Ich widme dieses Buch allen Menschen, die gut zu mir waren. Es hat keine nach Stimmungs- oder Gefühlswerten geregelte Einteilung. Die Gedichte sind im Zeitraum von zwanzig Jahren entstanden und sind ohne Ausnahme Gelegen- heitsgedichte; zyklische Absichten liegen mir ferne. Das Gedicht„Der Lagertag‘“ entstand im Konzentrationslage: Sachsenhausen und existierte bis nach meiner Befreiung aus dem Lager nur im Gedächtnis. A.W.R. SPRUCH Gehe in dich, sei klein, bilde dir nichts ein, nimm dir nichts heraus, bleibe zuhaus. Lebe verborgen und still, meide Geschrei und Gebrüll, lächle nur dann und wann dich selber an. VIELE WEGE Viele Wege führen in die Weite, und an jedem lockt ein goldener Traum. Immer geht der Tod an deiner Seite, und du ahnst es kaum. Suchst die Wunder einer blauen Ferne zu erhaschen, wie das Kind den Wind, und du glaubst, daß alle hellen Sterne deine Brüder sind. Eh die Wege, eh die Träume enden, neigt dein müdes Haupt sich erdenwärts, und dein Weggenosse greift mit harten Händen an dein Herz. MEINE WELT In den Bildern an den Wänden spiegeln sich die blanken Scheiben meiner Fenster, blinken, blenden, und der Wein mit grünen Händen greift ins Zimmer, windbewegt. Goldene Sonnenfinger schreiben Lettern auf die blanke Diele und das Holz der alten Stühle leuchtet festlich und gepflegt. Aus den hohen Schränken blicken meine Bücher, ernst und weise, ihre roten, derben, dicken goldgepreßten Lederrücken schauen klug und würdig drein - und der Pendel im Gehäuse teilt den Frieden meiner Stunden in bedächtige Sekunden leise und gemessen ein. 6 GARTENMORGEN Der Specht im Garten hämmert und weckt mich auf. Über den Firsten dämmert der Tag herauf. Zart löschen in gläserner Ferne die Lichter aus, der Mond und seine Sterne gehen nach Haus. Und aus dem Dämmer blauet der Himmel, wolkenklar, im Winkel des Daches bauet sein Nest das Schwalbenpaar. Ich höre froh erwachen den lichten Tag, seines Mundes jauchzendes Lachen und seines Herzens Schlag. DER ABEND Der Abend ist ein stiller Mann, tritt ohne Lärm in meine Klause, er zündet mir die Lampe an und scheucht die Unrast aus dem Hause. Dann rückt er mir den Stuhl zurecht, stopft meine Pfeife, schließt die Fenster, ist Ofenwart und Stiefelknecht und bannt die blassen Taggespenster. Er heizt den Kessel mir im Rohr, singt wie im Ackerrain die Grille mir schlichte Abendlieder vor und löst in süßen Klang die Stille. Er wiegt das müde Herz zur Ruh, lockt Träume aus der Schattenlaube, drückt mir dann sanft die Augen zu, und macht sich heimlich aus dem Staube. 11 IM WALD Ich bin in den Wald gegangen, da wurde mir seltsam zumut, nach nichts mehr trug ich Verlangen, alles in mir war gut. Ich wußte nichts mehr von Lüge, von Frevel oder Spott, ich glaubte an jede Fliege und an den lieben Gott. STILLE Die Segel meiner Hoffart sind gestrichen, kein steifes Leinen bläht sich mehr im Wind, still liegt der Kahn, der Sehnsucht Ufer sind ins blaue Nebellicht der Nacht gewichen. Die Welle seufzt, es wiegt auf ihrer Krone ein müder Traum sich in den Schlaf und lallt, das Muschellied der fliehenden Tritone ist in der Ferne echolos verhallt. Stumm ist die Nacht und ruhsam ausgegossen wie schwarzer Wein, der müde macht und schwer, die Fenster meiner Koje sind geschlossen— und langsam fällt ein goldener Stern ins Meer. 14 HAUSHALT Die Kaffeemühle, die hast du mit in die Ehe gebracht, von mir stammt der rote Gummischuh und der Holzschnitt ,, Gute Nacht". Den Kaktus haben wir käuflich erworben von jenem Honorar, der Schnittlauch ist uns verdorben, voriges Jahr. Wohnungen haben wir sechzig bewohnt in all der Zeit, ja, ja, mein Kind, es rächt sich, wenn man zu jung gefreit. BERUHIGENDES LIED Sei ruhig, mein Kind, und klage nicht in den spottenden Wind! Ich glaube nicht an die Sage,= daß Frauen die böse Plage der Dichter und Denker sind. Zwei sollen zusammenhalten, und es ist niemals gut, wenn einer, der davon träumt oder spinnt, was Großes zu gestalten, sich allein nur wichtig nimmt oder tut. Zwei sollen brav probieren, ob ihr Wägelchen rollt, die Hoffnung nicht verlieren, alles, was glänzt, ist Gold. 15 16 NYMPHENBURG Ich bin ein Kavalier und schreite gemessen durch das Schloßrondell. das Windspiel kläfft an meiner Seite und schreckt die Schwäne mit Gebell. Im weichen Sande knirscht das Leder von meinen Stiefeln, derb und dick, der Jagdhut mit der Spielmannsfeder sitzt mir zerknittert im Genick. Ermattet von den Serenaden schleicht dort ein Page durchs Boskett, zwei goldbetreßte Diener laden den Kurfürst in das Himmelbett. Wie neunundneunzig Kanoniere schnarcht der Trabant auf seinem Fell, im Posthof schäkern die Kuriere mit einer Magd aus Bayrischzell. Die Hähne wettern in der Ferne, die Spieluhr zirpt im Gartenhaus, der Frühwind bläst das Licht der Sterne mit dünngespitzten Lippen aus. Ein alter Bauer zieht die Mütze, krault sich den Kopf und lächelt schlau, und auf des Daches höchster Spitze klatscht eine Fahne weiß und blau. - 2 Weiß- F sterne blau. . | | | 2 Weiß-Rüthel, Herzensuhr BITTE! Legt nicht alles auf die Waage eurer plumpen Eigenmacht, haltet doch nicht jede Plage eigens nur für euch erdacht, wickelt doch nicht eure Sorgen stündlich ein in Glanzpapier, stammelt nicht an jedem Morgen: ich und mich und mein und mir! Rümpft nicht fortgesetzt die Nase über die, die ‚anders‘ sind— pumpt nicht eures Dünkels Blase täglich auf mit frischem Wind. Blumen blühen, Donner grollen, Wölfe heulen, Raben schrein, nur der Mensch tut gern geschwollen, ohne mehr als sie zu sein. SCHLAFLIED Nun stelle die kleinen Schuhe zu Paaren ans Bettchen, wozu? Sie wollen auch ihre Ruhe und schlafen wie du. Schlüpf in das Hemdchen, das kühle, kniee und sag dein Gebet, das Rädchen der