INHALTSVERZEICHNIS Mit dem Tode bestraft— mit dem Leben belohnt Das Motorrad Der Türmer. Die Heilige Kunigunde im Schnee Sieben Eiszapfen. Junger Mann in der Lehre Eine notwendige Richtigstellung Der Ausmarsch Ein Mann namens Überling Der Taufpfennig. Der Spiegel Ein Ferientag zwischen zwei Kriegen. 7 . 130 lat . 154 MIT DEM TODE BESTRAFT- MIT DEM LEBEN BELOHNT - - ,, Juristische Monatshefte 17. 2. 1945. G. P. Spalte 6." Der Maschinensetzer Gerhard Peck blickte auf den heißen Bleistreifen, die Kopfzeile für die Spalte, die er gerade beginnen wollte. Die alte Linotype arbeitete nicht mehr so zuim fünften Jahre des verlässig und das Blei war jetzt zweiten Weltkrieges von schlechter Qualität. 99 - Wieviel haben Sie denn noch, Peck?" fragte Vogelsang. Den grünen Augenschirm in das strubblige Haar zurückgeschoben, stand der Korrektor in der Tür zu dem gläsernen Verschlag, der die Maschinen vom weiten Raum der Handsetzerei abtrennte. Vogelsang mochte Peck nicht. Junge Männer waren ihm verhaẞt. Er nahm es ihnen übel, daß sie lebten, während seine beiden Söhne hatten sterben müssen. Warum haben meine beiden dran glauben müssen, fragte er sich, warum nicht dieser Peck? Vogelsangs ältester Sohn war als Artillerist in Rußland gefallen, der jüngere, HansJürgen, im brennenden Flugzeug über Frankreich abgestürzt. Einen wenigstens hätte mir das Schicksal lassen können, haderte Vogelsang. 7 Seine kleinen, kurzsichtigen Augen betrachteten das blasse Gesicht des Setzers mit wahrem Haß. Dieser Peck konnte lachen. Ein Bauchschuß hatte ihn felddienstunfähig gemacht. Hundert Jahre alt werden konnte so einer! Aber Vogelsang hatte seine Söhne hergeben müssen, beide. Peck stellte die Zeile ins Schiff zurück und blies sich auf die Finger. Dann zählte er die Seiten des Manuskripts auf dem Tischchen neben der Maschine.. „Reichlich drei Spalten wird es geben“, schätzte er. „Werden Sie die noch aussetzen?“ „Mal sehen, wie weit ich komme. Der Chef sagt, es eilt.“ „Meinetwegen soll’s eilen“, sagte Vogelsang mürrisch. „Legen Sie mir die Fahnen auf den Tisch. Ich gehe nach Hause.“ Peck wußte, daß der Korrektor nicht nach Haus, sondern in die Kneipe gehen würde. Er hatte dort gute Freunde. Und obwohl es sonst nirgendwo Schnaps gab, er bekam genug, um sich fast jeden Tag zu betrinken. „Guten Abend“, rief Peck ihm nach. Vogelsang schlurfte ohne Gruß in seinen Filzschuhen davon. Er löschte die Lichter im großen Saal bis auf das eine über der Handpresse und ging. Zufrieden dehnte Peck noch einmal die Arme, bevor er mit leisem Anschlag der Tasten die Matrizen durch die Gänge rasseln ließ. Er fühlte sich wohl, allein im weiten, stillen Raum bei der Arbeit, die er liebte. Zwischenhinein sah er einmal zu seinem Spind hinüber. Darauf hatte er das Wasserglas mit der Rose gestellt, die ihm Adele vor zwei Tagen gegeben hatte. Woher mochte sie die Rose jetzt im Winter aufgetrieben haben? Einige der zarten, gelbroten Blätter waren schon abgefallen, andere hatten sich krank und schlaff zusammengerollt. Ich hätte sie zu Haus lassen sollen, dachte Peck, da würde sie sich länger 8 gehalten haben als hier in der Hitze und der von Gas und Bleidunst vergifteten Luft. Er hoffte, daß Adele ihn später anrufen werde. Seit sie am Sonntag mit Kübermanns Tochter, der zehnjährigen Lotte, Schlittschuh gelaufen waren, hatten sie sich nicht mehr gesehen. In flatternden Strähnen war Adeles goldenes Haar unter der Pelzkappe hervorgequollen. Wie hatte ihr offenes Gesicht mit den frischen roten Backen ihn angelacht, welche Lebensfreude hatte aus ihren Augen geleuchtet! Aus seinen Träumen auffahrend wandte Peck wieder den Blick auf das Manuskript. Er rührte die Tasten an und lauschte auf das vertraute Klappern der Maschine. Der Gasbrenner unter dem Bleikessel zischte. Als Peck eine Spalte beendet hatte, erhob er sich, trug den Satz zur Handpresse und machte die Bürstenabzüge. Mit Stolz betrachtete er sie. Der Satz war sauber, fast fehlerfrei. 66 Als er die nächste Spalte zu setzen begann, entdeckte Peck zu seinem Ärger, daß er vorher übersehen hatte, wieviel Durchschuß es gab. Das hielt auf. Überall waren Worte, ja ganze Zeilen gesperrt: ,, Mit dem Tode wird bestraft, wird mit dem Tode bestraft." Ja, was setze ich denn da eigentlich für Zeug, dachte Peck, der es nun eilig hatte, denn er wollte Adeles Anruf nicht verpassen. Ungeduldig klapperte er weiter auf seiner Linotype. wer... - 990-', Eine Zeile nach der anderen, das heiße Blei gerade erst zu fester Form erstarrt, wurde ausgestoßen. Rumpelnd griff der schwere Arm der Maschine zu, hob die Matrizen an und setzte sie auf das Gewinde, an dem sie entlangpendelten, bis sie mit leisem Klingen in ihre Magazine zurückfielen. Pecks Schätzung war richtig gewesen. Nach drei Stunden hatte er ausgesetzt. Er schwang die feuchten Fahnen in der Hand und legte sie auf den Tisch des Korrektors. Noch ein9 mal warf er einen Blick darauf. Nein, viele Fehler würde Vogelsang nicht finden. ,, Mit dem Tode wird bestraft, wer 990 • wird mit dem Tode bestraft." Wieder sprangen ihm die Worte in die Augen. Über den Tisch gebeugt las Peck aufmerksam den Text der neuen Verordnungen: Schnellgerichte, keine Berufung, Urteilsvollstreckung innerhalb drei Stunden. Der leichtfertig begonnene, nun aussichtslos gewordene Krieg sollte zu einem monströsen Untergang getrieben werden. Fremde Völker hatte man ohne Bedenken, ja mit gierigem Blutdurst geopfert, nun sollte das eigene Volk in den Tod geschickt werden, bis zum letzten Mann. Jede Hoffnung auf einen Ausweg, jeden Glauben an eine mögliche Rettung zu ersticken war der Sinn der Verordnungen. Und das also, wunderte sich Peck, habe ich gesetzt, zufrieden mit der Ruhe ringsum, der Arbeit hingegeben. Hab zwischendurch einmal die Arme gestreckt, hab einen Blick für die Rose auf dem Spind gehabt, hab an Adele gedacht, und indessen ist das hier durch meine Finger gegangen! Sie treiben dem Ende zu, überlegte er kühl, während er den dritten Abzug zu lesen begann: - ,, Juristische Monatshefte 17. 2. 1945. G. P. Spalte 8." Sein Herz begann schnell und froh zu schlagen. Es geht dem Ende entgegen, begriff er, dem Ende des Krieges und dem Ende der braunen Herrschaft. Für den damals neunjährigen Gerhard Peck hatte sie damit begonnen, daß langschäftige Stiefel eines Nachts die Tür der Wohnung eingetreten, daß rote, grobe Fäuste den Vater gepackt und geschüttelt und geschlagen hatten. Dann war seine schmale Gestalt verschwunden und der entsetzte Blick Gerhards hatte nur noch die braunen Rücken der Männer gesehen, die den Vater davongeführt hatten. Gerhard hatte 10 rasch sein Gesicht gegen die zitternden Knie der Mutter gepreßt, die im Nachthemd weinend am Küchentisch gesessen hatte. Von der Straße waren Schritte zu ihnen heraufgedrungen und Stimmen, wie das Gebell von Wölfen. So hatte für Gerhard Peck angefangen, was nun zu seinem Ende kam. Er sog den kräftigen Geruch der Druckerschwärze ein, während er zornig atmend den Text der Verordnungen las. Die Müden sollten damit aufgeschreckt werden zu taumelndem Lauf ins Verderben, die Schwankenden wollte man einschüchtern, die Empörer aber, die ein ganzes Volk vor dem Selbstmord bewahren wollten, ihre kleine, winzige Schar sollte zu Todgeweihten gestempelt werden, zu hoffnungslosen Phantasten, deren Tun, deren Gedanken, deren Dasein selbst frevelhaft und sinnlos waren. Mit dem Tode bedroht wurde jede Regung des Lebenswillens. Das war der Sinn der Verordnungen, die Gerhard Peck auf seiner rasselnden, alten Linotype gesetzt hatte. Kein Blick, kein Gedanke sollte es wagen, das Dunkel des Unterganges zu durchdringen. Und wer trotz allem solcher Gedanken fähig war, der sollte um ihrer willen allein ausgelöscht werden. Peck wusch sich, sorgfältig band er die Krawatte und schob den Knoten mit den Fingern zurecht, dann zog er sich die Jacke an. ,, Mit dem Tode wird bestraft,..." ging es ihm durch den Kopf, und er dachte, von einer jähen Wut gepackt: Ihr lügt, ihr lügt! Mit dem Tode wird bestraft, wer euch glaubt, wer euch folgt, wer euch gehorcht, wer euch ergeben ist. Der wird mit dem Tode bestraft! Mit dem Leben belohnt aber soll werden, wer sich aufbäumt, wer sich dem Untergang entgegenstellt, wer wagt, an die Freiheit zu denken, an den Frieden und an ein neues, ehrliches Leben. Rasch warf er einen Blick auf die Uhr. Er streifte die 11 Jacke wieder ab, nahm sich nicht die Zeit, sie auf den Bügel in das Spind zu hängen, sondern warf sie über den Drehstuhl vor der Linotype. ,, Mit dem Tode wird bestraft lohnt." - mit dem Leben wird beEilig lief er in die Handsetzerei, wo er aus einem Winkel einen verstaubten Schriftkasten mit alten Lettern hervorholte, die schon seit langem nicht mehr benutzt wurden. Mit fliegenden Händen arbeitete er, reihte Letter an Letter, Wort an Wort. Das habe ich noch nicht verlernt, dachte er dabei in seiner etwas selbstgerechten Art. ,, Mit dem Tode wird bestraft, wer den Wehrwillen der Nation durch Wort oder Schrift untergräbt!"- ,, Mit dem Leben wird belohnt, wer für das rasche Ende des Krieges kämpft!" ,, Mit dem Tode wird bestraft mit dem Leben wird belohnt." So reihte er Letter an Letter, Wort an Wort, Lebenshoffnung an Todesdrohung. - Er hob den Satz auf die Handpresse, fügte Farbe auf, dann feuchtete er das Papier an, dann ließ er die schwere Rolle über den Satz gleiten, wieder und wieder, wieder und wieder, bis er atemlos, Muskelschmerzen in den Armen, einhalten mußte. Unter der Schneidemaschine teilte er das Papier in handbreite Streifen, deren jeder einen solchen Anruf trug: ,, Mit dem Tode wird bestraft mit dem Leben wird belohnt!" - Sorgfältig wusch er die Druckerschwärze von den Lettern. Wie gut, daß er den Gasbrenner seiner Linotype noch nicht ausgelöscht hatte. Er schüttete die Lettern in den Bleikessel und wartete davor, während ihm die Augen von der ausströmenden Hitze schmerzten, bis die Lettern zerschmolzen waren. Darauf löschte er die Flamme und ging, das kleine Paket mit den Zetteln in der inneren Tasche seines Mantels verborgen. 12 ,, Bei Ihrer schwachen Gesundheit sollten Sie nicht soviel arbeiten, Herr Peck", sagte die Wirtin besorgt, als er in seine Pension kam. ,, Übrigens hat es schon zweimal für Sie angerufen." Sie setzte ihm das Abendessen auf den Tisch: Haferflocken und Apfelmus. Der zerschossene und wieder zusammengeflickte Magen verdaute nur leichte Kost. Er kratzte den Boden seines Tellers mit dem Löffel aus, da läutete das Telefon. Es war Adele. ,, Können wir uns nicht noch irgendwo treffen, Liebster?" bat sie. ,, Und wenn es nur eine Stunde ist. Ich möchte dich sehen, deine Hände drücken..." Ihre flackernde, sehnsüchtige Stimme griff an sein Herz. Er lauschte ihren Worten und wünschte, ihr nah zu sein. Aber nun war es schon spät, und er hatte noch eine Verabredung mit Kübermann und zudem trug er diese Zettel mit sich herum, die er noch in der Nacht loswerden mußte. ,, Hätte ich das nur gewußt", stammelte er. ,, Es tut mir so leid=" Dabei überlegte er, ob er den Besuch bei Kübermann nicht doch verschieben solle, schließlich konnte er sich immer auf seinen kranken Magen ausreden. Aber er durfte Kübermann nicht im Stich lassen. ,, Wirklich, Adele, es geht heute nicht." ,, Du mußt dich doch frei machen können. Eine halbe Stunde nur! Was ist das schon?" drängte sie. Befremdet vernahm er den klagenden, gereizten Ton ihrer Worte. Verstand sie ihn nicht? ,, Liebes", sagte er gedämpft, denn die Tür zum Eẞzimmer stand offen und die Pensionsinhaberin horchte. ,, Fühlst du nicht, wie gern ich mit dir zusammensein möchte?" Er konnte sie nicht überzeugen. 13 Trocken wurde ihre Stimme und zugleich bitter: ,, Es war ein so gräßlicher Tag heute, erst im Büro und dann zu Hause!" Gewiß, ihr Zuhause war schlimm. Zwei Zimmer nur, die mürrischen Eltern und dazu die vierköpfige Familie des Schwagers, die als Bombenflüchtlinge aus dem Westen gekommen waren. ,, Laß uns für morgen etwas ausmachen", schlug Peck vor. Davon wollte sie nichts wissen; aus ihrer Bitte wurde eine Forderung, und als er fest blieb, beendete sie das Gespräch in trotziger Verzweiflung:„ Wenn heute nicht, dann auch nicht morgen." Verstimmt legte Peck den Hörer auf. Seine Hand fühlte nach dem kleinen Paket mit den Zetteln in der Tasche, bevor er ging. Freudlos schritt er aus. Der trübe Nachhall, den Adeles Worte in ihm zurückgelassen hatten, verfinsterte sein Gemüt. So war er zunächst nicht recht bei der Sache, als Kübermann auf ihn einredete. Kübermann, schon grauhaarig und das breite, rote Gesicht voller Falten, war ein Bastler. Mit seiner Bastelei verdiente er, was er für sich und seine Familie brauchte. Er reparierte Fahrräder und Feuerzeuge, Füllfederhalter und elektrische Bügeleisen. Auch baute er mit großer Geschicklichkeit in die kleinen Volksempfänger zusätzliche Röhren ein, so daß man Zürich und London und, wenn der Empfang gut war, auch Stockholm oder gar Moskau damit hören konnte. ,, Paß nur auf, was der für Ohren kriegt", pflegte Kübermann bei dieser Arbeit zu sagen ,,, der hört die Engel im Himmel singen." Auf dem Tisch lagen Spiralen und Schräubchen und die Teile einer Schreibmaschine, die er gerade auseinandergenommen hatte. 14 ,, Erinnerst du dich noch an das Geduldspiel, das du Lotte neulich mitgebracht hast?" fragte Kübermann ,,, diese Schachtel mit einem Glasdeckel drauf und auf dem Boden ist eine Katze abgebildet. Die rote Zunge hängt ihr aus dem offenen Maul, das eine Vertiefung bildet. Ein kleines rundes Ding aus Wachs oder Paraffin, wie ein Mäuschen, rollt in der Schachtel herum. Du drehst und wendest und schüttelst das Ding und brauchst eine lange Zeit, bis du es endlich zustande gebracht hast, daß die Maus im Katzenmaul verschwindet." Seine von vielen roten Äderchen durchbluteten Augen sahen Peck fest an. ,, Das", sagte Kübermann ,,, genau das ist es, was wir treiben." Die Spitze seines Zeigefingers pochte rechthaberisch auf den Tisch und ließ die Schräubchen und Federn darauf herumspringen. ,, Ein Geduldspiel, weiter nichts. Wir richten nichts aus, wir haben nichts davon. Die Zeit vertreiben wir uns damit, jawohl. Wir schlagen sie tot, bis wir totgeschlagen werden. Denn wie im Spiel ist es ja auch bei uns: am Ende wird die Maus von der Katze gefressen." ,, Meinetwegen sag, daß ich müde bin", fuhr Kübermann heftig fort, denn er wollte Peck diesmal nicht zu Wort kommen lassen. ,, Gut, ich bin's. Aber ich sehe Vernunft darin. Wenn's Nacht ist, soll man schlafen, und die Maus soll nicht versuchen, die Katz zu fressen. Binsenwahrheiten sind die besten Wahrheiten, mein Junge. Man muß auch stillliegen können!" ,, Stilliegen, jetzt!" rief Peck nun doch rasch dazwischen, während seine Hand nach den Zettelchen in der Tasche griff. Aber heute war gegen Kübermann nicht aufzukommen. ,, Gerade jetzt!" beharrte Kübermann. ,, Jetzt tun die anderen die grobe Arbeit, die Russen, die Engländer, die Ame15 ... 66 rikaner. Die sind stark genug, die werden den Hitler fertigmachen. Was sollen wir kleinen Leute uns da einmischen?" ,, Aber es geht doch dem Ende zu", rief Peck, der nicht mehr an sich halten konnte ,,, jetzt kommt es darauf an... ,, Nicht so laut", mahnte Kübermann ,,, die Lotte ist krank; eine scheußliche Erkältung. Achtunddreißig neun habe ich vorhin gemessen. Und in der ganzen Stadt ist kein Arzt aufzutreiben." ,, Ja, warum hast du denn nichts gesagt?" fuhr Peck auf. Nun glaubte er Kübermanns Müdigkeit zu verstehen, und er fragte: ,, Bist du sicher, daß es nur eine Erkältung ist?" Kübermann mußte ihn in das Zimmer führen, wo die Frau mit besorgter Miene am Bette der Kleinen saß, die sich unruhig hin und her warf. Aus den halbgeschlossenen Augen flossen die Tränen. ,, Schlucken kann sie auch nicht", flüsterte Kübermanns Frau. ,, Und sie klagt über Schmerzen hinter den Ohren." Erschrocken blickte Peck in das vom Kampf mit der Krankheit erregte Gesicht des Mädchens, auf dem sich schon die Spuren der Erschöpfung und des erlahmenden Lebenswillens zeigten. 99 , Wir haben keine warme Unterwäsche für sie", klagte die Frau ,,, da hat sie sich eben erkältet. Ob ich ihr noch einmal Umschläge machen soll?" Sie gingen dann wieder in Kübermanns Zimmer. ,, Laẞ uns ein andermal weiterreden", schlug Peck vor, dem das Bild des kranken Kindes nicht aus dem Kopfe weichen wollte. ,, Ich habe heute noch etwas zu tun." ,, So, hast du das?" sagte Kübermann. ,, Du kannst eben nicht Ruhe geben, immer und um jeden Preis mußt du etwas tun. Aber ich frag dich, Gerhard, wohin führt denn all diese Betriebsamkeit?" 16 ,, Wir haben Meinhart gewonnen", zählte Peck müde auf. ,, Der bucklige Rogge wird zu uns kommen, das ist doch nur eine Frage von Tagen. Adele arbeitet für uns. Mit Hitzig und seinen Sozialdemokraten stehen wir in Verbindung. Unsere Losungen dringen ein, das spürt man. Vorgestern, am Tor der Oldenhauerschen Seifenfabrik..." - - ,, Ja, ich weiß", unterbrach ihn Kübermann ,,, in Riesenlettern: Wir wollen Frieden! Wie ich dich kenne, hast du das doch wieder selbst gemacht. Der Dreher Meinhart, Rogge, Und Hitzig mit seinem Bäckerdutzend, was ist das schon? dann bist du auch noch stolz darauf, daß du Adele hereingezogen hast! Meine Frau sagt, wenn sie das gewußt hätte, sie hätte euch nicht zusammen am Silvester eingeladen. Zettelkleben und die Mauern vollschmieren und den Leuten was ins Ohr wispern, lohnt denn das, zählt denn das überhaupt?" ,, Ein Lump, wer mehr gibt, als er hat", knurrte Peck, den die Bemerkung über Adele geärgert und an das Gespräch mit ihr erinnert hatte. ,, Mach dir keine Sorgen, zählen tut es. Es zählt, auch wenn die Rechnung sehr ungleich aussehen wird. Auf der einen Seite alles, was wir als Volk auf dem Gewissen haben: der Krieg und seine Zerstörungen, die Erhängten, Verbrannten, Erschlagenen, Erschossenen, Vergifteten, Juden und Tschechen und Franzosen und was du willst, und dann die Russen, wie wir da gehaust haben, hab ich ja selber gesehen! Und auf der anderen Seite unsere Opfer, die Genossen, die sie umgebracht und in die Lager gesperrt haben, unsere Parolen, unsere Handzettel, auch ein bißchen Sabotage- denk mal an die Explosion bei Schwarzkopf, als die Kessel platzten und die Fabrik für acht Tage stillstand. Gewiß, das ist nicht viel. Um so mehr muß man tun, Kübermann, um so mehr, damit die Rechnung am Ende nicht gar zu schlimm aussieht." - Nebenan weinte das Mädchen. Kunigunde - nun, 17 " Wie kannst du uns verantwortlich machen für das, was die Nazis getan haben?" fragte Kübermann. ,, Wir haben doch dagegen gekämpft." ,, Nicht genug", sagte Peck, der nun gehen wollte. ,, Kannst du mir etwas Kleister geben?" ,, Kleister, wozu? Ach so, du hast ja noch etwas vor." Kübermann suchte in dem Durcheinander, das in dem Zimmer herrschte, nach dem Topf mit Leim. ,, Nicht genug gekämpft!" brummte er dabei. ,, War mehr zu machen? Haben wir denn nicht genug Opfer gebracht? Und jetzt, sagst du, geht es dem Ende zu. Jawohl, da hast du recht. Aber ein Ende mit Schrecken wird es werden, sage ich dir, ein Ende mit Schrecken! Bevor die da oben abtreten, wollen sie uns doch noch alle in die Grube bringen. Keiner soll übrigbleiben." Er stellte den Kleister auf den Tisch. ,, Laß dich nicht erwischen, Gerhard!" mahnte er, während Peck sich den Mantel über die Schultern hängte, so daß er den Topf unbemerkt in der Hand tragen konnte. ,, Hoffentlich geht's der Kleinen morgen besser", sagte Peck zum Abschied und fühlte sich, während er's sagte, recht beklommen dabei. Mein Gott, wie hatte sie ausgesehen, die Kleine! Eine Erkältung? Nein, das war doch was Schlimmeres, das war doch wirklich ernst. ,, Man kommt aus den Sorgen nicht heraus", klagte Kübermann. ,, Ich habe spät geheiratet. Lotte ist zehn, der Junge erst acht Jahre alt. Da braucht er noch neun bis zehn Jahre, bevor er auf eigenen Füßen stehen kann. Und manchmal frage ich mich halt, ob ich es so lange noch machen werde. Das mußt du verstehen, Gerhard." Die Zettel in der Tasche, den Leimtopf unter dem Mantel in der Hand, stolperte Peck die Treppe hinunter. 18 Darin hat Kübermann gewiß recht, dachte er, ein Ende mit Schrecken wird es werden. ,, Mit dem Tode wird bestraft, wer..." Diese neuen Verordnungen, die er auf seiner Linotype gesetzt hatte: Juristische Monatshefte- 17. Februar 1945... G. P. Spalte 6, Spalte 7, Spalte 8, sie bedeuteten das letzte, wütende Umsichschlagen des braunen Tiers. Und der Schrecken tat ja schon seine Wirkung, wie Kübermanns Beispiel zeigte. Jahre hindurch hatte man sich auf ihn verlassen können, und nun, da es am wenigsten zu erwarten war, zog er sich zurück. Freilich, Kübermann hatte seine Sorgen, entschuldigte Peck den Alten bei sich, und vor seinen Augen stieg das Bild des kranken Mädchens mit einer beunruhigenden Eindringlichkeit auf, der heiße, glühende Kopf und der verschleierte, unsichere Blick ihrer Augen. Habe ich das nicht schon einmal gesehen, fragte sich Peck, woran erinnert es mich nur? Peck blickte sich vorsichtig um, bevor er seine Zettel herausholte, um sie an die dunklen Mauern zu kleben: Die Todesdrohung und die Lebensbotschaft. Da eine und dort eine und noch eine dritte. Immer wieder sah er sich um. Während er da oben bei Kübermann gesessen hatte, war frischer Schnee gefallen. Er würde nicht hören können, wenn jemand ihm folgen sollte. Stand dort nicht einer beobachtend unter den Bäumen? ,, Mit dem Tode wird bestraft, wer..." Das geht auch auf mich, dachte Peck, und er dachte: schlimm wäre es, gerade jetzt gefaßt zu werden, da es aufs Ende zugeht, da durch den Zusammenbruch und das große Elend, das mit ihm verknüpft sein wird, sich die Hoffnung auf eine freie Zukunft zeigt. Hat mich dieser Kübermann nun doch mit seinem Gerede angesteckt, schimpfte Peck vor sich hin. Die kleinen Zettel leuchteten von den Mauern. Es braucht nur einer der Spur nachzugehen, überlegte Peck, dann erwischt er mich. Er hörte auf zu kleben und wanderte in weitem Umweg ans an2* 19 dere Ende der Stadt. Still waren die Straßen, der Schein der wenigen Lampen glitzerte auf dem Schnee. Pecks Finger, die den Henkel des Kleistertopfes umspannten, wurden steif vor Kälte. Hat es wirklich einen Sinn, was ich da treibe, fragte er sich, als er wieder begann, an Mauern und Wände seine Zettel zu kleben: 99 , Mit dem Tode wird bestraft..." ,, Mit dem Leben wird belohnt.. 66 Der Tod schreckte noch immer. Wen aber lockte wohl das Leben? War es nicht dumpf und leer und freudlos geworden für die, zu denen seine Zettel sprechen sollten? Alle Farbe war doch aus ihm gewichen, alle Lust. Weder Hoffnungen, noch Erwartungen waren mit ihm verknüpft. Alles war eins, der gestrige Tag, das Heute und das Morgen, eine graue zähe Masse. So war es doch für die meisten, die sich treiben ließen im Strom des Verderbens und nur einen Willen hatten, nämlich den, die Augen zu verschließen vor den Dingen, die ringsum vor sich gingen, und auch vor den Dingen, die ihnen selbst geschahen. Würden Pecks Zettelchen das Wunder vollbringen und ihnen die Augen öffnen? Und wenn sich noch einer finden sollte, dem das Leben lebenswert ist, wie wird er es riskieren wollen? Mit frostroten Fingern tastete Peck über die weißen Ziegel der Fabrikmauern, über den glatten, behauenen Stein herrschaftlicher Häuser, über den rauhen Putz auf dem Zement der Mietskasernen. Wie an der Setzmaschine, verrichtete er auch diese Arbeit des Zettelklebens rasch und mit umsichtiger Gründlichkeit. Er wählte die Plätze für seine Botschaften so, daß sie gut zu sehen waren und doch nicht zu leicht entfernt werden konnten. Hatte er einen Straßenzug beendet, wandte er sich zufrieden und nicht ohne Eitelkeit um, bevor er weiterschritt 20 und, nachdem er ein paar Straßen durchquert hatte, an an- derer Stelle seine Arbeit wieder aufnahm, bis er zu Ende war mit seinen Zetteln. Vergnügt und trotz der Kälte vor sich hinpfeifend machte er sich auf den Heimweg. In dieser Stimmung bedauerte er Kübermann, der so verängstigt gewesen war, erschrocken und voller Sorge um die kranke Tochter. Da auf einmal, da er wieder an sie dachte, fiel ihm ein, woran ihn die kleine Lotte erinnert hatte, mit ihren ver- schwitzten rastlosen Händen und diesem Ausdruck tiefer Not in ihrem Kindergesicht. So hatte er selber als Junge gelegen, nach Atem röchelnd, tiefstes Erschrecken im Herzen. Eine Erkältung? Wie achtlos war doch dieser Kübermann, wie achtlos gegenüber einem Geschöpf, das man doch hüten mußte wie seinen Augapfel! Peck entschloß sich, noch in dieser Stunde einen Arzt zu rufen. Er war erst seit kurzer Zeit in der Stadt und war froh, als er vor sich mit langsamen, fast schwankenden Schritten einen Mann gehen sah, den er wohl nach einem Arzt fragen konnte. Beim Näherkommen entdeckte er, daß es Vogelsang war „Einen Arzt brauchen Sie?‘ wiederholte der Korrektor auf Pecks Frage und setzte hinzu:„Sind Sie krank? Fühlen Sie sich schlecht? Geht es doch nicht gut mit Ihrem Magen?“ „Nein, es handelt sich um einen Freund, die Tochter ist krank“, erklärte Peck rasch „Sie sind also gesund“, sagte Vogelsang enttäuscht. Sein dampfender Atem roch nach Bier und Schnaps.„Da gehören Sie an die Front, Peck. Hier hinten ist kein Platz für Sie. Haben Sie den Rundfunk heute abend gehört? Großartige Abwehrerfolge. Jeden Fußbreit Bodens verteidigen wir mit unserem Blut.“ Vogelsang erhob sein blasses zerknittertes Gesicht und faßte mit seinen dürren Händen Pecks Mantel. ,, Haben Sie Ihre drei Spalten schon ausgesetzt", fragte er. Peck sagte: ,, Ja, Herr Vogelsang. Aber jetzt brauche ich einen Arzt." ,, Um Überstunden zu machen, sind Sie kräftig genug", krähte der Korrektor. ,, Da können Sie auch noch ein Gewehr auf den Buckel nehmen. Für das letzte Aufgebot ist keiner zu schade." ,, Gehen Sie nach Haus, Herr Vogelsang", sagte Peck und wollte den Alten von sich abschütteln. ,, Die Fahnen habe ich auf Ihren Tisch gelegt." ,, Ja, die Fahnen! Da haben Sie recht getan!" rief der Alte hitzig mit überschnappender Stimme. ,, Die Fahnen heraus, jawohl! Dieser Untergang! So etwas Gigantisches, Peck! Alle müssen daran glauben, alle ohne Ausnahme. Keiner darf überbleiben!" 29 , Oh, lassen Sie mich in Ruhe!" schrie Peck. Was ich brauche, ist ein Arzt." ,, Aber das ist doch sinnlos, Peck", widersprach der Alte, dessen Stimme plötzlich einen pedantisch ruhigen Ton annahm. ,, Wozu einen Arzt? Jetzt müssen wir alle sterben. Das ist der Wille des Führers. Und das werden wir auch erreichen. Bei unserer Organisation kann man daran nicht zweifeln. Denn die klappt doch noch, unsere Organisation! Die Staatsmaschine läuft weiter. Das ist doch das Wunderbare an diesem Zusammenbruch, das Großartige! Keiner wird übersehen, keiner wird ausgelassen. Und wer nicht will, der muß, das wäre ja noch schöner! Ich habe es aus ganz bestimmter Quelle: Man wird Gift ausgeben an die Zivilbevölkerung. Jeder soll sich umbringen. Die Hauswarte übernehmen die Verteilung und Überwachung in den Häusern. Und bei den Hauswarten überwachen es die Blockwarte und bei den Block22 warten die Straßenleiter und bei denen die Ortsführer und so ist es durchorganisiert über die Kreise und Gaue hinauf... Das hat es in der Weltgeschichte noch nicht gegeben. Ein ganzes Volk, einig mit seinem Führer, alles tot, alles tot. Da werden die Feinde schon sehen, was sie von ihrem Siege haben, ein Leichenfeld, ein einziges Endlich hatte sich Peck losmachen können und lief davon. as kichernde Lachen des Alten hallte ihm nach durch die leere Straße. Da Peck sich keinen andern Rat wußte, rannte er zur Po- lizeiwache auf dem Rathaus, wo er durch sein Drängen den schläfrigen Beamten dazu bewegte, bei ein paar Ärzten an- zurufen, bis er schließlich einen fand, der zu Haus war und sich bereit erklärte, zu Kübermann zu kommen. Peck dankte dem Beamten und eilte vor Kübermanns Haus, um dort den Arzt zu erwarten und über die Treppe des Hinterhauses vor die Wohnung zu führen. Als Peck läutete, ließ sich drinnen ein wirres Hin- und Herlaufen vernehmen, Türen wurden zugeschlagen, die Frau jammerte, aber niemand öffnete. So war es auch nach dem zweiten Läuten. Der Arzt sah Peck mit einem mißtrauischen Blick an. Erst beim drittenmal machte Kübermann auf. Er war in Hemd und Hose, sein Gesicht war kalkweiß. Verstört, entgeistert starrte er Peck an, ohne ein Wort hervorzu- bringen. ‚Ich bring den Arzt‘, erklärte Peck.„Er will nach deiner Lotte sehen.“ An dem reglosen Kübermann vorbei stürzte er dem Arzt voran in das Zimmer des kranken Kindes. Und wenn es nicht stimmt, wenn ich mich getäuscht habe, fragte er sich dann betroffen, während der Arzt sich über das Bett beugte. Aber er hatte sich nicht getäuscht, es war Diphtherie, der Arzt hatte keinen Zweifel. „Mitten aus dem Schlaf haben Sie mich gerissen. Todmüde 23 war ich", sagte er und machte die Spritze fertig. ,, Nun gut, morgen früh wäre es schon reichlich spät gewesen." Lotte schrie, als das Serum aus der Nadel in ihren Körper eindrang. Kübermanns Frau und Peck mußten sie festhalten. Nachdem der Arzt gegangen war, sagte Kübermann: ,, Ich danke dir auch, Gerhard." , Was war denn nur los mit dir vorhin?" fragte Peck. Kübermann wischte sich mit dem Taschentuch über das breite Gesicht. - ,, Wie es läutete, dachte ich, das ist die Polizei!" bekannte Kübermann. ,, Ich bin so nervös und dazu die Unruhe mit der Kleinen. Also ich dachte, sie hätten dich geschnappt. Und nun kämen sie nach mir. Du bist doch von hier weggegangen. Und ich hatte dir meinen Kleistertopf mitgegeben. Jetzt kannst du ihn gleich hierlassen." - ,, Ich werde dir einen neuen kaufen müssen", log Peck rasch und lachte, um seinen Schrecken zu verbergen. Er hatte den Topf auf der Polizeiwachtstube stehenlassen. ,, Die Finger wurden mir zu kalt, da hab ich ihn unterwegs weggeschmissen." ,, Der hatte schon ausgedient, der Topf", meinte Kübermann. ,, Aber daß du den Arzt geholt hast; ich werde dir das nie vergessen." ,, Laẞ nur", sagte Peck. Dann verabschiedete er sich hastig. Wie hab ich das nur machen können, dachte er, als er auf der Straße stand und nicht wußte, was er tun sollte. Der Topf mit Kleister war auf der Polizeiwache geblieben. Dort würde die Meldung über die Klebezettel einlaufen, vielleicht noch in der Nacht, spätestens morgen. Und der Beamte auf der Wache hatte Kübermanns Adresse! Die hatte Peck ihm für den Arzt aufgeschrieben. 24 Peck erkannte, daß er keine Wahl hatte. Es half ihm nichts, er mußte zurückgehen, er mußte den Topf holen, so konnte er vielleicht wenigstens Kübermann noch retten. Wenn es mir damals gelungen wäre, zu den Russen überzulaufen, dachte Peck, aber eben damals hatte er den Bauchschuß bekommen. Er fühlte mit einemmal wieder Schmerzen im Magen, ein Krampf zog ihm die Därme zusammen. ,, Mit dem Tode wird bestraft...", ging es ihm durch den Kopf, als er von der dunklen Straße über die Schwelle der Wachtstube trat. Im klaren Licht dort stand der Topf mit Kleister auf der Barriere, durch die der Raum für das Publikum abgetrennt war, ein alter blauer Topf mit verbogenem Henkel. Er stand noch auf dem gleichen Platz, auf den Peck ihn gestellt hatte. Der Beamte saß müde auf seinem Stuhl. Er legte die Zeitung nieder, in der er geblättert hatte, und sah auf. 99 Was wollen Sie denn schon wieder?" ,, Nur den Topf da", sagte Peck, der sich zu einem Lächeln zwang, während er näher trat. ,, Ja, den haben Sie stehenlassen", sagte der Beamte. ,, Na, hier ist ja alles gut aufgehoben. Ist der Arzt gekommen?" ,, Ja, schönen Dank auch", antwortete Peck mühsam und streckte die Hand nach dem Topf aus. 99 Was ist denn drin?" fragte der Beamte. Bevor Peck sich auf eine Antwort besonnen hatte, fuhr er fort. ,, Sehen Sie, ich habe nicht einmal reingeschaut. Eigentlich leichtsinnig, was? Hätte ja auch eine Höllenmaschine sein können." ,, Man muß nicht gleich das Schlimmste denken", sagte Peck schon auf dem Wege zur Tür. ,, Heutzutage muß unsereiner auf der Hut sein", sagte der Beamte. ,, Das ist richtig, jeder muß auf der Hut sein", verabschiedete sich Peck. ,, Gute Nacht und nochmals schönsten Dank." Vor Erschöpfung konnte er sich kaum auf den Beinen 25 halten. Er streifte eine Handvoll Schnee von einem Fenstersims und rieb sich damit die Stirn ab. Das machte ihn wieder etwas frischer. Zu Hause angelangt, ging er auf den Zehenspitzen durch den Flur und das Eẞzimmer in den kleinen Raum, den er bewohnte. Als er Licht machte, sah er auf dem Tisch einen Zettel. ,, Für Sie noch um elf Uhr abgegeben", stand darauf. ,, Noch um elf Uhr" war mit ärgerlicher Hand zweimal unterstrichen. Unter dem Zettel fand er ein Paket mit Zwieback, der so schwer zu bekommen war, und einen Brief von Adele. Peck knabberte an dem Zwieback, während er sich auszog. Dann legte er sich nieder, streckte sich in den Kissen und öffnete Adeles Brief. 26 DAS MOTORRAD Der Arzt hatte mir gesagt, ich solle mich um Helmut küm mern, der beim Sturm auf die Kirche von Quinto schwer verwundet worden war. Jeden Nachmittag rollten wir sein Bett auf die Terrasse, und ich setzte mich dann neben ihn in die Sonne. Von unserm Platz konnten wir einen Teil des Strandes übersehen mit den sauberen, weißen Villen, den früheren Sommerresidenzen andalusischer Grundbesitzer oder Barcelonenser Kaufleute. Jetzt war der kleine Badeort in ein Hospital der Internationalen Brigaden verwandelt worden. Die Verwundeten sonnten sich in ihrem Drillichzeug auf der Mole, einige schwammen im ruhig blauen Wasser des Meeres. Es war jeden Nachmittag das gleiche Bild. Sank die Sonne hinter die Berge in unserem Rücken, dann wurde das Meer unruhig. Die Schwimmer stiegen aus dem Wasser und Helmut neben mir zog die graue Wolldecke bis zum Kinn herauf. Ihn fror. 99 Warum ich weg mußte aus Deutschland?" wiederholte er meine Frage. ,, Ach, das ist so eine Geschichte." Von der Seite her blickte ich ihn an. Sein schmales Gesicht leuchtete in diesem Augenblick, blank und weiß. 27 ,, Müde?" fragte ich ihn. Er wandte mir den Kopf zu, und ich war von neuem überrascht von dem Ausdruck seiner ruhigen, braunen Augen. Eine besondere Festigkeit sprach aus ihnen, eine Festigkeit nicht nur des Willens, sondern des ganzen Wesens. Daß er lächelte, konnte ich nur aus den Falten erraten, die um die Augenwinkel aufsprangen, denn er hatte nun die Decke bis über den Mund gezogen. Und unter dieser Decke hervor klang seine Stimme wie von weit her. - ,, Müde? Nein! Es geht mir überhaupt besser. Seit drei Tagen schon kein Fieber. Ist das nicht großartig? Und die Ärzte wollen die Amputation aufschieben. Vielleicht läßt sich das Bein noch retten, sagen sie!" ,, So", meinte ich nur, und ich schämte mich des Zweifels in meiner Stimme. ,, Wenn's gut geht", scherzte Helmut ,,, kann ich am Ende wieder Fußball spielen." ,, Machst du dir so viel daraus?" - - ,, Früher", sagte Helmut ,,, war ich ein richtiger Fußballfanatiker. Und jetzt das mußt du verstehen kann ich mir manchmal nichts Besseres denken, als wieder zu spielen. Du mußt dir nicht vorstellen, daß ich irgendwas Besonderes war. In den großen Vereinen habe ich ja nie gespielt. So weit hab ich es nicht gebracht. Aber in unserer Fabrikmannschaft in Stuttgart, da galt ich was als Linksaußen. Und deshalb mußte ich ja dann auch weg aus Deutschland." ,, Deshalb?" ,, Nicht gerade deshalb. Aber wenn ich so bedenke, wie eins zum andern kam, dann fing es damit eigentlich an. Damit, daß ich beim Ausscheidungsspiel um die Kreismeisterschaft drei Tore schoß. Die Leute von unserm Klub alles so rechte Vereinsmeier, muẞt du wissen kannten sich vor Freude überhaupt nicht mehr aus. Am Abend gab's ein Fest. 28 - - - Bornekamp. Ich mußte neben unserem Präsidenten sitzen Er war Vormann in der Formerei. Wir nannten ihn nur den , Kropf', denn er hatte ein Ding wie einen Mehlsack unter dem Kinn hängen. Dazu war er das versoffenste Stück Mensch, das du dir denken kannst. Jeden Morgen kippte er seine acht bis zehn Flaschen Bier hinter die Binde. Der Lehrjunge mußte die Flaschen im Formsand verstecken, damit die Ingenieure sie nicht entdeckten. - Also an diesem Abend brauchte er nichts zu verstecken, und es blieb nicht bei zehn Flaschen. Er trank nicht, er soff. war ich mit ihm Am Schluß wie es kam, weiß ich nicht allein. Die anderen waren eben klüger als ich und hatten sich beizeiten verdrückt. Mir blieb nichts übrig, als den , Kropf' nach Hause zu schaffen. Es war nicht schön, muß ich dir sagen. Er war ein Riesenkerl und einen Bauch hatte er wie eine Tonne. Das Schlimmste war die Treppe. Ganz außer Atem kam ich endlich mit ihm im dritten Stockwerk an. Noch bevor ich auf die Klingel drücken und mich aus dem Staube machen konnte, ging die Tür auf. Vor mir stand ein Aber schön war sie. Mädchen, ein halbes Kind noch. - Ich vergaß meine Wut auf die Vereinskollegen, die mich im Stich gelassen, ich vergaß meine Wut auf den Alten, den ich eine halbe Stunde durch die Straßen geschleppt hatte. Ich wußte nur, daß dieses Mädchen vor mir stand. Ich sah nur sie. Und während ich sie ansah, hatte ich das Gefühl, daß sich die Welt in diesem Augenblick veränderte. Ich liebte sie. Na ja, das ist so ein Wort. Man sagt es und sagt doch nichts damit. Denn wenn ich dir beschreiben sollte, wie mir zumute war, als ich sie anblickte, den besoffenen Alten neben mir, den ich mit einer Hand festhalten mußte, damit er nicht umfiel-" - Helmut schwieg und Falten traten auf seine Stirn. Er dachte wohl nach, und er sah mich fordernd an, als könnte 29 ich gerade ich - - - Worte finden für das, was er erlebt hatte. Ich aber merkte am Glanz seiner Augen, daß das Fieber wieder gestiegen war und schlug vor: ,, Du kannst mir ja den Rest morgen erzählen." ,, Nein, nein!" lehnte er ab, und seine Stimme verriet, wie dringlich es ihm schien, diese Geschichte zu beenden. ,, Sie war Bornekamps Tochter. Sie lebte allein mit ihm. Ich half ihr, den Alten ins Bett bringen. Das war keine leichte Arbeit und peinlich dazu. Schließlich war sie ein Mädchen. Dann setzten wir uns in die Küche und tranken heißen Kaffee. Auf dem Tisch lag ein Wachstuch mit blauen und roten Quadraten. Ich blies in meinen Kaffee und betrachtete sie. Sie hatte sich wohl schon zum Schlafen fertiggemacht, während sie auf den Alten gewartet hatte. Ihr blondes Haar war offen und fiel über die Schultern hinab. Sie trug einen Wintermantel und darunter nur das Nachthemd. Ihre Füße waren bloẞ. Ich sagte ihr, daß sie sich erkälten müsse, denn die Küche war mit Fliesen gedeckt, und sie hatte das Fenster offengelassen. Sie zuckte mit den Achseln. Sonst sprachen wir nicht viel. Wir sahen uns nur beide an. Später ist mir eingefallen, daß ich an diesem Abend die Farbe ihrer Augen nicht erkannte. Das kam erst lange nachher. Heute, wenn ich an sie zurückdenke, weiß ich, daß ihre Augen grau waren, hell wie Perlen. Als ich meine Hand auf die ihre legte, hielt sie still. Dann blieb ich bis zum Morgen. Bevor der Alte aufwachte, stahl ich mich davon." Im dunklen Himmel über dem Meer blinkten die ersten Sterne auf. Helmuts Stimme bekam plötzlich einen Ton besonderer Gewißheit. ,, Jetzt erinnere ich mich an etwas", fuhr er fort ,,, das macht dir vielleicht alles klar. Du mußt bedenken, daß ich doch damals ganz andere Sachen im Kopf hatte. Was ich im Kopf hatte, war ein Motorrad. Ich verdiente ja nicht schlecht 30 als Former. An meinem Weg zur Fabrik war ein Laden, da stand so eine Maschine im Schaufenster. Zwei Zylinder, 750 Kubikzentimeter, vier Gänge, der Tank war blau und weiß gestrichen und die Nickelteile funkelten. Jeden Mor- gen blieb ich davor stehen. Das Ding strahlte mich an wie ein Weihnachtsbaum. Wenn ich davorstand, war mir, als hörte ich Musik. Mit so einer Maschine konnte man jeden Berg nehmen, bestimmt machte sie ihre neunzig bis hundert Kilometer. Obwohl ich also an diesem Morgen nicht von mei- ner Wohnung kam und einen kürzeren Weg zur Fabrik gehabt hätte, konnte ich mir doch nicht helfen, ich mußte an dem La- den vorbei. Wie alle Morgen starrte ich durch die Scheibe auf das blanke, funkelnde Rad; da war mit einemmal nichts mehr zu spüren von Weihnachtslichtern und Musik und all dem. Ich hörte nicht mehr den Wind in meinen Ohren zischen, wie es ist, wenn du auf so einem Ding dahinsaust. Ich sah gar nicht einmal mehr das Rad. das doch lockend auf seinem Platz stand. Ich sah in der Spiegelscheibe davor ihr Gesicht, so wie ich es in der Nacht gesehen hatte, als wir uns in der Küche gegenübergesessen waren, den Tisch mit dem roten und blauen Wachstuch zwischen uns. Noch einmal rechnete ich aus— auch das war Gewohn- heit geworden— wieviel Geld ich gespart hatte, um das Motorrad zu kaufen. So ungefähr dreiviertel der Summe wa- ren schon beisammen. In ein paar Wochen konnte ich den Rest geschafft haben. Aber während ich mir das überlegte, wußte ich doch bereits, daß aus der Sache nichts werden würde. Und so kam es auch. Käthe war schwanger— von jener ersten Nacht. Für viele ist es ein Unglück, wenn es so rasch klappt. Für uns war es das nicht. Wir liebten uns ja— und dann hatte ich das Geld für das Motorrad. Ich mietete also eine kleine Wohnung, schaffte Möbel an— auch gleich die 31 Krippe und den Wagen für das Kind, so daß es in einem hinging. Wir heirateten. Der alte Bornekamp besoff sich wie ein Stint. Käthe und ich brachten ihn zu Bett, wie wir das in der ersten Nacht getan hatten, und dann gingen wir in unsere Wohnung. Mit dem Rest des Geldes, das ich mir für das Motorrad gespart hatte, bezahlten wir den Arzt und die Hebamme. Das Kind war ein Mädchen, wir nannten es Klara. Übrigens ging alles gut. Ich meine nicht nur die Entbindung. Es ging auch alles gut mit uns.' 66 Helmut machte eine Pause. Es war dunkel geworden. Wir hörten, wie die Wellen den kurzen Strand hinaufrollten und klatschend gegen die Mole schlugen. 