Mit einem Vorwort von M. MOSKOWITZ Captain U.S. A. Chef der Abteilung für Historische und Politische Information bei der Militär-Regierung Württemberg-Baden FOREWARD I first met Mr. Mieczyslaw Chers ztein in the early days of April 1945 at the Displaced Persons Center in Mosbach, Germany. He introduced himself and spoke to me of his experiences during the past six years. His remarks made a deep impression upon me and showed that he was a keen observer. Several months later he came to Stuttgart and presented to me a Manuscript which I am happy to, see is now being made available to the public in printed form. Mr. Chers ztein's manuscript is additional testimony in the case against Nazism. When I read it through, I first realized the full meaning of what I had seen in the Concentration Camps which were uncovered during our race across Southern Germany. I recalled a scene at one of the Concentration Camp for Jews of the various Ghettos in the vicinity of Landsberg am Lech when I first arrived and I was met with the questions: Where are our wives, children, fathers and mothers, brothers and sisters?"" What is the use of going on living when we have seen with our own eyes our nearest and dearest ones burned alive?"" Who is going to avenge us?" When 1 interrogated them individually, they disclosed details which I later found confirmed in this Manuscript. The main contribution of Mr. Chers zte in is his record of the organization and liquidation of the" Ghettos" in Poland. It was a diabolical, carefully conceived and executed plan, which places the 7 guilt squarely on the perpetrators and their henchmen. It admits of no plea of ignorance on the part of the German people, because the roads travelled by the victims were long in space and time and their cry was loud enough to have resounded throughout the land. Stuttgart, Germany October 1945 8 Moses Moskowitz Captain AC VORWORT Ich traf Herrn Mieczyslaw Chersztein zum ersten Mal am Anfang des Monats April 1945 in dem Lager der Zwangsverschleppten in Mosbach, Deutschland. Er stellte sich mir persönlich vor und sprach mit mir über seine Erlebnisse während der vergangenen sechs Jahre. Seine Erzählungen machten einen tiefen Eindruck auf mich und bewiesen, daß er ein scharfer Beobachter war. Einige Monate später kam er nach Stuttgart und legte mir ein Manuskript vor und es freut mich, zu sehen, daß seine Darstellung nun durch den Druck der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Das Manuskript von Herrn Chersztein ist ein weiterer Beweis im Prozeß gegen den Nationalsozialismus. Als ich es durchlas, wurde mir zum ersten Mal die volle Bedeutung von dem klar, was ich in den Konzentrationslagern gesehen hatte, die während unseres Durchmarsches durch Süddeutschland von uns in Besitz genommen wurden. Ich erinnerte mich an einen Vorfall in einem der Konzentrationslager für Juden der verschiedenen Ghettos in der Nähe von Landsberg am Lech, als bei meiner Ankunft zuerst die Frage gestellt wurde:" Wo sind unsere Frauen, Kinder, Väter, Mütter und Geschwister? Was hat esfür einen Sinn, weiterzuleben, wenn wir mit unseren eigenen Augen sehen mußten, wie unsere nächsten und liebsten Angehörigen bei lebendigem Leibe verbrannt wurden? Wer wird uns rächen?" Als ich diese Männer und Frauen persönlich ausfragte, erzählten sie mir Einzelheiten, die ich dann in diesem Manuskript bestätigt fand. Der wichtigste Teil dieses Buches ist seine Aussage über die Organisation und Liquidation der Ghettos in Polen. Es war ein teuflisch genau durchdachter und ausgeführter Plan, der die Verantwortlichkeit 9 klar auf die Schultern der Täter und ihrer Landsleute legt. Hierfür gibt es keinen Vorwand von Unwissenheit im deutschen Volk, denn die Wege, die die Opfer gehen mußten, waren lang und andauernd und die Schreie waren laut genug, um im ganzen Lande widerzuhallen. Stuttgart, 31. Oktober 1945. Germany Moses Moskowitz Captain, A.C. 10 EINLEITUNG Das Schicksal unserer Brüder und Schwestern, die von den nationalsozialistischen Henkern umgebracht worden sind, ist eine einzige, große Anklage. Hitlers Plan, die Juden zu vernichten, wurde auf teuflische Art ausgeführt. Sechs Millionen unschuldiger Menschen sind in den Ghettos umgekommen, in Gaskammern vergiftet, in Krematorien verbrannt, in den Konzentrationslagern zu Tode gequält und vernichtet worden. die Alliierten Truppen In jedem Konzentrationslager fanden Tausende von Tausende von Beweisen barbarischer Grausamkeit, Leichen Verhungerter und an Epidemien Gestorbener, viele noch in der Körperlage, in der sie verschieden waren. In allen Lagern waren Krematorien, in denen verkohlte oder halbverbrannte Leichen gefunden wurden. Die Opfer wurden vergast und danach verbrannt, ganz gleich, ob sie noch lebten oder erst im Sterben lagen. Zu Millionen wurden sie so umgebracht, mit Methoden, deren sich der Teufel nicht geschämt hätte. Es gab Lager, in deren Nähe Seifenfabriken eingerichtet waren, damit das menschliche Fett und die Knochen ausgenützt wurden für die nationalsozialistische Planwirtschaft. Es ist unmöglich, alle Ghettos und Lager zu schildern und sie auch nur kurz zu erwähnen. Zu viel des Entsetzlichen und der Grausamkeit! Obgleich das Papier geduldig ist, waren die menschlichen Qualen zu groß, um beschrieben werden zu können. Die Erinnerungen, die ich hier wiedergebe, sind nur ein kleiner Ausschnitt der schrecklichen Vergangenheit, ein Miniaturbild, auf das man einen kurzen Blick werfen mag, um eine kleine Vorstellung der Schrecken zu gewinnen. Die Massenmorde der Nazis werden das dauernde Denkmal des Dritten Reiches bleiben. Die amerikanischen Soldaten, die diese Greuel sahen, konnten den Abgrund der menschlichen Gemeinheit nicht begreifen, die zur Schaffung 11 jener Todesfabriken geführt hat. Es wollte ihnen nicht in den Kopf, daß ein derartiges Barbarentum zwölf lange Jahre herrschen konnte. Es hinterließ ihnen Eindrücke, die sie für den Rest ihres ganzen Lebens nicht vergessen werden. Es wird Generationen dauern, bis die Namen: Majdanek, Warschau, Lodz, Wilno, Belzeo, Treblinka, Budzyn in der Geschichte der tragischen Vergangenheit des israelitischen Volkes verblassen. Sie werden immer eine einzige große Anklage Deutschlands vor der Menschheit bilden. DER VERFASSER. Stuttgart, 10. 8. 1945. 12 WILNA Nur wenige Tage nach der Explosion der ersten Bomben, die den Kriegsbeginn verkündeten, begannen die Russen die Stadt zu räumen. Der Rückzug der Sowjet- Armeen kam für die Bevölkerung ganz unerwartet. Die Evakuierung des Sowjet- Militärs rief Panik und Verwirrung bei der Zivilbevölkerung hervor. Das sowjetische Heer räumte die Stadt systematisch und benutzte dabei Transportmittel jeder Art. Die jüdische Bevölkerung, die erkannte, daß die Deutschen die Stadt in Kürze besetzen würden, begann in allen Ängsten ihren Besitz schleunigst zusammenzupacken, um noch die letzten Transportzüge zu erreichen, die auf dem Bahnhof warteten. Ich ging auf den Bahnhof, um mich zu unterrichten, wie die Sache stand. Als ich aber das unfaẞliche Gedränge und die entsetzliche Hast der Menschen sah, entschloß ich mich, auf den Rat meines Vetters in Wilna zu bleiben und mich dem Schicksal auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Züge hatten bei den Fliegerangriffen doch keine Aussicht, weit fortzukommen. Ich fuhr nicht. Nach der Räumung durch die Sowjet- Truppen blieb die Stadt ohne eine Behörde in atemraubender Erwartung der Ereignisse. Die Straßen waren menschenleer, alles verbarg sich in den Häusern. Eines Morgens, es muß der 24. 6. 1941 gewesen sein, nur wenige Tage nach dem Ausbruch des deutsch- russischen Krieges, erschienen schon die ersten motorisierten Spähtrupps in der Stadt. Die jüdische Bevölkerung erwartete mit Entsetzen das Hereinbrechen des Schicksals. Der erste Tag verlief jedoch ruhig. Die Litauer übernahmen das BäckerArtel*), zu welchem alle Bäckereien und Verkaufsstellen von Backwaren gehörten. Während der Sowjetzeit waren hauptsächlich Juden Mitglieder des Artels gewesen. Jetzt riefen die Litauer alle Angestellten dieses Artels zusammen, um die Genossenschaft zu übernehmen. Auch ich mußte bei dem Artel arbeiten, da ich die ganze Zeit dort beschäftigt gewesen war. Einige Tage lang arbeitete man normal. Auf den Straßen gab es keine Übergriffe. Viel deutsches Militär stand auf den Straßen. Die Kraftwagen und Panzer, die russische Fliegerangriffe befürchteten, verbargen sich in engen Gassen und Höfen. Nach einigen Tagen begann die erste Aktion von litauischer Seite. Sie begann damit, daß Litauer mit Polizeiarmbinden die Juden auf der *) Arbeiterkorporation, halb staatliches Unternehmen. 15 Straße anhielten und verhafteten, sie bei den nächsten Polizeirevieren ablieferten, um sie zur Zwangsarbeit einzusetzen. Alle, die jüdisch aussahen, mußten sich ausweisen, wobei die Papiere genau geprüft wurden. Anfangs war gestattet, nach Leistung einer gewissen Zahl von Arbeitsstunden nach Hause zu gehen und dort zu schlafen, doch mußten die Ausweise an der Arbeitsstelle bleiben und am nächsten Morgen mußte man wieder antreten. Obwohl ich im Büro des Bäcker- Artels arbeitete, hielt mich einmal um 10 Uhr ein litauischer Polizist an und ließ sich meinen Ausweis zeigen. Ich zeigte ihn, er nahm ihn mir und befahl mir, mich nach der Arbeit beim Polizeirevier zu melden. Als ich dort hinkam, reihte man mich sofort in die aufgestellten Reihen von Juden ein. Man sah die Dokumente durch, rief die Namen auf und prüfte, ob alle zur Stelle waren. Dann wurde befohlen, zur Arbeit abzumarschieren. In Fünferreihen führte man uns zur Arbeitsstelle, zum Seitengeleise der Eisenbahn, wo Züge mit Zement standen. Für jeden Waggon wurden acht Mann zugeteilt, um den Zement auszuladen. Litauische Zivilisten mit Gummiknüppeln hetzten uns bei der Arbeit und schlugen uns rücksichtslos ins Gesicht und auf die Beine, wenn wir nicht schnell genug arbeiteten. Das Schleppen der schweren Zementsäcke erschöpfte alle bald bei dieser Hast und dem Durcheinander. Aus halber Betäubung jagte man uns durch Prügel wieder auf. Alle Gesichter waren von Überanstrengung und Entsetzen verzerrt. Als wir nach Hause zurückkehren durften, war die Polizeistunde schon vorbei. Um nicht erschossen zu werden, marschierten wir in Viererreihen geschlossen nach Hause unter den Verwünschungen der Bevölkerung, die aus den Fenstern zusah. Die Ernährungslage wurde immer schlechter. Anfangs konnte man noch etwas in den Läden kaufen, aber später wurde es immer schwieriger; man verkaufte immer weniger Nahrungsmittel an Juden. Der Hunger der jüdischen Bevölkerung in Wilna begann. Der Menschenfang auf der Straße steigerte sich. Am Morgen waren alle Straßenkreuzungen von litauischer Polizei besetzt, die die Ausweise der Passanten prüfte. Inzwischen führte die litauische Polizei Haussuchungen durch. Einige Tage vorher hatte sie eine Verordnung zur Registrierung des jüdischen Vermögens erlassen und die Abgabe von Gold, Silber und Schmucksachen befohlen. Unter der Todesandrohung brachten alle Ringe, Leuchter, Becher und andere Wertsachen zur Polizei. Schließlich begann die Evakuierung aus den Wohnungen. In der Nacht umstellten die litauischen Polizisten die Häuser, holten die Bewohner heraus, nahmen die Männer mit und jagten die Frauen und Kinder auf den Hof oder die Straße. Nur das, was man gerade in der Hand trug, durfte mitgenommen werden. Damit begann das Unheil für die jüdische Bevölkerung. Oft konnte man in der Nacht das Weinen und 16 Schreien der Frauen und Kinder in den Nachbarhäusern hören, in denen Haussuchungen gehalten wurden. Am nächsten Tage ging ich wieder zur Arbeit. An meine Gruppe trat ein deutscher Offizier heran und suchte sich fünf Leute zur Arbeit aus. Ich war darunter. Nach der Arbeit befahl man mir und einem zweiten, sich am nächsten Tag wieder zu stellen. Wir erbettelten uns eine Arbeitsbescheinigung. Auf Befehl des deutschen Kommandanten wurden die Ältesten der Judengemeinde ernannt, deren Aufgabe es war, die Befehle der deutschen Behörden auszuführen. Die Amtszeit eines solchen Vorsitzenden dauerte niemals lange; bei der belanglosesten Sache, die als Nichtbefolgung einer Anordnung ausgelegt wurde, erfolgte sofort Verhaftung. Die Vorschriften für die jüdische Bevölkerung wurden immer schärfer. Es wurde verboten, sechzehn der wichtigsten Straßen zu betreten, verboten, auf dem Bürgersteige zu gehen. Nur der Fahrdamm durfte benutzt werden. Die Lebensmittelgeschäfte wurden getrennt, besondere Geschäfte für die polnische und litauische, besondere für die jüdische Bevölkerung wurden geschaffen. Damit wuchs der Hunger noch mehr. In den Läden für die Christen, deren Anzahl groß genug war, konnte man einkaufen, ohne Schlange zu stehen. Die Zahl der jüdischen Geschäfte war sehr gering, infolgedessen war der Andrang fürchterlich, so daß die Deutschen mit geladenen Gewehren die Schlangen in Ordnung hielten. Ich habe selbst gesehen, wie eine Frau vor einem Deutschen weinte und klagte, daß sie seit vier Tagen kein Brot gehabt hätte. Man mußte tagelang warten, bevor man in den Laden kam. Es gab besondere Lebensmittelkarten für Juden, andere für die übrige Bevölkerung. Auf jedem Abschnitt der jüdischen Karten befand sich der Aufdruck:" Zydas", Darauf bekam man täglich 120 g Brot. Das war die Hälfte der Zuteilung für Polen, die täglich ½ kg bekamen. Die Litauer bekamen noch mehr. Und diese 120 g waren die einzige Zuteilung für die jüdische Bevölkerung. Die Deutschen gaben immer wieder neue Verordnungen heraus, die immer mehr Unheil für die jüdische Bevölkerung verhießen. Schließlich erschien eine Verordnung über das Tragen von Abzeichen, die infolge des raschen Wechsels der deutschen Kommandanten immer wieder anders lautete. So mußte man anfangs auf Brust und Rücken weiße, runde Flecken mit dem gelben Zionsstern und Jude" in der Mitte tragen, dann einige Tage dasselbe in Form einer Armbinde, später wieder auf Brust und Rücken Flecken mit dem gelben Stern und J. Beim plötzlichen Wechsel der Anordnung verhaftete die litauische Polizei diejenigen, die sich der Anordnung nicht fügten, oder genauer, die nichts von ihrer Abänderung wußten. Beim Abriegeln einzelner Häuser blieb es nicht. Unter dem Vorwande, daß Juden auf zwei deutsche Soldaten geschossen hätten, 17 gingen die Deutschen zur Massenaktion über und führten beim Morgengrauen die jüdische Bevölkerung dreier Straßen weg; keine lebende Seele wurde zurückgelassen. Die Juden, die durch diese Straßen gingen, blickten mit Entsetzen auf die leeren Häuser, in denen Friedhofstille herrschte. Wer nur zur Arbeit fähig war, suchte sich eine, denn die Deutschen hatten viele Arbeiter für ihre Zwecke angefordert. Es war gefährlich, zu Hause zu bleiben, da die litauischen Polizisten fortwährend Haussuchungen hielten. Als die Verhaftungen der Arbeitslosen zunahmen, verbarg man sich auf Dachboden, in Winkeln, oder man hielt sich während dieser Stunden nicht im Hause auf. " Die deutsche Abteilung, bei der ich gearbeitet hatte, ging fort und ich blieb ohne Arbeit. Ich suchte mir eine neue Beschäftigung bei der Stadtverwaltung und bei der Kommandantur, aber vergebens. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit meinen Nachbarn zur Arbeit auf einer Baustelle zu gehen, die sich auf dem Ausstellungsgelände der Wilnaer Messe" befand. Dort erhielt ich eine Beschäftigung. Da es verboten war, einzeln zu gehen, gingen wir paarweise zur Arbeit. Immer benützten wir Nebenstraßen. Es gab auf der Baustelle verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. Ich schloß mich einer Gruppe von Tischlern an, die Abtritte bauten und konnte mich dort längere Zeit halten. Wir bekamen Arbeitsausweise, die eine oder zwei Wochen gültig waren. Waren sie abgelaufen, mußten sie erneuert werden. Die Ausweise wurden oft geprüft, und wenn jemand einen Arbeitsausweis hatte, dessen Gültigkeit eben abgelaufen war, und er am nächsten Morgen keinen neuen vorweisen konnte, so wurde er bei der Morgenkontrolle weggeholt. Auf den Straßen wurde auch kontrolliert. Nur diejenigen, die einen gültigen Arbeitsausweis hatten, ließ man durch, die andern holte man aus der Gruppe heraus und brachte sie ins LukischkiGefängnis. Dort sammelte man sie, bis sie abtransportiert wurden; wohin, blieb ungewiß. Da man in der Stadt keine Lebensmittel bekommen konnte, besorgte, der Bauleiter, ein deutscher Unteroffizier ein anständiger Mensch für alle Arbeiter die Verpflegung. - - Anfangs gab es russischen Zwieback, Dörrfische, die die Deutschen nicht essen mochten, und mittags eine Suppe. Täglich bekamen wir fünf Stück Zwieback und fünf Fische. Jeden Morgen versammelten wir uns, eine Schar von mehreren Hundert, vor dem Tore der Baustelle; nach dem Appell begab sich jede Gruppe an ihre Arbeit. Schon damals tauchten Gerüchte auf, daß in Kürze alle ins Ghetto getrieben werden sollten und nur das mitnehmen durften, was jeder tragen konnte. Aber das genaue Datum wußte niemand. Die jüdische Bevölkerung begann, einen Teil ihrer Sachen zu verkaufen. Das andere wurde verpackt. Jeden Abend und jeden Morgen erwartete man die 18 Ausweisung. In der Nacht schlief man nicht voller Unruhe, ob das Haus nicht abgeriegelt würde, um dann für alles bereit zu sein. Eines Morgens, es war in der ersten Hälfte des Septembers 1941, gingen wir wie gewöhnlich zur Arbeit, obgleich man tuschelte, daß heute alle ins Ghetto getrieben werden sollten. Wir glaubten, daß es besser sei, wenn man sich zur Arbeit stellte. Als wir auf die Straße kamen, sahen wir viel litauische Kavallerie, Polizei und Gestapo. Unsere Gruppe, die zur Arbeit wollte, ließ man durch zwei Straßen, auf der dritten aber trieb man uns in die Deutsche Straße, wo die kleinen Gassen des Ghettos: Straschuna, Jaltowa, Rudnicka, einmündeten. Unterwegs trafen wir die polnischen Hausmeister, die hastig umzogen, doch es wurde uns nicht klar, weshalb. Alle Straßen waren dicht mit Polizei und litauischem Militär besetzt. Als wir aus dem Haustor schauten, sahen wir nur einen vorüberfahrenden Wagen mit Offizieren der Gestapo, die uns in den Torweg zurücktrieben. Wir standen ratlos da, denn wir hatten nichts mitgenommen, unser Eẞvorrat und alle Sachen waren zu Hause zurückgeblieben. Als wir zur Spitalgasse und zur Rudnicka hinüberblickten, sahen wir schon, wie man hohe Pfähle eingrub, an denen Bretter angenagelt wurden. So entstand eine hohe Holzwand, die das Ghetto von der Stadt trennte. Die litauische Polizei hatte angeordnet, daß alle Juden in 10 Minuten ihre Wohnungen zu verlassen hätten und nur das mitzunehmen, was sie tragen konnten. Die Leute aus den Häusern sammelte man an einer Stelle der Straße und trieb dann die Juden in großen Gruppen ins Ghetto. Das waren Bilder, die man nie vergessen kann. Von weitem sah man nur eine Schar schwer bepackter Menschen, die vorwärts getrieben wurden, Greise und Kinder, Männer, Frauen, Mädchen, ganze Familien, alles durcheinander, jeder beladen mit seinem letzten Besitz. Die Gesichter waren von der übermenschlichen AnIch sah junge strengung verzerrt, vom Aufgebot der letzten Kräfte. Mädchen, die ein riesiges Bündel Kissen trugen, sodaß sie kaum atmen konnten. Ich sah weinende kleine Kinder, die hinter der schwer beladenen Mutter herliefen; Greise, die sich mit einer Hand auf ihren Stock stützten, in der anderen ein Körbchen mit ihren Habseligkeiten. Fürchterliche Bilder, wie man sie einmal im Leben erblickt, um sie nie mehr zu vergessen. So trieb man von morgens früh bis fünf Uhr nachmittags immer neue Gruppen, auch von den entferntesten Vororten Wilnas, ins Ghetto. Die ersten Scharen lagerten in den Höfen und warteten, bis die Verwandten und Freunde ankamen. Dabei ging es nicht ohne Gemeinheiten durch die Deutschen ab. Sie genossen diese Feier", nahmen diesen und jenen Frauen ihren Schmuck ab, den Männern, Uhren und Geld, und sogar gute Stiefel und Mäntel. Da ich 19 einen guten Mantel trug, wälzte ich mich nach dem Beispiel anderer im Staub, um den Mantel schmutzig zu machen, damit er den Deutschen nicht in die Augen fiel. Am Abend begann man, sich in den Wohnungen zu verteilen. Bettstellen gab es nicht. Man schlief auf der Erde. Schon am selben Abend hielten die Deutschen Haussuchungen. Unter dem Vorwande, nach Waffen zu suchen, nahmen sie Schmucksachen weg. Als die Frauen hörten, was in den Nachbarhäusern geschah, versteckten sie Schmuck und Uhren. Als das Ghetto mit Menschen vollgepfropft war, begann die innere Organisation. Die Verwaltung, oder der„ Kahal" zog aus der Straschungasse 6, wo der Raum zu klein geworden war, in das Schulbüro in der Rudnicka. In der Verwaltung waren dieselben Leute wie in der Straschungasse, aber keiner amtierte lange infolge der vielen Verhaftungen der Mitglieder des„ Kahals". Es wurde ein Arbeitsamt" gebildet, vier Reviere der jüdischen Polizei" J. O.-D.( Jüdischer OrdnungsDienst) mit Kommissaren als Leitern. Man ging auch daran, Werkstätten zu schaffen. Es entstanden eigentlich zwei Ghettos, die beide mit Menschen bis zur Unmöglichkeit überfüllt waren. Trotz des engen Raumes betrug die Bevölkerung mit denen, die aus der Provinz hereingebracht worden waren, an die 300 000 Seelen. Das erste, größere Ghetto umfaßte einen Teil der Rudnickastraße, der durch einen Holzzaun abgetrennt war und alle benachbarten Straßen bis zur Deutschen Straße. Das Tor lag an der Rudnicka. Das zweite Ghetto war eigentlich eine Fortsetzung des ersten und war nur durch die breite Deutsche Straße vom ersten abgetrennt. Es erstreckte sich von der Rudnicka abwärts, umschloß alle engen jüdischen Gassen bis zur Synagoge des Wilnaer Gaons.") Das große Tor an der Rudnicka mit dem Wachhäuschen war mit litauischem Militär und Gestapo besetzt. Durch dieses Tor gingen die Gruppen, die zur Arbeit befohlen waren. Es gab auf der entgegengesetzten Seite noch eine kleine Pforte, die zum zweiten Ghetto führte. Die Straßen, die an das Ghetto grenzten, waren mit hohen Bretterzäunen abgeschlossen, die oben noch mit Stacheldraht besetzt waren, sie wurden Tag und Nacht von litauischer Polizei bewacht. Alle Wohnungen und Läden innerhalb des Ghettos, die nach außen gingen, wurden geräumt und die Fenster und Ladentüren mit Brettern zugenagelt. Infolge der Überfüllung gab es nicht für alle Leute Wohnungen. Viele saßen auf den Höfen um kleine Feuer, verzweifelt, übermüdet, von Sorgen gebeugt. *) religiöses Oberhaupt, talmudische Autorität. 