FRANZ HEITGRES DAS EISERNE TOR Gedichte 1948 MORAWE& SCHEFFELT VERLAG HAMBURG Univ- Bibl.) Gleason 27.006426 Wieviel Qual ich um dich litt, Können Worte nicht gestehen. Immer geht die Frage mit: Welches Leid ist dir geschehen? Meinen toten Kameraden Zum Gedächtnis. Meinen Kampfgefährten zur Erinnerung und den unentwegten Streitern für Fortschritt und Frieden zur Mahnung! DEM UNBEKANNTEN GEFANGENEN Vergeßt den Unbekannten nicht, "Der hier im Kerker litt, Vergeßt ihn nicht! Und schaust du auf die Kerkermauer Und siehst das Kreuz der Gitterstäbe, Du spürst den Hauch der argen Zeit. Gedenk der harten Sorgen, die dich selber plagten, Bedenk, wo blieb so mancher deiner Kameraden, So weißt auch du dann um das Leid des Unbekannten, Hier standen Frauen, die nach ihren Männern fragten, Hier weinten Kinder, die um ihre Mutter baten, Und Freunde suchten Freunde unter den Verbannten. O Mensch, vergiß es nicht, Wie Ketten starke Herzen bannten, Vergeßt die Ketten nicht! Und schaust du auf die Trümmer dieses Krieges Und trauerst um manch lieben Toten, So denk auch stets an dieses Leid! Verboten ward das freie Wort, das wahre Denken, Zerstört ward das, was edle, große Geister schufen; Und welchen Tod verbarg man hinter diesen Wänden? Magst du auch heut das Banner lichter Freiheit schwenken, So höre noch die Stimmen aus der Tiefe rufen, Die aus vergangener Kerkerqual das Mahnwort senden; Vergeßt die Tränen nicht, Aus denen hier der Haß geboren, Vergeßt die Knechtschaft nicht!— An diesem Mahnmal heb die Hand zum Schwur, Gelob in diesem Sinne nur zu streben, Dien so der Freiheit und der Wahrheit nur, Und widme diesem Ziel dein ganzes Leben! Vergeßt den Unbekannten nicht, Der hier im Kerker litt, Vergeßt ihn nicht! GENAU WIE DU Sie tragen alle, Das harte Kreuz, genau wie du Das ihnen dieses Reich beschieden; Sie nutzen alle, genau wie du, Auch ihre Zeit, Um Rachepläne wohl zu schmieden. Und packt ein Sehnen dich in diesen Tagen, Wenn Hoffnungslosigkeit den Geist erfüllt, Und haben dir Verzweiflung und Verzagen Den Gang der Weltgeschichte gaf verhüllt, Da strahlt dir plötzlich ein bekannt Gesicht Aus einem dunklen Fensterkreuz entgegen, Und schon erwacht in dir erneut die Pflicht, Zu trotzen diesen schweren Schicksalsschlägen.- Und gehst du in der Freizeit deinen Gang Und glaubst nicht mehr an eine kühne Tat, Da weckt mit einemmal dich jener Klang, Der dich ermahnt: Kopf hoch, mein Kamerad! Sie klagen alle, genau wie du Das harte Leid Mit schweigendem, verschlossenem Munde; Sie wissen alle, Es kommt recht bald genau wie du, Auch ihre Zeit und ihre Stunde! Willst du jedoch mit deinem Schicksal hadern, Weil deinen Schritt des Türes Riegel hemmt, Und drückt dich hart die Last der schweren Quadern Und wird die Welt dort draußen leer und fremd; Mußt du gefesselt an der Wand noch stehen Und ballst die Faust in unterdrückter Wut, Da flüstert's leise im Vorübergehen: Verzage nicht, Genosse, fasse Mut!- So kann ein kühner Blick, ein kurzes Wort Dir Trost und Trotz verleihn in bittrer Schmach. Schon trägt ein neugefaßter Mut dich fort Und wieder wird der alte Kampfgeist wach! Sie warten alle, genau wie du, Bis man sie ruft Zur letzten, großen Freiheitsschlacht; Dann kommen alle, genau wie du Ans Tageslicht Aus ihrer dunklen Kerkernacht! WIR KONZENTRATIONÄRE Wir standen im Schlamm und gruben im Moor| Und haben im Steinbruch gewühlt; Wir trugen die Last, die schwere.| Wir stöhnten und fluchten im täglichen Chor, Wir hatten das gleiche gefühlt Als Konzentrationäre!— Und zogen wir morgens zur Arbeit hinaus, Und schlug uns der Knüppel, wir wurden nicht weich; Wir hielten zusammen das Grausamste aus, Und beugten uns niemals, ob arm oder reich. Wir hielten zusammen, es trennte uns nichts, Wir harrten der Tage des jüngsten Gerichts. Wir trugen den Galgen zum Sonntagsappell Und sahen des Todes verzerrtes Gesicht, Doch werden wir’s niemals vergessen. So standen wir stundenlang still, Gehorchten dem Zwang, erfüllten die Pflicht,— Kannst du unsere Klagen ermessen?!| Ob Russe, ob Deutscher oder Franzos’,| Dort wurde der Grenzpfahl für immer gefällt. Wir trugen gemeinsam das härteste Los, Laßt uns nun erobern gemeinsam die Welt!' Der Schlachtruf aus unserer Konzentration: Für Freiheit und Gleichheit in jeder Nation! STEIN AUF STEIN Stein auf Stein- Ihr habt's geschafft! Stein auf Stein- Ihr haltet Wacht! Wieviel Leid verbergt ihr hier? Wieviel Qual habt ihr gebracht, Stein auf Stein, Tag um Tag und Nacht um Nacht? Hört ihr, wie es hallt? Nein, ihr habt kein Herz, Ihr seid alt, Ihr seid kalt! Tausend Schmerzen hüllt ihr ein! Stein auf Stein. Doch was sehe ich? Dort seid ihr zersprungen, Und ein tiefer Riẞ zeigt sich. Hat man euch von großer Not gesungen? Hat ein fremdes Schicksal euch bezwungen? Nein! Ihr steht Unerschütterlich. Und was eine arme Seele fleht, Stein auf Stein, Ungehört an euch vorübergeht.- 14 Hart und rauh Seid ihr auf der Wacht, Tag um Tag und Nacht um Nacht Seid ihr auf der Hut. Und es steht der Bau, Denn Zement hält gut. Alle Klagen gehn vorbei- Alle Tage sind hier grau- Sind ein ewiges Einerlei! Was wißt ihr vom Glück?- Nein! Ihr kennt nur Pein- Stein auf Stein, Stein auf Stein! 15 IM SPIEGELSAAL Schau’den Nachbar dir nicht an, Schau nur immer gradeaus, Fremd ist dir der Nebenmann Und sitzt doch im gleichen Haus. Sitzt mit dir auf einer Bank, Und du darfst ihn gar nicht sehn; Sitzt da wohl schon stundenlang, Weißt nicht, was soll nur geschehn. Was hat dich hierher verbannt? Welch ein nackter, kalter Blick, Hast vor dir die weiße Wand, Spiegelst dich darin zurück. Siehst dein Spiegelbild noch nicht? Schau nur einmal richtig zu: Wie die Leere zu dir spricht, Endlos hoffend, ohne Ruh’! Wenn die Stunden so vergehn;- Wird lebendig diese Wand. Wieviel Leid sie schon gesehn, Hast du dennoch nicht erkannt. Wer saß vor dir auf der Bank? Wieviel Qual ertrug das Herz? Welcher Haß hier wohl entsprang? So fragst du den fremden Schmerz. % „Rache“, stöhnt es im Gestein, Während sich dein Haupt noch neigt; Und es dringt durch Mark und Bein, Wie die Klagemauer schweigt. Denn das Schweigen wird zum Schrei, Zum Bezwingen aller Not: Fluch der harten Tyrannei, Kampf für Freiheit oder tot! 17 FLUCHT ZU GOTT Hilfesuchend klagt ein ängstlich Trauern Hinter unergründlich dunklen Mauern: Durch das kreuzbedrohte Gitterfenster Lockt der Lichtstrahl höhnender Gespenster. Keine Stimme will das Schweigen brechen; Aber auch die Wände können sprechen. Banger Zweifel kämpft mit letztem Hoffen: Wann steht wohl das Tor der Freude offen?- Wie soll hier der Mensch die Antwort finden? Möchte sie im Ewigen ergründen. Er versucht im angsterfüllten Schweigen Nun sein Haupt vor einem Gott zu neigen. Einer nicht erlösten Sprache Stammeln Muß das Wort zum fremden Beten sammeln. Unverständlich formen sich die Laute Nun zu Sätzen, die das Hoffen baute. Diese Ohnmacht kann den Weg nicht bahnen, Läßt ihn jene höchsten Mächte ahnen. Zum Gebet gefaltet nun die Hände, Glaubt der Mensch an seine Schicksalswende! 