CONRAD FINKELMEIER DIE BRAUNE APOKALYPSE Erlebnisbericht eines ehemaligen Redakteurs der Arbeiterpresse aus der Zeit der Nazityrannei Mit Sonetten von MARGA PFEIFFER bland V 1 947 THÜRINGER VOLKSVERLAG GMBH., WEIMAR 175 7579 ar. a. Zueignung Ich will dies Buch der Wahrheit und der Leiden besonders in die Hand der Mütter legen, weil sie es sind, die unsere Kinder pflegen und sie erziehn zum Recht der neuen Zeiten, weil sie am besten Recht von Unrecht scheiden, das Leid aus eigenem verstehen mögen, weil hier Natur ist, Liebe, Ehrfurcht, Segen. So werden sie's am besten wohl verbreiten, daß es das Land durchhalle und die Weiten als ewger Mahnruf aus Vergangenheiten. Es soll die Geister sittlich höher heben mit einer neuen Sicht aus Blut und Tränen. Aus ungebrochenem Vollendungssehnen soll wieder Geist erstehen und das Leben. \ Die braune Apokalypse Urungeheuer kam durch Nacht gerast mit Höllenbrüllen, daß die Himmel bebten. Und alle wehrlos armen Menschen lebten, von Schreck und Grauen mörderisch erfaßt, verkrochen sich mit ihrer Nöte Last, bis ihre Leben dunkelbraun verebbten... Und Tod und Teufel, Seuche fühllos strebten, und Aug um Auge wurde starr, verglast. Tausend, Millionen Augen, Seelen, Geister, geblendet, roh geknebelt, jäh zertreten... da half kein Wimmern, Schreien, Flehen, Beten. Der Widerstand ward klein. Tyrann und Meister war jene höllenbraune Reiterei, von.Menschlichkeit, Gefühl und Ehre frei. Vorwort A Is im Frühjahr 1945 überall in Europa die Tore der Konzentrationslager durch die siegreichen Truppen der alliierten Nationen aufgestoßen wurden, boten sich den Befreiern Bilder einer furchtbaren Not, eines grauenvollen Elends, so furchtbar, daß ihnen das Herz und der Atem stockte. Leichenberge an Leichenberge türmten sich überall auf, Erschossene, Erschlagene und Verhungerte. Und überall krochen und lagen Hungernde und Menschen herum, die durch jahrelange Quälereien, Erniedrigungen und Miẞhandlungen auf eine Stufe herabgezwungen worden waren, auf der der Mensch als Mensch einfach nicht mehr existieren kann. In Buchenwald war das Entsetzen und die Empörung der Befreier über so viel Barbarei und Menschenschändung so groß, daß sie beschlossen, einen Teil der Weimarer Bevölkerung zu der Stätte des Grauens, die sich nur wenige Kilometer von der einstigen geistigen Metropole Weimar befand, zu kommandieren. Und sie kamen, junge Mädchen, Frauen und Männer, und die Hände, die sich sonst zur Schmach des Hitler- Grußes gehoben hatten, hoben sich nun als Schutz vor die Augen, die die Bilder des Grauens nicht sehen wollten, weil der Geist, der dem System der Verbrecher gedient hatte, nun vor ihm schauderte. Heute kennen alle die grausige Wahrheit der harten Tatsachen und wissen, daß in den Konzentrationslagern Furchtbares geschah. Nachdem die geheimnisbergenden KZ- Mauern gefallen. sind, liegt die grausamste Finsternis faschistischer Barbarei vor uns. Und jeder Deutsche, der noch einen Funken von Ehrgefühl und Scham hat, muß erkennen und beschämt fühlen, mit welch tiefer Verachtung alle gesitteten Menschen der Welt auf uns niederblicken müssen. Und wir müßten es als eine gerechte Strafe hinnehmen, wenn wir als grausame Barbaren behandelt würden, als Kulturnation gestrichen und uns alle Wege für eine bessere Zukunft verschlossen bleiben würden. Denn alle Deutschen haben um die Konzentrationslager gewußt und auch zumindest geahnt, welch mittelalterliche Methoden dort angewandt wurden. Dennoch hat das deutsche Volk diese entmenschte und blutige Barbarei jahrelang geduldet und zum großen Teil die Henker und Mörder durch ihre feige Willfährigkeit unterstützt. Niemand kann sich damit entschuldigen, daß er gegen den Terror nichts habe ausrichten können. Diese Ausrede ist zu billig, um ein ganzes Volk von der Schuld freizusprechen. Jeder einzelne hatte die Möglichkeit, wenigstens passive Resistenz zu üben, wenn nicht im großen, dann doch im 9 stehen, Glaube kleinen. Der gute Wille hätte Umwege und Vorwände finden können, wie aufrechte Menschen sie fanden. Als sich im Jahre 1941 nach zwei Jahren Gefängnis zum ersten Male das Tor in Buchenwald hinter mir schloß, bot sich mir gleich in den ersten Stunden ein so empörendes Bild von menschlicher Vertierung, von einer so abgründigen Verirrung des menschlichen Geistes, daß ich erkennen muẞte: alles, was ich bisher über die Konzentrationslager gehört und gelesen hatte, verblaẞte vor der grausamen und erschütternden Wirklichkeit. Und es ging mir wie jedem aufrechten und bewußten Menschen, der nach Buchenwald kam. Ein einziger Gedanke ergriff von mir Besitz: in dieser Atmosphäre der Unverantwortlichkeit, der Willkür, der Gewalt und Rechtlosigkeit, in dieser Atmosphäre, in der das Höchste auf Erden, das Leben des Menschen, nichts galt und zertreten wurde wie wertloses Gewürm, nicht, leben zu wollen, selbst abzuwerfen das furchtbare Kreuz, das einem hart und zentnerschwer auf den Rücken geladen worden war, unterzutauchen in den dunklen Grund des Nichtseins und Nichtwissens, sich selber darin auszulöschen. Dabei war das, was ich in den ersten Stunden in Buchenwald sah, gegenüber dem wirklichen Buchenwald, wie ich es in den nächsten Wochen und Monaten erlebte, nur eine Reihe kleiner, geringfügiger Eingriffe der SS, über die im Lager sich niemand aufregte oder sprach. Das wirkliche Buchenwald lernte ich erst kennen, als ich als Zugang drei Wochen lang im Steinbruch arbeitete und dann in der K- Kompanie, der sogen. Kriegsverbrecherkompanie, in die ich auf Grund meiner Akten versetzt wurde. Was der Steinbruch in Buchenwald, dem auch ich meinen Tribut an Blut und Schweiß zu zahlen hatte, durch sadistische Quälereien und durch frivole Mordlust gewissenloser Henker und willfähriger Büttel seit Bestehen bis zur Befreiung an Opfern gefordert hat, das festzustellen wäre ein aufschlußreicher Beitrag für die Größe der Verbrechen, die dort verübt worden sind. Heute muß sich ein einziger Volksschrei nach Sühne und Gerechtigkeit erheben, rund um die Schmach- und Mordlager, und sich fortpflanzen mit unaufhaltsamen Wellen durch die Herzen der gesamten gesitteten Menschheit, um zu einem einzigen Schwur zu werden, daß keiner der Verbrecher, der noch frei und ungestraft unter uns herumläuft, ohne die seinen Schandtaten gebührende Strafe ausgeht, daß aber auch diejenigen, die aktiv, ob Pg. oder nicht, das größte Verbrechersystem aller Zeiten unterstützten und guthießen, aus allen verantwortlichen Stellungen in der Verwaltung und in der Wirtschaft entfernt werden. Das sei deutsche Pflicht und Ehre, daß wir als Volk uns wieder sauberwaschen von der größten Schande der Kultur. Keine noch so schmutzige Gemeinheit, keine Drohung und keine noch so harte Arbeit, Strafe oder Mißhandlung hat die politischen Häftlinge in ihrem Glauben, für eine gerechte und gute Sache, für den sozialistischen Gedanken, für die Freiheit der Menschen und für die Menschenrechte zu ihr Leb Niedert keiten z Die s das deu gesteuer am Steu gescheh und Sch Meer v wußten, schaft Z weil sie deutsch Dörfer schen v rische von ih Schafot häusern umkame Kampf Tages trations Kämpfe zurufen Terror geist, de da, zu a brannt, im Reic standes Stirn, be entgegen freien G für alle Enthülle Zukunft braunen nicht zu nicht fal 10 mnen, wie ten Male en ersten von einer erkennen und ge-klichkeit. der nach phäre der in dieser en, nichts en, selbst chwer auf Grund des war das, wirklichen lebte, nur ager sich st kennen, ann in der uf Grund dem auch sadistische d willfähhat, das erbrechen, tigkeit eren mit unMenschheit, r, der noch dtaten gePg. oder guthießen, der Wirtr als Volk e noch so iftlinge in alistischen nrechte zu stehen, zu kämpfen und zu fallen, irre gemacht. Ihr unerschütterlicher Glaube an ein hohes Ethos und Ziel, für das schon viele Tausende vor ihnen ihr Leben hingeben mußten, hat sie stark gemacht, alle Gemeinheit und Niedertracht hinzunehmen, alle Quälereien, Miẞhandlungen und Grausamkeiten zu ertragen. • Die stolzen, bewußten und aufrechten politischen Menschen wußten, daß das deutsche Volk von einer Horde Minderwertiger in einen Abgrund hineingesteuert werden würde. Sie wußten, daß ein Wahnsinniger und Besessener am Steuer saẞ, dessen Hände wahllos in den Gängen des politischen Weltgeschehens herumtasteten, dessen unruhevolles Wesen herumirrte und Angst und Schrecken, Entsetzen und Verzweiflung verbreitete und Europa in ein Meer von Blut stürzen und in rauchende Trümmer verwandeln würde. Sie wußten, daß am Ende des blutigen Entsetzens, am Ende der braunen Naziherrschaft Zerstörung und Vernichtung, Niedergang und Chaos sein würden. Und weil sie das alles wußten, weil sie ihr deutsches Vaterland liebten und das deutsche Volk vor dem fressenden Feuer eines über blühende Städte und Dörfer hinwegrasenden Krieges schützen wollten, deshalb nahmen diese Menschen vom ersten Tage der Naziherrschaft den Kampf gegen die verbrecherische Politik der braunen Gewaltanbeter auf. Und wenn Tausende von ihnen, Frauen und Männer, verhaftet wurden, die Hitlerschen Schafotts besteigen mußten oder in den Konzentrationslagern, in Zuchthäusern, Gefängnissen und Gestapobunkern nach furchtbaren Leiden umkamen, dann waren wieder Tausende andere da, die den politischen Kampf fortführten, das eigene Leben nicht achtend, bis auch sie eines Tages verhaftet wurden und hinter Kerkermauern oder in den Konzentrationslagern verschwanden. Und immer waren sie da, die Künder und Kämpfer der Wahrheit, immer und überall, um das Volk wachzurütteln, aufzurufen zur Erkenntnis der Wahrheit, das Volk zu beschwören, sich nicht dem Terror zu beugen, in jenem hündisch- gehorsamen Sklaven- und Untertanengeist, der von je das typische Merkmal des Deutschen war. Immer waren sie da, zu allen Zeiten, und wurden verfolgt, gehetzt, erschossen, gehängt und verbrannt,' in vergangenen Jahrhunderten wie im gegenwärtigen, besonders aber im Reiche Hitlers und seiner Henker. Und wie schwer die Leistung des Widerstandes auch in dieser Zeit war, sie vollbrachten sie. Sie boten die freie Stirn, beugten nicht den Rücken und reckten die erhobene Faust dem Feind entgegen, dem einzigen Feind, der im eigenen Lande wütete, und sorgten, den freien Geist zu bewahren und reinzuhalten, damit er Mahner und Beispiel sei für alle Schwankenden und innerlich nicht Hitlerhörigen, daß er Deuter und Enthüller des faulen Zeitkerns sei und Künder einer besseren und freieren Zukunft. Und immer waren sie da und mühten sich, die Befreiung vom braunen Sklavenjoch in die eigene Hand zu nehmen. Und sie hoben diese nicht zur Schmach des Hitlergruẞes, weil sie die Würde des freien Geistes nicht fallen ließen, und schlossen sie lieber zur illegalen oder offenen Kampf11 faust als zur Arbeitsfaust am Riesengefüge der nazistischen Kriegsmaschine, ja, sie ließen lieber ihr Leben zerbrechen als ihren Geist, der frei geboren und gewachsen war und Früchte tragen wollte für eine erlöste Menschheit. Aber der preußische Untertanengeist siegte. Zu tief war er von den früheren Machthabern, den Militaristen und anderen Kriegstreibern in das deutsche Volk verankert worden. Das deutsche Volk hörte zwar die Stimmen der Mahner und Rufer, aber es war seit vielen Generationen an den Befehlston des preuBischen Feldwebels gewöhnt, und so fügte es sich auch jetzt wieder den Befehlen und Anordnungen von oben, obwohl großen Teilen nach den Enttäuschungen der ersten Jahre bereits ganz offenbar geworden war, daß der Weg Hitlers für die meisten Deutschen eine endlose Straße in Knechtschaft, Furcht, Grauen und Schrecken werden und schließlich in einem Weltbrand endigen würde, der seine grellodernden Flammen an alle Himmel warf. Das deutsche Volk fand von sich aus nicht die Kraft, die Fesseln der Tyrannei zu sprengen. Es opferte lieber Millionen junger blühender Menschen, es opferte Heim und Herd, es opferte Städte, Dörfer und Fabriken, es opferte Ehre und Ruhm seiner alten angesehenen Kultur. Und alles Opfern war umsonst. Denn es opferte für die Wahnideen einer Handvoll politischer Hochstapler und Abenteurer, es opferte für die Teufeleien menschlicher Ungeheuer, es opferte für die gigantischen Raubzüge in Europa, Asien und Afrika, es opferte für die Vernichtung und Ausrottung ganzer Völker und Rassen, es opferte und opferte, um am Ende in der eigenen Schmach und Schande zu versinken. Hätte das deutsche Volk nur einige Hunderttausend mehr aufrechte, bewußte und stolze Frauen und Männer gehabt wie diejenigen, die den Mut aufbrachten, sich nicht hinter den sogenannten Führer zu stellen und lieber in die Vernichtungslager der KZ, in die Gefängnisse und Zuchthäuser gingen, hätte das deutsche Volk den Versuch gewagt, die Blutherrschaft der Nazis zu stürzen, um wieviel geringer wären die Opfer gewesen. Es gäbe heute nirgends in der Welt solchen Hunger und solche Not wie jetzt, keine zerstörten Städte, Dörfer und Fabriken, keine aus ihrer Heimat Verjagten, keine zu Krüppeln geschossenen Männer, keine Tränen der Mütter um den noch immer vermißten Sohn, es gäbe keine Besatzung und keine Befehle fremder Mächte in Deutschland. Wenn wir heute eine Bilanz ziehen über die grausige und dunkle Zeit, die ein größenwahnsinniger Halbirrer nicht nur über Deutschland, sondern über die ganze Welt gebracht hat, wenn wir heute eine Bilanz ziehen über die furchtbaren Verbrechen, so ist diese Bilanz so grauenhaft, daß wir von dem Vernichtungsausmaß dieser blutigen Geschichtse poche uns mit Schaudern und verhülltem Antlitz abwenden müssen. Vierzehneinhalb Millionen Gefallene! Ihr Blut hat die Erde Europas in Strömen getränkt. Und das traurige Denkmal ihrer Massengräber ist naẞ von den Tränen der Mütter und Frauen. 12 Fast dr gräßlich setzen de fetzten un Fünfeir und Kind gemetzelt Herrenras Elf M gespensti Verhunge gaste, Ve waren, d formen e das wie d könnte. Aber a stumm u an, hier menschlic ihre Kno Und ford vergessen Trägheit, bricht es unsere Si Sie deute Früchte a So sin und ein Apokalyp Heute Und es s unseres V auslöschl hat jetzt seinen H durch Du ist es not über sein anderen einzelne Ideologier maschine, boren und heit. früheren deutsche er Mahner des preuer den Beden Entr, daß der echtschaft, Weltbrand warf. esseln der nder Menabriken, es les Opfern politischer licher UnAsien und Völker und mach und rechte, beden Mut d lieber in ser gingen, schaft der a. Es gäbe jetzt, keine Verjagten, ter um den ne Befehle le Zeit, die ondern über die furchtn dem Veraudern und Europas in ist naß von Fast drei Millionen Bombardierte! Frauen, Mütter und Kinder, Greise, alle gräßlich umgekommen unter den Trümmern der Städte und Dörfer. Das Entsetzen des Infernos der Bombenuntergangsnächte schauert noch um ihre zerfetzten und phosphorverkohlten Körper. Fünfeinhalb Millionen Ermordete in fremden Ländern! Männer, Frauen und Kinder, dörfer- und städteweise wahllos auf brutalste Weise niedergemetzelt, im Zuge der wahnsinnigen Ausrottungsidee, um der nordischen Herrenrasse ,, Lebensraum" zu verschaffen. Elf Millionen Tote in den Konzentrationslagern! Ein endlos grauer gespenstischer Elendszug, der grauenhafteste Zug der faschistischen Opfer, Verhungerte, Erschlagene, Zertretene, Erschossene, Erhängte, Vergiftete, Vergaste, Verbrannte. Die Reste ihrer Gebeine, die im Leben schon Totenskelette waren, die Staubflocken ihrer Asche, die in alle Winde verstreut wurden, formen ein unfaẞbares Bild von menschlicher Grausamkeit und Gemeinheit, das wie der fratzenhaft verzerrte Spuk einer imaginären Höllenmacht anmuten könnte. Aber alles ist Wahrheit! All diese Toten erheben sich und sind nicht stumm und werden es niemals sein und schließen sich zusammen und klagen an, hier wimmernd, flehend, bettelnd, dort schreiend, brüllend aus der unmenschlichen Not- und Jammertiefe ihres einstigen Lebens. Und sie strecken ihre Knochenhände nach uns aus und hindern uns am Gleichmut unserer Tage. Und fordern, uns immer wieder an das zu erinnern, was das deutsche Volk vergessen möchte, weil es mitschuldig wurde an jenem Riesenverbrechen durch Trägheit, Feigheit und Gedankenlosigkeit. Aus ihren schwarzen Augenhöhlen bricht es wie die Scheinwerfer ihrer einst lebendigen Geister und bohrt sich in unsere Sinne, grell beleuchtend, was sie kämpften, litten und opfern mußten. Sie deuten die Zeit, daß wir sie formen und aufbauend neu gestalten und Früchte aus ihrer Glut und ihrem Opfer ziehen mögen. So sind wir verpflichtet, wenn wir noch Scham, Ehre und Würde haben und ein Menschentum, das sich über Tier und Teufel Mensch und seine Apokalypse erhebt. Heute nun befindet sich das deutsche Volk im Glutofen seiner Bewährung. Und es steht nichts Geringeres auf dem Spiele als der Bestand und die Ehre unseres Volkes und unserer Nation. Das deutsche Volk, das zwölf Jahre die unauslöschliche Schande ertrug, von seinen Unwürdigsten regiert zu werden, hat jetzt unter der Kontrolle der Befreier noch einmal die Chance, durch seinen Haß gegen das Gestern die Schmach und Schande zu tilgen, die es durch Duldung der ungeheuerlichsten Verbrechen auf sich geladen hat. Darum ist es notwendig, daß jeder in sich selbst erst einmal die Begriffe über Leben, über seine Mitmenschen, über Gesellschaft und schließlich auch über die anderen Völker und Staaten richtigstellt. Darum ist es notwendig, daß jeder einzelne seinen eigenen geistigen Bestand nachprüft und das Gestrüpp falscher Ideologien, in das er durch die Verworrenheit des Nationalsozialismus ge13 raten war, entfernt. Sie müssen sich alle ein neues Weltbild schaffen, ein Weltbild, das zukunftshoffend die positiven Kräfte in ihnen weckt für den Aufbau einer wirklich demokratischen Ordnung sowohl auf politischem wie auch auf wirtschaftlichem Gebiete, einer Gesellschaftsordnung, die der Menschheit Glück, Wohlstand und eine reiche Kultur sichert. - Noch bis in unsere Tage ist der sozialistische Gedanke von den Nutznieẞern der kapitalistisch- imperialistischen Gesellschaftsordnung verfemt und die sozialistische Gesellschaftsordnung verzerrt wiedergegeben worden. Und da die Nutznießer der kapitalistischen Gesellschaftsordnung in allen Staaten der Welt mit Ausnahme von Sowjetruẞland die Völker der Welt nicht nur durch den Machtapparat des Staates beherrschen, sondern auch das ganze Gesellschaftsleben der Menschen beeinflussen, ist es gar kein Wunder, daß große Teile der Bevölkerung bis in die Reihen der Intelligenz den Sozialismus als eine kulturfördernde Gesellschaftsform ablehnten. Erst jetzt erfährt das deutsche Volk zum ersten Male von den gewaltigen Leistungen, die der erste sozialistische Staat der Welt, Sowjetrußland, auf allen Gebieten des Lebens und nicht zuletzt auch auf dem Gebiete der Kultur vollbracht hat. Aus einem rückständigen Agrarstaat mit einem riesenhaften Analphabetentum ist ein hochentwickelter Industriestaat geworden, der heute schon als Weltproduzent an zweiter Stelle steht und morgen durch seine krisenlose Entwicklung auch Amerika überflügelt haben wird. Aus dem Analphabetentum der Zarenzeit ist ein stolzes, bewußtes Volk geworden, daß das sozialistische Vaterland begeistert verteidigte und die braunen Räuber, Plünderer und Mörder verjagte und vernichtete. Voller Staunen und Ehrfurcht müssen wir uns heute fragen, wie es nur möglich war, daß dieser selbst in der Agrarwirtschaft so rückständige Staat in den wenigen Jahrzehnten seines Bestehens als sozialistischer Staat so gewaltige Leistungen auf allen Gebieten des Gesellschaftslebens hervorgebracht hat. Die Antwort auf diese Frage lautet: Erst der Sozialismus hat die gewaltigen Produktivkräfte dieses Volkes freigelegt, sie entwickelt und sie für die Interessen des russischen Volkes eingesetzt. In einem sozialistischen Staate gibt es keine arbeitslosen Einkommen, keine Schmarotzerexistenzen, die auf Kosten der arbeitenden Massen ein gutes Leben führen. Es ist die Tragik aller kapitalistischen Länder, daß sie in ihrer Entwicklung den Keim schwerer wirtschaftlicher Erschütterungen in sich tragen, die naturnotwendig zu bewaffneten Konflikten innerhalb des kapitalistischen Weltsystems führen müssen, um die Fragen der Rohstoffquellen und Absatzmärkte neu zu regeln. Die Kapitalisten in Deutschland haben in den letzten drei Jahrzehnten zweimal versucht, mit den Mitteln der Gewalt die Rohstoffe und Absatzmärkte der Welt zugunsten der stürmischen Entwicklung der deutschen Industrie anzupassen. Die Versuche der deutschen Kapitalisten sind endgültig gescheitert und endeten zuletzt mit einer Riesenkatastrophe für das gesamte deutsche Volk. 14 Der K Völker d führt wu listischen welcher nichts an der deuts und Koh neuen S märkte d Der S keine Kr Staate gi Elend un Wirtscha wird und dem gan Lebenssta zugute ko um so n standard Staat, So lichen A heute ber lichen L schen St Maschine produzier hersteller stellung es der V Sowjetru die unmi durch Ja Aufbau s Gefahren regiert. Damit der tücki müssen w mitarbeite dens ist d land ist d chaffen, ein ckt für den tischem wie g, die der den Nutzerfemt und orden. Und len Staaten Welt nicht auch das kein Wunelligenz den . Erst jetzt Leistungen, en Gebieten vollbracht en Analphaheute schon eine krisenm Analphan, daß das en Räuber. wie es nur ndige Staat er Staat so s hervorgealismus hat wickelt und m sozialistiSchmarotzerben führen. Entwicklung n, die naturschen Weltbsatzmärkte en drei Jahrffe und Aber deutschen cheitert und utsche Volk Der Krieg ist die furchtbarste, grausamste und blutigste Geißel für alle Völker der Welt. Während früher noch Kriege um religiöse Prinzipien geführt wurden, haben die heutigen Kriege ihre Wurzel nur noch in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, gleichgültig unter welcher Maske oder in welcher Tarnung die Kriegstreiber auch auftreten. Die Hitlerdiktatur war nichts anderes als die brutalste Form der Ausbeutung und ein letzter Versuch der deutschen Imperialisten, der Finanz- und Industriemagnaten, der Eisenund Kohlenkönige, der preußischen Junker und Militaristen, mit Hilfe von neuen Schlagworten die Herrschaft über die Rohstoffquellen und Absatzmärkte der Welt um jeden Preis an sich zu reißen. Der Sozialismus hingegen kennt keine Wirtschaftskrisen und führt auch keine Kriege um Rohstoffquellen und Absatzmärkte. In einem sozialistischen Staate gibt es keine Arbeitslosigkeit, keine Wohnungsnot, keinen Hunger, kein Elend und auf keinem Gebiete eine krisenhafte Ueberproduktion, weil die Wirtschaftslenkung nach den Bedürfnissen der Bevölkerung durchgeführt wird und Verbesserungen der Arbeitsmethoden durch technische Erfindungen dem ganzen Volke durch Verkürzung der Arbeitszeit, durch Erhöhung des Lebensstandards und durch Verbreiterung und Vertiefung der Kulturaufgaben zugute kommen. Je mehr in einem sozialistischen Staatswesen produziert wird, um so niedriger wird die Arbeitszeit, doch um so höher wird der Lebensstandard und mit diesem auch das Kulturniveau. Hätte der erste sozialistische Staat, Sowjetrußland, seine gewaltigen Produktivkräfte nur für den friedlichen Aufbau seiner sozialistischen Wirtschaft einsetzen können, er hätte heute bereits alle Kulturländer der Welt auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens überflügelt. Aber er war gezwungen, den neuen sozialistischen Staat nach innen zu festigen und nach außen zu sichern. Anstatt Maschinen, Autos, Fahrräder, Uhren, Radioapparate und Haushaltsartikel zu produzieren, mußte er Kanonen, Tanks, Flugzeuge und anderes Kriegsgerät herstellen, um sich vor den äußeren Feinden zu schützen. Dabei ist die Herstellung von Kriegsgerät, volkswirtschaftlich gesehen, immer destruktiv, weil es der Vernichtung von wirklichen Werten dient. Wie richtig diese Politik Sowjetrußlands war, zeigt die Geschichte dieses Krieges. Erst jetzt, nachdem die unmittelbare Bedrohung vom Westen durch Deutschland und im Osten durch Japan beseitigt ist, kann es sich in stärkerem Maße dem friedlichen Aufbau seiner sozialistischen Wirtschaft widmen. Aber noch sind nicht alle Gefahren beseitigt. Der größere Teil der Welt wird noch immer kapitalistisch regiert. Damit wir jederzeit in der Lage sind, die offenen und geheimen Anschläge der tückischen Reaktion besonders in Deutschland abzuwehren, wollen und müssen wir uns in die große Front der Friedensfreunde einreihen und aktiv mitarbeiten am Aufbau einer friedlichen Welt. Der sicherste Garant des Friedens ist der Sozialismus. Und Träger des sozialistischen Gedankens in Deutschland ist die Arbeiterschaft, die gesamte Arbeiterschaft, die des Geistes wie der 15 Hand, die sich in diesen Tagen nach dreißigjährigem Bruderkampf wieder zu einem einheitlichen Block und Bollwerk gegen die faschistische und militaristische Reaktion zusammengeschlossen hat. Damit nie wieder ein 1933 möglich wird, müssen alle Freunde des Volkes, alle Freunde des Friedens und der Freiheit und alle diejenigen, die sich durch das Gestern hindurchgerungen haben, sich zusammenschließen und die aktive Kampffront stärken. Wir dürfen jetzt der faschistisch- militaristischen und besonders der industriellen Reaktion keine Möglichkeit geben und keine Zeit lassen, Atem zu holen oder sich zu konsolidieren. Sie darf sich von den furchtbaren Schlägen, die sie jetzt erhalten hat, nie wieder erholen. Das aber können wir nur erreichen, wenn wir zusammenstehen und gemeinsam die geistigen und materiellen Trümmer, die der Nationalsozialismus hinterlassen hat, beseitigen und einem neuen Geiste zum Durchbruch verhelfen, der die Schmach und Schande tilgt, die Hitler und seine Henker über das deutsche Volk gebracht haben. Wenn uns dies gelingt, dann können wir sagen, daß wir das Schlimmste hinter uns haben. Denn das Schlimmste für das deutsche Volk wäre der Rückfall ins Gewohnte gewesen. Je schneller und gründlicher sich das deutsche Volk von seiner unseligen Vergangenheit löst, um so eher wird auch das Vertrauen der anderen Nationen zu ihm wiederkehren, um so eher wird auch Deutschland seine Selbständigkeit wiedererlangen. Die Welt richtet heute ihre Blicke auf die Haltung und Initiative der deutschen Arbeiterschaft. Ein Deutschland unter Führung der geeinten Sozialisten ist ein Deutschland, das seine politische und wirtschaftliche Einheit rettet, das den Frieden sichert, die Freiheit der anderen Völker garantiert und dem Volke Glück, Wohlstand und Zufriedenheit bringt. So soll der Ruf unserer ermordeten Mitkämpfer und Leidensgenossen: ,, Ihr sollt aus unserm Geist die neue Zeit bereiten!", richtig verstanden und befolgt, ein heiliges Vermächtnis für uns Lebendige sein, eine Quelle neuer freudiger Kampfkraft und ein leuchtender Weg zum großen Ziel. Jena, im November 1945. 16 Conrad Finkelmeier. 2 Finkel f wieder zu und milita- des Volkes, sich durch 1 die aktive 5 ischen und„Das tausendjährige Reich“ | keine Zeit. furcht- N:“= m: Wie ihre Worte laut und prahlend tönten ie geistigen vom„Dritten Reich“ und seinen„tausend Jahren“, en hat, be 7 daran sie trotzig festgekettet waren ie Schmach:% ER und das sie ehern, stark und machtvoll wähnten. aß wir das= ıtsche Volk Zwölf Jahre war das Reich in ihren Händen. Zwölf Jahre Not und Tod hat es erfahren, d unseligen Zwölf Jahre herrschten ihre Henkerscharen. : Nationen ständigkeit Die Blutgeschichte zählt nach tausend Bänden, » der deut- A|! erzählt von Tausenden von Städtebränden, ai von Tausenden und Millionen Morden, heit rettel,, A ; und dem vom Schreien Sterbender und Kinderwimmern sen:„Ihr in Tausenden und Millionen Trümmern. nd befolgt, Ein Sehutt- und Schlachtfeld in zwölf Jahreswenden r freudiger 5 ARE, Bere ist aus dem„taugendjährigen Reich“ geworden. ‚eier. 2 Finkelmeier: ‚Apokalypse j 17 18 Das Bild der deutschen Ehre I. Es war der ganze Auswurf der Nation, zusammen dicht geballt und konzentriert, und an der Spitze, stark glorifiziert, in Feldherrntoga stand der braunste Sohn der brüllend höllischen Inkarnation. Das Ganze war bewußt organisiert. Der letzte Zellenkern war infiziert. Und wo's am meisten stank, war Gut und Lohn. Fletschenden Zahns in krasser Grausamkeit, verlogen, feig, gemein, voll biss'gem Hohn, so hockte das Verbrechen auf dem Thron und schuf ein Weltenmeer von Blut und Leid. Es war einmal das Bild der deutschen Ehre. Es schwand - besudelt und voll Schmach ins Leere. F H b 1 I N e S d F 2* II. Es war einmal das Bild der deutschen Ehre. Und Fremde gab's, die zogen tief den Hut, betrat ihr Fuß des deutschen Landes Gut. Auf daß es sie erbaue und belehre, befuhren sie die Länder und die Meere, und deutscher Wert gab ihnen frischen Mut. Da kam die Welte poche: Haß und Blut, Mord, Terror, Machtwahn, braune Lügenlehre. Und das Geknechtete war ohne Wehre. Und aus dem Volk der Dichter und der Denker erstand ein Volk der Richter und der Henker, so feige und erbärmlich, ohne Würde, daß man das Deutsche trug wie eine Bürde. Es war einmal das Bild der deutschen Ehre... 2* 19 III. Es war einmal das Bild der deutschen Ehre. Und viele wußten nicht, wie tief es sank, wie es im Untermenschlichen ertrank, das einstmals hohe Bild der deutschen Ehre. Und mancher weiht ihm eine bittre Zähre, manch Ehrbewußter, der vom Wahn nicht krank und nicht verbrecherisch das Richtbeil schwang, erkennt, auf daß sein heilger Zorn sich mehre, und schwört der Trümmerwelt den heilgen Schwur, der Leichenwelt: Vergeltung, Rache, Sühne! Wir wollen handeln nach der Rechtsnatur und nicht versagen auf der Weltenbühne, S wa ESI Stadt öffneten gewasche reste an Menschen Elektrisch Im Zei endet. Er von Arbe Nieman hatte, W des Allta Nachde Rotations die Reda An der H Es wa Aber an ruhigte 20 auf daß es sich zurück zum Guten kehre und wieder lebt, das Bild der deutschen Ehre. Wir r gi gasse ein hinterein Häusche Plötzli vor dem In ihr An de maschine Schwe ging in gend gin Zwischen 1933 und 1940 s war der 30. Januar 1933. Ein düsterer Himmel wölbte sich über der Es Regenwolken öffneten in kurzen Intervallen ihre Schleusen. Die Straßen waren rein gewaschen. Nur hie und da befanden sich noch schmutzig- graue Schneereste an den Straßenrändern. Vor dem stark strömenden Regen eilten die Menschen in schützende Häuser oder versuchten, mit der überfüllten Elektrischen nach Hause oder an ihre Arbeitsstätte zu gelangen. Im Zeiss- und Schottwerk in Jena war die Mittagspause noch nicht beendet. Erst in einer halben Stunde würde sich die Stadt mit den Tausenden von Arbeitern und Angestellten beleben. Niemand ahnte, was sich am Vormittag dieses Tages in Berlin ereignet hatte. Weder Begeisterung noch Entsetzen war in den vom Gleichschritt des Alltags stumpfen Gesichtern zu lesen. Nachdem ich in eilender Hast die ersten Nummern der Zeitung bei der Rotationsmaschine überprüft und zum Druck freigegeben hatte, verließ ich die Redaktion und eilte durch den Regen, um eine Elektrische zu erreichen. An der Haltestelle erwartete mich meine Frau. Es war gar nicht ihre Art, mich an schlechten Wettertagen abzuholen. Aber an diesem Mittag trieb sie ein beklemmendes Gefühl zu mir. Ich beruhigte sie, daß nichts Bedrückendes oder Bedrohliches vorgefallen sei. Wir gingen nach dem Stadtinneren und schwenkten in die enge Wagnergasse ein. Wegen des Regens und der Enge des Bürgersteiges gingen wir hintereinander und drückten uns dicht an die Fronten der kleinen, winkligen Häuschen. Plötzlich lähmte mich ein erschreckter Ausruf meiner Frau. Sie stand vor dem leeren Schaufenster der dürftigen Nazi- Buchhandlung. In ihren Augen war fassungsloses Entsetzen. An dem Schaufenster war ein kleiner Zettel angeklebt. Mit Schreibmaschinenschrift stand zu lesen: ,, Der Reichspräsident von Hindenburg empfing heute Adolf Hitler und ernannte ihn zum Reichskanzler des Deutschen Reiches." Schweigend las ich es, schweigend nahm ich den Arm meiner Frau und ging in der Richtung nach unserer Wohnung in der Erfurter Straße. Schweigend gingen wir an der Wohnung vorbei, stiegen auf schmalen Pfaden die 21 regenfeuchten bewaldeten Hänge herauf bis zur Paul- Kahle- Höhe, eines Lieblingsplatzes meines besten und vertrautesten Parteifreundes, des Prof. Hermann Baege. Erst kürzlich hatten wir beide in der winterlichen Nachmittagssonne eines besonders freundlichen Tages hier oben gesessen, wo er mit prophetischer Sehergabe das Kommen Hitlers und damit den Beginn eines grausigen und entsetzlichen Dramas für das völlig unrevolutionäre, gutmütige und götzenanbetende deutsche Volk verkündet hatte. Die Sonne glänzend auf seinem vollen schneeweißen Haar, die Unruhe des Kommenden in den ausgeprägten Linien seines revolutionären Feuer- und Charakterkopfes. Wenn ich mir heute nach 12 Jahren dieses Bild in die Erinnerung zurückrufe, so sehe ich ihn noch immer deutlich neben mir auf der Bank sitzen. Es hatte aufgehört zu regnen. Aber am westlichen Horizont zeigte sich nirgends eine Lichtunterbrechung in der tiefhängenden grauen Wolkendecke. Schweigend löste ich meinen Arm und führte meine Frau zur Bank. Sie spürte, wie der Schrecken mich gelähmt hatte und welch schicksalhafter Art die Gedanken waren, die mich gepackt hielten. Wir hatten oft im Kreise unserer Freunde über die Inkarnation des Bösen, die sich in der Nazi- Führerschaft gesammelt hatte, diskutiert. Wenn diese Führerschaft zu Macht und zur Führung des Staates gelangte, war es mit der Freiheit des Individuums vorbei, und der mühevolle und unter großen Opfern gezeigte Versuch einer Verständigung mit dem Auslande war umsonst. Ihre Reden und ihr Programm ließen darüber keinen Zweifel. Und daß sie gewillt waren, ihre Drohungen mit aller Rücksichtslosigkeit durchzuführen, zeigten die blutigen Exzesse ihrer Propagandazüge. Für uns selber gab es nichts als einen Kreuzweg... Was soll nun werden?" Der Ton einer bangen Hilflosigkeit klang in der Stimme meiner Frau. " 7 Es war für mich schwer, auf diese Frage zu antworten. Wenn ich ihr sagen sollte, was in mir drängte und bohrte, hätte sich ihre Ratlosigkeit und Verzweiflung noch gesteigert. Nirgends ein schwacher Hoffnungsstrahl auf ein bescheidenes Dasein, auf ein wenig Glück und Freude. Nacht ringsum. Not und Elend auf Jahre, vielleicht auf viele Jahre. Ich war Funktionär einer marxistischen Partei, Redakteur einer sozialdemokratischen Zeitung. Grund genug, mich zu verleumden, über mich herzufallen, mich zu vernichten. Es gab keinen Ausweg. Durfte ich unter solchen Umständen ihr Leben noch weiter an das meine ketten? Sie war politisch unbelastet. Wenn ich sie freigab, dann war wenigstens ihr Leben gerettet. Mit ihrer malerischen und schriftstellerischen Begabung würde sie sich bald eine neue Existenz aufbauen können. ,, Wir werden uns wohl trennen müssen", antwortete ich gepreẞt und hielt den Blick zu Boden. 22 Ich „ Nei Begu ..Ich wohin anders. Er wir und in bürger polizei Möglic seinem in Gru unwah auch der H hinwe auch 0 tionen land h dürfen nicht schwer Letzt werde gewißl Die O Sie strich Nac dem v Entsch sollte. Ni du mi uns d Nu erregt als tr Seite Ein den tapfer e, eines es Prof. ne eines netischer gen und götzenseinem eprägten mir heute ich ihn igte sich endecke. ank. Sie after Art es Bösen, nn diese r es mit großen war umfel. Und it durchg in der ich ihr tlosigkeit ngsstrahl ahre. Ich zialdemo ch herzu ar Leben Wenn ich lerischen Existenz und hielt Ich spürte, daß das karge Wort wie ein Stoß durch ihren Körper ging. ,, Nein", sagte sie laut und fest und stand auf. Begütigend zog ich sie zur Bank zurück und bat, mich ruhig anzuhören. ,, Ich muß den Weg, den ich bisher gegangen bin, weitergehen, gleichgültig, wohin er führt. Ich bleibe Sozialist, was auch kommen mag. Ich kann nicht anders. Aber der Hitler- Staat, der kommen wird, wird uns nicht mehr dulden. Er wird unsere Organisationen zerschlagen und uns Funktionäre verfolgen und in Gefängnisse und Zuchthäuser werfen. Grundgesetze für den Staatsbürger gelten für uns nicht mehr. Recht- und schutzlos werden wir der polizeilichen Willkür preisgegeben sein. Ich sehe keinen Weg, der uns die Möglichkeit zum Leben lassen würde. Aktiven Widerstand wird Hitler auf seinem Wege kaum finden. Die Arbeiterschaft ist uneins und in Parteien, in Gruppen und Grüppchen aufgespalten. Eine Einigung halte ich jetzt für unwahrscheinlich. Die Masse der Arbeiter drängt zwar zum Kampf, sie würde auch kämpfen, aber die einheitliche Führung fehlt. Erst wenn eines Tages der Hitler- Faschismus mit seinen braunen und schwarzen Horden über uns hinweggeschritten sein wird und sein blutiger Terror triumphiert, werden auch die Doktrinärsten erkennen, welche Riesenschuld die Arbeiterorganisationen und ihre Führung an dem Gelingen des Hitler- Faschismus in Deutschland haben. Hitler wird keine schnell vorüberziehende Sturmwolke sein. Das dürfen wir nicht glauben. Denn ein Besessener sitzt am Steuerrad, der sich nicht so schnell vertreiben lassen wird. Wir müssen uns auf eine lange und schwere Zeit vorbereiten, in der wir wie Freiwild von jedem und allen geketzt werden. Wenn du dich heute noch nicht trennen willst von mir, so werden die Nazis diese Trennung vollziehen. Für mich ist es keine Ungewißheit, daß ich eines Tages verhaftet werde. Helfen kannst du mir nicht. Die Opfer, die du bringen müßtest, wären umsonst..." Sie schluchzte verzweifelt. Ich legte ihren Kopf an meine Brust und strich ihr sanft über das regen- und tränenfeuchte Gesicht. Nach kurzer Zeit erholte sie sich. Ihr junger Körper straffte sich, und aus dem von Trauer überschatteten Ernst ihrer Augen kam mir der Mut jener Entschlossenheit entgegen, die mich mein ganzes ferneres Leben begleiten sollte. ,, Nie werde ich dich verlassen, was auch kommen mag... immer wirst du mich bereit finden, für dich einzustehen. Trennung...!? Trennen kann uns doch nur der Tod...!" Nun konnte auch ich nicht mehr an mich halten. Ich war innerlich so erregt, daß ich die Tränen nicht zurückzuhalten vermochte. Ihr Versprechen, als treuer Kamerad auch in Stunden der Not und Gefahr immer an meiner Seite zu stehen, hatte mich tief erschüttert. Eine lebenswichtige Entscheidung war getroffen worden, aber nicht mit den Gründen männlicher Vernunft, sondern mit dem starken Gefühl eines tapferen Frauenherzens. 23 Ich hatte versucht, rein vernunftmäßig unser Verhältnis und die Zukunft zu klären. Sie aber war in allen ihren Lebensäußerungen immer ein ganzer Mensch und ließ sich in ihren Entscheidungen niemals allein vom Geist und der Vernunft leiten. Auch heute wieder. Die große Frauenseele in ihr trieb sie trotz der ungewissen Zukunft an meine Seite, obwohl sie genug Gelegenheiten finden würde, sich ein Leben ohne Gefahren, ohne Sorgen und Leid aufzubauen. Ich preẞte sie fest an mich, sprach verworrene Worte von Dank, Verantwortung und Verpflichtung und weinte und lachte wie ein aus Todesnot Erretteter. Unsere Herzen waren leicht und warm. Und so spürten wir weder die Schwere und Nässe unserer Kleider, noch achteten wir auf die großen Wassertümpel, die sich auf den Waldwegen gebildet hatten. Wir gingen durch den toten Wald, dessen Stämme vom Regen glänzten und durch dessen ineinander verzweigtes Geäst gespenstisch die grauen Stahlwolken drohten. Als wir den Haeckelplatz erreichten, fanden wir eine völlig verwandelte Stadt. Braune SA- Uniformen beherrschten die Straßen. Kleinere und größere Trupps zogen singend und triumphierend im Marschschritt durch die innere Stadt und ließen sich irgendwo in einem Bierlokale nieder, wo lärmend der große Tag gefeiert wurde. Wie von einem Alpdruck befreit, demonstrierte auch das Bürgertum, Geschäftsleute, Beamte und Angestellte, die alle sich gegenseitig und allen Bekannten und Freunden, die ihnen entgegenkamen, ihr braunes Herz offerierten. Sie hatten zwar alle in der ,, Systemzeit" nicht schlecht gelebt, aber Hitler mußte ja alle übertreffen, und so hatte er nicht nur den Großindustriellen, nicht nur den Bauern und Arbeitern, den Beamten und Angestellten, den Frauen und Müttern, sondern auch den kleinen und mittleren Handwerkern und Geschäftsleuten bessere Zeiten und eine wesentliche Erhöhung ihres Lebensstandards versprochen. Und so schwenkte alles, was in politisch erregten Zeiten immer schwankt und feige ist, begeistert in die braune Front ein. Ein Taumel hatte diese Menschen ergriffen. Wir mußten uns, da ich vielen als politischer Redakteur einer marxistischen Zeitung bekannt war, abseits halten, um nicht belästigt zu werden. Besonders diejenigen beherrschten das Straßenbild, die in der Demokratie, im freien Wettbewerb der Kräfte wegen ihrer Unfähigkeit und Dummheit nicht zu Macht und Ansehen gelangt waren. Im Hitler- Reiche sollte das anders werden. Hier sah man nicht auf Tüchtigkeit, es genügte eine hundertprozentige braune Gesinnung. Wir waren schließlich in die Nähe des Paradiesbahnhofes gelangt. Dort wohnte mein Freund Professor Baege. 24 Als wi dem Sch Schein a Da wir H Erst jetz ,, Die W hat bego ,, Ich H müden jetzt hie mir durc Hoffnun Ich mag Und w er sie sa ,, Hinte bürgerlic das mac ganze k vor dem weiter fi dem ein krise un niederha Zeit nur die kapi nahmen beseitige produzie tives Ma Werten. unserer keine a Chaos Weg wa Sozialist weiß er Krieg. ,, Nein innenStaaten Und Ru fälle v Zukunft ganzer Geist der unfinden auen. Verantodesnot der die großen länzten Stahlwandelte größere e innere end der rgertum, nd allen erz offebt, aber roßinduAngemittleren iche Erchwankt da ich ant war, DemoDummTüchtig. gt. Dort Als wir in sein Arbeitszimmer traten, fanden wir ihn zurückgelehnt vor dem Schreibtisch sitzen. Eine abgeschirmte Leselampe warf einen grellen Schein auf seinen Arbeitsplatz. Personen und Gegenstände blieben im Dunkel. Da wir hier wie zu Hause waren, schalteten wir die Deckenbeleuchtung ein. Erst jetzt erkannte er uns und kam auf uns zu. ,, Die Würfel sind also gefallen!" Wir nahmen seine Hand ,,, Das Drama hat begonnen..." ,, Ich habe es vor etwa einer Stunde erfahren", erwiderte er mit einem müden und sehr resignierten Ernst. ,, Ich bin so erschüttert, daß ich bis jetzt hier gesessen habe. Mein Kopf ist ganz wirr, und die Gedanken jagen mir durcheinander. Aber ich finde nirgends einen Halt, der uns ein bißchen Hoffnung lassen würde. Setzt euch, Kinder, bleibt ein bißchen bei mir. Ich mag jetzt nicht mehr allein sein." Und wir blieben. Im Laufe unserer Unterhaltung stellte er die Lage, wie er sie sah, etwa folgendermaßen heraus: - - ,, Hinter dem Nationalsozialismus stehen ja nicht nur die Kreise der bürgerlichen Intelligenz und das ganze Kleinbürgertum, sondern und das macht ihn erst zu einer ernsten Gefahr die Großindustriellen, die ganze kapitalistische Klasse. Hitler erscheint ihnen als die letzte Rettung vor dem Sozialismus. Darum haben sie ihn unterstützt und werden ihn weiter finanziell und machtpolitisch unterstützen. Aber auch ein Hitler, in dem ein großer Teil des deutschen Volkes den Ueberwinder der Wirtschaftskrise und den Retter aus Not und Elend sieht, wird den Sozialismus nicht niederhalten können. Er wird seine Verwirklichung auf kürzere oder längere Zeit nur unterbrechen. Wir Sozialisten sind dialektische Denker. Hitler wird die kapitalistische Wirtschaft nicht retten. Seine volkswirtschaftlichen Maẞnahmen werden destruktiven Charakter tragen. Er wird die Arbeitslosigkeit beseitigen. Gewiß. Und sich vom Volke feiern lassen. Aber das, was er produzieren wird, sind keine volkswirtschaftlichen Werte, sondern ist destruktives Material zur Vernichtung von volkswirtschaftlichen und kulturellen Werten. Er wird also die Arbeitslosigkeit beseitigen mit der Umstellung unserer volkswirtschaftlichen Industrie auf Rüstungsindustrie. Es bleibt ihm keine andere Wahl. Und so endet er entweder mit einem wirtschaftlichen Chaos oder mit der Katastrophe eines Krieges. Wenn Hitler den ersten Weg wählt, den Weg ins wirtschaftliche Chaos, wird der ganze nationalsozialistische Unfug in drei oder vier Jahren spätestens vorüber sein. Das weiß er auch. Darum wird er den zweiten Weg wählen, den Weg in den Krieg... oder bist du anderer Meinung?" ihn, ,, Nein", antwortete ich, ,, ich sehe nirgends eine Chance für innen- und außenpolitisch nicht. England und Frankreich sind kriegsmüde Staaten geworden, die in Ruhe und Frieden ihre Renten verzehren wollen. Und Rußland bereitet sich für die Abwehr eventueller kapitalistischer Ueberfälle vor. Rußland hat inzwischen eine so riesenhafte Industrie aufgebaut 25 und ist militärisch so stark geworden, daß ein kapitalistischer Kreuzzug gegen das bolschewistische Rußland heute bereits ein Vabanquespiel geworden ist. Hitler spekuliert vielleicht darauf, gemeinsam mit England diesen Kreuzzug durchzuführen. Ein Gedanke, der übrigens in den Kreisen der kapitalistischen Welt diskutiert und gefördert wird, dessen Durchführung am Ende aber doch durch den Widerstand der internationalen Arbeiterschaft verhindert würde..." ,, Es sei denn", unterbrach mich Baege ,,, daß wir nicht doch noch die Periode eines faschistischen Europas durchmachen müssen." ,, Wenn ich diesen Gedanken einmal in Rechnung stellen müßte", erwiderte ich ,,, wäre das Leben für uns hoffnungslos und nicht mehr lebenswert." Meine Frau faßte nach meiner Hand und drückte sie. ,, Dann bliebe uns nur noch eine letzte Wahl", sagte sie tapfer. " - - für die impe Auch hier ha Schmarotzer Republik liel ihrem ersten organisiert, d Mut und Tat so entwickelt einen Hitler sind wir mits über bekenne Monaten oft und zum Au deln noch di demokratie, bebte, ist in ,, So ist es", nickte Baege zustimmend. Wir müssen jedenfalls mit der Möglichkeit eines faschistischen Europas rechnen. In Deutschland selbst. wird Hitler bei der Mentalität des deutschen Volkes kaum nennenswerten Widerstand finden. Es ist zweifellos unsere historische Schuld, daß wir 1918 nicht als revolutionäre Sozialisten gehandelt haben. Hitler würde heute kein Schreckgespenst sein. Hätten wir nur einen kleinen Prozentsatz von Tatkraft und revolutionärem Entschluß, wir würden das Gespenst noch heute bannen. Im Grunde genommen ist ja alles, was Hitler zu- und nachläuft, ein feiges Gesindel, das bei dem ersten größeren Zusammenprall mit der Arbeiterschaft panikartig auseinanderläuft. Notwendig ist nur eine entschlossene Führung, die auch vor einer blutigen Auseinandersetzung nicht zurückweicht. Und die haben wir nicht, weder bei der Partei noch bei den Gewerkschaften. Später einmal, in zehn oder fünfzehn Jahren der Faschismus in Italien ist bereits schon zehn Jahre am Ruder wenn Hitler gestürzt ist, werden wir erst ermessen können, welch riesenhafte historische Schuld die Arbeiterorganisationen auf sich geladen haben mit dem nicht gewagten Versuch, die Aufrichtung einer Hitler- Diktatur zu verhindern. Wir werden dieses Versäumnis mit Tausenden unserer besten Genossen, mit einem Meer von Blut und Tränen und mit einer grausamen Verwüstung des ganzen Landes, ja vielleicht ganz Europas, bezahlen müssen. Das Tragische ist, daß keine Macht vorhanden ist, die dieses Unglück verhindern könnte." Baege war aufgestanden und erregt im Zimmer auf und ab gegangen. ,, Und das Militär?" unterbrach ich ihn. ,, Ich habe selbst nicht die Hoffnung, daß sich die militärischen Kreise eines Tages Hitler entgegenstellen würden. Nein, im Gegenteil, sie sehen in ihm ihren Mann. Er wird ihnen die Möglichkeit geben, zu avancieren und wieder zu Macht und Ansehen zu kommen. Seit Jahrhunderten ist der Offizier in der Eitelkeit erzogen und von Staats wegen zum Götzen des Volkes gemacht worden. Die preuBischen Offiziere sind die eigentlichen Erzieher des deutschen Volkes. Ihr Einfluß, ihre Ideologie hat aus dem Deutschen ein willfähriges Werkzeug 26 läßt, über di Papen, einer im Sommer Verfassung gewaltigung, nur hysteris Machtverhält bestritten wa Und heut der Großind das ganze d aus. Und da punkt berei katastrophal im Herbst ging. Ja und he deutsche Vo Er wird der seine gefähr werde die werden uns Und da möc im Ausland der marxist dich nicht i eine neue E en. reuzzug piel ged diesen isen der führung terschaft noch die rwiderte ert." mit der d selbst nswerten wir 1918 eute kein von Tatch heute achläuft, mit der ine entng nicht bei den der Faan Hitler storische em nicht ern. Wir mit einem es ganzen ist, daß die Hoffenstellen rd ihnen Ansehen erzogen Die preuIkes. Ihr Werkzeug für die imperialistischen Pläne des nationalistischen Bürgertums gemacht. Auch hier hatten wir 1918 die große Chance, sie als Volksschädlinge und Schmarotzer zu entlarven und sie von ihrem Throne zu stürzen. Die erste Republik ließ sie leben und zahlte hohe Pensionen. Wenige Jahre nach ihrem ersten Sturz aus stolzer Höhe hatten sie sich bereits wieder so gut organisiert, daß sie einen Putsch versuchten. Wir hatten niemals genug Mut und Tatkraft und Zeit, um gegen unsere Feinde durchzugreifen. Und so entwickelten sich schließlich Verhältnisse und Machtgruppierungen, die einen Hitler emportrugen. An diesen Verhältnissen und Machtgruppierungen sind wir mitschuldig. Und darum müssen wir unsere Schuld denen gegenüber bekennen, die uns vertrauten. Gerade wir beide haben in den letzten Monaten oft über die gefahrvolle Entwicklung der Nazibewegung gesprochen und zum Ausdruck gebracht, daß nur ein entschlossenes und kühnes Handeln noch die Gefahr meistern könnte. Aber unsere einst so tapfere Sozialdemokratie, vor der das ganze Bürgertum einst in Angst und Schrecken bebte, ist inzwischen eine alte Tante geworden, die man zwar schwätzen läßt, über die man aber im übrigen zur Tagesordnung übergeht. Das tat Papen, einer der gefährlichsten Drahtzieher des reaktionärsten Bürgertums, im Sommer des vorigen Jahres, indem er die rechtmäßige und durch die Verfassung geschützte Preußenregierung verhaften ließ. Gegen diese Vergewaltigung, die eine politische Herausforderung war, haben unsere Genossen nur hysterisch protestiert. Aber es war ein Prüfstein für die wirklichen Machtverhältnisse in Deutschland. Das„ rote" Preußen, dessen Macht unbestritten war, kapitulierte vor einer Handvoll politischer Abenteurer...!" ,, Und heute macht derselbe Papen", bestätigte Baege, mit Zustimmung der Großindustriellen und der Junker Hitler zum Reichskanzler und liefert das ganze deutsche Volk diesen politischen Marodeuren und Verbrechern aus. Und das zu einem Zeitpunkt, wo die Nazibewegung ihren Kulminationspunkt bereits überschritten hat und ihr Abstieg genau so schnell und Du weißt, daß schon katastrophal erfolgt wäre, wie ihr Aufstieg war. im Herbst des vorigen Jahres durch die Mitte der Nazipartei ein Riẞ ging. Ja und heute ist Hitler Reichskanzler. Was das für uns und für das ganze deutsche Volk bedeutet, werden wir schon in den nächsten Monaten erfahren. Er wird den ganzen riesigen Machtapparat des Staates mißbrauchen, um seine gefährlichen Irrlehren durchzusetzen. Ein Narr, der etwa glaubt, er werde die Verfassung und die Rechte des Staatsbürgers respektieren. Wir werden uns deshalb auf eine lange Periode des Faschismus einrichten müssen. Und da möchte ich euch beiden raten, daß ihr versucht, ein Asyl irgendwo im Ausland zu bekommen. Du bist ein verantwortlicher Funktionär einer der marxistischen Parteien gewesen, und es ist selbstverständlich, daß sie dich nicht in Ruhe lassen werden. Ihr seid noch jung genug, euch noch eine neue Existenz aufzubauen. Ich bin alt geworden und außerdem krank. 