20 In den ersten Tagen hielten Deutsche und Litauer viele Haussuchungen im Ghetto ab und beschlagnahmten die letzten wertvollen Sachen und Schmuck. Um Brot zu kaufen, stand man jedoch nicht mehr Schlange, jedes Haus hatte sein Komitee, das für alle Einwohner die Lebensmittel besorgte. Die Wohnungsverhältnisse waren fürchterlich. Jeden Abend waren die Fußböden der Wohnungen, der Gänge und Treppenhäuser mit Schlafenden kreuz und quer bedeckt. Während der ganzen Nacht hielten am Haustor zwei Einwohner Wache, die die Schlüssel zum Haustor bei sich hatten und alle zwei Stunden abgelöst wurden. Infolge der Übervölkerung füllten sich die Abortgruben in kurzer Zeit und konnten nicht geleert werden. Von 6 Uhr morgens an verließen die Einwohner, welche zur Arbeit gingen, vorwiegend Männer, das Ghetto durch das Rudnicka- Tor. Zu Tausenden sammelten sich die Gruppen, nach den Arbeitsstellen geordnet, und warteten in der Reihe, bis die Militärbegleitung kam und sie zum Tor hinausführte. Nachdem das Ghetto geschaffen war, unternahmen die Deutschen In gewissen Massenaktionen, um die Bewohnerzahl zu verringern. Zeitabständen verlangten sie die Auslieferung von einigen Tausend Da sich nie die Personen ohne Angabe des Grundes oder Zieles. geforderte Anzahl stellte, drang die Gestapo mit litauischem Militär ins Ghetto ein, umstellte einzelne Häuser und holte aus ihnen alle Einwohner weg. Bei solchen Aktionen wurden jedesmal drei bis sechs Tausend Einwohner mitgenommen. Da sich dies immer häuifger wiederholte, zogen die Facharbeiter, die zusammen an einer Arbeitsstelle beschäftigt waren, alle zusammen in einen Wohnblock. Am Haustor wurde dann ein Schild angebracht mit der Bestätigung der militärischen Dienststelle, für welche die betreffenden Leute arbeiteten, daß die Einwohner dieses Hauses für das Militär beschäftigt sind, damit das litauische Militär in der Nacht diese Häuser in Ruhe ließ. Die Ärzte und Sanitäter des jüdischen Krankenhauses hatten ebenfalls ihren Wohnblock. Wenn entdeckt wurde, daß sich in einem solchen Wohnblock eine Person aufhielt, die dazu nicht berechtigt war, konnten alle Einwohner erschossen werden. So waren alle Beschäftigten in Blocks zusammengefaßt, der Rest wohnte in fürchterlichster Enge, stets von Verhaftung bedroht. In dem Maße, wie man die ungelernten Arbeiter herausholte, verwandelte sich das erste Ghetto in eine Facharbeiter- Kaserne und das zweite Ghetto wurde zum Wohnort der übrigen jüdischen Bevölkerung. Dann kam die Verordnung heraus, daß alle ungelernten Arbeiter freiwillig in das zweite Ghetto überzusiedeln hatten. Ein Teil der Bevölkerung aber blieb im ersten Ghetto, um der drohenden Gefahr zu entgehen. Daraufhin holte die Polizei und das Militär unter dem Vor21 wande einer Säuberungsaktion einen großen Transport Menschen weg. Wohin sie gebracht wurden, blieb unbekannt, wahrscheinlich nach Ponary, um dort in die Erde befördert zu werden. Längere Zeit ging ich täglich aus dem Ghetto mit meiner Gruppe zur Arbeit nach den alten Forts des Pulvermagazins in Burbischki und Schnipischki; dort waren Filialen der Baustelle. Jeden Morgen holten uns Wachmannschaften ab, begleiteten uns zur Arbeit und brachten uns nach der Arbeit wieder zurück. In Schnipischki war ich längere Zeit Pförtner beim Eingang. Ich benutzte die Mittagspausen oder sonstige freie Augenblicke dazu, um Einkäufe zu besorgen. Zu diesem Zwecke rannte man in die nächst gelegenen polnischen Hütten. Man kaufte Brot, Käse, Gurken, Tomaten, Kartoffeln usw. zu ziemlich hohem Preis. Manche Polinnen kamen sogar weinend zu den früheren Eigentümern ihrer Gärten, sprachen mit ihnen durchs Gitter, bemitleideten sie und brachten ihren früheren Wirten etwas zum Essen. Nach der Arbeit kehrte man mit seinen Einkäufen heim. Mit den Wachmannschaften wurde man langsam bekannt und sie erlaubten es, etwas einzukaufen. Eines Tages jedoch, als wir von der Arbeit zurückkamen, sahen wir, daß das Tor von der Gestapo besetzt war und jeder wurde kontrolliert, ob er keine Pakete bei sich hatte. Man nahm allen die Pakete fort, warf den Inhalt auf die Erde und prügelte diese Leute auf bestialische Weise. Von da ab konnte man nichts mehr ins Ghetto mit hineinnehmen, da jedesmal kontrolliert wurde. Die Not wuchs daraufhin fürchterlich. Diejenigen, die nicht zur Arbeit gingen, waren dem Hungertode ausgesetzt. Es wiederholte sich immer öfter, daß Leute auf der Straße zusammenbrachen. Das Krankenhaus war mit Kranken überfüllt, von denen ein großer Prozentsatz starb. Das Begräbnis ging auf folgende Weise vor sich: Es wurden rasch Kisten zusammengenagelt, in die man die Leichen legte. Bis zu zehn solcher Kisten wurden auf einem Wagen übereinander gestellt und zum Ghetto hinausgefahren.— Eines Tages kam der Befehl, die Greise auszuliefern. Söhne und Töchter mußten ihre alten Eltern auf die Straße vor die Häuser bringen, wo sie zum Erschießen gesammelt wurden. Immer mehr Menschen wurden weggeholt. Schließlich kamen die Deutschen und Litauer selbst, um ungelernte Arbeiter zu suchen. Unter der Führung der jüdischen Polizei durchsuchten sie fast alle Wohnungen und nahmen den Rest mit. Eines Nachts um 12 Uhr hörte man plötzlich den Ruf: Alles zum Ghetto- Tor!" Aber das war nur eine List, denn schon war die Gestapo im Ghetto und hielt gründlich Haussuchung. Alles stand in den Wohnungen und hielt den Atem an, zum Fortgehen bereit. Die Tür des Zimmers, in dem sich außer mir noch einige Leute verborgen hatten, war von uns so maskiert worden, daß sie bei der Haussuchung von den Polizisten übersehen wurde. Während dieser Haussuchung brachen die Litauer alle Schlösser auf, drangen 22 gewaltsam in alle Wohnungen ein und holten sehr viel Menschen weg. ‘Sie nahmen auch alle Ältesten aus der Synagoge des WilnaerGaons mit. Wir hörten Gerüchte, daß aus dem zweiten Ghetto größe Transporte nach Ponary abgingen. Bei Ponary lagen große Wälder, in denen von den Deutschen lange, tiefe Gräben vorbereitet waren. Dorthin wurde die Bevölkerung des Wilnaer Ghettos in Massen zum Erıschießen ge- bracht. In der Nähe hörte man Tag und Nacht das Geknatter der Maschinengewehre. Die Gräben wurden zum Massengrab von Zehn- tausenden von Opfern aus dem Wilnaer Ghetto. Zu dieser Zeit sollten alle Facharbeiter aus dem zweiten Ghetto ins erste umziehen. Um für die Platz zu machen, wurde die Bevölkerung wiederum aufgefordert, ins zweite Ghetto zu gehen. Als das nicht halt, trieb die jüdische Polizei die Bevölkerung auf brutale Art ins zweite Ghetto. Unsere Arbeitsausweise liefen ab. Man fing an, neue Ausweise in sehr beschränkter Anzahl, auf besonderen Formularen für Facharbeiter, auszugeben, die vom„Ärbeitsamt” bestätigt waren. Auf unsere ganze Gruppe, die aus neunhundert Leuten bestand, entfielen nur 120 Aus- weise. Für das ganze Ghetto wurden nur etwa 3000 Ausweise aus- gegeben. Das Kahal fing an, die benötigten Fachleute zu registrieren und stellte ihnen die Ausweise aus, aber es standen nur wenige Formulare zur Verfügung. Man fing in unserer Gruppe an, große Summen Geld für die Ausstellung der Ausweise zu sammeln.- Jeder wollte sich retten und sich irgendwie schützen. Infolge von Machenschaften der Leiter bekamen wir keine weiteren Ausweise. Nur die bekamen einen, die am meisten bezahlt hatten. Zugleich wurden alle alten Ausweise für ungültig erklärt. Es kam das Fest des„Jom-Kipur” heran. Mit schwerem Herzen ver- sammelten sich die Juden in der Synagoge, um sich an Gott um Hilfe zu wenden. Es war ein ungewöhnlich feierlicher Abend. Die Menschen ahnten, daß sie dies Fest zum letzten Male erleben durften und beteten aus ganzem Herzen. 3 Auch an diesem Feiertage waren die Männer zur Arbeit gegangen. Als sie des Abends zurückkehrten, hatten inzwischen die Frauen das Nachtmahl vorbereitet. Man kam aber nicht dazu, es in Ruhe zu beendigen, denn schon hörte man die Schreie der Ftauen:„Die Litauer sind im Ghetto!” An diesem Tage kam es zu einem der größten Ab- transporte, die das Ghetto je erlebt hatte. Wer nicht„in die Erde ver- sinken” konnte, sich irgendwie gut verstecken, wurde fortgeholt. Noch während der Arbeitszeit sagten uns Polen:„Kehrt nicht ins Ghetto zu- rück, denn man holt die Leute heraus!”Wir hatten aber keinen anderen Ausweg, denn wir konnten uns nirgends verbergen. Mir schlug sogar eine Polin vor, des Abends zu kommen und sich bei ihr zu verstecken, trotzdem sie sich vor ihrem Mann und den Nachbarn fürchtete. Ich kehrte 23 " aber mit meiner Gruppe zurück und ergab mich dem Schicksal. Im Ghetto schien anfangs alles in Ordnung, nur die Reviere des J. O.-D. hatten Befehl erhalten, in der Nacht alle Arbeiter mit Facharbeiterausweisen zu registrieren. Die Registrierung dauerte die ganze Nacht. Für die Registrierten wurden Papptafeln mit einer Nummer und dem Stempel Gestapo" ausgegeben. Wir ahnten, was bevorstand, und fingen an, uns ein Versteck zu bauen, da wir keine Facharbeiterausweise hatten und infolgedessen uns nicht registrieren lassen konnten. Den Registrierten wurde gesagt, daß sie um fünf Uhr morgens mit ihren Familien zum Verlassen des Ghetto bereit sein sollten. Wir arbeiteten fieberhaft an der Maskierung unseres Schutzraums. Der Letzte, der eine Nummer hatte, schloß uns ein. Er nagelte die Türe von außen zu, so daß man nicht erkennen konnte, daß dahinter noch ein Raum war. Darin saßen etwa hundert Leute, dicht gedrängt, Männer, Frauen, Greise, Mütter, mit kleinen Kindern. Um zwölf Uhr nachts wurden wir ans Haustor gerufen und wollten schon unser Versteck verlassen. Da bemerkten wir durch unser Ausguckloch, daß litauische Polizei da war. Die, welche das Ghetto mit ihren Nummern verlassen konnten, sahen auf dem Platz vor dem Ghetto einige Abteilungen betrunkener litauischer Soldaten und errieten sofort die geplante Vernichtungsaktion. Nach einer langen und genauen Prüfung durch eine besondere Kommission der Gestapo am Ghetto- Tor ließ man sie durch und befahl ihnen, sich am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder zu stellen. Jeder ging mit seiner Familie an seine Arbeitsstelle, um dort zu übernachten. Die litauischen Abteilungen besetzten das Ghetto; jeder Schar wurde ein Haus zugeteilt. Alle Türen und Schlösser wurden aufgebrochen. Die Haussuchung war bis in die kleinste Einzelheit genau wie nie zuvor. Jedes lebende Wesen, das gefunden wurde, wurde ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht auf die Straße gejagt. Dort wurden Scharen gesammelt, die zum Ghettotor geführt wurden. Wir hörten, wie in den Nachbarhäusern Haussuchung gehalten wurde, dann näherte sich der Lärm, wir hörten ihn aus den Nachbarwohnungen. Haussuchung bei uns im Haus! Wir hörten, wie die Türen der Zimmer, der Schränke mit Krachen aufsprangen, wie die Schlösser knarrten. Wir saßen etwa sechs Stunden, ohne uns zu rühren, ja, ohne einen Atemzug zu wagen, ohne ein Glied zu bewegen. Selbst die Kinder waren totenstill fast ein Wunder daß keines anfing zu weinen. Keiner hüstelte. - Wir hörten, wie man die Leute fand, die sich im gegenüberliegenden Flügel des Hauses versteckt hatten. Die Schreie des Entsetzens ließen unser Blut in den Adern erstarren. Als die Haussuchung sich unserer Türe näherte, hörten wir das Pfeifen, das den Abschluß des Vernichtungswerkes anzeigte. Alle Wohnungen den Ghettos waren von Menschen geräumt. Die litauische Gendarmerie schloß sich zu Abteilungen 24 п zusammen und jagte die Gefundenen in Gruppen vor sich her nach Ponary, zum Erschießen. Noch bevor die Pfeife ertönte, kamen schon einzelne Familien von Facharbeitern zurück. Noch im Versteck hörten wir den entsetzlichen Aufschrei einer Frau: Wo ist meine Mutter?" Erst als alle unsere registrierten Nachbarn zurückgekommen waren, öffneten sie uns den Ausgang. Dann wurden den Wenigen, die als Nichtregistrierte der Vernichtung entgangen waren, die Lebensmittelkarten entzogen, denn offiziell waren wir ja tot. Das Kahal durfte nicht eingestehen, daß wir lebten, denn es wäre für das Verbergen zur Verantwortung gezogen worden. Wir erhielten keine Arbeit. Einige Tage irrten wir umher, ohne einen Ausweg zu finden. Inzwischen fing man an, das zweite Ghetto fast bis zum letzten Mann auszuräumen. Alles ging nach Ponary. - Nach dieser riesigen Aktion fing das Leben im ersten Ghetto an, in geregelte Bahnen zurückzukehren. Es gab eine zeitweilige Entspannung der Lage. Die Bevölkerung wohnte in den Wohnblocks der Facharbeiter. Längere Zeit gab es keine Massenaktionen. Aus der ganzen Gegend brachte man die jüdische Bevölkerung ins Wilnaer Ghetto. Dieser Zustand dauerte bis 1943. Trotzdem die Lebensbedingungen im Ghetto im gewissen Grade normal geworden waren, spielten sich unaufhörlich einzelne Tragödien ab, die man unmöglich aufzählen kann. Schließlich wurde das Ghetto vollkommen liquidiert. Es fing damit an, daß fünftausend junge Leute zur Arbeit nach Kowno angefordert wurden. Man holte sie ab, aber anstatt nach Kowno, brachte man sie nach Ponary zur Erschieẞung. Immer wieder fing man junge Leute zur Arbeit ein. Zur Hilfe nahm man Esten und Letten. Die Gestapo machte Haussuchungen und legte sogar unter die Häuser Minen, damit sich niemand darin verbergen konnte. Schließlich, ungefähr am 22. September 1943, brachte man alle auf den Friedhof von Rossa. Dort sortierte man sie und trennte die Männer von den Frauen mit den Kindern. Die Jungens schickte man in Konzentrationslager, die übrigen wurden in Waggons verladen und nach Malkinia gebracht, wo die Mordanlage war. Auf diese Art wurde das Ghetto endgültig liquidiert. Alle Flüchtlinge aus dem Ghetto, die sich mit arischen Papieren verbargen, verhaftete man und erschoß sie in der Wilnaer Gegend auf der Stelle; in Weißrußland steckte man sie ins Gefängnis von Lida. Schließlich gab man durch die Zeitung und durch Plakatanschlag bekannt, daß derjenige, der einen Juden mit arischen Papieren anzeigt, zehntausend Mark Belohnung erhält. 25 25 FLUCHT AUS DEM GHETTO NACH DEN ERINNERUNGEN DES VERFASSERS In meiner verzweifelten Lage fing ich an, darüber nachzudenken, wie ich aus dem Ghetto herauskommen könnte. Ich verfiel auf die Idee, meinen Paẞ zu fälschen und mich als Karait auszugeben. Ich nützte dazu mein Krankenkassenbuch aus. Es enthielt mein Lichtbild mit dem Stempel der Krankenkasse und eine Personalbeschreibung, ohne Konfessionsangabe. Ich ging zu einer Bekannten und bat sie, an meinem Namen die Endsilbe-ski anzufügen und Moses in Mieczyslaw umzuändern. Die Änderung war vom Original nicht zu unterscheiden, so wunderbar war sie gelungen, obwohl wir keinen Radiergummi hatten und mit dem Messer schaben mußten. Diese gelungene Fälschung entschied den Plan. Ich zog einige Hemden übereinander an, verabschiedete mich von meiner Familie und ging, ein kleines Paket in der Hand, zum Ghettotor. Es war noch dunkel. Eine Arbeiterschar wurde zur Arbeit herausgelassen. Ich steckte das Judenabzeichen an und mischte mich unter sie. Als wir draußen waren, nahm ich das Abzeichen herunter und verschwand seitwärts. Die Mütze weit ins Gesicht gerückt, ging ich durch die nächsten Dörfer: Groß- und Klein- Jasiuny, Benjakoni. Ich ging schnell, ohne mir viel Ruhepausen zu gönnen. An diesem Tage machte ich ungefähr 60 Kilometer. So weit wie möglich wollte ich nach Weißruẞland hinein. Unterwegs wurde ich erkannt, von guten Menschen jedoch belehrt, wie ich mich weiter verhalten sollte. In Benjakoni begegnete mir ein litauischer Polizist, aber er ging an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Wenn er mich angehalten hätte, wäre ich sofort niedergeschossen worden. Ich begriff die Gefahr, die mir auf jedem Schritt drohte. Einmal rief man mich an, aber ich wandte mich nicht um, sondern marschierte weiter. An einem Abend schoß ein litauischer Gendarm hinter mir her, aber ich konnte ins nächste Gebüsch flüchten. Über Feld- und Wald- Wegen kam ich an eine Bauernhütte, wo man mir zu essen gab und mich übernachten ließ. Am Morgen ging ich weiter. So irrte ich tagsüber in der Gegend umher und kehrte zum Mittagessen und zum Schlafen in den Bauernhütten ein. Das Wetter war für mich ungünstig: ein kalter, scharfer Wind und Regen machte meine Lage unhaltbar. Nach langem Herumirren trat ich in das erste Haus irgendeines Dorfes. Dort wohnte der Stellvertreter des Schulzen, ein Pole. Zwei Tage blieb ich bei ihm, dann ging ich in die Gemeinde Lipniszki, um mich anzumelden. Unterwegs erfuhr ich von den Bestialitäten der Litauer in Waranow, die in der Nacht dorthin gekommen waren und wo dreihundert Einwohner des Wilnaer Ghettos nachts bei Frost aufs Feld gejagt wurden, um erschossen zu 26 werden. Im Gemeindeamt verhörte mich der Gemeindesekretär. Er fragte mich, ob ich Jude sei, aber ich erklärte, ich sei ein Karaite. Der Sekretär übernahm für mich die Verantwortung und meldete mich an. Er hieß mich noch, mich der Polizei zu melden. Froh und glücklich darüber, ging ich durch Schnee und Schlamm zurück. Ich kam in das Haus des Schulzen- Stellvertreters, aber er schlug es mir glattweg ab, mich noch weiter aufzunehmen. Er hatte gehört, daß man von mir als von einem Juden sprach, und nun war er verändert. Er verprügelte noch in der Nacht seine Tochter, die gesagt hatte, daß er einen Juden beherberge. Am Morgen hieß er mich gehen. Zwar stellte er mir Zettel zur Uebernachtung aus, denn ich war angemeldet, aber die Leute nahmen mich ungern auf. Es begann ein ruheloses Umherirren für mich. Endlich fand ich Arbeit bei einem Bauern, wo ein Brunnen gegraben werden sollte. Als ich dort in der Hütte saß, trat eines Tages ein polnischer Polizist aus Trakiels an mich heran, nahm mir meinen Ausweis weg, nannte mich einen Juden, verhaftete mich und brachte mich ins Städtchen Trakiele zur Polizei. In Trakiele verlangte man von mir ein Dokument, das mich als Karaite ausweisen könnte, aber ich hatte keines. Infolgedessen schickte man mich nach Lida mit dem Troste, daß ich dort freigelassen werden könnte. Nach zweitägigem Arrest schickte man mich dort von der Gendarmerie zur Gestapo. Ich dachte: Jetzt ist es aus mit mir...." Der Chef der Polizei, ein SS- Offizier, setzte mir den Revolver an die Stirn und erklärte, daß er mich auf der Stelle erschießen würde, wenn ich nicht Deutsch spräche. Also sprach ich Deutsch. Dann hielt er meinen Ausweis gegen das Licht, untersuchte ihn, aber merkte nichts von der Fälschung. Ich wurde gefesselt und hinausgeführt, ich glaubte schon, zum Erschießen und wunderte mich, daß man mich ins Gefängnis von Lida, 60 Kilometer von Wilna, brachte. Trotz meiner Behauptung, ich sei Karaite, steckte man mich in die sogenannte jüdische Zelle". Hier traf ich einen Freund aus dem Ghetto, der schon früher geflohen war. Anfangs konnte man noch zum Fenster hinaussehen und mit den vorübergehenden Juden sprechen. Damals wurde das Ghetto in Lida errichtet und den Leuten einige Tage Zeit zum Umzug gelassen. Später wurden die Gefängnisfenster mit Blech vernagelt. Es wurde immer schwieriger, mit jemanden in Verbindung zu kommen, immer seltener fing man Neuigkeiten aus der Stadt auf. Am Tage vor meiner Verhaftung hatte man eine ganze Gruppe zum Erschießen herausgeholt. Immer neue Häftlinge kamen in die Zelle, darunter ein jüdischer Advokat, der falsche Papiere hatte, andere waren als Schmuggler verhaftet worden; die meisten aber waren Flüchtlinge aus dem Wilnaer Ghetto. In unserer Zelle hungerten wir. Es gab nur einen Laib Brot( 1,5 kg) für sieben Personen. 27 . In Wirklichkeit betrug die Portion nie mehr als 150-180 g, dazu heißes Wasser und einen Liter Wassersuppe zum Mittag. Man schlief auf Holzpritschen. Die Behandlung war fürchterlich. Für jede Kleinigkeit schlugen die Polizisten mit Gummiknüppeln. Nur zu bestimmten Stunden durfte der Abort benutzt werden, und oftmals wand man sich vor Schmerzen. Auf den Hof durften wir, wenn schönes Wetter war und die Polizei bei guter Laune. Ein Bad gab es einmal im Laufe vieler Wochen. Ich schloß mit einer Frau Bekanntschaft, die in der Küche arbeitete und bekam bei Gelegenheit manchmal mehr Suppe. Zwar bekamen einige Ortsansässige Pakete, aber die Hungrigen rissen ihnen den Inhalt buchstäblich aus den Händen. Kartoffelschalen wurden zum größten Schatz. Mit mir zusammen saß in der Zelle ein gewisser Jezierski, ein jüdischer Schmied aus Lida, ein sehr netter Mensch. Er war zu drei Monaten verurteilt, aber ich weiß nicht, durch welch ein Wunder ich die Zelle noch vor ihm verlassen konnte. Die erste Nacht der Freiheit verbrachte ich in seinem Hause. Man brachte immer mehr Opfer, Flüchtlinge aus dem Ghetto, so daß die Zelle gedrängt voll wurde und die Luft darin stickig heiß, trotzdem draußen Frost herrschte. Eines Tages brachte man die Familie Weiland aus Lodz, Vater, Mutter und Tochter, die angeklagt waren, sich durch arische Papiere der Verfolgung entzogen zu haben. Weiland war getauft; in der Nacht kniete er nieder und betete. Er war ein sehr begabter Mensch, einer der bekanntesten Ingenieure der Spinnstoffindustrie in Lodz. Ihn traf dasselbe Schicksal wie alle andern. Eines Tages meldete ich mich beim Wachhabenden, daß ich Karaite sei und besonders untergebracht werden wolle. Man rief mich in die Kanzlei, zum Gefängnisdirektor. Er fragte mich, ob ich wirklich ein Karaite sei. Als ich bejahte, schlugen mich zwei Wächter mit Gummiknüppeln, sodaß ich halb bewußtlos in die Zelle zurückgebracht werden mußte. Nach einigen Tagen baten wir den diensttuenden Gefängniswächter, er möchte uns im Hofe spazieren gehen lassen. Er antwortete darauf: Morgen geht ihr alle spazieren." In der Nacht kam der Chef mit seinen Leuten zur Besichtigung. Kraftwagen fuhren vor. In der Zelle begann um zehn Uhr morgens Licht zu brennen. Wir wurden mit Namen aufgerufen. So wie sie standen, mußten die Opfer den Gang hinaus, wo sie mit den Gummiknüppeln eins auf den Schädel bekamen; dann wurden sie auf den Wagen verladen und zur Erschieẞung abtransportiert. Wir Uebriggebliebenen hörten nur von weitem die Schreie der Frauen. Unsere Zelle war leer geworden. Wenige waren zurückgeblieben, aber bald kamen neue Gefährten. Vor der Hinrichtung hatten russische Gefangene Gruben für die Opfer graben müssen. 28 Je länger wir im Gefängnis blieben, desto größer wurde der Schmutz und die Verlausung. Trotzdem wir öfters unsere Hemden wuschen, half nichts dagegen. Den größten Teil des Tages lauste man die Wäsche. Durch Hunger und Kälte bekamen alle die Ruhr. Der Hunger dörrte die Muskeln und das Fleisch aus, die Arme wurden wie Stöcke, die Brust fiel ein, die Beine waren geschwollen. Der Gefängnisarzt, ein Jude, antwortete auf unsere Klagen, daß alles sich gleich bessern würde, Auf der anderen Seite des Ganges wenn wir freigelassen würden. saẞen russische gefangene Frauen. Sie durften einmal am Tage unter Bewachung hinaus, um Einkäufe zu besorgen. Anfangs konnten wir mit ihnen in Verbindung treten, dann gab es aber einen„ Reinfall" und auch diese Erleichterung hörte auf. um zu Eine andere Episode aus unserer Zelle: Ein Jude, flüchtig aus dem Wilnaer Ghetto, der sich als Tatare ausgegeben hatte, war verhaftet worden. Er benützte eine Gelegenheit beim Gefängnisarzt, flüchten. Doch wurde er in der Stadt aufgegriffen und zum zweiten Male in Gefängnis eingeliefert. Hier begann sein Leidensweg. Im Gefängnis schlug man mit Gummiknüppeln und Stöcken auf ihn los. Dann warf man den Mißhandelten bewußtlos in die Zelle. Dort lag er den ganzen Tag. In der Nacht kam der Polizist, dem er entlaufen war, betrunken in die Zelle und begann die Mißhandlung von neuem. Jeder von uns saẞ zusammengekauert und mußte diese Greuel mitansehen. In der nächsten Nacht kam ein anderer Polizist, der ihn wiederum mißhandelte. Einige Tage später wurde er bei einer Säuberungsaktion zur Erschießung weggeholt. Nach dieser Säuberung blieben mit mir noch acht Leute zurück. Wir mußten das Eigentum der Fortgeholten auf den Gang heraustragen, von wo es auf den Dachboden gebracht wurde. An dem Tage bekamen wir eine große Portion Suppe, da die Zelle fast leer war, aber vor Entsetzen konnte keiner etwas herunterbringen. Dann brachte man in unsere Zelle einen gewissen Gedalie, der Das war ein nach der Flucht aus dem Ghetto verhaftet worden war. Bettler aus dem Ghetto von Lida. Er aẞ anfangs gar nichts und war sehr verlaust, für uns alle eine große Plage. Tagelang lag er wie erstarrt da. Später steckte man noch einen einarmigen polnischen Bauern und einen Kirgisen herein. Die Polen wollten diese zwei Leute in ihrer Zelle nicht haben. Um sieben Uhr abends wurde vom Gang aus das Licht in der Zelle gelöscht; um sechs Uhr morgens ging es wieder an, das Signal zum Aufstehen. Es war in der zweiten Hälfte des Dezembers. Der Frost erreichte dreißig Grad. Die Fenster waren fest zugefroren, die Decke dick mit Eis bedeckt. Den ganzen Tag saßen wir in unseren Mänteln um den einzigen Heizkörper der Zentralheizung in unserer Zelle. In der Nacht schliefen wir nicht, sondern saßen um den Heizkörper herum, 29 stützten den Kopf mit den Händen und verbrachten so die Nacht, von der Wärme berauscht. Am Tage war die Heizung kühler. Da liefen wir in der Zelle und auf den Pritschen auf und ab, um nicht zu erstarren. Bald wurde der Tod unser ständiger Gast. Erst starb der einarmige Bauer, dann hatte Gedaile, der in der Nacht aufgestanden war, sich fast nackt auf den Fußboden neben die Zentralheizung gelegt. Der Hunger überkam ihn. Er aß ein Stück Brot und starb dabei. In der Nacht hing sich der Tatar auf. Es war traurig und finster in unserer Zelle. Unsere Zelle Nr. 28, die jüdische Zelle" genannt, wurde zum Schrecken des Gefängnisses. Die Leichen mußten wir selbst in den Keller tragen. Anfangs klagten alle sehr, daß das„ Kahal" nichts für uns tat. Während meines ganzen Aufenthalts im Gefängnis hatten wir von der jüdischen Gemeinde in Lida keine Hilfe. Vielleicht war es auch verboten worden, das weiß ich nicht genau. Von den vorherigen Gruppen waren nur ich und Jezierski übrig geblieben, dessen Haftzeit sich ihrem Ende nahte. Wir erfuhren schon von der Freilassung Einzelner. Der strenge Frost quälte uns immer mehr. Das Leben wurde so unerträglich, daß jeder den Tod ersehnte. Der Schmied, dessen Haft abgelaufen war, bekam Schlosserarbeit in den Gefängniswerkstätten, die sich im Keller des Gebäudes befanden. Wenn er des Abends zum Schlafen zu uns kam, erzählte er uns die Neuigkeiten, die er im Laufe des Tages aufgeschnappt hatte. Endlich wurden die Gerüchte zur Wahrheit. Einen aus unsere Zelle ließ man frei und man begann, die übrigen zu verhören. Eines Tages holte man auch mich in die Kanzlei zum Verhör- Es saẞen dort einige