MEINEM SOHN HANS PETER, DER ORGANISTENDIENST IN STADELHEIM VERRICHTET. Wir sahen Menschen, die trotz Ketten und Kerkermauern wahrhaft frei waren, die Allerfreiesten aber waren solche, die dem sicheren Tod ohne Entsetzen entgegensahen, weil sie das Leben besaßen, das kein Tod töten kann. Vorwort des Verfassers Von vielen Seiten, gerade auch von Persönlichkeiten, die selbst hinter Gefängnismauern gelitten haben, aufgefordert, ja gedrängt, habe ich mich entschlossen, einen Teil meiner Stadelheimer Erlebnisse und Erinnerungen zu veröffentlichen und die Hemmungen zu überwinden, die mich auch jetzt noch erfüllen. Sie bestehen vor allem darin, daß so viel Persönliches, auch meine eigene Person, angerührt und angeführt werden muß, um ein Bild von dem zu geben, was sich äußerlich und innerlich in diesen schweren Jahren und entsetzlichen Situationen ereignet hat. Ferner sollte keinesfalls das Berichtete auch nur den Anschein des Sensationellen erhalten, denn Seelenkämpfe und Seelsorge, Todesüberwindung und innere Neugeburt vertragen keine Sensationen, sondern werden, wachsen und wollen wirken in der Stille, Einsamkeit und Verborgenheit, in der zeugenlosen Zwiesprache von Mensch zu Mensch oder wie bei Jakob am Flusse Jabbok- im einsamen Ringen zwischen Mensch und Gott. Daß freilich das Resultat solcher Kämpfe und Geburtswehen sensationell d. h. überraschend und Aufsehen erregend erscheint, ist die notwendige Folge von Geschehnissen, die sich nicht allein in der Sphäre des Irdisch- Menschlichen ereignen, in die vielmehr eine höhere Macht und Welt mithereinspielen und uns vor rätselhafte Vorgänge stellen. - Wie ganz anders waren demgegenüber die Verhältnisse vor nun 40 Jahren! Das zeigt uns in staunenswerter Weise das ,, Stadelheimer Tagebuch" von Ludwig Thoma, in dem der große Humorist seinen unfreiwilligen Aufenthalt im Jahre 1906 in jener Zelle schildert, die später auch Hitler beherbergte. Thoma hat damals geradezu sommerfrischenmäßig leben können und unter anderem seine Komödie ,, Moral" konzipiert. Andererseits aber konnte er sich ganz und gar nicht in die seelsorgerlichen Vorgänge, die sich in der Armensünderzelle abspielen, hineinversetzen, so daß er sie völlig schief beurteilte begreiflicherweise, denn darüber können sich nur Augen- und Ohrenzeugen ein richtiges Urteil bilden, am allerbesten die Todeskandidaten selbst. Ihnen sei deshalb im Folgenden darüber das Wort erteilt. München, Martin- Luther- Straße 4 Pfingstfest 1946 - Karl Alt. 5 1. Kapitel Ernst Röhms Ende in Stadelheim Der 30. Juni 1934. - - Zum ersten Male in meinem Leben sah ich die ausgedehnten Gefängnisgebäude von München- Stadelheim am 30. Juni 1934. Ich war ab 1. Juli zum evangelischen Pfarrer von Giesing und der Gartenstadt Harlaching ernannt worden und durchfuhr mit meinem Vorgänger im Auto den weiträumigen Pfarrbezirk. Auch der Stadtteil Stadelheim gehört dazu und deshalb die nebenamtliche Seelsorge an den evangelischen Gefängnisinsassen. Ich ahnte damals keineswegs, was das in Zukunft für mich zu bedeuten hatte, denn bis dahin beherbergten die Gefängnismauern nur Häftlinge, die geringe Strafen von einer Woche bis zur Höchstgrenze von drei Monaten zu verbüßen hatten. Als unser Kraftwagen am Gefängnistor vorbeikam, erblickten wir zu unserer Überraschung einen SS- Doppelposten davorstehen und auch an den vier Ecken des Gefängniskomplexes waren SS- Männer mit scharfgeladenen Gewehren aufgestellt alles mitten im Frieden, auch für meinen Vorgänger verwunderlich. Plötzlich hörten wir aus dem Gefängnishof mehrere Gewehrsalven krachen. Sie galten den Anhängern Röhm's, die am 30. Juni 1934 ohne Urteil und Gericht, auch ohne daß man ihnen einen seelsorgerlichen Zuspruch gewährt hatte, nacheinander niedergeschossen wurden. Daß sich darunter auch versehentlich ein völlig Unbeteiligter befand, der zufällig auch den Namen Schmid trug und in der Hast mit einem seiner Namensvettern verwechselt worden war, erkannte man erst, als es zu spät war! Man hatte einfach dem Gefängnisdirektor einen Zettel mit vielen Namen überreicht und erklärt, die mit Bleistift * - - Aufsätze des damals ermordeten Willi Schmid über Musik erschienen 1937 bei Otto Müller, Leipzig, unter dem Titel ,, Unvollendete Symphonien". 7 - angezeichneten seien sofort zur Exekution an die Waschküchenwand im inneren Hof zu stellen und auf Befehl des ,, Führers" einzeln zu erschießen. Eine Gruppe SS- Männer war hiezu mit Flugzeug eigens von Berlin gekommen. Wer weiß, wie sorgfältig und gewissenhaft bisher Todesurteile gefällt, vom Reichsgericht monatelang geprüft und erst nach ausdrücklicher Verwerfung des Gnadengesuches vom Reichspräsidenten persönlich unterschrieben sein mußten, der wird verstehen, daß sich der Gefängnisvorstand in einer geradezu verzweifelten Lage befand, denn einige Bleistiftstriche an den Namen einer Reihe von immerhin nicht unbekannten, ja zum Teil führenden Persönlichkeiten - es war unter anderem der Münchener Polizeipräsident Schneidhuber darunter ersetzten nicht gerade die sonst übliche Unterschrift des Reichsoberhauptes. Als Chef des Gefängnisses war der Direktor aber verantwortlich für die Häftlinge wie für die Vorgänge in seiner Strafanstalt. Er verweigerte daher unter Berufung auf seine Dienstvorschrift die illegal geforderte Herausgabe der Gefangenen. Da kam er aber schlecht an bei dem Führer des Exekutionskommandos, der ihn schließlich selbst mit Erschießen bedrohte. Vergebens versuchte der in die Enge getriebene Gefängnisvorstand die höheren und höchsten juristischen Instanzen anzutelefonieren endlich erreichte er fernmündlich den ,, Stellvertreter des Führers" Rudolf Heß. Als er diesem gegenüber sein Befremden aussprach und Vorstellungen zu machen suchte, da brüllte Heẞ ins Telefon hinein, es sei alles in Ordnung und vom ,, Führer" ausdrücklich so befohlen, vielmehr sei er erstaunt, ja geradezu erbost darüber, daß die angezeichneten Personen noch unter den Lebenden weilen und nicht längst erledigt seien. Die Erschießung habe sofort zu erfolgen. Und so geschah es auch. Einer nach dem andern wurde vorgeführt und niedergeknallt, während die übrigen hinter einer eisernen Hoftür warten mußten, bis sie aufgerufen wurden, und mancher schnell noch auf einen Zettel die letzten Grüße an seine Angehörigen kritzelte, die nie ihr Ziel erreichten. Nur zwei waren nicht unter den so übereilt Hingerichteten. Ernst Röhm, das Haupt der ,, Revolte", und sein Adjutant! Ersterem wurde ein geladener Revolver in die Zelle( im Neubau des Gefängnisses) gebracht mit der Aufforderung, sich selbst zu richten. Aber Röhm dachte nicht daran, dies zu tun, sondern beteuerte seine völlige Unschuld und verlangte vergebens, dem ,, Führer" gegenübergestellt zu werden oder doch einem ordentlichen Gericht, um sich verteidigen zu können. Wenige Tage später trat ein - 8 Obergruppenführer vor die Zelle Röhms und schoß ihn- - durch die geöffnete Kostklappe nach einigen Fehlschüssen nieder wie einen räudigen Hund. Und der Adjutant, ein früherer Nürnberger Lehrer, wurde anscheinend übersehen und vergessen. Freilich beneidenswert war sein Los nicht. Wochen-, ja monatelang mußte er, so oft der Schlüssel an seiner Zelle rasselte, damit rechnen, daß er nun auch ,, erledigt" werde. Darüber verlor er, wenn nicht die Nerven, so doch beinahe die Stimme, so daß er nur noch heiser flüstern konnte. Oft habe ich ihn besucht und er versicherte mir jedesmal seine Unschuld und völlige Uneingeweihtheit in die angeblichen Putschpläne seines ,, Stabschefs". Ein besonderer Trost waren ihm die Gefängnisgottesdienste, bei denen er das Harmonium zu spielen begehrte. Endlich kam er fort wie er bekannte und wollte nichts mehr von Politik und ganz und SA wissen, sondern glücklich sein, wenn er wieder als einfacher Lehrer die Schuljugend unterrichten konnte. Denn ,, der unterste Weg so hatte der alte Vater ist der sicherste", man fällt nicht hoch herab von Bodelschwingh, der Gründer der Betheler Anstalten, mit Recht gesagt... - - - gar - Daß die in Stadelheim erschossenen ,, Röhmlinge" nicht die einzigen Opfer des 30. Juni 1934 waren, ist längst bekannt. Aber mit ihnen begann eine völlig neue Epoche der deutschen Justiz mit all ihrer himmelschreienden Gesetzlosigkeit und Willkür, wie sie die Rechtsgeschichte nicht nur in Deutschland- noch nie erlebt, ein decennium obscurum iustitiae ohnegleichen. Wie sich dieses obskure Jahrzehnt in der Hauptstadt Bayerns auswirkte, wo gar bald sämtliche Hinrichtungen aller in Bayern und den Nachbarländern( Salzburg, Tirol, zeitweise ganz Österreich) zum Tode Verurteilten, die sogenannten ,, Todeskandidaten", hinter Stadelheims Mauern geköpft, erschossen oder erhängt bzw. erwürgt wurden, soll im Folgenden vom Gesichtspunkte eines Seelsorgers aus unter Heranziehung zahlreicher Originalbelege zu schildern versucht werden zur Warnung künftiger Geschlechter, damit forthin das Recht als unantastbar gewahrt und nimmermehr gebeugt werde, denn nur ,, Gerechtigkeit erhöhet ein Volk." 9 2. Kapitel Die Zustände in Stadelheim Wie auf allen Lebensgebieten so hat das Dritte Reich auch, ja ganz besonders im Bereiche der Justiz total umstürzlerisch gewirkt. Wie der Strafzweck, so wurde auch der Strafvollzug völlig und zwar verheerend umgeformt. Beide sanken auf mittelalterliche, geradezu barbarische Stufen zurück. Als Zweck der Strafe galt nicht mehr die Besserung und Erziehung des Straffälligen, sondern Vergeltung, Abschreckung und Unschädlichmachung. Folterung und grausamste Leibes- und Lebensstrafen wurden eingeführt, wie sie in kultivierten Ländern und Zeiten als unmöglich und unglaublich erscheinen. So veränderte sich seit der nationalsozialistischen Machtergreifung auch mehr und mehr der Charakter von Stadelheim. Zuvor war es ein Strafvollstrekkungsgefängnis, das verurteilte Männer und Frauen, die höchstens drei Monate abzubüßen hatten, beherbergte, zumeist notorische Bettler, Arbeitsscheue, Lohndirnen und andere Asoziale, die sich geringfügige kriminelle Vergehen, etwa kleinere Diebstähle und Betrügereien, hatten zuschulden kommen lassen. Nun wurde es in ein Strafgefängnis* umgewandelt für schwere und schwerste kriminelle Delikte, vor allem aber auch für politische Häftlinge, die entweder schon verurteilt waren oder aber oft viele Monate lang- ihrer Verhandlung und Verurteilung entgegensahen. Schließlich kamen auch wie bereits erwähnt sämtliche ,, Todeskandidaten" aus dem ganzen rechtsrheinischen Bayern und den angrenzenden österreichischen Gebieten, viele auch aus Polen und der annektierten Tschechoslowakei hierher, um hier eher oder später die Todesstrafe zu erleiden. Gar bald reichten die bisherigen Räume nicht mehr aus, so daß ,, Filialen" in Barackenlagern errichtet und angegliedert werden mußten, weil schon in die ursprünglichen Einzelzellen 2, 3 und mehr Häftlinge hineingepfercht waren. Selbst der evangelische Betsaal war in einen Haftraum umgewandelt worden, in dem nachts über 70 Frauen in zweistöckigen Bettstellen Unterkunft fanden, während sie tagsüber in einem Rüstungsbetrieb schaffen mußten. Eine besondere sadistische Methode des nationalsozialistischen Strafvollzuges bestand darin, daß grundsätzlich die poli- - * Ausdrücklich sei dabei festgestellt, daß Stadelheim nach wie vor Strafgefängnis blieb und nie KZ wurde; Strafgefängnisse hatten, wie ja die folgende Schilderung zeigt, mit KZ- Methoden nichts zu tun. 10 - - alles Dabei tischen Häftlinge, die ehedem mit nicht ehrenrühriger Festungshaft bedacht wurden, mit kriminellen Sträflingen auf eine Stufe gestellt und unter sie gemischt wurden eine bislang unerhörte Diffamierung. So kam es, daß z. B. eine politisch denunzierte bekannte Schriftstellerin den Arbeits- und Schlafsaal teilen mußte mit vielfach vorbestraften und rückfälligen Dirnen und Diebinnen. Hochschuldozenten und Akademieprofessoren saßen neben Hehlern und homosexuellen HJ- Führern, hohe und höchste Offiziere neben Fahnenflüchtigen und Selbstverstümmlern, Lehrer und Beamte neben Lebemännern, Betrügern und Bankrotteuren. Männer von Ruf und Namen von Klang, Geistliche beider Kirchen, Künstler, Literaten, Wirtschaftler, Ingenieure, Kaufleute, Handwerker, Studenten, Studentinnen und Gymnasiasten neben berüchtigten Zuchthäuslern; Monarchisten, Königstreue und Kommunisten mischte man unter Mörder und moralisch Minderwertige; Politiker und Bibelforscher unter Asoziale und Arbeitsscheue; Hochverräter unter Hochstapler; Jugendliche und Erstbestrafte unter notorische Verbrecher, die schon oft die Strafanstalten bevölkert hatten kunterbunt durcheinander, nur nach Geschlechtern getrennt... waren die sani ǎ en Verhältnisse noch recht primitiv- nirgends Waschund WC.- Vorrichtungen in den Zellen, sondern Kübel, die jeden Morgen entleert werden mußten. Daß durch die Überfüllung, vor allem seitdein militärische Uniformen und Ausrüstungsgegenstände in den Zellen ausgebessert wurden, das sonst peinlich ausgerottete Ungeziefer bei dem Fehlen an wirksamen Gegenmitteln mehr und mehr überhandnahm, war eine ganz besondere Qual für die Gefängnisinsassen. Als Erleichterung wurde empfunden, daß alle auch die Untersuchungsgefangenen beschäftigt und damit abgelenkt wurden vom zermürbenden Nachgrübeln über ihre Lage, daß auch genügend gute Lektüre zur Verfügung stand und vor allem, daß das Aufsichtspersonal fast durchwegs tadellos korrekt, meist sogar entgegenkommend war: Schikanen oder gar Handgreiflichkeiten wurden nicht geduldet. Auch war das Arbeitsmaß nie zu groß, Kost und Heizung nach Lage der Zeit so gut und reichlich als irgend möglich, wenn auch in den letzten Kriegsjahren nicht mehr ausreichend. Dies alles war in erster Linie dem wahrhaft menschenfreundlichen Gefängnisvorstand Oberregierungsrat Dr. Koch zu verdanken, der keinerlei Unregelmäßigkeiten zulieẞ, besonders aber den politischen Häftlingen und ihren Angehörigen gegenüber weitgehendes Entgegenkommen bewies und dadurch - 11 nach Kräften die barbarischen Strafmethoden des Nationalsozialismus sabotierte. Freilich wurde der Einfluß des Gefängnisdirektors in zunehmendem Maße zurückgedrängt und unterbunden durch das Nebenregiment, das die politische Gestapo und Himmlers Horden neben der regulären Justiz und dem ordentlichen Strafvollzug errichteten, skrupellos alle Dienstvorschriften und gesetzlichen Ordnungen übergehend und durchbrechend, wobei nicht verschwiegen werden darf, daß auch Justizbeamte aller Stufen und Grade sich diesem System bereitwillig zur Verfügung stellten, weniger aus Überzeugung als aus Angst und Feigheit. So wurde die reichhaltige und treffliche Gefangenenbibliothek ,, gereinigt" und mit Nazi- Propagandaschriften durchsetzt, und als diese wenig Liebhaber fanden, die Bücherausgabe wesentlich eingeschränkt. Sogar die Bibel war wegen des in ihr befindlichen Alten Testamentes verdächtig und wurde durch Geheimbefehl verboten! Die kriegsbedingten Einschränkungen waren willkommener Vorwand, die Besuchserlaubnis, den Briefverkehr und den Empfang von Lebensmittelsendungen auf ein Minimum herabzusetzen. Der berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofes, Freisler, der selbst ein Kettenraucher war, verbot aufs schärfste das Rauchen, sogar den Todeskandidaten, und untersagte die geringsten bisher üblichen Erleichterungen, Belohnungen und Zulagen. Sein getreuer Schüler, der Nürnberger Oberstaatsanwalt Schröder, ein Ludendorffianer, ließ eines Tages im Hinrichtungsraum das Kruzifix als ,, veraltetes Symbol" wegschaffen und verbot den Todeskandidaten unmittelbar vor der Vollstreckung sogar das kurze Gebet mit dem Geistlichen laut zu sprechen, unter der Begründung, daß sie ,, nichts mehr zu sagen hätten", bis ich ihm entgegnete, daß man einem Menschen in seiner letzten Lebensminute doch wohl nicht die Zwiesprache mit seinem Herrgott verbieten könne, und daß der Herr Staatsanwalt froh sein dürfte, wenn ihn der zur Richtstätte Geführte nicht mit Flüchen und Verwünschungen überschütte oder ihm gar ins Gesicht spucke - denn mehr wie der Kopf könne ihm dafür ja auch nicht heruntergerissen werden, was ja sowieso geschah. Eine völlige Neuerung in den Hinrichtungsmethoden war nicht nur die Wiedereinführung des Galgens, sondern daß der Hinzurichtende mit beiden Füßen auf dem Boden stehen mußte und der Strang ihm um den Hals zugeschnürt wurde, bis er erstickt und buchstäblich erwürgt war, was entsetzlich lange dauerte. Dabei schlug das Herz des 12 Erwürgten oft noch lange Zeit und konnte der Tod erst nach Stunden bzw. erst nach dem Auftreten der Totenflecken festgestellt werden! Infolge dieser grausamen, selbst das Mittelalter in den Schatten stellenden Hinrichtungspraxis ist der langjährige Gefängnisarzt, der pflichtgemäß allen Exekutionen beiwohnen und den Tod feststellen mußte, innerlich und äußerlich zerbrochen. Aber auch gegenüber den unglücklichen Angehörigen der Todeskandidaten wurde in herzlosester Weise vorgegangen. Sie wurden nicht einmal mehr offiziell von der Urteilsvollstreckung verständigt, sondern lasen diese in der Zeitung oder an den rosa Zetteln der Plakatsäulen. Sogar die Herausgabe und Bestattung der Leichen der Hingerichteten ( auf eigene Kosten der Hinterbliebenen) wurde bei politischen ,, Verbrechern" verweigert, sie mußten den Anatomien übergeben oder, als diese wegen Überfüllung nicht mehr aufnahmefähig waren, in Massengräber eingescharrt werden und erhielten weder Kreuz noch Namensschild, sodaß die Stätte ihrer letzten Ruhe bei vielen nicht mehr auffindbar ist. Ihre Namen aber sind so dürfen wir zu Gottes Barmherzigkeit hoffen- ,, im Himmel angeschrieben" und ,, im Buche des Lebens" zu finden... - 3. Kapitel Gedanken und Gedichte hinter Gittern Der Außenstehende kann sich kaum vorstellen, welchen Eindruck die Gefängnishaft auf das menschliche Gemüt macht, das mit der Chokwirkung plötzlicher Verhaftung, der zermürbenden Ungewißheit vor der Gerichtsverhandlung oder gar mit der täglichen Möglichkeit der bevorstehenden Hinrichtung fertig werden muß. Man könnte darüber eine ganze Gefängnis- Psychologie schreiben. Nur einige Beispiele sollen zeigen, daß neben dem allbekannten Galgenhumor nicht selten innere Vertiefung und Bereicherung, ja ein Gotterleben Platz greifen können, die hernach als väterliche Führungen im Sinne des Apostelwortes aus Römer 8, 28 erscheinen und dankbar gerühmt werden, so daß sie keiner missen möchte. Ein Beispiel von Galgenhumor hat mein katholischer Spezialkollege, Oberpfarrer Karl Kinle, mit dem ich in harmonischer Arbeitsgemeinschaft verbunden war, bis er sich infolge seiner aufopferungsvollen Tätigkeit in der Armensünderzelle völlig aufgezehrt hatte und am 20. Dezember 1941 allzu früh gestorben ist, zu späterer Veröffent13 lichung aufgezeichnet. Die Knittelverse über ,, St. Adelheim"( lies: Sankt Adelheim), wie der Münchener Humor das Stadelheimer Gefängnis gern bezeichnet, stammen von einem Schuster, der zugleich als Musiker tätig war und seine Gedichte meist auch komponierte. Als ,, unverbesserlicher Gewohnheitsverbrecher" mußte er damit rechnen, ein ,, Todeskandidat" zu werden, kam aber schließlich mit einer hohen Zuchthausstrafe und Sicherungsverwahrung davon. Als er noch das Schlimmste befürchten mußte, verfaßte und vertonte er folgende Verse: Kennst du das Haus vor Giesing draust, wo strenge Zucht und Ordnung haust, wo täglich ziehn so viele hin mit wehmutsvoll betrübtem Sinn? Gar manchem ist die Kost nicht recht und auch die Aussicht ist sehr schlecht: Es ist die Burg, euch all'n bekannt: Sankt Adelheim wird sie genannt. Der Zeiserlwag'n fahrt täglich hin und hinten sitzt der Schutzmann drin. Er führt dieselben rein und raus, dem Kare wird's ganz schlecht, oh Graus. Gar manche Zensi sitzt auch drin und denkt mit ihrem schwachen Sinn: wo wird denn bloß mei Lugi sein und mich fahr'ns naus nach Stadelheim. Kommt einer raus( auf kurze Zeit), so macht er sich an Zeitvertreib; er sauft sich gleich an Schieber o, damit er besser schlafen ko. Er geht zum ,, Soller"* nei ins Tal, denn dort hat er sei Stammlokal und Musi spielt ihm gleich herein, weil er grad kommt von Stadelheim. * Altmünchner Gasthaus im Tal. 14 Wird einer verurteilt dann zum Tod, so reist er naus zum Luftkurort und wenn die Sonn zur Neige sinkt, er dann sein Abschiedslied beginnt. Wenns Armensünderglöcklein schlägt, sind seine Sekunden schon gezählt, er ruft: ,, Ade! die Welt war mein, i laß mein Kopf in Stadelheim! Dieser Hans- Sachs- Jünger besaß aber nicht nur einen unverwüstlichen Humor, sondern hat auch ernstere Verse geschmiedet, z. B. ein Gebet, in dem es heißt: ,, Ich brauch nicht Mond und Sterne noch sonst ein Licht der Welt, ich brauch nur Gott im Herzen, der die Finsternis erhellt. Das Licht es ist uns kommen in sel'ger Weihnachtszeit, die Menschen zu erlösen von ihrem Sündenleid..." Oder wenn er in einem ,, Kindergebet" betitelten Gedicht als Schlußvers ausspricht: ,, Ach lieber Gott, beschütz mich Tag und Nacht, bleib stets an meiner Seite, gib immer auf mich acht. Ich sprech mit Dir von Herzen wie ein Kind zum Vater spricht und bitt, mir beizustehen, auch vor Dei'm Strafgericht." Besonders häufig gedenkt er in Versen seiner Mutter: ,, Oftmals muß ich rückwärts denken an die schönen Kinderjahr' wie's so heimlich war zu Hause, wenn die Mutter bei uns war... Doch die Jahre sind verflossen, sie sind lange schon verrauscht; niemals werde ich vergessen, wie der Mutter ich gelauscht... 15 In einem anderen Gedicht beginnt er: دو , Wenn ich mich abends niederlegte, im trauten Kämmerlein, kam stets, bevor der Schlaf sich regte, zu mir mein Mütterlein. Ganz nahe kam sie an mein Bett und streichelte mich lieb und lind, hat mir die Wangen noch geküẞt, und sprach: , Schlaf wohl, mein liebes Kind...' Wenn in der Fremde ich zur Nacht verzweifelt meine Hände rang, mein Herz voll Schmerz nach Frieden schmacht', den ich nicht fand bei Spiel und Sang, Da plötzlich kam es lieb und lind und süß wie Mutterworte sind und drang gar tief mir ins Gemüt: , Schlaf wohl, mein liebes Kind'."— Wenn die Verse dieses Schuhmachers auch in der Form ungenügend sind, so offenbaren sie doch, welche Gedanken einen Häftling in ,, St. Adelheim" beschleichen und beschäftigen in der grauen, öden Zelle. Ein anderer Gefangener hat in einem tiefempfundenen Gedicht die tägliche Dämmerstunde nach Beendigung der Sträflingsarbeit als ,, die Stunde, die mir ganz allein gehört" bezeichnet und geschildert, wie da seine Kindheit in leuchtenden Farben vor ihn hintritt und die Zeit, wo er dann später seine eigenen Kinder an hellen Maientagen auf frohen Wanderungen in Gottes Natur hinausgeführt hat. Er schließt bewegt: 16 ,, Das ist die Stunde, wo mein Leid zum Glück und wo mein Schmerz zu heißer Freude wird... Ein Frühlingstag, den mir ein gütiges Geschick geschenkt, geht still zu Ende... Mit violetten Schleiern hüllt die Dämmerung rings das Land und Mensch und Tier und Baum und Strauch sind matt und müde, Bald schlummert auch mein Denken, mein Erinnern ein; das Herz wird still, die Seele taucht im Land ,, Vergessen" unter und eine lange, dunkle, gute Nacht spannt ihren Bogen hin zu neuem Tag, der langsam rinnt, vergeht, verglüht, bis wieder meine Stunde kommt, die Stunde, die mir ganz allein gehört..." Oder ein wegen seiner sozialistischen Ideale zu vielen Jahren Zuchthaus verurteilter Ingenieur, der dann in einem KZ- Lager an Hungertyphus starb, verfaßte ein ergreifendes Gedicht, das er zum Christfest 1938 Frau und Kindern sandte, unter dem Titel ,, Weihnacht". Einige der äußerlich unbeholfenen Verse seien um ihres Inhaltes willen mitgeteilt: Nun liegt das Dunkel auf Erden und das Dunkel gehet mit, wenn wir auf der Erde jetzt schreiten... mit mühend, bangendem Schritt... Das Dunkel in unserem Leben, das oft ein Irren war, und wie dann der Glaube zerfallen und wie sich das Müde gebar. In Städten auf hellen Märkten, da brennen doch Lichter viel, aber sie brennen ja nicht dem Dunkel, das unser Leben befiel. Spätere Verse sprechen dann vom Licht aus der Krippe in Bethlehem, zuletzt heißt es: Laß herrschen über Not und Dunkel dies Licht, das da bannet das Leid, laẞ künden über Not und Dunkel das Licht, das von Elend befreit... Wir stehen mit bittenden Händen, und wir bitten um Dein Wort und bitten, daß es uns fände und führe zum Himmel fort. O Du, Herr aller Enden, laẞ uns schreiten in Deiner Macht, laẞ in Dir unser Leben vollenden, sei Du uns Trost und Wacht!... ב 2 Todeskandidaten 17 17 Ein anderer dichtete über das Thema: ,, Meiner Mutter Hände", wie überhaupt das Erinnern an die glückliche oder doch wenigstens unschuldige Kinderzeit und an das liebevolle, fromme Mutterherz gerade auch bei ganz hartgesottenen und rauhen Männern häufig hindurchbricht. - Ein ebenfalls aus politischen Gründen verhafteter Kunstgeschichtler, der auch ins KZ kam, bringt an Weihnachten 1941 im Gedenken an seinen Gefangenentransport folgende Verse zu Papier: Geschlossen Die Kette der Gefangenen. - wie die Eisenkette um die Faust Ist nun auch meines Lebens Kreis: Fremd ist, was draußen prahlt und braust, Nun meinem Herzen, das um Höh'res weiß: Nur das, was du am eigenen Inneren geschafft, Geheimnisvoll und still; Verbündet dich mit jener Kraft, Die einst dich schuf und nun vollenden will. Und wie zur Kette Ring an Ring sich schmieget, So reiht sich Tag an Tag und Jahr an Jahr, Die Gott an dir geschmiedet - Bis du entsprossen tapfrer Ahnenschar, - Durch eines kurzen Lebens Trug und Schein Dich kämpfend, nach heißem Ringen ferne - Dein hohes Ziel erstrahlen siehst und frei und rein Emporsteigst zu der ew'gen Harmonie der Sterne. Anschließend sei noch ein humorvolles Poem mitgeteilt, das ein politisch belasteter Privatgelehrter, der seinen Doktor der Philosophie summa cum laude abgelegt hatte, im April 1941 seinem Staatsanwalt. ins Stammbuch schrieb, und das merkwürdigerweise keine schlimmen Folgen für ihn hatte: 18 Lieber Herr Staatsanwalt! Sie haben mich in dieses Haus gebracht... Den Grund dazu vermag ich nicht zu fassen... Ich habe oft darüber nachgedacht, Doch will ich's heute unerörtert lassen... Hier ist es schön! O Stille! Stadelheim! Ich fühle meiner Dichterseele Schwingen.. In meinem Herzen reckt sich Keim um Keim... Und oft hör ich sogar die Englein singen.. Und lebe wie ein Fürst! Mein Magen lacht... Kartoffeln! Kraut! Kohlrabi und Karotten... Kornkaffee auch nach süßverschwelgter Nacht... Wurst, Käse, Rindfleisch, weich und hartgesotten... Und alles hat man dabei so bequem.. ... Man braucht um keine Marken sich zu sorgen.. Man lebt systemlos und hat doch System... Heil Hitler! Auf den Abend folgt der Morgen. Ich habe es hier wirklich äußerst gut... Ich lebe fern der Welt und ihren Glossen.. Beschützt vor Donner, Hagel, Sturm und Flut, Bin ich, ein Edelkleinod, eingeschlossen... Zwar ist hier die Gesellschaft sonderbar... Ich sehe fabelhafte Kavaliere... Vielleicht versteh ich nicht die bunte Schar, Weil ich mich noch verschämt ein wenig ziere. Der Frühling kommt! Es zittert in der Brust... Ein neues Blühen ist in mir und Keimen... Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust... Ich darf nicht nur in Stadelheimen reimen... Ich lebte preiswert! Ich gesteh es frank... Ihr Haus war gut, und ich empfahl es andern... Herr Staatsanwalt! Von Herzen meinen Dank, Doch lassen Sie mich endlich weiterwandern! Trotz aller Ironie und sarkastischen Pointen wird doch auch schon in diesem Gedicht das Positive berührt, das jedem Häftling die Ruhe und Regelmäßigkeit des abgeschlossenen Lebens verleiht oder doch 19 ermöglicht. In den allermeisten Fällen wurde mir, besonders von intelligenten Entlassenen, bestätigt, daß bei allem Schweren und Bedrükkenden doch die Zeit hinter Gittern nicht umsonst und verloren war, ja oft sogar als Gewinn zu buchen ist für den ,, inneren Menschen". Eine welterfahrene und weitgereiste Dame faßt dies in die Worte zuGelernt habe ich dort, geduldig und dankbar zu sein, dankbar für alles, was ich vorher für selbstverständlich hielt, und geduldig mit all meinen Mitmenschen. Das ist wohl dasjenige, was grundlegend an mir anders wurde... Meine dortigen Erlebnisse möchte ich heute nicht missen..." sammen: - Ein alter Buchhändler, der nach 1/ 2jähriger Haft und vielen aufregenden Vernehmungen als unschuldig jedoch ohne Entschuldigung und Entschädigung- freigelassen wurde, erzählte mir noch nach Jahren, daß er seit seiner in einem schwäbischen Professorenhaus verlebten Kindheit kein schöneres Weihnachtsfest erlebt habe als das drauBen in der einsamen Zelle zu Stadelheim. 99. Eine schlesische Gutsbesitzerin, die durch die Nachlässigkeit ihres Verwalters in Konflikt mit dem Devisengesetz kam und viele Monate verhaftet war, schrieb hernach: Es ist doch eigentlich eigentümlich: Alles, was mit Stadelheim zusammenhängt, hat für mich ein ganz besonders starkes Interesse... Und dabei hing mein Leben dort einigemale nur an einem seidenen Haar; ich habe es in Qualen dort beschlossen. Vielleicht ist das Bewußtsein völliger Schuldlosigkeit und des unendlich schweren Unrechtes, das uns angetan wurde, das mich so über den Dingen stehen ließ, daß ich sogar an meine Aufseherinnen mit gutem, ja dankbarem Gedenken zurückdenke..." 99... Eine andere Frau bekennt: ich bin in allem während dieser Zeit ein Stücklein näher zu Gott hingekommen...