27 Ich muß schon hier bleiben und alles an mich herankommen lassen. Sie werden mir als ehemaligem ,, November- Verbrecher" meine Pension nehmen, und Ersparnisse habe ich nicht. Die nächsten Jahre liegen also recht dunkel vor mir." ,, Wir haben noch keine Pläne für die Zukunft gemacht", sagte ich zögernd. ,, Aber ins Ausland zu gehen, werden wir uns kaum entschließen. Nach wie vor halte ich an meinem alten Plan fest, eine eigene Zeitung herauszugeben. Allerdings wird diese Zeitung heute nicht das sein dürfen, was sie werden sollte. Wenn dieser Plan mißlingt, wird mir nichts anderes übrig bleiben als stempeln zu gehen." Dann verabschiedeten wir uns. Als wir auf die Straße traten, war sternenlose Nacht, ohne Halt, ohne Ufer, ohne Licht und Ausweg wie die Nacht über Deutschland... - Nach de unter dem In den Organisati Ziele hatte zu diskuti die ich a Zeitung n dem nicht absolut ni zu tun, un dem Einfl Währen zwei Krim sich wie drohten, Als ich Keine Mehrheit für Hitler Die nächsten Wochen und Monate lasteten auf uns. Aber sie waren ohne dramatische Veränderungen. Frick war schon längere Zeit Innenminister in Thüringen und versuchte mit kleinlichen Schikanen seine Gegner unter Druck zu halten. Unsere Zeitung war schon einige Male befristet verboten worden. Eines Tages kam ein unbefristetes Verbot. Dabei blieb' es. Der Reichstagsbrand, der eine Erregung und Empörung im Volke gegen die Kommunisten hervorrufen sollte, blieb trotz der gewissenlosen Hetze fast aller bürgerlichen Zeitungen eine Familienangelegenheit der Naziführer. Der größte Teil des Volkes lehnte die diktierte Auffassung ab, daß die Kommunisten den Reichstag angezündet hätten. So warf schon diese erste verbrecherische Tat schurkischer und skrupelloser Naziführer einen schwarzen Schatten auf den dunklen Weg, den sie gehen wollten. Dann kam der 5. März, der Tag der Wahlen. Er brachte Hitler trotz Terror und Fälschungen zwar noch einen Stimmenzuwachs, aber keine Mehrheit. Von den 647 Mandaten erhielt die Nazipartei nur 288 Abgeordnete. Den Funktionären unserer Partei war für diese Tage ausdrücklich von der sozialdemokratischen Parteiführung verboten worden, sich in ihren Wohnungen aufzuhalten. Es hieß, die Nazis wollten zum oder am 5. März gegen alle verantwortlichen marxistischen Funktionäre eine blutige Bartholomäusnacht veranstalten. Warum Hitler sie nicht durchführen ließ, trotzdem die Parole ausgegeben worden war, ist nicht bekannt geworden. Wahrscheinlich ist, daß er sich über die Auswirkungen eines solch blutigen Verbrechens im In- und Ausland nicht im klaren war. 28 würde ihr ungehalte Plötzlic gänger H lichen od gegeben Weise zu Weimar a Ich gin den beide Sie suche aus, daß Die Be zept gera die neue Ich su Naziregi verhande Als ge dessen A durch di hatte. S mann zu Gaukam Gauner stapler. en. Sie nehmen, dunkel zögernd. ach wie ugeben. werden bleiben tt, ohne en ohne ister In r unter ‚erboten gen die ıze fast er. Der Komm“ ‚krupel- den sie , Terror zit, Von von der „ Woh- gen alle snacht gegeben ch über Ausland Nach dem 5. März betrieb ich intensiv die Herausgabe einer neuen Zeitung unter dem Titel„Mitteldeutsche Rundschau“. In den letzten Wochen hatte ich. durch.‚Die politische Gesellschaft“, einer Organisation, der alle Parteien von rechts bis links angehörten, und die zum Ziele hatte, politische, wirtschaftliche und kulturelle Zeitfragen frei und offen zu diskutieren, einige linksbürgerlich eingestellte Akademiker kennengelernt, die ich als Mitarbeiter für die neue Zeitung verpflichtete, Wenn ich die Zeitung nicht von Anfang an gefährden wollte, mußte ich die Mitarbeiter aus dem nichtmarxistischen Lager heranholen. Obwohl ich mich in dieser Rolle absolut nicht wohlfühlte, glaubte ich doch, die Verpflichtung zu haben, etwas zu tun, um die sozialistischen Kräfte in Thüringen zusammenzuhalten und sie dem Einfluß der Nazis zu entziehen. - Während ich noch mitten in den Vorbereitungen war, erschienen eines Tages zwei Kriminalbeamte bei mir, um die Wohnung zu durchsuchen. Sie benahmen sich wie richtige Gestapobeamte, warfen alles durcheinander, schnauzten und drohten,-: Als ich sie höflich bat, mir doch zu sagen, was sie eigentlich suchten, ich würde ihnen alles gern und freiwillig zur Verfügung stellen, wurden sie sehr ungehalten und faßten meine Höflichkeit als freche Herausforderung auf. Plötzlich eing mir ein Licht auf. Polizeiinspektor Thilo, ein eifriger Partei- gänger Hitlers, der durch seine moralische Verwahrlosung und seinen polizei- lichen oder politischen Uebereifer uns so oft in der Redaktion Veranlassung gegeben hatte, seine Führerqualitäten öffentlich in humoristisch-satyrischer Weise zu kennzeichnen, wollte die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten in Weimar auf sich lenken und meine„Verschwörertätigkeit‘‘ aufdecken. Ich ging an meinen Schreibtisch, holte eine Mappe hervor und übergab diese den beiden Beamten mit den Worten:„Hier ist das ‚Verschwörermaterial‘, das Sie suchen. Bringen Sie es dem Herrn Thilo, und richten Sie ihm bitte noch aus, daß man ihn in Weimar, damit höchstens auslachen würde.“ Die Beamten waren über meine spöttelnde Ueberlegenheit aus ihrem Kon- zept geraten, durchblätterten die Mappe, die das vorbereitete Material für die neue Zeitung enthielt, und verließen entschuldigend meine Wohnung. Ich suchte nunmehr nach einem Mittelsmann, der mit der thüringischen Naziregierung wegen der Herausgabe der„Mitteldeutschen Rundschau“ verhandeln sollte. Als geeignet erschien mir der Sägewerksbesitzer Walter Schreck aus Kahla, dessen Austrittserklärung aus der NSDAP an Sauckel im Frühjahr 1932 ‚durch die wörtliche Wiedergabe in unserer Zeitung einiges Aufsehen erregt hatte, Schreck war öfter an mich herangetreten, um von mir den Gewährs- mann zu erfahren. Er hatte sich der Otto-Strasser-Gruppe angeschlossen, war Gaukampfleiter der Schwarzen Front und bezeichnete Hitler als den größten Cauner und Verbrecher aller Zeiten und seine engsten Mitarbeiter als Hoch- stapler. 29 Von Als ich Schreck meine Bitte unterbreitete, war er sofort bereit, das Terrain in Weimar abzutasten. Abends standen meine Frau und ich am Bahnhof und erwarteten Schreck, Unterwegs hatten wir Gelegenheit gehabt, den„ Kulturkreis" des„, Dritten Reiches" kennenzulernen. Wir waren von uns entgegenkommenden Nazis erkannt, angerempelt und unter wüsten Drohungen gegen die ,, marxistische Brut" beschimpft worden. Es waren keine jugendlichen Lärmer, sondern robuste, erwachsene Personen, wie ich sie später in den Konzentrationslagern kennenlernte, deren blutrünstige Brutalität keine Grenzen kannte. Wir hatten uns am Bahnhof abseits gestellt, um nicht wieder Anstoß zu erregen. Am Bahnhofsvorplatz war ein Lautsprecher angebracht, der gerade eine Triumphrede irgendeines Naziführers übertrug. Die zahlreich anwesenden Menschen, Männer und Frauen, lärmten begeistert und waren berauscht. Wir hatten nichts gemein mit ihnen. Uns war bange um ein Deutschland, das von jenen Irreleitern und Irregeleiteten getragen werden sollte, und um ein noch ferneres, das aus dem törichten braunen Traum einst zu einer bösen unheilvollen Wirklichkeit erwachen sollte. Würde es dann nicht zu spät sein? Dunkle Fragen und Ahnungen inmitten des fremden, grellen Begeisterungsrausches. Wir wußten, daß wir wach und sehend waren, dennoch war das Gefühl von einer Art Ausgestoßensein in uns. Wir schwiegen, aber wir standen eng aneinander, wie wir durch all die schweren kommenden Jahre schweigen mußten und doch immer eng zusammenstanden. Als Schreck erschien, lösten wir uns aus dem Halbdunkel und gingen ihm entgegen. Er lächelte freundlich über sein ganzes gutmütiges Gesicht, das frisch und rosig glänzte. Seine runde, bereitwillige Behäbigkeit strahlte soviel Tröstendes aus, daß wir heller wurden und seine sympathische Erscheinung für ein gutes Zeichen nahmen. Er brachte günstige Nachrichten für die neue Zeitung. Die Richtlinien seien geprüft und angenommen worden. Wenige Tage später erschien die erste Ausgabe in der Druckerei des damals noch sozialdemokratischen Verlages in Jena. Wir nahmen kein Blatt vor den Mund und führten eine freie und offene Sprache, wagten sogar Kritik an verschiedenen Maßnahmen der Naziregierung. Aus allen Teilen des Reiches kamen begeisterte Zuschriften, und Beauftragte aus Magdeburg, Kassel, Halle usw. und machten Abschlüsse für gröBere Lieferungen an ihre Städte. Sechs Wochen ging alles gut, bis eines Tages der Verbindungsmann der Redaktion mit der Thüringer Regierung mit der Weisung aus Weimar kam, daß ich als Leiter der Redaktion auszuscheiden hätte. 30 worden. jeden M öffentlic bissige H Feige die ,, neu scheinen Nun k Weg du Ich gi Arbei Fünf Ja werbslos geringen Arbeit s Die N aber win Wie e handelt. erwidert Die A abgesten lung ver um von ihres W Nur waren m sonders konnte, zu uns und bes wenn si wurde. niederle Rechtss Auch de Halbe, Hause verständ Terrain Schreck. Dritten azis eristische sondern slagern B zu erade eine esenden t. and, das um ein Ssen unterungsFühl von eng anmußten gen ihm sch und Tröstenfür ein en seien des dad offene r NaziBeauf für gröann der ar kam, Von Tag zu Tag war die Arbeit in der Redaktion immer schwieriger geworden. Riesige Fahnen mit Reden der verschiedensten Naziführer lagen jeden Morgen auf dem Redaktionstisch. Alles sollte möglichst ungekürzt veröffentlicht werden. Empörung und Widerwille in mir schafften sich durch bissige Bemerkungen Luft. Feige Intriganten und langohrige Denunzianten fingen schon damals an, die ,, neue Zeit" zu verstehen. Sie suchten ihre Opfer, um gesinnungstüchtig zu scheinen und nach oben zu steigen. Nun kam, was ich vorausgesehen hatte: die erste Station auf dem dunklen Weg durch das braune Reich. Ich ging stempeln. Arbeitslos Fünf Jahre lang ging ich stempeln. Fünf Jahre lang mußte ich von der Erwerbslosenunterstützung leben, durfte nicht durch eine Nebenarbeit mir einen geringen Zuschuß verschaffen, durfte mir nicht einmal selbst eine geeignete Arbeit suchen. Das war mir vom Arbeitsamt untersagt worden. Die Nazis führten zwar das Wort„ Volksgemeinschaft" dauernd im Munde, aber wir blieben ausgestoßen. Wie ein Ausgestoßener wurde ich auch von ehemaligen Parteigenossen behandelt. Auf der Straße gingen sie mir aus dem Wege, grüßten nicht oder erwiderten meinen Gruß nicht. Die Angst saß ihnen im Rücken, die Angst, sie könnten, wenn sie mit einem abgestempelten Staatsfeind auf der Straße gesehen worden wären, ihre Stellung verlieren. Lieber hoben sie einmal mehr die Hand zum ,, Deutschen Gruẞ", um von den überall herumlaufenden Spitzeln und Denunzianten das Zeugnis ihres Wohlverhaltens gelegentlich bestätigt zu bekommen. Nur wenige hatten den Mut, sich öffentlich mit mir zu zeigen. Und das waren meist Akademiker oder Angehörige der intelligenten Arbeiterschaft. Besonders erwähnt sei die Studienrätin Marie Mundt, die uns, wo sie irgend konnte, mit Lebensmitteln und Geld unterstützte und sich offen und mutig zu uns bekannte. Sie lud uns mehrere Male ein, mit ihr in den bekanntesten und besten Hotels Jenas zu Mittag und Abend zu speisen und freute sich, wenn sie von Nazis in exponierten Stellungen in unserem Kreise gesehen wurde. Sie ist eine der seltenen Lehrkräfte gewesen, die später ihr Amt niederlegten und sich pensionieren ließen, weil ihr sauberer und eigenwilliger Rechtssinn es ablehnte, unschuldige Kinder zu belügen und irrezuführen. Auch der Musiker Ulrich Halbe, der Neffe des bekannten Dramatikers Max Halbe, bekannte sich unbekümmert zu uns. Er wohnte wochenlang in unserem Hause und befruchtete mit seinem ausgeprägten und feinfühligen Literaturverständnis in wertvollem Gedankenaustausch unsere literarischen Arbeiten. 31 Nicht vergessen will ich das mutige Verhalten des Lehrers Taubert und seiner Frau, die sich offen zu uns bekannten und uns während der ganzen Zeit unterstützten. Während all der Jahre meiner Arbeitslosigkeit hat sich auch niemals ein ehemaliger Parteigenosse zu mir verirrt, um nach mir oder meiner Familie zu sehen, im Gegensatz zu den Kommunisten, die ihre Kampfgenossen nie im Stiche ließen, - Solidarität! Ein hoher ethischer Begriff für die kämpfende Arbeiterschaft! Aber nur zu schnell wurden die Opfer vergessen, die auf der Strecke blieben. Es war für sie besser und bequemer, diese Opfer zu übersehen. Eine bittere und tragische Enttäuschung. Und heute, nach 13 Jahren, denke ich noch immer mit einem wehen Gefühl im Herzen an diese Zeit und die Menschen zurück, die so jämmerlich kuschten und so kraftlos vor den braunen Drohungen kapitulierten. Für sie war ihr eigenes kleines Schicksal wichtiger als eine die ganze Welt bewegende Idee. Sie liebten nur ihren Alltag und Sonntagsfrieden. Hitler wußte von ihnen und hatte sie richtig in Rechnung gesetzt. Sie haben auch die braunen Jahre der Naziherrschaft gut überstanden, haben ihre Stellungen gehalten und hatten sich mit der Naziherrschaft abgefunden. Heute, wo die Naziverbrecher durch ,, unsere Feinde" gestürzt sind, wieseln sie bereits wieder geschäftig und wichtig überall dort herum, wo auf die neue Entwicklung Einfluß zu gewinnen ist. Dabei vergessen sie aber nie, herumzuerzählen, wie schwer sie gelitten und welch großes Martyrium sie durchgemacht haben. Und alle diese ,, armen, gemarterten und gequälten" Menschen versichern uns heute, daß sie immer mit einem Bein im Konzen trationslager gestanden hätten. Bei solchen Erzählungen kommt mir immer der Gedanke, daß nicht wir, die wir fünf, sechs und noch mehr Jahre im Konzentrationslager gehétzt, gequält und geprügelt wurden und jeden Tag mit dem Tode kämpfen mußten, die bedauernswerten Opfer des Nationalsozialismus sind, sondern sie, die daheim hockten und auf ihre Erlösung durch andere warteten. Gespendet, geflaggt und gehitlert hatten sie selbstverständlich nur, um nicht noch mehr Anstoß zu erregen. Illegal Die Arbeiterschaft sollte auf diese feigen und charakterlosen Elemente ein recht wachsames Auge haben und sie davonjagen, wenn sie versuchen sollten, sich heute wieder in den Vordergrund zu drängen. Die ein durch S mir selb aber ohn Jagdbeut Mein wollend. Zwei Jahre gingen hin. Schließlich hatten wir gelernt, die Arbeitslosenunterstützung im Soll und Haben so aufzuteilen, daß sie in der Schlußẞrechnung auf beiden Seiten aufging. Das große Glück im Leben meiner Frau war damals die Geburt unseres Jungen Gunthart. Ich verstand sie in allen Aeußerungen ihres tiefen Muttergeistes und nahm teil an ihrem Glück. Stück W Unterv Thüringe Schwar er Query hielt er worden, standen, Lenin u wicklung einzustel Sie ware nicht du allem au und vers Hand gi Bis ei An ein geladen. Hause n Debatte einem S Abend b Als de mich nic Am n Wohnun Gestapo Berlin g Wenig Tage, M daß auc rial, das war, un 3 Fink 32 d seiner zen Zeit mals ein Familie nie im ArbeiterStrecke ehen. Jahren, Zeit und vor den Schicksal ren Allstanden, chaft abrzt sind, wo auf aber nie, rium sie quälten" Konzen aß nicht ager gekämpfen sondern warteten. um nicht Elemente ersuchen eitslosenhlußrechI unseres MutterIllegale Arbeit Die einzigen Unterbrechungen unseres Alltags waren Jagdeinladungen durch Schreck in Kahla. Ich bekam jedesmal ein Gewehr umgehängt, um. mir selbst einen Hasen zu schießen. Ich habe zwar nie einen getroffen, aber ohne Hasen bin ich niemals nach Hause gekommen, auch wenn die Jagdbeute nur aus einem einzigen bestand. Mein körperlicher Zustand brauche diesen Zusatz, meinte Schreck wohlwollend, und meiner vegetarisch ernährten und belehrten Frau werde ein Stück Wild auch nichts schaden. Unterwegs auf unseren Pirschgängen durch die dunklen Wälder des Thüringer Landes wurde politisiert. Schreck war ein Anhänger der ,, Schwarzen Front" Otto Strassers. Da er politisch sehr aktiv war, suchte er Querverbindungen mit allen Feinden Hitlers. Von den Sozialdemokraten hielt er nicht viel. Sie wären kleine satte Bürger der ersten Republik geworden, ohne Kraft und Saft, und hätten die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Es fehlten ihnen die starken geistigen Führerpersönlichkeiten, ein Lenin und Stalin, die in der Lage gewesen seien, die Schatten der Entwicklung im voraus zu sehen und die Kräfte der Partei auf das Kommende einzustellen. Am liebsten arbeitete er mit den Kommunisten zusammen. Sie waren aktiv, mit der illegalen Arbeit vertraut und sie ließen sich auch nicht durch Drohungen der braunen Meute einschüchtern. Ihm kam es in allem auf den aktiven Kampf gegen Hitler an. Er führte diesen Kampf und versorgte ganz Thüringen mit illegalem Material, das von Hand zu Hand ging und in große Kreise eingedrungen war. Bis eines Tages das Verhängnis kam. An einem Wintertag des Jahres 1935 hatte er mich wieder zur Jagd eingeladen. Die Jagdbeute betrug wieder nur einen Hasen, den ich mit nach Hause nehmen sollte. Ich übernachtete nach einer interessanten politischen Debatte in einem größeren Kreise bei Schrecks und wollte am nächsten Tag, einem Sonntag, zu Mittag wieder nach Hause fahren. Ich mußte bis zum Abend bleiben. Ein wichtiger Kurier aus der Tschechei wurde erwartet. Als der Kurier abends um 11 Uhr noch nicht eingetroffen war, ließ ich mich nicht mehr halten und fuhr um 12 Uhr nachts nach Jena zurück. Am nächsten Morgen um 7 Uhr wurden Schreck und seine Frau in ihrer Wohnung und noch weitere zwanzig Aktivisten in ganz Thüringen von der Gestapo verhaftet und zur Aburteilung vor einem ,, Volksgerichtshof" nach Berlin gebracht. Wenige Tage später erfuhr ich von den Verhaftungen. Es folgten Stunden, Tage, Monate voll starker Spannungen. Denn nun mußte ich damit rechnen, daß auch ich eines Tages geholt werden würde. Ich vernichtete alles Material, das sich in meinen Händen befand und durch meine Hände gegangen war, und warnte die Kreise, die von mir Material bekommen hatten. Es 3 Finkelmeier: Apokalypse 33 waren Menschen aus allen Berufen und Schichten, Arbeiter, Beamte, Handwerker, Professoren und Studenten. Fast ein Jahr, 11 Monate, bis zur Aburteilung der Verhafteten, wartete ich auf meine Verhaftung. Dann las ich das Urteil in der Zeitung. Schreck wurde zu zehn Jahren Zuchthaus, seine Frau zu zwei Jahren Gefängnis und die übrigen Angeklagten zu geringeren Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt. Nun erst atmete ich auf. Der bittere Kelch einer Verhaftung war diesmal noch an mir vorübergegangen. Das hatte ich nur der tapferen Haltung der beiden Schrecks zu danken. Denn inzwischen hatte ich erfahren, daß ich mehrere Male beim Betreten des Schreckschen Hauses in Kahla fotografiert worden war. Außerdem waren mehrere Angeklagte in einem Kreuzverhör über mich vernommen worden. Zum Glück war ich nicht allen bekannt und die mich kannten, waren politisch und charakterlich so stark, mich nicht zu verraten. Trotz dieser ersten Warnung, die mir das Schicksal erteilt hatte, ließ ich nicht ab, gegen Hitler zu arbeiten. Wo sich mir eine Gelegenheit bot, brachte ich meine Gegnerschaft gegen Hitler zum Ausdruck oder diskutierte leidenschaftlich gegen die Hitlerschen Irrlehren. Ich grüßte grundsätzlich, auch bei den Behörden und Parteidienststellen, nicht mit ,, Heil Hitler" und spendete nichts, wenn die Bettler herumliefen mit rasselnden Büchsen und vollgeschriebenen Listen. Geschäfte, deren Inhaber oder Personal mich mit dem ,, Deutschen Gruß" begrüßten, verließ ich sofort ostentativ mit einem ,, Guten Tag", ohne meine Einkäufe gemacht zu haben. Auch weigerte ich mich, wenn bei den vielen festlichen Gelegenheiten Jena in einem Flaggenmeer wogte, eine Fahne aus meiner Wohnung zu hängen. Meine Frau stand mir in allem treu zur Seite. Ihre Haltung war meist so herausfordernd, daß ich oft Mühe hatte, dem Verhängnis zu entgehen. Nicht immer aus Vernunft, sondern aus ehrlichster innerer Ueberzeugung haben wir geglaubt, so und nicht anders handeln zu müssen. Hätten die vielen Millionen Menschen, die aus Vernunft, aus Ueberzeugung, aus ihrem Glauben oder aus anderen Gründen Gegner des Nationalsozialismus waren, ähnlich oder ebenso gehandelt wie wir und ihre Gegnerschaft offen zum Ausdruck gebracht, man würde heute dem deutschen Volke nicht den Vorwurf der Feigheit und Bequemlichkeit machen können. Hitler hätte niemals eine so ungeheure Macht erlangen können, wenn sich seine Gegner schon in den kleinen Dingen des Alltags bewußt gegen ihn gestellt hätten, und wäre es auch nur durch passive Resistenz gewesen. Der Deutsche Gruẞ" war, außer bei den Behörden, freiwillig. Das Hissen von Fahnen war freiwillig, die Spenden waren freiwillig. Wenn diese Freiwilligkeit auch unter Terror und Druck stand, man durfte es bei charaktervollen, bewußten und intelligenten Menschen als eine selbstverständliche Pflicht voraussetzen, sich diesem Terror nicht zu beugen. 34 293 Leid aufrec sequen Das Auslan macht Me Hi scha mitt But geri Z arb 3* Handwartete Schreck is und strafen r diesaltung n, daß a fotoKreuzlen bestark, ließ ich brachte leiden, auch d spenand vollich mit t einem erte ich laggenmeist so en. zeugung eugung, NationalGegnereutschen Leider aber gab es nur einen verschwindend geringen Prozentsatz von aufrechten Menschen, die sich dem Hitlerterror widersetzten und alle Konsequenzen daraus auf sich nahmen. Das deutsche Volk darf sich deshalb heute nicht beklagen, wenn das Ausland ganz Deutschland für die Verbrechen der, Nazis verantwortlich macht. Denunziantentum und Richter Ein Denunziantentum von Riesenmacht, bis in das Kleinste durchorganisiert, bis zu den Kindern selbst hinabgeführt, ward aufgezüchtet und zu Ruhm gebracht. Jeder Gedanke wurde aufgespürt. Die Wände hatten Ohren aufgemacht. Das Briefgeheimnis zog man aus der Nacht. Und der Verrat der Lumpen ward prämiert. Die Nazi- Richter legten mit Bedacht das Ohr ans Maul der üblen Denunzianten. Die Opfer litten, hungerten, verbrannten. Die Lumpen kamen zu noch größrer Macht. Justitia sah sich schaudernd um im Kreise. Sie klagte heimlich, und sie weinte leise. n. können. , wenn t gegen gewesen. Das g. Wenn urfte es selbstMeine erste Verhaftung Hitler baute Autobahnen und brachte die hochindustrialisierte deutsche Wirtschaft auf volle Touren für destruktives Kriegsmaterial. Wichtige Lebensmittel und notwendige Gebrauchsgegenstände verknappten sich bereits. Statt Butter gab es Kanonen und Flugzeuge. Die Arbeitslosen waren bis auf einen geringen Rest von der unersättlichen Kriegsmaschinerie aufgesaugt. 3* Zu diesem geringen Rest gehörte auch ich. Noch immer durfte ich nicht arbeiten, wurde mir keine Arbeit vermittelt. Noch immer holte ich jeden Frei35 tag meine Unterstützung und trug diese in umgesetzten Lebensmitteln für die ganze Woche nach Hause. Ein Teil des Volkes stöhnte zwar, aber dem größeren Teil ging es durch Hitlers ,, Ankurbelung der Wirtschaft" gut, und diese Volksmassen hatten sich mit allem, was Hitler tat, ausgesöhnt. Hitler hatte ihnen gute Verdienstmöglichkeiten geschaffen und war ihr Mann geworden. Goebbels konnte Hitler als den ,, Befreier" und den Glück und Wohlstand bringenden ,, Retter" feiern, und die Massen des Volkes jubelten allem zu, was und wie es ihnen aufgetischt wurde. Wehe dem, der sich anmaßte, an den Maßnahmen oder Worten des ,, einmaligen großen Führers" Kritik zu üben. Ehemalige Freunde oder gute Bekannte wurden zu gefährlichen Feinden und Denunzianten, schließlich traute einer dem anderen nicht mehr. Selbst vor den eigenen Kindern konnten sich die Eltern nur noch hinter verschlossenen Türen über Hitler unterhalten. Lumpen, Gauner und Erpresser hatten durch das ,, Heimtückegesetz" eine gefährliche Waffe in die Hand bekommen. Sie konnten alle diejenigen ans Messer liefern, mit denen sie aus früherer Zeit noch etwas zu bereinigen hatten. So wurden manche ehrlichen kleinen Geschäftsleute als unliebsame Konkurrenten und viele aufrechte Menschen von ihren Kollegen oder Freunden aus dem Wege geräumt. Gestapo und eine den Nazis willfährige Justiz stellten sich immer hinter die Denunzianten. Mitte Juli 1936 erschienen eines Morgens zwei Gestapobeamte, darunter ein gewisser Eberhardt aus Jena, in meiner Wohnung. Ich lag noch im Bett. Während ich im Hemd vor ihnen stand, grüßten sie ostentativ mit erhobener Hand und mit lauter Stimme ,, Heil Hitler". Das Komische ihrer Situation ist beiden wahrscheinlich nicht bewußt geworden. Ich antwortete ihnen laut und vernehmlich mit ,, Guten Morgen". Eberhardt wiederholte seinen Gruß noch einmal in recht herausfordernder Weise. Ich ließ mich aber in keiner Weise beeindrucken und bedeutete ihm, daß ich ihm und seinem Kollegen einen ,, Guten Morgen" gewünscht habe und fragte ihn, was er von mir noch wünsche. Wir werden uns noch an anderer Stelle sprechen", kam es wütend aus seiner beleidigten Brust. 99 ,, Ich bin bereit", antwortete ich ruhig. Ich mußte mich vor ihren Augen anziehen. Dann gingen sie mit mir ins Wohnzimmer. Dort durchwühlten sie alles, beklopften die Wände, räumten den Ofen aus und beschäftigten sich dann stundenlang mit meinen Büchern. Obwohl ich alle sozialistischen Bücher schon lange beiseitegeschafft hatte, legten sie eine große Anzahl Bücher zurück. Darunter befanden sich rein wissenschaftliche und volkswirtschaftliche Werke, schöngeistige Literatur, Kriminalgeschichten usw. 36 Mei gegen Juden Brie schlag gesehe Win würde Nad Kelle gerad listisc Ab die a zurüc listis Ge Rüc Ich Me ment daue sie a Grun Ei imm Exis würd E Sch grün sie Hit 0 sag den für ein keit Sch wie aut eln für s durch ten sich- war ihr ı Glück Volkes es„ein- ‚ute Be- h traute ten sich ten. tz“ eine gen ans reinigen ne Kon- eunden ;r hinter d arunte! im Bett. rhobener ation Ist rdernder tete ihm, habe und gend aus Meine Frau protestierte leidenschaftlich und oft in beleidigenden Worten gegen die Beschlagnahme von Büchern, die weder sozialistisch noch von Juden geschrieben worden seien. Briefe, Notizen, dramatische und literarische Arbeiten, alles wurde be- schlagnahmt. Ich habe nie wieder etwas davon gehört und auch nichts wieder gesehen. Wir rechneten damit, daß wir beide nach der Durchsuchung verhaftet würden. Nach dem Wohnzimmer wurden alle anderen Räume durchwühlt. Auch der Keller blieb nicht verschont. Nur auf den Boden bemühten sie sich nicht. Und serade in der Bodenkammer war meine gesamte ziemlich umfangreiche sozia- - listische Literatur untergebracht. Ich freute mich, sie gerettet zu haben. Aber einige Wochen später fand eine zweite Wohnungsdurchsuchung statt, die auf leichtfertige Schwätzereien meiner Hauswirtin, Frau Mersiowski, zurückzuführen war. Bei dieser Durchsuchung wurde meine gesamte sozia- listische Literatur fortgeschafft. Gegen drei Uhr nachmittags war die Durchsuchung beendet. Wegen einiger „Rückfragen‘%sollte ich mitkommen. Ich wußte, daß ich verhaftet war. Meine erste Vernehmung in der Polizeikaserne war ohne dramatische Mo- mente, Sie wurde von dem Gestapobeamten Eberhardt vorgenommen und dauerte etwa vier Stunden. Da sie nicht das erwünschte Ergebnis hatte, wurde sie am nächsten Vormittag fortgesetzt. Erst jetzt erfuhr ich, daß ich auf Grund einer Denunziation verhaftet worden war. Eine Frau, die ich in früheren Jahren in ihrer Existenz als Schauspielerin immer unterstützt und gefördert hatte, glaubte, unter dem Naziregime ihre Existenz besser sichern zu können, wenn sie mich der Gestapo ausliefern würde. Es handelte sich um eine Deutsch-Russin, Erna Wuttke, die vor Jahren aus Schlesien zugezogen war und mit ihrem Manne eine Schauspielergruppe be- gründet hatte, die hauptsächlich für die Erwerbslosen spielte. Vor 1933 war sie linksorientiert, nach 1933 arbeitete sie mit großem Eifer für die braune Hitler-Partei. Ob Frau Wuttke bewußte Lockspitzelarbeit leistete, vermag ich nicht zu sagen. Ihre Haltung vor Gericht war jedenfalls jämmerlich. Ich habe sie in den drei'Hauptverhandlungen, die zur Klärung ihrer Angaben vom Gericht für ‚notwendig erachtet wurden, derart in die Enge getrieben, daß sie nicht ein und aus wußte und schließlich immer mit strömenden Tränen die Richtig- keit ihrer Angaben beteuerte. Frau Wuttke aber war Schauspielerin, und Schauspielerinnen können zu allen Zeiten und Gelegenheiten sowohl lachen wie auch weinen. Der Tatbestand war folgender: Während ich vom Stempeln kam und mich auf dem Wege nach Hause befand, kam Frau Wuttke auf mich zu und bat 37 mich, da sie ,, innerlich so zerrissen" sei, auf einige Fragen, die ihr das Herz bedrückten", Auskunft zu geben. Ich habe das getan und dabei selbstverständlich auch meine Gegnerschaft gegen den braunen Terror zum Ausdruck gebracht. Von persönlichen Beleidigungen oder Herabsetzungen der unantastbaren ,, hohen Parteiführung" aber hatte ich mich freigehalten. Frau Wuttke hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als mein Gespräch der Kreisleitung in Jena mitzuteilen, die dann das weitere veranlaßte. Nach meiner zweiten Vernehmung, in der ich mir das Recht nicht nehmen ließ, dem Beamten selbst das Protokoll in die Maschine zu diktieren, wurde ich nach dem Amtsgerichtsgefängnis in Jena gebracht. Man hatte mich zwar im Polizeigefängnis in Ruhe gelassen, dennoch war ich froh, mich in den Händen der Justiz zu wissen. Im allgemeinen war die schnelle Auslieferung von Gefangenen von der Gestapo an die Justiz nicht üblich. Erst wenn die Gefangenen durch die brutalen Vernehmungsmethoden genügend eingeschüchtert waren und ein Rückfall nicht zu befürchten war, wurden sie für die Justiz freigegeben. Während meiner langen Haftzeit ist mir kaum ein Gefangener begegnet, der nicht noch die Spuren wochenlanger grausamster Mißhandlungen durch entmenschte Gestapobeamte am Körper herumtrug. Ihre Erzählungen würde man als blühende Phantasie bezeichnen, aber die Narben an ihren Körpern, der Verlust eines Auges oder Ohres, zertretene Schienbeine und Nieren, zerbrochene Rippen und Kieferknochen, eingeschlagene Zähne und mächtige Platznarben am Gesäß waren Beweis genug für die Richtigkeit ihrer Angaben. -- Daß ich all diesen grausamen Vernehmungsmethoden entging, habe ich in erster Linie meiner Frau zu danken, die unermüdlich nach meiner Verhaftung auf den Beinen war, und einen so paradox es auch klingt Haftbefehl gegen mich erwirkte, um mich aus den Klauen der Gestapo zu befreien und mich vor dem drohenden Konzentrationslager zu bewahren. Der alte Amtsgerichtsrat Stolze, der mich aus früheren Presseprozessen gut kannte, war auch sofort bereit, einen Haftbefehl auszustellen. So kam ich schnell in die Hände der Justiz und in eine menschenwürdigere Behandlung. Meine Gefängnishaft in Jena war erträglich. Der damals amtierende Amtsgerichtsdirektor Riedel hat mir manche Erleichterungen verschafft und damit bestimmt nicht das Wohlwollen seiner vorgesetzten Behörden gehabt. Er besuchte mich oft in meiner Zelle und sprach tröstende Worte, die seine Gegnerschaft gegen Hitler kennzeichneten. Er gestattete auch, daß meine Frau mir Kaffee, Rauchwaren und Butter brachte und mir unbegrenzt Briefe schrieb, jene lieben tröstlichen Lichtblicke in meinem damaligen Leben. Ich hatte, dadurch angeregt, angefangen, an einer literarischen Arbeit zu schreiben. drei M bracht Leider verging mir die Lust, diese Arbeiten fortzuführen, als ich nach 38 Dort seher fühlten ein Pä Nach lung s erschie Die Die das au des So mich i End Haupt Just zahlun ich fre Die sichte Mut Aus Denu geleis Na fängn meine Ich anwa ziehen De rung Stuhl läche Die des Freis inzwi Buch De die hebu drei Monaten Untersuchungshaft in das Gerichtsgefängnis nach Weimar ver- bracht wurde._ Dort wehte ein anderer Wind. Dort war eine Anzahl Nazis als Auf- seher eingestellt worden, die sich als Vertreter einer„neuen Zeitepoche“ fühlten. Dennoch gelang es meiner Frau bei ihren Besuchen, mir jedesmal ein Päckchen Tabak zuzuschmuggeln. Nach etwa vier Monaten Untersuchungshaft fand die erste Hauptverhand- lung statt. Sie wurde vertagt, weil die Denunziantin als unglaubwürdig erschien. Die zweite Verhandlung fand nach 6 Wochen statt. Auch diese wurde vertagt. Die Denunziantin hatte inzwischen neues Anklagematerial herbeigeschafft, ‘das ausreichte, gegen mich ein Hochverratsverfahren durchzuführen. Beante - des Sondergerichts in Weimar, die mir ihre Solidarität bekundeten, hatten mich über die Verschlechterung der Prozeßlage informiert. Endlich, nach weiteren vier Monaten Ungewißheit, kam der Tag der dritten Hauptverhandlung. Justizrat Lotze, der meine Verteidigung freiwillig ohne Aussicht auf Be- zahlung selbst angeboten und übernommen hatte, war der Auffassung, daß ich freigesprochen werden müßte. Die Zuhörerbänke waren voll besetzt. Ich entdeckte manche bekannten Ge- sichter, und über allen das Gesicht meiner Frau, dessen Blick Trost und Mut gab und ständig voll Liebe auf mich gerichtet war. Aus der Prozeßverhandlung ist mir noch erinnerlich, daß sowohl die Denunziantin wie noch zwei weitere Kronzeugen des Staatsanwaltes Meineide geleistet hatten. Nachdem der Oberstaatsanwalt sein Plädoyer beendet und ein Jahr Ge- fängnis beantragt hatte, kam auch ich nach einem Freisprechungsantrag meines Verteidigers noch einmal zu Wort. Ich hatte bereits vierzig Minuten gesprochen, als plötzlich der Oberstaats- anwalt aufsprang und den Vorsitzenden aufforderte, mir das Wort zu ent- ziehen, weil ich„eine förmliche Wahlrede“ halte. Der Vorsitzende jedoch respektierte die oberstaatsanwaltliche Aufforde- rung in keiner Weise. Er saß mit gekreuzten Armen auf seinem großen Stuhl, würdigte den Erresten keines Blickes und wandte sich freundlich lächelnd an mich mit den Worten:„Fahren Sie fort.“ Die Situation war durch dieses kleine Zwischenspiel klar. Die Sympathien des Gerichts waren auf meiner Seite. Dennoch durfte ich nicht mit einer Freisprechung rechnen und wollte diese auch nicht mehr erreichen. Denn inzwischen hatte ich erfahren, daß ein Freispruch Konzentrationslager‘ Buchenwald für mich bedeutet hätte. Der Spruch des Gerichts lautete auf ein halbes Jahr Gefängnisstrafe, die durch die zehnmonatige Untersuchungshaft als verbüßt galt, und Auf- hebung des Haftbefehls. 39 ,, Ich war frei!" Eine Art Schwindel packte mich. Meine Pulse hämmerten: Freiheit! In meinen Ohren sauste es: Freiheit! In meinem Herzen klang es mit: Freiheit! Freiheit! Freiheit! Ich wurde in meine Zelle zurückgebracht. Als nach einer halben Stunde sich noch immer niemand um mich gekümmert hatte, dämpfte sich der Freudenrausch, und bange Zweifel stiegen in mir auf. Je länger ich warten mußte, um so klarer wurde mir, daß ein dunkler Schatten heraufkroch und sich mir in den Weg stellte. Nach etwa einer Stunde wurde ich vor den Gestapobeamten Eberhardt gebracht. Er hatte den Telefonhörer am Ohr und sprach mit der Landesgestapo Weimar. Als ich eintrat, legte er den Hörer zur Seite und kam mit verbissen- finsterem Gesicht auf mich zu:„ Wenn Ihre Haft jetzt weitergeht und Sie nach Buchenwald gebracht werden, so haben Sie das nur Ihrer Frau zu verdanken." ,, Wieso? Was ist vorgefallen?", fragte ich und hatte Mühe, das lähmende Entsetzen zu verbergen, das mich befiel. ,, Ich lasse mich von Ihrer Frau nicht beleidigen", schrie er erregt. Im Laufe der weiteren Auseinandersetzung waren wir so laut geworden, daß Aufsichtsbeamte in der Meinung ins Zimmer kamen, ich sei handgreiflich gegen Eberhardt geworden. Zum ersten Male in meinem Leben hatte mich meine ruhige Besonnenheit verlassen. Ich war außer mir vor Erregung und Empörung über den Versuch dieses Schurken, mich nach Buchenwald bringen zu lassen. Wie die Auseinandersetzung zu Ende ging, weiß ich nicht mehr. Ich wurde aus dem Zimmer geführt und wieder nach meiner Zelle gebracht, von wo ich nach kurzer Zeit aber wieder geholt, umgekleidet und entlassen wurde. Bis heute ist es mir psychologisch ein Rätsel geblieben, warum mich Eberhardt nicht nach Buchenwald bringen ließ. Entweder war es Aufschneiderei gewesen oder die Beamten des Gefängnisses hatten Eberhardt solange bearbeitet, bis er von seinem Vorhaben ablieẞ. Draußen empfing mich meine Frau zwischen Lachen und Weinen. Sie erzählte mir von ihrer an sich unbedeutenden Auseinandersetzung mit Eberhardt, der sie dabei überrascht hatte, wie sie vor dem Gerichtsgebäude in einer Unterhaltung mit Teilnehmern des Prozesses die Schuld des Beamten selber gegeißelt hatte. Die unliebsame kurze Verzögerung meiner Befreiung war bald in den Hintergrund gedrängt, und wir gaben uns, alle bitteren Gedanken verscheuchend, dem Glück unserer Wiedervereinigung hin. Geld zur Heimfahrt nach Jena hatten wir nicht. Die zwanzig Kilometer wollten wir zu Fuß zurücklegen, wurden aber unterwegs von einem Auto mitgenommen. Zu H renden umfing Junge, von sel wie ein Absc Ich W spürte jetzt be sahen Mit durfte künfte mich z Lobeda mal so seinem seine Aber dann freude Schink hatte seiner Den dürfen schlec haft w V die ih Gutes Aud sich schrie habe, Vor R Un Mark kein 40 it! Stunde ch der Junkler erhardt Landes- -finste- je nach zu vel- "habe, um sich„nicht mitschuldig zu machen“ "Marktplatz zu meiner Freilassung und erklärte zum Schluß, Zu Hause hatte meine treusorgende Frau alles festlich für den Heinmikeh- renden geschmückt. Die zahlreichen kleinen Aufmerksamkeiten, die mich umfingen und beglückten, trieben mir Tränen in die Augen. Und als unser Junge, ein noch nicht dreijähriges Bübchen, mich mit einem langen Gedicht, von seiner„Mumi“ verfaßt, begrüßte, war ich vor Rührung und Glück hilflos wie ein Kind. Abschied von Jena Ich war nun frei, aber ich fühlte mich nicht frei. Auf Schritt und Tritt spürte ich die Ueberwachung. Für meine ehemaligen Parteifreunde war es jetzt besonders gefährlich, sich mit mir sehen zu lassen. Die meisten über- sahen mich. Nur wenige Getreue fühlten solidarisch mit mir. Mit meisem Freund Baege traf ich mich nur abends. In seine Wohnung durfte ich nicht kommen, da er auch überwacht und jede unserer Zusammen- künfte genauestens registriert und gemeldet wurde. Ich wußte das und mußte mich zurückhalten, um ihn nicht noch materiell zu schädigen. Er lebte in "Lobeda bei Jena bescheiden und dürftig und hatte oft im Monat nicht ein- "mal so viel wie ich als Arbeitsloser. Ich habe mich darum auch oft hinter seinem Rücken an seine reichen, Freunde im Reiche gewandt und ihnen seine Notlage geschildert. Ich weiß nicht, ob er das jemals erfahren hat. Aber wenn eine unverhoffte Geldsendung an seine Adresse gekommen war, dann stahl er sich abends in der Dunkelheit in meine Wohnung und packte freudestrahlend mancherlei Kostbarkeiten auf den Tisch: Wurst, Butter, Schinken, Schokolade, Tabak, Zigaretten, Wein usw. Welch kindliche Freude hatte dieser alte, weißhaarige sozialistische Kämpfer dabei, wenn er von seiner eigenen Freude abgeben und uns den Tisch decken konnte. Den Zusammenbruch des Nazireiches hat Baege leider nicht mehr erleben dürfen. Er starb kurz nach dem Tode seiner Frau als ein Opfer der Nazis schlechthin an Entbehrung und Hunger. Während’sich fast alle ehemaligen Parteigenossen nach meiner Gefängnis- haft völlig von mir zurückzogen, gab es eine Anzahl kleinerer Geschäftsleute, die ihre Sympathie zu mir ganz öffentlich zum Ausdruck brachten und mir Gutes taten, wo sie nur konnten. Auch der alte Amtsgerichtsrat Stolze winkte mich auf der Straße zu sich heran und entschuldigte sich, daß er den Haftbefehl gegen mich unter- schrieben habe. Er teilte mir auch mit, daß er seinen Abschied genommen in einem Staate, wo„Macht vor Recht‘ gehe. Und der Amtsgerichtsdirektor Riedel beglückwünschte mich auf dem daß mein Prozeß „kein Ruhmesblatt in der deutschen Justiz‘“ gewesen sei. 41 Ich stempelte weiter und arbeitete fleißig in meinem gepachteten Garten, um der Not im Winter zu steuern. Abends saßen meine Frau und ich bis in die späte Nacht an literarischen Arbeiten. Es wurde wenig von diesen Arbeiten veröffentlicht, weil’ sie keine„‚hereische“ Tendenz hatten. Selbst sogenannte demokratische Zeitungen und Zeitschriften schickten uns be- dauernd mit dem Hinweis auf die Richtlinien des Goebbelsschen Propa- gandaministeriums die Manuskripte wieder zurück. Viel Geld für Porto und Rückporto war umsonst vertan. Wir stellten zwar unsere schriftstellerischen Arbeiten nicht ein, aber es war uns klar, daß wir jetzt keine Existenz damit aufbauen konnten. Bei meinem politischen Ver- halten wäre ich niemals Mitglied der Reichsschrifttumskammer geworden. Alle Verlage waren aber angewiesen, nur Arbeiten von Mitgliedern dieser Kammer zu veröffentlichen. Körperlich war ich durch die langen Hungerjahre so heruntergekommen, daß ich mir ein schweres Magenleiden zugezogen hatte und ick nur noch dünne Schleimsuppen essen konnte. Eine schwere Arbeit konnte ich nicht mehr verrichten. Da ich weiterhin in Jena durch das Arbeitsamt keine Arbeit vermittelt bekam, faßten wir im Herbst 1937 den Entschluß; Jena zu verlassen und uns irgendwo niederzulassen, wo wir unbekannt waren. Nach vielem Hin und Her einigten wir uns auf den Schwarzwald in der Nähe der schweizerisch- französischen Grenze. Diesem Plan lag die geheime Absicht zugrunde, ge- legentlich doch über die schweizerische oder französische Grenze zu gehen.{ Das Jenaer Arbeitsamt machte mir keine Schwierigkeiten. Es war im Gegenteil froh, mich loszuwerden. Ich bekam jedoch keinen Pfennig Um- zugsgeld. Ich verschleuderte deshalb den Rest meiner Bücher, verkaufte die Ernte meines Gartens und brachte gerade so viel auf, um den Transport für die Möbel bezahlen zu können. Für unsere Reise zu drei Personen hatten’ wir etwa 15,— Mark. Wir mußten sehen, wie wir die Strecke bis Frei- burg, das sind über siebenhundert Kilometer, mit diesem Gelde zurück- legten.. Aber ich wußte, daß ich eine Frau hatte, die durch dick und dünn ging und keine Ansprüche stellte. Sie fand sich in allen Lebenslagen schnell zu- recht und wußte auch den Notzeiten. noch einige schöne Stunden abzuge- wirtnen. Sie war ein Mensch, der nie verzagte, auch wenn unsere Lage noch so trostlos und dunkel war. Immer sah ich in ein strahlendes und frohes Gesicht, mochten unsere Taschen auch leer sein. Noch einmal wanderten wir hinaus durch den Vollradisrodaer Grund hin- auf zur Paul-Kahle-Höhe, um Abschied zu nehmen von jenem uns lieb- gewordenen Stück Erde des Thüringer Landes. Es lag leise waldrauschend in der milden Sonne und der beginnenden Farbenreife des frühen Herbstes. 