Gestapooffiziere, der Chef und Gefängniskommandant, ein SS- Offizier als Staatsanwalt. Den Polizisten, der mich verhaftet hatte, sah ich ich auch im Gefängnis. Anscheinend hatte auch er etwas auf dem Kerbholz. Man holte auch ihn zum Verhör. Ich behauptete, daß ich aus Wilna komme, aber nicht aus dem Ghetto, und daß ich Karaite bin. Man wußte nicht, was das ist, ich mußte eine Erklärung abgeben. Der Gerichtssekretär schrieb aber einfach nieder, daß ich aus dem Wilnaer Ghetto geflohen sei, las mir das vor und verlangte, daß ich das unterschreiben solle. Ich weigerte mich. Der Richter versuchte mich zu überreden, sagte, daß, wenn ich nicht unterschriebe, der Vorsitzende an meiner Stelle unterschreiben werde und daß es dann für mich noch schlimmer sein würde. Man wollte mich durch Schläge dazu bringen. Der Vorsitzende erlaubte es nicht: man dürfe nicht zur Unterschrift gezwungen werden. Nach vielem Hin und Her, als ich keinen anderen Ausweg sah, unterschrieb ich. Mehrere Tage nach dem Verhör kam ein Polizist, befahl mir, meine Sachen mitzunehmen und führte mich in die Kanzlei. Dort sagte man mir, daß ich frei sei, gab mir die 87 Rubel zurück, die man mir bei der Durchsuchung abgenommen hatte und erklärte mir, daß ich morgen beim Gebietskommissariat meine Papiere abholen solle. Als ich den Geldempfang quittierte, be30 merkte ich, daß dort nicht Karaite" stand, wahrscheinlich weil man nicht wußte, was das ist, sondern in der Rubrik ,, Nationalität" stand im Buch Jude". Ich fragte den Chef, ob ich den Judenstern tragen müßte, obwohl ich Karaite sei. Er antwortete, im Gebietskommissariat werde man mir Bescheid sagen. Dann führte er mich zum Tore und befahl den Wärtern, mich herauszulassen. Ich war zum Skelett abgemagert. An einem Fuße trug ich einen Schuh, am anderen einen Pantoffel. Trotz der großen Schwäche und der Kälte ging ich schnell davon. Froh über meine Freiheit begab ich mich ins Lidaer Judenviertel, zur Familie des Schmiedes Jezierski, um seiner Frau Grüße auszurichten. Dort bekam ich gut zu essen, aber trot des riesigen Hungers durfte ich nicht viel essen, um nicht krank zu werden. Ich übernachtete dort, des Morgens dankte ich Gott im Gebet und ging ins Gebietskommissariat, um meine Papiere abzuholen. Hier erwartete mich das schrecklichste Verhör. Als ich in die Gendarmerie- Station eintrat, befahl mir der Chef, an der Türe stehen zu bleiben. Er und sein Sekretär begannen mich über die Karaiten auszufragen. Ich war darüber unterrichtet und gab klare Antworten. Dann nahm er sein Gewehr, entsicherte es, richtete es auf mich und fragte mich, ob ich wüßte, was das sei. Ich antwortete, es sei ein geladenes Gewehr. Darauf erklärte er, er werde mich im selben Augenblick niederschießen, wenn ich nicht die Wahrheit sagte. Mir war alles gleich, sollte er schießen! Und ich wiederholte ohne Zögern, ich sei ein Karaite. Er betrachtete mich scharf und fragte nach meinem Ausweis. Man suchte darnach, fand ihn aber nicht. Auf seine Frage, wohin ich jetzt gehen. wolle, antwortete ich:" In die Gemeinde Lipniszki zurück". Um mich zu überlisten, fragte er, ob ich im Ghetto essen werde, aber ich erwiderte, das Ghetto gehe mich gar nichts an, unterwegs würde ich bei guten Menschen um Essen bitten. Endlich nahm er seinen Zettel und stellte darauf für den Bürgermeister in Lipniszki eine Bestätigung aus, daß ich freigelassen worden sei und daß jener mir einen Ausweis ausstellen solle- unterschrieb die Bescheinigung, setzte den Stempel des Chefs der Gendarmerie des Gebietskommissariats von Lida daneben und gab mir das Dokument. Ueberglücklich ging ich mit meiner Bescheinigung ins Ghetto zurück, um mich zu verabschieden und wandte mich dann mit freudigem Herzen Lipniszki zu. Unterwegs kehrte ich in einem Dorfe ein, wo ich zu essen und zu trinken bekam, als ich mein Dokument vorzeigte. Alle Bauern in der Gegend hatten schon von meiner Verhaftung gehört und erinnerten sich an mich. Am nächsten Morgen, nachdem ich mich sattgegessen hatte, machte ich mich weiter auf den Weg durch Schneewehen und auf glattgefrorenen Wegen. An diesem Tage erreichte ich Das Gemeindeabends Lipniszki. Ich meldet mich bei der Polizei. gebäude war schon geschlossen. Man quartierte mich ein und am 31 nächsten Morgen meldete ich mich bei der Gemeinde an. Ich war geradezu eine Sensation, denn es war noch nie vorgekommen, daß jemand aus dem Lidaer Gefängnis zurückkehrte. Der Schulze und sein Sekretär fragten mich ganz genau aus, und schließlich quartierten sie mich auf je zwei Tage bei den einzelnen Bauern ein. Als ich in Lipniszki angekommen war, war ich sehr elend und konnte mich kaum auf den Beinen halten. Ich war wie gelähmt und ganz verlaust. Allmählich erholte ich mich bei guter Verpflegung. Jetzt bekam ich einen Paẞ, der lautete, daß ich polnischer Staatsangehöriger sei und karaitischen Bekenntnisses. Außerdem erhielt ich einen Passierschein auf eine Woche, weil ich meine polnischen Bekannten, die 15 km entfernt wohnten, besuchen wollte. Ich wanderte dorthin und erholte mich bei den Freunden so, daß ich vollkommen gesund wurde. Als mein Passierschein abgelaufen war, mußte ich nach Lipniszki zurückkehren. Es war für mich nicht angenehm, mich jeden zweiten Tag beim Schulzenstellvertreter zu melden, damit er mir bei einem Bauern Unterkunft suche. Schließlich riet mir der Gemeindesekretär, ins Dorf Poczern zu gehen. Er gab mir ein Schreiben für den Schulzen der Gemeinde und als dieser einmal in Lipniszki war, nahm er mich mit. In Poczern verbrachte ich einige Monate, jeden zweiten Tag bei einem andern Bauern. Inzwischen war eine Anordnung erschienen, daß an jeder Hütte eine Tafel mit Namen und Alter der Bewohner auf Deutsch und Polnisch angebracht werden müsse. Ich konnte Deutsch, und so begann ich für alle diese Täfelchen auszuschreiben. Im Verlauf von einigen Monaten wanderte ich durch alle Hütten und fertigte überall diese Täfelchen an. In dieser Zeit brach beim Schulzen von Poczern Typhus aus, ich war damals im Dorfe Kuzmy. Um die Ursache der Erkrankung festzustellen, kam ein polnischer Arzt aus Iwja. Er ließ mich rufen, untersuchte mich und stellte fest, daß ich ein Jude war. Ich versicherte ihm, daß die ärztliche Untersuchung nichts beweise, da die Karaiten denselben Ritus der Beschneidung hätten. Er behauptete das Gegenteil und blieb dabei, daß ich ein Jude sei, ich hätte nur ein Buch über die Karaiten gelesen und bringe alles durcheinander. Er nahm mir meinen Ausweis fort und ordnete an, daß ich des Morgens beim Gemeindeamt eingeliefert würde. Ich war verzweifelt, denn dies kam einer Verhaftung gleich; meine vorigen Erlebnisse konnten sich wiederholen. Die Nacht verbrachte ich schlaflos. Die Einwohner des Dorfes bekamen heraus, daß man mir meinen Paẞ genommen hatte, weil ich unter dem Verdacht stand, Jude zu sein, und zogen sich von mir zurück. Am Morgen brachte man mich nach Lipniszki. Den ganzen Weg lang flehte ich in meinem Herzen zu Gott. Der Gemeindesekretär war nicht da. Um elf Uhr kam er und ich erzählte ihm alles. Er gab mir einen Brief an den Arzt in Iwja und schickte mich im Schlitten, der in Iwja Holz abholen sollte, dahin. Ich 32 gab beim Arzt den Brief ab. Er las ihn durch, und schickte mich in Be- . gleitung einer Pflegerin zum Bürgermeister, um meinen Paß zu holen. Auf die Frage, weshalb ich mich als Karaite ausgebe, antwortete ich, ich sei einer, ich hätte deswegen schon in Lida im Gefängnis gesessen, sei dann freigelassen worden und mein Paß sei auf Grund eines Schrei- bens der Gendarmerie des Gebietskommissariates ausgestellt worden. Der Bürgermeister von Iwja gab mir daraufhin einen Brief an den Bür- germeister von Lipniszki. Als ich dort zurückkam, schickte man mich mit einem Schreiben nach Poczern weiter. Dort hatte ich viele Unan- nehmlichkeiten. Man behauptete, ich sei schuld an den Typhus- erkrankungen. Das ganze Dorf wurde für drei Wochen abgeschlossen und mit Stacheldraht umgeben. Unter Todesstrafe wurde verboten, das Dorf zu verlassen. Ich mußte die Quarantäne einen Monat lang mit- machen. Man steckte zwei Aerzte in das verseuchte Dorf. Sie sollten darauf achten, daß sich die Seuche nicht ausbreite. Nach Beendigung der Quarantäne ging ich ins nächste Dorf, wo ich nacheinander bei allen Bauern wohnte. Damals fing man an, die Leute für die Zwangsarbeit in Deutschland zu registrieren. Die Bauern hatten Angst, daß auch sie verschleppt werden könnten, wenn man mich suchte und wollten mich nicht mehr aufnehmen. Nach der Registrierung versteckten sich die zur Zwangs- arbeit Bestimmten gewöhnlich. Wenn dann gesucht wurde, wurde der mitgenommen, der da war. Aus diesem Grunde mußte ich oftmals im Walde übernachten. Wenn die Menschenjagden am Tage abgehalten wurden, versteckte ich mich zusammen mit den anderen. Wir hörten damals von den scharfen Verordnungen gegen die Juden. Alle Juden, die in Lipniszki arbeiteten, mußten nach Iwja und Lida ge- bracht werden. Erst wurden sie registriert, dann wurden sie in beson- dere Bezirke getrieben, die zu Liquidationsorten wurden. In Lida, so- wohl wie in Iwja, wurden sie nach genauer Registrierung ins Ghetto getrieben, das mit Stacheldraht umgeben war. Drei Tage lang wurden dort Menschen durch Maschinengewehrbeschuß umgebracht. Die polnische Bevölkerung hing zum Zeichen der Trauer schwarze Vorhänge an die Fenster. Ich habe selbst gesehen, wie von der Kommandantur in Lipniszki ein Maschinengewehr zur Erschießung der Juden geschickt wurde, Zugleich wurden große Menschenjagden und Haussuchungen gehalten, um alle zu verhaften, die geflüchtet waren, 33 oder die sich nicht gestellt hatten. Alle Wege, die nach Iwja oder Lida führten, waren mit deutscher, polnischer und litauischer Polizei besetzt. Man sammelte die Juden in kleinen Gruppen, wo man sie fand, und brachte sie auf der Stelle um. Am Rande einer großen Grube mußte der Mann oder die Frau niederknieen und bekam den Genickschuß. Die Leichen stürzten in die Grube. Jedes Opfer, das wartete, bis es an die Reihe kam, sah das Schicksal der Vorigen mit an. Oft mußten sich alle nebeneinander in die Grube legen und wurden von oben mit Maschinengewehren beschossen. Besonders grausam ging man in Waranow und in Imja vor, was die beigefügten Aufnahmen bezeugen. An einem Sonntage, als ich in einem Nachbardörfchen untergebracht war, wurde auf die zur Zwangsarbeit Registrierten Jagd gemacht. Dabei wurde auch ich mitgenommen und zur Gemeinde gebracht. Ich war so sicher, daß der Schulze mich freilassen würde, so daß ich keine Sachen mitnahm, doch der Schulze wollte nichts für mich tun. Die Polizisten behandelten mich wie einen Juden. Neben mir saß ein Polizist mit schuß- bereitem Gewehr. Sogar der deutsche Kommandant wurde herbeigeholt. Dann aber kam der Schulze und erklärte, ich sei ein Karaite. Der deutsche Kommandant versicherte mir, in Deutschland werde es mir besser gehen als hier. Schließlich wurden wir, im Ganzen etwa fünfzehn Personen, in einer Reihe aufgestellt und unter Polizeibewachung zum Bahnhof gebracht, von wo wir nach Lida abtransportiert wurden. Auf dem Bahnhof war schon ein Vertreter des Arbeitsamtes, der uns führte. Die Bevölkerung des Ortes stand auf der Straße, um sich den Abtransport anzusehen und betrachtete uns mitleidig. In Lida wurden die Leute aus dem ganzen Kommissariat gesammelt. Als ein riesiger Transport beisammen war, wurden alle nach Minsk zur Kommission geschickt. Dort traf ich ein verhaftetes Mädchen, das wie eine Jüdin aussah und sprach mit ihr. Als man das sah, verhaftete man mich sofort und drohte mir mit Er- schießen. Ich blieb fest und erklärte, ich sei ein Karaite. Man brachte mich zur Bahnhofswache und von dort zur Gendarmerie. Der Chef der Gendarmerie erkannte mich wieder und besah sich meinen Ausweis. Auch andere Offiziere erkannten mich und sagten, daß ich schon bei ihnen gesessen hätte. Schließlich rief der Chef den Transportleiter und befahl ihm, mich nach Minsk mitzunehmen und dem Leiter des Arbeits- amtes zu erklären, daß ich trotz meines semitischen Aussehens kein Jude, sondern ein Karaite sei. Tatsächlich wurde der Leiter des Arbeits- amtes benachrichtigt und ich blieb weiter auf dem Wege nach Deutsch- land unbehelligt. Unsere Reise nach Minsk dauerte zwei Tage. Dort wurden wir in einem großen Fabrikgebäude untergebracht. Die Straßen waren von schwerer Artillerie besetzt, die an die Front zog. Von unserer Unter- kunft aus sah man den jüdischen Friedhof, dort mußten die Juden die Grabsteine beseitigen. Jeder trug einen gelben Fleck mit dem Davidstern und ein J auf der Brust und auf dem Rücken. Außerdem trug jeder auf der Brust eine Nummer. Ein Ghetto gab es nicht. Wir fuhren nach der ärztlichen Untersuchung und einer Reinigung über Suwalki nach Deutsch- land. Unterwegs wurden wir einige Male entlaust und gereinigt. Zwei Wochen waren wir unterwegs, bis wir Ulm erreichten. Hier war eine Sammelstelle für das südwestdeutsche Arbeitsamt. Ich bemühte mich um Landarbeit, hatte aber keinen Erfolg. Jeder wurde einem gewissen Bezirke zugeteilt und bekam einen Zettel mit einer Nummer. Ich wurde dem Arbeitsamt Mannheim zugeteilt. Als wir dort angekommen waren, 39 wurden wir auf der Straße aufgestellt. Die Firmen kamen mit Lastkraftwagen und holten sich die Leute ab, die ihnen vom Arbeitsamt zugeteilt worden waren. In Deutschland teilte ich drei Jahre lang das Schicksal aller Deportierten. Mehrfach hatte ich durch mein semitisches Aussehen in den polnischen Lagern bei der Firma Lanz Schwierigkeiten. Im letzten Arbeitsjahr arbeitete ich bei der Firma Isolation A.-G. Neckarau- Mannheim; ich gehörte zur Feuerwehr. Als ich einmal während eines Luftangriffes in einem kleinen Bunker im Hofe saß, fiel auf den Bunker ein Lufttorpedo. Rings umher wurden die Fabrikgebäude zerstört, der Bunker stürzte ein, aber mir geschah nichts. Alle hielten es für ein Wunder, ich wurde vom Reichsluftschutzbund photographiert. Während der Jahre in Deutschland war man immer hungrig. Die Lebensmittelrationen waren winzig, bei ungeeigneter Unterbringung und zwölf Arbeitsstunden täglich in der Kälte. Manches Mal waren mir die schwielig gewordenen Hände vor Frost geschwollen. Als die großen Luftangriffe auf die Industriebezirke begannen, hat uns hundertmal das Entsetzen gepackt, als wir in den Luftschutzkellern hörten, wie die Bomben über unseren Köpfen pfiffen und die nächsten Wände zusammenstürzten. Es ist gar nicht auszudenken, durch welch ein Wunder man dies alles ausgehalten und überlebt hat. In den Nächten konnte man nicht schlafen, keine Nacht war ruhig, oft mußte man in den Luftschutzkeller, am Morgen aber mußte die Arbeit zur normalen Zeit begonnen werden. Ganz zum Schluß mußten noch auf den Straßen Panzersperren unter Bomben- und Maschinengewehrbeschuẞ niedrig fliegender Jabos*) gebaut werden. Bei ihrem Rückzuge trieben die Deutschen die ausländischen Arbeiter mit sich fort, damit sie nicht in die Hände der Alliierten fielen. Wer zurückbleiben wollte, mußte riskieren, sich in der Frontlinie irgendwo zu verbergen. Im Dörfchen Dallau sah ich nach dem starken Artilleriebeschuß die ersten amerikanischen Panzer mit dem SternenbanDas war die Freiheit! Mit welchem Jubel im Herzen, mit welcher Hoffnung begrüßte man sie! ner. Stuttgart, den 2. August 1945. *) Jabos= Jagd- Bomber. 40 KRAKAU Nach der Besetzung Krakaus durch die Deutschen im Jahre 1939 widerfuhr den Krakauer Juden dasselbe Schicksal, wie den polnischen Juden in anderen Städten. Bevor das Ghetto, der sogenannte Wohnbezirk gebildet war, wurden unter den verschiedensten Vorwänden Tausende von Menschen weggeholt. Dies dauerte bis zur Liquidation des Ghettos und der Bildung des Zwangsarbeiterlagers in dem Krakauer Vorort Plaszow. Die Gestapo begann die Liquidierung des Krakauer Ghettos im Jahre 1943 mit dem Aussortieren der Bewohner. Die Arbeitsfähigen wurden in Plaszow untergebracht, die übrigen, Frauen, Kinder und Greise, die man für nicht arbeitsfähig erklärte, wurden verladen und zu den Vernichtungsstätten gebracht. Das Krankenhaus wurde auf die Art erledigt, daß die Kranken in den Betten, so wie sie gerade lagen, erschossen wurden. Auch der Portier des Krankenhauses und seine Familie wurden erschossen, obgleich sie gesund waren. Die Leute, die sich im Ghetto, im Keller, in Winkeln und Ecken versteckt hatten, wurden bei der Durchsuchung auf der Stelle niedergeschossen oder auf die Straße geschleift und dort erschossen. Infolgedessen lagen auf den Straßen und Höfen viele Leichen in den verschiedensten Stellungen. Die Bewohner der gegenüberliegenden Straßen erstarrten vor Entsetzen bei diesem Anblick. Alle Leichen aus dem Ghetto wurden auf Bauernwagen nach dem Lager in Plaszow gebracht. Wie Tierkadaver wurden sie in einer großen Grube aufgestapelt und dünn mit Erde beschüttet, damit noch Platz für den nächsten Schub bleibe. Fand man noch Leute, die sich im Ghetto verborgen hatten, so wurden sie mit ihren Familien ins Lager gebracht. Dort zwang man sie, sich bei der großen Grube nackt auszuziehen, in die Grube zu steigen und sich dort in Reih und Glied niederzulegen. Von oben her erschoß man sie. Wie oft mußten die Unglücklichen das Schicksal ihrer Vorgänger mit ansehen! Auch solche Leute, die sich mit arischen Papieren versehen hatten, wurden auf der Stelle erschossen. An dieser schrecklichen Richtstätte von Tausenden von Juden hatten die SS- Männer einen Bagger aufgestellt, der die noch zuckenden und sterbenden Opfer mit Erde mischte. Dieser Bagger wurde zum Schrecken des neugebildeten Lagers. Bei dem geringsten Anlaß wurden Leute zum Bagger gebracht und dort mit einem Schuß unter dem eisernen Greifwerkzeug der Maschine niedergestreckt. 43 Das Leben unter unmenschlichen Bedingungen in diesem Lager war fürchterlich. Anfangs wurden den Häftlingen besondere Arbeiten auch außerhalb des Lagers zugeteilt, die meisten bekamen Arbeit im Lager, hauptsächlich bei der Beseitigung der Grabmäler des jüdischen Friedhofes, der zum Lagergebiet gehörte. Der Lagerkommandant Ghett traktierte auf seinen Gängen durchs Lager die Leute, die ihm begegneten, mit Kolbenschlägen und schoẞ ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht die nieder, die seiner Meinung nach unfähig waren, die befohlene Arbeit zu leisten. Die Arbeit war schwer. Wagen mit nassem Sand mußten im Laufschritt über den steinigen Boden geschoben werden. Nach jedem Arbeitstag wurden es weniger Häftlinge, die vom Kommandanten oder seinen Gehilfen Erschossenen fehlten. Die Leute, die von der Arbeit außerhalb des Lagers zurückkehrten, mußten ihre verprügelten Gefährten, die nicht fähig waren zu gehen, mit sich tragen. Man arbeitete zehn bis fünfzehn Stunden täglich, je nach der Laune des Kommandanten. Um die Verpflegung bekümmerte man sich am allerwenigsten. Die Brotration pro Kopf betrug wöchentlich 1,20 bis 1,40 Kilogramm. Das Mittagessen war ungenügend. Abendessen gab es nicht. Eine Zeitlang bekamen die Häftlinge noch wässerig dünnen Weiẞkäse. Dieser Zustand hielt ungefähr anderthalb Jahre lang an. Um die Häftlinge in Angst zu halten, wurden sie zu regelmäßigen Appellen geholt. Wer irgendwie aufgefallen war, bekam vor der ganzen Versammlung 50 Hiebe mit dem Stock oder mit der Peitsche. Diese Leute mußten sich nackt ausziehen ohne Rücksicht auf das Geschlecht. Die Frauen, die das mitgemacht hatten, mußten nachher einige Tage liegen, weil sie unfähig waren zu gehen. Aerztliche Hilfe war verboten. Eines Abends drangen SS- Männer und Ukrainer in alle Baracken ein und verlangten unter Drohungen mit dem Tode die Abgabe aller Wertsachen. Nur Einzelne wagten es und gaben nichts ab, aber den meisten wurde alles Eigentum weggenommen, nur die Kleidung und Decken durften sie behalten. Diejenigen, die in die Stadt zur Arbeit gingen, konnten sich zusätzlich Nahrungsmittel beschaffen, aber die andern im Lager hungerten, wenn ihnen die außerhalb Arbeitenden nicht etwas abgegeben hatten, so gut sie konnten. Jeder rechnete mit dem Tode. Jeder Häftling war auf das Ende vorbereitet, ganz gleich, ob er im Lager oder außerhalb arbeitete, Später wurde das Ausgehen verboten und die Außenarbeitsstellen wurden aufgelöst, so daß alle im Lager bleiben mußten. Bald darauf wurden verschiedene Werkstätten, wie Schreiner-, Schuster-, Schlossereibetriebe, Papierbearbeitung, Buchbinderei und Druckerei, eingerichtet. Die Maschinen wurden alle im Ghetto requiriert. Die Arbeitsregeln waren sehr scharf. Der Kommandant erschoẞ in den Baracken, in denen zumindest ein halbes Hundert Menschen ar44 beitete, jeden, wenn er mit der Arbeit nicht zufrieden war, oder wenn er ihn sitzend antraf. Dies ging so Tag und Nacht. Die übermüdeten, unterernährten Menschen fielen manchmal in einen leichten Schlummer, eine unrichtige Haltung reichte für den Kommandanten schon aus, um sie zu erschießen. Die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit im Lager waren dem J. O. D.( Jüdischer Ordnungs- Dienst) übertragen. Er bestand nur aus Juden, die von den SS- Leuten ausgewählt worden waren. Ständig wurden aus dem Lager Menschen weggeholt. Mit Hilfe des J. O. D. wurde eine gewisse Anzahl, vorwiegend ältere Leute, verhaftet und zur Hinrichtung unter den Baggermörder an einer anderen Stelle, dem sogenannten Hügel, geführt. Später wurde noch eine dritte Stelle, die den Namen„ Cipowy Dolek" bekam, zur Hinrichtung gebraucht. Die Leichen wurden wahrscheinlich verbrannt. Am Anfang betrug die Anzahl der Lagerinsassen etwa Zwanzigtausend. Im November 1943 besserte sich die Behandlung der Häftlinge etwas. Aus dem Zwangsarbeitslager wurde ein Konzentrationslager gemacht und Häftlinge anderer Bekenntnisse und anderer Volkszugehörigkeit eingeliefert. Die Ernährung wurde im Verhältnis zur vergangenen Zeit besser und reichlicher: täglich ein Viertel Laib Brot, manchmal zweimal Suppe aus Gras und Brennesseln und gewisse Zulagen wie dünne Marmelade u. s. w. Für eine gewisse Zeit hörten auch die unbegründeten Erschieẞungen auf, doch schlugen die SS- Männer die Gefangenen im selben Maße wie früher. Unter solchen Bedingungen nahm die Zahl der Gefangenen im Verlauf zweier Jahre beträchtlich ab. Im Konzentrationslager waren die Regeln für alle gleich. Später wurde infolge des Wechsels des Lagerkommandanten wieder bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen. Deutsche Kinder, die den Häftlingen auf der Straße begegneten, riefen ihnen Schwerverbrecher, Banditen" nach. Kranke wurden im Winter zur Arbeit gezwungen. Auch während des größten Frostes mußte man nachts zum Bad und zurück laufen. Während des Marsches an die Arbeitsstelle und zurück wurde man mit Kolbenschlägen gejagt. Oftmals kamen Fälle vor, wo der wachhabende SS- Mann die Häftlinge unter dem Vorwande, daß sie dort Aepfel pflücken könnten, an den Stacheldraht lockte, der das Gebiet umzäunte, und sie dann dort wegen angeblichen Fluchtversuchs niederschoß. Im letzten Jahre, d. i. 1944, brachte man auch eine Gruppe Juden, etwa 40 Personen, die arische Papiere hatten, ins Lager. Sie teilten das Schicksal der anderen. Als sich die russische Armee näherte, begann man das Lager aufzulösen. Man verlud die Opfer in plombierten Waggons, hundert bis hundertzwanzig in jeden. Es war Sommerzeit und sehr heiß. Die Waggons standen einige Tage auf den Gleisen. Die Sonne brannte unbarmherzig. Um den Leuten, die in den Wagen schrecklich litten, etwas 45 Erleichterung zu bringen, gestattete der Leiter, daß Wasser auf die Waggondächer gegossen wurde, was wirklich etwas half. Die Waggons gingen ins Innere Deutschlands in verschiedene bekannte Konzentra- tionslager wie Mauthausen, Dachau, Neckarels und. dergl. Der Zeuge Natan Vogler, geb. in Krakau am 23. 10. 1903, wohnhaft in Krakau, Jozefinska 19, Häftling Nr. 22 447, hatte nur einen beschränkten Ueberblick und erzählte seine Erlebnisse nur in Kürze. Beachtenswert ist eine barbarische deutsche Greueltat in Mielec, in der Wojewodschaft Krakau. Am 22. September 1939 holten die Deut- schen nach ihrem Einrücken die Ältesten und Gelehrten aus ihren Häusern, trieben sie in die Synagoge, angeblich wegen rituellen Schäch- tens. Die dort Versammelten begossen sie mit Benzin und steckten sie bei lebendigem Leibe in Brand. In aller Ruhe sahen sich die Deutschen diese Szene aus Dantes Hölle aus sicherer Entfernung an. Wenn einer der Unglücklichen zum Fenster hinausspringen wollte, wurde er von SS-Männern niedergeschossen. Ein Augenzeuge davon ist ein Kollege aus dem Fremdenlager in Mosbach, Wladyslaw Gaszynski, ein Pole, geboren am 26. 