“ Eine Beamtin, die ein noch dazu zutreffendes Gerücht weitergegeben hatte und deshalb noch die letzte Phase der Hitlerherrschaft in Stadelheim verleben mußte, schreibt an der Jahreswende 1945/46: ,,... Silvester- Abend in gutem, stillem Alleinsein- Stunden der gesammelten Einkehr und der Rückschau auf das vergangene Jahr! Ich tu's in großer Dankbarkeit. Wir haben alle viel Grund zum Danken. Ich schaue aber mit besonderer Dankbarkeit zurück auf die Zeit meiner wunderlichen Führung ins Gefängnis- Wochen der Stille, der Sammlung und Vertiefung. Glauben Sie nicht auch, daß manche Menschen so von Gott geführt werden, damit sie ,, anhalten" können am Gebet: 20 - - ,, Dein Reich komme" ,,, Vergib uns unsere Schuld" und immer wieder ,, Vater unser". Es ist mir ein Bedürfnis, endlich am Schluß dieses Jahres es war mir ja all die langen Monate hindurch ein Anliegen von Herzen zu danken für all die Hilfe, die mir dort zukam: für Gotteswort im Gottesdienst, für die Freundlichkeit und Wärme, mit der Sie sich meiner annahmen, für die mancherlei feinen Bücher, die Sie mir brachten, allen voran die Bibel, die meine große ausschließliche Wirklichkeit war im Stadelheimer Leben..." Hans Karl Leipelt, der Münchener Student, dessen später noch eingehender gedacht wird, verglich deshalb den Aufenthalt im Gefängnis mit dem in der Einöde. Ertragreich und fruchtbar für Menschen, die nach Hilty's Wort ,, vor allem mehr Alleinsein mit Gott brauchen, weil das beständige Zusammensein mit anderen sie nie zum eigentlichen Nachdenken über sich selbst kommen läßt." - Aus der Nachkriegszeit wird Ähnliches bezeugt von einer hochgebildeten Dame, die alles andere als nazistisch oder militaristisch gesinnt- durch eine unglückliche Verkettung von Umständen zu unerlaubtem Waffenbesitz kam und schwerste Bestrafung zu gewärtigen hatte, dann aber in Anbetracht ihrer tatsächlichen Unschuld mit einjähriger Bewährungsfrist freikam. Sie schreibt u. a.: ,,... Ich weiß nicht, ob Sie erfahren haben, welche wirkliche Gnade ich erlebt habe. Ich hatte mich so vollständig auf viele Jahre Gefängnis eingestellt, daß die Plötzlichkeit, die überraschende Änderung meines Geschicks fast zu viel für mich ist. Ich kann mich noch immer nicht ganz in die Wirklichkeit finden und von der Aufgabe lösen, die ich als mir gestellt für die Gefangenschaft vor mir sah und als beglückend empfand... Die zwei Monate waren eine reiche Zeit für mich, denn sie wurden mir zu einer Begegnung mit Gott. Ich habe in viele Schicksale hineingesehen und viel begriffen von unserer entsetzlichen Zeit und ich hoffe nur, daß sich dies ganze Erleben umsetzt in einer rechten guten Arbeit an meinen Pflegebefohlenen... Bei der Verhandlung hat mir der( amerikanische) Richter, dem ich offenbar nicht den Eindruck eines Flintenweibes machte, in einer beinahe erschütternd menschlichen Art die Freisprechung verkündet und sich als ein gütiger Mensch sichtlich mit mir gefreut... Es kommt mir völlig unverdient vor, daß ich frei sein soll, während andere noch länger im Gefängnis sitzen müssen... Ich wollte, ich hätte für diese die Strafe auf mich nehmen können. Es ist dies kein leicht hingesagtes, billiges Wort, denn ich habe sie alle liebgewonnen, 21 - in manchen Kämpfen... Für mich war nach den ersten 14 schweren Tagen alles erfüllt von dem einen großen Erlebnis, daß ich Gott tiefer erlebte als draußen, den Durchbruch der göttlichen Welt in die diesseitige als Offenbarung für mein Leben begriff. Von da an war die Aussicht, jahrelang hinter Mauern zu sitzen, nicht mehr schwer für mich." Erinnern diese Zeilen nicht an das Gespräch, das in Dostojewskis Buch ,, Die Brüder Karamasoff" zwischen Mitja und Aljoscha geführt wird? Mitja sagt, nachdem er auf lange zu schwerem Kerker verurteilt wurde, im Blick auf seine hinter Gittern erlebte Damaskusstunde: ,, In den zwei letzten Monaten ist ein neuer Mensch in mir auferstanden. Was liegt daran, daß ich jetzt zwanzig Jahre in sibirischen Erzgruben mit dem Hammer klopfen werde. Das schreckt mich jetzt nicht mehr. Ich fürchte und bange nur, daß mich der in mir Auferstandene nur ja nicht wieder verläßt..." Zuletzt sei ein in Stadelheim entstandenes Silvestergebet mitgeteilt: Das Jahr geht nun zu Ende, ohn' daß ich Ruhe fände nach seinem schweren Lauf. Sein End ist anders kommen. Es sollte mir wohl frommen, wenn Trübsal stehet auf. So falt' ich meine Hände, daß Er im Neujahr spende mir Trost und Sonne mild. Mein Herz ist nicht beklommen, weil Er mich hat genommen in Seinen Schutz und Schild. Sub specie aeternitatis* wird auch das gefürchtetste und furchtbarste Dasein erträglich, ja ertragreich. - 22 * Unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit. 4. Kapitel Seelsorge im Gefängnis - Von Anfang an hat das Christentum in enger Fühlung mit dem Gefängnis gestanden, aktiv und passiv. Bereits sein Gründer hat auf die aktive Betätigung seiner Anhänger gegenüber den Gefangenen nicht nur hingewiesen, sondern sie geradezu gefordert. Am jüngsten Tage wird Erso spricht es Matthäus, Kap. 25, 36 aus diejenigen zu seiner Rechten stellen und in seines Vaters Reich aufnehmen, die ,, seine geringsten Brüder", mit denen Er sich identifiziert, im Gefängnis betreut haben, indem Er zu ihnen spricht: ,, Ich bin gefangen gewesen und ihr habt mich besucht." Es war deshalb folgerichtig, daß schon in den ersten christlichen Jahrhunderten den Bischöfen die Gefängnisseelsorge zur besonderen Pflicht gemacht wurde. Vor allem aber haben die Christen aller Jahrhunderte nur allzu reichlich passiv an dem Gefängnisleben teilgenommen. Schon der Vorläufer und Wegbahner des Weltheilandes, Johannes der Täufer, endete nach langem Eingesperrtsein im Kerkerverlies der Felsenfestung Machärus im Ostjordanlande, nachdem Herodias sein Haupt auf einer Schüssel gefordert hatte. Johannes hatte als Buẞprediger aller Stände ( Lukas 3, 1-20) sich auch nicht gescheut, dem König Herodes sein Unrecht und vor allem seine Unsittlichkeit öffentlich vorzuhalten ( Matthäus, Kap. 14, 1-11). So wurde er auch der Vorläufer der endlosen Kette der christlichen Märtyrer. Ein Blick in die Apostelgeschichte schildert ihre Leiden. So ist Paulus und Silas im Gefängnis zu Philippi blutig gepeitscht und in den ,, Stock" gelegt worden( Apostelgeschichte, Kap. 16, 24) und hat schließlich den ,, Kerkermeister"( Gefängnisdirektor) bekehrt. Seine meisten uns erhaltenen Sendschreiben sind ,, Gefangenschaftsbriefe", verfaßt in den verschiedensten Gerichts- und Strafgefängnissen, die auch die Leser stärken und ermuntern sollten, im Notfalle hinter Gefängnismauern oder auf den Richtplätzen wie auf der Arena ihren Glauben standhaft und todesmutig zu bekennen, denn sie galten als Staatsfeinde, ja als ,, odium generis humani"( Verhaẞte des ganzen Menschengeschlechtes). Wie es in jenen Kerkern des Altertums aussah, die alle dem berüchtigten Tullianum glichen, wo sadistische Folterung, Frost, Finsternis, Schmutz und Hunger herrschten, wo die Menschen massenweise so zusammengepfercht waren, daß sie sich nicht einmal niederlegen konnten, die Luft verpestet war und die 23 Nahrung so elend, daß jeden Morgen die Leichen der über Nacht Verstorbenen weggeräumt werden mußten, schildert Aurelius Prudentius Clemens im 5. Hymnus seiner Märtyrerschrift ,, Peri stephanon" mit folgenden Worten: Est intus imo ergastulo Locus tenebris nigrior Quem saxa mersi fornicis Angusta clausum strangulant, Aeterna nox illic latet Expers diurni sideris Hic carcer horrendus suos Habere fertur inferos* Es ist selbstverständlich, daß sich die Anhänger Christi aller Zeiten darum bemühten und mit mehr oder weniger Erfolg dafür einsetzten, daß diese furchtbaren Zustände in den Gefängnissen gebessert wurden. Und zwar nicht nur aus humanitären Gründen, sondern aus ethischen und religiösen heraus, um nicht nur den Strafvollzug, sondern auch den Strafzweck zu ändern, nicht Vergeltung sondern Erziehung und Besserung hervorzubringen. So wurden zunächst in Holland vorbildliche Erziehungs- und Besserungsanstalten errichtet, darnach in Pennsylvanien durch William Penn und seine Quäker. Der englische Puritaner John Howard suchte die Gefängnisse vieler Länder auf und schilderte in herzandringender Weise das dort herrschende namenlose Elend vor den Fürstenhöfen Europas und im englischen Parlament und erwirkte schließlich eine gründliche Gefängnisreform. In Deutschland war es der Hamburger Ratsherr Peter Rentzel, der durch großzügige Stiftungen in seiner Vaterstadt eine Strafanstalt schuf, die erzieherische und intensive religiöse Beeinflussung durch Seelsorge und Gottesdienste in den Vordergrund stellte. Schließlich waren es die ,, Väter der Inneren Mission", Theodor Fliedner und Johann Hinrich Wichern, die eine vorbildliche Fürsorge für Gefangene und Strafentlassene schufen, bis es dem Dritten Reiche vorbehalten blieb, in den ,, Lagern" wieder mittelalterliche, ja antike Methoden und Verhältnisse aufkommen zu lassen. Freilich gelang es auch da nicht, die Gefängnisseelsorge ganz auszuschalten. Zwar verschwand sie offiziell in den KZ- Lagern, wurde aber durch die dort internierten Geistlichen beider Konfessionen im Geheimen fortgesetzt, worüber freilich keine Statistik aufzustellen ist. In den Strafanstalten wurde zwar der Einfluß der Geistlichen weithin beschnitten, * Tief im Innern des Gefängnisses gibt es einen Ort, schwärzer als die Nacht. Wer dort eingeschlossen ist, den ersticken die eng aufeinander getürmten Steine eingestürztes Gewölbe. Ewiges Dunkel herrscht dort ohne alles Licht. Dieses schauderhafte Gefängnis beherbergt seine Insassen gleich wie die Hölle. 24 ihnen die Zensur der Briefe genommen und der Zutritt zu den Zellen ohne Begleitung durch Beamte untersagt, doch fanden sich auch hier immer wieder Mittel und Wege, diese Maßnahmen, wenn auch unter entsprechendem Risiko, zu umgehen: in Stadelheim war es bis zuletzt den Gefängnisseelsorgern möglich, die Zellen allein zu besuchen und religiöses Schrifttum unbehelligt zu verteilen. Wie diese Seelsorge ge- handhabt wurde und welchen Widerhall sie fand, sollen wenigstens einige Proben aus Briefen ehemaliger Häftlinge zeigen. Ein politisch verfolgter Doktor der Volkswirtschaft, der übrigens aus der Kirche ausgetreten war und deshalb als unvoreingenommen gelten kann, schreibt 1939 folgende Zeilen aus seiner mecklenbur- gischen Heimat: „Während meiner 17-monatlichen Untersuchungshaft im Straf- gefängnis München-Stadelheim äußerte eines Sonntagmorgens beim Kirchgang ein wegen seiner Korrektheit allgemein geschätzter Ober- wachtmeister uns gegenüber: wenn es nach ihm ginge, wäre der sonn- tägige Kirchgang für die Gefangenen schon längst abgeschafft, denn die Gefangenen gingen ja doch nur zur Kirche,„um zu schmuggeln und Unsinn zu treiben‘. Derartige Meinungen, die auch mit anderen Begründungen gelegentlich zu hören sind, haben mich bewogen, Ihnen als dem evangelischen Seelsorger des Strafgefängnisses München-Sta- delheim zugleich als ein kleines Zeichen von Dankbarkeit ein paar Worte zu schreiben, die Ihnen zeigen sollen, daß es auch Gefangene gibt— und ich kann wohl sagen, unter der harten Sprache jener Um- gebung stehen sie nicht vereinzelt— die keineswegs ‚des Schmuggelns und Unsinntreibens wegen“ an Ihrem Gottesdienst teilnahmen, sondern ihn notwendig hatten als eine Sammlung, Stärkung, ja für deren letzte, tiefste Gründe ich nicht die rechten Worte finden kann. Nach einem uralten Gesetz, das bis auf den heutigen Tag einen Groß- teil der Welt beherrscht, gehören 6 Tage der Woche vornehmlich dem Kampf des Menschen um das Sein, um das äußere Leben. Doch ein Tag gilt der Ruhe und zugleich der Besinnung, dem inneren Leben. Gewiß, draußen im täglichen Leben genau wie im Gefängnis gibt es wohl allenthalben Menschen, die diesen Tag„zum Schmuggeln und Unsinn- treiben‘ benutzen möchten. Aber sind denn alle Menschen von dieser Art? Ist es denn ganz unbekannt, daß es auch Menschen gibt, denen ein inneres Besinnen zum mindesten genau so lebensnotwendig erscheint als das tägliche Brot, die gemeinsam die Kniee beugen möchten vor 25 Gott, weil ihnen daraus Kraft erwächst für das Grau der kommenden Alltage. Muß ich noch besonders betonen, daß oft derjenige Mensch, den sein Schicksal hinter die Gefängnisgitter brachte, nach einer derartigen Kraft besonders verlangt? ,, Süßer Ruhetag der Seelen, Sonntag, der voll Lichtes ist, heller Tag der dunklen Höhlen, Zeit, in der der Segen fließt, Stunde voller Ewigkeit, du vertreibst mir alles Leid." So haben wir an einem Sonntag gemeinsam gesungen. Was dieses Verslein sagt, kann wohl nur der begreifen, der einmal durch den grauen, endlos scheinenden Strom jener ,, Unruhetage der Seele" hindurchgehen mußte. Drum möchte ich denen, die den Gefangenen diese Feierstunde nehmen wollen, nur eindringliches Erlebnis einer derartigen Zeit wünschen. Wenn ein Mensch je zu Selbsterkenntnis bereit ist und aufgeschlossen, auf die Stimme des Lebens und dessen, der größer ist als er, zu hören, so ist es der Mensch im Leid, in der Gefangenschaft, wo das äußere Leben verwüstet ist und nur der innere Mensch noch übrig bleibt und grad stehen muß, soll nicht alles zusammenfallen, und der dabei dann erkennt, wie wenig er ist aus Eigenem. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie wichtig Ihre Seelsorge an den Gefangenen ist, wenn diese Zeit für die Zukunft der Betroffenen irgend eine positive Seite haben soll. Das werden Sie wohl selber wissen aus Ihrer Tätigkeit. Daß ich es Ihnen hier schreibe, soll Ihnen nicht nur zeigen, daß Ihre Arbeit nicht vergeblich ist, sondern Widerhall findet, dankbaren Widerhall auch bei einem Menschen, der wie ich z. B. seit 1931 offiziell aus der evangelischen Kirche ausgetreten war. Dies sage ich in Erinnerung an Ihre Sprechstunden, wo Sie sich der inneren Nöte der einzelnen anzunehmen versuchten und gleich einem Arzte mir aus der Ihnen zur Verfügung stehenden Bücherei verordneten. Dies sage ich aber insbesondere in Erinnerung an die Gottesdienste, wo uns die Worte der Bibel nahegebracht und mit uns das ,, Vaterunser" gebetet wurden. Und wo wir singen konnten mit offenen Herzen all die schönen Melodien unserer Choräle. Für mich waren das Minuten einer inneren Befreiung. Aber ich sage dies auch in Erinnerung an manch ein Menschengesicht, das ich in jenen Tagen neben mir gesehen habe, aus dem eine Sprache redete, die härter war, aber auch inniger als im leichtlebigen Alltag... Nach unserer Verhandlung vor dem Volksgerichtshof habe ich meine Freiheit wieder bekommen. Ich weiß aber, daß diese Zeit der 26 S a u a SO d et ve k er SU A n Gefangenschaft für mich ein Gewinn wurde. In solchen Zeiten zeigt sich, wie sehr der Mensch des Gottesdienstes bedarf. Und wenn man jemals über die Notwendigkeit eines Gottesdienstes für Gefangene verschiedener Meinung sein sollte, so bitte ich Sie, verteidigen Sie ihn um derentwillen, die zum Gottesdienst gehen, nicht um ,, zu schmuggeln und Unsinn zu treiben", sondern aus ernster Lebensnotwendigkeit heraus, um ,, Gott zu dienen" in vollster Bedeutung, um anständige Menschen zu sein und zu bleiben..." Ein holländischer Bankbeamter, der ebenfalls aus politischen Gründen inhaftiert war, schreibt am 12. März 1944 aus Amsterdam in etwas gebrochenem Deutsch: ,, Lieber Herr Pfarrer! Ich habe Ihnen versprochen damals im Januar 44, wenn ich wieder auf freien Fuß kommen sollte, Ihnen zu schreiben. Sie haben natürlich viele Briefe zu empfangen und darum stelle ich mich wieder neu vor. Ich bin der Holländer aus der Zelle 389. Am 23. Februar hat man mich auf Veranlassung von der Gestapo in Halle freigelassen und übergeben an das Arbeitsamt. Meine Stellung bei der Dresdener Bank( Berlin) war nicht mehr da, weil Berlin nicht mehr, oder doch zum größten Teil nicht mehr existiert. Ich habe eine sehr gute Stellung bekommen in Halle und bin sehr glücklich. Ich hoffe, daß mit Ihnen alles noch in Ordnung ist, und daß die Kirche jeden zweiten Sonntag voll ist. Dank Ihnen habe ich sehr, sehr viel gelernt und denke oft sehr viel an Ihnen, weil Sie mir das Glauben an unseren Herr- Gott wieder gegeben haben. Jetzt bin ich mit Sonderurlaub sechzehn Tag in der Heimat und kann Ihnen sagen, daß nach ungefähr fünf Monaten Transportgefängnis es sehr schön ist. Wenn diese Tage wieder vorbei sind und die Arbeit in Deutschland mich wieder ruft, ich dankbar zu unserem Gott bin, daß ich alles mitgemacht habe, was bis heute gewesen ist. Ich empfehle meine holländischen Kameraden, die noch ins Gefängnis kommen, Ihnen an. Wir sind weit von unserem Hause und Familie, und wenn ein Mensch wie Sie einigemale zu uns sprechen kann, dann können wir vergessen all das Leid, was wir mitmachen müssen. Dankbar bin ich, daß der gute Gott Sie auf meinen Weg gebracht hat. Ich hoffe von Ihnen noch Nachricht zu bekommen und gebe untenstehend meine neue Adresse in Halle an. Daß Gott Sie bewahren soll vor allem Elend..." Ein Schriftsteller und Privatgelehrter, dessen Name u. a. im ,, Zeitgenossenlexikon" vermerkt ist, schreibt: 27 »»... Es gibt keinen Zufall! Und was uns blindes Ohngefähr er- scheint, gerade das steigt aus den tiefsten Quellen, sagt Wallenstein, Diese Worte flossen aus Schillers größtem Erleben: hatte er doch, wenig Jahre bevor die dänischen Freunde in sein Leben eingriffen, erfah- ren, wie immer, wenn sein Weg aussichtslos erschien, was das Wunder der Vorsehung ist... Es gibt keinen Zufall, auch nicht in meinem Leben... Alles ist Fügung, höchste Leitung und Regie: und Stadel- heim mußte für mich sein.... denn es wurde mir, dem Menschen, dem Gelehrten und Dichter eine Stätte der Wiedergeburt... ... Und ich fühle, wie sich tausend Keime strecken: auch als Ge- lehrter und Künstler fühle ich es. Ich konnte früher nicht mehr arbei- ten und sitze jetzt täglich von früh bis spät über meinen Büchern und gestalte. Und viel Neuland ist erobert: wenn ich jetzt französische, eng- lische, dänische, schwedische, norwegische, holländische, italienische, spanische Texte lese, so weiß ich, daß ich das draußen nicht in 6 Jah- ren geschafft hätte, ganz zu schweigen von meinen künstlerischen Arbeiten: Dem Schauspiel„Die Göttinger Sieben“, dem Roman ‚Das Erbe Widukinds“ oder„Ekkehard Bürgeners Irrgang und Heimkehr“, einem autobiographischen Roman. Und in letzterem werde ich auch schildern, wie ich auch als religiöser Mensch wiederfand. Ich war schon arg in„Experimenteller Psychologie und Physiologie‘, oder in Feuer- bach versunken... Diese Sonntagsfeiern hier in Stadelheim wurden mir schönste Erlebnisse... Und wenn ich jetzt in naturwissenschaft- lichen Werken etwa über Atom- oder Astrophysik lese, falte ich wie ein Kind wieder meine Hände, selig durchströmt von dem großen Wun- der, von Gott: ‚Herr, wie sind Deine Werke so groß und viel‘...“ Ein ehemaliger Offizier schreibt am 10. Januar ıgAr: „Aus meinem persönlichen Erleben während der ı4 Monate, die ich meiner Treue zum Fahneneid wegen in den Münchener Gefängnis- sen Stadelheim und Cornelius verbrachte, kann ich bezeugen, daß unter den Gefangenen meist ein wahrer Hunger nach Zuspruch jeder Art und besonders nach geistlichem Zuspruch besteht. Ihm zu entsprechen, halte ich für eine Ehrenpflicht der evangelischen Kirche gerade auch unter den heutigen Verhältnissen— und sollten es unter hundert armseligen Gefangenen nur einige wenige sein, die dadurch zum lebendigen Glau- ben geführt würden.... Für noch dringender als die Gottesdienste halte ich den möglichst häufigen Besuch des Gefangenen in seiner Zelle durch den Geistlichen, wodurch unsere Kirche den Gefangenen bewei- 28 sen sten] auch eicl Mau Ki viel der sen kann, daß es ihr Ernst ist mit der vom Heiland geforderten Christenpflicht an den, Geringsten unter seinen Brüdern'... Viele werden auch für geistliches Schrifttum dankbar sein, alle aber sicherlich für leicht faßbare Flugblätter, Gemeindeblätter und ähnliches. Hinter den Mauern Stadelheims herrscht viel geistliche Not..." Ein Redner und Werber für den Bayerischen Königsbund schreibt am 20. Juli 1944: ,,... Nachdem ich heraußen endgültig installiert bin, möchte ich nicht versäumen, Ihnen nochmals für all Ihre Güte und für die geistliche Stützung zu danken, die Sie mir in den langen Jahren meiner politischen Haft in Stadelheim zuteil werden ließen. Ich wurde dadurch wieder zur Evangelisch- Lutherischen Kirche zurückgeführt, der ich im Jahre 1930 den Rücken gekehrt hatte..." Daß über aller menschlichen Seelsorge Gott selber das Entscheidende vollbringt, mögen zwei Berichte beweisen, die ich zuletzt noch anfüge und die an die Zeiten und Kräfte erinnern, die uns aus den Schriften großer Gottesmänner entgegentreten. Ein Gastwirt, der als ,, Staatsfeind" in Stadelheim saß, überschreibt seine Schilderung: ,, Heimkehr" und führt folgendes aus: ,,... Ich war im Jahre 1912 in München aus der evangelischen Kirche ausgetreten und hatte mich zu einem überzeugten Freidenker entwickelt... Im Jahre 1914 kam ich nach Stettin und verkehrte dort viel bei meinem Vetter Wilhelm. Er war städtischer Leichenschauer, der letzte dieses Berufes, der aus dem Badergewerbe hervorgegangen ist. Die Ausführung der Leichenschau wurde damals den Ärzten übertragen, nur mein Vetter übte noch seinen Beruf aus, ob heute noch, weiß ich nicht; ich habe seit 1924 nichts mehr von ihm gehört. Mein Vetter Wilhelm war Sozialdemokrat wie ich, jedoch waren er und seine Familie durchaus religiös. Wir hatten oft recht lange, doch immer freundschaftliche Auseinandersetzungen über religiöse Fragen. Eines Sonntags sagte er ganz unvermittelt zu mir: ,, Ernst, ich sage Dir, Du wirst noch einmal zu Gott heimkehren und fromm werden!" Ich habe ihn natürlich ausgelacht, ich war der festen Überzeugung, ein Mensch mit meinen Erkenntnissen wäre gefeit gegen solche überwundene Rückständigkeiten. Im Jahre 1934 sagte mir eine bekannte Frau: ,, Sie werden im nächsten Jahr geschäftlich nichts machen können, sie werden aber trotzdem Glück haben." Nun habe ich wirklich Pech gehabt im Jahre 1935. Unschuldig sitze ich im Gefängnis, mein Ge29 schäft ist dahin, nachdem ich den ganzen Winter zugesetzt hatte, und ich hoffte, im Sommer verdienen zu können und die Verluste wieder hereinzubringen. Und doch hat die Frau recht gehabt, es ist mir ein großes Glück widerfahren, gerade im größten Unglück. Bereits im Jahre 1934 hatte ich mich aus den Klammern des Freidenkertums befreit, nachdem ich erkannte, wie verkehrt ich lange, lange Jahre gelebt, wie ich einem Trugbild nachgejagt war, das ın nichts zerfloß, als es beweisen sollte, daß es wirklich die Erlöserin der Menschheit sei. So lag ich eines Abends auf meiner harten Lagerstätte in der Zelle 275 und dachte an weiter nichts, als daß ich unschuldig eingesperrt sei, daß ich persönlich ja selbst nicht so schwer darunter zu leiden hätte als meine Familie, der nun der Ernährer auf unbestimmte Zeit genommen war. Besonders an meinen Jungen dachte ich, der viel- leicht an seiner Lehrstelle unter meinem Mißgeschick zu leiden hätte. Kein Gedanke, daß mein Unglück eine Prüfung und Heimsuchung Gottes sein könnte, daß mir dieses Geschick auferlegt wurde, damit ich heimfinde zu meinem Heiland, daß ich unschuldig in diese Leiden verstrickt werden mußte, unschuldig wohl gegenüber Menschen, doch schuldig seit langer Zeit gegen Gott und den Heiland, die ich so lange verleugnet hatte. Als ich so lag und mit meinem Dasein haderte, da sprach plötzlich eine Stimme ganz unvermittelt zu mir:„Du hast genug gesündigt, auf die Kniee mit Dir und bitte Gott um Verzeihung für Deine Abtrünnig- keit und Du wirst Frieden haben!“ Ich wehrte mich, und doch riß es mich hoch, und ich mußte nach fast 30 Jahren— im Jahre 1906 habe ich das letzte Abendmahl emp- fangen— vor Gott dem himmlischen Vater und vor meinem Heiland Jesus Christus die Kniee beugen und sie um Verzeihung anflehen für meine Untreue gegen sie, und daß ich sie für nichts geachtet und so un- endiich lange mein Leben ohne sie verbracht, ja sie so erbärmlich ge- schmäht und verleugnet hatte. Es war ein Wunder geschehen, ich hart- gesottener Atheist, ausgestattet mit dem Rüstzeug der gottesleugnerischen. Wissenschaft, ich tat dies alles ab und erlebte eine Auferstehung in Gott und seinem Sohne Jesus Christus. In Gottes und des Heilandes Hände habe ich nun alle meine Sorgen und all’ meinen Kummer gelegt, nach ihrem Willen geschehe mit mir, sie allein geben mir Kraft zu leben und zu sterben, zu ihnen bin ich heimgekehrt, die Prophezeiungen haben sich an mir erfüllt, und ich bin glücklich darüber. Immer will ich auch 59 mein nen die F ins phet won) veru sch! We Gel zufe ers und gek: am geld “ga ur ur de sel feie bel lau lic meines Konfirmationsspruches eingedenk sein: ,, Weise mir, Herr, Deinen Weg, daß ich wandle in Deiner Wahrheit!" Der Herr möge mir die Kraft erhalten, um die noch kurze Strecke meines irdischen Lebens in seiner Wahrheit zu wandeln. Amen..." Wer denkt bei solchen Konfessionen nicht an das Wort des Propheten Jeremia( 20, 7): ,, Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen... « Noch erschütternder ist das Weihnachtserlebnis, das ein zum Tode verurteilter Kunstmaler, ebenfalls ohne Aufforderung, mir niederschrieb. Er war früher Zeichner und Lithograph gewesen und hatte im Weltkrieg, in derselben Schlacht und auch am rechten Arm wie sein Gefängnisgeistlicher, eine schwere Verwundung erhalten. Da er demzufolge seinen ursprünglichen Beruf nicht mehr ausführen konnte, ließ er sich zum Kunstmaler ausbilden und war u. a. Schüler von Schiestel und des Nürnberger Malers Troost. Da ihm aber nur selten ein Bild abgekauft wurde, verfertigte er in seiner höchsten Not und Verzweiflung am Anfang des Krieges einige Geldscheine, die er als neues ,, Kriegsnotgeld" in den Handel brachte. Weil er damit die Not des Volkes zu seinem persönlichen Vorteil ausnützte, wurde er zweimal zum Tode verurteilt. Im November 1939 kam er zur Vollstreckung seines Todesurteils nach Stadelheim und erlebte hier durch intensiven Umgang mit der Bibel und anderen christlichen Schriften eine völlige Umwandlung. Schon die Adventszeit mit ihren Gottesdiensten und ihrer Abendmahlsfeier hinterließ auf ihn einen ungeheuer tiefen Eindruck, und er hatte nur den einen sehnlichen Wunsch, das bevorstehende Weihnachtsfest noch miterleben zu dürfen. Als dieser Wunsch in Erfüllung gegangen war, setzte er sich nach dem Weihnachtsgottesdienst hin und schrieb ganz spontan sein Weihnachtserlebnis auf, das ich erheblich gekürzt bringe. Er fügte auch eine Zeichnung des von ihm geschilderten Vorganges hinzu, die mit den ihm zur Verfügung stehenden bescheidenen Mitteln und mit seiner linken Hand verfertigt wurde. Nachdem er nun verschiedene Erlebnisse seiner schicksalsreichen Vergangenheit geschildert hatte, durch die ihm Gott immer wieder begegnet war, fährt er mit folgenden Worten fort: ,,... Wir müssen es im Angesicht des Todes bekennen: Wir waren nicht treu, und wir haben den größten Fehltritt unseres Lebens begangen, denn wir waren zu lau! Ja, wir waren so - lau, daß ein ganz heimlicher, erbärmlicher und verschlagener unheimlicher Weltenfürst und Satansdämon nur seine falschen Krallen auszu31 strecken brauchte, um uns arme, betörte und eitle Menschen hinunter- zustoßen in die tiefsten Tiefen der Hölle.— Doch nun kam das große Erwachen, da war es mir nun selbst so zumute, als wenn mir eine gütige Stimme vom Himmel herab, wie aus den tiefsten Tiefen meiner Seele — ob es die Stimme meiner lieben, guten Mutter da droben war? Ich glaube es wohl— zu mir sagte: Kehre in dich selbst zurück und prüfe dich ernsthaft und tue Buße, so nur allein kann deiner armen und ver- zagten Seele geholfen werden.“ Dieses war am heiligen Weihnachts- abend. Denn obwohl ich schon die ganze Woche vor Weihnachten alle meine Sünden gebeichtet und am Weihnachtsheiligabend vormit- tags schon das Heilige Abendmahl empfangen hatte, so fand ich am Heiligabend doch nicht so schnell die Ruhe und den Frieden, den ein wahres Gotteskind beim Angesicht des Todes haben muß.— Da habe ich denn weitergerungen mit meinem Herrn da droben und immer wie- der freimütig bekannt:„Herrgott, sei mir armen Sünder gnädig!“ und habe schier unermeßlich gerungen im Gebet, ohne Unterlaß, bis ich auf einmal das Jesusknäblein ganz deutlich in der Krippe liegen sah, und wie es sich endlich leise aus seinem so armen Kripplein aufrichtete. Ganz vom hellsten Lichtglanz umgeben kam es aus seinem Kripplein mir entgegengeschwebt, und seine unschuldigen Äuglein waren so groß und so voller alleserbarmender Liebe und Güte, und ich fühlte es so genau, wie es dann segnend mit seinen kleinen reinen Händchen über mein Haupt strich.—„O heilige, selige Stunde!‘“ Es hat mir ja ver- ziehen!— Und meine Seele ist noch zutiefst erschüttert von dem ewi- gen Glanz seiner urewigen Güte und Liebe, einer Liebe, wie sie wahr- lich auf dieser Welt kein Mensch geben kann.— Und dann habe ich noch in der heiligen Nacht mein Weihnachtskerzlein angezündet, und das Transparent von Frau Pfarrer mit dem schönen Spruch:„Siehe, dein König kommt zu Dir!‘— leuchtete mir noch lange, lange tief ins Herz hinein, bis ich dann endlich in einen süßen, festen Schlaf ver- fiel und nun heute am ersten Weihnachtsfesttage den tiefsten Frieden meines Herzens erlebte. Dieses mein letztes Weihnachtsfest wohl auf dieser Erde ist somit zum allerschönsten meiner irdischen Feste geworden— und der lieben Pfarrfrau meinen zu tiefst empfundenen Dank auch für das Licht- lein, das sie mir in meiner einsamen Zelle entzündete.— Ja, Frieden auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen! Amen. Weihnacht 1939. Ihr glücklicher...“ 32 Tod seel Da fän @e sp wi zu ges die sin! tm vol wu fül die geh wel der La: zus den nah sT Nur ganz selten wurde der Seelsorger abgewiesen. In ernsthaften Fällen kam es nur zwei Mal vor. Der eine war ein Gangster, der zweite ein Raubmörder. Letzterer hat noch einige Stunden vor seiner Hinrichtüng den Geistlichen zu sich gebeten und Gebet und Sakraments- empfang begehrt. In seiner letzten Stunde schrieb er noch, damit es anderen zur Warnung diene(obschon es nie mehr nötig war), folgende Worte nieder:„Ich... bestätige hiermit, daß ich zwar bei meinem letzten Gang den geistlichen Zuspruch abgelehnt habe und doch in der Nacht zu anderer Einsicht kam. Durch den Zuspruch des Hausgeist- lichen und den Empfang des heiligen Abendmahles gestärkt, kann ich meinen letzten Gang erleichtert antreten. Gestärkt durch Christi Blut N. N.“ Daß auch die Angehörigen der Gefangenen und besonders der Todeskandidaten die Tätigkeit und Korrespondenz mit dem Gefängnis- seelsorger dankbar vermerkten, beweisen eine Fülle von oft rührenden Dankesbriefen, die zu veröffentlichen nicht am Platze ist. Freilich bildete der persönliche oder briefliche Verkehr der Ge- fängnisseelsorger mit den Angehörigen der Verhafteten einen steten Gefahrenkomplex, da sowohl die Korrespondenz als auch die Fern- sprecher der Geistlichen überwacht waren und die Staatsanwaltschaften wie auch die Gestapo stets darauf lauerten, einem Pfarrer den Prozeß zu machen. Wenn sich dann gar die Angehörigen in ihren Gnaden- gesuchen auf den Geistlichen beriefen, dann wurde die Situation für diesen geradezu kritisch. So war ein auf den ersten Blick als schwach- sinnig erkennbarer junger Mensch wegen eines harmlosen, im ange- trunkenen Zustand vollbrachten Verdunkelungsvergehens kurzerhand vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt worden. Im Anschluß daran wurde folgende„Einvernahme‘“ vom Generalstaatsanwalt gefordert: »»... In seinem Gnadengesuch für den zum Tode verurteilten N. N. führt sein Bruder an, daß auch die Anstaltsgeistlichen... sagen, daß dieser Mann, da er doch geistig nicht normal ist, hier gar nicht her- gehört, sondern in eine Pflegeanstalt, denn trotz mehrmaliger Hin- weise auf seine bevorstehende Hinrichtung habe er nach Schilderung der Geistlichen keinerlei Anzeichen von Verständnis für seine ernste Lage gezeigt.:. Ich bitte‘, so fährt der Generalstaatsanwalt fort, ‚‚fest- zustellen, ob und wem gegenüber die Geistlichen sich in dem im Gna- dengesuch behaupteten Sinne geäußert haben. Abschriften der Einver- nahme ersuche ich in 2 Stücken vorzulegen. München, r. März 1910.“ 3 Todeskandidaten 53 Es fand ein hochnotpeinliches Verhör vor dem Gefängnisdirektor und einem Urkundenbeamten statt, das eine unangenehme Situation hervorrief. Übrigens ist der offensichtlich unzurechnungsfähige Todes- kandidat bald darauf hingerichtet worden wie so mancher, der für seine Tat schlechterdings nicht verantwortlich zu machen war. Auch anderweitig war der Seelsorger in gefährlicher Lage. Weilte er doch immer allein in den Zellen, in denen sich zumeist mehrere Todeskandidaten, darunter auch gewalttätige, befanden, die ihn leicht überwältigen und der Schlüssel berauben konnten, um die ersehnte Freiheit zu gewinnen. Sie riskierten ja nichts, denn ihr Leben war ver- wirkt und konnte nur noch durch eine gelungene Flucht gerettet wer-- den, was wiederholt geschah, besonders nach Fliegerangriffen, weshalb schließlich angeordnet wurde, die Todeskandidaten bei Fliegeralarm zu fesseln. Dies scheiterte jedoch an der großen Zahl derselben, war doch ihre Zahl meist 80 bis 100 in Stadelheim. So gestand ein kaum 20jäh- riger Bursche, der zusammen mit einem Altersgenossen mehr als siebzig nachweisbare Verdunkelungseinbrüche verübt hatte, dem Weachtmeister noch in seiner letzten Nacht, daß er seinem Komplizen auf einem Zettel (sogen. Kassiber) mitgeteilt habe, er wolle den durch seinen kriegs- verletzten Arm an einer Abwehr behinderten evangelischen Pfarrer bei seinem nächsten Zellenbesuch mit dem Wasserkrug niederschlagen, ihn des Schlüsselbundes berauben und dann den Genossen befreien und mit ihm flüchten. Dieser Plan kam nur dadurch nicht zur Ausführung, weil während des Besuches des Geistlichen„zufällig‘‘ ein Aufseher auf dem Gang vor der Zelle vorbeiging. Dabei betonte der junge Gangster ausdrücklich, daß er den Geistlichen, dem er überdies von Herzen zu- getan und dankbar sei, nicht etwa habe töten, sondern nur betäuben wollen, um der Schlüssel habhaft zu werden. Als Zeichen seiner Zunei- gung und Anhänglichkeit hat derselbe Bursche in der letzten Viertel- minute seines Lebens, als er bereits das Sterbegebet gesprochen und die Augen verbunden erhalten hatte, noch dem Geistlichen laut zugerufen: „Auf Wiedersehen, Herr Pfarrer!