Mein Lieber! Isartal, den 28. August 1939 Vor drei Tagen haben wir uns getrennt, und vor einer halben Stunde kam, ängstlich herbeigesehnt und mit großer Freude begrüßt, das Telegramm Deiner guten Ankunft in London! Nun, da ich Dich in Sicherheit weiß, in der Nähe der Kinder, will ich zufrieden sein, wenn ich von Zeit zu Zeit ein Lebenszeichen von Dir erhalte. Ich werde Dir nur selten schreiben können und muß das Meiste, das Wichtigste, ungesagt lassen in diesen Briefen. Drum will ich immer, wenn es mich drängt, und ich irgend Zeit und Ruhe dafür aufbringen kann, aufschreiben, was mich während der Zeit unserer Trennung, die hoffentlich nicht allzulange währt, bewegt. Noch kann ich mich nicht lösen von der Erinnerung der letzten Tage, deren Ablauf wie Filmbilder schnell und wechselnd an meinem inneren Auge vorüberzieht: Mittwochnacht die Reise mit den zwanzig Münchner Kindern, die ich bis Frankfurt brachte, wo der Transport der jüdischen Kinder aus dem ganzen Reich gesammelt und zusammengestellt wurde. Der Wagen war fast leer. Drei Abteile waren reserviert für die„ Reisegesellschaft Meyer", wie auf dem Zettel an der Tür stand, damit die übrigen Reisenden nicht ahnen sollten, daß es jüdische Kinder sind, die hier ihre Ausreise aus Deutschland antreten, um drüben in England eine neue Heimat für immer oder wenigstens vorübergehend zu finden. Der Abschied von den Eltern verlief wie noch jedes Mal ruhig und würdig, auch die Kinder verhielten sich musterhaft. Die Jüngsten waren sechs, die Ältesten fünfzehn Jahre. Die Kleineren konnte ich bald nach der Abfahrt zum Schlafen auf die Bänke betten, es dauerte nicht lange, da hörte man ihre ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge. - - 5 Im Nebenabteil unterhielten sich die größeren Buben miteinander, sie machten Pläne für die Zukunft, alle voller Hoffnungen und Freude, befreit vom Druck der letzten Zeit, den auch die Kinder sehr gespürt hatten. Drei der großen Mädchen tauschten ihre neuen Adressen aus, sie wollten weiter in Verbindung miteinander bleiben. Die reizende dunkle Hanni, die Tochter des in München so lange Jahre bewunderten und umjubelten Sängers, schrieb vorsorglich gleich eine Karte an die Eltern. Immer wieder ging ich von Abteil zu Abteil, allmählich hörten die Gespräche auch bei den Größeren auf, und schließlich schliefen alle. Ich ging auf den Gang hinaus und dachte an unsere eigenen Kinder, die schon vor Monaten allein diesen Weg gemacht hatten. Da hörte ich unregelmäßige laute Schritte, und nun sah ich an der Abteiltür, hinter der die Kleinen schliefen, einen starken großen Mann stehen. Sofort war ich an seiner Seite. ,, Entschuldigen Sie, diese Abteile sind reserviert", sagte ich zu ihm. ,, Machen Sie Platz, ich will mir die Judenbälge ansehen." Ich sah, ich hatte einen Betrunkenen vor mir. Wie konnte ich ihn hindern, die Kinder aufzustören! Da hörte ich neuerdings jemand kommen, ich atmete auf, es war der Schaffner, und ihm gelang es schließlich, den Mann in seinen Wagen zurückzubringen. Der Schaffner kam nochmals zurück, um mir seine Empörung über die rohe Art des anderen auszudrücken und mir zu sagen, wo ich ihn oder einen der übrigen Zugsbegleiter finden könnte, wenn ich ihn benötigen sollte. Der Rest der Reise verlief ohne Zwischenfall, und pünktlich kamen wir am Morgen in Frankfurt an. Nach dem Frühstück in der Bahnhofswirtschaft konnte ich die Kleinen einer Fürsorgerin der Kultusgemeinde Frankfurt überlassen und machte mich mit den Größeren auf, um durch die schöne Altstadt zu schlendern. Der Zug, mit dem die Kinder weiter an die holländische Grenze fahren sollten, ging erst nach zwölf Uhr mittags ab, gegen elf Uhr mußten wir uns wieder an einer bestimmten Stelle 6 der Bahnhofshalle versammeln, wo sich dann auch die Kinder aus dem übrigen Reich einfanden. Es war ein schöner, sonniger Morgen, und die ehrwürdigen Gebäude am Römerberg zeigten sich von ihrer besten Seite. Die Kinder waren trotz der durchfahrenen Nacht interessiert und aufnahmefreudig, es machte mir Freude, ihnen alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen und so gut wie möglich auf alle Fragen zu antworten. Dann rasteten wir in einer Anlage am Main, und die zehnjährige, lebhafte Rosi, die in Nürnberg zu mir in den Zug gestiegen war, tanzte singend vor uns auf und ab. ,, Rosi, du wirst müde werden, magst du nicht sitzen?" fragte ich sie. Sie schüttelte den Kopf, daß die dunklen Locken flogen, und die braunen Augen blitzten, als sie sagte:„ Ich kann nicht sitzen vor Freude, daß ich nun aus Deutschland fortkomme! Jetzt brauche ich keine Angst mehr zu haben, angespuckt zu werden, jetzt können die Kinder aus unserem fränkischen Dorf nicht mehr hinter mir her schimpfen oder mich gar mit Steinen bewerfen! All das gibt es in England nicht! Ach was bin ich so froh!" ,, Und ist dir der Abschied von den Eltern nicht sehr schwer geworden?" fragte sie Hanni, die unendlich an ihren Eltern hing. Rosi schüttelte wieder mit dem Kopf. ,, Vater lebt nicht mehr, er ist gestorben, nachdem ihn die SA.- Leute am 10. November vorigen Jahres so schrecklich geschlagen haben, daß er nicht mehr aufstehen konnte; und Mutter ist seitdem immer traurig und lacht nie mehr. Sie hat mir versprochen, daß sie bald nachkommen wird", und lustig trällernd tanzte sie weiter vor uns auf und ab.- ,, Wir haben noch deutsches Geld, Frau Doktor", sagte der ernsthafte fünfzehnjährige Walter ,,, dürfen wir uns noch Keks und Schokolade dafür kaufen? Dort hinten sah ich einen Laden, wo es so etwas gibt, zwar steht dort, wie an fast allen Geschäften, angeschrieben: Juden haben keinen Zutritt', aber ich bin ja blond und habe keine krumme Nase, keiner kennt mich hier." Gern gab ich ihm und einem älteren 7 Mädchen die Erlaubnis, und nun ging ein eifriges Flüstern, Beraten und Bestellen an. Bald kamen sie mit den gewünschten Süßigkeiten zurück. Alle scharten sich um mich, und Hanni überreichte mir strahlend, aber ein bißchen verlegen, eine Packung guten Keks: ,, Weil Sie so lieb zu uns sind!" Am Bahnhof wickelte sich alles glatt und schnell ab. Die ,, Bayern" kamen als erste dran. Die Papiere der Kinder wurden genau geprüft und der neuen Begleiterin übergeben, wir gingen auf den Bahnsteig, und nach einigem Warten fanden alle Kinder ihre Plätze in den dafür reservierten Wagen. Erst die Trennung von mir, die sie doch kaum gekannt hatten, brachte ihnen zum Bewußtsein, daß es nun endgültig galt, Abschied zu nehmen vom bisherigen Leben, daß sie nun die Reise ins Unbekannte antraten und nicht nur Unangenehmes und Böses wie Rosi hinter sich ließen. Aber tapfer unterdrückten sie die aufsteigenden Tränen, und bald verließ der Zug die Halle. Ich hatte Eile. Mein Zug nach München ging in einigen Minuten, und ich mußte noch einmal ganz nach vorn, um auf den anderen Bahnsteig zu gelangen. Am Bahnhofsgebäude war ein Anschlag, vor dem sich die Menschen drängten: Neue Greuelberichte aus Polen über Missetaten, die die Deutschen erdulden mußten. Täglich fanden sich ähnliche Nachrichten in den Zeitungen, und doch- wieviel drohender klangen sie heute, wieviel aufreizender als je vorher! Es durchzuckte mich: Das ist der Krieg! Und die Gesichter der umstehenden Menschen spiegelten den gleichen Gedanken; wie eine schwere Last schien er sich auf ihre Schultern zu senken; Sorge, ja Angst zeigte sich auf ihren Zügen. Doch ich hatte ja keine Zeit, schnell, nur schnell nach Hause! Und ich lief und sprang in den Zug, der sich gleich darauf in Bewegung setzte. Auf der Fahrt habe ich nicht viel gesehen, die Müdigkeit überwältigte mich, ich habe fast die ganze Zeit bis zur Ankunft in München verschlafen. Aber nun stürmten die Gedanken an das, was kommen würde, erneut auf mich ein. Ob die 8 Permits für uns beide gekommen waren, die uns die Quäker in England zugesagt hatten, ob noch englische Visen ausgegeben würden, ob wir noch alle Formalitäten würden regeln können? Wie immer war die kleine freundliche Sekretärin aus der Münchner Jüdischen Gemeinde am Bahnhof. Schnell hatte ich meinen Bericht erstattet, den sie am nächsten Morgen der leitenden Fürsorgerin weitergab, die die Kinderverschickung leitete. Bis zur Abfahrt meines Postautos ins Isartal war noch eine Stunde Zeit, die ich benutzte, um etwas zu essen. Emmy K. leistete mir auch heute dabei Gesellschaft.- ,, Ich soll Ihnen von Ihrem Mann bestellen, daß nur sein Permit gekommen ist." Ich erschrak. Würde es mir gelingen, Dich zur Abreise ohne mich zu bewegen? Schon in diesem Augenblick war mir gewiß, daß mein Permit nicht mehr zur rechten Zeit kommen. würde. Aber ich mußte erreichen, daß Du diese letzte und einzige Gelegenheit benutztest, um dem schrecklichen Geschick zu entgehen, das ganz sicher in einem Krieg die deutschen Juden treffen würde. Ich mußte Dich anflehen, der Kinder wegen zu gehen, die doch noch so jung waren, wenn mir auch klar war, daß sie sich selber weiterhelfen würden, wenn es nötig wäre. Aber Du warst gefährdet, weit mehr als sie! Ich weiß, daß ich eine stumme geistesabwesende Gesellschaft gewesen bin, aber ich weiß auch, daß Emmy gut verstanden hat, was mich bewegte. Sie brachte mich noch bis ans Postauto. Ich atmete auf, es waren keine Bekannten da, ich hatte Ruhe, meinen Gedanken nachzuhängen. Wie konnten wir auch glauben, daß unsere beiden Permits zusammen eintreffen würden! Du mußtest ja ein Garantiepermit haben, weil Dir als Mann das Arbeiten drüben untersagt war, aber ich durfte eine Haushaltsstelle annehmen und verdienen und auf diese Weise nicht nur mich erhalten, sondern vielleicht auch zu Deinem Unterhalt beitragen. Selbstverständlich aber wurden diese Haushaltpermits an einer anderen Stelle bear9 beitet als die Garantiepermits, und es wäre wirklich ein besonders glückliches Zusammentreffen gewesen, wenn beide gleichzeitig eingetroffen wären. Und es würde ja auch ganz gleichgültig gewesen sein, wenn nicht eben der Krieg wie eine große dunkle Falltür sich zwischen uns und die lockende Freiheit zu schieben drohte.— - Da zeigten sich schon die ersten Häuser unseres lieben Dorfes, das so friedlich im Abendsonnenschein vor mir lag! Da war der Gutshof mit der Haltestelle, und da standest Du, um mich in Empfang zu nehmen, wie immer in all den Jahren, wenn ich aus der Stadt zurückkam! Wir haben auf dem kurzen Weg zu unserem Häuschen nicht viel gesprochen, ich weiß nur, daß ich Dich bat, Dich für alle Fälle darauf einzurichten, am kommenden Morgen in die Stadt zu fahren, um Dir das Visum zu holen. Du versprachst, es Dir zu überlegen. Und da war das alte, verfallene Gartentürchen und der liebe, ganz überwachsene Garten mit dem wunderlich verbauten hölzernen Häuschen und seinem mächtigen Schornstein. Aus dem Wohnzimmerfenster leuchtete der Lampenschein, und Tilla, die gute Freundin, die ihre Ferien bei uns verlebte, stand auf der Schwelle der Veranda, um mich zu begrüßen. Am nächsten Morgen wurden wir durch starkes Klopfen geweckt. Du liefst schnell hinaus und kamst mit einem Telegramm von unserem Sohn Peter zurück. ,, Schnellste Abreise notwendig, eventuell muß Vater allein reisen." Ich atmete auf. Diese Worte würden Dich bestimmen, ohne mich zu fahren. Zuerst weigertest Du Dich. Du wiesest mich darauf hin, daß wir uns versprochen hatten, wir beide wenigstens wollten uns nicht trennen. Ach, als wenn ich das vergessen hätte! Aber diese Situation konnten wir nicht voraussehen. Ich beschwor Dich, wir dürften jetzt nicht an uns, sondern nur an die beiden Kinder denken, an Peter, den knapp Achtzehnjährigen, dem man helfen mußte, von der Farmschool, auf der er sich nicht wohl fühlte, fortzukommen und eine Stellung in der Landwirt10 schaft zu finden; an Hanna, die Sechzehnjährige, die als ,, Lehrling" in einem englischen Haushalt war, wo es ihr zwar sehr gut ging, wo sie aber nicht lange bleiben konnte, weil der Haushalt aufgelöst werden sollte. Noch immer zögertest Du, da trat Tilla entschlossen vor Dich hin und sagte: ,, Ich verspreche Ihnen fest, Herr Doktor, daß ich bei Ihrer Frau bleiben und sie nicht verlassen werde, bis sie Ihnen nachreisen kann." Das gab den Ausschlag, und nun hieß es, in Windeseile alles vorbereiten, damit Du noch am gleichen Abend reisen konntest. Du fuhrst in die Stadt, um das Visum zu holen, Geld abzuheben und die nötigen Formalitäten auf der Devisenstelle und der Polizei zu erledigen. Um zwei Uhr versprachest Du wieder daheim zu sein. Tilla und ich entfalteten nun eine fieberhafte Tätigkeit. Ich lief schnell zur Nachbarin im großen Hause, um ihr, die uns befreundet war, Deinen Entschluß mitzuteilen. Sie bot sofort ihre Hilfe an und lud uns zum Essen ein, was dankbar angenommen wurde. Dann ging ich zu unserem Kohlenhändler. Er ließ sich bewegen, uns am Nachmittag mit seinem Auto, das er für solche Zwecke hatte, in den nächsten Marktflecken zum Zollinspektor zu fahren, der das Handgepäck durchsehen und siegeln mußte. Anschließend wollten wir mit seinem Wagen nach München zum Bahnhof. Er versprach, uns pünktlich abzuholen. Dann ging es an ein Waschen und Bügeln, Packen und Listenmachen von allen verpackten Gegenständen. Mittendrin erschien eine befreundete Malerin, um mir mitzuteilen, daß die beiden jungen Engländerinnen, die bei ihrer Schwester in Pension waren, vom englischen Konsulat telephonisch den Befehl erhalten hatten, noch am gleichen Abend nach Hause zu fahren; ein Zeichen mehr für mich, daß Eile geboten war! Alles ging programmgemäß. Du kamst pünktlich zurück und berichtetest, daß heute die letzten englischen Visen ausgegeben worden waren, das Konsulatspersonal rüste sich zur Abreise. Bei dem Zollinspektor hatten wir uns 11 telephonisch angemeldet. Wir kannten ihn schon von der Auflösung und Verpackung unseres Haushalts her und außerdem vom Packen der Sachen unserer ältesten Tochter vor ihrer Ausreise nach Argentinien. Um halb fünf Uhr stand das Auto vor der Tür. Du konntest nur schnell Abschied nehmen von Tilla und der Nachbarin, die, mit der Jüngsten auf dem Arm, einem hellblonden Lockenkopf mit strahlend blauen Augen, herübergekommen war. Es mußte schnell gehen, und das war sicher gut so, sonst wäre Dir der Abschied von den lieben Menschen im Dorf, vom Häuschen und vom Garten, ja, von der ganzen geliebten Landschaft mit ihrem blitzenden Flußẞband und dem Kranz der blauen Berge noch schwerer geworden! Schön war die Fahrt durch das sommerliche Land auf der prachtvollen Kunststraße in das liebe, bunte Städtchen an diesem heiBen Augusttag, doch schon türmten sich am Himmel große weiße Gewitterwolken, und als wir auf dem Weg nach München waren, tönte das erste ferne Grollen des schnell näher rückenden Wetters zu uns herüber. Wir hielten gerade vor dem Bahnhof, da ging ein Wolkenbruch nieder, mit Mühe nur konnten wir die schützende Halle erreichen, ohne völlig durchnäßt zu werden. Der Gepäckträger sah sofort, mit wem er es zu tun hatte. Wievielen Juden mag er wohl in diesen Jahren die Koffer zu ihrer Reise aus dem Land der Knechtschaft in fremde, freiere Länder getragen haben! Am Gepäckschalter fragte er: ,, Reist der Herr allein?" Ich konnte nur nicken, es wollte mir kein Wort aus der Kehle. Da warst Du auch schon fertig und kamst auf uns zu, um den Träger zu bezahlen. Er steckte die kleine Summe ein, und nun kam etwas Ueberraschendes: ,, Pfüat Gott, lieber Herr,' ham's guaten Mut, und sorgen's Eahna net gar so sehr um die Frau. I bin der Gepäckträger Nummer 45 und wohne in der N.- Straße Nummer 12, die Frau soll zu mir und meiner Alten kommen, wenn's ihr schlecht geht, bei uns g'schieht ihr nichts, wir helfen ihr bestimmt weiter!" Und 12 dabei drückte er erst Dir und dann mir die Hand, und wirklich, es kam wie ein Gefühl des Trostes über uns beide nach dieser rührend menschlichen Geste. Lieber, guter Münchner Gepäckträger, ich werde Dich wohl kaum aufsuchen, aber ich werde in schweren Augenblicken an Dich denken und Trost schöpfen aus Deinen freundlich- guten Worten uns Fremden gegenüber! Dann standen wir auf dem Bahnsteig, und Du stiegst in den übervollen Zug nach Holland, in dem kein Sitzplatz mehr zu finden war. Höchste Zeit, es langte kaum noch zu einer schnellen Umarmung und einigen Abschiedswor- ten, und schon setzte sich der riesige eiserne Wurm mit seiner Menschenfracht in Bewegung. Ich sah ihm lange nach, das Herz übervoll von guten Wünschen. Dann wandte ich mich, um den Heimweg anzutreten, allein, ganz allein!— Der gute Herr P. wartete vor dem Bahnhof in seinem Auto auf mich. Das Gewitter war vorbei, gleich- töniger Regen rauschte herab. Ich saß in meiner Wagen- ecke und ließ die Tränen fließen. Jetzt brauchte ich mich nicht mehr zusammenzunehmen! Herrn P. war der Ab- schied auch nahe gegangen, er machte seinen Gefühlen gegen die bösen Gewalten, die uns trieben, in ständigem Vorsichhinschimpfen in herzhaften, gut bayrischen Kern- ausdrücken kräftig Luft. Als wir vor dem Gartentürchen hielten, half er mir beim Aussteigen und verabschiedete sich mit den Worten:„Gell, Frau Doktor, wann’s irgend- was brauchen, wenden’s Eahna an mich, und daß Sie im Winter genug Holz und Kohlen ham, dafür steh’ ich Eahna!“ Am nächsten Tag besprach ich mit Tilla, wie wir un- seren Haushalt einrichten wollten. Wie gut, daß sie völlig frei war! Die Kinder, die sie unterrichtet hatte, waren in die Schule gekommen, und sie selbst war auf der Suche nach einer neuen Arbeit gewesen. Wir hofften, es würden sich allmählich auch hier Stunden für sie finden. Zunächst aber können wir das ruhig abwarten. Unserem freund- 13 lichen Hauswirt, einem Münchner, wollen wir vorschlagen, Tilla als Hauptmieterin in unseren Mietsvertrag eintreten zu lassen. Ich selber werde mich vom 1. September ab wieder völlig der Münchner Jüdischen Gemeinde als Fürsorgerin zur Verfügung stellen, wie ich das schon nach den schlimmen Novembertagen 1938 bis Anfang März dieses Jahres getan hatte, da ich unseren Haushalt auflösen und die Sachen der beiden Kinder für die Ausreise richten mußte. Durch besondere Aufgaben, wie zum Beispiel den wöchentlichen Kindertransport von München nach Frankfurt, hatte ich die Verbindung ständig aufrechterhalten. ' Tilla wollte unseren kleinen Haushalt führen. Wir besprachen manche Veränderung in den Zimmern, um sie freundlicher zu gestalten. Bis jetzt hatten wir ja unser Leben darin nur als ein Provisorium angesehen, für das es nicht lohnte, die Wohnung nach unserem Geschmack einzurichten. Wir würden es schon fertigbringen, in diesem Häuschen zu überwintern, das ursprünglich nur für kurzen Sommeraufenthalt gebaut worden war. Uebrigens hat es mir wohlgetan, im Dorf deutlich die Sympathien für uns und unser Schicksal zu spüren, als ich am Tag nach Deiner Abreise bei den verschiedenen Leuten Deine Abschiedsgrüße bestellte. Es herrscht große Aufregung über die Einführung der Lebensmittelkarten. Frau L., die Kaufmannsfrau, stöhnt über die Mehrarbeit in ihrem Laden, und wer noch am Ausbruch des Krieges zweifelte, ist nun davon überzeugt. Die Rationen sind ausreichend, man merkt, wie lange und gut alles darauf Bezügliche vorbereitet wurde. Leb' wohl für heute, ich habe lange mit Dir geplaudert! Morgen fahre ich in die Stadt, um mich für die Arbeit vom 1. September an anzumelden und mit Herrn Rat, dem Leiter der jüdischen Kultusgemeinde, zu besprechen, wo er mich einsetzen will. 14 Isartal, den 2. September 1939 Als ich gestern früh mit unserem Nachbarn auf den Zug wartete, der ihn zu seinem Krankenhaus in einem Vorort und mich in die Stadt bringen sollte, ertönte plötzlich der Lautsprecher aus der Wohnung des Stationsvorstehers. Der kleine Bahnsteig war gedrängt voll von Menschen, die zu ihrer Arbeitsstelle fahren wollten. Aber während sie eben noch miteinander geplaudert, die Gruppen der Schüler und die jungen Menschen auch gescherzt und gelacht hatten, trat jetzt eine geradezu beängstigende Stille ein. Und nun fielen die Worte, die man lang erwartet hatte, und die doch einem jeden von uns einen Schauer über den Rücken jagten: Der Krieg hat begonnen! Die deutschen Heere haben die polnische Grenze überschritten! Dr. B. war ganz blaß geworden, seine Lippen préßten sich fest aufeinander. Dann gab er sich einen Ruck und sagte: ,, Also wieder Krieg, und wer weiß, wie lange er diesmal dauert!" Wir trennten uns mit einem festen Händedruck. Ich war durch eine kurze Mitteilung auf die Devisenstelle bestellt, doch als ich dort anlangte, wurde mir vom Diener bedeutet, zu warten. Der Führer werde sprechen, und die Beamten seien alle zum Gemeinschaftsempfang versammelt. Ich konnte auf meiner Bank im Flur jedes Wort des Lautsprechers verstehen. Das Wesentliche der Rede war wohl die Bemühung, dem deutschen Volk- nach allem, was an Schimpf- und Haẞkanonaden vorausgegangen war!!— begreiflich zu machen, daß Rußland nicht an der Seite unserer Feinde stehe, sondern vielmehr als wohlwollender neutraler Freund auf unserer eigenen! Es wurde mir schwerer als sonst, die Stimme dieses Mannes und das Beifallsgeheul der Trabanten zu ertragen, das wirklich nicht mehr menschlich klang. - - Ich war bestellt worden, weil über Weiterzahlung Deiner Pension an mich mit mir verhandelt werden sollte. Der Beamte war sehr höflich, er erklärte mir, daß je nach 15 meinen Ausgaben nur ein bestimmter Teil der Pension durch Vermittlung des von Dir noch ernannten Vermögensverwalters monatlich bezahlt werden sollte. Ich erfuhr nachher auf der Kultusgemeinde, daß der festgesetzte Betrag von 250 Reichsmark monatlich sehr generös war! Jedenfalls wird er mir gestatten, Tilla bei mir zu behalten, selbst wenn sie ohne eigenen Verdienst bleiben sollte, und die Arbeit in der jüdischen Gemeinde ehrenamtlich auszuüben, was mir sehr lieb ist. Wie sich diese übrigens gestalten wird, ist noch ungewiß. Herr Rat meint, daß sich sicher aus den Ereignissen heraus bald neue Aufgaben ergeben werden, und er ist froh, mich dafür in Reserve zu haben. Zunächst arbeite ich in der Sprechstunde der Wohlfahrtshilfe, um dort die Fürsorgerinnen ein wenig zu entlasten. Es herrschte große Aufregung in der jüdischen Kultusgemeinde. In allen Büros wird darüber gesprochen, wie sich der Krieg für uns Juden auswirken werde. Die Klugen zucken die Achseln und raten zu Ruhe und möglichst unauffälligem Benehmen nach außen, die Aengstlichen, der junge Fritz A. an der Spitze, der mir dadurch nicht sympathischer geworden ist, prophezeien baldiges ErschieBen aller Juden, wenigstens der männlichen. Herr Rat sagte mir nur in seiner gütigen, ruhevollen Art: ,, Wir wollen dankbar und zufrieden sein, daß wir arbeiten können. Wir wollen diese Arbeit mit dem Einsatz unserer ganzen Kraft für alle Bedrückten und Leidenden tun, und deren gibt's ja, weiß Gott, genug. Es ist schon jetzt so- und die Entwicklung wird in diesem Sinne immer weiter gehen daß die Fürsorgetätigkeit, die früher der an Umfang und Ausgaben kleinste aller Verwaltungszweige der Jüdischen Gemeinde in München war, nun den ersten Platz in jeder Beziehung einnimmt." Ich bin froh, unter und mit ihm zu arbeiten. Ich werde täglich mit dem Postauto um sieben Uhr in die Stadt fahren und mit dem gegen achtzehn Uhr abfahren16 den wieder zurückkehren. Samstag und Sonntag habe ich frei. Du kannst Dir denken, daß mir diese Regelung lieb ist. Es ist wunderbar heißes Sommerwetter; ich sitze im Garten, um mich herum spielen die beiden Nachbarskinder. Alles atmet eine so friedliche Atmosphäre, daß man sich immer wieder gewaltsam in den Sinn rufen muẞ: Es herrscht Krieg! Doch spürst Du nichts von der Begeisterung, die wir 1914 miterlebten, nirgends siehst Du ein Zeichen davon, und selbst vor den ersten Siegesmeldungen stehen die Menschen stumm und mit ungerührtem Antlitz. Tilla macht eine Radtour, sie soll das schöne Wetter nutzen. Ich hatte keine rechte Lust, etwas zu unternehmen, und es ist mir lieb, allein zu sein mit den Gedanken an Dich und die Kinder und den vielen Erinnerungen an gute und schwere Tage. Das ist ein Reichtum, der nie auszuschöpfen ist und mir nie verloren gehen kann, an ihn halte ich mich jetzt, da ihr mir fern seid! Zwar bin ich gewiß kein Mensch, der nur in der Vergangenheit und erst recht nicht in unfruchtbarem Warten auf die Zukunft leben kann. Ich werde diese Zeiten nur aushalten, wenn ich die Gegenwart durch Arbeit, Mitleben und Mitfühlen von Menschenleid und Menschenfreude lebenswert gestalten und mich dadurch lebendig und aufnahmefähig erhalten kann. Aber dazwischen werde ich immer wieder Stunden völliger Einsamkeit brauchen, in der ich mir die Bilder der Erinnerung zurückrufen will. Daß Tilla dafür das richtige Verständnis aufbringt, ja, daß sie selber ganz ähnliche Bedürfnisse hat, wird unserem Zusammenleben sehr zugute kommen. Meine Gedanken schweifen weit zurück: in die Zeit vor 1933. Was für herrlich reiche Jahre haben wir in unserem Häuschen am Berliner Stadtrand gehabt! Wie erfüllt kamst Du abends von Deiner Arbeit heim, dieser Arbeit, die Dir so ans Herz gewachsen, und die wie für Dich geschaffen war. Ich vergesse es nie, als Du bald nach Deiner Berufung ins Ministerium heim kamst und mir freudestrahlend 2 Behrend, Ich stand nicht allein 17 mitteiltest, man wolle Dir die sogenannte Gnadenabteilung übergeben. Du solltest die letzte Entscheidung über die Gnadengesuche haben und prüfen, ob man den Häftlingen einen Teil der Strafe bedingt, das heißt mit Festsetzung einer Bewährungsfrist, erlassen könne. Mit Feuereifer stürztest Du Dich in Deine Arbeit, und je länger Du sie tatest, desto lieber wurde sie Dir. Die Arbeitszeit in Deinem Büro genügte Dir nicht, es wurde zur Regel, daß Du abends einen Stoß Akten mit heim nahmst und mir die Möglichkeit gabst, mich an Deiner Arbeit teilnehmen zu lassen. Die ersten Jahre mußte ich mich mit dieser Mithilfe begnügen. Die Kinder, an deren Aufblühen in der neuen gesunden Umgebung wir uns beide freuten, brauchten noch meine ganze Zeit und Arbeitskraft neben der Führung des Haushalts. Erst als auch Hanna, unsere Jüngste, zur Schule kam, konnte ich wieder an fürsorgerische Arbeit, zu der es mich drängte, denken. Und wie wunderbar fügte es sich, daß mir gerade die zufiel, die ich mir schon in ganz jungen Jahren gewünscht hatte: Fürsorgetätigkeit in einem Frauengefängnis. Oft haben wir lange und ernsthafte Diskussionen gehabt, wenn Du von Deinem juristischen Standpunkt und ich vom rein menschlichen aus uns zunächst über die Handhabung einer Gnadenakte nicht einigen konnten. Aber jeder lernte vom andern, jeder ließ den anderen die Sache von einer Seite sehen, von der aus er sie allein nie betrachtet hätte und half so dem anderen zu besserer Uebersicht und Klarheit. Ich war oft recht halsstarrig, erst nach und nach ließ ich mich von der Notwendigkeit gewisser juristischer Maßnahmen überzeugen. Aber ich sehe auch noch Dein unverhülltes Entsetzen über manche meiner, Dich geradezu revolutionär anmutenden Vorschläge den Strafvollzug betreffend, deren Richtigkeit Du oft später doch einsahest. Und wir fanden Menschen, die mit uns an diesen Problemen arbeiteten, mit denen wir gemeinsam Wege und Ziel erörterten, die uns in dieser Tätigkeit nahe kamen und zu Freunden wurden, wie über18 haupt die Jahre von 1925 bis 1933 gesegnet waren mit der Freundschaft vieler wesensverwandter Menschen. Aber mit dem Ende des Jahres 1932 änderte sich alles. Zuerst wurde Dir Deine Arbeit genommen, und dann kamen jene schweren Monate von April bis Juli 1933, die gekennzeichnet waren durch die Verfolgung und Marterung der politischen Freunde, von denen so mancher bei uns Unterschlupf suchte und fand. Nie vergesse ich das zermürbende Warten auf die Haussuchung, die bei fast allen sozialdemokratischen Funktionären schon in den ersten Wochen nach dem Umsturz stattgefunden hatte, mit mehr oder minder schlimmem Ausgang für die Betroffenen. Bis zur Abreise nach Bayern blieb sie bei uns aus, sie kam dann erst in unserer Abwesenheit und in sehr harmloser Form. Aber als die gänzlich unerwartete Steuerrückzahlung uns die Möglichkeit dazu gab, zögerten wir doch nicht, uns noch einmal eine Ferienreise mit unseren Kindern zu gönnen. Das Ziel war ein kleines Dorf, nicht weit von Berchtesgaden, wo wir schon die Ferien der letzten Jahre verbracht und uns mit einer Bauernfamilie angefreundet hatten. Anfang Juli ließen wir Berlin, in dem ich vermeinte, nicht mehr atmen zu können, hinter uns. Aber so schön es in den geliebten Bergen und der heiteren, mir von so vielen Sommern seit meiner frühen Kindheit her vertrauten Landschaft auch war, ich mußte erleben, daß sie ihre Ruhe und ihren Frieden nur dem mitteilt, der innerlich imstande ist, sie in sich aufzunehmen. Und ich war noch so erfüllt von der Unruhe, ja, der Angst um viele befreundete Menschen, von deren Folterung ich wußte, deren Folgen ich zum Teil selbst gesehen hatte, auch von der Sorge um Dich, dem es als Juden und Sozialdemokraten genau so ergehen konnte, daß die erhoffte Wirkung ausblieb und sich nach kurzer Zeit die schon mehrmals überstandene, gefürchtete Krankheit wieder zeigte, die erst nach vielen Wochen behoben war. Wir gedenken beide mit Dankbarkeit des Arztes, den wir bei dieser Ge2* 19 legenheit auch als Menschen kennen und schätzen gelernt haben! Noch ehe ich wieder ganz gesund war, kam das von mir Gefürchtete: Du wurdest von der Polizei nach Berlin berufen! Zwar hatte die Haussuchung, die in unserer Abwesenheit vorgenommen wurde, nichts Belastendes ergeben, sie war auch in rücksichtsvoller Form von den Polizisten unseres Reviers vor sich gegangen, aber man stellte Untersuchungen über Deine Arbeit im Ministerium an und wollte Dich in der Nähe haben, falls sich das geringste Belastungsmaterial finden sollte. Doch das war nicht der Fall, und nach wenigen Tagen voller Angst und Unruhe konntest Du zurückkehren, ja, man stellte Dir frei, mit uns zu bleiben, wo wir wollten. Denn schon damals zeigte sich bei Dir das nervöse Magenübel infolge all der Aufregungen, und unser Arzt, der es unermüdlich zu bekämpfen begann, äußerte seine Bedenken über eine Rückkehr nach Berlin. Noch aus einem anderen Grunde erwogen wir zu bleiben, wo wir waren: Das Leben in der Großstadt war viel teurer und unseren jetzigen pekuniären Verhältnissen nicht mehr angepaßt, da Du Deiner politischen Einstellung halber nur einen Teil der Dir eigentlich zustehenden Pension erhieltest. Ein Leben in der Großstadt, in der alten Umgebung, erschien uns auch sinnlos ohne unsere Arbeit, an die wir täglich hundertfach schmerzlich erinnert werden mußten. Dieser plötzliche Abbruch quält mich immer noch-, heute kann ich es aussprechen, obwohl wir es die ganzen Jahre hindurch vermieden haben, an diese offene Wunde zu rühren. Eine geliebte Arbeit so ohne jeden Abschluß abrupt aufgeben zu müssen, ist wohl immer unangenehm, besonders wenn sie mit Menschen zu tun hat und nun gar mit dieser empfindlichsten und schwierigsten Art, den Straffälligen! Das Ende kam sehr plötzlich, als ich am 31. März des Jahres 1933, schon mit dem Hut auf dem Kopf, eben im Begriff ins Gefängnis zu fahren, auf das Läuten des Telephons hin den Hörer abnahm. Die Stimme einer Gefäng20 nisbeamtin tönte mir entgegen, der man übrigens die Verlegenheit über diesen Auftrag, den sie ausführen mußte, deutlich anmerkte: ,, Sie möchten heute nicht zur Sprechstunde ins Gefängnis kommen, Frau Doktor, zu Ihrem eigenen Schutz wurde diese Maßnahme getroffen!" Ich erwiderte ihr schnell gefaßt: ,, Ich nehme Ihren Auftrag zur Kenntnis und werde natürlich nicht kommen, aber den Zusatz hätten Sie sich sparen sollen. Sie wissen so gut wie ich, daß ich nirgends sicherer sein könnte als unter den von mir betreuten Frauen im Gefängnis!" Sie ging auf die Erwiderung nicht ein, sondern fuhr fort:„ Ich habe noch einen Auftrag an Sie, nämlich, ob Sie uns nicht von sich aus eine arische Vertreterin nennen wollen, die wir als von Ihnen gesandt zu den Frauen schicken könnten, um jeder Unruhe unter ihnen vorzubeugen!" Ich gab ihr sehr ruhig zur Antwort: ,, Nein, Frau Oberin, das will ich nicht, ganz abgesehen davon, daß Sie selbst wissen, wie schwierig es doch ist, irgend jemandem ohne besondere Einführung diese Arbeit zu übertragen. Und um etwelcher Unruhen Herr zu werden, haben Sie ja alle notwendigen Mittel in der Hand!" Damit legte ich den Hörer auf. Das war das Letzte, was ich nach vierjähriger, regelmäßiger Arbeit vom Gefängnis gehört habe; keine der Beamtinnen hat sich je wieder gemeldet! Besonders stark aufgerührt wurden die Erinnerungen daran, als ich in diesem Sommer 1939 von der Münchner Jüdischen Gemeinde die Anfrage erhielt, ob ich bereit sei, eine alte Frau, die aus einer der kleinen Gemeinden Frankens stammte, aus dem Gefängnis in R. oberhalb Herrschings abzuholen und bis zu ihrem Zug nach der Heimat zu begleiten. Selbstverständlich sagte ich zu und fuhr an einem schönen Morgen nach Herrsching, wo am Bahnhof schon das bestellte Auto bereitstand, um mich nach R. zu bringen. Wir erreichten nach kurzer Fahrt eine Reihe von Gebäuden zwischen weit ausgedehnten, in sommerlicher Fülle prangenden Getreide- und Kartoffelfeldern. Vor dem 21 stattlichen Haus hielt das Auto, das wartete, um uns später nach Herrsching zurückzubringen. Ich ließ mich bei der Vorsteherin melden und wurde gleich darauf zu ihr geführt. Vom Schreibtisch am Fenster erhob sich eine Gestalt, in der ich, vor Erstaunen fast zusammenschreckend, Frau Oberin R. erkannte, mit der ich so manches Gespräch, die Arbeit an den Gefangenen betreffend, im Berliner Frauengefängnis geführt, und an deren Verständnis ich mich immer gefreut hatte. Zunächst waren wir beide so bewegt, daß wir nicht sprechen und uns nur stumm die Hand drücken konnten. Wir haben lange ernsthaft miteinander geredet, sie wollte von unserem Leben wissen, und nach meinem kurzen Bericht erzählte sie mir auf mein Befragen, daß sie sich hierher hatte versetzen lassen, wo sie eine gewisse Selbständigkeit habe und sich wohler fühle als in der Großstadt, wo unter den jetzigen Machthabern die Arbeit viel schwieriger sei und in einer anderen Richtung ginge als früher. Schließlich fragte ich sie nach meiner Schutzbefohlenen, deretwegen ich gekommen war. Ich wußte gar nichts von ihr, die kleine jüdische Gemeinde ihrer Heimat hatte nur die Bitte der Begleitung ausgesprochen. Frau Oberin R. schlug das Aktenstück auf, das den Namen der heute zu Entlassenden trug. Es handelte sich um eine über siebzigjährige Frau, die hier ihre erste Gefängnisstrafe abgesessen hatte. Warum war sie bestraft worden? Auf einem Gang ins Nachbardorf, wo sie eine kranke Bekannte besuchen wollte, war ihr auf dem sonst menschenleeren Feldweg ein vierzehnjähriges BDM.- Mädel entgegengekommen, hatte ihr als Jüdin grobe Schimpfworte zugerufen und sie schließlich angespuckt. Die alte Frau ließ sich hinreißen und spuckte vor dem Mädchen auf den Boden, konnte aber nicht sehen, daß dieses unter dem Lodenmantel die BDM.- Uniform trug. Das Mädel zeigte die alte Frau an, und diese bekam eine mehrmonatige Gefängnisstrafe, die sie nun hier abgesessen hatte. ,, Wir haben über die alte Frau N. nie zu klagen gehabt", 22 schloß Frau Oberin R. ihren Bericht und klappte das Aktenstück zu. ,, Sie ist sehr ruhig gewesen, freundlich zu jedermann, die Mitgefangenen haben sie gern gehabt, und sie hat sich fleißig beim Stricken und Stopfen gezeigt." Ich habe dann herzlichen Abschied von dieser alten Bekannten aus der vergangenen guten Zeit genommen und meine Schutzbefohlene, die, für meine Betreuung dankbar, sich mir genau so zeigte, wie die Vorsteherin sie geschildert hatte, sicher bis in ihren Zug gebracht. Das schlimme Erlebnis hatte sie nicht bitter, sondern eher aufgeschlossener für jede Freundlichkeit gemacht. - Aber wohin habe ich mich verloren! Doch was tut es? Du wirst mich verstehen, wenn diese Blätter Dir, wie ich hoffe, unter die Augen kommen werden, und das ist die Hauptsache. Mir tut es wohl, wenn ich all das, was mir durch den Sinn geht, aufschreiben kann, ohne irgendwelche Einschränkungen einhalten zu müssen. Nun will ich aber wieder zum Jahr 1933 und zu den Tagen zurückkehren, da wir in Schönau nach einer Wohnung, die auch für den Winter geeignet war, zu suchen begannen. Ausgemacht war schon, daß Resi, die zweite Tochter der uns befreundeten Bauernfamilie G., zu uns kommen würde, um mir tagsüber im Haushalt zu helfen. Wir fanden dann schließlich, herrlich gelegen, auf weiter Wiese angesichts des Bergmassivs des Hohen Göll ein Wochenendhäuschen, das zwar noch niemals im Winter bewohnt gewesen war, uns aber sofort durch seine Lage und seine innere Einrichtung bezaubert hatte. Alle Möbel im Häuschen waren eingebaut bis auf den großen Bauerntisch und ein paar Stühle, selbst die Betten und der Waschtisch in der Schlafkammer. Kochtöpfe und Eẞgeschirr wurden mitvermietet. Mit der Besitzerin wurden wir bald einig. Anfang September zogen wir frohgemut ein. Der Wagen, der unsere Habseligkeiten enthielt, die sich inzwischen ziemlich vermehrt hatten, wurden von G.'s Kuh gezogen. Unser Siedlungshaus bei Berlin war mit allem, was darin war, ver23 mietet und unsere Gustel, die Aelteste, die noch anderthalb Jahre bis zum Abitur die Berliner Schule besuchen sollte, bei Verwandten untergebracht worden. Die beiden Kleinen gingen seit dem 1. September in die Volksschule, wo sie zunächst von den Dorfkindern, die sie ja von gemeinsamen Spielen her gut kannten, freudig aufgenommen wurden. Aber es sollte nur eine Atempause sein, die uns vergönnt war. Schon Ende Oktober 1933 fiel mir auf, daß die Kinder stiller waren als gewöhnlich und nichts mehr von der Schule erzählten. Auch die Dorfkinder, deren einige immer Peter und Hanna zum gemeinsamen Schulweg abgeholt hatten, blieben aus. Als dann noch eines Tages Peter mit einer kleinen blutenden Wunde am Kopf heimkam und auf unser Befragen sehr verlegen antwortete, er sei gefallen, nahm ich mir nach dem Essen beide Kinder allein vor. Ich bekam bald heraus, was geschehen war. Hanna begann zu schluchzen, und Peter, der Zwölfjährige, hielt nur mit größter Mühe seine Tränen zurück. Und dann sprudelte es aus ihnen heraus, daß der Lehrer von Anfang an unfreundlich zu ihnen gewesen sei, daß er angefangen habe, täglich auf die Juden zu schimpfen, daß er auf sie gewiesen und gesagt hätte: ,, Die beiden sind auch Juden, wollen wir so etwas unter uns dulden? Ihr müẞt Euch eben wehren gegen sie." Die Kinder hätten dann auf dem Schulweg hinter ihnen her geschimpft und mit Steinen nach ihnen geworfen, und heute seien mehrere von ihnen über Peter hergefallen und hätten versucht, ihn in die Ache zu werfen. Dabei sei er gestürzt und habe sich die kleine Wunde am Kopf geholt. Da gerade Leute vorbeikamen, wären die Buben davongelaufen. Sie hätten uns nichts von ihren Nöten sagen wollen, sie wüßten doch, daß wir Sorgen genug hätten, und sie wären so gern allein damit fertig geworden. Ich beruhigte sie beide, indem ich ihnen sagte, daß auch ältere Kinder als sie damit nicht allein hätten fertig werden können. Mit diesem Geschehnis 24 - senkte sich eine große Last auf uns, doch ahnten wir damals glücklicherweise noch nicht, daß sie schwerer und schwerer werden würde, bis wir beide beinah unter ihrer Wucht zusammenbrechen sollten. Zunächst faßten wir den Entschluß, die Kinder von der Schule befreien zu lassen und ihren Unterricht selbst zu übernehmen. Nach einem Besuch bei dem uns schon bekannten, klugen und wohlgesinnten katholischen Pfarrer, der auch den' Religionsunterricht in der Volksschule erteilte und der mir den Rat gab, mich auf seine Empfehlung hin direkt zum Schulrat des Kreises zu begeben, fuhr ich am nächsten Tag zu ihm. Ich fand einen freundlichen alten, für das, was ich vorbrachte, durchaus verständnisvollen Schulmann, der selbst lange Lehrer gewesen war. Er empfahl mir, einen Antrag auf Schulbefreiung der Kinder zu stellen und gleichzeitig den Vorschlag zu machen, mir als der Mutter den Unterricht zu übertragen. ,, Aber", sagte er dann ,,, nur weil Sie die Mutter sind, dürfen Sie noch keinen Schulunterricht erteilen. Hatten Sie einen Beruf?" Als ich erwiderte, daß ich neben Geschichte und Philosophie auch Pädagogik studiert hätte, schüttelte er freundlich lächelnd den Kopf: ,, Das genügt einer hohen Schulbehörde nicht." Schnell fiel ich ein, ich sei vor meinem Studium Kindergärtnerin und Jugendleiterin gewesen. ,, Prachtvoll", unterbrach er mich ,,, da haben wir ja alles, was wir brauchen! Schreiben Sie nichts vom Studium in Ihrem Antrag, aber heben Sie hervor, daß Sie in Ihrer Eigenschaft als Kindergärtnerin die Qualitäten besitzen, den Schulunterricht der Kinder zu übernehmen." Sehr erleichtert fuhr ich heim mit der Erlaubnis, bis zum Entscheid meines Antrages, den ich in seinem Amtszimmer sofort geschrieben und ihm eingereicht hatte, die Kinder vom Schulbesuch fernhalten zu dürfen. Wir atmeten beide auf, als nach einigen Tagen der in unserem Sinne positive Entscheid anlangte und hofften die Angelegenheit damit erledigt. Wieder herrschte kurze Zeit 25 Ruhe und Frieden. Wir teilten uns in den Unterricht und hatten Freude daran. Die Kinder gewannen schnell ihre alte Frische und Heiterkeit zurück. Resi, die junge Bauerntochter, bewährte sich ausgezeichnet und wurde uns wegen ihrer Fröhlichkeit, ihres Fleißes und ihrer Liebe zur Natur bald lieb wie ein eigenes Kind. Auch die Kinder liebten sie wie eine große Schwester, sie gehörte zu uns, und man merkte ihrem ganzen Wesen an, daß sie sich wohl fühlte. Ihre Eltern, besonders Resis Mutter, waren glücklich darüber, denn ihrer körperlichen und seelischen Zartheit wegen eignete sie sich nicht für jede Stelle. Es hatte sie in den letzten Jahren manchmal gedrückt, daß sie nicht wie die ältere und die nächstjüngere Schwester in einer Saisonstelle viel Geld verdienen, sondern höchstens daheim der Mutter etwas Arbeit abnehmen konnte. Nun hob sich ihr Selbstbewußtsein und zugleich ihr ganzes Befinden, als sie merkte, daß sie sehr wohl imstande war, etwas zu leisten und Geld zu verdienen. Da traf uns Mitte Dezember ein neuer Schlag in Gestalt eines Briefes von der Gemeinde folgenden Inhalts: Unser Verbleiben hier sei unerwünscht, und die Gemeinde wäre uns zu Dank verpflichtet, wenn wir sie so schnell wie möglich verließen. Wir wußten sofort, daß der Lehrer dahinter steckte, der sich mit dem befreundeten Bürgermeister ins Benehmen gesetzt hatte. Alle Versuche, die auch von anderer Seite verschiedentlich unternommen wurden, diesen Gemeindebeschluß rückgängig zu machen, scheiterten. Ich sehe Dich noch, niedergeschlagen vom Bezirksamt Berchtesgaden zurückgekehrt, am Tisch sitzen: ,, Es ist eine seelische Roheit, hat der Regierungsrat gesagt, aber er kann nichts dagegen tun. Das einzige ist, daß wir in Ruhe etwas anderes suchen können und an keinen Termin gebunden sind. Er schlägt uns die Reichenhaller Gegend vor; dort im Kurort sei man sicher weitherziger, und wir kämen um neue Schwierigkeiten mit der Schule herum, weil er zum gleichen Kreis gehört. Wir werden 26 uns eben als Wahlspruch wählen", so schlossest Du seufzend und etwas bitter ,,, lustig ist das Zigeunerleben!" ,, Oh nein, Vati", mischte sich da Peter ein ,,, wir wählen lieber als Wahlspruch: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt!" Beschämt sahen wir beide uns an, unser Junge hatte uns da eine Lektion erteilt, und wir waren entschlossen, sie zu lernen. Er sollte nicht wieder Gelegenheit haben, uns zurechtzuweisen. Waren wir uns doch glücklicherweise völlig einig darin, daß wir alle unter keinen Umständen Haß und Erbitterung zu Herren über uns werden lassen wollten, mochten Verfolgungen noch so schwerer und ungerechter Art auch über uns hereinbrechen. Auf ein Inserat in der Reichenhaller Zeitung meldeten sich einige Interessenten, und wir fuhren Anfang Februar hinüber. Die Erledigung des Gemeindewunsches hatte sich so lange hinausgezögert, weil Du im Januar, einer Karbunkeloperation wegen, längere Zeit gänzlich außer Gefecht gesetzt warst. Aber wir waren nun fester denn je entschlossen, in der Gegend zu bleiben, unter der wachsamen ärztlichen Betreuung von Dr. G., der mehr und mehr unser Vertrauen gewann. Isartal, Sonntag, den 3. September 1939 Tilla kam gestern abend frisch und braun mit einem Strauß herrlicher Enziane zurück, die nun vor mir auf dem Tische stehen. Im vergangenen Jahre haben wir sie noch zusammen auf einer der Höhen über dem Walchensee gepflückt. Ach, wann werden wir beide wieder gemeinsame Wanderungen machen können? Ich überlas eben flüchtig, was ich bisher geschrieben hatte, und merkte, daß ich fast unbewußt dazu überge27 gangen bin, aufzuzeichnen, was wir seit 1933 erlebt haben. Du wirst vielleicht einmal später darüber lächeln, daß ich in diesen Tagen das Bedürfnis empfand, aber es kann auch sein, daß wir beide und vor allem die Kinder ganz gern nachlesen werden, was unserer und noch mehr ihrer Erinnerung teilweise entschwunden sein wird. Mir ist alles so nah und gegenwärtig, daß es mir fast wie eine Entlastung vorkommt, es aufzuschreiben und dann etwas mehr aus dem Gedächtnis zu verlieren. Laß mich also fortfahren. Ein Wohnungsangebot aus jenem Ort hatte Dich von vornherein angezogen, vor allem, weil Dich die Handschrift der Frau, die es geschickt, interessierte. Wir beschlossen, zuerst dorthin zu gehen. Es ist müßig zu überlegen, ob alles anders, weniger schwer und peinvoll gekommen wäre, wenn wir ein anderes Angebot berücksichtigt hätten. Wir betraten das Haus von hinten, da die Gartentüre zum vorderen Eingang sich durch den davorliegenden ziemlich hohen Schnee nicht öffnen ließ. Der Hintereingang führte direkt in die Küche, einen wenig ansprechenden dunklen Raum mit kahlem Zementboden. Der Hausmeister als solchen stellte er sich vor besonders großer, kräftiger, noch junger Mann in SA.Uniform trat uns entgegen.( Auch das und die Hakenkreuzflagge am Hause auf dem Kartenbild, das das Angebot enthielt, hätten uns ein Warnungszeichen sein können!) Herr J. führte uns in den der Küche benachbarten Raum, in dem uns die Besitzerin des Hauses, Frau Winterling, empfing. Sie war etwa vierzigjährig, immer noch schön, klug und liebenswürdig und überaus gewandt in ihrem Auftreten. Sie ging mit uns die Treppe hinauf, um uns die Räume zu zeigen, die sie vermieten wollte. Es waren vier Zimmer. Sie waren nett eingerichtet, und wir scheuten langes Herumsuchen. Wir sagten Frau Winterling, der man anmerkte, daß sie uns sehr gern diese Räume abgab, die außerhalb der Saison nichts einbrachten, mit dürren Worten, daß wir Juden und frühere Sozi28 - - - ein aldemokraten seien, daß wir aus der Gemeinde, in der wir wohnten, fort müßten unserer Rassenzugehörigkeit halber, und daß wir sie bäten, etwaige Bedenken sofort zu äußern, da wir keine späteren Schwierigkeiten haben wollten. Sie erklärte sehr liebenswürdig, daß sie selbst eine große Anzahl jüdischer Freunde habe, wir auch weder an der Hakenkreuzfahne an ihrem Hause, noch an der SA.Uniform ihres Hausmeisters Anstoß nehmen müßten. Er sei zwar der SA.- Führer des Ortes, aber er sei schon längst nicht mehr überzeugt von der Richtigkeit dessen, was die Partei tue. Außerdem sei er ihr sehr ergeben und billige ohne weiteres ihre Maßnahmen. Sie meine sogar, er sei in seiner Funktion eher ein Schutz für uns. Uebrigens sei sie durch ihren verstorbenen Mann, einen bekannten Operettenkomponisten, Tschechoslowakin und deshalb in ihrem Handeln verhältnismäßig frei und unabhängig. Wir machten ab, daß wir Ende Februar 1934 einziehen würden. - Wir haben trotz allem die Zeit im Mentenhäusl, wie unsere Klause vor dem Hohen Göll hieß, unendlich genossen, vielleicht noch intensiver, weil wir wußten, daß unseres Bleibens dort nicht lange sein konnte. Auch den Kindern ist es so gegangen, das haben wir immer wieder aus Gesprächen mit ihnen über diesen Winter gemerkt. Wie wunderbar wirkte die weiß funkelnde Halde vor dem riesigen Bergmassiv mit seinem Saum von dunklen Wäldern der Kranz der übrigen Bergriesen ringsum, ob nun die heiße Sonne vom tiefdunkelblauen Himmel strahlte oder der Mond alles mit seinem magischen Schein übergoẞ und die Sterne so hell und in so großer Zahl funkelten, wie wir es noch nie vorher gesehen hatten! Das alles machte einen so unauslöschlich tiefen Eindruck auf uns, daß wir diese schwere, schmerzlich- süße Zeit nie missen möchten. - Resi hat von sich aus den Wunsch geäußert, mit uns in jenen Ort zu ziehen. Ich hatte Bedenken gehabt wegen 29 des Heimwehs, das sie vielleicht überfallen werde, da sie noch nie längere Zeit von Hause fort gewesen war, aber sie erklärte, daß sie keine Furcht davor habe, besonders weil wir ihr versprochen hatten, daß sie mindestens alle vierzehn Tage über Wochenende zu den Eltern fahren sollte. - Der Abschied wurde mir entsetzlich schwer, mir war, als verlöre ich mit dem Fortgehen aus dieser mir so lieb gewordenen Landschaft, von den Bewohnern, deren manche uns wie Freunde nah gekommen waren, und von dem Häusl, das bei aller Primitivität und Unbequemlichkeit des Bewirtschaftens uns doch so lieb und vertraut geworden war, wieder ein Stück Heimat. Und ein dunkles Vorgefühl, daß schlimme Zeiten kommen würden, verstärkte noch diesen Schmerz, dessen Heftigkeit mir selbst fast unheimlich war. - Dabei wurden wir im neuen Wohnort sehr freundlich willkommen geheißen. Frau Winterling bot ihre ganze Liebenswürdigkeit auf, um uns den Anfang leicht zu machen. Aber schon nach zwei Tagen klagte Resi über so heftige Schmerzen, daß der schnell herbeigeholte Arzt eine Blinddarmentzündung feststellte und die sofortige Überführung ins Reichenhaller Krankenhaus anordnete. Noch am gleichen Abend wurde sie operiert. Wir benachrichtigten ihre Eltern, die uns dann Resis ältere Schwester Kathi zur Aushilfe schickten. Resis Operation war nicht einfach, Komplikationen waren aufgetreten, und ihre Genesung ging nur sehr langsam vorwärts. Die Eltern besuchten sie alle Sonntage und kehrten dann auch bei uns ein. Ich konnte mich im neuen Haus nicht eingewöhnen. Unsere Zimmer waren zwar hübsch, aber ich fühlte mich nie wohl darin, und vor dem übrigen Haus, besonders aber vor der Küche und dem angrenzenden Raum, hatte ich geradezu ein Grauen, das mir selbst unerklärlich war. Wir haben oft darüber gesprochen, Du schütteltest den Kopf über mich und hast wohl manchmal gemeint, ich sei durch 30 die Aufregungen der vergangenen Monate überreizt oder gar hysterisch geworden. Über unsere Wirtin haben wir uns viel unterhalten. Sie imponierte uns durch ihre umfassende Bildung, ihre Sprachenkenntnis, die sie ständig erweiterte, ihr geschichtliches Wissen und ihre hübsche, geschulte Stimme. Du hast Dich besonders oft mit ihr unterhalten. Ihre Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit ging uns manchmal fast zu weit. Wir verwunderten uns zuweilen über das merkwürdige Leben, das sie führte. Sie ging niemals aus. In den drei Monaten, die wir bei ihr wohnten, erinnere ich mich nur an zwei Male, da sie das Haus verließ. Sie saß vom Morgen bis in die Nacht in dem schrecklichen kleinen Zimmer zwischen Küche und Treppenflur und schrieb, las oder unterhielt sich mit dem Hausmeister oder einem von uns. Fast nie sah ich sie eine Arbeit verrichten. Dabei hatte sie im Erdgeschoß außer einem oder zwei anderen Räumen, die immer verschlossen gehalten wurden, und deren eines ihr Schlafzimmer war, ein wunderschönes Wohnzimmer, das wohl auch in der Saison den Gästen als Eß- und Aufenthaltsraum diente. Aber in dem häßlichen, kleinen Raum, in dem sie saẞ, mußte jeder Mensch, der das Haus und die Küche verließ oder betrat, an ihr vorüber, denn der Vordereingang blieb auch geschlossen, als der Schnee geschmolzen war, was in diesem Jahre schon in den allerersten Märztagen begonnen hatte. Sie überschüttete die Kinder mit kleinen Geschenken, allerdings bat sie auch häufig, Besorgungen für sie zu erledigen, wogegen wir natürlich nichts hatten. Sie ließ es sich auch nicht nehmen, uns zu unseren Geburtstagen etwas zu schenken. Es war uns fast zuviel des Guten. Aber sonst konnten wir nichts gegen sie einwenden, wenn ich auch keine rechte Sympathie für sie zu empfinden vermochte. Sehr bald wandten sich die Gespräche, die Du mit ihr führtest, und denen ich gelegentlich beiwohnte, der politischen Sphäre zu. Sie erzählte, daß sie zu Beginn begeisterte Nationalsozialistin gewesen war, daß sie aber 31 jetzt, besonders wegen der Judenpolitik, von der Partei enttäuscht und von ihr abgerückt sei. Sehr bald begann sie auf alles, was Partei und Regierung taten, zu schimpfen, oft so übertrieben gehässig, daß wir beide, vor allem aber Du, sie zu beruhigen und ihre Übertreibungen auf das richtige Maß zurückzuführen versuchten. All das geschah so klug und war so geschickt gemacht, daß weder Du noch ich je in diesen ersten zehn Wochen darauf gekommen wären, es könnte zu einem besonderen Zwecke geschehen und nicht ehrlich gemeint sein. Im April endlich war Resi wieder gesund und konnte ihre Schwester ablösen. Aber wir merkten bald: Resi war nicht mehr die alte. Ihre harmlose Fröhlichkeit war dahin. Wir schoben es darauf, daß sie immer noch recht schonungsbedürftig war und sich oft müde und matt fühlte. Wenn ich sie fragte, sagte sie immer, es bedrücke sie nichts, als daß sie sich noch nicht kräftig und gesund fühle. Inzwischen hatte ich Dich immer wieder gebeten, nach einer neuen Wohnung in diesem Ort Umschau zu halten. Wir hatten bei Frau Winterling nur für drei Monate, d. h. bis zum 31. Mai gemietet, denn mit dem 1. Juni begann die Saison und damit die Möglichkeit, ihre Räume mit mehr Gewinn an Kurgäste abzugeben. Wir wollten uns in den Sommermonaten mit einer kleineren Wohnung begnügen, deren Saisonpreis unseren Verhältnissen angemessen war. Was haben wir uns alles angesehen! Im weiten Umkreis des Ortes besichtigten wir alle Häuser, die irgendwie in Frage kamen, und waren mehr als einmal dicht vor dem Abschluß des Vertrages, der sich dann aus irgendeinem Grunde im letzten Augenblick nicht realisieren ließ. Frau Winterling war uns anscheinend selbst in freundlichster Weise behilflich, immer wieder wußte sie ein Haus zu nennen, in dem wir noch nachfragen konnten. Ja, sie erzählte eines Tages sogar halb lachend, halb entrüstet, daß eine Frau, bei der sie unsertwegen vorstellig geworden war, sie miẞtrauisch gefragt hätte: ,, Warum wollen Sie 32 denn die Leute nicht selbst behalten, wenn es doch so gute Mieter sind? Die Sache muß doch einen Haken haben!“ Sie meinte weiter, sie hätte dann die weiteren Verhand- lungen mit der Frau kurz abgebrochen, denn ein Mensch, der nicht einsehen könne, daß man aus freundschaftlichen Gründen anderen zu etwas verhelfen wolle, was einem selbst Mühe verursache, der sei als Wirtin für uns nicht geeignet. In den ersten Maitagen mußte ich mich einer kleinen Operation unterziehen und ging zu unserem Arzt in die Klinik. Ursprünglich hatte er nur mit einigen Tagen Aufenthalt für mich gerechnet, aber es hatten sich gewisse Komplikationen gezeigt, und ich konnte erst am 16. Mai wieder heim. Doktor G. verlangte noch völlige Schonung für mich, aber Resi verstand sehr wenig vom Kochen, und wenn ich zu Hause war, konnte ich sie wenigstens an- weisen. Am Tag vor meiner Entlassung war wieder ein- mal eine Wohnung, auf die wir schon fest gerechnet hat- ten, plötzlich nicht mehr zu haben, und ich ließ mich in- folge meines noch wenig guten körperlichen Zustandes stärker von diesem Mißerfolg deprimieren als sonst. Außerdem hatte ich ein unendliches Grauen vor der Rück- kehr in das Haus, das mir je länger je mehr unheimlich und bedrückend erschien. Du hattest mich von der Klinik in B. abgeholt und mich die wenigen Bahnstationen bis zum Wohnort begleitet. Auf dem kleinen Bahnhof standen die Kinder und winkten mir mit ihren für mich gepflückten Blumen fröhlich entgegen. Aber im Hause erwartete uns ein neuer Schrecken: Frau Winterling, die uns ziemlich verlegen und ohne den üb- lichen liebenswürdigen Wortschwall empfing, teilte uns kurz mit, daß Resi in einer schweren Ohnmacht auf ihrem Bett liege. Was sie auch probiert habe, nichts hätte sie zum Erwachen bringen können. Wir baten den Reichen- haller Arzt zu kommen, der sie schon vor der Blinddarm- operation besucht hatte. Er schüttelte den Kopf und ver- 3 Behrend, Ich stand nicht allein 33 anlaßte eine erneute Einweisung ins Krankenhaus. Kurz vor dem Eintreffen des Krankenwagens erwachte Resi, war aber kaum imstande zu sprechen und an allen Gliedern wie gelähmt. Traurig nahmen wir Abschied von ihr. - Wir hatten geplant, in einigen Tagen zur Beschleunigung meiner Erholung in das reizende Dörfchen Au zu fahren, das ich schon von einem Sommeraufenthalt in meiner Kindheit kannte und immer als besonders reizvoll in Erinnerung behalten hatte. Nun kündigten wir unsere Ankunft schon für den nächsten Tag an. Auch an Resis Mutter sandten wir telephonisch Nachricht, und sie kam sofort, um ihre Tochter zu besuchen und mir behilflich zu sein, die nötigen Sachen für die kleine Reise zu packen. Ich muß bis zur Abfahrt am kommenden Tag eine schwere Belastung für Dich gewesen sein, mein Lieber. Denn meine Tränen strömten unaufhörlich, und nicht nur meiner elenden Verfassung, der entgangenen Wohnung und Resis traurigen Schicksals wegen, sondern in dumpfer Ahnung weiteren, sich wie Gewitterwolken über uns zusammenballenden künftigen Unheils. -- Wieder war uns eine Atempause vergönnt. Meine Bedrückung wich vor dem unendlich lieblichen Tal mit den über und über blühenden Wiesen voller Margeriten die eine, voller wilder Stiefmütterchen eine andere, vor dem lustigen Bergbach und den schmucken Häusern, die weit über die Berglehnen verstreut waren. Wir wohnten im letzten, höchst gelegenen Haus, im gleichen, in dem ich etwa dreißig Jahre vorher mit Eltern, Geschwistern und der geliebten Großmutter herrliche Ferienwochen zugebracht hatte. Immer wieder ließen sich die Kinder davon erzählen, wie es damals gewesen war, jede Einzelheit wollten sie wissen. Und ich berichtete nur zu gern davon, ließ mich zurücktragen in jene Zeit der Sorglosigkeit und Jugendlust! In der kräftigen Bergluft machte meine Erholung gute Fortschritte. 