Umbruch und erste Haft 4. März 1933. Zwei Tage vor der Reichstagswahl. Aus dem Fenster unserer Wohnung hing eine große rote Fahne. Eine der letzten Fahnen im ,, roten Wedding", dem Berliner Arbeiterviertel mit bisher klarer sozialistischer Mehrheit. Plötzlich: ein Pfeifen vom Hof her. Eine Stimme ruft: ,, Achtung, bewaffnete SA stürmt eure Wohnung!" Wir hatten gerade noch Zeit, Kette und Riegel vorzulegen. Schon prasselten Kolbenschläge gegen die Flurtüre. Stimmen riefen: ,, Aufmachen, ihr roten Hunde!" Wir hatten eine große Wohnung. Die Vorderzimmer benutzte ein jüdischer Genosse, Georg Benjamin, als ärztliche Praxisräume. Es war 5 Uhr nachmittags. Sein Wartezimmer war voll. Die erschreckten Patienten drängten ins Untersuchungszimmer. Eine magere Frau lag entblößt auf dem Untersuchungsstuhl. Zitternd umringten die Leute den Arzt. Er war blaẞ. Was machen wir?" fragte er leise. " Draußen stauten sich die Massen. Es war gerade die Zeit, in der die breite, belebte Straße von den heimkehrenden Arbeitern gefüllt war. Einige tausend Menschen standen da unten, die Gesichter zu unseren Fenstern hinaufgewandt, zu der langen, langsam wehenden roten Fahne. Ich öffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme hinein in die erwartungsvoll schweigende Menge: ,, SA überfällt unsere Wohnung! Helft uns! Holt Polizei!" Die Kolbenschläge dröhnten gegen die Flurtür, 5 Lange Minuten vergingen. Wann würde die Tür nachgeben? - Da Polizei! Sie erreichte unser Haus, stieg die Treppe herauf. Die Kolbenschläge ließen nach, hörten auf. Und nun sahen wir ein Bild, das ich nie vergessen werde: einige tausend Menschen standen dicht gedrängt auf der Straße. Sie sympathisierten mit uns. Sie waren Gegner der Nazis. Sieben SA- Männer schoben sich schwerbewaffnet durch diese Menge, mit ihren Revolvern nach vorne, hinten und Seiten sichernd. Die Menge wich zurück, nicht willig, sie tat es nur knurrend, aber sie wich zurück. Kein Haar wurde den faschistischen Mördern gekrümmt. Tausende wichen vor sieben Mann. - Auf den Straßen marschierte die SA. SA und SS verhafteten Antifaschisten, schleppten sie in Folteroft bis zum Tode In den keller, peinigten sie Arbeitervierteln waren Maschinengewehre aufgestellt, bewaffnete SA patrouillierte, die Arbeiter schlichen niedergeschlagen und unschlüssig durch die Straßen. Gleichzeitig war es die Zeit der Bälle und Maskenfeste: Lachende, festlich geschmückte Menschen, Menschen in Tanzkleidern und mit Larven zogen abends und nachts durch die Straßen. Deutschland tanzte auf dem Vulkan. Ich war damals Referendarin und stand kurz vor dem zweiten Staatsexamen. Ich arbeitete in einem Anwaltsbüro. Mit den beiden Anwälten war ich eng befreundet. Nach meinem Examen sollte ich als dritter Sozius in die Praxis eintreten. So waren unsere Pläne. Die Übernahme der Regierungsgewalt durch Hitler hatte die Pläne in nebelhafte Ferne gerückt. Würde ich mein Examen noch ablegen können? Würden die beiden Anwälte ihre Praxis behalten dürfen? 6 Ende Mai 1933 wurden mein Mann und ich ver- haftet. Einen Schutzhaftbefehl erhielten wir nie. Uns wurde der Grund der Verhaftung nie mitgeteilt. Wir wurden nie vernommen. Erst im Frühjahr 1934 wurden wir entlassen. Über dieses Haftjahr wäre manches zu sagen. Und doch: heute lohnt es sich nicht mehr. Dieses erste Jahr war dem Stimmen der Geigen vergleich- bar. Ich habe das volle Orchesterspiel miterlebt. Ich möchte mich auf den Bericht über dieses Höllen- konzert beschränken. Die neue Freiheit Nach unserer Entlassung begann eine schwere Zeit: Zunächst waren mein Mann und ich arbeitslos. Die Arbeitsämter weigerten sich, uns Arbeit zu ver- mitteln. Die Unterstützung war gering, 9 Mark in der Woche. Für ein möbliertes Zimmer zahlten wir 35 Mark im Monat, für ein kleines Zimmer mit nur einem Bett. Es war schwer, die Freunde der Vergangenheit zu meiden. Wir mußten es tun— in ihrem Interesse und um der eigenen Sicherheit willen. Es war peinlich, zu sehen, daß„Freunde’ unsere Abwesenheit ausgenutzt hatten, um uns alles zu stehlen, was wir besessen hatten: unsere Wohnungs- einrichtung und die Gegenstände des persönlichen Bedarfes. Es war trostlos, nicht nur ihre Weigerung zur Herausgabe anhören zu müssen, sondern auch die Drohung, daß sie, falls wir auf der Herausgabe unserer Sachen beständen, der Gestapo anzeigen würden, daß jüdische Freunde uns während unserer Haft Pakete geschickt hatten. Es war schlimm, die Veränderung meines Mannes zu erleben: Für ihn war das Jahr Schutzhaft nicht so leicht gewesen wie für mich. Er schwieg, auch mir 7 gegenüber, über seine Erlebnisse. Desto lauter sprach seine Veränderung. Er lehnte jede Beschäftigung mit politischen Fragen ab. Er erklärte mir: ,, Die deutsche Arbeiterbewegung ist tot. Lumpen machen die Politik. Wir törichten Idealisten sind immer nur das Kanonenfutter bei den Auseinandersetzungen der großen Räuber. Wir tun gut daran, sie ihre Streitigkeiten allein austragen zu lassen." Es läßt sich in einer Ehe nicht verbergen, wenn man politisch arbeitet. Eines Abends ließ mein Mann mich nicht aus dem Hause. Er verschloß die Tür, packte mich an den Haaren und schlug mich: ,, Du bleibst hier!" --Es war seltsam: ich habe ihm sein Verhalten nicht übelnehmen können. Ich fühlte die dahinterstehende Qual, seine Angst um mich. Eines Tages sagte er: ,, Ich werde dich bei der Gestapo anzeigen! Jetzt bekommst du vielleicht ein oder zwei Jahre Gefängnis. Wenn dieser Blödsinn fortdauert, kostet er dir den Kopf. Du sollst aber leben, mit mir zusammen leben!" Ich antwortete ihm nicht. Drei Tage später zog ich von ihm fort. Die letzte enge persönliche Bindung wurde damit gelöst. Jahre kühler, disziplinierter Einsamkeit begannen: die einzigen Freunde waren die Gefährten der illegalen Arbeit, Menschen, die man nur selten, nur unter Vorsichtsmaßregeln sah. Die Zeit des Zusammenseins galt ausschließlich der gegenseitigen Berichterstattung, der Information, der Sache. Wer diese Seite der illegalen Arbeit, des Lebens unter dem Faschismus nicht selbst mitgemacht hat, kann nicht ahnen, wie schwer sie war. Vor fast allen von uns, die wir illegal arbeiteten, stand dieses menschliche Problem. Manch einer der Kameraden ging durch seine Ehe, durch seine Verwandten, 8 durch eine neue Liebe, dadurch, daß er die Einsamkeit nicht ertragen konnte, der Arbeit verloren. Übrigens hatte ich persönlich es noch verhältnismäßig leicht: Nachdem mein Mann erkannt hatte, daß ich mich nicht zwingen ließ, wurden unsere Beziehungen besser: Wir blieben zwar offiziell geschieden, verbrachten aber manch ein Wochenende, die meisten Ferien zusammen. Vor allem: politisch hat mein Mann sich in den folgenden Jahren einwandfrei verhalten. In einer schwierigen Situation hat er aus meiner Wohnung Material herausgeschafft. In den Jahren, in denen ich außerhalb Berlins lebte, war er bereit, für meine häufigen Fahrten nach Berlin mir ein Alibi zu geben, trotzdem wir uns oft überhaupt nicht sahen. Die vermeintliche politische Hoffnungslosigkeit unserer Lage drückte ihn nieder, wenn er es sich auch nicht eingestand. Die Tatsache, daß ich jahrelang politisch arbeiten konnte, ohne daß die Gestapo die Möglichkeit zum Dazwischenschlagen fand, wurde ihm daher zu einem Trost. Die Anregungen, die ich ihm, dank meiner Zusammenarbeit mit den Genossen, geben konnte, wurden ihm notwendig. Wir sprachen nie mehr von meiner illegalen Arbeit, aber sie war da, als ein Bestandteil meines und seines Lebens. Ein Beispiel: Ich erwarte einige Genossen. Mein Mann ist bei mir. Er hilft mir den Tisch decken. Dann sage ich ihm: ,, Es ist Zeit, du mußt gehen." Und widerspruchslos verläßt er mich. Oder: Mein Mann fährt bereits am Sonnabendnachmittag mit dem Faltboot hinaus zum Zeltplatz, Ich komme, da ich in der Stadt noch zu tun habe, gegen Mitternacht nach. Ein halber Satz klärt zwischen uns die Frage, was den Bekannten über den Grund meines späten Kommens zu sagen ist. 9 Ein ehemaliger Genosse macht über mich abfällige Bemerkungen: ,, Sie wird eine Dame, gehört nicht mehr zu uns. Schade, sie war ein patentes Mädchen!" Mein Mann widerspricht nicht. Umgekehrt, er bestätigt dem Freund, daß ich mich sehr verändert habe. Daß diese Änderung Fassade ist, um mein wirkliches Leben zu verdecken, deutet er mit keinem Worte an. Nicht einmal viele Jahre später, nach meiner zweiten Verhaftung. Er bestätigt die Vermutung seiner Freunde: ,, Die Ober- Vorsichtigen fallen am leichtesten herein! Sie hat Pech, daß sie durch einen dummen Zufall der Gestapo in die Hände gefallen ist." Und trotzdem bleibt er formell bei seiner Ablehnung meiner Arbeit gegenüber. Das drückte sich in gelegentlichem abfälligem Lächeln, in kleinen Bewegungen aus. Es drückte sich darin aus, daß er einen Gedanken, den ich äußerte, ein Buch, das ich ihm empfahl, zunächst ablehnte. Zunächst. Nach Monaten erfuhr ich dann, daß er nicht nur das eine Buch, sondern alles, was von dem Verfasser greifbar war, gelesen hatte, daß er sich mit dem Gedanken auseinandersetzte und sich nun mit mir über die von ihm gezogenen Schlußfolgerungen zu unterhalten begann. Das Arbeitsamt machte mir Schwierigkeiten. Trotzdem war ich nie arbeitslos. Ich wechselte mehrfach die Stellungen. Ich fing an, als Stenotypistin zu arbeiten, was mich sauren Schweiß kostete, denn meine technischen Fertigkeiten waren unzureichend. Ich wurde Mahnbuchhalterin. Dann war ich in einer Fahrzeugfabrik Direktionsassistentin. Auf Verlangen der Gestapo mußte ich entlassen werden. Man ,, hielt" mich jedoch: ich arbeitete für die gleiche Firma als ,, selbständige" Lastwagenund Omnibusverkäuferin weiter. 10 10 Gefahr Ostern 1936, an einem regnerischen, unfreund- lichen Abend gehe ich zu einem Genossen. Ich habe„Material in der Aktentasche. Seine Frau öffnet mir. Meine Brille beschlägt. Die Frau weint. Sie bittet mich um Entschuldigung, daß sie„meinen Rock nicht fertig gemacht habe‘. Ihr Mann sei heute früh verhaftet worden. Da habe sie keine Zeit und keine Gedanken zum Nähen gehabt. Ich verstehe: Gestapo ist in der Wohnung. Eine hoffnungslose Lage, die diese kleine Frau tapfer und listig zu meistern versucht. Ich spreche ihr Trost zu und verabrede einen neuen Termin zur Anprobe. Zwei Gestapo-Beamte beobachten uns. Ich tue so, als ob ich sie nicht sähe, öffne meine Handtasche und gebe dem Jungen Bonbons. Ich verabschiede mich und steige die Treppe herunter, überzeugt, daß jeden Augenblick meine Verhaftung erfolgen werde. Ich gehe auf die Straße, ich sehe die Straße hinauf und hinab— nichts. Ich gehe die Straße herunter, ich mache viele Umwege, ehe ich mich nach Hause wage. Nichts erfolgt. Ich wurde nicht beobachtet. Ich bleibe frei. Rudi Weinberg In jener Zeit war einer meiner treuesten Freunde Rudi Weinberg, Sohn des 1931 verstorbenen sozial- demokratischen Rechtsanwaltes Siegfried Weinberg. Rudi Weinberg war wie ich 1933 Referendar. In den wirtschaftlich und menschlich sehr schweren Jahren nach meiner Haftenlassung hat er mir viel geholfen. Wirtschaftlich: unter Entbehrungen legte er von seinem Verdienst monatlich’50 bis 100 Mark beiseite. „Dein Geld‘, sagte er mir. Damit ich mir das Leben bequemer machen, mir Freizeit zum Lesen, Nach- denken und zu politischer Arbeit sichern könnte, damit ich nie zu hungern brauchte. Es war dies der Beginn seiner„Beitragszahlung‘” an unsere Gruppe. 11 - Rudi Weinberg war ein Mensch, für den nur die politische Aufgabe existierte. Nichts anderes hatte daneben Gewicht. Ein Spaziergang durfte nur gemacht, ein Theater nur besucht, ein Buch nur gelesen werden, wenn es politisch förderlich war. Sein eigenes Geld betrachtete er als unser Geld. Er gab es wie ein sorgsamer Verwalter für eigene Zwecke nur aus, soweit dies unbedingt notwendig war. Rührend waren die elenden Schlipse, die schäbigen Hemden, die er sich von seinem Gelde allein zu kaufen wagte. Rührend waren auf meinen Rat seine Versuche ,, zur Lebensfreude um der politischen Leistung willen", Versuche in Gestalt kleiner, schäbiger Blumensträuße, die gelegentlich auf seinem Arbeitstisch auftauchten. Bewundernswert war seine Tageseinteilung; 8 Stunden Fabrikarbeit, 2 Stunden Fahrzeit, 1 Stunde für Essen, Waschen und sonstige notwendige Verrichtungen, 6 Stunden Schlaf, 7 Stunden politische Arbeit, lesen, schreiben. Am Sonntag: 2 Stunden Spaziergang und statt der Fabrikarbeit politische Arbeit. Es existierte für ihn nichts, was Gewicht hatte, außer dem Kampf für den Sozialismus. Nachdem Rudi Weinberg die juristische Ausbildung versperrt war, ging er in einer Schlosserei in die Lehre. Später arbeitete er als Werkzeugmacher in einem Betrieb. Mit einigen sozialistisch eingestellten Arbeitern hielt er die Verbindung. In seiner Freizeit arbeitete er an einer Untersuchung über die Verflechtung der deutschen Konzerne und deren Beziehungen zu den politischen Spitzen. Er war davon überzeugt, daß ich politische Verbindungen hätte. Er beschwor mich, ihn mit meinen Freunden zusammenzubringen. Er drohte, er werde sich das Leben nehmen, wenn ich ihm seinen Wunsch nicht erfülle. Er wurde uns ein treuer Mitarbeiter. 12 1938/39 hatte seine Mutter alle Papiere zur Ausreise nach Australien zusammen. Er lehnte es ab fortzugehen. Seine Mutter wollte sich von ihrem einzigen Sohn nicht trennen. So blieben beide in Deutschland. Schwangerschaft Im Frühjahr 1937 ging es mir sehr gut. Ich fühlte in mir eine seltsame Zärtlichkeit zu mir, zu der Welt, eine gesteigerte Lebensfreude. Ich war in heiterer, gehobener Stimmung. Ich erwartete ein Kind. Zu meinem Mann war ich zärtlich, ganz gegen alle Gewohnheit. ,, Wie ein junges verliebtes Mädchen", meinte er lachend. Ich wußte, daß ich kein Kind haben durfte: Berufsarbeit, politische und wissenschaftlich- politische Arbeit beanspruchten alle Zeit. Mit einer Verhaftung mußte ich jederzeit rechnen. Der Vater des Kindes war unpraktisch und nicht in der Lage, allein ein Kind zu erziehen. Meine Angehörigen waren Nazis. Ihnen hätte ich mein Kind nie überlassen mögen. Es blieb nur ein Ausweg: seine Geburt zu verhindern. Ein Eingriff bedeutete Schmerzen, Gefahren. Die Schwangerschaft war gegen unseren Willen eingetreten. Und doch freute ich mich von ganzem Herzen über sie. Staunend lernte ich mich selbst von einer ganz neuen Seite kennen: Mit einer mir unbekannten Leidenschaft begehrte ich dieses Kind, das nicht geboren werden durfte, liebte ich den Mann, der es mir geschenkt hatte, liebte ich mich, weil ich es trug. Ich ging zu einer Ärztin. Ich bat sie, einen Eingriff vorzunehmen. Sie lehnte ab, redete mir gut zu, das Kind auszutragen. Ich sagte ihr: ,, Ich begehre das Kind. Aber, ich habe Pflichten. Ich bin ein entwickelter Mensch, der etwas bedeuten kann. Ich habe zu wählen zwischen meiner Leistung und der 13 noch unbekannten Leistung meines Kindes. Ich habe mich zugunsten meiner Leistung entschieden." Sie widersprach nicht mehr. Wir verabredeten, daß sie den Eingriff in meiner Wohnung vornehmen würde. Wir vergaßen es, einen ,, Preis" zu vereinbaren. Während der Operation nahm sie die Narkosemaske ab, wohl weil ich mich zu stark erbrach. Ich fühlte das Bohren in meinem Körper. Ich stöhnte. Sie sagte: ,, Es ist gleich vorbei!" Ich hätte schreien mögen: ,, Nie wird es vorbei sein. Nicht der körperliche Schmerz tut weh! Mein Kind ist tot. Der Schmerz um dieses Kind vergeht nie!" Ich biẞ die Zähne zusammen und schwieg. Um diesen Schmerz durfte sie nicht wissen. Kriegsbeginn 1. September 1939. Ein warmer Spätsommersonntag. Mein Mann und ich trinken in einem Waldgasthaus Kaffee. Der Rundfunk gibt die Meldung durch: Die deutschen Truppen marschieren in Polen ein. England und Frankreich haben Deutschland den Krieg erklärt. Wir treten aus dem Gasthaus auf die Landstraße. Ein Radfahrer steigt ab und fragt uns nach dem Weg. Statt ihm zu antworten, gebe ich die eben gehörte Meldung wieder. Er sieht uns an, atmet tief: Dann hebt er den Kopf. Seine Augen sind hart. ,, Gott sei Dank! Nun endlich! Wir waren nicht fähig, mit den Faschisten fertig zu werden! Jetzt kommt ihr Ende!" Er schaut uns mit finsterem Jubel an: ,, Und wenn wir alle dabei zugrunde gehen: Gott sei Dank!" Plötzlich ist es, als ob er sich erinnere, daß die Faschisten noch herrschen, daß man in Deutschland seine Meinung nicht sagen darf. Sein Blick 14 wird scheu. Er schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt eilig davon. Wir gehen durch den Wald. Ich lege mich auf den warmen Boden. Ich bin plötzlich unendlich müde. Die lebendige Wärme der Erde tut wohl, tröstet, wärmt. Millionen Ermordeter wird diese Erde in sich aufnehmen, in ihrem Schoß begraben. Ich habe ein seltsames Verstehen, warum die Menschen die Erde ,, Mutter" nennen. Ich presse mich an sie und weine. ,, Seit wann bist du feige?" spottet mein Mann. Bei Kriegsausbruch wurden die Strafgesetze verschärft. Vorbereitung zum Hochverrat, auch versuchte Vorbereitung zum Hochverrat, konnte in jedem Falle mit dem Tode geahndet werden. Wir alle lasen die neuen Gesetze. Aber niemand ver-. säumte auch nur einen Tag die illegale Arbeit. Umgekehrt: Das Bedürfnis zusammenzukommen war nur stärker geworden. Verzehrende Leidenschaft Wochenlang verfolgte mich die Vorstellung: Der Krieg, symbolisiert durch einen gewaltigen Tank, setzt sich langsam in Bewegung. Ich werfe eine Handgranate vorne in das Getriebe, ihn aufzuhalten. Mein rechter Arm vollzog wohl tausendmal in Gedanken diese Bewegung. Aber, ich hatte keine Handgranate. Und der Krieg war auch nicht faẞbar: ein einziger Tank, den man durch einen gutgezielten Wurf zum Stehen bringen konnte. Ich bekam Schmerzen in der Schulter und im rechten Arm. Die Schmerzen wurden trotz Behandlung heftiger. Ich konnte meinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Ich konnte mich nicht mehr allein anziehen. Der Arzt stellte einen ,, entzündlichen Prozeß" fest. 15 scheid, brach die Behandlung ab und begann in meiner Wohnung, ganz langsam, unter heftigen Schmerzen, ein„Großreinemachen”. Ich wurde durch die körperliche Arbeit ruhig und durch. die Arbeit und die Schmerzen müde. Ich schlief viel. Langsam ließen die Schmerzen nach. Später, beim Einmarsch der deutschen Truppen in Dänemark und Norwegen, bei ihrem raschen Vor- marsch im Westen, traten erneut Störungen auf, Die kleinen Finger und die Ringfinger beider Hände, vor allem der rechten Hand, und Teile des Armes bis hinauf zur