42 Sonne unsere ins W „An Hen kleine „W schlaf Nie Sch Nähe Garten, und ich m diesen . Selbst uns bePropaUnsere Herzen waren wehmütig. Aber unser Bub, unser leuchtendes Sonnenkind, riẞ uns durch sein Jauchzen und Tollen immer wieder aus unseren Träumereien. Ihm war die morgen beginnende Reise eine Reise ins Wunderland. en zwar daß wir en Vereworden. n dieser xommen, ur noch ch nicht ermittelt sen und lem Hin izerischande, gerenze zu war im nig Umaufte die ransport en hatten bis Frei zurückinn ging hnell zuabzugeage noch and frohes rund hinuns lieb. innenden ,, An Staatsfeinden haben wir kein Interesse" Herbstliche Kühle umfing uns, als wir am nächsten Morgen mit einem kleinen Handköfferchen durch den feierlich- stillen Wald schritten. ,, Wie weit werden wir heute kommen? Wo werden wir heute nacht schlafen?" Niemand fragte es laut. Aber in unseren Herzen stand doch die Frage. Schließlich nahm uns ein Auto mit. Ueber hundert Kilometer, bis in die Nähe von Dingelstädt, meiner Heimatstadt. Wir übernachteten bei meiner alten Mutter, blieben noch zwei Tage und setzten dann unsere Reise fort. Wir kamen mit Unterbrechungen am ersten Tage teils mit Personenwagen, teils mit Lastwagen bis Frankfurt, wo wir in einem billigen Gasthaus übernachteten, und am nächsten Tage mit einem Lastzug bis Freiburg. Die letzte Strecke bis Staufen, siebzehn Kilometer südwestlich von Freiburg, mußten wir zu Fuß zurücklegen. Trotz einiger Schwierigkeiten, jeweils Fahrtmöglichkeiten zu bekommen, hatten wir die Reise als schön und reich empfunden. Unsere Augen waren offen für alle Schönheiten der Landstriche, durch die wir kamen. Und unser Junge hatte an allem sein besonders leicht zu weckendes Kinderglück. In Staufen, einem Weinbaustädtchen von 2000 Einwohnern am Fuße des westlichen Schwarzwaldes, mit dem Blick auf die Rheinebene und die Vogesen, hatten wir eine Wohnung bekommen. Als wir uns am nächsten Morgen bei dem Nazi- Bürgermeister meldeten, machte er Schwierigkeiten und wollte den Aufenthalt nicht genehmigen, da Staufen Grenzgebiet sei. Schließlich willigte er doch ein. Dann machten wir uns auf den Weg nach Freiburg, wo ich meine Anmeldung beim Arbeitsamt zu erledigen hatte. Dort war man über mich bereits informiert. Siebenhundert Kilometer hatte ich mit meiner Familie unter einigen Mühsalen zurückgelegt, in der Hoffnung, irgendeine Arbeit zu bekommen, um meine Familie notdürftig ernähren zu können. Ich mußte feststellen, daß ich nur den Ort gewechselt hatte. Die Methoden in der Behandlung von Staatsfeinden waren hier wie dort die gleichen. Als mir der Beamte mit zynischem Grinsen erklärte, daß ich nicht damit rechnen dürfe, daß mir jemals irgendeine Arbeit zugewiesen würde und mir 43 auch verboten sei, eine Arbeit zu suchen, war ich doch etwas ernüchtert und entmutigt. ,, Habe ich mit meiner Familie kein Recht mehr auf Leben?" fragte ich den breitbeinig vor mir Stehenden. Er zuckte die Achseln und steckte sich umständlich eine Zigarette an. ,, Leute wie Sie können ruhig kaputtgehen. Wir haben keinen Platz für sowas. Das einzige, was wir Ihnen gestatten, ist, sich selbständig zu machen.. 66 ,, Danke..., das klingt ja sehr liebenswürdig und volksgemeinschaftlich", sagte ich scharf. ,, Aber womit soll ich mir eine selbständige Existenz schaffen?" fragte ich. ,, Ich habe keine Mittel. Mir ist alles genommen worden, selbst die ersparten Gelder, die ich in eine Unterstützungskasse zwei Jahrzehnte lang eingezahlt habe". ,, Ihre Sache! Ich habe keine Zeit für Sie". Und er wandte sich ab und ging nach seinem Schreibtisch. Dort blieb er noch einmal stehen. ,, Machen Sie, was Sie wollen. Unseren Bescheid haben Sie. Richten Sie sich danach. Sie erhalten noch einige Monate die Erwerbslosenunterstützung und dann wird sie Ihnen gesperrt. Wenn Sie sich bis dahin keine selbständige Existenz geschaffen haben, sind Sie selbst daran schuld. Und nun Schluß!" ,, Sie wollen uns vielleicht zwingen, uns aufzuhängen", sagte ich verächtlich. ,, Den Gefallen werden wir Ihnen aber nicht erweisen". ,, Das Beste wäre es aber für Sie." Er lachte zynisch, setzte sich in seinen Sessel und paffte, daß der blaue Qualm sein dickes, rotes Gesicht verhüllte. Ich schluckte meine Antwort herunter, verließ das Zimmer und sagte herausfordernder als zuvor mein„, Guten Tag". Draußen erwartete mich meine Frau mit ängstlich- fragendem Blick. Ich berichtete über meine Erlebnisse und wußte im Augenblick keinen Ausweg. Aber nur wenige Kilometer von hier war die Grenze... Da winkte es golden hinter dem Rhein, der nur als ein schmales Band das Land des Terrors und der Verfolgung von den Ländern der Freiheit trennte. ,, Hinüberschwimmen!" zuckte es kurz und brennend in mir auf. ,, Abwerfen das braune Joch von den Schultern, die sich nicht beugen wollen, abspülen den Schmutz der Erniedrigung, ein neues Leben beginnen, heraus aus einem Deutschland, das keine Heimat mehr sein kann...“ keinem und Gel Wir k mitgebr Bissen Wir gingen schweigend und niedergeschlagen durch die Stadt. Autos aus allen Teilen Deutschlands, aus der Schweiz, aus Frankreich und Belgien sausten und hupten an uns vorüber. Ferienreisende mit umgehängten Fototaschen und Ferngläsern bummelten an den Geschäften vorüber. Aus den Kaffeehäusern und Restaurants drangen die Töne leichter Musik und wurden von dem Straßenlärm in Stücke gerissen. Auf den freien Plätzen parkten riesige Autokolonnen. Warme Herbstsonne überstrahlte die ganze Stadt und ihre frohen Menschen. Sie gingen plaudernd und lachend an uns vorüber. In 44 war es Fragen Als brachen Kunstha Scheren Die B Weise b ins Aqu beiten Wir hatten Leben Spät nicht m Japanp Wie saugen daß ein Papiers gen gin Am den Ta Erst behand Und sich nu für die Mitt einem Bilder Der Mark stützu aufges Unter Me Herre r tert und ich den ich umPlatz ndig zu aftlich", z schaf worden, ei Jahrand ging hen Sie, . Sie erwird sie stenz geächtlich. in seinen hüllte. agte herlick. Ich en Auses golden rors und immen!" von den Ernied das keine Autos aus I Belgien en FotoAus den d wurden parkten Stadt und rüber. In keinem Gesicht sah man Sorgen und Nöte. Sie wußten nichts von Verfolgung und Gehetztsein. Wir kamen in gepflegte Anlagen, setzten uns auf eine Bank und aẞen unsere mitgebrachten Brote, ohne Appetit, langsam kauend, mit jedem der kargen Bissen unsere Niedergeschlagenheit mitschluckend und verdauend.. Wieder war es unser blonder Junge, dessen harmlos- spielerische Fröhlichkeit mit Fragen und Lachen uns über die Trostlosigkeit dieser Stunden hinweghalf. Als die Sonne schon lange Schatten auf die grünen Grasflächen warf, brachen wir auf. Wir hatten noch einen weiten Weg bis Staufen. Vor einer Kunsthandlung blieben wir stehen und überlegten, ob wir nicht einige Scherenschnitte, die wir in einer Mappe mitgenommen hatten, anbieten sollten. Die Besitzerin war von den Arbeiten begeistert und versprach, uns in jeder Weise behilflich zu sein, riet aber meiner Frau, die feinen und zarten Motive ins Aquarell zu übertragen, Scherenschnitte würden als künstlerische Arbeiten kaum gewertet und darum auch nicht entsprechend bezahlt. Wir kauften für unser letztes Geld Japanpapier, Pinsel und Farben und hatten im Herzen die ferne Hoffnung, den Anfang zum Weg in ein neues Leben gefunden zu haben. Spät in der Nacht kamen wir müde und hungrig in Staufen an, aber doch nicht müde genug, um das Bett aufzusuchen. Meine Frau muẞte erst das Japanpapier versuchen. Wie groß aber war ihre Enttäuschung, als sie den Pinsel auf dieses stark saugende Papier setzte. Die Farben und Linien liefen so stark durcheinander, daß eine klare saubere und plastische Bildwirkung nicht zu erzielen war. Alle Papiersorten wurden ausprobiert. Das Ergebnis blieb dasselbe. Niedergeschlagen gingen wir schließlich zu Bett. Am nächsten Morgen wurden die Versuche fortgesetzt. Auch an den folgenden Tagen ließ meine Frau sich von ihrem Maltisch nicht wegbringen. Erst nach etwa drei Wochen wußte sie, wie dieses eigensinnige Papier zu behandeln war. Und nun schaffte sie vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Sie gönnte sich nur ungern eine kurze Nachtruhe. Sie malte kleine symbolische Bildchen, für die wohl ein jeder gern ein paar Mark ausgeben konnte. Mitte November hatte ich eine ansehnliche Mappe voll und machte mich mit einem geliehenen Rade auf den Weg, bergauf und bergab zu fahren, um die Bilder zu verkaufen. - Der erste Tag brachte einen verheißungsvollen Anfang. Mit zweiundvierzig das war der UnterMark kehrte ich am Abend heim. Zweiundvierzig Mark stützungssatz für drei Wochen! Und nur einen einzigen Menschen hatte ich aufgesucht und war bei ihm bis zum Abend durch eine interessante politische Unterhaltung hängengeblieben. Meine Frau war glücklich. Nun sollten sie kommen, diese breitspurigen Herren vom Arbeitsamt mit ihren gemeinen und zynischen Redensarten und 45 Drohungen. Wir würden nicht zu Kreuze kriechen und wie ängstliche Hunde kuschen! Nein, aufrecht und stolz würden wir ihnen entgegentreten und, wenn nötig, ihnen ihre Beleidigungen zurückgeben. Den Winter über wurde fleißig für die Mappe gearbeitet. Aus den kleinen Bildchen wurden Bilder, größer und immer schöner, und die Menschen, die sie sahen, waren begeistert und kauften sie gern. Nur hin und wieder ging ich mit einigen Bildern nach Freiburg und kehrte immer mit leerer Mappe zurück. Der Erlös wurde für Malmaterial verwandt und andere Vorbereitungen, die zu unserer selbständigen Existenz notwendig waren. Zu diesen Vorbereitungen gehörte auch die Frage eines Transportmittels. Ich lernte Autofahren, und eines Tages stand ein alter Opel vor unserer Haustür und neben ihm unser wohlwollender Freund und Hausnachbar, Willi Schöneborn, ein Gemüsehändler aus Staufen. Er lachte uns an und freute sich, uns helfen zu können. ,, Ich kann es aber jetzt gar nicht bezahlen", sagte ich bedauernd. ,, Damit hat es auch gar keine Eile", wehrte er gutmütig ab. ,, Zahlen Sie es erst, wenn Sie das Geld wirklich übrig haben". Selbstverständlich hatte ich mir vorher die Genehmigung zum Bilderverkauf vom Arbeitsamtsleiter in Freiburg geholt, um nicht Gefahr zu laufen, eine Betrugsanklage zu bekommen. Selbständig Am 1. April 1938 teilte ich dem Arbeitsamt Freiburg mit, daß ich auf den weiteren Empfang der Erwerbslosenunterstützung verzichte und eine selbständige Existenz gegründet hätte. Von nun an fuhr ich jeden Monat einmal durch das Badener Land und kehrte jedesmal mit soviel Geld in der Tasche zurück, daß wir den ganzen Monat davon leben konnten. Wir wechselten die Wohnung und zogen auf einen Bauernhof in die Nähe von Staufen. Die Bäuerin war zwar ein schreckliches Monstrum, dick wie die Kühe, die sie hütete, und falsch wie ihre Katze. Aber wir gediehen alle in der guten Landluft bei guter Milch, Sahne und Butter aufs beste. Und unser Junge vergnügte sich mit Kühen, Hühnern und Schweinen und bekam rote Bäckchen. Nach kurzer Zeit schon waren die Bilder meiner Frau so bekannt und wurden so begehrt, daß Interessenten in unserer Wohnung erschienen und Bestellungen aufgaben. Nun war Küchenmeister Schmalhans kein Gast mehr bei uns. Auch ich erholte mich, und mein Magenleiden, das nichts anderes war als eine Ernährungskrankheit, ging zurück. 46 Jetzt eines T große großen Autofr vertrau seine H geduld unsere Es f das ni Dort la und el Heima lebend Werke Geistl macht dem E wande nur g menti brenn baren Wi nicht denen Mutte wegu Rätse kame Als stube vor u Nazis liche die Reic sei, Mutt den Rose hätte e Hunde ten und, kleinen , die sie d kehrte rial vertenz notes Transunserer ar, Willi ute sich, en Sie es erverkauf fen, eine ich auf und eine and und n ganzen die Nähe k wie die le in der nd unser kam rote und wurund Bech ich ere Ernäh - - Jetzt konnten wir uns auch größere Reisen erlauben. Und so fuhren wir eines Tages kurz entschlossen nach Thüringen zurück. Allerdings gehörte eine oder war es Unerfahrenheit dazu, sich auf einer so große Portion Mut großen Reise unserem alten schon längst ausgedienten Vehikel, das selbst ein Autofriedhof nicht einmal mehr zum Ausschlachten angenommen hätte, anzuvertrauen. Aber die Reise stand unter einem guten Stern. Das Vehikel tat brav seine Pflicht, abgesehen von einigen unbedeutenden Pannen, und führte uns geduldig zu allen Freunden und Bekannten, die wir aufsuchen wollten, um unsere Bilder zu verkaufen. Es führte uns schließlich auch nach Naumburg, dem Endziel unserer Reise, das nicht dem Geschäftlichen, sondern in erster Linie dem Geistigen diente. Dort lag ein Berggrundstück mit jungem Eichenwald, reichen Weinplantagen und einem Garten, in dem gerade die Rosen und Lilien blühten. Das war die Heimat des Philosophen und Dichters vom Ewig- Mütterlichen, vom Weltlebendigen und Weltlieblichen, des Dichters vom Muttergrunde des Ur. Seine Werke über natürliche, biologisch begründete Geschlechtersoziosophie und Geistlehre hatten auf uns beide einen tiefen und nachhaltigen Eindruck gemacht. Denn hier erschien das hohe Ideengut Goethes von der Gottnatur und dem Ewig- Weiblichen in wunderbarer Weise vertieft, veredelt und modern gewandelt. Was dort nur geahnt, dichterisch umwoben und vielfach andeutend nur gewiesen wurde, das war hier klar und logisch wissenschaftlich fundamentiert und gedeutet und auch in seiner dichterischen Form blühender und brennender noch wie das tausendfach gebrochene Kräftespiel in einem kostbaren Prisma. Wir beide wußten, daß der Philosoph Parteigenosse war, konnten aber nicht fassen, wie ein Mann, der grundlegende Werke geschrieben hatte, in denen in höchsten Worten von Mutterrecht, Mutterehre, Mutterreligion und Muttersozialismus die Rede war, einer so übertrieben männlich- betonten Bewegung angehören konnte, wie es die nazistische war. Das Verlangen, dies Rätsel zu ergründen, war der eigentliche Zweck unseres Besuches. Wir bekamen gründlichen Aufschluß. Als wir dem Gelehrten in der bescheiden altväterlich eingerichteten Wohnstube seines Berghauses gegenübersaßen, hatten wir einen politischen Freund vor uns, der aus Erfahrung und Erkenntnis ein starker Hasser und Feind der Nazis geworden war. Wir erfuhren von ihm, daß er geglaubt habe, seine natürliche Geschlechtersoziosophie und Geistlehre, in der die Natur und ihr Abbild, die Mutter, naturfromme Deutung und Recht erhalte, werde im ,, Dritten Reich" den rechten Boden finden, daß er daraufhin in die Partei eingetreten sei, daß aber alle seine Bücher, in denen er für ein gesundes, modernes Mutterrecht eintrat, auf den Index ,, nicht zu fördernder Bücher" gesetzt worden wären, und daß eine teils anonyme, schimpfliche Haẞkampagne, von Rosenberg ausgehend, gegen ihn geführt worden sei, gegen die er sich nicht hätte zur Wehr setzen dürfen. Er erzählte uns, daß man seine Lehre durch 47 wahlloses Herausreißen einzelner Sätze aus dem Zusammenhang bewußt entstellt und oft Dinge darüber verbreitet habe, deren Gegenteil er geschrieben, gemeint und gewollt hätte. Er habe in verschiedenen Abwehrschriften diesbezügliche Dokumente gesammelt, Zeitungsartikel, Kritiken, seine Beschwerdeund Aufklärungsbriefe an die Redaktionen, Behörden, deren abschlägige Antworten usw. In einer dieser Abwehrschriften hieß es wörtlich: ,, Wenn der Leser dieser Zeilen den Eindruck hat, daß wir durch ein Tollhaus wandern, dann ist das nicht meine Schuld... 66 Ja, wahrhaftig, ein Tollhaus! Wir taten einen erneuten Blick hinein in das Tollhaus des ,, Dritten Reiches". Dort raste der ,, Führer". Das Bild des vom Grunde gelösten irrenden Erkenntnisgeistes, das der Philosoph in einem seiner Werke so plastisch entwarf, erscheint heute wie ein getreues Abbild des größten Tollhäuslers, den die Weltgeschichte kennt. auseinandergesprengt, ohne Einheit in seiner Struktur, unausgeglichen, unruhvoll, immer auf dem Weg durchs Haus, hinauf und hinunter, bald zum Dachfenster hinausschauend, bald zum Kellerloch, immer im Katarakt der Ichabläufe, ein stürzendes Wasser, ein suchender Strom zwischen Felsspalten, kein in sich ruhendes Meer. Lichter flackern herein und wieder hinaus, bald ist sein Auge entzündet vom Aufschrei des Verlangens, voll Schrecken und Weltenangst, daß wir erbeben, bald bohrt es sich eiskalt in die Falten des Seins, erkenntnishungrig und ohne Verehrung. Und wieder brüllt es von unten herauf in diesem Hause des Wahnsinns, in dem ein wilder und ungezügelter Geist umgeht, der alle inneren Treppen init Lärmen und Laufen erfüllt und dessen bleiches, fluchzerrissenes Antlitz bald an diesem und bald an jenem Fenster erscheint, das Unerlöste schlechthin. Und dieses zerfetzte und zerquälte Wesen soll der soziale Führer der Menschheit sein und den Wagen der Erdgeschichte steuern durch die tiefe Nacht, in die wir geraten sind und die durch die Scheinwerfer unserer Sehnsucht nur mühsam erleuchtet wird? Ein Besessener sitzt am Steuer, dessen Hand wahllos in den Gängen herumtastet. Fünf Minuten vor uns aber gähnt der Abgrund. Wer legt das Steuer herum?..." - Dan gewiss weiter An schier osten Münc ein fu Tsche Oester den R Sowje An nung zu ve Wi Ich den ich d an se Ich mich Wi wir u wiede hatte sollte Er mein gefül Wer über den Die ersten Kriegsdrohungen Im Herbst desselben Jahres glaubte Hitler, den Krieg soweit vorbereitet zu haben, um loszuschlagen. Er besetzte Oesterreich. Niemand in der Welt rührte sich. England und Frankreich fühlten sich zu schwach, um den immer frecher und drohender werdenden Forderungen Hitlers entgegentreten zu können. E Berl lang W müss eine Abe schö 4 F 48 ußt enthrieben, en dieschwerdeige AntHer Leser n, dann n in das nden Er entwarf, den die unausge hinunter, im Katahen Felseder hinchrecken alten des on unten ezügelter füllt und an jenem und zeragen der und die wird?- n herumas Steuer ereitet zu en sich zu derungen Dann folgten die Grenzländer der Tschechoslowakei, deren Bewohner durch gewissenlose Hetzer suggeriert worden waren, daß es für sie unmöglich sei, weiter im Verband der Tschechoslowakei zu leben. An der Westgrenze waren gewaltige deutsche Truppenkontingente aufmarschiert, Sie sollten Frankreich während der Hitlerschen Raubzüge im Südosten in Schach halten. Im Frühjahr des nächsten Jahres wurde trotz der Münchener Abmachungen die Tschechoslowakei überfallen, ausgeraubt und ein furchtbares Blutregiment errichtet, das Hunderttausenden von aufrechten Tschechen das Leben kostete. Mit der Besetzung der Tschechoslowakei und Oesterreichs hatten die Hitlerschen Kriegstreiber die Voraussetzungen für den Raubüberfall auf Polen und den späteren Ausrottungsfeldzug gegen die Sowjetunion geschaffen. Anfang Juli 1939 erschienen wieder zwei Gestapobeamte in meiner Wohnung und nahmen mich im Auto mit, um mich im Staufener Bürgermeisteramt zu vernehmen. Wieder hatte mich eine Frau denunziert. Ich hatte in einem Gespräch Hitler als den Alleinschuldigen eines kommenden Krieges bezeichnet und ihn als Kriegstreiber entlarvt. Außerdem hatte ich die Besetzung Oesterreichs und der Tschechoslowakei verurteilt und Kritik an seinen gesamten wirtschaftlichen Maßnahmen geübt. Ich wurde nicht verhaftet, sondern wieder freigelassen mit der Maßgabe, mich jederzeit zur Verfügung zu halten. Wir fuhren kurz vor Ausbruch des Krieges noch einmal nach Thüringen, wo wir unseren großen Freund als kaum Genesenden von schwerer Krankheit wiederfanden. Der dauernde Kampf gegen seine nazistischen Widersacher hatte ihm ein Herzleiden zugezogen, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Er war trotzdem voll junger Begeisterung über die malerischen Fortschritte meiner Frau, besonders über die Illustrationen, die sie zu seinen Büchern ausgeführt hatte. Er kaufte wieder einige Bilder und schenkte uns einige seiner Werke. Wir hatten eine eingehende politische Diskussion und waren uns einig über das Verbrechersystem des Nazistaates und seiner Schuld am bevorstehenden Krieg. ,, Ein Nazi ist immer ein Lump!" sagte der Gelehrte wörtlich. Er hatte es erfahren. - Wir fuhren noch nach Schlesien zu den Angehörigen meiner Frau, nach Berlin und Hamburg zu Bekannten, durch die Heide und am Rhein entlang nach Staufen zurück. Wie oft haben wir auf dieser abenteuerlichen Fahrt im Auto übernachten müssen, um das Geld für Nachtlager zu sparen. Wir haben sogar einmal an einer Tankstelle ein Bild verkaufen müssen, um Geld für Benzin zu haben. Aber das alles tat unserer Freude an diesem Leben keinen Abbruch. Es war so schön, so frei und ungebunden, ohne Störung durch Arbeitsamt und Gestapo. 4 Finkelmeier: Apokalypse 49 In Staufen angekommen, merkten wir, daß es höchste Zeit war, unser Auto bald wieder reisefertig zu machen. Denn inzwischen war die Kriegslage drohender geworden. Militärzüge auf Militärzüge rollten, ununterbrochen an die Grenze. Grenzdörfer und Städte wurden bereits evakuiert. Meine Frau drängte. Sie glaubte, daß man mich doch noch verhaften würde. Eines Tages trafen wir Vorbereitungen zur endgültigen Abreise. Sie wurden zwar mit Lärm und Vorwurf, Drohungen, uns der Polizei zu übergeben und unser Auto kassieren zu lassen, von der Bäuerin gestört, weil wir ihr noch etwas Miete schuldeten, aber wir packten dennoch unser Auto voll und fuhren über Sigmaringen nach Ulm, dem Ziel, das ich vorgeschlagen hatte. Aber meine Frau war enttäuscht von der Stadt und Umgegend. Sie drängte. so lange nach Süden, bis ich nachgab. So fuhren wir über Kempten, Füssen, Reute nach Innsbruck, der Wahlheimat meiner Frau. Sie strahlte. ,, Die Umstände sind zwar traurig, die uns hierher führen", sagte sie ,,, aber mir ist, als ob ich auf unserer Hochzeitsreise sei, die wir noch nicht machen konnten." Ich habe ihre Augen feucht gesehen vor Ergriffenheit über die Schönheit des begnadeten Landes, das, überwölbt von südlich- klarblauem Himmel, mit immer neuen kantigen Felsenhäuptern, jadegrünen Bergseen, dunklen Tannenwäldern und den schmucken weißbraunen Häuschen seiner Ortschaften an uns vorüberflog. Unterwegs hatten wir Schwierigkeiten mit der Benzinbeschaffung. Einige Behörden weigerten sich, mir Kraftstoff für die Weiterfahrt zu geben. In solchen Fällen brauchte ich nur zu drohen, daß ich mich mit meiner Familie in das erste Hotel auf Kosten der Stadt einmieten würde. Ich gab mich als Evakuierter aus, der im Schußbereich der französischen Kanonen wohne. Meine Drohung wirkte, und ich bekam stets Benzin zur Weiterfahrt. In Innsbruck übernachteten wir in den ersten drei Nächten im Auto vor dem Bahnhof. Wir waren das zwar von unseren Reisen her gewöhnt, aber nun konnten wir uns nicht mehr aufrecht halten. Unsere Barmittel waren verbraucht, wir mußten nunmehr die Stadt in Anspruch nehmen. Zu unserer Ueberraschung fanden wir größtes Entgegenkommen, wurden mit Barmitteln versorgt und außerdem in ein Hotel eingewiesen. Dort sollten wir so lange verbleiben, bis wir privat untergebracht würden. Da ich bisher während meines ganzen Lebens gewohnt war, daß alle meine Schritte, meine Handlungen immer und überall polizeilich registriert und mein ganzes Tun und Lassen durch polizeiliche Anordnungen überschattet wurden, kam ich mir hier wie in einem Paradiese vor. Denn in dem noch immer freiheitlichen Oesterreich, das allerdings als ,, Ostmark" zu Hitlers ,, Großdeutschem Reiche" gehörte, war nur wenig von dem preußischen Polizeigeist und dem Potsdamer Befehlston zu spüren. In Preußen waren wir, das Volk, für die Beamten da, damit die ihre Befehle, ihre 50 Anordr das Vo In O Ich offiziel ordnun Doa liaber Und zes Jah jeden für An kletter Papier Selb zweite in Ma An rück. und t einem verrat Sie w ihrem Sie Stund Na nicht wiede mich Zum Der Es r die s Reise Me hing Fah auf 4* ㅈ ser Auto age dron an die erhaften. Sie wurDergeben ihr noch d fuhren drängte. Füssen, Die Umaber mir machen nheit des it immer nnenwäln an uns g. Einige n. In solamilie in mich als e. Meine Auto vor aber nun aren verAnordnungen, ihre Verbote usw. erteilen konnten, und nicht der Beamte für das Volk, dem sie helfen sollten, wie in Oesterreich. In Oesterreich half man uns ohne Formulare und ohne polizeiliche Schikane. Ich hatte den österreichischen Behörden nicht verschwiegen, daß ich nicht offiziell evakuiert worden sei, sondern ohne polizeiliche oder militärische Anordnung meine Wohnstätte verlassen hätte. ,, Doas muacht nix. Erholn sich nur guat in unsern Bergen und seiens unser liaber Gast", antwortete mir der österreichische Beamte. Und die guten, liebenswerten Oesterreicher haben uns wirklich fast ein ganzes Jahr lang als Gast behandelt. Wir hatten ein anständiges Zimmer, bekamen jeden Monat auskömmlich Geld und wurden mit einer Summe von 500 Mk. für Anschaffung von Wintersachen freiwillig beschenkt. An schönen Tagen kletterten wir in den Bergen herum, und kein Polizist fragte nach unseren Papieren, und keine Behörde kümmerte sich um uns. - - wie ich bei meiner Selbst die Gestapo entdeckte uns nicht, trotzdem ich zweiten Verhaftung erfuhr seit September 1939 von dem Sondergericht in Mannheim steckbrieflich gesucht wurde. An unseren Innsbrucker Aufenthalt denke ich gern mit Dankbarkeit zurück. Wir hatten einen Kreis von Freunden und Bekannten, alles aufrechte und treue Menschen, bei denen man sich wohlfühlen und reden konnte, wie einem der Schnabel gewachsen war. Man brauchte keine Sorge zu haben, verraten zu werden. Ihr freiheitliches Blut empörte sich gegen jeden Zwang. Sie waren stolz auf ihren Andreas Hofer und ihre Bergbauern, die mit ihrem Blut für die alte Freiheit Oesterreichs gekämpft hatten. Sie ballten alle die Fäuste, die biederen Menschen, und warteten auf die Stunde der Befreiung von dem braunen Joch und auf die Abrechnung. Nach der Kapitulation von Frankreich schien mir unser Aufenthalt in Tirol nicht mehr begründet. Ich mußte vielmehr damit rechnen, daß wir eines Tages wieder nach dem Schwarzwald abgeschoben werden würden. Vorerst wollte ich mich vergewissern, ob unsere Wohnung noch stand und alles in Ordnung war. wurden art sollten lle meine riert und erschattet dings als wenig von üren. In ehle, ihre Zum zweiten Male verhaftet Reise". Der 1. September war für die Reise festgesetzt. Es war ein dunkler Tag. Es regnete in dünnen Fäden. Und der Himmel entsprach der Stimmung, die sich über uns gelegt hatte. Irgendetwas in mir mahnte: ,, Verschiebe die Meine Frau sprach es bittend aus. In ihren Augen, die ständig an mir hingen, flackerte es wie Angst und Ahnung vor kommendem Unglück. ,, Fahre noch nicht, ich bitte dich, mir ist bange. Mir ist, als ob ein Unheil auf dieser Reise geschehen könnte". 4* 51 Sie dachte aber kaum ernstlich an Kriminalpolizei und Gestapo. Oder wenigstens in zweiter Linie. 99 , Uebernachte nicht in Städten, wo Bombenangriffe zu erwarten sind, wie etwa Friedrichshafen". Ich versprach es ihr und beruhigte sie. ,, Sprich auch nicht über Politik mit fremden Menschen!" Auch dies Versprechen gab ich ihr. Und dann wieder: ,, Fahre nicht, bleibe noch hier.... Der Tag ist so dunkel". ,, Es ist alles vorbereitet, und ich muß es ja doch einmal", Ich ließ mich auch durch dringlichere Bitten nicht umstimmen. Noch auf dem Bahnhof versuchte sie, mich zurückzuhalten. Verhaltene Tränen schimmerten in ihren Augen. Der Junge begann zu weinen wie nie, wenn ich fortfuhr. Ich stutzte. Was hatten sie, meine beiden lieben Menschen? Ich wurde unschlüssig, noch auf dem Trittbrett des Coupés. ,, Bleibe! Fahr später!" bat meine Frau zum letzten Male. Es war wie ein unterdrückter Schrei aus einer unheimlichen, mir unerklärlichen Angst ihres Herzens. Ich hielt ihre Hand, tröstend und beruhigend. Der anrückende Zug entriß sie mir. Und ich fuhr in das Verhängnis.- Unterwegs verkaufte ich in Kunsthandlungen eine ganze Anzahl Bilder. In Dornbirn, Bregenz, Friedrichshafen, Linz und Konstanz. Einen Teil des Geldes schickte ich an meine Frau, die ich ziemlich mittellos zurückgelassen hatte. Eine kleine Summe von etwa dreihundert Mark behielt ich als Reserve. Ahnungslos gab ich in einem Konstanzer Hotel meine Papiere ab und bekam sie nach zwei Tagen bei meiner Abreise wieder zurück. Dann fuhr ich weiter nach Singen am Hohentwiel. Dort hatte es gelauert, das Verhängnis. Einem preußisch geschulten Polizeiauge entgeht nichts. Es fand in dem Fahndungsblatt meinen Namen: Finkelmeier, Conrad, geb. 28. 8. 1888 zu Dingelstädt/ Eichsfeld. Gesucht seit September 1939 vom Sondergericht Mannheim. Das Polizeiherz klopfte und jubelte. Endlich mal wieder einen... Vielleicht einen guten Fang. Aber seit einem Jahr wird der Kerl schon gesucht? Sondergericht? Wer weiß, was der verbrochen hat. So stieg er mit seinem uniformierten Begleiter die Hoteltreppen hoch und suchte die Zimmernummer. Dann klopfte er. Ich war schon auf und hatte die schweren Polizeischritte gehört. Mein Herz pochte, als sie vor meiner Türe Halt machten. Als sie klopften, riß ich auch schon die Türe auf. Die beiden Beamten waren überrascht und wichen zurück. Der uniformierte Beamte hob seine Pistole und legte sie auf mich an. 52 Sie fiel wi " Wa Die das F Justizs ..Sin Ja! wesen, „ Das und ic an und Mei Dunke Frau. das Le Wäl Die V samm komm Als gebäu auch Um am B das m besch nicht blieb Ein Aber flüssi verzw Dr war Verla frem ich schw Si mein mir amte Do. Oder sind, wie gist so Noch auf n schimzte. Was moch auf mir unerruhigend. Bilder. In es Geldes en hatte. rve. und be fuhr ich in dem 1888 zu ergericht ... Viel gesucht? noch und rt. Mein Beamten ob seine ,, Sie sind verhaftet!" erklärte der Zivilbeamte. Das knappe sachliche Wort fiel wie ein Hammer auf mich nieder. ,, Warum?" fragte ich hart. Die beiden Beamten traten in mein Zimmer. Der Zivilbeamte zeigte mir das Fahndungsblatt und las meinen Namen, Geburtstag, Geburtsort und Justizstelle, die mich suchte. ,, Sind Sie das?" fragte der Zivilbeamte. ,, Ja! Aber... Mannheim...? Ich bin 1913 einmal in Mannheim gewesen, seit dieser Zeit nicht wieder". ,, Das habe ich nicht zu klären. Sie werden seit 1939 steckbrieflich gesucht, und ich habe nichts anderes zu tun, als Sie zu verhaften. Ziehen Sie sich fertig an und kommen Sie mit." Meine Glieder waren wie gelähmt, und eine Art Schwindel packte mich. Dunkel stieg es in mir auf. Das war es also, was sie geahnt hatte, meine Frau... Also doch! Aus war es... Vorbei alle Hoffnungen... alle Pläne, das Leben, das beginnen sollte... aus... Während ich mich fertig machte, wurden meine Gedanken klarer. Die Verhaftung hing zweifellos mit der Denunziation von Bonndorf zusammen, die vom Badener Sondergericht in Mannheim zur Aburteilung kommen sollte. Als ich angezogen war, führten mich die Polizeibeamten nach dem Polizeigebäude, wo ich bei ihnen sitzen durfte. Es war mir erlaubt, zu rauchen, auch durfte ich meine Frau über meine Verhaftung in Kenntnis setzen. Um die Mittagszeit fuhr ein Auto vor und brachte mich nach Radolfzell am Bodensee in das dortige Gefängnis. Alles wurde mir abgenommen und das mitgeführte Geld als Vorschuß für eventuelle Gerichts- und Haftkosten beschlagnahmt. Trotzdem ich dem Richter sofort erklärte, daß das Geld nicht mir gehöre, sondern der Erlös von gemalten Bildern meiner Frau sei, blieb es bei der Beschlagnahme. Ein Protest gegen meine Verhaftung war selbstverständlich wirkungslos. Aber man macht, wenn man im Gefängnis sitzt und Zeit hat, meist überflüssige Schreibereien, um sich in Erinnerung zu bringen und selbst nicht zu verzweifeln. Drei Tage später bekam ich Besuch von meiner Frau aus Innsbruck. Ich war glücklich und voller Freude darüber. Sofort verlor ich das Gefühl des Verlassenseins, das jeden Gefangenen heimsucht, wenn er in einer völlig fremden Stadt verhaftet wird. Ich lebte nur der kurzen halben Stunde, die ich mit meinem treuen Gefährten zusammen war, und dachte nicht an den schweren dunklen Weg, der vor mir lag. Sie war gefaßt und tapfer wie immer und voll tiefster Anteilnahme an meinem Schicksal. Sie packte allerlei schöne Sachen aus. Aber nichts wurde mir ausgehändigt. Das Schmuggeln von Rauchwaren miẞglückte. Der Beamte, ein Parteigenosse, ließ uns nicht aus den Augen. Er nahm es mit seiner 53 Leis Pflicht genau. Er war kein Betreuer der Gefangenen, sondern ihr Feind und ein Freund härtester Strafjustiz. Ueber drei Monate blieb ich in Radolfzell. Nach etwa einem Monat übersiedelte meine Frau auch nach hier, und ich hatte die Möglichkeit, sie täglich um sechs Uhr abends vom Fenster aus zu sehen und mich mit ihr durch Zeichensprache zu verständigen. Meine Arbeit bestand in dem Aneinanderkleben von Zellophanabfallstreifen, die zu einer großen Kugel gewickelt werden mußten. Das Material wurde zu irgendwelchen Kriegszwecken verwandt und nach Hamburg verschickt. Ich hielt es deshalb für meine Pflicht, Sabotage zu üben und das Material unbrauchbar zu machen. Sobald ich ein paar Schichten gewickelt hatte, fuhr ich mit dem Pinsel darüber, so daß alles zusammenklebte. Hätte mich der Beamte nicht auf die Gefahr des Zusammenklebens aufmerksam gemacht, ich wäre gar nicht auf den Gedanken einer Sabotage gekommen. Kurz vor Weihnachten wurde ich nach dem Konstanzer Gefängnis gebracht. Unsere abendliche Wiedersehensfreude hatte damit auch ein Ende. Es war der letzte Tag. Um sechs Uhr kam meine Frau, und um acht Uhr sollte ich abtransportiert werden. Wir hatten bereits eine solche Uebung in unserer Zeichensprache, daß sie mich sofort verstand. Als sich das Gefängnistor hinter mir geschlossen hatte, hörte ich hinter mir die Gespräche meiner Frau mit dem Buben. Sie waren so geführt, daß alles an mich gerichtet war. Auf dem Bahnhof gingen wir in den Wartesaal. Der Beamte ließ mich allein, während er am Ausschank Bier trank. Meine beiden liebsten Menschen setzten sich neben mich und sprachen in der heimlichen Weise wie vorher zu mir. Ich aber durfte nicht antworten. In meiner Brust arbeitete das unbändige Verlangen, zu ihnen zu stürzen, sie zu umarmen und fest an mich zu pressen, mit ihnen zu fliehen, irgendwohin, wo wir unserem kleinen bescheidenen Glück leben konnten, wo uns nichts mehr trennte, fort aus dieser Gefängnis-, Polizei- und Paragraphenatmosphäre in eine reine und schönere Welt, in eine Welt, wo das Leben wieder lebenswert war. Der Bub rückte näher an mich heran und streichelte mich heimlich, sagte aber nichts, da es ihm augenscheinlich von seiner Mutter verboten worden war. Der Beamte blickte zu uns herüber, blieb aber ruhig stehen und ließ den Jungen gewähren. Er war ein Mensch, wußte von menschlichen Regungen, hatte selbst Kinder, und morgen vielleicht schon konnte er mein Schicksalsgefährte sein. Ich strich dem Buben über das lange hellblonde, seidige Haar. Tränen traten mir in die Augen. 54 Lippe Händ schau ein na Ich wie si Aber Händ es ni De folgte Au tung Ku sie in merk De rette beru zum Al schie In nach A wie los des D Mül Deu zu i D I Seit sch keh Ich bal wü , " eind und nat über, sie täg. hr durch anabfall: Material erschickt. Material elt hatte, bens auf. Sabotage gebracht. acht Uhr ebung in ch hinter ihrt, daß Gieß mich rachen in icht antstürzen, irgend, wo uns graphenas Leben ch, sagte ten Wor. ließ den egungen, chicksals Tränen Leise und mit tiefer Inbrunst gesprochene Worte preßten sich von seinen Lippen. ,, Paps, mein armer, liebster, guter Paps." Er nahm meine beiden. Hände und drückte sie fest an sein schmales, blasses Gesichtchen. Dann schaute er zu mir auf, und ich sah in große, unendlich traurige Augen, in ein naß überschimmertes erstes tiefes Kinderleid, das kaum verstanden war. Ich sah, wie meine Frau mit der Erschütterung ihres Innersten kämpfte, wie sie tapfer bemüht war, ihre eigenen drängenden Tränen zurückzuhalten. Aber sie rannen ihr schließlich langsam über das abgehärmte Gesicht. Ihre Hände zuckten, das gleiche zu tun wie das harmlose Kind. Aber sie wagte es nicht. Der Beamte kam, wir mußten aufbrechen. Als wir durch die Sperre gingen, folgten auch Mutter und Kind. Auf dem Bahnsteig erfuhren wir, daß der Zug etwa eine Stunde Verspätung habe. Kurz entschlossen trat meine Frau auf den Beamten zu und fragte, ob sie in seiner Gegenwart mit mir sprechen könne. Er werde sicher schon gemerkt haben, daß wir zusammengehörten. Der Beamte erklärte sich damit einverstanden, nur bat er, mir keine Zigaretten zuzustecken, da er dadurch Unannehmlichkeiten haben könne. Ich beruhigte ihn, daß ich seit drei Monaten nicht geraucht und kein Bedürfnis zum Rauchen hätte. Als der Zug einlief, hatten wir alle drei erleichterte Herzen, und der Abschied war nicht bitter. In Konstanz verblieb ich nur drei Wochen und kam kurz nach den Weihnachtsfeiertagen nach Freiburg. Am dritten Januar fand die Verhandlung statt. Es war keine Verhandlung wie die vergangene in Weimar, sondern eine Aburteilung. Recht- und schutzlos mußte ich mir alle Beleidigungen, Beschimpfungen und Verleumdungen. des Vorsitzenden, ohne widersprechen zu dürfen, gefallen lassen. Die Zeiten hatten sich geändert. Das Gericht gab sich nicht einmal mehr Mühe, die äußere Form einer Rechtsprechung zu wahren. Es gab niemand in Deutschland, der gewagt hätte, an solchen Vergewaltigungsmethoden Kritik zu üben. Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis, Ich nahm es hin fast ohne Anteilnahme, ohne Erregung oder Empörung. Seit die Gefängnistore sich nach meiner zweiten Verhaftung hinter mir geschlossen hatten, war mir das recht eindringlich klar geworden: eine Rückkehr in die Freiheit während des Dritten Reiches gab es nicht mehr für mich. Ich konnte in meinem eigenen Interesse nur das eine wünschen, daß der Krieg bald durch einen Sieg der Alliierten beendet würde. Das deutsche Volk allein würde niemals in der Lage sein, sich von dem braunen Joch zu befreien. 55 Eine Ohrfeige für die Denunziantin Am Nachmittag sollte ich Besuch von meiner Frau haben. Es wurde drei, vier, fünf Uhr, meine Frau kam nicht. Erregt ging ich in der Zelle auf und ab. Das Abendessen wurde verteilt. Ich rührte nichts an. Ich fand keine Erklärung und mußte das Schlimmste befürchten: eine Verhaftung meiner Frau. Bei ihrem renitenten Wesen mußte eine solche Zwangsmaßnahme zu einer Katastrophe führen. Das Entsetzen kroch wie lähmendes Blei durch meine Glieder. Ich ließ mich auf den Hocker nieder und stützte den Kopf mit den Fäusten. Gräßliche Bilder stiegen vor mir auf. Meine aufgewühlte Phantasie malte sie immer entsetzlicher. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich klingelte. Der Beamte kam und erklärte mir auf meine Fragen, daß er soeben abgelöst habe und nicht unterrichtet sei. Die Ungewißheit blieb. Während einer ganzen langen Nacht. Ich kletterte zum Fenster empor, schrie den Namen meiner Frau in die dunkle, sternenlose Nacht hinaus. Nichts rührte sich, keine Antwort kam. Ich schrie ihn immer wieder in der Hoffnung, daß sie ihn im Frauenbau hören würde. Nichts, und immer wieder nichts... Die Dunkelheit draußen war wie ein Abbild meiner Stimmung und meines Schicksals. Es gähnte mich schwarz und mitleidlos an. Schaudernd schloß ich das Fenster. Am nächsten Morgen ging ich nicht zum Spaziergang. Ich kletterte wieder zum Fenster empor und sah in den Frauenhof hinab, Vermummte Gestalten, alle ein wenig gebückt, mit gesenktem Kopf, im Gleichschritt des üblichen Spazierganges. Aber eine ging in dem kleinen inneren Kreis ganz für sich, langsam, aufrecht und stolz. Das war sie... wahrhaftig, das war sie. Es war keine Täuschung. An ihrem Gang und dem tiefen blonden Nackenknoten erkannte ich sie. Einen Augenblick lang wurde es schwarz vor meinen Augen. Ich klammerte mich an die Gitterstäbe, um Halt zu bekommen. Ein namenloses Entsetzen sprang mich an, saß mir in der Brust wie eine Substanz, konnte sich nicht befreien, wütete in mir und schlug verzweifelt gegen die Wände seines Kerkers, wie ich sinnlos mit den Fäusten an die Gitterstäbe schlug. Nun war alles aus... Auch sie verhaftet.. Der einzige Trost, der mich noch aufrecht gehalten hatte, war, daß sie frei war. Was hatte sie gesagt? Wie lange würde sie hier bleiben müssen? Wie trug sie es? Ihrer Haltung nach trotzig und stolz; aber wie lange? Himmel, wie lange? Als der Spaziergang vorüber war, klingelte ich wieder. Ich erfuhr; daß meine Frau der Denunziantin eine kräftige Ohrfeige verabreicht hatte und dafür im Schnellverfahren zu vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt worden war. 56 Dies nich g Wäh sal, so am Fe wegun Aufseh gar ni Und dem P durch Ich Kein Antwo haft. Schwi versch direkt Ich zuhör Aber bereit Als РАМ Mann Gro In fang Ar Tage den trati A ich In zu n über Setz N stör urde drei, e auf und keine Erg meiner nahme zu Jei durch Hen Kopf gewühlte icht mehr oeben abkletterte sternenchrie ihn en würde. nd meines terte wiemmte Gechritt des reis ganz aftig, das blonden Ich klamamenloses z, konnte ie Wände e schlug. daß sie müssen? e lange? Ohrfeige agen Ge Diese Auskunft beruhigte mich. In Gedanken küßte ich ihre Hände, die nich gerächt hatten. Während dieser vierzehn Tage dachte ich nicht an mein eigenes Schicksal, sondern an die Lage meiner Frau. Von nun an stand ich jeden Morgen am Fenster, um ihren Gruß zu erwidern und jeden Schritt und jede Bewegung zu verfolgen. Mehrere Male hörte ich die keifende Stimme der Aufseherin. Und einmal deutlich die Stimme meiner Frau: ,, Das geht Sie gar nichts an, wo ich meine Augen habe." Und eines Tages war ihre Haft um, und sie saẞ neben mir, erzählte unter dem Protest des Aufsichtsbeamten den genauen Hergang und ließ sich auch durch dessen Drohung nicht beirren, ihr Erlebnis ausführlich zu schildern. Ich lieẞ keinen Blick von ihr. Sie war blaẞ und hohlwangig geworden. Kein Wunder, bei sechs Tagen Hungerkost, die sie für ihre ,, ungebührlichen" Antworten bekommen hatte. Sie sagte strahlend, sie sei stolz auf ihre Ehrenhaft. Denn sie habe die Tat begangen und das Gefängnis bewußt mit allen Schwierigkeiten auf sich genommen, um mir eine kleine Genugtuung zu verschaffen. Den Richtern habe sie es ordentlich gegeben, dem Gefängnisdirektor auch, und sie bereue nichts. Ich hätte die Minuten unseres Zusammenseins festhalten und ihr immer zuhören mögen, meiner tapferen Lebensgefährtin durch Hell und Dunkel. Aber bevor wir recht froh über unser Wiedersehen waren, hatte der Beamte bereits die Uhr in der Hand und drängte zum Abschied. Als ich mich wieder in meiner Zelle befand, atmete ich tiefbefriedigt auf. Wenige Tage später brachte mich der ,, Schub" in das Landesgefängnis Mannheim, wo ich meine Strafe abbüßen mußte. Grausame Nachricht In den ersten Wochen klebte ich wie die meisten der etwa tausend Gefangenen Tüten, dann kam ich in die Druckerei, wo ich als Setzer arbeitete. Am 3. Oktober 1941 sollte ich aus dem Gefängnis entlassen werden. Acht Tage vor dem Entlassungstermin wurde ich in die Kanzlei gerufen, wo ich den Erlaß eines Haftbefehls bescheinigen mußte, der mich in das Konzentrationslager Buchenwald einwies. Als ich die Kanzlei verließ, schwankten mir die Knie. Mir war, als sei ich innerlich wie vereist... In der Druckerei hatten sich meine Mitgefangenen aufgestellt, um mich zu meiner Entlassung zu beglückwünschen. Ich ging stumm an ihnen vorüber und setzte mich, ohne zu wissen, was ich tat, auf einen herausgezogenen Setzkasten. Nun wußten sie, was mir bevorstand. Niemand kam zu mir. Niemand störte mich oder machte einen Versuch, mich zu trösten. Selbst der dienst57 habende Aufsichtsbeamte ließ mich gewähren, drängte zu keiner Arbeit, fühlte vielleicht selbst den schweren Schlag, der mich getroffen hatte. Ich selbst hatte niemals an meine Freilassung geglaubt. Dennoch klammert sich die menschliche Psyche, wenn der Mensch vor einem grausamen Schicksal steht, an die sagenhaften Wunderkräfte einer überirdischen Schicksalslenkung. So mußte sich auch bei mir im Unterbewußtsein ein kleiner Hoffnungsstrahl eingenistet haben, sonst hätte mich diese Eröffnung nicht so hart packen können. Ich kann von mir nicht sagen, daß mich das Leben bisher sanft angefaßt hätte. Ich habe in ehrlichem und aufrechtem Kampfe meine Ueberzeugung durchgefochten und nicht nach links und rechts gesehen, gleichgültig was aus mir wurde, und habe immer und immer wieder von vorn anfangen müssen. Was mir jetzt jedoch bevorstand, hätte auch eine robustere und gleichgültigere Natur zu Boden geworfen. Vor mir lag die Hölle des Konzentrationslagers, die Vernichtung! Ich wußte, was Konzentrationslager bedeutete, wußte, daß der Verbrauch an Menschen die Belegziffern heute schon überschritten hatte, daß nur ganz vereinzelte Häftlinge bisher das Lager lebend verlassen hatten, daß nur wenige Menschen die furchtbaren Miẞhandlungen und die grausamen Quälereien überdauerten, daß der größte Prozentsatz der Gefangenen an Erschöpfung und an Hunger zugrunde gegangen war... Sollte ich dieses Opfer überhaupt noch auf mich nehmen, da mir das Konzentrationslager nur eine so geringe Chance gab, einer von den wenigen Ueberlebenden zu sein? Aller Lebenswille war in mir erloschen. Bange Straße des Schicksals... Endlos und dunkel, ohne Baum und Freude und glückhaftes Verweilen... 58 atte. Arbeit, ch klamrausamen Schickkleiner ng nicht angefaßt rzeugung iltig was anfangen tere und ng!.. erbrauch nur ganz daß nur rausamen genen an mir das wenigen um und Buchenwald I. Ach, Ettersberg, entweiht und tief geschändet, wo Goethe seine tiefsten Träume spann und über Ur und Mensch und Gottheit sann. Wie furchtbar hat dies Heiligtum geendet! Wie ward aus Höllenbrunst ein Fluch gesendet, aus braunem Blutrausch und Vernichtungswahn! Wie scholl der Menschenjammer himmelan und hat das Volk von selbst doch nicht gewendet! Ach, Ettersberg, entweiht und tief geschändet, der einst dem Großen Ruh und Licht gespendet, dann aber unter der Brachialgewalt den Opfern Gräber schuf, herzroh und kalt... Aus allen Wipfeln wehte Todeshauch und stöhnte: ,, Wart nur, balde ruhst du auch." 59 ee er a I. Wie einst die Stille um den Großen wob, um seinen Geist, und ließ ihn leuchtend fließen, und Lied um Lied aus reichem Füllhorn gießen, daß er sich zur Unsterblichkeit erhob, zu seiner Gottnatur, im hohen Lob die ewige Gebärerin zu grüßen... Da wohnte noch der Genius jenes Riesen, bis er entsetzt vom Lärm von dannen stob... Dann hat ein schlichter Dichter sich bemüht, der träumend nicht im tiefen Wald gesessen. Und diesmal formte sich ein andres Lied, aus Not geboren und am Leid gemessen, das auch ‚unsterblich seine Kreise zieht: „O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen...“ IT. Ihr erh es nicht vergessen, Buchenwald! Nicht müde werden, wenn gerufen wird, anklagend, prangernd, und das Grauen stiert aus blutgen Bildern und euch hart umkrallt! Und nicht vorübergehen, ohne Halt am Besseren, das euch jetzt aufwärts führt und das ihr alle spüren könnt und spürt, wenn jener Ruf nicht echolos verhallt! Ein einzger Volksschrei, daß das All erbebt, sittlichen Zorn werft in die stumpfen Welten, an alle Himmel, glühend heiß bestrebt! Uebt hohes Recht und säuberndes Vergelten, auf daß die Ehre wieder sich erhebt in Deutschlands Besten, Echten und Beseelten. « Buchenwald Auf dem Wege nach Buchenwald m 5. Oktober ging es im Schubwagen nach Osten. Ueber Frankfurt, A Kassel, selbstverständlich nicht die Möglichkeit, einen Blick aus dem Fenster zu tun. Die vergitterten kleinen Fensterchen hatten sogenannte Scheuklappen, die bis zum Waggondach reichten und nur so viel Licht in den Raum ließen, daß man Tag und Nacht unterscheiden konnte. Auf den mittleren und größeren Bahnhöfen kamen weitere Gefangene hinzu. Wenn wir irgendwo übernachten mußten, wurden wir durch Handfesseln aneinandergeschlossen. Ein großer Beamtenapparat stand draußen mit Hunden bereit, uns nach dem Polizeigefängnis zu bringen. Die schmutzigen und verlausten Unterkunftsräume waren als Durchgangsstationen gewöhnlich so überfüllt, daß niemand sich schlafen legen konnte. In diesen Unterkunftsräumen erlebte man oft Wiedersehensfreude von geradezu tragischer Größe. Ein Vater, schon jahrelang wegen Hochverrats im Zuchthaus eingesperrt und jetzt auf dem Wege ins Konzentrationslager Sachsenhausen, traf in Kassel seinen Sohn, den er im Felde wähnte, um für Hitlers„ Größe" und seine Wahnideen zu bluten, in schwarzer Zuchthauskleidung auf dem Wege ins Moor. Es war erschütternd, als diese beiden Menschen sich plötzlich erkannten und in einem Aufschrei aus. Entsetzen und wehmütiger Freude sich in den Armen lagen. Was hatte der Sohn in der schwarzen Zuchthauskleidung getan? Er war drei Tage über seinen vorgeschriebenen Urlaub geblieben... Oder: ein Roter- Spanien- Kämpfer traf mit seinem Bruder, der fünfzehn Jahre bei der Fremdenlegion war, zusammen. Zwanzig Jahre hatten sich diese beiden Menschen nicht gesehen und erst durch den Namensaufruf wiedererkannt. Auch ich traf in Frankfurt a. M. einen alten Bekannten, den ehemaligen kommunistischen Reichstagsabgeordneten Opitz aus Sachsen. Er hatte sieben Jahre im Zuchthaus gesessen und befand sich auf dem Wege ins Konzentrationslager Sachsenhausen. 63 Am 10. Oktober trafen wir nach fünftägiger Fahrt in Weimar ein. Etwa dreißig Personen aus allen Teilen Europas und aus allen Altersschichten und Berufen, Franzosen, Belgier, Holländer, Polen, Tschechen usw. teilten mein Schicksal.; Am Bahnhof bereits mußten wir feststellen, daß wir von schlagfertigen und rauflustigen SS-Leuten übernommen worden waren. Schon auf dem Bahnsteige hagelte es Ohrfeigen und Fußtritte. Auch ich bekam mein Teil ab. Da die„Minna“, die uns nach Buchenwald bringen sollte, noch unterwegs war, wurden wir in einen Abstellraum geführt, wo uns der„erste Unter- richt“ über das Lagerleben in Buchenwald in der Form erteilt wurde, daß wir uns alle mit dem Gesicht zur Wand stellen mußten. SS inspizierte unsere Haltung und korrigierte sie mit Fußtritten oder mit einem kräftigen Stoß an den Hinterkopf, daß das Gesicht gegen die Mauer flog und Blut aus Stirn und Nase floß. Diese Prozedur wurde an jedem einzelnen durchgeführt. Als sich später herausstellte, daß sich unter uns eine wissenschaftliche Autorität als Geißel aus Holland befand, die ebenfalls aus Mund und Nase blutete, war der SS-Mann über seine„Heldentat“ doch-sichtlich verlegen. Bei diesen Prozeduren verwandten die SS-Männer einen Wortschatz, der nur aus einem SS-Lager-Wörterbuch stammen mußte. Ich kannte viele Wörter- bücher, diese Sprache aber war mir fremd. Inzwischen mußten wir zur Abwechslung antreten. Die SS wußte natür- lich, daß das nicht klappen würde, da die meisten die deutsche Sprache nicht verstanden. Aber gerade an diesem Durcheinanderrennen hatte sie eine kindische Freude, denn sie hatte Anlaß, tüchtig dreinzuschlagen. Das war ihr das Wichtigste. Sie wiederholte dieses Spiel so lange, bis es klappte, d. h. bis die ausländischen Gefangenen die deutschen Wortlaute begriffen hatten. Sie hätten sich wahrscheinlich noch weiter vergnügt, diese rohen gefühl- losen Burschen, wenn nicht die„Minna“ inzwischen vorgefahren wäre. Andere SS-Leute traten auf den Plan, gut gepflegte stramme Kerls, mit finsteren, verwegenen Verbrechergesichtern. Gestapo,\hieß es, Sie suchten ihre Opfer nach einer Liste aus und fuhren mit ihnen in einem anderen Wagen davon. Ich war nicht unter den Ausgewählten. Dann mußten die Uebriggebliebenen die„Minna“ besteigen. Es war wohl üblich, daß hierbei die SS den durch lange Gefängnis- oder Zuchthaushaft geschwächten Gefangenen behilflich war. Mit Fußtritten und Kolbenstößen fand jeder schnell einen Platz, und sei es auch auf dem Körper des anderen. Wir waren untergebracht und fuhren ab nach— Buchenwald. Inzwischen waren die Gefangenen alle wieder auf den Beinen. Das war nur mit Hilfe der Starken möglich gewesen. In Kurven schwankten wir nur leise nach links oder nach rechts, so eng beieinander standen wir. Niemand sprach ein Wort. In jedem Gesicht stand Angst und Entsetzen. 64 Etwa Was war Buchenwald? ichten teilten rtigen dem eil ab. rwegs Unter, daß izierte ftigen ut aus führt. ftliche Nase -legen. z, der Wörternatürprache te sie . Das appte, griffen efühls, mit uchten nderen wohl ushaft stößen deren. Fischen Hilfe nach setzen. zum Buchenwald war zur Zeit das schlimmste Lager. Buchenwald war Begriff geworden. Buchenwald war das Schreckgespenst, mit dem die Gestapo, die SS und die Partei die Unzufriedenen, die Lauen und die Miesmacher schreckten. Ein jeder hatte wohl schon von Buchenwald, von Dachau und von Sachsenhausen gehört, von Grausamkeiten und Bestialitäten, von Mord und Totschlag, die dort verübt wurden, aber nur im Flüsterton hatte es einer dem andern weitergegeben. Niemand wußte, ob es nur Erzählung oder ob es Wirklichkeit war. SS und Gestapo wachten eifrig darüber, daß über ,, ihre" Lager im Volke nichts laut wurde. Gefangene, die dort waren, hüteten sich, etwas zu erzählen. Im übrigen waren Entlassungen so überaus selten, daß man es als einen besonderen Glückszufall bezeichnen durfte, einen entlassenen Gefangenen zu sprechen. Was war Buchenwald? Ein Straflager? Nein, unter den vielen Tausenden von Häftlingen befand sich nicht ein einziger, der eine Strafe abzusitzen hatte. Alle hatten ihre Strafen verbüßt und waren im Anschluß daran nach Buchenwald verschleppt worden. Ein großer Teil von Häftlingen hatte überhaupt nicht vor Gericht gestanden, nicht einmal eine Anklage bekommen. Man hatte sie wahllos und willkürlich je nach Laune der Gestapobeamten aufgegriffen und ins Konzentrationslager gesteckt. Tausende von Deutschen, Polen, Tschechen, Franzosen, Holländern usw. habe ich kennengelernt, die auf diese Weise zur Hölle verdammt worden waren, ohne zu wissen, warum. Wehe dem, der den Versuch unternommen hätte, an Recht oder Gerechtigkeit zu appellieren, um von der politischen Abteilung zu erfahren, warum er eingesperrt worden sei. Ein solcher Versuch hätte ihm das Leben gekostet. Sie kamen aber ebensowenig zur Entlassung wie alle anderen Häftlinge. Buchenwald war kein Straflager. Buchenwald war ein„, Konzentrationslager für Schutzhäftlinge". Auf diese offizielle Kennzeichnung legten Hitler, Goebbels und die Gestapo außerordentlichen Wert. Konzentrationslager hat es immer gegeben. In politisch bewegten Zeiten und in Kriegen errichteten die Staaten vorübergehend Konzentrationsdem Staat lager, um dort all die Menschen unterzubringen, die dem Schaden zufügen konnten: Ausländer, politisch Unzuverlässige, Staatsfeinde usw. Diese Menschen wurden in allen Kulturnationen selbstverständlich auch als Menschen behandelt. Sie bekamen auch eine auskömmliche Verpflegung und brauchten nur solche Arbeiten zu verrichten, die zur Aufrechterhaltung des Lagerbetriebes unbedingt notwendig waren. Konzentrationslager waren auch keine Dauererscheinungen unter Kulturvölkern. Die Einrichtung von solchen Lagern war immer und überall nur 5 Finkelmeier: Apokalypse 65 eine vorübergehende Notmaßnahme eines Staates gegen seine Feinde, gegen die er sich schützen wollte. Nur im Dritten Reich, im Reiche Adolf Hitlers, nahmen die Konzentrationslager eine grundlegend andere Stellung ein. Da waren Buchenwald und die hundert anderen Lager keine Konzentrationslager für Schutzhäftlinge, auch keine Straflager, sondern viel Schlimmeres: es waren Vernichtungslager. Deutschland, einst das Land der Dichter und Denker, vor dem die Fremden Achtung, ja Ehrfurcht hatten, war von der Liste der Kulturnationen gestrichen worden. Deutschland war durch die verbrecherischen und grausamen Mordtaten der braunen Herrscher das Land der Richter und Henker geworden. Deutschland war das Land der Barbarei, der schlimmsten Verbrechen geworden. In dem Land der Dichter und Denker durfte nur noch nationalsozialistisch gedichtet werden, und denken durfte niemand, nur Adolf Hitler, der ,, einmalig Begnadete". Was Hitler dachte und sagte, war richtig und wahr und durfte nicht angezweifelt werden. Und das Volk war's zufrieden. In dem braunen Reich Hitlers waren die Konzentrationslager Vernichtungslager. Hunderttausende, Millionen starben nicht eines natürlichen. Todes, sie wurden monatelang, jahrelang geschlagen, gequält und schlieẞlich in Massen hingemordet, erschossen, erschlagen, zertreten, vergast und verbrannt. Das war Buchenwald! Das waren die hundert anderen Lager. Lager bestialischer Grausamkeiten, Lager des Todes. Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen, Auschwitz, Lublin, Ravensbrück usw. waren keine vorübergehenden Erscheinungen, keine Notmaßnahmen des braunen Reiches auf eine begrenzte Zeit, nein, Buchenwald und alle anderen Lager waren erst ein bescheidener Anfang im Aufbau des vorgesehenen tausendjährigen Reiches. Nach dem siegreichen Hitlerkriege erst sollte mit dem eigentlichen Bau von wahrhaft großzügigen Konzentrationslagern in ganz Europa, in Teilen von Asien und Afrika begonnen werden. Das war der Plan Hitlers, Goebbels', Himmlers und ihrer hunderttausend Henker. 66 N n gegen ationszentrachlimFremtionen dtaten rechen listisch „ einr und ernichrlichen chließ st und Lager sbrück ahmen nd alle vorgeen Bau Teilen Causend SS im Konzentrationslager Nicht ,, Bestien" waren es, nicht ,, tolle Hunde". Solch magres Wort ist nicht am Platze hier, und wie Beleidigung klingt es für das Tier. Hier gab das inkarnierte Böse Kunde mit wut- und haẞverzerrtem Teufelsmunde, herabgezüchtet unters reine Tier, roh, zynisch, falsch, mit triefend- blutger Gier, pervers, sadistisch schlagend Wund' um Wunde hinein in eine arme Opferschar Verhungerte, Gemarterte, Erschlagne und doch aus reinstem Geist Emporgetragne, Konzentration des Werts, der ist und war Sie aber wüteten an Führerstelle Konzentration der Bosheit aus der Hölle. Die erste Vernehmung in Buchenwald Noch immer herrschte Schweigen. Nur das schnelle Hämmern des Motors, der eine traurige Last bergan zog, war zu hören. Plötzlich drang Gesang an unser Ohr:„ O, Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen..." Wo Gesang ist, da gibt es fröhliche und glückliche Menschen Alles horchte auf, lauschte... und vielleicht hat manche Brust sich ein wenig leichter gehoben. Buchenwald...!? Der Motor stoppte, der Wagen hielt. Wir waren in Buchenwald. Nach einer Stunde schon würde uns Buchenwald kein geheimnisvolles Rätsel mehr sein. Die Wagentür wurde geöffnet. SS stand mit Maschinenpistolen bereit. Einer nach dem anderen sprang oder fiel aus dem Wagen. Jeder drängte, um schnell herauszukommen. Niemand wollte der letzte sein. 5* 67 \ Wir wurden aufgestellt, gezählt, und der Lager-SS übergeben. Dann wur- den wir in eine Baracke geführt, vor der wir standen. Es war die Baracke der„Politischen Abteilung“, die Baracke, vor der sich die frommen polnischer Häftlinge immer bekreuzigten, ehe sie ein- traten. Mit dem Gesicht vor der Wand standen wir da und warteten auf unseren Aufruf. Einige der an uns vorübergehenden SS-Leute vergnügten sich wieder damit, unsere Gesichter an die Wand zu schlagen. Andere wieder gingen vor- über und fragten die Gestoßenen, warum sie bluteten. Wenn die Gefragten nicht gleich die richtige Antwort fanden, bekamen sie gut sitzende Kinn- haken. Und wenn ihnen dann das Bewußtsein zu schwinden drohte, noch einen Fauststoß in die Magengrube. Wenn aber einer die erwünschte Ant- wort gab:„Ich habe mich gestoßen,“ so war es auch nicht recht, so bekam er trotz seiner schnellen Anpassungsfähigkeit wegen„seiner persönlichen Ungeschicklichkeit“ noch ein paar Ohrfeigen zur Lehre, daß er nächstens besser aufpassen solle. Von einem politischen Ehrenhäftling wurden wir inzwischen genauestens darüber instruiert, wie wir uns in dem Raum der hohen politischen Abtei- lung zu verhalten hätten, um die hinter der Tür sitzenden blutlechzenden Bestien nicht zu reizen. BR Einer nach dem andern schloß die Tür hinter sich mit dem Gedanken, sich streng an die Anweisung des Ehrenhäftlings zu halten, um ja nicht schon durch die Vernachlässigung der Formalitäten aufzufallen. Aber jeder einzelne, der heraustrat und die Türe wieder hinter sich ge- schlossen hatte, um in unsere Reihen zurückzutreten, stöhnte, blutete, rieb sein Gesäß oder hielt die Unterarme vor die Magengrube.} Alle erhielten ihre„Taufe“. Nur einer wurde nicht angerührt. Es war der große Holländer, der als Geißel' verschleppt worden war. Er wandte sein Gesicht zu mir und sprach leise, aber triumphierend: „An mich haben sie sich doch nicht herangewagt.“ Dann kam die Reihe an mich. Als ich die Tür geschlossen hatte, sagte ich mein Sprüchlein her und wartete, bis man mich rief. „Komm her, du Schwein!“ k‘ Es war ein großer brutaler Mund, aus dem diese Worte im Buchenwald- SS-Jargon gekommen waren. Der Mund saß in einem dicken, breiten und roten Gesicht, mit zwei kleinen tückischen Augen, einer dicken geröteten Nase und einer Hitlerfliege darunter.„Das ist kein Gesicht,“ dachte ich haßerfüllt,„das ist die Fratze eines Ungeheuers.“ Ich trat näher in das Blickfeld der Fratze. „Geh mir aus den Augen, du Mistvieh, sonst trete ich dich zusammen.“ Er sprang auf und trat mir mit seinen genagelten schweren Stiefeln vor das Schienbein, daß es mir’ dunkel vor den Augen wurde und ich tausende kleiner Sternchen sah. 68 wuror der e einnseren wieder en vorragten Kinnnoch e Antbekam lichen chstens uestens Abtei zenden lanken, a nicht ich ge e, rieb Es war te sein gte ich enwald en und eröteten hte ich mmen." vor das ausende Ein anderer kam mit einem Ochsenziemer auf mich zu und hieb mir über den Kopf, über Schulter und Hände, daß im Augenblick die Schmerzen am Schienbein vergessen waren. Ich wurde in dem großen Raum herumgetrieben und geschlagen, bis ich da stand, wo sie mich hinhaben wollten: hinter eine Art Ladentisch. Rechts und links von mir, einige Meter entfernt ,,, arbeitete" je ein SS- Oberscharführer stehend an einem Pult. Eine ohnmächtige, zähneknirschende Wut hatte mich gepackt, daß es in mir brauste und ich Mühe hatte, mir nichts anmerken zu lassen. Die Vernehmung begann. Zunächst mußte ich die Personalien beantworten. Dann wurde es kritisch. ,, Warum bist du kein Nationalsozialist geworden?" Blitzschnell arbeitete mein Gehirn. Ich konnte antworten, was und wie ich wollte, diese Bestien, die ihren Blutrausch hatten, waren nicht zu beruhigen. Prügel bekam ich auf jeden Fall. Die beiden Wächter, junge Kerle mit frechen, rohen, typischen Nazigesichtern, rechts und links von mir hatten die Ochsenziemer schon in den Händen. So oder so, ich wollte wenigstens Haltung bewahren. ,, Ich bin dreißig Jahre marxistischer Sozialist gewesen," begann ich ,,, Sie können von mir nicht erwarten..." " Ehe ich weiterreden konnte, schlugen bereits die beiden Henker von rechts und von links auf mich ein. Wie lange, wußte ich nicht. Es schien mir, als ob sie überhaupt nicht aufhören würden. Als sie sich ausgetobt hatten, traten sie wieder an ihre Pulte. ,, Na, warte nur, du Schwein," stöhnte einer von ihnen ,,, du kommst nicht lebend aus Buchenwald heraus. In vierzehn Tagen spätestens gehst du, Hund, über den Rost... Weißt du, was' n Rost ist?", lachte er höhnisch. ,, Nein", antwortete ich. ,,' n Kamin...' s Krematorium." ,, Das Schwein war sozialdemokratischer Redakteur," höhnte ein anderer, der an der Schreibmaschine saß und in meinen Akten blätterte. ,, Ein Judenknecht bist du, verstehst du, ein Judenknecht... Was bist du?" ,, Ich war sozialdemokratischer Redakteur." ,, Weiter..." wurde ich angeschrien. Ich schwieg. Und wieder sausten Hiebe und Tritte gegen meinen zerschundenen Körper. Mochten sie mich ruhig totschlagen. Dann war alles zu Ende, dachte ich verbissen. Aber nachgeben und zu Kreuze kriechen, das sollten die Verbrecher nicht an mir erleben. ,, Was hast du in Staufen getrieben?" wurde ich weiter gefragt. ,, Nach welcher Richtung soll ich diese Frage beantworten?" fragte ich so ruhig und fest wie ich konnte zurück. Ich hatte mir fest vorgenommen, mich nicht einen Augenblick lang vor diesen Kanaillen schwach zu zeigen. ,, Gehetzt hast du..." schrie man mich an, dauernd gehetzt... Kennst du den Staufener Bürgermeister?" fragte man weiter. 69 Jawohl", antwortete ich ,,, ich habe diesem Herrn nur einmal eine Erklärung darüber geben müssen, warum ich nicht mit ,, Heil Hitler" grüße. Sonst habe ich mit ihm kein Wort gewechselt." ,, Jetzt lügt der Hund schon wieder", brüllte mich der Schreiber aufs neue an. Er war von seiner Schreibmaschine aufgesprungen und schrie:„ Raus, du Lügenhund!" Aber ich wußte nicht, wie ich hinauskommen sollte. Mir war völlig entgangen, daß ich vorhin durch eine kleine Tür hinter den Ladentisch getrieben worden war. Ich wurde solange geprügelt, bis ich das Türchen gefunden hatte. Nun stand ich wieder in Reih und Glied bei den anderen Gefangenen. Die bereits Abgefertigten sahen mitleidig zu mir herüber, während die noch immer Wartenden mich beneideten. Wieder einer, der es überstanden hat.... Nach etwa zwei Stunden waren die ,, Vernehmungen" zu Ende. Wir wurden in ein anderes Zimmer geführt. Dort gab uns ein SS- Oberscharführer Instruktionen über Lagerordnung und erwünschtes Verhalten. Entgegen unserem soeben genossenen Anschauungsunterricht hatte dieser Demagoge die Stirn, zu erklären, daß niemand im Lager Unrecht geschähe. Wer sich anständig führe, werde auch anständig behandelt und könne jederzeit die Hilfe der SS in Anspruch nehmen. Jeder habe die Möglichkeit, wenn er durch die gewiß harte Schule des Lagers gegangen sei und durch Fleiß, Gehorsam, Ordnungsliebe, Sparsamkeit und Wahrhaftigkeit bewiesen habe, daß er ein brauchbares Glied in der Volksgemeinschaft geworden sei, die Freiheit wieder zu erlangen. Wer sich jedoch nicht unterordne, hätte ein schweres Los zu erwarten, sei aber selbst schuld daran, da es ihm an gutem Willen fehle, ein ordentlicher Mensch zu werden. Die Nationalsozialistische Partei und insbesondere die SS sei großzügig und reiche jedem, der den ernsten Willen habe, sich zu bessern, die Versöhnungshand.. Was hätte dieser gerissene Heuchler getan, wenn ein Häftling von uns vorgetreten wäre und die soeben erlittenen Miẞhandlungen durch die Bestien in der politischen Abteilung geschildert hätte? Mit dieser unbeantworteten Frage verließ wohl jeder von uns den Raum. Dann wurden wir nach dem eigentlichen Lager geführt. Wir gingen auf einer breiten asphaltierten Straße, zu deren Seiten gepflegte Grünflächen liefen. Als wir zum Tor kamen, durch das alle Häftlinge ein- und ausmarschierten und von der SS kontrolliert wurden, mußten wir halten. Zwei Häftlinge wurden herausgeholt und zu einem der Lagerführer gebracht. Als die beiden Häftlinge nach etwa zehn Minuten wieder herauskamen, lief ihnen das Blut über Gesicht und Nacken. Gesicht, Schädeldecke und Hinterkopf wiesen große Platzwunden auf, die stark bluteten. 70 stu sch sel Be Un sel Vor ste be N St W Wa ab St R P p Z m प f S S a me Ergrüße. S neue Raus, g entch geen gen. Die e noch anden Warum hatte man diese beiden Gefangenen zum Lagerführer, dem SS- Obersturmführer Pleuel, gebracht? Beide hatten sich geweigert, ihre Unterschriften unter ein Schriftstück zu setzen, daß sie B- Ver, Berufs- Verbrecher, seien. Sie hatten die Unterschrift mit der Begründung abgelehnt, daß sie keine Berufsverbrecher seien und nur wegen gelegentlicher kleiner Diebstähle, Unterschlagungen und Betrügereien zu Gefängnisstrafen verurteilt worden seien, weshalb man aber noch lange kein Berufsverbrecher sei. Sie hätten nicht vom Verbrechen gelebt, sondern in ihrem Leben immer schwer gearbeitet. Der Lagerführer hatte ihnen für ihre Unterschrift eine Frist bis zum nächsten Vormittag gestellt. Würden sie sich dann noch weigern, dann würden beide das Lager nicht mehr lebend wiedersehen. Am nächsten Morgen leisteten beide freiwillig ihre Unterschrift. -OberCen. dieser schähe. jederchkeit, durch wiesen en sei, hätte hm an soziali m, der on uns Bestien Raum. ten ge ftlinge en wir rer ge Theraus auf, die Im Lager Nach diesem Zwischenfall marschierten wir durch das Tor, über dem in Stein gemeißelt die für die Naziherrschaft kennzeichnenden und symbolischen Worte standen: ,, Recht oder Unrecht- mein Vaterland." - Vor uns lag ein großer freier Platz mit leichtem Gefälle. Rechts am Tor war ein hoher Koksturm aufgeschichtet das Dirigentenpodium für die abendlichen Massengesänge des Lagers. Dann folgte ein Labyrinth von Stacheldrahtzäunen, der sogenannte„, Rosengarten", in dessen Mitte ein Riesenzelt stand. In solchen Zelten waren im Winter 1939/40 Tausende von Polen verhungert und erfroren. Ein eisiger Herbstwind fegte über den großen freien Platz, dem Appellplatz, auf dem jeden Morgen und jeden Abend viele Tausend Häftlinge in Zehnerreihen antreten und oft stundenlang in Regen oder Schnee stehen mußten. Von diesem Platz aus sah man auf das Lager. Ein kleines, sauber gehaltenes Städtchen mit Straßen, die zwischen und hinter den Baracken und festen Häusern vorbeiführten. Unmittelbar hinter den festen Häuserblocks standen noch große Reste eines Buchenwaldes. Das ganze riesige Gelände war abgesperrt von einem hohen, elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun, hinter dem etwa alle hundert Meter ein hoher, schmaler Postenturm stand, von dem aus SS- Posten das Gelände mit Maschinenpistolen überwachten. Das Lager befand sich auf der Höhe des Ettersbergès, einem Lieblingsaufenthalt Goethes, inmitten eines aus alten und mächtigen Buchen bestehenden Waldes. 71 €; Als wir unter Begleitung von SS-Leuten durch das Lager nach der Bade. anstalt geführt wurden, waren meine Augen überall. Ich wollte jetzt schon viel in mich aufnehmen, um das Lager und das Leben darin kennen- zulernen.} Häftlinge in blau-weiß gestreiften Drillichanzügen mit schlechter Fußbeklei- dung gingen an uns vorüber und nahmen ihre Mützen als Achtungsbezeugung vor ihren SS-Henkern ab. Auf der linken Brustseite trugen sie alle einen far- bigen Winkel und eine Nummer. Ich sah Häftlinge mit rotem Winkel, das waren politische, Häftlinge mit grünem Winkel, das waren BVer(Be- rufsverbrecher), Häftlinge mit‘schwarzem Winkel wurden als„asozial“ bezeichnet, Bibelforscher trugen einen lila Winkel und Homosexuelle einen rosaroten. Wenn sie angesprochen wurden, standen sie in militärischer Haltung mit der Mütze in der Hand. Ich war ganz erstaunt darüber, daß unser Zug mit den beiden blutenden Gefangenen nicht. das geringste Aufsehen bei den Lagerinsassen erregte. Es schien, daß solche Aufzüge zum Alltag‘des Lagerlebens gehörten. Eine Judenkolonne, die sich mit über die Schulter gelegten Stricken vor einem mächtigen Wagen eingespannt hatte, kam uns entgegen. Als der neben der Kolonne herschreitende Vorarbeiter die uns führende SS erblickte, brüllte er und beschimpfte die Juden mit den unmöglichsten Ausdrücken. Dann hieb er mit einem derben Knüppel unbarmherzig und wahllos auf die ausgemer- gelten schwachen Körper ein, genau so, wie wir es eben erst in der politischen Abteilung durch SS erlebt hatten. Ich war entsetzt und konnte das Ungeheuerliche nicht fassen. Der Vorarbeiter, der selbst ein Häftling war, prügelte seine Mitgefangenen!? War das möglich!? Ließen sich die Gefangenen solche brutalen Mißhandlungen von Menschen gefallen, die ihr eigenes Los teilten.., die auch nur Gefangene waren...? Lehnte sich niemand dagegen auf? Zogen nicht alle Gefangenen an einem Strang? Gehörten sie nicht alle zusammen in die Abwehr gegen die SS-Henker? Mußten sie nicht alle solidarisch zusammenstehen wie eine-eiserne Mauer, einen geschlossenen Block bilden? Gab es selbst hier keine Kamerad- schaft, keine Gemeinschaft- Die Schläge und Fußtritte, die ich in der politischen Abteilung erhalten hatte und deren Spuren ich‚an meinem Körper herumtrug, sie hatten ge- schmerzt, und als ich sie empfing, hatte ich die Zähne fest zusammengepreßt, um vor Schmerz nicht laut aufzuschreien. Ich hatte diese Schläge und Tritte als Schmach und Demütigung empfunden, als menschenunwürdig, nicht als Strafe, sondern als einen Willkürakt sadistisch veranlagter Bestien an hilf- und schutzlos völlig ihnen ausgelieferten Opfern. Gewiß war ich voller Wut und Haß gegen. die entmenschten Henker, die meine Menschenwürde zertreten wollten und ihre Macht über mich zynisch und höhnisch zur Schau trugen, aber all das hatte mich innerlich nicht so aufwühlen und erschüttern 72 £ BR a ee Badee jetzt KennenBbekleieugung en farWinkel, er( Besozial" e einen mit der tenden egte. Es ken vor r neben brüllte nn hieb sgemeritischen genen!? dlungen fangene angenen egen die eiserne amerad. erhalten tten ge gepreßt, d Tritte nicht als an hilf ler Wut zertreten trugen, chüttern können, hatte keinen so tiefen und nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht wie die Niederknüpplung, der gefangenen Juden durch einen anderen Häftling... Ich wußte, daß die SS in allen Konzentrationslagern prügelte, quälte und .mordete. Das war nichts Neues für mich. Neu aber war die ungeheuerliche Tatsache, daß es Häftlinge gab, die sich als willfährige Büttel der SS zur Verfügung stellten. Ich folgte den anderen, spürte es aber kaum. Ich sah und hörte nichts mehr. Meine Gedanken waren völlig verwirrt. Erst als wir einen riesigen Baderaum betraten, fand ich mich in die Wirklichkeit zurück. Wir mußten uns ausziehen und unsere Kleider zusammenlegen. Von den mitgebrachten Gegenständen durften wir nur Zahnpflegemittel und Taschentücher behalten. Alles andere wurde abgenommen und zu den Effekten auf die Kammer gegeben. Von all diesen Sachen, Mantel, Anzug, Wäsche, Briefe, schriftliche Arbeiten aus dem Gefängnis, Uhr, Rasierzeug usw. habe ich nie etwas wiedergesehen. Vielleicht sind sie ,, irrtümlicherweise" als die eines Toten in Himmlers Konfektionsabteilung eingegangen. Häftlingsfriseure standen bereit, die uns den Kopf schoren und Scham- und Achselhaare entfernten, ebenso waren auch Häftlingspfleger vorhanden, die die Mißhandelten verbanden. Zwischendurch bekam ich noch von einem Oberscharführer, einem gewissen Abraham, ein paar Ohrfeigen. Ich hatte ihn angesehen. Das hatte er wohl als Beleidigung aufgefaßt. Nachdem alle lagerfähig geschoren und rasiert waren, mußte jeder Zugang unter dem Gaudium der SS einen schneidigen Kopfsprung in einen großen eisernen Wasserbehälter machen, der sich am Eingang des Baderaums befand. Wer sich dabei ungeschickt anstellte, wurde untergetaucht und mußte ,, Wasser saufen". Dann durften wir uns unter den Brausen waschen. Nach dem Waschen wurden wir in die Kammer geführt, wo uns von den dort arbeitenden Häftlingen Wäsche und Kleidungsstücke zugeworfen wurden. Umtausch für zu kurze oder zu lange Kleidungsstücke gab es nicht. Nichtpassendes mußte untereinander getauscht werden. Alles ging ohne Anteilnahme oder Neugierde der alten Häftlinge mit den Zugängen vor sich. Die Alten waren an diese täglichen Bilder und Szenen gewöhnt und mit der Zeit stumpf geworden. Jeder einzelne trug eine schwere Last mit sich herum, und jeder wehrte sich innerlich dagegen, seine Bürde noch mit dem Schicksal eines anderen zu vergrößern. Nun sahen wir aus wie alle anderen Häftlinge. Uns fehlten nur noch Nummer und Winkel, die wir erst am nächsten Tage bekamen. In der Häftlingsschreibstube wurden wir in die Lagerkartothek aufgenommen und mußten außerdem noch einen ausführlichen Fragebogen ausfüllen. Der Fragebogen bereitete mir insofern einige Schwierigkeiten, weil ich nicht alle Vorstrafen, die ich als Redakteur bekommen hatte, wußte. Die Häftlingsschreiber machten uns immer wieder darauf aufmerksam, daß jede Ungenauig73 keit mit fünfundzwanzig Stockhießen bestraft werde. Kurz entschlossen run- dete ich meine Vorstrafen nach oben ab. Lieber zwei mehr als eine zu wenig. Im Anschluß an diese Kartothekaufnahme gab uns einer der Häftlines- schreiber einige Anweisungen über unser Verhalten und über das Lagerleben. Das Wichtigste war, daß er eindringlich jeden einzelnen davor warhte,, zu stehlen, insbesondere Brot. r Nun mußten wir noch zum Arzt, der unsere Lagerfähigkeit festzustellen hatte. Ich war nicht mehr neugierig, weitere Einzelheiten des Buchenwald- lebens kennenzulernen. Für heute genügte mir, was ich erlebt und was ich über die Ordnung im Lager erfahren hatte. Ich sehnte mich nach Ruhe, nach einem stillen Winkel, wo ich meine auf- gewühlten Gedanken beruhigen und meine seelische Zerrissenheit wieder ins Gleichgewicht bringen konnte. Wir mußten uns ausziehen. und wurden hauptsächlich auf ansteckende Krankheiten untersucht. Nachdem noch einmal unsere Personalien aufge- schrieben worden waren, durften wir die uns zugewiesenen Blocks aufsuchen. Im Block Ich kam auf den Block sechsunddreißig, einen Block mit deutschen poli- schen Häftlingen. Nachdem ich mich beim Blockältesten, meinem direkten- Vorgesetzten, dem ich unbedingten Gehorsam schuldete, gemeldet hatte, setzte ich mich auf den mir zugewiesenen Platz. Ruhe wollte ich haben, in einem stillen-Winkel wollte ich sitzen, um mit meinen Gedanken allein zu sein. Damit war es nichts. Hier gab es keine stillen Winkel und keine Ruhe. Auf dem Block herrschte reger Betrieb, ein Kommen und Gehen. Hundert Menschen waren in dem Raum, saßen an sauberen Tischen oder standen in den Gängen oder an den Spinden herum. Da wurde gegessen, geflickt, gestopft, Spinde sauber gemacht, musiziert und ge- stritten. Es waren Männer aller Altersklassen und aller Berufe: Arbeiter, An- gestellte, Beamte, Bauern, Geschäftsleute, Lehrer, Professoren, Alle trugen rote Winkel und Nummern auf der linken Brustseite. Viele Häftlinge saßen gleichgültig da. hatten sich mit ihrem Los abgefunden. waren müde und ließen sich treiben. In ihren Augen las man nichts mehr von Lebensmut oder Lebenswillen. Ihre Körper waren abgemagert, ihre Gesichter knochig und hohlwangig. Wenn sie aufstanden, wankten sie, so schwach waren sie. „Das sind alles Todeskandidaten,“ sagte ein Häftling zu mir, der sich zu mir setzte und mich beobachtet hatte, als mein Blick an diesen Bedauerns- 74 n runseine Etlingsleben.. ate, zu stellen nwaldwas ich ne aufder ins ckende aufgesuchen. en polien, dem auf den um mit skeine ieb, ein Ben an rum. Da und geter, Antrugen funden. mehr von esichter schwach sich zu dauernsist es aus... 66 werten haften geblieben war. ,, Noch ein paar Tage halten sie sich, und dann Ich verstand nicht. ,, Die müssen doch ins Revier, sich einige Wochen erholen, genügend Essen bekommen, dann werden sie auch wieder kräftig." ,, Ins Revier kommen nur kranke Menschen, aber keine schwachen. Die hier sind nicht krank, nur schwach. Und Schwache werden nicht aufgenommen," erläuterte der Häftling. ,, Dann müssen die alle hier umkommen, vor Hunger sterben?" fragte ich ungläubig. Der Häftling zuckte die Achseln. ,, So geht es uns allen hier. Wer nichts zuzusetzen hat, wer nicht abkochen kann bei einem guten Freunde, der an der Quelle sitzt, geht kaputt, stirbt Hungers. Die meisten von all den schwachen Menschen, die du hier herumsitzen siehst, sind noch gar nicht lange im Lager. 3, höchstens 4 Monate. Aber sie haben niemand, der sie unterstützt." ,, Dann müßt ihr doch sehen, daß sie wieder zu Kräften kommen," unterbrach ich. ,, Es sind doch eure Kameraden!" ,, Wenn wir das könnten," begütigte er ,,, würden wir ihnen gewiß helfen. Wir haben alle selbst Hunger und werden nicht satt. Die Ernährung ist ungenügend und reicht zur Regeneration der verbrauchten Kräfte nicht aus. Wer nicht maẞhalten kann mit seinen Kräften bei der Arbeit, geht in wenigen Wochen an Erschöpfung ein. Hier heißt es, mit den Augen arbeiten. Es ist wohl ein Unterschied, ob ich beim Schaufeln die Schaufel voll Erde habe oder ob ich nur die Bewegung des Schaufelns mache. Denn Bewegung ist hier alles. Du mußt dich bei der Arbeit nur bewegen. Die Augen sind das Wichtigste. Sie müssen überall sein, sie müssen den Feind rechtzeitig sehen. Wenn du auffällst, kann es um dich geschehen sein. Der Feind Numero eins ist die SS, aber es gibt auch unter den Vorarbeitern und Capos genug verbrecherische Lumpen, die sich verkaufen und um geringer augenblicklicher Vorteile willen gegen die eigenen Häftlinge arbeiten. Das ist der Feind Numero zwei. Und dann gibt es auch noch Häftlinge, die Vorarbeiter werden wollen, weil sie dann mehr Brot und Wurst kriegen und nicht zu arbeiten brauchen. Das ist kriechendes Gewürm, mit denen darfst du dich nicht einlassen, ihnen mußt du immer aus dem Wege gehen. Ich bin schon zwei Jahre hier, habe in einem Schachtkommando immer schwere Arbeit gehabt, aber ich bin bis heute nicht ein einziges Mal aufgefallen. Das verdanke ich in erster Linie meinen Augen." gern ,, Das sind sehr wertvolle Ratschläge," antwortete ich ,,, ich werde sie beherzigen. Nun sage mir noch eins: Ich habe heute einen Vorarbeiter gesehen, der ganz unbarmherzig auf Häftlinge einschlug. Ist das üblich hier? Ich war entsetzt und empört." ,, Das ging mir auch so," wehrte er ab. ,, Heute übersieht man sowas. Es sind für uns Alltagsbilder geworden. Die SS verlangt es. Und leider gibt es genug Häftlinge, die willfährig sind. Man kann wenig gegen sie tun. Sie werden von 75 der SS geschützt. Wenn sie es gar zu toll treiben, muß man sie totschlagen. Es sind Lumpen. Gegen Lumpen muß man sieh schützen. Viele stolpern von selbst, und dann werden sie wieder gewöhnliche Häftlinge. Wenn sie dann als Häftlinge in den dunklen Kolonnen wieder mitmarschieren, bleibt die Ab- rechnung der mißhandelten Häftlimge nicht aus. Leer geht keiner aus. Der eine kommt früher, der andere später zu Fall. Wer im Lager mit der SS zu- sammenarbeitet, gleichgültig, ob er einmal unser politischer Freund oder Parteigenosse war, ist korrumpiert und darum unser Feind’ und muß als Feind behandelt werden. Es geht hart zu. Wir kämpfen jeden Tag um unser Leben und wissen morgens beim Aufstehen nicht, ob wir abends lebend zu- rückkehren. Die geringste Unaufmerksamkeit bei der Arbeit, eine falsche Ant- wort oder auch eine an sich richtige und wahrheitsgemäße Bemerkung kann deinen Tod herbeiführen. Hier sind so viele unsichtbare Kräfte am Werk, daß es gar nicht so leicht ist, sich zurechtzufinden und immer das Richtige zu tun. Hier sind nur Männer, und alle kämpfen täglich um ihr Leben, Männer sind von’Natur aus keine sozialen Wesen. Man braucht sich nicht zu wundern...“ Er stand auf und verabschiedete sich mit Handschlag. Er wollte noch zu einem Freund auf einem anderen Block. Es war ein kleiner Geschäftsmann aus dem Sudetengau, den die Nazis auf Grund einer Denunziation nach Buchenwald verschleppt hatten. Die kurze Unterhaltung hatte mich aus dem Gefühl des Verlassenseins her- ausgerissen. Trotzdem empfand ich alles, was ich vom Lager bisher gesehen und gehört hatte, als unsagbar trostlos. Ein banges und wehes Gefühl stieg in mir auf, daß ich den harten Be- dingungen nicht mehr gewachsen sei und zugrunde gehen würde. Ich war schon weit über fünfzig Jahre alt und mein Körper durch die lange Arbeits- losigkeit und durch die letzte Gefängnishaft geschwächt. Ein paar Wochen würde ich die schwere Arbeit leisten können und danr’... genau so apathisch herumsitzen wie die meisten hier und würde wanken, wenn ich aufstünde.... Eines Tages würde es aus- sein. Die Leichenträger würden mich als Leiche fortschaffen, und der Arzt würde die Totenpapiere unterschreiben mit der Todesursache: Herzversagen bei Herz- und Kreislaufschwäche..... Unter dem Druck dieser Zwangsvorstellungen schwer atmend wie unter einer Last irrte ich blind in den Schlafsaal und fand mein Lager, hart und primitiv, nicht zu ruhigem Schkaf, sondern zu weiterem dunklen Grübeln und Brüten.... 2 r Im Steinbruch- Am dritten Tage befand ich mich in der Strafkompanie, einem Kommando, dessen Stärke zwischen sechshundert und tausend Häftlingen schwankte. Die Strafkompanie war das größte Kommando des_Lagers und arbeitete im 76 lagen. rn von nn als e Abs. Der SS zuoder uß als unser nd zume Antkann rk, daß zu tun. er sind ern..." och zu zis auf ns her. gesehen ten Be ch war ArbeitsWochen athisch nde.... Leiche mit der e unter art und eln und mando, kte. Die tete im Steinbruch. Der Capo, Herzog aus Heidelberg, war die größte sadistische Blutbestie, die ich in Buchenwald kennengelernt habe. Er übertraf mit seinen grausamen Mißhandlungen selbst die SS- Henker. Herzog war lange Jahre in der Fremdenlegion gewesen. Nach ihrer Auflösung kam er nach Deutschland ins Konzentrationslager Buchenwald. Dieser Mann, ein sadistischer Abenteurer von Natur, der während seiner Mißhandlungen und Quälereien an seinen schutzlosen Opfern in sexuelle Ekstase geriet, ein Mensch, der das Leben des anderen nicht achtete und gefühllos zertrat, war der Führer des Kommandos. Bei der SS genoẞ Herzog das größte Wohlwollen und wurde bei all seinen Handlungen gestützt und unterstützt. Auf das Konto dieser Bestie allein kommen viele hundert Häftlinge, die von ihm, nicht immer auf SS- Befehl, erschlagen, zertreten oder in den Steinbruch hinabgestürzt worden sind. Als ich an diesem Morgen entlang den Bunkern, den Mord- und Folterzellen der SS, im Steinbruchkommando angetreten stand, inspizierte Herzog sein Kommando. Vor mir blieb er stehen und musterte mich einen Augenblick. Ich sah auf ihn herab, einen kleinen, vierschrötigen Menschen mit nichtssagenden, verschwommenen und gewöhnlichen Zügen, und einer häẞlichen kleinen Verschlagenheit in den blaẞfarbigen Augen. Er fragte mich, ob ich der sozialdemokratische Redakteur sei. Ich antwortete bejahend. Die Frage fraß sich in mir fest. Was wollte der Mann von mir? War er von der SS der politischen Abteilung bereits auf mich aufmerksam gemacht worden? Hatte er bereits den Auftrag bekommen, mich nicht mehr lebend ins Lager zurückzubringen, mich im Steinbruch ,, fertigzumachen"? War meine politische Vorbelastung so schwer, daß die SS ein Interesse daran hatte, mich zu beseitigen und einen willfährigen Büttel mit meiner Liquidierung beauftragt hatte? Während der beiden letzten Tage, die ich im Lager noch verbringen durfte, hatte ich mich bei den Häftlingen und bei politischen Freunden aus meiner früheren politischen Tätigkeit in Halle über alles Wissenswerte des Lagerlebens unterrichtet und wußte auch, wie unbequeme, unliebsame und politisch vorbelastete Häftlinge rein aktenmäßig ,, liquidiert" wurden. Die Häftlinge, die neben mir standen, sahen mich bedauernd und mitleidsvoll an. Sie schienen Bescheid zu wissen, waren selbst schon oft Zeugen blutiger Exzesse der mordgierigen Bestien gewesen. Das Kommando setzte sich in Bewegung, und. marschierte in Fünferreihen und unter den Marschklängen einer Häftlingskapelle durch das Tor nach dem Steinbruch, der etwa eine halbe Wegstunde vom eigentlichen Lagerentfernt lag. Welch grausame Ironie, diesen Elendszug von Halbtoten, der sich vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten konnte, auf dem Wege zu schwerster Fronarbeit mit preußischer Marschmusik zu begleiten! 77 Als wir die breite„Carrachostraße‘“— einer Straße, die von den Häft- lingen im--Laufschritt(Carracho) erbaut worden war— hinter uns hatten, die Musikklänge am Tor verklungen waren, und die Straße eine Biegung machte und bergan führte, erscholl das Kommando:„Laufschritt. marsch, marsch!“ Der Zug wurde durch‘die vielen Schwachen auseinandergerissen, und nun traten eifrige Vorarbeiter, Herzogs rechte Hände, in Tätigkeit, schlugen, traten und stießen die Zurückgebliebenen vorwärts. Viele blieben auf der Straße liegen und mußten nachgetragen werden. Ich keuchte vorwärts, wollte nicht zurückbleiben und bot meine letzte Kraft auf. Aber es ging nicht mehr. Ein kräftiger, ausgefressenep’Vorarbeiter, mit gierig aufgerissenen Augen und einer wahren Verbrecherphysiognomie, stürzte sich”brüllend auf mich, schlug und trat mich vorwärts. Der Weg wollte kein Ende nehmen. Meine Kräfte schwanden. Ich blieb zurück. Mochte nun kommen, was wollte. Mochte sich das Schicksal an mir gleich hier vollziehen. Viele Tage würde ich dieses Gehetztwerden doch nicht aushalten. Ich lehnte mich abseits an einen Baum, bis meine keuchenden Atemzüge ruhiger geworden waren. Die Massen der Halbtoten torkelten wie irrende Gespenster in der naß- kalten Nebelluft an mir vorüber und verschwanden vollends im Nebel. Niemand hatte mich gesehen. Ich war allein, wußte aber nicht, wo ich mich befand./ Kommandos ertönten:„Antreten!“‘ Der Lebenswille in mir war wieder wachgeworden. In panischer Angst jagte ich in der Richtung auf die Kommandorufe. Ich konnte nichts sehen. Der Nebel hatte alles Gegenständliche gleichsam aufgesogen, den Raum uferlos gemacht und Scheinbar aufgelöst. Ich rannte hinein in die unheimliche graue Raumlosigkeit, nur gespanntes\ Ohr für die Kommandorufe. Immer näher tönten sie. Plötzlich stand ich am linken Flügel der Kolonne, reihte mich ein und wurde mitgezählt. Niemand von den Vorarbeitern hatte etwas bemerkt. Ich atmete auf. Dann hieß es:„Zugänge nach links heraustreten!“ Herzog kam selbst und teilte die Zugänge auf die einzelnen Kommandos auf:- „An die Loren!“,„In die Schießbahn!“,„Zum Steinetragen!“,„In den Steinbruch!“ Ich kam in die Schießbahn und mußte mich mit Pickel und Schaufel ver- sehen. Ein Vorarbeiter nahm uns— etwa fünfzig Häftlinge— in Empfang und führte uns nach unserem Arbeitsplatz./ Dort mußten wir unter seiner Aufsicht und nach seinen Anweisungen Planungsarbeiten verrichten. Es war eine schwere und mühsame Arbeit in, steinigem und nassem Lehmboden. Wir"durften uns nicht aufrichten, um eine kurze Pause einzuschieben. Ununterbrochen sauste der schwere Pickel® indie klebrige, mit Steinen durchsetzte Erdmasse, in der er höchstens stecken- 78 Häftuns e eine chritt. d nun lugen, uf der letzte beiter, nomie, blieb an mir nicht menden r naẞel wo ich wieder Horufe. ichsam rannte für die linken on den post und In den Hel verEmpfang sungen beit in en, um Pickel teckenblieb, aber keine Erde löste. Es war unmöglich, mit der Arbeit zu mogeln. Die Augen des Vorarbeiters verfolgten jeden Pickelschlag und jeden Schaufelwurf. Um zehn Uhr erschien der SS- Kommandoführer mit seinem SS- Stabe und dem Capo Herzog. Sie waren alle mit Knüppeln bewaffnet und„ kontrollierten die Arbeit. Jede Gruppe wurde besichtigt und deren geleistete Arbeit überprüft. War die Arbeitsleistung unbefriedigend bekam es der Vorarbeiter, der die Häftlinge nicht genügend antreibe und zu wenig den Knüppel gebrauche. Schließlich drohte man, ihn ablösen zu lassen. - Zur Oberaufsicht blieb dann meist während des ganzen Tages ein SSMann zurück. Herzog wütete und tobte überall unter den Häftlingen und schlug wahllos auf sie ein. Wenn einer zu Boden stürzte, trieb er ihn mit Fußtritten wieder auf, und blieb ihm der Erfolg versagt, dann trat und hieb er so lange auf den Bedauernswerten ein, bis er sich nicht mehr rührte. Der aufsichtsführende SS- Mann tat dasselbe und spornte die Vorarbeiter an, das gleiche zu tun. Einzelne von ihnen brachten es doch nicht übers Herz, hatten sich auch in dieser blutigen und brutalen Atmosphäre noch einen Funken menschlichen Gewissens erhalten und zuckten verzweifelt die Schulter. Dann sausten auf ihre eigenen Rücken Knüppelhiebe herab. Solche Vorarbeiter konnte die SS nicht gebrauchen. Ihre Vorarbeiterbinden wurden heruntergerissen, und sie mußten arbeiten wie die übrigen Häftlinge. Ich arbeitete und schuftete, als ob ich Höchstsätze im Akkord erreichen wollte. Das Ergebnis meiner Anstrengungen stand in keinem Verhältnis zu ihnen. Sei es, daß ich die Werkzeuge noch ungeschickt handhabte, sei es, daß der Boden auch der geübtesten Hand den Erfolg versagte. Meine Arbeitsleistung blieb gering. Der Rücken schmerzte so stark, daß ich von unten her immer nach meinen Aufpassern schielte, um einen Augenblick zu erhaschen, wo ich das Rückgrat strecken konnte. Meine Hände bluteten, und große Blasen an den Innenflächen schmerzten bei jedem Pickelschlag. Um 11 Uhr lagen die ersten Toten neben der Capobude. Offiziell hieß es, sie seien den Abhang hinunter in den Steinbruch gestürzt. Jeder Häftling aber wußte, daß beide von SS- Angehörigen hinuntergestoßen worden waren. Es waren zwei junge Polen, Burschen im Alter von 19 und 21 Jahren, zwei Brüder, von der SS als ,, Heckenschützen" bezeichnet. Es war gut, daß die Leichen verbrannt und den Angehörigen nicht zur Schau gestellt wurden, sonst hätte das Herz der armen Mutter an dem gräẞlichen Anblick ihrer beiden Jungen ersticken müssen. Um 12 Uhr war eine kurze Mittagspause. Während dieser Pause hielt der Capo Herzog Gericht über einen Brotdieb. Von Vorarbeitern gehalten, schlug Herzog mit einem mächtigen Knüppel auf das Gesäß des Brotdiebes. Nach etwa zehn Schlägen sackte der Getroffene 79 wie leblos zusammen. Ich hatte mich während der Schläge abgewandt. Als keine Schläge mehr erfolgten, sah ich nur noch, wie Herzog mit seinen Füßen immer wieder auf den Hals des am Boden Liegenden stampfte. Der aber fühlte nichts mehr. Er war der dritte,Tote am heutigen Vormittag. Drei Tote an einem Vormittag... Drei blühende junge Menschen, auf deren Rückkehr ein bangendes Mutterherz wartete... Hier lagen sie hingestreckt auf kalter, feuchter Erde, gemordet von den Henkern Hitlers und den Bütteln der SS. 2.7 Ich sah mit namenlosem Grauen in den Abgrund Buchenwalds. Was war hier ein Menschenleben? Die SS machte sich einen Spaß daraus, wenn die jungen Körper im Grund des Steinbruchs zerschmettert liegen- blieben. Sie waren immer auf der Jagd nach neuen Opfern. Wenn irgendwo in einem Kommando sich ein gebeugter, schmerzender Rücken streckte, stürzten sie auf das arme Opfer und hieben so lange ein, bis es liegenblieb. Konnten sie sich durch innere Verletzungen nicht mehr erheben, wurden sie abends mit Unter- stützung anderer Häftlinge ins Lager geschleppt, wo sie gewöhnlich mach einigen Tagen starben. ä Während das ganze Steinbruchgelände einem aufgewühlten Ameisenhaufen ähnlich sah, wo die Häftlinge hin und her gehetzt wurden und’die Kommandos und das Lärmen der Vorarbeiter die Luft erfüllte, war es in unserem Ab- schnitt, in der Schießbahn, verhältnismäßig ruhig. Die SS ließ sich wenig sehen, und der Vorarbeiter gebrauchte Stimme und Stock wur dann, wenn Herzog oder der SS-Mann in unsere Nähe kamen. Wir schufteten dann noch eifriger, um nicht aufzufallen-und die Büttel durch unsere vorgetäuschte intensive Arbeit wieder loszuwerden. Unter den härtesten und grausamsten Bedingungen mußten die Häftlinge an den Loren und beim Steinetragen arbeiten. Beide Kommandos waren Mord- kommandos. Wenn ein Häftling vierzehn Tage bei einem dieser Kommandos ausgehalten hatte, ohne zugrunde&egangen zu sein, so hatte er das nur der Sympathie oder der Freundschaft eines Vorarbeiters zu danken. Das Loren- kommando bestand aus je‘“sechzehn Häftlingen. Diese spannten sich mit Stricken oder Drahtseilen vor eine mit Steinen vollbeladene Lore, die sie im Laufschritt einen ziemlich langen Berg_ hinaufziehen„und im Laufschritt leer zurückbringen mußten. Dabei prügelten.entmenschte Vor- arbeiter unter dem lärmenden Beifall der SS unbarmherzig auf die keuchen- den und mit letzter Kraft sich aufrecht haltenden Häftlinge, ohne Rücksicht, wohin die Prügel trafen. Ob dabei Arme oder Rippen gebrochen oder die Schädeldecken zertrümmert wurden, war gleichgültig. Brach einer tot zusam- men, so gab es nur einen kurzen Aufenthalt, um den Toten herauszuzerren und zur Seite zu schieben. Dann ging es in demselben Tempo. weiter, bergauf und bergab, zehn oder zwölf Stunden, je nach der Jahreszeit.