Traumesmühle“ wird draußen von Engeln gedreht. Da ist der Zipfel der Decke,| nimm ihn und schlafe ein, wenn ich dich wiederum wecke, wird überall Feiertag sein, SCHICKSAL Ein Schicksal hing an einem Faden und wagte sich zu rühren nicht, wohl war es mit Protest geladen und übte ungern nur Verzicht, doch fürchtete die scharfe Schere der Norne es mit Schnitt und Stich, und nahm die läppische Misere der Unbeweglichkeit auf sich. So blieb es hängen viele Jahre, vertrocknete und wurde alt, verlor die Zähne und die Haare und war dann eines Tages kalt. Da hing es lang, von keinem Schauer des warmen Lebens mehr bewegt; man hat es ohne Lust und Trauer ins Massengrab der Zeit gelegt. TRÜBER TAG Zu Hause ärgert mich das fremde Mobiliar, das Renaissancebüfett mit Türmen und Bastionen, der Gipskopf und der ausgestopfte Star, der Aschenbecher aus MG-Patronen. Und in der Kneipe fiedelt ein Kommis das ganze Elend dieser Zeit aus seinen Därmen, und Weiber kreischen, die für dernier cri, für den Kommis und seine Locke schwärmen, Die Schnäpse schmecken stumpf wie Fan: ein Smoking rülpst und müde Kinder neppen, ein Witzebold sagt statt Humor— Hamur, und eine junge Göttin küßt den alten Deppen. Ich schleiche heim, und lausche dem Radau der Wurmgespenster in den Kleiderschränken, bis mir ganz plötzlich eine fremde Frau erklärt, es sei jetzt Zeit ans Schlafengehn zu denken. AUF DEM BAHNHOF Da steht der Zug und raucht und dampft auf schimmernden Geleisen, ein Griff, ein Pfiff, und donnernd stampft er fort, um zu verreisen. Vorbei an tausend Wundern tollt er brausend in die Weiten, die ganze Welt liegt aufgerollt zu seinen beiden Seiten. Mich läßt des Alltags zäher Kitt an grauen Ämtern kleben, Adieu! Nimm meine Sehnsucht mit und einen Gruß ans Leben. VOM HOHEN NEUFFEN Durch der Büsche grünes Feuer lockt das schöne Bild der Welt, Wälder sind und Dorf und Weiher säuberlich hineingestellt. Unten weitet sich das Tal. Gärten sich an Gärten drängen, prüfend greift ein Sonnenstrahl nach den Reben an den Hängen. Oben starrt in Fels und Stein stumm das Bollwerk der Despoten, aber unten wächst der Wein! Weißen schmeck ich, goldenen, roten, süßen, herben, stark und mild rinnt er klar mir durch die Kehle, daß der Erde schönes Bild tief verwächst mit Herz und Seele. Seufzer, dumpfer Schritt der Wachen, lang verklungen, lang verhallt, doch ein helles Mädchenlachen klingt herüber aus dem Wald. MEERSBURG Meersburger Weißherbst lockt wie braunes Gold im Glas, das meine Lippe fromm berührt; schließe die Augen, wenn dein Gaumen spürt, wie dir der Tropfen durch die Kehle rollt. Durchs kleine Fenster bricht der tiefste Strahl der Sonne, die das Städtchen scheidend grüßt, und mit dem Wein, der funkelnd dich durchfließt, geht sie dahin und winkt dir noch einmal. Blau kommt die Nacht. Im nahen Hafen schreit die Silbermöve, Dampfer tuten fern, hoch überm See wächst langsam Stern um Stern groß aus dem Dunkel der Unendlichkeit. 23 STILLE NACHT Kein Staub auf den Straßen, kein Singen im Baum, die Erde schläft, sie atmet kaum, die Nacht geht über ihr Schweigen. Der Wind hängt träge im Geäst, er murmelt leise, schläft dann fest, und träumt von nickenden Zweigen. a DIE ZECHER Wir saßen in traulichen Schenken, von schattendem Reblaub umrankt, und haben bei guten Getränken dem Schöpfer des Weines gedankt. Wir blickten verklärt in die Becher, nur selten sprach einer ein Wort, auch dieses nahm Bacchus dem Zecher von den lechzenden Lippen fort. Was gab es auch groß schon zu sagen, wir trugen kein Weh und kein Ach, wir spürten ein tiefes Behagen, wir wußten ein schirmendes Dach. Und als uns der Schlaf dann ganz leise ‚Sand in die Augen blies, da waren wir alt und weise und reif fürs Paradies. 25 WINTER Es riecht nach Schnee und Nebelrauch, der Wind verkriecht sich winselnd im Kamin,| der Ofen reckt den heißen Bauch| und seine Augen glühn.| Der Topf in seiner Röhre bläht die braunen Backen voll Ekstase, ein roter Apfel schwitzt und dreht sich selber eine Blase, Die Winterfliege schlägt Alarm und trommelt an die Fensterscheiben, die Wanduhr schwingt den Pendelarm i und hilft die tote Zeit vertreiben. Die Hoffart duckt sich und vergräbt sich schnarchend in die Sofaecke, der Rauch aus meiner Pfeife schwebt in blauen Kringeln auf zur Decke. Die müde Seele aber kuscht ‘sich in die Borke, wie ein Käfer, und durch das warme Dunkel huscht’ ein Traum und küßt den Schläfer. WEIHNACHTEN Der Ofen hat den Schüttelfrost und klappert mit den Zähnen, er hungert, fletscht den Eisenrost, mich rührt des Ofens Gier nach Kost zu Tränen. Mein Zimmer ist ein Eispalast, mit Blumen an den Scheiben, ein graues Weiblein ist mein Gast und will und wird, ich glaube fast, für immer bei mir bleiben. Gott mache, daß ich schlafen kann! Das Licht wird immer trüber, nun fängt es still zu schneien an und draußen geht der Weihnachtsmann vorüber. BALLADE vom möblierten Zimmer Lotte starb, an Gas und Veronal, süßer Dunst erfüllte dick das Zimmer, ihr Gesichtchen glänzte silberfahl, auf den Lippen lag ein bleicher Schimmer, Otto schlug die Scheiben ein und drehte ab den Hahn und riß die längst schon Tote aus dem Bett und jammerte und flehte, weinte, schrie— die Wirtin kam und drohte. Schimpfte laut und schätzte gleich den Schaden: Gasverbrauch und die kaputten Scheiben, stundenlang war sie bemüht, den faden Giftgeruch ins Freie zu vertreiben. Otto lief, um irgendwen zu holen. Niemand kam, die Polizei notierte, Lotte hatte Geld und Schmuck gestohlen und das Köfferchen, das braunlackierte. Endlich fand die Wirtin jene Schuhe, die vor Wochen schon verschwunden waren, später kam der Schreiner mit der Truhe und dann wurde Lotte fortgefahren. Trauergäste waren nicht zugegen, fremde Männer