34 Von Resi hörten wir, daß man mit einem längeren Krankenhausaufenthalt rechnen müsse, noch wußten die Ärzte nicht, was ihr eigentlich fehle. Da ihre Schwester eine Saisonstelle angetreten hatte, mußten wir uns nach einem anderen Ersatz umsehen. Wir fanden ihn rasch; die Schwester eines Gesellen unseres Hauswirtes, siebzehnjährig, suchte eine Haushaltstelle. Ihre Eltern wohnten auf österreichischem Gebiet. Die Grenze verlief dicht hinter dem Dörfchen. Du gingest hin nach genauer Verabredung und fandest sie jenseits der Schranken. Die gutmütigen Zollbeamten gestatteten die Annäherung gern, als ihnen der Sachverhalt erklärt wurde. Hedwig gefiel Dir gleich gut, und auch sie äußerte ihre Zufriedenheit, zu uns zu kommen. - In den letzten Maitagen fuhren wir wieder nach Reichenhall zurück, am 1. Juni sollte Hedwig antreten. Bis dahin half Resis Schwester noch aus. Mit Frau Winterling war besprochen, daß sie uns von den vier Zimmern, die wir bisher bewohnten, die drei ineinander gehenden weiter vermieten würde. Ein besonderer Mietvertrag sei nicht notwendig, die Kündigung könne vierzehntägig erfolgen. Zunächst würden wir für die drei Zimmer den selben Mietpreis bezahlen wie vorher für die vier, da jetzt die Vorsaison beginne. Für die Saison, sollten wir dann noch da sein, würde ein entsprechender Aufschlag mit ihr vereinbart werden. Am 1. Juni ziemlich früh morgens wurde uns der Gemeindesekretär gemeldet, der Dich zu sprechen wünschte. Er eröffnete uns, daß der Parteikommissar des Kreises unser weiteres Verbleiben in seinem Kreise nicht wünsche. Frau Winterling, die ohne weiteres der Unterredung beigewohnt hatte, die in ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsraum stattfand, gab nach der Entfernung des Sekretärs ihrer Empörung in den schärfsten Worten Ausdruck. ,, Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle täte?", sagte sie ,,, ich würde mich einfach nicht daran kehren und ruhig hier3* 35 bleiben. Was kann Ihnen denn geschehen? Nichts, denn dieses Vorgehen ist absolut ungesetzlich." Wir waren beide still und gingen in unsere Zimmer. Bald darauf kam Frau G., Resis Mutter, um ihre Tochter im Krankenhaus zu besuchen und uns vorher zu sehen. Aber sie hatte noch etwas Besonderes auf dem Herzen und wünschte, mich allein zu sprechen. ,, Ich hätte Ihnen schon längst etwas sagen sollen", begann sie bedrückt ,,, bei jedem Besuch, den ich bei Resi mache, beschwört sie mich, offen mit Ihnen zu reden. Aber es ging Ihnen so schlecht, und bis in die Au hinauf wollte ich Sie nicht damit verfolgen, doch nun kann und darf ich nicht länger warten. Sie haben sich, wie Resi mir erzählte, oft Gedanken darüber gemacht, daß sie bald nach ihrer Rückkehr aus dem Krankenhaus ganz gegen ihre Art so still gewesen sei. Das hatte seinen guten Grund. Frau Winterling begann, sich mit ihr zu unterhalten, sie auszufragen nach Ihnen und Ihrem Mann, ihr zu sagen, daß sie es ihrer Meinung nach gar nicht gut bei Ihnen habe, daß sie zu wenig und zu schlecht zu essen bekäme, und daß sie, Frau Winterling, ihr eine viel bessere und viel leichtere Stelle bei höherem Verdienst verschaffen könne, wenn sie, Resi, nur einwillige." Zudem seien wir Juden, minderwertige Menschen, mit denen die jetzige Regierung sicher bald aufräumen werde. Da sei es klüger, sich beizeiten von uns zu trennen. Resi hat versucht, sie zu widerlegen, aber sie ist gegen Frau Winterlings Redegewandtheit nicht aufgekommen. Da hat sie sich überlegt, sie wolle das schweigend über sich ergehen lassen, uns aber nichts davon sagen, da wir ohnehin Sorgen genug hätten und ja auch möglichst bald das Haus von Frau Winterling wieder verlassen wollten. Frau G. fuhr fort zu erzählen: ,, An dem Tag, an dem Sie, liebe Frau Doktor, aus der Klinik zurückkamen, war Resi darüber voller Freude, denn in der Zeit Ihres Fernseins hatte Frau Winterling sie häufiger und stärker bearbeitet als je zuvor. Resi war in die Küche gegangen, um das Geschirr 36 zu spülen, als die Frau erneut auf sie einredete. Sie wüßte, daß wir Resi ausbeuteten, es dränge sie, ihr zu helfen. Resi müsse es nur geschehen lassen, dann würde es ihr bald so gut gehen, wie sie sich gar nicht vorstellen könne. Resi beeilte sich, aus der Küche zu kommen, und ging in ihr Zimmer, um sich noch ein bißchen auszuruhen, wie sie es fast täglich tat. Doch kaum lag sie auf ihrem Bett, da erschien Frau Winterling von neuem mit einem Papier und einem Stift in der Hand. Resi brauche nur dies Papier zu unterschreiben, dann mache sich alles Übrige schon von selbst. Resi weigerte sich, Frau Winterling wurde dringender., Du wirst reich werden, wenn du es tust, sei nicht so dumm, du stehst deinem Glück im Weg! Resi erklärte wieder, nie werde sie dies Papier unterschreiben. Schließlich ließ die Frau achselzuckend von ihr ab. Resi schleppte sich hinunter, um Kaffee zu kochen, doch noch ehe sie die Küche erreichte, wurde ihr schwarz vor den Augen, und Frau Winterling konnte gerade noch hinzuspringen und sie zu einem Stuhl führen, sonst wäre sie umgefallen. Etwas später habe Frau Winterling ihr dann ein Getränk gereicht:, Nimm das, es wird dich beruhigen und dir gut tun, ich bringe dich dann wieder herauf, du hast noch Zeit, ein wenig zu ruhen. Den Kaffee bereite ich, und ich wecke dich dann, kurz ehe sie kommen. Gehorsam schluckte Resi das Getränk, in das Frau Winterling eine ihr unbekannte Droge getan hatte und ließ sich willig zu ihrem Bett bringen, wo sie gleich darauf in die tiefe Ohnmacht fiel, in der Sie sie angetroffen haben. Hier ist ein Brief von ihr, in dem sie für Sie alles aufgeschrieben, wie es sich abgespielt hat, und wie ich es Ihnen eben kurz geschildert habe." Ich unterbrach sie ungestüm: ,, Aber hat denn Resi nichts davon dem Arzt gesagt? Wenn sie es gleich mitgeteilt hätte, hätte der Arzt wahrscheinlich feststellen können, was Frau Winterling ihr gegeben hatte, und man wüßte vielleicht besser, was ihr eigentlich fehlt." Frau G. verneinte. ,, Und nun noch eins, liebe Frau Doktor", fuhr 37 sie fort ,,, Resi bittet und beschwört Sie, doch bloẞ so schnell wie möglich mit der ganzen Familie von hier fortzugehen, ehe ein großes Unglück geschieht." Ich habe Frau G.'s Erzählung nicht mehr mit ihren Worten wiedergeben können, aber Du weißt, daß ich sie nur in unsere Sprache übertragen habe und daß der Sinn genau derselbe ist. Ich erklärte ihr, daß ich Dich von dem Gehörten sofort in Kenntnis setzen müßte, was auch geschah. Frau G. verließ uns dann, ein wenig erleichtert, um Resi zu besuchen und ihr zu sagen, daß wir nun alles wüßten, ihren Brief mit der genauen Darstellung in Händen hätten und so schnell wie möglich unsere Konsequenzen aus dem Mitgeteilten ziehen würden. Wir waren zunächst wie betäubt. Längst schon wußte Frau Winterling in allen Einzelheiten, was sich zwischen dem Lehrer, dem Bürgermeister und uns abgespielt hatte. Was lag näher als der Gedanke, daß sie auch mit ihnen in Verbindung stand! Aber was konnte sie für ein Interesse daran haben, gegen uns vorzugehen? Noch sahen wir nicht klar, konnten nicht so schnell begreifen, daß sie ein Agent provocateur war, eine Spionin großen Stils vielleicht, der ein solches Intrigenspiel eine willkommene Abwechslung, einen Nervenkitzel bedeutete. Zudem hatte sie wirtschaftlich nichts mehr von uns zu erhoffen, über die tote Zeit hatte ihr die Miete, die sie von uns bekam, hinweggeholfen, in der Saison, die nun einsetzte, konnte sie von Kurgästen mehr einnehmen.- Wir beschlossen, uns Frau Winterling gegenüber nichts anmerken zu lassen, was wir auch Frau G. versprochen hatten, und zu unserem Arzt zu fahren, um mit einem unbefangenen, uns wohlgesinnten, klugen Mann die ganze Angelegenheit zu besprechen und dann unseren Beschluß zu fassen. Die Fahrt zum Doktor würde Frau Winterlings Argwohn nicht erregen, weil sie wußte, daß ich nochmals zur Nachuntersuchung zu ihm bestellt war. 38 - Ich mußte hinunter in die Küche, Resis Schwester war früh abgefahren, um ihre Sachen für die neue Stelle zu rüsten, und das Mittagsgeschirr mußte gespült werden. In der schrecklichen Küche überfiel mich das Gefühl der kommenden Schwierigkeiten und die ganze Tragweite des Entsetzlichen, das wir erfahren hatten, so stark, daß ich meine Tränen nicht zurückhalten konnte. Gleich darauf erschien Frau Winterling, um irgend etwas zu holen und sah meine Tränenspuren. Sofort eilte sie auf mich zu, umarmte und streichelte mich und sagte: ,, Aber Sie dürfen doch das, was der Sekretär Ihnen mitteilte, nicht tragisch nehmen! Es wird schon alles gut werden, die bösen Menschen, die solche Verfügungen erlassen, sind es doch nicht wert, daß Sie deswegen auch nur eine Träne vergießen!" ,, Da haben Sie recht", sagte ich energisch und machte mich von ihrer Umarmung frei ,,, das lohnt sich wirklich nicht." ,, So ist's richtig", entgegnete sie noch, indem sie in ihren Wohnraum zurückkehrte.- Am Nachmittag kam Hedwig, unsere neue, kleine Haushilfe. Wir hatten inzwischen überlegt, sie mitzunehmen, wenn wir bald fortgehen würden. Sie hatte keine genaue Zeit ihrer Ankunft angegeben, aber Du hattest ihr den kurzen Weg vom Bahnhof bis zum Hause genau beschrieben. Frau Winterling zeigte ihr, wo unsere Zimmer waren. Hedwig gefiel mir auf den ersten Blick mit ihrem offenen Gesicht, ihren frischen Farben, den schönen schwarzen Augen und dem krausen dunklen Haar. Schnell hatte sie die erste Befangenheit überwunden. ,, Als ich in das Haus kam und die Frau unten mich begrüßte", so plauderte sie, als wir nach dem Kaffee zusammen beim Strümpfestopfen auf dem Balkon saßen ,,, bekam ich einen Schreck, weil ich meinte, sie sei es, zu der ich käme. Aber bei der wäre ich nicht geblieben, lieber wäre ich noch heute wieder nach Hause gefahren!" ,, Aber was hat sie denn zu dir gesagt?" fragte ich. ,, Nichts Besonderes, aber sie ist mir halt zuwider", gab sie freimütig zur Antwort. Dieses Naturkind 39 hatte ein feineres und besseres Gefühl als wir! Ich gab ihr den Rat, sich möglichst mit Frau Winterling nicht in Gespräche einzulassen, was sie, ohne weiter zu fragen, gern versprach. Unser Arzt hörte sehr aufmerksam zu, was wir ihm erzählten. Er war fest überzeugt, daß Frau Winterling Fühlung mit dem Lehrer und dem Bürgermeister genommen hatte und mit ihnen gemeinsam gegen uns arbeitete. ,, Versuchen Sie so schnell wie möglich fortzukommen. Sagen Sie ihr, ich hätte Ihrer Frau eine rasche Luft- und Umgebungsänderung verordnet. Noch besser wäre, wenn Sie heimlich fortgehen könnten, weil ich überzeugt bin, sie hat noch einen Coup vor und wird ihn in Szene setzen, wenn sie merkt, daß Sie abreisen wollen." Aber dies letztere war unmöglich, sie saẞ ja wie die Spinne im Netz und beobachtete jede Bewegung ihrer Opfer. ,, Halten Sie mich auf dem laufenden", bat der Doktor beim Abschied, ,, und wenn Sie irgendeine Hilfe brauchen, so denken Sie an mich." - - Am Abend hatten wir dann eine Unterredung mit Frau Winterling, in der wir ihr sagten, der Arzt wäre mit meinem Befinden sehr wenig zufrieden gewesen was durchaus den Tatsachen entsprach und habe einen schleunigen Ortswechsel- etwa die Gegend von Mittenwald angeraten. Frau Winterling war nicht ganz so liebenswürdig wie sonst, aber wir trennten uns in äußerlich gutem Einvernehmen, nachdem wir die Wohnung zum 1. Juli gekündigt hatten. Um so erstaunter waren wir, als drei Tage später morgens bei uns ein Angestellter der Reichenhaller Kurbehörde erschien, um zwischen unserer Wirtin und uns eine schwebende Mietstreitigkeit zu schlichten. Auf unser Erstaunen hin zeigte er uns einen Brief von Frau Winterling, in dem sie Forderungen wegen entgangenen Mietgewinns geltend machte. Sie behauptete, sie hätte uns drei Zimmer für weitere drei Monate vom 1. Juni ab vermietet, und jetzt woll40 ten wir in kürzester Frist Reichenhall verlassen. Sie müsse auf einem größeren Schadensersatzbetrag bestehen, da sie eine Reihe von Mietsangeboten durch Kurgäste unsertwegen zurückgewiesen hätte. Wir legten dem Beamten den Sachverhalt dar, und Du erklärtest ihm, Du seiest selbstverständlich bereit, den Monat Juni voll zu bezahlen, wolltest auch um des lieben Friedens willen diese Summe noch etwas erhöhen, aber zu einer größeren Zahlung könntest Du Dich nicht verpflichten. Und nun ging ein stundenlanges Unterhandeln an, bis nach vier Stunden der Beamte, völlig erschöpft, uns eine immer noch recht beträchtliche Summe nannte, die das Mindeste sei, was Frau Winterling fordere. Er bat uns, darauf einzugehen, er jedenfalls könne eine weitere Verhandlung mit dieser Frau nicht übernehmen. Auch ich war dafür, nachzugeben. Ausgemacht wurde noch, daß die Hälfte des Betrages bei unserem Auszug, die zweite Hälfte bei Abholung des Restes unserer Sachen zu erlegen sei, die bis zum 30. Juni in dem hintersten der drei Zimmer aufbewahrt bleiben sollten. Der Beamte legte Dir den kurzen von Frau Winterling bereits unterschriebenen Vertrag zur Unterschrift vor und entfernte sich mit der Bemerkung, daß er kaum je vorher soviel Mühe mit einer Mietseinigung gehabt habe.„ Aber Sie sind nicht schuld, das weiß ich", schloß er lächelnd, als er sich verabschiedete. Uns aber hatte die ganze Angelegenheit bewiesen, daß Frau Winterling nun bereit sei, mit offenem Visier zu kämpfen. - - Wir beschlossen, am 10. Juni 1934 abzureisen. Wir wollten zunächst nach München gehen und teilten das Resis Eltern brieflich mit. Wir erhielten umgehend die Antwort, daß Frau G. am Donnerstag, dem 7. Juni, zu uns kommen werde und mich bäte, mit ihr zu Resi ins Krankenhaus zu gehen, da diese sich sehr wünschte, mich noch zu sehen, besonders wenn wir nun aus ihrer Nähe verschwinden würden. Frau G. stellte sich, wie verabredet, zum Mittagessen bei uns ein, und wir beide machten uns kurz vor zwei Uhr 41 zu Resi auf den Weg. Das Haus lag an der großen Straße, und wir waren noch nicht weit von ihm entfernt, als wir den Gendarmeriewachtmeister auf seinem Rade von der Stadt her uns entgegenkommen sahen. ,, Hoffentlich will er nicht zu uns, der Herr O.", sagte ich halb ernst, halb scherzend zu Frau G. ,, Wie kommen Sie nur darauf?" erwiderte sie mir. Doch schon war er bei uns und stieg ab, uns zu begrüßen. Er kannte Frau G. gut von seiner früheren Stationierung in ihrer Heimat, und wir hatten ihn auch gelegentlich dort getroffen. ,, Frau Doktor, ist Ihr Mann zu Hause?" fragte er mich dann, und auf meine Bejahung fuhr er fort: ,, Ich habe einen Auftrag an ihn." ,, Ich gehe mit Ihnen", antwortete ich und bat Frau G., auf mich zu warten. Es stellte sich heraus, daß der Wachtmeister beauftragt war, uns unseren Paß abzunehmen. Du fragtest ihn, ob das der Vorläufer einer Verhaftung wäre, und er antwortete, daß ihm davon nichts bekannt sei. Du batest ihn, mitzuteilen, daß wir den Paß bald als Ausweispapier brauchen würden, da wir beabsichtigten, am 10. Juni abzureisen. Dann fuhr er wieder davon. Du sagtest mir, daß Du jetzt in die Stadt hinuntergehen würdest, um, wie besprochen, noch einen Koffer zu kaufen und Geld von der Sparkasse zu holen. Ich lief voraus, um Frau G. nicht länger warten zu lassen. Wir hatten uns gerade wieder in Bewegung gesetzt, als Frau Winterlings Hausmeister auf einem Motorrad in SA.- Uniform auf uns zukam, anhielt und mich völlig übersehend zu Frau G. sagte: ,, Sie müssen sich vor den Behrends hüten, das sind Schweinehunde!" Unglücklicherweise warst Du zur gleichen Zeit herausgekommen und hattest gehört, was er mit ziemlich lauter Stimme rief. ,, Sagen Sie das noch einmal, Herr J.", hast Du ihm zugerufen. ,, Jawohl, ich sage es nochmals, Sie sind ein Schweinehund", brüllte er nun, versetzte Dir, da Du inzwischen neben ihm standest, einen Kinnhaken, daß Du lautlos auf die Straße stürztest, und griff dann blitz42 schnell nach der Satteltasche, in der sein Revolver war. Ich stand wie angewurzelt und war unfähig, ein Glied zu rühren, aber Frau G., die mit mir seine Bewegung verfolgt hatte, ergriff geistesgegenwärtig seine rechte Hand, die nach der Waffe gelangt hatte, hielt sie fest und sagte: ,, Sie müssen mir erklären, was Sie über diese Leute gesagt haben, Herr J.", und sie redete, immer seine Hand haltend, weiter auf ihn ein. Inzwischen hattest Du Dich langsam wieder erhoben und gingst, ohne Dich umzusehen, die Straße weiter bis zu dem kleinen Waldweg, der zum Stadtkern führt. Da endlich löste sich meine Starrheit, und ich lief an den beiden auf der Straße vorüber, Dir nach bis in das Wäldchen, wo ich Dich, meiner wartend, traf. Es war Dir glücklicherweise nichts geschehen, und wir besprachen in höchster Eile, was nun werden solle. ,, Wir müssen noch heute fort", sagtest Du, und das war auch meine Meinung. ,, Ich gehe in die Stadt, hole Geld, einen Koffer und bringe gleich ein Auto mit, das uns alle zum Bahnhof führt. Du mußt die notwendigsten Sachen für uns und die Kinder packen und Hedwig nach Hause schicken. Eile dich möglichst, damit Du fertig bist, wenn ich mit dem Auto komme. Frau G. mußt Du sagen, daß Du nicht mit ihr zu Resi gehen kannst, sie muß sie von uns allen grüßen und ausrichten, daß wir ihr bald schreiben werden." Ich habe Deine Ruhe und Geistesgegenwart damals unendlich bewundert, ich zitterte noch am ganzen Körper, und meine Beine bewegten sich, als hingen Bleiklumpen daran. Wieder ging ich an dem Hausmeister und Frau G. vorüber, die noch an der gleichen Stelle standen. Mühsam stieg ich die Treppe im Haus hinauf, und oben sagte ich Hedwig kurz Bescheid. Sie hatte sich gut bewährt, war flink, geschickt, fleißig und anstellig, immer fröhlich und willig. Auch jetzt tat sie ihr Möglichstes, ich brauchte nur anzugeben, was zu geschehen hatte. Die Kinder, die gleichfalls ruhig und vernünftig waren, holten alles herbei und Hedwig packte ein. Was nicht mitgenommen werden 43 sollte, wurde sofort in das hinterste Zimmer gebracht, dort allerdings ziemlich wahllos aufgestapelt. Aber ich habe eins zu erwähnen vergessen. Gleich nachdem ich in der Wohnung angekommen war, hörte ich Frau G. von unten rufen. Ich ging auf den Balkon und sagte ihr, daß ich nicht mit ihr kommen könne. Sie müsse Resi sagen, daß wir nun sofort abreisten. Ich wüßte auch nicht, ob wir sie, Frau G., bei ihrer Rückkehr aus dem Krankenhaus noch sehen würden. ,, Ich komme ganz schnell zurück", rief sie mir zu und verschwand. Später erzählte sie mir, daß sie stracks zu Herrn J. gegangen sei und ihm erklärt habe, er müsse sie mit dem Motorrad ins Krankenhaus fahren, was er völlig überrumpelt ohne weiteres tat. Es ist das erste und wohl auch das einzige Mal in ihrem Leben gewesen, daß sie sich in ihrer schönen Berchtesgadener Tracht dem sonst mit soviel Mißtrauen, ja, Abscheu angesehenen, lärmenden Vehikel anvertraut hat. Als wir das Auto kommen hörten, waren wir mit Packen und Aufräumen fertig. Hedwig hatte den Lohn für den Monat erhalten und das Kostgeld dazu. Sie wollte nach unserer Abfahrt sofort ihre Sachen packen und noch abends nach Berchtesgaden fahren, wo sie in der Nähe eine verheiratete Schwester hatte, bei der sie übernachten konnte. Sie wäre um nichts in der Welt noch eine Nacht in diesem Hause geblieben. Wir verabredeten auch, daß ich ihr schreiben würde. Das Auto hielt: Du kamst die Treppe herauf, übrigens hatten wir uns seit dem Besuche des Beamten von der Kurverwaltung ausbedungen, daß die vordere Haustür geöffnet und uns zur Benutzung freigegeben wurde, damit wir nicht immer an Frau Winterling oder Herrn J., der gleichfalls den ganzen Tag in ihrem Wohnraum herumlungerte, vorübergehen mußten.- Die Koffer wurden heruntergetragen, ich bewog Dich, mir die Zahlung der ersten Hälfte der ausgemachten Summe an Herrn J. zu überlassen, der von seiner Herrin bestimmt war, sie ent44 gegenzunehmen. Ich bekam eine Quittung, ohne daß zwischen uns ein Wort gewechselt worden wäre. Dann gingen wir, Du und ich, zusammen hinunter, die Kinder waren mit Hedwig schon am Auto. Da trat uns unten der Gendarmeriewachtmeister mit einem zweiten Beamten entgegen: ,, Ich muß Sie verhaften, Herr Doktor." Du fragtest, schnell gefaßt, wohin man Dich bringe, und ob Du mir noch Geld übergeben dürftest. Die zweite Frage wurde bejaht, Du übergabst mir ein paar hundert Mark, auf die erste Frage lautete die Antwort: ,, In das Gefängnis des Bezirksamtes." Der Wachtmeister schlug dann vor, die Koffer auf dem Auto und Dich in Begleitung des zweiten Beamten ins Bezirksamt fahren zu lassen; inzwischen werde er selbst in meiner Gegenwart unsere übrigen Sachen einer Durchsuchung unterziehen. Das Auto würde dann zurückkommen und die Kinder mit mir in irgendein Hotel fahren.- Zu langem Abschiednehmen wurde uns keine Zeit gelassen, alles hatte sich in wenigen Minuten abgespielt. Wieder kam es mir vor, als hätte ich Blei in den Gliedern, langsam stieg ich hinter den ganz verschüchterten und stummen Kindern die Treppe hinauf. Der Wachtmeister und Hedwig folgten. Oben hieß er sie mit Peter und Hanna im zweiten Zimmer warten, er müsse mich erst allein sprechen. - - Vorwurfsvoll begann er dann: ,, Vor ein paar Stunden haben Sie und Ihr Mann mir gesagt, Sie wollten am Sonntag, dem 10. Juni fort- heute ist Donnerstag und nun finde ich Sie bei einer sofortigen überstürzten Abreise. Was hat das zu bedeuten? Was hatten Sie für einen Grund, mir nicht die Wahrheit zu sagen?" Ich begann ihm den Verlauf dessen zu schildern, was sich ereignet hatte. Doch ich merkte sehr bald, er glaubte mir nicht! Wie sollte ich ihm beweisen, daß ich die Wahrheit sprach? In dieser verzweifelten Situation mußte ich plötzlich an die Frauen aus dem Berliner Gefängnis denken, die mir so oft versichert 45 - hatten die einen ergeben in ein unabwendbares Schicksal, die anderen in wilder Auflehnung gegen eine nicht zu verwindende Ungerechtigkeit-: ,, Wie soll ich die Polizei oder das Gericht davon überzeugen, daß ich die Wahrheit spreche? Sie begegnen im besten Falle, wenn Sie keine Zeugen haben, einem verblüfften Unglauben, meistens aber beißender Ironie." Aber ich hatte ja einen Zeugen! Und da ging auch die Türe schon auf, und herein rauschte( so empfand ich es damals mit einer unbeschreiblichen Erleichterung) Frau G.! Schon begann sie: ,, Was geht hier vor?" Da fiel ihr der Wachtmeister ins Wort: ,, Sie dürfen nicht reden, bevor Sie gefragt werden, Frau G., ich bin dienstlich hier!" Aber dann ließ er sie erzählen, und sie sprudelte den ganzen Hergang heraus, genau so, wie ich ihn vorher berichtete. Unser plötzlicher Entschluß zur Abreise erschien nun auch ihm völlig gerechtfertigt. - Hedwig wurde herbeigerufen und kurz vernommen, während ich mit Frau G. zu den Kindern ging. Sie hat mir geschrieben, daß er sie fragte, wie wir sie behandelt hätten. Aber ihre Aussage hatte wenig Wert, da sie erst eine knappe Woche bei uns war. Als wir wieder hereinkamen, sagte sie gerade schluchzend: ,, Und wenn Ihr alle glaubt, die Behrends seien schlechte Menschen, ich glaub's nicht!" Die Durchsuchung der Sachen ging sehr schnell, nichts irgendwie Belastendes fand sich darunter. Aber nun kam die Frage, wo sollte ich mit den Kindern hin? Ich kannte kein Hotel und keinen Menschen im Städtchen, und so lange Du dort warst, wollte ich unter allen Umständen mit den Kindern in Deiner unmittelbaren Nähe bleiben. Der Wachtmeister, dem ich die Frage vorlegte, schlug mir das Bahnhofshotel in Reichenhall- Kirchheim vor, das anständig und nicht teuer sei. Ich war sofort einverstanden. Er äußerte noch: ,, Ich schicke dann zwei Beamte ins Hotel, um auftragsgemäß noch Ihre Koffer durchsuchen zu lassen." Ich wandte ein, daß es keinen hervorragenden Ein46 druck machen werde, wenn gleich nach der Ankunft neuer Gäste die Gendarmerie erscheine, um ihre Sachen nachzusehen. Doch er beruhigte mich: ,, Die Beamten kommen in Zivil, und die Wirtsleute, die uns gut kennen, verständige ich", und damit verabschiedete er sich von Frau G. und mir. In der Tür wandte er sich nochmals an Frau G.: ,, Gell, Sie lassen die Frau Doktor jetzt nicht allein, fahren Sie halt mit dem letzten Zug heim." Frau G. versprach es. - - - Abschied von Hedwig ihre Tränen flossen, ich hatte keine und dann bestiegen wir das Auto: Krach! Ich hatte in der Erregung mit den Schirmen das Fenster zerbrochen. Aber der Chauffeur schimpfte nicht, er verstand, was in mir vorging, und sagte in seiner ruhigen bayrischen Art: ,, Machens Eahna garnix draus, Frau, was meinen S' wohl, unsre feinsten Herren sitzen heut im Gefängnis!" Der Wachtmeister hatte uns schon im Hotel Bavaria angemeldet, wir wurden fast wie alte, gut bekannte Gäste empfangen. Die Wahl der Zimmer war mir gleichgültig, so gab man uns die beiden besten im ersten Stock. Gleich darauf erschienen die beiden Beamten von der Gendarmerie, die Koffer wurden geöffnet, alle Sachen herausgenommen und sehr genau nachgesehen. Auch die Taschen Deiner Anzüge und Mäntel schauten sie nach und mein Herz setzte einen Augenblick aus aus der Tasche Deines Wintermantels zogen sie eine alte, längst vergessene Nummer der sozialdemokratischen Zeitung ,, Vorwärts" heraus! Aber sie sahen sie gleichmütig an und- taten sie an ihren alten Platz! Ich atmete auf. Jetzt waren sie fertig und kamen auf mich zu, um sich zu verabschieden, da stand Frau G. auf, stemmte die Hände in die Hüften und sagte im Ton tiefster Entrüstung: ,, Ja, was glaubt's Ihr denn? Soll jetzt' leicht die arme Frau zum zweiten Mal an so einem Tag alles wieder einpacken, wo s' sowieso nach ihrer Operation schlecht beianand ist! Dees war doch noch schöner!!" Ohne ein Wort zu erwidern, packten die bei- - 47 den Männer fein säuberlich die Sachen wieder in die Koffer, schlossen ab und übergaben mir die Schlüssel. ,, Gellet Sie, Frau Doktor", sagte der ältere von ihnen ,,, Sie wisset schon, daß wir nix dafür können, wir müssen halt unsere Pflicht tun." Als sie fort waren, meinte Frau G., die Kinder müßten jetzt unbedingt etwas essen und dann zu Bett gehen. Sie hatte recht! Es war fast 8 Uhr, und die beiden hatten seit dem Mittag nichts mehr bekommen. Sie saßen völlig still und von all den sich überstürzenden Ereignissen dieses Tages überwältigt und blaẞ da. Ich bestellte eine kalte Platte mit Brot und Butter für uns alle. Jetzt erst konnte ich Frau G. nach Resis Befinden fragen. ,, Es geht ihr noch nicht besser", sagte sie traurig, ,, nur als ich ihr sagte, daß Sie jetzt aus dem Haus dieser bösen Frau fortgingen, wurde sie lebendig und war sichtlich froh und erleichtert. Aber von der schrecklichen Szene auf der Straße habe ich ihr nichts erzählt." Während sie mir noch berichtete, daß sie in ihrer Aufregung und Angst, der Hausmeister könne doch noch den Revolver ziehen, gar nicht gesehen habe, wie ich Dir in das Wäldchen gefolgt sei, und deshalb meinte, sie müsse weiter mit ihm reden und ihn ablenken, ertönte vom Bahnhof her der schrille Pfiff einer Lokomotive. ,, Jesus Mariaundjoseph", rief sie ,,, mein Zug!" Aber es war schon zu spät, und sie meinte dann: ,, Es hat halt so sein sollen, daß ich heut nacht bei Ihnen bleibe, meine Leut werden sich hoffentlich keine Gedanken darüber machen, ich bin ja schon manchmal bei Ihnen zu Nacht geblieben; morgen mit dem ersten Zug fahre ich dann heim." Mir war's gewiẞ recht, diese treue Seele die Nacht über hier zu behalten, und ein Notbett war auf dem Ruhesofa schnell gerichtet. Auch ihr standen die Aufregungen des Tages und eine große Müdigkeit auf dem Gesicht geschrieben, so legten wir uns denn bald nieder. Aber ich konnte nicht schlafen, unaufhörlich dachte ich an Dich, wie Du wohl unter48 gebracht sein mochtest, ob Du ruhig und gefaßt sein würdest oder voller Unruhe und Verzweiflung! Und warum hatte man Dich überhaupt verhaftet? Was für ein Lügengewebe mochte von unseren Feinden gesponnen worden sein, um uns zu vernichten! Sah es nicht ganz so aus, als sollte es ihnen glücken? Aber ich wollte kämpfen, wollte alles tun, was möglich war, um das schlimmste Unheil abzuwenden! Doch was konnte ich ausrichten? Immer von neuem wälzten sich diese Gedanken durch mein Hirn. Ich hörte das ruhige Atmen der Kinder durch die offene Tür, auch Frau G. schlief ruhig. Wie lang war die Nacht! Viertelstunde für Viertelstunde hörte ich schlagen und war froh, als das erste Morgengrauen durch die Fenster schien. Ich mußte Frau G. wecken, damit sie nicht wieder ihren Zug verpaẞte. Wir verabschiedeten uns sehr herzlich von einander, der vergangene Tag hatte unsere Freundschaft noch befestigt. Nach dem Frühstück ging ich mit den Kindern, die einen Teil ihrer Frische wiedergefunden hatten, zum Bezirksamt, in dem sich auch das Gefängnis und das Amtszimmer des Regierungsrats von B. befanden, dem die Schutzhäftlinge unterstellt waren. Nach einigem Warten. wurde ich vorgelassen. Er empfing mich sehr höflich, konnte mir aber nur sagen, daß eine äußerst schwerwiegende Anzeige vorliege. Eine weitere Auskunft zu geben, sei noch nicht möglich, da Du noch nicht vernommen seiest. Ob ich bereit wäre, gleichfalls auszusagen? Ich sei berechtigt, die Aussage zu verweigern. Ich antwortete ihm, daß dazu keinerlei Anlaß vorhanden sei, ich wolle gern aussagen. Dann möge ich mich bereit halten, ob es allerdings heute noch möglich wäre, sei sehr zweifelhaft. Zum Schluß fragte er: Wie konnten Sie beide nur so unvorsichtig sein? War Ihnen nicht bekannt, in welchem Rufe Frau Winterling in ganz Reichenhall steht?" Ich verneinte erstaunt und sagte ihm, daß wir gänzlich fremd zu ihr gekommen wären und mit keinem Menschen in Reichenدو 4 Behrend, Ich stand nicht allein 49 hall oder Umgebung verkehrt hätten. Ich bestritt auch, daß wir unvorsichtig gewesen seien. Wir hätten uns zwar häufig mit ihr unterhalten, auch politisch, aber wir hätten uns immer sehr korrekt und vorsichtig geäußert und uns über ihr hemmungsloses Schimpfen manchmal gewundert. Zaghaft wagte ich dann die Frage, ob ich Dich besuchen dürfe. Das wurde verneint. ,, Aber schreiben dürfen Sie jeden Tag. Sie geben mir die Briefe zur Kontrolle, ich lasse sie zu Ihrem Mann befördern. Und Sie dürfen den Inspektor des Gefängnisses Ihren Mann fragen lassen, ob er irgendwelche Wünsche habe in bezug auf Genuẞmittel oder Wäsche und Kleidungsstücke. Uebrigens darf er als Schutzhäftling besondere Kost haben, die nach Ihren Wünschen zubereitet wird. Ich werde ihm auch sagen, daß er Ihnen schreiben kann. Aber ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß die ganze Sache außerordentlich ernst und gefährlich ist." Ich konnte dann allerlei für Dich besorgen, darunter das kleine Daunenkissen, das ich extra anfertigen und mit mehreren Bezügen zum Wechseln versehen ließ. Die Inhaberin des Geschäfts, die mich selbst bediente, meinte: ,, Das soll gewiß für einen lieben Kranken sein, daß es mit solcher Liebe ausgesucht wird?" Ich konnte nur nicken.- Am Nachmittag holte ich mir den Bescheid, daß ich morgen früh um neun Uhr zur Vernehmung in der Gendarmeriestation erwartet werde, und erhielt zu meiner größten Freude das erste Zettelchen von Dir! Im Hotel hatte ich inzwischen das ,, Fürstenzimmer" mit einem sehr einfachen, aber freundlichen im obersten Stockwerk vertauscht, in dem drei Betten standen. Die Kinder, die mich tagsüber ständig begleitet hatten, ließ ich heute früh zu Bett gehen und fuhr zu unserem Arzt und seiner Frau, um ihnen zu berichten, was geschehen war. Zugleich bat ich ihn, mir einen Anwalt zu empfehlen, der unsere Sache führen würde. ,, Ich glaube, ich weiß einen geeigneten Anwalt für Sie", sagte Dr. G. ,,, zwar kenne ich ihn nicht persönlich, aber Dr. Werner ist mir so oft gerühmt worden, daß ich 50 ihn mit gutem Gewissen empfehlen kann, hoffentlich übernimmt er das Mandat." Nachdem er mir noch allerlei Medikamente, auch Kolapillen und ein wirksames Schlafmittel gegeben hatte, verabschiedete ich mich dankend.Das Verhör am nächsten Morgen enthüllte mir die ganze Schwere der Anklage, die von Frau Winterling gegen Dich erhoben war. Nun verstand ich, daß es um Kopf und Kragen ging! Du solltest Behauptungen aufgestellt und Schimpfworte gegen das Regime und Hitler persönlich gebraucht haben, die Dir nach den geltenden Bestimmungen die Todesstrafe oder zum mindesten viele Jahre Zuchthaus einbringen mußten, sollten sie von Gerichts wegen Dir zugeschrieben werden. Daneben wurden wir beide der Ausbeutung und der schlechten Behandlung unserer Hausangestellten angeklagt. Meine Vernehmung dauerte drei Stunden, das Abfassen des Protokolls bereitete besondere Schwierigkeiten. Unser alter Wachtmeister O. vernahm mich. Ich konnte mit gutem Gewissen alle Anschuldigungen als unwahr zurückweisen, wußte bei einigen auch, wie sie durch Uebertreibungen und Verdrehungen dessen, was Du wirklich geäußerst hattest, zustande gekommen waren. Aber wenn Herr O. seine Sätze für das Protokoll formulierte, mußte ich oft erklären, daß sie nicht genau dem entsprachen, was ich gesagt oder gemeint hatte. Schließlich schlug ich ihm nach einigen vergeblichen Absätzen vor, selbst das Protokoll zu diktieren, womit er sich seufzend einverstanden erklärte. - Uebrigens hatte ich am Morgen bei der Abgabe eines Briefes für Dich kurz Herrn v. B. gesprochen. ,, Haben Sie keinen arischen Bekannten", fragte er ,,, der Fühlung mit den Nationalsozialisten hat und ein Zeugnis für Sie ablegen kann? Er müßte nicht nur glaubhaft machen, daß Ihrem Manne solche Schimpfworte, wie sie ihm vorgeworfen werden, kaum zuzutrauen sind, sondern es müßte auch allgemein etwas über Ihr Familienleben und besonders über Ihr Verhältnis zu Ihren Hausangestellten darin enthalten sein." 4* 51 Zuerst wollte mir lange niemand einfallen, aber dann dachte ich an Friedrich Sch., den Studenten, dem wir, da er mittellos war, unsere Mansarde überlassen hatten und ihn auch beköstigten. Wir lernten ihn im Perower Volkshochschulheim von Fritz Klatt kennen, in dem wir beide gelegentlich als Gastlehrer gewirkt hatten, und dem wir die Bekanntschaft vieler junger Menschen verdankten. Friedrich Sch. studierte Philosophie und half, als Gegengabe für Kost und Logis, unserem Jungen bei seinen Schularbeiten. Wir schätzten beide den jungen frischen Menschen sehr, er war im Winter 1933 zu uns gekommen und bis Ende April geblieben. Dann ging er nach Leipzig an die Universität, schrieb uns aber weiterhin ziemlich regelmäßig. Er hatte uns auch mitgeteilt, daß er zum Führer der philosophischen Fachschaft der Universität gewählt worden war. Gleich nach dem Mittagessen setzte ich mich hin und schrieb ihm ausführlich, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte. Selbstverständlich teilte ich ihm die Beschuldigungen nicht im einzelnen mit, es genügte für ihn zu wissen, daß Dir unqualifizierbares Schimpfen auf die Regierung und daneben uns beiden schlechte Behandlung und Ausbeutung unserer Hausangestellten vorgeworfen wurden. Ich fragte ihn an, ob er meine, uns ein solches Zeugnis, wie es der Regierungsrat für gut erachtete, ausstellen zu können, ohne sich selbst damit zu schaden.- Am Nachmittag um drei Uhr machte ich mich zur Kanzlei des Anwalts auf. Aber es war Samstag, und ich wußte nur zu genau, was ein Samstagnachmittag in Bayern bedeutete. Wie erwartet, fand ich die Kanzlei geschlossen. Schweren Herzens ging ich zur Privatwohnung. Wenn auch der Zeitpunkt meiner Absichten nicht gerade günstig war, so konnte ich einfach nicht länger warten, ich mußte es wagen! Zaghaft stand ich vor der Wohnungstür und klingelte. Eine sehr freundlich aussehende Dame öffnete, und ich bat, Herrn Dr. Werner in einer dringenden Angelegenheit sprechen zu dürfen. Frau Werner sie war es selbst52 hat mir später erzählt, sie habe mir sofort angemerkt, daß es etwas Besonderes sei, weshalb ich gekommen. Daher habe sie mich auch hereingelassen, obwohl ihr Mann ihr mittags im Scherz erklärt habe: ,, Wenn du mir. heute nachmittag einen Mandaten bringst, schlage ich dich tot." Die Gute ließ es darauf ankommen, führte mich ins Wohnzimmer und bat mich, einen Augenblick zu warten. Bald darauf kam Herr Dr. Werner. Ich erklärte ihm, daß Du vor zwei Tagen auf eine Denunziation hin in Schutzhaft genommen und ins hiesige Gefängnis verbracht worden seiest. Die Sache sei ernst und schwierig. Ob ich ihn trotzdem bitten dürfte, die Führung Deiner Sache zu übernehmen. ,, Aber", so schloß ich, ,, ich muß gleich sagen, daß wir Juden und Sozialdemokraten sind!" ,, Na, hören Sie", erwiderte er in erstauntem Tone ,,, sind das denn keine Menschen?" ,, Nach den Erfahrungen der letzten Zeit mußte ich annehmen, daß man uns für gewöhnlich nicht mehr dafür hält", entgegnete ich ihm. ,, Nun, ich bin anderer Meinung und gern bereit, Ihre Sache zu vertreten." Ich atmete auf und gab ihm die notwendigen sachlichen Informationen. Auch er äußerte seine Verwunderung, daß wir nirgends etwas darüber gehört hatten, wie man ganz allgemein Frau Winterling einschätzte. ,, Es gab wohl keinen Anwalt in Reichenhall und Umgebung, den sie noch nicht in Anspruch genommen hat, und der nach dem ersten Mal nicht ihre Vertretung abgelehnt hätte", sagte er. ,, Sie genießt den denkbar schlechtesten Ruf, ja, sie ist gefürchtet. Ist Ihnen denn nicht aufgefallen, daß sie niemals Besuch empfängt, und daß sie selbst kaum ausgeht? Ihr Hausmeister ist ihr hörig, wenn das leider auch niemand beweisen kann, und das stellt für Sie die größte Gefahr dar, denn er wird alles beschwören, was sie will, und sie wird ihn natürlich als Hauptbelastungszeugen benennen. Es wird für mich alles darauf ankommen, Frau Winterlings bekanntes Intrigantentum und ihre ebenso bekannte Unglaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen. Daß auch ich, genau 53 wie der Regierungsrat von B., die Sache für sehr ernst halte, darf ich Ihnen nicht verhehlen. Gibt es keinen Juristen in höherer Stellung, der Ihrem Mann befreundet ist und ihn von seiner früheren Tätigkeit her kennt, der mich in seiner Sache unterstützen könnte? Ueberhaupt, je mehr Zeugnisse von Männern wir erlangen können, deren Namen in der juristischen Sphäre eine gewisse Bedeutung haben, desto günstiger für uns. Bei dem Sondergericht in München, vor das die Angelegenheit zweifellos kommt, wird das seinen Eindruck nicht verfehlen." Zum Schluß versprach er, Dich noch heute im Gefängnis zu besuchen. Ich ging etwas beruhigter von ihm, überzeugt, keinen besseren Vertreter unserer Sache finden zu können. In unserem Stübchen setzte ich mich hin und schrieb an Deinen früheren Vorgesetzten, schilderte die Schwierigkeit kurz, in die wir geraten waren und fragte an, ob er mir ein Zeugnis, wie es der Anwalt für gut fand, geben könnte. Wenige Tage später kam die sehr höfliche, aber ablehnende Antwort. Ich schrieb aber auch an den ehemaligen Landgerichtspräsidenten Zahn, der Dich seit vielen Jahren von der Arbeit her kannte und sich auf dieser sachlichen Grundlage mit Dir befreundet hatte. Es war ein regelmäßiger Briefwechsel daraus erwachsen, der auch in den letzten Monaten fortgeführt worden war. Ihn, der sich nach dem Umsturz hatte pensionieren lassen und in ein buen retiro im Riesengebirge zurückgezogen hatte, fragte ich an, ob er, wenn der Anwalt das für nötig hielte, herkommen würde, um ihn zu unterstützen. Ich wüßte wohl, daß ich um etwas sehr Großes bäte, und nur die Gefahr, in der Du schwebtest, gäbe mir den Mut, es zu wagen. Er möge mir aber in aller Offenheit schreiben, wenn er meinen Wunsch nicht erfüllen könne. Inzwischen wechselten wir beide täglich kurze Briefe und waren übereingekommen, den Verwandten in Berlin und unserer Tochter Gustel vorläufig nichts von dem Vorgefallenen mitzuteilen. Sie könnten nichts helfen und wür54 den sich nur ängstigen. Gustel würde in etwa vierzehn Tagen zu uns kommen, da dann ihre Ferien anfingen, und sie würde dann noch früh genug alles erfahren.— Ich muß für heute aufhören zu schreiben, mir tut die Hand weh, aber es stand alles wieder so zum Greifen lebendig vor mir! Ich lief wieder die sonnenheißen Straßen Reichenhalls entlang, ohne einem Menschen ins Gesicht zu sehen, die uralten steinernen Mauern des Bezirksamtsgebäudes umfingen mich wieder mit ihrer nach der Hitze draußen geradezu erschreckenden Kühle und Dunkelheit, ich saß mit Peter und Hanna in dem kleinen Vorgarten des Hotels Bavaria gegenüber dem Bahnhof Kirchheim, hörte die Züge vorüberfahren und den Pfiff der Lokomotiven. Ich sah mich die kleinen Obliegenheiten des täglichen Lebens wie ein Automat erledigen, denn meine Gedanken beschäftigen sich unaufhörlich mit Dir und allem, was der Förderung der Sache dienen konnte. Doch es ist spät in der Nacht, aber morgen brauche ich nicht in die Stadt. Ich soll mich erst Ende der Woche wieder melden.- Isartal, den 4. September 1939 Es läßt mir keine Ruhe, ich muß so schnell wie möglich die Schilderung dessen beenden, was wir im Sommer des Jahres 1934 erlebten, die Bilder aus dieser Zeit haben mich heute nacht nicht schlafen lassen. Ich glaube, es wird mir leichter werden, wenn alles auf dem Papier steht. So bin ich jetzt um diese arbeitsfreien Tage froh und will sie ordentlich ausnutzen. - Am Sonntag es war der 10. Juni 1934 wurde mir von der Wirtin der Besuch einer Frau gemeldet. Ich erschrak zuerst, ich konnte mir nicht denken, wer zu mir kommen könnte. Ich ließ die Kinder oben im Zimmer und 55 ging hinunter. In der Gaststube kam eine Frau auf mich zu, die ich sofort als diejenige erkannte, die in dem Dorf Frau Winterling und auch uns wöchentlich einmal mit Butter und Eiern beliefert hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, was sie von mir wollte. Sie war noch jung und ist mir stets sympathisch gewesen, aber wir hatten nie mehr miteinander gesprochen, als eben mein Einkauf bedingte. Nun sah ich sie in großer Erregung. ,, Es tut mir leid, was Ihnen zugestoßen ist", sprudelte sie hervor ,,, mein Mann hat mich gedrängt, zu Ihnen zu gehen. Ich hab' Sie schon immer vor Frau Winterling warnen wollen, aber nie hat sie uns allein gelassen. Sie hat schon viele Menschen ins Unglück gebracht, o, ich fürchte sie wie den leibhaftigen Teufel! Ich weiß vieles von ihr, und mein Mann hat gemeint, ich müßte Ihnen das sagen. Wenn es nötig ist, will ich das auch vor Gericht tun, sie hat ja mit ihren Lügen so manche Leute hereingelegt. Vielleicht kann das doch dem Herrn Doktor nützen. Und dann noch etwas: Wir haben ein Häuschen nicht weit von hier, und wenn Sie aus der Nähe der bösen Frau fortwollen, mein Mann und ich nehmen Sie gern auf, und Sie sollen die Wohnung ganz billig haben!" Ich war gerührt und dankte ihr herzlich für die Freundlichkeit. Ich würde meinem Anwalt berichten, daß sie bereit sei, als Zeuge für Frau Winterlings Unglaubwürdigkeit aufzutreten. Von ihrem Wohnungsangebot wollte ich vorläufig keinen Gebrauch machen, um möglichst in Deiner Nähe zu sein. Sie hat dann später ihre Aussage auf Wunsch von Herrn Dr. Werner schriftlich festgelegt. - Übrigens bekam ich ähnliche Besuche noch häufiger in den nächsten Wochen, so daß Herr Dr. Werner schließlich Namen und Adressen mehrerer Frauen in den Akten hatte, die bereit waren, gegen Frau Winterling Zeugnis abzulegen. Ich erinnere mich ihrer aller, erzählen will ich nur noch von einer, deren Bericht mir besonders charakteristisch für Frau Winterlings Art erschien. Es war eine Dame, die vor einer Reihe von Jahren eines der Nachbar56 häuser erworben hatte. Frau Winterling hatte sich ihr liebenswürdig als Nachbarin für allerlei kleine Dienste zur Verfügung gestellt, so daß Frau L. ganz entzückt von ihr war. Bald darauf starb ihr Mann, ein Schauspieler, auf einer Gastspielreise. Frau L. fuhr sofort hin und erreichte schließlich, daß ihr nach der Einäscherung die Urne mit der Asche ihres Mannes ausgehändigt wurde, wahrscheinlich in der Annahme, sie werde die Urne in Reichenhall beisetzen lassen. Frau L. hatte die gute Nachbarin, die sich auch bei ihrer Abreise nach dem Empfang der Trauernachricht sehr mitfühlend und zu allen Gefälligkeiten bereit gezeigt hatte, von ihrer Ankunft mit der Urne verständigt und fand ihr Wohnzimmer mit Blumen geschmückt zur Aufstellung der Urne vor. Frau Winterling schloß sie bewegt in ihre Arme und drückte ihr mit Worten tiefen Mitgefühls ihr Beileid aus. Aber zehn Minuten später erschien die Gendarmerie, von der gleichen Frau Winterling verständigt, um Frau L. wegen der verbotenen Aufstellung der Urne in ihrer Wohnung zur Rechenschaft zu ziehen! - Am kommenden Tag, dem Montag, brachte mir frühmorgens der Briefträger ein Telegramm und einen Eilbrief. Das Telegramm war von Herrn Landgerichtspräsidenten Zahn des Inhalts, daß er gern bereit sei, zu kommen und zu helfen. Er bäte um telegraphische Mitteilung, wenn der Anwalt sein Erscheinen für nötig hielte. Der Eilbrief war von Friedrich Sch., dem Studenten, und enthielt einen kurzen Privatbrief für mich, in dem er ausdrückte, er hoffe, das beiliegende Zeugnis werde uns nützen, er habe es absichtlich möglichst sachlich, ohne jeden Überschwang gehalten, obwohl er sich gern enthusiastischer geäußert hätte. Er sei zu jeder eingehenderen Auskunft gern bereit, wolle auch, falls das verlangt würde, seine Aussagen vor Gericht eidlich bekräftigen. Ich eilte sofort mit diesem Zeugnis, das ziemlich umfangreich und sehr gut und geschickt abgefaßt war und dessen Abschrift Du mit dem ganzen Aktenmaterial mit nach England genommen hast, 57 zu Herrn Regierungsrat von B., der sich ganz begeistert darüber äußerte und ausrief: ,, Es gibt also doch noch anständige und mutige Menschen in Deutschland!" Er wolle das Original sofort dem Sondergericht nach München einsenden, anderseits Dir gern die Freude machen, das Zeugnis zu lesen, und schlüge mir vor, es schnell abzuschreiben, was ich gern tat. Herrn Dr. Werner brachte ich das Telegramm, und wir kamen überein, daß ich Herrn Landesgerichtspräsidenten Zahn schreiben solle, wir wollten noch warten, ihn zu uns zu bitten, ich würde ihm telegraphieren, wenn Herr Dr. Werner sein Kommen für nötig hielte. - Am nächsten Sonntag, einem herrlichen Sommertag, saß ich mit den beiden Kindern im Garten, als ich ans Telephon gerufen wurde. Dr. Werner fragte an, ob ich gleich zu ihm in die Kanzlei kommen könnte. Selbstverständlich sagte ich zu, nicht ohne ängstlich zu fragen, ob mich etwas Schlimmes erwarte. Lachend verneinte er. Ich beschwor die Kinder, ruhig im Garten sitzen zu bleiben und ja nicht auf die Straße zu gehen, was sie versprachen, dann lief ich, so schnell ich konnte, nach Reichenhall hinunter. Ganz atemlos kam ich in die Kanzlei und prallte fast zurück: Äffte mich ein Traum? Aber nein, Du standest wirklich vor mir! Ich konnte mich kaum fassen vor Freude! Wie war diese unerwartete Entlassung möglich gewesen? Dr. Werner erklärte mir, daß in Bayern innerhalb von acht Tagen für Schutzhäftlinge eine Haftbestätigung vom Amtsgericht einlaufen muß, die Herr Regierungsrat von B. seit Donnerstag von Berchtesgaden erwartete. Dr. Werner drang auf Entlassung, und die beiden Herren einigten sich dahin, wenn bis Sonntag früh, also bis zum zehnten Tage, die Haftbestätigung nicht käme, sollte Dr. Werner Dich aus dem Gefängnis abholen. Ich weiß heute noch, daß ich von Freude so überwältigt war, daß ich sie nicht äußern konnte! Wir gingen zu den Kindern und trafen sie mit Resis Eltern im Garten des Hotels, das Du sofort wegen der Nähe von Frau W.'s Haus 58 als wenig geeigneten Daueraufenthalt bezeichnet und Dr. Werner nach einem angemesseneren Quartier gefragt hattest. Er nannte uns die Villa Romana, die der Witwe eines jüdischen Arztes gehörte und die sehr schön und ruhig am Kurpark gelegen war. Auch ich hatte nichts dagegen, aus Hotel Bavaria auszuziehen. Wohl waren die Wirtsleute sehr freundlich, das Haus selber sauber, die Kost gut und unser Zimmer völlig ausreichend, aber seine Lage gefiel mir nicht; ein Zusammentreffen mit Frau Winterling oder ihrem Hausmeister lag zu sehr im Bereich der Möglichkeit. - Die Kinder jubelten, als sie Dich wiedersahen, und Resis Eltern freuten sich mit uns. Der Umzug war schnell vollzogen. Wir waren eine fröhliche Gesellschaft, die sich auf dem Balkon vor unserem Zimmer am Sonntagnachmittag versammelte; auch wir beide freuten uns dankbar des Zusammenseins, wenn wir auch wußten, daß mit Deiner Haftentlassung die Angelegenheit keineswegs erledigt war. Aber wir waren wieder vereint, und das war uns im Augenblick das Wichtigste! Am nächsten Morgen ging ich mit den Kindern auf die Polizei, um den Wohnungswechsel zu melden und umschreiben zu lassen, und Du gingest zu Dr. Werner, um in aller Ruhe und Ausführlichkeit alle Schritte zu besprechen, die in der Sache weiter getan werden mußten. Zum Mittagessen fanden wir uns wieder zusammen. Du hattest Dr. Werner mitgebracht, was mich etwas erstaunte. Sehr schnell merkte ich, daß irgend etwas Neues geschehen sein mußte. Das Essen verlief ziemlich still, ich schickte sofort danach die Kinder zum Spielen in den Garten und bat um Aufklärung. Und es traf mich wie ein Blitz: Die Haftbestätigung war gekommen! Regierungsrat von B. hatte es Dr. Werner telephonisch mitgeteilt, während Du bei ihm in der Kanzlei warst, und verlangt, Du solltest sofort ins Gefängnis zurückkehren. Dr. Werner hatte schließlich erreicht, daß Du spätestens bis sieben Uhr abends im Gefängnis sein müßtest, wenn die Versuche Dr. Werners, die 59 Entlassung betreffend, mißglücken sollten. Er hatte sich verpflichten müssen, Dich nicht aus den Augen zu lassen. Daher seine Teilnahme an unserem Mittagsmahl! ,, Und nun", so schloß Herr Dr. W. seinen Bericht ,,, lassen Sie uns mit Berchtesgaden telephonieren, vielleicht erreichen wir, daß Ihr Gatte in Freiheit bleibt." Aber alle Versuche blieben erfolglos, niemand wollte das Risiko auf sich nehmen, die Haftentlassung auszusprechen. Unendlich bedrückt saßen wir zu Dreien beisammen. ,, Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen“, sagte Herr Dr. W. ,,, lassen Sie uns nach meinem Hause gehen, meine Frau wird sich freuen, wenn Sie kommen, meine Buben können mit Ihren Kindern spielen, bis wir Sie, lieber Herr Doktor, wieder ins Gefängnis bringen müssen." Natürlich folgten wir seinem Rat. Dann haben wir, Dr. Werner und ich, Dich ins Gefängnis zurückgebracht. Jeder Schritt, den wir Deinem Ziel näher kamen, schmerzte, nie war mir die Poststraße, an deren Ende das Bezirksamtsgebäude lag, so kurz erschienen, jetzt waren wir angelangt, und nun hieß es wieder Abschied nehmen auf unbestimmte Zeit. Die Kinder waren bei Frau Werner und ihren Buben geblieben, ich ging mit Dr. Werner zurück, um sie abzuholen. ,, Lassen Sie uns noch bei der Post vorbeigehen und das Telegramm an Herrn Landgerichtspräsidenten Zahn aufgeben, das ihn rufen soll. Jetzt habe ich das Gefühl, daß sein Kommen nötig ist." Gesagt, getan; auch ich wußte, jetzt muẞte alles geschehen, was irgend möglich war, um Dich wieder frei zu machen. Als ich dann, an jedem Arm eins der Kinder, ohne Dich in unser Quartier ging, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten, und nun waren es die Kinder, die gleichfalls leise weinend, mich durch ihr Streicheln zu trösten versuchten. Schon am Mittwochmittag- es war der 20. Juni 1934konnte ich Herrn Landgerichtspräsidenten Zahn, den ich persönlich noch nicht kannte, vom Bahnhof abholen. Ich 60 hatte sofort das Gefühl: ,, Das ist der Mann, der uns helfen wird!" Und dies Vertrauen zu ihm ist auch nicht enttäuscht worden. Immer werde ich ihm eine unendlich große Dankbarkeit bewahren und den Wunsch, sie ihm mit Taten, nicht bloß mit Worten beweisen zu können! Noch ist keine Gelegenheit dazu gewesen. Herr Zahn erhielt sofort die Erlaubnis, Dich während seines hiesigen Aufenthaltes, der für die Dauer einer Woche geplant war, täglich zu besuchen, während ich einmal wöchentlich zu Dir durfte. Dr. Werner hatte lange Unterredungen mit Herrn Zahn. Sie kamen überein, daß er einen Schriftsatz verfassen und schildern solle, wie er Dich während Deiner Amtszeit gekannt, und wie er es aus dieser Kenntnis heraus für unmöglich erachte, daß Du Dich dessen schuldig gemacht, wessen Du angeklagt. Daher, und vor allem Deiner zarten Gesundheit wegen, bitte er zu prüfen, ob nicht eine Haftentlassung möglich wäre. Diesen Schriftsatz überbrachte er selbst den Herren im Sondergericht in München, die mit Deiner Sache zu tun hatten. Von dieser kleinen Reise kehrte er voller Hoffnung zu uns zurück. Er wohnte gleichfalls in unserem Hause, wir nahmen die Mahlzeiten gemeinsam ein und machten allabendlich mit den Kindern einen Spaziergang. Sein Aufenthalt bedeutet für Dich und für mich eine große Erleichterung. Der Charakter der Frau Winterling interessierte ihn vom psychologischen Standpunkt aus sehr, ich habe ihm genau berichten müssen, wie sie mit ihrer Liebenswürdigkeit, ihrer Gewandtheit, ihrer klugen Unterhaltungsgabe uns leicht in ihren Bann schlug. Sie war eine vollendete Schauspielerin, mit einer diabolischen Lust, Menschen Böses anzutun. Auch mit Dr. Werner sprachen wir über Frau Winterling. Ich hatte mich in diesen Wochen manchmal gefragt, ob wir so mit uns beschäftigt oder so verblendet waren, daß wir uns leichter als andere von ihr einfangen ließen. Nun erzählte uns Dr. Werner, daß es zunächst allen Menschen in Reichenhall, die ihr nahe 61 kamen, so gegangen sei. Alle seien gefangen worden von ihrem anziehenden Äußern, ihrem vielseitigen Wissen und ihrer liebenswürdigen Plauderkunst. Es habe eine ganze Zeit gedauert, bis man ihr wahres Wesen erkannt habe. Er kenne viele Menschen, die ganz offen ihre Furcht vor ihr äußerten. Herr Zahn hätte sie gern gesehen, aber Dr. Werner riet ab. Sie hätte dahinter kommen können, wer er war, und daß er mit uns in Verbindung stand. Es war ver- nünftiger, die Begegnung zu vermeiden. Einige Tage nach seiner Abreise kam Gustel, unsere Älteste, zu uns in die Ferien. Ich sehe sie noch fröhlich lachend auf dem Bahnhof auf mich zulaufen und mich um- armen, glücklich, wieder mit uns vereint zu sein. Es tat mir weh genug, ihrer Freude mit meinem Bericht einen Dämpfer aufzusetzen. Aber ich verhehlte ihr auch nicht, wie froh ich war, sie bei mir zu haben, und wie erleichtert im Gedanken an Peter und Hanna, mit denen sie nun Spazier- gänge und Ausflüge unternehmen konnte. Auch einen Be- such bei Dir konnte ich ihr in Aussicht stellen; sie zeigte sich tapfer und brachte etwas Heiterkeit mit ihren Schul- berichten in Deine düstere, kahle Zelle. Der 30. Juni 1934 jagte mir mit den Schilderungen der zahlreichen Erschießungen einen neuen tiefen Schrecken ein. Auch Dr. Werner konnte seine Besorgnis nicht ganz verbergen. Daß der Haftentlassungsbefehl immer noch aus- blieb, war ihm unverständlich; anderseits wagte er nicht, zu häufig nachzufragen, um die Herren nicht zu verärgern. Das Warten zermürbte uns. Dich in Deinem Gefängnis und mich in der Freiheit, die ich aber nur sehr begrenzt genoß, denn ich wagte kaum noch fortzugehen außer zur Kanzlei unseres Anwalts, um nur ja zu Hause zu sein, wenn irgend- eine Nachricht käme.— Doch ich mußte noch bis zum 12. Juli warten. Da wurde ich vom Oberamtsrichter angerufen, ob ich zu ihm ins Be- zirksamtsgebäude kommen könnte. Ich eilte hin, und er er- öffnete mir, daß Du aus der Haft entlassen werden solltest: 62 unter der Bedingung, daß wir bis zur Erledigung der schwebenden Sache in München blieben. Mir war alles recht, wenn Du nur frei wurdest! Der Oberamtsrichter und der Regierungsrat wünschten, Du solltest vom Gefängnis aus direkt zum Zuge nach München gehen. Dr. Werner war gerade an diesem Morgen nach München gefahren, um nachzufragen, warum der Beschluß der Haftentlassung so lange auf sich warten lasse. Ich eilte zu seiner Frau, die versprach, ihn schon am Bahnhof abzuholen und ihm die Wendung der Dinge mitzuteilen. Dann lief ich nach Hause, um wieder einmal unsere Sachen zu packen. Die Kinder waren freudig bewegt ob der guten Nachricht! - - Es klopfte an unsere Tür, und vor mir standen ich traute meinen Augen kaum! Resi und ihre Mutter. Wie schön, daß sie gerade heute aus dem Krankenhaus entlassen war! Sie hatte noch etwas Zeit und blieb bei uns. Kurz vor dem Mittagessen war ich mit der Packerei fertig. Wieder klopfte es, Dr. Werner, seine Frau und Du kamen lachend herein. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, direkt von der Bahn zum Bezirksamt zu eilen und den beiden leitenden Herren vorzuhalten, daß sie kein Recht hätten, Dich bis kurz vor Abfahrt des Zuges im Gefängnis zurückzuhalten, Sie mußten nachgeben, und er nahm Dich gleich mit. Das Ehepaar Werner verabschiedete sich bald darauf. Dr. Werner wollte noch zum Bahnhof kommen. Das gab ein fröhliches Mittagessen! Die Familie war vollzählig beisammen, und die Aussicht, von Reichenhall fortzufahren, das uns durch die schweren Wochen, die wir dort zubringen mußten, verleidet war, stimmte uns alle froh. Noch erhöht wurde unsere Freude durch das Zusammensein mit Resi und ihrer Mutter. Auf Dr. Werners Rat durfte ich Resi während ihrer Krankheit nicht besuchen, um auch nicht von ferne den Anschein einer Beeinflussung zu geben. Und bei einer Verhandlung würde auf die Vernehmung Resis nicht verzichtet werden. Nun saẞ sie gesund, wenn auch ein wenig blaß, aber glücklich, daß 63 alles bis jetzt so gut abgelaufen war, vor uns! Sie und ihre Mutter begleiteten uns nach herzlichem Abschied von unserer Wirtin auf den Bahnhof, wo sich auch Dr. Werner einfand. Ohne Trauer ließen wir Reichenhall zurück und ohne den Wunsch, es je wiederzusehen! Unsere Hochstimmung hielt an, wir genossen den Abend in München unendlich. Seit vielen Wochen schlief ich zum ersten Male wieder traumlos eine ganze Nacht durch. - Die Gestapo hatte verfügt, daß wir bis zur Erledigung der schwebenden Sache in München zu bleiben hätten. Nun fragten wir an, ob uns nicht erlaubt würde, in der Umgebung zu wohnen, da uns die Großstadt mit ihrem lauten Treiben bedrückte. Das wurde uns sofort gestattet. Wir wählten Schäftlarn als Aufenthaltsort; der Klostergasthof mit seinem schönen, von Kastanien beschatteten Garten zog uns gleich an und ist uns ein rechtes Refugium geworden. Hier warteten wir das Ende der Angelegenheit ab und atmeten auf, als die Richter des Münchener Sondergerichts die Sache unter die Amnestie fallen ließen, so daß wir um die Aufregung einer Verhandlung und die Spannung um den Ausgang herumkamen! Von Schäftlarn aus fanden wir die Wohnung im Isartal. Schon beim ersten Besuch heimelten Haus und Garten uns an, und wir waren sehr froh, daß ihr Besitzer, dem wir natürlich gleich mitteilten, wer wir waren, einen Vertrag von zwei Jahren mit uns abschloß, der nach Ablauf dieser Frist ohne weiteres verlängert werden konnte. So wußten wir sehr erleichtert, daß das Wanderleben, welches wir im Sommer 1933 begannen, und das mit der letzten schrecklichen Periode Deiner Haft und ihrer Folgen bis zum August 1934 gedauert hatte, seinen Abschluß finden würde. Am 7. Juni wurdest Du verhaftet und Mitte August amnestiert, ein Zeitraum von nur neun Wochen während des Erlebens und in der Erinnerung eine ganze Ewigkeit! 