8. 1919 in Borowa, Kreis Mielec, Wojew, Krakau. 46 LODZ (LITZMANNSTADT) Eine Woche nach Kriegsbeginn rückten die Deutschen in Lodz ein. Das war der schlimmste Tag, den Lodz je erlebt hat. Gleich am selben Tage drangen sie in die Wohnungen wohlhabender Juden ein, raubten Wertgegenstände und Schmucksachen, mißhandelten und schlugen die Leute. Auf den Straßen gingen bestialische Szenen vor sich. Wer den Deutschen nur dem Aeußeren nach nicht behagte, wurde niedergeschossen. Im Laufe der darauffolgenden Tage wurden in Lodz Arbeitsämter errichtet. Zu diesem Zwecke wurden die jüdischen öffentlichen Gebäude beschlagnahmt. Es ging den Deutschen eigentlich nicht ums Arbeiten, sondern nur um das Quälen der Juden, besonders der wohlhabenden, die auf bestialische Art und Weise umgebracht wurden, wie der Inhaber der Firma Gebrüder Leib". Einige Deutsche stellten sich um ihn auf, stießen ihn mit Fußtritten sich gegenseitig zu, wie einen Fußball, bewarfen ihn dann mit großen Kohlenstücken, und als er niederstürzte, trat man ihm auf den Kopf und sah zu, wie das Blut aus dem Munde strömte. Dies ist einer der vielen entsetzlichen Fälle, die man unmöglich alle einzeln aufzählen kann. Bald begann die Beschlagnahme des jüdischen Eigentums und das Vertreiben aus den Wohnungen. Innerhalb von fünf Minuten mußten die Juden ihr Haus verlassen. Die Vertriebenen begaben sich in die geschlossene Judensiedlung Baluty und vergrößerten dort die Zahl der Einwohner. Das war der Anfang des Ghettos. Zuerst bildeten sich die Niederlassungen der Ausgewiesenen freiwillig. Dann bezeichneten die Deutschen die Grenzen des Ghettos nach dem Stadtplan und bestimmten den Zeitpunkt, an dem die einzelnen Stadtviertel geräumt werden mußten. Im Laufe weniger Wochen war die ganze jüdische Bevölkerung von Lodz im Ghetto zusammengepfercht. Um den Juden das Mitnehmen ihrer Sachen unmöglich zu machen, griff man zu folgenden Machenschaften: Die Petrikauer Straße sollte laut Befehl am Freitag geräumt werden. Am Vortage jedoch umstellten die Deutschen die Straße und befahlen allen jüdischen Einwohnern im Verlauf von fünf Minuten ihre Wohnungen zu verlassen. Bei der entstandenen Panik verließen viele ihre Wohnungen nicht rechtzeitig. Daraufhin folgte ein allgemeines Morden der Juden. Man schonte auch die Kranken nicht. Die jüdischen Einwohner anderer Stadtviertel warteten daraufhin den Ablauf der zweiwöchigen Frist nicht ab, sondern nahmen sofort ihre Betten und gingen ins Ghetto. 49 Dies geschah ungefähr in der zweiten Novemberhälfte des Jahres 1939. Während die Stadt von reichen Juden gesäubert und die jüdische Intelligenz verhaftet wurde, gaben die Deutschen bekannt, daß alle Juden aus Lodz im Verlauf von drei Tagen ausgesiedelt würden. Sie hielten sich aber nicht an den angegebenen Termin, sondern begannen Die Straßen den Stadtteil, der als Ghetto diente, sofort zu räumen. Zgierska, Lubomirska wurden umstellt, alles, was gehen konnte, herausgeholt und diejenigen, die nicht Kraft genug zum Gehen hatten, auf der Straße erschossen. Es war ein fürchterliches Bild: Die Gestapobanditen mit ihren Mördergesichtern, ihren erbarmungslosen, kalten Blicken, teuflisch herausfordernd, trieben und mißhandelten die Unglücklichen unbarmherzig, verluden sie in Straßenbahnwagen und brachten sie nach Radegast. Dort warteten die Transporte, bis die Güterzüge vorfuhren. Jeweils hundert Menschen, jeder von ihnen mit Hab und Gut bepackt, wurden in einen Waggon verfrachtet. Es war nicht ertragbar. Die Opfer riefen um Hilfe, aber keiner kehrte sich daran. Frauen im neunten Monat begannen im Stehen zu gebären. Kinder riefen nach ihren Müttern, aber die Mütter konnten sich zu ihnen nicht durchdrängen. Die Menschen mußten ihre Notdurft erledigen, wo sie standen. Die Fahrt nach Plaszow dauerte vier Tage. Zu Tode erschöpft kamen sie aus den Waggons, viele schwer krank, viele junge Mädchen und Frauen mit Blutstürzen, mancher Tote blieb zurück. Alle waren geblendet, als sie nach der viertägigen Finsternis im Güterwagen ans Tageslicht kamen. Die Häftlinge wurden ins Plaszower Lager gebracht, wo sie sich auf dem Stroh der Fußböden niederlegen konnten. Schließlich wurde die übrige jüdische Bevölkerung von Lodz ins Ghetto umgesiedelt, das mit Brettern und Stacheldraht umzäunt wurde. Zuerst bestanden zwei Ghettos, die durch eine Hauptverkehrsstraße, welche die Deutschen ständig benutzten, getrennt waren. Dann, um eine Berührung mit der jüdischen Bevölkerung zu vermeiden, wurden beide durch eine Brücke verbunden. Das Ghetto war zuerst groß genug, wurde aber systematisch verkleinert. Es umfaßte anfangs etwa den siebenten Teil von Lodz. Im Abstande von einigen Wochen kamen Transporte von deutschen, französischen und tschechischen Juden an. Auch die Juden aus der Umgebung, aus Brzeziny, Zgierz, Pabjanice, Zdunska Wola wurden hierher gebracht. Man suchte die Facharbeiter, die andern wurden umgebracht. In jedem Monat wurden Massen getötet, jedesmal etwa Zehn- bis Fünfzehntausend. Zuerst kamen die Gesunden, dann Kranke, dann Familien. Immer neue Opfer wurden herausgeholt, einmal zwanzigtausend gesunde Männer, angeblich zur Arbeit. Nach zwei Monaten kam eine kleine Schar von etwa 450 Mann zurück, ein Haufen Elend. Man gestattete, daß sie 50 von ihren Familien besucht wurden. Ein großer Teil der Bevölkerung kam, denn jeder hoffte, seinen Verwandten wiederzufinden. meinde schickte ihnen Verpflegung, aber nach einigen Tagen wurden sie in Autos verladen und wieder weggebracht. Die Deutschen hatten nur zeigen wollen, was von zwanzigtausend kräftigen Menschen übrig bleibt, wenn man sie zwei Monate lang quält. " In dem Maße, wie die Organisation des Ghettos fortschritt, wurden sogenannte„ Ressorts" gebildet zur Erfüllung der deutschen Forderungen. Die Ressorts" waren Werkstätten in großem Maßstabe, die in Fabriken oder in größeren Gebäuden des Ghettos untergebracht waren. Besonders Schneidereien waren stark vertreten. Sie stellten Mengen von Uniformen und Militärwäsche her. Bald forderte man die Auslieferung aller, die nicht in den Ressorts" beschäftigt waren. Es hatten sich Greise und die größeren Kinder, auch Halbwüchsige, in die Ressorts" geflüchtet. Nun führten die Deutschen eine Kontrolle durch. Ein SS- Kommando ging unter Mithilfe der jüdischen Polizei von Haus zu Haus. Jeder mußte seine Wohnung verlassen und sich im Hofe aufstellen. Die Wohnungstür mußte offen bleiben. Alle, die die Deutschen für arbeitsunfähig hielten, wurden in Lastwagen verladen. Bei dieser Aktion wurden etwa vierzigtausend Menschen weggeholt. " " 1 Im dritten Kriegsjahr fand eine besondere Such- Aktion" nach Kindern statt. Für die Kinder der höheren Beamten und Direktoren der Ressorts" und des Beirates der jüdischen Selbstverwaltung im Ghetto hatte man inzwischen eine besondere Baracke ,,, Marysin" genannt, hergerichtet, wo man sie während der Aktion versteckte. Marysin" befand sich am Ende des Ghettos. Der Präsident Chaim Rumkowski hatte diese Kolonie geschaffen, da er sehr kinderlieb war. Es wurde die Auslieferung von zwanzigtausend Kindern gefordert. Die Kinder mußten sich auf den Höfen versammeln. Trotzdem man dem Präsidenten versprochen hatte, daß die Kinder nicht von der Kolonie weggeholt werden würden, erschien um zwölf Uhr nachts ein Rollkommando im" Marysin" und befahl den Erziehern und dem Pflegepersonal, die Kinder in fünf Minuten anzuziehen und auf den Platz zu schicken. Die jüdische Polizei riegelte den Platz ab. Man kündigte ihr an, daß sie zur Verantwortung gezogen würde, falls ein Kind fehlen sollte. Daraufhin wurden die Kinder auf Wagen verladen. Auf jedem Wagen saßen schon Polizisten, die achtgaben, daß keines flüchtete. Um ein Uhr nachts wurden die Kinder nach Radegast gebracht, von dort ging es nach Oswiecim( Auschwitz) ins Krematorium. Die Zeugin, Rosa Kaplan, geb. Freundlich, 15. 12. 1914 in Tomaszow, wohnhaft Lodz, Poludniowa 24, Häftling Nr. 38 909, traf nach einigen Jahren eine Bekannte aus Tomaszow, die bei dem Verbrennen ihrer Volksgenossen hatte helfen müssen. In Auschwitz führte man die 51 Kinder in die Gaskammern, gab ihnen Handtücher und Seife und sagte ihnen, daß sie jetzt ins Bad gingen. An Stelle des Wassers kam Gas. Nach der Wegschaffung der Kinder überkam das Ghetto eine furchtbare Trauer. Trotzdem neue Transporte ankamen und abgingen und trotz anderer Unglücksfälle konnte nichts den schrecklichen Eindruck auslöschen, den das Wegnehmen der Kinder hinterlassen hatte. Die Arbeit war sehr schwer. Die geforderte Produktionshöhe mußte trotz dauerndem Hunger erreicht werden. Bei jeder Massenaktion wurden die Lebensmittelrationen einbehalten, damit sich die Leute nicht verbergen konnten. Sie stellten sich lieber freiwillig, weil sie sonst verhungert wären. " " Das Ghetto bestand vom November 1939 bis zum August 1944. Trotz der Massenmorde befanden sich im Juli 1944 noch etwa siebzigtausend Juden dort. Schließlich wurde nach Ressorts" liquidiert. Zum bestimmten Termin muße sich das Personal der einzelnen„ Ressorts" stellen. Am Schluß wandte sich der SS- Kommissar des Ghettos Bibow verführerisch an seine werten Juden" und forderte zur freiwilligen Stellung auf, er erlaube auch, daß die besten Sachen mitgenommen werden dürften. Aber die Verlockungen halfen nicht. Da kam er selbst mit einem Rollkommando in den Ghetto- Bezirk und hielt Haussuchung. An solchen Tagen gab es kein Essen, denn jeder, der Brot holen ging, konnte unterwegs verhaftet werden. Die Gestapo tauchte überall auf und schnitt alle Wege ab. In der Nacht versuchte man dann Essen zu besorgen, in der Nacht kochte man, aber verbarg sorgfältig den Feuerschein. Der Präsident Rumkowski erließ Aufrufe und Bekanntmachungen, daß sich die Leute freiwillig stellen sollten, es werde ihnen nichts geschehen, sie würden nicht von ihren Familien getrennt werden, und es werde ihnen besser als im Ghetto gehen. Es werde nur deshalb evakuiert, weil die Rote Armee sich nähere und es sei sogar gestattet, die Kranken mitzunehmen. Das wirkte endlich und die Leute begannen, sich nach ,, Ressorts" geordnet zu stellen. Es ging zunächst nach Radegast. Man zerbrach sich den Kopf und konnte sich nicht erklären, wohin die Fahrt ging. Die Züge gingen alle nach Oswiecim. Abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit kam über die Bevölkerung des Ghettos. Da man den Tod vor Augen sah, begann man alles zu zerstören. Die Judenmarken, das Geld, das man anfangs nur für das Ghetto herausgegeben hatte - Papierfetzen mit dem jüdischen Stern in verschiedenen Farben und der Unterschrift des Ch. Rumkowski-, lagen auf der Straße herum, alles war wertlos geworden. Vom Beginn bis zur Liquidierung bekam man im Ghetto 2 Kilogramm Brot in der Woche, außerdem gab es gewöhnlich für zwei Wochen folgende Lebensmittelrationen: 2 Kilogramm Kartoffeln, einige Kilogramm Gemüse( Rüben oder Kraut), 450 Gramm Zucker, 400 Gramm Marmelade, 52 1 Pfund Mehl, Grütze oder Haferflocken, 100 Gramm Oel oder Margarine, außerdem zweimal Suppe im Ressort". Bei dieser Ernährung starben die Leute massenhaft. Alle zwei Wochen fanden deutsche Inspektionen statt, bei denen diejenigen, die krank aussahen, weggeholt wurden. Der Ghettokommissar Bibow hatte zwei Gehilfen: Fuchs und Geschwind. Fuchs spielte die erste Rolle bei den Transporten, Geschwind war dabei Antreiber. Ganz zum Schluß der Liquidierung brachte der Ghettokommissar Bibow alle Ressortleiter, die Polizei, die Wache und alle anderen Beamten gemeinsam unter und versprach ihnen, daß sie auf besonders gute Stellen verschickt würden. Sie erwarteten wirklich etwas besonderes. Aber eines Tages erschien auch bei ihnen das Rollkommando, befahl, daß im Laufe von zehn Minuten alles zur Abreise bereit sein müsse, und stellte auf der einen Seite die Männer, auf der anderen Seite die Frauen auf. Eine Panik brach aus. Die Leute errieten instinktiv, was für ein Schicksal sie erwartete, unter unbarmherzigen Schlägen und Miẞhandlungen bis aufs Blut mußten sie sich fügen, und nach zehn Minuten marschierte alles nach Radegast mit Kindern und Gepäck, wo man sie in Waggons verlud und nach Auschwitz brachte. Dort wurden die Türen aufgerissen. Es kam der Befehl:" Ohne Gepäck heraus!" Alle Pakete wurden aus den Händen gerissen. Männer, Frauen und Kinder wurden getrennt aufgestellt. Dann wurden die Frauen abgeführt und von einem höheren Beamten nach Alter in verschiedene Gruppen aufgestellt. Man führte sie zum Bad, befahl ihnen, sich nackt auszuziehen, niederzuknieen, worauf ihnen die Köpfe, Achselhöhlen usw. rasiert wurden. Dann wurden die Schuhe, angeblich zur Desinfektion, weggeholt. Alles ging unter der Knute blitzschnell. Nach dem Baden gab es Bekleidung. Sie bestand für die Frauen nur aus einem einzigen Kattunkleide. Barfuß wurden sie auf den Hof gejagt. Auf den Kleidern wurden schwarze und gelbe Kreuze aufgemalt. Einige, welche der Ohnmacht nahe waren, baten um Wasser. Es wurde ihnen verweigert. Um zehn Uhr abends wurden sie ins Lager gebracht und dort fing die eigentliche Hetzjagd an. Wie Vieh trieb man sie in Baracken und zwar so eng gedrängt, daß sie sich aus Platmangel nicht zum Schlafen niederlegen konnten, sondern kaum genügend Platz hatten, hinzuhocken. Endlich gab es" Zählappell". Die ganze Nacht lang wurden sie mit den Vorbereitungen zum Zählappell gequält. So ging es bis fünf Uhr früh. Genau so wurden die Männer behandelt. So wurden alle in Auschwitz eingetroffenen Transporte empfangen als Vorbereitung für weitere Qualen. Oswiecim wurde zum Sammelpunkt aller Abtransportierten. Das Großteil der Ankömmlinge kam nach dem Aussortieren ins Krematorium, nur ein geringer Prozentsatz wurde zur Arbeit in andere Lager geschickt. 4 53 Der Präsident Rumkowski wurde mit Frau und Bruder gesondert verhaftet und in Auschwitz lebendig verbrannt. Ganz zum Schluß holte sich Bibow die Mitglieder des Beirates, — damals wurde auch die Familie Weiland erschossen. So ist die jüdische Bevölkerung von Lodz umgebracht worden, der größten Industriestadt in Polen, die einen hohen Prozentsatz jüdischer Intelligenz, eine große Anzahl von Rechtsanwälten, Ärzten und In- genieuren besaß. 54 WARSCHAU Das Ghetto entstand im Jahre 1941. Die Einwohnerzahl betrug einschließlich der aus der Provinz stammenden Juden etwa sechshunderttausend Personen. Der jüdische Wohnbezirk umfaßte den Nordteil der Stadt. Die Straßen, die das Ghetto begrenzten, waren: Chlodna, Okopowa, Powazkowska, Bonifraterska, Nowiniarska, Dluga, Senatorska, Elektoralna. Die amtlichen Tore am Leszno, am Krasinski- Platz und auf der Okopowa- Straße waren von Gestapo, SS, Schupo und seit 1943 von Litauern besetzt. Das Ghetto war von einer Ziegelmauer umgeben, die die Höhe eines Stockwerkes erreichte. Oben war die Mauer dicht mit Glasscherben gespickt. Es gab zwei Ausgänge, einen an der Nalewki- Straße, der andere am Ende der Chlodna. Das Ghetto wurde binnen vierundzwanzig Stunden nach der Bekanntmachung geschaffen. Nachdem alle eingezogen waren, wurde das Ghetto von Schutzpolizei umstellt und bis auf einige Ausgänge zugemauert. Anfangs war es den Polen noch zwei Wochen gestattet, das Gebiet des Ghettos zu betreten, dann kam eine verschärfte Verordnung heraus, es wurden Passierscheine verlangt, und einen Monat später wurde es ganz isoliert. Die jüdische Bevölkerung mußte eine weiße Armbinde mit dem Zionstern am rechten Arm tragen. Zwischen ein und zwei Uhr mittags fuhr täglich ein SS- Kraftwagen die Dzielna- Straße entlang. Zu dieser Zeit durfte die Straße nicht betreten werden. Der Wagen fuhr zum Pawiak( bekanntes Gefängnis), das sich im Gebiete des Ghettos befand. Wenn jemand zu dieser Zeit auf der Straße erwischt wurde, wurde er so lange mit Stöcken geschlagen, bis er tot war. Wenn er zum Pawiak mitgenommen wurde, kam er nach einer Stunde so zerschunden und verprügelt heraus, daß man ihn kaum wiedererkennen konnte. So wie überall, fanden auch in Warschau Säuberungsaktionen statt. In einer Nacht wurden etwa fünfzig Menschen herausgeholt und auf der Straße ohne jeden Grund erschossen, darunter auch der bekannte Warschauer Bäcker Blajman. Die Lebensmittelrationen waren kleiner, als die der anderen Volksgruppen. Der Hunger forderte viele Opfer. Die Zusammengebrochenen lagen weit ausgestreckt auf der Straße und versperrten den Verkehr, bis die Leute der Bestattungsgesellschaft mit ihren Wagen kamen und sie aufluden. Nur der Puls wurde geprüft. 57 Trotzdem viele Christen mit den Juden im Geheimen Handel trieben und für schweres Geld Lebensmittel ins Ghetto schmuggelten, besserte dies die Ernährungslage nur ganz unbedeutend. Dieser Zustand dauerte bis Juli 1942. Am 22. Juli wurde im Ghetto durch Plakatanschlag in jüdischer, polnischer und deutscher Sprache die Aussiedlung bekannt gegeben. Die Bekanntmachung war unterschrieben vom Ingenieur Czernhiakow, dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde, der einige Tage später Selbstmord beging. Die Aussiedlung begann im großen Maßstabe. J. O. D., der jüdische Ordnungsdienst, die Beamten der Gemeinde und alle ihre Angestellten mußten dabei mithelfen. Die Leute wurden auf der Straße eingefangen und wie Hunde mit Stockschlägen zum Umschlagplatz" getrieben. Dort wurden sie in Waggons gepackt, die nach Majdanek, Belzec und hauptsächlich nach Treblinka abgingen, zu den endgültigen Liquidationsplätzen. Im weiten Umkreis hörte man das Weinen und Schreien, das einen fürchterlichen Eindruck hinterließ. Viele starben auf dem Platze vor Aufregung und Erschöpfung. So ging es einige Monate lang. Die jüdischen Angestellten mußten ihre eigenen Volksgenossen herbeitreiben. Nach vollständiger, genauer Sichtung wurden am Schluß der Aktion die Mitglieder des J. O.-D. und der Gemeindeverwaltung weggeholt, worauf eine mehrwöchige Pause eintrat. Für die Übriggebliebenen wurden Werkstätten geschaffen. Nach kurzer Zeit wurde auch in den Werkstätten Auslese gehalten und jedesmal wurde eine große Menge Menschen weggeholt. Im April 1943 forderte der deutsche Kommissar in Versammlungen die Leute auf, das Ghetto freiwillig zu verlassen. Er versprach, daß die Familienmitglieder, die in anderen Fabriken arbeiteten, mitgenommen werden dürften und behauptete, daß die Bevölkerung außerhalb des Ghettos den Krieg überleben werde. Falls aber die bewohnten Plätze nicht freiwillig verlassen würden, spiele es bei ihm keine Rolle, 500 Häuser niederbrennen zu lassen. Die Bevölkerung gehorchte nicht, im Gegenteil, sie versteckte sich in den Schußräumen. Andere Fabriken, die ebenfalls einen Aussiedlungstermin hatten, weigerten sich ebenfalls. Infolgedessen wurde gegen Ende April bekanntgegeben, daß das Ghetto" judenrein" sein solle. Damals gab es schon eine Zelle der jüdischen Untergrundbewegung, deren Aufgabe es war, parallel mit der polnischen Untergrundbewegung, einen bewaffneten Aufstand vorzubereiten, um die Freiheit zu erkämpfen. Diese Organisation erhielt nicht wie die polnische Untergrundbewegung Waffen durch Sendungen vom Ausland, durch Fallschirmabwürfe der Alliierten, sondern mußte sie für schweres Geld, natürlich heimlich, von den Deutschen selbst kaufen. 58 Die teilweise Liquidierung des Ghettos ging straßenweise vor sich. Jeden Tag fing man in einer anderen Gegend an, und einzelne Teile wurden umstellt. Zur Verzweiflung getrieben, fing die Bevölkerung des Ghettos an, sich mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Der Aufstand brach aus. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich im Ghetto nur noch fünfzigtausend Juden. Die Deutschen hatten bekanntgegeben, daß sechstausend Männer zur Arbeit angefordert würden. Als die Autos vorfuhren, um die Männer abzuholen, erschien niemand auf dem Sammelplate. Die Gestapoleute kehrten um und verließen das Gebiet. Da gab die jüdische Organisation das Signal zum Aufstand. Zwei Gendarmerieposten im Gebiete des Ghettos wurden entwaffnet und vernichtet. Die jüdische Bevölkerung zog sich in die Luftschutzkeller zurück und wehrte sich von dort aus verzweifelt. Der Zeuge Lejb Himelblau, wohnhaft in Warschau, Dzielna 21, geb. in Lublin 15. 8. 1905, Häftl. Nr. 2719, arbeitete selbst am Bau eines Tunnels mit, welcher einen Durchgang von einem Wohnblock zum anderen herstellte. Es gab auch brückenartige Verbindungen über der Erde. Die Deutschen versuchten mit Panzern einzudringen, aber die Panzer wurden mit Benzinflaschen oder herabgeworfenen brennenden Decken in Brand gesteckt. Die oberen Stockwerke wurden vom Erdgeschoß durch Zerstören der Treppenhäuser und des ersten Stockwerkes isoliert, um das Besetzen der Häuser umöglich zu machen. So konnten die anstürmenden Deutschen nicht in die höheren Stockwerke gelangen. Die Kämpfe waren verbissen und verzweifelt. Sie kosteten viele Opfer auf jüdischer Seite, aber auch viele Deutschen fielen. Die Straßen, die das Ghetto umgaben, waren wie eine Frontlinie mit Infanterie, Artillerieund Panzerabteilungen dicht besetzt. Auch die polnische Polizei wurde zur tätigen Mithilfe von den Deutschen gezwungen. Panzerabteilungen wurden eingesetzt und Sturmangriffe durchgeführt. Die Kämpfe dauerten ohne Pause Tag und Nacht an, ungefähr vom 20. April bis zum 14. Mai 1943. Die Juden wehrten sich heldenhaft und verteidigten sich bis zum letzten Mann in jedem Hause. Die Deutschen zündeten die einzelnen Häuser vom Keller aus an und die brennenden Häuser zwangen die Bewohner, zum Fenster hinauszuspringen. Um aller Bewohner des Ghettos habhaft zu werden, steckten die Deutschen nacheinander mit Brandbomben, die von Flugzeugen abgeworfen wurden, alle Häuser des Ghettos ohne Ausnahme an. Infolgedessen hing über dem Ghetto stets ein Flammenmeer und unaufhörlich hörte man das Detonieren und Explodieren der Geschoße. Sechs Wochen lang dauerte der Brand des Ghettos. Während dieser Zeit fand ein großer Luftangriff der Sowjets statt, wahrscheinlich, um den Widerstand im Ghetto zu stärken. Der Angriff dauerte zwei Stunden. ,, Dabei konnten etwa dreitausend Juden die 59 deutschen Linien durchbrechen, viele mit der Waffe in der Hand; diese bildeten später die ersten jüdischen Partisanengruppen im Warschauer Gebiet. Schließlich wurde der Aufstand niedergeschlagen. Noch längere Zeit kämpften einzelne Verteidigungspunkte, die sich im Kanalisationssystem festgesetzt hatten, aber die übrige Bevölkerung des Ghettos mußte sich ergeben, nachdem das Ghetto niedergebrannt war. Daraufhin hielten die Deutschen eine genaue Durchsuchung und schickten täglich Transporte nach Treblinka. Die Arbeitsstätten wurde liquidiert und alle Fabriken vollständig geräumt. Der Großteil der Bevölkerung endete in Treblinka, nur ein kleiner Teil wurde in die Konzentrationslager geschickt und davon blieben nur wenige Ueberlebende zurück. Abtransportiert wurde auf die Art, daß in jeden Waggon hundertzwanzig Menschen eingepreẞt wurden. Trotz der strengen Bewachung sprangen die Juden aus den fahrenden Zügen. Der Zeuge hat es selbst in Swider und in Michalin gesehen. Diese Haltestellen bewachten einige Gestapoleute. Die Züge fuhren schnell; beim Herausspringen verlor man meist das Bewußtsein; wenn man sich dann erheben konnte, schossen die Gendarmen. Längs der ganzen Linie Warschau- Otwock befinden sich auf beiden Seiten der Geleise viele Gräber. In Treblinka wurden die angekommenen Züge auf ein Nebengeleis gestellt. Dort befanden sich tiefe Gräben, die mit Brettern überdeckt waren. Man befahl den Familien, sich die Hände zu reichen und stieß die Unglücklichen einfach hinunter. Das ging blitzschnell. Ein Zeuge berichtet folgende Tatsachen: Er wandte sich an den Transportleiter vom J. O. D. mit den Worten:„ Liebster, rette meine Frau", worauf jener antwortete: Sie lebt nicht mehr." Fünf Minuten nach Ankunft des Transports war sie schon tot. Es gab Fälle, wo Einzelne sich in Swider oder in anderen Orten verstecken konnten. Polen verbargen sogar jüdische Kinder. Wenn die Deutschen davon erfuhren, wurden ganze polnische Familien ermordet, wie z. B. der Freund Malgolski aus Praga, der zwei jüdische Kinder verborgen hatte und mit seiner ganzen Familie in Swider erschossen wurde. Die Bevölkerung des Warschauer Ghettos wurde durch Abtransporte, Hinrichtungen und Vergasungen vernichtet. Nach der Liquidierung des Ghettos wurde ein kleine Zahl noch junger kräftiger Juden 60 weiterhin zum Abbrechen der übriggebliebenen Häuser gezwungen. Eine deutsche Baugenossenschaft übernahm die Ausbeutung der Ueberreste und erhielt für eine geringe Summe das Recht, den letzten Rest des jüdischen Eigentums zu stehlen. Nach dem Abbrechen des Ghettos wurde auf den freigewordenen Plätzen ein Konzentrationslager für alle Volksgruppen eingerichtet, besonders aber für die Juden, die aus anderen europäischen Ländern stammten und die von dort aus in verschiedene andere Konzentrationslager geschickt wurden. 