18 u———n KNOTEN SCHNEIDEN Ja, Fäden zupfen, Knoten schneiden, So muß der lange Tag vergehn, Wohl immerzu nun Stund’ um Stund’; Und mag ich auch den Faden drehn, Und wird mir auch der Daumen wund, Mein Los kann ich hier nicht entscheiden. Doch einmal kommt auch dieser Tag! Des Schicksals Knoten so zu lösen, Mit einem Schnitt wär’ es geschehn, Da gäb’s ein langes Zaudern nicht. Das würd? ich auch recht schnell verstehn, Führt es mich endlich doch ans Licht, Besiegt die schnöde Macht des Bösen. “ Ich fühl’, es kommt recht bald der Tag! 19 AUSFEGEN Ha, die Tür wird aufgemacht, Doch nur eine Hand streckt sich herein; Diese Hand gibt mir nun einen Besen. Also feg’ ich meine Zelle rein, Soll den Dreck mal aus den Ecken lesen. Ja, so wird an mich gedacht.— Schnell das Wasser hingespritzt,— Ach, ihr meint, ich hätte reichlich Zeit, Und weiß mit dem Tag nichts anzufangen? Ja, tät’s gerne in Gemütlichkeit, Und der Spaß möcht’ für zwei Stunden langen; Doch auch hier heißt’s schnell geflitzt. Bald schon klopft es wieder an, Und die Zelle muß dann sauber sein, Denn der Besen soll noch weiterwandern. Also mach’ ich’s für den äußern Schein, Mach’ es einfach so wie all die andern, Wie man’s schnellstens machen kann. Doch wenn ich den Besen führ’, Kehr’ ich viele Spinngewebe aus, Die in langen Stunden ich gesponnen. Sauber wird trotz allem nicht mein Haus, Denn es bleiben, von mir selbst ersonnen, Hirngespinste in der Tür. Mach’ ich heut hier alles klar Und vernichte manchen alten Tand, Trenn’ den Kopf von den vergangenen Sachen, Rühr’n sich morgen wieder Hirn und Hand, Neue Hoffnung in mir anzufachen. Ach, es ist hier sonderbar.— Mensch, nun laß das Grübeln sein, Du vergißt das Fegen noch dabei. Rasch will ich den Staub zur Türe kehren, Denn es eilen Schritte schon herbei, Weil den Besen andere begehren. Hei, die Zelle ist ja rein! Ja, so schaut der Morgen aus, Gestern, heut und auch am nächsten Tag, Stets das gleiche Bild nach dem Erwachen. Hört, was ich aus tiefstem Herzen klag’: Wär’ es doch mein schönstes Reinemachen, Fegte ich mich selbst hinaus!— 21 SCHLAFEN GEHEN! Ein grelles Klingelzeichen schreckt mich auf, Und laute Rufe folgen:„ Schlafen gehen!" Nur Nichtstun füllte diesen Tageslauf, Ich durft' mich nur im engen Kreise drehen. Noch einmal nehm' ich stramme Haltung an, Noch einmal öffnet sich das schwere Schloß. Das Messer muß ich vor die Türe legen, Damit ich keine Dummheit machen kann Und mich gar selbst mit letztem, feigem Schritt Entzieh' des Henkerbeils gerechtem Segen. Und wieder sag' ich inhaltlos: ,, Gut' Nacht!" Die Lüge klingt in diesem Worte mit; Ich könnte hier nur meine Ruhe finden, Wenn mich ein lieb' Gesicht hätt' angelacht. Der Welt dort draußen gilt mein Abendgruß, Möcht' ihr den Kranz des sanften Schlummers winden. Dem Kerker aber gönn' ich Gutes nicht, Will ihn und seine Herren einst verklagen; Und tagt für ihn das wahre Volksgericht, So werd' ich höhnisch ,, Gute Nacht!" ihm sagen! 22 22 NÄCHTLICHE VISION Tapp— tapp— tapp— Was hat mich plötzlich in der Nacht gepackt? Tapp— tapp— tapp— Die Schritte unten geben ihren Takt. Denn tapp— und tapp— und tapp— Nach langem Wühlen war ich eingeschlafen, Nun ist es mit der Ruhe schnell vorbei. Will man mit ewigem Grübeln mich bestrafen? Wie sehnte ich die Nacht doch stets herbei. Doch tapp— und tapp— und tapp— Der Posten geht dort unten seinen Schritt ‚Am Tor und auf dem Hof wohl hin und her; Er nimmt dabei auch meine Ruhe mit, Ich find’ den'Schlaf schon längst nicht mehr. Mein Blick eilt durch die finstere Nacht: Ob wohl mein Liebchen auch jetzt wacht?— Kfps— klipp— klapp— Man schaltet’s Licht in meiner Kammer ein, Knips— klipp— klapp— Ein Auge schaut durch den Spion herein Und guckt— und guckt— und guckt.— Wenn so in jeder nächtlich langen Stunde Das Auge des Gesetzes mich bewacht, Dann hat der Ablauf einer jeden Runde Mir stets ein neues Wachsein eingebracht.— Doch knips— und klipp— und klapp— Und kalte Nacht ist wieder um mich her, Mit meinen Träumen bin ich ganz allein; Da lächelt mir, ich wünsche es so sehr, Ein liebes Aug’ durchs Guckloch nun herein.— So, Liebste, seh’ ich dich dort stehn; Schon läßt die Nacht dein Bild verwehn.— NICHT DANKEN KONNEN Was soll einmal hier mit mir geschehen? Ach, ich grüble nicht mehr drüber nach. Denn das beste wär', sich eingestehen: Soll doch kommen, was da kommen mag. Wenn die Stunden inhaltlos entgleiten, Fällt mir oft das Wort von Mozart ein: ,, Man muß geiziger mit seinen Zeiten Als mit seinem eignen Gelde sein!", Ach, ich will ja daran nicht mehr denken, Denn ich seh' nur immer euer Bild: Möchtet mich so liebevoll beschenken, Daß im Geben sich das Sehnen stillt. Ja, ihr Lieben dort, ich seh' euch warten, Ob ich denn nicht endlich kehr' zurück. Könnte ich doch tragen eure harten Stunden, die betrüben euer Glück. Dürfte ich erleichtern euren Kummer, Den ihr täglich, stündlich um mich habt,- Brächt' ich euch doch nur den sanften Schlummer, Der nach langen Sorgen euch erlabt. Ach, ihr seid so reich im Liebespenden, Tragt das Leid in schweigender Geduld, Doch kann ich den Dank euch niemals senden, Niemals euch begleichen meine Schuld! 24 24 WAS WOHL EIN HERZ ERTRAGEN MAG Erst in der Not zeigt sich der Mann! Aus der Gefahr die Wege finden Und alle Mühsal überwinden, Beweist dem Tüchtigen, was er kann. Doch hier bedarf es keiner Tat. Ich muß mein Schicksal still ertragen; Denn alles, was ich möchte wagen, Wird mir nur selber zum Verrat. Des Grübelns Aussichtslosigkeit Erzeugt nur Pläne, die miẞglücken Und meinen Geist erneut bedrücken Mit dem, was dann daraus gedeiht. Hier heißt es seelisch stark zu sein, Der Schwermut sich nicht hinzugeben, Daß alle Sinne hoffend streben: Bald bin auch ich nicht mehr allein! Wie leicht gesagt, wie schwer getan, Es sind die Menschen grundverschieden: Der eine gibt sich schnell zufrieden, Den andern treibt ein irrer Wahn. Wo jeder auf sich selbst hier steht, Zeigt sich die Eigenart der Geister.- Hier wird nicht der des Schicksals Meister, Der draußen groß durchs Leben geht! Doch wer ist stark und wer ist schwach? Die Fragestellung ist nicht richtig, Denn hier ist einzig ja nur wichtig, Was wohl ein Herz ertragen mag. 25 VOM GLEICHTAKT ZWEIER HERZEN Die Zeit steht still,— die Zeit vergeht,— Und immer stärker wird mein Sehnen, So mancher Wunsch ins Nichts verweht, Es brennen oftmals heiße Tränen. Und wird die Stunde hart und trüb, Da muß ich dich im Traume schauen; Dein Antlitz, lächelnd, ach so lieb, Es spendet mir erneut Vertrauen. Die Zeit ist lang,— die Zeit ist schwer,— Doch einmal enden alle Schmerzen; Herrscht nun auch Schweigen um mich her, Ich lausch’ dem Gleichtakt zweier Herzen. DER TRAUM Ich war erwacht, die Tür stand offen, Ich traute meinen Augen nicht. Konnt' ich ein solches Glück erhoffen? Durft' ich hinaus ins Sonnenlicht? Ich eilte schnell und ohne Zagen Durchs schwere Eisentor hinaus; Ließ mich von meiner Sehnsucht jagen, Wollt' wandern nach dem Vaterhaus! Dort hinter jenen grünen Hecken Muẞt' ich es endlich wiedersehn. Du, Heimat, heißgeliebter Flecken, Durch deine Fluren durft' ich gehn. Hier, wo mich Wald und Moor umgaben, Sog ich erneut den Blütenduft; Die Erde sollt' mich wiederhaben, Ich atmete die frische Luft. Ich warf mich nieder auf die Erde Und spürte ihren ew'gen Saft; Als spräche sie zu mir: ,, Es werde!" Erwachte in mir neue Kraft. Den Boden packten meine Hände, Und was ich tat, ich wuẞt' es kaum, Denn was ich griff, das waren Wände,- - In Nichts zerging mein schöner Traum. 