64 Isartal, den 5. September 1939 Heute vormittag erschien Frau Pr., um Tilla zu bitten, ihrem Sohn Horst, der etwa 14 Jahre alt ist, Mathematikstunden zu geben. Natürlich war Tilla gern bereit dazu. Ich freue mich für sie; auf die Dauer würde ihr die Führung unseres kleinen Haushalts bestimmt nicht genügen. Wir plauderten noch ein bißchen mit Frau Pr. Sie wollte wissen, ob ich Nachricht von Dir hätte, was ich bejahen konnte. Als sie sich verabschiedete, lud sie uns sehr freundlich ein, sie zu besuchen. Sie war kaum fort, als Almuth, die Tochter unserer Nachbarn, atemlos von der Schule herübergelaufen kam und fragte, ob Tilla nicht vertretungsweise einige Stunden geben wollte. Einer der Lehrer war eingezogen worden und noch kein Ersatz vorhanden. Tilla möchte doch gleich mit ihr kommen. Die fünfzehnjährige Almuth war sehr stolz, daß sie, die mit ihren Geschwistern längere Zeit von Tilla unterrichtet worden war, diesen Ausweg gefunden hatte. Tilla selbst war nicht so entzückt; um fortlaufend Stunden in der Schule zu übernehmen, hätte sie einer besonderen Lehrerlaubnis des zuständigen Schulrats bedurft, und sie wollte so wenig wie möglich mit Behörden zu tun haben, schon unseres Zusammenlebens wegen nicht. Aber vertretungsweise würde sie auch in der Schule aushelfen. Um dieser Schule willen hatten wir im Jahre 1934 dieses Dorf als Wohnort gewählt. Unsere Kinder haben dort gute Jahre gehabt, sowohl Lehrer wie Kameraden ließen sie ihre jüdische Rassenzugehörigkeit nicht fühlen. Neben der Schule, die von außen einem Landhaus glich, von einem ziemlich großen Garten umgeben, lag das Haus, in dem wir nach Beendigung der leidigen Denunziationsaffäre eine neue Heimat finden sollten. Vom Augenblick an, da wir beide es zur Besichtigung betraten, wußte ich: ,, Das ist das Richtige für uns!" Mit seinem Besitzer, einem Münchner Augenarzt, wurden wir schnell einig, und das 5 Behrend, Ich stand nicht allein 65 freundschaftliche Einvernehmen zwischen ihm und uns ist in den ganzen Jahren niemals getrübt worden. Aber wir mußten uns bis Anfang Oktober gedulden, ehe wir ein- ziehen konnten. Bald nachdem der Mietvertrag unterzeichnet war, schrieb ich an Hedwig, die kleine Hausangestellte, die gerade eine Woche bis zu Deiner Verhaftung bei uns gewesen war, und mit der ich in ständigem Briefwechsel geblieben, daß wir nun wieder einen richtigen Haushalt führen wollten, ob sie noch Lust hätte, als Hausangestellte zu uns zu kommen. Umgehend sagte sie zu. Sie ist dann bei uns geblieben, bis ihr die Nürnbergen Gesetze vom Januar 1936 an ein weiteres Leben mit uns untersagten. Sie war uns eine liebe Haus- genossin. Ihr und uns ist das Scheiden schwer geworden. Unser Haus lag auf einer Anhöhe, etwa fünfzig Meter über der Dorfstraße. Mit Spannung beobachteten wir am sonnigen Morgen des 5. Oktobers, wie Herrn Oswalds, des Großbauern, sechs Pferde nacheinander die beiden Wagen mit unseren Möbeln und dem übrigen Gerät aus unserem Berliner Häuschen mühsam den Berg heraufzogen. La- chend gestandest Du mir, als beide Wagen glücklich vor der Haustür standen, daß Du in der vergangenen Nacht mit einem Schreck aus einem furchtbaren Traum erwacht seiest, der Dir Wagen und Pferde den Abhang herunter- stürzend gezeigt hatte. Welch ein Jubel bei den Kindern bei jedem bekannten Stück, das zum Vorschein kam! Welch ein Eifer, alles so schnell wie möglich an den richtigen Platz zu stellen! Und wie vertraut wirkten die neuen Räume mit den lieben bekannten Sachen! Der schönste Raum war die große Veranda, die sich an das Wohnzimmer anschloß. Und der unbeschreiblich schöne, weite Blick aus ihren großen, drei Seiten einnehmenden Schiebefenstern auf die große Wiese vor dem Haus, den Wäldern, Feldern und Hügeln mit der blinkenden Isar mittendrin und dem Kranz der Alpen- spitzen zum Abschluß. 66 Wir haben das friedlich schöne Leben alle miteinander unendlich genossen. Wir machten Entdeckungsreisen in die nähere und weitere Umgebung, und als mit dem näherkommenden Winter das Wetter sie verbot, versammelte sich die Familie am Nachmittag im Wohnzimmer, und es wurde vorgelesen. Wir hatten ja auch unsere Bücher wieder, und wir konnten sie aus der Staatsbibliothek in München ergänzen. Die ganzen Jahre im Isartal bis zum Frühjahr 1937, als uns die Kinder verließen, erschienen uns nach dem schweren Jahr in Berchtesgaden und Reichenhall wie ein schönes, buntes Märchen, das nur selten kleine Trübungen erfuhr. Viele alte Freunde stellten sich ein und freuten sich mit uns der überwundenen Schwierigkeiten. - Isartal, den 6. September 1939 Ich mußte gestern aufhören zu schreiben, weil die Nachbarin uns hinüberbat. Sie hatte Gäste, unter ihnen auch Herrn und Frau Pr. Es wurde über Musik gesprochen, Tilla und ich drückten unser Bedauern darüber aus, daß wir keine Möglichkeit hätten, gute Musik zu hören. Herr Pr. schlug vor, mit den größeren Nachbarkindern und seinem Sohn zusammen zu musizieren, leichtere Sachen mit ihnen zu proben und sie dann vorzuspielen. Dieser Vorschlag wurde begeistert angenommen und gleich der erste Uebungsabend festgesetzt. Als wir uns trennten, lockte Tilla und mich der wunderbare Abend. Wir machten noch einen langen Spaziergang und waren wieder entzückt von der Lieblichkeit dieser Landschaft, die Dir und mir in den Jahren unseres Hierseins ans Herz gewachsen ist. - Gewiß waren auch die Jahre hier nicht ganz ohne Schwierigkeiten verlaufen, auch hier trübte mancher Miẞklang die Harmonie unseres Lebens. Ich denke nur an die 5' 67 häßlichen Schilder, die an allen Straßen aufgestellt waren. und weithin leuchteten: Juden sind hier unerwünscht! Auch die Nürnberger Gesetze schufen uns Pein: Mußten wir doch Hedwig ziehen lassen, unsere treue kleine Haushilfe, die völlig zur Familie gehört hatte. Sie hatte damals Deine Verhaftung miterlebt; sie war zu uns zurückgekehrt, sobald wir den festen Wohnsitz gefunden hatten. Und wie schwer wurde ihr der Abschied von uns! Dann mußten wir daran denken, die Kinder so schnell wie möglich etwas lernen zu lassen. Ostern 1937 zogen sie alle drei fort. Gustel, unsere Älteste, um in Argentinien ihren schon lang geliebten Jugendfreund zu heiraten, Peter und Hanna, um in Groß- Breesen, dem Lehrgut der Reichsvereinigung der Juden Deutschlands, zum Landwirt und zur Siedlersfrau ausgebildet zu werden. Es war schwer, sie alle gleichzeitig gehen zu lassen. Aber wir konnten uns bald davon überzeugen, daß sie sich alle drei am rechten Platz fühlten und die Ausbildung der beiden Jüngeren nicht besser hätte gewählt werden können. Gustel schrieb glücklich und war bemüht, alles für unsere Übersiedelung nach Argentinien vorzubereiten. Im Herbst 1938 schien es so weit zu sein, wir setzten unsere Ausreise für den 31. Oktober mit einem der Monte- Schiffe der Hamburg- Süd Schiffahrtsgesellschaft fest. Da kamen völlig unerwartet von Argentinien neue Einreisebestimmungen heraus, die alle Pläne zerschlugen. Kurz zuvor Tilla war gerade wieder zur Erholung bei uns, und unser jetziger Nachbar, Dr. B., besuchte sie äußerte er seine Begeisterung über unser Haus und seine Lage und fragte, ob unser Hauswirt nach unserer Abreise das Haus nicht verkaufen wolle. Wir versprachen Dr. B. gern, unseren Wirt zu fragen, und überraschend schnell kam die Einigung zustande. Dr. B. wollte erst im Frühjahr mit seiner Familie einziehen, bis dahin sollten wir dort wohnen bleiben. - - - Dann kam der 10. November 1938! Völlig ahnungslos waren wir am Morgen aufgestanden. Wir wollten uns 68 gerade zum Frühstück setzen— wir waren wieder zu viert, Peter und Hanna hatten wir Anfang September infolge der Kriegsgerüchte und unserer geplanten Auswanderung von Groß-Breesen kommen lassen—, als es klingelte. Unser guter Bürgermeister stand draußen, schwitzend vor Ver- legenheit.„Die Kreisleitung der Partei hat mich angerufen und beauftragt, Ihnen zu sagen, Sie müßten innerhalb von. drei Stunden von hier fort.“ Wir beide standen wie ver- steinert. Ich faßte mich zuerst.„Aber wo sollen wir hin?“ fragte ich ratlos.„Das weiß ich auch nicht“, sagte er hilflos,„ich hoffe, es ist nur für kurze Zeit. Wissen S’ wegen der Ermordung des Herrn von Rath in Paris soll es sein. Machen S’ Eahna keine Sorgen wegen Ihrer Sachen hier, ich steh Eahna dafür, daß Sie alles so wiederfinden, wie Sie es verlassen. Nehmen S’ halt nur das mit, was S’ für a paar Tag’ brauchen.“ Er ging. Wir riefen die Kinder und sagten ihnen Bescheid. Das Frühstück wurde: kaum angerührt, dann machte ich mich mit Hanna, unserer Jüngsten, an ein schnelles Aufräumen und packte in zwei kleinen Koffern die nötigsten Sachen für uns vier. Du sahest inzwischen Briefe und Papiere nach und verbrann- test mit Peter alles Überflüssige. Die von der Staatsbiblio- thek entliehenen Bücher brachte ich ins Obergeschoß in die Wohnung der Mitmieterin, die gerade verreist war und mir die Schlüssel übergeben hatte. Wir waren übereinge- kommen, nach München zu fahren. In einem solchen Fäll erschien uns die Großstadt sicherer als irgendein kleiner Ort. Wir stellten uns vor, daß wir in irgendeiner der vielen Pensionen eine vorübergehende Unterkunft finden würden, denn wir kannten in München nur den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, eben meinen verehrten Herrn Oberst- landesgerichtsrat Neumeyer mit seiner Frau, deren Sohn auch eine Zeitlang in Groß-Breesen war. Durch sie hatten wir Hausgenossen von ihnen, einen Maler mit seiner Frau, Franz und Helene Hecht, kennengelernt, die eine Zeitlang im vergangenen Sommer unsere Gäste gewesen, und mit 69 denen wir uns angefreundet hatten. Und richtig: die Besitzerin des großen Kolonialwarengeschäfts am Dom in München, in dem wir alle Kolonialwaren, Konserven und Kaffee bezogen, kannten und schätzen wir auch. Unser Zug ging gegen elf Uhr, vorher gaben wir unseren Hausschlüssel und den Wohnungsschlüssel der Mitmieterin beim Bürgermeister ab. ,, Rufen Sie mich von München an, ehe Sie wiederkommen, und wenn Sie sonst irgend etwas wollen. Gell, Sie wissen, daß ich alles tun werde, damit Sie bald wieder bei uns sind!" Wir schieden. Im Wagen der Isartalbahn, in den wir gestiegen waren, fanden wir die Leiterin der jüdischen Hauswirtschaftsschule des Nachbarfleckens mit allen Schülerinnen und Lehrerinnen. Auch sie hatten fortgemußt, die Mädchen mit ihrem ganzen Gepäck. Jetzt wurde mit ihnen besprochen, wie sie entweder von München gleich weiterfahren oder bei Münchner Mitschülerinnen vorläufig Unterkunft suchen sollten, bis sie ihre Eltern von der Heimkehr benachrichtigt hätten. Die Lehrerinnen rechneten fest mit einer Aufhebung der Schule, sie hielten eine Rückkehr für ausgeschlossen. Sie alle hatten vor, sofort in das Bürohaus der Jüdischen Gemeinde in der Lindwurmstraße oder, wenn das nicht möglich war, zu Herrn Rat in die Privatwohnung zu gehen, um sich weitere Direktiven zu holen. Am Isartalbahnhof in München trennten wir uns mit guten Wünschen für einander. Wir sollten schnell merken, daß wir sie gut brauchen konnten!- Wir kannten flüchtig eine Pension in der Nähe des Odeonsplatzes, wo wir dort wohnende Freunde einmal besucht hatten, und fuhren mit der Straßenbahn dorthin. Nicht weit vom Hauptbahnhof fielen uns Läden mit zertrümmerten Schaufenstern auf. Zuerst achteten wir ihrer nicht besonders, aber dann entdeckten wir, daß es lauter jüdische Geschäfte waren. Mich fröstelte, obwohl es ein strahlend warmer Tag war, gar nicht der Jahreszeit entsprechend, eher einem schönen Herbsttage gleichend. In 70 der Pension erklärte die Inhaberin freundlich, alles besetzt zu haben. Doch wir wußten nicht sehr weit davon eine, deren Besitzerin uns von früher gut bekannt war. Ich ging allein dorthin, ihr habt mich in der Nähe erwartet. Bei ihr erfuhr ich, daß allen Hotels und Pensionen bei Strafandrohung verboten war, Juden aufzunehmen. Es war inzwischen zwei Uhr geworden. Wir beschlossen, um Zeit zu sparen, uns zu trennen. Du wolltest mit Peter zu Hechts fahren, ich wollte mit Hanna zu Frau Schwarz, der Besitzerin des Kolonialwarengeschäfts. Um halb vier Uhr wollten wir uns vor ihrem Hause wieder zusammenfinden. In der Privatwohnung der Familie Schwarz herrschte große Aufregung, Herr Schwarz, ein über siebzigjähriger alter Herr, hatte schon am Morgen den Besuch von SA.Leuten gehabt, die ihn mit der Pistole bedrohten. Das Betreten seines Geschäfts war ihm und seinen sämtlichen Familienangehörigen verboten worden. Was noch folgen würde, wußte man nicht. Frau Schwarz und ihr Sohn empfingen uns. Von ihnen erfuhr ich, daß im ganzen Reich die jüdischen Geschäfte angegriffen, ihre Schaufenster zerschlagen, ihre Waren zum Teil vernichtet und geraubt worden waren. Die Münchener Synagoge war schon früher, angeblich aus irgendwelchen bautechnischen Gründen abgerissen worden und so dem Brand und der Zerstörung, der alle Synagogen im Reich anheimfielen, entgangen. Trotz all dieser Schrecken, die jeden Juden in der Stadt mit tiefer Besorgnis und Angst vor dem erfüllten, was noch weiter über sie kommen würde, wurden wir sehr freundlich von Frau Schwarz und ihrer Familie aufgenommen. Man bereitete uns ein Mahl, und Frau Schwarz schlug vor, ich sollte mit Hanna bei ihnen übernachten. Es werde sich bestimmt ein Plätzchen für uns finden, wenn sie auch ihre verheiratete Tochter mit ihrem Mann aus Köln noch heute erwarte. Dankbar nahm ich das Anerbieten an und hoffte dringend, Du möchtest mit Peter bei Hechts ein Unterkommen für die Nacht gefunden haben. 71 Als wir uns, wie verabredet, trafen, war das meine erste Frage. Aber Du mußtest verneinen. Helene Hecht hatte Dich, so schnell es angängig war, wieder gehen heißen: ,, Ich weiß von Herrn Rat", hatte sie gesagt ,,, daß alle jüdischen Wohnungen von SA. oder Gestapo aufgesucht und überall die Männer verhaftet werden. Bei uns ist noch niemand gewesen, und ich möchte unter keinen Umständen, daß man Sie und Peter hier findet und festnimmt." Was tun? Wir gingen durch die Münchener Straßen, in denen sich die Menge drängte. Immer wieder trafen wir auf Menschenansammlungen vor jüdischen Läden, wo man sich das Zerstörungswerk ansehen wollte, oder vor anfangs vergessenen, deren Scheiben man jetzt zertrümmerte. Die Menge verhielt sich ruhig, auch den Gesichtern war ganz selten einmal anzumerken, was ihre Besitzer dachten. Hier und da fielen Worte der Schadenfreude, aber auch solche des Abscheus konnte man gelegentlich hören. Doch was ging dort gegenüber vor? ,, Komm schnell!" rief ein halbwüchsiger Bursche einem Kameraden zu ,,, dort verhaften sie wieder einen Juden!" Ich sah ein Polizeiauto, zu dem ein Mensch von mehreren Beamten geführt wurde. Ich zog Euch schnell fort. Stundenlang sind wir so zu viert durch die Straßen gelaufen; wie in einem Hexensabbath versetzt kam ich mir vor. Von dem Stand eines Zeitungsverkäufers leuchtete in dicken roten Buchstaben die Ankündigung eines Romans herüber: ,, Menschen, die gejagt werden", hieß der verheißungsvolle Titel. Menschen, die gejagt werden was sind wir anderes? Wann werden wir unseren Jägern in die Hände fallen? So gingen meine Gedanken. Nein, das durfte nicht sein, Du und Peter, ihr solltet nicht festgenommen werden, es mußte sich ein Ausweg finden! Und da fiel mir meine Schneiderin ein, von der ich wußte, daß sie und ihr Mann, ein Balte, keine Nazis waren; vielleicht würden sie Dich und Peter wenigstens für diese Nacht behalten, morgen würden wir dann weitersehen. Wir telephonierten, es meldete sich niemand; nach 72 - - einer halben Stunde versuchten wir es wieder, der Sohn war am Apparat. Die Mutter käme gegen sieben Uhr heim. Noch eine Stunde Zeit! Wir liefen weiter durch die Straßen, auch hier verwüstete Läden und Menschen, die stumm den Schaden besahen, wieder von ferne Verhaftungen, wollte denn die Stunde gar kein Ende nehmen? Endlich konnten wir uns langsam zu Frau Bs. Wohnung begeben. Nun schlug es sieben Uhr! Ich läutete, sie öffnete mir selbst. Mein Herz klopfte, daß ich meinte, sie müsse es hören. Würde sie den Mut aufbringen, meinen Wunsch zu erfüllen? Stockend und zitternd brachte ich meine Bitte vor, angstvoll erwartete ich ihre Antwort. ,, Bringen Sie mir Ihre beiden Männer", sagte sie ruhig ,,, wenigstens bis morgen will ich sie gern behalten." Ich weiß nicht mehr, wie ich meinen Dank zum Ausdruck brachte, schnell holte ich Euch herauf, und bald danach machte ich mich, ein wenig beruhigter, mit Hanna auf den Weg zu Schwarzens. Unendlich erschöpft saß ich mit ihnen beim Abendbrot. Auch der Sohn war noch dort, ging aber gleich nach dem Essen fort, zu seiner eigenen Wohnung, wo ihn seine Frau schon dringend erwartete. Eine Stunde später läutete das Telephon, die junge Frau war am Apparat und fragte ängstlich, ob denn ihr Mann noch immer bei den Eltern sei. Frau Schwarz wurde blaß, der Sohn hätte längst zu Hause sein müssen, es gab nur eine Erklärung: man hatte auch ihn auf der Straße verhaftet und, wie alle Festgenommenen, in das Konzentrationslager nach Dachau gebracht! Das Fenster des Zimmers, das man Hanna und mir so freundlich zur Verfügung gestellt hatte, ging auf den Platz, auf dem die Frauenkirche stand. Lange, lange konnte ich mich nicht entschließen, zu Bett zu gehen, ich stand am Fenster und sah auf die Türme des Doms, das Wahrzeichen der Stadt München. Wie sollte es weiter gehen? Würde es glücken, Dich und Peter er wäre nicht der erste Siebzehnjährige, der jetzt verhaftet worden war!- vor Dachau zu bewahren? Aber was auch kommen würde, - 73 wir mußten es tragen. Seufzend legte ich mich nieder, alle Glieder taten mir weh, und das Ruhen tat gut, wenn auch an Schlaf nicht zu denken war. Ich hörte genau die Ankunft des Schwiegersohns und der verheirateten Tochter und freute mich für Frau Schwarz, daß sie diese beiden nun zu ihrer Unterstützung hatte. Dann wieder schwor ich mir, daß wir alles Menschenmögliche tun würden, um auszuwandern, ganz gleich wohin, wenn wir diesmal heil davonkämen! Wenn wir nicht nach Argentinien konnten, mußte eben ein Zwischenland gefunden werden!- - Endlich, endlich kam der Morgen. In der Zeitung stand, daß das über den Mord des Herrn von Rath empörte Volk überall im Reich zu Racheakten an den Juden geschritten war, die die Polizei nicht hatte hindern können. Als wir nach dem Frühstück mit herzlichem Dank das gastliche Haus verließen, sahen wir an allen Säulen und Mauern weithin leuchtende Plakate, die das Volk aufforderten, Ruhe zu bewahren. Gegen weitere Einzelaktionen werde streng vorgegangen werden. Die Juden würden für den bübischen Mord von Rechts wegen zur Buße herangezogen werden. Ich atmete auf, als ich Dich und Peter wohlbehalten in Frau Bs. Wohnung antraf. Aber sie teilte uns mit, daß sie nicht wagen könne, Euch auch in der nächsten Nacht zu beherbergen beim Milchholen hatte sie erfahren, man werde durch die Blockwalter Nachforschungen nach versteckten Juden anstellen lassen. Bis zum Nachmittag könnten wir bei ihr bleiben, aber dann müßten wir eine anderweitige Unterkunft suchen. Aber wo? Ich rief unseren Bürgermeister an, ob wir nicht zurückkommen könnten. Er verneinte, eine Reihe von Tagen müßten wir noch fortbleiben, dann hoffe er, uns die Rückkehr ermöglichen zu können. In meiner Verzweiflung rief ich nochmals bei Helene Hecht an. Sie war selbst am Apparat. ,, Fünf Minuten nachdem Dein Mann mit Peter fort war, ist die Gestapo erschienen und hat meinen Mann mitgenommen. Ich glaube, nun besteht keine Gefahr mehr, daß 74 - sie nochmals kommen. Am besten wird sein, ihr alle fahrt bei Dunkelwerden hierher, Platz haben wir genug!" So leid es mir tat, daß Franz Hecht auch verhaftet worden war, so erleichtert war ich, daß ich für uns alle eine Unterkunft gefunden hatte. Hechts wohnten in der Keplerstraße, einem Eckhaus am Rande der Stadt. Ihre Wohnung lag im obersten Stockwerk und hatte nach Norden ein schönes großes Atelier und eine herrliche Terrasse, von der man über die Siedlungen mit ihren Gärten, über Wiesen und Felder weg die Ketten der Alpen sah. Trotz des Schmerzes um ihren Mann, mit dem sie innig verbunden war, empfing uns Helene Hecht sehr freundlich und gefaßt. Ihr war die Ablenkung, die unser Besuch ihr schuf, willkommen. Allein mit der Schwester ihrer Mutter, hätte sie ihren traurigen Gedanken überhaupt nicht entfliehen können. So brachten schon die beiden Kinder Abwechslung und Leben in die sonst so stille Wohnung. Von vornherein wurde ausgemacht, daß Du und Peter die nächsten Tage über die Wohnung nicht verlassen durften, und ich war froh, daß Helene mich in dieser Forderung so energisch unterstützte. Zwölf Tage blieben wir bei ihr, unsere Freundschaft ist in dieser Zeit fester und dauerhafter geworden, als das in vielen Jahren normalen Lebens möglich gewesen wäre. Auch ihr war klar, daß nun eine schleunige Auswanderung geboten war, an die sie vorher nicht gedacht hatten. Franz hatte sich durch seine Bilder gute Freunde in England erworben, darunter einen nahen Verwandten Lord Churchills mit dem gleichen Familiennamen. Aber es schien nicht angezeigt, von Deutschland aus Verbindung mit einem Manne dieses gehaßten Namens aufzunehmen. Schließlich kamen wir auf die Idee, das Telegramm einfach mit dem ziemlich ungewöhnlichen Vornamen des Lords zu adressieren und ihn um die Beschaffung einer Einreiseerlaubnis anzugehen. Ich selbst fuhr zum Telegraphenamt, und schon zwei Tage später war die Antwort da, daß er alles tun werde, um beide Hechts so bald wie möglich herüberzuholen. 75 Unterzeichnet war sie einsichtsvollerweise nur: Lord Ivor! - Jeder Ausgang in diesen ersten Tagen nach dem 10. November kostete Überwindung. Wenn die Wohnungstür hinter mir zufiel, hatte ich das Gefühl, mich erst straffen und wappnen zu müssen, einer grausamen Außenwelt gegenüber. An jedem Geschäft der Stadt( mit ganz geringen Ausnahmen) prangten große Schilder: ,, Juden ist der Zutritt verboten!", von sämtlichen öffentlichen Gebäuden, Cafés und Lokalen gar nicht zu reden. Ohne weiteres konnte ich jede jüdische Frau, jedes jüdische Mädchen erkennen( die Männer waren inzwischen fast ausnahmslos nach Dachau gebracht worden, und die wenigen, die Partei und Gestapo entgangen waren, hielten sich versteckt), nicht an den berühmten jüdischen Rassenmerkmalen, die nur ein Teil besitzt, sondern an dem geradezu steinernen Gesichtsausdruck, den jede, wie eine Maske, trug, an den starr blickenden Augen, die keinen Menschen ansahen, sondern durch alle hindurchzusehen schienen. Wenn übrigens durch die Inschriften von der Partei bezweckt worden war, den Juden jeden Einkauf unmöglich zu machen, sie an den dringendsten Bedürfnissen des täglichen Lebens Not leiden zu lassen, so ist dieser Zweck nicht nur nicht erreicht, sondern beinahe in sein Gegenteil verkehrt worden. Die Nachbarn und Bekannten, ja in vielen Fällen die Inhaber der Geschäfte, die jüdische Familien zu Kunden hatten, beeilten sich, ihnen alles, was sie brauchten, oft in Fülle und Überfülle, in die Wohnungen zu bringen. Das sind nicht etwa Einzelfälle gewesen, sondern es war die Regel! Helene hatte in diesen Tagen oft im Scherz geäußert, es sei geradezu ein Glück, daß wir vier bei ihnen mit verpflegt würden, sonst hätte sie nicht gewußt, wohin mit all dem Segen, den ihr die Leute ins Haus trugen. Am zweiten oder dritten Tage, nachdem wir bei Hechts gelandet waren, fuhr ich ins Isartal, um die von der Staatsbibliothek geliehenen Bücher zu holen und zurückzubringen. In den 76 Zeitungen war inzwischen bekannt gemacht worden, daß Juden außer dem Besuch von Theatern, Konzerten, Vorträgen, Kinos und sonstigen öffentlichen Veranstaltungen auch die Benutzung des Lesesaals und das Entleihen von Büchern aller staatlichen und städtischen Bibliotheken verboten sei.-Im Isartal fand ich alles in Ordnung, der Bürgermeister, den ich aufsuchte, riet, noch mit dem Heimkommen zu warten, er werde uns benachrichtigen, wenn es so weit sei. Ich hielt mich deshalb nicht lange zu Hause auf, sondern fuhr sofort wieder zurück in die Stadt, direkt zur Staatsbibliothek. Auch hier prangte das bekannte Schild ,, Juden ist der Zutritt verboten". Innerlich widerstrebend ging ich hinein. Bei der Bücherrückgabe stutzte der Beamte, als ich unsere Leihkarte herüberreichte. ,, Darf ich Sie bitten, einen Augenblick zu warten, Herr Dr. X. möchte Sie gern sprechen." Sehr erstaunt folgte ich ihm kurz darauf in einen der Verwaltungsräume, wo mich Herr Dr. X. höflich begrüßte und mich aufforderte, Platz zu nehmen. Er begann dann: ,, Sie haben vermutlich in der Zeitung von dem Verbot der weiteren Bücherverleihung an Juden gelesen." Ich bejahte. ,, Ihr Gatte ist in den ganzen letzten Jahren ein sehr eifriger Benutzer unserer Bibliothek gewesen. Ich nehme an, er braucht die Bücher für eine wissenschaftliche Arbeit, und das Verbot des Entleihens würde ihn schwer treffen. Darf ich einige Fragen an Sie stellen? Ist Ihr Gatte Volljude?" Ich bejahte wieder. ,, Und Sie, gnädige Frau? Bitte halten Sie mich nicht für indiskret, Sie werden gleich merken, warum ich diese Fragen stelle." Ich erwiderte, daß ich zwar Mischling wäre, aber durch die Heirat diese Eigenschaft aufgehoben sei. ,, Das trifft für uns nicht zu", sagte er ,,, für uns sind Sie Mischling, und denen ist das Entleihen von Büchern erlaubt. Allerdings muß irgendein Grund vorhanden sein, aus dem Sie wissenschaftliche Bücher entleihen wollen." ,, Der ist da", entgegnete ich ihm ,,, ich habe Geschichte studiert und den Doktorgrad 77 erworben. Ich hoffe, das genügt, um mein Interesse an wissenschaftlicher Lektüre zu begründen.‘„Selbstver- ständlich, gnädige Frau, und Sie haben nun begriffen, warum ich Sie zu mir bitten ließ und Ihnen diese Fragen stellen mußte. Wir werden Ihnen gleich heute eine Leih- karte auf Ihren Namen ausstellen lassen. Wem Sie in Ihrer Familie die Bücher geben, geht uns nichts an. Übrigens können Sie zum Holen und Bringen der Bücher schicken, wen Sie wollen, natürlich auch Ihren Gatten. Wir hoffen, das häßliche Plakat am Eingang bald wieder fortnehmen zu dürfen, aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, hat das für niemand, den Sie schicken, Bedeutung. Noch eins: Sollten Sie oder Ihr Gatte hier einmal nicht mit der unter anständigen Menschen üblichen Höflichkeit behandelt werden, so bitte ich, mir das sofort zu melden— wir sind entschlossen, das hier unter allen Umständen nicht zu dulden!“ Die Erfahrungen der letzten Tage, die vor Gehässigkeit strotzenden Zeitungsartikel, die Ankündigung der Vermögensabgabe als„Sühne“ für den Mord in Paris, die Verhaftungen und alles, was damit zusammenhing, die „Arisierung“ aller jüdischen Geschäfte, hatten uns von neuem unser Pariatum so eingehämmert, daß man es kaum mehr fassen konnte, als ein den„Ariern“ gleich- wertiger Mensch behandelt zu werden. Ich konnte nur einen kurzen Dank stammeln, nur mühsam meine Fassung bewahren. Und wie gern hätte ich ausgedrückt, was es für Dich bedeutete, Deine Arbeit nicht abbrechen zu müssen, sondern sie ohne Behinderung weiterführen zu können! Ich habe nicht vergessen, wie Du Dich freutest, als ich Dir die Erlaubnis berichtete, und ich habe es so ausführlich niedergeschrieben, weil es zeigt, daß selbst die Beamten dieser Regierung durchaus nicht alle ihre Maßnahmen billigten und sie milderten, wo sie konnten, wenn sie sich auch nicht offen dagegen aufzulehnen wagten. Die Spekulation, die Gewalttaten gegen die Juden in den Novembertagen des Jahres 1938 als spontanen Ausbruch 78 der kochenden Volksseele hinzustellen, hatte sich als Fehlspekulation erwiesen, und in Zukunft wurde ein anderer Weg eingeschlagen. Alle Verfügungen, die sich gegen die Juden richteten, wurden, außer den Betroffenen, nur den unmittelbar mit ihrer Durchführung betrauten Organen bekanntgegeben und als ,, geheim" bezeichnet, so daß weite Volkskreise kaum etwas von all den Beschränkungen und Zwangsmaßregeln erfuhren. Mit Ausnahme des jüdischen Kinderheims und eines unansehnlichen Altersheims hatte die SA. zwei andere Heime und das Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde räumen lassen. In der Privatwohnung von Herrn Rat Neumeyer, also im gleichen Haus, in dem wir bei Hechts wohnten, fanden sich die Angestellten zusammen, um die wichtigsten Maßnahmen zu besprechen und die Arbeit unverzüglich aufzunehmen. Aber die vorhandenen Kräfte reichten nicht aus, man hielt Ausschau nach ehrenamtlichen Helfern. Ich stellte mich sofort zur Verfügung. Vor allem galt es, die alten Leute aufzuspüren, die die SA. aus den Heimen verjagt hatte, und von deren Verbleib man nichts wußte. Bei Verwandten und Bekannten von ihnen muẞte Nachfrage gehalten werden. Nach vielem mühseligem Herumwandern fand man sie nach und nach alle wieder auf, viele von ihnen krank durch die Angst und Aufregung. ,, Als die SA.- Leute bei uns im Heim in der Kaulbachstraße erschienen und erklärten, wir müßten sofort alle aus dem Hause verschwinden", erzählte mir eine kleine alte Frau von dreiundachtzig Jahren, die ich bei einer Bekannten nach langem Suchen schließlich antraf, ,, da bin ich zu einem SA.- Mann gegangen und habe ihn gefragt, wo ich denn hingehen sollte, ich hätte keine Verwandten hier. Wissen Sie, was er mir geantwortet hat? , Der Starnberger See hat Platz genug für euch alle!' Ich bin dann noch eine ganze Weile in den Straßen herumgelaufen, bis mich Frau N. N. traf und mich zu sich nahm." Ihre Sachen hatte sie im Heim lassen müssen. Vieles davon 79 war verschwunden, als die Aufforderung kam, das Heim in der Kaulbachstraße zu räumen. Das zweite Heim in der Mathildenstraße wurde nach langem Verhandeln Anfang Dezember wieder zurückgegeben und konnte neu eingerichtet und bezogen werden. Allerdings mußten sich die alten Leute gefallen lassen, die bisher jeder ein Zimmer für sich gehabt hatten, nun je nach Größe des Raumes zu zweien oder dreien in einem Zimmer untergebracht zu werden. Mir war übertragen worden, zusammen mit der Leitung die Unterbringung und den Einzug der alten Leute zu organisieren und durchzuführen. Es war nicht leicht, ihnen beizubringen, daß sie sich von einem Teil ihrer Sachen aus Platzmangel trennen mußten. Aber sie waren alle noch von den Erlebnissen ihrer Austreibung. her verschüchtert und froh, nun wieder eine Art Heimat und ein geregeltes Leben zu finden. Die Verwaltung der Münchner Jüdischen Gemeinde fand Unterkunft in einer ehemaligen jüdischen Zigarettenfabrik, einem Hinterhaus in der Lindwurmstraße. Der chaotische Zustand der Straße, die für den Bau der Untergrundbahn völlig aufgerissen war, erschien mir wie ein Symbol unserer ganzen jüdischen Gemeinde. Aber man raffte sich auf, biß die Zähne aufeinander und arbeitete. In dem häßlichen Fabrikhaus entstanden durch Ziehen von Zwischenwänden Büroräume, denen durch einen hellen Anstrich ein freundlicheres Aussehen verliehen wurde. Es galt, viel Elend zu lindern. Alle jüdischen Angestellten in Kaufhäusern und den verschiedensten andern Betrieben hatten ihre Arbeit verloren und durften nicht mehr beschäftigt werden. Sie selbst waren fast ausnahmslos nach Dachau gebracht worden. Aber ihre Frauen und Kinder waren da und mußten weiter Miete zahlen und brauchten Mittel, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie suchten auch sonst Rat und Hilfe in den plötzlich veränderten Verhältnissen. So fand sich neben der Betreuung der Altersheime reichlich, ja überreichlich fürsorgerische Arbeit in der Wohlfahrtsstelle. 80 Als ich sie Anfang März niederlegte, waren die Verhältnisse wieder so weit konsolidiert, daß ich es leichten Herzens konnte, um so mehr, als ich eine sehr geeignete Nachfolgerin fand, die ich noch in ihr Amt einführte. Isartal, Sonntag, den 10. September 1939. Am Freitag früh wurde ich nach meiner Ankunft im Büro sofort zu Herrn Rat gerufen. ,, Heute und in den nächsten Tagen kommen, wie mir eben aus Karlsruhe vom Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde telephonisch mitgeteilt wurde, eine große Anzahl von Juden aus den badischen Gemeinden, denen man befohlen hat, der Nähe der französischen Grenze wegen ihre Heimat zu verlassen. Einige Hundert von ihnen müssen in München bei unseren Gemeindemitgliedern untergebracht werden. Die Einweisung in die verschiedenen Wohnungen erfolgt durch das Wohnungsreferat. Aber wir brauchen jemanden, der die fürsorgerische Betreuung übernimmt, zwischen den Gästen und den Wirten vermittelt, kurz, sich um die einzelnen kümmert und ihnen für Rat und Hilfe zur Verfügung steht. Wollen Sie das tun? Mir wäre das um so lieber, als ich persönlich die volle Verantwortung für das reibungslose Einfügen der Rückwanderer, wie sie offiziell heißen, der Gestapo gegenüber übernommen habe!" Ich drückte meine Bereitwilligkeit aus. Herr Rat fuhr fort:„ Wir werden gleich nach einem geeigneten Büroraum für Sie Ausschau halten. Sie bekommen eine Sekretärin. Gemeldet hat sich für diesen Posten Emmy K., die Sie ja von der Kinderverschickung her gut kennen. Sind Sie einverstanden?" Wieder konnte ich nur mein Einverständnis bekunden. Ein kleiner Büroraum war schnell gefunden, Emmy K. und ich richteten uns darin ein. Eine Kartothek wurde 6 Behrend, Ich stand nicht allein 81 vorbereitet, und mittags trafen bereits die ersten Rückwanderer ein. Wie gut, daß seit dem Frühjahr das Wohnungsreferat bestand. Es war auf Veranlassung des von der SA. gegründeten Arisierungsamtes in der Widenmayerstraße eingerichtet worden, das schon damals begann, jüdische Familien aus Häusern und Wohnungen, die ihnen für andere Zwecke brauchbar erschienen, zu entfernen. Das Wohnungsreferat der Jüdischen Gemeinde hatte die Aufgabe, diese Familien anderweitig unterzubringen. Zu diesem Zweck war eine genaue Aufstellung aller jüdischen Wohnungen mit Zahl und Größe der Räume und der Menge der sie bewohnenden Insassen gemacht worden. Noch wurde jedem das Recht auf ein Zimmer zuerkannt, was darüber war, mußte zur Verfügung gestellt werden. Nun kam uns diese genaue Liste der verfügbaren Räume zugute. Ein großer Teil der Münchner Juden hatte große Wohnungen, die Einweisung der Neuankömmlinge wickelte sich im allgemeinen ohne Schwierigkeiten ab. Man hatte Mitleid mit ihnen, die schroff, ohne genügende Vorbereitung, von einer Stunde zur andern ihr Heim verlassen und, kaum mit den nötigen Sachen versehen, die Reise ins Ungewisse angetreten hatten. Emmy und ich hatten alle Hände voll zu tun: Kleinere Kinder wurden zunächst in unser Kinderheim gebracht, bis man die geeignete Familienunterkunft für sie gefunden hatte, alte oder kränkliche Leute mußten in ihre Quartiere gebracht, tausend Fragen beantwortet, Wünsche betreffs Kleidung oder anderer notwendiger Dinge möglichst schnell befriedigt werden. Aber bis zum späten Nachmittag waren doch die etwa sechzig Angekommenen alle untergebracht, ein Teil der zuletzt Erschienenen provisorisch in unseren Heimen. Dann war schleunigst die Verpflegungsfrage zu lösen. Mit der Leiterin unserer Speiseanstalt kam ich überein, daß sie bis zu hundert Personen zusätzlich mittags versorgen würde. Auch das Lehrlingsheim würde eine Gruppe von etwa zwanzig Menschen speisen können. Aber das 82 reichte noch nicht aus. Es mußte eine neue Speiseanstalt geschaffen werden. Unser kleines Heim in der Wagner- straße in Schwabing hatte eine Küche, die früher als Lehr- küche für Volksschulkinder der obersten Klassen gedient hatte und nicht voll beansprucht war. Ehrenamtliche Hilfs- kräfte, die die nötige Arbeit übernahmen, waren bald ge- funden, und von morgen ab wird die neue Küche imstande sein, täglich bis zu sechzig Menschen ein gutes und reich- liches Mittagessen zu verabfolgen. Im gleichen Heim werden wir morgen Notquartiere vorbereiten, Strohsäcke für solche, die nicht sofort bei Familien untergebracht werden können. Gestern sind wieder etwa siebzig Men- schen angekommen, und für morgen ist eine noch größere Anzahl gemeldet. Die jüdische Gemeinde Ludwigshafen teilte mit, daß auch die Pfalz von jüdischen Einwohnern evakuiert wird, und daß eine Anzahl Pfälzer Juden zu uns kommen würden. Die Zusammenarbeit mit Emmy K. funktioniert ausge- zeichnet, ich könnte mir keine geeignetere und liebere Mit- arbeiterin wünschen. Wir waren uns von Anfang an dar- über einig, daß der manchmal etwas rauhe Ton, der bei einigen Fürsorgern der Wohlfahrtsstelle herrscht, bei uns keinen Zugang haben soll; wir wollen unsere Schützlinge mit Freundlichkeit, wenn auch mit der notwendigen Energie behandeln. Daß auch diese nicht fehlen darf, zeigte sich schon heute: In einer streng orthodoxen Familie hatte ein Mann mit einer arisch-evangelischen Frau Aufnahme ge- funden, die von den jüdischen Speisegesetzen keine Ahnung hatte. Es war zu Zusammenstößen gekommen, und beide Parteien wandten sich voller Empörung an mich; eine Än- derung der Unterbringung mußte erfolgen, aber beiden Parteien mußte höchst nachdrücklich klargemacht werden, daß solche Schwierigkeiten sich leichter und besser ohne gegenseitiges Beschimpfen regeln lassen. Das Wohnungs- referat wurde gebeten, in Zukunft die Unterbringung auch unter Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte vorzunehmen. 6* 83 Emmy und ich waren vorgestern und gestern abend todmüde, als wir uns trennten, aber ein gutes Stück Arbeit war in diesen zwei Tagen geschafft worden! Es ist auch vorgesorgt, falls heute, am Sonntag, wieder Rückwanderer ankommen: Sie werden in die Heime gebracht, die schon mit Strohsäcken ausgestattet sind und erst morgen in ihre endgültigen Quartiere geführt. So können wir beide heute einmal richtig ausruhen, was im Hinblick auf die kommende, sicher recht arbeitsreiche Woche sehr angenehm ist. Isartal, Sonntag, den 24. September 1939 Seit vierzehn Tagen habe ich mein Tagebuch nicht angesehen, geschweige denn eine Zeile geschrieben. Aber die Tage waren fast zu kurz, um alle Arbeit zu schaffen, und ich mußte auch den letzten Sonntag in die Stadt fahren. Wir haben inzwischen etwa dreihundertfünfzig Rückwanderer in München, und der Zustrom soll nun aufhören. Ich hoffe sehr, daß es stimmt, damit unsere wirkliche Fürsorgearbeit einsetzen kann. Bisher hatten wir nur zu tun, daß jeder einzelne richtig untergebracht, verpflegt und mit den nötigsten Kleidungsstücken versorgt wurde. Diese letzte Aufgabe wurde uns durch die Hilfe der Münchner Quäker sehr erleichtert, und ich freue mich, auf diese Weise näher mit Frau Annemarie C., die Du und ich kurz kennenlernten, als wir die Auswanderung für die Kinder und uns betrieben, bekannt zu werden. Sie und ihr Mann sind das Haupt der kleinen Quäkergemeinde, und wir beide hatten uns schon nach unserem ersten Besuch sehr zu ihnen hingezogen gefühlt.- Da der größte Teil der Rückwanderer nur mit einem Handköfferchen oder nur mit den Sachen, die sie auf dem Leibe trugen, zu uns gekommen 84 ist, da wir anderseits nicht, wie die ,, arische" Bevölkerung, eine Kleiderkarte erhalten, praktisch also weder Wäsche noch Kleidung kaufen können, werden uns die Quäker gerade in diesem Punkte besonders nützlich sein. Der Krieg mit Polen ist beendigt, Hitlers Friedensangebot an England und Frankreich ist, wie zu erwarten war, nicht angenommen worden: Der wahre Krieg beginnt nun erst. Was wird er uns noch alles an Entsetzlichem bringen, und wie lange wird er dauern?! Hitlers Rede vom 19. September, die Tilla und ich in einem Café mitanhörten, wo wir uns zur Feier ihres Geburtstages trafen, hat mich tief erschreckt. ,, Wir werden niemals kapitulieren, und wenn der Krieg drei Jahre, wenn er vier Jahre, ja, wenn er fünf Jahre dauern sollte!" Aber ich will nicht daran denken, daß er mit dieser Zeitangabe recht haben könnte, das würde mir die Kraft nehmen, auszuhalten. Ich will von einem Tage auf den anderen leben und arbeiten, nur das Nächstliegende sehen und mir die Hoffnung, ja die Gewißheit auf eine Vereinigung mit Dir und den Kinderr. unter keinen Umständen rauben lassen! Isartal, Sonntag, den 5. November 1939 Wir haben in der Jüdischen Gemeinde eine neue Abteilung einrichten müssen. Alle Münchner Juden erhalten künftig ihre Lebensmittelkarten von der Kultusgemeinde. Sie sind mit einem ,, J", als Juden gehörig, gekennzeichnet. Gleichzeitig ist verfügt worden, daß jeder Jude nur in besonders namhaft gemachten Lebensmittelgeschäften einkaufen darf. Jedem wird ein Kolonialwaren-, ein Metzgerund ein Milch- und Brotgeschäft zugewiesen. Die Geschäfte erhalten eine Liste der bei ihnen kaufenden jüdischen Kunden. Der Kolonialwarenladen übernimmt 85 gleichzeitig die Lieferung von Gemüse und Kartoffeln. Das Betreten jedes anderen als der zugewiesenen Lebensmittelgeschäfte ist den Juden strengstens verboten und soll schwer geahndet werden. Das ist eine sehr harte Maẞnahme, viele unserer Leute haben verhältnismäßig weite Wege bis zu ihren Läden. Die Jüdische Gemeinde wird mit dafür verantwortlich gemacht, daß die Bestimmungen genau befolgt werden. Auf Mangelware, d. h. vor allem auf Obst, ebenso auf Sonderzuteilungen, die die übrige Bevölkerung häufiger einmal erhält, wie Reis, Bohnenkaffee, Hülsenfrüchte usw. haben die Juden nicht nur keinen Anspruch, sondern sie dürfen ihnen nicht geliefert werden.- Wir alle haben in der Gemeinde mitgeholfen, die Vorarbeiten für die Kartenausgabe so schnell wie möglich zu erledigen. Eine genaue Statistik aller Bezugsberechtigten, die Benachrichtigung der einzelnen, wann die Abholung zu erfolgen hat, und in welchen Geschäften sie ihre Lebensmittel kaufen sollen, mußten gemacht werden. Betroffen werden nur diejenigen, welche innerhalb des Stadtgebiets wohnen, München muß auch auf diesem Gebiete dokumentieren, daß es den Namen ,, Hauptstadt der Bewegung" zu Recht führt. Ich bekomme meine Lebensmittelkarten weiter von dem Nachbarflecken ohne jede Beschränkung oder Kennzeichnung. Diese Maßnahmen sind ganz offensichtlich erlassen, um die jüdische Bevölkerung auf jede mögliche Art und Weise ihre Pariastellung stets aufs neue fühlen zu lassen und ihr das auch sonst gewiß nicht leichte Leben noch besonders zu erschweren. Erstaunlich erscheint mir dabei, daß unsere Menschen im allgemeinen mit einer bewundernswerten Anpassungsfähigkeit darauf reagieren. Die ständigen Nadelstiche und Schikanen erreichen, wenigstens von außen gesehen, ihren Zweck nicht mehr. Man nimmt mit ziemlicher Gelassenheit hin, was nicht zu ändern ist, und fügt sich seufzend in das Unvermeidliche. Immer stärker beginnen sich die zwar noch unsichtbaren Mauern des Ghettos um 86 uns zu erheben. Wir sind gezwungen, uns mehr und mehr selbst zu verwalten und alle menschlichen und kulturellen Bedürfnisse aus dem eigenen Kreis zu befriedigen. Auch darin haben es die übrigen deutschen Städte mit größeren jüdischen Gemeinden besser als München: Sie haben den jüdischen Kulturbund, der Konzerte, Theater, Filme und Vorträge aller Art bringt. Hier ist er nicht erlaubt; jede geistige Anregung, jede künstlerische Entspannung fehlt, nachdem allen Juden der Radioapparat genommen wurde und damit ein nicht zu unterschätzendes Ventil! Denn die von mir angeführte Reaktion auf alle Schikanen ist doch nur mehr oder weniger äußerlich, je nach der Sensibilität des einzelnen, im Innern wird all das Kränkende, Aus- schließende nicht nur registriert, sondern es hinterläßt schwärende Wunden, die bei den meisten allmählich Seele und Geist vergiften. Eine unserer Fürsorgerinnen war dieser Tage in Berlin und berichtete, daß dort von all diesen Schwierigkeiten vorläufig wenig oder nichts zu spüren sei. Wohl haben die Berliner Juden am 10. November 1938 durch die Ver- brennung der Synagogen und die Zertrümmerung der Ge- schäfte, auch durch eine Anzahl von Verhaftungen einen ersten starken Schock bekommen, der aber nun über- wunden ist. Sie führen ihr normales Leben fast unbehindert weiter und scheinen sich auch in der Reichsvereinigung, der Zentralisation der ganzen jüdischen Gemeinden des Reiches, fast gefährlich sicher zu fühlen. Jedenfalls hatte Frau Dr. R. den Eindruck, als wenn man dort alle ständig sich steigernden Schwierigkeiten bei uns betrachte wie ein Zuschauer im sicheren Hafen ein Schiff, das verzweifelt mit dem Versinken in den Wellen kämpft. Wir alle sind davon überzeugt, daß immer neue Schläge und immer schwerere folgen werden; wir sind darauf vorbereitet, sie zu empfangen und sie mit zusammengebissenen Zähnen zu ertragen. Für die anderen werden diese Schläge wie Blitze aus einem noch einigermaßen heiteren Himmel kommen. 87 Unsere badischen und pfälzischen Rückwanderer haben sich schnell und gut bei uns eingelebt: Die Kinder besuchen unsere Schulen und stehen kameradschaftlich zu den Münchner Kameraden und Kameradinnen, in den Wohnmanchmal gemeinschaften herrscht im allgemeinen - - allerdings mit Emmys und meiner nachdrücklichen Hilfe ein freundschaftlicher Ton; die Speiseanstalten funktionieren gut und liefern, wie wir uns immer wieder überzeugen, ein zwar einfaches, aber kräftiges und sorgfältig zubereitetes reichliches Essen. Es gelingt allmählich auch, den Menschen Beschäftigungen zu verschaffen. Die Frauen nähen und flicken für sich und andere, vor allem für kinderreiche Familien, sie helfen beim Essenvorbereiten in den Heimen, die Männer leisten, so weit sie arbeitsfähig sind, Botendienste und machen kleine Reparaturen. Alle Rückwanderer sind jetzt bei Familien untergebracht, nur ganz wenige Kinder, die entweder besonders schwierig oder körperlich nicht normal sind, haben wir im Kinderheim gelassen. Ich stehe ständig mit den Fürsorgern der jüdischen Heimatgemeinden in schriftlicher Verbindung, teils um näheren Aufschluß über die einzelnen zu bekommen, teils um zu veranlassen, daß man ihre Interessen in der Heimat weiter wahrnimmt. Außerdem muß mindestens zweimal wöchentlich eine genaue Anwesenheitsliste für die Gestapo von mir gemacht werden, um sie auf dem laufenden über Zahl und Adresse der Rückwanderer zu halten. Und es gibt immer wieder Änderungen, da die Parteileitung in der Widenmayerstraße mit dem Hauptsturmführer Wegner, dem Stellvertreter des Gauleiters an der Spitze, stets von neuem jüdische Wohnungen innerhalb kurzer Fristen zu räumen befiehlt und es unserer Wohnungsabteilung in der Kultusgemeinde überläßt, andere Unterkünfte für die Ausquartierten zu suchen, die nicht ohne Genehmigung der Parteistelle bezogen werden dürfen. Enger und enger müssen die Menschen zusammenrücken. Eine Reihe von Häusern jüdischer Besitzer sind zu ,, jü88 dischen Häusern“ erklärt, und der Raum in ihnen ist sorg- fältig vermessen.und aufgeteilt worden. Niemand hat mehr Anspruch auf ein eigenes Zimmer, in einen größeren Raum müssen sich mehrere Personen teilen. Das trifft na- türlich auch meine Rückwanderer, und diese Verän- derungen erfordern sehr viel Laufereien, gutes Zureden und Vermitteln zwischen den Parteien. Die„jüdischen Häuser“ sind der Beginn des Ghettos; es ist uns ganz klar, daß man dadurch die Möglichkeit bekommt, den Verkehr zwischen„Ariern“ und Juden zu überwachen und zu ver- hindern. Alle diese Maßnahmen treffen besonders die Armen. Wer genügend Mittel besitzt, hat nämlich erstaun- licherweise die Erlaubnis, sich in einer der vielen Fremden- pensionen Münchens ein Zimmer zu mieten, bis er etwas Passendes und der Partei Genehmes gefunden hat. Und das dauert meistens sehr lange. Unser Wohnungsreferat hat eine lange Liste von Fremdenpensionen, die Juden, auch mit Beköstigung, bei sich aufnehmen, was große An- nehmlichkeiten hat, da es diesen Juden das unangenehme und zeitraubende Einkaufen erspart. Isartal, Sonntag, den 3. März 1940 Nach langen, sehr arbeitsreichen Monaten nehme ich wie- der einmal mein Tagebuch vor. Wenn Arbeit und Leben einigermaßen gleichmäßig und ruhig verlaufen, treibt es mich verständlicherweise weniger dazu, etwas davon auf- zuschreiben. Es könnte so scheinen, als nähme ich an den. uns und unser Schicksal doch mittelbar und unmittelbar betreffenden politischen und militärischen Ereignissen kaum Anteil, da ich sie hier fast nie berühre, ich brauche Dir nicht auseinanderzusetzen, daß das nicht der Fall ist. Aber es fehlt mir an Zeit und Kraft, mich schriftlich darüber aus- 89 - zulassen, Du erlebst sie ja mit, wenn auch auf der anderen Seite, während das, was ich hier niederschreibe, Dir den Ablauf meines Lebens zeigen soll, den Du nicht mit mir teilen kannst. Heute empfinde ich als zwingende Notwendigkeit, aufzuschreiben, was mich unaufhörlich beschäftigt und bedrückt. Am Montag erhielten wir die erschütternde Mitteilung von der Reichsvereinigung in Berlin, daß am 22. Februar kurzerhand ohne jede Vorbereitung innerhalb weniger Stunden alle Juden Stettins und des größten Teiles Pommerns, im ganzen etwa tausend Menschen Männer, Frauen, Kinder, Greise- abtransportiert worden sind. Ziel: unbekannt, wahrscheinlich nach Polen, dem sogenannten Generalgouvernement. Ist das der Anfang einer allmählich das ganze Reich umfassenden Deportation, oder handelt es sich um eine Einzelaktion eines besonders tüchtigen nationalsozialistischen Gauleiters? Wir wissen es nicht, doch bin ich eher geneigt, die erste Hypothese für die wahrscheinlichere zu halten. - - - - Vorgestern nun kam der junge Rabbiner Fink, den wir schon vom Religionsunterricht unserer Kinder her kennen, sehr aufgeregt zu Herrn Rat. Er oder vielmehr seine Eltern hatten die erste direkte Nachricht von den Deportierten erhalten. Der Bruder Finks war Rabbiner von Stettin und mit seiner jungen Frau abtransportiert worden. Es war ihm gelungen, unterwegs einen kurzen Brief an die Eltern abzusenden. Sie waren in der Nacht des 22. Februars bei entsetzlicher Kälte in Viehwagen eingeladen worden. Jeder hatte einen Koffer mit den notwendigsten Sachen in aller Eile packen und mit zum Bahnhof nehmen dürfen. Dort wurde er ihnen abgenommen, um, wie ihnen gesagt worden war, in einem besonderen Wagen mitgeführt zu werden. Sie persönlich seien gesund, ihr Ziel sei voraussichtlich die Gegend der polnischen Stadt Lublin. Er würde, sobald er könnte, wieder schreiben. Er und seine Frau seien zufrieden, bei ihrer Gemeinde zu sein. Man sah dem Brief an, daß er in großer Eile und Aufregung und 90 mit dem Zweck, die Eltern und den Bruder zu beruhigen, geschrieben war. Ich muß mir diesen Transport immer wieder vorstellen: In dem schrecklich harten Winter ohne genügenden Kälteschutz in Viehwagen ohne jede Bequemlichkeit zusammengepfercht, vermutlich tage- und nächtelang in ein völlig ungewisses Schicksal fahren! Und was sollen diese Menschen in Polen? Hat man vor, ihnen bestimmte Arbeiten zu übertragen? Doch wozu hat man dann auch die ganz Alten mitgenommen? Aber was nützt es, Fragen über Fragen zu stellen! Es bleibt uns nichts, als zu warten, bis wir wieder Nachricht haben. Wenn ihnen nur erlaubt wird, zu schreiben! Isartal, Sonntag, den 17. März 1940 Inzwischen sind mehrere Nachrichten gekommen. Die etwa tausend Menschen des Transportes sind in drei kleinen Orten des Kreises Lublin untergebracht worden, der Rabbiner mit seiner Frau in Piaski mit dem Hauptteil, etwa sechshundert Menschen. Die Greise und die Kranken, ungefähr hundert an der Zahl, schickte man nach Glusk und den Rest nach Belzyce. Die Fahrt dauerte drei Nächte und fast drei Tage und muß unbeschreiblich furchtbar gewesen sein. Eine größere Anzahl Menschen starben unterwegs, hauptsächlich an Erfrierungen, viele andere leiden auch heute noch an schweren Frost- und Erkältungsschäden. An den Bestimmungsorten wurden alle bei den jüdischen Einwohnern der drei Orte untergebracht, die in einer für unsere Begriffe geradezu unvorstellbaren Armut und Primitivität leben. Die Neuankömmlinge besitzen wirklich nur, was sie auf dem Leibe tragen oder in Handtasche oder Rucksack bei sich im Wagen hatten. Ihr Gepäck haben sie bis heute nicht erhalten, und wenn man zwischen den Zeilen 91 zu lesen versteht, begreift man, daß sie auch nicht mehr damit rechnen, daß sie es bekommen. Es fehlt also überall am Allernotwendigsten. Sie haben keinerlei Medikamente und medizinische Instrumente, Nahrungsmittel sind äußerst knapp und schlecht, die Bekleidung völlig unzureichend! Die eingeborenen Juden scheinen wenig entzückt von der Belastung durch die Neuankömmlinge, sie verstehen sie weder in Sprache noch in Sitten und Gebräuchen. Was können wir tun? Zunächst haben die alten Finks einige Päckchen, je ein Kilo schwer, an den Sohn abgeschickt und um sofortige Bestätigung gebeten. Sobald wir sie haben, wollen wir beginnen, in größerem Umfange zu schicken. Ein Verzeichnis der abgesandten Sachen wurde brieflich befördert. Ich war am Mittwoch bei den Quäkern, wie seit Monaten schon jede Woche. Mit Annemarie hat sich ein freund- schaftlich nahes Verhältnis entwickelt. Sie hat sofort ihre für uns unendlich wichtige Hilfe versprochen. Isartal, Sonntag, den 24. März 1940 Die Päckchen sind bestätigt worden! Allerdings wurde ihnen verschiedenes entnommen: so alle Medikamente, dann Bett und Wurst, leider auch eine sehr schöne, neue, warme Wolljacke. Aber wir haben unsere Lehren daraus gezogen: Medikamente werden wir aus ihren ursprünglichen Pak- kungen lösen, möglichst primitiv verpacken und diese Ver- packung mit einer Nummer versehen. Brieflich muß dann mitgeteilt werden, was die Nummer bedeutet. Alle neuen Gegenstände müssen„alt“ gemacht werden, vor allem auch Kleidungsstücke. Wir haben durch den jungen Stettiner Rabbiner um Namen und Adressen solcher Gemeindemit- glieder gebeten, die man mit der Verteilung der Gegen- 92 -- stände betrauen kann, aber auch solcher, die besonders bedürftig sind. Wir haben auch um ein Verzeichnis der wichtigsten zu schickenden Gegenstände gebeten. Doch haben Annemarie, die Quäkerin, und ich inzwischen schon eine Liste der uns besonders nötig erscheinenden Sachen aufgestellt. Zunächst traf uns die Nachricht der Reichsvereinigung, daß es der Kultusgemeinde als solcher verboten sei, den Deportierten etwas zu schicken, wie ein Schlag. Sehr rasch aber fanden wir einen Ausweg. Wir werden privat sammeln, Emmy K. und ich wollen ,, privat" in unserem Büro die Sachen sichten, verpacken und sie mit privaten Absendern versehen auf die Post, möglichst auf verschiedene Postämter, geben. Zum Abwägen der Päckchen bekamen wir eine gute, handfeste und recht genaue KüchenWoche über fand ich morgens, wenn ich wage. Die ganze ins Büro kam, auf meinem Schreibtisch ein buntes Warenlager vor, unser Büro wird nur noch der„, polnische Tietz" genannt! Es ist wirklich wunderbar, was wir alles zusammenbekommen. Ich habe unsere Liste der benötigten Gegenstände in allen Büros kursieren lassen, und alle Angestellten werben nun in ihrem Bekanntenkreis. Am schwierigsten ist die Aufbewahrung. Wir haben einen unserer beiden Schreibtische völlig leer gemacht und einen Schrank in unser Büro stellen lassen. Daneben haben wir eine große Kiste für die Kleidungsstücke, die wir in der Kleiderkammer unterbringen. Mehrere alte Herren haben sich für den Transport der Päckchen zu den verschiedenen Postämtern zur Verfügung gestellt. Einer von ihnen machte noch ein besonders nettes Angebot: Er wolle uns alles Packpapier und alle Schnur liefern, die wir benötigen, und das ist nicht wenig, wenn die Sache erst richtig im Gange ist. Ich möchte pro Tag gern etwa zehn Päckchen zu zwei Kilo schicken. Daß auch das selbstverständlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, darüber bin ich mir vollkommen klar, doch muß erst bei uns die Angelegenheit richtig laufen, bis wir daran gehen können, Menschen in anderen Gemeinden mo93 bil zu machen. Jetzt kommt mir zugute, was mir zuerst als unangenehme Erschwerung erschien: Seit Anfang Februar ist der Postautoverkehr auf unserer Strecke eingestellt; nur solche Linien bleiben bestehen, die absolut keine Bahnverbindung haben. Für mich bedeutet es, täglich um halb fünf Uhr aufstehen, also eine Stunde früher als bisher. Dafür bin ich aber schon um halb acht Uhr im Büro, was bei der vermehrten Arbeit einen Gewinn bedeutet.