61 SANDOMIR Zeugenaussage des Natan Kleinmann geb. in Sandomir, Wojewodschaft Kielce, Häftl. Nr. 502 und 25 253, wohnhaft in Sandomir, Ringplatz 23. In Sandomir kam das Gerücht auf, daß die Juden aus den größeren polnischen Städten im Gewalttempo ausgesiedelt werden sollten. Wir zogen Erkundigungen ein. Ich war der älteste Handwerker, arbeitete als Schäftemacher für die deutschen Behörden, versammelte meine Nächsten zur Beratung. Wir sandten unseren jüngeren Schulfreund, einen Polen namens Bug, der sich als Volksdeutscher ausgab, zur Erkundung nach Belzec, wohin die Transporte gingen. Bei seiner Rückkehr erzählte er, daß in Belcec eine Baracke mit Glasdach errichtet worden war mit der Aufschrift„ Badeanstalt". Die ankommenden Züge hielten ungefähr einen Kilometer von dieser Stelle entfernt, worauf Zugführer und Eisenbahnpersonal umkehrten. Es blieben nur die Wachmannschaften, die aus SS- Männern, Litauern und Letten bestanden. Die Verhafteten, die bis zu 120 Personen in ausgekalkten Güterwagen zusammengepfercht waren, kamen halberstickt an, da viele Fensteröffnungen fest vernagelt waren. Männer, Frauen, Kinder und Greise, die in die Waggons gesperrt worden waren, konnten sich nicht von der Stelle rühren, sie mußten ihre Notdurft, wo sie gerade standen, verrichten. Bei der Ankunft am Bestimmungsort waren etwa fünfzig Prozent tot. Die übrigen mußten die Waggons an die sogenannte„ Badeanstalt" heranschieben. Alle mußten sich dann zu Paaren aufstellen und marschierten in Gruppen von tausend Mann in die Badeanstalt". Damit kein Verdacht entstand, bekam jeder ein Stückchen Seife und ein Handtuch. Waren sie drin, so wurden alle Türen dicht geschlossen. Ins Innere wurde durch besondere Vorrichtungen Blausäure hineingepumpt, die in zwei bis drei Minuten alle töteten. Im Fußboden waren Versenkvorrichtungen eingebaut, mit denen die Toten weggeschafft wurden. Damit wurde Platz für die nächste Gruppe. Im Keller wurden die Leichen mit Benzin begossen und ins Krematorium transportiert. Die Todesfabriken unterstanden der direkten Leitung hoher SSMänner, welche unter Himmlers Befehl standen. Gewissen Gerüchten nach soll Himmler den ersten Hinrichtungen persönlich beigewohnt und durch ein Fenster in der Wand sich die Qualen der Unglücklichen angesehen haben. Es gab vier solche Badeanstalten", in denen die aus den verschiedenen Städten ausgesiedelten umgebracht wurden. Wir erhielten Nachrichten, daß auch in Sandomir die Aussiedlung jeden Tag beginnen könnte. Die Kollegen, die über das Datum im 65 Ungewissen waren, kamen zu mir, dem Zunftältesten ihres Faches, und baten um Rat, da sie meinten, daß es möglich wäre, die Handwerker und ihre Familien zu retten. Ich begab mich zum Kreisleiter Frick mit der Bitte um Erlaubnis, eine Handwerkergenossenschaft, die für das Militär arbeitet, zu gründen. Er ging darauf ein. Wir veranstalteten eine Versammlung aller Facharbeiter und beschlossen, ein Handwerkerlager zu gründen. Wir glaubten, daß wir damit etwas erreichen könnten und daß wenigstens diese Handwerker gerettet werden könnten. Wir wußten, daß es uns nicht erlaubt sein würde, in der Stadt zu wohnen, aber wir nahmen an, daß ein Lager unter SS- Kontrolle und der Aufsicht der örtlichen Militär- und Zivilbehörden gebildet werden würde. Eines Tages erschien bei mir der deutsche Bezirksleiter von Bülow und teilte mir mit, daß der Kreisleiter ihm den Befehl gegeben habe, ein Lager für Facharbeiter zu bilden und daß das Lager unter seinem Schutz stehen werde. Den genauen Termin der Aussiedlung könnte er noch nicht angeben. Er erklärte, daß man nichts mitnehmen solle, da wir dort nichts brauchten, die Verpflegung würde von ihnen geliefert. Gold und Wertpapiere hatten wir schon ohne Revision abgegeben. Etwas später teilte mir der Bezirksleiter mit, daß sich alle Facharbeiter am 28. oder 29. Oktober- er wisse nicht genau wann( er wollte es aber nur nicht sagen) in der Golebicka- Straße, im polnischen Lyceum versammeln sollten, das er für Facharbeiter vorbereitet habe. Er befahl, daß eine Kommission die besten Facharbeiter aussuchen sollte. Das geschah. Von tausend Facharbeitern wurden 120 aus Sandomir und weitere aus Opatow und Klementow ausgewählt, bei welchen er Geld und Schmuck zuerst abgenommen hat. Uns wurde mitgeteilt, daß der Kreisleiter nur für drei Monate diese Erlaubnis erteilt habe. - Am 28. Oktober 1942 ließ mich der Bezirksleiter rufen und erklärte mir, er glaube, daß heute eine Strafexpedition zur Durchführung der Aussiedlung komme und daß sich die Facharbeiter abends im Gebäude mit ihren Familien versammeln sollten, da er nicht erlauben könne, daß wir nach Hause zurückkehrten. Wir handelten dementsprechend. Um vier Uhr früh wurden wir durch Geschrei geweckt. Das Haus, in dem wir übernachteten, war von Militär umstellt. Durchs Fenster sah man SS- Männer, Gestapoleute, Litauer und Letten. Sie befahlen, uns schnell anzuziehen und im Hofe aufzustellen. Sie stellten uns in Fünferreihen auf, die Männer von Frauen und Kindern getrennt. Für Unordnung beim Aufstellen schlugen sie mit Peitschen und Eisenstöcken. Einige Personen wurden erschossen. Die Aussiedlung leitete der höhere SS- Führer Schild, Kommandant des ganzen Bezirkes Radom. Er ärgerte sich über von Bülow, daß er so viele Facharbeiter hatte. Die Liste von dreihundertsechzig war ihm schon zu lang, der Rest müßte zur Aussiedlung in die Stadt zurück. Man 66 verlas die Namensliste, die Aufgerufenen mußten zur Seite treten. Die andern wurden von den SS-Banditen umstellt und in die Stadt zum Bahnhof gebracht. Unterwegs schlugen und schossen sie, so daß der Weg zum Zuge mit Leichen übersät war. Auf den Zug hat man einige Tage warten müssen, bis die Bevölkerung aus Pokrzywnica, Klementow, Opatow und der ganzen Umgebung beisammen war. Für diese Unglück- lichen hatte die Pein noch früher begonnen. Sie wurden auf bestialische Weise zum Bahnhof getrieben. Unterwegs wurden sie geschlagen und mißhandelt. Wer nicht mitkommen konnte, wurde zu Tode geprügelt, im Glücksfalle erschossen. Unterwegs wurden Brot und Lebensmittel weggenommen. Viele brachen vor Hunger und unter den Schlägen zusammen. Die Beamten der Strafexpedition fuhren auf Kraftwagen und Fahrrädern, die Leute wurden zu Fuß gejagt, es war ein Gewaltmarsch. Kleine Kinder erledigte man auf die Weise, daß man sie bei den Füßen packte und mit dem Kopf und Rumpf gegen eine Mauer schlug. Auf dem Bahnhof von Sandomir wurden die Menschen in Güter- wagen verladen, je 120 Personen in einen Wagen, und zu den Ver- - nichtungsstätten abtransportiert. Außer dem Bezirksleiter von Bülow war noch ein SS-Major da, der mit ihm gemeinsam das geschaffene Lager leiten sollte. Auf die Fragen der übriggebliebenen Facharbeiter, wo die Frauen und Kinder hinge- kommen seien, antwortete von Bülow, daß er sich um ihre Rettung be- müht hätte, aber nichts mehr erreichen konnte, da alles schon verloren war. Für sie selbst habe er keine Erlaubnis, sie als Facharbeiter zu be- schäftigen, sie könnten nur als gewöhnliche Arbeiter eingestellt werden. Er brachte alle zum Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung auf der Zawyhowska-Straße, wo landwirtschaftliche Geräte aufgestapelt waren. Hier wurden sie zur Arbeit zugeteilt. Sie mußten auf den Landstraßen und beim Verladen von Säcken in einer Mühle arbeiten. Abends nach der Arbeit kamen alle ins Lager zurück. Jeder fiel weinend auf seine Pritsche, alle hatten endgültig ihre Familien verloren. Des Morgens wurde man wieder zur Arbeit geholt. Dies dauerte einige Tage. In einer Nacht wurden wir geweckt, der Bezirksleiter ver- kündete, daß er die Erlaubnis zur Bildung von Werkstätten erhalten habe. Wir richteten Werkstätten für verschiedene Berufe ein und nun ging es uns besser. Wir arbeiteten unter der Kontrolle von SS-Männern, keiner durfte den Raum verlassen. Falls Einkäufe notwendig wurden, führte ein SS-Wachmann einen oder zwei Juden zur Stadt; dabei über- zeugten wir uns, daß wir in der Stadt keine Verwandten mehr hatten. Das Leben wurde uns gleichgültig. Wir arbeiteten monoton von früh bis spät. Am 4. Januar 1943 morgens sahen wir wieder unser Lager von SS-Männern und Gendarmerie umstellt. Wir begriffen, daß der drei- monatige Termin abgelaufen sei und daß wir nicht mehr gebraucht 67 wurden. Es wurde uns gesagt, daß in Polen vier Judenstädte bestimmt worden seien: Ujazd, Radomsko, Szydlowiec, Sandomir und daß alle übriggebliebenen in diesen Städten wohnen dürften. Das Ghetto wurde neu gebildet. Von den 360 Facharbeitern wurden 240 ausgewählt, 120 wurden ins Ghetto geschickt. Ich ging freiwillig mit in der Hoffnung, daß ich vielleich irgend einen von meiner Familie finden würde. Aber ich suchte vergebens im Ghetto. Ich begab mich zu meinem Schulfreund Redelman, der von der deutschen Behörde als Gemeindesekretär bestimmt worden war, und wir sprachen uns über unser Schicksal aus. Tatsächlich wurde am 10. Januar desselben Jahres das Ghetto mit Stacheldraht umzäunt, von Schußpolizei und Gendarmerie umstellt und mit Scheinwerfern beleuchtet. In das Ghettogebiet drangen betrunkene SS- Männer, Letten und Litauer ein. Man konnte erkennen, daß sie zu allen Schandtaten bereit waren. Bald fielen Schüsse aus Maschinengewehren und schon lagen auf der Straße Tote und Schwerverwundete. Viele flehten, daß man sie vollends töten und nicht weiter quälen solle. Im Gedächtnis blieb mir das Bild eines achtzehnjährigen Mädchens, Poja Cukierman, die schwer verwundet war. Als ein Gendarmerieoffizier vorüberging, schrie sie ihn an:„ Ich bin schwer verwundet, ich sterbe, aber Euch Barbaren wird die Vergeltung treffen!" Der Offizier zog seine Pistole und tötete sie. - Am selben Morgen riefen„, sie" die SS, Gestapo und Polizei in alle Wohnungen: Alles heraus!" und nach einer gründlichen Durchsuchung brachten sie etwa 7500 Personen zusammen, Männer, Frauen und Kinder. Der Ausgang aus dem Ghetto führte durch die enge Bobola- Gasse. Auf beiden Seiten waren Litauer und Letten aufgestellt, die mit Stöcken und Kolben auf uns einschlugen, jeder erhielt Schläge auf den Kopf, in den Nacken und auf den Rücken. Wer nicht hindurchlaufen konnte, wurde erschossen. Über viele Leichen stolpernd, erreichten wir den Marktplatz- wo die Übriggebliebenen aus anderen Ortschaften der Umgebung in Fünferreihen aufgestellt waren. Es herrschte strenger Frost und es lag Schnee, als ob auch die Natur uns feindlich gesinnt sei. Bis vier Uhr morgens standen wir auf dem Markte. ,, Sie" gingen ins Krankenhaus, versammelten alle Kranken und erschossen sie vor unseren Augen. So warteten wir die ganze Nacht. Der Hauptleiter der Aussiedlung, der SS- Mann Schild, befahl außerdem, daß jeder sein Geld und seine Wertsachen abzugeben habe. Während der Aktion kamen einige Lastwagen aus der Pulverfabrik und forderten dreihundert Arbeitskräfte an. Der Leiter der Expedition befahl, den Kräftigsten aus der Menge auszuwählen. Trotzdem jeder wußte, daß man dort nicht lange aushielt, da die Arbeitsbedingungen bei der Pulverherstellung sehr schwer waren und daß es sich nur um einen zeitweiligen Aufschub handelte, drängte sich jeder dazu in der stillen Hoffnung, daß der Krieg inzwischen zu Ende gehen werde. Ich 68 war auch unter den Glücklichen. Als aber dreihundert Personen für die Wagen abgezählt wurden, blieb ich als dreihunderterster zurück. Ich wurde zum Transport der Ausgesiedelten zurückgeschickt. Die Facharbeiterkollegen fuhren in Autos nach Skarzysko ab. Wir blieben auf dem Markt bis halb elf vormittags. Dann kam der Befehl, uns zum Bahnhof, der früher Nadbrzezie hieß, abzuführen. Als wir zum Bahnhof marschierten, wurde befohlen, daß die Fünferreihen geordnet bleiben sollten. Wenn einer von den fünf fehlen oder fliehen sollte, werde die ganze Reihe erschossen oder zu Tode geprügelt. Alle mußten sich an den Händen halten, auch die Frauen und die Kinder. Dann wurde befohlen, die Oberkleidung und gute Schuhe abzugeben, da man sie in den Waggons nicht brauche. Schließlich begann das Abzählen in die Waggons. Als ich an die Reihe kam, war es halb drei Uhr morgens. Mit Kolben- und Stockschlägen wurde man von den SS- Männern in die Wagen getrieben. Keiner konnte richtig einsteigen, jeder stürzte blutig hinein. Waren an die hundertzwanzig Menschen auf diese Art in jedem Waggon, wurden die Türen zugeschoben und die Waggons plombiert. - Einige Minuten später rief ein junger Mann, daß diejenigen, die sich retten wollten, es jetzt versuchen sollten. Da uns alles gleich war- wir waren ja auf dem Wege zur Vernichtung, versuchten wir, den Waggon aufzubrechen. Wir meinten, der Krieg müsse doch bald zu Ende gehen, so daß wir uns vielleicht bei einem Bauern verstecken und alles überleben könnten. Er In diesem Augenblicke aber setzte sich der Zug in Bewegung. fuhr wie ein Schnellzug mit größter Geschwindigkeit. Einige Wagen am Anfang und am Ende des Zuges waren für die Begleitmannschaft bestimmt, die aus SS- Männern, Letten und Litauern bestand. Wir sammelten mehrere kleine Messer, die wir während der Durchsuchung in den Stiefeln verborgen hatten und begannen mit ihnen und mit Zähnen und Fingernägeln die Waggontür aufzubrechen. Wir fuhren etliche Kilometer und sahen, daß wir Starachowice und Ostrowiec hinter uns hatten. Um sieben Uhr abends war das Loch so groß, daß man den Kopf durchstecken konnte. Eine halbe Stunde später war es so groß, daß man den Körper durchzuzwängen vermochte. Nun rief derselbe junge Mann namens Mandelbaum Freiwillige auf, als erste hinauszuspringen. Einer nach dem andern zwängte sich durch das Loch und sprang. Für die ersten war es sehr schwer, denn wir standen dicht gedrängt. Später wurde mehr Platz. Die anderen, die an die Oeffnung kamen, sahen, daß bei dieser Geschwindigkeit des Zuges das Abspringen lebensgefährlich und sinnlos war und verzichteten. Ich drängte mich zu dem Loch vor, denn ich war sicher, daß ich bis zum Morgen vor entweder, oder ich Erschöpfung zusammenbrechen würde, also sprang. Ich fiel in einen Schneehaufen, in dem ich versank. Man schoẞ mit Maschinengewehren auf mich, aber ich blieb unverletzt. Als ich die 5 69 - - Funken des Zuges in der Ferne sah, grub ich mich aus dem Schneehaufen heraus. Wohin fliehen? Ich hatte quälenden Hunger, denn einige Tage lang hatte ich weder gegessen noch getrunken. Ich wollte mich in irgend einer Scheune verbergen und mich dort ausschlafen, aber so, daß mich niemand bemerkte. Das wichtigste war, die Nacht durchzuschlafen. Ich entdeckte eine Scheune im Feld und ging darauf zu, aber die Hunde fingen an zu kläffen, und der Bauer, der einen Dieb befürchten mußte, kam mir entgegen. Ich wußte, was mich erwarten könnte. Der Bauer sah mir ins Gesicht, es war hell genug durch den Schnee, und fragte mich, wohin ich wolle. Ich sah ein, daß ich hier nicht übernachten konnte, und bat ihn, mir eine Fahrkarte nach Sandomir zu lösen. Ich hatte dort Bekannte und wußte, wo und wie man sich dort verbergen konnte, ich hatte dort auch Handwerkskollegen, die mich aufnehmen würden. Er antwortete, daß er jetzt in der Nacht keine Fahrkarte bekomme und riet mir, nach Opatow zu gehen. Dorthin gingen polnische Arbeiter, die keine Verräter waren, und zeigten mir genau den Weg. Ich begann meine Wanderung. Plötzlich rief mich eine Frau an, ich solle auf sie warten. Sie erkannte mich und fragte, ob ich auch aus dem Zuge gesprungen sei wie sie. Sie wolle nach Staszow und bat mich, mit ihr zusammen zu gehen. Ich war sehr froh darüber. Sie sah wie eine Arierin aus; damit ich nicht erkannt werden konnte, zog ich die Mütze ins Gesicht und verschmierte mein Gesicht mit Schnee und Schmutz. Durch Schnee und Frost gingen wir vorwärts und wußten nicht, ob wir den richtigen Weg einschlugen. Wir kamen auf die Landstraße. Es fing an zu tagen. Einen vorüberfahrenden Kutscher fragte die Frau, wie spät es sei. Er antwortete, es sei fünf Uhr. Bis Opatow seien es noch zwei Kilometer. Da wir wußten, daß Opatow eine größere Stadt ist, wo viel Gendarmerie war, beschlossen wir, die Stadt in aller Frühe zu passieren, damit wir nicht erkannt würden. Wir kamen in die Stadt. Meine Gefährtin sagte mir, daß sie gar nichts mehr besitze, da ihr nach dem Abspringen ein ukrainischer Eisenbahnangestellter die Ringe und Ohrringe abgenommen hätte unter der Androhung, daß er sie sonst der Polizei ausliefern würde. Ich teilte mit ihr die letzten 250 Zloty, die ich noch hatte. Sie ging in der Richtung Lagow und ich nach Sandomir. Als ich durch das Dorf Wlostow kam, bemerkte ich Heufuhren. Auf meine Bitte nahm mich ein Bauer auf seinem Wagen mit. Er erkannte mich, deckte mich gut mit Heu zu und gab mir seine Decke, damit ich nicht friere. Ich schlief sofort ein. Unser Lager befand sich zwei Kilometer von Sandomir. Ich hatte ihm gesagt, daß unser Lager auf der HalickaStraße liege, und ich dorthin gehen würde. Als wir dort ankamen, weckte er mich, ich gab ihm 50 Zloty und er machte Einkäufe. Ich aber ging, ohne mich aufzuhalten, ins Lager. 70 Beim Lager wohnte mein Kollege, der Schuster Jan Plasczyk. Ich trat in seine Wohnung. Als er mich sah, wollte er seinen Augen nicht trauen, denn er hatte mich beim Abtransport in den Waggons gesehen. Er umarmte mich, küßte mich und nahm schweigend einen Topf mit heißem Wasser vom Herd, steckte mich ins Nebenzimmer, damit ich mich waschen konnte. Dann machte er das Bett und hieß mich ausschlafen. Als ich erwachte, brachte er mir ein gutes Frühstück. Er war Junggeselle und wohnte mit seinen Eltern zusammen. Ich schlief bei ihm bis zum Abend. Dann weckte er mich zum Nachtmahl. Nach dem Abendessen sagte er mir unter Tränen, daß ich nicht länger bei ihm bleiben könne. Wenn jemand es erfahren würde, werde er angezeigt und alle kämen dann um: er, seine Eltern und seine Braut. Er habe ein Herz, aber er könne mich nicht behalten. Er riet mir, auf den jüdischen Friedhof zu gehen. Dort seien Grabkapellen, in denen man hausen könne. Das Essen würde er mir bringen. Ich weinte vor Elend, nahm dankend Abschied und ging dann zu unserem Facharbeiterlager. Ich stahl mich durch den Stacheldraht, trotzdem zwei SS- Männer und Schutzpolizei Wache standen. Die Zurückgebliebenen staunten mich an und überfielen mich mit Fragen: Durch welches Wunder ich aus dem verschlossenen Waggons, wie aus dem Jenseits, entflohen sei. Aber auch sie sagten, daß ich nicht im Lager schlafen dürfe. Denn wenn die Kontrolle käme, wären sie alle verloren. Sie würden mir Lebensmittel geben, aber ich müßte mir eine Unterkunft im Freien suchen. Als ein Kollege das hörte, blinzelte er mir zu und winkte mir, mit ihm hinauszugehen. Dort schlug er mir vor, mit ihm in seinem Bett zu schlafen. Er ließ mich heimlich wieder hinein, keiner sah mich. Ich schlüpfte in sein Bett. Als die Kontrolle kam, wagte er es, zu sagen, daß niemand da sei. Morgens brachte mir dieser Kollege einige Lebensmittel, machte daraus ein Paket und führte mich um fünf Uhr früh aus dem Lager. Ich ging wieder zu meinem Bekannten, dem Schuster. Bis zum Abend konnte ich in seinem Zimmer bleiben. Am Abend kehrte ich ins Lager zurück. Dort sagte man mir, daß es vielleicht möglich sei, mich wieder im Lager legal aufzunehmen, aus dem einfachen Grunde, weil man vergessen hatte, einen Schäftemacher im Lager zu lassen. Tatsächlich erstattete man dem deutschen Kommandanten Bericht, und der Kommandant ließ mich herbeibringen. So wurde ich wieder im Lager aufgenommen, wo ich bis August 1943 blieb. Nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad verbesserte sich unsere Lage etwas. Unser Lagerleiter, ein SS- Mann, hatte einen Radioapparat in seinem Büro, zu dem wir uns Nachschlüssel beschafft hatten. Diesen benützten wir zum Abhören ausländischer Sender. Aus diesen Nachrichten erfuhren wir, so wie wir es übrigens selber annahmen, daß die Aussiedlungen der Juden nur der Vorwand zur vollständigen Ver5* 71 nichtung des jüdischen Volkes seien. Wir hörten auch, daß der Tag der Vergeltung für die Grausamkeiten, die die Deutschen verübten, kommen würde. Leider entdeckte der Lagerleiter nach einiger Zeit unser heimliches Abhören und meldete es dem Kommandanten, einem SS- Major. Bald erfuhren wir, daß das Lager aufgelöst werden würde. Im August des Jahres fuhren auf dem Hofe Lastkraftwagen auf aus Starachowice, Ostrowiec und Pionki, besetzt mit Ukrainern und Werkschutzleuten. Wir wurden zu Fünft aufgestellt, verladen und in Fabriken gebracht. Ich kam nach Radom in die Waffenfabrik. Dort waren wir im Lager unter der Kontrolle von Werkschutzleuten. Am 18. Januar 1944 holten uns SS- Männer aus der Fabrik und führten uns in die Baracken. Während des größten Frostes mußten wir uns nackt ausziehen. Wir glaubten, daß die letzten Augenblicke unseres Lebens da seien, da die Aktion von einer Strafexpedition durchgeführt wurde, die für ihre Bestialität berüchtigt war. Man brachte uns in eine Baracke, wo wir gestreifte Häftlingsanzüge bekamen und trieb uns dann wieder unter Schlägen auf den Hof, wo wir bisher nackt herumspaziert waren. Dann führten sie uns in die Fabrik zurück, wo mit uns zusammen auch polnische Arbeiter beschäftigt waren. Wir wußten, daß jeder von uns Waffen zur Vernichtung unserer Allernächsten herstellen mußte. Einige Monate dauerte diese Arbeit. Dann erzählten uns die polnischen Arbeiter, daß die Sowjet- Armee in Lublin stehe und vielleicht auf Radom vordringen würde. Eines Tages kam der Lagerskommandant in die Fabrik, versammelte alle und erklärte, daß infolge der Nähe der Front die Arbeit zu Ende sei und wir nach Litzmannstadt abtransportiert würden. Es würde uns nichts geschehen. Er warnte uns zu fliehen. Bis nach Tomaschow, das 100 Kilometer entfernt lag, sollten wir zu Fuß gehen und dort würden Waggons nach Litzmannstadt bereit stehen. Am nächsten Morgen kamen SS- Männer mit Maschinengewehren und Hetzhunden. Sie befahlen uns, uns zum Marsch bereitzumachen und aufzustellen. Um zwölf Uhr marschierten wir ab. Vier Tage lang waren wir auf dem Marsch. Es war drückend heiß. Wir benutzten einen Sandweg und gingen, ohne etwas zu trinken oder essen zu erhalten. Viele fielen in Ohnmacht. Wer umfiel, wurde mit dem Gewehrkolben erschlagen oder erschossen. Bei Nacht schliefen wir im Felde. Hundertzwanzig Menschen kamen um, ehe wir Tomaschow erreichten. Dort wurden wir in eine Matratzenfabrik gesperrt und lagerten dort acht Tage. Endlich kamen die Waggons. Wir wurden zu sechzig Mann in die Waggons verladen. Die SS- Männer bestimmten nach der Gefängnisordnung bestimmte Stunden, in denen wir unsere Bedürfnisse zu verrichten hätten. Wer nicht zur bestimmten Zeit hinausging, wurde später nicht hinausgelassen. Acht Tage lang dauerte unsere Reise durch Österreich und die Tschechoslowakei bis nach Vaihingen a. d. Enz. 72 STANISLAU Nach dem Rückzug der Sowjet- Armeen wurde Stanislau von ungarischen Truppen besetzt, die die Juden gut behandelten. Im ungarischen Heere gab es viele jüdische Ärzte und Sanitäter, die der jüdischen Bevölkerung oft geholfen haben. Nach kurzer Zeit jedoch zogen sich die Ungarn zurück; als ihre Abteilungen noch in Kolomyja standen, wurde die Stadt von deutschen Truppen besetzt. Anfangs durften die Juden noch in ihren alten Wohnungen bleiben. Die Stadtverwaltung der jüdischen Gemeinde wurde eingerichtet. Im größten Hotel der Stadt, im„ Union" befand sich die deutsche Ortskommandantur. Von dort wurden im Kahal männliche und weibliche Arbeitskräfte zum Reinigen verschiedener Gebäude angefordert. Die Bevölkerung trug am rechten Arm eine weiße Armbinde mit dem Zionsstern. Die jüdische Intelligenz mußte jeden Morgen die Straßen kehren und Abfälle sammeln, mit Schaufeln und Besen marschierten sie die Hauptstraßen entlang und wurden von der Bevölkerung beschimpft. и Gleich am Anfang wurden die freien Berufe registriert: Ärzte, Advokaten, Lehrer, Professoren, Priester. An einem bestimmten Tage kam der Befehl, sich im Kahal" zur Sitzung einzufinden. Die Advokaten sollten ihren Strafrecht- Kodex mitbringen. Ohne eine Ahnung davon, was sie erwartete, gingen sie hin in der Meinung, sie bekämen Beschäftigung. Aber sie wurden alle auf Lastkraftwagen verladen und mit unbekannter Bestimmung fortgebracht. Einige Monate später erfuhr man, daß sie im Wagen halbnackt und zusammengekauert unter Eskorte von SS- Leuten und ukrainischer Miliz fortgebracht worden waren. In der Nähe eines Waldes wurden sie erschossen. Wer nicht zu der Sitzung gekommen war, blieb am Leben. Bald darauf begann die erste Massenaktion in der Stadt. Die ukrainische Polizei und die SS. gingen von Haus zu Haus und sammelten die Juden. Die Familien wurden mit den Kinder auf Autos verladen und zum Rathaus gebracht, wo man einen Transport zusammenstellte, der dann zum Friedhof gebracht wurde. Die Vorsichtigen nahmen beizeiten die Armbinden ab und flohen aus der Stadt oder versteckten sich. Die anderen mußten Gruben graben. Maschinengewehre. wurden aufgestellt. Die Deutschen, die schwer betrunken waren, verlangten, daß jeder sein Gold, alle Wertsachen und Geld abzugeben habe. Sie bestimmten einige junge Mädchen, die alles einzusammeln hatten. 