27 27 DREI BRUCKEN Die Brücke sah ich heut im Traum, Die Seufzerbrücke wurde sie genannt. Die Brücke bleibt— trotz Zeit und Raum— Und ist im Armenviertel weit bekannt. Zu mir kam eine zweite Brücke, Auf der einst Paul Verlaine versunken stand, Wo Sehnen hoffnungsloser Blicke Den Trost im still verrauschten Wasser fand. Und eine neue Brücke spürte ich, Die alles tief versinken ließ; Denn diese Brücke führte mich Zu dir aus dunkelstem Verließ. WENN... Wenn ich plötzlich würde jetzt entlassen Und es wäre alles Leid vorbei, Ach, ich glaub', ich könnt's vorerst nicht fassen, Hörte ich die Worte: Du bist frei! Wenn ich freudetrunken heimwärts eilte Und ich ständ' vor eurer Türe dann, Ja, ich zögerte noch eine Weile, Eh' ich ganz behutsam klopfte an. Wenn ihr mich dann herzlich dürft empfangen Und es strahlt uns neu der Sonne Licht, Würde ich um eure Herzen bangen, Wenn das Glück so plötzlich zu euch spricht. Wenn beendet wären alle Sorgen Und ich könnt' euch wieder lachen sehn, Grüßte ich euch lieb an jedem Morgen, Denn es wär' ein göttlich Auferstehn! Wenn, ja wenn... 29 29 LAUSCH EINES VOGLE INS LIED Lausch eines Vögleins Lied;- Du weißt nicht, was es sagt. Wenn still ein Wunsch entflieht, Hat es dein Leid geklagt.- Horch auf das eigene Herz, Das dich noch stets geführt; Entschwunden ist der Schmerz, Den du so früh gespürt. Es spendet reichste Huld, Was dem Gemüt gefällt;- Und bleibt die eigene Schuld, Schweigt ringsumher die Welt! UND WIEDER WIRD ES FRUHLING... O Zeit, schon naht der Frühling wieder, - Ich hör' der Vöglein Pfeifen;. Und noch ist's so, wie's gestern war. Doch künden uns des Lenzes Lieder Ein Hoffen und Begreifen; Auch Wünsche werden einmal wahr! So schau ins Morgenlicht, Denn jede harte Winternacht Muß einmal doch vorübergehen, Und aus der Finsternis erwacht Der Frühlingssonne Auferstehen.- O Herz, - verzage nicht! 31 OSTERN Mich weckt ein unbeholfen Musizieren, Die Amsel übt ihr neues Liebeslied, Sie will zum Frühlingseinzug jubilieren, Dem drohend noch- der Winter nun entflieht. Ein Glockenklang in lichter Morgenstunde Bringt Botschaft mir von froher Osterzeit, - Und ich vernehm' die christlich- alte Kunde: Mich hätt' das Kreuz erlöst von meinem Leid!- Und Jahr für Jahr die Osterglocken rufen, Doch Leid und Kreuz, sie gingen nicht vorbei. Den Glauben, den mir Hoffnungsträume schufen, Zerstört der Sehnsucht unerfüllter Schrei; - Denn erst des Wissens tröstendes Bemühen Macht jene Tat der Nächstenliebe wahr. Wann wird das Wunder dieser Botschaft blühen Und auch dem Menschengeiste offenbar? So lausche ich dem Klang der Osterglocken, Ihr Ton- der Weg zum Guten- liegt so weit; Die Amsel übt, ihr Sang will mich verlocken, Will künden von dem Frühling - weit und breit. 32 ICH SCHRITT IN EINEM LICHTEN WIESENGRUNDE Ich schritt in einem lichten Wiesengrunde Und labte mich an Blütenduft und Pracht. Das Schweigen dieser andachtsvollen Stunde Erfüllte mich.— Ich hatte nichts gedacht. Doch einer Potentilla goldene Farben Umgarnten mich; sie schwiegen länger nicht. Darin, umstrahlt vom Glanz der Blumengarben, Erschaute ich dein hoffend’ Angesicht. 33 " Spiegelt es selbst des Gefangenen Schmerz. BLUMEN AUF DEM GEFÄNGNISHOF Wie’s jetzt auf saftigen Wiesen und Weiden Grünet und blühet im leuchtenden Land! Zieht doch die Sonne im reichen Vergeuden Überallhin nun ihr farbiges Band. Elende Seelen nur bleiben noch hocken In den Gebäuden aus Brettern und Stein. Wenn schon des Frühlings Gebilde uns locken, Folget dem Rufe, dem sonnigen Schein! Mir aber gönnt man nur dreißig Minuten Freizeit auf schattigem, düsterem Gang; Hier muß mein Herz voller Sehnen verbluten, Hinter verwitterten Mauern entlang.— Etwas vom Frühling bekomm’ ich zu sehen, Blumen verschönern den mittleren Platz, Mögen in Reihe und Glied sie auch stehen, Sie sind mein einziger farbiger Schatz. Säuberlich fein in Rabatten gezogen, Sind sie natürlich gering nur an Zahl; Doch mit Bedacht sind die Sorten erwogen, Stimmung entsprechend die Wahl. Da sich ein jeder der trauernden Runde An seine Lieben, die fern aller Sicht, Gerne erinnert in trennender Stunde, Blüht das bescheidene Vergißmeinnicht. Trotzdem vermag man es nicht zu erfassen, Daß uns hier keine Hand liebevoll pflegt, Und man empfindet in seinem Verlassen, Daß ein Stiefmütterchen Schuld daran trägt. Aber dazwischen als Sinnbild des Gartens Trägt jene Staude das Tränende Herz. Ausdruck des Kummers, des Zweifelns und’ Wartens, Ach, der Lobelia bläulicher Schimmer, Was soll die Männertreu hier denn erflehn? Lockt uns auch draußen das Weibliche immer,— Hier muß die Treue doch weiter bestehn. Will sie mit Hohn und mit Spott gar verkünden, Daß sie nur hier steht am richtigen Ort, Daß man sie draußen wohl nirgends kann binden, Weil sie nicht findet den häuslichen Hort? Wem gilt das Ehrenpreis hier in dem Kreise? Hat man den richtigen Platz ihm erkürt? Winken dem schlimmsten der Sünder die Preise, Weil er sich ordentlich hatte geführt? Nein, diese Blume gilt anderen Seelen, Denen bewußt ist die einzige Schuld, Auch eine eigene Meinung zu wählen, Ihnen bereitet sie ehrende Huld. Doch voller Trotz steht inmitten des Fleckens Die gelbe Primel in leuchtender Pracht, Blume des Schlüssels, Symbol'allen Schreckens, Zeichen für unseres Türschließers Macht. Zu allen Zeiten, am Abend und Morgen, Hat hier der Schlüssel regiernde Gewalt, Denn er verschließt in den Zellen die Sorgen, Bietet dem Freiheitsdrang endgültig Halt. So können Blumen im Hof zu mir sprechen, Alles hat hier den besonderen Sinn. Ich aber möchte die Tore erbrechen, Kann es nicht länger ertragen hier drin. Will mit dem Frühling die Felder durchwandern, Steigen auf Berge, auf felsigen Stein,— Habe den sehnenden Wunsch wie die andern: Doch auch ein Mensch einmal wieder zu sein! 35 MISSGUNST Welch ein Weben, Welch ein Blühen und Gedeihen, Sonnenstrahlen Über neu erwachtem Land. Doch das Streben i Kann mich nimmermehr befreien Von den Qualen, Da das eigene Glück entschwand. Farben, warum wollt ihr glühen? Düfte, warum mögt ihr sprühen? Solltet ihr nicht lieber schweigen— Draußen— ohne mich?!— Wälder rauschen, Vogelstimmen jubelnd singen; Frohes Wandern Weckt die neue Lebenslust. Doch es lauschen Diesem wonnetrunkenen Schwingen Nun die andern, Ihrer Freiheit nicht bewußt. Haltet ein mit euren Grüßen, Nirgends soll die Freude sprießen;; Gönn?’ ich euch doch nicht den Reigen— Draußen— ohne mich!— JOHANNI Johanni ist's, der Tag der großen Wende. Wenn in der Nacht das Sonnwendfeuer loht, Sucht mancher gläubig Wurzeln, Teufelshände, Daß ihm im ganzen Jahr kein Unheil droht. Es hat sich dieser alte Brauch erhalten Zum Schaden jener Orchis Knabenkraut; Ist es doch aller Wunsch, es möchten walten Die guten Kräfte, die man nirgends schaut. Als dieses Jahr Johanni näherrückte, Da hofft' auch ich auf ihn als Sonnentag, Ich hatte eine Sorge, die mich drückte, Und jenen Wunsch, daß sie nun enden mag. Johanni, mögest du das Schicksal wenden, Der heißgeliebten Weggefährten Los, Und könntest ihre Kerkerhaft beenden, Mein Jubel wäre unbeschreiblich groß. Johanni ist's, der Tag der großen Wende. Ich fühle schon die Sonnwendfeuer glühn, Und spür' den sanften Druck der lieben Hände, Es muß die Hoffnung mir daraus erblühn. Man hat die Freiheit heute ihr gegeben, Johanni hielt mir das versprochne Wort. Der Sonnenwende folgt ein neues Leben, Mir ist's, als eilt ich selbst schon mit ihr fort. 37 KEIN BRIEF Hörst du nicht, wie ich dich rief? Hast du nicht geschrieben? Heut erwart' ich deinen Brief;- Wo ist er geblieben? Und der bange Tag vergeht, Kann die Ruh' nicht finden. Hab' doch nur ein Wort erfleht, Daß die Sorgen schwinden. " Darf ich nur den Brief nicht sehn?" Muß ich zweifelnd fragen. ,, Dir ist gar ein Leid geschehn",- Flüstern furchtsam Klagen. 