99 - , Wie"- fragte Helmut zögernd ,, soll ich dir nur Käthe beschreiben; unser Leben zusammen, unser gemeinsames Leben?" Der ungewohnt zaghafte Klang seiner Stimme verriet, wie sehr ihn die Erinnerung an die Köstlichkeit jener vergangenen Tage ergriffen hatte. Und mehr aus diesem Ton, mehr aus dem Stammeln, in das er plötzlich verfiel, als aus seinen Worten, stieg mir eine Ahnung vom Wesen seiner Frau auf. ,, Es stand gut zwischen uns, bis es eben anders wurde." Helmut setzte seinen Bericht sehr sachlich fort. ,, Wahrscheinlich hast du von den schweren Verlusten gehört, die wir in Stuttgart im Jahre 35 erlitten. Zweimal hintereinander wurden die Leitungen unserer unterirdischen Bewegung verhaftet. Damals tat ich nicht viel. Dann und wann schmuggelte ich ein paar Flugblätter in die Fabrik. Alle paar Wochen nahm ich mal an einer Besprechung teil. Und ich redete mit den Leuten im Betrieb, denen ich trauen konnte. Ein paar Wochen nach dem Zusammenbruch unserer Organisation lauerte mir einer auf dem Wege von der Fabrik nach Hause auf. Ich kannte ihn noch aus der Jugendbewegung. Es war komisch: er zog mich in eine Kirche; da setzten 32 - wir uns nebeneinander in eine Bank. Und er sprach, die Hände gefaltet, den Blick geradeaus gerichtet auf den Altar. Du weißt ja wohl auch, wie es mit solchen Dingen ist. Wenn einer dir plötzlich die Wahrheit sagt, diese verdammte Wahrheit, die du selber alle Zeit in dir gespürt hast, du hast sie nur nicht sehen wollen, dann gibt's eben kein Davonlaufen. Dann steht so eine Aufgabe plötzlich vor dir, wie ein bodenloser Abgrund oder wie ein Gipfel, der bis in den Himmel reicht. Was es auch ist, Hineinstürzen oder Hinaufsteigen es zieht dich an. Du gehst gerade drauflos. Ich sagte ja, ich würde mittun. Ich war auch stolz, daß man zu mir kam, nicht wahr? Dabei war es keineswegs so, daß ich etwa nicht wußte, auf was ich mich da einließ. Ich dachte an Freunde und Bekannte, die vor die Hunde gegangen waren in Konzentrationslagern, Gefängnissen, Zuchthäusern. Ich wußte auch ein paar, denen sie den Kopf abgehackt hatten. Trotzdem sagte ich ja. Ich spürte einen richtigen Drang mitzumachen, die Bewegung wieder auf die Beine zu stellen. Als ich heimkam, an diesem Abend, waren die Bratkartoffeln angebrannt und Käthe hörte sich, was ich in meiner Verlegenheit rasch zusammenfaselte, mit zuckendem Munde an. Ihre Augen wurden stumpf und sahen nicht mehr aus wie Perlen, sondern hatten das schwere, trübe Grau des Novemberhimmels. Mir gab es einen Stich. Es war das erstemal, daß ich sie anlog, und sie ertappte mich sofort dabei. Doch was konnte ich tun? Die Wahrheit konnte ich ihr nicht sagen. Unsere Arbeit ging langsam vor sich und war umständlich und natürlich gefährlich. Mühselig mußten die abgerissenen Fäden wieder angeknüpft werden. Du mußtest den verschüchterten und miẞtrauischen Mitgliedern der Organisation wieder Vertrauen einflößen. Das war keine leichte Sache in dieser Zeit. Da gab es heimliche Wege, verschwiegene Zu3 Kunigunde 33 sammenkünfte, geflüsterte Worte. Die Mißtrauischen zu überzeugen war manchmal leichter, als die Mutlosen wieder aufzurichten. Oft gabst du einfach alles in einem solchen Gespräche her und kamst müde und leer und selber mutlos heim. Am schlimmsten war es mit denen, die dir sagten:, Du kennst mich doch. Du weißt, du kannst dich auf mich verlassen. Wenn's wirklich losgeht, bin ich bestimmt dabei.' Von all dem konnte ich Käthe natürlich nichts sagen. Ich muẞte immer neue Lügen erfinden, wenn ich spät heimkam, oder gleich nach dem Essen wieder davonlief. Nun, das ging noch. Aber wie sollte ich ihr meine Stimmungen und Launen erklären, die Erregung, nachdem ich gerade einer Falle, die mir die Polizei gestellt hatte, entwischt war, meine Niedergeschlagenheit, wenn es nicht vorwärtsgehen wollte, meine Freude über irgendeinen kleinen Erfolg. Käthe spürte, daß in meinem Leben etwas anderes war, etwas, das stärker war als sie. Sie litt darunter. Einmal führten wir in unserem Betrieb als Protest gegen irgendeine Maßnahme der Leitung zehn Minuten Arbeitsruhe durch. Damals war das eine große Sache. Ich war so froh, ich pfiff und sang den ganzen Abend. Käthe wunderte sich wohl über diesen plötzlichen Anfall von guter Laune. Er machte sie eifersüchtiger als all mein Schweigen und meine Verschlossenheit. Kurz darauf geschah es, daß die Polizei, während ich abends bei Freunden zu einer Besprechung war, das Stadtviertel abriegelte. Ich konnte nicht nach Hause. Meine Freunde verbargen mich auf dem Dach. Ich hatte Glück, ich wurde nicht geschnappt. Käthe sagte kein Wort, als ich am nächsten Tag nach der Arbeit in unsere Wohnung kam. Aber nie werde ich den Blick vergessen, mit dem sie mich ansah. Sie stand in der Küche vor dem Ofen und hatte die Kleine auf dem Arm. 34 Auch ich konnte kein Wort herausbringen. Ich ging in unser Zimmer und warf mich aufs Bett. Ich schloß die Augen. Ich verstand die Not, die Verzweiflung und die Anklage in ihrem Blick, und es zog mir das Herz zusammen. Ich liebte sie doch; daß ich ihr wehtun mußte, schmerzte mich. Ich konnte nicht mehr ertragen, wie Geheimnis und Mißtrauen uns trennten. An diesem Abend war ich bereit, ihr alles zu sagen. Doch als sie sich dann zu mir ins Bett legte, war mit einemmal der Schreck der vergangenen Nacht wieder wach in mir, die Angst des Gejagtseins, die Angst vor Gefängnis, Marter und Tod, die Angst, das Leben zu verlieren. Des Lebens Schönstes war sie, die da neben mir lag mit grauen Augen und halb geöffnetem Mund. Ich klammerte mich an sie, ich umarmte sie. Vergeblich wehrte sie sich gegen meine verzweifelte, lebensgierige Leidenschaft. Ich glaube, es war in dieser Nacht, daß ihre Liebe in Haß umschlug. Auch das sind ja nur Worte. Im Grunde liebte sie mich weiter, wie ich sie liebte. Was es so schlimm machte, war etwas anderes. Daß ich bereit gewesen war, ihr alles zu sagen, stimmte mich mir selber gegenüber mißtrauisch. Ich mußte mich also vor Käthe hüten. Ich wurde noch verschlossener, noch kälter, noch fremder zu ihr, legte noch ein paar Meilen Unendlichkeit zwischen sie und mich. Das war wohl die schwerste Zeit. Dieser Zwang machte mich innerlich unsicher. Mein Schlaf wurde unruhig, Träume quälten mich. Ein paarmal weckte Käthe mich auf, weil mein Stöhnen und Schreien sie nicht zur Ruhe kommen ließen. So war es mir ganz lieb, als sie schließlich eine Matratze aus der Wohnung ihres Vaters holte und von nun an in der Küche schlief. Sie schien sich damit abgefunden zu haben, daß unser beider Leben auseinanderlief, wie ein Fluß in seinem Lauf sich teilt, wenn er auf ein Hindernis stößt. Aber es war nicht so. 3* In dieser Zeit hatte ich eines Tages auf einem meiner 35 Wege das Gefühl, daß ich verfolgt werde. Ich kehrte um, ging ein Stück zurück, konnte jedoch nichts Verdächtiges entdecken. Endlich nahm ich meinen Weg wieder auf, doch von neuem meldete sich das Empfinden des Verfolgtseins. Unzufrieden mit mir selbst kehrte ich um und ging nach Haus. Die Wohnung war verschlossen, die kleine Klara saẞ allein im Bettchen und weinte. Käthe kam erst später nach Haus. Sie sagte nicht, wo sie gewesen war. - Vielleicht eine Woche darauf sollte ich einen Kurier treffen, der mit Anweisungen und illegalem Material aus der Schweiz geschickt worden war. Der Treffpunkt war ein großes Kaffeehaus in der Nähe des Bahnhofs. Ich war überrascht, als der Kurier kam, es war eine Frau. Während wir miteinander sprachen, glaubte ich im Strom der Menschen, die vor den breiten Fenstern des Kaffeehauses vorbeizogen, Käthe zu sehen. Doch sagte ich mir gleich, daß das eine Täuschung gewesen sein mußte. Meine Gedanken beschäftigten sich eben zu sehr mit ihr. War es ihr jetzt gelungen, mich eifersüchtig zu machen? Mit Mühe zwang ich mich, der Genossin wieder zuzuhören. Nachdem sie mir ihre Aufträge ausgerichtet hatte, gab sie mir den Gepäckschein für den Koffer mit Druckschriften, den sie auf dem Bahnhof abgestellt hatte. Da flog die Tür des Kaffeehauses auf und Käthe stürzte herein. Ihr Blick war auf mich gerichtet, ihre grauen Augen waren kalt und starr und hart. Was sie schrie, verstand ich nicht, ich nahm nur wahr, wie alle Leute auffuhren und mich und die Genossin an meinem Tisch ansahen. Mit ein paar Schritten war Käthe bei uns. Sie schrie weiter und schlug mit ihren kleinen geballten Händen auf die Genossin ein. Die Leute drängten sich um unseren Tisch. Ein Kellner lief mit flatternder, weißer Schürze auf die Straße und holte einen Polizisten. Ich packte Käthe und während ich mit ihr rang, sah ich, wie die Genossin sich rasch durch die Menge schob. Der 36 Polizist hatte seine Aufmerksamkeit auf unsere Gruppe gerichtet, er beachtete die Genossin nicht. Sie erreichte den Ausgang und verschwand. Da ließ ich Käthe gehen. Sie hatte blaue Flecke auf den Armen, dort, wo ich sie mit meinen Händen festgehalten hatte. Ihre Augen standen voller Tränen. So sah ich sie das letztemal. Ich lief davon. Den Gepäckschein hatte ich in den Mund geschoben, damit ich ihn gleich verschlucken konnte, falls der Schutzmann mich erwischen sollte. Doch so weit kam es nicht. Noch zwei Tage blieb ich in der Stadt, dann entschieden die Genossen, daß ich fort sollte. Käthe würde keine Ruhe geben. Sie würde nicht nur mich, sondern unsere Arbeit in Gefahr bringen. Ich habe Käthe nie wiedergesehen. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört, obwohl ich ihr einmal aus Paris, wo ich mich kurze Zeit aufhielt, geschrieben habe. Auch was aus der Kleinen geworden ist, weiß ich nicht." - Ich stand auf und rief nach der Schwester, die mir half, Helmuts Bett ins Zimmer zurückzuschieben. Das Licht dort blendete ihn, er zwinkerte mit den Lidern, und er hielt meine Hand fest, als ich mich von ihm verabschiedete, und sagte noch: ,, Ich fuhr in die Schweiz. Die Genossen liehen mir ein Motorrad, zwei Zylinder, vier Gänge, die gleiche Maschine, wie ich sie mir einmal hatte kaufen wollen. Sie war noch fast neu oder wenigstens sehr gut erhalten. Die Nickelteile glänzten, und der Tank war blau und weiß gestrichen. Ich brachte es bis auf hundertzehn Kilometer mit ihr, als ich zur Schweizer Grenze hinauffuhr." 37 DER TÜRMER Seit drei Jahren trug das Land ein Wahrzeichen. Zwölf Türme erhoben sich über die Ebene. Sie sahen aus wie Wassertürme: ein Eisengestell mit einer Leiter in der Mitte, oben ein runder Aufbau, von einem Geländer umrahmt. Die Türme waren keineswegs sehr hoch, auch schienen sie nicht allzufest gebaut. Aber wer sie nun schon drei Jahre im Lande hatte stehen sehen, begann zu glauben, sie seien für alle Ewigkeit dort hingesetzt. Dabei sollten sie nur eine begrenzte Zeit stehen, so lange eben, bis das Werk der Vernichtung, das sich unter ihrer Aufsicht vollzog, abgeschlossen sein würde. Viel‘Zeit mochte das beanspruchen. Ewig dauern konnte es nicht. Mit diesem Gedanken tröstete sich auch der SS-Mann Peter Kluge, der seit drei Jahren auf einem dieser Türme Dienst tat. Er drückte es so aus: ‚‚Einmal müssen wir mit der Aasbande doch fertig werden.“ Wie es geschehen war, daß man ihn nicht abgelöst hatte, konnte er sich nicht erklären. Alle anderen kamen nach einer gewissen Zeit fort, wurden versetzt, abberufen, hierhin oder dorthin verschickt. Peter Kluge mußte man vergessen haben. 38 Er blieb beim Wachkommando des Lagers und zog jede Nacht und jeden Tag auf seinen Turm. Anfänglich hatte er sich bemüht fortzukommen, hatte allerlei Eingaben an seine Vorgesetzten eingereicht; später— zu der Zeit etwa, als Heini Matthießen aufgetaucht war, sein Freund von Dachau und Buchenwald— war es Peter Kluge ratsamer erschienen, sich still zu verhalten. Im Winter war es kalt, bitter kalt auf dem Turm— trotz der Filzstiefel und des Pelzmantels—, im Sommer konnte man manchmal vor Hitze vergehen. Hinzukam, daß gelegent- licher Südwind den Dunst vom Krematorium auf den Turm zu wehte, dann war es vor Gestank kaum auszuhalten. Aber wenn es weder zu heiß noch zu kalt war, und wenn kein Südwind wehte, war der Dienst auf dem Turm gar nicht so‘schlecht. Peter Kluge war ein besinnlicher Mensch. Konnte er auf seinem Posten— bei Nacht etwa— ungestört seinen Ge- danken nachhängen, so war Er zufrieden, daß das Leben ihn auf einen dieser Wachtürme hinaufgehoben hatte. Immer hatte er etwas Besonderes sein wollen. Schon als Kind war ihm kein Baum zu hoch gewesen. Jetzt stand er also auf seinem Turm: ‚Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt, Dem Turme geschworen Gefällt mir die Welt.” Seinen Goethe kannte Peter Kluge noch aus der Zeit, da er nicht der Schwarzen Garde angehört hatte, sondern ein an- gehender Volksschullehrer gewesen wär. Er liebte das Lied vom„Heidenröslein um seiner tiefen Traurigkeit willen. Schade, daß Goethe nicht auch die Loreley‘ gedichtet hatte, ein noch traurigeres Lied. Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt.»- Auch 39 - Goethe war ja ein Türmer gewesen, hatte sich über die Dinge und die Menschen erhoben. Ein Großer dieser Welt, ihr größter Dichter ein Deutscher, ein Deutscher wie ich, dachte Peter Kluge auf seinem Turm. Er ließ den Scheinwerfer aufflammen, denn es wurde dunkel. Jetzt konnte Peter Kluge wieder den Wald in der Ferne sehen, über dem eine schwere, graue Rauchsäule lastete. Vor Tagen hatte man vierhundert Menschen in diesem Walde erschossen. Der Scheiterhaufen mit ihren Leichen brannte noch immer schwelend. Peter Kluge richtete den Scheinwerfer auf das herbstlich kahle Feld, das sich zwischen dem Wald und dem Lager dehnte. Mit der Asche der verbrannten Leichen gedüngt, brachte der sonst karge Boden im Frühjahr ein prächtiges Gemüse hervor. ,, Ich blick in die Ferne", wie ging es nur weiter, das Lied des Goetheschen Türmers? Peter Kluge konnte sich nicht darauf besinnen. Übrigens fiel ihm ein, daß er kein Geld mehr hatte, und er beschloß, sich von Matthießen etwas auszuborgen. Matthießen war ein Freund, auf den man sich verlassen konnte, und er hatte immer Geld in der Tasche. Kein Wunder; wurde er doch wegen seines steifen Beines auf der Kammer beschäftigt und bekam als erster die Sachen in die Hände, die man den Toten abnahm. Peter Kluge ließ den Lichtkegel über das hohe, dreifache Stacheldrahtgitter gleiten und über den Graben und entlang der roten Ziegelmauer des Krematoriums. Hier stand das Holzgestell, von dem die drei Leichen der heute Erhängten wie traurige Fahnen herabhingen. Peter Kluge ärgerte sich, weil ihm die zweite Strophe des Liedes nicht einfallen wollte: ,, Ich blick in die Ferne- 66 Das Licht des Scheinwerfers schlich über die verlassenen Lagergassen und sprang durch die schmalen Fensterlöcher in die Baracken hinein. Bei der Vorstellung, wie der kalte, 40 weiße Schein die Schläfer erschrocken auffahren lassen würde, lachte Peter Kluge. Schließlich drehte er den Scheinwerfer wieder zur Seite, so daß Graben und Lagerzaun, wie es die Vorschrift befahl, taghell erleuchtet waren. Während Peter Kluge auf die Ablösung wartete, überfiel ihn jäh eine brennende Ungeduld. Heute war nämlich wieder ein neuer Transport angekommen. Männer, Frauen und Kinder waren von den Lastwagen heruntergestiegen und dann wie Tiere durch die Lagergassen getrieben worden. ,, Ich blick in die Ferne", da hab ich's ja doch, triumphierte Peter Kluge und sprach die Verse halblaut vor sich hin: ,, Ich blick in die Ferne, Ich seh in der Näh Den Mond und die Sterne 66 Diese Verse waren in seinem Gedächtnis wieder aufgetaucht, als er an die Gefangenen gedacht hatte. Das Bild, wie sie da ins Lager getrottet waren, hatte ihn seltsamerweise an seinen Heimatort erinnert, Waldgrund in Bayern, wo er in der Dorfschule das Lied vom Türmer gelernt hatte. Dort waren um die Jahresmitte in den ersten Ferientagen die Sommerfrischler mit der Lokalbahn angelangt und hatten sich auch in solchen Scharen in die Hauptstraße ergossen mit Koffern in der Hand und Rucksäcken auf dem Buckel. Die Gefangenen hier und die Sommerfrischler von Waldgrund das ließ sich eigentlich nicht vergleichen, und doch, unter den Besuchern von Waldgrund waren ja auch viele Juden gewesen und eine Menge Ausländer, Fremdrassige, die nicht deutsch sprechen konnten. Der kleine Peter Kluge hatte ihnen damals geholfen, die Koffer zu tragen und hatte dafür ein Trinkgeld bekommen. Nun, heute war das anders, die da 41 unten mußten ihre Köfferchen selber schleppen, und er stand als Wächter auf dem Turm. Wenn er ihnen einmal half, so geschah es mit seiner Maschinenpistole. Ein paar ungezielte Schüsse genügten, um sie zu schnellerem Marsch anzutreiben. Trinkgelder gab's hier nicht, aber gelegentlich, wenn man ein paar Leute in den Wald führte und erschoẞ, fand man noch immer etwas in ihren Taschen. Die Sommergäste in Waldgrund waren ein paar Monate geblieben und waren dann wieder gegangen. Wer hier ankam, blieb auch nur ein paar Monate, bestenfalls ein paar Monate, und verschwand dann. Der Unterschied bestand nur darin, daß in Waldgrund viele der Leute Jahr um Jahr regelmäßig wieder aufgetaucht waren. Wer von hier fortging, der kehrte nicht wieder, der wurde eingescharrt oder verbrannt und für immer aus den Listen gestrichen. - - - Peter Kluge wieder bei Goethe jetzt wollte sich der Schlußzeilen des Türmerliedes erinnern, aber er konnte nicht darauf kommen. Es trieb ihn, einmal ungefähr auszurechnen, wie viele schon in den drei Jahren unter seinem Turme durchgewandert waren Tausende, Zehntausende, vielleicht Hunderttausende. Eigentlich eine ungeheure Leistung, dachte er mit Respekt, so eine Organisation kann uns niemand nachmachen, darin sind wir einzig. Das Erstaunlichste aber ist, so ging es Peter Kluge durch den Kopf, wie wir ihnen, ehe wir sie umbringen, schon die Seele im Leibe töten. Denn wie war es anders möglich, daß die Gefangenen sich auf einen Befehl hin auszogen, in die Gräben hinabstiegen und sich nackt in die frische Erde legten, Hunderte nebeneinander, bevor man auf sie aus den Maschinenpistolen feuerte? 99 , Wir sind halt die moralisch Stärkeren", sagte sich Peter Kluge. Seine Befriedigung währte jedoch nicht lange. Dann beschlich ihn ein Grauen, ein Grauen nicht etwa vor der Menge 42 derer, die erhängt oder erschossen oder in den Gaskammern vergiftet worden waren; ihm graute vor der viel größeren Menge, die man noch würde beseitigen müssen. Wird es denn gar kein Ende nehmen? fragte er sich. Er blickte hinüber zu den flachen Dächern der Duschräume und der drei Gaskammern, die weiß im Mondlicht strahlten. Gestern war das Lager fast leer gewesen, heute war es wieder zum Bersten voll. Drüben im Wald wurden Massenerschießungen vorgenommen. In den Gaskammern herrschte Hochbetrieb. Die Leute im Krematorium arbeiteten wie die Wilden. Weil man trotzdem nicht fertig wurde, verbrannte man den Rest der Leichen auf den Scheiterhaufen im Walde. Aber immer wieder kamen neue Transporte, immer wieder. Wir schaffen es nicht, dachte Peter Kluge plötzlich verzweifelt, wir werden nicht fertig mit ihnen. Wie viele Menschen gibt es denn auf der Welt? Er fühlte sich müde und erschöpft. Nachdem die Ablösung gekommen war, stieg er, noch immer bedrückt, die Leiter hinunter. Seine Gedanken waren etwas wirr. Ich sollte mich krankmelden, überlegte er, beschloß aber, sich auf jeden Fall noch vorher von Matthießen das Geld zu borgen. So ging er hinüber in die Kantine. Er war froh, als er des Freundes vertrautes Gesicht durch den schweren Tabaksdunst erblickte. Der blonde Holsteiner mußte schon reichlich getrunken haben. Seine sonst klaren, grünen Augen blickten trübe drein. Matthießen bestellte Schnaps für den Freund. Da Peter Kluge nicht gleich wegen des Geldes anfangen wollte, klagte er zunächst, wie satt er im Grunde alles habe. Es müßte sich doch, meinte er, ein Mittel finden lassen, durch das man die ganze Bande auf einmal loswerden könne. ,, Unser Führer wird schon wissen, was er tut", sagte 43 Matthießen lustlos und stierte vor sich hin. Er hatte Heimweh. Er dachte an des Vaters Bauernhof in der Holsteinischen Marsch. Der Bruder hatte ihn geerbt, weil er älter war. Und weil er den Hof geerbt hatte, war er auch noch vom Militärdienst befreit worden. Glück mußte der Mensch eben haben. Matthießen war melancholisch, ihm schmeckte der Fusel nicht, der in der Kantine zum Ausschank kam. Enzianschnaps und Münchner Hofbräu waren besser gewesen. Von den alten Zeiten begann er zu sprechen, von den fröhlichen Zeiten, die sie miteinander im Lager Dachau verlebt hatten und später im Lager Buchenwald. Peter Kluge hatte ganz andere Dinge im Sinne und meinte verächtlich: ,, Wie kannst du das vergleichen! Kinderspielplätze waren das!" 22 Wer denkt nicht gern an seine Jugend zurück!" meinte der Holsteiner. ,, Es ist ja richtig, hier herrscht Massenbetrieb. Aber man kommt dabei nicht auf seine Kosten." 99 Gerade du mußt das sagen! Du bist doch am besten dran!" rief Peter Kluge und wollte rasch von dem Geld sprechen, das er brauchte. Matthießen schüttelte eigensinnig seinen kantigen Bauernschädel. ,, Wenn ich mir so überlege", erklärte er. ,, Erinnerst du dich noch an den kleinen Juden in Dachau? Silberspitz, Silberstamm na, ich komm nicht mehr auf den Namen. Du weißt schon, wen ich meine, den Kleinen, der mir immer die Stiefel sauberlecken mußte. Einmal hab ich ihn einen ganzen Tag lang an der Hundeleine herumgeführt und hab ihn das Gras vor den Baracken fressen lassen." Nun mußte Kluge doch lachen. ,, Es war so trocken", erinnerte er den Freund. ,, Vier Wochen lang kein Tröpfchen Regen. Und dann kam Sandler und sagte:, Wenn nur ein Hund Gras fressen würde, damit's endlich einmal wieder regnet."" 666 44 ,, Und hatten wir nicht das schönste Gewitter am nächsten Tag?" fragte Matthießen. Wieder lachte Peter Kluge, jedoch Matthießen verzog keine Miene. Er packte des Freundes Arm. ,, So trink noch einen", drängte er ihn und fuhr fast flüsternd fort: ,, Dann der Pfaff in Buchenwald. Den hab ich doch zum Idioten geprügelt. Jeden Morgen hat er eins von mir auf die Nase bekommen. Immer nur eins und nicht zu kräftig. Aber jeden Morgen, regelmäßig jeden Morgen. Nach zwei Monaten haben sie ihn in die Irrenanstalt gebracht. Wenn ich daran zurückdenke..." Mit einem Seufzer brach er ab. Über das Glas hinweg betrachtete Peter Kluge den Freund nachdenklich und voller Überlegenheit. Er spürte das Bedürfnis, Matthießen die Dinge zu erklären. ,, Ja, so haben wir angefangen", sagte er dann zögernd. ,, Und wir haben wunder gedacht, was wir tun. Ein Kinderspiel war's, wiederhole ich dir. Aber hier, das ist das richtige Ding. Ausrotten diese Untermenschen, ausrotten und vernichten, das ist die Parole. Selbst wenn wir den Krieg verlieren sollten, nach zwanzig Jahren noch...“ ,, Red keinen Unsinn, den Krieg verlieren wir nicht", sagte Matthießen und blieb bei seinem Thema. ,, Dann die Roten, die Roten, da konnte man sich so richtig austoben. Siehst du, das fehlt mir hier. Hier geht das alles in Massen ab. Langst du dir aber mal irgend so ein Kerlchen heraus, was hast du schon davon? Du weißt nicht einmal, wer er ist: ein Pole, ein Russe, ein Grieche. Drüben war das anders. Du wußtest genau, mit wem du es zu tun hattest. Du kanntest die Brüder." Wenn Nun legte er gar den Arm um Kluges Schultern. ich mir das so vorstelle", sagte er ,,, für jeden hatte man sein eigenes Verfahren, dann weiß ich erst, was mir fehlt." ,, Ja, ja", meinte Peter Kluge verständnislos und gab es 99 45 auf, dem Freunde die Dinge erklären zu wollen, denn es wurde spät, und er mußte endlich sein Geld haben. ,, Heute ist wieder ein neuer Transport gekommen", sagte er. ,, Ein neuer Transport", bestätigte Matthießen. Er nahm seinen Arm von Peters Schultern und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch, so daß die Gläser klirrten. ,, Ich sage dir ja", beharrte er. ,, Hunderte, Tausende..., der reinste Maschinenbetrieb. Da fehlt eben das Menschliche!" Peter Kluge wurde unruhig. ,, Was hast du denn nur heute?" verlangte er. ,, Ich, ich?" erregte sich Matthießen. ,, Du hast doch davon angefangen." Sein Kopf glühte. Mit glasigen Augen starrte er den Freund an. ,, Hör mal, Heini", lenkte Peter Kluge ein, denn er wußte, daß man Matthießen nicht widersprechen durfte, wenn er einen in der Krone hatte; sonst war er ja der gutmütigste Mensch, der gutmütigste Mensch auf der Welt. ,, Hör mal Heini, kennst du das Lied vom Türmer?" Matthießen sann eine Weile nach. ,, Stimm's mal an", forderte er den Freund auf ,,, es wird mir schon einfallen." ,, Nein, zum Singen ist es nicht", sagte Peter Kluge. ,, Es ist ein Gedicht von Goethe." 99 , Wenn's nicht zum Singen ist", meinte Matthießen enttäuscht und fragte: ,, Von Goethe?" ,, Du weißt doch, der den Faust geschrieben hat", antwortete Peter Kluge und setzte entschuldigend hinzu: ,, Er hatte keinen Kampfgeist, gewiß. Ein Mann ohne Gewehr, so hat man von ihm gesagt. Und das stimmt ja auch..." Matthießen hörte nicht zu. Peter Kluge beobachtete ihn, wie er vor sich hinbrütete. Dann wagte er sich mit seiner Bitte hervor. 46 ,, Wieviel?" fragte Matthießen. ,, Hundert? Na, das ist kein Pappenstiel." Großzügig setzte er dann hinzu: ,, Aber für dich, selbstverständlich." Nachdem er die Zeche bezahlt hatte, stellte sich heraus, daß er nur noch siebzehn Mark bei sich trug. ,, Komm halt zu mir herüber", lud er Peter Kluge ein ,,, da werden wir schon noch etwas für dich finden." Matthießen schlief in der Kleiderkammer, wo er einen kleinen Bunker für sich hatte abteilen lassen. Sie machten sich zusammen auf den Weg. Die Nacht war klar und kalt. Die Sterne funkelten. Sie schritten an dem hohen Balkengestell vorbei, von dem die Leichen der drei erhängten Gefangenen herabhingen. ,, Der Jammer ist", klagte Matthießen unterwegs ,,, daß mir die Burschen an den Gaskammern soviel abnehmen." Peter Kluge verstand ihn nicht. ,, Ich geh da manchmal' rüber", flüsterte Matthießen ,,, wenn sie Weiber in die Gaskammer treiben. Ich schau dann durch das Fenster zu. Was soll man machen? Hier ist doch sonst nichts los. Das ist noch das einzige, was es gibt." ,, Und wieviel zahlst du dafür?" fragte Peter Kluge. 22 , Viel zuviel", meinte der Holsteiner nur, öffnete die Tür zum Kleiderlager und zog Peter herein. Aber in Matthießens Schublade fanden sich nur noch fünfundzwanzig Mark. 99 , Müssen es denn hundert sein?" fragte er und klagte von neuem: ,, Ich sag dir ja, sie räubern mich aus." Als er des Freundes enttäuschtes Gesicht sah, meinte er rasch: ,, Da werden wir halt einmal in meinem Schatzkasten Umschau halten." Der Schatzkasten war eine Holzkiste, die Matthießen unter dem Bett hervorholte. Umständlich öffnete er die beiden Vorhängeschlösser und schlug den Kistendeckel zurück. 47 ,, Das hab ich so für mich beiseite gebracht!" sagte Matthießen voller Stolz und wies auf Uhren und Armbänder, Feuerzeuge, Zigarettentaschen, Füllfederhalter und Ringe, die ungeordnet in der Kiste lagen. ,, Such dir aus, was du willst! Heute habe ich die Spendierhosen an", sagte er. ,, Nur mach schnell, daß uns hier keiner erwischt." Aber Peter Kluge, über die Kiste gebeugt, konnte sich nicht so rasch entschließen. Schließlich entschied er sich für einen Füllfederhalter und für eine Kette aus Gold. Sie war kurz und bestand aus dicken Gliedern, deren eines zerrissen war. Sie mochte als Armband gedient haben und war einem Toten mit Gewalt abgenommen worden. Zwischen den Gliedern befand sich eine Platte, darauf waren ein paar Worte eingraviert. ,, Danke schön", sagte Peter Kluge und richtete sich schnaufend wieder auf. ,, Laẞ mal sehen, was du dir ausgesucht hast, alter Räuber", meinte Matthießen, nahm die Kette und wog sie in seiner Hand. ,, Nicht schlecht!" stellte er anerkennend fest ,,, so was gibt's hier selten." Dabei fiel sein Blick auf die eingravierten Buchstaben. ,, Seidenstamm!" las er und packte Peter Kluges Schulter. ,, Seidenstamm, das war der Name. Mensch, Peter, sieh dir das an: Seidenstamm! Das ist doch mein kleiner Jude aus Dachau. Er war hier, und ich hab nichts davon gewußt. Stell dir das nur vor! Das kommt eben davon. Am laufenden Band wird hier gearbeitet. Maschinen sind wir geworden. Seidenstamm! Wie gern hätt ich ihn selber fertiggemacht, den guten, alten Seidenstamm. Er war hier. Und wird abgemurkst wie irgendein Stück Vieh..." 66 Peter Kluge hielt die Kette in der Hand, die Matthießen ihm zurückgegeben hatte. Mit Erstaunen sah er, wie dem 48 Freunde die Tränen aus den geröteten Augen stürzten. Er war verlegen und wußte nicht, was er tun sollte. ,, Danke schön", wiederholte er und machte, daß er davonkam. Draußen glänzten die zwölf Türme im Schein des untergehenden Mondes. Ihr Anblick beruhigte Peter Kluge. Morgen stehe ich wieder da oben, dachte er ,,, dem Turme geschworen". 4 Kunigunde 49 DIE HEILIGE KUNIGUNDE IM SCHNEE - - Steffie lernte ich durch den jungen Lernau kennen, der sie eines Tages es war im Spätsommer 1937 zu mir heraufbrachte. Eigentlich kam mir der Besuch der beiden gar nicht gelegen, denn ich wollte arbeiten. Aber Lernau in seiner selbstverständlichen Art machte es sich gleich in meinem Sessel bequem. Steffie stand auf hohen Beinen scheu neben ihrem Freund, etwas geniert durch seinen allzuvertraulichen Ton, der sich bei dem großen Altersunterschied zwischen uns in der Tat nicht gehörte. Ihre Verlegenheit rührte mich. Ich holte eine Flasche Kognak hervor, und sie half mir in der Küche die Gläser auszuwaschen, in denen Aquarellfarben eingetrocknet waren. Dann tranken wir. ,, Diesmal haben sie es aber gekriegt!" triumphierte Lernau; er sprach von der Ruderregatta des letzten Sonntags, bei der die Würzburger Universitätsmannschaft im Achter geschlagen worden war. ,, Du mußt zugeben", wandte ich ein ,,, daß die Würzburger im Grunde besser waren, nur hatten sie eben die Außenbahn." 50 S 99 Was willst du damit sagen?" brauste Lernau auf, der stets nur allzu bereit war, Partei zu nehmen. ,, Die Strecke ist zu schmal. Man kann eben nicht drei Boote nebeneinanderlaufen lassen", erklärte ich. Steffie saß auf dem niedrigen afrikanischen Hocker, den mir Ullmann gelassen hatte, als er nach Frankreich gegangen war. Sie hatte die Hände über den Knien gefaltet. Dann und wann sah sie mit einem samtenen Blick ihrer großen, braunen Augen zu mir auf. ,, Die Plätze sind vorher ausgelost worden. Und wenn die Würzburger Pech gehabt haben, so ist es eben ihre Sache. Jedenfalls sind sie geschlagen worden!" Dabei blieb Lernau. Erst jetzt fiel mir ein, daß er Mitglied des siegreichen Bamberger Ruderklubs war, dem die bessere Gesellschaft unserer Stadt angehörte. Ich ließ ihm also seine Freude und goẞ ihm noch einmal ein. Lernau begann herumzualbern. ,, Ärgert dich dein Kopf", rief er aus ,,, dann wirf ihn an die Wand! Ist dort kein Platz, so setz ihn wieder auf." Er hatte ein paar solcher Redensarten, die er immer zu wiederholen pflegte. Er lachte selbst sehr laut darüber und wollte mir dann die Geschichte der armen Frau Gabelsberger erzählen, die man mit ihrem Liebhaber im botanischen Garten überrascht hatte. Die ganze Stadt sprach schon davon. Ich unterbrach ihn und fragte ihn nach seinen Arbeiten. Er malte jetzt einen schreitenden Kämpfer". ,, Ganz geschlossen", rief er. ,, Verstehst du? Hart in den Farben, die Konturen messerscharf!" Er sprang auf und lief im Atelier herum. Sein blondes Haar fiel ihm in die Stirn, er lachte mit schiefem Mund. Er lachte immer und über alles. Steffie war wie verzaubert von ihm. Lernau sprach weiter von seinem Bild: ,, Ausdruck dieser Zeit. Hart, großartig, gefährlich. Symbol des kriegerischen Deutschlands. Feldzeichen müssen wir malen, Feldzeichen!" 4* 51 Er blieb am Tisch stehen und leerte das Glas, das ich von neuem gefüllt hatte. Er glaubte wohl in diesem Augenblick selbst, was er da sprach. Aber ich war sicher, er glaubte es nur in diesem Augenblick. Ich erinnerte mich seiner früheren Arbeiten. Er hatte einmal einen guten Pinsel geführt. Wie war er doch verdorben worden! Vor Jahren hatte er jene Berufung nach dem Westen Deutschlands erhalten, die ihm so verhängnisvoll geworden war. Von der Industrie gefördert hatte das Neue Museum ursprünglich mit reichen Mitteln einer um sachlichen Ausdruck bemühten Kunst beigestanden. Dann aber, nachdem die Herren von Kohle und Eisen ihr ,, soziales Gewissen" entdeckt, sich für die braune Diktatur, die Wiederaufrüstung und einen neuen Krieg entschieden hatten, hatten sie unter dem grauen Himmel ihrer rauchenden Schlote auch nach einer ,, stählernen Kunst" verlangt, nach einem ästhetischen Ausdruck für ihren Hunger nach Macht und höheren Profiten, der in der Literatur die ,, Sehnsucht nach dem tausendjährigen Reiche" genannt wurde. Viele hatten damals der Essener Institution den Rücken gekehrt, Lernau nicht. Er hatte behend das Pathos der großen Lügen übernommen und malte nun schreitende Kämpfer. Ich fühlte, daß es meine Pflicht sei, endlich einmal mit ihm zu sprechen. Aber ich tat es nicht. Man verschwieg alles Wichtige in dieser Zeit. Ja, das war das Kennzeichen jener Jahre, daß man das Wichtige verschwieg. Niemand wagte es auszusprechen oder zu schreiben oder im Bilde laut werden zu lassen. Es war verboten! So hütete man sich davor. Man dachte am Ende nicht mehr daran, es zu denken. Nicht nur, weil es verboten war; nicht nur, weil Gewöhnung an das Verbot uns überkommen hatte. Die Begegnung mit dem Wichtigen war schmerzvoll für uns, darum hüteten wir uns vor ihr. 52 Und was konnte mein Rat auch dem jungen Lernau helfen? Ich wußte im vorhinein, daß er nicht darauf hören würde. Er war auf Erfolg aus, und den fand er gerade auf dem Wege, den er jetzt ging als ,, schreitender Kämpfer". Er war bekannt, fand immer gute, häufig überschwängliche Kritiken. Die ersten Strahlen des Ruhmes berührten ihn mit verheißungsvollem Licht. Von mir aber hatte man schon früher nie viel gesprochen, und damals war ich bereits so gut wie vergessen. So war es Lernau, der mir zusetzte: ,, Du hockst hier in deinem Stübchen und versauerst! Draußen geht die Welt ihren Lauf!" An diesem Tage war er besonders beharrlich, wohl weil er auf Steffie damit Eindruck machen wollte. Mich ärgerte, daß ich die Rolle spielen mußte, die er mir durch sein Verhalten vorschrieb. Denn da ich das Entscheidende nicht aussprechen konnte, mußte ich meine Zuflucht zu allerlei Ausreden nehmen. ,, Laß die Welt ihren Lauf nehmen", sagte ich. ,, Mein Geschäft ist es, Bilder zu malen. Mit anderen Dingen habe ich mich lange genug befassen müssen. Erst habe ich Jura studiert, weil mein Vater es so wollte. Als er starb und ich dachte, ich sei nun frei, da kam der Krieg. Vier lange Jahre! Nach dem Kriege mußte ich erst in einer Bank arbeiten, denn ich hatte kein Geld. So wurde ich zweiunddreißig, bevor ich anfangen konnte zu malen. Ich habe viel nachzuholen. Soll die Welt ihren Lauf nehmen, ich male!" Lernau lachte und deklamierte: ,, Ich möchte einen Schrebergarten haben Und eine Laube, um darin zu weilen, Es ist so schön, Radieschen auszugraben. Behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein." Diesmal endete unser Gespräch nicht wie sonst im üb53 333 lichen Streit. Vielmehr hatte Lernau mir einen Vorschlag zu machen. Ich sollte zwei Bilder zu der Münchener Ausstellung einreichen, die für den Frühling vorbereitet wurde. Sie hatte irgendeinen patriotischen Namen, ich habe ihn vergessen. Meine Überraschung war groß, vor allem als Lernau erklärte, daß er zu seinem Vorschlag beauftragt sei. Eine ordnungs- gemäße schriftliche Aufforderung werde folgen. Steffie langweilte sich während unseres Gespräches. Sie stand auf und ging durch das Atelier. Vor meinen Bildern schien sie Scheu zu haben, wenigstens vermied sie es, sie an- zusehen. Sie stellte sich ans Fenster und blickte auf den Fluß hinunter. Als die Mühle zu arbeiten begann und der Boden meines Ateliers dröhnte, wandte sie sich mit einem erstaunten Ruf zu uns um. Lernau betrachtete mich aufmerksam, wenn ich einmal zu Steffie hinübersah, die mit ihrem schweigenden guten Gesicht am Fenster stand. Sie gefiel mir, und er in seiner Eitelkeit war stolz darauf. Er prahlte mit dieser jungen Frau wie mit seinen Muskeln oder wie mit seinem häßlichen und doch leichtfertigen Pferdekopf. i Nachdem die beiden fort waren, machte ich mich, noch immer verwundert über Lernaus Aufforderung, wieder an meine Skizzenbücher. Ich suchte eine Landschaft, die ich einmal flüchtig notiert hatte: die obere Rathausbrücke mit dem Standbild der Hei- ligen Kunigunde. Schließlich wurde es mir zu dumm, so lange danach zu kramen. Ich nahm meinen Zeichenblock und ging zur Rathausinsel. Von meinem Atelier in der Eckertschen Kunstmühle waren es nur ein paar hundert Schritte. Auf der Brücke fing ich gleich an zu arbeiten. Aber es wurde nichts Rechtes. Um diese Stunde herrschte ein für unsere Stadt sehr reger Verkehr und mich störten die Leute, die neben mir stehenblieben und mir über die Schulter sahen. 