trugen sie hinaus, Otto stand allein und ging verlegen, als das Werk vollendet war, nach Haus. 29 29 REFLEXION Im Grunde war es wohl ganz egal, ob ein Mensch namens Goethe lebte, und ob einst über dem heiligen Gral die Taube des Glaubens schwebte. Es hat sich die Menschheit mit Witz und Verstand verlegt auf das Plündern und Morden— und wäre auch ohne Immanuel Kant nicht recht viel schlechter geworden. ERZIEHUNG Als unsereins in die Schule kam, da glaubten die Pädagogen noch nicht an den pädagogischen Kram, wir waren zu ungezogen. Da gab es noch keine Spielerei mit Gummi und ähnlichen Scherzen, wir mußten uns unser bißchen Karl May noch erkämpfen mit zitternden Herzen. Die Lehrer, die gingen damals noch nicht so glattrasiert wie heute, sie hatten Matratzen im Gesicht und waren gefährliche Leute. Sie grollten mit Bässen von dumpfer Gewalt, man hörte das Schicksal grollen, und wir verließen die Lehranstalt meist vorne und hinten geschwollen. Die Sehnsucht, der diese Marter galt, verkörperten Ämter und Orden. Wir wurden älter, wir wurden alt, sonst sind wir nichts geworden. 31 GRANE STARB Crane starb, da weinten sieben Frauen, die dem Toten einmal viel gewesen, sieben Frauen scheuten keine Spesen, um den Toten noch einmal zu schauen, Sieben Frauen promenierten stumm um Herrn Cranes Katafalk herum, Crane schlief nun friedlich in der Erde, aber täglich kam von jenen sieben Frauen eine, um das Grab mit Blümchen zu bebauen, jede riß mit wütender Gebärde aus per Stumpf und Stiel das zarte Kraut, das die andre tags zuvor gebaut. Crane bat den Tod, die bösen Sieben rasch von jener Erde abzuholen, und der Tod tat, wie man ihm befohlen, sieben Seelen wurden eingetrieben, Sieben Seelen hetzen seit der Zeit eine achte Seele durch die Ewigkeit. EIN GLEICHES Die Bienen erklärten aus Dankbarkeit sich samt und sonders dazu bereit, um Waldemar Bonsels zu beglücken, dem Dichter einen Klotz Honig zu schicken. Herr Waldemar aber mißtraute der Sache, er witterte eine satirische Mache— und schickte die animalische Süße in ein Laboratorium— zwecks Analyse. Und gestern stand in der Zeitung zu lesen, es sei in der Tat— Kunsthonig gewesen. 3 Weiß-Rüthel, Herzensuhr 33 RAT Verschließe dich den Dingen nicht, die dir als Zeit entgegentreten! Die Finsternis gebiert das Licht, und Not lehrt beten. Beschwöre nicht die rauhe Macht, die deinem Tun den Sinn entwindet, nur dort wird neue Glut entfacht, wo Liebe sich am Haß entzündet, Zerbrich an dieser Schickung Stein nicht deine gute Klinge, schlage nicht blindlings in die Nacht hinein, doch schlafe nicht am Tage. Sei wachsam! Achte auf die Hand, die Speise dir und Trank bereitet, und ob dein Schatten an der Wand nicht zwiefach dich begleitet. KOHLE An jedem Stückchen Kohle, das dich wärmt, klebt Menschenleid und Menschennot und Blut. Und klebt die Träne einer, die sich härmt um einen, der im Schacht verschüttet ruht. An jeder Kohle, die dein Ofen frißt, klebt Geld! mit dem ein unbesorgter Mann, der niemals in den Schacht gestiegen ist, sich Wollust, Macht und Ehre kaufen kann. An jedem Stückchen Kohle klebt ein Stück vom Schicksal derer, die sie holen, von armer Menschen Not, von reicher Glück, ja, selbst von deinem eigenen Kampf um eine Handvoll Kohlen. IMMERZU Immerzu ist irgendwo Krawall! Immer gibt es Sonnenschein und Bomben, Kirchenlieder, Ruf und Donnerhall, Tanzpaläste, Bars und Katakomben. Zwischendurch in jener kargen Zeit, die du leben darfst und mußt mit Kuß und Grausen, platzt ein Stern, ein Kind, ein Engel schreit,; Flöten trillern und Kometen sausen. Viele Worte polstern dein Gehör, sind mit Teufeln und mit Gott im Bunde, manches wiegt wie eine Welt so schwer,. andre wieder streifen kaum die Stunde. Immer brüllt ein Jemand laut und wild, sagt dir ein und zerrt an deinem Herzen, jeder weiß wo ein Madonnenbild, das er pflegt mit Blumen, Rauch und Kerzen. Jeder liebt und jeder sucht den Pfad, sucht die Straße, leidet, zeugt und tötet, wenn es sein muß, bis der Morgen naht, den die Ewigkeit verheißend rötet. DER MENSCH Der Mensch ist groß! Im Guten wie im Bösen. kein Laster, keine Tugend ist ihm fremd. Bald kniet er tiefzerknirscht im Büßerhemd und bittet seinen Gott, ihn zu erlösen, dann wieder paradiert in frechen Dirnenschritten er ohne Scham— und spottet aller Sitten, Die Last der alten Sünden auf dem Rücken hörst du ihn heute seufzen und verzweifelt stöhnen, dann lehrt er seinen Töchtern, seinen Söhnen der Reue Werk und sich in Demut bücken. Doch morgen taucht er seine Büßerhände in Bruderblut und schleudert Feuerbrände. So geht er hin und betet, wirkt und plündert, er baut die Welt und reißt sie wieder ein. Ob ihn sein Schöpfer einmal daran hindert, “noch größer als er selbst zu sein? 38 IN TYRANNOS Man kann die Freiheit nur vermissen, erringen nie! Kaum ist das eine Band zerrissen, zwingt dich ein andres in die Knie. Der Hydra gleich reckt sich mit tausend Köpfen die Tyrannei! Du kämpfst mit Weibern, Schurken, Narren, Tröpfen und wirst von keinem jemals frei. Auf allen Wegen, die du wandelst, lauert ein Feind! In jedem Winkel deiner Umwelt kauert ein Widerwort, das deine Lust verneint. Dir nützt kein Drängen und kein heißes Streben, Du pochst die Allmacht nicht aus ihrer Ruh, denn diesen Stern hat Gott schon aufgegeben- und dich dazu. CHARAKTERSTUDIE Der Deutsche hat den Drang zum Idealen, die rauhe Wahrheit ist ihm unbequem, er abstrahiert die Dinge, die fatalen, gern in ein kompliziertes Theorem. Er hält sich stolz an mystische Belange und schweift in uferlose Ethik aus und pflegt des Paradieses alte Schlange ‚als treue Dienerin in seinem eigenen Haus. Er treibt sich philosophisch bunte Blasen aus seinem Hirn und spielt mit ihnen Ball, er nährt mit einem Sack voll alter Phrasen das Steckenpferd in seiner Weisheit Stall. Flink pflegt er Argumente einzuschalten, wenn es etwas zu widerlegen gibt, die anderen für schwach und dumm zu halten, das ist die stärkste Tugend, die er übt. Bisweilen platzt die ideale Blase, dann appelliert er an das Weltgericht, jedoch den Griff an seine eigene Götternase, den Griff riskiert er leider, leider nicht. 