38 KOMM, O KOMM! Tag um Tag wart' ich auf dich, Willst du nicht bald wiederkommen? Ach, du weißt, ich sehne mich, Hast doch meinen Ruf vernommen. Einsam hoffend wart' ich hier, Kann dein Bleiben nicht verstehen. O, Geliebte, komm zu mir!- Darf ich dich nicht wiedersehen? Komm, o komm, ich harre dein, - Möchte deine Augen schauen. Laẞ mich länger nicht allein, Komm und stärke mein Vertrauen! 39 DU Kleines Wörtlein, kling hinaus, Sehnsuchtstrunkener Melodie, Wie ein duftiger Blumenstrauß Ungefälschter Harmonie! Kleines Wörtlein, schweige nicht, Sprich es leise, was ich fühl", Glühe wie ein ewiges Licht, Das mich sorgsam führen will! Kleines Wörtlein, schweb hinaus, Überwinde Lärm und Ruh', Trag den Gruß in jenes Haus, Herzgeliebtes Wörtlein: du! 40 40 ABEND GLOCKEN Schon die Abendglocken klangen, Silberhell erwacht ihr Lied; Herz, nun laẞ dein zagend Bangen, Frieden durch die Dämmerung zieht. Hoffend falten sich die Hände Zu dem schweigenden Gebet. Herz, die Mühsal nimmt ein Ende, Wenn der Glocke Klang verweht. 41 DU HORTEST MEINE STIMME Du hörtest meine Stimme doch in dieser Nacht.- Ich sah dich fern, du schautest auf; - Doch rings war dir der Raum so leer, So leer, es mußte dich erneut bedrücken. Mein Herz, erbebe nicht,- ich war bei dir, Eh du nur recht erwacht.. Der Sternenhimmel ist so weit, Unendlich scheint das rauschend- rege Meer; Doch fühlst auch du: es führen über Zeit Und größte Fernen ewige Brücken. - So komm zu mir aus kalter, herber Nacht, Ich sprach zu dir, eh du erwacht. Du hörst die Stimme noch, da ich jetzt schweige.- So labe dich mit diesem Gruß, Genieß den Quell, der durch den Äther schwingt, Genieß ihn voll, den Klang, Der unbekannt, gleich einem Liebeslied Aus nie begriffenen Fernen singt,- Und trink ihn bis zur letzten Neige!- 42 42 BIS DROHT DER TOD Versink, o Tag, vor meinem Blick; Ich schau’ nicht vor, schau’ nicht zurück. Die Gegenwart hüllt sich in Schweigen, Da auch die Zeit schon still verharrt; “ Und aus der Ungewißheit Reigen Hat mich der Tod nun angestarrt. Mich hat das Fürchten nicht gepackt, Ich lausche nur dem Lebenstakt.— Und glauben Herren mich zu richten, Ein Urteil: Sterben! mich bedroht, Ihr Wahn kann nimmermehr vernichten, Was heiß in meinem Herzen loht. Aus dem Gefahrenkreis nur klagt Der Schmerz, der euch, ihr Lieben, plagt. 5 Ich aber hab’ mich abgefunden, j Da schon das Sehnen wissend schwieg, Mich selber hab’ ich überwunden, Vertrauend auf den letzten Sieg! 43 IHR BEIDE Ich höre fern zwei Herzen bittend schlagen, Sie träumen von dem längst entschwundenen Glück. Aus froh geliebten Augen richten Fragen An mich den antwortsuchend bangen Blick. Verstummet drum, ihr fiebernd heißen Klagen, Die ich auf meinen Lippen schon erstick'; Ich weiß, mein Kreuz müßt ihr noch schwerer tragen, Denn euer Leid kehrt still zu mir zurück. - Mag euch auch Schmerz und Kummer nicht verlassen,- Der Mantel eurer Treue wird umfassen, Was unsere starke Liebe reich gepflegt. Ihr fühlt wie ich,- die Trennung überwunden, Hat sich doch einsam Hand in Hand gefunden- Und lauscht dem Herzen, wie es hoffend schlägt. 44 NAH UND FERN. Du bist mir fern— und doch so nah, Die Welt kann uns nicht trennen; Die Zeit, da ich dich glücklich sah, Fühl’ ich im Herzen brennen. Es quält die Sorge, lacht das Glück, Es ändern sich die Zeiten;— Erinnrung aber bleibt zurück Und will mich stets begleiten. Du bist mir nah— und doch so fern, Wie soll ich das verstehen? Gleichst unerreichbar einem Stern,— Ich kann ihn immer sehen. Erquickt mich auch sein funkelnd Licht, Ich darf kein Leid ihm klagen, Und so kann ich zu dir auch nicht Ins Haus die Freude tragen! 45 1 DER BRIEF Ein Brief, von ihr geschrieben, Ahnt er, wie er mich glücklich macht? Du bist ein Gruß der Lieben, Aus dem mir jedes Wörtlein lacht. Hier hab' ich dich in Händen, Du kleines, weißes Stück Papier, Du willst mir Grüße senden, Wie bin ich dafür dankbar dir. Du willst bei mir verweilen, Daß jeder Kummer mich verläẞt?- Ich blicke auf die Zeilen, Die eine Freudenträne näßt.- Mein Brief, nun bleibst du liegen, Die Antwort wäre Herzenspflicht;- O könnt' ich zu ihr fliegen, - Denn schreiben darf ich leider nicht. 40 46 ACH, KONNTEN MEINE SINNE Ach, könnten meine Sinne jäh bezwingen, Was Ruh' und Frieden mir genommen. Mein Herz würd' freudig jubelnd singen Und würd' zu dir durch Nächte kommen. Du weißt, mein Lieb', es gibt nur ein Verstehen, Das unser ist- und nie versiegt; - Du wirst mit mir durch alle Täler gehen, Bis irgendwo ein Aufstieg liegt. Ich fühle deine lieben Hände, Du reichst sie mir Aus deiner Einsamkeit. Wie Schemen fallen düstre Wände,- Ich bin bei dir In Trennung, Not und Leid! 47 O ZEIT, DU KEHRST NICHT MEHR ZURUCK! Der Abend bricht herein, Die Schatten werden länger, Und dieser Tag nahm auch ein Ende. Wie hab' ich ihn verbracht? Wie füllte ich die Stunden? Das weiß ich selbst mir nicht zu sagen.- Ich ging wohl auf und ab, Saß auf dem Hocker dort, Doch wie ist denn die Zeit vergangen? Der Tag hat 24 Stunden, Und jede Stunde an Minuten 60 gar, - Und wiederum 60 mal zähl' ich sekundenlang,- Und diese Zeit ist mir entschwunden? Und morgen steht sie nun erneut vor mir Mit zynisch- grinsendem Gesicht. Und wiederum wünsche ich, Daß es dann Abend wär'. Denn wie der nächste Tag vergehen soll, Ich weiß es nicht!- So schleicht die schöne Zeit dahin, Uralte Wahrheit geht mir durch den Sinn: Bedenk, o Mensch, Mit jedem Tag, den du verbringst, Du einen Tag Auch deinem Tod entgegengingst! Und diese Weisheit ist so unerbittlich wahr, Seit der Geburt wird ihre Wirkung offenbar. Drum soll der Mensch auch keinen Tag versäumen, Soll emsig nützen jede Stunde, die er lebt: Und ich muß hier im Nichtstun ewig träumen, Wo das Phantom des Zeitverlustes um mich schwebt! O Zeit, du kehrst nicht mehr zurück, Du bist verlor❜ngegangenes Glück! 49 ERNSTE WEISEN Wer kennt die unbarmherzig kalte Stille, Die diese dunkle Einsamkeit erfüllt? Daraus erwacht kein lebensstarker Wille, Weil dieses Schweigen mir die Welt verhüllt. Wann wird ein starkes Sehnen mich beleben, Das trotzig sich dem Zwang entgegenstellt, Und wird mir Mut und auch Vertrauen geben, Daß sich das Bild der Zukunft neu erhellt?- Ich muß mich hier in banger Demut beugen, Der steten Ruhe und dem tiefen Schweigen. Wie konnte einst Musik mich doch erfreuen, Wie labte mich der herrliche Gesang?! Der Noten Harmonie konnt' Mut verleihen, Und Zuversicht erzeugte mancher Klang.