Appell. Einer.. Erinnerung Der Block.... 7 Soutanen fielen.... 26 9 Kamerad sein 28 11 Ein Pole... 29 12 Der Capo. 30 Der Marterpfahl 14 Invaliden nach 1941... 31 Der Trommler 15 Transport. 33 Auf der Flucht erschossen. 18 SS- Spuk.. 35 Hunger.. 19 Wir müssen singen 37 Typhus. 23 Wir schreiben 38 Der Moor- Expreß 24 Kette der Tage 39 ei APPELL Zwölftausend Mann zum Appelle da stehn, wer hat je zwölftausend Köpfe gesehn, ganz kahl geschor’n?.- Zwölftausend Mann tragen gleiches Kleid, grau-blau gestreift, zwölftausend Mann tragen gleiches Leid, das sie gereift.- Und über dem Platz liegt, wie in der Luft, ein hartes Muß, sie ist wie aus grauem Stahl, diese Luft, schwer, wie ein Schluß- als sei dieser Platz mit Leere gefüllt, unheimlich tot— als sei dieser Platz in Grauen gehüllt und innre Not.- 8 Zwölftausend Mann zum Appelle da stehn, ich habe zwölftausend Köpfe gesehn, ganz kahl geschor'n.- Zwölftausend Mann zum Appelle stehn, die in die sinkende Sonne sehn, Sonne so rot.- Wolken, sie ziehn am Himmelszelt, farbig schöne Gebilde- ziehn in die weite freie Welt, über blüh'nde Gefilde- Schwalben zwitschern im Fluge dahin, flüchtig, wie unsre Gedanken, mit ihnen flattert unstät der Sinn, wenn auch die Kniee uns wanken.- Zwölftausend Mann zum Appell wir stehn und in die sinkende Sonne sehn, Sonne so rot.- Zwölftausend Mann zum Appelle stehn, die in die steigende Sonne sehn, Sonne so rot.- Vor allen liegt grau ein grauer Tag düsterer Schreckensgebilde, und trotz der Sonne, dem Vogelschlag und trotz aller Lüfte Milde erschauern wir bei dem roten Schein, der alles morgendlich badet, denken: das kann unsre Kugel sein, die jener Posten dort ladet.- Zwölftausend Mann zum Appell wir stehn und in die steigende Sonne sehn, Sonne so rot.- Zwölftausend Mann zum Appelle stehn, die alle ganz starr nach gradaus sehn, schweigend und stramm. - Keiner darf flüstern auch leis nur ein Wort, Stille herrscht auf dem Platze- es liest die SS den Tagesrapport, endend in einem Satze: ,, Elftausendneunhundertneunzig und drei sind zum Appelle getreten- zwölf Abgang durch Tod- und in Arbeit zwei- das Ganze: ,, Weggetreten!" Zwölftausend Mann vom Appelle gehn, die alle ganz starr nach gradaus sehn, singend und stramm.- EINER Siehst du den Mann dort schwankend stehn?- so bleich ist sein Gesicht, er schleppt sich hin, er kann kaum gehn- so mager hab ich nie gesehn und elend ein Gesicht.- Wir stehen stramm, die Mützen ab, die Augen rechts gericht', 9 10 da seh ich ihn-- wie aus dem Grab erscheint mir sein Gesicht.- Er schwankt- es fängt ihn keiner auf- er stürzt so hart und dumpf, macht weit den Mund, die Augen auf, dann zuckt ihm Glied und Rumpf- die Hände fassen irgendwo ins Leere- angstverkrallt, dann fällt der Kopf zur Seite- so- ganz schlapp- die Züge alt.- Er zuckt nicht mehr- er liegt ganz still, die Augen aufgesperrt, wie einer, der es wehren will, daß man ihn fortgezerrt.- Wir stehen stramm, die Mützen ab, die Augen fern und weit-- der dort sank eben in sein Grab als einer ,, Rührt euch!" schreit.- Mir ist um Herz und Aug so weich, ich seh den Mann dort, tot und bleich- ... wie leer ist sein Gesicht... gestrichen ist daraus die Zeit und doch hörst du - - der Tote schreit, der Tote schreit: ,, Gericht!"- ERINNERUNG Man gab ihm das Bild seiner toten Frau- stumm hat er es angeschaut- er schwankte, sein Antlitz wurd fahl und grau, tot war nun sein Liebstes, tot seine Frau-- Stumm hat auf das Bild er geschaut.- ,, Fünf Minuten, nicht länger, verstanden, heh?- Saujud, hast du mich gehört?"- Oh, ich sehe noch alles vor mir, ich seh' diesen Mann, dessen Haare weiß wie der Schnee- und weil ich ganz dicht und ganz neben ihm steh', hat es mir die Seele verzehrt.