Schulter wurden blau, starben ab. Müde, kraftlos, gleichsam hoffnungslos hingen meine Arme herab. Ein Genosse und guter Psycholog, dem ich die Er- scheinungen schilderte,'bemerkte dazu:„Statt nach außen, gegen unseren Feind, führen wir die Ausein- andersetzungen nach innen, gegen uns selbst, wer- den wir von unserer eigenen kämpferischen Leiden- schaft zerrissen. Es gilt, unsere ganze Leidenschaft umzusetzen in den Kampf gegen den Feind.” Er hatte recht. Und doch, gerade bei ihm wandten sich die Leidenschaften schließlich gegen sich selbst. Im November 1944 nahm er sich das Leben. Im Konzern Ich verlor meine Stellung. Es war für mich als „politisch vorbelasteten” Menschen schwer, eine . neue Stellung zu finden. Alle Betriebe arbeiteten für den Krieg und standen unter Wehrüberwachung. Eines Tages wurde ich aufgefordert, mich in Hirsch- berg in Schlesien vorzustellen. Ich hatte nicht die Absicht, Berlin zu verlassen, folgte aber der Auf- forderung, da mich die Aussicht reizte, einige Tage im Riesengebirge Ski zu laufen.; Nach zwei herrlichen Sonnentagen im Gebirge 16 Die Ursache blieb ihm unklar. Ich aber wußte Be- ging ich braun und heiter zur Vorstellung. Der Direktor, ein noch junger Mann, setzte mir meine kommenden Aufgaben auseinander: es handele sich um die Mitarbeit in der Zentrale eines im Aufbau befindlichen Konzernes mit internationalen Beziehungen. Meine Aufgabe würde es sein, Kartellverträge, Gesellschaftsverträge und ähnliche Arbeiten zu machen. Was er mir als mein kommendes Aufgabengebiet darstellte, war die Arbeit erfahrener Syndizi. Was er sagte, klang wie Musik in meinen Ohren: bisher hatte ich von außen die Konzerne und ihre Politik recht und schlecht zu beobachten versucht. Hier aber sollte ich eingebaut werden, mitarbeiten, Erfahrungen sammeln können. Ich sagte zu. Es begann eine interessante Zeit. Ich arbeitete mit Leidenschaft und sah und lernte viel. Die beiden Jahre, die ich bei dem Konzern tätig war, brachten mir notwendige Ergänzungen meines bisher einseitigen theoretischen Wissens. Nachdem ich vier Wochen in dem Konzern gearbeitet hatte, verlangte die Gestapo meine Entlassung. Man weigerte sich, diesem Verlangen nachzukommen und erwirkte schließlich über das Reichswirtschaftsministerium die Sondergenehmigung, mich trotz meiner ,, politischen Unzuverlässigkeit zu beschäftigen. Ich wurde in dem Konzern Leiterin der Rechtsund Sozialpolitischen Abteilung. Es gehörten zu dem Konzern fünf Produktionsbetriebe und ein Forschungsbetrieb. Es bestand Zusammenarbeit mit Spanien und nach dem Einmarsch der deutschen Truppen auch mit Holland und Norwegen. Von besonderem Interesse war es für mich, zu beobachten, mit welchen Methoden die Macht der Konzernzentrale ausgebaut und die einzelnen Betriebe, ihre Aktionäre und Direktoren ,, unterworfen" 2 Eiserne Ferse 17 4 - wurden. Auf der anderen Seite waren die Beziehun gen zwischen Konzernspitze und Staat, vor allem dem Wirtschaftsministerium interessant: Der Konzern genoẞ die Unterstützung des Wirtschaftsministeriums, erhielt Kredite, konnte Aktien emittieren, sogar unter Anwendung staatlichen Druckes und bedie nicht erfüllt zu hördlicher Versprechungen werden brauchten. Er erhielt Rohstoffe und Arbeitskräfte ,, zugewiesen". Zwei deutsche Zellstoff- Kunstseidenwerke, die ihre Produktionsaufgaben nicht erfüllten, wurden dem Konzern zur Reorganisation ,, übergeben". Schließlich wurden alle entsprechenden deutschen Unternehmungen durch das Reichswirtschaftsministerium zu einer Forschungsgemeinschaft unter seiner Leitung zusammengeschlossen. Die Bedingungen der Kreditverträge mit dem Reich waren bezeichnend: die Millionenkredite waren jederzeit kündbar. Der Direktor zögerte, ehe er unterschrieb, zuckte die Achseln und sagte: ,, Es ist egal." " Interessant waren die Konzernleiter: rücksichtslose, mutige, kraftvolle und kluge Menschen, außerordentlich leistungsfähig und beweglich. Einige Seiten ihres Wesens waren mir sympathisch. In vieler Beziehung empfand ich sie, empfanden wir uns gegenseitig als ,, verwandte Naturen". Wir sind miteinander gut ausgekommen. Mit Dr. Ganz, meinem unmittelbaren Vorgesetzten, hatte ich lange Gespräche. Einmal setzte er mir auseinander: ,, Von 1000 Menschen sind 999 feige. Man kann sie leicht beherrschen. Man muß gelegentlich mit der Peitsche knallen! Den einen Mutigen aber muß man zum Freunde gewinnen!" Er rechnete mich wohl zu den Mutigen. Jedenfalls hat er mir gegenüber nie versucht, die auch gegenüber leitenden Betriebsfunktionären üblichen terroristischen Methoden anzuwenden. 18 Gelegentlich ging Dr. Ganz in irgendeine Kneipe, führte dort lange Diskussionen oder brach auch einfach eine Prügelei vom Zaun. Strahlend konnte er dann mit seinen Wunden oder mit seinem zerfetzten Anzug prahlen. Bei Bombennächten konnte es geschehen, daß er sich gegen alle Bestimmungen auf der Straße herumtrieb und sich mit der Luftschutzpolizei prügelte, wenn sie ihn in einen Keller nötigte. Es kam vor, daß er 48 Stunden hintereinander arbeitete, vor Müdigkeit nicht mehr nach Hause kam und selbst im Winter irgendwo an einer Straßenecke erschöpft einschlief, wie ein ein Betrunkener, betrunken von Tatendrang. - - Als der Konzernaufbau fast abgeschlossen war, sagte er mir einmal: ,, Meine Aufgaben hier sind bald erfüllt. Ich werde mich zur Luftwaffe melden. Ich habe aufgebaut. Jetzt möchte ich zerstören. Viele Tonnen Bomben möchte ich über Industriestädten abwerfen!" Er bemerkte, daß ich zurückzuckte: ,, Sie sind eine Frau! Sie können die zerstörerischen Leidenschaften eines Mannes nicht verstehen!" Ich antwortete ihm mit einer Frage: ,, Liegt das nur daran, daß ich eine Frau bin?" Zwischen dem Generaldirektor und mir ging monatelang eine Diskussion um die Frage: Beziehung Mensch zu Mensch. Ich war einmal anwesend, wie er einen Angestellten über andere Angestellte ausfragte, ihn gegen diese anderen aufhetzte und sich bemühte, Freundschaften zu zerstören. Er wollte erreichen, daß keiner seiner Untergebenen" zu dem anderen gute Beziehungen hätte. Er wollte erreichen, daß einer Feind des anderen sei. BL Er aber sollte gleichsam der Gott sein, dem alle vertrauten. Seine Philosophie war daher: Die Menschen sind niederträchtig, egoistisch und falsch, 2* 19 Jeder tut gut daran, nur auf sich bedacht zu sein, niemand zu trauen, auch seinem besten Freund nicht. Ich stand dabei, wie er diese Theorie entwickelte, dachte mir mein Teil, froh, daß ich die Richtigkeit einer erfreulicheren Philosophie erprobt hatte. Er sah mich an. Als wir allein waren, fragte er: ,, Sie sind anderer Meinung?" ,, Ja", antwortete ich ,,, ich schätze mich glücklich, bessere Erfahrungen gemacht zu haben als Sie!" Mein Gesichtsausdruck und meine Worte haben ihn noch lange beunruhigt. Noch einige Male in den kommenden Wochen und Monaten nahm er das Gespräch wieder auf: Er selbst glaubte an die pessimistische Philosophie, die er den anderen predigte. Er war gewöhnt, der Reichste zu sein. Es beunruhigte ihn daher, einen Menschen zu treffen, der in einem entscheidenden Punkt reicher war als er, und ihm seinen Reichtum nicht nehmen zu können. Eine Tages kam ein Arbeiter in Küstrin zu Ganz und verlangte Lohnerhöhung. Er hatte die Hände in die Taschen gesteckt. Ganz erhob sich, steckte ebenfalls beide Hände in die Taschen und schrie den Arbeiter an: ,, Hände heraus! Du Lümmel!" Der Arbeiter blieb in respektloser Haltung stehen und wiederholte sein Verlangen. Er wurde schließlich durch Werkpolizei aus dem Direktionszimmer hinausgeworfen. Ganz diktierte ihm zu, daß er die schwerste Arbeit Balken aus dem Fluß heben zu machen habe. Der Arbeiter, schon von der Werkpolizei überwältigt, rief Ganz zu: ,, Jawohl! Jetzt werde ich am Fluß mich für einen Hungerlohn schinden! Aber du, Freundchen, ihr Gesindel, ihr fliegt eines schönen Tages alle in den Fluß. Die Fische werden euch fressen!". - Ganz berichtete mir den Vorfall: ,, Die Arbeitermassen sind erbittert und voll Haß. Wehe uns, wenn die Staatsmaschine eines Tages schwach wer20 \ den sollte.” Er sah mich aufmerksam an:„Wehe auch Ihnen! Ich bemühte mich, ein besorgtes Gesicht zu machen. Nur durch Zufall dagegen erfuhr ich von einem anderen Vorfall, der sich etwa zur gleichen Zeit (1941) ereignete und der im Konzern streng geheim- gehalten wurde: Der Generaldirektor betrat eines Tages die Werkanlagen in Hirschberg. Ein Mann des Werksicherheitsdienstes hielt ihn an und ver- langte seine Ausweise zu sehen. Der Generaldirek- tor stellte sich ihm vor. Die Antwort:„Das kann jeder sagen! Den Ausweis!’’ Der Generaldirektor fuhr den Mann wegen seines„ungehörigen” Tones an. Der zog den Revolver. Es kam zum Handgemenge, Der sehr starke und gewandte Generaldirektor schlug dem Werksicherheitsmann den Revolver aus der Hand und überwältigte ihn. Er ließ ihn ver- haften. Der. Vorfall beunruhigte die Direktion, weil zum Werksicherheitsdienst nur ausgesuchte Leute kamen. Innerhalb der Spitzen des Konzerns herrschte Meinungsfreiheit:„unter sich’ sprach man offen über alles, jede Meinung durfte vertreten werden, Die außenpolitische Lage, die militärischen Verhält- nisse, die wirtschaftliche Kräfteverteilung wurden in aller Nüchternheit, mit allem Skeptizismus er- ‚örtert. Auch darüber war man sich klar, daß die offiziellen Berichte über die Kriegsbegeisterung des deutschen Volkes, über„seine Liebe und sein Vertrauen zum Führer”, über seine„unbegrenzte Opferbereitschaft” unrichtig seien. Wie gesagt: es war erlaubt, es war sogar ein Zeichen der Eignung für verantwortliche Arbeit, daß man auch in diesen Fragen eine selbständige Auffassung und Sinn für Tatsachen bewies. Hochverrat, unverzeihliches Verbrechen wäre es 21 aber gewesen, diese Erkenntnisse und Meinungen über den kleinen Kreis der ,, führenden Persönlichkeiten" hinaus in die breite ,, unaufgeklärte" Masse. zu tragen. Für sie war der Zeitungs- Schmus", für sie waren die frisierten Radio- Meldungen. Auf daß sie parierten! Ganz gab mir eines Tages den Auftrag, einen Angestellten zu überwachen, dessen Entlassung die NSDAP verlangt hatte, weil er ein übler ,, Hetzer" sei. Meine erste Rückfrage bei seinen Mitarbeitern ergab, daß der Mann ein ausgemachter Dummkopf sein mußte: am Tage seines Dienstantritts, sagte man mir, hätte er geäußert, das Hitlerbild verdiene ,, umgekehrt aufgehängt" zu werden! Ich ließ ihn zu mir kommen, erklärte ihm, daß ich außerdienstlich zu ihm spräche, daß es mich nicht interessierte, was er tatsächlich gesagt habe und was er denke. In seinem eigenen Interesse müßte ich ihm aber raten, sich zu überlegen, was und zu wem er es spreche. Es liege nicht in seinem Interesse, seine Mitarbeiter gegen sich aufzubringen. Ob er meine guten Ratschläge nicht beherzigte oder ob sie bereits zu spät kamen, weiß ich nicht. Jedenfalls fand einige Zeit darauf vor versammeltem Vertrauensrat gegen ihn eine hochnotpeinliche Verhandlung statt. Zu seiner Entschuldigung stammelte er immer nur: ,, Frau Sprengel hat mir gesagt... Ich habe Frau Sprengel gesagt..." Ich fühlte, wie ich rot wurde. Ganz sah mich nicht an. Mehrfach unterbrach er den sich Verteidigenden. Aber immer wieder kam dieser auf das Gespräch mit mir zurück. Hinterher sagte Ganz zu mir: ,, Der Betriebsobmann, dieser Trottel, hat nichts gemerkt! Gott Aber Ihnen möchte ich den persönlichen Rat geben, niemand mehr einen persönlichen Rat zu geben." Damit war die Angelegenheit zwischen uns erledigt. sei Dank! 22 - Einige Zeit später kam ich in eine noch schwierigere Situation: Im Betrieb arbeitete ein junger Mann aus dem Sudetengebiet. Wir waren rasch aufeinander aufmerksam geworden. Ich war überzeugt, daß er politisch tätig sei. Wenn er zu mir kam und mich ausfragte, gab ich ihm daher bereitwilligst Auskunft, um seine Arbeit zu unterstützen. Ich war ihm gegenüber eine schwatzhafte" Vorgesetzte. Eines Tages setzte sein Abteilungsleiter mir auseinander, daß der junge Mann offenbar illegal arbeite und daß ich eine Anzeige an die Gestapo aufsetzen müsse. Ich tat interessiert und empört. Ich versprach, alles Notwendige zu tun. Eine direkte Warnung war zu gefährlich, wußte ich doch nicht, ob er sich im Ernstfall nicht auch töricht verhalten würde. Ich bestellte also seinen besten Freund zu mir. Wichtigtuerisch eröffnete ich ihm, welche Verdachtsmomente gegen seinen Freund vorlägen, appellierte an sein Gewissen als guter Deutscher und bat ihn, seinen Freund zu beobachten. Ich war sicher, daß er ihn sofort warnen würde. Einige Tage später kam der Abteilungsleiter erneut zu mir und fragte, was ich unternommen hätte. Ich erklärte, daß ich den Mann beobachten ließe, aber noch keine Anhaltspunkte für verbrecherisches Verhalten gefunden hätte. Der Abteilungsleiter forderte von mir nun, auch ohne weiteres Material, eine Anzeige zu machen. Man könne es nicht verantworten, in einer so ernsten Frage zu warten. Oder solle er die Anzeige machen? Darauf übernahm ich die undankbare Aufgabe. Ich schrieb der Gestapo, welche Beschuldigungen dem jungen Sudetendeutschen gegenüber erhoben würden. Ich wies darauf hin, daß diese Beschuldigungen nach meinen Beobachtungen nicht be23 - für alle Fälle - von gründet seien, daß ich aber meine Pflicht nicht versäumen wollte und daher diesen, wenn auch gänzlich unzureichenden Verdachtsmomenten die Gestapo verständige. Die Kopie des Briefes blieb in den Akten. Das Original konnte ich vernichten. Den Freund bestellte ich erneut zu mir, teilte ihm den Inhalt der Anzeige mit und bat eindringlich um Informationen. Mehr konnte ich nicht tun. Niemand, der solche Situationen nicht durchzumachen hatte, kann ermessen, wie bitter es ist, Genossen gegenüber sich nicht erkennen geben zu dürfen, in ihren Augen als Lump erscheinen zu müssen. Die Sekretärin von Ganz sagte einmal zu mir: ,, Manchmal habe ich den Eindruck, als seien Sie... gar nicht mit dem einverstanden, was hier geschieht, als seien Sie-"( langes Zögern) ,, Edelkommunistin." Ich erschrak hatte ich meine Maske nicht gut gewählt, war ich unvorsichtig gewesen?- Mit einem sauersüßen Lachen gab ich ihr einen Klaps. Es war schwer, nach einer solchen Erklärung die richtigen Worte zu finden. - Zu den Arbeitern des Werkes konnte ich keine Beziehungen unterhalten: in dieser kleinen Stadt, in dem Werk war ich auf Grund meiner ,, prominenten" Stellung eine Persönlichkeit, die es sich nicht leisten konnte, mit Arbeitern Umgang zu haben. Auch die Arbeiter hätten eine Annäherung meinerseits nicht verstanden. Über ihre soziale Lage wußte ich viel, über ihre Stimmung, über ihre Meinungen fast gar nichts. Das galt sowohl für die deutschen als auch für die ausländischen Arbeiter. Und doch erhielt ich gelegentlich bezeichnende Einblicke. Der Vertrauensmann des Betriebes bat mich einmal um Unterstützung bei der Suche nach einem Arbeiter, der des Kriegsverdienstkreuzes ,, würdig" 24 sei. Er sollte ein guter Arbeiter, ein ordentlicher Bürger und ein guter Nationalsozialist sein. Dabei wäre es nicht erforderlich, daß er Mitglied der NSDAP sei. Ein Mann, der diese drei Bedingungen erfüllte, wäre unter den Arbeitern aber absolut nicht zu finden, klagte der Betriebsobmann mir. Entweder wären die Leute gute Arbeiter und ordentliche Menschen, dann wären sie keine Nationalsozialisten oder umgekehrt. ,, Unter 2000 Arbeitern sollte kein Mann zu finden sein, der diese drei Bedingungen erfüllt, wo mindestens die Hälfte der Leute gute, verläßliche Arbeiter sind?" fragte ich erstaunt. - . ,, O doch", meinte der Vertrauensmann verlegen. ,, Ich kenne sogar zwei. Aber die beiden sind eingezogen und kommen daher für das Verdienstkreuz nicht in Frage." ,, Und die übrigen guten Arbeiter? Sind sie denn etwa keine Nationalsozialisten?" fragte ich. ,, Sie sind gar nichts, sie sind nicht gegen den Nationalsozialismus und auch nicht dafür. Sie wollen mit Politik nichts zu tun haben." Der Treuhänder der Arbeit hatte verboten, an die aus den Ostgebieten hereingebrachten deutschen Arbeiter, wie bisher, ein Trennungsgeld von täglich 1, Mark zu zahlen. Unter den Arbeitern herrschte Aufregung. Die Direktion rechnete mit Sabotageakten, bei einem hochexplosiven Betrieb eine ernste Gefahr. Sie wollte den Treuhänder daher veranlassen, die Genehmigung zur Weiterzahlung der Trennungsgelder zu geben. Um diese Genehmigung zu erzwingen, sollte die ,, Stimme der Arbeiter" einmal zur Geltung kommen. Eine Betriebsversammlung wurde einberufen. In dieser Versammlung stand ein dürrer, struppiger Arbeiter auf und sagte: ,, Ich habe eine Frau und acht Kinder. Ich erhalte wöchentlich 21,- Mark 25 Lohn. Ich kann höchstens 6 Mark nach Hause schicken. Meine Frau und meine Kinder können von diesem Geld nicht leben." Plötzlich schwoll seine Stimme an: ,, Meine Frau ist Soldatenhure geworden. Damit die Kinder nicht verhungern!" Ein wildes Murren, ein drohendes Lärmen ging durch die Masse." Sechs Tage später durfte das Trennungsgeld wieder ausgezahlt werden. ,, Selbstverständlich" nur an die ,, deutschen" Arbeiter. Die polnischen Arbeiter bekamen nach wie vor nur ihren geringen Lohn, von dem noch 15 Prozent zur ,, Strafe" dafür abgezogen wurden, daß sie Polen waren. Anfang 1941 siedelte die Konzernzentrale nach Hamburg über. Korruption Mit den Genossen hielt ich enge Verbindung. Ich fuhr mindestens zu jedem zweiten Wochenende nach Berlin. Das bedeutete, daß ich eine Nacht überhaupt nicht und in der anderen Nacht nur für drei, höchstens vier Stunden ins Bett kam. Eines Tages ging ich mit Mosbach, wohl dem besten Mann unserer Gruppe, durch die Straßen. Er war Jude. Wir konnten daher kein Lokal gemeinsam besuchen Sichere" Wohnungen standen uns damals nicht zur Verfügung. So hatten wir uns daran gewöhnt, bei Regen und Schnee, bei Sonnenschein und Kälte durch die Straßen zu laufen. Anfangs war es mir fast unmöglich, mich bei diesen Wanderungen auf schwierige Themen zu konzentrieren. Aber auch das lernt man. Ich hatte ihm einige interessante Konzerntransaktionen geschildert. Es war deutlich, daß mir meine Arbeit Freude machte. 