‘— sprach’s und schon sauste das! Fallbeil herab und sein Haupt fiel in den Korb. Er wollte wohl damit wieder gut machen, was er durch seinen heimtückischen Plan an dem Seelsorger gefehlt hatte.— Überhaupt war es rührend, oft herzbewegend, mit welcher Innig- keit sich die Todeskandidaten vom Geistlichen und auch von den Auf- sichtsbeamten und-beamtinnen verabschiedeten und bei ihnen bedank- 34 ion es- ne ten. Schon wenn ihre Hände auf den Rücken gebunden waren, küßten sie oft noch dem sie zum letzten Gang begleitenden Seelsorger die Hand. Ein tschechischer Musikprofessor, den ich betreut hatte, wobei er alle seine in seiner Muttersprache mit inbrünstiger Glut gesprochenen Gebete immer auch auf Deutsch wiederholte, damit ich sie verstehen konnte, trat zuletzt an mich heran und ersuchte mich, ihm eine letzte Bitte noch zu erfüllen. Als ich verwundert fragte, was er denn noch begehre und ihm zusagte, daß ich seinen Wunsch, wenn irgend möglich, gerne erfüllen wolle, da sprach er zu meiner nicht geringen Überraschung: „Ich bitte, Sie noch küssen zu dürfen.‘ Da der brüderliche Kuß biblisch begründbar ist(1. Kor., 16, 20), so konnte ich ihm diese letzte Bitte nicht versagen. Und so bot ich dem tschechischen Professor und Glau- bensbruder, ehe er zum Schaffott schritt, die Stirn zum Kuß! So über- windet der Christenglaube selbst feindliches Volkstum und verschiedene Rasse. Was Wunder, daß ich auch mit einem englischen Major, der zwei Jahre lang wegen angeblicher Spionage als Todeskandidat bei uns weilte, bis er schließlich von den Amerikanern befreit wurde, auf Grund des gleichen, auch von ihm ganz. tief und ernst genommenen Glau- bens in innigster Verbindung und Verbundenheit stand. Er bekannte mir immer wieder, daß er ganz spontan, ohne jede Aufforderung tagtäglich für meinen Sohn um den göttlichen Schutz bete, obschon dieser, zunächst als Flakhelfer auf die englischen Flieger, zu denen auch sein Sohn zählte, schoß, und dann als Grenadier den Engländern gegen- überstand.— 5. Kapitel Die Todeszellen Das Gefängnis Stadelheim wurde ı89/4 erbaut und hätte also im Jahre 1944 sein 5ojähriges Jubiläum feiern können. Aber gerade in diesem Jahre war sein Bestand aufs äußerste gefährdet. Bei den Juli- angriffen fiel ein Sprengbombenvolltreffer in den Neubau. Zum Glück traf er gerade das große Treppenhaus und nicht den Zellenteil, sonst wären Dutzende von Häftlingen, die ja bei den Fliegerangriffen in ihren, noch dazu verschlossenen Zellen völlig hilflos und ungedeckt weilen mußten, getroffen worden. So gab es„nur“ 5 Tote, darunter 2 Aufseher. Aber selbst dieses erschütternde Ereignis verhinderte nicht, daß am darauffolgenden Tage, noch ehe die Toten geborgen waren, die Guillotine weiterarbeitete und zumeist unschuldige Menschen vom 35 Leben zum Tode versetzte. Am 30. Juli 1944 trafen unzählige Brandbomben die Gefängnisgebäude, wobei verschiedene Dachstühle, Arbeitsbaracken und vor allem die stattliche Anstaltskirche in Flammen aufgingen. Letztere hätte noch durch die Feuerwehr gerettet werden können, aber wiederum war der Hinrichtungsraum mit der ,, Maschine" wichtiger und wurde anstelle des Gotteshauses gelöscht. Wie hätte man auch weiter arbeiten können ohne das Schafott, gab es doch allwöchentlich zumeist zwei ,, Großschlachttage", wo 8, 10, 12 ja 18 Menschen hingerichtet wurden! So sind im ,, Dritten Reich" in Stadelheim etwa 1200 Zivilpersonen umgebracht worden: Männer, Frauen und halbwüchsige Jungen, Kriminelle und Politische, Deutsche und Ausländer, unter letzteren besonders viele Polen und ein Teil der tschechischen Intelligenz, während die dort verwahrten Soldaten anfangs von militärischen Kommandos erschossen wurden, bis sich nicht mehr genügend Militär fand, das Kameraden niederschoß, und man daher auf den glücklichen Ausweg kam, die zum Tode verurteilten Soldaten als unwürdig aus dem Heere auszustoßen und sie dann als Zivilisten vom Henker enthaupten zu lassen. Die Todeskandidaten aus der SS wurden kurz vor ihrer Erschießung von SS- Leuten abgeholt und im Lager Dachau bzw. Freimann hingerichtet. In den ersten 40 Jahren seines Bestehens waren nur ganz wenige Hinrichtungen im Stadelheimer Gefängnis, da dort immer nur die im Oberlandesgerichtsbezirk München verurteilten Delinquenten geköpft wurden und noch dazu der bis 1912 lebende hochbetagte Prinzregent Luitpold jahrelang kein Todesurteil mehr unterschrieb, sondern alle Todeskandidaten zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigte. Es war daher die Armensünderzelle lange Zeit unbenutzt. Sie befindet sich im Erdgeschoß des Altbaues, ist etwa 3 bis 4 mal so groß wie eine normale Einzelzelle, hat ein gutes Bett, auf dem zu meiner steten Verwunderung mancher Delinquent oft noch bis kurz vor seiner Hinrichtung fest schlief und schnarchte, während ich in den Nächten vor der Vollstrekkung schon daheim und noch weniger in der Armensünderzelle kein Auge zudrücken konnte. Ein großer Tisch mit mehreren Stühlen, ein Betschemel vor einem an der Wand hängenden Kruzifix vervollständigten die Einrichtung der Armensünderzelle, in der so viele Seufzer gen' Himmel gesandt wurden, bis früh dann die Sonne durch die nach Osten gelegenen Fenster hereinleuchtete und Punkt sechs Uhr die ,, Armensünderglocke" den gewaltsamen Tod eines unglücklichen Menschenkin36 G Gefängnis Stadelheim Armensunderzelle 37 des verkündigte. Ursprünglich wurde dem Todeskandidaten tags zuvor früh um sechs Uhr in Gegenwart des Gefängnisvorstandes oder seines Stellvertreters, des Anstaltsarztes, eines Urkundenbeamten als Protokollführers und des Geistlichen vom Staatsanwalt eröffnet, daß der ,, Führer" von ,, seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch gemacht habe und der Gerechtigkeit freien Lauf lasse" und somit die Hinrichtung in 24 Stunden stattfinden werde. Der Delinquent konnte sich noch einen Tag Gnadenfrist erbitten, was aber selten geschah und immer bereut wurde, denn 48 Stunden den sicheren und unausweichlichen Tod vor Augen zu haben, ist eine geradezu unerträgliche Qual. Schon 24 Stunden ist eine schier unendliche Zeit. Zunächst mußte der in die Armensünderzelle Verbrachte erst innerlich mit der Tatsache seines unwiderruflichen Urteils fertig werden und ,, sich fangen", bis er zu einem klaren Gedanken fähig war. Denn jeder hatte noch bis zuletzt auf Begnadigung gehofft und war durch deren Ablehnung wie vor den Kopf geschlagen. Dann versuchte er wohl noch ein Wiederaufnahmeverfahren zu beantragen und vor einem Urkundenbeamten zu begründen und zu Protokoll zu geben, doch habe ich nie erlebt, daß dies zu einer Aufhebung, höchstens zu einer Hinausschiebung der Hinrichtung führte, welch letztere ja nur die Qualen verlängerte. Darum war es am besten, wenn man sich nach der Eröffnung auf den letzten Gang einrichtete, den letzten Willen und die Abschiedsbriefe niederschrieb und seine Seele für die Ewigkeit bereitete. Der Tag ging verhältnismäßig schnell dahin, aber die Nacht war endlos. In Friedenszeiten gab's noch nachts heißen Tee und Schweinebraten mit Kartoffelsalat als ,, Henkersmahlzeit", auch einige Flaschen Bier und mehrere Schachteln Zigaretten. Im Krieg mußte man mit warmem Leberkäs und schließlich mit dem üblichen ,, Gefängnisfraẞ"( Suppe, Kraut und Kartoffeln) und nur einigen Zigaretten vorlieb nehmen. Einem Hamburger Artisten, der wegen wiederholter Heiratsschwindeleien zum Tode verurteilt war hatte früher einen dressierten Löwen, einen Hund und einen Ziegenbock auf Schaustellungen vorgeführt, konnte ich noch seinen höchsten Wunsch erfüllen. Er bestand darin, einen großen Eẞtopf voll Marmelade löffelweise auszukosten. Er war überglücklich bei diesem Genuß und ging daraufhin ganz befriedigt zum Schafott. Oft war mir's ein Rätsel, daß ein vor dem Tode stehender Mensch noch physische Bedürfnisse habe und wie er noch schlafen, so auch noch gierig essen konnte. Als in den beiden letzten Kriegsjahren vor allem die nächtlichen Flieger38 - er ang Tod sich die mitt nung zung dem rand Wä auf spra Ein ten ten, lied sam Hol und hin wu Ur ges dun ode im da du ge nic we ten zu ne wa Kr de ge angriffe immer zahlreicher wurden und die Gefahr größer, daß die Todeskandidaten, den sicheren Tod vor Augen, alles versuchen könnten, sich zu befreien und zu entfliehen, genehmigte auf vielfache Eingaben die oberste Justizbehörde endlich, daß die Vollstreckungen in den Nach- mittags- bzw. Abendstunden vollzogen werden durften und die Eröff- nung nur 5 bis 7 Stunden vorher geschah— eine wohltätige Abkür- zung der qualvollen Wartezeit. Der Geistliche teilte diese Stunden mit dem Todeskandidaten, der ohne Fesseln am Tisch oder auf seinem Bett- rand saß, nachdem er die Abschiedsbriefe verfaßt hatte, während die Wächter sich vor der aufgeschlossenen Zellentür oder in der Zelle selbst aufhielten. Gebete, Schriftbetrachtungen und oft sehr tiefgehende Ge- spräche wechselten ab. Oft wurden ganze Lebensromane berichtet, die Einblick gewährten in erschütternde Schuld und Schicksale! In der letz- ten Stunde wurden dann die Beichte und das Altarsakrament abgehal- ten, und manch kraft- und trostspendendes Sterbe- und Auferstehungs- lied aus dem unergründlichen Liederschatz des Gesangbuches gemein- sam gesprochen. Dann kamen die Wachtmänner; die Schuhe wurden mit Holzpantoffeln, das Gefangenenkleid mit dem Privatanzug vertauscht und mit gefesselten Händen wurde der Todeskandidat zur Richtstätte hinausgeführt, begleitet von dem laut betenden Geistlichen. Dort wurde nochmals vor einem Tisch mit Kruzifix und Kerzen das Urteil vom Staatsanwalt verlesen, vom Geistlichen ein kurzes Gebet gesprochen und in weniger als einer halben Minute fiel das Fallbeil mit dumpfem Schlag herab... Ob es aus Gründen des rascheren Verlaufes oder aus Gegnerschaft gegen die„religiösen Zeremonien“ geschah, als im letzten Kriegsjahr auch das letzte Gebet des Geistlichen wegfiel, so daß dieser nur noch bis zur Schwelle des Hinrichtungsraumes begleiten durfte? Bei der immer größer werdenden Zahl der an einem Tag vor- genommenen Vollstreckungen reichte natürlich die Armensünderzelle nicht mehr aus. In ihr konnten nur einige Todeskandidaten untergebracht werden, so daß auch die Nachbarzellen mit herangezogen werden muß- ten und der Geistliche von einer zur anderen schritt, um die Morituri zu betreuen. Oft teilten sich mehrere Geistliche gleichzeitig in diesen nervenaufreibenden Dienst. Aber so schwer dieser Dienst auch war, er war doch zugleich erhebend, denn wenn irgendwo, so bewies sich hier die Kraft der welt- und todüberwindenden Religion des Christentums, in deren Mittelpunkt der zum Verbrechertod verurteilte und am Kreuzesgal- gen sterbende Weltheiland steht, der noch dem Schächer zu seiner Rechten 39 Gnade gespendet und das Paradies verheißen hat und durch Seinen Tod und Seine Auferstehung die Macht des Sterbens und des Todes zerbrochen und einer verlorenen Menschheit das ewige Leben gebracht hat. Es war geradezu überwältigend, mit welcher Ruhe und Getrostheit fast durchwegs Männer, aber auch zunächst verzweifelte Frauen den letzten Gang antraten und dem Tode entgegengingen. Wie jene frühchristliche Märtyrerin Blandina hätte manch zum Tod schreitendes Menschenkind den Richtern, Henkern und Zeugen zurufen können: ,, Lebt wohl, ihr Sterbenden, ich gehe zu den Lebenden!" Die folgenden Niederschriften von Todeskandidaten mögen davon Zeugnis ablegen. 6. Kapitel Die erste Exekution - Vierzig Jahre lang war- abgesehen von den Massenerschießungen in der Rätezeit im Jahre 1919 und den ,, Röhmlingen" vom 30. Juni 1934, wozu kein Geistlicher zugelassen wurde kein evangelischer Todeskandidat in Stadelheim hingerichtet worden. Aber als ich am 1. Juli 1934 die dortige Seelsorge übernahm, da war der allererste protestantische Delinquent, der aufs Schafott kommen sollte, in Stadelheims Mauern eingezogen. Ein kaum zwanzigjähriger Bursche war's, der in einem Vorgebirgsort an einem Schwerkriegsbeschädigten einen scheußlichen Raubmord verübt hatte. Er war in Spiel- und Zechschulden geraten und hatte durch Schundschriften und Kinovorstellungen den Eindruck gewonnen, als wenn Raubüberfälle und Mordtaten alltägliche Harmlosigkeiten und Selbstverständlichkeiten wären. Er bot sich als gelernter Maurer dem Kriegsinvaliden an, beim Bau seines Eigenheimes behilflich zu sein und spionierte dabei aus, wann dieser seine Kriegsrente bekäme. Am Tage nach dem Rentenempfang erschlug er den Mann hinterrücks bei der Arbeit und raubte die Rente, um damit seine Schulden zu decken. Sein plötzlicher Geldbesitz und flottes Leben fielen natürlich auf, und so ward in ihm der Täter gleich erkannt; er leugnete auch nicht und wurde wegen vorsätzlichen Raubmordes zum Tode verurteilt. Das Erschütterndste dabei war jedoch, daß er seine Untat keineswegs bereute, sein Todesurteil kaltlächelnd entgegennahm und jeglichem seelsorgerlichen Zuspruch widerstrebte. So wurde er mir als ein eiskalter Verbrecher geschildert, als ich zum erstenmal das Gefängnis besuchte was Wunder, daß ich dabei aufs tiefste - - erschr der n beach den R ihm a schich ihn:" schilde erfüllt 80 W erwar Gott Gerec sie ke Aber daß e in sein jener beken Vater Und Räub genon von al Schul etwas Scho versto seine Zum zens v Er le auswe Tief und F Reich gleite noch 40 erschrak. Bangen Herzens betrat ich seine Zelle und stellte mich als der neue evangelische Gefängnisseelsorger vor. Er schien mich nicht beachten zu wollen und wandte sich gar nicht nach mir um. Aber statt den Rückzug anzutreten, zog ich mein Neues Testament heraus und las ihm aus dem„goldenen Blatt der Bibel“, Lukas, Kapitel 15, die Ge- schichte vom verlorenen Sohn laut und langsam vor. Darnach fragte ich ihn:„Heinrich, wer meinst Du, daß heute der in dieser Geschichte ge- schilderte verlorene Sohn ist?‘ Statt einer Antwort traf mich ein haß- erfüllter Blick aus den Augen des Verbrechers. ‚Nun“, fuhr ich fort, „so will ich es Dir sagen. Du meinst vielleicht, daß ich als Antwort erwarte, Du seiest der verlorene Sohn. Und ganz gewiß bist Du es vor Gott und Menschen. Aber nicht Du allein. Vor Gott, dem Heiligen und Gerechten, sind alle Menschen verlorene Söhne und Töchter, auch wenn sie keinen Mord auf dem Gewissen haben, also ich ebenso wie Du.— Aber dieser Gott ist wiederum so unglaublich gnädig und barmherzig, daß er selbst einem Mörder wie Dir verzeiht und ihn wieder aufnimmt in sein Vaterhaus und seinen Kindesstand, wenn er, wie im Gleichnis jener verlorene Sohn, an seine Brust schlägt, seine Schuld bereut und bekennt und umkehrt in die weitgeöffneten Arme des himmlischen Vaters, der auch auf Dich wartet, um Dich an seine Brust zu ziehen.“ Und nun erzählte ich ihm von dem Schächer am Kreuz, der auch ein Räuber und Mörder war und noch in letzter Stunde ins Paradies auf- genommen wurde, weil er bereut und Christi Gnade angefleht hatte, und von all’ den Verheißungen der Sünderliebe Gottes, die auch die blutrote Schuld weiß wie Wolle wäscht... Als ich geendet hatte, da geschah etwas ganz Merkwürdiges und Unerwartetes bei dem jungen Verbrecher. Schon während meines Sprechens hatte es in seinem bisher so starren, verstockten Gesicht gewetterleuchtet und gezuckt und nun füllten sich seine Augen mit dicken Tränen, die an seinen Wangen herunterliefen. Zum ersten Male weinte dieser steinharte Mensch. Das Eis seines Her- zens war geschmolzen. Von Stund’ an veränderte sich sein ganzes Wesen. Er lernte nicht nur die Geschichte vom verlorenen Sohn wortwörtlich auswendig, sondern noch viele Bibelabschnitte und Gesangbuchverse. Tief bereute er seine Untat und suchte und fand immer wieder Trost und Frieden im Wort der Heiligen Schrift. Und als nach Monaten vom Reichsgericht das Urteil bestätigt wurde und ich ihn zur Richtstätte be- gleitete, da hatte er sich mit Gott und Menschen versöhnt und betete noch in der letzten Minute seines Lebens laut die Strophe: ,, Ich bin ganz getrosten Muts, ob die Sünden blutrot wären, müssen sie kraft deines Bluts dennoch sich in Schneeweiß kehren, da ich gläubig sprechen kann: Jesus nimmt mich Sünder an." Kurz vorher hatte er seinem Vater folgendes geschrieben: ,, Endlich ist meine letzte Stunde gekommen, auf welche ich so lange gewartet habe. Heute in der Frühe erhielt ich die Nachricht, daß das Gnadengesuch abgelehnt wurde und innerhalb 24 Stunden das Urteil vollstreckt wird. Ich war ja schon darauf gefaßt. Nun, lieber Vater, möchte ich Dich bitten, mir meine Missetat zu verzeihen. Es ist mir furchtbar leid, daß ich Dir so viel Kummer bereitet habe, und ich kann es noch immer nicht begreifen, daß ich Dir, nachdem Du mir so viel Gutes getan hast, solchen Schmerz bereiten konnte. Mein Urteil ist gerecht, und ich nehme es, so gut es geht, standhaft auf. Auch möchte ich Dich bitten, mir nicht nachzutrauern, denn ich bin es ja nicht wert. Mit dem lieben Vater im Himmel habe ich mich versöhnt, und er wird mich gnädig aufnehmen. Sei herzlich gegrüßt von Deinem unglücklichen Sohn..." Ein verlorener Sohn hatte wieder heimgefunden. Die unerhörte Größe der göttlichen Liebe und Vergebung hatte ihn überwunden und heimgebracht erschütternd und erhebend zugleich für alle, die davon Zeugen waren. - Dies war die erste Hinrichtung, an der ich unmittelbar beteiligt war. In den nächsten II Jahren habe ich viele, allzu viele Männer und auch Frauen zum letzten Gang vorbereiten müssen, oft mehrere in einer Woche! Es wurden ja alle in Bayern und den Nachbargauen gefällten Todesurteile in Stadelheim vollstreckt, und das waren in den letzten Kriegsjahren alljährlich mehr als das Jahr Tage zählt. Gewohnheitsverbrechen, Verdunkelungsverbrechen, Plünderungen nach Fliegerangriffen, aber auch schon Auslandssenderhören wurden mit dem Tode bestraft, und als dann das gesunde Volksempfinden" anstelle von Recht und Gesetz den Ausschlag gab, waren der Willkür Tür und Tor geöffnet. Am empörendsten waren die politischen Urteile gegen Deutsche und Ausländer! Im folgenden seien Dokumente veröffentlicht, die Einblick geben in das Seelenleben der verschiedensten Todeskandidaten. Di urteilun gerichte Sie blieb länger, Ablehnu richtung Staatsan einen e verfahre und bel gleich z somit d chen he „, Haupts reise, ja men. E die na sondern auch di 12 bürg Justizm schlech wohl d können der Ex Akt abg nenswe hunder gart, B weiseauf sch ratione unmen dem e 42 rte nd che ben 7. Kapitel Todeskandidaten Die Todeskandidaten kamen zumeist umgehend nach ihrer Ver- urteilung durch den Volksgerichtshof bzw. die zuständigen Schwur- gerichte per Schub nach Stadelheim, um dort„vollstreckt““ zu werden. Sie blieben dort durchschnittlich 6 bis 8 Wochen, manche freilich viel länger, nur wenige kürzere Zeit, bis der betreffende Staatsanwalt die Ablehnung ihres Gnadengesuches in Händen und den Termin der Hin- richtung festgesetzt hatte. Anfangs fuhr dann außer dem anklagenden Staatsanwalt der ganze verurteilende Gerichtshof nach München, um einen eventuellen Antrag des Delinquenten auf ein Wiederaufnahme- verfahren, wobei ganz neue, in der Verhandlung noch nicht vorgebrachte und behandelte Gesichtspunkte geltend gemacht werden mußten, so- gleich zu erledigen, was fast immer mit einer Verwerfung endete und somit die Vollstreckung nicht aufhielt. Als später durch die in Mün- chen herrschende Luftgefahr der Aufenthalt für die Kommission in der „Hauptstadt der Bewegung‘ zu ungemütlich wurde, unterblieb ihre An- reise, ja selbst der Herr Oberstaatsanwalt ersparte sich das Hierherkom- men. Er ließ sich durch einen der Münchener Staatsanwälte vertreten, die natürlich weder den Verurteilten noch die Verhandlung kannten sondern sich höchstens nach den Akten orientiert hatten, oft geschah auch dies nur sehr flüchtig und oberflächlich. Auch die sonst üblichen ı2 bürgerlichen Zeugen und Vertreter des Polizeipräsidiums sowie des Justizministeriums fielen schon vor dem Kriege weg. Sie konnten ja schlechterdings nicht jede Woche mehrmals antreten, auch hätten sie wohl die zahlreichen Exekutionen rein nervenmäßig nicht verkraften können. Schon mancher der sich abwechselnden Staatsanwälte hat bei der Exekution nicht mehr zuschauen können, sondern sich beim letzten Akt abgewandt und der Hinrichtungsszene den Rücken zugekehrt. Stau- nenswert war der Scharfrichter, der unentwegt die Hunderte und Aber- hunderte von Hinrichtungen vornahm, ja oft noch auswärts, in Stutt- gart, Berl’n und anderwärts„‚aushalf‘‘, wobei er freilich— begreiflicher- weise— sich vorher kräftig mit Alkohol versah. Doch hat er immer auf schnellste und dadurch humanste Weise seines ihm von Gene- ralionen vererbten entsetzlichen Amtes gewaltet und sogar anfangs die unmenschlich-grausame Art des Erwürgens zu sabotieren gesucht, in- dem er durch ein von ihm selbst erfundenes System unter dem Boden 43 des mit dem Strang umschlungenen Delinquenten ein Fallbrett, das sich nach unten versenkte, anbrachte, so daß dieser in die Tiefe sank und so -wie am Galgen hängend das Genick brach. Aber auch diese Erleichterung wurde von höchster Stelle verboten! Da ich nur im Nebenamte als Gefängnisgeistlicher fungierte und in erster Linie meine ausgedehnte Stadtpfarrei zu versehen hatte, konnte ich wegen anderer Amtshandlungen nicht immer anwesend sein und mußte mich von anderen Kollegen vertreten lassen. Zumeist übernahm Pfarrer Hofmann von der Inneren Mission in hingebungsvoller Weise diesen schweren Dienst auch dann, wenn mehrere Evangelische am gleichen Tage hingerichtet wurden und wir zu zweien uns in die Betreuung der letzten Stunden teilen mußten.* Da ich auch sonst nicht so intensiv die Seelsorge an den Todeskandidaten versehen konnte, als wenn ich mich ausschließlich wie der hauptamtliche katholische Kollege dem Gefängnisdienst hätte widmen können, so suchte ich den Einblick in die Persönlichkeit und innere Einstellung der evangelischen Todeskandidaten dadurch zu gewinnen, daß ich jeden bat, seine religiöse Stellung, auch seine Vergangenheit in möglichst eingehender Weise zu Papier zu bringen. Oft übergab ich auch ein religiöses Buch und bat, sich darüber zu äußern. So erhielt ich fast immer ein charakteristisches Bild vom ,, Milieu" und der inneren Haltung des einzelnen und konnte dann leichter einen Anknüpfungspunkt für meine Seelsorge finden. Dadurch bekam ich eine Unzahl von niedergeschriebenen Lebensschilderungen und Herzensergüssen, die ganze Bände füllen würden. Diese einzigartigen Dokumente ersparen es mir, die verschiedenen Fälle meinerseits darzustellen; sie sprechen für sich selbst und erfordern nur kurze Anmerkungen. Ganz besonders aufschlußreich sind jedoch die Abschiedsbriefe an die Angehörigen, die in den letzten Lebensstunden verfaßt wurden, denn die Schreiber ließen angesichts des Todes und des bevorstehenden Hintritts vor den allwissenden Richter alle Schminke und Floskeln fallen und machten aus ihrem Herzen keine Mördergrube mehr. Dabei möchte ich vorausschicken, daß ich nur solche Berichte und Dokumente bringe, deren Verwendung und Veröffentlichung mir von den Verfassern ausdrücklich gestattet wurden. Ja, es kam nicht selten vor, daß ich von ihnen * Ebenso stellten sich in dankenswertester Weise die Kollegen Dr. Achleitner, Plesch und Schwenk zur Verfügung. Die Wehrmachtsangehörigen betreute Wehrkreispfarrer Wittmann. 44 eigens gleichsa damit s stens no ren Um selbstve erfüllen W teristisc Mörder Diebe, Kriegs doch er gen na der SS keiten verrat, schon Den A rung Behan Todess insges einwa pitel und gebräu richtu sorgsa samm haft d Revisi und sich d so Erund nte und ahm eise am reuxander men mere men, it in ich tich eren ngsvon die aren chen ders , die Ben wisaus auseren ücknen chrigen eigens gebeten wurde, ihre Erlebnisse und schließliche Entwicklung gleichsam als ein Testament an die Mit- und Nachwelt weiterzugeben, damit sie anderen zur Lehre bzw. Warnung dienen und dadurch wenigstens noch Gutes bewirkt werden könnte. Daß ich die Namen und näheren Umstände verschweige und, falls solche vorkommen, fingiere, ist selbstverständlich. Mögen all' die folgenden Dokumente den Zweck erfüllen, den die Verfasser und der Herausgeber im Auge hatten! Was die Einteilung betrifft, so seien nur einige besonders charakteristische Fälle angeführt. Zunächst Schwerverbrecher( Räuber und Mörder), sodann andere kriminelle Typen( Einbrecher, rückfällige Diebe, Betrüger, Hochstapler, Gewohnheitsverbrecher sowie durch die Kriegsverhältnisse und vor allem die Verdunkelung hervorgerufene oder doch erleichterte Koffer- und Feldpostpäckchen- Diebstähle, Plünderungen nach Fliegerangriffen). Ferner sollen einige Todeskandidaten aus der SS zu Worte kommen. Endlich werden Beispiele von Persönlichkeiten angeführt, die aus rein politischen Motiven( Hoch- und Landesverrat ,,, Heimtücke", Beleidigung führender Nazigrößen, aber auch schon Abhören ausländischer Rundfunkberichte) hingerichtet wurden. Den Abschluß bilden die Anführer der Münchener Studentenverschwörung vom Februar 1943. Eine eingehende wissenschaftlich unterbaute Behandlung der schwerwiegenden Frage nach der Berechtigung der Todesstrafe überhaupt sei einer eigenen Schrift vorbehalten. 8. Kapitel Räuber und Mörder In den 70 Jahren von 1860 bis 1930 wurden in ganz München insgesamt 33 Enthauptungen vollzogen, wobei es sich durchwegs um einwandfrei nachgewiesene Mordtaten handelte. Die bereits unter Kapitel 6 angeführte Exekution war die erste nach vierjähriger Pause und geschah noch mit all dem Aufwand einer im alten Deutschland gebräuchlichen, bis ins Kleinste genau geregelten und vorbereiteten Hinrichtung. Das Schafott, dessen einzelne Teile in verschiedenen Städten sorgsam aufbewahrt wurden, mußte erst im Hofe von Stadelheim zusammengestellt werden. Das Reichsgericht in Leipzig hatte gewissenhaft das Urteil des Schwurgerichtshofes geprüft und nach Monaten die Revision verworfen. Der Reichspräsident hatte das Todesurteil bestätigt und unterschrieben, nachdem er das Gnadengesuch nach eingehender 45 Erwägung abgelehnt hatte. Neben den unmittelbar fungierenden Richtern und Beamten waren die 12 bürgerlichen Zeugen- wie der Scharfrichter -mit Zylindern erschienen, dazu die Vertreter der obersten Polizei- und Justizbehörden. Vor der Vollstreckung wurde dem Delinquenten, der vor einem mit Kruzifix und brennenden Kerzen versehenen Tisch stand, noch einmal der Tenor des Urteils und seine Begründung vom Oberstaatsanwalt vorgelesen, dann sprach er laut mit dem Geistlichen ein kurzes Gebet, erhielt die Blende vor die Augen, der schwarze Vorhang, der die Guillotine verborgen hatte, wurde weggezogen, das Armesünderglöcklein läutete, geführt von zwei Henkersknechten und begleitet vom laut betenden Geistlichen wurde er auf das Brett geschnallt und dann unter das Fallbeil geschoben. Durch einen vom Scharfrichter eigenhändig gelösten Hebel sauste das mächtige Fallbeil, das ein Fallgewicht von drei Zentnern besaß, herab alle Anwesenden entblößten ihr Haupt und beteten mit dem Pfarrer ein Vaterunser für die Seele des armen Sünders... - - Als 1939 der Krieg begann, tröstete mich der Gefängnisvorstand damit, daß es nun in Zukunft weniger Hinrichtungen geben werde, weil - wie er meinte nun draußen im Felde genug gemordet würde. Wie aber hat er sich getäuscht! Gerade durch die verschärften Kriegsgesetze stieg die Zahl der Exekutionen ins Maßlose. Barbarische Strafen wurden verhängt und neue Hinrichtungsarten( Galgen, Erwürgen) eingeführt. Es gab neue Namen für Verbrechen: ,, Selbstverstümmelung" durch Radiohören ausländischer Sender, sogar der verbündeten Italiener, Wehrmachtzersetzung, aber auch Wehrkraft- Zersetzung, unter letzterem verstand das ,, gesunde Volksempfinden" schon die leiseste Kritik am Kriegsgeschehen und der Kriegsführung, auch schon Gerüchte über die großen Führerpersönlichkeiten schon jeder Witz- konnten lebensgefährlich werden, vor allem aber der Zweifel an dem siegreichen Kriegsausgang. Auch auf Schwarzhandel und Schwarzschlachten stand die Todesstrafe. Zunächst aber seien Dokumente von gemeinen Verbrechern, Mördern oder Räubern angeführt: Ein Räuber erzählt seinen Werdegang: ,, Ich kam als uneheliches Kind im Findelhaus zur Welt. Weil meine Mutter ihren Lebensunterhalt selbst verdienen mußte, brachte sie mich zur Stiefmutter in Pflege. Diese ließ mich im kalten Schuppen 46 liegen, zu scha sollen, Weltk Der Va Schläg derhan die Ho verlang wir au Boden Mutte kleide anneh M als W abgele schlim eine F nach Nahr mitne wurde vorha mehr Erzie Gefä Ich ins G glück schlu Gefa Schik noch chen fast em Iter und den. nd, eT- ein ng, ler- om ann än- von upt nen and veil Nie atze 2ID- 12“ [o) [ta- ter ) liegen, gab mir Mohnschalen und alles mögliche, um mich aus der Welt zu schaffen. Meine Mutter hätte meinen leiblichen Vater nicht heiraten sollen, was sie dann später doch tat. Meine Kindheit fiel in die Zeit des Weltkrieges, dann kam die Inflation. Es war eine freudlose Jugend. Der Vater war Trinker, nie gab er uns ein freundliches Wort, höchstens Schläge im betrunkenen Zustand. Als ich der Mutter zuliebe das Schnei- derhandwerk lernte, statt Kupferschmied, wie der Vater wollte, hatte ich die Hölle und die Mutter mit mir. Er gab bald kein Kostgeld mehr ab und verlangte trotzdem gut zu essen, sonst gab’s Krach und Prügel. Oft sind wir aus der Wohnung vor dem Vater geflüchtet und haben auf der Bodentreppe kampiert. Weil ich als Lehrling nichts verdiente und meine Mutter mich beim besten Willen nicht mehr ernähren, noch viel weniger kleiden konnte, mußte ich aus der Lehre austreten und andere Arbeiten annehmen, um zu verdienen. Meine Mutter hat die ganzen Jahre schon Reinemachestellen, auch als Waschfrau, annehmen müssen, um für uns etwas zu essen und abgelegte Kleidungsstücke zu verdienen. Zu Hause wurde es immer schlimmer. Dann griff das Jugendamt ein, ich kam fort von Hause, ın eine Erziehungsanstalt, ohne eigenes Verschulden. Die Behandlung war schlecht, auch die Kost, so ließ ich mich nach ı/4 Monaten zum Ausreißen verleiten. Um andere Kleidung und Nahrungsmittel zu beschaffen, ließ ich mich auch zu einem Diebstahl mitnehmen. Und kam so das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt. Ich wurde dann mit 6 Wochen Gefängnis bestraft. Das nahm mir den noch vorhandenen Halt. Ich entlief noch mehrmals, immer in Gesellschaft mehrerer, und holte mir so eine Strafe nach der andern. Es wechselten Erziehungsanstalt, Gefängnis, Erziehungsanstalt, Gefängnis usw. Im Gefängnis wurde ich mündig; die Arbeitsverhältnisse waren schlecht. Ich ging darum auf die Wanderschaft und kam auch dabei wieder ins Gefängnis. Und so geht es weiter. Ich muß unter einem ganz un- glücklichen Stern geboren sein. Alles, was ich unternahm, ging fehl und schlug zu meinem Nachteil aus. Meine letzte große Strafe waren 33 Monate; ich verbüßte sie im Gefangenenlager VII Esterwegen im Moor. Die Mißhandlungen und Schikanen waren für Menschen schier unerträglich. Der Hölle glücklich nochmals lebend entronnen, schwor ich, nie mehr vom Wege abzuwei- chen. Durch eine Verkettung von schicksalschweren Umständen kam ich fast ohne mein Dazutun aus der mir fest vorgenommenen Bahn. Ich 47 verstrickte mich in eine Reihe von Abenteuern, die mit einem Raub endeten und nach den Kriegsgesetzen mein jetziges Todesurteil zur Folge hatten. Ich bereue tief, daß es so weit mit mir gekommen ist. Mein einziger Trost ist momentan, daß ich kein Menschenleben auf dem Gewissen habe... - ... Meine Mutter ist starkgläubige Christin gewesen. Auch uns Kinder hat sie im Glauben des Herrn erzogen. Ich erinnere mich noch an fernste Tage meiner Jugend. Wir Kinder mußten frühmorgens und abends am offenen Fenster knieen und beten. Auch zu den Mahlzeiten und im Bett wurde gebetet. Das wurde langsam anders, nachdem der Vater aus dem Kriege kam und immer zu Hause war. Er lachte uns aus, mokierte sich über unseren Glauben und verhöhnte uns schließlich. Vor allem sonntags- wir waren mittlerweile ein halbes Dutzend Geschwister geworden wenn's in die Kirche ging, war früh hinten und vorne kein Fertigwerden. Dem fehlte dies, dem andern das. Der Vater aber lag im Bett und lachte uns aus. Ich als Ältester wurde, trotzdem ich es noch nicht verstand, doch nachdenklich. Ich hielt doch auch noch viel von dem Vater und hatte Respekt vor ihm. Ich zerbrach mir den Kopf und kam zu keinem rechten Ergebnis. Auf Vorhalt, ob ich ein betendes Mädel sein wolle oder ein Junge, der ein Mann werden will, kamen mir Zweifel. Ich ging oft nicht mit in die Kirche. Das Beten früh und abends und zu den Mahlzeiten schlief unter dem Hohn des Vaters auch nach und nach ein. Wir wohnten in einer Mietskaserne und aus der Nachbarschaft, weit und breit, fiel es niemandem ein, in die Kirche zu gehen. So glaubte ich dem Vater und verlor sehr früh meinen Glauben. Als ein Schicksalsschlag dem anderen folgte, zweifelte sogar meine Mutter oft am Vorhandensein eines gerechten und gütigen Herrgotts. Aber sie verlernte nie das Beten. Ich habe es verlernt in der Fürsorgeerziehung unter dem Spott der Mitzöglinge. Später im Gefängnis habe ich viel gegrübelt. Ich habe Bücher gefordert über andere Völker und deren Religion, habe alles mögliche gelesen, um zu einer Klarheit zu kommen. Eines habe ich bei allen gefunden: den Glauben an ein höheres Wesen. Weil ich im Leben nichts wie Not und Elend kennen gelernt habe und mir nie ein Glück beschieden war, konnte ich nie mehr zu dem Glauben an einen gütigen, alles lenkenden Gottvater zurückfinden. Ich habe vor allem hier in Süddeutschland und in Osterreich oft die Menschen um ihren reichen und festen Glauben beneidet. Ich will nun in den letzten Stunden meines Lebens noch versuchen, mit 48 dem Mein gut! Des P schrei zuteile Unter Einbr sitzer Geld Tode abgew Schwe winkel es in sen let belt. V verlor Schic zwei haben Büche zu un Habe könnt Mutte wäre A herzli halt in Grüß Jensei Der R ben. große 4 Tod S h d r 5, ог r n m h n d es ir d h er u . де S. e- De er er en d ch er r- et. mit dem Herrn einig und vertraut zu werden. Ich hoffe, er wird mir helfen." ,, Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut, mach's nur mit meinem Ende gut! Amen. Evang. Lukas, Kap. 15." Des Räubers Abschiedsbrief an seine Mutter: ,, Meine liebe Mutter! Kann Dir nochmals ein paar allerletzte Zeilen schreiben. Habe es immer wieder hinausgeschoben, Dir das Letzte mitzuteilen. Nach meinem letzten Aufenthalt in..., wo ich Dir von meiner Unterkunft schrieb, mußte ich fort, kam in Not und habe mir durch Einbruch helfen wollen. Bin aber bemerkt worden und habe den Besitzer bedroht und mit einer vorgehaltenen Waffe zum Herausgeben von Geld gezwungen. Ist also Raub. Nach Kriegsgesetz bin ich in... zum Tode verurteilt worden. Bis heute ist das Gnadengesuch gelaufen und abgewiesen. Ich habe in dieser Wartezeit( 62 Wochen) Dir das letzte Schwere noch nicht schreiben wollen, weil in irgend einem Herzenswinkel immer noch eine kleine Hoffnung geglüht hatte. Aber Du hast es in dieser Notzeit doch schon so wie so schwer, allzu schwer. In diesen letzten Wochen habe ich viel über unser Leben und Schicksal gegrübelt. Warum das alles? Die Not und das ganze Elend? Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß ich meinen Herrgott verloren hatte. Das ist der Anfang und das Ende von meinem tragischen Schicksal. In meiner Not habe ich um einen Pfarrer gebeten. Es sind zwei hier. Diese gütigen Menschen kamen oft abwechselnd zu mir. Sie haben mir über die meisten schweren Stunden durch Trost und gute Bücher hinweggeholfen und das Größte ist, durch ihre Hilfe habe ich zu unserem Herrgott zurückgefunden und auch wieder beten gelernt. Habe noch drei Stunden und gehe dem Ende gefaßt entgegen. Mutter, könnte ich doch nochmals eine Stunde bei Dir sein, um Dich zu trösten! Mutter, habe Dich vier Jahre nicht gesehen. Mußt halt denken, ich wäre im Krieg, und sterben müssen wir alle einmal. Also Mütterlein, nicht weinen! Grüße meine Geschwister alle recht herzlich von mir und vergib mir meine Dir bereiteten Ärgernisse. Bin halt immer ein leichtsinniges Luder gewesen. Also allerletzte herzliche Grüße von Deinem Schmerzenskind. Leb wohl! Auf Wiedersehen im Jenseits!" Der Räuber an seine Braut: ,, Meine liebe... Kann Dir noch ein paar allerletzte Zeilen schreiben. Habe noch 22 Stunden. Deinen letzten lieben Brief habe ich mit großer Freude erhalten. Kann Dir gar nicht schreiben, wie er mich ge4 Todeskandidaten 49 stärkt und erfreut hat. Hab’ immer an Dich gedacht und leise gehofft, doch noch einmal zu Dir zurückzukommen. Unser Herrgott hat nicht gewollt. Meine...! Schau, sterben müssen wir alle einmal. Denk mal, ich könnte ja auch im Krieg sein und jetzt fallen. Habe tausendmal die lieben Stunden bei Dir im Geist immer nochmals durchlebt und sah Dich deutlich vor mir. In meinen letzten Wochen haben mich ab- wechselnd unsere beiden Pfarrer besucht und mir durch Trost und gute Bücher über viele schwere Stunden hinweggeholfen. Und... das Größte, sie haben mir. zu unserem lieben Herrgott zurückgeholfen. Ich habe auch wieder beten gelernt. Auch Deine lieben großen Gebete haben da mitgeholfen. Hab’ vielen Dank für alles, für Deine große Güte und alles Liebe, was Du mir getan hast. Nicht weinen, tröste Dich! Wenn es hier kein Wiedersehen gibt, dann im Jenseits bestimmt. Möchte Dir noch so viel schreiben, aber die Zeit eilt. Also... noch allerletzte Grüße und tausend Küsse von Deinem Dich liebenden NN. Leb wohl!“— Letzte Niederschriften eines Raubmörders: „In der letzten Stunde meines Lebens ist dies mein einziger und letzter Trost, daß ich einen Heiland habe, der vom Kripplein bis zum Grabe bis zum Thron, da man Ihn ehret, mir dem Sünder zugehöret. Denn Jesus nimmt die Sünder an, ob die Sünden blutrot wären, müssen sie kraft seines Bluts, dennoch sich in Schneeweiß kehren, da ich gläu- big sprechen kann, Jesus nimmt mich Sünder an. Ich glaube, daß Er auch mich verlorenen und verdammten Men- schen erlöset hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels. Ich erbitte von Ihm die Schächer- gnade, Gott sei mir Sünder gnädig!“ Der Raubmörder an seine Mutter: „Liebe Mutter! Heute, da ich Dir diese wenigen Zeilen schreibe, sollst Du wissen, daß dies der letzte Brief von mir ist! Morgen Früh ist meine Lebensbahn auf dieser Erde zu Ende. Werde hingerichtet! Habe nicht gedacht, daß ich einmal so enden würde. Schicksal ist Schicksal. War halt doch keine ehrliche Kugel für mich gegossen! Darum, liebe Mutter, sei mir nicht böse; verzeih Deinem Sohn! Habe nicht mehr das Glück, Dich zu sehen! Aber eins ist gewiß: im. 50 en mir besse ich I verge wohl Stren ists\ gnäd Der Haus: da, da lich,\ N vielma gesch: ausge] u sehe i mir$ Ein a Vollst und d Jesus Auch man n kündij Auch zuteil Wie e Matt Schul S г e H t. n コー d r- e, e. en gel n! im Himmel sehen wir uns alle wieder. Auch Du und ich, Mutter. Es fällt mir schwer, kannst glauben, Dir dieses zu schreiben. Aber ist vielleicht besser so. Ich weiß, daß meine Minuten gezählt sind. Verzeih, bitte, was ich Dir angetan. Wünsche Dir noch lange, gesunde Jahre. Bald bin ich vergessen. Kannst mein Grab besuchen, ich weiß, Du kommst. Lebe wohl bis zur Auferstehung! Dein Sohn... Tausend Grüße auch für Dich, lieber Vater. Ich weiß, Deine Strenge war doch recht gemeint. Auf Wiedersehen im Jenseits! Bald ist's vollbracht. Gott sei mir in der letzten Stunde meines Erdendaseins gnädig!" Der Raubmörder an die Angehörigen seines von ihm ermordeten Hauswirtes: ,, Liebe Familie...! In wenigen Stunden ist auch meine Stunde da, darum möchte ich folgendes beichten. Heute ist's mir noch unerklärlich, wie ich dazu kam, Sie Ihres Ernährers zu berauben. Muß direkt vom Teufel besessen gewesen sein. Danke Ihnen noch vielmals für die gastliche Aufnahme! Bereue es stark, daß diese Tat geschah. Aber jetzt ist's zu spät! Wenn Sie diese Zeilen lesen, habe ich ausgelebt. Bitte noch tausendmal um Verzeihung! Auf die Hinrichtung bangend zeichnet Ihr N. N. Nahm Ihnen den Vater. Verliere dafür mein Leben! Vielleicht sehe ich Herrn..., dann bitte ich auch ihn um Verzeihung! Gott sei mir Sünder gnädig!" Ein anderer Mörder schreibt: ,, Ich wurde vom Sondergericht... zum Tode verurteilt. Bis zur Vollstreckung habe ich mir den seelsorgerlichen Beistand gewünscht und erhielt ihn auch. Dieser Beistand machte mir wieder klar, daß Jesus, unser Heiland, einen armen Sünder, der Buße tut, zu sich nimmt. Auch gehören diese Stunden zur Vorbereitung zum Sterben und daß man mit Gott ins Reine kommt. Denn ohne diese Trostworte und Verkündigung des Wortes Gottes kann man keine innere Ruhe finden. Auch während der letzten zwölf Stunden ist mir ein seelischer Beistand zuteil geworden. Ich danke bestens Herrn Pfarrer... dafür. N. N." Wie einer zum Kindsmörder wurde: ,, Schon in frühester Jugend wurde ich von meiner tiefgläubigen Mutter zum Gebet und zum Blick auf den Schöpfer angehalten. In der Schule folgte ich mit Interesse den Erklärungen in der Religionsstunde. 51 Neben meinem Bett hatte ich ein kleines Morgen- und AbendsegenBüchlein von Habermann, aus welchem ich nie zu lesen vergaß. Ich war in der 6. Klasse, als mich der Mesner fragte, ob ich nicht Läutejunge werden wollte, was ich freudig und mit allem Eifer annahm. So versäumte ich keinen Gottesdienst, auch keine Mittwoch- Abend- Betstunde. Auch an Zusammenkünften und Wanderungen des CVJM. nahm ich gelegentlich teil. Dann kam ich in die Lehre in die Fabrik. Hier wurde zwar viel von Religion und Gott gesprochen, jedoch in abfälliger Weise. Mein Inneres empörte sich am Anfang, doch dann dachte ich: ,, Laß sie reden, ich tue, was ich gelernt habe." Es kam dann eine Zeit, in welcher ich die Samstag- Abende mit anderen Burschen verbrachte, wobei wir oft bis in die späte Nacht beisammen waren. Am Sonntag fiel das Aufstehen schwer und damit wurde der Kirchgang auf ein andermal verschoben, was immer häufiger vorkam. Mit der Zeit dachte ich mir nichts mehr dabei, weil ja die anderen Gesellen und Kameraden vom Betrieb auch nicht zur Kirche gingen, und vor mir selbst rechtfertigte ich mich damit, daß ich jeden Tag zeitig aufstehen mußte. Das tägliche Gebet unterließ ich allmählich ebenfalls, verlor zwar den Glauben nicht, aber ich wurde gleichgültig. Mit 18 Jahren kam ich in einen Betrieb in die Großstadt. Hier hatten alle ihr Mittagessen dabei, und der Arbeitsraum wurde nach dem Essen nicht verlassen. Die Unterhaltung während der Pause drehte sich meistens um Politik und Religion. Die Kameraden waren teilweise Freidenker oder zumindest von Gott abgewandt, und das Gespräch nahm einen entsprechenden Verlauf. Mir wurden auch Schriften übergeben, die mich immer mehr von Gott entfernten. Die Abstammungslehre vom Affen, die Entstehung der Welt aus eigener Naturgewalt, die Verneinung eines Gottes und viele solche Fragen behandelten jene Schriften. Dazu natürlich entsprechende sittliche Propaganda. Nur noch solches hörend kam ich mehr und mehr in jenes Geleise, und wenn ich nicht gewußt hätte, meiner Mutter sehr wehe zu tun, wäre ich auch damals sicher aus der Kirche ausgetreten. Unsittliche Bilder und Schriften taten ein Übriges, um mich als reinen Gegner jeder Religion zu vollenden. Als ich meine Frau kennenlernte, wurden wir zwar kirchlich getraut, aber nur weil das so üblich war. Im Betrieb wurde ich deswegen verlacht. Unsittlich war ich zu der Zeit noch nicht, sondern nahm es anfangs mit der Treue zu meiner Frau sehr genau. In die Kirche kam ich nie mehr. In meiner Umgebung im Betrieb wurde viel geflucht, ich konnte es nicht leiden; wenn ich aber anfi Wor habe tiv w Gott nur ken ich e terch ein t ich liche spät, gefeh aus e nungs dacht ter be fleißi gerad ab un mein werde imme und i ich d guter lebte lich e steher gesag mütig urteil mein brach mein ohne 52 ב ב f t t C. n 1, n f. tt -lt e t- in r n. en te, ar. eit au im Der - anfing dann gründlich, daß mir heute Angst ist, wenn ich an solche Worte denke. Wenn ich an die Mordtat an meinem Jungen denke, haben diese Einflüsse sicher mitgespielt, wenn sie auch nicht das Motiv waren. Gottesfurcht kannte ich nicht und habe dabei auch nicht an Gott gedacht, auch nicht hintennach, wenn's mich auch gereute. Es war nur eine familiäre Reue. Wenn ich mir auch bewußt war, keinen Funken von Glauben zu besitzen, so sehe ich heute mit Verwunderung, daß ich es nicht hinderte, ja daß es mir sogar recht war, wenn unser Töchterchen den Kindergottesdienst besuchte. In den letzten Jahren nun kam ein trauriges Kapitel voller Ehebrüche und Ausschweifungen, und ich bin sicher, daß es eine Frucht der Gottlosigkeit und jener unsittlichen Schriften und Bilder war. Als ich dies alles einsah, war es zu spät, und ich kam hierher. Die christliche Zucht in der Ehe hat mir gefehlt, und an die Gebote Gottes habe ich niemals gedacht. Ich hoffte, aus eigener Kraft zurückzufinden, aber ich war zu schwach... Warnungssignale hat mir Gott gegeben, aber ich habe diese übersehen... - Auch als ich verhaftet wurde, habe ich noch nicht an Gott gedacht. Eine Woche war ich in Untersuchungshaft, als mich meine Mutter besuchte und mir ein Neues Testament mit der Mahnung, recht fleißig darin zu lesen, übergab. Auch mahnte sie mich zum Gebet. Nicht gerade widerwillig, aber doch zögernd nahm ich es an und begann auch ab und zu einen Abschnitt zu lesen. Erst nach einigen Wochen wurde mein Herz ergriffen, als ich sah, daß ich vom Himmel nicht verstoßen werde, selbst wenn mich die ganze Welt verachtet. So schöpfte ich immer mehr Trost. Nur schämte ich mich, daß ich erst im Gefängnis und in so großer Not zurückgefunden habe. Nie in meinem Leben habe ich das Vaterunser so heiß und innig gebetet als seit dieser Zeit. Mit gutem Gewissen kann ich um die Vergebung meiner Schuld bitten. So lebte ich mich in einen Glauben hinein, allerdings war dieser noch ziemlich egoistisch, denn ich versprach mir davon Gottes Hilfe bei der bevorstehenden Gerichtsverhandlung Was ich in der Verhandlung ausgesagt und angegeben hatte, wurde mir nicht geglaubt. Auf mein freimütiges Geständnis legte man gar keinen Wert. Es kam das Todesurteil! Da stieg mir der Gedanke auf:, Es kann keinen Gott geben!' In meine Seele legten sich bedenkliche Zweifel. In dieser Verfassung verbrachte ich die ersten 14 Tage in Stadelheim... Erst allmählich kam meine Zuversicht zu Gott wieder zurück, indem ich einsah, daß ich wohl ohne diese harte Prüfung niemals mehr hätte beten gelernt. Und in der 53 Predigt am vergangenen Sonntag schöpfte ich viel Trost. Ich muß zwar täglich neu um festen Glauben beten, denn die Bedrängnis in solcher Lage ist schwer. Ich gebe auch die Hoffnung auf Begnadigung vor dem Gesetz noch nicht auf, denn ich bin noch jung und habe großen Lebenswillen. Wenn es aber nicht anders geht, wird mir Gott beistehen, mein Los fest und standhaft zu tragen. Ich hatte ja zu meinem Glück Zeit zur Bekehrung aus meinem schmutzigen Abgrund." In der Nacht vor seiner Hinrichtung schreibt er an seinen Heimatpfarrer: ,,... .. Wenn mich das Schicksal nicht so hart angefaßt hätte, hätte ich wohl niemals zu meinem Glauben zurückgefunden, aber den habe ich wieder. Ich bin meiner Sache gewiß, daß ich nach dem Apostelwort Röm. 5, 20 in Gnaden angenommen werde, meiner schweren Schuld zum Trotz. Mögen meine Taten teuflisch gewesen sein, mit Christus ist der Hölle der Triumph entrissen. Ich kann Ihnen versichern, daß ich jetzt, wenige Stunden vor meinem Tode, eine wunderbare Ruhe habe, geschöpft aus dem Evangelium. Es ist schade, daß mir diese Erkenntnis nicht einige Jahre früher zuteil wurde, schon um meiner Angehörigen willen, doch gibt sie mir Festigkeit in meinen schwersten Stunden... Ich bin ähnlich wie David( 2. Samuel, 11 und 12) solche Abwege geführt worden und meine Reue ist echt. Ich bin nun ein anderer geworden und bin sehend geworden, nicht zu spät. Ich schien verloren und kehre als gefundener Sohn morgen früh zum Vater zurück." Ähnlich berichtet er der Mutter: ,,... Ich kann Dir versichern, daß ich meinen Glauben, den Du mich einst gelehrt, restlos zurückerhalten habe und ich in diesem getrost meine letzte Reise antreten kann. Wenn einst der Übeltäter, welcher mit Christus gekreuzigt wurde, Annahme gefunden hat, so werde auch ich angenommen werden, wie es geschrieben steht Lukas 23, 39-43. Auch der verlorene Sohn( Luk. 15, 11-32) durfte heimkehren... deshalb bitte ich Dich, nicht unnötigen Gram an Dir zehren zu lassen. Denke daran, daß mein Bruder an der Ostfront von jetzt an Dein Gebet nötiger hat als ich... Bis diese Zeilen zu Dir kommen, bin ich schon über den Sternen, wo ich dereinst mit all meinen Lieben in jenem Glück, unwandelbar, vereint sein werde, welches mir auf Erden durch des Teufels Macht zerstört wurde. Dann aber ist dessen Macht gebrochen durch das Blut Jesu Christi..." 54 D а T - rch 9. Kapitel Andere Kriminelle und„Volksschädlinge“ Unter den Todeskandidaten waren außer den Räubern und Mör- dern auch eine Reihe anderer ‚schwerer Jungen“, die schon vor dem „Dritten Reich‘ Dutzende von Vorstrafen hatten und als„unverbes- serliche Gewohnheitsverbrecher“ hingerichtet wurden. Vor allem aber hatte das Hitlerregime die Kriminalität ganz wesentlich gefördert und vermehrt, indem es die Bindung an die„alttestamentarischen“ 10 Ge- bote gelockert oder ganz aufgelöst hat und auch durch das Vorbild der „Großen“, die man laufen ließ, die„Kleinen“ veranlaßte, über die Schranken zwischen Mein und Dein großzügig hinwegzusehen und hin- wegzugehen. Schließlich hat dann der Krieg mit seinem Mangel an den lebensnotwendigsten Dingen und den leichteren Möglichkeiten, bei Ver- dunkelung Eigentumsdelikte auszuführen, zu einer gewaltigen Steige- rung der Verbrechen geführt. Wenn in jedem Keller die besten und wertvollsten Dinge in den Luftschutzkoffern griffbereit standen, konnte mancher nicht der Versuchung widerstehen, nach solchen zu greifen und sie sich anzueignen. Oder wenn in den verdunkelten Bahnhofs- hallen lange Reihen von hochaufgetürmten Packwagen mit Passagier- gut völlig unbewacht. auf den Bahnsteigen herumstanden, war es für manchen verlockend, sich schnell eines vornehmen Lederkoffers zu bemächtigen. Freilich waren dann oft Sachen darin, die der Koffer- dieb gar nicht verwenden konnte. So erwischte einer das Inventar einer Tänzerin: Spitzenröckchen, feinste Wäsche, Puderdosen, Lippenstifte und andere Theatertoiletten. Wütend warf er sie in eine Ecke des Bahn- hofs, wurde dabei beobachtet, verhaftet, und es kostete ihm den Kopf. Der Mangel an geschulten Polizeimännern, die ja meist an oder hinter den Fronten standen, war wiederum ein Anlaß zu nicht allzu riskanten Einbrüchen. So vollführten zwei junge Burschen, die als Spezialarbeiter in einem Kriegsbetrieb uk.(unabkömmlich) gestellt waren, in vier Monaten nicht weniger als 72 nachweisbare Einbrüche in Kaufhäusern, Lebensmittelgeschäften und Luxusläden, ohne daß es ihre ehrbaren Eltern ahnten und die Polizei sie ertappte. Was ihre „Bräute“ sich wünschten: Wäsche, Skianzüge und-ausrüstung, Radios, Pelzmäntel, Schmucksachen, Grammophone, Weine, Süßigkeiten und andere Mangelwaren, das wurde in der darauffolgenden Nacht„organi- 53 siert‘. Sie gingen zuletzt so dreist vor, daß sie in den Geschäftsräumen hinter den verdunkelten Fenstern bei strahlendem Lichte ihre Orgien feierten, große Gelage abhielten und Tanzereien veranstalteten und nur der Umstand, daß eine der Dirnen auf eine andere eifersüchtig war und das ganze zur Anzeige brachte, machte diesem Tun ein Ende. Auch die Feldpostpäckchen-Marder schossen wie Pilze empor. Es fehlte bei den Postämtern ebenfalls an dem geschulten, verantwortungs- bewußten Personal. Unzählige Männer und Frauen wurden für den Postdienst kriegsverpflichtet, und manche von ihnen benutzten die man- gelnde Aufsicht und stahlen den draußenstehenden Soldaten die Päck- chen, deren Inhalt sich die Angehörigen vom Munde abgespart hatten. Weniger gravierend erscheint es, wenn Pakete, die von der„Front“ kamen, verschwanden. Da trug z. B. eine dienstverpflichtete Postbotin ein Paket nach dem andern zu einer Kriegersfrau, deren Mann im be- setzten Frankreich stand und unentwegt die herrlichsten Dinge in die Heimat sandte: Stoffe, Schokolade, Kaffee, Seifen, Parfüms und dgl., die doch kaum alle redlich erworben waren. Und so vergriff sich die Postbotin auch einmal an solch begehrenswerten Artikeln.... Oder es befand sich im Postamt ein großer Korb, worin unbestellbare, weil völlig beschädigte Feldpostpäckchen aufgestapelt wurden. Ein seit Jahrzehnten tätiger unbescholtener Beamter, in dessen Vorzimmer solch ein Korb stand, entnahm davon einige aufgerissene, mit unleserlicher Anschrift versehene Tabakpäckchen und wurde deswegen geköpft! Eine empfindliche Strafe und dazu Degradierung dieses Mannes hätten sicher auch genügt..... Noch sehe ich ihn vor mir sitzen in der Armensünder- zelle, den Geflügeldieb, klein, schmächtig, mit Tränen in den Augen. Er hatte seinen schlecht bezahlten Arbeitsplatz viele Kilometer fern von seinem Wohnsitz und kam nur über Sonntag mit der Eisenbahn nach Hause. Sonst mußte er einen für ihn kostspieligen Doppelhaushalt führen. Daheim waren fünf oder sechs Kinder im Alter von ein bis fünfzehn Jahren. Weil er vorbestraft und der Partei politisch verdäch- tigt war, bekam die Familie keine Unterstützung, so daß er noch in seinem Abschiedsbrief schrieb:„Alles, weswegen ich jetzt die harte Strafe büßen muß, habe ich Euch zu Hause, um Euere Not zu lindern, getan. Denn Ihr wißt, daß uns niemals aus der wirtschaftlichen Not geholfen wurde, wie wir uns bei der NSV. und Winterhilfe bemüht und um nur kleine Notunterstützung beworben haben und immer abge- wiesen wurden. Not kennt kein Gebot, und so trieb mich die Not, meiner 56 | lieben Familie zu helfen, zu meinen Handlungen...“ Er hatte in Bauernhöfen Hühner und Gänse gestohlen und sie nicht etwa selbst verzehrt, sondern in einer Wirtschaft um mäßige Bezahlung verkauft. Und weil dies„unter Ausnützung der Verdunkelung“ geschah— als wenn es je in einem Bauern- oder gar Hühnerhof elektrische Bogen- lampen gegeben hätte!— wurde er als Kriegsverbrecher hingerichtet. — Es wäre sicherlich besser gewesen, wenn man solche Leute, beson- ders die jungen unter ihnen, ins Feld hinausgesteckt hätte, vielleicht zu besonders gefährlichen Unternehmungen oder daheim zur Entschär- fung der Blindgänger nach Fliegerangriffen benützt, als solch kräftige Gestalten einfach zu köpfen. Sie hätten sich dann noch nützlich er- weisen und manch hoffnungsvollem, ehrenwertem Soldaten das Leben erhalten können. Ein besonderes Kapital bildeten die Psychopathen und Menschen mit schlechter Erbmasse, die man„liquidierte‘. Sie hatten meist ein trauriges Elternhaus, kamen aus den verschiedensten Fürsorgeanstalten oder aus einem Milieu voller Laster und Verführung, so daß man sich über ihre Taten nicht zu wundern brauchte. Aber konnten sie, statt getötet, nicht irgendwo verwahrt und zu fruchtbringender Arbeit im Moor oder sonstwo verwendet werden? Wer wäre bei ähnlicher Er- ziehung und erblicher Belastung nicht auch gestrauchelt? Nun aber galt das Leben nichts und sollte alles ‚„abgeräumt‘ und ausgerottet werden. Aber allzu scharf macht schartig! Die Todesstrafe schreckte durch- aus nicht mehr ab, sie war ja an der Tagesordnung. Dabei hoffte jeder Übertreter, daß er nicht ertappt würde, sondern„Glück“ habe. Die allzu oft ausgesprochene und angewandte Todesstrafe führte vielmehr dazu, daß man die Angehörigen der Hingerichteten nicht mehr, wie früher, mied, sondern allgemein bemitleidete. Es wurde ihnen kondo- liert, als wenn die Familie eines ihrer Glieder durch einen besonderen Unglücksfall beraubt worden wäre. Und das nicht etwa bei politischen Fällen, wo dies ganz selbstverständlich und völlig berechtigt ist, sondern bei kriminellen Vergehen. Wie sollte dann noch solch eine Justizmaß- nahme hindernd und heilsam wirken? Wie sich schwere und minder schwere Verbrecher auf ihr letztes Stündlein bereiteten und über ihr Schicksal und ihre Entwicklung äußerten, sollen nun einige Proben aus ihren Lebensbeschreibungen und Abschiedsbriefen deutlich machen: Ein„schwerer Junge“ schreibt: „An alle, die auf falschem Weg sind oder die noch immer an unserem Heiland oder an unserer Religion zweifeln. Drei Stunden vor meinem Tod. Unterzeichneter fühlt sich veranlaßt, in all den schweren Erfahrungen, die ich in meinem jungen Leben schon gemacht habe, zu bezeugen, wie dankbar ich bin für die Seelsorge und Bücher, die mich in meinen letzten Wochen über alles Schwere hinweg und wieder zu meinem Heiland gebracht haben. Vor allem möchte ich für die Bücher dankbar sein, die ich zu lesen bekam. Z.B.„Willst du gesund werden“ und „Verwandlung“ von Funke. Dann noch die Lebensbeschreibungen von großen und christlichen deutschen Männern und noch andere neben der Bibel und dem Gesangbuch. Ich sterbe jetzt im Glauben, daß auch ver- lorene Söhne von unserem Heiland angenommen werden.“ Ein anderer„Volksschädling“ hinterläßt folgendes Vermächtnis: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände, Du hast mich erlöst, Du treuer Gott. Amen. In meiner letzten Lebensstunde möchte ich manchen warnen vor dem Alkohol, denn nur durch diesen ist es so weit gekommen, daß ich auf diese Weise mein junges Leben lassen muß. Immer wieder wollte ich mich bessern, aber weder Dachau noch das Moor in... ver- mochten mich davor zurückzuschrecken, denn so oft ich wieder trank, habe ich wie besinnungslos wieder schlecht gehandelt. Wohl sterbe ich jetzt versöhnt mit Gott, nachdem ich das hl. Abendmahl empfangen, aber ich möchte jeden nochmals vor dem Trunke warnen. N.N.“ Abschiedsworte einer Lohndirne: „Liebe Eltern! Nun muß ich doch sterben. Bitte helft mir doch! Verzeiht mir bitte! Warum helft ihr mir nicht? Bitte, bitte helft mir! Muß dies nun sein? Warum hat mich Gott verlassen? Mutter, warum bist Du nicht noch einmal gekommen? Warum habt Ihr mich nun verlassen? Gibt es keine Gerechtigkeit mehr? Wenn doch der... nur ehrlich gewesen wäre und hätte die ganze Wahrheit gesagt. Mutter, ich hab Dir doch gesagt, daß er mich durch den Ring dazu gezwungen hat und daß ich dann Angst hatte, weil er mir doch gedroht hatte. Ist dies noch nicht genug?.... in.... kann es Dir doch bezeugen, daß er mich immer geschlagen hat. Ich habe ja doch nur einmal gesagt wegen der Strümpfe, daß ich gerne welche hätte, aber in meinem 58 an vor ren zu in em bar and von der wermich vor ich ollte verank, ich gen, Och! mir! rum nun tter, gen atte. daß sagt nem Leichtsinn habe ich das alles nicht so überlegt und nicht bedacht, daß dies solche Folgen hat. Er hat mir ja auch die Bedenken immer zerstreut. Aber da wußte ich noch nicht, daß er einbrechen tut. Als mich die... über ihn aufklärte, war es schon zu spät. Ich frug ihn danach und er gab es zu. Als ich ihm sagte, daß ich dies nicht will, da lachte er mir frech ins Gesicht und sagte, daß er dies schon öfter tue, wenn ich ihn aber anzeige oder im Stich lasse, würde er sich schon rächen. Ich hatte ja solche Angst. Er schlug mich dann. Ich hatte ja sonst niemand und zu Euch wollte ich nicht, denn immer zu Hause die Vorwürfe konnte ich nicht ertragen. Dies soll aber kein Vorwurf sein,... wußte, daß ich ihn so gern hatte und hat mich deshalb auch so geschlagen, daß ich mir einmal das Leben mit seinem Rasiermesser nehmen wollte, wenn er es mir nicht in der letzten Sekunde aus der Hand geschlagen hätte. Ach, wäre es doch damals um mich geschehen! Dann brauchte ich dieses nicht alles durchmachen... Sein zweites Wort war immer: wenn du dies nicht tust, dann schreibe ich alles deinen Eltern. Davor hatte ich solche Angst. Aber heute lieber dies, als was in ein paar Stunden ist. Heute denke ich anders über alles. Heute weiß ich, daß ich nur Mittel zum Zweck war. Aber nun ist alles vorbei. Ich habe Gott angefleht, mir zu helfen. Ich will ja gerne Tag und Nacht arbeiten, aber nur leben. Wiẞt Ihr, was dies heißt? Ich habe alles bitter bereut und möchte gern alles wieder gut machen. Ach, wenn ich dies nur könnte! Ich will Euch jetzt Lebewohl sagen. Mutter, könntest Du doch einmal mir noch über die Haare streicheln, wie wohl täte mir dies! Sind ja hier alle so gut gewesen. Frau Oberin gibt mir immer wieder und auch jetzt einen guten Zuspruch. Aber es ist ja nicht die Mutter. Ich möchte so gerade hinausschreien. Ach, wenn doch ein Wunder geschehen tät! Ich würde Gott ewig danken und würde alles tun, wenn ich doch nur noch leben dürfte. Lebt wohl, ihr Eltern mein, es hat nicht anders sollen sein. Ich muß nun gehen in den Tod in all meinem Kummer und Not. Leb wohl, du allzu schöne Welt, ich will nun sterben wie ein Held. Vorbei sind dann Angst und Pein, und ich werde nicht mehr sein. Dies habe ich gerade noch vor meinem Tod selbst gedichtet. Lebt wohl! Ich möchte ja gerne Euch noch einmal sehen. Aber leider geht's nicht. Lebt wohl!" 59 Dieselbe schrieb noch ganz zuletzt: „Meine letzte Lebensstunde und meine innere Einstellung zu Gott. Gott ist etwas Unergreifbares und doch Fühlbares. Jetzt setze ich all mein Vertrauen auf Gott, und er wird mir die nötige Kraft zum Sterben geben. Trotzdem ich Gott jetzt ganz ver- traue, habe ich doch noch vorher an Ihm gezweifelt. Nun ist alles gut. Alles geht vorüber, und doch bleibt etwas Überirdisches bestehen, und dies ist Gott. Ich habe viel gezweifelt, aber nun vertraue ich ihm ganz. Das letzte Abendmahl hat mich ganz beruhigt, und ich bin zum Sterben vollkommen vorbereitet. Ich habe mein ganzes Vertrauen auf Gott ge- setzt. Er wird mein letztes Stündelein helfen tragen. Jung an Jahren— mußte ich schon erfahren Das Unglück mein— Gott aber hilft mir aus der Pein, Nur nicht verzagen— Er hilft mir mein Leid tragen. Und sollt es nicht mehr geh’n— Will ich auf Christi Kreuz seh’n. Er wird mir helfen aus der Not, Denn mit Ihm geht es tapferer in den Tod.“ So verwunderlich es ist, immer wieder einmal formten sich in den letzten Lebensstunden die Gedanken der Todgeweihten zu Versen. Ein etwa A4o-jähriger ‚„Gewohnheitsverbrecher“ schrieb dem Geistlichen ganz spontan folgendes Gedicht auf und versah es mit einer Dankes- widmung: Gefunden. Meine Seele ging einsam in herber Qual Zum Lande der Sonne durch’s finstere Tal. Sie hungert’ und fror und der Weg war so weit Und niemand gab ihr ein freundlich Geleit. Im Winde ihr schmerzlich Klagen verweht: „Ist keiner, keiner, der mit mir geht, Will keiner mein Hort und Führer sein, Will keiner mich lieben, ich bin so allein?‘ Doch keiner bot ihr die schützende Hand Und einsam schritt sie durch ödes Land. Da kam eine Stimme:„Du höre mir zu, Auch ich bin allein und krank so wie du, 60 Auch ich irr allein und hab dich so lieb, Dein ganzes Leben, dich selber, mir gib!" Meine Seele jauchzet dem Freunde zu: ,, Ich folge dir, mein Befreier du." Dann schritt sie erlöst an des Freundes Hand Hin zu dem fernen Sonnenland." Ein jugendlicher Luftschutzkeller- Einbrecher widmet Eltern und Schwester ein allerdings recht holperiges Abschiedsgedicht, aus dem folgende Verse stammen: 93° Meine Lieben, Lieben, verzeiht mir, den Kummer, den ich Euch gemacht, die Reue darüber verzehrt mich schier, doch vergeßt diese schlimme Nacht! Mein liebstes, liebstes Schwesterlein, nun muß ich für immer geh'n, doch bleibt meine Seele stetig dein, bis wir uns einst wiederseh'n!..." Der Verfasser des Gedichtes ,, Gefunden" verabschiedet sich von seinen Eltern: ,, Liebe Eltern! Nur noch wenige Stunden trennen mich vom Tode. Angesichts dessen bitte ich Euch von Herzen um Verzeihung. Glaubt mir, daß ich nicht im vollen Bewußtsein gehandelt habe oder absichtlich den Namen, den ich trug, mithin auch den Euren, besudelt habe. Was mich zu dieser Tat getrieben hat, weiß ich nicht. Eines aber fühle ich jetzt: tiefe Reue und gerne möchte ich alles ungeschehen machen, leider zu spät. So will ich denn auch heute mit Kraft und Mut das mir auferlegte Schicksal tragen und die letzten Stunden in Reue und Gebet, gestärkt mit dem heiligen Abendmahl, verbringen. Ich glaube, daß auch der liebe Gott mir gnädig ist und sich meiner annimmt. Vergebt mir, meine Lieben, allen Kummer, den ich Euch bereitete und denkt ohne Zorn an Eueren buẞfertigen und reuevollen Sohn..." Zumeist waren es Psalmen und vor allem die Kreuz- und Trostsowie die Sterbelieder des Gesangbuches, die zum Tode bereiteten und die Kraft für den letzten Gang verliehen. Schon wochenlang waren sie auswendig gelernt worden und bis zuletzt wurden sie immer wieder gebetet. Wie viele starben mit dem Liedervers auf den Lippen: 61 „Mein Gott, ich bitt’ durch Christi Blut, mach’s nur mit meinem Ende gut!