Zum Geleit! Mannigfaltig war alles das, was mich während der zehn Jahre meiner politischen Haft bewegte. Und mannigfaltig ist der Inhalt meiner schwarzen Hefte, die ich vollschrieb hinter den Mauern und Gittern des Zuchthauses Waldheim. Einzelne Gedichte, die ich in der„ Thüringer Volkszeitung" ver= öffentlichte, fanden Anerkennung. Aus fast allen Bevölkerungs= kreisen trat man an mich heran mit dem Wunsch, ich solle doch eine Auslese der Gedichte in Buchform herausgeben. Indem ich diesem Wunsche nachkomme, möchte ich auch an dieser Stelle sagen, daß ich die Liebe zur grünen Waldheimat stets tief im Herzen getragen habe und daß ich in all den Jahren der hitlerischen Wahnsinnsherrschaft nie den Glauben an eine bessere Zukunft und an ein besseres Deutschland verlor. Mein Leben galt meiner politischen Ueberzeugung. 1 Und die sieben Jahre Zuchthaus vermochten mich so wenig zu erschüttern, wie die darauffolgenden drei Jahre, die ich im Konzentrationslager Sachsenhausen verbrachte. Leuchtend stand vor mir das stolze Wort: Trotz alle dem!" Suhl, im März 1946. Fritz Sattler. Mit kollegialem Gruß laven ( Sattler) Vorsitzender O HEIMAT! Die Suhler Schweiz Ach, es ist ein eigen Ding mit dem Rückwärtsschauen: Wie und wo ich früher ging durch der Heimat Auen. Ging ich an die hundertmal, fast zu jeder Stunde, durch mein liebes Rimbachtal, schönstes in der Runde. Schlängelt sich ein Silberband durch des Tales Mitte, stehen Felsen steil am, Rand, hemmen meine Schritte. Blitzt das Bächlein hell und rein, blitzt wie fein Geschmeide, welches trägt ein Mägdelein froh am grünen Kleide. Blitzen Teiche aus dem Tal sind der Landschaft Spiegel, fangen ein den Sonnenstrahl, spiegeln Hang und Hügel. Herrschet Ruh’ und Frieden hier. Blühet links die Heide, schauest Du das Waldrevier auf der rechten Seite. Nennt man es die Suhler Schweiz, dieses Tal das enge; ist es von besond’rem Reiz durch der Felsen Strenge. Folgest Du dem schmalen Pfad, Deine Füße regend, siehst Du meine Heimatstadt und die ganze Gegend. Trinken sich die Augen satt an dem schönen Bilde, wandern, bis vom Schauen matt, sie durch die Gefilde. | Ach, es ist ein eigen Ding mit dem Rückwärtsschauen: Wie und wo ich früher ging durch der Heimat Auen. Blick aus dem Giebelstübchen Ich hatt' daheim ein Giebelstübchen. Zwei Fenster schauen weit ins Land, an denen ich sowohl als Bübchen, wie auch als Jüngling gerne stand. Man sieht der Kinder bunt Gewühle, die spielend auf der Gasse steh'n, man sieht die alte Sägemühle und höret ihre Säge geh'n. Man sieht die Nachbarhäuser ragen in einer Reihe, links am Weg; man sieht die Frauen Wäsche tragen zum Spülen nach des Grabens Steg. Man siehet rechts des Dombergs Höhen, an dessen Hang der Schnellzug braust, der hurtig, wie der Winde Wehen gen Süden hin zum Bahnhof saust. Man siehet auf des Berges Gipfel massiven Turm, der Aussicht beut. Umrauscht von manchem grünen Wipfel zeigt er die Heimat weit und breit. Man siehet Dächer auch und Türme, wenn gradeaus das Auge schaut. Und wie wenn er die Heimat schirme am Horizont der Dolmar blaut. - - Ich sah so gern der Heimat Wälder, und seh' noch heut das liebe Bild: Am Hang die Wiesen, Gärten, Felder und Fichten drüber im Gefild. So trag die Heimat ich im Herzen samt allen Lieben, die sie hegt, - und pfleg' das Bild trotz aller Schmerzen, wie man sein Allerliebstes pflegt. Und denk: Ich stände( wie als Bübchen ich stand so manches liebe Mal). am Fenster hoch im Giebelstübchen und schaute in mein Heimattal. 28. 6. 