- - ,, Du heulst wohl, weil deine Hure verreckt?- Wirklich, die Judensau heult!"- Tief wurde mir da die Seele erschreckt, ich hab' vor dem Alten mich aufgereckt, er war hinter meinem Rücken versteckt- fast hätte auch ich geheult.- 11 12 DER BLOCK ,, Der Block", so nennt man die Baracke, darin viel hundert Männer schlafen ,, der Block", so nennt man die Baracke, in der uns die Tyrannen strafen.- Tyrannen? Ja- Tyrannen! - Kein König hatte solche Macht wie sie, die hier die Herrschaft führen- sie quälen uns bei Tag und Nacht und lassen ihre Herrschsucht spüren.- Blockältester sein, das heißt: Tyrann, Tyrann, der ohne Gnade richtet, der strafet wie er will und wann, wenn einer Schuld er uns bezichtet.- Schuld findet er leicht, zu jeder Zeit, denn alles ist uns ja verboten, er findet sie und ist erfreut, spickt seine Schläg' mit Fluch und Zoten.- Genug ein Tropfen am Geschirr, - - genug ein Bett, nicht gut ,, gebaut", er schreit und tobt wie wild und irr, schaut gar nicht hin, wohin er haut.- Es kommt auf seine Laune an- vielleicht hat heut er schlecht geschlafen- er sagt, er sei ein guter Mann und würde ungern nur uns strafen.- Und seine Nerven sei’n zerbrochen von langer Haft und das und dies--- jedoch nie hat er laut gesprochen, wenn der SS er Achtung wies.- Da konnt’ er keine Nerven haben, nie schrie er da, noch schlug und trat, trotzdem sie ihm viel Anlaß gaben zu einer solchen Nerventat.- Da war er angstvoll, still und klein- - da wagte er zu atmen kaum- doch gegen uns war er gemein und schrie von Meldung, Bock und Baum.- Und so wie er sind auch die andern, die Stubenält’sten- gleicher Schlag- sie ließen viel’ ins Jenseits wandern und wüteten so, Tag für Tag.- Sie sind die Schuld von vielem Sterben, manch einer hing sich selber auf- sie schlugen unser Ich in Scherben und-- heut sind sie noch stolz darauf!—- „Der Block“, so nennt man die Baracke, darin viel hundert Männer schlafen- „der Block“, so nennt man die Baracke, in der uns die Tyrannen strafen.- Tyrannen?- Ja- Tyrannen!-: 13 T: 1} DER MARTERPFAHL „Baum‘‘ nennen sie jenen Marterpfahl, 7 dran hilflos das Opfer hängt, die Arme hinten, zu größrer Qual, hängt er so herab vom Marterpfahl, Kopf und die Stirne gesenkt.- 3 Des Körpers schweres, ganzes Gewicht zerrt an dem verrenkten Arm, 5 Schweiß rinnt herab, bedeckt das Gesicht— der SS-Mann grinst dazu und spricht: „Na, Hund, wird’s dir endlich warm?-- Der Schweiß rinnt in Strömen, rinnt und rinnt; es schmerzt, daß viele laut schrein, wie Tiere, die am Verenden sind- die Schmerzen machen sie toll und blind, sie können nur stöhnend schrein.— Und die Folter dauert in Ewigkeit;- F der SS-Mann raucht vergnügt.- \ 5 Wer ermißt diese lange Spanne Zeit?- Eine Stunde- zwei Stunden- Ewigkeit— es scheint, daß das Zifferblatt lügt.— a a re Wenn einem die Sinne geschwunden sind, sein Kopf auf die Brust ihm bricht, sieht es der SS-Mann, stürzt hin geschwind, schlägt ihm die Faust ins Gesicht- und er zerrt an dem Körper und schaukelt ihn, freut sich, wenn ihn neue Schmerzen durchglühndas heißt in Dachau: ,, Gericht".- Wenn von den Händen die Stricke gelöst, so sinken sie schlaff herab- sie sind wie gestorben, nicht wie erlöst, und man fühlt es nicht, wenn man an sie stößt- ganz fremd hängen sie herab.- Zehntausende hingen am Marterpfahl, zehntausend litten die gräßliche Qual, zehntausend schrieen gequält wie ein Tier, Zehntausende haßten die Welt dafür... - die Welt? O nein, Deutschland haẞten sie nur, höhnten: ,, Das also ist Deutschlands Kultur?"- Und sie spieen hoch im Bogen aus auf das, was einstens ihr Vaterhaus: auf Deutschland.