Ge- che, sten Be- icht iben lich iche zu- Herrn teilen mußte, mit der Zeit sehr, und der konnte es schließlich nicht mehr mit ansehen. Da er sich von dem Tier, das sein einziger Gefährte war, nicht trennen wollte, so schlich er sich in der Dunkelheit oder auch in der Abenddämmerung mit seinem vierbeinigen Freunde zum Hause hinaus, Einige Male gelang es ihm, aber eines Abends wurde er, als er sich aus der Tür des Hauses, das einmal ganz sein Eigentum gewesen war, fortstahl,„ertappt” und festgenommen. Er kam nach Farge und es handelte sich für ihn nur noch um die letzten Endes gleichgültige Frage, ob er in Farge oder einem der östlichen Konzentrationslager, in die da- mals die noch in Deutschland verbliebenen Volljuden allmählich über- führt wurden, sterben würde, Dieser Fall war nur ein Einzelfall, der aus einer Unzahl ähnlicher Fälle herausgegriffen ist. In Wirklichkeit handelte es sich nämlich darum, die bei der großen Judendeportation der Jahre 1940 und 1941 in Deutsch- land noch verbliebenen, in einer sog,„privilegierten Mischehe” lebenden Volljuden, d. h, solche jüdischen Männer, die arische Ehefrauen und von diesen Kinder nicht jüdischen Religionsbekenntnisses hatten, zu„iqui- dieren”, Um diese mit unserer„Aktion“ eng zusammenhängende Liqui- dation— handelte es sich doch um die Väter unserer Schicksalsgenossen- schaft, sofern sie zu ihrem Unheil noch lebten— durchzuführen, wurden die betreffenden, bisher„privilegierten“ Volljuden unter den seltsamsten Vorwänden gefangen gesetzt. Der eine war, obwohl ihm dies verboten ‚gewesen sein sollte, während eines anglo-amerikanischen Luftangriffes in einen Schutzbunker gegangen, der zweite hatte es sich sogar heraus- genommen, in einem derartigen Bunker einen Sitzplatz einzunehmen, der dritte war bei der Lektüre eines in englischer Sprache abgefaßten Buches ertappt worden, der vierte hatte einen in seiner Nachbarschaft wohnen- den SS.-Mann angeblich herausfordernd angesehen und dergleichen mehr. Es war der Beginn des letzten„Angriffs der Nazis auf völlig wehrlose Menschen, der in seinem weiteren Fortgang inmitten unserer Schicksals- genossenschaft noch viel Herzeleid verursachen sollte, 24. Frucht des Glaubens, Einer der„dienstältesten” Bewohner unserer Stube war ein Bauer, der infolge einer Hasenscharte oder einer sonstigen Mißbildung am Munde zwar nur sehr schwer und holperig sprechen konnte, aber ein uner- schütterlicher Christ und als solcher ein Mann war, wie er sein soll, Der Landrat des Kreises, in dem er zu Hause war, hatte sich bemüßigt ge- fühlt, in der Kreiszeitung recht„moderne“ Anschauungen über die Re- ligion Jesu Christi im allgemeinen und die christlichen Kirchen im be- sonderen zu verlautbaren. Er hatte beides kurzerhand als„Judenplunder” bezeichnet und erklärt, im Staate des Führers sei nur noch für dessen deutschen Gott Platz, Unser frommer Bauer hat uns oft erzählt, er habe sich eigentlich gedacht, er wolle gar nichts dazu sagen, da es ja nicht Sache der Menschen sein könne, sich über göttliche Dinge zu streiten, und es dem alleinigen und wahren Gott überlassen bleiben müsse, sich 111 gegen seine Verächter durchzusetzen, Aber dann habe er sich doch gesagt, daß er vor dem Auge des Ewigen vielleicht lau und lässig im Glauben erscheinen könne, wenn er gegenüber einer solchen Lästerung seinen Gott nicht bekenne. Deswegen hat er in das Kreisblatt eine Erklärung gesetzt, daß der Heiland und Erlöser, obwohl er verachtet, angespien und mißhandelt worden sei, eine Dornenkrone habe tragen und die Kreuzigung erleiden müssen, dennoch in nun schon fast 2000jähriger Glorie über seine Beleidiger triumphiert habe und daß es mit heutigen Leugnern seiner Lehre sicherlich nicht anders sein werde. Das war natürlich für den 150prozentigen Landrat und für die Gestapo, an die dieser die Sache weitergab, mehr als zuviel. Da diese ,, aufsässige" Erklärung sogar gedruckt und in einer Zeitung verbreitet worden war, grenzte das Verbrechen geradezu an Hochverrat, und der fromme Christ wurde, um seine Weltanschauung zu verbessern, für lange Zeit in das Arbeitserziehungslager geschickt, aus dem er erst in der letzten Zeit unserer dortigen Anwesenheit nach über jährlicher Haft, da er sich gut geführt" und offenbar gebessert" hatte, entlassen wurde. Mit der ,, Besserung" war das aber ein gewaltiger Irrtum: Ich habe den Frommen in Farge die ganze Zeit, die ich dort war, keine einzige Mahlzeit einnehmen sehen, vor der er nicht ein andächtiges Gebet sprach. Während des langen Farger Tages las er oft ganz versunken in einer kleinen Taschenausgabe der Heiligen Schrift, von der er sich niemals trennte. Sein Glaube gab seiner Seele unversiegliche Kraft. Ich habe ihn niemals niedergeschlagen oder über irgendeine Unbill erzürnt, aufgeregt oder empört gesehen. Er war von einem ständigen lächelnden Gleichmut, der sich stets bewußt war, daß aller Unfug dieser Welt vor der Ewigkeit nichts weiter als Staub ist. 25. Herr von Mark- Goldholz. Einer von unserer ,, Côté", gehörte er doch nicht zu uns. Er war halbjüdischer Abstammung wie wir, aber schon erheblich länger, als die ganze ,, Sonderaktion J" existierte, in Farge. Er war nämlich einer von denjenigen Imis, welche die Gestapo auf verbotenen Liebesabenteuern mit arischen Frauen ertappt hatte. Er mußte deswegen, wie die meisten vor unserer ,, Invasion" in Farge befindlichen Häftlinge, die Gefängniskleidung und das Haupthaar geschoren tragen. Er war ein stattlicher, blauäugiger, von Lebhaftigkeit sprudelnder Jüngling und entstammte einem alten Adelsgeschlecht, das in der Person seines Vaters lediglich die eine Todsünde begangen hatte, eine jüdische Ehefrau aufzunehmen und dadurch sein edles Blut zu ,, verunreinigen". es sch Herrn von Mark- Goldholz focht sein schlimmes Geschick in keiner Weise an. Er war stets lustig und guter Dinge, ging meist vergnügt pfeifend und die Hände in den Hosentaschen einher, so daß er besonders den düster gestimmten Gemütern unter den Häftlingen recht auf die Nerven fiel, was ihm aber auch nichts ausmachte. Er war der festen Überzeugung, daß ihm im Grunde niemand etwas anhaben könne. Und 112 stehen Grunde großen werder Farge leiblic währe ein gl Zeit a gekom genom absich Bahns wurde die Eis so fort worden Mal al Gesich Bombe geglück bereits Transp aber H burg g dies m Farge Feue Krieges i. Würt Ehrlich werden kopf, versich wertes gestell raten dienst und n lichen als ein Anerk unanta 8,, Imi's doch sig im terung me Eret, ann und ähriger utigen natürdieser lärung te das He, um rbeitsnserer ut geDe den Mahlsprach. einer niemals be ihn fgeregt ichmut, wigkeit ar halbals die mer von nteuern meisten ängnistlicher, tammte ediglich nehmen keiner vergnügt esonders auf die rfesten me. Und es schien tatsächlich ein besonderer Stern über seinem Lebenswege zu stehen. Im Hinblick auf die ihm zur Last zu legende ,, Straftat", die im Grunde gleichbedeutend mit ,, Rassenschande" war, sollte er in eines der großen Konzentrationslager wie Buchenwald oder Oranienburg überführt werden, was deswegen für ihn eine große Gefahr war, weil er sich in Farge in der Küche vor Anker zu legen verstanden hatte, wo es ihm leiblich im Gegensatz zu den anderen Häftlingen recht erträglich ging, während es natürlich durchaus dahin stand, ob ihm in einem neuen Lager ein gleiches glücken würde. Fünfmal war er schon vor unserer Farger Zeit abtransportiert worden, aber noch jedesmal war er wieder zurückgekommen und hatte seine Arbeit" in unserer Lagerküche wieder aufgenommen. Jedesmal kam irgend etwas dazwischen: Einmal war der beabsichtigte Transport nicht zusammenzustellen, das zweite Mal war die Bahnstrecke durch britische Fliegerbomben zerstört, das dritte Mal wurde die Lokomotive des Transportzuges abgeschossen, das vierte Mal die Eisenbahnlinie wegen stattfindender Truppentransporte gesperrt und so fort. ,, Mark kommt zurück" war in Farge zum geflügelten Wort geworden, und tatsächlich, als er während unserer Anwesenheit das sechste Mal abtransportiert wurde, erschien er nach 2 Tagen, über das ganze Gesicht lachend, wieder. Die Strecke war wieder einmal infolge von Bombentreffern unpassierbar gewesen. Das siebte Mal soll es dann zwar geglückt sein, ihn nach Buchenwald zu überführen, obwohl es in Farge bereits hieß, daß man nun solche Versuche aufgeben werde, da ein Transport, bei dem Mark sei, sein Ziel doch nicht erreiche. Selbst wenn aber Herr von Mark- Goldholz nach Buchenwald, Belsen oder Oranienburg gelangt sein sollte, wird er meiner festen Überzeugung nach auch dies mit der gleichen Wurstigkeit überstanden haben, mit der er mit Farge fertig geworden war. 26. Ein alter Feuerwerker. Feuerwerker war er nur ,, auf Grund Dienstverpflichtung" während des Krieges geworden. Er war ein biederer Polsterermeister aus Reutlingen i. Württ. und hatte sein Gewerbe über ein Menschenalter lang mit Fleiß, Ehrlichkeit und Biederkeit in Bremen versehen. Als er Feuerwehrmann werden mußte, hatte er auch dort seinen Mann gestanden. Er, der Graukopf, wurde von allen seinen Vorgesetzten, wie mir Bekannte von ihm versicherten, höchlich gelobt und Jüngeren stets als ein nachahmenswertes Beispiel an Pflichttreue, Ausdauer, Mut und Zähigkeit vor Augen gestellt. Da er eine Jüdin zu Frau hatte, war er in unsere ,, Aktion" geraten und aus einem„ Dienstverpflichteten" nunmehr zu einem ,, Sonderdienstverpflichteten" geworden. Was die Gestapo mit ihm getan hatte und noch tat, ging über den einfachen und klaren Horizont seines ehrlichen Denkens, welches die Welt wenigstens in der Beziehung bisher als eine moralische begriffen hatte, das gemeinhin das Gute und Rechte Anerkennung und das Böse und Unrechte seine Strafe fände. In seinem unantastbaren Lebenswandel hatte er niemals etwas Unrechtes getan 8,, Imi's" 113 und war daher gewohnt, als ein vertrauenswürdiger Mann geachtet zu werden, Daß es überhaupt innerhalb der menschlichen Vernunft eine Möglichkeit gäbe, ihn noch schlimmer als den gemeinsten Verbrecher zu behandeln und ihn von heute auf morgen, möglicherweise für immer, von seiner treuen und geliebten Lebensgefährtin, die ebenso wacker war wie er, zu trennen, ging in sein unverbildetes bürgerliches Gehirn nicht hin- ein, Er verstand, wie Hebbels Meister Anton, die Welt nicht mehr. Einen Tag nach unserer„Einlieferung” in Farge erschien er bei mir und verlangte, ich solle, da ich ja Jurist sei, in seinem Namen eine An- zeige bei der Kriminalpolizei gegen die für unsere Einsperrung verant- wortlichen Gestapo-Beamten wegen Freiheitsberaubung und Nötigung machen, Ich konnte ihn nur mit Mühe beruhigen, aber von der Gegen- standslosigkeit seiner Absicht trotz aller Bemühungen nicht überzeugen, Seine treuen braunen Schwabenaugen unter seiner klaren und ehrlichen Stirn und seinen in einer schlaflosen Nacht zerwühlten eisgrauen Haaren sahen mich vorwurfsvoll an, als wollte er sagen,„auch Du bist an- scheinend durch den Wahnsinn, der die Erde befallen hat, schon ange- steckt,” Er ging widerwillig und nur, um am nächsten Tage mit einem Briefe wieder zu erscheinen, den er an seinen Vorgesetzten bei der Feuerwehr, einen Polizeileutnant, verfaßt hatte, Dieses Schreiben war voll von gegen die Gestapo gerichteten nur zu berechtigten Anwürfen, die aber bei einer Absendung des Schreibens, das der Adressat als Beamter auf dem Dienstwege hätte weitergeben müssen, dem Schreiber notwendig verderblich geworden wäre. In dem Schreiben waren die Bremer Gestapo-Beamten als Spitzbuben, Lügner, Betrüger, Ehrabschnei- der und Verleumder gekennzeichnet, mit dem nach dem auch im Dritten Reiche geltenden Strafgesetzbuch allerdings begründeten Verlangen, alle diese Leute wegen der von ihnen begangenen Verbrechen unverzüglich einzusperren und die Freilassung der von ihnen durch Mißbrauch der Amtsgewalt vergewaltigten Unschuldigen umgehend zu veranlassen! Ich habe mich als Jurist selten so schämen müssen wie hier, als ich vor der schweren Aufgabe stand, einem geraden und einfachen Manne, der in jeder Beziehung nicht nur nach göttlichem, sondern auch nach mensch- lichem Gesetz recht hatte, mit allen Mitteln davon abzuhalten, dieses Recht zu verfolgen. Es blieb auf ihn völlig ohne Eindruck, als ich ihm vorstellte, daß er sich mit der Absendung seines Schreibens ins Ver- derben stürzen würde, Er meinte, wenn die Welt tatsächlich so schlecht geworden wäre, daß meine Ansicht zuträfe, komme es ihm nicht darauf an, weiter zu leben, Erst als ich noch stärkeres Geschütz auffuhr und ihn darauf aufmerksam machte, daß er auch seine Frau mit in sein Un- glück reißen werde, horchte der Bedauernswerte auf und ließ sich schließlich mit Tränen des Unmuts in den Augen bewegen, sich mit den gegebenen Tatsachen abzufinden, Um das Schicksal seiner Frau bangte er ohnedies und hatte deswegen schlaflose Nächte. Wie sich im weiteren Verlaufe herausstellte, leider nur zu berechtigterweise, Der alte„Feuerwerker” hat später innerhalb unserer Aktion als „Sonderdienstverpflichteter” äußerlich nicht anders seine Pflicht getan, 114 als e lich| in ei und Stärl num Welt tet zu ft eine her zu er, von war wie ht hinals er sie als Dienstverpflichteter vorher erfüllt hatte, wenn auch natürlich mit einem ganz anderen Herzen: Er hat wie ein Pferd gearbeitet, in einer Weise, die viel Jüngere immer wieder in den Schatten stellte und mit unüberwindlicher Verbissenheit Strapazen ertragen, die viel Stärkeren zuviel wurden, alles das aber nur, wie er auch immer wieder unumwunden zugab, um zu vergessen, in welcher bösen und furchtbaren Welt er leben mußte. bei mir ne Anverantötigung Gegenzeugen. rlichen Haaren ist anangeeinem Dei der en war würfen, ssat als chreiber ren die schneiDritten en, alle rzüglich uch der sen! Ich vor der der in menschdieses ich ihm ns Verschlecht t darauf uhr und sein UnGieß sich sich mit er Frau sich im tion als at getan, 19 27. Flüchtige Gäste. Auf einige Tage erschien in unserer Musterstube ein Offizier der Handelsmarine, der als ,, Erster" auf einem deutschen Kriegsversorgungsschiff in den nordischen Gewässern gefahren war. Er war ein noch junger, schneidiger Kerl und so, wie man sich einen richtigen Seemann vorstellt. In seinen Knabenaugen stand ratlose Verzweiflung, die seltsam mit seinem sonst so kühnen wettergebräunten Gesicht kontrastierte. Er hatte allein durch seine Erscheinung im Nu unser aller Herzen gewonnen und offenherzig, wie er selber war, erzählte er uns schon in den ersten Minuten nach seiner Ankunft unaufgefordert seine recht kurze Geschichte, die ihm derart auf die Seele drückte, daß er sie so schnell wie möglich loswerden mußte. Als Seefahrer, der die Welt kannte, hatte er sich mit der nationalsozialistischen Weltanschauung", die mit der ihm bekannten Wirklichkeit in so vielem nicht übereinstimmte, nicht abfinden können. Er hatte, um, wie er sich ausdrückte ,,, nicht im Laufe der Zeit entgegen allen seinen Bemühungen doch gänzlich zu verdummen", dauernd mit seinem Radioapparat fremdländische Sender abgehört und dann, da er eine ehrliche Haut war, die ihr Herz nur zu oft auf der Zunge trug, auch hin und wieder gesprächsweise Kameraden über das auf diesem verbotenen Weg Vernommene Mitteilung gemacht. Besonders war ihm, wie damals schon allen vernünftigen Menschen in Deutschland, längst klargeworden, daß der Krieg ausweglos verloren sei, und dieser Meinung hatte er sich nicht gescheut, auch im Kreise seiner Vorgesetzten und Untergebenen Ausdruck zu verleihen, zumal wenn dort das Gespräch auf die völlige Nutzlosigkeit der dem deutschen Volk noch jeden Tag neu auferlegten riesigen Opfer an Blut, Gut und unersetzlichen Kulturwerten kam. - Aus irgendeinem hier gleichgültigen Anlaß hatte er sich mit seinem Kapitän entzweit, der in allen diesen Dingen durchaus derselben Meinung wie er gewesen war. Dieser Kapitän hatte sich recht kennzeichnend für die damaligen Zustände im deutschen Offizierkorps nicht gescheut, um den ihm dienstlich unbequem gewordenen Untergebenen loszuwerden, gegen ihn eine Anzeige wegen des verbotenen Abhörens von Feindsendern und wegen der Verbreitung feindlicher Nachrichten zu erstatten. Die von der Gestapo als Zeugen vernommenen Schiffsmannschaften, die ihren ersten Offizier verehrten und gleichfalls durchweg denselben Meinungen huldigten wie er, konnten, mit der Vereidigung bedroht, nichts anderes tun, als die Wahrheit zu bekennen. Die Folge 8" 115 war die sofortige Verhaftung des Offiziers, der zu uns nach Farge nur als ,, Durchgangsstation" kam und mit Sicherheit dem Volksgerichtshof und dem Strang entgegenging. Solange er an seine Frau und sein 7 Monate altes Kind dachte, kämpfte er innerlich noch gegen sein unentrinnbares Schicksal, indem er z. B. mich fragte, ob nicht doch irgendeine Aussicht bestände, daß er vor dem Äußersten bewahrt bleiben könnte. Auf meine Antwort, daß jeder, der lebe, hoffen dürfe und daß ein plötzliches Ende des Dritten Reiches, das schließlich jeden Tag eintreten könne, durchaus schon im Bereiche des Möglichen liege, riß er sich sichtbar zusammen: Er hatte mich verstanden und kam als ganzer Mann, der er war, auf das Thema, daß er dies seiner Familie gern erspart hätte, nicht mehr zurück. Nur noch einmal klagte er beiläufig darüber, daß seine Frau ja nun wohl niemals erfahren werde, wo er geblieben sei, da er ihr nicht einmal ein letztes Lebewohl senden könne. Bei meinem Hinweis, daß dies unzähligen Frauen deutscher Frontsoldaten nicht anders gehe, beruhigte er sich sichtbar freudig und ging dem düsteren Ende seines irdischen Geschicks nun mit aller Gefaẞtheit entgegen. Er war nur so wenige Tage bei uns, daß er zwar noch eingekleidet" wurde, aber seine Sträflingsnummer nicht mehr anlegen brauchte und auch der Schmach des Kahlgeschorenwerdens entging. Als er zu der Vernehmung nach Bremen abtransportiert wurde, von der er, wie er im voraus wußte und auch wir als sicher annahmen, nicht nach Farge zurückkehrte, verabschiedete er sich von jedem von uns mit kräftigem Händedruck. Er ist tatsächlich nicht wiedergekommen. Als ich ihn in seiner graden und aufrechten Haltung seinen schweren Weg fortgehen sah, habe ich bei mir gedacht, daß ich, wenn ich es nicht schon längst gewußt hätte, in diesem Augenblicke bestimmt wissen würde, daß das Dritte Reich verloren sei. Ein Staat, der solche Offiziere auf diesen Weg schicken muß, ist verloren. Noch während der eine flüchtige Gast bei uns weilte, kam ein zweiter, dessen Schicksal allerdings nicht von so lastenden Gewichten beschwert war. Schicksal ist in vielem oder sogar im meisten Sache des Charakters, und wenn der ostmärkische Augenarzt Dr. Quästori mit weit leichterem Gepäck in Farge erschien als der schwerblütige niederdeutsche Seemann, so entsprach dies nicht zuletzt seinem viel leichteren und über die Dinge dieser Welt mit Souveränität hinweggleitenden österreichischen Temperament. Er stammte aus dem Sudetenlande und war als junger Arzt auf Grund einer ,, Dienstverpflichtung" nach Bremen verschlagen worden, wo er eine durch Einberufung verwaiste augenärztliche Praxis zu übernehmen hatte. Hierfür war ihm ein bestimmter Termin gestellt worden, den er aber mit dem alten Herrgottstandpunkt des Arztes nicht so ernst genommen hatte. Er hatte zunächst einmal ,,, da er die Nordsee noch gar nicht kannte", eine ,,, Erholungsreise" nach Norderney unternommen, wobei es ihn keineswegs aufgeregt hatte, daß diese Reise an sich verboten war, da die friesischen Inseln militärisch gesperrt waren. Durch beides, den verspäteten Antritt seiner Praxis, den die Bremer 116 Ärzte trip, wurde der ä daß e Tag g Des nicht zwun steife lich Da e ,, ärzt wenn Wies sich hausp falls abfol zweit war, ständ Herr fehler an se an di was d beleid statte Maß Ausd da da klein wo ih word auch sein Tage So den dort Stac vors digke schli Urla Ma e nur ıtshof 7 Mo- trinn- ‚deine onnte, plötz- treten chtbar der er ‚nicht seine er ihr nweis, gehe, seines ur SO - seine hmach 5 nach ” und verab- sraden “ ich ‚ hätte, Reich ‚hicken ‚weiter: ‚chwert ‚aktersı ‚htereM ‚e See ber die hischen Grund Ärztekammer sogleich meldete und durch seinen unerlaubten Nordsee- trip, war er von vornherein der Gestapo unangenehm aufgefallen, Es wurde ihm schon diesmal ernstlich zum Bewußtsein gebracht, daß auch der ärztliche Beruf im Dritten Reich kein„freier Beruf” mehr sei und daß er bei einer Wiederholung so fürstlicher Allüren, wie er sie an den Tag gelegt habe, mit„ernsten Konsequenzen” zu rechnen habe, Dessenungeachtet hatte Dr, Quästori, da er auch„den Rheingau noch nicht kannte”, nachdem er sich einige Wochen in der von ihm ge- zwungenermaßen übernommenen Praxis über die schwerfälligen und steifen Bremer in seiner Klientel geärgert hatte, eine hierdurch erforder- lich gewordene zweite„Erholungsreise” nach Wiesbaden unternommen. Da er diese Reise, durch die erste Erfahrung soweit klüger geworden, mit „ärztlichen Belangen” genügend getarnt hatte, wäre alles gut gegangen, wenn sich nicht ein kleiner Zwischenfall ereignet hätte, Im Kurhaus zu Wiesbaden pflegte sich Dr, Quästori einen Liegestuhl zu besorgen, um sich auf der schönen Terrasse zu sonnen. Einmal wollte ihm der Kur- hauspförtner, der über die„gerechte Verteilung” der bereits eben- falls kriegsknapp gewordenen Liegestühle wachte, keinen Liegestuhl ver- abfolgen, obwohl sich Dr. Quästori erstens an der Reihe glaubte und zweitens— auf Grund seiner veralteten Anschauungen— der Auffassung war, daß ihm als Arzt in einem Badeort„doch gewisse Vorrechte” zu- ständen. Da der Pförtner anderer Ansicht war und es an der nach Herrn Dr. Quästori angebrachten Achtung vor dessen ärztlicher Würde fehlen ließ, entschlüpfte dem Doktor die Äußerung, der Pförtner sei fehl an seinem Platz, Leute, die sich so unerzogen benähmen wie er, gehörten an die Front, Unglücklicherweise handelte es sich bei dem Pförtner, was der Arzt nicht wußte, um einen Kriegsinvaliden, der, im innersten beleidigt, nun nichts Eiligeres zu tun hatte, als sofort eine Anzeige zu er- statten, Als diese Anzeige die Gestapo erreichte, war bei dieser das Maß des Herrn Dr, Quästori voll, Er wurde— dies allerdings noch der Ausdruck eines Restes veralteter Hochachtung vor dem ärztlichen Beruf, da das sonst eigentlich bei niemandem und jedenfalls nicht bei einem so „Kleinen Verbrechen” geschah— zum Leiter der Bremer Gestapo geladen, wo ihm der Regierungsrat eröffnete, er habe entgegen der ihm zuteil ge- wordenen„Verwarnung” ein zweites Mal„gebummelt” und außerdem auch noch einen Kriegsinvaliden beleidigt. Er müsse ihn daher,„um sein Verhalten für die Zukunft nachdrücklich zu bessern”, auf vierzehn Tage in das Arbeitserziehungslager Farge schicken. So kam Farge, wo Ärzte als Häftlinge bisher nur aus politischen Grün- den oder auch als Mitglieder unserer„Aktion” erschienen waren, zu dem dort neuartigen Erlebnis, einen Arzt als„Arbeitsunwilligen” hinter seinem Stacheldraht zu begrüßen, Der Doktor war, als er sich in unserer Mitte vorstellte, im Anfang zwar etwas betreten, fand sich aber mit der Wen- digkeit seines lebhaften Temperaments sehr bald in die Sache und hat schließlich ohne Frage seinen unfreiwilligen Farger Trip als eine„dritte Urlaubsreise” in demselben Jahre betrachtet, Man dachte nicht daran— auch das wohl noch ein Rest veralteter 117 - Hochachtung vor dem ärztlichen Beruf ihn einzukleiden oder gar seinem Haupthaar zu nahezutreten, was übrigens bei ihm lediglich eine Angelegenheit der Form gewesen wäre, da er schon ohnehin so gut wie kahlgeschoren ging und über fast keinen Haarwuchs mehr verfügte. Seine Zeit verbrachte er damit, sich entweder mit dem Russenarzt über medizinische Probleme oder mit uns über politische und philosophische Fragen zu unterhalten oder mit allen in Farge vereinigten Völkern Europas über dies und jenes zu diskutieren, was ihm bei der Leichtigkeit, mit der er alles anfaßte, nicht die geringste Mühe machte, da er zu unserem Staunen sämtliche Sprachen des Erdteiles, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Holländisch, Dänisch, Russisch usw. so fließend sprach, als ob er sie bereits mit der Muttermilch eingesogen hätte. Daran, ihn zu irgendeiner Farger Arbeit ,, einzusetzen", dachte ebenfalls niemand, sei es, daß dies auch auf die bereits mehrfach erwähnte, immer noch vorhandene Hochachtung vor seinem Beruf oder auch auf die Verwirrung zurückzuführen war, die gerade damals bei dem schon geschilderten Kommandowechsel im Lager eingerissen war. Der Doktor hat es jedenfalls in seinem ganzen Verhalten als ganz selbstverständlich betrachtet, daß sich die Lagerleitung mit derartigen Zumutungen an ihn nicht herantraute. Er sah das Dritte Reich bereits als gänzlich verloren an und hat uns alle zur Neujahrsfeier in das bekannte Bremer Lokal ,, Die Glocke" eingeladen. Er hatte sich damit zwar etwas verrechnet. Der Zusammenbruch, den er für Neujahr erwartet hatte, ereignete sich erst nach Ostern. Dr. Quästori blieb noch für einige Tage in Farge, als wir dies Lager verließen. Ich halte es jedenfalls für sicher, daß er Farge mit keiner anderen Weltanschauung" verlassen hat als derjenigen, die er bei seiner Ankunft mitgebracht hatte. 11 28. Buden- und Promenadengespräche. 15 Das damals in ganz Deutschland alltägliche Gesprächsthema ,, Wie lange dauert noch der Krieg?", das meist unausgesprochen gleichbedeutend mit der Frage war:, Welches ist der mutmaßliche Zeitpunkt für das Ende des Dritten Reiches?", hatte in Farge eine besonders ernste Note. Denn der für die nächste Zukunft zu erwartende Zusammenbruch der Naziherrschaft war für alle Lagerinsassen ohne Unterschied der Nationalität und des Haftgrundes gleichbedeutend mit der äußersten Gefahr für Leib und Leben. Es war bei der Wesensart des Nationalsozialismus ohne weiteres vorauszusehen und lag bei dem nun schon eingehend geschilderten Charakter unserer Wachmannschaften auf der Hand, daß diese Leute, wenn sie denn schon mit der Bestrafung ihrer Verbrechen rechnen mußten, was gleichbedeutend mit dem Schlimmsten für sie war, zum mindesten versuchen würden, sich recht viele von ihren nun um so mehr gehaßten ,, Schutzbefohlenen" vorauszuschicken. Tatsächlich hat sich ja auch später bei den Greueln, die in zahlreichen Lagern noch in den letzten Stunden des Dritten Reiches vorgefallen sind, unsere Befürchtung als nicht unbegründet erwiesen. 118 „ Es müssen bei de es dan dem w sie au nichts um we Wen Farge Das h Komm der b mit vi das in den ei Massa pistole keit, schütz uns ge laufen visten starke Teil d wehrl Mittel Übe schwe sche wiede Zeitun schmu Orien junge schäft natür lich die f oder mand dera vor d es ih kennz dama Die gar eine t wie fügte. über ische lkern gkeit, er zu sisch, Bend Daran, mand, noch rrung erten edenchtet, meranmund „ Die Der erst Is wir ge mit die er Wie ichbekt für ernste bruch ed der en Geozialisehend d, daß rechen e war, um so ch hat noch in re Be,, Es handelt sich um ein paar Stunden, über die wir hinwegkommen müssen", äußerte C. auf einem unserer Spaziergänge durch das Lager, bei denen wir mit dem Kommandanten nicht zusammentreffen durften, da es dann unfehlbar eine fürchterliche Szene setzte. Einer der Posten, an dem wir gerade vorbeigegangen waren, als die Äußerung C's. fiel, hatte sie aufgeschnappt und sah uns erstaunt nach. Er wird wohl, zumal er nichts Besseres zu tun hatte, angestrengt darüber nachgegrübelt haben, um welche ,, Stunden" es sich denn dabei handeln könnte. Wenn sich das Ende des Dritten Reiches bei unserer Anwesenheit in Farge ereignet hätte, wäre in der Tat unsere Lage verzweifelt gewesen. Das hohe Stacheldrahtgitter, von dem das Lager umgeben war, hatte die Kommandantur bereits, als die deutsche Westfront im Zusammenhang mit der britischen Luftlandung bei Arnheim ins Gleiten zu kommen schien, mit vielen tausend Volt Starkstrom laden lassen, so daß ein Entkommen, das in größeren Massen ohnehin praktisch nicht in Frage kam, auch für den einzelnen hierdurch noch aufs äußerste erschwert wurde. Bei einem Massaker, das die Wachmannschaften jederzeit mit ihren Maschinenpistolen unter uns anrichten konnten, hatten wir keine andere Möglichkeit, als uns mit Tisch- und Stuhlbeinen bewaffnet auf unsere ,, Beschützer" zu stürzen, wobei es wahrscheinlich nur den wenigsten von uns geglückt wäre, die Schußwaffen der Wachmannschaften zu unterlaufen, um diesen an den Leib zu kommen. Immerhin waren die ,, Aktivisten" unter unserer Schicksalsgenossenschaft und das war immerhin ein starkes Drittel unserer ,, Coté", sowie auch ein mindestens ebenso großer Teil der politischen Häftlinge, von vornherein entschlossen, sich nicht wehrlos hinmorden zu lassen, sondern, wenn es so weit wäre, mit allen Mitteln einen Widerstand bis zum Letzten zu versuchen. Über den Zeitpunkt, an dem die ganze Frage brennend werden konnte, schwebten wir natürlich völlig im Dunkeln, zumal wir nicht einmal deutsche Zeitungen erhalten durften. Es wurde aber im Anfang hin und wieder und zum Schluß fast regelmäßig jeden Abend mindestens eine Zeitung mit dem deutschen Wehrmachtbericht ins Lager hineingeschmuggelt. Die hierdurch ermöglichte, allerdings nur sehr spärliche Orientierung wurde hin und wieder dadurch vervollständigt, daß unsere jungen Kameraden, die in der Kommandanturbaracke mit Hausarbeit beschäftigt waren, nicht selten feindliche Nachrichten hörten und diese natürlich brühwarm mitbrachten. Die jungen Leute hatten selbstverständlich nicht die Kühnheit, in der Höhle des Löwen selbst Radioapparate auf die fremden Sender einzustellen, sondern sie schnappten nur von ferne oder im Vorübergehen hin und wieder etwas von dem auf, was der Kommandant und sein engerer Stab an Feindsendern hörte. Die Tatsache, daß derartige SS.- Leute das taten, wofür zahlreiche der von ihnen Bewachten vor den Volksgerichtshof und an den Galgen geschleppt wurden, obwohl es ihnen nicht minder als den anderen strengstens untersagt war, ist kennzeichnend für den geringen Kredit, den die deutschen Nachrichten damals selbst bei der engsten Anhängerschaft der Partei besaßen. Die ausländischen Lagerinsassen, insbesondere die Iren und Franzosen, 119 erwarteten das Ende des Krieges für Weihnachten, andere gaben ihm noch Frist bis zum Hochsommer. Jedenfalls mußten wir uns an das Bewußtsein gewöhnen, daß jeden Tag das Äußerste über uns kommen konnte und die damit verbundene ständige Spannung ertragen. Es hat sich dabei gezeigt, daß auch dies nur eine Sache der Abhärtung ist und wir haben in dem Bewußtsein ,,, ein Mensch in Gefahr kann lange leben", die Nächte in Farge nicht schlecht geschlafen, wenn auch der Schatten des Kommenden, so oft wir vorher abends auf unserer Bude zusammensaßen, aus unseren Gesprächen selten verschwand, wobei alles nur andeutungsweise gesagt werden konnte, da wir uns ständig vor allen möglichen Spitzeln in acht nehmen mußten. 29. Geburtstagsfeier in der Elitestube. Der ehemalige sozialdemokratische Provinziallandtags- Abgeordnete v. B., unser Stubenältester, dem nichts als diese seine frühere Würde vorzuwerfen war, erlebte im Lager seinen 59. Geburtstag. Dieser festliche Tag wurde von uns mit betonter scherzhafter Bürgerlichkeit begangen, die in der unbürgerlichen Umgebung geradezu spießig wirkte, was uns aber nicht störte, sondern die Feststimmung nur erhöhte. Während das ,, Geburtstagskind", das durch seine Erlebnisse erheblich über seine Jahre hinaus gealtert war, wie man das wohl bei wirklichen Kindern macht, die auf den Weihnachtsmann warten, draußen auf dem Hof von einem der im Komplott Befindlichen im Gespräche festgehalten ward, wurde auf der Stube ein hochbeladener Geburtstagstisch gerüstet. Jeder gab aus seinen Vorräten etwas dazu, der eine Kuchen, der zweite Äpfel, der dritte Zigarren und Zigaretten usw. Einer hatte sogar noch französischen Kognak, der als solcher strengstens verpönt war, da die Häftlinge im Lager überhaupt keinen Alkohol haben durften. Von diesem Kognak wurde ein Teil in eine kleine Medizinflasche abgefüllt und diese mit einem Schild, auf dem ein Totenkopf und die dickgedruckte Warnung Achtung Gift!" zu lesen war, auf den Geburtstagstisch gestellt. Unser Schildermaler verfaßte eine Glückwunschadresse, auf der eine unverkennbare Abbildung des Lagers Farge mit der hinter einem Gitter verschnörkelten Zahl 59 zu sehen war, während darunter die Zahl 60 mit einem Fragezeichen und einigen Gedankenstrichen figurierte. Man konnte sich dabei denken, was man wollte, es wurde immer richtig. Der alte Herr, der ja noch gar nicht so alt genannt werden konnte, stand ganz gerührt und beglückt vor seinem Tisch und ließ die so diplomatisch illustrierte Gratulationsschrift, die nicht nur die Insassen unserer Stube, sondern fast die gesamte Baracke unterzeichnet hatte, lange nicht aus seiner Hand. Der Untersturmführer, der bei all seinen militärischen Ambitionen einen Hang zur Kleinbürgerlichkeit hatte, war ehrlich begeistert und hielt abends eine Ansprache, in der er nicht nur das Geburtstagskind und die ,, Harmonie innerhalb unserer Gemeinschaft" rühmend hervorhob, sondern sich auch noch darüber hinaus zu dem Wunsche verstieg, es möge einmal 120 aus d werde dürfe mal e unter ähnlic Wese Wa dieser Gesic dacht sonde plötzl hat ih hoben um in kleine Die Ich ka war u in Ös Ostma nunft wurde Ra trenn er, al merk We hieß zuge sond gebie geke such dab Kom und prod Rab uns Seefa West das U en ihm las Be- ommen Es hat ist und leben”, chatten ‚mmen- nur an- n möß- ordnete Würde estliche gangen, was UNS ‚heblich ‚klichen uf dem ‚ehalten erüstet. zweite ar noch da die | diesem „d diese te War- gestellt. eine un 1 Gitter | 60 mit ‚ konnte konnte, o diplo- unsere! ge nieht ‚pitionen und die sonder? e einma aus der Mitte der Häftlinge später eine Schrift über Farge veröffentlicht werden, in der diese gelungene Geburtstagsfeier nicht vergessen werden dürfe! Möglicherweise dachte er sich die Sache so, daß ihm später ein- mal ein Buch über unsere Erlebnisse in dem von ihm mitgeleiteten Lager unter der freundlichen Widmung ‚Ihre dankbaren Häftlinge” oder so ähnlich überreicht würde, Ausgeschlossen war dies bei seiner ganzen Wesensart keineswegs, Was unseren würdigen Stubenältesten anbetraf, so hatten sich an diesem Abend die Sorgenfalten auf seinem sonst so kummervollen Gesicht, mit dem er ständig nach Hause an seine Frau und Tochter dachte, fast vollständig geglättet, und er war nicht nur freudig bewegt, sondern geradezu vergnügt zusammen mit seinen Gratulanten, was ihn plötzlich wieder eine ganze Anzahl Jahre jünger machte, Nicht zuletzt hat ihn wie uns alle bei dieser Gelegenheit das Bewußtsein festlich er- hoben, daß wir noch über so ausreichende Reserven an Humor verfügten, um in der grausigen Umgebung, in der wir uns befanden, ein solches kleines Fest abzuhalten, als könnte und dürfte es gar nicht anders sein, 30. Rabatz, Die Herkunft dieses Wortes könnte einen Sprachforscher beschäftigen. Ich kann nur so viel berichten, daß es in Farge allgemein im Schwange war und etwa dieselbe Bedeutung hatte wie der„Wirbel”, von dem man in Österreich spricht, Allerdings hat wohl noch kein„Wirbel“, den ein Ostmärker um sich verbreitet hat, an Intensität und vor allem an Ver- nunftwidrigkeit das Phänomen erreicht, das in Farge„Rabatz‘ genannt wurde, „Rabatz” war von der Persönlichkeit des Lagerkommandanten unzer- trennlich, Einerseits war er sein Lebenselement und andererseits fand er, als er von Farge scheiden mußte, auf dem Gebiete dieser besonders merkwürdigen menschlichen Naturerscheinung keinen Nachfolger, Wenn im Lager von einem zum anderen geraunt wurde:„Rabatz”, so hieß dies ungefähr soviel wie„es ist ein schlimmes Gewitter im An- zuge”, Wenn es dann losbrach, gab es nicht nur Krach und Donner, sondern es mußte damit gerechnet werden, daß auf irgendeinem Lebens- gebiete des Lagers ohne Gnade und Ausnahme das unterste zu oberst gekehrt wurde,„Rabatz” summte der Untersturmführer bei seinen Be- suchen auf unserer Stube oft stillvergnügt vor sich hin und lachte sich dabei ins Fäustchen, denn es war dies gleichbedeutend damit, daß der Kommandant wieder einmal dabei war, einen Riesenunfug anzurichten und so selbsttätig einen weiteren recht starken Nagel für seinen Sarg zu produzieren, an dem der Untersturmführer im übrigen so eifrig zimmerte, „Rabatz" sagten wir dann alle mit recht gemischten Gefühlen, denn für uns bedeutete das meist etwas mindestens so Unangenehmes wie für den Seefahrer ein Orkan oder Taifun und für den Wanderer im wilden Westen ein Tornado, Wir konnten dabei nur immer wieder hoffen, daß das Unheil an uns vorüberbrauste, ohne allzu großen Schaden anzurichten, 121 Wenden wir uns einigen besonders eklatanten Beispielsfällen dieses echt Farger Phänomens zu: a)KrachinderFrühe. Eines Morgens, als die Trillerpfeife noch nicht getönt hatte— es war noch vor 4 Uhr— erwachten wir von einem fürchterlichen Geschrei, das in bestimmten Zwischenräumen in ein ebenso klägliches wie schmerz- liches Winseln überging, um dann wieder zu einem Geschrei der alten Lautstärke anzuschwellen, dann wieder abzusinken und so fort. Als wir vorsichtig durch unsere Türritze auf-den Gang spähten, sahen wir vor dem Krankenrevier die halb entkleideten Körper von vier Männern liegen, deren Nationalität in dem kargen Licht, das den Korridor er- hellte, nicht festzustellen war. Über diesen am Boden liegenden Leibern stand die lange Gestalt des Kommandanten nebst einigen seiner uns nur allzu wohlbekannten Wachleute, Alle schlugen mit Stahlpeitschen, schweren Knüppeln und zur Abwechslung auch einmal mit ihren Leder- gürteln auf die Unglücklichen los, die, wie wir später hörten, sich vor dem Ausrücken der Kolonnen im Revier hatten krank melden wollen, Im- mer wenn die Gepeinigten, die ja ohnehin schon entkräftet waren, durch den Schmerz oder wohl auch durch den nicht unerheblichen Blutverlust ohnmächtig wurden, gossen ihre Quäler ihnen Eimer voll kalten Wassers über Kopf und Schultern, daß sie wieder vorübergehend erwachten, wo- nach sich dasselbe scheußliche Spiel wiederholte, Der Kommandant be- teiligte sich an dieser„Exekution”, und zwar sowohl an der Austeilung der Schläge, als auch an dem Überschütten der Wassereimer mindestens mit demselben Eifer, mit dem seine Wachleute hierbei beschäftigt waren. Es war eine Szene, bei der man, wenn man länger zusah, anfing, seinen eigenen Augen oder jedenfalls der Gesundheit seiner Vernunft zu miß- trauen, Als die Opfer dieser schaurigen Züchtigung selbst mit Wassergüssen, die fast ausgereicht haben würden, sie zu ertränken, nicht mehr aus der Bewußtlosigkeit aufgeweckt werden konnten, wurden sie an den Beinen gepackt und rücksichtslos über den mit Schlacke bedeckten Hof in die Arrestzelle geschleift, Diese„Zelle” war ein finsteres Loch, in dem ein einzelner Mann kaum sitzen, geschweige denn liegen konnte, Drei oder vier Leute, wie in diesem Falle, konnten darin nur noch gerade aufs engste zusammengedrängt stehen, wobei sie sicher schon mit den Füßen teilweise aufeinander standen, Eine Gefahr, daß die Bewußtlosgeschlage- nen in diesem Verliese ebenso zusammensackten, wie es auf dem Korri- dor unserer Baracke geschehen war, bestand nicht, denn sie hatten in ihrem Arrest einfach keinen Platz, um auch nur umzufallen, Selbstver- ständlich hätte es näher gelegen, die schandbar Zugerichteten gleich in das Krankenrevier zu bringen, vor dem sich die furchtbare Szene ab- gespielt hatte und in das sie ja schon vorher ohnehin hatten hinein wollen, Aber die Krankenstube wurde vom Kommandanten in diesem Falle wohl als ein gänzlich überflüssiger Umweg angesehen. Denn die armen mißhandelten, körperlich Heruntergekommenen, die sie schon vor- 122 her v unter: besch gekon sahen nahe( FE ORTE her waren, mußten ohnehin sterben, und die Arrestzelle, die mit dem untersten Grund der Hölle gleichbedeutend war, hat ihr Ende wohl nur beschleunigt. Ich glaube nicht, daß einer der vier mit dem Leben davon- gekommen ist. Eine Leiche, um die sich im übrigen niemand kümmerte, sahen wir jedenfalls schon am nächsten Tage in einem Winkel des Hofes nahe der Arrestzelle liegen. b) Diegroße Russenwäsche, Wenn der Kommandant auf die Idee gekommen wäre, eine große Reinigungsaktion im Russenlager in der Weise durchzuführen, daß plan- mäßig an mehreren Tagen je 50-100 Mann sich selbst und ihre Kleidung einer gründlichen Reinigung zu unterziehen hatten, so wäre dies eine zweckmäßige und löbliche Maßnahme gewesen. Es mußte aber aus dieser Unternehmung ein„Rabatz” werden, und zwar wohl der tollste, den Farge je erlebt hat, Eines Abends kurz vor 7 Uhr brauste der Kommandant durch die Ba- racken mit_dem Befehl, sämtliche Russen— es waren damals über 400— müßten„an diesem Abend” gründlich gebadet und entlaust werden, zugleich müsse ihre Kleidung gereinigt werden und durch die Entlausungsmaschine laufen; sämtliche Nummern, die die Russen trugen, seien von ihrer Lagerkleidung sofort abzuschneiden, es sei strengste . Kontrolle zu üben und den Gebadeten, nur wenn sie einwandfrei sauber befunden würden, gegen die von ihnen vorzulegende Nummer ihre Klei- dung und das abendliche Kohlrabiessen zu verabfolgen, Man kann sich den Aufruhr nicht vorstellen, der nun im Lager ent- stand. Wir wurden fast alle zur Durchführung der„Kontrolle heran- gezogen, deren Oberleitung einmal wieder C, anvertraut war, der ab- wechselnd die Hände über dem Kopf zusammenschlug und seine Blicke gen Himmel richtete, als ob er, und das mit Recht, sagen wollte, daß der Gipfelpunkt alles Farger Wahnsinns nun wirklich erreicht sei, Aufruhr in der Russenbaracke, Aufruhr im Waschhaus, Aufruhr in der Entlausung und Aufruhr vor allem auf der Kammer, wo der Verwalter Fürst sich verzweifelt seine Haare raufte und von mir nur mit Mühe beruhigt werden konnte, Aufruhr in der Küche, die das Essen nun zum großen Teil nicht ausgeben konnte und für einen zunächst nicht voraussehbaren Zeitraum zurückstellen mußte, C. übernahm zunächst selbst die„Kontrolle der Gebadeten im Wasch- haus und bat mich, ihn nach zwei Stunden abzulösen, Ich stellte mich eine Weile an die Tür unserer Baracke und beobachtete die Russen, die nach Abgabe ihrer Kleidung völlig nackt über den kalten und finsteren Hof in Massen in das Waschhaus getrieben wurden, Dann setzte ich mich auf unsere Stube, auf der auch die Wogen der Erregung noch sehr hoch gingen und versuchte einen Gesang aus Dantes Hölle zu lesen, der ein- mal wieder zu diesem Vorgang paßte, Ich kam aber nicht sehr weit, Be- reits nach reichlich einer Stunde erschien ein„Eilbote”, der mich bat,© abzulösen, da derselbe sozusagen fertig sei, Ich ging in das Waschhaus, das von heißen Dampfwolken erfüllt war 123 wurde und fand dort C. nur mit einer kurzen Badehose bekleidet und dennoch schwitzend auf einem Schemel, auf dem er seine Kontrollstelle etabliert hatte. Vor ihm drängten sich die nackten Adams wild gestikulierend und schreiend durcheinander, fuchtelten mit ihren Nummernschildern in der Luft herum und verlangten ihre Kleidung und ihr Essen. Rechts nebenan wirkten Fürst und seine Leute von der Kammer verzweifelt, um die Wäsche und die Kleidung, welche die Entlausungsmaschine fortdauernd ausstieẞ, zu ordnen und zur Wiederausgabe zu bringen. Da die Entlausungsmaschine die durch das heiße Massenbad erzeugte Hitze bis ins Unerträgliche steigerte, waren die Leute von der Kammer bereits, als ich erschien, augenscheinlich im Begriff, sich gleichfalls in ein Bad aufzulösen oder jedenfalls davonzufließen. Links nebenan im Baderaum wirkte der Kommandant mit dem bei ihm gewohnten, aber in dieser Nacht noch bis zu einem vorher nicht erreichten Höhepunkt gesteigerten Gebrüll. Ich blickte dort hinein und sah eine Szene, die niemand jemals vergessen könnte, der sie mit mir erblickt hätte. Die Russen wurden immer zu sechs bis acht Mann in die Badewanne, die nicht mehr als normale Größe hatte, hineingedrängt, gestoßen und geworfen. Dann rauschte die Dusche wie ein Platzregen, ja wie ein Wolkenbruch auf die Gebadeten herab und rechts und links und am Kopf- und am Fußende der Wanne stand je ein Mann, der mit einer riesigen Scheuerbürste bewaffnet war, auf die fortlaufend Imi oder ähnliche scharfe Mittel geschmiert wurden. Sie wurden von oben bis unten regelmäßig geschrubbt", und zwar so nachdrücklich, daß sie dauernd losheulten und vor Schmerz schrien und daß die ,, Schrubber" dauernd abwechseln mußten, weil sie diese ,, Schwerarbeit" bei der Hitze nicht lange aushielten, Als ich mich so über den Gang der ,, Aktion" informiert hatte, ging ich zurück, um den Platz C's. auf dessen Kontrollschemel einzunehmen, Er wünschte mir viel Vergnügen und versprach mir, mich spätestens nach einer Stunde gleichfalls ablösen zu lassen. Ich habe nun eine Stunde lang die Körper der gebadeten Russen, besonders deren Rücken, daraufhin visitieren müssen, ob die erforderliche Reinlichkeit durch das voraufgegangene Gewaltbad hergestellt sei. Ich habe nur einige in ihrem eigenen Interesse zurückschicken müssen, da sie sonst von der Überkontrolle" der Wachleute mißhandelt worden wären. Die Abgelehnten erhoben verständlicherweise ein schlimmes Geschimpfe, als sie die furchtbare Prozedur ein zweites Mal über sich ergehen lassen mußten. $ 1 Wenn die ,, Kontrollierten" schließlich Unterzeug und Kleidung aus der Entlausung zurückbekamen, gab es meist ein neues Geschrei: Alles paẞte nicht. Es zeigte sich dabei natürlich sofort, welch eine geniale organisatorische Maßnahme des Kommandanten es gewesen war, die Nummernschilder von den Anzügen abzuschneiden. Es bekam keiner der armen Russen seine ursprüngliche Kleidung wieder. Große Kerle bekamen viel zu kleine Anzüge, kleine viel zu große und es war überhaupt nur noch durchzukommen, indem den Leuten immer wieder zugerufen. 124 ,, umtau Drau der H natürli rasch Als Schick auf un frottie hatte nackte dem a Am also zu Das gegebe wieder Unse trolleu diesem sprichw war se Bad vo den He Flieger gefehlt stalten Den Wanz in dies Die überh treten zeuge sager ins sah e sich herau flecke Nerve nähru die Be nnoch abliert d und in der benan m die uernd Entbis ins als ich zulösen ei ihm rreichh eine rblickt Badestoßen wie ein nd am einer er ähnunten auernd auernd e nicht ing ich men, Er s nach sen, beHerliche sei. Ich sen, da worden limmes per sich aus der es paßte organiNumner der erle beberhaupt gerufen 11 wurde, sie müßten ihr Zeug in den nächsten Tagen eben einmal wieder ,, umtauschen". Draußen vor der Essenausgabe gab es dann das dritte Geschrei, weil der Hunger der Bedauernswerten, der, je weiter die Nacht fortschritt, natürlich immer größer wurde, bei der ständig andrängenden Masse nicht rasch genug gestillt werden konnte. Als meine ,, Kontrollstunde" vorüber war und mich der nächste Schicksalsgenosse ablöste, war auch ich wie gebadet. Ich übergoss mich auf unserer Stube mit einem Rest dort vorhandenen kalten Wassers, frottierte mich ab und legte mich schlafen. C. schlief bereits. Auch ich hatte genug und träumte in dieser Nacht dauernd von Wäldern, die aus nackten Russen bestanden und über denen sich ein Sturzregen nach dem anderen ereignete. Am nächsten Morgen hörte ich, daß die Aktion" erst gegen 4 Uhr, also zu Beginn des ,, neuen Arbeitstages" hatte beendet werden können. Das letzte Abendessen" mußte zugleich mit der ,, Morgensuppe" ausgegeben werden, was ja auch keine Schwierigkeiten machte, da beides wieder der verfluchte Kohlrabi war. Unser Kamerad Lüders, welcher der letzte in der Kette der ,, Kontrolleure" gewesen war, schlief den halben Tag. Das ganze Lager war an diesem Tage wie erschlagen. Von den Russen werden sich trotz ihrer sprichwörtlichen Abhärtung nicht wenige erkältet haben. Denn die Nacht war sehr kalt gewesen und der Weg, den sie vor dem glühend heißen Bad völlig unbekleidet und danach mit der noch feuchten Kleidung über den Hof zu machen hatten, war nicht kurz. Merkwürdigerweise war kein Fliegeralarm dazwischen gekommen. Es war tatsächlich das einzige, was gefehlt hätte, um diesen höllischen Vorgang noch ,, höllischer" zu gestalten. c) ,, Wanzen vertilgung". Den Namen eines Männervertilgungslagers" trug Farge zu Recht. Ein Wanzenvertilgungslager" dagegen gelang es ihm, trotz eines erheblichen in dieser Richtung angestrengten ,, Rabatzes", nicht zu werden. Die Bevölkerung des Lagers mit den kleinen Tierchen hatte erheblich überhand genommen und selbst in unserer Elitestube waren sie aufgetreten, wovon der würdige Stubenälteste v. B. zunächst nicht zu überzeugen war. Er bestritt dies mit allem Nachdruck und fühlte sich sozusagen in seiner persönlichen Ehre aufs tiefste gekränkt dadurch, daß auch in ,, seiner Stube" sich das Ungeziefer eingenistet haben sollte. Außerdem sah er mit berechtigter Sorge die unvermeidlichen Folgen voraus, wenn sich die Verwanzung des Lagers nunmehr als eine allgemeine Erscheinung herausstellen sollte. Tatsächlich waren die heftig juckenden roten Hautflecke, über die viele von uns zu klagen hatten, bisher überwiegend eine Nervenerscheinung gewesen, die einerseits auf die eigenartige Ernährung und andererseits auf die unbezogenen Strohsackbetten und auf die Berührung der Wolldecken mit der Haut zurückzuführen war. Nun 125 aber waren bei mehreren von uns auch deutlich Stiche zu sehen, die sich leider als Wanzenstiche legitimierten, Wie das im Lager nun so war, konnte es unmöglich vermieden werden, daß der Kommandant etwas davon läuten hörte. Die Folge war eben: Rabatz. Eines frühen Morgens wurden sämtliche Häftlinge von ihren Lagern emporgeschrien und die Baracken mit einem Schlage und ohne daß irgendwelche Vorbereitungen hierzu getroffen waren, geräumt. Wir mußten in die kalte Spätherbstluft ins Freie. Aus ganz besonderer Gnade wurde dann den Bewohnern unserer Baracke erlaubt, sich in der Kommandanturbaracke in zwei kleine Zimmerchen zusammenzudrängen. Die Russen, die, nachdem sie kurz vorher bei dem Russenbad entlaust waren und nun auch persönlich entwanzt" werden sollten, wurden einmal wieder nackt auf den Hof getrieben, wo sie sich stundenlang in der Kälte aufhalten mußten, während ihre Kleidung einmal wieder durch die Entlausungsmaschine lief, was im Hinblick auf die Wanzen völlig nutzlos war, da Wanzen sich bekanntlich niemals in Kleidern und Wäsche aufhalten, sondern sich nur in Holz und Papier sowie in Wand- und Deckenbekleidungen, in Bettgestellen, Tapeten und Strohsäcken einzunisten pflegen. Nach der Räumung wurden die Baracken stundenlang durch einen herbeigerufenen Spezialisten ,, vergast". Es war gut, daß wir ,, Sachverständige" in unserer Mitte hatten, die uns dringend rieten, alles EBund Trinkbare aus den dieser Prozedur unterworfenen Räumen unverzüglich zu entfernen. Es gelang noch gerade, die für uns so außerordentlich wichtigen Vorräte zu bergen. Sie wären sonst durch die Vergasung völlig verdorben. aber Zwischen 6 und 7 Uhr morgens hatte dieser eigenartige Gasangriff begonnen und erreichte um die Mittagszeit seinen Höhepunkt. Erst in den späten Abendstunden konnten wir in unsere Baracke zurückkehren. Die armen Russen hatten bis dahin als Adams auf dem Hofe herumlaufen müssen und waren völlig blaugefroren. Frauen von Schicksalsgenossen, die zufällig an diesem Tage zu Besuch ins Lager kamen, waren von diesem Anblick derart erschüttert, daß sie sofort in Ohnmacht fielen. Auch wir sind noch zu früh in unsere Baracke zurückgekehrt. Obwohl die ganze Nacht die Fenster aufgesperrt waren, war die Luft in unseren Räumen noch derart gashaltig, daß wir am nächsten Morgen alle eine tüchtige Bronchitis hatten, die erst nach einigen Tagen wieder verschwand. Den Wanzen war die Aktion jedenfalls viel besser bekommen als uns. Sie hatten sich zwar für ein bis zwei Tage in die tiefsten Wandritzen und-löcher zurückgezogen, erschienen aber bereits in der dritten Nacht wieder in alter Munterkeit und stachen nur so darauf los. Das Urteil unserer Sachverständigen, das über die Gasaktion von vornherein festgestanden hatte, bestätigte sich in vollem Umfange. Wir hatten genug Frontsoldaten aus dem ersten Weltkriege und Seefahrer mit reicher Ungeziefererfahrung unter uns, und ihre einmütige Meinung war von Anfang an gewesen, daß es gegen Wanzen nur ein Mittel gebe, nämlich das ganze Gebäude, in dem sie sich eingenistet hätten, abzubrennen. Dieses Rezept war allerdings für die Farger Lagerführung unanwendbar. Dafür 126 zusch als di Als im W artig, sei au den unver müsse Die Hoffn gemac innerh Frist a später außerd vasion immer einzige dem E Schub Oberw ihnen nunme Zucht bestra festge ster W dageg Leute Anord ten e für ei Gesta dante haltu anga quitt Gefa lasser darau je läng Der aber hatten der Kommandant, der schmunzelnd aus seiner Reserve ihm zuschauende Untersturmführer und wir und die anderen Lagerinsassen als die Leidtragenden wieder einmal unseren„Rabatz"” gehabt, 31, Ein Barackenbau, Als unsere„1, Invasion“ ohne Bettstellen und sogar ohne Strohsäcke im Waschhaus hatte kampieren müssen, hatte der Kommandant, groß- artig, wie er so etwas zu machen pflegte, die Anordnung gegeben, es sei auf einem neben den bisherigen Hauptbaracken zur Verfügung stehen- den Platz innerhalb des Lagers„zur Unterbringung dieser Leute” unverzüglich eine weitere Baracke zu bauen,„die innerhalb 2 Tagen stehen müsse”, Die Laien innerhalb unserer 1, Invasion haben sich zunächst die größten Hoffnungen auf die hiermit für sie in Aussicht genommene Unterkunft gemacht, Es war aber selbstverständlich unmöglich, den Barackenbau innerhalb der von einem Isnoranten völlig willkürlich festgesetzten kurzen Frist aufzuführen, obwohl sich ein Maurer aus unserer 1, Invasion, mein späterer Wanderfreund Thilo und einer seiner Brüder, ein Zimmermann, außerordentlich um die Förderung des Baues bemühten, Als die 1, In- vasion Farge verließ, war der Bau, der ihr hatte Obdach werden sollen, ‚immer noch im Anfangsstadium. Er hat auf diese 1, Invasion nur eine einzige, recht negative Wirkung ausgeübt, die darin bestand, daß die mit dem Bau betrauten Handwerker, als die OT, kam, um den betreffenden Schub unserer Schicksalsgenossen in das Arbeitslager Lenne an der Oberweser abzuholen, in Farge zurückbleiben mußten, wo sie, nachdem ihnen ungefähr 3 Wochen Kürbissuppe vorgesetzt worden war, mit uns nunmehr weitere 3% Wochen die Kohlrabisuppe essen mußten, Ein Zuchthausdirektor, der aus eigener Machtvollkommenheit einen schwer bestraften Verbrecher in seiner Anstalt einen Tag über die im Urteil festgelegte Haftdauer zurückbehalten hätte, würde sich selbst in schwer- ster Weise strafbar gemacht haben, Der Lagerkommandant von Farge dagegen konnte, ohne erheblichen Anstoß zu erregen, völlig einwandfreie Leute, die in seinem Gefängnis nur„versammelt werden sollten, als auf Anordnung seiner vorgesetzten Behörde der Abtransport der Versammel- ten erfolgte, einfach nach eigenem Gutdünken zurückhalten, da er sie für einen Erweiterungsbau in seinem Straflager„benötigte", Die Bremer Gestapo konnte es sich allerdings doch nicht versagen, den Komman- danten in diesem Falle darauf hinzuweisen, daß eine nochmalige Zurück- haltung von Imis über den für sie vorgesehenen Abtransport hinaus nicht angängig sei, was der Lagerbefehlshaber mit unbehaglichem Erstaunen quittierte, Wenn er auch gewohnt war, Arbeitshäftlinge und politische Gefangene nach Ablauf ihrer„Strafverbüßungsfrist“ pünktlich zu ent- lassen, so schien er der Meinung zu sein, daß es bei uns nicht so genau darauf ankäme, zumal die Dauer unseres angenehmen Aufenthaltes sich, je länger wir dort weilten, um so mehr als höchst unbestimmt erwies, Der Barackenbau schritt während der ganzen Zeit unserer Anwesen- 127 heit ständig fort, und zwar in einem Tempo, das jedenfalls als Zeitlupentempo bezeichnet werden mußte. Es hatte sich an diesem Bau eine besondere Kumpanei zusammengefunden, die sich an ihm ,, festhielt" und ihre ,, Arbeit" noch besser zu dosieren vermochte, als es uns mit unserer Flickwerkstatt gelungen war. Zu den bereits erwähnten Brüdern, Maurer und Zimmermann, trat ein dritter Bruder, der erst nach den beiden in Farge eingetroffen, von Beruf Kranführer auf der A.G. Weser und früher zur See gefahren war, weswegen er von seinen früheren Spaziergängen auf Masten und Rahen her zum Herumklettern auf dem Balkengerüst des neu entstehenden Baues besonders geeignet war. Weiter hinzu kam a. das Baufach unser Dipl.- Ing. Waclaff, dessen Spezialfach gerade u. war und der selbst schon große und wichtige Bauten aufgeführt hatte, ohne sich dabei träumen zu lassen, noch einmal an einem Gefängnisbau tätig sein zu müssen. Da er mit den ,, Bauleuten" auf derselben kleinen Stube wohnte, die sie zu sechsen im wesentlichen für sich alleine hatten, hatte sich auch Mager, der einzige Kolonialwarenhändler unter uns Imis, der ihm an sich recht berufsfremden Baugenossenschaft angeschlossen. Er hat den Bau niemals angerührt und das Meisterstück fertig gebracht, in Farge überhaupt niemals einen Handschlag zu tun. Wenn er irgendwo gemächlich herumschlendernd dem Kommandanten oder einem der Kalfaktoren begegnete, sagte er nur nachlässig, indem er seine Tabakspfeife von einem Mundwinkel in den andern schob: ,, Barackenbau", womit die Sache für ihn stets erledigt war. Da er sich aus seinem Laden mit allem Eßbaren denkbar gut versorgt hatte, war Farge der reinste Erholungsaufenthalt für diesen Lebenskünstler, der, obwohl er es schon nach seinem ursprünglichen Aussehen mit am wenigsten von uns allen nötig gehabt hatte, dort noch zusehends gedieh. komme Einzelh Stuben in Farg war di austaus schaft i meisten aber sa Die politischen Häftlinge, die sich im Gegensatz zu uns darauf einrichten mußten, in Farge zu überwintern, sahen der Vollendung des Baues mit ausgesprochenem Bangen entgegen. Anders als bei den bisherigen Farger Baracken wurde diese nämlich nicht ausschließlich aus Holz gebaut, sondern, um die ohnehin so ,, schleunige Herstellung" noch weiter zu beschleunigen, lediglich ein Balkengerippe aus Holz gefertigt, in das fertige Betonplatten eingefügt wurden. Der Beton war noch recht naẞ und ein genügendes Austrocknen erst im Laufe einiger Monate zu erwarten, wobei immer noch die Tatsache bestehen blieb, daß dies Gebäude im Winter außerordentlich kalt sein würde, Es mußte sich zu einer wahren Züchtungsanstalt für Rheuma, Ischias und Gicht entwickeln. Das kümmerte den Kommandanten aber sehr wenig und er dekretierte, ohne die Vorstellungen sachverständiger Häftlinge wegen der Nässe des neuen Hauses zu beachten, daß dasselbe ,, spätestens eine Woche nach Fertigstellung" bezogen werden müsse. Die neue Baracke war deswegen für seine Gefängnis direktor- Seele so besonders anziehend, weil sie auf Grund seiner Pläne im Gegensatz zu den anderen Lagerbauten nur über verhältnismäßig kleine Räume verfügte, die man schon mehr als ,, Zellen" bezeichnen konnte, in denen nur wenige Gefangene zugleich unter128 unseren Schilde welche unseren um den Gründe den Zif fortzula Ob s kann ic unvolle natürlic war, sc eines T längerer Verwes beachte kamen es sich deutsch stand, Gewalt sich vo hatte, Bolge wußte Gehin gab es nicht, li verrück so leide nur an Mengen Beinen erschein 9,, Imi's" upene beund nserer Maurer Hen in früher ängen st des kam aufach hatte, ingnisselben r sich lonialBaund das Handd dem er nur in den erledigt ut verLebensaussehen ehends auf einng des en bisich aus " noch efertigt, ch recht mate zu lies Gekommen konnten und sogar bei nicht starker Belegung des ganzen Lagers Einzelhaft durchführbar erschien. Auch hiervor hatten unsere politischen Stubengenossen verständlicherweise ein Grauen. Denn was das Leben in Farge schließlich trotz allem immer noch wieder erträglich machte, war die zum mindesten abends gegebene Gelegenheit des Gedankenaustausches mit gleichgestimmten Schicksalsgenossen. Einzelzellenwirtschaft in einem Lager wie Farge hätte sehr bald wohl zum Wahnsinn der meisten von ihr betroffenen Häftlinge führen müssen. Der Kommandant aber sah dem mit unverhohlenem Vergnügen entgegen und ließ sich von unserem Fachmann auf diesem Gebiete bereits kunstvoll verschnörkelte Schilder für die einzelnen Stubentüren der neuen Baracke entwerfen, welche die Bezeichnung ,, Zelle 1, 2, 3, 4" usw. tragen sollten. Es kostete unserem Kameraden seine nicht geringe diplomatische Überredungskunst, um den Kommandanten zu überzeugen, daß es aus ,, künstlerischen" Gründen geboten sei, die Schilder innerhalb der Schnörkel lediglich mit den Ziffern ,, 1, 2, 3" usw, zu bezeichnen und das ominöse Wort„ Zelle" fortzulassen. Ob sich die Befürchtungen unserer ,, Politischen" bewahrheitet haben, kann ich nicht sagen, da der Bau, als wir Farge verließen, tatsächlich unvollendet zurückblieb. Lediglich gerichtet worden war er, wenn auch natürlich ohne Richtfest, Trotzdem hat die Baracke, unvollendet wie sie war, schon zu unserer Zeit die ersten Bewohner gehabt: Es lagen dort eines Tages plötzlich in einem Winkel zwei Tote, die dort schon vor längerer Zeit hingeworfen sein mußten, da die Leichen schon stark in Verwesung übergegangen waren. Den Winkel hatte längere Zeit niemand beachtet, bis der Geruch sich bemerkbar machte. Wo diese Toten herkamen und wer sie waren, ließ sich nicht feststellen. Möglicherweise hat es sich um völlig Entkräftete gehandelt, die im Krankenrevier vor dem deutschen Arzt, damit bei diesem ,, kein zu schlechter Eindruck" entstand, mit kaltem Wasser nochmals hoch gebracht worden waren, welche Gewaltkur sie nicht mehr ausgehalten und es dann vorgezogen hatten, sich von dieser Welt zu empfehlen, worauf niemand so recht gewußt hatte, was mit ihnen anfangen. Waren diese ersten Bewohner der neuen ,, Bolge" von Farge ein schlimmes Vorzeichen und für wen? Niemand wußte es zu sagen. sich zu wickeln. retierte, asse des The nach eswegen sie auf nur über Zellen" unter32. Grotesken. - - Gehirne, die das Erlebnis von Farge auf die Dauer nicht aushielten, gab es zur Genüge. Ein Häftling ob er ein ,, Politischer" war oder nicht, ließ sich nicht feststellen wurde auf besonders witzige Weise verrückt. Er hieß zwar Thode, war aber dem Leben auch noch in Farge so leidenschaftlich zugewandt, daß er den ganzen Tag außer an Essen nur an künftige Ehrenstellungen dachte. Trotzdem er unwahrscheinliche Mengen Kohlrabisuppe aß, war er doch schon recht schwach auf den Beinen geworden. Das hinderte ihn aber nicht, wiederholt bei C. zu erscheinen, um ihn zu bitten, ihm ein Gesuch für die Gestapo zu schreiben, 9,, Imi's" 129 in dem er sich„freiwillig zur Waffen-SS. melden wolle”, Als er einmal lächelnd abgewiesen, dennoch immer wiederkam, wurden ihm aus unserer Mitte weitere entsprechende Vorschläge unterbreitet. Der eine riet ihm, sich doch lieber gleich zu den Fallschirmjägern zu melden, da er dort ohne Frage noch größere Heldentaten als bei der Waffen-SS. vollbringen könne, was er sich wohlgefällig anhörte, Der zweite meinte, er solle unbedingt Jagdflieger werden, was seinen Qualitäten— er habe ja nun einmal ganz offenbar hochfliegende Pläne— am meisten entspreche, Der dritte riet ihm, zur Flak zu gehen, da dies doch noch immer das sicherste sei. Nun wurde er ganz verwirrt und meinte zu C, gewandt, es wäre wohl das richtigste und würde auf die Gestapo sicherlich den besten Eindruck machen, wenn er sich ‚freiwillig für jede der hohen Behörde genehme Waffengattung” melde,„Habt Ihr im übrigen noch Kohlrabisuppe oder Brot?” schloß er seine eifrige Rede, Als dies verneint wurde, begann er darüber zu klagen, daß sein Magen ganz krank sei und er infolge- dessen noch unbedingt etwas essen müsse, Die„Magenkrankheit” war nicht weiter verwunderlich, da er an diesem Abend bereits über ein halbes Dutzend Kohlrabiportionen verschlungen hatte, die ihm mitleidige Seelen, die dieses Essen sich nach wie vor nicht einverleiben konnten, geschenkt hatten. Wir sagten ihm, daß sein Magenleiden, wenn er weiter äße, nur noch schlimmer werden würde, daß es aber gegen eine derartige Unpäßlichkeit ein ausgezeichnetes Mittel gebe, das„Aqua destillata” heiße und für ihn beim Russendoktor bestimmt zu haben sei. Er dankte uns überschwenglich für den guten Rat und eilte sofort zum Doktor, der in seiner schelmischen Art den Scherz sofort durchschaute und ihm, als er das„Aqua destillata” forderte, mit ernster Miene in einer leeren Medizinflasche das so wissenschaftlich bezeichnete Leitungswasser über- reichte, das Thode mit der Wirkung einer sofortigen Besserung seines Magenübels mit Begeisterung austrank. Als er ein anderes Mal über Bauchweh klagte, das bei seinem Kohlrabikonsum auch keine über- raschende Erscheinung war, schickten wir ihn zu unserem mit uns im Einverständnis befindlichen Sanitäter, der ihm mit todernstem Gesicht Rizinusöl verabreichte, Der Erfolg dieser Maßnahme war recht unvorher- gesehen: Unser guter Sanitäter Kliemann, der weiland SA.-Brigadeführer, konnte sich vor dem Unglücklichen überhaupt nicht mehr retten, der ihm sozusagen die Tür einrannte und infolge der„wundervollen Wirkung“ der ersten Rizinusdosis dauernd dieses herrliche Öl zur weiteren Besse- rung seines Gesundheitszustandes verlangte. Als er schließlich kein Ri- zinusöl mehr bekam, wurde seine„Krankheit ganz schlimm: Er erschien eines Tages im Krankenrevier vor dem Russenarzt, lief vor demselben aufgeregt hin und her und bezeichnete sich als„völlig gelähmt”. Als dieser ihn darauf zur Tür hinaus warf, war er untröstlich darüber, auch auf diesem Wege das von ihm so heiß begehrte Rizinusöl nicht mehr erhalten zu haben. Was weiter aus ihm geworden ist, habe ich nicht erfahren, Ein zweiter ewig hungriger Häftling, der den Namen Kuhn trug, leistete im Verzehr von Kohlrabi noch erheblich mehr als Thode, Er war einer 130 einmal unserer iet ihm, er dort bringen er solle ja nun he. Der icherste re wohl indruck Fenehme pe oder begann infolgeit" war ber ein itleidige Konnten, rweiter erartige stillata" dankte tor, der ihm, als leeren er überg seines Mal über e überuns im Gesicht nvorherdeführer, ten, der Wirkung" n Bessekein Rierschien emselben mt". Als per, auch cht mehr ich nicht g, leistete war einer von den in Farge besonders unglücklichen Menschen, die auf Grund ihrer inneren Konstitution eine übernormale Nahrungszufuhr zur Aufrechterhaltung ihres Organismus benötigen. Daß Kuhn, der keinerlei zusätzliche Lebensmittelsendungen erhielt, in unserem Lager infolgedessen in einer besonders schlimmen Lage war, versteht sich von selbst. Er war Arbeitshäftling aus einem Anlaß geworden, der ihn moralisch nicht belastete. Er war mit seinem alten Vater, mit dem er zusammenwohnte, aus ihrem bescheidenen Hause ausgebombt worden und mit dem Greis auf ihre noch bescheidenere Landbude gezogen, die in seinem Gemüsegarten stand. Sein Vater war von der Aufregung sehr krank geworden und Kuhn, der außer ihm nichts auf der Welt besaß, hatte ihn 14 Tage lang gepflegt, bis er einigermaßen wiederhergestellt war. Diese Zeit hatte er die Arbeit in dem Betriebe, in dem er angestellt war, versäumt, wurde angezeigt und von der Gestapo mit der Höchststrafe für Arbeitsversäumnis, nämlich mit 8 Wochen Farge, belegt, was für ihn unter den gegebenen Verhältnissen von vornherein eine Art Todesurteil war. Er aẞ täglich in stiller Verzweiflung die unglaublichsten Mengen Kohlrabi, die er sich von allen Seiten beschaffte, in sich hinein, ohne davon satt werden zu können, und weinte manchmal geradezu vor Hunger. Schließlich gegen Ende der 8 Wochen wurde er so schwach, daß er nicht mehr gehen und kaum noch stehen konnte und mußte ins Krankenrevier, wo der Arzt akute Unterernährung feststellte. Da einige Tage danach seine 8 Wochen um waren, wollte man ihn in Farge loswerden, bevor er dort starb. Es wurden infolgedessen zwei volksdeutsche Wachleute beauftragt, ihn nach Bremen zu transportieren und im Gestapogebäude am Wall zur Entlassung vorzuführen. Die beiden Wachleute nahmen also Kuhn in ihre Mitte und trugen ihn mehr, als daß sie ihn eskortierten, zum Bahnhof. Auf dem Bahnsteig, angesichts des Zuges, der ihn in die Freiheit tragen sollte, tat der Bedauernswerte seinen letzten Atemzug. Er fiel den erschrockenen Wachleuten entseelt in die Arme, die den Toten zunächst einmal in das nächste Wagenabteil setzten und mit ihm nach Bremen fuhren. Unterwegs beratschlagten die beiden Wackeren, was nun zu tun sei, Als sie in Bremen ankamen, war ihr Entschluß, der ihrer Erziehung entsprach, gefaßt. Sie lasen auf dem Hauptbahnhof Bremen zunächst einmal einen dritten Uniformierten ihrer Weltanschauung auf und hoben den bisher einigermaßen vorschriftsmäßig sitzenden Leichnam aus dem Wagen. Befehl ist Befehl und Vorschrift ist Vorschrift. Kuhn war zur Entlassung im Gestapo- Gebäude vorzuführen und er wurde zu diesem Zwecke dort hingeführt. Der eine Wachmann nahm den Toten am linken und der andere am rechten Arm, während der dritte ihn von hinten schob und, dem Gerücht zufolge, dem Leichnam, damit alles seine Richtigkeit hatte, auch die Beine bewegt haben soll. So wurde Kuhn vom Bahnhof zur Bremer Gestapo am Wall hingeleitet und dort als Toter, aber sonst in jeder Beziehung ordnungsmäßig ,,, zur Entlassung" vorgeführt. Es gab bei der Gestapo natürlich einen gewaltigen Krach und die ,, Germanen", die dieses Musterstück vollbracht hatten, wurden in einer Weise heruntergemacht, die ihnen völlig unverständlich war. Hatten sie doch bloß den 9* 131 ihnen erteilten Auftrag peinlichst ausgeführt und ihre Pflicht aufs sorgfältigste erfüllt. Aber Undank ist nun einmal der Welt Lohn. - 33. Die Entlassung des Herrn C. Er hatte selbst nicht mit ihr gerechnet und war stets darauf gefaßt gewesen, bis zum Ende der Nazi- Herrschaft, sofern er sie erlebte und überlebte, in Farge oder einem anderen Gefängnis bleiben zu müssen. Er unterschied sich auch darin von den meisten anderen politischen Häftlingen, daß er von vornherein darauf, daß die Gestapo Vernunft annehmen werde, nicht gehofft hatte. Er schonte damit nicht nur seine Nerven, die andere in nutzlosem und zermürbendem Warten auf ihre Befreiung verzehrten, sondern er hatte auch bei Berücksichtigung aller Tatsachen mit seinem Pessimismus nur zu recht, da wirklich kaum anzunehmen war, daß die Geheime Staatspolizei einen Mann von seinem wirtschaftlichen Rang, der in dringendem Verdacht stand, sich als Staatsfeind geäußert zu haben, überhaupt wieder aus ihren Krallen lassen werde. Man kann sich daher die Sensation vorstellen, als eines späten Abends es ging schon auf 11 Uhr die fernmündliche Weisung der Bremer Behörde in Farge eintraf, C. frei zu lassen. Dieser schicksalsvolle Telefonanruf schlug im Lager wie ein Blitz ein. Der Lagerverwalter, einer der wenigen korrekten SS.- Leute, die ich dort erlebt habe, ein Mann, der, wenn auch im Range der Dritthöchste in Farge, eigentlich niemals hervortrat, erschien, schwer atmend, auf unserer Stube, da er trotz seiner Beleibtheit den Weg von der Wachbaracke, wo der Anruf Bremens entgegengenommen war, zu unserer Baracke im Laufschritt zurückgelegt hatte, um C. unverzüglich und als erster diese wichtige Nachricht zu überbringen. Es entstand eine geräuschvolle Aufregung, die sich von unserer Stube durch das ganze Lager fortpflanzte. Die ehrliche Freude aller darüber, daß der allgemein Beliebte nun in seinen Wirkungskreis und zu seiner Familie heimkehren konnte, war mit der ebenso aufrichtigen Trauer darüber gemischt, daß das Lager nun seinen ,, heimlichen Fürsten" verlor. Diese mehr eigensüchtige Regung trat aber doch hinter der Freude, mit der alle die Entlassung des einen, als ob es ihre eigene Entlassung wäre, erlebten, weit zurück und wenn man es noch nicht gewußt hätte, so wäre bei dieser Gelegenheit mit unüberbietbarer Deutlichkeit klargeworden, welche seltene Stellung sich C. in Farge und besonders in den Herzen seiner Mithäftlinge aller Nationen geschaffen hatte. Der einzige, der völlig ruhig blieb, war er selber. Mit der gleichen Gelassenheit, mit der er zuvor aller Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten bei sich und anderen Herr geworden war, nahm er nun das plötzliche Ende seiner 16wöchigen Haft hin. Farge wäre aber nicht Farge gewesen, wenn nicht auch der frohe Klang dieses Ereignisses von einem kreischenden Miẞton begleitet gewesen wäre. Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß die Entlassung C's. an demselben Abend erfolgte, an dem auch die ,, Versetzung" 132 des der Kof nich bes den hat nic und eing dur kon hatt sam dess scha Er Kam daß Unte In W gefal seine führe niert wese Denn dess hatte der habe klär seine und verfa A lasse der solle nich auße heis haup Kam der los n Is sorg- ng aller m anzu- seinem Staats- | werde, Abends Bremer je Tele- iner der nn, der, als her- z seine Bremens ckgelegt Fürsten ‚ter der Er Ent- ; gewußt slichkeit onders des Kommandanten offiziell geworden war. Beide Beherrscher des Lagers, der beamtete und der ungekrönte, packten also zu gleicher Zeit ihre Koffer, Der Kommandant wäre nicht der Kommandant gewesen, wenn er nicht wenigstens den Versuch gemacht hätte, sich noch mit einer ganz besonderen Gemeinheit endgültig zu empfehlen, Er gedachte besonders dem Untersturmführer, der, wie er wußte, seine Abberufung durchgesetzt hatte und zugleich auch C,, von dessen Entlassung er persönlich noch nicht unterrichtet war, eins auszuwischen, Er hatte C., bereits als„Freund und Liebling des Untersturmführers, der ständig abends auf dessen Stube eingeladen sei”, in Bremen denunziert, eine um so sinnlosere Anzeige, als durch Befragung des ganzen Lagers ohne weiteres festgestellt werden konnte, daß C, die Kommandanturbaracke überhaupt niemals betreten hatte, Diese üble Verleumdung fiel dann auch sofort kläglich in sich zu- sammen und unter den Tisch, Der scheidende Kommandant fuhr infolge- dessen, wodurch er sich noch weiterhin einen ihm gemäßen Abgang ver- schaffte, ein anderes Geschütz gegen C, und den Untersturmführer auf. Er wollte durch den Hauptmann von Köpenick, der in einer kleinen Kammer schlief, die neben unserer Stube belegen war, erfahren haben, daß C. bereits 2 Tage vorher in unserer Stube bekanntgegeben habe, der Untersturmführer habe ihm erzählt, daß der Kommandant abberufen sei. In Wirklichkeit lag die Sache zweifellos so, daß der nicht auf den Kopf gefallene Köpenicker sich die unmittelbar bevorstehende Versetzung seines Protektors aus der unvorsichtigen Äußerung, die dem Untersturm- führer vor den versammelten Häftlingen entfallen war, zusammenkombi- niert und dem Kommandanten hinterbracht hatte, Wie dem auch ge- wesen sein mag, für den Untersturmführer war die Sache sehr prekär, Denn er konnte, wenn der Kommandant ihm tatsächlich nachwies, daß er dessen Abberufung vorzeitig und noch dazu an Häftlinge ausgeschwatzt hatte, eine noch weit unangenehmere Abberufung erleben, als sie jetzt der Kommandant erfuhr, Beide, der gestürzte und der neue Oberbefehls- haber des Lagers, erschienen auf unserer Stube, um bei C, die Sache zu klären. Es war ein seltsamer Anblick: Der abberufene Kommandant mit seinem härtesten Gesicht, die lange Gestalt höher aufgereckt als sonst und völlig Herr seiner Nerven, der Untersturmführer dagegen blaß und verfallend aussehend, ein zitternder Sieger. Auf den Vorhalt der Sache erwiderte C, lediglich mit gewohnter Ge- lassenheit, der gute Köpenicker habe sich seine blühende Phantasie, mit der er so straffällig geworden sei, immer noch nicht abgewöhnt; man solle es einmal probieren: Auf der Nachbarkammer höre man bestimmt nichts, auch wenn in unserer Stube sogar ziemlich laut gesprochen werde, außerdem sei er schon seit einigen Tagen infolge einer Erkältung so heiser, daß er, wie alle seine Stubengenossen bestätigen könnten, über- haupt nicht habe laut sprechen können, und schließlich sei auf unserer Kammer auch ständig ein derartiges Stimmengewirr, daß ein Lauscher an der Wand schon deswegen, wenn er sich auch noch so bemühe, zweifel- los nicht das geringste verstehen könne, Die Probe wurde tatsächlich 133 gemacht. Die drei hohen Herren gingen hinaus und es wurde ohne weiteres festgestellt, daß C, recht hatte, Als der Kommandant noch ein letztes Mal mit irgendeinem bösen Wort in unserer Stube erschien, konnte es sich C, nicht versagen, ihm mitzu- teilen, daß auch er das Lager verlasse, Auf der Miene des Komman- danten malte sich ein fassungsloses Erstaunen, Damit, daß der ihm im Grunde seiner Seele immer verhaßt Gebliebene jemals„davonkommen“ könne, hatte er überhaupt nicht gerechnet, und daß dies ihm so uner- freuliche wie unerwartete Ereignis gerade jetzt eintrat, wo er selber gehen mußte, gab ihm gewissermaßen den Rest,„Nicht möglich”, konnte er nur noch hervorstoßen und ging so schleunig wie noch niemals vorher von dannen. C, warf ihm unter allgemeinem Gelächter eine Kußhand nach, Der Untersturmführer erschien kurze Zeit darauf, innerlich sichtlich befreit, bei uns und versicherte, daß ‚nun im Lager alles anders werden würde", Besonders werde er den Hauptmann von Köpenick sofort seines Postens entsetzen und ihn als„einfachen Häftling” auf eine der Bau- stellen schicken. Es soll nur nebenbei erwähnt werden, daß der Haupt- mann von Köpenick, den der Untersturmführer noch viel weniger als der frühere Kommandant entbehren konnte,„Leiter des Arbeitseinsatzes für sämtliche Baustellen‘ blieb und daß der Untersturmführer sich wenige Tage, nachdem er Alleinbeherrscher des Lagers geworden war, höchst- persönlich daran beteiligte, einige Lagerinsassen, die sich irgendwie ver- gangen haben sollten, in der gewohnten Farger Weise durchzuprügeln, was ihn allerdings körperlich erheblich mehr anstrengte als den Kom- mandanten, der ihm nicht nur an Willens-, sondern auch an Muskelkraft weit überlegen gewesen war. Am nächsten Morgen nahmen die Gratulationsbesuche und die guten Wünsche bei C. kein Ende, Alle„Völker Europas” verabschiedeten sich mit der gleichen Herzlichkeit von ihm. Als er diese Cour überstanden und sein Frühstück mit der üblichen Umständlichkeit eingenommen hatte, legte er sich mit gewohnter stoischer Ruhe noch einmal auf sein Feldbett und schlief friedlich eine Stunde, da der Wagen, der ihn abholen sollte, noch nicht da war. Er blieb bis in die letzte Minute seines Auf- enthaltes sich selbst treu. Kein anderer hätte wohl so leicht die Ge- lassenheit aufgebracht, so kurz vor dem Wiedereintritt in die Freiheit und in der festlichen Erregung, die dieses Ereignis doch bedeuten mußte, noch gelassen einzuschlummern. Er mußte wirklich geweckt werden, als es soweit war, Er ging von Farge, wie er dort gelebt hatte: Als Grand- seigneur, Kein Häftling vor ihm hatte wohl das Lager im eigenen Auto verlassen, Da er aber keine weiten Wege gehen konnte, war es selbst- verständlich, daß er sich so abholen ließ. Sein Fahrer stand mit abge- zogener Mütze und in offizieller Haltung, wenn auch allerdings mit strahlendem Gesicht am Wagenschlag, als er in dem Gedränge der ihm noch einmal die Hände Schüttelnden unsere Baracke verließ und, von dem Untersturmführer begleitet, den Wagen bestieg, um durch den für ihn nun geöffneten Stacheldraht in die Freiheit hinauszufahren, 134 ihn hör gel nel hai un; ein nü; sor lich ma Wu tats stel einz Beh Alle Wirt pers Fall gele wär Sich V. nac] ling Zw lich lich Ka ang Sta; fol. ehr Uns e ohne en Wort mitzucommanihm im ommen" O uner- selber konnte vorher ußhand ichtlich werden t seines er BauHauptiger als insatzes wenige höchstwie verprügeln, n Komkelkraft ie guten ten sich rstanden en hatte, Feldbett abholen mes Aufdie GeFreiheit n mußte, rden, als Granden Auto s selbstmit abgeings mit der ihm und, von den für 34, Urlaub auf Ehrenwort aus dem Gefängnis. Zu einer der wirklich menschlichen Taten des Untersturmführers, die ihm deswegen auch in diesen Blättern nicht vergessen werden soll, gehörte es, daß er sich bewegen ließ, die aus Bremen stammenden Angehörigen unserer Schicksalsgenossenschaft ,, für einen Vormittag mitzunehmen", als er einmal dienstlich zur Gestapo dort hinfahren mußte. Wir hatten ihm wiederholt eindringlich vorgestellt, daß eigentlich jeder von uns etwas Wichtiges zu Hause vergessen habe, sei es, daß der eine noch eine besonders warme Decke nötig hatte, der andere sich nicht mit genügend Unterzeug versorgt hatte, der dritte sich noch andere Schuhe besorgen wollte und so fort. Der Untersturmführer durchschaute es natürlich, daß wir alle einfach einmal wieder oder richtiger gesagt, noch einmal, bevor wir möglicherweise in ganz entfernte Gegenden verschlagen wurden, nach Hause wollten. Er stellte sich aber so, als glaube er uns tatsächlich, daß wir uns noch zusätzliche Ausrüstung für unseren bevorstehenden ,, Arbeitseinsatz bei der OT" besorgen müßten. Es war dies der einzige Grund, aus dem er es unter Umständen vor seiner vorgesetzten Behörde verantworten konnte, uns noch einmal nach Bremen zu lassen. Alles andere, wie dringende geschäftliche Anforderungen, die rüstungswirtschaftlich noch so wichtig sein konnten, zogen ebenso wenig wie persönliche Gründe, wenn sie auch noch so schwer wogen, wie dies der Fall Hartstein gelehrt hatte. Trotzdem wäre auch dieser ,, Urlaub" abgelehnt worden, wenn er schriftlich auf dem Dienstwege beantragt worden wäre, zumal die ,, Urlauber" viel zu zahlreich waren. Denn es handelte sich um über zwanzig Mann, also über die Hälfte unseres ganzen Schubs. Der Untersturmführer, der dies voraussah, wählte daher einen anderen Weg. Er nahm uns einfach an dem fraglichen Tage auf seine Dienstfahrt nach Bremen mit. Solange er bei uns war, stellten wir einen ,, Häftlingstransport" mit der erforderlichen ,, Bewachung" vor. Zu diesem Zwecke fuhr der ,, Transportführer" mit uns auch dritter Klasse, Lediglich unser Kamerad Ehlers, der auch in dieser Beziehung unverbesserlich war, hatte sich einmal wieder mit seiner Netzkarte in die zweite Klasse gesetzt, was der Untersturmführer geflissentlich übersah. In Bremen angekommen, mußten wir dem Untersturmführer bis vor das Tor des Gestapogebäudes Am Wall, von wo einst unsere Fahrt begonnen hatte, folgen. Dort entließ er die meisten von uns mit Handschlag und gegen die ehrenwörtliche Versicherung, spätestens um 13.30 Uhr mittags gegen 8.30 Uhr morgens geschehe auch, was wolle, wieder an dieser uns so verhaẞten Stelle zu sein. Lediglich die vier Jüngsten nahm er der Form halber noch ins Gestapogebäude mit hinein, um dort den erstaunten Sachbearbeiter unserer ,, Aktion" von seiner ,, im Interesse unseres demnächstigen Arbeitseinsatzes" getroffenen Maßnahmen zu unterrichten und ihn, damit derselbe auch etwas dazu gesagt habe, um seine Genehmigung zu bitten, daß auch unsere vier restlichen Kameraden mit demselben Ehrenwort wie wir nach Hause geschickt würden. Der Beamte konnte nicht anders, als achselzuckend erklären, wenn er bereits - - es war 135 über zwanzig Mann auf diese eigenartige Weise ,, beurlaubt" habe, möge er es mit den vier übrigen nur auch noch tun, es komme dann auf einige mehr oder weniger ja nicht an, aber es geschehe alles ausschließlich auf seine eigene Verantwortung. Der Untersturmführer erwiderte darauf, dies sei ihm durchaus klar und entließ auch unsere vier jungen Schicksalsgenossen. Er hatte uns noch gesagt, wenn ein einziger von uns nicht pünktlich zurückkomme, sei er natürlich geliefert. Man könnte der Meinung sein, daß wir keinen Grund gehabt hätten, ein unter solchen Umständen gegebenes Ehrenwort besonders tragisch zu nehmen. Eine Flucht wäre aber an diesem Tage ebenso sinn- und zwecklos gewesen wie drei Wochen früher und hätte außerdem nur dazu geführt, daß die schärfsten Repressalien gegen unsere in Farge zurückgebliebenen Kameraden ergriffen worden wären. Ich habe deshalb meinen Schicksalsgenossen gesagt, daß jeder einzelne von ihnen das Ehrenwort, das er ja nicht habe geben brauchen, da es jedem freigestanden hätte, es zu verweigern und auf den Weg nach Hause zu verzichten, unbedingt halten müsse, Wir trennten uns schleunigst, da jeder von uns so schnell wie möglich heim wollte. Unsere Eile war auch nur begründet, da gerade an diesem Tage ein gefährlicher Fliegeralarm den anderen jagte. Ich hatte es nicht weit bis nach Hause. Als ich in die Straße einbog, in der mein Haus liegt, begegnete ich meiner Mutter, die zunächst ihren Augen nicht traute. Als sie gewiß war, ihren Sohn vor sich zu haben, war sie von der plötzlichen Freude wie benommen. In unserem Hause angekommen, fand ich meine Frau und meine Kinder trotz der schon verhältnismäßig späten Morgenstunde noch schlafend, da den größten Teil der vergangenen Nacht Fliegeralarm gewesen war. Es entstand ein kleiner Aufruhr, als ich plötzlich im Zimmer stand. Und nun mußten die paar Stunden, die ich zu meiner Verfügung hatte, gründlich ausgenutzt werden, Zunächst stürzte ich mich in ein Bad, das, da der Gasofen mangels Gaszufuhr längst nicht mehr funktionierte, mit Hilfe des Waschkessels angeheizt wurde, eine besondere Wohltat nach den drei Wochen Lagerleben. Dann eilte ich zu meinem Zahnarzt, was erforderlich geworden war, und zwar so dringend, daß der Arzt in Farge mir bereits eine Überweisung für den dortigen Zahndoktor geschrieben hatte, deren ich mich nun nicht zu bedienen brauchte, zumal ich vorzog, diesen Weg ohne die ,, militärische" Bewachung zu machen, die in Farge unvermeidlich gewesen sein würde. Als ich meinem Zahnarzt sagte, daß ich nur wenige Stunden in Bremen sein könnte er wußte oder ahnte, woher ich kam und wohin ich wieder zurück muẞte nahm er mich sogleich außer der Reihe dran, und ich war kaum von ihm verarztet, als der erste Fliegeralarm des Tages losging. Ich benutzte die Zeit, die meine Familie im Bunker saß, um einige persönliche Sachen zu ordnen und machte, als dieser erste Alarm vorüber war, nachdem ich mit meiner Sekretärin einige in meiner Abwesenheit angesammelte geschäftliche Sachen erledigt hatte, mit meinen sämtlichen Kindern einen kurzen Spaziergang. Als wir zurückkamen, stand das ,, Festessen", das meine Frau 136 - Zusa Flie hall Bun zei gen Wes hat Far den sog mit stör Tell Ges war bei A alle Noti uns Zug wan Vork ich sich nicht dies Pü Zeitp kurz Farg einzi Konz habe Di Flieg ist, dera Bew dene Exis kam wie Mein müts g die e, möge uf einige Blich auf auf, dies nicksalsünktlich ng sein, den geäre aber Wochen ten Reden erssen geht habe ern und se, Wir ch heim em Tage einbog, st ihren en, war se angeon verten Teil and ein ang hatte, ad, das, erte, mit tat nach rzt, was in Farge chrieben vorzog, in Farge gte, daß r ahnte, mich soztet, als ie meine men und meiner häftliche zen Spane Frau zusammengezaubert hatte, nahezu fertig auf dem Herd. Da kam der zweite Fliegeralarm. Es war bereits 12.30 Uhr und in wenig mehr als einer halben Stunde mußte ich fort. Während meine Familie wieder in den Bunker gegangen war, habe ich eine der genußreichsten Mittagsmahlzeiten meines Lebens alleine verzehren müssen. Wenn ich auch in Farge genug zu essen gehabt hatte, so war es doch immer ,, kalte Küche" gewesen, da ich den schrecklichen Kohlrabi meist auch nicht angerührt hatte, und eine ,, bürgerliche Mahlzeit" war daher nach den drei Wochen Farge etwas geradezu Fürstliches. Die Luftlagemeldungen, die ich aus dem Radio hörte, wurden zwar immer bedrohlicher. Schließlich hieß es sogar: Die feindlichen Verbände stehen unmittelbar vor unserer Stadt; mit einem Angriff muß gerechnet werden." Ich habe mich aber nicht stören lassen. Das Festessen war viel wichtiger, und als ich noch meinen Teller Kirschpudding verzehrt hatte, war es so weit, daß ich wieder zur Gestapo zurück mußte. Gerade rechtzeitig erfolgte noch die Vorentwarnung, so daß ich mich von meiner Familie noch ebenso schnell wie bei meinem ersten Fortgange verabschieden konnte. Als der Untersturmführer vor dem Gestapogebäude erschien, waren alle ,, Urlauber auf Ehrenwort" wieder zur Stelle. Er nahm hiervon kaum Notiz, als ob das eine absolute Selbstverständlichkeit wäre und ging mit uns zum Bahnhof. Dort erhielt er eine Meldung, auf Grund deren er einen Zug später fahren mußte, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Er wandte sich zu uns und sagte: ,, Da Sie, wie ich höre, die erforderlichen Vorbereitungen sämtlich noch nicht zu Ende führen konnten, beurlaube ich Sie nochmals auf Ihr Ehrenwort bis 6 Uhr nachmittags; finden Sie sich bis dahin wieder hier am Hauptbahnhof ein!" Wir ließen uns dies nicht zweimal sagen und ich konnte meine Familie zum zweiten Male, diesmal am Kaffeetisch, überraschen. Pünktlich wie das erste Mal war unsere Schar zu dem angegebenen Zeitpunkt wieder versammelt und es ging aus der kurzen, nur allzu kurzen Berührung mit unserem bürgerlichen Leben wieder zurück nach Farge, das wir erst bei völliger Dunkelheit erreichten. Es dürfte dies der einzige Fall in der Geschichte des Dritten Reiches gewesen sein, daß Konzentrationslager- Häftlinge einen„ ,, Urlaub auf Ehrenwort" erhalten haben. Die Wirkung dieses ,, Kurzurlaubs", der durch die recht bedrohlichen Fliegeralarme noch besonders nervenaufregend und hetzereich geworden ist, war auf die ,, Urlauber" ganz verschieden. Ich selbst habe selten eine derartige Steigerung des Lebensgefühls empfunden und wohl niemals das Bewußtsein gehabt, so intensiv zu leben, wie in den paar Stunden, in denen sich gewissermaßen eine Wiederauferstehung meiner bürgerlichen Existenz, die ich völlig hinter mir gelassen hatte, zusammendrängte. Ich kam derart angeregt und so freudig bewegt nach Farge zurück, daß ich, wie mein Freund Waclaff sagte ,,, wie ein Honigkuchenpferd strahlte". Mein Schicksalsgenosse Lüders dagegen hatte sich in Bremen eine Gemütsdepression ohne gleichen geholt. Er war auf eine Hochzeit geraten, die gerade an diesem Tage in seinem engsten Verwandtenkreise statt137 fand. Der Anblick der festlich gekleideten Gesellschaft, der Herren, die, bei Portwein und guten Zigarren in bequeme Sessel zurückgelehnt, gemächlich diskutierten und der schönen und gepflegten Frauen und Mädchen hatte ihm im Gegensatz dazu sein derzeitiges Lebensmilieu als so grau und trostlos erscheinen lassen, daß er in die tiefste Melancholie verfiel. Diese verdarb ihm derart den Appetit, daß er von dem herrlichen Hochzeitsessen fast nichts hatte zu sich nehmen können. Besonders hatte ihn verstört, was er ,, die Gleichgültigkeit gegen sein Geschick" nannte. Man hätte wohl mit Kopfschütteln und Rufen wie ,, unglaublich!" und ,, unerhört!" seinen Bericht über die ihm widerfahrenen Schicksale entgegengenommen, aber man wäre dann eben doch, zumal ja nichts anderes getan werden konnte, zu Portwein und Zigarren und zu fröhlicher Musik und Tanz zurückgekehrt, wobei man seine hartnäckige Weigerung, zu essen und zu trinken, mit ratlosem Achselzucken bedauerte. Er kam ganz gebrochen wieder an und es dauerte eine geraume Zeit, bis er sich zu seinem früheren Humor, der ihn in Farge noch nicht verlassen hatte, zurückfand. So wirkt das gleiche denkbar ungleich. Denn so verschieden sind nun einmal die Menschen. 35. Wann kommt die OT.? Diese Frage war besonders in den ersten beiden Wochen unseres Aufenthaltes in Farge zu jeder Tageszeit erklungen. Nachdem man uns ursprünglich auf der Bremer Gestapo versichert hatte, wir würden nur drei Tage in Farge sein, hatten wir zunächst von Tag zu Tag darauf gewartet, dort abgeholt zu werden, zumal wir wußten, daß der erste Schub nach 10 Tagen Farge an die Oberweser weitergezogen war und wir damit rechneten, jedenfalls nicht wesentlich länger als unsere Vorgänger im ,, Arbeitserziehungslager" weilen zu müssen. Der Untersturmführer, der ständig über dieses Thema befragt wurde, zuckte die Achseln. Wir müßten Geduld haben, entweder sei die Strecke wieder einmal zerstört oder es sei kein Waggon, wie er für unseren ,, Sondertransport" erforderlich sei, zu bekommen. So verging ein Tag nach dem anderen, ohne daß die erwarteten Begleitmänner mit der OT.Binde auftauchten. Wir ahnten noch nicht, daß sie niemals kommen sollten, aber wir gewöhnten uns langsam das Warten ab, nachdem wir bereits eine Zeitspanne in Farge waren, welche die von der Gestapo für Arbeitsscheue verhängten Mindeststrafen schon bald um das Doppelte überstieg. In einer gewissen Resignation kamen wir endlich zu der Anschauung, daß es für uns vielleicht überhaupt besser sei, in Farge zu bleiben, wo wir noch nahe unserer Heimat wären, statt daß uns der unvermeidlich bevorstehende Zusammenbruch fern von unserem Zuhause überraschte. Diese Anschauung war allerdings, wie die späteren Ereignisse gezeigt haben, durchaus abwegig. Wir würden aller Voraussicht nach, wenn wir in Farge geblieben wären, überhaupt nicht nach Hause gekommen sein. Das dortige Lager wurde nämlich beim Anmarsch der 138 Ang Han bei die dah B abe ung Hin erg in übe ver uns Not der wie tran folg und stim und uns lass uns Wid gab zum sein Es das von D Zug Leb E Von Vol uns we zuv geha jüdis Nür en, die, hnt, ge- d Mäd- ı als so olie ver- rrlichen rs hatte nannte, h!” und ale ent- anderes r Musik rung, ZU am ganz sich zu ıtte, zur ind nun unseres man uns ‚den nuf rauf ge te Schub wir da- organger t wurde, Strecke i 1 | \ 1 Angloamerikaner geräumt und die Häftlinge zu Fuß nach einem bei Hamburg belegenen Lager„in Marsch gesetzt”. Wie viele von ihnen da- bei mit dem Leben davongekommen sind, steht nach den Ereignissen, die sich im Frühjahr 1945 in anderen ähnlichen Lagern abgespielt haben, dahin, Bei aller unserer damaligen Ergebung in unser Schicksal kamen wir aber doch schließlich zu der Auffassung, daß es nicht geraten sei, die unglaubliche Vergewaltigung, zu der sich unsere Farger Zeit allein im Hinblick auf ihre Dauer auswuchs, gänzlich stillschweigend über uns ergehen zu lassen. Ich setzte daher ein Schreiben an die Gestapo auf, in dem darauf hingewiesen wurde, daß sich unser Farger Aufenthalt weit über den uns angegebenen Termin hinaus aus uns unbekannten Gründen verlängert habe und daß hierdurch die Familien einer ganzen Anzahl von uns, die auf den täglichen Verdienst ihres Ernährers angewiesen seien, in Not geraten wären; hiervon abgesehen, dürfte es aber auch im Interesse der deutschen Wirtschaft zweckmäßig und geraten sein, uns alle so lange wieder auf unsere früheren Arbeitsstellen zu beurlauben, bis unser Ab- transport zu dem für uns vorgesehenen besonderen„Arbeitseinsatz er- folgen könne, Der Untersturmführer, dem ich dieses mit aller Vorsicht und Zurückhaltung abgefaßte Schreiben vorlegte, las dasselbe mit zu- stimmendem Kopfnicken durch, erklärte aber dann, es habe keinen Zweck ‚und sei sogar gefährlich, diese Eingabe abzusenden,„da die Gestapo uns, nachdem sie uns glücklich zusammen habe, keineswegs wieder laufen lassen werde und außerdem die Unterzeichnung des Schreibens durch uns alle oder jedenfalls in unser aller Auftrag als Vorbereitung einer Widerstandsbewegung, ja eines Aufruhrs, angesehen werden könne”, Er gab mir das Blatt zurück und ich habe diese bedenkliche„Vorbereitung zum Hochverrat" zerrissen und fortgeworfen, da ich das Gesuch ohne seine Vermittlung ohnehin nicht der Gestapo zugehen lassen konnte, Es blieb danach nichts anderes übrig, als weiter zu warten oder auch das Warten endgültig aufzugeben und, wie es allmählich die Mehrzahl von uns tat, in Farge weiter dumpf vor sich hinzuleben, 36. Verderbliche„Religionsbekenntnisse“, Damals traten in unserer Mitte zwei Fälle hervor, in denen die bloße Zugehörigkeit zu einer Synagogengemeinde für den Betreffenden eine Lebenskatastrophe bedeutete, Einer unserer Schicksalsgenossen, der Märzen hieß und wie die meisten von uns halbjüdischer Abstammung war, wurde über Nacht plötzlich Volljude, obgleich er, blond und helläugig wie er war, zu denjenigen von uns gehörte, denen man die ihnen zur Last gelegte Abstammung am aller- wenigsten ansehen konnte, Der i6jährige, wegen seines höflichen und zuvorkommenden Wesens allgemein beliebte Junge, hatte das Unglück gehabt, zeitweise, und zwar im Jahre 1936, einmal als Mitglied bei einer jüdischen Gemeinde eingeschrieben gewesen zu sein. Auf Grund der Nürnberger Gesetze galten ‚jüdische Mischlinge ersten Grades“, die der 139 jüdischen Religionsgemeinschaft angehört hatten, als Juden. Nach der Rechtssprechung des Reichsgerichts zu dieser Gesetzesbestimmung kam es dabei ohne Rücksicht auf die von den einzelnen betätigten religiösen Überzeugungen, lediglich darauf an, ob der Betreffende laut Registereintrag, sei es auch nur für kurze Zeit, zu einer Synagogengemeinde gehört hatte; das einzige subjektive Erfordernis, was diese Rechtssprechung als erforderlich voraussetzte, wonach der Betreffende von seiner Eintragung Kenntnis erhalten haben mußte und hiergegen nicht eingeschritten war, stellte ein Tatbestandsmerkmal dar, um das sich die Gestapo grundsätzlich nicht kümmerte. Der bedauernswerte Märzen hatte, wie er versicherte, von seiner Eintragung als Bekenner der jüdischen Religion überhaupt nichts gewußt; seine Registrierung bei der Synagogengemeinde war offenbar dort erst nachträglich und ganz eigenmächtig erfolgt, und zwar lediglich aus dem Grunde, daß der Vater unseres Kameraden als religiöser Jude bei der Synagoge eingetragen gewesen war. Es half jedenfalls alles nichts: Märzen wurde am Abend, bevor wir Farge endlich verließen, plötzlich eröffnet, er müsse dort bleiben, da festgestellt sei, daß er im Sinne des Gesetzes" Volljude sei. Der arme junge Mensch, von dem wir nichts mehr gehört haben, wird nach unserem Abtransport von Farge dort der Gefängniskleidung, dem Haarschnitt und der Russenbaracke nicht entgangen sein. Ähnlich, ja vielleicht noch grotesker, lag der Fall des Nestors unserer ,, Aktion", des fast 70jährigen Kaufmanns Jantzen aus Bremen, eines Ariers, der mit einer Halbjüdin verheiratet war. Er war überhaupt nur in unsere Gesellschaft geraten, weil seine Frau, da sie, gleichfalls ohne ihr Wissen, in ihrer Jugendzeit einmal Mitglied einer jüdischen Gemeinde gewesen sein sollte, von der Gestapo als Jüdin ,, festgestellt" worden war. Seine und seiner Frau verzweifelte Nachforschungen hatten zu dem niederschmetternden Resultat geführt, daß die Gestapo registermäßig nicht so Unrecht hatte. Frau Jantzen war in ihrer Jugend Hausgehilfin bei einer jüdischen Familie gewesen, die sie wie ein eigenes Kind gehalten hatte. Ihre Herrschaft, bei der sie viele Jahre gelebt hatte, waren streng religiöse, orthodoxe Juden gewesen, die im allgemeinen und auch besonders an der von ihnen geliebten Hausgenossin geglaubt hatten, ein gottgefälliges Werk zu tun, wenn sie sie bei ihrer Gemeinde als Mitglied anmeldeten, wobei sie die Kirchenabgabe für ihre Hausgehilfin bezahlten. Vielleicht hatte die jüdische Herrschaft es als einen Akt besonderer Vornehmheit angesehen, daß sie ihrer Bediensteten, deren Indifferenz in religiösen Fragen sie kannte, keine Mitteilung von diesem frommen Werke machte, das sich nun unter der Naziherrschaft zu einem wahren Bärendienst an der so ohne ihr Wissen beglückten Frau und noch mehr an ihrem Manne auswuchs, der natürlich erst recht keine Kenntnis davon gehabt hatte, welche gefährliche Mitgift seine Frau, ohne eine Ahnung davon zu haben, ihm in die Ehe gebracht hatte, wobei allerdings das in dieser Mitgift schlummernde Gift zunächst völlig latent gewesen war, da Mann und Frau ihre Ehe lange vor dem Jahre des Heils" 1933 geschlossen hatten. Man sieht: in der Sphäre unserer Schicksalsgenossen140 schaf alten nur g Unser Absta ligion gewo samm sich geruf arbei seine schic Es der errei wir i uns salsg fohle daß Tage sei miso der esk auf wes auf geg sein rec wol tun trie prä üb ein die geg hat stei gere W Nach der mung kam religiösen Registereinde geprechung iner Eineschritten po grundLe er verReligion gemeinde folgt, und raden als alf jedene endlich stellt sei, Mensch, transport Russens unserer en, eines maupt nur Falls ohne Gemeinde rden war. zu dem stermäßig usgehilfin Kind gete, waren und auch atten, ein Mitglied bezahlten. esonderer fferenz in frommen wahren och mehr antnis dae Ahnung gs das in war, da 1933 gegenossenschaft haben sich Tragödien abgespielt, die mit dem Schicksalsdrama der alten Griechen, besonders mit dem Oedipus des Sophokles, eine nicht nur ganz oberflächliche Ähnlichkeit aufwiesen. Jedenfalls half alles nichts: Unser Nestor mußte, obwohl seine Frau blutsmäßig nur halbjüdischer Abstammung war, da sie nun einmal auf Grund ihrer ,, früheren Religionszugehörigkeit", die übrigens längst gelöscht und gegenstandslos geworden war, ,, als Jüdin galt", als Mann einer solchen mit uns zusammen ,, einrücken". Er kam mit einer dickverbundenen Hand, die er sich kurz vorher in einer durch seine seelische Erschütterung hervorgerufenen Unachtsamkeit verbrannt hatte, nach Farge und verbrachte, arbeitsunfähig, wie er war, seine Tage damit, in unserer Stube auf seinem Schemel zu sitzen und ständig über sein ungeheuerliches Geschick grübelnd, schweigend vor sich hinzustarren. 37. Ein Polizeiaufgebot. Es kam dann schließlich, nachdem unser Aufenthalt fast das 10fache der uns in der Bremer Gestapo zu Beginn versicherten 3tägigen Frist erreicht hatte, doch der Nachmittag, an dem es plötzlich hieẞ: ,, M I( wie wir in Farge genannt wurden) auf dem Korridor antreten." Wir konnten uns gleich denken, was das zu bedeuten hatte, da unsere engere Schicksalsgenossenschaft im Lager noch niemals zu einem Sonderappell befohlen worden war. Der Untersturmführer erschien und eröffnete uns, daß unsere Farger ,, Gastrolle" nun beendet sei. Wir würden in zwei Tagen abtransportiert. Die Polizeimannschaft, die uns zu begleiten habe, sei bereits am vorigen Abend eingetroffen. Wir kehrten mit recht gemischten Gefühlen auf unsere Stuben zurück. Wir wurden also nicht von der OT. abgeholt wie der erste Schub? Was sollte denn eine Polizeieskorte? Wo kamen wir hin? Der Untersturmführer, der bald danach auf unsere Stube kam, konnte uns nur verraten, daß wir nach der Oberweser beordert seien und zwar nicht nach dem Lager Lenne, also nicht auf die derzeitige Arbeitsstätte der ,, 1. Invasion". Allen weiteren Fragen gegenüber hatte er ein Achselzucken und meinte lediglich, indem er seine menschenfreundlichen und zugleich etwas hinterhältigen, jedenfalls recht wässerigen Augen verdrehte ,,, besser als in Farge würden wir es wohl sicher nicht bekommen, denn die schwer bewaffnete Polizeibegleitung, die man uns geschickt habe, berechtige nicht gerade zu übertriebenen Erwartungen". Tatsächlich hatte das Hannoversche Polizeipräsidium, um uns harmlose 41 Mann von Farge nach der Oberweser zu ,, überführen", sechs schwer bewaffnete Polizisten entsandt, die sogar ein Maschinengewehr mit sich führten. Darüber, aus welchen Gründen die Bremer Gestapo in unserem Falle statt der dem ersten Schub beigegebenen neutralen OT.- Begleitung eine Polizeibedeckung angefordert hat, die für den Transport einer unsere Anzahl um das 2-3fache übersteigenden Horde von Schwerverbrechern noch immer bei weitem ausgereicht hätte, wird später noch zu sprechen sein. Wir hatten Gelegenheit, am Abend vor unserer ,, Abreise" noch mit 141 91 einigen Männern unserer neuen Wachmannschaft" kurz zu sprechen. Zunächst wollte dies allerdings gar nicht gelingen, da die betreffenden Polizisten, obwohl es sich um keine Berufsbeamten, sondern um Dienstverpflichtete aus den verschiedensten Zweigen des bürgerlichen Lebens handelte, uns mit einer Schroffheit gegenübertraten, die jeden Annäherungsversuch außerordentlich erschwerte. Es war dies nicht gerade ein Wunder, denn, wie wir später hörten, ging der ihnen gegebene dienstliche Befehl dahin ,,, aus Farge 41 jüdische Verbrecher abzuholen". Erst als es uns gelang, sie zu bewegen, in eine Sammlung unserer Wehrpässe Einsicht zu nehmen, aus der sich ergab, daß sich unsere Schar, außer aus drei Akademikern, aus einer Anzahl von Inhabern kaufmännischer Firmen und Handwerkern fast aller nur erdenklichen Gewerbezweige zusammensetzte, wurden die Polizeimänner, die im bürgerlichen Berufe selbst Handwerker waren, etwas zugänglicher. Unsere Geschichte, die wir ihnen erzählten, wollten aber auch sie zunächst überhaupt nicht glauben. Sie entfernten sich mit bedenklichem Kopfschütteln und meinten, das würden sie zunächst einmal ihrem Führer, einem mit einer M.P. bewaffneten beamteten Polizeiwachtmeister berichten. Immerhin hatten wir von den Polizisten soviel erfahren, daß wir zur Streckenarbeit bei einer Kleinbahn in der Nähe von Hameln herangezogen werden sollten. Der Polizeiwachtmeister hat sich dann wohl bei dem Untersturmführer oder einem der anderen Lagerbeamten erkundigt, und es ist ihm dort die Richtigkeit unserer Angaben bestätigt worden. Am nächsten Morgen erschienen zwei der Polizisten bei uns und sagten uns, mit teils verlegenen, teils zornigen Gesichtern im Vertrauen, es sei ihnen ja schon manches Tolle begegnet, aber diese Sache sei doch bei weitem das Unglaublichste von allem, was sie je erlebt hätten. natürli noch statt i handfe im Hin der be Um die Angelegenheit noch witziger zu gestalten, als sie schon ohnehin war, hatte das Hannoversche Polizeipräsidium seinen Wackeren nur für einen Tag Verpflegung mitgegeben, da sie ja für die Strecken Hannover- Farge, Farge- Oberweser und für die Rückfahrt OberweserHannover fahrplanmäßig nicht mehr als einen Tag gebrauchten! Schon die Fahrt der Polizisten nach Farge war durch Bombenangriffe auf die Strecke um einen halben Tag verzögert worden und in Farge muẞten sie schon deswegen 1½ Tage bleiben, weil die Wachbaracke soviel Zeit brauchte, um die ,, Entlassungsformalitäten" für uns in Ordnung zu bringen. Solange sie in Farge waren, wurden die Polizisten dort mit den anderen Wachmannschaften verpflegt, obwohl, wie der Untersturmführer betonte ,,, das Lager hierzu keineswegs verpflichtet war". Eine Mitgabe von Marschverpflegung an die ,, ortsfremden" Polizeimannschaften wurde mangels einer dahingehenden Anweisung von der Lagerführung abgelehnt. Unsere Begleitpolizisten waren über dies kleine Spiel, das nun auch mit ihnen getrieben wurde, außerordentlich erbost, schimpften weidlich und sahen der verpflegungslosen Reise verständlicherweise mit sehr unbehaglichen Gefühlen entgegen. Wir konnten sie in diesem Punkte mit dem Hinweis beruhigen, daß wir noch genug Mundvorrat hätten und sie als unsere Fahrtbegleiter schon keine Not leiden würden. Sie waren 142 Uns nun i zieher allem sich ü Farge Ende samme gut re sonder allerdi fahr d den W den K wüßter landen von ih allem, bei alle Einer sturmft überein ihm be heit un ob wir und se unsere Abgese uns zu Teil au die üb wir sp dort w verbor in der Der Grund sches prechen, effenden Dienst- Lebens en An- t gerade egebene uholen", r Wehr- e Schar, n kauf- hen Ge- bürger- Unsere zunächst n Kopf- Führer, ‚ter be- daß wir n heran- wohl bei kundigt, worden, | sagten 1, 68 sei {och bei ;n ohne“ ‚ren nur en Han wesel— ‚| Schon auf die ‚Bien sie iel Zeit zu brio- mit den „mführer Mitgabe n wurde g abge das nun impftet eise it ‚Punkte Hen un garen g war 1 Eee en natürlich etwas beschämt über unsere Menschenfreundlichkeit, schimpften noch weidlich darüber, daß ihnen das Hannoversche Polizeipräsidium statt ihrer Gewehre, Maschinenpistolen und sonstigen Waffen nicht einige handfeste Butterbrote mehr mitgegeben hatte und waren im allgemeinen im Hinblick auf die für sie doch nun wesentlich gebesserten Aussichten der bevorstehenden Fahrt sichtlich erleichtert. 38. Abschied von Farge, Unsere Stubengenossen, besonders die„politischen” Kameraden, die nun im Lager allein zurückblieben, sahen uns natürlich sehr ungern ziehen, wiewohl wir sie damit zu trösten versuchten, daß erstens, nach allem, was man hörte, eine„3. Invasion‘ unserer Cöt& nicht fern sei, was sich übrigens sehr bald durch die Tatsachen bestätigte, und wir daher in Farge bald würdige Nachfolger erhalten würden, und daß zweitens das Ende des ganzen Konzentrationslager-Unwesens und alles damit zu- sammenhängenden Unglücks nicht mehr im weiten Felde liege,„Ihr habt gut reden”, hieß es allgemein bei den Zurückbleibenden, welche mit be- sonderem Bangen der strengen Winterkälte im Lager entgegensahen, die allerdings bei dem sehr klein gewordenen Kohlenvorrat eine ernste Ge- fahr darstellte, Wir haben später nicht erfahren können, wie das Lager den Winter überstanden hat, Damals suchten wir unseren zurückbleiben- den Kameraden klarzumachen, daß wir ja erst recht in keiner Weise wüßten, was mit uns noch geschehe und wo unser Schicksalskahn noch landen würde, Der Mensch liebt nun einmal die Veränderung, weil er von ihr etwas hoffen und erwarten kann, und wir wurden daher trotz allem, was wir dagegen sagen konnten, von den übrigen Lagerinsassen bei aller Freundschaft doch beneidet. Einer der uns letzten Endes doch gern scheiden sah, war der Unter- sturmführer, worin er entschieden mit den anderen Lagerautoritäten übereinstimmte. So gern und oft er sich mit einigen von uns in der von ihm beliebten„geistreichen” Form unterhalten hatte, war die Anwesen- heit unserer merkwürdigen Sippschaft, bei der man immer nicht wußte, ob wir eigentlich von Staats wegen Verbrecher waren oder nicht, für ihn und seine Leute ein erheblicher Hemmschuh gewesen, und sie hatten sich unseretwegen doch manche ihnen unbequeme Reserve auferlegen müssen, Abgesehen davon, daß sie es in mancher Beziehung nicht gewagt hatten, uns zu behandeln wie die übrigen Häftlinge, hatten sie wenigstens zum Teil auch gewisse Hemmungen empfunden, in unserer Gegenwart gegen die übrigen allzu gewalttätig zu werden, Nach unserem Abzug hat, wie wir später hörten, z. B. die Prügelei im Lager, die sich, solange wir dort waren, besonders nach dem Weggang des Kommandanten etwas in verborgene Winkel zurückgezogen hatte, wieder öffentlich mindestens in der alten Stärke überhand genommen. Der Untersturmführer sah uns aber aus noch einem ganz anderen Grunde gerne scheiden: Er konnte aus unserem Abmarsch ein militäri- sches Schauspiel machen, Schon als von unserem Abtransport noch gar 143 keine Rede war, hatte er immer davon gesprochen, daß er einmal mit uns einen sonntäglichen ,, Parademarsch durch das Marinelager und den Farger Wald inszenieren wolle". Er hielt dies offenbar deswegen für durchführbar, weil wir ja keine Häftlingskleidung trugen und keine abgeschorenen Haare hatten und deswegen bei einem solchen, von seinem Herzen dringend ersehnten militärischen Unternehmen noch einigermaßen passable Figuren machen und jedenfalls keinen Anstoß erregen konnten. Zu dieser mehr als eigenartigen ,, Häftlingsparade vor dem Gefängnisdirektor" ist es allerdings nicht mehr gekommen. Anstatt dessen sollte nun unser Abzug in Gestalt ,, eines militärischen Abmarsches" zum Bahnhof erfolgen, was von unserem paradesüchtigen Lagerführer damit motiviert werden konnte, daß ja sonst die Häftlinge einzeln entlassen würden und hier der besondere Fall der Entlassung einer ganzen ,, Häftlingskolonne" vorliege, Um unseren Abmarsch recht eindrucksvoll zu gestalten, sollten wir denn auch von dem vom Lager über eine Wegstunde entfernten Farger Hauptbahnhof und nicht von dem nur 20 Wegminuten entfernten Bahnhof Farge- West abfahren. Front" etwa, Ehrenna unseres zug imm führer hatte, s Die Ge ganzen denn zu dings n hätte. wegung genosse das Ve Abente höchst nicht: U Wir stellten dem Untersturmführer, als er seinen Plan offenbarte, vor, daß unser Abzug im Hinblick auf unser durch heimatliche Paketsendungen im Laufe der Zeit immer mehr angewachsenes Gepäck sicherlich mehr das Aussehen einer ihre Wanderschaft fortsetzenden Zigeunerhorde haben, als das von ihm gewünschte Bild des Ausmarsches einer preuẞischen Kompanie abgeben würde. Der Untersturmführer, der seinen Lieblingsplan unter keinen Umständen fallen lassen wollte, erklärte darauf nach kurzer Überlegung, er werde von unserem Gepäck so viel zum Bahnhof fahren lassen, daß jeder von uns nur noch ,, feldmarschmäßig bepackt" sei. Bei dieser angenehmen Aussicht hatten wir gegen den kuriosen Wunsch unseres obersten Bewachers nichts mehr einzuwenden. Der Untersturmführer rief sogleich den Wachmann, der den Wagen des Lagers, eine alte Pferdekalesche, fuhr und befahl ihm, denselben mit unserem großen Gepäck voll zu laden. Auf dem vierschrötigen Gesicht des ,, germanischen" Lagerfuhrmannes malte sich fassungsloses Erstaunen und er brach unvermittelt los: ,, Ich soll Sachen dieser Leute fahren, Untersturmführer?" wobei er einen verächtlichen Seitenblick auf einige von uns bei dieser Szene Gegenwärtige warf. Der Untersturmführer erwiderte hierauf lediglich kühl: ,, Tun Sie, was ich Ihnen befohlen habe." Unser preußischer" Ausmarsch war dem Lagergewaltigen eben erheblich wichtiger als die ihm von seinem Untergebenen bei dieser Gelegenheit so nachdrücklich ins Gedächtnis gerufene ,, nationalsozialistische Weltanschauung". Das alte und recht mitgenommene Fahrzeug fuhr daher mit seinem Klepper vor unserer Baracke vor. Es war ein verhältnismäßig hoher Kastenwagen und wir haben in denselben hinein und oben drauf gestopft, was an Gepäckstücken überhaupt in und auf diesem ehrwürdigen Fuhrwerk Platz hatte. Als wir fertig waren, konnten nur die Stärksten von uns mit vereinten Kräften die hinten am Wagen befindliche Tür zu bekommen. Als wir ,, antraten", stand unser„ Gepäckwagen", der wie ein Überbleibsel aus der Postkutschenzeit wirkte, vor unserer 144 ehemali plötzlic ihn in meinen wieder gen gar lernt. Am vollen hause Unters Als unsere wußte, ihre Ka gewehr daß m meister die Sc meister Haupt folgers dem e mit un füllten auf de Eine wartet vollen 10,, Im einmal mit r und den wegen für keine abon seinem igermaßen konnten. Gefängnisssen sollte zum Bahndamit moentlassen zen ,, Häftcksvoll zu eine Weg20 Wegbarte, vor, sendungen rlich mehr unerhorde er preußiinen Liebarte darauf viel zum rschmäßig gegen den zuwenden. 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Wir setzten uns denn auch in leidlichem Gleichschritt in Bewegung, herzlich abgewinkt von unseren zurückbleibenden Barackengenossen, mit denen allen wir vorher noch einen letzten Händedruck und das Versprechen, alles zu versuchen, um uns nach dem Ende unserer Abenteuer wiederzusehen, getauscht hatten. Als ich mich, militärisch höchst verbotenerweise, noch einmal umsah, traute ich meinen Augen nicht: Unser Sanitäter Kliemann, der stets kühl- korrekte und abweisende ehemalige SA.- Brigadeführer, wischte sich heftig die Augen und brach plötzlich weinend zusammen. Unser würdiger Stubenältester, v. B., fing ihn in seinen Armen auf. Ich mußte bei dieser überraschenden Szene, die meinen Augen sehr schnell hinter einem Gebäudevorsprung entschwand, wieder einmal denken, daß man die meisten Menschen doch nur in wenigen ganz flüchtigen, aber um so aufschlußreicheren Augenblicken kennenlernt, Am Lagertor stand unser liebereicher Wachtmeister mit dem kummervollen Gesicht, das er nach den neuesten Nachrichten aus seinem Elternhause aufgesetzt hatte. Er nahm korrekt stramme Haltung an, als sein Untersturmführer mit uns durch das Tor zog. Als wir vor dem Bahnhof Farge aufmarschierten, stand dort bereits unsere grün uniformierte Reise eskorte, die vor Verlegenheit nicht wußte, wohin sie ihre Waffen stecken sollte. Die Polizeimänner hatten ihre Karabiner an die Bahnhofsmauer gelehnt und auch das Maschinengewehr dort verstaut und sich selbst vor diesem Arsenal so aufgebaut, daß man es möglichst wenig sehen konnte. Lediglich der Wachtmeister als„, Transportführer" trug seine M. P. noch am Riemen über die Schulter gehängt. Der Untersturmführer übergab dem Polizeiwachtmeister seine ,, Kompanie" in derselben Form, in der ein scheidender Hauptmann den Befehl über seine Kohorte in die Hände seines Nachfolgers legt. Es wurde alles stilvoll ,, militärisch" erledigt. Der Zug, in dem ein Wagen für unseren ,, Transport" reserviert war und in dem wir mit unserer Eskorte zu einer Zeit, in der das Zivilpublikum nur in überfüllten Kupees reisen konnte, mehr als genug Platz hatten, stand schon auf dem Bahnsteig. Einen ganz besonderen Abschied nahm Waclaff. Am Bahnhofsgebäude wartete eine junge Dame, mit der er sich an diesem für uns alle bedeutungsvollen Tage verlobt hatte. 10,, Imi's" 145 Der Untersturmführer ließ es sich nicht nehmen, solange auf dem Bahnsteig zu verbleiben, bis sich unser Zug in Bewegung setzte, Gewinkt wurde allerdings beiderseits nicht, Ein„deutscher Gruß” zwischen einem SS.-Offizier und seinen abfahrenden Häftlingen konnte ebenso wie im Lager auch außerhalb desselben nicht gut stattfinden, aber wir hatten noch kurz, bevor der Zug abfuhr, Gelegenheit genommen, durch unseren Kameraden Lüders unserem bisherigen obersten Bewacher unseren Dank für seine uns mehrfach bewiesene menschliche Gesinnung auszusprechen. Dieser Dank, den er erwartet hatte, war von ihm sichtbar gerne ent- gegengenommen worden. Höflichkeit ist eben in allen Lebenslagen etwas Erfreuliches,. Je weiter wir uns von Farge entfernten, um so mehr hatten wir das Gefühl, uns von einem Alpdruck zu lösen. Wir hatten alle das Empfinden, aus einem teils schauderhaften, teils tollen Traum erwacht und befreit zu sein, wenn wir auch einem völlig ungewissen und jedenfalls dunklen Lose entgegenfuhren. 146 ne gev seh e auf dem e. Gewinkt chen einem so wie im wir hatten ch unseren seren Dank zusprechen. gerne entagen etwas en wir das Empfinden, und befreit lls dunklen DUINGEN 1. Fahrt ins Zwangsarbeitslager. Astrologe und Kartenlegerin. - Nachdem Farge hinter uns versunken war, konnten wir noch einmal gewissermaßen von fern ein diesmal aber nur sehr flüchtiges Wiedersehen mit unserem bürgerlichen Leben feiern. Als unser ,, Transportzug" auf der Durchfahrt in Bremen einlief, stand eine ganze Anzahl unserer Frauen, darunter auch meine Frau, auf dem Bahnsteig. Es hatte sich ,, herumgesprochen", daß wir ,, heute oder morgen" durch unsere Heimatstadt kommen würden. Meine Frau war zu vier Zügen vergeblich zum Bahnhof gegangen, bis es ihr bei dem fünften gelang, mich noch einmal zu sehen. Da wir umsteigen mußten, hatten wir in Bremen über eine Stunde Zeit, die wir dazu benutzten es war schon Nachmittag unser heute gern versäumtes Farger Mittagessen nachzuholen. Statt des grauenhaften, nun endgültig hinter uns liegenden Kohlrabi gab es in der Wehrmachtsküche des Lloydbahnhofes eine Brotsuppe, auf die wir uns alle mit Begeisterung stürzten, um uns sodann dem weiteren Mahl zuzuwenden, das uns unsere Frauen natürlich mitgebracht hatten. Beträchtliche Sorgen machte uns unser junger Kamerad Ronoff. Er hatte seit einigen Tagen ein schlimmes Halsgeschwür und war recht krank. Er war aber unter keinen Umständen zu bewegen gewesen, im Revier zu Farge zurückzubleiben. Er wollte von uns nicht getrennt werden, und wir hatten volles Verständnis dafür. Als einziger von unserer ,, Côté" in dem Lager, das sich uns nun endlich geöffnet hatte und noch dazu in dessen grauenhafter Krankenstube auf ganz unbestimmbare Zeit zurückzubleiben, wäre für den 21jährigen eine schreckliche Sache gewesen. So saß er blaẞ, fiebernd und seine Schmerzen tapfer verbeißend unter uns. Essen konnte er nichts, da es mit dem Schlucken überhaupt nicht gehen wollte. Sogar ein Stück Torte, das ihm meine Frau anbot, lehnte er ab. Wir hofften für ihn nur immer wieder, daß unsere Fahrt nicht allzu lange dauern würde. Aus der Halle des Lloydbahnhofes gingen wir dann wieder bis zur Abfahrt unseres Zuges auf den Bahnsteig hinauf. Dort oben trieben sich unsere Polizisten herum, die sich ostentativ um uns nicht gekümmert hatten, als wir zum Essen hinuntergingen und sich auch nun wieder möglichst unsichtbar zu machen suchten. Die Anwesenheit der Damen war ihnen sichtlich besonders peinlich. Ich spazierte mit meiner Frau den Bahnsteig auf und ab und stellte ihr dabei einen großen Teil meiner Schicksalsgenossen vor, ein gesellschaftlicher Akt, der, da er unter polizeilicher Bewachung erfolgte, seinen besonderen Reiz hatte. Unsere Frauen waren natürlich alle recht traurig gestimmt, wußten dies aber 10" 147 mehr oder weniger tapfer zu verbergen. Der frühe Winterabend war be- reits im Anzug, als wir Bremen, von unseren Damen abgewinkt, verließen und unserem noch immer unbekannten Verbannungsziel entgegenfuhren. Die Polizisten wußten nur so viel, daß sie uns bis Voldagsen, einer kleinen Station an der Linie Hannover—Hameln, bringen und dort weitere Weisung erhalten sollten, Es wurde sehr bald ganz dunkel, und da unser Zug, wie damals die meisten deutschen Eisenbahnzüge, keine Beleuchtung mehr hatte, konnten wir nur hin und wieder mit einigen wenigen Taschenlampen, die unserer Schar noch zur Verfügung standen, etwas Licht verbreiten, was hin und wieder notwendig war, um zu er- kennen, mit wem man überhaupt sprach oder um an das Gepäck zu ge- langen. Neben mir saß einer der Polizisten, der in seinem Zivilberuf Frisör in einem Harzort gewesen war, Da ich früher den ganzen Harz mehrfach durchwandert hatte, haben wir uns gut unterhalten, Zwischen- durch kamen wir allerdings immer wieder auf das durch unser Aben- teuer angeregte Thema, in welchen Wahnsinn doch das Dritte Reich hineingesteuert sei, zurück. Er sagte abwechselnd„Herr Doktor” und „Herr Direktor" zu mir und ließ sich meine Zigaretten, mein Butter- brot, meinen Kuchen und meinen Kaffee dankbar schmecken, Einer seiner Kameraden gesellte sich dazu und stellte sich als Astrologe vor, Der Ex- Frisör versicherte mir, daß die Sternenweisheit dieses zweiten Polizisten absolut zuverlässig sei, denn er habe zum Beispiel die anglo-ameri- kanische Invasion in Frankreich bis auf 2 Tage, um die man sich im Weltall schon versehen könne, genau vorausgesagt, Zwei meiner mir gegenüber sitzenden Schicksalsgenossen griffen in dieses von Dunkelheit umgebene, aber von ideellem Sternenlicht erleuchtete Gespräch ein und wollten natürlich wissen, wie lange denn der Krieg noch dauern werde, Der Astrologe erwiderte, wir könnten ganz beruhigt sein, es werde nicht mehr lange gehen, denn der Krieg werde am 18, März 1945 zu Ende sein, Da wir den 23, November 1944 hatten, kam uns das damals noch recht lang vor und der eine meiner Gefährten meinte, bis dahin könnten wir allerdings noch aus den verschiedensten Anlässen alle bequem zugrunde gehen. Darauf meinte mein Kamerad Lüders, ihm habe eine erfahrene Kartenlegerin kurz vor seiner Festnahme, die er in keiner Weise voraus- geahnt habe, prophezeit, er werde sehr bald, wenn auch nicht als Soldat, so doch in ein Lager einberufen werden, dort sehr gute Kameraden finden und es werde für ihn überhaupt alles nach einer nicht zu langen Zeit gut ausgehen, Der erste Teil dieser Prophezeiung sei nun bereits eingetroffen und er vertraue darauf, daß sich auch der zweite bewahr- heiten werde, Ob das Ernst oder Ironie war, konnte ich in der Dunkel- heit nicht erkennen, es war wohl beides etwas dabei. Aus den Äußerun- gen des Astrologen und des Ex-Frisörs, die über das Thema„Kriegs- ende“ noch erfolgten, war mit unmißverständlicher Deutlichkeit zu er- kennen, daß auch diese„Beamten“ unter dem„Ende des Krieges" schon damals das sichere Ende des Dritten Reiches verstanden, dem sie keines- wegs mit Kummer entgegensahen, Der Transportführer war ein schneidiger Soldat. Auf einem der Um- 148 stei mit Rie; Nat kon Iı uns dier gest näcl bahı Arb „des Räch über mi gar kur Jed nd war bet, verließen egenfuhren, gsen, einer und dort dunkel, und züge, keine mit einigen ng standen, um zu erDäck zu geZivilberuf anzen Harz Zwischenmser Abenritte Reich oktor" und in ButterLiner seiner por, Der ExPolizisten nglo- amerian sich im meiner mir Dunkelheit ich ein und ern werde. werde nicht Ende sein. noch recht önnten wir m zugrunde e erfahrene eise vorausals Soldat, Kameraden t zu langen mun bereits ite bewahrHer Dunkeln Äußerunma„ Kriegskeit zu ereges" schon sie keinesm der Umsteigebahnhöfe - - wir mußten im ganzen fünfmal umsteigen kam ich mit ihm kurz ins Gespräch und er sagte mir, immer noch seine M. P. am Riemen über der Schulter, mit schöner Offenheit, er sei ein überzeugter Nationalsozialist, aber, nachdem er mit dem Schicksal in Berührung gekommen sei, daß man uns angetan habe ,,, sei etwas in ihm zerbrochen". 2. Nächtlicher Empfang. In Voldagsen, wo wir erst gegen ein Uhr nachts ankamen, erwartete uns ein ,, Sonderzug", den die Duinger Kleinbahn, bei der wir als ,, Sonderdienstverpflichtete" ,, eingesetzt" werden sollten, uns dorthin entgegengeschickt hatte. Mit diesem Zug fuhren wir noch über eine Stunde das nächtliche Wesergebirge aufwärts, bis wir Duingen, den Sitz der Kleinbahnverwaltung, erreichten. Wir wurden bei dieser Bahn, die seit Jahren darum gekämpft hatte, Arbeitskräfte zu erhalten, sozusagen fieberhaft erwartet. Daher die Ehre ,, des Sonderzuges" und der durchaus honorige Empfang, mit dem wir zunächst nächtlicherweise in Duingen begrüßt wurden, wo man vorerst überhaupt keine Ahnung hatte, wer wir waren. Unser ,, Transportführer" holte zunächst einmal einen gewissen Robert, der ihm am Bahnhof als der für unser Lager vorgesehene Verwalter bezeichnet wurde, aus dem Bett. Dieser Mann, der einen Küchenbetrieb verwaltete, aus dem eine ganze Anzahl Lager der Gegend, insbesondere einige Russenlager, verpflegt wurden, war so dick wie über 95 Prozent aller Köche. Dies hinderte ihn aber nicht, unseretwegen mit erstaunlicher Geschwindigkeit war inzwischen 23 Uhr nachts geworden den Bäcker und den Schlachter aus dem Schlafe zu trommeln, um uns zunächst einige sehr handfeste Wurststullen zu beschaffen. - - - es Das„ Lager" es war die Miniaturausgabe eines solchen lag nur wenige Minuten vom Bahnhof und nur etwa fünfzig Meter vom Bahnkörper entfernt. In der Dunkelheit war wenig davon zu erkennen. Wir sahen lediglich die Schattenrisse von einer kleinen Anzahl schmächtiger Holzbaracken, die, auf engstem Raume zusammengedrängt, von einem hohen Stacheldraht umgeben waren. Der Anblick dieses Gitters war, nachdem wir aus einem gleichen in Farge gerade erst herausgekommen waren, natürlich für viele von uns wie ein Stich ins Herz. Doch wir waren alle zu müde, um uns mit irgendwelchen, auch den ernstesten Fragen noch weiter befassen zu können. Innerhalb der Baracken existierte noch kein Licht, so daß wir uns mit Kerzen und Kerzenstümpfen, die dieser oder jener von uns noch in seinem Gepäck hatte, behelfen und orientieren mußten. Wir sahen in den niedrigen Räumen ein Gewirr von Bettstellen, die ein ganz ähnliches Aussehen hatten wie die in Farge, mit dem Unterschied, daß die Strohsack- Schlafstellen nicht wie dort zu je dreien, sondern nur zu je zweien übereinander angeordnet waren. Im ganzen waren in den vier engen Räumen, welche die für unsere Unterkunft bestimmte Doppelbaracke beherbergte, 60 Strohsäcke vorhanden. Jeder von uns suchte sich zunächst einmal ein Bett und packte sich 149 hinein, da alles andere schon infolge der herrschenden Dunkelheit dem kommenden Tage überlassen werden mußte. Es erschien dann noch ein freundlicher Soldat, der uns über die Ver- hältnisse des von uns leer angetroffenen Lagers kurz Aufklärung gab, Wie er uns erzählte, saß er mit einem Kameraden schon seit über vier Wochen in der kleinen Wachbaracke, die sich am Lagereingang befand. Sie hätten seitdem auf sechzig französische Kriegsgefangene gewartet, die bei der Duinger Kieinbahn beschäftigt und in dem Lager unter- gebracht werden sollten, Nun wir statt der Kriegsgefangenen hierher ge- kommen seien, würden sein Kamerad und er am nächsten Tage ab- rücken, da sie mit uns jedenfalls nichts zu tun hätten. Das Lager gehöre der Bahnverwaltung, die es für die von ihr angeforderten Arbeitskräfte schon vor längerer Zeit habe errichten lassen. Die Baracken seien ver- dammt kalt und würden, wenn erst der Winter mit aller Macht käme, noch viel kälter werden. Wir sollten daher sehen, daß wir nachdrücklich. für Feuerung sorgten, da es ein schweres Stück sein würde, die Räume mit den kleinen Barackenöfen, von denen je einer in jeder Stube stand, einigermaßen ausreichend warm zu halten. Vor uns sei das Lager von niemandem bewohnt worden und habe dauernd leer gestanden, Es stamme aber ein Teil der Bettstellen, wenn auch nicht der Strohsäcke, die alle vollkommen neu wären, aus einem anderen Lager. Hoffentlich hätte sich dadurch kein Ungeziefer im Lager eingenistet, In dem Gefühl, daß hier jedenfalls nicht Farge sei, schliefen wir ruhig und tief, Der kommende Tag war ein Sonnabend, Es sollte an ihm lediglich unser„Arbeitseinsatz“ vorbereitet und das Lager einigermaßen in Ordnung gebracht werden, Der Beginn der eigentlichen Arbeit war erst für den darauffolgenden Montag in Aussicht genommen, 3, Zwei Begrüßungsreden, Am nächsten Morgen gewannen wir schnell einen Überblick über die neue Primitivität, in die wir mit unserer Verschickung in das Herz Deutschlands versetzt waren. Das Lager hatte nicht nur kein Licht, son- dern auch keine Wasserleitung, ja nicht einmal eine Pumpe. Wasser zum Waschen mußte etwa fünf Minuten weit von der anderen Seite der Bahn herangeschafft werden, Die sanitären Verhältnisse waren infolgedessen noch viel fraglicher als in Farge, wo ein Waschhaus mit fließendem Wasser bestanden und auch die Latrine eine wenigstens zeitweise ver- wendbare Wasserspülung gehabt hatte, Die Stuben, in denen wir nun für die Dauer unseres Aufenthalts wohnen mußten, waren noch erheblich niedriger als in Farge. Hatte man sich dort vorsichtig bewegen müssen, um seine Kleidung mit einer nur lose an der Wand hängenden Leimfarbe nicht zu verunreinigen, die überhaupt nicht ausgebürstet werden konnte, mußte man sich hier als Bewohner einer der oberen Schlafstellen gleich- falls sehr vorsehen, da man andernfalls, wenn man sich aufrichtete, seinen Kopf sehr unsanft gegen die Deckenbalken stieß, Wir stellten zu- nächst einmal die Bettstellen, die wir für unsere Zahl nicht benötigten, 150 EDER Sn er ET EEE TEE 7 er —————— Wie Sam elheit dem r die Verarung gab. über vier ng befand, gewartet, ger untermierher geTage abger gehöre beitskräfte seien vercht käme, hdrücklich Hie Räume ube stand, Lager von Es stamme 2, die alle hätte sich wir ruhig te an ihm nigermaßen Arbeit war über die das Herz Licht, sonWasser zum e der Bahn olgedessen fließendem weise verwir nun für erheblich en müssen, Leimfarbe en konnte, len gleichaufrichtete, tellten zubenötigten, auf den Hof heraus und gewannen dadurch Platz für je zwei mittelgroße Tische nebst einem Dutzend Holzschemel in jeder der vier Stuben, womit sich das von uns in den Baracken angetroffene Gewirr etwas lichtete. Als wir kaum so weit waren und gerade gefrühstückt hatten, kam die Mitteilung, daß der Bahnverwalter" von Duingen uns offiziell zu begrüßen wünsche; wir möchten daher vor das Lager heraustreten. Diese Begrüßung war nach dem Sonderzug und dem nächtlichen Empfang die dritte Ehre, die uns die Bahnverwaltung erwies, welche auch in diesem Zeitpunkt trotz des Klatsches, der schon an diesem Morgen über unsere Polizeieskorte durch ganz Duingen gelaufen war, noch nicht recht wußte, wer wir eigentlich waren und zum mindesten sich nicht darüber klar war, wie sie eigentlich mit uns verfahren sollte. - - Als wir am Lagertor Aufstellung nahmen, standen dort unsere Polizisten, die schon reisefertig für ihre Rückfahrt waren, aber deren Führer Ordnung mußte nun einmal sein uns der Bahnverwaltung ebenso zu ,, übergeben" hatte, wie ihm unsere Schar in Farge von dem Untersturmführer als dem dortigen Lagerkommandanten übergeben worden war. War dieser Akt vor dem Farger Bahnhof von der Feierlichkeit eines militärischen An- und Aufmarsches umrahmt gewesen, so war es hier vor dem Duinger Bahnhofslager eine regelrechte Ansprache des Bahnverwalters, welche die Sache eindrucksvoll gestaltete. Der Bahnverwalter, ein freundlich aussehender alter Herr, namens Sachse, erklärte, es sei ihm ein Vergnügen, uns in Duingen willkommen heißen zu können. Seitens der Bahn, die es sehr nötig habe, sei lange schon auf die mithelfenden Hände einer größeren Anzahl von Arbeitskräften gewartet worden und es sei daher sehr erfreulich, daß wir nun endlich gekommen seien. Es würden auch keine übermäßigen Anforderungen an uns gestellt werden. Die Bahn werde sich bemühen, die Arbeit entsprechend dem Alter und dem Gesundheitszustande der einzelnen Dienstverpflichteten zu verteilen und er hoffe und habe das Vertrauen, daß ein jeder von uns den Willen habe, soweit es in seinen Kräften stände, tüchtig mitzutun. Diese im Stile einer Kriegervereinsrede gehaltene Ansprache erhielt eine besondere Note dadurch, daß unsere in Front angetretene Schar auf beiden Seiten noch von unserer Polizeimannschaft umgeben war. Die Polizisten lächelten zwar sämtlich freundlich, aber sie waren nun einmal noch da. Mir wurde in diesem Augenblick auch plötzlich klar, warum die Bremer Gestapo an Stelle einer OT.- Begleitung unsere hannoversche Polizeieskorte angefordert hatte. Anders als unser erster Schub in dem Lager Lenne waren wir nicht in eine Waldeinöde verschickt worden, sondern unser Verbannungsort war ein kleines Städtchen. Um nun von vornherein zu verhindern, daß sich irgendwelche Beziehungen zwischen der Bevölkerung des kleinen Fleckens und uns herstellten, hatte die Gestapo uns wie einen Schwerverbrecher- Transport dorthin entsandt, was, wie diese Behörde richtig gerechnet hatte, von Anfang an die Duinger mit Furcht und Scheu vor uns erfüllen und von jeder Gemeinsamkeit mit uns, zum mindesten anfänglich, gründlich abschrecken mußte. 151 Nach der Rede des Herrn Sachse beschäftigten wir uns den Tag über weiter damit, im Lager einige Ordnung zu machen, Am Abend kam dann in unserer Baracke, und zwar in einer unserer vier Stuben, in der sich unsere ganze Schar zusammendrängte, die zweite etwas anders geartete Begrüßungsansprache des Küchenverwalters Robert, der sich uns als unser„Lagerführer” präsentierte. Er behauptete einleitend, mit diesem Amt von der Gestapo betraut zu sein, was sich erst sehr viel später als eine Blüte seiner unablässig schweifenden Phantasie herausstellte. In Wirklichkeit hatte Robert die gesamte Einrichtung seiner Küche, von den großen Kochkesseln über die transportablen Verpflegungsgefäße bis zum letzten Messer, von der Kleinbahn gestellt erhalten, zu dem Zwecke, damit eine Gemeinschaftsverpflegung der Bahnbediensteten durchzuführen. Solange die von der Bahn erwarteten Arbeitskräfte nicht gekommen waren, hatte Robert für die Bahnverwaltung wenig zu tun gehabt, Nun wir endlich als die Dienstverpflichteten der Bahn erschienen waren, war es daher selbstverständlich, daß der Koch nach den zwischen der Bahnverwaltung und ihm getroffenen Vereinbarungen für den Lebens- unterhalt unseres Lagers zu sorgen hatte, Das genügte jedoch seinem Gel- tungsbedürfnis keineswegs, weswegen er sich kurzerhand selber zu unserem Lagerführer ernannte, Ein weiterer Ausfluß dieses Geltungs- bedürfnisses war, daß er sich in der Rolle unseres Protektors und Schutz- herrn gefiel. Er war so schlau, ziemlich schnell zu durchschauen, wie die Sache mit uns lag, zumal er von unserer recht gesprächigen Polizei- mannschaft darüber allerlei erfahren hatte, und er hatte wohl auch von den besonderen Bestimmungen schon etwas läuten hören, denen wir unterstellt werden sollten, Seine recht fließend vorgetragene Ansprache war daher gespickt mit allen möglichen Andeutungen finsterer Maßnahmen, welche man„höheren Orts“ mit uns vor habe. Der bei uns so beliebte Name„Gestapo“ tauchte in seinen Worten immer wieder auf, und zwar stets in Verbindung mit dem Hinweis, nur er habe Mittel und Möglichkeiten, uns vor dem Schlimmsten zu bewahren und lediglich ihm sollten wir daher Vertrauen schenken. An sich sei er verpflichtet, uns im Lager als Gefangene zu be- handeln und das Lagertor außerhalb der Arbeitszeit abzusperren, Er werde sich aber nicht dazu hergeben, uns„wie die Tiere beizuschließen”, wenn ihm von uns eine Sicherheit dafür gegeben werde, daß kein einziger davonlaufe, Es hätte an sich für den abziehenden Wehrmachtsposten, der zur Bewachung des zunächst vorgesehenen Lagers französischer Kriegs- gefangener ausersehen war, ein SS,-Posten vor unser Lager gestellt werden sollen, und es sei ihm— Robert— nur unter den größten An- strengungen gelungen, dies zunächst abzuwenden, Er habe aber dafür die persönliche Verantwortung für unser Wohlverhalten übernehmen müssen, und diese könne er nur tragen, wenn sich fünf von uns mit ihrem Kopf dafür haftbar erklärten, daß das Lager zusammenbleibe und nichts passiere, was die Gestapo in Hildesheim als eine Verletzung der von ihr erlassenen Vorschriften ansehen müsse, Wenn wider Erwarten sich doch ein Ordnungsverstoß ereigne, könne und werde sich die Gestapo zunächst 152 an ı der rant der Ehle sauı ich, ber bej erf sei las sol uns nic gro zur ein fac m Tag über kam dann In der sich rs geartete ch uns als mit diesem später als sstellte. In Küche, von sgefäße bis , zu dem ediensteten räfte nicht nig zu tun erschienen zwischen en Lebenseinem Gelselber zu Geltungsnd Schutzen, wie die en Polizeiauch von denen wir espickt mit ,, höheren o" tauchte indung mit vor dem Vertrauen ene zu beperren. Er schließen", ein einziger posten, der mer Kriegser gestellt rößten Anaber dafür bernehmen mit ihrem und nichts er von ihr sich doch o zunächst an unsere fünf Bürgen halten. Er zog dann einen schmierigen Zettel aus der Tasche, auf dem er sich die Namen der von ihm gewünschten Garanten notiert hatte, und zwar waren dies mein Kamerad Schulenburg, der in Farge als unser Bremen- Kurier fungiert hatte, dessen Schwager Ehlers, zu dessen Aufnahme in dies Kollegium die meisten von uns recht sauer sahen, sowie meine Kameraden Waclaff und Lüders und schließlich ich. Mit erhobener Stimme fragte uns unser ,, neuer Lagerführer", ob wir bereit seien, uns für unsere sämtlichen Kameraden zu verbürgen. Dies bejahten wir, worauf Robert sich vermaß, uns vor allen von ihm selber erfundenen Machenschaften der Gestapo zu bewahren. Unser Dank für seine schöne Gesinnung erfreute ihn sichtlich und schmeichelte seiner Eitelkeit ganz gewaltig. Er habe, äußerte er, an sich das Recht, unsere gesamte Korrespondenz, und zwar sowohl die ausgehende, als auch die ankommende zu öffnen und zu zensieren; er werde jedoch von diesem Recht, abgesehen von ganz besonderen Ausnahmefällen, keinen Gebrauch machen. Auf unseren erneuten Dank ging es im selben Stile noch lange fort: Wir dürften an sich das Lager außerhalb der Arbeitszeit nicht verlassen, aber er werde besonders sonntags beide Augen zudrücken. Wir sollten auch keine Gaststätten und Kinos besuchen und den Ort in unserer Freizeit überhaupt nicht betreten, aber auch das brauchten wir nicht so genau zu nehmen. Selbstverständlich sollten wir nirgends in zu großer Menge erscheinen, dann werde auch die Gendarmerie, mit der er sehr gut stehe, von uns keinerlei Notiz nehmen. Wir müßten an sich zur äußeren Kennzeichnung der Zugehörigkeit zu unserer Sonderaktion einen roten Streifen um den rechten Rockärmel und um das linke Hosenbein tragen, was ihn aber betreffe, so werde er bei einer Kontrolle einfach erklären, daß er nicht genügend rotes Band zur Verfügung habe. Mit dem ,, roten Streifen" verhielt es sich so, daß er in dem großen Lager Lenne tatsächlich zur Kennzeichnung unserer Schicksalsgenossen eingeführt worden war. Er war in unserer Mitte, die wir anders als die Lenner mitten in einen deutschen Ort verbannt worden waren, ziemlich gefürchtet, da uns ein solches Abzeichen, ähnlich wie vorher der Judenstern die Volljuden, in der Öffentlichkeit diffamiert und auf der Straße sozusagen unmöglich gemacht haben würde. Wir konnten daher gar nicht anders, als unserem Lagerführer dafür, daß er uns auch diese behördlich offenbar gewollte Unbequemlichkeit ersparen wollte, nochmals unseren aufrichtigen Dank zu bezeugen. Er griff nun auf ein anderes Gebiet über, auf dem er gleichfalls sein überstark entwickeltes Geltungsbedürfnis zu kultivieren pflegte. Er fing nämlich an, uns das Blaue vom Himmel herunter zu versprechen. Was zunächst seine eigentliche Kompetenz, nämlich die Verpflegung anbelangte, sollten wir es bei ihm wie der Herrgott in Frankreich haben. Die Gestapo habe ihm zwar befohlen, uns den Kochlöffel recht hoch zu hängen, er werde aber das Gegenteil tun. Von unseren amtlichen Lebensmittelzuteilungen könne er freilich keine großen Sprünge machen, aber er habe sich schon erhebliche Zusatzmengen an Kartoffeln, Mehl, Mehlerzeugnissen, Trockenerbsen und-bohnen usw. gesichert, und auch mit 153 den Brot- und Fleischrationen sollten wir es erheblich besser haben als es in den behördlichen Zuteilungsbestimmungen vorgesehen sei, Es mag schon hier bemerkt werden, daß es, wie sich bald heraus- stellte, mit diesen Versprechungen das gleiche auf sich hatte, wie mit den meisten anderen Versprechungen unseres neuen„Lagerkomman- danten“: Es blieb nämlich bei den Versprechungen, ohne daß diese in der Folgezeit auch nur eine Tendenz zeigten, sich der Erfüllung zu nähern, Sie wurden vielmehr meist, kaum daß sie gemacht waren, damit als erledigt ad acta gelegt und nicht wieder erwähnt, Jede noch so leise Erinnerung oder Mahnung, mit der versucht wurde, die offenbar einge- tretene absolute Vergeßlichkeit zu beheben, rief später nichts weiter als höchst unbehagliche Überraschung hervor, Ebenso großzügig wie mit unserer Verpflegung verfuhr unser dicker Versorgungsgewaltiger in seinen Worten mit der Urlaubsfrage, Die Ge- stapo habe zwar jeden Urlaub verboten, Er werde uns aber sukzessive Urlaub geben, und es könnten an jedem Sonntag bestimmt mindestens ein halbes Dutzend Mann von uns abwechselnd nach Hause fahren, Er wolle dies zwar nicht offiziell wissen, habe aber nichts dagegen. Diejenigen von uns, die kleine Kinder hätten, würde er Weihnachten in derselben in- offiziellen Weise nach Hause fahren lassen. Die sonntags in Duingen Anwesenden von uns könnten Feiertagsfahrten nach Hameln, Hildesheim, Nordstemmen oder Alfeld oder auch, wenn es ihnen Spaß machte, aus- gedehnte Bergwanderungen in die Umgegend unternehmen; wir sollten aber auch dies nicht in größerer Anzahl zusammen, sondern möglichst nur zu zweien oder dreien tun, da auch alles das verboten sei und wir uns infolgedessen nicht dabei ertappen lassen dürften, Nicht minder fürstlich ging er mit unserem Lager um, das noch ganz anders werden müsse, Die Baracken müßten, um einigermaßen Schutz gegen die Kälte zu bieten, verschalt werden und er werde veranlassen, daß schon in den nächsten Tagen genügend Holz angefahren werde, um die einfachen und als solche viel zu dünnen Holzbretterwände mindestens zu verdoppeln oder gar zu verdreifachen, Abgesehen von dem Anschluß an das elektrische Stromnetz und dem Bau einer Wasserleitung, die wir selber zu besorgen hätten, werde er uns eine vollständige Waschbaracke liefern, die er sofort von Hannover nach Duingen beordert habe, Auch hinsichtlich unserer Arbeitskleidung brauchten wir uns keine Sorgen zu machen, Er werde von der OT. in Hannover Arbeitsanzüge in genügender Anzahl sowie Knobelbecher oder sonstige geeignete Arbeitsschuhe be- schaffen. Mit diesen paradiesischen Aussichten beschloß er, von unserem begeisterten Beifall umbraust, seine zündenden Worte, Er nahm unseren Applaus wohlgefällig entgegen und erkundigte sich dann noch herab- lassend nach unseren Erlebnissen in Farge, über die ihm von einigen Redseligen unter unseren Schicksalsgenossen leider viel zu viel be- richtet wurde. Er hörte gespannt zu und verstand fraglos von dem tollen Zeug, das er vernahm, so viel, daß ihm ganz klar wurde, wie wenig Gutes wir gewohnt waren, woraus sich für ihn als zwingende Folgerung ergeben mußte, daß wir ihm für eine Behandlung und Verpflegung, bei 154 wu all nar we Str; Wal ie] haben als i. d heraus, wie mit rkommanB diese in Füllung zu ren, damit ch so leise bar eingemts weiter er dicker Die Gesukzessive estens ein Er wolle nigen von selben inDuingen ildesheim, chte, auswir sollten möglichst ei und wir noch ganz en Schutz eranlassen, werde, um mindestens Anschluß g, die wir chbaracke abe. Auch Sorgen zu enügender chuhe ben unserem m unseren ch herabon einigen viel bedem tollen wie wenig Folgerung egung, bei der die anderen von ihm ,, betreuten" Lager bereits knurrten, immer noch dankbar sein würden. Seine Haupttugend war, wie bald, offenbar wurde, daß er sich recht wenig um uns kümmerte und es ganz uns selbst überließ, uns in unserer neuen Umgebung, so gut es ging, einzurichten. Die einzige Institution in dem von uns nun aufzubauenden kleinen Staatswesen, die auf Roberts Initiative zurückging, war der ,, Ausschuß", der gewissermaßen aus der recht theatralischen ,, Verbürgung" der fünf Männer entstanden war. Er verengte sich bald zu einem Dreierausschuß, da Schulenburg unser Vertrauens- und Verbindungsmann zur Bahnverwaltung, zum ,, Lagerführer" und zu den sonstigen behördlichen Stellen wurde und als solcher ausschied, und sein Schwager Ehlers, der auch in Duingen alsbald seine eigenen Wege ging, wegen der allgemeinen Abneigung, die er hierdurch erntete, von uns nicht mehr als Mitglied des Bürgenkomitees angesehen wurde. Die verbleibende Dreierkommission oder das ,, Tribunal", wie sie allgemein unter uns wohl im Hinblick auf die Zahl ihrer Mitglieder genannt wurde, war gewissermaßen die Keimzelle des kleinen Gemeinwesens, das nun in unserem Lager zwangsläufig entstand. 4. Freiheit? Da das Tor in dem unser neues Lager umgebenden Stacheldraht wenigstens bis auf weiteres offenblieb, konnten wir uns den Ort unserer Verbannung und seine nähere Umgebung am nächsten Sonntag in allen Einzelheiten ansehen. Trotzdem schon Schnee lag und alles sehr winterlich aussah, war Duingen für ein ,, Sibirien" doch erheblich zu reizvoll. Der kleine Ort, der in Friedenszeiten 1400 Einwohner zählte, liegt auf einer Hochfläche, die rings von den Höhenzügen des Wesergebirges umgeben ist, welche mit ihren Gipfeln 3-400 Meter über dem Meeresspiegel emporsteigen. Der Ort selbst enthält wenig Bemerkenswertes. Er besteht im wesentlichen nur aus drei Straßen, von denen zwei auf der einen und eine auf der anderen Seite der Bahn liegen. Er wird etwas verhäẞlicht durch die Schlote der am Rande des Städtchens und zugleich unmittelbar an der Bahnlinie liegenden Industriebetriebe, einer großen Sägerei und eines Tonofenwerkes, die beide zusammen mit der Kleinbahn und mit einigen in der näheren Umgebung Duingens betriebenen Kies- und Braunkohlengruben die Wirtschaft des Ortes repräsentieren. Unser Lager lag rein standortmäßig zugleich innerhalb und außerhalb des Ortes, was, wie sich alsbald herausstellte, gewissermaßen symbolisch für die Vorstellungen war, welche die Gestapo hinsichtlich unserer Verpflanzung nach diesem mitteldeutschen Flecken hatte. Das Lager war auf einem freien Platz gegenüber dem Hauptteil des Ortes errichtet worden, während sich die eine auf unserer Bahnseite befindliche Ortsstraße seitwärts an diesem Platz vorbei in Richtung auf den nahen Bergwald heraufzog. Es war für uns nach den Tagen von Farge, in denen wir nichts als Baracken, Stacheldraht und die das Lager umgebende weite 155 Öde gesehen hatten, schon ein Erlebnis, nun wieder in oder jedenfalls unmittelbar vor einem, wenn auch ziemlich im Winterschlaf versunkenen, deutschen Ort zu wohnen, dessen verschneite Dächer, überragt von dem Uhrturm einer aus grauen Felssteinen erbauten, gar nicht so sehr kleinen Kirche zu uns herübersahen, Das Duingen umgebende Bergland ist so reizvoll, daß das Städtchen früher, besonders vor der Entstehung seiner ,, Industrie", ein häufig besuchter Sommererholungsort gewesen ist. Im Osten der Stadt zieht sich der lange Rücken des Duinger Waldes hin, während weiter entfernt im Westen das vielfach zerklüftete Massiv des Hils, einer von dichten Tannen- und Fichtenwäldern bestandenen, rauhen und wegarmen Bergwildnis, emporragt, hinter welcher der klippenreiche und nur teilweise bewaldete, teilweise in weite Bergwiesen auslaufende Kamm des Ith ein besonders reizvolles Landschaftsbild abgibt. Am Nachmittage dieses ersten Sonntags machte ich mit meinem Kameraden Lüders einen Spaziergang am Hils vorbei in Richtung auf den Ith, und wir waren beide nicht nur von der Schönheit dieser wenn auch im Frost erstarrten Landschaft, sondern vor allem auch davon hingerissen, daß wir in Bergluft und Bergsonne einmal wieder frei atmen und uns dabei zum mindesten einer augenblicklichen Illusion der Freiheit hingeben konnten. Wir konnten es immer noch nicht recht fassen, daß Farge endgültig hinter uns lag und wir in diese äußerlich so ganz anders geartete Umgebung versetzt waren. Die Zukunft war immer noch dunkel genug. Aber bisher trugen wir am Ärmel noch keine ,, roten Streifen". Wir waren an diesem Nachmittage so glücklich, daß wir uns aller Sorgen über das Kommende wenigstens für Stunden zu entäußern vermochten. 5. Ein Nachzügler. Schon zu Beginn der ersten Woche, in der wir von Farge gekommenen 41 Mann uns in Duingen befanden, langte noch ein 42. in unserem Lager an, ein Mann namens Weiß, der bei der Inanspruchnahme für die Sonderaktion J mehr Glück entwickelt hatte als wir alle. Die Gestapo in Wesermünde hatte ihn nämlich erst gefunden, als unsere Farger Zeit bereits zu Ende war. Er war dann auf der Behörde gefragt worden, ob er uns nachfahren oder zunächst alleine nach Farge geschickt werden wollte. Er hatte sich natürlich für das erste entschieden und sich mit seiner Reise noch nicht einmal besonders beeilt. Bei der OT. in Hannover, an die er von der Gestapo Wesermünde verwiesen worden war, hatte er sich zunächst als Ausgebombter einmal einen viertägigen Urlaub besorgt, mit dem er nochmals nach Wesermünde zurückgekehrt war, um dann erst nach dieser weiteren Frist zu uns zu stoßen. Auf dem Hauptbüro der OT.- Einsatzgruppe Kyffhäuser in Hannover war ihm erklärt worden, er und seine Schicksalsgenossen seien ,, auf Grund der erlassenen Bestimmungen" ,, freie deutsche Arbeiter" und die Tatsache, daß die Mehrzahl von uns zunächst nach Farge übergeführt worden sei ,,, beruhe 156 bloẞ treffe Wese beide daß in A sich mer Erf Sta nac Len gefa lege neh Dies zeig bei die über Es also mün imm nich liche diese Vo keit von Dem Schil Es e lager Es S geste Tatsa ande durft imme Hein ständ gierig jedenfalls sunkenen, von dem r kleinen Städtchen mäufig bezieht sich mtfernt im dichten men Bergteilweise es Ith ein inem Kag auf den wenn auch on hingeatmen und r Freiheit assen, daß nz anders rugen wir em NachKommende kommenen rem Lager ie SonderGestapo in arger Zeit worden, ob kt werden sich mit Hannover, war, hatte Urlaub bewar, um em Hauptam erklärt erlassenen , daß die i ,,, beruhe bloß auf einem Versehen". Weiß hat uns dann noch erzählt, daß der betreffende OT.- Beamte über das ,, Einberufungsverfahren" der Bremer und Wesermünder Gestapo geradezu getobt und in seiner Anwesenheit auch beide Stellen fernmündlich mit Nachdruck darauf hingewiesen habe, daß eine Verbringung der durch die Sonderaktion J betroffenen Männer in Arbeitserziehungs- oder Konzentrationslager nur in Frage käme, wenn sich dieselben der ,, Einberufung" entzögen. Nur nebenbei sei hier bemerkt, daß diese nachdrückliche Erinnerung bei der Gestapo keinerlei Erfolg gehabt hat. Schon ganz kurze Zeit darauf hat die Bremer Geheime Staatspolizei einen dritten Schub von Imis wieder für einige Wochen nach Farge geschickt, um ihn dann wie den ersten durch die OT. nach Lenne weiterleiten zu lassen. Weiß, der ein typischer Gelegenheitsarbeiter war er hatte zur See gefahren, war Kraftwagen- und Bulldoggführer, Kohlenzieher und gelegentlich auch Caféhausmusiker gewesen, war also auf weit angenehmere Weise an die Oberweser gelangt als wir anderen insgesamt. Diese Tatsache sowie seine Erlebnisse bei der OT.- Leitung in Hannover zeigten deutlich die Inkonsequenz, mit der seitens der Nazi- Behörden bei unserer Aktion verfahren wurde und das ganze Durcheinander und die völlige Unklarheit, die in den verschiedenen einschlägigen Ressorts über unsere Sache herrschte. Es erscheint allerdings möglich, daß Weiß als Gelegenheitsarbeiter, also als eine besondere Art von ungelerntem Arbeiter, bei der Wesermünder Gestapo deswegen besondere Gnade gefunden hat, weil er immerhin dem, was man aus uns zu machen gedachte, schon ohnedies nicht allzu ferne stand und jedenfalls weder ,, Intellektueller" noch eigentlicher Handwerker war. Es ist möglich, daß man ihm besonders aus diesem Grunde die Arbeitserziehung" in Farge erspart hat. 6. ,, Sonderdienstverpflichtung". Von der Duinger Bahn erhielten wir zu Beginn unserer dortigen Tätigkeit einen kurzen maschinenschriftlichen Ausweis, wonach wir der Bahn von der OT. Hannover als ,, Sonderdienstverpflichtete" zugewiesen seien. Dementsprechend wurde unser Lager mit an die Barackentüren gehefteten Schildern als ,, SDV.