36 7 Waldweg am Domberg Ich bin den Waldweg oft gegangen als Bube an des Vaters Hand; sei's, daß es war im Lenzesprangen, sei's, daß der Herbst durchschritt das Land. Die schlanken Buchenstämme ragen wie Pfeiler stolz in einem Dom; lebendig werden alte Sagen und über Wurzeln huscht ein Gnom. Verlass'ne Stollen an dem Wege liegen; vor Zeiten grub nach Silber man und Gold, verfallen sind des Bergmann's alte Stiegen, es waren gute Geister ihm nicht hold. Ich höre meinen Vater noch erzählen die alte Sage von der Bergmannsbraut: Wie sie dem roten Hinz sich mußt' vermählen und wie der Tod die Beiden dann getraut. Ich bin den Waldweg oft gegangen als schwerstes Leid ich tief im Herzen trug; sei's, daß es war im Lenzesprangen, sei's, daß der Frost den Berg in Banden schlug. Und einmal bin den Waldweg ich gegangen mit meiner Liebsten Hand in Hand; das war ein seliges Umfangen, wenn sich ein Mund zum andern fand. Und oft sind auf dem Weg wir noch geschritten, zwei Mädchenkinder trabten vor uns her; nie ließ ich lange mich um Märchen bitten, denn Waldesmärchen liebten sie gar sehr. Auf diesem alten Waldweg schreitet nun meine Sehnsucht durch den Waldesdom; Vergangenheit sich um mich breitet, stumm hockt am Wegesrand der Gnom. 80 2. 1. 37 Das Haus am Hang Es steht am Bergeshange ein uralt freundlich Haus. Ich ruht nach manchem Gange in seinen Räumen aus. Nicht weit vom Hause fließet ein Bergbach silberhell; in dessen Wassern schießet die flinke Bachforell! Der Garten voller Beeren, der lud zu manchem Schmaus; o, welche Lust zu leeren der Sträucher grünen Strauß. In diesem Hause wohnte mein Ahn' im Silberhaar; auf seiner Stirne thronte die Güte rein und klar. Im trauten, engen Kreise zu frohem Zitherklang gar manche alte Weise im alten Haus man sang. Und auch ein Geist ein guter, glitt still durch's alte Haus: Der Schatten meiner Mutter ging mit mir ein und aus. Und wenn für hohe Ziele sich dann mein Herz geregt: Es ward der Keim für viele im Haus am Hang gelegt. Längst ist zur Ruh' gegangen der Ahn im Silberhaar; - ich stand- das Herz voll Bangen an seiner Totenbahr! Die Lieben von der Runde, die sich mit mir gefreut; sie geben selten Kunde, sind in der Welt zerstreut. Gar manches ging in Trümmer, verhallt ist Liederklang; jedoch: Es steht noch immer das alte Haus am Hang. - 7. 2. 37 9 10 Rimbachbrunnen Auf Bergeshöh' liegt eine Wiese, umrahmet rings von dunklem Wald, der, wie ein ungeschlachter Riese, behütet diesen Aufenthalt. Kühl schießt aus einem Brunnenrohre ein silberblanker Wasserstrahl; sein Plätschern klinget Dir im Ohre, der Du heraufstiegst aus dem Tal. Am Brunnenrohr die Tröge liegen, in die es rinnt so hell und klar; es schlürft das Naß in tiefen Zügen der Kühe breitgestirnte Schar. Kein Laut fällt sonst in diese Stille, die spürbar, wie zum Greifen fast; nichts störet diese Waldidylle, weitab von hier liegt alle Hast. Der Hirte ruht mit seiner Herde, sein Hund knurrt leise dann und wann; unhörbar über Waldeserde der Förster streifet durch den Tann. Es ist ein Ort, so recht zum Träumen, die Wiese in der Waldesruh'; die Vögel selbst auf hohen Bäumen schweigen - Herze schweig' auch Du! 27. 6. 37 Winterzauber Dies möcht’ ich gern: Des Dombergs weiße Winterpracht langsamen Schritts ersteigen sacht, Fußtapfen lassend tief im Schnee, bis ich erreicht die Bergeshöh’, die erst so fern. Dann möcht’ ich schaun hinab ins tiefverschneite Tal, wo all die Häuser sonder Zahl, wo'’s ganze Städtlein lieb und traut recht wie ein Spielzeug aufgebaut in froher Laun. Und ganz allein genöß ich all die Herrlichkeit und öffnet Aug und Herze weit und käme zur Erkenntnis dann, daß doppelt man genießen kann doch nur zu zwein! 