54 Ich klappte den Block zu, mißmutig kehrte ich heim. Unterwegs überlegte ich wieder, wo ich die Skizze nur hingetan haben könne, aber es wollte mir nicht einfallen. Endlich verwarf ich meinen Plan, die Kunigundenbrücke zu malen. Ich gab es auf ohne rechten Grund. Dabei tat es mir leid, denn nun hatte ich keine feste Aufgabe für die nächsten Tage, und ich liebte Ordnung in meinem Leben. Den Abend verbrachte ich untätig an meinem Fenster. Er hatte mit den Vorbereitungen ausgefüllt werden sollen, mit dem Aufspannen der Leinwand, der Auswahl der Farben und Pinsel. Der kleine Fluß rauschte um das alte Mühlrad, dessen Bretter langsam dahinfaulten. Die Mühle wurde schon seit Jahren durch moderne Turbinen angetrieben, aber das Schütteln der Mahlgänge ließ noch immer den ganzen Bau zittern. Ab und an sprang ein Fisch aus der Flut und tauchte mit klatschendem Geräusch wieder ein. Ich dachte an Lernau und seine Freundin. Wie verschieden waren sie doch! Unbeherrscht und herrschsüchtig zugleich war er, und er lieh sich, was er brauchte zu seinem Glanze, bedenkenlos von allen Seiten. Ich fühlte, daß ich mich vor ihm zu hüten hatte. Sie aber war voller Hingabe und Sanftmut und gehörte nicht in diese Zeit. Ich versetzte sie in jene Jahre, da die Verse Rilkes und Hofmannsthals noch ein lebendiges Echo gehabt hatten. Noch weiter zurück führte ich sie; hatten nicht Dehmel und Liliencron von ihr gesungen? Das waren die Dichter meiner Jugend. Ich erschrak. Vom Fluß stieg der Nebel auf, und ich mußte das Fenster schließen. Frauen gingen mich bei meinem Alter wirklich nichts mehr an. Ich bedauerte, daß ich allein lebte. Ein wenig Zärtlichkeit hätte ich wohl noch geben können, aber den Liebhaber zu spielen, das paẞte sich nicht mehr für mich, 55 Ich drehte das Licht an und griff nach einem Buch und beschloß, auf meiner Hut zu sein. So schlimm war es mit mir schon am ersten Abend, nachdem ich sie gesehen hatte. Ich handelte auch nach meinem Vorsatze, als ich Steffie wieder begegnete. Unsere Stadt ist ja recht klein, man läuft einander unvermeidlich in die Arme. Ich begegnete ihr von nun an häufig, bald im Schützenhaus, wo ich meinen Kaffee trank, bald auf meinen wenigen Wegen in die Stadt. Ich nahm mich zusammen und verhielt mich sehr kühl zu ihr. Dabei schien sie sich zu freuen, wenn sie mich sah. Lernau tauchte wiederholt in meinem Atelier auf, und oft brachte er sie mit. Sie wurde gesprächig bei diesen Besuchen, die mir nun immer willkommen waren, sie fand sogar den Mut zu kleinen Neckereien. Doch darauf ging ich nicht ein. Ich versteckte mich hinter mein Alter wie hinter einen schützenden Wall. ,, Meine Kinder", redete ich sie an und hüllte mich in eine Pose der Väterlichkeit. Ich spielte diese Rolle gut genug, um Lernau zu täuschen. Aber soweit ich mich selbst damit hatte behüten wollen, war es schon zu spät und vergeblich. Ich nützte meine Rolle aus, um Steffie möglichst nahezukommen; war es nicht selbstverständlich und nur natürlich, daß meine Hand ihr sorgsam die Haare aus der Stirn streichen durfte? Bald gab es kleine, harmlose Geheimnisse zwischen uns beiden, und von ihrer Seite ein herzliches Vertrauen. In kurzer Zeit wußte ich mehr von ihr und über sie, als Lernau je erfahren haben konnte, denn seine Eitelkeit machte ihn unaufmerksam. Sie glitt mir von Tag zu Tag mehr zu. Damals sprach ich mit Lernau darüber, daß ich keine Bilder für die Frühlingsausstellung hatte. Das heißt, mein Atelier stand voll, doch schien mir keines der Bilder geeignet. Im Grunde spürte ich, daß ich in diese Ausstellung nicht gehörte. Lernau schlug halb im Scherze vor, ich solle Steffie 56 p T n S I porträtieren. Ich ging sofort darauf ein, und wir setzten den Tag für die erste Sitzung fest. Schon lange hatte ich keine Porträts mehr gemalt, so kam mir der Einfall, mir einmal meine älteren Arbeiten anzusehen. Ich holte die verstaubten Leinwände von der Bodenkammer herunter. Was ich entdeckte, als ich die Bilder in meinem Atelier aufstellte, erfüllte mich mich brennender Unzufriedenheit. Auch nicht ein einziges wollte ich gelten lassen. Zu berechnend und wohl auch zu laut hatte ich die Konträrfarben gegeneinander ausgespielt. Und alle Hintergründe waren falsch! Wo sie Licht verlangt hätten, waren sie dunkel, wo sie flächig hätten sein sollen, hatte ich gewaltsam eine Perspektive hineingebracht. Hinter dem fleischigen und doch so bitteren Gesicht des welche Freude hatte mir das Licht auf Kaufmanns Bing - - breitete sich den vollen rötlich- blauen Backen gemacht unbegreiflicherweise eine Gewitterlandschaft. Beim Brand der Synagoge war Bing erschlagen worden. Sah man ihm sein gewaltsames Ende nicht an? Hatte ich es ihm nicht in seinem Bilde schon auf die Stirn geschrieben? Bestürzung ergriff mich, als ich mich jetzt unter meinen Bildern umsah: ich hatte eine Galerie von Toten beisammen, eine Schau von Gemordeten und Selbstmördern! Zwölf Porträts hatte ich in den letzten Jahren gemalt. Neun von meinen Modellen waren nun tot. Sie waren nicht gestorben, sondern auf gewaltsame Weise umgekommen, wie der Maler Marcus, der eines Morgens unten im Rechen vor dem Mühlrad gefunden worden war, oder wie der Geyers Florian, ein Brauknecht, den sie erschossen hatten. Natürlich hatte ich von ihrem Tode gehört, denn es wurde ja alles bekannt, obwohl niemand je ein Wort über diese Dinge sagte. Woran ich aber nicht gedacht hatte, als ich die Nachrichten von ihrem Tode bekommen hatte, woran ich nicht gedacht 57 hatte, war, daß sie alle durch meine Hände gegangen waren, daß ich sie gemalt hatte. Jetzt, als ich eins nach dem anderen ihre Bilder betrachtete, schien mir, daß ihre Gesichter ein Mal trugen. Ich hatte sie gezeichnet! Denn sahen sie nicht auf diesen Bildern, die ich doch gemalt hatte, als sie noch am Leben gewesen waren, schon wie Tote aus? - In einer Jacke aus blauem Leinen, ein rotes Kindergesicht unter blondem Haar, saß Matthias da, der Sohn des Schreiners, der mir meine Rahmen lieferte. Sein halb geöffneter Mund lachte nicht, er schrie im Entsetzen vor einem furchtbaren Tode. Zwei Jahre war es her, daß ich ihn gemalt hatte, damals war er fünfzehn gewesen. Was mit ihm geschehen war, hatten nicht einmal seine Eltern erfahren. Der alte Scheuffele hatte mir in seiner Werkstatt den Brief gezeigt, der ihm von der Behörde zugestellt worden war. Aus seinen schmalen Altmänneraugen waren die Tränen still auf das Papier getropft. Matthias war in einem Arbeitslager plötzlich verstorben und sofort in der Nähe auf dem Friedhof des Dorfes Frankenheim beerdigt worden. Im allgemeinen bin ich nicht abergläubisch, aber nun meinte ich doch auch auf den Gesichtern der anderen, der drei, die noch am Leben waren, das Zeichen des bösen Endes zu erkennen. So ungleich die drei auch waren, der Hauptmann Carl Söldner, ein Kavalier und Lebemann, der kahlköpfige, intelligente und skrupellose Redakteur Neusel und die alte Hökerin, die ich auf dem Marktplatz neben ihrem Stand mit Rettichen gemalt hatte um ihre Münder flackerte der Tod und in ihren Augen spiegelte sich ein Schrecken, von dem sie und ich noch nichts gewußt haben konnten, als sie mir zu diesen Bildern gesessen hatten. 58 - Bis zum Abend stand ich zwischen den Porträts herum, S а f 1 ] a 1 f sah immer wieder vergleichend von den Bildern der Toten zu denen der Lebenden. Verwirrt und von böser Verantwortung geplagt zerschnitt ich endlich mit einem Messer, das ich aus der Küche holte, die drei letzten Bilder und verbrannte sie. Tatsächlich war mir danach leichter zumute. Ich lachte über meine Ängste ein etwas gezwungenes Lachen. Hatte ich etwa Schuld daran, daß meine Modelle erhängt und ertränkt, daß sie erschossen und erschlagen worden waren? Die Zeit hatte es getan. Es wurde eben rascher und unfriedlicher gestorben! Ich konnte nichts dazu! Es hat schon andere Maler gegeben, die gleiches Unglück mit ihren Modellen erlebt haben. Wer würde darauf kommen, Hans Holbein für den Tod des Thomas Morus verantwortlich zu machen? Nicht er hat Anne Boleyn das Haupt vom Rumpfe schlagen lassen. Das Schicksal der schönen, unglücklichen Jane Seymour wurde nicht von ihm bestimmt. Er hat die drei gemalt und andere mehr noch, die das Opfer ihrer Zeit wurden, wie meine Modelle das Opfer unsedas Gesicht seiner rer Zeit. Er hat die Opfer gemalt und Zeit ihren Mörder, König Heinrich. Ich war sehr aufgeregt. Man mußte ja in dieser Zeit alles mit sich selber ausmachen. Wäre Ullmann noch dagewesen, so hätte ich vielleicht mit ihm darüber sprechen können. Aber Ullmann lebte seit über einem Jahr in Frankreich. Jetzt fragte ich mich doch, ob ich nicht mit ihm hätte gehen sollen? Als Steffie am nächsten Tage kam, trug sie ein mattrotes Kleid mit einer weißen Halskrause, die sich steif gegen das kastanienbraune Haar erhob und die Linie ihres Halses unterstrich. Sie war ein wenig verlegen und sah schöner aus, als ich sie je gesehen. Sie setzte sich an das Fenster über dem Fluß. Aber das Licht war zu hart dort. Wir rückten den schweren Sessel weiter ins Atelier hinein. Dann richtete ich die Staffelei. Ich drückte die Farben auf 59 die Palette, langsam und umständlich. Ich zögerte vor dem ersten Pinselstrich. Von neuem packte mich ein Gefühl der Unsicherheit, ein abergläubisches Entsetzen. Ich wollte Pinsel und Palette wegwerfen. Doch war die Lockung, die von ihrer stillen Schönheit ausging, stärker als meine Ängste, und viel stärker noch waren die Hoffnung auf ein paar Stunden ruhigen Alleinseins mit ihr und die Aufgabe, dieses sanfte, leuchtende Gesicht zu malen, ein so menschliches Gesicht, wie es selten war in jener Zeit. Denn auch die Gesichter hatten sich verändert, waren kälter geworden, ausdrucksloser, flächiger. Glaubt ihr denn, es ginge spurlos an den Gesichtern vorüber, wenn die Menschen, die dazu gehören, alles verschweigen? Natürlich nicht, aber das zu sehen vermag eben nur unsereiner. So begann ich mit zitternder Hand. Ich setzte auf den Hintergrund ein dunkles, schweres Blau. Aus Steffies Gesicht strahlte eine Innigkeit wie aus den Heiligenbildern des frühen Mittelalters. Gewöhnlich unterhielt ich mich mit meinen Modellen, damit sie ein wenig abgelenkt wurden. Aber diesmal wußte ich kein Wort zu sagen, da bat ich sie, ein Lied zu singen. Die alten Volkslieder waren ja seit Jahren wieder aufgekommen, und sie wußte eine Menge davon. Erst summte sie leise vor sich hin, wechselte suchend von dieser zu jener Melodie. Durch das halb geöffnete Fenster stieg aus dem Fluß der Geruch von faulendem Holz und ein früher Nebeldunst herauf. Das Mühlwerk rumpelte, und das ganze Haus zitterte. Steffie sang. Ich arbeitete. Ich fluchte und schimpfte, während ich die Farben auf die Leinwand trug. Dann, plötzlich, brach ich ab. Ernüchterung überfiel mich, und die alten Ängste wurden wieder wach. Ich legte Palette und Pinsel auf den Tisch und hing ein Tuch über die Leinwand. 60 ,, Nein, so geht es nicht", sagte ich ärgerlich. Wie ein ertapptes Kind sah sie mich an. ,, Diese neuen Farben taugen nichts", erklärte ich ihr. ,, Ich muß sehen, ob ich nicht bessere auftreiben kann." Nachher holte Lernau sie ab. Er strahlte vor Wichtigkeit. Er hatte einen besonderen Auftrag bekommen, der mit der Einrichtung der Frühjahrsausstellung in München zusammenhing. Was es genau war, konnte ich nicht recht verstehen. Aber ich wußte, daß er mit allen möglichen ,, Kunstamtswaltern" und anderen einflußreichen Leuten in Verbindung war. Er kündigte an, daß er bald verreisen müsse. Wie freute ich mich über diese Nachricht! Doch Steffie zitterte, als sie ihre Hand zum Abschied auf meinen Arm legte. Nach der zweiten Sitzung kam es zwischen mir und Lernau zu einem dummen Streit. Ich war nervös und noch immer bedrückt von meinen abergläubischen Ängsten. Das machte mich reizbar, und ich konnte die Selbstgefälligkeit nicht ertragen, mit der Lernau sich als mein Protektor und Förderer aufspielte. ,, Ja, wenn ich nicht wäre", so sagte er wahrhaftig ,,, würdest du weiter in deinem dunklen Winkel hocken. Aber warte nur, bei deinem Talent darfst du dich nicht länger verstecken, wir holen dich schon ans Licht." Er redete noch mehr in dieser Tonart. Früher hatte ich es hingenommen und mich verteidigt, indem ich meine Überzeugung verleugnete, wie ich es getan hatte, als Lernau das erstemal mit Steffie zu mir gekommen war. Aber nun konnte ich das nicht mehr tun. Ich liebte Steffie und wollte vor ihr nicht verhüllen, was mich wirklich erfüllte. So vergaß ich alle Vorsicht und aus mir brach, was ich in diesen Jahren mit Mühe zu verschweigen gelernt hatte. Ich ging wohl nicht sehr klug vor in meiner Erregung. ,, Ich brauche deine Hilfe nicht", schrie ich. ,, Hunderte 61 habt ihr vertrieben, Hunderte habt ihr zum Schweigen ge- bracht. Ihr erlaubt ihnen nicht zu arbeiten, ihr erlaubt ihnen nicht auszustellen. Jetzt genieren euch die Lücken in euren Museen. Ihr wollt sie füllen. Und dazu soll auch ich dienen, als Lückenbüßer, nicht wahr?“ „Mein Gott“, sagte Lernau ungeduldig und sah mich mit geheucheltem Erschrecken an,„hast du denn allen Glauben an dich selbst verloren?“ „Mein Selbstvertrauen ist gesünder als deines“, erklärte ich mit Schärfe.„Ich habe es nicht nötig, mich durch Aus- stellungen, schmeichelhafte Kritiken und durch wohlbezahlte Aufträge bestätigt zu sehen.“ „Nun machst du auch noch aus deiner Erfolglosigkeit eine Theorie“, sagte Lernau unerschüttert und im Tone innerer Überlegenheit.„Du bist bitter, mein Alter, und das läßt sich ja auch verstehen. Hast du nicht früher ganz anders gespro- chen? Ich erinnere mich da an ein Gespräch mit dem rot- haarigen Ullmann—“ „Der hatte im kleinen Finger mehr Talent als du in der ganzen Hand!“ „So, hatte er das?“ Jetzt wurde auch Lernau heftig und ich freute mich, daß ich ihn endlich aus der Ruhe gebracht hatte. „Jedenfalls hat er den Staub von den Füßen schütteln müssen, dein Ullmann!“ rief Lernau.„Auch einer von diesen Juden, an denen es in deinem Hause nie gemangelt hat. Und wozu du ihn jetzt verteidigst, begreife ich wirklich nicht. Damals jedenfalls habt ihr beide euch kräftig in den Haaren gelegen.“ Lernau wurde schon wieder ruhiger. Er lachte gar. „Damals, als Ullmann von der Einsamkeit des Künstlers redete, von der Ungebundenheit, von der inneren und äuße- ren Freiheit, wie bist du doch damals aufgefahren. Du warst 62 - es, der davon sprach, daß Kunst in der Wirklichkeit stehen muß jawohl, das waren deine Worte! Nun, was willst du, ich stehe in der Wirklichkeit! Die Kunst muß eine Mission haben, sie muß eine Funktion erfüllen - auch das führtest du als Argument an! Du sagtest: die Kunst braucht einen Auftrag. Nun, ich-" 99 - , Wie du die Dinge nur so verdrehen kannst!" unterbrach ich ihn. ,, Von zweierlei Aufträgen habe ich gesprochen, von einem materiellen und von einem moralischen Auftrag! Das kannst du doch nicht überhört haben. Den materiellen Auftrag hast du wohl erlangt, vom anderen läßt sich bei dir nichts spüren. Denn was du die Wirklichkeit nennst, gerade das ist die Lüge! Manchmal frage ich mich", so sagte ich dann ,,, was eigentlich schlimmer ist, eure Autodafés oder das, was ihr euer Schaffen nennt. Das einzige jedenfalls, was es noch an Sehenswertem in den Museen gibt, das sind die leeren Flecke dort, wo die von euch verbannten Werke hingen." Ich konnte nicht mehr an mich halten und schlug mit beiden Fäusten auf den großen Arbeitstisch. Was ich sonst nie vor mir selber zugegeben, das Bewußtsein der Öde und der bitteren Trockenheit unseres Lebens, der Unfruchtbarkeit und der Enge, so furchtbar überkam es mich, daß ich auf den Tisch hämmerte, als sei er die Pforte dieses riesigen Gefängnisses, in dem man uns damals hielt. Ich riẞ die Schublade auf und warf die Drucke der aus den Museen entfernten Bilder auf den Tisch, die ich mir heimlich hatte kaufen müssen, denn sie waren eingezogen worden. ,, Sieh dir das an", schrie ich Lernau zu und wurde wohl ein wenig pathetisch. ,, Sieh sie dir an. Das sind die Wegzeichen unseres Ringens. Aus diesen Farben brennt der Drang nach Freiheit. Mit diesen Formen strebt unsere Sehnsucht nach dem Schatten ewiger Wahrheit." Ich packte Steffies Arm. ,, Sehen Sie es sich an", rief ich. 63 " , Man kann Sie ja nicht für immer blind machen. Fühlen Sie nicht vor diesen Bildern, was es heißt, ein Mensch zu sein? Wie gut und böse doch das Blut ist? Wie arm und großartig der Geist?" Vor uns auf dem Tisch lagen die Blätter, gute, mit handwerklicher Sorgfalt ausgeführte Drucke. Der junge Lernau trat mit rotem Kopf heran. Er senkte den Blick der großẞen, etwas vorgequollenen Augen. Mit den Fingerspitzen, als ekle er sich sie zu berühren, wandte er eins nach dem anderen die Blätter um. ,, Es geht ja recht durcheinander", meinte er ,,, aber vollständig scheint deine Sammlung zu sein. Alles Juden- ach nein, da ist ja auch die Kollwitz mit ihrem Armeleutegeruch." Nach Atem ringend stand ich neben ihm. ,, Barlach", fuhr Lernau fort ,,, natürlich, der durfte nicht fehlen. Und hier, was ist denn das? Wahrhaftig, Rembrandt! Man muß sagen, du hältst dich auf dem laufenden. Die Diskussion über ihn ist noch gar nicht abgeschlossen. LehmannHildesheim freilich nennt ihn den Ghettomaler, und das ist auch meine Ansicht, wenn du es wissen willst 66 Lernau lächelte nicht, er bleckte seine Zähne, und er packte das Blatt- ,, Joseph erzählt seine Träume"- und er zerriẞ es. An das Geräusch des zerreißenden Papiers werde ich mich bis an mein Lebensende erinnern, so scharf und böse klang es. Ich fuhr auf, um Lernaus Arm zu packen. Doch bevor ich ihn erreichte, war Steffie auf ihn zugefahren. Sie biß ihn so heftig in die Hand, daß er aufschrie. ,, Bist du denn wahnsinnig, Steffie?" rief er und fuhr mit der blutenden Hand an den Mund. Das Blatt sank in zwei Hälften zu Boden. Steffie kümmerte sich nicht um Lernau, sie kniete nieder und fügte die Hälften des zerrissenen Blattes mit einer zärtlichen, heilenden Bewegung zusammen. Sie blieb am Boden hocken und weinte. 64 ,, Jod ist auf dem Nachttisch", sagte ich zu Lernau und wandte mich an Steffie. ,, Nicht weinen", bat ich und brach ab. Nein, ich konnte sie nicht trösten, zu trostlos sah es in mir selber aus. ,, Doch", rief ich ihr zu und war in meinem Schmerze entzückt von ihrer raschen, leidenschaftlichen Handlung. ,, Doch, weine! Weine, es gibt Grund genug. Schrei, schrei, daß man dich hört!" Lernau hatte den Vorhang zu dem kleinen Nebenraum zurückgeschoben, in dem mein Bett stand. Er ließ Wasser über seine Hand laufen, um die Wunde zu kühlen. 99 , Weine", sagte ich zu Steffie ,,, verbirg deine Tränen nicht. Weine, wenn du nichts anderes tun kannst..." " Meine Hände lagen auf ihren zitternden Schultern, faltige Hände, dunkel behaart und von dicken Adersträngen durchzogen, in denen das Blut nur noch müde floẞ. Lernau drehte den Wasserhahn wieder zu und trat in das Zimmer zurück. - Noch immer rieb er sich die linke, verletzte Hand. Die blonden Haare hatte er mit Wasser befeuchtet und zurückgekämmt, so daß die Stirn bloẞ lag, sein Gesicht war nackt. früher oder später", sagte er ,, Du wirst es bereuen trocken. Steffie richtete sich auf und ließ sich von ihm aus dem Atelier ziehen. Von der Tür her sah sie mich noch einmal mit einem traurigen, bedeutungsvollen Blick an. Ich hörte ihre Schritte auf der hölzernen Treppe verklingen. Was in aller Welt hatte ich getan? Wieso war ich nur dazu gekommen, auszusprechen, was man verschweigen mußte? Ich hatte eine kleine Rente und war unabhängig. Auf Aufträge war ich nicht angewiesen, und ich konnte mein Leben für mich führen. Wozu mußte ich mich nun auf meine Art in das einlassen, was Lernau die Welt nannte? Ich hatte geredet, wie Ullmann gesprochen hatte an jenem 5 Kunigunde 65 letzten Abend, bevor er nach Frankreich gegangen war. Aber er hatte eben nur an jenem letzten Abend gesprochen und nur zu mir, dem er vertraute. „Komm mit!“ hatte er mich aufgefordert.„Komm mit, hier wird einem die Luft zu dünn.“ Aber was hätte ich in Frankreich oder wo immer sonst hin der Weg der Emigranten führte, tun sollen? Ich gehörte in diese fränkische Land- schaft mit ihren weißen Fachwerkhäusern, mit ihren Hügeln und Strömen, mit ihren blonden, braunäugigen Mädchen, mit ihrem Reichtum aus den Zeiten der Gotik, der Renaissance und des Barocks. Hier war der Raum, in dem ich lebte, dies war die Luft, die ich atmete. Vor der heißen Sonne van Goghs aber fürchtete ich mich. Was mich am meisten beschäftigte in den nächsten Tagen war nicht die Drohung Lernaus, der trotz seiner Jugend Ein- fluß hatte und mir gewiß schaden konnte, sondern die Sorge um Steffi.| Ich hatte mich so an sie gewöhnt, und nun vermißte ich sie. Das Seltsame war, daß ich sie nirgendwo mehr traf, weder im Schützenhaus, noch auf meinen Spaziergängen,@die ich ab- sichtlich ausdehnte. Zu meiner Überraschung tauchte Lernau eines Tages wie- der mit ihr in meinem Atelier auf. Zuerst wußte ich nicht, was ich davon halten sollte, aber ein Blick in Steffies Augen be- ruhigte mich. Lachend schüttelte Lernau den Kopf, die blonden Haare flogen nur so. „Ärgert dich mein Kopf, so wirf ihn an die Wand! Hier hast du ihn!“ rief er und er tat, als sei im Grunde nichts zwischen uns gewesen. Ich ließ mir nicht merken, wie sehr erleichtert ich mich fühlte. Ich sagte sogar:„Lernau, im Herzen gibst du doch zu, daß ich Recht habe.“ 66 ,, Hör auf, hör auf!" rief er und preẞte die Hände gegen die Ohren. ,, Wir wollen nicht wieder davon anfangen." Jetzt hätte ich hartnäckig bleiben müssen, das spürte ich wohl, aber ich dachte in diesem Augenblick nur an Steffie, und ich zitterte davor, daß sie mir von neuem entrissen werden könne. Und ich nahm alles hin, die glatten Worte Lernaus, die mich hätten warnen sollen, seine Späße und sein Gelächter und dann die Neuigkeit, die ihn zu seiner großmütigen Geste des Verzeihens und Vergessens bewegt hatte: Er fuhr fort, nach München. Eine hochbezahlte, staatliche Anstellung wartete seiner. ,, Siehst du, darum bin ich heraufgekommen zu dir, trotz allem. Steffie vertraut dir, du bist ihr väterlicher Freund", welchen Hieb versetzte er mir doch mit diesem Wort! dir weiß ich sie gut aufgehoben." - - ,, bei Wir tranken eine Flasche Wein zur Versöhnung und zum Abschied. Lernau wollte Steffies Porträt sehen, aber ich lehnte ab, es zu zeigen. Er bestand nicht weiter darauf. ,, Jetzt geht es vorwärts auf des Lebens goldner Bahn", meinte Lernau. Ich wünschte ihm eine gute Reise. Merkwürdig war, daß ich nach seiner Abfahrt mit dem Bilde Steffies nicht mehr weiter kam. Ich fühlte mich befangen, da ich mit ihr jetzt in einer ganz anderen Weise allein war als zuvor. Das schien auch sie zu fühlen. Erst erzählte sie mir dann und wann von den Briefen, die kamen. Lernau lieẞ mich grüßen. Später erwähnte sie ihn nicht mehr. Ihr Blick wurde sorgenvoll. Die Briefe blieben wohl aus. Langsam begann sich ihr Gesicht zu verändern. Ein Ausdruck des Duldens, ein Zug der Härte gruben sich darin ein, die vorher nicht vorhanden gewesen waren, die Sanftmut und die Weichheit aber, die bisher ihrem Gesicht das Gepräge gegeben hatten, wichen. So wuchs sie unter meinen Augen und reifte. Ich liebte sie um so mehr und fand, daß sie schöner wurde. 5* 67 68 88 Doch mit keiner Arbeit hatte ich je solche Schwierigkeiten gehabt wie mit ihrem Porträt. Dreimal begann ich von neuem und konnte nicht fertig werden. Schließlich fragte ich mich, ob wirklich nur die Unzufriedenheit mit meinem Schaffen der Grund dafür war oder die Veränderung in Steffies Zügen oder gar der Wunsch, eben nicht fertig werden zu wollen. Denn unleugbar packte mich von Zeit zu Zeit immer wieder der Schreck im Genick, der mich bei der Betrachtung meiner alten Porträts ergriffen hatte. Und dann gab es noch einen anderen Anlaß für mich, die Arbeit nach Möglichkeit in die Länge zu ziehen. Es war schön, Steffie um mich zu haben. Sie half mir Ordnung halten im Atelier, sie brachte mir Blumen, sie kochte uns Kaffee in den Nachmittagsstunden. Manchmal nahm sie sich gar meiner Wäsche an. Ich freute mich über diese kleinen Zeichen des Vertrautseins, ich genoß die stillen, arbeitsamen Stunden mit ihr, diese halblauten Gespräche, ihr leises Lachen, wenn ich im Eifer der Arbeit zu fluchen begann. Manchmal dachte ich mir, daß es gut sein müßte, mit ihr zusammen zu leben. Solche Gedanken erschreckten mich zwar, aber ich konnte mich ihrer nicht wehren. Ich hatte keine Macht mehr über mich selber. Ich wurde getrieben, wie der Fluß unter meinem Fenster, den es meerwärts drängte, und auf dem nun Eisschollen dahinglitten, denn es war sehr früh und mit großer Heftigkeit Winter geworden; Schnee war gefallen und es fror. In den Ecken der großen Fenster über dem Fluẞ breiteten die Eisblumen ihre geheimnisvollen Fächer. Ja, ich liebte Steffie. Ich wußte, welche Sorge sie bedrückte, und ich zitterte davor, daß sie eines Tages kommen und mir erzählen werde, Lernau habe ihr geschrieben und alles sei wieder gut. Mein Herz klopfte, wenn ich sie die Treppe heraufkommen hörte. Ich horchte lauernd auf ihren Schritt, und ich atmete auf, wenn ich erkannte, daß es der gleiche, zö gernde, schleppende, ein wenig traurige Schritt war, an den sich meine Ohren gewöhnt hatten. Dann öffnete ich die Tür und blickte in ihr Gesicht und sah das freundliche und doch harte Lächeln um ihren Mund und dann war ich glücklich! - Ich küẞte wohl ihre Hand, ich legte den Arm um ihre Schulter und zog sie in den Sessel am Fenster. Wir blickten auf den Fluß und auf die Eisschollen. Ich liebte sie. Inzwischen hatte ich doch begonnen, die obere Rathausbrücke mit der Statue der Heiligen Kunigunde zu malen. Ich tat es, um mich abzulenken von der gefährlichen Leidenschaft, die mich ergriffen hatte. Außerdem wollte ich über die Schwierigkeiten hinwegkommen, die mir Steffies Bild bereitete. Ich wollte mir beweisen, welch ein Kerl ich doch noch sei. Jeden Morgen in aller Frühe kroch ich aus dem Bett und schleppte Staffelei und Leinwand zur oberen Rathausbrücke. Bevor ich hinkam, waren meine Finger trotz der Pelzhandschuhe eisig kalt und klamm. So mußte ich sie erst an dem kleinen Eisentopf mit Holzkohlen aufwärmen, einem altmodischen Gerät, das mir gute Dienste leistete. Hier ging die Arbeit rascher voran, als ich erwartet hatte. Und eines Morgens entdeckte ich, daß das Bild vollendet war. Ich war zufrieden und wollte es Steffie zeigen. Darum stellte ich es auf die Staffelei. Sie verspätete sich an diesem Tage. Unruhig wartend saẞ ich in meinem Atelier, kniff die Augen zusammen und prüfte das Bild: die Brücke aus hellem, grauweißem Stein mit der erhabenen Figur der Heiligen auf dem Brückenrand, dahinter der kleine Fluß, von Eisschollen bedeckt. Schnee und weiße Wolken vor dem Himmel. Weiß und weiß, sonst nichts. Es blendete fast die Augen. Die Farbe hatte alle Formen zerfressen, die hingen nur noch lose mit dem Schwung des Brückenbogens im Raum und fanden Halt in der schmalen, 69 aufrechten Frauenfigur, die den bekrönten Kopf weich über ihre andächtigen Hände neigte. Weiß und weiß und weiẞ. War ich zufrieden? Nein, ich lehnte mich plötzlich auf gegen die Eintönigkeit, gegen die farblose, hoffnungslose Melodie darin. Ich nahm die Palette und drückte an Farben darauf, was mir gerade in die Hände fiel, Ocker und Preußischblau und Karmin, obwohl ich nicht wußte, was ich damit in meiner Schneelandschaft anfangen konnte. Dann entschloß ich mich doch, packte den Spachtel und schlug ein blaues Fenster in den weißgrauen Winterhimmel. Ich malte auf Holz. Die Staffelei ächzte unter meinen Spachtelhieben und rückte immer weiter. Ich malte, schimpfend und fluchend, wie es meine Gewohnheit war, bis ich die Staffelei ganz nahe an die Wand getrieben hatte. Dann brach ich ab und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Wieviel dumme Aufregung um ein bißchen Preußischblau! Das hing nun wirklich wie eine Standarte der Lebensfreude in das Weiß des Bildes hinein. Ich steckte mir eine Zigarette an und blickte auf die Regnitz hinunter. Das Mühlwerk arbeitete, das Haus dröhnte und summte. Wo blieb nur Steffie? Als ich mich wieder umwandte, war mir das Kunigundenbild völlig fremd geworden. Welch eine billige Freude war das blaue Dreieck, nüchtern, schäbig und hausbacken, ein allzu bequemer Ausweg! Wie ein plumper Klotz drückte es das ganze Bild zusammen, zerstörte den frostigen Ernst der darin gewesen, banalisierte die feierliche Strenge. So ordinär sah dieses Blau aus und so dumm. Ich holte die Staffelei wieder aus ihrer Ecke, zerrte sie an einem Bein quietschend über die unebenen Planken des Fußbodens und begann das blaue Himmelsloch wieder zuzudecken. 70 Nur ein wenig sollte davon bleiben, nur ein kurzes, hoffnungsvolles Aufatmen. Ich mischte dann noch etwas Ocker in das Weiß der Schneehaube auf dem Brückenrand, nur so viel gerade, daß der sich quer über das Bild spannende Bogen etwas lichter wurde. Weißer noch als weiß sollte er sein. Dreimal mußte ich die Staffelei wieder von der Wand in die Mitte des Zimmers rücken, bis ich endlich fertig war. Dann fühlte ich mich müde und zugleich sehr einsam. Wo blieb nur Steffie? Ich fror, und die Augen taten mir weh. Sie konnten wohl das viele Weiß nicht vertragen. Vier Tuben hatte ich für das Bild verbraucht, vier große Tuben. ,, Du wirfst das Geld zum Fenster hinaus, alter Narr", schimpfte ich mit mir selbst. Steffie kam mit der Dämmerung. Ich ging ihr durch das Zimmer entgegen. Sie entschuldigte sich nicht. Wir setzten uns an das breite Fenster und sahen zu, wie draußen aus der Dämmerung Nacht wurde. Das geht schnell im Winter. Erst verloren die Dinge, die Häuser am anderen Ufer und die Sankt- Josefs- Kirche, ihre Farbe und dann ihre Form. Der dicke, eckige Kirchturm verflachte zu einer Silhouette, die Häuser wurden Schatten. Bald konnten wir nicht einmal mehr die Eisschollen erkennen, die auf dem Fluß unter dem Fenster vorbeiquirlten. Von der Brücke her zwinkerten uns die Straßenlampen zu. In ihrem Schein sahen wir, wie der Schnee behutsam niedersank. Wir schwiegen angespannt, als wollten wir auf seinen Fall lauschen. ,, Es schneit", sagte ich. Steffie kroch eng auf ihrem Sessel zusammen, sie fror wohl. Dann sagte ich: ,, Wenn man zu den Lichtern hinübersieht, glaubt man die feuchten Flocken auf den Wimpern zu spüren." 71 Steffie antwortete nicht. Das machte mich traurig. Ich hatte den ganzen Tag gearbeitet und solange auf sie gewartet. Nun war ich müde und hätte ihr gern das Kunigundenbild gezeigt und ein gutes Wort von ihr gehört. Da begann sie von Lernau zu sprechen. Seit Monaten hatte sie ihn nicht mehr erwähnt. Jetzt also war endlich ein Brief von ihm gekommen. Die Blätter knisterten in ihrer Hand. Ich wollte Licht machen, aber sie ließ es nicht zu. Frierend auf dem Sessel zusammengekauert sprach sie ins Dunkel hinein. Lernau hatte ihr geschrieben, es sei aus. Er habe sich in München verlobt. Steffie nannte auch noch den Namen seiner Braut. Sie entstammte einer sehr einflußreichen Familie. Kaum konnte ich abwarten, bis sie ausgesprochen hatte. Dann sagte ich ihr alles, alles, was ich für sie empfand. Die Dunkelheit und ihr Verlassensein machten mich verwegen. Steffie glitt aus dem Sessel und beugte sich über mich. Schweigend strich sie mit der Hand über meinen Kopf, dann ging sie wie eine Fremde davon. Als sie die Tür hinter sich ins Schloß zog, rollten zwei Pinsel vom Tisch und fielen auf den Boden. Lange hörte ich das helle, schwingende Geräusch der dünnen Hölzer. Steffie kam nicht wieder, und ihr Porträt blieb unvollendet. Nur das Bild der heiligen Kunigunde im Schnee sandte ich nach München für die Ausstellung. Die Jury lehnte es ab, doch dabei allein blieb es nicht. Das Bild wurde mir nicht zurückgestellt, sondern einer besonderen Ausstellung ,, entarteter Kunst" überwiesen. 72 SIEBEN EISZAPFEN Die trüben Tage waren zahlreich. Arnold mit seinen sechs Jahren dachte, das könne wohl auch nicht anders sein in einer Stadt, die sich Braunschweig nannte. Klang das nicht unfreundlich genug, häßlich und dunkel? Was konnte man also anderes erwarten, als daß der Himmel stets bedeckt, die Straßen grau waren, schmutzig das Pflaster und schwärzlich die Häuser, die in der Roßgasse noch überhängende Giebel besaßen, so daß die Sonne, selbst wenn sie sich einmal aus dem ewigen Dunst der Wolken und dem dicken Rauch der Maschinen- und Konservenfabriken hervorwagte, nicht bis in die Straßen eindringen konnte. Und wie dunkel war es erst in den Häusern selbst! Auf ihren Treppen roch es nach alten Leuten, nach Friedhof, nach Sterben und Verderben. So finster war es im Hause Nummer 71 beispielsweise, daß Arnold sich nicht erinnern konnte, jemals die Stufen gesehen zu haben, dabei war er die Treppe schon viele Male herauf und hinabgestiegen und wußte gut, wo er achtzugeben hatte. Die vorletzte Stufe zum ersten Stock beispielsweise, in dem die verwitwete Majorin Apfelstedt wohnte, deren Mann noch 73 im Krieg gegen die Preußen gefallen war, hatte in der Mitte ein großes Loch. Im zweiten Stock, wo ein Stück aus dem Geländer herausgebrochen war, hauste der dicke Haselmeyer, der letzte einer ganzen Gilde von Roẞschlächtern, die der Straße ihren Namen gegeben hatte. Haselmeyers waren sehr patriotische und auch sehr mächtige Leute, denn ihnen gehörte das Haus. Die Wohnung im dritten Stock war geteilt. Auf dem linken Flügel wohnte Fräulein Umbracht. Sie wurde nur die ,, Konvertitin" genannt, weil sie sich noch im späten Alter hatte katholisch taufen lassen. Wenn Arnold ihr auf der Treppe begegnete, drückte sie ihm stets kleine Schriftchen in die Hand, die mit bunten, sehr seltsamen Bildern geschmückt waren. Fräulein Umbrachts Nachbar war ,, Krüger mit den Glasbeinen", ein Maschinensetzer von Beruf, der die merkwürdige Gabe hatte, allerlei Unfälle zu erleiden. Schon mehrfach hatte er sich die Beine gebrochen. Sein besonderer Unglückstag war der Freitag, an dem die Löhne ausgezahlt wurden. Nie würde Arnold jenen Abend vergessen, als er einmal allein in der Dachkammer im Bett lag Louise war fortgegangen, um Wäsche abzuliefern - - und sich plötzlich auf der Treppe ein unheimliches Lärmen, Trampeln und Stöhnen hatte hören lassen, als steige ein vielfüßiges Ungeheuer herauf. Arnold hatte in seiner Angst geschrien und nicht aufgehört zu weinen, bis Louise gekommen war und ihm alles erzählt hatte: Krüger war mal wieder auf einer Bahre nach Hause gebracht worden. Arnold empfand Scheu vor Krüger und ging ihm respektvoll aus dem Wege. Groß war seine Angst, er könne ihn anstoßen und seine Glasbeine zerbrechen. Dabei war Krüger ein vergnügter und munterer Mensch und bei einigen Leuten 74 sehr angesehen, wenn auch Haselmeyers alle paar Wochen drohten, ihn herauszusetzen, denn denen galt er als ein Roter und ein gottloser Kerl. Tatsächlich gab es bei jeder Begegnung, die Krüger mit seiner Nachbarin hatte, einen heidenmäßigen Skandal auf der Treppe. ,, Alte Betschwester", schrie Krüger. ,, Sie haben ja ein polizeiwidriges Gesicht! Wie kann man nur erlauben, daß Sie damit frei herumlaufen. Wenn es Ihnen auf dieser Erde nicht gefällt, so machen Sie sich doch gefälligst aus dem Staube!" Arnold hatte einmal voller Bewunderung für all die Schimpfworte, die Krüger erfand, einem solchen Ausbruch zugehört und sich dabei so lange auf der Treppe aufgehalten, daß er von Louise, die ihn nach Zucker geschickt hatte, eine tüchtige Tracht Prügel bekam. Louise mochte es nicht, wenn er ihre Aufträge nicht rasch erledigte. ,, Treib dich nicht herum", sagte sie ,,, vom Herumtreiben bis zum Stehlen ist es nur ein Schritt." Arnold erschien das eine Übertreibung, wie so manches, was Louise sagte, und doch mußte er erleben, daß sie recht hatte: vom Herumtreiben bis zum Stehlen... Als es auf Weihnachten zuging, erschienen im sonst so nüchternen Laden des Konsumvereins fremde, seltsame und verlockende Dinge. Große Fässer, so hoch wie Arnold selbst, mit getrockneten Früchten, Birnen, Pflaumen oder Pfirsichen gar, standen gleich neben der Tür vor dem Ladentisch. Arnold begnügte sich zunächst damit, das schöne, wohlriechende Holz der Fässer freundschaftlich zu berühren. Später einmal wagte sich seine kleine Hand tastend nach dem Rand empor. Ein klebriger Pfirsich blieb wie zufällig zwischen seinen Fingern hängen. Da ballte er rasch die Hand zur Faust und steckte sie in die Tasche. Erst nachdem er bei der Apotheke ,, Zur blauen Eule" um die Ecke gebogen war, wagte er seine 75 Hand hervorzuziehen und die Beute zu verzehren. Sie schmeckte süß und säuerlich zugleich, war trocken und saftig, zäh und doch weich. Unvergleichlich war ihr Wohlgeschmack, und bald wurde es Arnold zur Gewohnheit, ja zum Bedürfnis, bei jedem Gang in den Konsum einen raschen Griff in die großen Fässer zu tun. Gewiß klopfte sein Herz heftig dabei, doch verminderte das den Reiz des Abenteuers nicht; außer den getrockneten Früchten nahm er auch noch das Bewußtsein seiner Kühnheit mit nach Hause. Er wurde immer verwegener, steckte ganze Hände voll ein, und tat es sogar dann, wenn Louise dabei war. Einmal überraschte sie ihn auf dem Heimwege, als er einen Pflaumenkern ausspuckte. Es gab ein langes Verhör. Nur mit Mühe und mit großer Klugheit, wie Arnold sich selber sagte gelang es ihm, die Entdeckung zu verhindern. - - Auch diese Warnung schreckte ihn nicht ab. Seine Kühnheit und auch seine Begierde wuchsen. Sie wurden angestachelt durch die außergewöhnlichen und schönen Dinge, die mit dem Herannahen des Weihnachtsfestes in immer größerer Zahl in dem Laden auftauchten. Schimmerndes Lametta, leuchtende Glaskugeln, silberne und gar goldene Tannenzapfen. Am allerschönsten, ja von traumhaftem Reiz aber waren für Arnold die aus Glas gedrehten Eiszapfen. Sie glänzten in einem mit Watte gefütterten Pappkarton, der auf dem Ladentisch direkt unter einer Lampe stand, und waren darum nicht so leicht zu erreichen. Ihre Schönheit jedoch ließ sich mit nichts vergleichen, und das Verlangen nach ihnen stieg in Arnold mit solcher Macht, daß sie jede Nacht gleißend und funkelnd in seinen Träumen erschienen. Seine Sehnsucht nach ihnen zehrte an ihm. Alles andere vergaß er darüber. Statt zu spielen, saß er oft stundenlang in einer Ecke der Mansarde und dachte an die Eiszapfen. 