- DER TROMMLER Die Trommel klingt dumpf- unheimlicher Ton- zwölftausend Mann still- lauschend stehn.- Er schreitet daher, ein Schild voller Hohn ist ihm auf dem Rücken zu sehn. - Er rührt mit unheimlich düsterem Schlag die Stöcke der Trommel, so groß- es klingt, als sei sein Herz dunkel und zag in seinem so traurigen Los.- 15 So schreitet er alle Reihen entlang, er, der jüngst dem Lager entfloh- zwölftausend Mann stehen- jedem ist bang-| die SS grinst höhnisch und roh.—| | Es haben die Häscher ihn eingebracht, gefangen, geschlagen, gequält->. sie haben über sein Elend gelacht| und die Schläge nicht erst gezählt.—>» Jetzt wartet auf ihn der Prügelbock- und zwölftausend Mann soll’n es sehn— die SS steht da mit dem Ziemer-Stock, den sie lachend in Händen drehn.— Und es dröhnt die Trommel, dröhnt schaurig auf, hallt wider von jeder Wand- nichts hemmt nun mehr des Geschehens Lauf, keines Schicksals kräftige Hand.- Jetzt nehmen sie ihm schon die Trommel ab und krempeln die Ärmel sich hoch...- I. rings liegt ein Schweigen, wie tief aus dem Grab... | nur der Zorn steigt in allen hoch.- Nun geht er zu jenem schändlichen Ding, zu der Strafbank der Barbarei...-—- Horch, was da das Echo der Wände fing- war das nicht ein menschlicher Schrei?- 1 Was ist dort geschehn?- Der Stock, er entsinkt, sinkt dem Henkersknecht aus der Hand...- Schaut hin, die Dachauer Erde, sie trinkt- ja, es trinkt wieder Blut der Sand.- Da liegt er, der Trommler, und rührt kein Glied, alle Qual ist für ihn vorbei- er trommelte dumpf sich sein Leichenlied, riẞ die Halsader sich entzwei.- Er löste vom Schuhe das Eisen los eh einer es hindern gekonnt, seine Schmach und Qual war übergroß und er starb, ein Held unsrer Front.- Hohn sprach der SS er durch seinen Tod, er nahm ihr den Stock aus der Hand, er färbte die Dachauer Erde rot- heute siehst du nichts mehr im Sand.- Still trugen sie dann seine Leiche fort, zwölftausend Mann atmeten schwer- es sprach nicht einer auch nur ein Wort, rot malte der Himmel die Wolken dort, und zwölftausend Mann marschierten vom Ort- der Appellplatz war wieder leer.- Seither, so oft eine Trommel ich hör, höre ich den schaurigen Ton- stets wird mir dann wieder so bang und schwer, zwölftausend Mann stehen rings um mich her und ein Tag, der lang schon entflohn.- 17 18 . AUF DER FLUCHT ERSCHOSSEN Viele konnten die Qual nicht mehr tragen, sie warfen ihr Leben weg!- sie schritten hin, wo die Türme ragen, sie gingen langsam den Weg.- Sie schritten über die Linie hin, die„Postenkette‘ genannt:; - Freiheit durch Tod!- das war längst ihr Sinn, B} sie schauten nach rechts, nach links nicht mehr hin, geradeaus nur, unverwandt.— Es hielt sie niemals einer zurück, auch die SS ließ sie gehn;- wir Kameraden senkten den Blick---—- vielleicht war der Tod noch einzig das Glück- Wir ließen es stumm geschehn.— Der Posten stand, das Gewehr schußbereit,= rief keinen Kommenden an- so war es SS-Brauch seit langer Zeit, der Weg aus dem Heut in die Ewigkeit,| frei stand er für jedermann.— a. Wessen Fuß über jene Grenze schritt, die zwischen den Posten lag,% der wußte: mit jedem weiteren Tritt kommt der Tod und bringt mir die Freiheit mit, kommt mir der Erlösung Tag.—: Und der Posten hob langsam das Gewehr, manchmal auch hoben es zwei- doch der Wanderer schaute gar nicht her, das Herz war ihm leicht und doch so schwer, so schwer wie graues Blei.— Dann bellten die Schüsse über das Land- und manchmal ein Todesschrei;— Der Wanderer sank hin auf den dürren Sand, es zuckte ein wenig noch seine Hand, und dann— war alles vorbei. HUNGER Das Brot ist rar, ist unser Gold,: nehmt alles hin, habt was ihr wollt, wir werden alles geben, denn Brot ist unser Leben!