- Doch würde hinter jener dunklen Mauer Erschallen jetzt ein heiter- lustig Lied, Mich packte wohl ein jäher, wilder Schauer, Weil es Erinnrung qualvoll nach sich zieht. Der frohe, muntere Sang würd' mich erschüttern, Denn hier kann diese Tonart nur verbittern. Vernehm' ich aber andere Melodien, Wohl einer klagenden Sonate Ton, Und gar das Rauschen großer Symphonien, Das alles brächte neue Hoffnung schon. Die Stimmen unserer Meister möcht' ich hören, Sie wissen auch um meinen tiefen Schmerz; Mit ihren Sätzen will ich mich empören, Vom harten Unrecht lyrisch klagt ein Herz. Wenn edle, ernste Werke widerklingen, Spür' ich des Schicksals hartes, bitteres Ringen. 50 50 Mich würde Trauer noch dabei erfüllen Und ich empfänd’ das Grauen dieser Zeit, Der Menschheit Tragik würde sich enthüllen, Schwingt doch in diesen Tönen ewiges Leid. Jedoch der Gleichklang mit den eigenen Sorgen Ließ mich die großen Meister recht verstehn, Auch sie erhofften einen neuen Morgen— Und ihre Werke werden nicht vergehn! Ihr ernsten Weisen, nun durchbrecht das Schweigen Und nehmt mich auf in euren Zauberreigen! 51 " DAS FALSCHE LIED , Und wieder geht ein schöner Tag zu Ende." Vom fernen Rundfunk schleicht das Lied sich fort, Betastet furchtsam diese kahlen Wände Und geistert plötzlich hier, dann wieder dort. Nun grinst es höhnisch rings aus allen Ecken Und zeigt mir sein ironisches Gesicht, Will mich mit seinen süßen Tönen necken, Wenn es zu mir vom schönen Tage spricht. Doch spotte nur, du kannst es nicht begreifen, Wenn man das Kind beim rechten Namen nennt; Drum will ich trotzig diesen Text mir pfeifen: " Und wieder geht ein trüber Tag zu End'!" MEIN WIEGENLIED CHEN ,, BALD!" Schlafe, du Träumer, schlaf bald!- Was dir der Tag auch verschweigt, Bald dich im Schlafe erreicht, Was dir das Leben auch nimmt, Träumend dich glücklicher stimmt. Träume, du Schläfer, träum bald!- Ruhe, du Grübler, ruh aus! Will auch das Leid nicht vergehn Und sich der Zeiger nicht drehn, Immer voll Hoffnung erschallt Huldreich das tröstliche ,, Bald". Ruhe, du Seele, ruh aus! Zukunftvertrauend schlaf ein, Bald ist beendet die Nacht, Hält doch das ,, Bald" bei dir Wacht, Das dich verzagen nicht läßt.- Schlafe nun ruhig und fest, Bald weckt dich sonniger Schein!- ( In stiller Erinnerung an Mozarts Wiegenlied.) 53 DIE LERCHE Lerche, steig ins Himmelszelt Heut am frühen Morgen; Grüße mir die schöne Welt, Sag, ich hätte Sorgen! Steig hinauf zum Sonnenschein, Schwinge deine Flügel, Ach, ich möchte bei dir sein Über Tal und Hügel. Grüße mir das Himmelslicht Und die weite Ferne, Sag, ich k mm' noch immer nicht,- Und ich käm' so gerne! 54 DER EICHELHÄHER Kräkerekä raakiii,- Schreit es lärmend vor meinem Fenster. Immer lauter, immer stärker. Drüben in der Zirbelkiefer Treibt ein Eichelhäherpärchen Sein wundersames Liebesspiel. Balzt und schnarrt und klappert, Springt lustig von Ast zu Ast. Bald schon hebt das Weibchen sich Mit raschem Flug zum höchsten Wipfel auf, Lockend und begehrend folgt der Hahn Im kreisend- starken Schwung. Herrlich leuchtet sein Gefieder: Schwarz und weiß und glänzend tief im Blau. Prächtig- schöner Vogel, bleib in meiner Näh', Denn du bist mir Zeichen der Natur Und der Schönheit, Die ich nicht mehr seh'.- Doch im Werben und im Tändeln Streicht das Pärchen bald davon. Weithin durch der Bäume grüne Kronen Sehe ich die beiden froh entschweben, Und ich höre aus der Ferne noch den Ruf Vom Liebesspiel und fremden Leben: Kräkerekä raakiii. 555 JULISONNE Ich spür’ der Julisonne heißes Glühen Und möchte rasch dem engen Raum entfliehn. Dorthin, wo jetzt die Igelkolben blühen, Nach jenem stillen Waldsee möcht ich ziehn. Du weißt, wie oft wir dort im Schatten lagen, Das Wasser lud zum kühlen Bade ein. Wir lauschten eines Spechtes Liebesschlagen Erlebten glückliches Geborgensein. 1 Das ist des Sommers Gruß, daß ich geglaubt, Ich ruhte jetzt am See im weichen Moos Und legte wie so oft mein müdes Haupt Verträumt und still in deinen lieben Schoß. EINE ROSE HARRT.... Reift schon wieder neues Korn, Und ich soll noch warten? Lockt mich doch der Jugend Born Und der Weisheit Garten. Werden, ehe man mich ruft, Blumen gar verwelken? Tränke so gern den Blütenduft Rosaroter Nelken. Tu' ich also, was ich will,- Gibt es kein Erbarmen; - Eine Rose harrt schon still, Werd' sie lieb umarmen! 57 FLIEGEN Euch Fliegen hab' ich niemals gern gesehen, Ihr tragt von weit und breit den Schmutz herein. Und fandet ihr euch dreist als Gäste ein, Ich ließ es niemals ungestört geschehen. Doch jetzt betracht' ich ruhig euer Treiben, Bestaune eure Liebesspielerei, Ertrag' geduldig eure Neckerei, Sogar auf meinem Tisch dürft ihr verbleiben. Es baut die Einsamkeit zu euch die Brücke, Als Zeitvertreib hab' ich euch nunmehr lieb, Ihr seid das Leben, das mir hier verblieb. So ändert sich der Mensch mit seinem Glücke. - 58 59 59 FLIEGERANGRIFF IN GEWITTERNACHT Horch, der Sturmwind wild die Äste bricht, Wolken ballen trotzig sich zusammen; Großes Unheil droht am Firmament. Grelle Blitze in der Nacht entflammen, Oben herrscht des Feuers Element.- Tagt denn heut das höchste Weltgericht? Mit dem Toben dieser starken Macht Wollen neue Kräfte sich verbünden: Salven der Geschütze bellen hart Und Granaten fauchen aus den Schlünden, Wie der Schrecken grauenhaft sich paart: Fliegerangriff in Gewitternacht.- Frage da: Wer Freund ist oder Feind? Wenn die blinden Kräfte sich entfalten, Seh' ich nur den Wahnsinn dieser Zeit, Und ich spür' im Wirken der Gewalten: Gott und Teufel sind im letzten Streit Zur Vergeltung selber wohl vereint! BOMBEN NACHT JULI 1943 Schaurig tönt es durch die Nacht, Grauenhaft das Heulen der Sirenen. Gleich hab' ich an euch gedacht. Glänzen doch in euren Augen Tränen. Suchet irgendwo Vertrauen, Und es möcht' die Not vorübergehen, Hoffend in die Augen schauen, Wollen wir doch fest zusammenstehen. Aber ich bin hier allein Eingeschlossen in der engen Kammer, Möchte gerne bei euch sein, Denn mich packt die Sorge, quält der Jammer. Knatternd poltert es schon los, Geisterhände drohen in den Himmel, Kreuze leuchten riesengroß, Greifen suchend in das Schlachtgetümmel. Und es prasselt mit Gewalt Unsichtbarer Tod aus höchsten Zonen. Alles bebet, weithin schallt Dröhnen starker Explosionen. Bomben wettern durch die Nacht, Furchterregend die Granaten heulen; Höllengeister sind erwacht Und verbreiten ihre Feuersäulen. Schon dringt heller Flammenschein Roter Silhouetten durch das Fenster, Züngelt gierig auf mich ein Wie der Reigen suchender Gespenster. Ungezähmtes Geisterheer Will mit seinem Bild mich zynisch necken, Und ich finde keine Wehr, Bin gefangen hier auf diesem Flecken. 60 Und ihr Lieben seid so fern. Keine Macht der Erde kann euch schützen, Doch es leuchtet mir ein Stern Einsam funkelnd unter wilden Blitzen. Glaub' und hoffe, fasse Mut, Untertänig beugt sich hier mein Wissen; Furcht vergeht, es wird schon gut. Denn ich kann euch nie und nimmer missen! Reift des Teufels schwarze Saat, Trägt in Heimatstädte ihre Schrecken? Ist's der Fluch der bösen Tat, Wird das deutsche Schuldbewußtsein wecken?- Ich verbringe diese Nacht Zwischen Feuerqualm und Erdebeben Und die Zuversicht erwacht: Aus der Asche blüht einst neues Leben! 61 VOR DEN TRUMMERN EINER KIRCHE Zerstörte Mauern schweigend aufwärts ragen, 4 Geborsten hält der Glockenturm noch Wacht; N Er will dem Himmel seine Leiden klagen: Sein Antlitz brach in dieser Bombennacht. Gestalt und Schönheit konnte man ihm rauben, In Schutt und Asche liegt der heilige Ort.