“ Mancher auch mit dem Psalmwort: „Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Auch in die Abschiedsbriefe wurden solche Trostverse eingefloch- ten. Wie oft wurde den Angehörigen die Wahrheit des Verses aus dem Sterbelied ‚‚O Welt, ich muß dich lassen...‘“ bestätigt, der bezeugt: „Ob mich gleich hat betrogen die Welt, von Gott abzogen durch Schand’ und Büberei, will ich doch nicht verzagen, sondern mit Glauben sagen, daß mir meine Sünd’ vergeben sei.“ Und wir meinen, wer so und mit solcher Gewißheit stirbt, der stirbt wohl. Ein Kofferdieb zitiert den Vers: „Wir ziehen heim in Herrlichkeit, Willst du mit? Willst du mit? Millionen sind schon vorangeeilt von Sündenschuld und Sorg’ befreit, dich zu empfangen schon bereit. Willst du mit? Willst du mit?“— Besonders ergreifend war es, wenn mehrere Frauen zugleich in der Armensünderzelle mehrstimmig das Lied„So nimm denn meine Hände und führe mich...“ singend ihrer letzten Stunde entgegenharr- ten und dann gefaßt und ruhig dem Schafott zuschritten. Oder wenn die aus dem Osten stammenden Ausländer ihre schwermütigen slawi- schen Weisen anstimmten. Da zeigte sich die todüberwindende Kraft des Christentums in einzigartiger Weise. Nur ganz, ganz selten gab es irgendwelche Szenen oder laute Auftritte— selbst die Tränen versiegten angesichts‘der Auferstehungsgewißheit:! Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken? Er, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken...‘ So schwer für den Seelsorger die endlosen Nächte in der Armen- sünderzelle waren, so erschütternd der letzte Gang und die Begleitung ‘ 62 a ZuEB: PR 1 i zum Schafott, so erhebend war doch das Bewußtsein, einem Menschen das Sterben erleichtert und den Weg in die Ewigkeit gebahnt zu haben. Ob ein gläubiger Mensch leichter stirbt als ein ungläubiger? Auch über dieses Problem konnte man an mancherlei Beispielen seine Beobachtungen machen. Ganz sicher nimmt ein Christ, der sich seiner Verantwortung gegenüber den Mitmenschen und vor allem vor Gott bewußt ist, das Sterben nicht leicht. Denn der Tod führt ihn ja vor den ewigen Richter, dessen Flammenauge auch in die verborgensten Herzenswinkel hineinsieht und hineinleuchtet, vor dem es kein Leugnen und Verdecken gibt, während für den Glaubenslosen, wenn er sein mahnendes Gewissen vergewaltigt hat, mit dem Tode alles aus und vorbei ist. Hat das irdische Leben keinen Reiz und keine Genüsse mehr für ihn, dann wirft er es leichtfertig hin und läßt es auch wenn er es nicht mehr hindern kann leichten Herzens durch andere beenden. ,, Genieß das Leben traut und schön" und hole ohne Skrupeln und Gewissensbisse aus ihm alle begehrenswerten Genüsse heraus ,,, kein Jenseits gibt's, kein Wiedersehn!" Den Beweis für solch ein leichtfertiges Sterben gebe das nachfolgende Erlebnis. - - Gauleiter und Gangster Julius Streicher als Gast bei einer Hinrichtung Im Gebiet des ,, Frankenführers" war ein in damaligen Friedenszeiten nicht alltägliches Gangsterstückchen passiert. Ein arbeitsscheuer Kerl hatte mit seiner Geliebten eine Autodroschke für eine Überlandfahrt gemietet. Als sie durch eine einsame Waldgegend fuhren, suchte der Gangster den ahnungslosen Taxichauffeur von rückwärts zu erschießen, um ihn dann mit Hilfe der Dirne seiner stattlichen Barschaft zu berauben. Der Anschlag mißlang. Der Chauffeur wurde nur leicht getroffen und konnte den Räuber überwältigen. Nun wurde kurzer Prozeß gemacht. Die Sache lag klar. Im Schnellverfahren wurde der Verbrecher früh um 9 Uhr vor Gericht geführt, mittags erhielt er das Todesurteil, abends wurde er mit dem Schnellzug nach München geschafft und sollte noch am selben Tag hingerichtet werden. Auch der Gauleiter kam mit demselben Zug. Er wollte sich die Sensation einer so schleunigst inszenierten Exekution nicht entgehen lassen. Die unvermeidliche Reitpeitsche in der Hand stolzierte er mit seinem Gefolge an. Als der Delinquent in Stadelheim eintraf, war nur noch eine Stunde bis Mitternacht, also eine nur allzu kurze Frist für seine seel65 sorgerliche Betreuung. Er hatte dazu seit dem frühen Morgen nichts mehr genossen und aß nun gierig und sturmhungrig seine ,, Henkersmahlzeit". Den geistlichen Zuspruch, für den überhaupt nur wenige Minuten noch Zeit gewesen wäre, lehnte er rundweg ab. Nicht einmal seiner Mutter wollte er mehr schreiben. Selbst der ,, Frankenführer", der ihm hierzu auch zuredete, konnte dies nicht erreichen. Vielmehr stieß der Gangster noch greuliche Flüche über seine Mutter aus, die er bezichtete, an seinem verpfuschten Leben und an diesem Ende die Schuld zu tragen. Er wolle überhaupt nur essen und tüchtig trinken, denn ,, lustig gelebt und lustig gestorben" sei seine Losung von jeher. Mit der vom Gauleiter noch extra gestifteten Flasche Starkbier prostete er Streicher zu. Und dann ging's eine Minute vor Mitternacht Richtstätte. Ob er auf die lauten Gebete des begleitenden Geistlichen doch zuletzt noch gelauscht hat? Im Beisein des Gauleiters, der sich vorher die Mechanik der Guillotine genau hatte zeigen und erklären lassen, fiel das Haupt unter dem Fallbeil. Schon damals es war vor dem Kriege kam mir der Gedanke, wie und wo wohl der sensationslüsterne ,, Frankenführer" einmal enden würde? - - - - zur Alle Teilnehmer der Exekution waren über die Frivolität des Hingerichteten tief erschüttert. Als ich nachsinnend den langen Gefängniskorridor langsam zurückschritt, holte mich Streichers Adjutant ein. Er kannte mich. Er war früher Theologe gewesen, hatte aber mit der Kirche gebrochen und war aus ihr ausgetreten, vor allem wegen ihres Festhalten am ,, jüdischen" Alten Testament. Nun hatte ihn doch der ganze Vorgang tief beeindruckt. Er gestand mir, daß ihm dabei ein Bibelwort wieder in der Erinnerung aufgetaucht sei, das von dem Henkertod ungehorsamer Kinder rede- aber er könne es nicht mehr zusammenbringen. Ich erwiderte ihm: ,, Es lautet:„ Ein Auge, das den Vater verspottet, und verachtet, der Mutter zu gehorchen, das müssen die Raben am Bache aushacken und die jungen Adler fressen." Und dieses Wort steht in dem von Ihnen so verachteten Alten Testament!" Ein anderes Ende: - ,, Ich wurde am... zu.. geboren. Meine erste Jugendzeit verlebte ich im Elternhaus. Vom 6. bis 14. Lebensjahr besuchte ich die Volkshauptschule zu... Anschließend daran trat ich in einer Firma als Schlosserlehrling ein und lernte am... aus. Auf Grund der damals herrschenden Arbeitslosigkeit wurde ich dann erwerbslos, was mich 64 Gefängnis Stadelheim Der Hinrichtungsraum 5 Todeskandidaten 65 99 66 schließlich auch zu meiner ersten Straftat führte. Nach Verbüßung derselben ging es dann mit mir weiter abwärts, so daß ich nun unter dem Schafott enden muß. Ich möchte nun hier jeden einzelnen Menschen bitten, mir einige Minuten Gehör zu schenken. Warum ich soweit gekommen bin, hat seinen Grund nur darin zu suchen, weil ich das Beten verlernt und damit die innere Verbindung mit Gott verloren habe. Es gibt im Leben wohl nichts Schlimmeres, als Beten zu wollen und nicht mehr zu können. Ich möchte daher jedem einzelnen zurufen: , Haltet an am Gebet!' Es glaubt wohl mancher, daß es für ihn zu spät sei. Nein, zur Umkehr ist es nie zu spät, und unser Herr Jesus Christus nimmt jeden, und mag er noch so sehr in der Sünde stecken, an und vergibt ihm. Deshalb möchte ich, daß mein Ruf, den ich hier in meinen letzten Stunden schreibe, nicht ungehört verhallen möge, sondern daß derselbe eindringen möge in die Herzen und dieselben öffnen. Es wird vielleicht mancher denken oder auch sagen: Ja warum hat er sich dann in seinem Leben nicht zu seinem Heiland gehalten? Ja warum? Weil mir das Leben und die Welt lieber war und vor allem, weil ich das Beten verlernt hatte. Deshalb ging es ja mit mir auch immer weiter abwärts. Doch nun habe ich hier in meiner Einsamkeit das Beten gelernt und damit zu meinem Gott wieder gefunden und vor allem das felsenfeste Vertrauen, daß mir meine Sünden vergeben werden, und dies macht mir meine letzte Stunde und meinen letzten Gang leicht. Und möchte ich nochmals jedem einzelnen zurufen, wenn er vor der Wegkreuzung zum Guten oder Bösen steht: Kehre um, gehe nicht die breite Straße der Lust, sondern den schmalen Weg der Buẞe, wenn es auch schwer fällt, aber es wird doch immer zu deinem Nutzen, sein! Und nun will ich schließen und somit nochmals jedem einzelnen zurufen: Bleibt standhaft im Gebet, so kann euch nichts anfechten, denn die Welt kann euch das nicht geben, was euch für die Ewigkeit notwendig ist! In diesem Sinne rufe ich nochmals: ,, Haltet an am Gebet...!" In meiner Todesstunde N. N." Ein erschütternder Rückblick: ,, Meine liebe Mutter! Eben habe ich erfahren, daß die heutige Nacht meine letzte ist. Ich möchte Dir darum noch einmal schreiben. Liebe Mutter, vor allem möchte ich Dir hier an dieser Stelle noch einmal für alle Deine große mütterliche Liebe, welche Du mir besonders im letzten Jahr während meiner Haft hast angedeihen lassen, danken. EINER VOM DEUTSCHEN WIDERSTAND e с נ ב T , h h m " ge n. D- TS n. DIE LETZTEN BRIEFE DES GRAFEN HELMUTH JAMES VON MOLTKE Helmuth James von Moltke, der Schreiber der hier veröffentlichten Briefe, geboren im Jahre 1906, war der älteste Sohn des Grafen Helmuth von Moltke und ein Urgrossneffe des Feldmarschalls der Bismarckzeit. Der alte Feldmarschall( der selbst mit einer Engländerin verheiratet war) hatte für seine Dienste in den Jahren 1864, 1866 und 1870 den Grafentitel und eine grosse Dotation erhalten, mittels der er das Rittergut Kreisau bei Schweidnitz in Schlesien erwarb. Er war kinderlos, und nach seinem Tode ging das Fideikommiss auf seinen Neffen, General Wilhelm von Moltke, über, den älteren Bruder des deutschen Generalstabschefs von 1914. Im Jahre 1902 war Jessie Rose- Innes, die Frau von James Rose- Innes, der kurz darauf zum Obersten Richter von Transvaal ernannt wurde, mit ihrer 18- jährigen Tochter Dorothy nach Europa gekommen. Da sie nicht wussten, wohin, annoncierten sie in einer deutschen Zeitung, die der alten Gräfin Moltke in die Hand kam. Sie lud die beiden Damen nach Kreisau ein. Der älteste Sohn des Grafen war bei ihrer Ankunft nicht zuhause, erschien aber bald darauf und traf die Gäste bei Tisch. Nach der Familienchronik verlobte er sich mit Dorothy innerhalb einer Woche. Sie heirateten im Jahre 1905. Jahr starb auch Graf Wilhelm; sein Sohn übernahm das Rittergut. Im gleichen Schon in seiner Referendarzeit hatte er, tief aufgerührt durch die sozialen Wirkungen der Arbeitslosigkeit, eine führende Rolle bei der Organisation von Arbeitslagern gespielt, in denen beschäftigungslose junge Menschen mit Altersgenossen jeder Klasse zusammentreffen und lernen konnten, das Leben auch vom Standpunkt des anderen aus zu sehen. Hier fand zum ersten Male eine Idee Ausdruck, die in Moltkes ganzem Denken eine beherrschende Stellung einnehmen sollte, nämlich die Überzeugung von der Notwendigkeit, in Deutschland eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamer selbstloser Zielsetzung aufzubauen, um bei schwierigen Lagen ein klar durchdachtes Handeln in gegen1 sch sel Scl bit ge Be ha un , H se ni ve let de vi se L le D d V n n C I a S h 1 ] seitigem Einvernehmen zu ermöglichen. Als die Nazis zur Macht kamen, ergriffen sie von den Lagern Besitz und bauten darauf den Reichsarbeitsdienst auf, wobei sie noch obendrein den Ruhm für sich beanspruchten, dass die ganze Idee von ihnen stamme. Im Jahre 1931 heiratete er Freya Deichmann, die er als Student kennen gelernt hatte, eine Frau, die ihres Mannes würdig war. Der Umsturz Es versteht sich von selbst, dass sein ganzes Leben durch Hitlers Machtergreifung 1933 bis in seine Wurzeln berührt wurde. Man wusste von ihm allgemein, dass er Anschauungen huldigte, die man als radikal im besten Sinne des Wortes bezeichnen kann, obwohl seine Feinde auf der Rechten es vorzogen, sie fälschlich ,, kommunistisch" zu nennen. Die Nazis sahen in ihm einen entschlossenen Gegner, der nach Name und Charakter zur Führung der Menschen berufen war, die sich ihrem Regime widersetzten. Die Zeit brannte ihm äusserlich ihre Male ein. Während sich seine früheren Bekannten seiner als eines vergnügten, unbekümmerten Mannes erinnerten, fanden ihn viele, die ihn erst später trafen, zunächst streng, ja sogar abweisend. Niemals kam ihm der Gedanke eines Kompromisses in den Sinn. In der Erkenntnis, dass es einen langen schweren Kampf zu führen gelte, empfand er die Notwendigkeit, mit den verfügbaren Mitteln haushälterisch umzugehen. Die richterliche Laufbahn, die er ursprünglich einschlagen wollte, war ihm von 1933 ab natürlich verschlossen. So liess er sich, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, in Berlin als Anwalt für internationales Recht nieder. Von den jüdischen Anwälten, die früher auf diesem Gebiet gearbeitet hatten, war eine grosse Zahl in die Emigration oder ins Gefängnis gewandert oder hatte sich von der Praxis zurückgezogen, sodass er zahlreiche Klienten fand. Aber in der Zeit von 1933 bis zum Kriege setzte er seinen Stolz darein, Juden und anderen Nazigegnern, die Deutschland verlassen wollten, zu helfen und ihnen Genehmigungen zu verschaffen, um einen Teil ihres Besitzes zu retten. Um sich der Atmosphäre des Dritten Reichs zeitweilig entziehen zu können, kam er auf die Idee, sich als englischer Barrister eintragen zu lassen, da die Notwendigkeit der Teilnahme an offiziellen ,, Dinners" es ihm ermöglichte, häufig nach London zu kommen. Bei seinen Unterhaltungen in England liess Moltke niemals den geringsten Zweifel über das unvermeidliche Ergebnis der Nazipolitik bestehen ,, Ihr in England", sagte er einmal ,,, streitet euch nur darüber, ob es zu einem neuen Krieg kommt. Wir in Deutschland reden nur davon, wann er kommt." Körperlich wie geistig ragte er über seine Umgebung hinaus. Er war in höchstem Masse Realist, erfasste schnell das Wesentliche an jeder Situation. Ein feines Gefühl für Werte befähigte ihn, im Leben die Spreu vom Weizen zu sondern und ohne Schwanken den besseren Weg zu wählen. 2 60 99 ב t S . s e er I, Ch ls n d. en In g- So als en, in der der nd nd zu zu zu es cerber ngem er r in tuaшом len HELMUTH JAMES VON MOLTKE 3 Kriegsdienst Bei Kriegsausbruch wurde Moltke eingezogen und als Sachverständiger für internationales Recht dem Oberkommando der Wehrmacht( OKW) zugeteilt. Mit der Zeit hatte er auch wirtschaftliche Fragen zu bearbeiten. Diese Aufgaben berechtigten ihn, sich über fremde Länder informiert zu halten und gelegentlich ins neutrale Ausland zu reisen. Man weiss, dass es innerhalb des OKW Gruppen von Offizieren gab, die aus verschiedenen Motiven bereits 1938 begonnen hatten, Pläne für ein aktives Vorgehen gegen das Naziregime zu schmieden. Obgleich Moltke über ihre Pläne ständig unterrichtet war, hielt er sich von einer zu engen Verbindung mit ihnen zurück und wahrte seine unabhängige Haltung. Er lernte dabei den Träger eines anderen grossen Namens kennen, Peter Yorck von Wartenburg. Während Moltke durch seine englischen und südafrikanischen Verbindungen international zu denken gelernt hatte, legte Yorck hohen Wert auf die deutschen Traditionen, in denen er gross geworden war. Keiner der beiden Männer hatte jedoch irgendeinen Zweifel am endgültigen Schicksal des Nationalsozialismus; sie erwarteten eine Katastrophe, die ganz Deutschland verschlingen würde. Aber beide hielten es für wichtiger, Vorbereitungen für die Zeit danach zu treffen, die sie mit all ihrer Not, ihren Seuchen und ihrem Sterben kommen sahen, als die Katastrophe selbst zu beschleunigen. Beide erkannten, dass. der Nazismus nicht nur eine militärische Bedrohung des Friedens, sondern ein verpestender Giftstoff sei. Eine Reinigung sei nur zu erhoffen, wenn die Konsequenzen, zu denen der Nazismus führte, mit genügender Wucht praktisch demonstriert würden. Sie sahen die wichtigste Aufgabe in der Lösung der nach seinem Sturz sich ergebenden Probleme. Wenn der Krieg durch eine innere deutsche Revolte verloren würde, dann gäbe es keine überzeugende Antwort auf die Behauptung der nachträglichen Verteidiger des Nazi- Systems, dass der Krieg, nur infolge der mangelnden Einigkeit des deutschen Volkes mit einer Niederlage geendigt habe, wie das die Anhänger der ,, DolchstossLegende" nach 1918 behauptet hatten. Moltke und Yorck waren einsichtig genug, um zu erkennen, dass sie nicht so sehr mit einem Regime, als mit einer Pervertierung des menschlichen Geistes im Kampfe standen, die durch die Niederlage nicht notwendigerweise beseitigt würde. Ihre Nachkriegspläne gingen davon aus, dass man eine in sich geeinte Grundlage der in Deutschland noch vorhandenen gesunden Elemente schaffen müsse, damit nach dem Sturz des Regimes eine einzige Gruppe da sei, um an seine Stelle zu treten, fähig und bereit zur Übernahme der Regierungsverantwortung. Infolgedessen musste man zunächst einmal zu einer Art von Verständigung zwischen allen Elementen gelangen, die hauptsächlich die christlichen Kirchen, die Arbeiterklasse und das Berufsbeamtentum umfassten. Unter grossen Schwierigkeiten wurde 4 a g ka St V d N Im letzten Ja 66 www allmählich Verbindung mit einem bunten Kreis von Menschen aufgenommen, die aus allen Teilen Deutschlands und allen Schichten kamen. Die ersten systematischen Aussprachen fanden im Somer 1940 statt. Aus Sicherheitsgründen arbeitete man meistens in kleinen Gruppen, von denen sich jede auf eine bestimmte Aufgabe konzentrierte und mit der Hauptgruppe durch einen einzigen Referenten Verbindung hielt. Die Mitglieder der einzelnen Gruppen kannten in der Regel nur ihre unmittelbaren Mitarbeiter; es war für Moltke bezeichnend, dass sein Name einer der wenigen war, die in der Organisation allgemein bekannt waren. Die Diskussionen in den Gruppen wurden hauptsächlich in Berlin und München geführt, wobei gelegentlich Besprechungen an anderen Orten( z.B. in Fulda) stattfanden. Aber in einem bestimmten Stadium ergab sich die Notwendigkeit, die einzelnen Stücke des Plans zusammenzufügen, und zu diesem Zweck lud Moltke bei drei Gelegenheiten ( Pfingsten 1942, Oktober 1942 und Pfingsten 1943) alle führenden Persönlichkeiten ein, ihn über das Wochenende in Kreisau zu besuchen. Bei diesen Zusammenkünften wurden Pläne nicht für den Sturz der Naziregierung, sondern für die Aktion ausgearbeitet, die unternommen werden müsste, wenn das Unvermeidliche eintreten sollte. Man einigte sich dabei auch über die allgemeinen Grundsätze, auf denen ein neues Deutschland beruhen müsse. Die Dokumente, in denen diese Pläne niedergelegt wurden, sind erhalten. Im einzelnen stand im Mittelpunkt der Pläne die Ernennung besonderer Kommissare( Landesverweser) für jedes Gebiet, die durch eine Vereinbarung zwischen allen an der Planung Beteiligten bestimmt werden, aber für eine Übergangszeit gewisse Vollmachten haben sollten. Diese Vorschläge sind ausgesprochen praktischer Natur und im deutschen Verfassungsrecht fest verankert. Ein anderes interessantes Dokument sieht die Aburteilung und Bestrafung der Kriegsverbrecher durch den Internationalen Gerichtshof im Haag vor, ein Schritt auf dem Wege zur allgemeinen Anerkennung der Souveränität des Rechts in den internationalen Beziehungen. Verhaftung und Prozess Gleichzeitig mit dieser allgemeinen Tätigkeit nahm die Opposition Moltkes und vieler anderer Mitglieder seines Kreises praktischere und direktere Formen an. Die allgemeine Linie seiner Arbeit ist in einem Brief an einen Freund in England aus dem Jahre 1942 niedergelegt, der nachstehend abgedruckt ist. Drei bereits bekannte, spezifische Beispiele seien gleichfalls angeführt. Bei einer Gelegenheit kam er dahinter, dass drastische Massnahmen gegen die dänischen Juden vorbereitet wurden; eine von ihm nach Kopenhagen gegebene Warnung ermöglichte es vielen von den in Aussicht genommenen Opfern, aus dem Land rechtzeitig zu entkommen. Durch eine ähnliche Warnung rettete er einmal dem norwegischen Bischof Berggrav das Leben. Und kurz nach der Invasion Nordafrikas durch die Alliierten erfuhr er, 5 49 67 99 66 dass die Nazibehörden sich mit der Absicht trugen, alle auf Seite der Alliierten kämpfenden Franzosen als Landesverräter zu behandeln, was die Erschiessung all derer bedeutet hätte, die in Gefangenschaft gerieten. Er sorgte dafür, dass diese Nachricht die Alliierten erreichte und dass die deutschen Behörden erfuhren, dass dieser Plan den Alliierten bekannt war. Dann legte er eine Denkschrift vor, in der er auf die schweren Nachteile hinwies, die sich für Deutschland ergäben, falls die Alliierten Vergeltung üben sollten, mit dem Ergebnis, dass der Plan fallen gelassen wurde. Es war humanitäres Wirken dieser Art, das ihn zuerst in ernste Ungelegenheiten brachte. Im Januar 1944 warnte er einen Mann, den die Gestapo suchte. Der Mann wurde gefasst und machte unter Druck Aussagen, die zu Moltkes Verhaftung führten. Die Sache wurde jedoch nicht als sehr ernst angesehen; er wurde nicht misshandelt, durfte seine eigenen Kleider tragen, und es gelang ihm, alle Spuren seiner weiter reichenden Pläne zu verbergen. Anfangs Juli sprachen die Polizeibehörden, als wäre seine Freilassung jeden Augenblick zu erwarten; unglücklicherweise war das am 20. Juli noch nicht der Fall. Wie bereits erwähnt, hatte sich die Kreisauer Gruppe unter Moltkes Einfluss von Widerstandsbewegungen in der Armee ferngehalten; sie zog aus den bereits dargelegten Gründen vor zu warten, bis der unerbittliche Gang der Ereignisse zum Sturz der Nazis führen würde. Selbst innerhalb der Gruppe kam es dieserhalb zu häufigen Auseinandersetzungen. Von 1942 an war diese starre Haltung soweit gelockert, dass die Verbindung mit der Offiziersgruppe um von Stauffenberg, einen Vetter Peter Yorcks, hergestellt werden konnte; der wichtigste Mittelsmann war der junge Graf Schulenburg. Kurz nach Moltkes Verhaftung vertraten die Offiziere noch nachdrücklicher die Auffassung, dass ganz Deutschlands Zukunftsaussichten in Gefahr seien, wenn Hitler weiter an der Macht bleibe, und dass deshalb so bald als möglich alles getan werden müsse, um ihn zu beseitigen. Die übrigen Mitglieder der Kreisauer Gruppe liessen sich in den folgenden Monaten zu dieser Auffassung bekehren, mit dem Ergebnis, dass die meisten von ihnen in verhängnisvoller Weise in die Verschwörung verwickelt wurden. Tatsächlich war die im Juli erfolgte Verhaftung zweier ihrer Mitglieder, Leber und Reichwein, einer der Faktoren, welche den endgültigen Entschluss, das Attentat auszuführen, beschleunigten. In der Hoffnung, noch weitere Kreise für ihr Unternehmen zu gewinnen, waren sie mit gewissen kommunistischen Führern zu Besprechungen zusammengekommen; es gelang einem Spitzel, der Begegnung beizuwohnen, und die Teilnehmer wurden der Gestapo gemeldet. Nach dem Misslingen des Anschlags erklärte Moltke, er hätte sich, wenn er frei gewesen wäre, der Beteiligung daran auch weiterhin widersetzt; er glaubte sogar, er hätte das Attentat überhaupt verhindern können. Auch hier bedarf seine Haltung einer Erklärung. Anstifter der Verschwörung rechtfertigten ihr Vorgehen damit, dass, 6 W de un se in M SO ib be M de da in ge Z da Y G A G A st b d 19 e M V b S R G H S e T S Die PE n wenn nicht Deutschland einen Strich unter seine Verluste zöge und zu den bestmöglichen Bedingungen Frieden schlösse, es später in einer noch ungünstigeren Lage wäre; dann aber würde es so tödlich geschwächt sein, dass es für Generationen ausserstande wäre, irgendeinen Einfluss in Europa auszuüben. Das ihnen von einem Karikaturisten in den Mund gelegte Losungswort: ,, Wenn wir nicht aus diesem Krieg schnell herauskommen, werden wir für den nächsten nicht fertig", fasst ihr Haltung in einer nicht unfairen Weise zusammen; ihr Denken bewegte sich eben in den herkömmlichen Geleisen des preussischen Militarismus. Bei Moltke war das anders. Er dachte in Begriffen des europäischen Friedens und Wohlstands und war sich darüber klar, dass eine befriedigende Regelung nur mit einem gesunden Deutschland im Herzen des Kontinents zu erreichen war. Aber unter einem gesunden Deutschland verstand er ein vom Nazismus gereinigtes und zu den Kultursitten zurückgeführtes Deutschland. Tatsächlich war der Anschlag auf Hitler für ihn eine Überraschung, da er infolge seiner Haft nichts von den Vorbereitungen wissen konnte. Yorck war mit in den Versuch verwickelt, die führenden Generale im Gebäude des OKW zu verhaften, und wurde am 8. August hingerichtet. Ausser ihm und Gerstenmeier nahm kein Mitglied der Kreisauer Gruppe an den Ereignissen des verhängnisvollen Donnerstags aktiven Anteil. Aber das half der Gruppe nichts Man fand alsbald Schriftstücke, die gewisse Mitglieder der Gruppe belasteten, und es war beinahe unvermeidlich, dass bei den nachher angestellten Ermittlungen der Name einer so im Mittelpunkt stehenden Figur, wie es Moltke war, verraten wurde; von welcher Seite die Information gegen ihn herrührte, ist nicht bekannt. Trott, Haeften und Schulenburg gehörten zu den ersten Opfern des Putsches, die hingerichtet wurden; Reichwein starb im Oktober, Leber im Dezember Moltke und verschiedene andere Mitglieder der Gruppe wurden im Januar vor Gericht gestellt; der Verlauf der Verhandlung wird in dem Brief vom 10. Januar 1945 beschrieben. Er, Delp und Haubach wurden 13 Tage später hingerichtet; Steltzer war, obwohl zum Tode verurteilt, noch am Leben, als die Russen Berlin erreichten, und entkam. Zufällig war ein Mitglied der Gruppe, Pölchau, der der Strafverfolgung und dem Verfahren entging, Gefängnisgeistlicher in Tegel bei Berlin, wo die meisten Angeklagten in Haft waren, ihm fiel die Aufgabe zu, seinen Freunden in ihren letzten Stunden Beistand und geistlichen Zuspruch zu gewähren, und ihm ist es zu verdanken, dass Moltkes letzter Brief erhalten ist. - Dann folgte noch ein Nachspiel, das an die griechische Tragödie denken lässt. Am 3. Februar 1945- 10 Tage nach Moltkes Hinrichtung führten amerikanische Luftstreitkrafte einen sehr schweren Tagesangriff auf Berlin aus Als die Sirenen ertonten, war gerade eine Sitzung des Volksgerichtshots im Gange, und aus irgendeinem Grunde unterliess es Freisler, sie sofort zu vertagen. Infolgedessen hatte er noch nicht den Luftschutzbunker erreicht, als die ersten Bomben das 7 67 99 66 Gerichtsgebäude trafen. Der Mann, der Moltke und so viele andere Deutsche verurteilt hatte, wurde auf der Stelle getötet. Der Verlauf der inneren deutschen Geschichte während des Kriegs ist zum mindesten für alle, denen die amtlichen Urkunden nicht zugänglich sind, noch lange nicht klar, und es ist noch nicht an der Zeit, über die von Helmuth von Moltke und seinen Freunden verfolgte Politik ein Urteil zu fällen. Wohl aber können schon jetzt zwei TatErstens ihre Abneigung sachen mit Sicherheit festgestellt werden. gegen ein aktives Vorgehen war nicht auf Mangel an physischem Mut oder Entschlossenheit zurückzuführen. Sie taten vieles, und zwar mit Erfolg, was ebensoviel kaltes Blut und Beherrschung erforderte wie das Zweitens es kann kein Zweifel bestehen, Anbringen einer Bombe. dass, wenn der Anschlag auf Hitlers Leben nicht unternommen worden wäre und die Kreisauer Gruppe im Frühjahr 1945 die Rolle hätte spielen können, für die sie sich ursprünglich vorbereitet hatte, die Aufgabe, ein neues Deutschland zu bauen, sehr erleichtert worden wäre. Eines der grössten Hindernisse, auf die man heute in Deutschland stösst, ist der Mangel an Deutschen, die vom Geist des christlichen Humanismus durchdrungen sind. Einer erheblichen Zahl solcher Deutschen war es gelungen, sich bis zum Sommer 1944 am Leben und von jeder Kompromittierung frei zu erhalten; das Misslingen der Verschwörung Mit an erster Stelle unter ihnen hatte ihre Vernichtung zur Folge. stand Helmuth von Moltke. A Jo G b a WICHTIGSTE MITGLIEDER DER GRUPPE KREISAU HELMUTH VON MOLTKE. PETER YORCK VON WARTENBURG. FR. ROESCH, S. J., Provinzialpater der bayrischen Jesuiten. FR. DELP, S. J., Jesuit von München. EUGEN GERSTENMAIER, Berliner Vertreter des evangelischen Bischofs von Württemberg, Wurm. HARALD POLCHAU, evangelischer Gefängnispfarrer in Tegel bei Berlin. CARLO MIERENDORFF THEO HAUBACH ADOLF REICHWEIN Sozialdemokraten. ( Anmerkung: Mierendorff kam bei einem Luftangriff im Herbst 1943 ums Leben. An seine Stelle trat JULIUS LEBER, vor seiner Verbindung mit Gördeler ein hervorragendes Mitglied der sozialdemokratischen Bewegung.) THEODOR STELTZER, Landrat in Schleswig- Holstein bis 1933, dann Generalstabsoffizier. Ein an der Einigungsbewegung aller protestantischen Kirchen stark interessierter Protestant. HANS LUKASCHECK, Mitglied der Zentrumspartei, bis 1933 Oberpräsident in Schlesien, dann Rechtsanwalt in Breslau. PAULUS VAN HUSEN, Völkerrechtler. HANS PETERS, Professor für Staatsrecht an der Universität Berlin. HORST VON EINSIEDEL, Dr. rer. pol., Beamter im Reichswirtschaftsministerium. 