25.12: 99 11 Tanzende Flocken wirbeln und locken mich aus dem Haus. Wege, die weiten, kniehoch verschneiten winken: Heraus! Bretter, die treuen, Skifahrt nicht mehr ganz neuen, tragen mich bald aus Städtchens Enge über die Hänge tief in den Wald. Winterlich schweigen langsam nur neigen Bäume sich all. Gleit ich durch Schneisen seh ich ein Gleißen wie von Kristall. Des Waldes Tiere: Hirschlein, das schiere, Hase und Reh die ich hier spüre, grüßen durch ihre Fährten im Schnee. Hohlweg der tiefe, wie wenn er schliefe, ist zugeweht. Ganz in der Nähe dort auf der Höhe Schutzhütte steht. Rucksack herunter! Fröhlich und munter Magen bedient. Blick in die Runde, wo in dem Grunde Rasen sonst grünt. Griff an die Bindung neu'ster Erfindung: Hütte ade! Gilt hier kein Sträuben, Wolken schon stäuben von Pulverschnee. Geht nun auf schiefen Flächen in Tiefen die tolle Fahrt. Merken die Sinne spät eine Rinne schädlicher Art: Wildestem - Sausen folget o Grausen! Sturz in den Schnee. Wie wenn zerbrochen alle die Knochen, tun sie mir weh. Aber die Glieder regen sich wieder: Alles ist heil. Nur eine Latte, die linke, die hatte beinah' ihr Teil. Denn ihre Bindung neu'ster Erfindung die ist lädiert. - Gleich klappt der Laden, der kleine Schaden ist repariert. Fest auf den Beinen, das will ich meinen, folgt neuer Start. Hölzer, die beiden, langsam nun gleiten; Schneekruste ist hart. Halbwüchsige Fichten in Reihen, in dichten, säumen den Pfad. Waldweg, der lange, wie eine Schlange führet zur Stadt. Nach ein paar Stunden etwas zerschunden bin ich zu Haus. Sitzen die Lieben häuslich geblieben beim Kuchenschmaus. Strudel, den wähl ich und dann erzähl' ich. Skifahrt klingt aus. - 9. 1. 38 12 RUND UM DEN GOLDFISCHTEICH des Zuchthauses Waldheim 14 Mein Brunnen Ich weiß von einem Brunnen den schöpf' ich nimmer leer, der spendet Trost und Labung, erquickt mich mehr und mehr. Wenn mich mit scharfen Fängen der Trübsinn packen will, dann lenk' ich meine Schritte zu meinem Brunnen hin; dann laben mich die Fluten, dann weicht der Druck vom Hirn, dann weichen auch die Gluten, die martern meine Stirn. Dann trink' ich von der Labung, sitz' auf des Brunnens Rand und tauche in die Kühle umschichtig Hand um Hand. Dann kreisen die Gedanken in klarem Ringelreihn, dann lebe ich mein Leben, die Gegenwart ist Schein. Es quillt aus tiefem Brunnen Erinnerung hervor und reißt mich aus dem Dunkel zu hellem Licht empor. Es rauschet aus dem Brunnen ein Lied von Lenzeszeit, das macht die Augen helle und macht das Herz so weit. So schöpf' ich aus dem Brunnen Erinnerungen viel. Und bin ich einmal traurig, erneue ich das Spiel. Der Brunnen leert sich nimmer, schöpf' ich auch noch so oft: So, wie der Mensch im Leben Glück auch im Leid erhofft! 15. 12. 35 Osterspaziergang Auch Ostern laufen wir im selben Kreise. Mechanisch setzt man Fuß vor Fuß. Doch schneller schlägt das Herz, das heiße; das Auge sucht nach einem Freiheitsgruß. Die Menschen draußen Auferstehung feiern; an uns wohl kaum noch irgendjemand denkt. Von fern her hört man eine Orgel leiern vom schönen Tag, den ihm Marie geschenkt. Ich aber schreite mit gemess'nem Schritte dem, der da vor mir schreitet, nach. Auf Beeten blühen Blumen in des Hofes Mitte und Tauben sitzen rings auf jedem Dach. Die Sonne steht schon ziemlich hoch am Himmel. Still liegt das Städtchen da in ihrem Glast. Ins Freie zog der Menschen bunt Gewimmel. Nur eine Fahne weht vom hohen Mast. Vom nahen Walde Vogelruf erklinget. Die schlanken Birken wollen grünen schon. Das rote Fahnentuch zu mir herüberwinket: Der Freiheit Gruß an ihren eingesperrten Sohn! Ostern 12. 