76 Er fühlte, ihr Besitz allein würde ihn glücklich, würde ihn zum glücklichsten aller Menschen machen. Eines Abends humpelte Krüger mit den Glasbeinen zu Louise in die Dachkammer. ,, Stellen Sie sich vor, Louise, heute hat man die Husaren gegen die Streikenden geschickt. Die Totenkopfhusaren, jawohl! Lanzen gefällt und drauflos geritten, eine richtige Attacke!" ,, Regen Sie sich nicht auf, Krüger", sagte Louise. ,, Bleiben Sie hier. Ich mache Bratkartoffeln." Krüger hörte erst nicht drauf und sagte dann, er könne das nicht annehmen, aber später gab er nach unter der Bedingung, daß er zum Abendessen beitragen dürfe. Er schickte Arnold in den Konsum nach eingelegten Heringen. Es war schon spät. Im Konsum war niemand außer Hansen, dem Konsumvereinsleiter, der gerade seine Abrechnung machte und ärgerlich an seinem dünnen, blonden Schnurrbart drehte. Arnold fing erst an von den Husaren zu sprechen, aber Hansen sagte: ,, Was verstehst denn du davon, du Knirps. Was willst du schon? Es ist spät." Nachdem Arnold seine Bestellung vorgebracht hatte, meinte Hansen zunächst ,, Heringe sind ausgegangen". Doch als er dann hörte, daß sie für Krüger mit den Glasbeinen seien, da entschloß er sich, ein neues Faß aufzumachen und ging in den anschließenden Lagerraum. Arnold war allein. Die Gasbrenner über dem Ladentisch summten. Es roch nach Lebkuchen und Nüssen, und gerade vor Arnolds Gesicht schimmerten die Eiszapfen in all ihrer Pracht. Er konnte nicht anders. Er streckte seine Hand aus und griff zu. Es klang und klirrte, als er sie in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Arnold erschrak heftig über diesen verräterischen Laut, zumal im gleichen Augenblick Hansen aus dem Lagerraum zurückkehrte und ihn mit stechendem Blick ansah. Wie angewurzelt blieb Arnold stehen, während 77 Hansen die Heringe in ein Stück braunes Papier einwickelte. Arnold wagte nicht, Hansen ins Gesicht zu schauen. Er beobachtete, wie das Papier vom Fett feucht wurde und sich langsam dunkel färbte. ,, Hier! Macht fünfzig Pfennige", sagte Hansen und drängte, das Paket über den Ladentisch reichend: ,, Beeil dich schon. Es ist fünf nach acht. Ich muß schließen." Vor Arnold erhob sich eine unerwartete Schwierigkeit. Das Geld trug er in der Tasche, in die er die Eiszapfen hatte gleiten lassen. Wie sollte er es herausbekommen, ohne sich zu verraten? Vorsichtig fuhr er mit der Hand in die Tasche, aber dennoch stachen ihn die Spitzen der Eiszapfen in die Finger, und silberhell ließ sich jenes verdächtige Klingen und Klirren hören, das Arnold nun auf allen Wegen begleiten sollte, um ihn war, was immer er auch tat, und bis in seine unruhigen angsterfüllten Träume wie eine mahnende Glocke läutete. Denn, nachdem er das Geld gefunden und auf den Ladentisch gelegt hatte, quälte ihn auch schon die Frage, was er nun mit den Eiszapfen beginnen, wie er sie zu Haus verbergen könne. Er fand zunächst ein Versteck für sie unter dem Kissen seines Betts im Alkoven, doch konnte er dann nicht einschlafen, weil er fürchtete, sie würden herunterfallen. Wie Krügers Glasbeine würden sie zerspringen und Louise mit ihrem Klirren aufwecken. Immer wieder fuhr er mit der Hand unter das Kissen, um sich zu vergewissern, daß die Eiszapfen noch an ihrem Platze seien. Sie fühlten sich kühl an. Arnold zählte sie zum erstenmal. Es waren sieben. Er empfand nun doch Stolz und Befriedigung darüber, daß er gewagt hatte, sie zu nehmen. Und mit dieser Empfindung schlief er ein. Am nächsten Morgen waren die Eiszapfen schon wieder nichts mehr als eine verräterische Last. Im Bett konnte er sie 78 nicht lassen, denn dort würde Louise sie finden. Aber wo sollte er nur hin mit ihnen? Kein Platz schien ihm sicher genug. Man konnte nie wissen, ob Louise nicht plötzlich von Reinlichkeitswut befallen die kleine Wohnung von oben bis unten auf den Kopf stellen würde. Arnold entschied sich dafür, die Eiszapfen in der Hosentasche bei sich zu tragen, obwohl sie ihm dort mit ihrem ständigen Klimpern und Klirren keine Ruhe ließen. Wie unglücklich wurden diese Vorweihnachtstage für ihn! Er konnte sich über nichts freuen, und Louises Zärtlichkeit in diesen Tagen machte alles nur noch schlimmer. Sie sprach von Gottlieb, der ihr Mann gewesen war. Er hatte bei der Eisenbahn gearbeitet und hatte bei einem Zusammenstoß das Leben verloren. In ihrer tiefen Einsamkeit und Verzweiflung war Louise nur von einem Wunsch erfüllt gewesen: sie hatte ein Kind haben wollen, ein Wesen, um das sie sich sorgen, dem sie Liebe und Zärtlichkeit geben konnte. Und da war ihr der Zufall zu Hilfe gekommen. Eine Freundin aus Wildgarten im Harz hatte ihr geschrieben, daß es dort ein Kindlein gäbe, einen winzigen Buben, der weder Vater noch Mutter besaß. So waren Louise und Arnold zusammengekommen. Arnold kannte diese Geschichte schon, und sie stimmte ihn immer sehr traurig. Auch wußte er, wie Louise diese Erzählung zu beenden pflegte. ,, Und ich hab mir geschworen, aus dir einen rechtschaffenen, guten Menschen zu machen", sagte die gebeugte, eulengesichtige Louise. ,, Auf den Reichtum kommt es nicht an, sondern auf das ehrliche Herz." Und damit umarmte sie Arnold, der nun zitterte, daß sie die Eiszapfen entdecken werde. Noch einmal an diesem Abend griff ihm die Angst bis ins Herz. Louise kam, was sie nur selten tat, an sein Bett und gab ihm einen Gute- Nacht- Kuẞ. ,, Aber wie liegst du denn da, Junge", sagte sie, bevor sie 79 ging. ,, Das Kopfkissen ist ja ganz schief. Ich werde es dir geraderücken." Da wäre sie nun wirklich beinahe auf sein Geheimnis gekommen. Vor Schreck brach ihm der Schweiß aus den Poren. Louise, die ihm mit der Hand über das Gesicht strich, wunderte sich: ,, Du bist ja ganz naß und heiẞ! Hast du am Ende Fieber?" Er schloß rasch die Augen und tat, als ob er schon schliefe. In dieser Nacht überlegte er, ob Louise nicht doch recht habe mit dem, was sie so sagte von der Ehrlichkeit und von der Lüge, vom Guten und vom Bösen, und er dachte daran, ihr alles zu gestehen. Am nächsten Morgen jedoch erwachte sein Stolz. Konnte er so leichthin aufgeben, was er mit Kühnheit erworben und unter ständigen Gefahren verteidigt und bewahrt hatte? Und dann natürlich empfand er Furcht vor den Folgen, die ein Geständnis für ihn haben würde. Zu gut kannte er die Bewegung, mit der Louise ihren Hausschuh vom Fuẞe zog. Sie schlug unheimlich hart damit zu. So war ihm der Weg der Reue verschlossen. Und ein trauriger Trotz stieg in ihm aus der Erinnerung an Louises Erzählung auf: wenn er nun einmal keinen Vater und keine Mutter hatte, wenn er nun doch einmal nicht als ein rechtschaffener Mensch auf die Welt gekommen war-. Aber das Bewußtsein bedrückte ihn, daß er etwas getan hatte, was Louise für schlecht und verdammenswert hielt. Er wollte gut mit ihr sein, denn sie war der einzige Mensch, den er besaẞ. So traten zu den Sorgen und Ängsten, die ihm sein Besitz bereitete, innere Qualen. Und immer drückender wurde die Last auf seinem Herzen. Er erwog in seiner Not, ob er sich nicht das Leben nehmen sollte, wie es der Uhrmacher Kurzmann in der Unteren Roẞgasse getan hatte. Als die Polizei 80 T e e T r e e I S 1 1 T Z gekommen war, um ihn zu verhaften, hatte man ihn erhängt in seinem Laden aufgefunden. Arnold hatte ihn gesehen, als sie ihn herausgetragen hatten, die abgetretenen Schuhe und die grauen, wollenen Strümpfe und die schwarzen glänzenden Hosen. Über den Oberkörper und das Gesicht aber hatten sie eine Decke geworfen. Erhängen wollte sich Arnold nicht. Ihm schien es das beste, in die Oker zu springen. Mit diesem Entschluß ging er weinend und frierend in der frühen Dämmerung auf die Brücke. Er beugte sich über das Geländer und sah hinab. Auf dem grünen Wasser in der Tiefe schwammen Eisschollen, und Arnold spürte, als er in die meerwärts treibende Flut blickte, wie ihm schwindlig wurde. Er zog die Hand hervor, mit der er die gläsernen Zapfen in seiner Tasche umspannt hielt. Einer davon entglitt ihm und fiel mit leichtem Klatschen ins Wasser. Arnold war betrübt über den Verlust und empfand doch zugleich ein Gefühl der Befreiung. So ließ er den nächsten Zapfen folgen und warf sie dann alle, einen nach dem anderen, zögernd und scheu hinab. Der letzte fiel auf eine Eisscholle und wurde von ihr weitergetragen. Das machte Arnold den Abschied von seinem Schatz etwas leichter. Er sah der Eisscholle nach und folgte ihr dann gar auf dem Damm, der neben dem kleinen Fluß entlangführt. Die Eisscholle war bläulich weiß, und wie sie sich langsam auf ihrer Fahrt den Strom hinab drehte, glaubte Arnold manchmal den blinkenden, gläsernen Zapfen auf ihrem Rande zu erkennen. Mit gesenktem Kopfe ging er heim. Louise war überrascht und brummte, als er seine Arme um ihren Hals schlang und unter Tränen ihr verrunzeltes Gesicht küẞte. Heimlich lief sie noch einmal rasch in den Konsumverein, um zu den wenigen Geschenken, die sie für Arnold hatte, noch etwas hinzuzukaufen. Am Abend richtete sie den Weihnachtsbaum in dem kleinen i 6 Kunigunde 81 Zimmer, während Arnold in der Küche warten mußte. Er war jetzt froh, daß er die Zapfen los war. Sein Gewissen war rein. Keine Sorge bedrückte ihn, und freudig wartete er auf den Ruf der kleinen silbernen Glocke. Dann öffnete sich die Tür, und auf dem Tisch stand das Bäumchen. Arnold sah nicht die Geschenke darunter, ein Paar Schuhe, wollene Pulswärmer und einen Ball, den er sich so sehr gewünscht hatte, er sah nur das strahlende Licht der Kerzen und an den grünen Zweigen die Sterne, die Louise selbst aus Glanzpapier geschnitten hatte, und neben ihnen sieben lange, glitzernde Eiszapfen aus Glas. Das war nämlich das einzige gewesen, was Louise so spät noch im Konsum an Weihnachtsfreude hatte finden können, und da von einigen der Zapfen bereits die Spitzen abgebrochen waren, hatte ihr Hansen, an seinem dünnen, blonden Schnurrbart drehend, einen besonders billigen Preis gemacht. JUNGER MANN IN DER LEHRE Erwin, ein junger Mann, der in Würzburg bei einer Bank in der Lehre war, ging mit großen Schritten auf dem Bahnsteig hin und her. Ungeduldig sah er über die in der Herbstsonne schimmernden Gleise nach dem Lokalbahnzug aus, der seine Eltern bringen sollte. Am Tage zuvor hatte er einen Brief von seinem Vater erhalten. Die Mutter sei krank, hieß es darin. ,, Rufe Dr. Waldinger an und frage, ob er ein Bett für Mutter in der Klinik frei hat." Waldinger, ein Jagdfreund des Vaters, hatte mit selbstverständlicher Bereitschaft zugesagt:„ Gewiß, es war ja ungefähr für diese Zeit vereinbart." So hatte der Arzt schon von der Krankheit der Mutter gewußt! Die durch des Vaters Brief in Erwin wachgerufene Sorge war zu einem herzbeklemmenden Schrecken gewachsen. Mit bekümmertem Gesicht schritt er jetzt in der kalten Zugluft des Bahnsteigs auf und ab. Während der scharfe Wind ihm die Tränen in die Augen trieb, überlegte er, was der Mutter nur fehlen könne. Sie hatte bisher immer mit ihrer soliden Gesundheit geprahlt. 6* 83 Sie war noch jung- Erwin mußte es erst ausrechnen, nicht mehr als zweiundvierzig Jahre alt. Wie konnte es nur geschehen, daß sie nun von einem Tag auf den anderen krank wurde? Von einem Tag auf den anderen? Die Krankheit mochte seit langem begonnen haben. Viele Monate waren vergangen, ohne daß Erwin nach Haus gefahren war. Er hatte sich mit billigen Ausreden entschuldigt: Überstunden in der Bank, Veranstaltungen des Sportvereins, dem er angehörte. So hatte er die Mutter vernachlässigt, hatte sich von ihr innerlich abgewandt. Das war nicht zuviel gesagt. Ihr Drängen, daß er wenigstens dann und wann einmal übers Wochenende nach Hause kommen möchte, hatte er wie eine Belästigung empfunden. Und er hatte sich nicht darum gekümmert. Doch nun war sie krank, krank genug, um einer Klinik zu bedürfen. Erwin erinnerte sich, wie Waldinger einmal auf der Jagd voller Stolz auf seine Geschicklichkeit einen Rehbock ausgeweidet hatte. Er sah die blutigen, dicken Finger des Arztes vor sich. Die Angst um die Mutter stieg wie eine Flut in ihm an. Verlangend blickten seine Augen über die glatten Schienenstränge. Auf die Tafel, die in der Mitte des Bahnsteigs Ankunft und Abfahrt der Züge anzeigte, schrieb ein Beamter mit Kreide: ,, Zug von Mellrichstadt 12 Minuten Verspätung." Erwin setzte seine Wanderung mit beschleunigten Schritten fort, als wolle er damit die Zeit zu schnellerem Laufe treiben. Dabei nahmen seine Gedanken, so sehr er sich auch dessen schämte, ihren eigenen Weg. Die Mutter, dachte er und hielt den Hut mit der Hand fest, damit ihn der Wind nicht fortreiße, die Mutter wird in Waldingers Klinik bleiben. Was aber würde der Vater tun? Würde er sich in der Stadt aufhalten, oder würde er, wie sonst bei seinen kurzen geschäftlichen Besuchen, wieder nach Hause fahren? 84 e , t e т 1 1 t Erwin erwartete Josefa, die jeden Sonnabend nachmittag mit einem dieser Kleinbahnzüge aus dem Dorfe kam, in dem sie als Lehrerin tätig war. Erwin und Josefa kannten sich seit einem halben Jahr. Ihre Liebe, jung wie am ersten Tag, wuchs noch immer, senkte tiefer ihre Wurzeln in ihre Herzen, breitete ihre Äste noch weiter aus, so daß Erwin und Josefa weder den Himmel über sich noch die Welt um sich sahen. Sie schritten im Schatten ihrer Gefühle und Empfindungen, ihrer Träume und Hoffnungen wie in einem Garten ewigen Frühlings dahin. Ihre Beziehung war rein und leidenschaftlich zugleich, heftig im Verlangen und im Gewähren köstlich. Seit Erwin Josefa kannte, war sein Leben, das nüchterne, trockene Leben eines Banklehrlings, reich und schön geworden. Die Wirklichkeit bot sich ihm als Traumerfüllung dar. Und dennoch, das war das Wunder, reiften immer neue Erwartungen heran. Was versprach er sich doch nicht alles von der gemeinsamen Alpenreise, die sie beide in Heimlichkeit für die Ferien vorbereiteten. Ärgerlich über sich selbst entdeckte Erwin, wie die Ängste um den Zustand der Mutter verdrängt wurden von der Sorge, ihre Ankunft könne seine Pläne für den Rest des Tages stören: das Wiedersehen mit Josefa, den Spaziergang durch die Wälder, das Nachtmahl in einem Dorfwirtshaus und den Heimweg im Silberlicht des Mondes. Endlich lief der Zug in den Bahnhof ein. Über das Knirschen der Bremsen und das Keuchen des ausströmenden Dampfes hinweg vernahm Erwin die Stimme der Mutter, die seinen Namen rief. Sie streckte ihm beide Hände entgegen. Sie begrüßten sich, als seien sie durch Jahre hindurch getrennt gewesen, und Erwin spürte in der Wärme, mit der ihn die Mutter umarmte, Vergebung für seine Schuld, und er küẞte sie bewegt. 85 Mit ernstem Gesicht stand der Vater dabei, die Reisetasche in der Hand. Es beruhigte Erwin, daß seine forschenden Blicke keine Spuren des Leidens an der Mutter entdecken konnten. Ihre klaren, rehbraunen Augen strahlten im morgendlichen Tag, frisch spannte sich die Haut über ihr Gesicht, und der saftige Mund sprach von heiterer Lebenskraft. Erwin hatte in diesen letzten Monaten Dinge zu sehen gelernt, die ihm früher verborgen geblieben waren. Jetzt fragte er sich beim Anblick der Mutter, ob die Männer sie wohl noch begehrten. Er, der jetzt zu wissen glaubte, was Liebe bedeutete, würde es gewiß verstanden haben. Sie hielten sich nicht auf. Mit der Straßenbahn fuhren sie zu Waldingers Klinik. Die Eltern saßen in einer Bank nebeneinander, Erwin hinter ihnen. Von Zeit zu Zeit sah sich die Mutter nach ihm um und lächelte ihn an. ,, Mein großer Bub", flüsterte sie. Ihre Stimme zitterte, und Erwin glaubte nun doch in ihren Augen eine besondere Wehmut, eine Trauer eigener, ihm rätselhafter Art zu spüren. Dann sprach die Mutter mit dem Vater. Die Räder ratterten laut in den Schienen, und unablässig warnte die schrille Glocke Menschen und Fuhrwerke, die die schmalen Straßen am Markttage füllten. Nur gelegentlich konnte Erwin wenige Worte von dem Gespräch auffangen, das zwischen den Eltern geführt wurde. ,, Ich wünschte, wir täten es nicht", sagte die Mutter einmal mit rotem Gesicht. Des Vaters Schultern fuhren ärgerlich auf. ,, Was willst du nur, Lena?" rief er und sprach dann rasch in gedämpftem, aber gereiztem Tone weiter. Als die Mutter sich später noch einmal Erwin zuwandte, waren ihre Augen feucht und ihr Gesicht trug einen fremden Ausdruck. 86 An der Endstation stiegen sie aus, und Erwin reichte der Mutter den Arm. Sie hielt seine Hand mit klammerndem Griff umspannt, während sie die paar Schritte zur Klinik zurücklegten. Ihnen voraus durchquerte der Vater den kleinen Ziergarten. Eine Schwester öffnete und führte sie in das Wartezimmer, das um diese Zeit leer war. Während sich die Mutter auf das mit braunem Leder bespannte Sofa setzte, ging der Vater mit einer gewissen Befangenheit auf und ab und betrachtete die Bilder an den Wänden. Es waren gerahmte, farbige Drucke aus einer Jagdzeitschrift: Auf dem Anstand Letztes Halali. Des Jägers Freund ,, Hast du Schmerzen, Mutter?" Erwin flüsterte, ohne zu wissen warum. 1 - Die Mutter schüttelte den Kopf, aber ihr Lächeln tat Erwin weh. ,, Kannst du mir denn nicht sagen, was es eigentlich ist?" bat Erwin eindringlich und fuhr dann auf, als der Vater ihn unerwartet anrief: ,, Komm einmal her und sieh dir das Bild an, Erwin! Diese Maler verstehen eben nichts. Es ist einfach zum Lachen, wie der Mann das Gewehr hält." Folgsam stand Erwin auf und betrachtete den Druck. ,, Natürlich, so kann man gar nicht schießen", stimmte er dem Vater zu. ,, Nicht wahr? Ich werde es Waldinger sagen. Er kann doch das Ding nicht hängen lassen!" rief der Vater mit einer Erregung, die Erwin unverständlich war. Er kehrte zurück auf seinen Platz an der Seite der Mutter. ,, In ein paar Tagen bin ich wieder auf", sagte sie und seufzte dennoch. Erwin senkte den Kopf. Er hätte gern von Josefa gesprochen. Sein Herz war erfüllt von ihr, und die Last des Schweigens und Verheimlichens bedrückte ihn, da er der Mutter in zärtlicher Sorge nahe war. Mußte denn gerade dieses Erlebnis, so mächtig und bedeutungsvoll, trennend zwischen ihnen stehen? 87 Mit ernstem Gesicht stand der Vater dabei, die Reisetasche in der Hand. Es beruhigte Erwin, daß seine forschenden Blicke keine Spuren des Leidens an der Mutter entdecken konnten. Ihre klaren, rehbraunen Augen strahlten im morgendlichen Tag, frisch spannte sich die Haut über ihr Gesicht, und der saftige Mund sprach von heiterer Lebenskraft. Erwin hatte in diesen letzten Monaten Dinge zu sehen gelernt, die ihm früher verborgen geblieben waren. Jetzt fragte er sich beim Anblick der Mutter, ob die Männer sie wohl noch begehrten. Er, der jetzt zu wissen glaubte, was Liebe bedeutete, würde es gewiß verstanden haben. Sie hielten sich nicht auf. Mit der Straßenbahn fuhren sie zu Waldingers Klinik. Die Eltern saßen in einer Bank nebeneinander, Erwin hinter ihnen. Von Zeit zu Zeit sah sich die Mutter nach ihm um und lächelte ihn an. ,, Mein großer Bub", flüsterte sie. Ihre Stimme zitterte, und Erwin glaubte nun doch in ihren Augen eine besondere Wehmut, eine Trauer eigener, ihm rätselhafter Art zu spüren. Dann sprach die Mutter mit dem Vater. Die Räder ratterten laut in den Schienen, und unablässig warnte die schrille Glocke Menschen und Fuhrwerke, die die schmalen Straßen am Markttage füllten. Nur gelegentlich konnte Erwin wenige Worte von dem Gespräch auffangen, das zwischen den Eltern geführt wurde. ,, Ich wünschte, wir täten es nicht", sagte die Mutter einmal mit rotem Gesicht. Des Vaters Schultern fuhren ärgerlich auf. ,, Was willst du nur, Lena?" rief er und sprach dann rasch in gedämpftem, aber gereiztem Tone weiter. Als die Mutter sich später noch einmal Erwin zuwandte, waren ihre Augen feucht und ihr Gesicht trug einen fremden Ausdruck. 86 An der Endstation stiegen sie aus, und Erwin reichte der U Bettina von Arnim; Der Liederfreund Zur Polenfrage Eine Sammlung 2 N Mit einer Einleitung« der schönsten Volkslieder von Jürgen Kuczynski des In- und Auslandes Für die deutsche Jugend zusammengestellt von Ruth Krenn 5 und mit Vorwort versehen von Walther Pollatschek 220 Seiten Horst Lommer Von Zeit zu Zeit Höllenparads Zeitgedichte Zirkus Zone x Westwind ahoi! 136 Seiten» Pappband DM 6.60 Novellen Georg Lukacs 116 Seiten- Pappband DM 4.20 Thomas Mann Zwei Essays Alfred Kantorowi 114 Seiten H Vom moralischen Gewinn Niederlage Georges Navel \rtikel und Ansprachen Werktage 412 Seiten‘ H inen DM 9.60 Roman Aus dem Französischen Ilse Langneı von Hans Joachim Lange Klytämnestra Eine Tragödie Peter Preses und Ulrich Becher Seiten‘ Der Bockerer Dramatisches Possenspiel 144 Seiten- Pappband DM 5.70 Der Linkshänder Ernst Sommer Aus dem Russischen on Johannes von Guenther Villon Illustrationen Bild einer Zeit von Ita Maximowna und eines Menschen 104 Seiten 288 Seiten un want ıden Ei U cken Die heilige Mmor- Kunigunde im Schnee Ge- Novellen Iens- Etwa 192 Sei Ernst Waldit Die kühlen Bauernstuben 10ch ler deu 112 Seite P D Günther N | Sie A 101\ um den dte, den der AUFBAU-VERLAG In Vorbereitung BERLIN W3 Band IV Französische Straße 32 vol M 118/Z 6510 cher 5.60 5.70 Mutter den Arm. Sie hielt seine Hand mit klammerndem Griff umspannt, während sie die paar Schritte zur Klinik zurücklegten. Ihnen voraus durchquerte der Vater den kleinen Ziergarten. Eine Schwester öffnete und führte sie in das Wartezimmer, das um diese Zeit leer war. Während sich die Mutter auf das mit braunem Leder bespannte Sofa setzte, ging der Vater mit einer gewissen Befangenheit auf und ab und betrachtete die Bilder an den Wänden. Es waren gerahmte, farbige Drucke aus einer Jagdzeitschrift: Auf dem Anstand Letztes Halali. Des Jägers Freund - ,, Hast du Schmerzen, Mutter?" Erwin flüsterte, ohne zu wissen warum. Die Mutter schüttelte den Kopf, aber ihr Lächeln tat Erwin weh. ,, Kannst du mir denn nicht sagen, was es eigentlich ist?" bat Erwin eindringlich und fuhr dann auf, als der Vater ihn unerwartet anrief: ,, Komm einmal her und sieh dir das Bild an, Erwin! Diese Maler verstehen eben nichts. Es ist einfach zum Lachen, wie der Mann das Gewehr hält." Folgsam stand Erwin auf und betrachtete den Druck. ,, Natürlich, so kann man gar nicht schießen", stimmte er dem Vater zu. ,, Nicht wahr? Ich werde es Waldinger sagen. Er kann doch das Ding nicht hängen lassen!" rief der Vater mit einer Erregung, die Erwin unverständlich war. Er kehrte zurück auf seinen Platz an der Seite der Mutter. ,, In ein paar Tagen bin ich wieder auf", sagte sie und seufzte dennoch. Erwin senkte den Kopf. Er hätte gern von Josefa gesprochen. Sein Herz war erfüllt von ihr, und die Last des Schweigens und Verheimlichens bedrückte ihn, da er der Mutter in zärtlicher Sorge nahe war. Mußte denn gerade dieses Erlebnis, so mächtig und bedeutungsvoll, trennend zwischen ihnen stehen? 87 ,, Wir sind so allein", klagte die Mutter. ,, Warum nur kommst du nie mehr nach Haus?" In diesem Augenblick öffnete sich die Tür des Sprechzimmers und Waldinger trat mit rotem, fröhlichem Gesicht ein. Die Mutter begrüßte er, indem er ihre beiden Hände ergriff. Erwin ärgerte sich über die Selbstverständlichkeit, mit der er von ihr als seinem Opfer Besitz zu nehmen schien. " , Was hast du nur für dumme Bilder an der Wand hängen!" rief der Vater dem Arzte zu. Waldinger lachte. ,, Meine Patienten nehmen es nicht so genau", meinte er ,,, schließlich ist dies doch eine Frauenklinik." Dann verschwanden alle drei im Sprechzimmer. Erwin blieb allein zurück. Er spürte den schwachen Geruch von Jod, der durch die geöffnete Tür des Sprechzimmers eingedrungen sein mochte, und Beklommenheit befiel ihn. Die Arme auf die Knie gestützt starrte er vor sich hin. Warum ließ man ihn nicht wissen, was der Mutter fehlte? Wozu machte man ein Geheimnis daraus? Eine Operation ist doch keine Kleinigkeit! Würde Waldinger den Vater mit ins Sprechzimmer nehmen, wenn es nicht ernst war? Gewiß, die Mutter hatte gesünder ausgesehen als je, aber welche Trauer hatte doch auf dem Grunde ihrer Heiterkeit gelegen! Und gab es nicht Krankheiten, besonders schwere, ans Leben gehende Leiden, die den Kranken gerade im gefährlichsten Stadium scheinbar aufblühen ließen? Erwin sprang auf und trat an das Fenster. Den Vorgarten hatte des Doktors gewöhnlicher Humor mit gipsernen Zwergen und giftroten riesigen Fliegenpilzen aus gleichem Stoff belebt. Auf der Straße dahinter standen ärmlich in genau bemessenen Abständen wie die Zöglinge eines Waisenheims zwei Reihen junger Bäume mit dürren Stämmen, die kupierten 88 Äste klagend erhoben. Von der Endstation der Straßenbahn ratterte ein gelber Wagen stadtwärts. 99 Schmerzlich empfand Erwin, welche Kluft doch die letzten Monate zwischen ihm und der Mutter aufgerissen hatten. , Wir sind so allein", die Worte hallten noch immer quälend in ihm nach. Hätte er nur mit ihr über Josefa reden können, so würde alles besser geworden sein. Würde sie nicht fragte er sich gar frohen Anteil genommen haben an seinem Glück? Sie hatten doch sonst stets in allem übereingestimmt! Immer waren sie sich einig gewesen in ihren Ansichten. Sie liebten die gleichen Bücher, dieselbe Musik. - - SO Erwin erinnerte sich eines Spiels, das er als Knabe mit der Mutter in ihrem Zimmer über dem Laden des Vaters gespielt hatte. Die Mutter saß in ihrem Stuhl am Fenster und nähte. Erwin blickte auf die Straße. Nach einer Weile rief er: ,, Da kommt der Wolf!" ,, Laß mich nachdenken, wer das sein kann", zögerte die Mutter, die Hände mit dem Nähzeug im Schoß und riet dann: ,, Der Tischler Franken!" Natürlich behielt sie recht damit. Auf wen sonst auch hätte sie raten können? Von allen Leuten in Mellrichstadt hatte nur der Tischler Franken mit seinem struppigen Bart und dem stechenden Blick unter buschigen Brauen etwas wirklich Wölfisches an sich. Nun kam Erwin an die Reihe. Er verbarg sein Gesicht hinter den grünen Vorhängen, während die Mutter forschend aus dem Fenster sah. ,, Das Wiesel, das Wiesel!" kündigte die Mutter an. Niemand anders als Steinfeld, der Organist, konnte das sein. Mit seinem dünnen Stöckchen in der Hand hüpfte er seitlich an die Häuser gedrückt dahin, um dann überraschend von einer Seite der Straße auf die andere zu springen. 89 Steinfeld war das Wiesel, der Gastwirt Hammacher die Giraffe, die Pastorin Rübsam der Pfau, Hauptmann Leuschner war das Faß und das alte Fräulein Seidenweber im wehenden, dunklen Schleier die Trauerweide. Was, so dachte Erwin, was würde die Mutter rufen, wenn sie aus dem Fenster sehend Josefa erblickte? - Was? Die Birke, das Reh, die Freude, das Leben-? ,, Laß uns gehen, Erwin. Sie ist gleich hier geblieben", sagte der Vater. Unbemerkt war er eingetreten und stand nun mit hängenden Schultern in dem kalten, hellen Zimmer. Wie bestürzt war Erwin, daß die Mutter ihn nicht noch einmal zum Abschied gegrüßt hatte! Der Vater war in Eile. Er könne den Laden am Sonnabend nicht völlig ohne Aufsicht lassen, erklärte er und meinte: ,, Komm doch mit!" Später fügte er hinzu: ,, Wir könnten morgen früh zusammen ein paar Hasen schießen." Und dann noch: ,, Übrigens ist heute abend im, Roten Hirsch ein Ball der Liedertafel." Mit trockener Stimme brachte Erwin eine nicht sehr glaubhafte Ausrede vor. Er ging, nachdem er sich vom Vater verabschiedet hatte, nicht erst in die Stadt zurück, sondern aẞ im Wartesaal des Bahnhofs zu Mittag. Er fühlte sich heimatlos zwischen all den Reisenden und empfand flüchtig den Wunsch, selber davonzufahren. Als Josefa kam, war es nicht wie sonst, obwohl sie den Tag nach ihrer Gewohnheit verbrachten. Erwin begleitete Josefa, die zunächst mit singender Stimme von der Freude sprach, die ihr seine Briefe bereitet hatten. Sie tranken zusammen Kaffee im Haus ihrer Eltern. Später wanderten sie die Berghänge am Main entlang, rasteten in 90 0 t S den Wäldern, aßen in einem Dorfwirtshaus zur Nacht und tranken eine Flasche Wein. Kurz vor Mitternacht erst brachen sie auf, um durch das mondhelle Tal zurückzukehren. Erwin sprach wenig, er konnte nicht so unbekümmert lachen wie sonst, und er war gehemmt in seiner Hingabe an Josefa durch ein dumpfes, bohrendes Gefühl der Schuld. Mit gerunzelter Stirn ging er an Josefas Seite dahin, sah des Mondlichts zaubernde Kühle über ihr sanftes Gesicht streichen. Er hörte ihren Atem im nächtlichen Schweigen des Waldes, und seine Augen errieten im Schatten der Bäume die geliebten Formen ihres Leibes. Ihr Verlangen spürte er, und auch der Enttäuschung wurde er sich bewußt, die seine Kälte, sein Schweigen, seine zerstreute, absichtslose Zärtlichkeit in ihr anhäufte. Er fühlte, wie sie ihm ferner und ferner rückte. Er nahm es mit Bestürzung wahr und lehnte sich auf. In erregten, hastigen Worten sprach er endlich von der Begegnung mit den Eltern, von der Krankheit der Mutter, von seiner Ungewißheit und seiner Sorge. Auch davon sprach er, wie notwendig es für ihn sei, der Mutter ihr Geheimnis anzuvertrauen. ,, Ich hätte es schon lange tun sollen", sagte er. ,, Nun habe ich es auch noch heute morgen versäumt." Sie gingen hügelan über einen feuchten, grasbewachsenen Pfad, der durch einen Hain junger Birken führte. Josefa schwieg, aber sie lehnte ihre weichhäutige Wange an seine Schulter. Aufgebracht durch ihr Schweigen, hinter dem er Ablehnung, ja Feindseligkeit zu spüren meinte, rief Erwin: ,, Du kennst sie nicht. Sie ist das beste Wesen auf der Welt." اوو , Sicher liebt sie dich sehr", sagte Josefa ruhig. Sie schien zu lächeln. Erwin erschrak und wünschte, daß er nie zu wählen haben müsse zwischen Josefa und der Mutter. 91 Sie standen nun auf der Kuppe des Hügels. Vor ihnen lag das Maintal mit dem glitzernden Band des Stromes, um das sich in der Ferne die Lichter der Stadt scharten. Der Schein des Mondes ließ Josefas helles Haar wie eine Krone leuchten. Er floß golden über die Haut ihres Nackens und über ihre vollen, nackten Arme. Sie sagte mit spröder Stimme: ,, Deine Mutter wird einen schlimmen Fehler an mir entdecken. Ich bin fünf Jahre älter als du. Eines Tages wirst auch du mir das nicht verzeihen." Wie kannst du das nur sagen!" rief er. Er zog sie an sich und küẞte ihren Mund. Süß war ihre Umarmung und schmerzlich. Eine trübe Ahnung warnte Erwin, daß die Zeiten unbekümmerter Daseinsfreude mit Josefa zu Ende seien. 99 Stärker noch meldete sich dieses Empfinden am nächsten Tag. Josefa, gleichfalls beunruhigt, sprach von ihren Ferienplänen. Sie fragte nach dem Stand ihres kleinen Kontos, das sie auf Erwins Rat für ihre Ersparnisse eingerichtet hatte. Sie wollte daraus ihren Anteil an der gemeinsamen Alpenreise bestreiten, die sie in solcher Heimlichkeit vorbereiteten. Nur unwillig ließ sich Erwin auf dieses Gespräch ein. Seine Gedanken waren so sehr bei der Mutter, daß er es schließlich wie eine Art Befreiung empfand, als es Zeit wurde für Josefa, zurückzufahren. Auf dem Weg zum Bahnhof meinte sie, daß sie eigentlich noch bleiben und den Morgenzug am Montag früh nehmen könne. Sie hatte es schon öfter auf Erwins Drängen getan und bei solcher Gelegenheit die Nacht zum Montag in seiner kleinen Junggesellenwohnung verbracht. Heute überhörte er ihre Bemerkung. Kaum daß sich ihr Zug in Bewegung gesetzt hatte, eilte er auch schon vom Bahnsteig an ein Telefon und rief die Klinik an. Eine Schwester antwortete mit geschäftsmäßiger Höflichkeit, die Patientin befinde sich wohl. 92 Mehr über das Ergehen der Mutter konnte er auch am I 6 nächsten Tage von Waldinger selbst nicht erfahren. Erwin erklärte ihm, daß er die Mutter besuchen wolle. ,, Na, heute sollte sie noch ihre Ruhe haben", entschied der Arzt onkelhaft freundlich und voller Autorität. ,, Wie wär's also, wenn Sie morgen kämen?" Gehorsam legte Erwin den Hörer auf, aber er empörte sich dann doch darüber, daß er sich von Waldinger ,, so hatte abfertigen" lassen. Mehrfach während der Morgenstunden in der Bank dachte er daran, sich vom Vorsteher seiner Abteilung Urlaub zu erbitten. Er wollte trotz Waldingers Anordnung in die Klinik fahren. Er tat es dann doch nicht, und auch als er am Nachmittag frei über seine Zeit verfügen konnte, blieb er zu Hause und las. Am Nachmittag des nächsten Tages machte er sich mit innerem Zögern auf den Weg zur Klinik. Er hatte schlechte Träume gehabt und fühlte sich von bangen Erwartungen belastet. Dabei fand er die Mutter dem Anschein nach wohlauf. Den Oberkörper gegen einen weißen Wall von Kissen gelehnt, lächelte sie ihm zu. Ihre Augen, tiefer eingebettet zwischen Stirnbogen und Backenknochen als gewöhnlich, saugten sich an ihm mit zehrendem Blicke fest, dem er nicht entweichen konnte. Unbeholfen formte Erwins Mund die abgebrauchten, verlegenen und scheuen Worte, mit denen der Gesunde herkömmlicherweise sein Befremden, ja sein Losgelöstsein von dem geliebten Kranken zu verbergen trachtet. Heimlich blickte er dann auf die Uhr. ,, Zehn Minuten nur", hatte die Schwester gesagt, und Erwin fand, daß er die Zeit schon überschritten hatte. Doch wollte ihn die Mutter nicht gehen lassen. Dunkler färbten sich die blauen Schatten in ihrem Gesicht. ,, Bist du müde?" fragte Erwin und wäre nun, da er gehen mußte, nur allzugern geblieben. Er kam jeden Tag nach Schluß seiner Arbeitsstunden, nahm 93 1 sich kaum die Zeit, etwas zu essen. Er brachte Blumen oder Früchte, herkömmliche Geschenke, saß neben der Mutter Bett, blickte durch das Fenster auf die armseligen Bäume, die draußen wie in vergeblicher Erwartung die Vorstadtstraße säumten, und er lauschte dem Läuten der Straßenbahn, das von der Endstation herüberklang. ,, Mein Einziger", sagte die Mutter. Diese Anrede und mehr noch ihr Klang, traurig und stolz zugleich, überraschten Erwin. Aber es waren nun gute Stunden, die sie miteinander teilten. Erwin freute sich von Herzen, wie es ihr so zusehends von Tag zu Tag besser ging. Allerdings glaubte er zu bemerken, daß ihre gewohnte, aus der Tiefe sprudelnde Fröhlichkeit für immer versiegt war. Auch wenn sie lächelte, lag ein Schatten verzichtenden Ernstes um ihren Mund. Das war der Grund, warum Erwin es immer wieder hinausschob, von Josefa zu sprechen. ,, Vor allem keine Aufregung", hatte Waldinger empfohlen. Natürlich war das Schweigen auch bequemer, obwohl Erwin spürte, daß es böse, nicht absehbare Folgen haben mochte. Da spann die Mutter Pläne für die Zukunft. Oh, selbstverständlich war, daß er von nun an wieder regelmäßig zum Wochenende heimkommen werde ,, nach all der langen Zeit". Und wie stand es nun eigentlich mit seinem Urlaub? Er hatte doch in diesem Jahr noch keine Ferien genommen. Waldinger wollte, daß die Mutter auf vier Wochen in einen Badeort gehe. War es nicht schön, daß sie nun ihre Ferien zusammen verbringen konnten? " Gewiß, gewiß", sagte Erwin mit flackernder Stimme und dachte an Josefa. Er sah sie am nächsten Wochenende nicht, denn da hatte er die Mutter nach Hause zu bringen. Als sie das Bett verließ, stellte sich heraus, daß ihr Zustand noch recht unbefriedigend 94 war. Das Gehen fiel ihr schwer, und nur mit Mühe konnte Erwin ihr in den Zug helfen. Während der Fahrt dachte Erwin an Josefa, die er seit Monaten zum ersten Male über Sonnabend- Sonntag allein ließ. Je weiter ihn der Zug davontrug, um so unnatürlicher schien ihm, daß er nicht mit ihr zusammen sein könne, um so inniger verlangte ihn nach ihr. Mit diesem Verlangen im Herzen sprach er, ohne die Mutter anzusehen, von Josefa und von seiner Liebe. Wortlos hörte die Mutter ihn an, wortlos blickte sie, nachdem er geschlossen hatte, durch das Fenster auf die vorüberziehende Landschaft draußen, die Stoppelfelder, die braunen Äcker, die Wiesen mit den Kühen, die Hügel und die Kapellen an Wegrändern und Ackerrainen. Lange wartete Erwin. Die Mutter ließ ihm Zeit genug, alle Möglichkeiten ihrer Antwort zu überlegen, bis auf die eine, die sie dann fand. ,, Dein erstes Abenteuer also", sagte sie und ließ die Fingerspitzen über das Glas des Fensters gleiten. Ein Abenteuer, ein erstes Abenteuer, - wie konnte die Mutter nur so sprechen, wie konnte sie ihn so sehr miẞverstanden haben. Gewiß, er hatte nicht von Leidenschaft gesprochen, hatte das Wort Liebe in seiner Scheu nicht gebraucht. 99 - , Wer ist denn dieses Mädchen?" fragte die Mutter dann. Es klang kaltherzig und feindselig. Erwin sah sich gezwungen, Josefa zu verteidigen, indem er ihre Lebensumstände erklärte. Sie arbeitete als Lehrerin, sie erhielt sich selbst, da ihr Vater nur eine geringe Pension bezog. Der Mutter Blick wurde nur um so prüfender. ,, Ja, wie alt ist sie denn eigentlich?" rief sie aus. Das war die Frage, vor der Josefa ihn gewarnt hatte. Erwin erinnerte sich daran, und es schmerzte ihn, daß sie also recht behalten hatte. ,, Nun", drängte die Mutter, ,, ist es etwa ein Geheimnis?" 