75 Da die Bevölkerung geglaubt hatte, daß sie umgesiedelt würde, hatte jeder das Wertvollste an Kleidung und Kostbarkeiten mitgenommen. Es wurde sogleich eine Anzahl erschossen und alle mit dem Tode bedroht, die ihre Wertsachen nicht abgeben würden. Die Leute glaubten, daß sie sich damit vom Tode retten könnten und gaben alles ab. Dann befahl man ihnen, sich nackt auszuziehen und in die Gräben zu steigen. Dort erschoß man sie. Über die noch Lebenden und Sterbenden wurde eine dünne Schicht Erde gestreut und die nächste Gruppe gebracht. Viele der ortsansässigen Deutschen kamen, und manche holten ihre Bekannten aus den Scharen der Unglücklichen heraus. Zum Schluß fing man an, die Leute auf der Straße einzufangen. Alle Passierscheine und Ausweise wurden zerrissen. Ein Gestapomann erkannte eines der Mitglieder des Gemeinderates, wollte ihn freilassen und sagte:„ Sie können nach Hause gehen-" Dieser, ein deutscher Jude, riß sein Hemd auf und sagte:„ Ich will mein Leben nicht zurück haben von solchen Räubern"! Daraufhin zog der andere seine Pistole und erschoß ihn. So ging es den ganzen Tag. Die Leute wurden verladen und umgebracht. Nach fünf Uhr ließ man die übrigen über die Mauer springen und flüchten. Aber allgemein glaubte man, daß diese Aktion tagelang dauern würde. Man fürchtete sich, an den nächsten Tagen die Straße zu betreten. Die Zeugin Jula Wajselberg, geb. 16. 4. 1922 in Stanislau, wohnhaft Zulawskiego 6, saß mit ihrem Gepäck im Haus. Wenn die Aktion noch eine halbe Stunde länger gedauert hätte, wäre auch sie ihr zum Opfer gefallen. Manche deutsche Frauen haben ihr Bedauern ausgedrückt, daß solche Greuel geschehen. Alte deutsche Frauen aus dem Soldatenheim, das eben gegründet worden war, weinten und verbargen zwei Jüdinnen. Nach dieser Massenaktion herrschte eine Zeitlang Ruhe. Doch wurden täglich einige Leute aus unbekannten Gründen verhaftet, die dann spurlos verschwanden. Die Deutschen verhafteten auch besonders hübsche Jüdinnen. Einige Frauen, die ihnen weniger gefielen, ließen sie später frei. Fünf Monate lang herrschte relativ Ruhe. Die Leute begannen sich zu beruhigen. Aus den Wohnungen der Erschossenen holten die Deutschen die Möbel. Schließlich wurde das Ghetto gebildet. Die Hauptstraßen des Ghettos waren: Batorego, Kazimierzowska und die Halicka- Straßen, deren linke Seite zum Ghetto gehörte, die rechte war christlich. Alle Fenster mußten mit Brettern vernagelt werden. Ein Zaun schloß alles ein. An den drei Toren hielt deutsche und ukrainische Polizei Wache. In der Belwederstraße befand sich die jüdische Gemeinde, das Kahal und der J. O.-D. Der Kommandant des J. O.-D. war Leutnant Celler. Die J. O.-D. war nicht uniformiert und trug Mützen mit gelben Streifen. Anfangs konnten die Leute mit Passierscheinen das Ghetto verlassen. Verschiedene Werkstätten wurden zur Bedienung der deutschen Be76 hörden angelegt. Dort arbeiteten Männer und Frauen. Die Aufträge mußten pünktlich erledigt und das Material dazu von den Juden geliefert werden. Dann kam die Registrierung der Juden, die straßenweise vor sich ging. Täglich mußten einige Straßen antreten. Bei der Registrierung war eine Kommission von Gestapoleuten zugegen, die das Alter der Personen feststellte und sie in drei Gruppen A, B und C teilte. A und B ließ man mit ihren Ausweisen gehen, C behielt man da. Es war die Kategorie von Menschen, die man für unnötig erachtete. Man sammelte sie in einer großen Mühle, einem großen roten Ziegelbau. Dort waren in einem Saale Männer und Frauen zusammen eingeschlosDas Kahal schickte Essen, das nur aus, Suppe bestand. Mit den Verwandten konnte man sich nicht verständigen. Jeden Tag kamen mehr dazu, bis ungefähr fünftausend Menschen beisammen waren und es so eng wurde, daß man sich nicht bewegen konnte. Aus dem Saal wurde niemand herausgelassen. sen. Nach einer Woche fuhren eines Nachmittags Lastkraftwagen vor dem Gebäude vor. Die Gestapoleute, die zu Pferde gekommen waren, drangen ins Gebäude und trieben die Leute mit Peitschenschlägen auf den Hof, wo sie auf Wagen verladen wurden. Diejenigen, die auf den Wagen keinen Platz mehr fanden, wurden zu Fuß zum Bahnhof gejagt. Wer nicht mitkommen konnte, wurde unterwegs erschlagen, so daß der Weg mit Blut überströmt war. Dies war die zweite Massenaktion, bei der 6000 Menschen umgebracht wurden. Bald darauf fing die Kinderaktion an. Aus dem Waisenhause wurden alle Kinder weggeholt. Die jüdische Polizei bekam in der Nacht den Befehl, alle Kinder aufzuwecken. Die Säuglinge wurden in Säcke gepackt, die oben nicht zugebunden waren und auf Wagen verladen und dann in Eisenbahnwaggons gesteckt. Weit hörte man das Geschrei und das Weinen der Kinder. Am selben Tage wurde befohlen, alle Greise und Gebrechlichen in die Mühle zu bringen, mit der Drohung, daß alle Einwohner eines Wohnblocks erschossen würden, in dem eine dieser Personen später gefunden würde. Die Kinder mußten ihre eigenen alten Eltern in Wägelchen zur Mühle bringen. Dort hörte man Schüsse. Im Morgengrauen wurden Juden hingeschickt, die die Leichen sammeln mußten. Diese Mühle wurde zur Vernichtungsstätte. Sie bekam den Beinamen die rote Mühle" nicht der roten Ziegeln, sondern des vielen dort vergossenen Blutes wegen. " Dann brachte man die Leute aus der Provinz dorthin und liquidierte sie. Darunter waren einzelne sehr reiche Juden. Der Fußboden war mit Dollars bedeckt. Die Deutschen nahmen alles weg. Das Wasser teilten sie den Verhafteten so kärglich zu, daß ein Glas Wasser zehn Dollar kostete. 77 Dann war zwei Monate lang alles ruhig. Eines Nachts sahen die Einwohner der Stadt einen Feuerschein. Das Ghetto war angezündet worden. Die Leute, die aus den brennenden Häusern flüchteten, wurden erschossen. Dies ging von halb zwölf bis zwei Uhr nachts. Betrunkene Deutsche waren auf den Straßen und starrten die Schrecken wie ein wundersames Schauspiel an. Unzählige Juden kamen damals ums Leben, das Ghetto wurde um die Hälfte verkleinert. Bald daraufhin begann das Einfangen der Leute mit den B- Ausweisen. Aber damals wurde eigentlich jeder mitgenommen, der in die Hände der Polizei fiel. Einmal wurden fünfhundert junge Männer angefordert und erschossen. Die Einwohnerzahl des Ghettos betrug zu dieser Zeit etwa vierzehntausend. Dann wurde das Ghetto geschlossen. Die meisten durften es nicht verlassen, und diejenigen, die hinaus konnten, durften nicht einmal ein Viertelpfund Lebensmittel mitbringen. Es gab nur noch ein Tor, dort hatten die Wachmannschaften Buden, in denen man sich ausziehen mußte und wo man genau untersucht wurde. Im Ghetto begann eine fürchterliche Hungersnot. Kartoffelschalen wurden zum teuersten Artikel. Auf den Straßen lagen ausgezehrte Kinder. Die Leute starben vor Hunger auf der Straße. Gras wurde gegessen. Es wurde verboten, einzeln zur Arbeit zu gehen. Nur in Gruppen durfte man zur Arbeit, damit der einzelne nicht in christliche Häuser einkehren und dort etwas essen konnte. Eines Tages holte man aus dem Kahal dreizehn Männer und hängte sie an den Bäumen der Belwederstraße auf. Dort ließ man sie drei Tage hängen. Es waren Leute, die für die Deutschen am eifrigsten gearbeitet hatten. Trotz der Versicherungen, daß das Ghetto bestehen und die Arbeitenden am Leben bleiben würden, wurden eines Tages die Gruppen, die aus der Stadt zurückkehrten, am Tore weggeholt. - Im Ghetto waren noch etwa zweitausend Menschen geblieben. Bis zum Schluß blieb der J. O.-D. und die Rohstoff- Erfassung"- diejenigen, die auf den Höfen Altmaterial für Görings Vierjahresplan sammelten. Die Leute, die man aus der Provinz brachte, wurden in der Mitte der Stadt auf dem Platz gegenüber dem J. O.-D. erschossen und begraben. Es waren so viele Leichen, daß es in der Straße unerträglich stank. Daraufhin kam eine Kommission, die erklärte, daß an dieser Stelle nicht mehr begraben werden dürfte. Die Erde wurde umgegraben und die Leichen auf den Friedhof gebracht. Diese Arbeit mußten ebenfalls Juden ausführen. Ganz zum Schluß suchte die Gestapo die Leute, die sich in Kellern, auf Dachböden und in Verstecken verborgen hatten, worauf das Ghetto völlig liquidiert wurde. 78 LEMBERG In dem Augenblick, in dem die Deutschen am 1. Juli 1941 Lemberg besetzten, lieferten sie die Juden den Ukrainern aus. Diese begannen mit einem Pogrom, der mehrere Tausend Opfer forderte. Die Juden wurden ins Gefängnis gebracht und dort erschossen. Unterwegs wurden ihnen die Wertsachen geraubt. In Lemberg gab es damals, einschließlich der aus der Provinz hereingebrachten, etwa zweihunderttausend Juden. Auf Befehl der deutschen Behörden wurde eine Registrierung durchgeführt. Alle, die nicht beschäftigt waren, wurden vom Kahal schriftlich aufgefordert, sich zur Zwangsarbeit zu stellen. Dies war die erste Gruppe, die in die Zwangsarbeitslager ging. Am 26. Juli desselben Jahres, am Jahrestag Petljuras, fand der zweite Pogrom statt. Gleichzeitig wurde den Juden eine Kontribution in Höhe einer Million Reichsmark auferlegt. Am Vorabend dieser Kontribution holte man die jüdische Intelligenz, die Ältesten des Kahals, Rabbiner, Ärzte, Ingenieure, Advokaten, Professoren, mehrere Tausend an der Zahl, angeblich als Geiseln für die Entrichtung der Kontribution. Trotzdem die Kontribution zum festgesetzten Termin in festgesetzter Höhe einlief, wurden die Geiseln nicht freigelassen. Sie waren der zweite Transport in die Konzentrationslager. Dann begann die Ausweisung einzelner jüdischer Familien aus ihren Wohnungen in den arischen Vierteln. Darauf wurden die letzten Reste der jüdischen Intelligenz weggeholt. Im August 1942 wurde die Bildung des Ghettos bekanntgegeben, das nördlich der Eisenbahnstrecke lag und das Stadtviertel Zamartynowsk umfaßte. Alle alten Männer, die die Eisenbahnunterführungen passierten, wurden gefangen und in die Liquidations- und Todeslager geschickt. Infolge einer Veränderung des ursprünglichen deutschen Planes wurde im April 1942 der Termin der Schließung des Ghettos aufgeschoben, und dem sogenannten offenen Ghetto wurde eine ganze Reihe Straßen des früheren Judenviertels angeschlossen unter der Bedingung, daß die Juden aus den Ariervierteln in diese Gegend zogen. Im September wurde die Bildung des geschlossenen Ghettos schon im verkleinerten Rahmen im Zamartynowska- Viertel verkündet. Damals 81 lebten in Lemberg noch etwa hunderttausend Juden. Bei allergrößter Dichte der Bevölkerung konnte das Ghetto nicht mehr als 40 bis 45 Tausend aufnehmen. Gleichzeitig mit der Bekanntmachung des geschlossenen Ghettos begannen die Deutschen den Abtransport der jüdischen Bevölkerung. Es fing auf die Art an, daß alle Beschäftigten zum Abstempeln ihrer Ausweise durch SS- Organe aufgefordert wurden. Für sechzig von Hundert der Ausweise wurde der Stempel verweigert. Am nächsten Tag begann das Einfangen der Leute, die keine abgestempelten Ausweise hatten. Alle wurden ins Lager in der Ianowskastraße abtransportiert, wo sie sortiert wurden. Die Kinder wurden auf der Stelle umgebracht, der Rest in Konzentrations- und Todes- Lager geschickt. Diese Aktion dauerte drei Wochen. Zum Schluß fing man an, auch die Leute mit abgestempelten Ausweisen einzufangen. Mit dieser Atkion wurden aus Lemberg etwa 70 Tausend Juden weggeholt. - Nach diesen Ereignissen wurde das Ghetto geschlossen. Nur unter Bewachung von Begleitmannschanften aus den Anstalten, für die sie arbeiteten, konnten es die Beschäftigten verlassen, und zwar in Gruppen, niemals einzeln. Am Ghetto- Tor es gab nur eins spielten sich schreckliche Szenen ab. Jeden Morgen veranstalteten die SS- Männer beim Passieren der Juden ein Scheibenschießen nach lebendigen Zielen, die sie sich aus der marschierenden Gruppe heraussuchten. Einige Monate später wurde das Ghetto vollständig erledigt und niedergebrannt. Aus den kleinen Orten des Lemberger Bezirks holte man die Juden in größere Städte, von dort aus nach Lemberg, von wo aus es dann zu den Vernichtungsorten, hauptsächlich nach Belzec, ging. 82 DAS SCHIKSAL DER JUDEN IN SOWJETRUSSLAND UNTER DEUTSCHER BESATZUNG Der Zeuge Anton Daciuk, geb. 1921 in Utschling, früher Offizier der Sowjet- Armee, Kriegstechniker dritten Ranges, war zu der Zeit noch in der Sowjet- Armee als die Massenvernichtungen der Juden vor sich gingen. Die Einzelheiten kennt er aus dem Nachrichtendienst, dessen Berichte ihm als Militärperson zugänglich waren, und aus den Aussagen von Zeugen, mit denen er während seiner Gefangenschaft zusammenkam. Mit wenigen Ausnahmen gab es in Rußland kein Ghetto. Der Großteil der jüdischen Bevölkerung war beim Rückzug der Sowjetarmeen ins Innere Rußlands geflohen. Der Rest, der nicht rechtzeitig fliehen konnte oder eingekesselt wurde, ging tragisch zugrunde. Alle sowjetischen Soldaten, die in Gefangenschaft fielen, mußten sich nackt ausziehen und wurden untersucht, ob sie beschnitten waren. Dabei war eine Kommission von tatarischen Polizisten zugegen, die prüfte, ob alle, die sich als Tataren ausgaben, auch die tatarische Sprache kannten. Wer tatarisch konnte, blieb am Leben, die anderen wurden erschossen. KIEW Im August 1941 besetzten die Deutschen Kiew. Unter Androhung der Todesstrafe wurden alle Juden gesammelt. Sie wurden auf die Hauptstraßen von Kiew gebracht, wo die Leichen erschossener Soldaten lagen, und mußten sie begraben. Nach der Arbeit kehrte die Hälfte der Leute nach Hause zurück, die andere Hälfte, etwa fünftausend Menschen, wurde von SS- Männern am Dniepr erschossen. Am nächsten Tage fuhren Lastkraftwagen durch die Straßen, sammelten jüdische Familien und brachten sie nach außerhalb, wo sie erschossen wurden. Der Zeuge sah es selbst, wie die Deutschen kleine Kinder, die noch nicht fähig waren zu gehen, am Arm und Bein packten und sie auf Lastkraftwagen warfen. Die Kinder brachen dabei sofort Arme und Beine. Nach dem Ausrotten aller Juden begannen die Deutschen an verschiedenen Stellen, wo Panzerabwehrgräben von den Kriegshandlungen übrig geblieben waren, die Judenmischlinge bis zum dritten Grade einschließlich zu erschießen. In Kiew hatte es etwa fünfzehntausend Juden gegeben. Nur einzelne unter den Tausenden konnten sich zu Partisanen- Abteilungen retten. 6 85 SCHITOMIR Die ukrainische Polizei, in der auch Deutsche dienten, die vorher in Sowjetruẞland gelebt hatten, verlud die jüdischen Familien, die in den Kolchosen gearbeitet hatten, mit ihren Sachen auf Bauernwagen und brachte sie etwa sieben Kilometer von ihren Wohnorten weg. Am Ziele mußten sie sich nackt ausziehen. In die versammelte Menge wurden Handgranaten geworfen, die einzelne töteten, andere mehr oder weniger verwundeten. Die nächste Gruppe Juden mußte die zerrissenen Leichen zusammentragen und mit Erde zuschütten, obgleich viele noch nicht tot waren. Die mit Erde bedeckten Körper zuckten noch, und die Leichtverwundeten kamen wieder an die Oberfläche. Die Wache bestand aus zwei SS- Männern, der Rest war ukrainische Polizei, die den Platz umstellt hielt und acht gab, daß niemand den Verwundeten und Sterbenden Hilfe leistete, so daß sie unter den allergrößten Qualen sterben mußten. Dies hat der oben erwähnte russische Offizier als Augenzeuge mit angesehen. NOWOJE SELO Im Dorfe Nowoje Selo, in der Nähe von Schitomir, wurden sieben jüdische Partisanen gefangen und lebendig begraben. WLADIMIR IN WOLHYNIEN Das Ghetto, das nur geschaffen war, um die Juden zu sammeln, wurde eingezäunt. Ein Lastkraftwagen fuhr ins Ghetto, beschoß die Häuser und Straßen mit Maschinengewehren und tötete auf diese Weise etwa siebenhundert Menschen. Dann wurde den Ueberlebenden befohlen, in einer halben Stunde alle Toten zu begraben. Nach einer halben Stunde kamen die Wagen wieder, und begannen die Leute unter dem Vorwande einzufangen, daß sie den Befehl nicht schnell genug ausgeführt hätten. Alle wurden mit unbekannter Bestimmung fortgebracht und niemand kehrte zurück. 86 POLTAWA Die ersten deutschen Abteilungen, die in die Stadt einrückten, erschossen sofort alle, die von irgend jemand als Jude bezeichnet wurden. Bei dieser Aktion wurden viele Christen miterschossen, aber die Juden wurden vollständig ausgerottet. KRIM Nach der Besetzung der Krim durch die Deutschen wurden alle Juden erschossen. Dann kamen die Karaiten und Zigeuner an die Reihe. Schließlich begann man auch die Krimtataren zu erschießen, bis die Deutschen über ihren Irrtum aufgeklärt wurden. Aus Dankbarkeit traten die übriggebliebenen Tataren in den SS- Dienst und bildeten die östlichen Abteilungen der Krim- Tataren. MINSK Ein gewisser deutscher Offizier, der Kommandant einer MilitärAbteilung in Minsk, hatte ein menschliches Gefühl für die Juden. Er wählte für seine militärische Einheit eine Gruppe junger, kräftiger Juden, und stellte ihnen Ausweise als Armenier aus. Sie bekamen Arbeitsanzüge und gingen dann nach Deutschland zur Arbeit. Allen Ukrainern und Russen, die etwas davon wußten, befahl er zu schweigen, sonst würden sie zusammen mit ihrer Familie erschossen. Nach Abzug dieser Abteilung traf die jüdische Bevölkerung dasselbe Schicksal, wie in anderen Städten. ODESSA Alle Juden aus Odessa und Bessarabien sind umgebracht worden. Die Russen zogen sich zu schnell zurück. Die Flüchtlinge kamen nur einige Kilometer weit und wurden von den Deutschen eingekesselt. In Odessa gab es etwa fünftausend Juden. Außerdem waren dort die 87 Juden aus der ganzen Provinz versammelt, infolge der Einkesselung konnte keiner fliehn. Alle Juden wurden gesammelt und bei einer besonders vorbereiteten Grube aufgestellt. Dann wurden sie gezwungen, hineinzusteigen und sich hinzulegen und als die Grube mit Menschen angefüllt war, wurde mit Maschinengewehren hineingeschossen. Auch in Odessa wurden auf allen Straßen Juden gehängt. STATION KODMA Am ersten Tag der Besetzung trieben die Deutschen alle Juden aus ihren Wohnungen auf die Straße und jagten sie alle zu Fuß hundert Kilometer ohne Nahrung weiter. Diejenigen, die nicht mehr konnten, wurden erschlagen. Am Ziele wurde die Hälfte umgebracht, die andere Hälfte zurückgejagt. Die Leichen der Erschlagenen lagen auf der Steppe. Sie blieben unbegraben liegen, den Hunden und Krähen zum Fraẞ. In Rußland gab es keine Konzentrationslager. Die Leute wurden auf der Stelle getötet, kleine Kinder zerrissen. Wenn arische Frauen sich kleiner jüdischer Kinder annahmen, wurden auch diese Frauen erschlagen. Die Russen, die den Juden Essen gaben, wurden verprügelt. Besonders bemerkenswert sind die deutschen Grausamkeiten in Luck und Rowne. Nach Rowne kamen deutsche Lastkraftwagen, um Steine zu laden. Aus der Menge holte man einen Greis von etwa 70 Jahren, der kaum noch gehen konnte, und befahl ihm, die schweren Steine auf den Wagen zu werfen. Als der Greis dies nicht ausführen konnte, weil er dazu zu schwach war, schlugen ihn die SS- Männer mit Gummiknüppeln, bis er zusammenbrach, worauf ein SS- Unteroffizier die Pistole zog, den Greis mit fünf Kopfschüssen in Gegenwart der ganzen Menge tötete und dann befahl, sofort eine Grube zu graben und zuzuschütten. In Luck jagten die Deutschen zweihundert wehrlose junge Männer unter Bewachung zum Fluß, wo sie ihnen befahlen, sich auszuziehen und ins Wasser zu steigen. Das Wasser war mit Eis bedeckt. Die Deutschen sagten ihnen lachend, sie seien sehr schmutzig und müßten sich mal baden. Die Hälfte dieser Leute kam nicht mehr aus dem Wasser heraus und fand darin den Tod. 88 LIQUIDATIONSORTE DER JUDISCHEN BEVOLKERUNG IN POLEN BELZEC TREBLINKA MAJDANEK BELZEC Im Jahre 1940 begannen die jüdischen Häftlinge Panzerabwehrgräben auszuheben, die 12 Kilometer lang, 9Meter breit und 2,5Meter tief waren. An einer Seite waren die Wände abgeschrägt und auf der anderen senkrecht. Diese Befestigungen erstreckten sich von Belzec bis nach Narol und Cieszanow und von dort nach Dzikow. Cieszanow liegt 30 Kilometer von Belzec entfernt; die Entfernung von Cieszanow bis Dzikow ist 12 Kilometer. Belzec liegt 3 Kilometer von Tomaszow Lubelski entfernt, dicht an der früheren deutsch-russischen Grenzlinie. Ringsherum sind große Waldun- gen. Der Sammelplatz für die Abtransportierten war die Mühle in Belzec. Diejenigen, die sich schon lange in Belzec befanden, waren wegen des Mangels an hygienischen Vorkehrungen so verlaust, daß sie auf der Straße krabbelnde Spuren hinterließen. Die Häftlinge mußten sich ent- schließen, keine Hemden zu tragen. Der Zeuge Jakob Gutman, geb. 12. 8. 1919 in Radom, wohnhaft in Radom, Pierwszego Maja 85, Häftling Nr. 25 759, war selbst beim Aus- heben der Gräben beschäftigt gewesen. Nach Fertigstellung dieser Gräben wurde Belzec zum Vernichtungsort aller Transporte der jüdischen Bevölkerung aus Ostpolen und den Wojewodschaften Lublin und Lemberg. Die Züge fuhren mit den Transporten nur bis zum Städtchen Belzec. Die 4 Kilometer Weg bis zu den Gräben mußten die Opfer in Fünfer- reihen zu Fuß zurücklegen. Als sich die Gräben mit Leichen füllten, brachte man die Transporte weiter nach Narol und Cieszanow. Der Oberbefehlshaber der Mörder in Belzec und Cieszanow war ein gewisser Major Dolt, der einer der Mitbegründer des Konzentrationslagers in Dachau gewesen wat. 9 Da die Erdschicht über den Gräben nur dünn war, drangen die Leichengase an die Oberfläche. Die Einwohner der anliegenden Dörfer verließen infolge des Verwesungsgeruches allgemein ihre Wohnorte. Der Gestank reizte in weitem Umkreis zum Erbrechen. Nach einigen Wochen platzte die Erddecke und sank ein. Im ganzen Bezirk spürte man den Leichengeruch. Die Deutschen wollten schließlich verhindern, daß die Vorgänge zu offensichtlich würden und ließen durch Arbeiter aus den nächsten Dörfern Kies und Steine darüberschütten und die Oberfläche betonieren, so daß eine glatte steinerne Fläche entstand. Doch platzten auch die Flächen nach einiger Zeit. Dann wurden Bagger aufgestellt, die die Platten wegrissen und den Grund aushoben, der mit Benzin übergossen und angezündet wurde. Diese Zeugenaussage stammt von dem Ingenieur Tymon Karwowski, geb. in Warschau, 11. 7. 1910, wohnhaft Saska Kepa, Franciskastraße 21. TREBLINKA Treblinka liegt 5 Kilometer von Malkinia entfernt. Dort befanden sich große Gräben, die teilweise mit Brettern zugedeckt waren. Die unglücklichen Opfer stellte man auf den Brettern auf, beschoß sie und stieß sie teilweise noch lebend in die Gräben, wo sie mit Kalk beschüttet wurden. Die Körper der Sterbenden lagen auf den Leichen und umgekehrt. Treblinka war für den Verkehr gesperrt und durfte nicht betreten werden. Etwa 5 Kilometer im Umkreis hielt die deutsche Gendarmerie und SS jeden an. Der fürchterliche Geruch verbreitete sich in der ganzen Gegend. Einmal wurde ein polnischer Kraftfahrer verhaftet, der zu nahe herangefahren war. Nur durch ein Wunder ließ man ihn nach zweiwöchiger Haft frei. Treblinka war der Vernichtungsort für das Warschauer Ghetto, wohin man die Tausende von Menschen brachte, die man aus dem langsam liquidierten Warschauer Ghetto herausholte. Bei Massenaktionen kamen täglich in Treblinka vier bis fünf Züge mit etwa je 50 Waggons an, in denen je 100 bis 120 Menschen wie Heringe im Faß eingequetscht waren. Die Züge wurden auf ein Nebengleis geleitet, das zu einer riesigen Kiesgrube führte. Das Nebengleis hatte etwa 4-5 Kilometer Länge und die Kiesgrube mehrere Quadratkilometer Oberfläche und 10 Meter Tiefe; sie war im Tagbau abgebaut worden. Außerdem gab es dort noch Torfgruben, in die man die Leichen warf und dann dünn mit Kies durch Bagger zuschütten ließ. Infolgedessen drang der Leichengeruch durch und vergiftete ringsherum die Luft. Der Befehlshaber, Chef des Sicherheitsdienstes für den Kreis Lublin, Leiter des Liquidationskommandos und somit Chef aller Mörder in Treblinka, war Globotznik. 