- Lager"( Sonderdienstverpflichteten- Lager) bezeichnet. Es erhielt die gleiche Nummer wie das in der Nähe befindliche Russenlager, dessen Insassen gleichfalls zum großen Teil bei der Bahn arbeiteten. Es sollte damit wohl angedeutet werden, daß wir den Russen gleichgestellt seien und vor diesen keine Vorrechte zu beanspruchen hätten. Tatsächlich standen wir uns sowohl verpflegungsmäßig als auch in mancher anderen Hinsicht sogar ganz erheblich schlechter als die Russen. Wir durften eben ,, als vorläufige deutsche Reichsbürger", die wir trotz allem immer noch waren, nichts dergleichen tragisch nehmen. Einer von uns, Heinrich Borstmann mit Namen, ein Ofensetzer seines Zeichens, der ständig zu Scherzen aufgelegt war, hat einmal in der Bahn auf die neugierige Frage einer dienstverpflichteten jungen Dame, ob denn auch er 157 dienstverpflichtet sei, schlagfertig geantwortet:„Ja, besonders!” und auf die weitere Frage, als was denn, erwidert:„Als Imi-Vertreter”, was die Fragerin, die natürlich das berühmte Reinigungsmittel„Imi” kannte, beides falsch verstanden hat, aber die Hauptsache war ja, daß ihre Wiß- begier gestillt war, Wir haben niemals einen Dienstverpflichtungsbescheid erhalten und sind deswegen auch die ganze Zeit, die wir in Duingen waren, Gestapo- Häftlinge geblieben, Ob wir nun eigentlich Gefangene oder was wir vielleicht sonst waren, hätte, ebenso wie die ganze„Rechtslage‘ unserer dortigen Existenz, ein hervorragendes Thema für eine scharfsinnige ju- ristische Doktorarbeit abgeben können. Die Bahnverwaltung war seitens der jetzt für uns zuständigen Gestapo- stelle Hildesheim durch Übermittlung eines dicken Konvoluts Richt- linien über uns nun in jeder Hinsicht informiert worden, In diesen Richt- linien stand zu Anfang zu lesen, daß wir grundsätzlich nicht anders zu behandeln seien, als deutsche Arbeiter. Der ganze übrige Inhalt der Bestimmungen bestand aber in zahllosen Ausnahmen von diesem Grund- satz, so daß dieser praktisch völlig in sein Gegenteil verkehrt wurde, Wir durften lediglich als Rottenarbeiter und nicht einzeln oder gar in einer irgendwie gehobenen Stellung beschäftigt werden, Es mußte dafür Sorge getragen werden, daß keinerlei Berührung zwischen der„deut- schen‘ Bevölkerung Duingens und uns entstand. Zu diesem Zweck waren die uns von unserem„Lagerführer” in dessen Begrüßungsansprache be- reits bekanntgegebenen Bestimmungen"darüber, daß wir nicht in den Ort gehen durften, daß uns der Besuch von Gaststätten und Kinos unter- sagt war und daß wir alsbald nach Beendigung der Arbeit das Lager richt mehr verlassen sollten, usw, usw. ausgetüftelt worden; im amüsan- ten Gegensatz hierzu stand die weitere Bestimmung, daß für„Unter- haltung” nach Feierabend gesorgt werden dürfe und könne, Diese Richtlinien, die bei ihrem teilweisen Bekanntwerden— ganz hat sie die Bahn uns überhaupt niemals offenbart— bei uns Empörung und teilweise Entsetzen hervorriefen, weil bei einer ausnahmslosen Durch- führung dieses„Gesetzes” die Sache wohl noch schlimmer als in Farge geworden wäre, sind zunächst einmal zum großen Teil Papier geblieben. Die Bahn hatte unsere Handwerker viel zu nötig, als daß sie sich ohne weiteres bereit gefunden hätte, auch diese Handwerker— Schlosser, Maurer, Tischler, Mechaniker, Elektriker— als ungelernte Rottenarbeiter zu beschäftigen. Wenn die Bahn aber in diesem grundsätzlichen Punkt bereits von den Anweisungen der Gestapo abwich, konnte sie logischer- weise auch auf die weiteren Richtlinien kein besonderes Gewicht legen. Insofern stand es ganz anders als in Farge: Die Entfernung nach Hildes- heim, das mit der Bahn nur auf großen Umwegen erreicht werden konnte, war recht groß, denn Autos, um die dazwischen liegenden über 40 Land- straßenkilometer zu überwinden, gab es damals nicht mehr viele, und die Gestapo war daher weit. Die Bahnverwaltung konnte infolgedessen, so- lange Hildesheim nicht eine unmittelbare Kontrolle schickte, zwischen der Gestapo, der OT,, der Arbeitsfront und der Kreisleitung der Partei, 158 !" und auf was die " kannte, ihre Wißalten und GestapoI was wir " 1 unserer sinnige juGestapouts Richtsen Richtanders zu Inhalt der em Grundart wurde. Her gar in ußte dafür der deuteck waren prache becht in den inos unterdas Lager m amüsanür„ Unter-ganz hat pörung und sen Durchs in Farge geblieben. sich ohne Schlosser, tenarbeiter chen Punkt e logischerwicht legen. ach Hildesden konnte, er 40 Landele, und die dessen, so, zwischen der Partei, welche sämtliche Stellen sich zeitweise für uns interessierten, hin und her jonglieren. Das war um so leichter möglich, als wenigstens zunächst keine dieser Stellen mit uns nachhaltig bemüht sein wollte. Die Hildesheimer Gestapo glaubte sicher, größere und dringendere Aufgaben erledigen zu müssen, als sich mit unserer kleinen 42- Mann- Schar befassen zu sollen. Sie sah ihre Tätigkeit mit der Übermittlung der ,, Richtlinien" an die Duinger Bahnverwaltung vorerst als beendet an. Eine noch kleinere quantité négligeable waren wir für die OT.- Einsatzgruppe Kyffhäuser in Hannover, die gewohnt war, dauernd mit Tausenden von Arbeitern zu operieren. Als einmal unser Vertrauensmann dorthin kam, um uns angehende soziale Fragen zu besprechen, war in dem großen OT.Bürohaus zunächst überhaupt kein Beamter aufzufinden, der etwas von unserer Existenz wußte, bis schließlich nach vielem Suchen einer ermittelt wurde, der gedehnten Tones sagte: ,, Er erinnere sich dunkel, daß da in Duingen tatsächlich so ein paar Männer wären; die ganze Sache wäre ihnen aber bloß ,, angehängt oder richtiger aufgehängt" worden, da wir mit der OT. unmittelbar jedenfalls nichts zu tun hätten". Für die Gestapo in Bremen und Wesermünde war unsere ganze Sache zunächst mit dem Vermerk erledigt, daß wir über Farge nach Duingen transportiert waren, womit die staatspolizeilichen Akten über uns in unserer Heimat geschlossen waren. Wir waren also, was, wie sich bald zeigen sollte, zwar seine Nachteile, aber auch seine entschiedenen Vorteile hatte, für die Behörden des Dritten Reiches zunächst sozusagen ,, verschollen". 7. Organisation der Verschollenheit. Wir bemerkten schon in den ersten Tagen von Duingen, daß wir, außerhalb unserer Arbeit bei der Bahn, tatsächlich allein waren und sich behördlicherseits niemand ernstlich um uns kümmerte. Bei dem großen Lager Lenne, in dem Hunderte unserer Schicksalsgenossen und außerdem viele Tausende von ,, freien" deutschen Arbeitern, Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen untergebracht waren, verhielt sich die Sache ganz anders wie mit unserem kleinen 42- Mann- Haufen: Waren wir für die großmächtigen Herren von der Gestapo Hildesheim und der OT. Hannover im Gegensatz zu Lenne eine viel zu geringfügige Sache, SO war die Bremer Gestapo damit zufrieden, uns gewissermaßen auf Nummer Sicher verbracht zu wissen, als ob Duingen tatsächlich in Sibirien, Turkestan oder der Mongolei liege. Daß wir so, wenn auch ständig von Gefahren umdroht, zunächst einmal gewissermaßen unser eigener Herr sein konnten, beschlossen wir, uns nach Möglichkeit zu bewahren und zum mindesten für die nächste Zukunft alles daranzusetzen, um zu verhindern, daß auch wir schließlich in eines der großen Zwangsarbeitslager wie Lenne oder Osterode a. Harz abgeschoben würden. Das wichtigste war zunächst die innere Organisation unserer Horde, die sich so plötzlich auf sich selbst gestellt sah. In einem Buche über Menschen unserer Abstammung, das uns an sich nicht allzu übel gesinnt 159 war, hatte ich früher einmal gelesen, daß wir durchweg weder Gemein- schaftssinn hätten, noch Führerpersönlichkeiten, die„Massenwirkung” hätten, hervorbringen könnten; wir seien alle mehr oder weniger„un- fruchtbare Individualisten”. Ein Körnchen Wahrheit mag in diesem Salz insofern gewesen sein, als es sich auch bei uns als im allgemeinen recht schwierig erwies, die einzelnen Kameraden in unsere nun zur Wirklich- keit gewordene Gesamtheit einzuordnen, Die dabei auftretenden Hemm- nisse waren aber doch wohl überwiegend darin begründet, daß unsere Schar allzu verschiedenen Lebensaltern, nämlich vom 16jährigen bis zum 70jährigen, angehörte und daß sie sich außerdem aus Männern aller nur erdenklichen Berufe und Lebenskreise, vom Heizer und Bulldoggfahrer über die verschiedensten Handwerker und kaufmännischen Angestellten bis zu selbständigen Kaufleuten und Akademikern zusammenselzte. Da unser„Lagerführer”, der dies ja, wie wir erst viel später erfuhren, tatsächlich überhaupt nicht war, abgesehen von der Versorgung unserer Mägen nur mit seinem Titel geschmückt spazierenging, mußten wir uns zunächst selbst einen„Kameradschaftsführer” wählen, der uns alle bei der Bahnverwaltung und den übrigen Behörden, wie dem Bürgermeister, der Arbeitsfront, dem Wirtschaftsamt und dem Arbeitsamt usw. vertrat und ferner als oberste Lagerinstanz für die Ordnung in unserem„Hause“ verantwortlich war, die Post besorgte, zusätzliche Lebensmittel und im Lager notwendige Bedarfsgegenstände heranschaffte usw. Nicht jeder von uns war geneigt, dieses verantwortungsvolle und ebenso ohne Frage oft unerfreuliche Amt zu übernehmen. Ein geeigneter Verwalter des- selben, der auch bereit war, sich mit solcher Treuhandschaft zu befassen, fand sich in unserem Kameraden Schulenburg, der ohne eigentliche Wahl durch Akklamation zu seiner Würde erhoben wurde, nachdem sich vor- her unser„Tribunal“ auf ihn geeinigt und ihm die Zusicherung gegeben hatte, daß wir in jeder Hinsicht hinter ihm stehen würden, solange er die Interessen der Allgemeinheit pflichtgetreu und sachgemäß vertrete, Schu- lenburg war ein ideal gerichteter Mann, der für den ihm von uns anver- trauten Posten manche Eignung und Begabung mitbrachte: Er war in der Menschenbehandlung und jeglicher Verhandlungsführung stets sehr ge- schickt und außerordentlich redegewandt, Er war ein aufrichtiger Men- schenfreund und schien als solcher wie dazu geschaffen, Schicksalsgenos- sen, die irgendwie in Schwierigkeiten gerieten, tatkräftig zu unterstützen. Als ausgezeichneter Kamerad hatte er sich bereits als Kurier in unserem illegalen Farger Brief- und Paketpostverkehr erwiesen. Wir drei vom „Tribunal“, von denen keiner Neigung gehabt hatte, das Amt des Ver- trauensmannes selbst zu übernehmen, gaben Schulenburg und auch uns untereinander das Versprechen, stets unter allen Umständen für die Ordnung in unserem kleinen Gemeinwesen einzustehen, und wir haben Schulenburg von vornherein zu verstehen gegeben, daß er unser Mann sei, solange er mit unserer Hilfe diese Ordnung aufrechterhalten könne, In den vier Stuben unserer Doppelbaracke, die von je 10 bis 11 Mann bewohnt waren, wurde je ein Stubenältester gewählt, der für Ordnung und Sauberkeit in seinem Herrschaftsbereich aufzukommen hatte. Auf 160 der S kamm aufers grenz: stein, für di Kame Der voll, war, er eiı heit| der C beka; Unser er Gemein- ‚enwirkung" eniger„Un- Jiesem Satz ‚einen recht ır Wirklich- den Hemm- daß unsere gen bis zum rn aller nur Ildoggfahrer Angestellten setzte, ter erfuhren, sung unserer ten wir uns uns alle bei irgermeister usw. vertrat sem„Hause ‚smittel und ‚ Nicht jeder ) ohne Frage ‚rwalter des: ‚zu befassen, ‚ntliche Wahl jom sich vor“ der Stube, in der unser„Tribunal wohnte und mit der die„Blite- kammer” von Farge eine gewisse, allerdings nur schattenhafte Wieder- auferstehung erlebte, wurde Lüders Ältester und in der unmittelbar an- grenzenden Stube der vom Schicksal besonders schwer geprüfte Hart- stein, während in den beiden Stuben der anderen Baracke dieses Amt für die eine Schulenburg selber und für die andere unser witzereicher Kamerad Borstmann übernahm, Der Aufbau dieser„Verfassungs-Organisation” war zwar wenig kunst- voll, aber, da er aus den primitivsten Notwendigkeiten hervorgegangen war, als solcher praktisch, Das Amt des Vertrauensmannes war, solange er ein solcher genannt werden konnte, er also das Vertrauen der Gesamt- heit besaß, nach innen diktatorisch und nach außen exklusiv: Der erste der Grundsätze, die hin und wieder in abendlichen„Volksversammlungen” bekanntgegeben wurden, welche sich in der hinteren Stube der einen unserer Baracken zusammenballten, ging dahin, daß jeder Kamerad den Anordnungen unseres Vertrauensmannes unbedingt und widerspruchslos Folge zu leisten habe und daß es ebenso generell wie strengstens ver- boten sei, daß irgend jemand unter Umgehung unseres Kameradschafts- führers mit der Bahnverwaltung oder unserem sogenannten Lagerführer oder irgendeiner behördlichen Stelle in Verbindung trete, Beides hatte seinen guten Sinn: Disziplin war in unserer Lage ganz besonders er- forderlich, da stets die größte Gefahr bestand, daß wir völlig eingesperrt würden, wenn auch lediglich ein einzelner sich einmal direktionslos oder nur ungeschickt benahm, und es hätte sehr bald ein Chaos und einen Kampf aller gegen alle geben können, wenn der einzelne die Möglichkeit gehabt hätte, persönliche Wünsche ohne Rücksicht darauf, ob diese im Interesse der Gesamtheit zweckmäßig oder auch nur tragbar erschienen, auf eigene Faust an allen möglichen Stellen vorzutragen. Vor allem konnte es nicht dem einzelnen überlassen bleiben, in welcher Form und bis zu welchem Grade er es für klug oder angebracht hielt, die zahl- reichen unser Dasein betreffenden Verbote zu übertreten. Verstoßen mußten wir gegen diese Bestimmungen dauernd, um nur einigermaßen erträglich weiterleben zu können, Aber das„Wie”,„Was” und„Wie oft“ mußte unserer„Staatsführung” überlassen bleiben, da regelloses und dauerndes Sich-gehen-lassen unserer Schicksalsgenossenschaft oder auch nur das fehlerhafte Verhalten eines einzigen Kameraden uns die Gen- darmerie auf den Hals hetzen und uns das Stückchen wiedergewonnener Freiheit, das in der offenen Tür unseres Stacheldrahtgitters bestand, jede Stunde rauben konnte, Besonders gefährlich konnten uns im Hinblick hierauf die allgemeinen Bestimmungen der Gestapo über unsere Lebensführung werden, zumal wir eine ganze Anzahl junger Leute mit leicht entzündlichen Herzen und heißem Blut unter uns hatten, Mit aller Eindringlichkeit wurde daher der zweite unserer Grundsätze bekanntgegeben, der sich auf das Ver- halten gegenüber der ortsansässigen Bevölkerung bezog. Es wurde die größte Zurückhaltung zur Pflicht gemacht, wenn auch nicht gerade Sprödigkeit oder gar eisige Ablehnung gegenüber freundlich gemeinten 11.„‚Imi's‘* 161 De I i Annäherungsversuchen am Platze wäre, Der Duinger Weiblichkeit gegen- über wurde die größte Reserve verlangt, damit auch der leiseste An- schein einer Mißachtung der von der Gestapo gegen uns Imis erlassenen Zölibatsverordnung vermieden würde, Hier lag eine besondere Gefahr, Denn es war klar, daß nur einige junge Leute Dummheiten zu machen brauchten, um uns bei diesem Thema mit Sicherheit ein furchtbares Gewitter aus der Hildesheimer Gestapo-Giftküche zuzuziehen, das unseren Tagen in Duingen, die zwar durchaus kein Idyll, aber besser als Farge und Lenne waren, ein jähes Ende bereitet haben würde, Das- selbe konnte geschehen, wenn einmal in Gaststätten oder Kinos oder Ladengeschäften des Ortes Zusammenstöße mit der zum Teil noch recht nationalsozialistisch gesonnenen Einwohnerschaft erfolgten oder einige von uns in den Bergen oder auf der Landstraße, allzu weit entfernt von der Stadt, der Gendarmerie auffielen oder auf einer verbotenen Bahn- fährt bei einer Kontrolle gar festgenommen wurden, Die Einsichtigen unter uns sahen von Anfang an voraus, daß es auf die Dauer nicht leicht sein würde, unsere buntscheckige Schicksals- genossenschaft bei den ganz verschiedenen Temperamenten der ein- zelnen einigermaßen bei der Stange zu halten, zumal der Vertrauens- mann und das hinter ihm stehende„Tribunal über keinerlei Macht- mittel und Sanktionen verfügten, um den uns selbst gegebenen Gesetzen erforderlichenfalls Achtung und Durchsetzung zu verschaffen. Lediglich der Ausschluß aus unserer engeren Kameradschaft und allenfalls die Fäuste unserer„Regierung“ standen für Strafaktionen zur Verfügung, Das erste Mittel war gegenüber robusteren Naturen, die ja erfahrungs- gemäß in erster Linie zu Verstößen neigen, auf die Dauer wohl nicht allzu abschreckend und das zweite war sehr bedenklich, da es, wenn einmal die Zahl der Gesetzesverbrecher beträchtlich wurde, zu einer Spal- tung unseres Lagers und zu einem recht drastischen Kampf verschiedener Parteien führen konnte, der erst recht ein Chaos und damit, wenn die behördlichen Stellen hierauf aufmerksam wurden, gerade unsere Kata- strophe herbeiführen konnte. Das„Tribunal” war damit in der prekären Lage, zwar für unsere ganze Schar gut gesagt zu haben und infolgedessen voraussichtlich ohne Gnade verantwortlich gemacht zu werden, wenn auch nur von einem einzigen der unseren irgendeine Dummheit gemacht wurde, ohne daß wir als Garanten in der Lage waren, wirksam und zuverlässig darüber zu wachen, daß eine Inanspruchnahme unserer Bürgschaft möglichst vermieden würde. Wir mußten uns damit abfinden. Es war dies schließ- lich nur eine neue Seite in dem Kapitel der Unsicherheit, das wir seit unserer Festnahme durchlebten und wir mußten schon damit zufrieden sein, daß uns in Duingen die Gestapo als verhaßte und zugleich mit Recht gefürchtete Gewalthaberin unseres Schicksals, wenigstens zunächst einmal erheblich ferner gerückt war, als sie uns in Farge gewesen war, wenn wir uns natürlich auch darüber klar sein mußten, daß der Arm von Himmlers Garde lang genug war, um über ganz andere Entfernungen als diejenige zwischen Hildesheim und Duingen herüberzugreifen, 162 lichkeit gegen- + leiseste An- mis erlassenen ndere Gefahr, en zu machen in furchtbares zuziehen, das ], aber besser n würde, Das- er Kinos oder "eil noch recht .n oder einige it entfernt von botenen Bahn- I, daß es auf se Schicksals“ nten der ein- er Vertrauens“ inerlei en Gesetzen en, Leilich I allenfalls die zur Verfügung erfahrungs” ja= nicht Wir, d.h, die„Regierung‘ unserer eigenartigen Republik, wußten, daß wir in Duingen, wie es mein Freund Waclaff ausdrückte, ebenso wie in Farge„Staatsgefangene” waren, wenn dies auch ein großer Teil unserer Kameraden nicht wahr haben wollte oder zunächst einmal vergaß, Zu- nächst war innerhalb unserer Schar jedenfalls allgemeines Verständnis für die von uns als erforderlich angesehenen Maßnahmen und guter Wille, sie zu beachten, vorhanden, Wir machten uns aber keine Illu- sionen darüber, daß diese allgemeine Bereitwilligkeit ziemlich rasch erlahmen mußte, zumal bei uns, anders als bei der Kameradschaft an der Front, nicht nur die eiserne Klammer der militärischen Disziplin fehlte, sondern auch die Gefahr anders als dort nicht jedem alle Augen- blicke greifbar vor Augen stand, sondern mehr latent blieb, Schließlich waren wir aber schon seit Jahren gewohnt,„gefährlich zu leben“ und es konnte uns daher nicht darauf ankommen, ob zu den Gefahren, die uns von außen aus dem Haß des Naziregimes und seiner Anhänger be- drohten, auch noch eine Gefahr hinzutrat, die mehr von innen kam und die recht behelfsmäßige Ordnung unserer Gemeinschaft jeden Tag schweren Erschütterungen unterwerfen konnte, Der von uns aufgeführte Notbau unseres kleinen„Staates“ war, wenn ein Sturm kam, nicht widerstandsfähiger als eine auf Sand gebaute Holzbude, Insofern war unser Lager ein sinnfälliges Bild unseres Gemeinwesens, Auf einer Grundfläche, die knapp 100 Quadratmeter maß, standen ins- gesamt vier niedrige Baulichkeiten, die man eigentlich überhaupt nicht als„Baracken“”, sondern nur als bessere Bretterbuden bezeichnen konnte, Sie wirkten wie aus Zigarrenkisten erbaut und das weitaus höchste „Bauwerk“ in dem ganzen Lager war die Stacheldrahtumzäunung, welche nicht nur die Barackendächer, sondern auch noch die auf denselben befindlichen niedrigen Schornsteine ganz erheblich überragte, Es muß deswegen von„Bretterbuden” und nicht von„Baracken” gesprochen werden, weil nicht nur jedes solide Fundament fehlte, sondern auch die Wände und das Dach nur aus einer einzigen Bretterlage ohne jede Ver- schalung bestanden, Es handelte sich um ausgesprochene Sommer- baracken, die gerade einen mittelschweren Landregen aushielten und schon bei schwerem Schlagregen an allen Ecken und Enden, besonders natürlich oben, Feuchtigkeit durchließen, Im Winter, an dessen Beginn wir uns nun befanden, kroch natürlich selbst an windstillen Tagen die Kälte überall herein und wenn Wind oder gar Sturm durch die Ritzen päiff, der beispielsweise in unseren„Zimmern” zum Trocknen aufge- hängte Wäsche in ständig schaukelnde Bewegung versetzte, befanden wir uns unter einer ständiges Frösteln verursachenden Luftbrause, Es ist daher von uns sofort verlangt und uns von der Bahnverwaltung auch immer wieder versprochen worden, daß die Baracken verschalt und da- durch mindestens die Ritzen in den Wänden und in der Decke ge- dichtet werden sollten, Es ist hiermit aber wie mit vielem anderen, was uns von unserem„Lagerführer” und von der Bahnverwaltung ver- sprochen wurde, gegangen: Das Versprechen wurde immer wieder nicht erfüllt und als schließlich die Bretter, die für eine Verdoppelung der u 163 Wandungen und der Dächer ausreichten, angefahren wurden, war es bereits Frühlingsanfang und unser ganzes Abenteuer schon in sein End- stadium getreten, so daß es zu einer solideren Gestaltung unserer Unter- kunft überhaupt nicht mehr gekommen ist, Von ganz besonders lebenswichtiger Bedeutung war daher die Hei- zungsfrage. Wir haben in der kalten Zeit bei Tag und Nacht fortlaufend in unsere Barackenöfen an Steinkohlen und Briketts hineingedonnert, was nur hineinging. Am Tage trug der„Stubendienstverpflichtete” hierfür die Ver- antwortung und nachts war jeder, der einmal für kurze Zeit aufstehen mußte, feierlich verpflichtet, nach dem Ofen zu sehen und denselben erforderlichen- falls in Ordnung zu bringen. An Kohlen holten wir uns aus dem nahe- gelegenen Bahnlager, was wir brauchten. Es waren uns bestimmte und natürlich bei weitem nicht ausreichende Kohlenmengen zugebilligt wor- den, für die der Meister der Lokomotiv-Werkstatt jeweils Scheine aus- zuschreiben hatte. Wir haben diesem übergewissenhaften Beamten aber wenig Arbeit mit der Ausschreibung der Bezugsscheine gemacht, sondern alle Woche an Kohlen ins Lager gekarrt, was wir als unseren Bedarf festgestellt hatten, Die Bewohner der- um unseren Lagerplatz liegenden Häuser, die ständig unsere niedrigen Schornsteine qualmen sahen, haben sich bei den Behörden oft darüber beschwert, daß die„Juden” offen- sichtlich viel mehr Feuerungsmaterial verbrauchten als der einheimischen Bevölkerung zur Verfügung stände, Unsere Neider bedachten dabei nicht, daß sie in ihren Häusern erheblich wärmer saßen als wir, und auch die Bahnverwaltung, die doch schließlich selbst für die ganze Sache verantwortlich war, weil sie unser Lager nach Kleinbahn-Sparsamkeits- grundsätzen hatte errichten lassen, war gegenüber der für uns daraus entstehenden winterlichen Notlage völlig verständnislos. Es erfolgte von dort Verwarnung über Verwarnung, um die wir uns, wie um vieles, was uns im Falle der Beachtung die Weiterexistenz unmöglich gemacht hätte, allerdings nicht gekümmert haben. Die vier Holzbuden, aus denen sich unser Lager zusammensetzte, be- standen aus zwei größeren, einer kleinen und einer ganz kleinen Bude, Die beiden größeren Buden, unsere Wohnbaracken, lagen so eng neben- einander, daß sich die Innenwände fast berührten und daß sie sich gegenseitig wenigstens nach der einen Richtung Windschutz boten. Die Türen waren, wie sich dies bei Gefängnissen gehört, von innen nicht verschließbar und wir haben die ganze Zeit unseres Aufenthalts nicht nur mit offenem Lagertor, sondern auch mit offenen Haustüren ge- schlafen. Wer zu uns bei Tage oder bei Nacht in die Stube kommen wollte, konnte dies ungehindert jederzeit tun. Bei Nacht war die Diebstahlsgefahr, was unsere Vorräte und sonstigen Effekten anlangte, nicht groß, da von den über 20 Mann, die in den zwei unmittelbar in- einander übergehenden Stuben jeder Baracke wohnten, meistens der eine oder der andere wach war oder jedenfalls beim Eintritt eines Un- befugten wohl aufgewacht wäre. Am Tage war immer der eine oder der andere von uns als Kranker in den Baracken anwesend. Im Gegensatz zu den von innen nicht verschließbaren Türen waren die Fenster, wie 164 urden, ug sich das gleichfalls für ein Gefangenenlager gehört, mit Eisenpfählen In in sein End- vergittert, An sich war uns diese Vergitterung ebenso gleichgültig wie unserer Unter- der das Lager umgebende Stacheldraht, Da aber die betreffende Fenster- verkleidung die recht reizvolle Aussicht behinderte, die bei der einen Baracke das von dem Kirchturm überragte Ortsbild umfaßte und bei der anderen auf die nahen Waldberge ging, so haben wir die betreffen- den„Sicherungen unserer Fenster kurzerhand entfernt. Der„Stuben- dienst war so organisiert, daß jeder von uns einer nach dem anderen einen Tag lang für das Ausfegen der Bude, Wasser- und Kohlenholen, Ofenversorgung, Geschirr abwaschen usw. dem Stubenältesten ver- antwortlich war. Für das allmorgendliche„Bauen” der Betten und die Ordnung in den eigenen Sachen war, wie beim Militär, jeder einzelne verantwortlich, Die innere Ordnung unseres Lagers hat auf diese Weise gut funktioniert, Die kleinste Bude war die recht mangelhaft erbaute Latrine, in die es bei schlechtem Wetter nur so hineinstürmte und hineinschneite, was für Fieberkranke, die wir öfter hatten, recht unangenehm war, Die mittelkleine Bude, die am Lagereingang lag, war für das zunächst vorgesehene Kriegsgefangenenlager als Wachbaracke gedacht gewesen und die vor uns im Lager befindlichen Wachmannschaften hatten dort auch gewohnt. Diese Bude wurde nun mit einem großen roten Kreuz und der Aufschrift„Krankenstube” versehen. Für ein Krankenhaus oder richtiger gesagt ein Krankenhäuschen war diese Bude aber denkbar ungeeignet, denn sie hatte erstens keinen Windschutz, weil sie allein lag und zweitens waren ihre Bretterwände noch mangelhafter ausge- führt als diejenigen unserer Wohnbuden, so daß der Wind nur so hinein- und hindurchpfiff, Unser„Lagerführer” nahm den Schlüssel zu diesem Gebäude in höchst eigene Verwahrung und ordnete an, daß ihm bei einem Krankheitsfalle, der eine Benutzung der Krankenstube zu dem ihr zugedachten Zweck erfordere, unverzüglich Mitteilung gemacht wer- den müsse, Wir haben uns zunächst den Kopf darüber zerbrochen, was diese Umständlichkeit bedeuten solle, da es doch viel einfacher gewesen wäre, den Schlüssel zu dem fragwürdigen Lazarett, nach dessen Be- nutzung sich ohnehin niemand sehnte, unserem Vertrauensmann zu lassen, Des Rätsels Lösung, die sehr bald offenbar wurde, bestand darin, daß unser dicker Koch die von ihm usurpierte Würde unseres„Lagerführers” dazu ausnutzte, um in unserer„Krankenstube” ebenso heimliche wie verbotene Liebesfeste mit Ostarbeiterinnen, insbesondere mit Polinnen, aus einem von ihm gleichfalls„betreuten“ Lager zu feiern, Er war, wie er einmal ohne Zusammenhang hiermit beiläufig äußerte, dauernd ‚„liebes- krank” und hielt sich daher wohl in allererster Linie für berechtigt, unser Lazarett als Patient in der geschilderten Weise in Anspruch zu nehmen, Die ersten Tage unseres Aufenthaltes beschäftigten wir uns damit, wenigstens Licht und Wasser in unsere gebrechliche Häuslichkeit zu bringen, 165 Wir hatten drei Elektriker unter uns und diese legten unter unseres Kameraden Hen Delius ebenso sachverständiger wie beredter Leitung ein Kabel, das uns das elektrische Licht von der Stromleitung der Bahn abzweigend, zuführte. In jeder Stube wurden drei Deckenlampen angebracht, von denen eine verdunkelt wurde, die dann die ganze Nacht brannte, damit diejenigen, die im Laufe der Nacht oder mit Rücksicht auf ihren früheren Dienstbeginn morgens vor den anderen aufstehen mußten, sich einigermaßen zurechtfinden konnten. Wir waren alle nicht gewohnt, bei Licht zu schlafen und haben die ersten Nächte dabei ziemlich lebhafte Träume gehabt, uns aber dann daran gewöhnt. Der Bau der Wasserleitung war ein etwas schwierigeres Unternehmen. Es mußte hierzu von der städtischen Wasserleitung, die allerdings in ziemlicher Nähe an unserem Lager vorbeiführte, ein Abzweigungsrohr gelegt werden, das unter dem unmittelbar an unserem Lagergitter vorüberfließenden Bach hindurchgeführt werden mußte. An dieser Arbeit, die unter der Leitung meiner Freunde, unseres Bauingenieurs Waclaff und unseres Maurers Thilo ausgeführt wurde, habe ich mich als Besitzer von Gummistiefeln beteiligt. Die Wasserleitung konnte nur ganz primitiv ausgeführt werden: Das Rohr endete in einem einzigen innerhalb unseres Lagers angebrachten Wasserkran über einem Ablauf. Das ,, V ,, Waschhaus" sollte ja noch kommen. Es ist aber, trotzdem es uns immer wieder versprochen wurde, niemals gekommen. Als wir es uns schließlich im Vorfrühling selber bauten, wurde es noch gerade zum Ende unserer Verbannungszeit fertig. Die Bahnverwaltung hatte als ,, Sachverständigen"-Leiter der elektrischen und Wasserbauarbeiten den Elektromeister des Ortes berufen, den wir, als wir ihn das erste Mal in seinem Hause aufsuchten, beim Abtransporte eines Schweines antrafen, das er schlachten wollte. Auf die Fabrikation von Würsten und Speckseiten verstand sich dieser Herr, den wir scherzhaft stets den ,, Zauberlehrling" nannten, entschieden besser als auf Elektro- oder gar Wasserbau. Er war zwar immer äußerst wichtig, wenn er erschien, aber schließlich haben unsere Sachverständigen meist immer das Gegenteil von dem gemacht, was er vorschlug und recht behalten. Mit der Wasser-, Strom- und Kohlenversorgung unseres kleinen Gemeinwesens hatten wir zunächst alles getan, was sich tun ließ, um unser Lager unter den gegebenen Verhältnissen so wohnlich wie möglich zu gestalten. dings von u eine aben wollt Thild einer wollt einen bett" Bara lag s mit wäsch steckt Eckpf als be selber tuch n benuta ganzer solche den B Laufe scharf werke könne mischt Waren in trau pulver kasten papier Tasche tisch den St also u Parter stand in Pa rührte nung 8. Eine Holzfällerhütte. Das war es, was sich an Greifbarem aus unserer ganzen mühevollen ,, Staatsorganisation" ergab: Eine ,, Holzfällerhütte", wie Waclaff unseren Wigwam mit Recht nannte. Wir haben darin nicht anders und sicher sogar schlechter als die meisten Holzfäller gelebt. Der ,, freie Raum" in der Mitte jedes ,, Zimmers", auf dem die Tische und Schemel standen, war unser gemeinschaftlicher ,, Eß- und Gesellschaftssaal", der aller166 ganzen auf de ebenso Das raum unter unseres edter Leitung omleitung der Deckenlampen e ganze Nacht mit Rücksicht ren aufstehen ren alle nicht Nächte dabei wöhnt. Unternehmen. allerdings in zweigungsrohr gergitter vordieser Arbeit, ieurs Waclaff h als Besitzer ganz primitiv erhalb unseres Waschhaus" " er wieder verBlich im Vorunserer Verter der elekOrtes berufen, fsuchten, beim en wollte. Auf ch dieser Herr, schieden besser ußerst wichtig, tändigen meist und recht bees kleinen Geließ, um unser vie möglich zu en mühevollen Waclaff unseren und sicher soFreie Raum" in hemel standen, al", der allerdings schon eng genug war. Die eigentlichen ,, Privatzimmer" eines jeden von uns waren die Schlafstellen. Das Strohsackbett war tatsächlich so eine Art Zimmer, in das man sich, auch bevor man schlafen ging, feierabends hin und wieder zurückzog, wenn man einmal mit sich allein sein wollte. Mein Zimmer lag in der ,, 1. Etage", unter der mein Wanderfreund Thilo das ,, Parterre" bewohnte. Ich mußte in mein Zimmer immer mit einem Klimmzug hinauf und wenn ich wieder ins Erdgeschoẞ hinunter wollte, entweder kletternderweise einen Schemel zu Hilfe nehmen oder einen Hechtsprung riskieren. Mein Zimmer war insofern ein ,, Himmelbett", als es unmittelbar unter der Decke unseres Raumes, die mit dem Barackendach zusammenfiel, belegen war. Am ,, Fußende" meines Zimmers lag ständig mein Rucksack nebst Feldflasche sowie eine Reisetasche mit meiner augenblicklich nicht im Gebrauch befindlichen Reservewäsche und mein Hut verstaut. An der Vorderseite des Strohsacks steckten mein Taschenspiegel und meine Kleiderbürste, auf dem einen Eckpfosten des Bettes hing meine Skimütze, die mir mein 15jähriger Sohn als besonders wetterbeständige Kopfbedeckung geliehen hatte, da ich selber keine mehr besaß, an dem anderen Eckpfosten hing mein Handtuch nebst Waschbeutel und an der Stirnseite des Bettes waren die nicht benutzte Garderobe sowie die Mäntel untergebracht. Wir hatten im ganzen Lager kein einziges Spind und nicht einmal die Andeutung eines solchen, wie etwa Kasten oder Kisten. Infolgedessen hing alles offen an den Betten herum oder lag auf denselben verstaut, was natürlich im Laufe der Zeit zu einer Verstaubung führte, die selbst durch oftmaliges scharfes Bürsten kaum mehr bekämpft werden konnte. Unsere Handwerker hatten uns dicht über den Betten lediglich Wandbörte machen können, die bei einigen von uns wie Schaufenster eines ländlichen Gemischtwarengeschäftes oder auch wie ein seltsames mittelalterliches Warenmagazin aussahen. Auf dem Wandbort über meinem Bett standen in trautem Verein nebeneinander Marmeladengläser, Salzschachtel, Waschpulver- Packungen, Haarpomade, Zucker, Schuhputzmittel, Kochtopf, Nähkasten und Rasierzeug, während auf einer zweiten Borte darunter Briefpapier, Bücher, Strumpfbeutel und nachts auch die Taschenuhr und die Taschenlampe lagen, so daß die Einrichtung zugleich auch als Nachttisch wirkte. Bei jedem von uns war damit die wesentliche Habe um den Strohsack und die auf ihm liegenden Decken vereinigt. Im ,, Keller", also unter dem ,, Parterrezimmer", den der Etagenbewohner mit dem Parterreinsassen( seinem sog." Aftermieter") notwendig gemeinsam hatte, stand jeweils die ,, Freẞkiste" nebst den anderen Lebensmittelvorräten in Pappkartons, die meist aus den Paketsendungen von Zuhause herrührten sowie das wichtigste Kleidungsstück: Die Stiefel. Die Bezeichnung ,, Keller" entsprach übrigens durchaus den Tatsachen, da es den ganzen Winter dort unten, wo die Holzbohlen des Fußbodens unmittelbar auf der Erde ruhten, sehr kalt war und dort alle Vorräte mindestens ebensogut konserviert werden konnten wie im Speisekeller zu Hause. Das gemeinsame Speisezimmer" diente nicht nur zugleich als„ ,, Klubraum", sondern auch notgedrungen, da das ,, Waschhaus" trotz aller An167 kündigungen nicht erschien, als Badezimmer und Waschanstalt sowie ferner als Behelfs- und Reserveküche, - Wir hatten auf jeder Stube für die 10-12 Mann, die dort wohnten, nur drei Blech- Waschschüsseln zur Verfügung. Mehr waren trotz aller Mahnungen und Gesuche nicht zu beschaffen. Von diesen drei Schüsseln mußte eine abgezweigt werden, die lediglich für heißes Wasser, das auf dem Stubenofen gewärmt wurde, Verwendung fand und zwar mittags und abends zum Geschirrspülen und nachmittags für die allgemeine Reinigung, die dringend erforderlich war, da wir meist vollkommen verschmutzt von der Arbeit zurückkamen. Es blieben danach pro Stube nur zwei Schüsseln für die Morgen- und Nachmittagswäsche übrig. Da wir morgens aber nicht alle zur gleichen Zeit aufstanden und auch feierabends nicht alle auf dieselbe Minute von der Arbeit kamen die einen arbeiteten einmal weiter draußen als die anderen und der oder jener ging zunächst noch einmal durch den Ort, um etwas zu besorgen so hat alles trotz dieser äußersten Primitivität immer noch einigermaßen funktioniert, und es hat dabei niemals Reibungen oder gar Zusammenstöße gegeben. Ich stand sonntags, an welchem Tage ich mir ein ,, Vollbad" genehmigte, das natürlich mit einer nicht allzu großen Blechschüssel nicht so einfach durchzuführen war, immer um 7 Uhr auf, worin ich an diesem Tage kaum Konkurrenz hatte, während meine Kameraden sich für derlei irgend einen anderen festen Zeitpunkt wählten, an dem sie nicht mit anderen kollidierten. In den paar Waschschüsseln mußte auch noch mangels eines Waschkessels und aller sonstigen in Frage kommenden Vorrichtungen die Leibwäsche gewaschen werden. Dies wurde so organisiert, daß jeder von uns alle 14 Tage einen Abend zur Verfügung hatte, an dem er große Wäsche" halten konnte. Es kam dies mit der Zahl unserer Stubenbewohner gerade einigermaßen hin, zumal sonntags möglichst nicht gewaschen werden sollte. Wochentags war jede unserer Stuben meist mit dem eigenartigen und nicht sehr sympathischen Geruch erfüllt, der durch das Kochen von Leibwäsche mit Waschpulver und sonstigen Waschmitteln entsteht. Beinahe jeden Abend hingen die Buden voll Reihen trocknender Wäsche und wir haben eigentlich ständig unter einem derartigen Deckenschmuck unsere Mittagsund Abendmahlzeit abgehalten. einem Meine sperr liche längs wäsc Es jeder Aber reitur Leibw oftma Da wir nur mittags von unserem Lagerführer warmes Essen geliefert erhielten und abends auf ,, Kaltverpflegung", also im wesentlichen auf Wurstbrote angewiesen waren, die einschließlich ihres KriegsqualitätsBelages sehr wenig sättigten, sahen wir uns früh in die Notwendigkeit versetzt, abends Bratkartoffeln zu braten oder Kartoffelklöße oder Brotsuppe zu kochen. Das Braten und Kochen dieser ,, Zusatzverpflegung" mußte ebenso wie das Erhitzen des Waschwassers und das Kochen der Wäsche auf dem einen Stubenofen vor sich gehen. Auch hier entstanden, wie es nun einmal in einer Küche ist, oft eigenartige Gerüche. Beispielsweise war ich auf den Gedanken gekommen, meine abendlichen Bratkartoffeln, zumal ich nicht mehr viel Speck oder sonstiges Fett hierfür zur Verfügung hatte, in Lebertran zu braten, den meine Frau mir in 168 sogar einem und s geistre einen große Die die im schen ner ein Kultur war, Es g nicht u nächst türlich das aud dig ge wohlbe unter d dem sin neugier schon s ten. Ma man ho waren setzte. führung völlig hatten man be ja nich anstalt sowie ort wohnten, m trotz aller rei Schüsseln sser, das auf zwar mittags e allgemeine kommen verro Stube nur brig. Da wir auch feieramen - die nd der oder besorgeneinigermaßen Zusammenir ein ,, Vollroßen Blechhr auf, worin Kameraden ten, an dem isseln mußte en in Frage werden. Dies n Abend zur nte. Es kam ermaßen hin, Wochentags d nicht sehr Leibwäsche einahe jeden und wir haben sere Mittagsssen geliefert entlichen auf iegsqualitätsTotwendigkeit Be oder Brotzverpflegung" Kochen der r entstanden, The. Beispielsdlichen BratFett hierfür Frau mir in einem ihrer Pakete zur Unterstützung meiner Gesundheit geschickt hatte. Meine Stubenkameraden behaupteten, die Sache röche scheußlich und sperrten immer, wenn ich mit meiner Braterei an der Reihe war, sämtliche Fenster auf, um den Trangeruch loszuwerden, den ich persönlich längst nicht so unangenehm fand wie den Geruch von gekochter Leibwäsche, über den sich niemand aufhielt. Es war oft ein Organisationsproblem, den Ofen so zu verteilen, daß jeder zu seinem Rechte kam. Es ist dies auch immer wieder gelungen. Aber für den einzelnen blieb nach Erledigung aller dieser Aufgaben, Bereitung des Abendessens, Waschen, Reinigung der Kleidung und der Leibwäsche, wozu noch Knöpfeannähen, Strümpfestopfen und Flicken oftmals hinzutraten, wenig Zeit vom Feierabend mehr übrig. Es war oft sogar nicht einfach, in unserer Stube, in der fortlaufend das Leben von einem Dutzend Männern mit den vorstehend geschilderten Verrichtungen und schließlich auch noch mit Kartenspielen und mehr oder weniger geistreichen Gesprächen vor sich ging, die erforderliche Sammlung für einen Brief nach Haus zu finden. An dem Tage, an dem man selber ,, große Wäsche" hatte, kam man bestimmt nicht dazu. Die Rücksichten, die bei alledem der eine auf den anderen nahm und die immer wieder bewiesen, daß unsere Schar im allgemeinen aus Menschen von Erziehung bestand, haben es uns ermöglicht, auch als Bewohner einer ,, Holzfällerbude" nur auf denjenigen Teil unserer angewöhnten Kultur zu verzichten, der dort unter gar keinen Umständen darzustellen war, - 9. Staunen und Mißtrauen. Es ging uns in Duingen so, wie es uns überall gegangen war, wo wir nicht umhin konnten, unsere Geschichte zu erzählen: Es wurde uns zunächst nicht geglaubt. ,, Jeder, der etwas verbrochen habe, behaupte natürlich von sich, daß er vollkommen unschuldig sei, und so verhalte sich das auch mit uns" so und ähnlich wurde hinter unserem Rücken ständig geflüstert und gezischelt. Nicht zuletzt war dies die von der Gestapo wohlberechnete Wirkung der schwer bewaffneten Polizeibewachung, unter der wir an unseren Verbannungsort geführt worden waren. Trotzdem sind wir eigentlich nirgends auf Gehässigkeit, sondern meist nur auf neugierige Blicke gestoßen, die uns nach allem, was die meisten von uns schon seit Jahren erlebt hatten, nicht mehr sonderlich erschüttern konnten. Man war natürlich auch in Duingen immer wieder verblüfft, wenn man hörte, wie viele Frontkämpfer aus beiden Weltkriegen unter uns waren und wie sich unsere Schar überhaupt im einzelnen zusammensetzte. Man erschrak auch geradezu bei dem Gedanken, daß die Staatsführung Leute, die nach den bisherigen bürgerlichen Begriffen moralisch völlig einwandfrei waren, in einer Weise behandeln könnte, wie wir sie hatten erfahren müssen und noch jeden Tag neu erfahren mußten. Aber man beruhigte sich schließlich nach guter deutscher Weise, zumal man ja nicht selbst Betroffener war, mit dem billigen Trost, daß die Staats169 } { führung ja wissen müsse, warum sie hier so verfahre und daß schließlich schon alles seine Ordnung und Richtigkeit haben werde, Ähnlich wie die Haltung der Bevölkerung im allgemeinen war auch die- jenige der Bahnbeamten, unserer unmittelbaren Vorgesetzten, im beson- deren. Zunächst waren sie alle, die ja sämtlich Kleinbürger waren, mehr oder weniger darüber betroffen, daß Männer, die doch augenscheinlich zu anderen Aufgaben berufen waren, unter ihrem Kommando die Arbeit von ungelernten und zu nichts anderem tauglichen Arbeitskräften tun mußten und das auch noch unter Umständen, die diese Arbeit als eine charakteristische Zwangsarbeit für Sträflinge erscheinen ließen. Aber wie das so zu gehen pflegt, hatten sie sich schon nach nicht allzu langer Zeit an den eigenartigen Sachverhalt gewöhnt, So weit, ihn innerlich be- rechtigt und moralisch zu finden, sind sie wohl fast alle nicht gekommen, aber das Gefühl für Recht und Sittlichkeit war damals im deutschen Volke derartig abgestumpft, daß es leicht durch das Bewußtsein:„Es ist nun einmal von oben so angeordnet” und durch dumpfe Gewöhnung er- setzt werden konnte, Derselbe Beamte, der es zunächst als absurd emp- fand, mir irgendwelche Befehle zu erteilen und der bei jedem Wort, das er mir sagen mußte, die Befangenheit in Person war, fand es schon nach zwei Wochen ganz selbstverständlich, daß ich eben ein Mann ‚seiner Rotte” war, und ich war von diesem Zeitpunkt ab für ihn, von einigen ausnahmsweisen Augenblicken abgesehen, nichts anderes mehr als das. Der Argwohn, daß wir, wenn auch nicht jeder einzelne, so doch in der Gesamtheit irgendeinen Frevei begangen haben müßten, verschwand auch niemals ganz. Dafür sorgte schon die vom Propagandaministerium mit Ge- schicklichkeit ausgestreute Behauptung, daß wir zum mindesten mittel- bar mit dem sogenannten Führer-Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbin- dung gestanden hätten, Daß diese Verbindung eine mehr als mittelbare war, indem nämlich einer der an dem„mörderischen Anschlag” als Ge- hilfe Beteiligten in der Wohnung eines Berliner Halbjuden Unterschlupf gefunden haben sollte, kümmerte niemand. Das Propagandaministerium verstand, wie wir nun schon oftmals zu unserem eigenen Leidwesen hatten erfahren müssen, meisterhaft zu verleumden und um einzelne Menschen oder gar um ganze Menschengruppen wie die unsere, die ver- pestete Atmosphäre des„Es muß doch etwas daran sein” oder des, wie der Lateiner sagt:„semper aliquid haeret' zu verbreiten. 10. Unter uns. In Farge waren wir zwischen allen möglichen Völkern und unter unseren Landsleuten zwischen Deutschen der verschiedensten Art ge- wesen. In Duingen waren wir dagegen ganz unter uns und hatten dem- zufolge vielfältige Gelegenheit, einander wesentlich näherzutreten, als dies vorher möglich gewesen war. Ganz homogen war unsere Schar ja immer noch nicht zusammen- gesetzt, da wir nicht alle Imis waren, sondern eine Anzahl jüdisch ver- heirateter Arier bei uns hatten, Diese sieben überwiegend älteren Männer 170 stellten aber unter uns nicht etwa eine besondere Gruppe dar, sondern sie wollten durchweg nichts als unsere Kameraden sein und hatten sich auch über fast sämtliche Stuben verteilt. Ebenso wie wir war jeder von ihnen eine wandelnde Geschichte, Nach dem Bibelwort,„daß der Mann Vater und Mutter verlassen und am Weibe hangen soll”, hatten sie es mit ihrem Zuhause noch erheblich schwerer als wir. Denn die Sorge, welche die Imis unter uns wegen ihrer jüdischen Väter oder Mütter, so- fern sie noch lebten, niemals verließ, hatten sie für ihre jüdischen Frauen, Die Geschichte eines der ältesten von ihnen, des fast siebzigjährigen Kaufmanns Jantzen, ist bereits erzählt worden. Noch schlimmer stand es mit dem unablässigen Träger des Reichs- sportabzeichens, unserem Kameraden Erleborg. Seine Frau saß seit Jahr und Tag im Untersuchungsgefängnis, weil ein nationalsozialistischer Nach- bar geglaubt hatte, an der Nähe einer Jüdin Anstoß nehmen zu müssen und die Frau, die aus wohlerwogenen Gründen möglichst jedem beschei- den aus dem Wege ging, deshalb wegen„volksfeindlichen Verhaltens“ polizeilich angezeigt hatte. Erleborg, der mit seiner Frau sonst in der ganzen Gegend, in der er wohnte, allgemein beliebt war, hatte, um seine Frau zu retten, unter eine von einem guten Bekannten aufgesetzte Er- klärung, daß Frau Erleborg ein bescheidener, pflichttreuer und nie- manden lästiger Mensch sei, zahlreiche Unterschriften gesammelt und das Schriftstück der Gestapo eingereicht, Mit diesem„Entlastungsdoku- ment” war er, abgesehen davon, daß er seinen mitunterzeichneten Freun- den und Bekannten hier einen sehr schlechten Dienst erwiesen hatte, erst recht in des Teufels Küche geraten. Die Gestapo sah dies harmlose Unternehmen eines um seine Frau besorgten Ehemannes, der nicht mehr ein und aus wußte, als„jüdische Propaganda’ an und setzte zunächst einmal die Frau endgültig fest. Sämtliche Freunde und Bekannten Erle- borgs, welche das„Leumundszeugnis” für seine Frau unterzeichnet hatten, wurden auf die Gestapo geladen und mußten dort, obwohl es sich zum Teil um recht bejahrte Leute handelte, wie eine wegen einer Unart nachsitzende Schulklasse drei Stunden lang einen Aufsatz über das Thema„Warum ich die Juden verachte und verabscheue‘ schreiben, Erleborg hatte sich trotz dieses schmerzlichen Erlebnisses, das ihm seine Lebensgefährtin genommen hatte, nicht nur sein Reichssportabzeichen, sondern auch seine Haltung als„echter deutscher Mann“, wie er es nannte, bewahrt. Ich habe nicht feststellen können, ob es zutraf, daß er, wie das allgemeine Gerücht bei uns wollte, früher einmal Abgeordneter in der bremischen Bürgerschaft gewesen war. Wenn das nicht den Tat- sachen entsprach, war es jedenfalls gut erfunden, Immer wenn er in einer unserer abendlichen Lagerzusammenkünfte seine sonore Stimme erhob und mit tiefem Brust- und Biedermannston begann:„Kame- raden!,,,” wurden alle heiter, wenn der Anlaß unseres Zusammenseins auch noch so ernst oder traurig war. Die Geschichte eines zweiten„jüdisch Versippten“, unseres biederen 171 Vater Rehl, ist gleichfalls schon berichtet worden. Es war dies„der alte Feuerwerker, der die Welt nicht mehr verstand". Die Lebensgeschichten unserer übrigen Leidensgefährten der fraglichen Gattung wiesen keine Besonderheiten auf. Sie waren gewissermaßen typisch. Man konnte vor allen diesen Männern schon grundsätzlich nur die größte Hochachtung haben. Allen war es oftmals und mit nicht ge- ringen Drohungen nahegelegt worden,„den von ihnen vor ihrer Belehrung durch den Nationalsozialismus unwissentlich begangenen Fehl wieder- gutzumachen” und sich von ihren Ehegattinnen scheiden zu lassen, Alle hatten dies immer wieder standhaft abgelehnt und einer Trennung von ihren Lebensgefährtinnen schließlich sogar die Verbannung vorgezogen, die sie mit uns teilten. Sie waren der durchaus zutreffenden Auffassung, daß eine rein formelle Scheidung, wie sie ihnen von ihren Frauen wieder- holt vorgeschlagen worden war, diese schon längst ihres letzten Schutzes beraubt und dem furchtbaren Schicksal der Deportation ausgeliefert haben würde, Einer dieser Männer, Kürzmann mit Namen, war durch die schweren Erlebnisse, die er als„nicht arisch Verheirateter” gehabt hatte, derartig nervös geworden, daß er ständig als tragikomische Figur wirkte, Wenn irgend etwas in der Baracke nicht in Ordnung war, so hatte meistens er die Schuld, Er tauchte aus Versehen den Kaffeebecher statt des Schöpf- löffels in den Suppentopf, wenn ein Stück Geschirr entzweiging, hatte bestimmt er es fallen lassen, und wenn etwas verloren oder verlegt war, gehörte es bestimmt ihm. Er tat meistens den zweiten Schritt vor dem ersten und konnte andere mit seiner Fahrigkeit geradezu zur Verzweif- lung bringen, Er ist aber mit alledem stets bei seinen übrigen Schicksals- genossen auf große Duldsamkeit gestoßen, da man ja wußte, wodurch er so geworden war. Bei uns Imis fiel zunächst in die Augen, daß unsere Kameraden, so- weit sie nicht älter als Mitte Dreißig waren, sämtlich Junggesellen ge- blieben waren. Es war dies eine Wirkung der Nürnberger Gesetze. Denn die in dem sogenannten„Blutschutzgesetz" vorgesehene Genehmigung von Eheschließungen zwischen Halbjuden und Ariern ist von Anfang an praktisch so gut wie niemals erteilt worden, Halbjuden, die, was nach dem genannten Gesetze ohne weiteres zulässig gewesen wäre, mit Halb- jüdinnen verheiratet waren, befanden sich nicht unter uns, und ich habe solche auch auf unserem ganzen Verbannungswege nirgends getroffen. Dieser Umstand bewies ebenso wie das tapfere Festhalten der„jüdisch versippten Arier an ihren Frauen, daß es auch noch in Deutschland Grenzen für den nationalsozialistischen Terror gab, Die Liebe der Ge- schlechter hat auch Hitler nicht reglementieren können. Das Jung- gesellentum unserer Einspänner war auch nur Fassade, Ich habe nicht einen einzigen unter ihnen gefunden, der nicht eine Freundin hatte und Himmlers berüchtigten Zölibatserlaß im geheimen als ein verächtliches Stück Papier behandelte, das er ja tatsächlich auch war. Alle meine Kameraden, die in dieser Lage waren, hatten sich entschlossen, lieber „gefährlich als gar nicht zu leben und, solange der einzelne dies für sich 172 lies„der alte vorgezogen, n Auffassung, rauen wieder- getan hatte, war hiergegen nicht das geringste zu erinnern, zumal es aus- schließlich seine eigene Sache war. Probleme mußten aus dieser Er- scheinung allgemeiner Menschlichkeit erst entstehen, als, wie von vorn- herein vorausgesehen werden mußte, auch unserem rauhen Männerlager in Duingen die Liebesgöttin nicht fern blieb. Wir hatten nicht zuletzt deswegen unsere jungen Schicksalsgenossen von Anfang an mit einer gewissen Sorge betrachtet. Sie waren alle mehr oder weniger der berechtigten Auffassung, daß sie nur einmal jung seien und sich das Recht ihrer Jugend, soweit es irgend in ihrer Macht lag, durch die nationalsozialistische„Weltanschauung nicht verkümmern lassen wollten. Auf unserer Stube hatten wir außer dem 16jährigen Knaben Bernhard Silbermann, der uns noch viele Kümmernisse, wenn auch nicht auf dem hier in Frage stehenden Gebiet, bereiten sollte, nur einen Jüngling, den anfangs der zwanziger Jahre befindlichen Chauffeur Welicki, Dieser war ein ausgesprochen guter und sympathischer Junge. Er hatte nur zwei Schwächen: Den Tabak und die Frauen. Er war ein so leidenschaftlicher Raucher, daß er die monatliche Zigarettenzuteilung von 60 Stück, die man uns auch in Duingen nicht versagte, weil sie auch die Russen und alle anderen Ausländer erhielten, meist an einem einzigen Tage konsumierte, worauf er wieder„rauchlos” dasaß und, wenn auch ohne irgend etwas zu sagen, sehnsüchtige Blicke auf die Kameraden richtete, die hier nicht so verschwenderisch waren wie er, Ich habe ihn stark im Verdacht gehabt, daß er, bevor er mit uns auf die Reise ging, mit Liebesabenteuern ebensowenig sparsam wie mit seinem Tabak ge- wesen war, Auch in Duingen, dem durch den Krieg sehr männerarm ge- wordenen Städtchen flogen ihm alle Frauen- und Mädchenherzen zu, wo er sich nur zeigte, Er war ein ausgesprochen„schöner Jüngling“ und von dem Typ, den die Amerikaner„Kiss me and the world is mine” nennen. Wo er ging und stand pflegte er Schlager wie:„Ich möchte Dir so gerne rote Rosen schenken...“ vor sich hinzuträllern oder zu pfeifen. Er brauchte nur einmal verbotenerweise im Duinger Kino gewesen zu sein, um angefüllt mit noch verboteneren Mären über alle möglichen lockenden Angebote, die ihm die offenbar keineswegs„rassestolzen“ Duingerinnen im verdunkelten Zuschauerraum, auf der Treppe oder so- gar auf seinem Heimweg gemacht hatten, zu uns zurückzukehren, Eine andere„weltmännische” Erscheinung unter den Jungen unserer Schar war der 21jährige Ronoff aus der Nachbarbaracke, der seinen auf unserer Reise so standhaft ertragenen Halsabszess nach kurzem Kran- kenlager glücklich überstand, Radiomechaniker seines Zeichens machte er zunächst den Eindruck eines absoluten Großstadtjünglings, härtete sich aber nach kurzer Zeit auf der Strecke zu einem Mann, der mit den Fäusten zuzupacken wußte. Er machte sich in Duingen durch die Reparatur zahlreicher Rundfunkapparate, die er nach Feierabend be- sorgte, allgemein beliebt und versäumte fast keinen Tag, bei seinen Wiederinstandsetzungsarbeiten auch den Empfang von fremdländischen Sendern zu„prüfen“, so daß er regelmäßig spät abends mit den neuesten 173 Nachrichten voll gepackt bei uns erschien und uns die jüngsten Weltbegebnisse gewissermaßen noch als Schlafmittel verabreichte. Unsere anderen Jungen waren fast durchgängig erst zwischen 16 und 20 Jahre alt. Sie befanden sich also zum großen Teil in dem problematischen Entwicklungsalter, das meist durch große Eẞlust einerseits und körperliche Trägheit andererseits gekennzeichnet ist. Den ,, Intellektuellen" unter ihnen, einem höheren Schüler und einem Handlungslehrling, wurde die Umstellung auf unsere körperliche Schwerarbeit daher besonders sauer. Den jungen Handwerkern und Handarbeitern fiel alles natürlich viel leichter. Einer von ihnen fuhr als Lokomotivheizer, die anderen arbeiteten in der recht schmierigen und verruẞten Reparaturwerkstatt der Bahn und sahen nach Feierabend meistens noch schwärzer als der Lokomotivheizer und jedenfalls wie die Schornsteinfeger aus. Ein besonderer Fall unter unseren Jungen war ein Halbitaliener, der bei uns allgemein ,, Bambino" hieß. Da er zur einen Hälfte italienischer und zur anderen jüdischer Abstammung war, hätte er überhaupt nicht in unsere Aktion gehört, zumal er gar nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, sondern von seinem Vater her Italiener war. Die Wesermünder Gestapo hatte sich aber um solche ,, völkerrechtliche Feinheiten", obwohl sie von Bambinos Anwalt hierauf aufmerksam gemacht wurde, nicht gekümmert, war nach dem Grundsatz des Patriarchen in Lessings ,, Nathan dem Weisen": ,, Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" verfahren und hatte Bambino ebenso eingesperrt wie die anderen. Nun machte er bei uns mit seinem stürmischen südländischen Temperament oft das ganze Lager rebellisch. Bis auf den einen auf unserer Stube wohnenden Jungen hatten sich alle anderen in einer ,, Jugendecke" in dem hinteren Raum der Nachbarbaracke versammelt, wo es meist recht lebhaft und, wenn Bambino den Ton angab, mehr als geräuschvoll herging. Merkwürdigerweise hatten sich in demselben Raum sonst fast nur sehr viel höhere Semester, wie Erleborg, Rehl und ein dritter jüdisch verheirateter Arier, Rautaler, vor Anker gelegt, die sämtlich Großväter der Jungen hätten sein können und immer wieder den dankenswerten Versuch machten, bei dieser stets unbändigen und oft wilden Gesellschaft die guten Onkels zu spielen. Der eine von ihnen, nämlich Erleborg, brachte es so weit, von seinen sämtlichen jungen Freunden", wie er sie nannte, tatsächlich ,, Onkel" angeredet und gerufen zu werden. In dem Vorderzimmer der Nachbarbaracke waren unter den älteren Kameraden noch zwei als Träger einer besonderen ,, Geschichte" bemerkenswert. Proze locker vorlu Begel Parte Cäsar, ein Geschäftsmann aus Zeven, hatte es unternommen, der Michael Kohlhaas des Dritten Reiches zu werden und trotz seiner bemakelten Abstammung in diesem Staate sein Recht zu suchen. Im Hinblick auf seine ,, Mischlingseigenschaft" war er von seinem Hauswirt auf Räumung der von ihm seit Jahren innegehabten Mietwohnung verklagt worden. Da ihm nichts anderes als seine Abstammung vorzuwerfen war, hatte er dennoch wunderbarerweise in dieser Sache einen 174 - Stand richt geric gründ brau ärge Cäsar der e war, dies s eignet wagen ging, t Farge suchun Die dessen liebte dieselb Potsda vorspie Sohn wissen Praxis Er hat vor sic Ges Schiffs Waclaf Kahr ganz s in dies zum m entzieh Die fal ehelich brachte jüdisch Dritten genütz und hi Front sten Welt- e. chen 16 und m problema- nerseits und ellektuellen" ırling, wurde ‚r besonders les natürlich die anderen ‚turwerkstatt ırzer als der taliener, der italienischer zupt nicht in ‚tsangehörig- Die Weser- tliche Fein- sam gemacht ‚triarchen in | verbrannt!" nderen. Nun "mperament ‚, hatten sich jer Nachbar- ar den seise hatten rw wie " Rautalet, Prozeß nach dem anderen gewonnen. Der Hauseigentümer ließ nicht locker und mobilisierte die Kreisleitung und die Arbeitsfront, die Cäsar vorluden und unter den nachdrücklichsten Drohungen aufforderten, dem Begehren seines Hauswirts nachzukommen, da die Etage für einen alten Parteigenossen benötigt würde. Cäsar aber war auf seinem„eigensinnigen Standpunkt”, daß er seine Wohnung behalte, solange gegen ihn kein ge- richtliches Räumungsurteil vorliege, verblieben. Dreimal hatte das Amts- gericht ihm recht gegeben und die immer wieder mit anderer Be- gründung erhobene Klage des Eigentümers abgewiesen, Ein viertes Mal brauchte sich der Hauswirt nicht mehr zu bemühen, da die Gestapo dem „argerniserregenden Sachverhalt” dadurch ein Ende machte, daß sie Cäsar kurzerhand verhaftete, Begründung seiner Festnahme war, daß er, der einmal ausprobieren wollte, ob sein Lieferwagen noch in Ordnung war, den Motor desselben hatte„verdächtig lange laufen lassen”, Da dies sich unmittelbar nach dem„Führerattentat‘‘ vom 20, Juli 1944 er- eignete, ergab sich hieraus im Hinblick auf die Abstammung des Kraft- wagenbesitzers der dringende Verdacht, daß dieser mit der Absicht um- ging, über die Grenze zu fliehen. Cäsar hatte infolgedessen, bevor er zu Farge in unsere„Aktion“ eingereiht wurde, über acht Wochen im Unter- suchungsgefängnis zu Zeven sitzen müssen, Die andere„Geschichte” von ‚nebenan‘ war unser Kamerad Tiefer, dessen jüdischer Vater ein bedeutender Komponist gewesen war, Hitler liebte die Schöpfungen dieses Musikers ganz besonders und ließ sich dieselben trotz ihres unnordischen Ursprungs in der Garnisonkirche zu Potsdam und an anderen ihm stimmungsmäßig erscheinenden Stellen vorspielen, während der Sohn des Komponisten nur, weil er eben dessen Sohn war, mit uns im Zwangsarbeitslager saß und mit rührender Ge- wissenhaftigkeit versuchte, feierabends seine in Bremen verlassene Praxis als Steuerberater im Korrespondenzwege aufrechtzuerhalten: Er hatte stets Buchauszüge und Tabellen mit einer Unmenge von Ziffern vor sich auf dem Tisch liegen, wenn man ihn abends einmal besuchte. „Geschichten“ in unserer Stube waren der Landarbeiter Kahrich, der Schiffsheizer Weber, der Tischler Vetter und nicht zuletzt mein Freund Waclaft, Kahrich war der einzige uneheliche Imi unter uns und überhaupt ein ganz seltener Fall, Denn meistens konnten sich unehelich Geborene, die in dieser Beziehung viel vorteilhafter daran waren als eheliche Kinder, zum mindesten dann der Feststellung einer nicht arischen Abstammung entziehen, wenn der uneheliche Vater der jüdische Elternteil war. Die falschen eidesstattlichen Versicherungen und die Meineide, die un- eheliche Mütter, welche Kinder eines jüdischen Erzeugers zur Welt brachten, abgegeben bezw. geschworen haben, um ihre Kinder den mit jüdischer Abstammung verbundenen Nachteilen zu entziehen, dürften im Dritten Reiche Legion gewesen sein, Bei Kahrich aber hatte alles nichts genützt, da der Kreisleiter seines Heimatortes ein ganz wilder Mann war und hinter dem Rücken des Nichtsahnenden, der sich seit Jahren an der Front befand, seine„Mischlingsgeburt”" durch Befragung zahlreicher 175 Zeugen feststellte. Die Folge war, daß Kahrich, der mit Auszeichnung auf allen Kriegsschauplätzen gekämpft hatte, eines Tages plötzlich zum allgemeinen Schmerze seiner Kameraden und zur aufrichtigen Trauer seines Hauptmanns von der Gestapo zurückgeholt und in unsere Schar gesteckt wurde. Dabei hatte er seinen Vater, dem er, wie er zu sagen pflegte ,,, dies alles verdankte", niemals gekannt. Sein Erzeuger war Viehhändler gewesen und hatte sich niemals um ihn oder seine Mutter gekümmert und beiden auch nie nur einen Pfennig zukommen lassen. Kahrich war ein einfaches, doch vornehmes Gemüt. Seine ruhige Freundlichkeit konnte durch nichts aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Als ihm ein Kamerad aus Unachtsamkeit einmal einen großen Kochtopf mit Milch, die bei uns besonders selten war, vom Ofen herunterwarf, hatte er, wo jeder andere mit Flüchen bestimmt nicht gespart haben würde, noch nicht einmal einen Vorwurf für den Übeltäter. Aber seinen unbekannten Vater haẞte wenn er dies auch stets in einer gewissermaßen heiteren Weise zum Ausdruck brachte. ,, Niemals hat sich der Schweinebuckel um mich gekümmert und nun muß ich seinetwegen Eisenbahnschwellen stopfen", konnte er sagen. er, Männe ganze Ein anderer Hasser war unser Schiffsheizer Weber, der oft stundenlang mit düsterer Stirn und glühenden Augen vor sich hinbrüten konnte. Er hatte der Gestapo und der ganzen Nazi- Gesellschaft Rache und Untergang geschworen" und sah wohl bei Tage wie bei Nacht die von seinem Zorn Verfolgten in ihrem Blut vor seinen Augen liegen. Seine Ehre war auf der Wesermünder Gestapo tödlich gekränkt worden. Er war einmal mit seiner Frau dort hinbestellt worden und hatte seinen kleinen Jungen, da sonst niemand zu Hause war und auf das Kind achten konnte, dorthin mitgenommen. Nach anderen schon recht hämischen Bemerkungen hatte der Beamte, indem er auf das Kind deutete, zu Frau Weber gesagt: ,, Der Junge ist doch hoffentlich nicht von Ihrem Ehemann?" Sollte dieser Beamte oder auch ein anderer ,, prominenter" Nazi Weber nach dem Sturze des Dritten Reiches in die Hand gefallen sein, so ist es ihm zweifellos nicht gut gegangen. im Le Inhabe behand dürfen verans Studen Das Di dürfen examen wurden zen wa seiner arischer Die Geschichte unseres Tischlers Vetter läßt sich in einem Satze wiedergeben. Er liebte eine Frau, die er im Dritten Reich nicht heiraten konnte, weil sie arischer Abstammung war und er als Imi die Ehegenehmigung nicht erhielt, wobei er noch nicht einmal hoffen konnte, dem Ziele seiner Sehnsucht nach dem Sturze des Nationalsozialismus irgend näher kommen zu können, da die Herrin seines Herzens, die sich offenbar aus ihm recht wenig machte, unverständlicherweise Lagerführerin in einem K. Z. für weibliche Gefangene geworden war. Unser unglücklicher Kamerad war daher, von allem Düsteren abgesehen, das uns ohnehin umgab, immer noch von dieser seiner besonderen, recht ausweglosen Melancholie überschattet. hatte si Vater in er uners der ver Mein Freund Waclaff trug eine besonders traurige Geschichte mit sich durchs Leben, die man aber erst erfuhr, wenn man ihm näher trat, da er sich gemeinhin nichts davon anmerken ließ. Was er auf der Technischen Hochschule erlebt hatte, war zwar im wesentlichen typisch für junge 176 gefallen wie er großer S mit alle zwischen ergeben er vorga und ihm fang an borgene Keine hatte er platz jer lich auf ein ja meinem Leben, wunder bleiben. In de erst we liner wi durch d nommer oft in Konfuzi sich, un noch W 12,, Imi's Auszeichnung plötzlich zum chtigen Trauer unsere Schar ie er zu sagen uger war Viehine Mutter geommen lassen. ruhige Freundbracht werden. oßen Kochtopf herunterwarf, gespart haben er. Aber seinen einer gewissers hat sich der h seinetwegen er oft stundenbrüten konnte. aft Rache und Nacht die von liegen. Seine kt worden. Er d hatte seinen las Kind achten hämischen Beeutete, zu Frau on Ihrem Eheminenter" Nazi d gefallen sein, meinem Satze nicht heiraten Imi die Ehegeen konnte, dem ialismus irgend die sich offenLagerführerin Unser unglücksehen, das uns recht auswegchichte mit sich äher trat, da er er Technischen pisch für junge Männer unseres Schicksals und lag zudem hinter ihm. Er war seine ganze Studienzeit, die doch sonst immer einer der schönsten Abschnitte im Leben eines deutschen Mannes ist, in Acht und Bann gewesen. Als Inhaber einer gelben Studentenkarte" war er überall denkbar schnöde behandelt worden. Keiner seiner Kommilitonen hatte mit ihm sprechen dürfen und von allen gesellschaftlichen und sonstigen Gemeinschaftsveranstaltungen, die ausschließlich Sache des nationalsozialistischen Studentenbundes waren, war er grundsätzlich ausgeschlossen gewesen. Das Diplomexamen hatte er noch gerade sozusagen aus Gnade machen dürfen und es gut bestanden; kurze Zeit später wäre jedes Hochschulexamen für ihn gesperrt gewesen, da Imis hierzu nicht mehr zugelassen wurden. Alles das aber war für ihn längst abgetan. Doch in seinem Herzen war eine heimliche Wunde, die niemals heilen konnte. Die Ehe seiner Eltern war am Dritten Reich gescheitert und zerbrochen. Sein arischer Vater, ein Architekt, mit offenbar starkem Geltungsbedürfnis, hatte sich von seiner jüdischen Mutter scheiden lassen. Obwohl der Vater immer wieder versucht hatte, ihn zu sich hinüber zu ziehen, stand er unerschütterlich zu seiner Mutter, schon weil sie der schwächere und der verfolgte Teil war. Nachdem sein ältester Bruder an der Ostfront gefallen war und sein anderer Bruder dasselbe Schicksal erlitten hatte wie er selbst, war seine Mutter völlig vereinsamt. Er dachte stets mit großer Sorge an die in Meiningen lebende alte Frau, die sich noch immer mit allen möglichen Gehässigkeiten herumschlagen mußte, welche sich zwischen dem von ihr geschiedenen Ehemann und ihr aus der Scheidung ergeben hatten. Waclaff haẞte, wie er sagte, seinen Vater ebenso, wie er vorgab, Deutschland für alles, was es seiner Mutter, seinen Brüdern und ihm angetan hatte, zu hassen. Ich glaubte allerdings schon von Anfang an, daß in beiden Fällen in seinem Haß immer noch sehr viel verborgene Liebe war. Keine Geschichte war unser Kolonialwarenhändler Mager. In Farge hatte er, wie schon berichtet wurde ,,, Baracke gebaut", ohne den Bauplatz jemals betreten zu haben. Auch die Streckenarbeit suchte er ähnlich aufzufassen. Man hörte wenig von ihm, es sei denn, daß er vergnügt ein ,, ja ja" vor sich hinsummte. Ich sagte dann meistens unter allgemeinem Beifall: ,, Unser Mager sagt einmal wieder trotz allem ,, ja" zum Leben, mit dem er nun einmal auf Du und Du steht." Mager wußte, so wunderbar es schien, auch in unserer Schar zufriedener Bürger zu bleiben. In der Stube neben uns wohnte unser ,, Forschungsreisender", der erst wenig über 20 Jahre zählende Bohn. Er hatte im Auftrage von Berliner wissenschaftlichen Instituten bereits ausgedehnte Reisen zu Pferd durch den Balkan und insbesondere durch Bosnien und Serbien unternommen und lebte ständig mehr im Orient als im Abendlande. Er las oft in einem von ihm mitgeführten Buch des chinesischen Philosophen Konfuzius, dessen Staats- und Lebensweisheit er verehrte und bereitete sich, unerschüttert durch das ihm mit uns widerfahrene Schicksal, auf noch weit größere Fahrten, als er bisher unternommen hatte, und zwar 12,, Imi's" 177 nach dem fernen Osten, wo ihn besonders die Mongolei interessierte, voř. Neben ihm wohnte der früher schon öfter erwähnte, vom Schicksal schwer geprüfte Hartstein. Er hatte in Wesermünde ein großes Ofengeschäft, das er vorsichtshalber, als er zu unserer Schar ,, einrücken" mußte, einem Treuhänder übertragen hatte. Diesem Treuhänder hatte die Wesermünder Gestapo bei Strafe sofortiger Verhaftung verboten, Hartstein irgendwie Bericht zu erstatten oder überhaupt mit ihm zu korrespondieren! Auch hieraus ging deutlich hervor, wohin unser aller Schicksalsschiff gesteuert werden sollte. Man verfolgte konsequent das Ziel, uns von unserem bürgerlichen Leben völlig zu trennen, und wir waren uns längst klar darüber, daß wir bei einer Fortdauer des Naziregimes niemals nach Hause zurückkehren würden. uns Sie wa Stube Maure Bruder unterhi Kolonia licher das Ho verschw Viele von uns mußten ebenso wie dies Hartstein dauernd tat, mit Sorge an ihr zu Hause zurückgelassenes Geschäft denken. Größer war aber noch die Sorge um die nächsten Angehörigen. Manche von hatten Väter und Mütter, die, weil Juden, bereits in ein östliches Ghetto deportiert waren. Zu dieser äußersten Maßnahme war die Gestapo auch im Falle von ,, Mischehen", aus denen nichtjüdische Kinder hervorgegangen waren, geschritten, wenn der arische Eheteil nicht mehr lebte. Es war dies der Fall unserer Kameraden Hen Delius, Straaten und Oppelmann. Sie alle hatten ihre Väter oder Mütter mit dem Deportationszug abfahren sehen und wußten nur, daß sie in eine Judenstadt nach Auschwitz in Galizien, Theresienstadt in der Tschechoslowakei oder sogar in die Gegend von Minsk verbracht worden waren. Nachrichten hatten sie seit Jahren von den Entführten nicht bekommen und warteten nun nicht mehr darauf, nachdem sie noch lange Zeit auf ein Lebenszeichen gehofft hatten. Wenn sie sich an die Gestapo mit dem Hinweise gewandt hatten, von ihren Vätern oder Müttern seien entgegen den ihnen gemachten behördlichen Zusagen niemals Briefe gekommen, so wurden sie lediglich kurz an die Reichsvereinigung der deutschen Juden in Berlin verwiesen, die in der Sache nicht das geringste tun konnte. Unser Stubengenosse Hen Delius, der auch jetzt noch immer unter uns aufrecht und guten Mutes war, sagte einmal von sich, daß er früher ein toller Spaßvogel gewesen sei, doch seit er seine Mutter auf Nimmerwiedersehen ins Elend und wahrscheinlich in den Tod hätte abreisen lassen müssen, gelinge es ihm mit Scherzen nicht mehr so wie früher. Wir konnten das nur bedauern, zumal auch der urwüchsige Humor unseres Stubenältesten Lüders, der uns die Tage von Farge oft vergoldet hatte, immer mehr verschwand. Lüders begann an unserem Schicksal schwer zu tragen, als bei ihm Muskelrheuma auftrat, das ihm unsere ohnehin nicht leichte Arbeit noch saurer machte. zen et Vorlieb auch ni treten. Politi war. S undvier Schattie Unsere Schar war alles andere als ein Klub von ,, Intellektuellen". Die nationalsozialistische Propaganda hatte uns insgesamt stets als ,, rasselose Gehirnmenschen" erscheinen lassen. Wir waren selbst erstaunt, als es sich zeigte, wie viele Handwerker unter uns waren. Und gerade diese Handwerker waren alles andere als ,, wurzellose Asphalterscheinungen". 