4. 36 15 16 Wunschgedanken Ich saß auf meines Brunnens Rand und schaute in ein weites Land und hört das Rauschen grüner Wälder und sah die fruchtbeschwerten Felder und spürte, daß ein Segen lag auf diesem heißen Sommertag. Und langsam glitt vom Brunnenrand hinab ins Wasser meine Hand und fuhr dann naß und kühl und leise die Stirn entlang, die fieberheiße - worauf vor meinen Augen schwand gleich einem Traum das weite Land. Hoch überspannend Raum und Zeit. blieb mir noch nebst der Wirklichkeit der kühne Flug der Wunsch gedanken; der täglich trotz der festen Schranken mich trägt von meines Brunnens Rand in meiner Sehnsucht weites Land. 4. 8. 40 Nachmittage im Mai Der Himmel steht in wolkenloser Bläue, in der die Sonne wie ein Glutball hängt; die Sonne, die uns Tag für Tag aufs Neue mit Wärme und auch mit dem Licht beschenkt. Von Lindenzweigen, einst so kahl, nun hängen die grünen Blättchen, wie in Gold getaucht; der Frühling selbst hat sie wohl auf ihr Drängen mit seinem Lebensodem angehaucht. An dunklen Sträuchern sitzen weiße Blüten. Zwei Amselmännchen hüpfen froh im Gras; indessen hoch im Nest die Weibchen brüten erzählen sich die zwei Gesellen was. Viel stolze Tulpen blühen auf den Beeten lachsfarbig, rot, in bunter, voller Pracht; tags öffnen sich die Kelche, doch betreten sieht man sie schließen sich, kommt still die Nacht. Gar manchen Vogel hört man munter trillern - - die kleine Brust an Liedern überreich und hie und da sieht man die Fische schillern, wenn Sonne fällt in unsern Goldfischteich. So zeigt sich allenthalben regstes Leben auf kleinstem Raum, von Mauern eingeengt, und etwas Freude ward auch uns gegeben, da sich der Mai recht tief ins Herze senkt. 14. 5. 38 17 18 Ein Goldfisch ist gestorben Ein Goldfisch ist gestorben in unserm Goldfischteich. Er schied aus diesem Leben und hat sich nun begeben ins Goldfischhimmelreich. Er war ein alter Knabe, sah silbern ganz und gar; trug Moos auf seinem Haupte, war Philosoph und glaubte sein Teich sei wunderbar. Nichts störte seine Ruhe, nichts die Gemütlichkeit, als plötzlich' ne Ellritze erschien in seiner Pfütze mit viel Beredsamkeit. Die sprach zu ihm von Flüssen von Strömen und von Seen, von großen tiefen Teichen, von fernen Goldfischreichen, was alles sie gesehn. Da ward im Goldfischherzen die große Sehnsucht wach. Nach jenen tiefen Teichen, nach jenen Goldfischreichen zog es ihn Tag um Tag. Es möcht' so gern der Alte was Neues einmal sehn; möcht' fort aus dieser Enge, möcht' gern ins" Weltgedränge" da ist's um ihn geschehn. Dies übermäßig Sehnen, das konnte gut nicht gehn; das Goldfischherz, das greise, erst schlug es wild, dann leise und dann, dann blieb es stehn. Ein Goldfisch ist gestorben in unserm Goldfischteich. Er schied aus diesem Leben und hat sich nun begeben ins Goldfischhimmelreich. 20. 5. 39 Die neue Wasserkunst Beim Spaziergang auf dem Hofe hascht das Auge, was es kann; sieht wohl hundertmal das Gleiche, Neues sieht’s nur dann und wann. Gestern gab es ein Gemunkel... Jeder, der zum Teich hinlunzt’, freut sich köstlich am Gefunkel uns’rer neuen Wasserkunst. Feine Strahlen wie aus Silber spielten in der Sonne Glast schlug ein Fink vom Lindenast. | \) I und dazu mit heller Stimme| } I | I | Lustig sind die Wasserstrahlen,| zart und fein wie Filigran und seit langem wohl das Schönste, was wir hier im Hofe sahn. Wie wir so im Kreise gingen hatte jeder Blick ein Ziel: Sechzig Augenpaare hingen an dem munt’ren Wasserspiel. Wie erhellten sich die Mienen! und es war, wie wenn uns allen; eine Freude sei geschenkt. | | | l | Keiner trug den Kopf gesenkt| 20. 