93 MAJDANEK Majdanek war ein Dörfchen in der Umgebung Lublins. Im Umkreis von 8 Kilometern war Zivilpersonen der Zutritt verboten. Die Transporte gingen bis zur Station Majdanek; von dort aus mußten die Opfer zum Lager zu Fuß gehen. Später wurde eine besondere Nebenlinie der Bahn eingerichtet, die die Transporte direkt ins Lager brachte. Das Konzentrationslager Majdanek lag 3 Kilometer von Lublin entfernt. Es war im Jahre 1940 gegründet worden. Bis 1943 befanden sich dort nur politische Häftlinge, etwa Zwanzigtausend, darunter auch Juden, die bei verschiedenen Gelegenheiten eingefangen worden waren. Nach Majdanek brachte man die jüdische Bevölkerung Lublins, aber auch aus verschiedenen Teilen Polens und dem Auslande. Das Lager war in fünf Felder geteilt. In jedem Felde befanden sich etwa 21 bis 22 Baracken. Im dritten und vierten Feld standen Ställe. Ein Feld wurde vom anderen durch einen sechsfachen Stacheldraht getrennt, der an eine Hochspannungsleitung angeschlossen war. Zum Schluß zählte das Lager etwa 40 000 Häftlinge, aber die Zahl veränderte sich täglich, da täglich Transporte ankamen und in die Gaskammer abgingen. Die Opfer, die ankamen, wurden so lange gequält, bis sie ganz geschwollen waren. Dann wurden sie vergast und verbrannt. Nur in seltenen Fällen wurden sie in andere Konzentrationslager geschickt. In Majdanek befand sich ein Krematorium, wohin die durch Gas getöteten Menschen gebracht wurden. Außerdem gab es noch eine große Grube hinter dem Krematorium, zwischen den Kartoffelmieten, in der ebenfalls die Leichen verbrannt wurden. In diese Grube warf man die Leichen der Vergasten, begoß sie mit Benzin und zündete sie an. 94 Der größte Massenmord in Majdanek geschah am 3. November 1943. An diesem Tage gingen die SS-Männer durch die 20 Baracken des fünften Reviers, bei dem die Juden Gräben aufgeworfen hatten, und befahlen allen, sich zum Verlassen des Reviers bereit zu machen. Auch die Kranken mußten ihre Blocks verlassen. Nur die Juden und das jüdische Sanitätspersonal sollte zurückbleiben. Man nahm an, daß das Lager infolge des Näherrückens des russischen Heeres evakuiert würde. Die Schwerkranken trug man hinüber. Diejenigen, die die Schwerkranken heraustrugen, sahen schon den Anfang des Mordens. In Gruppen zu Tausend wurden die Juden aus anderen Lagern, in Lublin, Lipowa und Umgebung herbeigeführt. Das fünfte Feld war von einer dreifachen Reihe von Maschinengewehren umstellt. Die Deutschen, die Handgranaten und automatische Waffen trugen, führten die Opfer zum 23. Block. Dort befahl man ihnen, sich nackt auszuziehen und durch einen besonderen Ausgang nacheinander im Laufschritt mit erhobenen Händen auf die andere Seite zu laufen. Die Männer mußten auf die Gräber zulaufen, die sie selbst gegraben hatten und sich dort neben- einander niederlegen. Der Graben hatte etwa zwei Meter Breite. Als der ganze Graben mit Menschen gefüllt war, beschossen die SS-Männer die Menschenmasse von oben mit automatischen Pistolen und beschütteten sie mit Erde, ohne darauf zu achten, ob die Leute noch lebten. Um das Knattern der Schüsse zu verbergen, waren Lautsprecher eingeschaltet worden und spielten Tanzmusik. Zwischen 6 Uhr morgens und 12 Uhr nachts wurden 22 000 Menschen erschossen. Dies haben die unten genannten Äugenzeugen, Kollegen aus dem polnischen Lager in Mosbach, D. P. Team 112 Mosbach, miterlebt; sie konnten die Vorgänge von ferne beobachten: Lucjan Wilczynski, geb. 6. 1. 1908 in Bialystok, wohnhaft Gut Gorzalowo, Kreis Ostrowsk, Häftling Nr. 4724. Stanislaw Cieslikowski, geb. 15. 5. 1926 in Warschau, wohnhaft Warschau, Sienna 17, Häftling Nr. 4446. DIE KONZENTRATIONSLAGER FÜR DIE JUDEN AUS POLEN STUTTHOF UNTERRIXINGEN AUSCHWITZ- OSWIECIM VAIHINGEN/ ENZ NATZWEILER BUDZYN SACHSENHAUSEN GROSSROSEN WASSERALFINGEN MAUTHAUSEN WIESENHOF HAMBIREN BERGEN BELSEN DACHAU BUCHENWALD NECKARELS PAWIAK IN WARSCHAU 99 STUTTHOF Das Konzentrationslager in Stutthof lag 20 Kilometer von Danzig entfernt. Es enthielt 45 000 Häftlinge, unter denen sich Frauen, Greise und Kinder, Männer aller Nationalitäten und Bekenntnisse befanden. Beim Einliefern der Transporte brachte man die Häftlinge in die Badeanstalt, wo alle Wertsachen, Uhren, Anzüge usw. weggenommen wurden. Nach dem Bade wurden gestreifte Anzüge ausgehändigt, die aus Hemd und Hosen ohne Unterwäsche bestanden, und dazu Korkpantoffeln. Im Jahre 1944 holte man täglich von Mai bis November Juden und Jüdinnen heraus fürs Krematorium, vor allem Frauen und Kinder. Sie wurden in die Gaskammer gebracht. Nach der Vergasung wurden die Leichen verbrannt. Vorher entfernte man die Goldplomben der Vergasten. Dasselbe trieb man mit Angehörigen anderer Völker. Täglich brachte man auf diese Art 150 Menschen um. Dreimal täglich, früh, mittags und abends suchte man die Opfer fürs Krematorium aus. Dies geschah gewöhnlich während des Appells, wenn alle aufgestellt waren. Man nahm meist diejenigen, die schlecht aussahen, die sich elend fühlten oder beim Stehen schwankten. Die Täter waren SS- Männer. In dem Maße, wie die Anzahl der Insassen im Lager durch Hinrichtungen abnahm, kamen Transporte mit frischen Opfern an, so daß in kurzer Zeit mehr als hunderttausend Menschen durch das Lager gingen. Die Verpflegung bestand morgens aus 100 Gramm Brot, einem halben Liter Kaffee, mittags aus einem Liter Suppe aus Rüben oder Kraut, abends wieder aus 100 Gramm Brot, bei schwerer Arbeit und Frost. Der Hunger war so stark, daß selbst die Opfer, die fürs Krematorium bereitgestellt stonden, baten Gebt uns Brot", und auf dem Wege zur Gaskammer zum letzten Male aßen. Der Hunger überwand selbst die Todesangst. " 7 101 In der größten Kälte dauerten die Appelle am längsten. In den Baracken durfte man nicht ruhig siten, die Blockleiter jagten die Leute umher und gönnten ihnen keine Ruhe. Eines Morgens führte man 55 polnische Häftlinge zur Gaskammer. Diese ahnten ihr Schicksal und begannen zu fliehen. Die SS- Männer eröffneten Maschinengewehrfeuer. Fünf gelang es, zu entkommen. Das Krematorium befand sich in der Nähe eines Wäldchens, dorthin schüttete man die Asche. Anfangs lag das Krematorium offen da und man konnte hineinsehen. Späterhin, als mehr Opfer vergast wurden, wurde es durch eine Rohrwand abgetrennt, sodaß niemand mehr die Vorgänge von außen sehen konnte. Der Zeuge Marcin Bielecki aus Brzozow hat es mitangesehen, wie man die Opfer zur Gaskammer brachte und wie die Leichen im Ofen verbrannt wurden. Die Oefen waren groß. Zwei Hilfskräfte schoben die Leichen in den Ofen. Achtzehn Leichen konnten auf einmal verbrannt werden. Der Schornstein war so hoch wie der einer Ziegelei. Die Oefen wurden mit Öl oder Koks betrieben. Die Knochen, die nach der Verbrennung zurückblieben, waren weiß, und diese weiße Masse fuhr man ins Wäldchen. Später wurde an der Stelle, wo die Asche ausgeschüttet worden war, der Wald gerodet, geebnet und ein Magazin erbaut, damit die Spuren der Morde verdeckt wurden. In Stutthof wurden die Leute, die im Transport ankamen, aussortiert. Nach einiger Zeit ging es entweder ins Krematorium oder in ein anderes Lager. Das Krematorium lag etwa 200 Meter vom Lager entfernt. Nicht weit davon war eine Flugzeugfabrik, in deren Nähe sich das Wäldchen mit der Aschengrube befand. Es sind Nachrichten darüber vorhanden, daß im September 1942 große Transporte von Jüdinnen ankamen. Sie endeten alle im Krematorium. 102 UNTERRIXINGEN Im Winter wurden während der größten Fröste die Häftlinge um 4 Uhr früh sieben Kilometer zum Bahnhof gejagt. Oftmals mußten sie sich durch den Schnee den Weg bahnen, um dann auf dem Bahnhof zwei Stunden auf den Zug zu warten. Man gestattete es ihnen nicht, sich durch Bewegung zu erwärmen. Wer seine Fünferreihe verließ, bekam einen Kolbenschlag auf den Kopf, daß er bewußtlos umfiel, und wenn jemand aus dem Gliede trat, wurde er wegen Fluchtverdacht erschossen. Der Zug schleppte sich drei Stunden zum Bestimmungsort. Dort fiel das Kommando„Heraus!”. Zu Fuß ging es dann zwei Stunden von Kornwestheim bis zur Arbeitsstelle. Dort wurden für 400 Leute 40 bis 30 Schaufeln verteilt. Wem es nicht gelang, eine Schaufel zu erwischen, mußte die Steine mit bloßen Händen aus dem Schnee auslesen. Des Morgens wurde Mittagessen um 1 Uhr versprochen. Während des Mittagsappells zeigte es sich, daß kein Essen da war, trotzdem man dazu zwei Kilometer weit durch Schnee und Eis hergekommen war. Die Leute fielen unterwegs vor Hunger um, sie hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Die Häftlinge mußten, ohne etwas gegessen zu haben, wieder zur Arbeitsstelle zurückkkehren. Dort mußten eine halbe Stunde lang die Schaufeln gesammelt werden, dann ging es zum Zuge zurück. Der Rückweg war schwer. In tiefem Schnee trugen die Häftlinge die Ohnmächtigen zum Zuge zurück, doch die Träger selbst fielen vor Hunger und Erschöpfung um und mußten auch geschleppt werden. Statt um vier Uhr kam man um halb sieben Uhr auf dem Bahnhof an. Auf dem Bahnhof legte man die Leichen in eine Reihe. Jeder der Überlebenden suchte unter ihnen nach Freunden und Verwandten. Man hörte lautes Weinen und Schreien. Der SS-Mann, der das laute Weinen hörte, nahm sein Gewehr und schlug mit dem Kolben dem Häftling auf den Kopf, daß er ohne einen Laut tot umsank. Bis zwölf Uhr mußte auf den Zug gewartet werden, der sich dann zwei Stunden lang zurückschleppte. Um halb vier Uhr erreichte man wieder das Lager. Dort bekam jeder einen halben Liter Suppe und durfte dann zwei Stunden schlafen. Man sank wie tot auf seine Pritsche. Durch diese eine Fahrt starben 60 Prozent der Teilnehmer. Bald darauf erkrankte der Zeuge. Einen Arzt gab es nicht. Er wandte sich deshalb an den Leiter mit der Bitte, ihm für diesen Tag eine leichtere Arbeit zuzuweisen. Der Leiter willigte ein, aber der Sekretär, ein großer Nationalsozialist, war damit nicht einverstanden. Am Morgen kam der Zeuge in die Gruppe, die zur leichteren Arbeit ging. Dann kam der Sekretär aus dem Arbeitseinsatz hinzu, befahl ihm 7% 103 dazubleiben und bedeutete ihm, daß er nicht mehr in die Baracke zurückdürfe. Der Zeuge war krank, er war ohne Mantel, nur in der Jacke, in Hosen und zerrissenen Schuhen herausgekommen und mußte so den ganzen Tag bei großer Kälte im Freien bleiben. Am nächsten Tage konnte er sich nicht bewegen, worauf ihn der Blockleiter mit der Faust ins Gesicht schlug, daß er blutüberströmt zusammenbrach. Nach einer Stunde stand er auf. Der Blockleiter rief ihn von neuem und befahl ihm, zwei Stunden neben der Wache zu stehen. Darauf führte er ihn in den Bunker, schlug unterwegs mit seinem dicken Stock unbarmherzig auf ihn ein, ganz gleich, wohin er traf, auf den Kopf, ins Gesicht oder auf die Beine, so daß der Zeuge nicht mehr zu erkennen war. Darauf rief der Sekretär einen vom J. O.-D. und befahl, den Bewußtlosen in den Bunker zu schleppen. Der Bunker hatte Betonwände und ein durchlöchertes Dach. Überall waren Risse, durch die die Kälte eindrang. Auf dem Fußboden lag der Zeuge lange Zeit ohne Bewußtsein. Außer ihm befand sich noch ein Häftling dort, der 25 Hiebe für das Aufheben einer Kartoffel bekommen hatte. Um 12 Uhr nachts kam der betrunkene Lagerleiter mit dem Stock in der Hand. Dem auf der Erde Liegenden befahl er, schnell aufzustehen. Da er dies nicht konnte, bekam er Schläge mit dem Stock. Dem Leidensgenossen wurde befohlen, ihn herauszubringen. Dann wurde er gefragt, wofür er sitze. Der Zeuge antwortete, daß er sich krank gemeldet hatte und für einen Tag leichtere Arbeit wollte. Er mußte sich dann auf eine Bank legen und bekam fünfundzwanzig Hiebe mit dem Stock. Durch Wunden und Schläge so geschwächt, daß er kaum sprechen konnte, bat der Zeuge um Tod durch Erschießen. Der Lagerleiter antwortete jedoch, daß er ihn zu Tode quälen und schlagen würde. Er befahl dann dem anderen, ihn wieder in den Bunker zu schleppen, worauf jener auch fünfundzwanzig Hiebe bekam. Dann lagen sie beide halb tot bis zum Morgen. Am Morgen kam der Blockleiter und schlug sie wieder. Ohne Essen und Trinken blieben sie mit ihren Schmerzen achtundvierzig Stunden liegen. Danach ließ man sie heraus und gab ihnen einen halben Liter Suppe und 300 Gramm Brot. Vier Wochen lang litten beide unter schrecklichen Schmerzen. Der Zeuge konnte nicht liegen. Er war vollständig geschwollen. Man konnte kaum die menschliche Gestalt erkennen. In diesem Lager blieb er bis April, worauf er mit hundertfünfzig anderen nach Neckarels gebracht wurde. Die ganze Zeit hatten die Häftlinge keine Gelegenheit, sich zu waschen oder zu baden. Alle waren vollkommen verlaust. Das Brot war stets schimmelig, die Suppe aus Gras gekocht. Dies sind die Zeugenaussagen des Zacharias Dajdel, 18 Jahre alt, geb. in Grojec bei Warschau, Häftling Nr. 169. 104 AUSCHWITZ OSWIECIM - Das Lager in Auschwitz war von Kriminellen und notorischen Verbrechern( mit grünem Dreieck) gegründet worden. Es waren Deutsche aus dem Lager Sachsenhausen, die von Anfang an die Stellung von Blockführern, Stubenältesten und anderen Lager- Würdenträgern innehatten. Unter der Kontrolle der SS begingen sie die verschiedensten Grausamkeiten. Sie brachten unschuldige Menschen um, während der Arbeit oder auch während der Ruhezeit im Block. Als die Zahl der Lagerinsassen zunahm und diese Führer- Schar nicht ausreichte, suchten sie sorgfältig aus der Menge der politischen und Strafgefangenen jene Verbrecher verschiedenster Volkszugehörigkeit aus, die um den Preis ihres Lebens ihre Genossen peinigten und beraubten und besetzten mit ihnen die verschiedenen Posten. Wenn einmal ein anständiger Mensch einen solchen Posten erhielt, wurde er bald entlassen und dabei auch verprügelt. Der Zeuge Leutnant Josef Zygar, geb. 4. 2. 1901 in Radzyn Podlaski im Gebiet von Lublin, Häftling Nr. 13 832, sah als Augenzeuge die unten angeführten Greueltaten mit an. Als Vergeltungsmaßnahmen für die Kämpfe der Partisanen im Lubliner Gebiet rief man am 28. 10. 1942 die Nummern von 300 Männern beim Morgenappell auf und stellte sie beim ersten Block auf. Diesen Opfern wurde mit Racheakten an ihren Familien und Freunden gedroht. Dann wurden sie zum zweiten Block in die Bunker gebracht, wo sie sich nackt ausziehen mußten. Dann führte man sie paarweise in den Hof, wo sie durch Genickschuß getötet wurden. Die Es waren die kräftigsten Männer aus den verschiedensten Berufen ausgewählt worden. Manche saßen schon zwei Jahre im Lager. Der einzige Protest, den sie aus Angst um ihre Angehörigen und Kollegen wagten, waren die Ausrufe während der Exekution:" Auf Wiedersehen!", ,, Rächt uns!"," Wir werden uns woanders wiedersehen!" usw. Durchführung der Exekution leitete der Henker des Lagers Auschwitz, Hauptsturmführer Palicz. Die Erschießungen dauerten den ganzen Tag, mit einer kurzen Pause, die durch den Aufstand der Verurteilten hervorgerufen worden war. Nach der Unterdrückung des Aufstands gingen die Erschießungen weiter bis zum Abend. Zwei Sanitäter trugen die 105 Leichen in eine Ecke des Hofes, wo sie aufgestapelt wurden, bevor man sie am Abend ins Krematorium brachte. Kurze Zeit darauf kam in Auschwitz ein Transport ausgesiedelter Polen aus dem Kreis Zamosc an, die von ihren Wohnsitzen vertrieben worden waren, um Volksdeutschen aus Rumänien Platz zu machen. Trotz dem Versprechen, das man ihnen gegeben hatte, daß sie zur Arbeit ins Reich kämen, brachte man diesen Transport ins Filiallager von Auschwitz, Birkenau, wo sie in mehreren Blocks untergebracht wurden. Die große Zahl Kinder unter 14 Jahren brachte man in einem besonderen Block unter, wo sie von verschiedenen Verbrechern sexuell benutzt wurden. Damals übernahm der Henker von Auschwitz, Palicz, die Stellung des Hauptsturmführers von Birkenau und befahl sofort, die Kinder im Revier von Auschwitz zu liquidieren. Die Kinder wurden mit Lastautos hinübergebracht. Nachdem sich alle, ohne Unterschied des Geschlechtes, nackt ausziehen mußten, brachte man sie ins Bad und von dort aus paarweise in ein Zimmer, wo sie umgebracht wurden. Die Hinrichtung geschah wie folgt: Das Kind wurde vor einem Vorhang festgehalten, ein Pfleger bog die Arme auf dem Rücken zusammen und drückte den Brustkorb heraus. Inzwischen kam die Giftspritze, die eigentlich das Herz treffen sollte. Ein paar Tropfen des Giftes töteten. Da der Ausführende kein Fachmann war, da der eigentliche Spezialist für Todesspritzen, der Pfleger Panszczyk, gerade krank war, dauerten die Qualen der Kinder lange. Im ganzen Spitalgebäude hörte man das Weinen der Kinder: Stechen Sie nicht, es tut sehr weh" usw. Die anderen Kinder hörten das und fingen an, aus Angst zu weinen, trotzdem sie nicht wußten, was sie erwartete, und obgleich anständige Pfleger versuchten, ihnen die letzten Augenblicke ihres Lebens zu erleichtern. Die Erwachsenen aus diesem Transporte arbeiteten im Lager, und die Kranken und Arbeitsunfähigen schickte man in die Gaskammer. In kurzer Zeit waren von den mehreren tausend Polen, die man um ihren Besitz gebracht hatte, damit die Deutschen Platz bekämen, nur einzelne Personen übriggeblieben. Einer der ärgsten Banditen im Lager von Auschwitz war Wojciech Drewniak aus Neu- Sandez( Deutsche Ausrichtungswerke, D.A.W.), ein Lyceumsabsolvent und angeblicher Student der Techn. Hochschule. Die Mittagessen wurden um 12 Uhr von seinen Helfern ausgegeben, ohne daß die geringste Ordnung eingehalten wurde. Alle ausgehungerten Menschen drängten sich, um etwas zu erhalten. Während des Gedränges sprang dieser Oberkapo hinzu und schlug mit einem viereckigen Stück Holz, das als Stuhlbein bestimmt war, auf die Menge ein, die sich zum Essen drängte. Einen jungen Burschen schlug er derart auf den Kopf, daß dieser in der Nacht dreimal ohnmächtig wurde. Dieser Bandit hatte das Gesicht eines unschuldigen Kindes. 106 Einer der Meister befahl einmal während des Umbaues einer Maschine, die er nicht kannte, im Lärm des Fabrikbetriebes einem Häftling, einen Motor anzulassen. Dieser verstand nicht genau, was er wollte und schaltete einen anderen Motor ein. Infolgedessen verletzte die Maschine den Meister leicht an der Hand. Die Schuld lag vollständig auf Seiten des Meisters. Er durfte sich nicht in den Maschinenbetrieb einer anderen Abteilung einmischen. Trotzdem begann Wojciech Drewniak sein Opfer zu peinigen. Er stürzte sich auf den Menschen, der sich nicht verteidigen konnte, bearbeitete ihn wie ein Boxer mit Faustschlägen und demonstrierte dem Häftling die Härte seiner Faustschläge. Er schlug ihn ins Gesicht, in den Magen, in den Bauch. Als das Opfer umfiel, trat er es mit den Füßen in den Bauch und stieß in die Geschlechtsteile. Als er der Fußtritte müde wurde, befahl er aufzustehen und demonstrierte an dem halb Bewußtlosen die Boxschläge weiter, und als er wieder umfiel, trat er ihn wieder mit den Füßen. Drewniak zog den Mantel aus, nahm Schal und Mütze ab, gab sie dem Nächststehenden, schlug weiter. Ein Schlosser aus Chrzanow, ein guter Bekannter seines Vaters, versuchte ihn zu beruhigen, hatte aber keinen Erfolg. Mehr als eine Stunde lang mißhandelte er sein Opfer. Er ließ erst ab, als der Mann schon vollständig bewußtlos war und weder auf Befehle, noch auf Hiebe reagierte. Lange Zeit war das Opfer vollkommen betäubt. Wir mußten im Block und bei der Arbeit stets auf ihn achten, da er in solchem Zustande bei der geringsten Gelegenheit sein Leben verlieren konnte. Die Juden, die in Massen aus Lodz gebracht wurden, wurden noch zehnmal schlimmer behandelt. Diejenigen Juden, die man zur Arbeit behielt, wurden sterilisiert. Später wurde für alle Vergehen sterilisiert. Auschwitz war die Todesstätte von Hunderttausenden jüdischer Opfer, die in riesigen Transporten ankamen. Die Todesarten wechselten von Erschießen bis zu den raffiniertesten Qualen langsamen Sterbens. Die in Auschwitz angekommenen Transporte wurden auf folgende Arten liquidiert: Tod infolge von Übermüdung, Erschöpfung durch Arbeit und Unterernährung. Umgebracht wurden die Leute bei der Arbeit durch die verschiedenen Kapos und Vorarbeiter. Der Häftling, der es wagte, sich während der Arbeit etwas aufzurichten, und vom Vorarbeiter oder Kapo bemerkt wurde, bekam einen Hieb über Kopf mit dem Gummiknüppel, dem Schaufelstiel oder mit der Hacke, einem Stein oder sonst irgendeinem Gegenstand, oder wurde durch einen Hieb aufs Kinn durch Knockout umgelegt. Wenn er umfiel, wurde er vollends getötet. Man legte einen Knüppel auf die Kehle des liegenden Opfers und wippte auf den Enden, bis das Opfer eines fürchterlichen Todes starb. 107 Der Wachmann, der zehn Tage Urlaub haben wollte, überredete einen Vorarbeiter, er solle einem Häftling befehlen, Äpfel zu pflücken und so die Grenze zu überschreiten, worauf dann der Wachmann den Häftling erschoẞ. Für diese Tat bekam der Wachmann zehn Tage Urlaub und der Kapo oder Vorarbeiter ein Stück Brot oder einige Zigaretten. Die Geschwächten, die Alten und Kranken wurden ins Krematorium geschickt. Einmal wurden über zweitausend Menschen fürs Krematorium bestimmt. Unter ihnen befanden sich viele Gesunde. Der Schmutz und Typhus richteten ebenfalls große Verheerungen an. Wenn jemand auch das überwand, kam schließlich der Tod durch Erschießen. VAIHINGEN/ ENZ Hier war ein neu gebildetes Lager mit Stacheldraht umzäunt, in dem sich nur Baracken befanden. Die neuankommenden Häftlinge blieben drei Tage ohne Essen. Nach drei Tagen erhielten sie 150 Gramm Brot und einen halben Liter Krautsuppe. Nach achttägigem Herumliegen wurden sie in die unterirdischen Stollen zur Arbeit gebracht. Die Wachmannschaften nannten diese Stollen höhnisch die Schokoladefabrik". Tatsächlich war es die Baustelle einer unterirdischen Munitionsfabrik. " Dreißig Leute mußten in kurzer Zeit dreißig Waggons voll laden. Anfangs waren im Lager etwa 200 Insassen, dann kamen Transporte mit Kranken an, die im Revier lagen, man tauschte sie gegen Gesunde aus. Langsam wurde das Lager ein Krankenlager. Viele erkrankten vor Überanstrengung und Unterernährung. Viele starben an Typhus und anderen Krankheiten. Manche stürzten von den Baugerüsten bei Ohnmachtsanfällen, die durch Hunger hervorgerufen wurden. Manchen stieß auch der Meister selbst vom Gerüst, wenn er mit der Arbeit nicht zufrieden war. In diesem Lager gab es einen Küchenverwalter, SS- Unterscharführer Pospischill, der die Häftlinge besonders grausam mißhandelte. Er hatte 108 eine Methode, beim Vorbeigehen an einer Reihe irgend ein Opfer in die Geschlechtsteile zu schlagen. Immer traf er, und das Opfer bekam Krämpfe und ging zugrunde. Bei jedem Appell suchte er sich ein solches Opfer aus. Vor dem Einrücken der Franzosen brachten die Deutschen diejenigen, die noch laufen konnten, unter Eskorte von SS- Männern mit Hunden mit unbekannter Bestimmung fort, wahrscheinlich zur Vernichtung. Nur etwa 500 Schwerkranke blieben im Spital liegen. Nach zwei Tagen kamen die Franzosen, entlausten und säuberten die Häftlinge und gaben jedem Kleidung und Wäsche. Die alten Sachen verbrannten sie. Schwerkranken wurden in französische Lazarette überführt. Die Dann befahlen die Franzosen den Einwohnern des Dorfes Neuenbürg, das etwa 30 Kilometer vom Lager entfernt lag, in einer halben Stunde ihre Wohnungen zu verlassen und stellten die Wohnungen samt ihrer Einrichtung den Häftlingen zur Verfügung. NATZWEILER Im Sommer 1943 kam im Konzentrationslager Natzweiler ein Transport mit mehreren hundert Juden und vierzig Jüdinnen an. Der Transport wurde sofort liquidiert. Die Frauen wurden in die Gaskammer geschickt, die Männer brachte man weiter, ihr Schicksal ist unbekannt. BUDZYN Budzyn liegt acht Kilometer von Krasnik entfernt. Es war ein jüdisches Lager. Dort befanden sich etwa 3000 Männer und 70 Frauen. Budzyn ist als eine der Vernichtungsstätten berüchtigt, die sich besonders raffinierte Grausamkeiten zuschulden kommen ließ. Um vier Uhr früh mußten die Häftlinge aufstehen, um sieben Uhr zur Arbeit abmarschieren. Im Sommer wurde bis sechs Uhr, im Winter 109 bis halb vier Uhr gearbeitet. Nach dem Appell gab es ein Frühstück, das nur aus Kaffee bestand, mittags gab es einen Liter Rübensuppe mit Blättern, des Abends 150 Gramm Brot und Suppe. Anfangs nahm man nur Männer zur Arbeit, später mußten die Frauen mitarbeiten. Es gab hauptsächlich Bau- und Aufräumungsarbeiten. Einmal wurden die Häftlinge einzeln an den Baracken beim Dorfe ( Siedlung) vorübergeführt, wo zwei Juden in Stücke gerissen lagen: Arme, Beine, der Kopf, alles lag getrennt. Diese Juden hatten bei einem Christen ihr Hemd gegen ein Stück Brot eintauschen wollen. Ein anderes Mal durften die Juden nicht wie gewöhnlich in Fünferreihen zur Arbeit gehen, sondern mußten einzeln gehen. Der Obersturmführer suchte von den 800 Vorbeimarschierenden 120 aus, darunter die beiden Brüder Korn aus Krasnik. Diese mußten sich ihre Gräber graben und sich nackt ausziehen. Dann wurden sie von den Ukrainern einzeln in die Gräber gejagt und dort erschossen. Mendel Janicki wurde unter dem Vorwande eines Fluchtversuches an den Füßen aufgehängt und solange mit der Peitsche auf die Geschlechtsteile geschlagen, bis er starb. Im Lager„ Siedlung" hatte jeder Deutsche zwei Bedienstete. Im Juli 1943 wurd ein Appell zwecks Durchsuchung veranstaltet. Der Obersturmführer Feigs ließ alle antreten. Bei denen, die bei den Deutschen arbeiteten, fand man etwas Tabak. Diese Leute mußten niederknieen und wurden durch Genickschuß umgebracht. Bei dieser" Feier" mußte das ganze Lager zugegen sein. Im Oktober 1943 kam eine Gruppe von dreißig Mann von der Arbeit zurück. Beim Betreten der Baracke gab es einen Appell. Es zeigte sich, daß ein Mann fehlte. Den Übrigen nahm man alles weg, dann mußten sie sich auf die Erde legen und dort die ganze Nacht lang unbeweglich liegen bleiben. Bei der geringsten Bewegung wurde geschlagen. Des Morgens waren zwölf davon tot. Den Rest führte man in die Badeanstalt. Wer schnell genug machte und sich flink wusch, blieb am Leben, die übrigen schoß man nieder. Die ganze Zeit gab es keine Möglichkeit zur Entlausung. Fand man bei einem eine Laus, wurde er an den Füßen aufgehängt und zu Tode geprügelt. Bei der Abendkontrolle fand der Obersturmführer Feigs einmal jemanden, der zwei Hemden übereinander anhatte. Er führte ihn sofort hinter die Baracke und erschoß ihn dort. Die Zeugen: Szlama Giwerz, geb. in Turobin Lubelski am 5. 