— Was sonst man uns gibt, würd’ verhungern uns lassen, es hat weder Kraft noch Gehalt, es macht uns die Wangen verfalln und verblassen und beugt uns des Körpers Gestalt.— 2: Das, was uns einzig noch aufrecht hält, ist das Brot, die dreihundert Gramm;- es ist zu wenig, jeder verfällt, der gestern noch blühend und stramm.- Und die, die ganz elend und hungrig sind, die flehen in ihrer Not: „Kamerad, gib mir ein Stück Brot!‘- 19 20 Doch sie sprechen alle in leeren Wind, weil ja alle, alle so hungrig sind, denn Brot wiegt schwerer als Gold.- Das Brot ist rar, ist unser Gold, nehmt alles hin, habt was ihr wollt, wir werden alles geben, denn Brot ist unser Leben!- ,, Kamerad, ich leide des Hungers Qualen, Kam'rad, erbarme dich mein- o gib mir deine Kartoffelschalen, kann es dein Brot nicht sein!"- So sagen viele und betteln und gehn, von Hunger halb irr ist ihr Blick, so habe ich viele hundert gesehn, die früher in Wohlstand und Glück.- Und die, die so elend und hungrig sind, die betteln in ihrer Not: ,, Kam'rad, ist es kein Stück Brot, genug, wenn Kartoffelschalen es sind, denn Brot wiegt schwerer als Gold."- Das Brot ist rar, ist unser Gold, nehmt alles hin, habt was ihr wollt, wir werden alles geben, denn Brot ist unser Leben!- Und weil der Hunger zu wild und zu groß, so wird aus dem Menschen ein Tier- er will nicht ertrinken in seinem Los und alles in ihm wird zur Gier.- Die Augen erspähn nur, was eßbar ist: Essen- essen nur denkt das Hirn:-% der Mensch wird ein Tier, das säuft und das frißt, mit der Schwäche Schweiß auf der Stirn.— Und die, die so elend und hungrig sind, die betteln in ihrer Not: „Kam’rad, ist es kein Stück Brot, genug, wenn Kartoffelschalen es sind, denn Brot wiegt schwerer als Gold!“- Einmal nur satt sein, ein einzig Mal nur, ganz gleich wovon, gleich auch wie!--- Das Auge erspäht einer Beute Spur, voll Gier, wie ein raubendes Vieh.— Einmal nur satt sein!— was dann kommt, ist gleich, danach wird er nicht mehr fragen- einmal nur satt sein!— dann ist er reich, dann mögen sie ihn erschlagen.- Und er, der so elend und hungrig ist, er bettelt in seiner Not: „Kam’rad, ist es kein Stück Brot— wenn du die Kartoffelschalen nicht ißt--- gib sie- mir sind sie wie Gold!“— Er hat einem andern das Brot gestohlen, hat es heimlich, voll Gier verschluckt— man suchte das Brot bei Deutschen und Polen, 21 22 bis den Dieb man fand und bespuckt.- Der Brotdieb, der andern das Leben stahl, kein Erbarmen war für ihn da, sie gönnten ihm alle den Schmerz, die Qual und jeder schlug ihn, der ihn sah.- Und er, der so elend und hungrig war, der bat sie in seiner Not: ,, Kam'raden, schlagt mich nicht tot!- Ich stahl, weil halb irr ich vor Hunger war." Doch sie schlugen den Brotdieb tot.- Das Brot ist rar, ist unser Gold, weh, wenn Brot einer stehlen sollt', kein Pardon wird gegeben, denn Brot ist unser Leben!- Der Hunger geht weiter, er bleibet nicht stehn, frißt uns Gedärm und Gedanken- viele Brotdiebe habe ich sterben gesehn und viele Verhungernde wanken.- Viele von uns wurden schwach und schlecht, der Hunger fraß ihre Seelen: für Brot dienten sie der SS als Knecht und mußten uns dafür quälen. Und sie, die nun gar nie mehr hungrig sind, verstehen nicht unsere Pein, schlagen mit Knüppeln darein, sie sind gekauft, ihr Herz wurde blind, denn-- Brot wiegt schwerer als Gold.- TYPHUS 1943 Er schleicht durch das Lager und haucht dich an, sein Kuẞ läßt die Stirne erglühn.- Hüt dich vor ihm, ja hüte dich, Mann, ich sah den Tod mit ihm ziehn!- Der Typhus kam- wie Gewitter hing er über dem Lager her.