39 40 JETZT VOGEL FRISS War je ein Maß wohl so gerüttelt voll, als dieser Kelch, aus dem wir trinken mußten? Ob jemals so viel Gift dem Unbewußten und einer dumpf geahnten Schuld entquoll? Zutiefst verstrickt ins Strauchelwerk der Sünden, an denen sich die Mächtigen berauschten, gefiel es den vom Argwohn lang belauschten, Geschmack an jenem Luderspiel zu finden. Jetzt Vogel friß! Das Mahl ist dir bereitet, nach Gallen schmeckt’s, nach Menschenblut und Pein, und mit dem Haß, der ewig dich begleitet, wird’s noch die Speise- deiner Kinder sein, MÜNCHEN Als ich dich wiedersah nach langer, schlimmer Zeit, da warst du nimmer die, die ich einmal verlassen. Das warme Licht in deinen lieben Gassen war tot— und ganz zerrissen war dein schönes Kleid. Wo einst der Tag um deine Gunst gefreit, wo einst die Nacht dich weich und sanft umfangen, da war die Saat des Elends aufgegangen und deine einst so lebensroten Wangen, sie waren bleich und ausgehärmt vom Leid. Was einst gefügt, zu schöner Form geschichtet, mit hellen Fenstern in die Stunde sah, nun lag es da— zerschlagen und vernichtet! Geschändet und geächtet lag es da. Ein jeder Stein, den nun mein Fuß berührte, 41 sprach eine Klage in:mein Herz und rief noch einmal wach, was lange in ihm schlief, wenn mich der Traum in deine Gassen führte. Stadt meiner Heimat! Könnten Tränen bauen, was Frevelsinn und Aberwitz zerschlagen, Du würdest noch zu meinen Lebenstagen so schön wie je im Schmuck der Türme ragen, und heiter lächelnd in den Himmel schauen. DIE HERREN Sie haben das Äußerste getan, sie haben sich selbst übertroffen! Sie haben sich an dem blutigen Wahn ihrer blutigen Allmacht besoffen. Sie stürzten sich in den blutigen Traum, in den rauschenden Strom ihrer Lügen, sie schlugen die Wahrheit zu quirlendem Schaum und tranken in vollen Zügen. Sie rissen das Herz der alten Weit heraus mit aztekischem Eifer, sie haben sich selbst an die Wand gestellt, besudelt vom eigenen Geifer. Sie haben die Wollust der Tyrannei erfunden, geübt und genossen, und ritten zur Hölle mit Heil und Hei auf apokalyptischen Rossen. 43 KARNEVAL 1946 Sie krochen aus den Ruinen, sie waren plötzlich da, sie trugen Krinolinen und sangen tralala. Sie trugen bunte Lappen und Bänder weiß und rot, auch spitze Narrenkappen und pfiffen auf den Tod. Sie tanzten auf den Trümmern Galopp— und sahen nicht die weißen Knochen schimmern im späten Abendlicht. Man sah sie zierlich schweben und huschen von Stein zu Stein, Sie wollten wieder leben und wieder fröhlich sein. Ich glaube fast, sie blieben die ganze Nacht von Haus, und tanzten und sangen und trieben den grauen Winter aus, 44 UND DENNOCH Und dennoch blüht zur späten Sommerzeit die Rose noch im wild zerzausten Garten, so wollen wir, vom bösen Traum befreit, getröstet auf den Herbst, den goldenen, warten. Liegt auch das Denkmal unsrer frohen Tage verschüttet im Geröll— ich weine nicht, und gehe ohne Bitternis und Klage in eines andren Tages Morgenlicht. PROPHETIE Ja, einmal wird das alles anders sein. Wir werden Engel sein und Flügel haben, auch Himmelsbrot und weißen Wolkenwein, und uns an Eia und Popeia laben. So oben hoch, und über allen Sternen, wirst du es plötzlich ohne Not erfühlen, daß man es weder wissen muß noch lernen, das Liebessingen und das Psalterspielen. Wir werden lächeln, weil wir es vergessen im Tag der Irdischkeit mit vielen kleinen Süchten, wir werden uns die Seelenhände pressen und über nichts mehr denken oder richten. So eingehüllt in Wunder all des Lichts, wird uns der Himmel sehr bequem erscheinen, wir werden alles wissen, oder nichts, und jeden ehrlich grüßen— oder keinen. u SACHSENHAUSEN Ich wohne in der Nachbarschaft des Todes, ich höre ihn allnächtlich dumpf rumoren, ich sehe ihn am Abend als ein rotes und wildes Flammenspiel im Essenrauch. Dann wissen wir, daß hinter jenen Toren die Teufelspriester ihre Hymnen singen, dem Horngekrönten ihre Opfer bringen, dem braunen Götzen mit dem Trommelbauch Der Minotaurus wälzt sich durch die Gänge des Labyrinths und bläst ins Opferfeuer, das seiner Taten Spur vertilgen muß. Ich aber höre seine Festgesänge, ich sehe schemenhaft das Ungeheuer— und alle fünf Sekunden fällt ein Schuß. 47 DER LAGERTAG Was schlägst du, Herz im Häftlingskleid, für einen müden Takt, gleich einer kranken Uhr! Ein jeder Schlag gräbt eine wehe Spur ins grenzenlose Ödland dieser Zeit. Nichts blüht in ihr, durch unfruchtbaren Sand zieht sie sich hin und weiß von keinem Ziel, nur manchmal rührt des Traumes Geisterhand an dem schon lang verstummten Glockenspiel. Dann löst sich zag ein Klang und zittert fort in meinem Ohr, doch hält ihn kaum mein Sinn, denn ohne Echo ist der schlimme Ort, an dem ich Schatten unter Schatten bin. Es reiht der Tag sich friedlos an den Tag, es reiht die Nacht sich ruhlos an die Nacht— und was das Heute aus dem Morgen macht, ist eine Glocke ohne Klang und Schlag, ist tot und stumm, ein unbeherztes Ding, ein Schemen nur, das eine Kette trägt, die marterschwer als neuer Jahresring sich um die alten Jahresringe legt. Es buchstabiert dein Mund das Alphabet der Mördersprache, die kein Amen kennt, aus ihren Lauten formt sich kein Gebet, kein Lobgesang, der Gottes Namen nennt; ein irrer Fluch ist alles, was die Kunst der Elendssprache deiner Sehnsucht schenkt— und das Gezeter ekler Männerbrunst, das sich wie Hohn an jede Regung hängt. 