° 80 + th ce. dt. Als seinen mittag. f deren estreckt Bütteln daraus, liegenmeinem sie auf sie sich Unterch nach nhaufen mandos rem Ab g sehen, Herzog eifriger, Intensive äftlinge a Mordmandos nur der Lorenich mit e sie im nd im ate Vorzeuchenücksicht, oder die zusamzuzerren hn oder Unter ähnlichen Bedingungen arbeiteten auch die Steinträger. Obwohl keine Notwendigkeit bestand, daß Steine getragen wurden, war dieses Kommando eingerichtet worden, um die Häftlinge besser quälen zu können und sie schneller zu liquidieren. Fiel ein Häftling bei einer ,, leichteren" Arbeit bei einem Vorarbeiter oder SS- Mann auf, so kam er an die Lore oder zum Steinträgerkommando. Diesen ausgemergelten Menschen wurden Steine im Gewicht von hundert bis hundertfünfzig Pfund aufgepackt, die sie den Berg unter dem„, Beistand" von brutalen Treibern im Laufschritt hinaufschleppen mußten. Wie viele sah ich unter der schweren Last zusammenbrechen. Flehend, bittend reckten sie die abgemagerten Hände ihren Treibern entgegen, aber deren steinern gewordene Herzen empfanden in dieser Blut- und Todesatmosphäre kein menschliches Mitgefühl. Sie wurden mit Knüppeln auf- und wieder vorwärtsgetrieben. Es gab nur einen letzten Ausweg für die Verzweifelten, um den unmenschlichen Quälereien und Mißhandlungen für immer zu entgehen: die Postenkette. Heute noch würden sie durchhalten, vielleicht auch morgen noch, und dann war es doch mit ihrem Willen zum Leben und ihrer Kraft zu Ende. Wozu noch warten? Warum das Ende noch einige Tage hinausschieben...? 50, 100 Meter von ihnen entfernt standen die SS- Posten, lauernd, mit Gewehren und Maschinenpistolen bewaffnet. Für jeden toten Häftling bekamen sie Geld und ein paar Tage Urlaub und die Angehörigen eine Zuschrift mit dem bekannten Vermerk ,, Auf der Flucht erschossen". Aber sie wollten gar nicht flüchten, sie wollten nur erlöst werden. Darum gingen sie aufrecht durch die Postenkette, boten bewußt ihren geschundenen Körper der erlösenden Kugel dar. Ihre Nummern wurden aus der Häftlingsliste gestrichen und ihre Kartothekkarte abgelegt. Das war alles. Ihr Tod riẞ keine Lücke. An ihre Stelle traten morgen zehn oder hundert andere, und in wenigen Tagen waren auch diese bereit, denselben Weg zu gehen. Zwei Tage war ich bei den Steineträgern und zwei Tage an den Loren. Und in beiden Fällen hatte ich es nur einem seltenen Glückszufall zu danken, daß nicht auch meine Nummer aus der Lagerliste gestrichen und meine Kartothekkarte abgelegt wurde. Als wir abends unter den höhnenden Marschklängen der Lagerkapelle, durch das Tor marschierten, meldete der Capo Herzog sieben Abgänge durch Tod. Und siebenundzwanzig Häftlinge am Schluß des Todeskommandos wurden auf Karren, auf Bahren oder durch Häftlinge gestützt ins Lager gebracht. Sie waren durch SS und Vorarbeiter derartig zugerichtet worden, daß sie sich nicht mehr allein aufrecht halten konnten. Gleichgültig wurde die Todesmeldung gegeben, und gleichgültig wurde sie am Tor von den SS- Leuten entgegengenommen. Als ob es sich um Dachpappe oder Zement gehandelt hätte. 16 Finkelmeier: Apokalypse 81 Und die Musik spielte ununterbrochen alte preußische Militärmärsche. Aber in den Augen der harten und verbitterten Gesichter der Häftlinge flackerte leidenschaftlicher Haß gegen die Mörder dieser jungen starken Menschen, die sich der Knute der SS nicht gebeugt hatten. Kein aufrechter Mensch ist durch dieses Inferno des Todes lebend hindurch. gegangen. Es sei denn, daß er nur wenige Tage oder kurze Wochen blieb und durch einflußreiche Freunde befreit und in ein anderes Kommando gebracht wurde. Die anderen, die aushielten, waren haltlos und korrumpiert und boten sich für kleinere und größere Bütteldienste der SS an. Das war Buchenwald... So war es heute, an meinem ersten Arbeitstag im Steinbruch. So war Buchenwald gestern, und so würde Buchenwald bleiben, morgen und alle Tage, solange die Blutherrschaft der braunen Henker bestand... Nach dem Einmarsch der Arbeitskommandos begann der Aufmarsch der Häftlinge nach Blocks geordnet auf dem Appellplatz. Etwa fünfzig Blocks traten an, in Zehnerreihen gegliedert und in streng militärischer Zucht und Ordnung. Wehe den Reihen, die nicht militärisch ausgerichtet standen oder beim lauten Abzählen Fehler machten. Wenn der Appell ohne Störung vorüberging, dauerte er durchschnittlich eine Stunde, ob bei Regen oder Schnee, ob es hell oder dunkel war. Bei Dunkelheit warfen grelle Scheinwerfer ihre Leuchtbahnen auf die Tausende unbeweglich stehender Elendsgestalten. Sie mußten so lange stehen, bis entweder das Kommando ertönte: ,, Abrücken!" oder ,, Ein Lied". Mußte gesungen werden, kletterte der Dirigent auf den großen Kokshaufen am Tor und dirigierte von dort aus die anbefohlenen Lieder. Wurde ein neues Lied eingeübt. so kam es nicht selten vor, daß die Häftlinge zwei oder drei Stunden bei jedem Wetter singen mußten. 82 E In arl ar de Pr zu m al B ar de 6 he. Aber flackerte enschen, mindurch. lieb und gebracht nd boten Buchen Tage, sorsch der Blocks ucht und den oder chnittlich war. Bei Tausende bis entgesungen und dirieingeübt. ei jedem Schicksal am Stacheldraht Auf weitem Platze stehen, stundenlang, in jedem Wind und Wetter beim Appelle, daß man genau die vielen Nummern zähle, an jedem Tag im gleichen leeren Gang. Novembertrübe... schwermutgrau und bang.. am bleichen Himmel keines Lichtes Helle, Trostlosigkeit, haltlos und ohne Seele, die durch die aufgerufnen Nummern schwang.... Es rann am Stacheldrahte trüb entlang und fiel herab mit leisem Tropfenklang auf seine feuchte, erdenschwere Bahre... Hunger und Prügel, Folterung und Tod... Es rann und tropfte in Novembernot ... das Schicksal endlos grauer Leidensjahre... In der K- Kompanie Etwa drei Wochen war ich im Lager, war jeden Tag mit der Strafkompanie in den Steinbruch marschiert, hatte dort von früh bis abends schwergearbeitet, an den Loren, beim Steinetragen, in der Schießbahn, bei Planierungsarbeiten, beim Steinestapeln, hatte täglich den mich verlockenden, erlösenden Tod aus meinen Gedanken vertrieben und war nun froh, meine erste Prüfung im Lager bestanden zu haben, um zu einem anderen Kommando zu wechseln. Politische Freunde aus Halle hatten bereits alle Vorbereitungen getroffen, mich nach den drei Wochen Steinbruch, die jeder Zugang durchmachen mußte, gut unterzubringen. Unter ihnen befand sich Fritz Ferchland, ein alter politischer Freund aus Halle, der mich auch die ganze Zeit, die ich in Buchenwald zubrachte, mit Lebensmitteln unterstützte, so daß ich vor dem ärgsten todbringenden Hunger geschützt war. Da kam eines Tages ein neues Verhängnis auf mich zu. Ich wurde aktenmäßig in die K- Kompanie versetzt, in das Kommando der Kriegsverbrecher". 6* 83 Der Blockälteste, der selbst sichtlich betroffen war, kam abends zu mir, um mir mit deutlich sichtbarer Teilnahme die bedeutsame Verschlechterung meiner Lage mitzuteilen. Ich packte meine wenigen Habseligkeiten zusammen und meldete mich beim Blockältesten der K- Kompanie auf Block 46. . Die Hölle des Steinbruchs hatte ich glücklich überstanden. Nun war ich bei den Kriegsverbrechern gelandet. Der Name allein sagte genug. Ich durfte nicht damit rechnen, daß ich als Kriegsverbrecher schonender als die anderen Häftlinge behandelt werden würde. Kriegsverbrecher waren in den Augen der SS die gemeinsten und niedrigsten aller Verbrecherkategorien, die zertreten und ausgerottet werden mußten. Kriegsverbrecher waren Freiwild für die SS. Auf sie konnte man Jagd machen, wie und wo man sie traf. Wir waren deshalb auch abgestempelt, trugen das„ K" im Winkel, so daß der SS- Mann von vornherein wußte, wen er vor sich hatte. - - Während alle anderen Häftlinge des Lagers mit Ausnahme der Häftlinge der Strafkompanie alle vierzehn Tage Briefe schreiben und empfangen konnten, durften wir nur alle drei Monate einen Brief schreiben und einen Brief empfangen. Wir hatten Blocksperre, durften den Block nie verlassen. Außerdem hatten wir Rauchverbot, keinen Einkauf in der Häftlingskantine und waren von der Bücherei ausgeschlossen. Was diese Einschränkungen für den Häftling bedeuteten, kann selbst ein Außenstehender ermessen. Die Kriegsverbrecher- Kompanie setzte sich aus Menschen aller Altersklassen, aller Berufe, aller Nationen und aller Verbrecherkategorien zusammen. Da waren hohe Staatsbeamte, Generalstabsoffiziere, Richter, Professoren, Direktoren, Schriftsteller, Abgeordnete, Pfarrer, Geschäftsleute, Bauern, Handwerker und Arbeiter. Da waren Raubmörder, Mörder, Zuhälter, Hochstapler, Spione, Eheschwindler, Sittlichkeitsverbrecher, Betrüger, Geldfälscher, Hühner- und Fahrraddiebe, Landstreicher, Hoch- und Landesverräter, Meckerer und Bibelforscher, ehemalige Angehörige der SS und SA und Pgs. Da gab es Rote( Politische), Grüne( Berufsverbrecher), Schwarze( Asoziale), Rosarote( Sittlichkeitsverbrecher), Lila( Bibelforscher) und Juden( Stern). Das war die K- Kompanie. In dieser Gemeinschaft sollte ich von nun an leben. Eine Strafe, wie sie mich schwerer nicht treffen konnte. Aller gute Wille, mit ihnen zusammenzuleben, mit ihnen zu halten, Freud und Leid mit ihnen zu teilen, war nutzlos. Hier gab es keine Gemeinschaft. Um geringer persönlicher Vorteile willen verriet einer den anderen. Nur die wenigen Politischen hielten zusammen, aber sie waren gegenüber den Grünen( Berufsverbrechern), die dominierten( im Gegensatz zum Lager selbst, in dem die Roten die einflußreichsten Stellungen innehatten), derart in der Minderheit, daß sie keinen Einfluß gewinnen konnten. Wir Politische 84 ha Si SI Z ge h V 0 zu mir, chterung te mich war ich g. Ich der als niedrigwerden nte man ch abgernherein er Häftnd emp. chreiben Block in der ese Einehender Altersrien zuer, Proftsleute, Cuhälter, I, Geldverräter, and Pgs. soziale), ( Stern). wie sie sammenar nutzVorteile genüber n Lager , derart politische hatten nicht nur keinen Einfluß, wir waren den Berufsverbrechern verhaẞt. Sie denunzierten uns bei der SS, wann und wo sie nur konnten. Das taten sie in erster Linie, um ihre Stellungen, die sie sich ergaunert hatten, zu halten. Todesstrafe für Brotdiebstahl Während wir hungerten, von Tag zu Tag immer weniger wurden, und zerlumpt herumliefen, hatten die Grünen immer genug zu essen, sahen wohlgenährt und gepflegt aus, hatten warme Anzüge und gutes Schuhwerk. Sie hatten im Kommando alle wichtigen Positionen inne, vor allen Dingen die, wo sie wenig oder gar nicht zu arbeiten brauchten, oder solche, wo sie sich drücken konnten. Sie waren im Stubendienst oder als Vorarbeiter tätig, und wo einer von ihnen untergebracht werden mußte, wurde eben etwas Neues geschaffen oder ein Pöstchen freigemacht. Arbeiten mußten die Schwachen, die vom Hunger für den Tod schon gezeichnet waren. Die Satten und Starken übten die Aufsicht aus. Rücksichtslos und brutal versahen sie ihre Bütteldienste. Sie waren ohne Skrupel und Gefühle. Sie hatten nur ein Ziel im Auge: genau wie draußen auch im Lager auf Kosten der anderen zu leben und gut zu leben. "" Die Grünen" waren haltlose, unmoralische, asoziale Menschen, in denen das männliche Urelement des hemmungslosen Triebes ins Grenzenlose und Dämonenhafte angewachsen war. So kehrten sie sich keineswegs an den ,, contrat soziale", der vom Manne erfunden werden mußte, um seine eigene Bestie im Zaume zu halten und sozial einigermaßen tragbar zu machen, sondern plünderten, raubten, mordeten, schmarotzten und lebten auf Kosten anderer wie der Drohn im Bienenstaat. Während für die Kranken und Schwachen ein Stückchen trockenes Brot eine Delikatesse war, hatten die grünen Räuber, Mörder und Zuhälter Brot und Schmiere genug, soviel, daß sie beides für Zigaretten oder Schnaps eintauschen konnten. Nachts und auch am Tage wurde täglich in der K- Kompanie aus den Spinden der Häftlinge Brot gestohlen. Wer wollte die Grünen des Diebstahls verdächtigen? Sie waren wohlgenährt und hatten genug zu essen. Sie hatten es nicht nötig, Brot zu stehlen. Nur Hungrige stehlen... Und so wurde von ihnen ein Hungriger herausgesucht und als Brotdieb ,, entlarvt". Er konnte sich nicht wehren, war zu schwach, diesen wohlgenährten Gaunern entgegenzutreten. ,, Zeugen" waren immer vorhanden, die gesehen haben wollten, wie der ,, Dieb" das gestohlene Brot aufaẞ. Der so gestempelte Brotdieb bekam ein Schild umgehängt: ,, Brotdieb habe meinen Kameraden das Brot gestohlen." Das übrige besorgte die SS, - ich 85 der er am Tage bei der Arbeit in die Hände lief oder der er von den Berufsverbrechern zugetrieben wurde. Abends wurde seine Nummer aus der Lager- und Blockliste gestrichen und seine Kartothekkarte abgelegt. Er war erschlagen oder totgetreten worden. War der Aufenthalt auf dem Block durch das Zusammenleben mit Menschen, die den größten Teil ihres Lebens in Zuchthäusern, Gefängnissen und Arbeitshäusern zugebracht hatten, auch unerträglich, so freute ich mich doch immer wieder auf den Schluß des Tages, der uns nach schwerer, von Verbrechergesindel beaufsichtigter Schufterei in Regen oder Schneetreiben. einige Stunden im geheizten Tagesraum an sauberen Tischen unter politischen Freunden gönnte. Freilich mußten wir uns vor den langohrigen Denunzianten hüten, die es in unserer ,, Gemeinschaft" übergenug gab. Glaubten wir unter uns zu sein, so sagte jeder rückhaltlos seine Meinung und nannte alles beim richtigen Namen. Meinungsverschiedenheiten in den wesentlichen Punkten gab es kaum. Die Entwicklung der Ereignisse wurde von allen mit prophetischer Sicherheit gesehen, nur über die Endphase, über das Wie und Wann, gab es stark abweichende Meinungen. Es gab damals noch kein Stalingrad, und die Deutschen standen tief auf russischem Gebiet, dennoch war es für jeden klar, daß der deutsche Eroberungswille an dem Widerstand der Roten Armee brechen würde. Nicht selten wurden uns auch Nachrichten von Häftlingen überbracht, die durch ihre Stellung bei der SS in der Lage waren, Auslandssender zu hören, Gerade wir von der K- Kompanie mußten bei der Verbreitung solcher Nachrichten besonders vorsichtig sein, um nicht uns und die Uebermittler solcher Nachrichten zu gefährden. Im allgemeinen waren wir über die politische und militärische Lage gut unterrichtet. Damals war es noch nicht so weit, daß wir Hoffnungen auf eine baldige Befreiung durch eine deutsche Niederlage haben konnten, denn ganz Europa und Nordafrika stöhnte noch unter dem preußischen Militärstiefel und brannte an der Fackel der braunen Mordbrenner. Aber wir wußten, daß auf der anderen Seite fieberhaft gearbeitet und die Kräfte der gesamten gesitteten Welt organisiert wurden, um den deutschen Zuchthausstaat zu zerschlagen und zu vernichten. Berauscht von den Gedanken und Hoffnungen an unsere, wenn auch noch in weiter Ferne liegende Freiheit, in der wir wieder freie und unabhängige Menschen sein konnten, in der wir nicht jeden Tag gehetzt, geprügelt und getreten wurden, in der wir nicht jeden Tag mit dem Tode zu kämpfen brauchten, gingen wir zu Bett und träumten uns in eine Welt, die uns alles wieder zurückgab, was wir besessen hatten: Freiheit, Frau und Kinder, Heimatfrieden und ein bißchen Glück. Aber wie oft wurden diese schönen Stunden gestört. Waren nicht irgendwelche Blockarbeiten zu verrichten, konnte man gewiß sein, daß durch die auf 86 allen H Häftli raschu stämm schauf Wäl verbre durfte trottet liche gung, pünkt Zuc Die Komm straft Maß hälter rasier nung weich hafte übera der i koch keine zu e viert den umst er v fürc und Se in k brut SS. sere rück als D Berufsen und worden. t Menen und h doch on Vertreiben tischen ie es in sein, so chtigen kaum. herheit ark abe Deutar, daß prechen cht, die hören, Nachsolcher he und baldige Europa el und n, daß samten zu zerch noch ängige und gebrauchwieder frieden irgend die auf allen Blocks befindlichen Lautsprecher fünfzig oder hundert oder zweihundert Häftlinge der K- Kompanie angefordert wurden. Nie war man sicher vor Ueberraschungen. Da waren Steine oder Bretter oder Zement abzuladen, Baumstämme zu verladen, Strohsäcke oder Betten zu transportieren, Schnee zu schaufeln, Straßen zu reinigen usw. Während der geringen Freizeit hatte die SS immer Arbeit für die Kriegsverbrecher. Selbstverständlich mußten wir diese Arbeiten durchführen. Wir durften nicht zur Ruhe kommen. Drücken konnte sich niemand. Und so trottete man mit und schuftete oft bis in die späte Nacht. Obwohl es zusätzliche Arbeit war, die wir zu leisten hatten, gab es keine zusätzliche Verpflegung, ebenso mußten wir am nächsten Morgen wie alle Häftlinge auch wieder pünktlich zur Stelle sein. Zuchthäusler und Zuhälter als Vorarbeiter Die K- Kompanie war etwa 500 Mann stark und arbeitete als selbständiges Kommando. An der Spitze des Arbeitskommandos stand ein mehrfach vorbestrafter Zuhälter. Er steckte immer in eleganter Häftlingskleidung, die nach Maß in der Häftlingsschneiderei gemacht worden war. Zu einem richtigen Zuhälter gehört auch ein gepflegtes Aeußeres, und so ließ er sich täglich rasieren, pudern und massieren. Er bildete sich ein, eine vornehme Erscheinung und hübsch zu sein. Er war es in Zuhälterkreisen zweifellos mit seinem weichen, glatten, regelmäßigen brünetten Filmgesicht, das etwas Puppenhaftes an sich hatte. Eitel und arrogant schien er sich selbst immer und überall zu Modell zu stehen. Selbstverständlich hatte er auch einen Diener, der ihm die Kleidung in Ordnung hielt, beim Anziehen behilflich war und ihm kochte und servierte. Zuhälter als Führer eines Arbeitskommandos aẞen keine Häftlingskost. Sie hatten gute Beziehungen, immer gut und genügend zu essen. Auf dem Block hatte er sich einen genügend großen Raum reserviert und ausmöbliert, um sich behaglich fühlen zu können. Der Raum, der den Häftlingen verlorenging, war abgesperrt und mit Mannschaftsspinden umstellt. So war er vor den hungrigen Blicken der Häftlinge sicher, wenn er vor seinem reichgedeckten Tische saß. Unser Zuhälter- Capo war ein gefürchteter Mann, denn er war unumschränkter Herrscher über 500 gehetzte und schwache Menschen. Er verfügte über Leben und Tod dieser Häftlinge. Seine gepflegte Erscheinung und sein ,, vornehmes" Auftreten standen jedoch in keinem Verhältnis zu seinem Verhalten den Häftlingen gegenüber. Er war brutal, zynisch, gemein gegen Häftlinge, aber feig und kriecherisch vor der SS. Er hatte cholerisches Temperament und steigerte sich oft bis zur Raserei, und dann mußte er Blut sehen. Hatte er sein Opfer ,, fertig gemacht", rückte er seinen Anzug zurecht und ging mit Eleganz und Haltung davon, als ob nichts geschehen wäre. Das war Stöckl, bayrischer Zuhälter mit einem grünen Winkel. 87 In den ersten Wochen war ich in einem Invalidenkommando der K- Kompanie tätig. Ich hatte mir durch die Laufschritt arbeiten im Steinbruch eine schwere Sehnenzerrung in der Hüfte zugezogen und war beim Gehen stark behindert. Das Revier hatte mich als Kranken nicht anerkannt, so daß ich weiter zur Außenarbeit mußte. Den weiten Weg aber konnte ich nicht machen und wurde schließlich dem Invalidenkommando zugeteilt. Hier mußten wir Erde bewegen. Heute nach rechts, morgen nach links und am andern Tag wieder umgekehrt, Tag für Tag, wochenlang, bloß um ,, beschäftigt" zu werden. War nicht genügend Werkzeug vorhanden, mußte ein Teil exerzieren. Stöckl erschien täglich, um die Arbeiten zu kontrollieren. Er suchte dann immer nach einem Opfer. Sie waren nicht alle immer gleich tot, die er schlug, aber wenn einer am Boden lag, hieb er mit der Schaufel solange auf ihn ein, bis er nur noch röchelte. Dann war er befriedigt und ließ sein Opfer ins Revier schaffen. Ohne sich Rechenschaft über seine Mordtat zu geben, ging er davon. Wer war der Nächste? An einer der nächsten Tage ließ er gleich drei Häftlinge aufhängen. Ob auf Anordnung der SS oder auf Grund seiner eigenen selbstherrlichen Gerichtsbarkeit, habe ich nicht feststellen können. Für die SS war seine Meldung maßgebend. Danach hatten sich die Häftlinge selbst erhängt. Eine Untersuchung gab es nicht. Wer tot war, wurde gestrichen, und damit war alles ausgelöscht. Die Mörder aber liefen frei herum und hatten die Sympathien der SS.. Nur die Häftlinge wachten und warteten auf die Stunde, wo der gefürchtete Tyrann wieder als gewöhnlicher Häftling in ihren Reihen marschieren mußte. Und eines Tages war dieser selbstgefällige und herrschsüchtige Bandit Stöckl entthronisiert. Im Kampfe um einen höheren Posten, um den Posten eines Lagerältesten, wurde er entlarvt. In einem seiner vielen Spinde wurden etwa zwanzig Brote aufgefunden, die er den hungernden Häftlingen gestohlen hatte. Er wurde zwar als Capo abgesetzt, aber weiter von der SS geschützt und in die Strafkompanie versetzt. So wurde er der blutigen Abrechnung durch die K- Häftlinge entzogen. Dennoch erschien wenige Wochen später die rächende Nemesis und erfüllte ihr Amt an der Laufbahn dieses Hochstaplers und Verbrechers, die sie zum gerechten Ende führte. Stöckl war einer von den aktenmäßig Ausgewählten, die in die Versuchsstation für Fleckfieber und Typhusimpfungen kamen und dort starben. Stöckl hat diese Versuchsstation nicht mehr lebend verlassen. An seine Stelle trat ein anderer Grüner, ebenfalls ein Zuhälter aus Bayern. Ueber ihn hatte sich niemand zu beklagen. Er fühlte sich als Häftling, denn er wußte, daß er eines Tages wieder mit uns marschieren würde. Wenn irgendeiner seiner Vorarbeiter sich an Häftlingen vergaß, griff er sofort ein. 88 Und von ein worden Die einhalb Tragen bei au Ein gesehe broche dieser Mordb er sein die Mi träger jedoch tempo Nun sich s mal a Ich su nieder davon das S blutig kein 1 Mas End wald. werter pfleg gen u Wi alle linge verbo opfer Deck Die ältest K- Komch eine n stark daß ich nicht . Hier and am m ,, beBte ein te dann die er solange and ließ Mordtát hängen. rrlichen ar seine gt. Eine mit war ie Symder ge en marBandit Posten de wurftlingen der SS gen Ab. Wochen dieses ersuchs starben. ter aus ich als chieren vergab. Und so hatte auch ich mich eines Tages an ihn gewandt, nachdem mir von einem Vorarbeiter mein Rücken ohne jeden Grund blutig geschlagen worden war. Die K- Kompanie mußte an der Straße von Buchenwald nach Weimar dreieinhalb Meter tiefe Gräben ausheben. Ein Teil des Kommandos hatte mit Tragen zu je zwei Mann auf einen Wasserwerkbau immer im Laufschritt bei außerordentlich schwierigem Gelände Erde zu transportieren. . Ein SS- Mann hatte uns etwa eine Viertelstunde im Walde schweigend zugesehen. Plötzlich winkte er einen Häftling zu sich heran. Mit einem zerbrochenen Pickelstiel stürzte er sich wild auf ihn und hieb solange ein, bis dieser stöhnend hinfiel und sich allein nicht mehr erheben konnte. Als diese Mordbestie an etwa zehn Häftlingen seinen Blutdurst gestillt hatte, stellte er seine Tätigkeit im Walde ein und ging auf den Wasserwerkbau, wo er die Mißhandlungen fortsetzte und mit einem Knüppel auf jeden der Lasten-träger unbarmherzig einhieb. Schließlich hatte er sich verausgabt. Bevor er jedoch das Kommando verließ, beauftragte er den Vorarbeiter, das Arbeitstempo beizuhalten und die Nichtparierenden einfach totzuschlagen. Nun stand der grüne Vorarbeiter auf dem Wasserwerkbau und hielt sich streng an die Anweisungen des SS- Mannes. Als die Hiebe wieder einmal auf meinen Rücken niedersausten, erfaßte mich eine wilde Empörung. Ich suchte nach irgendeinem handfesten Gegenstand, um diesen SS- Büttel niederzuschlagen. Ruhiger Ueberlegung war ich nicht mehr fähig. Ich raste. davon. Als ich den Capo erblickte, lief ich zu ihm und forderte ihn auf, das Schlagen der Häftlinge zu verbieten. Ich zeigte ihm als Beweis mein blutiges Hemd und erreichte, daß an diesem und an den nächsten Tagen kein Häftling geschlagen wurde. Massenmord an russischen Kriegsgefangenen Ende Oktober kamen die ersten russischen Kriegsgefangenen nach Buchenwald. Die jungen Burschen, etwa 1200 Mann, waren in einem bejammernswerten Zustand. Wochenlang waren sie marschiert ohne ausreichende Verpflegung und Unterkunft. Schmutzig und voll Ungeziefer, mit hohlen Wangen und halbirren Blicken wankte dieser Elendszug über den weiten Platz. Wie ein Lauffeuer war die Nachricht durch das Lager geeilt. Die SS hatte alle Maßnahmen getroffen, um eine Solidaritätsaktion der politischen Häftlinge zu unterbinden und jeden Verkehr mit den Russen aufs strengste verboten. Fiebrige Emsigkeit herrschte auf den politischen Blocks. Jeder opferte etwas von dem Wenigen, was er hatte: Brot, Tabak, Zigaretten, Decken, Strümpfe, Hemden, Unterhosen usw. Die Folge dieser brüderlichen Solidarität war, daß die politischen Blockältesten abgelöst, mit 25 Stockhieben bestraft und in den Steinbruch kom89 \ mandiert wurden. Außerdem erhielt das gesamte Lager drei Tage Essensentzug. Die Russen blieben die ersten vierzehn Tage in ihren von dem übrigen Lager durch Stacheldraht abgezäunten Baracken. Der Verkehr auf den Zugangsstraßen zu diesen Baracken war gesperrt. Dennoch fanden wir immer wieder Möglichkeiten und Gelegenheiten, uns mit den Russen in Verbindung zu setzen und sie auch weiterhin zu unterstützen. Kurze Zeit nach dem Eintreffen der russischen Gefangenen begann die Liquidierung von Offizieren und chargierten Mannschaften. Die Opfer wurden täglich in Lastautos von Weimar nach Buchenwald gebracht, wo sie im Pferdestall von der SS in weißen Arztmänteln empfangen wurden. Während einer vorgetäuschten ärztlichen Untersuchung erhielten die Gefangenen aus dem Hinterhalt den Genickschuẞ. Zuerst wurde alles geheim durchgeführt. Das Lager sollte nichts erfahren, aber die Zahl der Liquidierungen stieg von Woche zu Woche. Hilfskräfte mußten herangezogen werden, Hilfskräfte aus den Reihen der Häftlinge. Politische Häftlinge lehnten selbstverständlich jede Art der Beihilfe zu diesen Verbrechen ab. Dagegen gab es in den Kreisen der Berufsverbrecher genügend Kreaturen, die um doppelte Brotrationen sich jeder von ihnen geforderten Arbeit zur Verfügung stellten. Nun wurden die Leichen der erschossenen Kriegsgefangenen nicht mehr nur nachts, sondern auch am Tage auf großen offenen Lastwagen nach dem Krematorium gebracht. Jeder konnte die blutigen Spuren der Lastautos mit den aufgehäuften nackten Leichen im Schnee verfolgen. Zu jeder Tageszeit fuhren die Wagen am Lager vorüber. Die Blutspuren im Schnee waren bereits zu einer Blutbahn, die qualmenden Schornsteine des Krematoriumseine weithin leuchtende Feuersäule und der Reitstall eine blutige Massenschlächterei an jungen Menschen geworden, die das Unglück gehabt hatten, der deutschen Wehrmacht als Kriegsgefangene in die Hände zu fallen. Diese jungen Menschen, die von der SS in Massen feig und hinterlistig gemordet wurden, hatten nichts anderes getan, als ihren Heimatboden gegen die Raubzüge der plündernden und mordenden Eroberer zu verteidigen. Dafür wurden sie auf höheren Befehl von den braunen Mordbestien in Massen abgeschlachtet, abgeschlachtet von derselben SS, die auf höhere Anordnung dem deutschen Volke als moralisches Vorbild hingestellt worden war, als Träger deutscher Kultur. Wo in der Welt hat es eine Kulturnation gegeben, die Kriegsgefangene systematisch mordete!? Kann sich das deutsche Volk jemals von dieser furchtbaren Schande lossagen? Auf ewig wird dieses Schandmal der Deutschen in der Geschichte der Völker weiterleben. Denn es waren Söhne deutscher Mütter, die diese Verbrechen verübten. Str We schlu Schli W den flock Häft Kop App In Sie dure mit W liert bis E rühr A Zehe 90 Essens- übrigen den Zu- - jmmer Verbin- nn die er WUI- wo, sie n. Wäh- Gefan- ; erfah- - r Haft: ler Bei- Berufs- ‚h jeder ehr nur ‚ch dem ‚astautoS r Tages‘ g waren atoriumS Massen f hatten. Den. ‚ters gegen igen- ;stien höhere In wor in fangen schande chte der er je Der Vogel ist wieder da Er war geflüchtet, wieder eingefangen. Man gab ihm eine Trommel in die Hand. Er sollte singen, wo er ging und stand, wie jene armen Eingefangnen sangen vom„rückgekehrten Vogel“. Doch es klangen die Klänge eines Liedes, wohlbekannt, zum Trommelschlag, vom freien Geist gesandt, die bis zu allen freien Geistern drangen. „Die Internationale‘ Leben fand... Der Wächter drohte:„Rotes Schwein, hör auf!“ Der freie Geist sang weiter, wie gebannt. Und mit dem Trommelklöppel hieb er drauf, aufs Wächtermaul, das wütend schrie und lallte— Dann klang ein Schuß... das hohe Lied verhallte... Strafstehen Wenige Tage später fehlte beim Antreten des Kommandos nach Arbeits- schluß ein Häftling. Alles“wurde abgesucht. Er-wurde nicht gefunden. Schließlich mußten wir zum Appell ins Lager abmarschieren. Wir standen auf dem Appellplatz. Eine schneidend kalte Luft fegte über den weiten Platz, und durch die hellen Scheinwerferbahnen wirbelten Schnee- flocken wie gespenstisch phosphoreszierende Insekten, die erloschen an den Häftlingen haften blieben. Bald waren unsere Rücken weiß. Wir zogen den Kopf ein, um Hals und Kopf gegen Wind und Schnee zu schützen. Der Appell war zu Ende. „K-Kompanie ans Tor.“ In wilder Hast stürzte alles durcheinander. Die SS hatte ihre Erfahrungen. Sie ließ uns keine Zeit, geordnet anzutreten. Immer wieder jagte sie uns durcheinander, und immer wieder schlugen zwanzig bis dreißig SS-Leute mit Knüppeln auf uns ein. Schließlich hatte auch diese Hetze ein Ende. Wir standen wie eine preußische Soldatenmauer. Ringsherum patrouil- lierte SS, Es wurde angekündigt, daß wir solange ohne Essen stehen müßten, bis der fehlende Häftling gefunden worden sei. Es verging eine Stunde, es vergingen zwei Stunden. Wir durften rühren. Aus der hart gefrorenen Erde kroch die Kälte an uns heran, biß in die Zehen, bis sie stumpf und gefühllos wurden, zog mit rheumaähnlichem 91 uns nicht I j | Il Il | Schmerz durch Fesseln, Waden und Knie und suchte nach unseren Händen, nach den Armen, die gefühllos herabhingen. Ein eisiger Wind pfiff durch die dünne Häftlingskleidung. Unsere Hände zitterten, die Arme zitterten, der ganze Körper zitterte und bebte. Alles schien zu Eis zu werden. Und bald fielen die ersten Opfer gegen ihre Vorder-, Neben- oder Hintermänner. Kein Häftling durfte sich um sie bemühen. Sie sollten nach dem Willen der SS zugrunde gehen. Nachdem wir etwa drei Stunden in Kälte und Schnee gestanden hatten, wurden wir in den sogenannten ,, Rosengarten" getrieben, einem mit Stacheldraht umzäunten Platz, auf dem das Zelt stand. Unsere Glieder waren steif, wir konnten uns kaum bewegen. Vor dem Eingang des ,, Rosengartens" hatte sich SS aufgestellt und trieb mit Gummiknüppeln den regellosen Haufen durch den schmalen Eingang. Es gab kaum einen Häftling, der bei dieser Gelegenheit nicht etwas abbekommen hätte. Nachdem man uns noch eine Zeitlang im ,, Rosengarten" herumgejagt hatte, mußten wir uns wieder aufstellen. Da standen wir wieder auf Vordermann, militärisch ausgerichtet, und sollten uns stundenlang nicht bewegen. Schon nach kurzer Zeit brach eine Anzahl Häftlinge zusammen. Die SS war fort. Wir bemühten uns um sie, aber wir konnten ihnen nicht helfen. Das Blut war ihnen erstarrt. Sie hatten ausgelitten. Wir hatten uns Rücken an Rücken gestellt, um uns gegenseitig zu wärmen. Ein zusammengeballter Haufen, der sich ineinandergeschoben hatte. Plötzlich sah ich einige dunkle Schatten in dem schwachen Licht, das über dem Platz lag, auf uns zugeistern. ,, SS!" dachte ich und rief es warnend den Kameraden zu. Aber ehe der Haufen sich wieder formieren konnte, wütete die SS bereits mit Knüppeln und Fußtritten zwischen den Häftlingen. Es war, als ob wilde Tiere in eine schlafende Schafherde eingebrochen wären. Aufgescheucht und erschreckt lief alles durcheinander. In wilder Panik stob der Haufen auseinander, lief wieder zusammen, schob einmal nach rechts und wieder nach links, und zertrat alles, was ihm unter die Füße kam. Die Masse ist in solchen Situationen feig und ohne Ueberlegung. Jeder einzelne denkt nur an sich und seine Rettung. Wieviel Menschen fielen und Schaden erlitten oder buchstäblich zertreten wurden, ist mir nicht mehr in Erinnerung. Aus dem Rosengarten wurden wir nach einigen Stunden ins Zelt getrieben. Wir waren zwar vor dem eisigen Wind und dem Schneesturm geschützt, aber die Kälte hockte auch im Zelt. Die Halberstarrten fielen wie Fliegen nach einer Frostnacht. Furcht und sic Etwa zwanzig Tote waren das Ergebnis dieser einen Nacht und mindestens ebenso viele Revieraufnahmen, von denen nach einigen Tagen noch verschiedene starben. nicht n Wir mehr g geword verschn durchw Stunde Gegen drei Uhr in der Frühe hieß es ,, Abrücken". Der angeblich geflüchtete Häftling, ein Grüner, war aufgefunden worden. Er hatte sich aus 92 vorzube Mens Jeden Schrei und di den T Eine diesem in Eile Blocka bleiber Nier lei An ein ho eine I Block Als gelöst Es ha kehr Blöck Die weiter Der Woch Versu doppe Na hande Fiebe Händen, ff durch zitterten, en. - Hinterach dem hatten. StachelVor dem GummiEs gab ekommen imgejagt Vorderbewegen. Die SS at helfen. wärmen. te. icht, das f es warn konnte, Hen Häft le einge ander. 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Menschen als Versuchsobjekte für die chemische Industrie Jeden Morgen, gleich nach dem Wecken, mußten die Blockältesten zur Schreibstube, wo sie die Veränderungen der Blocks zum Appell meldeten und die Anordnungen der SS und Häftlings- Lagerleitung für den kommenden Tag entgegennahmen. Eines Tages kam unser Blockältester mit sichtlichem Miẞbehagen von diesem Gang zurück. Während wir an unseren Tischen saßen und wie immer in Eile unser Brot mit einem Becher Kaffee hinunterschlangen, verlas der Blockälteste von einer Liste eine Anzahl Häftlingsnamen, die im Lager bleiben mußten. Auch sein eigener Name war dabei. Niemand wußte, was diese Liste zu bedeuten hatte. Es gab zunächst keinerlei Anhaltspunkte, höchstens den, daß es sich um Häftlinge handelte, die ein hohes kriminelles Vorstrafenregister hatten. Nicht alle Blöcke hatten eine Liste bekommen, nur die K- Kompanie, die Strafkompanie und der Block 41, ein grüner Block. Als wir abends nach der Arbeit ins Lager zurückkehrten, war das Rätsel gelöst. Zwei Blöcke waren geräumt und die Häftlinge darauf verteilt worden. Es handelte sich fürs erste um etwa drei- bis vierhundert Mann. Der Verkehr mit anderen Häftlingen wurde dadurch unterbunden, daß um beide Blöcke ein Stacheldrahtzaun gezogen worden war. Die erste Versuchsstation für Fleckfieber- und Typhusimpfungen und für weitere Versuchszwecke war gegründet worden, Der Ernährungszustand der meisten Häftlinge war so schlecht, daß sechs Wochen gute und ausreichende Ernährung nötig war, bevor irgendwelche Versuche an ihnen vorgenommen werden konnten. Sie bekamen in allem doppelte Rationen, Zigaretten und brauchten nicht zu arbeiten. Nach sechs Wochen begannen die ersten Versuchsimpfungen. Zunächst handelte es sich um Fleck fieberimpfungen. Die Geimpften lagen tagelang im Fieberdelirium, nahmen keine Nahrung zu sich und waren alle sterbenskrank. 93 Ein grausiges Massensterben war die Folge dieser Versuche mit verschiedenen Fleckfieberimpfstoffen. Von den etwa fünfzig Häftlingen der K- Kompanie, die mit dem ersten Schub in die Versuchsstation kamen, habe ich vier lebend wiedergesehen, Die Todesfälle wurden streng geheimgehalten. Es wurden vielmehr irreführende Nachrichten über die Ergebnisse der Versuche ins Lager lanciert, um eine Unruhe unter den Häftlingen zu vermeiden. Für das große Massensterben in der Versuchsstation mußte laufend Ersatz geschafft werden. Fast täglich wurden jetzt weitere Häftlinge nach den beiden Versuchsblöcken kommandiert. Ein Sträuben war unmöglich. Während zu Anfang die Versuche nur an kriminell Vorbestraften durchgeführt wurden, griff die SS später auch auf politische Häftlinge zurück. Auch blieb es nicht bei der einen Versuchsstation in Buchenwald. In anderen Lagern wurden ähnliche Einrichtungen geschaffen. So schwebte über jedem Häftling täglich auch noch die furchtbare Gefahr, als Versuchstier für höhere Rentenquoten der chemischen Industrie in der skrupellosesten Weise mißbraucht zu werden. Jeden Tag konnte sein Name auf einer Liste erscheinen oder im Lautsprecher bekanntgegeben werden. Bevor Himmlers Vergasungsindustrie in den großen östlichen Lagern fertiggestellt war, hatte die SS außer den von ihr angewandten Todesarten, wie Erschießen, Erschlagen, Zertreten, Erhängen, noch andere Methoden, um aktenmäßig belastete Häftlinge zu liquidieren. Täglich wurden Häftlinge nach dem Revier geschickt, nicht etwa um dort als Kranke behandelt zu werden, sondern um von dem diensthabenden Arzt oder SS- Sanitäter eine Spritze zu erhalten. Nach dieser Spritze schliefen sie ein und wachten nicht mehr auf. In den amtlichen Totenpapieren aber wurde als Todesursache vermerkt: Herzversagen bei Herz- und Kreislaufschwäche. Bevo sichtsf melder Zum die si Dan und se Die A erbitte Bock würdi oft ha bärmi Es wa blicke Die schlus dem reizt schlu Wimm РАД oder Na aufsi Fü strafe schle leistu straf Ha Der ,, Bock" Exekutionen, das heißt der offizielle Strafvollzug, fanden immer an bestimmten Tagen statt. Es gab verschiedene Strafarten, mit denen die Häftlinge wegen irgendwelcher geringfügiger Vergehen bestraft wurden. Die gebräuchlichste waren der ,, Bock" und das„, Hängen". Der„ Bock" war ein eigens für diesen Zweck konstruiertes Gestell, auf dem der Körper rechtwinklig zu liegen kam. Die Füße wurden eingeklemmt und der Oberkörper von SS- Leuten oder auch Häftlingen gehalten. Je nach der Größe des Häftlings wurde der ,, Bock" tiefer oder höher gestellt. Durch diese Einstellung wurde das Gesäß gestrafft. 94 mand W wo e Es Aller Es 1 wied gar Wun dan D Kom h. verschieK- Komhabe ich ehr irrelanciert, d Ersatz ach den n durchzurück. anderen bare Geustrie in nte sein tgegeben Lagern desarten, Tethoden, um dort den Arzt jefen sie ermerkt: be an bedie Häftden. Die tell, auf reklemmt Je nach It. Durch Bevor der Häftling auf den„ Bock" gespannt wurde, mußte er dem aufsichtsführenden SS- Offizier Straftat und Strafmaß in militärischer Haltung melden. Zum Strafvollzug wurden nur die besten Schläger der SS kommandiert, die sich untereinander ablösten. Dann lag der Häftling auf dem ,, Bock". Sein Gesicht war angstverzerrt und sein Körper eingespannt und gehalten, daß er kein Glied rühren konnte. Die Aufrechten, die politisch Bewußten, hingegen traten mit finsterem und erbittertem Gesicht und Augen, aus denen glühender Haß loderte, an den ,, Bock" heran, verbissen die furchtbaren Schmerzen und nahmen die entwürdigenden Stockhiebe ohne Laut und ohne jede Regung entgegen. Wie oft habe ich diese Menschen bewundert, die durch ihre Haltung den erbärmlichen SS- Henkern ihre grenzenlose Verachtung entgegenschleuderten. Es waren tapfere, mutige Menschen, die auch in diesen kritischen Augenblicken ihren Stolz nicht verloren und keine Schwäche zeigten. Die Stockhiebe klatschten auf das gestraffte Gesäß. Die Schläger" schlugen mit solcher Wucht und ihrer ganzen Kraft, daß schon meist nach dem zehnten Schlage sich die Hose blutig färbte. Der Anblick des Blutes reizt die schnell erregbaren sexuellen Triebe perverser Männer. Und so schlugen sie noch wilder und leidenschaftlicher auf den Häftling ein, dessen Wimmern und Schreien sie bis zur Bewußtseinsstörung erregte. Wehe dem Häftling, der die einzelnen Stockhiebe nicht laut mitzählte oder unrichtig zählte. Er wurde solange geschlagen, bis er richtig zählte. Nach der Exekution mußte der Häftling in militärischer Haltung dem aufsichtsführenden SS- Offizier den Vollzug an sich melden. Fünfundzwanzig Hiebe mit dem Ochsenziemer waren die Durchschnittsstrafe für die meisten Vergehen. Eine Meldung über nachlässiges Grüßen. schlechte Haltung. Rauchen während der Arbeitszeit, ungenügende Arbeitsleistung usw. wurden im allgemeinen mit fünfundzwanzig Stockhieben be straft. Häftlingsvorarbeiter, die sich bei der SS beliebt machen wollten, haben so manchen durch eine Meldung diesem entwürdigenden Strafvollzug zugeführt. Wurden Platzwunden am Gesäß festgestellt, kam der Häftling ins Revier, wo er verbunden wurde. Es gab aber auch Strafen mit hundert und hundertfünfzig Stockhieben. Allerdings ,, durften" diese Stockhiebe nicht auf einmal verabfolgt werden. Es lag im Ermessen des Arztes, die Häftlinge beim nächsten Strafvollzug wieder zuzulassen. Meistens aber wurden sie dem Arzt vor dem Strafvollzug gar nicht vorgeführt. Und so erhielten sie auf die noch nicht ausgeheilten Wunden weitere fünfundzwanzig oder dreißig Stockhiebe. Das Gesäß war dann nur noch eine blutige Fleischmasse. Das war der„, legale" Strafvollzug, der auf Grund eines ,, Urteils" des Kommandanten durchgeführt und in die Akten eingetragen wurde. 95 Der illegale" Strafvollzug, ohne„ Urteil" und ohne Aktenvermerk, war um vieles schlimmer als der legale. Da gab es keine Aufsicht, da wurde nicht gezählt, da wurde solange geschlagen, bis den Henkern die Kraft versagte. Was aus den Geschlagenen wurde, war ihnen gleichgültig. Niemand war da, der die SS zur Verantwortung zog. Sie fühlten sich als die alleinigen Machthaber und Herrscher im Lager und konnten mit den Sklaven treiben, was sie wollten. Die Strafart, die neben dem ,, Bock" am häufigsten angewandt wurde, war das ,, Hängen". Der Häftling wurde mit auf dem Rücken über Kreuz gelegten Händen gefesselt und mit einem Strick in die Höhe gezogen. Die Füße durften den Erdboden nicht berühren. So hing der Häftling oft solange, bis ihm die Lungen platzten und er nur noch als Leiche heruntergelassen werden konnte. Andere wieder waren gelähmt für ihr ganzes Leben. Die SS machte sich dabei meist immer den Spaß, die Gehängten zu drehen oder zu schaukeln. Die Schmerzen waren furchtbar und das Schreien der Gefolterten weithin hörbar. Die SS stand zynisch grinsend dabei und amüsierte sich. Eine wahre Brutstätte sadistischer Niedertracht und Gemeinheit waren die Bunkerzellen unter der Aufsicht des SS- Scharführers Sommer. Es gibt kein Verbrechen, das dieser blutrünstige Teufel nicht ersonnen hätte, um es an den ihm anvertrauten schutzlosen Opfern auszuprobieren. Ob es sich darum handelte, einen Menschen an seinem Geschlechtsteil aufzuhängen oder an den Füßen, ihm die glühende Zigarette in die Nasenlöcher zu stecken oder auf seinem nackten Körper brennende Zigaretten auszudrücken, die Haut abzuziehen, die Fingernägel abzureißen viele Hundert Häftlinge haben auf eine oder mehrere dieser Folterungsarten unmenschlich leiden müssen, ehe sie ihren Tod fanden. - Die Todesart richtete sich immer nach der jeweiligen Laune des Henkers Sommer, je nachdem, ob ihm eine Laus über den Pelz gekrochen war oder nicht, ob er mit gutem oder mäßigem Appetit gefrühstückt, ob er genügend ,, organisiert" und verschoben hatte. Er schlug seine Opfer entweder mit der Keule tot oder erwürgte oder erhängte sie, gab ihnen eine Tødesspritze oder ließ sie verhungern oder erfrieren, er quetschte ihnen langsam den Kopf durch eine eiserne Tür ab oder zerbrach ihnen die Arme und Beine einzeln, schließlich das Rückgrat. Die humanste Todesart des Erschießens gestattete er sich nur, wenn er bei gnädiger Laune war. Andere SS- Bestien liefen im Lager herum und suchten dort ihre Opfer. Es war gefährlich, ihnen zu begegnen. Sie waren bekannt, und die älteren Häftlinge gingen ihnen rechtzeitig aus dem Wege. Aber wenn ein Zugang ungewarnt und ahnungslos einer solchen Mordbestie entgegenkam, so war es um ihn geschehen. Er mußte sich bücken, worauf der SS- Sadist mit 96 einem war u Das aufent Die rausch brutal unschu sender Erschl Und Wa diese Kultu 7 Fi rk, war a wurde ie Kraft ig. Nie- als die mit den rde, war reuz ge- ven. Die, und er ; waren mer den n waren ;S stand it waren Es gibt ätte, UM Ob es ] aufzu- ‚enlöcher np auszU- e Hun- ‚rten un Henkers war oder zenügen oder zit josspritz® sam den “ Beine ‚„hießen® einem schweren Knüppel solange auf das Rückgrat schlug, bis es gebrochen war und der Häftling tot liegenblieb. “ x B3 Das war Buchenwald, errichtet auf dem Ettersberge, einem Lieblings- aufenthalt des größten deutschen- Dichters. Die Stille und Einsamkeit, in der Goethe einst träumend unter mächtig rauschenden Buchen saß, war gewichen dem Lärmen und Morden einer brutalen Verbrecherbande, den Gewehrschüssen aus dem Hinterhalt auf unschuldige Kriegsgefangene, war erfüllt von den Schmerzensschreien Tau- sender Gequälter und Gefolterter und dem Todesröcheln Tausender von Erschlagenen und Zertretenen! Und Millionen Menschen trauern um sie. Wann wird Deutschland, das Land der braunen Richter und Henker, diese furchtbare Schande ausgelöscht haben, um wieder in den Kreis der Kulturnationen aufgenommen zu werden...? Sehnsucht im Wald Einmal nur tiefe Ruhe, Stille, Schweigen in diesem Wald voll schöner, hoher Buchen! Frei vom Gelärm, vom Schreien und vom Fluchen der Capos und SS und ihrer Zeugen. Einmal nur ausruhn dürfen und sich neigen zu Schlaf und Traum, Vergessen drin zu suchen und beim Erwachen friedlich unter Buchen stille zu liegen... Vögel in den Zweigen, Gräser und Blumen, wispernd rings umher, lieblich beschwingt im Waldesgeisterreigen.... Wie sehnt man sich danach, wie sehr, wie sehr! Und ohne Hunger, ohne Angst zu leben, die wald’ge Höhe dort hinanzusteigen zum freien Ausblick... kann’s solch Glück noch geben? 