- Und als der Typhus wieder ging, waren 200 Betten- -- -- leer. 1945 Er schleicht durch das Lager und haucht dich an, sein Kuẞ läßt die Stirne erglühn. - Hüt dich vor ihm, ja hüte dich, Mann, ich sah den Tod mit ihm ziehn!- Der Typhus kam- wie Gewitter hing er über dem Lager her.- Und als der Typhus wieder ging, waren 12000 Betten--- leer. 23 DER MOOR-EXPRESS Was sind das für Pferde- welch traurig Gespann?- Achtzehn Mann.- Sie ziehen den schweren Wagen vom Fleck,| über die Wege voll Steine und Dreck, sie ziehen an Tauen, keuchend und schwer, wogend die Brust und den Magen so leer: die Menschen als Pferde, welch traurig Gespann:} achtzehn Mann.- Was sind das für Pferde- welch traurig Gespann?- Achtzehn Mann.— Im Regen sehe ich watend sie ziehn und frühmorgens schon beim Sonne-Erglühn, im Schneegestöber sehe ich sie gehn, bei Hitze und eisiger Winde Wehn, Pferde ohne Decken, welch traurig Gespann: achtzehn Mann.— Was sind das für Pferde- welch traurig Gespann?- Achtzehn Mann.— Sie schleichen müde und schleppend dahin, wie schwer an den dicken Tauen sie ziehn- und welch ernste Miene ein jeder trägt.— Lauter Pfarrer sind es, wenn man sie frägt, verwendet als Pferde, welch traurig Gespann: achtzehn Mann.— Was sind das für Pferde- welch traurig Gespann? Achtzehn Mann. Die Posten gehn lachend daneben her, im Gürtel Revolver, im Arm Gewehr, bewachen den Schimpf, den Deutschland ersann, da vor schwere Wagen es Menschen spann, die Menschen als Pferde, der SS Gespann: achtzehn Mann.- Was sind das für Pferde- welch traurig Gespann?- Achtzehn Mann.- Und wenn einmal einer kommt und sie frägt, warum solche Last ihnen auferlegt, dann sagt die SS: ,, Die Pferd' sind im Stall, doch sie wollen selbst ziehn, auf jeden Fall; so sind die Häftlinge"- seltsam Gespann: achtzehn Mann.. - Was sind das für Pferde- welch seltsam Gespann?- Achtzehn Mann.- Und wenn durch das Moor der Wagen so müd hinzieht, wie von Wolgaschleppern das Lied, dann sagen- um nicht zu weinen- wir keẞ: ,, Hast du ihn gesehn, unsern Moor- Expreß?"- Kam'raden als Pferde, welch traurig Gespann: achtzehn Mann.- 25 SOUTANEN FIELEN... Soutanen fielen, die Würde verschwand, wie nackt, wie bloß waren sie— die Fehler verbarg nun kein heilig Gewand- das verzieh man ihnen nie.- Wie war dieser Propst so ekelhaft feist- und wie gierig aß jener Dekan;- wo ist nun der Herren hochrühmlicher Geist bei des Hungers erstem Nahn?- Ist der Priester ohne den Priesterrock, ist’s ein Mensch, wie ich und du, enthüllet von Nimbus und Priesterrock, ist er so wie ich oder du.- Nur was er tiefinnen sein Eigen nennt, ist, was ihn erheben kann, ist das, was als Priester ihn anerkennt, als-heilig wandelnden Mann.- Auf, auf, ihr Priester, nun weist, wer ihr seid- jetzt zeigt euern Hirtenbrief!— Tut euch nicht der ärmere Bruder leid, der euch um Erbarmen rief?— Sie denken nur noch an Essen und Brot, auch nachts auf dem Sack von Stroh, versinken in ihrer äußeren Not, die Seele denkt nur an Brot und Brot, singt nicht mehr Psalmen so froh.- Da sagen viele, Verachtung im Ton: ,, Die Pfaffen, das schwarze Pack- man kennt sie, so waren sie früher schon, man riecht der Hölle Geschmack." - Alle trifft so, was nicht allen gebührt; sind Priester von innen her, die haben anders ihr Leben geführt, ihr goldenes Wort hat manchen gerührt, ihre Hand war niemals leer.- Deren Seele ist nun das Meẞgewand, ihr Geist das heilig Gerät, sie gehen still strahlend über das Land, gehen demütig durch der Zungen Brand und haben Liebe gesät.- Solche Soutane verblich keine Zeit, sie strahlte mehr denn zuvor;- voller Vertrauen, in schwarzem Leid, nahte ihnen, die ohne Ordenskleid, der Gläubige beichtend dem Ohr.