3. 1895, wohnhaft in Zakrzowek, Häftling Nr. 25 683, und Abraham Grajzman, geb. 15. 5. 1908 in Lodz, Pilsudskiego 54, Häftlings- Nummer 25 730, berichten noch tausend andere Tatsachen von erbarmungslosen Greueltaten, die im Rahmen dieser kurzen Schrift nicht wiedergegeben werden können. 110 SACHSENHAUSEN Die Leute, die man aus Ostpolen und Rußland in Gruppen von 500 aufwärts dorthin schickte, waren überwiegend Männer, die nichts verbrochen hatten. Die Neuankömmlinge führte man ins Bad, sie bekamen gestreifte Anzüge. Dann kam eine vierzehntägige Quarantäne, während der sie von den alten Lagerinsassen isoliert blieben. Dort wurden sie dressiert, wie sie die Mützen vor den Würdenträgern abzunehmen hatten, wie sie in Fünferreihen unter Begleitung von Flüchen und Schlägen zu marschieren hätten. Wenn jemand bei den Schlägen einen Laut von sich gab, wurde er in eine Betonkammer gejagt, wo sich auf dem Fußboden eine Betonbank mit Lederriemen befand. Zwölf Stunden mußte das Opfer völlig nackt festgeschnallt auf dem Beton liegen und während der ganzen Zeit tropfte kaltes Wasser herunter. " Nach der Quarantäne kamen die Neuankömmlinge in die Arbeiterbaracken. Vorher mußten sie sich vor einer Kommission stellen, die sie qualifizierte. Täglich rückte eine Gruppe von 1500 Menschen zur Arbeit aus. Davon wurden immer hundert bis hundertzwanzig umgebracht, die Verletzten nicht miteingerechnet die auf dem Rücken zurückgetragen werden mußten. Die Quälgeister waren Häftlinge, die zu Vorarbeitern ernannt worden waren. Wenn die schwere Arbeit infolge von Kräftemangel und Unterernährung nicht ausgeführt werden konnte, schlugen die dazu Bestellten mit Stöcken solange auf die Menschen los, bis sie atemlos wurden. Wagte jemand ein Wort zu sagen, holte man einen SS- Mann, der die Schläge noch verbesserte". Es gab keinen Ruhetag. Die einzige Möglichkeit zum Ausruhen waren die vielen Hinrichtungen, denen die Häftlinge beiwohnen mußten. Aber wie litten sie dabei seelisch! Das ganze spielte sich so ab, daß sie alle auf dem Plate versammelt wurden. Dann rief ein SS- Offizier Namen und Nummern auf. Diese Leute mußten sich auf die Seite stellen. Das Radio spielte, die Lagerglocke läutete. Dann wurden die Leute erschossen, während die übrigen gezwungen wurden, es mit anzusehen. Später hörten die öffentlichen Erschieẞungen auf. Man fuhr die Leute ins Krematorium, dessen Öfen Tag und Nacht brannten. Wenn sich jemand zu schwach zum Gehen fühlte, fürchtete er, sich im Krankenrevier zu melden. Leichtkranker konnte noch geheilt werden, aber die Schwerkranken brachte man sofort im Wägelchen lebendig ins Krematorium. 111 Ein Es gab in diesem Lager noch eine andere Art, die Leute umzubringen. Wenn ein Gefangener der Leitung oder den SS- Männern nicht gefiel, oder vom Kapo angezeigt wurde, bekam er den Befehl, Selbstmord zu begehen. Meistens hingen sich die Gefangenen an Schnüren auf, die sie selbst aus ihren Hemden gemacht hatten, da sie wußten, daß sie im andern Falle langsam zu Tode gequält würden. Es kamen Fälle vor, in denen die Opfer buchstäblich zu Tode geprügelt wurden. Es gab auch eine Strafkompanie, in die solche Häftlinge kamen, denen die Kapos oder Vorarbeiter besonders übel wollten. Sie mußten die dreifache Arbeit leisten und bekamen garnichts zu essen. Dies sind die Zeugenaussagen des Czeslaw Piorkowski, geb. am 22. 6. 1925 in Kutno, Häftling Nr. 1140. GROSSROSEN. Dies war ein Liquidationslager, in das Leute verschiedener Volkszugehörigkeit ausschließlich zur Vernichtung gebracht wurden. Es gab drei Methoden des Umbringens: 1. Die Neuankömmlinge kamen in den Bunker. Nach einigen Stunden brachte man sie in die Nähe des Krematoriums, wo eine Tribüne eingerichtet war, auf die der Delinquent steigen mußte. An der Seite stand ein SS- Mann, der ihn mit einem Schuß tötete. Diese Tribüne war dick ummauert. Die Hinrichtungen fanden meist schon im Laufe von 24 Stunden nach der Ankunft statt. 2. Massenhängen. 3. Langsames Umbringen durch schwere Arbeit, von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, bei Scheinwerferbeleuchtung. Der Lagerkommandant hieß Harry Hoffmann, ein SS- Mann. Seine Gehilfen waren die Blockführer Schwarz und Schmidt. Im Winter während der Frostperiode wurde ein Bassin eisfrei gemacht. Die Leute, die von der Arbeit so schwach zurückkamen, daß sie von anderen geführt werden mußten, wurden zumindest für eine Viertelstunde mit der Kleidung ins Bassin geworfen. Die Mehrzahl starb darin. 112 Dies sind die Zeugenaussagen des Leonard Grzeszkiewicz, geb. am 6. 11. 1912 in Warschau, wohnhaft Warschau, Tamka 46/2, Häftling Nr. 36 326. WASSERALFINGEN Dies war ein kleines Lager für Strafarbeiter, das etwa 400 Menschen zählte. Hier spielten die Kapos die erste Rolle. Es ist die Tragödie nicht nur dieses Lagers, sondern auch vieler anderer, daß die Menschen, die ebenfalls Häftlinge waren und von der Lagerleitung zu Kapos ernannt wurden, ihre Gefährten so fürchterlich mißhandelten. Täglich starben zwei bis vier Menschen an den Mißhandlungen. Fünf Monate blieben alle ohne Seife und ohne Bad. Die Läuse konnte man wie Sand mit der Hand abstreifen. Die Häftlinge arbeiteten in Stollen, wo sie bis zur halben Wade im Wasser standen. Alle litten an Rheumatismus. Schließlich wurde die ganze Gruppe als krank nach Neckarels gebracht. MAUTHAUSEN Buchenwald war im Vergleich mit Mauthausen ein Sanatorium. Buchenwald war ein Lager erster Klasse, während Mauthausen ein Lager dritter Klasse war, was gleichbedeutend mit einem Liquidationslager war. Täglich kamen in Mauthausen zumindestens dreihundert Menschen um. In einer einzigen Grube wurden die Überreste von fünfzehntausend 113 Menschen gefunden. In der ersten Zeit der Massenhinrichtungen reichten die Öfen zum Verbrennen der Leichen nicht aus. In Mauthausen wurden folgende Liquidationsmethoden angewandt: 1. Verhungern. 2. Vergasung.( Die Gaskammer konnte 50 Menschen aufnehmen.) 3. Erschießen. 4. Nackt aus einem heißen Bade in die Kälte gejagt werden, wobei viele an Herzschlag starben. Die Leichen wurden mit Benzin übergossen, damit sie besser brannten. WIESENHOF In diesem Frauen- Konzentrationslager waren die Appelle das am meisten gefürchtete. Die Opfer wurden dabei auf die unmenschlichste Weise gequält, ehe man die zur Vernichtung Bestimmten ausgesucht hatte. Dies war die rühmliche Beschäftigung der SS- Männer vom sogenannten Rollkommando. Bei der Ankündigung ihrer Besuche konnten die Gefangenen keinen Bissen trotz des nagenden Hungers herunterwürgen. Es war ein Leben in fortwährender Angst, wenn man das überhaupt ein Leben nennen will. Während der Todes appelle kam es vor, daß sich die Gefangenen hinter ihren Gefährtinnen versteckten, eine Instinkthandlung, die einfach vom Selbsterhaltungstrieb diktiert wurde, so stark wurde das Angstgefühl. Manchmal wurden Transporte gebildet, die in andere Lager zur Arbeit geschickt wurden. Nach den festgelegten Regeln mußte der Transport vorher baden. Dies Vergnügen" sah so aus: " Um fünf Uhr nachmittags mußte auf dem Plate vor der Baracke angetreten werden, nur mit Rock und Bluse bekleidet. So blieb die ganze Gruppe über Nacht stehen. Das geschah auch im Winter bei großer Kälte. Des Morgens wurden die Durchgefrorenen und Ausgehungerten in ein kaltes Bad gejagt. Nach dem Bade schickte man sie Suppe holen, die anstatt um 8 Uhr morgens, um 114 2 Uhr mittags kam. Dann wurde der Transport in größter Eile zum Bahnhof gejagt und dort hundertzwanzig Personen in einen Waggon gepfercht. HAMBIREN Das war ein Konzentrationslager für jüdische Frauen, das offiziell als Vernichtungslager bezeichnet wurde. Alle Frauen mußten schwerste Arbeit verrichten, Loren schieben, Steine tragen usw. Der Lagerkommandant war ein ausgesprochener Sadist. Jede Woche quälte er etwa 25 Frauen zu Tode. Diejenigen, die arbeitsunfähig wurden, schickte er nach Bergen- Belsen zurück. An ihre Stelle kamen gesunde Frauen. Er selbst besuchte den ganzen Tag lang die Arbeitsstellen und schlug ohne Grund mit einem Gummiknüppel oder mit dem Säbel auf die Frauen ein. Anfangs gab es Gemüsesuppe, ein halbes Pfund Brot und 20 g Margarine. Zweimal täglich gab es Appelle, um vier Uhr früh und um acht Uhr abends. Die Appelle dauerten eine Stunde, auch während des Frostes oder im Regenwetter. Die Frauen trugen gestreifte Kleider und Holzpantoffeln, ohne Wäsche. So arbeiteten sie im Regen und im Frost, ohne sich je umzuziehen. Wenn sich eine krank meldete, wurde sie bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen. Im Winter kam der Kommandant nachts, um nachzuprüfen, ob nicht zwei zusammen schliefen( sie wollten sich in der Kälte wärmen und mit zwei Decken zudecken). Die Frauen waren oft bis zur Unkenntlichkeit geschwollen, wenn man sie nach Bergen- Belsen schickte. 115 BERGEN- BELSEN Bergen- Belsen bei Hannover war ein großes Konzentrationslager, in dem anfänglich 18 000 Jüdinnen aus ganz Europa, hauptsächlich aber aus Polen, saßen. Dort wurde der Wald gefällt. Zelte mit Stroh wurden aufgestellt. Alle Frauen wurden in Zelten untergebracht. In einem Zelt lagen bis 1500 Frauen, eine neben der anderen, auch im Winter, jede nur mit einer Decke zugedeckt. Ueberall war es naẞ und kalt. Das Gedränge war so groß, daß wenn eine in der Nacht hinausmuẞte, sie auf andere trat. Nicht immer durfte man in die Decke gehüllt ins Freie. Nach einiger Zeit wurden die arbeitenden Frauen in Baracken umquartiert, in denen es Ratten und Mäuse gab. In jeder Baracke hausten ebenfalls 1500 Frauen, die Baracken hatten keine Trennungswände. Sie waren dicht mit dreistöckigen Pritschen bestellt. Die Frauen, die unten lagen, mußten die ganze Nacht mit ihren Blechnäpfen klappern, weil die Mäuse und Ratten über sie hinliefen. Wenn man in solch einen Saal hineinblickte, sah man nur die kistenartigen Betten, zugedeckte Frauen und Blechnäpfe. Die Dächer waren durchlöchert, infolgedessen sickerte der Regen durch. Die Luft im Raum war schrecklich. Die Frauen, die ansteckende Krankheiten hatten, lagerten mit den anderen zusammen. Am meisten litten sie bei den Zählappellen durch die Kälte. Ohne Ueberkleidung jagte man sie ins Freie, und zwang sie dort, trotz Regen und Kälte, von halb sieben bis zehn Uhr morgens regungslos stehen zu bleiben. Alle paar Minuten fiel ein anderes Opfer um. Waschgelegenheit gab es nicht. Der Fußboden war von Stein. Wäsche gab es nicht. Während der Appelle suchte man die aus, die gesund aussahen und schickte sie zur Arbeit. Es gab keine ärztliche Hilfe. Die Schwerkranken kamen in besondere Zelte, wo sie ohne jegliche Hilfe blieben. Ihre Bedürfnisse mußten sie ebenfalls dort verrichten. Die Sterbenden lagen im Klosettgestank. In solchen Verhältnissen beendeten viele ihr Leben. 9 I 1 116 DACHAU Dachau liegt 12 km von München entfernt. Dies Lager wurde im April 1933 gegründet. Es war das erste Konzentrationslager in Deutsch-- land. Es bedeckte eine Fläche von etwa zwölf Hektar. Es war von einer drei Meter hohen Mauer umgeben, die mit Maschinengewehrtürmen versehen war. Hinter der Mauer befanden sich drei Meter breite Gräben mit durchzogenen elektrischen Leitungsdrähten. Von der Landstraße her war das Lager durch einen Wald verdeckt. Im Lager befanden sich über hundert Holzbaracken. In der Mitte des Lagers standen die Oefen und das Krematorium. Einige hundert Meter seitwärts von den Baracken befanden sich kleine, finstere Zellen, von nur zwei qm, auf deren Zementboden die Opfer Tag und Nacht sitzen mußten. In den Baracken standen dreistöckige Pritschen. Auf jeder mußten vier bis fünf Personen schlafen. Das Leben in Dachau glich dem der anderen Konzentrationslager. In jedem Fall blieb Dachau nicht zurück, sondern war als ältestes Konzentrationslager auch in dieser Hinsicht an erster Stelle. Im Augenblick, als die Amerikaner Dachau besetzten, gab es dort 32 000 Häftlinge, von denen vielleicht 10 000 am Leben erhalten werden können. In dem Transport, der von Auschwitz dorthin abging, kamen nur 120 lebend an, der Rest starb unterwegs den Hungertod, oder wurde von der Wachmannschaft umgebracht. Ein zweiter Transport, aus Buchenwald, der mit 2400 Personen abging, erreichte Dachau mit 700 Häftlingen. Als die Amerikaner Dachau besetzten, standen Züge voller Leichen auf den Gleisen. Hunderte von nackten Leichen lagen auf den Betonböden der Krematorien. Die SS- Wachmänner hatten den Leichen die Kleider ausgezogen und die nackten Körper auf den Boden geworfen, um sie zu verbrennen. Aber wegen des Kohlenmangels konnten sie es nicht ausführen. Wie in anderen Lagern, galt auch hier der Befehl, die Häftlinge vor dem Einrücken der Amerikaner umzubringen. Himmler hatte den Befehl gegeben:„ Kein Gefangener aus Dachau darf dem Feind lebendig in die Hände fallen." Auf diesen Befehl hin begann dann am 4. April 1945 die Liquidierung des Lagers, die aber infolge des schnellen Vorrückens der amerikanischen Truppen nicht durchgeführt werden konnte. 8 117 BUCHENWALD Die Zahl der in Buchenwald Ermordeten wird auf 50 000 geschätzt. Die neu angekommenen Transporte wurden geteilt, gewisse Kontingente wurden nach Auschwitz weitertgeschickt, ein Teil wurde sofort für die Gaskammer ausgesucht. Man wählte dafür die Schwächeren, nahm aber auch Gesunde. Planlos rief man diejenigen herbei, die irgendwie ins Auge fielen. In Buchenwald befanden sich etwa 8000 Juden. Von ihnen blieben nur 2000 am Leben, und zwar wurden sie wie durch ein Wunder gerettet, weil die Amerikaner eine Stunde früher, als angenommen wurde, ankamen. Der Befehl war bereits gegeben, alle umzubringen und keinen lebend in die Hände der Alliierten fallen zu lassen. Die Arbeitergruppen wohnten in gemauerten, die Nichtarbeitenden in Holzbaracken. Ueberwiegend wurden sie bei Aufräumungsarbeiten, oder im Steinbruch eingesetzt. Aus Buchenwald gingen auch Arbeitertransporte nach verschiedenen Ortschaften. In Buchenwald gab es auch eine Strafkompanie für diejenigen, die bei den Würdenträgern des Lagers besonders unbeliebt waren. In dieser Kompanie wurde eine fürchterliche Disziplin aufrechterhalten. Der Block durfte nicht in Schuhen betreten werden, man mußte sie vor dem Gebäude ausziehen, ganz gleich, ob Regen oder Schnee fiel. Ohne Bürste mußten Anzug und Schuhe gereinigt werden. Vorher durfte man seinen Platz beim Essenholen nicht einnehmen. Das Essen war wie üblich knapp und vollkommen fettlos. Um 3 Uhr 15 wurde zum Aufstehen gepfiffen. In Hosen und Schuhen liefen alle auf den Hof. Dort wurde 15 Minuten lang Morgengymnastik getrieben, ganz gleich, ob Regen oder Schnee fiel, oder Frost herrschte. Wenn jemand über seinen schlechten Gesundheitszustand klagte, wurde er vom SS- Mann verprügelt. Dann hieß es Schuhe ausziehen und Frühstück holen, wobei es weitere Mißhandlungen gab. Bei dem ständig herrschenden Hunger war das Frühstück wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Dann hieß es zum Appell antreten und zur Arbeit abmarschieren. Die Arbeit war schwer. Mit ungenügenden Werkzeugen mußten Höchstleistungen geschafft werden. Zu Mittag gab es einen Liter Suppe. Beim Marsche mußte gesungen werden. Im Uebrigen unterschied sich das Leben der Häftlinge in Buchenwald in nichts von dem in anderen Konzentrationslagern. Es gab dieselben Grausamkeiten, Gemeinheiten und dieselbe Quälerei der Opfer. 118 NECKARELS Die Häftlinge wohnten in Neckarels und fuhren täglich zur Arbeit nach Neckargerrach. Die Strecke war mit Militärtransporten überladen. Früh um sieben ging es fort zur Arbeit, um elf Uhr nachts kam der Transport ins Lager zurück. Ehe das Nachtessen ausgegeben war, wurde es zwölf Uhr, halb eins, bis man gegessen hatte. Währenddessen war überall verdunkelt; in den Zelten wurde überhaupt kein Licht gemacht. Infolge der Dunkelheit und des Gedränges bekamen viele. gar kein Essen. Um vier Uhr morgens mußte aufgestanden werden. Der Zeuge Lucjan Wilczynski bemühte sich sofort um Versetzung in ein anderes Lager, weil man es unter solchen Bedingungen nicht einmal zwei Wochen aushalten konnte. Dazu kamen die schrecklichen Quälereien der Vorarbeiter. Die Juden jagte man barfuß und nur im Hemd in tiefem Schnee zur Küche, Proviant zu holen. Besonders viel Mißhandlungen kamen vor, wenn die Leute nackt und barfuß zum Bade mußten. Nach einmaligem Ueberbrausen wurden sie zurückgejagt und bekamen dabei jeder einen Fußtritt in den Rücken. Als die Amerikaner sich näherten, sollten die Uebriggebliebenen in die Luft gesprengt werden. Da aber dicht neben dem Lager ein deutscher Sanitätszug stand, wurde der Befehl nicht ausgeführt. Andere blieben deshalb am Leben, weil sie im Krankenrevier waren. DER PAWIAK VON WARSCHAU Der Pawiak, das alte Gefängnis von Warschau, lag im Ghettogebiet. Ringsherum sah man die Ruinen zerstörter, ausgebrannter Straßenzüge. Das Schlimmste für die Gefangenen waren die Verhöre, die entweder in der Gefängniskapelle oder der Kanzlei stattfanden, oder aber in der Aleja Szucha, der berüchtigten Straße der Polizei". Zum Verhör holte man die Leute zu jeder Tages- und Nachtstunde. Nach dem 8* 119 " I Verhöre kehrten die Opfer mit gebrochenen Rippen oder Gliedern zurück und stets war das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit geschwollen. Um 10 Uhr früh holte man die Leute zur Müße"( Geiselerschießungen, bei denen den Opfern Papiermützen übergestülpt wurden und der Mund vergipst war). Gewöhnlich erfolgte diese Art Erschieẞungen dreimal wöchentlich, manchmal aber auch täglich. Des Morgens wurden die Gefangenen aufgerufen und in den Keller gebracht. Dort mußten sie sich ausziehen und behielten nur ihre Unterhosen. Ueber den Kopf wurden Papiertüten gestülpt oder Binden herumgelegt. Wenn viele Opfer vorhanden waren, band man einfach die Hemden um den Kopf. Dann wurden fünf Opfer aneinander gefesselt. Nach diesen Vorbereitungen brachte man sie in Lastkraftwagen mittags in die Stadt zur Erschießung. Die Zurückgebliebenen durften nicht durchs Fenster sehen, man schoß, so oft sich ein Gesicht an einem Fenster zeigte. Die Zimmerdecken waren von Kugeln durchlöchert, aber von der Seite konnte man beobachten, wie die Lastkraftwagen unter Eskorte ins Ghetto fuhren. war das ganze Gebiet von Militär und SS umstellt und dort erfolgten die Hinrichtungen durch Gewehrsalven. Durchschnittlich mußten 100 bis 250 Personen ihr Leben bei einer solchen Aktion lassen. Die meisten starben ohne jeglichen Grund. Dort Es gab Fälle, wo Jugendliche von 15 und 16 Jahren erschossen wurden. Die Erschieẞung einer kleinen Anzahl wurde manchmal an Ort und Stelle durchgeführt, manchmal durch Revolverschüsse. Diese Exekutionen wurden von besonderen SS- Abteilungen ausgeführt. Nachts schoß die Wachmannschaft mit Pistolen auf Frauen und Kinder.. Die Leichen wurden mit Benzin begossen und angezündet; mittags verbreitete sich gewöhnlich ein Brandgeruch. Die Wachmannschaft bestand aus ukrainischer Polizei. Sie bedrohte geringfügige Vergehen, wie Zigarettenrauchen, mit besonderen Gemeinheiten. Mit zusammengebundenen Beinen mußten die Ausgehungerten den Gang entlang hüpfen, oder auf allen Vieren über glühende Kohlen kriechen. Die Verpflegung wurde von der polnischen Gesellschaft der Fürsorge für politische Häftlinge Patronat" geschickt. Solange sie von den Deutschen geliefert wurde, war sie äußerst schlecht gewesen. Die Unterkünfte waren fürchterlich. In einer Einzelhaftzelle saẞen zehn bis zwölf Personen. Wenn die Strohsäcke ausgebreitet wurden, mußten sich alle nebeneinander niederlegen. Jeder konnte nur auf der Seite liegen; drehte sich einer um, mußte es die ganze Reihe tun. Im Pawiak saßen stets etwa 2000 Männer und 400 Frauen. Freilassungen kamen selten vor. Gewöhnlich blieben die Insassen etwa einen Monat dort. Alle kamen von dort entweder unter die Mütze", oder in irgendein Konzentrationslager. 120 SCHLUSSWORT Die Schilderung aus den verschiedenen Konzentrationslagern gibt nur ein schwaches Abbild der Wirklichkeit, sie ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der schrecklichen Vergangenheit, nur ein kurzer Rückblick über die Ereignisse und Greuel. Allen Schilderungen liegen Aussagen jener Häftlinge zugrunde, die einige Tage nach der Befreiung auf Tragbahren ins Krankenrevier des Lagers Mosbach überführt wurden. Es waren lebende Skelette, furchtbar ausgehungerte Menschen, die nur an Stöcken zu gehen fähig waren, die schon beim Sprechen ermüdeten und nicht fähig waren, etwas zu essen. Aus den knappen Bemerkungen dieser lebendigen Skelette, die durch viel Qualen hart geworden waren, aus ihren Berichten, konnte ich einen Bruchteil dessen erfahren, was sie im Lager durchgemacht hatten. Da ich mich immer nur unter Christen bewegte, und anfänglich meine Volkszugehörigkeit nicht bekanntgab, erfuhr ich von meinen arischen Kollegen viele wertvolle Einzelheiten über die Liquidierung der Ghettos. Zur Vervollständigung des Bildes müssen noch folgende Einzelheiten hinzugefügt werden. Bei den Judenverbrennungen in den Krematorien kam es vor, daß man auch lebende Menschen in den Ofen steckte. Bei den Massenerschießungen, wo sich die Leute in Gräben in eine Reihe legen mußten, wurden zugleich Leute angestellt, die die Goldplomben Munde der Opfer auszubrechen hatten. 121 aus dem Es kamen Fälle vor, wo bei den Massenerschießungen jemand von der Kugel verschont blieb. Solche Menschen gruben sich aus der Leichenmenge hervor und entkamen. Bei der Annäherung der Amerikaner wurden die Lager liquidiert, indem man die Häftlinge in Züge verlud und der Eskorte den Befehl gab, sie umzubringen. Nur die blieben verschont, wo die Eskorte aus technischen Gründen den Befehl nicht ausführen konnte, und diejenigen Kranken, die im Krankenrevier lagen. In den Konzentrationslagern befanden sich als Häftlinge ebenfalls diejenigen Juden, die als Kriegsgefangene während ihres Dienstes im polnischen Heer in deutsche Hände gefallen waren. Gleich bei der Gefangennahme wurden die Juden ausgesucht. Trotzdem sich manche zu verbergen suchten, wurden durch ihr Aussehen, ärztliche Untersuchung usw. alle Juden entdeckt; sie teilten das Schicksal ihrer Volksgenossen. In den Konzentrationslagern sind viele Millionen Menschen umgekommen. Man schätzt, daß allein in den vier Lagern auf polnischem Gebiet( Oswiecim, Treblinka, Majdanek, Belzec) etwa zehn Millionen Menschen umgebracht worden sind. Die Konzentrationslager in Deutschland befanden sich im allgemeinen in der Nähe größerer Städte und führten ihre Greueltaten, ihr schnelles oder langsames Morden, sozusagen vor den Augen des ganzen deutschen Volkes aus. Trotzdem riefen sie in diesem Lande der großen Philosophen und Dichter keine andere Reaktion als nur Angst hervor. 122