- Uebrigens ist ein Teil unserer Rückwanderer dabei, wieder nach Hause zurückzukehren, vornehmlich die Karlsruher und Offenburger. Für die Freiburger, Pfälzer und aus kleineren Ortschaften stammenden Badenser ist die Frage der Rückwanderung noch nicht geklärt, doch hoffen auch sie auf die baldige Erlaubnis. Isartal, Sonntag, den 31. März 1940 In dieser Woche erhielt ich die ersten direkten Briefe von den Stettiner Evakuierten. Vor allem wichtig ist mir der sehr gute, genaue und objektive Bericht der jungen Frau des Rabbiners aus Piaski. Aber auch die beiden Briefe aus Glusk und Belzyce enthalten manches Wissenswerte. Und aus allen spricht eine so ungeheure Dankbarkeit, daß wir ihnen helfen wollen, ja, daß wir auch die rein menschliche Verbindung mit ihnen suchen. Alle, die fest entschlossen sind, das Menschenmögliche für die Leidenden zu tun, werden durch die Briefe in ihren Vorsätzen bestärkt. Dazu gehörten in allererster Linie Herr Rat als Vorsitzender unserer Gemeinde und seine Frau, die mich gleichfalls sehr unterstützt. Aber auch Annemarie, die Quäkerin, Emmy K. und ich haben durch die Nachrichten einen noch stärkeren Antrieb erhalten. Selbstverständlich habe ich sofort geantwortet, auch an die allen Briefen beiliegenden Adressen ge94 schrieben, um mit möglichst vielen der bedauernswerten Menschen persönliche Fühlung zu bekommen. Ich habe auch um weitere Namen und Adressen gebeten, die ich einer Reihe von Angestellten oder deren Bekannten weitergeben will, so daß ich eine Art von Patenschaften daraus entwickeln kann und vor allem ein Kontakt von Mensch zu Mensch hergestellt wird. Mit Herrn und Frau Rat habe ich aber noch mehr besprochen. In den ersten Apriltagen muß eine sechsundachtzigjährige Rückwanderin nach Offenburg gebracht werden. Ihr Sohn und dessen Frau sind schon vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt und haben nun geschrieben, daß sie für die alte Mutter in der Wohnung einer Bekannten, die ein Zimmer abzugeben hat, eine gute Unterkunft mit Verpflegung für sie gefunden hätten. Die alte Dame werde ich selbst nach Offenburg bringen, dabei Gelegenheit nehmen, mit den Vorsitzenden und Fürsorgern der Gemeinden Karlsruhe, Offenburg und Freiburg, mit denen sich ein sehr reger und ersprießlicher Briefwechsel angebahnt hat, direkt in Verbindung zu treten, um eine Reihe wichtiger Fragen, die Rückwanderer ihrer Gemeinden betreffend, zu besprechen. Dann aber will ich vor allem dort werben, den verbannten Stettinern durch regelmäßiges und reichliches Päckchenschicken etwas zu helfen. Besonders Karlsruhe hat eine reiche jüdische Gemeinde, ich bin überzeugt, daß sie viel Gutes tun könnte, und sie hat der Münchner Gemeinde immer wieder ihren Dank für die Betreuung ihrer bei uns untergebrachten Gemeindeglieder zum Ausdruck gebracht, so daß ich mich gern als Bittende an sie wende. -- Unsere Päckchen werden jetzt zu unserer Freude laufend bestätigt. Seit wir alles ,, alt" machen oder umpacken, Fett und Wurst z. B. unter noch markenfrei erhältliche Migetti* oder Grünkernmehl verstecken, Traubenzucker und alle Medikamente aus ihrer Verpackung lösen und in gewöhn* Migetti sind eine Art Teigwaren. 95 liche Tüten packen, an neuen Kleidungsstücken Flicken oder Stopfen anbringen, Stiefel nie als Paar im gleichen Päckchen schicken, Emailleteller und Tassen verkratzen und mit Bleistiftkritzeleien beschmieren, usw., wird auch kaum noch etwas herausgenommen. Aber wir schicken jetzt auch Geld. Jeder, der einen Paß hat, darf monatlich 10 Reichsmark, d. h. 20 polnische Zlotys, schicken. Wir haben schon eine ganze nette Anzahl Leute zusammen, die bereit sind, Geld auf ihren Paß nach Polen zu senden. Wer nicht dazu in der Lage ist, bekommt das Geld von mir, denn wir sammeln jetzt auch Geld und nehmen erfreulich viel ein. Alle diese Erfahrungen will ich nun in Karlsruhe weitergeben, die Briefe aus Polen mitnehmen und sie lesen lassen. In Berlin scheint es schwieriger zu sein, in größerer Menge Päckchen nach Polen zu schicken. Hoffentlich gelingt es uns noch recht lange, ungehindert diese geringe Hilfe zu leisten! Mich läßt der Inhalt der Briefe aus Polen überhaupt nicht mehr los. Ich weiß selbst sehr genau, daß man sich mit einem primitiven Leben abfinden kann, aber mit einem Leben im Schmutz, eng zusammengepfercht mit Menschen, die diesen Schmutz als selbstverständlich empfinden, und denen jedes Reinlichkeitsbedürfnis fremd, ja verächtlich ist, ohne Hilfsmittel, ohne ein Ende dieses Zustandes absehen zu können, das muß sehr schwer sein. Und doch halten sich die Absenderinnen der Briefe von allen Klagen fern, sie schildern völlig objektiv die Zustände und bitten um Hilfe nicht für sich selbst, sondern für die Alten, die Kranken und die Kinder. Sie bemühen sich, Verständnis zu zeigen für die polnischen Juden, bei denen sie untergebracht wurden, ohne daß man diese erst gefragt hatte, und die die Neuangekommenen als Eindringlinge empfinden. Diese polnischen Juden sehen in ihnen nicht etwa Bedrängte ihrer eigenen Rasse, ihres eigenen Glaubens, sie erscheinen ihnen selbst die Orthodoxen unter ihnen! als unfromm, als verächtlich, weil fremden, ihnen unverständlichen Sitten 96 und Gebräuchen zugetan. Sie können sich mit ihnen kaum verständigen. Frau Fink bittet um Uebersendung eines polnisch- deutschen und eines jiddisch- deutschen Wörterbuches. Erschreckend ist die Sterblichkeit unter den deportierten alten und kranken Leuten, so sind von den hundert in Glusk untergebrachten Alten, ganz abgesehen von denen, die auf dem Transport starben, schon fünfundzwanzig gestorben, und man muß mit vielen weiteren Todesfällen rechnen, wenn es nicht gelingt, Medikamente und Stärkungsmittel, nebst Nahrungsmitteln, zu schicken. Man möchte verzweifeln, wenn man sich die Not dieser tausend Menschen vorstellt, die man nur mit Sendungen von Zweikilopäckchen lindern kann! Aber es nützt nichts, ungeduldig zu werden. Du wirst aber verstehen, daß mir im Hinblick auf dieses Elend jeder Bissen im Munde quillt. Ich weiß, daß es Annemarie ganz genau so geht, daß auch ihre Gedanken sich unaufhörlich mit diesen Armen beschäftigen, daß auch sie ständig darüber nachsinnt, wie ihnen durchgreifender zu helfen sei. Isartal, Sonntag, den 14. April 1940 Seit drei Tagen bin ich wieder von meiner Reise zurück und mit ihrem Ergebnis recht zufrieden. Ich habe mich gefreut, meine Rückwanderer in Karlsruhe und Offenburg wiederzusehen. Die Besprechungen mit den Gemeindevorsitzenden und den Fürsorgerinnen waren, wie ich glaube, für beide Teile wertvoll. Und last not least auch meine Werbereden im Hinblick auf die deportierten Stettiner werden, wie ich hoffen darf, fruchtbare Folgen zeitigen. Die Briefe von dort, die sich bis zu meiner Abreise noch vermehrt hatten, machten auf alle, denen ich sie gab, tiefen Eindruck. Im übrigen bestätigte sich mir wieder ein7 Behrend, Ich stand nicht allein - 97 - - mal das, was ich schon aus meiner Arbeit im Gefängnis gelernt hatte: Der Mensch im allgemeinen ist nur fähig, das wirklich mitzufühlen von Mit- Leiden, das noch eine höhere Stufe ist, gar nicht zu reden was er am eigenen Leibe oder bei ihm nahestehenden Menschen erlebt oder erfährt. Natürlich wußten die Karlsruher von der Deportation der Stettiner, hatten zunächst wohl auch Schreck und ein flüchtiges Mitgefühl mit den Getroffenen gespürt, aber schnell, allzu schnell hatten eigene Sorgen und Alltagsgeschäfte das alles übertönt und schließlich zum Verklingen gebracht. Durch das Lesen der Briefe erwachte das unmittelbare Interesse, man bekam eine genaue Vorstellung von den Zuständen; die Menschen, die dies alles erlebten und erduldeten, wuchsen aus blassen Schemen zu Wesen von Fleisch und Blut, denen man sich nahe fühlte. Hinzu kommt, daß die Frau des Rabbiners Fink Badenserin ist. Sie stammt aus Offenburg, und viele Leser ihrer Briefe hatten sie als Kind und junges Mädchen gut gekannt. In allen drei Gemeinden denn ich war auch in Freiburg, wollen sie nun Päckchen allerdings nur einige Stunden schicken und sich unsere Erfahrungen zunutze machen. Sie werden mir über die ihrigen berichten. - Ich bin anschließend noch einige Tage in Baden- Baden gewesen, wo auch Herr und Frau Rat die Ostertage verlebten. Der Winter mit seiner überreichlichen Arbeit und all den Aufregungen, die sie und das ganze Geschehen mit sich bringen, haben mir ziemlich zugesetzt, und außerdem begrüße ich es, ganz in Ruhe mit diesen beiden Menschen, die unsere jüdische Gemeinde führen und ihr wirklich in jeder Beziehung als Vorbild dienen können, eine Reihe schwebender Fragen zu besprechen, wozu man während der Arbeitstage nicht kommt. So habe ich zum ersten Male den geradezu überwältigenden Frühlingszauber dieses gottbegnadeten Fleckchens Erde gesehen und förmlich in mich hineingetrunken. Ein Blühen in solcher Fülle und Verschwendung ist zauberhaft! Alles 98 blühte gleichzeitig: Flieder, Kastanien, Obstbäume, Magnolien. Immer wieder kam mir Gottfried Kellers schöner Vers in den Sinn: ,, Trink, o Auge, was die Wimper hält, von dem gold'nen Ueberfluß der Welt!" Daß ich über der Schönheit dieses Schauens Leid und Schmerzen, Krieg und Not nicht vergessen habe, wirst Du mir sicher glauben! Aber ich habe mir neue Kräfte und neuen Mut, weiter zu arbeiten und getrost auf unsere Wiedervereinigung zu warten, aus diesen Tagen geholt. - Inzwischen hat die gute Emmy K., mit Unterstützung von freiwilligen Hilfskräften, fleißig weiter Päckchen geschickt, so daß diese Arbeit durch meine Reise keine Unterbrechung erfahren hat. Die letzten Briefe enthielten die Bitte um Säuglingswäsche und Windeln, weil sie in nächster Zeit in Piaski die Geburt zweier Kinder erwarten. Wie werden in diesen schweren Verhältnissen Mütter und Kinder gepflegt und aufgezogen werden können! Wir haben zwei sehr nette Säuglingsausstattungen zusammengebracht, auch extra Stärkungsmittel, Kindermehl und Puder. Leid tat uns nur, daß wir uns versagen mußten, alles nett zu bündeln und hübsch zu verpacken. Unter den letzten Briefen war einer von einer siebzigjährigen alten Dame, die, in begüterten Verhältnissen in Stettin, sehr viel ehrenamtliche Fürsorgearbeit geleistet hat. Sie wurde mit Tochter und Schwiegersohn deportiert. Ihrem Schreiben merkt man an, wieviel Anstrengungen es sie kostet, nicht zu verzweifeln, und wie sie sich auf die Arbeit für andere stürzt, um an ihr eigenes Elend so wenig wie möglich zu denken. Sie wird zu denjenigen gehören, mit denen ich in regelmäßigen Briefverkehr treten werde. Auch die Leute, die in Mischehe lebten, waren vor der Deportation nicht sicher. Wir bekamen einen Brief von der ,, arischen" Frau eines Stettiner jüdischen Zahnarztes, die die Bemühungen schilderte, eine Gemeinschaftsküche zu errichten und Räume zu finden, die man einigermaßen angemessen als Krankenstation herrichten kann. Daneben bekomme ich jetzt täglich 7° - 99 Briefe von solchen Deportierten, die, halb verzweifelnd, an alle ihnen bekannten Adressen um Päckchen und Geld schreiben. Manche hoffen mit dick aufgetragenen Schmeicheleien etwas zu erreichen, andere versuchen durch übertriebene Leidensschilderungen für ihre Person oder ihre Familie unser Mitleid besonders zu erregen. Isartal, Sonntag, den 9. Juni 1940 Die Stöße von Briefen aus Polen häufen sich, und allmählich bekomme ich ein gutes Bild von dem Leben, das unsere Stettiner( ich nenne sie der Einfachheit halber so, es sind auch Stralsunder und solche von anderen Städten darunter) in den kleinen polnischen Orten führen. Wir schicken nun auch Bücher für die Erwachsenen, Lehrmaterial, Hefte, Buntstifte und Spielzeug für die Kinder. Dann aber haben Annemarie und ich uns überlegt, daß es sehr wichtig ist, Männern und Frauen, die nicht voll beschäftigt sind, irgendwelche nutzbringende Arbeit zu verschaffen. Wir haben Muster für selbst anzufertigende Pantoffeln bekommen, leichte für den Sommer und warme für den Winter, und haben ihnen Anleitung und Stoffabschnitte, Garn, Nadeln, Filz und Strohbänder für die Sohlen geschickt. Auch Männer können sich an ihrer Herstellung beteiligen. Für sie sandten wir außerdem eine ganze Menge Schnitzmesser und kurze Anweisungen für das Schnitzen aller Art von Löffeln. Die Frauen bekommen laufend Häkelhaken, Garn, Stricknadeln, Wolle, Schnittmuster und Stoffreste für Kindersachen, selbstverständlich darf auch Stopfgarn nicht fehlen. In den letzten beiden Wochen sind Emmy K. und ich von einem Münchner Altkleiderhändler zum anderen gezogen, um Sommerkleider für Frauen und Mädchen, leichte Jacken 100 - -- und Hosen für Männer und Burschen alt zu kaufen. Unsere Ausbeute war erstaunlich groß neben dem, was wir von privater Seite bekommen. Wir haben lange Listen mit Namen und genauer Beschreibung, Alter und Aussehen. Aber wir werden es bald anders machen. Wir haben in unseren letzten Briefen gebeten, in jedem Ort einige Personen zu wählen, an die wir alles schicken, und die dann die Verteilung der Sachen vornehmen. Uns nimmt es erstens viel zu viel Zeit, Päckchen nach den Bedürfnissen einzelner zusammenzustellen, dann kann eine solche zentrale Verteilung an Ort und Stelle die Dinge gerechter abgeben, die Bedürfnisse der Menschen besser beurteilen, als wir das von hier aus vermögen. Es bleibt uns immer noch unbenommen, einzelnen zu besonderen Gelegenheiten Sonderpäckchen zu schicken und das dem Verteilungsausschuß mitzuteilen. Wir können so auch die Päckchen besser dosieren, das Gewicht richtig ausnutzen und das ist fast das Wichtigste viel schneller arbeiten. Manchmal ergeben sich komische Situationen: Gestern kam Herr Rat in unser Büro und fand mich eifrigst beschäftigt, Emailleteller zu bekritzeln, während Emmy K. über jede Hand einen Frauenschuh gezogen hatte und energisch mit ihnen auf Sandpapier herumfuhr, um die neuen Sohlen ,, getragen" aussehen zu machen! Wir konnten uns alle drei des Lachens bei diesem Anblick nicht erwehren! Schwierig wird die Sache, wenn der Kommissar der Gestapo, der unsere jüdische Gemeinde zu kontrollieren hat, plötzlich erscheint. Sobald sein Auto in den Hof einfährt, telephoniert der Hausmeister in mein Büro: ,, Es ist Besuch da!" Wie auf ein Zauberwort hin verschwinden sämtliche Waren, Kleidungsstücke und Schuhe, Medikamente und Lebensmittel, Insektenpulver, Bestecke, kleine Spirituskocher, Packpapier, Schnur und Waage im Schrank und in den Schreibtischen. Wenn der Kommissar, ein junger Mensch in den Zwanzigerjahren, unseren Korridor betritt, bin ich bereits dabei, Emmy K. die Liste an die Gestapo oder einen offiziellen Brief in Rückwandererangelegenheiten 101 in die Maschine zu diktieren, worin wir uns auch nicht stören lassen, wenn er in unser Zimmer kommt. Aber auch die Geldsendungen gehen jetzt ganz regelmäßig. Wir haben monatlich etwa zwanzig Pässe zur Verfügung und können also rund vierhundert Zloty darauf absenden. Dieses Geld geht an die uns in den drei Orten durch unseren Briefwechsel schon bekannten zuverlässigen Leute, die gemeinsam mit dem gewählten Vertrauensausschuß die Verteilung vornehmen oder den Einkauf besorgen. Isartal, Sonntag, den 28. Juli 1940 Nächste Woche trete ich meinen Urlaub an. Ich fahre ins Mittelgebirge, wo meine Studienfreundin Hanna und ihr Mann schon seit Jahren für ihre große Familie ein Häuschen gemietet haben. Sie haben mich eingeladen, und ich freue mich sehr auf das Zusammensein mit ihnen allen, aber auch auf das Ausruhen. Emmy K. wird mich vertreten. Vor allem darf das Päckchenschicken nicht ins Stocken kommen. Sie wird nun nur noch an die Leute der Vertrauensausschüsse schicken, deren Namen uns inzwischen mitgeteilt wurden. Wir fügen unseren Päckchen jetzt auch billige Schmucksachen, wie Ketten aus Glas- und Holzperlen, Broschen aus Holz, Bein oder Glas, bei, alles möglichst bunt, da sich herausgestellt hat, daß die nichtjüdische polnische Bevölkerung für diese Dinge große Vorliebe hat und unsere Leute im Tauschhandel dafür mit allerlei wichtigen Lebensmitteln beliefert. - Aber noch etwas anderes haben wir in diesen letzten für den Fall, daß weitere Wochen getan. Wir haben Deportationen kommen werden, woran ich persönlich nicht zweifle, während andere geneigt sind, die Verschickung der Stettiner als eine Einzelaktion anzusehen- Listen aufge102 stellt, gemeinsam mit Annemarie, meiner Quäkerfreundin, in denen alles enthalten ist, was unbedingt mitgenommen werden sollte. Wir empfehlen darin, vor allem Dinge wie Kocher mit dem nötigen Hartspiritus, leichtes billiges Besteck, eine Tasse und ein Eẞgefäß usw. vorsorglich zu beschaffen und bereit zu halten, am besten gepackt in einen Rucksack, den man bei sich behält. Außerdem soll jeder mindestens zweimal Wäsche und Kleider übereinanderziehen, einen Schlafsack herrichten( Muster dazu können wir liefern) oder zwei Decken und ein kleines Kissen bereit halten. Daraus wird eine Rolle gemacht, die mit Riemen oder Gurtband gehalten wird, und in die auch noch Nachtzeug, Hausschuhe usw. eingepackt werden können. Eine Menge unserer Leute haben großes Interesse für diese Listen gezeigt, und wir haben sie auch an die Reichsvereinigung der Juden nach Berlin und an andere Gemeinden geschickt. Mit Herrn Rat habe ich ausgemacht, daß ich gleich im Anschluß an meinen Urlaub die Vorsitzenden und Fürsorger der jüdischen Gemeinden in Dresden, Berlin, Frankfurt a. M., Mannheim und Stuttgart besuche, um sie zu veranlassen, privat einen kleinen Ausschuß zu bilden, der, wie wir, regelmäßig Päckchen an die deportierten Pommern schickt. Einen ganzen Stoß von Briefen, die für sich sprechen, und Listen der notwendigen und erwünschten Gegenstände, Lebensmittel und Medikamente nehme ich mit. Diese Werbung erscheint uns umso wichtiger, als der Winter nicht mehr sehr fern ist und wir nicht imstande sind, alle Bedürfnisse der Deportierten zu befriedigen. In der letzten Woche erhielt ich einen sehr ausführlichen und instruktiven Brief von Frau Bauchwitz, der ,, arischen" Frau des Stettiner Zahnarztes. Ich hatte ihr, wie wir das jetzt vielfach tun, für sie persönlich einen kleinen Farbendruck, eine Reproduktion von Spitzwegs Bild ,, Der arme Poet" gesandt. Es stellt eine äußerst dürftig ausgestattete Dachkammer dar und zeigt in einer Ecke auf einem Schragen den Dichter selbst, eifrig schreibend, unter einem alten auf103 gespannten Regenschirm, der ihn vor dem durch das schadhafte Dach tropfenden Regen schützen soll. Frau Bauchwitz schrieb nun, daß sie sich über das Bildchen sehr freue; es wirke allerdings in ihrem Zimmer wie die Abbildung eines Prunkgemaches!! Aber sie und Frau Fink schreiben auch, daß nach den in den ersten Monaten geradezu ungeheuerlich anmutenden Gewichtsabnahmen, die sich bei ihnen allen zeigten, die meisten von ihnen sich an das unsagbar dürftige und primitive Leben gewöhnt hätten. Die zuerst erschreckend hohe Zahl von Todesfällen und Schwerkranken ist nun sehr erheblich zurückgegangen, wohl kommen noch viele Fälle von Darm- und Magenerkrankungen vor, doch sind sie meist leichterer Natur, wohl auch durch die große Hitze, die jetzt dort herrscht, mit bedingt. Es ist eben doch so: der Mensch gewöhnt sich an sehr vieles und kann im allgemeinen viel mehr aushalten, als man so gemeinhin annimmt! Isartal, Sonntag, den 27. Oktober 1940 Nun ist das eingetreten, was wir immer gefürchtet hatten, und was uns doch so unfaßbar und entsetzlich erscheint: Wieder hat eine Deportation stattgefunden! Und diesmal eine viel größere und umfassendere als die erste. Alle Juden aus Baden und der Pfalz, anscheinend auch aus einem. kleinen Teil Württembergs, sind am 22. Oktober deportiert worden, zusammen eine Zahl von fünftausend Menschen! Doch hat man sie nicht nach Polen geschickt, sondern in ein Lager im unbesetzten Frankreich. Näheres wissen wir noch nicht. Auch die elsässischen, also früher zu Frankreich gehörenden Juden, sollen dabei sein. Annemarie erhielt einen ersten erschütternden Bericht von einer Mannheimer Freundin, bei der ich auf meiner Rundreise gewohnt hatte, 104 einer ,, Arierin", die, ähnlich wie Annemarie uns, den dortigen Juden hilft, wo sie kann, und mit vielen persönlich befreundet ist. Sie hat beim Packen und beim Transport mit vielen anderen geholfen, ist auch mit auf den Bahnhof gegangen und schildert, daß sie beim Anblick all des Elends und der Not Mühe gehabt hätte, nicht mit in den Zug zu springen, um dadurch zu dokumentieren, wie schwesterlich nah sie sich diesen Unglücklichen fühlte! Nur der Gedanke an Mann und Kind habe sie zurückgehalten. Diesmal hat man übrigens die Leute, die in Mischehen leben, verschont. Aber der Vorsitzende der Mannheimer jüdischen Gemeinde, ein Arzt, der gleichfalls eine ,, arische" Frau hat, und der es nicht übers Herz brachte, zurückzubleiben, ist freiwillig, unter Zurücklassung seiner Frau, die sehr zart ist und den Strapazen, die den Deportierten gewiß sind, nicht gewachsen gewesen wäre, mit seiner Gemeinde in die Verbannung gegangen. Ich kann mir so gut vorstellen, welche tröstende und beruhigende Wirkung diese Tat, die man mit gutem Recht heldenhaft nennen kann, auf seine Gemeindemitglieder gehabt haben muß! - Nun warten wir bangen Herzens auf weitere Nachrichten. Ach, wieviele gute Bekannte aus den Kreisen meiner Rückwanderer weiß ich darunter! Haben wir doch noch gerade in den letzten Wochen mit unendlicher Mühe durchgesetzt, daß eine Reihe badischer Juden aus kleineren Orten, so z. B. aus Breisach, die die nationalsozialistischen Ortsbehörden nicht nach Hause lassen wollten, zurückkehren konnten. Wie glücklich waren sie, als sie Abschied nahmen, um in die Heimat zu fahren! Wie dankbar schrieben sie nach ihrer Ankunft, und wie kurze Zeit konnten sie die Freude genießen, zu Hause zu sein! Diejenigen, die es mit der Rückkehr nicht eilig hatten, sind nun besser dran. Wir werden versuchen, ihnen bei der Gestapo hier den Daueraufenthalt in München zu erwirken. Vorgestern spielte sich bei mir im Büro eine herzzerreißende Szene ab. Eine Frau aus einem kleineren Orte 105 Badens hatte ihren Mann vor etwa vierzehn Tagen ins Mannheimer Krankenhaus bringen müssen. Am 23. Oktober sollte er entlassen werden. Sie selbst wollte ihn an diesem Tage abholen und heimbringen. In der Zwischenzeit hatte sie einen Bruder in Stuttgart besucht. Als sie am 23. Oktober nach Mannheim kam, mußte sie erfahren, daß man ihren Mann abtransportiert hatte! Alle ihre Bitten bei den ver- schiedenen Behörden, sie ihm folgen zu lassen, halfen nichts, man wies sie kurz ab. Nun hat sie ihre letzte Hoffnung auf uns gesetzt: auf den Knien flehte sie mich an, alles zu ver- suchen, um ihr die Reise zu ihrem Mann und vielen ande- ren Verwandten zu ermöglichen. Wir werden natürlich alles tun, was möglich ist, aber ich habe nicht viel Hoff- nung. Der Gestapo-Inspektor, mit dem ich häufig zu tun habe, und der sich immer korrekt und anständig benommen hat, versprach mir, mit dem Mannheimer Kollegen zu tele- phonieren. Ich soll mir morgen Antwort holen.(Anmer- kung vom 30. Oktober 1940: Es ist wirklich geglückt, Frau K. darf zu ihrem Mann!) Isartal, Sonntag, den 10. November 1940 Wir haben inzwischen direkt und indirekt Nachrichten von den deportierten Badensern bekommen. Sie sind im Camp de Gurs, Departement Bas-Pyren£es, einem Lager, das ursprünglich für die im Bürgerkrieg über die Grenzen strömenden Spanier aus Baracken notdürftig errichtet wurde. Wir erfuhren ferner, daß ursprünglich die franzö- sische Regierung sich bereit erklärt hatte, die im Elsaß und in Lothringen ansässigen drei- bis viertausend Juden ins unbesetzte Frankreich zu übernehmen. Man hatte ihnen, ohne weitere Verständigung, die zirka fünftausend Juden aus Baden und der Pfalz einfach mitgeschickt! Selbstver- 106 ständlich war für eine solche Menge von Menschen nichts vorbereitet, weder die Unterkunftsmöglichkeiten noch die Lebensmittel reichten nur entfernt dafür aus. Das beweisen die Briefe, die wir direkt bekommen haben, und in denen um Lebensmittel dringend gebeten wird. Die meisten Briefe betonen ausdrücklich die menschlich freundliche Haltung der Franzosen gegenüber den Deportierten. Wir haben sofort mit Schicken von Päckchen begonnen und vor allem alle Leute, bei denen schon früher Evakuierte untergebracht waren, privat dazu aufgefordert. Auch die Mannheimer Freundin hat viele Bekannte mobilisiert und schickt selbst, so viel sie kann. Die Reichsvereinigung hatte allen jüdischen Gemeinden in Deutschland im Gedenken an diesen furchtbaren neuen Schlag einen bestimmten Tag vorgeschlagen, an dem alle Gemeindeglieder fasten sollten. Dieser Anregung sind wir gern gefolgt. Doch teilte uns Herr Rat gestern zu unserem Schrecken mit, daß man den Ministerialrat Hirsch, den man als den Urheber dieser Anregung in der Reichsvereinigung ansah, verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht habe! Eine solche Anregung sei als Sabotage der behördlichen Verfügung zu betrachten! Wir schicken sowohl nach Polen wie nach Frankreich in fieberhafter Hast; wer weiß, wie lange die Möglichkeit noch besteht! Trotz aller Schwierigkeiten und aller Entbehrungen im Camp de Gurs habe ich den Eindruck, daß die dort Untergebrachten immer noch weniger bedauernswert sind als die in Polen Befindlichen. Die französischen Wachmannschaften behandeln unsere Leute menschlich, sie helfen, wo sie können, das geht aus jedem Brief hervor, während die Not in Polen unter der deutschen Besetzung durch die seelische Belastung noch unendlich vermehrt wird. Einige Monate später kam die Nachricht seines Todes. 107 Isartal, Sonntag, den 26. Januar 1941 Vor einer Woche haben wir uns im Betsaal zu einer schlichten Abschiedsfeier für Herrn und Frau Rat versammelt, die zu ihrem Sohn in die jüdische Siedlung Avigdor in Argentinien fahren. Ich freue mich unendlich für sie beide, aber wir alle kommen uns ohne diese gütigen und weisen Menschen sehr vereinsamt vor. Beiden wurde es schwer, uns zurückzulassen; Herr Rat sagte in seiner Abschiedsrede: ,, Wenn wir beiden alten Leute dann unter uns jetzt noch unbekannten Bäumen sitzen und über die von unserem Sohn bebauten Felder in der neuen Heimat schauen werden, wird alles Schwere und alles Schöne dieser letzten Jahre hier in unserem Geiste lebendig werden, und wir werden vor allem der Menschen gedenken, die uns durch die gemeinsame, oft recht harte und schwierige Arbeit unauflöslich verbunden sind." Wie gern hätten sie mich mitgenommen, wissen sie doch, daß ich auf eine Vereinigung mit Gustel, unserer Aeltesten, und all den Verwandten in Argentinien hoffe, da ich wegen des Krieges nicht zu Euch fahren kann! - Unser neuer Vorsitzender ist Herr Direktor Stahl, der schon seit einiger Zeit die Leitung der ganzen Wohlfahrtsabteilung übernommen hat. Man kann gut mit ihm arbeiten. Sorge macht uns nur, ob er imstande sein wird, in dieser stürmischen Zeit unser kleines Schiff einigermaßen sicher durch die Wogen zu einem unsichtbaren, unbekannten Hafen zu steuern! Isartal, Sonntag, den 16. März 1941 Das Hinausdrängen der Münchner Juden aus ihren Wohnungen geht in immer rascherem Tempo vor sich, ihre Unterbringung wird immer schwieriger. Aber was uns noch 108 - - mehr erschreckte, ist, daß auch sogenannte ,, jüdische Häuser", wenn es dem Stellvertreter des Gauleiters in der Widenmayerstraße so paẞßt, plötzlich geräumt werden müssen. So mußte ein solches Haus in der Goethestraße schleunigst von allen Insassen verlassen werden. Eine unserer Angestellten hatte dort noch eine kleine Wohnung, d. h. sie selbst bewohnte noch ein Zimmer allein, die anderen waren weitervermietet. Im letzten Augenblick fand sie Unterkunft in einer natürlich ,, arischen" Pension in der Landwehrstraße. Aber wir haben Anzeichen dafür, daß es bald noch schlimmer kommen wird. Vor kurzem sind durch den Obersturmführer Muggler im Auftrage des Stellvertreters des Gauleiters eine ganze Anzahl jüngerer jüdischer Männer nach einem Ort in der Nähe des Tegernsees geschickt worden, um die für die damals illegal über die Grenze flutenden, heimlich der SA. angehörigen Oesterreicher aufgestellten Baracken abzubauen, zu verladen und sie in der Fabrikvorstadt Milbertshofen, die zu München gehört, wieder aufzustellen. Wir nehmen an, daß sie als künftige Unterkunft für die Münchner Juden dienen sollen, ein neues, echtes Ghetto! Außerdem hat man von der gleichen Stelle aus allmählich alle jüdischen Männer bis zu sechzig Jahren zur Arbeit in verschiedenen Fabrikbetrieben eingesetzt und beginnt nun, die Frauen, zunächst die bis zu fünfzig Jahren, gleichfalls zur Fabrikarbeit zu holen. Die jüngeren steckt man in Rüstungsbetriebe, die älteren beschäftigt man in anderen Betrieben mit leichterer Arbeit. Isartal, Sonntag, den 27. April 1941 Gestern erhielt ich die telegraphische Mitteilung meiner Schwester Käthe aus Argentinien, daß die ,, Llamada", d. h. die Einreiseerlaubnis für Argentinien, per Kabel an das 109 Münchner argentinische Konsulat abgesandt sei. Gleichzeitig fand ich eine Mitteilung des Konsulats vor, mich morgen zu einer Besprechung dort einzufinden. Sollte es wirklich Wahrheit werden, daß ich ausreisen kann? Soll dieser ständig auf uns allen liegende Druck von mir genommen werden?! Soll ich die Möglichkeit haben, mit Euch direkte Verbindung zu bekommen, Euch, und vor allem Dir, mein Lieber, ohne Zwang schreiben zu können?! Noch wage ich all diese Gedanken nicht auszudenken! Zu oft schon schlug mir diese Hoffnung fehl, mußte die Enttäuschung ertragen werden. Meine Papiere sind bereit, mein Paß ist in Ordnung, ich kann sehr rasch ausreisebereit sein. Laßt uns hoffen! Isartal, Sonntag, den 4. Mai 1941 Montag auf dem Konsulat bekam ich wirklich die Zusage, daß mir das Visum erteilt werden sollte, und die Aufforderung, alle nötigen Papiere zu beschaffen. Ich holte mir am Dienstag das Gesundheitsattest vom Amtsarzt in Wolfratshausen, der mich auch gleich impfte und mir darüber ein Zeugnis ausstellte.- Donnerstag feierte ich meinen fünfzigsten Geburtstag unter diesen freudigen Vorzeichen mit allen hier gewonnenen Freunden, unter denen weder die Nachbarn und die Familie Pr. noch unsere wirklich prachtvolle Lebensmittelhändlerin fehlte, die durch Tillas Sondereinkäufe für diesen Tag nach der Ursache gefragt hatte. Ich war so froh bewegt wie wohl seit Eurer Abreise nicht mehr. Aber auch diesmal sollte der Dämpfer schnell folgen. Am kommenden Tag, nachdem ich im Büro Glückwünsche und Geschenke entgegengenommen hatte-- der 1. Mai war ja Feiertag teilte mir Tilla telephonisch mit, daß ein Brief vom argentinischen Konsulat gekommen sei. 110 Ich bat sie, ihn zu öffnen und mir vorzulesen. Die Zusage des Visums wurde darin zurückgenommen, da neue Weisungen aus Argentinien eingetroffen seien. Ich fuhr aufs höchste betroffen hin, erfuhr durch die Sekretärin aber nur, daß briefliche Nachrichten über die materielle Lage meiner Verwandten eingeholt und abgewartet werden müßten. Ich kabelte meiner Schwester Käthe sofort diese Wendung der Dinge nach Buenos Aires. Noch hoffe ich, daß es sich wirklich nur um einen Aufschub handelt. Die verlangten Auskünfte müssen ja gut ausfallen- dann liegt kein Grund vor, mir das Visum zu verweigern. Aber manchmal packt mich jetzt der Argwohn, daß der Konsul -wir beide wissen ja, was für einen wenig guten Ruf er hat! antisemitisch eingestellt ist und aus diesem Grunde alles tut, um die Erteilung des Visums zu verzögern oder zu verhindern. Daß wir jüdischen Menschen auf einer Reihe ausländischer Konsulate im Reich gleichfalls wie Parias behandelt werden, ist leider keine Ausnahmeerfahrung. Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf! Isartal, Samstag, den 28. Juni 1941 Die Ereignisse überstürzen sich!- - - Die Baracken in Milbertshofen sind fertig, Pritschen immer zwei übereinander in ihnen aufgestellt, ebenso Militärschränke. Waschräume, Küche, Kantine und Eẞräume sind fertig eingerichtet, die ersten Leute, zunächst alleinstehende Männer, bereits eingewiesen. Im ganzen können etwa achthundert Menschen dort untergebracht werden. Am 21. Juni, also letzten Samstag, erhielt ich eine kurze Aufforderung, am Montag, dem 23., morgens um acht Uhr, zum Stellvertreter des Gauleiters, dem Hauptsturmführer Wegner, in die Widenmayerstraße zu kommen. Charak111 Wg1 - teristisch war die Unterschrift. Die Buchstaben haben eine Höhe von fünf Zentimetern! Ich hatte sofort das Gefühl, daß diese Aufforderung nur etwas Unangenehmes bedeuten könnte. Pünktlich zur festgesetzten Zeit war ich zur Stelle, außer mir noch eine ganze Reihe anderer, mir unbekannter Menschen. Nach etwa einer Stunde wurde gerufen: ,, Die Jüdin Behrend!" Ich kam in einen Büroraum, in dem sich mehrere Männer befanden. Vor mir stellte sich ein knapp mittelgroßer, sehr brünetter Mann von etwa dreißig Jahren auf, dem eine ungeheure Wut auf dem Gesicht geschrieben stand. Er brüllte mich an: ,, Sind Sie die Jüdin Behrend?" Jawohl." ,, Wo wohnen Sie?" ,, Im Isartal." ,, Wem gehört das Haus, in dem Sie wohnen?" Ich nannte den Namen des Hausbesitzers und fügte hinzu, daß ich dort nur Untermieterin sei. ,, Danach habe ich Sie nicht gefragt", sagte er schäumend vor Wut und nach einem Augenblick Pause mit ausgestrecktem Arm:„, Raus!" Ich verließ das Zimmer, im Flur wurde mir von einem Diener gesagt: ,, Warten Sie." Nach einer weiteren Stunde, während der ich Wegner, aber auch die Stimme eines anderen häufig brüllen hörte, stürzte ein großer, breiter Mann auf mich zu, drückte mir einen verschlossenen Brief in die Hand und brüllte: ,, Mittwoch gehen Sie mit diesem Brief zum Arbeitsamt!" ,, Aber ich arbeite bereits", sagte ich ruhig. ,, Das geht uns gar nichts an", rief er ,,, aber jetzt werden Sie richtige Arbeit bekommen!" Damit verschwand er, und ich ging in unser Büro. Mir war immer noch völlig unklar, womit ich die beiden Männer der zweite war der Obersturmführer Muggler, der vor seiner Anstellung durch die Partei Besitzer einer Luftschaukel in Regensburg war so gegen mich aufgebracht hatte. Als ich Direktor Stahl die Szene schilderte, sagte er seufzend: ,, Sie sind augenblicklich hinter allen Juden her, die außerhalb der Stadt wohnen, und sehen das als eine besondere Heimtücke an, die bestraft werden muß. Es hat auch keinen Zweck, wenn ich oder Hellinger, der zweite Vorsitzende, den die 112 - - Gestapo protegiert, zu intervenieren versuchen, ja, ich fürchte, wir machen damit die Sache noch schlimmer für Sie. Wir müssen abwarten, was das Arbeitsamt auf Grund dieses Briefes beschließen wird." Obwohl ich pünktlich zur angegebenen Zeit beim Arbeitsamt war, mußte ich wegen der vielen Frauen, die alle mit Briefen aus der Widenmayerstraße warteten, noch lange Geduld haben, ehe ich zu einer Beamtin gewiesen wurde. Sie öffnete den Brief und sagte sofort: ,, Womit haben Sie den Stellvertreter des Gauleiters denn so erzürnt?" Ich antwortete, daß es nur mein Wohnen im Vorort sein könne, das ja niemals verboten gewesen war. Sie erwiderte: ,, Wahrscheinlich haben Sie recht. Hier steht: Der Jüdin Behrend ist mitzuteilen, daß sie sofort in jüdischen Wohnraum der Stadt München zu ziehen hat. Außerdem ist sie unverzüglich zur Arbeit in die Flachsfabrik Lohhof einzuweisen. Dagegen ist nichts zu machen." Ich stellte ihr vor, daß ich mir erst eine Schlafstelle in der Stadt suchen, mein Quartier im Isartal aufgeben und meine Sachen packen müsse. Ob sie mir dazu nicht ein paar Tage Zeit geben könne. Sie nickte: ,, Ich sehe ein, daß Sie eine Frist brauchen. Aber am 1. Juli müssen Sie morgens pünktlich zur Arbeit antreten. Kommen Sie übermorgen wieder und holen Sie sich Ihren Einweisungsschein." Ich dankte ihr für ihr Entgegenkommen und ging. - Natürlich weiß ich von Lohhof; doch hat man bisher nur junge Mädchen und jüngere Frauen dorthin zur Arbeit geschickt. Die Arbeit in den Fabrikräumen in Lohhof gilt für ziemlich schwer, und auch die Arbeit auf dem Feld, den ganzen Tag in der prallen Sonne, ist ziemlich berüchtigt. Hinzu kommt der weite Weg. Lohhof ist die Eisenbahnstation hinter Schleißheim, man muß mit der Bahn und zu Fuß eineinviertel bis anderthalb Stunden Weg hin und ebenso viel zurück rechnen. Im Büro schlug mir der zweite Vorsitzende vor, mich wegen meines durch eine Geburtslähmung verkürzten und 8 Behrend, Ich stand nicht allein 113 nur begrenzt bewegungsfähigen linken Arms beim Arzt als für Fabrikarbeit nicht geeignet schreiben zu lassen. Nach reiflicher Ueberlegung aber, und besonders im Hinblick auf die eventuelle Auswanderung nach Argentinien, ziehe ich vor, mit der Arbeit zu beginnen, um den hohen Herrn in der Widenmayerstraße nicht neuen Grund zu Zorn auf mich zu geben. Nun ist die Hauptsache: eine Unterkunft zu finden. Eventuell kann ich in der Wohnung von Direktor Stahl, wo im Zimmer einer Angestellten der Gemeinde noch eine zweite Frau untergebracht werden muß, bleiben. Doch vielleicht findet sich noch ein Kämmerchen, und wenn es noch so klein wäre, wo ich allein wohnen kann. Am Donnerstag war ich in unserem Altersheim in der Kaulbachstraße ich habe das Referat über die Altersheime wieder übernommen, da von der Spitzenorganisation der Gestapo, dem Reichssicherheitshauptamt, das die Finanzen der Reichsvereinigung und damit die sämtlicher jüdischer Gemeinden Deutschlands kontrolliert, der Abbau vieler Gemeindeangestellter befohlen wurde. Davon ist auch die bisherige Referentin betroffen worden, und wie sie damals von mir, so übernahm ich jetzt von ihr diese mir liebe Arbeit seit dem 1. Mai und erzählte der Leiterin, Frau Tuchmann, wie es mir ging. Sie bot mir mit großer Herzlichkeit das zweite Zimmer ihrer kleinen Dachwohnung an, in dem sonst ihre vierzehnjährige Tochter wohnte. Ich solle wenigstens so lange bei ihr bleiben, bis etwas Passendes für mich gefunden sei. Außerdem könne ich dann vom Heim aus mitverpflegt werden, was mir im Hinblick auf die zehnstündige Arbeitszeit und den langen Weg besonders lieb ist. Heute abend noch ziehe ich bei ihr ein, kann dann morgen und übermorgen im Büro noch alles Notwendige regeln und fange Mittwoch früh mit der Arbeit in Lohhof an. - 114 Isartal, Sonntag, den 6. Juli 1941 Zwar bin ich so totmüde und zerschlagen von den ersten Arbeitstagen in der Fabrik, daß ich am liebsten alle Viere von mir strecken und in den Himmel und alles Grün und Blühen unseres Gartens im Isartal schauen möchte, aber wer weiß, wann ich wieder Zeit zum Schreiben finde, und ich will dich doch auf dem Laufenden halten. Meine Arbeit im Büro habe ich liquidiert, die Heime müssen nun ohne mich fertig werden. Das Versenden der Päckchen nach Polen übernimmt zu einem Teil Emmy K. weiter, das übrige machen Annemarie, meine Quäkerfreundin, und ihre Hilfstruppen. Ich selbst will nur versuchen, wenigstens die Korrespondenz mit den Menschen der drei Orte im Kreise Lublin, die mir wie alte Freunde lieb und vertraut geworden sind, so weit es irgend möglich ist, aufrechtzuerhalten. Am Dienstag erhielt ich im Büro einen Anruf vom Haupt- Telegraphenamt. ,, Spreche ich mit Frau Dr. Behrend?", fragte der Beamte. Ich bejahte. ,, Haben Sie in der letzten Zeit nach Argentinien gekabelt?" Wieder bestätigte ich das. ,, Haben Sie eine Verwandte drüben, die Gustel heißt?" ,, Jawohl, meine Tochter." ,, In welchem Ort lebt sie?" ,, In S. s, in der Provinz Cordoba." ,, Und nun", fügte der Beamte hinzu ,,, will ich Ihnen erklären, was diese Fragen bedeuten. Vor mir liegt ein Telegramm aus S.... s mit der Unterschrift Gustel. Aber die Adresse ist verstümmelt, sie lautet einfach: Mutter München. Und nun freue ich mich, daß wir die Mutter in München gefunden haben. Ich schicke Ihnen das Telegramm sofort zu." Ich bedankte mich bei ihm. Das Telegramm teilte mir mit, daß weitere Schritte unternommen würden, um mein Hinüberkommen doch noch zu ermöglichen. In meiner neuen Wohnung habe ich es sehr gut, Frau Tuchmann ist rührend in ihrer Fürsorge für mich. Sie ist eine ausgezeichnete Heimmutter, liebt ihre alten Leute sehr 8* 115 und tut für sie, was sie kann. Sie hängen aber auch alle an ihr. Dabei ist die Führung des Heims sehr viel schwieriger geworden, weil man auch hier Arbeitskräfte für Fabrikarbeit freigeben mußte, und weil die Allgemeinversorgung mit Lebensmitteln sehr wenig gut ist. Sie kommen sowohl was die Qualität, als auch was die Quantität anbelangt, sehr viel schlechter weg, als wenn sie für die einzelnen die Lebensmittelkarten hätten. Mittwoch früh fuhr ich nun zum ersten Mal nach Lohhof. Ich mußte kurz nach sechs Uhr aus dem Hause. Schon am Bahnhof traf ich eine ganze Menge junger Mädchen, die gleichfalls in der Flachsfabrik arbeiteten. Etwas nach sieben Uhr waren wir in Lohhof. Bis zur Fabrik läuft man etwa zehn Minuten. Alle Gebäude der Fabrik und das ganze recht ausgedehnte Gelände machen einen sehr verwahrlosten Eindruck. Ich wurde mit meinem Schein vom Arbeitsamt zuerst in das Büro geschickt. ,, Ziehen Sie sich zur Arbeit um und wenden Sie sich an den Aufseher X.", wurde mir kurz bedeutet. In der Kleiderkammer der jüdischen Gemeinde hatte man mich mit Arbeitskleid, groBem Strohhut und Sandalen versorgt. Der Umkleideraum war häßlich und ungepflegt, immer zwei zusammen hatten einen Militärschrank, in dem sie ihre Sachen aufbewahren konnten. Vor der Tür dieser Baracke stand ein Aufseher, der zu raschem Fertigwerden drängte. Ich wandte mich an ihn und fragte nach Herrn X., der mir die Arbeit zuteilen sollte. ,, Der bin ich selbst", sagte er kurz ,,, wie alt sind Sie?" ,, Ich bin fünfzig Jahre alt." ,, Was denkt sich eigentlich das Arbeitsamt, daß es uns so Alte schickt", murmelte er, worauf ich lächelnd entgegnete, daß ich dazu nichts sagen könnte. ,, Ich werde Sie zum Flachssortieren an der Bündelmaschine einteilen." Wir durchschritten etwa fünf Minuten lang ein großes, ebenes Gelände, auf einer ausgetretenen Straße, zu deren beiden Seiten sich in unregelvon Flachsmäßigen Abständen häusergroße Haufen bündeln, hin und wieder auch nach einer Seite offene 116 Scheunen befanden, die zum größten Teil gleichfalls mit Flachshaufen angefüllt waren. Schließlich erreichten wir auf freiem Felde eine Gruppe von etwa acht Menschen, die an zwei Tischen Flachshaufen sortierten, die dann eine Maschine mit Hanfschnur zu Bündeln band. Der Aufseher wies die Frauen des einen Tisches an, mir die Arbeit zu zeigen, und entfernte sich. Meine Arbeitskolleginnen gefallen mir gut, es herrscht ein netter, kameradschaftlicher Ton unter ihnen. An der Maschine arbeitet ein Mann, ein kriegsgefangener Franzose, andere tragen uns die Flachshaufen von dem nächsten großen Haufen zu. Die Unterhaltung mit den Franzosen ist uns streng verboten. Aber dies Verbot reizt ständig zur Übertretung, besonders da wir uns auf weiter Flur allein mit ihnen befinden, es kann auch ohne große Gefahr außer acht gelassen werden, da wir an unseren zwei Tischen, die je zu einer Seite der Maschine im rechten Winkel zu ihr stehen, das Gelände völlig übersehen können. Wir waren im besten Gespräch mit einem der Flachs tragenden Franzosen, als von der Maschine her die kurze Weisung kam: ,, Attention, le Chapeau gris!" Ich wurde schnell belehrt, daß die drei Aufseher nach der Farbe ihrer Hüte benannt werden. Zwei von ihnen, le Chapeau gris und le Chapeau blanc seien unangenehm, der dritte, le Chapeau vert, sei ein gutmütiger anständiger Kerl, der aber nicht so viel zu sagen hätte wie die beiden anderen. Die Arbeit selbst ist für Menschen mit zwei gesunden Armen nicht schwer. Die Flachshaufen müssen völlig auseinandergenommen, die einzelnen Stengel auf ihre Festigkeit geprüft werden. Brechen sie, so kommen sie auf den Abfallhaufen. Es ist dann darauf zu achten, daß gleich große Haufen der selben Flachssorte gemacht werden, und daß das Ende der Stengel eine möglichst glatte, runde Fläche bildet. Die Franzosen machen sich lustig über den vielen Abfall. Anscheinend liegen die Stapel schon viel zu lange, viele Haufen sind völlig verschimmelt und entwickeln entsetzlichen Gestank. Auch der Staub, den die Bündel ent117 halten, und der uns bald wie mit einer grauen Schicht ganz bedeckt, ist sehr unangenehm. Am schwersten aber ist das dauernde Stehen in der glühenden Sonnenhitze zu ertragen. Ich bekam trotz sorgfältigen Einölens schon am ersten Tage an den Armen und im Nacken einen scheußlichen Sonnenbrand, der mich immer noch quält. Mittags ist eine Pause von dreiviertel Stunden, die ich mit meinen Kameradinnen auf einem der im Abbau be- griffenen großen Flachsstapel im Schatten zubringe. Eine von uns geht zum Wärterhäuschen am Eingang, um von der Frau des Wärters herrlich gekühlte Magermilch in Bierflaschen zu erstehen. Die Hitze und der Staub erzeugen einen quälenden Durst, der durch die Milch zwar nicht gänzlich gelöscht, aber doch sehr gelindert wird. In dieser Pause, die nur zu schnell zu Ende ist, lerne ich auch meine Kolleginnen besser kennen. Da ist die Frau eines früheren Bankdirektors, die mir besonders gut gefällt mit ihrer gleichmäßig heiteren, freund- lichen und gefälligen Art. Neben ihr sitzt„Tante Julchen“, wie sie von allen genannt wird, ein Fräulein H., etwa _ fünfundvierzig Jahre alt, klug und mit einem trockenen Humor, mit dem sie uns oftmals zum Lachen bringt. Lustig ist auch„Klein-Erna‘, so genannt nach der Sammlung von Hamburger Witzen, die unter diesem Titel erschienen sind, und aus denen sie gelegentlich den einen oder anderen zum besten gibt. Sie ist eine fromme Christin, ihr Vater starb, als sie noch ganz klein war. Die Mutter heiratete dann einen Major, also einen„Arier“, an dem„Klein-Erna“ sehr hängt. Sie führte bisher den Eltern den Haushalt, da ihre Mutter leidend ist. Sie stand den Juden und allem, was ihnen in den letzten Jahren geschah, ganz fern, bis der Obersturmführer Muggler sie vor zwei Monaten bestellte und zur Arbeit nach Lohhof schickte.— Achnlich liegen die Dinge noch bei zwei anderen, der Frau Brand, die Mischling ist, aber von den Eltern in die jüdische Kultus- gemeinde als Mitglied eingetragen wurde, obwohl sie reli- 118 giös völlig indifferent war und ist und von der jüdischen Religion keine Ahnung hat. Auch sie ist freundlich und sympathisch, Anfang der Dreißiger, wie ,, Klein- Erna", und mit ihr befreundet. Unsere Jüngste, deshalb auch ,, Baby" genannt, stand gleichfalls dem Judentum und den jüdischen Menschen. fern. Ihr Vater, Halbjude, ein tüchtiger Arzt, leitete viele Jahre ein Sanatorium in Ebenhausen, er ist nicht mehr am Leben. Ihre Mutter, Volljüdin, lebt mit ihr zusammen. Die Eltern sind getauft, wie sie auch. Sie sieht rein ,, arisch" aus, hellblond, mit blauen Augen, ohne irgendein sogenanntes jüdisches Rassenkennzeichen. Diese fehlen nicht ganz bei der letzten unserer Gruppe, der Frau Irma, Witwe eines vor Jahren gestorbenen jüdischen Zahnarztes. Ich bin gespannt, wie lange ich die Arbeit mit meinem linken Arm werde machen können. Das Zurechtrücken und Glattstoßen der ziemlich schweren Flachsbündel erfordert. die Kräfte beider Arme und kann unmöglich mit nur einem bewältigt werden. Schon nach den dreieinhalb Tagen Arbeit spüre ich zeitweise die unangenehmen Nervenschmerzen, die sich immer nach einer Ueberanstrengung zeigen. Gestern nachmittag war ich zu unserem ersten Vorsitzenden, Direktor Stahl und seiner mir sehr sympathischen Gattin zum Kaffee eingeladen. Sie wollten gern von meinen Erfahrungen vom Lohhof hören. Dann erzählte er mir, daß die Widenmayerstraße neben den Baracken in Milbertshofen, die immer stärker belegt werden, noch ein zweites jüdisches Lager plane. Man wolle den katholischen Krankenschwestern vom Vincentinerinnenorden, die draußen in Berg a. Laim, auch einem Vorort von München, ihr Kloster haben und vor drei Jahren im Klostergarten ein neues Heim für alte und kranke Schwestern erbaut hatten, von diesem Heim zwei Stockwerke fortnehmen und Juden dort unterbringen. In den nächsten Tagen soll sich entscheiden, ob dieser Plan Wirklichkeit wird. Dann müßten Wascheinrichtungen geschaffen, im Souterrain Küche und Speise119 räume eingerichtet werden. Die Partei rechnet mit der Unterbringung von etwa dreihundertfünfzig jüdischen Menschen in den zwei Stockwerken. ,, Wir brauchen dann jemanden, der die Wirtschaftsführung und die Betreuung der Frauen übernimmt", schloß Direktor Stahl seine kurze Schilderung ,,, und ich möchte, daß Sie das machen." Ich antwortete ihm, daß das eine Arbeit sei, die ich gern tun würde, die ich mir auch zutraute, daß ich mir aber nicht recht vorstellen könnte, wie das Einverständnis des Hauptsturmführers Wegner oder des Obersturmführers Muggler zu diesem Plan zu erlangen sein würde. ,, Ich weiß auch nicht, wie wir das erreichen werden, aber ich hoffe es immer noch. Jedenfalls halten Sie sich bereit, und hören Sie mit der Fabrikarbeit auf, ehe Ihr Arm ernstlichen Schaden nimmt." Das versprach ich, meinte aber, ich wolle doch noch ein Weilchen auszuhalten suchen, um meinen guten Willen zu beweisen. München, Sonntag, den 27. Juli 1941 Seit drei Tagen arbeite ich nicht mehr im Lohhof. Am Donnerstag bekam ich während der Arbeit so entsetzliche Nervenschmerzen im Arm, daß ich aufhören mußte. ,, Le Chapeau vert" war gerade bei uns. An diesem Tage, wie auch sonst gelegentlich, waren wir mit unserer Maschine in einer der offenen Scheunen, um sie vor allem von den Flachsbergen des vergangenen Jahres frei zu machen für die schon vor den Toren wartende neue Ernte. Ich meldete mich bei dem Aufseher, der gutmütig sagte: ,, Hören S' halt auf und gehen S' zum Arzt. Man g'sieht Eahna scho an, daß S' net gut beianand sein." Noch am gleichen Nachmittag meldete ich mich bei unserem jüdischen Vertrauensarzt, der mich krank schrieb. Ich nehme an, daß ich in den 120 nächsten Tagen zum Vertrauensarzt der Ortskrankenkasse bestellt werde, der entscheiden muß, was weiter aus mir werden soll. - - Unsere kleine Arbeitsgemeinschaft rechnet fest mit meinem Aufhören und ist traurig darüber. Wir haben uns wirklich sehr gut verstanden, unsere Franzosen inbegriffen, denen wir, soviel wir konnten, mit Lebensmitteln, vor allem Brot, halfen. Alle erzählten uns von ihrer Heimat, zeigten uns Bilder ihrer Familie und waren einmütig überzeugt, daß, trotz allen Siegen der Deutschen, die Alliierten den Krieg gewinnen würden. Wir hatten das Glück, in der letzten Zeit ,, Le Chapeau vert" als Aufseher zu haben. Da gab es auch oft etwas zum Lachen. Er versteht kein Wort Französisch, die Franzosen sprechen obwohl ich überzeugt bin, daß die meisten von ihnen schon eine ganze Menge gelernt haben kein Wort deutsch. Aber vieles ist ihnen wirklich unverständlich, besonders wenn ,, Le Chapeau vert" in seinem unverfälschten Bayrisch redet. So fragte mich Lucien, der Südfranzose, der die Bündelmaschine bedient, eines Tages: ,, Madame, que veut dire: Dagoumer?" Ich zuckte die Achseln, ich konnte mir absolut nicht denken, was er meinte. ,, Mais, Le Chapeau vert' dit cela souvent", fügte er hinzu. Da begann ,, Baby", die neben mir stand, zu lachen: ,, Ich weiß, was er meint:, Le Chapeau vert' ruft ihn oft zu sich und sagt dann: Da kumm her!" Lachend erklärten wir ihm den Sinn des ihm unverständlichen Wortes. Ein anderes Mal, als ,, Le Chapeau vert" einen der Franzosen ruhig schlafend auf einem Flachsberg gefunden hatte, kam er zu uns:„ Jetzt sagt's mir, wie hoaẞt: Du oiter Schlawiner auf französisch?" Leider reichten unsere Kenntnisse der französischen Sprache nicht aus, um diesen speziell bayrischen Ausdruck zu übersetzen. Das Lager in Berg a. Laim ist inzwischen Wirklichkeit geworden, die ersten Insassen sind auf Befehl des Obersturmführers schon vor etwa acht Tagen eingezogen, obwohl noch keine Kücheneinrichtung existiert und auch sonst 121 noch sehr viel fehlt. Es handelt sich um etwa zwanzig Leute. Vorläufig werden sie von den Klosterschwestern morgens mit Kaffee, mittags mit einem Eintopfgericht und abends mit einer Suppe versorgt. Das Uebrige kaufen sie sich auf ihre Lebensmittelkarten. Das Lager soll vor allem die nicht mehr arbeitsfähigen alten und kranken Leute aufnehmen, während die jüngeren in das Barackenlager Milbertshofen geschickt werden. Direktor Stahl hofft jetzt bestimmt, mich für die Wirtschaftsführung in Berg a. Laim zu bekommen, wenn der Vertrauensarzt mich von der Fabrikarbeit befreit.- Auch in Lohhof soll sich manches ändern. Alle jüdischen Mädchen von fünfzehn bis achtzehn Jahren sollen draußen nicht nur arbeiten, sondern auch in einer neu aufgebauten Baracke wohnen unter Leitung einer jüdischen Freundin Annemaries, die bisher in ihrer Wohnung ein privates kleines Altersheim hatte. Nun muß sie diese auch räumen, die alten Leute werden in unserem Altersheim untergebracht, sie zieht als Leiterin des jüdischen Arbeitslagers mit in die Baracke nach Lohhof. ,, Baby" soll ihr als Hilfe zur Seite stehen. Auch Polinnen und Ukrainerinnen, in einer besonderen Baracke wohnend, sollen dort arbeiten. Was noch an ,, arischen" Arbeitern draußen ist, kommt fort, ebenso die kriegsgefangenen Franzosen. Lohhof soll ein Betrieb mit rein jüdischen Arbeitskräften werden. Die jüdische Leitung über all diese Arbeitskräfte übernimmt Herr Gr., früher hoher Beamter im Reichsfinanzministerium in Berlin, bisher in Milbertshofen tätig. Uebrigens hätte ich fast zu erwähnen vergessen, was mir meine Arbeit in der Fabrik einbrachte. Ich erhielt bei zehnstündiger Arbeitszeit wöchentlich 11.70 Reichsmark ausbezahlt! Ein Glück, daß ich zwar schon über ein Jahr nicht mehr 250 Reichsmark monatlich von Deiner Pension erhalte wohl aber 200 Reichsmark vom Sperrkonto unseres Schwagers, der in Amerika ist. - 122 München, Sonntag, den 3. August 1941 Der Vertrauensarzt der Ortskrankenkasse hat mich für jede Fabrikarbeit arbeitsunfähig geschrieben. Also hat die Arbeit in Lohhof nicht viel länger als drei Wochen gedauert. Auf Grund dieses Zeugnisses hat Herr Direktor Stahl vom Stellvertreter des Gauleiters die Genehmigung erhalten, mir die Wirtschaftsführung und Betreuung der Frauen in Berg a. L. zu übertragen. Morgen trete ich meine neue Stellung an und ziehe hinaus. Donnerstag war ich mit Hellinger, unserem zweiten Vorsitzenden, zum ersten Male draußen, um mir das neue Heim anzusehen und mich mit den Herren der Leitung, denen ich nun beigesellt werde, bekannt zu machen. Es sind drei: Primus inter pares ist der Hauptlehrer Alb, ein Mann von fünfundfünfzig Jahren, ein typischer Vertreter seines Berufes, wie mir scheinen will, mit allen Vorzügen und Schwächen. Die beiden anderen sind Schulkameraden von Hellinger, also etwa vierzigjährig, beide ursprünglich Kaufleute. Heilbronner, der eine, sehr ruhig, gewandt, klug und sympathisch. Abel, lebhaft, technisch und praktisch sehr begabt, heiter und arbeitsfreudig. Vom ersten Augenblick an wußte ich, daß ich gut mit ihnen würde arbeiten können. Die ,, Heimanlage für Juden in Berg a. Laim", das ist der offizielle von der Partei gewählte Name, ist ein schönes, modern eingerichtetes Haus. Uns stehen die Hälfte des Souterrains, das Erdgeschoß und das erste Stockwerk zur Verfügung, während die Klosterschwestern den zweiten Stock und die andere Hälfte des Souterrains behalten. Breite, bequeme Treppen, lange geräumige Flure, alles mit grünem Linoleum belegt, je eine wunderschöne Terrasse auf jedem Stockwerk mit weitem Blick über Felder und Gärten und auf die Bayrischen Alpen. Die Räume im Souterrain ebenso wie die Toiletten und das Bad hellgrün und weiß gekachelt, alle Zimmer mit zartgrünem Anstrich und Linoleumboden, das sollte wirklich für uns bestimmt sein? Gewiß, alle Zim123 mer sollen bedrückend eng belegt werden, jedem Insassen soll nur ein schmaler Militärschrank im Flur für seine Sachen zur Verfügung stehen, schmale holzbedeckte Pritschen übereinander statt richtiger Betten, aber das ist in Milbertshofen ebenso, und dort bilden kahle, häßliche Baracken den äußeren Rahmen! ,, Glauben Sie wirklich, daß man uns hier längere Zeit lassen wird?" fragte ich zweifelnd die mich führenden Herren. ,, Wie sollen wir das wissen", entgegnete Hellinger ,,, jedenfalls müssen wir so tun, als richteten wir uns für längere Zeit ein." Ich wählte mir dann mein Zimmer aus, in der Mitte des ersten Stockes, der für die Frauen bestimmt ist. Auch ich kann nicht damit rechnen, einen Raum für mich allein zu bekommen, aber statt der in den kleinen Zimmern sonst vorgeschriebenen sechs Betten sollen nur vier darinbleiben, an Stelle der zwei herauszunehmenden soll der Schreibtisch stehen, den mir Frau Tuchmann mitgeben wird, außer der hübschen alten Kommode, in der sich mancherlei Material für das Heim unterbringen läßt. Das Zimmer ist vier zu zweieinhalb Meter groß, jedes Stockwerk hat eine Reihe solcher. Daneben gibt es noch größere Räume, in denen zwölf, sechzehn und achtzehn Leute untergebracht werden sollen. Das Erdgeschoß enthält außerdem einen Saal, von den Schwestern als Bet- und Versammlungsraum bestimmt, in ihnen sollen sechsunddreißig Männer Unterkunft finden. Im ganzen können dreihundertzwanzig Menschen aufgenommen werden. Jeder Raum trägt an der weißen, mit grün abgesetzten Tür den Namen einer oder eines Heiligen, mir wird die Hl. Theresia in Nr. 38 eine Zuflucht bieten. Das große Fenster meines Zimmers gibt mir den Blick auf den Klosterhof, ein Stück Garten, das Schiff der schönen Barockkirche und ein weites Stück Himmel frei. Ich liebe dieses Zimmer schon jetzt, wie ich die ganze Atmosphäre des Hauses, ja des ganzen von einer Mauer umgebenen Geländes als ungemein friedlich und beruhigend empfinde. 