26 Mosbach sagte: ,, Ich möchte dir etwas sagen, was zu hören für dich nicht einfach sein wird. Kannst du heute eine starke Dosis vertragen?" Ärgerlich ob seiner Vorrede erwiderte ich: ,, Ist es zwischen uns nicht seit jeher üblich, uns unsere Meinung ungeschminkt zu sagen?" ,, Nun gut. Höre meine Meinung: Es gibt die verschiedensten Formen der Korruption. Manche Menschen lassen sich durch Geld, durch Kleider, durch Lebensmittel bestechen. Andere sind durch Schmeicheleien und Liebe zu gewinnen. Andere wieder durch Ehrungen. Je nachdem. Jeder hat seinen Preis. Auch du!" ,, Was ist mein Preis?" ,, Arbeit! Die große Funktion!" Wir gingen eine Weile nachdenklich nebeneinander her. Ich antwortete ihm nicht. Am Abend wußte ich, daß Mosbach recht hatte: Ich hatte begonnen, mich mit meiner Arbeit in der Konzernzentrale zu identifizieren. Mit der Erkenntnis war die Gefahr überwunden. Ohne die Genossen wäre ich aber der Funktion erlegen, gerade auf Grund meiner guten Eigenschaften: meines Temperaments und meiner Arbeitsfähigkeit. Einige Monate später wurde ich von den Kameraden in Berlin gebraucht. Ich gab meine Stellung ohne Bedauern auf und nahm in Berlin eine uninteressante Tätigkeit in einem Anwaltsbüro an. Junge Faschisten In den Herbstmonaten 1941 herrschte in meiner Wohnung ein reges Treiben. Einer meiner Brüder studierte in Berlin. Ein anderer Bruder war in einer Offiziersschule in der Nähe von Berlin. Mein Mann war eingezogen und lag, zur Ausbildung, ebenfalls 27 bei Berlin. Alle drei und ihre Freunde gingen bei mir ein und aus. Außerdem mußte ich unauffällig dafür sorgen, daß zu bestimmten Stunden meine Wohnung ,, frei" sei, da dann Genossen zu mir kamen. Mein Bruder Jürgen war ein guter, kluger und entwicklungsfähiger Mensch. Ich hoffte, ihn in einigen Monaten zur Zusammenarbeit mit uns ,, reif" machen zu können. Eines Tages berichtete er, Tränen in den Augen, daß er Zeuge gewesen sei, wie aus einer Wohnung sieben Leichen herausgetragen wurden: Juden, die sich gemeinsam das Leben genommen hatten. Über die Grausamkeiten gegen die russischen Kriegsgefangenen, über die niederträchtige Behandlung der ausländischen Arbeiter war er empört. Und er überlegte mit mir: ,, Was kann man dagegen tun?" Wo er es konnte, half er. Und doch, auch in seiner Einstellung war Oberflächlichkeit. Auch er war nicht frei von Korruption. So setzte er mir einmal auseinander: ,, In Deutschland herrscht gegenwärtig die Leithammel- Ideologie'. Es ist bequem und praktisch, dem Leithammel einfach nachzulaufen. Damit kommt man am weitesten. Sich den Kopf zerbrechen? Wissenschaftlich arbeiten? Versuchen, zu eigenen Anschauungen zu kommen? Wozu führt das? Wozu ist das gut? Erreicht man dadurch etwas? Kommt man dadurch weiter? Man macht sich nur Ungelegenheiten! Nützen tut alles Nachdenken, alle Selbständigkeit gar nichts! Was hast du z. B. davon, daß du eigene Anschauungen hast? Du bringst es nur weniger weit als jeder unbegabte Mitläufer! Und das Weltgeschehen änderst du auch nicht! Wir sind eine andere Generation als ihr. Wir sind praktischer. Wissenschaft, Nachdenken, alles kommt für uns nur soweit in Frage, wie es nützlich ist. Naturwissenschaft ist nützlich und not28 - wendig. Statt Gesellschaftswissenschaft gilt aber Gesellschaftsreligion. Der Gott ist Hitler. Das Sakrament das Blut. Wir sind arm. Daher können wir uns nicht den Luxus selbständigen Denkens leisten. Wir tun gut daran, uns auf unsere Berufsausbildung zu beschränken." Was er nicht aussprach, was mir bei den Unterhaltungen mit ihm aber klar wurde: ein junger Mensch braucht Beziehungen, braucht Geltung, Anerkennung. Er sehnt sich nach Betätigung. Er sehnt sich danach, weil er jung und kraftvoll ist. Das aber schien die faschistische Gesellschaft dem jungen deutschen Akademiker zu bieten. Damals, 1941, hatte er Aussicht auf eine große Funktion, auf viel Verantwortung in weiten Räumen. Mußte nicht gerade ich die Verlockung solcher Möglichkeiten verstehen? Und die Unmöglichkeiten für diese jungen Menschen, ihnen zu widerstehen, wenn sie nicht größere Aufgaben und wirkliche Freunde hatten? Voraussetzung für seine Mitarbeit bei uns war es, daß er selbständig und wissenschaftlich denken lernte. Voraussetzung dafür, daß er sich vom ,, Leithammel" trennte, war es, daß er eine neue Gemeinschaft fand. Voraussetzung dafür, daß er diese neue Gemeinschaft, daß er die neuen Funktionen finden konnte, war der Verzicht auf die alten Möglichkeiten. Wo anfangen? Ich habe mir mit Jürgen große Mühe gegeben, keinen Zeitaufwand gescheut, versucht, ihm menschlich, als Freund und Kamerad, etwas zu bedeuten. Die zwei Monate, die wir in Berlin zusammen waren, reichten zum ,, Brückenschlag" nicht aus. Ein junger Offizier, ein schlanker ,, lieber Junge" mit klugen Augen, zarten, gefühlvollen Händen kam oft zu mir. Dieser junge Mann erklärte mir: ,, Die 29 29 Polen sind ein minderwertiges Volk! Zehn Millionen Polen wurden bereits umgebracht. Der Rest wird in zwei Generationen liquidiert sein. Minderwertige Völker müssen ausgerottet werden." " , Woher weißt du, daß die Polen ein minderwertiges Volk sind?" Er sagte lachend: ,, Was du nicht immer für seltsame Fragen stellst?" Und lachend verabschiedete er sich. Spätabends kam er noch einmal zu mir heran: er war im Theater gewesen. Das Stück hatte ihn erschüttert. Er mußte von seiner Erregung sprechen. Von seiner Erregung, die durch das Schicksal von zwei Menschen ausgelöst wurde... Fünfunddreißig Millionen aber könnten nach seiner Meinung- ,, ohne weiteres" sterben, verrecken, umgebracht werden! Was war schon dabei? - Dieser junge Mann war Mitglied der NSDAP. Gleichzeitig aber verabscheute er den Zwang und die Unfreiheit in Deutschland. Gleichzeitig kokettierte er mit dem Gedanken, nach dem Kriege auszuwandern, um in einer Demokratie leben zu können. - " Er war vorsorglich. Er berücksichtigte alle Eventualitäten. Man müßte so meinte er einen Fuß, Verbindungen auch auf der anderen Seite" haben. Man müßte, falls die Nazis verlieren, aufpassen, daß man nicht den richtigen Moment des Überspringens zur anderen Seite versäume. Es wäre zu dumm, wenn man etwa Märtyrer für einen solchen Popanz wie ,, unseren herrlichen Führer" würde.... Noch einmal: Rudi Weinberg Rudi Weinberg erklärte mir: ,, Eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen euch und mir, einem, Sternträger', ist nicht mehr möglich. In Kürze wird jede Zusammenarbeit aufhören. Ich werde nach dem 30 - Osten evakuiert werden. Darüber, daß das den Tod bedeutet, sind wir uns wohl klar." Nach einer Pause fuhr er fort: ,, Daß ich sterben werde, ist nicht das Entscheidende. Furchtbar, unerträglich aber ist es, daß ich sterben werde, ohne etwas geleistet zu haben. Mein ganzes Leben war nur Vorbereitung, nichts als Vorbereitung. Ich will, ich darf nicht sterben, ohne daß sich mein Leben lohnte. Ich bin ein Todeskandidat. Mein Leben ist nichts mehr wert. Gebt mir einen Auftrag, für den ich mein Leben einsetzen kann! Laßt mich ein Attentat verüben! Bitte! Besprich es mit den Genossen!" Mit ganz leiser Stimme fügte er nach einer Pause hinzu: ,, So kann ich nicht sterben!" Unsere Antwort an Rudi war: ,, Nein!" Er hörte die Entscheidung schweigend an. Er hatte unsere Antwort bereits gewußt, als er seine Frage stellte. Damals war ich von der Richtigkeit der Entscheidung überzeugt. Stände ich heute in gleicher Situation vor der gleichen Frage, meine Antwort wäre anders. - - Seine Mutter kam zu uns. Sie entschuldigte sich. Sie wolle uns nur ganz kurz stören, sie wisse ja, daß ich wahrscheinlich nicht mehr oft mit ihrem Sohn zusammen sein würde. In feierlichem Ton sagte sie: ,, Ich danke Ihnen für die Freundschaft, die Sie meinem Sohn gehalten haben. Ich weiß, daß Sie ihm viel bedeuten!" Dann umfaßte sie ihn, preẞte seinen Kopf an sich und sagte mit unterdrücktem Schluchzen: ,, Er und ich werden bis zum letzten zusammenbleiben." Frau Weinberg wußte, daß ich dafür verantwortlich war, daß Rudi 1938 nicht auswanderte und daß auch sie darum in Deutschland geblieben war. Kein Wort des Vorwurfs kam über ihre Lippen. Als sie hinausgegangen war, sagte ich ihm: ,, Rudi! Du mußt fliehen! Ich fahre zur Schweizer 31 Grenze, euch den Grenzübertritt zu ermöglichen." ,, Heißt das, daß ich meine Mutter allein lassen muß?" fragte er mit heiserer Stimme. ,, Ja. Du bist Revolutionär. Du hast Pflichten, die allem persönlichen Gefühl, allen persönlichen Rücksichten voranstehen. Du mußt versuchen, dein Leben zu retten." Er hatte sein Gesicht abgewandt. Es war verzerrt. ,, Du kommst, wenn wir dich rufen?" Er nickte. Die Fahrt zur Grenze Mit einem Redakteur des ,, Völkischen Beobachters" ging ich zusammen zur Entführung aus Serail". Wir kannten uns von unserer Studentenzeit her. Ich hatte ihn dringend um ein Zusammensein gebeten. Die Aufführung war vorzüglich. Ich hatte an ihr einen großen Genuß. Vielleicht gerade deshalb, weil die Spannung mich fast sprengte. Nach der Vorstellung gingen wir untergefaßt die verdunkelten Straßen entlang. ,, Wir brauchten Geld, um die Flucht der Genossen ins Ausland durchzuführen. Mit verhaltener Stimme trug ich ihm mein Anliegen vor: ich erwarte ein Kind. Ich könnte und wollte es nicht zur Welt bringen. Jetzt im Krieg, in den unsicheren Zeiten. Außerdem, er wisse ja, daß die Beziehungen zu meinem Mann nicht so glatt seien, daß ich ein Kind haben könnte. Er müsse mir 500 Mark borgen. Schweigen. Dann kam er unvermutet mit einem Gegenvorschlag: er wisse einen zuverlässigen Arzt. Zu ihm wolle er mich bringen. Das hatte ich nicht erwartet. Hastig sagte ich: Ich hätte es satt, mich untersuchen zu lassen, zu bitten, zu fragen, ob man mir 32 helfen wolle. Ich sehnte mich danach, daß alles rasch erledigt sei. Der Arzt, der mir seine Hilfe zugesagt hätte, sei mir als tüchtig empfohlen worden. Ich brauchte nur noch das Geld. Am nächsten Tag wartete ich vor der Redaktion des ,, Völkischen Beobachters". Ich erhielt das Geld. Ein seltsamer Abend. - von unterIch hatte ein heißes Bad genommen und war in weicher gelöster Stimmung. Im Bademantel ging ich durch meine Wohnung. Lange stand ich vor meinem Bücherbrett. Ich streichelte die Bücher. Die ,, Eiserne Ferse" von Jack London nahm ich heraus. Ich legte mich zu Bett und las irdischem Kampf gegen übermächtige, barbarische Gewalten. Von einem Kampf, der nicht offen geführt werden konnte. Von einem Kampf, der dazu zwang, ein ,, zweites Gesicht" anzunehmen. Von Revolutionären, die die Maske des Geheimagenten der ,, Eisernen Ferse" trugen. Von Menschen, die ihre ,, zweite Rolle" so gut spielten, daß selbst die Gatten sich nicht mehr erkannten. Von Menschen, die zusehen mußten, wie ihre Genossen gefoltert wurden und die mit keinem Zucken ihres Gesichtes verraten durften, auf welcher Seite sie standen. Es war mir, als mische sich das Gelesene und unser Leben, als verschöben sich die Grenzen, als könnte ich nicht mehr unterscheiden: Wo endet Jack Londons dichterische Vision? Wo beginnt unsere Wirklichkeit? Es war ein seltsamer Abend. Mir war still und schwerelos zumut. Es verwischten sich die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Traum und Wirklichkeit. Meine Augen streichelten den vertrauten Raum. Zum Abschied. ,, Zum Abschied für immer!" sagte 3 Eiserne Ferse 33 mein Gefühl. Mein Verstand gebot dem Gefühl Schweigen. - Früh kam mein Bruder, mich abzuholen Rucksack, Handkoffer, Skier, das war mein Gepäck. Er brachte mich zum Bahnhof. Wir gingen auf dem Bahnsteig auf und ab. Plötzlich war ich entschlossen: ,, Ich werde es dir sagen!" Und ich teilte ihm die halbe Wahrheit über den Grund meiner Reise mit: daß ich zur Schweizer Grenze führe, um einen jüdischen Freund hinüberzubringen. Einen Augenblick Schweigen. Dann umarmte mein Bruder mich; dann küßte er mich, glücklich, begeistert. Er bat mich, meinem jüdischen Freund zu bestellen: ,, Ich, ein deutscher Student, wünsche ihm im Namen vieler deutscher Studenten und junger Menschen vollen Erfolg für seine Flucht. Viele von uns haben nichts mit dem Grausigen zu tun, das durch Deutsche geschieht. Wir sind über die Greueltaten der Nazis empört." Er versicherte mir, daß er zu mir stehen werde, was auch kommen möge. Er hat sein Wort gehalten. Dies war der Beginn und leider auch das Ende unserer politischen Zusammenarbeit. Gleichmäßig ratterte der D- Zug. Ich fuhr 2. Klasse. Das Abteil war verdunkelt und lag in blauem, sanftem Licht. Außer mir war nur ein Offizier der Organisation Todt im Abteil. Ein starker Mann mit breitem Unterkiefer. Er saß, mir gegenüber, bequem in der tiefen, weichen Polsterung. Der Zug war gut geheizt. Der Offizier kam aus dem Osten. Er freute sich, mit seinen Erlebnissen vor einer Frau prahlen zu können. Und noch dazu vor solch einer Frau wie ich, die immer nur freundlich bewundernd lächelte, 34 aufmerksam zuhörte und gelegentlich das Gespräch durch eine kleine Frage anregte. Er bot mir Konfekt und Zigaretten an. Ich nahm, dankte und lächelte. Eine Frau freut sich doch, wenn ein Mann ihr Aufmerksamkeiten erweist!? Oh ,,, scharmante Dinge" hatte dieser Kerl zu erzählen: von Juden, die zur Arbeit getrieben wurden, ,, faulem Packzeug", das solange geschlagen werden mußte, bis es bei der Arbeit verreckte! Er war über ihren Arbeitsunwillen ernsthaft empört!- Von einer Abteilung russischer Kriegsgefangener berichtete er, die an Lebensmitteln täglich je Mann vier Kartoffeln bei schwerer Arbeit erhielten. Bei seiner Abreise seien von hundert nur noch ,, dreißig Stück" am Leben gewesen. So verrückt seien die Kerle gewesen, die Leichen anzufressen! Oh, diese ,, asiatische Unkultur". Ich lächelte ihn an, damit er noch mehr von seinen Heldentaten erzähle. Aber unter diesem Lächeln stand ein Erschrecken: ich hatte das Gefühl, mein Bewußtsein verwirre sich: Lag ich im Bett? Las ich in der., Eisernen Ferse"? Von Reaktionären in der Maske des Polizeiagenten als beifallspendende Zeugen von Folterungen? Oder saß ich hier wirklich im Zuge und horchte diesen brutalen Kerl aus? Es vermischten sich Jack Londons Visionen und meine Wirklichkeit zu einem grausigen Spuk. An der Grenze Als ich in Freiburg ankam, war es frischer Morgen. Der Spuk der Nacht verschwand. Ich war hellwach und tat meine Pflicht. Ich kaufte Generalstabskarten ein. Dann fuhr ich mit einem Autobus zur Grenze. Nach längeren Untersuchungen kam ich zu dem Ergebnis, daß sich der Grenzübertritt der Genossen wohl am besten bei Pfützen durchführen ließe. Nach Berichten der Bevölkerung waren noch 3* 35 im Sommer Scharen französischer Kriegsgefangener von hier aus in die Schweiz gegangen. Allerdings gingen Gerüchte, daß die Bewachung inzwischen wesentlich verschärft worden sei. Es galt zu prüfen, ob das stimmte. Ich ließ mich in einem Gasthof in Pfützen nieder, erkundete die Gegend und freundete mich mit den Grenzwächtern an, die in dem Gasthof aßen. Das war nicht schwer. Die Leute langweilten sich. Die meisten von ihnen waren gutmütige, etwas schwerfällige ältere Männer. Der Jüngste von ihnen, Hellberg, vielleicht 30 Jahre alt, fiel durch sein kluges, lebhaftes Gesicht auf. Er erzählte mir seine Lebensgeschichte: Er war arbeitslos. Sein Mädchen erwartete von ihm ein Kind. Er mußte heiraten, und er mußte irgendein ,, Brot" finden. Gegen seine Überzeugung entschloß er sich zu dem Dienst eines Grenzbeamten. Er pries den Wert der produktiven Schichten und den Wert und Reiz ihres Lebens im Gegensatz zu dem Leben der faulen wenn auch beschäftigten nichts erzeugenden Grenzwächter. ,, Der Bauer, der Tischler können auf das Werk ihrer Hände stolz sein. Ich aber muß mich vor ihnen schämen, von ihnen verachten lassen. Wenn ich etwas leiste, dann nur, daß ich einen armen Teufel fange, ihm das Leben verderbe." Es zeigte sich, daß der Mann ungewöhnlich belesen war. Er kannte und liebte Tolstoj, Dostojewskij und Gorkij. Er schätzte Romain Rolland, Wassermann und Strindberg. Ich ließ mir von ihm Bücher geben. Er hatte gute Sachen bei sich. Gelegentlich fing er auch an, von Politik zu sprechen. Aus seinen Worten ließ sich entnehmen, daß er Gegner des Krieges und vor allem Gegner der Nazis sei. Ich hörte interessiert zu, ohne auf diese Themen einzugehen. Strafrecht und Psycho36 logie: das waren harmlosere und in gewissem Sinne im Augenblick wichtigere Themen. Über diese Themen hoffte ich ihn kennenzulernen und feststellen zu können, ob ich ihn brauchen könnte. Über den Grenzdienst informierte ich mich genau. Ich trug Steinchen um Steinchen zusammen. Das Mosaik wurde immer vollständiger: Alle zwei Stunden fand Schichtwechsel statt. Die Schichten wurden an jedem Tage für die kommenden 24 Stunden eingeteilt. Während zweier Schichten waren die Grenzbeamten von Hunden begleitet, während der dritten Schicht nicht. Es kam darauf an, daß der Grenzübertritt in der Schicht ohne Hund durchgeführt wurde. Man mußte daher mit einem der Leute im Bunde stehen, um zu erfahren, wann diese ,, hundelose" Schicht Wache hielt. Mit den Genossen stand ich in Verbindung. Die Briefe kamen in eine benachbarte Stadt. Zwischen Weihnachten und Neujahr kam eine Genossin zu meiner Unterstützung zur Grenze. Bis Neujahr konnte sie in meiner Nähe bleiben. Dann mußte sie nach Berlin zurück. Sie sollte den Kameraden endgültigen Bescheid bringen. Ich entschloß mich daher, zwischen Hellberg und mir bis zum 30. Dezember eine endgültige Klärung herbeizuführen. Am 29. Dezember unterhielten wir uns über den ,, Fall Mauritius" von Wassermann, dem Juden Wassermann. Von da aus lenkte ich das Gespräch auf die Judenverfolgungen in Deutschland. Hellberg versicherte, daß er den großen Schriftsteller und Menschen immer anerkennen werde, gleichgültig, welcher Rasse er angehöre. Zu den Judenverfolgungen nahm er nicht Stellung. Ziemlich unvermittelt stellte ich ihm die Frage, ob er mir helfen wolle, einen jüdischen Freund aus meiner Studentenzeit und seine Frau, zwei ,, edle, unschuldige 37 Menschen", über die Grenze zu bringen. Hellberg senkte die Augen, ein seltsamer Ausdruck war in seinem Gesicht: er müsse sich die Angelegenheit überlegen. Morgen, mittag um 12 Uhr werde er mir Bescheid geben. Am nächsten Mittag saßen zwei Gestapobeamte in der Wirtsstube. Harmlos dachte ich: hoffentlich stören sie mich nicht in meiner Arbeit, jetzt, kurz vor der Erreichung meines Zieles! Hellberg kam, setzte sich zögernd an meinen Tisch. Am Nebentisch saß die Gestapo. Wir sprachen nur wenige Worte miteinander. Er aẞ rasch und ging fort. Auch ich verließ die Gaststube, um unverrichteterdinge zu der wartenden Genossin zu gehen. Im Treppenhaus sprachen die Gestapobeamten mich an: ,, Sind Sie Frau Sprengel?" ,, Ja!" ,, Kommen Sie bitte mit. Wir haben einige Fragen • an Sie zu stellen!" Im Schulhaus wurde ein Protokoll aufgenommen. Zunächst die Personalien und mein Vorleben. Aus dem Justizdienst wegen politischer Unzuverlässigkeit entlassen! Ein Jahr KZ! Und jetzt war ich schon fast vier Wochen hier, unmittelbar an der Schweizer Grenze! Auffallend genug. Sie wußten noch mehr: daß ich Juden über die Schweizer Grenze bringen wollte. Ich bestritt es. Hellberg habe es angegeben. Ich blieb beim Bestreiten. Sollte uns jemand gehört haben? Unmöglich! Daß er mich verraten habe, erschien mir noch unmöglicher. Ich stellte mir sein Gesicht gestern abend und heute vor. Nein. Er hatte mich nicht verraten. Die Tür ging auf. Er kam herein. Er sah mich nicht an. Sein Gesicht war rot. Er ging durch den 38 Saal und wieder hinaus. Doch. Er hatte die Gestapo benachrichtigt. ,, Lesen Sie mir bitte sein Protokoll vor!" Man tat es nicht. Aber jetzt gab ich zu, ihn um Hilfe zum illegalen Grenzübertritt gebeten zu haben. In Gedanken ging ich unsere Gespräche durch. Es war manches politische Wort gefallen. Es war Krieg, und er war Wehrmachtsangehöriger. Ich hatte ihn, den Wehrmachtsangehörigen, zu einer Pflichtverletzung aufgefordert und im ,, staatsfeindlichen Sinne" zu beeinflussen versucht. Auf diese Verbrechen stand die Todesstrafe. - - Die Beamten bohrten: Wie heißen die Leute, die über die Grenze gebracht werden sollten? Warum wollten Sie sie über die Grenze bringen! Ich war überzeugt, daß mein Leben nichts mehr wert sei. Ob ich mich etwas mehr oder weniger belaste, darauf kam es nicht mehr an. Es mußte nur verhindert werden, daß auf irgendeinen anderen ein Verdacht fiel. Es konnte verhindert werden. Die Anklage lautete mit Freude las ich es später ,, Gegen Sprengel ohne Genossen".