95 Sie wartete nicht auf seine Antwort. Sie zog ihn an sich und küßte ihn und wiederholte flüsternd die Anrede, die für sie seit der Operation schon Gewohnheit geworden war.„Mein Einziger“, sagte sie. Bevor Erwin mit dem letzten Zug am Sonntagabend nach Würzburg zurückfuhr, hatte er der Mutter versprochen, am nächsten Wochenende wiederzukommen. Da er aber Josefa wenigstens sehen und sprechen wollte, so vereinbarte er mit ihr für einen Wochentag eine Begegnung in einem kleinen Städtchen unweit des Dorfes, in dem sie als Lehrerin eine Respektsperson war und nicht mit ihm gesehen werden durfte. Ihr Beisammensein war nicht glücklich. Sie hatten sich in einem Wäldchen in der Nähe der Station ver- abredet, fanden sich dann aber erst spät infolge eines Miß- verständnisses. Sie stritten sich zunächst eine Weile, wer Schuld daran sei, daß sie sich verfehlt hatten. Ein bitterer, gereizter Ton klang plötzlich zwischen ihnen auf. Die stets sanfte, geduldige Josefa schrie ihn mit schriller Stimme an. Er beschuldigte sie zu seiner eigenen Verwunderung, daß sie auf die Mutter eifersüchtig sei. Josefa brach in Tränen aus und klagte, er vernachlässige sie. Er übertrieb der Mutter Krankheit, von der er doch nichts wußte,und schalt Josefa gefühllos.„Wenn du nur wüßtest, was du tust!“ rief sie schluchzend. Manchmal schien es, als kämen sie wieder einer Verständigung nahe, aber am Ende trennten sie sich unter Tränen und Bitterkeit. Und auch die wenigen Male, die sie sich in den nächsten Wochen trafen, gab es fast stets Streit. Es schien, als könne Josefa kein Verständnis dafür aufbringen, daß Erwin der Mutter gegenüber Pflichten hatte. Sie war leicht verletzbar und weinte oft ohne Grund. Versuchte er dann, sie zu trösten oder versöhnten sie sich gar, so umarmte sie ihn oft mit solch heftiger Leidenschaft, daß er nahezu bestürzt war. 96 Eines Sonntags, als Erwin bei den Eltern weilte, erschien Dr. Waldinger zu Besuch. Da der Vater mit Ischias im Bett lag, begleitete Erwin den Arzt auf die Jagd. Es war ein warmer Herbsttag, weiße Federwolken strichen über den Himmel, der eine grünlich- gläserne Farbe zeigte. Sie schossen zwei Hasen und ein paar Kaninchen und rasteten darauf am Rande eines Baches unter einer breitgeästeten Linde, deren Blätter in tiefem Rot und Goldgelb brannten. Waldinger trank mit Behagen den Wein aus der Feldflasche, die Erwin ihm reichte, und steckte sich eine Zigarre an. Da und dort glitt ein Sonnenstrahl durch das Blätterdach und malte einen hellen Fleck auf Gras und Moos. Ein später Falter schaukelte durch die Luft. Vom Bach her klang leises Plätschern, wann immer ein Fisch aus dem Wasser schnellte. Erwin war froh, daß er einmal ungestört mit dem Arzt über die Mutter sprechen konnte. Ob sie nun wirklich völlig wiederhergestellt sei, fragte er. Waldinger bejahte das nachdrücklich. 99 War die Operation gefährlich?" fragte Erwin. ,, Keineswegs", meinte der Arzt und reckte die Arme. ,, Ich war damals recht erschrocken", bekannte Erwin und wollte wissen, ob denn ein Rückfall möglich sei. Waldinger richtete sich auf, und er maß Erwin mit einem etwas spöttischen Blick. Sein bäurisch grobes Gesicht drückte Erstaunen aus und eine Art Mitleid. ,, Freilich", sagte er dann langsam und stemmte die Arme seitlich auf den Boden ,,, ihre Eltern haben Ihnen wohl kaum sagen können, was los war. Und ich hab mir vorgestellt, Sie Also würden wohl von selber drauf kommen. Aber nun-. hören Sie zu: die Operation, von der Sie da reden, war weiter nichts als ein Eingriff." Erwin starrte den Arzt schweigend an. ,, Herr Gott noch einmal, ja!" rief Waldinger. ,, Was schauen 7 Kunigunde 97 Sie denn so? Ihre Mutter ist nicht mehr jung und trotz ihrer Konstitution gab es Gründe genug." Erwin erinnerte sich jetzt der paar Worte, die er in der Straßenbahn auf dem Wege zu Waldingers Klinik aufgefangen hatte. ,, Meine Mutter wollte es nicht", flüsterte er. ,, So?" fragte Waldinger, und seine buschigen Augenbrauen fuhren auf. ,, Mir hat sie jedenfalls das Gegenteil gesagt." ,, Aber noch auf dem Wege" beharrte Erwin. - Hastig unterbrach Waldinger: ,, Wahrhaftig, das geht mich nichts an. Ich kann mich nur an das halten, was ich mit meinen eigenen Ohren höre. Und jedenfalls ist es besser, wie die Dinge jetzt sind, das können Sie mir glauben." Er hatte rasch und ärgerlich gesprochen, doch setzte er nach einer Weile leise hinzu: ,, Sie braucht länger als nötig, um sich von der Sache zu erholen. Es fehlt ihr an Energie. Deswegen habe ich auch diese Badereise empfohlen. Etwas Zerstreuung, eine psychologische Hilfe, den Willen zur Genesung zu stärken." ,, Mein Einziger", klang es Erwin auf dem Heimweg in den Ohren. An diesem Abend versprach Erwin der Mutter, sie auf ihrer Ferienreise zu begleiten. Erst wollte Erwin Josefa schreiben, doch dann schämte er sich, und er bat Josefa, sich doch einen Nachmittag frei zu machen, da er mit ihr reden wolle. - Allzu bereitwillig fand sie sich wenige Tage später nach Dunkelwerden in seiner Wohnung ein. Als er ihr seinen Entschluß mitteilte · es fiel ihm leichter, als er ursprünglich gedacht hatte, da wurde Josefa sehr blaẞ. Sie begann so heftig und durchdringend zu weinen, daß Erwin sich wahrhaftig vor ihr fürchtete. Aber was immer sie auch unter Schluchzen und halben Schreien stammelte, konnte ihn nicht umstimmen. Er saẞ unbeweglich und stumm auf seinem Platz, bis sich ihr Jammer erschöpft hatte. Dann beugte er sich ein 98 wenig vor und sprach, versuchte ihr seine Gründe zu erklären, dabei erzählte er ihr auch von dem Gespräch, das er mit Wal- dinger geführt hatte. Josefa lauschte, Verzweiflung im Blick, mit einer nervösen, forschenden Aufmerksamkeit, dann wandte sie ihr kaltes, von Tränen ausgewaschenes Gesicht von ihm ab. Sie stand auf, während er sprach, und lief plötzlich, ohne weiter auf ihn zu hören, davon. Der Brief, den er noch in der gleichen Nacht an sie richtete, kam wenige Tage darauf ungeöffnet zurück. Erwin blieb länger mit der Mutter fort, als sie geplant hatten. Zweimal mußte er um eine Verlängerung seines Ur- laubs bei der Bank bitten. Dann kehrte er nach Würzburg zurück. Er schrieb an Josefa und erhielt keine Antwort. Er hörte nichts mehr von ihr, doch kam ihm eines Tages in der Bank ein Scheck von ihr in die Hände. Die Summe erschöpfte ihr kleines Konto fast völlig. Der Scheck war auf die Klinik Dr. Waldingers ausgestellt. EINE NOTWENDIGE RICHTIGSTELLUNG Über die Begegnung des damals schon alternden Christian Waag mit dem fränkischen Lyriker Eberhard Lauterbach finden sich zahlreiche, verschiedenartige Darstellungen. In der Tat handelt es sich hier, obwohl der Vorgang kaum dreißig Jahre zurückliegt, um einen der umstrittensten Punkte der zeitgenössischen. Literaturgeschichte. Dazu trug der gewiß seltsame Umstand bei, daß uns weder durch die Feder Waags noch aus dem liederreichen Munde Lauterbachs auch nur ein Wort über die Beziehung der beiden zueinander hinterlassen wurde. Teilweise wird darum heute die Begegnung dieser für unsere Zeit so bedeutungsvollen Geister überhaupt geleugnet und Waag keinerlei Einfluß auf das Schaffen Lauterbachs zugestanden. Diesen Auffassungen sind Kleinschmidt und Siebenhaupt mit Recht in ihrem Werke ,, Christian Waag als Schöpfer unseres modernen Kulturbildes" entgegengetreten. Weit über das Ziel hinausschießend aber hat jetzt Heinz Malsmann( ,, Der verschwiegene Jünger", Literarische Welt, Heft 12) gar die Theorie aufgestellt, Lauterbach habe völlig im Banne des Meisters gelebt und gewirkt. Absichtlich, so 100 h 19 ti B heißt es, habe er über sein Verhältnis zu Waag geschwiegen, ,, um dem verblassenden Ruhme des Meisters nicht neue Fittiche zu leihen". Warum uns auch von Waags Seite über seine Beziehung zu Lauterbach nichts hinterlassen wurde, erklärt Malsmann mit der Behauptung, Lauterbach habe bei seinem plötzlichen Auftauchen am Sterbebette Waags bekanntlich die einzige Begegnung der beiden, für die sich ein Augendes Meisters hinterlassene Schrifzeuge hat finden lassen ten vernichtet. - Angesichts dieser ungeheuerlichen Beschuldigung sehe ich mich gezwungen, das Schweigen zu brechen, das ich im Sinne meines allzufrüh verstorbenen Freundes Lauterbach durch lange Jahre auch im Hinblick auf das Ansehen Christian Waags gewahrt habe. - - wie sie mir aus dem ist, daß Waag und Die höchst eigenartige Wahrheit Munde Lauterbachs selbst zukam Lauterbach einander wohl begegnet sind, sich aber dennoch nicht gekannt haben. Lauterbach hat mir gegenüber wiederholt davon gesprochen, wie weitgehend er von Waags Persönlichkeit dessen Schriften er nicht gelesen hatte einflußt worden sei. - beDies klingt widerspruchsvoll und bedarf gewiß einer Erklärung. Sie soll dem Leser hier durch eine Darstellung der Vorgänge werden, wie ich sie aus langen Gesprächen mit Lauterbach kenne. Der Dichter verließ seinen Geburtsort Wasserbergen im Spätsommer des Jahres 19.., um nach München zu gehen. Es geschah wenige Monate nach der Veröffentlichung seiner ,, Sonette an G." in den Münchener ,, Literarischen Monatsblättern". Schon lange hatten Lauterbachs Freunde ihm geraten, Wasserbergen zu verlassen und in die kunstfreundliche Hauptstadt zu übersiedeln. Ihr Rat trug den Stempel der Selbst101 losigkeit, denn Lauterbachs Scheiden mußte für sie nur noch eine weitere Verarmung des aller geistigen Anregung baren Lebens in der kleinen Stadt bedeuten. - Lauterbach selbst berührte die fast dörfliche Ruhe und Beschränktheit in Wasserbergen nicht. Sie sagten eher dem Naturell unseres Dichters zu, der zweimal wöchentlich im ,, Boten für Wasserbergen und Umland" seine Gedichte und lyrischen Prosastücke veröffentlichte. In ihnen drückte er gewiẞ häufig seine Sehnsucht aus, der Enge zu entfliehen und sich die Welt zu erobern, aber seine Angst vor der Welt war nicht unbeträchtlich. Um jene Zeit Lauterbach war gerade 23 Jahre alt zeigte die Gestalt des jungen Lyrikers schon Ansätze zur Behäbigkeit. Immerhin beeinträchtigte die beginnende Rundung des Bauches, die damals schon die spätere Fülle andeutete, noch keineswegs den sympathischen gewinnenden Eindruck seiner Erscheinung. Jene ,, G", an die er seine Sonette richtete, als Assistentin in der Apotheke zum ,, Einhorn" tätig, hatte ihren Platz im Herzen des Dichters gegen eine Reihe von Konkurrentinnen zu verteidigen. Wasserbergen ist ja noch heute für die auffallende Schönheit seiner braunäugigen, flachsblonden Töchter berühmt. Die alten Festungswälle mit ihrem sommerlich duftenden Gras, die schilfbewachsenen Ufer der Illnitz, deren grüne Wasser in flinken Wellen talwärts stürzen, boten, kaum zehn Minuten vom altehrwürdigen Marktplatz entfernt, lockende und verführerische, liebeerweckende Liebesverstecke. Lauterbach, ein hoffnungsvoller und träumerischer Dichter, ließ sie nicht ungenützt. So dürfen wir wohl auch hierin einen Grund dafür suchen, warum er sich solange sträubte, dem Rat seiner Freunde zu folgen. Zu jener Zeit ereignete sich die Tragödie im sogenannten ,, alten Schloß". Der Stadthistoriker Baudörfer, ein einbeiniger verabschiedeter Offizier und Freund Lauterbachs, erdros102 selte dort an einem Sonntagnachmittag seine wohl um zehn Jahre jüngere Frau, nachdem sie von einem Spaziergang über die Wälle heimgekehrt war. Allgemein wurde vermutet, daß es sich um einen Akt der Eifersucht handelte. Baudörfer aber erklärte im Prozeß, er habe den Mord aus Langerweile verübt, und er forderte die Geschworenen auf, nur einmal einen einzigen Sonntag von Morgen bis Abend in Wasserbergen zu verbringen. Auf Grund dieser Verteidigung wurde Baudörfer nicht verurteilt. Die Gerichtsärzte erklärten ihn für geistesgestört, und er wanderte statt ins Gefängnis ins Irrenhaus. Nachdrücklicher als zuvor drangen Lauterbachs Freunde auf ihn ein, Wasserbergen zu verlassen. Der Fall Baudörfer wurde von ihnen als Beispiel angeführt, wohin ein freier und unabhängiger Geist in solch kleinstädtischer Enge getrieben werde. Sie wiesen, da Lauterbach zu trinken begonnen hatte, auch auf das Schicksal Heidenreichs hin; einst ein hervorragender Klaviervirtuose hatte er sich nach mehreren Jahren des Aufenthalts in Wasserbergen völlig dem Trunke ergeben. Lauterbach, den die Tragödie des Stadthistorikers tief ergriffen hatte, zeigte sich nun endlich ihren Argumenten zugänglich. Ermuntert wohl auch durch den Abdruck seiner ,, Sonette an G." erklärte er, daß die Stadtbibliothek als Quelle seines Wissens nicht ausreichend, der ,, Bote für Wasserbergen und Umland" ein zu beschränktes Feld seines Wirkens sei. Nach einer Abschiedsfeier im Wirtshaus ,, Zum König Ludwig" und einigen Abschiedsszenen vor den mittelalterlichen Stadttoren, bestieg er eines Abends den Nachtschnellzug nach München. Kaum waren die Lichter von Wasserbergen im Dunkel verschwunden, da stellten sich Scheu und Verzagtheit als Reisebegleiter des jungen Dichters ein. War er auch von seinem Können überzeugt, so hatte er es doch noch nie am Können anderer gemessen. Von Wasserbergen nach München, das war 103 ein gewaltiger Sprung! München war für Lauterbach die Stadt des lebendigen Geistes. Es war die Stadt der deutschen Boheme, von deren umstürzlerischer Verwegenheit und rauschender Lebensfreude er manches gelesen und auch gehört hatte. Daß inzwischen viele Jahre vergangen waren, kam ihm nicht in den Sinn, und es bedrückte ihn die Vorstellung, er werde von nun an zu einem fortgesetzten geistigen Zweikampf antreten müssen. Die Kunst, bisher ein träumendes Leben und Lieben, wurde nun zu einer Verpflichtung, zu einer Aufgabe, der man durch mühevolle Arbeit gerecht werden mußte. Lauterbach hielt es in seinem Abteil nicht aus. Er trat auf den Gang, stand mit unsicheren Füßen auf der schüttelnden Plattform. Schwarze Nacht lag über dem Land, durch das ihn der Zug trug. Er preßte sein Gesicht gegen das Fenster und konnte doch nur sein eigenes Spiegelbild sehen. Dabei wäre es gerade darauf angekommen, die Finsternis mit den Blicken zu zerreißen und in den Kern ihrer Geheimnisse zu schauen! Wenn du auf dem Grund jeder unbeantworteten Frage des Lebens nur dich selber findest, was ist das schon-? Lauterbach war traurig und tief unzufrieden mit sich selbst. Früh am Morgen lief sein Zug in München ein. Lauterbach ließ sein Gepäck auf dem Bahnhof und erfragte sich den Weg nach dem Café Stephani; denn war die Stadt München der Sitz der Boheme, so war das Café Stephani ihr Hauptquartier gewesen, das Zentrum, die Kernzelle des geistigen Lebens. Alle Anekdoten hatten sich dort zugetragen, biographische Notizen und Briefe sprachen immer wieder vom Café Stephani, so daß selbst die zünftigen Literaturhistoriker nicht umhingekonnt hatten, es in den Kreis ihrer Betrachtungen einzuschließen. Es war ein denkwürdiger Weg für Lauterbach. Er war voller Neugierde und erregt bei dem Gedanken, daß er sich nun an einem Tisch niederlassen werde, an dem vor ihm Wedekind 104 gesessen hatte oder Max Halbe. Wen würde er jetzt dort treffen? Vielleicht den verrückten Billinger oder Toller, Brecht mit den kurzgeschnittenen Haaren oder gar Becher und von den Brüdern Mann möglicherweise den Heinrich, denn sich von Thomas vorzustellen, daß er in ein ordinäres Kaffeehaus ginge, schien Lauterbach ebenso absurd wie etwa der Gedanke, daß sich der König von England selbst am Morgen seine Frühstücksschrippen aus dem nächsten Bäckerladen hole. Als Lauterbach eintrat, war das Café Stephani leer. Ein Kellner, eine blaue Schürze vorgebunden, fegte Zigarettenstummel, leere Streichholzschachteln und alte Zeitungen am Boden zusammen; ein anderer ging von Fenster zu Fenster und schlug mit einem Serviertuch die dicken, schwarzen Fliegen tot, die dort herumsummten. ,, Ich bin eben noch zu früh dran", sagte sich Lauterbach und konnte sich doch nicht seine Enttäuschung verbergen. Die Luft war verbraucht, die Wände waren schmutzig. Das Geschirr stand ungewaschen auf dem Büfett. Lauterbach, der die Nacht nicht geschlafen hatte, fühlte sich müde und wanderte entschlußlos durch den Raum, bis er sich endlich in einer Ecke niederließ. Auf dem Marmortisch klebten Kaffeeund Bierreste. Es dauerte lange, bis der Kellner von der Fliegenjagd an den Fenstern ablieẞ, mit dem Tuch hastig über die Tischplatte fuhr und Lauterbach das Frühstück brachte. Noch während dieser dabei war, das halbrohe Ei mit dem Löffel aus dem viel zu hohen Glas herauszufischen, betrat ein anderer Gast das Café Stephani. Lauterbach war sofort von seinem Anblick auf das äußerste eingenommen. Der Fremde ließ sich auf der entgegengesetzten Seite des Raumes nieder, schüttelte mit einer ungeduldigen Bewegung seiner Schultern den Umhang ab, den er statt eines Mantels trug, bestellte Kaffee, ein Wasserglas und Tinte. Dann zog er einen dicken 105 Stoß sorgfältig gefalteten Papiers aus der Rocktasche, glättete es auf dem Tisch, warf einen flüchtigen Blick auf ein paar schon beschriebene Seiten, tauchte seine Feder ein und begann zu schreiben. Die Stirn des Fremden war hochgewölbt, die weißen Haare fielen tief in den Nacken. Eine mächtige Adlernase sprang aus dem zerfurchten Gesicht und gab ihm einen herrischen, selbstbewußten Ausdruck. Lauterbach hatte gute Gelegenheit, den Fremden mit Muße zu betrachten, denn der war so völlig in sein Werk vertieft, daß er auch nicht einen Augenblick lang aufsah. Er schrieb und schrieb. Unheimlich schnell, so schien es Lauterbach, unheimlich schnell füllte sich ein weißes Blatt nach dem anderen, wurde mit einer abwesenden Geste der linken Hand beiseite gelegt, während die rechte bereits den Halter befruchtend über das Weiß des neuen Bogens tanzen und springen ließ. Ein eifervoller, besessener Fleiß, eine erstaunliche, durch nichts zu beeinträchtigende Konzentrationsfähigkeit sprach aus der Hast, mit der der Alte schrieb. Ihm fließen wahrhaftig die Worte aus der Feder, dachte Lauterbach in einer Mischung von Bewunderung und Neid, während er sich der vielen Stunden erinnerte, die er niedergeschlagen, ja verzweifelt an seinem Schreibtisch verbracht hatte, ohne auch nur eine Zeile, ohne auch nur ein Wort aufs Papier zu bringen. Nicht einmal den Kaffee rührte der Alte Er bedurfte offenbar keiner Stimulanz. Er schrieb und schrieb. Lauterbach betrachtete ihn wie verzaubert, bis er entdeckte, daß es schon spät am Mittag war. an. Sein Gepäck stand am Bahnhof, und er wußte noch nicht, wo er in der fremden Stadt wohnen werde. Er machte sich also auf die Suche nach einem Zimmer, fand nichts, was ihm zusagte, und mietete sich endlich müde und erschöpft im dunklen Raum eines Hinterhauses ein, der ihm auch noch zu teuer für seine beschränkten Mittel erschien. 106 Schon am nächsten Morgen mußte er feststellen, daß es ihm unmöglich war, in dem engen und feuchten Zimmer zu arbeiten. Lauterbach floh, und es war nur allzu natürlich, daß er seinen Weg ins Café Stephani nahm. Noch bevor er eintrat, sah er bereits den Alten auf seinem Platz am Werk. Lauterbach setzte sich ihm gegenüber und zog nun selber Papier und Bleistift hervor. Aber aus der Arbeit wurde nichts an diesem Morgen. Wann immer es Lauterbach glückte, zögernd eine Zeile niederzuschreiben, fiel sein Blick auf den Greis, dessen Feder vom Drange des Genies getrieben ohne abzusetzen dahinhuschte und mit dünnen Strichen ihre für die Ewigkeit bestimmten Zeichen hinterließ. Geblendet und verwirrt vom Anblick dieses unaufhaltsamen Wirkens, das sich wie eine Naturkraft offenbarte, lieẞ Lauterbach den Bleistift sinken. Ähnlich erging es ihm am nächsten und auch am übernächsten Morgen. Lauterbach geriet völlig in den Bann dieser ehrwürdigen, im Auftreten großartigen, durch unendliche Schöpferkraft ausgezeichneten Erscheinung. Wie von Dämonen getrieben ließ der Greis seine Feder über das Papier fliegen. Hielt er endlich nach Stunden mit einem Atemzug tiefer Erschöpfung ein, so schleuderte er mit einer hochmütigen Geste einige Nickelstücke auf den Tisch, warf den Umhang nachlässig über die Schultern und machte sich mit eiligen Schritten auf den Weg, wie einer, der keine Zeit zu verlieren hat. Einmal streifte sein stählerner, ein wenig starrer Blick den jungen Lyriker. Dieser Blick traf Lauterbach wie eine Herausforderung, und nachdem noch einige Tage vergangen waren, beschloß er, dem Alten zu trotzen. Er fand sich von nun an jeden Morgen pünktlich zur fluchend gleichen Stunde wie der Alte ein und arbeitete - oft und den Alten verwünschend. Die ruhelose Feder des Greises, die bei aller Hast doch nur mit Mühe dem Flug seiner Gedanken zu folgen schien, trieb Lauterbach wie eine 107 Peitsche an. Erst wenn der Alte die Feder niederlegte und die müden Finger ausstreckte, um mit einem unwirschen Seufzer seine Papiere zusammenzukramen, dann erst wich auch die Spannung von Lauterbach, der dem Alten auf dem Fuß folgend das Café Stephani verließ. Jeden Morgen von neuem stellte sich Lauterbach zu diesem Ringen, spät am Mittag verließ er erschöpft auf den Spuren seines unheimlichen Gegners die Walstatt. Nach einigen Wochen pflegten sie einander am Morgen zu grüßen wie zwei Ritter, die zum Turnier antreten, doch nie wurde das Visier gelüftet, nie ein Wort zwischen ihnen gewechselt. So ging es fast einundeinhalb Jahre lang. In dieser Zeit schuf Lauterbach das lyrische Epos ,, Der gelbe Tag", in dem er die Tragödie des Stadthistorikers von Wasserbergen zu einem großen Seelengemälde gestaltete. Was hier über die Enge des kleinstädtischen Lebens gesagt wird, erinnert uns in seinem düsteren Klang an jenen letzten Seufzer des Reiters über dem Bodensee. Allerdings tritt uns als das Motiv für die Mordtat doch die Eifersucht entgegen, eine wohlbegründete Eifersucht. In der Dichtung nämlich betrügt die Ermordete ihren Gatten mit einem jungen Mann, dessen Schilderung wohl das vollendetste literarische Selbstporträt ist, das wir kennen. Daneben entstanden als Früchte dieses ungewöhnlichen Wettstreits die großen Landschaftsgedichte, die Elegien und jene stürmischen ,, Rufe zur Tat", die bekanntlich sofort nach ihrer Veröffentlichung von den Behörden unterdrückt wurden. Nach einundeinhalb Jahren richtete der Alte zum erstenmal das Wort an Lauterbach. Es war am Ende der morgendlichen Arbeitsperiode. Der Greis wollte aufstehen, aber ein plötzliches Unwohlsein ließ ihn auf seinen Platz zurücksinken. Da winkte er Lauterbach zu sich heran und bat ihn, ihm einen Wagen zu holen. Lauterbach führte den Alten auf die Straße und half 108 ihm in das Gefährt. Sein Anerbieten, den Alten zu begleiten, wurde schroff abgelehnt: ,, Sie haben schon genug für mich getan. Ich danke Ihnen. Mein Name ist Christian Waag." Mit welcher Bestürzung und Ergriffenheit vernahm Lauterbach den Namen seines bisher unbekannten Mentors! Entblößten Hauptes, den Kopf geneigt, stand er am Straßenrand und blickte dem davonrollenden Wagen nach. Lauterbach war die Bedeutung Waags für die moderne Literatur bekannt, und er war erschüttert von der Vorstellung, daß er achtzehn Monate hindurch in stummem Ringen mit einer der größten Figuren gestanden hatte, die unsere zeitgenössische Geistesgeschichte kennt. Jetzt verdammte er seine Leseträgheit, die ihn davon abgehalten hatte, sich mit dem Werke Waags bekannt zu machen, und noch mehr verwünschte er seine Angst und Schüchternheit, die ihn verhindert hatten, Waag kennenzulernen und von ihm Anregung und Kritik, Hilfe und Rat zu empfangen. Als Waag am nächsten Morgen nicht im Café Stephani erschien, machte sich Lauterbach sofort und voll bangender Unruhe auf den Weg nach der Wohnung des Alten. Dort angekommen, mußte er erfahren, daß Waag bereits vor Stunden verschieden war. Von Schmerz und auch von Scham erfüllt, sich auflehnend gegen diesen unwiderruflichen Spruch des Schicksals, der ja erst der langen, schweigsamen und so fruchtbaren Bekanntschaft den Stempel der Sinnlosigkeit aufdrückte, drang Lauterbach in das Sterbezimmer des Toten ein und verriegelte die Tür hinter sich. Er wollte die besondere Art der Gemeinsamkeit, die ihn mit dem Toten verbunden hatte, so lange wie nur möglich ausdehnen. Er zerrte einen Stuhl an das Bett und blickte stumm in Waags Gesicht, wie er ihm in der langen Zeit ihrer Bekanntschaft oft stumm und fragend ins Gesicht geblickt hatte. Aber war das Schweigen des Lebenden selbstverständlich und vertraut gewesen, 109 das Schweigen des Toten schien Lauterbach fremd, und er konnte es nicht verstehen. Während er grübelnd in das eingefallene, blasse Gesicht starrte, stieg in ihm die Erwartung auf, daß der Tote ihm eine Botschaft hinterlassen haben müsse. Dieser Gedanke steigerte sich zu einer Art Besessenheit, und von ihr getrieben verließ Lauterbach seinen Posten am Bette des Toten und begann zögernd erst und ängstlich nach den Papieren Waags Umschau zu halten, in denen diese Botschaft enthalten sein mochte. Auf dem Schreibtisch war nichts zu finden außer ein paar längst verjährten Zeitschriften mit Aufsätzen, die Waag kurz vor der ,, Periode seines großen Schweigens" veröffentlicht hatte. In einem unverschlossenen Fach des Schreibtisches aber entdeckte Lauterbach zwischen zwei Pappdeckeln, die als Aufschrift nur die Jahreszahlen 19.. bis 19.. trugen, ein gewaltiges, offenbar viele tausend Blätter umfassendes Manuskript. Kein Zweifel, daß sie das große Werk darstellten, um dessentwillen der Meister sich selbst zu so langem Schweigen verurteilt hatte, die Frucht jenes unvergleichlichen Eifers, jener siegreich strömenden Phantasie, deren Wirken für Lauterbach nach der ersten Bestürzung zu einer so disziplinierenden Kraft, zu einer starken Quelle für sein eigenes Schaffen geworden war. Mit hastigen Bewegungen löste er die Fäden, die das Manuskript zwischen den beiden Pappdeckeln lose zusammenhielten und verstreute in seiner Ungeschicklichkeit die Blätter über den Boden. Entsetzen schien ihm die Sinne zu verwirren. Er stierte auf die Blätter in seinen Händen, auf dem Schreibtisch und auf den Dielen. Sie alle waren bedeckt mit den gleichen Zeichen. Mechanisch hingesetzte flüchtige Striche reihten sich aneinander: 110 Diese Männchen füllten Zeile um Zeile, Seite um Seite, über hundert, über tausend, ja über Tausende von Blättern: K A K K K K K K K K Å Å k k Å Å Å Å Å Å k hk k Lauterbach stützte sich in seinem Schrecken auf den Schreibtisch und benötigte lange Zeit, bis er begriff, daß nicht er plötzlich den Gebrauch seiner Sinne verloren hatte, sondern daß Waag, der große Christian Waag die Jahre vor seinem Tode im Stumpfsinn zugebracht hatte. Zunächst wurde Lauterbach von dem bitteren Gefühl überkommen, daß er sich in den vergangenen achtzehn Monaten von einem Gespenst hatte foppen und betrügen lassen, und er wollte beschämt davonstürzen. Dann aber besann er sich. Es wurde ihm bewußt, wie er ohne das Beispiel des Alten sich nie zu solch fruchtbarer Regelmäßigkeit der Arbeit hätte zwingen können. Mit ein paar raschen Schritten kehrte er an das Lager des Toten zurück, auf dessen eingefallenen Wangen sich der Schatten des langsam wachsenden grauen Bartes zeigte, und er verstand die Botschaft, die ihm der umnachtete Waag mit seiner desparaten Geste der täglichen Pflichterfüllung, mit und durch diese Botdem zähen Eifer seines so sinnlosen Fleißes hinterlassen schaft doch wieder sinnbeladenen hatte. - - Lauterbach raffte die Blätter vom Boden, stopfte sie in den Ofen und warf ein Streichholz hinein. Die Flammen züngelten auf und verzehrten die Spuren des Waagschen Irreseins. Lauterbach aber machte sich auf den Weg ins Café Stephani, wo er seinen gewohnten Platz einnahm. 111/ DER AUSMARSCH Der Soldat war erst gegen Morgen nach Haus gekommen. Er hatte sich aufs Bett geworfen und schlief nun fest. Um acht Uhr klopfte seine Mutter gegen die Tür. Er hörte sie nicht. Sie ließ ihm noch eine halbe Stunde Zeit, obwohl sie sehr aufgeregt war wegen des Telegramms. Dann trat sie in das Zimmer und rüttelte ihn. Sie brauchte beide Hände, um seinen Arm zu umspannen. ,, Steh auf, Hermann!" Der Soldat öffnete die Augen halb und nickte mit dem Kopf. ,, Du mußt doch aufstehen", sagte die Mutter. ,, Ein Telegramm ist da!" 99 , Was?" fragte er halblaut. In sein schläfriges Gesicht trat ein Ausdruck von Verwunderung. Dann lächelte er ungläubig mit hochgezogenen Augenbrauen, die Lider schon wieder geschlossen. Seufzend zog die Alte die Vorhänge von den kleinen Fenstern, damit das Licht einfallen konnte. Der Soldat streckte sich im Bett, seine Brust war dicht mit blonden Haaren besetzt. 112 Als die Frau gegangen war, sprang er auf, ging mit pat schenden, nackten Sohlen in die Ecke, wo im eisernen Gestell der Waschkrug stand. Er hob den Krug an und trank daraus. Er spürte großen Durst, denn er hatte in der Nacht getrunken. Bier wäre besser, dachte er, Bier ist das beste bei solchem Katerdurst. Den Krug absetzend betrachtete er mit Mißfallen sein Gesicht im Spiegel; es sah verquollen aus. Da stellte er die Waschschüssel auf den Boden, trat hinein und goß sich den Krug über den Kopf. Natürlich ging das meiste daneben. Das Wasser lief über das kurze Stück Linoleum und floẞ in die breiten Ritzen zwischen den Dielen. Die Feuchtigkeit auf seinem Leibe tat ihm wohl, so zögerte er, sich anzuziehen. Wieder stieß die Mutter die Tür auf, aber sie erschrak vor dem nackten Mann, der ihr Sohn war. Hermann zog rasch die Hosen an und rief: ,, Komm schon herein!" ,, Du hast wohl gestern die Uhr vergessen?" fragte sie und schüttelte den Kopf, dann sah sie das Wasser auf den Dielen. ,, Ich muß es aufwischen, sonst läuft's durch!" schalt sie und holte einen Lappen aus der Küche. Der Sohn sah zu, wie sie auf den Knien hockte und aufwischte. 99 , Wegen dem bißchen hättest du dich nicht aufregen brauchen", meinte er. Sie warf den feuchten Lappen in die Waschschüssel und sah zu ihm hoch. ,, Was steht denn drin in dem Telegramm?" fragte sie und schimpfte: ,, Auf dem Tisch liegt's, auf dem Tisch! Kannst du nicht sehen mit deinen verschwiemelten Augen?" Die dicken Finger des Soldaten falteten das Papier auseinander, das laut knisterte. Die Frau saß immer noch auf den Knien und sah ihn an, seinen Kopf, mit der dicken Nase, die nackte Brust voll blonder Haare. Das ist nun meiner, dachte sie. Sie war stolz auf 8 Kunigunde 113 ihren Sohn. Der Blick ihrer kleinen, grauen Augen war zärtlich und angstvoll. ,, Da hätte ich schon gestern fahren müssen!" sagte Hermann langsam. Gerade über das Papier hinweg sah er auf die Kommode. Dort stand unter Glas Mutters Brautkranz. In das Seidenkissen hatten die Motten Löcher gefressen. ,, Zwei Tage bist du erst hier", sagte die Mutter. ,, Hast doch eine Woche Urlaub." Der Soldat hob die Schultern. ,, Der Urlaub ist im Arsch", sagte er. Er rollte das Papier zusammen und machte ein böses Gesicht. Mit einem Seufzer, der schon Gewohnheit war, stand die Mutter auf. ,, Ich werd mal Kaffee kochen", tröstete sie ,,, das hat Vater auch immer gutgetan." Der Soldat blieb am Tisch stehen. Er hatte die Unterlippe vorgeschoben und sah trübe vor sich hin. Nun mußte er fahren. Er ärgerte sich. Er ärgerte sich, daß er die Nacht herumgesoffen hatte. Er hätte lieber nach dem Kino mit Emma gehen sollen. Er hatte noch Durst gehabt und war in einer Kneipe hängengeblieben, obwohl er Emma versprochen hatte nachzukommen. Aber eine Runde war auf die andere gefolgt, hatten sie fünf oder sechs Maß getrunken? Und dazwischen Enzianschnaps, der nach Erde schmeckte. Er hatte sich gedacht, mit Emma ist immer noch Zeit. Der Dicke hatte geprostet: ,, Auf unsere Wehrmacht, da können wir stolz sein." So war Hermann nicht mehr zu Emma gegangen. 29 , Es konnte ja nichts Gutes sein", sagte die Mutter und setzte den Kaffee auf den Tisch. ,, Was soll schon ein Telegramm bei uns. Und nun mußt du fahren." Er nahm ein Stück Brot. Saure Gurken waren auch da. Dann goß er Kaffee in den großen Blechnapf und setzte sich 114 hin. Steif stand die Mutter neben ihm am Tisch. Sie schob ihm die Milchkanne zu und beobachtete wie er aẞ. ,, Nun fährst du also", wiederholte sie. Der Soldat kaute, die Muskeln in seinem Gesicht bewegten sich. ,, Du hättest mir noch den Ofen richten können", fing die Mutter wieder an. ,, Er ruẞt jetzt immer und will nicht brennen. Auch die Schranktür ist kaputt. Sie schließt nicht mehr. Nun muß das bleiben." Der Soldat kaute und sah auf den Tisch. ,, Ja", meinte er ,,, das muß wohl bleiben." 99 , Gerade jetzt, wo es kalt wird", jammerte sie ,,, wie soll ich nur zurechtkommen im Winter, wenn der Ofen nicht zieht. Das kostet doppelt soviel Kohle." Es war still. Dann sagte die Alte: ,, Das verstehe ich nicht. Erst geben sie dir Urlaub. Nun holen sie dich zurück. Das ist doch keine Ordnung." ,, Sie werden mich halt brauchen, Mutter", erklärte er und lachte, denn es war ihm mit einemmal nicht wohl dabei. ,, Na, da sind doch noch andere!" fuhr die Mutter auf, und sie klopfte mit den Knöcheln auf den Tisch. ,, Warum holen sie gerade dich zurück?" fragte sie. Und sie wiederholte, während er den Rest des Kaffees austrank, voller Mißtrauen: ,, Warum gerade dich?" Hermann hatte die leere Tasse vor sich über den Tisch geschoben und wagte nicht die Mutter anzusehen. ,, Was weiß ich?" sagte er endlich, als sie ihn zum drittenmal fragte. Die Alte hob plötzlich die Hände auf und streckte sie mit gespreizten Fingern vor sich hin. ,, Krieg!" flüsterte sie erst und schrie dann: ,, Krieg, Krieg!" Er fuhr mit dem nächsten Zug. Um diese Zeit war der Herbst noch schön. Die Bäume trugen buntes Laub, die kahlen 8* 115 Felder sahen sauber aus, und in den kleinen Gärten an den Bahnstationen blühten die Astern groß wie Kinderköpfe. Als Hermann zu seiner Kompanie kam und sich beim Feldwebel meldete, schalt der nicht einmal, sondern schickte ihn gleich auf die Stube. Dort machten sie sich gerade marschbereit. Es hatte gar nicht anders sein können. Aber Hermann verwunderte sich doch. Hühnchen, der eigentlich Aloys Huhn hieẞ, seines sanften Wesens halber jedoch Hühnchen genannt wurde, zog gerade die Schnallen seines Tornisters zu, Stackelberger wienerte seine Stiefel, und der lange Würzburger schnallte um und rückte sich das Koppel gerade. ,, Bist du da, Hermann?" begrüßten sie ihn. Er ging an sein Spind, riß seine Sachen heraus, zog sich um und packte den Tornister. Dabei dachte er an Emma und an die Mutter. Alles ging durcheinander. Sie rückten nicht gleich aus, statt dessen wurde um zwölf Uhr Essen gefaßt, dann gab es noch eine Stunde Ruhe. Hermann war müde und hätte gern geschlafen, aber die anderen ließen ihn nicht dazu kommen. ,, Du hast Glück gehabt", sagte Hühnchen ,,, du warst noch mal zu Haus." ,, Zwei Tage", schimpfte Hermann ,,, die kannst du mir schon gönnen." Stackelberger schrieb einen Brief, aber er kam nicht recht zu Rande damit. Der Würzburger sah ihm über die Schulter und höhnte: ,, Du bist aber ein Idiot. Bruder schreibt man doch nicht mit h!" ,, Zur Kartoffelernte", sagte Stackelberger ,,, hatte mir der Feldwebel Urlaub versprochen." ,, Laß ihn nur schreiben“, meinte Hühnchen zu dem Würzburger ,,, jedenfalls bist du ein Schwein, Franz!" 116 Der lange Würzburger drehte sich rasch um. Hühnchen sah zu Hermann hinüber und holte sich Mut. Dann stand er auf und trat dicht an den Langen heran. " Wir hatten ,, Jawohl, ein Schwein bist du", wiederholte er. ausgemacht, in einer Reihe zu bleiben. Aber du bist immer vorgelaufen. Wolltest zeigen, daß du's besser kannst, du Muskelprotz!" Jetzt blickte der Lange zu Hermann hin, der sich von seinem Bett wieder aufgerichtet hatte. Wenn Hermann nicht dagewesen wäre, hätte der Würzburger Hühnchen einfach verdroschen. So aber traute er sich nicht. Hermann sagte: ,, Man braucht nur einmal den Rücken zu kehren, schon gibt's Theater. Du bist wirklich ein Schwein, Franz." Er legte sich wieder hin und nahm sich fest vor einzuschlafen. Der Teufel mochte wissen, was der Tag noch bringen würde. ,, Siehst du", triumphierte Hühnchen ,,, auch der Hermann sagte, daß du ein Schwein bist." ,, Laß mich in Ruh", brummte der Würzburger und fing wieder an, den Stackelberger zu hänseln: ,, Bruder, die Kartoffeln sind bei euch wohl besonders groß?" Hühnchen warf sich auf das Bett neben Hermann. Er schnaufte laut und hustete und klagte: ,, Einen scheußlichen Schnupfen hab ich. Zwei Stunden sind wir neulich nachts durch den Regen marschiert. Wir waren naẞ bis auf die Haut." Der Lange konnte doch keine Ruhe geben. ,, Unser Hühnchen verträgt eben nichts", flötete er mit spitzem Mund ,,, er ist ein Muttersöhnchen." 99 , Wenn ihr jetzt doch das Maul halten würdet", schimpfte Hermann ,,, ich will endlich schlafen." Aber nun wollte Hühnchen nicht nachgeben. ,, Das Muttersöhnchen bist du", sagte er vom Bett her zu dem langen Würzburger ,,, dich haben sie mit altem Weißbrot aufgepäppelt." 