124 Im Erdgeschoß hat der Hauptlehrer für sich das Zimmerchen des Pförtners gewählt, das er bei voller Belegung mit einem zweiten teilen muß, während Heilbronner und Abel im Büro wohnen und schlafen. Die ersten Insassen sind zum größten Teil freiwillig herausgezogen. Es sind meist jüngere Menschen, die in einer der Münchner Fabriken arbeiten, teils ältere, zur Fabrikarbeit nicht mehr eingeteilte Frauen, die im Heim selbst arbeiten werden. Dann sind noch einige Menschen hier, die vom Hauptsturmführer ,, strafweise" hierher versetzt sind. Das Heim bekommt keinerlei Personal zugeteilt, außer einer ehrenamtlich arbeitenden Köchin, die nicht im Heim wohnt. Sie hat bisher in unserem kleinen Heim in der Wagnerstraße die Küche geführt, die wir anfänglich für die Rückwanderer eingerichtet hatten, und die viele unserer Leute, die noch in Schwabing wohnen, mittags mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Doch wird der Kreis derer, die dort essen, allmählich durch die zahlreichen Entmietungen immer kleiner. So können wir mit gutem Gewissen Fräulein Lind als Köchin zu uns nehmen und die Küche in der Wagnerstraße einer ihrer Helferinnen überlassen. Berg a. Laim, Sonntag, den 10. August 1941 Mein Um- und Einzug am Montag vollzog sich reibungslos, Heilbronner und Abel halfen mir sehr nett, mich einzurichten. Dabei erklärten sie mir, daß es für sie schwierig sei, mit dem Hauptlehrer zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit zu gelangen, ja, daß sie schon überlegt hätten, ob es nicht geratener sei, die Arbeit aufzugeben. Doch wollten sie abwarten, ob es mit meiner Hilfe leichter sein werde. Inzwischen weiß ich, daß die Vermittlung zwischen den beiden Praktikern und dem philosophierenden Theoretiker, 125 der noch dazu mit einer beinah pedantischen Gründlichkeit vorgeht, eine meiner vordringlichen Aufgaben sein wird. Die Arbeit im Hause selbst macht vorläufig keine Schwierigkeiten: die Reinigung der Räume und des Geschirrs nach den Mahlzeiten wird mühelos von den nicht zur Fabrikarbeit eingeteilten Frauen bewältigt. Die Aufgaben unter uns vieren sind folgendermaßen verteilt: Der Hauptlehrer hat den Verkehr mit den Behörden, also die polizeilichen Anmeldungen, die Telephongespräche mit der Gemeinde zu führen, falls es sich nicht um spezielle Fragen aus dem Arbeitskreis von uns dreien handelt, außerdem übernimmt er die Betreuung der Männer und die Schlichtung der Streitigkeiten unter ihnen. Heilbronner hat die Führung der Finanzen( das Heim soll sich durch die noch festzusetzenden Unterkunfts- und Verpflegungszahlungen der Insassen selbst erhalten), auch der finanzielle Teil des Einkaufs von Lebensmitteln und Materialien obliegt ihm, während Abel alles Technisch- Handwerkliche und sämtliche Reparaturen unterstehen. Die Kontrolle der Wohnräume auf Ordnung und Reinigung hin werden wir abwechselnd machen, alle wichtigen Neuerungen und Erfahrungen werden gemeinsam besprochen. Wunderbar ist, daß wir uns um die Verpflegung der bisher eingezogenen Insassen nicht zu kümmern brauchen. Morgens um halb acht Uhr schickt uns die Klosterküche eine Riesenkanne mit Milchkaffee, und ebenso wird mittags und abends zur bestimmten Zeit das Essen für uns und hinterher ein mächtiger Kübel heißen Wassers zum Spülen des Geschirrs gebracht. Jeder Insasse bringt übrigens Tasse, Teller und Besteck, wenn möglich mehrere Exemplare jeder Gattung, mit ins Heim, was den wenigsten schwer fällt, da sie meist vor dem Einzug ihren eigenen Haushalt auflösen müssen. -- Der Verkehr mit den Nonnen ist laut Parteiverfügung - allen unseren Insassen aufs strengste untersagt. Eine offizielle Erlaubnis dazu hat nur der Hauptlehrer, weil er die 126 - hauptsächlichsten Telephongespräche drüben im Hauptgebäude führen muß wir erhalten kein eigenes Telephon - und ich, die ich täglich mehrmals hinübergehe, schon um wegen der Menge des zu liefernden Essens mit ihnen zu sprechen. Doch können auch Heilbronner und Abel, teils um das Telephon zu benutzen, teils um Fragen zu klären, die ihre Arbeitsgebiete betreffen, mit der Frau Oberin oder ihrem ,, Baumeister", wie hier ganz allgemein der Inspektor heißt, unterhandeln. Gestern erhielten wir vom Kloster die Zusicherung, daß man uns einen Keller zur Aufbewahrung der Kartoffeln zur Verfügung stellen würde, eine sehr wichtige Angelegenheit, die mir schon Sorge bereitet hatte. Ebenso dürfen wir auf einem Stück Rasen, vorn an unserem Haus gelegen, einen kleinen Trockenplatz errichten, für kleinere persönliche Wäschestücke der Insassen berechnet, die sie im Frauenwaschraum, der bald fertig ist, waschen können. Für die große Wäsche wird uns von der Partei eine Wäscherei genannt. Morgen müssen Heilbronner, Abel und ich einen vorläufigen Etat auf 6 Monate aufstellen, eine etwas schwierige Angelegenheit, da noch nichts festliegt, doch habe ich durch die Etats der Altersheime darin etwas Erfahrung, und er ist ja glücklicherweise nicht verbindlich, sondern nur eine Grundlage. Dann haben wir uns auf meine Vorstellungen hin entschlossen, keine sogenannte allgemeine Heimverpflegung, sondern Lebensmittelkarten für die einzelnen anzufordern. Zwar nehmen wir, vor allem ich, damit eine sehr große Mehrarbeit auf uns, aber wir wissen dann wenigstens, womit wir zu rechnen haben. Auch die Geschäfte, in denen allein wir Lebensmittel einkaufen dürfen, sind uns genannt. Ein Kolonialwarenladen, ein Butter-, Milch- und Eiergeschäft und ein Metzgerladen. Alle drei sind in der fünf Minuten entfernten Arbeitersiedlung gelegen. Heilbronner und ich werden morgen hingehen, um alles Notwendige mit den Besitzern zu besprechen. Wir werden im Hause einen Verkaufsraum für die Insassen einrichten, 127 weil ihnen das Betreten jedes Lebensmittelgeschäftes verboten ist. Da wir ihnen die Möglichkeit geben wollen, einen Teil ihrer Karten selbst einzulösen, werden sie im Hause nach Belieben und Bedarf einkaufen können. Auch der Leiter für diesen kleinen Laden ist schon gefunden: Herr Klein, ein älterer Insasse, Kaufmann von Beruf, ein ruhiger, zuverlässiger Mann, den Heilbronner gut kennt. So wird an jedem Tage ein Stück Vervollständigung der Heimanlage geschaffen. Die Küche ist ein schöner, großer und luftiger Raum. Wir warten auf den großen Herd, der in die Mitte kommen wird, in die Ecken der Fensterseite kommt je ein Spültisch. Sagte ich schon, daß wir Zentralheizung haben? Für mich, die so leicht friert, ein wahrhaft tröstlicher Gedanke, besonders auch deshalb, weil das Kloster schon wegen des ihm verbleibenden Stockwerkes die Sorge für die Beheizung übernimmt und die Kohlen im ganzen bezieht. In die Küche kommt außerdem noch ein großer Boiler, der vom Herd aus erwärmt wird, denn wir haben dort weder Gas( ganz Berg a. L. hat keines) noch einen größeren elektrischen Herd. ( Auch Kraftstrom ist nicht vorhanden.) - Du verstehst, mein Lieber, daß mir diese ganze Arbeit, geschähe sie unter anderen Umständen, unendlich viel Freude machen würde. Immerhin sage ich mir, daß wir auf diese Weise die Vorbedingungen für ein vorbildliches Lazarett schaffen! Ich glaube, ich habe noch nicht erwähnt, daß das Kloster uns ein schönes Stück Ziergarten für den Aufenthalt unserer Insassen zur Verfügung gestellt hat. Wir haben beim Wohnungsreferat gebeten, alle Neuankömmlinge zu veranlassen, Liegestühle und Gartenmöbel mitzubringen.-Am 15. August kommen die nächsten Insassen. Die schwierige Arbeit des Verteilens der Ankömmlinge auf die Zimmer wollen wir gemeinsam vornehmen- natürlich möchten wir möglichst zueinander passende Menschen zusammen wohnen lassen. Ueber eine grundsätzliche Frage sind wir uns glücklicherweise alle vier einig- wäh128 - - rend ich sonst schon reichlich Gelegenheit hatte, meine vermittelnde Tätigkeit, von der ich oben sprach, auszuüben: Wir wünschen nicht, den militärischen Ton, der in Milbertshofen herrscht vielleicht bei der so viel größeren Insassenzahl und unter den schwierigeren Verhältnissen herrschen muß, bei uns einzuführen. Unser Heim soll, bei aller notwendigen Straffheit und Energie, mit Freundlichkeit, Geduld und Verständnis für die Individualität der Einzelnen geführt werden. Heilbronner sagte sehr richtig: ,, Man soll uns niemals nachsagen, wir hätten uns zu Handlangern der Partei gemacht. Wir sind ihr verantwortlich für Sauberkeit, Ruhe und Ordnung, unseren Leuten aber insoweit noch mehr verpflichtet, daß wir alles tun, um ihr schweres Los so leicht wie möglich zu machen." Wir stimmten ihm alle ohne Vorbehalt zu. Berg a. Laim, Sonntag, den 17. August 1941 Mit unseren drei Geschäften, die Heilbronner und ich zu Beginn der vergangenen Woche aufsuchten, sind wir nun zu einer vernünftigen Regelung gekommen. Sehr gut gefaller. uns unser Metzger und der Butter-, Milch- und Eierlieferant; mit ihnen wird alles reibungslos gehen. Der Kolonialwarenhändler, der uns auch Gemüse liefern soll, ist weniger angenehm, er scheint am meisten nationalsozialistisch angehaucht zu sein, außerdem geschäftlich ziemlich passiv, aber auch mit ihm wird es einen Modus vivendi geben, bösartig ist er nicht. Für alle drei bedeutet unser Einkauf eine große Mehreinnahme, bisher waren sie nur auf die Einwohner der nicht großen Siedlung angewiesen. Befürchtungen haben sie allein wegen der vermehrten Arbeit des Stempelns der einzelnen Lebensmittelkarten, worauf wir ihnen den Vorschlag machten, ihnen diese Arbeit abzuneh9 Behrend, Ich stand nicht allein 129 men. Alle drei versprachen daraufhin erleichtert, uns einen Stempel ihres Geschäftes zu überlassen. Es ist anzunehmen, daß die Partei mit der Regelung dieser Angelegenheit, die einen sehr großen Vertrauensbeweis darstellt, nicht einverstanden wäre, wenn sie davon erführe! Das Kloster besitzt sehr ausgedehnte Gemüsegärten. Ich war vor einigen Tagen bei der Gartenschwester, die mir versprach, uns an Gemüsen und Tomaten, ja auch an Obst zu liefern, was sie irgend könnte. Das ist eine ganz große Hilfe. Sie erzählte mir auch, daß das Kloster für den Winterbedarf alle Kohlarten, Rüben usw. bei bestimmten Gemüsebauern kauft und einmietet. Sie meinte, daß, wenn wir Interesse daran hätten, eine entsprechende Menge mehr besorgt und eingegraben werden könne. Natürlich werden wir von diesem Vorschlag Gebrauch machen.- Wir haben wunderbar warmes Sommerwetter und wir kommen uns bei aller Arbeit fast wie in der Sommerfrische vor. Allein die Mahlzeiten auf der unteren Terrasse, die auf den Garten geht, sind eine Freude. Wir alle sind hier draußen wie von einem Druck befreit, der in der Stadt ständig auf uns lag. Nicht, daß wir vergäßen, wer wir sind, mit welchem Fluch behaftet, von unsichtbaren Gefahren bedroht, aber der liebliche Garten, die schöne Kirche, die stets gleich freundlichen Gesichter der Nonnen, die nie ohne lächelnden Gruß an uns vorübergehen, und das wohltuende Bewußtsein, von ihnen nicht gehaßt und verachtet, sondern mit schwesterlicher Zuneigung betrachtet zu werden, bedeuten eine große Entlastung. Was für prachtvolle Menschen sind unter diesen Nonnen! Da ist die Oberin, klug und mit Verständnis für unsere Lage, nach ihrer eigenen Aussage froh, daß wir und nicht irgendeine Parteiorganisation zu ihnen gekommen sind, die Oberschwester an der Pforte, die zugleich das Telephon bedient, eine alte Frau, deren Gesicht schön ist durch den Ausdruck von Weisheit, Reinheit und Güte. Ich könnte noch viele von ihnen aufzählen, die uns lieb sind, will aber nur noch die sehr tüchtige, 130 - 90 freundliche Küchenschwester, die mir stets bereitwilligst mit ihren Erfahrungen zu Hilfe kommt, und die Gartenschwester erwähnen, die mit ihren lustig funkelnden Augen im braunen, von vielen Fältchen durchzogenen Gesicht so viel Freude an ihrer Arbeit ausstrahlt. Vorgestern sind rund fünfzehn neue Insassen eingezogen. Die größte Schwierigkeit ist, die Leute zu bewegen, nicht zuviel von ihren Sachen mitzubringen. Wir haben erreicht, daß jeder drei Koffer in Coupégröße hier haben darf: einen darf man unter seinem Lager, die beiden anderen auf dem schmalen Militär- Schrank im Flur aufheben. Zwei bis drei Nachtkästchen, eventuell auch eine Kommode und einige Stühle finden in den Zimmern Platz. Aber jedes Möbelstück, das in die Heimanlage kommt, geht in den allgemeinen Besitz und in die gemeinsame Benutzung über, das ist etwas, was nicht leicht jedermann begreiflich zu machen ist. Auch die zuletzt Angekommenen sind zum größten Teil freiwillig ins Heim gezogen. Dadurch bildet sich eine gewisse Elite Gutwilliger, die der Leitung die Arbeit sehr erleichtert, und auf die sie sich stützen kann, was sehr wichtig sein wird, wenn das Lager voll ist. Bis Küche und Speiseräume fertig sind, sollen nur kleine Gruppen eingewiesen werden, schon um die Klosterküche, die uns verpflegt, nicht über Gebühr zu belasten. Uebrigens erklärte mir die Oberin, daß sie für diese Verpflegung keine Bezahlung nehmen wolle, ebenso verlange sie keine Lebensmittelmarken. Wir haben unseren Insassen aber erklärt, daß wir einen gewissen, bestimmt nicht zu hoch bemessenen Anteil der Lebensmittelkarten abschneiden, um einen kleinen Vorrat anzulegen. Wir rechnen damit, die Küche Mitte September in Betrieb zu nehmen. 131 Berg a. Laim, Sonntag, den 21. September 1941 Nun sitze ich schon eine Weile vor meinem Tagebuch, die Feder in der Hand, und weiß einfach nicht, wo und wie ich mit Schreiben beginnen soll! Doch ich gehe am besten chronologisch vor. Am 15. September haben wir unsere Küche in Betrieb genommen. Wir haben einen neuen großen Herd, wie er in Hotelküchen verwendet wird. Außerdem bekamen wir zwei große Kessel, den einen mit hundertfünfundzwanzig Litern, den zweiten mit hundertachzig Litern Fassungsvermögen. Wir werden den ersten zur Herstellung von Suppen, den anderen zum Kochen von bestimmten Gemüsen und Eintopfgerichten benutzen. Der Herd zieht noch nicht so, wie er soll, aber das ist zuerst wohl immer so. Unsere Insassen sind sehr zufrieden mit den Erzeugnissen unserer eigenen Küche, Fräulein Lind versteht ihre Sache. Wir haben jetzt fünfundfünfzig Heimbewohner, für die kommende Woche müssen wir mit starkem Zuzug rechnen. In etwa drei Wochen wird die Heimanlage voll besetzt sein. Doch darauf sind wir vorbereitet. - - Wie ein Schlag ins Gesicht traf uns und es wird allen Juden im Reich ebenso gehen die neue Verfügung, daß jeder Jude öffentlich auf der linken Brust als Merkmal seiner Rassenzugehörigkeit einen aus gelber Kunstseide bestehenden Davidstern tragen muß. Auf ihm steht das Wort ,, Jude" in Buchstaben, die hebräischen Lettern angeglichen sind. Ab vorgestern, also Freitag, den 19. September, durfte niemand mehr ohne Stern aus dem Hause gehen. Wir muẞten die Judensterne aus großen Stücken, die so breit wie Kleiderstoffe gewoben waren, ausschneiden und jeden einzelnen gleich umsäumen, weil der schlechte Stoff so fasert. Für diese ,, Dekoration" hatten wir zehn Pfennig pro Stück zu zahlen. Wie reagiert die Bevölkerung darauf? Die meisten Leute tun, als sähen sie den Stern nicht, ganz vereinzelt gibt jemand in der Straßenbahn seiner Genugtuung darüber Aus132 druck, daß man nun das ,, Judenpack" erkennt. Aber wir erlebten und erleben auch viele Aeußerungen der Abscheu über diese Maßnahme und viele Sympathiekundgebungen für uns davon Betroffene. Am schlimmsten ist es für die Schulkinder, die vom sechsten Jahre ab den Stern tragen müssen. Zwei etwa siebenjährige Buben wurden von gleichaltrigen ,, Ariern" jämmerlich verprügelt. Bei einem legte sich allerdings ein des Weges kommender älterer Herr ins Mittel, der die Buben mit Schimpfworten auseinanderjagte und das weinende kleine Opfer bis an seine Haustür begleitete. Einer älteren Frau aus unserem Heim schenkte ein Soldat die Marken für eine wöchentliche Brotration, einer anderen, die zur Arbeit in der Tram fuhr und keinen Platz fand, bot ein Herr mit tiefer Verbeugung ostentativ seinen Sitzplatz an. Mir erklärten unser Metzger und unser Butterlieferant, daß sie uns nun erst recht gut beliefern würden; sie schimpften kräftig auf diese neue Demütigung, die uns angetan wird. Wieder sieht man die jüdischen Menschen mit steinernen Gesichtern durch die Straßen gehen, mit Augen, die durch alles und alle hindurchzusehen scheinen, viele mit gesenktem Kopf, manche aber auch, und dazu gehöre ich, mit stolz erhobenem Haupte. Mir scheint, daß jedenfalls in München die jetzigen Machthaber mit dieser Verfügung nicht erreichen werden, was sie bezwecken: die vollkommene Verfemung der Juden durch die Menge des Volkes. Doch kann man nach drei Tagen darüber noch kein endgültiges Urteil abgeben. Berg a. Laim, Sonntag, den 26. Oktober 1941 Ich überlas die letzten Zeilen, die ich das letzte Mal geschrieben habe, und kann hinzufügen, daß ich recht behalten habe. Die Bevölkerung tut, als sähe sie die Sterne nicht. 133 Viele Freundlichkeiten in der Oeffentlichkeit und noch viel mehr im geheimen werden uns erwiesen, Aeußerungen der Verachtung und des Hasses uns gegenüber sind selten. Und ich glaube, gerade diese Reaktion hat eine neue, sehr unangenehme Verfügung verursacht: Kein Jude darf mehr seinen Wohnsitz( z. B. zu einem kurzen Ausflug am Sonntag!) verlassen, die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist verboten, nur wer zu seiner Arbeitsstätte einen mehr als sieben Kilometer langen Hin- und ebenso langen Rückweg hat, darf mit der Straßenbahn fahren. Das ist Reichsgesetz. Doch was kümmern sich der Münchner Gauleiter und sein Stellvertreter um Reichsgesetze?! Die Münchner Juden dürfen auch bei noch so langem Arbeitsweg keine Straßenbahn benutzen. Inzwischen sind alle Männer bis zu fünfundsiebzig, alle Frauen bis zu siebzig Jahren zur Fabrikarbeit herangezogen worden. Nur wer dazu völlig unfähig ist, wurde befreit und für die Arbeit in einem unserer Lager eingesetzt. Denn auch die Altersheime sind in der Auflösung begriffen. Der größte Teil der Arbeitenden hat lange Wege, oft solche von zwei Stunden hin und zurück. Die Betriebe, in denen unsere Leute eingestellt sind, haben beim Stellvertreter des Gauleiters interveniert, ihm vorgestellt, daß die Arbeitsleistungen zurückgehen müßten, wenn die Menschen, schon vom Wege erschöpft, die Arbeit beginnen; es hat nichts genützt. Endlich ist das Arbeitsamt auf einen Ausweg verfallen: die Eisenbahn! Zwar gibt es keine regelrechte Stadtbahn, aber doch eine Reihe kleinerer oder größerer Bahnhöfe in und an der Peripherie der Stadt, von wo aus mit kürzeren Fußmärschen der betreffende Arbeitsplatz erreicht werden kann. Jeder in solchem Betrieb schaffende Jude erhält einen Fahrberechtigungsschein, vom Arbeitsamt ausgefertigt, von dem Polizeirevier, zu dem seine Wohnung gehört, unterschrieben und gestempelt. Ich habe Dir diese Angelegenheit nur deshalb so genau geschildert, um Dir zu zeigen, was heute ein ,, Reichsgesetz" ist ein Stück Papier, das jeder Parteigewaltige nach Belieben fortblasen kann. 134 - Unser Heim ist nun bis auf wenige Plätze voll belegt, ich habe unendlich viel Arbeit. Jetzt zeigt es sich, wie gut es war, zunächst durch den Aufruf von Freiwilligen eine kleine Elitegruppe zu schaffen, die die Leitung in ihrer Arbeit unterstützt. Daß es, bei so enger Belegung, bei Menschen, die durch Aufregungen, Demütigungen, Trennung von nahen Angehörigen, schwerer täglicher Arbeit, ständig Reibereien und Schwierigkeiten gibt, ist selbstverständlich. Aber mit unerschütterlicher Ruhe, Geduld und Freundlichkeit haben wir noch immer eine Einigung erzielt. Das ist eine Hauptaufgabe des Hauptlehrers bei den Männern, die er zu lösen versteht. Mit den Frauen werde ich gut fertig. Mühe macht mir, genügend viel Frauen für alle Reinigungsund Küchenarbeiten zu finden, ohne einzelne von ihnen zu überlasten. Wir hatten bisher zweimal Revisionen, die erste Anfang September vom Obersturmführer Muggler, bei der er sich befriedigt äußerte, die zweite vor einigen Tagen durch ihn und den Hauptsturmführer Wegner, den ich seit meinem Besuch in der Widenmayerstraße nicht wieder gesehen hatte. Ich merkte ihm beim Durchgehen an er hatte die Heimanlage noch nicht in Betrieb gesehen daß er brennend gern etwas gefunden hätte, was ihm Anlaẞ zum Schimpfen und Toben gegeben hätte! Aber das Haus präsentierte sich fabelhaft wieviel schwerer wäre solch ein Eindruck bei einem älteren, weniger schön gebauten Haus zu erzielen!- er fand nichts zu beanstanden. Wir haben im oberen Flurende des ersten Stockwerks eine Art Nähstube mit mehreren Nähmaschinen eingerichtet, die aber immer erst am Nachmittag in Betrieb ist, weil am Vormittag alle verfügbaren Kräfte in der Küche und zur Reinigung des Hauses eingesetzt werden müssen. Froh, endlich etwas gefunden zu haben, erklärte der Hauptsturmführer, in Zukunft müßte in der Nähstube auch vormittags gearbeitet werden, obwohl wir ihm sehr genau erklärt hatten, warum das nicht der Fall war. Nun gut, er soll seinen Willen haben: in Zukunft werden, wenn Revision kommt, - 135 - sofort etwa sechs bis acht Frauen sich schleunigst dort niederlassen und tun, als ob sie schon stundenlang flickten und die Maschinen surren ließen. Leider können wir uns eben nur noch durch Lug und Betrug helfen. Als die beiden das Haus verließen, stieß der Hauptsturmführer zwischen den Zähnen hervor, ohne jemanden von uns anzusehen, was er übrigens niemals tut: ,, Die Heimanlage ist in Ordnung, aber wehe Ihnen von der Leitung, wenn ich oder meine Beauftragten sie einmal nicht zur Zufriedenheit finden werden!" Damit verschwanden sie grußlos, wie das uns gegenüber Sitte ist. Auch die Kostenfrage ist nun geregelt. Zuerst verlangte der Stellvertreter des Gauleiters von jedem Insassen für das Wohnen allein eine Reichsmark pro Tag. Davon sollte das Kloster, wie wir durch den Baumeister erfuhren, zwanzig Pfennig erhalten, den Rest sollte die Partei für die Benützung der Pritschen und Schränke haben! Wir rechneten aus, daß ein Zimmer von zweieinhalb Metern mit einer Belegschaft von sechs Menschen monatlich hundertachtzig Reichsmark Miete bringe, wenn diese Forderung durchgehen würde! Der größte Teil unserer Insassen wäre nicht in der Lage gewesen, diese Miete zusätzlich der Verpflegungs-, Heizungs- und Beleuchtungskosten zu bezahlen. Also hätte die jüdische Gemeinde dazuzusteuern. Da diese aber schon lange nicht mehr über ihre eigenen Gelder frei schalten kann, teilten wir der Reichsvereinigung unsere Bedenken mit und baten um Entscheidung der Kontrollbehörde, des Reichssicherheitshauptamts*. Wir bekamen den Bescheid, daß von jedem Insassen pro Tag fünfzig Pfennig für das Wohnen zu zahlen seien. Immerhin bleiben bei dieser Regelung der Partei pro Person noch dreißig Pfennig, bei dreihundertzwanzig Insassen pro Tag eine ganz nette Nebeneinnahme! Das ganze Mietgeld muß jeden Freitag mit der genauen Aufstellung der Insassenzahl in die Widenmayerstraße gebracht werden, zusam136 Dachorganisation der Gestapo. men mit dem Küchenzettel für die kommende Woche, den ich zu machen habe. - Die neue Fahrverfügung hat für unser Heim eine sehr unangenehme Folge, noch unangenehmer wirkt sie sich auf unsere den Jahren nach alten Insassen aus: Es müssen Verschiebungen stattfinden, da die Arbeitswege von Milbertshofen aus entsetzlich weit sind und es von dort keine Möglichkeit gibt, die Eisenbahn zu benutzen, während Berg a. L. eine kleine Haltestelle der Eisenbahn hat. Also müssen die Alten und Arbeitsunfähigen zum größten Teil in das Barackenlager nach Milbertshofen, die bisher dort wohnenden Arbeitenden zu uns in die Heimanlage. Unsere alten Leute tun mir sehr leid dabei. So schwer es ihnen zuerst wurde, sich bei uns einzugewöhnen, so gut ist ihnen das im allgemeinen allmählich gelungen, und die Trennung fällt ihnen nicht leicht. Hinzu kommt, daß sie sich vor dem Wohnen in den Baracken jetzt, im Angesicht des nahenden Winters, besonders fürchten. Auch mir wird der Abschied von jedem einzelnen schwer. Viele von ihnen haben brav im Haus und in der Küche gearbeitet, und ich weiß noch nicht, wie ich ihre Arbeit auf andere verteilen kann. - Ich hatte gefürchtet, unter den nach Milbertshofen Versetzten würde auch ein Mann sein, von dem ich Dir noch genauer erzählen will. Es handelt sich um den Professor Coßmann, der bis Mitte September in Ebenhausen wohnte und seitdem bei uns ist. Er ist ein über Siebzigjähriger; mittelgroß, sehr schmal, mit einem wunderbar durchgeistigten Gesicht. Die ersten Tage merkte man kaum etwas von seiner Anwesenheit, so still und für sich hat er sich gehalten. Er ist tief innerlich fromm, katholisch; aus seinem Gesicht und aus seinen Augen strahlen Güte und Weisheit. Er hatte und hat keine Klage über die plötzliche und radikale Aenderung seines Lebens, er findet für jeden, der unmutig, traurig oder ärgerlich über irgend etwas ist, ein gutes beschwichtigendes Wort. Ohne daß man viel von ihm sieht oder gar hört, spüren wir vier in der Leitung seinen 137 - beruhigenden, versöhnenden Einfluß. Er wird allgemein verehrt. Den Dingen des täglichen Lebens steht er ziemlich hilflos gegenüber, unaufgefordert hilft ihm jeder und jede, wo es nötig ist. Und er dankt mit einem fast rührend verschämten Lächeln für die kleinste Hilfeleistung. Wir wissen beide von einander, daß wir politisch in zwei verschiedenen Lagern stehen, aber es spielt überhaupt keine Rolle, wir haben viel Sympathie für einander. Ich empfinde große Verehrung für ihn und sehe in ihm einen Freund, mit dem ich Fragen der Menschenbehandlung ohne jede Scheu besprechen kann. Er versteht mich mühelos. Ich bin sehr froh, daß er bei uns bleibt. Sorge macht mir seine zarte Gesundheit. Neulich passierte eine reizende kleine Geschichte mit ihm, die mir einer seiner Stubenkameraden erzählte. Wir mußten ihn alle hier nennen ihn nur den Professor und seine fünf Zimmergenossen in ein anderes Zimmer verlegen, weil wir ihr bisheriges, seiner günstigen Lage wegen, als Arbeitszimmer einrichten, und hatten ihnen das zwei Tage vorher mitgeteilt, damit alle Zeit hätten, ihre Sachen in Ruhe in ihr neues Zimmer hinüberzutragen. Am Nachmittag des letzten Tages ging der Professor zu den einzelnen und fragte, ob sie schon ihre Sachen hinübergeräumt hätten, sonst sollten sie das doch recht bald tun. Die meisten waren bereits fertig, einer wollte gerade beginnen und fragte: ,, Aber warum sind Sie so besorgt darum, daß wir schnell fertig werden, Professor?" Freundlich lachend antwortete er: ,, Wenn Sie alle fertig sind, kann ich anfangen, ich weiß dann, was zurückgeblieben ist, gehört mir." - Berg a. Laim, Sonntag, den 16. November 1941 Nun sitze ich schon eine ganze Weile an meinem Schreibtisch vor meinem Tagebuch, tief erschüttert von den Er138 lebnissen der letzten zehn Tage, und ringe darum, sie in Worte zu fassen. Aber manchmal ist die Sprache zu arm. So will ich, so gut es eben gehen will, Dir schildern, was mich und uns alle so aufgewühlt hat. Am 5. November kam ein Heiminsasse zu mir in meine allabendliche Sprechstunde und fragte mich, ob ich wüßte, daß nun auch in München eine Deportation geplant sei und vorbereitet werde. Ich entgegnete ihm wahrheitsgemäß, daß ich nichts davon wüßte, und fügte etwas ärgerlich, weil ich selbst sehr erschreckt war, hinzu, man sollte doch nicht überall Gespenster sehen, wir hätten schon genug zu tun, um mit den wirklichen Schwierigkeiten fertig zu werden. Ich bat ihn, sich zu beruhigen und vor allem dies schlimme Gerücht nicht weiter zu erzählen, was er versprach. Am nächsten Tage berichtete mir der Hauptlehrer, er sei von einem andern Insassen ängstlich gefragt worden, was an diesem Gerücht sei. Am 7. November wurden vom Büro der jüdischen Gemeinde telephonisch der Hauptlehrer, Heilbronner und ich zu einer Besprechung über Heimangelegenheiten für den Nachmittag des 8. Novembers in das Büro der jüdischen Gemeinde in die Lindwurmstraße bestellt. Abel sollte im Heim bleiben, schon wegen etwaiger Revisionen konnten wir es nicht alle zusammen verlassen. Zu der Zusammenkunft waren alle Heimleiter oder -leiterinnen, die leitende Bezirksfürsorgerin und die beiden Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde erschienen. Direktor Stahl erklärte uns kurz und sehr ernst ich fühle noch jetzt mein tiefes Erschrecken, daß tatsächlich etwa tausend jüdische Menschen aus München Mitte kommender Woche deportiert werden sollten. Die endgültige Auswahl dieser Armen sei noch nicht getroffen worden. Die Gestapo habe verfügt, daß uns hier Versammelten dieser Beschluß mitgeteilt werden sollte, damit wir vorbereitet seien, doch wären wir verpflichtet, strengstes Schweigen über das zu bewahren, was wir hier gehört hätten, bis jedem von uns schriftlich die Namen derer bekannt gegeben würden, die 139 es aus unserem Heim treffe. Wir saßen zunächst alle wie gelähmt, die Gesichter waren blaß geworden, wieder sah ich auf ihnen den Ausdruck steinernen Entsetzens, der mir in den Novembertagen des Jahres 1938 zum ersten Mal bei unseren Menschen aufgefallen war. Und dann über- stürzten sich die Fragen: Jeder wollte wissen, wieviel Menschen aus seinem Heim betroffen würden. Der Haupt- lehrer, Heilbronner und ich tauschten einen entsetzten Blick, als uns die Zahl von zirka fünfundachtzig Menschen aus unserer Heimanlage genannt wurde. Wir erfuhren dann noch, daß es unserem Vorstand gelungen war durchzu- setzen, daß jüngere Kinder nicht von ihren Eltern, Frauen nicht von ihren Männern getrennt werden sollten. Dagegen sei es nicht zu erreichen gewesen, daß Geschwister bei- sammen blieben.-Deportiert würden nur Menschen bis zu sechzig, höchstens fünfundsechzig Jahren. Das sei alles, was bis jetzt bekannt sei. Wir wurden nochmals zu unbedingte- stem Schweigen verpflichtet, die Gestapo hatte mit strenger Bestrafung im Nichtbefolgungsfalle gedroht. Wir durften nur Abel, als Mitglied der Heimleitung, in Kenntnis setzen. Wir legten unseren Heimweg schweigend zurück. Einzig der Hauptlehrer äußerte einmal unterwegs:„Wer weiß, ob nicht auch wir unter den zur Deportation Eingeteilten sind.‘ Er erhielt keine Antwort, dieser Gedanke hatte auch Heil- bronner und mich flüchtig gestreift, doch war es uns beiden im Augenblick nicht wichtig, ob wir selbst unter den Betroffenen sein würden. Noch eine Mitteilung hatte uns schwer bedrückt: Allen jüdischen Menschen bis zu sechzig Jahren war von nun ab die Auswanderung verboten. Auch für mich war damit wieder eine Hoffnung zunichte gewor- den, die sich lockend vor mir aufgetan hatte: vor drei Tagen bekam ich die telegraphische Ankündigung eines Visums für die Ausreise nach Kuba. Aber vor der ersten niederschmetternden Nachricht verblaßte alles andere. Da durchzuckte es mich wie ein Schlag: Eine Heiminsassin, die ich sehr schätzte wegen ihres klugen, immer heiteren 140 und freundlichen Wesens, Thekla Land, hatte vor kurzem ihr Kuba- Visum erhalten und sollte morgen ihre Reise antreten. Sie war etwa vierzig Jahre alt, Witwe; für sie, die ihre einzige Tochter in Nordamerika hatte, mußte es ein schrecklicher Schlag sein, so dicht vor dem langersehnten Ziel zu erfahren, daß alle Anstrengungen und Vorbereitungen nutzlos, die ganze Vorfreude umsonst gewesen waren! Und ich durfte es ihr nicht einmal sagen, auch über diese Angelegenheit hatten wir Stillschweigen zu bewahren, bis die gedruckte Verfügung eintraf. Frau Land würde wahrscheinlich morgen kurz vor der für ihre Abreise festgesetzten Zeit zu ihrem Anwalt bestellt werden, der ihr die schlimme Eröffnung machen mußte. Aber da waren wir auch schon vor unserem Heim angelangt, schon öffnete der Hauptlehrer das Tor der Umfassungsmauer, die das Klostergebiet umgab. Ich mußte mich zusammenreißen, mich darauf einstellen, den forschenden Blicken wie den direkten Fragen meiner Heiminsassen standzuhalten, vor ihnen verbergen, was mich doch bis in die letzte Faser meines Wesens erfüllte. Es war spät geworden, kurz vor neun Uhr, aber wir von der Heimleitung hatten die Sondererlaubnis, uns bis zehn Uhr außerhalb des Hauses aufzuhalten, während sonst laut Reichsgesetz alle Juden von abends acht Uhr bis morgens sechs Uhr seit Beginn des Krieges ihre Wohnungen nicht verlassen durften; Ausnahmen wurden nur in Sonderfällen, z. B. bei anders gelagerter Schichtarbeit, gestattet. Auf dem langen Flur im Erdgeschoß war ein buntes Gewimmel, wie immer um diese Zeit, wenn die Arbeitenden daheim waren. Und heute erwarteten alle gespannt unsere Heimkehr, hofften sie doch, etwas über die Zusammenkunft in der Gemeinde zu erfahren, beruhigende Auskunft über die Gegenstandslosigkeit schwirrender Gerüchte zu erhalten. Jeder von uns war sofort von einem dichten Kreis vieler Menschen umringt. Wir wehrten die Herandrängenden ab, wir hatten uns darauf geeinigt zu erklären, daß es 141 sich um interne Verwaltungsangelegenheiten bei der Besprechung gehandelt habe. Deutlich sah ich auf den meisten Gesichtern den Unglauben, ja die Enttäuschung geschrieben, als ich meine unbefriedigende, kurze Antwort gab. Da kam Brader auf mich zu, derselbe, der mich vor drei Tagen nach der Wahrheit des Gerüchts gefragt hatte, und sagte lachend: ,, Gott sei Dank, daß es sich nur um Verwaltungsdinge gehandelt hat, mir ist ein Stein vom Herzen gefallen! Wissen Sie was, Frau Doktor, nun müssen Sie mit mir die schon lang versprochene Partie, Dame' spielen, jetzt können wir es beide ruhigen Mutes!" Schnell gefaßt, stimmte ich ihm bei. Als wir uns im Aufenthaltsraum an einem Tisch allein gegenübersaßen, außer Hörweite der übrigen Insassen, sagte er ruhig: ,, Ich sah Ihnen an, daß Sie Schlimmes erfahren haben, wahrscheinlich aber nichts davon sagen dürfen. Wenn man Sie nun hier in aller Ruhe mit mir , Dame spielen sieht, wird sich die Aufregung am schnellsten legen." Kannst du verstehen, wie dankbar ich diesem einfachen Mann war und wie erleichtert ich mich fühlte? Ich habe miserabel gespielt, aber darauf kam es ja nicht an. Allmählich kam sogar so etwas wie eine Unterhaltung zustande, und auf die anderen Menschen mußten wir beiden Spielenden und miteinander Plaudernden wirklich sehr harmlos und beruhigend wirken. Später ging ich dann ins Büro, wo inzwischen Heilbronner Abel mitgeteilt hatte, was wir erfahren hatten. Abel erklärte mir: ,, Sie sollen sehen, ich bin dabei, und wenn nur Gertrud Lind"- die für unser Heim kocht, und mit der er verlobt ist ,, auch dabei ist, habe ich gar nichts dagegen. Ich bin überzeugt, daß beabsichtigt ist, sämtliche Juden nacheinander zu deportieren. Es ist mir lieber unter den ersten zu sein, als ständig auf diesen Schlag warten zu müssen. Hoffentlich bekommen wir bald die genaue Mitteilung." Das letztere war auch mein Wunsch, er sollte uns schnell erfüllt werden. - Schon am Mittag des kommenden Tages, einem Sonntag, kam ein Bote von der Gemeinde mit dem Deportations142 - befehl für jeden einzelnen. Wir, d. h. die Heimleitung, saBen zusammen im Büro, hatten die Tür verschlossen und sahen die Liste durch. Abels Name stand obenan, bald darauf folgte der von Gertrud Lind und außer ihnen dreiundachtzig Heiminsassen, darunter auch Brader und Thekla Land! Also doch würde ich es sein, die sie von der Höhe ihrer Hoffnungen in die finstere Schlucht des über sie verhängten Unheils stürzen mußte! Abel war der erste, der sich aufraffte. Fast heiter und völlig ruhig sagte er: ,, Meine Ahnung war richtig, ich bin froh, daß ich es nun weiß, und daß man Gertrud und mich zusammen gehen läßt." Wir drei anderen hatten große Mühe, unsere Fassung zu bewahren. Aber wir mußten uns zusammennehmen, die dreiundachtzig Betroffenen im Heim hatten ein Recht darauf, so schnell wie möglich zu erfahren, was über sie verhängt war. Rasch lasen wir die für uns bestimmten Anordnungen durch. Dienstag und Mittwoch sollten die Menschen aus dem Heim in das Sammellager nach Milbertshofen gebracht werden. Jeder sollte für drei Tage Proviant bekommen, an Gepäck durfte jeder fünfzig Kilogramm mitnehmen, verteilt auf je einen Koffer, einen Rucksack oder eine Reisetasche und eine Deckenrolle. Keiner der Beteiligten durfte bis zum Abtransport ins Sammellager das Heim verlassen. Wir beschlossen dann, daß der Hauptlehrer den Männern und ich den Frauen den Schicksalsschlag( Uriasbrief mußte ich denken!) mitteilen sollten. Abel wollte es Gertrud Lind, die noch in der Küche arbeitete, sagen und fragte mich, ob es möglich wäre, sie diese letzten Tage im Heim wohnen zu lassen, was er ihr vorschlagen wollte. Es wäre sicher leichter für sie, als wenn man sie von der Pension, in der sie wohnte, abholen würde. Selbstverständlich bejahte ich, Gertrud könnte bei mir im Zimmer schlafen. Mit der Belegung der Betten in meinem Zimmer waren wir übereingekommen zu warten, bis alle anderen Räume voll besetzt wären. 143 Dann machten wir uns zu unserem schweren Gang auf. Für einen unbeteiligten Zuschauer wäre es psychologisch interessant gewesen, zu beobachten, wie die einzelnen auf die schreckliche Nachricht reagierten. Ich war viel zu bedrückt, um solche Feststellungen zu machen, erst jetzt, beim Niederschreiben, ist mir dieser Gedanke gekommen. Thekla Land war eine der ersten, die ich rief. Sie wurde blaẞ bis in die Lippen, aber sie bewahrte eine bewundernswerte Haltung. Meine Zuneigung für sie war noch größer geworden. Eine ganze Reihe von Frauen nahm den schweren Schlag ähnlich ruhig und würdig hin. Nur drei verloren völlig jede Beherrschung, weinten, schrieen und klagten Gott und die Welt an wegen des Unheils, das über sie hereinbrach. Als ich einer dieser Frauen beruhigend zusprach - auch da wieder erfuhr ich, wie armselig sind Worte, wie wenig kann man Mitfühlen und Mitleiden dem anderen Menschen so zeigen, daß es ihm tragen hilft!- kam unsere Aerztin mir zu Hilfe, die zu ihrer Sprechstunde im Heim war und schon Bescheid wußte. Gemeinsam gelang es uns schließlich, wenigstens das laute Geschrei zu stillen. Zuletzt rief ich Fräulein Schüle, die mit ihrer älteren halbgelähmten Schwester und einer schwerkranken Schwägerin in einem Zimmer wohnte und beide mit rührender Aufopferung pflegte. Frau Dr. Weiß, unserer Aerztin, und mir war es ein unfaẞlicher Gedanke, daß man diese Menschen trennen, die Gesunde deportieren und die beiden anderen hilflos zurücklassen sollte. Fräulein Schüle brach uns fast ohnmächtig zusammen, als wir ihr den Brief gaben und ihr sagten, daß sie fort müsse. Frau Dr. Weiß versprach ihr, als Aerztin bei der Gestapo zu versuchen, sie freizubekommen, bat sie aber, sich nicht allzu große Hoffnungen zu machen, daß es ihr gelingen werde. Ich will gleich hinzufügen, daß es ihr nicht gelungen ist, daß es auch nicht gelang, als ein Ersatz für sie sich freiwillig zur Deportation gestellt hatte. Die Gestapo lehnte kurz ab, eine Aenderung vorzunehmen. Frau Dr. Weiß ist ein tatkräftiger, mutiger 144 Mensch, eine tüchtige Aerztin, bekannt für ihre Hilfsbereitschaft. Als wir uns jetzt in meinem Zimmer gegenübersaßen, war uns beiden unendlich jämmerlich zumute. Aber noch durften wir uns nicht gehen lassen, jetzt gab es alle Hände voll zu tun. Sie wollte zuerst zu Schüles gehen, um die arme Schwester und die Schwägerin ein bißchen zu beruhigen; ich lief hinunter, um alle weiblichen Insassen, mit Ausnahme der für die Deportation Eingeteilten, zu versammeln und um ihre Hilfe bei den Vorbereitungen, die nun zu treffen waren, zu erbitten. Auf dem Wege traf ich Gertrud Lind, die mich wortlos umarmte. ,, Nicht wahr, Sie bleiben diese Tage bei uns im Heim", bat ich sie. Sie nickte, und ich merkte, daß es ihr eine Beruhigung war, unter uns zu sein. Wie gut, daß es Sonn-- tag war! Fast alle Frauen waren zu Hause, schnell versammelten sie sich im Aufenthaltsraum. Ich berichtete ihnen kurz die Tatsachen und bat sie, mir zu helfen, den von der Deportation Betroffenen alles, was noch zu tun war, so weit wie möglich zu erleichtern. Zunächst brauchte ich jemand, der statt Gertrud Lind das Kochen übernehmen würde, bis Ersatz für sie gefunden sei. Frau Nehm, eine fünfundsechzigjährige Insassin, die schon immer in der Küche geholfen hatte und tüchtig war, meldete sich sofort, trotz eines schweren Leidens, das sie von der Fabrikarbeit befreit hatte. Dann bat ich einige Frauen, sich für Gänge in die Stadt zur Verfügung zu stellen, die die Eingeteilten selbst nicht mehr machen durften. Andere sollten beim Packen helfen; eine nach der Deportation der Badenser und Pfälzer Juden angefertigte Anleitung zum Packen von Deportationsgepäck hatte ich glücklicherweise da und würde sie ans Schwarze Brett schlagen lassen. Der Rest der Frauen aber sollte aus altem Leinen und anderen waschbaren Stoffresten Säckchen in verschiedenen Größen nähen, die den Reiseproviant aufnehmen sollten. Alle waren zum Helfen bereit, beglückend traf mich trotz Schmerz und Erschütterung der Gedanke, 10 Behrend, Ich stand nicht allein 145 daß es gelungen war, eine Gemeinschaft zu formen, die starken Belastungsproben gewachsen war. Jeder ging sofort an seine Arbeit. Ich lief in den Vorratsraum, um meine Vorräte zu überprüfen und festzustellen, was ergänzt werden mußte. Auf dem Weg zu unserer Kantine, wo jeder Heiminsasse auf die ihm belassenen Marken die notwendigen Lebensmittel einkaufte, traf ich Heilbronner, der mir zurief, die Männer hätten vorgeschlagen, jeder Insasse sollte auf eine Fleischmahlzeit der nächsten Woche verzichten, um den Fortgehenden eine größere Wurstration in den Proviantsack geben zu können. Mit dem Leiter der Kantine, Herrn Klein, besprach ich die Zusammensetzung des Proviants. Jeder sollte ein Zweipfundbrot, eine Packung Knäckebrot, ein Paket Zwieback, ein halbes Pfund Würfelzucker, ein halbes Pfund Konfitüre, zweihundertfünfzig Gramm Wurst und hunderfünfundzwanzig Gramm Butter mitnehmen. Herr Klein versprach, alle Vorräte bis Montagmittag zu beschaffen. Wie gut, daß es so viel zu tun gab; nachdem ich den einzelnen Frauen die schreckliche Eröffnung gemacht hatte, fühlte ich mich am Ende meiner Kräfte, jetzt hatte ich das längst vergessen und ging von Zimmer zu Zimmer, zunächst bei den Männern, um jeden einzelnen wegen des notwendigen Packens zu beraten. Dazwischen sah ich zu den nähenden Frauen hinein, tröstete sie wegen der großen Menge Säckchen, die zu nähen waren, und beschloß, mit den nicht zur Fabrikarbeit Gehenden diese Nacht weiterzunähen, bis wir genügend Säckchen fertig und auch die Wünsche vieler fortgehender Männer und Frauen, ihnen dies oder das zu nähen oder zu flicken, befriedigt hätten. Bis drei Uhr nachts haben wir im Aufenthaltsraum zusammengesessen, dann waren wir fertig. Gertrud Lind ging mit mir zusammen in mein Zimmer, wo wir auf einer der freien Pritschen ein Bett gerichtet hatten. Aber mit dem Schlafen wurde es noch nichts, wir nahmen Thekla Land zu uns und haben noch lange miteinander geredet. Die 146 - beiden wie übrigens fast alle Betroffenen waren rührend dankbar für all die kleinen Handreichungen, die wir Zurückbleibenden ihnen machen durften, sie spürten darin doch etwas von dem starken Gefühl der Verbundenheit, das uns ganz eng zusammengeschlossen hatte. Was ist noch weiter zu erzählen? Auch die kommende Nacht haben wir zum größten Teil durchgearbeitet, den Reiseproviant gerichtet, bis alles sauber und übersichtlich in Päckchen verpackt war. Uebrigens hatte dieser eine ungeahnte Bereicherung erfahren. Am späten Abend wurde ich gerufen, zwei Klosterschwestern wollten mich sprechen. Ich fand sie beladen mit zwei großen Säcken, der eine voll echten guten Kakaos( den es schon lange nicht mehr zu kaufen gibt, auch nicht auf Marken), der andere voll mit feinem Zucker. Sie seien beauftragt von der Frau Oberin und der gesamten Schwesternschaft, dies als Zeichen ihres Mitfühlens mit uns allen zu überreichen. Außerdem sollten sie uns sagen, daß morgen ein besonderer Bittgottesdienst für die von uns Fortgehenden abgehalten würde. Wir sollten wissen, daß sie sich uns in unserem Leid schwesterlich verbunden fühlten. Es war nicht das erste Mal, daß wir die Hilfsbereitschaft und die freundschaftliche Nähe der Schwestern zu fühlen bekamen; bei jedem nur denkbaren Anlaß hatten sie bewiesen, daß wir auf ihre Unterstützung zählen konnten. Jedenfalls trug diese kleine Begebenheit viel dazu bei, das merkwürdige Hochgefühl, das uns zu Leistungen verhalf, die zu normalen Zeiten unmöglich erschienen wären, noch zu erhöhen. Vielen von uns ist es ähnlich gegangen wie dem Hauptlehrer, der damals zu mir sagte:„, Ich war im Anfang unwillig, daß wir Juden gerade in ein Kloster eingeliefert wurden. Von meiner Kindheit an hatte ich eine Scheu und eine starke Abneigung, eine christliche Kirche zu betreten. Zuerst habe ich auch hier mit großer Ueberwindung kämpfen müssen, wenn ich mit der Oberin oder einer der Nonnen etwas zu besprechen hatte. Aber nach und nach hat sich das geändert. Ich sah, mit welcher 10° 147 schlichten und selbstverständlichen Hingabe sie ihre Arbeit machten, ich fühlte ihre Sympathie für uns, ihr Mitfühlen bei allem, was wir erduldeten, und ihre Hilfsbereitschaft. Ihre Güte und Freundlichkeit uns gegenüber nötigten mir zunächst Erstaunen und fast widerwillige Achtung, allmählich wachsende Zuneigung und die Erkenntnis ab, daß ich als orthodoxer Jude in engen, ja falschen Vorstellungen und Vorurteilen befangen war. Jetzt gehe ich öfters in ihre Kirche in dem Bewußtsein, daß ihr Gott auch unser Gott ist, und es erscheint mir unwesentlich, wo wir zu ihm beten. Noch niemals zuvor habe ich so stark den Wunsch verspürt, mich vor Menschen in Ehrfurcht zu neigen, wie vor unseren Klosterschwestern." Ich freute mich über dieses Geständnis, ich wußte, daß es vielen von unseren Heiminsassen ebenso gegangen war wie ihm. Für mich traf das nicht zu, Du weißt, daß wir schon viel früher die Hilfe und Freundschaft frommer katholischer Menschen erfahren haben. Aber mir wurde jetzt wieder einmal ganz deutlich, wie wichtig und notwendig es ist, wenn die Menschen verschiedener religiöser Bekenntnisse unter dem Zwang schwerer Schicksalsschläge die durch Dogmen aufgerichteten Schranken fallen sehen und ihre brüderliche und schwesterliche Nähe erfahren. ,, Alle menschlichen Gebrechen heilet reine Menschlichkeit", dies schöne und wahre Goethewort schien mir als Motto über diesen schweren, unvergeßlichen Tagen und Nächten zu leuchten.- Auch der Abschied erhellte dies Zusammengehörigkeitsgefühl, ja er strahlte helfend noch den Deportierten über die Tage im Sammellager, wie uns viele briefliche Mitteilungen bewiesen, die von dort zu uns kamen. Um so schwerer empfanden wir Zurückgebliebenen die Lücke, die nach ihrem Fortgehen geblieben war und sich auch durch das rasche Hineinströmen neuer Insassen nicht schließen wollte. - 148 Berg a. Laim, Sonntag, den 4. Januar 1942 - Mir geht es gesundheitlich nicht gut; schon seit November vorigen Jahres plagen mich immer häufiger auftretende Schwindelanfälle und eine tödliche Mattigkeit, die mich manche Tage unfähig macht, das Bett zu verlassen. Ich habe auch in den letzten Monaten ständig sehr an Gewicht verloren. Unter den neuen Insassen, die nach der Novemberdeportation kamen, war die Witwe eines Arztes, die selbst früher Krankenschwester gewesen ist. Schwester Irma tat auch bei uns Dienst als Krankenschwester und hat mich rührend gepflegt. Sie ist nicht mehr jung, Anfang der Sechziger, aber in ihrem Beruf sehr tüchtig und unermüdlich. Wir verstanden uns ausgezeichnet vom ersten Augenblick an. Sie hat mir, als es mir am schlechtesten ging, viel von meiner Arbeit abgenommen. Vorgestern mußte sie uns wieder verlassen, der Hauptsturmführer Wegner hat sie in das Barackenlager nach Milbertshofen strafversetzt. Sie wurde am Vormittag des 24. Dezembers zu ihm bestellt. Da es mir gerade in den Feiertagen nicht gut ging, habe ich erst vor kurzem von ihr erfahren, was geschehen war. Sie ist, kurz ehe sie hier ins Heim eingewiesen wurde, an einem Tag, als sie in das Gemeindebüro bestellt war, zu ihrer Wohnung im äußersten Schwabing, zu der sie hätte laufen müssen und etwa anderthalb bis zwei Stunden gebraucht hätte, trotz des Verbots mit der Straßenbahn gefahren. Sie hatte den Judenstern verdeckt und stand auf der hinteren Plattform.. Es wurde sehr voll, und im Gedränge sah ein SA.- Mann, der neben ihr stand, das Gelb des Sterns herausleuchten. Er veranlaßte den Straßenbahnschaffner, ihre Personalien festzustellen und sie bei der Partei zu melden. Die ersten Tage nach diesem Vorfall, der sich Anfang November abgespielt hatte, erwartete sie voller Angst eine Vorladung in die Widenmayerstraße. Aber es erfolgte nichts, sie wurde zu uns eingewiesen, begann ihre Arbeit und hatte die ganze Angelegenheit fast 149 vergessen, als sie für den Vormittag des 24. Dezember zum Hauptsturmführer Wegner bestellt wurde. Sie ging pünktlich hin und fand ihn schäumend vor Wut über die von ihr verübte entsetzliche Untat. Sie blieb völlig ruhig bei den gemeinen Schimpfworten, die er ihr zuschrie, und diese Ruhe muß ihn wohl noch mehr gereizt haben. Plötzlich war er dicht vor ihr, und schon fühlte sie einen starken Schlag ins Gesicht. Dabei brüllte er: ,, Ich werde euch schon noch lehren, die Verbote einzuhalten. Am 2. Januar haben Sie im Barackenlager in Milbertshofen zu sein, die Heimanlage ist viel zu gut für solche Geschöpfe: Raus!" Sie war wie betäubt und taumelte aus dem Zimmer. Mühsam stieg sie die Treppe hinunter und fand sich unten an der rauschenden Isar stehen mit dem heftigen Wunsch, hineinzuspringen und Vergessen und Ruhe zu finden. Aber sie riẞ sich zusammen, ging langsam nach Berg a. L. zurück und war dann wieder so sehr Herr über sich selbst, daß sie ruhig zu mir ins Zimmer kommen und auf mein Fragen erklären konnte, daß es sich bei ihrem Besuch um eine Vermögensangelegenheit gehandelt habe. Am Freitag ist sie gefaßt und still nach Milbertshofen gegangen, um dort als Krankenschwester zu arbeiten. Ihr und uns, besonders mir, ist der Abschied sehr schwer geworden. - Auch der Professor ist krank, so schwer, daß er kurz vor Weihnachten in unser Krankenheim transportiert werden mußte. Es geht ihm jetzt ein bißchen besser, aber es wird noch lange dauern, bis er zu uns zurückkommen kann. Er fehlt uns allen sehr im Haus, ich merke erst jetzt, wie sein stilles Lächeln, mit dem er mich beim Vorübergehen begrüßte, mir wohltat, und ich weiß, daß es sehr vielen Heiminsassen ähnlich geht. Für die kommende Woche sind wieder neue Insassen angekündigt, die letzten freien Betten werden belegt, und damit auch die in meinem Zimmer. Ich muß gestehen, es wird mir schwer, auf das Alleinseinkönnen in den kurzen Nachtstunden verzichten zu müssen. Die Auswahl meiner 150 Zimmergenossinnen habe ich schon getroffen. Die eine, Frau Dillenius, eine feine stille Frau, verwitwet, ist mir schon seit ihrem Einzug ins Heim besonders angenehm; die zweite, Frau Altschüler, frisch, klug und temperamentvoll, Frau eines Heidelberger Bankdirektors, der, schwer kriegsbeschädigt, nur mühsam an zwei Stöcken gehen kann. Er ist mit dem Professor in einem Zimmer untergebracht und hat sich mit ihm schnell angefreundet. Auch seine Frau steht ihm nahe. Sie hatten, nachdem Herr Altschüler seine Stellung aufgeben mußte, in Oberbayern in der Nähe des Walchensees ein Landhaus gemietet und wurden erst im November von der Partei herausgeholt. Als dritte kommt Frau Schönberg zu mir, die, eines Herzleidens wegen, zur Zeit in unserem Krankenhause ist. Ihr Mann, siebzigjährig, ist der Erbauer des ,, Deutschen Museums" in München, jetzt in einer Zementfabrik beschäftigt, allerdings im Büro, wo man ihn Pläne zeichnen läßt. Er ist ein kleiner, unendlich stiller und bescheidener Mann, der sich in alles fügt, wie überhaupt sehr häufig die Menschen es uns am leichtesten machen, die früher hohe Stellungen bekleideten und etwas Besonderes leisteten. Es soll nun nicht so aussehen, als hätten wir nur ausgezeichnete stille und feine Leute hier. O nein, auch hier, wie in jeder größeren Gemeinschaft, gibt es unangenehme Menschen, Nörgler und Unzufriedene, die sich an allem ärgern und sich und den eng mit ihnen wohnenden Nachbarn das Leben gehörig schwer machen. Wir haben viel Mühe bei Männern wie bei Frauen, Klatschereien energisch zu bekämpfen, Streitigkeiten zu schlichten, Tobende zu beruhigen. Aber da über uns allen das Damoklesschwert der Strafversetzung in die Barackenstadt oder schlimmerer Strafen durch die Partei hängt, nehmen sich die meisten nach solchen Ausbrüchen schnell wieder zusammen. Jedenfalls lohnt es sich meiner Meinung nach nicht, ausführlich über solche Vorkommnisse und jene, die sie verursachen, zu berichten. 151 Berg a. Laim, Sonntag, den 12. April 1942 Lange, lange habe ich mein Tagebuch nicht mehr geöffnet, aber es gab zuviel zu tun. Abel fehlte uns sehr mit seinem praktischen Sinn und seinen geschickten Händen, die kleine Schäden schnell wieder in Ordnung brachten. Ebensosehr fehlte mir, mehr als den anderen, Gertrud Lind, der ich die Küche ganz selbständig überlassen hatte. Und von keinem von allen, die deportiert wurden, ist je wieder eine Nachricht gekommen! Statt Gertruds wurde mir ein neunzehnjähriger Junge geschickt, Siegbert, der bis dahin im Altersheim von Frau Tuchmann gearbeitet hatte. Er ist für sein Alter tüchtig und zuverlässig, aber ich muß mich doch sehr viel mehr um alles kümmern, wenn auch Frau Nehm neben ihm arbeitet und das Kochen leitet. - Aber es lohnt sich nicht, all das ausführlich aufzuschreiben. Ich will es nur kurz erwähnen, es gibt Wichtigeres. zu berichten. Schon in der letzten Märzwoche ging unter unseren Heiminsassen das Gerücht von einer neuen Deportation um. Wieder schwirrte es im Heim wie in einem aufgestörten Bienenkorb von allerlei Mutmaßungen über Umfang und Ziel der gefürchteten Aktion. Am Samstag, dem 28. März, war, wie fast jeden Samstagnachmittag, eins unserer Vorstandsmitglieder zum Besuch seiner alten Mutter im Heim. Ich fragte ihn, ob eine neue Deportation geplant sei. Er bejahte, sagte mir aber, daß weder ihm noch sonst einem Vorstandsmitglieder etwas Genaues bekannt sei. Auch die Liste der Abzutransportierenden sei ihnen noch nicht vorgelegt worden. Sie erwarteten sie aber noch heute. Ziemlich spät am Abend klopfte unser Hausmeister an meine Zimmertür, er müsse mich kurz sprechen. Er ist mit einer ,, Arierin" verheiratet und hat sieben Kinder, die im katholischen Glauben der Frau erzogen werden. Er ist ein Original, eine unermüdliche Arbeitskraft, ein kleiner rundlicher Mann mit einem breiten, fröhlichen Gesicht, stets 152 zu einem mehr oder weniger derben Scherz bereit. Jetzt stand er ungewohnt ernst vor mir. ,, Ich komme eben von der Gemeinde", sagte er, ,, ich habe dort im Haus einen alten Bekannten besucht. Als ich gerade gehen wollte, kam Herr Direktor Stahl und bat mich, Ihnen zu sagen, daß sie die Deportationsliste erhalten haben. Sie werden sie morgen gegen Mittag offiziell gebracht kriegen. Frau Doktor", und hier stockte seine Stimme ,,, Sie und die ganze Heimleitung stehen mit auf der Liste. Im ganzen kommen fünfundsiebzig Heiminsassen mit fort. Nicht wahr, Sie sagen es Herrn Hauptlehrer und Herrn Heilbronner. Mir ist es schon schwer genug, daß ich es Ihnen sagen mußte, aber Herr Direktor meinte, es wäre Ihnen sicher lieb, es schon jetzt zu wissen und sich darauf vorzubereiten." Sein großes ehrliches Gesicht sah so bekümmert aus, wie ich es nie vorher gesehen hatte. Ich dankte ihm, daß er noch einmal herausgekommen war, um mir diese Mitteilung zu machen. Allerdings durfte er, als in einer sogenannten privilegierten Mischehe lebend und nicht verpflichtet, den Judenstern zu tragen, auch Straßenbahn fahren und bei seiner Familie wohnen. Er hat im allgemeinen Samstagnachmittag und Sonntag frei, versprach mir aber, morgen auf alle Fälle zu kommen. Es würde wieder viel Extraarbeit geben, wenn die Listen verteilt seien. Dann eilte ich ins Büro hinunter, wo Heilbronner noch arbeitete, und sagte es ihm. ,, Es ist merkwürdig", sage er langsam nach einer kurzen Pause ,,, mir ist es fast wie eine Erleichterung, daß ich diesmal dabei bin und es nicht nur den anderen mitteilen, sie beruhigen, ihnen zureden muß." ,, Mir geht es ganz genau so", erwiderte ich ihm ,,, und ich bin zufrieden, mit Ihnen zusammen zu gehen." Er kam schnell auf mich zu und gab mir die Hand, die ich fest drückte. ,, Ich brauche nicht zu betonen, daß es mir lieb ist, daß wir beide zusammen bleiben. Aber nun müssen wir den Hauptlehrer rufen, er hat ein Recht darauf, es sofort zu erfahren. Warten Sie einen Augenblick, ich hole ihn herüber." Gleich 153 darauf kamen beide Männer zurück. Ich sagte kurz, was mir Hermann, unser Hausmeister, berichtet hatte. Der Hauptlehrer schrak im Moment zusammen, faßte sich aber schnell und sagte mit einem tiefen Aufatmen: ,, Wir mußten ja damit rechnen, daß es eines Tages kommen würde; ob früher oder später, spielt eigentlich keine Rolle. Gut, daß wir alle zusammen gehen." Wir beschlossen, vor den Insassen zu schweigen, bis die schriftliche Mitteilung da wäre. Dann ging jeder in sein Zimmer. Ich atmete erleichtert auf, daß ich oben bei mir meine beiden Zimmergenossinnen schlafend fand. Es wäre mir schwer gewesen, wenn ich notgedrungen mit ihnen über mehr oder weniger Belangloses hätte reden müssen. So setzte ich mich still an meinen Schreibtisch mit der abgeblendeten Lampe und versuchte, in mir selbst ruhig, und klar zu werden. Am schlimmsten traf mich, daß jede Verbindung mit Dir und den Kindern nun völlig unmöglich wurde. Zwar waren auch jetzt die Nachrichten, die unsere Schwägerin aus Lissabon so treulich an Dich und mich schickte, spärlich und selten genug, aber es bestand doch eine gewisse Verbindung, um die wir beide froh waren. Nun mußte ich ihr vor dem Transport ins Sammellager schreiben, daß ich eine größere Reise antreten würde und keine Adresse angeben könnte. Und was würde aus dem Heim werden? Das Heim war mir ans Herz gewachsen, das hatte ich vorher nie so stark gefühlt wie jetzt, da wir drei von der Leitung es verlassen sollten. Aber es lohnte sich nicht, diesen Gedanken nachzuhängen. Schnell ins Bett, um wenigstens zu ruhen, mit dem Schlafen würde es nicht viel werden, aber die Ruhe war notwendig, es kamen wieder schwere Tage in jeder Beziehung, denen ich unbedingt gewachsen sein mußte. - - Erst am Sonntagnachmittag kamen die sogenannten Evakuierungsbriefe. Das Verteilen wurde uns diesmal leichter dadurch, daß wir sagen konnten: ,, Wir gehen mit euch, und es fällt uns nicht einmal so schwer, weil wir fest glauben, daß allmählich alle Juden aus München und dem 154 ganzen Reich deportiert werden. Ist's da nicht fast besser, ein langes, quälendes Warten auf das, was doch einmal kommt, bliebe uns erspart?" Und tatsächlich, diesmal gab es kein Schreien und lautes Jammern. Blaẞ, still und gefaßt nahmen die Frauen den schicksalsschweren Brief entgegen. Was mich erschreckte und bedrückte, war, daß auch das Ehepaar Altschüler mit auf der Deportationsliste stand. Wie sollte der durch seine schwere Kriegsbeschädigung behinderte Mann allein die Strapazen des Sammellagers und der Reise ertragen, gar nicht zu reden von dem, was danach kam! Und noch etwas machte für sie die Sache besonders schlimm. Sie waren kinderlos, sie hatten als ganz kleines Kind einen Jungen an Kindesstatt genommen und ihn später adoptiert. Beide hingen unendlich an ihm und er an ihnen. Da es ein ,, arisches" Kind war, hatte man ihnen schon große Schwierigkeiten gemacht. Sie hatten ihn deshalb in eins der großen Landerziehungsheime bei München gebracht, von wo aus er sie wenigstens hin und wieder sehen konnte. Die Trennung von diesem geliebten Sohn, der etwa fünfzehnjährig war, traf sie schwerer als alles andere. Trotzdem zeigten sie sich beherrscht und ruhig.- Dieses Mal mußte nicht nachts gearbeitet werden, um alles vorzubereiten. Vorsorglich hatte ich einen ganzen Haufen Säckchen nähen lassen und auch sonst immer wieder aufgefordert, alles Notwendige für das Gepäck, das diesmal im ganzen nur dreißig Kilogramm betragen durfte, bereit zu halten. Schlafsäcke waren hergestellt worden, und ebenso hatten wir für diejenigen, die keine Decken, sondern nur ein Oberbett besaßen, aus diesem eine Art Daunendecke gemacht, indem wir Federn herausnahmen, die übrigen gut verteilten und die so entstandene Decke gut durchsteppten. Aus Gurten hatten wir für alle, die keine Lederriemen ihr eigen nannten, eine Art Träger für die Deckenrollen angefertigt. Bei alledem hatten uns die Quäker unter Annemaries Anleitung, aber auch manche anderen bekannten Frauen geholfen, die aus der Stadt zu uns kamen.