- Der Priester strahlte, der Pfaffe verblich, der tote Worte gelehrt, der geistwahre Priester stand königlich, und all seines Elendes Makel wich von ihm er blieb unversehrt. - 27 Denn Priester ist der, den der Geist beruft, den Gott, der Herr, selbst entlohnt- um ihn weht heilig des Ewigen Duft, wen solch ein Priester zu Göttlichem ruft, der fühlt, daß Gott in ihm thront. KAMERAD SEIN- Kamerad, das ist ein sehr schönes Wort, doch es sein, das ist tief und schwer- es hat einen Sinn, wie ein goldener Hort, doch jeder gebraucht es an jeglichem Ort, nun ist es verbraucht und ist leer.- Kamerad sein ist viel, ist wie ein Freund, der stützt, der hilft und der trägt- wer hier sich Kamerad nennt, ist nicht dein Freund, ist einer, der schreit und der schlägt.- Kamerad, das klingt in den Ohren uns schlecht, wie ein übel erdachter Scherz- drauf haben nur wenige Anspruch und Recht, denn nur wenige haben ein Herz.- Sie nennen sich Kamerad, doch sie können's nicht sein. --Kamerad sein heißt: Mensch sein. 28 Die alles verloren, verloren das Menschsein auch. EIN POLE Was ist geschehen- wem hat man geschlagen die Faust ins Gesicht und in den Magen- wen hat man getreten wie ein Vieh, daß er so laut und so gräßlich schrie?— Scheu schaun sie sich um und sehn sich vor— es geht ein Flüstern von Ohr zu Ohr;- N doch dann erlischt jeder Teilnahme Spur,| 5 sie zucken die Achseln: ‚Ein Pole nur.‘—| | N Was ist geschehen- wer schwankt da einher, | tiefliegend die Augen, den Blick so leer, | gesunken die Wangen, nur Haut und Bein?— Es kann nur ein Halbverhungerter sein.- Scheu schaun sie sich um und sehn sich vor, leis geht es fragend von Ohr zu Ohr;— ER doch dann erlischt jeder Teilnahme Spur, sie zucken die Achseln: ‚Ein Pole nur.‘— Was ist geschehen, wer liegt denn dort, rührt sich kaum mehr, lallt nur noch ein Wort?- Aus seinem Munde da quillt es rot--- geht nicht mehr hin, der Mann ist ja tot!- Scheu schaun sie sich um und sehn sich vor, leis geht es fragend von Ohr zu Ohr;- |. doch dann erlischt jeder Teilnahme Spur, | sie zucken die Achseln:„Ein Pole nur.‘- 30 DER CAPO Wer Capo ist mit gelber Binde, der hat zu allem Recht, hat Recht, daß schlage er und schinde, genug: hat er die gelbe Binde, hat er zu allem Recht.- Ist das ein Häftling?- wie geht er so stolz!- Was soll in der Hand ihm der Knüppel von Holz?- - Wie er tritt die andern in gleichem Gewand?- Wer ist dieser Häftling mit schlagender Hand?- Wer gibt ihm das Recht, sich so zu benehmen?- Er müßte sich vor sich selbst doch schämen, daß er, der den roten Polit- Winkel trägt, Sklavenvogt der SS Kameraden schlägt!- ,, Sei still, Kamerad, das ist unsre Schmach- und ihr zu begegnen sind wir zu schwach; der gestern Kam'rad war, der gestern noch litt, schwingt heute den Knüppel und schlägt uns und tritt!- Wer Capo ist mit gelber Binde, der hat zu allem Recht, hat Recht, daß schlage er und schinde, genug: hat er die gelbe Binde, hat er zu allem Recht."- INVALIDEN- NACH 1941 Wer krank ist und wer sonst Gebrechen hat, soll sich melden zum Abtransport.— Das ist des Reiches neueste Tat, es sorgt für sie der große Staat und schickt sie an besseren Ort.— Es kommen Ärzte vom Militär — Gestapo ist auch dabei— prüfen der Invaliden Beschwer, ‚schreiben sie auf, von Tag zu Tag mehr: „Erholung- und dann- geht ihr frei.‘— Es drängt sich alles zu solchem Glück, jeder-sucht Gebrechen hervor: dem fehlt vom Finger oben ein Stück, der andre sieht schlecht, halb blind sein Blick, dem dritten bleibt der Atem zurück- und sie drängen sich täglich vor.- Viel hundert Mann sind so ausgesucht, sie gehen voll Freude fort, für sie scheint es wie geglückte Flucht, sie haben sich die Freiheit gesucht— im Lager werden sie abgebucht und sie gehen auf Transport.