— Was kann der gottergebene Mensch noch glauben, Ward doch zerschlagen seines Gottes Hort? Es weint die Seele an des Beichtstuhls Stätte, Und den Verlust beklagt der Freund der Kunst; Ein jeder spürt nun seines Schicksals Kette, Des Lebens Wechsel, Qual, Verzicht und Gunst. So wirkt der Kreislauf in dem ewigen Leben, Daß man am Ende auch vom Anfang hört: Was Menschenhände ihrem Gott gegeben, Von Menschenhänden ward es auch zerstört! 63 63 STARE Schon wieder neigt der Sommer sich zum Ende, Der Herbstwind treibt die Wolken wild dahin, Und immer harr' ich noch der Schicksalswende, Weil ich im Kerker eingeschlossen bin. Am Himmel droben jetzt die Stare kreisen, Sie sammeln sich erneut zum großen Zug, Schon wollen ihre Schwärme südwärts reisen,- Wehmütig folgt mein Sehnen ihrem Flug. Wie seid ihr zielbewußt in eurem Streben Und voller Stärke, weil ihr einig seid! Wann darf auch ich in euren Höhen schweben, Mit Freuden ziehn in eine beẞre Zeit? AM MAHN MAL DES UNBEKANNTEN GEFANGENEN ( Inschrift eines Denkmals) Halt, an dieser Stätte bleibe stehen, Achtlos darfst du nicht vorübergehen. Willst du pflichtbewußt auch weitereilen, Still gedenkend sollst du hier verweilen. Ist die Zeit dir auch nur kurz bemessen, Den Gefangenen darfst du nicht vergessen!- Kannst du heut im freien Lande leben, Denk an Qualen hinter Gitterstäben. Schaust du auf die kalte, düstre Mauer, So gedenk der Trennung bitterer Trauer.- Sahst du einst hier Frauen wartend stehen, Kinder weinend um die Mutter flehen? Denn hier haben Jahre, Tage, Stunden Nur das Grab der Einsamkeit gefunden. Diese Zeit kann Klagelieder singen, Aber niemals ließ der Trotz sich zwingen. Niemals wird der Freiheitsgeist sich beugen, Davon wird dies Mahnmal ewig zeugen!. Schau empor, du weißt, wie sie gelitten, Als sie mutig für die Wahrheit stritten. Drum gelob auch du an dieser Stätte: Nie entstehe neu der Knechtschaft Kette. So vergiß auch nicht den einst Verbannten Und gedenke dieses Unbekannten!- 65 55 ES GEHEN FREMDE MENSCHEN UNTERM STERNENZELT (An Heinrich Christian Meier) Ich wußte nichts von dir; Es gehen fremde Menschen unterm Sternenzelt. Was leitet uns? Kam ich zu dir? Kamst du zu mir? Welch eine Macht vereint uns hier? © Rätsel ewig dunkler Welt!— Sind wir vom gleichen Blut? Ich wußte nichts von deinem rastlos regen Geist. Trifft sich der Widerpart? Die Waage und der Mut? Weiß ich, was böse ist und gut? Was ich ersehn, ob du es weißt? Verbindet uns das Leid, Das gleiche harte Los? Des Nordens Heimatland? Was frag’ ich viel, wir wandern heute noch zu zweit; Der Weg ist lang, der Weg ist weit.— Dank jener Macht, die uns verband! EINEM FREUNDE Novembernebel lagert grau und schwer, Er will mit mir um trübe Stunden trauern; Ich seh’ im bleichen Licht der Kerkermauern Das traute Bild der fernen Welt nicht mehr. Im Schweigen dieser Einsamkeit entschwand Schon längst das letzte hoffnungsfrohe Lachen. Doch plötzlich kommt zu mir ein neu Erwachen: Ich spür’ das Wirken einer Freundeshand. Ein Freund, der stumm was Liebes für mich tut, Entfacht den Funken einer stillen Glut.— a Denn hier, umgarnt von Lüge und Verrat, Wo falsche Freunde ihre Netze weben, Hast du Vertrauen mir erneut gegeben Mit deiner freudespendend kühnen Tat. In deinem zuversichtlich festen Blick Hab’ ich Gewißheit und Entschluß gefunden, Und du gabst im Verzagen dieser Stunden Den Glauben an den Menschen mir zurück. Erst in der Not zeigt sich des Freundes Wert, Und seine Treue ist das beste Schwert! 67 WIEDERSEHEN IM KZ. (An Walter Christensen) Die Stunde schlug so hart, Wir mußten auseinandergehen. Weißt du, mein Freund, wie dich das Schicksal narrt2 * Ich wußte nicht, wann wir uns wiedersehen. Die Zeit,— unsagbar schwer, Sie wollt’ und will nicht lichter werden. Bedenk, mein Freund, es ist schon lange her, Da träumtest du vom Glücklichsein auf Erden. Die Glocke schlägt nun fern, Ich mußte deinen Weg erleben. i Ich glaub’, mein Freund, es ist der gleiche Stern, Der uns gemeinsam führt durchs Weltenleben. Hier ruht nun Hand in Hand, In Schmutz und Haß erneut gefunden. Du weißt, mein Freund, es ist das alte Band, Das Auferstehen stark erlebter Stunden. ICH MOCHTE ERWACHEN (An Willi Willendorf) Ich war damals noch äußerst jung an Jahren Und doch dem großen Ziel schon ganz ergeben. Da hab’ von deiner Dichtung ich erfahren, Sie kam zu mir aus deinem Kerkerleben. Ich möchte erwachen beim Sonnenschein, Es müßte dann alles wie früher sein. Was du mit deinen Versen wolltest sagen, Das weiß ich hier erst vollends zu erfassen; Denn alles, was man selber muß ertragen, Ergreift uns ganz und wird uns nie verlassen! Ich möchte erwachen beim Sonnenschein, Es müßte dann alles besser als früher sein! SCHICKSAL Als diese Wände mich zuerst umgaben, Da war das Leben mir nicht lebenswert, An keinem Troste konnte ich mich laben, Hatt’ nirgends eine Hoffnung mehr begehrt. Ich sah so manchen Leidenskameraden, Der hatte unverdrossen weiter Mut. Tat ihm die Kerkerhaft denn keinen Schaden, Bekam ihm dieser Aufenthalt so gut? Ich konnt’ das alles nicht verstehn, Konnt’ keine Zukunft für mich sehn. Braucht jede Wunde nicht die Zeit zum Heilen? Im Lauf der Wochen war auch ich so weit. Will mir das Schicksal diese Lehr’ erteilen, Nehm?’ ich mein Los als Selbstverständlichkeit. Wie glücklich ist doch jeder Mensch zu schätzen, Der, geistig arm, sich schnell zufrieden gibt;_ Ihn kann Verlust und Schwermut nicht verletzen, Weil er— so oder so— das Leben liebt. So sag’ ich mir an jedem Tag: Wer weiß, wofür es gut sein mag. KLOPFZEICHEN Still, ich höre leises Pochen.—— Rührt sich unten jetzt mein Kamerad? Will mit mir Verständigung wohl suchen,— Und schon klappt das eingeübte Abc. Doch nur leise darf er klopfen, Muß genau dann meine Schritte zählen Und zugleich auch immer horchen Nach den Stimmen auf dem Gang, Denn von dorther droht uns die Gefahr. Stört auch mancher Schreck von draußen Unser mühsam angefangen Werk, Niemals darfst du die Geduld verlieren, Unser Tag ist endlos lang. So ein Wort von dir zu mir Und zurückgesandt zu dir, O wie zaubert es die Zeit hinweg.— Seid doch nicht’ so laut da draußen, Denn soeben ruft mein Kamerad: Tatata— taa,— tatata— taa, Weh, ich hör’ ein Türenschließen,— Hat man etwa ihn ertappt? Voller Unruh horche ich am Boden, Doch vorbei.ist die Gefahr; Wieder ist das leise Pochen da: Tatata— taa—, tatata— taa! ö FLURKOMMANDO Von Tür zu Tür geht putzend irgendwer, Das Flurkommando ist am Werk. " Was gibt es Neues in der Welt?" So flüstert's leise durch den Türenspalt: ,, Der Tommy auf Sizilien gelandet"- ,, Der Russen Offensive nimmt an Breite zu." Schon ist der Kamerad da draußen fort, Die Nachbarzelle will ja auch was Neues wissen.- So horcht man hier auf jede Neuigkeit So hungrig wie nach einem Bissen Brot. Was weiß man auch, wie sich die Welt dort draußen dreht, Man hofft doch nur, daß sie jetzt endlich schneller geht! Man ist hier eingesperrt und sieht kein Ende, Denn zeitlos ist die uns verhängte Haft; Man weiß, daß nur die große Zeitenwende Uns einst den Tag der Freiheit erst verschafft!