- 155 Beunruhigter als wir Fortgehenden zeigten sich dieses Mal die Zurückbleibenden. Gerüchte schwirrten umher, das Heim sollte künftig von SS.- Männern geleitet werden. Uns war nichts davon bekannt geworden, aber wenn es wahr sein sollte, dann war es wirklich besser, fortzugehen. Gewiß konnte uns das in Polen auch blühen, aber dann lieber dort als hier im liebgewordenen Heim, wo wir bisher ein möglichst mildes und freundliches Regiment geführt hatten. Frau Nehm, Gertrud Linds Nachfolgerin, die mit dem jungen Koch zusammen die Küche besorgte, übergab ich die Schlüssel zum Vorratsraum und allen Schränken mit dem sehr genau geführten Küchenbuch, aus dem sie die Mengen aller nötigen Lebensmittel ersehen konnte. Heilbronner führte seinen Adlatus Löwenberger, einen siebzigjährigen schwerkranken Mann, der ihm bisher bei seinen Arbeiten im Büro geholfen hatte, gleichfalls in alles Nötige ein. Herr Löwenberger war Großkaufmann in der Lebensmittelbranche gewesen und hatte sich nicht nur als sehr tüchtige Hilfskraft, sondern auch als ausgezeichneter Organisator erwiesen. So hatte er z. B., um die Verteilung der Lebensmittelkarten zu erleichtern, eine äußerst brauchbare und arbeitsparende Kartothek angelegt. Nun schärfte Heilbronner ihm noch ein, daß das Allerwichtigste sei, jeden Freitag pünktlich das Mietgeld zugleich mit einer genauen Insassenliste an den Stellvertreter des Gauleiters in die Widenmayerstraße per Boten zu senden. Der Abtransport ins Sammellager nach Milbertshofen war auf Mittwoch, den 1. April, festgesetzt. Am Dienstagabend fand im großen Eßraum ein kurzer, gemeinsamer Gottesdienst statt, den wohl keiner der Beteiligten je vergessen wird. Es wurden nur einige Gebete gesprochen und der 94. Psalm gelesen. Zum Schluß defilierten alle Heiminsassen am Hauptlehrer, Heilbronner und mir vorbei und drückten uns die Hand zum Abschied. Gar mancher versuchte, ein paar Worte das Dankes und der Verbundenheit 156 zu stammeln, die meisten aber konnten vor Ergriffenheit und aufsteigenden Tränen nicht sprechen. Ich hatte Mühe, ein Schluchzen zu unterdrücken, als ich all die wohlbekannten und durch die Bewegung so veränderten Gesichter sah. Mir tat die Hand weh nach den vielen kräftigen Händedrücken. Oben in meinem Zimmer tröstete Frau Altschüler Frau Dillenius, die zurückblieb, das heißt, nicht deportiert wurde. Aber wir hatten noch etwas zu tun. Ich besaß eine ziemliche Menge Veronal, nach Aussage des Arztes genügend, um drei Personen ruhig zum Tode einschlafen zu lassen. Ein Drittel nähte ich in die untere Naht meines graumelierten Mantels, zwei Drittel bekam Frau Altschüler, um es in zwei ihrer Kleidungsstücke einzunähen. Ihr Mann wußte nichts davon, aber ich begriff, daß es eine große Beruhigung für sie bedeuten mußte, wenn sie im Augenblick, wo die Sachlage für sie beide unerträglich würde, diese Möglichkeit hatten. Allein das Bewußtsein, selbst über sein Schicksal entscheiden zu können, gab Trost und Kraft. Dann übergab ich Frau Dillenius mein Tagebuch, mit der Bitte, es nach meiner Abreise Tilla ins Isartal zu schicken, damit sie es dort aufbewahre. Auch in dieser Nacht, in der wir alle nicht viel geschlafen haben, gingen meine Gedanken immer wieder zu Dir und den Kindern. Mit jedem weiteren Jahr der Trennung hatten sich die Räume, die sich zwischen uns schoben, weiter und weiter ausgedehnt, jetzt schienen sie ins Unendliche wachsen zu wollen. Noch nie zuvor hatten mich Trennungsschmerz und Sehnsucht so stark überfallen wie in dieser Nacht; lange, lange mußte ich mit mir ringen, um ihrer einigermaßen Herr zu werden. Erst gegen Morgen sank ich in einen kurzen, unruhigen Schlaf. Ich erwachte aus ihm, als das tränenüberströmte Gesicht von Frau Dillenius sich über mein Gesicht beugte, ehe sie zu ihrer Arbeit in der Fabrik aufbrach. Wortlos umarmte ich sie und wandte mich dann schnell ab, weil ich die Qual des Abschieds nicht unnötig verlängern wollte. Langsam sah ich den -- 157 Tag heraufdämmern. Leise stand ich auf und setzte mich an den Schreibtisch, um noch einmal in Ruhe den geliebten Blick aus dem Fenster in mich aufzunehmen. Viele Bilder zogen an mir vorüber: Das Schwirren der Turmschwalben an Sommerabenden um die beiden Kirchtürme, die Prozession der langsam wandelnden Nonnen in ihren schwarzen Kleidern und den großen, weißen Flügelhauben auf den geraden Wegen des grünen Klostergartens. Immer wird die Vorstellung vom Abendfrieden für mich mit diesem Bilde unlöslich verbunden sein! Kurz vor unserem Gottesdienst hatte ich von den Klosterschwestern Abschied genommen, von der klugen, ruhigen Oberin, der von mir besonders geliebten und verehrten Oberschwester an der Pforte, die ich am besten kannte, weil sie meist daneben das Telephon bediente, das wir gemeinsam benutzten, von der freundlichen Küchenschwester, die uns so manches Mal mit irgendwelchen Vorräten ausgeholfen hatte, wenn wir in Verlegenheit waren, und-um noch eine zu nennen - von der Gartenschwester mit dem braunen, offenen Gesicht, dessen viele kleine Fältchen um die guten Augen zeigten, wie bereit sie zu fröhlichem Lachen war, und mit der mich noch besonders die Liebe zu Zimmerpflanzen und Blumen verband, die sie mir reichlich zum Schmuck meines Stübchens gestiftet hatte. Wenn ich jetzt in dieser Stunde das Fazit der hier verbrachten Zeit zog, so erschien sie mir reich und erfüllt von viel Arbeit, viel Leid und vielen kleinen und großen Freuden. Abschließend durfte ich mir ruhig sagen: Wir alle, die wir dies Heim aufgebaut und es geleitet hatten, wir hatten unsere Pflicht getan. Guten Gewissens konnten wir es verlassen. Wieder einmal erkannte ich klar, wieviel leichter es ist, unter denen zu sein, die Unrecht erleiden, als unter denen, die Unrecht tun. Erhobenen Hauptes konnten wir einem schweren, unbekannten Schicksal entgegengehen, ungebeugt in unserer Selbstachtung und unserer Menschenwürde. Darin lag keine pharisäische Ueber158 hebung, der wollte ich mich gewiß nicht schuldig machen und niemals vergessen, daß mir Demut und Bescheidenheit zu den erstrebenswertesten Tugenden zu gehören schienen. — Die Stunde der Einkehr hatte mir gut getan, ruhig konnte ich nun wieder zu den Obliegenheiten dieses Tages zurückkehren.—; Noch einmal vereinte uns das einfache Frühstück unten im Speiseraum. Dann schnell nochmals in das Zimmer zu- rück, um das Gepäck herauszuholen, das unten, zur Ab- holung bereit, vor der Haustür aufgestapelt wurde. Ein letzter Blick in das Zimmer Nr. 38: Dank dir, Schutzheilige dieses Raumes, heilige Theresia! Schon hörte man das Rollen des großen Gesellschafts- autos, das mit seinem Anhänger für das Gepäck in den Hof fuhr. Schnell hinunter! Noch einmal Abschiednehmen, aber rasch und kurz. Wir drei von der Leitung hatten uns ausbedungen, beim ersten Transport zu sein. Dreimal muß- te das Auto fahren, um die rund fünfundsiebzig Menschen aus unserem Heim ins Sammellager zu bringen. Auch Alt- schülers waren mit mir im Auto, sie, Heilbronner und ich wollten möglichst zusammenbleiben. Wir fuhren ab, das Tor der Klostermauer öffnete sich, die Zurückbleibenden winkten unter Tränen, auf der Straße standen einige Neu- gierige, die dem Wagen nachsahen; schon waren wir vor- über. Die wohlbekannten Straßen der Stadt glitten an mir vorbei, wieder mußte ich denken: zum letzten Mal! Dann kamen unbekannte Stadtteile, und plötzlich ging es mir auf, daß ich ja das Barackenlager noch nie gesehen hatte, in dem doch so viele mir gut bekannte Menschen lebten. Nun durchfuhren wir öde, lange Straßen mit Fabriken an einer Seite und einer Mauer an der anderen, jetzt kam ein Tor. Es wurde geöffnet, wir bogen ein, und das Auto stand auf einem kahlen Platz, der an allen vier Seiten von Holzba- racken ohne Steinunterbau eingefaßt war. Kein Baum oder Strauch weit und breit zu sehen. Wieviel schwerer mußte es sein, hier zu leben als in unserem schönen, von wohl- 159 tuendem Grün umgebenen Heim! Aber jetzt war keine Zeit für solche Betrachtungen, schon hieß es: Rasch aussteigen und in einer Reihe aufstellen! Jeder erhielt ein kleines grünes Zettelchen mit einer schwarz aufgedruckten Zahl, wie eine Garderobennummer im Theater, ging es mir durch den Kopf. Heilbronner bekam Nr. 273, ich Nr. 274, die angrenzenden beiden Nummern bekamen Altschülers. Dann ertönte der Befehl: Nacheinander im Gänsemarsch in die Baracke zur Prüfung durch die Gestapo. Hinter einer durch Tische gebildeten Schranke saß ein Mann, der mich kurz anwies: ,, Handtasche ausschütten." Ich kehrte den Inhalt meiner Tasche vor ihm auf den Tisch. Er ergriff zunächst meine Kennkarte und legte sie auf einen Stapel schon vorhandener. ,, Wo sind Ihre übrigen Papiere? Geburts- und Heiratsurkunde, Auswanderungspapiere?" ,, Die habe ich vernichtet", erklärte ich. ,, Wie kommen Sie dazu?" fuhr er mich an. ,, Sie erschienen mir völlig überflüssig für die Deportation zu sein“, erwiderte ich ruhig. In Wirklichkeit hatte ich sie in treuen Händen zurückgelassen, ich wußte, daß sie hier nur vernichtet werden würden. Er griff zu den wenigen Photos, die ich besaẞ, je eins von Dir und unseren Kindern. Rrratsch! Er hatte sie mitten durchgerissen und warf sie hinter sich. Eine heiße Welle von Wut und Empörung durchflutete mich. Aber schnell nahm ich mich zusammen; es lohnte sich nicht, ihm zu zeigen, wie tief er mich mit dieser Handlung getroffen hatte. Er öffnete mein Portemonnaie, das einige Münzen enthielt. ,, Wo ist Ihr übriges Geld?" fragte er barsch. ,, Ich besitze nicht mehr", antwortete ich. Ich machte mich daran, den übrigen Inhalt meiner Tasche wieder einzupacken, aber eine Handbewegung von ihm hinderte mich. ,, Nichts da, weitergehen, der Nächste", brüllte er. Ich kam in den anstoßenden Raum. ,, Ihren Kofferschlüssel", forderte kurz ein anderer Beamter. Ich wies nach hinten. ,, Liegt nebenan auf dem Tisch." ,, Weitergehen“, rief er mir zu. ,, Frauen rechts!" Ich kam in einen Raum, wo zwei Frauen an einem 160 Tisch saßen. ,, Oeffnen Sie Ihre Tasche mit dem Proviant und Ihre Deckenrolle", sagte die eine. Sie prüften beides. Ich hatte meine grüne Kamelhaardecke und meine Steppdecke, um sie zu schonen, in ein Stück einer alten Baumwolldecke gewickelt. ,, Sie dürfen nur zwei Decken haben", äußerte kurz, aber nicht unfreundlich die ältere der beiden Frauen. Ich legte die alte Baumwolldecke beiseite. Sonst wurde nichts beanstandet. Mühsam nahm ich die auseinandergefalteten Decken und die paar anderen Sachen, die darin eingewickelt waren, unter den Arm und verließ die Baracke. Draußen erwarteten mich einige Jungen aus unserem Lehrlingsheim, die von der Gemeinde zu Hilfeleistungen an diesen Tagen nach Milbertshofen geschickt worden waren. Es hatte angefangen zu regnen. Zwei der Jungen halfen mir, meine Sachen zu tragen. Sie führten. mich in eine andere Baracke. ,, Nr. 7" stand über der Haustür. Ich sah mich nach Heilbronner und Altschülers um, konnte sie aber nicht erblicken und fragte die Jungen nach ihnen. ,, Sie sind in anderen Baracken", antwortete mir der Größere. ,, Ehepaare, alleinstehende Männer und ebensolche Frauen sind in gesonderten Baracken untergebracht. Aber Sie können sich vor den Türen treffen", gab er mir freundlich Auskunft und öffnete dabei die Tür zu einem Zimmer, in dem sich schon eine ganze Anzahl Frauen befanden. Der ganze Raum war mit grauen Papierstoffsäcken, die mit Holzwolle gefüllt waren, ausgelegt. Jeder Sack war 80 Zentimeter breit und 1,80 Meter lang. Eine jüngere Frau löste sich aus einer Gruppe und kam auf mich zu. ,, Ich bin die Zimmerälteste", sagte sie und nannte ihren Namen. ,, In unserem Raum müssen fünfzig Frauen Unterkunft finden. Jede hat also Anspruch auf einen halben Holzwollsack zum Liegen oder Sitzen; es wird recht eng werden", fügte sie mit einem Seufzer hinzu. ,, Wir sind schon seit gestern abend hier", und sie nannte eine kleine niederbayrische Landgemeinde, aus der sie kam. Da entdeckte mich eine Heiminsassin und kam zu mir heran. ,, Kommen Sie zu uns", 11 Behrend, Ich stand nicht allein 161 rief sie freundlich, und zog mich in die Nähe eines der Fenster. ,, Auf meinem Sack ist noch Platz für Sie." Ich folgte ihr gern und legte meine Provianttasche und meine Decken mit auf ihren Sack. Dann betrachtete ich in Muße meine Umgebung. Schon jetzt waren die Säcke über und über mit dem an den Schuhen hereingetragenen Schmutz von draußen bedeckt, man erkannte auch sofort, wer eben erst angekommen und wer schon längere Zeit hier war. Die letzteren sahen ungepflegt aus, sie trugen zahlreiche Spuren der schmutzigen Säcke an ihren Kleidern. Aber ich konnte nicht dauernd stehen, Sitzgelegenheiten waren nicht vorhanden, hätten auch bei so enger Belegung gar keinen Platz gefunden. Also ließ ich mich, heimlich seufzend, auf meiner Sackhälfte nieder. Unser Zimmer füllte sich rasch, ich zählte jetzt etwa vierzig Frauen. Der Lärm des Stimmengewirrs in dem niederen Raum dünkte mich fast unerträglich. Der Regen hatte aufgehört. Lieber wollte ich hinausgehen, als die schlechte Luft und das Getöse hier drinnen unnötig lange ertragen. Draußen fand ich Heilbronner, der von einer ganzen Schar Heiminsassen umringt war. ,, Gut, daß Sie kommen, Frau Doktor", rief er mir zu ,,, unsere Leute haben mir eben vorgeschlagen, wir möchten doch etwas tun, damit wir Berg- am- Laimer die Fahrt möglichst zusammen machen können." ,, Dann wenden wir uns wohl am besten an den Leiter des Transports", schlug ich vor. ,, Wissen Sie, wer es ist?" fragte einer aus der Gruppe. Heilbronner nickte. ,, Der Leiter des Barackenlagers soll dafür bestimmt sein", erwiderte er und fügte hinzu: ,, Man hat genau wie bei uns auch hier die ganze Leitung des Lagers zur Deportation eingeteilt. Ich gehe nachher zu ihm und werde ihn fragen, ob er es möglich machen kann, daß wir zusammen reisen." Die Sonne war durchgekommen und hatte die meisten Leute aus den dumpfen Baracken herausgelockt. Halt, wer kam dort hinten? Ich entdeckte ,, Baby", mit der ich in Lohhof in der Flachsfabrik zusammen gearbeitet hatte, und neben ihr Klein- Erna und Frau Brand, 162 gleichfalls gute, alte Bekannte aus der Lohhofer Zeit. Aber die beiden letztgenannten waren doch keine Volljuden, über- legte ich schnell. Ich begrüßte alle drei.„Sie gehören doch wohl nicht zu den Fortgehenden“, wandte ich mich fragend an sie.„Wir wissen es noch nicht sicher“, antwortete Klein- Erna.„Es wurde Frau Brand und mir gesagt, daß wir als Ersatz in Frage kämen, wenn von der geplanten Zahl von Siebenhundertachtundsiebzig zu Deportierenden aus irgend welchen Gründen der eine oder andere ausscheidet.‘“ „Ich bin darauf eingestellt, mitzugehen“ ‚sagte Baby,„zwar schwebt für mich als Mischling ein Arisierungsgesuch, aber meine Mutter ist mit ihren dreiundsechzig Jahren als Voll- jüdin auf der Liste, und wenn sie nicht freikommt, verlasse ich sie nicht und lasse das Arisierungsgesuch schießen. Außerdem sind fast alle Mädels des Lohhofer Arbeits- lagers, das ich seit der Deportation im November leite, auf der Liste der Fortgehenden, und ich gehe lieber mit ihnen als später mit lauter Fremden.‘ Also auch hier das gleiche Zusammengehörigkeitsgefühl wie bei uns im Heim. Ich nickte Baby zum Zeichen, daß ich ihre Gründe gut ver- stand, aufmunternd zu. Wir waren beim Herumschlendern vor einer entfernten Baracke angelangt. Vor der Tür stan- den einige Bewohner, die ich als frühere Heiminsassen er- kannte und begrüßte.„Wenn Ihnen oder anderen etwas für die Reise Notwendige fehlt oder genommen sein sollte“, sagte mir eine alte Frau unter ihnen,„wenden Sie sich an uns, wir möchten so gern ein bißchen helfen und können es doch mit nichts anderem tun.‘ Ich dankte ihr und ver- sprach, daran zu denken, wenn ich oder andere etwas brauchen sollten.„Fällt Ihnen nichts ein, was Sie gern hätten?“ fragte mich eine andere, die Witwe eines früher bekannten Malers. Ich erinnerte mich, daß bei dem zu- rückgelassenen Haufen aus meiner Handtasche mein Füll- federhalter war, und äußerte ein bißchen zaghaft den Wunsch nach einem anderen. Die Frau Professor bat mich, einen Augenblick zu warten oder mit ihr in ihre Baracke 11° 163 zu kommen, wo sie den Füllhalter holen wollte. Gern ging ich mit ihr, gespannt, wie zu normalen Zeiten die Einrichtung innen war. Sieh da, zwar auch eng und nicht zu vergleichen mit den schönen Räumen unseres Heims, aber sauber und mit allen nur möglichen Mitteln freundlich und wohnlich gestaltet. Mit herzlichem Dank nahm ich den Füllhalter entgegen und trennte mich nach der Begrüßung anderer alter Bekannter von den Bewohnern der Baracke. ,, Wir haben es noch gut", erzählte mir eine der alten Frauen ,,, wir mußten wenigstens nicht aus unserer Baracke hinaus, wenn auch fast alle Baracken eine ganze Reihe von denen in ihre Räume aufzunehmen hatten, die die ihrigen für die Dauer des Sammellagers zur Aufnahme der zu Deportierenden haben räumen müssen." ,, Haben Sie schon zu Mittag gegessen?" fragte mich ein alter früherer Heiminsasse, der mich eben begrüßt hatte. Ich verneinte. ,, Sie müssen in Ihre Baracke zurückgehen“, erklärte er ,,, Sie werden dann nach und nach alle zum Essen geführt, das wir hier Wohnenden schon eingenommen haben." Schnell lief ich in meine Stube in Nr. 7 und fand unsere Zimmerälteste gerade dabei, uns in Reih und Glied zu zweien zum Abmarsch in den Speiseraum aufzustellen. Ich reihte mich ein, gleich darauf marschierten wir ab. Der Speiseraum lag in einer der Baracken nahe dem Tor, durch das wir hineingefahren waren. Er schien mir bis in das letzte Winkelchen voll zu sein, aber an einer Reihe von Tischen wurde durch Zusammenrücken noch Platz für uns geschaffen. Ich traf Altschülers wieder, setzte mich zu ihnen und ließ mir erzählen, wie es ihnen gegangen war. Man hatte Herrn Altschüler bei der Kontrolle übel mitgespielt und ihm viele Sachen aus Rucksack und Deckenrolle fortgenommen, darunter den Lederriemen, der letztere zusammenhalten sollte. Ich versprach ihm, Riemen oder Gurte dafür bei den ständigen Insassen der Baracke zu beschaffen. Da kam unser Essen. Wir erhielten ein einfach zubereitetes Eintopfgericht, Weiẞkraut mit Kartoffeln zusammengekocht. Jugendliche 164 teilten das Essen aus, man merkte, alles war gut vorbereitet und organisiert; keine kleine Arbeit, wenn man statt der etwa achthundert ständigen Insassen plötzlich noch einmal so viele zu verpflegen hatte. Am Nachmittag wurden alle Frauen unserer Baracke zum Kartoffelschälen und Gemüseputzen in die Küche geholt. Auch hier traf ich eine Reihe alter Bekannter. Abends gab es eine Kartoffelsuppe und ein Stück Brot. Dann mußten alle in Reih und Glied in ihre Stuben zurück, niemand durfte mehr draußen bleiben. Stubenweise wurde man dann nacheinander in die Waschbaracke geführt. Als wir zurückkamen, fuhr gerade ein Personenomnibus durch das Tor herein. Es regnete wieder heftig, die Aussteigenden wurden samt ihrem Gepäck sofort durch und durch naẞ. Nicht lange danach wurden etwa zehn der Neuankömmlinge in unsere Stube geführt, nun waren die vorgesehenen fünfzig Menschen versammelt. Der Raum kam mir beängstigend eng und voll vor. Die Neuangekommenen verteilten sich auf die letzten freien Säcke. Sie erzählten, daß sie Augsburger wären. Wir liehen ihnen von unsern Decken, weil ihre ganz naẞ waren, und hängten diese über die an den beiden Längswänden der Stube stehenden Militärschränke aus Holz. Doch war das nicht geeignet, die ohnehin zum Schneiden dicke Luft im Raume zu verbessern. Wegen der Innehaltung der Verdunkelungsvorschriften durfte kein Fenster geöffnet werden. Wir streckten uns, so gut es ging, auf unseren Säcken aus; das Licht wurde gelöscht. Eine jüngere, bisher unbekannte Frau beklagte sich zu ihren Nachbarinnen über die Leibesvisitation, die bei ihr vorgenommen worden war. Dann trat allmählich Stille ein; gelegentlich hörte man auch schon Schnarchen und Stöhnen von Schlafenden. Aber das waren nur wenige, der größte Teil von uns lag die Nacht durch wach. Am Donnerstag ging ich mit dem Hauptlehrer und Heilbronner zu dem bisherigen Leiter des Barackenlagers, der den Transport leiten sollte, und den wir fragen wollten, 165 ob eine Möglichkeit bestände, sich selbst zu bestimmten Gruppen zusammenzuschließen, die die Fahrt gemeinsam machen wollten. Er meinte, das könne man sicher bewerkstelligen. Wir erfuhren, daß immer fünfzig Menschen zusammen in einem Wagen fahren würden. ,, Was für Wagen bekommen wir?" fragte ich.„, Alte französische Personenwagen, scheuẞßlich eng und schmutzig, wahre Museumsstücke, aber mit schmalen Bänken versehen und immer noch besser als Viehwagen", antwortete er mir. ,, Und was wird aus unseren Koffern, die uns gleich beim Betreten des Sammellagers abgenommen wurden?" wollte der Hauptlehrer wissen. Reiling zuckte die Achseln: ,, Angeblich sollen sie alle zusammen in einen Güterwagen geladen werden". erwiderte er ,,, aber ob der Güterwagen auch wirklich unserem Zuge angehängt wird, weiß ich natürlich nicht. Ich neige dazu, es nicht zu glauben." Er teilte mir dann noch mit, daß ich als Fürsorgerin für den Transport vorgesehen sei zusammen mit Schwester Irma, die den pflegerischen Teil übernehmen werde. ,, Oh, Schwester Irma ist auch dabei, das freut mich für uns, wo kann ich sie treffen, ich möchte sie doch gern begrüßen?" fragte ich ihn. Lächelnd gab er mir an Hand einer auf seinem Tisch liegenden Liste die gewünschte Auskunft. ,, Kurz vor Ihnen war Frau Tuchmann hier, die mich nach Ihrem Verbleib fragte", fügte er hinzu ,,, ich gab ihr Ihre Barackennummer." Wir verabschiedeten uns von ihm. ,, Der endgültige Abmarsch erfolgt in der Nacht vom Freitag zum Samstag", erzählte er uns noch ,,, wahrscheinlich gegen vier Uhr morgens. Morgen, Freitagnachmittag, ist eine Generalprobe des Abmarsches befohlen, das Nähere wird noch allgemein bekanntgegeben." Ich ging, um Schwester Irma aufzusuchen, und fand sie vor ihrer Baracke. Wir freuten uns gegenseitig des Wiedersehens, wenn auch der Anlaß keineswegs freudig war. Morgen, nach der Generalprobe, würden wir von Reiling, dem Transportführer, noch Genaueres über unsere Arbeit 166 während des Transportes erfahren. Auf dem Weg in meine Stube traf ich Frau Tuchmann, die frühere Leiterin unseres Altersheims in der Kaulbachstraße, die mir während meiner Lohhofer Zeit so bereitwillig Gastfreundschaft gewährt hatte. Sie umarmte mich in ihrer temperamentvollen Art. ,, Mir ist es ein Trost, daß wir zusammen gehen, und mein zweiter ist, daß ich durch meine Kenntnis des Polnischen Ihnen allen hoffentlich nützlich sein kann." - - In der kommenden Nacht kam mir der Gedanke, wie es wohl sein werde, wenn wir etwa in die Orte bei Lublin kämen, die mir durch die Berichte der Stettiner schon lange bekannt vertraut konnte man unter diesen Verhältnissen nicht gut sagen! schienen. Sollte es mir vergönnt sein, die Menschen, mit denen ich so viele Briefe gewechselt hatte, daß sie mir wie alte, liebe Freunde vorkamen, nun wirklich von Angesicht zu Angesicht zu sehen? Das würde manches leichter machen. Am Freitag früh - dem Freitag vor Ostern wurde uns beim Frühstück mitgeteilt, daß wir uns alle am Nachmittag um halb vier Uhr zum Abmarsch angezogen, mit allem Handgepäck stubenweise nacheinander auf dem großen, viereckigen Platz, den die Baracken umschlossen, aufzustellen hätten. Wir würden dort alles Notwendige für den wirklichen Abmarsch erfahren. Es durchzuckte uns: nun wurde es bitterer Ernst, die Endgültigkeit dieses Erlebens wurde uns deutlich klar. Aber ich kam nicht dazu, mich diesen Gedanken hinzugeben. In unserer Stube setzte eine rege Tätigkeit ein: Jeder versuchte, seine Deckenrolle und sein übriges Handgepäck marschmäßig zu richten. Glücklicherweise war ich schnell mit dem Packen meiner Sachen fertig, viele baten mich, ihnen zu helfen. Im Schweiße meines Angesichts half ich, zusammen mit einem jüngeren Mädchen, einer Frau mehrere Kleider übereinanderzuziehen. Trotz des Ernstes der Situation mußten wir lachen, als sie zuletzt vor uns stand, einer prall gestopften Wurst nicht unähnlich! Schon gestern nachmittag hatte ich Altschüler einen guten Riemen 167 für seine Deckenrolle bringen können, jetzt regnete es geradezu Bitten um die verschiedensten Dinge, deren Fehlen sich erst beim Packen bemerkbar machte. Ich lief von einer Baracke zur anderen, bat hier und brachte dort, beschwichtigte einen Erregten und half anderen den Gurt um die Rolle befestigen. Die Zeit verging wie im Fluge, noch rascher als die Tage vorher wurde das Mittagessen heruntergeschluckt, die letzte Hand bei den Nachzüglern an das Packen gelegt, und schon rief die Stubenälteste uns zur Aufstellung zu vieren vor der Baracke zusammen. Pünktlich um halb vier Uhr standen die rund achthundert Menschen mit ihren Sachen auf dem großen Platz. Nicht weit von uns sah ich die Parteibonzen bei der Verwaltungsbaracke stehen: Den Hauptsturmführer Wegner, den Obersturmführer Muggler, den Regierungsrat Schroth und einige andere, die ich nicht kannte. Lachend und plaudernd standen sie da, auf ein Schauspiel hoffend, das ihren Sadismus befriedigen würde. Aber ich sah auch Frau Dr. Weiß, unsere Aerztin, die mir freundlich zunickte. Jetzt bestieg Reiling, der Transportleiter, einen Tisch und begann zu sprechen. Er sei als Transportführer dafür verantwortlich, daß der Abmarsch, der morgen früh um vier Uhr stattfinden werde, sich in Ruhe und Ordnung vollziehe. Das sei nur möglich, wenn jeder seinen Platz genau kenne. Er wolle allen Gelegenheit geben, sich dem Zugführer zuzugesellen, den er selbst wähle. Er werde die Namen der fünfzehn Zugführer und ihrer fünfzehn Stellvertreter verlesen, um sie sollten sich je fünfzig Menschen scharen, die mit ihnen in einem Eisenbahnwagen die Reise machen würden. Einer der Zugführer war Heilbronner, ich seine Stellvertreterin. Im Nu sammelten sich die meisten Berg- am- Laimer um uns, Heilbronner zählte fünfzig ab und ließ uns zu vieren antreten. Aus dem Chaos, das zuerst auf Reilings Rede gefolgt war, hatten sich verhältmäßig schnell fünfzehn Gruppen zu je zweiundfünfzig Menschen formiert. Ich stand ziemlich in der Mitte unserer 168 Gruppe, vor mir sah ich Altschülers stehen. Es war drükkend heiß, ja schwül, ganz ungewöhnliches Wetter für einen Tag zu Beginn des Monats April. Mir stand der Schweiß auf der Stirn, Arme und Beine begannen zu zittern. Mein Handgepäck war viel zu schwer, niemals würde ich das alles auch nur eine kurze Strecke tragen können. Frau Dr. Weiß kam auf mich zu: ,, Fühlen Sie sich nicht gut?" fragte sie besorgt. ,, Ich habe viel zu viel und viel zu schweres Gepäck", stieß ich mit aufeinandergebissenen Zähnen hervor. ,, Stellen Sie das Gepäck auf die Erde", sagte sie freundlich ,,, es ist unangenehmer, längere Zeit damit unter der stechenden Sonne zu stehen, als damit bei normalem Wetter zu laufen." Ich riẞ mich energisch zusammen, gerade ich durfte unter keinen Umständen schlapp machen. Ein Blick auf die laut schwatzende und lachende Gruppe der SA.- Führer gab mir die letzte nötige Kraft. Da begann Reiling wieder zu sprechen: Jeder müsse sich seinen Platz, seine Nachbarn und Vordermänner merken, damit morgen früh bei Dunkelheit der Aufmarsch schnell und in Ordnung vor sich gehen könne. Wir hätten einen etwa zwanzig Minuten dauernden Weg bis zum Geleise, wo unser Zug stehe, und wir müßten am Ziel der Bahnreise auf einen Weg von mehreren Kilometern zu Fuß mit unserem Handgepäck gefaßt sein. Jeder solle noch einmal prüfen, ob er dies Gepäck wirklich tragen könne, und lieber zurücklassen, was zu schwer sei, als gezwungen zu sein, unterwegs die Deckenrolle oder die Reisetasche fortzuwerfen, weil man sie nicht mehr schleppen könne. In diesem Augenblick sah ich, wie Herr Altschüler vor mir zusammensackte unter der Last seines Rucksacks, den ich ihm schnell abnehmen half. Da stieß mich meine Nachbarin an: ,, Frau Doktor, Ihr Name wird gerufen!" Erstaunt blickte ich mich um, ich hatte nicht mehr zugehört, beschäftigt, ein Umsinken des Mannes vor mir zu verhindern. Da, jetzt wurde mein Name von Reiling nochmals gerufen: ,, Frau Dr. Behrend, schnell zur Gestapobaracke!" Ich löste 169 mich aus meiner Gruppe. Vor der Gestapobaracke holte mich eine Angestellte der jüdischen Gemeinde ein, deren Name nach dem meinen erklungen war. Der GestapoInspektor, der mir seit der Rückwandererfürsorge nicht mehr unbekannt war, trat zu uns. ,, Sie beide sollen hierbleiben", rief er zu uns. Fast ungestüm entgegenete Fräulein Penz: ,, Auf keinen Fall bleibe ich hier, wenn mein Verlobter mitgehen muß. Direktor Stahl hat mir versprochen, daß er mich nicht zum Bleiben zwingen werde, wenn nicht auch meinem Bräutigam hierzubleiben erlaubt wird." ,, Ich will auch mitgehen“, sagte ich ruhig. Der Inspektor wandte sich einem hinter uns Kommenden zu. ,, Die beiden wollen nicht hierbleiben, Herr Stahl", sagte er zu unserem Vorsitzenden. ,, Und ich habe wunder gemeint, was für eine gute Nachricht ich ihnen da bringen kann“, setzte er achselzuckend hinzu. ,, Bestimmen Sie, was werden soll", schloß er. Fräulein Penz wandte sich aufgeregt Herrn Direktor Stahl zu: ,, Haben Sie vergessen, was Sie mir versprachen?" rief sie fast drohend. Stahl winkte ihr beschwichtigend zu. ,, Nein, das habe ich nicht vergessen, und ich stehe zu meinem Versprechen, wenn es mir auch schwer wird", erwiderte er ruhig. ,, Leider ist es mir trotz allen Bemühungen nicht gelungen, Ihren Bräutigam gleichfalls freizukriegen, nun sollen Sie selbst entscheiden, was Sie tun wollen." ,, Ich gehe mit ihm", sagte sie plötzlich ganz still. Stahl nickte. Sie war entlassen. Er drehte sich zu mir um. ,, Aber Sie müssen hierbleiben, Frau Doktor, Sie können keine so schwerwiegenden Gründe für Ihr Mitgehen ins Feld führen." Mich mit aller Mühe beherrschend, sagte ich: ,, Wenn man einmal so weit ist, hat man alle Brücken hinter sich abgebrochen, und es gibt nur noch ein Vorwärts, deshalb lassen Sie mich mitgehen, Herr Direktor!" Energisch schüttelte er den Kopf. ,, Es ist unmöglich, ich brauche Sie dringend und bin glücklich, daß die Gestapo und die Partei Sie freigegeben haben." ,, Die Sache ist erledigt", ließ sich der Inspektor kurz hören. 170 ,, Sie", mit einer Gebärde zu mir ,,, bleiben hier!" Er drehte sich um, kehrte aber zurück, als fiele ihm noch etwas ein. ,, Richtig", sagte er wie zu sich selbst ,,, wenn Sie hierbleiben, fehlt einer an der zu deportierenden Anzahl. Siebenhundertachtundsiebzig müssen es sein, ich brauche also einen Ersatz für Sie." Siedend heiß ging der Gedanke mir durch den Sinn, daß nun womöglich Klein- Erna oder Frau Brand oder irgendeiner der zum Ersatz aufgerufenen jüdischen Mischlinge, die schon mit ihrem Freikommen rechneten, statt meiner mit fort mußte! Da kam festen Schrittes ein Fremder auf unsere kleine Gruppe zu. ,, Ich bin der Jude H.", meldete er in Habtachtstellung ,,, ich komme mit Genehmigung der Geheimen Staatspolizei in Bückeburg. Meine Eltern sind zur Deportation hier eingeteilt, ich melde mich freiwillig zum Mitgehen." Lächelnd wandte sich der Inspektor mir zu: ,, Da haben wir Ihren Ersatzmann!" Damit ging er in die Baracke, Stahl folgte ihm. Ich stand wie betäubt. Zu plötzlich war dieser Umschwung; Empörung kam in mir hoch. ,, Wie ein Stück Vieh, das verladen wird", schoß es mir durch den Kopf. Langsam schlich ich auf den Aufmarschplatz zurück. Eben hatte Reiling die Versammlung aufgelöst, die Gruppe der Parteibonzen war verschwunden. Viel später erst erfuhr ich, daß sie nicht auf ihre Kosten gekommen waren. Sie hatten Weinen und Jammern erwartet, vielleicht auf flehentliches Bitten einzelner gerechnet. Nichts davon war zu spüren gewesen. Ja, als„ ,, Baby" aufgerufen wurde, sich zu äußern es werde ihr freigestellt, wegen des schwebenden Arisierungsgesuches zurückzubleiben-, antwortete sie mit der ruhigen Gegenfrage: ,, Darf auch meine Mutter hier bleiben, wenn ich es tue?" Der Hauptsturmführer verneinte: ,, Ihre Mutter muß auf alle Fälle mit." ,, Dann ist es für mich selbstverständlich mitzugehen." Geärgert wandte sich der Hauptsturmführer ab. Ging ihm auf, daß sie als die Machthaber, die Großen der Partei eine kläglichere Rolle spielten als die zum Erleiden des Schlimmsten - - 171 bestimmte wehr- und hilflose Masse der Juden? Ich weiß es nicht, vielleicht waren Menschen wie er und seine Helfershelfer gar nicht imstande, sich über ihre Gefühle Rechenschaft abzulegen. Jedenfalls waren sie geärgert und unzufrieden mit dem Verlauf dieser Aktion. Da war es besser, den Schauplatz zu verlassen! Aber das erfuhr ich erst später. Als ich auf den Aufmarschplatz zurückkam, noch völlig benommen und verwirrt von dem eben Erlebten, strömte die Menge auseinander. Schnell hatte sich ein Kreis um mich gebildet. Heilbronner rief mir zu: ,, Was haben sie von Ihnen gewollt?" Ich sah in seiner Nähe Schwester Irma und Frau Tuchmann, im übrigen lauter Heiminsassen, und alle warteten gespannt auf meine Antwort. Fast tonlos stammelte ich: ,, Ich muß hierbleiben." Aber alle hatten es gehört, und wie wenn dies Wort der Tropfen gewesen. wäre, der die in ihnen allen gestaute Flut der Erregung und des erlebten und zu erwartenden Leides zum Ueberfließen brachte, brach eine Woge von schmerzlichen Rufen aus ihnen hervor; Tränen liefen über ihre Gesichter. Da ertönte der Ruf: ,, Alle zurück in ihre Baracken!" Heilbronner drängte sich zu mir durch, auch er, der beherrschte, sonst so ruhige Mann, ließ seinen Tränen freien Lauf. Er umarmte mich. ,, Leben Sie wohl, wie gern hätte ich mit Ihnen gemeinsam alle künftige Mühsal auf mich genommen!" Ich konnte vor Bewegung keinen Ton herausbringen. Aber ich sah, daß er mich verstand. Nach ihm kamen alle Umstehenden zu mir heran, die meisten verabschiedeten sich stumm, aber ihre Augen redeten eine deutliche Sprache. All das mühsam gebändigte Leid, doch auch Zuneigung zu mir und Trauer über die erzwungene Trennung sah ich darin. Ich glaube, ich kann ohne Uebertreibung sagen: dies war eine der schwersten Stunden meines Lebens, das auch vorher an schweren nicht arm gewesen ist. Dann waren sie alle fortgegangen, ich war ganz allein und ging langsam auf eine Bank zu, die vor der 172 Speisebaracke stand. Da kam ein junger Mensch heraus und wollte an mir vorüber. Seine Haltung ließ mich stutzen. Das war doch der achtzehnjährige Werner, einer der jüdischen Mischlinge, die frei werden sollten. Sein Vater und er wohnten im Heim, die ,, arische" Mutter hatte man in ihrer Wohnung gelassen. Ich rief ihn an. Er drehte sich um, ein völlig verstörtes Gesicht, plötzlich um Jahre gealtert, sah mich an. ,, Was ist mit Dir?" fragte ich ihn. ,, Lassen Sie mich gehen, Frau Doktor", stieß er hervor, ,, ich halte es nicht mehr aus, ich will auch nicht mehr!" ,, Halt!" sagte ich kurz und bestimmt ,,, ich lasse dich nicht gehen, ehe du mir erzählt hast, was geschehen ist.“ Da brach es aus ihm hervor, daß ich Mühe hatte, dem sich überstürzenden Strom seiner Worte zu folgen. Als Reiling auf der Liste der wahrscheinlich Freiwerdenden seinen Namen verlesen hatte, winkte ihn der Hauptsturmführer zu sich. ,, Bilde dir nicht etwa ein, daß du wieder nach Berg a. L. und in deine frühere Arbeitsstelle zurückkehren kannst", hatte er ihn angefahren. ,, Ich werde dich zu mir in die Widenmaierstraße nehmen und dich Mores lehren", und bei diesen Worten hatte er höhnisches Gelächter hören lassen. ,, So, nun weißt du, was dich erwartet." Mit diesen Worten wurde der völlig Betäubte fortgeschickt. Dies letzte Erlebnis war zuviel für den Jungen, dessen Nerven die furchtbare Aufregung der letzten Tage zermürbt hatte. ,, Und nun tue ich mir etwas an, ehe der Schuft seine Drohung wahrmachen kann." Ich erschrak, ich sah, ich hatte einen zum äußersten Fähigen und Bereiten vor mir. ,, Das wirst du nicht", sagte ich ruhig und griff nach seinem Arm. ,, Denke gefälligst nicht bloß an dich, sondern vor allem an deine Eltern. Sollen sie erfahren, daß ihr Sohn zwar von der Deportation gerettet, aber aus Furcht vor einer drohenden Mißhandlung, von der man nicht einmal weiß, ob sie überhaupt ausgeführt wird, sich das Leben genommen hat? Nein, mein Junge, so billig kommst du nicht davon. Ich lasse dich nicht los, ehe du mir fest in die Hand 173 versprochen hast, daß du diesen törichten Entschluß, den ich deiner Aufregung zuschreibe, nicht ausführen wirst." Da brach er zusammen. Ich ließ ihn ein Weilchen weinen, ich wußte, diese Tränen lösten die entsetzliche Spannung, die ihn gepackt hielt. Dann legte ich ihm die Hand auf die Schulter. ,, Nun, Werner?" fragte ich. ,, Wenn Sie mir versprechen, daß meine Eltern nichts von dem erfahren, was ich Ihnen gesagt habe, gebe ich Ihnen die Hand darauf, daß ich mir nichts antue." ,, Selbstverständlich erfahren deine Eltern nichts davon", sagte ich ruhig. Dankbar sah er mich an und drückte meine Hand so kräftig, daß es wehtat. Dann gab ich ihm den Weg frei. Dies kleine Erlebnis hatte mich befreit von dem Allzulastenden der letzten Stunde. Aber als ich Stahl über den Platz auf mich zukommen sah, stieg meine Empörung über die plötzliche Wendung der Dinge von neuem so heftig in mir auf, daß ich ihn anfuhr: ,, Hätten Sie sich nicht früher überlegen können, was Sie mit mir vorhaben? Glauben Sie, ich kann mich ohne jede Mühe einmal für die Deportation vorbereiten, und wenn innerlich und äußerlich alles dafür bereit ist, mich gleichmütig dem Befehl fügen: ach nein, wir haben uns die Sache inzwischen anders überlegt, Sie bleiben hier?" Ruhig unterbrach er mich: ,, Ich werde Ihnen alles erklären, wenn wir in Ruhe daheim sind, bis dahin müssen Sie sich noch gedulden. Dann dürfen Sie auch tüchtig weiterschimpfen, wenn Ihnen danach zu Mute ist", schloß er mit feinem Lächeln. ,, Aber wo soll ich jetzt hin?" fragte ich ein bißchen ruhiger. ,, Sie kommen zunächst mit mir nach Hause", antwortete er. ,, Meine Frau ist schon benachrichtigt und läßt Ihnen sagen, sie freue sich auf Sie. Meine Cousine ist unter den Fortgehenden, ihr Bett im Zimmer von Fräulein Friedenthal ist also frei und wird für Sie gerichtet. Wir können dann ganz in Ruhe alles weitere miteinander besprechen, wenn Sie sich ein wenig ausgeruht und erholt haben." Er nickte mir freundlich zu und ging in die Verwaltungsbaracke. Noch einmal rief ich 174 ihn zurück. ,, Ich weiß nicht, wo mein Handgepäck geblieben ist, und was wird aus meinem Koffer?" ,, Ihr Handgepäck habe ich in die Verwaltungsbaracke bringen lassen, wegen des Koffers werde ich mit dem Gestapo- Inspektor sprechen." Damit verließ er mich endgültig. Stumpf setzte ich mich auf eine Bank und wartete, was weiter werden würde. Nach einer Weile kam Stahl wieder heraus, begleitet von Dr. Spahn, einem unserer Aerzte, der mich freundlich begrüßte. ,, Gehen Sie vor zu meinem Auto, das vor dem Tor wartet", sagte Stahl ,,, Ihr Gepäck bringen wir mit. Wir kommen gleich nach." Ich ging. Am Torhaus hielt mich die Gestapowache an. ,, Wo wollen Sie hin?" rief mir der Wachhabende zu ,,, Sie dürfen hier nicht einfach fortgehen." ,, Ich will ja gar nicht fortgehen“, schleuderte ich ihm entgegen ,,, ich werde ja dazu gezwungen." Kopfschüttelnd sah mich der Mann an; er hielt mich sicher für nicht ganz normal, was ich wohl auch nicht war. Doch da kam Dr. Spahn mit Stahl, er sagte der Wache das Nötige, sie gab uns den Weg frei. Nicht weit vor dem Tor hielt ein Auto, Stahl half mir beim Einsteigen. Kurz ging mir durch den Kopf, wie widersinnig es doch sei, daß Stahl und unsere Aerzte zwar keine Straßenbahn benutzen, aber mit einem Mietauto fahren durften. Die beiden waren nach mir eingestiegen, mein Handgepäck war beim Chauffeur verstaut, der Wagen setzte sich in Bewegung. Aus dem überheißen, drückenden Nachmittag war ein schöner, klarer Vorfrühlingsabend mit einem grünlich schimmernden Himmel geworden. Wie verzaubert saß ich in dem bequemen Sitz des gut federnden Autos. War das Wirklichkeit, daß ich nach den Tagen im Schmutz, der fürchterlichen Enge und dem schrecklichen Lärm der Baracke nun in einem schönen, leise durch die Straße gleitenden Wagen saß? Wie wunderbar war das alles! Das Bild der frühlingshaften Stadt, durch die wir stumm dahinfuhren, die allmählich mir bekannt werdenden Straßen, von denen ich vor zweieinhalb Tagen 175 -- Abschied genom- waren es nicht ebenso viele Jahre? men hatte, als ich sie vom Omnibus aus mit den Leidensgefährten in entgegengesetzter Richtung vorbeifliegen sah, alles dünkte mich unwirklich, märchenhaft. Jetzt waren wir in der Goethestraße, schon hielten wir vor dem Hause, in dem Stahl wohnte. Wir stiegen aus; an der Wohnungstür zu fast ebener Erde, nur durch ein paar Stufen erhöht, stand Frau Stahl und streckte mir beide Hände entgegen. Drinnen im Flur entledigte ich mich des Mantels, säuberte und wusch mich und wurde dann in das Zimmer geführt, das Stahls als einziges von ihrer früheren Wohnung behalten hatten. Aber es war ein schöner Raum mit heimeligen guten Möbeln und einem festlich gedeckten Tisch, an den ich genötigt wurde. Das Abendessen verging, mir war immer noch, als träumte ich und müßte jeden Augenblick in der scheußlichen Barackenstube mit ihrer schlechten Luft und der Ansammlung von vielzuvielen Menschen erwachen. Aber das, was ich hier erlebte, war Wirklichkeit, das andere lag hinter mir! Nach dem Abendbrot kamen die übrigen Wohnungsgenossen, die ich zum Teil kannte, um mich zu begrüßen, und um von mir etwas über die Erlebnisse der letzten Tage zu hören; hatte doch jeder einzelne Verwandte oder nahe Freunde dabei! - Zuerst meinte ich, ich könnte nicht davon sprechen, aber nach und nach brachten mich die vielfachen Fragen zum Reden, und nun konnte ich fast nicht aufhören, ihnen alles genau zu schildern. Es war halb ein Uhr, als ich schloß. ,, So, für heute ist's genug", sagte Stahl aufstehend ,,, Sie bekommen jetzt ein Schlafmittel, damit Sie Ruhe finden." Bald darauf lag ich in einem herrlich weichen Bett, frisch. überzogen, und schnell fiel ich in festen traumlosen Schlaf, aus dem ich aber punkt vier Uhr mit dem Wissen erwachte: Jetzt gehen sie zum Zug! In Gedanken versuchte ich ihnen zu folgen, ich hörte den leisen, gleichmäßigen Regen vor dem Fenster. Nach einer Weile schlief ich wieder ein und 176 erwachte erst nach acht Uhr, nicht mehr wissend, wo ich mich befand. Erst allmählich kehrte ich zum Bewußtsein des gestern Erlebten zurück, und plötzlich brach der Gedanke in mir durch: Nun konnte ich doch wieder von Dir und den Kindern hören! Noch heute wollte ich an Alice nach Lissabon schreiben und den Inhalt meiner letzten Karte vor dem Transport ins Sammellager widerrufen. Freude kam in mir hoch, gedämpft durch die Erinnerung an die im Zug sich weiter und weiter von uns entfernenden Freunde! Laß mich zum Abschluß ein Gedicht hierhersetzen, dessen Abschrift ich vor kurzem erhielt, und das besser als lange Schilderungen wiedergibt, was ich genau so in den letzten Tagen empfunden und erlebt hatte. Die Ueberschrift heißt ,, Deportation", der Verfasser ist nicht bekannt, aber das Gedicht geht bei uns von Mund zu Mund! DEPORTATION Ich sah heut tausend Menschen verstörten Angesichts, Ich sah heut tausend Juden, die wanderten ins Nichts. Im Grau des kalten Morgens zog die verfemte Schar Und hinter ihr verblaßte, was einst ihr Leben war. Sie schritten durch die Pforte und wußten: Nie zurück, Und ließen alles draußen, die Freiheit und das Glück. Wohin wird man euch führen? Wo endet euer Pfad? Sie wissen nur das Eine: Das Ziel heißt Stacheldraht. Und was sie dort ewartet, ist Elend, Qual und Not, Ist Armut, Hunger, Seuche, für viele bitt'rer Tod. Ich schaut in ihre Augen mit brüderlichem Blick, Erwartend tiefen Jammer bei solchem Mißgeschick. Doch statt Verzweiflung sah ich ein tiefes, tiefes Müb'n Um Haltung und Beherrschung aus ihren Augen glüb'n, Sah heißen Lebenswillen, sah Hoffnung und sab Mut, Dazu in manchem Antlitz ein Lächeln stark und gut. 12 Behrend, Ich stand nicht allein 177 Da hab ich tief ergriffen den Geist des Volks erkannt, Das, auserwählt zum Leiden, das Leid auch stets gekannt, Das sich aus Not und Elend, Verbannung, Fron und Haft, Noch immer hat erhoben mit ungeheurer Kraft. Ich sah heut tausend Menschen verstörten Angesichts Und sab im Grau des Morgens den Strahl des ew'gen Lichts! Am Samstagvormittag hatte ich dann Gelegenheit, in aller Ruhe mit Direktor Stahl zu sprechen. Er berichtete mir, daß er und der ganze Vorstand genau vor einer Woche die Liste der zur Deportation Eingeteilten erhalten hatten. Mit Entsetzen hatten sie gelesen, daß der zweite Vorsitzende Hellinger, Fräulein Penz( die seit zwanzig Jahren in der jüdischen Gemeinde arbeitete und als einzige genaue Akten- und Archivkenntnis besaß) und die ganze Leitung des Heims in Berg a. L. mit darauf standen. Er habe daraufhin sofort an die Reichsvereinigung der Juden Deutschlands nach Berlin telephoniert und gebeten, bei der maẞgebenden Stelle der Spitzenorganisation der Gestapo Vorstellung dagegen zu erheben. Am Donnerstag sei dann zurück telephoniert worden, daß drei Personen freigegeben würden, der Vorstand solle die Namen derer am Telephon nennen, die ihm am wichtigsten erschienen. Daraufhin habe er dann Hellinger, Fräulein Penz und meinen Namen gemeldet, sei aber noch nicht ermächtigt worden, mit ihrer Befreiung zu rechnen. Den endgültigen Entscheid werde er wieder telephonisch am Freitagnachmittag- erhalten. Das sei denn auch geschehen; gleichzeitig sei mitgeteilt worden, daß die Gestapostelle im Sammellager telephonisch von Berlin zur Freistellung der genannten drei Personen Vollmacht hätte. Ich entschuldigte mich wegen meiner gestrigen Angriffe auf ihn. Er wehrte lächelnd ab: ,, Ich habe Sie gut verstanden; wer weiß, was ich an Ihrer Stelle getan hätte! Doch ich wollte noch wegen Ihres Koffers 178 - mit Ihnen sprechen. Im Vertrauen: rechnen Sie nicht auf Rückgabe. Selbstverständlich machen Sie ein kurzes Gesuch an die Gestapo deswegen, aber ich persönlich glaube nicht, daß es Erfolg hat. Ebenso wenig wie ich glaube", fügte er sehr ernst hinzu ,,, daß unsere Deportierten ihre Koffer je wiedersehen werden." Ich nickte, ich war der gleichen Meinung. ,, Und was soll ich nun tun? Soll ich wieder ins Heim zurückgehen?" ,, Natürlich, ich wüßte nicht, wem ich sonst die Leitung übertragen könnte. Aber Sie werden es allein machen müssen. Mir ist völlig klar, daß ich damit eine ungeheure Last auf Ihre Schultern lege. Aber ich hoffe, daß Löwenberger Ihnen mit Hilfe anderer, eventuell solcher, die in Ihr Heim neu eingewiesen werden, alle Büroarbeiten, die Führung der Bücher usw. abnehmen wird. Wollen Sie es versuchen?" Er sah mich freundlich an. ,, Ja", sagte ich einfach ,,, ich will es versuchen. Hoffentlich kann ich es leisten." ,, Mir ist einer von den vielen Steinen vom Herzen", scherzte er ein wenig kläglich ,,, und nun gehen Sie zu unserer Kleiderkammer und lassen Sie sich die allernotwendigsten Sachen geben. Nehmen Sie sich noch ruhig zwei oder drei Tage Zeit, ehe Sie ins Heim zurückkehren, schon die Nachricht, daß Sie wiederkommen, wird die Karre so lange laufen lassen." ,, Ich möchte morgen vormittag wieder zurück", erwiderte ich bittend ,,, heute will ich mich noch ein bißchen erholen, aber länger halte ich es doch nicht aus." ,, Gut", sagte er nach kurzem Sinnen, ,, dann lasse ich Sie morgen im Laufe des Vormittags in Begleitung einer Krankenschwester mit einem Auto ins Heim fahren. Ohne die Oberschwester geht es nicht, denn nur für Krankentransporte darf ohne mich das Auto benutzt werden, und ich kann nicht mit hinauskommen. Im übrigen braucht man Sie nur anzusehen, um zu merken, daß Sie wirklich sehr elend sind. Nicht wahr, Sie fangen mit der Arbeit im Heim langsam an, Sie und wir alle brauchen Ihre Kraft unbedingt." Er stand auf und verabschiedete sich von mir. 12* 179 Wie träumend ging ich durch die so oft von mir durcheilten Straßen bis zum Bürohaus in der Lindwurmstraße, und drinnen fand ich als erste meine treue Emmy K., mit der ich so lange und gut zusammengearbeitet hatte. Sie sprang erregt von ihrem Stuhl in der Telephonzentrale auf, die sie bediente. Die Zeit, da am Sabbath nicht gearbeitet wurde, war lange vorbei, diese Vorrechte hatte die Widenmayerstraße längst kassiert.- Emmy stürzte auf mich zu; mit Tränen in den Augen schüttelte sie mir die Hand. ,, Ich muß die anderen rufen, alle wollen Sie begrüßen!" Und dann kamen sie nacheinander, mit Freudenrufen, je nach ihrem Temperament verschieden, und ich merkte zum ersten Mal deutlich, daß sie mich betrachteten wie einen, der, zum Hängen bestimmt, schon den Strick um den Hals hatte und im Augenblick, da er festgezogen werden soll, auf den Ruf des einhaltgebietenden Boten mit Hilfe des Henkers den Kopf wieder aus der Schlinge zieht. Auch in der Kleiderkammer war es ähnlich. Ich suchte mir etwas Wäsche und ein Kleid aus, was alles mir aber erst gebracht werden sollte, wenn ich sicheren Bescheid hatte, daß ich meinen Koffer nicht wiederbekäme. Am Nachmittag besuchten mich Tilla und Annemarie, die Getreuen, mit ihnen hatte ich ein paar schöne stille Stunden. - Ostersonntag! Auferstehungstag! War es nicht etwas wie eine Auferstehung, die ich selbst erfuhr?! Hatte ich nicht wirklich mit allem, was mir sonst lieb und teuer gewesen war, abgeschlossen, um mit den Gefährten in den Abgrund zu steigen, der Deportation heißt?! Warum war ich plötzlich zurückgeholt worden, da mein Fuß schon den ersten Schritt in die Tiefe tun wollte? Bedeutete das nicht Auftrag und Verpflichtung in einem besonderen Maße? Ja, ich war sicher, daß es das heißen sollte, und ich war gewillt, diese Verpflichtung zu erfüllen, so gut, wie ich es mit meinen Kräften nur irgend konnte, und die Erinnerung an die, die gegangen waren bei der ersten Deportation im 180 November und der zweiten eben stattgefundenen, würde mir helfen, die größen Schwierigkeiten zu überwinden. Diese Gedanken waren es, die mich bis zur Abfahrt mit der mir wohlbekannten Krankenschwester und während des Weges ins Heim beschäftigten. Nun bogen wir in unsere kleine Straße ein; jetzt öffnete sich das Tor der Klostermauer; wir hielten vor der Eingangstür. Da stand der Hausmeister Hermann mit seinem guten breiten Gesicht und bot mir die Hand zum Aussteigen. Er wollte etwas sagen, aber ich wehrte ab. ,, Noch nicht", bat ich ,,, sagen Sie auch allen Insassen, ich möchte ein paar Stunden Zeit für mich haben. Am Nachmittag will ich mit Herrn Löwenberger das Wichtigste besprechen, und heute abend um acht Uhr werde ich im großen Speiseraum allen ausführlich über das berichten, was ich die letzten Tage erlebte." Das Zurückkommen war schwerer, als ich mir vorgestellt hatte: Langsam ging ich die Treppe hinauf, die ich sonst immer nur in schnellstem Tempo auf- und abwärts jagte. Da war mein Zimmer: Nimm mich wieder in deinen Frieden auf, heilige Theresia! Auf der Schwelle blieb ich wie angewurzelt stehen: Ein Blumenmeer auf der Kommode und dem Schreibtisch empfing mich. Leise schloß ich die Tür hinter mir und trat näher. Zwischen den Blumen lagen zierlich gebunden Wäsche- und Kleidungsstücke! Meine mühsam bewahrte Fassung verließ mich, aber ich war allein und konnte meine Tränen ruhig fließen lassen. Es tat gut, sich einmal nachzugeben. Ich legte mich auf mein Bett und fühlte, wie sich die schreckliche Spannung, in der ich die ganze vergangene Woche gewesen war, löste. Die Glocke, die zum Essen rief, ertönte, aber ich hatte keine Lust hinunterzugehen, spürte auch keine Neigung, etwas zu essen. Da klopfte es leise an meine Tür, und noch ehe ich ,, Herein" rufen konnte, tat sie sich auf. Frau Nehm mit einem großen Teebrett kam leise herein. ,, Heute müssen Sie sich's gefallen lassen, daß Sie etwas Besonderes bekommen; es geschieht mit dem Wissen und der Billigung aller Insassen. 181 Ach, was bin ich froh, daß Sie wieder da sind!" Ich konnte nur kurz danken, gleich war sie wieder draußen. Eine Tasse guter Brühe und eine Omelette mit Konfitüre, sie wußte genau, was ich gern mochte! Ich konnte es ihr nicht antun, es stehen zu lassen. Langsam begann ich zu essen, siehe da, es schmeckte! Der Mensch ist doch ein schrecklich materielles Wesen, mußte ich denken. Ich war gerade fertig, als es wieder klopfte. Frau Dillenius trat ein und umarmte mich. Ich weiß, daß wir beide in diesem Augenblick an Frau Altschüler dachten, die die Dritte im Bunde hätte sein sollen! Aber dann faßten wir uns, und ich begann zu fragen, von wem die vielen Blumen und die anderen Sachen waren. Die herrliche weiße Azalee war vom Kloster, die rosablühende von den Frauen und die rote von den Männern, an den übrigen Blumen und den sonstigen Geschenken entdeckte ich bei genauerem Nachsehen kleine Kärtchen mit den Namen der Geber. Ehe mich Frau Dillenius wieder allein ließ, gab sie mir mein Tagebuch zurück. - Als ich um acht Uhr in den großen Speiseraum kam, waren die Heiminsassen schon alle versammelt. Von vielen der Fortgegangenen brachte ich Grüße, auch Briefe und Karten hatte ich abzugeben. Dann erstattete ich meinen ausführlichen Bericht. Du weißt, daß ich oft öffentlich gesprochen habe, geworben habe für die ehrenamtliche Mitarbeit in der Gefährdetenfürsorge, daß ich häufig von den vielfachen Schicksalen erzählte, die ich während meiner Fürsorgearbeit im Gefängnis erfuhr; aber niemals vorher habe ich ein so atemlos lauschendes Publikum gehabt, das mit geradezu körperlich fühlbarer Spannung an meinem Munde hing, wie an diesem Ostersonntag!- Im Anschluß an den Bericht sagte ich ihnen dann, daß ich nun allein die Leitung der Heimanlage übernehmen müßte, daß ich mir darüber klar sei, welch eine schwere Aufgabe ich damit auf mich geladen hätte, und daß ich sie nur würde lösen können, wenn jeder einzelne Heiminsasse mir dabei Hilfe leiste. Auch auf die praktische Mitarbeit jedes einzelnen 182 würde ich angewiesen sein. Ich sei mir wohl bewußt, was ich damit von jenen fordere, die täglich zehn Stunden in der Fabrik schafften, und ich würde versuchen, die Arbeit im Hause und in der Küche so einzurichten, daß jeder nur einmal in einer oder gar zwei Wochen etwa zwei Stunden abends Dienst zu tun hätte. Nur wenn sie alle sich mit einer solchen Einrichtung einverstanden erklärten, würde ich die Leitung übernehmen können. Eine Frau, die mir schon oft tüchtig geholfen hatte, meldete sich zum Wort. Sie sei von den weiblichen Insassen beauftragt worden, mir zu sagen, daß alle Frauen des Heims zu den von mir als nötig erachteten Sonderarbeiten bereit seien. Sie solle mir sagen, daß die Freude über meine Rückkehr unendlich groß sei. Ich könne auf jede Unterstützung durch die Frauen rechnen. Soviel hatte ich nicht erwartet, ich war freudig überrascht! Zwar wußte ich, daß es in der Praxis häufig Schwierigkeiten bei der Durchführung dieser Maßnahme geben würde, aber wenn ich mich auf die allgemeine Bereitschaft stützen konnte, so war damit schon sehr viel gewonnen. Herr Löwenberger, mit dem ich am Nachmittag im Büro schon das Wichtigste besprochen hatte, erhob sich und führte aus, daß diesmal unerwartet die Frauen den Männern den Rang abgelaufen hätten was mich ganz besonders freute; er sei von den männlichen Insassen gebeten worden, die Zustimmung zu meinen Vorschlägen und den Dank für die Bereitwilligkeit, die schwere Aufgabe zu übernehmen, auszudrücken. Ich dankte allen kurz und schloß die Zusammenkunft. Aber erst mußte ich noch unendlich viele Hände drücken und manche Ausrufe der Freude über meine Rückkehr über mich ergehen lassen. - Die Nacht ist fast vorbei, in einer Stunde schon wird Frau Dillenius wieder aufstehen, um zur Arbeit zu gehen. Aber ich mußte mir diese Erlebnisse von der Seele schreiben, habe ich dabei doch immer das Gefühl, Dich auf diese Weise ein wenig teilnehmen zu lassen an dem, was mich bewegt und was mich erfüllt. - 183 Berg a. Laim, Sonntag, den 24. Mai 1942 Die Tage fliegen vorbei, so kommt mir vor, ich kann es einfach nicht glauben, daß wir schon in den Sommer hineingehen! Von unseren Deportierten bekommen wir regelmäßige Nachrichten, sie sind wirklich nach Piaski gekommen, aber sie haben die Stettiner nicht mehr vorgefunden und konnten auch nichts über ihren Verbleib erfahren. Wir schicken, soviel wir können, aber es sind nur mehr Briefpäckchen im Höchstgewicht von einem Kilogramm erlaubt. Heilbronner schreibt mutig und schildert seine und der Gefährten Situation sogar hin und wieder mit einem Versuch zu scherzen. Er und alle irgendwie arbeitsfähigen Männer arbeiten im Straßenbau unter sehr schweren Bedingungen und bei völlig unzureichender Ernährung. Ihre Koffer haben sie nicht erhalten: Auch mein Gesuch, mir meine Sachen zurückzugeben, wurde ohne jede Begründung kurz abgelehnt, genau wie das, welches ich für Werner gemacht hatte, der übrigens wieder mit seinem Vater zusammen bei uns wohnt, nachdem ihn auf mein Betreiben sein Arbeitgeber, der ihn sehr schätzt, gleich wieder angefordert hatte. Bei mir erschien am Dienstag nach Ostern der Regierungsrat Schroth aus der Widenmayerstraße, ein ehemaliger Zigarrenreisender, und erklärte mir, ich dürfe es mir als eine besondere Ehre anrechnen, daß die Partei einwillige, mir die Leitung der Heimanlage allein zu übertragen. Im allgemeinen schätze man männliche Leiter sehr viel mehr. Ich müsse mir aber auch darüber klar sein, daß ich für alles und jedes, was im Heim geschehe, die alleinige Verantwortung trage und strengstens zur Rechenschaft gezogen werde, wenn man mir irgendein Versäumnis oder eine Nachlässigkeit nachweisen könne. Es seien dann einige neue Verfügungen zu befolgen, die er mir hiermit bekanntgebe. Von jetzt ab sei an unserem Tor eine Wache einzurichten, die das Aus- und Eingehen aller Personen zu kon184 trollieren habe. Zu diesem Zweck müsse ein Wachbuch geführt werden, das bei Revisionen vorzulegen sei. Allen ,, Ariern" sei das Betreten unserer Heimanlage strengstens verboten. Der Wachhabende habe sie energisch abzuweisen. Allein den arischen Frauen unserer jüdischen Heiminsassen sei am Samstagnachmittag und am Sonntag der Besuch bei ihren Ehemännern im Heim gestattet. Die Besuchszeit sei von mir festzusetzen und bekanntzugeben. Außerdem hätte ich mindestens einmal wöchentlich einen Appell abzuhalten, bei dem alles Notwendige den Insassen mitzuteilen sei. Den Insassen sei künftig jeder Ausgang in die Stadt, außer zur Arbeit, verboten, für besondere Ausnahmen, wie z. B. einen Besuch beim Zahnarzt, sei ihnen von mir ein Extra- Erlaubnisschein auszustellen. Ich verzichtete darauf, irgend etwas zu diesen Ausführungen zu äußern. Also wieder neue schwere Beschränkungen! Und die ständige Wache am Tor war eine zusätzliche Belastung für die Männer, die schwer tragbar war! Aber was half das?! Es mußte eingerichtet werden, und es wurde eingerichtet. Erstaunlich war in den kommenden Wochen das Bedürfnis unserer Insassen, ihre Zähne nachsehen und behandeln zu lassen! Es ist keine kleine Mühe, den einzelnen begreiflich zu machen, daß gar zu häufige Zahnarztbesuche das Verbot auch dieser letzten Möglichkeit nach sich ziehen könnten. Seit drei Wochen ist der Professor wieder bei uns; erstaunlich, was für eine Zähigkeit in seinem zarten Körper steckt! Unser Wiedersehen freute uns beide ganz besonders. Nun ist doch wieder jemand da, mit dem ich Fragen und Probleme, die mich beschäftigen oder belasten, besprechen kann. Und er weiß immer einen Weg oder einen guten Rat. Oft habe ich das Gefühl, er sei der gute Geist unseres Hauses! Uebrigens traf auch mich die Verfügung sehr schwer, daß allen ,, Ariern" verboten sei, unsere Heimanlage zu betreten. Bald nachdem Schroth gegangen war, wurde ich ans Telephon gerufen. Oberschwester Agathe merkte mir 185 meine Bedrücktheit an und fragte in ihrer mütterlich güti- gen Art nach dem Grund.