48 Im Dunkel greift und forscht die bange Hand nach dem Gerät, das Wort und Zeichen gräbt, damit sich dieser Schickung starre Wand mit einem Atemzug des Lichts belebt. ”x Hinter Stacheldraht und Mauer saß mein Herz, das nimmermehr genas. Arm war ich wie eine Kirchenmaus, mein Sehnen ging auf die Gasse hinaus— und von der Gasse den Weg zu dir, von dir zu Gott, von Gott zu mir— und wieder hin und wieder her in steter stummer Wiederkehr. Wie eine Sonntagsglocke rein läutete manchmal ein Name hinein, ein Kindername im Feierkleid und blühend vor lauter Heiligkeit; ihn auszusprechen, ich wagte es nicht, denn ich saß im Dunkel— und er stand im Licht. x Ich saß im Dunkel, in schwarzer Nacht, und habe mir selbst eine Welt erdacht, eine Märchenwelt aus buntem Kram, den ich altersgrauen Träumen entnahm. Da stand meine Mutter und nickte mir zu, und lächelte seltsam und sagte: Du! und nestelte aus ihrem Gewand 4 Weiß-Rüthel, Herzensuhr ein langes blaues Seidenband, das bald an die fünfzig Jahre lang sich durch schlafende Herzen und Hände schlang; die Herzen, sie pochten, das klang so süß, wie ein Glas, das an ein anderes stieß— und aus Herzen und Händen quoll dunkler Wein in mein eigenes sehnendes Herz hinein, % In meines eigenen Herzens Grund flüsterte manchmal ein junger Mund meinen Namen ganz leis— ich lauschte dann, ich lauschte, ich hielt den Atem an— und lauschte noch tiefer in mich hinein, und wußte: jetzt bin ich nicht mehr allein! Das sprengte die Mauer, zerschnitt den Draht, das quoll auf in mir wie junge Saat, das machte mich heiß, das machte mich rot, das hat mich erlöst vom Lagertod: das war mein Stecken und mein Stab in diesem lebendigen Lagergrab. In diesem Lebendigengrab, mein Kind, war dumpf die Luft und rauh der Wind; das kannst du nicht ahnen, was da geschah, das kannst du nicht wissen, was ich sah—, das kannst du nicht fühlen, was ich empfand, wenn die Amme Macht das Recht entband, und wenn das Recht eine wüste Schar von silberbetreßten Teufeln gebar! Das kannst du nicht wissen, wie das klingt, 50 - wenn ein rasender Götze die Peitsche schwingt, das kannst du nicht wissen, wie das Licht erlischt in einem Auge, das bricht und wie aus einem dunklen Grund der Schrei erstickt im Menschenmund. Ich sah im hölzernen Rahmen schwer eine Glocke schwingen hin und her eine Totenglocke aus Fleisch und Bein, die läutete mir in das Herz hinein und ich werde sie hören, solange die Welt und der währende Tag mich nährt und hält, ich werde sie hören früh und spät, - - wenn das Recht an klappernden Krücken geht und wenn ein feiger Griff entehrt, was rein soll bleiben und unversehrt. Was rein soll bleiben und unversehrt! Wie waren mir Namen und Bilder wert, ich trug sie verborgen in mir ganz tief, und ein jeglicher Brief war ein Liebesbrief, und ein jegliches Zeichen aus deinem Kreis war gesegnet von Licht und unschuldsweiß und trug mir ein Leuchten, ein Brennen zu und ich wußte nichts andres als du als du! Du war mir das Wort, das mir alles erschloß, aus dem Gnade und Liebe und Andacht floẞ, - du war meine Heimat, mein Ithaka, - das ich offenen Auges in Träumen sah, - du war das Gärtchen und jegliches Ding, 51 an dem meine ringende Sehnsucht hing, Dorf, Kirche, See und der Wald und der Baum und das ganze Rund und der ganze Raum. ” Das ganze Rund und der ganze Raum! Ich lebe zwischen Traum und Traum und habe oftmals keine Zeit für meines Tages Wirklichkeit; ich bin ein Jogi, ein Fakir, der einmal dort weilt, einmal hier, der, ohne daß er sich bewegt, die ganze Welt in Händen trägt. Ich stehe über Stunde und Raum, bin selber Wald und Halm und Baum, ich fliege als bunter Drachen im Wind zu dir, meine Liebste, zu dir, mein Kind; sahst du mich nicht neulich auf den Zehn ganz leise durch deine Stube gehn? Ich saß an deinem Bett zur Nacht und habe lange bei dir gewacht, war Falter, Blume, Wolke, Lied, war Gast, der kam— und Gast, der schied, war Dunkelheit und heller Tag und der zitternde Klang im Uhrenschlag— und ging besternt vor lauter Glück in meine eisgraue Welt zurück. %x 52 In der Mörderschenke zur Grauen Welt war die Speise Gift und der Trank vergällt, war das Lied ein Hohn und das Licht ein Brand, und des Wirtes Hand eine Mörderhand. wenn die Hörner aufheulten zum Totenmahl, und die Gäste sich wälzten im Wein der Qual und das Röcheln erstarb in der Peitschen Sturm, dann saß reglos und stumm auf dem Lagerturm der Gehörnte und blickte mit zehrender Glut in die rollende Woge von Menschenblut, in den wirbelnden Haufen im Eisendorn, Und der Tod stieß dumpf in sein Knochenhorn. Hinter Bretterverhau auf dem sandigen Plan stieg ein beizender Rauch himmelauf, himmelan, leckten goldrote Zungen aus qualmendem Schacht in das schweigende Dunkel der Lagernacht. Und es wiegten sich kühn auf dem Essenkranz tausend zuckende Seelen im Flammentanz— wogten hin, wogten her— ohne Rast, ohne Ruh, und das Feuer sang brausend das Tanzlied dazu. x Aus dem brausenden Lied, das das Feuer sang, eine Flamme mir tief in die Seele drang! Eine Flamme, die brennt, eine Flamme, die frißt, und ein Peitschenschlag ist, wenn die Menschheit vergißt, daß im schwelenden Brand dieses Feuers ein Ding, das wir Menschlichkeit nannten zugrunde ging. Im Bruderorden zur Grauen Welt hat Gott mich vor sein Gericht gestellt. Die Fessel der Erde, sie drückte mich schwer, daß ich meinte, ich könnt’ sie nicht tragen mehr. Denn ein Dunkel war alles, wohin ich sah— und der Tod stand ragend auf Golgatha. Und der Tod stand ragend und sah mich an— in media vita, der knöcherne Mann, in den knöchernen Händen das Stundenbuch, das Stundenglas und das schwarze Tuch. Sein sengendes Auge, es brannte den Schmerz