178 sei. Dar Kohorte Ende d er inne gefügt baldige lichster Nationa wünsch Ende Nation mußte Hoffnu Wir uns al stritte wußte soldat schwe hatter Be bahns scheh war, Zügen wagen Seit d 12° 124 ‚ei interessierte, vom Schicksal großes Ofen- einrücken" händer hatte ıftung verboten, pt mit ihm zu in unser aller nsequent das n, und wir des Nazi- 1e er auernd tat, mit Größer war che von uns n ein östliches war die Ge- e Kinder teil nicht mehr : Straaten und . Deportations“ ‚denstadt nach wakei oder 50° n. Nachrichten un und warteten „uf ein Lebens“ dem Hinweise gi on den Sie waren vielmehr recht urwüchsige Niedersachsen. Die auf unserer Stube wohnenden drei Brüder Popper, nämlich mein Freund Thilo, der Maurer, sein Bruder Heino, der Schiffszimmermann, und sein zweiter Bruder Ferdinand, der frühere Seefahrer und jetzige Weritkranführer, unterhielten sich untereinander eigentlich nur plattdeutsch, und unser Kolonialwarenhändler Mager aus Leuchtenburg, auch ein leidenschaft- licher Plattdeutscher, fiel immer mit besonderem Behagen ein, wenn so das Hochdeutsche einmal für einige Zeit aus dem allgemeinen Gespräch verschwand. Auch unsere übrigen Handwerker, von denen wir im gan- zen etwa eineinhalb Dutzend unter uns hatten, unterhielten sich mit Vorliebe im niedersächsischen Jargon. Von„Blut und Boden‘ war, wenn auch nicht das erste, so doch das zweite damit ausgiebig unter uns ver- treten, Politisch war unsere Sippschaft so bunt wie sie überhaupt in allem war, Scherzhafterweise wurde oft behauptet, daß unter unseren zwei- undvierzig Männern jede nur denkbare politische Überzeugung und Schatlierung vom Nationalsozialismus bis zum Kommunismus vertreten sei. Daran war das eine wahr, daß ein nicht unerheblicher Teil unserer Kohorte dem aller Voraussicht nach für Deutschland katastrophalen Ende des Krieges deswegen mit gemischten Gefühlen entgegensah, weil er innerlich seinem Vaterland, trotz allem, was es ihm an Schmerz zu- gefügt hatte, treu geblieben war, In dem Wunsche nach dem möglichst baldigen Sturz des Dritten Reiches waren wir uns alle einig. Am glück- lichsten waren diejenigen unter uns daran, die über dem Grab des Nationalsozialismus einen kommunistischen Weltstaat, wie sie ihn sich wünschten, erhoffen konnten. Diejenigen von uns dagegen, die über das Ende des Reiches Schmerz empfanden, das mit der Vernichtung des Nationalsozialismus, wie die Dinge lagen, unausweichlich kommen mußte, wurden ständig zwischen einander widersprechenden Gefühlen, Hoffnungen und Befürchtungen hin- und hergerissen, Wir haben uns an unseren Abenden, wenn einmal die Rede auf dieses uns alle bewegende Thema kam, auf unserer Bude niemals darüber ge- stritten, Der eine ehrte vielmehr die Hoffnungen des anderen, zumal er wußte, daß der andere seinen Schmerz ebenso achtete. Den Front- soldaten zweier Kriege, die wir unter uns hatten, wurde es oft besonders schwer, das Ende des Staates, den sie mit aller Tapferkeit verteidigt hatten, zu ersehnen, 11, Männer der Strecke, Bei unserer Arbeit in Duingen handelte es sich darum, eine Klein- bahnstrecke wieder in Ordnung zu bringen, an der jahrelang nichts ge- schehen und die außerdem schon seit geraumer Zeit überbeansprucht war, Die Strecke war lediglich auf einen täglichen Verkehr von wenigen Zügen, die meist nur aus einer kleinen Lokomotive und einem Personen- wagen, allenfalls noch ein oder zwei Güterwagen bestanden, eingerichtet, Seit dem Beginn des Krieges wurde der wenig stabile Bahnkörper aber j28 179 dauernd von Ölzügen, die oft aus einem Dutzend oder mehreren Tank- wagen bestanden, befahren, da in der Nachbarschaft von Duingen, bei Brunkensen, durch einen stillgelegten Steinbruch getarnt, eine Öl- raffinerie betrieben wurde, zu der das zu bearbeitende Öl hintrans- portiert und später wieder abgefahren wurde, Die Bahnstrecke befand sich infolge ihrer dauernden Überbelastung in einem entsprechenden Zustande, Teilweise waren die Holzschwellen, auf denen die Geleise ruhen, so locker geworden, daß die Schienen durchzubrechen drohten. Es handelte sich also in erster Linie darum, die alten, nicht mehr ver- wendungsfähigen Schwellen gegen neue auszuwechseln und die noch be- nutzbaren alten Schwellen zu„stopfen“. Zu dieser Arbeit, die, weil es sich um den Transport von Öl handelte, als„kriegswichtig” im höchsten Grade bezeichnet wurde, waren wir ausersehen. Unsere ganze Schar wurde in zwei Kolonnen geteilt. Die eine„Rotte” wurde eine Bahnstation von Duingen entfernt bei dem Nachbarort Coppengrave eingesetzt, während die andere„Rotte”, bei der ich mich befand, nicht weit vom Bahnhof Duingen und in unmittelbarer Nachbar- schaft unseres Lagers ihre Arbeit begann. Unsere Hauptarbeit, das „Schwellenstopfen“ und was damit zusammenhängt, war offiziell als Schwerarbeit anerkannt, die uns, da wir sie samt und sonders nicht gewohnt waren, noch ganz besonders schwerfiel. Je zwei Mann mußten fortlaufend, jeder mit einer„Grepe”, einem forkenähnlichen Werkzeug, bewaffnet, die Schwellen„aufmachen“, d. h. den zwischen den Schwellen liegenden Schotter so hochscharren, daß die untere Schwellenkante je- weils frei wurde, Je vier Mann, die sogenannten„Stopfer“, schlugen dann mit schweren, besonders geformten Hacken Schottersteine unter die untere Kante der Schwelle, die dadurch zwischen dem Steinbett, auf dem sie ruht und dem auf ihr befestigten Geleise festgeklemmt wird. Das„Stopfen” wurde im allgemeinen für wesentlich schwerere Arbeit als das„Aufmachen” gehalten. Ich habe beides als gleich anstrengend empfunden, Wer einen Tag lang als„Aufmacher” mit der Grepe im Schotter hantiert hatte, wobei man sich allmählich vorkam, wie ein scharrender Hahn, war feierabends nicht weniger ermüdet als die Stopfer. Diese konnten sich wenigstens hin und wieder etwas ausruhen, während die Aufmacher immer aufpassen mußten, daß sie nicht von den Stopfern eingeholt wurden, womit die ganze Arbeit notwendig ins Stocken kam. Zugleich wurden die auszuwechselnden Schwellen mit der Grepe freigegraben und mit der Schwellenzange aus dem Bahnkörper ge- schleppt, während die Ersatzschwelle, auf dieselbe Weise oder auf unseren Schultern auf den Bahnkörper hinauftransportiert, dort eben- falls„festgestopft'' werden mußte, Die Arbeit ging unter Aufsicht eines Bahnbeamten als„Rottenführer” vor sich. Unser Befehlshaber, ein noch jüngerer Bahnbeamter namens Groß, war ein korrekter, sehr fleißiger und uns gegenüber an sich wohl- wollender Mensch. Er war sowenig Nationalsozialist wie die meisten anderen Beamten. Aber er wurde von oben dauernd gedrückt, uns nur gehörig auszunutzen und entwickelte sich im Laufe der Zeit infolge- 180 desser bald: regeln meiste Leute schlec Rotter uns st Arbeit Abg wohnh Sie ha tigen seinen Rotte er zun Stück Wir y Krafts Norm: reiche Auf bei je dung bei u lodie War| gend Uner] liefe, 80| mehreren Tank- on Duingen, bei tarnt, eine Öl- ıde Öl hintrans- nstrecke befand entsprechenden nen ie Geleise jrechen d die noch a t, die, weil es * im höchsten e eine„Rotte dem Nachbarort bei der ich mich wellenkante je ugen dann - er nm St Steinbett,? gr ‚klemmt wird. hwerere Arbell dessen immer mehr zu einem„Treiber. Unsere Arbeitsleistung erreichte bald siebzig bis achtzig Prozent des Ergebnisses, das Streckenarbeiter regelmäßig als Tagewerk fertig brachten. Im Hinblick darauf, daß die meisten von uns erst als ältere, an solche Arbeit absolut nicht gewohnte Leute zu ihr gekommen waren, konnte dieses Resultat nicht gerade schlecht genannt werden. Es genügte aber der Bahnverwaltung und ihren Rottenführern, unseren unmittelbaren Vorgesetzten, nicht und es wurde uns ständig vorgehalten, daß„andere Streckenarbeiter" ‚ die eben solche Arbeit gewöhnt waren, mehr leisteten als wir. Abgesehen von der Gewöhnung hatten die in der Duinger Gegend wohnhaften Bahnarbeiter vor uns noch die bessere Ernährung voraus, Sie hatten alle Schweine und schlachteten solche, und einer dieser zünf- tigen Streckenarbeiter, der eigentlich Straßenarbeiter war und von seinem Arbeitgeber an die Bahn„verliehen“ wurde, worauf er in unserer Rotte mitarbeitete, machte uns den Mund dauernd damit wässerig, daß er zum Mittagessen wieder einmal„Schweineschüssel” oder ein fettes Stück Schinken oder schwere Landwurst auf dem Teller gehabt habe. Wir waren nicht in der glücklichen Lage, unserem Körper derartige Kraftstoffe zuführen zu können und konnten auch schon deswegen die Normalarbeitsleistung eines„richtigen Streckenarbeiters niemals er- reichen, Außer der Ernährung war gerade auch bei dieser Arbeit, die sich ja bei jedem Wetter ununterbrochen unter freiem Himmel vollzog, die Klei- dung für die meisten von uns ein ganz schwieriges Problem, Es wurde bei uns, bevor wir morgens zur Arbeit gingen, gewöhnlich nach der Me- lodie des Wolgaliedes der Refrain„Zieht euch warm an!" gesungen. Es war dies in der winterlichen Bergluft und besonders bei den in der Ge- gend oft herrschenden kalten Stürmen ebenso wie in Regen und Schnee unerläßlich, Die Bahn hat uns niemals ein einziges Kleidungsstück ge- liefert, Da auch die von unserem„Lagerführer” versprochenen Arbeits- anzüge nicht kamen, waren besonders unsere ausgebombten Kameraden, die über nicht genügend warmes Zeug verfügten, in einer schwierigen Lage, Schließlich ist es doch aber ausnahmslos einem jeden gelungen, sich gegen die winterliche Witterung weitgehend zu schützen, womit das Räuberzivil, in dem wir herumliefen, bei manchem von uns noch phan- tastischer wurde, Trotz aller dieser Vorsichtsmaßnahmen waren wir ins- gesamt anfänglich schwer erkältet, und besonders das Husten wollte nachts in unseren Baracken gar kein Ende nehmen. Es dauerte aber nicht allzulange, bis diese Erscheinung völlig verschwand. Die dauernde Arbeit im Freien und bei Wind und Wetter hatte uns binnen nicht langer Zeit derart abgehärtet, daß wir uns überhaupt nicht mehr erkälteten. Ein ganz besonders schwieriges Kapitel war die Schuhfrage. Manche von uns, die nichts anderes besaßen, hatten nur ihre Straßenschuhe mit, und solche Schuhe gingen auf dem Bahnschotter sehr bald kaputt, Der einzige im Ort noch vorhandene Schuster machte Reparaturen nur gegen erhebliche Tabakzuwendungen, und da dies nicht jedermanns Sache war, so war guter Rat teuer. Die Bahnverwaltung lieferte auf alle Vorstellun- 181 gen und Mahnungen schließlich nur drei Paar riesige holzbesohlte Überschuhe, wie sie Soldaten, die im Winter auf Posten stehen, über ihren eigentlichen Schuhen oder Stiefeln tragen. Diese Riesenschuhe waren derart schwer und wurden dadurch, daß der Schnee sich in ganz dicken Klumpen unter ihnen festsetzte, noch so viel schwerer, daß die meisten von uns diese Schuhe doch nicht tragen konnten. Nur Waclaff und Ronoff verstanden, sich in diesen Mammutschuhen einigermaßen geschickt fortzubewegen. Waclaff mit seiner großen Figur sah dabei immer so aus, als ob er mit Siebenmeilenstiefeln laufe, während der von Statur kleine Ronoff seine Bewegungen in dieser Fußbekleidung, die niemals für Arbeit gedacht gewesen war, noch absichtlich besonders grotesk gestaltete und dabei oft wie eine Wiederauferstehung des allgemein bekannten amerikanischen Filmkomikers Charlie Chaplin aussah. Denjenigen von uns, die über keine haltbaren Schuhe mehr verfügten, ohne diese Riesenüberschuhe, die ja auch nur in ganz wenigen Exemplaren zur Verfügung standen, tragen zu können, blieb nichts anderes übrig, als zunächst einmal ,, schuhkrank" im Lager zurückzubleiben und sich so einstweilen von der Arbeit abzusetzen". Bei der Bahnverwaltung wurde dies zwar von Anfang an übel vermerkt. Da sie aber weder in der Lage noch willens war, dem Übelstande abzuhelfen, wurde gegen die ,, Schuhkranken" zunächst nichts Nachteiliges unternommen. in Dos russisc Nazis Frauer nahm mal k Wir standen werktags um 6 Uhr herum auf. Bis wir gefrühstückt und alles in Ordnung hatten, war es meist gegen halb acht Uhr. Es war noch Morgendämmerung, wenn wir auf die Strecke abrückten. Mein Kamerad Lüders sagte einmal, als wir in dem diesigen Düster auf dem Bahnkörper über die Schwellen zu unserer Arbeitsstelle stapften, melancholisch, die Luft um uns sei so grau wie unser Elend, und er möchte nur wissen, was wir verbrochen hätten, daß es uns nun so ergehe. Auf diesen schweren Seufzer erwiderte niemand etwas. Was wäre auch darauf zu antworten gewesen? Der ganze Tag auf der Strecke war eine einzige Ödnis, was sich schon notwendig aus der ewigen Gleichförmigkeit unserer Arbeit ergab, die stets nur auf kurze Zeit durch die wenigen hin- und herfahrenden Züge unterbrochen wurde, deren Lokomotiven und Personenwagen wie aus der Spielzeugschachtel genommen wirkten und denen wir klangvolle Namen wie ,, der rasende Molly" oder ,, der Wüstenexpress" gaben. Wenn sie prustend, pfeifend und klingelnd an uns ,, vorüberrasten", winkten uns die Lokführer und Heizer stets etwas mitleidig zu. Eine weitere Abwechslung waren die Russenkinder, die oft aus der nahen Ostarbeiterbaracke in großen Schwärmen um unsere Arbeitsstelle herumtobten und herumspielten. Wenn die Ostarbeiter, Männer und Frauen, zuweilen untermischt mit französischen Kriegsgefangenen und Zivilfranzosen und -Belgiern beiderlei Geschlechts an unserer Strecke vorbei morgens in die Fabrik, in der sie beschäftigt waren, zur Arbeit gingen, habe ich oft nicht nur bedauert, daß wir diese Unterbrechung unseres eintönigen Tages so selten erlebten, sondern ich habe mir auch immer wieder geradezu die Augen gerieben, da ich manchmal zu träumen glaubte, ich sei 182 machte unsere Ursp großen und B zierte. am se könne sam, r weiter und w brik, bergen tiv. V Feiera erheb Lager Rast beam gegne nicht spred sond liche Leb alle Min von der wir wör als bis zeu frei V hei in len Güt Izbesohlte Überehen, über ihren enschuhe waren in ganz dicken daß die meisten Waclaff und Romaßen geschickt ei immer so aus, on Statur kleine iemals für Arbeit k gestaltete und ekannten amerigen von uns, die ese RiesenüberVerfügung stanzunächst einmal stweilen von der es zwar von Anoch willens war, anken" zunächst - in Dostojewskis ,, Brüder Karamas off" hineinversetzt. Was hier an echt russischen Erscheinungen jeden Alters an uns vorüberging- hatten die Nazis doch aus der Ukraine und Weißrußland sogar Greise und alte Frauen für den ,, Kriegsarbeitseinsatz" in Deutschland mobilisiert nahm sich in Aussehen, Kleidung und Gebaren in Duingen, das nun einmal keine kleine südrussische Stadt war, mehr als eigenartig aus und machte immer wieder für einen kurzen Augenblick ein Märchen aus unserer öden Arbeitsstelle. - Ursprünglich befand sich diese in unmittelbarer Nachbarschaft des großen Duinger Holzsägewerkes, das in der Hauptsache Barackenteile und Barackeneinrichtungsgegenstände, wie Tische und Schemel, fabrizierte. Ich habe diese häßliche Fabrik, neben der wir Tag für Tag fast am selben Orte an der Strecke standen, schließlich kaum mehr sehen können und geradezu gehaßt. Mit der Zeit, wenn auch unendlich langsam, rückte aber unsere Werkzeugkiste, die uns ständig begleitete, immer weiter vor, so daß die Aussicht von unserer Arbeitsstelle sich veränderte und wir schließlich, nachdem wir uns auch an der zweiten Duinger Fabrik, einem Tonwerk ,,, vorbeigearbeitet" hatten, nur noch von Waldbergen umgeben waren. Die Gliederung des Arbeitstages war sehr primitiv. Von zwölf bis halb ein Uhr war Mittagspause, und um fünf Uhr war Feierabend. Ich habe zunächst über die nur halbstündige Mittagspause erheblich geknurrt, da wir so, kaum daß wir unser Essen in unserem Lager erhalten und heruntergeschluckt hatten, ohne jede nennenswerte Rast wieder an die Arbeit mußten. Mir ist aber sowohl von den Bahnbeamten als auch von meinen eigenen Kameraden immer wieder entgegnet worden, wir sollten uns über die nur halbstündige Mittagspause nicht beschweren, da eine Verlängerung derselben notwendig eine entsprechende Hinausschiebung des Feierabends bedinge. Uns wurde besonders im Anfang sowohl die vormittägliche als auch die nachmittägliche Arbeitszeit ganz unendlich lang. Für Leute, die in ihrem früheren Leben oft kaum gewußt hatten, wo sie die Zeit hernehmen sollten, um alle auf sie eindringenden Aufgaben zu erledigen, rückte jetzt der Minutenzeiger der Uhr sozusagen kaum von der Stelle. Wenn es endlich von der Duinger Kirche zwölf oder fünf Uhr schlug oder die Sirene einer der beiden Fabriken den einen oder anderen Zeitpunkt anzeigte, haben wir mit der Arbeit stets so aufgehört, wie es bei den Maurern sprichwörtlich geworden ist. Leute, die es früher nicht anders gewußt hatten, als daß eine Arbeit eben zu Ende gemacht werden mußte, ganz egal, bis wann und ob sie auch in die Nacht dauerte, warfen jetzt ihr Werkzeug mit dem Glockenschlage und jedesmal mit einem Aufatmen der Befreiung weg. efrühstückt und hr. Es war noch Mein Kamerad dem Bahnkörper elancholisch, die nur wissen, was diesen schweren uf zu antworten zige Ödnis, was serer Arbeit er- und herfahrenPersonenwagen lenen wir klangexpress" gaben. errasten", winkzu. Eine weitere Chen Ostarbeiter merumtobten und rauen, zuweilen wilfranzosen und rbei morgens in en, habe ich oft seres eintönigen amer wieder ge glaubte, ich sei Was diese Zeitwüste zwischen morgendlicher und abendlicher Dunkelheit hin und wieder veränderte, war eine Bahnfahrt die Strecke hinauf in die Berge oder talwärts die Strecke hinunter, um ausgebaute Schwellen aufzuladen. Wir hockten dann dicht aneinandergedrängt auf offenem Güterwagen und konnten uns dabei gegenseitig doch nicht so wärmen, 183 daß wir in der Kälte, die durch den starken Luftzug schneidend wurde, nicht alle bis aufs Mark durchfroren. Sehr schwer hatten es auf der Strecke unsere jungen Schicksalsgenossen, besonders die Sechzehnjährigen. Sie mußten sich sehr anstrengen, um die für dieses Entwicklungsalter charakteristische körperliche Trägheit zu überwinden. uns Das Einerlei des Arbeitstages wurde recht unangenehm, wenn es in der an Niederschlägen sehr reichen Gegend regnete oder schneite. Es war ein Grundsatz unserer Rottenführer, daß erst dann die Arbeit abgebrochen werden konnte, wenn die überwiegende Mehrheit von längere Zeit buchstäblich bis auf die Haut durchnäßt war. Wir konnten dagegen sagen, was wir wollten. Der Hinweis, daß jede vernünftige Baufirma bei starkem Regen sofort mit der Arbeit Schluß machen läßt, da sie sich sagt, daß sie ja doch den Schaden hat, wenn ihre Leute krank werden, machte gar keinen Eindruck. Als der Rottenführer unserer in Coppengrave arbeitenden Kolonne an einem Tage, an dem er trotz stärkster Regengüsse stundenlang weiterarbeiten ließ, endlich darauf aufmerksam gemacht wurde, daß selbst Zuchthäusler nicht so behandelt würden, bekam er einen Wutanfall, wobei es dann aber blieb. Die betreffenden Beamten hatten an der Sache weiter keine Schuld. Es war ihnen von der Bahnverwaltung und dieser wohl von der Gestapo befohlen worden, bei der Arbeit auf uns möglichst keine Rücksicht zu nehmen. In ihrem extremen Untertanengeist zitterten die Beamten ständig davor, sich ,, oben" unbeliebt zu machen, wenn sie sich nicht strengstens an die ihnen gegebenen Richtlinien hielten. Die Entlohnung für die schwere Arbeit betrug nur 52 Pfennig die Stunde. Immerhin war das ein Fortschritt im Vergleich zu Farge, wo überhaupt kein Entgelt gezahlt worden war. Die französischen Kriegsgefangenen sowie die französischen und russischen Arbeiter und Arbeiterinnen, die, wenn sie zu dem Sägewerk, wo sie beschäftigt waren, an unserer Arbeitsstelle vorbeigingen, haben uns oft in lauten Zurufen wegen unserer Arbeit bedauert. Sie hatten es wesentlich besser als wir. Denn sie waren in der Arbeitszeit meist unter einem Dach, und die Fabrikarbeit, die von ihnen verlangt wurde, war auch an Schwere mit unserer Streckenarbeit, die im wesentlichen typische Sträflingsarbeit war, nicht zu vergleichen. Den unter uns befindlichen Handwerkern fiel die Arbeit natürlich leichter als uns ,, völlig ungelernten Arbeitern". Erstens waren sie körperliche Arbeit ihr Leben lang gewohnt, und zweitens faßten sie alles viel praktischer an, während wir ,, Ungelernten" uns oft höchst unnütz noch besonders anstrengen mußten. Im Laufe der Zeit verschwanden unsere Handwerker, soweit sie nicht schon ursprünglich in der Bahnwerkstatt beschäftigt wurden, einer nach dem anderen von der Strecke, da sie auf Grund ihrer praktischen Fähigkeiten mit den verschiedensten Sonderarbeiten betraut wurden. Schließlich waren wir ,, Ungelernten", die am wenigsten dafür geeignet waren, auf der Strecke ganz allein. 184 Die besser aus. D den e Streck abgese aber Dienst Grau Pellka meist stand falls durch war m men schwe sache imme schein arbei konn Mage wir H unser gen unse Word Un pfleg verh aller nock gute übri Eie lich uns La Ba ein tun ineidend wurde, gen Schicksals- sich sehr an- istische körper- Im, wenn es in ler schneite, Es die Arbeit ab- heit von uns ir konnten ige Bau- en läßt, da ‚re Leute krank hrer unserer in er trotz stärk- ch darauf auf- \t so behandelt blieb, Die be- Schuld, Es war ht strengstens 52 Pfennig die Er Farge, wo hen und russ" ig hatten© Pr unter { hiedensi“! ngelerni?® Unge 5 z allein. 12. Weißkohl. Die Verpflegung, die wir in Duingen erhielten, war zwar wesentlich besser als in Farge, aber sie reichte für Schwerarbeiter bei weitem nicht aus, Der Mittagsspeisezettel wirkte durch seine Eintönigkeit, die allerdings den endlosen Farger Kohlrabi nicht erreichte, ebenso öde wie die Streckenarbeit. Er stand für die Woche, von geringfügigen Abweichungen abgesehen, folgendermaßen fest: Montags eine„Graupensuppe”, in der aber keine dicken Graupen, sondern nur kleines Zeug herumschwamm, Dienstags Weißkohl, Mittwoch braune Pferdebohnen, Donnerstag wieder „Graupensuppe“, Freitags Rotkohl, meist viel zu roh und mit ungaren Pellkartoffeln vermischt, Sonnabends wieder Pferdebohnen und Sonntags meist Nudelsuppe. Besonders gefürchtet war die Weißkohlsuppe, Sie be- stand nur aus Wasser mit nicht gar gekochtem Kohl und einigen eben- falls völlig ungaren Kartoffeln, Selbst wenn man dieses Essen, wozu der durch die körperliche Arbeit angeregte Hunger verhalf, herunterbrachte, war man, wenn man nachher wieder zur Arbeit ging, im Grunde genom- men genau so hungrig wie vorher, Fett war an keine der Suppen ver- schwendet, und dasselbe galt meistens auch von Fleisch. Nicht ohne Ur- sache wurde unser Koch im Laufe der Wochen und Monate zusehends immer dicker, bis seine ganze körperliche Existenz zu geradezu unwahr- scheinlichen Dimensionen aufschwoll. Die richtigen uns als Schwer- arbeiter zustehenden Brot- und Wurstrationen erhielten wir zwar, sie konnten aber das mangelhafte warme Essen nicht genügend ausgleichen, Magermilch und Weißbrot, wie dies auch die Russen erhielten, haben wir bis zum letzten Teil unserer Verbannungszeit nicht bekommen. Ob unser„Lagerführer” es versäumt hat, sich die entsprechenden Zuweisun- gen machen zu lassen oder woran sonst diese empfindliche Beschneidung unserer sowieso kargen Verpflegung gelegen hat, ist niemals aufgeklärt worden, Unter diesen Verhältnissen wurde die Frage der zusätzlichen Ver- pflegung besonders bedeutsam. Für unsere Handwerker war dies Problem verhältnismäßig leicht gelöst. Sie gingen— und wo waren Handwerker aller Art damals nicht begehrt?— nach Feierabend oder auch sonntags noch privatim auf Arbeit und kamen stets beladen mit allen möglichen guten Sachen wieder zurück, Für uns„Ungelernte” blieb nichts anderes übrig, als gegen nicht verbrauchte Tabakwaren gelegentlich Kartoffeln, Eier und sonstige Nahrungsmittel einzutauschen. Wir haben uns so leid- lich durchschlagen können, wenn auch die Ernährungslage gegen Schluß unseres Abenteuers immer schlechter wurde. 13. Sichtbarer und unsichtbarer Stacheldraht, Wir haben darum, daß das Tor der Stacheldrahtumzäunung unseres Lagers offenblieb, anfänglich oft und erbittert kämpfen müssen, Die Bahnverwaltung hatte eine derartige Angst, einer von uns könne doch einmal davonlaufen und sie dann dafür von der Gestapo zur Verantwor- tung gezogen werden, daß der Duinger Bahnvorstand Sachse eines Tages 185 erklärte, die Haftung, die ihn unseretwegen treffen könne, werde ihm, je mehr er darüber nachdenke, zu schwer, und unser Lagertor müsse daher in Zukunft außerhalb der Arbeitszeit geschlossen werden, Unser Ver- trauensmann Schulenburg hat ihm darauf in unserem Namen erklärt, daß wir eine solche Maßnahme, die uns noch den letzten Rest von Bewegungs- freiheit und die letzte karge Erholungsmöglichkeit nehmen würde, unter keinen Umständen zu ertragen gedächten, Die Bahn müsse damit rechnen, daß unsere Arbeitsleistung dann rapide abnehmen.:würde, Dieser recht gewagte Hinweis— konnten wir doch, wenn die Sache weitergegeben wurde, als Arbeitssaboteure behandelt werden— machte doch soweit Eindruck, daß das Tor in dem Stacheldrahtgitter weiter offenblieb, Neben dem sichtbaren Stacheldraht, der uns unter dieser Voraus- setzung nicht genierte, umgab uns aber noch ein unsichtbares Stachel- drahtgitter, das sich aus den gegen uns ergangenen Verboten und aus der allgemeinen Ächtung zusammensetzte, in der wir infolge der gegen uns getroffenen„Vorkehrungen leben mußten. Dieser„unsichtbare| Stacheldraht” war uns manchmal näher und manchmal wieder ferner ge- rückt, Es war auf alle Fälle gefährlich, ihn unbeachtet zu lassen. Der von der Gestapo ausgeübte Terror stellte ein weit grausameres Gitter als das sichtbare dar, zumal man niemals wußte, wann und wo man auf das unsichtbare Gitter stoßen konnte, 14,„Arbeitsurlaub“, Der Konzern, zu dessen Leitung ich gehörte, hat wiederholt mit ein- gehender schriftlicher Begründung und auch durch mündliche Vorsprache bei der OT,-Leitung in Hannover einen Urlaub für mich beantragt, da meine zeitweise Anwesenheit in Bremen geschäftlich ganz dringend er- forderlich geworden war. Bei dem großen Bombenangriff auf die Stadt vom 6, Oktober war mein Büro ausgebrannt, und es waren dabei alle Patent-, Markenschutz- und Prozeßakten sowie ein großer Teil der Steuer- und Verwaltungsakten unsrer Firmen vernichtet worden. Da ich der einzige Jurist des Konzerns war und auch als einziger den Inhalt der vernichteten Akten erschöpfend kannte, war allein ich in der Lage, die untergegangenen Akten wieder sachgemäß zu rekonstruieren und hierdurch den Eintritt erheblichen Schadens zu verhüten, der besonders mit dem Verfall von Auslandspatenten oder ausländischen Marken- schutzrechten oder durch die unsachgemäße Behandlung laufender Ver- tragsangelegenheiten usw. usw, entstehen mußte, Die Gauwirtschafts- kammer in Bremen hat denn auch ohne weiteres bestätigt, daß meine Beurlaubung wenigstens für einige Wochen dringend erforderlich sei, da andernfalls erhebliche deutsche Wirtschaftswerte im Ausland in die srößte Gefahr kommen könnten, Die OT.-Leitung in Hannover gab das Urlaubsgesuch an die oberste OT,-Führung nach Weimar weiter, woher es mit dem formularmäßigen Vermerk zurückkam, daß Urlaub„im Hin- blick auf entgegenstehende Bestimmungen” nicht gewährt werden könne, Alles, wozu sich die OT.-Einsatzgruppe Kyffhäuser in Hannover durch 186 den war amt auch wir, ware uns Wirk teile, nofw. führe habe würd imme Sache werde ihm, je r müsse daher n. Unser Ver- klärt, daß Bewesunss an Bewesunds- Dewegungs n und aus der gegen ferner ge” sen. Der von ‘H$ eres Gitter als man auf das ichtbare, den persönlichen Besuch meines Vorstandskollegen noch bewegen ließ, war die Weitergabe der Angelegenheit an das Reichssicherheits-Haupt- amt in Berlin, womit die Sache endgültig begräbnisreif war und dann auch dort begraben worden ist, Gerade hierbei trat deutlich hervor, daß wir, auch nachdem wir aus Farge heraus waren, Gefangene geblieben waren, Es war der obersten SS-Führung das wichtigste, daß wir in dem uns bereiteten Kuli-Dasein und möglichst fern von unserem früheren Wirkungskreis blieben, Sie nahm dabei erhebliche Verluste und Nach- teile, die der deutschen Volkswirtschaft in einem Falle wie dem meinigen notwendig entstehen mußten, kalt und überlegt in Kauf, Unser„Lager- führer", der mir wiederholt in seiner fürstlichen Manier erklärt hatte, er habe in Hannover die Ordnung der Angelegenheit erreicht und ich würde einen Urlaub von mindestens acht Wochen erhalten, wurde wie immer, wenn sich seine Versprechungen nicht verwirklichten, in der Sache sehr schweigsam, Um im Interesse des Unternehmens, dem ich verpflichtet war, noch ein übriges zu tun, bin ich mit unserem Vertrauensmann Schulenburg zu dem Bahnverwalter Sachse gegangen und habe ihm die Sinnlosigkeit vorgestellt, die darin bestand, daß ich wegen einer Arbeit, die der dümmste Ostarbeiter an meiner Statt tun konnte, davon abgehalten würde, wichtige deutsche Auslandsinteressen vor sonst unvermeidlichem schweren Schaden zu bewahren, Sachse glänzte in derselben greisen- haften Freundlichkeit, mit der er zu Beginn vor unserem Lager seine Be- grüßungsansprache gehalten hatte, Er hatte volles Verständnis, be- dauerte aber, das, was hier die Vernunft zu gebieten scheine, nicht tun zu können, da die Gestapo es nun einmal anders wolle. Mit dem Wort „Gestapo” war die Sache für ihn restlos erledigt, Ich habe ihm schließ- lich gesagt, daß ich als Betriebsführer in einem derartigen Falle inoffi- ziell einen„Urlaub auf Ehrenwort" geben würde, Sachse erwiderte dar- auf, daß er sich darin nicht mit mir vergleichen könne, da er nicht Be- triebsführer, sondern nur ein Verwalter sei, der von seiner Berliner Zen- tralstelle abhänge. Diese habe ihm erst kürzlich eingeschärft, daß die vorliegenden Richtlinien„tunlichst zu beachten seien, und er sehe daher in meinem Falle keine Möglichkeit, der Forderung der Vernunft, die er als solche durchaus anerkenne, nachzukommen. Danach konnte ich als Streckenarbeiter, der ich nun einmal war, nichts anderes tun, als mich zu empfehlen, Aus meinem Arbeitsurlaub, den jede militärische Kommandostelle in diesem Falle einem Soldaten wegen der Dringlichkeit des Falles hätte erteilen müssen, ist so niemals etwas geworden. 15. Sonntage, Sie waren Oasen in der Öde der Arbeitswoche, Da die Strecken- beamten der Bahn feiertags nicht arbeiteten, hatten wir das große Glück, jeden Sonntag frei zu haben, im Gegensatz zu unseren Kameraden in dem Lager Lenne, die drei von vier Sonntagen jeweils arbeiten mußten, Die 187 Gestap Düsternis der Woche wurde durch die Freude auf den Sonntag ständig erhellt. Für meinen Freund Thilo, den Maurer, und mich bedeutete ,, Sonntag" fast stets ,, wandern". Wenn wir in den tiefverschneiten Bergen Pfadfinder spielten, so hatten wir bald unser ganzes trübes Schicksal für einige Stunden vergessen. Wir haben im Laufe der Zeit die ganze Gegend abgestreift und sind oft stundenlang durch die Wälder gegangen, ohne einen einzigen Menschen zu treffen. Thilo war ein sehr angenehmer Wanderkamerad. Man konnte mit ihm über alles sprechen, aber er verstand auch zu schweigen, und wir sind oft lange Zeit, jeder in das schöne Landschaftsbild oder auch in seine Gedanken versunken, nebeneinander hergeschritten. Thilo war überzeugter Marxist und Materialist. Ich glaube aber, daß ich ihm im Laufe der Zeit allmählich zum Bewußtsein gebracht habe, wie wenig schwer alle derartigen Überzeugungen für das Menschenherz im Grunde wiegen können. Auch er äußerte einmal, wenn auch aus einem ganz anderen Blickwinkel, die von dem dänischen SS- Wachmeister in Farge vertretene Anschauung, daß nach dem Tode nur das Nichts kommen könne. Ich erwiderte ihm mit den Worten, die Faust, im Begriff, zu den Müttern hinabzusteigen, zu Mephisto spricht: ,, In Deinem Nichts hoff' ich das All zu finden." Er sagte nichts darauf und lächelte nur überrascht und nachdenklich. Wir hatten uns verstanden, wie wir uns immer verstanden haben. Im Dezember und Januar lag der Schnee auf den Bergen so hoch, daß wir auf unseren Gängen wie die Skifahrer abwechselnd unseren Weg durch die Wälder ,, spuren" mußten. Wir trugen beide hohe Stiefel, und derjenige, der gerade vorausging, sank oft bis fast an die Knie ein. Die Wanderwege im Weserbergland waren verwahrlost und verfallen, und wir sind auch, als der Schnee wegzutauen begann, sehr oft querfeldein gewandert. Früher ohne Frage oft besuchte Ausflugsstätten, wie der Rabe- Turm auf dem Hils und die Löns- Grotte hinter dem Duinger Wald, lagen völlig vergessen und teilweise verfallen, als wir einmal vorüberkamen. Wir sind oft 20 bis 30 Kilometer zusammen marschiert. Der Feiertag war immer viel zu schnell vorüber, aber wir gingen, nachdem wir uns an ihm so von unserer gegenwärtigen Welt immer wieder ,, abgesetzt" hatten, stets mit schönen Bildern angefüllt, in die neue Woche hinein. Unsere sonntägliche Wanderlust fand im Lager wenig Nachahmung. Die meisten von uns saßen lieber in der Bude, und mein Freund Waclaff lehnte eine Beteiligung an Thilos und meinen Ausflügen meist mit der allerdings recht vernünftigen Begründung ab, daß es bei der im Laufe der Zeit immer mangelhafter werdenden Verpflegung ratsam sei, die körperlichen Kräfte wenigstens am Feiertage zu schonen. in den rung g einmal Einmal habe ich auch sonntags verbotenerweise mit meinem Kameraden Beetzen, der dort einen Bruder wohnen hatte, die alte Reichsund Rattenfängerstadt Hameln besucht, die ich von Reisen vergangener Jahre her kannte. Der Bruder meines Schicksalsgenossen, der von der 188 Alle unsere heim Verbo Eine das g empfa dies e haben und h sich d ihrem sen S nicht trollin Sch fortda auf, a lich werd unmö Duing W küm Duin unse sons unte Jude heru hafte Zone Geb uns dann rads gega Sonntag ständig Gestapo nicht„einberufen worden war, wie übrigens unsere„Aktion“ in dem ganzen Bezirk, in den wir verbannt waren, nicht zur Durchfüh- te„Sonntag“ rung gelangte, erwies uns eine Gastfreundschaft, bei der ich mich wieder rgen Pfad- einmal einige Stunden als ins bürgerliche Leben zurückgekehrt empfand. hicksal für Alles dies, unsere sonntäglichen Wanderungen wie auch die aus sanze Ge: unserem Lager unternommenen Feiertagsfahrten nach Hameln und Hildes- | ° egangen, heim waren„verbotene Früchte“, die— und keineswegs nur wegen ihrer ı sehr angeneh- Verbotenheit— sehr süß schmeckten.| aber er ı eder in das 16. Besuche, ı sunken, neben-' Eine„lex imperfecta“, wie dies die Römer genannt haben würden, war aube aber, dad das gegen uns ergangene Verbot, Familienangehörige in Duingen zu| 2 habe, wie empfangen oder mit ihnen in der Umgegend zusammenzutreffen. Es war 1 2 dies ein Gesetz, um das wir uns zunächst grundsätzlich nicht gekümmert IN haben. Ehefrauen von Kameraden sind wiederholt in Duingen erschienen N und haben dort einige Tage im Gasthause gewohnt. Regelmäßig haben sich dann sogar die Männer aus unserem Lager„beurlaubt“ und sind zu ihrem„Besuch“ ins Gasthaus gezogen. Unser„Lagerführer” übersah die- I sen Sachverhalt geflissentlich und die Bahnverwaltung kümmerte sich j | schenherz im h aus einem Ninem Nichts E 2 2. Deinen WE nicht darum, solange sich die Hildesheimer Gestapo in Duingen als Kon-| chelte see trollinstanz nicht bemerkbar machte.) wir uns! Schließlich hörten aber diese Besuche, die uns allen ein Gefühl noch| fortdauernder Verbundenheit mit unserer Heimat vermittelten, von selber auf, als gegen das Frühjahr hin das Reisen im Hinblick auf die erforder-! lich werdenden Genehmigungen und auch auf die immer gefährlicher werdenden Bombenangriffe dauernd schwieriger und schließlich praktisch N unmöglich wurde, Abgesehen davon, was wir damit verloren, büßte| Duingen so ein unerschöpfliches Gesprächs- und Klatschthema ein. zn so hoch, dab unseren Weg 17. Ein Hüter des Gesetzes. Wenn sich auch die Gestapo in Hildesheim zunächst um uns nicht kümmerte, so war doch ihr ortsansässiges Exekutivorgan, nämlich der Duinger Gendarm, ständig in unserer unmittelbaren Nähe. Er betrat zwar unser Lager zunächst überhaupt nicht und brachte sich uns vorerst auch N sonstwie nicht in Erscheinung, Aber hinter unserem Rücken führte er unter der Bevölkerung wilde Reden des Inhalts,„er wolle es diesen N Judenjungen schon einmal gründlich zeigen; wenn diese weiterhin im Ort herumliefen und dort gar Einkäufe machten, werde er sie im Laden ver- ih haften und wenn sie sonntags von ihrem Lager aus die Fünf-Kilometer-| Zone überschritten, werde er, ertappte er sie dabei, von der Schußwaffe| Gebrauch machen und die Landwacht gegen sie einsetzen”. Wir haben N uns hierum und um die daraus naturgemäß entstehenden Redereien auch| dann nicht gekümmert, als der polizeiliche Waffenträger unserm Kame-|| radschaftsführer auf der Post begegnete, wo dieser die für uns ein- I gegangenen Briefe und Pakete abholte. Der Polizeigewaltige machte dort I 189 überlaut die Bemerkung ,,, die Juden sollten sich nicht einbilden, die gegen sie ergangenen Bestimmungen über die Postzensur noch lange miẞachten zu können; er werde jedenfalls dafür sorgen, daß alle hier ergangenen Verbote strengste Beachtung fänden". - den P Recht mit d wir k der F an die unsere schlief Karabi linde U falls u salsgen ließ se ließ er zu den Lager tun, we übrigen Streifen unserem dem G Eines Sonntagsnachmittags hatten wir zu Fünfen meine Freunde Waclaff und Thilo, unser Kameradschaftsführer Schulenburg, unser Kolonialwarenhändler Mager und ich eine schöne Wanderung auf die tiefverschneiten Kammwiesen des Ith unternommen und in einem dort belegenen Hotel Kaffee getrunken. Auf unserem Rückweg nach Duingen begegnete uns im Walde der Gendarm auf einem Fahrrad. Als er unser ansichtig wurde, stieg er ab und forderte uns auf, stehenzubleiben. Als wir dies taten, schrie er uns an, ob uns nicht bekannt sei, daß wir die uns erlaubte Fünf- Kilometer- Zone um mehr als das Doppelte überschritten hätten. Wir erwiderten hierauf, es sei uns eine Bestimmung des Inhalts, daß wir uns nur fünf Kilometer von unserem Lager entfernen dürften, offiziell niemals bekanntgegeben worden. Darauf erklärte er in wütendem Tone, wenn uns das tatsächlich noch nicht eröffnet worden sei, so gebe er uns hiermit Kenntnis davon und wir hätten uns in Zukunft peinlichst danach zu richten. Wir sollten uns darüber klar sein, daß er uns angehalten habe und daß, wenn er dies ein zweites Mal tun müsse, hieraus sehr schwerwiegende Folgen für uns entstehen würden. Mit hämischem Lachen wandte er sich zu unserem Kameradschaftsführer und meinte ,,, wie er gehört habe, sei von Schulenburg über eine Äußerung Klage geführt worden, die er neulich auf der Post über Juden getan habe; diese Äußerung habe sich nicht auf uns bezogen, aber Schulenburg sei darauf hereingefallen und habe damit einen Schuh angezogen, der gar nicht für ihn bestimmt gewesen sei, was er nun wirklich nicht ändern könne". Schulenburg erwiderte hierauf, er nehme das gern zur Kenntnis, worauf der Gesetzeshüter rief, ,, er solle sich nur vorsehen und wir alle desgleichen!". ,, Wo denn unsere roten Streifen wären", wollte er plötzlich wissen. Wir entgegneten, wir hätten solche von unserem Lagerführer nicht erhalten und außerdem hätten wir gerade gehört, daß die Verordnung, wonach Männer unserer Abstammung das erwähnte Zeichen zu tragen hätten, aufgehoben und demzufolge der rote Streifen auch in dem Nachbarlager Lenne bereits abgeschafft sei. Der Vertreter der Staatsautorität sah mit Blicken, denen die eines kampfbereiten Stieres nichts nachgaben, von einem zum anderen und polterte los: ,, Ob wir uns einbildeten, mit ihm Schlitten fahren zu können; er kenne die gegen uns ergangenen Gesetze völlig, und von einer Aufhebung der Streifen- Verordnung könne gar keine Rede sein". Da er sich immer mehr in Zorn redete, versuchte ihn Schulenburg zu begütigen, goß aber damit nur Öl ins Feuer. ,, Er sei als Staatsbeamter und Nationalsozialist gewöhnt, stets durch jeden Widerstand und alle Widersetzlichkeit hindurch geradeaus den Weg zu nehmen, der ihm vorgeschrieben sei, und wenn wir glaubten, eine uns betreffende Vorschrift umgehen zu können, so sollten wir mit ihm unser blaues Wunder erleben". Da griff unser Kamerad Mager ein, der nicht nur Kolonialwarenhändler, sondern auch Jäger und als solcher 190 darauf, das näc darauf künftig Damit s Kurven nicht m Diener kenntnis hatte, d Wir H vertraut ganzen nachden kommen men in auf dies Die Olbahn Betrieb kapitali einer s gesellsc einbilden, die och lange mißB alle hier ermeine Freunde enburg, unser derung auf die einem dort benach Duingen Als er unser zubleiben, Als ei, daß wir die Doppelte überestimmung des ager entfernen erklärte er in röffnet worden uns in Zukunft ar sein, daß er Mal tun müsse, würden. Mit aftsführer und eine Äußerung Juden getan er Schulenburg angezogen, der ch nicht ändern zur Kenntnis, en und wir alle wollte er plötzem Lagerführer aß die Verordte Zeichen zu en auch in dem er der StaatsStieres nichts b wir uns eindie gegen uns Streifen- Vermehr in Zorn damit nur Öl gewöhnt, stets urch geradeaus an wir glaubten, sollten wir mit rad Mager ein, und als solcher den persönlichen Verkehr mit Polizeibeamten besonders gewöhnt war. Recht gemütlich sagte er zu dem Tobenden, wir seien in unserer Heimat mit den ,, Herren Wachtmeistern" stets ausgezeichnet ausgekommen und wir könnten durchaus nicht einsehen, warum das nicht auch in Duingen der Fall sein könnte; er wisse ja, daß wir von einer Polizeimannschaft an die Oberweser eskortiert worden seien. Diese Polizisten seien auf unserer Fahrt unsere besten Freunde geworden und wir hätten uns schließlich mit ihnen so kameradschaftlich gestanden, daß wir ihnen ihre Karabiner und sonstigen Waffen getragen hätten, was übrigens eine gelinde Übertreibung war, die aber in diesem Falle angebracht und jedenfalls unschädlich schien. Diese gefühlvolle Ansprache unseres Schicksalsgenossen entwaffnete den erzürnten Hüter der Staatsautorität und ließ seinen Zorn ganz plötzlich verrauchen. ,, Auch er wäre ein Mensch", ließ er sich recht unvermittelt vernehmen und sei gewohnt, menschlich zu denken und zu handeln. Er habe sich deswegen bisher um unser Lager gar nicht gekümmert und gedenke dies auch in Zukunft nicht zu tun, wenn wir uns weiter ordentlich verhielten; er wolle es auch im übrigen bis auf weiteres nicht so genau nehmen, aber mit den roten Streifen müsse es schon irgendwie in Ordnung kommen, und wir sollten unserem Lagerführer, seinem Freund Robert, dies unbedingt berichten und dem Genannten übrigens einen Gruß von ihm bestellen. Mager meinte darauf ,,, wir würden das bestimmt nicht vergessen und die roten Streifen das nächste Mal jedenfalls in der Tasche tragen". Der Gendarm lächelte darauf etwas säuerlich und erklärte nun nochmals ,,, wir sollten uns künftig recht vorsehen, damit er nicht wieder einzuschreiten brauche". Damit setzte er sich wieder auf sein Fahrrad und fuhr in recht seltsamer Kurvenlinie davon. Es hätte der hin- und herwackelnden Lenkstange nicht mehr bedurft, um uns darüber aufzuklären, daß der beflissene Diener des Gesetzes vollkommen betrunken war, da sich uns diese Erkenntnis schon längst aus einem unverkennbaren Alkoholgeruch ergeben hatte, der auch in der kalten Schneeluft nicht so schnell verflog. Wir haben uns natürlich gehütet, unserem ,, Lagerführer" den uns anvertrauten Auftrag zu übermitteln. Tatsächlich haben wir auch von der ganzen Sache nie wieder etwas gehört. Wahrscheinlich ist der Gendarm, nachdem er wieder nüchtern geworden war, zu der Erkenntnis gekommen, daß es doch wohl das beste sei, uns zunächst weiter vollkommen in Ruhe zu lassen. Jedenfalls hat er sich uns in den Wochen, die auf diesen Vorfall folgten, niemals wieder bemerkbar gemacht. 18. Die Ölbahn. Die Kleinbahn Voldagsen- Duingen- Delligsen" war nicht nur als ,, Ölbahn" ein Wehrmachtsunternehmen und damit ein ,, kriegswichtiger" Betrieb, sondern sie war auch außerdem privatwirtschaftlich eine recht kapitalistisch eingestellte Aktiengesellschaft oder wenigstens ein Teil einer solchen. Die Zentralverwaltung der ,, Reichs- Eisenbahn- Betriebsgesellschaft m. b. H.", die mehrere Kleinbahnen außer der unsrigen um191 faßte, befand sich in Berlin. Die von dort her kommenden Weisungen schrieben dem im Bahnhofsgebäude zu Duingen sitzenden Verwalter unserer Bahn in kaufmännischen, sozialen und technischen Fragen alles so detailliert vor, daß unsere Bahnverwaltung ausschließlich ein ausführendes Organ war. Auch unser ,, Arbeitseinsatz" wurde keineswegs nur zu dem ,, kriegswichtigen" Zwecke, zu dem er erfolgt war, sondern außerdem privatkapitalistisch weitgehend ausgenutzt. Für den eigentlichen technischen Zweck, den Fortbestand der Bahn als Ölbahn zu sichern, zu dem wir nach Duingen überführt worden waren, hätte es genügt, den eigentlichen Bahnkörper zu überholen und in Ordnung zu bringen. Wir wurden aber außerdem noch zu Arbeiten herangezogen, die lediglich ,, Schönheitswert" haben konnten, wie z. B. die neben dem Bahnkörper hinführenden Fußwege zu entkrauten und mit Schlacke zu bewerfen oder die Bahnhofsschilder zu erneuern usw. Die privatwirtschaftliche Rechnung der Kleinbahn mit uns ging einfach dahin, unsere Arbeitskraft, welche mit Papiermark und noch dazu auch in dieser lächerlich gering bezahlt wurde, in Sachwerte zu verwandeln. Wie andere Duinger Industriebetriebe war auch die Kleinbahn noch ganz nach frühkapitalistischen Prinzipien aufgezogen, die schon geradezu verstaubt wirkten. Der Satz von zweiundfünfzig Pfennigen die Stunde war keineswegs ein Sondersatz, mit dem nur wir abgespeist wurden, sondern er war der bei der Bahn allgemein geltende Lohnsatz für ungelernte Arbeiter. Dieser Hungerlohn entsprach durchaus den bei der Kleinbahn befolgten Ausbeutungsgrundsätzen, die mit einer kleinlichen Sparsamkeit und einer ständigen Pfennigfuchserei in einer seltenen Verbindung stand. auf Ges ständig Richtlin schäftsr oder zu weise, d leichter unterstü gegen ih mal zu Ehlers verwalt Duinger ging, üb machten steher kindisch Zu den bei der Bahnverwaltung herrschenden ,, Grundsätzen" gehörte es, an Sachwerten, ob es verboten war oder nicht, zu nehmen, was man in der an Ware und Material sehr knapp gewordenen Zeit nur irgend beschaffen konnte. Da die Bahn die ganz erheblichen Mehreinnahmen, die sie aus den Öltransporten im Vergleich zu dem hinterwäldlichen Klingelbahnbetrieb der Friedenszeit hatte, infolge der Hungerentlohnung, die wir erhielten, nur zu einem geringen Teil in unserer Arbeit anlegen konnte, so war sie für weitere Sachwerte, die sich mit Papier bezahlen ließen, sehr empfänglich. Diese verschaffte ihr unser Kamerad Ehlers, den seine Abneigung, mit uns zusammen irgendwelche Kuliarbeit zu leisten, auch nach Duingen begleitet hatte. Er verschaffte der Bahn mehrere Waggonladungen Werkzeuge und Reparaturmaterial und außerdem recht erhebliche Mengen an Generator- Koks. Um diese Lieferungen abzuschließen und zur Verladung nach Duingen zu bringen, befand er sich sozusagen dauernd auf ,, Dienstreisen" und brauchte daher mit uns nicht auf der Strecke zu stehen. Er hat Grepe und Stopfhacke während unserer ganzen Verbannungszeit nicht angerührt. Wenn er einmal nicht gerade auf ,, Dienstreise" war, so saß er in der Baracke und schrieb entweder irgendwelche Berichte oder machte technische Zeichnungen, mit denen er sich, ob sie notwendig waren oder nicht, so lange beschäftigte, bis er wieder auf eine neue ,, Dienstreise" gehen konnte. Die Bahnverwaltung konnte gegen ihn nichts mehr machen, nachdem sie sich einmal 192 wir an hinderte Teil kei Lager z gemeine sondere Wir 1 Leben f Fliegerg deutschl ganze H füllt und nicht w Tiefflieg war die wir die nehmen oder vo wo in B Stunde Luftsch und des und kei an der Heimat der uns auf uns 13, Imi's den Weisungen den Verwalter :n Fragen alles Blich ein aus- rde keineswegs t war, sondern ür den eigent- als Ölbahn zu »n, hätte es ge- Ordnung zu rangezogen, die lie neben dem nit Schlacke zu y. Die privat- einfach dahin, dazu auch in wandeln. Wie Klingel" a ohnunß, die t anlegen rbei auf Geschäfte mit ihm eingelassen hatte, Denn er hatte sie damit voll- ständig in seiner Hand, da es natürlich den von der Gestapo gegebenen Richtlinien stracks zuwider lief, einen Mann aus unserer Schar als„Ge- schäftsreisenden” zu beschäftigen und gar Geschäfte mit ihm zu machen oder zum mindesten durch ihn vermitteln zu lassen. Ehlers Handlungs- weise, der damit aus freien Stücken, nur um selber persönlich einige Er- leichterung zu haben, einen Kriegsbetrieb des Dritten Reiches nachhaltig unterstützte, wurde allgemein abgelehnt. Es sammelte sich unablässig gegen ihn Antipathie wie ein Zündstoff an, der später unausbleiblich ein- mal zu einer Explosion führen mußte. Ehlers, der ständig als„feiner Mann“ herumlief, wurde von der Bahn- verwaltung entsprechend respektiert, während uns„Rottenarbeiter” der Duinger Bahnleiter Sachse, wenn er einmal an unserer Baustelle vorbei- ging, überhaupt nicht sah, da er dann geflissentlich zur Seite blickte. Dies machten ihm die höheren Bahnbeamten, insbesondere der Bahnhofsvor- steher von Duingen, ein kleiner Mann, der auf seine große rote Mütze kindisch stolz war, nach: Auch er nahm keinerlei Notiz von uns, wenn wir an ihm vorübergingen. Dies Benehmen der„höheren Beamten hinderte aber eine ganze Anzahl der unteren Beamten, die zum großen Teil keine Nazis waren, nicht daran, uns nach Feierabend in unserem Lager zu besuchen und mit uns im Gespräch über die Weltlage im all- gemeinen und die Duinger Verhältnisse und Begebenheiten im be- sonderen oft stundenlang auf unserer Bude zu sitzen. 19. Sorgen nach Haus. Wir lebten in Duingen, abgesehen von unserem Sonderschicksal, ein Leben fast außerhalb des Krieges. Die britischen und amerikanischen Fliegergeschwader nahmen zwar bei ihren Rieseneinflügen nach Mittel- deutschland gewöhnlich den Weg über die Oberweser. Tags war oft der ganze Himmel über unserem Tal von Bomben- und Jagdgeschwadern er- füllt und unsere Nächte waren voll von Motorengeräusch. Wir haben uns nicht weiter darum gekümmert. Ebenso wie wir am Tage, auch als die Tieffliegergefahr größer wurde, auf der Strecke weiterarbeiteten— es war dies eine der für uns bestehenden Sondervorschriften—, schliefen wir die Nächte, ohne von den dauernden Fliegeralarmen Notiz zu nehmen, Wenn aber der und jener von uns einmal von der Alarmsirene oder vom Motorengebrumm aufwachte, dachte er mit Sorgen nach Haus, wo in Bremen oder Wesermünde seine Angehörigen, sofern ihnen bis zur Stunde nichts geschehen war, wahrscheinlich wieder die halbe Nacht im Luftschutzbunker sitzen mußten, Die Sorge um das Schicksal der Familie und des Heims verließ uns, solange wir wach waren, natürlich keinen Tag und keine Stunde, und wir waren hier in derselben Lage wie die Soldaten an der Front, ja insofern noch in einer viel schlimmeren, als wir unsere Heimat und unsere Lieben unablässig in Gefahr wußten für einen Staat, der uns geächtet hatte, Jede Nachricht über einen neuen Bombenangrifi auf unsere Heimatstadt steigerte die dauernden Befürchtungen ins Viel- 13„‚Imi's' 193 fache, und sehr oft war es so, daß, wenn ein Brief von zu Hause vorlag, wonach Familie und Haus bei einem bestimmten Angriff verschont geblieben waren, bereits wieder ein neuer Angriff oder sogar mehrere davon im Wehrmachtbericht gemeldet waren. - Es gab bei vielen unserer Schicksalsgenossen aber auch noch Sorgen ganz anderer Art, die schon in Farge hervorgetreten waren und jetzt, je länger unser Abenteuer dauerte, ins Vielfache vergrößert, wiederkehrten. Diejenigen von uns und das war die Mehrzahl, die zum Unterhalt ihrer Familien auf ihr tägliches Arbeitseinkommen angewiesen waren, konnten mit dem Lohn von zweiundfünfzig Pfennigen die Stunde Frau und Kinder in Bremen und Wesermünde bei weitem nicht ernähren. Dieser Lohn hätte kaum ausgereicht, um in der viel billigeren Gegend von Duingen mit Hilfe einer kleinen Landwirtschaft das Leben einer Familie auf primitivste Weise zu fristen. Für Städte wie Bremen und Wesermünde, wo die Mieten verhältnismäßig recht hoch waren und eine Unterstützung durch Selbstanbau von landwirtschaftlichen Erzeugnissen praktisch so gut wie ausschied, lag unser Arbeitslohn weit unter dem Existenzminimum. Infolgedessen wurde die Frage, welchen Ausgleich die staatlichen Stellen bei unserer ,, Dienstverpflichtung" zahlten, immer brennender. Diese Frage ist während unserer ganzen Verbannungszeit aber nicht zu klären gewesen. Diejenigen Stellen, die unsere Festnahme veranlaẞt hatten, also in erster Linie die Reichsführung SS., die Parteikanzlei und die Gestapo, wollten keinerlei staatliche Zahlung an unsere Angehörigen. Wie dies aber im Dritten Reich öfter war, wagte man das Äußerste, was man in einem gewissen Falle tat, nicht rund heraus zuzugeben, und so gab es zwischen unserer Kameradschaftsführung, die sich immer wieder nachhaltig um die Sache bemühte, und zahllosen Behörden endlose Verhandlungen, die immer wieder negativ endeten. Die Arbeitsfront in Duingen, die nicht grundsätzlich abgelehnt hatte, uns zu ,, betreuen", verwies uns an das Arbeitsamt in Alfeld. Dieses erklärte sich zunächst für unzuständig und verwies uns an unsere Heimat- Arbeitsämter, also vorzugsweise Bremen und Wesermünde. Dort wurde erklärt, die Ämter für Familienunterhalt, welche die nächsten Angehörigen der zum Wehrdienst einberufenen Soldaten zu versorgen hätten, seien zuständig, da wir als OT.Angehörige wenigstens mittelbar der Wehrmacht zugerechnet werden müßten! Das Amt für Familienunterhalt in Wesermünde zahlte zunächst in einigen Fällen den vollen Unterhaltsbetrag, der sich bei Einberufung unserer dort beheimateten Schicksalsgenossen zum Wehrdienst ergeben hätte, aus, während das Bremer Unterhaltsamt, das hierüber gewisse geheime Richtlinien zu haben behauptete, nur einen geringen Bruchteil des normalen Unterstützungsbetrages zahlte. Beide Ämter erklärten dann aber alsbald, daß sie überhaupt nicht zu zahlen hätten, da wir als ,, Sonderdienstverpflichtete" keine ,, richtigen" OT.- Angehörigen seien und damit auch hinsichtlich der Unterstützung unserer Familien nicht als Soldaten behandelt werden könnten. Unser Kameradschaftsführer wandte sich nochmals an unsere heimatlichen Arbeitsämter, die sonst im Falle einer Dienstverpflichtung, durch die das bisherige Einkommen des Be194 troffe punk mals lich Dien seien unse dort seln gese bei Sach Kam in H über grabe Es w einric lichk in Al seien tunge sucht daß stelle Tasc erga wer des" wirk dari setz kom dess Ver zu hab zah Unt sch keit Nat Not Hilf Wa A dur 13 zu Hause vorlag, ff verschont gegar mehrere dach noch Sorgen ren und jetzt, je wiederkehrten. e zum Unterhalt gewiesen waren, die Stunde Frau at ernähren. Dieren Gegend von en einer Familie men und Weserund eine Unterzeugnissen praker dem Existenzgleich die staatimmer brennengszeit aber nicht mahme veranlaßt arteikanzlei und ere Angehörigen. us Äußerste, was eben, und so gab mer wieder nachendlose Verhand Front in Duingen, troffenen vermindert wurde, stets einen nach bestimmten Gesichtspunkten abgestuften Härteausgleich zahlten. Die Behörden wurden nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß nicht der mindeste Anlaß ersichtlich sei, von dieser auf Gesetz beruhenden Übung im Falle unserer Dienstverpflichtung abzusehen. Die Arbeitsämter erwiderten darauf, wir seien durch sie nicht dienstverpflichtet, sondern durch die Gestapo zu unserem Arbeitseinsatz herangezogen worden; wir müßten uns daher dorthin wenden. Auf der Bremer Gestapo zuckte man natürlich die Achseln und erklärte, man hätte mit uns überhaupt nichts mehr zu tun, abgesehen davon, daß die Gestapo kein Wohlfahrtsunternehmen sei, woran bei uns allerdings auch kein Zweifel bestanden hatte. Es sei unsere Sache, die Angelegenheit bei der OT. in Hannover zu regeln. Als unser Kameradschaftsführer nun mit der Sache zu der Einsatzgrupe Kyffhäuser in Hannover kam, wußte man dort wieder einmal von unserer Existenz überhaupt nichts und mußte sich erst auf Grund einer sehr tief ausgegrabenen, verstaubten Akte mühsam an unser Duinger ,, Idyll" erinnern. Es wurde dann unserem Kameradschaftsführer erklärt, die Wohlfahrtseinrichtung der OT. käme für uns keineswegs in Frage. Die einzige Möglichkeit, die Sache zu regeln, bestehe darin, daß wir uns vom Arbeitsamt in Alfeld Dienstverpflichtungen für die Bahn, bei der wir beschäftigt seien, besorgten und auf Grund dieser arbeitsamtlichen Dienstverpflichtungen dann bei unseren Heimatarbeitsämtern den Härteausgleich nachsuchten. Das Arbeitsamt in Alfeld war recht überrascht, zu vernehmen, daß wir nun schon über fünf Monate von unseren früheren Arbeitsstellen entfernt waren, ohne überhaupt eine Dienstverpflichtung in der Tasche zu haben. Es wurden dicke Kommentare gewälzt, aus denen sich ergab, daß Juden im arbeitsrechtlichen Sinne nicht dienstverpflichtet werden konnten, daß dies dagegen bei ,, Judenmischlingen I. und II. Grades" möglich sei. Die Frage, ob diese Möglichkeit in unserem Falle verwirklicht werden könnte, hat das Arbeitsamt in Alfeld, das sich vorher darüber natürlich wieder mit der Gestapo in Hildesheim in Verbindung setzen wollte, nicht mehr zu entscheiden brauchen, da der inzwischen kommende Zusammenbruch des Dritten Reiches auch dieses ,, Problem" desselben begrub. Es besteht kein Zweifel daran, daß auch unser letzter Versuch, den notleidenden Familien der Mehrzahl unserer Kameraden zu helfen, gescheitert wäre, da es die Gestapo ohne Frage abgelehnt haben würde, einer Dienstverpflichtung, die zu einer Unterstützungszahlung an unsere Familien führen mußte, zuzustimmen. Die auf die Unterstützung angewiesenen Angehörigen unserer Schicksalsgenossenschaft hätten in der Zeit, in der die vorstehend geschilderte Zuständigkeitskomödie spielte, mehrfach verhungern können. Die Katastrophe des Nationalsozialismus kam aber noch so zeitig, daß sich wohl alle die in Not befindlichen Familien, denen auch die NSV. nicht mehr half, mit Hilfe von Verwandten und guten Freunden noch gerade haben über Wasser halten können. en", verwies uns t für unzuständig so vorzugsweise ter für Familienehrdienst einbe da wir als OT erechnet werden zahlte zunächst bei Einberufung hrdienst ergeben über gewisse geen Bruchteil des erklärten dann da wir als„ Sonen seien und da en nicht als Sol ftsführer wandte e sonst im Falle kommen des Be Auch in dieser Sache lag System: Es war dies ein Kapitel des wohldurchdachten Planes, uns unseren Familien völlig zu entfremden. Die 13" 195 arischen Frauen von uns Imis sollten auch auf diesem Wege zu der„Ein- sicht” gebracht werden, daß sie sich von ihren Männern, die für sie und ihre Kinder nicht mehr sorgen konnten, trennen müßten. Auch dieses Mittel hätte aber, wie ich unsere Schicksalsgenossenschaft und deren Frauen kennengelernt habe, allerdings auch bei längerer Dauer des Dritten Reiches durchweg nicht verfangen. 20. Feme. Zwei der unseren, nämlich der Chauffeur Welicki aus unserer„Elite- stube” und der Bulldoggfahrer, frühere Hafenarbeiter und Cafehaus- musiker Weiß, wandelten derart intensiv auf Liebespfaden, daß sie zu einer Gefahr für das ganze Lager wurden, Abgesehen davon, daß dieses Beispiel zweier älterer Schicksalsgenossen von unserer Lagerjugend sehr bald nachgeahmt werden konnte, wobei unser ganzes kleines Staats- wesen zu Bruch gehen mußte, hätte es schon genügt, wenn der eine oder andere der beiden Übeltäter gefaßt oder denunziert worden wäre, um uns allen endgültig den roten Streifen zu bescheren und das Lager- tor wohl für dauernd zu verschließen. Wir waren also gezwungen, ein- zugreifen und das„Iribunal” erstmalig zu einer seinem an sich miß- verständlichen Namen entsprechenden Wirklichkeit zu machen. Wir beraumten eines Abends in unserer Stube eine„Gerichtssitzung'' an, zu der unser ganzes Lager erschien, zu Anfang nur mit Ausnahme des „Angeklagten Weiß, der vorgegeben hatte, noch einen notwendigen Gang tun zu müssen, aber mit dem Versprechen, rechtzeitig wieder zur Stelle zu sein, fortgegangen war. Unsere Justiz verlief halb im Stil der mittelalterlichen Feme und halb in dem eines„Schöppenamtes” unter der Gerichtslinde eines der Schweizer Urkantone, Um eine„Feme” handelte es sich insofern, als niemand außerhalb des Lagers und vor allem nicht die Bahnverwaltung und unser sogenannter Lagerführer etwas von der Sache wissen durfte, Wir waren also ein ebenso„heim- liches Gericht”, wie weiland die in einer dunklen Höhle unter finsteren Vermummungen versammelten Freigrafen der„Roten Erde”. An Uri, Schwyz oder Unterwalden von ehedem erinnerte die Tatsache, daß unsere gesamte Bürgerschaft, um„das Recht zu finden”, zusammentrat, und ich glaube gehört zu haben, daß sogar heute noch in den Kantonen Glarus oder Appenzell die gesamte Volksgemeinde„umgeschnallt" auf dem Marktplatz erscheint, um über Gesetze und Rechtssprüche zu be- raten, abzustimmen und zu beschließen. So altertümlich, wie es zunächst den Anschein haben konnte, war also unser improvisiertes Gericht nicht einmal, Der Fall Welicki lag recht einfach, da der Angeklagte zum großen Teil geständig war, und im übrigen auch nicht schwer. Welicki war mit seinem Schifferklavier in das Polenlager, und zwar natürlich in die Ba- racke gegangen, in der die ebenso feurigen wie meist auch hübschen Polenmädchen wohnten, Dort hatte er zur Freude der Weiblichkeit von der Weichsel die drei Schlager vorgespielt, die er spielen konnte, Mehr 196 wollt sageı bis: sich uns unse stun eina dies über erns ungl: Trib zu b und melt: Frau Word Wes Wan meh; Uns auff nich alle ein /ege zu der„Ein- n, die für sie und Auch dieses t und deren serer Dauer des s unserer„Elite. r und Cafehaus- en, daß sie zu von, daß dieses serjugend sehr 4 ; kleines Staats‘ wenn der eine ‚rt worden wätt, n und das Lager gezwungen, air em an sich mil ‚ machen. Wir ei 7 wollte er dort nicht veranlaßt haben, obwohl er, wie durch Zeugenaus- sagen festgestellt wurde, den ganzen Sonntagnachmittag und-abend bis spät in die Nacht aus unserem Lager abwesend gewesen war und sich hierfür mit irgendeinem Alibi nicht entlasten konnte, Nun war es uns zwar aus eigener nicht restlos freudiger Erfahrung bekannt, daß unser Chauffeur, wenn er einmal in Stimmung war, seine drei Schlager stundenlang in ständiger Wiederholung immer wieder von vorne hinter- einanderher spielen konnte. Aber es erschien doch unglaubhaft, daß er dies bei längerer Dauer ziemlich grausame Spiel in der Polinnenbaracke über einen halben Tag getrieben haben sollte, Es wurde ihm daher sehr ernst zum Bewußtsein gebracht, daß seine Darstellung in diesem Punkte unglaubhaft erscheine, Trotzdem empfahlen Kameradschaftsführer und Tribunal, den Delinguenten nur mit einer nachdrücklichen Verwarnung zu bestrafen, da dieser immerhin aufrichtige Reue über seinen Fehltritt und die Schwäche, die zu ihm geführt hatte, gezeigt habe. Die versam- melte„Bürgerschaft” stimmte dem einhellig zu, und unser schöner Frauenliebling kam so mit einem blauen Auge davon. Die ihm zuteil ge- wordene Verwarnung hat auch Erfolg gehabt, Ich glaube zwar bei seiner Wesensart nicht, daß er es aufgegeben hat, auf verbotenen Pfaden zu wandeln, aber er hat sich danach so vorgesehen, daß niemand von uns mehr etwas„Nachteiliges” an seinem Wandel bemerkt hat. Wir konnten uns später jedenfalls damit beruhigen, daß, was uns auf die Dauer nicht auffiel, auch von dem Gendarm oder anderen mißgünstigen Beobachtern nicht bemerkt werden würde. Weiß war inzwischen draußen um die Baracke geschlichen, was wir allerdings alsbald gemerkt hatten. Dieser„Delinquent”, obwohl geradezu ein Bär von Gestalt, hatte derartige Angst vor der ihm bevorstehenden Gerichtsverhandlung, daß er zunächst einmal als„Lauscher an der Wand" von außen her vernehmen wollte, was mit dem anderen Gesetzes- verletzer geschah, immerhin ein deutlicher Beweis dafür, welche Auto- rität unsere„Staatsführung” und ihr„Gericht‘‘ damals in unserem Haufen noch hatte, Als Weiß in unsere mit der ganzen Lagerinsassenschaft voll- gepackte Stube eintrat, wurde er von der„Volksgemeinde” mit Hohn- gelächter empfangen und mit Spott überschüttet, Von Lüders, der an diesem Abend dem Tribunal präsidierte, wurde er ernst und drohend darauf hingewiesen, daß er sich durch sein recht klägliches Verhalten von vorneherein schuldig bekannt habe. Der Fall Weiß lag erheblich schwerer als der Fall Welicki, zumal der Beschuldigte zu leugnen ver- suchte, Er war an einem frühen Sonntagmorgen um fünf Uhr im Bahnhof Duingen von mehreren Kameraden, die gleich ihm auf eine Sonntagsfahrt gehen wollten, bei der Lösung einer Fahrkarte nach Nordstemmen be- troffen worden, An dem Billettschalter hatte noch eine recht rassig aus- sehende Frau gestanden, die, wie sich später herausstellte, eine polnische Dolmetscherin aus einem der bei Duingen errichteten Ausländerlager war. Auch sie hatte eine Fahrkarte genommen, Weiß und die Polin hatten innerhalb des Bahnhofs so getan, als ob sie sich überhaupt nicht kannten, Als dann der Sonntagmorgenzug unserer Kleinbahn eingebraust 197 war, hatten Weiß und seine Dulcinea sich trotz der herrschenden Fin- sternis alsbald in einer möglichst dunklen Wagenecke zusammengefun- den, In Voldagsen, wo unsere Kleinbahn in die Reichsbahn mündete, hatten die Kameraden, die nach Hameln umstiegen, das Paar aus den Augen verloren, Als sie dann von der Rattenfängerstadt zurückkommend, spät abends den Warteraum von Voldagsen betraten, da der letzte Klein- bahnzug erst in einiger Zeit nach Duingen herauffuhr, sahen sie Weiß und seine Polin im vertrauten Gespäch an einem Tische sitzen. Auf der Rückfahrt nach Duingen hatte sich das Paar wieder auf eine möglichst dunkle Bank zurückgezogen, Die Folgerungen, die sich aus diesem von Augenzeugen bekundeten Sachverhalt ergaben, lagen klar auf der Hand, Es kam hinzu, daß Weiß mir vorher, als ich ihm die Sache vorhielt, zu- gegeben hatte, daß er die Polin schon vor der sonntäglichen Fahrt ge- kannt habe und mit ihr des öfteren im Walde bei Duingen zusammen- getroffen sei, und zwar, wie er behauptete,„um von ihr, die mancherlei Sprachen verstehe, russisch zu lernen”, Trotzdem stritt der„Angeklagte” nun hartnäckig alles ab. Nach Nordstemmen sei er allein und lediglich zu dem Zweck gefahren, seine dort wohnende Schwiegermutter zu be- suchen; die Polin habe er rein zufällig getroffen und erst an dem Sonn- tagmorgen kennengelernt. Er habe sich genau an unsere Richtlinien ge- halten, indem er nicht gerade„spröde” gewesen sei, im übrigen aber keinerlei Verstoß begangen. Daß er die Polin, die gar nicht nach Nord- stemmen, sondern nach Hildesheim gefahren sei, abends in Voldagsen wiedergetroffen hätte, sei ein reiner Zufall gewesen, der sich leicht dar- aus erkläre, daß eben fast jeder, der aus einem Lager des Sonntags von Duingen fortfahre, es so einrichte, daß er dorthin erst mit dem letzten Zuge zurückkomme, Auf meine Bemerkung, daß ja seine jetzige Erzäh- lung seiner eigenen mir früher gegebenen Darstellung widerspreche, wo- nach er die Polin schon länger gekannt habe und mit ihr zusammen- getroffen sei, um von ihr russisch zu lernen, suchte sich Weiß mit der Ausflucht zu retten,„er habe mir mit dem, was er mir da früher vor- geredet habe, einen Hasen gebraten”, Damit war das Maß nun aller- dings für diesmal voll, und es brach über Weiß von allen Seiten ein schlimmes Gewitter herein, Lüders erklärte mit Stentorstimme,„die ganze Lügengeschichte, die er uns da aufzutischen suche, sei nicht nur eine klägliche Erfindung, sondern uns allen gegenüber eine unerhörte Unverschämtheit; wenn er uns schon alle durch sein unverantwortliches und ebenso unvorsichtiges wie törichtes Benehmen in Gefahr gebracht habe, so schlage es nun geradezu dem Faß den Boden aus, wenn er es wage, uns als seinen Kameraden auch noch Märchen aufbinden zu wollen." Unser Kameradschaftsführer Schulenburg griff ein und meinte, es sei allerdings ein starkes Stück, unserer Urteilskraft zuzumuten, daß Weiß sein Versteckenspiel am Sonntagmorgen im Bahnhof Duingen vor seinen ihn begrüßenden Kameraden mit der Polin nur dazu getrieben habe, um ohne dieselbe nach Nordstemmen zu fahren und dort bei einer alten Frau als höflicher Schwiegersohn Visite zu machen, Weiß, ein Mann wie ein Schrank, fiel gleich einem Sack in sich zusammen und bat, 198 als bun vor aus ma ma stei Für nac . errschenden Fin- zusammengefun- hsbahn mündete, Paar aus den ckkommend, der letzte Klein- sahen sie Wei e sitzen, Auf der ıf eine möglichst aus diesem vot auf der Hand, e vorhielt, zu chen Fahrt ge: gen zusammen r, die mancherle der„Angeklagte ein und lediglich sermutter ZU ber ‚st an dem Son als sich alle derartig gegen ihn wandten, reumütig um Gnade. Das Tri- bunal verhängte über ihn außerhalb der Arbeitszeit einen Stubenarrest von sieben Tagen und entließ ihn mit der Verwarnung, daß er unfehlbar aus der Kameradschaft ausgeschlossen werden würde, wenn er noch ein- mal nach der gerügten Richtung in irgendeiner Weise auffalle. Der Ge- maßregelte ging recht gebrochen fort und hat sich gleichfalls in der näch- sten Zeit nach dieser denkwürdigen Gerichtssitzung sehr vorgesehen. Für einige Wochen war jedenfalls die„Staatsautorität” durch dieses nächtliche Femegericht erheblich gefestigt. 21. Krähwinkliges. Einer meiner guten Bekannten in Bremen, der abstammungsmäßig in der gleichen Lage wie ich, bereits durch das Arbeitsamt„zur OT. ein- gezogen” worden und in einem rheinländischen Zwangsarbeitslager ge- wesen war, bis es ihm auf verschiedenen Schleichwegen gelang, sich als „Einkäufer” in die Bremer OT.-Leitung versetzen zu lassen, hatte in Duingen eine richtiggehende Tante, deren Sohn, ein Dr. Zick, einer der „Großindustriellen’ der Stadt war und in derselben eine große Holzhand- lung sowie in der näheren Umgebung eine Kiesgrube betrieb, Mein Bremer Bekannter schrieb mir, ohne daß ich ihn irgendwie darum ge- beten hätte, er habe seine Duinger Verwandten aufgefordert, sich meiner anzunehmen, und ich möchte doch bei Dr. Zick und dessen Mutter als- bald einen Besuch machen, Ich überlegte mir die Sache. Auf der einen Seite erschien es mir von vorneherein nicht zweckmäßig, eine Verbin- dung mit der Duinger Bürgerlichkeit zu suchen, obwohl dieselbe in die- sem Falle räumlich besonders leicht herzustellen war, da die recht be- häbige Villa des Dr. Zick sozusagen vor der Türe unseres Lagers lag und von diesem im wesentlichen nur durch den Bahnkörper getrennt war. Jeden Morgen, wenn wir zu unserem Arbeitsplatz gingen, kamen wir an dem Hause vorüber, und von unserer Baustelle aus konnte ich den gan- zen Tag in den schönen und damals nur recht winterlichen Garten sehen, der hinter der Villa lag und einen ebenso wohlhabenden Ein- druck wie diese machte, Bei aller meiner Unlust, mich diesem Hause noch mehr, als es ohnehin der Fall war, zu nähern, sagte ich mir auf der anderen Seite, daß ich meinen Bremer Bekannten, der es recht gut ge- meint hatte, kränken könnte, wenn ich seine Aufforderung unbeachtet ließe, Da es mir in Anbetracht der Verhältnisse, unter denen wir in Duingen leben mußten, nicht angebracht erschien, einem Manne, den ich noch gar nicht kannte, so einfach ins Haus zu fallen, schrieb ich an Dr, Zick einen Brief, in dem ich mich auf seinen Verwandten und dessen Hinweis bezog, ihm ferner mitteilte, wer ich sei und damit schloß, daß ich gerne bereit sei, ihm über die jüngsten Schicksale seines Vetters, dessen mir aufgetragene Grüße ich bestellte, gelegentlich nähere Mit- teilung zu machen, wenn ihn dies interessieren sollte. Auf diesen Brief habe ich niemals eine Antwort erhalten. Mit einer Einladung hatte ich, wie die Dinge lagen, von vorneherein selber nicht gerechnet. Aber ein 199 höflicher, meinetwegen schriftlicher Dank für die Herrn Dr, Zick über- mittelten Grüße wäre nach jedem Knigge doch wohl unerläßlich gewesen. Aber die„nationalsozialistische Weltanschauung” oder richtiger die Angst, für keinen guten Nationalsozialisten gehalten werden zu können, ging für jeden Angehörigen der Duinger Hautevolee einer Rücksicht- nahme auf die allgemeinen Umgangsformen der gesitteten Welt bei weitem vor. Daß Dr, Zick sein Verhalten selbst als nicht gerade kom- mentmäßig empfand, war aus der Tatsache ersichtlich, daß er hinten herum versuchte, mich zu protegieren, Unser sogenannter Lagerführer und Küchenchef war nämlich zugleich Chauffeur bei ihm, Dieser er- schien eines Tages in unserer Baracke und sagte ohne jede Einleitung in seiner großartigen Weise zu mir:„Sie brauchen keine Streckenarbeit mehr zu leisten, denn Sie kommen schon in den nächsten Tagen bei der Bahnverwaltung oder bei Dr. Zick aufs Büro!” In diese großzügige An- kündigung war auch mein Kamerad Thoms inbegriffen, der allerdings als Schwerkriegsbeschädigter bei der Bahn schon insofern einen ganz er- träglichen Posien erhalten hatte, als er an dem vor unserem Lager lie- genden Bahnübergang den Schrankenwärterdienst zu versehen hatte, der ihn bei der recht geringen Anzahl der täglich hin- und herfahrenden Züge so wenig belastete, daß er in recht kurzer Zeit den ganzen Faust in der von mir entliehenen Taschenausgabe ausgelesen hatte. Aus der ganzen Ankündigung unseres Lagerführers wurde, wie wir von Anfang an vorausgesehen hatten, sowenig wie aus seinen früheren Ankündigun- gen, nämlich gar nichts. Entweder hatte Dr, Zick mir auf diesem billigen Wege lediglich seine offiziell nicht verlautbarungsfähige freundschaft- liche Gesinnung zum Bewußtsein bringen wollen, oder er und die Bahn- verwaltung hatten alsbald wieder Angst vor der Gestapo bekommen, nach deren Richtlinien allerdings eine Beschäftigung von Imis im Büro- dienst prinzipiell untersagt war. Ähnlich wie Dr. Zick verhielt sich der Bahnverwalter Sachse. Als ich ihn einmal im Bahnhofsgebäude traf, verbeugte er sich zuvorkommend, sagte„Herr Doktor” und„Herr Direktor” zu mir, nötigte mich in sein Amtszimmer und dort sogar in einen allerdings vom Zahn der Zeit etwas angefressenen Klubsessel, um mit mir eine allgemeine Höflichkeitsunter- haltung zu führen, die schließlich in einem recht nichtssagenden Ge- spräch über die Bodenseegegend gipfelte, die uns beiden von Sommer- reisen her bekannt war. Der ganze Zweck der Unterredung bestand offenbar ausschließlich darin, mir mit äußerster Vorsicht und darum nur höchst andeutungsweise Kenntnis davon zu geben, daß die Bahn mich mit einigen weiteren hierfür in Frage kommenden„Herren, nachdem es mit dem Büro nichts geworden sei, gerne als Zugführer und Zugkon- trolleure eingesetzt haben würde,„was aber leider gleichfalls nicht zu- lässig sei”. Ich dankte Herrn Sachse für seine freundlichen Absichten, ohne etwas darüber zu äußern, daß mir bekannt sei, woher diese ebenso liebenswürdige wie taube Anregung, die gleichfalls von Dr, Zick stammte, gekommen sei. Wenn ich Sachse außerhalb des Bahnhofsgebäudes irgend- wo begegnete, schnitt er mich nach wie vor, denn es hätte ihm ja schaden 200 au La gen alle Sch bea rich Lag eig ofie ein bei die „V sc} scl m; Dr. Zick über-läßlich gewesen. er richtiger die den zu können, einer Rücksichtteten Welt bei cht gerade kom, daß er hinten mter Lagerführer ihm. Dieser erjede Einleitung Streckenarbeit n Tagen bei der großzügige Aner allerdings als einen ganz erserem Lager liesehen hatte, der nd herfahrenden en ganzen Faust hatte. Aus der wir von Anfang en Ankündigundiesem billigen ge freundschaftr und die Bahntapo bekommen, n Imis im BüroSachse. Als ich zuvorkommend gte mich in sein n der Zeit etwas öflichkeitsuntertssagenden Geen von Sommerrredung bestand und darum nur die Bahn mich erren", nachdem rer und Zugkonchfalls nicht zuchen Absichten, her diese ebenso Dr. Zick stammte, gebäudes irgend ihm ja schaden können, wenn irgendein anderer weitererzählt hätte, daß er mit einem Imi einen Gruß getauscht hätte. Der Engstirnigkeit der ,, höchsten Spitzen" der Duinger ,, Gesellschaft" entsprach der geistige Habitus der gesamten Einwohnerschaft. Wir nannten den Ort unter uns meist nur noch ,, Doofingen". Was dort an törichtem Klatsch besonders über uns geleistet wurde, überstieg alles auch in einer Kleinstadt sonst übliche Maß. Es konnte sich in unserem Lager nicht das belangloseste Vorkommnis ereignen, ohne daß ,, Doofingen" sich hierüber erregte und wir schon nach wenigen Stunden und allerspätestens am folgenden Tage beim Bäcker, beim Schlachter, beim Schuster und beim Gemischtwarenhändler oder auch von den Bahnbeamten, mit denen wir in Berührung kamen, einen völlig verzerrten Bericht über den Vorfall zu hören bekamen. Beispielsweise war in unserem Lager einmal berechtigterweise darüber gesprochen worden, daß es eigentlich doch recht leichtsinnig von uns sei, mit offenem Lagertor und offenen Barackentüren zu schlafen; man solle doch wenigstens nachts eine der Türen verschließen. Am nächsten Tage hieß es in ganz Duingen, bei uns sei der finstere Plan aufgetaucht, einen Handstreich auf die Stadt zu vollführen und uns gewaltsam in deren Besitz zu setzen; wenn die ,, Landwacht", wie sie damals noch an Stelle des später auftretenden ,, Volkssturmes" hieß, uns bei unserem hochverräterischen Unterfangen in die Enge treiben würde, gedächten wir, uns in unserem Lager zu verschanzen und dasselbe bis zum letzten Mann zu verteidigen! Wir waren und blieben für den recht dörflichen Ort eben trotz aller scheinbarer Harmlosigkeit finstere und gefährliche Existenzen, von denen man sich nichts Gutes zu versehen hatte. 22. Betriebsappell. An einige Beamte unserer so ,, kriegswichtigen" Bahn sollte das Kriegsverdienstkreuz verliehen werden. Aus diesem feierlichen Anlaẞ wurde in der Eisenbahnwerkstatt auf dem Duinger Bahnhof ein Betriebsappell angesetzt. Zu der Feierlichkeit hatten sich ein Ministerialrat aus dem Reichsverkehrsministerium und ein Oberregierungsrat von der Zentralleitung der Reichseisenbahnbetriebsgesellschaft in Berlin angesagt, welche die zu verleihenden Auszeichnungen mit sich führten. Zur Leitung des feierlichen Betriebsappells hatte ferner der Bahnmeister Schwerteisen, der neben der technischen Oberleitung der Duinger Bahn zugleich noch diesen Posten bei einer anderen Kleinbahn versah und in Bodenwerder an der Weser wohnte, sein Erscheinen angekündigt. Hätten wir diesen Mann vorher gekannt, wären wir dem Appell von vorneherein ferngeblieben. Wir hatten ihn in Duingen aber bisher noch nicht erlebt, da er gerade damals unsere Bahn wenig besuchte. Sämtliche Bahnbeamten, mit denen wir bis dahin in Berührung gekommen waren und besonders unsere Rottenführer hatten geradezu einen tödlichen Respekt vor diesem Vorgesetzten und zitterten sozusagen bei Tag und Nacht vor ihm, worüber wir schon oft gelächelt hatten. 201 Zu dem Betriebsappell war die ganze Belegschaft der Bahn aufgefordert, zu erscheinen, soweit sie im Bahnhof oder in der Nähe des Bahnhofs arbeitete. Wir hatten an sich natürlich nicht die geringste Meinung, der betreffenden Feierlichkeit beizuwohnen und sagten unserem Rottenführer, wenn wir nun auch in der Nähe des Bahnhofs arbeiteten, seien wir doch wohl im Sinne der betreffenden Aufforderung nicht als Belegschaft der Bahn anzusehen. Unser Rottenführer Gross erwiderte darauf, selbstverständlich seien wir Belegschaft der Bahn, und der Bahnmeister könne es recht übel vermerken, wenn wir entgegen der ausdrücklichen Aufforderung dem Appell fernblieben. Dies könne sogar im Hinblick auf den Zweck des Appells als eine Gehässigkeit angesehen werden, was uns sehr schaden könne. Dies war allerdings für uns nicht ausschlaggebend, sondern wir entschlossen uns deshalb, unserem Rottenführer, der bereits sichtbar in dem Gedanken bebte, er könne ,, von oben" für ein ,, renitentes" Verhalten ,, seiner Leute" verantwortlich gemacht werden, den Gefallen zu tun, weil wir damit an dem betreffenden Tage immerhin ein bis zwei öde Arbeitsstunden loswerden konnten. Wir gingen also in die Werkstatt, wo wir mit unseren dort beschäftigten Schicksalsgenossen zusammentrafen. Außer uns waren nur noch die beiden Beamten, die für Verdienste, von denen sie selbst wohl nichts wußten, dekoriert werden sollten, und außerdem noch drei bis vier weitere Beamte zur Stelle. Der Zug mit den ,, hohen Herren", nämlich dem Bahnmeister und den beiden Berliner Würdenträgern lief ein. Vor den beiden anderen Größen her erschien der Bahngewaltige Schwerteisen, auf einen dicken Knotenstock gestützt, in dem schmierigen und rußigen Raum, der aus dem feierlichen Anlaß kein bißchen festlicher aussah als sonst. Als Schwerteisen, den Hut auf dem Kopfe, uns sah, färbte sich sein gewalttätiges Gesicht dunkelrot. Er nahm unseren Rottenführer recht unsanft am Rockknopf, riß ihn in eine Ecke und herrschte ihn, indem er mit seinem dicken Knüppel auf unsere Schar deutete, mit halblauter Stimme an: Wer sind die!?" Nachdem Gross ihm in devoter Haltung, halb stotternd, halb flüsternd, kurz berichtet hatte, reckte sich der Bahnmeister mit finsteren Augen auf und rief mit dröhnender Stimme: ,, Die fremden Leute aus dem Barackenlager gehören nicht hierher!" Mit einer ebenso abrupten wie brutalen Bewegung hob er abermals seinen Stock und wies mit ihm zur Tür, indem er uns anschrie: ,, Verschwinden!" Da wir keineswegs den Wunsch hatten, mit diesem liebenswürdigen Herrn weiter dieselbe Luft zu atmen, gingen wir alsbald achselzuckend und die Köpfe so hoch, wie wir nur eben konnten, hinaus, wobei unser Kamerad Lüders es sich nicht versagen konnte, dem Bahnherrscher im Vorbeigehen eine umfangreiche Ladung seines Pfeifenrauches ins Gesicht zu blasen. 99 Es war dies der einzige Betriebsappell, den ich seit dem Jahre 1933 mitgemacht habe. Denn in Bremen hatte ich mich von solchen Veranstaltungen stets grundsätzlich ferngehalten. Unser Rottenführer Gross, der nach der Verleihung der beiden Kreuze, die vor der übriggebliebenen ,, Belegschaft" von einem halben Dutzend Mann erfolgt war, zu uns zurückkam, war sehr gedrückt. Seine Miẞstimmung rührte aber nicht etwa daher, 202 da m W B he SO me Kr da ke De Na ge W sta un na ge Se G k b S Z Z Bahn aufgefor Nähe des Bahningste Meinung, nserem Rottenrbeiteten, seien micht als Beleg rwiderte darauf, Her Bahnmeister - ausdrücklichen im Hinblick auf en werden, was micht ausschlag m Rottenführer, von oben" für h gemacht wertreffenden Tage m konnten. Wir rt beschäftigten noch die beiden nichts wußten, vier weitere Belich dem BahnVor den beiden teisen, auf einen Bigen Raum, der h als sonst. Als sich sein gewaltrer recht unsanft n, indem er mit alblauter Stimme altung, halb stot der Bahnmeister e: Die fremden Mit einer ebenso Stock und wies " Da wir keines Herrn weiter die und die Köpfe so Kamerad Lüders Vorbeigehen eine zu blasen. dem Jahre 1933 olchen Veranstal ührer Gross, der übriggebliebenen ar, zu uns zurücknicht etwa daher, daß ihm unsere von ihm verursachte Kränkung leid tat, sondern er machte sich große Sorgen darüber, daß er nun bei allem seinen guten Willen, hier das Richtige zu tun, doch das Falsche veranlaßt und dem Bahnmeister mißfallen hatte, woraus unter Umständen für ihn einmal erhebliche Nachteile entstehen konnten. Er war nicht nur ein Kleinbürger, sondern er war außerdem auch ein Kleinbahnbeamter. 