„Es ist hart für mich, daß meine Freundin aus dem Isartal und ebenso meine Freundin Anne- marie, die Quäkerin, mich nicht mehr besuchen können“, gestand ich ihr.„Und Sie wissen, ich kann nicht fort vom Heim, es wäre ja auch schwierig, sie irgendwo zu treffen, da ich nicht wagen darf, den Judenstern zu verdecken.““ „Das muß Sie nicht bedrücken“, sagte sie freundlich, ‚Ihre Freundinnen können zu unserer Pforte hereinkommen, wir lassen sie in unser Sprechzimmer, und ich benachrichtige Sie durch unser Haustelephon, daß Sie herüberkommen. sollen. Sie werden so häufig hier am Telephon verlangt, daß es gewiß niemandem auffallen wird.“ Ich dankte ihr ganz gerührt.„Es ist schrecklich, daß wir uns nur noch mit Lügen helfen können“, fügte ich seufzend hinzu.„Auch darüber dürfen Sie sich nicht viele Gedanken machen“, entgegnete sie schr ernst,„ich weiß, daß uns diese Lügen nicht als solche angerechnet werden, und scheue mich des- halb gar nicht, sie auszusprechen. Wir alle haben keinerlei andere Möglichkeit, dem Unrecht zu begegnen und uns dagegen zu wehren. Also, nicht wahr, wir machen es dann so, wie wir eben besprochen haben.“ Was täte ich wohl ohne diese Hilfe! Ich kann ja nicht alles aufschreiben, was diese Menschen für uns tun, als sei es das Selbstverständ- lichste von der Welt, ohne je ein Aufhebens davon zu machen! Aber oft, wenn ich meine, ich könnte nicht weiter, wenn ich wieder einmal kostbare Zeit mit dem Schlichten kleinlicher Zänkereien der Insassen vertrödeln muß, dann genügt ein Blick auf die vorübergehenden Klosterfrauen, der mich wieder zurechtrückt und mich meine Niederge- schlagenheit überwinden läßt. Trotzdem zweifle ich manch- mal, ob ich diese ungeheure Arbeitslast lange tragen kann. 186 Berg a. Laim, Sonntag den 14. Juni 1942 Seit zwei Wochen ist unser Heim wieder voll bis auf wenige Plätze, und unter den Neuangekommenen sind zwei sehr musikalische Menschen: Ein junges Mädchen, Lisel Beer, die sehr schön Geige spielt. Sie war mitten in der Ausbildung in der Musikschule, als sie von der Widenmayerstraße zur Fabrikarbeit geholt wurde. Sie hat ihre Geige mitgebracht, als sie mit ihren Eltern ins Heim eingewiesen wurde. Uebrigens ist sie jüdischer Mischling, deshalb konnte sie auch so lange noch ihrer Neigung zur Musik folgen. Erstaunlicherweise hat man der ,, arischen" Mutter gleichfalls erlaubt, mit Mann und Tochter in unser jüdisches Heim zu ziehen, es gibt eben immer Unbegreiflichkeiten, über die man den Kopf schütteln kann. Der zweite ist Herr Walder, ein Pianist von großem Können. Nun haben wir gelegentlich die Freude, gute Musik zu hören. Ein dritter Insasse, der schon länger bei uns ist, spielt recht gut Cello und hat es sich geholt, so daß ein regelrechtes Trio zustande gekommen ist. Daneben hat es sich eingebürgert, daß ich nach den obligatorischen, wöchentlichen Appellen, die immer Samstagsabends stattfinden, und die ich sehr kurz erledige, meinen Insassen einen kurzen Vortrag halte. Ich erzähle ihnen von meiner früheren Arbeit im Frauengefängnis, gelegentlich spreche ich aber auch über Erziehungsfragen oder was mich sonst gerade beschäftigt. Das gibt eine kleine Ablenkung von den Sorgen und Mühen des Alltags und läßt uns kurze Zeit den Druck nicht so stark spüren, unter dem wir leben. Am vergangenen Sonntag, einem herrlich warmen Sommertag, den die meisten Insassen im Garten verbrachten, kam um vier Uhr plötzlich der Obersturmführer Muggler zu einer Revision. Er war in seiner leutseligen Stimmung, die ich mehr fürchte, als wenn er kurz angebunden ist. Des laß' ich mir g'falln", rief er mir schon von weitem zu, ,, so schön wie ihr möcht's i auch amal hab'n! Lassen's uns دو 187 gerad amal durch den Garten gehn!" Er ging an meiner Seite auf ein Ehepaar zu, das in der Sonne saẞ. Der Mann sprang auf und nannte in strammer Haltung seinen Namen. Er wies dann auf die neben ihm sitzende Frau. ,, Meine arische Frau, die mich heute besucht", fügte er hinzu. ,, So, des is recht", sagte der Obersturmführer ,,, zeigen S' mir Ihren Ausweis", wandte er sich an die Frau. Die war staunend dem gefolgt, was sich da vor ihren Augen abspielte. Als echte Münchnerin ließ sie sich nicht so leicht einschüchtern. ,, Ja, gibt's des aa? Wie komm denn i dazu? Da könnt i ebenso gut sagen, zeigen S' mir halt erst amal Ihren Ausweis!" Sie tat, als sähe sie nicht die beschwörenden Bewegungen, mit denen ihr Mann und ich ihrem Redefluẞ Einhalt zu gebieten versuchten. ,, Sie entschuldigen schon, Herr Obersturmführer, meine Frau weiß halt nicht, wer Sie sind", stammelte angstvoll der Mann. ,, So, das weiß sie nicht, nun, sie wird mich schon noch kennenlernen", rief der plötzlich von aller Leutseligkeit freie Obersturmführer. ,, Hab'n S' jetzt einen Ausweis da oder net", schrie er sie an. ,, Na, i hob keinen“, erklärte sie kurz. ,, Wissen Sie jetzt im dritten Kriegsjahr noch nicht, daß niemand ohne Ausweis ausgehen darf?" fragte er böse. ,, Sie haben", und damit wandte er sich an mich, ,, heute abend in einem Sonderappell bekannt zu machen, daß künftig die Wache am Tor sich den Ausweis jedes Besuchers zeigen lassen muß. Ohne Ausweis wird niemand mehr hereingelassen!" Wütend ging er weiter zu dem nächsten Paar. Auch diese arische Frau hatte keinen Ausweis, aber sie war wenigstens still. Gott sei Dank, die nächste hatte ihren Ausweis bei sich! Aber jetzt kamen wir zu einem Paar, vor dessen Betragen ich mich ängstigte. Die arische Frau hatte mir schon häufig Schwierigkeiten gemacht, sie hielt sich an keine Bestimmungen, die Wache hatte mich schon mehrfach zu Hilfe rufen müssen, weil sie außerhalb der Besuchszeit zu ihrem Mann wollte, was ich unmöglich zugeben konnte, ohne gänzlich die Zügel aus der Hand zu verlieren. Dann machte sie entsetzliche 188 Szenen, schimpfte und randalierte, so daß ich Mühe hatte, sie hinauszukomplimentieren. Auch der Mann war ein unangenehmer Nörgler, immer unzufrieden, einer von denen, die nie mit ihren Zimmergenossen in Frieden leben können. Er wie seine Frau waren denkbar unbeliebt. Auf die Frage nach ihrem Ausweis erklärte sie einfach: ,, Ob i an Ausweis hier hob oder net, geht Sie an Dreck an! I bin Arierin, mit mir dürfen S' net umspringen wie mit den Juden da!" Ich sah, wie den Obersturmführer die Wut packte, die er vorher mühsam zurückgedämmt hatte. ,, So, Sie meinen, ich könnt' Ihnen nichts tun, weil Sie Arierin sind? A schöne Arierin, die einen Juden geheiratet hat! Bilden S' Eahna nur nix ein! Sie soll'n's scho noch g'spüren, ob i Eahna was tun kann oder net! Die Frau b'haltn ma hier, die kommt mir net fort, tun S' die in irgend an Zimmer sperrn, acht Tag' muẞ's mindestens herinbleib'n", schrie er mir zu. Die Frau war blaß geworden. Sie wollte etwas entgegnen, aber meine beschwörende Gebärde hielt sie zurück. Der Obersturmführer war weiter gegangen. ,, Seien Sie ganz still!" zischte ich ihr noch schnell zu, dann eilte ich dem Obersturmführer nach. Glücklicherweise verzichtete er nun auf weitere Fragen nach Ausweisen. ,, Ich will noch die Küche und die Wirtschaftsräume besichtigen", sagte er kurz. Ich atmete auf. Ich wußte, da war alles in Ordnung. Vielleicht würde ihn das wieder in bessere Laune versetzen. Aber was sollte ich mit dieser schrecklichen Frau machen? Ich konnte sie doch unmöglich bei uns festsetzen, das war doch eine absurde, ja groteske Situation! Abwarten, vielleicht konnte ich das noch verhindern! Richtig, die tadellos aufgeräumte Küche und die schönen sauberen Wirtschafts- und Eẞräume präsentierten sich tadellos, und allmählich besserte sich die Laune des Gewaltigen. Kurz ehe er vor dem Tor stand, sagte ich möglichst leichthin, so als fiele es mir gerade ein: ,, Und die Frau N. N. lassen wir diesmal wohl noch einfach laufen, nicht wahr?" ,, Also gut, dieses Mal soll sie mit dem Schrecken davonkommen. 189 Aber wenn sie Ihnen die geringsten Schwierigkeiten macht, lasse ich sie für eine Woche durch Sie einsperren!" Damit nickte er gnädig und verschwand. Mir war ein Stein vom Herzen. Rasch zu dem Ehepaar N. N., wo ich die Frau ziemlich kleinlaut dessen harrend fand, was nun über sie beschlossen war. Sie atmete doch erleichtert auf, als ich ihr berichtete, daß sie gehen könne. Aber ich verhehlte ihr nicht, daß ich mir künftig keine Ungezogenheiten mehr von ihr gefallen lassen würde. -- Berg a. Laim, Sonntag, den 5. Juli 1942 Die Deportationen haben wieder eingesetzt! Anfang dieser Woche hat man unser ganzes Krankenheim mit dem leitenden Arzt, der Oberin, den meisten Schwestern und allen Kranken evakuiert. Ich erfuhr es durch einen Anruf von Stahl, der sich gleichzeitig zu einer Besprechung anmeldete. Er erzählte mir dann, daß diese Deportation nicht nach Polen gehe, sondern nach Theresienstadt im Sudetengau. Die Reichsvereinigung habe mitgeteilt, daß dort ein großes Ghetto errichtet werde. Vor allem sollten alle Alten über fünfundsechzig Jahre, die Schwerkriegsbeschädigten aus dem vorigen Krieg, die jüdischen Mischlinge und die im letzten Weltkrieg mit Tapferkeitsmedaillen oder dem Eisernen Kreuz 1. Klasse besonders ausgezeichneten Juden dorthin gebracht werden. Auch besonders tüchtige Angestellte der jüdischen Gemeinden und solche, die sich aus irgendeinem Grunde die Protektion einflußreicher ,, Arier" erfreuen, sollen dorthin evakuiert werden. Es scheine, als wolle man dort eine Art Elite- Ghetto aufziehen, zu dem man eventuell auch Ausländern Zutritt gewähren könne. Wie weit das zutreffe, wisse er nicht sicher, immerhin sei es entschieden besser als nach Polen geschickt und 190 - um gebracht zu werden, woran wir nun nicht mehr zweifeln. Seit vierzehn Tagen fehlt jede Nachricht von unseren Deportierten aus Piaski, und wir geben uns keiner Hoffnung mehr hin, sie nach dem Kriege wiederzusehen. Das schreibt sich leicht hin, und wieviel Leid, Not und Angst verbirgt sich dahinter! Aber Worte vermögen nicht, sie auszusagen, und jeder fühlende Mensch wird etwas davon empfinden, wenn er sich die Situation klarmacht. Das ganze Ausmaß dessen, was es heißt, spürt sowieso nur der, der es selbst miterlebt! - Gestern traf nun auch bei mir im Heim eine neue Liste mit den Namen der nächsten Dienstag zu Deportierenden ein. Fünfunddreißig alte Heiminsassen kommen nach Theresienstadt, wieder sind einige darunter, die mir im Heim durch ihre Arbeit wertvolle Dienste geleistet haben. Auch ein Schwerkriegsbeschädigter mit seiner Frau ist darunter, die völlig fassungslos war, als ich ihr die Nachricht überbrachte. Aber das Schlimmste ist, daß mir Stahl sagte, wir müßten jetzt jede Woche mit einer Deportation rechnen! Wie soll unsere schon so entsetzlich schwer belastete Gemeinschaft diese ständige Angst und Aufregung ertragen! Es war gelungen, in den letzten Wochen wieder eine gewisse Ruhe im Heim herzustellen; das Leben ging zwar nicht sorglos dahin, aber diese unmittelbare Furcht vor der das Leben direkt bedrohenden Deportation war doch ein wenig in den Hintergrund getreten. Auch der Sommer mit seinen schönen Tagen und Abenden und die Möglichkeit, ein wenig davon abends im Garten genießen zu können, taten uns wohl. Aber wenn dieses furchtbare Gespenst nun über jedem einzelnen drohend in nächster Nähe schwebt, wie soll daneben die tägliche Arbeit und das Leben im Alltag bewältigt werden! Man nimmt an, daß auch die Deportationen nach Polen wieder einsetzen werden, daß man nicht einmal damit warten wird, bis alle Alten evakuiert sind. Trotz alledem mußte ich meine Gedanken auf die Weiterführung des Heims und seine Notwendigkeiten konzentrieren. Wir 191 mußten ein zusätzliches Krankenzimmer einrichten, da die Möglichkeit fortfiel, Schwerkranke in unser Krankenheim zu bringen. Einer der zugelassenen jüdischen Aerzte sollte mit seiner Frau ins Heim übersiedeln, und die beiden zurückgelassenen jüdischen Krankenschwestern würden ihren Dienst künftig bei uns versehen. Das hieß: neue Arbeit in Hülle und Fülle, und doch war die bisherige kaum zu bewältigen! Trotzdem darf ich nicht mutlos werden; mich erstaunt es immer wieder von neuem, wie abhängig die Stimmung des ganzen Heims, d. h. der Insassen, von der meinen ist. Ich bin unterbrochen worden, eine Insassin kam und bat, mich noch sprechen zu dürfen. Und nach diesem kurzen und doch so inhaltvollen Gespräch kann ich mich nicht zur Ruhe legen, es treibt mich, seinen Inhalt kurz aufzuschreiben. Frau Schulmann ist unter denen, die uns am Dienstag verlassen sollen, um nach Theresienstadt zu gehen. Sie steht ganz allein, sie hat keine nahen Angehörigen mehr, und oft hatte ich das Gefühl, daß sie nur noch mit Mühe und großer Anstrengung das Leben ertrug. Sie sagte mir nun, daß sie schon, als sie zu uns eingewiesen wurde, aus dem Leben gehen wollte, damals sei sie von einer Freundin bestimmt worden, es nicht zu tun. Sie hätte sich dann auch im Heim wohlgefühlt, es seien Menschen dagewesen, mit denen sie sich gut verstand, sie habe auch mich liebgewonnen, und mit Staunen erkannt, wie die Gemeinschaft sie in ihren Bann schlug. Trotz ihrer sehr zarten Gesundheit und ihres Alters, die sie von der Fabrikarbeit befreiten, habe ihr die Arbeit im Heim Freude und Befriedigung gebracht. Nun solle sie fort; ja, sie wisse, ich wolle sagen, Theresienstadt sei nicht das Schlimmste, aber sie fühle einfach keine Kraft mehr, noch einmal neu anzufangen, noch einmal eine solche Umwälzung zu überstehen. Und ihre gute Freundin, die sie einmal zurückgehalten habe, sei Ostern deportiert worden. Aber sie habe den Schritt aus dem Leben nicht gehen wollen, ohne es mir zu sagen. Sie bitte mich herzlich, nicht 192 den Versuch zu machen, ihr diesen Entschluß auszureden, er sei unumstößlich, ich solle versuchen, sie zu verstehen. Sie sei zu schwach, körperlich und seelisch, um neuen Anstrengungen gewachsen zu sein, sie würde für ihre Gefährten nur eine Belastung werden. Das wollte sie nicht, und sie sei so unaussprechlich müde, daß sie sich schon jetzt auf den Schlaf freue, aus dem es kein Erwachen mehr gebe. Nicht wahr, ich werde ihn ihr gönnen? Sie habe auch nicht gehen wollen, ohne mir zu danken ich wehrte ab, nein, ich müsse schon erlauben, daß sie das ausspreche. Es sei ihr ein ganz starkes Bedürfnis, das zu tun.- - Ich kann nicht weiter schreiben. Natürlich habe ich es nicht über mich gebracht, ihr abzureden. Sie sprach so fest, ja heiter von diesem Entschluß, ich fühlte keine Ermächtigung, etwas gegen ihre wohlerwogenen Gründe vorzubringen, es wäre mir wie leeres Geschwätz vorgekommen. Ihre Zimmergenossinnen verlassen alle sehr früh ihr Zimmer, sie werden keinen Verdacht schöpfen, wenn sie ruhig schlafend liegen bleibt. Im Laufe des Vormittags werde ich sie dann aufsuchen müssen und Dr. Kupfer, unseren Arzt, verständigen. Ich halte ihn für einsichtig genug, keine Versuche zu machen, sie ins Leben zurückzurufen. Es ist der erste Selbstmord, der im Heim vorkommt. Bisher war ich stolz darauf, daß noch keiner zu verzeichnen war. - Mir ist das Herz so schwer, wie ich es nicht ausdrücken kann. Wie soll es weitergehen? Berg a. Laim, Sonntag, den 26. Juli 1942 Mein Leben ist zur Hölle geworden; ich schleppe mich nur noch mühsam durch die Tage. Woche für Woche kommt am Freitag die Liste der zu Deportierenden, und 13 Behrend, Ich stand nicht allein 193 nicht nur Alte, die nach Theresienstadt kommen, auch nach Polen gehen die Deportationen weiter. In der letzten Woche verließ uns Frau Dillenius, mit ihr ging Herr Walder, der Pianist, beide nach Polen. Lisel Beer, unsere Geigerin, und unser Cellist kamen nach Theresienstadt. Mit ihnen Stahl und seine Frau, er hat das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Ich war auf ihren Wunsch den letzten Tag mit ihnen zusam- men, ehe sie ins Sammellager nach Milbertshofen gebracht wurden. Ich konnte ihnen beim Packen helfen und ihnen manche nützliche Winke geben. Wie stark schließen doch gemeinsame Arbeit und gemeinsam getragenes Leid zu. sammen! Der Abschied wurde mir unendlich schwer, und ihnen ging es nicht anders! Aber auch das Ehepaar Schönberg gehörte mit zu diesem Transport. Wie wird ihn die schwerherzkranke Frau über- stehen! Er, der siebzigjährige Baurat, der Erbauer des „Deutschen Museums“, war bewundernswert gefaßt. Als wir uns verabschiedeten, sagte er:„Ich bin viel weniger beunruhigt als damals, da Sie deportiert werden sollten. Wir alle können Ihnen niemals das danken, was Sie für uns getan haben.“— Was ich gefürchtet hatte, als Frau Schul- mann von uns ging, ist eingetroffen. Noch acht unserer In- sassen, immer solche, die deportiert werden sollten, sind seither still aus dem Leben gegangen. Der Beamte von der Mordkommission der Kriminalpolizei, der nach jedem Selbstmord zur Untersuchung kommen und die Leiche zur Beerdigung freigeben muß, sagte mir beim letzten Mal mit einem etwas mißglückten Versuch zu scherzen:„Sie sind mein bester Kunde, Frau Doktor!“ Aber er wollte damit nur verbergen, daß auch ihn diese sich ständig steigernden Selbstmorde tiefer bewegen, als das sonst der Fall ist. Vor drei Wochen erreichte mich aus Lissabon nach langer Zeit wieder eine Nachricht von Dir. Du fragtest darin etwas vorsichtig und verklausuliert und nur für mich verständlich, ob ich nicht versuchen wolle, mich allen schlimmen Weiterungen durch die Flucht zu entziehen. Ich 194 muß Dir sagen, daß mir bisher dieser Gedanke noch nie gekommen ist. Nach reiflichem Ueberlegen muß ich ihn auch ablehnen. Unmöglich könnte ich jetzt in dieser kritischen Zeitspanne das Heim verlassen. Es würde mir wie Fahnenflucht erscheinen, ganz abgesehen von den äußeren Schwierigkeiten und Vorbereitungen. Nein, so lange ich die Leitung hier habe, kann ich nicht fort. Dabei bin ich mir der Verpflichtungen, die ich gegen Dich und die Kinder habe, durchaus bewußt, bin ja auch festen Willens, so weit es mir möglich ist, durchzuhalten, wenn auch die Vereinigung mit Euch, mein heißester Wunsch, mir im Augenblick in ungemessene Ferne gerückt erscheint. Ich weiß, daß im Heim manche mit dem Gedanken einer Flucht spielen, bisher haben bei uns nur vier Personen diesen Versuch gemacht. Der erste war ein jüngerer Mann, der Ostern zur Deportation eingeteilt war. Er war in der Rätezeit im Eppschen Freikorps, und wir nehmen an, daß ihm von früheren Kameraden geholfen wurde. Wir haben niemals mehr etwas von ihm gehört. Die drei übrigen Personen, Mutter mit zwei Töchtern, sind vor vierzehn Tagen verschwunden. Sie hinterließen einen Brief für mich, in dem sie erklärten, in einem Wald in der Nähe der Stadt sich das Leben nehmen zu wollen. Ich mußte Vermißtenanzeige bei unserem Polizeirevier erstatten, wo man mir versprach, mich zu benachrichtigen, wenn man sie gefunden habe. Man hat sie nicht gefunden, und so darf ich glauben, daß sie vielleicht über die Schweizer Grenze kamen oder bei Verwandten versteckt leben. Uebrigens stelle ich mir ein Leben auf der Flucht, immer in Angst, gefunden zu werden, entsetzlich vor. Ich würde zum mindesten nur mit dem festen Willen, in ein neutrales Land zu fliehen, den Sprung ins Dunkle wagen wollen. Aber vorläufig habe ich weder Zeit noch Lust, solchen Gedanken nachzuhängen. - Auch der Rest unseres Kinderheims hat nun bei uns ein Asyl gefunden. Zwölf Kinder im Alter von zwei bis dreizehn Jahren, bis auf zwei Ausnahmen ohne Eltern oder 13* 195 nahe Verwandte, sind hier zurückgeblieben. Sie waren für eine Zeit im Barackenlager untergebracht, aber es scheint, als wenn man dieses noch rascher zu leeren gedenkt als unser Heim. Jedenfalls sind die Kinder vor nun zwei Wochen bei uns eingezogen. Wir haben ihnen den großen Saal eingeräumt, in dem vorher sechsunddreißig Männer wohnen mußten. Ich war sehr erleichtert, als in der Widenmayerstraße mein Vorschlag, diesen Saal für die Kinder und ihre beiden Betreuerinnen einzurichten, genehmigt wurde. Durch die fortgesetzten Deportationen ist das Heim nicht mehr voll belegt, so daß ich die im Saal zurückgebliebenen Männer ohne Schwierigkeiten auf die anderen Zimmer verteilen konnte. Als Kinderheim ist der Saal dagegen ideal, nachdem wir ihn mit Schränken in drei Abteilungen geteilt haben: eine für die Kleinkinder mit ihren Bettchen und Möbeln, die sie mitbrachten, der mittlere Teil für die Schulkinder und der dritte für die beiden Leiterinnen, die ich schon seit langem kenne und sehr schätze. Ich habe, seit sie hier sind, bei ihnen schon öfters am Abend spät eine halbe Stunde gesessen und mich gefreut, mit wieviel Verständnis sie sich bei uns einfügen. Durch die Kinder kommt ab und zu ein bißchen Sonnenschein in unser sonst so freudloses schweres Leben. Sehr bald nach ihrem Einzug erschien der Obersturmführer Muggler mit dem Regierungsrat Schroth zur Revision. Besonderes Interesse zeigten sie für die neueingerichtete Krankenstube und für das Kinderzimmer. Als wir es betraten, liefen uns die beiden Kleinsten entgegen, die zweijährige Dina und der dreijährige Schorsch, die beiden einzigen, die ihre Mutter( natürlich in der Fabrik beschäftigt) hier im Heim haben. Strahlend hob Dina ihre kleine Puppe dem Obersturmführer entgegen. Schroff schob er sie fort, so hart und mit so finsterem Gesicht, daß die Kleine erschrak und zu weinen begann. Ich hatte Mühe, meine Empörung zu verbergen. Glücklicherweise hielten sich die übrigen Kinder ganz still. Fräulein Jacob hatte 196 Dina schnell auf den Arm genommen und beruhigte sie. Von der Einrichtung der beiden neuen Räume zeigten sich die ,, hohen Herren" befriedigt, wie sie auch sonst nichts auszusetzen fanden, obwohl ich ihnen vor der Besichtigung der Küche sehr ruhig erklärt hatte, daß sie nicht so blinkend sauber und in Ordnung sei wie sonst. Zu viele meiner Helferinnen waren durch die letzten Deportationen entfernt worden, es gelang mir nicht mehr, sie zu ersetzen. Aber sie beanstandeten nichts, und schon glaubte ich die Revision wieder einmal glücklich zu Ende, als auf dem Wege zum Tor aus dem Auto die Freundin des Obersturmführers ihm entgegenrief, sie habe eine Heiminsassin mit dem Judenstern in die Kirche gehen sehen, ob das denn erlaubt sei. Ich wandte ein, daß wir auch katholische Heiminsassen hätten, die häufiger die Kirche besuchten. Aber schon drehte sich der Obersturmführer um und schritt der Kirche zu. Böses ahnend, folgte ich ihm und dem Regierungsrat. In der Kirche befanden sich zwei Frauen, eine Heiminsassin und eine Fremde, in ihr Gespräch so vertieft, daß sie erst aufsahen, als der Obersturmführer dicht vor ihnen stand. Drohend wies er sie zur Türe, die in den Klostergarten führte, wo wir stehen geblieben waren. Schnell stellte sich heraus, daß die Fremde die frühere Hausangestellte der Frau Stern aus unserem Heim war. Wie dies Treffen verabredet wurde, weiß ich nicht, es wurde auch glücklicherweise nicht danach gefragt. Außer sich vor Wut, hatte der Sturmführer die Hand erhoben, und schon trafen harte Schläge das Gesicht der armen alten Frau Stern. Zuerst stand ich wie gelähmt, dann aber warf ich mich, ohne die etwaigen Folgen zu bedenken, zwischen die beiden. Der Obersturmführer hielt einen Augenblick inne, schon glaubte ich, nun werde er auch auf mich einschlagen, ein so böser Blick traf mich, aber das geschah nicht. ,, Sie schicken mir die Frau morgen früh in die Widenmayerstraße", keuchte er ,,, so leicht soll sie nicht davonkommen." ,, Das wird leider nicht möglich sein“, ent197 G G gegnete ich. ,, Frau Stern ist zur Deportation am Dienstag früh eingeteilt und darf das Heim nicht mehr verlassen. Beide Frauen waren verschwunden. ,, So, so, sie wird deportiert", murmelte der Obersturmführer, und diese Aussicht schien ihn sichtlich zu beruhigen. Aber noch einmal drehte er sich zu mir um. ,, Bestellen Sie der Oberin, sie müsse die hintere Kirchentüre schließen lassen", und nun ging er wirklich zu seinem Auto, gefolgt von dem stummen Regierungsrat. Das Auto setzte sich in Bewegung, erleichtert atmete ich auf. Ich traf Frau Stern weinend, mit entsetzlich geschwollenem Gesicht. Ich brachte sie ins Arztzimmer und veranlaßte die Krankenschwester, ihr kühle Umschläge zu machen, aber noch lange nachher zitterten mir alle Glieder von der Aufregung. München, Freitag, den 7. August 1942 Seit drei Tagen bin ich bei Frau Dr. Weiß, unserer Aerztin. Es ging mir so schlecht, daß sie Dienstag, energisch wie sie ist, einfach an die Partei und die Gestapo telephonierte und erklärte, ich müsse sofort aus dem Heim weg, sie stehe sonst für nichts. Mein Herz macht nicht mehr mit, ich muß ständig Spritzen haben. Ich hatte die letzten Tage im Heim auch das Kochen selbst übernehmen müssen, sowohl Frau Nehm wie Siegbert, unser junger Koch, waren deportiert worden. Erst nach Frau Dr. Weiß' Erklärung, daß sie mir jede Arbeit untersagt habe, wurde auf Veranlassung des Obersturmführers aus Milbertshofen ein Koch, zwanzigjährig, geschickt. Und Frau Dr. Weiß setzte auch durch, daß ich sofort in ihr Häuschen beurlaubt wurde. Kurz ehe sie gekommen war, hatte man mir den Regierungsrat Schroth geschickt, der mir mitteilte, daß ich binnen kurzem meiner 198 Stellung als Leiterin der Heimanlage enthoben würde. Das Barackenlager sei leer, fast alle Insassen seien deportiert. Der kleine Rest, lauter Männer aus Mischehen, die nicht für die Deportation in Frage kommen, käme nach Berg a. L., mit ihnen der Leiter von Milbertshofen, gleichfalls in einer Mischehe lebend und also geschützt, der nun die Heimanlage leiten werde. Das bedeutet für mich: bei der nächsten Deportation, die nach Polen geht, bin ich dabei! Die letzten Tage im Heim waren auch sonst entsetzlich gewesen. Die Selbstmorde häuften sich, durch die ständigen Deportationen blieben immer weniger Menschen, die die notwendige Arbeit verrichten konnten. Ich fand kaum mehr einige Stunden Ruhe in der Nacht und fühlte doch, daß ich nun wirklich am Rande meiner Kräfte angelangt war. Bei der letzten Deportation war auch der Professor gewesen. - Und nun sitze ich hier in dem freundlichen Zimmer, bei weit geöffnetem Fenster und sehe in den blühenden schönen Garten hinaus! Aber in mir ist es nicht ruhig, meine Gedanken gehen hin und her. Was soll ich tun? Gleich nachdem mir Schroth verkündete, daß man mir die Leitung des Heims abnehmen würde, schoß es in mir hoch: Nun kannst du ruhigen Gewissens fliehen! Frau Dr. Weiß beschwört mich, es zu tun. Sie hat Tilla von meinem Hiersein benachrichtigt, und vorgestern kam sie her. Zaghaft sagte ich ihr, was mich beschäftigte. Sie bot sofort ihre Hilfe an. Wir haben dann lange zu dritt darüber gesprochen, wie man die Flucht am besten vorbereiten und bewerkstelligen könnte. Erst hatten wir vor, mich bei einer Bekannten in München zu verstecken, aber dann verwarfen wir diesen Plan wieder. ,, Ja, wenn du doch gleich über die Grenze in die Schweiz könntest!", seufzte Tilla. ,, Das möchte ich auch am liebsten", sagte ich. ,, Halt, mir fällt etwas ein", warf Tilla plötzlich erregt in die Pause, die entstanden war. ,, Ich fahre morgen früh zu deiner Freundin Eva, die ihre Ferien am Bodensee verlebt, und versuche 199 mit ihr gemeinsam, ob nicht von dort aus der Weg über die Grenze möglich ist. Sollte das nicht der Fall sein, komme ich mit ihr zurück, und wir müssen dann etwas anderes finden."( Du weißt, es handelt sich um meine liebe alte Freundin aus der Studentenzeit, jetzt Studienrätin in einer mitteldeutschen Stadt. Sie ist uns immer besonders eng verbunden gewesen. Seit Du fort bist, kümmert sie sich noch mehr um mich. Nie unterläßt sie es, mich in ihren Ferien zu besuchen. Wir haben eine sehr rege Korrespondenz, die von meiner Seite allerdings nur noch im Telegrammstil geführt werden kann.) ,, Wenn Sie keinen Erfolg haben sollten", mischte sich Frau Dr. Weiß ein ,,, käme meines Erachtens nur Berlin als Aufenthalt in Frage. Haben Sie niemand dort, der Sie aufnehmen würde?" wandte sie sich an mich. Meine Berliner Freunde zogen im Geiste an mir vorüber. Wen durfte ich so stark belasten? Aber ich hatte ja noch eine Cousine dort. Sie bewohnte mit ihrem Mann ein kleines Haus am Rande der Stadt ganz allein. Sie hatten so gut wie keinen Verkehr, und es ging ihnen materiell recht gut. Bei ihnen war relativ geringe Gefahr. Schnell teilte ich den beiden gespannt Zuhorchenden meine Ueberlegungen mit. ,, Gut", sagte Tilla abschlieBend ,,, wenn wir am Bodensee nicht weiterkommen, schicke ich Eva zu dir und fahre sofort selbst weiter nach Berlin zu deiner Cousine Erna und ihrem Mann und frage, ob sie dich aufnehmen wollen." Ich konnte ihr nicht danken, ich hoffe, sie verstand, was ich fühlte. Vorgestern früh ist sie gefahren. Was werden sie und Eva mir bringen?- Ich liege viel, aber rechte Ruhe kann ich doch nicht finden. Ich werde hier sehr verwöhnt und lasse es mir gefallen, ich habe keine Kraft, mich dagegen zu wehren. Und ich möchte ja auch gern ein bißchen kräftiger und gesünder werden, ich wiege nur noch neunzig Pfund. So weit hatte ich geschrieben, da wurde ich ans Telephon gerufen. Der Inspektor der Gestapo war am Apparat. ,, Ich muß Sie bitten, morgen, spätestens übermorgen 200 früh ins Heim zurückzukehren. Mittwoch nächster Woche geht die vorläufig letzte Deportation nach Theresienstadt von Bayern aus. Von München kommen fünfundzwanzig Personen fort. Milbertshofen ist in der Auflösung, deshalb müssen wir diesmal Berg am Laim als Sammellager nehmen. Das können wir aber nicht ohne Sie. Wir versprechen Ihnen, daß Sie nach der Deportation wieder in Urlaub gehen können, auch die Widenmayerstraße ist damit einverstanden. Freitag sollen die Milbertshofer nach Berg am Laim kommen. Von Samstag ab sind Sie dann wieder frei." Also wieder zurück, noch einmal die letzten Kräfte zusammennehmen! Frau Dr. Weiß tobte, als ich ihr eben über den Anruf berichtete. Aber ich beruhigte sie, ich weiß jetzt, daß ich diese Sache noch durchführen muß, und ich werde es schaffen! - - Berlin, Dienstag, den 18. August 1942 Es wird schwer sein, Dir alles der Reihe nach zu erzählen, aber ich will es versuchen. Ich kehrte am Samstag, dem 8. August, wieder ins Heim zurück. Ich hätte noch bis Sonntag bei Frau Dr. Weiß bleiben können, aber ich hatte keine Ruhe, und es war auch besser, daß ich eher ging. So konnte alles in Ruhe für die Deportation vorbereitet werden. Zunächst mußten wir einen Raum freimachen, in dem für fünfundzwanzig Menschen Unterkunft zu schaffen war. Ich wählte das große Zimmer im Erdgeschoß gegenüber dem Eingang, dessen Fenster zum Garten gingen, und das durch eine Glastür direkt mit diesem in Verbindung stand, eins der schönsten Zimmer, das uns im Anfang lange als Aufenthaltsraum gedient hatte. Wieder einmal bewährte sich Hermann, unser Hausmeister, als vorzügliche, unermüdliche Arbeitskraft. Er schaffte Pritschen hinein, belegte sie mit Matratzen. Nach den vielen Deportationen hatten 201 wir einen Vorrat an Matratzen und Betten zurückbehalten, die uns nun zugute kamen. Als er fertig war, mußte ich denken: Das sah wahrlich anders und wohnlicher aus als die Holzwollesäcke im Barackenlager, auf denen wir kampiert hatten! Allerdings hatten wir es auch unendlich viel leichter. Es ist ein Unterschied, für fünfundzwanzig Menschen Unterkunft zu schaffen oder für achthundert! Aber unsere Vorbereitungen waren noch nicht beendet. Ein kleines Zimmer mußte für die Gestapo, zwei weitere für die getrennte Durchsuchung von Männern und Frauen und ein viertes für die Aufbewahrung des durchsuchten Gepäcks freigemacht, eventuell mit den verlangten Möbeln versehen werden. Aus unserem Heim traf es diesmal sechs Personen, darunter wieder einen Schwerkriegsbeschädigten mit seiner Frau. Der Mann konnte sich ohne Hilfe überhaupt nicht fortbewegen. Mit einer rührenden Selbstverständlichkeit half ihm seine Frau, immer gleichmäßig heiter und freundlich, selbst nachdem Ostern ihre einzige Tochter, ein sechzehnjähriges Mädchen, mit den Lohhofern zusammen deportiert worden war. Montagmittag war alles bereit, unser jetziger Vorsitzender kam heraus und überzeugte sich davon. Er erklärte mir, daß Dienstagfrüh die Fortgehenden gebracht und bald darauf die Beamten der Gestapo kommen würden, um die üblichen Formalitäten vorzunehmen. Mittwochfrüh um halb acht Uhr sollte die Abfahrt mit einem Autoomnibus nach Regensburg stattfinden, wo der ganze Transport zusammengestellt wurde. Pünktlich am Dienstagfrüh trafen die für die Evakuierung Bestimmten ein, alle sichtlich angenehm überrascht von dem freundlich sich präsentierenden Zimmer, das sie für die letzten vierundzwanzig Stunden ihres Aufenthalts in ihrer Heimatstadt beherbergen sollte. Wieder fand ich einige Bekannte unter ihnen, darunter den ehemaligen Hausmeister Roch aus einem unserer Altersheime, einen jüngeren, tüchtigen und energischen Mann. Er war jüdischer Mischling, deshalb kam er nach Theresienstadt und 202 nicht nach Polen. Ich machte ihn zum Zimmerältesten, welches Amt er auch willig übernahm. Bald darauf wurde mir die Ankunft der Gestapobeamten gemeldet, bestehend aus vier Männern und zwei Frauen. Ich zeigte ihnen die für die Arbeit vorbereiteten Räume. Aber sie zeigten wenig Interesse dafür, sondern wünschten das Stück Garten zu sehen, das uns die Klosterfrauen überlassen hatten, und von dem sie höchst befriedigt waren. ,, Lassen Sie uns Liegestühle herausschaffen und Ihren Hausmeister ein Fäẞchen Bier holen!" war die mich etwas verblüffende Anweisung, die ich erhielt. Wunderliche Welt! Drinnen im Hause die fünfundzwanzig Menschen, die ihrer Durchsuchung harrten, ehe sie von allem, was ihnen lieb war, Abschied nehmen mußten, hier im Garten die sechs unbekümmert lachenden und schwatzenden Beamten, die, ohne einen Gedanken an ihre Opfer zu verschwenden, nur daran dachten, wie sie es sich wohl sein lassen könnten! Hermann schleppte das Fäßchen Bier herbei, und bald konnten wir schon von weitem die vergnügt sich gehenlassenden Männer hören, hin und wieder unterbrochen von einem hellen Frauenlachen. Die beiden Frauen, jung und hübsch und gut gekleidet, machten mir einen sehr unangenehmen Eindruck. Daß sie sich mit den Männern draußen so laut und ungeniert vergnügten, verstärkte meine Abneigung noch. Erst gegen elf Uhr, als das Fäßchen bis zur Neige geleert war, gingen sie alle an ihre Arbeit. Sie faßten nicht gerade sanft zu, auch die Frauen hatte ich richtig eingeschätzt, sie behandelten unsere Leute entsetzlich schlecht. Sogar Frau Rosen, die Frau des Schwerkriegsbeschädigten, kam mit rotgeweinten Augen wieder aus dem Zimmer, in dem die Frauen amteten. ,, Ich mußte eine Leibesvisitation über mich ergehen lassen", berichtete sie mir ,,, aber das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn die Frauen nicht so häẞliche Reden dabei geführt hätten. Sie haben mich nicht angeredet, sondern ihre Befehle mir nur kurz zugeschrien und im übrigen zu einander über mich gesprochen, mit 203 Worten, die stachen und mir wehtun sollten. Ich ärgerte mich über mich, daß ich meine Tränen vor ihnen nicht zurückhalten konnte. Und was sie mir alles genommen haben! Selbst einen Teil meiner Wäsche, die ich trug, und auch ein Kleid, das ich übergezogen hatte." Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, und lief davon, um nachzusehen, ob ich ihr die genommenen Sachen nicht aus meinem Vorrat ergänzen könnte. Aber ich fand nichts Passendes und beauftragte eine andere Frau, bei den Insassen darum zu bitten. Dann ging ich schnell wieder hinunter, ich mußte mich in der Nähe der Beamten halten und sollte gleichzeitig auf das Zimmer, in dem die Fortgehenden untergebracht waren und sich ständig aufzuhalten hatten, achten. Nach drei Stunden war die unangenehme Prozedur, die die fünfundzwanzig Menschen über sich ergehen lassen mußten, vorüber. Der eine Gestapobeamte kam zu mir, erklärte mir, daß sie fertig seien, und gab mir Verhaltungsmaßregeln. ,, Sie haften uns für jeden einzelnen dieser fünfundzwanzig Leute", sagte er. ,, Sie müssen ständig bei ihnen sein oder sie einschließen. Zum Essen müssen Sie sie selbst hinunterund auch wieder heraufführen. Haben Sie den Proviant für sie gerichtet?" Ich bejahte. ,, Sie müssen noch für eine Person mehr Reiseproviant vorbereiten", sagte er ,,, wir holen morgen auf dem Wege mit dem Auto noch den C. ab, der versucht hat, sich durch Flucht der Deportation, für die er schon vor Wochen eingeteilt war, zu entziehen. Wir haben ihn aber doch gefunden", schloß er mit einem triumphierenden Lachen. Ich erschrak. Er hatte den gleichen Namen genannt, den auch der Professor trug. Ich wußte, er hatte einen Bruder, nur um diesen konnte es sich handeln. Der Arme! Später hörte ich dann von Frau Dr. Weiß, daß er sich seit einigen Wochen bei Freunden verborgen hatte. Aber ein Mitbewohner des Hauses war aufmerksam geworden und hatte die Gestapo benachrichtigt, die ihn dann bei einer Haussuchung fand. Als das Auto mit den Beamten fort und das Klostertor hinter ihnen geschlossen 204 - war, führte ich erst einmal die Fortgehenden zum Essen hinunter. Ich hatte mit meinen Leuten besprochen, daß wir es ihnen so schön machen wollten wie möglich, und wir hatten zu diesem Zweck das feinste Geschirr herausgesucht, das ich aufbewahrte. Aber ich war nun selbst von dieser festlich gedeckten Tafel überrascht, die wir vorfanden. Meine Leute hatten sich selbst übertroffen. Auch das Essen war festlich, gut zubereitet und nett angerichtet. Die gedrückte Stimmung, in der sich die Armen nach den häßlichen Erlebnissen der letzten Stunden befanden, hob sich ein wenig, und sie wurde fast heiter, als ich ihnen sagte, daß wir eine Art Terrasse vor ihrem Zimmer für sie mit Liegestühlen und Sesseln hergerichtet und abgeteilt hatten, wo sie Sonne und Sommerluft am Nachmittag genießen konnten. Auch wegen der weggenommenen Sachen, die viele schwer vermißten, beruhigte ich sie; was nur zu beschaffen war, sollten sie wieder bekommen. Der übrige Tag verlief ohne Zwischenfälle, das Abendessen bildete eine freundlich- angenehme Abwechslung, der sich die fünfundzwanzig nun schon gern überließen. Ich schlug ihnen vor, früh zur Ruhe zu gehen, der Tag war nicht ohne Strapazen gewesen, und die kommenden würden deren noch mehr bringen. Das Morgenfrühstück hatte ich auf halb sieben Uhr angesetzt, damit alle es in Ruhe einnehmen konnten, ehe um halb acht Uhr das Auto kam. Ich selbst würde sie um halb sechs Uhr wecken. Ich bin am Morgen schon um vier Uhr aufgestanden, habe den großen Herd geheizt und diesmal den Tisch selbst gedeckt. Viele Insassen, von denen die meisten schon deportiert waren, hatten wunderschöne Tassen mitgebracht, es war leicht, mit diesem Geschirr und einer alten, herrlich gearbeiteten Kaffeedecke eine festliche Tafel herzurichten. Auch Blumen fehlten nicht, noch am Abend war ich bei der Gartenschwester gewesen und hatte mir nehmen dürfen, was ich brauchte. Im Einverständnis mit den Insassen hatte ich auf Mehlmarken Weißbrot besorgt, das ich nun aufröstete, 205 - auch Butter und verschiedene Konfitüre waren für diesen Zweck beschafft worden. Aber die größte Freude würden die Getränke bereiten: Bohnenkaffee war gestiftet worden, wer den nicht mochte, konnte zwischen echtem Tee und Kakao wählen, lauter schon fast sagenhafte Genüsse! Um fünf Uhr erschien mein Koch Dieter, und nun schafften wir gemeinsam. Die Heiminsassen, die nicht zur Arbeit sollten gingen ach, wie wenige waren es nur noch!-, heute erst nach der Abfahrt des Autos frühstücken. Alles wickelte sich programmgemäß ab, und die Stunde der Morgenmahlzeit mit den Fortgehenden, die die letzten vierundzwanzig Stunden zu einer einzigen großen Familie verbunden hatten, war wirklich ein kleines Fest. Auch die Festrede fehlte nicht. Roch, der Zimmerälteste, erhob sich und sprach ein paar Worte. ,, Lassen Sie uns diesen festlichen Beginn des Tages als ein gutes Omen nehmen", sagte er ,,, und zum Dank dafür gefaßt und starken Mutes in die unbekannte Ferne ziehen. In schweren Augenblicken wollen wir uns erinnern, wie man hier versucht hat, uns die letzten Stunden in der Heimat zu vergolden, so daß sie uns in die Zukunft leuchten werden, ein Trost und eine Hoffnung!" Kurz vor der angesetzten Abfahrtszeit erhoben sich alle und verabschiedeten sich von mir. Ein altes Mütterchen umarmte mich und flüsterte mir zu: ,, Lassen Sie sich wie einer Tochter, die Sie dem Alter nach sein könnten, den Segen von mir geben. Ich kann Ihnen nicht anders danken, als daß ich Ihnen verspreche, für Sie zu beten. Aber ich bin sicher, daß es Ihnen später gut gehen wird!" Als zur Abfahrt unser Vorsitzender erschien, war er überrascht von der Ruhe und Heiterkeit, mit der die Fortgehenden das Auto bestiegen. - Mittags wurde ich ans Telephon gerufen. Als ich herüberkam, stand meine Freundin Eva vor mir. ,, Wir haben am Bodensee nichts erreicht", sagte sie nach der kurzen Begrüßung, aber Tilla hat eben aus Berlin angerufen, daß Erna und ihr Mann sich sofort bereit erklärt haben, dich 206 aufzunehmen. Tilla kommt morgen früh zurück und wird dich im Laufe des Tages aufsuchen. Sie bringt dir gleich dein Billett mit. Nun solltest du dich entschließen, bald zu fahren." ,, Vor Samstagfrüh ist es unmöglich", antwortete ich ihr ,,, aber dann will ich es tun." Noch war mir nicht voll zum Bewußtsein gekommen, was ich da so ruhig aussprach! ,, Ich muß heute abend nach Hause fahren", fuhr Eva fort ,,, bringe mir einen Koffer voll mit deinen nötigsten Sachen hier ins Sprechzimmer der Schwestern; einen Vorwand wirst du leicht finden, ich hole ihn ab und bringe ihn zum Bahnhof. Ich löse meine Karte über mein Ziel hinaus bis Berlin und kann ihn dann aufgeben, den Gepäckschein schicke ich eingeschrieben an deine Cousine." Ich war mit allem einverstanden. ,, Noch eins", begann Eva wieder ,,, du nimmst am besten am Samstagfrüh den Zug acht Uhr fünf. Ich werde in Jena versuchen einzusteigen und bis Halle mit dir fahren, ich werde ruhiger sein, wenn ich dich im Zuge gesehen und gesprochen habe", setzte sie hinzu. ,, Noch bin ich wie betäubt", flüsterte ich ihr zu ,,, noch kann ich nicht fassen, daß ich fortgehe. Aber ich muß ja wieder hinüber", erschreckend fiel es mir ein. ,, Lebwohl, du Treue, und innigen Dank für alles!" Und damit riß ich mich los. Draußen sagte ich Schwester Theodora, daß ich gegen Abend einen Koffer hinüberbringen werde, der von einer Deportierten stamme. Meine Freundin werde ihn holen und nach dem Wunsche der Besitzerin zu Bekannten von ihr schaffen, die ihn aufbewahren sollten. Die Schwester nickte nur, es war nicht das erstemal, daß sie Aehnliches erfuhr, und ich hatte sie immer ohne Fragen zur Hilfe bereit gefunden. Wie verabredet, kam am nächsten Tage Tilla. Sie konnte nicht genug die Selbstverständlichkeit rühmen, mit der meine Cousine und ihr Mann meiner Aufnahme zugestimmt hatten. Das freute mich sehr. Allerdings stellten sie einige Bedingungen. Ich sollte mich verpflichten, das Haus nicht zu verlassen, und ich dürfte mit keinem meiner alten 207 Freunde und Bekannten in Verbindung treten. Natürlich war ich bereit, mich dem zu fügen. Es war ganz klar, daß sie, die ein solches Risiko eingingen, das Recht hatten, Bedingungen zu stellen. Tilla übergab mir meine Fahrkarte. ,, Ich bin vorhin noch bei Frau Dr. Weiß gewesen. Sie läßt dir sagen, du solltest den Rest deiner Sachen morgen dem Möbelauto mitgeben, das die Leute aus Milbertshofen mit ihrer Habe bringt. Der Spediteur wird deine Koffer dann zu ihr befördern, was nicht auffallen könne, da du ja Urlaub zu ihr bekommst. Von ihr aus ist es nicht schwer, sie später an Erna nach Berlin zu schicken. Du nimmst am Samstagfrüh nur mit, was du leicht in der Hand tragen kannst. Es muß für alle im Heim so aussehen, als begäbest du dich zu Frau Dr. Weiß. Aber darüber wird sie morgen abend, wenn sie zu ihrer Sprechstunde kommt, noch mit dir reden. Und jetzt muß ich gehen, laß dir den Abschied nicht zu schwer werden! Ich werde erst wieder ruhig sein, wenn ich durch Eva erfahre, daß deine Reise gut verlaufen ist. Bei allen Reisen, die ich in diesen Wochen gemacht habe, sowohl bei der Hin- und Rückfahrt zum und vom Bodensee, wie bei der Hin- und Herreise nach und von Berlin hatten wir Kontrolle im Zug durch Kriminalpolizei und Gestapo zur Prüfung der Personalausweise. Auf der Rückfahrt von Berlin wurde ich sogar zweimal kontrolliert. Wie du da durchkommen wirst, ängstigt mich am meisten. Bereite dich auf jeden Fall auf eine gute Ausrede vor, weshalb du ohne Ausweis bist", schloß sie seufzend. Eine kurze Umarmung, ein fester Händedruck, und fort war sie! Langsam ging ich durch den Garten zurück ins Heim. War ich das wirklich, die diesen Plan durchführen wollte? Noch konnte ich es mir nicht vorstellen! Und wenn es miẞglückte? Siedend heiß schoẞ mir dieser Gedanke durch den Kopf. Ich dachte an die Zugkontrolle. Zeigte ich nicht genügend Geistesgegenwart, so war ich verloren! Diese und viele andere Gedankengänge quälten mich bis zum Freitagabend ständig. Meine Arbeit tat ich nur mechanisch. 208 Schreckliche Träume peinigten mich in der kurzen Zeit, die ich schlafen konnte. - Am Freitagfrüh wurde ich plötzlich gerufen. ,, Der Regierungsrat Schroth ist da mit unserem Vorsitzenden", verkündete mir Hermann ,,, Schroth scheint sehr schlechter Laune zu sein, er will nicht einmal ins Haus kommen." Schnell lief ich hinunter. Vor der Tür standen die beiden Herren, wütend schleuderte mir Schroth entgegen: ,, Ziehen Sie sich an, Sie werden verhaftet!" Nun war mir diese Einleitung nichts Neues, schon manche Revision hatte so begonnen. Heute war ich aber nicht ruhig, sondern selber aufgewühlt und unruhig, und so entgegnete ich erregt: ,, Bitte, Herr Regierungsrat, verhaften Sie mich nur, es könnte mir gar nichts Besseres geschehen, dann hätte ich wenigstens eine Zeitlang Ruhe!" Erstaunt sah mich Schroth an, diese Reaktion hatte er bei mir noch nie erlebt. ,, Sie wissen ja noch gar nicht, was gegen Sie vorliegt", sagte er etwas ruhiger. ,, Sie sollen Fleisch ohne Marken in der Stadt gekauft haben." Innerlich atmete ich auf, selbstverständlich hatte ich eine solche Dummheit nicht gemacht, und ich wußte auch sofort, wo die Denunziation herkam. ,, Unser Metzger hat sich wohl beschwert, daß wir die beiden letzten Wochen kein Fleisch bei ihm bezogen haben“, sagte ich nun ganz ruhig. ,, Ich kann nachweisen, daß ich unsere Fleischmarken für Wurst und Leberkäs bei dem uns von Ihrer Stelle zugewiesenen Wurstfabrikanten eingelöst habe, weil der Metzger uns so miserabel beliefert hat, daß ich meinen Leuten keine anständige Mahlzeit vorsetzen konnte." ,, Das müssen Sie erst beweisen", stieß Schroth hervor. ,, Das kann ich ohne weiteres", entgegnete ich, ,, wollen Sie sich ins Büro bemühen?" ,, Nein, Sie können mir die Belege herausbringen", brummte er. Kurz darauf brachte ich ihm die quittierten Rechnungen der beiden letzten Wochen, aus denen einwandfrei hervorging, daß wir für die uns zustehenden Marken Wurst und Leberkäs bezogen hatten. Und nun geschah etwas Verblüffendes. 14 Behrend, Ich stand nicht allein 209 Offenbar hatte Schroth fest damit gerechnet und triumphierend gehofft, daß es ihnen nun endlich gelungen sei, mir etwas am Zeug zu flicken und mich bei einer Unregelmäßigkeit ertappt zu haben. Daß diese Hoffnung auf einer Täuschung beruhte, ärgerte ihn so sehr, daß er sich, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, umdrehte und mit raschen Schritten den Hofraum verließ. Erstaunt blickten wir ihm nach und sahen uns dann an. Unser Vorsitzender wischte sich aufatmend den Schweiß von der Stirn. ,, Gott sei Dank", sagte er ,,, diesmal habe ich wirklich für Sie gefürchtet." Er teilte mir mit, daß ein Teil der Milbertshofener gegen Mittag kommen würden und der Rest abends mit dem Möbelauto, das ihre Sachen bringen sollte. ,, Und von morgen früh ab haben Sie also Urlaub“, fügte er hinzu. ,, Ich wünsche Ihnen, daß Sie sich richtig ausruhen und erholen." Trotz reichlicher Arbeit schien es mir, als wollte an diesem Tag die Zeit nicht vorwärts schreiten. Mittags kam ein Teil der Milbertshofener, doch zu meiner Enttäuschung nicht Herr Metz, der künftige Leiter von Berg a. L. Und ich hatte gehofft, ich würde den Nachmittag benutzen können, um ihm alles zu übergeben, ihm die Auskünfte zu erteilen, die die Uebernahme des Betriebs erforderte. Aber vielleicht war es gut so, sollte es ein Zeichen sein, die abenteuerliche Flucht, die mir immer unmöglicher schien, zu unterlassen und brav einige Zeit in Urlaub zu Frau Dr. Weiß zu gehen? Wie verlockend war dieser Gedanke! Ich war aller Ueberlegungen so müde, wie herrlich würde es sein, in dem lieben, ruhigen Häuschen am Englischen Garten ausruhen und nicht mehr an alle Schwierigkeiten und Komplikationen denken zu müssen, die eine Reise nach Berlin unweigerlich mit sich brachte! Tilla und Eva würden böse sein, die Guten, Treuen, vielleicht auch Frau Doktor Weiß, aber ich konnte es nicht ändern, ich hatte keine Kraft mehr zu dem Wagnis. Als ich am Nachmittag nach einigen der üblichen Telephongespräche vom Schwesterntrakt durch den Kloster210 garten ging, lief mir die stellvertretende Schwester Pförtnerin nach. ,, Frau Doktor, Oberschwester Theodora läßt Sie bitten, doch gegen halb sieben Uhr noch einmal herüberzukommen. Sie gehen ja morgen früh auf Urlaub, und sie möchte sich gern persönlich von Ihnen verabschieden." Ich versprach zu kommen. Am Spätnachmittag traf der Möbelwagen mit der Habe und den letzten Insassen aus Milbertshofen ein, Herr Metz sprang als erster heraus und begrüßte mich. ,, Lassen Sie uns jetzt schnell unsere Sachen verstauen“, sagte er ,,, am Abend wollen wir dann kurz noch das Nötigste miteinander besprechen." Mir war es recht. Seit ich entschlossen war, nicht zu fliehen, war es mir gleichgültig, wie lange ich noch am Abend würde arbeiten müssen. Um halb sieben Uhr ging ich ins Kloster hinüber. Oberschwester Theodora war wie gewöhnlich in dem kleinen Pförtnerstübchen. Sie kam mir mit ausgestreckten Händen entgegen. ,, Liebe Frau Doktor", sagte sie herzlich ,,, ich möchte Sie nicht gehen lassen, ohne Sie noch einmal kurz gesprochen zu haben. Ich weiß nicht, was kommen wird, ob und wann ich Sie wiedersehen werde, aber Sie sollen wissen, daß unser Gebet und unsere Wünsche Sie begleiten, wohin auch immer Sie gehen werden. Wir wissen, was für eine schwere Zeit hinter Ihnen liegt, wir ahnen nicht, was kommt, aber hoffen zuversichtlich, daß es besser und leichter für Sie werden wird!" Ganz verwirrt sah ich sie an, sah das milde Gesicht mit den feinen Fältchen, die klugen, guten Augen, die so viel vom Leben zu wissen schienen. Wußte sie auch von mir mehr, als ich ihr gesagt hatte? Ich konnte es nicht ergründen, und es war auch nicht wichtig. Aber das eine fühlte ich: Ihre Worte hatten mir Kraft gegeben, hatten alles Bangen und alles Zögern von mir genommen, und nun lebte die alte Energie wieder auf, der Mut, das schwere Abenteuer zu wagen! Wortlos drückte ich ihre Hände, nickte ihr noch einmal zu und ging dann den alten, wohlbekannten Weg zurück ins Heim. Ruhig erledigte ich das 14* 211 Notwendige und überzeugte mich, daß im Büro und in der Küche alles seinen Gang ging. Der Hausmeister rief mich an. ,, Frau Dr. Weiß ist zur Sprechstunde gekommen, sie erwartet Sie im Ordinationszimmer." Ich ging hinauf. Bei der Begrüßung schon merkte ich, wie erregt sie war. ,, Sie sollten doch lieber die Reise nicht machen", begann sie, ,, das Risiko ist gar zu groß. Ihre Freundin Eva rief mich an, in allen Zügen fänden strenge Kontrollen statt. Ob Sie ihnen gewachsen sein werden?" Ich wehrte ruhig ab. ,, Sie können mich jetzt nicht mehr zurückhalten", entgegnete ich ihr ,,, noch vor einer Stunde hätte ich Ihnen zugestimmt, jetzt aber weiß ich, daß alles gut gehen wird." ,, Hoffentlich haben Sie recht", sagte sie seufzend. ,, Und nun noch eins: Wollen Sie einen Brief hier zurücklassen mit der Erklärung, daß Sie aus dem Leben gehen?" Ich schüttelte den Kopf. ,, Es widerstrebt mir, dies zu tun. Halten Sie es für unbedingt nötig?" Sie verneinte. ,, Hören Sie zu, wie ich mir den Verlauf der Sache hier denke. Man ist doch im Heim der festen Meinung, daß Sie morgen zu mir gehen?" ,, Ja, ich habe allen, die fragten, erzählt, ich würde mit Genehmigung der Partei und der Gestapo meinen Urlaub bei Ihnen verbringen." ,, Gut", erwiderte sie ,,, dann wird bis Dienstag, wenn ich wieder hierher zur Sprechstunde komme, kein Mensch nach Ihnen fragen. Ich selbst werde dann ganz ruhig Hermann bitten, Sie zu mir in das Ordinationszimmer zu schicken. Wenn er dann entsetzt erklären wird, Sie hätten doch gesagt, daß Sie ab morgen bei mir Ihren Urlaub verleben sollten, werde ich, nun auch meine Ruhe verlierend, rufen:, Aber sie selbst hat am Freitagabend kein Wort davon gesagt, daß sie schon Samstag ihren Urlaub beginnt! Wer weiß, was sie in ihrem Zustand getan hat! Doch", unterbrach sie sich ,,, das brauche ich Ihnen nicht weiter auszuspinnen. Sie sollten nur wissen, daß ich alles bis in jede Einzelheit überlegt und vorbereitet habe. An mir soll es nicht fehlen." ,, Das weiß ich", sagte ich herzlich. ,, Und jetzt", so entgegnete sie ,,, will ich so 212 - schnell wie möglich fort. Ich habe glücklicherweise keine Schwerkranken, niemand soll mich heute in ein Gespräch über Sie und Ihren Urlaub verwickeln und meinen wohlausgedachten Plan damit über den Haufen werfen", schloß sie, sich erhebend. ,, Leben Sie wohl. Eva oder Tilla werden mich auf dem laufenden halten." Sie drängte mich aus dem Zimmer. Vom Büro aus sah ich sie schnell den Hof durchschreiten, der Wache zunickend, und nun schloß sich das Tor hinter ihr. Das war nach Wunsch gegangen, mußte ich aufatmend denken. Da traf mich Herrn Metz' Stimme. ,, Ich habe aus Milbertshofen ein Körbchen mit Monatserdbeeren mitgebracht, es mögen etwa fünf Pfund sein. Sie wissen, wir haben ein Stück Oedland hinter den Baracken umgegraben und einige Beete angelegt. Nun wollte ich den Ertrag doch nicht im Stich lassen. Wir können in einigen Tagen wahrscheinlich noch einmal so viel holen. Die sollen dann die Kinder und alle die haben, die heute keine erhalten. Wollen Sie die heutigen an die Leute verteilen, die nach ihrer Arbeit jetzt unten beim Essen sind?" Natürlich wollte ich das gern, es war mir lieb, daß die Austeilung dieser seltenen Früchte, die seit langem schon in den Bereich des Unerreichbaren gehörten, meine letzte Handlung im Heim sein sollte. Die Freude darüber war auch entsprechend. Plötzlich wurden aus diesen stillen, müden und vergrämten Menschen fröhliche Kinder, Scherzworte klangen auf, ein heiteres Lächeln erblühte auf den ernsten Gesichtern. Wie wenig gehört doch dazu: Eine kleine Handvoll lockend roter, duftender Früchte, und die schwere, kaum ertragbare Gegenwart versinkt! Noch einmal umfaẞte mein Blick sie alle, dann ging ich schnell davon; so, wie ich sie eben gesehen, wollte ich sie in Erinnerung behalten! Im Büro fand ich Herrn Metz im eifrigen Gespräch mit Herrn Löwenberger, der ihm seine Bücher zeigte. Ich gesellte mich zu ihnen. Herr Metz fragte freundlich: ,, Ich habe jetzt einen ungefähren Ueberblick über den Betrieb 213 und möchte vorschlagen, daß wir beide heute abend nicht mehr lange konferieren. Sie sehen sehr abgespannt aus, und auch ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir. Herr Löwenberger übergab mir den von Ihnen für die kommende Woche ausgearbeiteten Arbeitsplan und den Küchenzettel. So lange Sie auf Urlaub sind, wird der Betrieb genau so fortgeführt wie bisher, Aenderungen kann ich nach Ihrer Rückkehr mit Ihnen besprechen. Jetzt ist die Hauptsache, daß Sie sich richtig ausruhen und erholen." Ich war sehr erleichtert, daß mir lange Besprechungen erspart blieben. Und er war ja kein Neuling in der Arbeit, er hatte einen viel größeren und komplizierteren Betrieb leiten müssen. Ich brauchte mir keine Sorge zu machen, daß er sich nicht zurechtfinden würde. Nach kurzem Abschied ging ich in mein Zimmer, das ich seit Frau Dillenius' Deportation für mich allein hatte. Welche Wohltat, nicht mehr sprechen, keine täuschenden oder irreführenden Redensarten mehr führen zu müssen! Die Einkaufstasche und der Werkstoffbeutel waren rasch gepackt, das Tagebuch war im Koffer verstaut, den Eva nach Berlin an meine Cousine Erna geschickt hatte, der übrige noch vorhandene Teil meiner Sachen( die meisten stammten ja ohnehin aus fremdem Besitz) mußte zurückbleiben, damit nicht vorzeitig der Verdacht des Nichtwiederkehrens erregt wurde. Aber nun überfiel mich eine so lähmende Müdigkeit, daß ich zu weiteren Ueberlegungen keine Kraft mehr hatte. Schnell legte ich mich nieder und schlief sofort ein. Beim Anschlagen des Weckers erwachte ich völlig frisch und ausgeruht. Die feste Gewißheit, alles werde gut gehen, war mir geblieben und machte alle Hantierungen leicht. Vorbereitend hatte ich schon einigen Frauen, die ihr Weg zur Arbeitsstelle über den Hauptbahnhof führte, am Abend vorher erzählt, daß ich mich heute ihnen anschließen würde, weil ich vorhätte, noch einige Kleinigkeiten zu besorgen, ehe ich zu Frau Dr. Weiß ginge. Sie erwarteten mich unten beim Frühstück und machten sich dann zusammen 214 mit mir auf den Weg zu der kleinen Haltestelle von Berg a. L. Wir waren eine Menge Leute, auch viele Männer darunter, die miteinander gingen. Doch wußte ich, die meisten mußten vom Hauptbahnhof noch weiter fahren und eilen, damit sie ihren Anschlußzug erreichten. Sie würden keine Zeit haben, sich nach mir umzusehen. Nur Frau Stein, die in der Nähe des Bahnhofs in einem Betrieb arbeitete und sich mir besonders angeschlossen hatte, müßte ich versuchen loszuwerden. Der Zug war überfüllt, mir war es sehr recht, denn so war keine Möglichkeit, sich zu unterhalten. Mit einem kurzen Nicken oder Winken der Hand sprangen die einzelnen davon, als der Zug hielt. Ich hatte scherzend erklärt, daß ich nicht Abschied zu nehmen wünschte für die wahrscheinlich kurze Dauer meines Urlaubs. Frau Stein hielt sich an meiner Seite und sagte freundlich: ,, Ich habe noch reichlich Zeit, wenn es Ihnen recht ist, kann ich Sie bei Ihren Besorgungen begleiten." ,, Bitte, seien Sie mir nicht böse, wenn ich das ablehne", erwiderte ich ihr ,,, aber ich sehne mich so danach, einmal allein zu sein, daß ich doch nur eine einsilbige Begleiterin abgeben würde."