tief in mein zuckendes Sträflingsherz. Im Bruderorden zur Grauen Welt, hat Richter Gott seinen Spruch gefällt, saß groß inmitten der rechtenden Schar, die aus Engeln und Teufeln gebildet war— und gab mir die Schau in das letzte Leid_ und wies mir den Blick in die Ewigkeit._ PEER GYNTS HEIMKEHR Personen: Peer Gynt Solveig Olaf, sein Sohn Der Knopfgießer Die Grüne Die Hausinsassen. Platz vor Peer Gynts Haus. Peer Gynt( ziemlich gealtert, kommt des Wegs). Peer Gynt: Da bin ich nun... nach langen Irrefahrten zurückgekehrt ins heimische Revier. Das ist das Haus, die Bank und hier der kleine Garten, kein Zweifel mehr, ich bin zu Haus... bei mir. ( Er setzt sich auf die Bank.) Zu Haus... wie diese arme Bank aus morschen Bohlen mir den Begriff mit Wenigem vermittelt... oft hab ich diesen harten Platz bekrittelt und rief: der Teufel soll den Zustand holen, der aus Gewöhnung an des Alltags Dinge die ganze Lust mit Bitternis vergällt und mit der Langeweile Strick und Schlinge wie einen Hund mich an den Freẞnapf hält. Da war des Abenteuers lockend helle Flamme, Fortunas Rad, Orplid das Wunderland... da war der Traum, der Sehnsucht greise Amme, 55 55 und führte neckend mich am Gängelband. Die alte Lust an Taten und Geschichten trieb ohn’ Ermessen mich von Ort zu Ort... und immer wieder riß der Wahn mich fort— und lehrte mich genießen und verzichten. Die Lüge stand wie ein Fanal am Himmel, oft greifbar nahe, schien in Wirklichkeit sich zu verwandeln— doch ihr buntes Kleid verlor den Glanz und aus dem Lustgetümmel der Illusionen brach der graue Tag, der wie ein Alb auf meiner Seele lag. So ist in Westen, Süden, Osten, Norden mir alles, was die Welt zu bieten weiß, in Form von Dingen nur zuteil geworden, die man sich auch um weit geringern Preis erkaufen kann—, indes die schönen Farben der Phantasie verblaßten und verdarben.' Nun bin ich hier, vom gleichen Geist getrieben, der mich Phantomen in die Arme jagte... am Heimatort und nahe meinen Lieben, im alten Haus, das nimmer mir behagte, der Türe nah, durch die ich oft geschritten, der Schwelle nahe, die mein Fuß gehöhlt... und was ich je genossen und gelitten, hat nun mit der Erfahrung sich vermählt, daß, um das Maß der Besten zu erkennen, der Schritt ins Abenteuer nötig ist, dann wird, bleibt nur der Liebe Feuer brennen, die Sehnsucht, die an deiner Seele frißt zur Tat sich wandeln, dich als Tat erlösen - und alles, was gewesen- ist gewesen. Olaf: ( Er steht auf und geht zur Türe. Er will anklopfen, aber die Türe öffnet sich und heraus tritt Olaf, Peer Gynts Sohn.) Ei sieh... ein fremder Mann. Wo kommst du her...? Peer Gynt: Von fernen Ländern, übers weite Meer. Olaf: Bist auf dem Meer, auf Schiffen du gefahren...? Peer Gynt: Gewiß, mein Kind, in vielen langen Jahren. Olaf: So kennst du auch die Wüste, schreckhaft groß und kahl? Peer Gynt: Ich kenne sie samt Durst und Fieberqual. Olaf: Die großen Städte und die hohen Berge...? Peer Gynt: Die Stadt der Riesen und das Tal der Zwerge! Olaf: Oh, Mann, erzähle...! Selten kommen Leute aus ferner Welt zu uns...ich möchte gerne wissen, hast du gesehen, wo Löwen ihre Beute mit scharfen Zähnen packten und zerrissen...? Wie Tiger in den Wäldern, in den Büschen, der wilden Steppen auf die Jäger sprangen, erzähle mir von Tieren, großen Fischen, von Riesen, Elefanten, Hexen, Schlangen... 57 57 Peer Gynt: Ja, Kind, ich will dir alles das erzählen, doch glaube mir, das geht nicht so geschwind, es wird uns später nicht an Muße fehlen, doch sag mir jetzt: wie heißt du———? Olaf: Olaf! Peer Gynt: Kind! Mein Junge, Olaf... komm und laß mich schauen in deine Augen... ach, du kennst mich nicht... ich bin— so komm, so habe doch Vertrauen... ja, Kind, du bist’s... das ist Peer Gynts Gesicht! Das ist der trotzig blonde, ungefüge Bengel, der Bursche, der aus Lügen Schlösser baut, der stolze Rüpel, dem ein guter Engel aus seinen blauen Bubenaugen schaut. Ich bin dein Vater, Knabe....! Olaf: Vater 7 Peer Gynt: Heimgekommen aus fernen weiten Ländern und erfüllt von all den Bildern, die ich mitgenommen, als mich die Sehnsucht, die kein Taumel stillt, zurückgeführt, wo ich vor vielen Jahren dem bunten Ball der Träume nachgeeilt... nun leuchtet mir aus deinen goldenen Haaren das Glück ins Herz— nun weiß ich, wo es weilt! Olaf: Das muß ich aber gleich der Mutter sagen....! (läuft zur Türe.) Der Vater...! Mutter, Mutter! Komm heraus.. a Solveig(erscheint): Was ist denn, Kind...? Olaf: Ach, Mutter, kannst du fragen...! Der Vater, unser Vater kam nach Haus! Solveig: Der Vater... 2 Ihr....r Peer Gynt: Kannst du mich nicht erkennen? Peer Gynt ist da... er kehrt zu dir zurück! Solveig:* Nach all den vielen Jahren, die uns trennen...? Was bringst du mir... Peer Gynt... sag an! Peer Gynt: Das Glück. Solveig(bitter): Das Glück... Das Glück! Das kannst du nimmer das war einmal... in jener fernen Zeit,[bringen, von der nur noch die alten Lieder singen, was drüber ist— ist längst Vergangenheit. Geh, Olaf, du ins Haus, in deinen jungen Ohren ist noch nicht Raum für solcher Dinge Klang. (Olaf geht ins Haus) Peer Gynt: Ein bittres Wort! 59 Solveig: Verloren ist verloren, und nur das Muß geht seinen steten Gang. Peer Gynt: Du sollst nicht, Solveig, solche Dinge sprechen, Ich bin kein Bettler, der um Gaben fleht, du hast kein Recht, den Urteilsstab zu brechen, es ist Peer Gynt... Peer Gynt, der vor dir steht! Solveig: - Peer Gynt hat immer fordernd nur gesprochen! Was mich erfüllte, all das dumpfe Leid, hat niemals seinen Trotz und Stolz gebrochen... was er auch tat es war: Notwendigkeit! Jetzt, da der Kampf in seinen alten Tagen nicht mehr im Flor der jungen Kräfte prangt, spürt er die Lust nach häuslichem Behagen, und Friede ist's, was fordernd