8 H ADAM VON TROTT ZU SOLZ. Früherer Rhodes- Scholar. War zusammen mit von Moltke und von Haeften für die Gruppe bemüht, Verbindung mit dem Ausland herzustellen. JOHANNES VON HAEFTEN, Berufsdiplomat. Die vorstehende Liste ist nicht erschöpfend; auch andere Mitglieder der Gruppe haben an den Angelegenheiten aktiven Anteil genommen. ÜBERSETZUNG EINES ENGLISCHEN BRIEFES VON HELMUTH VON MOLTKE AN EINEN FREUND IN ENGLAND( 1942) Ich will versuchen, Dir diesen Brief zukommen zu lassen, der Dir ein Bild von dem Stand der Dinge auf unserer Seite geben soll. Die Verhältnisse sind schlimmer und besser, als irgend jemand ausserhalb Deutschlands es glauben mag. Sie sind schlimmer, weil die Tyrannei, der Terror, der Verlust an Werten aller Art grösser sind, als ich es noch vor kurzem für möglich gehalten hätte. Im November betrug die Zahl der Todesurteile gegen Deutsche täglich 25 bei den Zivil- und mindestens 75 bei den Kriegsgerichten; Hunderte werden täglich in Konzentrationslagern und durch einfache Erschiessung, ohne auch nur den Vorwand eines gerichtlichen Verfahrens, umgebracht. Die ständige Gefahr, in der wir leben, ist furchtbar. Gleichzeitig ist der grössere Teil der Bevölkerung entwurzelt, zu Zwangsarbeiten irgendwelcher Art eingezogen und über den ganzen Kontinent verstreut worden, wobei man alle Bande der Natur und des Milieus gelöst und die Bestie im Menschen losgelassen hat, die jetzt regiert. Die wenigen wirklich guten Menschen, welche die Flut aufzuhalten suchen, sind isoliert, soweit sie in dieser unnatürlichen Umgebung arbeiten müssen, da sie ihren Kameraden nicht trauen können, und sie sind durch den Hass der unterdrückten Völker gefährdet, selbst wenn es ihnen gelingt, ein paar Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren. Tausende von Deutschen, die den Krieg überleben werden, werden geistig tot, unbrauchbar für normale Arbeit sein. Aber die Verhältnisse sind auch besser, als Du glauben wirst, und zwar in vielfacher Hinsicht. Das Wichtigste ist das beginnende geistige Erwachen, verbunden mit der Bereitschaft, sich notfalls töten zu lassen. Das Rückgrat dieser Bewegung sind die beiden christlichen Konfessionen, die protestantische wie die katholische. Die katholischen Kirchen sind jeden Sonntag überfüllt, die protestantischen noch nicht, aber die Bewegung ist zu erkennen. Wir versuchen, auf dieser Grundlage zu bauen, und ich hoffe, dass in ein paar Monaten greifbarere Beweise hiervon nach aussen in die Erscheinung treten. Viele Hunderte von uns werden sterben müssen, bevor diese Bewegung stark genug ist, aber heute sind sie dazu bereit. Das gilt auch von der Jugend. Ich weiss von zwei Fällen, wo eine ganze Klasse von Schuljungen, die eine 9 67 49 in einem protestantischen, die andere in einem katholischen Landesteil, beschlossen hat, sich geistlicher Führung anzuvertrauen, was vor sechs Monaten noch ganz unmöglich gewesen wäre. Aber heute beginnt einem nicht allzu zahlreichen, aber aktiven Teil der Bevölkerung ein Licht aufzugehen, nicht dass sie irregeführt worden sind, nicht dass ihnen harte Zeiten bevorstehen, nicht dass sie vielleicht den Krieg verlieren, sondern dass die Dinge, die geschehen, sündhaft, und dass sie persönlich für jede barbarische Handlung, die begangen wurde, verantwortlich sind, nicht im moralischen Sinne natürlich, aber als Christen. Vielleicht erinnerst Du Dich, dass ich in Gesprächen vor dem Krieg den Standpunkt vertrat, man brauche nicht an Gott zu glauben, um zu den Ergebnissen zu gelangen, zu denen Du gekommen bist. Heute weiss ich, dass ich unrecht hatte, durch und durch unrecht. Du weisst, ich habe die Nazis vom ersten Tage an bekämpft, aber das Mass an Risiken und Opferwilligkeit, das jetzt und vielleicht morgen von uns gefordert wird, verlangt mehr als nur die rechten sittlichen Grundsätze, besonders da wir wissen, dass der Erfolg unseres Kampfes wahrscheinlich unseren vollkommenen Zusammenbruch als nationale Einheit bedeuten wird. Aber wir sind bereit, dem ins Auge zu schauen. Das zweite grosse Aktivum, das wir langsam, aber stetig erwerben, ist folgendes: Die grossen Gefahren, denen wir gegenüberstehen, sobald wir die NS losgeworden sind, zwingen uns, uns ein Bild von dem Nachkriegseuropa zu machen. Wir können nur erwarten, dass wir unser Volk dazu bringen, diese Herrschaft des Schreckens und Grauens zu stürzen, wenn wir ihm jenseits der schreckenerregenden und hoffnungslosen unmittelbaren Zukunft ein Bild zeigen können, und zwar ein Bild, das so aussieht, dass die Menschen, die alle ihre Illusionen verloren haben, sich sagen: Es lohnt sich, danach zu streben, dafür zu arbeiten, dafür neu anzufangen und daran zu glauben. Für uns ist das Nachkriegseuropa weniger ein Problem von Grenzen und Soldaten, von überladenen Organisationen und grossen Plänen, als die Frage, wie das Bild des Menschen in den Herzen unserer Mitbürger wieder aufgerichtet werden kann. Das ist eine Frage von Religion und Erziehung, von Bindungen an Arbeit und Familie, von dem richtigen Verhältnis zwischen Pflichten und Rechten. Ich muss sagen: Wir haben unter dem unglaublichen Druck, unter dem wir arbeiten müssen, Fortschritte gemacht, die eines Tages sichtbar sein werden. Kannst Du Dir vorstellen, was es heisst, als eine Gruppe zu arbeiten, wenn Du das Telephon nicht benützen, keinen Brief aufgeben kannst, wenn Du nicht die Namen Deiner intimsten Freunde Deinen anderen Freunden nennen darfst, weil Du fürchten musst, einer von ihnen könne gefasst werden und unter Druck die Namen preisgeben? Wir stehen jetzt nach Überwindung erheblicher Schwierigkeiten in Verbindung mit den christlichen Gruppen in den verschiedenen besetzten Gebieten ausser Frankreich, wo es, soviel wir sehen können, keine wirklich effektive Opposition auf fundamentaler Grundlage, sondern 10 nu ein ge un di W ve S SO I W fi S S 99 66 nur auf der Basis gelegentlicher Tätigkeit gibt. Diese Menschen sind einfach wundervoll und sind für uns, da sie so Vielen neues Vertrauen geben, ein Zuwachs an Stärke. Natürlich ist ihre Stellung leichter als unsere; bei ihnen fallen auch für einfache Gemüter die sittliche und die nationale Pflicht zusammen, während bei uns ein offensichtlicher Widerstreit der Pflichten gegeben ist. Glücklicherweise konnte ich die Tätigkeit meiner englischen Freunde verfolgen, und ich hoffe, sie halten alle den Kopf hoch. Das schwerste Stück Wegs liegt noch vor uns, aber nichts ist schlimmer, als unterwegs schlapp machen. Bitte vergiss eines nicht: Wir vertrauen darauf, dass Ihr die Sache durchsteht, ohne zu wanken, und wir sind bereit, das Wenige zu tun, das wir tun können. Und dann vergiss nicht, dass es für uns ein sehr bitteres Ende geben wird, wenn Ihr durch alles hindurch seid. Wir hoffen, Ihr seid Euch darüber im klaren, dass wir bereit sind, Euch zu helfen, den Krieg und den Frieden zu gewinnen. Stets Dein H. v. M. BRIEF HELMUTH VON MOLTKES AN SEINE FRAU NACH DER VERURTEILUNG Berlin, den 10. Januar 1945 Mein Liebes, denk mal, wie schön, dass ich noch einmal hier nach Tegel zurückgebracht worden bin, dass die Würfel, deren Fall schon genau feststeht, sozusagen auf der Kante noch einmal halten. So kann ich noch in Frieden einen Bericht schreiben. Erst einmal den Schluss vorweg: Um 3 Uhr etwa verlas Schulze, der keinen üblen Eindruck machte, die Anträge: Moltke: Tod und Vermögenseinziehung, Delp desgl., Gerstenmaier Tod, Reisert und Sperr desgl., Fugger 3 Jahre Zuchthaus, Steltzer und Haubach abgetrennt. Dann kamen die Verteidiger, eigentlich alle ganz nett, keiner tückisch. Dann das Schlusswort der Angeklagten, wobei ich als einziger verzichtete. Eugen war, wie ich am Schlusswort merkte, etwas unruhig. Nun kommt der Gang der Verhandlung. Alle diese Nachrichten sind natürlich verboten. Es war in einem kleinen Saal, der zum Brechen voll war. Anscheinend ein früheres Schulzimmer. Nach einer langen Einleitung von Freisler über Formalien- Geheimhaltung, Verbot des Mitschreibens etc., verlas Schulze die Anklage und zwar nur den kurzen Text, der auch im Haftbefehl stand. Dann kam Delp dran, mit dem seine beiden Polizisten vortraten. Die Verhandlung spielte sich so ab: Freisler, den Hercher sehr richtig beschrieben hat: begabt, genial und nicht klug und zwar alles drei in der Potenz, erzählt den Lebenslauf, man bejaht oder ergänzt, und dann kommen diejenigen Tatfragen, die ihn interessieren. Da schneidet er aus dem Tatbestand eben Dinge heraus, die ihm passen und lässt andere weg. Bei Selp fing er damit an, wie er Peter und mich kennen gelernt hat, was zuerst in Berlin besprochen ist, und dann kam Kreisau Herbst 43 dran. Auch 11 99 66 - hier die Form: Vortrag von Freisler, in den man Antworten, Einreden, eventuell neue Tatsachen einbauen kann; besteht aber die Möglichkeit, dass man damit den Duktus stören könnte, so wird er ungeduldig, Der Aufbau zeigt an, dass er es doch nicht glaubt, oder brüllt einen an. für Kreisau so: zuerst waren es allgemeine Erörterungen mehr grundsätzlicher Art, dann wurde der praktische Fall der Niederlage erörtert, und zum Schluss wurden Landesverweser gesucht. Die erste Phase möge noch angehen, obwohl überraschend sei, dass alle diese Besprechungen ohne einen einzigen Nationalsozialisten stattfanden, dafür aber mit Geistlichen und lauter Leuten, die sich später am 20.7. beteiligt hätten. Die zweite Phase aber sei bereits schwärzester Defaitismus allerdunkelster Art. Und das Dritte offene Vorbereitung zum Hochverrat. Dann kamen die Münchener Besprechungen dran. Das stellte sich zwar alles als viel harmloser heraus, als es in der Anklage stand, aber es hagelte Pflaumen gegen die katholischen Geistlichen und gegen die Jesuiten Zustimmung zum Tyrannenmord- Mariano, usw. Das alles mit uneheliche Kinder, Deutschfeindlichkeit usw. Gebrüll mittlerer Art und Güte. Auch die Tatsache, dass Delp bei den Besprechungen weggegangen war, die in seiner Wohnung stattfanden, wurde ihm als echt ,, jesuitisch" zur Last gelegt: ,, Gerade dadurch dokumentieren Sie ja selbst, dass Sie genau wussten, dass da Hochverrat getrieben wurde, aus dem Sie gerne das Köpfchen mit der Tonsur, den geweihten, heiligen Mann heraushalten wollten. Der ging derweil wohl in die Kirche, um dafür zu beten, dass das Komplott auch in Gott wohlgefälliger Form gelänge." Dann kam Delps Besuch bei Stauffenberg dran. Und schliesslich die am 21.7. erfolgte Mitteilung Sperrs, dass Stauffenberg ihm Andeutungen über einen Umsturz gemacht habe. Bemerkenswert in der Die beiden letzten Punkte gingen glimpflich ab. ganzen Vernehmung, dass in jedem zweiten Satz von Freisler irgendwie vorkam: ,, der Moltke- Kreis" ,,, Moltkes Pläne"," gehört auch zu Moltke" usw. Als Rechtsgrundsätze wurden verkündet: ,, Der Volksgerichtshof steht auf dem Standpunkt, dass eine Verrattat schon der begeht, der es unterlässt, solche defaitistischen Äusserungen wie die von Moltke, wenn sie von einem Mann seines Ansehens und seiner Stellung geäussert werden, anzuzeigen."- ,, Vorbereitung zum Hochverrat begeht schon der, der hochpolitische Fragen mit Leuten erörtert, die in keiner Weise dafür kompetent sind, insbesondere nicht mindestens irgendwie der Partei angehören." ,, Vorbereitung zum Hochverrat begeht jeder, der sich irgendein Urteil über eine Angelegenheit anmasst, die der Führer zu entscheiden hat."- Vorbereitung zum Hochverrat begeht, der zwar selbst jede Gewalthandlung ablehnt, aber Vorbereitungen für den Fall trifft, dass ein anderer, nämlich der Feind, die Regierung mit Gewalt beseitigt, dann rechnet er eben mit der Gewalt des Feindes." Und so ging es immer weiter. Daraus gibt es nur einen Schluss: Hochverrat begeht, wer dem Herrn Freisler nicht passt. Dann kam Sperr. Der zog sich aus der Kreisauer Affaire - 12 دو - mit Recht ein wenig auf meine Kosten دو - einigermassen heraus. Es wurde ihm aber folgendes vorgehalten:, Warum haben Sie nicht angezeigt? Sehen Sie, wie wichtig das gewesen wäre: Der Moltke- Kreis war bis zu einem gewissen Grade der Geist des ,, Grafen- Kreises", und der wieder hat die politische Vorbereitung für den 20. Juli gemacht. Denn der Motor des 20. Juli war ja keineswegs Herr Goerdeler, der wahre Motor steckte in diesen jungen Männern. Sperr im ganzen freundlich behandelt. Nun Reisert. Er wurde sehr freundlich behandelt. Er hat drei Besprechungen mit mir gehabt, und es wurde ihm vor allem zur Last gelegt, dass er nicht schon nach der ersten bemerkt hätte, dass ich ein Hochverräter und schwerer Defaitist sei, und dann noch zwei andere Besprechungen mit mir gehabt hätte. Ihm wurde vor allem der Vorwurf gemacht, nicht angezeigt zu haben. Schliesslich Fugger. Der machte einen sehr guten Eindruck. Er war eine Zeitlang elend gewesen und hatte sich nun wieder erholt, war bescheiden, sicher, hat keinen von uns belastet, sprach nett bayerisch und hat mir noch nie so gut gefallen wie gestern. Ganz ohne Nerven, während er hier immer schreckliche Angst gehabt hatte. Er gab sofort zu, dass, nachdem was ihm heute gesagt worden sei, ihm klar sei, dass er hätte anzeigen müssen, und er wurde so gnädig entlassen, dass ich gestern Abend dachte, er würde freigesprochen werden. Hingegen war auch in den anderen Vernehmungen der Name Moltke immerzu zu hören. Wie ein roter Faden zog sich das durch alles durch, und nach den oben angeführten ,, Richtsätzen" des Volksgerichtshofes war ja klar, dass ich umgebracht werden sollte. Die ganze Verhandlung wird durch das Mikrophon auf Stahlbänder für das Archiv aufgenommen. Du wirst sie Dir also, solltest Du Lust dazu haben, später einmal vorspielen lassen können, Man tritt vor den Tisch, die beiden Polizisten mit, die sich rechts und links auf die beiden Stühle setzen. Für Reisert und mich wurden sofort und ohne dass wir fragten, ein Stuhl bereit gestellt. Schulze, Freisler und Berichterstatter in roten Roben. Typisch nur ein Vorfall. Aus irgend einem Grunde wurde ein Strafgesetzbuch gebraucht, weil Freisler was daraus vorlesen wollte. Es stellte sich aber heraus, dass keines aufzufinden war. Nun kommt der zweite Tag. Da fing es mit mir an. Im milden Ton ging es los, sehr schnell, sozusagen rapid. Gottseidank, dass ich flink bin und Freislers Tempo spielend mitmachte. Das machte übrigens sichtlich uns beiden Freude. Aber wenn er das bei einem Mann exerziert, der nicht ganz schnell ist, so ist der verurteilt, ehe er bemerkt hat, dass Freisler die Personalien hinter sich gelassen hat.- Bis einschliesslich der Besprechung mit Goerdeler und meiner Stellung dazu, durchaus glatt und ohne viel Aufhebens. Dann kam mein Einwand, Polizei und Abwehr hätten davon gewusst. Da bekam Freisler Tobsuchtsanfall Nr. 1. Alles, was Delp zuvor erlebt hatte, war einfach nur Spielerei dagegen. Ein Orkan brach los, er hieb auf den Tisch, lief so rot an wie seine Robe und tobte: ,, So etwas verbitte ich mir, 13 66 so etwas höre ich mir garnicht an." Und so ging das immerfort. Da Ich ich ohnehin wusste, was rauskam, war mir das alles ganz gleich. sah ihm eisig in die Augen, was er offenbar nicht schätzte, und plötzlich konnte ich nicht umhin zu lächeln. Das ging nun zu den Beisitzern, die links und rechts von Freisler sassen und zu Schulze. Den Blick von Schulze hättest Du sehen sollen; ich glaube, wenn ein Mensch von der Brücke über den Krokodilteich im Zoo herunterspringt, so kann der Aufruhr nicht grösser sein. Na schön, damit war das Thema erschöpft. Nun kam aber Kreisau. Und da hielt er sich nicht lange bei den Präliminarien auf, sondern steuerte schnurstracks auf zwei Dinge los: a) Defaitismus, b) das Aussuchen von Landesverwesern. Über beides neue Tobsuchtsanfälle gleicher Güte, und als ich mit der Verteidigung dritter kam, das alles sei aus dienstlicher Wurzel hervorgegangen Tobsuchtsanfall: alle Behörden Adolf Hitlers arbeiten auf der Grundlage des Sieges, und das ist im OKW nicht anders wie wo anders. So etwas höre ich mir garnicht an, und selbst wenn es nicht so wäre, so hat eben jeder einzelne Mann die Pflicht, selbständig den Siegesglauben zu verbreiten. Und so in langen Tiraden. - Nun kam aber die Quintessenz: Wer war denn da? Ein Jesuiten. pater! Ausgerechnet ein Jesuitenpater! Ein protestantischer Geistlicher, 3 Leute, die später wegen Beteiligung am 20. Juli verurteilt worden sind. Und kein einziger Nationalsozialist. Kein einziger. Und da will ich doch nur sagen: ,, Nun ist aber das Feigenblatt ab." Ein Jesuitenpater, und ausgerechnet mit dem besprechen Sie Fragen des zivilen Widerstandes. Und den Jesuitenprovinzial, den kennen Sie auch. Und der war auch einmal in Kreisau. Ein Jesuitenprovinzial, einer der höchsten Beamten von Deutschlands gefährlichsten Feinden, der besucht den Grafen Moltke in Kreisau. Und da schämen Sie sich nicht. Kein Deutscher kann doch einen Jesuiten auch nur mit der Feuerzange anfassen. Leute, die wegen ihrer Haltung von der Ausübung des Wehrdienstes ausgeschlossen sind. Wenn ich weiss, in einer Stadt ist ein Jesuitenprovinzial, so ist das für mich fast ein Grund, gar nicht in die Stadt zu gehen. Und der andere Geistliche. Was hat der dort zu suchen? Die sollen sich ums Jenseits kümmern, aber uns hier in Ruhe lassen.- Und Bischöfe besuchen Sie. Was haben Sie bei einem Bischof, bei irgendeinem Bischof verloren? Wo ist Ihre Befehlsstelle? Ihre Befehlsstelle ist der Führer und die NSDAP. Für Sie so gut wie für jeden andern Deutschen, und wer sich seine Befehle in noch so getarnter Form bei den Hütern des Jenseits holt, der holt sie sich beim Feind und wird so behandelt werden. Und so ging das weiter. Aber das war in einer Tonart, der gegenüber die früheren Tobsuchtsanfälle noch wie das sanfte Säuseln eines Windes waren. - Ergebnis der Vernehmung gegen mich"- denn zu sagen ,, meiner Vernehmung" wäre Quatsch ganz Kreisau und jede dazu gehörige Teilunterhaltung ist Vorbereitung zum Hochverrat. Ja richtig, das muss ich noch sagen: nach diesem Höhepunkt ging 14 I | | | | \ 2 Ei es in fünf Minuten zum Schluss: die Unterredungen in Fulda und München, das alles kam überhaupt nicht mehr dran, sondern Freisler- meinte, das können wir uns wohl schenken und fragte:„Haben Sie noch etwas zu sagen?“ Worauf ich nach einigem Zögern leider— erwiderte:„Nein‘, und damit war ich fertig. Nun geht es in der Zusammenfassung weiter. Wenn die anderen Leute, deren Namen vorgekommen sind— übrigens nicht in der Ver- handlung, denn nachdem die Sache so lief, haben wir uns alle gehütet, auch nur noch einen Namen zu nennen— noch nicht verhaftet sind, so vielleicht als quantit€ negligeable. Werden sie aber verhaftet, und haben sie irgendeine Kenntnis gehabt, die über die rein gesellschaftliche Unterhaltung über solche Fragen hinausgeht, oder die diese Fragen in Zusammenhang mit einer möglichen Niederlage bringen, so müssen sie mit Todesstrafe rechnen: Letzten Endes entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet. dem inneren Sachverhalt und zeigt, dass Freisler eben doch ein guter ‚politischer Richter ist. Das hat den ungeheuren Vorteil, dass wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a) getan haben und b) sich lohnt. Aber dass ich als Märtyrer für den heiligen Ignazius von Loyola sterbe— und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich— ist wahrlich ein Witz, und ich “ zittere schon vor dem väterlichen Zorn von Papi, der doch so anti- katholisch war. Das andere wird er billigen, aber das? Auch Mami wird wohl nicht ganz einverstanden sein.\ (Eben fällt mir noch etwas zum Tatbestand ein. Mich fragte er: „Sehen Sie ein, dass Sie schuldig sind?‘“ Ich sagte im wesentlichen: „Nein.“ Darauf Freisler:„Sehen Sie, wenn Sie immer noch nicht erkennen, wenn Sie immer noch darüber belehrt werden müssen, dann zeigt das eben, dass Sie anders denken und damit sich selbst aus der kämpfenden VolksgemMeinschaft ausgeschlossen haben.‘““) Das Schöne an dem so aufgezogenen Urteil ist folgendes: wir haben keine Gewalt anwenden wollen— ist festgestellt. Wir haben keinen einzigen organisatorischen Schritt unternommen, mit keinem einzigen Mann über die Frage gesprochen, ob er Einen Posten übernehmem wolle— ist festgestellt. In der Anklage stand es anders. Wir haben nur gedacht und zwar eigentlich nur Delp, Gerstenmaier und ich, die anderen galten als Mitläufer und Peter und Adam als Verbindungsleute zu Schulenburg etc. Und vor dem Gedanken dieser drei einsamen Männer, dem blossen Gedanken, hat der Nationalsozialismus eine solche Angst, dass er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will. Wir sind nach dieser Verhandlung aus dem Goerdeler-Mist raus, wir sind aus jeder praktischen Handlung raus, wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben. Freisler hat recht, tausendmal recht, und wenn wir schon umkommen müssen, dann bin ich allerdings dafür, dass wir über dieses Thema fallen. y- Ich finde, und nun komme ich zum Praktischen, dass diese Sache 15 richtig aufgemacht, sogar noch ein wenig besser ist, als der berühmte Fall Huber. Denn es ist noch weniger geschehen. Es ist ja nicht einmal ein Flugblatt hergestellt worden. Es sind eben nur Gedanken, ohne auch nur die Absicht der Gewalt. Die Schutzbehauptungen, die wir alle aufgestellt haben: Polizei weiss, dienstliche Ursache, Eugen hat nichts kapiert, Delp ist immer gerade nicht dabei gewesen, die muss man streichen, wie sie auch Freisler mit Recht gestrichen hat. Und dann bleibt übrig ein Gedanke: womit kann im Chaos des Christentums ein Rettungsanker sein. Dieser eine einzige Gedanke fordert morgen wahrscheinlich 5 Köpfe, später noch die von Steltzer, Haubach und wohl auch Husen. Aber dadurch, dass in der Verhandlung das Trio eben Delp, Eugen, Moltke heisst und der Rest nur durch ,, Ansteckung" dies trägt, dadurch dass keiner dabei ist, der etwas anderes vertrat- keiner, der zu den Arbeitern gehörte, keiner, der irgendein dadurch, dass festgestellt ist, dass ich weltliches Interesse betreute grossgrundbesitzfeindlich war, keine Standesinteressen, überhaupt keine eigenen Interessen, ja nicht einmal die meines Landes vertrat, sondern menschheitliche, dadurch hat Freisler uns unbewusst einen ganz grossen Dienst getan, sofern es gelänge, diese Geschichte zu verbreiten und auszunutzen. Und zwar m.E. im Inland und draussen. Durch diese Personalzusammenstellung ist dokumentiert, dass nicht Pläne, nicht Vorbereitungen, sondern der Geist als solcher verfolgt werden soll. Vivat Freisler. - Das auszunutzen, ist nicht Deine Aufgabe. Da wir vor allem für den heiligen Ignazius sterben, sollen seine Jünger sich drum kümmern. Aber Du musst ihnen diese Geschichte liefern, und wen sie von Wurms Leuten zuziehen, ist gleich. Am besten wahrscheinlich Pressel. Ich berede das morgen noch mit Pölchau. Kommt es raus, dass Du diesen Brief empfangen und weitergegeben hast, so wirst Du auch umgebracht. Tattenbach muss das klar auf sich nehmen und im Notfall sagen, er Gib dies Exemphabe es von Delp mit der letzten Wäsche bekommen. lar nicht aus der Hand, sondern nur eine Abschrift, und bei der muss sofort so übersetzt werden, dass es von Delp stammen kann, also bei ihm in der 3. Form. ho de si m fe le B be un Se tä L er al Ja ka m in Bu wa als wo pla er ka Ra be gr inn fer Vo sie kar das sch zur Ver z.Z. Wiesbaden, 22.8.45. So, das ist dieser Teil, der Rest kommt gesondert. EIN BRIEF DES PFARRERS PÖLCHAU AN DEN SCHWAGER DES GRAFEN MOLTKE Lieber Herr Deichmann, Herr von Gävernitz gibt mir die Möglichkeit, Ihnen zu schreiben, da er meint, Sie hätten über Helmuths Tod noch gar keinen Bericht bekommen. Ich hatte gehofft, Freya selbst jetzt in Berlin zu sehen, 16 09 66 Di hörte aber nur, dass sie mit den Söhnen in die Yorckssche Wohnung in der Hortensienstr. ziehen wolle und auch Mario und Mutho in Berlin sich niederlassen wollten. Ich nehme an, dass Freya ihren Briefwechsel mit Helmuth hat retten können, diese schönen und wichtigen Dokumente fester und getroster Herzen. Helmuth hat unter der Spannung gelitten, leben zu wollen und auch immer noch an eine gewisse Chance für eine Begnadigung glauben zu können und zugleich stündlich für den Tod bereit zu sein; auf der einen Seite machte er Pläne für weitere Gesuche und Interventionen bei Himmler und seinen Leuten, auf der andern Seite hatte er den Abschied vollzogen und vollzog ihn ständig in all den täglichen Briefen, die er mit Freya wechselte. Eine Spannung, die im Laufe der relativ langen Zeit fast über das hinausging, was ein Mensch ertragen kann. Zweimal kamen auch als Reaktion schwere Depressionen, aber er überwand sie und wurde darin nur reifer und tiefer. Er wuchs ja in diesen Monaten immer tiefer in das Christentum hinein und kämpfte sich immer wieder durch, das, was Unglück, Politik oder menschliche Bosheit heissen konnte, als Gottes Hand zu sehen und so innerlich zu überwinden. Er las in den letzten Monaten kein anderes Buch als Bibel und Gesangbuch. Besonders in diesem entdeckte er wahre Schätze an Tiefsinn und Trost und liess Freya daran teilnehmen. Am 23.1. war ich noch gegen 11 Uhr bei ihm und tauschte Briefe, als ich dann gegen 1 Uhr noch einmal rasch in seine Zelle hineinschauen wollte, wie ich es meistens tat, war die Zelle leer. Man hatte ihn plötzlich nach Plötzensee überführt. Als ich gleich dort anrief, war er noch nicht da, wurde aber jeden Augenblick erwartet, und mein katholischer Kollege Buchholz, dessen Namen Sie vielleicht jetzt im Radio gehört haben, er ist jetzt Stadtrat in Berlin, erklärte, sich gleich bereit, in das Todeshaus hinüber zu gehen. Er konnte ihn noch grüssen und hat Freya dann berichtet, dass er ganz gefasst, ja mit einer inneren Heiterkeit seinen letzten Weg gegangen ist, fertig zum Sterben, fertig mit dem Abschied von seinen so sehr geliebten Söhnchen und von Freya, die er ja noch zweimal hatte sehen dürfen. Einmal konnten sie auch noch zusammen das heilige Abendmahl feiern. - Ich hoffe sehr, Sie gelegentlich einmal wieder zu sehen, vielleicht kann ich Ihnen dann noch ausführlicher erzählen. Ich freue mich, dass Sie damals bei uns waren und ich Ihnen nicht wie einem Fremden schreiben muss. Sie wissen, dass Helmuth mir in diesen Monaten zum nächsten Freunde geworden war und sein Tod auch mir den Verlust eines Bruders bedeutet. In herzlicher Verbundenheit Ihr Pölchau Diese Veröffentlichung ist z. T. der Vierteljahrsschrift..Round Table", London, entnommen. 17 H. N. Brailsford JAWAHARLAL NEHRU UND ,, DIE ENTDECKUNG INDIENS" Aus der Wochenschrift The New Statesman and Nation", London 99 Jawaharlal Nehru ist Vize- Präsident der interimistischen Regierung des freien Indien. In seiner Person hat sein Land nach fast zwei Jahrhunderten der Fremdherrschaft die Ausübung seines Willens wiedergewonnen. Er schrieb im Gefängnis ein Buch ,,, Die Entdeckung Indiens", und das Datum unter dem Vorwort ist einer der letzten Tage des vorigen Jahres. So schnell ist er von der Machtlosigkeit zur Macht aufgestiegen. An meinen ersten Eindruck von ihm erinnere ich mich lebhaft. Es war vor vielen Jahren, auch damals war er in Haft. Mir wurde gestattet, ihn im Turm einer alten Mogulenfestung zu sehen. Sein rascher Schritt fiel mir auf, sein athletischer Wuchs und die Schnelligkeit seiner Reflexe während unseres Gesprächs. Dies, fühlte ich, war ein Mann, den die Natur zu Tat und Abenteuer geschaffen hatte, obgleich sie ihn auch zum feinsinnigen Redner und zum Künstler begabt hatte, der an der Umwelt seine Freude hat. Es mag besinnliche Gelehrte geben, die sich ziemlich leicht ans Gefängnisleben gewöhnen können, wenn sie Bücher und 18 Papier haben. Aber Nehru ist trotz seiner Liebe für Literatur und Wissenschaft seinem Temperament nach mehr ein Kämpfer und ein Volksführer als ein Büchergelehrter. Im Gefängnis wandte er sich der Geschichte zu, wie andere vor ihm. Im Gefängnis konnte Nehru nicht mehr das Panorama von Indiens Bergen und Flüssen sehen, das er liebte. Nur Indiens Monde kamen und gingen über sein Gesichtsfeld, wie er uns an einer schönen und rührenden Stelle seines Buches sagt. Im Garten, in dem er graben durfte, geschah es manchmal, dass sein Spaten Fragmente der Vergangenheit des Landes ans Licht brachte, einmal eine feingeschnitzte Lotosblume, dann wieder das Fundament eines ehemaligen Galgenbaumes. Bewusst und methodisch ging er ans Werk, sich aus den Schätzen seines Gedächtnisses das Bild der grossen Mutter Indien zu erbauen, um deretwillen er gefangen war. Die Entdeckung Indiens ist keine förmliche Geschichte, obgleich das Buch fünftausend Jahre umfasst. Es ist eher ein Versuch, den heiligen Faden zu entdecken, der 5 S I e S Liebe Mutter, ich weiß wohl, daß ich Dir in meinem Leben viel Kummer und Leid bereitet habe; aber, Mutter, sieh' einmal an, immer wieder habe ich Dir doch auch schöne Stunden bereitet. Ich möchte nun hier einmal ganz kurz mein vergangenes Leben überblicken und daran feststellen, wie ich eigentlich soweit gekommen bin. Mutter, Du entsinnst Dich wohl an... Ich habe während meines Hierseins einmal richtig über die Zeit meines Lebens nachgedacht und bin zu der Überzeugung gekommen, daß eigentlich der Mann, der mich zum Lügen und Betrügen angehalten hat, die eigentliche Ursache war, daß es soweit mit mir gekommen ist. Denn schließlich war ich damals gerade im Alter von 9 bis 10 Jahren, wo man am aufnahmefähigsten ist. Na, dann kam die Zeit meiner Schulentlassung und mit ihr die Lehrjahre. Mutter, Du weißt ja selbst, wie ich damals war. Anschließend die Arbeitslosigkeit; Dir ist wohl noch in Erinnerung, was ich während dieser Zeit mitgemacht habe. Ich glaube nun nicht, daß diese Zeit dazu angetan war, einen günstigen Einfluß auf mich auszuüben. Als ich wieder Arbeit erhielt und endlich wieder einmal ein menschenwürdiges Dasein, wäre ja nun alles gut gewesen, aber was dann kam: die Weiber! Mutter, glaube mir, oft und oft habe ich mir gesagt, werde ein anderer Mensch, aber leider war ich im gegebenen Augenblick dann immer wieder zu schwach dazu. Nun, liebe Mutter, dann ging es mit mir immer weiter abwärts trotz allen guten Vorsätzen, aber das kann ich Dir versichern: nie habe ich, wenn ich was gemacht habe, vorsätzlich gehandelt und auch nie zu meinem Vorteil, sondern immer habe ich dann alles an die Frauen hingewendet und das, liebe Mutter, war mein Unglück. Nur allein durch meinen Umgang mit Frauen bin ich so weit gekommen, daß ich nun sterben muß. Liebe Mutter, ich bitte Dich nun noch einmal für all das Leid und den Kummer um Verzeihung. Glaube mir, es ist mir dies alles herzlich leid. Ich habe immer bereut, was ich getan habe. Hätte ich nur besser auf Dich gehört, dann wäre das bestimmt mit mir nicht so weit gekommen. Aber leider war meine Leidenschaft immer stärker als meine guten Vorsätze. Nun muß ich eben dafür büßen. Doch glaube mir, liebe Mutter, ich werde bei meinem letzten Gang standhaft und stark sein. Ich werde im Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, der für uns sündige Menschen sein teueres Blut zur Vergebung unserer Sünden hingegeben hat, sterben, und diese Gewißheit, daß Er auch für mich gestorben ist, macht mir meinen letzten Gang leicht. 49 67 68 88 Liebe Mutter, ich bitte Dich von ganzem Herzen, bleibe stark! Sieh an, wenn ich im Felde stehen würde, könnte ich auch schon lang tot sein. Liebe Mutter, schließlich müssen wir ja alle einmal sterben, und die Hauptsache ist dabei dann doch, daß wir uns vorher mit unserem Gott ausgesöhnt haben. In diesem Sinne, meine liebe Mutter, möchte ich Dir nun ein letztes, Lebe wohl!' zurufen. Bleibe stark und harre aus, denn Du sollst doch noch einen recht frohen Lebensabend genießen. Also, noch einmal, meine liebe Mutter:, Sei fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, halte an am Gebet!' Nun zum letzten Mal, lebe wohl, meine liebe, gute Mutter! Eben kommt Pfarrer... und hilft mir in der letzten Nacht und auch bei meinem letzten Gang.. Vater und Sohn finden sich in der Todeszelle 66 - Mit einer Art Idylle schließe dieses traurige Kapitel, das leicht erweitert werden könnte. Der Vater war ein älterer Bahnbediensteter. Jahrzehntelang hatte er treu und redlich seine Pflicht getan und einwandfrei seinen schlichten Dienst versehen, sodaẞ er sogar befördert wurde zu einem Vertrauensposten. Und das wurde sein Verhängnis. Er bekam die Aufsicht über die Leute, die Feldpostsendungen umzuladen hatten. Aber als die Raucherkarten immer magerer wurden und für seine Tabakleidenschaft gar nicht mehr ausreichten, da vergriff sich der Herr Aufsichtshabende an den verlockenden Päckchen zuerst an einigen wenigen, dann an immer mehreren, bis er entdeckt wurde. Seine Tat war umso gravierender als er ja selbst immer wieder darauf hinzuweisen hatte, welch strenge Strafe auf Feldpostraub stand. Und nun kam er als Todeskandidat nach Stadelheim und zog- da der Raum immer enger wurde zu zwei jüngeren Leidensgenossen in eine Todeszelle. Kaum hatte sich der eine von diesen vorgestellt, da rief der Neuhinzukommende überrascht und staunend aus: ,, Du bist ja mein Sohn, den ich im Leben noch nie gesehen habe!" Es stellte sich heraus, daß vor über zwanzig Jahren ein Liebesverhältnis mit dessen Mutter bestand, das nicht ohne Folgen blieb. Die beiden kamen dann auseinander, jedes von ihnen verheiratete sich anderwärts und nun trafen sich plötzlich Vater und Sohn an diesem schaurigen Ort. Und doch war es ein großer Trost für die beiden. Sie aßen aus einer Schüssel und kamen sich immer näher, sie trösteten sich gegenseitig, sie hofften miteinander auf Begnadigung und sie sind dann beide ,, zu fällig“ am selben Tage den letzten Gang geschritten, auch hier ein- ander stützend und stärkend, aufrecht und standhaft, versöhnt mit Gott und den Menschen zum— wer will es bezweifeln?— Vater im Himmel. 