4. 40 19 20 Totentanz der Lindenblätter Fährt der Sturm heut in den Gipfel alter Linde, daß sie bebt, schüttelt Ast und Zweig und Wipfel, der sich hoch zum Himmel hebt. Lösen sich vieltausend Blätter aus dem fahl geword'nen Kranz führt in herbstlich- rauhem Wetter sie der Wind zum Totentanz. Wirbeln sie zur Erde nieder, die im Rausch des Todes Raub werden, was sie waren, wieder: Je ein Häuflein Erdenstaub... - 14. 10. 39 VON STERNEN, WOLKEN UND VOM STROM DER ZEIT Ohne Bahn Millionen Sterne ziehen ihre Bahnen durch das All; lausende von Sonnen glühen, Monde wandeln, rund und prall. Weltall hat selbst vorgeschrieben den Kometen Bahn und Zeit; unverändert scheint geblieben Sternenwelt seit Ewigkeit. Doch in diesen Riesenräumen, die kein Menschengeist erfaßt, manchmal so ein Stern will säumen, einen andern packt die Hast. Ganz aus ihrer Bahn geraten gehn sie auf einander los; einer kommt bestimmt zu Schaden bei dem Sternzusammenstoß. Und dann irren seine Trümmer ohne Ziel im Weltenraum; stärker glänzt des Siegers Schimmer, freuen wird sein Sieg ihn kaum. Denn im Schicksal dieses andern, in des Pralles Donnerklang, in dem„Ohne-Bahn-zu-wandern“ liegt sein eigner Untergang. Wolken Wolken wandern oft am Himmel, Wolken, lämmerhaft und zart; gern schau ich auf das Getümmel wundersamer Wolkenart. Meine Phantasie belebet diese Massen hoch im Raum, kaum daß sich der Blick erhebet zu des Himmels weitem Saum. Eben noch erblick ich Lämmer und schon ändert sich das Bild: Dräuhend schwingen ihre Hämmer zwei Zyklopen rauh und wild. Bald darauf sind sie zerflossen und im nächsten Augenblick bietet sonnenübergossen sich dem Aug' ein neues Stück. Majestätisch kommt gezogen jetzt ein Riesenschiff daher; kleine Wölkchen sind die Wogen und der Himmel ist das Meer. Auch das Schiff ist nicht von Dauer, kann Minuten nur bestehn - sieh, schon wird es ungenauer, um nun völlig zu zergehn. Sitz' ich so am Gitterfenster, schwindet langsam hin der Tag; Wolken wandern wie Gespenster und ich sehe ihnen nach... 16. 7. 39 23 Vom Strom der Zeit Es gleicht die Zeit dem breiten Strome, der durch viele Länder rauscht, der dem Glockenklang der Dome wie dem Lärm des Alltags lauscht; der da trägt auf seinen Wogen manchen Schiffes schwere Last, der durch weite Brückenbogen still dahinfließt ohne Hast; der jedoch auch urgewaltig plötzlich spüren läßt die Kraft, daß die Ufer vielgestallig kaum noch halten ihn in Haft. Also rinnen auch die Fluten Zeitenstroms seit Urbeginn; stürm’sche Jahre folgen guten, niemand weiß des Wechsels Sinn. Und so wälzt seit Ewigkeiten sich durchs All der Zeitenstrom; Jahre sind nur Kleinigkeiten, jeder Tag ist ein Atom. UNERSCHÜTTERT... auch im Konzentrationslager 26 Wintersonnenwende 1942 ( Als Prolog zu einer Veranstaltung im Block 24) Seit Ewigkeiten dreht die Erde sich um den heißen Sonnenball ein Schäflein in der Sternenherde, die sich bewegt im Weltenall. Gesetze, die naturgegeben auch für den Menschen bindend sind, bestimmen unser Erdenleben und bringen Regen, Schnee und Wind, bestimmen auch die Jahreszeiten, die regeln unsern Lebenslauf schaut nur auf die Kalenderseiten; die zeigen jeden Wechsel auf. Sie zeigen auch die Sonnenwende, in deren Zeichen wir heut' stehn die