117 , Man soll halt vorsichtig mit der Auswahl seiner Eltern sein", meinte der Würzburger. Stackelbergers Stahlfeder kratzte laut über das Papier. Er saẞ breit über den Tisch gebeugt und stöhnte und fluchte dann und wann. Der Brief war ihm sehr wichtig. So müde Hermann auch war, er konnte nicht einschlafen. Er mußte all die Zeit an Emma und an die Mutter denken, vor allem an Emma. Sie wartete darauf, daß er sie heiraten werde. Von Beruf war Hermann Mechaniker. Man konnte sechzig Mark die Woche machen, wenn es viel Arbeit gab gar siebzig. Allerdings gingen davon noch die Abzüge ab, doch es war ein guter Lohn. Hermann wollte Emma heiraten. Er war nicht bescheiden. Er dachte an eine Wohnung mit zwei Stuben und einer Küche. Sie würden sicher bald Kinder haben. Daß er nicht mit ihr gegangen war, ärgerte ihn sehr. Emma war groß und sehr kräftig. Was jetzt werden sollte, konnte man wirklich nicht wissen. Hermann hörte seine Mutter schreien: ,, Krieg!" Emma würde zu ihr kommen und nach ihm fragen. ,, Hermann", rief Hühnchen leise neben ihm ,,, Hermann, du hast Glück gehabt, du warst noch mal zu Hause. Wie ist denn eigentlich die Deinige?" ,, Sehr groß", flüsterte Hermann in seiner Müdigkeit und wunderte sich über sich selbst ,,, sie hat ganz blonde Haare und dunkle Augenbrauen." ,, Das ist hübsch", meinte Hühnchen. ,, Bei uns zu Hause gibt es auch zwei solche, es sind Schwestern." ,, Nein", antwortete Hermann ,,, du kannst sie nicht mit ihr vergleichen." Dröhnend wurde auf dem Gang eine Tür zugeschlagen. Der schrille Ton einer Trillerpfeife klang vom Hof herauf. Stackelberger stand hilflos, den Brief in der Hand, mitten in der Stube zwischen den geschäftigen Kameraden. Schließlich 118 schob er den Brief in die Tasche, schnallte um und lief den anderen nach. Eine Stunde stand das Bataillon auf dem Kasernenhof. Einmal schon hatten die Offiziere die Kompanien wegtreten lassen, aber kaum waren die Leute in ihre Stuben gekommen, da wurde wieder Gegenbefehl gegeben, und man trat von neuem an und wartete auf dem Kasernenhof. Als die Transportautos endlich anlangten, kletterten die Leute zögernd hinauf. Inzwischen hatte sich der Himmel bedeckt. Sie fuhren im grauen Spätnachmittag gegen Osten. Der Würzburger wollte anfangen zu singen; er sang sehr falsch, und da niemand sonst mittat, ließ er es bald bleiben. Dafür begann er zu erzählen, daß er früher auch so durchs Land gefahren sei, damals mit den Sturmabteilungen. , Wäret ihr damals nicht gefahren, würden wir es heute auch nicht", sagte Hermann trocken. ,, Na, das ist klar", meinte der Würzburger, der ihn nicht verstand. Aber die anderen verstanden ihn alle, auch die, die gar nicht recht seine Worte, sondern nur seine Stimme gehört hatten. war. Sie verstanden ihn, weil alles so war, wie es Sie sahen nicht ein, daß es jetzt so wichtig sei, Krieg zu führen, jeder von ihnen glaubte, daß für ihn Wichtigeres zu tun sei. Stackelberger überlegte, wie sein Bruder auch ohne ihn mit der Kartoffelernte zurechtkommen könne. Hermann dachte daran, daß er Mutters Ofen hätte umsetzen müssen. Hühnchen, der Uhrmacher, erinnerte sich an sein Paddelboot. Jetzt eine Fahrt den Main hinunter wäre nicht schlecht; an den Hängen sind die Trauben gerade reif. Aber statt den Main hinunter zu fahren fuhr er in den Krieg. Nur der Würzburger war guter Laune, winkte den Mädchen zu, die in bunten Röcken an der Straße standen, und 119 einmal sagte er:„Jetzt werden wir das Hakenkreuzbanner über alle Welt leuchten lassen.“ „Halt’s Maul!“ schimpfte jemand. Die Soldaten sahen vom Auto herunter auf das Land mit den vielen, scharf voneinander getrennten Äckern und den klaren Silhouetten der Fachwerkhäuser. Sie leuchteten mit den weißgekalkten Mauern durch den frühen Abend. Vom Boden stieg Schwermut auf. Jeder hatte seinen kleinen Teil in der Welt, er mußte ihn preisgeben.und in den Krieg gehen. Wozu das gut sein sollte, wußte keiner. Nein, es gab keinen Grund für sie, in den Krieg zu gehen. Sie saßen auf den Bänken, das Gewehr zwischen den Knien, den Rücken an die Lehne gepreßt. Sie wurden hin und her geschüttelt, der Stahlhelm tanzte auf ihrem Kopf. Sie blickten in die Dämmerung, die das Land bedeckte und versuchten zu begreifen, was mit ihnen geschah. Schließlich traf es keinen unerwartet. Hühnchen fragte Hermann:„Wirst du sie heiraten?“ „Gewiß“, antwortete Hermann, dabei schlug er sich mit der Hand aufs Knie. „Man heiratet doch nicht jede—“, zögerte Hühnchen. „Freilich, jede nicht!“ erklärte Hermann. „Kriegt sie ein Kind von dir?“ wollte Hühnchen wissen. Da schüttelte Hermann traurig den Kopf. Neben ihm saß Stackelberger, er hatte immer noch den Brief in der Tasche. Fuhren sie durch ein Dorf, so beugte er sich aus dem Wagen, sah auf Häuser und Höfe und überlegte, wieviel Acker wohl dazu gehöre und wieviel Stück Vieh. Je weiter es in den Wald hinaufging, um so kleiner wurden die Häuser, um so enger die Höfe. Mein Gott, welch eine Armut machte sich da an der Straße breit! Der Stackelberger begann den Kopf zu schütteln. „Man möchte meinen“, sagte er,„‚das ist nicht mehr bei uns.“ 120 Einer von der zweiten Gruppe rief den Würzburger an: ,, Du, Franz, wie unterscheidet sich ein Infanterist von einem Bäcker?" ,, Wie denn?" fragte der Lange miẞmutig zurück. Er war unzufrieden, daß Hermann wieder da war und er nun nichts mehr galt, dabei waren die anderen alle arme Luder, sein Vater aber hatte eine Bäckerei gleich neben dem Johannisspital. In der kleinen Stube tranken selbst Universitätsprofessoren ihren Schoppen Bocksbeutel. ,, Der Bäcker", rief der Mann aus der zweiten Gruppe, ,, schiebt's weich rein und zieht's hart wieder raus. Der Infanterist macht es umgekehrt." Die anderen lachten laut, aber der Würzburger schwieg böse. Später hielt die Kolonne auf der Straße. Die Unteroffiziere, die vorn die bequemen Plätze neben den Fahrern hatten, sprangen herunter und schrien: ,, Nach rechts und links austreten!" Es blieb noch Zeit, eine Zigarette zu rauchen. Zwei Offiziere gingen mit herrischem Schritt die Straße hinauf. Sie waren beide sehr jung. Einer blieb bei Hermanns Gruppe stehen und ließ sich Feuer geben. ,, Freut ihr euch auch, daß es jetzt zum Klappen kommt?" fragte er. Rasch rief der Würzburger: ,, Jawohl, Herr Leutnant!" Aber die anderen schwiegen. Das hörte man deutlich, und witternd hob der Leutnant seine lustige Stupsnase. ,, Ihr Trauerklöße", lachte er mit heller Stimme ,,, habt ihr denn gar keinen Mumm in den Knochen?" Er winkte den Unteroffizier heran und befahl: ,, Ich bitte mir aus, daß von jetzt ab gesungen wird." Der Unteroffizier schrie dann noch ein wenig herum, brach aber ab, als er in die ernsten und gleichmütigen Gesichter 121 seiner Soldaten sah. Sie stiegen wieder auf, und es wurde der Befehl durchgegeben, daß gesungen werden sollte. 99 , Da habt ihr's!" sagte der Würzburger. Er stimmte gleich ein Lied an. Von den anderen Wagen hörte man über das Lärmen der Motoren und das Rattern der Räder hinweg manchmal die Fetzen eines Liedes, ein paar Takte nur, die keine Melodie ergaben. Jedesmal war es etwas anderes. Es gab kein gemeinsames Lied für sie. Hermann fragte den Stackelberger: ,, Hast du mal einen Ofen umgesetzt?" ,, Sicher", antwortete der Bauer. ,, Was tut man nicht alles. Als wir abgebrannt waren, hat die Versicherung das Haus wieder aufgebaut. Aber der Ofen wollte nicht ziehen. Dreimal haben wir ihn umgesetzt, aber es hat nichts geholfen." ,, So?" fragte Hermann. ,, Sie hatten nämlich einen Filzhut in den Kamin gemauert. Sie hatten Krach gehabt mit dem Baumeister. Natürlich kann es nicht durchziehen, wenn ein Filzhut im Kamin hängt. Aber darauf kamen wir erst später." ,, Ist es schwer?" fragte Hermann. 99 Was? Den Ofen umsetzen? - Na, jeder kann's nicht!" An einer Wegkreuzung hielt das Auto mit den beiden Offizieren. Der Leutnant stand aufrecht neben dem Fahrer. Als der Wagen vorbeikam, auf dem Hermann, Stackelberger und Hühnchen saßen, fuchtelte der Leutnant mit dem Arm in der Luft herum und rief etwas. Aber bei dem Lärm konnten sie nichts verstehen. ,, Guck", sagte Hühnchen und stieß Hermann an ,,, er möchte unbedingt einen Gesangverein gründen." ,, Bei dem Schütteln würde man sich ja die Zunge abbeiẞen", meinte der Stackelberger, als wollte er sich rechtfertigen, daß er nicht sang. 122 Hermann schimpfte: ,, Jetzt sind wir so weit, daß wir nicht einmal das Maul halten dürfen, wenn wir mögen." ,, Singt doch, singt", ermunterte der Würzburger die anderen. Er sah düster vor sich hin und sagte pathetisch: ,, Singend in den Tod." Das hatte er einmal gelesen, und es hatte ihm gefallen. Alles Unheimliche gefiel ihm. Als Kind war er an den Frühlingsabenden oft aus der Bäckerstube an den Main heruntergelaufen, wenn der mit dem Tauwasser über die Ufer getreten war. Vor der quirlenden, saugenden Flut hatte er sich geängstigt. Und er fürchtete sich jetzt eigentlich auch. Aber er gab mächtig an: ,, Ihr habt ja, scheint's, die Hosen alle gestrichen voll." Hühnchen wollte etwas erwidern, aber Hermann winkte ab. Der Würzburger bemerkte es und sah wütend zu Hühnchen hinüber.. Die Nacht verbrachten sie in einer Scheune vor einem Bergdorf. Aus dem trockenen Lehmboden stieg ein stickiger Geruch auf. Der Wind ächzte draußen in den Bäumen, und durch die Ritzen zwischen den Holzplanken zog es schneidend kalt. Sie hatten nicht genügend Decken mit, und Stroh war nirgends zu finden. Obwohl sie sich, in ihre Mäntel gehüllt, eng aneinanderpreßten, froren sie. Am Morgen wurde scharfe Munition ausgeteilt. Der Nebel lag dick auf den Bergen, und die Luft war so voller Nässe, daß sie alles im Handumdrehen durchfeuchtete, den rauhen Uniformstoff der Waffenröcke und die braunen Pappschachteln mit den Ladestreifen. Außer neunzig Schuß bekam jeder Mann noch drei Handgranaten. Der Würzburger war nicht mehr so laut wie am Tage zuvor. Der Feldwebel hatte dem Hauptmann vorgeschlagen, die Handgranaten nur an die Leute auszufolgen, die auch Beutel empfangen hatten. Jedoch der dickköpfige Kompanieführer bestand auf seinem Befehl: Drei Handgranaten pro Mann. 123 So mußten sie also sehen, wie sie die Dinger unterbrachten. Sie steckten sie entweder ins Koppel oder befestigten sie am Tornister. Sie marschierten weiter in die Berge hinauf. Oft auf schmalen Waldwegen, so daß einer hinter dem anderen gehen mußte. Trotz dem Winde blieb es grau. Schließlich merkten sie, daß sie nicht durch Nebel marschierten, sondern durch Wolken, die der Wind vom Tal her in die Berge hineinschob. Stackelberger hatte am Morgen seinen Brief endlich aufgeben wollen, aber da war vom Feldwebel ein Befehl verlesen worden, der es den Soldaten bis auf weiteres verbot zu schreiben. Der Stackelberger hatte darum seinen Brief in der Tasche steckenlassen müssen, wo er schon recht zerknittert war. Der junge Bauer war darüber miẞgelaunt, denn in diesem Brief hatte er seinem Bruder angeraten, die Schweine nicht jetzt zu verkaufen, sondern damit zu warten. Er meinte nämlich, die Preise würden wohl anziehen. Sollte er schon in diesem verdammten Krieg zu Schaden kommen, so wollte er doch wenigstens verhindern, daß auch noch sein Bruder die Schweine herschenke. Es verdroẞ ihn, daß er seinen guten Rat nun mit sich in der Tasche herumschleppen mußte. Der Stackelberger sagte zu Hermann:„ Ich möcht dir schon helfen, wenn du einen Ofen umsetzen mußt. Ich habe ja Erfahrung. Wir haben ihn dreimal umgesetzt; wenn es auch nichts geholfen hat, weil sie einen Filzhut in den Kamin gehängt hatten... Es war so ein breiter, wie ihn die Hamburger Zimmerleute tragen." Während der Rast setzte sich Hühnchen dicht neben Hermann und den Bauern unter einen Baum. Er war sehr erregt und wollte Hermann etwas fragen. Hühnchen war ein frommer Katholik, und er glaubte, daß es unchristlich sei, Menschen totzuschlagen, obwohl viele Pfarrer den Krieg für notwendig hielten. Aber er kam nicht dazu, Hermann zu fragen. 124 Der lange Würzburger warf seinen Tornister dicht neben den des Uhrmachers und ließ sich dort lauernd nieder. Hermann und Stackelberger tauschten ihre Meinungen darüber aus, was beim Umsetzen eines Ofens zu beachten sei. Seit sie am Morgen scharfe Munition bekommen, hatte der Würzburger das Gruseln am hellichten Tag. Er war aufgeregt hr als sonst über die Kameraden, die n. Vor allem auf Hühnchen hatte und ärgerte sich me nichts von ihm wissen wollte er eine Wut, und wie er jetzt dicht neben Hühnchens Tornister saß, überlegte er, ob er nicht dem windigen Uhrmacher einen Schabernack spielen könnte. Mit seinen schwarzen Knopf- augen sah er über Hühnchens Tornister hin, der schlecht ge- packt war. Die drei Handgranaten waren unter den Deckel geschnallt. Der Würzburger streckte seinen Arm aus und be- kam eine der Blechkapseln zwischen die Finger. Er sah jetzt zu Hühnchen hinüber, der auf Hermann lauschte. Hermann meinte, man müsse den Rost hoch genug setzen, damit die Luft richtig unterfassen könne. „Ein guter Ofen“, warf der sparsame Stackelberger ein, „der muß nicht nur brennen, der muß auch die Hitze halten.“ Mit zwei Fingern schraubte der Würzburger die Blech- kapsel ab. Als sie ihm in die Hand fiel, lachte er. Der Unter- offizier würde Hühnchen recht hübsch den Marsch blasen, wenn er darauf kommen würde. Der Würzburger schob die Kapsel in die Tasche, dann zog er mit seinem Tornister hin- über zu einer anderen Gruppe. Endlich wollte Hühnchen den Hermann fragen, aber der hörte wieder auf Stackelberger. „Also den Spelt müssen wir ganz abgeben, bis auf das letzte Körnchen“, klagte der Bauer.„Den Raps natürlich auch. Aber der wird nicht viel auf unserem Acker. Dann ist ein bißchen Hopfen da. Früher hat der Wirt im Dorf selber ge- braut, und wir hatten unser Bier dafür. Jetzt verkaufen wir, 125 das kriegt die Steuer. Was bleibt? Die Kartoffeln, Mensch, die Kartoffeln!" Hühnchen hätte einfach dazwischenreden sollen, aber die Frage an Hermann fiel ihm schwer. Er traute sich nicht recht. Hermann nickte Stackelberger zu und gab nicht acht auf Hühnchen, sonst hätte er merken müssen, daß der ihn was fragen wollte. Der Befehl zum Antreten erklang. Sie hängten sich die Tornister auf den Rücken, schnallten um und traten auf ihre Plätze. Hühnchen trabte mal wieder als der letzte an. Er sah, wie sich Hermann schon ärgerlich nach ihm umdrehte. Jetzt, auf dem Marsch wollte er ihn fragen. Er eilte, ins Glied zu kommen. Dabei fühlte er, daß an seinem Tornister etwas nicht in Ordnung war. Rasch griff er mit der rechten Hand unter der Achsel durch und fühlte mit gespreizten Fingern am Tornister entlang. Mit dem Mittelfinger blieb er an einer Schnur hängen. Da hat mir einer einen Streich gespielt und was angebunden, dachte er noch und riẞ die Schnur ab. ,, Er hat abgezogen!" schrie es hinter ihm. Die Leute sprangen in den Wald hinein. Hühnchen hob die Hand vor sein Gesicht. Die Schnur hatte er zwischen die Finger geklemmt, an ihrem Ende baumelte der Abzugring. Er hörte noch Stackelberger schreien: ,, Heilige Jungfrau Maria!" Da stand er schon ganz allein, die Hand mit der Schnur vor seinem Gesicht und konnte sich nicht rühren. Auch Hermann war nicht mehr da. Hühnchen hörte den Wind in den Wipfeln der Bäume. Der Leutnant war mitten in der Schneise hingestürzt. Er sprang rasch wieder auf. Das ging alles sehr schnell. Hühnchen zerrte an dem Tornister, über dem die Gasmaske und das Gewehr hingen. Er brachte den Tornister nicht herunter. 126 Die Schneise war leer. Aus dem Wald, hinter den Bäumen hervor, sahen die Kameraden auf Hühnchen mit entsetzten Blicken. Sie hatten die Hände in die Rinde der Kiefern gekrallt. Hühnchen, allein mit dem Tod und seiner Angst, lief im Kreis herum. Sein braunes Haar klebte in der Stirn. Er schrie: ,, Ich will nicht, ich will nicht!" Niemand hörte ihn recht, denn die Männer im Wald hinter den Bäumen schrien auch. Sie stöhnten und fluchten und manche erbrachen sich. Es war nicht anzusehen, und doch kamen sie mit ihren Blicken von Hühnchen nicht los. Der starb für sie, der zeigte ihnen, wie es ist, wie entsetzlich es ist. Hermann hatte sich hingekauert und schoß, aber er fehlte ihn, trotz seiner Schützenschnüre. Hermann ließ sich mit dem Kopf auf den Boden fallen. In der Mitte der Schneise blieb Hühnchen still stehen. Er schrie auch nicht mehr. Er erinnerte sich, daß er Hermann hatte etwas fragen wollen, aber er entsann sich nicht mehr, was es war. Mit einem Schlag explodierten die drei Handgranaten. Eine gelbrote Flamme stieg auf. Die Sprengstücke fraßen sich glühend in die Stämme und rissen die Äste von den Bäumen. Die feuchte Luft in der Schneise war von bitterem Pulvergeruch durchtränkt. Von Hühnchen war nicht mehr geblieben als die beiden Beinstümpfe in den halbschäftigen Stiefeln. Neben einem Stapel Holz fand man später noch den rechten Arm. Wie sah die Kompanie aus, als sie wieder antraten! Es war ein Zug von Gespenstern. So blaẞ waren die Gesichter. Die Männer hielten sich schlapp. Sie hatten keine Kraft mehr. Zwischen Stackelberger und Hermann der Platz war leer. Der Bauer hielt einen Rosenkranz mit kleinen bunten Kugeln um die Hand geschlungen. Die Granaten wurden wieder abgenommen, nur wer Tragbeutel besaß, mußte sie behalten. 127 Der Wind war eingeschlafen. Der Wald stand still und feierlich mit seinen hohen Bäumen um die Kompanie herum. Die Luft roch noch immer nach Pulver. Sie marschierten mit weichen Knien dahin, ihr müder Schritt schleifte über das Moos. Der kleine Leutnant, der die Kompanie führte, betrachtete den Zug und schüttelte den Kopf. Es konnte nicht so im Trauermarsch weitergehen, man zog doch in den Krieg. Und darüber, wie man in den Krieg zu ziehen hat, hatte der Leutnant bestimmte Vorstellungen. Er ließ noch einmal halten und krähte eine kurze Ansprache in den Wald. Er sagte, der Aloys Huhn sei einen ehrlichen Soldatentod gestorben. Dann ließ er weitermarschieren und befahl mit heller Stimme: ,, Singen!" Die Soldaten hoben kurz die Köpfe. Sie bissen die Zähne aufeinander und preßten die Lippen zusammen. Stumm marschierten sie weiter. Nein, dachte der Leutnant, soll ich mit einer so jammervollen Herde in den Krieg ziehen? Eine Schande ist das, eine Schande! Seine Augen blitzten, als er sich umwandte und noch einmal in hohem Kehlton schrie: ,, Singen!" Statt dessen hielten die Leute nicht einmal mehr Schritt. Sie starrten aus der Marschkolonne heraus mit großen, fast drohenden Augen auf den jungen Offizier, der einen Augenblick verlegen wurde. Er begriff das Unsinnige seines Befehls, aber er wollte nicht mehr zurück. Er konnte doch den Leuten nicht recht geben. Darum wiederholte er seinen Befehl zum drittenmal. Da blieb die Kompanie einfach stehen. Die Soldaten, die auf ein Wort hin sich zu Boden warfen, auf ein Wort hin wieder aufsprangen, die jedem Kommando willenlos zu folgen hatten, schossen, wenn es befohlen wurde, und bereit sein 128 sollten, sich erschießen zu lassen, wenn der Befehl das verlangte, sie blieben schweigend stehen, aus eigenem Willen. Ihre Niedergeschlagenheit hatte sich in eine Art Abscheu und Widerwillen verwandelt, ihre blassen Gesichter waren verzerrt. Der sinnlose Tod Hühnchens hatte sie zittern lassen vor der Sinnlosigkeit des eigenen Todes, dem sie entgegengeführt wurden. Daraus stieg ein Gefühl der Bitterkeit in ihre Herzen. Der stubsnäsige Leutnant stand mit verkrampften Lippen vor der Kompanie. Er zwang sich, den Blicken der Soldaten standzuhalten. Aber in seinem dummen Kindergesicht zuckte es. Er war nahe daran zu weinen. Hermann sah ihn über den Rücken des Würzburgers hinweg, dem der Kopf willenlos zwischen den Schultern hing. Aber so schnell wie die Welle der Erregung die Kompanie erfaßt hatte, so schnell verlief sie sich wieder. Der Hauptmann trabte heran. Aus dem Sattel vorgebeugt, mit der rechten Hand die nasse Stirn seines Pferdes streichelnd, nahm er des Leutnants Meldung entgegen. Er befahl Marscherleichterung und gab Raucherlaubnis. Er setzte sich an die Spitze der Kompanie, und die Kompanie marschierte weiter. Stackelberger fragte Hermann: ,, War er neunzehn oder zwanzig?" ,, Neunzehn", antwortete Hermann. Stackelberger schüttelte den Kopf. 129 9 Kunigunde EIN MANN NAMENS ÜBERLING Der Mann hieß Heinrich Überling, und die Geschichte, die hier von ihm erzählt wird, ist wahr. Das sei vorausgeschickt, gewissermaßen zur Entschuldigung, weil sie so übel ausgeht. Wir haben uns daran gewöhnt zu denken, daß die Wahrheiten traurig sind. Das ist aber nicht so. Gewiß fehlt es in unserer Zeit nicht an traurigen Erlebnissen, aber die Wahrheit hat immer einen frohen Kern. Vielleicht findet ihn der Leser trotz allem auch in dieser Geschichte. - Der Mann also hieß Heinrich Überling, und er sah genau so aus, wie man sich einen Mann solchen Namens vorstellen mag. Er war dunkelblond. Meist hing ihm eine Haarsträhne ins Gesicht hinein, das recht unauffällig war, einen schönen Mund hatte und immer einen Zug von Nachdenklichkeit trug. Das mochte aber nur daher kommen, weil die Nase ein wenig schief im Gesicht stand. Um Heinrich Überlings Alter zu bestimmen, genügt es nicht, wenn wir sagen, daß er achtundzwanzig Jahre hatte, denn für einen Bauernsohn war er damit noch jung, als Arbeiter aber hatte er schon die Hälfte seines Lebens hinter sich. 130 Heinrich Überlings Vater besaß einen Bauernhof im Thü t S ringischen. Der Sohn arbeitete - es war kurz vor dem zweiten Weltkriege in einer der vielen Fabriken, die Schnellfeuergewehre herstellten. - Als Bauernsohn konnte er noch ruhig drei, vier Jahre zuwarten, bis sich die Eltern entschließen würden, aufs Altenteil zu ziehen, dann konnte er ein Mädchen aus seinem Dorfe heiraten und den Hof übernehmen. Als Arbeiter hätte er schon längst seine eigene Familie mit ein paar Kindern haben sollen. Das Mißliche war eben, daß er als Bauernsohn zur Arbeit gehen mußte. Dabei war der Hof seiner Eltern nicht einmal gar so klein. Eigentlich gehörte Heinrich Überling einer Schicht an, deren wirtschaftliches Wohlergehen angeblich durch besondere Vorrechte gesichert worden war. Behaupteten doch die Redner, die manchmal in braunen, betreßten Uniformen aus der Stadt in die Dörfer kamen, nur um der Bauern willen sei der Umsturz vollzogen worden. Heinrich Überling glaubte diesen Worten nicht, denn er war von Natur aus mißtrauisch. Sein Vater aber, der Joseph Überling, hatte ein Leben voller Mühsal hinter sich und wollte auf sein Ende zu noch etwas hoffen. Darum lieh er diesen Verheiẞungen irdischen Wohlergehens gläubiger sein Ohr als den Predigten des Pfarrers vom ewigen Leben. Und ließ sich zunächst nicht alles recht gut an? Joseph Überling saß auf seinem ,, Erbhof" und drehte seinen Gläubigern, die ihn durch Jahre hindurch mit Forderungen gequält hatten, eine lange Nase. Nun konnten sie ihm nicht mehr drohen, daß sie ihn mit dem weißen Stab vom Hofe treiben würden. Sie mußten sogar noch zustimmen, als der Zins für ihre Darlehen heruntergesetzt wurde. Da triumphierte der Alte über das Mißtrauen des Sohnes, ging in die Wirtschaft und trank sein Glas Bier am Tisch der reichen Bauern. 9* 131 Aber es blieb nicht lange so. Bald kamen neue Gesetze, die das Leben im Dorf gewaltig änderten. Bisher hatte Joseph Überling die Milch seiner Kühe, die Eier, die ihm die Hühner legten, und das Korn, das auf dem Felde reifte, nach seinem Gutdünken verkauft. Das hörte jetzt auf. Er hatte die Milch an die Molkerei abzuliefern. Dort schrieb man ihm einen schlechten Preis dafür gut. Die Magermilch wurde ihm zurückgegeben und von dem gutgeschriebenen Preis wurde ein hübsches Sümmchen dafür abgezogen. Im übrigen durfte er lange warten, bis man ihm das Geld auszahlte. Dann kam die Eierabgabe und schließlich nahm man ihm auch das Korn ab, und er mußte zufrieden sein mit dem, was man ihm dafür gab. Das war nicht viel. Manchmal auch war es gar nichts, nämlich wenn das Finanzamt einfach die Beträge für Steuerrückstände beschlagnahmte. Oder man teilte ihm schlechten Kunstdünger zu, den er gar nicht hatte haben wollen. Die Futtermittel wurden knapp und stiegen im Preis, so blieben die Schweine mager, und die Kühe gaben weniger Milch. Ach, alle Dinge gingen den Krebsgang. Joseph Überling, der weiße Haare bekam in dieser Zeit und rasch verfiel, versuchte noch eine Hypothek auf seinen schuldenbeladenen Hof zu bekommen. Aber die Gläubiger schüttelten die Köpfe und sagten: ,, Mann, wie sollen wir das tun? Wir haben doch keine Sicherheit mehr für unser Geld." Der Alte war nicht mehr zufrieden. Wenn er an den müden Abenden die Zeitung las, seufzte er und meinte: ,, Wir sind eben getäuscht worden, wir Bauern. Für uns hat der Staat nichts übrig, er gibt ja alles den Arbeitern. Für die hat man Schiffe, mit denen sie in der Welt spazierenfahren, und man baut ihnen sogar Autos." Mit der Zeit wurde es so schlimm auf dem Hof, daß sie sich umschauen mußten, ob es nicht irgend etwas hinzuzuver132 dienen gäbe. Heinrich Überling, der Sohn, entschloß sich, in die Fabrik zu gehen. Es fiel ihm nicht leicht, denn er war an die Arbeit unter freiem Himmel gewöhnt. Er liebte das eigenbrötlerische Bauernhandwerk, bei dem man allein war und Zeit hatte, seinen Gedanken nachzuhängen. Aber es blieb nichts anderes zu tun übrig, denn der Hof verkam von Tag zu Tag. Der Alte war mit Heinrichs Entschluß sehr einverstanden. Glaubte er doch, daß sie nun vom Wohlergehen der Arbeiter profitieren könnten. Gegen seine eigenen Erwartungen wurde Heinrich Überling rasch ein guter Arbeiter. Nicht nur, daß er schnell lernte, mit den Maschinen umzugehen; er lernte es auch, mit den Menschen umzugehen und ein guter Kamerad zu sein. Aber, wie eifrig er auch war, die wunderbare Rettung, die sich der Alte von Heinrichs Entschluß erhofft hatte, blieb aus. Gewiß verdiente Heinrich nicht schlecht. Die Summe, die oben auf der rechten Ecke der Lohntüte stand, war rund und fett und gefiel dem Auge. Was aber in der unteren Ecke davon übrigblieb, nachdem all die kleinen Abzüge gemacht worden waren, die der Staat und seine Institutionen verlangten, war sehr viel bescheidener und recht unansehnlich. Da Heinrich nun des Morgens und des Abends mit der Bahn fahren mußte, und da er sein Essen in der Stadt kaufte, brachte er nicht viel heim. Wenn man bedachte, daß auf der anderen Seite seine Arbeitskraft dem Hofe fehlte, schien es fraglich, ob die Mühe überhaupt lohne. Alles in allem waren also die Dinge nicht besser geworden, und Heinrich war oft verdrossen, wenn er das Elend zu Hause sah und sein eigenes Elend, welches darin bestand, daß er die schwere Last des Arbeiters zu tragen hatte und gleichzeitig die Unselbständigkeit des Bauernsohnes erdulden mußte. Er schrieb die Schuld den Zeiten zu und denen, die Herren der Zeit waren, den Braunen. Sie gaben den Bauern nicht, 133 was sie ihnen versprochen hatten, und sie nahmen den Arbeitern, was ihnen zustand. Heinrich Überling bekam beides am eigenen Leibe zu spüren. Dies bedrückte ihn, doch war er ja gewohnt, daß es ihm schlecht erging, und er erwartete sich nicht viel. Was ihn aber erbitterte, war, daß er zu allem auch noch ein fröhliches Gesicht machen sollte. Frühlingsfeste gab es und Ernte feiern und alle möglichen Festlichkeiten, bei denen man von ihm verlangte, daß er aufmarschiere und paradiere und recht laut und kräftig singe. Das war ihm zu viel, und er ließ es sich merken. Er maulte und schimpfte, und als ihm eines Tages in der Fabrik jemand wieder einmal eine Sammelbüchse unter die Nase hielt, da schüttelte er erst den Kopf und schlug dann die Büchse dem aufdringlichen Sammler aus der Hand. Der klaubte die Büchse vom Boden auf und machte sich davon. Die Arbeiter liefen zusammen, und einige von ihnen beglückwünschten Heinrich und sagten: ,, Das hast du gut gemacht." Andere schmunzelten und nickten ihm schweigend zu, viele aber machten bedenkliche Gesichter. Als Heinrich Überling am nächsten Morgen mit seiner schiefen Nase vor dem Fabriktore stand und wartete, daß es geöffnet werde, kamen zwei von der Polizei. Sie drehten Heinrich ganz einfach die Hände auf den Rücken und legten ihm Handschellen an. So führten sie ihn davon. Jene, die dabeistanden, wagten nicht, etwas zu sagen. Später erzählten sie es den anderen, und die Geschichte ging von Mund zu Mund. Mit der Arbeit klappte es nicht recht an diesem Tage. Die Transmissionsriemen rutschten von den Scheiben, die Bohrer zersplitterten und immer wieder lief einer zum andern, um sich ein Werkzeugteil auszuborgen und fragte dabei: ,, Ja, was sagst du denn dazu, daß sie den Überling eingesperrt haben?" 134 Aber was sollte man dazu schon sagen? ,, Mit uns können sie's ja machen", antworteten die meisten resigniert, oder sie Wir müssen uns halt alles gefallen lassen." sagten gar:" Doch meinten sie es gar nicht so. Schließlich ließen sie die Arbeit völlig liegen und sprachen nur noch davon, was für ein guter Kamerad und Arbeiter der Heinrich Überling gewesen war. Sie ängstigten sich, wenn sie daran dachten, was ihm bei der Polizei oder wohin immer man ihn gebracht haben mochte, geschehen werde. Dann arbeiteten sie wieder eine Weile, aber sie taten es voller Unlust. Da der Heinrich Überling auch am nächsten Tage fehlte, fingen sie gar nicht erst mit der Arbeit an. Wohl wußten sie, daß sie sich mit solchem Proteste auch selber in Gefahr bringen konnten. Aber jeder dachte: Ich bin ja nicht allein, die anderen sind auch dabei. Als die Werkmeister und Aufseher merkten, daß es anders keine Ruhe geben werde, gingen sie zur Direktion und meinten, der Heinrich Überling sei unbestreitbar ein recht guter Arbeiter gewesen und daß ihm einmal die Galle übergelaufen sei, sei doch noch kein Verbrechen. ,, Natürlich, natürlich", sagte der leitende Ingenieur, der den Überling kannte ,,, man muß etwas tun, daß er herauskommt." Und er rief auch gleich erst bei der Polizei und dann bei allen möglichen anderen Stellen an, bis er schließlich herausfand, wo der Überling saß, und dann sprach er mit den Leuten dort auf die verbindlichste Weise. ,, Gewiß, das kann man verstehen", sagte er. ,, Geben Sie ihm nur eine Lektion, die hat er ja schließlich verdient, aber dann lassen Sie ihn gehen." Am dritten Tage wurde Heinrich Überling wirklich aus dem Lager entlassen. Er kam aber nur einen Augenblick in die Fabrik. Niemand sah auf, als er kam, und alle taten, als sei nichts geschehen, und als sei er eben nur einmal ein paar 135 Tage fortgeblieben. Er grüßte nicht und sagte kein Wort, und er packte seine Sachen zusammen und ging gleich wieder hinaus. Da hoben die anderen doch ganz vorsichtig ihre Blicke und sie sahen, daß sein Gesicht sich verändert hatte. Nun war nicht nur seine Nase schief, auch sein Mund hing seltsam schräg im Gesicht und war gar nicht mehr schön. Seine Augen standen weit offen und blickten starr an allen vorbei. Eigentlich ging er wie ein Blinder, der seinen Weg nur aus Gewohnheit kennt und nichts sieht. Was Heinrich Überling so verändert hatte, was ihm im Lager geschehen war, erfuhr niemand, denn er sprach mit niemandem darüber. Er erhängte sich auf dem Hofe seines Vaters noch am gleichen Abend. Er starb mit achtundzwanzig Jahren und war als Bauernsohn noch recht jung und hätte auch als Arbeiter die Hälfte seines Lebens noch zu leben gehabt. Seine Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt. Die Leute im Dorf nämlich waren sehr aufgebracht über diesen Tod und nicht minder waren es die Arbeiter in der Fabrik. Die Behörden, die klug sind, dachten, daß es kein gutes Bild geben würde, wenn die Arbeiter der Fabrik und die Bauern des Dorfes den Heinrich Überling gemeinsam zu Grabe tragen würden. 136 DER TAUFPFENNIG Nachdem er den Suppenteller mit einem Stück Brot ausgewischt hatte, stand er auf, hob den breitkrämpigen, schwarzen Hut vom Nagel und öffnete die Tür. 99 , Wohin gehst du?" rief die Frau. ,, Zum Gotthelf", sagte der Bauer. 99 Wohin?" fragte die Frau noch einmal, denn das Kind hatte zu schreien begonnen. Es war acht Wochen alt und noch immer nicht getauft worden. Sollte der Junge ein Heide bleiben? Neben der Tür hing ein winziges Becken mit geweihtem Wasser und über dem Bett das Bild der Jungfrau Maria. Sie waren katholisch getraut worden und hatten sich vorgenommen, alle Jahre einmal zur Beichte zu gehen. Doch davon wurde das Kind kein Christ. Es mußte getauft werden, und die Taufe kostete Geld, den ,, Taufpfennig", wie es der Pfarrer genannt hatte. Der Bauer ließ die Tür wieder zufallen und trat an den Korb heran. Es war früh kalt geworden in diesem Herbst. Der Säugling sah gelb aus. Er schrie, die kleinen Fäuste bis zum Kopfe erhoben. ,, Es wird Hunger haben", meinte der Bauer. 137 ,, Jetzt gibt es nichts!" antwortete die Frau und hob abwehrend den feuchten, nackten Arm vor die Brust. ,, Es schreit, weil's ein Heide ist, getauft möcht's werden." ,, Laß es halt taufen, wenn's dir so eilt!" sagte der Bauer. Er sah mißtrauisch in den Korb. Nicht sehr gesund schien das Kind zu sein. ,, Du hast ja kein Geld", schalt die Frau, ,, nicht einmal die Steuern sind bezahlt. Sie werden uns noch pfänden." Sie ging wieder zum Herd und nahm den Topf mit Kartoffeln vom Feuer, goß das Wasser ab und schüttete die Kartoffeln in den Napf für die Schweine. ,, Ist Milch für die Ferkel da?" fragte der Bauer. Die Frau schüttelte den Kopf. ,, Aus ihnen wird auch nichts", sagte sie. ,, Eins haben die Ratten heute totgebissen. Und die Sau hat selber keine Milch." Sie stampfte die Kartoffeln klein. Aus dem Napf stieg ein starker Geruch von Dampf und Erde auf. Sie sah zu dem Mann hinüber, der immer noch neben dem Korb des Säuglings stand. Er fühlte ihren Blick. Tue ich denn nicht, was ich kann? dachte er; aber das kleine Elend schrie. Er liebte das Kind nicht und nicht die Frau. Dabei waren sie erst elf Monate verheiratet. Immerhin: Frau und Kind gehörten zum Hof, und wer zum Hof gehörte, dem sollte es nicht schlecht gehen, ob es nun die Frau war, das Kind oder die Ferkel. Tue ich denn nicht, was ich kann? fragte sich der Bauer noch einmal. ,, Friedrich!" sagte die Frau. Seit sie verheiratet waren, hatte sie ihn nie wieder mit seinem Namen angesprochen. Der Bauer sah auf den Kalender an der Wand. Singende Soldaten marschierten darauf vor einem Kornfeld, in dem ein anderer Bauer stand, breitbeinig, zufriedenen Gesichts. Er hatte einen 138 Strohhut auf, wie ihn hier die Bauern nie trugen, und hatte eine Sense in der Hand. Auf dem linken Arm hielt er ein Kind. Ich würde das nicht tun, dachte Friedrich, in der einen Hand die Sense und in der anderen das Kind. Es gibt zu leicht ein Unglück. Das Kind aber war rot und rund und dick und lachte. Der Kalender war eine Reklame für Kunstdünger. Ein Reisender hatte ihn hiergelassen. Was der sich gedacht haben mochte! Das Kalenderblatt zeigte den achtundzwanzigsten August an. An dem Tage war die Frau niedergekommen, gerade zur Ernte. Es war sehr lästig gewesen. 99 , Wie soll's denn heißen?" fragte der Bauer. ,, Sebastian", sagte die Frau. ,, Bastl? Ein schöner Name", sagte Friedrich und nickte anerkennend. Ja, darauf wäre er nicht gekommen. ,, Also frag halt den Pfarrer, ob er uns die Taufe richtet, wenn ich ihm ein paar Meter Holz bringe", sagte Friedrich schon wieder mürrisch und wandte sich von neuem zur Tür. Die Frau meinte: ,, Woher willst du denn das Holz nehmen? Wir haben selbst nicht genug für den Winter. Das Kind friert, darum schreit's." ,, Rück's an den Herd!" schrie der Bauer. Zum dritten Male fragte die Frau, wohin er gehe. ,, Zum Gotthelf." 99 Was willst du denn von ihm?" Aber der Bauer schlug die Tür hinter sich zu. Die Frau hörte ihn noch über den Flur auf den Hof gehen. Er kramte in der Scheune herum, später erst verließ er das Haus. Draußen dämmerte es schon. Im Staub des Dorfplatzes spielten die Kinder, als der verwachsene Jakob daherkam, der Dorfnarr. Sofort ließen die Kinder ihr Spiel und jagten den Zwerg, der seinen Buckel nicht rasch genug auf seinen kurzen Beinen davontragen konnte. Die Kinder zerrten an seinem 139 schmutzigen, viel zu großen Rock und schlugen auf seinen Buckel. Zornig hieb der Narr mit seinen kurzen Armen um sich. Die Kinder lachten über seine Ohnmacht. Friedrich blieb stehen und sah zu, auch er lachte. Wie eine Traube hingen die Kinder an dem Zwerg und sangen ihr Spottlied: Der Regen bringt Segen. Der Winter bringt Schnee. Hüte dich, kleiner Mann, der sich nicht wehren kann, Prügel tun weh! Der Zwerg keuchte mit rotem Gesicht, schrie angstvoll und stieß weiter mit den kraftlosen Armen nach den Kindern, die nicht losließen und auf ihn einschlugen und ihren Vers wie- derholten. Das dünne Liedchen war ein Signal. Immer mehr Kinder zog es herbei, auch größere. Sie hatten nun den Zwerg umstellt, tanzten in höhnischem Reigen um ihn herum und schlugen mit Stecken und Ruten nach ihm. Der Bauer sah noch immer zu. Er lachte mit den Kindern, als der Zwerg in den Staub fiel. Die Kinder wälzten sich über ihn. Doch als die älteren nun gar mit Holzlatten auf das arme Stück Mensch eindroschen, fuhr Friedrich dazwischen. Da stoben die Kinder auseinander. Nur Gotthelfs Spätling, Hanna, blieb ihm zwischen den Fingern. Sie weinte und wollte sich ihm entwinden, aber Friedrich hielt sie fest mit seiner harten Hand. Im Sande vor ihnen lag der Zwerg, hustete und winselte. Sein Buckel hatte ihn vor den Schlägen geschützt, aber er drückte auf sein Herz. Jammernd richtete er sich mühselig auf. Kaum daß er stand, hoben die Kinder von der Ecke des Platzes her, wohin sie vor Friedrich geflüchtet waren, von neuem an zu singen: 140 Der Regen bringt Segen. Der Winter bringt Schnee. Hüte dich, kleiner Mann, der sich nicht wehren kann, Prügel tun weh! Friedrich betrachtete neugierig das schmutzige Gesicht des Zwerges, über das Tränen der Angst, des Schmerzes und der Beschämung rannen. Dann schimpfte er: ,, Mach, daß du davonkommst!" Als der Zwerg fortlief, fuhr er das Mädchen an: ,, Erschlagen hättet ihr ihn können!" Hanna sah fest in seine Augen und sagte:„ Er ist eh nur eine Last für die Gemeinde." Friedrich zog das Mädchen mit sich und lockerte nicht den Griff, mit dem er ihren mageren Arm umfaßt hielt. So gingen sie zusammen durch das Dorf. Sein Name war Sparbrot. Friedrich zerrte Hanna hinter sich her, als er gebückt durch die Türe trat. ,, Der Gotthelf ist nicht da", sagte die Bäuerin. ,, Hol ihn, Hanna!" befahl Friedrich dem Mädchen, und er setzte sich auf die Bank am Tisch, knöpfte den Rock auf und holte die Axt hervor, die er darunter verborgen hatte. Er legte sie neben sich auf die Bank. ,, Allemal kommt er zu spät", schimpfte die Bäuerin. Friedrich sah zu, wie sie Holzstücke in den Herd warf. Um sich wieder aufzurichten, mußte sie sich mit der Hand auf das Knie stützen. Den Feuerhaken warf sie klirrend auf die Blechplatte vor dem Herd. Sie war dürr und schon ganz krumm, obwohl sie nicht weit über vierzig war. 99 , Warum gehst du nicht, Hanna?" keifte sie. ,, Mach rasch, hol den Vater." ,, Ich fürcht mich so", sagte Hanna. 141 99 Wovor denn?" fragte Friedrich. ,, Die Ratten", sagte das Mädchen. Sie hatte die Schultern hochgezogen und warf Friedrich einen bösen Blick zu. Indessen hatte die Mutter den eisernen Schürhaken wieder aufgehoben und kam damit durch das Zimmer. ,, Gehst du jetzt?" fragte sie. Das Mädchen lief aus der Tür. Friedrich sah die Wut auf dem Gesichte der Bäuerin. Wird meine auch so werden, überlegte er sich und fragte: ,, Schlägst du sie damit?" 