7Finkelmeier: Apokalypse In Auf Transport - Am 12. März 1942 ging ich auf ,, Transport". Ich wußte damals noch nicht, was„ Transport" bedeutete, wußte nicht, daß ,, Transport" die Ueberführung in eines der vielen, der Oeffentlichkeit noch völlig unbekannten Lager Todeslager Todeslager bedeutete. Morgens beim Zählappell wurden zwar oft hundert und mehr Namen von Häftlingen verlesen, die, ohne ihre persönlichen Sachen mitnehmen zu können, vom Appellplatz aus gleich auf Lastwagen verladen und irgendwohin gefahren wurden, von wo sie nie mehr zurückkehrten. Aber diese Transporte waren nicht ärztlich untersucht worden, während wir körperlich untersucht und die Kranken und Schwachen zurückgestellt worden waren. Achthundert Häftlinge aus den verschiedensten Blöcken, darunter viele aus dem Stubendienst, sogenannte Prominenz, waren ausgesucht worden, um auf diesen ,, Transport" zu gehen. Am 12. März bekam jeder ein Paar ,, Holländer", das waren Schuhe aus Holz, die in Buchenwald hergestellt wurden, und gegen 16 Uhr setzte sich der Zug zu Fuß von Buchenwald nach Weimar in Bewegung, flankiert von einem riesigen Aufgebot eines SS- Begleitkommandos. Unterwegs hatte jeder einzelne Schwierigkeiten mit den ,, Holländern". Mit aufgeriebenen Füßen und Blasen kamen wir humpelnd in Weimar an. Als wir die ersten Häuser Weimars erreichten, erregte unser Zug starkes Aufsehen unter der Zivilbevölkerung. Nirgends die Spur einer feindlichen Gesinnung oder Haltung. Mit tiefem Mitleid begleiteten uns die Blicke der Bevölkerung und in der stummen Gebärde ihres Schmerzes, mit der sie sich an uns wandten, lag etwas, was uns wärmte und Trost zusprach in unserem Elend und Ausgestoßensein. Alte Mütter wandten sich ab. Sie weinten... Wir wußten es. Wir waren nicht vergessen, nicht verlassen von den sorgenden Müttern des deutschen Volkes auf unserer endlosen Straße... Es konnte nicht anders sein! In ihrem Innersten mußten sie bei uns sein, bei uns, den wenigen Aufrechten im deutschen Volke, den Mutigen, die sich nicht dem Blutterror politischer Abenteurer beugten. Sie konnten nicht bei Hitler und seinem Größenwahn sein, der ihnen ihre Söhne raubte und sie sinn- und nutzlos hinschlachten ließ. Nein, die Herzen der Mütter des deutschen Volkes waren bei uns! Zu je fünfzig Häftlingen wurden wir am Bahnhof Weimar in Viehwagen verfrachtet. Streh hatte man nur für Pferde, nicht aber für Konzentrationslagerhäftlinge. So standen wir in den dunklen und kalten Waggons, in die von unten und von den Seiten her ein eisigkalter Wind hineinstieẞ. Einige Häftlinge legten sich zusammengekauert auf den Boden, aber nach kurzer Zeit schon standen sie wieder auf, weil sie es vor Kälte nicht aushielten. 98 bare ange P dack wur mac U schr Es wuß D A den Ver ten sche IN Ber lau I wer uns reg gin den s! h nicht, Ueberkannten en zwar are perich auf sie nie tersucht Schwaer viele worden, uhe aus tzte sich ziert von te jeder Füßen starkes ndlichen licke der der sie prach in ab. Sie den sorIn der Nacht war die Kälte noch unerträglicher geworden. Alles Brennbare wurde zusammengetragen, selbst Zahnbürsten wurden geopfert, um angezündet unsere steifgefrorenen Glieder etwas zu erwärmen. Phantastische Hoffnungen wurden bei den Halberfrorenen zuerst gedacht, dann laut ausgesprochen: ein warmes Bad, Brot und warmer Kaffee würden bereitstehen, um die erlittenen Qualen der Nacht vergessen zu machen. Um 7 Uhr morgens konnten wir nach elfstündiger Fahrt durch einen schmalen Spalt im Waggon den Bahnhof ermitteln, auf dem der Zug hielt. Es war Fürstenberg in Mecklenburg. Niemand kannte diesen Ort, niemand wußte, ob sich hier oder in der Nähe ein Lager befand. Durch den Spalt sahen wir nur weite Schneeflächen und dunkle Wälder. Alle zitterten vor Kälte und versuchten durch gymnastische Bewegungen. den Blutkreislauf zu beschleunigen. Einige Häftlinge gerieten in wahre Verzückungen, als einer träumerisch von Landarbeit sprach. Und alle dachten dabei nur an Sattessen, an Brot und an einen Topf mit mecklenburgischen Pellkartoffeln. Ja, nur einmal wieder richtig sattessen ,, Ja, sattessen", sprach laut zu mir der katholische Pfarrer Fröhlich aus Berlin. Es war wohl der Schluß einer Gedankenkette, den unbeabsichtigt laut sein Unterbewußtsein mit tiefer Inbrunst hinausgestoßen hatte. Ich lächelte ihm zu. Er wußte, daß ich ihn verstanden hatte. In dem einen Satz gipfelte alle Sehnsucht: sattessen, einmal nur satt werden. Alle hatten gehungert, Monate, Jahre... Hunger war täglich unser Gefährte und grausamer Feind. Er trieb uns am Tage in erregende Unruhe und ließ uns nachts nicht schlafen. Wir fürchteten die SS, gingen ihr in weitem Bogen aus dem Wege, aber noch mehr fürchteten wir den immer bohrenden und nagenden Schmerz des Hungers. bei uns igen, die inen ihre iehwagen entrations gons, in neinstiel. en, aber Filte nicht 7* 99 100 Tyrannei des Grauens Es war die grauenvollste Tyrannei. Die Geister, die sich zu bekennen wagten, die Seelen, die aus ihrer Tiefe klagten, und jeden Aufruf und Empörungsschrei, und alle Dinge, die im Neuen tagten, erstickte man, daß alles Schweigen sei und Feigheit und Gesinnungslumperei. Und Kerkermauern, Stachelzäune ragten. Dahinter gab es Massenschlächterei, Gespenster, die am Hungertuche nagten und sich in harter Fron zu Tode plagten, Gefolterte in endlos grauer Reih, die schließlich bleich im Gas zusammensackten. Es war die grauenvollste Tyrannei. E st W es Ja m L G A Ravensbrück Ein Mord- und Todeslager Di ie Türen wurden aufgestoßen, und wie in Buchenwald, so stand auch hier ein riesiges Aufgebot von SS als Begleitkommando bereit. Wir befanden uns in der Nähe des mecklenburgischen Städtchens Fürstenberg. Das Lager aber hieß Ravensbrück. Genau wie Buchenwald war auch Ravensbrück erst mit dem Lager entstanden. Zivilpersonen gab es in Ravensbrück nicht. Nur eine paradiesische Siedlung war im Laufe der Jahre errichtet worden, in der die blutgierigen SS- Henker sorglos und üppig mit ihren Familien lebten. Wenige Minuten von dieser paradiesischen Siedlung entfernt aber befand sich das Mord- und Todeslager Ravensbrück, ein Lager, in dem sich besonders weibliche Tragödien von unvorstellbarer Grauenhaftigkeit abspielten. Wir humpelten auf unseren ,, Holländern" durch hohen Schnee. Als das Waldstück zu Ende war, lag ein riesiges Lager vor uns, umgeben von einer hohen steinernen Mauer. Hinter der Mauer kamen wir an größeren unvollendeten Industriebauten vorüber, an mächtigen Stapeln Feldbahngleisen, Bauholz, Ziegelsteinen und Kanalisationsröhren. Dann gingen wir durch das ,, Tor" des eigentlichen Lagers, das für uns bestimmt war, zum Männerlager. Ravensbrück war in erster Linie ein Frauenkonzentrationslager. Das Männerlager war angegliedert worden zum Aufbau des Frauenlagers. Fünf Mannschaftsbaracken enthielt das Männerlager, das innerhalb der hohen Mauer durch einen hohen, elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun nach der Nordseite und mit einer weiteren Mauer nach der Westseite vom Frauenlager abgegrenzt war. Der sogenannte Industriehof mit den unvollendeten Industriebauten lag hinter dem Stacheldrahtzaun und war den weiblichen Häftlingen nicht zugänglich. Vor dem Stacheldrahtzaun war eine drei Meter breite neutrale Zone, die kein Häftling betreten durfte, ohne sich der Gefahr auszusetzen, wie Freiwild aus den Wachtürmen, die rings um das Männerlager standen, abgeschossen zu werden. An die neutrale Zone schloß sich die Lagerstraße an, auf der auch der Morgen- und Abendappell abgehalten wurde. Die Lagerstraße war etwa 101 fünfundzwanzig Meter breit und zweihundert Meter lang. Hier gingen die Häftlinge während ihrer freien Zeit spazieren, hier schlossen sich Freundschaften zwischen Deutschen, Tschechen, Polen, Russen, Holländern, Belgiern, Franzosen, Norwegern, feste Freundschaften, hier tobte sich die SS aus an den recht- und schutzlosen Häftlingen, hier wurden sie geschlagen, getreten, gehetzt, hier wurde gemordet, hier lagen die Häftlinge zu Dutzenden morgens vor dem Revier herum, krank und schwach, und starben, ohne daß ihnen ärztliche Hilfe zuteil werden durfte. 9 Ravensbrück war eine Hölle, Ravensbrück war ein Todeslager, das alle paar Monate Ersatz aus den größeren Lagerh wie Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen bekommen mußte, um die vorgesehenen Arbeiten durchführen zu können. An diesem Morgen bekamen wir weder ein warmes Bad, noch warmen Kaffee, noch ein Stück Brot. Wir standen angetreten, und es wurde Abend, als wir endlich auf die Blöcke verteilt waren. Schon am ersten Abend muẞten wir feststellen, daß wir in eine Gesellschaft von Räubern und Plünderern geraten waren. Sämtliche privaten Sachen wurden uns aus den Spinden gestohlen. Zigaretten, Tabak, Wäsche, Schuhe, Rasierapparate, alles, was wir mitgebracht hatten, wurde vom Stubendienst, von den Vorarbeitern und den Blockältesten ,, kassiert". Das Lager war für tausend Häftlinge berechnet. Mit den bereits Anwesenden waren es jetzt tausendsechshundert. Die Blöcke waren überfüllt, vier Mann in einem Spind. Einen Sitzplatz bekamen nur die Rücksichtslosen mit starkem Bizeps. Hier war Grün Trumpf. An der Spitze des Lagers standen Hochstapler, Zuhälter und Verbrecher. Als Vorarbeiter herrschten finstere Verbrechergestalten, die nur in den dunkelsten Höhlen großstädtischer Verbrecherviertel zu finden waren. Sie hielten zusammen wie eine verschworene Gemeinschaft. Jedes Eindringen in diesen Kreis war mit Lebensgefahr verbunden. Sie genossen den Schutz und die Unterstützung der SS, denn sie waren willige Werkzeuge für die Ausrottungspläne der braunen Bestien und hatten sich in allem bewährt. Welch ein Unterschied in der Atmosphäre zwischen Buchenwald und Ravensbrück! Und was hätte eine zielbewußte politische Häftlingslagerführung aus Ravensbrück machen können? Zwar kein Paradies, auch kein Sanatorium, aber ein Lager, in dem die Häftlinge den Verhältnissen entsprechend erträglich hätten leben können. Aber in Ravensbrück herrschten die Grünen. Und Häftlinge waren es, die eine Hölle errichtet hatten, eine Hölle, in der das Leben der Häftlinge schneller verbrannte als in irgendeinem anderen Lager. Die wenigen Politischen, die wir vorfanden, waren bedeutungslos und ebenfalls den Verbrechern schutzlos ausgeliefert. Sie tanzten genau so unter dem Gaudium der SS- Wachmannschaften und nach den Anordnungen des 102 L Ju $ 1 SI b u W g a Z6 g W 0 S A V M S S i Z S S 0 en die reund, Beldie SS lagen, Outzen, ohne as alle au und durch. varmen Abend, d muß. nderern Spinden es, was beitern nwesenlt, vier sen mit ler, Zuergestal vertel zu inschaft. waren hatten ald und ung aus atorium, Verträg en. Und der das en Lager. los und so unter ngen des Lagerältesten und des Lagercapos im Kreise herum wie die Polen, Tschechen, Juden und sprachen im Sprechchor die Worte des Lagerältesten nach: ,, Wir sind faule Schweine und verdienen, geprügelt zu werden." Ebenso ließen sie sich nachts aus dem Bett auf die Lagerstraße treiben, wo sie stundenlang. bei Schnee oder Regen stehen oder exerzieren mußten. Die beiden Schurken in Häftlingskleidung, der Lagerälteste Leonhardt und der erste Lagercapo Schnell, beides ehemalige Nationalsozialisten, die wegen irgendwelcher Betrügereien in der Partei von ihren ehemaligen Parteigenossen ins Lager gesperrt worden waren, waren mit einer Handvoll Vorarbeitern aus der niedrigsten Verbrecherwelt, die sie sich als willige Workzeuge für ihre verbrecherischen Zwecke aus den Häftlingsreihen herausgesucht hatten, der dunkle Schrecken des Lagers. Alle Arbeiten mußten im Laufschritt gemacht werden, gleichgültig, um welche Arbeiten es sich handelte, ob an der Lore, ob beim Lastenschleppen, ob beim Transport von Baumstämmen oder Baumaterial. sinnigen Maßnahmen Maßnahmen waren nicht einmal die recht Angehörigen gekommen. Sie wurden erst auf Vorschlag Verbrecher Leonhardt und Schnell von der SS angeordnet. Fast täglich wurden Tote oder zu Krüppeln geschlagene Häftlinge von der Arbeitsstätte ins Lager zurückgebracht. Die einen waren mit und auch ohne Assistenz der SS durch die Postenkette geprügelt worden, andere wieder mußten ins Moor, bis sich der braune Schlamm über ihren Köpfen schloß. Auf diese unprimitiven SS. dieser beiden Abends nach Arbeitsschluß holten sich die beiden Lagergewaltigen einen der einfältigen SS- Männer und ließen das ganze Lager stundenlang exerzieren oder sie gingen mit dem SS- Mann auf die Blöcke, um Gericht abzuhalten über Häftlinge, die von den Vorarbeitern als ewige Sünder wider die SS- Anordnungen bezeichnet wurden. Da bekam eine Anzahl fünfundzwanzig Stockhiebe, andere wurden für den nächsten Tag vom Vorarbeiter notiert, der sie zu Mittag nicht mehr lebend ins Lager zurückbringen durfte, andere wieder wurden gebadet", das heißt, mit einem kalten Wasserstrahl so lange. auf die Herzgegend traktiert, bis sie tot zusammenbrachen. Im Revier herrschten die grauenhaftesten Zustände. Dort ließen sich die ausgefressensten Grünen pflegen, während die wirklich Kranken und Schwachen im Vorraum und vor der Baracke herumlagen und starben. Häftlingsärzte gab es hier nicht. Laien stellten die Diagnose und ordneten die ..Behandlung" an. Zwei tüchtige Häftlingsärzte, zwei Tschechen, mußten im Kommando arbeiten, der eine in der Kartoffelschälküche und der andere bei Planierungsarbeiten. Man hielt diese beiden Aerzte dem Revier fern, um ungestört mißliebige Häftlinge durch Injektionen beseitigen zu können. Das war Ravensbrück, eine Stätte des Grauens und des Todes, Hier galt es, Ordnung zu schaffen. Unter den achthundert Häftlingen aus Buchenwald war eine große Anzahl politischer Häftlinge. Es war ihre Pflicht, aus diesem Mordbetrieb, den 103 skrupellose Häftlingselemente mit Hilfe einer allen Verbrechen leicht zu- eänglichen SS aufgezogen hatten, Verhältnisse zu schaffen, die die an sich schon schutzlosen Häftlinge vor der Willkür der Häftlingsbanditen schützten. Die Buchenwalder politischen Häftlinge brachten eine andere Lagermoral und Disziplin aus dem roten Buchenwald mit. Sie hatten gelernt, in allen kritischen Situationen zusammenzuhalten und zusammenzustehen gegen den einen großen und gefährlichen Feind, gegen die SS-Mörder. Wehe dem poli- tischen Häftling, der schwach wurde und Bütteldienste für die SS leistete! Er wurde aus der Gemeinschaft ausgestoßen und endete schließlich dort, wo die rächende Nemesis ihren Anteil an der Wiederherstellung moralischer Grundsätze zu fordern hat. Es war schwer, sehr schwer, in das Ravensbrücker Mordlager Bresche zu schlagen. Die Buchenwalder waren zu Feinden erklärt worden. Ueberall stießen sie auf Widerstand und Ablehnung. Die SS hielt es nur mit den bewährten Ban- diten. Wo ein Vorarbeiter ergänzt werden mußte, wurde er aus den Reihen der Grünen aus Buchenwald gewählt. Im Lager und bei der Arbeit gab es blutige Auftritte, wenn sich ein Poli- tischer aus Buchenwald gegen die Schläge eines Capos, der Stubenältesten oder der Blockältesten energisch zur Wehr setzte und zurückschlug. Nein, bei den Buchenwalder Politischen waren die Capos, die Stubenältesten und Blockältesten keine von der SS herausgestellten Götter, denen jeder Häftling blindlings zu gehorchen hatte und sich willenlos mißhandeln lassen mußte. Jeder, der es wagte, einen Buchenwalder zu schlagen, mußte damit rechnen, daß dieser kräftig zurückschlug. Die Buchenwalder scheuten die Bestrafung durch die SS nicht, wenn diese von den Banditen über die blutigen Auftritte in Kenntnis gesetzt wurde. Der Krieg zwischen Ravensbrück und Buchenwald dauerte Wochen, Monate... Hungerrationen Inzwischen: waren die Verpflegungssätze 30 stark herabgesetzt worden, daß das ganze Lager in kurzer Zeit aussterben mußte. Die Arbeitszeit betrug elf Stunden, und das Arbeitstempo war dem des Steinbruchs in Buchenwald ähnlich. Die Liste der Krankenmelder wurde von Tag zu Tag größer, aber Auf- nahmen ins Revier waren für diese Art Kranken nicht vorgesehen. Sie waren nach der Auffässung des SS-Sanitäters nicht krank, sondern nur schwach. Diese Schwachen aber waren so schwach, daß sie sich nicht mehr allein auf den Beinen halten konnten. Jeder einzelne von ihnen wurde von zwei 104 Häf! stätl "R stull hier brut letzt RETTEN Eee] Häftlingen gestützt und torkelte am Ende seines Kommandos zur Arbeits- stätte, wo er sich niederlegte, um vom Tode erlöst zu werden. “ Ravensbrück hatte keine Lagerstätte für die Sterbenden, hier gab es keinen stillen Winkel für die letzten Stunden der bereits vom Tode Gezeichneten, hier wurden selbst Sterbende, die sich schon in der Agonie befanden, mit brutalen Fußtritten beiseite geschoben, um draußen, vor dem Revier, den letzten Atemzug auszuhauchen. Jeder Tag wiederholte die Bilder des Vortages. Und mit jedem Tage wuchs die Zahl der Schwachen, die zur Arbeitsstätte gestützt werden mußten. Zynische SS, die hinter den Kommandos marschierte, trat die Torkelnden vorwärts. Aber die spürten die Fußtritte kaum noch. Ihr Bewüßtsein war schon halb gestört. Der Buchenwaldtransport war nach zwei Monaten durch den Tod vieler Häftlinge stark gelichtet worden. Alle hatte der Hunger geholt, und täglich forderte er neue Opfer. Ich selbst hatte mich lange gehalten. Eines Tages aber zeigte die Gewichts- waage nur noch 88 Pfund anstatt 78 Kilo Normalgewicht. Nun ging es auch mit mir rapide abwärts. Wasser kam in die Füße, kroch höher und höher, zu den Knien, in die Oberschenkel. Schon wölbte sich mein Leib. Ich sah es täglich, es ging mit mir zu Ende. Es gab keine Rettung. Augen- blicke kamen, wo ich schwankte und mir zu schwindeln begann. Ich raffte mich auf, riß alle Energie zusammen. Du willst hier nicht am Wege kre- pieren... Du willst nicht sterben... nicht hier... Du darfst nicht... Du willst doch deine Frau und deine Kinder noch einmal wiedersehen, willst noch schaffen und helfen am Bau einer besseren Zeit... Aber der Körper versagte, der Tod schlich hinter mir her. Es war an einem Sonnabend im Mai 1942. Die Sonne brannte auf den heißen Sand der mecklenburgischen Ebene. Mutter Erde hatte ihr Hochzeits- kleid aus zartem, grünem Flor angelegt, darunter das knospende Leben pul- sierte. Und aus dem nahen Walde erklangen die Lockrufe einer erregten männlichen Vogelwelt. Meine Füße schmerzten, und die mit Wasser gefüllten Beine wollten mich nicht mehr tragen. Ich hatte mich gerade niedergesetzt, als die Kameraden warnten:„Der Lagerälteste“. Ich richtete mich wieder auf und ging an meinen Arbeitsplatz. Leonhardt suchte im Kommando herum und kam mit seinen ihm eigenen langen Schritten auf mich zu. Er hatte eines jener typischen Nazigesichter, im Gegen- satz zu den finsteren, brutalen: glatt, hell, arrogant und kalt, überheblich. Jedesmal, wenn ich ihn sah, dachte ich: Ohrfeigengesicht. Und es kribbelte mir in den Fingerspitzen. Er trat auf mich zu und fragte nach meinem Beruf, wollte Näheres über meine Tätigkeit in Jena wissen und erklärte schließlich, ‚daß ich von morgen ab Lagerschreiber sei. 105 Das war die Rettung, durchzuckte es mein Gehirn. Ich hatte wieder Atem. Meine Brust dehnte sich. Ich bekam wieder Lebensmut. Am nächsten Morgen meldete ich mich bei ihm. Er führte mich in meine Arbeiten ein, und Montag früh mußte ich meine neue Stellung antreten. Hätte Leonhardt gewußt, daß ich einmal sein rächendes Schicksal werden würde, er hätte mich am ersten Tage erwürgt. Langsam, sehr langsam erholte ich mich. Meine vordringliche Sorge war, mehr Essen zu bekommen. Ich kam mit Häftlingen aus der Küche in Berührung und durfte mir jeden Tag nach der Essenausgabe einen Nachschlag holen. Aber satt wurde ich nicht mehr. Es war mir oft selbst unheimlich, was mein Magen aufnehmen konnte. Nach einigen Wochen war das Wasser aus dem Leib, den Oberschenkeln und den Knien verschwunden. Nur in den Füßen hielt es sich noch monatelang. An den Falschen geraten Die Sonntage gehörten damals noch den Häftlingen. Es wurde an diesen Tagen nicht offiziell gearbeitet. Wir hatten die Möglichkeit, unsere Spinde und unsere Wäsche in Ordnung zu bringen. Da wurde geschrubbt, gewaschen, genäht, geflickt und gestopft. Denn um 9 Uhr kam der Arbeitsdienstführer durch die Baracken, und wehe dem Häftling, der auffiel! Während wir emsig bei der Arbeit waren, gab es in der Nachbarbaracke Nr. 1 einen tumultuarischen Auflauf. Ich eilte zum Fenster und sah folgendes Bild: Der Lagerälteste Leonhardt stand in Kampfstellung gegen einen schmächtigen, kleinen politischen Häftling. Es handelte sich um den Schneidercapo Fritz Wolfs aus Ehrang bei Trier. Leonhardts Autorität stand auf dem Spiel. Er brüllte und tobte. Wolfs blieb ihm keine Antwort schuldig. Als Leonhardt den Versuch machte, sich mit seinen Prügelmethoden durchzusetzen und sich auf Wolfs zu stürzen, mußte er schnell erkennen, daß er an einen Falschen geraten war und diesmal seinen Meister gefunden hatte. Noch ehe Leonhardt überhaupt ausholen konnte, hatte ihm dieses kleine, flinke und ganz unscheinbare Kerlchen einige so derbe und wuchtige Schläge versetzt, daß Leonhardt in wilder Angst floh und Schutz beim Lagerführer suchte. Und hinter ihm her scholl der lärmende Beifall und die höhnenden Unkenrufe der Häftlinge. Fritz Wolfs war der Held des Tages. Zum ersten Male hatte es ein Häftling gewagt, ein Roter, sich gegen den Gewaltigen des Lagers öffentlich aufzulehnen und ihn in die Flucht zu schlagen. Das war etwas Unerhörtes und hielt das ganze Lager tagelang in Atem. 106 M war har D Di In den zule wer war Ver mei ihm aus war Ver Sol zwi Bez На mic Fre La bre I aus hät bel kri da er ach fri gar au Wolfs wurde selbstverständlich zur Rechenschaft gezogen. Aber diesmal waren die Sympathien des Lagerführers nicht bei seinem Schützling Leon: hardt, sondern bei dem kleinen mutigen.Draufgänger Fritz Wolfs. Der Lagerführer hörte sich beide an, drehte sich um und ließ sie abtreten. Die erste Bresche In den ersten Wochen meiner Schreibertätigkeit hatte ich neben den laufen. den Tagesarbeiten eine doppelte Kartothek der Zugänge aus Buchenwald an- zulegen. So lernte ich alle Häftlinge kennen, ihre Vorstrafen und wußte bald, wer mein politischer Freund war, um ihm meine Hilfe zu gewähren. Die Hilfe war mannigfaltigster Art. Ich gab sie ihm durch Lebensmittel oder durch Vermittlung in ein anderes Kommando. Aber schon die Tatsache, daß er mein Freund war und ich mit ihm auf der Lagerstraße spazierenging, konnte ihm von Nutzen sein. Der primitive Vorarbeiter, der uns sah, konstruierte dar- aus eine Intrige gegen sich und einen Anschlag auf seine Stellung. Dabei war mein persönlicher Einfluß auf den Lagerältesten gleich Null und unser Verhältnis ähnlich dem zwischen einem General und einem einfachen Soldaten. Leonhardt war eitel und arrogant und verwischte nicht die Distanz zwischen uns beiden. Mir war das recht. Ich habe auch nie den Versuch gemacht, persönliche Beziehungen zu diesem schurkischen Banditen zu bekommen, der so viele Häftlinge umgebracht hatte und das ganze Lager terrorisierte. Ich lavierte mich durch die Gefahren und Schrecknisse dieser Zeit hindurch, um meinen Freunden zu helfen, und wartete still und zäh auf den Augenblick, um das Lager von jener nationalsozialistischen Mordbestie zu befreien und dem ver- brecherischen Klüngel das Haupt zu nehmen. Ich wußte, daß ich mit meinem Leben-spielte. Wenn mein Material nicht ausreichte, den Schurken zu stürzen oder mein Plan vorzeitig bekannt wurde, hätte mich der Klüngel aufgehängt oder auf, der Lagerstraße zertreten. Ich behielt darum alle meine Beobachtungen für mich und hielt mich in dieser kritischen Zeit auch von allen politischen Freunden fern, um keinen Ver- dacht bei Leonhardt und seinen Freunden aufkommen zu lassen, Während Leonhardt jeden Brot- und Kartoffeldieb zu Tode prügelte, aßen er und seine Freunde reichlich und gut. Wochenlang schon hatte ich beob- achtet, daß in einem Versteck unter seinem Schreibtisch jeden Morgen eine frische Wurstkonservenbüchse stand, ebenso wurden die Bestände in Mar- garine, Zucker, Brot und Marmelade ständig erneuert. Bekam dieser SS-Büttel solche Delikatessen von der SS oder rührten sie aus Einbruchsdiebstählen in der Häftlingsküche? 107 Ich ging zu Helmut Simolka, dem Küchen-Capo, der als politischer Häft- ling schon elf Jahre im Konzentrationslager saß. Ich hätte einige Beobach- tungen gemacht, wolle sie aber noch für mich behalten. Er solle mir jedoch frei und offen sagen, ob er, mit Leonhardt unter einer Decke stecke. Wenn ja, ließe ich die Finger von der Geschichte. Helmut Simolka sah mich so dumm und verständnislos an, daß ich gleich den Eindruck hatte, er wisse von nichts. Ob in der Küche gestohlen würde, fragte ich weiter. Freilich würde gestohlen, bestätigte er, dauernd würde gestohlen. Marga- rine, Wurst, Brot, Zucker, Marmelade. Aber man könne nicht herausbekom- _ men, wer der Dieb sei. Ich wußte genug. Ich wußte nun, daß die Leonhardtschen Eßwaren aus Einbruchsdiebstählen in der Häftlingsküche stammten, daß also dieser natio- nalsozialistische Häftlingsmörder die hungrigen Häftlinge bestahl. Nun hielt ich es für meine Pflicht, die Bombe zum Platzen zu bringen. Vorerst setzte ich mich, nachdem ich mit mir über das Wie und Wann im klaren war, mit’ einem völlig verschwiegenen und zuverlässigen politischen Freund in Verbindung und unterrichtete ihn über meine Pläne. Es war mein Blockältester, Karl Gerber aus Nürtingen am Neckar. Er war Kommunist und: hatte als roter Blockältester einen außerordentlich schweren Stand. Gerber warnte mich, den Plan zur Ausführung zu bringen. Ich würde unterließen. Leonhardt sitze zu fest im Sattel, er würde nicht nur von der SS, dem Lagerführer, sondern vom Kommandanten selbst geschützt und unterstützt. Die SS brauche solche Verbrecher wie Leonhardt. Ich würde ent- weder von der SS oder von Leonhardts Freunden und Kostgängern umge- bracht. Es war alles nur zu wahr, womit mich Gerber zu überreden versuchte. Aber alle seine Bedenken hatte ich selber. Und alle Fragen hatte ich mir selbst schon beantwortet. Dennoch hielt ich an meinem Plan fest. In den letzten Tagen war mir außerdem noch bekannt geworden, daß Leonhardt eine große Aktion gegen die politischen Häftlinge vorbereitete. Er hatte eine Denkschrift an den Kommandanten verfaßt, in der er den Nach- weis zu führen versuchte, daß bei den politischen Häftlingen eine Ver- schwörung im Gange sei. Er belastete in seinem Schriftsatz eine Anzahl Ä meiner politischen Freunde so schwer, daß ich außerordentlich beunruhigt war. Deshalb beschloß ich, nicht mehr zu warten. Am nächsten Morgen, einem Sonnabend, überzeugte ich mich von dem Vorhandensein neuer Eßvorräte. Ich mußte nunmehr mit einwandfreien Zeugen arbeiten. Die SS haßte ich, und ich war auch jetzt nicht bereit, mich an sie zu wenden. Ich holte Helmut Simolka, zeigte ihm die Vorräte und bat ihn, nichts gegen Leonhardt zu unternehmen, bis wir am Nachmittag über die weitere Verfolgung der Angelegenheit gesprochen hätten. 108 ft- ch nn so in us i0- elt im war Ver- ‚ahl higt jem ejen nich und tag ui \ Simolka aber war über die Tatsache, endlich den langgesuchten Einbrecher gefaßt zu haben, so freudig erregt, daß er die Angelegenheit sofort dem SS-Küchenchef meldete. Wenige Augenblicke später waren der Küchenchef und der SS-Blockführer vom Dienst und später auch der Arbeitsdienstführer bei mir im Büro und ließen sich die Vorräte zeigen. Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Ich trieb im Strome und wurde von ihm weitergetragen. Wo würde ich landen? Würde ich an den Klippen zer- schellen oder würden mich meine Schwimmkräfte das Ziel erreichen lassen? Am Nachmittag wurde ich Leonhardt in Gegenwart des Arbeitsdienst- führers gegenübergestellt. Leonhardt leugnete und hielt eine lange und mich beschimpfende Anklagerede, ich hätte ihm die Eßwaren untergeschoben. Aber zum Glück konnte ich den Ort nachweisen, wohin er die fortgeschafften Eßwaren versteckt hatte. Ich wußte auch, wer seine Helfer und Hehler waren. Ich habe sie nicht verraten. An ihnen lag mir nichts. Sie waren dem Lager ohne Leonhardt nicht gefährlich. Der Arbeitsdienstführer beauftragte mich, meine Beobachtungen schrift- lich niederzulegen und sie ihm am Montag früh zu übergeben. Mein Blockältester Karl Gerber befürchtete einen nächtlichen Ueberfall auf mich von den Freunden Leonhardts und stellte während der beiden Nächte bis zum Montag zuverlässige Wachen um mein Bett, um mich vor dem Aufgehängtwerden. zu schützen. Die beiden Nächte gingen ohne Zwischenfall vorüber. Den Freunden Leonhardts war bekannt geworden, daß Maßnahmen zur Abwehr eines Ueberfalls getroffen worden waren, und ich haberlediglich der Umsicht und menschlich-kameradschaftlichen Fürsorge Gerbers mein Leben zu danken. Am Montag früh gab ich meinen Schriftsatz ab. Um 8 Uhr kam der Lager- führer. Wenige Minuten später riß er dem Lagerältesten die Binde vom Arm. Das fast unmöglich Erscheinende war möglich geworden. Leonhardt, der ‚Schrecken des Lagers, war gestürzt! Die Häftlinge atmeten auf, überschütteten mich mit Dankesworten und feierten mich und meine Tat. Zwei Tage später wurde Leonhardt in einer Baracke in der Nähe seiner Arbeitsstätte erhängt aufgefunden. Ob er sich selbst erhängt hatte oder von seinen Freunden und Kostgängern aufgehängt worden war, ist nicht bekannt geworden. So endete das Leben dieses nationalsozialistischen Hochstaplers, der als Häftling fast zwei Jahre lang das Lager terrorisiert hatte und am Tode so vieler Häftlinge schuldig war. Meine Rechnung aber stimmte. Mit dem Tode Leonhardts war die Ver- brechercelique auseinandergesprengt. Seine Anhänger fühlten sich unsicher und bangten um ihre Posten. Leonhardts Spießgeselle, der erste Lagercapo Schnell, war wie umgewandelt. Während er bisher wie ein Amokläufer unter 109 den Häftlingen getobt hatte, hütete er sich jetzt, einen Häftling auch nur anzurühren. Auch das Tempo der Arbeit war ruhiger geworden. In den Arbeitskommandos waren mit dem Wechsel des Lagerältesten auch personelle Veränderungen durchgeführt worden. Lage brut mac liege Unter Berufsverbrechern Das war die schlimmste Strafe für die„ Roten", zusammen mit dem„ grünen" Pack zu leben. Räuber und Mörder hat es dort gegeben, Zuhälter, Diebe, Bosheit, Falschheit, Zoten. D Bütt Mac mal hera poli Gef verr den I die aber Verbrechen und Gemeinheit nach Geboten der niedrigsten SS war im Bestreben, sich hoch und ganz auf ihr Niveau zu ,, heben". So prügelten die Capos meist die ,, Roten", erhängten und erwürgten, traten nieder, wie' s ihrer fürchterlichen Lust gefiel. Zu Bergen häuften sich die vielen Toten. Die Feuer der Kamine brannten, lohten. Und durch die klagend wehen Lagerlieder jagte der Tod als Leistung, Sport und Spiel. Sie Dun dari poli und eing legi trug poli S sam gem war I gef für ges I ,, Rote" und ,, grüne" Häftlinge Der neue Lagerälteste, ein robuster und ziemlich brutaler Zuhälter aus Oberhausen, hatte einige Konzessionen an die Politischen gemacht und rote Blockälteste und rote Vorarbeiter eingesetzt. Er achtete natürlich darauf, daß die Grünen die Vormachtstellungen behielten und handelte damit ganz im Sinne der SS und besonders des Lagerführers, des Obersturmführers Baer, eines Lehrers aus dem Sudentengau. Baer war ein ausgesprochener Freund der Verbrecherwelt. Für alle wichtigen Posten bevorzugte er Grüne. Je größer ihre kriminellen Vorstrafen, um so geeigneter schienen sie ihm als 110 Ma gun den nah der and I Gri er aus drote f, daß nz im Baer, Freund e. Je m als r anbeitsVerLagerälteste, Blockälteste und besonders als Vorarbeiter. Vorarbeiter sollten brutale, skrupellose, schwere Jungens sein, die sich kein Gewissen daraus machten, wenn die Prügel einmal danebengingen und der Häftling tot liegenblieb. Diese Voraussetzungen brachten die Roten nicht mit, und da sie sich zu Bütteldiensten nicht hergaben, war ihre Teilnahme an den eigentlichen Machtstellungen im Lager gering. Wenn sich wirklich unter den Roten einmal einer fand, der sich als Büttel mißbrauchen ließ, so stellte sich bald heraus, daß es sich gar nicht um einen Ueberzeugungstäter, nicht um einen politisch bewußten Menschen handelte, sondern um einen Mann, der aus Gefälligkeit oder aus anderen völlig unpolitischen Gründen in ein Hochverratsverfahren oder in irgendeinen politischen Prozeß verwickelt worden war. Ich habe eine große Anzahl Häftlinge mit roten Winkeln kennengelernt, die von sozialistischen Problemen nicht die geringste Ahnung hatten, die aber als Hochverräter zu langen Zuchthausstrafen verurteilt worden waren. Sie hatten vielleicht aus Neugier einmal Flugblätter gelesen und aus Dummheit weitergegeben, oder ein paar Groschen nicht immer aus Soli- für darität, sondern oft, um den lästigen Arbeitskameraden loszuwerden politische Gefangene gespendet. Auch ehemalige Nationalsozialisten, SA und SS trugen rote Winkel, Männer, die sich mit nichtdeutschen Frauen eingelassen hatten, die Meckerer, die Auslandsrundfunkhörer, Fremdenlegionäre, Aktionsgefangene, alle Ausländer und noch viele andere, alle trugen sie den roten Winkel, obwohl die meisten unter ihnen sich mit politischen Fragen nie ernstlich beschäftigt hatten. So kam es auch, daß die wirklich politischen Häftlinge oft mit unliebsamen Vorkommnissen belastet wurden, für die sie nicht verantwortlich gemacht werden konnten, weil die Täter keine politischen Menschen waren. Ich habe unter den wirklich bewußt politischen Häftlingen nicht einen gefunden, der gegen den Solidaritätsgedanken verstoßen oder sich nicht für das Wohl und Wehe- der Häftlinge verantwortlich gefühlt und eingesetzt hätte. Ihre Arbeit im Lager war immer eine politische. Und wenn sie eine Machtstellung unter den obwaltenden außerordentlich schwierigen Bedingungen angenommen hatten, dann nicht ohne vorherige Rücksprache mit den politischen Freunden, die ständig die Kontrolle führten. Sie übernahmen die schwierigen Posten nur dann, wenn Aussicht bestand, die Lage der Häftlinge zu verbessern. , Ravensbrück wurde nach wie vor von den Grünen, von Zuhältern und anderen schweren Jungen beherrscht. In anderen und größeren Lagern bestand keine Gemeinschaft zwischen Grünen und Roten. Die Grünen lebten für sich, und die Roten lebten für 111 sich. Eine Zusammenarbeit war bei der Verschiedenartigkeit der moralischen Grundsätze nicht möglich. Während die Roten eine Zusammenarbeit mit der SS gegen die Häftlinge aus politischen und moralischen Gründen grundsätzlich ablehnten, waren die Grünen indessen von geringen Ausnahmen abgesehen immer gern bereit, wegen vorübergehender Vorteile alles gegen die Häftlinge zu tun, was die SS von ihnen verlangte. Sie dachten nur an das Heute, nicht was morgen sein könnte. Sie waren hemmungslose Egoisten, asoziale und antisoziale Elemente, rücksichtslos und brutal in der Sicherstellung ihres eigenen Ichs. Sie wollten auch im Konzentrationslager nichts entbehren. Sie wollten nicht hungern, sie wollten nicht nur genügend Brot, sondern auch Butter und Wurst. Sie wollten auch Rauchwaren, gute Kleidung und keine Arbeit. Das konnten sie nur mit Hilfe der SS erreichen, und sie scheuten sich nicht, ihren Henkern von gestern oder von morgen die Hände zu küssen und ihnen in allem willig zu sein. Die Roten hingegen, politisch bewußte Menschen, hatten in allem völlig entgegengesetzte Auffassungen. Alle waren Häftlinge, die durch willkürliche Maßnahmen einer verbrecherischen Staatsführung eingesperrt und festgehalten wurden. Alle waren gleiche Leidensgefährten, alle mußten unter dem brutalen Blutterror der SS schwer leiden. Der gemeinsame Feind war die SS. Gegen diesen gemeinsamen Feind mußten sie zusammenstehen, alle, einer wie der andere. Mit den Henkern gab es kein Paktièren, soweit es sich gegen die Häftlinge richtete. Vorarbeiter sollte es ruhig geben, Vorarbeiter, die die Ungeschulten zur Arbeit anleiteten. Aber Vorarbeiter als Antreiber mit dem Prügel in der Hand, das lehnten die Roten mit Recht ab, das war ein blutiges Handwerk für die SS- Henker, aber niemals durfte sich ein Häftling dafür hergeben. Und die Grünen haben fast alle gemeine Bütteldienste geleistet. Darum ist es heute eine Ehrenpflicht, ja eine Ehrenschuld aller politischen Konzentrationäre gegenüber allen mißhandelten Häftlingen durch Häftlinge, alle diejenigen mit strenger Rücksichtslosigkeit zur Verantwortung zu ziehen, die ihre Machtstellung im Lager mißbrauchten und wehrlose Häftlinge niederschlugen. Viele von diesen Bütteln haben Tausende von Häftlingen gewissenlos hingemordet, andere zu Krüppeln geschlagen. Sie für diese Taten genau wie die SS- Henker büßen zu lassen, ist nur ein Akt der Gerechtigkeit. In Ravensbrück mußten die wenigen Politischen sich mit den gegebenen Verhältnissen abfinden. Sie konnten sich nicht abschließen, wie in anderen größeren Lagern, sie mußten, wollten sie Mißstände und Uebergriffe der Häftlinge beseitigen, mit den Grünen verhandeln und sie zu beeinflussen versuchen. 112 D dies leitu mild D sche kom wied Ihr und noc der На U um Bau ern Ma Ha der sei rül Ka ein He La wa A hu un ka 8 oraFinge aren gern tun, was antihres ren. dern und sich ssen Das lag im Interesse des gesamten Lagers. Viele Miẞstände wurden auf diese Weise beseitigt, und manche von der SS- oder der Häftlingslagerleitung angeordneten Maßnahmen konnten durch unser Einschalten gemildert werden. Der Lagerführer, Obersturmführer Baer, aber liebte den Zwiespalt zwischen Rot und Grün und förderte ihn. Das Lager durfte nicht zur Ruhe kommen. Auf diesen verbrecherischen SS- Willen mußten die Grünen immer wieder durch uns hingewiesen werden. Aber begriffen haben sie es nie. Ihr Handeln war jedenfalls immer das Gegenteil von dem, was wir wollten, und stand im Einklang mit dem, was von der SS gefordert wurde. Dennoch haben wir uns nie entmutigen lassen und immer getan, was das Los der Häftlinge erleichtern konnte. öllig kürund Bten same meneren, zur der werk ben. poliFurch worwehrenlos nur enen Heren der assen Hungerrationen - luxuriöse Herrensitze Unser Lager lag inmitten herrlicher mecklenburgischer Wälder. Es war umgeben von zahlreichen Seen und fruchtbaren Feldern mecklenburgischer Bauern und Großgrundbesitzer, die alle Arten von Lebensmitteln anbauten, ernteten und abliefern mußten. Aber in der Kommandanturverwaltung am See saß ein vertrocknetes Männchen in der Uniform eines SS- Hauptsturmführers, der Soll und Haben verglich. Diesem vertrockneten Männchen, das als Rassenschande der Nazis herumlief, waren die Häftlinge ausgeliefert. Hauptsturmführer Seitz rechnete und rechnete und strich auf der Habenseite der Häftlinge Posten um Posten. Uebrig blieben Kartoffeln und Steckrüben. Und das Lager aẞ Woche um Woche, Monat um Monat Steckrüben und Kartoffeln. Dreiviertel Liter pro Kopf und vier, oft aber auch sechs Mann ein Brot. Hauptsturmführer Seitz mußte ja Millionen zur Verfügung haben, um Herrenhäuser und Landsitze für die„ Edelsten" der Nation, für die Meißner, Lammers, Pohl, Himmler usw., bauen und luxuriös einrichten zu können. Und so mußten die Häftlinge hungern. So mußten täglich in unserem kleinen Lager, das inzwischen wieder auf 1300 Insassen zusammengeschmolzen war, vier bis sechs Häftlinge an Unterernährung elend zugrunde gehen. Der Ernährungszustand des Lagers war so schlecht, daß die vorgesehenen Arbeiten nicht durchgeführt werden konnten. Ein Transport von mehreren hundert Kranken und Schwachen wurde vom Lagerarzt zusammengestellt und ging nach Dachau zur„ ,, Erholung". An Stelle der Verhungerten und als Ersatz für den Krankentransport bekam das Lager 500 Häftlinge aus Flossenbürg. 8 Finkelmeier: Apokalypse 113 Nach kaum zwei Monaten waren auch diese Häftlinge körperlich bereits wieder so heruntergewirtschaftet, daß erneut Ersatz aus den größeren Lagern geholt werden mußte, aus Buchenwald, Sachsenhausen, Auschwitz usw. So blieb es Jahr um Jahr bis zur Auflösung des Lagers durch die Russen ‚im April 1945.; Wie groß der Verschleiß an Menschen durch Hunger und durch den un- erhörten Raubbau an der Arbeitskraft der Häftlinge war, geht daraus her- vor, daß die Durchschnittsbelegstärke des Lagers— ohne Außenlager— etwa 1400 Häftlinge betrug, 1945 aber trugen Häftlinge bereits Nummern über zwanzigtausend. Der Sommer des Jahres 1942 war die schwärzeste und opferreichste Zeit während der ganzen Jahre. Von den 800 Häftlingen aus Buchenwald waren am Schluß des Jahres kaum noch 100 übriggeblieben. Ein ganz geringer Prozentsatz hatte diese furchtbare Hungerperiode überstanden. Die meisten waren verhungert, ein anderer Teil auf„Transport“ gegangen, und der ver- schwindende Rest mußte in Ravensbrück weiter vegetieren. Alle Häftlinge, die aus anderen Lagern nach Ravensbrück kamen, waren entsetzt über die furchtbaren Zustände und über die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen, so daß sie alles daransetzten, die„Ravensbrücker Hölle“, wie sie das Lager bezeichneten, auf dem Wege eines„Transportes“ wieder zu’ verlassen. Dabei fanden wir die Verhältnisse noch einigermaßen erträglich gegenüber denen, die wir als Buchenwälder vorgefunden hatten. Wir hatten ständig daran gearbeitet, wenigstens die Mißstände zu beseitigen, die von den Häft- lingen selbst beseitigt werden konnten und die das Leben zu einer Hölle machten. Die Verhältnisse im Revier hatten sich dadurch etwas geändert, daß dort jetzt einer der tschechischen Aerzte, Dr. Franz Sil, wenn auch nicht als verantwortlicher, so doch wenigstens als Arzt tätig war. Dieser außerordent- lich tüchtige, energische, zielbewußte und immer hilfsbereite Arzt konnte zu- nächst an dem Hungersterben wenig ändern. Aber wir alle hatten Vertrauen zu ihm und wußten, daß er ein Freund der Kranken und Hilfsbedürftigen war. Die entsetzlichen Bilder, die wir noch vor wenigen Wochen vor dem Revier täglich gesehen hatten, gab es nicht mehr. Es lagen keine Sterbenden vor der Baracke herum, und auch aus den Arbeitskommandos waren die Todgezeichneten herausgezogen worden. Verhindern konnten wir allerdings nicht die Prügeleieneund Quälereien der Häftlinge durch die SS, auch eine Verbesserung der Ernährung lag.nicht in«unserer Hand, obwohl mancher Lastwagen mit Kartoffeln unkontrolliert und ohne Lieferschein der„Rassenschande“ durch geschickte Manipulationen des Küchencapos. Simolka ins Lager gefahren wurde, verhindern aber konn- ten wir die Antreibegeien und Prügeleien der Capos. 