- Der jüngere Gestapomann, ein breiter ,, Bulle", wurde grob: ,, Na, sprichst du bald, Weibstück?" Der alte mischte sich ein, fragte mich väterlich, freundlich. Ich saẞ da und weinte. Ich weinte vor Mitleid mit mir selbst, vor trauriger Müdigkeit, vor Schmerz um die ganze Welt. In einer Waldschlucht aber, drei Kilometer von mir entfernt, wartete die Kameradin. In Berlin warteten die Genossen. Ich hatte ihnen nicht helfen können. Ich hatte meinen Auftrag nicht erfüllt. Trotz dieser Müdigkeit, trotz dieser Trauer, trotz meiner Tränen war ich hellwach, überlegte ich jedes Wort. Die Beamten brachten mich in den Gasthof zurück. Mit zitternden Händen packte ich meinen Kof39 fer. Der Alte sagte freundlich zu mir: ,, So, und jetzt essen Sie noch zu Abend. Bestellen Sie sich etwas Gutes! Sie werden noch viel hungern müssen!" Dann fuhren wir mit dem Auto durch den Schwarzwald nach Donaueschingen. Der alte Beamte sagte: ,, Sagen Sie mir doch etwas über die Leute, die Sie über die Grenze bringen wollten? Warum taten Sie es? Man stirbt doch nicht einfach für jeden x- beliebigen Menschen!" Ein Schauer lief mir über den Rücken! ,, Man stirbt... Ich schüttelte den Kopf: ,, Nein, nicht für jeden x- beliebigen! Aber, es lohnt sich, um der Menschlichkeit willen zu sterben!" Ich faßte ihn an der Schulter, neigte mich zu ihm und sagte in beschwörendem Ton: ,, Sie wissen, was für Grausamkeiten durch Deutsche und im Namen des deutschen Volkes geschehen. Ich bin eine Frau. Ich kann Grausamkeiten nicht ertragen. Ich kann nicht zusehen, ohne helfen zu müssen! Verstehen Sie das?" Er sagte leise: ,, Sagen Sie die Namen! Wir erfahren die Namen ja doch. Wir haben Mittel, Sie zu zwingen. Wir können Sie quälen." Ich lehnte mich zurück und antwortete in ganz anderem, sicherem Ton: ,, Wenn die Lage nicht so ernst wäre, würde ich sagen: Wetten wir, daß Sie die Namen nie erfahren? Sie würden die Wette nicht eingehen. Sie sind ein viel zu guter Psychologe, als daß Sie nicht wüßten, daß es Menschen gibt, die man zum Geständnis nicht zwingen kann, und daß ich zu diesen Menschen gehöre." Er brach das Gespräch ab. Das Auto fuhr durch den verschneiten Schwarzwald. Es war eine herrliche Mondnacht. Als wir vor der Gefängnistür standen, flüsterte mir der junge Beamte ins Ohr: ,, Freundchen! Glaube nicht, daß du so gut wegkommst! Der Alte hat 40 heute seine sentimentale Tour. Wenn wir beide allein sind, dann schlage ich dir deine Zähne aus. Darauf kannst du Gift nehmen." Ich lehnte mich an die Gefängnismauer. Ich war zum Umfallen müde. Ich weinte. Donaueschingen Ich kam in eine Zelle, in der eine Landstreicherin lag, eine kleine, schmutzige, schäbige Frau. In der Zelle war eine fürchterliche Luft. Ich legte mich auf den Strohsack und schloß die Augen. - Ich mußte mit einem Todesurteil rechnen. Hatte ich ,, Glück", so erwarteten mich mindestens fünf Jahre Gefangenschaft. Nach Beendigung der Haft wenn es für mich überhaupt so ein Ende gab, erwarteten mich Demütigungen und Repressalien, es sei denn, die Nazis verloren den Krieg! In den letzten Tagen hatte ich die eindrucksvollen Erfolgsmeldungen der Japaner gehört: Pearl Harbour, Singapur! Wenn es für mich überhaupt noch ein ,, Jenseits der Mauern" gab, so lag es in weiter Ferne. Ich war Gefangene und hatte das Leben in der Gefangenschaft mit ganzer Aufmerksamkeit zu leben. Mein Leben, meine Aufgaben lagen ausschließlich in dieser Welt. Die Welt ,, jenseits der Mauern" hatte für mich ihre Bedeutung verloren. Ich durfte ihr nicht nachtrauern. Auch mit meinem ,, Fehler", mit meinem unberechtigten Vertrauen zu Hellberg, durfte ich mich nicht mehr beschäftigen. Die Frage, was ich hätte besser machen können, durfte mich nicht beschäftigen. Meine Verhaftung hatte ich als Tatsache hinzunehmen, ohne Selbstvorwürfe, ohne Bedauern. Neben mir kratzte sich die Landstreicherin beharrlich mit langen Fingernägeln. Ekel schüttelte mich. 41 Nach zwei Tagen wurde meine Zellengefährtin entlassen. Ich erbat heißes Wasser und ein Scheuertuch. Ich putzte die Zelle und öffnete das Fenster. Bei meiner Verhaftung hatte ich Äpfel bei mir. Sie wurden mir ausgehändigt. Ich bekam zwei Bücher aus meinem Koffer: Walter Eucken ,,, Grundlage der Volkswirtschaftslehre" und eine Geschichte der amerikanischen Volkswirtschaft. Es waren einige Tage vollkommener Ruhe und Konzentration. Stille, schöne Tage. Mitte Januar kam ich auf Transport, nach Konstanz. Als ich vor Sonnenaufgang, mit Polizeibegleitung, in klirrendem Frost durch die Straßen ging, begegnete uns ein Trupp Kriegsgefangener ,, Kameraden", dachte ich. Nein, ich war nicht allein. Ich gehörte zu einem Millionenheer. Stand ich nicht endlich offen auf der Seite, zu der ich immer gehört hatte: auf der Seite der Unterdrückten? Konstanz Eine helle Zelle. Sorgfältig gegen die Außenwelt abgeschlossen. Ein Kasten vor dem Fenster versperrte jede Aussicht, auch den Anblick des Himmels. Ich hatte einen Brief an meinen Bruder geschrieben und ihm Anweisung gegeben, die Wohnung aufzulösen, meine Sachen zu verschenken oder zu verkaufen. Je nachdem. Ich würde wahrscheinlich nie mehr, frühestens aber zu einem so späten Zeitpunkt zurückkommen, daß es sich nicht lohne, für ihn Vorsorge zu treffen. Der alte Gestapomann kam zu mir. Er brachte den Brief zurück: ,, So einen Brief kann man doch nicht abschicken! Sie haben ja lauter Dummheiten geschrieben! Wer wird denn gleich den Kopf verlieren? Sie sind noch eine junge Frau! Ein gut Teil des Lebens liegt vor Ihnen. Schreiben Sie noch 42 6 einmal an Ihren Bruder. Denken Sie an Ihre Zukunft." Er bewilligte mir einen Extrabrief, damit ich auch an Horst, meinen Mann, schreiben könnte. Dann fragte er mich: ,, Und nun sagen Sie mir die Namen?" ,, Sie wissen doch, daß ich die Namen nicht sagen werde. Sie würden Ihre Freunde ja auch nicht verraten!" ,, Es wird Ihnen aber schaden!" ,, Mir kann gar nichts mehr schaden. Meine Lage ist hoffnungslos!" Beim Verlassen der Zelle sagte er mir: ,, Ihre Sache ist der Staatsanwaltschaft übergeben. Sie werden in den nächsten Tagen in Untersuchungshaft kommen. Ihnen wird der Prozeß gemacht, Sie werden verurteilt werden. Die Gestapo Karlsruhe, als deren Vertreter ich Sie verhaftet habe, wird nicht den Antrag stellen, Sie nach verbüßter Freiheitsstrafe in Schutzhaft zu nehmen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß das Reichssicherheitshauptamt in Berlin Sie in Schutzhaft nimmt." Am 24. Januar erhielt ich einen Strafbefehl: Sechs Monate Gefängnis wegen Beihilfe zum Grenzübertritt. Mit Todesstrafe hatte ich gerechnet! Monate Gefängnis erhielt ich! Sechs Ein Vorhang, den ich endgültig gefallen glaubte, öffnete sich. In greifbarer Nähe stand die Freiheit. Schauer der Freude durchschüttelten mich. Freudentränen tropften in meinen Kohlrübenbrei. Strafgefangene durften nach der Gefängnisordnung keine privaten Bücher haben. Ich erwirkte trotzdem die Erlaubnis, Mathematik- und Geschichtsbücher zu haben. Zehn Stunden lang klebte ich Tüten. Es war eine einfache, beruhigende Be43 schäftigung, bei der ich nachdenken konnte. Eine halbe Stunde ging ich im Hof ,, spazieren", mit 40 Frauen zusammen, eine hinter der anderen. Sprechen war verboten. Eine hohe Mauer versperrte jede Aussicht. Aber ein Stück Himmel konnte man sehen. Während meine Schritte in den schweren Skistiefeln auf den Steinen tönten, während die leichten Stöckelschuhe der anderen klapperten, hörte, summte ich tonlos eine Melodie: ,, Hört, wie der Schritt von Millionen endlos aus Nächtigem quillt..." Mein Schritt paßte sich der Melodie an. Nein, ich war nicht allein. Ich gehörte zu der großen internationalen Millionenarmee der Unterdrückten. Die Freizeit war genau eingeteilt: eine Stunde arbeitete ich Mathematik( Differential- und Integralrechnung), eine Stunde las ich. Nachdem das Licht gelöscht war, trieb ich eine Viertelstunde Gymnastik. Bevor ich einschlief, stellte ich mir noch für den kommenden Tag mein ,, Programm" zurecht: über welche Fragen ich während des Tütenklebens nachdenken wollte. Für meine Entwicklung waren diese hungrigen, einsamen vier Monate in Konstanz von großem Wert. - - Ich legte damals um in einem Bilde zu sprechen Feuer an alles, was mir bisher wertvoll war. Ich übte rücksichtslose Kritik an meiner Überzeugung. Die Werte erwiesen sich als ,, feuerfest", meine Überzeugung hielt der Kritik stand. Mir wurde zur Gewißheit, daß in unserer widerspruchsvollen, chaotischen, ungerechten Welt es für einen anspruchsvollen Menschen und ich bin ein anspruchsvoller Mensch nur eine Möglichkeit des Lebens gibt: ein Leben im Kampfe gegen Ungerechtigkeit und Grausamkeit, gegen Widersprüche 44 - 1 T ( und Chaos, ein ein Leben Leben im Kampf um eine menschliche Entwicklung für alle, für Gerechtigkeit und Sozialismus. Nur in diesem Kampfe erleben wir das heute mögliche höchste Glück: einen Hauch, eine Ahnung des reichen Lebens, für das wir kämpfen. In diesen Wochen wurde mir klar, daß ich nichts geopfert" hatte, sondern daß ich, indem ich kämpfte und Gefahren und Verzichte auf mich nahm, das in unserer Zeit überhaupt mögliche reichste Leben führte. Mein Leben hatte sich gelohnt, war unendlich schön gewesen. Ein Bibelwort ließ mich nicht los: ,, Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen!" Sind wir Sozialisten nicht diesem Priester vergleichbar, dessen ,, Frieden", dessen Lebenserfüllung darin besteht, daß er kommenden Wert, kommendes Glück, für das seine Zeit noch blind ist, daß von dieser Zeit verdammt und gekreuzigt wird, empfindet, erkennt, in sich aufnimmt, ihm dient? Gotteszell Ende April 1942 kam ich auf Transport nach Schwäbisch- Gmünd, ins Frauengefängnis Gotteszell. Während des Transportes kam ich mit einer Frau zusammen, die im Konzentrationslager Ravensbrück gewesen war. Ich fragte sie aus. Aus ihrem Bericht wurde ich nicht klug. Nur soviel wurde klar: Ravensbrück mußte ein seltsames, dem normalen Menschen unverständliches Inferno sein. Nur Menschen mit harten Muskeln, eisernem Willen, stählerner Gesundheit hatten Aussicht, es zu überleben. Es bestand die Wahrscheinlichkeit, daß ich im Anschluß an die Gefängniszeit nach Ravensbrück kam. Wollte ich überleben, so mußte ich mit festen - 45 Muskeln, Strapazen und schwere Arbeit gewöhnt, dort hinkommen. Bei der Ankunft in Gotteszell bat ich daher darum, daß man mich in eine Kolonne von Außenarbeitern eingliederte. Es gelang mir nur mit Mühe, das zu erreichen; ich war blaß und mager, sah städtisch und schwach aus. Schließlich hatte ich aber doch Erfolg. Nach einigen Tagen Außenarbeit war ich am Ende meiner Kraft. Wenn ich mich bückte, erbrach ich mich. Ich konnte die Beine kaum mehr heben. Vor meinen Augen tanzten Funken. Am nächsten Morgen ich war an der Reihe, den Kübel des Schlafsaales zu leeren fiel ich in Ohnmacht. Ich wollte nicht schlappmachen. Ich mußte bei der Außenarbeit durchhalten. Dann war ich doch im Revier. Ich hatte 41 Grad Fieber. - - Nach einer Woche war ich wieder in der Abteilung. Der Beamte, der die Außenkolonne führte, kam zu mir: ,, Sprengel, bleiben Sie im Innendienst. Sie vertragen Außenarbeit nicht!" Ich kämpfte um die Außenarbeit wie um mein Leben. Ich handelte richtig! - Er ließ sich erweichen, nahm mich wieder mit und sorgte dafür, daß ich zunächst nur leichte Arbeit erhielt. Diesmal hielt ich durch. Bald war ich soweit, daß ich die schwersten Arbeiten mühelos vertrug. Nach zweimonatiger Außenarbeit war ich dann körperlich und seelisch in so gutem Zustand wie selten vor- und nachher in meinem Leben. So lebte ich damals in komisch- altmodischer Gefängnistracht mit 60 Kriminellen und vielleicht drei Frauen zusammen, die man als ,, Politische" bezeichnen konnte. Wir waren gute Kameraden. Besonders gut stand ich mich mit einer Frau, die auf Jahrmärkten gereist, weiße Mäuse vorgeführt 46 hatte und wegen Diebstahls verurteilt war. Sie war heiter und hatte das Mundwerk auf dem rechten Fleck. Sie war eine tüchtige Arbeiterin und ein guter Kamerad. - Es war da ein Bürgermädchen, das sieben Jahre mit einem Manne verlobt gewesen war. Ihr Verlobter kam zum Militär und nach Holland. Sie besuchte ihn. Er führte dort das ,, beschwingte" Leben eines Besatzungsoffiziers mit viel Wein, Weibern und Schweinereien. Nicht einmal während ihres kurzen Besuches mochte er auf diese ,, Freuden" verzichten. Sie kam dahinter warf ihm den Ring vor die Füße und schimpfte in ihrem holländischen Quartier ohne die erforderliche Zurückhaltung über die Verwahrlosung der deutschen Soldaten, ihren liederlichen Lebenswandel im allgemeinen und speziell über die Lasterhaftigkeit ihres Verlobten. Diesen temperamentvollen Ausbruch eines braven Herzens hörte ein Gestapobeamter. Sie wurde verhaftet und wegen Verächtlichmachung der deutschen Wehrmacht zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Armes Mädchen! Wir arbeiteten zeitweise mit italienischen Zivilarbeitern zusammen. Einer dieser Italiener hatte in Abessinien gekämpft. Von vier Wochen seiner fünfjährigen Militärzeit habe er durchschnittlich eine Woche im Arrest zugebracht, berichtete er. Arrest wäre immer unangenehm. In Abessinien aber sei er fürchterlich gewesen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang seien die Arrestanten barhäuptig in praller Sonne, ohne Wasser, an einen Stamm gefesselt gewesen. Sieben Tage hintereinander. Kameraden seien irrsinnig geworden. Er selbst habe an der Grenze des Wahnsinns gestanden. Er erzählte mir von seiner Schwester, die in Oberitalien in einer chemischen Fabrik arbeite: eine junge, schöne Frau. Ihre Hände aber seien von den Säuren zer47 fressen, ihre Finger seien nackt und hautlos, ihre Nägel lösten sich ab... Die Verpflegung war unzureichend. Aber bei den Bauern, den Gärtnern, bei dem Besitzer einer Getreidemühle bekamen wir meist ,, Zukost". Dachten unsere Arbeitgeber" nicht von allein daran, so verstanden wir es, sie darauf aufmerksam zu machen. Im Laufe der Wochen entwickelte ich auf diesem Gebiet große Fertigkeiten. Mayer, der Gefängnisbeamte, der uns bewachte, ließ mich gewähren. Nur einmal, als ich aus der Privatwohnung des Mühlenbesitzers an einem Tage mit dem fünften Laib Brot herauskam, meinte er besorgt: ,, Sprengel, Sprengel, übertreiben Sie nicht!" Manchmal ging es uns aber auch schlecht: das Gefängnisessen war dünn oder gar verdorben, oder die Arbeitgeber gaben uns nichts. Dann stocherte Mayer besorgt in seinem eigenen Essen, war rasch satt und teilte den Rest unter zwei oder drei Frauen, der Reihe nach. Er arbeitete mit uns. Damit die Arbeit rascher fortschreite und damit es keine Beanstandungen gebe. Nie schlug er den Weg des geringsten" Widerstandes ein: uns anzutreiben. Umgekehrt: wenn die Unternehmer mehr Arbeit verlangten, dann stellte er sich vor uns: ,, Sie müssen verstehen, bei dem schlechten Essen können die Frauen nicht mehr arbeiten." Am liebsten arbeitete ich auf dem ,, Gotteszeller Acker": hoch oben auf der Schwäbischen Alb, mitten im Hochwald. Mayer verstand, daß ich das Bedürfnis nach Einsamkeit hatte. Nach dem Essen durfte ich mich entfernen. Dann wanderte ich wohl eine halbe Stunde allein durch Hochwald und Schluchten, pflückte Erdbeeren und Blaubeeren. Manchmal wünschte ich, daß die Menschen, die mir nahestanden, wüßten, wie gut es mir ging. 48 Mayer brachte Zeitungen mit und las uns die Wehrmachtsberichte vor. Bald hatte ich ihn soweit, daß er mir das Vorlesen übertrug. Dann behielt ich natürlich die Zeitung. Und konnte sie ganz lesen. Jedesmal, wenn er die Zeitung aufschlug, zitterte ich: würden die Deutschen in diesem Sommer die russischen Ölquellen erreichen? Und wenn in dicken Lettern nichtssagende Überschriften standen wie: ,, Drei Briten- Flugzeuge abgeschossen", dann freute ich mich: der Sommer geht hin! Hitler erreicht die Olgebiete nicht. Der Krieg entscheidet sich zugunsten der Alliierten. Entlassung und Transport Am letzten Sonntag meiner Strafgefangenenzeit sagte eine Kameradin zu mir: ,, Stell' dir vor, Rita, heute in einer Woche sitzt du an einem gedeckten Tisch zusammen mit..." Ich fuhr auf, schrie sie an: ,, Halt den Mund! Ich will das nicht hören!" Die Spannung der letzten Tage war unerträglich: Würde ich freikommen? Ja oder nein? Zwei Tage vor meiner Entlassung. Wir waren nicht zur Außenarbeit gegangen. Entlassungsrapport. Meine Hände waren feucht und kalt. Ich betrat das Zimmer des Anstaltsleiters. Ich trat dicht an seinen Schreibtisch. ,, Treten Sie einen Meter zurück!" sagte er. ,, Er hat Angst vor mir! Ich komme nicht frei!" ,, Ihre Entlassung geht leider nicht so ganz glatt!" Er sprach lange, monoton. Zum Schluß ermahnte er mich: Keine Dummheiten, keine Unbesonnenheiten!" Die ganze Abteilung sah mich an, als ich wieder in den Saal trat. Ich setzte mich auf meinen Platz. Den Kopf stützte ich in die Hände. 