er verlangt! Peer Gynt: 60 60 Du irrst, wie stets!... Du packst den alten Plunder, den Bettelsack des bösen Irrtums aus und schleppst ihn wie ein grelles Jahrmarktswunder aus deiner Klagekammer vor das Haus. Und wenn ich zehnmal fordernd vor dir stehe... dann denke, Weib, an deine Christenpflicht. Woher ich komme und wohin ich gehe - - danach zu forschen, ziemt den Frauen nicht! Ich komme nicht, um häusliches Behagen zu suchen, weil ich draußen keines fand... das Bett, der Tisch, die Stühle und der Schragen sind nie und nimmer jenes Zauberband, das mich an allen Orten, in den fernsten Städten, in allen Breiten... überall umschlang, die Dinge, die mich an die Heimat ketten, steh’n nicht im Keller oder Scheunengang! Wohl ist das Haus die wunderbare Zelle, der allen Wachstums beste Kraft entspringt... doch miß mir nicht mit deiner kurzen Elle die Wundermacht, die mich zur Heimkehr zwingt! Wenn sich in mir die Dinge offenbaren, nach manchem harten, leiderfüllten Jahr, dann danke Gott, dem Schicksal und den Laren, daß dieser Weg mir noch beschieden war. Solveig: Du sprichst von Jahren, bitteren und harten...! Glaubst du, die meinen waren sanft und leicht? Mir blieb die Qual, zu harren und zu warten, die Not der Mutter, die kein Trost verscheucht. Ich mußte alles, Haus und Hof versorgen, des Manns entbehrend, seiner starken Hand... ich mußte wägen, rechnen, zahlen, borgen, wenn oft das Unglück vor der Türe stand... ich mußte uns den Unterhalt erwerben, in langen Nächten, nähend... unentwegt, wie schnell, du weißt, pflegt alles zu verderben, wenn niemand für den Hausstand Sorge trägt. Und dann, Peer Gynt... auch alte Wunden brennen! Was hattest du's denn nötig Tag und Nacht der frechen grünen Dirne nachzurennen.. R die alles Elend über uns gebracht. Du hast für alle deine schweren Sünden stets große Worte, kannst für jedes Ding im Handumdrehen die Erklärung finden, doch meine Nöte achtest du gering. Ich hätte andre Männer haben können, Knut Andersen, des reichen Müllers Sohn, den Schulzen selbst, um wenige zu nennen... von denen rannte keiner je davon, die blieben, wie’s seit alten Zeiten Sitte, geruhsam stets in ihrer Väter Haus, da trieb es keinen aus der warmen Mitte der Dorfgemeinschaft in die Welt hinaus, Jetzt willst du plötzlich nichts mehr davon wissen, von all dem bittren Leid, das mir geschehn, jetzt soll das arme Herz, das du zerrissen, auf einmal wiederum in Flammen stehn. Jetzt, weil die grüne Hexe dich verlassen— wer weiß, mit welchem Bergtroll oder Wicht— jetzt findest du die alten trauten Gassen— und viele Jahre fandest du sie nicht! “Peer Gynt: Ach, Weib... laß deinen Spott aus diesen Dingen, Du kennst sie nicht, du wirst sie nie verstehn.... ich kann dir nicht mit Engelszungen singen, es gibt nur das: zu bleiben— oder gehn! Du sollst, was war, vergeben und vergessen, ein Amen sagen fröhlich und befreit, mich nicht mit Kunzen oder Schulzen messen und alles andre heilt von selbst die Zeit. Ich bettle nicht, ich habe nichts zu bitten, nur daß das Weib mir nicht das Wort verdreht! Zur Krone wird das Leid, das du erlitten, wie’s schon im Testament geschrieben steht. Solveig: Und steht an dieser Stelle nicht geschrieben auch jenes Wort, das du vergessen hast: es soll der Mann beschützen, ehren, lieben das Weib— und jede Sorge, jede Last des Lebens stes in Treue mit ihm tragen... 8 Weißt du, Peer Gynt, mir darauf keinen Reim...? Kannst du mir darauf keine Antwort sagen...? Wenn ja... so sprich, Peer Gynt! Peer Gynt(müde): Ich möchte heim!... (Er setzt sich auf die Bank.) Solveig: Ja, heim... jetzt, weil das ganze Haus voll Leuten! Je nun, Peer Gynt, ich konnte doch nicht wissen, daß du... und dann, in all den harten Zeiten hab ich das Ganze doch erhalten müssen! Jetzt wohnen fast in allen Kammern, Zimmern, seit Jahren Bürger, ruhig und bescheiden... ich brauche mich fast gar nicht um sie kümmern und mag den einen wie den andern leiden. Sie zahlen gut— für mich und für den Jungen genügt es wohl, ich kann mich nicht beklagen. Schon mancher Taler ist herausgesprungen, doch freilich fehlt’s an Platz und an Behagen. Soll ich die Leute jetzt... und wenn, aus welchen Gründen? 63 denn gehen heißen...? Kann ich solches sagen...? Sie werden wohl so bald kein Unterkommen finden, auch gibt es kein Gesetz, sie zu verjagen. ( Sämtliche Fenster des Hauses öffnen sich und die Hausinsassen schauen heraus.) Chor der Hausinsassen: 64 Das wär nicht schlecht! Das fehlte, ja... vernahm man recht? Peer Gynt ist da...? Er ist's fürwahr, wo kommt er her...? von ungefähr, wie sonderbar! Jetzt, weil er alt, zieht's mit Gewalt ihn in das Haus, er will herein, das Haus ist sein! Wir müssen raus! Das fehlte noch, da soll denn doch... das geht nicht an, was will der Mann? Ein fremder Narr, wie lange war er strolchend fort? von diesem Ort...? Was bringt er mit? Den müden Schritt...! Pe 5 Und seine Hab....? Der Bettelstab! Das ist zu keck! Jagt ihn doch weg! Was geht der Mann uns schließlich an? Was fällt ihm ein... wir müßten, ja... Hanswurste sein; wir bleiben da! Drum fort, nur fort, von diesem Ort, jagt ihn hinaus aus Hof und Haus, jagt ihn davon, fort, fort, Kujon! Von diesem Ort, er hat kein Recht... fort, fort— fort, fort! Sonst geht's ihm schlecht! (Die Fenster schließen sich wieder, die Köpfe ver- schwinden.) Peer Gynt: Halt’s Maul— du lautes, lästerhaftes Haus! Darin der Pöbel plump und frech regiert... ‚treibt ihr Peer Gynt zur eignen Tür hinaus? Gebt acht, daß er nicht die Geduld verliert! Verschwinde Weib... ich will nicht länger reden, mit dir, die kläffend nur den dürren Vorteil preist, 5 Weiß-Rüthel, Herzensuhr 65 doch wer mich schnatternd hier zu gehen heißt— soll gleich sein letztes Miserere beten. (Solveig geht in das Haus.) Nur zu... verdammt! Wenn Worte nichts mehr nützen, dann will ich meine Fäuste reden lassen! Das fehlte, daß die Schweine aus den Gassen i in meinen Kammern, meinen Stuben sitzen! Knopfgießer(ist erschienen und spricht): Sei ruhig, Peer... und laß die Narren schelten! Du bist und bleibst der Herr in deinem Hause. Und läßt der Unverstand dich nicht mehr darin gelten—| dann such im Wald dir eine bess’re Klause. Doch sei kein Narr— und laß mit diesen schwachen Naturen dich nicht in Dispute ein! Um Spekulanten reich und froh zu machen— muß man ein Schurke und kein Dichter sein!