114 ereits agern ussen n unherer - mern Zeit varen inger eisten rverwaren ihrer ölle", er zu über Fändig HäftHölle dort at als dentte zurauen tigen dem enden n die ereien nicht olliert ionen konnDrei Stunden vor dem Tode noch 25 Stockhiebe Im Sommer 1942 war die SS im Lager ausgewechselt worden. Unter den neuen Männern befand sich ein bayrischer Fuhrknecht, der SS- Mann Mendl, ein furchtbarer Kerl, breit und stark, mit gewaltigen Kinnbacken und einem. brutalen Mund, durch den die zusammengepreßten Kiefer erkennbar waren, von denen der untere sich immer vor den oberen schob. Er ließ seine rauflustige Händelsucht jeden Abend an den wehrlosen Häftlingen aus. Als Arbeitsdienstführer eingesetzt, verlangte er von den Vorarbeitern, daß sie ihm abends immer eine Anzahl Häftlinge meldeten, die er während des Appells zur ,, Bestrafung" heranziehen konnte. Da standen nun die armen Sünder, ausgeliefert von den Häftlings- Capos, in Reih und Glied. Viele von ihnen wußten nicht einmal, weshalb sie gemeldet worden waren. Und wenn sie dann gefragt wurden, was sie gemacht hätten, wußten sie nicht zu antworten. Dafür bekamen sie den ersten Kinnhaken, der so wuchtig war, daß sie nach hinten fielen und liegenblieben. Mit Mendl waren weitere SS- Männer erschienen, die die Niedergeschlagenen mit furchtbaren Fußtritten wieder emportrieben, und nun ging es weiter mit Kinnhaken und Fußtritten. Dann kam das nächste Opfer an die Reihe, bis die lange Reihe durch war und Mendl seine Erregung abreagiert hatte. Währenddessen stand das Lager angetreten und mußte sich diese grausamen Mißhandlungen an den wehrlosen, ausgehungerten Gestalten als„, abschreckendes Beispiel" mitansehen. Mit dieser Strafe aber war es noch nicht genug. Mendl hatte ein Strafkommando gebildet, das jeden Abend nach dem Appell bis zum Dunkelwerden außerhalb des Lagers arbeiten mußte. In dieses Strafkommando kamen die Gemeldeten, wo sie mehrere Abende ohne Abendbrot arbeiten mußten. Wie oft haben wir gesehen, wie Häftlinge, die so schwach waren, daß sie den Weg bis zum Arbeitsplatz des Strafkommandos nicht zurücklegen konnten, an den Füßen gefesselt und, von drei oder vier Häftlingen gezogen, herausgeschleift wurden. Zweimal ist es vorgekommen, daß Hinausgeschleifte nur als Leichen zurückgebracht werden konnten. Für die SS jedoch handelte es sich bei den Schwachen immer nur um Simulanten. War der Lagerführer Baer anwesend, so kam es nicht selten vor, daß einige der Gemeldeten auf den ,, Bock" gespannt wurden und vor dem gesamten Lager fünfundzwanzig Stockhiebe erhielten. Ich erinnere mich noch eines Vorganges, der in seiner Tragik kaum seinesgleichen aufzuweisen hat. Ein Häftling, ein Deutscher( Homosexueller), sollte mit dem Strafkommando ausrücken. Am Tor fiel er bewußtlos zusammen. Baer war außer sich. Dieser kleine, schmächtige Kerl war sonst nur aus Unsicherheitskomplexen zusammengesetzt. Er war nicht imstande, 115 8* einen Satz zusammenhängend zu reden, sprach nur in stockenden abgehackten Satzteilen, merkte diesen Mangel seines Nazigehirns und versuchte, ihn mit brutalem Klang seiner Stimme und einem ,, wuchtigen" Vorwärtswerfen seines muskellosen Oberkörpers in die kurzen dünnen Beine beim Gehen ,, wettzumachen". Er handelte fast stets unüberlegt und widersinnig und merkte dies oft erst bei den katastrophalen Folgen seiner Maßnahmen. Sein Gesicht war bei aller Dürftigkeit der Form finster, brutal und gemein. Alle Laster schienen sich darin ein Stelldichein gegeben zu haben. Jetzt schrie und tobte er wie ein Besessener. Jeder Komplex, jede Hemmung schien gewichen. Sein Gesicht mit fürchterlich vorgeschobenem Unterkiefer war zur Fratze verzerrt. Er versuchte mit Fußtritten den Bewußtlosen hochzutreiben. Als ihm das nicht gelang, ließ er ein paar Eimer Wasser holen und diese dem Häftling über den Kopf gießen. Das Bewußtsein kehrte zurück. Aber dafür, daß der Häftling es gewagt hatte, vor dem Lagerführer bewußtlos zu werden, bekam er fünfundzwanzig Stockhiebe. Dabei wurde er abermals bewußtlos. Drei Stunden später, um 11 Uhr abends, war er tot. Folterungen wegen eines Diebstahls Der grenzenlose Hunger im Lager trieb die Menschen immer wieder dazu, jede Gelegenheit, um sich Eẞwaren, oder Eßbares zu verschaffen, auszunutzen. Ob es sich um Kartoffeln oder Kohlrüben handelte, um Hundefutter oder Abfälle aus der SS- oder Häftlingsküche, um Pflanzen, Wurzeln oder Pilze, überall irrten Hungernde in der Nähe der Arbeitsstätte auf der Suche nach irgend etwas Eẞbarem herum. Wurden sie von ihren Vorarbeitern oder von einem SS- Mann erwischt, wurden sie geprügelt und bekamen obendrein noch eine Meldung. Aber alle Strafen schreckten die Hungernden nicht, auch nicht die Tatsache, daß mehrere Häftlinge durch den Genuß von giftigen Pilzen, Pflanzen und Wurzeln unter gräẞlichen Schmerzen gestorben waren. Der Trieb, den Hunger zu stillen, war stärker als alle abschreckenden schweren Strafen. Zynische SS- Männer warfen oft. kleinere Mengen Lebensmittel in eine Schar Hungriger und ergötzten sich an dem wilden Kampf aller gegen alle. Das Ergebnis solcher SS- Schaukämpfe war, daß niemand etwas abbekam, dafür aber einige zertrampelt am Boden liegenblieben und blutend oder mit zerbrochenen Knochen nach dem Revier geschafft werden mußten. Kleinere Diebstähle und Einbrüche kamen fast täglich vor. Jeder holte sich ja nur soviel, um einmal richtig satt zu werden. Außerdem hatte kein Häftling die Möglichkeit, größere Mengen aufzubewahren oder ins Lager zu bringen. 116 Größ nicht v den so Europa verstan Sie sie ger Tausch konnte Bei und R Eine richt worde Fleisc Es Fach haltsp Als mit f Als SS- M hänge von d Raum Da Revie Ich über an de vom Sch Ich s Ne wurd Fußt Er k brau Na mich Ic Er abgechte, erfen Cehen und Sein Alle HemInterlosen asser ehrte wußtaberdazu, uszufutter oder Suche ischt, I alle daß Wurenden eine alle. ekam, er mit e sich ftling ingen. Größere Diebstähle und Einbrüche kamen auch vor. Diese aber wurden nicht von den Hungernden ausgeführt, sondern von den grünen ,, Fachleuten", den schweren Jungens, die dieselbe Moral hatten wie die in allen Teilen Europas raubende und plündernde SS und die sich darum so gut mit ihr verstanden und sich gegenseitig helfend eins mit ihr waren. Sie holten nicht in erster Linie Brot und andere Eẞwaren, davon hatten sie genug, und wenn sie es holten, dann in solchen Mengen, daß sie gute Tauschgeschäfte mit Zivilarbeitern oder auch mit der SS selbst machen konnten. Bei ihnen handelte es sich meist um die Beschaffung von Schnaps, Weinen und Rauchwaren. Eines Morgens wurde das Lager wieder einmal überrascht mit der Nachricht von einem Großeinbruch in die Häftlingsküche. Es sollten gestohlen worden sein: etwa 100 Brote, ebensoviele Würfel Margarine, große Mengen Fleisch, Käse und noch andere Lebensmittel. Es war von vornherein klar, daß diese Mengen nur von Leuten aus dem Fach gestohlen sein konnten, die über ein sicheres Versteck verfügten. Anhaltspunkte über die Täter waren zunächst nicht vorhanden. Als der Lagerführer Baer ins Lager kam, begann er seine Untersuchung mit folgenden Handlungen: Als erster wurde ich dem Lagerführer vorgeführt. Dieser beauftragte einen SS- Mann, mir die Hände auf den Rücken zu binden und mich so lange zu hängen, bis ich ,, erzählen" würde. Er war der irrigen Meinung, daß ich von dem Diebstahl etwas wissen müsse, weil ich den Schlüssel zu einem Raum besaß, durch den die Diebe hindurchgegangen sein mußten. Dann ordnete er weiter an, sämtliche Blockältesten und das gesamte Revier personal zu hängen. Ich wurde nach dem Baderaum gebracht. Dort wurden mir die Hände über Kreuz auf den Rücken gebunden und so an einem Strick durch Haken an der Decke in die Höhe gezogen, bis meine Füße etwa einen halben Meter vom Erdboden entfernt waren. Schon nach wenigen Minuten hatte ich kein Gefühl mehr in den Händen. Ich stöhnte. Neben mir hing ein Russe. Er schrie entsetzlich. Als er heruntergelassen wurde und seine Füße den Erdboden berührten, sackte er zusammen. Mit Fuẞtritten versuchten SS- Männer ihn wieder hochzutreiben. Es miẞlang. Er konnte seine Arme nicht als Stütze und Hilfe, sich emporzurichten, gebrauchen. Man ließ ihn liegen, stieß ihn nur beiseite. Nach etwa einer Viertelstunde kam der Lagerführer zu mir und fragte mich höhnisch: ,, Wie ist es da oben? Hm? Wohl schön, was?" Ich antwortete nicht. Er faßte nach meinen Beinen und schaukelte meinen Körper hin und her. ,, Hast du mir nichts zu erzählen?" fragte er zynisch. 117 ,, Nein," antwortete ich fest. ,, Ich habe mit dem Diebstahl nichts zu tun." ,, Ich werde dir die Zunge schon lösen", schrie er wütend und ging wuchtig hinaus. Neue Opfer wurden hereingeführt. Zwei Revierpfleger wurden gehängt. Sie stöhnten und schrien. Nach einer Viertelstunde löste man ihre Fesseln wieder. Sie wußten ebensowenig von dem Einbruchsdiebstahl wie ich und konnten abtreten. Ich jedoch mußte weiter hängen. Meine Lungen waren so eingeengt, daß ich nicht genügend Atem hatte. In Rinnsalen lief mir der Schweiß am Körper herunter. Von der Nasenspitze tropfte es wie aus einem schlechtgeschlossenen Wasserhahn und bildete eine kleine Lache am Boden. Schwaches Stöhnen drang aus meiner Brust. Meine Lungen schmerzten. Ich rechnete jeden Augenblick damit, daß sie platzen würden. Nachdem ich etwa fünfzig Minuten gehangen hatte, kam noch einmal der Lagerführer. Wieder fragte er, ob ich nichts zu erzählen hätte. Ich antwortete nicht, war gar nicht mehr fähig dazu. Ich hörte alles nur noch wie aus weiter Ferne, was um mich geschah. Mein Bewußtsein begann sich zu verdunkeln. Endlich wurde ich heruntergelassen und von meinen Fesseln befreit. Wie ich hinausgekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich stand neben dem Häftlingsarzt Sil, der der nächste zum Hängen sein sollte. Aber ein gütiges Schicksal hat ihn vor diesen fürchterlichen Folterqualen bewahrt. Die Täter waren entdeckt worden. Aber nicht durch das grausame Hängen, sondern durch eine Haussuchung in den Räumen des Reviers. Dort waren in dem Zimmer des SS- Arztes, in seinem Schreibtisch und in seinen Spinden, die gestohlenen Lebensmittel aufbewahrt worden in der Hoffnung, daß sie hier nicht entdeckt würden. Es waren drei Grüne, die den Einbruchsdiebstahl in der Häftlingsküche ausgeführt hatten. Abwechselnd wurden sie geprügelt, getreten, gehängt. Der Lagerführer wollte von ihnen erfahren, wer die Abnehmer der großen Mengen leicht verderblicher Lebensmittel waren. Trotz der grausamsten Folterqualen, die über Wochen gingen, waren die Diebe festgeblieben. Sie hatten den Einbruch ganz auf sich genommen und niemand verraten. Auch später ist nichts über die wahren Hintergründe des Einbruchs herausgekommen. Wahrscheinlich aber ist, daß der SS- Arzt Dr. Berger selbst dahintersteckte. Die Folgen des Hängens hatte ich nur langsam überwunden. Fast eine Woche lang konnte ich meine Hände nicht gebrauchen. Meine Arme hingen schlapp und kraftlos herunter. Ich ließ sie täglich massieren, trotzdem war ich nicht fähig, sie bis zur Schulterhöhe zu heben. Beim Anziehen mußte mir noch nach vier Wochen jemand behilflich sein. ,, Lieber hundert Stockhiebe, als eine Stunde hängen", sagte mir einmal ein Häftling, der beide Strafarten durchgemacht hatte. 118 Besu Der ich in Lager mit m Bes Häftli gehöri Besuc sicher brunn skrup zurüc Die gestü bei d nur d tapfe Als im A Konz Insel Wi nisse gesag ihren M Da A Rest ı tun.“ uchtig hängt, "esseln 'h und t, daß ih am hlecht- erzten. einmal es nur pegann eit. nl dem sutiges jchung Arztes, mittel Jen. sküche hängt: großen Besuchstag Der Sommer 1942 brachte mir noch eine seltene Ueberraschung. Während ich in meiner Schreibstube saß und Zahlen auf Zahlen rechnete, kam der Lagerälteste zu mir mit der Mitteilung, daß ich Erlaubnis bekommen hätte, mit meiner Frau zu sprechen. Besuche ‚von Angehörigen waren grundsätzlich nicht erlaubt. Wenn ein Häftling zehn Jahre im Lager war, dann sah er niemand von seinen An- gehörigen während der zehn Jahre. Nur in seltenen Ausnahmefällen wurden Besuche zugelassen. Die Zulassung hing von der Zustimmung des Reichs- sicherheitshauptamts ab, des selbstherrlichen Reiches, in dem Herr Kalten- brunner unumschränkt herrschte, vor dessen kalten Blicken selbst der skrupel- und gewissenlose Heinrich Himmler in Angst und Schrecken zurückwich. Die Nachricht von dem seltenen Besuch hatte mich in zitternde Freude gestürzt, daß ich ganz durcheinander geriet. Unmöglich, mit den Gedanken bei der Arbeit zu sein, die ich verrichten mußte, denn mein Hirn dachte nur das eine und mein Herz fühlte nur dies: Sie ist da, meine geliebte, tapfere Frau, bald werde ich bei ihr sein, bald. Als ich in der Schreibstube der politischen Abteilung stand, meine Frau im Arm, ihr liebes Gesicht an meiner Brust, da war ich nicht mehr im Konzentrationslager Ravensbrück, sondern auf einer ‚glücklichen einsamen Insel, ohne Leid und Kampf, die nur uns gehörte. Wieviel gab es zu erzählen! Ich durfte freilich nichts von meinen Erleb- nissen laut werden lassen, aber meine Frau hatte viele Geschehnisse, die gesagt werden durften, zu berichten. Von ihren Arbeiten und Erfolgen, von ihren vielen Umzügen, von unserm Jungen usw. Wie im Fluge war die halbe Stunde Sprechzeit vergangen. Dann mußten wir uns endgültig trennen. Aber ich nahm die halbe Stunde Glück wie eine Kostbarkeit mit in den Rest meines grauen Tages. Und er war vergoldet und klingend davon. Frauen in Ravensbrück Bevor das rohe Urteil ward vollstreckt, ließ man sie nackt im Bunker vegetieren. Sie mußten hungern und entsetzlich frieren. Sie waren nur mit Leiden zugedeckt. Und waren sie vor Kälte nicht verreckt und schrien laut es gab kein menschlich Rühren bekamen sie ,, Beruhigung" zu spüren: Bluthunde, die vom Menschenblut geleckt. Sie stürzten sich auf sie mit geilen Flanken und hieben ihr Gebiß und ihre Pranken ins warme Fleisch, bis sie bewußtlos waren. Dann wurde nach ,, Gesetz und Recht" verfahren. Nachdem ein Teil des roten Bluts. geflossen, geschah es ganz. Sie wurden kurz erschossen. nichtö hatten und i Gr Verhä satz b instink und d hatten Und die lager das 35 Butter Ans Unter chen Aufsi gebeu Weib Fra Größ und Das Frauenlager Als wir nach Ravensbrück kamen, hatte das Frauenlager eine Normalstärke von etwa 12 000 weiblichen Häftlingen. Vor der Besetzung durch die Russen aber hatte es eine Belegstärke zwischen 40 000 und 50 000. Die Baracken jedoch waren nur um wenige ergänzt worden. Um die Unterbringung jener 50 000 Frauen hat sich die SS- Lagerleitung niemals Sorgen gemacht. Sie verlangte nur die Arbeit der Frauen. Ob sie zu essen hatten und Gelegenheit zum Schlafen, kümmerte sie nicht. Diese Sorgen überlieẞ sie den weiblichen Häftlingen selber. In der Behandlung der Häftlinge gab es in Ravensbrück keine Unterschiede der Geschlechter. Die Frauen gingen genau so über den ,, Bock" wie die Männer, ebenso liefen sie mit geschorenem Kopf herum wie die Männer. Auch die Arbeiten waren die gleichen. Sie bauten Straßen, planierten Gelände, trugen Lasten, arbeiteten an den Loren, fällten Bäume, schoben die Schubkarren, entluden Eisenbahnwaggons mit Steinen, Kies, Kohle oder Schlacke, schusterten, zimmerten, schneiderten, webten usw. Die innere Verwaltung und Ordnung wurde unter denselben bewährten Prinzipien durchgeführt wie die des Männerlagers und wie die Verwaltung und Ordnung im Reiche selbst. An den verantwortlichsten Stellen standen immer und überall die korrumpiertesten und käuflichsten Elemente. Mütterliche Frauen, die von Natur aus das Leben betreuen, behüten und umsorgen, wurden nicht für die innere Ordnung des Lagers herausgesucht, sondern in erster Linie waren es Frauen aus den öffentlichen und 120 ware die Im schni Krem verb vor, groß festg Da Dien konz Skla und Him ware M Blic bevo man Normalg durch 000. Die UnterSorgen hatten überließ e Unter..Bock" wie die en, plaBäume, n, Kies, usw. währten waltung standen behüten herausThen und nichtöffentlichen Freudenhäusern, die die Sympathien der SS- Lagerleitung hatten. Sie wurden in die wichtigsten Stellungen als Blockälteste, Vorarbeiter und in den Stubendienst eingesetzt. 99 , Grüne" Frauen gab es nur wenige, da die Kriminalität der Frauen im Verhältnis zu der der Männer nur einen verschwindend geringen Prozentsatz beträgt. Das mag die grüne" SS bedauert haben, aber ihre Verbrecherinstinkte hatten bald herausgefunden, daß sie an den Freudenmädchen und den robusten Mannweibern einen einigermaßen hinreichenden Ersatz hatten. Und so herrschten im Frauenlager an Stelle der ,, Grünen" die ,, Schwarzen“, die ,, Nutten". Diese ,, schwarzen" Freudenmädchen waren für das Frauenlager fast ebenso gefährliche Intriganten und Büttel wie die ,, Grünen" für das Männerlager. Sie haben ihre Geschlechtsgenossinnen ebenso für ein Butterbrot an die SS verraten wie die Grünen im Männerlager. Anständige Frauen und Mütter gingen zu Hunderten, zu Tausenden an Unterernährung und Krankheit elend zugrunde, während die Freudenmädchen sich pflegten, putzten und gut genährt und in eleganten Kleidern als Aufsichtsführende herumliefen und mit Knüppeln auf die schwachen und gebeugten Rücken der Frauen und alten Mütter gemeinsam mit den SSWeibern und-Männern dreinschlugen. Frauen und Mütter, deren Söhne draußen im Felde für den Hitlerschen Größenwahn verbluteten, wurden, weil sie durch die schwere Fronarbeit und durch das ungenügende Essen vorübergehend arbeitsunfähig geworden waren, vergast oder durch andere Methoden zugrunde gerichtet, während die Nutten von der SS gefördert und geschützt wurden. Im Herbst und Winter des Jahres 1944/45 schwankte die tägliche durchschnittliche Todeszahl zwischen 100 und 150 Frauen. Ich hatte oft im Krematorium zu tun, und jedesmal, wenn ich die grausige Stätte der Massenverbrennungen betrat, fand ich riesige Berge von nackten Frauenleichen vor, deren Körper nur noch aus Haut und Knochen bestanden und deren große, starre Augen das furchtbare Entsetzen ihres letzten Todeskampfes festgehalten hatten. Das niederträchtige Goebbels wort von der Frau, die wieder ,, Magd und Dienerin des Mannes" werden müsse, feierte seine Triumphe in den Frauenkonzentrationslagern und setzte sich um in die Tat: Magd und Dienerin, Sklavin war die Frau für eine ,, männlich- schneidige", mit Gummiknüppel und Verbrechereigenschaften wohl ausgestattete SS und einer HitlerHimmlerschen Bande von Halunken, und mehr noch: Freiwild, Todesfreiwild waren unberührte Mädchen, Frauen, werdende Mütter, alte Mütter. Man ließ sie nackt im Bunker vegetieren, unbeschützt vor den lüsternen Blicken der entarteten SS- Männer, Tage um Tage, Wochen um Wochen, bevor das ,, Todesurteil" vollstreckt wurde. Und wenn sie schrien, dann sandte man ihnen Bluthunde zur ,, Beruhigung" in die Zelle. Sie wurden still, wenn 121 sie ohnmächtig unter den wilden Pranken und fletschenden Gebissen der abgerichteten Bestien zusammenbrachen. Völlig verrohte SS machte sich mit den gemeinsten und zynischsten Schmutzworten einen Spaß daraus, werdende Mütter in den Leib zu treten. Oft folgte Frühgeburt darauf, nicht selten der Tod. Sie traten in den Leib und in die Seele des Ewig- Weiblichen mit dem kotigen Stiefelabsatz ihrer selbstherrlichen, unterm Hakenkreuz grell und blutrünstig rot kulminierenden ,, Männlichkeit", die den verblendeten Mädchen des Nazistaates als Vorbild und Träger der jungen deutschen Kultur hingestellt wurde. Wie eine grinsende Fratze stand das Wort ,, Fürsorge für Mutter und Kind", das Tausende von deutschen Müttern im Reiche irreführte und ihren klaren Instinkt umdunstete, an den armseligsten aller Wöchnerinnenlager. Und wo naturgemäß die höchste Seligkeit einen goldenen Himmelsbogen spannen soll, da hockte Frau Sorge mit grauem Gesicht, da schlich das Grauen, da schrie das Entsetzen. Und wenn das Schicksal gnädig war, dann schickte es den knöchernen Sensenmann als Freund und Erlöser einer unsagbaren Qual und Schändung des größten Heiligtums. Und was geschah mit den alten Müttern, die nicht mehr arbeitsfähig waren? Man ließ sie stundenlang im Winter im Freien stehen, ohne ausreichendes Essen, bebend vor Kälte und Hunger, daß sie zu Hunderten umfielen und starben an Erkältung und Entkräftung. Es waren würdige alte Mütter mit grauem und weißem Haar, mit gramgebeugtem Rücken, arbeitsharten Händen, und ihrem Herzen voll Liebe, Entsagen und Opfergeben, die Mütter, die ihre starken jungen Söhne hergeben mußten für den Blut- und Brandkrieg des verbrecherischen Welteroberers und die oft schon ein Holzkreuz in der Ferne wußten oder eine Stelle im Massengrab, wo die geliebten Ueberreste der Söhne ruhten, oder einen Ort im fremden Land, wo das einst Geborene, Behütete, Gepflegte, Umsorgte und Umopferte in Millionen Atomen dem Wind sich vermählt hatte. Gewiß trugen viele von ihnen das Mutterkreuz. Aber unter dem künstlich zurechtgemachten Talmiorden aus Gold, Silber oder Bronze erstickte ihr natürliches Mutterrecht, weil die bösen Haken des Hakenkreuzes wie Keulen schwangen und das Signum gravierten. Gab es schlimmeren Hohn auf die Natur und infamere Heuchelei und Lüge als jene ,, Ehre" des Mutterkreuzes in einem Staate, der das EwigMütterliche schändete, knebelte und mit Füßen trat wie nie ein Staat zuvor? Und das in einem Lande, das einst das Geburtsland Goethes war, des feinen Kenners der Frauenseele! Dieses großen Dichters, der die Psyche des Mütterlichen intuitiv ergriff und verstand wie nie ein Mensch zuvor, und ihr in der Formung all seiner ruhevollen, edlen, wahrhaft klassischen Frauengestalten ein unsterbliches Denkmal setzte. 122 Fol Lebens steigt, vom G veracht und so „ Das Erkenn Jungen Begatt Gosse heuchl den B und in " We lich." der M sophie Allm Je prinzi Der der b den e der N Er und I licher helfer Geme hinan empf über hand sen der schsten treten. mit dem ell und MädKultur er und d ihren enlager. Isbogen ich das g war, er einer itsfähig ne ausnderten t gramLiebe, ne herWelt. er eine en, oder epflegte, vermählt ünstlich ckte ihr Keulen ,, Folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern....", zum Grund alles Lebens, zum Unerschaffenen und Unerschaffbaren, aus dem alles Wesen steigt, auch der männliche Erkenntnisgeist... Er aber sagte sich los vom Grunde und irrte herum in einer selbst geschaffenen asozialen Welt, verachtend und verhöhnend, was ihn gebar, krank geworden und entwurzelt und somit alles, sich selbst und die Welt in Chaos und Untergang stürzend. ,, Das Ewig- Weibliche zieht uns hinan..." Der nazistische männliche Erkenntnisgeist zog es hinab in die Zuchtlosigkeit der Zelte, in denen Jungens und Mädels gemeinsam übernachteten, in die Schamlosigkeit der Begattungsheime, in die Rechtlosmachung der Mütter, in den Schmutz der Gosse, in die werbende Lüge der Fürsorge für Mutter und Kind", in die heuchlerische Gloriole des Mutterkreuzes und versuchte schließlich, ihm in den Bombenschrecken des totalen Krieges an der Front und in der Heimat und in den Vernichtungslagern den Todesstoß zu versetzen. 99 22 , Wenn die Kultur feiner wird, dann werden die Gottheiten wieder weiblich." Der nazistische Erkenntnisgeist aber drückte dem Staat den Stempel der Männlichkeit auf, nicht nur der Ehe, der Kindererziehung, der Philosophie und Geschichte, der Wissenschaft und Kunst, sondern auch dem ,, Allmächtigen". Je roher eine Kultur wird, desto mehr erliegt sie dem Vergewaltigungsprinzip der männlichen Geschlechtsnatur. Der alte, ehrwürdige Muttergeist aber, der im Tierreich schon wirksam ist, der bei den Urmenschen schon lebte und fort lebt und sich entfaltete in den echten Müttern der Gegenwart, konnte durch keine Gewaltmaßnahme der Nazis niedergerungen werden. Er lebt weiter, still und bescheiden, in einem Heldentum ohne Blutorden und Ritterkreuz, ohne Lorbeer und Eichenlaub, mit stetiger selbstverständlicher, meist unbewußter Größe. Und er wird ebenso selbstverständlich helfend unser zertretenes Land wieder hinanziehen aus dem Abgrund des Gemeinen, in den ihn der irregeleitete nazistische Erkenntnisgeist stürzte, hinan zu einer nur geahnten Höhe, wenn wir in der Lage sind, die tiefempfundenen ernsten und schönen Worte unserer größten deutschen Dichter über die Grundnatur des Muttergeistes richtig zu deuten und danach zu handeln. lei und Ewigzuvor? war, des Psyche zuvor, ssischen Ruf der Mütter Wir waren ungekrönte Königinnen in alter Zeit, die Muttergeist verstand. Wie blühte friedlich liebreich jenes Land, prunklos nach außen, doch mit Gold nach innen. 123 Dann kam die Knechtschaft. Und mit Höllensinnen hat sie vor Jahren völlig uns verbannt, “ geschändet und verachtet, klein genannt. Die Herren lärmten laut auf Eisenzinnen, mit Lüge, Willkür, Mord nur gut bekannt. Wir fühlten Leben weh und unverwandt und das Gebor’ne aus der Hand uns rinnen. E Jetzt wird das Recht uns wieder heimgesandt! “ Wir glauben, lieben heiligstill entbrannt, o Mütter wir, des Lebens Hüterinnen. Die Russen im Lager Im Sommer und Herbst hatten wir mehrere Transporte bekommen, dar- unter eine große Anzahl Russen. Es waren die ersten, die in unser Lager i gekommen waren. Ihr Ernährungszustand war außerordentlich schlecht. t Die Politischen hatten bald Verbindung mit ihnen. Jeder einzelne fühlte die Verpflichtung, sich um die Ausgehungerten zu kümmern und ihnen zu: helfen.- j Wie der erste Buchenwaldtransport in die Hölle von Ravensbrück eine Wendung gebracht hatte, so brachten diesmal die Russen in das Arbeits- tempo des Lagers eine Wendung. In den ersten Monaten hatten es die Russen außerordentlich schwer. Sie I waren die Letzten im Lager, und die Letzten beißen immer die Hunde. F Zuerst waren es die Tschechen, dann kamen die Polen und dann die Juden, Ä auf die alles abgeladen wurde, und jetzt waren es die Russen, die gebissen Bi wurden und auf die alles abgeladen wurde. 4 Sie hatten bei ihrer Arbeit eine solch stoische Ruhe, die die SS und ihre h grünen Büttel oft in rasende Verzweiflung brachte. Sie ließen sich aber weder durch Brüllen noch durch Prügel veranlassen, einen Schritt mehr oder einen Schritt schneller zu gehen. Sie begannen ihre Arbeit in Ravensbrück mit einem Tempo, das in die bisherige Arbeits- weise in keiner Weise paßte. Was waren das für Menschen, diese Russen, die sich prügeln und treten ließen, die sich lieber totschlagen ließen, als einen Schritt mehr oder einen Schritt schneller zu gehen? 124 © regen — nis us a. walls u Sabo mißh VW nicht fällig schie den wie| W eineı sie€ sam Wie am ma) Sie] Til War es Phlegma, sture, tierische Schwerfälligkeit oder— war es bewußte Sabotage, geboren aus der Idee, für die es sich lohnte zu kämpfen, sich mißhandeln zu lassen und sein Leben hinzugeben? Wir glaubten, daß es Sabotage war, ein zäher, geheimer Widerstand, durch nichts zu erschüttern. Wir bewunderten sie, diese sonderbaren, schwer- fälligen Menschen, die wie ein Mittelding zwischen Kind und Tier er- schienen und die dennoch innerlich brannten an dem einen Gedanken, den sie in Rußlands Steppe, in den Kolchos und Fabriken eingesogen hatten wie eine gute, nährende Muttermilch. Was waren das für Menschen, die zusammenstanden wie eine Mauer, einer für alle und alle für einen, die nichts für sich behielten, gleich was sie empfingen oder nahmen, die gaben und teilten, Kamerad dem Schick- salsgenossen in einer schlichten und selbstverständlichen Form? Was waren das für Menschen, die des Abends sich das Herz aus der Brust zu singen schienen, voll Schwermut und Sehnsucht, voll Liebe und Entsagung? Die Weite der Steppe atmete darin, das Heimweh des Gefan- senen, ein unsagbar trauriges Opfergeben und Bereitsein zum Letzten. Seele dehnte sich, klagte und schied darin. Da war ein junger Bursche, häßlich und narbig im Gesicht, breite sla- wische Jochbögen und kleine farblose Augen darin. Er sang die Lieder- solos. Die anderen fielen ein oder summten die Begleitung. Er sang mit einer wunderbar schönen und reichen Stimme, würdig eines Donkosaken- chors. Er sang so seelenvoll und ergreifend, daß wir alle ihm hingenommen lauschten und für Minuten die Blut- und Todesatmosphäre vergaßen, die uns stündlich bedrohte, daß er uns auf den Wellen der Töne in seine eigene Heimat führte, die irgendwo im Herzen des weiten Rußlands lag, auf ein- samem Bauerngehöft, von Birken umstanden, in der blühenden, wispernden, wie Meer sich bewegenden Steppe, mit weitem Horizont und Himmel, oder am Rand eines Sonnenblumenfeldes, das sich unendlich dehnte und das man stundenlang»durchwandern konnte, die goldenen Riesensonnen über sich wie wissende, fühlende Wesen. Da war etwas, was sich sehnte aus einer unverstandenen Schwermut, Ahnung und noch urhaften Gebundenheit steigend, hinaus und empor nach den Möglichkeiten eines Menschheitsaufstiegs, vor dem wir selber noch tastend und lauschend standen auf der weiten Straße der Ungewißheit, doch sehnsüchtig und hoffend auf ein fernes, helles, leuchtendes Ziel. Das waren unsere Russen, ein Volk voll junger, drängender, unverbrauch- ter Kräfte, von dem wir nur staunend wußten, daß es in einer Zeitspanne von wenigen Jahrzehnten eine Entwicklung durchlaufen hatte, für die bei anderen Völkern Jahrhunderte nötig gewesen waren, unsere Russen, das noch nicht gelöste, erst halb verstandene Rätsel Asiens, von dessen Lösung wir Dinge ahnten und erwarteten, die in der Menschheitsgeschichte nie gewesene Stufen der Erfüllung und Vollendung erreichen würden. 125 Er wollt seine Ein 16jähriger wird erhängt An einem Sonntag mußte das gesamte Lager um 12 Uhr einmarschieren. Wir ahnten das grausame Schauspiel einer öffentlichen Exekution. Niemand wußte, wer gehängt werden sollte. Im Bunker des Frauenlagers saß nur ein kleiner junger Bursche im Alter von 16 oder 17 Jahren, ein Russe, der vor einigen Monaten aus einem Außenlager geflüchtet und wenige Tage später wieder festgenommen worden war. Um 2 Uhr nachmittags marschierte das gesamte Lager außer den Kranken und Schwachen aus dem Tor zu dem freien Platz des Industriehofes. Der weite Platz war abgesperrt von SS- Posten, die in Abständen von zwei Metern schwer bewaffnet standen. An der Westseite, kurz vor unserem Stacheldrahtzaun, der den Industriehof vom Männerlager trennte, stand ein Galgen. Als die Häftlinge aufmarschiert waren, erschienen die SS- Henker in Offiziersuniform, der Kommandant, die Lagerführer, der Arzt und die kleineren Bestien des Lagers. Während sie noch lachten und scherzten, fuhr die, Minna' auf den Platz. Der Wagen wurde geöffnet, und heraus kletterte ein Jugendlicher. Es war der kleine Russe. Er blieb am Wagen stehen, blickte sich im Kreise um, wußte nicht, was das bedeuten sollte: die aufmarschierten Häftlinge, die SS...? Wahrscheinlich hatte man ihm im Bunker mitgeteilt, daß er ins Lager zurückgebracht werde. Plötzlich entdeckte er den Galgen... Entsetzt hielt er die Hände vor das kleine Gesicht. Von SS- Henkern gepackt, wurde er nach dem Galgen geschleppt. Eine flehende Gebärde machten seine kindlichen Arme nach dem Kommandanten. Der wehrte ab und befahl den Henkern durch eine Handbewegung ,,, das Urteil zu vollziehen. Der Lagerführer legte dem weinenden Jungen die Schlinge um den Hals und ließ den Körper langsam hochziehen, erwürgen... Ich wandte mich schaudernd ab. Die Häftlinge hielten den Blick zu Boden. Haß fraẞ in ihren Herzen, lodernder Haẞ lag in ihrer stummen Haltung gegen die Mörder und Henker. Was hatte dieser jugendliche Russe getan? Hatte er gemordet, geplündert, geschändet oder eine Verschwörung organisiert, um das mächtige Dritte Reich zu stürzen? Nein, er war, der jugendlichen Freiheit und Ungebundenheit noch gewöhnt, eines Tages von den Deutschen aus der träumerischen Weite seiner russischen Heimat herausgerissen und nach Deutschland verschleppt worden, um für ein Nazideutschland zu arbeiten, das seine über alles geliebte Heimat ausgeraubt, geplündert und seine Angehörigen ermordet hatte. 126 Verz E U flück trieb Klei E Bau D D reife Fo D Hä wiß die zu A Zwa lich der I str übe um Ar tat ins Sil Re au sp lin We mieren. emand ur ein er vor später anken Der Metern rachelGalgen. Offieineren Platz. Es war nt, was scheinebracht de vor t. Eine danten. das en Hals Boden. Haltung ündert, Dritte bundenrischen and vere über gen erEr wollte in diesem verhaẞten Mörderland nicht leben, nicht arbeiten, wollte zurück unter den blauen Himmel, der sich über die weiten Steppen seiner Heimat spannte. Denn nur dort konnte er Trost für die jugendliche Verzweiflung finden. Er wurde ergriffen und in ein Konzentrationslager verschleppt. Und eines Tages wurde er wieder übermannt von der Sehnsucht. Er flüchtete aus einem Außenlager und hielt sich einige Tage verborgen. Dann trieb ihn der Hunger aus seinem Versteck. Er hatte keine Lebensmittel, keine Kleidung, nur Häftlingskleidung. Er verschaffte sich alte Lumpen und ein paar Lebensmittel bei einem Bauern, um den Weg in seine über alles geliebte Heimat zu suchen. Das war alles. Das arme, nackte, flüchtende Heimweh, die Sehnsucht im Herzen des reifenden Knaben, das hatten sie eingefangen, erhängt und abgewürgt... Foltermethoden Der Winter kam, und mit ihm wurden auch die Lebensbedingungen der Häftlinge besser. Der Winter war der Freund und Helfer der Häftlinge. Gewiß hatten sie durch die Kälte draußen mehr zu leiden als im Sommer. Aber die geringe Arbeitszeit von morgens 8 Uhr bis nachmittags 4 Uhr wirkte sich zu ihren Gunsten aus. Sie hatten mehr Ruhe. Außerdem war auch die Verpflegung besser geworden. Die neue Ernte hatte zwar keine Abwechslung gebracht, aber Steckrüben gab es wenigstens reichlicher. Die Mittagsmahlzeit war wieder auf einen Liter erhöht worden. Außerdem gab es noch eine Schwerarbeiterzulage. Die systematische Vernichtung, die bisher in allen Lagern angeordnet und strikt durchgeführt worden war, hatte aufgehört. Sie war höheren Orts vorübergehend aufgehoben worden. Die Lager waren angewiesen, alles zu tun, um die Arbeitskraft der Häftlinge zu erhalten. Im Revier war es dem tschechischen Häftlingsarzt gelungen, einen zweiten Arzt einzusetzen. Beide Aerzte, Sil und Pekarek( ebenfalls ein Tscheche), taten alles, um den Kranken und Schwachen zu helfen. Die Kranken kamen ins Revier und die Schwachen auf den Schonungsblock, der durch die Initiative Sils trotz aller Widerstände der SS- Lagerleitung errichtet worden war. Das Revier personal war frei von grünen Elementen, und so bekamen die Kranken auch alles Essen, das für das Revier geliefert wurde. Um die Arbeitskraft der Häftlinge zu erhalten, war außerdem die Paketsperre, die seit Gründung der Lager bestand, aufgehoben worden. Den Häftlingen konnten Lebensmittelpakete in unbeschränktem Umfange geschickt werden. 127 Durch diese Maßnahme ällein ist das Leben Tausender erhalten geblieben. Besonders unter den Ausländern, bei den Polen, Tschechen, Franzosen, Hol- ländern und Norwegern. Hilfskomitees hatten sich in diesen Ländern gebildet, die die Häftlinge des Auslandes mit guten Lebensmitteln versorgten. Nur die Russen hatten keine Verbindung mit ihren Angehörigen, und auch kein Hilfs- komitee sorgte sich um sie. Um die Arbeitsleistungen des Lagers zu erhöhen, arbeitete die Lagerleitung mit Prämienversprechungen und gab Zigaretten aus an die Eifrigen, Die „Eifrigen“ aber waren nur die Vorarbeiter und die noch untergeordneteren Büttel. Das Lager selbst ließ sich nicht ködern. Die übergroße Mehrheit der Häftlinge hielt sich an das Arbeitstempo der Russen und ließ ohne Mißgunst ihre Vorarbeiter und die, die es gern werden wollten, die Köderzigaretten rauchen. Da platzte im November 1942 eine neye Bombe im Lager. Als erster wurde der Lagerälteste verhaftet und in den Bunker des Frauenlagers gesperrt. Ihm folgte eine Anzahl weiterer Häftlinge, hauptsächlich Grüne. Nach wenigen Tagen lagen etwa vierzig Häftlinge auf„Eis“. Sie wurden in ungeheizte Zellen gebracht und waren nur mit Strümpfen, Unterhose und Hemd bekleidet. Die Zellen waren leer, ohne Pritschen, Decken und Hocker. Die Häftlinge konnten sich weder legen noch setzen. Zu essen gab es alle vier Tage nur ein paar Pellkartoffeln,: Am nächsten Morgen nach dem Verhaftungstage erschien in jeder Zelle der Gewaltigste und Gefürchtetste des Lagers, der Kriminalkommissar Ram- dohr, ein großer, hagerer, aber kräftiger Kerl, mit jenem anderen Typ von Nazigesicht, nicht breit und brutal, sondern schmalen Schnittes, glatt rasiert und gepflegt, aber unglaublich zynisch, selbstgefällig und überheblich. Er erkundigte sich höhnisch nach dem„Befinden des Häftlings, legte ein Blatt Papier und Bleistift auf die kalte Dampfheizung, mit dem Bemerken, wenn er etwas zu„erzählen“ habe, dann solle er das aufschreiben. Ramdohr schloß die Tür wieder und ließ sich während der nächsten vierundzwanzig Stunden nicht mehr sehen. Der Häftling war nun wieder allein mit der grimmigen Kälte und seinem Hunger. Beides quälte ihn. Nachts übermannte ihn der Schlaf, aber er durfte nicht schlafen, er würde erfrieren. Er dämmerte nur etwas, um in der nächsten Minute wieder aufzustehen, sich Bewegung zu machen. Er zitterte und bebte vor Kälte. Und im Magen wühlte der Hunger. Er hatte nur die Wahl: Zu„singen“, das heißt, seine Kameraden zu ver- raten, auch beteiligte SS-Leute zu beschuldigen, oder langsam elend zugrunde zu gehen. F „Singen“ bedeutete Erlösung von diesen furchtbaren Qualen, bedeutete warme Zelle, Bett, Decken, Schlaf und Essen. Schon nach wenigen Tagen fingen alle die„schweren Jungens“ an, zu schreiben, verrieten ihre Kameraden, beschuldigten SS-Leute, mit denen sie zusammen geschoben hatten, und schrieben alles auf, was sie wußten. 128 een PS lieben. Holbildet, ur die Hilfseitung Die eteren eit der st ihre Nur wenige blieben stark, trotzten der Verlockungen, behielten für sich, was sie wußten, und rissen keinen weiteren Kameraden in dieses furchtbare Verderben. Unter den wenigen, die sich nicht beugten, war auch der kleine rote Schneidercapo Fritz Wolfs, von dem Ramdohr wissen wollte, was er für den Lagerführer, Obersturmführer Baer, an Kleidungsstücken angefertigt habe. Fritz Wolfs sah nur eine Chance: durchzuhalten bei Hunger und Kälte. Würde er erklärt haben, daß er zwei Anzüge und mehrere Jackenkleider für die Frau des Lagerführers geschneidert hatte, Ramdohr hätte ihm alle Vergünstigungen gewährt, aber wenige Tage nach seiner Entlassung aus dem Bunker hätten Baer oder seine SS- Freunde ihn ,, auf der Flucht erschießen" lassen. Und Fritz Wolfs hielt aus, zehn Wochen bei Hunger und Kälte. uchen. wurde t. Ihm enigen Zellen et. Die Connten n paar Zelle Ramyp von rasiert ich. Er n Blatt wenn schloß Stunden seinem durfte ächsten d bebte zu vergrunde edeutete an, zu nen sie Das Ende eines gemeinen Schurken Im Lager herrschte jetzt nicht mehr der Lagerführer, sondern der Berufsverbrecher Engels. Er war klein und untersetzt und hatte ein Gesicht, schwammig und massig wie eine Qualle, einen dicken Mund, offenstehend und manchmal nach Luft schnappend wie ein Fisch, und Augen, großglotzend und etwas hervorstehend wie eine Kuh. Auf Engels traf die Bezeichnung Berufsverbrecher zu. Er war ein Mensch, der fünfzehn Jahre in Zuchthäusern, Gefängnissen und Arbeitshäusern zugebracht hatte. Im Lager war er der Vertrauensmann Ramdohrs geworden, und alles ging ihm deshalb aus dem Wege, wenn er durchs Lager schritt. Auch die SS. Er hatte gewaltige Schiebungen der Häftlinge mit der SS aus Himmlers Beständen, die in der Lagerhalle aufgestapelt waren, aufgedeckt. Es handelte sich um Edelsteine und Devisen, die in den Kleidern der ermordeten Juden gefunden worden waren, um wertvolle Pelze und Stoffballen. Engels ging im Lager aus und ein, um weitere Schiebereien und neue Ver: stecke der gestohlenen Waren aufzufinden. Eine Anzahl SS- Leute saẞ ebenfalls im Bunker, verschiedene von ihnen hatten sich bereits erschossen oder erhängt. Die Arbeit für Engels wuchs, und die Verhaftungen nahmen kein Ende. Um sich zu halten, mußte er immer neue ,, Verbrechen" entdecken. Zuletzt war er auf der Spur einer großen ,, Verschwörung", die angeblich die Russen im Lager geplant haben sollten. Da gesellte sich eines Tages ein Freund zu ihm und bot ihm seine Dienste an. Er hieß Gerhard Wouters, war Zuhälter in Düsseldorf und Köln, hatte im Lager den Spitznamen ,, die Wöösch", war Blockältester und das Unikum des Lagers, ein toller, kleiner Bursche, nicht mehr jung, schon etwas graumeliert, aber jugendlich- elastisch, hübsch, dunkelrassig mit breiter Narbe am Kinn, 9 Finkelmeier: Apokalypse 129 »die ihm ein halb verwegenes und halb aristokratisches Aussehen gab. Wöösch konnte reden, überzeugend und entwaffnend argumentieren, sogar gegenüber der SS, und hatte oft seinen Block aus schwierigen Situationen gerissen, Er konnte deklamieren, dichten und eih improvisiertes Theater veranstalten, das selbst den ärmsten Häftlingen ein frohes Lachen entlockte. Der geborene Komiker war er. Wenn er sein Gebiß(ein Ersatz für seine durch die SS ein- geschlagenen Zähne) aus dem:-Munde nahm, konnte er die wunderbarsten Fratzen und Grimassen schneiden und Kapriolen machen, daß das Lager sich vor Lachen bog und selbst die SS seinen Späßen geneigt erschien. Er war so etwas wie ein Lagernarr, aber er genoß eine unumschränkte Autorität, geist- voll, redegewandt und willensstark wie er war. Man muß bedauern, daß dieser Mensch von Format in Zuhälterkreise geraten war. Es wäre aus seinen Anlagen viel und Besseres zu entwickeln gewesen. Wöösch kontrollierte nun die brieflichen Angaben Engels, bevor diese in die Hände Ramdohrs kamen. So war er über alles genauestens unterrichtet und traf die notwendigen Gegenmaßnahmen, ehe neue Verhaftungen durch- geführt werden konnten. Das trieb„die Wöösch“ monatelang, bis die blutige Abrechnung erfolgte. Engels war inzwischen Blockältester auf dem Russenblock geworden, wo er nur noch mit dem Gummiknüppel„Ordnung“ hielt. Zweimal waren erfole- lose Versuche gemacht worden, ihm das schurkische Handwerk zu legen. Neue Verhaftungen waren die Folge. Und eines Morgens hatten ihn die Russen unter ihren Füßen und stampf- ten und traten nach ihrem Peiniger. An diesem Morgen kam er noch einiger- maßen gnädig davon. Wenige Tage später ereilte ihn dasselbe Mißgeschick Jetzt aber hatten die Russen gründlichere Arbeit geleistet. Er mußte-auf der Tragbahre ins Revier geschafft werden. Ramdohr bangte um die Sicherheit Engels und nahm ihn in eine wohnlich eingerichtete Zelle in den Bunker. Dort verblieb er bis zu seiner Wiederher- stellung. Auf dem Wege ins Lager wurde er von einem SS-Mann aus Rache für die denunzierten SS-Leute„auf der Flucht erschossen“. Das war das Ende dieses feigen, aber skrupellosen Verbrechers, der durch sein kriecherisches Wesen, durch seine Denunziationen, durch seine gemeinen und niederträchtigen Verleumdungen auch eine Anzahl Unschuldiger den Folterungen eines gewissenlosen Henkers und Inquisitors ausgeliefert hatte. Auf Grund der Angaben von Engels wurden fünf Häftlinge öffentlich er- hängt, zwei„auf der Flucht erschossen“, das gesamte Lager erhielt einige Monate Paketsperre und mußte drei Wochen lang im Winter jeden Abend zwei Stunden lang„strafstehen“. öösch nüber en, Er n, das porene S einarsten r sich r war geist, daß seinen ese in ichtet durchfolgte. wo er erfolg Neue tampfinigerschick uf der hnlich erherRache durch meinen er den hatte. ch er einige Abend Auslandssendungen Am m 1. Dezember 1942 wurde meine Schreibstube aufgelöst. Der Lagerführer war der Meinung, daß ich nicht genügend Beschäftigung hätte. Der eigentliche Grund aber war, daß das Lager Mangel an Schreibkräften hatte. Ich kam nunmehr als Schreiber in die Werkstätten. Dort waren eine Anzahl Häftlinge als Schlosser, Schmiede, Tischler und Maler tätig. Die Leitung hatte der Hauptscharführer Julius Andree, ein großer, etwas behäbiger Mensch. Er fläzte sich gern, Beine weit von sich gestreckt, hatte aber oft eine typisch nervöse Bewegung seines Kopfes. Interesse am nazistischen System hatte er nicht mehr. Er schien zu wissen, wohin die Geschehnisse der Zeit triében. Er nahm nie an eigentlichen politischen Unterhaltungen der Häftlinge teil, aber aus gelegentlichen Bemerkungen konnte man entnehmen, wie seine wahre Gesinnung und Stellungnahme war. Ich entsinne mich noch deutlich eines bedeutsamen Wortes, das er zu uns Häftlingen sagte: ,, Ich möchte an eurer Stelle sein, ihr habt noch eine Zukunft, aber unsereins... na...“ Das Weitere tat er mit einer seiner nervösen Kopfbewegungen ab. Julius, wie er unter uns genannt wurde, fühlte sich weniger als SS- Mann, sondern, da er selbst Schmied war, als Meister, besser gesagt, als„, Direktor". Alle Häftlinge kamen gut mit ihm aus. Es brauchte keiner viel zu arbeiten, und geschlagen wurde niemand. Von allen Häftlingen hatte ich die wenigste Arbeit zu leisten. Meine eigentliche Beschäftigung war, im Monat zwei oder drei Briefe oder Beschwerden zu schreiben. Das war alles. Julius wußte das natürlich, er wußte auch, daß ich jeden Nachmittag mein Mittagsschläfchen machte. Aber er hat mich nie dabei erwischen wollen. Und so habe ich die Auflösung der Lagerschreibstube nicht zu bedauern brauchen. Was mich in dieser Stellung besonders interessierte, war das Radio. Der Apparat stand im Zimmer des Julius. Ich nutzte jede Gelegenheit aus, um daranzukommen und London oder Moskau zu hören. Abends erstattete ich dann meinen politischen Freunden Bericht. Als Julius drei Wochen in Urlaub fuhr, hatte ich den Apparat einen Tag vorher abgebaut und in die Materialausgabe geschafft, um ihn nicht noch in letzter Minute daran zu erinnern, den Apparat wegzuschließen. Es hatte geklappt. Während der nächsten drei Wochen stand mir der Apparat allein zur Verfügung, und ich habe keine Auslandssendung versäumt. Es waren nur die politisch Zuverlässigen, die von mir unterrichtet wurden. Trotzdem erklärte mir Julius eines Tages, daß ihm in der Kommandantur mitgeteilt worden sei, aus den Werkstätten würden Auslandssendungen im Lager verbreitet. Ich beruhigte ihn mit der ihn deckenden Erklärung, daß der Apparat während seiner Abwesenheit immer eingeschlossen gewesen sei. 131 9* Mit dieser Erklärung schien auch er operiert zu haben. Denn wir haben zu unserem Glück nichts wieder darüber gehört. Eines Tages wurde ich im Lager von der Mitteilung überrascht, daß ich von dem amtierenden Lagerältesten als sein Nachfolger bestimmt worden sei. Ich hatte im Lager keine eigentlichen Feinde, trotzdem habe ich alles getan, um jene Nachfolge zu verhindern. Schon in Buchenwald hatte ich mir, nachdem ich den inneren Betrieb des Lagers kennengelernt hatte, zur Richtschnur gemacht, niemals der Erste und niemals der Letzte zu sein. Maẞgebend war für meine Ablehung die Einstellung der SS- Lagerführung zu den Grünen. Der Versuch, aus Ravensbrück ein rotes Lager zu machen, wäre sowohl bei den Grünen wie auch bei der SS gescheitert. Und den Büttel für die SS zu machen, stand in schärfstem Widerspruch zu meinem ganzen Wesen und zu meiner moralischen Auffassung. Ich war deshalb froh, als noch eine andere Schwierigkeit zu meinen Gunsten auftrat: Julius gab mich nicht frei. Meine politischen Freunde hätten natürlich lieber gesehen, wenn ich Lagerältester geworden wäre, aber ich habe auf dem Posten als Revierschreiber, den ich später hatte und der schon damals für mich vorgesehen war, für die Häftlinge mehr tun können als in der Stellung eines Lagerältesten. Während des ganzen Sommers und Herbstes 1943 hatte das Lager unter dem neuen Lagerältesten Dürrnholz, einem Grünen aus Aachen, einigermaßen Ruhe. Daß das Lager einige Male die ganze Nacht bis zum nächsten Nachmittag wegen der Flucht von Häftlingen stehen mußte, empfanden wir gar nicht mehr als dramatischen Höhepunkt. Wenn ein Häftling geflüchtet war, mußten wir stehen, drei, vier oder zehn Stunden. Das wußten wir. Wir trugen das mit Humor und wünschten dem Geflüchteten, daß sein Wagnis Erfolg haben möge. Das ,, Stehen" sollte uns in Widerstand zu dem Geflüchteten bringen, aus dem heraus die Häftlinge selbst Rache üben sollten. Unsere Sympathien aber waren immer bei dem Geflüchteten. T d e E g R d I 0 T V H S S a I Der geeignete Mann für die SS So kam der Winter 1943/44. Um Weihnachten bekamen wir einen neuen Lagerältesten. Es war ein Mensch, der mit Recht die Bezeichnung ,, Berufsverbrecher" trug. Heinrich Heidt aus Offenbach hatte alle Register der kriminellen Vorstrafen hinter sich. Er war bestraft, mehrfach bestraft wegen Zuhälterei, Hochstapelei, Betrug, Unterschlagung usw. 25 Jahre hatte er zugebracht in Gefängnissen, Zuchthäusern und Arbeitshäusern. Heidt war groß und schlank, sein Gesicht markant, doch hatte er sonderbar verwaschene Augen. Er war rede- und schriftgewandt und wußte seine Fähigkeiten, solange er 132 ben zu jaß ich len sei. les ge- ch mir, -Richt- Maß- ung zu N, wäre tte] für ganzen -oh, als b mich ı Lager- hreiber, ‚al, für sten. ‚r unter einiget- ächsten pfanden ing&* wußten ‚n, daß jerstand ‚ Rache chteteD- \ neuen „ältere Augen in der grauen Masse lief, geschickt in den Vordergrund zu stellen. Eines Tages hatte sein zäher Kampf Erfolg. Die SS war auf ihn aufmerksam geworden und machte ihn zum Lagerältesten. Mit 25 Jahren Zuchthaus, Gefängnis und Arbeitshaus war er für die SS der geeignete Mann. Diese hohen Vorstrafen waren Gewähr dafür, daß er sie nicht enttäuschen würde. Im Laufe der nächsten Monate stieg sein Einfluß im Lager so gewaltig, daß selbst die SS-Blockführer und die gewöhnlichen SS-Männer ihm aus dem Wege gingen.