4 Eiserne Ferse 49 Die Abteilungsbeamtin kam herein, eine strenge und doch gütige katholische Frau. Sie rief mich an. ,, Nun, Sprengel", fragte sie freundlich, voll Mitfreude ,,, den Entlassungsrapport haben Sie hinter sich?" ,, Ja. Ich komme nach Ravensbrück!" Hart, kurz kamen die Worte über meine Lippen. Die Beamtin erhob sich. Tränen standen in ihren Augen. Mit beiden Fäusten schlug sie auf das Pult: ,, Die Anständigen bringen sie um!" Sie verließ den Saal. Es war totenstill. In diesen Tagen steckten mir die Kameradinnen, Politische und Kriminelle, alles zu, was greifbar war. Die Kranken gaben mir ihre Diät, die Schwangeren gaben mir ihre Milch. Die Aufseherinnen brachten Kuchen. Ehe die Wurst in der Abteilung verteilt wurde, mußte ein großes Stück für mich abgeschnitten werden. Ich nahm es, aß es, schmeckte nichts. Es kamen drei Wochen Transport: fast ohne Verpflegung, meist ohne Bett oder Strohsack des Nachts, ohne Möglichkeit, sich zu säubern. Tagsüber Eisenbahnfahrten in heißen, engen Gefangenenwagen. In Transportzellen, die für zwei Leute eng waren, saßen und standen vier bis sechs Gefangene. Diese Transportgefängnisse: Ein Strom verhungerter, zerlumpter Männer, Frauen und Kinder aller Nationen wälzte sich ununterbrochen hindurch: erschöpft, verzweifelt, verwirrt, nicht wissend, warum ihnen das geschah, nicht wissend, wohin sie kamen, nicht ahnend, was da kommen sollte. Ein Grauen stand in ihren Augen. Kinder, tausende Kinder waren unter ihnen.... Ravensbrück Auf dem Bahnhof nahmen uns Frauen in Uniform, mit hohen Stiefeln, koketten Käppis und noch koketteren Locken in Empfang. Wir waren scheu. Wir waren willig. Wir wurden angeschnauzt, kom50 I S mandiert, es hagelte Fußtritte. Gepreßt saßen und standen wir in den Transportautos.... Ein weites, flaches Gelände. Flache Baracken, hohe Stracheldrahtzäune, aufragende Wachtürme. Grüner Rasen und rote Blumenrabatten. In exakten Reihen marschierten Häftlinge, barfuß, braun, über die Straßen. Sie trugen Winkel und Nummern an den Schultern. Sie trugen blaugraue Kittelkleider. Die Sonne schien. Es war ein freundliches Bild. Und doch atmete es Grauen. Fremd war alles. Man betrat eine andere Welt. Auch wir mußten uns in Fünferreihen anstellen. Seltsam ungeschickt, seltsam zivil" sah unser Haufen aus. Wir paßten noch nicht nach Ravensbrück. Häftlinge notierten unsere Namen. Ich wurde gefragt, ob ich politisch" sei. Was es draußen gäbe, wie die Welt aussähe. Die Fragen wurden hastig, oberflächlich, und, wie mir schien, unvorsichtig gestellt. Ich gab nur ausweichende Antwort. Wir wurden entlaust. Viele von uns hatten Kopfläuse. Ihnen wurden die Haare geschoren. Es gab Tränen. Entstellte, seltsame, glatzköpfige Gestalten kamen nackt ins Bad. Es war schwer, sie wiederzuerkennen. Wir wurden geduscht. Dann warteten wir, nackt, einige Stunden. Fröstelnd. Zwei SS- Offiziere kamen herein. Sie setzten sich. Wir mußten uns in einer Reihe aufstellen und einzeln vortreten. Einen Schritt von ihnen entfernt standen wir, nackt. Sie betrachteten uns, von oben nach unten und von unten nach oben mit zynischen Gesichtern. Sachverständig. Dann vernahmen sie uns. Handelte es sich um Frauen, die wegen Liebe zu Ausländern hier waren, so wurde die Vernehmung ,, interessant". Sie mußten angeben, wie viele 4* 51 Male sie Verkehr gehabt hatten. Wie es vor sich gegangen sei. Kleine pikante Einzelheiten wollten die beiden Sachkenner wissen. Sie amüsierten sich. Eine ältere Nonne mußte ,, bekennen", ob sie wirklich keusch geblieben war. Dann erhielten wir Kleider und marschierten zu unserem ,, Block", einer der langen Baracken. In der Mitte: der Eingang, Waschraum, Toiletten und Beamtenzimmer. Zu beiden Seiten dann: je ein Tagesraum mit Tischen, Schemeln und kleinen Wandschränken und anschließend je ein Schlafraum mit dreistöckigen Betten und dazwischen schmalen Gängen. Der Tagesraum war zu klein. Die Luft war zum Schneiden. Der Lärm wurde durch das scharfe Kommando der Blockältesten übertönt. Wir wurden angeschrieen, hin und her geschickt, nichts machten wir recht. Es herrschtė eine unbeschreibliche Verwirrung. Das Erstaunliche: schließlich bekam doch jeder sein Brot, sein Essen, seine Schüssel, seinen Löffel, sein Handtuch, seine Schlafdecken. Tagsüber saßen wir zu dreien oder vieren auf zwei Schemeln, die nach einem besonderen System über Eck gestellt waren, und strickten. Zwischendurch waren Kessel oder sonstige Dinge abzutragen, zu holen, oder es geschah irgend etwas anderes. Ich meldete mich eifrig zu jedem Gang, um das Lager kennenzulernen, um mit den Block- und Stubenältesten ins Gespräch zu kommen. Ich war damit eine Ausnahme. Die meisten saßen stumpf auf ihrer Schemelecke und rührten sich möglichst wenig. Es kamen immer neue Zugänge auf unseren Block. Ich riet der Blockältesten, die Direktion darauf aufmerksam zu machen, daß absolut kein Platz mehr vorhanden wäre. Die Blockälteste lachte mich aus: ,, Kein Platz? Du wirst noch lernen, daß hier immer 52 52 noch Platz ist, daß hier nichts unmöglich ist! Wer die Lebensbedingungen nicht verträgt, krepiert- weiter ist nichts dabei. Die meisten, verlaẞ dich darauf, vertragen sie! Es stirbt sich nicht so schnell!" Morgens Appell, mittags Appell, abends Appell. Die Lagerstraßen waren mit Koks- und Kohlenschlacken gepflastert. Ob es regnete, ob die Sonne schien, vor Sonnenaufgang oder in der Mittagshitze standen wir mit bloßen Füßen auf den Schlacken. Die Füße vieler Frauen waren zerrissen und wund. Die Wunden waren ungepflegt. Sie rissen immer wieder auf. Sie waren verschmutzt und eiterten. Rief die Sirene zum Appell, so hatten die Frauen sich in ausgerichteten Reihen blockweise rasch anzustellen. Sie hatten stillzustehen, bis die Sirene, manchmal nach vielen Stunden erst, das Signal zum Abtreten gab. Wochenlang lag ein besonderer Druck über mir. ,, Rückfällige" kamen auf zwei Jahre in den ,, Strafblock", ein Block, der durch Stacheldraht vom übrigen Lager abgezäunt war. Die Häftlinge des Strafblocks sahen noch verhungerter aus als die anderen. Sie hatten die schwerste Arbeit unter noch schärferer Bewachung, unter noch schlimmeren Drangsalierungen zu verrichten. Das Grausigste aber: die Mehrzahl von ihnen waren von der Gesellschaft zerbrochene Psychopathen, mit denen zu leben furchtbar, unerträglich sein mußte. Ich hatte beim Eintritt in das Lager verschwiegen, daß ich in Möringen war. In der Politischen Abteilung mußte ich es angeben. Man nahm es zur Kenntnis. Es geschah nichts. Ein glücklicher Zufall? Arbeitsformierung: die Häftlinge, die in fester Arbeit standen, stellten sich bei ihren Kolonnen auf. Die anderen, die ,, Verfügbaren", standen gesondert. 53 Aus ihren Reihen wurden neue Kolonnen zusammengestellt, wurden die Arbeitskommandos aufgefüllt. Die besonders schweren, besonders grausamen Arbeitskommandos hatten immer Bedarf. Ein Bild, das ich nie vergessen werde: Die Kolonne der verfügbaren Jüdinnen. Ältere Frauen mit dicklichen, weichen, ganz wunden Füßen, mit geschwollenen Füßen, blau, lila, mit aufgeplatzten, eiternden Wunden. Um die Wunden schwirrten Fliegen. Die Kolonne wurde von Lagerläuferinnen und Anweisungshäftlingen( Kolonnenführerinnen) umkreist: sie suchten ,, Opfer", Frauen, die barfuß schwere Bauarbeiten verrichten sollten, Karren schieben, Steine tragen, schippen, Baumaterial heranschleppen. Sie griffen Frauen heraus. Die Frauen weinten, flehten: ,, Ich kann nicht! Bitte, bitte, laẞt mich heute, laßt mich nur einmal im Block! Seht meine wunden Füße!" Sie wurden gepackt, gestoßen, sie mußten arbeiten. Ein Häftling, eine Politische, trieb sie mit Fausthieben in das Arbeitskommando, brüllte sie an. - Das war Ravensbrück. Bei Transportarbeiten war meine Hand verletzt worden. Ich ging ins Revier. Neben mir stand eine tschechische Jüdin, eine gepflegte, disziplinierte Frau von vielleicht 50 Jahren. Sie und ihre Tochter wurden verhaftet, weil sie sich immer wieder nach dem Schicksal ihrer verhafteten Männer erkundigt hatten. Auch sie hatten draußen im Gelände Bauarbeiten barfuß gemacht. Sie trat sich einen rostigen Nagel ein. Sie bekam im Gegensatz zu sonstigen Gepflogenheiten Innendienst, ein Vierteljahr lang, wegen dieser Wunde. Nun wurde ein Krankentransport zusammengestellt. ,, Krankentransport" bedeutete Transport zur Vergasung. Die Frau wurde auf die Krankenliste gesetzt. Weil sie sich einen rostigen Nagel eingetreten hatte, sollte sie 54 - vergast werden! Sie ging ins Revier, um zu versuchen, eine Berichtigung dieses ,, Irrtums" zu erreichen. Der Arzt lachte sie aus. ,, Hier muß etwas geschehen!" versprach ich ihr. Ich lief von Block zu Block, ich sprach mit allen ,, maßgebenden" Häftlingen. Sie zuckten die Achseln. ,, Da ist nichts zu machen!" Sie verstanden meine Aufregungen nicht mehr! Das war Ravensbrück. Einige Zeit später kam der ganze ,, Juden- Block" nach Auschwitz. Eine holländische jüdische Studentin, die mit diesem Transport in den Tod ging, hatte ich näher kennengelernt. Ein kluges, schönes und mutiges Mädchen. Daß ihr Vater in Sachsenhausen umgebracht worden war, hatte sie erfahren. Ob ihr Verlobter noch lebte, wußte sie nicht. Sie trug den Kopf hoch, zeigte ein heiteres Gesicht und bemühte sich, unter den jüdischen Frauen Disziplin und Haltung zu erreichen. Sie wußte, daß sie einen grausigen Tod sterben, daß sie ermordet werden würde. Ich habe sie nie nervös, nie verzagt, nie um ihr Schicksal besorgt gesehen. ,, Luftmuna" Ich arbeitete in einer Transportkolonne, von 6 Uhr früh bis 6 Uhr abends- mit einer Stunde Mittagpause trugen wir Lasten: Geschoßkästen, Bretter, Balken, je nachdem. Sonntag und Alltag. Waren Waggons zu entladen, so steigerte das Tempo sich zur Raserei. Die Entladung war nicht richtig organisiert. Die Aufseherin und der Anweisungshäftling hetzten. Der Wachhund, durch Lärm und Schimpfen nervös geworden, knurrte. Die Häftlinge verletzten sich gegenseitig bei den Entladearbeiten. Jeder versuchte, sich davor zu drücken, an den gefährlichen Stellen zu arbeiten. Wir beschimpften uns. Einer war der Feind des anderen. 55 Die Aufseherin, eine gepflegte junge Frau, kokettierte mit dem Feldwebel, der die Arbeiten leitete, mit Wachmannschaften benachbart arbeitender Sie Männerkolonnen, mit jedem ,, deutschen Manne", der in die Nähe unserer Arbeitsstelle kam. spielte mit einem Kaninchen, war mit ihm zärtlich und schikanierte uns. - - Furchtbar war der Hunger. Nicht, daß er ,, weh tat". Aber er machte müde, kraftlos. Wir aber mußten Lasten schleppen, Stunden um Stunden, Tag für Tag, Woche für Woche. Wir hatten keine Kraft mehr. Es tat weh, die Hand zu heben, es war eine Strapaze, die Beine zu bewegen. Jeder versuchte, sich wenigstens für Minuten zu drücken, sich einmal zu setzen, einen Schlupfwinkel zu finden, an dem er nicht beobachtet wurde. Um diese Schlupfwinkel herrschte Zank und Streit. Der Anweisungshäftling verschob einen Teil unseres unzureichenden Essens: Schweine und Geflügel eines Zivilarbeiters wurden von unserem Essen mitgefüttert. Aufseherin und Anweisungshäftling wurden dafür mit Gänsebråten und Speck entschädigt. Das war Ravensbrück. Ich fühlte meine Kräfte abnehmen. Zum Hunger, zur schweren Arbeit kamen der Herbstregen, die Kälte. Ich kalkulierte: zwei Monate werde ich vielDie leicht noch aushalten. Viel länger nicht. Chance zu überleben war gering. Wollte ich eigentlich noch überleben? Mir war es gleichgültig. Wie töricht die Menschen doch sind, sich um ihr bißchen Leben aufzuregen! Mein Verstand war wach. ,, Du bist ein wertvoller Mensch. Du bist mehr: Du bist Revolutionär. Dein Leben ist nicht deine Privatsache. Du darfst es nicht erlöschen lassen. Deine Pflicht ist es, um dein Leben zu kämpfen. Mit allen Mitteln. Auch mit zweifelhaften Mitteln. Unter Anwendung von 56 L R H List, Anstrengung und unter Einsatz deiner letzten Reserven. Du darfst dich nicht gehen lassen!" Teilnahmslos, aber pflichttreu, setzte ich den Kampf um mein Leben fort. Unter Anwendung gewagter Mittel gelang es mir zusammen mit einer Kameradin, Ilse, aus der Transportkolonne herauszukommen. Gerade noch zur rechten Zeit. Wir waren bereits soweit ,, fertig", daß unsere Darmmuskeln nicht mehr funktionierten, daß wir uns ständig beschmutzten. Die Kameradin war soweit geschwächt, daß sie täglich stundenlang ohnmächtig war. Es gelang uns, unter Anwendung von List und Überredungskunst, in einen besseren Block zu kommen. Damit verbesserten sich unsere Lebensbedingungen. Landarbeit Ich fand Arbeit in einer landwirtschaftlichen Kolonne. Die Kolonne bestand aus Zigeunern, Asozialen, Kriminellen und einigen Liebessünderinnen. Die anderen waren Landarbeit gewöhnt und jünger als ich. Es wurde in Akkord gearbeitet. Morgens fuhr uns der Trecker durch den bunten Laubwald zu unserer Arbeitsstelle. Wir froren in unseren dünnen Kleidern. Wir waren müde. Und trotzdem nahm ich die Schönheit auf, mit seltsamer, schmerzlicher Gier. Bei Arbeitsbeginn, gegen Ende des Herbstes, riẞ man sich die Hände an der gefrorenen Erde blutig. Man merkte es kaum. Mußte man doch mitkommen. Man wollte mitkommen, um jeden Preis. Der Gutsbesitzer lieferte uns ein Mittagessen, zwei Liter dicke Kartoffelsuppe. Erreichten wir ein gewisses ,, Soll", so gab es abends noch zwölf große heiße Pellkartoffeln. Wir stahlen, WO wir nur stehlen konnten. Rohe Kartoffeln, Futterrüben, Zuckerüben, Mohrrüben, Äpfel, alles, was uns in 57 die Hände kam. Wir hatten uns Säcke unter die Röcke gebunden. Unsere Hosen waren oben und unten fest zugeschnürt. Die Hosenbeine wurden gefüllt. Unter das Hemd stopfte man sich ,, Diebesbeute!" Breitbeinig und dick, mit seltsam gequollenen Leibern rückte die Kolonne abends im Lager ein. Ich versorgte Ilse. Sie war, wie ich, erst im Jahre 1941 verhaftet worden. Sie hatte es im faschistischen Deutschland gelernt, vorsichtig zu sein. Genau wie ich, wurde sie daher von den ,, alten Politischen", den Frauen, die schon viele Jahre in Haft waren, zunächst für einen Spitzel gehalten. Sie half mir aus meinen nassen, verklebten Sachen, wenn ich abends todmüde ins Lager zurückkam. Sie holte mein Essen und setzte sich neben mich. Wir aßen zusammen. Es kränkte mich manchmal, daß sie nie satt wurde. Auch zwanzig zusätzliche Kartoffeln vermochten das Loch nicht zu stopfen, das ein Jahr Gefängnis und die ersten Monate in Ravensbrück bei ihr gerissen hatte. Sie hatte noch immer Durchfall vor Schwäche und Unterernährung. Ihr Leib war aufgequollen. Statt Brüsten lag etwas zusammengeschrumpfte Haut über ihren Brustknochen. Große Ereignisse • Eines Tages holte eine Aufseherin mich von der Arbeit ins Lager. Entlassung? Es war Dezember. Ein kalter Tag. Meine Hände aber klebten. Mein Körper war naß vor Erregung. ,, Ich weiß wirklich nicht, wozu ich Sie hole", versicherte mir die Aufseherin. - Man brachte mich in die Politische Abteilung nachdem ich ein sauberes Kleid, eine Jacke und ein sauberes Kopftuch erhalten hatte. Besuch? Wer? Mein Mann kam herein. 58 Wir führten ein seltsames Gespräch, mit wenig Worten und langen Pausen. Ein Gespräch, in dem nichts Wesentliches gesagt wurde. Einmal flüsterte ich ihm zu, daß er versuchen sollte, mir Lebensmittel zu schicken. Es sei eine Frage auf Leben und Tod. Er sagte mir leise: ,, Unser Leben ist ein grausamer, teuflischer Witz: dich, meine Frau, bringen sie hier im KZ um und- ich werde die Ehre haben, für sie, die Bande, den Heldentod zu sterben." - Ich antwortete leise: ,, Mein Tod wird leichter sein als deiner. Wenn ich sterbe, so sterbe ich wenigstens auf der richtigen Seite!" Er nickte. Die halbe Stunde war um. Ich trat auf ihn zu, nahm seinen Kopf. Wir küßten uns. Es war ein seltsamer Kuß. Es war kein Kuß zwischen Mann und Frau. Es war ein Kuß zwischen zwei Menschen, die sich unendlich gut kannten und ganz vertrauten. Ich empfand diesen Abschied fast musikalisch: wie ein unendlich schönes, erfülltes Finale. - Zusammen mit vielleicht zwanzig Frauen wartete ich auf den Rückmarsch ins Lager. Ich war die einzige, die Besuch gehabt hatte. Besuche gab es im KZ nicht. Ausnahmen wurden nur bei Wehrmachtsangehörigen gemacht. Zwei Polinnen hatten die Nachricht erhalten, daß ihre Männer im KZ verstorben seien. Es waren ältere Frauen. Die eine weinte. Die andere starrte vor sich hin. Leise ging das Gespräch zwischen den Wartenden. Eine äußerte die Vermutung, daß es heute abend ,, süße Suppe" geben würde. Die Weinende unterbrach ihr Weinen: ,, Meint ihr wirklich?" fragte sie eifrig. ,, Unser Tisch hat heute Nachkelle!" Erschüttert wandte ich mich zum Fenster. Draußen zogen die Arbeitskolonnen vorbei. Ja, der Hunger läßt die Menschen alles vergessen. 