—- Man läßt ihnen nur ganz dünnes Kleid, man zieht ihnen alles aus.— Sie fahren in Autos, es friert und schneit, 3l 2 sie fahren sehr lange, der Weg ist weit, fahren hinein in bessere Zeit, denn bald kehren sie nach Haus.-- Die Zeit vergeht, Tag für Tag rollt hin, nichts hört man von dem Transport.- Uns wird ganz seltsam zweifelnd zu Sinn, wir lauschen nach allen Reden hin, es heißt, sie sind in Österreich drin, an einem schöneren Ort.- Da kommen Fragen, im Brief gesandt, an Vater, an Vetter, versteckt;— es schreibt der Mutter zitternde Hand: „Wie geht es Karl, der lang nichts gesandt, ob irgend etwas von ihm bekannt‘— doch die Fragen sind gut versteckt.— Lang blieb alles dunkel, was denen geschah, _ doch dann kam’s von überall her, da hörten wir von ferne und nah: der soll tot sein und auch dieser da— und manchmal in einer Zeitung sah man: auch der lebt nicht mehr.— Doch weiter ging Transport auf Transport, die Gesichter waren nun bang-, es sehnte sich keiner mehr hier fort, es graute jedem vor dem Transport, unheimlich war der geheime Ort, unheimlich der dunkele Gang.- Und wer auch ging, der kam nie zurück— man sprach von Kammern mit Gas.- Der Erstickungstod, das war das Glück--- die Menschen gemordet, Stück für Stück, wie Vieh, mit kaltem Rechnerblick- so sparte man Kleidung und Fraß.- Was schwach ist, das soll untergehn, hat Nietzsche schon gesagt.— Es wird befolgt— denn täglich sehn wir sie in seinen Spuren gehn; nur wer stark ist, der darf bestehn: weh dem, der schwach und klagt!— Seither verging gar viele Zeit, manch ein Transport verscholl- viel Tausende im Häftlingskleid sind hingemordet vor der Zeit, verschickt in dunkle Ewigkeit- manch Tausend ist schon voll.- TRANSPORT Man führt sie fort, keiner weiß, wohin, x man nennt das Ganze: Transport.— Jedem ist weh und bang zu Sinn und alle brüten sie vor sich hin: Wohin nur, an welchen Ort?- 33 Vielleicht wird es gut sein, vielleicht ist es Glück, vielleicht auch der düstere Tod- vielleicht kommen später einige zurück, krank, invalid, mit todmüdem Blick, riechend nach Eiter und Jod.-.. „Transport“ ist ein grauses, ein düsteres Wort, denn es ist so zukunftsschwer, neu formt sich ein Leben an fremd-fremdem Ort, verscholl’n die Kam’raden, ihr freundliches Wort, die Welt rings feindlich und leer.—| Wie Galeerensklav’” der aufs Meer hinausfährt-- wer weiß, was ihm mag geschehn?- Vielleicht bis der Reisetag wieder sich jährt,_ ist ihm manches Glück, gar die Freiheit beschert- vielleicht tat der Tod ihn mähn.- Man fährt sie fort, keiner weiß, wohin, man nennt das Ganze: Transport.- Von uns ist jedem traurig zu Sinn, denn sehn wir in ferne Zukunft hin:... der Tod fährt mit dem Transport.— | Von allen, die jeweils so von uns gehn, || wie wenige sind’s, die wir wieder sehn... fast keinen mehr.— SS-SPUK Es werden so viele Särge gemacht und innen ausgeteert— sie gähnen wie dunkele Todesnacht, wie tiefer Abgrund, unheimlicher Schacht.— Wohin werden diese Särge gebracht?- Warum sind sie geteert?— Es werden so viele Schüsse gehört- und dann und wann ein Schrei.— Was ist’s, das man heimlich in Autos fährt?— Was ist es, das heimlich man munkeln hört?- Der Schießplatz liegt weit und sehr ungestört, doch hört man Schuß und Schrei.- Leer rollen die Wagen und.langsam zurück- wo ist nun ihre Fracht?- Die SS fährt schweigend mit düsterem Blick, es weht um sie alle wie schwarzes Geschick, sie halten die Waffen und schaun nicht zurück: Wo ist nun ihre Fracht?- Und der Kamerad flüstert ins Ohr mir leis: „Jetzt sind es Särge, geteert, vor Wochen wuschen in Grauen und Schweiß wir die Autos rein, wovon keiner weiß, die waren voll Blut und es fror zu Eis.— Jetzt nimmt man Särge, geteert.