99 Wenn's so kommt 66 Die Frau schlurfte an den Ofen zurück und warf die Eisenstange wieder auf das Blech. Dann redete sie weiter: ,, Recht hat sie schon. Ratten gibt's dieses Jahr. Ich trau mich selbst bald nicht mehr auf den Speicher." Friedrich nickte und sprach von dem Ferkel, das die Ratten totgebissen hatten, dann wieder von Hanna: ,, Du solltest sie nicht so schlagen." ,, Ich vergeß mich halt", sagte sie traurig. ,, Weshalb bist du denn gekommen?" ,, Ins Holz will ich gehen." Er sagte es sicher, die Arme breit auf den Tisch gestützt. Sie rief die Heilige Jungfrau Maria an. ,, Der Gotthelf ist zu alt", sagte sie dann. ,, Nur nachher soll er kommen. Zum Schneiden und zum Wegschaffen, sonst nichts." ,, Gib acht", wiederholte die Bäuerin ,,, der Gotthelf ist ein alter Mann." Und sie erzählte, daß ein Brief vom Martin gekommen sei, der bei den Soldaten war. Frierend im Herbstwind war Hanna auf der Höhe angelangt. Sie hob die starren Hände zum Mund und rief: ,, Sollst heimkommen, Vater!" 142 Der Wind trieb ihren Ruf ins Tal. Der Alte zerrte am Strick und brachte den Ochsen zum Stehen, der aus feuchtem Maule schnaubte. Gotthelf sah in der Dämmerung, wie die Tochter ihm zuwinkte. Ringsum die Felder waren leer. Immer war er der letzte. Die anderen hätten es genau so nötig wie ich, dachte er. Dann trieb er den Ochsen herum und wandte den schmalen Pflug. Er spie das Holzstück aus, auf dem er gekaut hatte, weil er keinen Tabak besaß. Auf dem Rücken fühlte er kalten Schweiß. Seine Muskeln und Sehnen waren hart wie Holz. Ein Wunder, daß er sich überhaupt noch regen konnte! Schwerfällig beugte er sich nieder und pflügte bergan. Die Erde war trocken, der sandige Boden knirschte und klirrend schlugen die Steine gegen die Pflugschar. Das Mädchen oben wartete, fror und fürchtete sich vor der Dunkelheit, die schneller als der Vater aus dem Tal heraufstieg. Hanna hatte das wollene Schultertuch um Arme und Hände gewunden. Als der Alte die Furche zu Ende gepflügt hatte, hob er den Pflug aus dem Acker und warf ihn rücklings auf die Straße. Der Ochse trottete davon, die Handgriffe des Pfluges scheuerten auf der harten Erde. Gotthelf folgte lautlos auf seilenen Sohlen. Vor Jahren hatte er in der Stadt gelernt, sie zu knüpfen. Viele im Dorf trugen solche Sohlen, denn sie sogen den und Schweiß auf im Sommer und waren warm im Winter, wer hätte in den Jahren nach dem Kriege nicht einmal wegen Wildfrevels oder Holzdiebstahls im Gefängnis gesessen? - Gotthelf schritt hinter dem Ochsen einher und Hanna folgte dem Vater, den Blick auf seinen krummen Rücken gerichtet. Als sie die Schritte der Arbeiter hörte, die aus dem Steinbruch kamen, lief sie rasch an die Seite des Vaters. Hanna war erst dreizehn Jahre alt, aber sie hatte schon Angst vor den Burschen, vor allem vor dem Sohn des Gastwirts, dem Zigeuner, wie ihn alle nannten, weil er so dunkelhäutig war. 143 Er half dem Förster und war eine Art Aufseher im Steinbruch, und auch im Dorfe spielte er sich immer als etwas Besseres auf. ,, Er ist gezeichnet", hatte Hannas Bruder Martin einmal gesagt und von einem Mal gesprochen, wie eine Faust so groß, das der Zigeuner auf der Hüfte trage. Hanna überlegte, wie ein solches Mal wohl aussehe, und sie faßte nach des Vaters knochiger, kühler Hand. Gotthelf drückte zufrieden ihre kleinen Finger. Jetzt wurden sie von den Arbeitern eingeholt. ,, So spät noch?" fragten die statt eines Grußes, und ihre Stimmen waren rauh von dem vielen Schnaps, mit dem sie den Splitt, den körnigen Staub der Steine aus der Kehle spülten. Sie zogen vorbei: nur der Zigeuner verlangsamte den Schritt und fragte, ob der Martin geschrieben habe, und er schob sich zwischen den Vater und Hanna, der nun das Herz klopfte. " , Was soll er schon schreiben?" sagte Gotthelf. Er sprach nicht gern von Martin. Seit der Sohn bei den Soldaten war, ging es nicht mehr gut. Martin hatte im Steinbruch gearbeitet und seinen Lohn nach Haus gebracht. Jetzt fehlte das, und Gotthelf gab es nicht gern zu. ,, Doch, es ist ein Brief zu Hause", sagte Hanna und setzte wichtig hinzu: ,, Der Friedrich wartet auf dich, Vater." 99 , Was du nicht alles weißt!" sagte der Zigeuner und faẞte Hanna am Kinn. Gotthelf meinte: ,, Dann hat der Martin doch geschrieben." ,, Einen Orden hat er bekommen", sagte Hanna. Der Zigeuner lachte sie aus und der Vater schalt: ,, Wie du nur so lügen kannst!" Das Mädchen schluckte und sagte rasch: ,, Der Friedrich hat mich geschlagen." " Was hast du denn für Geschäfte mit dem Friedrich?" wollte der Zigeuner vom Gotthelf wissen. 144 Im Hof schirrte der Vater den Ochsen aus und Hanna führte das Tier in den Stall, wo das Futter schon eingeschüttet war. ,, Hat der Friedrich dich geschlagen?" fragte der Vater, während er das Geschirr auf den hölzernen Haken hing. ,, Er war böse zu mir", sagte Hanna. ,, Hat er dich geschlagen?" Hanna preẞte sich an den Vater und weinte in seinen Rock. Gotthelf strich ihr über das strohige Haar. Sie traten zusammen durch die Tür in die Wohnstube. Die Suppe stand dampfend auf dem Tisch, das Brot lag da und Martins Brief. ,, Er will, daß du mit ihm ins Holz gehst", sagte die Frau und wies auf Friedrich. 99 , Wenn du um halb elf aufbrichst", meinte Friedrich und richtete sich auf, die Axt in den Händen, ,, kommst du gut zurecht. Bring den Ochsen mit, ohne den Wagen. Wir können das Holz schleifen." ,, Auf den Kuhberg gehst du also", stellte Gotthelf fest. Da klopfte es an den Fensterladen und die Haustür ging. Der Sohn des Gastwirts trat ein, er trug jetzt eine Uniform. Die Frau stand auf vor dem jungen Burschen, der eine flache Tüte auf den Tisch warf. ,, Das schickt der Vater", sagte er. ,, Es ist gegen die Ratten. Ihr müßt es auslegen." Auf der Tüte, die nun neben dem Brot lag, war ein Totenkopf abgebildet. 99 , Gift schicken sie uns", sagte Gotthelf. ,, Ja, man muß damit achtgeben." Der Zigeuner sprach sehr bestimmt. ,, Es ist ein starkes Gift. Aber man muß mit den Ratten ein Ende machen. Jeder muß gegen die Ratten kämpfen." Gotthelf schwieg und auch Friedrich sagte nichts, aber die Frau dankte mit vielen Worten. ,, Da ist nichts zu danken", sagte der Zigeuner. 10 Kunigunde 145 Als er gegangen war, meinte Friedrich: ,, Am besten nimmst du den alten Holzweg. Und dann die zweite Schneise den Berg hinauf." ,, Ich bin müde", antwortete Gotthelf. Die Frau sagte: ,, Das Holz wär nicht schlecht." Friedrich machte einen Umweg. Er ging ohne sich zu beeilen durchs untere Dorf und kehrte dort in der Wirtschaft ein. Er trank ein Glas bitteren Rauchbiers und erzählte beiläufig, er gehe ins Tal hinunter, den Schwager zu besuchen. Hinter dem Dorf kehrte er um und ging zurück an dem Acker vorbei, an dem die neuen Herren ihre Kunst ausprobiert hatten. Sie hatten mit großer Mühe alle Steine auflesen lassen. Doch der Acker hatte solche Sorgfalt nicht gelohnt. Da die Feuchtigkeit unter den Steinen nicht mehr Schutz gefunden hatte, war der Boden im Sommer staubtrocken geworden. Das Korn war gelb geworden vor der Zeit und hatte keine Frucht getragen. Friedrich ging die Schneise bis zur halben Höhe hinauf. Dort wußte er eine trockene Fichte im Gehölz. Als er sie gefunden hatte, setzte er sich auf den Boden und lauschte. Die Stille war tief. ,, Sebastian", sprach Friedrich leise vor sich hin, und er dachte an den schreienden Säugling im Korb und an das rotbäckige Kind auf dem Kalenderblatt. Er sagte sich, daß die Leute im Forsthaus um diese Zeit wohl noch beim Essen säßen, später mochte es eher möglich sein, daß sich der Förster im Wald herumtrieb. Friedrich zog die Jacke aus und schwang die Axt. Der erste Schlag dröhnte laut wie ein Schuß. Erschrocken hielt Friedrich inne und horchte. Dann schlug er von neuem zu. Das Eisen fuhr in den Stamm. Wie Schaumflocken sprangen die weißen Holzsplitter in die Dunkelheit. Nach jedem fünften Schlag machte Friedrich eine Pause und horchte, die Axt in den heißen Händen. Aber vom Lärm 146 der Schläge dröhnten ihm die Ohren, und er konnte nichts hören. Am besten ist es, wenn ich mich beeile, sagte er sich darum und hieb wie wild auf den Baum ein. Er schlug ihn von der Bergseite aus an, damit er gegen den Hang fallen würde. Schließlich fehlten nur noch ein paar Hiebe von der anderen Seite und der Baum mußte umbrechen. Friedrich ging um den Stamm herum und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Der Fichtenstamm ächzte und zitterte unter dem Winde. Friedrich suchte erst mit den Füßen einen festen Halt auf dem abschüssigen Boden, bevor er von neuem zum Schlage ausholte. Da sprang der Wind plötzlich um und jagte von der Höhe her ins Tal, ein wahrer Sturm! Unter seinem Druck brach der Baum, stürzte und warf sich auf den erschrockenen Mann. Mit beiden Beinen lag Friedrich unter dem schweren Stamm und der Schmerz war so heftig, daß er ihn nicht bei sich behalten konnte. Er stöhnte laut. Zwischendurch zwang er sich mit zusammengebissenen Zähnen für kurze Zeit zum Schweigen und lauschte. Aber außer dem immer noch zornigen Fauchen des Windes und dem unruhigen Rauschen der Bäume ließ sich nichts vernehmen. Was wird nur werden, überlegte Friedrich, wenn der Gotthelf nicht kommt? Er hatte den Eindruck, daß nur das linke Bein gebrochen war und versuchte mit beiden Händen, das rechte unter dem Stamm hervorzuziehen. Darüber fiel er in Ohnmacht. Nach einer Weile des blanken, schwarzen Nichts plagte ihn ein Traum. Ihn träumte, er sei der Zwerg und die Kinder quälten ihn, Hanna vor allem. Als er die Augen aufschlug, sah er die Sterne über den schwankenden Baumspitzen. Er wußte nicht, wie spät es war, ob Gotthelf schon vorbei sei oder ob er noch auf ihn hoffen 10* 147 könne. Er lag mit dem Kopfe talwärts, und das Blut sammelte sich in seinen Schläfen. Wenn nur endlich jemand käme, dachte er. Da spürte er leise Schritte auf dem Boden und das Schleifen einer Kette. Das mußte Gotthelf mit seinem Ochsen sein. Friedrich rief leise nach ihm, doch brauchte der Alte seine Weile, bevor er den Verletzten fand. „Mein Gott, mein Gott“, jammerte er dann,„was ist dir nur geschehen?‘ Er tastete sich im Dunkeln um Friedrich herum. Ungeschickt stieß er ihn mit dem Fuße an. „Gib doch acht!“ schimpfte Friedrich und wollte, daß Gott- helf den Baum anhebe, so daß er die Beine freibekomme. Ver- geblich bemühte sich Gotthelf, während Friedrich stöhnte und jammerte. Gotthelf war ärgerlich, daß er nichts erreichte, und er schalt auf Friedrich. „Sei doch endlich still“, sagte er.„Du holst uns noch den Förster auf den Hals.“ Friedrich biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten.„Ich muß wohl die Äste abschlagen“, stellte Gotthelf fest.„Das wird dir freilich weh tun.“ „Ruh dich erst ein wenig aus“, schlug Friedrich vor. Da- von wollte aber der Alte nichts wissen, er hob die Axt vom Boden auf. „Warte“, bat Friedrich.„Man muß es überlegen. Läßt es sich denn nicht anders machen?“ Daß er auch noch so weh- leidig sein muß, dachte Gotthelf, doch setzte er sich neben Friedrich auf den Boden. Er erschrak, als er Friedrichs wäch- sernes Gesicht aus der Nähe sah. „Ich glaube, ich schaff’s nicht, dich hier herauszuholen‘“, bekannte Gotthelf mutlos.„Allein nicht. Du hast’s gar zu gut gemeint. Der Baum ist zu schwer.“ Friedrich antwortete nichts. Das Fieber schüttelte ihn. Sie hörten einen Schuß. Friedrich, der eben in eine neue Ohn- 148 macht hatte entgleiten wollen, erwachte wieder zu voller Klarheit. Beide hielten sie den Atem an und lauschten, aber sie hörten nichts mehr. ,, Ist noch jemand im Holz?" fragte Gotthelf. Friedrich wußte es nicht. ,, Ich hab den Ochsen in der Schneise stehen", sagte Gotthelf und stand auf. ,, Gehst du?" fragte Friedrich heiser. Wieder stieg eine Schmerzwelle in ihm auf. Gotthelf meinte, er müsse doch Hilfe holen. ,, Alsdann eil dich", stöhnte Friedrich. Während Gotthelf schon auf seinen seilenen Sohlen davonschlich, fiel Friedrich erst das Wichtigste ein. 99 Wen wirst du denn holen?" rief er hinter dem Alten her. Doch Gotthelf hörte ihn nicht. Der Mann, den der Baum gefällt hatte, sah in den Himmel auf und spürte starke Schmerzen. Wen wird der Gotthelf nur holen, überlegte er und dachte im Fieber: Die Ratten, er wird die Ratten holen, die beißen das Holz durch und machen mich frei. Er schüttelte sich und glaubte, daß sei schon die Morgenkühle. Das Kind hatte geschrien, weil's ein Heide war. Ob das weh tat? Das Blut stand dem Friedrich dick im Kopf. Die Erde roch nach Moder. So weit müßte man schon sein, wünschte sich Friedrich. Er dachte an die braune Tüte mit dem Totenkopf auf dem Tisch. ,, Gotthelf", rief er, ,, Gotthelf." Doch der war nun schon am Ende der Schneise, tappte mit schlurfenden Schritten neben dem Ochsen her. Er hielt sich am Geschirr des Tieres fest und ließ sich von ihm ziehen. Spät kam er auf den Hof. Über die Dielen des Hauses liefen die Ratten. Er machte Licht und weckte die Frau, die sich verschlafen aus der Last der Kissen aufrichtete. ,, Steh auf und koch Kaffee", sagte er ,,, dem Friedrich ist 149 ein Unglück geschehen." Mit dünnen Beinen stieg sie aus dem Bett. Ihr Nachthemd stand weit um ihren hageren Körper. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht. ,, Ist es schlimm?" fragte sie. Gotthelf berichtete, wie er Friedrich getroffen hatte. Da richtete sich Hanna in ihrem engen Bett auf und rieb sich die Augen. 99 , Tut es ihm weh?" wollte sie wissen. ,, Das glaub ich", sagte Gotthelf. ,, Siehst du", rief Hanna ,,, er war böse zu mir. Ich habe es ihm gewünscht." Woher hat sie nur diese Schlechtigkeit, dachte Gotthelf und schickte sie fort, Friedrichs Frau zu holen. Hanna begriff, daß dies eine Strafe sein sollte. Sie zog sich wortlos an und ging trotzig aus dem Haus, obwohl ihre Angst groß war. Sie hielt sich in der Straßenmitte und rannte ins Oberdorf hinaus, wie gejagt vom Schall der eigenen Schritte. In der Schlafkammer beim Friedrich war noch Licht. Hanna klopfte erst an die Tür, aber die war verschlossen. Sie lief um die Scheune und kroch durch ein Loch im Zaun in den Hof. Auf Zehenspitzen trat sie in den Flur und öffnete zögernd die Tür zur Schlafkammer. Die Frau war im Bett und wiegte das Kind. ,, Schickt dich der Friedrich?" fragte sie ruhig. ,, Nein, der Vater", antwortete Hanna. Die Frau legte das Kind in die Kissen zurück. Es fing gleich an zu schreien. Sie sprang aus dem Bett und packte Hanna bei der Schulter. ,, Komm schnell", sagte das Mädchen und hatte Mitleid. ,, Dem Friedrich ist was geschehen." Die Frau zog sich an. Hanna weinte jetzt, aber die Frau schalt, sie solle lieber das Kind aufnehmen, das immer noch schrie. 150 Zusammen liefen sie zum Gotthelf, der den müden Ochsen schon vor den Bretterwagen gespannt hatte und wartete. Gotthelfs Frau blieb mit dem schreienden Säugling zurück. Die anderen setzten sich auf die Decken, in die sie den Friedrich packen wollten, und der Wagen knarrte aus dem Tor. In der Nachbarschaft bellten die Hunde. Gotthelfs Ochse eilte sich nicht. Als sie endlich an die Schneise kamen, stiegen sie ab, denn der Weg war steil. Gotthelf führte den Ochsen, Friedrichs Frau und Hanna schoben den Wagen. So ging es bergan, bis Gotthelf haltmachte und die Frau aus dem Walde ein schmerzvolles Stöhnen hörte. Die ganze Zeit über hatte sie Gotthelf angetrieben. Jetzt klammerte sie sich an die Bretter des Wagens und rührte sich nicht. Der Alte mußte sie mit Gewalt losreißen, bevor sie ihm in den Wald folgte. Zuerst konnte sie in der Dunkelheit in dem Stück Mensch, das auf der Erde lag und jammerte, ihren Mann nicht erkennen. ,, Habt ihr aber lange gebraucht!" schimpfte Friedrich mit schwacher Stimme. Die Frau kniete neben ihm nieder, sie nahm ihr Kopftuch ab und wischte ihm den Schweiß vom Gesicht. Darauf sah sie sich um, was zu tun sei. Gotthelf hatte einen Strick mitgebracht; den schlangen sie erst um den Stamm, unter dem Friedrich lag, dann warfen sie ihn über den breiten Ast einer Buche in der Nähe. Hanna brachte indessen die Flasche mit dem Kaffee. Sie mußte Friedrich zu trinken geben wie einem Kind. Da sie aber seinen Kopf nicht anheben konnte, floß der Kaffee über Gesicht und Bart. Friedrich sagte nichts. Gotthelf hatte den Ochsen herbeigeholt und knüpfte das lose Ende des Seils, das von dem Buchenast herabhing, an die Stränge des Geschirrs. ,, Ob er auch hält?" fragte er die Frau und drehte den Strick in den Händen. Statt zu antworten, flüsterte Gotthelf: 151 „Wenn ich den Stamm anhebe, mußt du den Friedrich drunter wegziehen.‘“ Seine Füße fuhren suchend über den Boden, schließlich hob er einen schweren Knüppel auf. Die Frau stieg über den Fichtenstamm, sie stieß Hanna beiseite und beugte sich wieder über den Mann. Da drosch Gotthelf auf den Ochsen los. Die Schläge klatsch- ten auf das zerschundene Fell und auf die herausstehenden Knochen. Rasch tat der Ochse ein paar Schritte vorwärts, bis das Seil gespannt war. Gotthelf schlug weiter mit seinem arm- dicken Knüppel auf ihn ein. Die Hufe in den weichen Wald- boden gestemmt, zerrte der Ochse an dem Strick, und lang- sam hob sich der Stamm. Die Frau packte Friedrich unter den Achseln und schleifte mit einem Ruck seinen schweren Körper über den Boden. Friedrich brüllte. Dumpf und grell zugleich stieg aus dem weit geöffneten Loch des Mundes sein Schrei und erfüllte den Wald. Die drei, die sich um Friedrich bemühten, erstarrten. Als Friedrich wieder schwieg, faßte sich die Frau am schnellsten.„Hol rasch die Decken“, schrie sie Hanna an. Man hätte die Decken gleich mitnehmen sollen. Das Mädchen hörte sie nicht, denn noch immer hatte sie die Fäuste gegen die Ohren gepreßt. Die Frau riß ihr den Arm weg.„Die Dek- ken hol“, schrie sie. Mit einer eckigen Bewegung wandte sich Hanna und lief zum Wagen hinüber. Friedrich lag wie tot am Boden. Die Frau fühlte sich schlecht. Sie lehnte den Kopf gegen einen Baum. Gotthelf schnitt den Strick durch. Dumpf fiel die Fichte auf den Boden zurück. Inzwischen raffte Hanna mit zitternden Händen die Decken vom Wagen. Als sie sich umkehrte und in den Wald zurück wollte, standen zwei Männer vor ihr, der Förster und der Zigeuner. Beide hielten sie Gewehre unter dem Arm und der Förster leuchtete ihr mit einer Lampe ins Gesicht. 152; „Was machst du denn hier, Hanna?“ fragte der Zigeuner und versuchte, sie am Kinn zu fassen. Es war schon so, daß Hanna nicht erschrak und sich auch nicht verwunderte. Aber sie begriff, daß das Unglück nun ganz schlimm war. „Der Friedrich“, schluchzte sie, ‚‚es tut ihm so weh.“ Zu dritt kamen sie auf den Platz, wo der Friedrich eben aus seiner Bewußtlosigkeit erwachte. DER SPIEGEL Hermann Stedig kehrte nach drei langen Monaten, die er im Krankenhaus verbracht hatte, in seine Wohnung zurück. Er fühlte sich geschlagen und müde und seiner Zeit nicht mehr gewachsen, in welche der so leichtfertig entfesselte Krieg über die Grenzen zurückschlug und die Panzerhiebe der Flugzeuge Stadt um Stadt zertrümmerten. Bei einem Brand, der nach einem solchen Angriff aus wolkenbedecktem Nachthimmel in der Fabrik ausgebrochen war, war Hermann Stedig zu Schaden gekommen. Nun stand er vor der Tür, aus der er drei Monate zuvor gesund und eitel auf sich und seine Fertigkeiten getreten war, stand zögernd, mit klopfendem Herzen, den rechten Armstumpf unter dem Mantel an die Seite gedrückt und den dunklen Hut tief in das von den Flammen gebrannte Gesicht gezogen. Ein Geschlagener, ein vom Schicksal Gezeichneter, er, der immer gedacht hatte, daß das Schicksal ihn, gerade ihn vor allen begünstige. Er ärgerte sich, daß ihm auf sein Läuten nicht aufgetan wurde. Sie wissen doch, daß ich komme, dachte er gallig. Dann erst fiel ihm ein, daß Maria noch gar nicht zu Haus sein 154 könne. Seit er den Unfall erlitten hatte, arbeitete sie in der Fabrik. Mit Mühe fischte er den Schlüssel aus der Manteltasche und öffnete die Tür, beschämt darüber, wie unbeholfen er mit der linken Hand war. Im Vorplatz zog er den Mantel aus. Er wollte ihn auf den Haken hängen, doch entglitt ihm das schwere Kleidungsstück und fiel zu Boden. Da vernahm er aus der Küche die Stimme Johannas, seiner Tochter. Sie mußte sein Läuten überhört haben und sprach sinnlose Worte im Singsang vor sich hin. Mit einem weiten, freudigen Schritt trat er über den Mantel hinweg und rief den Namen des Kindes. Johanna antwortete von drinnen mit einem hellen Willkommgruß, der Hermanns Herz jubelnd bewegte. Rasch stieß er die Tür zur Küche auf, die schon im Dunkel lag. ,, O Väterchen, Väterchen! Du bist zurück!" rief Johanna und umschlang mit ihren dünnen Armen seine Knie und preẞte ihr Gesicht an ihn. Hermann Stedig meinte andächtig zu sich selbst: Daß mir das geblieben ist! Mein Gott, so hat das Leben doch noch einen Sinn. Und während das Blut mit starkem Pulse kräftigend durch seine Adern strömte, streichelte seine Linke die warmen, weichen Wangen des Mädchens. ,, Du warst so lange fort", sagte Johanna ,,, war es eine weite Reise?" ,, Ja, eine weite Reise", flüsterte Stedig. ,, Aber jetzt bin ich zurück." ,, Jetzt bist du zurück", wiederholte Johanna. Sie griff nach seiner Hand und zerrte daran. ,, Was hast du mir mitgebracht?" rief sie. Warum habe ich nur daran nicht gedacht, schalt sich Hermann und war traurig. ,, Sag, was?" bettelte das Mädchen. 155 Stedig sagte heiser: ,, Nichts, Johanna, ich hab dir nichts mitgebracht." ,, Oh", sagte Johanna enttäuscht. Stedig entschuldigte sich: ,, Du mußt verstehen. Ich war weit weg. Und es gab dort einfach nichts, nichts für Kinder. Das nächste Mal-" ,, Fahr nicht wieder fort", bat Johanna und küẞte seine Hand. Verwirrt machte er sich frei und schaltete das Licht ein. Johanna hatte das Gesicht erhoben, die blonden Strähnen fielen zurück. Als sie den Vater sah, wich der Glanz aus ihren weichen Augen. Ihr Blick wurde schreckensstarr. Aus dem zu spielender Liebkosung halbgeöffneten Lippen gellte ein Schrei. Dieser Schrei und der entsetzte Ausdruck des Kindes lähmten Hermann Stedig. Hilflos umklammerten seine Finger den Türpfosten, an den er sich lehnte. Dunkel, daß es doch dunkel würde, dachte er, aber er vermochte nicht, die Hand zu heben und den Lichtschalter niederzudrücken. Er konnte sich nicht rühren. Eine eisige Welle war über ihn gefahren und hatte ihn reglos gemacht. Wie eine Gnade war, daß wenigstens die Augenlider noch seinem Willen folgten und sich über der feuchten Netzhaut schlossen, Dunkel, dachte er zufrieden, Nacht, Schlaf, Tod. Johanna aber schrie und schrie. Sie konnte ihren Blick nicht abwenden vom entstellten Gesicht des Mannes vor ihr, der die Stimme des Vaters hatte und seine Gestalt, aber nicht der Vater war. Schreiend wich sie, Schritt um Schritt, bis an die Wand zurück. Dort endlich schlug sie die Hände vors Gesicht. Für kurze Zeit unterbrach sie sich, schluckte die salzigen Tränen und schöpfte Atem. Dann schrie sie von neuem in schrillen Tönen der Qual. 156 So standen sich Vater und Tochter gegenüber, als Maria mit müden, hängenden Schultern von der Arbeit heimkehrte. ,, Guten Abend", sagte sie gleichmütig zu Stedig, als sei nichts gewesen. Sie nahm Johanna bei der Hand und brachte sie zu Bett. Als sie nach langer Zeit zurückkehrte, saẞ Hermann auf dem Küchenstuhl und beobachtete sie lauernd mit gesenktem Kopf. Ihre Beherrschtheit schien ihm noch schwerer zu ertragen als Johannas lautgewordenes Entsetzen. Das dachte er wenigstens an diesem ersten Abend seiner Heimkehr. In den folgenden Tagen, die er mit Johanna allein im Haus blieb, lernte er es anders. Er war froh, als Maria endlich eines Abends sagte: ,, Johanna sieht schlecht aus, ich werde sie zu den Großeltern schicken." Erleichterten Herzens nickte Hermann aus der dunklen Küchenecke, die er sich zu seinem Stammplatz gewählt hatte. Fast unbeweglich verbrachte er dort die Zeit und grübelte über sein Schicksal nach, bis sein Herz von Bitternis ganz durchtränkt war. Um nichts kümmerte er sich, nichts hatte Bedeutung für ihn, nichts rührte ihn an. Wie in einem Nebel lebte er in ständiger Klage um sich selbst und jeden Tag spürte er von neuem, wie furchtbar geschlagen er war. Meist stand er erst spät auf und frühstückte, was die Frau auf dem Küchentisch hatte stehenlassen. Mit dieser einen Mahlzeit hielt er durch bis zum Abend, obwohl Maria jeden Morgen auf dem Ofen Sachen bereitstellte, eine Suppe, Fleisch mit Kraut oder Gemüse, die er sich nur hätte aufwärmen brauchen. Sie war besorgt und aufmerksam. Sie war tapfer und entschlossen zu retten, was von ihrem zerstörten gemeinsamen Leben geblieben war. Hermann half ihr gewiß nicht dabei. Und oft wunderte sie sich, woher ihr die Kraft kam, mit der sie nicht nur seinen Anblick, sondern auch seine 157 hoffnungslose, ständig wachsende Niedergeschlagenheit ertrug. Doch je länger sich die Dinge hinzogen, ohne daß es mit ihm anders werden wollte, um so mehr schwand auch ihre Geduld. ,, Gar so nutzlos, wie du dir vorkommst, bist du noch lange nicht!" entfuhr es ihr einmal. Sie bereute das Wort, kaum daß sie es ausgesprochen hatte, denn Hermann zog, wie von einem Hieb getroffen, den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern, als er es ohnehin schon tat. - - Gewiß fühlte sich Hermann in seinem Stolz getroffen, von dem trotz aller Demütgiung ein Rest geblieben war. Aber stärker noch als das Gefühl des Trotzes war in ihm die plötzlich erwachte Angst, er könne auch Maria verlieren. Aus dieser Angst wuchs in ihm ein neuer Lebenswille. Schon am nächsten Morgen sah er sich nach Arbeit im Hause um. Zunächst wollte er das Geschirr abwaschen, doch glitt ihm ein Teller aus den Fingern und zerbrach. Er fand dann andere Dinge zu tun. Er reinigte den Ofen und putzte die Fenster. Maria bemerkte es sofort am Abend, und sie nickte ihm mit einem warmen Lächeln zu. Er tat, als nähme er es nicht wahr, aber er war sehr froh darüber und ging nun mit doppeltem Eifer an die Arbeit. Zwei oder drei Tage darauf wusch er den Fußboden im Schlafzimmer auf. Er machte es gründlich, rutschte auf den Knien herum, bis der Rücken schmerzte und ließ keine Ecke aus. Dabei entdeckte er hinter der Waschkommode den Spiegel am Boden. Der Spiegel war Marias besonderer Stolz, ein Erbstück von ihrer Großmutter mit schwerem, schwarz- silbernem Rahmen. Aufblickend sah Hermann, daß der Nagel fehlte, mit dem das Glas früher an der Wand befestigt gewesen war. Diesen Nagel, ein mächtiges Ding, hatte er selber ein158 geschlagen. Seltsam, wie genau er sich noch an den Nagel erinnerte. 99 , Und nun der Spiegel! Wohin mit dem Prachtstück?" hatte er scherzend gefragt. Es war ein sonniger Sonntagvormittag gewesen. Maria, voller Stolz auf das kleine Haus, das sie zu billigem Preis von der Fabrik gemietet hatten, hatte sich mit blanken Augen umgesehen. ,, Ich bin so glücklich, Hermann!" ,, Aber der Spiegel, Maria, wohin mit dem Spiegel?" Die Entscheidung war ihr nicht leicht gefallen. Neben der Tür war nicht genügend Platz; an der Längswand war es zu dunkel gewesen. ,, Also dem Fenster gegenüber, ja, gleich neben dem Bett", hatte sie schließlich bestimmt. Aber auch das war ihr dann nicht als der rechte Platz erschienen. ,, Wieso nicht?" hatte er gefragt. Sie war rot geworden in ihrer Verlegenheit. ,, Wenn uns mal jemand besucht", hatte sie zögernd gesagt ,,, was sollen die Leute denken?" Schließlich waren sie übereingekommen, daß der Spiegel natürlich über den Waschtisch gehörte. Sie hatte neben ihm gestanden, während er, den Nagel und den Hammer in der Hand, auf den Stuhl gestiegen war. Mit dem Nagel hatte er ein Kreuz in die frisch gekalkte Wand gekratzt. ,, Nun schau mal, ob das auch die Mitte ist", hatte er noch gefragt und dann fröhlich drauflos gehämmert, bis der Nagel tief in die Wand getrieben war. ,, So, der hält ewig", hatte er zufrieden gemeint, und gemeinsam hatten sie den Spiegel aufgehoben und an den Nagel gehängt und hatten ihrem Bilde im silbernen Glase zugelacht. Wie eitel waren sie aufeinander gewesen in ihrer Verliebtheit, wie zufrieden in ihrem häuslichen Dasein, wie stolz, nachdem Johanna geboren war! Ohne Bedauern hatte Her159 mann Stedig für dieses Leben manches geopfert, was ein Mann sonst nicht so leichten Herzens preisgibt. Er war aus dem Sportverein ausgetreten, in dem er als Meister im Weitsprung und im Langstreckenlauf ein angesehenes Mitglied gewesen war. Auch auf die männliche Unruhe und Unzufriedenheit mit Arbeit und Lohn und seinem Platz in der Welt hatte er verzichtet und hatte die Freundschaften aus der Junggesellenzeit aufgegeben. Er hatte sich von seinen Arbeitskollegen zurückgezogen und ihre Spötteleien mit überlegenem Lächeln bei sich abgetan: Wie können sie wissen, was ich in Maria und dem Mädchen, in dem kleinen Haus und seinem Gärtchen, in dem warmen, freundlichen Leben zu dritt besitze. So war er auch mit dem kurzbeinigen Struwe auseinandergekommen, mit dem er eine Zeitlang vor seiner Heirat zusammengelebt, und den er wegen seiner Geradheit und seines entschlossenen Wesens besonders geschätzt hatte. Vom häuslichen Glück und vom warmen, freundlichen Leben war nun nicht viel mehr geblieben. Auch der Nagel in der Wand hatte nicht ewig gehalten. Und darüber wunderte sich Hermann Stedig eigentlich mehr als über die sonstigen miẞlichen Umstände seines Lebens, wie den Krieg und das Bombardement der Fabrik und den Brand, der ihm gefolgt war und ihn so verstümmelt hatte. Wie hatte der Nagel nur herausfallen können? Kopfschüttelnd ging Hermann in die Küche, wo er den Werkzeugkasten unter der Bank hervorholte. Er kramte den Hammer heraus und fand nach längerem Suchen ein Stück Holz, um das Loch in der Wand auszufüllen und schließlich auch einen Nagel, der ihm kräftig genug erschien. Als der Nagel nach mancher Mühe endlich fest in der Wand saß, war Hermann stolz darauf, wie gut er doch schon mit der linken Hand allein zurechtkam. Er hob den schweren Spiegel auf und wollte ihn an seinen Platz hängen. 160 Da erblickte er, zum erstenmal seit ihn das Unglück betroffen hatte, sich selbst. Erst wollte er nicht begreifen, daß sein Bild ihm aus dem Spiegel entgegenstarrte. Welch eine Fratze war das nur! Das bin doch nicht ich, empörte er sich! Dieser blaurote Klumpen Fleisch mit dem grinsenden Mundloch darin, das bin ich nicht! Erschrocken schloß Hermann Stedig die Augen, aber er hielt den schweren Spiegel fest in der Hand. Als er ihm aus den zitternden Fingern rutschen wollte, stützte er ihn mit dem Stumpf des rechten Armes und trug ihn in die Küche. Dort stellte er ihn vorsichtig auf den Tisch an der Wand und setzte sich davor nieder. Das also bin ich! sagte er sich nun. Er hatte gewußt, daß er entstellt war. Doch was aus ihm geworden war, in welch ein Ungeheuer er sich verwandelt hatte, davon hatte er nichts geahnt. Mit wieviel Geschicklichkeit hatte man ihn im Krankenhaus des Spiegels entwöhnt! Jetzt erst verstand er Johannas Schrei, der ihm erneut in den Ohren gellte, und er verstand auch, warum die Fabrik ihr Versprechen nicht eingelöst hatte, ihn als Pförtner einzustellen. So was, sagte er zu sich voller Haß, das muß man doch einsperren, das darf man nicht frei herumlaufen lassen! Und er lehnte sich zornig auf gegen Marias Geduld. Ihr Opfer konnte und wollte er nicht mehr annehmen. Er ging zurück ins Schlafzimmer und maẞ den Nagel mit prüfendem Blick. Er saß hoch genug in der Wand, daran war kein Zweifel. Aber ob er auch halten würde unter der Last seines schweren Körpers? Da hörte er Maria im Vorplatz und verbarg den Spiegel rasch auf dem gleichen Platz, an dem er ihn gefunden hatte. Es war ein Sonnabend. Den Sonntagmorgen benutzte Maria, um sich auszuschlafen. Sie wachte erst auf, als die Sonne schon ins Schlafzimmer schien. Eine Weile blieb sie noch im 11 Kunigunde 161 Bett liegen. Die nackten Arme unter den Kopf verschränkt, blickte sie zur Decke auf und an die von der Sonne bestrahlte Wand. So entdeckte sie den Nagel. Was hat das nun zu bedeuten, dachte sie erst und rief Hermann, der in der Küche war., Wo ist der Spiegel?" fragte sie. " Er tat, als verstünde er nicht. ,, Welcher Spiegel?" sagte er und ging gleich wieder aus dem Zimmer. Mit einemmal wurde Maria alles zu viel. Da er nun wußte, wie es mit ihm stand, schämte sie sich vor ihm. Unerträglich war der Gedanke, daß er sich in ihrer Schuld fühle. Sie warf ihre kleider in einen Koffer und ging davon. Marias Flucht erfüllte Hermann Stedig mit einer grimmigen Befriedigung. Nun war er allein und niemandem als sich selbst zur Last, und der Haken an der Wand verlor seine Lockung. Hermann hing den Spiegel daran auf und lebte weiter in dem Häuschen von der kleinen Rente, die ihm mit der Post zugeschickt wurde. Nur zu den nötigsten Einkäufen verließ er das Haus. Stets wartete er die Dunkelheit ab und die Kälte der Wintertage gab ihm einen guten Vorwand, sein Gesicht in einem Schal zu verbergen. In solcher Einsamkeit verbrachte er den Winter, dessen Nächte immer häufiger vom Lärm der Sirenen, von krachenden Bomben und blutroten Bränden zerrissen wurden. Hermann Stedig saß dann in der dunklen Küche und hoffte heimlich, daß eine Bombe sich zu ihm verirren würde. Aber das Haus lag zu weit entfernt von den großen Fabriken und vom Zentrum der Stadt. Das Schicksal hatte Hermann Stedig gezeichnet und nun hatte es ihn vergessen. Eines Abends, er hatte sich schon niedergelegt, klopfte es an der Tür. In äußerster Erregung sprang Hermann auf: War es möglich, daß Maria zurückgekehrt war? Er warf den Mantel über und öffnete. Doch in der Dunkelheit draußen 162 stand ein Mann. Im schwachen Licht des Hausflurs erkannte Hermann Stedig den früheren Arbeitskollegen. ,, Struwe?" fragte er verwundert. ,, Was machst denn du hier?" ,, Es ist kalt draußen", sagte Struwe und trat ein und zog die Tür hinter sich zu. ,, Ich will hier bleiben über Nacht." Feindselig maẞ Hermann das kräftige, noch junge Gesicht des Besuchers. ,, Dies ist kein Hotel", sagte er. Struwe rieb sich die frostroten Hände. Er sagte: ,, Du wirst doch einen alten Kollegen nicht auf die Straße setzen, Mensch." Er klopfte Stedig auf die Schulter und ging voraus in die Küche. Hermann blieb hinter ihm auf der Schwelle stehen. ,, Hast du denn sonst keine Bleibe?" erkundigte er sich, noch immer voller Feindseligkeit. Struwe hatte sich auf der Bank neben dem Ofen niedergelassen und zog eine Grimasse über die Unordnung und den Schmutz ringsum, denn seit Maria gegangen war, hatte Hermann es wieder aufgegeben, das Haus sauberzuhalten. ,, Ich habe mir lange überlegt, was ich machen sollte", meinte Struwe. ,, Dreimal bin ich ausgebombt worden. Tatsächlich, ich wußte nicht mehr, was anfangen. Dann zum Glück bist du mir eingefallen." Auf Hermanns fragenden Blick fügte er hinzu: ,, Du weißt doch, wie das ist in unserer Bude. Die Kollegen reden über alles und jeden. Und dann arbeitet deine Frau bei uns. Ich wußte, daß du allein bist." ,, So, das wußtest du", sagte Hermann Stedig und dachte, sie reden also alle darüber, daß mir die Frau davongelaufen ist. Struwe nickte. ,, Ja", wiederholte er langsam ,,, ich wußte, du bist allein und dich lassen sie auch allein. Dir gehen sie aus dem Wege. Vor dir haben sie Angst, vor deinem Gesicht, 11* 163 vor dem, was sie aus dir gemacht haben. Als ob einem nichts Schlimmeres passieren könnte. Ich habe einen gekannt 66 Er unterbrach sich und zuckte mit den Schultern. Dann fuhr er fort: ,, So war das also. Struwe, habe ich mir gesagt, ein besseres Plätzchen gibt's überhaupt nicht für dich." Er drückte die breiten Hände auf die Schenkel und richtete sich auf. ,, Bin ich dir vielleicht im Wege?" fragte er jetzt und musterte Hermann. ,, Nein", sagte Stedig langsam ,,, im Wege bist du mir nicht." Struwe nahm keinen Anstoß an seinem unfreundlichen Ton. Die Hände in den Taschen ging er zufrieden in der Küche hin und her. ,, Erinnerst du dich noch, wie wir früher zusammengehaust haben?" fragte er.„ Jedesmal, wenn du kochen mußtest, gab es Eierkuchen mit Speck. Das war deine Spezialität." Ich hätte ihn gar nicht erst hereinlassen sollen, dachte Stedig, den der Anblick des kräftigen und lebenssicheren Freundes ärgerte. Außerdem fühlte er, daß es mit dem Dahindämmern in empfindungsloser Stumpfheit vorbei sei. Hatte der gleichmütige Struwe nicht durch sein Kommen allein schon all die alten Wunden wieder zum Bluten gebracht? ,, Also meine Frau arbeitet noch bei euch?" fragte Hermann Stedig und fühlte wie seine Kehle trocken wurde. Er hätte gern noch etwas von Maria gehört. Aber Struwe nickte nur kurz mit dem runden Kopf und fragte: ,, Und du, was treibst du denn so?" ,, Nichts! Von meiner Rente lebe ich!" stieß Stedig höhnisch hervor und schrie dann: ,, Was denkst du dir denn? Was soll ich denn tun?" Struwe schwieg. Aus dem Wasserhahn fielen vereinzelte Tropfen langsam und regelmäßig in das Aufwaschbecken. Für kurze Zeit war nur dieses Tropfen zu hören, laut und aufdringlich. 164 ,, Ich bin hungrig. Hast du was zu essen?" fragte Struwe dann und öffnete schon den Küchenschrank. 