59 59 Dann marschierten wir zum Lager zurück. In Fünferreihen. Wir stellten uns nicht richtig an. Wir waren herausgerissen aus der Lageratmosphäre. Wir beherrschten die Verhaltungsweisen nicht mehr. Die vielleicht zwanzigjährige Aufseherin regte sich auf, beschimpfte uns als ,, gottverdammt dämliche Weibsbilder". Eine der beiden Polinnen weinte leise. - In den kommenden Monaten schickte mir Horst alles, was er in Frankreich auftreiben und bezahlen konnte: Butter, Zucker, Zitronen, Äpfel und Schokolade. Diese Hilfe kam im richtigen Augenblick: mein Körper war von Ausschlag zerfressen, keine Wunde heilte mehr. Mein Darm war noch immer nicht in Ordnung. Ehe Horst die Politische Abteilung verließ, hatte er gefragt, ob nicht die Möglichkeit bestände, mich wieder zu heiraten. Er möchte wissen, daß ich auch nach dem Gesetz seine Frau sei. Er möchte für mich eintreten können. Einige männertolle Aufseherinnen - alle waren übrigens männertoll erfuhren davon und betrachteten mich, den Häftling, den ein deutscher Soldat heiraten wollte. Sie waren enttäuscht über den schlechten Geschmack eines ,, Vaterlandverteidigers". Neue Arbeit, neue Erfahrungen Zwei entscheidende Veränderungen vollzogen sich mit mir in jenen Monaten: Ich überwand die Furcht vor der SS, und ich lernte, im Lager leben. Ich lernte es, die tausend Verbote ständig mit Vorsicht, aber gleichzeitig übertreten. Ich schmuggelte mit Sicherheit - - Kartoffeln und Rüben ins Lager. Ich organisierte mir Wäsche und Seife. Ich verlernte, zu glauben, daß die SS wissend und allmächtig sei. 60 Ich hatte meine Arbeit verloren, ich wurde ,, verfügbar". - - Inzwischen kannte ich die Lagerverhältnisse so weit, daß ich mich nicht mehr vom Zufall treiben ließ, sondern mir eine Stellung ,, suchte". Ich entschloß mich nach langem Zögern zu einer Büroarbeit bei den im Aufbau befindlichen SiemensHäftlingsbetrieben. Mit dem bisher einzigen Bürohäftling, einer österreichischen Genossin, verständigten wir uns. Die Kameradin im Arbeitseinsatz gab uns einen Wink. Wir stellten eine Gruppe von fünf uns genehmen Häftlingen zusammen und ,, stellten uns vor". Unser Wille gab den Ausschlag. Wir wurden alle fünf angenommen. Bereits in den ersten Monaten in Ravensbrück, in diesen Monaten grauen Entsetzens und völliger Erschöpfung, machte ich Versuche, politisch zu arbeiten. Ich hatte wenig Erfolg. Bei den lang inhaftierten Kameraden erregte ich Anstoß, wenn ich die Zustände in Deutschland schilderte, so wie sie waren, wenn ich die Auffassung vertrat, ein rascher Zusammenbruch sei nicht zu erwarten. Meine Versuche, Fragen systematisch zu besprechen, erschienen ihnen verdächtig. Bei Siemens lernte ich eine tschechische Studentin kennen. Sie forderte von mir, daß ich mich mit ihr unterhielte, sie unterrichtete. Zwei Jahre lang war sie mir eine zähe Schülerin und gleichzeitig meine beste Freundin. ,, Unter meinen Händen" wurde sie zur Sozialistin. Horst Am 15. April 1943 wurde ich wiederum zur Politischen Abteilung gerufen. Es war ein sonniger Frühlingstag. Während ich stand und wartete, 61 prägten sich mir die wehenden Kiefern über dem Stacheldraht, die weißen, zerflatternden Wolken ein. ,, An diesen Tag wirst du dich dein Leben lang erinnern!" sagte ich mir. Wir marschierten zum Verwaltungsgebäude. Vor ihm war eine Rabatte schwarzer, samtner Stiefmütterchen. ,, Trauer", dachte ich. ,, Es blüht die Trauer!" - Schwester - Man las mir eine Depesche vor: ,, An Fräulein Rita Sprengel. Ihr Bruder Horst Sprengel ist am 9. April im Hotel Nordbahnhof verstorben", und einen Begleitbrief meines Bruders Jürgen, in dem er die Lagerleitung bittet, mich, Frau Rita Sprengel, von dem Tode meines Mannes zu unterrichten. Der SS- Mann sah mich verwirrt an. Frau Fräulein Frau? Eine Erinnerung blitzte auf. Horst zeigte mir einmal sein Soldbuch. In ihm war vermerkt, daß ich, seine Schwester" im Falle eines Falles zu verständigen sei. Und er erklärte mir verlegen lächelnd: ,, Weißt du, es war mir peinlich anzugeben, daß du meine geschiedene Frau seist!" Scherzend hatte ich erwidert: ,, Briefe an Fräulein Sprengel nehme ich grundsätzlich nicht an!" Mit plötzlich aufbrechender Trauer, gepackt von der Vorstellung, daß so ein Brief mir zugehen könnte, mir zugehen würde, hatte er den Arm um mich gelegt und leise gesagt: ,, Doch, du wirst den Brief annehmen!" Und nun es gab noch eine dritte Möglichkeit: man hatte ihn mir vorgelesen! - Ich drehte mich um. Dumpf schallten meine Holzschuhe auf den Dielen des Büros, als ich mit schweren, plumpen Schritten hinausging. Ich hatte eine Vision, ganz klar, ganz deutlich: Ich werde überleben! - - Am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang ging ich über die Lagerstraße. Der Himmel war 62 b blaẞ- grau- lila, wunderbar hoch, gefiedert, getönt, von zarter, weiter, unendlicher Schönheit. Da packte mich der Schmerz, der Schmerz darum, daß er, der Natur, Himmel, Landschaft unendlich geliebt hatte, sie nicht mehr sehen, nicht mehr empfinden konnte. Nicht nur er! Millionen lebenshungrige, das Leben liebende Menschen! Da packte mich der Schmerz, daß er nicht wenigstens gestorben war, den Kopf in meinem Schoß, meine Nähe, meine Hilfe, unsere Zusammengehörigkeit fühlend. Gestorben, wie Millionen andere, einsam, unter gleichgültigen Menschen, allein mit seiner letzten Qual, seiner letzten Sehnsucht, seinen letzten Gedanken, seinem letzten Empfinden. Jahre später erfuhr ich: Nach meiner Verhaftung hatte Horst zu einer illegalen Gruppe die Verbindung aufgenommen. In Paris arbeitete er mit der Widerstandsbewegung zusammen. Er, der mich 1934 wegen meiner Teilnahme an ,, sinnloser illegaler Arbeit" geschlagen hatte, er, der mir drohte, mich anzuzeigen, trat nach meiner Verhaftung an meine Stelle, wurde wieder Genosse. Bürohäftlinge Schon während des Transportes hatte ich angefangen, russisch zu lernen. Als Siemens- Bürohäftling verbesserten sich die Möglichkeiten dazu. Ich hatte Papier, einen Bleistift. Getarnt unter Buchungsblättern konnte ich Vokale aufschreiben und lernen. Russische Mädchen schrieben mir einzelne Sätze, kleine Geschichten auf. Ich lernte sie auswendig. Langsam, mühevoll kam ich vorwärts. Jede Gelegenheit zur Unterhaltung auf russisch nutzte ich aus. Und, je mehr ich konnte, desto mehr Gelegenheiten ergaben sich. Nach einem halben Jahr trat ich in der Baracke bereits offiziell als ,, Dolmetscher" 63 auf. Was ich nicht verstand, ergänzte ich aus meiner Phantasie, ersetzte ich durch die jeweils zweckmäßigen Erklärungen. Die russischen Kameradinnen, meine Lehrerinnen, zeigten über jeden Fortschritt, den ich machte, große Freude. Neben mir arbeitete eine Belgierin. Sie sprach nur Französisch. Sie sprach rasch und viel. Durch sie lernte ich gut französisch. Ich schrieb Aufsätze, die sie korrigierte. Alle Bürohäftlinge machten Privatarbeiten, teilweise sogar unter offener Duldung der Zivilangestellten. Nur vor der SS mußte es in jedem Falle geheimgehalten werden. Die gleichen Vorgesetzten, die die Häftlinge an den Maschinen antrieben, ließen uns relativ viel Freiheit. Warum? Die Leistung einer Maschinenarbeiterin kann man messen und prüfen. Die Arbeit eines Bürohäftlings ist schwer zu kontrollieren. Der Erfolg unserer Arbeit hing von unserem guten Willen ab. Darum mußte man uns bei Laune halten, eine Arbeitsbelohnung in Gestalt von Freizeit am Arbeitsplatz gewähren. Gleichzeitig waren dies Versuche, uns zu korrumpieren, Versuche, die bei vielen Verwaltungshäftlingen erfolgreich waren. Die Siemens- Bürohäftlinge haben sich dagegen im allgemeinen gut gehalten. Der enge politische Zusammenhang, der von vornherein zwischen uns bestand, wirkte sich günstig aus. Selbst die Außenseiter und die unsauberen Elemente mußten sich unterordnen. Wir haben ihre Fähigkeiten meist in unserem Sinne ausnutzen können. Eine hübsche, geschickte, kleine Büro arbeitete, Hochstaplerin, die in unserem brachte den Meister unter ihren Einfluß: durch Koketterie und durch Erpressung. Sie hatte ihm einen privaten Brief gestohlen, der ihn belastete. Wenn er Kameraden anzeigen, Meldungen machen wollte, drohte sie ihm mit verwegener und graziöser Unverschämtheit, diesen Brief zu verwerten. 64 Antreibermethoden und Sabotage Die Belgierin und ich machten wöchentlich für unsere Baracke die ,, Lohnabrechnung". Nicht etwa, daß die Häftlinge Lohn bekommen hätten! Aber jede Arbeit, die sie erhielten, wurde ihnen zu Akkordpreisen verrechnet. Am Ende der Woche wurde dann festgestellt, wie hoch der durchschnittliche Stundenverdienst gewesen sei. Jeder Häftling, der an der Maschine arbeitete, hatte eine Karte. Auf Millimeterpapier wurde dort eine Kurve der Entwicklung der Stundenverdienste eingetragen. Wehe dem Häftling, dessen Leistung nachließ. Wehe dem Häftling, der nicht die durchschnittliche Leistung erreichte. Beschimpfungen, Drohungen waren der Auftakt. Nacharbeit( über die elfte Arbeitsstunde hinaus) war die zweite Stufe der Drangsalierung. Ohrfeigen durch die Aufseherinnen würzten die Auseinandersetzung. Wenn alles nichts half, erfolgte eine Meldung an das Lager: wegen Arbeitsverweigerung oder wegen Arbeitssabotage. Die Häftlinge kamen dann für einige Zeit in den Bunker oder auf Jahre in den Strafblock. Es konnte auch sein, daß ihnen zur Strafe die Kopfhaare abrasiert wurden, daß sie Kostabzug, Strafestehen oder Stockhiebe erhielten. Wir frisierten die Kurven: nach oben oder nach unten. Je nachdem es gebraucht wurde. Politisch zuverlässige Häftlinge informierten wir, wenn sie mehr als unbedingt notwendig war arbeiteten: Tempo verlangsamen. - - zuWir machten ohne Auftrag und für uns sätzliche Statistiken: wir errechneten den Barackendurchschnitt. Wir berechneten die Gesamtleistung, und wir berechneten die Durchschnittsleistung je Kopf. Und wir stellten mit Befriedigung fest, daß diese Durchschnittsleistung, nicht zuletzt dank unserer Einmischung, ständig sank. 5 Eiserne Ferse 65 u— Weil wir Bürohäftlinge löblichen Eifer zeigten, erhielten wir„Prämien“. Die Prämien bestanden in Lagergeld und betrugen bis zu 4,— Mark je Woche. Für diese Prämien konnte man Briefmarken, Salz, gelegentlich auch einmal Rote-Rüben-Salat oder ähnliches kaufen. Auch die Maschinenarbeiterinnen erhielten Prä- mien, soweit sie einen überdurchschnittlichen Stundenverdienst erreicht hatten. Wir waren daran interessiert, daß keine Maschinenarbeiterin sich um dieser Geldprämien willen anstrengte. Daher ver- teilten wir an diejenigen Maschinenarbeiterinnen, die kein eigenes Geld hatten, unsere Prämien. Die Verteilung des Geldes vollzog sich, ohne daß wir uns auch nur von unseren Plätzen rührten. Für jede Arbeiterreihe war ein Häftling„verantwortlich”, er gab uns eine Aufstellung, wieviel Arbeiterinnen Geld brauchten. Entsprechend dieser Aufstellung erhielt der„verantwortliche” Häftling Geldscheine ausgehändigt, die er dann verteilte. In unserer Baracke arbeiteten viele junge Russin- nen. Kinder von 15, 16 Jahren. Die meisten von ihnen arbeiteten gut und viel. Nachdem ich mich über den Sprachunterricht und durch kleine Hilfe- leistungen und Ratschläge mit ihnen angefreundet hatte, wandte ich mich an ein charakterlich sehr ordentliches Mädchen, eine wahre„Stachanow- Arbeiterin". Ich fragte sie, ob sie wisse, wofür die von ihr gewickelten Spulen Verwendung fänden? Für Nachrichtengeräte, erklärte ich ihr. Durch diese Spulen gingen z. B. auch die Anweisungen zum Richten der Geschütze auf russische Stellungen, zum Abschuß der Granaten. Das Gespräch dauerte zwei Minuten. Es genügte. Das Mädchen sprach mit den anderen. Die besten russischen Arbeiterinnen fielen von jetzt ab aus. 66 Sie schwänzten die Arbeit, sie arbeiteten schlecht. Weder Drohungen noch Zureden half. Zu Tausenden verschwanden die kleinen, zerbrechlichen Spulenkörper. Die Genossin, die das Materiallager verwaltete, kam zu mir: ,, Um Gottes willen! Was haben deine Russinnen angerichtet? Es läßt sich feststellen, daß Material verschwunden ist!" Ich ging von Maschine zu Maschine: ,, Die Spulenkörper können kaputtgehen. Viele sind sicher bei der Lieferung schon beschädigt. Ihr dürft sie abér nicht einfach wegwerfen. Ihr müßt sie ins Lager zurückgeben. Dort werden sie gewogen und als Ausschuß abgebucht. Ihr habt offenbar einige Tausend leichtsinnig fortgeworfen. Damit es kein Malheur gibt, sucht zusammen, was ihr noch an brauchbaren Spulen und Ausschuß habt. Wir können dem Meister nicht sagen, daß keine Spulen mehr da sind. Er würde Sabotage vermuten." Die Mädchen verstanden. Kein Geständnis, auch mir gegenüber nicht. Zur ,, Uberbrückung" gaben sie einige hundert Spulen heraus. In der Folgezeit wurden die zwischen den Fingern zerquetschten Spulen brav abgeliefert, im Lager gewogen und abgebucht. Nachrichtendienst Ab 1943 durften wir Zeitungen halten. Durch Zivilisten und durch einige SS- Leute erfuhren einzelne Häftlinge die Berichte des ausländischen Rundfunks. Diese Berichte wurden weitergegeben an diejenigen, die man als verläßlich kannte. Wer die Nachricht erhalten hatte, gab sie nun seinerseits an ihm bekannte zuverlässige Häftlinge weiter. Es war ein nicht planvoll organisierter, aber ausgezeichnet funktionierender Nachrichtenapparat. Wir waren besser auf dem ,, laufenden" als die durchschnittlichen freien Deutschen. 5* 67 aa x Bei Siemens wurden die Nachrichten mit der „Werkpost‘”— Häftlingen— von Baracke zu Baracke getragen. Für wichtige Neuigkeiten WUT- den Sonderboten„eingesetzt. Die Nachrichten kamen.in deutscher Sprache an und wurden sofort in alle bei uns vorkommenden Sprachen übersetzt. Im Lager waren Russen, Tschechen, Polen, Jugo- slawen, Franzosen, Belgier, Holländer. Norweger, Luxemburger, Spanier, Letten und Litauer, Arbeite- rinnen, Bäuerinnen, Hausfrauen, Angestellte und Intelligenz. Vor allem: Intelligenz. Es waren da Frauen, die als Geiseln verhaftet waren, aber auch Frauen, die sich aktiv am politischen Kampf beteiligt hatten, die für die Partisanen Kurierdienste getan oder die selbst als Partisanen in den Bergen des Balkans oder in Frankreich gekämpft hatten. Während des Appells, an Sonntagen, oder auch während der Arbeit unterhielten wir uns mit unse- tem„Nebenmann“. Dadurch lernten wir die Welt kennen. Wir organisierten im Laufe der Zeit den Infor- mationsdienst: Berichte‘über die Entwicklung der Partisanenbewegung in den verschiedenen Ländern wurden gegeben, über die Untergrundbewegung, über die Formen des Widerstandes, über die Formen seiner Unterdrückung und seiner Fortsetzung. Krankentransport - Es wurde erneut ein Krankentransport zusammen- gestellt: 800 Frauen!‘Ilse hatte die Aufgabe, die Listen. zu schreiben. Jeder Name ein Todesurteil. Sie war außer sich vor Erregung! Sollte sie sich weigern zu schreiben? Und dann selbst„Miquidiert werden?! Ihr kleiner Sohn wartete zu Hause auf sie. Sie fütterte ihn gerade mit Haferbrei, als die Gestapo sie verhaften kam! Ihr Mann war im KZ 68 Mauthausen. Auch er brauchte sie, wenn er wiederkam! Eine andere würde die Listen an ihrer Stelle schreiben! Es würden dann vielleicht mehr Politische und weniger Kriminelle und Asoziale auf die Liste gesetzt werden. So schrieb sie die Listen. Bei jedem Namen zögernd. Immer wieder überlegend: Können wir hinter dem Rücken der SS hier nicht ,, austauschen"? Ein teuflisches Geschäft! Pauline G., eine alte Sozialdemokratin, eine tapfere, gütige Frau, fragte mich: ,, Rita, sage mir die Wahrheit! Stehe ich auf der Liste? Der Arzt hat meinen Namen aufgeschrieben.... Ich möchte, ich muß die Wahrheit wissen! Belüge mich nicht!" Ich versicherte ihr, daß sie sich irre. Ich wüßte es genau, sie stände nicht auf der Liste. Sie glaubte mir nicht. Sie wollte ihre beiden Töchter, deutsche Lehrerinnen ,,, hintenherum" verständigen. Sie sollten wenigstens wissen, wie ihre Mutter ums Leben käme. Ich schwor ihr, daß sie sich irre. Ich preẞte ihre Hände. Sie glaubte mir halb. - Endlich war ich allein. Ich hätte mich nicht mehr lange beherrschen gekonnt: Ja, sie stand auf der Liste. Ich hatte sie belogen. Ich durfte ihr nicht die Wahrheit sagen! - Ich war bei Ilse. ,, Du mußt Pauline streichen durch eine Asoziale ersetzen! Du mußt es!" Pauline wurde gestrichen. Sie hat das Lager trotz ihrer Krampfadern überlebt.- Krampfadern machten nach den Auffassungen der SS einen Häftling lebensunwert. 69 Am letzten Tage vor Aufruf des Transportes kam Ilse zu mir: Drei politische Frauen könne sie noch austauschen. Wer von den auf der Liste Stehenden sei am wertvollsten? Es war ein grausiger Abend: wir gingen durch die Blocks, fragten, sondierten. Niemand durfte um den Grund unseres Besuches erfahren. Wir teilten Ilse unsere Meinung mit. Drei Todesurteile wurden aufgehoben. Drei andere Menschen wurden auf die Todesliste gesetzt. Am anderen Morgen standen die 800 Frauen in Fünferreihen vor dem Bad. Wir marschierten an ihnen vorbei zur Arbeit. Unsere Blicke waren ihnen zugewandt. Schweigend marschierte die Kolonne. Die SS hatte ein schlechtes Gewissen. Aufseherinnen liefen an unseren Reihen entlang: ,, Sie sollen geradeaus sehen!" Ihre Stimmen überschlugen sich. Vor meinen Augen tauchte eine Aufseherin auf: dickliches, rotes Gesicht, langes Lockengewirr. Ihr Mund war geöffnet. Hysterisch schrie sie uns an. Kochend heiß rann es mir durch die Adern. Ich sah ihr Gesicht, den aufgerissenen Mund. Ich sah ihre Kehle. Funken tanzten dazwischen. Und ich fühlte, wie meine Hände ihre Locken packten, wie meine Zähne sich in ihre Kehle eingruben, sie knirschend durchbissen. Die Hand einer Kameradin legte sich in meine Hand ,,, Rita!" sagte sie leise. Ich kam zu mir, ich hatte mich wieder in der Gewalt. Wir marschierten durchs Tor. Schweigend standen die Häftlinge vor ihren Arbeitsplätzen. Niemand sagte ein Wort. Niemand begann zu arbeiten. Eine Vorarbeiterin kam auf uns Bürohäftlinge zu. Auf ihren Lippen schwebte die Frage: Warum 70 " arbeitet ihr nicht?" Sie sprach die Frage nicht aus. Sie sah unsere Augen: aufgerissene, blinde, leere Augen, Augen von Wahnsinnigen. Sie drehte sich um und flüchtete aus der Baracke. Am Abend war ich im Tschechen- Block. Ein Block mit knappem Raum für 300 Menschen, in dem 700 Frauen untergebracht waren. An diesem Abend herrschte in dem Block eine tote Leere. Nie vorher, nie nachher habe ich so etwas erlebt: Luft, die vor Schmerz steht! 65 Frauen dieses Blocks waren auf Todestransport gekommen. Vier Töchter blieben als Arbeitsvieh zurück. Ihre Mütter waren zur Vergasung geschickt. Unordnung Die Überfüllung und Unordnung im Lager hatte große wirtschaftliche und hygienische Nachteile. Zeitweilig schliefen in zwei Betten bis zu sieben Menschen. Saubere Wäsche, ausreichende Unterkleidung gab es auf ,, legalem Wege" überhaupt nicht mehr. Das Gedränge nahm zu. Sitzgelegenheiten gab es in den Blocks kaum noch. Die Unordnung hatte aber auch Vorteile. Die SS verlor die Kontrolle über uns. Es wurde möglich, die Arbeit zu schwänzen. Es wurde möglich, sich in größeren Gruppen zusammenzusetzen, Vorträge anzuhören, Diskussionen zu veranstalten. Man sprach ganz offiziell vom ,, Ravensbrücker Maquis". Während des Appells wurde gesprochen. Der einzelne Häftling, der dabei ertappt wurde, bekam wohl gelegentlich noch Hiebe. Was machte das? Der Wert der Unterhaltung war größer. Menschliches Wachstum Im ersten Jahr schien mir das, was wir in Ravensbrück durchmachten, die menschliche Tragfähigkeit 71 zu übersteigen. Ich fühlte, wie meine Kräfte rasch abnahmen. Ich wollte überleben, weil ich mich für einen politisch wertvollen Menschen hielt. Ich wollte überleben, weil ich ein Mensch mit dem natürlichen Willen zum Leben bin. Ich fühlte den Tod im Nacken. Trotzdem ich damals zu müde und zu traurig war, um das Leben zu lieben und zu begehren, habe ich wohl Angst gehabt. Ich war unruhig und gehetzt, wenn beim Appell Unordnung herrschte und Strafen zu befürchten waren. Ich war hastig und aufgeregt bei der Essenverteilung: ich könnte zu kurz kommen, fürchtete ich. Ich war entschlossen, alles zu tun, um meine materielle Lage zu verbessern. Ich war willens, mich vor Menschen zu demütigen, die Macht und Einfluß, die Verfügungsgewalt über Lebensmittel hatten. Ich war entschlossen, ihnen nach dem Munde zu reden und zu schmeicheln. Ich kämpfte um jeden Happen Essen. Diese unwürdige Haltung erweckte bei den wertvollen Häftlingen keine Sympathien. Und die von mir umschmeichelten Wertlosen spürten zu deutlich die Unehrlichkeit meiner Haltung, als daß ich ihr Herz und damit materiellen Vorteil gewinnen konnte. Widerwärtiger als durch Schmutz und eiternde Wunde wurde ich mir selbst durch diese unwürdige Haltung. - - Diese mir scheint: bittersten Erfahrungen meiner Haftzeit wurden für meine Entwicklung wertvoll. Ich erkannte: Gefangenschaft, Strapazen, Hunger, Frost, Anstrengungen, all das läßt sich ertragen. Unerträglich aber ist der Ekel vor sich selbst. Mit diesem Ekel kann man nicht leben. So beschloß ich entsprechend meiner Neigung-, mit Selbstachtung zu leben, mich vor niemand zu beugen, auch wenn ich dabei verhungern müßte. 