11 23. Ein Werwolf. Als wir bei unserem Hinauswurf aus dem Betriebsappell an dem Bahnmeister vorübergegangen waren, hatten wir gesehen, daß er in seiner Krawatte eine goldene Werwolf- Nadel trug. Wir hätten damit auch ohne das Benehmen, das er gegen uns im ersten Augenblicke, in dem wir ihn kennenlernten, an den Tag legte, über ihn genügend Bescheid gewußt. Der Werwolf" war ein separater nationaler Verband gewesen, den die Nazi- Partei, wie alle anderen ,, vaterländischen Verbände", in sich aufgenommen und mit ihren Gliederungen verschmolzen hatte. Die Werwölfe hatten schon vor ihrer Vereinigung mit den Nazis in dem Ruf gestanden, die wütendsten Antisemiten zu sein, die es überhaupt nur gab, und sie waren es auch unter den Nazis geblieben. Schwerteisen war nach seiner Aufnahme in die Nazi- Partei zu hohen Würden emporgestiegen und bekleidete das Amt eines SA- Standartenführers. Da er wegen seiner ,, zu jungen Parteizugehörigkeit" von den ,, alten Kämpfern" der Gegend häufig angefeindet wurde, so suchte er sich durch möglichst radikales und wildes Benehmen, das ihm als ehemaligem Werwolf ohnehin besonders lag, bei den hundertfünfzigprozentigen PG.s zu empfehlen. Seine Anwesenheit in Duingen war mit gegen uns gerichteten Akten und Verfügungen nur so angefüllt. Zunächst verlängerte er unsere Arbeitszeit. Bisher war uns, wie das allgemein üblich ist, der Weg vom Lager zur Arbeitsstätte und wieder zurück als Arbeitszeit angerechnet worden, was immer mehr Bedeutung gewann, je weiter sich unsere Baustelle vom Lager entfernte. Schwerteisen verfügte sofort, daß diese Anrechnung zu unterbleiben habe. Die Beschaffung eines Waschhauses lehnte er zunächst einmal endgültig ab. Es war für uns nicht nötig. Auch eine Verschalung der dünnen Barackenwände erklärte er für nicht erforderlich. Die Bahn müsse sparen und könne keine ,, Luxusausgaben" für uns machen. Er hat allerdings nicht ausdrücklich gesagt, daß wir seinetwegen in Winterkälte und Schmutz verrecken könnten, aber seine Maßnahmen zeigten deutlich, daß es ihm zum mindesten völlig gleichgültig war, ob dies geschah. Nur einen von uns brauchte er plötzlich ganz dringend für eine ,, Arbeit höherer Ordnung", nämlich meinen Freund Waclaff. Die OT. war auf den Gedanken gekommen, eine neue Bahnlinie zu bauen, die zwischen Duingen und der nächsten talwärts belegenen Bahnstation Weentzen von unserer Kleinbahn mitten durch ein von dichtem Laub- und Tannenwald bestandenes Höhengelände abzweigen sollte. Dieses neue ,, kriegswichtige" Bauvorhaben mußte unverzüglich vermessen werden. Dieser Aufgabe waren die Kleinbahnbeamten und auch der Bahnmeister, der 203 zwar Techniker, aber kein höher gebildeter Ingenieur war, nicht gewach- sen, Die„Mithilfe” eines im Baufache besonders erfahrenen Diplominge- nieurs, wie unseres Kameraden Waclaff, war ihnen daher plötzlich außer- ordentlich willkommen. Schwerteisen berief also Waclaff zu sich ins Bahnhofsgebäude und fragte ihn, ob er sich getraue, eine„Irasse” für den neuen Bahnbau zu berechnen und anzufertigen, Waclaff erwiderte ihm hochmütig,„er könne natürlich trassieren, wenn er dies auch in seiner früheren Stellung stets von den ihm untergebenen Herren habe machen lassen”. Der Bahnmeister erwiderte hierauf direkt nichts und bat Waclaff lediglich in der liebenswürdigsten Form, die Sache zu über- nehmen und durchzuführen, Darauf erklärte Waclaff, für den es außer- ordentlich gefährlich gewesen wäre, diesen Auftrag von vorneherein ab- zulehnen, da dies als„Sabotage' hätte aufgefaßt werden können,„er könne eine derart verantwortungsvolle Ingenieurarbeit natürlich nicht für den Stundenlohn von 52 Pfennig übernehmen und verlange hierfür das einem Ingenieur tarifmäßig zustehende Entgelt von 750 RM pro Arbeitsstunde”. Schwerteisen meinte hierzu ausweichend, darüber werde die Bahnverwaltung erst mit der OT, sprechen müssen, Als Waclaff hier- auf nichts erwiderte und lediglich die Achsel zuckte, erkundigte sich der Bahngewaltige plötzlich nach unserem Schicksal, das Waclaff mit der kurzen Äußerung umriß, wir seien Staatsgefangene, ohne gegen den Staat jemals das geringste verbrochen zu haben, Schwerteisen meinte dazu, unser Los sei allerdings sehr hart, es erscheine ihm auch bedauerlich, aber er kriti- siere Maßnahmen der Staatsführung aus Grundsatz nicht. Die Partei- leitung müsse doch schließlich wissen, warum sie die von ihr veranlaßten Maßnahmen für erforderlich halte, und sobald der Krieg mit Deutsch- lands Sieg beendet sei, würden sicher für uns auch wieder bessere Tage kommen, Als Waclaff auch hierauf die Achseln zuckte, äußerte Schwert- eisen, er solle mit den Vermessungsarbeiten für die neue Bahn zunächst einmal anfangen, und das weitere werde sich dann schon finden. So wurde Waclaff aus einem ungelernten Streckenarbeiter wieder für einige Zeit Diplomingenieur. 24. Die Trasse, Sobald der Plan für die„neue Bahnlinie” allgemein festlag, forderte Waclaff Heino Popper, den Schiffszimmermann und mich als„Vermes- sungskommando” an, Ich war froh, für einige Zeit aus der immer öder werdenden Strecken- arbeit herauszukommen, Jeden Morgen zog ich nun mit Waclaff und dem Schiffszimmermann den Höhenzug hinauf, der sich zwischen Duingen und Weentzen hinstreckt. Von dem hier durch dichtes Holz führenden Schienenstrang der bisherigen Bahn aus begannen wir unter Waclafis Leitung die neue Arbeit, Das Nivellierungsinstrument, ein besonderes Kleinbahn-Heilistum, wurde aufgestellt, und Waclaff äugte damit die Fläche, die für die neue Bahn ausersehen war, gründlich ab, Dann wurde 204 nicht gewach- en Diplominge- lich außer- f zu sich ins ‚Trasse" für aff erwiderte r dies auch in erren habe ichts und bat he zu über- den es außer- neherein ab- en können,„ef natürlich nicht verlange hierfür 0 RM pro darüber werde Is Waclaff hier- . te sich der 4 mit der kurzen er Staat jemals „ unser Los ber er krill Die Partei nr yeranlaßten bessere Taft te Schwert‘ & zunächst finden; s0 or für einide die Basis für die neue Strecke am Waldrand entlang mit bunten Flucht- stäben abgesteckt und schließlich gingen wir daran, von dieser Basis aus alle fünfzig Meter Schneisen in den mit Unterholz dicht verwachsenen Wald zu roden und durch besondere Markierungen den Lauf der projek- tierten neuen Bahnlinie festzulegen. Als besondere„Merkzeichen‘ wähl- ten wir einzelne Laubbäume, deren winterkahle Kronen wir abschnitten, um dieselben durch dicke mit Zweigen zusammengebundene Grasbüschel, die auf den stehengebliebenen Stamm daraufgestülpt wurden, zu er- setzen, Diese„Merkbäume“ sahen eigenartig und etwa wie in den Boden gestoßene Hexenbesen aus. Wir haben oft, wenn wir einen solchen „Besen” einmal wieder fertig hatten, lachend zueinander gesagt, die Duinger würden, wenn sie diese eigenartigen Stämme später im Walde fänden, sicher sagen, das seien„Teufelsbäume”, die die„goitverdammten Juden" gepflanzt hätten, Ich habe bei diesen Arbeiten zum erstenmal in meinem Leben die Säge und die Axt gründlich gehandhabt oder richtiger gesagt, zu hand- haben versucht, Waclaff und Heino, der Schiffszimmermann, haben sich über meine Unbelehrtheit und Ungeschicklichkeit auf diesem Gebiet im- mer wieder königlich amüsiert, Wir waren auf unserem neuen und sehr entlegenen Arbeitsplatz meist völlig allein. Hin und wieder ging auf der einsamen Strecke, über die hier oben täglich höchstens fünf oder sechs Züge fuhren, ein neugieriger Bahnbeamter vorbei, der einmal sehen wollte, was aus der neuen Bahn- linie wurde und was wir auf unserem weit entlegenen Außenposten trieben, Meist staken wir aber so tief im dicksten Gestrüpp, daß uns überhaupt niemand aufstöbern konnte. Nicht allzu weit von uns arbeite- ten an der alten Strecke einige Polen, die uns aber nicht einmal durch irgend ein Geräusch störten, da sie, recht mangelhaft beaufsichtigt, den ganzen Tag nichts taten, als sich an einem kunstvoll genährten Holz- feuer zu wärmen. Auf solche Feuer stießen wir auch oft im Waldes- dickicht, Dort handelte es sich um Holzfäller, die in ihren Arbeitspausen, gewichtig aus riesigen Pfeifen rauchend, um den flammenden Stoß stan- den und uns stets freundlich begrüßten, ohne sonst irgendwelche Worte zu machen, Wer wir waren, wußten sie, da dies in der ganzen Gegend längst bekannt war und anderes Wissenswertes, als wer man war und was man lat, gab es für sie nicht. Ich habe sie oft um die Einfachheit der Welt, in der sie lebten und in der alles, worüber wir uns sorgten und was uns schon soviel Schmerz bereitet hatte, einfach überhaupt nicht existierte, beneidet, Meist lag rings über allen Höhen und sehr oft auch in den Tälern ein dichter weißer Winternebel, aus dem die schönen Umrisse der Berge nur für kurze Stunden oder gar nur für Minuten emportauchten. Dennoch waren wir immer wieder dankbar, wenn wir an unsere öde Strecke dachten, der wir für die Dauer unseres„Sonderkommandos” so an- genehm entronnen waren, Es war auch ständig recht kalt, so daß wir uns nicht etwa am Waldesrande lagern konnten, wie die„drei Magier“ auf 205 dem berühmten, in Wien hängenden Bilde Giorgiones, unter denen ja auch mindestens ein Feldmesser sein soll, wenn nicht sogar alle drei solche sind. Wir haben jedenfalls auf unserem schönen Posten mehr ,, gezaubert" als vermessen. Denn manchmal kam uns tatsächlich in diesen Tagen, in denen wir vom Morgen bis zum Abend unserer gegenwärtig so trüben Welt entrückt waren, alles um uns recht magisch vor und Waclaff sagte einmal, als die Sonne durch die Wolken brach und die schneebedeckten Wälder vergoldete, impulsiv zu mir: ,, Welchen Gefallen haben uns doch die Nazis getan, daß sie uns, die wir doch zunächst viel lieber an die Front gegangen wären, hierher geschickt haben!" Es war schon Weihnachtsstimmung und Heino, der Schiffszimmermann, sagte mir eines Morgens, als wir wieder über die verschneiten Schwellen der Bahn zu unserem Vermessungsgelände emporstapften, er habe das bestimmte Gefühl, daß wir das Fest zu Hause feiern würden, woran ich noch nicht recht zu denken wagte. Daß a werden Weihnac Wehrma Deutsch gegange fahren. Reisege nachtsze mußte. Kinder wenigst Hause Arbeits leitung Begrün seien, nutzen, Unser ,, Sonderkommando" endete mit einem ziemlichen Krach. Wir hatten uns, was uns niemand hätte übel nehmen sollen, mit der Sache nicht gerade sehr beeilt und dem ,, Werwolf" dauerte sie allmählich zu lange. Er machte Waclaff schließlich eine Szene über das Thema, was wir drei ,, da oben" eigentlich wochenlang täten. Waclaff erwiderte ihm seelenruhig, eine sorgfältig ausgearbeitete Trasse brauche ihre Zeit und es gehe damit nicht so schnell, wie er sich das offenbar vorstelle. Im übrigen habe er auch gar keine Neigung mehr, sich dieser Arbeit weiter ihm seine Arbeit als zu widmen, da seiner Forderung, daß man Ingenieurarbeit bezahlen solle, bisher in keiner Weise nachgekommen sei. Der Werwolf begann darauf zu toben und schrie, das komme im Ernst überhaupt nicht in Frage, worauf Waclaff erwiderte, dann werde er diesen Auftrag nicht weiterführen und sich wieder in die Kuliarbeit seiner Kameraden einreihen. Schwerteisen brüllte, er werde ihn unverzüglich als Arbeitsverweigerer bei der Gestapo zur Anzeige bringen. Darauf meinte Waclaff, er habe ihn vollständig mißverstanden, er verweigere die Arbeit durchaus nicht, sondern nur diejenige, die er nach den Vorschriften der Geheimen Staatspolizei ohnedies nicht tun dürfe. Schwerteisen sperrte Mund und Nase auf und stotterte, was er denn für Vorschriften meine, worauf Waclaff ihm lächelnd antwortete, dieselben Bestimmungen, nach denen die Kleinbahn ihm nur einen Kulilohn zahlen wolle, schrieben seines Wissens vor, daß er auch nur mit Kuliarbeit beschäftigt werden dürfe. Darauf ersuchte Schwerteisen, sehr kleinlaut geworden, um Einlieferung der Trasse. Waclaff, der die ganze Sache unter den gegebenen Umständen überhaupt nur gemacht hatte, um uns ,, drei Magiern" die paar Wochen des von uns mit soviel Dankbarkeit gelebten Sonderdaseins zu verschaffen, lieferte, nachdem er die Reinschrift seiner Zeichnung vernichtet hatte, lediglich seine Kladden und Entwürfe ab, mit denen die Bahnbeamten bei ihrem mangelnden Sachverstand überhaupt nichts anfangen konnten. Die von uns vermessene Bahnlinie ist niemals gebaut worden. 206 Ordnun fassen Sache Gestap durfte einer Die Bahay Die M kamp und d Zwar geneh dingu tage Der sich, an un noch der werd in der führe wollt künd Vert Wen unter denen ja sogar alle drei sten mehr„ge- ch in diesen gegenwärtig so or und Wac- ınd die schnee- Gefallen haben ‚chst viel lieber ‚Äszimmermann, eiten Schwellen n, er habe das rden, woran ich 25. Wilde Weihnachtsreise, Daß an einen ordnungsmäßigen Urlaub in unserer Lage nicht gedacht werden konnte, war eine unumstößliche Tatsache, von so etwas wie Weihnachtsurlaub ganz zu schweigen, der im Jahre 1944 sogar fast allen Wehrmachtsangehörigen versagt wurde, auch soweit sie sich innerhalb Deutschlands befanden. Einige von uns waren mit dem Gedanken um- gegangen, auf eigene Faust über die Feiertage zu ihren Familien zu fahren. Dies war aber schwierig und gefährlich, da damals schon das Reisegenehmigungsverfahren eingeführt war und gerade über die Weih- nachtszeit mit einer besonders scharfen Kontrolle gerechnet werden mußte, Unser Kameradschaftsführer Schulenburg, der selbst vier kleine Kinder hatte, setzte in Duingen Himmel und Hölle in Bewegung, um wenigstens denen von uns, die Kinder hatten, eine Weihnachtsreise nach Hause zu ermöglichen, Er lief allen in Frage kommenden Behörden, der Arbeitsfront, der Bahnverwaltung, dem Bürgermeister und der Kreis- leitung sozusagen die Türen ein und versuchte es immer wieder mit der Begründung, daß wir„allzusehr Hals über Kopf einberufen worden seien, und man es uns daher nicht versagen solle, die Feiertage zu be- nutzen, um in unseren häuslichen Verhältnissen manches dringlich der Ordnung Bedürftige, mit dem wir uns nicht mehr rechtzeitig hätten be- fassen können, jetzt zu regeln.” Die vielen erwähnten Stellen in dieser Sache zu mobilisieren, war ein etwas bedenkliches Unterfangen, da die Gestapo in Hildesheim von der ganzen Sache natürlich nichts wissen durfte und die Möglichkeit, daß sich die eine oder andere Behörde mit einer Anfrage dorthin wandte, sehr nahelag. Die Arbeitsfront hatte gegen unser Vorhaben nichts einzuwenden. Die Bahnverwaltung schwankte, Herr Sachse schlief mehrere Nächte schlecht. Die Menschenfreundlichkeit, die seinem Herzen keineswegs fremd war, kämpfte einen schweren Kampf mit seiner Angst vor der Verantwortung und der Gestapo, Schließlich rang er sich zu dem Entschluß durch, uns zwar keinen Urlaub zu geben, was ja strikte verboten war, aber Reise- genehmigungen über die Feiertage ausschreiben zu lassen, mit der Be- dingung, daß das, was an Wochentags-Arbeitsstunden durch die Reise- tage unumgänglich verlorenging, später nachgearbeitet werden müsse, Der Bürgermeister, ein im allgemeinen recht vernünftiger Mann, schloß sich, wenn auch gleichfalls mit erheblichen Ängsten, der Bahnverwaltung an und stellte die erforderlichen Reiseausweise aus. Der Kreisleiter, der noch seinen Genehmigungsvermerk dazu zu geben hatte, konnte nur mit der größten Mühe unter tagelangen Verhandlungen davon abgebracht werden, in Hildesheim rückzufragen und schließlich war alles doch noch in der besten Ordnung, als uns am Vorabend unserer Fahrt unser„Lager- führer” noch einen dicken Strich durch unsere Rechnung machen wollte, Er erschien, den fetten Leib mit Bösartigkeit geladen, und ver- kündete, daß unsere Absicht durchaus nicht seinen Beifall habe. Unser Vertrauensmann Schulenburg habe ihn über- und damit hintergangen. Wenn wir uns an ihn gewandt hätten, so hätten wir„ohne die ganzen 207 hatten f Nacht e Baracke haben d Unser durfte ein eige Papierwische und das alberne Brimborium, das gemacht worden wäre, fahren können. Wo wir nun aber lächerlicherweise die ganzen Behörden in Bewegung gesetzt hätten, liege es mehr als nahe, daß Hildesheim etwas erfahre und er denke infolgedessen nicht daran, die Verantwortung für unsere so falsch angelegte Fahrt, die nicht nur für uns, sondern auch für ihn recht üble Folgen haben könnte, zu tragen." In Wirklichkeit handelte es sich bei unserem Dicken, der die von ihm angemaẞte Rolle unseres Lagerführers immer noch weiter spielte, wieder um nichts anderes, als um gekränktes Geltungsbedürfnis, weil wir ihm nicht den Gefallen getan hatten, uns seiner großzügig in Aussicht gestellten ,, Genehmigung" zu bedienen und einfach los zu fahren, sondern es vorgezogen hatten, den weit sichereren Weg zu gehen und uns wenigstens für die ohnehin nicht ungefährliche Sache ein behördliches Papier zu verschaffen. Trotz aller Vorstellungen blieb Robert dabei, daß die Gestapo von der Sache erfahren würde und steigerte sich in kurzem zu der Behauptung, daß die unheimlichen Leute in Hildesheim bereits davon wüẞten und er und wir in Teufelsküche kommen würden, wenn wir nicht von unserem Vorhaben Abstand nähmen. Er müsse schon, um sich zu decken, wenn wir nicht vernünftig würden, unverzüglich eine Anzeige nach Hildesheim machen. Er blieb allen Vorstellungen taub, bis es mir gelang, ihm in einer wohlgesetzten Rede so viel Honig um sein feistes Kinn zu schmieren, daß er einlenkte und schließlich meinte, er wolle uns trotz aller unserer Torheit nochmals zu Gefallen sein. Er kenne eben die Leute von der Gestapo außerordentlich gut, und wenn er mit ihnen spräche, würde diese von uns vollkommen verdorbene Sache wohl doch noch wieder in Ordnung zu bringen sein. Unsere begeisterten Zurufe, mit denen er darauf gefeiert wurde, nahm er beifällig knurrend auf, und wir waren froh, als er sich dann endlich, einem Nilpferd nicht unähnlich, aus unserer Baracke davon wälzte. demselb polizeili uns nich bot trot jeder vo fügung verabre zurück fällig zu und tren tage wü Es sin doch no kam, VO stand, a einen k an dene ten so leuchte Ganz Nur etwa die Hälfte unserer Schicksalsgenossenschaft konnte zu dem schönsten Fest des Jahres nach Hause fahren. Unsere vorbildliche Kameradschaft trat gerade bei dieser Gelegenheit in der selbstlosen Freude derjenigen, die im Lager bleiben mußten, darüber, daß unser Reiseplan doch noch geglückt war, herzbewegend hervor. Unser Kolonialwarenhändler Mager, der als Junggeselle zurück bleiben mußte und der natürlich wie alle anderen nur zu gern auch nach Hause gefahren wäre, war darüber, daß es mit unserer Fahrt nun trotz aller Schwierigkeiten doch noch gelungen war, so vergnügt, als ob er in allererster Linie zu den ,, Reisenden" gehörte. Ich hatte, da ich mit dem Gelingen der Sache nicht ernstlich gerechnet hatte, schon einen dicken Weihnachtsbrief an meine Familie geschrieben, und es war meinen begünstigten Schicksalsgenossen und mir tatsächlich wie ein Traum, als wir morgens um vier Uhr aus unserem Lager aufbrachen. Es hatte schon Tage vorher um die Strecke geweihnachtet", und das ganze Wesergebirge war tief verschneit. Meine Freunde Waclaff und Thilo, die beide zurück blieben, da der eine Junggeselle war und der andere keine Kinder hatte, mußte ich nun im Lager ohne mich Weihnachten feiern lassen. Waclaff und ich 208 wieder auch in mehrma wieder tage" f wurde lustigt wohl e legener wach wegen macht Leb diesen eine einma Als Famil ware Au ıt worden wäre, sanzen Behör- >, daß Hildes- die Verant- ür uns, son- 1" In Wirk- m angemaßte wieder um nichts es vorge 1s wenigstens für s Papier zu ver aß die Gestapo m zu der Be- reits davon wiß- . ern Wie nicht kon, um sich zu ci a Anzeiße hatten für den Fall, daß aus meiner Fahrt nichts wurde, in der heiligen Nacht eine ausgedehnte Bergtour machen wollen, da wir nicht in der Baracke bleiben wollten. Unsere im Lager zurück gebliebenen Kameraden haben dann aber doch das Fest recht stimmungsvoll zu begehen gewußt. Unsere Fahrt, von der die Bremer Gestapo ebensowenig erfahren durfte wie die Hildesheimer, verlief ohne Zwischenfall. Es war für uns ein eigentümliches Gefühl, als wir auf dem Hauptbahnhof Bremen auf demselben Bahnsteig einliefen, von dem wir vor einem Monat unter polizeilicher Bewachung nach Duingen abgefahren waren. Wir nahmen uns nicht die Zeit, darüber zu grübeln, daß wir auch ohne Polizeiaufge- bot trotzdem noch immer sowenig freie Männer waren wie damals. Denn jeder von uns strebte eiligst nach Hause, um die wenigen uns zur Ver- fügung stehenden Tage so vollständig wie nur möglich zu nutzen. Wir verabredeten noch den Zug, mit dem wir in drei Tagen nach Duingen zurück fahren mußten, gaben uns das Versprechen, jeder möglichst unauf- fällig zu bleiben, damit die Bremer Behörden nicht aufmerksam würden und trennten uns frohen Herzens, indem wir uns gegenseitig schöne Fest- tage wünschten. Es sind die schönsten gewesen, die ich jemals erlebt habe, War ich doch noch niemals aus einem Abenteuer wie demjenigen, aus dem ich kam, vor den Weihnachtsbaum getreten, der bereits in unserer Wohnung stand, als ich dort, vom Jubel meiner Kinder begrüßt, anlangte. Bis auf einen kurzen Fliegeralarm am heiligen Abend waren die Weihnachtstage, an denen kaltes, aber sonniges Wetter herrschte, völlig ruhig und konn- ten so als Geschenk des Schicksals, das sie waren, ungetrübt und um- leuchtet von frohen Augen, mit vollen Zügen genossen werden, Ganz hat mich mein derzeitiges Leben, aus dem ich mich nun einmal wieder für kurze Zeit in die frühere Bürgerlichkeit fortgestohlen hatte, auch in diesen wenigen hellen'Tagen nicht verlassen. Meine Frau sagte mehrmals, wenn sie das richtig von meinem Gesicht ablas:„Jetzt bist Du wieder in Duingen!” Eines Nachmittags, als ich, da dies ja„Erholungs- tage” für mich waren, auf meiner Chaiselongue kurz eingeschlafen war, wurde ich von einem Kuß geweckt und fuhr halb empört und halb be- lustist mit dem Gedanken empor, welcher von meinen Kameraden sich wohl einen solchen, auch in unserem sonst um schlechte Witze nicht ver- legenen Lager, ungewöhnlichen Scherz erlaube, bis ich schließlich so weit wach wurde, um erkennen zu können, daß es meine Frau war, die mich wegen meiner Schläfrigkeit und wegen des eigenartigen Gesichts, das ich machte, auslachte, Lebensgüter, die ich früher recht achtlos behandelt hatte, erwiesen in diesen glücklichen Tagen ihren unschätzbaren Wert. Es war allein schon eine unbeschreibliche Wohltat, nach all den Strohsack-Wochen wieder einmal in einem Bett zu schlafen. Als die mir zugemessene Zeit nur allzu schnell vorüber war, hat meine Familie mir den Abschied nicht schwerer gemacht als das erste Mal, Sie waren alle sehr tapfer. Auf der Rückreise traf ich mit allen meinen Reisekameraden programm- 14 Imi's'’ 209 mäßig wieder zusammen, und unsere Fahrt ging mit dem Erzählen über alles, was jeder von uns erlebt hatte, und noch die kleinste Kleinigkeit war dabei außerordentlich wichtig, sehr schnell dahin. In Duingen hatte die Bahnverwaltung doch wieder Angst bekommen, ob wohl auch alles glatt gehen würde, und unser dicker Lagerführer hatte orakelt:„Ob sie wohl alle wirklich wiederkommen?"” Wir waren aber alle an dem fest- gesetzten Abend wieder vollzählig zur Stelle. Schon mit Rücksicht auf die im Lager zurückgebliebenen Schicksalsgenossen hatte keiner von uns daran gedacht, diese Gelegenheit zu benutzen, um sich nun von unserem gemeinsamen Abenteuer endgültig„abzusetzen oder seine„Ferientage” auch nur eigenmächtig zu verlängern, Es war alles gut gegangen. Die Gestapo hier wie dort hat nie etwas von diesem Weihnachtstrip ihrer Häftlinge erfahren, 26. Sylvesterfeier, Eigentlich war es beabsichtigt gewesen, diejenigen unsrer Kameraden, die zu Weihnachten nicht hatten nach Hause fahren können, zum Jahres- wechsel auf dieselbe Weise zu„beurlauben”, wie dies bei uns geschehen war, Damit kam jedoch unser Vertrauensmann Schulenburg bei der Bahn- verwaltung nicht durch. Der ebenso menschenfreundliche wie ängstliche Herr Sachse hatte im Hinblick auf unser Weihnachtsunternehmen so un- ruhige Festtage verlebt, daß er sich von den hierdurch für ihn entstande- nen Nervenstrapazen erst erholen mußte und demzufolge dekretierte, daß er für solche und ähnliche Wünsche vor dem 10, Januar des neuen Jahres unter gar keinen Umständen zu sprechen sei, Es blieb infolge- dessen nichts anderes übrig, als den„Heimaturlaub‘ unserer bisher hier noch leer ausgegangenen Schicksalsgenossen zunächst zu vertagen und das Fest des Jahreswechsels im Lager mit voller Belegschaft zu begehen. Auf unserer Weihnachtsreise hatten wir genug Wein und sonstige alkoholische Getränke organisieren können, so daß für einen recht feucht- fröhlichen Verlauf des Festes gesorgt gewesen wäre, Ein gewisser Ernst blieb aber auf der im Verlaufe der Sylvesternacht recht lärmend werden- den allgemeinen Vergnügtheit haften. Jeder von uns wußte, daß wir einem schicksalsvollen Jahr entgegengingen, in dem die Entscheidung über den Kriegsausgang und damit auch über unser eigenes Los fallen würde. Dies Gefühl hemmte die Ausgelassenheit etwas, mit der man sonst allgemein gewohnt ist, das junge Jahr zu begrüßen, Immerhin schlug auch in unserem nun von der grimmigsten Winterkälte bedrohten Lager der bei diesem Fest übliche Übermut einige Purzelbäume, Unser Kamerad Hen Delius fand seine Lustigkeit, die er nach seinen Erzählungen in früheren Jahren gehabt hatte, tatsächlich für einige Stunden wieder und dichtete Schnaderhüpferln auf jeden einzelnen von unserer ganzen Sipp- schaft, die so komisch wirkten, daß alles sich dauernd vor Lachen aus- schütten wollte, Unser Seefahrer Ferdinand spann manches Seemanns- garn, das so grotesk war, daß er wohl von seinen Zuhörern beim besten Willen keinen Glauben erwarten konnte, und unser Stubenältester Lüders 210 om Erzählen über einste Kleinigkeit In Duingen hatte , wohl auch alles orakelt:„Ob sie alle an dem fest- mit Rücksicht auf te keiner von uns nun von unserem eine„Ferientage" ort hat nie etwas nsrer Kameraden, es zum Jahres bei uns geschehen w bei der Bahr- wie ängstlich hielt eine Rede auf das neue Jahr, die trotz des Alkohols, der sie be- flügelte oder vielleicht auch gerade wegen desselben selten formvollendet ausfiel. Als es 12 Uhr war, zog die eine Stube in die andere und die andere in die eine und so alle beiden Baracken, bis jeder einzelne sich durch das ganze Lager„durchgeprostet‘ hatte, Am Neujahrstage schlief unser ganzer Staat bis gegen Mittag, alles dies ein Beweis, daß unser Verbannungsschicksal uns bis dahin noch nicht gebrochen hatte, 27. Hofinungen und Kümmernisse, Die Nachricht von dem Beginn der deutschen Westoffensive, mit der die Wehrmacht um die Jahreswende noch einmal das Schicksal zu wenden suchte, hatte in Duingen wie ein Blitz eingeschlagen, Viele Menschen, die den Krieg bereits seit langem verloren gegeben und sich demzufolge geistig von der Partei bereits gelöst hatten, wurden über Nacht wieder zu überzeugten Nationalsozialisten, Die Hundertfünfzigprozentigen, die vorher bereits recht kleinlaut geworden waren, bekamen plötzlich wieder Oberwasser, sahen die deutschen Panzer bereits wieder in Antwerpen, Brüssel und Paris einrollen, die Briten in Holland vollkommen abgeschnit- ten und die Amerikaner in eiligem Rückzug auf ihre Schiffe oder gar schon auf der Abfahrt aus Europa nach Hause begriffen, Auch in dem Verhalten der Bahnbeamten, mit denen wir unmittelbar zu tun hatten, war eine plötzliche Wandlung zu verspüren, Während sie mit wenigen Ausnahmen vorher in Erwartung des baldigen Zusammen- bruchs des Dritten Reiches uns gegenüber schon recht lasch geworden waren, wurden sie jetzt wieder bei der Arbeit rechte Antreiber und im persönlichen Benehmen zum Teil geradezu unfreundlich, Einige unserer Schicksalsgenossen versanken in Niedergeschlagenheit und Verzagtheit. Sie sahen den Staat, mit dessen Untergang sie vorher in allerkürzester Frist gerechnet hatten, bereits gerettet aus dem Kriege hervorgehen und uns für immer in einem weltabgelegenen Steinbruch oder unter Tage in einem Bergwerk verschwinden. Wir, die wir vernünftig genug waren, uns durch die letzte verzweifelte Anstrengung von Hitlers Hauptquartier nicht blenden zu lassen, hatten dauernd damit zu tun, unseren kleinmütigen Kameraden klarzumachen, daß dieses desperate Abenteuer das unvermeidliche Ende des Nazismus vermutlich noch erheblich beschleunigen werde, da die Generäle des Dritten Reiches auf diese Weise die letzten vorhandenen Reserven an Menschen und Material vorzeitig verpulvern würden. Und dabei blutete uns fast allen das Herz bei dem nun schon oft durchlittenen Zweifel, was wir eigentlich hoffen sollten, konnten und durften, Ersehnten wir unsere Befreiung, die mit der Katastrophe Deutschlands gleichbedeutend war, welche mit dem Sturz des Naziregimes notwendig eintreten mußte? Wünschten wir unserem Vaterland noch immer den Sieg, obwohl er für uns auswegloses Elend bedeutete? Noch einige Tagen gingen die Wogen dieser einander widersprechenden Gefühle hoch und gegeneinander, bis sie sich mit dem Fiasko von Rundstedts letztem Angriff wieder glätteten, “4 211 während bei den Nazis an Stelle der noch einmal wachgewordenen hoch- fliegenden Hoffnungen düstere Trauer trat. 28. Der Judenzug. Diesen Namen trug der Kleinbahnzug, mit dem unsere Kameraden von der Coppengraver Kolonne allmorgendlich zur Arbeit fuhren, Es wurde allerdings behauptet, daß der Zug schon vor unserem Erscheinen in Duingen diesen Namen getragen habe, der infolgedessen„historische Be- deutung haben müsse”. Trotz aller Nachforschungen bin ich aber der an- geblichen Geschichte dieser Bezeichnung nicht auf die Spur gekommen. Es blieb unerfindlich, welches Vorkommnis vor unserer Zeit ausgerechnet dem Frühzug, mit dem unsere Schicksalsgenossen fuhren, diesen von einem Teil unserer Ahnen abgeleiteten Namen verschafft haben sollte. Ich habe die Duinger sehr stark in Verdacht, daß sie uns gegenüber ledig- lich nicht zugeben mochten, warum sie unserem„Arbeiterzug'' den be- sonders im Dritten Reiche so wohlklingenden Namen verliehen hatten. Ihre„Weltanschauung“ war nun einmal sehr stark nazistisch beeinflußt, nur hatten sie gegenüber uns als den Opfern von Hitlers Philosophie” gewisse Hemmungen, dies offen zuzugeben, Vielleicht lagen die Gründe für ihr widerspruchsvolles Verhalten aber noch tiefer. Dieselbe Zwiespäl- tigkeit trat in dem Benehmen der Duinger Schuljugend hervor, Dieselben Kinder, die uns morgens, wenn wir aus unserem Lager über das Bahn- geleise herüber zur Küche gingen, um den Kaffee zu holen, oft laut auf der Straße nachgerufen haben:„Die Juden sind unser Unglück!", konnten dann plötzlich im Chor singen: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auch diese Regierung und Hitlers Partei." oder noch launiger: „Maikäfer flieg, mein Vater ist im Krieg, den Opa ziehn sie auch noch ein, und das soll dann die Vergeltung sein!” Auch die Duinger hatten, wie sehr viele Deutsche zu dieser Zeit, keine festgegründeten Überzeugungen mehr, sondern nur noch„Einstellungen”, die von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde oder gar von Augenblick zu Augenblick wechseln konnten. Einem Bahnbeamten, der sich gegenüber unseren mit dem„Judenzug” fahrenden Kameraden bisher stets sachlich benommen hatte, fiel es zum Beispiel plötzlich eines Tages ein, nicht mehr dulden zu wollen, daß unsere Schicksalsgenossen zwischen dem „Reisepublikum” saßen, Er scheuchte sie daher sämtlich in brüsker Form von den Bänken auf, und sie mußten von nun ab stehen. Für die Weltanschauung der Duinger sind noch die folgenden beiden Vorfälle charakteristisch. 212 gewordenen hochre Kameraden von fuhren. Es wurde em Erscheinen in en ,, historische Bein ich aber der ane Spur gekommen. -Zeit ausgerechnet uhren, diesen von hafft haben sollte. ms gegenüber ledig. beiterzug" den be verliehen hatten azistisch beeinflußt tlers Philosophie" lagen die Gründe Dieselbe Zwiespäl hervor. Dieselben er über das Bahn holen, oft laut auf Unglück!", konnten sein!" u dieser Zeit, keine och Einstellungen r von Augenblick zu der sich gegenüber bisher stets sachlich nes Tages ein, nicht ossen zwischen dem lich in brüsker Form hen. die folgenden beiden Die Frau eines unserer Kameraden war zum Besuch ihres Mannes nach Duingen gekommen und konnte ihren Gemahl nicht gleich finden, da sie den Weg zu unserer Baustelle nicht kannte. Sie fragte daher eine brave Duingerin, die ihr gerade in den Weg lief, wo denn die Dienstverpflichteten auf der Bahnstrecke arbeiteten. Die Frau erwiderte: ,, Ach, Sie meine wohl die Juden?", worauf die Kameradenfrau anwortete, ob denn die Streckenarbeiter der Kleinbahn Juden seien? Die Duingerin hat darauf gemeint, ganz richtige Juden seien es wohl nicht, es seien weiße Juden." Im Grunde die gleiche Weltkenntnis offenbarten zwei Duinger Stammtischbesucher, die eines Tages auf der Straße hinter meinem Freunde Waclaff und mir einhergingen. Der eine sagte zum anderen: ,, Sie sehen eigentlich nicht anders aus als wir auch", worauf der andere dem einen erwiderte: ,, Das ist wohl so, aber es ist alles Lug und Trug, in ihrem Herzen meinen sie es ganz anders!" 29. Ein Jünger des Paracelsus. - Nachdem wir in Farge von dem dortigen deutschen Lagerarzt, einem offenbar sehr nazistischen Landarzt, nur insoweit medizinisch ,, betreut" worden waren, als er uns auf Grund einer mehr als flüchtigen Untermit Aussuchung sämtlich für ,, schwerarbeits tauglich" erklärt hatte nahme eines Magenleidenden, der schon in Farge aussah wie ein Gespenst während wir im übrigen auf den ebenso freiwilligen wie freundlichen Beistand des Russenarztes angewiesen waren, wurde uns in Duingen einer der beiden dort ansässigen Ärzte als ,, Lagerarzt" zugewiesen. In unserem Lager entstanden viele Krankheiten, die sich in drei Hauptgruppen gliederten, nämlich erstens ernstliche Krankheiten, zweitens vorgetäuschte oder eingebildete Leiden, und drittens die eine Sache ganz für sich bildende ,, Schuhkrankheit". Mit der letztbezeichneten Krankheit hatte unser Arzt naturgemäß nichts zu tun. Sie bestand darin, daß der Leidende, der seine Sohlen durchgelaufen hatte, so lange meist wochenlang in der Baracke saß, bis sich mit oder ohne, und zwar meistens ohne Hilfe der Bahn, eine Heilungsmöglichkeit ergab. Mit den Simulanten und Hypochondern wurde unser Paracelsus- Nachkomme meist nicht fertig und mit den ernstlichen Kranken noch viel weniger. Sein Sprechzimmer machte meistens den Eindruck eines internationalen Hafenwinkels. Oft ,, behandelte" er mindestens ein Dutzend Leute, und zwar Männlein und Weiblein durcheinander aus den verschiedensten Lagern, Russen-, Franzosen- und Polenlager, ebenso wie aus unserem Wigwam, zugleich, ganz egal, ob es sich um eine Furunkulose, einen Hexenschuss, eine Früh- oder Fehlgeburt, einen Muskelriẞ oder einen Nervenzusammenbruch handelte. Er machte oft mehr den Eindruck eines Clowns als den eines Arztes, und seine Sprechstunde war fast jedesmal, wenn man in sie hineingeriet, eine Art Grotesk- Komödie. Da hatte sich beispielsweise einer der Unseren durch die Holzschuhe, die er bei der Arbeit getragen hatte, eine üble Entzündung am Fuße geholt, die bereits 213 das ganze Bein in Mitleidenschaft gezogen und zu einer schmerzhaften Anschwellung der Leistendrüsen geführt hatte. Ohne jede örtliche Be- täubung riß unser Medizinmann mit einer scharfen Pinzette über der ganzen Entzündungsfläche die Haut und das wilde Fleisch, das sich unter ihr gebildet hatte, herunter, Als der so rücksichtslos Behandelte dabei natürlich laut aufheulte, rieb sich der Zaubermann die Hände, lachte höchst befriedigt aus vollem Halse und sprang ausgelassen um sein Opfer herum, so daß der weiße Arztmantel nur so wehte. Nicht anders verfuhr er mit einem Polenmädchen, das alle vier Wochen mit einer Fehlgeburt zu ihm kam und die er„zur Strafe”, wie er sagte, gleichfalls nicht betäubte, um sich an ihrem Schmerzgeschrei bei dem erforderlichen Eingriff höchst- lichst zu ergötzen. Die meisten Erkrankungen waren nach seiner Theorie rheumatischer Art, wenn sie auch nicht das geringste mit Rheumatismus zu tun hatten, Er wandte in der Hauptsache drei Heilmittel an. Wer mit Ischias, Rheuma oder Hexenschuß zu ihm kam, wurde meist nicht krank geschrie- ben, sondern regelmäßig unbesehen wieder auf die Strecke geschickt, „da die frische Winterluft und körperliche Ausarbeitung die geeignetste Medizin für diese Leiden sei”. Ebenso behandelte er einen Lungen- kranken. Sein zweites Heilmittel waren„Gelonida"-Tabletten, Er ver- schrieb diese Pillen, die sonst hauptsächlich gegen Nervenschmerzen verwandt werden, auch bei Grippe, Lungenentzündung, Magenkrämpfen usw, usw., weil die Duinger Apotheke gerade dieses Heilmittel noch einigermaßen vorrätig hatte. Sein wirksamstes Heilmittel war aber„die Spritze”. Was er einspritzte, blieb sein sorgfältig gehütetes Geheimnis. Es mußte sich aber geradezu um eine Wunderspritze handeln, Denn sie wurde nicht nur bei Furunkulose oder Gelenk- und Muskelrheuma, son- dern auch bei Magen- und Darmverstimmungen, Lungenaffektionen, Grippe, kurz bei jeder nur möglichen Diagnose angewandt. Die Wirkung der Spritze war erstaunlich. Ein Schicksalsgenosse, dem sie verabreicht worden war, bekam nach zehn Tagen eine tolle Nesselsucht, ein anderer nach ebenderselben Frist einen solchen Herzkrampf, daß er nachts auf- stehen und vor die Baracke gehen mußte, um frische Luft zu schöpfen, wobei er in den unser Lager umgebenden Stacheldraht stürzte, so daß er sich in Gestalt seiner nicht unerheblichen Verwundungen eine neue Krankheit zugezogen hatte, der mit einer zweiten Auflage der Wunder- spritze zu Leibe gegangen werden konnte, Da Paracelsus während seiner Ordination unablässig rauchte und so- wohl seine Spritze als auch die Verbandswatte mit Tabakhänden an- faßte, gehörte eine Sepsis nach seinen„Eingriffen” nicht zu den Selten- heiten, Ein Pole, der bei ihm eine allgemeine Blutvergiftung bekommen hatte, saß in seiner Sprechstunde wie ein lebender Leichnam, Für ganz vornehme Kranke, und dabei handelte es sich regelmäßig um Simulanten, gab es schließlich noch eine Bestrahlung, die gleichfalls fort- laufend in dem Ordinationszimmer stattfand, in dem die Untersuchungen durchgeführt wurden, Wir konnten jedenfalls fast sicher sein, daß ein Simulant, der unserem Medizinmann in trauervoller Miene von Brust- 214 mer schmerzhaften jede örtliche BePinzette über der ch, das sich unter Behandelte dabei inde, lachte höchst sein Opfer herum, ers verfuhr er mit Fehlgeburt zu ihm icht betäubte, um Eingriff höchst ach seiner Theorie mit Rheumatismus Wer mit Ischias, ht krank geschrieStrecke geschickt, ng die geeignetste er einen LungenTabletten. Er ver Nervenschmerzen Magenkrämpfen Heilmittel noch tel war aber die ütetes Geheimnis handeln. Denn sie uskelrheuma, son Lungenaffektionen, andt. Die Wirkung em sie verabreicht sucht, ein anderer daß er nachts auf Luft zu schöpfen stürzte, so daß er dungen eine neue lage der Wunder grauchte und so Tabakhänden an cht zu den Seltengiftung bekommen ichnam. ich regelmäßig um die gleichfalls fort Hie Untersuchungen cher sein, daß ein Miene von Bruststichen und nächtlichem Bluthusten erzählte, mindestens für zehn Tage krank geschrieben wurde, während ein ernstlich Kranker, der vor Rheuma und Ischias bei der Arbeit kaum noch sein Werkzeug heben konnte, keinerlei Schonung erhielt. 30. Schwarzfahrten. Das gute Gelingen unserer ,, wilden Weihnachtsreise" hatte die Gemüter derer, die nicht mit von der Partie hatten sein können, zu ähnlichen Abenteuern angeregt. Es verging bald keine Stunde, in der unser Kameradschaftsführer Schulenburg nicht von dem oder jenem bestürmt und bekniet wurde, ihm inoffiziellen ,, Heimaturlaub" zu geben. Einzelne Schicksalsgenossen liefen direkt zu dem Bahnverwalter Sachse, der sich, da er mit der Billigung unserer Weihnachtsfahrt einmal A gesagt hatte, kaum dem B entziehen konnte und immer wieder, wenn auch höchst ungern, seine Genehmigung gab, mit dem stereotypen Hinweis, daß der Betreffende völlig auf sein eigenes Risiko fahre, was den meisten von uns aber völlig gleichgültig war. Den Vogel schoß unser kürzlich erst ,, verfemt" gewesener Weiß ab, der einfach auf eigene Faust für einige Tage nach Wesermünde fuhr ,,, da er eine Vorladung von dem dortigen Hausund Grundbesitzerverein erhalten habe und wegen eines Bombenschadens, den sein Haus schon lange vor seiner Einberufung' erlitten hatte, Nachschau halten müsse". Diesem schlechten Beispiel folgten andere, die mindestens das gleiche Recht auf ein paar ,, Urlaubstage" zu haben glaubten, und unser ,, Staatswesen" war ernstlich in Gefahr, darüber aus allen Fugen zu gehen, da es bei der immer größer werdenden Anzahl der Schwarzfahrer immer schwieriger wurde, sie bei unseren Rottenführern mit Schuhkrankheit oder anderen Leiden zu entschuldigen. " In einer recht stürmischen Volksversammlung" wurde daher eines Abends der Stab über die Schwarzfahrerei gebrochen. Derartige Fahrten wurden nur noch unter der Voraussetzung als zulässig erklärt, daß Schulenburg als unser Vertrauensmann in jedem einzelnen Falle seine Genehmigung gebe, mit der wir unseren Kameradschaftsführer baten, möglichst sparsam umzugehen. Jeder direkte Verkehr von einzelnen unserer ,, Mitbürger" mit der Bahnverwaltung in dieser oder auch einer anderen Angelegenheit, wurde nochmals streng untersagt. Bei dieser Gelegenheit wurde zum ersten Male fühlbar, daß in der ,, Masse" unseres ,, Volkes" Unzufriedenheit herrschte und der Vertrauensmann und das ,, Tribunal" erheblich beknurrt wurden. Die allgemeine Stimmung war derart mit Hochspannung geladen, daß mein Freund Waclaff erklären mußte, es scheine so, als ob wir in Zukunft mit den bisher gegen Widersetzliche und Gesetzesbrecher verhängten Strafen des Stubenarrestes und des zeitweisen oder gänzlichen Ausschlusses aus der Kameradschaft nicht mehr auskommen würden. Diejenigen Unzufriedenen, die sich durch die bisher verhängten Strafen nicht mehr abschrecken lassen wollten, möchten sich erinnern, daß uns äußerstenfalls auch noch unsere Fäuste zur Verfügung ständen, auf die sich der Kameradschaftsführer bedingungslos verlassen 215 könne, wenn es gelte, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Diese recht unverhüllte Drohung machte einen gewissen Eindruck, und die Versammlung ging noch einmal friedlich und ruhig auseinander, obwohl die Stimmung im Lager trotz der draußen herrschenden bitteren Winterkälte gewitterschwül blieb. 31. Eine kleine Bombe platzt. Die Entladung des ,, Wetters" ließ nicht lange auf sich warten. Die Schwarzfahrten gingen fort, wenn auch zunächst in einer kontrollierteren Form als bisher. Jede Woche waren bis vier Kameraden, denen Schulenburg, wenn auch sehr zögernd, die Genehmigung hierzu gab ,,, auf der Achse" nach Bremen oder Wesermünde. Die Sache ging so lange gut, bis unser Kamerad Tiefer, allzu korrekt wie er war das haben Wirtschaftsprüfer so an sich, auf den Gedanken kam, einen dreiwöchentlichen Urlaub bei dem Bürgermeister von Duingen nachzusuchen. Schulenburg hatte Tiefer aufs eindringlichste gewarnt und ihn darauf hingewiesen, daß die anderen ,, Schwarzfahrer" sich bisher stets mit drei bis fünf Tagen begnügt hätten. Tiefer aber wollte einen längeren Urlaub, und zwar insbesondere im Interesse seiner Klientel, deren Geschäftsbücher in Bremen auf seine Kontrolle warteten. Der Bahnverwalter Sachse, der in diesen Tagen besonders entgegenkommend war, wollte Tiefer sogar zehn Tage fahren lassen, was schon unerhört und jedenfalls noch niemals vorgekommen war. Tiefer aber blieb starrsinnig dabei, mindestens drei Wochen beanspruchen zu müssen, worauf der Bahnverwalter, der hierfür natürlich nicht die Verantwortung übernehmen wollte, ihn an den Bürgermeister verwies. Dieser verwies ihn aus dem gleichen Grunde an die Kreisleitung, und diese hatte verständlicherweise nichts Eiligeres zu tun, als sofort bei der Gestapo in Hildesheim rückzufragen, was mit dem Urlaubsgesuch geschehen solle. Die Gestapo erklärte wütend, sie habe doch der Bahnverwaltung ausdrücklich eingeschärft, daß es für uns keinen Urlaub gebe. Alsbald wurde Sachse durch einen telefonischen Anruf aus Hildesheim in Angst und Schrecken versetzt. Er wurde kategorisch darauf aufmerksam gemacht, daß bei ihm die hinsichtlich unserer Behandlung gegebenen Richtlinien offenbar in Vergessenheit geraten seien; wer denn unser Lagerführer sei? Als Sachse der Gestapo darauf erwiderte, es sei doch von ihrer Dienststelle der Koch Robert hierzu ernannt worden, wurde zornig erwidert, hiervon könne gar keine Rede sein, Robert habe nichts weiter zu tun, als für unsere Verpflegung zu sorgen, und die Bahnverwaltung solle unverzüglich, um in unserem Lager, was sehr notwendig erscheine, Ordnung zu machen, einen Lagerführer bestimmen, der für die Einhaltung der von der Gestapo gegebenen Richtlinien verantwortlich sei. Tiefers Urlaubsgesuch wurde natürlich als eine unerhörte Anmaßung abgelehnt. Der aufs äußerste erschütterte Herr Sachse, der sich bereits halb in Schutzhaft sitzen sah, tat sofort zweierlei: Erstens suchte er nach einem geeigneten Lagerführer, den er in der Person eines seiner Bahnbeamten, Hauser mit 216 N Z1 S h S P al St SO Π $ 1 A S a n Diese recht unnd die Versammobwohl die StimWinterkälte gesich warten. Die kontrollierteren , denen Schulenzu gab ,,, auf der so lange gut, bis das haben Wirtnen dreiwöchent usuchen. Schulendarauf hingewiemit drei bis fünf eren Urlaub, und eschäftsbücher in er Sachse, der in Tiefer sogar zehn noch niemals vormindestens drei walter, der hierfür nn an den Bürgern Grunde an die Eiligeres zu tun, en, was mit dem nverwaltung aus be. Alsbald wurde im in Angst und merksam gemacht, benen Richtlinien Lagerführer sei? von ihrer Dienstzornig erwidert nts weiter zu tun, rwaltung solle un rscheine, Ordnung inhaltung der von Tiefers Urlaubsbgelehnt. Der aufs alb in Schutzhalt einem geeigneten amten, Hauser mit Namen, fand, der im Rufe stand, ein fanatischer Nationalsozialist zu sein, zumal er bereits verschiedene Andersgesinnte, deren unvorsichtige Äußerungen er denunzierte, ins Konzentrationslager gebracht hatte. Zweitens sperrte Sachse sofort alle Vergünstigungen, die wir uns im Laufe der Zeit in Widerspruch zu den für uns bestehenden Sonderbestimmungen herausgenommen hatten, ohne daß er bisher dagegen nachdrücklich Widerspruch erhoben hätte. Damit hatte der Bahnverwalter mit einem Schlage die ihm zu gefährlich gewordene Verantwortung für unser Lager personell wie sachlich von seiner angstvollen Seele abgewälzt. Für uns ergab sich eine ebenso neue wie unerfreuliche Lage: Ein Nazi als Lagerführer, den pessimistische Gemüter schon alle Abend zur Feststellung, ob wir auch alle da seien, durchs Lager gehen sahen, dazu die sofortige und grundsätzliche Sperrung aller ,, Schwarzfahrten" und das nunmehr strikt ausgesprochene Verbot, Kinos und Gaststätten zu besuchen, ferner darüber hinaus die Anordnung, daß wir geschlossen zur Arbeit wie von der Arbeit zu gehen hätten und jeder Aufenthalt in der Stadt verboten sei und strengste Einhaltung der Fünf- Kilometer- Grenze an Sonn- und Feiertagen. Nun: es ist nicht so schlimm geworden. Der neue Lagerführer erwies sich als ein kühler und korrekter BeamtenCharakter. Er ist stets sachlich und niemals irgendwie gehässig gewesen. Obwohl er tatsächlich Nazi mit Leib und Seele und der Führer für ihn das A und O war, hat er doch versucht, gegen uns gerecht zu sein. Ob seine gemäßigte Haltung darauf zurückzuführen war, daß auch er bereits Beängstigungen wegen des Kriegsausganges und des Schicksals des Dritten Reiches empfand, ist mir niemals klargeworden. Es hat bis zuletzt den Anschein gehabt, als ob er noch aufrichtig an den Sieg des Nazismus geglaubt hat. Seine Haltung uns gegenüber ist meinem Eindruck nach keine Politik" gewesen, sondern er war tatsächlich gegenüber unserem Schicksal nicht ohne Herz, wobei allerdings dahingestellt bleiben muß, wieweit beides damals bei deutschen Männern überhaupt Gegensätze waren. Er brachte einmal recht unvermittelt zum Ausdruck, daß er unser Geschick bedauere, und daß es nun leider eben oft so sei, daß die Unschuldigen für die Schuldigen leiden müßten. Auf meine Frage, was er damit meine, kam auch er nun mit der angeblichen, recht indirekten Beteiligung an dem Führer- Attentat" vom 20. Juli 1944, die einem Halbjuden zur Last gelegt worden sei. Als ihm aus unserer Mitte erwidert wurde, die gegen uns gerichtete Aktion sei ja schon viel älter als das von ihm genannte Datum und laufe bereits seit dem Vorfrühling 1944, schwieg er ebenso wie auf die launige Äußerung Waclaffs, bei Zugrundelegung seiner Auffassung hätte man ja wegen der Tat des Obersten von Stauffenberg zunächst einmal alle deutschen Adligen aufhängen müssen, wenn man schon alle Halbjuden dafür einsperre, daß ein Mann unserer Abstammung angeblich einen Helfershelfer des Attentats beherbergt und verborgen habe. Hauser hat uns jedenfalls niemals schikaniert und das Sonderleben, das wir uns geschaffen hatten, nicht gestört. Eine Kontrolle hat er bei uns niemals vorgenommen. Er begnügte sich mit Anwesenheitsmeldungen 217 unseres Vertrauensmannes, die ihm als Deckung gegenüber Hildesheim genügten und die er niemals nachprüfte. Einen gewissen ,, Ersatz" für eine fortlaufende Kontrolle bildeten Schilder, von denen er je eines in jeder Stube anbringen ließ und auf denen, wie dies in Gefängniszellen üblich ist, die Insassenschaft des Raumes namentlich aufgeführt war. Wir haben allerdings diese Gefängnisschilder, die uns schon als solche recht unsympathisch waren, bald wieder verschwinden lassen, ohne daß sie von unserem neuen Lagerführer jemals vermiẞt worden wären. Die Aktivität Hausers war im übrigen auch dadurch gelähmt, daß Robert, der nunmehr abgesetzte ,, Lagerführer", der er streng genommen niemals gewesen war, aus bitter gekränkter Eitelkeit sehr erheblich gegen Hauser intrigierte und ihm einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine warf. Besonders wegen unserer Verpflegung ließ Robert sich nicht in seine Karten gucken, und Hauser resignierte hier, wie auch auf anderen Gebieten seines ,, Führertums" sehr bald. Nur in drei Dinge mischte er sich nachdrücklicher ein, als es unser Robert bisher getan hatte: Nämlich erstens versuchte er die Verschalung unserer Baracken doch noch zu bewerkstelligen, da er einsah, daß bei einem Ansteigen der Kälte sonst das ganze Lager krank werden würde. Hierbei erzielte er einen glatten Mißerfolg. Das Holz, das die Bahnverwaltung zu diesem Zwecke bestellt hatte, war noch nicht einmal geschnitten. Zweitens ging er ständig mit unseren Kranken zu dem Lagerarzt und wohnte dem Theater, das die Sprechstunden unseres Paracelsus waren, mit großem Ernste bei, offenbar, um einen Überblick über die Natur und die Bedeutung der bei uns auftretenden Krankheiten zu gewinnen; in dieser Beziehung war auch er ein richtiger Kleinbahnbeamter: Überflüssigerweise durfte der Bahn auch durch Krankmeldung keine einzige Arbeitsstunde verlorengehen. Drittens versuchte er schließlich, und das auf ausdrückliche Anweisung Sachses, eine radikale Beschränkung unseres Postverkehrs durchzuführen. 32. Rationierte und zensierte Briefe. In den Richtlinien der Gestapo war eine bisher überhaupt praktisch nicht in Wirksamkeit gesetzte Bestimmung enthalten, wonach wir alle vierzehn Tage höchstens einen zwei Seiten langen Brief schreiben durften und auch diese kärgliche Post der Zensur des Lagerführers auf politische Unbedenklichkeit unterlag. Diese Bestimmung wurde nun wie alle anderen auf Veranlassung des ängstlichen Herrn Sachse unverzüglich in Kraft gesetzt, aber sie ist trotzdem in Wirklichkeit niemals in Kraft getreten. Hauser hatte zwar die ausgehende Post zunächst zur Durchsicht zu Sachse zu bringen, und sie dann am Bahnhof oder auf dem Postamt aufzugeben, wobei er zugleich an unser Lager eingegangene Post in Empfang nehmen konnte. Wir hatten aber, da wir unmittelbar an der Bahnlinie saßẞen, so viele Möglichkeiten, unsere Briefe ,, illegal" zu befördern, daß uns dieses Gestapogesetz, das auch lediglich den Zweck befolgte, uns unseren Fa218 QUI D ti d n f d n über Hildesheim „Ersatz” für eine ie eines in jeder sniszellen üblich war. Wir haben solche recht un ne daß sie von en. Die Aktivität ‚ert, der nunmehr als gewesen wat, ser intrigierte Beine war, Be t in seine Kar- „deren Gebieten Is es unser lie Verschalun? - einsah, daß bei £„rerden würde, sin. A milien allmählich zu entfremden, kein Kopfzerbrechen verursacht hat, Diejenigen unserer Schicksalsgenossen, die als Heizer auf den Lokomo- tiven der Kleinbahnen fuhren, nahmen unsere Briefe täglich nach Vol- dagsen mit, wo sie sie an einen Beamten weitergaben, der sie unmittel- bar in den direkt nach Bremen fahrenden Hildesheimer Schnellzug warf, solange dieser noch verkehrte, Oder Kameraden, die zur vertrauensärzt- lichen Untersuchung oder auch zu einem anderen Zweck nach unserer Kreisstadt Alfeld fuhren, warfen die Post dort ein, von wo sie direkt nach Hannover und von dort weiter nach Bremen und Wesermünde ab- gefertigt werden konnte, Oder aber wir benutzten die schnellste Post- verbindung, nämlich durch„Kuriere”, d. h. die Briefe wurden von Ka- meraden, die aus irgendeinem Anlaß nach Bremen oder Wesermünde fahren konnten, dorthin mitgenommen und an den Bestimmungsorten in den Bahnhofsbriefkasten gesteckt. Dieser letzte Weg war allerdings zu- nächst infolge des allgemeinen und jetzt strikt durchgeführten Reisever- botes nicht gangbar. Dafür blühten aber die anderen„ilegalen” Ver- bindungen, auf denen täglich ganze Stöße von Briefpost befördert wur- den, um so mehr, und wir haben so oft und so ausführlich, wie wir nur wollten, nach Hause geschrieben. Von unserem Vertrauensmann mußte geradezu darauf geachtet werden, daß auf dem„legalen” Postweg nicht ein völliges Vakuum entstand und täglich mindestens einige belanglose Postkarten an Herrn Hauser für die Zensur des Herrn Sachse aufgeliefert werden konnten, Schon an den dicken Stapeln der täglich eingehenden Post mußte Hauser ohne weiteres sehen, daß wir ihn hintergingen. Es war nicht anzunehmen, daß wir diese Masse von Briefen— manchmal bekam der und jener von uns sechs bis acht Briefe am Tage— erhalten konnten, ohne selbst in entsprechendem Umfange zu schreiben. Weder Hauser noch Sachse, dem jener sicherlich berichtet hatte, wie die Dinge lagen, haben aber jemals etwas dazu bemerkt, sondern sie haben stets so getan, als ob sie alles in Ordnung vermeinten, Sie waren offenbar auch hier damit zufrieden, gegenüber der Gestapo, wenn auch noch so fadenscheinig, gedeckt zu sein. 33. Winterliche Zwangsarbeit. Die Arbeit auf der Strecke war durch die sehr starke Kälte, die um Weihnachten herum aufgetreten war und den ganzen Januar über an- dauerte, praktisch unmöglich geworden, Der Schotter auf dem Bahndamm war derart festgefroren, daß das Aufmachen der auszuwechselnden oder zu stopfenden Schwellen zu einer Art Felsarbeit geworden war. Schließ- lich brauchten wir für eine Arbeit, die sonst fünf bis zehn Minuten ge- dauert hätte, etwa eine Stunde, Es erwies sich immer mehr als kaum durchführbar, den Schotter aus seiner starken Vereisung noch loszuschla- gen, und es war am Ende nur noch möglich, die Schottersteine einzeln zu lösen, was unsere„kriegswichtige" Arbeit endgültig zu einer mehr oder weniger sinnlosen Spielerei machte, Die Arbeit wurde aber immer weiter fortgesetzt, trotzdem das„Aufmachen” der Schwellen jetzt eine 219 Mühe war, wie sie entstehen müßte, wenn jemand Dolomitengestein fort- laufend mit einem Hammer zerschlagen wollte, Auf der Strecke war es jetzt so bitterkalt geworden, daß wir trotz unserer warmen Kleidung und trotz der schweren Arbeit, die uns hätte wärmen müssen, recht ausgiebig froren., Wenn ein scharfer Wind die Kälte noch schneidender machte als sie schon war, wurde es natürlich ganz besonders schlimm, Aber solange die Schottersteine sich mit der Grepe und der Spitzhacke, wenn auch mit größter Mühe, bewegen ließen, blieb es bei unserer bestimmungsgemäßen Arbeit. Erst als eines Nachts so starker Frost gewesen war, daß beim besten Willen kein einziger Stein mit noch so beträchtlicher Kraftanstrengung losgeschlagen werden konnte, wurde die Streckenarbeit bis auf weiteres eingestellt, Was an ihre Stelle trat, war derart, daß wir uns sehr bald nach unserer„regu- lären“, früher so sehr verabscheuten Arbeit zurücksehnten, Es gibt kaum einen„ungelernten” Beruf, den wir nicht haben ausüben müssen. Relativ harmlos und sehr begehrt waren die Schneefegerposten, Die zu dieser Tätigkeit Ausersehenen hatten fortlaufend die Bahnübergänge und die Weichen schneefrei zu machen. Ich habe zu diesen Begünstigten, die um ihre reine und leichte Arbeit tatsächlich zu beneiden waren, niemals gehört. Ich bin dafür Kohlenzieher gewesen. Mit meinem Schicksals- genossen Lüders zusammen habe ich zum Beispiel einmal einen zwanzig Tonnen fassenden Güterwagen mit Bunkerkohle ausladen, d. h. aus- schippen müssen, für zwei Ungelernte immerhin eine Tagesleistung, die sich sehen lassen konnte, Wir haben uns bei ihr sehr daran gehalten und. auch daranhalten müssen, da uns so kalt wie deutlich mitgeteilt worden war, daß wir, wenn der Wagen am Feierabend nicht leer sein würde, die Arbeit an dem hierauf folgenden Sonntag fertigzumachen hätten. Feier- tags Kohlen zu schippen, haben wir doch lieber vermieden, Täglich muß- ten nun zwei bis vier andere unserer Schicksalsgenossen Kohle abladen, eine Arbeit, die vorher die bei der Bahnverwaltung tätigen russischen Zivilarbeiter getan hatten, die jetzt zu einer anderen Arbeit„eingesetzt" wurden. Diese Kohlenarbeit war ungeheuer schmutzig. Wer keinen fest- schließenden Arbeitsanzug hatte, war am Abend schwarz wie ein Neger, was besonders im Hinblick auf unsere primitiven Waschvorrichtungen sehr unangenehm war. Die Arbeit war auch gefährlich. Mein Freund Thilo hatte einmal mit seinem Bruder, dem Seefahrer, zusammen einen Waggon Briketts ausladen müssen, wobei beiden, da der Wind ungünstig stand, die Augen mit Ruß nur so vollgeweht waren. Da beide auch keine Schutz- brillen zur Verfügung gehabt haben, kamen sie abends mit völlig ent- zündeten Augen in die Baracke, Besonders Thilo wollte trotz aller Kühl- salben, die wir anderen ihm aus unseren kargen pharmazeutischen Vor- räten verabreichen konnten, verzweifelt alle Wände hochgehen, da er den schlimmen Brand in seinen Augen kaum mehr ertragen konnte. Ebenso wie Kohlen mußten um den Bahnhof Duingen herum große Mengen von Schlacke, die aus den Lokomotiven zwischen die Geleise geworfen worden waren, mit der Schippe in offene Güterwagen aufge- 220 lad um wer „kr Aul die bes dar arb kat ng itengestein fort- rde es natürlich ne sich mit der bewegen ließen, agesleistu gehalten ın un’ en en mitgeteilt WON sein würde, die ‚r seit Be “_ nätten, Feier laden und dann von diesen längs der Strecke wieder abgeladen werden, um die schmalen, neben dem Bahnkörper laufenden Wege durch Be- werfen mit dem fraglichen„Material zu erneuern. Übrigens auch eine „kriegswichtige” Arbeit. Auch diese Arbeit war nicht sauberer als das Auf- und Abladen von Kohle. Der einzige Lichtblick war, daß man bei dieser Arbeit, die stundenlang aus derselben Bewegung mit der Schippe bestand und sich daher ganz automatisch ausführen ließ, seinen Ge- danken nachhängen konnte, Noch schmutziger und dabei leider nicht so mechanisch war die Kanal- arbeit, die sich entwickelte, als die Bahnverwaltung auf den Gedanken kam, uns für die Zeit des strengen Frostes mit dem Aufmachen und Rei- nigen der neben den Bahngeleisen liegenden Gräben eine neue Arbeit zuzuweisen, Ein durch den Ort Duingen laufender Graben, den wir so zu „renovieren hatten, war eine Kloake im wahrsten Sinne des Wortes und für Leute, die derartiges nicht gewohnt gewesen sind, eine geradezu ekelhafte Arbeit. Der„Humus”, den wir aus diesem Kanal ausgruben, wimmelte, als er nach einigen Tagen von uns auf Eisenbahnwaggons zum Zwecke der Verwendung als Dünger verladen wurde, von unzähligen roten Würmern, die sich in diesem Schlamme trotz der dauernd herr- schenden Temperatur von erheblich über zehn Grad Kälte entwickelt hatten, Ein anderer Graben, den wir wiederherzustellen hatten, zog sich außerhalb des Ortes Duingen bis gegen Weentzen, die nächste Bahn- station, hin. Der kalte Wind pfiff uns in dem völlig freien und schutz- losen Gelände, in dem wir hier arbeiteten, erbarmungslos um die Ohren, und es war uns manchmal trotz der vier- bis fünffachen wärmenden Hülle, die wir auf dem Leibe hatten, so, als ob wir völlig nackend auf unserer Arbeitsstelle ständen. Auch ein Holzfeuer, das wir mit Reisig zu nähren versuchten, welches wir aus dem ziemlich abseits liegenden Walde holten, wollte hier so gut wie gar nicht wärmen, Wenn wir, nach- dem das sehnlichst erwartete Ende eines solchen frostigen Arbeitstages da war, über die vereiste Strecke in unser Lager stapiten, waren wir immer halb erstarrt. Solange die grimmige Kälte in unserem Lager nicht die Oberhand ge- wann, ließ sich das alles noch einigermaßen ertragen. Es war uns klar, daß, wenn die Temperatur einmal längere Zeit unter fünfzehn oder zwanzig Grad sank, wir mit unseren Öfen nicht mehr dagegen anheizen konnten und dann auch feierabends und nachts scheußlich hätten frieren müssen, was wohl allgemein das Ende unseres Lagers bedeutet hätte, Infolge- dessen verlangte ein Inspektor der Arbeitsfront, der unser Lager besich- tigte, wieder einmal mit großem Nachdruck, daß die Verschalung der Baracken nunmehr schleunigst in Angriff genommen werden müsse, Die Bahnverwaltung sagte dies zu, aber es blieb auch hierbei alles beim alten, Wir behielten alle Gelegenheit, bis ins letzte abgehärtete Strecken- arbeiter im besonderen und wie es dem allerdings nicht für uns ge- wünschten Ideal der Zeit entsprach, ein„hartes Geschlecht“ im allge- meinen zu werden, 221 34. Getarnte Bahnhöfe. Eine Hauptsorge der Bahnverwaltung war immer wieder, daß die feindlichen Aufklärungsflieger die Geleise, auf denen die schweren Tankwagen der Ölzüge reihenweise abgestellt wurden, entdecken und die wertvollen Wagen dann durch Tieffliegerangriffe vernichtet werden könnten. Infolgedessen wurden der Bahnhof Brunkensen, in dessen Nähe die Ölraffinerie lag und der infolgedessen Endpunkt der Ölzüge war, ebenso wie der Bahnhof Duingen, auf dem die Tankwagen, bevor sie zu ihren Reichsbahn- Bestimmungsstationen rollten, zu Zügen zusammengestellt wurden, mit aller nur erdenklichen Kunst den Späherblicken der angloamerikanischen Flieger entzogen. - - Die Tarnung des Bahnhofs Duingen war eine der winterlichen Arbeiten, die für uns an die Stelle der stillgelegten Streckenarbeit trat. Zwischen den Geleisen wurden ganze Wäldchen hochstämmiger Tannen" gepflanzt" und an den Haltedrähten, welche die einzelnen Stämme zu Baumreihen verbanden, dicke Tannenzweige befestigt, so daß das ganze von oben wie ein dichter von Gestrüpp durchwachsener Forst wirken mußte. Um die Tannen einzupflanzen, mußten eineinhalb Meter tiefe, schmale Löcher in den harten Boden gegraben werden. Die so eingegrabenen Tannen, deren Wipfel grün blieben, standen so fest, daß auch die Winterstürme des Wesergebirges ihnen nichts anhaben konnten und deckten den Bahnhof und die auf seinen Abstellgleisen haltenden Ölund sonstigen Güterzüge so gründlich, daß kein englischer Flieger die Stelle jemals gefunden hat. Nahe genug waren sie oft daran. Besonders vier englische Tiefflieger es werden wahrscheinlich immer wieder dieselben gewesen sein haben oft den Bahnhof und unsere Arbeit, während wir mit derselben noch beschäftigt waren, umkreist, so daß wir jedesmal dachten: Jetzt haben sie uns. Sie haben zwar oft weiter von Duingen entfernt auf der Strecke Lokomotiven angeschossen und sogar einmal Waggons eines fahrenden Zuges teilweise zerstört, aber unser von Tannen beschatteter Ölbahnhof ist ihnen verborgen geblieben. Wenn wir die Tannen und besonders das Tannengestrüpp aus dem Walde holten, so zogen wir als lebende Tarnungen über die Strecke. Jeder von uns schleppte dann ein riesiges Bündel von Tannenzweigen, das mit Draht zusammengebunden und mit einem Stock auf der Schulter getragen wurde, hinter sich her, so daß es immer aussah, als habe der Wald von Dunsinan aus Shakespeares ,, Macbeth" sich gegen Duingen in Bewegung gesetzt. Leider zogen wir aber so nicht einher, um, wie das am Schluß der berühmten Tragödie des großen englischen Dichters geschieht, die Burg der Tyrannei zu brechen, sondern wir mußten vielmehr hier dazu beitragen, sie gegen die Gefahren, die ihr von ihren Feinden drohten, zu schirmen. 35. ,, Typhus- Verdacht". Nachdem sich infolge der strengen Januarkälte in unserem zugigen Lager schon einige ernste Erkrankungen ereignet hatten, lag eines Mor222 gens Fiebe plötz Gelo auch nur l große Wie s außer beim haber bei schon Ich barba ausra Feuer De tag. weisu Ween kurz Begri den nicht zu ge leise große aber dene auf e fahrs zwisc Ruf beor Lüde den durc das Es b bild Ges säch den jede lang Vor r, daß die feind- eren Tankwagen d die wertvollen en könnten, In- n Nähe die Öl- ige war, ebenso r sie zu ihren ammengestellt icken der anglo- rlichen Arbeiten, it trat, Zwischen or Tannen„Se nen Stämme zu o daß das ganze we Forst wirken alb Meter tiefe, Die so eingegra ost, daß auch die »n konnten un .„ haltenden Wi her Flieger die N Bee Eh ER ER ERLERERE ee gens auf unserer Stube unser Kamerad Mager bewußtlos und in schwerem Fieberdelirium, Paracelsus, der erst erschien, als sich das Fieber ebenso plötzlich, wie es gekommen war, wieder im Abstieg befand, verordnete Gelonida-Tabletten, die, so ausgezeichnet sie gegen Zahnschmerz sind, auch in diesem Falle nicht gerade geschadet haben. Mager erholte sich nur langsam, Er litt noch erhebliche Zeit an völliger Appetitlosigkeit und großer körperlicher Schwäche. Es war offenbar eine„Grippe gewesen, wie sie in ähnlicher Form und mit gleicher Heftigkeit um diese Zeit auch außerhalb unseres Lagers öfter auftrat. Ich muß mich bei Mager, der mir beim Essen am selben Tische unmittelbar gegenübersaß, angesteckt haben, Eines Morgens verspürte auch ich völlige Appetitlosigkeit, was bei dem Wolfshunger, den wir als„Schwerarbeiter” gewöhnlich hatten, schon ein recht bedenkliches Zeichen war. Ich ging an diesem Tage mit meinem Kameraden Lüders zu dem Nach- barbahnhof Weentzen, um dort Holz zu zerkleinern, Wir hatten dert ausrangierte Eisenbahnschwellen in kleine Blöcke zu zersägen, die als Feuerholz zur Beheizung des kleinen Bahnhofs gebraucht werden sollten. Der ganze Tag war, wie das so manchmal kommt, ein rechter Unglücks- tag. Unser Rottenführer Groß, der Lüders und mir noch einige An- weisungen gegeben hatte, wollte mit einem Güterzug, der gerade durch Weentzen kam, nach Duingen zurückfahren und ließ diesen Zug deswegen kurz halten, Er war schon auf der anderen Seite des Geleises und im Begriff, auf einen der Wagen aufzuspringen, als ihm einfiel, daß er uns den Schlüssel für den im Bahnhofsgebäude stehenden Werkzeugkasten nicht dagelassen habe, Er rief deshalb, in der Absicht, mir den Schlüssel zu geben, meinen Namen, um mich zu veranlassen, zu ihm über das Ge- leise zu kommen. Einen Augenblick später überlegte er sich das, da er große Eile hatte— Bahnbeamte haben immer zu unrechter Zeit Eile— aber wieder anders, legte den Schlüssel mit einem von mir nicht verstan- denen zweiten Ruf, der mir dies zur Kenntnis bringen sollte, kurzerhand auf einen großen Feidstein, sprang auf und gab der Lokomotive das Ab- fahrsignal, Ich hatte von diesem ganzen Vorgang nichts gesehen, weil zwischen Gross und mir der recht lange Güterzug stand, Auf den ersten Ruf des Beamten, der mich zu diesem auf die andere Seite des Geleises beordert hatte, war ich von dem Sägebock, an dem ich zusammen mit Lüders gearbeitet hatte, vorgetreten und hatte mich angeschickt, zwischen den beiden mir zunächst stehenden Güterwagen unter den Puffern hin- durchzukriechen, Als ich gerade mitten darunterstak, fuhr der Zug auf das inzwischen von Gross mit der Hand gegebene Abfahrtszeichen an. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre in diesem Moment nicht nur bildlich gesprochen, wozu im Hinblick auf die offenbaren Absichten der Gestapo immer noch genug andere Gelegenheit war, sondern auch tat- sächlich unter die Räder gekommen, Ich handelte so blitzschnell und dennoch richtig, wie man das nur völlig instinktiv und ungehemmt durch jede vernünftige Überlegung tun kann. Eine Rückbewegung wäre viel zu langsam gegangen, Ich schoß infolgedessen mit einer Art Hechtsprung vorwärts, wodurch ich zunächst mit dem Oberkörper auf die andere 223 Gleisseite gelangte, Noch im Zuge dieser Bewegung warf ich mich auf den Rücken und sah dabei bereits das nächste Rad riesenhaft groß auf mich zurollen, wobei mich der flüchtige Gedankenfetzen berührte, daß es mir eigentlich besser über den Bauch mit garantiert tödlichem Ausgang gehen als mir die Beine. abfahren sollte. Es gelang mir, mich so, wie ich auf dem Rücken lag, noch etwa einen halben Meter zurückzuwerfen und zu- gleich die Knie soweit anzuziehen, daß das Rad unmittelbar an meinen Schuhsohlen, diese fast berührend, vorüberrollte, Als ihm das hintere Rad desselben Wagens folgte, stand ich bereits wieder aufrecht. Es dauerte aber noch eine ganze Weile, bis der Zug, der recht lang war, vorüber war und meinem Kameraden Lüders die Sicht auf mich freigab. Lüders stand kreidebleich an unserem Sägebock. Es hatte ihm gänzlich die Sprache verschlagen, und er sagte mir, als er wieder zu Worte kam, er habe die Augenblicke, in denen der Zug zwischen uns anfuhr, sich immer wieder gefragt, ob er mich überfahren und gänzlich zerquetscht oder aber ohne Beine wieder zu Gesicht bekommen werde. Der Vor- fall hatte sich innerhalb weniger Sekunden abgespielt. Ich berichte ihn nur deswegen, weil ich nach diesem Ereignis der festen Überzeugung ge- wesen bin, daß ich unser Abenteuer wohlbehalten überstehen werde, ein Glaube, der mir, wie ich meine, auch sehr dazu geholfen hat, die schwere Krankheit, die ich bereits in mir trug, und die unmittelbar darauf mit aller Gewalt ausbrach, zu bewältigen. Ich hatte mich schon den ganzen Morgen fiebrig gefühlt und sägte nun mit Lüders zusammen zunächst in dem Gedanken weiter, daß es eine recht dumme Sache sei, jetzt auch noch krank zu werden, zumal mindestens Lüders meinen mußte, es handle sich um einen durch das gerade vor- gefallene Ereignis hervorgerufenen Nervenkollaps. Ich ging daher nach dem Mittagessen mit Lüders nochmals zu unserem derzeitigen Arbeits- platz zurück, spürte aber einen Kälteschauer nach dem anderen, den ich zunächst noch darauf schob, daß es an dem Tage sehr kalt war und ein schneidender Wind herrschte, Schließlich schien es mir aber doch hohes Fieber zu sein. Da Waclaff gerade bei unserer Sägerei anlangte und wir die Zwei-Mann-Säge zu dreien ohnehin nicht handhaben konnten, ent- schloß ich mich, auf Zureden meiner beiden Kameraden ins Lager zurück- zugehen. Dort wurde ich zwar nicht bewußtlos wie Mager, aber ich hatte immer- hin 40,6 Grad Fiebertemperatur im Arm, einen Rekord, den ich im ganzen Leben bisher nicht erreicht hatte. Vielleicht wäre es das Beste gewesen, nichts anderes zu tun, als ein paar Tage möglichst ruhig und ohne Nahrungsaufnahme zu liegen. Ich aber wollte den Teufel mit Beelze- bub austreiben und unternahm mit Hilfe von Aspirintabletten und heißem Lindenblütentee eine Schwitzkur, die das Fieber für den nächsten Tag auf 38 Grad herabdrückte, aber nicht verhinderte, daß die Temperatur am übernächsten Tage wieder auf die ursprüngliche Höhe von über 40 Grad hinaufschnellte, Ich habe zunächst vier Tage in diesem unver- ändert hoch bleibenden Fieber gelegen. Es war dies in der„Etagenwoh- nung“, die ich innehatte, mit großen Unzuträglichkeiten verknüpft. Wenn 224 warf ich mich auf den enhaft groß auf mich berührte, daß es mir ichem Ausgang gehen mich so, wie ich auf kzuwerfen und zu- telbar an meinen Als ihm das hintere wieder aufrecht, Es der recht lang war, 1t auf mich freigab. Es hatte ihm gänzlich ‚ieder zu Worte kam, chen uns anfuhr, sich sänzlich zerquetsc t u werde, Der Vor- sielt, Ich berichte ihn | en Überzeugung 80" erstehen werde, ein t, die schwere bar darauf mit mir auch die Kameraden, die rührend um mich besorgt waren, Essen und alles, was ich sonst nötig hatte, heraufreichten, so mußte ich doch ab und zu, schon um mich zu waschen, von meiner sowohl nach Höhe als auch nach der Zugigkeit„luftigen” Bettstatt herunterklettern, Paracelsus erschien erst am fünften Tage, nachdem Toms, der sich in Abwesenheit unseres Kameradschaftsführers Schulenburg als dessen Stell- vertreter ganz besonders um mich bemühte, ihn nach vielen vergeblichen Versuchen, dieses Musterexemplar von Lagerarzt in unser Lager hinein- zubekommen, geradezu an oder richtiger vor mein Krankenlager ge- schleppt hatte, Paracelsus, nun er endlich kam, trat recht geräuschvoll in Erscheinung und rannte mit dem wiederholten Ruf:„Wo ist er denn?” in unsere Stube herein, als ob er— Toms sagte nachher, wie ein Hund, der eine Fährte sucht— alle Winkel der Bude nach mir durchforschen wollte. Als er mich schließlich auf meinem„Hochsitz” entdeckte, erklärte er,„der Mann solle da herunterkommen”, Ich kletterte also von meinem Strohsack, auf dem ich unter einer Anzahl Decken und mit meinen beiden warmen Mänteln zugedeckt lag, einmal wieder„zu Tal” und setzte mich an den Ofen, um bei der von allen Seiten in die Baracke eindringenden Außenkälte während der Untersuchung nicht allzusehr zu frieren, Ich hätte mir diese Vorsichtsmaßnahme aber schenken können. Denn Para- celsus Untersuchung bestand ausschließlich darin, mir mit einer Taschen- lampe in den Hals zu leuchten und dabei kurz„Ahal” zu sagen, Da der Weise inzwischen bei der Aufnahme der Personalien erfahren hatte, wer ich war, beging er die Höflichkeit, mir seine Schnelldiagnose zu er- läutern. Ich hätte eine schwere Halsentzündung, die sich zerstörend auf den Drüsenmechanismus des gesamten Körpers ausgewirkt habe, der in- folgedessen— seine ständige fixe Idee— hochrheumatisch sei. Mit einigen Spritzen werde das Übel behoben werden, Da ich die Wunder- wirkungen dieses seines Allheilmittels kannte, wandte ich ein, daß ich weder Halsschmerzen gehabt noch jetzt rheumatische Erscheinungen hätte, Dies beirrte ihn aber gar nicht, da er, wie er erklärte,„mein Lei- den festgestellt habe”, Ich konnte ihn trotz aller gegenteilisen Bemühun- gen, da ich nicht gerade unhöflich werden wollte, nicht hindern, mir eine seiner fabelhaften Spritzen unter die Haut zu jagen. Der Medizinmann empfahl sich außerordentlich wortreich, indem er mir u. a. erzählte, daß er einmal Schiffsarzt gewesen und bei dieser Gelegenheit auch öfter durch Bremen gekommen sei, Ich wollte ihn eigentlich fragen, ob er auch das Reisepublikum des Norddeutschen Lloyd mit derselben Spritze be- handelt habe, die er jetzt so„erfolgreich‘‘ in unserem Lager verwende, unterließ es aber, Mein Fieber blieb auch in den nächsten Tagen unverändert über 40 Grad, und meine Pulsfrequenz stieg auf über 140. Die von mir an- fänglich versuchte Schwitzkur erwies sich als recht überflüssig, da nun ganz von selbst ein Schweißausbruch dem anderen folgte, Ich wartete gespannt darauf, wann ich eine Lungenentzündung haben würde, da der kalte Luftzug von oben und von den Seiten immer schlimmer wurde und wieder kaltes Wasser von oben auf mein Krankenlager niederrieselte. ir 225 Meine Kameraden hatten ursprünglich daran gedacht, mich in die „Krankenbude” umziehen zu lassen, womit diese endlich erstmalig ihrem Verwendungszweck zugeführt worden wäre, Ich habe dem zugestimmt, schon um weitere Ansteckungen zu verhindern, aber auch, im etwas Ruhe zu haben, die ich in unserer Stube, wo sich nach wie vor das täg- liche Leben von zwölf Mann abspielte, nicht bekommen konnte, An einem Sonntagnachmittag leierte beispielsweise unser musikliebender Chauffeur Welicki, während die anderen Bewohner unserer Baracke Karten spielten, dazu unablässig stundenlang seine Schlager herunter, von denen ich auch bei dieser Gelegenheit nicht habe feststellen können, ob es eigentlich drei oder vier waren. In gesunden Tagen hatte ich vor dieser Musik, die mir schon damals auf die Nerven fiel, stets die Flucht ergriffen, jetzt mußte ich sie über mich ergehen lassen, was bei über 40 Grad Fieber nicht gerade eine Kleinigkeit darstellte. Es war tatsäch- lich Zum-die-Wände-Hinauflaufen, die allerdings über meiner Lagerstatt ja auch keineswegs mehr hoch waren, Mein Umzug in die Krankenbude erwies sich aber als technisch undurchführbar. Diese kleine Baracke lag derart ungeschützt und der herrschenden Kälte ausgesetzt, daß der Raum, der außerdem noch erheblich zugiger war als der unsere, mit dem dort stehenden Ofen überhaupt nicht warm zu bekommen war, An dem Abend, an dem dieses negative Ergebnis bekannt wurde, er- schien unser früherer sogenannter„Lagerführer” Robert bei mir mit der Frage, ob ich nicht besser in ein Krankenhaus gehe. Auch dies war wohl wieder ein verkappter Ratschlag des Herrn Dr. Zick, nachdem meine Er- krankung in Duingen Stadtgespräch geworden war, Der Gedanke leuch- tete mir ein, da ich mir sagen mußte, daß ich bei einer Fortdauer des hohen Fiebers und bei noch größerer Schwächung meiner Kräfte meinen Kameraden wohl bald recht fühlbar zur Last fallen mußte, zumal sich, wie unser Lager nun einmal angelegt war, täglich ein mehrfacher Weg durch den zwischen den einzelnen Baracken liegenden hohen Schnee nicht vermeiden ließ. Der von Robert gemachte Vorschlag war aber sehr schwer auszuführen. Zunächst war es sicher schwer, die Zustimmung der Bahnverwaltung zu erhalten, die sich darauf berufen konnte, daß sie eine Genehmigung der Gestapo benötige, die ohne Frage niemals erteilt worden wäre, Dann war es zweifellos schwierig, in einem der Kranken- häuser unserer Gegend, die sämtlich überfüllt waren, ein Zimmer zu be- kommen und wohl noch schwerer, ein Krankenauto zu organisieren, das mich abschleppte. Als ich Toms davon sprach, sagte er, ich hätte die Hauptschwierigkeit noch vergessen, die darin bestehe, daß unser Wunder- doktor niemals einwilligen würde, weil er hierin eine Kapitulation be- treffs seiner berühmten Spritzkur erblicken müßte, die er als völlig un- vereinbar mit seinem ‚Prestige‘ ansehen würde. Er wolle aber trotzdem alles tun, und es treffe sich insofern gut, als unser Paracelsus heute über Land sei, um entfernte Gegenden unseres Kreises mit seiner Kunst zu beglücken; es sei infolgedessen möglich, den anderen Duinger Arzt zu holen, der weit vernünftiger sei. Auch dieser war an dem betreffenden Tage über Land gefahren, und es gelang meinem guten Freunde Toms 226. BETTER TEE RETTEN ein acht, mich in die lich erstmalig ihrem me dem zugestimmt, er auch, um etwas ch wie vor das tägommen konnte. An ser musikliebender er unserer Baracke Schlager herunter, e feststellen können, Tagen hatte ich vor fiel, stets die Flucht assen, was bei über llte. Es war tatsächer meiner Lagerstatt in die Krankenbude e kleine Baracke lag ausgesetzt, daß der der unsere, mit dem men war. bekannt wurde, erbert bei mir mit der Auch dies war wohl nachdem meine ErDer Gedanke leuch einer Fortdauer des meiner Kräfte meinen mußte, zumal sich, ein mehrfacher Weg enden hohen Schnee schlag war aber sehr wer, die Zustimmung rufen konnte, daß sie Frage niemals erteilt einem der Krankenn, ein Zimmer zu be zu organisieren, das gte er, ich hätte die e, daß unser Wunder eine Kapitulation be die er als völlig un wolle aber trotzdem Paracelsus heute über mit seiner Kunst zu ren Duinger Arzt zu an dem betreffenden guten Freunde Toms - nur nach viermaliger Vorsprache schließlich zu erreichen, daß dieser Arzt, ein Dr. Müller, noch nachts um 11 Uhr in unserer Baracke erschien, für die dies ein ganz besonderes Ereignis war. Er untersuchte mich gründlich, konnte aber an keinem Organ etwas Verdächtiges oder gar Besorgniserregendes entdecken und meinte schließlich resigniert, das sei wohl tatsächlich eines der berüchtigten sogenannten Grippefieber, deren Ursache der Wissenschaft noch verborgen sei. Ich stellte dem Arzt vor, daß es doch das Beste sei, mich in ein Krankenhaus überführen zu lassen, da ich in unserem Lager, von dem er ja nun durch unmittelbaren Augenschein einen deutlichen Begriff habe, wohl nur mit größten Schwierigkeiten wieder gesund werden könne. Er sah das ein, fühlte sich aber durch den Gedanken, seinem hier eigentlich zuständigen Berufskollegen vorgreifen zu sollen, offenbar erheblich gehemmt, wenn er sich auch über die ,, Blitzdiagnose" und die„, Wunderspritze" unseres Lagerarztes mit deutlichem Spott äußerte. Trotzdem war er auch hier stand wohl der Einfluß des Herrn Dr. Zick im Hintergrunde gern geneigt, mir zu helfen. Aber auch er bezweifelte erstens, daß ich ein Bett in einem der erreichbaren Krankenhäuser erhalten würde, und vor allen Dingen sah er keine Möglichkeit, für mich bei der Diagnose, die er eigentlich stellen mußte, ein Krankenauto zu bekommen. Schließlich kam er auf den Gedanken, mir ,, Typhus- Verdacht" zu attestieren, womit ich, wie er meinte, ohne weiteres einen Platz im Krankenhaus und jedenfalls sofort ein Auto bekommen würde, da man dann behördlicherseits eine Verseuchung des ganzen Lagers fürchten müsse. Ich hatte zwar von Anfang an ein ziemlich unbehagliches Gefühl bei diesem Auskunftsmittel, stimmte aber zu, als ich die strahlenden Gesichter meiner Kameraden sah, die sich ehrlich freuten, daß ich auf diesem krummen Wege, der ihnen offenbar sehr schlau erschien, doch noch zu meinem Ziele käme, Besonders meine Kameraden Waclaff und Karich, die in ihren ,, Zimmern" im ersten Stock" hoch über der Szene auf dem Bauch lagen, um dieselbe beobachten zu können, feixten wie Max und Moritz auf den gutmütigen Medizinmann herunter, als er das recht gewagte Papier ausschrieb. Er verabschiedete sich dann ebenso wohlwollend wie weltmännisch, was wir beides in unserer ,, Holzfällerhütte" von keinem Außenstehenden gewohnt waren. Toms hatte schon vorher bei der Bahnverwaltung den ,, KrankenhausGedanken" angeregt. Dem ängstlichen Herrn Sachse war sofort die Gestapo eingefallen und er hatte gemeint, ob es, wenn ich es trotz aller Decken ,, oben" zu kalt habe, nicht das einfachste sei, mir ,, unten", also im Erdgeschoß, ein Bett zu geben. Toms hatte hierauf ebenso schlagfertig wie zutreffend erwidert, die Kälte, die von unten her durch die Fugen unseres Holzhauses eindringe, sei keineswegs geringer als diejenige, die von oben komme. Sachse hatte darauf geschwiegen. Als ihm Toms nun aber den listigen Krankenschein überreichte, entsetzte sich der ängstliche Mann und telefonierte sofort die Krankenhäuser in Gronau, Hameln und Hildesheim an. In Hildesheim wurde ein Platz zugesagt. Aber es schien nun wieder alles an dem Auto zu scheitern, da sämtliche in 15* 227 Frage kommenden Wagen wegen Benzinmangels bewegungsunfähig waren, Wie das nun so manchmal geht, wachte ich am nächsten Morgen mit dem deutlichen Gefühl auf, das Schlimmste überwunden zu haben, Das Fieber war auf 38 Grad gesunken und ich sagte zu Toms, nun könne ich ja auch im Lager bleiben. Der beschwor mich aber, den Dingen ihren Lauf zu lassen, Denn er könne nun nicht gut mehr zurück, da schon ganz Duingen voll davon sei, daß in unserem Lager Typhus herrsche und man sofortige Maßnahmen verlange, wobei unser dicker Koch Robert sich schon zu der Forderung verstiegen habe, das ganze Lager abzusperren! Ein Teil der Unannehmlichkeiten, die ich von dem Geniestreich unseres gutmütigen Doktors befürchtet hatte, war also schon da, Wir überließen nun alles Weitere dem Schicksal und tatsächlich wurde am nächsten Morgen von der benachbarten Bahnstation nach Duingen telefonisch ge- meldet, daß ein Wagen unterwegs sei und ich mich reisefertig machen solle, Bei dem Wagen handelte es sich um ein tadelloses Krankenauto, das nur den einen Fehler hatte, von einer Frau, nämlich einer Kranken- schwester gesteuert zu werden. Ich hätte beinahe kein Krankenhaus mehr nötig gehabt, da die zwar forsche, aber wenig sichere Fahrerin unterwegs mit einem schweren Lastfahrzeug zusammenstieß, was aber gerade noch glimpflich abging und dem Rote-Kreuz-Auto nur einen Kotflügel kostete, Mein Lager in dem Krankenauto entsprach demjenigen, das ich ver- lassen hatte: Es lag nämlich in der„ersten Etage”, während„im Par- terre” unter mir eine mit dem Tode kämpfende alte Dame röchelte, die eine schwere Lungenentzündung hatte, Es war an diesem Tage klarer Frost und nach wie vor eine schneidende Kälte, die auch in dem Auto recht spürbar war. Von dem bereits erwähnten Zusammenstoß abgesehen, kamen wir ohne Zwischenfall in Hildesheim an, dessen schöne alte Straßen und Häuser damals noch so gut wie unversehrt standen. Im Krankenhaus gab es dann bei meiner Aufnahme das von mir be- reits vorausgeahnte Theater. Die Schwester Pförtnerin erklärte, daß ich bei meinem Einweisungsschein auf Typhus-Verdacht unbedingt in die Isolierbaracke müßte und wollte keineswegs glauben, daß der Inhalt des Krankenscheines nur so formuliert worden sei, um ein Auto zu bekommen, Das täte kein Arzt und jedenfalls müsse ich, wenn nun einmal von Typhus- Verdacht die Rede sei, auch auf Typhus untersucht werden, was einige Tage erfordere und so lange müsse ich jedenfalls, schon um jede An- steckungsgefahr zu vermeiden, in der Isolierbaracke verbleiben, Wenn ich das nicht begreifen wolle, müsse ich mich mit der Oberschwester der Station für ansteckende Krankheiten über die Frage weiter auseinander- setzen. Ich ging also, von meinem treuen Kameraden Toms begleitet, der es sich nicht hatte nehmen lassen, die Fahrt mitzumachen, zunächst ein- mal zur Isolierstation, Diese war eine kalte und feuchte Baracke, in der die Kranken schon zum Teil auf dünne Matratzen plaziert waren, die einfach auf dem Fußboden lagen, da es an Betten fehlte, Ich sagte zu Toms, das könne ich schließlich in Duingen noch besser haben und hier wolle ich auf keinen Fall bleiben. Er stimmte mir durchaus zu, zumal er zugleich auch auf den überall an den Wänden herumhängenden Fieber- 5%) 228 gungsunfähig waren. chsten Morgen mit den zu haben. Das oms, nun könne ich den Dingen ihren rück, da schon ganz sherrsche und man Koch Robert sich Lager abzusperren! Geniestreich unseres da. Wir überließen wurde am nächsten mgen telefonisch gereisefertig machen elloses Krankenauto, alich einer Krankenm Krankenhaus mehr Fahrerin unterwegs as aber gerade noch en Kotflügel kostete. migen, das ich verwährend im Par Dame röchelte, die diesem Tage klarer e auch in dem Auto menstoß abgesehen, dessen schöne alte ehrt standen. me das von mir berin erklärte, daß ich ht unbedingt in die , daß der Inhalt des Auto zu bekommen. n einmal von Typhuswerden, was einige schon um jede Ane verbleiben. Wenn er Oberschwester der e weiter auseinander Toms begleitet, der machen, zunächst ein chte Baracke, in der plaziert waren, die fehlte. Ich sagte zu esser haben und hier urchaus zu, zumal er mhängenden Fieber tabellen feststellte, daß die Baracke voll schwerer Scharlachfälle war. Wir trugen also der Oberschwester den Roman meines Einweisungsscheines vor. Sie hatte mehr Humor als die Empfangsschwester und offenbar ein lebhaftes Verständnis für Intrigen. Sehr sachverständig befragte sie mich nach allen möglichen Typhussymptonen, die ich aber sämtlich nicht hatte. Auch sah sie meinen Hinweis, daß es mitten im Winter doch wohl überhaupt keinen Typhus geben könne, sehr wohl ein. Trotzdem zögerte sie durchaus verständlicherweise. Erst als ich ihr mit aller Energie erklärte, daß ich mir unter gar keinen Umständen, bloẞ weil mein Arzt diese Komödie für erforderlich gehalten habe, in meinem sehr geschwächten Zustand noch eine wirklich schwere Infektion mit Scharlach oder dergleichen holen wolle und es, wenn sie keine Vernunft annehme, vorziehen würde, nach Duingen zurückzufahren, entschloß sie sich, ihre Kollegin von der inneren Station anzurufen. Diese war aber nicht da, sondern nur ein Pfleger, dem sie mit deutlicher Heiterkeit die ,, tolle Geschichte" crzählte und an den sie uns verwies. Dieser Herr war ein Flüchtling aus Köln und, wie er sagte ,,, als Rheinländer für einen solchen Ulk durchaus zu haben". Seine Geneigtheit in dieser Richtung wuchs noch erheblich, als ich ihn mit Zigaretten versorgte und mein treuer Kamerad Toms konnte sich in dem beruhigten Bewußtsein, daß ich gut aufgehoben sei, von mir verabschieden. Ich kam auf ein Zimmer, in dem ein junger Mann angeblich mit einem ,, Lungenriẞ", tatsächlich wohl mit einer recht schweren Tbc. lag, der eigentlich allein bleiben sollte. Ich lag recht zufrieden wieder einmal in einem Bett und hatte nachts wiederholt das Gefühl, als sei ich von der ,, ersten Etage" ins ,, Parterre" heruntergefallen. Außerdem beunruhigte mich nur noch zweierlei: nämlich erstens die Tatsache, daß mein bisher so hartnäckiges Fieber, nachdem es unmittelbar vor meinem Abtransport zu sinken begonnen hatte, nun tückischerweise plötzlich wie weggeblasen war, was natürlich im Krankenhaus den Verdacht erregen konnte, daß meine Fiebererkrankung auch als solche eine gleiche Münchhausiade wie der Typhus- Verdacht gewesen sei und ich mir auf diesem Wege durch meinen Arzt lediglich einige faule Erholungstage habe verschaffen wollen; einer solchen Annahme stand allerdings mein Aussehen entgegen, das keineswegs von Gesundheit zeugte. Noch mehr beunruhigte mich aber zweitens der unaufhaltsam scheinende Vormarsch der Russen. Schon in Duingen hatten die Kameraden im Hinblick auf den bereits damals offenbar bevorstehenden endgültigen Zusammenbruch des Dritten Reiches immer wieder zu mir gesagt, ich müsse schnell gesund werden, damit sie bei einem notwendig werdenden„ Heimmarsch" mich nicht allein im Lager zurücklassen müßten, womit sie mir, natürlich ohne es zu wollen, mein Krankenlager nicht gerade erleichtert hatten. Ich war unter diesem Gesichtspunkte allerdings im Hildesheimer Krankenhause besser aufgehoben, aber es war mir doch ein recht unsympathischer Gedanke, wenn alles zusammenstürzte, womöglich allein und noch dazu krank oder jedenfalls so geschwächt zu sein, daß ich womöglich nicht nach Hause gelangen könnte. 229 Die Ärzte und Schwestern des Krankenhauses haben mir nicht lange Zeit gelassen, mich diesen Besorgnissen hinzugeben. Das Krankenhaus war überfüllt, der Leiter der inneren Abteilung, ein Professor, hatte mich bei einem Besuch überhaupt nicht gesehen, nachdem alle Blut- und sonstigen Untersuchungen auf Typhus völlig negativ ausgefallen waren. Der Oberarzt, ein sogenannter„Volksdeutscher” aus Galizien, der, wie die meisten Vertreter, denen ich von dieser Menschengattung begegnet bin, nur sehr gebrochen deutsch sprach und dem es nach dem Sturz des Dritten Reiches sicher nicht schwer geworden ist, im Handumdrehen Tscheche oder Pole zu sein, begnügte sich nach drei Tagen mit der Feststellung, daß meine Lungen in Ordnung seien und ich daher„nach Hause” gehen könne, Auf meinen Hinweis, daß ich gegenwärtig in dem zugigen und der Kälte ausgesetzten Barackenlager, in dem ich mir die Krankheit geholt habe, beheimatet sei, zuckte er die Achseln, Die trei- bende Kraft war wohl die Oberschwester, die womöglich ahnte, was es mit der Bezeichnung„Sonderdienstverpflichteter” auf meinem Einwei- sungsschein auf sich hatte, Sie war eine fanatische Nationalsozialistin und hatte ein großes Hitler-Bild auf ihrem Nachttisch stehen, Es traf sich gut, daß gerade an dem Tage, an dem ich entlassen werden sollte, einem Sonntag, mein Freund Toms mit unserem Schicksalsgenossen Straaten zu einem Besuch zu mir kam und beide mich daher nach Duingen zurückbegleiten konnten, was mir sehr willkommen war, da ich mich noch in einem recht hinfälligen Zustand befand. Ich hatte in Hildesheim einige Fliegeralarme erlebt, war aber niemals in den Keller gegangen und es hatte sich ein Angriff in den Tagen, in denen ich dort war, auch nicht ereignet, Nur drei Wochen später war von der schönen alten Stadt nichts als ein brandgeschwärzter Trümmer- haufen übrig. Ich kam nach Duingen, dort mit solchem Hallo, als ob ich eine Welt- reise hinter mir hätte, begrüßt, gesund, aber noch recht erholungsbe- dürftig zurück, Ich hatte den Arzt in Hildesheim gebeten, mir noch etwa zwei Wochen Schonung zu verschreiben, Als meine Entlassungspapiere von dort ankamen, hatte der Wackere mir lediglich drei Tage bewilligt, Wenn ich nach diesem kurzen Zeitraum wieder auf die Strecke gegangen wäre, hätte ich vermutlich einen Rückfall bekommen oder wäre jeden- falls nach kurzer Zeit körperlich vollkommen fertig gewesen, Ich habe daher das törichte Papier in den Ofen gesteckt und mir selber zwei Wochen Erholungsurlaub verordnet, was, da ich ja„aus dem Kranken- hause kam”, sowohl von der Bahnverwaltung als auch von unserem Paracelsus, wenn auch von diesem etwas zögernd, anerkannt wurde, 36. Remidemi und eine Führerwahl. Über unseren Kameraden Ehlers hatte sich eine Gewitterwolke voller Unzufriedenheit angesammelt, die nach Entladung drängte, Er hatte sich nicht nur mit seiner Geschäftstüchtigkeit und damit, daß er sich mit Hilfe derselben grundsätzlich von aller körperlichen Arbeit fern hielt, 230 = EEE GTTELETTERTIE Iol son el rol Den mir nicht lange - Das Krankenhaus rofessor, hatte mich em alle Blut- und ausgefallen waren. Galizien, der, wie mengattung begegnet es nach dem Sturz , im Handumdrehen drei Tagen mit der nd ich daher ,, nach gegenwärtig in dem in dem ich mir die Achseln. Die trei5glich ahnte, was es auf meinem Einweie Nationalsozialistin isch stehen. Es traf assen werden sollte, Schicksalsgenossen e mich daher nach kommen war, da ich t, war aber niemals iff in den Tagen, in chen später war von chwärzter Trümmer Is ob ich eine Weltrecht erholungsbe beten, mir noch etwa e Entlassungspapiere drei Tage bewilligt. die Strecke gegangen en oder wäre jeden gewesen. Ich habe und mir selber zwei aus dem Kranken auch von unserem anerkannt wurde. hl Gewitterwolke voller rängte. Er hatte sich mit, daß er sich mit en Arbeit fern hielt, zu der wir nun alle einmal verdammt waren, allgemein unbeliebt gemacht. Die Stimmung gegen ihn verschärfte sich vielmehr auch dadurch immer mehr, daß er mit allerhand Intrigen ganz offenbar das Ziel verfolgte, unser Vertrauensmann und Kameradschaftsführer zu werden. Besonders unsere Lagerjugend, der er mit seiner angeblichen ,, Lebenserfahrung" zu imponieren wußte, verstand er mit recht gewagten Parolen auf seine Seite zu bringen. Ausgerechnet er, der es verstanden hatte, durch recht gewagte Winkelzüge der Strecke überhaupt fern zu bleiben, forderte jetzt seine jungen Schicksalsgenossen auf, bei der Arbeit passive Resistenz zu üben und es ,, auf eine Kraftprobe mit der Bahn ankommen zu lassen". Er fand bei unseren Jünglingen, die zum größten Teile ja noch halbe Knaben waren, ein allzu williges Ohr und die Vernünftigen unter uns Älteren hatten alle Mühe, dem Unfug, der sich daraus zu entwickeln drohte, zu steuern. Die Kraftprobe mit der Bahn, zu der Ehlers die Unerfahrenen unter uns anreizen wollte und an der er ohne Frage selbst keinerlei tätigen Anteil genommen haben würde, wäre in Wirklichkeit zu einer Kraftprobe mit der Gestapo geworden, deren Ausgang nur allzu sicher war, welcher für uns in schärfstem KZ. oder in einem Genickschuß bestanden haben würde. - Unser bisheriger Kameradschaftsführer Schulenburg brachte nicht die nötige Energie auf, um Ehlers, mit dem er verschwägert war ihre Frauen waren Schwestern in seine Schranken zu verweisen. Hinzu kam, daß Schulenburg als großer Idealist, der er war, nicht die für sein Amt erforderliche Härte besaß. Er konnte sich vor Sonderwünschen der einzelnen Schicksalsgenossen, was Schwarzfahrten und sonstige unerlaubte Vergünstigungen betraf, gar nicht mehr retten, und gewöhnlich setzten diejenigen, die in der Verfolgung ihrer eigenen Wünsche am rücksichtslosesten waren und hinsichtlich des Allgemeininteresses am wenigsten Hemmungen verspürten, bei ihm ihren Willen durch, worüber dann diejenigen, die mehr an das gemeinsame Wohl dachten, mit gutem Grunde unzufrieden und verstimmt waren. Schulenburg, der wegen der Führung seiner„, Regierungsgeschäfte" ziemlich allgemein abfällig kritisiert und sogar ungerechtfertigterweise angefeindet wurde, kam mit seinen Nerven immer weiter herunter, was seine Zügelführung noch weiter beeinträchtigte. Auf der einen Seite sollte er auf Grund unserer selbstgegebenen ,, Verfassung" in unserem Lager die Macht ausüben, ohne so recht über einsatzfähige Machtmittel zu verfügen, während er auf der anderen Seite von der Bahnverwaltung für jede Unregelmäßigkeit, die dort aus unseren Baracken bekannt wurde, zur Verantwortung gezogen werden konnte, ohne im Bahnhof irgendeine Unterstützung zu finden, wenn es sich darum handelte, eine von dort kommende Anordnung in unserer ,, Holzfällerhütte" tatsächlich durchzusetzen. In diesem Dilemma hatte Schulenburg seine Kraft schließlich so weit aufgerieben, daß er nahezu mit ihr am Ende war. Mit den Eigenmächtigkeiten und Schleichwegen seines Schwagers Ehlers kam die Sache so weit, daß die Meinung der überwiegenden Mehrheit bei uns dahin ging, Ehlers müsse, wenn nicht ein allgemeines Unglück daraus entstehen solle, unschädlich ge231 macht werden, selbst wenn Schulenburg ihn decke und deswegen seines Postens enthoben werden müsse, Als es mit der allgemeinen Aufsässigkeit bei uns dahingekommen war, sollte, wie das immer in solchem Falle geht, nach dem Willen einiger Scharfmacher gleich ganz reiner Tisch gemacht werden. Sie forderten zunächst den Sturz des ,, Tribunals", um damit Schulenburg seines letzten Haltes zu berauben und ihn dadurch leichter von seinem Posten verdrängen zu können. Der Haupttreiber hierbei war wieder einmal Ehlers, der es auf diese Weise seinem Schwager vergalt, daß dieser ihn bisher gegen die allgemeinen Anfeindungen immer wieder geschützt hatte. Er glaubte offenbar, sich, wenn er so mit einem Schlage seinen Schwager und das bisher hinter diesem stehende sog. Tribunal ausschalte, ohne weiteres zum Alleinherrscher unseres Lagers machen zu können. Manche von uns fühlten sich, als diese Absicht offenbar wurde, geradezu verraten und fürchteten, unser geschäftstüchtiger Kamerad, der nun der Bahn wohl keine Sachlieferungen mehr vermitteln könnte, beabsichtige statt dessen, uns der Bahnverwaltung in noch erheblich höherem Maße, als wir es schon waren, auszuliefern oder gar gegenüber der Gestapo alle möglichen Heimlichkeiten unseres damaligen Daseins, wie Schwarzfahrten, private Handwerkerarbeiten, Gaststättenbesuche und Abhören von ausländischen Sendern usw. aufzudecken. Ich glaube, daß diese Befürchtungen grundlos und zum mindesten weit übertrieben waren. Aber die Atmosphäre war nun einmal mit Hochspannung geladen, und es bedurfte nur eines Funkens, um ein Gewitter auszulösen. Bruder h je einem mit weni der Schi sprechen zurück u mir lebh mein Ge Eines Nachts um 11 Uhr brach es los. Die meisten von uns lagen bereits auf ihren Strohsäcken, und ich, der ich von meiner gerade erst überstandenen Krankheit noch sehr geschwächt war, stand bereits im Begriff, einzuschlafen, als in der Baracke nebenan durch die dünne Holzwand deutlich Ehlers Stimme hörbar wurde, der, offenbar im Verlaufe irgendeiner Auseinandersetzung mit anderen Kameraden, recht laut rief ,,, das Abhören von feindlichen Nachrichten könne noch einmal schlimme Folgen für uns haben". Es war wegen der damit für die Allgemeinheit verbundenen Gefahren aufs strengste verpönt, in unserem Lager von verbotenem Rundfunkempfang zu sprechen. Wenn Ehlers nun das gefährliche Thema plötzlich so laut werden ließ, daß es jeder, der an unserem Lager vorüberging, über noch eine ganz beträchtliche Entfernung hin hören mußte, so wollte er damit wahrscheinlich seine letzten Gegner unter uns einschüchtern. daß mein wobei ic noch viel Die An dem es v fallen, SC kommen schließun Die Wirkung seiner offenbar bewußten und gewollten Unvorsichtigkeit war aber eine ganz andere, als er es erwartet haben muß. Mit einem einzigen Satz war mein Freund Waclaff von seinem Bett in der ersten Etage herunter und stürmte mit den Worten: ,, Der Kerl bringt uns noch alle an den Galgen", zur Tür hinaus und in die Nachbarbaracke hinüber. Dies zu sehen und hinter Waclaff herzustürzen war für den unter mir schlafenden, gleichfalls schon im Bett liegenden Thilo ein und dasselbe. Sein Bruder, unser Seefahrer Ferdinand, schoß mit der gleichen Plötzlichkeit von seinem Strohsack auf und wie ein Schatten hinter seinem 232 daß er ü von Wa aus unsr gelangter schnell zum Tei unser So in der drohend Ich hö weither, Vorfall Ruhe in die höch mehr vo Am na burg nic gebenen einigten wie ein durften ohne da Wir mu Teiles besitze Ehlers des Re wahl er das Pan sten an eine W n egen seines Ommen war, llen einiger e forderten eines letzten Posten vermal Ehlers, r ihn bisher zt hatte. Er n Schwager chalte, ohne men. Manche radezu verer nun der beabsichtige erem Maße, Her Gestapo ie Schwarznd Abhören B diese Bewaren. Aber , und es ben uns lagen gerade erst dbereits im die dünne bar im Veren, recht laut noch einmal für die Allin unserem Ehlers nun es jeder, der chtliche Entseine letzten vorsichtigkeit B. Mit einem in der ersten ngt uns noch acke hinüber en unter mir und dasselbe weichen Plötzhinter seinem Bruder her. Hen Delius und unser schöner Welicki waren gleichfalls mit je einem gewaltigen Satze von ihren ,, Etagenwohnungen" herunter und mit wenigen weiteren Sätzen zur Bude hinaus. Mager, Lüders und Heino, der Schiffszimmermann, folgten, ihren gemäßigteren Temperamenten entsprechend, etwas langsamer. Ich blieb sozusagen allein in unserer Stube zurück und zog es vor, mich Morpheus weiter zu ergeben. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, was sich nebenan ereignen würde, wobei auch mein Gehör meine Phantasie in kurzem lebhaft unterstützte. Ich wußte, daß meine Stubenkameraden mit der Sache schon fertig werden würden, wobei ich mich beruhigen mußte, da ich selbst für derartige Exzesse noch viel zu schlapp war. Die Angelegenheit spielte sich drüben mit der größten Eile ab. Waclaff, dem es widerstand, Ehlers gewissermaßen auf seinem Strohsack zu überfallen, schrie ihm ritterlicherweise zu, er solle von seinem Bett herunterkommen, was Ehlers, offenbar völlig verblüfft und einer eigenen Entschließung für den Moment unfähig, auch tat. Darauf wurde er und ohne daß er überhaupt dazu kam, einen Versuch zu machen, sich zu wehren, von Waclaff im Handumdrehen so zusammengeboxt, daß die Waclaff aus unsrer Stube nach und zu Hilfe Eilenden gar nicht mehr zur Aktion gelangten. Ehlers Anhänger hatten sich zum Teil, als ihr Parteihaupt so schnell ausgeschaltet wurde, fluchtartig in ihre Betten zurückgezogen, zum Teil waren sie aus denselben gar nicht herausgekommen, als sich unser Schwerkriegsverletzter Toms sofort Waclaff zur Seite gestellt und in der Erregung des Augenblicks sogar einen Schemel ergriffen und drohend über seinem Haupte hin und her geschwungen hatte. Ich hörte, inzwischen nun fast vollständig eingeschlafen, nur ganz von weither, wie meine Stubenkameraden in erregten Gesprächen über den Vorfall in unsere Bude zurückkehrten. Wenn damit auch die nächtliche Ruhe in unserem Lager zunächst wiederhergestellt war, so blieb doch die höchst bedenkliche Tatsache bestehen, daß unser kleiner Staat nunmehr von Anarchie bedroht war. Am nächsten Tage kamen wir im Tribunal zu dem Entschluß, Schulenburg nicht länger zu stützen, da er zu weich erschien, um unter den gegebenen Verhältnissen die Ordnung weiter aufrechtzuerhalten. Wir einigten uns darauf, ihn durch Toms zu ersetzen. Ein zweites ,, Remidemi", wie ein derartiger Vorfall bei uns allgemein genannt zu werden pflegte, durften wir uns mit einem ähnlichen Knalleffekt nicht noch einmal leisten, ohne damit die Gefahr heraufzubeschwören, daß alles zu Bruch ging. Wir mußten daher erklären, daß Schulenburg das Vertrauen eines großen Teiles seiner Kameraden für die Weiterführung seines Amtes nicht mehr besitze und deshalb eine Abstimmung erforderlich sei. Die Anhänger von Ehlers erkannten nur zu klar, daß dieser in Anbetracht des Ausganges des Remidemis und seiner Haltung dabei unmöglich die zu einer Führerwahl erforderliche Mehrheit erhalten würde. Infolgedessen ereignete sich das Paradoxe, daß gerade diejenigen, die Schulenburg bisher am heftigsten angefeindet hatten, nun für sein Verbleiben im Amte stimmten, um eine Wahl von Toms, der bei dem nächtlichen Aufruhr so unverhüllt 233 Eines 11 gegen Ehlers aufgetreten war, zu verhindern. Die Führerwahl war daher ein Kampf mit durchaus vertauschten Fronten, indem wir, die Schulenburg bis zuletzt gestützt hatten, nun gegen ihn stimmen mußten, während seine ursprünglichen Feinde jetzt plötzlich für ihn waren. Die Wahl, bei welcher der Einfluß des Tribunals" noch einmal den Ausschlag gab, ging mit einer geringen Mehrheit für Toms aus, der sogleich die ,, Regierungsgeschäfte" übernahm, während Schulenburg sich wegen der nervösen Erschöpfung, die er sich bei allen ihm begegneten Widerwärtigkeiten zugezogen hatte, von Paracelsus zunächst krank schreiben ließ. Das Tribunal" hatte ein letztes Mal als ,, Ordnungszelle" gewirkt und brauchte in der Folgzeit nicht mehr in Aktion zu treten. Toms, der körperlich oft sehr unter seiner schweren Kriegsverletzung zu leiden hatte, erwies sich als ein nicht nur in jeder Beziehung fürsorglicher, sondern auch als ein eminent willens- und charakterstarker Vertrauensmann, der den aus den vier Stubenältesten gebildeten Beirat, welcher ihm ,, verfassungsmäßig" nunmehr zur Seite trat, tatsächlich fast niemals nötig gehabt hat. 11 37. Eine große Bombe platzt. achtete, Sicherhe tor. Der stiefel tr vorderer angina sächlich völlig ge zum Be Mann ei spektor Mißverg unzuläng wechsels seitens ich aber Wir hatten alle gewußt, daß die Hildesheimer Gestapo, für die Duingen nun schon recht lange Zeit eine Dornröschen- Angelegenheit gewesen war, eines Tages in unserem Lager erscheinen würde, aber wir hatten allerdings, trotzdem wir uns auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hier nicht den mindesten Illusionen hingaben, doch nicht voraussehen können, in welchen auch für diese Behörde ungewöhnlichen Formen sich der oft gefürchtete Besuch in unserem Lager abspielen werde. Kleinstädtischer Neid, der sich gar nicht gegen uns richtete und dessen Objekt wir lediglich waren, brachte der Gestapo die ,, Kleinbahn- Angelegenheit", die sie bisher eben auch trotz aller ,, Kriegswichtigkeit" als ,, klein" behandelt hatte, wieder sehr zur Unzeit in Erinnerung. Alle Versuche der an der Bahn liegenden Duinger Barackenfabrik, von der Bahnverwaltung Handwerker und besonders Tischler und Schlosser aus unserer Schar zu erhalten, waren fehlgeschlagen. Erstens wollte die Bahn unsere Handwerker nicht abgeben, weil sie diese selbst viel zu gut gebrauchen konnte und zweitens fürchtete auch der allezeit ängstliche Herr Sachse, daß, wenn die bestimmungswidrige Verwendung unserer Handwerker in ihrem eigenen Berufe nicht nur, wie bisher, innerhalb des Bahnbetriebes, sondern sogar außerhalb desselben stattfinde, der Gestapo die Verletzung ihrer einschlägigen Vorschriften nicht mehr lange unbekannt bleiben könne. Gerade mit seiner Ängstlichkeit zog er aber sich und uns das schlimme Wetter, vor dem er zitterte, erst auf den Hals. Der Inhaber der Barackenfabrik dachte der Bahn für ihre Weigerung, ihm aus ihrem Überfluß an geschulten Arbeitskräften etwas abzugeben, eins auszuwischen und ließ in Hildesheim eine anonyme Anzeige erstatten, die sich auf die Geschäfte unseres Kameraden Ehlers mit der Kleinbahn bezog. 234 bei uns einen d heim ha Mit de es pass hinein, kreideb schrie: Grippe und mic wesen schnitt Du?" he aus sein Stube und im hatte, w um ein geblieb später klären. habe k Inspek stehen Eure A hättet, nicht S sich vo licherw Schuhe war daher e Schulen- n, während Wahl, bei schlag gab, h die„Re- >n der ner- iderwärtig- iben ließ, jewirkt und Toms, der ; zu leiden orglicher, Vertrauens“ t, welcher die Duingen it gewesen wir hatten Erfahrungen Eines Tages hielt plötzlich, wie ich vom Fenster unserer Bude beob- achtete, ein SS.-Auto, in dem zwei uniformierte und schwer bewaffnete Sicherheitsdienst-Leute und ein Mann in Zivil saßen, vor unserem Lager- tor, Der Mann in Zivil, der zu dunklem Mantel und Hut hohe Schaft- stiefel trug, stieg aus und riß die Tür zu unserer Baracke auf, In deren vorderer Stube saß unser über 60 Jahre alter Kamerad Grien, der an angina pectoris und Herzasthma litt, aber in der letzten Zeit haupt- sächlich deswegen im Lager geblieben war, weil sich seine Schuhe in völlig gebrauchsunfähigem Zustande befanden. Mir war noch nicht recht zum Bewußtsein gekommen, was der in unserer Baracke erschienene Mann eigentlich wollte. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem In- spektor der Arbeitsfront, der unser Lager kürzlich besucht und es zum Mißvergnügen des Herrn Sachse als für eine Winterbehausung völlig unzulänglich und ungeeignet erklärt hatte. An der Heitigkeit des Wort- wechsels, der sich in der vorderen Stube übrigens fast ausschließlich seitens des Neuankömmlings und somit sehr einseitig abspielte, erkannte ich aber bald, daß der Unbekannte keineswegs in wohlwollender Absicht bei uns erschienen war und es wurde mir langsam klar, daß es sich um einen der ebenso verhaßten wie gefürchteten Inspektoren aus Hildes- heim handelte, Mit dem noch an Grien gerichteten Zuruf:„Du bist sofort draußen oder es passiert Dir etwas” polterte der Hochbestiefelte in unsere Stube hinein, gefolgt von unserem Lagerlührer Hauser, dessen Beamtengesicht kreidebleich vor Aufregung war. Als der Ankömmling mich wütend an- schrie;„Was machst Du hier?” und ich antwortete, ich sei wegen einer Grippe krank geschrieben, trat Hauser zwischen den Gestapo-Beamten und mich und versicherte eifrig:„Der Doktor ist sehr schwer krank ge- wesen und erst gerade aus dem Krankenhaus zurückgekommen”.„Gut schnitt ihm der Eindringling kurz das Wort ab,„Und was machst denn Du?" herrschte er dann unseren Seefahrer Ferdinand an, der noch gerade aus seinem Bett gesprungen war, bevor der Abgesandte Satans unsere Stube betrat, Ferdinand, der sonst immer tadellos seine Pflicht getan und im Gegensatz zu manchen anderen noch niemals Krankheit simuliert hatte, war, wie das manchmal zu kommen pflegt, gerade an diesem Tage, um einmal„blau zu machen“, als angeblich„Schuhkranker“ in der Bude geblieben, Er hatte lange geschlafen und war, trotzdem es schon ziemlich später Vormittag war, immer noch recht verschlafen. So war es zu er- klären, daß er in diesem Augenblick keine andere Antwort fand, als„er habe keine Schuhe”,„Das ist schon der Zweite” brüllte der Gestapo- Inspektor los;„eine Frechheit sondergleichen! Wie könnt Ihr Euch unter- stehen, im 6, Kriegsjahr in der Bude herumzusitzen und den Staat um Eure Arbeitsstunden zu bestehlen? Und wenn Ihr überhaupt keine Schuhe hättet, müßtet Ihr eben barfuß auf die Strecke gehen, Stehen hier etwa nicht Schuhe genug? Wenn einer von Euch keine Schuhe hat, muß er sie sich vom anderen leihen, Ihr verdammten Kerle!” Nun standen unglück- licherweise in unserer Stube an und unter den Betten tatsächlich genug Schuhe herum, was die Wut des Himmler-Mannes bis zur Siedehitze 235 steigerte. ,, Was hier getrieben wird, ist geradezu Sabotage!" schrie er. ,, Ihr gehört alle ins K.Z.! In zwei Minuten seid Ihr draußen und schert Euch an Eure Arbeit oder Ihr sollt Euer blaues Wunder erleben!" Damit rannte er wie ein wild gewordener Stier aus der Baracke. Ferdinand und Grien bemühten sich, schnell in ihre Sachen zu kommen, aber sie waren nicht schnell genug. Es war noch keine Minute vergangen, als die Barackentür krachend wieder aufflog und der Gestapo- Inspektor, eine Holzlatte, die er draußen aufgelesen hatte, in der Hand, wieder in die Bude hineinstürzte. ,, Ich werde Euch Beine machen, Ihr Pack", brüllte er. ,, Raus mit Euch Schuften!" und dabei schlug er zunächst dem alten Grien mit der Latte über den Kopf, daß der sofort eine stark blutende Stirnwunde hatte. Dann stürzte er sich auf Ferdinand und ließ die Latte mit aller Kraft auf dessen Rücken herniedersausen. ,, Ob Ihr Arier oder Juden oder sonstwas seid", schrie er dabei, ,, ist mir gleich, das nächste Mal schlage ich Euch samt und sonders tot, wenn ich Euch nochmals auf Eurer Faulenzerei ertappe." Damit war er mit den beiden Gemaßregelten zur Türe hinaus. Ich hatte auf das äußerste an mich halten müssen, um bei dieser Szene ruhig zu bleiben. Als ich die Mißhandlung eines alten kranken Mannes und meines Stubenkameraden, unseres Seefahrers, mit ansehen mußte, wäre ich dem ,, Zivil- SS- Mann" am liebsten an die Gurgel gefahren. Aber es blieb, wie die Dinge lagen, nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und die Fäuste in der Tasche zu ballen. Mein Stubenkamerad Lüders, der an diesem Tage wieder mit Gelenkrheuma auf seinem Strohsack lag, war, klüger als unser Seefahrer, in seinem Bett geblieben, so daß unser unwillkommener Besuch ihn gar nicht entdeckt hatte. Andernfalls würde der ganze Auftritt wohl noch übler geworden sein. Ihr Gesc laßt!" Da Weiter liche A erwies s stapo- Ve konnte. ihr als k durchaus Ehlers ü einigen V Kraft zu wichtige auch nic ganz vor schlie Bli Bahn in Vor der Baracke hat der Gestapo- Inspektor unseren Vertrauensmann Toms angeherrscht: ,, Was sind das hier für Leute? Judenmischlinge?" und als Toms bejahte: ,, Was sonst noch?" Toms erwiderte: ,, Jüdisch Versippte." ,, Was ist denn das?" rief der immer noch Wütende, mit seiner Latte herumfuchtelnd. Als Toms ihm seelenruhig antwortete, das seien arische Männer, die mit jüdischen Frauen verheiratet seien, schrie der Sendling Hildesheims: ,, Und was sonst noch für Zeug?" Als er darauf hörte, daß anderes minderwertige Volk, als die ihm genannten beiden Gattungen nicht im Lager weile, trat er dicht vor Toms hin und brüllte ihn weiter an: ,, Wer verschiebt hier Autoreifen und Werkzeuge?" Als Toms antwortete, davon wüßte er nicht das geringste, rief der Frager: ,, Ich werde das und Eure anderen Schliche schon herausbringen. Wenn hier etwas verheimlicht worden ist, werde ich Euch samt und sonders einlochen lassen!" Damit gab er Grien und Ferdinand, die er vor dem Lagertor noch hatte warten lassen, um sich deren Namen aufzuschreiben, je einen Fuẞtritt, dem einen, wie er sagte ,,, für sein jüdisches Weib" und dem anderen für seine ,, jüdische Geburt" und begleitete den endgültigen Hinauswurf der beiden aus dem Lager mit dem Rufe: ,, An die Arbeit, 236 Der I tätig wa platzte, Kommen Bürgerm nehmen, ten. Die Stadt Sp Schenke obachter auf dem meister bringen zu gern Roman im Ort die Stra schneid seien e den an fallen Wesen er we laufend gäßen, Stadt, lager Duinge Die zittert schrie er. und schert Den!" Damit zu kommen, vergangen, -Inspektor, , wieder in ck", brüllte dem alten rk blutende eß die Latte Arier oder das nächste ochmals auf maßregelten bei dieser en kranken mit ansehen Gurgel gebrig, als die ballen. Mein elenkrheuma seinem Bett cht entdeckt er geworden trauensmann mischlinge?" te:„ Jüdisch Vütende, mit wortete, das seien, schrie Als er darauf anten beiden und brüllte zeuge?" Als der Frager: ringen. Wenn und sonders er vor dem fzuschreiben, Weib" und endgültigen die Arbeit, Ihr Geschmeiß, und daß Ihr Euch vor Feierabend hier nie wieder blicken laẞt!" Damit sprang er in sein Auto und brauste ab. - Weitere Ergebnisse", als die eben geschilderten, zeitigte diese plötzliche ,, Aktion" Hildesheims in Duingen nicht. Der ängstliche Herr Sachse erwies sich bei dieser Gelegenheit als so wendig und glatt, daß der Gestapo- Vertreter ihm mit all seiner Brutalität nicht das geringste anhaben konnte. Schiebungen lagen keineswegs vor. Die Bahn hatte lediglich die ihr als kriegswichtigem Betrieb zur Verfügung stehenden Kontingente in durchaus korrekter Weise ausgenutzt. Sie hatte auch natürlich Ehlers überhaupt nichts gekauft, sondern ihn nur ganz ausnahmsweise zu einigen Verladebahnhöfen geschickt, da ihr gerade keine andere geeignete Kraft zur Verfügung stand, um die für die Erhaltung der Ölbahn hochwichtigen Transporte unverzüglich in Gang zu bringen. Es war ihr also auch nicht zum Vorwurf zu machen, daß sie hierfür selbstverständlich ganz vorübergehend einen Halbjuden eingesetzt hatte. Alles war ausschließlich geschehen, um den kriegswirtschaftlichen Verpflichtungen der Bahn in jeder Weise genügen zu können. von Der Inspektor aus Hildesheim, der ebenso unintelligent wie gewalttätig war, verließ also den Bahnhof völlig unverrichteterdinge und platzte, da er das Bedürfnis hatte, nun sich der eigentliche Zweck seines Kommens verflüchtigt hatte, noch möglichst viel Unheil zu stiften, beim Bürgermeister herein. ,, Er habe, ließ er sich auf dem Gemeindeamt vernehmen, gehört, daß in Duingen geradezu unglaubliche Zustände herrschten. Die Judenstämmlinge aus dem Zwangsarbeitslager gingen in der Stadt spazieren, flanierten mit den Frauen und Mädchen, säßen in den Schenken herum und führten überall das große Wort, so daß ein ,, Beobachter" sich des Eindrucks nicht habe erwehren können, daß Duingen auf dem besten Wege sei, eine Judengasse zu werden." Der Bürgermeister, ein biederer Großbauer, der nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen war, schüttelte nur den Kopf und meinte gelassen, er würde gar zu gerne einmal diesem Beobachter, der über Duingen einen solchen Roman verfaßt habe, ins Auge sehen. Ihm, dem Bürgermeister, seien wir im Ort noch niemals aufgefallen. Er glaube auch nicht, daß wir durch die Straßen gingen, es sei denn, daß wir uns hin und wieder zum Haarschneider begäben, was man uns ja wohl nicht übel nehmen könne. Wir seien eminent ruhige Leute und ,, die übrigen zahlreichen Ausländer aus den anderen Lagern" seien in Duingen schon tausendmal mehr aufgefallen als wir. Als der Gestapo- Mann sah, daß er auch hier nichts Wesentliches ausrichten konnte, begnügte er sich mit der Drohung, daß er ,, weiter ein wachsames Auge auf Duingen haben werde und sich fortlaufend berichten lassen wolle, ob die Bürger der Stadt auch nicht vergäßen, wer wir seien". Damit ging er und fuhr mit seinem Auto aus der Stadt, die er nicht wieder betreten sollte, von dannen. In dem Nachbarlager Lenne, das er unmittelbar darauf ,, besuchte", hat er erklärt ,,, in Duingen habe er gerade einmal gründlich aufgeräumt". Die Erregung, die durch das überall beredete Ereignis entstanden war, zitterte in unserem Lager ebenso wie im Ort noch lange nach. Die 237 Stimmung in unserer ,, Holzfällerhütte" war mehrere Tage sehr finster. Waclaff erklärte an dem Abend nach dem Vorkommnis, er möchte, wenn er daran denke, daß zwei unserer Kameraden von einem SS- Mann geschlagen worden seien, ohne sich dagegen zur Wehr setzen zu können, am liebsten weinen und den meisten anderen von uns war es ähnlich zumute. Auch vor der Stadtbevölkerung waren wir natürlich durch die unerhörte Sache in der schlimmsten Weise bloßgestellt. Aber zu unserer Überraschung vermehrte das Ereignis die für uns bestehenden Sympathien eher, als daß es sie vermindert hätte. Unser Lagerführer Hauser offenbarte dieselbe Gesinnung, die ihn bewogen hatte, sich bei dem Vorfall zwischen den Gestapo- Beamten und mich zu stellen, auch nachher, indem er unserem Vertrauensmann Toms erklärte, er bedaure das Ereignis aufrichtig und es sei unerhört, daß gerade zwei so tadellose Menschen wie Ferdinand und Grien von einer solchen Miẞhandlung betroffen worden seien. Er zeigte sich auch bei dieser Gelegenheit, trotzdem er ein radikaler Nazi war, als ein korrekter Mensch, dem rechtliches Denken noch nicht völlig abhanden gekommen war. Eine Folge unseres ,, hohen Besuches" war, daß unsere Handwerker ,, mit Rücksicht auf die Richtlinien" für einige Zeit aus der Werkstatt auf die Strecke geschickt wurden. Die Bahnverwaltung konnte ja nicht wissen, ob nicht noch eine zweite gründlichere Kontrolle erfolgen werde". Lange hat dieser Schockzustand aber auch bei dem furchtsamen Herrn Sachse nicht gedauert. Für di französis großes E Die Fra wochent machten sich mit Männer gangston tags rec tagnach unserer straße b Tanze z glückten mütig un Wie das immer so geht, war der einzige, der bei uns moralisch als ,, schuldig" betrachtet werden konnte, nämlich Ehlers, bei der ganzen Sache unbehelligt geblieben. Diejenigen von uns, die so weit gegangen waren, zu hoffen, daß dieser Kamerad, der sich im Denken und Tun uns allen immer mehr entfremdet hatte, nun verhaftet werden würde, wurden sehr enttäuscht. Ehlers blieb auch danach völlig unangefochten, und Hildesheim kam auf die ganze Sache nicht mehr zurück. Einige Wochen später, als Ehlers beim besten Willen keine Dienstreisen mehr machen und auch sonst keine Ausflüchte mehr finden konnte, um die Streckenarbeit zu vermeiden, ließ er sich von dem Vertrauensarzt der Bahn in Alfeld Erholungsbedürftigkeit attestieren, was bereits große Verwunderung erregte, da er sichtlich von körperlicher Kraft nur so strotzte. Auf Grund dieses Attestes richtete er über die Bahnverwaltung ein Urlaubsgesuch nach Hildesheim. Von dort wurde ihm, nachdem die stichhaltigst begründeten Gesuche anderer Schicksalsgenossen und wenn es sich dabei nur um einen Tag handelte, stets abgelehnt waren, ein sechswöchentlicher Kur- Urlaub für einen Badeaufenthalt bewilligt, und zwar in einem Zeitpunkt, in welchem Kuraufenthalte in Heilbädern selbst für gänzlich ,, einwandfreie" Deutsche auch in dringendsten Fällen kaum mehr genehmigt wurden. Wir hatten aber jedenfalls nichts dagegen einzuwenden, daß Ehlers mit diesem einzigartigen Urlaubsschein der Gestapo in der Tasche aus unserem Lager verschwand, in das er nicht mehr zurückgekehrt ist. Ob und wie das unter Umständen mit dem Zerplatzen der ,, großen Bombe" zusammengehangen hat, ist niemals klargeworden. 238 uns an Übung e Nach Insassen dings de überwun offizielle Zivilarbe und jed Lager Kriegsge Vergnüg Se Eine beurlaub die deut es die uns bev zösinner für die furchtba nämlich zerinne verlock unseres einmal getrenn ihn, ob macher mein i es ähnlich ı durch die zu unserer Sympathien ser ofien- e hes Denken Handwerker erkstatt auf ja nicht sen werde‘, „men Her 38. Ringelpietz. Für die polnischen und französischen Zivilarbeiter, ebenso wie für die französischen Kriegsgefangenen, war der Sonntagnachmittag ein ganz großes Ereignis. Denn ab 4 Uhr war in der polnischen Baracke„Ball”, Die Frauen und Mädchen von der Weichsel und von der Seine, die wochentags als Fabrikarbeiterinnen wie die Aschenbrödel herumliefen, machten sich„fein im Zeug‘, und besonders die Maruschkas schmückten sich mit bunten Kopftüchern jeder nur erdenklichen Farbe. Auch die Männer versuchten, sich etwas feierlich zu machen, Während der Um- gangston zwischen den Geschlechtern auch bei diesen Ausländern wochen- tags recht rüde und jedenfalls sehr unkultiviert war, wurde er am Sonn- tagnachmittag plötzlich geziert und gespreizt. Wenn wir aus den Fenstern unserer Stube auf die hinter unserem Lager laufende verschneite Land- straße blickten, auf der sich„Herren und„Damen“ trafen, um zum Tanze zu gehen, wobei„Er den Hut abnahm und es mit einem miß- glückten Kratzfuß versuchte, während„Sie” mit einer meist zu hoch- mütig und weit zu offiziell wirkenden Kopfneigung dankte, so fühlten wir uns an die Tanzstunden unserer Jugend erinnert, die ja auch mit der Übung einer anständigen und vornehmen Verbeugung begonnen hatten, Nach allem, was man von diesem wichtigen Vergnügen, das unter den Insassen sämtlicher Duinger Lager„Ringelpietz” hieß, hörte, war aller- dings der„offizielle Teil’ innerhalb der Tanzbaracke stets sehr rasch, überwunden und der den größten Teil des Nachmittags einnehmende in- offizielle Teil war dann um so lebhafter und ungezwungener. Unter den Zivilarbeitern und-arbeiterinnen setzte er sich bis in den späteren Abend und jedenfalls bis in die Dunkelheit fort, während die französischen Kriegsgefangenen, die nur einige Stunden Urlaub für dieses besondere Vergnügen erhielten, nach Einbruch der Dämmerung wieder in ihrem Lager sein mußten, Eine derartige Veranstaltung, zu der selbst Kriegsgefangene offiziell beurlaubt wurden, war uns natürlich streng verschlossen. Denn nicht nur die deutsche Rasse, sondern alle„arischen‘' Völker Europas mußten, wie es die„Weltanschauung nun einmal wollte, vor einer Berührung mit uns bewahrt werden, Die feurigen Polinnen und die lebhaften Fran- zösinnen, die oft auch noch Russinnen zum ,„Balle‘ luden und sich hier- für die Hübschesten aussuchten, litten an demselben Mangel, an dem der furchtbarste aller Kriege die Frauen aller Völker Europas leiden ließ, nämlich daran, daß es viel zu wenig Männer gab. Auf vier bis fünf Tän- ‚zerinnen kam höchstens ein Tänzer, Man kann sich denken, mit welchen verlockenden Einladungen wir als Männerlager besonders im Anfang unseres Duinger Aufenthaltes hier überschüttet wurden, Als ich mich einmal gerade von einem meiner jüngeren Kameraden auf der Straße getrennt katte, traten an den zwei stattliche Polinnen heran und fragten ihn, ob sein Freund und er mit ihnen nicht einen Abendspaziergang machen und am morgigen Sonntag ihre Tanzkavaliere sein wollten. Als mein junger, etwa 25 Jahre alter Schicksalsgenosse lachend erwiderte, 239 sein Freund sei aber fast zwanzig Jahre älter als er, meinte die eine der beiden Polinnen tapfer ,,, das mache gar nichts, sie habe immer großes Interesse für alte Männer". Daß wir alle solche Einladungen einer wie der andere ablehnten, stieß auf allgemeines Kopfschütteln. Wir hatten natürlich keine große Lust, der internationalen Weiblichkeit in Duingen unsere seltsame Geschichte zu erzählen, welche den ausländischen Frauen und Mädchen sicher auch schon von den gesprächigen Duingerinnen berichtet worden war, ohne daß sie dieselbe verstanden hatten und die sie infolgedessen von uns auch nicht besser begriffen haben würden. Daß wir nicht gerade Frauenfeinde waren, konnte besonders unseren jungen Kameraden, die oft traurig auf die ,, Ringelpietz"-Gänger und-Gängerinnen hinaussahen, wohl vom Gesicht abgelesen werden. Um so befremdlicher wirkte unser frostiges Verhalten. Wir kamen schließlich in den Ruf, so etwas wie ein strenger Mönchsorden zu sein und hießen ganz allgemein in dem eigenartigen Deutsch, in dem sich damals die im Reich durcheinandergewürfelten Völker Europas miteinander verständigten: ,, Das zurückhaltende Lager". 39. Noch einmal der Fall Hartstein. Der schwergeprüfte Schicksalsgenosse mußte die Grausamkeit, die ihn in Farge von seinem von der Front beurlaubten Sohne getrennt hatte, in Duingen noch in einer zweiten Auflage erleben. Diesmal blieb es allerdings seitens der Gestapo bei einem untauglichen Versuch. Der junge Hartstein hatte das besonders in der damaligen Zeit unerhörte Glück, innerhalb weniger Monate zum zweiten Male von der Front auf Urlaub geschickt zu werden. Er hatte seinem Hauptmann die Geschichte seiner ersten Urlaubsfahrt erzählt. Dieser, der die Sache absolut nicht hatte glauben wollen, hatte Ermittlungen angestellt und als er die ihm berichteten Tatsachen bestätigt fand, den jungen Soldaten sofort noch einmal beurlaubt, mit der strikten Weisung, sich durch keine polizeiliche Anordnung von einem Zusammentreffen mit seinem Vater abhalten zu lassen. Hildes sprech Hart Sohn d in Hil Ordnu aber a solche nahm, selbe, Als unser Kamerad Hartstein durch ein Telegramm von dem abermaligen Kommen seines Jungen unterrichtet wurde, beantragte er zunächst einmal bei der Bahnverwaltung Urlaub, da er mit seinem Sohne verständlicherweise gern außerhalb unseres Lagers zusammengewesen sein würde. Bei dem furchtsamen Herrn Sachse stand aber das Barometer gerade sehr tief, weil vor kurzem erst das aus Hildesheim gekommene Gewitter vorübergezogen war, und er lehnte es daher strikt ab, von sich aus in der Sache irgendetwas zu tun. Alle Vorstellungen, daß er doch bei weit weniger wichtigen und begründeten Anlässen so manches auf seine Kappe genommen habe, fruchteten gar nichts. Er blieb dabei, daß er allerdings bisher zu großzügig gewesen sei und sich jedenfalls nun nach den letzten Vorfällen in unserem Lager zu keinerlei riskanten Zugeständnissen mehr bewegen lassen würde; Hartstein möge in 240 sich ha dem jungen wisse eingef er soll zu wo ist in mit se war e SS- un Ein Der K näher unser seiner stets morge forder Als K leider lände ersta schon mehr denk Ferd etwa lich des Stub geno gesa eier 16 11 einte die eine > immer großes gen einer wie In. Wir hatten eit in Duingen dischen Frauen ‚ Duingerinnen hatten und die n würden, Daß unseren jungen d-Gängerinnen ) befremdlicher in den Ruf, so ganz allgemein n Reich durch- ändigten:„as ‚amkeit, die ihn getrennt hatte, ‚esmal blieb© Versuch, lien Zeit uner“ . von der Front ‚tmann die 6 r Sache absolut = als er= Soldaten sofor durch keine Me 2 n Vater@ Hildesheim einen Urlaub beantragen, wenn er sich etwas davon ver- spreche, Hartstein, der es für das beste und zweckmäßigste hielt, wenn sein Sohn das tat, verständigte diesen, er möge auf der Fahrt nach Duingen in Hildesheim aussteigen und bei der Gestapo die Angelegenheit in Ordnung bringen. Der junge Soldat handelte dementsprechend, wurde aber auf der Behörde, die nun einmal gar keine Rücksichten kannte und solche auch auf einen gerade von der Front kommenden Soldaten nicht nahm, auf das schnödeste abgefertist. Als der Inspektor— es war der- selbe, der kürzlich unser Lager überfallen hatte— hörte, um was es sich handelte, ließ er den jungen Hartstein erst einmal zwei Stunden auf| dem Gang stehen, Dann nahm er ihn endlich vor und schnarrte den jungen Mann, ohne ihn überhaupt zu Wort kommen zu lassen, an,„er wisse schon Bescheid, sein Vater, der Halbjude, habe das ganz schlau eingefädelt, um einen Urlaub zu bekommen, aber daraus werde nichts, er solle nach Hause gehen und sich hüten, seinen Vater etwa aufsuchen zu wollen”, Der junge Hartstein hat sich darauf in die Bahn gesetzt und ist in unserem Lager die wenigen Urlaubstage, die er zur Verfügung hatte, mit seinem Vater zusammen gewesen, Als er an die Front zurückfuhr, war er in der Lage, dort zu berichten, wie in der Heimat Soldaten von| SS- und SD-Leuten, die niemals Pulver gerochen hatten, behandelt werden.| 40. Kleines und großes Ungezieier. Iı Eines Abends gab es in unserer sonst so ruhigen Bude eine Sensation: N Der Knabe Bernhard Silbermann hatte Ungeziefer und war, wie sich bei näherer Untersuchung herausstellte, sogar völlig verlaust. Bernhard war unser Sorgenkind, ein Früchtchen oder wie Ferdinand, der Seefahrer, in seinem Jargon sagte,„ein Päckchen”: Bei der Arbeit träge, beim Essen stets der Erste und Letzte, selten geneigt, sein Strohsackbett, wie es morgens unbedingt sein mußte, in Ordnung zu bringen und zu den er- forderlichen Waschungen nur durch stetige Ermahnungen zu bewegen. Als Konsequenz aller dieser Untugenden hatte der Sechzehnjährige jetzt leider Läuse, die er offenbar schon in Farge von den dortigen Aus- I ländern bekommen hatte, an sich hochgezüchtet, und zwar in einer ganz| erstaunlichen Menge. Der hoffnungsvolle Jüngling hatte den Übelstand| schon längere Zeit bemerkt, und wir hatten auf der Stube auch schon mehrfach beobachtet, daß er sich heftig kratzte, ohne uns viel dabei zu denken, An dem bewußten Abend aber überraschte ihn unser Seefahrer Ferdinand, wie er in seinem auf der„zweiten Etage” liegenden und etwas im Winkel verborgenen Bett saß und sein Hemd ganz offensicht- lich nach„kleinen Tierchen” absuchte, Eine sofortige Leibesvisitation| des Unglücksraben, die von Ferdinand und den anderen auf unserer Stube befindlichen„Sachverständigen aus dem ersten Weltkriege” vor- genommen wurde, förderte den erschreckenden Sachverhalt zutage, Die gesamten Kleider Silbermanns waren von ganzen Nestern von Läuse- eiern— sogenannten Nüssen— geradezu angefüllt, und in seinem Hemd, 16„Imi's” 241| das einmal weiß gewesen und jetzt, wie man das im Lager nannte, jeden- falls immer noch„hellschwarz” war, sprang das geflügelte Ungeziefer nur so durcheinander. Nicht Silbermann hatte Läuse, wie Ferdinand es aus- drückte, sondern die Läuse hatten ihn. Der Unglückliche war zu einer Gefahr für das ganze Lager geworden. Besonders unsere Sachverstän- digen wußten, was es heißt, Läuse zu haben, zumal wir im Lager, ja in ganz Duingen, keinerlei Entlausungsanlage besaßen. Daß nicht schon das ganze Lager verlaust war, hatten wir nur der damaligen Kälte zu ver- danken, die das Ungeziefer an seiner sonst üblichen Vermehrung nach- haltig gehindert hatte. Bei einer sofortigen Nachschau in den Betten und in den Kleidern der ganzen Stube fanden sich bei anderen Kameraden nur ganz vereinzelte Exemplare des Ungeziefers, Wir haben sofort Maßnahmen ergriffen, die sich alsbald als wirksam herausstellten, Um die Sache nicht nach außen dringen zu lassen, was uns die größten Unannehmlichkeiten zugezogen hätte, wurde der Knabe Silbermann für krank erklärt, wobei unser Vertrauensmann Toms zu- nächst absichtlich vergaß, ihn zu Paracelsus mitzunehmen, Er wurde, um ihn möglichst zu isolieren, umgehend in die Krankenbaracke ge- steckt, deren Schlüssel unser Koch Robert aus den bekannten Gründen nur sehr zögernd herausgab, als ihm mitgeteilt wurde, Silbermann habe offenbar eine ansteckende Hautkrankheit, Die völlig verlausten Decken und Kleider Silbermanns wurden unter dem Schnee in die gefrorene Erde möglichst tief eingegraben und der Knabe mit Kleidungsstücken, zu denen das halbe Lager beisteuerte, völlig neu eingekleidet, nachdem er vom Kopf bis zum Fuß gründlich„geschrubbt” war. Schließlich wurde er noch nach dem 16 Kilometer entfernten Gronau geschickt, dessen Krankenanstalt über eine Entlausungsmaschine verfügte. Der junge Tu- nichtgut, dem von uns besonders vorgeworfen werden mußte, daß er ver- antwortungsloserweise die Sache so lange verheimlicht hatte, wurde von diesem Ereignis ab unter strenge Aufsicht gestellt und erhielt in meinem Freunde Waclaff einen energischen Erzieher, nachdem es sich so augen- fällig herausgestellt hatte, daß es unzweckmäßig und ohne Wirkung war, wenn wir alle an ihm herumerzogen, Kaum war so der Angriff der Läuse abgeschlagen, als die Wanzen plötzlich aktiv wurden, Unsere„sparsame Kleinbahnverwaltung hatte in unsere ohnehin zu billig gebauten Baracken zum Teil alte Bettstellen hineinstellen lassen, die aus einem verwanzten Ausländerlager stammten, Was nicht ausbleiben konnte, geschah: Die Wanzen, die sich im Gegen- satz zu den Läusen vorzugsweise in Holz einnisten, begannen sich auch in unserem Lager auszubreiten, Uns hiergegen zur Wehr zu setzen, waren wir kaum imstande, Abgesehen davon, daß wir nicht in Versuchung ge- raten konnten, eine Vergasungsaktion, wie sie in Farge mit solch nega- tivem Ergebnis durchgeführt worden war, nochmals zu versuchen, da uns alle Apparate hierfür fehlten, wußten wir ja nun bereits, daß gegen diese Art von Ungeziefer es eben nur das eine Mittel gab, das ganze Lager in Flammen aufgehen zu lassen. Dazu war es aber noch zu früh, wenn wir auch immer wieder hofiten, der Tag werde nicht allzu fern 242 '- er BEE EU BRETT TER PERS TEN EFT ER nannte, jedenUngeziefer nur dinand es auswar zu einer e Sachverstänm Lager, ja in icht schon das Kälte zu vermehrung nachHen Betten und en Kameraden ld als wirksam zu lassen, was rde der Knabe mann Toms zumen. Er wurde, kenbaracke gennten Gründen ilbermann habe lausten Decken die gefrorene eidungsstücken, eidet, nachdem chließlich wurde schickt, dessen Der junge TuBte, daß er veratte, wurde von rhielt in meinem sich so augene Wirkung war, als die Wanzen erwaltung hatte alte Bettstellen lager stammten. sich im Gegenannen sich auch zu setzen, waren Versuchung gemit solch negaversuchen, da reits, daß gegen gab, das ganze er noch zu früh, nicht allzu fern sein, an dem wir unseren Aufenthalt in Duingen aus eigenem Entschlusse abbrechen und dann unserer ,, Bude" ein derart drastisches Ende bereiten könnten. Wir mußten uns zunächst darauf beschränken, unsere Strohsäcke, in denen sich das Ungeziefer bereits häuslich eingerichtet hatte, gründlich auszubürsten und die Ritzen in dem Holz der Bettstellen mit einem scharfen Mittel zu verschmieren, was die Ausflüge der kleinen streitbaren Tiere aus ihren Schlupfwinkeln etwas behindern konnte. Viel hat das allerdings nicht geholfen. Eigenartig war, daß die Wanzen sich ihr Opfer recht wählerisch aussuchten. An einige von uns gingen sie überhaupt nicht, andere peinigten sie in fast unerträglicher Weise. Unser Kamerad Lüders, der in einer völlig neuen Bettstelle schlief, in der gar nichts von dem Ungeziefer nisten konnte, wurde jede Nacht scheußlich überfallen. Aus den alten Bettstellen, in denen Leute schliefen, die das Ungeziefer verächtlich ablehnte, unternahmen seine Horden regelrechte Kriegszüge gegen Lüders und kehrten dann, nachdem sie bei ihm getankt" hatten, im Morgengrauen wieder in ihre Ausgangsstellungen" zurück. Wir mußten schließlich die ganze Nacht das Licht brennen lassen, was etwas half, da die Wanzen im allgemeinen nur in der Dunkelheit auf den Kriegspfad gehen. Wir dachten in diesem Zusammenhang oft mit großer Sorge an den Frühling. Denn die wärmere Jahreszeit mußte alsbald zu einer ungeheuren Vermehrung dieser Plage führen, und unsere ,, Sachverständigen" sagten uns voraus, daß spätestens ab Mai unsere Baracken nachts unbewohnbar sein würden und es dann für uns keine andere ,, Ausweichmöglichkeit" gebe, als im Freien zu schlafen, wobei dann die große Frage war, was wir bei Regen tun sollten. Dieses Problems wurden wir gottlob durch den weiteren Verlauf der Ereignisse enthoben. Schlimmer als das kleine Ungeziefer, das uns bei Nacht verfolgte, war das große, das uns fast jeden Tag stach. Auch hier waren wir wehrloses Objekt. Wenn wir irgendwelche, auch nur die bescheidensten Wünsche äußerten, die für eine Aufrechterhaltung unseres primitiven Lebensstandards unerläßlich schienen, so konnten wir sicher sein, daß sie, wenn nicht abgelehnt, dann doch in jeder Weise sabotiert wurden. Ein großes Wunder war es schließlich nicht, da wir nach den Richtlinien der Gestapo nicht nur hinter allen anderen Völkern Europas" einschließlich der Kriegsgefangenen, sondern auch noch erheblich hinter den sogenannten Ostarbeitern rangierten. 11 Die Arbeitsfront hatte zwar die dringend erforderliche bauliche Vervollständigung unserer Baracken verlangt, aber nur, um das ,, Gesicht zu wahren", wobei unerforschlich blieb, wem gegenüber dies eigentlich erforderlich war, da man sich ja mit uns solche Mühe gar nicht machen brauchte. Hinten herum erklärte der Leiter dieser volksbeglückenden Institution, daß wir nur ruhig weiter frieren sollten. Als der ,, Werwolf" unsere Hartnäckigkeit, mit der immer wieder eine Waschbaracke gefordert wurde, nicht mehr grundsätzlich ablehnen mochte, weil es ihm angezeigt schien, auch einmal seine Note in die Sache zu bringen, verfügte er, daß wir die ,, Erlaubnis" erhielten, ein 16" 243 harmo Waschhaus aus ausrangierten Eisenbahnschwellen zu bauen. Wir haben diesen schlechten Witz als Ernst akzeptiert, und Waclaff und Heino, der Schiffszimmermann, haben zusammen aus dem uns zur Verfügung gestellten seltenen Material tatsächlich eine Waschbaracke gebaut, die sich sehen lassen konnte und in der nicht nur ein halbes Dutzend Zapfhähne mit fließendem Wasser, sondern sogar eine Brause vorhanden war, was alles natürlich aus unserer eigenen ,, Organisation" stammte. Das Badehaus" ist gerade noch zum Ende unserer Verbannungszeit fertig geworden, und ich habe, bevor ich Duingen hinter mir ließ, ein einziges Mal mit besonderem Genuß dort meine Morgenwäsche bewerkstelligen können. 91 Auch unser Koch Robert blieb sich gleich bis zuletzt, wo er dann allerdings vor dem nahen Umsturz aller Dinge Angst bekam und sich uns gegenüber plötzlich umdrehte wie ein Handschuh. Unser Lagerführer Hauser, auch in dieser Beziehung ein korrekter Beamter, hat verschiedentlich versucht, beim Wirtschaftsamt in Alfeld festzustellen, welche Zuteilungen Robert dort für uns erhielt, um diese Ziffern mit den uns von der Küche des Dicken tatsächlich gelieferten Rationen zu vergleichen. Er ist aber nicht weit damit gekommen. Robert verstand sich auf Vernebelungsaktionen" viel zu gut. Als er beispielsweise nicht mehr umhin konnte, uns einmal in zwei Wochen abends ,, Milchsuppe" zu liefern, bestand dieses aus ,, entrahmter Frischmilch" hergestellte Produkt meist aus nichts anderem als weißgefärbtem Wasser. Als sich aber die amerikanischen Panzerverbände Mitteldeutschland näherten, hatte Robert plötzlich das lebhafte Bedürfnis, uns unsere Zigarettenrationen sogar ,, im voraus" zu geben und belieferte uns ganz unvermittelt mit unserer ,, Tabakzuteilung einschließlich Mai und Juni 1945", die damals noch bei keinem Wirtschaftsamt unter den Rationen auch nur andeutungsweise figurierte. 11 41. Ein allzu pünktlicher Beamter. ten K Hölle er ein sich Bahnh Frau Muste Unter betäti artig haßt dämpf Chara geben Quen sie ge Sei eisens Der Rottenmeister der Kleinbahn hieß Bruhn. Wir nannten ihn aber nur das ,, Schienengespenst". Er lief, trotzdem er weit über sechzig Jahre alt war, mit seinen dürren Beinen derart behende über die Schwellen auf dem Bahnkörper dahin, daß es ihm gar nichts ausmachte, täglich 40 Kilometer oder auch noch mehr in der eigenartigen Gangart hinter sich zu bringen, die das Treten von Schwelle zu Schwelle mit sich bringt. Wenn er irgendwo am Horizont auftauchte, war er in unvorstellbar kurzer Zeit auch schon da. Daher das Geisterhafte seiner Erscheinung, das sich in der Morgen- oder Abenddämmerung bis zum Unwirklichen steigerte. Sein scharfgeschnittenes, knochiges Gesicht, in dem eine gebogene Nase und kleine, dunkle Augen dominierten, sah manchmal aus wie das einer alten bösen Frau, einer rechten Hänsel- und- GretelНехе und manchmal auch wie das eines Teufels. Besonders wenn er seine alte Bahnbeamtenkappe mit tief heruntergezogenem winterlichen Ohrenschutz auf hatte, die seltsam mit einem alten Bahnmantel 244 - zu se Fetis n storb Bauc unab Leu freue die bei sage einer meis unm kläff mit weit orde Son nur Wad Er der hatt tägli Wir wir dan en. Wir haben ınd Heino, der Verfügung ge- ‚e gebaut, die Dutzend Zapi- use vorhanden " stammte, nnungszeit r ließ, ein che bewerk- n + wo er dann m und sich x Lagerführer r Lagertunl t verschie” ellen, welche mit den uns en zu ve verstand sich iolsweise nicht .„Milchsuppe e sestellte Pro- . Als sich aber ahorten, hatte tenrationen ermittelt u y die damals re ander“ ‚ch nu 2 Me re an a be harmonierte, der von seinen schmalen Schultern um einen fast abgezehr- ten Körper herumschlotterte, konnte er wie ein Quälgeist aus Dantes Hölle wirken. Er war auch ein solcher in allerhöchstem Maße, Nicht daß er ein im Grunde bösartiges Wesen gewesen wäre. Er war vielmehr an sich gutmütig veranlagt und stand in seiner ärmlichen Behausung im Bahnhof Weentzen bei seiner ebenso stattlichen wie recht resoluten Frau ganz erheblich unter dem Pantoffel, Aber er war geradezu ein Muster von zu Kleinlichkeit ausgearteter Pflichttreue und extremstem Unterordnungsgeist und konnte, wenn er diese Charaktereigenschaften betätigte— und das war im Dienst überwiegend der Fall—, recht bös- artig werden. Er hat uns oft so schikaniert, daß wir ihn zeitweise alle ge- haßt haben. Was solche Gefühle ihm gegenüber allerdings immer wieder dämpfte, war ein gewisses Mitleid mit ihm, der unter seinem eigenen Charakter deutlich sichtbar oft noch mehr litt als wir,„seine Unter- gebenen”, Denn was seine kleinliche Natur an schwer erträglichen Quengeleien und Nadelstichen gegen seine Leute produzierte, brachte sie gegenüber seinen Vorgesetzten an immerwährender Angst hervor, Sein Alpdruck war„der Bahnmeister”, Die gewalttätige Natur Schwert- eisens hatte sich bei allen Beamten der Kleinbahn in gehörigen Respekt zu setzen vermocht. Bei Bruhn aber war dieser Vorgesetzte zu einer Art Fetisch, gekreuzt aus liebem Herrgott und Satan, geworden, vor dem er — natürlich bildlich gesprochen— in Ehrfurcht und Schrecken er- störben, in den kurzen Stunden der allmächtigen Gegenwart auf dem Bauche lag, während er im übrigen zu jeder Tages- und Nachtzeit fast unablässig zu ihm„betete”,„Jungens, der Bahnmeister kommt”, oder „Leute, wenn das der Bahnmeister sieht”, oder„Kerls, ihr könnt euch freuen, daß der Bahnmeister das noch nicht weiß”, waren seine Ausrufe, die uns ständig umtönten, wenn wir nach seiner Ansicht nicht genügend bei der Sache waren oder irgend etwas falsch machten. Das war sozu- sagen dauernd der Fall, nachdem unser bisheriger Rottenführer Gross einen Zugführerposten übernommen hatte und Bruhn, der als Rotten- meister der nächste Dienstvorgesetzte der Rottenführer war, unsere Rotte unmittelbar übernommen hatte, Wie ein Schäferhund seine Herde um- kläfft, umkreiste er unsere Kohorte fast während der ganzen Arbeitszeit mit unmutigen, zornigen und drohenden Rufen. Auch wenn wir ziemlich weit auseinandergezogen an der Strecke arbeiteten, blieb dies außer- ordentlich unangenehm, da unsere Schar, wenn die Handwerker für Sonderaufträge abkommandiert waren, und das war meistens der Fall, nur sehr klein war und selten über sechs bis acht Köpfe zählte, die der Wachsame in jedem Falle nur allzu gut übersehen konnte, Er war ein Minutenkrämer allerschlimmster Sorte, Da sich im Laufe der Zeit unsere Arbeitsstelle immer weiter von unserem Lager entfernte, hatten wir schließlich einen Weg von über einer halben Stunde, den wir täglich viermal machen mußten und der unsere Arbeitszeit verlängerte. Wir mußten infolgedessen morgens auch immer früher aufstehen. Daß wir auf unserem Bauplatz nicht gerade zu früh erscheinen wollten, um dann dort doch nur herumzustehen, kann sich jeder denken, Infolge- 245 dessen rechneten wir etwas knapp, und da der Weg immer länger wurde, kamen wir mit unserer ,, Kalkulation" manchmal auch etwas in Rückstand. Es konnte sich dann ereignen, daß wir einmal zwei bis drei Minuten zu spät an unserer Baustelle ankamen. Wenn das einmal vorkam, stand Bruhn, seine Uhr in der Hand, finster aufgerichtet wie ein dunkler Pfahl an der Werkzeugkiste und schrie uns an, daß wir uns noch immer keine Pünktlichkeit angewöhnt hätten und daß er das nächste Mal eine Meldung an die Bahnverwaltung veranlassen werde, die diese dann an die Gestapo weitergeben müsse. Ebenso war es mit dem Ende der Arbeit. Das Tagespensum konnte noch so vollständig geschafft sein, und es konnte noch so sinnlos sein, für fünf oder zehn Minuten noch eine neue Arbeit anzufangen wenn die Kirchenuhr von Duingen noch nicht Feierabend geschlagen hatte, durften wir die Geräte noch nicht aus der Hand legen, und wenn wir auch nur nutzlos herumfroren oder es Hunde und Katzen auf uns herabregnete. Wenn einer von uns ein menschliches Bedürfnis verspürte und sich demzufolge für kurze Zeit von der Baustelle beurlauben mußte, stand unser Zerberus mit der Uhr in der Hand, um genau festzustellen, ob der Betreffende nicht etwa eine Minute zu lange fortblieb. - Beim Stopfen der Schwellen, der schwersten Arbeit, die wir ausführen mußten, hatte er ein niederträchtiges System: Vier Schwellen mußten, mit den Stopfhacken im Takt festgeschlagen, fertig sein, bis eine kurze, nach dem Sekundenzeiger abgelesene Pause gemacht werden durfte. Er haßte es, wenn sich ,, seine Leute" bei der Arbeit unterhielten. Beim Schwellenstopfen tat dies ohnehin niemand. Aber bei anderen Arbeiten, wie besonders beim Planieren des Bahndamms und beim Auswechseln von Schwellen kam dies öfter vor, da wir auch während der Arbeitszeit nicht so schnell völlig zu stummen und mechanisch arbeitenden Maschinenmenschen werden konnten. Besonders Waclaff und mich hatte er dauernd auf dem Strich, da wir hin und wieder, was entgegen seiner Anschauung unsere Arbeitsleistung durchaus nicht beeinträchtigte, einige Worte zusammen wechselten. Er versuchte es daher auf jede Art und Weise zu hintertreiben, daß wir nebeneinander arbeiteten. ,, Der Bahnmeister" auch wenn dieser 100 Kilometer entfernt war - ,, könnte es sehen und Anstoß daran nehmen!" Arbe werde Die schreckliche Furcht vor diesem Oberteufel in Menschengestalt saẞ ihm, dem Unterteufel, ständig im Nacken. Wenn ein Zug heranrollte, so konnte der Bahnmeister, sei es, daß er sich auch ganz zweifellos in Bodenwerder oder gar in Berlin befand, vorn auf der Maschine stehen, und wir wurden deswegen mit allen nur erdenklichen Flüchen und Kraftworten ermahnt und beschworen, uns ganz besonders intensiv zu bewegen, damit er nicht plötzlich halten lasse und wie ein rächender Blitz zwischen unsere Trägheit fahre. Wenn eine Stopfkolonne einmal müde wurde und die Schläge mit der Hacke langsamer oder weniger kräftiger fielen als es die Norm unseres Quälgeistes war, so stand für den der Bahnmeister sicher hinter den vorderen Bäumen des nahen Waldes, um sich dort mit Wut über unsere unglaubliche Auffassung von 246 sich Bahn lasser zustä enttä beam keine Gesch der V setzte unser steige fühlse Berli Aben Schi vielst ran, Als sein auf verbe beha mach daran eheli er da nicht vielfa etwa sich die zu e etwa befel nicht sach an d Er lichk zur könn Kon leise nur länger wurde, was in Rücki bis drei Miinmal vorkam, ie ein dunkler ms noch immer chste Mal eine diese dann an de der Arbeit. sein, und es och eine neue en noch nicht nicht aus der oder es Hunde menschliches von der Baur in der Hand, ine Minute zu die wir ausVier Schwellen g sein, bis eine macht werden Arbeit unterAber bei andemms und beim auch während and mechanisch onders Waclaff nd wieder, was haus nicht bersuchte es danebeneinander Kilometer ent!" Menschengestalt ein Zug heranzweifelh ganz f der Maschine lichen Flüchen onders intensiv e ein rächender kolonne einmal oder weniger r, so stand für des nahen WalAuffassung von - Arbeit zu füllen, bis er plötzlich zu unserem Verderben explodieren werde. Der Bahnmeister werde ihn maßregeln, der Bahnmeister trage sich bereits mit dem Gedanken, seine Verabschiedung zu verfügen, der Bahnmeister sei bereits dabei, ihm eine letzte Warnung zukommen zu lassen, und alles nur unseretwegen", das waren so seine Angstzustände, mit denen er dann auf uns zu drücken suchte. Er war sehr enttäuscht, immer mehr zu sehen, daß wir anders als die unteren Bahnbeamten und die berufsmäßigen Streckenarbeiter vor seinem Götzen keineswegs erstarben, sondern uns über dieses ständige Gejammere und Geschimpfe eines hochbetagten Mannes mit dem Refrain: ,, Was wird nur der Vater dazu sagen?", aufrichtig amüsierten. Ich werde nie das entsetzte Gesicht Bruhns vergessen, als bei einer derartigen Gelegenheit unser Kamerad Lüders, dem es endlich zuviel geworden war, in aufsteigendem Zorn rief: ,, Ihr verdammter Bahnmeister..." und diesen Gefühlserguß mit dem allgemein bekannten Zitat aus Goethes Götz von Berlichingen abschloß. Es kam so weit, daß, als sich gegen Ende unseres Abenteuers die Bande der Disziplin in unserer Rotte lockerten, unser ,, Schienengespenst" nur von fern zu erscheinen brauchte, um alsbald den vielstimmigen und weithin vernehmbaren Ruf auszulösen: ,, Jungens, haut ran, der Bahnmeister kommt!" - - Als Bruhn zu seiner maßlosen Überraschung merkte, daß uns weder sein Bahnmeister noch alle übrigen Männer ähnlich gewaltiger Position auf der Welt irgendwelche Ehrfurcht einflößten, begann er uns als unverbesserliche und renitente Arbeiter zu betrachten, die entsprechend behandelt werden müßten. Wir konnten ihm überhaupt nichts mehr recht machen. Besonders am Vormittag Spaßvögel behaupteten, es liege daran, daß er in dieser Zeit die von seiner Frau zu Hause empfangenen ehelichen Donnerwetter abreagieren müsse quengelte und schimpfte er dauernd um uns herum, so daß wir schließlich so taten, als ob wir gar nichts mehr davon hörten. Sobald er sein Mittagessen, das allerdings vielfach besser war als das unsere, im Magen hatte, wurde er immer etwas zugänglicher. Frühmorgens konnte er es fertigbringen, wenn er sich am Tage vorher eine besondere Arbeit für uns ausgedacht hatte, die einen etwas längeren Weg als sonst erforderte, bei uns in der Bude zu erscheinen, mitten in unser Frühstück hereinzuplatzen und uns einen etwa eine halbe Stunde vor der sonstigen Norm liegenden Abmarsch zu befehlen. Unser Hinweis, daß wir wenigstens in unserer Hütte von ihm nicht gestört zu werden wünschten, berührte ihn gar nicht. Die Hauptsache war, daß auch auf der entfernter als sonst liegenden Arbeitsstelle an dem betreffenden Tage unser Werk mit dem Glockenschlag begann. Er füllte nicht nur unser ohnehin nicht reizvolles Leben mit Unannehmlichkeiten, sondern er machte sich auch sein eigenes Dasein geradezu zur Hölle. Aus Furcht, ,, daß er sonst ins Zuchthaus gebracht werden könnte", lief er oft noch nach Feierabend 18 Kilometer Bahnstrecke zu Kontrollzwecken, damit ja mit keinem Zuge etwas passiere und das Geleise überall in peinlichster Ordnung sei. Die Nächte hindurch saß er, der nur sehr unbeholfen schreiben und sehr schwer rechnen konnte, bei 247 namer seinen Stunden- und Lohnlisten, in der ständigen Angst, daß einmal etwas nicht stimmen und der Bahnmeister ihn wegen Unterschlagung, Betrug oder sonstiger Inkorrektheit verantwortlich machen könnte. Wenn wir ihn, was wegen seiner darauf erfolgenden klassischen Antwort öfter geschah, fragten, was es denn am letzten Tage im Heeresbericht gegeben habe, so rief er sofort mit abwehrender Gebärde: ,, Ihr wollt mich wohl aufs Glatteis führen, ihr verdammten Kerls! Ich sage nichts. Denn sonst öffnet sich plötzlich eines Morgens, wenn ich beim Kaffee sitze, bei mir die Tür, und ich werde abgeholt und eingesteckt!" Seine Befürchtung war übrigens nicht so ganz unbegründet. Denn wie alle Leute in der Gegend, die ein Radio hatten, hörte er, was wir längst wußten, nicht nur die deutschen, sondern auch die fremdländischen Sender, und da er ziemlich beschränkten Geistes war, hatte er sehr oft die beiderseitigen Nachrichten recht erheblich durcheinandergebracht, so daß er, als er dies schließlich merkte, sofort furchtsam davon Abstand nahm, sich überhaupt noch irgendwie über die Weltbegebnisse auszulassen. Er lehnte den Nazismus ab, allerdings, solange das irgendwie gefährlich war, nur ganz insgeheim. Er sagte mir auch einmal im Vertrauen, daß wir für ihn ebenso Deutsche seien wie die anderen auch, aber er war viel zu ängstlich, seine Auffassung irgendwie kundzugeben. Als das Unglaubliche geschah, daß Bruhn eines Tages über seinen Bahnmeister, den Werwolf, äußerte ,,, der laufe jetzt mit einem scharf geladenen Revolver in der Hosentasche herum, da er wisse, daß er ja doch sterben müsse", war dies ein besonders deutliches Signal dafür, daß das Ende des Dritten Reiches in unmittelbare Nähe gerückt war. 42. Die Tragödie der Väter, Mütter und Frauen. in seu Als Juden wurde denen Noch Anfang Februar 1945, als die Deutsche Reichsbahn für das Zivilpublikum schon praktisch so gut wie vollständig gesperrt war, begann die Gestapo mit der Deportation der letzten noch in Deutschland befindlichen Juden, bei denen es sich ausschließlich um arisch- verehelichte Juden und Jüdinnen, also um die Väter, Mütter und Frauen unserer Schicksalsgenossenschaft handelte. Da die Gestapo die jüdischen Männer, auch soweit sie arisch verheiratet waren, bereits dadurch ,, sichergestellt" hatte, daß dieselben unter irgendwelchen Vorwänden in Konzentrationslager verbracht worden waren, von denen sie nunmehr direkt in ein östliches Getto überführt werden konnten, handelte es sich im wesentlichen nur noch um die jüdischen Mütter und Ehefrauen unserer Kameradschaft. Diese erhielten nunmehr Vorladungen, wonach sie sich bei der Geheimen Staatspolizei zu ,, besonderem Arbeitseinsatz" zu melden hätten. Derselbe bestand, was ein offenes Geheimnis war, in einer Verschleppung nach dem in Westgalizien belegenen Hungerlager Auschwitz oder, da sich die Russen auf ihrem Vormarsch dieser Gegend gerade bedenklich zu nähern begannen, in das ,, Mustergetto" Theresienstadt in der Tschechoslowakei, das trotz seines wohl kaum berechtigten Bei248 jemals einze durch jenige wurd dies Männ Himm Jude ruhte alles schw Di Wun den zu s sam Tom liche mit mit zurü Schi Es jung gen kurz wir bar Kan den dem sche lich fahr an sch lau nov Nie der daß einmal terschlagung, önnte. Wenn Antwort öfter richt gegeben lt mich wohl s. Denn sonst sitze, bei mir Befürchtung Leute in der Sten, nicht nur r, und da er beiderseitigen aß er, als er hm, sich überwie gefährlich Vertrauen, daß , aber er war Als das Unhnmeister, den enen Revolver erben müsse", das Ende des en. für das Zivilrt war, begann eutschland bech- verehelichte Frauen unserer Hischen Männer, ,, sichergestellt" Konzentrationsrekt in ein östm wesentlichen serer Kameradie sich bei der z" zu melden r, in einer Verlager Auschwitz gend gerade beheresienstadt in rechtigten Beinamens ein großer Friedhof von Tausenden von Unglücklichen war, die in seinen Mauern allmählich dahingestorben waren. Als die neue Maßnahme Himmlers, welche die Vernichtung des Judentums in Deutschland besiegeln sollte, in unserem Lager bekannt wurde, breitete sich dort düstere Trauer aus. Es kam aber bei allen denen, die nun von dem Verlust des Teuersten bedroht waren, das sie jemals besessen hatten und noch besaßen, zu keinem auch nur vereinzelten Verzweiflungsausbruch. Unsere Schicksalsgenossenschaft war durch alles, was bereits hinter ihr lag, so hart geworden, daß von denjenigen, die nun von dem härtesten aller Schicksalsschläge betroffen wurden, kein einziger zusammenbrach. Ich habe meine Kameraden, die dies neue Furchtbare auf sich nehmen mußten und auch dies noch als Männer zu tun vermochten, ehrlich bewundert. Dankte ich doch dem Himmel, daß mein Vater, bevor ihn das über die letzten deutschen Juden verhängte Los ereilen konnte, schon seit über 40 Jahren im Grabe ruhte. Jedenfalls war der Tag, an dem der neue Anschlag Himmlers auf alles, was bis dahin Menschlichkeit hieß, bekannt wurde, wohl der schwärzeste Tag unserer Verbannung. Die unmittelbar Betroffenen unter uns hatten den nur zu verständlichen Wunsch, ihre Lieben, bevor sie endgültig in den Osten verschleppt wurden, um von dort womöglich nicht wiederzukehren, noch ein letztes Mal zu sehen. Wir waren alle darüber einig, daß wir jede Gefahr für das gesamte Lager auf uns nehmen mußten, um diesen Wunsch zu erfüllen. Toms organisierte den kurzen ,, Heimaturlaub", den wir unseren unglücklichen Kameraden zugestehen konnten, in straffer Weise. Es wurden, damit die Sache nicht auffiel, nur zwei zugleich auf die Fahrt geschickt mit der strikten Weisung, nach drei, spätestens aber vier Tagen wieder zurück zu sein, damit dann die nächsten zwei in Frage kommenden Schicksalsgenossen auf dieselbe Heimfahrt entlassen werden konnten. Es handelte sich um fünf ältere Kameraden, denen die Frau, um zwei jüngere, denen die Mutter, sowie um einen ganz jungen, dem der Vater genommen werden sollte. Mehr als den Bedauernswürdigen die allzu kurze Heimfahrt durch fingierte Krankmeldungen zu ermöglichen, wobei wir das Risiko liefen, bei einer jederzeit möglichen Kontrolle alle haftbar gemacht zu werden, konnten wir nicht tun. Wir mußten es unseren Kameraden überlassen, ob sie in den paar ihnen zur Verfügung stehenden Tagen versuchen wollten und konnten, ihre bedrohten Angehörigen dem Zugriff der Gestapo zu entziehen. Dies war bei den damals herrschenden Verhältnissen so schwierig, daß die meisten unserer unglücklichen Kameraden nur zu einem schmerzlichen Abschied nach Hause fahren konnten. Und mit welchen Schwierigkeiten war schon diese Fahrt an sich verknüpft, zu der keinerlei ordnungsmäßige Genehmigung beschafft werden konnte! Da man über 100 Kilometer ohne besondere Erlaubnis nicht reisen durfte, mußte zunächst eine Fahrkarte bis Hannover, dann eine von dort bis Nienburg und schließlich eine solche von Nienburg bis Bremen genommen werden, wobei es sich in Nienburg um denselben Zug handelte, der nur wenige Minuten hielt, so daß der über 249 alle Berge sein konnte, ehe die neue Fahrkarte gelöst war, was bei dem schon sehr spärlich gewordenen Bahnverkehr den Verlust von mindestens einem halben Tag bei der ohnehin so kargen ,, Urlaubsspanne" bedeutete. Trotz aller technischen Schwierigkeiten und trotz der Schwere des auf ihnen lastenden Schicksals sind aber alle der Unseren, die auf diese tragische Heimfahrt entlassen wurden, stets pünktlich wiedergekommen, da sie wußten, daß ohne dies die übrigen in derselben Lage Befindlichen nicht fahren konnten. Auch in diesem äußersten Falle war die Rücksicht auf die Kameradschaft stärker als das persönliche Interesse. Sogar unser Stubengenosse Mager, dessen jüdische Mutter nun noch deportiert werden sollte, nachdem kurz zuvor sein Vater einem plötzlichen Schlaganfall erlegen war und der mehr Unglück auf seinen Schultern schleppen mußte, als gemeinhin ein Mensch überhaupt tragen kann, war am festgesetzten Tage wieder in Duingen ,,, wie es sich bei uns von selbst verstand". 