langen Nächte gehn zu Ende, man denkt an linder Lüfte Wehn. Man denkt schon an die Märzentage, man spüret schon den Frühlingssturm, der jäh beendet Winters Plage und wild umbrauset Haus und Turm! Und wenn die Sonne höher steiget, dann steiget uns're Hoffnung mit, daß unser Leidensgang sich neiget, der führt zur Freiheit Schritt um Schritt... Und stärker noch wird unser Glaube, der antreibt uns'rer Herzen Schlag: Viel Altes fällt dem Sturm zum Raube. und einmal kommt auch unser Tag. Der Tag, auf den wir lang schon hoffen, der einer Sonnenwende gleicht - da uns das Tor zur Welt steht offen, da Dunkelheit dem Lichte weicht. So sei uns heut die Sonnenwende ein frohes, leuchtendes Symbol: Daß mit der Sonn' die Zeit sich wende zu aller Menschen Heil und Wohl. In diesem Sinn laßt uns begehen die heut'ge Feier ernst und schlicht; laẞt weiterhin uns aufrecht stehen getreu dem Wort:„ Durch Nacht zum Licht!" 24. 12. 42 Herbstgedanken So rein und klar ist heut die Luft, so farbenfroh des Herbstes Prangen, wie's einmal war, da voll Verlangen ich spürte Deines Haares Duft. War damals auch ein Herbstestag, da wir durch Stoppelfelder gingen, da außer Herdenglockenklingen auf allen Fluren Stille lag. Zerrissen war mein Herz und wund; im Blut lag noch des Krieges Grauen, doch heilsam war, daß ich durft schauen ins Auge Dir zu dieser Stund'. Und daß Du, Liebste, endlich mein, war jenes Herbstes schönste Gabe und war bescheiden auch die Habe wir lebten fortan froh zu zwein. So manchen Herbst, der rein und klar hab' mit der Liebsten ich durchschritten und weiß, was einsam sie gelitten seit uns'rer Trennung Jahr für Jahr. - Und wenn ich manchen Brief ihr schrieb voll Lebensmut und festem Hoffen und daß uns doch die Zukunft offen so schrieb sie mir:„ Ich hab Dich lieb und komme, was auch kommen mag, nichts kann die Liebe je zerstören, ich lasse nimmer mich betören und werde warten Jahr und Tag!" Hart ist die Probe, hart fürwahr, wenn früchteschwer der Herbst im Garten und immer wieder heißt es„ Warten" und immer„ Warten" Jahr für Jahr. - Und wieder Herbst und noch allein, so wirst Du, Liebste, seufzend sinnen; doch was auch immer Dein Beginnen: ,, Gar bald werd' ich nun bei Dir sein!" 28. 10. 43 27 Wir leben konzentriert Der jungen Bäume blätterlose Kronen wie Besenreisig ragen stur sie in die Luft;: jetzt ließ am heim’schen Herde gut sich’s wohnen: bei Weihnachtsstollen und gebrat’ner Apfel-Duft. Indessen ist uns leider nicht beschieden den Fuß zu haben in der heimatlichen Flur, und so erwarten wir den„Weihnachtsfrieden“ in Sachsenhausens„reichgesegneter“ Natur,— erfreuen uns an„Besenreisigbäumen“, an Pfützen, die auf dem Appellplatz tückisch stehn, und feiern jede Nacht in unsern Träumen mit denen, die daheim, ein herzlich Wiedersehn.— Um vier Uhr fünfzehn ist die Nacht beendet, die grelle Glocke schreckt die ‚müden Krieger“ auf— der„teure Strom“— in Mengen wird verschwendet und es beginnt der„Konzentrierte* Tageslauf. Wir sind noch weit entfernt vom Tagesgrauen und jeder„Lagerhase* hat die„Schnauze voll“— mit einem Seufzer geht’s ans Bettenbauen, wo eine„Kiste“ doch der andern gleichen soll. Im Waschraum gibts ein mörderisches Prusten, die kalle Dusche die entblößten Körper mächtig stählt, doch mancher muß gar bös dazwischen husten, weil ihn'ne ausgewachsene Bronchitis quält. In Tagesraumes fürchterlicher Enge sitzt dann die„Meute“ dichtgedrängt auf jeder Bank— es ist ein grausam-schreckliches Gedränge und manches Mal— da gehts nicht ab ganz ohne Zank. Der„Tisch vom Dienst“, der bracht die Morgensuppe, man füllt die Schüsseln, stellt sie munter auf den Tisch und keiner ziert sich wie'ne Modepuppe und alle Hände greifen zu den Löffeln frisch.