72 - Zunächst war ich in Ravensbrück unbeliebt. In den langen Jahren illegaler Arbeit hatte ich es verlernt, mich unmittelbar zu geben. Nicht, was ich wirklich dachte, sagte ich. Ich bemühte mich zunächst zu erfahren, was die anderen dachten, zu überlegen, was ich ihnen unter Berücksichtigung der Situation und ihrer Meinung zweckmäßigerweise sagen müßte und erst danach mich zu äußern. Diese Haltung war mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich wartete lange, sprach langsam und äußerte nicht übereinstimmende Meinungen, da ich meine Erklärungen ja meinem Gesprächspartner und nicht der eigenen Überzeugung anpaẞte. Diese Haltung machte mich verdächtig. Man hielt mich für einen Spitzel. immer Erst langsam lernte ich, daß man im Lager seine Meinung offener äußern konnte denn als ,, freier" Mensch in Deutschland. Dieses Langsam- wiederdie- eigene- Sprache- finden, war beglückend. Mir ging es, wie es einem Menschen gehen mag, dessen Bewegungsmöglichkeit durch eine Lähmung gehindert war und der allmählich seine Bewegungsfähigkeit wieder gewinnt. Die Zunahme der Kraft und Funktionsfähigkeit seines Körpers erfüllt ihn mit einem Glück, das größer ist als der Kummer. darüber, daß er gleichzeitig sehr arm wurde und daß sein Leben nun mit vielen, ihm bisher unbekannten materiellen Verzichten verbunden ist, denn trotz dieser Verzichte wird sein Leben schöner und reicher, einfach deshalb, weil er sich mehr bewegen kann. Diejenigen, die Deutschland in der Nazizeit nicht miterlebt haben, mögen die Furchtbarkeit des Druckes an meiner Feststellung ermessen, daß ich trotz allem im Konzentrationslager seelisch aufblühte, glücklicher wurde als ich es in Freiheit gewesen war. - 73 Im Lager wurde ich stolz Ich konnte nicht leben ohne die Sympathie der wertvollen Kameraden. Ich konnte nicht einfach vegetieren. Ich mußte, auch in den schlimmsten Zeiten der Haft, wenigstens etwas Nützliches tun, wenigstens etwas leisten. Und dieses ,, Etwas" war, entsprechend meinen Neigungen und Fähigkeiten, Erziehung junger Menschen, Entwicklung neuer Genossen. Im Lager gab es keine geheimen Schwächen und Laster. Bei allem, was man tat, jede Minute des Tages und der Nacht, stand man unter der Kontrolle der Kameraden, lebte man unter den Augen seiner Mitgefangenen. Schwächen ließen sich nicht verbergen. Wollte man nicht haben, daß die anderen sie sahen, SO mußte man sie beseitigen. Wenn man Schwächen und, Unzulänglichkeiten zeigte, vertrauten einem die jungen Menschen nicht, hatte man keinen Einfluß auf sie, konnte man sie nicht erziehen. Wollte ich Erzieher sein, so mußte ich also besser werden. Mein Wunsch, Menschen zu beeinflussen, hat meine eigene Entwicklung daher vorwärtsgetrieben. Als ich ins Lager kam, haftete mir die Überheblichkeit des Sektierers an: Ich, die Wertvolle, ich, die Auserwählte, sprach aus meinem Verhalten. Ich kann mir keinen Vorwurf machen, daß ich diese überhebliche Einstellung gewann. Der Antifaschist mußte sich in der faschistischen Gesellschaft ständig gegen die Auffassungen seiner Umwelt wehren. Zur Abwehr gehörte es, daß er sich daran klammerte: Ich bin klüger, ich bin besser, ich habe recht, ich... ich... ich... Psychologisch ist der Schritt von der berechtigten Erkenntnis des eigenen Wertes zur Selbstüberheblichkeit klein. 74 - - In Ravensbrück wurde ich von meinem Sockel" heruntergeholt. Auch diejenigen, deren politische Arbeitsmöglichkeiten geringer als die meine waren, waren Menschen, die genau so zählten und litten meist sogar mehr litten als ich die als Menschen in voller Gleichberechtigung neben mir standen. Auch sie hatten für ihre Überzeugung ihr Bestes, ihr Leben und ihre Freiheit, aufs Spiel gesetzt. Auch wenn wir unsere Arbeit etwas klüger als sie angefangen haben mochten: wir alle hatten nicht den entscheidenden Erfolg gehabt. Auch im Miẞerfolg waren wir Kameraden. Vor uns allen stand die Aufgabe, nicht in alte Methoden und Vorstellungen verliebt zu sein, sondern in offener Kritik unsere vergangene Unzulänglichkeit anzuerkennen und mit offenen Augen den Notwendigkeiten und Erfordernissen künftiger Arbeit zugewandt zu sein. Wer von uns dabei mehr leisten, den richtigeren Weg gehen würde, stand noch lange nicht fest. Oder, war es etwa notwendig, daß viele Wege beschritten wurden, damit unser gemeinsames Ziel erreicht werden konnte? Die Mutter, die Kinder gebar und erzog, der Lehrer, der sie beeinflußte, der Mann, der in der Fabrik arbeitete, der Erfinder, durch dessen Arbeit die Produktivkräfte gesteigert wurden, der Soldat, der Terrorist, der kleine politische Arbeiter und der bedeutende Theoretiker, waren nicht alle notwendig und würden nicht alle notwendig sein? Im Regen An einem Morgen regnete es in Strömen. Wir hatten uns Papier auf Schultern und Rücken gelegt. Die SS ging auf uns los: ,, Weiber, ihr seid wohl verrückt geworden! Fort mit dem Papier!" Das Papier verschwand. Knurrend, feindlich marschierte die durchweichte Kolonne. Die SS in dicken Pele75 rinen, wasserdicht verpackt, ging neben uns. Unsere Augen aber blitzten. Wir marschierten zusammen, wir gehörten zusammen. Die SS quälte uns. Wir aber waren die besseren Menschen. Die Zukunft gehörte uns. Plötzlich stimmten die Russinnen ein Partisanenlied an. Die Kolonne sang mit. Beim Einmarsch in die Arbeitsbaracken sangen wir das auch in Deutschland bekannte, schon zu Zeiten der Weimarer Republik verbotene Lied der ,, Roten Luftwaffe". Die Zivilisten staunten, fragten die SS, ob so etwas erlaubt sei. Die SS wehrte ab: ,, Laẞt schon gut sein!" Sie war mit uns nicht fertig geworden. Dem Lagerkommandanten gegenüber durfte sie aber nicht zugeben, daß ,, so etwas" in ihrer Kolonne vorgekommen war. Darum mußten sie schweigen. Mut und Feigheit Eine junge Frau wurde eingeliefert, eine Deutsche, die von einem russischen Flugzeug über Deutschland abgesprungen war, um in Deutschland illegal zu arbeiten. Nach 24 Stunden war sie bereits verhaftet. Sie war sich darüber klar, daß sie erschossen werden würde. Sie wartete auf ihre Erschieẞung. Ich riet ihr, zu fliehen. Sie lehnte ab. Sie hatte den Mut, mit Haltung auf ihre Erschießung zu warten. Es fehlte ihr der Mut, sich selbst zu bewegen, zu fliehen. Psychologisch ein seltsames Phänomen: diese Mischung von höchster Tapferkeit und Fatalismus. Sie blieb und wurde erschossen. Fluchtpläne Nach dem 20. Juli 1944 packte mich Unruhe! Ich wollte nicht länger im Lager bleiben. Ich begehrte, 76 in den letzten dramatischen Monaten in Freiheit zu sein. Ich begann Fluchtpläne zu bedenken. - vom nur An Zivilkleidern fehlte es uns nicht. Man konnte sie unterziehen, wenn man zur Außenarbeit ausrückte. Manche Kolonnen arbeiteten weit Lager entfernt in Begleitung nur einer Aufseherin. Da Fluchtversuche nur selten vorkamen Russinnen und manchmal Polinnen zeigten in dieser Beziehung Temperament waren die Aufseherinnen bei der Bewachung der Häftlinge nicht besonders aufmerksam. Ich hatte mit dem Anweisungshäftling einer Kolonne Verbindung, die bei einem antifaschistischen Bauern arbeitete. Er hatte seine Hilfe für eine etwaige Flucht ausdrücklich angeboten: Fahrrad, Geld und Landkarten war er bereit zur Verfügung zu stellen. Sein Anwesen lag 70 Kilometer von Berlin entfernt. Ich zögerte, weil ich zunächst mit den Genossen Verbindung erhalten wollte. Es verging Woche um Woche. Die Verbindung wurde nicht hergestellt. Gefahr Zu meinen Obliegenheiten gehörte die ,, Arbeitsvorgabe". An Hand von Programmen schrieb ich Arbeitszettel aus. Die Arbeiten waren erst dann verwertbar, wenn ganze Serien fertig waren. Im Rahmen der Serien gab es immer einzelne Posten, die nicht rechtzeitig geliefert wurden, sei es, daß für sie das Material fehlte, sei es, weil es sich um komplizierte Arbeiten handelte, die nur von Spezialarbeiterinnen erledigt werden konnten. Ich machte nun folgendes: diese besonderen Arbeiten schrieb ich doppelt und dreifach aus. Dabei kennzeichnete ich den zweiten und dritten Vorgabezettel unauffällig. An der letzten Meßbrücke saß eine Kameradin. Durch ihre Hände liefen alle Posten. Die 77 gekennzeichneten Posten brachte sie ins Lager, wo eine holländische Kameradin sie in Empfang nahm und die Spulen zum Ausschuß tat. Eine Russin hatte den Auftrag, den Ausschuß aufzuschneiden. Wir hatten ihr gesagt, sie solle rasch arbeiten und dem Meister angeben, daß sie weniger Spulen aufschneide, als sie es in Wirklichkeit tat! ,, Damit deine Kameradinnen nicht Unannehmlichkeiten haben!" Über 20 000 Spulen mochte ich damals zuviel ausgeschrieben haben. Eines Tages fiel ich dem Meister auf: er beobachtete, daß bei mir von verschiedenen Häftlingen Brot abgegeben wurde und daß ich dieses Brot an diejenigen verteilte, die wegen unzureichender Arbeitsleistung länger arbeiten mußten. Er machte mir eine Szene: ,, Unterstützung der Arbeitsunwilligen" warf er mir vor. Am nächsten Morgen begann der Lärm von neuem: ,, Sprengel, Sie werden in Zukunft das Klosett putzen!" Unter dem Eindruck dieser Szenen verlor die Kameradin an der Meßbrücke die Nerven: sie begann, die Arbeit zu schwänzen. Ich suchte sie auf. Ich machte ihr Vorhaltungen. Ich wies sie darauf hin, daß ihr Verhalten mir das Leben kosten könne. Sie blieb der Arbeit fern. Mir war klar, daß ich handeln mußte. Flucht schien mir unter den gegebenen Umständen zu gefährlich. Es bestand immerhin die Möglichkeit einer Wiederverhaftung. Nach den Vorgängen im Betrieb bedeutete Wiederverhaftung aber mit Sicherheit: Erschießung. Es mußte ein anderer Weg gefunden werden. Zunächst ging ich ins Revier. Wie mit einer der Häftlingsschwestern verabredet war, gab ich an, Durchfall zu haben. Heimlich drückte die mir eine Temperaturkarte( 39 Grad) in die Hand. Ich erhielt 78 eine Bettkarte und kam in den Krankenblock. In einem schmalen Bett lag ich hier mit einer ernsthaft Durchfallkranken zusammen. Nach einigen Tagen wurde ich aus dem Krankenblock entlassen. Ich blieb im Lager, um die nächste Gelegenheit, auf Transport zu gehen, abzupassen. Neue Schrecken In diesen Wochen kamen Tausende und aber Tausende von Häftlingen neu ins Lager. Oft lagen sie tage- und nächtelang auf der Lagerstraße, in Hitze, Kälte und Regen, ehe die Zugangsformalitäten erledigt waren. Es kamen die Einwohner ganzer Ortschaften, ganzer Städte: Frauen, Greisinnen, Kinder beiderlei Geschlechts und Säuglinge. Man nahm ihre Privatkleidung ab. Man gab ihnen dafür ein Hemd, ein dünnes Kleid und ein Paar Holzschuhe, mit denen niemand gehen konnte, ohne sich in wenigen Stunden die Füße aufzureißen. Es war bereits Oktober. Wenn wir früh um 4 Uhr zum Appell antraten, war es bitter kalt. Die Neuen aber mußten stehen, ohne Hosen, ohne Strümpfe. - Auch bei uns waren inzwischen die Tagesräume mit Betten vollgestellt. Auch bei uns lagen zwei Leute in einem Bett. Grauenhaft aber war es in den hinteren Blocks: in manchen kamen auf zehn Leute nur zwei Betten, Betten ohne Stroh, ohne Decken. Das Grausigste von allem aber war das ,, Zelt". In ihm wurden einige tausend Leute untergebracht. Im Zelt gab es keine Stühle, keine Tische, keine Betten. Die Menschen kauerten auf der nackten Erde. An einem Ende des Zeltes waren Gruben ausgehoben. In diese offenen Gruben erledigten die Frauen ihre Notdurft. Die Gruben liefen über. Der Kot befeuchtete den Boden des Zeltes, mischte sich 79 79 mit der Erde. Auf diesem kotdurchweichten, später halb gefrorenen Boden standen, schliefen und starben Menschen zu Tausenden. Auf Transport Ilse sagte mir, daß ein Transport deutscher Krimineller und Asozialer nach Dresden ginge. Ich bat sie: Setz' mich auf die Liste! Die Aussicht nach dem mir genau bekannten Dresden zu kommen, reizte mich. Ich war mir darüber klar, daß Lokalkenntnisse in den entscheidenden Stunden und Tagen des Zusammenbruchs von großem Wert sein würden. Vor allem aber: ich mußte aus Ravensbrück verschwinden. Ich konnte nicht länger warten. Ilse zögerte, meinen Wunsch zu erfüllen. Ich stand in fester Arbeit. Sie war nicht berechtigt, mich auf eine Transportliste zu setzen. Im Ernstfalle konnte sie sich nicht auf einen ,, Irrtum" berufen. Jeder wußte, daß wir uns gut kannten. Ohne weitere Erklärung sagte ich ihr: ,, Ilse, du mußt es tun. Du rettest mir dadurch das Leben." Da tat sie es. Eine Kameradin brachte mich zur Kleiderkammer. Dort probierte ich ein warmes Wollkleid an. Dort wurden zwei gute Pullover und eine doppelte Garnitur Unterwäsche mir zurechtgelegt. Dazu kamen ein Paar lange Strümpfe, ein Paar Socken, ein Kopftuch. Auf das Kleid wurden Nummer und Winkel genäht. Das alles wurde zu einem geschickten Paket zusammengeschnürt und kam ins Bad. Abends um 7 Uhr standen die zum Transport bestimmten Häftlinge am Bad an. Frierend. und Ich lag im Bett. Neben mir ,, Cobatschenka" tschechische Freundin ( Hundchen), meine Schülerin. Wir waren in eine russische Militärdecke eingewickelt. Um 2 Uhr nachts weckte mich die Lagerpolizei. Cobatschenka schlief. Ich nahm sie 80 00 leise in den Arm, küßte sie, wickelte sie wieder in die Decke und stieg herunter. Vor dem Bad brauchte ich nicht mehr lange zu warten. Ich kam hinein, mußte mich nackt ausziehen, alle Sachen auf einen Haufen legen und in den Duschraum gehen. Nach kurzer Dusche faßte mich jemand am Arm: ,, Komm! Rasch!" In einem Kämmerchen lag mein Kleiderpaket. Ich hatte mir jeden Griff überlegt: die Strümpfe wurden um den Leib gewickelt, mit Sicherheitsnadeln zugesteckt, das Kopftuch ebenfalls. Die Socken wurden angehängt. Die Badehäftlinge sagten: ,, Rasch!" Sie waren unruhig, konnte die Aufseherin uns doch entdecken. Das Anziehen ging schnell. Ich mischte mich wieder unter die Transporthäftlinge. Die anderen waren an einer Aufseherin vorbeimarschiert, die ihnen ein Hemd, eine Hose, einen Pullover, ein Kleid, aber keine Strümpfe, kein Kopftuch, keinen zweiten Pullover und keine zweite Wäschegarnitur gaben. Manche erhielten. nur leichte Sommersachen. In dieser Nacht halfen mir zwei Polinnen, eine Tschechin, eine Französin und eine Deutsche. Ihre Hilfe bedeutete mir viel, hätte ich doch sonst einen Winter über ohne Strümpfe leben müssen und fünf Monate die Wäsche nicht wechseln können. Ich litt damals unter rheumatischen Bewegungsstörungen. Einen Winter ohne Strümpfe hätte ich kaum ertragen. Der Transport Drei Tage und drei Nächte waren wir in den Waggons: je 50 Häftlinge, ein SS- Mann und eine Aufseherin in einem Viehwagen ohne Stroh, ohne Decken, ohne Wasser, ohne Suppe oder Kaffee. Das einzige: wir bekamen einen halben Laib Brot und etwas Wurst vor Beginn der Reise ausgehändigt. 6 Eiserne Ferse 81 SS-Mann und Aufseherin beschafften sich Stroh. Nächtlicherweise gaben sie sich vor 50„sachver- ständigen‘ Frauen den Freuden der Liebe hin. Eine erstaunliche Leistung! Im übrigen sorgte„unser”' SS-Mann für uns: als wir bei Berlin einen längeren Aufenthalt hatten, plünderte er, gemeinsam mit Eisenbahnern, einen Waggon Äpfel und einen Waggon Weißkohl, so daß wir nicht ganz durstig und hungrig blieben. Eines Nachts, auf einem unbekannten Bahnhof, gab es Fliegeralarm. Die SS verließ die Waggons und schloß sie von außen ab. Posten mit Maschinen- gewehren wurden aufgestellt. Die übrigen SS-Leute zogen sich in einen Luftschutzkeller zurück. In den Waggons brach Panik aus. Die Leute kratzten und bissen sich gegenseitig, in namenlosem Grauen, vor i Haß gegen ihre nicht erreichbaren Peiniger, in einem Anfall von Irrsinn.. Dresden Ich versuchte, in Dresden Lagerälteste zu wer- den. Ohne Erfolg. Einige Kriminelle, die in Ausch- witz ihren„letzten Schliff erhalten hatten, fanden die uneingeschränkte Gunst der Aufseherinnen, Ihr Terror-Regime begann. Wir waren 700 Frauen. Unter uns waren auch einige Ausländerinnen, vor allem: eine Gruppe slowenischer Partisanen. Mit ihnen hatten mich ihre Ravensbrücker Kameraden bekannt gemacht. Wir wohnten im 3. und 4. Stock eines großen Fabrikgebäudes und arbeiteten in den unteren Stock- werken. In vier Monaten kamen wir nicht ins Freie. Unser Leben spielte sich in dem Gebäude ab. Wir machten Motorenteile. Ich gehörte zur Revisions- 82 abteilung. Die Arbeit war körperlich nicht schwer, erforderte aber Aufmerksamkeit. - - Inzwischen kamen in Ravensbrück bei Siemens Tausende doppelt und dreifach vorgegebener Spulen zurück. Es wurde klar, daß hier Absicht vorlag. Der Meister schrieb an den Betriebsleiter. Ich sollte von Dresden zurückgeholt und zur Verantwortung gezogen werden. Der Brief kam nicht in die Hand der Betriebsleitung. Er ging unterwegs ,, verloren". Der Meister sagte dem Betriebsleiter Bescheid. Der Betriebsleiter schrieb an die Lagerkommandantur. Die Häftlinge, die den Brief tragen sollten, vernichteten ihn. Er erreichte sein Ziel nicht. Inzwischen waren wichtigere Ereignisse eingetreten. Man vergaß den ,, Fall Sprengel" bei Siemens. - - In Dresden brach Typhus aus. Unter 700 Frauen waren täglich etwa sieben neue Erkrankungen. Es wurde erwogen, den Fabrikbetrieb zu schließen und uns in Quarantäne zu halten. Gleichzeitig wurde die Brotration von 250 Gramm auf die Hälfte gekürzt und die Pellkartoffeln zum Gemüse wurden gestrichen. Gleichzeitig kamen fünf russische Kriegsgefangene in den Bunker. Sie hatten sich, unter Berufung auf die Genfer Konvention, geweigert, für die deutsche Rüstungsproduktion zu arbeiten. Man hatte ihnen daraufhin verkündet: Ihr werdet solange im Keller ohne Nahrung auf nacktem Zementboden leben, solange werdet ihr alle drei Tage 25 Stockschläge erhalten, bis ihr entweder verreckt seid oder euch doch noch zur Arbeit entschlossen habt." Drei Tage waren die russischen Kameradinnen schon im Bunker. Versuche, sie zu erreichen, ihnen Lebensmittel zu schicken, waren gescheitert. 