- Und geht man in der Freizeit seinen Gang, Und gibt man auf den Vordermann recht acht, Da geht ein Flüstern schnell von Mann zu Mann, Hält auch der Posten noch so Wacht. ,, Mussolini ist zurückgetreten"- ,, Bomben auf das Ölgebiet Rumäniens"- Orel von den Russen rückerobert"- ,, Charkow neuerdings geräumt." - 12 72 Keiner fragt, woher das Wissen, Keiner zweifelt, ob-die Meldung wahr. Jeden läßt die Nachricht neuen Mut gewinnen, Reißt ihn hoch aus Zagen und aus Sinnen. Wie schöpft man Trost aus solchen Sätzen! Ein Hoffen geht nun wieder durch die Reih’n» Man greift nach Worten wie nach Schätzen: Sollt’ es der Anfang schon vom Ende sein?! Doch ist man nachher wieder in der Zelle, Erwacht erneut die starke Ungeduld. War auch die Nachricht noch so gut, Sie könnte doch noch besser sein. Man wartet auf die letzten, großen Dinge: Wann kommt des Schicksals dumpfer Donnerschlag? Man ballt die Faust, daß er recht bald gelinge, Bringt er doch erst den lang ersehnten Freiheitstag! HUNGER Kerkerzelle, grauenhafter Ort, Deine Mauern sind so kalt und still; Nirgends höre ich ein menschlich Wort, Keiner kommt, der mit mir sprechen will.— Doch es brummt ein leises Murren, Will mich gar verhöhnen;; Soll mich an das Magenknurren Endlich auch gewöhnen. Und mit hungrigem Gefühl Blick’ ich in den leeren Schrank, Doch auch er verachtet kühl Meines Magens Bittgesang. Nur ein Krumen kommt in Sicht, Gierig würg’ ich ihn hinab; Doch es stillt den Hunger nicht, Was man einem Bettler gab.— Wann ist denn nun endlich Essenszeit? Stunden, ihr seid endlos lang. Immer stehe ich zum Sprung bereit, Höre Schritte ich im Gang. Was ist über mich gekommen? Es ist mir der Magen leer,— Alle Dinge sind verschwommen Und ich schau’ die Wand nicht mehr.— Und ihr fernen Lieben,— Kann auch euch nicht sehn,— Alles dunkel— es wird Naht———, Hab’ nur Hunger——, Helft doch,— ah——— 75 LIEBE UND HASS |‘ Lieben hab’ ich stets gekonnt,— Lieben, das heißt Freude spenden, Irgendwie sein Glück verschwenden, Daß ein anderes Herz sich sonnt. Hassen hat man mich gelehrt; Hassen mit dem ganzen Herzen, All das Schlechte auszumerzen, Das des Menschen Los erschwert. Und ich habe auch gelernt, Weiß es heute zu erfassen; Jede Liebe liegt vom Hassen F y j Doch nicht allzu weit entfernt. Wohin auch die Liebe fällt, Wirkt sie hütend und beschützend;| Und ihr Wirken unterstützend| Sich der Haß ihr zugesellt. Beides hält mich nun in Bann: Dieses Hassen, jenes Lieben; Eines spornt das andre an! Werde so zur Tat getrieben, DER GROSSE FLUCH Weißt du, wieviel Tränen fließen In der stillen Weihnachtsnacht? Wieviel Herzen sich verschließen Dieser kalten Lichterpracht? Mag ein Engel euch verkünden, Mag vergeben eure Sünden;- Unbarmherzig bleibt die Not! Der Erlöser ward geboren, Heuchelt festlicher Gesang. - Ach, verhüllet eure Ohren Vor dem trügerischen Klang! Nur der Kelch ist euch geblieben, - Werdet auch ans Kreuz getrieben,- Und Erlösung bleibt der Tod! Warum dürft ihr wohl nur glauben, Was verbirgt das Sternenzelt? Warum will man euch denn rauben Alles Schöne dieser Welt?- Seid verflucht, ihr großen Lügen! Würde es doch schon genügen, Gäb' man Wissen, Freiheit, Brot! 77 VERNEINUNG Menschen schmachten hinter Gitterstäben. Menschen flehen um ihr täglich Brot. Andre bangen um ihr junges Leben Dort auf hoher See im Rettungsboot. Weit und breit spürt man der Erde Beben; Aus der Nacht tritt unsichtbar der Tod. Zwischen Feuerschein und eingestürzten Trümmern Hört man grelle Schreie und ein angstvoll Wimmern. Die zerfetzten Menschenleiber färben Blutigrot den wild zerwühlten Sand. Braut und Mutter hören dann vom Sterben Des Geliebten fern im fremden Land.— Immer noch des Krieges Trommeln werben, Heller lodert nur der Weltenbrand. Soll der Mensch den Freudenbecher ewig meiden? Muß er selbst vom letzten Lächeln schmerzvoll scheiden? Und du glaubst, es thront ein Gott dort oben, Dessen Wille unsre Wege lenkt? Muß des Teufels Werk uns erst erproben, Ehe er uns seinen Segen schenkt? Kann man eine Schöpfung denn noch loben, Die das Schlechte selber auch erdenkt?— Nein, der das vollbringt und läßt das Leid geschehen, Er kann auch vor meiner Gnade nicht bestehen! HEIMWEH © Winternacht,— es knirscht der Schnee, - Ein Sternenzelt so wundersam.: Mein Herz, nun sag der Welt Ade, Ein unbegreiflich Bangen kam,— © Maiennacht voll Blütenduft, Du unsichtbares Farbenbild, Sag mir, wonach die Seele ruft, Was mich bezwingend reich erfüllt. Die Welt ist hier,— die Welt ist dort, Es ist das Heimweh nach dem Glück, Ein fiebernd’ Sehnen trägt,mich fort,— O fänd’ ich doch den Weg zurück! ZUSAMMENFASSUNG Alles, was wir fühlen, denken, sehen, Bildet unsern Sinn und Geist; Könntest du es objektiv verstehen, Weißt du nur, was du nicht weißt! Was hab' ich denn angerichtet? Habe keine Ruhe hier gefunden, Hab' im Fieberwahn gedichtet Die Gedanken dieser trüben Stunden. Überprüfe ich den ganzen Kram, Muß ich ehrlich mir die Antwort geben: Meine Worte sind so schwach und zahm Gegenüber dem brutalen Leben. Sprach da immerzu von Not und Leid, Von den Sorgen, Zweifeln und den Klagen, Habe Litanei von Haß und Streit Und Sonett der Qualen vorgetragen. Doch vom Weg aus dieser schweren Zeit Wußte ich nicht allzuviel zu sagen.- Drum die letzte Klage ausradiert, Schluß mit unserm hoffnungslosen Wimmern. Angepackt, jetzt gilt's ein Schiff zu zimmern, Dessen Steuer unser Arm regiert! Stahl und Pläne gilt es nun zu schmieden, Brecht die Ketten und erzwingt den Frieden. Aus dem Chaos blutbefleckter Zeit Wird der Menschheit Traum zur Wirklichkeit! 81 VERZWEIFELN? NEIN! Verzweifeln? Nein, das darf ich nicht, - Wird hier auch manche Stunde schwer. Es ruft da draußen eine Pflicht, Es sehnt ein Herz sich gar so sehr. Verzweifeln? Nein, das darf nicht sein; - Quält mich auch unerhörter Schmerz. Und trag' ich hier mein Leid allein, Da draußen hofft ein liebend Herz. Verzweifeln? Nein,- ich fasse Mut, - Die trübe Zeit muß bald vergehn; Ich fühl', es wird doch alles gut, Bleibt nur die Hoffnung fest bestehn! 32 82 TROTZ ALLE DEM! Ich hab's gewagt, - trotz alledem! Die Feinde standen ringsumher. Wir haben uns geplagt, und wenn es anders käm', Die Kämpfer stört es nimmermehr.- Sie haben's nicht gewagt, sie kehrten feige sich zurück, Obwohl sie dieses Leid gesehn. Nun gut, so sei es euch geklagt, Die ihr verhüllet euren Blick, Als wäre nichts, gar nichts geschehn.- Ihr fürchtet euch vor jenem Grauen, Das ungeschminkt sein Antlitz zeigt, Und wolltet nicht die Wahrheit schauen, Da der Gestank zum Himmel steigt. Nun mögt ihr zweifelnd flennen, Euch rettet niemand mehr. Ihr habt euch nicht zu uns bekannt. Wir aber lernten früh erkennen Und setzten uns zur Wehr, Und wissen heut', was einig uns verband. Ihr habt euch nicht gerührt, Wir aber wurden hart Und wollten nicht um Gnade flehn. Das Feuer haben wir geschürt, Und was sich heut um unser Banner schart, Es stand bereit- zu jeder Zeit- Trotz alledem! 88 83 ICH HAB' DEM TOD INS AUG' GESEHEN Ich hab' dem Tod, dem Tod ins Aug' gesehen, Der Galgen stand für mich bereit. Doch bin ich hier!- Wie soll ich das verstehen? Befreit? Und dennoch nicht befreit! Mir war's, als hielt der Strang mich schon umschlungen; Ich hatt' das Grauen oft erlebt. Doch plötzlich wurde die Gefahr bezwungen, Daß mich ein Wunder neu erhebt. Gerettet wohl, doch immer noch gefangen, Das Leben bringt ein andrer Tag. Der Weg zur Freiheit ist noch trüb verhangen, Und niemand weiß, was werden mag. 85 WEIHNACHTS GLOCKEN Horch die Weihnachtsglocken!