— Die Fütterung ist ziemlich rasch gelungen, die Schüssel stellt ein jeder sauber in das Spind, zum Rauchen gehn die Alten wie die Jungen und die Baracke schützt die Raucher vor dem Wind. Gleich drauf kommt das Kommando„Angetreten!*— Man hört noch dies und jenes durcheinanderschrein, doch bald verstummet nun jedwedes Reden, auf dem Appellplatz hat es mäuschenstill zu sein. 28 Zu Arbeitsplätzen ziehen die Kolonnen, wenn der Appell hat auf den letzten Mann gestimmt, gar bald die Menschenmasse ist zerronnen; ein jeder seine Arbeitslast nun auf sich nimmt. Jahraus, jahrein geht es so jeden Morgen; des abends ist es dann das umgedrehte Spiel... Ja, der Appell, der macht uns dauernd Sorgen. Mal fehlet einer und mal einer ist zuviel. War der Appell mal ausnahmsweise richtig, so bleiben allzulang wir auf dem Platz nicht stehn — wenn nicht die Lagerleitung tut noch wichtig und läßt uns später erst in die Baracken gehn.— Das karge Abendbrot ist rasch verschlungen und es beginnt die sogenannte„freie“ Zeit, da wird geredet nun in manchen Zungen, der Franzmann macht sich neben einem Rußki breit. Doch schließlich: Müde sind die Kumpels alle, daher entleeret langsam sich der Tagesraum und wer nicht„kriecht*, der„haut“ sich in die„Falle“ und wünscht von Morpheus sich den allerschönsten Traum. Am Sonntag-Nachmittag wird Skat gespielet und mancher Spieler bis zum äußersten„gereizt*. Wer sich jedoch dem Sport verpflichtet fühlet steht auf dem Platz, der dummerweise nicht geheizt. Wenn Schreibtag ist, dann schreiben viele Briefe, an Weib und Kind und manche schreiben auch ins Feld. Am liebsten jeder mit dem Brief selbst liefe nachhause zu und sparte gern das Portogeld. Groß ist die Freude, kommen die Pakete mit leckren Sachen, Tabak von zuhause an, sei's von Jadwiga, Yvett oder Grete, sei’s groß, sei’s klein, es lacht und schmunzelt jedermann. Doch so ein Sonntag gehet schnell vorüber; der Montag bringt den alten schweren Arbeitstrott: Der steht am Schraubstock, der am Rechenschieber, der hadert mit der Welt und der mit seinem Gott. Gemeinsam allen ist jedoch das Hoffen, daß einmal endet auch die schwere Lagerzeit, daß einmal uns auch steht das Tor weit offen; ruft uns die Welt: Sie findet uns zur Tat bereit! 30 Saaten Wohl übers Feld ein Sämann schritt und ließ bei dem bedächt'gen Schreiten die Körner seiner Hand entgleiten die Ackerkrume dämpft den Tritt. - Bald zog der Winter in das Land und Schnee lag nun auf allen Saaten; sinnierend ob dem Wohlgeraten - der Sämann vor dem Felde stand. Wohl unterm Schnee die Saat nun ruht und wartet auf des Frühlings Wecken, auf Vogelsang, der schallt aus Hecken und auf des Sommers Reifeglut. Ich aber denk an manches Wort, das einst ich in die Menge streute und stehe, wie der Sämann heute, und seh' mit Schnee bedeckt den Ort, und spür die Winterruhe nur und bin erfüllt von diesem Schweigen und seh' im Geist sich Halme neigen mit schwerer Frucht auf weiter Flur. In manches Herz hab' ich gesenkt ein Wort von künftiger Gestaltung und warte nun, daß die Entfaltung von selbst in rechte Bahn sich lenkt. - Ich weiß, daß aus den Worten sprieẞt - nach diesem Schnee- ein Wald von Saaten, aus dem, wenn alles gut geraten, sich reicher Segen einst ergießt. 11. 11. 