10. Kapitel Zum Tode verurteilte SS-Männer Die von den SS-Gerichten verurteilten SS-Männer wurden in Sta- delheim nur verwahrt, bis ihr Todesurteil von Himmler bestätigt wurde, was oft viele Monate dauerte. Dann wurden sie von SS-Leuten abgeholt, ins Lager Dachau oder Freimann gebracht und dort nach 2 Stunden vor versammelter Mannschaft erschossen— ohne vorher geistlichen Zu- spruch und Sakramentsempfang zu erhalten. Mancher hat mir verspro- chen, noch in seiner letzten Stunde zu schreiben, und einige haben dies auch getan. Mit SS-Feldpost erhielt ich folgende zwei Briefe aus den Jahren 1940 und 1942: „Sehr geehrter Herr Pfarrer! Um mein Ihnen gegebenes Verspre- chen einzulösen, will ich Ihnen hier noch ein paar Zeilen schreiben. Um 8.30 Uhr ist es nun beendet. Ich tue diesen letzten Gang ganz gefaßt und habe nur eine Sorge um meine Mutter. Wenn es nicht unbescheiden von mir ist, so möchte ich Sie bitten, ihr ein paar Zeilen zu schreiben und ihr mitzuteilen, daß ich aufrecht und tapfer war und ihr als meinen letzten Wunsch mitzuteilen, daß sie genau so sein soll. Ich danke Ihnen für den Trost, den Sie mir in meinen letzten Lebenstagen gegeben haben und scheide mit dem Glauben an ein besseres Leben im Jenseits. Ihre.« Der andere Abschiedsbrief, dessen Schreiber aus der Kirche aus- getreten war, lautete: „Sehr geehrter Herr Pastor! Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich nicht mehr auf dieser Welt. Es treibt mich, Ihnen nochmals für alles zu danken, was Sie mir in den letzten drei Wochen draußen in Stadel- heim getan haben. Durch Ihre Hilfe konnte ich zu einer inneren Ruhe kommen. Sie haben mitgeholfen, daß ich nicht an mir selbst verzweifelt bin, sondern eingesehen habe, daß alles noch seine höhere Bestimmung hat. Ich kann Ihnen aus innerster Überzeugung gestehen, daß ich nicht verzweifelt oder hoffnungslos in den Tod gehe, sondern mit der Hoff- nung und dem Gedanken, daß meine Seele in den nun für mich kom- 69 menden Regionen geläutert wird, und ich, d. h. meine Seele, zwar auf dieser Welt, aber doch nicht in alle Ewigkeit verloren ist. Ich nehme Abschied von dieser Welt, in der ich nichts Gutes vollbringen konnte, hoffe aber in ein neues Stadium einzutreten, in welchem es mir gelingt, eine sittliche Persönlichkeit zu erreichen. Und zwar mit dem Gedanken: Herr, vergib mir armen Sünder und nehme mich auf! Und nun nochmals vielen Dank für Alles, was Sie an mir getan haben. N. N.“ Der Verfasser dieses Briefes hatte vorher in Stadelheim folgendes Bekenntnis niedergeschrieben: „Was mir Gott bedeutet... Wenn man mit neunzig Prozent Gewißheit den Tod vor Augen sieht, dann sucht man fieberhaft, um einen Halt zu finden, einen Trost und so vieles mehr. Ich habe in meinem Leben auch schon gerungen, das zu erkennen, was über uns Menschen ist, uns das Schicksal bringt etc. Meine Großmutter hat mich immer und stets auf Gott gewiesen. Hier sei das Heil, die Liebe und die Gnade, wenn du Gott und Jesum Christum dich verkaufst und dienst. So die Worte meiner Großmutter. Ich habe mich insofern damit vertraut gemacht, als ich die Sonn- tagsschule besuchte, gerne mit anderen, auch theologisch geschulten Menschen über göttliche Fragen diskutierte und von mir aus— ohne auf Konfessionen gestützt mich verlassend— den richtigen Weg zu Gott zu finden versuchte. Ich ging jedoch nicht aus, mit dem Herzen zu suchen, sondern vernunfts- und verstandesgemäß Gott zu finden. Auf dieser Basis habe ich gearbeitet. Ich konnte alles verstehen, konnte es vernünftig finden, was Gott durch Jesus an uns getan hat, aber ich hatte nie eine innere Regung, mich Christus zu Füßen zu werfen, ihm die Dienste anzutragen. Dazu kam bei mir, daß ich furchtbar schlechte Eigenschaften oder Triebe in mir hatte. Ich wollte gerne und wirklich festen Willens ein anderer werden, die Triebe abschütteln, aber es gelang mir nicht, im Gegenteil, ich bin so tief gesunken als Sklave meiner Triebe, daß die Menschen. mich zum Tode verurteilten. Dies alles gab meinem Suchen nach Gott oder nach dem rechten Weg zu Gott schwere Hindernisse. Freilich jetzt, in der Einsamkeit der Zelle, in Anbetracht des Todes, wird mein menschliches Herz von der Stimme des Gewissens besonders in stillen und tätigkeitslosen Abendstunden bewogen, mir ein klares Urteil darüber zu bilden, was mir der Begriff Gott ist. Ich kann 70 Be a ב r e e. 8 s D n zuversichtlich und fest sprechen: Es gibt einen Gott, es gibt ein ewiges Leben, es gibt bei Gott Gnade für die Buße Tuenden. Daran glaube ich. Aber dieser Glaube gibt mir nicht die Kraft, ruhig dem Tod entgegenzugehen. Meine eingestandene, mir persönlich eingestandene Sündenlast drückt. Denn es sind doch nicht die Straffälligkeiten, die ich begangen habe, die mich dem Verzweifeln nahe bringen, sondern die Gedanken an das Elend, Leiden und Ertragenmüssen, also an die Last, die ich meinen Eltern, Geschwistern, Großeltern und anderen Verwandten aufbürde, lassen mich vor meiner menschlichen Stumpfheit, sittlichen Minderwertigkeit erschauern. Ich muß mich fragen, wie kann ein Mensch dies tun? Und muß antworten oder dazusetzen: und dieser Mensch bin ich! Freilich der evangelisch- lutherische Glaube weiß um Vergebung der Sünden. Denn er kennt eine teuflische Macht, die das Böse dem Menschen in Herz und Sinn gibt. Durch Jesus kann der Teufel bezwungen werden, wenn man den Glauben hat, und Jesus hat den Reuigen und Buẞe Tuenden die wahrhaft glückspendende Verheißung geschworen: die Vergebung der Sünden durch Golgatha. Ich würde so gerne glauben an diese Botschaft, aber mein Herz will hier nicht sprechen, wo meiner Verzweiflung ein Hoffnungsanker gesetzt ist. Und mein Sinnen wirkt, zu denken, nach dem irdischen Tode kommt ein Seelenleben, in welchem man die Wahrheit seines irdischen Lebens erkennt und aus dieser Erkenntnis heraus abwägt Gut und Schlecht; daß man aber auch die Möglichkeit zur Buße vor Gott hat und durch eine Läuterung der Seele der Vergebung Gottes nahekommt, also ähnlich der katholischen Auffassung. Aber dieses Glauben hat keine Kraft!! Wer lehrt mich die Wahrheit all' dessen? Ist es wirklich so, daß man nur sagen braucht: ,, Herr hilf, o Herr, laß wohl gelingen!"? Ach Gott, wenn ich wenigstens aufrichtig beten könnte, damit ich mir die Ruhe des Todes erränge, die meine arme Seele braucht!" In den letzten Kriegsjahren hat Himmler immer mehr Todeskandidaten zur ,, Frontbewährung" begnadigt. Man brauchte die stämmigen Männer an der Front, sie kamen zu Strafkompanien und sogenannten ,, Himmelfahrtskommandos", wo sie an besonders gefährlichen Abschnitten eingesetzt wurden und dann zumeist einen ehrlichen Soldatentod starben. Ein kaum 20jähriger SS- Mann, der fast ein Jahr lang in Stadelheim saß und täglich mit der Erschießung rechnen mußte, 71 schließlich doch begnadigt wurde und an die Ostfront kam, schilderte seinen inneren Werdegang mit folgenden Worten: „Mein erstes Erlebnis mit Gott hatte ich als ganz kleiner Junge. Ich konnte nachts nie schlafen, einmal nicht aus Angst vor dem Dunkel und dann auch, weil ich immer darüber nachdenken mußte, was aus uns werden sollte, wenn wir starben. Ob wir in den Himmel kämen oder in die Hölle, und alle solche Gedanken, womit ein kleiner Junge sich nicht abgeben soll. Ich erinnere mich noch deutlich, wie oft habe ich mit der Decke über'm Kopf in die Nacht rausgelauscht. Dann eine Nacht, als es wieder schlimm war, habe ich zu Jesus Christus gebetet. Ich erinnere mich auch, was für ein Gebet:„Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Und am Morgen wie ich aufwachte, hatte ich die ganze Nacht fest und ruhig geschlafen. Seit dieser Zeit, wenn ich wieder allein war, habe ich nur gebetet, und das hat mich immer getröstet..— Als größerer Junge habe ich mich nicht mit Gott und Jesus viel abgegeben. In der Schule war ich immer einer von den wildesten und immer bei jedem tollen Streich der An- führer. Meinen Konfirmationsunterricht machte ich mit drei anderen Kameraden. Wir hatten immer nur Blödsinn im Kopf, und der ganze Unterricht machte keine Freude. Dann kam ich in die Lehre und da hatte ich keine Zeit. Das einzigemal, wo ich zur Kirche ging, war nur zu Weihnachten. Als junger Geselle war es nicht modern, an Gott zu glauben. Ich habe viel Geld verdient und dann ein paar Kameraden, die auch gut verdienten, wir haben uns das Leben behaglich gemacht nach unserer Überzeugung. Als ı8jähriger habe ich mich freiwillig zur SS gemeldet. Da sollten wir uns aus der evangelischen Kirche melden, wurde verlangt. Zuerst war ich auch wie alle begeistert. Das war was Neues für uns. Aber nachher, als ich mit ein paar Kameraden alleine war, haben wir es uns anders überlegt.— Im Feldzug in Rußland habe ich das Beten gelernt. Da mußte man entweder beten oder schrecklich fluchen. Ich habe mit vielen gesprochen:„Früher habe ich nicht an einen Gott geglaubt, aber jetzt glaube ich‘‘, war meistens die Rede. Hier im Gefängnis habe ich zum erstenmal, außer in der Schule, die Bibel gelesen. Ich habe in meinem Leben viel Sünde getan; wenn der Ver- sucher an mich herangetreten ist, habe ich meistens nicht„nein‘“ gesagt. Ich habe immer gedacht, wenn ich alt bin, ist es immer noch Zeit zum umkehren. Aber jetzt ist alles anders gekommen. Deshalb glaube ich auch, daß es Gottes Wille ist, daß ich jetzt im Gefängnis bin.“ 72 Einige Monate nach seinem Frontbewährungs- Einsatz schrieb derselbe SS- Mann folgende Zeilen: ,, Hoffentlich haben Sie den Glauben an mein Versprechen, daß ich Ihnen schreiben wollte, nicht ganz verloren. Nachdem ich von Stadelheim abgeholt wurde, fuhren wir nach der Freimann- Kaserne. Hier verbrachte ich zwei Tage. Am dritten Tage schlug endlich die Stunde meiner Entlassung: ich bekam Befehl, mich in... beim Ersatzbataillon zu melden. In..., das ich sehr gut von früher kenne, da ich hier meine Rekrutenzeit durchgemacht habe, war ich vierzehn Tage. Da habe ich wieder einen kleinen Geschmack vom militärischen Schliff bekommen. Ich war froh, als ich endlich meinen Marschbefehl an die Front in die Hände bekam. Am 6. August begann die Reise nach Rußland. Über drei Wochen war ich unterwegs, bis ich meine Division einholte. Jetzt habe ich meinen ersten Einsatz wieder hinter mir, und ich bin froh, daß ich Ihnen schreiben kann, daß ich meine Hemmungen und Angstgefühle verloren habe. Mit Gottes Hilfe werde ich alles wieder gut machen, was ich während meinem ersten Einsatz verbrochen habe*. Lieber Herr Dr....! Vielleicht werde ich nicht mehr die Gelegenheit haben, Sie wiederzusehen, deshalb bitte ich Sie, für alles, was Sie für mich getan haben und für den Trost, den Sie mir in Stadelheim gebracht haben, und vor allem, daß Sie mir Gottes Wort gebracht haben, hier auf schriftlichem Wege meinen tausendfachen Dank entgegenzunehmen. Ich bitte Sie, beten Sie für mich, daß es mir gelingt, mein Verbrechen auszulöschen. Ich weiß, daß die nächsten Monate sehr schwer für mich werden; aber ich vertraue auf Gott und ich glaube fest, daß es mir gelingen wird..." Sieben Monate später kam ein zweiter Brief aus dem Osten: ,, Im Herbst letzten Jahres habe ich Ihnen einen Brief geschrieben. Da ich vier Wochen später verwundet wurde, habe ich Ihre Antwort nie erhalten. Damals kam ich ins Lazarett, wo ich einen Monat lag und von da aus wurde ich zum Ersatzbataillon versetzt. Jetzt bin ich schon wieder zwei Monate an der Front. Weihnachten durfte ich in Deutschland verbringen. Urlaub gab's leider nicht. Ich wollte Ihnen schon früher schreiben, aber bisher war keine Zeit dazu. Solange der Boden * Der erst achtzehnjährige Freiwillige hatte nach tagelangem ununterbrochenen Trommelfeuer die Nerven verloren und war in die rückwärtigen Stellungen ausgerückt. Dort traf ihn einer seiner Vorgesetzten, der sich übrigens auch nach hinten zurückgezogen hatte, zeigte ihn an und ließ ihn wegen ,, Feigheit vor dem Feind" zum Tode verurteilen. 3335 73 gefroren war, haben wir fast jeden Tag angegriffen und wir lagen dauernd im Kampf. Jetzt, wo es getaut hat, liegen wir in Stellungen dicht am... Und damit haben wir auch Zeit, ein bißchen zu schreiben. Meinen Eltern schreibe ich jede Woche. Da ich jetzt über zwei Jahre nicht zu Hause war, möchten meine Eltern mich gerne auf Urlaub haben. Aber ich weiß nicht, ob ich das darf, denn da jetzt meine Front- bewährung läuft, muß ich alles daran setzen, das wieder gut zu machen, was ich verbrochen habe. Vor ein paar Tagen war ich bei meinem Chef. Unser Kompanieführer ist ein guter Mensch, der sehr verständlich mit mir gesprochen hat. Mit meinen Kameraden in der Gruppe komme ich sehr gut aus. Lieber Herr Pastor...! Als ich damals verwundet wurde, ist mir mein Neues Testament verloren gegangen. Ich bitte Sie, könnten Sie mir nicht ein Testament, was ich in der Tasche tragen kann, schicken? Ich würde Ihnen sehr dankbar dafür sein. Meine Zeit in München werde ich nie vergessen. Ich bitte oft zum Herrgott, daß er mir hilft, meine Sachen wieder gut zu machen. Ich werde auch nicht vergessen, was Sie mir und allen anderen in Stadel- heim getan haben. Herzlich grüßt Sie und Ihre Familie...“ Obschon ich auch diesen Brief umgehend beantwortet und den darin enthaltenen Wunsch erfüllt habe— es werden selten von SS-Seite solche Wünsche ausgesprochen worden sein— habe ich seitdem nichts mehr von dem jungen Briefschreiber erfahren können. 11. Kapitel Politische Todeskandidaten In piam memoriam Wenn man noch über die Berechtigung der Todesstrafe als solcher in Zweifel sein kann, worüber anderwärts ausführlich gehandelt werden soll,— daß Hinrichtungen aus politischen Gründen unberechtigt sind, darüber sollte kein Zweifel bestehen. Ausgenommen die Fälle, wo ein Politischer sich selbst mit Menschenblut befleckt oder schwere Untaten verübt hat. Denn das sollte unangefochten zu den Grundrechten der Menschheit gehören, daß jeder seine eigene politische Meinung haben und auch vertreten kann. Die gerade herrschende politische Gruppe hatte ja früher auch ihre eigene Meinung besessen und damit womöglich 74 in scharfer Opposition gestanden. So sollte sie zumindest Verständnis für Andersdenkende aufbringen, auch schon aus utilitaristischen Gründen alles vermeiden, um Märtyrer zu machen, deren Anhänger und Angehörige einstmals Gleiches mit Gleichem vergelten, das heißt, die jetzt Regierenden dermaleinst demselben grausamen Los ausliefern könnten. Je stärker ein Staat ist und sich fühlt, desto leichter kann er Kritik und Opposition ertragen; je schwächer er ist, und je mehr ihm das Gewissen schlägt angesichts der Kritik, die ihm vorgehalten wird, desto rücksichtsloser geht er gegen die ,, Meckerer" und Andersdenkenden vor er macht sie nicht nur mundtot, sondern merzt sie einfach aus. In vielen Gesprächen, die ich mit dem Münchener Philosophieprofessor Kurt Huber in seiner Todeszelle führte, wurde mir dies immer klarer. So stark sich auch der Hitlerstaat aufspielte und gebärdete, so ängstlich war er bemüht, auch schon den leisesten Zweifel an der Richtigkeit seiner Politik im Keime, ja im Blute zu ersticken. Er konnte überhaupt kein Gegenüber vertragen und ertragen. Es gab nur ein Biegen oder ein Brechen. Schon jegliche Orientierungsmöglichkeit für eine Urteilsbildung wurde unterbunden. Das ganze Volk sollte durch die Regierungspropaganda hypnotisiert werden. Und gar im Kriege wurden rings um das deutsche Volk unüberschreitbare Mauern gezogen, selbst das Hören neutraler Sender galt als Selbstverstümmelung und ganze deutsche darum für todeswürdig. Goebbels sperrte gleichsam das Volk in ein großes Kinotheater ein und ließ vor ihm den einzig zugelassenen Propagandafilm ablaufen, ein Nebenhinausblicken gab es nicht bzw. war lebensgefährlich. Nur das galt und war richtig, was der Goebbel'sche Filmstreifen und Fritsche's Lautsprecher darboten, alles andere ward verpönt. Ein umfangreiches, bis ins letzte Bauerndorf reichendes Spitzelsystem belauschte die geheimsten Meinungsäußerungen und denunzierte selbst die harmlosesten Bemerkungen. Ein Sykophantentum allumfassendster Art entstand. In dieser Zeit unterstrich ich mit roter Tinte die Worte aus dem 7. Kapitel des Propheten Micha: ,, Sie lauern alle aufs Blut; ein jeglicher jagt den anderen, daß er ihn verderbe; und meinen, sie tun wohl daran, wenn sie Böses tun. Was der Fürst will, das spricht der Richter, daß er ihm wieder einen Dienst tun soll. Die Gewaltigen raten nach ihrem Mutwillen, Schaden zu tun, und drehen's wie sie wollen... Aber wenn der Tag deiner Prediger kommen wird, wenn du heimgesucht sollst werden, da werden sie dann nicht wissen, wo aus. Niemand glaube seinem Nächsten, niemand verlasse 75 sich auf einen Freund; bewahre die Tür deines Mundes vor der, die in deinen Armen schläft. Denn der Sohn verachtet den Vater, die Tochter setzt sich wider die Mutter, die Schwiegertochter ist wider die Schwiegermutter und des Menschen Feinde sind sein eigen Hausgesinde..."* Selbst ganz ,, kriegswichtige" und unentbehrliche Persönlichkeiten wurden liquidiert, nur weil sie politisch verdächtig waren. So kam noch im vorletzten Kriegsjahr ein hochbegabter Flugzeugfachmann als Todeskandidat nach Stadelheim. Er hatte eine durchschlagende fliegertechnische Erfindung gemacht und arbeitete gerade an weiteren aussichtsreichen Verbesserungen. Aber er wurde von einem Spitzel seiner Fabrik denunziert, weil er sich einem Kollegen gegenüber skeptisch über das siegreiche Kriegsende geäußert hatte. All' seine unentbehrlichen Leistungen, auch die dringendsten Eingaben seines kriegswichtigen Betriebes, halfen nichts, er mußte seinen Kopf, der doch ein ,, Köpfchen" war, in Stadelheim lassen. - Ebenso ging es einem verdienten Beamten, nur daß die Art, wie man ihn zu Fall brachte, geradezu dämonisch war. Man mißtraute ihm zwar wegen seiner früheren politischen Einstellung, aber man vermochte ihn nicht zu überführen. Da bediente man sich einiger Provokateure, die sich in einem Kaffeehaus an seinen Tisch setzten und über das herrschende ,, System" bitter und herausfordernd äußerten. Im Laufe des Gespräches übergaben sie ihm unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit eine von ihnen verfaßte Denkschrift an das Propagandaministerium mit zahlreichen Zitaten von ausländischen Sendern. Er solle sie daheim durchlesen, am nächsten Tage wollten sie diese in seiner Wohnung wieder abholen. Statt ihrer erschienen jedoch Gestapo- Leute, veranstalteten eine Haussuchung und fanden das corpus delicti, auf Grund dessen sie ihn sofort verhafteten. Alle Beteuerungen, daß nicht er, sondern zwei andere, ihm fremde Männer die Verfasser der Schmähschrift seien, halfen nichts. Die beiden hatten natürlich falsche Namen und Adressen angegeben und waren nicht mehr aufzufinden. So mußte er, dessen politische Vergangenheit ja überdies verdächtig war, sein Leben lassen, wie sehr er sich auch wehrte. Noch seine allerletzten Worte an der Richtstätte lauteten: ,, Ich war es nicht! Ich habe es nicht getan. Es * Damals war mir und anderen die Fortsetzung dieses Bibelwortes ein mächtiger Trost: ,, Freue dich nicht, meine Feindin, daß ich darniederliege: ich werde wieder aufkommen; und so ich im Finstern sitze, so ist doch der Herr mein Licht... bis Er meine Sache ausführe und mir Recht schaffe; Er wird mich ans Licht führen, daß ich meine Lust an seiner Gnade sehe..." 76 lebe Deutschland!" An seine Frau und Tochter schrieb er in der Nacht vor seiner Hinrichtung: ,, Meine liebste Frau und Tochter! Heute Abend wurde mir die traurige Mitteilung gemacht, daß ich morgen früh um 6 Uhr mein Leben lassen muß. Wie Ihr wißt, habe ich die Sache nicht getan, die mir zur Last gelegt wird. Ich kann daher mit gutem Gewissen vor meinen ewigen Richter hintreten. Vor meinen irdischen Richtern habe ich soeben noch ein Wiederaufnahmeverfahren beantragt. Ob man noch die wirklich Schuldigen herausbekommt, weiß ich nicht. Jedenfalls sterbe ich dann als ein aufrechter deutscher Mann und alter Soldat, der so oft schon dem Tode ins Auge geschaut hat. Wie der Seemann Gorch Fock, den ich persönlich kannte und von dem ich erst in meiner Zelle wieder las, so befehle ich meine Seele unserem ewigen Heiland. Mein letzter Wunsch ist nur der, daß Ihr, meine Lieben, ebenso unserem lieben Herrgott treu bleibt bis zum Tode, dann könnt auch Ihr wie ich so ruhig sterben. Ich empfange morgen früh noch das Heilige Abendmahl von Pfarrer..., der mich auch bis zuletzt begleiten wird und der mir die letzten Wochen so viel Trost gespendet hat. Mein letztes Gebet heißt: ,, Wer weiß, wie nahe mir mein Ende... Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut, mach's nur mit meinem Ende gut." Auch werde ich zuletzt noch einmal erklären, daß ich die Schmähschrift nicht verfaßt habe. Nun, meine liebste Frau und liebste Tochter, schicke ich Euch die letzten Grüße und Küsse als Euer lieber Vater, der doch nur für Euch gesorgt und das Beste getan hat. Alles, was ich hinterlasse, vermache ich Euch, meine Lieben. Die sonstigen Sachen, wie meine Anzüge und anderes, was Ihr nicht gebrauchen könnt, gebt meinen Brüdern und Schwestern. Nun noch einen Wunsch: Grüßt mir alle meine lieben Bekannten, Freunde und Kameraden und sagt ihnen allen, daß sie nicht schlecht von mir denken, und wer mich kennt, der weiß ja, wie ich war und wie ich bin. Ich habe eben durch schlechte Menschen großes Unglück gehabt. Meine Behandlung hier im Gefängnis war von Anfang an stets hochanständig und lobenswert und hat mir mein Schicksal erleichtert. Ich muß nun mit dem Schreiben aufhören, weil ich noch an meinen lieben Bruder... schreibe, der auch allen meinen Geschwistern die Mitteilung gibt und sie grüßen soll. Nun, meine Lieben, grüße ich Euch zum letzten Mal und wünsche Euch für alle Zukunft das Allerbeste. Vertraut weiterhin auf unseren 77 lieben Herrgott und so werdet Ihr den Schmerz meines Schicksals überwinden und göttlichen Trost finden. Vergeßt mich nicht und denkt stets in Liebe an Eueren guten Papa. Soeben wurde mein Wiederauf- nahmeverfahren abgelehnt. Gott schütze Euch und mich! Ein letzter Trost: Hat Er es denn beschlossen, so will ich unverdrossen an mein Verhängnis geh’n; kein Unfall unter allen wird je zu hart mir fallen, mit Gott will ich ihn überstehn. Ihm hab ich mich ergeben, zu sterben und zu leben, sobald Er mir’s gebeut; es sei heut oder morgen, dafür laß ich Ihn sorgen, Er weiß allein die rechte Zeit. Euer Und nun stehen sie alle deutlich vor mir, die vielen, allzuvielen politischen Märtyrer aus den verschiedensten Ländern, die in Stadel- heim ihre Seele aushauchten: bejahrte ernste Männer mit gebleichtem Haar und strahlende Jünglinge, die in jugendlicher Begeisterung der Freiheit eine Gasse brechen wollten und sich noch vor dem letzten Gang umarmten und küßten, so wie es auf dem berühmten Bild vom Ab- schied der Schill’schen Offiziere vor ihrer Erschießung dargestellt ist. Gelehrte, denen wie Sokrates einst, vorgeworfen wurde, daß sie die Jugend verderbt hätten, und einfache Handwerker, die dem Lug und Trug nicht mehr glaubten und unvorsichtigerweise ihre Meinung zum Ausdruck gebracht hatten. Dann wieder ein schwärmerischer„Ernster Bibelforscher‘. Auch viele Ausländer, vor allem Polen, Franzosen, Hol- länder und Tschechen, unter letzteren hervorragende Vertreter der In- telligenz— sie hatten nichts anderes getan, als was man von jedem Deutschen als selbstverständlich erwartet hatte, daß sie ihr Land liebten und von fremder Vergewaltigung verschonen wollten. Das war ihr„Lan- des- und Hochverrat“, für den sie wie gemeine Verbrecher büßen mußten. Ein tschechischer Lehrer schrieb mir noch in den letzten Stun- 78 ungen eine von ihm übersetzte Paraphrase des berühmten Gedichtes „H...“ von Rudyard Kippling auf, die lautet: Wenn du— verraten in der Welt dich sehr allein fühlst und Resignation dein Herz zu brechen droht, du aber dennoch glaubst an die Kraft der Liebe, Freundschaft und Treue— Wenn du— geschmäht— erniedrigt— erwartend den Tod bezwingst doch Todesangst und Rachelust; Wenn du— selbst hungernd— mit dem Bruder teilst dein Brot; Wenn du für den Gewaltakt hast nur ein Liebeswort, Wenn du bist der, der auch die Feinde lieben kann: Dann weißt du, mein Sohn, jetzt bist du ein ganzer, ganzer Mann. Ein anderer sang bis zuletzt in seiner Muttersprache das von ihm selbst komponierte Vater-Unser und die Verse des 23. Psalmes vom guten Hirten und vom Bleiben im Hause des Herrn immerdar...— All das macht deutlich, in welcher Stimmung und in welcher Ge- sinnung diese Liebhaber des Vaterlandes und der Freiheit aus den ver- schiedensten Nationen in den Tod gegangen sind, auch wenn ich ihre Niederschriften hier nicht veröffentlichen kann, ja nicht einmal ihre Namen preisgeben möchte, die wohl in den Annalen ihrer Völker von berufener Seite eingetragen werden. Nur einer sei genannt: der General- sekretär des Christlichen Vereins junger Männer und der CSV. in Prag, Jaroslaw Simsa, der nach jahrelanger Gefangenschaft in Stadelheim und in Dachau noch am 8. Februar 19/45 infolge freiwilliger Pflege von Typhuskranken an dieser Seuche starb. Daß auch die Frauenwelt nicht fehlte, beweist die Studentin Sophie Scholl, deren später noch besonders gedacht wird, und manch andere Gesinnungsgenossin. Ein 22jähriger Salzburger, ein Anführer der ‚Roten Hilfe‘, die trotz stren- gen Verbotes die Familien politischer Häftlinge unterstützte und für sie sammelte, komme zu Wort mit seiner(stark gekürzten) Niederschrift: Bekenntnis eines aus politischen Gründen zum Tode verurteilten jungen Salzburgers* „Nicht jeder Mensch hat die Möglichkeit, durch eine harte Schule des Lebens zu gehen, um durch Erfahrung klug zu werden und aus den * Er hatte sich an der Front hervorragend bewährt und schon bald das Eiserne Kreuz und Sturmabzeichen verdient. 79 - - gesammelten Lehren die richtigen Schlüsse und Vorteile für die Zukunft zu ziehen. Wenn ich die wenigen Jahre meiner menschlichen Entwicklung zurückblicke, so muß ich bekennen, daß ich seit meiner frühesten Kindheit äußerst schweren innerlichen Kämpfen ausgesetzt war, und das ist auch der einzige Grund, warum die Hoffnungen, die man auf mich setzte, nicht eingetroffen sind. Familiäre Umstände, die ich hier nicht näher erörtern will, waren der einzige Grund, daß ich zum Träumer und später zum Revolutionär wurde. Ich bin das einzige Kind guter, sorgsamer und fleißiger Eltern, die in jeder Hinsicht bestrebt waren, aus mir einen vollkommenen Menschen zu machen, und ich bin auch mit besonderer Liebe meinen Eltern zugetan. Mein Vater war geistig sehr regsam und hatte in seiner Eigenschaft als Hauptfunktionär der SPD. stets nur das Beste des Gemeinwohls im Auge behalten ich darf mit Stolz behaupten, daß die Verdienste, die sich mein Vater durch die soziale Besserstellung in seinem Wirkungskreis erworben hat, nicht von geringer Bedeutung sind. Er hat für die arme Bevölkerung, besonders für die Arbeitslosen, sehr viel getan. Vater war aber vollständiger Atheist und gehörte keiner Konfession an, d. h. nach seiner Rückkehr aus dem Weltkrieg 1914-1918 ist er aus der katholischen Kirche ausgetreten. Meine Mutter dagegen war gottesfürchtig und dem evangelischen Glaubensbekenntnis zugetan. Ich bin als Kind sehr fromm gewesen. Mit besonderer Liebe verehrte ich Gott. Täglich verrichtete ich meine Gebete und konnte mich nicht genug ereifern, regelmäßig den Gottesdienst zu besuchen. Aber später sah ich zu viel trauriges soziales Elend... Es war mir schon als Kind etwas Furchtbares, wenn jemand anderer Menschen wegen Unrecht zu ertragen hatte. Von allerlei schwärmerischen und träumerischen Gedanken wurde ich erfüllt und ich fragte mich, warum denn Gott als ein gerechter Vater so viel Elend und Unrecht duldet. Warum müssen denn die Menschen die alle Gotteskinder sind, ihren Mitmenschen so viel Leid antun, und warum läßt Gott nicht alle Menschen glücklich sein? Er allein hätte doch die Macht, allem Elend ein rasches Ende zu bereiten, und könnte seinen Geschöpfen Ruhe und Frieden geben! Fragte ich dann in kindlich naiver Weise meine Mutter, warum denn Gott so ungerecht ist und nicht jeden Menschen glücklich werden läßt, antwortete sie immer mit Freuden: daß nicht Gott die Ursache des großen Elends und der Unzufriedenheit ist, sondern die Menschen selbst, die es durch ihr sündhaftes Leben verdorben haben. Gott wollte für die Menschen 80 nur das Beste, aber diese wandten sich dem Laster zu.' Als Beweis dafür erzählte sie mir eine kleine Geschichte. Aber damit war ich nicht zufrieden. Je älter ich wurde, umso mehr Elend sah ich, das in mir zuviel würgte und nagte. Auf der anderen Seite sah ich die Erfolge des sozialen Wirkens meines Vaters, und wie er es verstand, durch seine glühende Rede die Massen für den Gedanken der sozialen Befreiung zu gewinnen. Mein Vater liebte es nicht, mit Phrasen aufzutrumpfen, er hatte es auch nicht nötig, sondern an Hand der vollbrachten Leistungen warb er für den großen Gedanken. Sein Standpunkt war jedoch der, daß kein Gott die soziale Befreiung ermöglichen wird, sondern dafür haben die Menschen selbst zu sorgen. ,, Dieses irdische Elend", so führte er aus ,,, kann nur durch irdische revolutionäre Kräfte beseitigt werden." Von der Tätigkeit meines Vaters begeistert habe ich mir vorgenommen, ebenfalls einst mit Entschlossenheit für die soziale Befreiung einzutreten. Meinen Gott habe ich vergessen. Durch eifriges Studium marxistischer Jugendschriften versuchte ich, mich mit den marxistischen Problemen vertraut zu machen. Solange ich aber in die Schule ging, war mein Vater von meiner beginnenden politischen Anregung nicht erbaut, weil sich das in der Schule sehr ungünstig auswirkte. Er versuchte daher mit Hilfe meiner Mutter, mich mit aller Entschiedenheit wieder auf die normale Bahn des Schülers zu bringen. Die elterlichen Bemühungen blieben aber erfolglos, und von der Flamme der Begeisterung erfaßt konnte mich von meinem Vorhaben nichts mehr abbringen. Mein Ziel war, dahin zu streben, einst ein würdiger Nachfolger meines Vaters zu werden. Das Jahr 1934 brachte eine entscheidende Wendung. Aus meinen Träumereien gerissen, wurde ich vor die rauhe Wirklichkeit gestellt. Der Zusammenbruch der SPD. in Österreich wirkte sich auf unsere Familie auf das schlimmste aus. Mein Vater wurde als Parteiführer in Haft gesetzt, und somit der Mutter und mir der Ernährer genommen. Meine Mutter wurde schwer krank, und so mußte ich alle notwendigen Arbeiten, soweit ich sie verrichten konnte, besorgen. An ein Schulgehen war natürlich nicht zu denken. Die Pflege meiner Mutter und Verrichtung des Hauswesens war mir wichtiger. An einem Teil unserer Verwandten fand ich gute Stütze. Die Not wurde trotzdem immer größer, und die Erbitterung in mir stieg. Ich wurde noch ernster und verschlossener. Viele glaubten schon, ich sei auf dem schönsten Weg, ein Sonderling zu werden. Vergnügungen, Spiele oder andere Abwechslungen lehnte ich ab. Meine Jugendfreunde 6 Todeskandidaten 81 habe ich verlassen und mich gänzlich zurückgezogen. Als mein Vater wieder in Freiheit gesetzt wurde, begannen neuerdings die Verfolgun- gen. Das Geschäft mußte finanziell stark belastet werden, das Ringen meiner Eltern um den Bestand der Existenz nahm immer traurigere Formen an. Nur mit größter Mühe konnten sie sich über Wasser halten. Vater seelisch und gesundheitlich gebrochen, meine Mutter stark mit- genommen, sind um ziemliche Jahre gealtert. Zu dieser Zeit stand ich im letzten Schuljahr und hatte mich für die Berufswahl vorzubereiten. Hier gab es kein langes Entscheiden und Wählen, ich sah selbst ein, daß ich zum Berufe meines Vaters greifen mußte und in sein Geschäft als Lehrling eintreten mußte, nachdem ich überall abgewiesen wurde, weil der Sohn eines Marxisten nirgends angenommen werden durfte. Das heißt mit anderen Worten: der Sohn eines Menschen, der sich um die ärmere Klasse der Werktätigen Verdienste erworben hat, kann ja ruhig verkommen! Undank ist der Welt Lohn! In mir aber erwachte der Jugendstolz, und ich entschloß mich, sobald ich der Schule enthoben bin, das politische Erbe meines Vaters anzutreten und der Mißwirtschaft in einer illegalen Organisation entgegen zu arbeiten. Vom Gottesglauben schon längst abgekommen, konnte ich durch alle diese schrecklichen Verhältnisse zu Gott nicht wieder zurückfinden, der Weg zu ihm schien mir verloren. Heftige Debatten mit meinem Vetter, der ein sehr guter Christ ist, konnten mir meinen Glauben nicht wieder geben. Mein Ver- trauen zu einem höheren Wesen war gänzlich geschwunden und, offen gestanden, ich war überhaupt nicht mehr gewillt, mich mit der Gottes- frage zu beschäftigen, diese war für mich längst nicht mehr das Wich- tigste. Andere Interessen traten in den Vordergrund. Die Anschauung meines Vaters vertretend, stürzte ich mich förmlich in das Studium weltanschaulicher, politischer und wirtschaftlicher Schriften, um mich in jeder Hinsicht für mein Vorhaben zu festigen. Die Freiheit im Den- ken, die Gleichheit vor den Gesetzen, die Brüderlichkeit in der Wirt- schaft kann durch kein herrliches irdisches Ideal überboten werden. Dagegen war mein Vetter immer bestrebt, mich wieder zu Gott zu führen, und erklärte mir, ich möge doch nur einmal versuchen, das Neue Testament vernünftig zu studieren. Wiederholt bemühte er sich um mich, und trotz aller Erfolglosigkeit wurde er nicht müde, mich für Christus wieder zu gewinnen. Ich bewunderte seine Ausdauer und gab ihm das Versprechen, mich in das Neue Testament zu vertiefen und zu versuchen, meinen Glauben wieder zu gewinnen.