43. Ein Knabe geht und kommt auch wieder. in kun zu ma dings achte ein s Schul Sch Bernhard Silbermann war nach der noch gerade rechtzeitigen Vernichtung seiner Läuse unser Sorgenkind geblieben. Die Erziehung, mit der mein Freund Waclaff sich an dem Jungen versuchte, konnte sich in ihren Ergebnissen zunächst sehen lassen. Waclaff, der mit seinen neunundzwanzig Jahren noch unverehelicht war, hatte damit, daß er nun gleich ein über sechzehn Jahre altes Kind bekam, eine nicht leichte Aufgabe übernommen, Der Junge hatte offenbar noch niemals ordentliche Zucht kennengelernt. Sein Vater war von den Nazis deportiert worden und, wie die meisten der von diesem Schicksal Betroffenen, irgendwo im Osten zu Grunde gegangen. Seine Mutter hatte sich schon vorher von ihrem Manne und ihren Kindern getrennt. Seine beiden älteren Schwestern waren verkommen und sein etwas älterer Bruder, der aber nicht erheblich über 20 Jahre alt war, hatte die ,, Vormundschaft" über den Knaben übernehmen müssen, hatte sich aber nicht sehr um ihn gekümmert. Der hatte in einem Kolonialwarengeschäft gelernt, wo er offenbar auch nicht gerade an harte und konsequente Arbeit gewöhnt worden war und nebenbei war er o Verwirrung der Menschen und Dinge! sogar zum ,, Führer" in der Hitlerjugend aufgestiegen, bei der er außer einer anscheinend ausgiebigen Förderung der ihm angeborenen Großmäuligkeit auch nichts gelernt hatte. Mangelhaftes Autoritätsbewußtsein und geringer Respekt vor dem Alter war ein Kennzeichen der Jugend im Dritten Reiche. Bei Silbermann war diese Untugend noch dahin gesteigert, daß er so gut wie überhaupt keine Achtung vor Älteren hatte und sich uns gegenüber stets benahm, als seien wir absolut seinesgleichen, ausgenommen den Fall, daß er, was oft vorkam, einmal Hunger hatte oder sich sonst keinen Rat wußte, wo er dann anfing zu jammern oder gar zu heulen, auf daß ihm geholfen werde. Und es war ihm von den mitleidigen älteren Schicksalsgenossen schon viel zu oft geholfen worden. Waclaff versuchte es mit äußerster Strenge und es gelang ihm, 250 - nach Schub er ka war, gesc daß e disch hatte verw einen nicht weise hatte wenn ganz Zuma bald notw noch schli wäre beso Wer Pake Ich Fahr Lage der here dies von Erfa auf er s stan D Wor Ver sich wer was bei dem n mindestens e" bedeutete. were des auf Hie auf diese Hergekommen, e Befindlichen ar die Rückteresse, Sogar och deportiert lichen Schlagtern schleppen war am feston selbst veratzeitigen VerErziehung, mit konnte sich in t seinen neunt, daß er nun e nicht leichte iemals ordent azis deportiert al Betroffenen, atte sich schon e beiden älteren ruder, der aber undschaft" über sehr um ihn gent, wo er offenewöhnt worden n und Dinge!- ei der er außer eborenen Großritätsbewußtsein Then der Jugend noch dahin geor Älteren hatte absolut seines , einmal Hunger fing zu jammern es war ihm von zu oft geholfen des gelang ihm in kurzer Zeit aus dem Jungen einen einigermaßen manierlichen Jüngling zu machen, der sich anständig benahm und auf Ordnung in seinen allerdings sehr geringen Habseligkeiten und in seiner ganzen Lebensführung achtete. Aber der Knabe blieb nun einmal trotz seiner blonden Locken ein schwarzes Schaf. Vielleicht hatte er noch nicht einmal besondere Schuld daran, aber es war wohl sein Schicksal. - - Schon seit Wochen hatte er uns in den Ohren gelegen, daß er einmal nach Wesermünde fahren müsse, um Kleider, Wäsche und vor allem Schuhe zu holen, die in Anbetracht der verwirrten Häuslichkeit, aus der er kam, bei allen möglichen Bekannten verstreut sein sollten. Der Junge war, so wie er vom ,, Friesenwall" kam, wo er mit seiner HJ- Formation geschippt" hatte, verhaftet und auf die Gestapo gebracht worden, so daß er nach Farge nur sein Sommerzeug, in dem er sich an der holländischen Grenze so vaterländisch betätigt hatte, mitnehmen konnte. Er hatte auch in Duingen zunächst nicht mehr gehabt, bis ihm die Bahnverwaltung der einzige Fall, in dem dies überhaupt geschehen ist einen alten, schon recht ramponierten Beamtenmantel und, da der Junge nicht einmal eine Kopfbedeckung hatte, auch eine Schaffnermütze ,, leihweise zur Verfügung stellte. Das wenige Zeug, was Silbermann gehabt hatte, war bei unserer energischen Entlausungsaktion draufgegangen und wenn ihm dasselbe auch durch eine ,, Kleidersammlung" in unserem ganzen Lager ersetzt worden war, so hatte er immer noch wenig genug. Zumal der Junge bei der Arbeit dauernd fror und bei Regen immer sehr bald mit seiner Kleidung am Ende war, erschien es an sich dringend notwendig, ihn einmal nach Hause zu schicken, falls er dort überhaupt noch geeignete Sachen hatte, was viele von uns bezweifelten, weil es ja schließlich für die Bekannten des Knaben selbst ein Leichtes gewesen wäre, dem Jungen auf entsprechende Anforderung etwas zu schicken, da besonders in der ersten Zeit unseres Duinger Aufenthaltes Expreß- und Wertpakete in wenigen Tagen überkamen und auch die gewöhnliche Paketpost meist, wenn auch erst nach dreiwöchiger Reise, anlangte. Ich habe große Bedenken dagegen gehabt, den Jungen auf eine solche Fahrt zu schicken. Bisher waren alle ,, Schwarzfahrten", die aus unserem Lager unternommen worden waren und das waren schon genug an der Zahl gewesen, programmäßig verlaufen. Diesmal hatte ich von vornherein das bestimmte Gefühl, daß die Sache schief gehen würde, und diese Ahnung hat mich auch nicht getrogen. Meine Bedenken wurden von allen Stubengenossen nach den bisher mit dem Jüngling gemachten Erfahrungen geteilt, und auch Toms hatte gar keine Lust, Silbermann auf die von ihm stürmisch verlangte Reise zu schicken. Schließlich lieẞ er sich aber durch den bei dem Jungen tatsächlich bestehenden Notstand hierzu, wenn auch sehr zögernd, bewegen. - Der Junge, der in der letzten Zeit recht kleinlaut und bescheiden geworden war, verfiel, als er sich so mit einem ohne Frage sehr verfrühten Vertrauen beschenkt sah, in seine frühere Großmäuligkeit und versicherte, daß er die Sache mit beträchtlicher Schlauheit durchführen werde und ihm bestimmt nicht das mindeste passieren würde. Er ver251 sprach mit allen nur erdenklichen Beteuerungen und sozusagen eidlich, nach Ablauf der in einem solchen Falle obligaten drei oder allerspätestens vier Tage wieder im Lager zu sein und ging, wie in solchem Falle üblich, eines frühen Morgens vor 4 Uhr, von Stolz auf das ihm bevorstehende Abenteuer geschwellt, aus dem Lager, um den ersten Zug zu besteigen und— zunächst nicht wiederzukehren, Es vergingen nach Verstreichen des festgelegten Termins drei Tage: nun, es konnte allzuviel Fliegeralarm oder sonst etwas dazwischen ge- kommen sein, Es vergingen vier Tage: Wir wurden besorgt, denn das war in solchem Falle bei weitem noch nicht vorgekommen. Es vergingen fünf Tage und die Skeptiker hatten recht behalten. Silbermann erschien nicht wieder. Es vergingen sechs Tage und im Lager entstand eine recht beträchtliche Aufregung. Denn der Schwarzfahrtenturnus, der sich in- zwischen wieder eingespielt hatte, kam nun in eine fürchterliche Un- ordnung. Toms ging von dem dabei bisher befolgten Grundsatz, daß der nächste Anwärter auf eine solche Fahrt erst reisen durfte, wenn sein Vorgänger wieder zurück war, nicht ab, und er hatte recht damit, da derjenige, der nicht wiederkam, früher oder später der Bahnverwaltung gemeldet werden mußte, von wo ohne Frage eine Weitermeldung nach Hildesheim erfolgte, und wir dann einer Kontrolle ausgesetzt sein konnten, bei der keiner, außer dem Gemeldeten, fehlen durfte, Die durch Silber- manns Verschwinden betroffenen Kameraden, die schon alle möglichen Vorbereitungen und Dispositionen für die ihnen zugebilligte Reise ge- troffen hatten und nun entgegen von ihnen bereits nach Hause gegebenen Nachrichten nicht fahren konnten, gerieten in erheblichen Zorn.„Der verdammte Bengel” wurde in allen Tonarten verflucht und es müssen ihm die Ohren davon recht übel geklungen haben, Das Thema„Silbermann” wurde für einige Abende zum Dauergespräch auf unseren Buden. War der„naseweise Flegel“ bei einer Kontrolle ge- griffen und womöglich der Gestapo ausgeliefert worden? Das war für das ganze Lager eine schreckliche Aussicht, Es war kaum anzunehmen, daß der Junge den Verhörsmethoden der Gestapo standhalten und über unsere Heimlichkeiten schweigen würde, Was dann alles von unserem täglichen Sündenregister: Unerlaubte Reisen, verbotene Postsendungen, Beziehungen zur Duinger Bevölkerung durch Handwerkerarbeiten, Ab- hören von Feindsendern, unzulässige Ortsbesuche usw. usw, herauskommen konnte, mochte der liebe Himmel wissen. Einige, die von unserem Silber- fuchs mit dem Goldhaar ganz schlecht dachten, versicherten, der Kerl sei keineswegs verhaftet worden, sondern er habe sich seine Reise nur erschwindelt, um zu„türmen”, Er habe gewußt, daß, wenn er aus dem Lager einfach ohne weiteres entfliehe, sehr bald darauf eine Meldung erstattet werden würde, da ihm ja auch irgendwo in der Gegend ein Unheil hätte zustoßen können; er habe darum seine„Kleidungsbeschaf- fungsfahrt” simuliert, um einige Tage Zeit zu gewinnen, irgendwo unter- zutauchen. Wahrscheinlich sei er zu einer seiner Schwestern, die beide in Hamburg ein recht ausgelassenes Leben führten, gefahren und habe 252 sagen eidlich, llerspätestens Falle üblich, Devorstehende zu besteigen ms drei Tage: azwischen gergt, denn das Es vergingen mann erschien and eine recht der sich inchterliche Undsatz, daß der fte, wenn sein echt damit, da ahnverwaltung meldung nach t sein konnten, durch Silberalle möglichen igte Reise geuse gegebenen en Zorn. Der und es müssen Dauergespräch Kontrolle ge? Das war für m anzunehmen, alten und über S von unserem Postsendungen, erarbeiten, Abherauskommen unserem Silbererten, der Kerl seine Reise nur enn er aus dem f eine Meldung der Gegend ein leidungsbeschaf irgendwo unterstern, die beide ahren und habe sich in der großen Stadt irgendwo versteckt, lache sich ins Fäustchen und lasse uns die Unannehmlichkeiten, die sich nun daraus ergeben müßten, ausbaden. Nachdem zehn Tage vergangen waren und der längst Überfällige nun endgültig als vermißt angesehen werden mußte, konnte Toms die Meldung unmöglich weiter aufschieben, zumal der Bahnverwalter unglücklicherweise auch gerade jetzt die an den Jungen so großzügig verliehenen Kleidungsstücke zurückforderte, da der Träger des Mantels und der Mütze, ein bis dahin kranker Beamter, sich nunmehr wieder gesund gemeldet habe und die Sachen benötige. Als Toms das Verschwinden Silbermanns berichtete, ging der furchtsame Herr Sachse sozusagen die Wände hoch. ,, So etwas habe ihm gerade noch gefehlt", meinte er verzweifelt. Unser Lagerführer Hauser, der auch in diesem Falle seine korrekte Ruhe bewahrte, erklärte kühl, die Sache hätte längst nach Hildesheim gemeldet werden müssen. Es werde höchste Zeit damit. Sonst kämen sie alle in des Teufels Küche. Er hatte recht damit. Der Steckbrief, der über den Gendarmen erlassen wurde, der zum Zwecke eines ,, Protokolls" in diesem Falle erstmalig unser Lager betrat und sich dabei auffallend anständig benahm, war überflüssig. Bahnverwaltung und Lagerführer bekamen wegen der viel zu späten Behandlung der Angelegenheit ein nicht schlechtes Donnerwetter Hildesheims auf den Hals, mit dem Hinweise, daß künftig in einem derartigen Falle unverzüglich berichtet werden müsse: Silbermann war nur bis kurz vor Wesermünde gelangt und schon vor neun Tagen bei einer Zugkontrolle gefaßt worden. Da er keinen mit Photographie versehenen Paẞ, sondern nur einen Hitlerjugend- Ausweis bei sich hatte und in seinem Bahnbeamtenaufzug besonders die Mütze stand ihm bei seinen blonden Locken und seinem Mädchenantlitz recht seltsam zu Gesicht als verkappter Deserteur oder gar als Spion beargwöhnt wurde, war er sofort festgenommen worden. Furchtsame Gemüter unter unserem Volke sahen bereits einen zweiten noch weit schlimmeren Gestapobesuch in unserem Lager voraus und uns alle bereits hinter elektrisch geladenem Stacheldraht oder auf der Deportation nach dem Osten. Es erfolgte jedoch nichts. - - Über vier Wochen waren bereits seit dem Weggange des Jungen verstrichen und er war bei uns schon völlig abgeschrieben und nahezu vergessen, als er eines Abends in seinem Bahnbeamtenmantel und auch im übrigen ganz so wie er sich auf seine Fahrt begeben hatte, nur allerdings etwas schmaler und blasser geworden, plötzlich in unserer Bude stand und zunächst ein großes Beschwerdegeschrei darüber erhob, daß, wie er sogleich bemerkte, über sein Bett inzwischen anderweitig verfügt worden war, da wir einen neuen Stubenkameraden unter uns hatten aufnehmen müssen. Weiter beklagte sich Silbermann mit seinen ersten Worten über gewaltigen Hunger, den man ihm allerdings ansehen konnte. Nachdem er in einer anderen Bude mit einem neuen Strohsack versorgt und seinem Appetit mit Brot und Wurst zunächst abgeholfen war, erzählte er seine Odyssee. 253 zusam - - Nach seiner Festnahme war er von Gefängnis zu Gefängnis gewandert. Zunächst hatte er im Gerichtsgefängnis zu Wesermünde gesessen, Von eine dort am dort war er in das ,, Ersatz- Polizeigefängnis Bremen" Osterdeich belegene Baracke überführt worden. Nach Beendigung dieses Aufenthaltes war es ins Polizeigefängnis Hannover und von da schließlich zur Gestapo in Hildesheim weitergegangen. In Hannover, das damals jeden Tag mehrere schwere Fliegerangriffe erlebte, war er mit seinen Mitgefangenen im Gefängnis bei dauerndem Fliegeralarm ,, wie die Affen" immer wieder die Treppen hinauf und hinunter gejagt worden. In Hildesheim hatte er zwei schwere Bombenangriffe erlebt ,,, die nicht wieder mitzumachen, er gern zukünftig Tag und Nacht arbeiten wolle", welche Versicherung allerdings in dem Kreise Neugieriger, der sich um unseren Irrfahrer gesammelt hatte, mit ungläubigem Lachen beantwortet wurde. Mit einem anderen Imi, der aus dem Lager Lenne geflüchtet und nun wieder ergriffen worden war, hatte Silbermann drei Tage in der nur einen Quadratmeter messenden Arrestzelle des bei Hildesheim belegenen Gestapo- Straflagers ohne jede Nahrung sitzen müssen, woraus sich nicht zuletzt sein gewaltiger Hunger erklärte, der alles bei ihm in dieser Beziehung Gewohnte weit in den Schatten stellte. In Hildesheim hatte der Junge die zahllosen Leichen, die nach den Bombenangriffen auf Treckern gesammelt und herangefahren wurden, mit einsargen und aufladen müssen. Der aus Lenne geflüchtete Schicksalsgenosse, der schon acht Wochen in polizeilichem Gewahrsam steckte, ist bei dieser schrecklichen Arbeit neben unserem Silbermann vollständig zusammengebrochen. spiele was ih meinte wegen ihn zu Uhr der fü seiner Ehega seinen sprech Stück Vor Die Sträflingstransporte von Gefängnis zu Gefängnis, die er hatte mitmachen müssen, waren natürlich unter schwerbewaffneter Polizeibewachung erfolgt. Ganz scheußlich war es ihm in Bremen ergangen, Er war im dortigen Polizeigewahrsam mit Schwerverbrechern zusammengeraten, die großenteils in das Soldaten- Straflager Lingen überführt wurden. Diese Gefangenen wurden gefesselt transportiert, und da wohl nicht genug Handschellen vorhanden waren, zu je zweien aneinandergebunden. Hierbei ist Silbermann mit einer Frau, die angeblich die Arbeit verweigert hatte, zusammengekettet durch die Straßen Bremens zum Bahnhof geführt worden, wobei ihm, wie er freimütig erzählte ,,, denn doch die Tränen gekommen seien". Die schwer gefesselten zwanzig Gefangenen hatten hierbei ebenso schwer bewaffnete fünfzehn Polizeibeamte zur Bewachung. Als ein zuhörender Kamerad meinte, dann seien also auch hier in Deutschland immer noch genug Männer hinter der Front gewesen, erklärte Silbermann ebenso unvermittelt wie großartig ,,, Deutschlands Elite sitzt im Gefängnis", was offenbar das Prunkstück eines von ihm auf seiner seltsamen Reise aufgeschnappten neuen Wortschatzes bildete, der zum Teil Wendungen enthielt, die besonders für einen Sechzehnjährigen ebenso überraschend wie bedenklich waren. vorgef getobt ziehen Als das allgemeine Gelächter über diese ,, Stilblüte" verklungen war, berichtete unser Springinsfeld weiter. ,, Gearbeitet" hatte er in der Zeit seiner unfreiwilligen Abwesenheit so gut wie gar nicht. Er hatte sich 254 unser hatted und vo sollten machte mann schein karte Gestap sicher Der war, h zu bew häusle angend denni gewese Krimin fängnis Bau" Sich Z in den derobe münde Wad vorn z Ein Gesta ziemli Sorge mis gewandert. gesessen. 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Ein Zuchthäusler, der, wegen Notzucht und Mord verurteilt, der Todesstrafe entgegensah, hatte ihn zum Erben eingesetzt und ihm einen unechten Ring und eine kaputte Uhr hinterlassen, die er mit Stolz herumzeigte. Ein ,, Geflügelzüchter", der für ,, Tauschhandel" zwei Jahre absitzen mußte, hatte ihm die Adresse seiner Frau mitgegeben, mit dem Auftrage, dieser mitzuteilen, daß ,, ihr Ehegatte gut im Zuchthause angekommen sei und der weiteren Bitte, seinen Kameraden zu sagen, daß er, der ,, Geflügelzüchter", für entsprechende Sachwerte gelegentlich über die betreffende Adresse zehn Stück guter Hühner besorgen könne". Vor seiner Entlassung war Silbermann demselben Gestapo- Inspektor vorgeführt worden, der sich einige Wochen vorher in unserem Lager ausgetobt hatte. Auf die sich auf Silbermann und den Lenner Flüchtling beziehende Frage eines anderen Beamten: ,, Das sind doch Deutsche?" hatte unser besonderer Freund geantwortet: ,, Nein, das sind Halbjuden!" Er hatte dann den beiden Übeltätern einen furchtbaren Anschnauzer gegeben und vor ihren Augen eine dicke Pistole geladen, mit den Worten, sie sollten machen, daß sie wegkämen. Wenn sie noch einmal so etwas machten, wie sie jetzt gedreht hätten, würden sie erschossen. Auf Silbermann hatte das keinen großen Eindruck gemacht. Seinen Entlassungsschein hatte er, so gleichgültig war er ihm, aus Versehen mit einer Postkarte zusammen noch in Hildesheim in einen Briefkasten gesteckt. Die Gestapo wird sich darüber, daß dies Papier so an sie zurückgelangte, sicher gewundert haben. Der Sechzehnjährige, der so schwer zum Guten zu erziehen gewesen war, hatte in den paar Wochen gründlich gelernt, sich in Gefängnissen zu bewegen und hatte direkt das Gehaben eines ausgekochten Zuchthäuslers, der in seinem Dasein überhaupt nur noch Haftstationen kennt, angenommen. Er wäre immer wieder, erzählte er, gefragt worden, wo er denn in der Zeit zwischen Farge und Wesermünder Gerichtsgefängnis gewesen sei; auf seine Antwort: ,, In Duingen" hatten sich die größten Kriminalsachverständigen immer wieder gewundert, daß sie dieses Gefängnis noch gar nicht kannten, es müßte sich dabei um einen ganz neuen Bau" handeln. Waclaffs mühsame Erziehung war jedenfalls zum Teufel. Sich zu waschen hatte der Junge vollständig wieder verlernt, da es das in den Gefängnissen, in denen er gewesen war, kaum gab. Seine Garderobe, wenn sie überhaupt noch existierte, war immer noch in Wesermünde, das er ja nur als Verhafteter erreicht hatte. Waclaff bekam keine Gelegenheit mehr, seine Erziehungskünste von vorn zu beginnen, da Silbermann ja nicht mehr auf unserer Stube wohnte. Ein Glück für das ganze Lager war es gewesen, daß die Hildesheimer Gestapo, durch die schweren Bombenangriffe auf die Stadt nervös und ziemlich kopflos geworden, gar nicht mehr dazu gekommen war, unser Sorgenkind regelrecht zu verhören. 255 44. Der Schnee taut. Der Winter war, so kalt und hart sich der Januar angelassen hatte, in diesem Jahre schnell zu Ende. Pünktlich mit dem ersten Februar be- gann der Schnee zu tauen und war, trotzdem er recht hoch lag, in we- nigen Tagen verschwunden. Nur auf den Bergen blieb er etwas länger liegen. Der„Winter unseres Mißvergnügens” hatte damit sein vorzeitiges Ende gefunden. Es gab wohl noch einige rauhe Tage und Nächte, Aber die eigentliche Kälte kam nicht mehr wieder, Ferdinand, unser Seefahrer, behielt recht: Er hatte immer wieder prophezeit, daß es keinen sehr langen Winter geben werde, da die Stare dageblieben waren und die Feldlerchen, kaum, daß der Schnee dahinschwand, wieder erschienen. In unserem weltvergessenen Winkel änderte sich mit dem vorzeitigen Abzug von Schnee und Eis nur so viel, daß die Strecke alsbald aus ihrem Winterschlaf erwachte und damit unsere„reguläre Arbeit wieder be- gann. Ich hatte keine Eile, in ihre Ödnis zurückzukehren, zumal ich mich, um mit unserem Kolonialwarenhändler und Jäger Mager zu sprechen, der das gleiche durchgemacht hatte wie ich, noch„schlapp wie ein junger Hase‘ fühlte, Ich hielt mich allerdings auch nicht an das ungeschriebene Gesetz, daß jemand, der„krank“ war, in der Bude bleiben mußte, Da ich„aus dem Krankenhause kam”, wurde von allen ausschlaggebenden Stellen bereitwilligst anerkannt, daß mir„Erholungsspaziergänge" ver- ordnet waren; daß ich mir diese selbst verschrieben hatte, habe ich aller- dings nicht verraten. So bin ich auch wochentags, und dies notgedrungen allein, oft durch die Berge gewandert, während warme, aber um so hef- tigere Stürme um die Wälder brausten. Ich empfand es als ein schönes Vorspiel des nahendes Lenzes, der über unser Schicksal entscheiden mußte, daß ich so früh im Jahre, wie es immer noch war, von allen Höhen das Tauwasser in ganzen Bächen in die Täler strömen sah, Ich fühlte mich dabei zusehends wieder stärker und allmählich ganz gesund werden. Es kamen auch noch Tage, an denen die Jahreszeiten unter düsterem, wildzerrissenem Wolkenhimmel miteinander kämpften. Aber der Winter hat die Oberhand auch vorübergehend nicht mehr zurückgewonnen, Als ich an einem Sonntag mit Thilo die„Löns-Grotte” besuchte, die noch verschneit im Waldesdunkel lag und die ebenso schwer zu finden war wie eine Beantwortung der Frage, was der unglückliche Dichter eigent- lich mit Duingen oder Duingen mit ihm zu tun gehabt habe, blühten unter den steilen Felswänden um die verfallene Schutzhütte schon, von uns mit Freude als sichere Vorboten des Frühlings begrüßt, die Weiden- sträucher. 45. Nächtliche Verschwörung. Der Zeitpunkt, daß unser Abenteuer in sein kritischstes Stadium treten mußte, rückte immer näher, Wir waren uns seit langem darüber klar, daß die Gestapo und die SS, bevor das Dritte Reich endgültig zusammenstürzte und sie unter seinen Trümmern begrub, versuchen würden, recht viele unseres Schicksals zu„erledigen", wenn die Männer in Berlin und Hildes- 256 ten Februar be- 1och lag, in we- etwas länger sein vorzeitiges ‚d Nächte, Aber unser Seefahrer, es keinen sehr varen und die dem vorzeitigen Isbald aus ihrem heim eintretendenfalls die hierzu erforderliche Zeit finden sollten, Ich war, weil ich ständig ohne jede Illusion mit den äußersten Möglichkeiten rechnete, in unserem Lager allgemein als Schwarzseher verschrien, Aber ich habe dessen ungeachtet immer wieder darauf hingewiesen, daß wir uns auf den extremsten Fall vorbereiten müßten, um wenigstens, wenn es einmal so weit wäre, uns nicht einfach niederschießen zu lassen. Mein Freund Toms hat mich dabei tatkräftig unterstützt und ist als unser Kameradschaftsführer auf die Anregungen, die ich hier geben mußte, verständnisvoll eingegangen. Daß wir beide nicht unrecht gehabt hatten und keineswegs„Märchenerfinder” waren, wie uns einige Kameraden nannten, die zu träge waren, sich mit solchen Möglichkeiten zu be- schäftigen oder auch nicht den Mut aufbrachten, ihnen ins Auge zu sehen, hat das Schicksal vieler Konzentrations- und Zwangsarbeitslager beim Zusammenbruch des Nazismus bestätigt: In vielen Lagern sind vor dem Ende des Hakenkreuzes noch Tausende und aber Tausende von po- litischen Gefangenen durch ihre Wächter auf grauenhafte Weise umge- bracht worden. Da Goebbels schon vor Jahren davon gesprochen hatte, daß, wenn einmal wider alles Erwarten die Nationalsozialisten abtreten müßten, sie die Tür so hinter sich zuschlagen würden, daß die Welt auf- horchen werde, so konnte man in diesem Falle auch, ganz abgesehen von unserem Schicksal, schon einiges erwarten, Wir gaben uns auch darüber keiner Täuschung hin, daß unter allen politischen Gefangenen des Dritten Reiches die Juden und wir wohl zu den bei den Nazis am meisten verhaßten gehörten. Unsere Existenz war an sich schon ein Ver- brechen, und um so sinnloser der Haß gegen uns war, desto furchtbarer war er auch, Soweit in den östlichen Deportationslagern Juden beim Herannahen der Russen noch lebten, sind sie aus diesem Grunde wohl alle hingemordet worden, und es lag keineswegs außer dem Bereich der Wahrscheinlichkeit, daß man mit uns in ähnlichem Falle gleiches tun werde, In und um unsere Kreisstadt Alfeld lag eine ganze Division wal- lonischer SS, mehrere tausend Mann dieser Menschengattung, die wir in Farge bereits in einzelnen„Germanen-Exemplaren"” gründlich kennen- gelernt hatten, Diesen Leuten war alles zuzutrauen, und es war sehr leicht möglich, daß eine Abteilung dieser„europäischen Gefolgschaft Himmlers uns eines Tages in Duingen überfiel und entweder das Lager „liquidierte” oder uns von dort auf ein Nimmerwiedersehen mit dieser Welt verschleppte, Wir, d, h. eine aus der gesamten Lagerinsassenschaft sorgfältig ausge- suchte Kerntruppe, waren fest entschlossen, uns in solchem Falle zur Wehr zu setzen und uns nicht einfach wie Lämmer zur Schlachtbank führen zu lassen, Wir hatten uns im ganzen zu sechzehn Mann zusammen- gefunden, die verschwiegen und willenskräftig genug schienen, daß man sich für eine so heikle Verabredung auf sie verlassen konnte, Das Schwie- tigste schien, im gedachten Falle rechtzeitig, und zwar weder zu spät, aber auch nicht zu früh loszuschlagen. Eines Abends versammelte sich unser„Stoßtrupp” auf ein vorher gegebenes Stichwort in der Kranken- baracke, die, von den gelegentlichen nächtlichen Exzessen unseres dicken 17 ,‚Imi's’’ 257 Kochs abgesehen, dauernd leer geblieben und für einen solchen Zweck geeignet wie kein zweiter Platz im Lager war, da man dort sonst nirgends ungestört sein konnte, Die sechzehn Mann teilten wir in vier Gruppen zu je vieren ein, die von unseren Kameraden Toms, Waclaff, Borstmann und Karich geführt wurden, Die Oberleitung des Ganzen behielt mein Freund Toms als Kameradschaftsführer, Es wurden vier denkbare Fälle ins Auge gefaßt: Zunächst der wahrscheinlichste, daß wir eines Abends oder Nachts von SS-Bedeckung abgeholt wurden und zu Fuß das Lager verlassen mußten, In diesem Falle wollten wir jedenfalls warten, bis wir im Walde waren, um uns dann auf ein von Toms gegebenes Zeichen plötzlich überraschend auf die Wachmannschaft zu stürzen, die Gruppen- führer hatten sich dabei die Angriffsobjekte auszusuchen und möglichst so zu verfahren, daß zwei unserer mangelhaft oder gar nicht bewaffneten Stoßtruppleute auf je einen voraussichtlich schwer bewaffneten Wach- mann kamen, Oder aber wir wurden, was schon unwahrscheinlicher war, mit einem Lastauto abgeholt; in diesem Falle war vorgesehen, daß wir uns bereits am Lagertor vor dem Besteigen des Autos in derselben Weise zur Wehr setzen wollten, da ein Kampf auf einem fahrenden Auto dieses womöglich zum Umwerfen bringen konnte, Weiter war es möglich, daß die SS-Germanen schon in unserem Lager zum Angriff vorgingen, Wenn es uns dabei gelang, für eine gewisse Zeit die vorderen Barackentüren versperrt zu halten, wollten wir versuchen, mit allen unseren Kameraden durch geheime Ausfalltüren, die sich an der Rückwand der Baracken befanden und durch ein in das Stacheldrahtgitter geschnittenes und sorg- fältig getarntes Loch ins Freie zu kommen und zu entfliehen. Wenn schließlich unsere Feinde in unsere Buden eindringen konnten und ge- wissermaßen mit schußbereiten Gewehren und MGs vor unseren Betten standen, ehe wir, die schon immer halb angezogen schliefen, ganz in unsere Kleider kommen konnten, sollte auf ein von Toms aus der Neben- baracke her gegebenes Zeichen versucht werden, die Wallonen in der- selben Weise, wie das in den ersten beiden Fällen im Freien vorgesehen war, schon in unserer Holzfällerhütte anzufallen und zu erledigen, In jedem Falle gingen wir davon aus, daß unser übriges Volk, das wir nicht ins Vertrauen zogen, nach Überwindung des ersten Schrecks sich mit allen Kräften am Kampfe beteiligen würde, beidem es nur darauf ankam, ihn von vornherein in die richtigen Bahnen zu leiten, Sollte es uns ge- lingen, der Mordbuben Herr zu werden, gedachten wir, uns sofort in alle Winde zu zerstreuen, um in kleinen Gruppen und damit um so weniger auffällig den Versuch zu machen, uns in die Heimat durchzu- schlagen. Ganz ohne Waffen waren wir nicht. Bei unseren Schwarzfahrten nach Hause hatte sich der und jener, der über ein Schießeisen verfügte, einen Revolver, eine Armeepistole und dergleichen mitgebracht. Da wir gerade aus Lenne gehört hatten, daß dort eine Kontrolle des ganzen Lagers auf Waffen und Munition durchgeführt worden war und wir mit einer ähn- lichen Suchaktion auch in Duingen rechnen mußten, haben wir die Waffen unter den Baracken-Fußböden und in den Holzwänden derart 258 solchen Zweck t sonst nirgends vier Gruppen claff, Borstmann en behielt mein denkbare Fälle ir eines Abends Fuß das Lager warten, bis wir ebenes Zeichen n, die Gruppenund möglichst cht bewaffneten affneten Wachscheinlicher war, esehen, daß wir derselben Weise den Auto dieses es möglich, daß orgingen. Wenn Barackentüren eren Kameraden dder Baracken attenes und sorgntfliehen. Wenn zonnten und ge unseren Betten hliefen, ganz in aus der NebenVallonen in der reien vorgesehen zu erledigen. In lk, das wir nicht chrecks sich mit ur darauf ankam, Sollte es uns ge r, uns sofort in and damit um so Heimat durchzu warzfahrten nach verfügte, einen t. Da wir gerade anzen Lagers auf r mit einer ähn haben wir die Izwänden derart versteckt, daß wir an jeder der in Frage kommenden Stellen nur einen Nagel herausziehen brauchten, um uns unsres ,, Arsenals" im Notfalle zu versichern und zu bedienen, während die Lage der ,, Depots" dennoch so gewählt war, daß selbst ein erfahrener Polizeibeamter sie bei einer Überholung des Lagers nicht finden konnte. Alles dies wurde bei unserer nächtlichen Zusammenkunft in der ihrer eigentlichen Zweckbestimmung niemals zugeführten kleinen Baracke bei stark abgedunkeltem Licht, damit möglichst kein noch so schwacher Schein nach draußen fiel, erörtert und beschlossen. Sämtliche Schicksalsgenossen, auf die unsere Wahl gefallen war, erklärten sich sofort bereit und fühlten sich durch das besondere Vertrauen, mit dem sie vor unseren restlichen Lagergenossen ausgezeichnet wurden, geehrt. Wir trennten uns in dieser Nacht mit dem gegenseitigen Versprechen, die Augen offenzuhalten und, wenn es so weit wäre, ohne Bedenken und Zaudern unverzüglich zu handeln. In Duingen im allgemeinen und in unserem Lager im besonderen konnte aber nichts geheim bleiben. Irgendeiner hatte gesehen, daß in der Krankenbaracke Licht gebrannt hatte. Einem zweiten war es aufgefallen, daß in jeder Stube für etwa dreiviertel Stunden ein paar Leute gefehlt hatten. Ein dritter zog hieraus den nicht gerade fernliegenden Schluß, daß wir in der sogenannten Lazarettbude eine heimliche Zusammenkunft gehabt hätten. Der vierte glaubte bereits an eine Verschwörung, mit der eine Partei, die sich in unserem Lager gebildet hatte, beabsichtige, alle übrigen zu unterjochen. Der fünfte ging hin und erzählte dies als Tatsache brühwarm der Bäckersfrau oder der Gemischwarenhändlerin, und schon war Duingen am nächsten Tage voll von dem Gerücht, daß in unserem Lager finstere Dinge vorgingen und dort sich eine Geheimgesellschaft von Gangstern zusammengetan habe, deren dunkle Absichten allerdings, wenn nur die Hälfte davon stimmte, nicht nur unser Lager, sondern Duingen und die ganze Gegend in schlimmsten Schrecken versetzen mußten. Das tatsächliche Thema unserer nächtlichen Zusammenkunft ist aber, so erstaunlich das unter diesen Verhältnissen scheinen mag, wirklich nicht bekannt geworden. 46. ,, Ein Schifflein sah ich fahren." Mit dem Gedanken unseres ,, Rückzuges" aus Duingen ,, in Richtung Heimat" haben wir uns oft und ausgiebig beschäftigt. Es war das Feierabend- und Sonntags- Unterhaltungsthema. Eine solche ,, Absetzung" von unserer Verbannung kam nicht nur in dem Falle, daß wir bei einem Anschlag der SS. auf unser Lager fliehen mußten, sondern ganz allgemein in Betracht, sobald der Zusammenbruch des Dritten Reiches zur Tatsache wurde. Das Schwierige dabei war, den richtigen Augenblick zu ,, Türmten" wir zu früh, konnte dies ebenso unser Verderben sein wie wenn wir uns zu spät dazu entschlossen. Die Ansichten darüber, ob es, von dem äußersten Notfalle, daß es um Leib und Leben ging, eintreffen. 17* 259 mal abgesehen, überhaupt zweckmäßig sei, Duingen inmitten einer Kata- sirophe, wie sie der Sturz des Nazismus nach sich ziehen mußte, auf eigene Faust zu verlassen, waren sehr geteilt. Wir konnten leicht zwischen zwei Feuer geraten. Entweder fielen wir möglicherweise der SS, oder dem Volkssturm in die Hände, der schon längere Zeit zur Jagd auf Deserteure mobilisiert worden war, womit wir eines Genick- schusses sicher sein konnten, oder wir gerieten vielleicht an eine alliierte Patrouille, die uns kurzerhand als Spione aufknüpfte, Denn unsere Ge- schichte wäre uns, selbst wenn wir uns mit ihr verständlich machen konnten, wohl von keinem Kanadier, Kalifornier oder Kosaken geglaubt worden, Ich habe deswegen meine Kameraden immer wieder darauf hingewiesen, daß wir uns zum mindesten einen Ausweis beschaffen müßten, aus dem klar hervorgehe, daß wir von der Gestapo verschleppt und in ein Lager gesteckt worden seien, und daß es, wenn ein solches Papier nicht anders zu erhalten sei, es doch richtiger für uns sein könne, hinter unserem Stacheldraht sitzenzubleiben, bis die Alliierten kämen und wir von einem ihrer Militärkommandanten einen entsprechenden Passierschein bekommen könnten, Außerdem war zu berücksichtigen, daß, ehe wir an einen Heimmarsch denken konnten, die Gestapo außer Aktion gesetzt sein mußte, jedenfalls keine Möglichkeit einer Nach- richtenübermittlung zwischen Duingen, Hildesheim und Bremen mehr bestehen durfte. Denn sonst konnte es geschehen, daß wir, glücklich zu Hause angelangt, dort wieder von Himmlers Leuten in Empfang genom- men wurden und es uns dann erst recht übel erging. Aus Duingen fortzukommen, war keine besondere Schwierigkeit. Wir brauchten bloß eines Nachts aufbrechen und uns einen möglichst un- auffälligen Weg durch die Bergwälder suchen, dann waren wir von Gen- darmerie und Volkssturm, die in der Gegend auch nicht besonders zahl- reich vertreten waren, schwer zu fassen, wenn am nächsten Morgen unser Nest leer gefunden wurde, Die Frage, wie wir am schnellsten nach Hause kommen konnten, war schwer zu beantworten. Heino, der Schiffszimmermann, der in Boden- werder an der Oberweser unter den dortigen Binnenschiffern Verwandte und Bekannte hatte, liebäugelte sehr mit dem Gedanken, von diesem kleinen Weserhafen aus, der von Duingen in einem strammen Tages- marsch erreicht werden konnte, auf dem Wasserwege nach Bremen zu kommen, was voraussichtlich nur zwei Tage in Anspruch nehmen konnte, während für einen Fußmarsch mindestens sechs Tage gerechnet werden mußten, wobei dann die Verpflegungsfrage recht schwierig war, da wir nicht darauf rechnen konnten, unterwegs etwas zu bekommen. Fast jeder von uns hatte allerdings für diesen Fall zwei bis drei Sechspfundbrote und etwas Wurst und Speck, die dauernd„auf dem laufenden” gehalten wurden, als eine Art eiserne Ration„im Keller”. Auch dachten wir daran, unseren privaten Vorrat an Kartoffeln, der uns, so bescheiden er war, gerade in solchem Falle sehr nützen konnte, auf Leiterwagen mit- zuführen, die wir uns zu diesem Zwecke„organisieren mußten und auf die wir unter Umständen auch einen Teil unseres Gepäcks verladen 260 n einer Kata- en mußte, auf onnten leicht erweise der ‚gere Zeit zur unsere Ge- lich machen wieder darauf ‚eis beschaffen verschleppt it einer“7 Bremen mei „ glücklich zt fang genom mpfang$ SIERT BE konnten, damit wir davon nicht allzu viel auf dem Rücken schleppen mußten. Die Hauptfrage war der Weg, auf dem wir zunächst einmal möglichst unauffällig aus unserem derzeitigen Aufenthalt verschwinden konnten, Einen solchen Weg habe ich auf einem meiner letzten„Erholungs- Spaziergänge”, der dabei zu einer ganz respektablen Wanderung wurde, erkundet, unmittelbar bevor ich wieder auf die Strecke zurückkehrte. Der sich über etwa 30 Kilometer hinstreckende Höhenrücken des Ith war, worüber wir uns schon oft amüsiert hatten, geradezu eine„Völker- scheide”, Die Dörfer, die diesseits des Höhenzuges lagen, hatten mit den jenseits desselben belegenen so gut wie gar keine Berührung. Es fing jenseits” sozusagen eine neue Welt an, und es führte durch die Bergwildnis wenigstens in der Duingen benachbarten Gegend keine ein- zige Straße, Es waren vielmehr nur einige wenige Pfade vorhanden, die so verwachsen waren, daß sie kaum mehr gefunden werden konnten und die auch nur auf die Höhe hinaufführten, der entlang sich ein gleichfalls sehr stark verwachsener Kammweg hinzog, von dem es recht schwer war, in das Nachbartal hinunterzukommen, da der Berghang an dieser Stelle recht steil und felsig war, In dieser Gegend konnten wir, nur eine knappe Wegstunde von Duingen entfernt, jede Nachbarschaft einer eigentlichen Straße, auf der wir verfolgt werden konnten, ver- lassen, im Wald untertauchen und unsere Spur völlig verwischen. Als ich in dem unmittelbar am Bergeshang gelegenen Dorf Fölziehausen ver- schiedene Leute fragte, wie ich am besten nach dem jenseits des Berges gelegenen Dorfe Hundsen, das in der Luftlinie, wenn es hoch kam, viel- leicht fünf bis sieben Kilometer entfernt war, hinüberkäme, zuckten alle die Achseln und sahen mich so an, als ob ich etwa auf dem Bremer Marktplatz die beste Straße nach Konstantinopel hätte erfragen wollen. Schließlich setzte mir ein Kriegsinvalide die verschiedenen Pfade und Schneisen, die ich zu gehen hatte, wortreich auseinander und meinte dann allerdings zum Schluß, daß ich als Landfremder trotz all seiner Er- klärungen den Weg, der als solcher„verschollen’ sei, nicht finden werde, Ich habe ihn aber doch mit Hilfe eines Kompasses, den ich in der Tasche hatte, einigermaßen entdecken können, da ich nach einer kleinen Karte die allgemeine Richtung, in der ich zu gehen hatte, fest- stellen konnte, Ich stieg durch den Tauschnee, der hier noch ziemlich hoch lag, den recht steilen Pfad bis zum Kamm hinauf und stellte dabei fest, daß tatsächlich seit Monaten kein Mensch diesen Weg gegangen sein konnte, da sich meine Fußspuren tief in den Schnee hineinbohrten und nirgendwo sonst auch nur die Andeutung einer Menschenspur zu sehen war, obwohl es seit langer Zeit nicht mehr geschneit hatte. Auf dem Kammweg, auf dem ich gleichfalls keinerlei menschliche Spuren entdecken konnte, ging ich noch über eine Stunde weiter, bis ich einen Ausblick in das Tal gewann, in dem die Straße nach Bodenwerder an die Weser führte, die allerdings auch von dort oben nicht zu sehen war und nur hinter dem blauen Horizont geahnt werden konnte. Der Berg- wald war noch rauh und winterlich, aber als ich mich einen Augenblick 261 auf einen Felsstein setzte, um durch eine Lichtung noch einmal in die Weite drunten gegen Bodenwerder zu sehen und dabei gen Norden und an unser ,, Märchenschiff" dachte, wie es im Lager schon allgemein hieẞ, lag die Talöffnung, durch die unsere künftige Straße zur Weserniederung führte, plötzlich in schönster goldener Sonne, die gerade im selben Augenblick durch den an diesem Tage sonst sehr verhängten düsteren Februar- Himmel brach. Ich nahm es als ein Omen und trat den Rückweg an. Noch ziemlich weit von Duingen entfernt begegnete ich unserem Lagerführer Hauser, der mir entgegenradelte und der mich, da es Werktag war, hätte fragen können, warum ich noch nicht arbeitete, wenn ich schon derartige Wanderungen unternehmen könnte. Wohlwollend, wie er mir gegenüber immer gewesen ist, grüßte er aber nur kurz und fuhr weiter. Wir sind den Weg, den ich erkundet hatte und auf dem wir zu mehreren Mann auch je einen mittleren Leiterwagen über den Ith hätten schieben können, nicht gezogen: Unser aller Heimweg ist nicht über die Geburtsstadt Münchhausens gegangen, und unser Märchenschiff, das wahrscheinlich durch gesprengte Brücken und zerstörte Schleusen, auch wenn wir es bestiegen hätten, uns kaum nach Hause hätte tragen können, liegt wohl nicht weit vom Grabe des berüchtigten Barons, der ja so viele andere Märchen erfunden hat, noch heute vor Anker. Auf dem Wege, den ich für unseren ,, Rückzug" vorgesehen hatte, sind später die amerikanischen Panzer nach ihrem Übergang über die Weser gegen Duingen vorgestoßen. hörter im üb Nac jedoch leitun daß kein fangsg Mal g ehrlic handl haltur denn und Feier werde Sie h zur E bleibe ten n behal ausdr Sell auf d währe ZOSIS unser 47. Radio. Unser junger Kamerad Ronoff, der Radiospezialist, führte einen großen Teil der Reparaturen, die er auf seinem Spezialgebiet für die Duinger Bevölkerung machte, in unserem Lager aus und verstand es seit Wochen so einzurichten, daß wir immer mindestens einen Apparat, mit dem wir die ganze Welt hören konnten, in einer unserer Baracken hatten. Unser witziger Borstmann, der oft von Schlaflosigkeit geplagt war, stand sogar meistens um drei Uhr nachts einmal auf, um ganz leise und ohne Störung für den Schlummer seiner Stubengenossen ,,, Amerika zu hören" und uns dann am nächsten frühen Morgen auf dem Wege zur Strecke mit den ,, allerneuesten Neuigkeiten" zu versorgen. Ganz Duingen einschließlich der Bahnverwaltung wußten von der Anwesenheit ,, des Radios" in unserem Lager, wie der Ort überhaupt immer alles, was bei uns vorging, bis ins kleinste wußte. Als die große Bombe bei dem plötzlichen Einfall des Gestapo- Sendlings in unserer Hütte platzte, hatte ein geistesgegenwärtiger Schicksalsgenosse die beiden Radio apparate, die zu diesem Zeitpunkt in der Nachbarbaracke standen, in die nächsten zwei Strohsäcke versteckt, und der wüste Inspektor hatte infolgedessen nichts davon gesehen. Es wäre kaum auszudenken gewesen, was passiert wäre, wenn die Apparate bei dieser Gelegenheit entdeckt worden wären. Daß wir fremdländische Sender 262 mal veran Rep Gend allen war ziehe unser aus tung Fahr jetzt Sein W Art hatt res einmal in die n Norden und ıllgemein hieß, /eserniederung de im selben ıgten düsteren den Rückweg » ich unserem 1, da es Werk- te, wenn ich rollend, wie n wir zu meh- ien Iih hätten nicht über die ‚henschiff, das ‚chleusen, auc hörten, wäre uns bei dem Sachverhalt ohne weiteres unterschoben und im übrigen wohl auch nicht allzu schwer nachzuweisen gewesen, Nachdem das Gestapogewitter vorbeigezogen war, bekümmerte sich jedoch, wahrscheinlich durch privaten Klatsch veranlaßt, die Kreis- leitung in Alfeld um die Angelegenheit. Eines Tages kam der Ukas, „daß es Mischlingen verboten sei, Radio zu hören und daß demzufolge kein Apparat im Lager stehen dürfe und die dort befindlichen Emp- fangsgeräte unverzüglich entfernt werden müßten”. Es ist das einzige Mal gewesen, daß der Bahnverwalter Sachse sich in unserem Interesse ehrlich entrüstet hat, In den Richtlinien, die hinsichtlich unserer Be- handlung ergangen seien, wäre ausdrücklich bestimmt, daß„für Unter- haltung nach Feierabend gesorgt werden solle‘; welche Unterhaltung denn übrigbleibe, wenn uns außer dem Besuch von Kinos, Gaststätten und Tanzvergnügen und außer der Benutzung der Bahn an Sonn- und Feiertagen nun auch noch der Besitz eines Radioapparates untersagt werde? Ich weiß nicht, was die Kreisleitung hierauf geantwortet hat. Sie hätte ja immerhin erwidern können, daß uns an unseren Abenden zur Ergötzung unserer Gemüter noch Kartenspiel und Chorgesang ver- bleibe. Jedenfalls blieb sie bei ihrer Forderung, und die Apparate muß- ten nunmehr aus unserem Lager verschwinden, da eine heimliche Bei- behaltung derselben, die doch nicht geheim geblieben wäre, nach diesem ausdrücklichen Verbot zu gefährlich gewesen sein würde. Selbstverständlich wußten wir uns auch hier zu helfen. Mittags wurde auf der Strecke gewöhnlich ein Kamerad abgeordnet, der„austrat” und währenddessen bei der Wachmannschaft des in der Nähe liegenden fran- zösischen Kriegsgefangenenlagers den Wehrmachtbericht hörte, was unseren allzu pünktlichen und allzu genauen Rottenmeister Bruhn jedes- mal zu einem Wutanfall über das lange Ausbleiben des Betreffenden veranlaßte, und spät abends kam unser Ronoff nach wie vor von seinen „Reparaturgängen“, die zwar auch verboten waren, aber sogar von dem Gendarmen stillschweigend geduldet und bewußt übersehen wurden, mit allen Informationen zurück, die wir uns nur wünschen konnten, Dies war besonders wichtig, weil wir auch eine Zeitung eigentlich nicht be- ziehen durften und nur sehr unregelmäßig erhielten. Im Anfang hatte uns unser in mancher Beziehung sehr verständnisvoller Rottenführer Gross aus der Verlegenheit geholfen, indem er uns jeden Morgen seine Zei- tung mitbrachte und zusteckte, Seit der Versetzung von Gross in den Fahrdienst war aber auch diese Informationsquelle versiegt, so daß wir jetzt im wesentlichen auf das angewiesen waren, was Ronoff im Ort bei „seinen Überholungen‘,„Kontrollen“ und„Prüfungen“ erfuhr. 48. Zuzug aus Hannover. Wenn wir uns in Duingen jedenfalls vor dem Gestapobesuch als eine Art vergessener Insel inmitten aller Bösartigkeit des Dritten Reiches hatten vorkommen können, waren ungefähr zwanzig Hannoveraner unse- tes Schicksals, die an der Tarnung des Bahnhofes Brunkensen, des End- 263 punktes der Ölbahn", arbeiteten, bisher noch weit besser daran gewesen. Sie waren aus den großen Arbeitslagern Lenne und Wintgenberg ,, abgezweigt" und einer privaten Baufirma ,, zur Verfügung gestellt" worden, die mit dem fraglichen Sonderauftrag befaßt war. Die Poliere der Firma, welche die ,, Arbeiten" leiteten, hatten ein Interesse daran, sich möglichst lange auf dem auch ihnen sehr angenehmen Posten zu halten und waren daher mit jeder ,, Streckung" der Arbeit gern einverstanden. Die Hannoveraner hatten daher meist nur mit halber Kopfzahl oder in noch geringerer Stärke„ gearbeitet" und auch dies im Zeitlupentempo, während der Rest der Belegschaft im Lager, einer allerdings nicht sehr gemütlichen Scheune, saß, im Walde spazierenging oder„, Heimaturlaub" hatte. Dieses Lagerparadies wurde gestört, als bei uns die große Bombe" platzte. Nun wir 42 Mann in Duingen durch die gegen die Bahnverwaltung erstattete Anzeige in Hildesheim aus einer verstaubten Akte ausgegraben wurden, hatte man sich dort zugleich auch der zwanzig Hannoveraner in Brunkensen erinnert. Da der Gestapo- Emissär in Duingen verhältnismäßig wenig ausgerichtet hatte, so war er, nachdem er bei uns seinen Unrat abgeladen hatte, noch nicht gestillt in seinem Tatendurst, weiter nach Brunkensen getobt und hatte, als er das dortige Arbeits- Eldorado zu Gesicht bekam, kurzerhand angeordnet, daß die in ihm betriebenen Tarnungsarbeiten, obwohl dieses ,, kriegswichtige Werk" noch nicht beendet war, abgebrochen und die Hannoveraner in den Dienst der Bahnverwaltung nach Duingen überführt werden sollten. Damit hatte er nicht nur den Hannoveranern, sondern auch uns eine besondere GestapoFreundlichkeit erwiesen. Denn er wußte sehr wohl, daß in Duingen für die Hannoveraner eine andere Unterbringungsmöglichkeit als in unserem Lager nicht bestand. Aber offenbar war er der Auffassung, daß wir in unserer ohnehin schon recht drangvollen Enge noch viel zu komfortabel wohnten und unsere ,, Holzfällerhütte" noch erheblich mehr bevölkert werden müsse als sie es schon war. Herr Sachse verfügte dann auch einfach, daß die neuen Bahnarbeiter in unserem Lager Wohnung zu nehmen hätten. Er begründete dies kühl damit, daß das Lager ja von vornherein für 60 Mann gebaut worden sei. Es war für ihn nicht weiter schwierig, diese Anordnung zu treffen, da er ja selber unbeeinträchtigt in seiner wohlausgestatteten Wohnung sitzenblieb und nachts weiter zufrieden in seinem geräumigen Bett schlief. Für uns war unser Lagerzuwachs aber nicht nur räumlich, sondern auch in anderer Beziehung ein Problem, da wir beispielsweise nicht eine einzige Waschschüssel mehr bekommen konnten als wir schon hatten und also statt vier Mann in Zukunft sechs auf eine solche Schüssel kamen. Da die Hannoveraner keinerlei Lebensferner durch welche Schiebung, blieb unbekannt mittelvorräte aus Brunkensen mitbringen konnten, mußten sie aus den Vorräten mitverpflegt werden, die unser dicker Robert für uns zur Verfügung hatte. Der kam sofort angelaufen und erklärte wütend, daß er nun in Zukunft unsere Suppe, was ein einfaches Rechenexempel sei, um ein Drittel dünner machen müsse, was er denn auch tat. Wir konnten 264 - - dara leber den Arbe in d Febr vert unse noch hätte bleib müss Das über Bes Stro Ano es h D zu eine selb Ver lich beh war unf Lag Ha rufl ma bet Ge fäh fäh fah räu ma St no Ta na au Be gl ser daran ge- d Wintgenberg gestellt" wor- ie Poliere der se daran, sich sten zu halten einverstanden, ofzahl oder in Jupentempo, s nicht sehr Heimaturlaub" Be Bombe" verwaltung sgegraben te au Hannoveraner sen verhältnis- ei uns seinen endurst, weiter „heits-Eldorado ‚m betriebenen noch nicht be‘ 7. der Bahn- ; icht 0 8 daran nichts ändern. Denn schließlich mußten die Hannoveraner ebenso leben wie wir. Die Frage ihrer Unterbringung wurde so gelöst, daß von den sechzehn Mann, die tatsächlich kamen— vier schieden wegen Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit von vornherein aus—, die Hälfte in der ominösen Krankenbude untergebracht wurde, was jetzt— Ende Februar—, da mit großer Kälte nicht mehr gerechnet werden brauchte, vertretbar erschien, während die übrigen acht Mann zu je zweien auf unsere vier ursprünglichen Wohnbuden verteilt wurden, die dadurch noch erheblich enger wurden, Nach der Anweisung des Herrn Sachse hätte sogar die Krankenbude zu ihrem offiziellen Zweck völlig frei- bleiben und wir in unsere Räume noch je vier Mann hineinnehmen müssen, so daß deren Belegung sogar auf sechzehn Mann gestiegen wäre. Das würde technisch nur möglich gewesen sein, wenn wir auf Tische überhaupt verzichtet und uns zum Essen wie zu den feierabendlichen Beschäftigungen stets gleich in„unsere Privatzimmer”, also in unsere Strohsackbetten, zurückgezogen hätten. Wir haben daher die betreffende Anordnung in der uns zweckmäßig erscheinenden Form ausgeführt, und es hat sich dann auch niemand weiter um die Angelegenheit gekümmert, Die nunmehr eingetretene Überfüllung unseres Lagers veranlaßte Toms zu einem außergewöhnlichen Schritt. Er hatte schon seit einiger Zeit eine Lagerunfähigkeits-Erklärung unserer älteren Kameraden, soweit die- selben die Streckenarbeit nicht mehr durchhalten konnten, bei dem Vertrauensarzt der Bahn in Alfeld eingeleitet, und zwar mit ausdrück- licher Zustimmung Sachses, der keinerlei Interesse daran hatte, Leute zu behalten, die praktisch nichts leisteten und daher nur unnütze Esser waren, Etwa ein halbes Dutzend unserer Senioren war bereits lager- unfähig geschrieben, und es bestand nach der von der Gestapo in anderen Lagern geübten Praxis die Möglichkeit, diese Schicksalsgenossen nach Hause zu schicken, wo sie dann allerdings keineswegs ihre frühere be- rufliche Tätigkeit wiederaufnehmen, sondern in einem Rüstungsbetrieb manuell arbeiten mußten, aber immerhin-zu Hause wohnen konnten. Das betreffende„Entlassungsverfahren” der Gestapo, das offenbar auf dem Gedanken basierte, daß die schwerkranken und zu schwerer Arbeit un- fähigen Mitglieder unserer Schicksalsgenossenschaft keine irgendwie ge- fährlichen Subjekte sein könnten, ging nach allen dazu vorliegenden Er- fahrungen mit ganz außerordentlicher Langsamkeit vor sich, und der räumliche Notstand in unserem Lager, der so weit ging, daß, wenn ein- mal zufällig kein Kamerad„auf Fahrt” war, mindestens zwei mit ihren Strohsäcken auf dem Fußboden schlafen mußten, hätte normalerweise noch unabsehbare Zeit dauern können. Toms setzte sich daher eines Tages kurz entschlossen und furchtlos wie er war in die Bahn und fuhr nach Hildesheim ‚in die Höhle des Löwen“. Dort wäre es ihm allerdings beinahe schlecht ergangen. Denn als er auf dem Gang des Gestapogebäudes darauf wartete, bei dem zuständigen Beamten vorgelassen zu werden, öffnete sich plötzlich eine Tür, aus der gleich zwei Gefolgsmänner Himmlers herausstürzten und ihn mit dem lauten Gebrüll:„Da ist er ja, der verdammte Kerl! Kommst du endlich, 265 du Schweinehund?! Verfluchter Defaitist! Willst du auch jetzt noch behaupten, daß der Krieg verloren ist?" an den Armen packten und sich anschickten, ihn zu peinlichem Verhör in das Zimmer zu schleppen. Es kostete Toms nicht geringe Mühe, den beiden Wütenden in aller Ruhe klarzumachen, daß er keineswegs zu einer Vernehmung über defaitistisches Verhalten, sondern vielmehr in einer Lagerverwaltungsangelegenheit erschienen sei, und daß sie sich offenbar ihrerseits vergriffen hätten. Das Letzte traf zu. Denn der ,, verfluchte Defaitist" wartete in Gestalt eines Häufchens Unglück am anderen Ende des Ganges. Als die beiden Gestapotiger die Sachlage durchschauten, ließen sie von Toms ebenso schnell und unvermittelt ab, wie sie auf ihn losgegangen waren, um sich nun mit einer noch erheblichen Verstärkung des Gebrülls, das grundsätzlich jede Gestapovernehmung hochnotpeinlichen Inhalts einzuleiten hatte, auf den ,, richtigen" Unseligen zu stürzen, den sie dann in ihr Zimmer schleiften, dessen Türe krachend hinter ihnen zuflog, nicht ohne auch weiterhin Teile der in derselben Lautstärke weitergeführten ,, Verhandlung zu Toms auf den Korridor hindurchzulassen. aben keine eben unget gehal nisse Das rader münd Toms, dessen übliche steile Haltung auf den für uns zuständigen Gestapomann schon in Duingen fraglos nicht ohne Eindruck geblieben war, wurde von diesem in einer für die allgemein gefürchtete Behörde sonst unüblichen sachlichen Form empfangen und ihm sogar im Zimmer ein Stuhl angeboten. Als er sein Anliegen vorbrachte, die bei uns in Frage kommenden Entlassungen wegen der im Lager bestehenden Raumnot zu beschleunigen, wurde er allerdings zunächst recht barsch gefragt, was wir uns eigentlich alle dächten? Ob wir meinten, daß wir zu unserem Vergnügen in Duingen weilten, um unseren dortigen Aufenthalt nun mit einer zu Hause verbrachten Erholungszeit zugleich vertauschen und fortsetzen zu können? Woher wir denn plötzlich sechs Lagerunfähige hätten? Toms Antwort, eine gründliche ärztliche Untersuchung auf Lagerfähigkeit habe bei unserem Sondereinsatz zunächst nicht stattgefunden und müsse nun notwendig nachgeholt werden, da andernfalls arbeitsunfähige Leute den arbeitsfähigen in unserer Unterkunft die Betten wegnähmen, erledigte diese Fragen. Der Gestapobeamte wollte nunmehr aber von Toms wissen, warum er denn für sich selbst keinen Entlassungsantrag gestellt habe, da er doch auf Grund seiner schweren Kriegsverletzung das erste Anrecht darauf habe, nach Hause entlassen zu werden. Toms, der sich tatsächlich nur sehr ungern von unserer Notgemeinschaft getrennt hätte und den auch als Junggesellen wenig nach Hause zog, antwortete, daß er es sich zur Aufgabe gemacht habe, in unserem Lager Ordnung, Sauberkeit und Ruhe aufrechtzuerhalten und daß er sich aus dieser einmal übernommenen Pflicht nicht lösen möchte. Dies beeindruckte den Herrn von der Gestapo derart, daß er erklärte, Toms möge sein Amt nur so wie bisher weiterführen, es habe dies seinen vollen Beifall, und er müsse vor allen Dingen dafür sorgen, daß die Richtlinien der Gestapo beachtet und keinerlei Ausflüge in verbotene Gebiete unternommen würden". Toms hat dazu erklärt, daß wir um sechs Uhr früh aufständen, den ganzen Tag schwer zu arbeiten hätten und feier266 für s mußt Bei Eins schat aus H allerd ordr Sie rat a gesta aus sie s Uber nove telle Akad Gest man war, allge üblic Stre nach Inte rane dies Di trete Zusa gram Jahr Se rück ohn Au erhe etzt noch bekten und sich schleppen. Es in aller Ruhe ber defaitistiungsangelegengriffen hätten. ete in Gestalt Als die beiden Toms ebenso waren, um sich s, das grundIts einzuleiten e dann in ihr og, nicht ohne eführten ,, Verständigen Gegeblieben war, Behörde sonst m Zimmer ein in Frage uns n Raumnot zu gefragt, was ir zu unserem enthalt nun mit schen und fortfähige hätten? auf Lagerfähig tgefunden und arbeitsunfähige en wegnahmen, mehr aber von tlassungsantrag riegsverletzung werden. Toms, meinschaft ge Hause zog, ant unserem Lager aß er sich aus te. Dies beein arte, Toms möge men vollen Beidie Richtlinien Sotene Gebiete um sechs Uhr etten und feierabends unsere Sachen in Ordnung bringen müßten, so daß wir dann keinerlei andere Bedürfnisse als ein paar Stunden Schlaf hätten, was ebenfalls den Beifall unserer obersten Kontrollinstanz hatte, und zwar so ungeteilt, daß sofort versichert wurde, die von Toms für erforderlich gehaltenen Entlassungen würden, wenn die vertrauensärztlichen Zeugnisse in Ordnung seien, bereits am nächsten Tage abgefertigt werden. Das ist dann tatsächlich auch geschehen. Sechs unserer älteren Kameraden konnten beglückt heimwärts nach Bremen, Hannover und Wesermünde fahren, und wir hatten im Lager wenigstens jeder wieder ein Bett für sich, ohne daß hier dauernd mit Provisorien gearbeitet werden mußte. Bei den Hannoveranern war zweierlei anders als bei uns: Ihre innere ,, Einstellung" zu dem damaligen Regime war nicht derart von Haẞ überschattet, wie das bei uns überwiegend der Fall war, denn den Männern aus Hannover war ein Lager wie Farge erspart geblieben, und sie waren, allerdings auf Veranlassung der Gestapo, auf einem immerhin leidlich ,, ordnungsmäßigen" Wege durch das Arbeitsamt ,, einberufen" worden. Sie waren daher zunächst sehr erstaunt über den recht explosiven Vorrat an Wut und Grimm, der bei uns Bremern und Wesermündern aufgestapelt war, während die Fanatiker unter uns behaupteten, die Leute aus Hannover gehörten mit ihren Anschauungen geradezu in die SS., und sie seien kurzerhand als ,, Imi- Nazis" zu bezeichnen, was eine gewaltige Übertreibung war. Äußerlich unterschied sich die Kumpanei aus Hannover dadurch von der unseren, daß sie nahezu ausschließlich aus ,, Intellektuellen", nämlich aus Kaufleuten, Handlungsgehilfen, angehenden Akademikern usw. bestand, und zwar deswegen, weil die hannoversche Gestapo die Handwerker unter den dortigen Imis, da diese ja bereits ,, manuell" arbeiteten, überhaupt nicht eingezogen" hatte. Die Folge war, daß die Hannoveraner infolge ihrer ,, mangelnden Vorbildung" ganz allgemein nicht mit Sonderaufträgen, wie sie bei unseren Handwerkern üblich waren, bedacht werden konnten, sondern sämtlich auf der Strecke eingesetzt werden mußten. Dies führte dazu, daß ich, der ich nach der Entlassung einiger unserer Kameraden noch der einzige Bremer ,, Intellektuelle" in unserer Kolonne war, mich dort, von ein paar unserer ,, Jugendlichen" abgesehen, ganz plötzlich allein unter lauter Hannoveranern befand. Ich habe mich allerdings sehr bald auch mit einigen dieser Schicksalsgenossen recht angefreundet. Die Hannoveraner hatten unter sich übrigens einen bei uns nicht vertretenen eigenartigen Fall: Es war bei ihnen ein Vater mit seinem Sohne zusammen; der Vater, ein kleiner, magerer, schon recht bejahrter, vergrämter Mann, als jüdisch Versippter", und der noch nicht zwanzig Jahre alte Sohn als Imi. Beide werkten meist nebeneinander. Seitdem ich nach Überwindung meiner Krankheit auf die Strecke zurückgekehrt war, begann es dort zu ,, lenzen". Wir konnten nunmehr ohne Handschuhe arbeiten und merkten nur allzu bald, daß die wärmere " Außentemperatur" eine gewaltige Energieersparnis bedeutete. Derjenige erhebliche Teil der Willensanspannung, der bisher an der Baustelle auf 267 die Abwehr der Außenkälte hatte verwandt werden müssen, war jetzt frei geworden, Die Hannoveraner hatten es daher von Anfang an auf der Strecke erheblich leichter als wir es zunächst gehabt hatten. 49, Ein kriegswichtiger Betrieb. Seit Wochen hatte ich schon den Betrieb der Duinger Steingutfabrik, eines Tonofenwerkes, beobachtet, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft unsere Baustelle seit einiger Zeit lag. Der Betriebsleiter dieses Werkes war ein hundertundfünfzigprozentiger Nazi, der uns immer recht ver- ächtlich betrachtete, wenn er auf dem Wege von oder zu seinem Werk an uns vorbeikam und uns übrigens schon wiederholt bei der Bahnver- waltung angeschwärzt hatte, da wir nach seiner Auffassung nicht stramm genug arbeiteten. Um das Werk lag ein Riesenvorrat von Ton- waren, die im wesentlichen aus Kanalrohren und großen Pfannen be- standen, aufgeschichtet— ein Vorrat, der schon eine gewaltige Boden- fläche bedeckte und von Tag zu Tag sichtbar zu immer größeren Di- mensionen anwuchs, Ich habe mich immer wieder gefragt, was es denn bloß für einen Sinn haben könnte, dieses Material, für das zur Zeit gar keine Verwendungsmöglichkeit bestand, im Rahmen einer„kriegsver- pflichteten Volkswirtschaft” scheinbar völlig planlos immer weiter zu produzieren und sozusagen„auf Eis zu legen”, Die Lösung dieses Rätsels war verhältnismäßig einfach, Ich kam ihr ganz zufällig auf die Spur. Eines Tages goß es derartig schlimm und an- haltend, daß unser Rottenführer uns schließlich von der Strecke mit der Anweisung entließ, bis zum Aufhören des Regens in der Steingutfabrik unterzutreten. Meine Kameraden, die erheblich froren— es war an die- sem Tage nicht nur sehr naß, sondern auch wieder recht kalt—, hockten sich vor einen der großen Öfen, in dem, wie von draußen durch eine Lücke im Mauerwerk deutlich zu sehen war, Tonrohre in der hierfür erforderlichen gewaltigen Glut gehärtet wurden, Es brannten zur Zeit nur zwei solcher Öfen. Mit erneutem Kopfschütteln bin ich durch die dunklen Hallen des gewaltigen, zum großen Teil völlig tot und leer da- liegenden Fabrikbaues gegangen, ohne mir erklären zu können, warum nicht längst in diesem Gebäudekomplexe, der zur Aufnahme zahlreicher Betriebe geeignet erschien, durch Bombenschaden obdachlos gewordene Unternehmen untergebracht worden seien. Schließlich geriet ich an die zentrale Ofenanlage, in die ein Heizer eine große Schaufel Steinkohle nach der anderen hineinwarf. Er sei heute hier allein, erzählte er mir unaufgefordert, sonst seien sie zu vier bis fünf Mann, aber die Kohlen seien gegenwärtig etwas wenig geworden, Es sei aber bereits ein neuer Kohlentransport auf der Bahn gemeldet, und dann könnte wenigstens ein Teil der vorübergehend ausgeblasenen Öfen wieder in Gang gesetzt werden. Auf meine Frage, wie viele Kanalrohre hier denn nun eigentlich hergestellt werden sollten, erklärte mir der alte Mann, das wisse er nicht, da müsse ich den Meister fragen, der in der Maschinenhalle sei. Er wies mir den Weg dorthin, und ich kam in einen Raum, der von pein- 268 liche vorb wie| ange sie( meis Firm zu b kein fera 1 sagt | lich 1% men 1 kön 4 Krie dem die‘ sein lahr sagt auf {rag (ton lie y sie Ha > D F3 sen, war jetzt Anfang an auf alten. Steingutfabrik, Nachbarschaft eses Werkes ; der Bahnver- fassung nicht von Ton- licher Sauberkeit nur so blitzte, Die„Seele des Werkes” war geradezu vorbildlich gepflegt. Die Metallteile der Transformatorenstation glänzten wie frisch geputztes Silber, und die ganze Anlage, die, wie mir der dort angetroffene Meister sagte, aus dem Jahre 1912 stammte, sah aus, als ob sie gestern neu geliefert worden wäre. Ich machte dem biederen Werk- meister, der, wie er erzählte, schon über fünfundzwanzig Jahre bei der Firma tätig war, mein aufrichtiges Kompliment, konnte aber nicht umhin, zu bemerken, daß mir die Kriegswichtigkeit des ganzen Betriebes bisher keineswegs aufgegangen sei, Er bekam einen Lachanfall und prustete geradezu vor Vergnügen, wie über einen recht schlechten Witz, Ich sagte ihm darauf, daß mir der Grund seiner Heiterkeit nicht verständ- lich sei, da es im sechsten Kriegsjahre bei allen inzwischen vorgenom- menen Stillesungen doch nur noch der Rüstung dienende Betriebe geben könne, ganz abgesehen davon, daß dies doch nach den über den totalen Kriegseinsatz der Wirtschaft ergangenen Richtlinien überhaupt nicht dem mindesten Zweifel unterliegen könne. Er antwortete, das sei zwar die Theorie, die Praxis sei aber ganz anders. Als ich ihn dann fragte, ob sein Werk nicht Kanalrohre für die geheimnisvolle unterirdische Waffen- fabrik liefere, die dicht bei unserem Nachbarlager Lenne liegen solle, sagte er, es sei allerdings richtig, daß seine Firma einen Kriegsauftrag aul Lieferung derartiger Kanalrohre habe und auch ausführe, Dieser Auf- trag mache aber nur einen ganz geringfügigen Teil ihrer Gesamtproduk- tion aus und sei sozusagen nur ein Feigenblatt, wie er sich überraschend literarisch ausdrückte, für die Gesamterzeugung. Ich fragte ihn darauf, ob das Unternehmen denn nicht Tonschalen und Tonkrüge herstelle, wie sie die bombengeschädigte Bevölkerung als Ersatz für verlorengegangene Haushaltsgegenstände unter Umständen sehr gut gebrauchen könne, Er verneinte dies mit dem Bemerken,„daß sie sich mit solchen Kleinig- keiten nicht abgäben“, Auf meine weitere Frage, ob sie denn etwa Dach- pfannen machten, die für die Reparatur von bombengeschädigten Ge- bäuden verwandt werden könnten, verneinte er dies gleichfalls: Die Tonpfannen, die ich auf dem ganzen Werksgelände aufgeschichtet sähe, seien als Dachpfannen unverwendbar, es handele sich dabei vielmehr lediglich um Material, das beim Neubau von Häusern Verwendung finden könne, wie er ja gegenwärtig gar nicht in Frage komme, Auf meinen Hinweis, daß ebenso der größte Teil der hergestellten Kanalrohre wohl gegenwärtig keiner praktischen Verwendung zugeführt werden könne, da andernfalls der Vorrat an solchen Rohren, der um das Werk herum- liege, nicht so sichtbar von Tag zu Tag wachsen könnte, bejahte der Meister eifrig und erklärte,„sie beschäftigten sich tatsächlich augen- blicklich mit den unnützesten Dingen von der Welt“, Auf meine weitere Frage, was sich denn nach seiner Auffassung die Werksleitung eigent- lich dabei denke, meinte er,„die Herren seien recht schlau; denn auf der einen Seite zahlten sie recht niedrige Löhne in Papier, und auf der anderen Seite erzeugten sie durch die Hände der Arbeiter wertbestän- dige Gegenstände, so daß das Ganze eben eine erstklassige Kapital- anlage sei, von deren Ausmaß ich noch nicht den richtigen Begriff habe, 269 - wenn ich nur die allerdings schon recht großen Lagerbestände betrachte, die auf dem Fabrikgelände lägen. Denn die Firma verfüge noch über gewaltige Lager auswärts, und zum Teil beliefere sie mit dem von ihr hergestellten Material noch heute besonders bevorzugte Großabnehmer, denen sie damit gleichfalls Gelegenheit zu einer entsprechenden Kapitalanlage biete". Als ich meinem Erstaunen darüber Ausdruck gab, daß für einen solchen Betrieb überhaupt noch Kohle zur Verfügung gestellt würde, die damals schon sehr knapp war, erwiderte der Meister, ich würde mich noch mehr wundern, wenn ich hörte, daß sie nicht nur an 200 Ausländer zugewiesen erhalten, sondern auch noch meiner eine ganze Anzahl von u. k. gestellten deutschen Arbeitern Erinnerung nach über fünfzig- und zwar vorzugsweise aus den jüngeren Jahrgängen hätten. ,, Darum verlieren wir auch den Krieg", schloß der Biedere seine lichtvollen Eröffnungen ,,, und wenn Sie sich nun die Erklärung der Geschichte, die sich hier seit Jahren abspielt, noch nicht selber geben können, so müßten Sie mir leid tun. Unsere Betriebsleitung besteht aus Bonzen", sagte er, sich zum Gehen wendend und in der offenbaren Besorgnis, daß ich ihn noch nicht deutlich genug verstanden haben könnte. ,, Die Liebe zu ihrem Vaterlande ist bei diesen Herren gleichbedeutend mit der Liebe, die sie für ihr eigenes Portemonnaie fühlen. Ich als langjähriger Betriebsangehöriger und als Deutscher sage: Es ist eine Schande!" Der Leiter dieser Fabrik betätigte also seinen Nationalsozialismus nicht nur darin, daß er uns minderwertige Imis als angebliche Faulpelze und Saboteure denunzierte, sondern auch in einer kriegswirtschaftlichen Fehlleitung von Menschen und Material ganz gigantischen Ausmaßes und dies zu dem Zweck, sich eine ebenso private wie wertbeständige Schatzkammer zu schaffen. ,, Gemeinnutz geht vor Eigennutz". Wenn der Krieg noch einige Jahre länger gedauert hätte, würde das Fabrikgelände zur Aufnahme dieser eigenartigen Produktion eines fanatischen Nationalsozialisten nicht mehr ausgereicht haben. Nicht ganz so schlimm trieb es der Inhaber der Duinger Holzwarenfabrik, in deren Nachbarschaft unsere Arbeitsstelle ursprünglich gelegen hatte. Er produzierte in der Hauptsache tatsächlich Gegenstände des Kriegsbedarfs, insbesondere Barackenteile, Baracken- Einrichtungsgegenstände, Munitionskisten und dergleichen. Aber auch dieser Herr, gleichfalls ein 150prozentiger Nationalsozialist, verfehlte nicht, sich seine Werkszentrale derart renovieren zu lassen, daß das Gebäude schließlich aussah wie eine Art Schloß. In einer Zeit, in der Maurer nicht einmal für kriegswirtschaftliche Arbeiten der ersten Dringlichkeitsstufe zu haben waren, konnte man bei der Duinger Holzwarenfabrik Facharbeiter beobachten, die stundenlang nichts weiter taten, als Feldsteine zu ,, behauen" und ihnen damit ein vornehmes sandsteinartiges Aussehen zu verleihen. Auch dies eine ,, kriegswirtschaftliche Kapitalanlage" nationalsozialistischer Prägung. Sie hat sich allerdings im Endresultat nicht gelohnt. Denn beim Anrücken der alliierten Truppen ist diese ,, Muster270 Fab Zivi fühl E dari jack Wor als a Schi mera dem sein Er seine den oder näch mera gleic Gew es, garr daß mitt Zwa war fiel in d Ern einn Sch seiti das keit E von der keit sch sch von seh tra cha bestände beverfüge noch mit dem von orzugte Großzu einer entmunen darüber och Kohle zur war, erwiderte ich hörte, daß ern auch noch ern meiner - aus den jünKrieg", schloß e sich nun die elt, noch nicht sere Betriebsendend und in ch genug verist bei diesen eigenes Porteund als Deutonalsozialismus iche Faulpelze wirtschaftlichen Ausmaßes und tändige SchatzWenn der Krieg prikgelände zur chen Nationalger Holzwarenünglich gelegen egenstände des richtungsgegen er Herr, gleichht, sich seine ude schließlich er nicht einmal sstufe zu haben acharbeiter besteine zu„ beAussehen zu lage" nationalsultat nicht gediese ,, MusterFabrik" von den dort beschäftigten französischen Kriegsgefangenen und Zivilausländern, die sich in diesem Werk recht schlecht behandelt gefühlt hatten, restlos zerstört worden. 