—“ 3) 36 Und fast jeglichen Tag, beim Morgengraun, fahren Wagen zum Lager hinaus, die sind rings verdeckt, doch manches Mal schaun aus der Zeltbahn Augen ins Morgengraun, Augen von Männern und Augen von Fraun- Und sie fahren zum Schießplatz hinaus.- Auf funkeln Revolver und Gewehr.. im Nebel verschwindet der Spuk...Wir marschieren langsam hinterher, uns ist um das Herz so zentnerschwer, und später schallen die Schüsse her, und ein Schrei- dann verklingt der Spuk.- WIR MÜSSEN SINGEN Wenn das Kommando ertönt:„Ein Lied!"-— so reißt es den Mund weit uns auf.— Die Kolonne dumpf im Gleichschritte zieht, ganz gleich, ob es regnet, ob Sonne glüht, aus den Kehlen tönt: ein Lied- ein Lied.. doch wir spein im Innern darauf.— Wir singen von Liebe, Lenz und Mai, von des Jägers hold Töchterlein, doch unsere Herzen sind nicht dabei, unsre Herzen sind wund, sind stumpf, entzwei von der Fron, von der Haft, von Tyrannei und wir möchten statt singen: schrein!- Doch wer nicht singt, den trifft Prügel und Faust, der fällt der Bestrafung anheim.- Wir singen von Liebe, während uns graust, wenn tief innen in uns das Elend haust, wenn uns würget des Todes Keim.— „Hört ihr, wie man in Dachau singt?- Gut muß es den Häftlingen gehn!- Wie das den Fuß im Takte schwingt, . wie das so frisch und fröhlich klingt“...- Daß uns dabei das Herz zerspringt, habt ihr nicht gehört, nicht gesehn.-- 31 WIR SCHREIBEN Alle vierzehn Tage einen Brief, auf grad liniertes Papier, alle vierzehn Tage einen Brief schreiben wir.— ‘ Was uns betrifft, ist verboten zu sagen, weder was wir tun, noch was uns geschieht— wenn wir elend sind, wir dürfen nicht klagen, nichts sagen von unsern grau-grauen Tagen, so schreiben wir immer das alte Lied: % „Meine Lieben- ich bin gesund, meine Lieben- es geht mir gut— grüßt mir alle, die Mutter, die Tante, den Hund, seid unbesorgt, ich bin wirklich gesund- und ich hoffe, auch Euch geht es gut.“— KETTE DER TAGE 5 Und ein jeder Tag ist so grau und trüb und ein jeder Tag schleicht dahin- die Tage rinnen, wie Wasser durch Sieb, stehlen sich fort wie ein trauriger Dieb, kaum bleibt uns ein Rest noch von Sinn.- Und ein jeder Tag löscht uns etwas aus, einen Funken in unsrer Brust— Wir sagen nur noch:„die Liebe- das Haus“- doch es klingt nicht echt, das Echo bleibt aus, wir empfinden nicht mehr die Lust.— Ein jeder Tag macht uns stumpfer und matt, Gefühle verdorren im Herz-{ man fühlt nur noch, ob der Magen auch satt, ob heut man noch Kraft zum Ertragen hat, und wir halten Roheit für Scherz.- So stampft jeder Tag unser Ich zur Form, zum nichtssagenden Dutzendstück:.. jeder wird ein Häftling von gleicher Norm, ‘ auch die Seele trägt eine Uniform, nichts fühlend, nicht Leid mehr noch Glück.-, Die Tage fallen, wie Hämmer so schwer und schmieden uns nützlich und platt- es sind schon zuviel und werden noch mehr, die Tage sind grau, sind öd und sind leer dem, der ein Fühlen noch hat.- 39 Und wenn diese Tage verronnen sind, dann wird, wer sie übersteht, einsam und still ragen, ein Baum im Wind, der Welt ganz fremd sein, ein Waisenkind, an dem scheu vorüber man geht.— Denn draußen wird keiner uns ganz verstehn, erkennen wird niemand, warum wir so ganz verändert die Welt ansehn, „ warum so andere Schritte wir gehn: unsre Seele wurd lahm und krumm.- Die Tage haben uns„Gestern“ geraubt und die Tage nehmen das„Heut‘_ es war einmal, daß wir Andern geglaubt, daß wir Ehrfurcht hatten vor weißem Haupt und daß wir uns herzlich gefreut.— Da werden wir sagen:„Die Welt ist dumm, sie kann uns nicht mehr verstehn.“ Wir werden nicht fragen: wieso, warum?— werden allein sein und eben darum tiefer in Einsamkeit gehn.-