| Ich habe damals dich nicht umgegossen, damit du jetzt an deiner Kraft verzagst! Und wenn du heute dein Geschick beklagst, war unser schöner Bund umsonst geschlossen! Sei ruhig, Peer, mit jenen schnöden Seelen, die Regeln dreschen, hast du nichts gemein, | wirst dich umsonst, sie zu bekehren, quälen und schließlich selber ihr Genosse sein. Laß dir nicht blindlings die Erkenntnis stehlen, das beste Gut, das du dir schwer errauft... wer sich die Freiheit teuer nicht erkauft, soll sich nicht, fordernd, zu den Freien zählen. Frag nicht nach den Gefühlen jener Zwerge, von ihren Plänen macht dich keiner frei... 5* sei, Peer, nicht deines eignen Schicksals Scherge, und bleib dir auch am Ende selber treu! Peer Gynt: Wohl, guter Freund... doch laß mich erst verwinden den einen Schmerz, der wie kein andrer friẞt... wo, sage, soll ich denn das Ende finden, wenn selbst die Heimat ihren Sohn vergiẞt. Penelope... sie stand mit offnen Armen einst vor dem Gatten, als er heimgekehrt, heim... in den Schoß der Mutter, wo Erbarmen als Liebe waltet, die uns hält und nährt... Die Grüne( ist erschienen und spricht): So komm zu mir!... Was hast du mich verlassen? Einst war ich dir so viel, war Stimme dir und Lied... Was stehst du hier in toten leeren Gassen, wo doch im Berg der Hort der Liebe glüht! Komm mit! Noch glänzt in schimmernden Kristallen das alte Schloß, darin der Troll regiert, noch funkeln prächtig jene weiten Hallen, wo rotes Gold des Königs Estrich ziert. Mein silbern Herz ist jung, hat helle Schläge, mein rotes Lachen macht dich bald gesund, kommst nimmermehr dem Pöbel ins Gehege, Vergessen trink von meinem Zaubermund. Mein Kleid ist grün, grün wie der junge Maien, grün ist die Lust und selig ist, was grünt, laß doch die Menschennarren hasten, toben, schreien, der ist ein Tor, der ihren Werken dient. Entscheide dich, du magst es sonst bereuen, was kümmert dich der Menschen Gunst und Groll, 67 du kannst an keinem dich so recht erfreuen... willst du kein Narr sein, Peer... so sei ein Troll! Peer Gynt: Narr oder Troll....! Das ist die alte Weise, die mir an jedem Ort entgegenklang, mit diesem Lied begann ich meine Reise, sie endet mit dem gleichen Singesang. Vorbei... Laßt mich auf dieser Bank beenden, was einst an dieser Stelle auch begann... das letzte Blatt im Buch des Schicksals kann kein Troll, kein Narr... kann nur der Höchste wenden! (Olaf tritt aus dem Haus.) Komm her, mein liebes Kind, ich will dich segnen! Vergiß mich nicht, was man dir auch erzählt. Es wird dir selber bald der Geist begegnen, der mit dem harten Leben dich vermählt. Dann wird aus Träumen und aus Wirklichkeiten dir jene wundersame Welt erstehn, in der die Toren mit den Weisen schreiten, die Bäume fliegen und die Bäche stehn. Dann wirst mit Waldgespenstern, Spukgestalten du wie ein Pilger um die Erde wallen, wirst oft in Andacht deine Hände falten und oft den Dirnen in die Arme fallen! Wirst Gold und Kot als einen Stoff erachten, die Finsternis als Born des reinsten Lichts, in Wüsten schwelgen und an Quellen schmachten und alles haben... alles... oder nichts, Vergiß mich nicht... und brich dir deinen Stecken im Wald, wenn du auf Reisen gehst, mein Sohn, mit ihm wirst du das Herz der Erde wecken und alle Wege sind dein Ziel und Lohn. (Inzwischen sind die Hausinsassen und Solveig auf die Straße getreten.) Euch allen ist vergessen und vergeben, was ihr aus Unverstand gepredigt und gelehrt, ich finde wunschlos in das andre Leben. Lebt alle wohl....! (Er stirbt.) Knopfgießer: Peer Gynt ist heimgekehrt! LEBENSLAUF DES VERFASSERS Arnold Weiß- Rüthel, geb. 21. Februar 1900 in München, besuchte Volks- und Mittelschule, trieb literatur- und theaterwissenschaftliche Studien, wirkte fünf Jahre lang als Spielleiter und Dramaturg an verschiedenen Provinzbühnen und lebte ab 1925 als freier Schriftsteller in seiner Heimatstadt München. Als Mitarbeiter demokratischer Blätter erregte er das Mißfallen der Nazis schon 1929, sein Versuch als Schriftleiter der Münchener Wochenschrift ,, Jugend' Kritik an der nationalsozialistischen Kulturpolitik zu üben, machte ihn brotlos und vogelfrei. Nach Ausbruch des Krieges wurde er verhaftet und in das KZ. Sachsenhausen verschickt. Nach der Befreiung: Bibliothekar und öffentlicher Kläger in Wasserburg, seit Juni 1947 Chefdramaturg bei Radio München. Buchpublikation: ,, Nacht und Nebel", Aufzeichnungen aus fünf Jahren Schutzhaft, München, 1946, Verlag Herbert Kluger. 70 70 INHALT Spruch 7 Viele Wege Meine Welt Gartenmorgen 8 9 10 Der Abend 11 Im Wald 12 Stille . 13 Haushalt . 14 Beruhigendes Lied . 15 Nymphenburg . 16 Bitte! .. 17 Schlaflied ... 18 Schicksal 19 . 20 21 Trüber Tag Auf dem Bahnhof Vom Hohen Neuffen Meersburg Stille Nacht Die Zecher Winter Weihnachten Ballade Reflexion . 22 . 23 24 . 25 . 26 . 27 . 28 30 71 Erziehung Crane starb Ein Gleiches Rat Kohle Immerzu Der Mensch In Tyrannos Charakterstudie Jetzt Vogel friß München . 31 32 33 . 34 35 $ 36 37 . 38 39 40 41 Die Herren. 43 Karneval 1946 44 Und dennoch 45 Prophetie.... 46 Sachsenhausen 47 Der Lagertag 48 Peer Gynts Heimkehr 55 72 22