— Da trat folgendes 82 1 4] - wichtige Ereignis ein. Mein Vater, der bisher entschieden jede kirchliche Einrichtung ablehnte, hat sich entschlossen, auf Anregung eines bekannten Herrn zur evangelischen Kirche überzutreten. Er fragte mich, ob ich auch geneigt sei, in die evangelische Glaubensgemeinschaft einzutreten. Vorerst mußte ich mir aber diese ganze neue Lage durch den Kopf gehen lassen. Die Wendung meines Vaters, daß gerade er wieder seinen Gott gefunden haben will, gab mir viel zu denken. Was meine Mutter betraf, war sie die glücklichste von uns. Dieser Übertritt bereitete ihr große Freude, und ich wußte auch, daß ihr gutes Herz mit Freude erfüllt war. Diesen neuen Verhältnissen stand ich vorerst gleichgültig gegenüber. Von Mutter angeregt, besuchte ich mit ihr den evangelischen Gottesdienst. Wie staunte ich, als ich zum erstenmal das Gotteshaus betrat, das mit seiner einfachen Herrlichkeit eine sonderbare Erregung in mir hervorrief. Da stand der schlichte Altar mit dem einfachen Kreuz, geschmückt durch ein ganzes Meer von Blumen, und die durch das Fenster eindringenden Sonnenstrahlen spiegelten sich in dem natürlichen Schmuck! Eine ganz eigenartige Stimmung bemächtigte sich meines Herzens, noch nie war mir so feierlich zumute. Mit Spannung wartete ich auf den Beginn des Gottesdienstes... Im Laufe des Gottesdienstes gewann ich durch sein ganzes Wesen stets mehr Überzeugung: Die natürliche Einfachheit, mit der man dem Volke das Wort Gottes vor Augen führt durch klare verständliche Ausdrucksweise des Priesters, der in der Sprache seines Volkes mit diesem die Gebete an Gott richtet, der allein für alle, mit allen, Gott verherrlicht, bewirkte eine entscheidende Änderung in meinem Inneren. Unwillkürlich bekam ich die Ansicht, daß, wenn es einen Gott gibt, nur in diesem Haus das Wort Gottes der Wahrheit entsprechend geehrt und vertreten wird. Mögen aber alle diese Betrachtungen noch so gründlich sprechen, den Glauben, das Vertrauen, die Zuversicht zu Gott konnte ich trotz aller Mühe nicht gewinnen. Vielleicht hatte ich doch das Wesentliche des Glaubens nicht erfaßt. Zu meiner ideologischen Anschauung, so paradox es auch klingen mag, stand ich im Widerspruch, weil ich hier irdische und keine überirdischen Momente im Augenschein hatte. Die Jahre gingen dahin, ohne daß ich wieder den Weg zu Gott gefunden hatte. Mir war jede Bahn verschlossen, das große Ereignis war für mich unerreichbar. Aber Gott ist doch ein guter Gott, er hat auch mich nicht vergessen und sein verlorenes Schäflein wieder zurückgeführt, wenn auch auf ziemlich umständlichem Wege. 83 - Wie ich nämlich später zum Wehrdienst herangezogen wurde, kam ich gerade zu einer Kompanie, der sehr viele Geistliche zugeteilt waren. Schon in den ersten Tagen schloß ich mich diesen an, und wir behandelten die für mich notwendigen Fragen. Durch vieles Vertiefen in das Neue Testament, durch die klare, richtige Vorstellung der Sendung Jesu fühlte ich mich allmählich von der unsichtbaren Macht angezogen. Es wurde mir reiflich bewußt, daß das irdische Dasein Christi nur auf überirdische Kräfte zurückgeführt werden kann. Was brachte mich plötzlich zu dieser Anschauung? Die Liebe, die Jesus lehrte, die man aus jedem seiner Worte spüren muß, kann niemals von irdischem Wesen herrühren oder besser gesagt, menschliches Geistesprodukt sein! Und darin liegt auch das große und ganze Geheimnis der Schrift. Sie ist nicht nur ein Buch der Wahrheit, sondern ein Werk ewiger Liebe! So habe ich denn Gott wieder gefunden, der durch seinen Sohn bewiesen hat, daß er die traurige Menschheit immer noch liebt, sonst hätte er uns nicht seinen geliebten Sohn gegeben, um uns durch dessen Opfertod der Verdammnis zu entführen. Mit der Liebe, mit der Christus gekommen ist und sein Liebeswerk vollendete, wird er einst in seiner Herrlichkeit kommen und die zu sich nehmen, die in Liebe und in seinen Geboten gewandelt sind. Er ist der Gott der Liebe, Gott ist der Ewige, die Liebe und der Barmherzige! Ich war mir nun im klaren über Gott sowie über die Sendung Christi. Nur die Stärke des Glaubens fehlte mir noch insofern, daß mir das Verständnis für die Unsterblichkeit und der Neugeburt nicht recht in den Sinn kam. Es wollte mir einfach nicht eingehen, daß ein toter Mensch, der vollständig in ein Nichts zerfällt, der sich bis auf seine Knochen auflöst, eines Tages in verklärtem Zustand auferstehen soll. Das konnte ich nicht fassen und gab mir neuerliche Bedenken. Doch nicht mehr die Existenzfrage Gottes oder die Sendung Christi, nein nur dieses Problem der Auferstehung blieb mir unverständlich. Als aber für mich eine Zeit hereinbrach, die für einen jungen Menschen furchtbar sein muß, wenn er nicht die Möglichkeit hat, sich an ein Wesen zu klammern, das ihn aufrecht hält und vor physischem Zusammenbruch bewahrt, da habe ich endlich erkannt, daß für die Unsterblichkeit der Seele und der einstigen Wiedergeburt Christi Tod und Auferstehung der einzige größte Beweis sein muß. Hätte denn sonst der Tod Christi oder dessen Geburt überhaupt einen Zweck gehabt? Nein wahrlich nicht! Es war kein leichter Weg, daß ich zu meinem Gott wieder gefunden habe. Vielleicht ist 84 - - - daran nur meine ganze jugendliche Entwicklung schuld, es liegt wirklich Furchtbares hinter mir, das Seiten von Blättern füllen könnte. In der äußersten Not hilft Gott jedem, der ihn ruft, und sichtlich fühlt man seine schützende Nähe. Der Glaube und das Vertrauen zu Gott, die Zuversicht macht mich wieder stark, und sollte mir Gott noch einmal die Möglichkeit geben, hier auf Erden weiterzuleben, so weiß ich, daß ich ihn nie mehr vergessen kann, weil ich ihn auf hartem, mühevollem Weg gewonnen habe: ,, Gehet ein durch die enge Pforte! Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis abführt und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden( Matth. 7, 13-15)." - Er hat nicht weiter leben dürfen, selbst das Eintreten seines Gauleiters Dr. Scheel half nichts. Der Hitlerstaat konnte solche Leute nicht verkraften. Ebenso wenig wie die Häupter der Münchener Studentenverschwörung. Wie sie starben Zur Vorgeschichte sei kurz in Erinnerung gebracht: Nach der Katastrophe von Stalingrad war es vor allem ein Kreis von Münchener Studenten, der sich um den im neunten Semester stehenden Medizinstudenten Hans Scholl aus Ulm und um seine dem Studium der Biologie obliegende 21 jährige Schwester Sophie scharte, der diese blutige Niederlage als ein Fanal erkannte und in weitesten Kreisen für die sofortige Einstellung des aussichtslosen weiteren Blutvergießens werben wollte. Zu diesem Kreis zählten auch der Medizinstudent Christoph Probst aus München und andere Studenten sowie Gymnasiasten. Als väterlicher Berater fungierte der Münchener Philosophieprofessor Dr. Kurt Huber, dessen Haupt am 13. Juli 1943 fiel. Sie verfaßten gemeinsam Flugblätter, die die aussichtslose militärische Lage darlegten und für sofortigen Kriegsschluß plädierten. Dieses Flugblatt wurde von jenem Studenten- und Gymnasiastenkreis vervielfältigt und durch die Post und Boten versandt. Als Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 eine große Anzahl dieser Blätter vom Treppenhaus des Universitätsgebäudes in den Lichthof hinabwarfen, wurden sie verhaftet und dem Volksgerichtshof übergeben. Bereits am Montag den 22. Februar wurden sie samt dem inzwischen verhafteten Christoph Probst im Münchener Justizpalast ver85 98 86 handelt und im Schnellverfahren alle drei zum Tode verurteilt. Besonders tragisch war dabei, daß zu eben dieser Zeit der jüngere Bruder Werner der Geschwister Scholl von der russischen Front auf Urlaub nach Ulm gekommen war und nebst seinen Eltern die beiden Geschwister in München besuchen wollte. Am Münchener Bahnhof erfuhren die Ahnungslosen, daß schon die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof unter dem Vorsitz des Präsidenten Freisler- Berlin begonnen habe. Dort mußten sie das Todesurteil der beiden und des Freundes Christoph Probst erfahren. Es blieb ihnen gerade noch Zeit, ihre Kinder im Gefängnis Stadelheim, wohin man sie zur Urteilsvollstreckung geschafft hatte, aufzusuchen und zu sprechen ohne wiederum zu ahnen, daß die beiden bereits in einer Stunde nicht mehr unter den Lebenden weilen würden! - Nur die eine Stunde verblieb ihnen und dem mitverurteilten Probst, um ihre Angelegenheiten zu ordnen und sich zum letzten Gang vorzubereiten. Christoph Probst, der ungetauft war, ließ sich noch in dieser letzten Stunde von dem katholischen Gefängnisgeistlichen taufen und die Sterbesakramente reichen. Ich selbst war fernmündlich und eiligst zu den Geschwistern Scholl gerufen worden. Bebenden Herzens betrat ich die Zelle des mir völlig unbekannten Hans Scholl-- wie sollte ich ihm in dieser allzu kurz bemessenen Frist seelsorgerlich so nahe kommen, daß ich ihn und seine Schwester richtig zu diesem furchtbaren Ende bereitete? Welches Schriftwort mochte gerade ihr Herz in dieser Situation am besten ergreifen und festigen zu ihrem letzten Gang? Aber Hans Scholl enthob mich aller Zweifel und Sorge. Nach kurzem Gruß und festem Händedruck bat er mich, ihm zwei Bibelabschnitte vorzulesen: das ,, Hohelied der Liebe" aus 1. Korinther Kapitel 13 und den 90. Psalm: ,, Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache..." Ich las zunächst mit Hans laut dieses ,, Gebet Moses, des Mannes Gottes", wie die Überschrift des 90. Psalmes in der Lutherbibel lautet, mit dem abschließenden Flehen ,, Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden! Herr, kehre dich doch wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig... Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange 3 曲 E Gefängnis Stadelheim Die am 30. Juli 1944 zerstörte Anstaltskirche 87 plagest, nachdem wir solange Unglück leiden..." Das betete Hans Scholl nicht nur für sich, sondern für sein so lange schon geplagtes und unglückliches deutsches Volk. Den anderen gewünschten Bibelabschnitt aus dem 1. Korintherbrief legte ich meiner Beicht- und Abendmahlsvermahnung zu Grunde, denn beide Geschwister begehrten, wie es vor allen Hinrichtungen üblich ist, den Empfang des Altarsakramentes. Ich ging davon aus, daß sich auch jetzt das Wort des Heilandes erfülle: ,, Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde." Auch der ihnen bevorstehende Tod sei, so sagte ich, ein Lebenlassen für die Freunde, ein Opfertod fürs Vaterland, durch den viele gewarnt und gerettet werden sollen vor weiterem wahnwitzigen Blutvergießen. Einer aber habe für die ganze Menschheit wie ein Verbrecher den schmählichen Tod am Kreuzesgalgen erlitten, er sei auch für uns gestorben und habe durch seinen Opfertod den Eingang zum ewigen Leben geöffnet, so daß uns ,, kein Tod töten" könne. Seiner Liebe verdanken wir, daß wir vor dem Richterstuhl des Ewigen bestehen und gnädig angenommen werden, auch wenn irdische Richter uns verurteilen, die sich ihrerseits auch einmal dem ewigen Richterspruch stellen und beugen müssen. Die Liebe und Gnade Christi verlange und ermögliche es auch, daß wir selbst unsere Feinde lieben und unseren ungerechten Richtern verzeihen können. Von dieser geradezu übermenschlich anmutenden Liebe redet der Apostel im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes, das seinen Hymnus mit den Worten beginnt: ,, Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle..." Und so beteten wir miteinander Vers für Vers dieses Preises der Agape. Als wir zu den Worten kamen: ,, Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu..." fragte ich ausdrücklich, ob dies wirklich zutreffe und kein Haß noch Bitterkeit auch gegenüber den Verklägern und Richtern das Herz erfülle. Fest und klar lautete die Antwort: ,, Nein, nicht soll Böses mit Bösem vergolten werden, und alle Bitterkeit ist ausgelöscht." Angesichts solcher eigens betonten Gesinnung konnte die Absolution leichten Herzens erteilt werden, und das Mahl der Liebe und Vergebung, das nach der Lehre der Kirchenväter und Luthers auch ein ,, Heilmittel gegen den Tod und für die Unsterblichkeit" ist, wahrhaft im Geiste und Sinne seines göttlichen Stifters gefeiert werden. Die Armensünderzelle weitete 88 sich, wie es so oft geschah, zum heiligen Gottestempel. Man vermeinte das Flügelrauschen der Engel Gottes zu vernehmen, die sich bereiteten, die Seelen versöhnter Gotteskinder emporzuführen in den Saal der Seligkeit. Wer so stirbt, der stirbt wohl auch wenn sein Haupt unter dem Henkerbeile fällt.- - - In ähnlicher Weise vollzog sich auch die Abschiedsstunde der ebenso lieblichen wie tapferen Schwester Sophie. Sie hatte vormittags noch vor dem Volksgerichtshof unerschrocken ausgerufen: ,, Was wir schrieben und sagten, das denken Sie alle auch, nur haben Sie nicht den Mut, es auszusprechen!" wogegen erstaunlicherweise nicht einmal der Oberreichsanwalt protestierte! Jetzt erklärte sie, es sei ihr gänzlich gleichgültig, ob sie enthauptet oder gehängt würde. Sie hatte bereits ihren Eltern und ihrem Freunde, einem 23jährigen Hauptmann, der nichtsahnend infolge einer bei Stalingrad erlittenen Verwundung in einem Frontlazaratt lag, Abschiedsbriefe geschrieben, die nicht angekommen sind. Ohne eine Träne zu vergießen, feierte auch sie andachtsvoll das Heilige Abendmahl, bis der Wächter an die Zellentür pochte und sie hinausgeführt wurde, wobei sie aufrecht und ohne mit der Wimper zu zucken noch ihre letzten Grüße an den ihr unmittelbar folgenden innigst geliebten Bruder ausrichtete.- - Aus dem Abschiedsbrief des letzteren, der ebenfalls nicht weiterbefördert wurde, habe ich mir folgendes notiert: ,, Meine allerliebsten Eltern!... Ich bin ganz stark und ruhig. Ich werde noch das Heilige Sakrament empfangen und dann selig sterben. Ich lasse mir noch den go. Psalm vorlesen. Ich danke Euch, daß Ihr mir ein so reiches Leben geschenkt habt. Gott ist bei uns. Es grüßt Euch zum letzten Male Euer dankbarer Sohn Hans." Dies war vor dem Sakramentsempfang geschrieben worden. Nach demselben wurde noch, während ich bei Sophie weilte, hinzugefügt: ,, P.S. Jetzt ist alles gut; ich habe noch die Worte des 1. Korintherbriefes gehört:, Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle... 666 Bevor er das Haupt auf den Block legte, rief Hans Scholl noch mit lauter Stimme: ,, Es lebe die Freiheit!" So starben die Geschwister Scholl.- 89 89 Zwei Tage später wurden die beiden abends im abgeschlossenen Friedhof am Perlacher Forst unter Aufsicht der Gestapo zu Grabe getragen. Schneeweiß leuchteten die Berggipfel des Zugspitzmassivs herüber, glutrot ging der Sonnenball unter. Nur weniges konnte und durfte vor dem engsten Familienkreis verkündigt werden. Es wurde auf die Berge hingewiesen ,,, von denen uns Hilfe kommt" in allen Nöten, und auf die Sonne, die nie untergeht, sondern auch in die traurigsten und dunkelsten Herzen Trost und Kraft hineinstrahlt, von der Paul Gerhardt singt: ,, Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ". Dieser Heiland kann auch die untergegangene Sonne wieder aufgehen lassen... Und dann klangen über dem gemeinsamen Grab die Worte des 90. Psalmes: ,, Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: kommt wieder, Menschenkinder..." 66 Abschließend aber erscholl das ,, Hohe Lied der Liebe" aus dem 1. Korintherbrief mit seinem krönenden Finale: ,, Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich's stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen." Am 19. April 1943 folgte der zweite Hochverratsprozeß ,, in Sachen Scholl und Genossen" wiederum unter dem Vorsitz des Volksgerichtshofpräsidenten Freisler, dem beizuwohnen mir auf sonderbare Weise möglich war. Er endete mit den Todesurteilen gegen Universitätsprofessor Dr. Kurt Huber und die Medizinstudenten Willi Graf und Alexander Schmorell, während eine größere Anzahl von Gesinnungsgenossen und Helfershelfer, darunter auch die Ulmer Pfarrerskinder Hans und Suse Hirzel sowie die Absolventen Franz Müller und Heinrich Guter zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Das vom Oberreichsanwalt beantragte Todesurteil gegen Grimminger aus Stuttgart wurde in eine lange Zuchthausstrafe umgewandelt. An Professor Huber, einem aus dem Allgäu stammenden tiefgläubigen Katholiken, der sich in langen Gefängniswochen auch aus evangelischen Schriften und Werken Trost spenden ließ und bis zuletzt an einer begonnenen Arbeit über den Philosophen Leibniz schrieb, und an dem griechisch- orthodoxen Schmorell wurde erst am 13. Juli 1943 die Todesstrafe vollstreckt, an Graf noch später( im Oktober). 90 - Damit war aber die Scholl'sche Aktion keineswegs erledigt oder erstickt, obwohl die Presse behauptet hatte, daß sie das Erzeugnis ,, charakteristischer Einzelgänger" gewesen sei. Der Funke hatte gezündet und loderte immer wieder hell auf. Das letzte hierher gehörige Todesurteil wurde noch am 29. Januar 1945 vollstreckt und zwar an dem hochbegabten Chemiestudenten Hans Karl Leipelt aus Hamburg, während andere mitbeteiligte Chemiker zu meist hohen Freiheitsstrafen verurteilt wurden, so die Verlobte Leipelts, eine Chemiestudentin, zu acht Jahren Zuchthaus. Leipelt war über ein Jahr lang in Untersuchungshaft in Stadelheim und ist in dieser Zeit zu einem geradezu vorbildlichen Charakter und hochgemuten Christen herangereift, der sich zuletzt nur noch mit der Bibel und religiösem Schrifttum, vor allem auch mit dem Gesangbuch, beschäftigte und ganz in der Welt des Christentums aufging, dabei auch seine zahlreichen Zellengenossen aus allen Konfessionen und Weltanschauungen, die immer wieder wechselten, weil sie vor ihm zum Schafott geführt wurden, beeinflußte. Seine tiefgläubige evangelische Mutter, die den Doktor der Chemie besaß rassisch gehörte sie dem Judentum an- hat in einem norddeutschen Gefängnis den Tod gefunden. Der Vater, Direktor eines Zinnwerkes, war kurz vorher an Herzschlag gestorben, seine einzige Schwester, die als Halbarierin kurz vor ihrer Reifeprüfung das Gymnasium verlassen mußte, war zuletzt in Cottbus im Gefängnis. Er selbst hat trotz seines Halbariertums im Polen- und Westfeldzug mitgekämpft und das Eiserne Kreuz erworben, war aber dann wegen seiner Rasse vom Heer entlassen worden, sodaß er sein Chemiestudium in München fortsetzen und beinahe vollenden konnte. Da wurde er am 8. Oktober 1943 verhaftet, weil er als Gesinnungsgenosse des Scholl'schen Zirkels entdeckt wurde, auch für die Hinterbliebenen des Kreises Huber gesammelt und vor allem ausländische Sender gehört und sich darüber Notizen gemacht hatte. Als er ins Gefängnis eingeliefert wurde, war er religiös nicht uninteressiert, auch von seiner Gymnasialzeit her christlich belehrt, aber in der praktischen Lebensführung durchaus kein bewußter evangelischer Christ sondern ein Skeptiker gewesen. Durch unzählige seelsorgerliche Gespräche und oft recht lebhafte Debatten, nicht zuletzt auch durch die Lektüre zahlreicher christlicher, auch theologischer Werke kam er immer mehr zu einem entschiedenen Christentum. Ganz besonders förderte ihn hierin das Werk des Schweizer Juristen und Religionsphilosophen C. Hilty, dessen vielbändiges ,, Glück" von dem 91 Münchener Amtsgerichtsrat und langjährigen Herausgeber des Blumhardtkalenders, Dr. Alo Münch, in einem Sammelband zusammengefaßt, zu seinem A und O wurde. Nicht weniger gewann er die Bibel lieb und, wie bereits erwähnt, den reichen Schatz evangelischer Choräle. Aus ihnen lernte er größere Teile auswendig und hatte sie bei seinem fabelhaften Gedächtnis ständig gegenwärtig. Es war für den Seelsorger geradezu ein Genuß, sich mit ihm zu unterhalten und eine Freude zu sehen, wie er im besten Sinne suggestiv auf seine Leidensgenossen, einwirkte und manchem zum Wegbereiter für die Ewigkeit wurde. Er selbst hatte bei alldem seine stark ausgeprägte Selbstsucht und Unbeherrschtheit verloren und war zur harmonischen aber durchaus nicht stoischen Persönlichkeit herangewachsen, die am besten als Verwirklichung wahrer Gotteskindschaft bezeichnet werden kann. Dies beweist sein unten angeführter Abschiedsbrief, den er in der allerletzten Lebensstunde an seine Schwester mit auch kalligraphisch bewundernswerter Handschrift schrieb, vor allem aber seine auf mehr als 100 Einzelzetteln niedergelegte Selbstbiographie und Lebensbeichte, die er mir viele Wochen vorher übermittelte. Er hatte unter Hilty's Führung den tiefsten Sinn und Zweck des Lebens erkannt und darin das wahre Glück gefunden, sodaß er das Leid pries, das ihn hierzu brachte. Er zählte sich schließlich zu den Menschen, die ,, vor allem mehr Alleinsein mit Gott brauchen", weil sie ,, das beständige Zusammensein mit anderen nie zum eigentlichen Nachdenken über sich selbst kommen läßt." ,, Bei mir", so fährt er fort ,,, sollte die Gefängniszelle den Dienst leisten, den sonst ein Aufenthalt in der Einöde tut." So wurde auch ihm wie schon so manchem- das Leid zum Segen und die geschlossene Zellentür zur offenen Himmelspforte. Mit einer fröhlichen Ruhe, ja fast Ausgelassenheit erwartete er seine letzte Stunde und ging zum Schafott nicht anders als ein Kind ins Weihnachtszimmer. Als Text für die Vorbereitung zum Heiligen Abendmahl in seiner letzten Lebensstunde wählte er sich selbst das Evangelium des 2. Adventssonntages aus Lukas 21 mit dem Gleichnis vom Feigenbaum und den Verheißungsworten: ,, Wenn ihr dies alles sehet angehen, so wisset, daß das Reich Gottes nahe ist..." ,, Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht" und vor allem mit der trostvollen Mahnung: ,, Erhebt euere Häupter, darum daß sich euere Erlösung nahet." Hocherhobenen Hauptes mit einer geradezu übernatürlichen Ruhe schritt er zur Richtstätte... - 92 Sein Lieblingslied, das er bis zuletzt betete, hatte ihn längst auf diese Stunde vorbereitet: „Die auf der Erde wallen, die Sterblichen sind Staub; sie blühen auf und fallen, des Todes sich’rer Raub. Verborgen ist die Stunde, da Gottes Stimme ruft; doch jede, jede Stunde bringt näher uns der Gruft. Getrost geh’n Gottes Kinder, die öde, dunkle Bahn, zu der verstockte Sünder verzweiflungsvoll sich nahn, wo selbst der freche Spötter nicht mehr zu spotten wagt, vor dir, vor seinem Retter, erzittert und verzagt. Des Himmels Wonn’ und Freuden faßt nie ein sterblich Herz; o Trost für kurze Leiden, für kurzen Todesschmerz! Preis ihm, der für uns Sünder den Kelch des Todes trank! Dem Todesüberwinder sei ewig Preis und Dank!“— Als Absender auf seinen Abschiedsbrief an seine Schwester Maria Leipelt schrieb er in kunstvoller Druckschrift„Hans K. Leipelt, cand. mort.‘“(Todeskandidat). Der Brief selbst, der mit ebenso kunstvollen Schriftzügen geschrieben und— ganz zuletzt auch noch eigens von ihm für mich abgeschrieben wurde, lautete: München, den 29. Januar 19/5. „Liebes Schwesterchen, gerade im Moment, sozusagen, habe ich eine Karte(bzw. einen Brief) an Dich losgelassen, die ersten an die Adresse in Cottbus, die ich erst in der letzten Woche erfuhr— und heute findet meine Hinrichtung statt. Ich weiß, was Dir diese Nach- richt— wenn Du sie unter den jetzigen Verkehrsumständen und bei der gegenwärtigen Kriegslage überhaupt erhältst— für großen Schmerz bereiten wird. Sie läßt Dich die völlige Hilflosigkeit und Verlassenheit Deiner gegenwärtigen Lage umso stärker empfinden, da Dir nun der letzte Dir wirklich nahestehende Mensch genommen wird, der— wenn er auch jetzt ebenso hilflos war wie Du— Dir doch nach dem Kriege jede Hilfe hätte zuteil werden lassen, die in seiner Macht gestanden hätte, der versucht hätte, durch ein Leben voll unaufhörlicher Liebe und nach Möglichkeit einen Teil dessen wieder gut zu machen, was Du durch ihn und um seinetwillen hast erdulden müssen. Und doch, Liebes, bleibst Du nicht allein zurück. Abgesehen davon, daß ich gute Menschen weiß, 95 - die nach dem Kriege ihr Möglichstes tun werden, Dich zu finden und Deine Existenz zu sichern, bleibst Du in der Hand Gottes zurück, in der ich Dich getrost lasse hält er uns doch alle in seiner Hand, schützt und erhält uns, und wo er uns diesen Schutz, diese Erhaltung zu versagen scheint, muß uns doch auch das, und gerade das, zum Besten dienen. Dieses Zutrauen zu ihm dürfen, ja müssen wir haben, auch wenn wir seine Wege einmal nicht verstehen und vielleicht sogar hart finden. Ich bitte Dich, und werde in diesen letzten Stunden für Dich darum beten, daß Du Dir dieses Vertrauen zu Gott Dein ganzes Leben lang erhalten möchtest. Sei meinetwegen nicht traurig, wenn Du kannst, und jedenfalls unbesorgt. Ich fühle im wahrsten Sinne des Wortes göttliche Ruhe in mir und sterbe ohne Angst in der Hoffnung auf Gottes Vergebung, die mir freilich bitter notwendig ist, bedenke ich, in wie schwerer Weise ich mich an ihm... versündigt habe. Der evangelische Anstaltspfarrer wird mir das Abendmahl reichen. Auch Dich bitte ich nun zum Schluß, Du möchtest mir meine häufige Lieblosigkeit gegen Dich, meinen Egoismus, vor allem meinen maßlosen Mangel an Selbstbeherrschung vergeben, durch den ich auch Dich ins Unglück gestürzt habe. Lebe wohl, mein Liebes! Nochmals empfehle ich Dich in die Hände Gottes. Ich weiß, daß wir uns wiedersehen werden. Dein Dich liebender Bruder Hans." 12. Kapitel Das Schafott verläßt Stadelheim Immer hatten wir gehofft, daß Hans Leipelt nicht mehr zur Vollstreckung komme, denn der Vormarsch der Amerikaner bedrohte immer mehr das bayerische Gebiet. Auch war die Luftherrschaft der Gegner so stark geworden, daß täglich, ja oft stündlich die Sirenen aufheulten und die Münchener Bevölkerung stundenlang im Keller saß und die Fliegerangriffe über sich ergehen ließ. Desungeachtet arbeitete die ,, Maschine" in Stadelheim weiter, auch wenn die Eröffnung des Hinrichtungstermins durch den Staatsanwalt oft um Stunden hinausgeschoben werden mußte und dadurch die Zwischenzeit zwischen dieser und der Vollstreckung dementsprechend verkürzt wurde. Ende März 1945 kam noch ein eigentümlicher Fall vor. Ein ,, Gewohnheitsverbrecher", der lange auf See gefahren war, hatte sich vor Jahren 94 seine Haut tätowieren lassen. Als man ihm vor dem letzten Gang das Hemd am Nacken aufschlitzte, standen dort die Worte eintätowiert: ,, Dem Henker geweiht". Was einst in frevlem Ubermut angebracht wurde, hat sich tatsächlich erfüllt; das Fallbeil fiel auf diese Inschrift! Schon Wochen vorher hatte das Berliner Justizministerium angeordnet, daß die Guillotine aus der luftgefährdeten ,, Hauptstadt der Bewegung" in gesichertere Umgebung ,, evakuiert" würde, doch verwahrten sich begreiflicherweise die in Frage kommenden Gefängnisdirektoren entschieden, dieses Erbe anzutreten. Die Verhandlungen gingen hin und her, ohne daß die Enthauptungsmaschine stillstand. Endlich, am Freitag, den 13. April 1945, wurde in den frühen Morgenstunden das Mordwerkzeug abmontiert und samt den zahlreich noch in Stadelheim verwahrten ,, Todeskandidaten" auf mehrere Lastkraftwagen verpackt und nach Straubing befördert. Ganz Stadelheim atmete auf. In Straubing kam es nicht mehr zur Aufstellung und Tätigkeit. Die dortige Zuchthausdirektion fürchtete Meuterei. Zu leicht hätten die bisherigen Henker und Gerichtsinstanzen selbst unliebsam mit dem Schafott in Berührung kommen können. Darum wurden die einzelnen Teile bei Nacht und Nebel durch Gefängnisbeamte in die Donau versenkt. Damit schloß ein grauenhafter Abschnitt deutscher Justiz ab. Freilich, die Blutspur, die sie hinterließ und das Meer von Tränen, das sie hervorbrachte, werden nie mehr abgewischt werden können. Durch sie ist nicht nur Stadelheim für immer befleckt.- 95 95 Inhaltsverzeichnis Vorwort 1. Kapitel: Ernst Röhms Ende in Stadelheim. Der 30. Juni 1934 570 2. دو 3. " Die Zustände in Stadelheim • 4. " 5. دو 6. 7. وو دو 8. وو 9. 10. 11. دو Gedanken und Gedichte hinter Gittern Seelsorge im Gefängnis Die Todeszellen Die erste Exekution Todeskandidaten Räuber und Mörder Andere Kriminelle und ,, Volksschädlinge" 10 13 23 Zum Tode verurteilte SS- Männer وو 35 40 43 45 659 55 69 " Politische Todeskandidaten, darunter die Geschwister Scholl und die Häupter der Münchener Studentenverschwörung 74 12. Das Schafott verläßt Stadelheim " 94 96 KARL ALT wurde als Sohn des Architekten Friedrich Alt am 12. August 1897 in Nürnberg geboren, besuchte das humanistische Gymnasium in Nürnberg und Erlangen und kam nach Ausbruch des ersten Weltkrieges zum 19. Bayerischen Infantrie Regiment. Am 4. November 1915 wurde er durch Handgranatenvolltreffer schwer kriegsbeschädigt, besonders am rechten Arm. Von 1916 bis 1920 studierte er Theologie in Erlangen und Tübingen und legte im Sommer 1920 die Aufnahmeprüfung und im Jahre 1923 das Anstellungsexamen für die Evang.- Lutherische Kirche in Bayern ab. Nach einer Verwendung als Präfekt am evangelischen Alumneum zu Regensburg und als Stadtvikar bei HeiligKreuz in Augsburg wurde er 1923 Pfarrer in Kaufbeuren im Allgäu, einer ehemaligen freien Reichsstadt, deren reiche Geschichte er mit Interesse verfolgte und zu erforschen suchte. Nach mancherlei historischen Veröffentlichungen wurde er 1926 von der Philosophischen Fakultät in Erlangen auf Grund einer Arbeit über den Kaufbeurer Polyhistor Magister Jakob Brucker zum Doktor der Philosophie promoviert. Von 1929 bis 1934 war er Hausgeistlicher an der Heil- und Pflegeanstalt in Ansbach; ab Juli 1934 Pfarrer an der Lutherkirche in München, wo zu seinen Dienstobliegenheiten auch die Seelsorge am Gefängnis München- Stadelheim gehört. Die theologische Fakultät der Universität Erlangen verlieh ihm den Lizentiaten der Theologie ehrenhalber. B VERÖFFENTLICHUNGEN DES VERFASSERS DAS JAHRHUNDERT DES GOTTESKINDES Worte an Männer, Mütter und moderne Jugend. MAGISTER JAKOB BRUCKER ein Polyhistor und Schulmeister des 18. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur schwäbischen Schul- uud Gelehrten- geschichte. WILLST DU GESUND WERDEN? Beratung und Betrachtungen für Kranke an Leib, Seele und Geist. Halle a. S. 1932. REFORMATION UND GEGENREFORMATION IN DER FREIEN REICHSSTADT KAUFBEUREN Band X. VderEinzelarbeiten aus der Kirchengeschichte Bayerns. München 1932. KAUFBEURER KAISERBRIEFE aus den Jahren 1545 bis 1551. Ein Beitrag zur Interims- politik Karls V. WIEDERTÄUFER IN UND AUS KAUFBEUREN Kempten 1930. DASS CHRISTUS VERKÜNDIGT WIRD Lutherische Zeugnisse aus der bekennenden baye- rischen Landeskirche. Ansbach 1934.