43 Silvester 1944 Eiskalt der Wind, der über den Appellplatz streicht, erstarrt der Boden und zu Stein gefroren— am Winterhimmel hoch der volle Mond sich zeigt: Im Sterngeflimmer wird ein Jahr geboren. Das Jahr, das alte, an die vielen angereiht, die hinter Draht und Gittern ich verbrachte, tropft wie ein Tropfen nun ins Meer der Ewigkeit; ich aber denke, was ich immer dachte: Daß unentwegt man doch der Zukunft trauen soll, erscheint die Gegenwart auch noch so trübe; denn einmal ist das Maß des Hasses übervoll— und ganz zum Schluß siegt doch die— Menschenliebe! 31.12.44 31 Wenn das Alte stürzt Wir tragen im Herzen die heißeste Glut des künftigen besseren Lebens. Wir tragen im Herzen den heiligen Mut und wissen: Es war nicht vergebens. Es war nicht vergebens gelittene Not erduldete Schmach und auch Schmerzen... Schon dämmert am Himmel das Morgenrot und es brennet die Glut in den Herzen. Und brennet die Glut in den Herzen so heiß, dann lodern empor bald die Flammen... Und einer dem andern verbunden sich weiß, stürzt Altes und Morsches zusammen. Und stürzet zusammen, was morsch und was alt: Wir werden nicht tatenlos schauen; wir werden auf Schutt und auf Trümmern alsbald die neue Gemeinschaft erbauen! 24.2. 44 Abendspaziergang im Winter Wir laufen manche Runde der Sternenhimmel blinkt- und lauschen mancher Kunde, die aus dem Radio dringt.. Wir laufen unverdrossen so auf dem Platz herum vielhundert Leidgenossen, ein buntes Publikum. - Doch sind auch vielgestaltig Gedanken, Herz und Sinn... zur Heimat gar gewaltig zieht es uns alle hin. Wir ahnen Bergesgipfel, verschneiten Hohlwegs Pracht und schlanke Fichtenwipfel, drob blauer Himmel lacht. Und im beredten Schweigen spazieren wir dahin. Mir ist so seltsam eigen, so wundersam zu Sinn. Der Schnee knirscht unter Füßen und manchmal scheint mir bald, als käm ein heimlich Grüßen aus tiefverschneitem Wald. 23. 1. 45 33 34 Märzstürme Der Sturmwind gar wild durch das Lager braust; es ächzen Baracken und Föhren - He, Kumpel, der trüb Du ins Leben schaust, ein neues Lied sollst Du heut hören: Der März, der ist ein gar toller Gesell; - er schickt uns unzählige Stürme voll Urkraft und laut wie mit Wolfsgebell so springen sie wild um die Türme. - Sie fahren auch rings in den Stacheldraht und bringen ihn schaurig zum Tönen Manch einer sein Leben gelassen hat; verzweifelt erklang hier sein Stöhnen Laẞt brausen die Stürme über uns hin; sie sprengen die eisigen Riegel, sie künden den Lenz, erfrischen den Sinn, entreißen dem Winter die Zügel. Sie bringen das Alte, Morsche zu Fall, verwehen auch all uns're Sorgen- - Von Gipfeln stürmend hernieder ins Tal, so sind sie die Künder des„ Morgen". Sie künden die neue, bessere Zeit, die stürmisch im Sturm wird geboren Du aber, Kumpel, sei wach und bereit, Du bist mit vom Schicksal erkoren. Freu Dich des Sturmes, der heut Dich umbraust und bleib Dir bewußt Deiner Stärke: Nicht fern ist der Tag, da freudig Du baust an der Zukunft heiligem Werke! 4. 3. 45 Inhalt: O HEIMAT! Die Suhler Schweiz Blick aus dem Giebelstübchen Waldweg am Domberg Das Haus am Hang Rimbachbrunnen Winterzauber Skifahrt Seite 6 7 . 8 9 10 11 12 RUND UM DEN GOLDFISCHTEICH Mein Brunnen Osterspaziergang Wunschgedanken Nachmittage im Mai . Ein Goldfisch ist gestorben Die neue Wasserkunst Totentanz der Lindenblätter 14 15 16 17 18 " 19 20 VON STERNEN, WOLKEN UND VOM STROM DER ZEIT Ohne Bahn Wolken . Vom Strom der Zeit UNERSCHUTTERT Wintersonnenwende 1942 Herbstgedanken Wir leben konzentriert Saaten Silvester 1944 Wenn das Alte stürzt Abendspaziergang im Winter Märzstürme 222 23 24 26 25 . 27 28, 29 30 31 " 32 33 34 35