50. Ein Gestrauchelter. Eines Tages führte einer der Neuankömmlinge aus Hannover Klage darüber, daß ihm nachts im Schlafe aus der Brusttasche seiner Arbeitsjacke, die er auf dem Strohsack angehabt hatte, zwei Zigarren entwandt worden seien. Diese Beschwerde erregte allgemeines Aufsehen, da es als ausgeschlossen angesehen werden mußte, daß ein Angehöriger unserer Schicksalsgenossenschaft so zum niederträchtigen Diebe an einem Kameraden werden könne. In einer der folgenden Nächte ereignete sich bei demselben hannoverschen Lagerangehörigen, der die Gewohnheit hatte, seine Zigarrentasche im Schlafe auf der Brust zu behalten, das gleiche. Er war sogar diesmal von dem Diebesgriff aufgewacht, hatte aber in seiner Schlaftrunkenheit nicht die Willenskraft aufbringen können, um den Dieb, der wie ein Schattenbild schnell davongeglitten war, zu stellen oder auch nur etwa durch einen lauten Ruf die Stube aufzuwecken. Am nächsten Tage mußte auch noch festgestellt werden, daß einigen Kameraden einige Lebensmittel, wie kleinere Mengen Marmelade und dergleichen fehlten. Die Empörung in unserem ganzen Lager war gewaltig. Gewiß litt eine ganz erhebliche Zahl von uns unter Mangelgefühlen, sei es, daß sie als leidenschaftliche Raucher mit ihren Zuteilungen an Zigarren, Zigaretten oder Rauch tabak bei weitem nicht auskamen, sei es, daß sie ihren Hunger mit den ihnen zur Verfügung stehenden Nahrungsmitteln nur recht ungenügend stillen konnten, Manchen von uns, und zwar besonders denen, die keine Pakete von zu Hause erhalten konnten, war eine erhebliche Unterernährung deutlich anzusehen. Beispielsweise fiel der bärenstarke Weiß, der ursprünglich jeden Kohlentrimmer hatte in den Schatten stellen können, allmählich völlig aus dem Anzug. Unsere Ernährung war bei der schweren Arbeit, die uns zugemutet wurde, nun einmal ungenügend. Aber noch niemals hatte ein einziger aus unserer Schar einem Kameraden auch nur das geringste entwendet. Das gegenseitige bedingungslose Vertrauen war ein Palladium unseres Lagerlebens, das ohne dasselbe völlig unerträglich werden mußte, zumal es Möglichkeiten, etwas einzuschließen, in unseren Baracken so gut wie gar nicht gab. Es war beim zweiten Male bedauerlicherweise klar, daß der Diebstahl von einem Lagerinsassen ausgeführt sein mußte. Denn nach der Schilderung, die der Hannoveraner über den Vorfall gab, schien die Möglichkeit, daß ein Außenstehender in Betracht kommen könnte, völlig auszuscheiden. Ein gewisser Verdacht fiel auf unseren ebenso guten wie scherzhaften Kameraden Borstmann, der leidenschaftlich rauchte und von dem es bekannt war, daß er, der frühere nächtliche Radiohörer, sehr oft zu später Stunde noch wach war. Mein Freund Toms, unser Vertrauensmann, erklärte aber von vorneherein, daß Borstmann für ihn aus charakterlichen Gründen bei dieser ganzen Sache überhaupt nicht in 271 Wesens Betracht kommen könne und schnitt alle weiteren Erörterungen über den aufgekommenen Argwohn als gegenstandslos ab. Er hat recht behalten. Die einige Zeit später sich im Rahmen einer neuen Sensation ergebende Aufdeckung des Sachverhalts führte zu einem seelischen Abgrund, vor dem alle von uns, die in ihn hineinblicken mußten, geschaudert haben: Es gab einen Schicksalsgenossen unter uns, dem das, was uns bis dahin widerfahren war, sittlich das Rückgrat gebrochen hatte. sein Ge noch ke Schicksa worden völligen am Abe Sache n hielten, antworte und Bor Name da wir i im Gehe Eingel Sachver Heimma eigenen Bäckers An einem Nachmittage, kurz nachdem Feierabend war, kam mein Freund Toms mit allen äußeren Anzeichen einer mühsam niedergehaltenen inneren Erregung zu mir und sagte, es sei etwas ganz scheußliches geschehen. Einer der Unseren, nämlich der Diplom- Ingenieur Josephi, habe versucht, bei dem einen Duinger Bäcker, bei dem wir fast alle kauften, wenn wir einmal von Zuhause oder von guten Freunden Marken geschickt erhielten, Brotmarken zu stehlen und sei dabei ertappt worden. Er habe den Bäcker darauf angewinselt, er möge doch ja nichts aus der Sache machen, denn er, Josephi, sei der Sohn eines angesehenen Berliner Arztes und selbst als Diplom- Ingenieur zu Bremen in einer geachteten Lebensstellung gewesen. Der Bäcker, übrigens ein einigermaßen vernünftiger Mann, aber immerhin ein Nazi, sei daraufhin erst recht in Zorn geraten und habe Josephi vorgeworfen, daß gerade bei einem Manne seiner Erziehung und seines Bildungsganges ein derartiger Fehltritt doppelt unverantwortlich sei. Darauf habe ihn Josephi nochmals in unwürdigster Weise angewimmert, ihn doch nicht ins Unglück zu stürzen. Der Bäcker habe ihn darauf aus dem Haus geworfen, was Josephi nicht gehindert habe, am Tage nach diesem Vorfall den Laden noch einmal zu betreten, um dem Bäcker als ,, Sühne" dafür, daß er gegen ihn einen Diebstahlsversuch unternommen habe, 3000 Gramm Brotmarken, die er aus einer Sendung von Zuhause noch in der Tasche hatte, anzubieten, worauf der Bäcker ihn nochmals, und zwar in noch gröberen Formen als das erste Mal zur Tür hinaus gejagt habe. Die Frage sei nun, was zu geschehen habe, da der Bäcker, der zunächst eine offizielle Anzeige beim Gendarm habe machen wollen, hiervon, und zwar auf Toms Bitten Abstand genommen, aber die Sache bereits weitererzählt habe, was ja in Duingen gleichbedeutend damit sei, daß sie wie ein Lauffeuer bis in den abgelegensten Winkel dringe. Ich war von dieser Eröffnung zunächst wie betäubt. Einem Manne wie Josephi hätte ich derartiges niemals zugetraut. Ich war ihm zwar nicht nähergetreten, da ich stets irgend eine leise Abneigung gegen ihn spürte, die ich mir selber nie recht hatte erklären können. Er war mir immer als ein etwas eitler Mann erschienen, der auch inmitten unseres trüben Schicksals, um mit Thomas Buddenbrook zu sprechen, sehr auf ,, die dehors" hielt und im übrigen eine recht leutselige Art hatte, die gegenüber Kameraden geringerer Bildungsstufe manchmal etwas von oben herab wirkte, ohne daß dies gerade besonders aufgefallen wäre. Ich hätte im Guten wie im Bösen niemals viel Interessantes hinter ihm gesucht, und nun stellte sich heraus, daß er charakterlich, nachdem die von ihm mühsam aufrechterhaltene Fassade seines 272 die offer hätten, erschien holen, d welche gegenüb nicht gu keine A überhau uns, sei wir alle nehmlic noch de Brotman Nach sondern an ihn radendi sicherte ringste habe, a dem se stählen ihm he habe, u doch d gemach 18, Imi rungen über at recht ben Sensation elischen Abgeschaudert as, was uns hatte. kam mein ergehaltenen ußliches geeur Josephi, wir fast alle den Marken appt worden. ichts aus der nen Berliner r geachteten rmaßen vererst recht in e bei einem artiger Fehlnochmals in k zu stürzen. Josephi nicht noch einmal en ihn einen arken, die er , anzubieten, n Formen als nun, was zu Anzeige beim s Bitten Abbe, was ja in er bis in den zunächst wie niemals zuge s irgend eine echt hatte er an erschienen, mas Buddenen eine recht Bildungsstufe ade besonders als viel Interer charakter assade seines Wesens zusammengebrochen war und er damit, wie die Chinesen sagen, ,, sein Gesicht verloren hatte", eine tabula rasa war, wie ich sie so bei noch keinem Manne erlebt habe: Es war, als ob seine Seele durch den Schicksalsschlag, von dem wir mit unserer Verschickung alle betroffen worden waren, eine tödliche Wunde erhalten und sich an dieser bis zum völligen Leerlaufen verblutet hatte. Dies kam grauenhaft zutage, als wir am Abend außerhalb des Lagers, da dort zunächst möglichst von der Sache nichts bekannt werden sollte, eine„ Gerichtsverhandlung" abhielten, bei der Josephi sich vor unserem Vertrauensmann Toms zu verantworten hatte, der die drei anderen Stubenältesten Lüders, Hartstein und Borstmann sowie mich als Beisitzer herangezogen hatte, wobei der Name ,, Beisitzer" allerdings in übertragenem Sinne zu verstehen war, da wir in der rauhen Waldluft nicht sitzen konnten, sondern die Sache im Gehen und teilweise im Stehen erledigen mußten. Eingehend befragt, gab Josephi im einzelnen eine Schilderung des Sachverhaltes. Er habe sich für den nun offenbar bald bevorstehenden Heimmarsch ,, versorgen" wollen, wobei er gefürchtet habe, daß seine eigenen Vorräte nicht ausreichten. Deswegen sei er in den Laden des Bäckers gegangen und habe, als er den Laden leer gefunden hätte, in die offenstehende Tischschublade, in der zahlreiche Brotmarken gelegen hätten, hineingegriffen. In diesem Augenblick sei die Tochter des Bäckers erschienen und mit großem Geschrei davongelaufen, um ihren Vater zu holen, da sie offenbar von ihm, den sie so als Dieb ertappt hatte, irgendwelche Gewalttätigkeiten gefürchtet habe. Dem herbeigeeilten Vater gegenüber habe er den Diebstahlsversuch zugegeben, da er ihn doch nicht gut habe bestreiten können, und wenn er diesen angefleht habe, keine Anzeige bei der Polizei zu machen und aus der ganzen Sache überhaupt keine Folgerungen zu ziehen, so sei dies in erster Linie um uns, seine Kameraden zu schützen, geschehen, da er gefürchtet habe, daß wir alle bei einem Bekanntwerden seiner Verfehlung erhebliche Unannehmlichkeiten haben könnten. Aus dem gleichen Grunde habe er auch noch den letzten Versuch mit dem ,, Sühne angebot" von 3000 Gramm Brotmarken gemacht. Nachdem Josephi bedeutet worden war, daß er sich nicht nur skandalös, sondern außerdem auch noch recht töricht verhalten habe, stellte Toms an ihn die Frage, ob er nun auch die im Lager vorgekommenen Kameradendiebstähle als seine Verfehlungen zugeben wolle. Josephi versicherte darauf ,, eidlich", daß er keinem Kameraden auch nur das geringste entwendet habe. Er wisse, sagte er, daß ein Dieb keine Ehre habe, aber er bäte Toms als seinen ehemaligen Sportskameraden, trotzdem sein Ehrenwort, daß er mit den im Lager vorgekommenen Diebstählen nicht das geringste zu tun habe, anzunehmen. Bei allem, was ihm heilig sei, könne er beteuern, daß er hier ein ganz reines Gewissen habe, und er bitte uns, ihn nicht, weil er sich nun einmal einer vielleicht doch durch die Umstände etwas leichter wiegenden Verfehlung schuldig gemacht habe, einer so scheußlichen Handlungsweise wie der Bestehlung 18,, Imi's" 273 seiner eigenen Schicksalsgenossen zu zeihen oder ihn auch nur dazu für fähig zu halten. Darauf stellte Borstmann Josephi in herzbewegenden Worten vor, in welchen Verdacht er, Borstmann, geraten sei, obwohl er, der nur ein einfacher Ofensetzer sei, sein ganzes Leben lang stets seinen ehrlichen Namen bewahrt und gegen niemanden jemals Unrecht getan habe. Josephi möge doch, wenn er sich schuldig fühle, auch hier seine Schuld eingestehen, statt nun noch einem Schicksalsgenossen, der ihm nichts getan habe, seinen ehrlichen Namen zu nehmen. Darauf gab Josephi, der nun vollkommen in sich zusammenfiel, auch die Kameradschaftsdiebstähe zu unser aller Entsetzen einschränkungslos zu. Auf Borstmanns Vorhalt, daß Josephi es wochenlang mit angesehen habe, wie er, sein unschuldiger Kamerad, von anderen Schicksalsgenossen beargwöhnt und verdächtigt wurde, erwiderte Josephi nichts. Borstmann geriet in einen entsetzlichen Zorn und schlug Josephi mit den Worten, daß er wirklich nicht mehr anders könne, ins Gesicht. Die Reaktion Josephis hierauf war so niederschmetternd, daß sie allein genügt hätte, uns für immer von ihm zu trennen, wenn dies nicht schon eine unwiderrufliche Tatsache gewesen wäre: Er nahm nämlich seine Brille ab und sagte zu Borstmann: ,, Schlag' mich nur! Ich habe es nicht anders verdient!" Lüders spuckte aus und ich, der ich gleich den andern wie von Ekel geschüttelt war, nahm Borstmann beim Arm, sagte zu ihm: ,, Ein Richter ist kein Henker" und wandte mit ihm dem uns verlorenen Kameraden den Rücken. Toms verfügte über Josephi, daß er von Stunde ab Stubenarrest erhalte, das Lager außerhalb der Arbeitszeit nicht mehr zu verlassen habe und sich jedes persönlichen Verkehrs mit den anderen Lagerinsassen enthalten müsse. Josephi nahm seine Strafe an und ging ins Lager zurück. Sich aufgehängt, wie Lüders es ihm vorschlug, hat er nicht. sonstigen Klatsch h Mein F der ihm e mochte, weiteren von Duing angeknüpf des Dritte jungen Ka trauen, wo war. Als scherzhaft nicht gefa die uns u weitere G Immerhi Als noch zu später Nachtstunde das ganze Lager zusammengerufen wurde, um in Anwesenheit des Übeltäters die Ergebnisse der ,, Gerichtsverhandlung" und das über Josephi gefällte Urteil zu erfahren, war Grauen und Abscheu so allgemein, daß wir daraus den durch den späteren Verlauf der Dinge bestätigten Eindruck erhalten konnten, eine derartige Katastrophe, wie sie Josephi erlitten hatte, werde auch inmitten unseres Schicksals ein Einzelfall bleiben. Ich hatte alle Mühe, die Kameraden zu beruhigen, die alle fürchteten, sich nach diesem Vorfall in Duingen und besonders in den Ladengeschäften des Ortes nicht mehr sehen lassen zu können. Sie fürchteten, daß, wie so häufig, von einem schlechten Kerl unter uns auf alle geschlossen werden könnte. Diese Befürchtung hat sich nicht bestätigt. Die Duinger Bevölkerung hat ihr Verhalten gegen uns nach diesem Ereignis weder im Bösen noch im Guten fühlbar geändert. Sehr sachlich faßte unser Lagerführer Hauser, dem allerdings nur der Brotmarken- Diebstahlsversuch berichtet wurde, die Angelegenheit auf: ,, Er hat wohl Hunger gehabt", sagte der korrekte Kleinbahnbeamte überraschender Weise, womit der Fall für ihn erledigt war. Der Kameradschaftsdiebstahl und der Verlauf der ,, Gerichtsverhandlung", also dasjenige, was Josephi erst moralisch vernichtete, ist entgegen dem 274 einen pral zu befürch infolge de und Zivila Gendarme dann dam deutsch w manche U hatten, W aufgeklärt die Freve zu begegn entgingen, es in dem Inbesitzna der Leben zu einer mußten da Waclaff bindung a daß die A deutschen hatte eine in einem französisc derung ge wohnt wa 18 ur dazu für ten vor, in Her nur ein mehrlichen be. Josephi sonstigen Laufe der Dinge aus unserem Lager niemals in den Duinger Klatsch hinausgedrungen, huld eingeichts getan hi, der nun iebstähe zu s Vorhalt, nschuldiger verdächtigt mtsetzlichen nicht mehr so niederon ihm zu me gewesen man:„ Schlag te aus und mahm Borstund wandte enarrest erassen habe gerinsassen ger zurück, mengerufen Gerichtswar Grauen äteren Vere derartige ten unseres Kameraden in Duingen ehen lassen schlechten Befürchtung alten gegen fühlbar gelerdings nur gelegenheit bahnbeamte r. Der KaHlung", also gegen dem 51. Waclaffs Kummer. Mein Freund Waclaff, der mit seinen noch nicht dreißig Jahren und der ihm eigenen besonders starken Aktivität sich nicht damit bescheiden mochte, das uns auferlegte Schicksal zu tragen und im übrigen den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten, hatte mit den in der Gegend von Duingen befindlichen zahlreichen Ausländerlagern Verhandlungen angeknüpft, um uns, wie er das ausdrückte, im Falle des Zusammenbruchs des Dritten Reiches ,, unseren Platz zu sichern". Er zog außer unserem jungen Kameraden Ronoff, der sein ,, Kurier" war, nur mich ins Vertrauen, woran er ohne Frage recht tat, da die ganze Sache recht prekär war. Als er mir das erste Mal von der Sache sprach, hatte ich ihm scherzhaft erwidert, ich hätte bisher nicht gewußt, daß wir immer noch nicht gefährlich genug lebten" und uns deswegen außer den Gefahren, die uns ungerufen von allen Seiten umdrohten, noch selbsttätig eine weitere Gefahr zulegen müßten. Immerhin war Waclaffs Unternehmen keine Spielerei, sondern es hatte einen praktisch sehr vernünftigen Hintergrund. Zunächst war nämlich zu befürchten, daß unmittelbar vor dem Einmarsch der alliierten Truppen infolge der in unserer Gegend anwesenden zahlreichen Kriegsgefangenen und Zivilausländer und der dem gegenüberstehenden recht schwachen Gendarmerie- Kräfte anarchische Zustände einreißen könnten; es mußte dann damit gerechnet werden, daß die Ausländer gegen alles, was deutsch war, recht gewaltsam vorgehen würden, da sie sich für nur zu manche Unbill, die ihnen von den Nazis angetan worden war, zu rächen hatten. Wir waren dann, wenn die Ausländer nicht vorher entsprechend aufgeklärt wurden, in Gefahr, als Deutsche behandelt zu werden und für die Frevel unserer eigenen Peiniger zu büßen. Wir mußten daher dem zu begegnen versuchen, daß wir, wenn wir der Liquidation durch die SS entgingen, von anderer Seite das gleiche Schicksal erlitten. Weiter konnte es in dem Zeitraum zwischen der Flucht der Nazi- Gewalthaber und der Inbesitznahme der Stadt durch die Alliierten, wenn sich die Ausländer der Lebensmittelvorräte bemächtigten und die Ladengeschäfte sperrten, zu einer Versorgungskatastrophe für alle Außenstehenden kommen. Wir mußten dann zum mindesten unser tägliches Brot sichern. Waclaff hatte zunächst mit den französischen Kriegsgefangenen Verbindung aufgenommen und dabei zu seinem Erstaunen feststellen müssen, daß die Ausländer in Duingen und Umgegend bereits für den Fall des deutschen Zusammenbruches ganz straff organisiert waren: Jedes Lager hatte einen heimlichen Vertrauensmann und die Fäden liefen nach oben in einem ebenso heimlichen Führerrat zusammen. Bei dem Vertreter der französischen Kriegsgefangenen war Waclaff zunächst auf die Verwunderung gestoßen, die wir hinsichtlich unseres Schicksals nun schon gewohnt waren. Sechsmal hatte ihn der höfliche und wohlwollende Franzose 18° 275 immer wieder gefragt, ob es denn wirklich zutreffe, daß das Dritte Reich uns nichts anderes als die Abstammung von jüdischen Vätern oder Müttern vorzuwerfen habe und dabei bedenklich den Kopf geschüttelt. Schließlich schien er aber bereit, unser Lager mit in den ,, Ring" der übrigen Lager aufzunehmen. Da erschien Waclaff eines Abends ganz trostlos und eröffnete mir auf einem Gang durch das Städtchen, den wir gewöhnlich unternahmen, wenn wir uns etwas mitzuteilen hatten, das niemand sonst im Lager hören sollte, es sei ihm erst eben ganz klargeworden, wie furchtbar unser Schicksal sei. Der Führer der Polen, offenbar ein wütender Hasser nicht nur des Dritten Reiches, sondern alles deutschen Wesens, habe ihm erklärt, seine Landsleute könnten uns unmöglich trauen. Auch wenn wir dem Dritten Reich alles mögliche vorzuwerfen hätten, seien wir auf alle Fälle Verräter, wenn wir uns jetzt gegen unser Vaterland mit dessen Feinden verbündeten. Derartigen Leuten, wie uns, Glauben zu schenken, sei recht gefährlich. Denn womöglich seien wir sogar Gestapo- Spitzel, die Himmler in das Wesergebirge entsandt habe, um die Ausländer dort durch das rührende Märchen, das er uns hinsichtlich unseres angeblichen Schicksals mitgegeben habe, aufs Glatteis zu führen. Waclaff hatte den Polen nicht umstimmen können, der ihn schließlich in brüsker Form aufforderte ,,, sein" Lager zu verlassen. Unser entzündu wollte wi dem es s nach Ha alle deut gern von ländisch versetzt, Italiener dies aber gelaunter ein sogen habe, wo ,, Wir sind nirgends mehr auf der Welt zu Hause", klagte Waclaff, ,, unser eigenes Volk hat uns ausgestoßen und für die anderen Nationen sind wir damit auch noch zu Treubrüchigen an unserem eigenen Staat und Reich geworden." Ich habe meinen Freund damit getröstet, daß mich dies keineswegs bestürzen könne. Offenbar sei es ihm bisher noch nicht klargeworden, daß wir das Vaterland, das man uns genommen habe, bei anderen nicht wiederfinden könnten. Was mich beträfe, so trüge ich das Deutschland, das ich geliebt hätte und noch unverändert liebte, im Herzen, aus dem es mir auch die Nazis nicht fortnehmen könnten. ,, Aber so etwas sei noch niemals auf der Welt dagewesen", begehrte Waclaff auf. Ich habe ihm darauf erzählt, daß er sich irre. Den Moriskos, den christlichen Abkommen der Mauren in Spanien sei es, als sie im Zeitalter der Inquisition von ihrer Heimat zunächst bedrückt und schließlich ausgestoßen wurden, ganz ebenso ergangen. Aus Spanien als Mauren vertrieben, seien sie in Tunis und Marokko als Spanier verfolgt und gequält worden. Ihr entsetzliches Schicksal sei im Verlauf weniger Jahrhunderte dem Gedächtnis der Menschheit fast völlig entschwunden und auch mit unserem Geschick werde es sehr bald nicht anders sein. Waclaff beruhigte sich und es hat ohne Frage etwas Beruhigendes zu hören, daß etwas, das völlig unerträglich scheint, dennoch nicht zum ersten Mal geschieht und die Welt sich schon früher ohne Aufhebens damit abgefunden hat. Da faß unbeacht Kamerad ganz run Völkersc Urwald Der höfliche Franzose ließ trotz des Zwischenfalls mit den Polen die Verbindung mit Waclaff nicht ganz abreißen. Ihr eigentlicher Gegenstand wurde allerdings nicht praktisch, da es beim Ende der Naziherrschaft in Duingen zu einer eigentlichen Anarchie auch für wenige Tage nicht gekommen ist. 276 erwidert stammter zunehme seien Ha Halbjude e sagte pl druck, Schwest Völkern für Wel guten Pl Gesundu getan, u lichen, Gestapo Ähnlic macher oder in zwei M dem no hatten annehm wir uns der Gr Sachs uns in Dritte Reich Vätern oder geschüttelt. „ Ring" der Abends ganz hen, den wir hatten, das ganz klargeolen, offenbar n alles deutns unmöglich vorzuwerfen gegen unser ten, wie uns, ch seien wir mtsandt habe, er uns hinaufs Glatteis nen, der ihn erlassen. agte Waclaff ren Nationen eigenen Staat stet, daß mich er noch nicht ommen habe, so trüge ich ert liebte, im Snnten. ,, Aber ehrte Waclaff Moriskos, den s sie im Zeitand schließlich s Mauren ver folgt und ge weniger Jahr chwunden und ssein. Waclaff zu hören, daß m ersten Mal s damit abge den Polen die er Gegenstand ziherrschaft in Tage nicht ge 52. Imi- Sympathien. Unser schöner Autochauffeur Welicki bekam eine schwere Mittelohrentzündung, die in unserem zugigen Lager sich ebenso wenig bessern wollte wie vorher meine Grippe. Schließlich fuhr Borstmann mit Welicki, dem es so schlecht ging, daß wir ihn nicht allein reisen lassen wollten, nach Hameln, um dort einen Spezialarzt aufzusuchen. Dieser war, wie alle deutschen Ärzte damals, ungeheuer überlaufen und hätte Welicki gern von vornherein abgewiesen. Barsch empfing er den etwas südländisch Aussehenden, wohl auch durch dessen Namen in den Glauben versetzt, daß es sich um einen ,, Exoten" handle, mit der Frage, ob er Italiener oder Pole sei. Als Welicki antwortete, er sei Deutscher, rief dies aber auch keineswegs eine freudige Reaktion bei dem schlechtgelaunten Doktor hervor. Der brummte vielmehr ,,, dann sei er womöglich ein sogenannter Volksdeutscher, der das Deutschtum besonders gepachtet habe, womöglich sogar ein SS- Mann aus Ostgermanien". Da faßte der ständig zu Scherzen aufgelegte Borstmann, der bisher unbeachtet beiseite gestanden hatte, sich ein Herz und erklärte, sein Kamerad und er seien ,, Imis". Der Medizinmann machte vor Überraschung ganz runde Augen und sagte, daß er von der Existenz einer so genannten Völkerschaft in deutschen Landen noch nie etwas gehört habe; in welchem Urwald denn die Heimat dieses eigenartigen Stammes läge. Borstmann erwiderte darauf, wir seien gegenwärtig im Weserbergwald ,, beheimatet", stammten keineswegs aus Afrika und seien auch nicht etwa, wie er anzunehmen scheine, mit Zulukaffern oder Hereros verwandt, sondern wir seien Halbarier oder, was das gleiche sei, aber nicht so schön klinge, Halbjuden. Der Doktor nahm seine Brille ab, putzte sie umständlich und sagte plötzlich mit völlig verändertem, liebenswürdigem Gesichtsausdruck, er freue sich, die Herren kennenzulernen, der Mann seiner einen Schwester sei nämlich auch ,, Imi". Der Arzt, der offenbar mit sämtlichen Völkern Europas und sogar mit der ganzen Welt zerfallen schien, hat für Welicki, weil er ,, Imi" war, geradezu väterlich gesorgt, ihm einen guten Platz im Krankenhaus zu Hildesheim verschafft, und als dort die Gesundung des Kranken nicht schnell genug gehen wollte, sogar alles getan, um ihm bei der Gestapo einen ,, Urlaub" nach Bremen zu ermöglichen, den Welicki allerdings erst bekam, als Toms deswegen bei der Gestapo vorstellig wurde. Ähnlich wie mit dem Ohrenarzt zu Hameln ging es uns mit dem Schuhmacher in Duingen. Kein Mensch konnte in der Stadt Schuhe besohlt oder in Ordnung gebracht bekommen, es sei denn, daß er darauf über zwei Monate warten wollte. Nur wenn an unseren Schuhen etwas mit dem noch zur Verfügung stehenden Material repariert werden konnte, hatten wir dieselben von dem Manne, der sonst überhaupt nichts mehr annehmen wollte, neuerdings meist schon am nächsten Tage wieder ,,, da wir unsere Fußbekleidung ja so dringend benötigten". Eines Tages wurde der Grund für diese auffällige Haltung bei dem Nachfahren des Hans Sachs plötzlich offenbar: Er hatte einen Schwiegersohn, der Imi und gleich uns in ein Zwangsarbeitslager verschleppt worden war! 277 53. Fragen und Aussichten. Nachdem die russische Offensive zunächst an der Oder zum Stillstand gelangt war, hatten die Anglo-Amerikaner ihren Vormarsch über den Rhein begonnen und es wurde mit jedem Tage klarer, daß das Ende der Nazi-Herrlichkeit Schritt für Schritt näher rückte, In unserer Gegend trafen sich die Flüchtlingszüge von Osten und Westen.„Trecks” aus dem Rheinland und Ostpreußen begegneten sich in Duingen, wo die gehetzten Menschen schließlich blieben, da die Westdeutschen zu der Einsicht kamen, daß es für sie keinen Zweck habe, in der Richtung weiterzu- ziehen, aus der die Ostdeutschen gekommen waren, während für die Ost- deutschen die umgekehrte Einsicht ebenso unabweisbar war, Duingen, das bisher vom Kriege so gut wie gar nicht berührt worden war, mußte in wenigen Tagen das Dreifache seiner bisherigen Einwohnerzahl an Flüchtlingen aufnehmen, In unserer Schicksalsgenossenschaft führte das Gefühl, daß das„kri- tische Stadium‘, von dem wir schon so lange vorher gesprochen halten, nun herannahte, zu einer recht erheblichen Nervosität. Bei fast jedem neuen Luftalarm wollten aufgeregte Gemüter wissen, daß es sich um sogenannten„Fünfminuten-Alarm” handle, der eine in nächster Nähe er- folgte alliierte Luftlandung anzeige, Ich habe meine Kameraden immer wieder damit zu beruhigen versucht, daß die Anglo-Amerikaner jeden- falls im Weser-Berglande bestimmt keine Luftlandung vornehmen würden, Trotzdem ereignete es sich eines Nachts, daß Hen Delius, der von einer Landung der Alliierten in der Lüneburger Heide lebhaft geträumt hatte, den damit verbundenen Sonderalarm zu hören glaubte,„Raus! brüllte und mit einem riesigen Satz von seinem in der„ersten Etage" liegenden Bett unten direkt vor dem Tisch unserer Bude zu stehen kam, wo er seinen Raus-Ruf nochmals kräftig wiederholte, Seiner„Luftlandung‘ folgten weitere der anderen Stubengenossen, die gleichfalls aus dem Schlafe fuhren oder hinabsprangen. Das ganze Lager wäre beinahe in Aufruhr geraten, als sich noch gerade rechtzeitig herausstellte, daß es sich nur um„blinden Alarm‘ handle und die allzu Geschwinden, Delius an der Spitze, enttäuscht und kleinlaut wieder in ihre Betten kriechen mußten. Der herannahende Frühling lag uns bleischwer in den Gliedern und die durch ihn verursachte Müdigkeit machte uns die Arbeit auf der Strecke wieder recht mühselig. Wir sahen der wärmeren Jahreszeit auch insofern mit recht gemischten Gefühlen entgegen, als unsere Sachver- ständigen von derselben immer wieder eine riesige Vermehrung des im Lager eingenisteten Ungeziefers und eine furchtbare Wanzenplage er- warteten. Von einigen gelegentlichen„Zwischenfällen” abgesehen, die durch die allgemeine Gereiztheit hervorgerufen wurden, strichen unsere Tage, während draußen„eine Welt zusammenbrach”, recht einförmig dahin: Kaum war es Montag gewesen, so war es auch verwunderlicher- weise schon wieder Wochenende und dies, trotzdem uns der einzelne Arbeitstag als solcher immer noch viel zu lang wurde, Es ging uns allen mit der Zeit so, wie dem Hans Castorp in Thomas Mann’s„Zauberberg”, 278 dem vı schlich« Blitzes: nämlich sprächs und„\ wie wit auch u sahen, naten( damals vorgeft 1945 ni Frauen zu„liq mehr g m Stillstand h über den B das Ende erer Gegend ks" aus dem ie gehetzten Her Einsicht ng weiterzufür die Ostar. Duingen, war, mußte hnerzahl an aß das ,, krichen hatten, fast jedem es sich um er Nähe erraden immer kaner jedenmen würden. er von einer räumt hatte, aus!" brüllte e" liegenden kam, wo er dung" folgten dem Schlafe ein Aufruhr es sich nur elius an der then mußten. Gliedern und beit auf der reszeit auch ere Sachver rung des im zenplage er gesehen, die ichen unsere ht einförmig wunderlicher der einzelne ing uns allen Zauberberg" 11 dem vor lauter ,, Langerweile" die öde Zeit, die zunächst nur so geschlichen ist, wegen ihrer mangelnden„ Gestaltung" schließlich wie mit Blitzesschnelle entschwindet. Ebenso einförmig wie unser Arbeitstag war nämlich auch unser Feierabend geworden, der von dem stereotypen Gesprächsthema beherrscht war:, Werden wir die Heimat wiedersehen?" und ,, Wird unser Daheim die Katastrophe überstehen?" Nicht nur wir, wie wir damals annahmen, waren von zwei Seiten her bedroht, sondern auch unser Zuhause mit unseren Familien, das wir lediglich in Gefahr sahen, von Fliegerbomben oder bei einem Straßenkampf von den Granaten der alliierten Artillerie der Vernichtung anheimzufallen. Was wir damals gottlob-- nicht wußten, war die Tatsache, daß, wie inzwischen vorgefundene Akten bestätigen, die Nazis beabsichtigt haben, im Mai 1945 nicht nur uns endgültig verschwinden zu lassen, sondern auch unsere Frauen und Kinder zu deportieren und damit unsere ganze ,, Sippschaft" zu ,, liquidieren". Wir hätten anders in Duingen wohl keine ruhige Stunde mehr gehabt. - - 54. Lenne. Nach zwei Regensonntagen, die unsere Wanderpläne erheblich gestört hatten, brachen Thilo und ich Mitte März eines Sonntags früh morgens zusammen auf, um unserem großen Nachbarlager den schon lange geplanten Besuch zu machen. Thilo hatte außer seinen beiden Brüdern, die bei uns in Duingen waren, noch zwei weitere Brüder, die ihr Schicksal nach Lenne verschlagen hatte, während ich nur darauf rechnen konnte, dort einige Bekannte zu treffen. Auf seine dringenden Bitten nahmen wir noch unseren Knaben Silbermann mit, der in Lenne gleichfalls einen Bruder, nämlich seinen Vormund, sitzen hatte. Der richtige Weg von Duingen nach Lenne führte durch die Bergwildnis des Hils, in der aber alle Pfade, die es dort früher einmal gegeben hatte, fast völlig zugewachsen und sehr schwer zu finden waren. Als wir anfangs in Duingen nach Lenne gefragt hatten, wußte dort kein Mensch, wie man dahin gelangen könnte, obwohl der kürzeste Weg nur einen zweieinhalbstündigen Marsch erforderte. Die Duinger hatten allerdings gemeint, wir müßten über den Ith gehen, was zwar auch möglich war, aber fast das doppelte an Zeit erforderte. Ein großes Wunder war es nicht, daß der Weg so unbekannt war: Denn die Duinger hatten kein Interesse an Lenne, und die Gestapo hatte erst recht keinerlei Neigung, den Weg zu diesem erst kürzlich mitten im Wald entstandenen Arbeitslager bekannt werden zu lassen, zumal das ganze Gebiet, in dem die Lenner arbeiteten, mit Rücksicht auf die angeblich hier sehr naheliegende Spionagegefahr nahezu hermetisch abgesperrt war. Es ist denn auch niemals ein Lenner in unserem Lager zu Duingen erschienen. Wir fanden uns unter Thilos ortskundiger Leitung gut durch die urwaldartigen Hänge und Gründe des Hils hindurch und sahen uns plötzlich auf einem von hohen, schön gewachsenen Tannen eingefaßten Fußweg, der ein Promenadenweg in Bad Harzburg hätte sein können und 279 anni vor einem solchen noch den Vorzug hatte, daß wir dort, trotzdem es Sonntag war, keine Menschenseele begegneten. Der Wachtposten, der die Absperrung des Lenner Arbeitsgeländes nach der Seite, von der wir kamen, zu überwachen hatte, schlief in seinem Schilderhaus im Stehen oder war zum mindesten derart in tiefe Gedanken versunken, daß er von uns keine Notiz nahm. Wir kamen damit unangefochlten in das„ver- botene Land” hinein, dessen großes Geheimnis offenbar ein unterirdisches Rüstungswerk war, das im tiefen Inneren eines der Weserberge seine bis dahin tatsächlich völlig verborgen gebliebene Arbeit vollführte, Wo dieser mysteriöse Kaiser Barbarossa-Betrieb eigentlich steckte, wußte niemand genau zu sagen, Seine Tarnung war sehr geschickt, und es war schwer festzustellen, ob die unterirdische Fabrik sich etwa in unmittel- barer Nähe von Lenne, wie einige behaupteten, oder recht weit vom Lager entfernt, wie andere wissen wollten, befand. Die in Lenne ausge- führten Arbeiten dienten dem in die Tiefe versenkten unbekannten Be- trieb nur insofern, als es sich um die Zuführung der für das bergwerk- artige Unternehmen erforderlichen recht beträchtlichen Wassermengen handelte, Es mußte zu diesem Zwecke ein ganzes Netz von Kanälen durch den Bergwald gegraben werden. Dies war die Arbeit, der das Lager im Weserwalde seine Entstehung verdankte, Als wir uns dem Lager näherten, sahen wir zu beiden Seiten der Straße Arbeitskolonnen, die trotz des Sonntags bis über die Hälse in der Erde steckten, mit dem Ausschachten von neuen Wassergräben beschäftigt. Das Lager selbst war ein eigenartiges Gebilde. Es sah aus, als ob die Baracken wie die Pilze aus dem moosigen Erdreich emporgeschossen seien. Die Behausungen waren viel massiver gebaut als unsere Holz- hütten in Duingen, aber sie standen auf einem derartigen Schlick, daß, um überhaupt ein Hinüber- und Herübergehen zu ermöglichen, Knüppel- dämme zwischen den einzelnen„Häusern“ hatten angelegt werden müssen, Im übrigen war der Wald durch den Bau dieser eigenartigen Barackenstadt nicht verändert oder gar verletzt worden. Wo Bäume und Sträucher stehenbleiben konnten, waren sie schon als Wind- und Regenschutz stehengeblieben, und das Laubdach war über den Dächern der unter ihm entstandenen„Stadt” keineswegs besonders gelichtet. Das Ganze sah aus, als sei es von einigen witzigen Teufeln in ein möglichst schwer zugängliches Dickicht des Wesergebirges hineingezaubert wor- den, Die nächste ‚reguläre‘ Menschenansiedlung war der Ort Verwohle, der am Rande des Waldes in einem lieblichen Tal gelegen, nichts weiter als ein recht kleines weltverlorenes Dorf war. Versorgt wurde das Lager mit Hilfe von Lastkraftwagen, welche die Lebensmittel teilweise von recht weither anfahren mußten und zum Teil aus eigenen Depots, die zu diesem Zwecke mitten im Walde angelegt wurden. Den Winter hatte das Lager leidlich überstanden. Im Gegensatz zu uns hatten die Lenner zwar kaum Kohle, aber desto mehr Holz gehabt, das rings herum im Walde geschlagen werden konnte, Als wir ankamen, war gerade Mittagessenszeit. Es war zu beobachten, daß die Essenausgabe in dem mit dem unsrigen verglichen geradezu 280 riesigen Wasch- der Bara die hier bares vo Das aber Herstellu Lenne ge send Art Miniatur! solche le „Onkel’ um 6 Uh so ähnlic Auf mein könne, d Widert, später h; Lenne 1 auch nic im 8 U] Ebenso‘ ebenso y Wenn au ealsprec hätte, Ic Planmäß höchsten keinesy, Wenn lager da Um fest, hier Stel ein Dro| rotzdem es posten, der on der wir im Stehen en, daß er in das ,, verterirdisches Derge seine führte, Wo kte, wußte und es war in unmittelweit vom enne ausgeannten Bebergwerkssermengen on Kanälen it, der das m der Straße in der Erde eschäftigt. als ob die rgeschossen nsere Holzchlick, daß, n, Knüppelegt werden eigenartigen Wo Bäume Wind- und len Dächern elichtet. Das En möglichst aubert wor t Verwohle, ichts weiter e das Lager ilweise von Depots, die Winter hatte die Lenner s herum im beobachten, en geradezu riesigen Lager gut organisiert war und befriedigend funktionierte. Die Wasch- und Toilettenräume waren einwandfrei, und die ,, Möblierung" der Baracken erfüllte zum mindesten die grundsätzlichen Anforderungen, die hier gestellt werden müssen, indem jeder Bewohner ein verschließbares von der Decke bis zum Fußboden reichendes Schrankspind besaẞ. Das aber waren, abgesehen von der weit solideren Bauweise, die bei Herstellung des Lagers obgewaltet hatte, auch die einzigen Vorzüge, die Lenne gegenüber Duingen aufwies. Das Leben in Lenne, das viele tausend Arbeiter bevölkerten, war noch erheblich schwerer als in unserem Miniaturlager. Lenne war eine Art Sklavenstadt und erinnerte mich als solche lebhaft an die Vorstellungen, die ich mir in meiner Jugend von ,, Onkel Toms Hütte" gemacht hatte. Arbeitsbeginn war jeden Morgen um 6 Uhr früh, und zwar hatten sämtliche Arbeiter auf ein Pfeifensignal, so ähnlich wie dies in Farge gewesen war, vor den Baracken anzutreten. Auf meine Frage, was denn schon so früh morgens gearbeitet werden könne, da es um diese Zeit doch noch ganz dunkel sei, wurde mir erwidert, das sei ohne Bedeutung, denn im Winter, wo es ja noch viel später hell geworden sei, hätte gleichfalls, da nun einmal der Tag in Lenne 12 Stunden habe, um 6 Uhr angetreten werden müssen, wenn auch nichts weiter dabei herausgekommen sei, als daß die Leute, bis es um 8 Uhr einigermaßen hell wurde, erbärmlich herumgefroren hätten. Ebenso werde es mit dem Schluß der Arbeit gehalten. Feierabend sei ebenso wie jetzt auch den ganzen Winter nie vor 6 Uhr abends gewesen, wenn auch um die Weihnachtszeit der Arbeitstag dann seinem Beginn entsprechend wieder mit zwei Stunden Frieren im Dunkeln geschlossen hätte. Ich wurde noch darauf aufmerksam gemacht, daß der Sonntag sich planmäßig vom Werktag in Lenne überhaupt nicht unterscheide und daß höchstens einmal ein Sonntag im Monat arbeitsfrei sei, womit aber keineswegs sicher gerechnet werden könne. Wenn das Leben auch für das gewöhnliche Volk in dem großen Waldlager danach furchtbar war, so genügte doch schon ein kurzer Rundgang, um festzustellen, daß, wie bei jeder großen Menschenansammlung auch hier Stabs- und Etappenerscheinungen, die auf Kosten der großen Masse ein Drohnenleben führten, sehr üppig ins Kraut geschossen waren. Ich begegnete beispielsweise einem Imi, der bei der Lagerverwaltung Dienst tat und die Post, die hier allgemein zensiert wurde, unter sich hatte. Es handelte sich dabei um einen noch recht jungen Herrn, der im rauhen Walde in einem so eleganten und in jeder Weise tadellosen Anzug herumspazierte, als ob er in längst versunkenen Friedenszeiten auf dem Berliner Kurfürstendamm eine schöne Frau zu einer 5- Uhr- Tee- Verabredung erwarte. Um den Machthaber des Lagers, einen vierschrötigen SA.- Führer, der zugleich einen höheren Rang in der OT. bekleidete, hatte sich, als ich mir Lenne besah, ein dichter Kreis von Schreibstubenerscheinungen verschiedener Nationen versammelt, die zum Teil mit formvollendeten Handbewegungen über irgend ein ,, Problem" eifrig diskutierten und zum Teil mit lässigen Gebärden dazu Zigaretten rauchten, während der von allen Seiten umschmeichelte ,, Cäsar" der Wald281 stadt mit dieser Rolle entsprechender Statuenhaltung majestätisch über den ihn umgebenden müßigen Kreis dahinblickte. Lenne war ein Völkerbabel, wie es vor der Endphase des Nazi- Staates sicherlich noch in keinem deutschen Walde zusammengekommen war. Ähnlich wie in Farge gab es keine Nation Europas, die hier nicht vertreten war, bloß mit dem Unterschiede, daß in dem ,, Arbeitserziehungslager" an der Unterweser keine Frauen gewesen waren, während in Lenne die Nationen des Erdteils nicht nur durch ihre Männer, sondern auch durch Weiber und Kinder ausgiebig vertreten waren und das Bild dadurch noch bunter wurde, als es in Farge gewesen war. Fremdlinge wie wir, fanden sich ohne ,, ortskundige" Führung durch das Lager überhaupt nicht durch. Da war beispielsweise eine langgestreckte Baracke, in der Männer unseres Schicksals untergebracht waren. Unmittelbar daneben war erst kürzlich und nach den von der Gestapo für uns erlassenen Lebensgesetzen nicht gerade zweckmäßig ein kaum kleinerer Bau emporgewachsen, in dem französische Frauen wohnten. Nicht weit davon lag ein dritter Barackenbau, in dem Ukrainer mit Kind und Kegel untergebracht waren und so ging es fort, Zwischen Polen- und ItalienerBaracken standen behelfsheimartige Bauten für deutsche Evakuierte und Flüchtlinge, die neuerdings auch in großer Zahl in dieser weltverlorenen Gegend angesiedelt worden waren, da man sie anderswo nicht mehr unterzubringen wußte. Was in Lenne Zwangsarbeit verrichtete, war äußerlich nach Nationen kaum zu unterscheiden. Denn alles hatte auf Gesicht und Kleidern die Farbe des schweren Lehms, in den hier die Kanalschächte gegraben werden mußten. schah, freue, d geredet grüßen auch so Hilfe ei Mannsc stramm glückte Lenne wo er, Leben" Druck, vom Ge Eine war mo Weserb tärinner wie Sie ihre Bü Anmars in neue Das besondere Abzeichen, das die Männer unseres Geschicks ursprünglich in Gestalt eines roten Streifens am rechten Oberarm auf dem Ärmel hatten tragen müssen, habe ich nur noch vereinzelt gesehen. Das Gesetz, das diese Kennzeichnung anbefohlen hatte, war zwar nicht ausdrücklich aufgehoben, aber schon nach Ablauf einiger Monate allmählich außer Übung gekommen. Im Anfang war auf diese Kennzeichnung sehr ernstes Gewicht gelegt worden. Dies ergab sich besonders aus der Geschichte eines Bremer Zahnarztes, die ich in Lenne hörte. Dieser, ein Mann ,, rein arischer Abstammung", war, weil er mit einer Jüdin verheiratet war, mit der ,, 1. Invasion" in Farge gewesen und dann mit diesem Schub weiter nach Lenne gelangt. Seine Frau hatte sich aus Kummer darüber, daß sie ihrem Manne, wenn auch völlig schuldlos, dies schwere Schicksal bereitet hatte, alsbald das Leben genommen. Damit war ihr Mann wieder ein vollwertiges Mitglied der deutschen Volksgemeinschaft geworden, woran ihn persönlich allerdings ebensowenig Schuld traf wie an seiner mit dem Siege des Nazismus eingetretenen früheren Minderwertigkeit. Dennoch hatte es sich der oberste Kommandant sämtlicher in der Gegend befindlicher Lager, zu denen noch weitere Zwangsarbeitslager und auch ein K.Z. gehörten, ein höherer SS.- Führer, nicht nehmen lassen, eines Abends sämtlichen Lenner Imis ,, Antreten" zu befehlen, den trauernden Witwer, der gar nicht wußte, wie ihm ge282 ten ver und un trastier als Zwa schon a Eindruc brauen allzu so widerst zu sehe Mein nirgend daß bis des ve sonstige statione Gegend bewaffn lichen Unterha blick u gehabt Zeit fas geword Lenne tätisch über Nazi- Staates ommen war. r nicht verserziehungswährend in mer, sondern und das Bild Fremdlinge Lager überxte Baracke, mittelbar dams erlassenen rer Bau emweit davon Kegel unternd ItalienerEvakuierte eser weltver derswo nicht ach Nationen Kleidern die mate gegraben eschicks urarm auf dem gesehen. Das ar nicht ausnate allmäh ennzeichnung ders aus der e. Dieser, ein er Jüdin ver nd dann mit atte sich aus chuldlos, dies mmen. Damit schen Volks ebensowenig eingetretenen ste Komman noch weitere er SS- Führer, is Antreten" wie ihm ge schah, vor die Front zu rufen und feierlich zu erklären, daß er sich freue, den ,, Herrn Doktor", den er bisher nur mit dem Nachnamen angeredet hatte, als nunmehr unbelasteten deutschen Volksgenossen begrüßen und ihm den roten Streifen abnehmen zu können, was er dann auch sofort tat, indem er dem Ausgezeichneten das ominöse Zeichen mit Hilfe eines Taschenmessers von der Jacke trennte! Die gesamte ImiMannschaft von Lenne hatte während dieses Staatsaktes in Paradefront stramm zu stehen wie bei einer Ordensverleihung. Der so offiziell beglückte und im Herzen tief unglückliche Witwer war, als ich nach Lenne kam, bereits seit einigen Tagen nach Bremen entlassen worden, wo er, von seiner Frau ,, befreit", ein neues, nunmehr ,, echt deutsches Leben" beginnen konnte. Es war dies nur ein Einzelfall. Der seelische Druck, der auf dem Lager lastete, war allen Lenner Heloten deutlich vom Gesicht abzulesen. Eine eigenartige Erscheinung inmitten dieses vielfachen Völkerleidens war mondäne Weiblichkeit, die sich aus Berlin W seltsamerweise in die Weserberge verirrt zu haben schien. Es handelte sich dabei um Sekretärinnen, Stenotypistinnen und Bürodamen von großen Rüstungsfirmen, wie Siemens und Lorenz, die in Berlin ausgebombt worden waren und ihre Büros nach Ostdeutschland verlagert hatten, wo dieselben vor dem Anmarsch der Russen die Flucht hatten ergreifen müssen und sich nun in neuen Baracken, wie sie in Lenne täglich gebaut wurden, einzurichten versuchten. Die eleganten Frauen, die von ihren Firmen so plötzlich und unsanft in eine unwirtliche Einöde versetzt worden waren, kontrastierten nicht nur seltsam mit den Halb- und Viertelsträflingen, die als Zwangsarbeiter in Lenne ,, herumschachteten", sondern es machte schon an sich einen ganz unwahrscheinlichen und geradezu traumhaften Eindruck, diese Damen mit gepuderten Gesichtern, gemalten Augenbrauen und geröteten Lippen im Waldesdickicht auftauchen und mit allzu schicken Gewändern und allzu hoch behackten und recht wenig widerstandsfähigen Schuhen durch den dicken Lehm stapfen oder waten zu sehen. Mein eigenartigstes Erlebnis in diesem Massenlager aber war, daß ich nirgends einen Bewaffneten gesehen habe. Es wurde mir auch bestätigt, daß bis auf die fast eine Wegstunde entfernten Wachtposten am Rande des ,, verbotenen Landes" im weitesten Umkreise kein SS.- Mann oder sonstiger Waffenträger mit Ausnahme der völlig normalen Gendarmeriestationen in den verschiedenen meist recht weitab liegenden Dörfern der Gegend zu treffen sei. Ich glaube nicht einmal, daß der Lagerführer bewaffnet war. Es hätte ihm auch nichts genützt. Denn von dem reichlichen Dutzend Männer, die diesen Herrn bei der von mir beobachteten Unterhaltung umgaben, hätten drei vollauf genügt, um ihn im Augenblick umzubringen und wenn er sogar eine Maschinenpistole bei sich gehabt hätte. Abgesandte Hildesheims waren auch nach Lenne in letzter Zeit fast gar nicht gekommen. Mir ist hierbei so recht eindringlich klargeworden, was Terror bedeutet. Die vielen tausend Menschen, die in Lenne zusammengepfercht und alle ohne Ausnahme aus den verschie283 densten Gründen Todfeinde des Deutschen Reiches waren, hätten sich jede Sekunde an ihrem Lagerführer vergreifen oder, wenn sie dies schon nicht wollten, zum mindesten wie rinnender Sand auseinanderlaufen können. Es hätte sie jedenfalls zunächst niemand daran gehindert. Sie taten es aber nicht, weil sie sich offenbar sagten, daß sie auf die Dauer als Flüchtlinge aus einem derartigen Lager in dem damaligen Deutschland doch nicht existieren konnten, da sie keine Lebensmittelkarten hatten und da, hiervon abgesehen, die Gestapo mit ihrer über das ganze Reich verzweigten Organisation genug Möglichkeiten besaß, um der Entlaufenen wieder habhaft zu werden und sie dann in ein Straflager hinter elektrisch geladenen Stacheldraht zu stecken, aus dem ein abermaliges Entkommen dann weit schwerer war. Allein die Tatsache, daß es in Hildesheim über zwei Tagesmärsche von Lenne entfernt eine Staatspolizeistelle gab, hielt die vielen tausend Menschen im Weserwald derart beieinander, daß kaum einer an einen Fluchtversuch dachte. Hatte sich doch die Gestapo sogar bei der Deportation der in Lenne beschäftigt gewesenen Volljuden etwas geleistet, das besonders geeignet ist, diese ebenso schreckliche wie einzigartige Situation zu beleuchten. Für den Abtransport der 300 Unglücklichen, die als ,.Sternträger" in Lenne gearbeitet hatten, konnten nur wenige SS.Männer zur Verfügung gestellt werden, die keine Möglichkeit hatten, in der Nacht, in der die Juden, wie üblich, um 3 Uhr aus ihren Betten geholt wurden, eine wirktliche Kontrolle auszuüben, Infolgedessen wurden die Stubenältesten einer Anzahl Baracken geweckt und diese Leute dafür verantwortlich gemacht, daß von den ihnen ,, anvertrauten Juden" am nächsten Morgen beim Abmarsch, der sofort beim Hellwerden erfolgen sollte, kein einziger fehle, wobei es den haftbar Gemachten überlassen wurde, weitere Wächter aus der Zahl ihrer Kameraden zu ihrer Unterstützung heranzuziehen. Am nächsten Morgen fehlten, obwohl die unfreiwilligen ,, Wächter" sämtlich geschworene Gegner des Dritten Reiches waren, nur sechs von den Abzutransportierenden, die auch in ganz kurzer Zeit wieder ergriffen wurden, so daß die Juden aus Lenne vollzählig nach Theresienstadt überführt werden konnten, sung vo gelndem sein. Ab ihnen e Möglich meisten schehen Amerik und ver ziemlich Unter welchem Druck die Lenner lebten, war mir schon klargeworden, als ich beim Mittagessen die bei der damaligen Situation keineswegs originellen Worte fallen ließ, wir hätten nun bald allen Grund, uns vorzusehen, denn die Stunde, in der es sich entscheide, ob wir das Dritte Reich überleben würden oder nicht, sei nahe. Mir antwortete auf diese Bemerkung eisiges Stillschweigen, bis ein mir aus Bremen bekannter Lenner Lagerinsasse, unbehaglich auf seinem Schemel hin- und herrückend, meinte, es wäre doch wohl dringend zu hoffen, daß die staatlichen Behörden nicht nach allem, was schon an Fehlern gemacht worden sei, noch eine äußerste Torheit begehen würden. Von alledem recht eigenartig berührt, habe ich diesen Bekannten, kurz bevor ich mich von ihm verabschiedete, noch unter vier Augen gefragt, ob denn im Lager Spitzel seien oder sie sich gegenseitig mißtrauten. Der Betreffende erklärte mir eifrig, ich hätte die Reaktion auf meine Auslas284 Erwarte ungekrä bürger glauben volljüdi meinte keiner seiner erschöp Männer Die a hervor, möglich Duinge springe das La weg de Ich Herrsc Amerik heute der fü sicher Lenne Mayas lich zu Thil Schön Kamm waren wie de gebirg Himm schaft ätten sich 1 sie dies seinander- gehindert, ie auf die damaligen bensmittel- ihrer über ten besaß, ann in ein 1, aus dem n die Tat- Lenne ent- enschen im Fluchtver- Jeportation et, das be Situation en, die als sung vollkommen mißverstanden. Von Spitzeln oder auch nur von man- gelndem Vertrauen untereinander könne bei den Lennern gar keine Rede sein. Aber ihr Leben sei gegenwärtig derart schwer, daß die meisten von ihnen einfach nicht mehr die seelische Kraft aufbrächten, derartigen Möglichkeiten, wie ich sie angedeutet hätte, ins Auge zu sehen. Die meisten von ihnen wiegten sich in der Illusion, daß ihnen gar nichts ge- schehen könne, Sie bildeten sich ein, daß sie von den Engländern und Amerikanern, wenn diese kommen sollten, in jeder Hinsicht entschädigt und verwöhnt werden würden, und sie waren erstaunlicherweise weiter ziemlich allgemein der Meinung, daß die Nazis, wenn sie noch wider Erwarten siegen sollten, dann endlich auch vernünftig werden und sie ungekränkt nach Hause entlassen und fürderhin als vollwertige Reichs- bürger behandeln müßten, ja, sie lehnten es sogar rundweg ab, zu glauben, daß ihren nach Auschwitz oder Theresienstadt verschleppten volljüdischen Angehörigen etwas ernstliches geschehen könne. Er selber, meinte mein Bekannter, sei der Auffassung, daß wir in jedem Falle mit keiner beneidenswerten Zukunft rechnen könnten, aber die meisten seiner Kameraden seien von der monatelangen Zwangsarbeit physisch so erschöpft, daß sie psychisch nicht mehr die Kraft aufbrächten, als Männer zu denken, Die allgemeine Gedrücktheit in Lenne trat auch bei der Ängstlichkeit hervor, mit der wir vor dem Lagerführer gewarnt und vor demselben möglichst verborgen gehalten wurden. Die Keckheit, mit der wir uns in Duingen angewöhnt hatten, mit gegen uns ergangenen Verboten umzu- springen, war in Lenne unbekannt. Wir atmeten geradezu auf, als wir das Lager verließen, um über die Grenze des„verbotenen Landes" hin- weg den Rückmarsch nach Duingen anzutreten. Ich weiß gegenwärtig noch nicht, was bei der Katastrophe der Nazi- Herrschaft aus Lenne geworden ist, das beim Herannahen der Anglo- Amerikaner von einem Teil der Lagerinsassen verlassen wurde und heute wohl mehr oder weniger leer stehen dürfte, da nach dem Zerfall der für die Waldstadt eigens geschaffenen Versorgungsorganisation sicher niemand mehr in derselben leben kann. Wahrscheinlich liegt Lenne heute als ein totes Gehäuse, ähnlich den Ruinenstädten der Mayas im mexikanischen Urwald, tief im Dickicht verloren, um allmäh- lich zu vermodern. 55. Bergfrühling. Thilo und ich hatten schon immer die Absicht gehabt, einmal an einem Schönwetter-Sonntag den Kamm des Ith entlang zu wandern. Dieser Kammweg ist für den Teil des Wesergebirges, in den wir verschlagen waren, unter entsprechend kleinerem Maßstab gesehen, etwa dasselbe wie der Rennstieg des Thüringer Waldes und die Kammwege des Riesen- gebirges und des Schwarzwaldes. Man mußte vom Ith-Kamm, wenn der Himmel klar war, eine weite und umfassende Rundsicht auf die Land- schaft unserer Verbannung haben. 285 bar"; wir wir uns b satz zu d Wir hal immer wi Es war Frühling geworden, bis wir unseren Plan ausführen konnten. Wenn es auch nach dem Kalender erst gerade Frühlingsanfang war, so war doch in diesem Jahre der Lenz schon erstaunlich weit vorgeschritten. Wir gerieten auf unserem Höhenmarsch, der sich von 5 Uhr morgens bis gegen 5 Uhr nachmittags hinzog, in ein derartiges Paradies von Blumen und frischem Grün, daß wir es als gute Vorbedeutung für unser Schicksal nehmen konnten, das sich nun mit jedem Tage mehr seiner Entscheidung näherte. Wir schritten, während wir teils auf dem eben verlaufenden Kammweg dahinzogen, teils die bewaldeten Gipfel, die ihn stellenweise unterbrachen, überkletterten, wie über einen Teppich von Blüten, Wilde Schneeglöckchen, die viel schöner sind als die Gartenblumen gleichen Namens, wechselten mit Buschwindrosen, Seidelbast, Primeln, blauen Glocken und wildem Flieder ab, den ich hier zum ersten Male zu Gesicht bekam und der violett wie Gartenflieder blüht und auch so ähnlich, wenn auch nicht so stark, duftet. Über all dieser Pracht, die von den endlos aufschießenden Blättern der noch nicht erblühten Maiglöckchen umrahmt war, standen die dunklen Tannen und die zum Teil noch kahlen Laubbäume noch sehr winterlich, aber in den Zweigen aller Bäume sang der Frühling ununterbrochen mit ganzen Chören von Vogelstimmen. Zwischen knospenden Sträuchern hindurch hatten wir oft nach beiden Seiten des klippenreichen Bergabfalls eine herrliche Sicht in gesegnetes Land, das von der Sonne eines Sommertages erfüllt war, und wir mußten uns immer wieder, wenn wir unsere Augen aus unserem glanzerfüllten ,, Sibirien" zurückwandten, durch einen Blick auf den Wald vergewissern, daß wir nicht durch Zauberei ohne fühlbaren Übergang aus dem rauhen Vorfrühling, der noch in den Tälern herrschte, in ein Fabelland versetzt waren, in dem bereits August war, sondern daß uns vielmehr nach wie vor ein Märztag umgab. Über dessen junge Schönheit aber zogen am kristallklaren Himmel die Geschwader der Vernichtung dahin. Am Vormittag sahen wir in der Richtung nach Hannover zu eine riesige Brandwolke aufsteigen, die wie ein Berg aus weißer Watte in der Bläue des Firmaments stand, und nachmittags sahen wir dichten, schwarzen Brandrauch über Hameln, Gestapo gleiche S schon 193 Auch so, Jahr dav ein Ende nicht an gemeinsch darüber früher vo worden w In- die- Ers Es bega sonders d Den größten Teil des Tages trafen wir keinen Menschen auf dem zum Teil völlig verwachsenen, zum Teil in verdorrtem Laub verschwundenen Wege. Erst gegen Abend, als wir uns dem Abstieg nach Duingen zu näherten, stießen wir auf eine Art ,, Osterspaziergang" von Evakuierten. Als wir am Mittag auf einer freien Höhe, zu beiden Seiten einen unbegrenzten Ausblick in die in Dunst verschwimmenden Weiten, dahingingen, hatte Thilo gemeint, daß wir mit unserem Gefängnis, solange es nicht enger werde, noch ganz zufrieden sein könnten. Ich hatte ihm erwidert, daß wir allerdings gegenwärtig Häftlinge einer recht merkwürdigen Art seien, es gehe uns ähnlich wie dem Marquis Posa in Schillers Don Carlos, der allerdings vor uns noch die Illusion der Freiheit voraus habe und von dem, als er von seinem Schicksal ereilt sei, der Großinquisitor sagte: ,, Das Seil, an dem er flatterte, war lang, doch unzerreiß286 aus einem gesessen Der Geda schrecklic weit schle Luft hätt zanksücht suchten s Seelense sam anfei ihre Abn anderes bald nach Privatstu nicht glei wie unser Gefähr lings eine die Lage alle durc Am une Schicksal Buden- o gute Kan trigen, da n konnten. ng war, so geschritten. hr morgens radies von g für unser mehr seiner dem eben fel, die ihn eppich von Hie GartenSeidelbast, zum ersten blüht und eser Pracht, terblühten md die zum en Zweigen Chören von hatten wir e herrliche Cages erfüllt Augen aus n Blick auf efühlbaren mherrschte, ar, sondern essen junge ler der Verch Hannover aus weißer sahen wir uf dem zum chwundenen Duingen zu Evakuierten. n einen uneiten, dahinsolange es atte ihm erat merkwür in Schillers Freiheit vor, der GroßThunzerreißbar"; wir wollten nur hoffen, daß das gleichfalls noch lange Seil, an dem wir uns bewegten, sich nicht nur nicht verkürzen, sondern sich im Gegensatz zu demjenigen Posas auch als zerreißbar erweisen würde. 56. Buden- und andere Koller. Wir haben, als das Ende unserer Verbannung sichtbar näher kam, uns immer wieder rückschauend gesagt, wir könnten glücklich sein, daß die Gestapo bis zum Jahre 1944 gezögert habe, uns einzusperren, da das gleiche Schicksal, wenn es uns bereits 1942 oder 1939 oder gar vielleicht schon 1933 betroffen hätte, auf die Dauer kaum erträglich gewesen wäre. Auch so, wo wir nun allem Anschein nach mit einem knappen halben Jahr davongekommen waren, wurde es hohe Zeit, daß unser Abenteuer ein Ende nahm. Es traten in unserem Lager Erscheinungen auf, die zwar nicht an die Wurzeln unserer Kameradschaft rührten, aber doch unser gemeinschaftliches Leben immer mehr beschwerten. Ich bin mir nicht darüber klargeworden, ob hier mit der Zeit etwas aufbrach, was uns früher von Naziseite als„, unfruchtbarer Individualismus" vorgeworfen worden war. Es scheint mir aber, daß es doch wohl in erster Linie ein In- die- Erscheinung- treten lange verdrängter Unlustgefühle war. Es begann mit dem sogenannten ,, Budenkoller". Von ihm wurden besonders diejenigen befallen, die allzulange ,, schuhkrank" gewesen oder aus einem sonstigen Grunde beträchtliche Zeit ununterbrochen im Lager gesessen und sich dabei der Strecke mehr und mehr entwöhnt hatten. Der Gedanke, an unsere gewöhnliche Arbeit zurückzukehren, war ihnen schrecklich, aber das Versitzen der Tage in der Bude bekam ihnen noch weit schlechter, als ihnen sogar körperliche Überanstrengung in frischer Luft hätte bekommen können. Die von dem Koller Befallenen wurden zanksüchtig und in jeder Beziehung schwer genießbar. Seltsamerweise suchten sich die psychisch ,, Erkrankten" dieser Art meist einen von der ,, Seelenseuche" noch nicht befallenen Kameraden aus, den sie gemeinsam anfeindeten, und es war dann fast jede Woche ein anderer, dem sie ihre Abneigung sehr fühlbar werden ließen. Es gab hiergegen kein anderes Mittel, als, wie mein Freund Thilo es zu tun pflegte, sich alsbald nach Feierabend von der Umwelt ,, abzusetzen", d. h. sich in seine ,, Privatstube", also in sein Strohsackbett, zurückzuziehen und, wenn nicht gleich körperlich, so doch seelisch die Augen zu schließen oder, wie unser Stubengenosse Hen Delius das nannte, sich zu ,, bewigwamsen". Gefährlicher war der Liebeskoller, der mit dem Erwachen des Frühlings eine ganze Anzahl der Unseren erfaßt hatte. Toms hatte alle Mühe, die Lagerzucht wenigstens so weit aufrechtzuerhalten, daß wir nicht alle durch die Unbedachtsamkeit unserer Don Juans in Gefahr gerieten. Am unerfreulichsten aber war der ,, Spinn"-Koller, der manche unserer Schicksalsgenossen befiel und der meistens auf mangelhaft abreagierten Buden- oder Liebeskoller zurückging. Es gab, obwohl wir eigentlich alle gute Kameraden blieben, allmählich ein ganzes, wirres Netz von Intrigen, das der erste gegen den zweiten, der zweite und dritte gemein287 sam gegen den vierten und alle zusammen wieder gegen den ersten spannen, so daß sich schließlich niemand mehr durch die wirren Fäden hindurchfinden konnte und alles das nur sozusagen aus Langeweile oder einem unbestimmten Gefühl des Unbehagens heraus. - - und zwar Es konnte nicht ausbleiben, daß dies eines Tages einmal nicht nur bildlich gesprochen zu einem ganz gewaltigen Krach führte. Mein Freund Toms, der für die hingebungsvolle und aufopfernde Arbeit, die er täglich als unser Vertrauensmann leistete, von verschiedenen Seiten angefeindet wurde, erklärte verständlicherweise, daß er nun doch lieber nach Hause fahren wolle, wozu er ja infolge seiner Entlassung durch die Gestapo jederzeit die Möglichkeit hatte, und warf sein Amt den Unzufriedenen vor die Füße. Mein Freund Thilo, der ebenso ein Idealist wie Toms, aber nicht so scharfblickend wie dieser war ,,, verstand nichts mehr von dem, was sich um ihn ereignete", bekam beim Mittagessen darüber durchaus begreiflich einen Wutanfall und schmetterte seine Essenschale dabei so kräftig auf den Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang. Sein Versuch, mit dem ganzen Tisch, an dem er saß, ein gleiches zu tun, wurde von Waclaff noch gerade im letzten Augenblick vereitelt. Ich nahm Thilo beim Arm und spazierte mit ihm vor die Baracke. Dort im Freien gelang es mir, meinen aufgeregten Wandergenossen allmählich zu beruhigen. behrlich unseres lichen M ihn umg uns dan Dächern Auch kundgeg Die Situation war für unser Lager tatsächlich inzwischen sehr bedenklich geworden. Denn unser korrekter Bahnbeamter Hauser hatte erklärt, wenn Toms als Vertrauensmann nicht mehr mitmache, werde er sein Amt als Lagerführer niederlegen und ,, unsere ganze Gesellschaft der Gestapo in Hildesheim zur Verfügung stellen". Wir waren also gewissermaßen 5 Minuten vor 12 Uhr noch von einer Katastrophe bedroht. Denn die Gestapo würde gerade in der verzweifelten Stimmung, in der sich ihre Beamten damals zweifellos schon befanden, den geringsten Grad von Widersetzlichkeit oder Unordnung in einem Lager wie dem unseren zum Anlaß genommen haben, uns in irgendein Straflager zu stecken, aus dem wir wohl nicht lebend wieder herausgekommen wären oder uns noch einfacher abholen und ,, auf der Flucht erschießen zu lassen". Ich habe Toms diese Konsequenzen seines Schrittes vor Augen gestellt, und er war, vernünftig, wie er immer schon gewesen war, bereits selbst zu der Erkenntnis gelangt, daß er, nachdem unser Lagerführer mit dieser Drohung gekommen sei, seinen Posten beibehalten müsse, auch wenn ihn das eine noch so große Selbstverleugnung koste. - scher ge lichen P Vaterlan angetan Die N Ein Krach hat immer sein gutes: er reinigt die Luft, und Thilos zerbrochene Essenschüssel hat jedenfalls sehr dazu beigetragen, die durch die verschiedenen Lagerkoller geschaffene schwüle Atmosphäre so weit abzukühlen, daß unser Duinger ,, Idyll" einen harmonischen Abschluß finden konnte. 57. Mondscheinspaziergänge. sie von sich den Gängen munkelt früher e Waclaff und ich unternahmen fast allabendlich einen späten Gang durch die Dunkelheit, der zwar verboten, uns aber zu einer fast unent288 bei. Abe mer das Eines Hannove allzu ge ten Übe trauensa so dumn Sie doc haftes, s wird Sie Gestapo her gan Strecke weiteres untergan aller Of eine Ar des Naz sein kon war nic unseres bequem warteter mein Sc meiner 19mi's den ersten wirren Fäden ngeweile oder - und zwar Krach führte. ernde Arbeit, verschiedenen 3 er nun doch er Entlassung warf sein Amt er ebenso ein er war ,,, verbekam beim und schmetaß sie in tauch, an dem er de im letzten zierte mit ihm geregten Wansehr bedenkhatte erklärt, werde er sein esellschaft der also gewisserbedroht. Denn ng, in der sich veringsten Grad ie dem unseren er zu stecken, en wären oder eßen zu lassen". Augen gestellt, , bereits selbst ührer mit dieser sse, auch wenn und Thilos zer agen, die durch mosphäre so weit schen Abschluß en späten Gang einer fast unent behrlichen Entspannung von den Widerwärtigkeiten und Ärgernissen unseres damaligen Tages geworden war. In den manchmal schon sommerlichen Märznächten hatten wir oft das Glück, über unserem Ort und den ihn umgebenden Waldbergen klaren Himmel anzutreffen, und wir freuten uns dann mit Schnorr von Carolsfeld über ,, den Mondschein auf den Dächern einer kleinen deutschen Stadt". Auch Waclaff war, wie ich immer vermutet hatte, trotz allem von ihm kundgegebenen Hasse, im Grunde seines Herzens ein sehr guter Deutscher geblieben, und das Gesprächsthema, das uns auf unseren nächtlichen Promenaden immer wieder begleitete, war die Zukunft unseres Vaterlandes, das uns trotz allem, was uns seine damaligen Machthaber angetan hatten, unverändert teuer geblieben war, Die Neugierigen in unserem Lager hätten sich sehr gewundert, wenn sie von unseren Gesprächen etwas vernommen hätten. Sie zerbrachen sich den Kopf darüber, was wir eigentlich auf unseren geheimnisvollen Gängen trieben. Es wurde viel von gefährlichen Geheimnissen" gemunkelt. Daß Waclaff solche hatte und mich in sie eingeweiht hatte, ist früher erzählt worden. Darüber sprachen wir aber meistens nur nebenbei. Aber das Harmloseste, wenn es auch das Naheliegendste ist, ist immer das Unwahrscheinlichste. 58. Eine ,, Dienstreise". Eines Tages, als ich als ,, letzter Bremer" unserer Rotte unter lauter Hannoveranern auf der Strecke stand, trat unser allzu pünktlicher und allzu genauer Rottenmeister Bruhn auf mich zu und sagte zu meiner größten Überraschung zu mir:„, Nun sind Sie an der Reihe, sich vom Vertrauensarzt in Alfeld ein Heimatattest zu besorgen! Seien Sie doch nicht so dumm: Sie sehen ja, wie Ihre Kameraden es gemacht haben. Werden Sie doch einfach krank! Am besten bekommen Sie ein sehr schmerzhaftes, steifes Knie. Das ist am schwersten nachzuprüfen. Der Lagerarzt wird Sie sofort an den Vertrauensarzt nach Alfeld überweisen und die Gestapo wird Sie dann nach Hause entlassen. Sie haben sich ja bisher ganz gut gehalten. Aber Sie gehören nun einmal nicht auf die Strecke!" Hinsichtlich des letzten war ich mit ihm allerdings ohne weiteres gleicher Meinung. Im übrigen mußte aber tatsächlich ein Weltuntergang nahe sein, wenn ein so peinlicher Charakter wie Bruhn mir in aller Offenheit einen derart krummen Weg empfahl. Daß in Deutschland eine Art Weltende mit dem immer deutlicher werdenden Untergange des Nazismus bevorstand, war allerdings eine Tatsache, und daß es klug sein konnte, sich den Gefahren, die uns dabei bedrohten, zu entziehen, war nicht zu bestreiten. Trotzdem konnte ich mich mit dem Vorschlage unseres ,, Schwellengespenstes" nicht befreunden. Erstens war es mir unbequem, die Komödie des ,, eingebildeten Kranken" in der von mir erwarteten Abwandlung aufzuführen, und zweitens hatte ich Hemmungen, mein Schicksal gerade in diesem bedenklichen Augenblick von dem Los meiner Kameraden zu trennen. Da ich infolgedessen ziemlich sauer 19,, Imi's" 289 - - reagierte, wiederholte Bruhn, der das gar nicht verstand, seine Anregung noch zweimal ,. Ich merkte allmählich, daß der Allzugenaue im Auftrage anscheinend auch ein Zeichen der Bahnverwaltung sprach, die mir einen Gefallen tun und mich vielleicht auch der reif gewordenen Zeit im eigenen Interesse loswerden wollte, bevor die Alliierten anrückten. Ich kam dabei auf den Gedanken, dies auszunutzen, um zu Ostern auf ein paar Tage nach Hause zu fahren und meine Familie, die ich seit unserer wilden Weihnachtsfahrt nicht mehr gesehen hatte, zu den Feiertagen mit einem Besuch zu überraschen. schlech macht. Männer und Da geword Ich schenkte Toms über die mir gemachten Vorschläge reinen Wein ein, sagte ihm, daß ich sie unsympathisch fände, worin er mir beistimmte und schlug ihm vor, mir bei der Bahnverwaltung eine Dienstreise" genehmigen zu lassen, ähnlich den früher von Ehlers unternommenen Fahrten, allerdings mit dem wesentlichen Unterschiede, daß ich nichts für die Bahn, sondern etwas für unser Lager besorgen wollte. Ich hatte nämlich die Möglichkeit, in Bremen eine beträchtliche Menge Trinkpulver zu beschaffen, aus der sich ein gutes Limonadengetränk bereiten ließ, was für unsere ganze Kumpanei von Wichtigkeit sein konnte, da wir außer etwas sogenanntem ,, Bier" seit Monaten nur Kaffee- Ersatz getrunken hatten, der, weil meist schlecht oder gar nicht gekocht, regelmäßig scheußlich schmeckte. Toms war sofort einverstanden, und die Bahnverwaltung machte, wie ich erwartet hatte, keine Schwierigkeiten, so daß ich mit einer allerdings etwas bedenklichen Bescheinigung, die der ängstliche Herr Sachse selber unterschrieben hatte, auf die Fahrt gehen konnte. Ich fuhr über Hameln, das damals noch stand, aber wenige Tage später bei den Kämpfen über die Weserübergänge zum Teil zerstört wurde, und Hannover. Unmittelbar vor der letztgenannten Stadt geriet ich in einen Großangriff der amerikanischen Luftflotte, dessen Verlauf mir deutlich zeigte, daß die letzten Stunden von Hitlers Staat angebrochen waren. Da ich mit allen anderen Reisenden meines Zuges, der auf der Strecke stehenblieb, nichts anderes tun konnte, als mich auf das weithin offene Feld zu legen und das weitere dem Schicksal zu überlassen, hatte ich Gelegenheit, den Verlauf des Angriffs, bei dem zwanzig Geschwader eines nach dem anderen wie auf dem Paradefeld anflogen, in aller Ruhe zu beobachten. Die Hannoversche Flak, die offenbar völlig verschossen war, feuerte jedem der amerikanischen Geschwader nur eine einzige Salve, die infolgedessen jedesmal wie eine Art Ehrensalve wirkte, entgegen und schwieg dann völlig, während die Bombenteppiche auf die wehrlose und von fast achtzig vorangegangenen Luftangriffen schon nahezu völlig in Trümmer gelegte Stadt herunterrauschten. Als ich nach Beendigung des Angriffs quer durch Hannover ging, um nach dreistündiger Wanderung am entgegengesetzten Stadtrand einen Zug nach Wunstorf und von dort weiter nach Bremen zu finden, traf ich, so weit ich sehen konnte, nur auf Brand und Ruinen, wie, S tungen In den Bahnen waren Anzeichen einer vollkommenen militärischen Auflösung zu beobachten. Besonders ,, germanische SS." aller europäischen Nationen, die wir ja so gut kannten, hatte sich in ihren beiden Ge290 gehen. In B Freude gezoge nochma klärte durch mich möglic daß ic müsse. Gestap gesetzt Einig Freund mann Rad v beiden dem H Unse über d flogen. einzeln schafft schaut erzieh Bahn heimz bindun alliiert auf eig Famili zu ble Der dem b das g müsse 19 e Anregung m Auftrage ein Zeichen lleicht auch anrückten. Ostern auf die ich seit den Feierreinen Wein rbeistimmte streise" gemenen Fahrmichts für die atte nämlich pulver zu beließ, was für außer etwas nken hatten, ig scheußlich hnverwaltung daß ich mit er ängstliche en konnte, Tage später rt wurde, und ich in einen mir deutlich en waren. Da trecke stehenOffene Feld zu ich Gelegenler eines nach Ruhe zu beschossen war, einzige Salve, entgegen und wehrlose und hezu völlig in Seendigung des er Wanderung I und von dort konnte, nur auf militärischen er europäischen en beiden Ge- schlechtern ,, Krieger" und ,, Krankenschwestern" ,, selbständig" gemacht. Statt an die Front zu ihren Truppenteilen zu gehen, fuhren diese Männer und Frauen aus Belgien, Holland, Ungarn, Galizien, Norwegen und Dänemark, die sich in einem eigenartigen, bei ihnen zur Weltsprache gewordenen Deutsch verständigten, in welchem auffällig häufig Worte wie ,, Scheiße" und ,, Schiebung" vorkamen, seit Wochen nach allen Richtungen im Lande herum, um dem letzten ,, Nibelungen"-Kampfe zu entgehen. In Bremen angekommen und von meinen Angehörigen mit großer Freude begrüßt, mußte ich ein böses Furunkel, das ich mir im Lager zugezogen hatte und mit dem unser Paracelsus nicht fertig geworden war, nochmals operieren lassen. Da mein Arzt mich nicht für reisefähig erklärte und die Bahnverbindung zwischen Bremen und Duingen bereits durch die alliierten Panzer bedroht war, ich meine Familie, die froh war, mich wieder zu haben, auch in der jetzt eingetretenen höchsten Gefahr möglichst nicht wieder verlassen wollte, telegrafierte ich nach Duingen, daß ich krankheitshalber meine Rückkehr um einige Tage aufschieben müsse. Ich blieb in Bremen so, wie ich gekommen war, inkognito. Die Gestapo durfte nichts davon erfahren, da sie mich sonst unfehlbar festgesetzt hätte. 59. Eine nicht aufgegangene Rechnung. Einige Tage nach Ostern erschienen plötzlich eines Mittags meine Freunde Waclaff und Thilo und dessen Bruder Heino, der Schiffszimmermann bei mir auf der ,, Durchreise". Sie waren teils per Bahn und teils zu Rad von Duingen nach Bremen gelangt und fuhren alsbald weiter, die beiden Brüder nach Aumund, wo sie zu Hause waren und Waclaff zu dem Hof seiner zukünftigen Schwiegereltern bei Wesermünde. Unser Lager in Duingen war, als die Amerikaner sich den Übergang über die Weser erkämpft hatten und über den Ith herannahten, aufgeflogen. Toms hatte vorher die von mir angeregten Ausweise für jeden einzelnen unserer Kumpanei ausgerechnet von der Bahnverwaltung beschafft, die den eigentlichen Zweck dieser Papiere wohl nicht durchschaute. Mit der Bescheinigung, daß sie ,, von der Gestapo in das Arbeitserziehungslager Farge und von dort als Rottenarbeiter an die Duinger Bahn überführt seien", konnten meine Kameraden hoffen, ungefährdet heimzukommen. In einer nächtlichen Versammlung war, sobald die Verbindungen zwischen Duingen und der Gestapostadt Hildesheim durch die alliierten Panzerverbände unterbrochen worden waren, beschlossen worden, auf eigene Faust nach Haus zu fahren, da es die meisten von uns zu ihren Familien drängte. Nur eine kleine Minderheit entschloß sich, im Lager zu bleiben. Der allzu genaue und allzu pünktliche Rottenmeister Bruhn hatte an dem betreffenden Abend gerade durch einen Arbeiter sagen lassen, daß das ganze Lager bereits am nächsten Morgen früh vier Uhr ausrücken müsse, um eine bombenbeschädigte Teilstrecke in der Gegend von Vol19" 291 dagsen, eine Stunde Bahnfahrt von Duingen entfernt, zu reparieren. Der Bote Bruhn's war mit vielsagendem Lächeln empfangen und verabschiedet worden. Zu der festgesetzten Stunde waren unsere ,, Heimkehrer" schon unterwegs und sehr weit von Duingen entfernt. - es hat sich dabei nur um Die wenigen im Lager Zurückgebliebenen fünf Bremer und Wesermünder und etwa ein halbes Dutzend Hannoveranern gehandelt hat der furchtsame Herr Sachse noch dazu zu bewegen versucht, am nächsten Morgen zu der befohlenen Streckenreparatur anzutreten. Es ist ihm darauf ebenso sachlich wie ruhig erwidert worden, daß die Zeit unserer Zwangsarbeit vorbei sei und niemand im Lager daran dächte, eine solche Anordnung noch zu befolgen. Sachse ging achselzuckend, und tatsächlich waren am nächsten Morgen die Amerikaner schon so weit vorgedrungen, daß die Ausführung der letzten unserer Schicksalsgenossenschaft auferlegten Arbeit ohnehin unmöglich geworden war. Unsere im Lager zurückgebliebenen Kameraden haben es nach dem Einmarsch der Amerikaner gut gehabt. Sie sind nach und nach alle in Privatquartiere gezogen. Unser ehemaliges Lager wird heute von Nazis bewohnt. Der Verlauf der Dinge hat gezeigt, daß die Gestapo seiner am Ende nicht mehr Herr war. In erster Linie waren wir mit unserer Verhaftung gerade für den Fall ,, sichergestellt" worden, daß unsere Heimatstädte einmal von einer feindlichen Invasion bedroht werden sollten. Gerade als dies zur Wirklichkeit wurde, waren wir alle wieder zu Hause. Dazu beigetragen hat ohne Frage der Umstand, daß wider alles Erwarten der Nazi- Behörden unsere Verbannungsorte früher in die Hände der Alliierten fielen als unsere Heimatstädte. Hinzu kam die Überstürzung der Ereignisse, die dem Nazi- Staat endgültig sein Ende bereiteten und die Gestapo schneller, als sie es sich offenbar gedacht hatte, zwangen, sich statt mit unserer Liquidierung mit ihrer eigenen Tarnung zu befassen. In der Kampfta wordene meines rollen, e zwölf Ja fahren s sal erwa Wir In nur wied teilzunel über uns Wir w hadern. auch im nicht ein niemals lers Le unserer 292 rieren. Der und verabere„ Heimat. bei nur um HannoveHazu zu bekenreparaig erwidert niemand im Sachse ging die Amerider letzten unmöglich snach dem mach alle in e von Nazis er am Ende - Verhaftung Heimatstädte Iten. Gerade Hause. Dazu Erwarten der de der Allistürzung der eten und die wangen, sich befassen. NACHWORT In der Dämmerung eines Frühlingsabends sah ich, als nach mehreren Kampftagen und schwerem Bombardement der letzte völlig sinnlos gewordene Nazi- Widerstand in Bremen gebrochen war, vom Kellerfenster meines Hauses aus die ersten britischen Panzer in unsere Straße einrollen, ebenso, wie ich in der Dämmerung eines Frühlingsmorgens vor zwölf Jahren die ersten SA- Autos vor meinem Heim hatte vorüberfahren sehen: Beginn und Ende einer Episode, aus der das Sonderschicksal erwachsen war, von welchem diese Chronik handelt. Wir Imis waren nunmehr wieder Deutsche, wenn wir es zunächst auch nur wieder geworden waren, um an dem allgemeinen furchtbaren Leid teilzunehmen, das die Katastrophe des von den Nazis vertanen Reiches über unser ganzes Volk gebracht hat. Wir wollen mit unserem Geschick, wie es einmal geworden ist, nicht hadern. Denn wir können nun einmal gar nicht anders, als gerade jetzt auch im Unglück unseres Volkes Deutsche sein, trotzdem wir bis dahin nicht einmal mehr so heißen durften. Waren wir doch in unseren Herzen niemals etwas anderes. ,, Imis" sind wir nur in der von Hitlers und Himmlers Leuten über uns verhängten Vereinsamung und in den Lagern unserer Verbannung gewesen, 293