- - Aus der Ferne hör' ich ihren Klang, Sollen wohl dem Menschen Frieden künden. Engelstimmen locken Mich mit ihrem gläubigen Gesang.Drüben wird man jetzt die Kerzen zünden.- Heuchlerische Litanei, Willst mich noch zum Narren halten? Kam Frau Sorge nicht herbei, Um mit ihrem Geist zu walten? Was bringt uns der Lichter Pracht, Wohin richtet ihr das Beten? Ward das Bild der Stillen Nacht Nicht schon längst vom Krieg zertreten? Weihnachtsklänge schallen Feierlich wie einst durch Stadt und Land, Wollen nochmals Trost dem Menschen spenden Ja, ein Wohlgefallen Sich mit ihren Tönen stets verband, Will doch auch das Hoffen niemals enden.- Schweigt, ihr Glocken, hoch im Turm, Sollt mich länger nicht betrügen; Hört ihr, draußen tobt der Sturm, Will mit Blut die Erde pflügen. Längst erfüllt Sirenenton Unsere friedlich stillen Nächte. Kam zu uns einst Gottes Sohn,- Heute kommen Satansknechte. Und im Todesreigen -- Wartet auf den Menschen nur das Grab; Unterm Kreuz erst findet er den Frieden.- Still, die Glocken schweigen!- - Regen strömt vom Himmelszelt herab; Weiße Weihnacht ward uns nicht beschieden! 86 JAHRES WENDE Trübe Nacht der Wintersonnenwende, Keine Freudenfeuer spenden Licht, Denn ein Jahr des Grauens geht zu Ende, Und dem neuen traut der Mensch noch nicht. Wieviel Wunden hat das Jahr geschlagen? Wieviel Wünsche blieben unerfüllt? Alles muß er nun hinübertragen, Und die Zukunft bleibt ihm noch verhüllt. Steht das Tor des neuen Jahres offen, Blickt er voller Zuversicht hinein Doch belügt ihn abermals das Hoffen Und verbreitet trügerischen Schein? - Diese Wende duldet kein Verzagen, Bahne dir den Weg durch finstere Nacht. Lenkst du endlich selbst den Schicksalswagen, Wird die Freudenfackel hell entfacht! 87 ES IST SO WEIT Noch einmal packen meine Hände Die eisigkalten Gitterstäbe, Und fragend schreie ich hinaus: Hat jetzt die Qual, die Not ein Ende? Ist's wahr, daß ich nun wieder lebe Und darf ins heimatliche Haus? Du Sonnenlicht am frühen Morgen, Wie Balsam trink' ich dein Erwachen, Das mich aus dieser Nacht befreit. Vorbei die Furcht, vorbei die Sorgen, Ein Jubelrausch im frohen Lachen Entzaubert mich: Es ist so weit! DAS LETZTE GEDICHT Frei? Frei!- Frei!!! 89 La ich seit Wirkli heit ei Wie Konze waltige es übe Oder Wo eigne dem lange verzw die m wurd ermut schon Jag hoffte W gen, tause schla AufGesi scha Erleb Die stan mit sich es g das die mid > Laut krachend fiel die schwere Tür ins Schloß..- Was ich seit Jahren Tag für Tag befürchtet hatte, wurde bittere Wirklichkeit: Die Gestapo griff zu und setzte meiner Freiheit ein Ende. Wie die Häftlinge in den deutschen Gefängnissen, in den Konzentrationslagern und auch in den Räumen der allgewaltigen Geheimen Staatspolizei behandelt wurden- war es übertrieben, was darüber in die Öffentlichkeit drang? Oder war es vielleicht noch schlimmer? Wohl verfolgte mich unbarmherzig die Sorge um das eigne Schicksal, aber sie blieb immer eng verbunden mit dem Los der Hunderttausende, die den gleichen Weg schon lange vor mir geben mußten. Wollte ich in der Einsamkeit verzweifeln, so fand ich Trost bei dem Gedanken an jene, die mit mir litten und vielleicht noch grausamer gequält wurden als ich. Sah ich keinen Ausweg mehr für mich, so ermutigte mich das tapfere Verhalten eines Kameraden, den schon das Todesurteil getroffen hatte, und der nur auf den Tag der Vollstreckung wartete oder auf ein Wunder< hoffte. Was ich gedacht und empfunden, Zweifel und Hoffnungen, ein unentwirrbarer Knäuel von Gefühlen- man müßte tausend Zungen haben, um alles auszusprechen. In den schlaflos verbrachten Stunden der Nacht, beim unruhvollen Auf- und Abschreiten in der engen Zelle formten sich die Gesichte zu Versen. Das bedrängte Herz mußte sich Luft schaffen, es brauchte die Erleichterung, die darin liegt, das Erlebte zu gestalten. Papier und Bleistift hatte ich nicht. Die Gebilde, die tagsüber oder vor dem Einschlafen entstanden waren, prägten sich meinem Gedächtnis ein. Aber mit der Anzahl wuchs die Schwierigkeit des Festhaltens. Bis obwohl sich ein Wachtmeister meiner erbarmte und mir - es gegen seine Dienstvorschrift war- ein Endchen Blei gab, das ich wie eine Reliquie bütete. Ihm verdanke ich, daß ich die meisten meiner Gedichte zu Papier bringen und für mich und meine Freunde retten konnte. 91 Und nun mögen meine Verse zu denen sprechen, die wie ich hinter den Gittern und Stacheldrähten der deutschen » Zivilisation« geschmachtet haben. Manche von ihnen werden mir vielleicht der Vorwurf allzu großer Passivität in Sprache und Inhalt vieler dieser Verse machen. Sie ist das natürliche Ergebnis einer Haftpsychose, der ich mich nicht immer zu erwehren vermochte. In meinem tiefsten Innern lebte der Widerstandswille ungebrochen weiter, der aber durch Zensur und Gestapo- Augen nicht in Versen zum Ausdruck kommen konnte. Aber meine Gedichte wenden sich auch an alle diejenigen, die durch ein gnädiges Schicksal vor dem Grauen der Haft bewahrt wurden. Sie sollen sie lesen, damit sie erfahren, welches Unheil politischer Haß angerichtet hat, und damit in ihrem Herzen der Wille erwächst, eine Wiederkehr solcher unmenschlichen Verirrungen mit aller Kraft zu verbindern. Brigus 12 92 Dem unbekannten Gefangenen.. Genau wie du.. 9 10 Wir Konzentrationäre Stein auf Stein.. 12 14 Im Spiegelsaal.. Flucht zu Gott.. 16 18 Knoten schneiden Ausfegen Schlafen gehen 19 20 22 Nächtliche Vision Nicht danken können Was wohl ein Herz ertragen mag Vom Gleichtakt zweier Herzen 23 24 25 26 Der Traum.. Drei Brücken Wenn Lausch eines Vögleins Lied 27 28 29 31 Und wieder wird es Frühling Ostern Ich schritt in einem lichten Wiesengrunde Blumen auf dem Gefängnishof 31 32 33 34 Miẞgunst 36 Johanni 37 Kein Brief 38 Komm, o komm 39 Du.. 40. Abendglocken 41 Du hörtest meine Stimme 42 Es droht der Tod.. 43 Ihr beide 44 Nah und fern 45 Der Brief 46 Ach könnten meine Sinne. 47 O Zeit, du kehrst nicht mehr zurück 49 Ernste Weisen.... 50 Das falsche Lied 52 Mein Wiegenliedchen„ Bald" 53 Die Lerche.. 54 Der Eichelhäher 55 Julisonne 56 94 46 57 .. 58 59 60 62 63 65 .66 67 68 69 70 71 72 75 76 77 78 80 81 82 83 85 86 87 89 89 91 .... 18 .... 19 .... 20 .... 22 .... 23 .... 24 .... 25 .... 26 .... 27 .... 28 ... 29 .... 9 .... 10 " .12 .14 .... 16 Eine Rose harrt Fliegen Fliegerangriff in Gewitternacht Bombennacht Juli 1943 Vor den Trümmern einer Kirche Stare Am Mahnmal des unbekannten Gefangenen.: Es gehen fremde Menschen unterm Sternenzelt Einem Freunde Wiedersehen im KZ. Ich möchte erwachen Schicksal Klopfzeichen Flurkommando Hunger Liebe und Haẞ .. .... 31 Der große Fluch .... 31 .... 32 .... 33 ..... 34 .... 36 .... 37 .... 38 .... 39 .... 40 .... 41 .... 42 .... 43 " 44 ... 45 Verneinung Heimweh Zusammenfassung Verzweifeln? Nein! Trotz alledem! Ich hab' dem Tod ins Aug' gesehen Weihnachtsglocken Jahreswende Es ist so weit Das letzte Gedicht Nachwort ... 46 ... 47 ... 49 ... 50 52 ... 53 ... 54 ... 55 .... 56 95 95 Copyright by Morawe& Scheffelt Verlag Hamburg 1948 Illustrationen: Friedrich Schreck Druck: Druckerei Hermann Lange, Hamburg 11