99 , Warum bist du nur gekommen?" sagte Hermann. ,, Hab ich dir das nicht klar genug gemacht?" meinte Struwe ungeduldig und schnitt ein Stück von dem Brot ab, das er gefunden hatte. ,, Schmalz ist unten im Herd", sagte Hermann. ,, Ein paar Bratkartoffeln kannst du dir aufwärmen, wenn du willst." ,, Nicht nötig", sagte Struwe kauend, aber er bückte sich und holte den Steinguttopf mit Schmalz aus dem Herd. Er schlief in Marias Bett. Bevor er sich niederlegte, betrachtete er den Spiegel. ,, Wie bist du denn dazu gekommen?" fragte er, während seine Hand über den Rahmen glitt. ,, Ebenholz und eingelegtes Silber!" Dann meinte er: ,, Du brauchst doch das Ding nicht." Aber der Spiegel hatte es ihm angetan. Er betrachtete ihn wieder und wieder, auch in den nächsten Tagen, denn er blieb. ,, Ein hübsches Stück Arbeit", rühmte er und einmal hob er ihn gar ab und betrachtete ihn von der Rückseite. ,, Er paẞt doch hier nicht rein, stell ihn weg", schlug er ein anderes Mal vor. Aber er schwieg rasch, als er Hermanns zornigen Blick gewahrte. Übrigens schien es, als wolle sich Struwe für die Dauer bei Hermann niederlassen. Er war ein ruhiger Mensch, mit dem gut auszukommen war, und er wußte sich nützlich zu machen. Da Hermann schlechterdings nicht zusehen konnte, wenn der Gast im Hause arbeitete, so sah die Wohnung bald wieder blank und sauber aus. Und Hermann glaubte manchmal, daß alles so sei wie in früheren Zeiten. Doch wie in den alten Tagen war es natürlich nicht. Hermann, dessen Gedanken sich viel mit dem so plötzlich wieder aufgetauchten Freunde beschäftigten, empfand sehr eindringlich, daß auch Struwe nicht mehr der gleiche war wie vor 165 Jahren. Irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Das ging schon aus seinen so merkwürdigen Gewohnheiten hervor. Seltsam war, daß Struwe offenbar keine Arbeit hatte, denn er blieb den ganzen Tag zu Haus. Dafür verschwand er aber oft nachts nach dem Abendessen und kam erst gegen Morgen zurück. Was er eigentlich trieb, war Hermann ein Rätsel. Struwe sprach kein Wort darüber, und Hermann ärgerte sich nicht wenig über die Geheimnistuerei. ,, Immerhin, im Wege ist er mir nicht", meinte er entschuldigend zu sich selbst, wenn er in einem solchen Anfall von Ärger überlegte, daß Struwe doch nicht für alle Ewigkeit bei ihm bleiben könne. Gewiß gab es auf der anderen Seite keinen Grund, warum ihr gemeinsames Wohnen und Wirtschaften ein Ende finden müsse. Hermann hatte sich auch schon so an Struwe gewöhnt, daß er wußte, wie sehr er ihn vermissen würde. Aber ein eigensinniges, rechthaberisches Gefühl in ihm sagte, Struwe werde sich eines Tages doch mit Dank für die genossene Gastfreundschaft wieder auf den Weg zu machen haben. Solche Erwägungen erfüllten Stedig vor allem dann, wenn er sich mit Struwe gestritten hatte, denn das kam auch vor. Struwe besaß neben vielen guten Eigenschaften auch eine, die Hermann Stedig schon früher lästig gewesen war, und die ihm jetzt mehr als zuvor auf die Nerven ging. Denn wenn Struwe ihn in vergangenen Jahren spöttisch eine ,, Sportratte" genannt hatte oder, schon unfreundlicher, einen ,, Spießer" und wenn er ihn hatte zwingen wollen, sich wie Struwe sich ausdrückte politisch zu organisieren, so hatte Hermann darüber einfach lachen können. - - Lachen ließ sich jetzt nicht mehr, da ja ein Blinder das bittere Ende des Krieges voraussehen konnte. Lachen konnte Hermann Stedig nicht mehr, der die Frau und das Kind verloren hatte, seine Zufriedenheit und das häusliche Dasein, und mehr noch, den Glauben an das Leben. Lachen konnte er 166 nicht mit dem Gesicht, das er nun trug. Aber das Lachen war sein einziges Argument gewesen, d _— dem hartnäckigen, rechthaberischen as er— in den längst ver- gangenen Jahren Struwe hatte entgegenhalten können. Jetzt stand e s sollte er sagen, wenn sie nachts vom Ge- Betten lagen und r ihm wehr- los gegenüber. Wa heul der Bomben aufgeschreckt in ihren Struwe zu politisieren begann? Früher hatte Hermann Stedig der Welt, er und die Frau und das Kind. Er hatte geglaubt, on ihm ab zu wählen und sich das größte und geglaubt, er zähle allein auf es hänge nur v beste Stück aus dem duftenden Kuchen des Lebens herauszu- schneiden. Dann, als das Unglück über ihn gekommen war, hatte er wieder gemeint, es gehöre ihm und niemande nglück und in aller tiefen, schmerzvollen Bitter- m sonst, es sei sein U keit doch eben sein eigenster Besitz. Daran konnte er nicht mehr festhalten in diesen Nächten, wenn in den Pausen des lärmenden Aufruhrs und in den Augenblicken, da die Angst schwieg, die ruhige Stimme Stru- wes zu vernehmen war. Das Unglück Hermann Stedigs wurde nun ein Teil, ja ein unbedeutender, geringfügiger Teil nur des allgemeinen Unglücks. Während Struwe sprach, hatte Hermann Stedig das Gefühl, es werde ihm nun auch noch das letzte geraubt, was ihm geblieben war. Besonders aber ärgerte es ihn, daß Struwe bei einem dieser nächtlichen Gespräche die Rede wieder auf den Spiegel brachte. „Ganz nützlich“, sagte Struwe.„Du siehst, was du siehst. Aber mehr eben nicht. Nur die Oberfläche. Wem es genug ist, dem sei’s genug. Da sagt man, man sieht in den Spiegel hinein. Das ist natürlich Unsinn. Auf den Spiegel sieht man. Wenn man wirklich hineinsehen könnte, das wäre eine ganz andere Sache.“ Struwe lachte ohne Grund und fuhr dann fort:„Eine ganz 167 andere Sache wäre das. Da würden Dinge zutage kommen! Denk an das, was ich dir sage: Wenn du hineinsehen könntest, hinein oder hindurch oder dahinter, dann würdest du vielleicht die Wahrheit erkennen." - Gelangweilt und verwundert hörte sich Hermann Stedig diese konfuse Rede an und dachte bei sich, der Struwe weiß auch schon nicht mehr, was er spricht. Aber als Struwe wenige Tage nach diesem Gespräch wieder verschwand und nicht einen oder zwei, sondern fünf und sechs Tage fortblieb und es offenbar wurde, daß er nicht wiederkommen werde, da mußte Hermann Stedig doch wieder an dieses Gespräch denken und daran, wie hartnäckig Struwe von dem Spiegel geredet hatte. Voller Unruhe im neuerlich ungewohnten Zustand des Alleinseins wanderte er durch die kleine Wohnung und blieb unwillkürlich vor dem Spiegel stehen. Er starrte sein verzerrtes Gesicht darin an und fuhr mit der Hand über den Rahmen, das schwarze Holz mit den eingelegten silbernen Blättern. Und wie Struwe es an einem der ersten Tage getan hatte, wandte er den Spiegel um. Dabei riß er sich an einem der kleinen Nägel, mit denen die hölzerne Rückwand befestigt war, den Daumen auf. Er setzte den Spiegel nieder und sog das Blut aus der Wunde. Während er so am Daumen lutschend die Rückwand des Spiegels betrachtete, fiel ihm auf, daß noch einige dieser kleinen Nägel nach außen gebogen waren. " Wenn du hineinsehen könntest, hinein oder hindurch oder dahinter" Struwes Worte fielen ihm wieder ein. 66 Er beugte sich nieder und zerrte an der hölzernen Rückwand des Spiegels. Ein Spalt öffnete sich. In seiner Ungeduld riẞ er die Holzplatte ab. Ein weißer Umschlag fiel heraus und eine Menge dünner gedruckter Zettel. ,, Der Krieg ist unser Unglück", stand darauf ,,, Friede, Freiheit, Brot" und andere Dinge. Hermann Stedig erinnerte sich, daß er in den letzten Wochen 168 häufig solche Zettelchen an Mauern und Zäunen gesehen hatte, wenn er abends zum Einholen gegangen war. Er sam- melte sie auf und wollte sie in den Ofen werfen, doch da war noch der weiße Umschlag. Hermann Stedig öffnete ihn. „Lieber Hermann“, hieß es auf dem Zettel darin, einem Kalenderblatt, auf dessen Rückseite Struwe geschrieben hatte, „ich weiß nicht, ob Du meine Anspielungen verstanden hast. Hoffentlich ja. Ich laß Dir diesen Zettel, falls ich nicht zurück- komme. Ich habe so ein Gefühl, aber vielleicht sind das nur die Nerven. Wenn Du diesen Brief finden solltest und die Klebezettel, überleg Dir noch mal, was wir zusammen geredet haben. Im Herzen gibst Du mir doch schon lange recht. Und jetzt, da ich nicht mehr da bin, kannst Du es ja auch einge- stehen. Du vergibst Dir nichts, wenn Du jetzt sagst: Der Struwe war richtig. Was Du mit den Klebezetteln anfangen kannst, weißt Du selbst. Wenn Du keine mehr hast und sonst noch was tun willst, geh zum Häuerlein— Du erinnerst Dich doch an ihn— er war ja auch in Eurem Sportverein....“ Hermann Stedig starrte auf die ungleichmäßigen Schrift- züge und ein heftiger Zorn packte ihn. Deshalb also war Struwe zu ihm gekommen. Er hatte einen Unterschlupf gebraucht, ein Versteck, von dem aus er sein heimliches Treiben fortsetzen konnte. Dafür bin ich ihm also gut gewesen, dachte Hermann Stedig. Er hat mich einfach ausgenützt für seine Zwecke. Wahrscheinlich war damals schon, als er plötzlich nachts aufgetaucht war, die Polizei hinter ihm hergewesen. Mit einer ärgerlichen Bewegung raffte Stedig die Klebe- zettel zusammen und verbrannte sie im Herd. Er ließ die Klappe offen und wachte darüber, daß die Flammen auch das letzte Stückchen Papier zu schwarzer Asche verwandelten. Was für ein Leichtsinn, dachte er dabei noch immer im Zorn, er hätte auch mich ins Unglück reißen können. 169 ,, Als säßest du nicht schon im Unglück", widersprach eine höhnische Stimme in ihm. Sie klang wie Struwes Stimme und sie war auch nachdem die Flammen längst erloschen waren und der gründliche Hermann Stedig die Asche mit dem Schürhaken in kleinste Stücke zerrieben hatte nicht zum Schweigen zu bringen. - Tagelang stritt er sich mit ihr herum. ,, Ich", sagte er ,,, mein Leben, mein Unglück, mein, ich, mein, ich." ,, Wir", antwortete die Stimme ,,, wir, wir! Unser Leben, unser Unglück, unsere Zeit, unsere Zukunft! Wir, wir, wir!" Der Spiegel mit der aufgerissenen Rückwand stand neben der Waschkommode. ,, Wenn du hineinsehen könntest, hinein oder hindurch oder dahinter, dann würdest du vielleicht die Wahrheit erkennen." - Hermann Stedig versetzte dem Spiegel im Vorbeigehen einen Tritt, so daß die blinkende Scheibe zersprang. Aber auch damit konnte er sich keinen Frieden erkaufen. Den fand er erst, als er doch eines Abends zum Häuerlein schlich und ihm alles erzählte. Der Häuerlein war zuerst voller Mißtrauen. ,, Ja, warum hast du denn die Zettel nicht aufgehoben?" sagte er mit tiefen, steilen Falten auf der Stirn. ,, Ja, warum kommst du denn erst jetzt?" Aber dann erschien er ein paar Tage später unerwartet beim Hermann Stedig in der Wohnung. Hermann Stedig wollte ihm von neuem alles erklären, aber Häuerlein wehrte ab. ,, Zeig mir den Spiegel", sagte er. Als Hermann ihn in das Schlafzimmer führte, wo der Spiegel noch immer am Boden neben der Waschkommode stand, die Rückwand aufgerissen und die Spiegelscheibe von Hermanns Fuẞtritt zertrümmert, da nickte Häuerlein, und es dauerte nicht lange, da wurde aus Hermann Stedig wieder ein Mann, der seiner Zeit gewachsen war. 170 EIN FERIENTAG ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN Wie in all diesen Tagen erwachte ich sehr früh. Auf die Ellbogen gestützt blickte ich über Ellens Rücken hinweg durch die offene Glastür auf das Meer. Noch immer lärmte es voll erregter Bewegung, obwohl die stürmischen Tag- und Nachtgleichen bereits eine Woche zurücklagen. Der Herbsthimmel leuchtete in glasiger Klarheit, und der Widerschein der Sonne in den glitzernden Wellenkronen blendete mich. Ellen schlief. Fest schlossen sich die Lider mit dem dichten Saum der Wimpern über ihre vorgewölbten Augen. Ihre wissenden, lebenshungrigen Lippen zuckten. Wovon mochte sie träumen? Vorsichtig glitt ich in die Kissen zurück. Ich fühlte die Formen ihres geliebten Leibes wie ein immerwährendes Versprechen, und ich spürte ihre Wärme. So schlief ich in den schon begonnenen Tag hinein. Als es später klopfte, war es Ellen, die auffuhr und gähnend die Tür zum Flur öffnete. Wir verschlossen sie, seit der Wind sie in den ersten Nächten aufgerissen hatte. Das Stubenmädchen brachte uns das Frühstück. ,, Ein schöner Tag", sagte sie und lachte dazu mit ihrem guten, freundlichen Bauerngesicht. Sie setzte das Tablett mit 171 Kaffee, Milch, Weißbrot und einem winzigen Stück Butter auf das Bett. Ihre starken, langen Zöpfe waren auf dem Rücken von einer roten Schleife zusammengehalten. Nachdem sie gegangen war, kam Ellen wieder ins Bett. Wir küẞten uns zärtlicher als sonst. ,, Die Sonne scheint", sagte Ellen. ,, Ich sah es vorhin, als ich das erstemal aufwachte", antwortete ich. Wir gossen viel Milch in den bitteren Kaffee und plagten uns mit der harten Kruste des Weißbrotes. 66 ,, Ich will nicht undankbar sein", sagte Ellen ,,, aber dieses Frühstück Sie war Amerikanerin und sprach lange davon, was man in ihrem Lande oder etwa gar in Schweden oder England frühstückte. Sie schwärmte von Hot Cakes, von gebackenen Fischen, von Ham and Eggs. Heute, so versicherte sie, werde sie bestimmt ins Dorf gehen und Marmelade kaufen. ,, Jam" sagte sie. Wir rauchten dann unsere erste Zigarette und sahen schweigend auf das Meer hinaus. Ellen stand auf, sie stellte das Tablett auf unsere Koffer. Vor dem kleinen Waschbecken in der Ecke zog sie sich aus. ,, Erinnerst du dich noch?" fragte sie und warf den gestreiften Schlafanzug aufs Bett zurück. ,, Vor vier Jahren haben wir ihn gekauft. Er hat wahrhaftig lange gehalten." ,, Vier Jahre ist das schon her?" fragte ich. Mit lautem Klatschen spritzte das Wasser aus der kleinen Schüssel auf den Boden. ,, Auf den Tag", sagte Ellen und wandte mir ihr feuchtes Gesicht zu. Da begriff ich erst, was sie meinte. Vier Jahre dauerte nun schon unsere Gemeinschaft. Vier gute Jahre in einer bösen Zeit. Und dies waren nun unsere ersten gemeinsamen Ferien. Darüber sprachen wir, während sie sich wusch. Meine Blicke 172 folgten den knappen, bestimmten Bewegungen ihres Körpers. Vier Jahre, dachte ich und ich wußte, daß wir uns nun bald würden trennen müssen. Es kann nicht sein, dachte ich. Vom Flur her ließen sich trippelnde Schritte hören. Ihnen folgte ein heller Ruf des Entzückens. Die kleine Cecile hatte wohl eine Entdeckung gemacht, ein Blume im Garten, einen Käfer oder einen Schmetterling. Ihr klares ,, Ah" grüßte den neuen Tag mit Erstaunen und Freude. Entdeckerstolz und der Sieges jubel eines friedlichen Eroberers lagen in diesem Laut, die Bereitschaft, sich von den Wundern des Lebens überraschen zu lassen und schmeichelnde Anerkennung für die Schönheit der Welt. Dieser eine kleine Laut, der Ruf Ceciles, war ein mutiges Lied, eine Melodie von weltbezwingendem Optimismus. Ellen fuhr noch rasch mit dem Kamm durch die kurzen, schwarz glänzenden Haare und lief nun davon und lachte draußen mit Cecile. Auf dem Flur wurde es lebhafter. Ich vernahm Herrn Guillos dunkle, ruhige Stimme. Der klösterliche Schritt Fräulein Hamonous huschte an der Tür vorüber. Die dicke Jaqueline weinte, während ihre Mutter, Frau Guillo, sich mit Fräulein Bergas unterhielt, der geschwätzigen Inhaberin der Pension zur ,, Heiligen Therese". Frau Levrat aber schalt mit zärtlichem Stolz ihre Tochter: ,, Cecile, vilaine!" Wie gern wäre ich hinausgelaufen, um Cecile, das kleine, blondlockige Geschöpf zu begrüßen. Aber es war schon spät; ich mußte mit meinem Tagewerk beginnen. Ich stieß die Tür zur Terrasse auf und trug Tisch und Stuhl auf einen vor dem Winde geschützten Platz. Noch einmal mußte ich umkehren, um Zigaretten, Streichhölzer, eine als Aschenbecher dienende Muschel, meine Sonnenbrille, die Füllfeder und den Block mit gelbem Papier zu holen, an das ich mich wohl aus einer Schutzwahl meiner Augen heraus so gewöhnt hatte. - Der Sand der Düne glänzte vor mir in der Sonne. An harten 173 Disteln und rauhen Gräsern riß der Wind. Vom Strande dröhnten die Wellen. Gut also, nun hieß es anfangen! Und wo war ich gestern stehengeblieben? Der Hauptmann Jost war nach einer Notlandung auf einer Insel in der Ostsee über Nacht geblieben. Das wußten aber weder sein Adjutant, der junge Ehrgeizling Bertram, noch des Hauptmanns Frau. Wie hieß sie nur? Da befand ich mich schon auf der dreißigsten Seite meines Manųskriptes und hatte mich noch immer nicht entschieden. Sie war ein so blasser Mensch, unentschlossen und schwankend in allem, was sie tat. Anneliese, Marianne? Nun, wie immer, sie und Bertram warteten auf des Hauptmanns Rückkehr. Sie waren besorgt über sein Ausbleiben. Sie fühlten sich schuldig, sie bereuten, daß sie ihn hintergangen hatten. Ihr Schicksal war eingespannt in einen weiten und dunklen Rahmen. Warnen wollte ich mit dem Buche, warnen vor dem Krieg, dem Überfall, zu dem man sich in Deutschland rüstete. Im Fliegerhorst gab der Oberleutnant Harteneck den Offiziersanwärtern Unterricht. An Themen, über die er hätte sprechen können, war kein Mangel. Sollte ich ihn etwa vom bösen Geist der Meuterei reden lassen, dessen Tradition in der preußischen Armee bis auf den Tag ihrer Gründung zurückgeht? Denn von den neun Kompanien zu Fuß, die Kurfürst Georg Wilhelm am ersten Mai 1626 in Frankfurt an der Oder musterte, verweigerte der größte Teil schon beim ersten Einsatz den Gehorsam. Als der Oberst Hillebrand von Kracht sie bei Morungen war es gegen Gustav Adolf führen wollte, erklärten sie ,, nicht zu fechten gegen die, die gleichen Glaubens sind". Aber natürlich konnte der Oberleutnant Harteneck darüber nicht reden. In den Anweisungen für den Offiziersunterricht steht ausdrücklich, daß Beispiele zum Thema der Zersetzung und der Meuterei nur aus der Geschichte fremder Heere entnommen werden dürfen. 174 - - Motorengeräusch unterbrach mich. Ich trat auf die Düne vor der Terrasse. Vom Norden her, also vom Flughafen Biscarosse kommend, jagte ein Doppeldecker über den Strand. Der Pilot winkte lustig heraus, doch war die Maschine schon vorüber, ehe ich seinen Gruß hätte erwidern können. Mit der Ebbe war die See zurückgewichen. Im feuchten Sande sah ich Ellens Fußtapfen. Sie kauerte im flachen Wasser auf den Knien und las Muscheln auf. Eine Möwe segelte mit dem Nordwind heran, der klares Wetter versprach. Widerwillig kehrte ich um und setzte mich an meinen Tisch. Ich hatte die Füllfeder in der Sonne liegenlassen. Nun fühlte sie sich heiß an und zeigte einen grünlich- schimmligen Glanz. Von jener Erziehung zum Tode sollte der Oberleutnant Harteneck reden, die ein besonderes Merkmal der modernen faschistischen Heere ist. Gleich den Giftgaschemikern, die fiebernd nach neuen Zusammensetzungen ihrer Kampfstoffe suchen, sitzen die ,, Wehrpsychologen" in ihren Laboratorien und suchen ein Seelengift. Es soll den Lebenswillen in willige Todesbereitschaft verwandeln. Ein starkes Gift wird gebraucht: der im modernen Kriege auf sich selbst gestellte Soldat soll aus Überzeugung handeln. Mit den alten Mitteln kommt man dabei nicht weit. Hat man etwa in den Schützengräben der Jahre 1914 bis 1918 von der Verteidigung des ,, Vaterlandes" reden hören? Nicht die Spur, erklären die Giftköche freimütig, wie sollte der Soldat, der kein Vaterland kannte, vom Vaterlande reden. Aber was soll man an seine Stelle setzen, welchen neuen Begriff soll man schaffen? Und lassen sich denn Begriffe so einfach am Schreibtisch erfinden? Kameradschaft Ehre- Mannesstolz? Die Wehrpsychologen fühlen selbst, wie schwach das ideologische Rüstzeug ist, das sie da zimmern. Es reicht wohl aus zu einem kurzen Überfalls- und Eroberungskrieg gegen einen schwächeren Gegner, zu einem Raubkriege also. Aber da, wo ihr Heer auf eine Armee stoẞen - 175 wird, in deren Schützengräben das Wort Vaterland denkbar ist, weil es der Umwelt des Soldaten entspricht, da wird der mühselig gewonnene Gifttropfen der Wehrpsychologen versagen. Nichts von all dem natürlich hatte der Oberleutnant Harteneck, ein listiger und auch tückischer Mann, gesagt. Von ganz anderen Dingen hatte er gesprochen und zwischendurch einmal mit Daumen und Zeigefinger die Brille abgenommen. Aber hinter seinen Worten stand sichtbar die Wahrheit. So hoffte ich es wenigstens. ,, Nun aber ging die Tür auf und der Leutnant Bertram schob 66 Ich fühlte mich erschöpft und brach ab. Mein Pensum war beendet, und rücksichtslos ließ ich den Leutnant in seiner unbequemen Haltung zwischen Tür und Angel stehen. Ich warf mich in den Liegestuhl in der prallen Sonne vor der Terrasse. Vom Nachbarhaus klang das Bellen eines Hundes. Das Meer rauschte. Nach einer Weile kam Ellen die hölzerne Stiege zur Düne emporgeklettert. Wie sehr hatte sie sich doch verändert, seit wir aus der Stadt fort waren! Der Wind zerrte an ihrem Haar. In den dicken Brillengläsern spiegelte sich die Sonne. Sie lief über die Düne auf mich zu, mädchenhafte Fröhlichkeit im so klugen, heiteren Gesicht. ,, Du wirst staunen, was für schöne Muscheln ich gefunden habe!" rief sie. Ich fragte:„ ,, Hast du auch die Zeitungen aus dem Dorfe mitgebracht?" ,, Erst mußt du dir einmal das ansehen", sagte sie und legte mit ihren noch feuchten Händen ein dunkles und seltsames Gebilde auf die Lehne des Liegestuhls. Wie eine Schlange schien es darauf entlangzukriechen. Es war ein Wurzelstock, im Wasser gehärtet und vom scheuernden Sande zu einer abenteuerlich gewundenen Form zugeschliffen. 176 „Wenn man es zur Seite dreht“, sagte Ellen und nahm das Holz wieder auf,„dann sieht es wie ein Adler aus.“ Ich konnte den Adler nicht erkennen und meinte:„Gewiß, eine phantastische Form.“ „Schön?“ la „Und dann fühlt es sich sehr gut an.‘ Ellen gab mir das Holz. Prüfend strich ich erst mit den Fingerspitzen darüber. Aber das war nicht richtig. Man durfte nicht so fremd blei- ben, sondern mußte es bereitwillig und verlangend umfassen in vertraulicher Gebärde. Nun empfand ich erst den Reiz, den die tote Wurzel dem Tastgefühl vermittelte. Sie war stein- hart und zugleich von hölzerner Wärme, glatt und fest, doch auch rauh auf der Oberfläche. „Nun?“ fragte Ellen und setzte betrübt hinzu:„Ach, ich weiß nicht, du freust dich gar nicht darüber.“ „Doch, Liebes, es fühlt sich sehr gut an.“ Ich legte das Holz wieder auf die Stuhllehne. Ein winziger Seestern, fünfzackig und blaß, war daran haftengeblieben. „Sieh einmal hier“, sagte Ellen und leerte ihre Taschen aus,„dies ist die größte Muschel, die ich bisher gefunden habe.“ „Sie ist angeschlagen“, wandte ich ein. „Natürlich, bei der heftigen Brandung hier.“ „Es hat keinen Zweck, sie aufzuheben.“ „Doch“, erklärte Ellen,„solange ich keine bessere finde, doch.“ „Aber du hast schon so viele Muscheln!“ „Nur die schönsten habe ich behalten. Schau dir das an!“ Sie hielt mir eine mittelgroße Muschel entgegen, die gleich- mäßig gerillt war. Die wechselnde, schwarze und rotbraune Zeichnung verlieh ihr Ähnlichkeit mit einer antiken Vasen- scherbe. 12 Kunigunde IT. ,, Und dann diese rote hier?" fragte Ellen. Mit welcher Freude doch war sie bei ihrer Sache! Und wieviel andere Muscheln noch gab es zu zeigen, flache, glatte Schalen mit weichen Pastellfarben, kleine, sorgfältig gedrechselte Türme, Seesterne und tiefe, grobkörnig gerillte Hörner von elfenbeinernem Weiß. Ich sah kaum mehr hin. ,, Du bist nicht nett zu mir", sagte Ellen. Ich spürte es selbst und hätte es gern gutgemacht. Statt dessen schwieg ich, beschämt und trotzig. ,, Dabei hast du mich doch erst darauf gebracht", sagte Ellen. ,, Du hast davon gesprochen, wie du selber Muscheln gesammelt hast, als du allein warst, in der Bretagne." ,, Gewiß, gewiß. Nur schleppst du zu viel heran. Das ganze Zimmer liegt schon voll." ,, Nur die Schönsten habe ich aufgehoben. Und sie sind alle verschieden." ,, Na, hör mal, zum Beispiel diese Türmchen, davon hast du mindestens ein Dutzend." ,, Jedes hat eine andere Farbe." 99 Wir werden uns einen eigenen Koffer dafür anschaffen müssen." Ellen legte mir die Zeitung hin. Die Sonne brannte und wir schwiegen. In der Zeitung fanden sich Nachrichten über den eben beginnenden Krieg in Abessinien. Außerdem hieß es, daß der Völkerbund einberufen werde. Von der Veranda rief uns Fräulein Bergas zum Essen: ,, Il est servi." Da Ellen sich noch umziehen mußte, kamen wir erst spät in den hellen Speiseraum, durch dessen große Fenster wir auf das Meer hinuntersehen konnten. Frau Levrat teilte uns auf unsere halb als Gruß vorgebrachte Frage nach Cecile wie allmittäglich leise und lächelnd, 178 mit, daß sie schlafe. Herr und Frau Guillo unterhielten sich. Die kleine Jaqueline saẞ rund und vergnügt neben ihrem Vater und spielte mit dem Spankörbchen, in dem die Weintrauben lagen. - - ,, Omelette à la Reine", kündigte Fräulein Bergas feierlich an. Es war ein einfaches Omelett. Der hochfahrende Name tat ihm keinen Abbruch. Den Fleischgang es gab Huhn hatten wir schon zur Hälfte verzehrt, als Fräulein Hamonou mit üblicher Verspätung hereinhuschte. Sie neigte den Kopf mit dem streng gescheitelten Haar zu stummem Gruß, wie ihn Nonnen an sich haben. Flüsternd bestellte sie Tee statt des Weins. Die Gespräche der Gäste an der Mittagstafel beschränkten sich auf kurze, höfliche Bemerkungen. Man bestätigte sich, daß das Wetter gut sei, man bestätigte Fräulein Bergas die Vorzüglichkeit ihrer Speisen. Aber heute konnte Herr Guillo doch nicht umhin, über die Kriegshandlungen in Abessinien zu sprechen. Er verabscheute Mussolini, er war ein Kriegsgegner und darin stimmte ihm Frau Levrat zu. Sie, die sonst so still war, wurde lebhaft und verlor alle Zurückhaltung. Der Krieg war grausam, eine unvernünftige und hassenswerte Angelegenheit. So sagte sie. Sie erhob sich und lächelte schmerzlich, als sie ging. Nach dem Essen wanderten wir ein Stück ins Dorf hinein an der Haltestelle der Kleinbahn vorbei, von der wir bei unserer Ankunft zum erstenmal das Meer gesehen hatten. Dann gingen wir zu dem schmalen Flüẞchen hinunter. An seinen stillen, romantischen Ufern erholten wir uns von der Großartigkeit des Meeres. Unser Weg führte an kleinen Villen vorbei, die seltsam klingende baskische Namen trugen. So gelangten wir in den weiten Kiefernwald, der sich vierzig Kilometer breit an der Küste der ,, Landes" entlangzieht. 12a 179 Dieser Wald ist noch jung, wie wir in Labouheyre erfahren hatten. Dort hat man dem Manne ein Denkmal errichtet, der diesen Wald anpflanzen ließ, um den Wanderdünen ein Halt zu gebieten und um der Bevölkerung dieser Küste einen Verdienst zu schaffen, denn die starke Brandung macht den Fischfang fast unmöglich. Die heiße Luft des Herbsttages war erfüllt vom Geruch des Harzes, das den Bäumen entfloẞ. Sie waren sämtlich mit einem Axthieb angeschlagen. Unter dem hellen Streifen dieser Wunde, die alle Bäume in gleicher Höhe trugen, befand sich ein tönernes Gefäß. In ihm sammelte sich das ausfließende Harz. Aber die Harzindustrie lohnte sich schon nicht mehr. Die von ihr erzeugten Stoffe wurden bereits auf synthetischem Wege billiger hergestellt. Hohe Brombeerbüsche standen am Wegrande, überladen mit großen, schwarzglänzenden Früchten. Wir aßen und fühlten Erfrischung durch den bittersüßen Geschmack der Beeren. Später tranken wir Kaffee im ,, Fronton", einem Waldwirtshaus, das seinen Namen von einer hohen rotgestrichenen Mauer herleitete, gegen die eifrige Pelottespieler knallend ihre Holzbälle jagten. Eine Weile spielten wir Pingpong. Ellen gewann. Doch erinnerte ich mich dann endlich des Leutnants Bertram, der noch immer in der Türe stand, und ich drängte zum Aufbruch. Zurückgekehrt in die Villa Therese trennten wir uns. Ellen stieg den meerseitigen Hang der Düne hinunter, ich aber bezog wieder meinen Posten am Tisch auf der Terrasse. Weit dehnte sich der Horizont, der Ozean leuchtete grünlich im Licht der Nachmittagssonne, die Luft war warm und frisch zugleich, denn der Wind ruhte nicht. Je weiter der Nachmittag voranschritt, um so ungeduldiger wurde ich, die Schriftzeichen vergrößerten sich unwillkürlich, damit die Sei180 ten rascher gefüllt würden und die Zeilen liefen nicht mehr gerade, sondern schräg über das gelbe Papier. Fast vergaß ich das Rauchen über der Arbeit. Ich suchte nach einer Präposition, die sich nicht finden lassen wollte, ärgerte mich über allzu sehr eilendin ein paar leere Ausdrücke, die mir - die Feder gekommen waren, und die ich nun ausstreichen und korrigieren mußte, und bei all dem fühlte ich mich bedrückt von der Frage, ob es mir gelingen werde, nicht nur zu sagen, was zu sagen war, sondern es zu gestalten, daß es warm sei wie dieser Herbsttag und bitter drohend wie die Wirklichkeit in Deutschland. Die Seiten schienen heimlich nachzuwachsen, ich kam nicht weiter. Ich litt unter der Eifersucht, die der Hauptmann noch gar nicht fühlen konnte, denn er hatte bisher nicht erfahren, daß er hintergangen worden war. Dabei bemerkte ich, daß sich eine neue Figur in den Roman eingeschlichen hatte, ein ,, Illegaler", ein Kämpfer gegen Hitler, gegen die Aufrüstung, gegen den Krieg. Er war ein rothaariger, breitschultriger Bursche. Wenn er nur wird lachen können, dachte ich, denn es war vorauszusehen, daß er es schwer haben werde. Auch an die Zeitungsmeldungen vom Morgen erinnerte ich mich: Du mußẞt dich beeilen, daß du auch fertig bist, bevor Hitler den Krieg beginnt. Sonst hat es keinen Zweck. So standen die Dinge, als ich endlich die Aufgabe für diesen Tag erledigt hatte. Ich eilte an den Strand. Unterwegs begegnete mir Fräulein Hamonou. Sie hatte ein graues Wollcape umgehängt und ihr bäuerliches Gesicht war finster. Es schien, als werde sie wieder von ihren ,, schwarzen Gedanken" geplagt, über die sie an manchen Tagen klagte. Sie war Lehrerin in einem Kloster. Sie war der einzige gläubige Gast in der ,, Heiligen Therese", allerdings auch der einzige unfrohe und ungesellige Gast. Alles Schwere ihrer bretonischen Heimat hatte sie mit in den Süden heruntergetragen. Ihre Spa12a* 181 ziergänge am Strande machte sie allein, stets unter ihrem Wollcape verborgen. Am Strande stieß ich zunächst auf Frau Levrat. Sie saẞ als gute Französin mit einer Häkelarbeit beschäftigt- die blonden Haare dem Wind überlassend, im Sande und bewachte Cecile und Jaqueline, die miteinander spielten. Cecile klopfte ihrer Altersgenossin mit ihren kleinen Fäusten zunächst auf den Rücken, dann auf den Kopf. Sie verwunderte sich, daß Jaqueline nun schrie und beobachtete sie mit heiterem Interesse. ,, Vilaine!" rief Frau Levrat. Sie tröstete Jaqueline. Die Dicke richtete sich jetzt zu einem kleinen Gehversuch auf, den sie schon nach wenigen Schritten mit einem sanften Fall abschloß. Inzwischen war auch Cecile aufgestanden und lief den Strand hinunter geradenwegs aufs Meer zu. Sie winkte Ellen und den Guillos entgegen, die sich von den Wellen überschütten ließen. Als ich Cecile einholte, waren ihre großen, blauen Augen starr auf das Wasser gerichtet. Sie rief ihr helles ,, Ah" begehrend und bewundernd zugleich, und eh ich's mich versehen hatte, war sie meinen Händen entwischt und lief weiter den Wellen entgegen, so daß ich sie mit neuem, festerem Griff wieder einfangen mußte. Nun zappelte der kleine Mensch ungeduldig zwischen meinen Händen. - Cecile streckte ihre Arme der Flut entgegen und sah lachend auf die Wellen zu unseren Füßen. Ich hob sie auf meine Schultern und trug sie den Strand hinauf zu ihrer Mutter. Kaum daß ich sie niedergesetzt hatte, wollte sie wieder entfliehen. Erst die Erfindung eines neuen Spieles wir begruben ihren Fuß im warmen Sande und ließen ihn dann plötzlich Auferstehung feiern konnte sie davon abbringen. Inzwischen waren auch die drei Schwimmer dem Wasser entstiegen. Schnaufend schüttelten sie die salzigen Tropfen von der Haut. Frau Guillo herzte Jaqueline. Ellen rauchte. Herr 182 ב e f 3 1 f e 1 1 I I d e n - n Guillo aber nahm mich zur Seite. Er versicherte mir, daß er ein eifriger Anhänger der Front Populaire sei. Er bekannte auch, was ich schon vermutet hatte, daß er als Beamter an der Prefecture arbeite und erbot sich, mir behilflich zu sein, falls ich einmal Schwierigkeiten mit meinen Papieren haben. sollte. Wir spielten dann mit einem roten Gummiring, den wir uns zuwarfen, bald in hohem Bogen, bald in flachem, heftigem Wurf, so daß er schwerer zu fangen war. Wir sprangen über den Sand, lachten viel und beendeten das Spiel erst, als die Sonne in den Ozean eintauchte. Ein großer, glühend roter Ball, mischte sie leuchtende Farben in das Meer. In der Ferne schob sich die Silhouette eines Dampfers schwarz und klar vor das weiche Gelbrot des nicht mehr vollen Sonnenkreises. , Wie auf einem Gemälde", meinte Frau Guillo zur Mutter Ceciles, von der wir wußten, daß sie früher in den Ateliers des Montparnasse zu Hause gewesen. Sie lächelte ein wenig traurig und auch skeptisch. Zu romantisch war der Anblick, den uns die Natur gewährte. Ich erinnerte mich des merkwürdigen und gefährlichen Gesprächs über das Verhältnis zwischen Kunst und Natur, das Oscar Wilde niedergeschrieben hat, und konnte doch die Augen von dem Bilde nicht lassen, bis die Sonne sinkend dem Tag ein Ende machte. 99 Damit wich das Licht einem grauen Dämmern. Vom Meer stieg die Kühle auf, und die Stimme der Wellen erhob sich lauter als bisher. Wir stiegen die Holztreppe zur Düne hinauf. Unter unseren Schritten knarrten die Planken. Große Holzscheite brannten im Kamin und wärmten den Speisesaal. Die Suppe war heiß und der rote Wein voller Feuer. Abends kam die Unterhaltung stets rascher in Gang als an der Mittagstafel. Die beiden Mütter berichteten von Jaqueline und Cecile. Herr Guillo hatte im Dorfe gehört, daß die letzten Badegäste abgefahren seien. Vom ersten Oktober 183 an werde es weder Zeitungen noch Weißbrot geben. Frau Levrat erkundigte sich bei uns nach dem Leben in Paris und vor allem nach den Cafés des Montparnasse. Sie wollte nicht glauben, daß die ,, Rotonde" verlassen sei. Doch hellte sich ihr Gesicht auf, als wir davon sprachen, wie im ,, Café du Dome" neben vielen fremden Eindringlingen ein paar Unentwegte sich behaupteten, der schöne Kopf Max Ernsts dort noch auftauche, Tihany und andere zu treffen seien, und wie die ,, Closerie des Lilas" noch manches vom alten Glanze bewahrt habe. Auch Fräulein Hamonou mischte sich in unser Gespräch ein. Sie bestätigte meine Vermutung, daß sie einen Tag mit vielen schwarzen Gedanken gehabt habe. Ihre Stimme nahm einen leidenden Klang dabei an. Sie liebte es, Sentenzen aus ihrer Zeitschrift ,, La Croix" zum besten zu geben. Heute brachte sie das Gespräch auf die Heilquellen von Lourdes und auf das Wunder der Bernadette. Was wir davon hielten, fragte sie schüchtern. Wollte sie Proselyten machen oder fraẞ schon der Zweifel an ihrer Gläubigkeit? 99 , Was ich davon halte? Gut, ich will es ihnen sagen", meinte Frau Levrat und lächelte. ,, Aber zuerst müssen Sie mir versprechen, daß Sie morgen nicht wieder schwarze Gedanken haben." ,, Sie glauben also nicht, daß der Bernadette die Heilige Jungfrau in den Grotten bei Lourdes erschienen ist?" - ,, Es tut mir aufrichtig leid", antwortete Frau Levrat. ,, Es war keine Erscheinung. Die Jungfrau, welche Bernadette in der Grotte entdeckte, war weder heilig noch und zwar gerade in diesem Augenblick eine Jungfrau. Es war..." Wie purpurn färbte sich Fräulein Hamonous Gesicht. Herr Guillo schmunzelte: ,, Ça alors!" Seine Frau aber blickte unsicher drein. 184 Wir lenkten rasch das Gespräch auf harmlosere Dinge. 1 H t r h =, e h it S e d e コー e n де in e- TI n- e. Ellen holte bereitwilligst auf Frau Levrats Bitten die Muscheln herein, die sie gesammelt hatte. Sie wanderten nun von einem Tisch zum anderen. Nur das säuerliche Fräulein Bergas meinte abfällig, solche Muscheln seien nicht sehr wertvoll. Sie habe größere gefunden beide Hände benötigte sie, um die Größe der Muscheln anzudeuten - - allerdings nicht hier an der Cote d'Argent, sondern drüben an der Cote d'Azur, wo sie in Nizza ein großes Hotel geleitet habe. ,, Damals...“, so hob sie an, aber niemand hörte zu, denn die Geschichte von dem großen Hotel in Nizza kannten wir alle auswendig, und niemand war interessiert an den Variationen, die Fräulein Bergas jedesmal erfand. Nur Fräulein Hamonou fuhr mit einer Frage dazwischen. ,, Wie ist das eigentlich?" wollte sie wissen. ,, Ich verstehe Sie nicht richtig. Vorgestern haben Sie uns erzählt, Sie seien die Besitzerin des Hotels gewesen und jetzt begnügen Sie sich mit der Rolle einer Direktrice?" Sie erhielt keine Antwort. In schweigender Eile räumte Fräulein Bergas die Weinflaschen vom Tisch und flüchtete vor unseren schadenfrohen Blicken in die Küche. ,, Nun sagen Sie uns einmal", wandte sich Herr Guillo mit wohlklingender Stimme an mich ,,, was ist eigentlich in Deutschland los?" Mußte ich, wo immer ich ging, an die Schande meines Vaterlandes erinnert werden? War es nicht genug, daß ich das Bewußtsein dieser Schande und auch meiner eigenen Schuld überall und zu jederzeit mit mir herumtrug? 99 , Wo kommt dieser Hitler eigentlich her?" fragte Fräulein Hamoncu, bevor ich etwas hatte sagen können. Ich sprach von der verfehlten Revolution und von Versailles, von der Schwäche der Republik und von der Stärke des deutschen Kapitalismus. Fräulein Hamonou ließ sich damit nicht abspeisen. Die 185 Deutschen seien Barbaren und Heiden, meinte die unduld- same Klosterlehrerin und rief gar den Teufel zu Hilfe. Hat nicht auch er seine Hand im Spiele? Die Deutschen sind eben des Teufels. „Das geht wahrhaftig zu weit!“ rief Herr Guillo laut. Und ich nickte und wollte ihm zustimmen, aber da erhob sich doch die Frage, ob nicht doch etwas an dem war, was Fräulein Hamonou gesagt hatte— Um die Dinge zu erklären, mußte man nüchterner reden. Inflation, Agrarkrise und Industriekrise, Massenarbeitslosig- keit und sogenannte Überproduktion. Herr Guillo lauschte aufmerksam, Fräulein Hamonou aber schüttelte den streng- gescheitelten Kopf. Zu viele Ursachen zählte ich ihr auf. Wollte ich, der Vertriebene, Hitler entschuldigen? Das wollte ich wahrhaftig nicht! ‚‚Ich bin ihm mehr Feind als mancher Ihrer Landsleute!‘ rief ich nun doch zornig. Fräulein Hamonou konnte das nicht verstehen. ‚‚Ich werde nicht klug daraus‘, sagte sie.„Entweder Sie sind für die Deutschen oder Sie sind gegen die Deutschen.“ „Ich bin für das deutsche Volk und gegen seine Herren. Der Krieg...“, sagte ich. „Ah, der Krieg!“ Weder Herr Guillo noch Frau Levrat wollten davon etwas wissen. „Schade, daß wir nicht ein Gesellschaftsspiel gespielt ha- ben“, sagte Frau Guillo,„‚dieses Reden über die Politik....“ Sie wurde von Fräulein Hamonou unterbrochen, die als erste ging. Dann erhob sich auch Frau Levrat. „Dormez bien dans les bras de Morphee‘“, wünschte Frau Guillo. Die blonde Frau Levrat drehte sich in der Tür um. „Ah, les bras de Morphee“, sagte sie,„pendant que vous dormez dans les bras de votre mari!— Bon soir.“ Unser Zimmer war erfüllt von einem starken Jodgeruch, den das Meer hereingetragen hatte. 186 t US Ellen kramte noch mit ihren Muscheln herum, glättete schimpfend meine Hosen, die ich achtlos auf einen Stuhl ge- worfen hatte, dann legte sie sich zu mir in das breite Bett. „Morgen muß ich an meinen Chef schreiben“, sagte sie, „damit er nicht ungeduldig wird. Und dann mußt du dich für die tausend Franken bedanken. Ohne die hätten wir nicht fahren können.“ „Wie braun du bist, fast schwarz“, sagte ich. „Ich habe den ganzen Tag in der Sonne gelegen. Ich bin so faul— nicht einmal Strümpfe habe ich gestopft. Du bist so fleißig.“ „Ach Unsinn. In Paris arbeitest du den ganzen Tag. „Wenn ich jedes Jahr vier Wochen hätte wie diese—. Aber “ der Tag war schön heute.“ „Es war ein schöner Tag.“ Dann meinte Ellen, daß sie müde sei. Aus einer alten Zei- tung baute ich eine Art Lampenschirm. „Schlaf gut“, sagte ich ihr. „Schlaf gut‘, antwortete sie,„und lies nicht so lange.“ Ich blätterte in den Briefen eines anderen Emigranten, den Briefen, die Clausewitz an seine Frau geschrieben, als er aus dem preußischen Heere ausgeschieden war. Es sind sehr zärt- liche, weiche Briefe, fast zu weich für einen Emigranten, fast zu zärtlich für einen General. Unterm 26. April 1812, also kurz vor seiner Abreise nach Rußland, schreibt er:„Zu fürch- ten haben wir jetzt eigentlich nichts mehr, alles zu hoffen. In diesem Zustand ist alles, was geschieht, jede neue Bewegung, jeder neue Stoß in der politischen Welt ein Prinzip neuer Hoff- nung. So gehe ich jetzt mehr als je der Zukunft mutigen Schritts entgegen.“ Dann löschte ich das Licht. Vom Strande herauf donnerte die Flut. Noch stieg sie.