6* 83 Quarantäne bedeutet Tod war meine Meinung. Wir traten mit zuverlässigen Zivilisten in Verbindung. Sie versprachen, uns Zivilkleidung zu bringen und bei der Flucht zu helfen. Draußen fuhren bereits getarnte Züge. Noch hörten wir keinen Geschützdonner. Aber wir wußten: die Front rückt näher. Es war ein Wettlauf zwischen Tod und Leben. Wer würde schneller sein? Fliegeralarm! Am 13. Februar abends gingen die Sirenen. Ich stand zusammen mit den Sloweninnen in einer Ecke des Kellers, in einer Ecke, die wir uns ausgesucht hatten, weil sie uns besonders sicher schien. Die Erde bebte, tanzte. Dumpfes Dröhnen drang zu uns herein. Gerüchte gingen: das Gebäude sei getroffen! In die Erregung hinein: Entwarnung. Wir kamen aus dem Keller heraus. Frische Luft schlug uns entgegen und Helle, viel stärker als das trübe elektrische Licht. Dresden brannte, mit riesigen, leuchtenden Flammen. Die Fenster der Fabrik waren geborsten. Die Verdunklung gerissen. - Meine Lungen sogen die kühle Luft ein. Gierig folgten meine Augen dem ekstatischen Spiele der Flammen. Dort, neben dem Hauptbahnhof, schlugen riesige gelbe Flammen, zwanzig, dreißig, vierzig Meter hoch in den Himmel. Dort war ein gewaltiges Feuer. - - Dort wohnten Bekannte von mir. Ich hatte ihnen aus dem Lager heimlich Botschaft zugehen lassen: mitten daß wir am Verhungern seien, daß wir im Winter ohne Strümpfe gingen. Tag und Nacht lebten wir im grauen Fabrikgebäude mit Mattglasfenstern. Monatelang hatten wir den Himmel nicht mehr gesehen. Hier seien Menschen, hungernd nach Kultur, nach Leben, nach Eindrücken, verhungernd 84 fast. Wir brauchten Bücher, gute, wertvolle Bücher. Aus ihrem vollen Bücherschrank sollten sie uns etwas schicken. Gelegentlich war etwas Brot von ihnen gekommen und alte Strümpfe. Nie kamen Bücher. Sie fürchteten um die Einbände ihrer guten Bücher. Es wäre doch schade um sie gewesen! Ich hatte begriffen und hatte gewußt: diese Bücher, in den Händen von Menschen, die den Kulturhunger der anderen nicht verstehen, diese Bücher, entweiht durch engherzige Besitzer, würden, mußten sich ihnen entziehen, sie würden vernichtet werden. Und jetzt verbrannten sie. Es war gut, daß sie verbrannten. Dort, wo die Flammen am höchsten emporstiegen, dort ungefähr lag die Wohnung. Es geschah, was geschehen mußte. Der Wind strich über mein Gesicht, kühler, brandgeschwängerter Wind. Ich liebte diesen Wind, ich liebte die Flammen. Ich wußte, daß Wind und Flammen Tod brachten, aber ich konnte nicht anders, ich mußte sie lieben mit einer wilden, glühenden Leidenschaft. Aus ferner Unwirklichkeit trat etwas an mich heran, ganz dicht, machte mich erzittern in hingebender, begehrender Seligkeit: Freiheit. Ich schlief ein in Erwartung... Als in dieser Nacht zum zweiten Male die Sirenen ertönten, da wußte ich: jetzt.... Hastig drängten wir die viel zu engen Treppen hinunter. In einer Ecke standen wir und fühlten das Beben, das Zittern der Erde. Plötzlich fing ich an zu schreien. Ich hatte nicht den Plan gehabt, es zu tun, es war einfach über mich gekommen mit durchdringender, grausiger Stimme schrie ich: ,, Unsere Kranken sind oben eingeschlossen. Oben, unter dem Dach.". - 85 Häftlinge drehten sich zu mir um:„sei still, dein Schreien ist nicht zu ertragen!“ Ich aber ließ mich nicht beruhigen und schrie, schrie, bis den ganzen Keller Raserei überfiel, der ganze Keller heulte und schrie mit. Wie unter magischem Zwang stürzte die SS nach oben und holte die Kranken und das Pflegepersonal herunter: über sechzig Häftlinge. Die Erde bebte, das Licht erlosch. Es wurde voll- kommen finster. Steine prasselten, Frauen heulten auf, Stimmen beteten in allen Sprachen. Dann: wie aus weiter Ferne blinkte ein Licht. Aus dem Keller der Aufseherinnen. Es schwankte einige Male hin und her. Winkte es? Meine Kameradinnen stürzten in Richtung des Lichtes. Wir hatten uns an der Hand, gefaßt, um uns nicht zu verlieren. Sie zogen mich mit, aber ich zögerte. Warum sollte es dort besser, sicherer sein als hier? Gewiß, es war näher zum Aus- gang.... Wieder bebte das Gebäude, wieder fielen Steine herab. Die Kellerdecke brach teilweise ein. Ich sprang zurück, zurück in meine schützende Ecke und hatte die Kameraden verloren. Verloren für immer. Ich stand und wartete. Dunkel. Stöhnen, Beten. Aber größer als jedes Geräusch: eine unendliche Stille. Es war nötig, etwas zu tun. Was? Einen Aus- gang suchen! Rechts mußte noch ein großer Keller sein. Dieser Keller lag an der Straße. Er mußte einen Ausgang haben. Ich tastete mich im Dunkel vor, kletterte über Maschinen, suchte, kletterte.— Kein Ausweg zu finden.— Langsam kehrte ich zu meinem Platz zurück. 86 Ein Bild tauchte auf, ein Bild, das ich einmal vor Jahren gesehen hatte. Es gehörte zu einem Film: ,, Dokumente aus dem Weltkrieg", ein torpediertes Schiff sinkt. Auf dem Deck laufen hastig Punkte hin und her, einige dieser Punkte lösen sich, springen ab, ins Wasser. Die meisten aber laufen hastig, sinnlos hin und her, bis der Sog das Schiff erfaßt und alles in die Tiefe zieht. Menschen in Todesnot, Menschen, denen andere Menschen zusehen in ihrer Todesnot, die von anderen Menschen gefilmt werden im Todeskampf. Ich erinnerte mich meiner Empörung: Menschen töten absichtlich Menschen und photographieren die Sterbenden. - Ich sehe das Schiff, die hastigen Punkte und ich sehe mich, mich selbst in Lebensgröße. Gemessen, tastend gehe ich hin und her, suche einen Ausweg, auch in Todesnot und gleichzeitig sitze ich in einem roten Plüschsessel und sehe mir beides an: die schwarzen Punkte und mich selbst. - Habe ich Aussicht, hier herauszukommen? Ich überlege: Sechzig Prozent Wahrscheinlichkeit spricht dagegen, vierzig Prozent dafür. So ungefähr scheinen mir die Aussichten. Noch kann man atmen, noch riecht es nur wenig nach Rauch. Heiß ist es auch noch nicht. Wie wird es sein, wenn das Letzte, wenn die Todesqual kommt? Werde ich Haltung bewahren, Haltung vor mir selbst? Warum ist mir das eigentlich wichtig? Ist es nicht gleichgültig, wie man stirbt? Es sind Momente, es sind Stunden, und dann ist alles vorüber. Doch, wahrscheinlich werde ich Haltung bewahren. Es ist mir wertvoll, daß ich es weiß. Und gleichzeitig wundere ich mich, warum es mir wichtig ist. 87 88 88 Plötzlich ist es, als ob das Haus springe. Geblendet Ungeheure Helle erfüllt den Keller. schließen sich die Augen. Eine Sprengbombe hat die gegenüberliegende Wand des Gebäudes bis zum Keller herunter fortgerissen. Der Keller ist offen, Frauen stürzen, laufen zum Ausgang. Ich aber stehe an meine Mauer gepreßt und überlege: Es wird ein Bombenteppich geworfen, es ist gefährlich, jetzt ins Freie zu gehen. Hierbleiben ist besser. Decke und Wand schützen ein wenig. Es ist noch nicht zu heiß hier und fast gar kein Qualm. Im nächsten Augenblick schließen sich die Augen vor Licht, vor Lärm, vor Chaos, vor Entsetzen. Erneut hat eine Bombe das Gebäude getroffen. Die gegenüberliegende Seite ist jetzt vollkommen aufgerissen. Ich stehe an die Wand gepreßt und überlege. Nur wenige Leute sind noch im Keller: Wo mögen die anderen sein? Die Plötzlich bin ich entschlossen. Ich laufe. Kellertreppe ist ganz. Es liegt nicht einmal Schutt auf ihr. Die fünf Stockwerke hohe Mauer ist verschwunden, spurlos verschwunden. Ich steige die Kellertreppe hinauf, ganz einfach. Ich steige über Menschen, die regungslos, ohne sichtbare Verletzungen dort liegen. Drohend hängen brennende Balken, brennendes Mauerwerk über mir. Es brennt in grünen Flammen. Man muß sich beeilen. Ich bin auf dem Hof, ich gehe zur Straße. Von der Straße trennte uns bisher eine hohe Mauer. Auch diese Mauer ist nicht mehr da. Auch hier liegt kein Schutt. Der Weg ist sauber, wie gefegt. Ich gehe heraus, dann rechts die Straße herunter bis zu einer freien Stelle. Dort warte ich. Ob noch andere Häftlinge kommen? Zwei SS- Wachleute stehen neben mir. Einer zeigt mich dem anderen: ,, Das ist auch eine." Der andere antwortet: ,, Was geht das uns an?" Ich warte. Eine Frau kommt mit einem Kinderwagen. ,, Bitte, ich muß noch einmal ins Haus. Passen Sie auf mein Kind auf, ein paar Minuten nur." Sie geht. Auf dem Kinderwagen liegen zwei Mäntel, ein Hut, eine Handtasche. Neben dem Wagen stehen zwei Koffer. Ich trage ein gezeichnetes Häftlingskleid. Ich brauche einen Mantel. In der Handtasche sind Ausweise, Geld, Lebensmittelkarten. Ich habe kein Geld, keine Lebensmittelkarten und keine Möglichkeit, Lebensmittelkarten zu bekommen. Ich überlege: ich brauche die Sachen jetzt, später könnte ich sie zurückgeben... Nein!... Es ist merkwürdig, ich bin ganz ruhig, meiner Freiheit vollkommen sicher. Ich habe es nicht nötig, der Frau die Sachen zu nehmen. Ich brauche nur ruhig zu sein, überlegt zu handeln, nichts zu überstürzen. Handeln.... Ja! Auf meiner linken Schulter ist ein roter Winkel und meine Häftlingsnummer aufgenäht. 12 867. Die Hand tastet unter die Decke zur Schulter. Sie reißt den Winkel und die Nummer ab. Winkel und Nummer fallen zur Erde. - Frei nach langen, langen Jahren frei. - Qualm kommt die Straße herunter. Die Menschen fliehen vor ihm in die enge, winklige Innenstadt hinein. Das ist Wahnsinn, das ist Selbstmord. Ich stelle mich auf die Straße, halte die Leute auf, warne. Manche entschließen sich, umzukehren, dem Rauch entgegenzugehen. Der Rauch ist zu stark, man kann nicht mehr. Also hierbleiben. Hinter uns ist freies Gelände, ein Abstellbahnhof." Ein Mann warnt: ,, Hier können wir nicht bleiben, hinter uns ist ein Kohlenplatz." 89 99 Inzwischen sind doch noch Häftlinge gekommen, etwa dreißig serbische Bäuerinnen. Der einzige freie Weg führt über das Bahngelände. Das Betreten eines Bahngeländes ist verboten. Wir Deutsche sind gut dressiert. Wir achten Verbote. Darum gehen die Deutschen lieber in den Tod, als daß sie ein Verbot übertreten. Wir sind die ersten, die es ,, wagen", die niedrige Mauer zu übersteigen. Wohl hundert Menschen schließen sich an. Ein Eisenbahner kommt uns entgegen. Nein, er rügt nicht unsere Respektlosigkeit vor bahnpolizeilichen Vorschriften. Er ist dankbar, Menschen zu sehen. Er zeigt uns den Weg, er begleitet uns ein Stück. Wir gewinnen freies Gelände. Ein leiser Regen fällt. Er durchfeuchtet uns. Wir geben uns ihm dankbar hin. Dann trenne ich mich von den anderen: ,, Zusammen können wir nicht bleiben. Seht, daß ihr Landsleute trefft. Einen anderen Rat kann ich euch nicht geben." Wir drücken uns die Hand. Ich suche Bekannte. Sie wohnen außerhalb der Stadt in einem Villenviertel. Die Häuser stehen dort in Gärten weit voneinander ab. Trotzdem brennt das ganze Viertel, trotzdem sind die Straßen voll Rauch und Hitze, unbetretbar. Ich umgehe die Stadt. Die Stadt ist ein Flammenmeer. Die Flammen sind grün, violett und gelb. Ich gehe wie ein Tier, vorsichtig und zugleich mit sicherem Instinkt. Dumpf hallen die Detonationen der Zeitzünder. Die Flammen prasseln. Ich bin in allem mittendrin und zugleich unendlich fern, als ob ich auf einer Brücke hoch und frei, jenseits aller Gefahr über die Stadt schritte. 90 Ich finde einen Erdbunker. Ich gehe hinein, mich auszuruhen. Ein Soldat geht durch den Bunker: ,, So leben wir im freien Deutschland Adolf Hitlers!" Höhnisch sagt er es. Schwerverwundete Soldaten liegen in diesem Bunker, auf schmalen, harten Holzbänken. Hin und wieder hörte man ein unterdrücktes Stöhnen. Ich setzte mich auf eine Bank. Der Kopf des Verwundeten, der dort lag, rutschte ab. Ich bemühte mich, sein Kissen zurechtzulegen. Der Kopf fand keinen Halt. Da legte ich ihn in meinen Schoß. So saßen wir schweigend, nur manchmal stöhnte der Mann. Eine alte Frau jammerte. Der Rauch brannte ihr in den Augen. Ihre Handtasche hatte sie verloren. Sie sah nur Schatten. Sie klagte über ihre Wohnung, über alles, was sie verloren hatte. Das Jammern der Frau belästigte. Zu ihr, zu dem Mann in meinem Schoße, zu mir selbst sagte ich: ,, Der Mensch ist zäh wie eine Katze, unglaublich zäh." Der Verwundete lächelte, er nahm meine Hand. Ein tiefes Einvernehmen war zwischen uns. Er stand zwischen Leben und Tod. Er wollte leben. Mein Lebenswille machte ihn zuversichtlich. Auch zwischen mir und den anderen Verwundeten war ein merkwürdiges, selbstverständliches Verstehen. Der eine bat um diesen, der andere um jenen Dienst. Hier legte ich eine Decke fester um, dort stopfte ich etwas unter, damit das Lager ein wenig weicher wurde. Einem anderen wickelte ich die Füße ein. In mir brannte wie Feuer der Wunsch, mit diesen Menschen zu sprechen, ihnen zu sagen, daß ich in dieser Nacht aus dem Konzentrationslager geflohen 91 sei. Ich wollte ihnen, in ihr Elend hinein, zurufen: ,, Es gibt Menschen, Sozialisten, die den Zusammenbruch, die Elend und Not voraussahen, die dagegen gekämpft haben, die dagegen kämpfen werden. Wir stehen am Ende. Aber hinter diesem Ende gibt es einen Anfang!" Es drängte mich, ihnen von meiner fiebernden Lebensfreude zu erzählen. - - Ich wußte, dies wäre der einzige Trost für sie. Die Sehnsucht zu sprechen verbrannte mich fast. es kam mir wie VerAber ich sprach nicht rat vor. Und trotzdem schwieg ich. Denn ich wollte leben. Sprechen aber bedeutete Gefahr. Ich wollte noch etwas leisten: darum setzte ich mich keiner So war es in Naziunnützen Gefahr aus. deutschland! Noch angesichts des Todes mußte man vorsichtig sein und schweigen. - Draußen war es hell geworden. Es war Zeit. Eine leuchtende Sonne stieg über Rauch und Qualm empor. Die Luft prickelte, sie war kalt und klar und doch voll Frühlingsahnung. Vor dem Bunker lag ein alter Mann. Lebte er? War er tot? Er war ein schmutziger, formloser, blutiger Haufen, auch das Gesicht. Ich ging mit großen Schritten. Ich fühlte die herrliche Bewegung in freier Luft. Ich genoß die funkelnde Sonne. Die Luft war brandgeschwängert und trotzdem von unendlicher Frische. Glanzlos, verloren waren die tanzenden Flammen im Sonnenlicht. Die Sonne war millionenfach stärker als sie. Ich schritt aus, Jubel durchschüttelte mich: trotz alledem. Es kamen bewegte Wochen und Monate. Ich sah ein armes, gequältes, hilfloses Volk auf der Flucht 92 I S 0 C H 2 ( 1 S vor einem Verhängnis, das es selbst heraufbeschworen hatte, das es nicht verstand, das ihm unfaẞbar schien. Ich sah Menschen mit offenen Augen und doch blind ins Verderben laufen. Wenig konnte ich tun. Und doch einiges. Ich, der geflüchtete Häftling, ich, die ich eigentlich die Hilflose war, wurde zum Helfer und Ratgeber. Volkssturmführer, Bürgermeister, Bauern kamen zu mir, berieten sich mit mir, ob man fliehen oder dableiben sollte, überzeugten sich, ob ich auch wirklich noch da sei, richteten sich nach meinen Vorschlägen. Unser Ort wurde nicht evakuiert, trotzdem der Evakuierungsbefehl gegeben war. Wir beschlossen: wenn die SS zur Evakuierung zwingt, gehen wir widerspruchslos zum nächsten Wald, warten dort ihren Fortzug ab, kehren dann aber zurück. Es wurde beschlossen: der Volkssturm wird rechtzeitig entwaffnet. Einige handfeste, zuverlässige Männer wurden verpflichtet, die schießwütigen Nazis beim Näherrücken der Roten Armee festzusetzen. Die Bauern, deren Gehöfte neben den Viadukten und Brücken lagen, erhielten den Auftrag, sich mit den Sprengkommandos anzufreunden und mit Überredung, unter Einsatz von Speck und Eiern, die Soldaten zum Abzug unter Mitnahme ihrer Sprengladungen zu veranlassen. Für alle Fälle wurden die Keller ausgebaut und wohnlich gemacht. - Eines Morgens ging das Gerücht, daß die Rote Armee auf 20 Kilometer Entfernung herangerückt sei. Es kam die freudige Nachricht, daß die Anhänger der Parole ,, Kampf bis zum letzten Blutstropfen" ausgerissen seien. Das Militär war ab-. gerückt. Der Volkssturm entwaffnete sich. Der Führer des Volkssturmes schüttelte mir die Hände: ,, Ich glaube, es geht alles gut!" Er fuhr zum Nachbardorf, um dort nach dem Rechten zu sehen. 93 a .{ A Eine Frau kam angelaufen: die Russen seien am anderen Ende des Dorfes. Wir standen am Küchen- fenster und schauten auf die Dorfstraße. „Oh!" rief ich aus.„Nun kommt doch noch Militär! Organisation Todt!“ Ein Flüchtling trat zu mir ans Fenster.„Nein, nein! Das sind die Russen! Kommen Sie vom Fenster weg, um Gottes willen!“ Ich öffnete die Flurtüre. Vor der Türe hielten drei Rotarmisten auf Fahr- rädern, Gewehre im Arm. Ich trat auf sie zu, reichte ihnen die Hand und sagte auf russisch:„Guten Tag, Genossen. In diesem Ort wird niemand schießen. Das Militär ist abgerückt, der Volkssturm hat sich entwaffnet. Die Nazis sind heute früh geflüchtet!” Sie ergriffen die ihnen gebotene Hand, schüttelten sie und kamen ins Haus. Schnaps wollten sie zum Willkommen haben. Ich setzte ihnen drei Gläschen vor. Schallende Heiterkeit! In Tassen muß man Schnaps trinken! So schmeckt man ja nichts! In der Küche hatten sich alle Hausbewohner versammelt. Einer der Rotarmisten hielt eine Rede. Dann schüttelten sie allen die Hände, setzten sich auf ihre Fahrräder und fuhren zurück. Eine halbe Stunde später marschierten russische Truppen im Dorfe ein. Vier Wochen blieb ich noch im Ort. Am Tag, nachdem die Dorfuhr repariert und die letzten Kar- toffeln gelegt waren, fuhr ich ab: nach Berlin. Die letzte Nacht der abenteuerlichen Fahrt lag ich auf einem Waggondach, auf einem Strohsack. Neben mir lag ein Mann, den ich aus der Zeit vor 1933 von einer Arbeiter-Sportgruppe her kannte. Alles, was zur Bewärmung dienlich war, hatten wir gemeinsam über uns gebreitet. An der Windseite lag sein kleiner Hund. Unter uns lärmten die Wachmann- schaften. Der Zug ratterte. Ich sah zu den Sternen hinauf. Das Herz schlug mir zum Zerspringen. Im Lager hatten wir oft an den Tag der Heim- 94 95 95 kehr gedacht. Wir hatten ihn uns nicht vorstellen können. Und jetzt fuhr ich nach Berlin. Ich war unvorstellbar glücklich. Der Zug hielt am Morgen vor Berlin. Wir kletterten vom Dach hinunter und marschierten auf die Stadt zu. Ein süßlicher Leichengeruch hing über ihr. Am Bahndamm blühten Heckenrosen. Ich pflückte einige Rosen und steckte sie mir an. Es war ein Festtag, trotz allem!