„Er“ war der eigent- liche Lagerführer und fast täglicher Gast beim Kommandanten und bei Ramdohr. Wenn Heidt vom Kommandanten sprach, hatte man den Ein- druck, daß zwischen beiden eine dicke Freundschaft bestand. Mit dem Lagerführer sprach er nur noch mit den Händen in den Hosentaschen oder mit einer Zigarette im Mund. Im Lager hatte sich Heidt ein elegantes Zimmer einrichten lassen. Dort „empfing“ er den SS-Lagerführer und seinen Freund Ramdohr. Heidt hatte alles, was er brauchte: Butter(wirkliche Butter), Käse, Wurst, Oelsardinen, Weißbrot, Zucker, Zigaretten(nur prima englische Ware), Zigarren, Tabak usw. Das alles bekam er vom Lagerführer oder vom Kommandanten persönlich. In den Familienskandalen der deutschen Aristokratie war er wie zu Hause. Ich hatte immer den Eindruck, daß er früher einmal in diesen Skandalgeschichten irgendeine Rolle gespielt hat, vielleicht die eines kleinen oder größeren Erpressers. Auch die Leute der SS-Führung, die SS-Gruppenführer und Obergruppenführer kannte er sehr gut und wußte allerlei interessante Begebenheiten über sie zu berichten. Wahrscheinlich war er in seiner Verbrecherlaufbahn mit diesen Verbrechern öfter in Be- rührung gekommen. Als gewöhnlicher Häftling hatte Heidi die Niederlage Deutschlands ge- wünscht. Als Lagerältester aber erhoffte er den Sieg der deutschen Waffen und noch möglichst lange Krieg. Wahrscheinlich hatte er noch nie in seinem Leben eine so einflußreiche Stellung gehabt, und wahrscheinlich hatte er auch noch nie in seinem Leben so gut gelebt und so reichlich zu essen gehabt wie als Lagerältester in Ravensbrück. Es war außerordentlich gefährlich, sich mit ihm politisch zu unter- halten. Am nächsten Tage wußten es Ramdohr, der Lagerführer und der Kommandant. Heidt war der Oberspitzel des Lagers. Für alle Kommandos hatte er das Spitzelsystem der Gestapo eingeführt. Ueberall liefen seine Vertrauens- männer und standen Horchposten herum. die ihm alles mitteilten und das Material für seine Berichterstattung an Ramdohr und den Kommandanten lieferten. Unzählige Häftlinge hat er gemeldet und zu schwerster Bestrafung den SS-Henkern zugeführt. Häftlinge, die ihm gefährlich werden konnten oder 133 die ihm irgendwie im Wege standen, auch wenn es sich um ehemalige engste Freunde von ihm handelte, wurden von ihm auf ,, Transport" geschickt, zum Teil in solche Lager, in denen sie schon nach wenigen Wochen aus der Lagerliste gestrichen wurden. Heidt war ein ausgesprochener Feind der„, Roten". Wo er ihnen Schwierigkeiten machen konnte, hat er es getan. Er hatte dabei keine Skrupel, Häftlinge aus seinem grünen Kreise zu Zeugenaussagen zu pressen, die gar nicht der Wahrheit entsprachen. Immer in Kampfstellung Um Neujahr herum war es gelungen, mich im Revier als Schreiber unterzubringen. Ich wußte, daß ich mich nicht verbessert hatte. Es war eine gewaltige Arbeit zu bewältigen. Trotzdem habe ich diesen Posten gern übernommen, weil es mir hier möglich war, den Häftlingen zu helfen. Im Revier fand ich Verhältnisse vor, die geeignet waren, die despotischen Allüren des größenwahnsinnigen und hochstaplerischen Lagerältesten empfindlich zu beschneiden. Es mußte verhindert werden, daß die Macht des ,, Kaisers", wie Heidt im Lager genannt wurde, auch auf das Revier ausgedehnt wurde. Das hätte sich auf die Kranken und Schwachen katastrophal ausgewirkt. Das Revier war rot, d. h. als Pflegepersonal waren nur Politische beschäftigt. Die beiden tschechischen Häftlingsärzte Sil und Pekarek hatten das Vertrauen des ganzen Lagers. Sie handelten als Aerzte, halfen jedem, der krank und schwach war, und haben Hunderten von Häftlingen das Leben erhalten. Die Sterblichkeitsziffern des Lagers waren im Jahre 1944/45 so niedrig, daß sie als völlig normal bezeichnet werden konnten. In meinen Berichten an das Sanitätsamt in Oranienburg, die ich allmonatlich über den Gesundheitszustand des Lagers zu machen hatte, habe ich drei Monate hintereinander melden können, daß das Stammlager Ravensbrück( ohne Außenkommando) keinen Toten hatte. Wenn Tote während der anderen Monate zu verzeichnen waren, so handelte es sich meist um Tuberkuloseerkrankungen oder um solche Häftlinge, die als so schwer krank von einem der vielen Außenlager( Barth, Stargard, Peenemünde, Born a. Darß, Neubrandenburg, Prenzlau usw.) in das Stammlager Ravensbrück verbracht wurden, bei denen ärztliche Hilfe und Pflege meistens nichts mehr erreichen konnten. Um den Unterschied zwischen dem Stammlager Ravensbrück und den Außenkommandos zu kennzeichnen, sei darauf hingewiesen, daß z. B. während der Monate, wo Ravensbrück keinen Todesfall zu verzeichnen hatte, in Barth( bei 1000 Mann Belegstärke) täglich durchschnittlich vier Häft134 engste kt, zum us der Schwiekrupel, die gar unterar eine en gern fen. otischen en empcht des r ausgestrophal ur PoliPekarek halfen ftlingen niedrig, erichten GesundintereinBenkomnate zu kungen r vielen denburg, ei denen und den B. wähn hatte, er Häftlinge, in Peenemünde( bei 1000 Mann Belegstärke) täglich durchschnittlich zwei bis drei Häftlinge starben. Während meiner Tätigkeit in den letzten 16 Monaten im Revier hatten wir nicht einen einzigen Todesfall an Typhus zu verzeichnen, obwohl ständig Typhuserkrankungen bei uns vorlagen. Alle konnten als geheilt entlassen werden. Auch eine Anzahl an Tuberkulose Erkrankter konnte nach monatelanger Pflege trotz aller Widerstände und der schlechten Ernährungsbedingungen als geheilt entlassen werden. Wir haben diese Entlassenen noch monatelang kontrolliert und ihnen Arbeiten vermittelt, die ihrem körperlichen Zustand entsprachen. Um die SS- Verwaltung nicht zu Maßnahmen zu veranlassen, die das Leben der Häftlinge gefährdeten, habe ich ständig die wöchentlichen, monatlichen und vierteljährlichen Berichte über die Seuchen( besonders über offene Tuberkulose- Erkrankungen) gefälscht. So mußten wir immer vor den Späheraugen des Lagerältesten auf der Hut sein, um ihn nicht in den inneren Betrieb des Reviers hineinsehen zu lassen. Der„ Kaiser" wollte ein arbeitsfähiges Lager, wollte keinen hohen Revierund Schonungsstand. Und so war er darauf aus, die Kranken und Schwachen auf ,, Transport" zu schicken, um das Lager zu entlasten. Transport aber bedeutete Tod. Um ungestörter den Kranken und Schwachen helfen zu können, hatten wir eine Revierordnung geschaffen, die die Machtbefugnisse des Lagerältesten im Revier beschränkte. Diese Maßnahmen hatten natürlich die Spannung zwischen der grünen Häftlings- Lagerleitung und dem roten Revier außerordentlich verschärft. Zwischen beiden ,, Parteien" herrschte ein ununterbrochener Kriegszustand. Auf alle Arten haben der„, Kaiser" und seine Getreuen versucht, Sturm zu laufen gegen die rote Burg und Bresche zu schlagen in das ,, rote Verschwörernest". Gegen gemeine Intrigen und schamlose Verleumdungen hatten wir täglich zu kämpfen. Ueberraschende Durchsuchungen der Revierräume und der Pflegerstuben förderten kein Beweismaterial gegen das Revier zutage. Wir hielten innerlich und äußerlich auf Sauberkeit und Ordnung im Revier. Wie oft sind erfolglose Versuche gemacht worden, um das Revier in die Hände der ,, Grünen" zu bringen. Aber wir sind nicht mürbe geworden. Wir haben gekämpft und ausgehalten für unsere gute Sache und im Interesse der Häftlinge. Wir sind stolz auf diese Ergebnisse unserer unbeirrbaren Standhaftigkeit, die nur möglich waren durch unsere moralische und politische Verbundenheit und durch unsere ehrliche Freundschaft mit allen Aufrechten. Die wenigen Politischen hatten unter Außerachtlassung aller persönlichen Schwierigkeiten und entgegen allen Diffamierungen sowohl durch die SS wie auch durch die Häftlings- Lagerleitung in allen und auch den kritisch135 sten Situationen immer nur das eine Ziel im Auge, den Gesunden, den Kranken und Schwachen zu helfen und die allgemeine Lage der Häftlinge zu verbessern und erträglich zu gestalten. Dank, darum allen, die diese Bestrebungen unterstützt und gefördert haben. Dank insbesondere meinem tschechischen Freunde Vesely und unseren beiden Häftlingsärzten Sil und Pekarek. Dieses auch an dieser Stelle hervorzuheben, habe ich für meine Pflicht gehalten. Das Männerlager in Ravensbrück hat sich durch das mutige Eintreten weniger politischer Häftlinge und deren konséquente Haltung in den letzten Jahren in bezug auf die Interessen der Häftlinge wohl eine Sonderstellung gegenüber allen Lagern erworben. Hätte uns die grüne HäftlingsLagerleitung wenigstens in unseren Zielen und Bestrebungen toleriert, wir hätten auch die letzten schweren Verbrechen der SS vielleicht verhindern können. Aber die grüne Häftlings- Lagerleitung hat uns nicht nur nicht toleriert, sie hat immer und überall gegen uns gearbeitet und mit der SS die Verbrechen gegen die Häftlinge beraten und schließlich auch durchgeführt. Diese furchtbare Schuld der Grünen gilt es noch zu sühnen. Und es ist Pflicht eines jeden Häftlings, dafür zu sorgen, daß jeder einzelne, der in irgendeiner Form die Verbrechen der SS unterstützt hat, der gerechten Strafe zugeführt wird. Noch im Winter 1944/45 verschwanden 106 Häftlinge aus dem Lager, die niemals auf ,, Transport". gegangen sind, sondern in der neuerrichteten Vergasungskammer neben dem Krematorium vergast wurden. Ich habe keine Beweise in der Hand, um zu erklären, daß der Lagerälteste den Vorschlag für die Vergasung der durch Krankheit und Unterernährung vorübergehend arbeitsunfähig gewordenen Häftlinge gemacht hat, wohl aber dafür, daß er sich mit seltenem Eifer für die Fortschaffung der Arbeitsunfähigen bei der SS- Lagerleitung eingesetzt hat. Schon einmal war der Versuch der Vergasung wenige Monate vorher an etwa 160 Häftlingen gemacht worden. Dieser Versuch aber scheiterte an dem energischen Widerstande des damaligen SS- Lagerarztes Dr. Lucas aus Osnabrück, der uns gegenüber erklärte, daß, solange er Lagerarzt sei, keine Auschwitzer Methoden in Ravensbrück angewandt würden. Dr. Lucas hatte sich auch von vornherein bereit erklärt, uns in unserem Kampfe gegen die SS- und Häftlingslagerleitung tatkräftig zu unterstützen. Wenige Tage später aber wurde er auf Grund seiner Weigerung abberufen und nach einem anderen Lager versetzt. Ein neuer Lagerarzt kam, Dr. Winkelmann, eine willfährige Kreatur für die Vernichtungspläne des SS- Standortarztes Dr. Trommer und des Kommandanten Suhren, und wenige Tage später schon wurden die ersten 106 136 , den ftlinge arbeitsunfähig gewordenen männlichen Häftlinge im Lager Ravensbrück vergast. Weitere sollten folgen. Daß die Vergasung nicht fortgesetzt wurde, verhinderte der schnelle Vormarsch der Russen. haben. beiden Pflicht Entreten en letzSonderftlingsert, wir hindern oleriert, SS die durches ist der in rechten Lager, ichteten LagerUntergemacht chaffung rher an terte an Lucas arzt sei. r. Lucas de gegen berufen atur für es Komsten 106 Um die skrupellose Verbrechermoral zu kennzeichnen, mit der der Lagerälteste gegen das Revier arbeitete, sei hier eine Meldung erwähnt, die er gegen mich beim Lagerführer gemacht hatte. Trotz wiederholten Verbots kamen abends politische Freunde zu mir auf die Scheibstube, wo über die politische und militärische Lage diskutiert und Maßnahmen besprochen wurden, die das Lager bei der bevorstehenden Katastrophe durchzuführen habe. Eines Abends kam auch ein grüner Capo, Appel aus Duisburg, ein Kaufmann, zu mir, um sich mit mir über sozialistische Probleme auszusprechen. Als er von mir schied, war er erfüllt von der ethischen Größe und Tiefe der sozialistischen Ideenwelt. In dieser Stimmung traf er auf dem Wege nach seiner Baracke den Lagerältesten, dem er seine innere Erregung über unser Gespräch mitteilte. Am nächsten Vormittag wurde Appel vom Lagerältesten aufgefordert, die Unterhaltung schriftlich niederzulegen und sie dem Lagerführer zum Abend. abzugeben. Appel weigerte sich, blieb, auch bei der Weigerung vor dem Lagerführer und lehnte es kategorisch ab, eine ihm vom Lagerältesten in den Mund gelegte Erklärung abzugeben. Diesmal war Heidt an den Unrechten gekommen. Durch die mutige Weigerung des Grünen war die Heidtsche Aktion ergebnislos geblieben. Was aber wäre aus mir geworden, wenn Appel der Erpressung erlegen wäre? * Die Verbrecherlaufbahn dieses gefährlichen SS- Büttels und verräterischen Banditen wurde jedoch zum Abschluß gebracht. Heidt hatte die politisch noch nicht geklärten Verhältnisse in den ersten Monaten nach dem braunen Zusammenbruch benutzt, seine Hochstapeleien und Betrügereien fortzuführen und sich als Staatsanwalt in Wittenberge niederzulassen". Sein Gastspiel aber war nur von kurzer Dauer. Er wurde entdeckt, verhaftet und wegen seiner verbrecherischen Tätigkeit im KZ Ravensbrück zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde im November 1945 in Berlin vollstreckt. Der zweite Besuch In das Ende des Jahres 1944 fiel der zweite Besuch meiner Frau. Sie brachte Gunthart mit, unseren Jungen, den ich über vier Jahre nicht gesehen hatte. Ich strahlte ihn an in meiner rückhaltlosen Wiedersehensfreude, setzte ihn, wie ich es 137 früher getan, auf meinen Schoß, und fragte ihn nach allerlei Dingen, die seinem Interesse angepaẞt waren. Aber er saß ein wenig steif und verschüchtert, sah mich scheu von der Seite an, antwortete nur leise und einsilbig auf meine vielen Fragen und hatte das Gebaren eines Kindes, das das erstemal auf dem Schoß eines fremden Onkels sitzt. ,, Kennst du denn deinen Paps nicht mehr?" Er schüttelte langsam den Kopf, und ich bemerkte, daß er mit den Tränen kämpfte. Ein Gefühl von Wehmut beschlich mich. Aber gleich wallte die Empörung in mir auf. Das hatten sie fertiggebracht, die braunen Halunken, dem Vater das Kind zu entfremden! Meine Frau fand verbindende und überbrückende Worte mit leichtem Scherz. Aber ich spürte, daß sie sich zwang dazu, und daß ähnliche Gefühle in ihr lebten wie in mir selbst. Ich erfuhr später von ihr, daß der Junge, nachdem er mich verlassen, einen wilden Ausbruch von Schmerz und Wut gehabt haben soll. O, die Verbrecher, was haben sie mit meinem armen Paps gemacht! Das ist ja ein ganz fremder Mann! Ach, tut mir der arme Paps leid!" Meine Frau sah schlecht aus. Die Spuren der vielen durchlittenen Jahre hatten sich bereits in ihr liebes Gesicht gegraben. Auch das schmerzte. Liebe Menschen, welch Verbrechen man auch an ihnen beging! Die Zigeuner Im Frühjahr 1944 kamen einige Hundert Zigeuner aus Auschwitz nach Ravensbrück, um, wie ihnen in Auschwitz erklärt worden war, hier entlassen zu werden. Sie kamen aus Birkenau, wo die Massenvernichtungen von Auschwitz vor ihren Augen durchgeführt worden waren. Sie brachten ihre Frauen und Kinder mit in der Hoffnung, weiter mit ihnen zusammenleben zu können. Aber hier wurden sie getrennt. Auch die Kinder wurden nach Geschlechtern gesondert. Unser jüngster Zugang war von den 70 Kindern ein kleiner vierjähriger Zigeuner, der ebenfalls wie alle Auschwitzer Häftlinge seine tätowierte Nummer auf dem Arm trug. Die Zigeunerzugänge waren der Rest von vielen Tausenden von Zigeunern, die nach Auschwitz gebracht worden waren, wo sie als Rasse ebenso wie die Juden ausgerottet werden sollten. Niemand von ihnen war wegen einer strafgesetzlichen Handlung bestraft worden. Im Gegenteil, die meisten waren mehrere Jahre im Krieg gewesen und hatten für Hitlers Größenwahn gekämpft. Sie waren lediglich als Angehörige der Zigeunerrasse verhaftet worden. 27 Für das nazistische Herrenvolk" hatte die Zigeunerromantik, die noch im 20. Jahrhundert bis heute im südosteuropäischen Kulturkreis gern geduldet 138 Hie seichtert, meine mal auf Tränen lte die unken, eichtem Gefühle Junge, and Wut armen I arme Jahre . Liebe z nach tlassen en von en ihre enleben n nach Kindern Häftlinge eunern, wie die er strafwaren ahn ge erhaftet e noch reduldet und von europäischen Dichtern und Komponisten immer wieder besungen wurde, keine Existenzberechtigung mehr. Sie waren Menschen ,, niederer Rasse" und durften in dem vom„ ,, Herrenvolk" beherrschten Europa nicht mehr leben. Sie erzählten grausige Dinge aus dem Massenvernichtungslager Birkenau und was sie mit eigenen Augen täglich gesehen haben wollten. Sie nannten Zahlen, die schon damals in die Millionen gingen und schilderten Einzelheiten von gräßlichen Quälereien, von Massenverbrennungen, von Frauen, die von der SS mit Knüppeln in die Flammen getrieben und von Kindern, die lebend in die brennenden Gräben geworfen worden waren, von unübersehbaren Lägern mit Kleidungs- und Wäschestücken, Brillen, Gebissen, Schuhen, Koffern und Lebensmitteln, die von den Ermordeten stammten und wieder sortiert, hergerichtet und von der SS an die Zivilbevölkerung verkauft wurden. Wir haben uns das angehört, aber wir haben es nicht geglaubt. Wir haben es solange nicht geglaubt, bis später ein anderer Transport aus Auschwitz kam und die Angaben der Zigeuner bestätigte. Nun waren die Zigeuner in Ravensbrück und warteten auf die versprochene Entlassung. Und als sie nach Monaten noch immer nicht kam, wurden sie miẞtrauisch. Sie hatten die Millionenvernichtung in Birkenau erlebt und hatten Tausende ihrer Rassegenossen als Tote zurückgelassen. Sie selbst waren nur durch besondere Glückszufälle lebend der Hölle entronnen. Sie trauten der SS nicht mehr, glaubten nicht mehr an ihre Versprechungen. Und so entließen sie sich selbst und flüchteten. Sie flüchteten einzeln und in Gruppen zu drei und vier Mann. Nein, sie wollten den bevorstehenden Zusammenbruch des braunen Reiches nicht im Konzentrationslager erleben, weil sie mit eigenen Augen gesehen hatten, wie rücksichtslos Hunderttausende, ja Millionen Menschen von den braunen Mordbestien ermordet worden waren. Eines Tages versuchte die SS- Lagerführung die Zigeuner mit einem neuen Betrug zu beruhigen. Sie verlangte von ihnen die Sterilisation und versprach ihnen die sofortige Entlassung. Trotz meiner eifrigen Agitation gegen die Sterilisation und meines Hinweises, daß sie von der SS oft genug genarrt worden seien und sie mit ihrer Entlassung nicht rechnen sollten, waren doch fast alle Zigeuner bereit, sich dieser Operation zu unterziehen. Nur drei von ihnen hatten den Mut, alle Konsequenzen aus der Weigerung auf sich zu nehmen. Unter den dreien befand sich auch ein Fünfzehnjähriger, der dem Arzt erklärte, daß er sich niemals sterilisieren lasse und denjenigen, der diese Operation gewaltsam an ihm vornehmen wolle, umbringen werde. Die Zigeuner wurden sterilisiert, selbst Kinder im Alter von zehn und zwölf Jahren waren darunter; aber entlassen wurden sie erst mit uns durch die siegreiche Rote Armee. 139 Häftlinge als SS Je kritischer die Lage an den Fronten wurde, um so größer war die Freude bei den Politischen. Die Rote Armee hatte in kühnem Schwung den riesigen Raum von Stalingrad und dem Kaukasus überwunden und ihr Land von den Armeen der braunen Tyrannei freigekämpft. Das geschlagene deutsche Heer war bis zur deutschen Grenze zurückgetrieben worden. Im Westen war Frankreich innerhalb von vier Wochen überrannt worden, und auch dort standen große Truppenkontingente der siegreichen verbündeten Armeen be- reits entlang der deutschen Grenze. Die Katastrophe Deutschlands stand bevor. Die SS bangte, und auch die Grünen bangten. Beide fühlten, daß die Stunde nahte, die sie zur Verantwortung für ihre vielen blutigen Verbrechen ziehen würde. Die Grünen taten darum alles, um aus dem Lager herauszukommen. Die einzige Möglichkeit für sie war, sich freiwillig zum Militär- dienst zu melden. Sie hatten zwar fast alle auf Grund ihres kriminellen Strafregisters den Wehrausschließungsschein, aber Hitler hat gern auf sie zurückgegriffen und ihnen ihre„Ehrenhaftigkeit“ zurückgegeben. Der Drang der Grünen, sich für das Hitlerreich zu opfern, hatte die SS auf dieses Reservoir aufmerksam gemacht. Und eines Tages standen die Grünen als Anwärter für die SS zu einem ersten Transport zusammengestellt auf dem Appellplatz, während der Lager- führer seine neuen„Kameraden“ mit erhobener Hand grüßte. Sie waren einander immer würdig, die SS und die Grünen. Sie waren eine kongeniale Gemeinschaft, die einander ergänzte. Denn sie hatten eine gleiche moralische Basis, skrupel- und gewissenlos, feig, gemein und nieder- trächtig. Die SS-Führung hatte keine Bedenken, die von ihr bezeichneten „Berufsverbrecher“ in ihre Uniformen zu stecken und in ihre Reihen als „Kameraden“ aufzunehmen. Und die grünen Berufsverbrecher waren stolz darauf, von der SS als..Kameraden“ behandelt zu werden.’ Ihre Würdelosigkeit haben beide nie begriffen. Verbrecher haben keine Würde. k Die neuen SS-..Kameraden“ kamen alle in die Division Dirlewanger, eine organisierte Räuber- und Mörderbande, wo sie sich„bewähren“ sollten. Diese organisierten Räuber und Mörder waren keine Kampftruppe, sie wur- den nur dort eingesetzt, wo blutige Arbeit zu leisten war. Sie waren Hyänen des Schlachtfeldes und Marodeure, die sich untereinander die geraubte Beute abjagten und sich schließlich gegenseitig mordeten. Dirlewanger selbst, ein Mensch mit dunkler Vergangenheit, war der Schatz- meister, dem durch seine unterirdische Organisation letzten Endes alle um- strittene Beute zufloß. Später, in den letzten Monaten des Krieges, hat man auch eine Anzahl politischer Häftlinge in die Mörderorganisation Dirlewanger kommandiert. Aber die Politischen haben, wie mir später bei einem Besuch in Jena mein 140 rasen ah nenn vo ehem hatte erste Na In die| Vern sich Juge M dant In Die bara Fra veri $ ges übe, dan hin ung Mär Sex ein &in Rä Me) tor] Sex ein hal jem gel- ine ine der- sten als tolz eine eine ten. wur“ ‚nen eule alz- um“ zahl iert- nein ‘ einige mit, für die Mehrzahl aber ohne Erfolg. ehemaliger Blockältester Gerber, den sie ebenfalls zu Dirlewanger gepreßt hatten, ihre„Bewährungsprobe“ nicht bestanden. Sie sind vielmehr bei der ersten Gelegenheit einzeln und auch geschlossen zu den Russen übergelaufen. 2 Nackt- und Schleiertänze vor den Homosexuellen Im Spätherbst 1944 erlebte Ravensbrück eine Sensation. Es gab Zeiten, wo die SS den Homosexuellen besondere Aufmerksamkeit schenkte und deren Vernichtung systematisch organisierte. Unter den Sexualverirrten befanden sich meist ehemalige SS- und SA-Angehörige, Pgs und Führer aus der Hitler- jugend: Mit den Uebriggebliebenen experimentierte eines Tages der Lagerkomman- dant Suhren selbst. Im Frauenlager mußten die Freudenmädchen zu einer Musterung antreten. Die Schönsten unter ihnen wurden herausgesucht und nach einer Arbeits- baracke im Frauenlager kommandiert. Sie hatten die Aufgabe, mit ihren Frauenreizen die Reaktivierung des Normaltriebs bei den männlichen Sexual- verirrten zu versuchen. Sie wurden gemeinsam mit den männlichen Häftlingen in ein gesperrt und konnten unter der Aufsicht eines Oberscharführers, der täglich über die„Annäherungsversache“ der männlichen Häftlinge an den Komman- danten Bericht zu erstatten hatte, tun und treiben, was sie wollten. Niemand hinderte sie. Im Gegenteil. Der Oberscharführer ermunterte die äußerlich so ungleichen Pärchen im SS-Jargon zu Paarungsszenen und versprach den männlichen Häftlingen als Lohn die Freiheit. Die Freudenmädchen tanzten mit und ohne Schleier, um Sexualpsyche ihrer Geschlechtspartner aus ihrer Erstarrung zu lösen. e Baracke die‘normale Für Nach etwa 14 Tagen war das Experiment zu Ende. Die Homosexuellen eingen in ihre alten Kommandos zurück und warteten auf die Lösung des Rätsels. Es hat niemand mentes war. Ob es Laune war, torkelnd-lallender Sadisten, oder sexuelle Dekadenz der SS-Bestien war, die nur noch durch die Erregungen eines täglichen Blutrausches leben konnten— wir Normalempfindenden haben dies Rätsel nicht lösen können. erfahren, welches der eigentliche Zweck dieses Experi- seboren in einer Wein- und Schnapsatmosphäre ob es moralische Verkommenheit oder liche Die grüne Suhren- Garde In den letzten Monaten vor der Katastrophe war den feigen Henkern und Bütteln die schlotternde Angst ins Gebein gekrochen. Alle zitterten um ihr Leben. Jeden Tag konnte der Sturm über Deutschland hereinbrechen und das braune Mordsystem hinwegfegen. Der eifrige Lagerälteste, der für den Schutz der SS und seines ,, Freundes" Suhren zu allem bereit war, ahnte eine Chance für seine grüne Allianz und eine letzte Möglichkeit, noch vor Beginn des Chaos außerhalb des Stacheldrahtes zu kommen. Die Wachmannschaften des Lagers hatten in der letzten Zeit öfters gewechselt. Geblieben waren alte Heeresangehörige zwischen 45 und 65 Jahren, die in die SS- Uniform gesteckt worden waren. Außerdem war die Stellung des Stabsfeldwebels der Wachkompanie so eindeutig für die Häftlinge, daß auf die Wachmannschaften kein Verlaẞ war. Aber der Kommandant Suhren brauchte in dieser äußerst dramatischen Situation eine Truppe, auf die er sich unbedingt verlassen konnte. Heinrich Heidt, der Lagerälteste, stellte deshalb eine zuverlässige Truppe für den Bluthund Suhren aus den Resten der Grünen zusammen und ließ sie mit Zustimmung des Kommandanten im Gebrauch mit Waffen ausbilden. - Die Grünen bekamen Uniformen, arbeiteten nicht mehr im Lager und fühlten sich als Soldaten und als Mitglieder eines Sonderkommandos. Sie schanzten, bauten Sperren, übten mit Gewehren, Handgranaten und Panzerfäusten. Ob gegen die immer weiter vorwärtsstürmende Rote Armee oder gegen die Häftlinge im Lager, sie wußten es nicht. Die Grünen waren jedenfalls für beides bereit. Aber als die Rote Armee nur noch 60 Kilometer vom Lager entfernt war, dachte Suhren nicht mehr daran, mit seinen grünen Freunden eine Verteidigungslinie zu beziehen oder sie gegen die Häftlinge einzusetzen. Da zog er es vor, nach Norden ,, auszuweichen". aus Wag die l Di das I für Word Da Kan den konn den. Bote ten A 150 Sch D ling I schi geh Ма D Ru her Hi Wu da Rote- Kreuz- Pakete für die SS Die SS hat in den Lagern immer gut gelebt. Zusätzliche Nahrungsmittel verschaffte sie sich durch die Häftlingspakete. Selten kamen Pakete ins Lager, aus denen nicht irgend etwas gestohlen war: Butter, Speck, Wurst, Kuchen, Geflügel, Zigaretten usw. Alle Pakete wurden von ihnen geöffnet, durchsucht, und die Delikatessen behielten sie für sich. Ein Diebstahl durch Häftlinge war unmöglich. Die Diebe waren nur bei der SS zu suchen. In den letzten Wochen vor dem Zusammenbruch wurden die ersten weib142 T un ku Po un fa und ihr und des" und chelgeren, Jung daß hren e er uppe ließ ffen und Sie nzerlichen Häftlinge Französinnen - - durch das Internationale Rote Kreuz aus dem Lager abgeholt. Wenige Tage später schon rollten Waggons über Waggons mit Paketen vom Internationalen Roten Kreuz ins Lager, die an die hungernden Häftlinge ausgegeben werden sollten. Die Ernährungslage im Lager hatte sich katastrophal verschlechtert. Durch das Durcheinander in der Kommandantur waren die notwendigen Lebensmittel für das Frauen- und Männerlager nicht mehr regelmäßig herangeschafft worden. Es drohte eine große Hungerkatastrophe. Da kamen die rettenden Pakete des Roten Kreuzes. Es waren Pakete aus Kanada und England, die an die kriegsgefangenen Engländer verteilt werden sollten. Infolge des schnellen Vorrückens der Alliierten Truppen aber konnten diese Sendungen nicht mehr dem Bestimmungszweck zugeführt werden. Und so waren sie durch das Rote Kreuz umgeleitet und als rettende Boten zu den Hungernden ins Konzentrationslager geschickt worden. Aber auch diese Pakete, die unantastbares Gut des international geschützten Roten Kreuzes waren, wurden von den SS- Räubern geplündert. Wohl aus 150 000 Paketen( einschließlich des Frauenlagers) hatten sie überall die Schokolade, die Zigaretten und die Wurst gestohlen und unter die SS verteilt. Das war die letzte Gemeinheit, die die braunen Verbrecher an den Häftlingen verübten. Ihre Rolle war zu Ende. Nun mußten sie abtreten von der Bühne der Geschichte, auf der sie im Wirbel ihres Wahnsinns zwölf Jahre lang das Ungeheuer der braunen Apokalypse geritten hatten. oder denwar, eidiger mittel ins urst, fnet, urch veib Meine Entlassung Das Ende kam, die Auflösung, das Chaos. Vom Osten und Süden her stießen in unaufhaltsamem Vormarsch die Russen vor, kämpften bereits in den Straßen von Berlin, und von Westen her drängten die Engländer und Amerikaner die Reste der geschlagenen Hitlerarmeen vor sich her auf immer enger werdenden Raum. Der Kessel wurde von Tag zu Tag kleiner, und wir lagen mit unserm Lager mitten darin. Die Situation für uns wurde mit jedem Tage kritischer. Täglich kamen Transporte mit Tausenden von Häftlingen aus den südlich und östlich von uns gelegenen Lagern, die durch die Kriegsereignisse evakuiert worden waren, aus Thüringen, Schlesien, Ost- und Westpreußen und Pommern zu Fuß und mit der Bahn in Ravensbrück an. Die Häftlinge dieser Transporte, die wochenlang, einige sogar monatelang unterwegs und von einem Lager zum andern getrieben worden waren, befanden sich in einem beklagenswerten Zustand. 143 Viele Häftlinge dieser Transporte waren geflüchtet, Tausende verhungert, verdurstet, erfroren, Tausende waren vor Entkräftung am Wege liegengeblieben und von den nachfolgenden SS- Räumungskommandos erschlagen oder erschossen worden. Was übriggeblieben war und Ravensbrück noch lebend erreichte, war ein Zug menschenunähnlicher Wesen, die bis zum Skelett abgemagert waren und deren bereits halberloschene Augen suchend herumirrten nach einem Plätzchen, um zu sterben. Von einem Transport, der vierzehn Tage mit der Bahn unterwegs war, kam ungefähr die Hälfte, 8000 Häftlinge, lebend in Ravensbrück an. Sämtliche Revierpfleger mußten nachts zur Bahn, um die Toten der letzten Nacht zu bergen. Sie zählten 293 Leichen. Während des folgenden Tages starben im Lager 384 und am nächsten Tage über 400. Dieser Transport kam aus Schlesien, hatte zu Beginn eine Marschverpflegung für einige Tage bekommen und war nach vielen Irrfahrten bis zur Ankunft in Ravensbrück nicht mehr verpflegt worden. Ein anderer Transport aus Thüringen hatte den Weg bis nach Ravensbrück zu Fuß zurückgelegt. Auch diese Häftlinge waren mit einer unzureichenden Marschverpflegung nach einem unbestimmten Ziel nach Norden, dem einzigen Ausweg noch, in Bewegung gesetzt worden. Wie eine Herde Schafe wurden sie von den Blutbestien der sie begleitenden SS mit Kolben und Knüppeln vorwärtsgetrieben. Wer nicht mitkam und abseits der endlosen Straße liegenblieb, wurde erschlagen oder erschossen. Etwa 10 000 Häftlinge hatten den Todesmarsch mit dem letzten Rest an Kraft und Willen überstanden. Nur der feste Glaube an den unmittelbar bevorstehenden völligen Zusammenbruch des blutigen Henkersystems hatte ihnen übermenschliche Kräfte verliehen, auszuhalten. Und nun, nachdem sie wochenlang dem Tode getrotzt und alle Anstrengungen und Leiden überwunden hatten und wenigstens jetzt einige Tage Ruhe bekommen sollten, lagen sie um die Baracken herum und starben zu Hunderten, zu Tausenden. Niemand konnte ihnen helfen. Ihr entwöhnter Magen nahm die schon für gesunde Menschen unverdauliche Kost von verdorbenen Steckrüben nicht mehr an. Alle unsere Anstrengungen, Schleimsuppen für die Entkräfteten zur Verfügung zu stellen, scheiterten an der verbrecherischen Weigerung der SS- Lagerleitung, die trotz gefüllter Läger die notwendigen Lebensmittel nicht freigab. Die einzigen Häftlinge, die den Todesmarsch gut überstanden hatten, waren auch hier wieder wie immer und überall die grünen Berufsverbrecher. Sie alle kamen gut genährt und bei bester, ja strotzender Gesundheit in Ravensbrück an und hatten den SS- Henkern beim Vorwärtstreiben des Todeszuges unterwegs wertvolle Bütteldienste geleistet. Auch im Lager versuchten diese robusten dunklen Gestalten ihr blutiges Handwerk fortzusetzen und prügelten auf den halbtoten Elendsgestalten mit aller Rücksichtslosigkeit herum. Als die politischen Häftlinge des Lagers 144 von Verb und und Han Vera Di nisse fahr ausr beit D Häf noc ling die gr Au SSwu und Fr sch Os jer da Al To im SC Ja ei si 10 gert, egenlagen noch zum chend von diesen brutalen Prügelmethoden Kenntnis erhielten, wurden den grünen Verbrechern die ausgeteilten Prügel doppelt und dreifach zurückgezahlt und ihnen zum Bewußtsein gebracht, daß nunmehr auch ihre Uhr abgelaufen und die Zeit gekommen sei, wo man sie für ihre niedrigen und erbärmlichen Handlangerdienste, die sie dem braunen Mordsystem geleistet hatten, zur Verantwortung ziehen werde. war, SämtNacht arben naus ekomnicht avensunzuorden, Herde olben end10 000 Villen enden überstrenTage arben Shnter verhleimn der Läger atten, echer. eit in n des utiges stalten agers zur zur Die sonst so strenge und harte Disziplin im Lager hatte durch die Ereignisse an den Fronten in den letzten Wochen eine fühlbare Lockerung erletzten Stunde Arbeit fahren. Obwohl die Häftlinge bis ausmarschieren mußten, wurde draußen kaum noch gearbeitet. Nur die Arbeiten, die im Interesse der Häftlinge selbst lagen, wurden durchgeführt. Das ganze Lager verharrte gegenüber den SS- Befehlen, die die Lage der Häftlinge verschlechtern konnten, im Widerstand. Weder Strafandrohungen noch sonstige Maßnahmen konnten an der entschlossenen Haltung der Häftlinge etwas ändern. Zum ersten Male erlebten wir seit vielen Jahren, daß die Furcht vor der SS gewichen war. Ihre Autorität war zerbrochen. Nur die ,, grüne Suhren- Garde" hätte es allerdings lieber gesehen, wenn man sie zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung und zur Wiederherstellung der SS- Autorität zum Einsatz gebracht hätte. Diese skrupellose Verbrecherbande wußte nicht einmal in den letzten entscheidenden Tagen, um was es ging und wie ernst die Stunden waren. Nur 60 Kilometer noch war die russische Front entfernt. Und wenn diese Front in Bewegung kam, konnten wir damit rechnen, daß die ersten russischen Panzer schon in wenigen Stunden das Lager erreicht haben würden. An manchen Tagen drang das dumpfe Grollen der Geschütze aus dem Osten deutlich bis zu uns herüber. Nacht für Nacht standen wir an den Fenstern und lauschten gespannt in jene Richtung, um festzustellen, ob die Front schon näher gerückt sei. Unsere Herzen jubelten, und unsere Sinne verwirrten sich bei dem Gedanken, daß die Stunde der Befreiung bevorstand. Freiheit! Frei von Bedrohung und Folterung, frei von Angst und Alpdruck, frei von allem, was jahrelang täglich mit und um uns war: der Tod, der Hunger, die teuflischen Fratzen der SS- Ungeheuer, Blut, Blut und immer wieder Blut... Das alles sollte mit einem Male anders sein, nicht mehr sein...? Unfaẞbar für uns alle war dieser eine Gedanke: Freiheit! Unausdenkbar schön die in uns frohlockende Hoffnung: endlich, endlich nach so vielen Jahren furchtbarster und grausamster Leiden und Erniedrigungen wieder einmal Mensch zu sein, als Mensch unter Menschen leben und frei über sich entscheiden zu können, frei zu gehen wohin man wollte, ohne Begleitung, 10 Finkelmeier: Apokalypse 145 ohne Angst, im nächsten Augenblick von hinten niedergeknallt werden... E zu den Ent I scha U Res Und dann kam dieser seit Jahren so sehnsüchtig erwartete Augenblick. Ganz plötzlich war er da und ganz anders, als ich es mir gedacht hatte. Es war am 21. April 1945. Das Lager war zur Nachtruhe schon abgepfiffen worden. Ich hatte gerade meinen Rundgang durch die Krankenstuben beendet und war im Begriff, zu Bett zu gehen, als stürmisch an die Tür des Reviers gepocht wurde. Ich öffnete, und vor mir stand der Lagerschreiber, der mir atemlos mitteilte, ich müsse sofort zur politischen Abteilung, um meine Entlassungspapiere abzuholen. Ich sei entlassen. Ohne Antwort zu geben, schloß ich wieder ab und legte mich schlafen. Die Stunde, um solchen Unfug zu treiben, schien mir doch zu ernst. Nach einer halben Stunde aber stellte es sich heraus, daß es kein Unfug war. Mit mir mußten sich noch weitere 65 politische Häftlinge bei der politischen Abteilung zur Entlassung melden. Aber keiner der 66 Häftlinge glaubte nach den jahrelangen Erfahrungen mit der SS an eine Entlassung. Jeder einzelne vielmehr hatte die Ueberzeugung, daß er den Weg gehen müsse, den Hunderttausende der besten Kämpfer gehen mußten: den Weg in den Tod. Und als wir nachts gegen 12 Uhr durch das Tor marschierten, durch den dunklen Wald, sprach niemand ein Wort. Alle Sinne waren angespannt, um verdächtige Geräusche in der Nähe aufzunehmen. Indessen knallten diesmal keine Gewehrsalven und hämmerten keine Maschinengewehre aus dem Hinterhalt. Wir kamen wohlbehalten in der politischen Abteilung an, wo jedem einzelnen der Entlassungsschein ausgehändigt wurde. Befangen wie kleine Kinder standen wir diesem entscheidenden Ereignis gegenüber. Entlassen unmöglich... unfaẞbar.. unmöglich Immer wieder mußte ich überlegen: Träume ich oder ist alles Wirklichkeit? Es war eine Art Dämmerzustand, in dem ich mich befand, aus dessen Dumpfheit nur ab und zu sich ein seligbanges Gefühl lösen wollte. Erst als mich am nächsten Tag ein SS- Mann bis zum Schlagbaum der Lagergrenze brachte, wußte ich, daß alles Wirklichkeit war: ich war entlassen. Wie ein gehetztes Tier lief ich davon, ohne mich umzublicken, nur fort von hier, weit fort von der Stätte des Grauens. Ich kletterte auf einen Transportzug der Luftwaffe, ohne zu wissen, wohin er fuhr. Es war ja gleich, weit konnte er durch die vorrückende Front nicht mehr fahren. 146 auc und und zu i Es war in jenem Augenblick alles gleich, nur das eine nicht: fort, fort... den endgültigen Schlagbaum’ setzen hinter das Grauenhafte, Entmenschte, ugen-*, namenlos Gemeine... Ich fuhr und fuhr. Wie Träume glitten Wiesen, Felder, Wälder und Ort- dacht schaften an mir vorüber. Und allmählich rang sich durch das Rattern der Räder und den letzten erade Rest von eingefressener Angst hindurch der selige Gedanke: Hier wird griff, auch bald die Befreiung: sein, die endgültige Befreiung vom braunen Terror, Ich und dann kommt das Unausdenkbare, Wunderbare: die Heimfahrt zu Frau eilte, und Kind, zu Glück, Ruhe und Frieden..... ‚piere afen.| Ruf der Opfer des Faschismus Infug ne Habt ihr es nicht gewußt, wie wir verdarben? Wie unsre Rücken blutigrot sich wanden, > wie unsre Herzen voll von Leiden brannten, ‚esten| wie wir durch Hunger, Gas und Galgen starben, ı den j wie Vieh gemetzelt und gemäht wie Garben? h N Habt ihr es nicht gewußt? Am Unbekannten keine vorbei—- und doch so ängstlich scheu Genannten, j. da griffen eure Hände hin und warben. 1 ein- E0e |® Aus Angst, daß unser Los das eure werde, nen hoben sie sich zur Hitlerschmachgebärde. Ihr Millionen aufgehobne Hände, klich-! Jessen j{ ihr Geister, schwach und feige ohne Ende, der| tragt mit die Schuld an unsrer Not und Leere. ne Jetzt sühnt! Und baut— das Denkmal unsrer Ehre. . fort MA 5 w| mehr 148 Die neue Zeit ruft auf! Ihr habt so lange für den Tod geschafft, ihr an der Front, in Rüstung und Fabriken! Mit eurer Hilfe liegt das Land in Stücken, in Schutt und Asche, mit gebrochner Kraft. Und unbebaut, mit eingeschlossnem Saft dehnt manches Feld sich vor enttäuschten Blicken. Es ragen Reste der zerstörten Brücken und halten teils noch den Verkehr in Haft. Helft jetzt dem Land die schweren Wunden heilen! Helft mit dem Spaten, Hammer und dem Pflug! Mit Geist und Seele! Geht ans Werk! Es eilen die Stunden hin. Und niemals ist's genug. Ihr habt dem Tod so lang die Kraft gegeben. Schafft jetzt für Aufbau, neue Zeit und Leben! N de ma ha SC Fe WU ve li ge de du k B d b ge F m Ausblick un ist das Blatt der Geschichte umgewendet. Ein neuer Lebensabschnitt Nun ist das Blatt der Geschichte umge Aber wir dürfen diese zwölf Jahre, die nicht nur Deutschland ins Verderben rissen, sondern auch große Teile Europas zu einer Trümmerstätte machten, nicht vergessen und klar erkennen, welche Lehre sie uns gegeben haben. Deutlich genug wurde ja das Faschistenwort„ Männer machen die Geschichte" ad absurdum geführt. Braune Männer machten blutrote Geschichte, ja eine Blut-, Tränen-, Feuer-, Asche- und Schuttgeschichte, in der sämtliche Verbrechen begangen wurden, die es überhaupt geben kann. Sie hatten alle menschlichen Werte verlacht und verhöhnt, versklavt und vernichtet, aus Wahrheit Lüge geknetet, aus Tapferkeit Feigheit, aus Menschlichkeit Grausamkeit, aus Freiheit Willkür und Unterjochung. Sie hatten sich von jeder gesunden Natur rettungslos entfernt, ja losgerissen. Da brach der Irrwahn aus. Und es war kein Wunder, daß der Einbruch des Chaos ein vollständiger war und der Untergang erfolgte bis in die letzten dunkelsten Meerestiefen der Geschichte. Wir Ueberlebenden wollen an die Gräber der Toten treten, die der Weltkrieg des grauenhaften ,, Dritten Reiches" forderte, an die Massengräber der auf dem Schlachtfeld Gefallenen, an die Gräber der im Schrecken der Bomben umgekommenen Mütter und Kinder und im Geiste vor die Asche derer, die keine Gräber haben, vor das Bild der starken und freien ungebrochenen Geister, deren Körper der Vernichtung der Mordlager preisgegeben wurden. Wir schwören ihnen: Nie wieder darf die Wahrheit ihr reines Antlitz verhüllen vor der verzerrten Fratze gemeiner Lüge. Wir wollen klaren Auges vor unsere Kinder treten und sie wirkliche Geschichte lehren, nicht wie bisher eine verzerrte, geleimte und geklitterte, mit böser Glorifizierung eines blutrünstigen Heldengeistes" und grausamkriegführender ,, Herrscher", sondern ihnen zeigen, was daran falsch und 25 149 faul, unmoralisch, ja böse war, und sie eine höhere Wahrheit vom Heldentum lehren, das oft weit eher im stillen Opfer liegt als im prunkenden Ruhm. Nie wieder darf der gerade Weg der Tapferkeit verschlossen werden durch Stacheldraht und Kerkermauern, damit sich die krummen Schleichwege der Feigheit nicht ungehindert durch alle Lande schlängeln können. Wir wollen den Menschen immer vor Augen führen, daß die gemeinste Feigheit in der schlotternden Angst liegt, sich bekennen zu müssen, aber auch im Kadavergehorsam, der in der Monotonie des Marschschrittes und der blinden Befehlsausführung aus Menschen erbärmliche Schablonen und Maschinen zu machen versuchte. Wir wollen den Menschen immer wieder zeigen, daß die echte Tapferkeit nicht die Führung des Blutschwertes ist und nicht der ,, Heldentod" auf dem ,, Schlachtfeld der Ehre" für ,, Volk und Vaterland", sondern die unbedingte Einheit einer anständigen Gesinnung, einer charaktervollen Haltung und eines entschlossenen Handelns. Nie wieder darf die Menschlichkeit gekreuzigt werden und zusehen müssen, wie die Grausamkeit entmenscht und enttiert sich im Gebrüll ihrer Höllenorgien am eigenen Blut- und Triebrausch besäuft und das Grauen und Entsetzen gebiert als letzten Abfall ihrer gräßlichen Stunde. Wir wollen lehren, daß Moral und Ethik noch immer hohe Begriffe sind, daẞ Humanität ein hohes Losungswort der Gegenwart und Zukunft sein und jedes Verbrechen dagegen streng gerecht gesühnt werden muß. Nie wieder darf die Freiheit unter dem Säbelrasseln einer beine werfenden Soldateska und den Gummiknüppeln roher Henker in Ketten geschlagen werden, daß ihr Atem, der die Menschen mit gipfelfrischem Hauch umwehte, zum angstvoll sklavischen Stöhnen wird. Nie wieder dürfen Gewaltherrschaft, Terror und Tyrannei triumphieren, um einen Weltbrand von nie dagewesenem Ausmaß und nie geahnter Ungeheuerlichkeit zu entfachen. Wir wollen die Freiheit des Geistes lehren, die im Glanze eines alten und neugewonnenen und gewandelten demokratischen Gedankens die Menschen erfülle, um sie zu freien und starken Persönlichkeiten zu erziehen. Wir wollen endlich den Gedanken eines sozialistischen Staatengefüges, eines wirklichen ,, Sonnenstaates" richtig, gesund und ungehemmt zu Ende denken und alle Kräfte, geeint mit allen Menschen, denen es ernst darum ist, sammeln und tätig zusammenschließen, um das Ideal zu verwirklichen. Nie wieder darf jene Kraft, die ihrer Natur nach sozial ist, so ungerecht, böse und grausam niedergetreten werden, daß sie unfähig ist, der von Natur aus asozialen Macht in die Zügel zu greifen, wenn sie in bösem Machtrausch befangen und verflucht ist, die Menschheit in den Abgrund hinabzustürzen. Wir, Geistwesen Mensch, dem ewigen Grunde der Natur entstiegen, Kinder ihres Seins, von ihr geleitet, wir wollen den Anschluß an sie wiedergewinnen, um ihn nie wieder zu verlieren, um uns mit der Hilfe dessen, was als Abbild 150 ihres hinan hinau dens hohe haber Idenuhm. Hurch e der einste aber und und erkeit dem lingte und issen, öllenEntsind, und enden lagen wehte, ieren, Ungeund schen eines enken samihres gebärenden und hütenden Wesens im menschlichen Leben erscheint, hinanziehen zu lassen nach höheren Werdestufen, über Tier und Teufel Mensch hinaus, über jede Apokalypse der Menschheit hinaus, in jenes absolute Friedensreich, in dem sich einmal vollziehen wird, was die großen Geister und hohen Seelen zu allen Zeiten gesonnen, geträumt, ersehnt und umkämpft haben: die Ehrfurcht und Achtung vor allem, was Menschenantlitz trägt. Von der Ehrfurcht I. Das Ehrfurcht hat und sich nicht selber nennt, wißt ihr das Göttliche im Seelengrunde, das in dem engsten ichgelassnen Bunde mit Gleichfallsgöttlichem sein Ziel erkennt? Doch vor dem Größergöttlichen sich beugt und in der Stillheit ernst und stille steht, die Hände falten kann noch im Gebet, in einer reinsten Zelle hingeneigt, vom Hauch des Heiligtumes angeweht? Dann aber von dem Tieferlebten zeugt in Wort und Tat und seinen Wert erhöht und heiligflammend zu den Sternen steigt?... Des Menschen bestes Teil entsank in Fernen, vielfach verlernt... er muß es wieder lernen. böse ur aus rausch ürzen. Kinder innen, Abbild 151 152 II. Ja, Ehrfurcht lernen, dran er steigt und fällt, zu Sternen blüht, in Staub und Moder sinkt, Ehrfurcht vor Geist, der frei und unbedingt die Wahrheit an die weiten Himmel stellt und uns die Rätsel dieser Welt erhellt ,. Ehrfurcht vor Kunst, die zur Vollendung dringt, und vor der Seele, die ein Opfer bringt. hier für ein Du und dort für eine Welt, Ehrfurcht vor Herzen auch, die schuldlos weinen, vor Tod, vor Alter, das ihm schon gehört, vor allem Urgeheimnis blauer Gründe, - wo Leben keimt und wieder heimwärtskehrt und endlich vor der Mutter und dem Kinde, drin Ur und Geist sich abzuspiegeln scheinen.