„ O, das kann ich gut begreifen", antwortete sie lächelnd ,,, ich habe mich manchmal gefragt, wie Sie es aushalten, fast ununterbrochen Rede und Antwort zu stehen. Ich wünsche Ihnen eine recht ruhige Zeit bei Frau Dr. Weiß, kommen Sie uns gesund und erholt wieder!" Wir waren an der Bahnsperre angelangt. Mir noch einmal zunickend, verschwand sie im Strom der Menschen, die den Bahnhof verließen. Ich blieb vor der Sperre stehen und sah mich ruhig überall um. Niemand achtete meiner, alles hatte Eile, kein bekanntes Gesicht war zu sehen. Langsam ging ich durch die Sperre und gab meine Karte auf Berg a. L.- Münchner Hauptbahnhof lautend- ab. Dann wandte ich mich, den Judenstern verdeckend, zum Damen- Waschraum, der völlig leer war. Dort trennte ich den Judenstern, den ich tagszuvor schon losgemacht und nur mit wenigen Heftstichen notdürftig befestigt hatte, voll215 ends ab und versenkte ihn zuunterst mit der jüdischen Kennkarte in meiner Einkaufstasche. Inzwischen war es halb acht Uhr geworden. Ich ging der entgegengesetzten Sperre zu, ließ die Fahrkarte München- Berlin lochen und begab mich auf den Bahnsteig, wo der Zug eben eingefahren war. Einen Augenblick schwankte ich, ob ich den Vorzug, der wegen des zu erwartenden großen Reiseverkehrs eingesetzt war und zehn Minuten vor dem anderen abfuhr, benutzen sollte, doch dann fiel mir ein, daß Eva mich ja mit dem regelrechten Zuge in Jena erwarten wollte. Gewiß war jede Minute, die ich länger in München zubrachte, gefährlich, doch gab es auch im Zuge der möglichen Gefahren genug, es brauchte nur ein Bekannter von früher darin zu sitzen. Es war der 15. August, das Ende der Berliner Schulferien, mit der Möglichkeit, jemand zu treffen, mußte ich rechnen. Ob ich den Vorzug oder den fahrplanmäßigen nahm, das Risiko war gleich groß. Also ging ich auf den letzteren zu, der noch ganz leer war, und machte es mir auf einem Fensterplatz des zweiten Wagens in einem Nichtraucherabteil bequem. Ich hatte mir einen Roman unter den vielen herrenlosen Büchern im Heim herausgesucht und eingesteckt und begann zu lesen, allerdings, wie ich gestehen muß, ohne viel von dem Gelesenen wirklich in mich aufzunehmen, von Zeit zu Zeit einen Blick auf die allmählich das Abteil füllenden Mitreisenden und die langsam vorrückenden Zeiger der Bahnhofuhr werfend. Triumphierend konstatierte ich, daß ich auch jetzt ganz ruhig und sicher blieb. Ja, ich spürte eine erstaunliche Gewißheit in mir, daß ich alle etwa auftauchenden Schwierigkeiten überwinden würde. Jetzt war die Abfahrtszeit gekommen, unser Abteil war voll, es hatte sich nirgends ein bekanntes Gesicht gezeigt. Der Mann mit der roten Mütze hob die Signalscheibe, langsam setzte unser Zug sich in Bewegung. Ich nahm wieder mein Buch zur Hand, einen leichten englischen Roman in deutscher Uebersetzung, ganz spannend geschrieben. Nun brachte ich es fertig, mich von 216 dieser Lektüre fesseln zu lassen; die Zeit verging. Augs- burg, Nürnberg, alle die bekannten Städte flogen vorbei. Der Zug war überfüllt, in den Gängen drängten sich die Menschen. Ein- und Aussteigen wurde immer schwieriger. Noch war keine Kontrolle gewesen, aber ich wußte, selbst wenn sie kam, würde ich mich ihr gewachsen zeigen.— Wir näherten uns Jena. Ich versuchte, aus dem Abteil herauszukommen und in die Nähe des Gangfensters zu gelangen. Aussichtsloses Beginnen! Wie sollte bei dem end- los langen Zuge Eva mich hier finden? Schon setzte der Zug sich wieder in Bewegung.Resigniert ging ich zu meinem Fensterplatz zurück. Da— sah ich recht oder täuschte mich eine Halluzination? War das nicht Evas Gestalt, die an.der offenen Türe unseres Abteils stand und sich suchend umschaute? Sie war es wirklich! Nun hatte sie mich auch erblickt. Ich sah, wie ihr ernstes, ja ängstlich erregtes Ge- sicht sich entspannte und ein Lächeln auf ihre Züge trat. Neben mir saß ein junger Unteroffizier. Er stand auf und bot ihr mit freundlicher Gebärde seinen Platz an. Immer noch erschien uns beiden die ganze Situation unglaubhaft, mir war, als träume ich! Doch gleich darauf durchfuhr mich ein starkes Glücksgefühl. Dieses märchenhaft an- mutende Zusammentreffen bestärkte mich noch in meinem Sicherheitsempfinden. Auch Eva empfand ähnlich, sie ge- stand mir, daß eine große Last von ihr genommen sei, und daß sie ruhiger heimkehre. Sie wolle gleich nach dem Aussteigen die besprochene Nachricht an Tilla senden, die sie an Frau Dr. Weiß weitergeben werde. Wir besprachen noch, daß sie mir regelmäßig schreiben wolle. Sie könne ihre Briefe an Cousine Erna richten und adressieren. Im übrigen sprachen wir nicht viel miteinander, es genügte uns, still nebeneinander zu sitzen. In Halle stieg sie aus, noch im Abfahren sah ich sie mit frohem Gesicht mir nach- winken. Wittenberg und Luckenwalde lagen hinter uns, der Zug näherte sich den Vororten von Berlin. Es war keine Kontrolle gekommen, es war mir erspart geblieben, 217 eine Komödie aufzuführen, die das Fehlen jeglicher Ausweispapiere erklären sollte. Die Bremsen knirschten, der Zug hielt im wohlbekannten Anhalter Bahnhof! Hell flutete die Sonne des schönen Augusttages trotz der trüben ruẞgeschwärzten Bahnhofsfenster in die Halle. Viel zu hell war es für mich, um durch die Straßen zu gehen! Ich lieẞ den Strom der Reisenden an mir vorüberziehen und ging langsam unter den Nachzüglern bis an die Treppe, die zur Halle und von dieser auf die Straße führte. Wo sollte ich mich aufhalten, bis die Sonne sank? Zunächst hatte ich das Bedürfnis, mich gründlich zu reinigen. Es machte mir nichts aus, daß vor dem Frauen- Waschraum eine ganze Anzahl Menschen warteten. Ich hatte ja Zeit im Ueberfluß, eine merkwürdige Tatsache nach den mit Arbeit bis zum Rande erfüllten Monaten, ja Jahren, die hinter mir lagen! Aber schließlich war die Reihe an mich gekommen, niemand mehr hinter mir. In aller Ruhe und Ungestörtheit konnte ich den Reisestaub von Gesicht und Händen waschen. Doch als ich herauskam, war es immer noch lichter Tag. Ich setzte mich in der Halle auf eine Bank und nahm mein Buch vor. - * Im April 1945, fast ein Jahr nachdem ich in die Schweiz gekommen war, erfahre ich, was sich in München nach meiner Flucht abgespielt hat: Mit dem Transport der 1200 Juden aus Theresienstadt war auch die mir nahverbundene Sekretärin des jeweiligen Vorsitzenden der Münchner Kultusgemeinde in der Schweiz gelandet, wo wir uns wiederfanden! Nach ihrem Bericht war mein Verschwinden aus München eher entdeckt worden, als Frau Dr. Weiß und ich gerechnet hatten. Doch meldete man mich erst nach drei Tagen der Gestapo als vermißt, die sofort in den Zügen München- Berlin nach mir fahnden ließ. Aber ich war ihnen entschlüpft. Leider fand man statt meiner einen schon vor Wochen vor der Deportation nach Theresienstadt geflohenen jüdischen Mischling, einen Krankenwärter aus dem Münchner jüdischen Krankenheim, den man triumphierend nach München zurückbrachte. Er floh bald darauf ein zweites Mal, wurde Mein Name sei wieder gefaßt und sofort nach Polen deportiert. dann, nach der ersten fruchtlosen Fahndung, kaum je wieder von der Gestapo erwähnt worden. 218 - Ganz allmählig zog die Dämmerung herauf, jetzt konnte ich mich auf den Weg machen. Ich hatte beschlossen, zu Fuß zu gehen. Vor der Benutzung von Tram oder Untergrundbahn hatte ich eine Scheu. Aber nun merkte ich, daß ich müde war, das Gehen machte mir Beschwerden, ich brauchte mehr als eine Stunde, bis ich vor Gustavs und Ernas Häuschen anlangte. Ich zog die Klingel, Erna öffnete und zog mich schnell ins Innere des Hauses. Sie begrüßte mich sehr herzlich. Gustav war nicht da, er war auf einer Dienstreise, Erna war ganz allein im Hause. Ich mußte ihr berichten, wie meine Fahrt verlaufen war. Dann fragte ich sie, wie ich am besten meine jüdische Kennkarte und meinen Judenstern verschwinden lassen könnte. Schnell entschlossen entzündete sie in ihrem Küchenherd ein kleines Feuer. Wir sahen beide zu, wie diese Dokumente der schweren letzten Zeiten von den Flammen erfaßt und verzehrt wurden, bis nur ein winziges Häuflein Asche übrigblieb. Ich bekam ein freundliches Zimmer im zweiten Stock, in dem ich jetzt sitze und schreibe. Durch das Fenster sehe ich in die mächtige Krone einer schönen Robinie, in der noch zu dieser Jahreszeit als dem einzigen Baum der langen Straße einige weiße Blütentrauben leuchten. Auch das nehme ich als glückliches Zeichen und freue mich daran. Heute mittag kam Gustav heim. Er begrüßte mich ebenso freundlich wie seine Frau. Wir besprachen dann, wie ich mich verhalten sollte. Ich werde, wenn Erna zum Einkaufen geht, auf kein Klingeln oder Klopfen reagieren, sondern mich ganz still in meinem Zimmer aufhalten. Ich werde das Haus niemals verlassen, mich auch nicht am Fenster zeigen, keinerlei Verkehr mit alten Freunden aufnehmen. So wäre alles schön und gut, aber ich schrecke doch bei jedem Läuten des Telephons oder der Hausklingel zusammen und kann nicht vermeiden, daß mir jedes Mal heiß und kalt dabei wird. Noch schlimmer aber sind die Nächte. Ich schlafe spät ein und wache bald darauf in Schweiß ge219 badet aus einem schweren Traume wieder auf, der mich ins Heim zurückversetzt. Zunächst freue ich mich, die alten Bekannten wiederzusehen, bis mir plötzlich klar wird, daß ich ja geflohen bin und mich im Heim nicht sehen lassen darf. Ich suche dann krampfhaft nach einer glaubwürdigen Erklärung meiner Rückkehr und kann doch keine finden. Und schon prasseln die Fragen auf mich nieder, auf die ich keine Antwort weiß. Nach dem Erwachen liege ich dann stundenlang wach und scheue das Wiedereinschlafen, das unter Umständen mit kleinen Variationen den gleichen schweren Traum wiederholt. Berlin, den 17. November 1942 Drei Monate bin ich nun hier. Doch habe ich mich nicht entschließen können, das Tagebuch zu öffnen, geschweige denn weiter zu schreiben. Aber heute, am Geburtstag unserer Jüngsten, will ich mir einen Ruck geben. Meine Sehnsucht nach Euch, Ihr Lieben, ist so schmerzhaft stark wie kaum je in den ganzen Jahren der Trennung. Wie mag es Euch gehen, wie magst Du, kleine Hanna, Deinen Geburtstag, den zwanzigsten, begehen? Als Du mich verlieẞest, warst Du ein Kind, vergebens bemühe ich mich, mir Dein jetziges Aussehen, Deine Art zu sprechen und zu lachen vorzustellen. Daß ich jetzt, da ich ,, untergetaucht" bin, also illegal lebe, keine Verbindung mehr mit Euch haben kann, bedrückt mich entsetzlich. So lange ich in München war, konnte ich doch nach Portugal, an die Schwägerin Alice, schreiben und wußte, daß sie Euch die Nachrichten weitergab, wie sie umgekehrt mir getreulich von Euch berichtete. Aber da schon seit langem jeder Auslandsbrief persönlich mit dem Personalausweis am Postamt vorgelegt werden muß, ist ein Korrespondieren nach Portugal für mich aus220 geschlossen. Doch ich will mich nicht in diese Gedanken und Empfindungen verlieren, in der Krise, in der ich mich befinde, könnte das gefährlich werden. Ich weiß nicht, was mit mir ist. Wie schwere, schwarze Flügel schlagen Zweifel und Schwermut über mir zusammen. So lange ich vor übermäßiger Arbeit nicht zum Grübeln kam, ging es mir fast besser als hier in der Stille und Enge des kleinen Hauses. Gustav ist den ganzen Tag fort und kommt erst spät abends von der Fabrik nach Hause, auch Erna ist viel fort, denn das Einkaufen erfordert heutzutage sehr viel Zeit. Ich helfe ihr im Haus, so gut ich kann, aber ich spüre, daß ich vieles nicht recht mache, und das macht mich unsicher und vermehrt meine Ungeschicklichkeit noch. Das Elend und die Not jüdischer Menschen, die ich bis zum Ersticken mitgetragen hatte, bis ich selbst fast darunter erlag, ist mir hierher gefolgt. Immer berichtet Erna von Deportationen näherer und entfernterer Bekannter. Doch hätte ich all die schlimmen Nachrichten vielleicht besser überwunden, wenn ich nicht täglich und stündlich fühlen müßte, daß mein Hiersein für Gustav und Erna eine fast unerträglich gewordene Belastung bedeutet. Zwar kommen kaum Menschen zu ihnen; wenn irgendwo, so habe ich hier das Gefühl der verhältnismäßigen Ungefährlichkeit. Aber mein Gefühl ist nicht maßgebend, sie haben einfach die Nerven nicht mehr, um mich zu ertragen. Aber wo soll ich hin? Gustav hat versucht, und zuerst nicht ohne Hoffnung auf Erfolg, mir den Weg in die Schweiz zu öffnen, aber der Mittelsmann, mit dem er verhandelt hat, ist verschwunden, man weiß nicht, ob ihm nur der Boden unter den Füßen zu heiß geworden ist, oder ob er gefaßt wurde. Wir waren uns darüber klar geworden, daß ich irgendein Ausweispapier haben müßte, und es war Erna geglückt, eine Kennkarte, den polizeilichen Personalausweis, für mich zu bekommen. Sie gehörte einer arischen Frau, die Geld brauchte und einen alten Paß besaß, der als Ausweis für 221 das Inland genügte. Mit meinem letzten Geld und dem von Freunden, das Eva und Tilla auftrieben, hatten wir die Kennkarte erworben. Sie lautete auf den Namen Leonie Maier und war in Düsseldorf ausgestellt. Aber wenn auch die Personalien einigermaßen stimmten sie war etwa vier Jahre jünger als ich, so mußte doch das Bild und damit ein Teil des Stempels, ergänzt werden. Gustav hatte versprochen, das machen zu lassen, aber anscheinend ließ ihn der Bekannte, der es angeblich verstand, im Stich, oder es gab sonst ein Hindernis. Und ohne Ausweis den Aufenthalt zu wechseln, erscheint mir fast unmöglich. Eva, die Treue, hat aus meinen letzten Briefen, die immer so abgefaßt sind, als ob sie von Erna stammen, gespürt, wie bedrückt ich bin. Sie will mich so bald wie möglich besuchen und bittet mich, noch etwa vierzehn Tage Geduld zu haben, dann hoffe sie über das Wochenende zu mir kommen zu können. Ich klammere mich an diese Aussicht, wie der Ertrinkende an den Strohhalm und weiß doch nicht, was ich für eine Aenderung davon erwarten sollte. Berlin, den 14. Dezember 1942 Am Tage, nachdem ich meine letzte Eintragung in das Tagebuch gemacht hatte, erhielt ich einen sehr lieben Brief von Tilla mit folgender Mitteilung: Zwei alte gute Freundinnen von uns, Maria und Irma, hatten an sie ins Isartal geschrieben und angefragt, ob nicht Tilla etwas von mir wüßte. Und da habe sie, weil sie fühle, wie einsam ich sei, ihnen kurz entschlossen geschrieben, wo ich sei. Natürlich ohne Angabe des Namens und der Adresse von Erna, aber da die beiden Erna als meine Cousine von früheren zahlreichen Geburtstagsbesuchen bei uns kannten, genügten Vorname und Verwandtschaftsverhältnis. Ich war zuerst 222 erschrocken, weil ich fürchtete, Gustav und Erna würden böse sein über diesen Bruch unseres Versprechens, nieman- dem von den alten Freunden etwas über mein Verbleiben zu verraten, aber dann siegte doch die Freude, sie wieder- zusehen. Erna hatte auch durchaus Verständnis dafür und versprach, auch Gustavs eventuellen Unmut zu beschwich- tigen. Zwei Tage später stand Irma vor mir. Wir waren zuerst beide außerstande zu sprechen und fielen uns wei- nend um den Hals! Wir wußten, daß wir an unser letztes Zusammensein dachten, als wir uns alle miteinander, Du, Tilla, die beiden und ich im Isartal Anfang August 1939 zu einem gemeinsamen Spaziergang trafen. Von da an waren wir nur schriftlich in Verbindung gewesen, und die letzten Monate im Heim hatten mir keine Zeit und Kraft mehr für private Korrespondenz gelassen. Wie gut tat es nun, Irma wiederzusehen! Allmählich begannen wir dann zu fragen und zu erzählen, und seitdem besuchten mich beide Freundinnen abwechselnd mindestens jede Woche einmal. Ich glaube zwar, daß es Gustav zuerst sehr gegen den Strich ging, zwei neue Mitwisserinnen des Geheimnisses zu haben, aber er hat mir nichts gesagt. Sein Gerechtig- keitsgefühl läßt ihn sicher meine Unschuld daran er- kennen.— Ende November schrieb mir Eva, daß sie am 5. Dezember, einem Samstag, kommen werde. Sie sei abends gegen halb- neun Uhr in Berlin und könnte bis zum Sonntagabend blei- ben. Ich sollte ihr schreiben, ob sie wohl bei uns übernachten könne. Erna war dazu bereit, Platz und Möglichkeit waren genügend vorhanden. Ich hatte sie nur ungern um diese neue Gefälligkeit gebeten, ihre Unzufriedenheit mit meiner Arbeit im Haushalt war trotz aller Mühe, die ich mir gab, eher größer als geringer geworden. Ich war mir darüber klar, daß ich hier fort mußte, und ich wollte das mit Eva besprechen. Gustavs Unruhe und Angst hatten sich noch gesteigert. Er war abends kaum im Hause, da hörte ich ihn Erna fragen, ob alles in Ordnung sei. Ich weiß nicht, was 223 seine Besorgnis so gesteigert hat. In den ersten vierzehn Tagen meines Hierseins hatte ich sie sehr begreiflich gefunden. Damals wußten wir noch nicht, ob man seitens der Partei oder der Gestapo von München aus nach mir forschen würde. Immer erwartete ich auf Umwegen von Tilla zu hören, daß man im Isartal nach mir gefragt oder eine Haussuchung bei ihr und den Nachbarn vorgenommen hätte. Aber nichts dergleichen geschah. Auch Frau Dr. Weiß ließ mir berichten, sie habe den Eindruck gehabt, man rechne mich nicht mehr unter die Lebenden. Doch eine solche Angst ist wohl einfache Nervensache, und ich merkte gut, daß Gustav und Erna sehr nervös waren. Ich bin mir wohl bewußt, wie sehr ich beiden zu Dank verpflichtet bin, und es drückt mich mehr, als ich sagen kann, daß es mir nicht gelang, meinen Dank in irgendeiner Form zum Ausdruck zu bringen. Ich mußte sie also so schnell wie möglich von meiner Gegenwart befreien. Am Samstag, dem 5. Dezember, abends kam Eva. Ich kann Dir nicht mit Worten begreiflich machen, was dieser Besuch mir bedeutete! Sie ist neben Tilla in den letzten Jahren der Mensch gewesen, der mir am nächsten verbunden war, an den ich mich nie vergeblich gewandt habe. Diese beiden hatten alles miterlebt und mitempfunden, was mich bedrückte und was mich erhob, es gab nichts, woran sie keinen Anteil hatten! Und wie wohl tat es, nun wieder Eva gegenüberzusitzen und alles auszusprechen, was ich in den letzten Monaten erfahren und gedacht, und vor allem, was mich nun so stark belastete, daß ich fast meinte, es nimmer ertragen zu können. Eva war der gleichen Meinung wie ich, daß ich so schnell wie möglich fort müßte, aber wohin? Ich schlug vor, daß sie am Sonntag zu Maria und Irma fahren und alles mit ihnen besprechen solle. Sie in ihrem ausgedehnten Freundes- und Bekanntenkreis würden vielleicht jemanden wissen, der bereit wäre, mich aufzunehmen. Eva kannte die beiden flüchtig und wollte gern die Angelegenheit mit ihnen bereden. Aber sie wie ich setz224 ten keine große Hoffnung auf diesen Plan. Trotzdem ging ich an diesem Abend leichteren Herzens schlafen als seit vielen Wochen. Am Sonntagmittag, als Eva fortgegangen war, um auswärts zu essen, worauf sie durchaus bestand, kam der Ausbruch von Gustav, den ich eigentlich schon längst erwartet und gefürchtet hatte. Er sagte mir, er könne nicht mehr schlafen vor Unruhe, ich müsse schleunigst aus dem Hause. Ich erwiderte ihm, daß ich alles dazu tun wolle, was mir möglich sei. Eva werde an diesem Nachmittag noch Schritte dafür unternehmen. Ich bat ihn, nochmals seinen Bekannten um die beschleunigte Fertigstellung der Kennkarte von Leonie Maier zu bitten. Die Gefahr für alle, die mich aufnehmen würden, sei erheblich größer, wenn ich keinen Ausweis besäße. Er versprach mir, sich darum zu kümmern, erklärte aber sehr bestimmt, es könne keine Rede davon sein, bei ihnen zu bleiben, bis ich den Ausweis in Händen habe. Ebenso wie sie müßten jetzt auch andere dies Risiko tragen. Ich berichtete Eva sofort nach ihrer Rückkehr von diesem Gespräch. Sie machte sich gleich auf den Weg zu Maria und Irma. Sie wollte, wenn die beiden irgendeine Möglichkeit wüßten, mich kommen lassen, falls sie damit einverstanden wären. Bei diesem einen Male würde mich dort im Hause, in dem wir vor vielen Jahren so häufig ein- und ausgegangen waren, niemand erkennen, zumal ich mich sehr verändert hatte. Von meiner früheren Rundlichkeit war nichts mehr vorhanden, ich war sehr mager geworden. Eva war gegen halb zwei Uhr aufgebrochen, um halb vier Uhr ließ sie mir durch Erna bestellen, ich solle kommen.- Es war ein eigenartiges Gefühl, nach so langer Zeit wieder an der Luft und unter Menschen zu sein! Bei dem letzten Male war es Sommer, Mitte August, jetzt waren die Bäume kahl, und die Luft war winterlich kalt. Aber sie tat mir wohl, ich sog sie in tiefen Zügen ein. Vor der hell erleuchteten Untergrundbahn hatte ich eine begreifliche 15 Behrend, Ich stand nicht allein 225 Scheu, ich fuhr lieber mit der Tram. Vorne beim Wagenführer würde ich kaum Gefahr laufen, von alten Bekannten gesehen und erkannt zu werden. Außerdem hatte ich einen dichten, schwarzen Trauerschleier vor das Gesicht gebunden. Ich erreichte rasch und ohne Zwischenfall das wohlbekannte Haus. Niemand begegnete mir auf der Treppe. Auf mein Läuten wurde mir sofort geöffnet, man hatte mich schon erwartet. Ich fand außer Eva und den beiden Freundinnen noch eine alte Bekannte vor, die sie zur Beratung zugezogen hatten. Du erinnerst Dich an Gretchen, Marias Schülerin, die uns auch in den ersten Jahren im Isartal besucht hatte. Sie erkannte mich fast nicht, ein Zeichen, daß ich mich wirklich sehr verändert hatte, was mir unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur lieb sein konnte. Gretchen war eine Idee gekommen, nachdem man ihr kurz alles Notwendige über mich mitteilte. Sie hatte bis vor kurzem bei einem Fabrikbesitzer als Sekretärin gearbeitet, der ihrer Schilderung nach ein besonderer Mensch sein mußte. Er war etwa siebenundsechzigjährig, unverheiratet, besaß in der Nähe seiner kleinen Fabrik eine Wohnung am Nollendorfplatz. Er sei unglaublich hilfsbereit und ein Gegner der Nazis, wie sie sonst keinen kenne. Für seine Arbeiter und Angestellten sorge er wie ein Vater, und sie hingen entsprechend an ihm. Sie selbst habe die Stellung bei ihm nur aufgegeben, weil sie wieder in ihre alte Tätigkeit als Vorsteherin eines Anwaltsbüros gestrebt habe. Doch gehe sie einmal im Monat in seinen Betrieb, um bei der Monatsabrechnung zu helfen, und besuche ,, Onkel Karl", wie sie ihn nannte, auch privat häufiger einmal. Sie wisse, daß er seit längerem nach einer zuverlässigen älteren Frau suche, die ihm Wohnung und Wäsche in Ordnung halte. Vielleicht sei er bereit, mich bei sich aufzunehmen. Seine geräumige Vierzimmerwohnung biete genügend Raum. ,, Ich rufe ihn jetzt gleich an und sage ihm, daß ich jemanden gefunden hätte, der ihm die Wirtschaft führen wolle", schloß sie ihren Bericht. Herr R. meldete sich sofort am Apparat. 226 Auf Gretchens Mitteilung schlug er vor, sie solle mit mir, Frau Maier, wie ich nun endgültig hieß, gleich zu ihm kommen, dann könnten wir uns gegenseitig beschnuppern. Er war ein waschechter alter Berliner und liebte es, unverfälschten Berliner Dialekt zu sprechen. Wir machten uns sofort auf den Weg, der nicht weit war. Herr R. öffnete uns auf unser Klingeln die Tür und ließ uns in ein großes Vorderzimmer eintreten. - -- Ich überließ es zunächst Gretchen, mich einzuführen und alle notwendigen Informationen über meine Person und mein Schicksal zu geben. ,, Sie muß von den Verwandten, bei denen sie jetzt seit fast vier Monaten lebt, fort. Sie sind ängstlich, und es ist sicher auch besser, öfter den Aufenthalt zu wechseln. Frau Maier oder willst du den richtigen Namen wissen?" Herr R. verneinte energisch. ,, Um so besser", fuhr Gretchen fort ,,, je weniger du weißt, desto unbelasteter bist du Frau Maier will dir gern den Haushalt führen, deine Sachen in Ordnung halten und deine Wäsche ausbessern. Du sagtest mir neulich, du suchtest jemanden für diese Arbeiten. Allerdings dachtest du damals nicht daran, diesen Menschen bei dir wohnen zu lassen." ,, Das ist aber absolut kein Hinderungsgrund", fiel Herr R. ein ,,, wir brauchen gar nicht weiter zu reden. Ich zeige Ihnen jetzt meine Wohnung und Ihr künftiges Zimmer, damit Sie auch wissen, was Sie übernehmen und wie Sie wohnen, und dann brauchen Sie nur noch zu sagen, wann Sie zuziehen wollen." Mit meiner mühsam aufrecht erhaltenen Fassung war es vorbei, ich konnte es nicht hindern, daß mir die hellen Tränen herunterliefen. ,, Nu, nu, Haseken", sagte begütigend Herr R. ,,, ein bißchen Weinen schad't nischt, und det Sie unter diesen Umständen uffjeregt sind, ist ooch nur zu begreiflich. Aber es kommt ooch wieder anders!" ,, Vielen, vielen Dank, Herr R.", brach ich mühsam hervor, aber wir müssen noch etwas Wichtiges besprechen. Ich habe doch keine Lebensmittelkarten." ,, Erstens dürfen Sie nicht Herr R. zu mir sagen, ich bin 15* 227 Onkel Karl, und Sie nenne ich Maierchen, wenn Sie nischt dagegen haben. Det Sie keene Lebensmittelkarten haben, kann ich mir an meinen zehn Fingern abzählen. Das muẞ Ihnen keene Kopfschmerzen machen. Ick mache mir nämlich absolut keen Jewissen daraus, schwarz zu koofen, wat ick nur kriejen kann, und ick habe zum Jlück' ne Menge Beziehungen. Wenn ick mir' ne Haushälterin engagiere, hab ick ooch die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, sie zu ernähren, nicht wahr, Gretchen?" Grete stimmte lachend zu. ,, So, Kinder, un nu Schluß mit die Sentimentalitäten, jetzt zeige ich Ihnen die Wohnung, Maierchen! Das Zimmer, in dem wir sitzen, ist das Herren- und Gesellschaftszimmer. Auf dieser breiten Couch hier kann zur Not einer, ja sogar zweie schlafen, natürlich nur, wenn die beiden gleichen Geschlechts oder ein Ehepaar sind. Und hier", er öffnete eine Schiebetür ,,, kommen wir in das Eẞzimmer, ein altes Berliner Zimmer ohne Fenster, man kann es durch das Herrenzimmer lüften. Hier können Sie gleich sehen, Maierchen, was Sie zu tun haben, ich werde der schrecklichen Unordnung nicht mehr Herr und ärgere mich doch darüber, wie häßlich es aussieht." Er hatte recht, die schönen Chippendale- Möbel waren beladen mit Fläschchen und Büchern, Noten und alten Zeitungen. Wir kamen in einen Flur, in dem rechts ein großes hölzernes Regal an der Wand angebracht war. Auch hier türmten sich die verschiedenartigsten Dinge, auch hier gab es genug für mich zu tun. Links öffnete Onkel Karl eine Tür und sagte schmunzelnd: ,, Hier sehen Sie mein Allerheiligstes, Maierchen, die Küche! Sie müssen wissen, ich bin ein leidenschaftlicher Koch, Backen und Kochen ist meine liebste Beschäftigung in der Freizeit. Leider sieht es auch hier nicht so aus, wie eine gute Hausfrau es halten würde." Ich sah mich entzückt um, diese Küche mußte jede Frau begeistern! Alle nur erdenklichen Maschinen mit Motorantrieb waren vorhanden. Da gab es eine elektrische Teigrührmaschine, die mit einem anderen Einsatz Eiweiß, Crèmes und Sahne schlug, auf der 228 anderen Seite eine maschinelle Vorrichtung, die das langwierige Reiben von rohen Kartoffeln, das Raspeln von Kohl usw. zu einer geradezu vergnüglichen Beschäftigung machte. Es fehlte kein nur irgendwie denkbares Gerät, das eine Hausfrau sich in ihrer Küche wünschte! Und alles war übersichtlich in dem großen, modernen Küchenschrank geordnet, der allein schon eine Zierde für jeden Raum darstellte. Die Kochtöpfe in allen Formen und Größen waren aus emailliertem Stahl; kurz, hier zu arbeiten, mußte eine wahre Lust sein! Zufrieden lächelnd beobachtete Onkel Karl diese Wirkung auf mich, ehe wir weiterschritten. Neben der Küche schloß er jetzt ein Zimmer auf, das wieder mein Staunen erregte. Es enthielt zwei elektrische Eisschränke und einen Weinschrank auf der einen Seite, einen großen Vorratsschrank und ein Regal auf der anderen. Auf ihm standen große Glasbehälter mit Grieß, Teigwaren und Zucker, kleinere enthielten alle nur denkbaren Gewürze, außerdem lange Reihen von Konservendosen mit allen feinen Gemüsen und Obstsorten. Auf dem obersten Fach türmten sich neben einer Sunlightseifenpyramide Pakete mit gutem Seifenpulver und anderen Reinigungs- und Putzmitteln, auch Toilettenseifen und Badesalze fehlten nicht. Im Vorratsschrank sah ich große Büchsen mit Kakao, Tee und Kaffee und lauter Dingen, die bereits in das Bereich der Wunschträume gewöhnlicher Sterblicher gehörten. ,, Trotz all der guten Dinge, die Sie hier sehen, fürchte ich, sind es noch zu wenig für die Dauer des Krieges", sagte Onkel Karl. ,, Immerhin denke ich, wird dieser Anblick Sie darüber beruhigen, daß ich keine Not leiden werde, wenn ich Sie unterhalte!" Am Ende des Flurs kamen wir in das Schlafzimmer von Onkel Karl, an das sich das Zimmer schloß, das er mir zugedacht hatte. Es enthielt eine schöne, bequeme Couch, den großen Wäsche- und Kleiderschrank, kurz alles Notwendige. Ganz am Ende kam das Badezimmer, das von neuem meine Begeisterung erregte. ,, Es ist ein bißchen unangenehm, daß Ihr Zimmer ein Durchgangs229 zimmer ist, Maierchen, aber ich bin ein Frühaufsteher und werde sehr leise morgens hier durchgehen. Sie sollen so lange schlafen, wie Sie wollen, und haben dann die Wohnung ganz für sich!" Wir verabredeten noch, daß ich übermorgen, also am 8. Dezember, abends einziehen würde. Dann verabschiedeten wir uns. Gretchen und ich kehrten in fast übermütiger Stimmung zu den ängstlich unser Harrenden zurück. Sie lauschten unserem Bericht wie Kinder einem spannenden Märchen. Und war es nicht eines? Erschien es nicht märchenhaft, daß ein völlig fremder Mann in der rücksichtsvollsten, zartesten Weise das Risiko, mich zu beherbergen und zu ernähren, auf sich nahm und so tat, als geschehe ihm noch ein Gefallen damit? Fröhlich zog Eva mit mir zu Erna und Gustav zurück. Wir beschlossen, schon um Onkel Karls willen, nur das Notwendigste von meiner neuen Bleibe zu erzählen. Beim Abschied sagte mir Eva, sie sei wie von einem Alpdruck befreit wegen der überraschend günstigen Lösung der schwierigen Angelegenheit. - Am Dienstagabend bin ich dann hier eingezogen. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie mir zu Mute ist! Das Alleinsein den ganzen Tag über tut mir wohl. In aller Ruhe beginne ich aufzuräumen, und am Abend spart Onkel Karl nicht mit Ausdrücken seiner Freude über die allmählich sich einfindende Ordnung und Behaglichkeit. Wir beide verstehen uns gut. Allein das Gefühl, etwas nützen zu können und nicht mehr als gefährliche Belastung empfunden zu werden, gibt mir Sicherheit und das notwendige Selbstgefühl zurück. ,, Sie sehen schon ganz anders aus, Maierchen, als bei Ihrem Einzug, und Sie werden mich ganz glücklich machen, wenn Sie mir erst sagen können, daß Sie bei mir wieder an Gewicht zunehmen. Schmeckt es Ihnen denn bei mir?" Ich konnte nur lachend bejahen. Ich glaube wirklich, hier werde ich mich richtig erholen, alle Vorbedingungen sind dafür gegeben. Allmählich wird mir auch klar, warum ich in den Monaten bei Erna und 230 - Gustav so entsetzlich bedrückt gewesen bin. Erna ist ein besonders schwerblütiger, um nicht zu sagen schwermütiger und verschlossener Mensch. Sie geht vollkommen in der Führung ihres Haushalts auf, den sie mit peinlicher Gewissenhaftigkeit besorgt. So bleibt ihr keine Zeit für anderes, sie kommt kaum dazu, gelegentlich ein Buch zu lesen. Nie besucht sie Theater oder Konzerte. Sie und ich sind zu verschieden, um uns nahezukommen. Gustav wird ganz von seiner Arbeit im Beruf absorbiert; wenn er heimkommt, ist er todmüde. Der Umgang mit diesen beiden Menschen war nicht dazu angetan, mich, die in der Ruhe und Einsamkeit die Schwere der Erlebnisse, die hinter mir lagen, besonders stark empfand, aufzumuntern und abzulenken. Hinzu kam die völlige Abgeschlossenheit von der übrigen Welt, das Gefühl, wie im Gefängnis zu sein, was die Depression noch verstärkte. Hier ist das alles ganz anders. Ich kann mich frei bewegen, bin keine Last mehr und richte mich an Onkel Karls gütigem, humorvollem Wesen wieder auf. Übrigens haben wir für alle Fälle noch folgendes miteinander vereinbart. Falls Schwierigkeiten oder Nachforschungen kommen sollten, würden wir erklären, daß Onkel Karl, dem man solche Sonderlichkeiten durchaus zutraut, mich auf der Straße kennengelernt hat. Ich sei gerade von Düsseldorf, von wo ich vor den ständigen Bombardierungen floh, in Berlin angekommen und hätte in eine kleine Privatpension in der Motzstraße, nicht weit vom Nollendorfplatz, die mir von früher bekannt war, gehen wollen, hätte mich aber in der durch die Verdunkelung bedingten Finsternis nicht zurecht finden können. Da hätte ich Onkel Karl mit seinem kleinen Auto halten und aussteigen sehen und sei an ihn herangetreten, um ihn nach dem Weg in die Motzstraße zu fragen. Er habe mir freundlich angeboten, mich dorthin zu fahren. Unterwegs gab ein Wort das andere. Ich hätte ihm erzählt, daß ich eine Unterkunft suchte, bis ich mich ein wenig erholt und ausgeruht hätte. Da habe er mir dann angeboten, zu ihm 231 zu kommen, und nach einigem Zögern hätte ich sein Angebot dankbar angenommen. Auf eine polizeiliche Anmeldung hatte ich ihn gebeten zu verzichten, weil ich fürchten müßte, man würde mir daraufhin meine kleine Wohnung in Düsseldorf nehmen und Ausgebombte hineinsetzen. Ich zweifle zwar, ob man im Ernstfall diesen Aussagen Glauben schenken würde, aber wir wollen hoffen, daß dieser Ernstfall nicht eintreten wird. Für Freunde und Nachbarn von Onkel Karl bin ich eine Bekannte von früher, der er sein Haus als Zuflucht angeboten hat. Das wird ohne weiteres geglaubt, man kennt ja allgemein seine Gastfreundschaft, und verschiedentlich äußerten Bekannte und eine Hausnachbarin, daß sie sich freuten, wenn jemand für ein bißchen Behaglichkeit in diesem Junggesellenhaushalt sorge. Und ich genieße es, wieder mit verschiedenen Menschen zusammenzukommen, um so mehr, als es sich fast durchweg um recht anregenden und interessanten Verkehr handelt.- Wir sind auch übereingekommen, daß Gretchen völlig ausgeschaltet bleiben sollte. Sie ist verabredungsgemäß erschienen, als ich zwei Tage hier war, und wurde mir förmlich vorgestellt. Wir unterhielten uns, und jeder Anwesende mußte denken, daß zwei fremde Menschen rasch Sympathie für einander fanden und äußerten, so daß es absolut nicht auffiel, daß Onkel Karl Gretchen bat, meinetwegen doch öfters als sonst zu erscheinen. Auch hier werde ich so wenig wie möglich das Haus verlassen. Wenn ich es tue, dann nur in der Dunkelheit und mit einem dichten Trauerschleier vor dem Gesicht. Ich benutze als Verkehrsmittel niemals Schnell- und Untergrundbahn, die hell erleuchtet sind, sondern nur den völlig dunklen Vorder- oder Hinterperron der Tram. Einmal wöchentlich rufe ich bei Erna an, die sich bereit erklärt hat, fernerhin den Briefverkehr zwischen meiner Freundin Eva und mir zu vermitteln. Sagt sie mir, daß sie meinen Besuch erwartet, weiß ich, es ist ein Brief für mich da, und gehe 232 dann am Abend zu ihr, um ihn abzuholen. Gleichzeitig kann ich dann immer Gustav an die Fertigstellung der Kennkarte erinnern. Ich wäre besonders um Onkel Karls willen froh, den Ausweis zu haben, der ein gewisser Schutz ist. Alles in allem, die Welt sieht ein bißchen weniger grau für mich aus als vor meinem Einzug hier! Solche Menschen wie Onkel Karl geben einem wieder Mut weiterzuleben. Berlin, den 12. Januar 1943 Weihnachten ist sehr still verlaufen. Onkel Karl haẞt jedes Feiern. Er duldet auch nicht, daß von seinem Geburtstag, dessen Datum wohl nur wenige seiner intimsten Freunde kennen, Notiz genommen wird. Aber ich habe trotzdem in aller Stille für mich gefeiert. Zwei besondere Ereignisse zeichneten die Feiertage für mich aus. Einmal die Besuche von Eva und Tilla, die eine große Freude für mich waren, - es wäre ja das erste Weihnachtsfest seit Deinem und der Kinder Fernsein gewesen, das ich nicht gemeinsam mit Tilla verlebt hätte, hatte sie es doch sogar im vergangenen Jahre in Berg a. L. möglich gemacht, am Heiligabend für kurze Zeit zu mir in mein Zimmerchen zu kommen. Beide freuten sich mit mir über die unverändert harmonische Umgebung, in der ich mich zusehends erhole. Noch ein zweites Erlebnis machte mir die Weihnachtstage bedeutsam. Als ich mir Evas letzten Brief vor Weihnachten von Erna abholte, fand ich in ihm Grüße von Annemarie, der Quäkerin, die Ankündigung eines Weihnachtspäckchens, das Eva mir mitbringen werde, und die Aufforderung, eine Berliner Quäkerin, die uns beiden seit vielen Jahren bekannt ist, brieflich oder noch besser telephonisch von meiner Adresse in Kenntnis zu setzen. Sie könne mir 233 vielleicht bei einer neuen Quartiersuche oder auch sonst behilflich sein. In großen Zügen sei sie über mein Schicksal der letzten Monate informiert, würde mich aber gern selbst sehen und sprechen. Ich führte dieses Telephongespräch noch auf dem Wege zu Onkel Karl von einem öffentlichen Fernsprecher aus. Frau Hopf war sofort im Bilde, äußerte ihre Freude, von mir zu hören, und sagte ihren Besuch für den nächsten Tag, den 22. Dezember, zu. - , Sie erschien pünktlich, und wir hatten volle Muẞe, allein in der ganzen Wohnung selbstverständlich hatte ich Onkel Karls Einverständnis zu diesem wie zu allen folgenden Besuchen vorher erbeten uns über alles, was sie an meinem Schicksal interessierte, auszusprechen. Sie versprach, mit anderen Freunden meinetwegen Fühlung zu nehmen, vor allem zu versuchen, mir für den Notfall eine weitere Unterkunft zu vermitteln. Beim Abschied erzählte sie, daß sie mit Mann und Tochter für die Weihnachtstage in die Nähe Berlins ginge, um ein bißchen auszuspannen. Sie träfe auch dort mit Freunden zusammen, die vielleicht helfen könnten. Vor Mitte Januar käme sie kaum zurück, nach der Heimkehr werde sie sich wieder bei mir melden. Ich freue mich sehr, diese alte Bekanntschaft wiedergefunden zu haben. Nicht nur, daß ich sie persönlich hoch schätze, ich kenne auch ihre Hilfsbereitschaft und ihren großen Bekanntenkreis. Und ich fühle die Verpflichtung, mich für alle Fälle im vornherein eines neuen Quartiers zu versichern. Es soll nie wieder vorkommen, daß ein nötig werdender Wechsel mich vis- a- vis de rien findet. Gestern abend kam Onkel Karl ziemlich erregt heim. Schon während des Abendessens begann er: ,, Ich muß etwas mit Ihnen besprechen, Maierchen. Eine meiner langjährigen Angestellten kam heute zu mir und bat um einen Rat. Sie wohnt im Grunewald, und bei dem gestrigen Bombardement ist das gegenüberliegende Haus von einer Bombe getroffen worden. Ein Teil der Bewohner wurde in ihrer Wohnung untergebracht, in der sich, was ich schon 234 wußte, seit einiger Zeit ein junges jüdisches Mädchen versteckt hielt. Wie lange meine Angestellte die Ausgebombten beherbergen muß, ist natürlich völlig ungewiß. Da sie sie nicht kennt, hält sie es für richtiger, wenn das junge Mädchen mindestens vorläufig von ihr fortgeht. Nun wollte sie von mir wissen, ob ich ihr eine sichere Unterkunft nennen könnte. Ich habe ihr sofort meine Wohnung angeboten. Sie will Susi, so heißt die junge Jüdin, noch heute abend herschicken, weil es besser ist, man sieht sie gar nicht mehr bei ihr. Den Tag über hat sie sich anderswo aufhalten können, in der Verwirrung des gestrigen Abends hätte, wie sie meinte, niemand auf sie geachtet. Sie hätte sie auch ohne weiteres als Besuch ausgeben können, der durch den Alarm am Nachhausegehen gehindert worden wäre. Sie bekommen also eine Gefährtin, Maierchen, ich hoffe eine nette. Es ist Ihnen doch recht, ich konnte wirklich nicht gut anders handeln." Natürlich war ich einverstanden. Ich stellte einen Teil unseres Abendessens zurück und machte mich daran, auf der Couch im Herrenzimmer ein Bett für meine Schicksalsgefährtin herzurichten.- Bald darauf klingelte es, Onkel Karl öffnete selbst und führte Susi herein. Sie mag etwa zwanzig Jahre alt sein, mittelgroß, hellblond und blauäugig, mit der schönen zarten Haut mancher Blondinen. Sie sieht ganz unjüdisch aus. Sie war zuerst sehr schüchtern, und man merkte ihr an, daß sie nur mühsam die Tränen zurückhielt. Aber Onkel Karl in seiner freundlich- humorvollen Art half ihr schnell über die erste schwierige halbe Stunde hinweg, und bald gewann Susi ihr Gleichgewicht und ihre natürliche Lebhaftigkeit wieder. Heute hatte ich Gelegenheit, mich eingehend mit ihr zu unterhalten. Sie hat schnell Zutrauen zu mir gefaßt. Sie ist vor einigen Wochen mit ihrer Mutter zusammen ,, untergetaucht", wie der Terminus technicus lautet, als sie aus allerlei Anzeichen auf ihre bevorstehende Deportation schließen mußte. Ihre Mutter fand im Haushalt einer Freundin Unterkunft, und Susi selbst lebte bis jetzt bei der 235 Angestellten von Onkel Karl, deren gleichaltriger Sohn Susi von früher her kannte. Sie ist mit einem jungen Halbjuden verlobt, der in Palästina ist. Mit seinen Eltern, die in Berlin leben, steht sie in ständiger Verbindung, sie helfen ihr und ihrer Mutter auch mit allerlei Lebensmitteln, können aber keinen von ihnen aufnehmen, da beide im Hause nur zu gut bekannt sind. Zwar sind die künftigen Schwiegereltern nicht unmittelbar bedroht, weil die Frau ,, Arierin" ist, aber sie müssen sehr vorsichtig sein. Uebrigens wird Susi nicht von Onkel Karl verpflegt, sie erklärte sofort sehr bestimmt, daß das nicht nötig sei, weil sie und ihre Mutter allerhand Beziehungen und Möglichkeiten hätten. Ich glaube, Onkel Karl ist ganz froh darüber, es ist doch ein Unterschied, ob man für zwei oder für drei sorgen muß! Und es werden auch sonst noch ständig Wünsche in dieser Beziehung an ihn gerichtet, die er nie ablehnen wird, wenn er irgend in der Lage ist, sie zu erfüllen. Susi hat mir auch gleich sehr nett und kameradschaftlich angeboten, mich an ihrer Versorgung teilhaben zu lassen. Ich nehme dankend an, soweit sie reichlich versorgt wird. Berlin, den 24. Januar 1943 Vor zwei Tagen war Frau Hopf, die Quäkerin, wieder bei mir. Noch muß ich den Kopf schütteln über die wunderbaren Wege, die wir geführt werden, wenn ich an ihren Bericht denke. Sie war in R. mit einer ganzen Reihe junger Quäker zusammen, Freunden und Freundinnen ihrer Tochter. Einer davon hatte sie eines Abends von mir erzählt und mit ihr überlegt, wo man wohl ein Notquartier für mich finden könnte. Hella, so heißt die Jungquäkerin, schlug vor, ihren Freund Peter zu rufen, der vielleicht Rat wüßte. Frau Hopf hat dann diesem von mir berichtet. Er horchte 236 hoch auf, als sie, etwas ausführlicher werdend, meinen richtigen Namen nannte und hinzufügte, ich hätte mit meiner Familie lange Jahre im Isartal bei München gelebt. ,, Aber das ist ja unsere alte Freundin Buddeli", rief er aus, den Namen gebrauchend, den mir zuerst unser Peter gegeben hatte, als er anfing zu sprechen. Du hast inzwischen erraten, daß es sich bei dem jungen Quäker um Peter Merkel handelt! Ich weiß nicht, ob ich Dir schrieb, daß es mir zu Beginn meines Berliner Aufenthaltes besonders schwer geworden war, mich nicht bei seiner Mutter Lene und seiner Tante Kläre, unseren alten Freunden, melden zu können, um so mehr, als ich bald darauf erfahren mußte, daß Kläre vor der ihr drohenden Deportation aus dem Leben gegangen war. Nun sollte mir Frau Hopf Grüße von Peter Merkel bestellen und ausrichten, er würde sich in allernächster Zeit bei mir melden. Seine Mutter sei nach einer unangenehmen Gallenstörung zu einer längeren Erholungszeit in Freiburg bei ihren dortigen Freunden. Sie werde erst im März zurückkommen, Peter würde aber, sobald er mich persönlich gesprochen, ihr von mir berichten. Du kannst Dir vorstellen, daß ich seinen Besuch sehnsüchtig erwartete. Frau Hopf erzählte mir noch, daß er sich zu einem prachtvollen Menschen entwickelt habe, der, ebenso wie seine Mutter und seine um zwei Jahre ältere Schwester Eva, ohne die eigene schwierige Situation als Halbarier zu berücksichtigen, mit beispielhaftem Mut und ebensolcher Hilfsbereitschaft für eine ganze Reihe ,, untergetauchter" Juden sorgte. Aber ich habe noch mehr zu berichten. Susi und ich sind nicht mehr allein, wir sind seit gestern zu- fünft! Laß mich Dir die neuen Hausgenossen vorstellen!- Die älteste zuerst: Das ist Lotte, etwa in meinem Alter, also Anfang der Fünfzigerjahre, mittelgroß, etwas untersetzt, mit lebendigem, klugem Gesicht, dunklen Augen und ebensolchem Haar, von ziemlich ausgesprochen jüdischem Typus. Sie war früher im Handelsministerium in recht verantwor237 - tungsvoller Funktion tätig, zu der sie sowohl durch ihre Vorbildung sie ist Dr. rer. pol.- wie durch Sprachkenntnisse und Klugheit alle Bedingungen erfüllte. Sie hat dann in den letzten Jahren bei Bekannten, die einen kleinen derartigen Betrieb hatten, das Nähen von Stepp- und Daunendecken gelernt und darin eine große Fertigkeit erlangt. Sie wurde durch die Nachricht ihres bevorstehenden Abtransports alarmiert und wandte sich um Rat und Hilfe an Onkel Karl, den sie durch eine gemeinsame, jetzt in Amerika befindliche Freundin seit vielen Jahren kennt. Er bot ihr sofort seine Wohnung als Unterschlupf an. Die beiden anderen sind ein junges Ehepaar. Herbert, etwa dreißigjährig, stammt aus Jena, wo er bei Zeiß als Optiker ausgebildet und später angestellt war, so lange die Firma Juden beschäftigen konnte. Dann wandte man sich an Onkel Karl, mit dem Zeiß in geschäftlicher Verbindung steht, und fragte an, ob er Herbert bei sich beschäftigen könnte, was Onkel Karl bejahte. Er blieb bei ihm, bis auch in Berlin die letzten Juden aus den privaten Betrieben geholt wurden. Onkel Karl schätzt Herbert als Optiker wie als Menschen und hat auch nach seiner Entlassung ständige Fühlung mit ihm und seiner jungen Frau aufrechterhalten. Sie heißt Evchen, dreiundzwanzigjährig, reizend anzusehen, sprühend lebhaft, immer guter Laune, durch ihre Heiterkeit auch die übrigen mitfortreißend. Herbert bildet den ruhigen Hintergrund zu ihrer quecksilbrig- übermütigen Art. Wenn Lotte mit ihrem trockenen Humor etwas zum besten gibt und Susi ihr helles Lachen ertönen läßt, Onkel Karl, den das Ehepaar Papa nennt, behaglich schmunzelnd einen nach dem anderen an seiner Tafelrunde ansieht, müßte ein fremder, unbefangener Zuschauer uns für eine glückliche und zufriedene Gemeinschaft halten! Dabei ist sich Evchen über das Gefahrvolle unserer und speziell ihrer beider Situation durchaus klar, von Lotte ganz zu schweigen. Aber sie wissen, daß mit Klagen und Grübeln nichts geändert oder gar gebessert werden kann, und die plötzliche 238 größere Gemeinschaft, in die wir alle uns gestellt sehen, hat etwas Lösendes und Erheiterndes, besonders da wir fünf uns untereinander gut verstehen und jeder den andern schätzt. Es gibt auch fast unerschöpflichen Gesprächsstoff. Für jeden von uns sind die Schicksale der vier anderen interessant, ihre Herkunft, ihre Erlebnisse, ihre Pläne für die Zukunft. Evchen war von ihrem siebzehnten Jahr an bei einem Onkel in einem ausgedehnten Konfektionsbetrieb tätig. Evchen weiß, daß Herbert als Mann, noch dazu in militärpflichtigem Alter, ganz besonders gefährdet ist. Sie hat, schon ehe sie hierherzogen, allerlei Beziehungen und Verbindungen geknüpft, um illegal mit Herbert nach Schweden zu gehen. Einmal wäre es fast geglückt. Sie hatten schon zwei Plätze auf einem Lastkraftwagen, der zwanzig Leute hinüberschmuggeln sollte, da verzichtete Evchen im letzten Augenblick auf ihre Teilnahme. Zu ihrem Glück, wie sie bald darauf erfahren sollten. Der ganze Wagen war geschnappt worden, über das Schicksal der Insassen waren wir nicht im unklaren. Onkel Karl hatte damals seine materielle Hilfe angeboten, als Evchen ihm von dem Schwedenplan berichtete, zugleich hatte er angefragt, ob Evchen mich nicht daran teilnehmen lassen wollte. Sie hatte zugestimmt, und Onkel Karl hatte mich mit ihr bekannt gemacht. Ich war auch mit Herbert und ihr schon mehrmals zusammengetroffen, ehe beide zu uns kamen. Aber wir sind uns alle miteinander auch bewußt, daß diese Häufung Gefährdeter in einer Wohnung, die sonst tagsüber leer war, ein sehr gesteigertes Risiko nicht nur für jeden von uns, sondern in erster Linie für Onkel Karl bedeutet. Wir müssen versuchen, möglichst bald anderweitig unterzukommen. Die einzige, die begründete Aussicht dazu hat, ist Susi, erstens wegen ihrer vielen Beziehungen und dann, weil sie im Besitze eines guten falschen Ausweispapiers ist. Es ist ein mit einem Lichtbild versehener Arbeitsausweis der Deutschen Arbeitsfront, mit dem sie sich 239 frei bewegen kann. Wir vier anderen besitzen vorläufig keine Ausweispapiere. Lotte hat wie ich eine falsche Kennkarte gekauft, doch fehlt ihr wie mir noch das richtige Lichtbild und vor allem die Ergänzung des notwendigen Stempels. Bei meinem nächsten Besuch hat mir Gustav allerdings die geänderte Kennkarte in Aussicht gestellt, doch hat der Helfer schon einige Male versagt. Um unser aller Unterbringung zu ermöglichen, hat Onkel Karl zum Schlafen das Feld geräumt. Er hat in seiner Fabrik, die er mir am letzten Sonntag gezeigt hat, ein kleines, sehr bescheiden ausgestattetes Schlafzimmer, in dem er sich bei verlängerter Arbeitszeit für kurze Stunden ausruhen kann. Nun hat er es für die Dauer unseres Aufenthaltes bezogen. Morgen müssen sich übrigens alle vier für den Hauptteil des Tages außerhalb des Hauses aufhalten. Mittwochs kommt nämlich Frau Schmidt, seit vielen Jahren Onkel Karls Putzfrau, die gründlich die Wohnung säubert. Sie soll nach gemeinsamer Ueberlegung nichts von der Anwesenheit der vier wissen. Zwar ist sie politisch durchaus zuverlässig Onkel Karl duldet niemand in seiner Nähe, der Nazi ist, aber je weniger Menschen von der Beherbergung so vieler Gäste wissen, desto besser und sicherer. Morgen früh müssen wir alle Sachen, die ihre Anwesenheit verraten könnten, in das Vorratszimmer räumen, zu dem ich den Schlüssel habe, und in das Frau Schmidt nur alle acht bis zehn Wochen zum Reinemachen kommt.- - Susi geht zu ihrer Mutter, Herbert hat eine Tante mit einem arischen Mann, Evchen eine Freundin und Lotte ganz in unserer Nähe ein früheres Faktotum, eine rührend brave Haut, die für ihr Fräulein Doktor alles tun würde! Frau Schmidt kommt immer gegen zehn Uhr und bleibt bis gegen fünf Uhr nachmittags. Ich bin ihr von Onkel Karl gleich nach meinem Einzug in aller Form vorgestellt worden. Ich habe den Eindruck, daß sie ganz einverstanden ist mit meinem Hiersein.- 240 - Berlin, den 18. Februar 1943 - - Wir sind immer noch zu fünft! Täglich verstärkt sich der Eindruck, daß wir uns auf einem Vulkan bewegen, der uns jeden Augenblick mit seinem Ausbruch bedrohen kann. Susi wird uns in einigen Tagen verlassen, sie hat eine neue Unterkunft gefunden. Wir haben auch mit Nahrungssorgen zu kämpfen. Ganz im Anfang hatten sowohl Herbert und Evchen wie auch Lotte noch ihre allerdings jüdischen Lebensmittelkarten und konnten daraufhin, wenn auch nicht ohne Gefahr, die wichtigsten Lebensmittel, wie Brot, Fett, Nährmittel und Zucker abholen. Wir waren alle übereingekommen, daß wir zu fünft ohne Onkel Karls regelmäßige Hilfe, was unsere Verpflegung anlangt, auskommen müßten. Susi hatte einen guten Bekannten ich weiß nicht mehr, woher sie ihn eigentlich kennt, aber das ist auch gleichgültig-, der in einem großen Obst- und Gemüsegeschäft bei der Zentralmarkthalle am Alexanderplatz angestellt ist. Walter wir kennen ihn nur unter seinem Vornamen suchte Susi gleich am ersten Tage hier bei uns auf und brachte ihr eine große Tasche voll Gemüse und-o Wunder sogar etliche Zitronen und Orangen mit. Wir haben uns längere Zeit unterhalten, Walter gefällt mir gut. Er ist ein Mann in den besten Jahren, Kommunist, der für diese seine politische Ueberzeugung vier Jahre Konzentrationslager abgesessen und überstanden hat. Er ist verheiratet und hat einen zwölfjährigen Jungen, an dem er sehr hängt. Zu Beginn des Krieges fand er Arbeit in dem Gemüseladen, in dem er jetzt, nachdem der Besitzer eingezogen ist, als einziger Mann eine Vertrauensstellung einnimmt, die er sicher verdient. Er erklärte sofort, als ihm meine und Susis Lage klar wurde, daß er für genügend Kartoffeln, Gemüse und gelegentlich auch Obst sorgen, daß er aber auch öfter einmal Fisch oder Fleisch liefern würde, welches er auf dem Tauschwege gegen Obst und Gemüse erwerben könne. Ich fragte vorsichtig, ob er nicht - 16 Behrend, Ich stand nicht allein 241 in Schwierigkeiten gerate durch solche Geschäfte, aber er winkte lachend ab. ,, Meine Arbeitgeberin ist eine Seele von Mensch, sie ist auch kein Nazi und hat Verständnis für Ihre Lage, die ich ihr ohne nähere Angaben begreiflich machen kann. Wir Angestellten können immer für den Einkaufspreis ziemlich viel Gemüse und Obst erwerben; was wir damit machen, darum kümmert sich niemand. Mir macht es Freude, wenn ich Susi und auch Ihnen helfen kann, ich weiß zu genau, wie es einem zu Mute ist, der von der braunen Bande verfolgt wird!" Walter hat alles gehalten, was er bei seinem ersten Besuch versprach, auch als wir nicht mehr nur zwei, sondern fünf geworden waren. Wir sind mit Gemüse, Kartoffeln und Obst reichlich und gut versorgt worden, und manches andere an Lebensmitteln ist nebenbei noch abgefallen. Aber gestern hat er seinen Abschiedsbesuch gemacht, er zeigte uns den Stellungsbefehl, der ihn als Soldaten zweiter Klasse, seiner politischen Vergangenheit wegen, auf den Heuberg in Württemberg zur Ausbildung einberuft. Das ist ein schwerer Schlag. Man hört immer wieder, wie schlecht es diese Soldaten haben, und wie sie an den gefährlichsten Stellen der Front eingesetzt werden. Aber Walter ist guten Mutes; er meinte, wer vier Jahre Konzentrationslager hinter sich gebracht habe, werde auch hoffentlich den Krieg noch überstehen. Der Abschied von ihm wurde uns allen schwer wie von einem guten Freunde. - Susi erzählte kürzlich nach einem Besuch bei ihren Schwiegereltern von deren Mietern. Es sind Slowaken, ein Major mit seiner Frau, die zum diplomatischen Korps gehören. Sie unterstehen nicht der Rationierung wie gewöhnliche Sterbliche, sie erhalten auf ihren Diplomatenschein fast unbegrenzte Mengen von Lebensmitteln und benutzen das, um Geschäfte damit zu machen. So hatten sie kürzlich einen ganzen Stoß Bettwäsche im Tausch gegen Butter und Kaffee erworben. ,, Und nun sucht der Major ein gutes Fernglas zu kaufen, am liebsten ein altes Zeiß- oder Goerz242 -- - glas", schloß sie ihre Erzählung. Blitzartig schoß mir durch den Kopf, das sich im Isartal immer noch unser Feldstecher befindet, den ich eigentlich längst hätte abgeben müssen, da Juden schon seit dem Frühsommer 1942 weder Feldstecher, Operngläser oder Photoapparate noch irgendwelche elektrischen Geräte, wie Kochplatten, Tauchsieder, Kochtöpfe usw. besitzen durften und zur unentgeltlichen Abgabe verpflichtet waren. Ich beauftragte Susi, durch ihre Schwiegereltern nachfragen zu lassen, was der slowakische Major für ein Fernglas, das neu allerdings im Jahre 1914 vor Beginn des ersten Weltkrieges etwa hundertfünfzig Reichsmark gekostet hat, an Lebensmitteln, vor allem Butter oder anderem Fett, geben will. Zwei Tage später teilte mir Susi mit, daß der Major nach der Beschreibung das Fernglas gern haben möchte. Er wolle mir viereinhalb Pfund Butter und ein wenig Bohnenkaffee dafür geben. Ich hatte keine Ahnung, ob das eine angemessene Bezahlung sei, aber Herbert und Lotte, die gut Bescheid wissen, meinten, daß ich mit dieser Bezahlung zufrieden sein könne. Ich schrieb also einen Brief an Tilla, gab als Absender Susis arische Schwiegermutter an und erbat die Uebersendung des Fernglases an ihre Adresse. Wenn ich überlege, daß der slowakische Major für das Pfund Butter 1.80 Reichsmark bezahlt, so finde ich, daß er recht billig zu einem guten Fernglas kommt! Aber für uns ist jedes Fett unendlich wichtig, ein Fernglas aber ein überflüssiger Luxus. Peter Merkel war noch nicht bei mir. Cousine Erna berichtete mir bei meinem letzten Besuch, Frau Hopf habe bei ihr angerufen und mitgeteilt, Peter sei im Krankenhaus. Ich bin entsetzlich erschrocken, hoffentlich heißt das nicht, er ist verhaftet worden. Aber da Frau Hopf gleichzeitig sagen ließ, sie werde sich wieder melden, ich solle nicht anrufen, sind mir die Hände gebunden, und ich kann nichts unternehmen. Vielleicht muß ich nun lange warten, bis ich wieder etwas höre. 16* 243 Bei diesem Besuch erhielt ich auch endlich die lang ersehnte Kennkarte. Auch das war eine große Enttäuschung, der Stempel ist so schlecht gemacht, daß selbst ein Laie ihn als falsch erkennen kann! Also ist das viele Geld nutzlos herausgeworfen, die Kennkarte als Ausweis nicht zu gebrauchen! Onkel Karl ließ mir von einem zuverlässigen Bekannten, der etwas davon versteht, bestätigen, daß es gefährlich sei, diese Kennkarte vorzuzeigen. Ich bin recht niedergedrückt und sehe vorläufig keinen Weg für mich. Aber es ist leichter, in einer Gemeinschaft von Leidensgefährten solche trüben Stimmungen zu überwinden als ganz allein. Wenn ich sehe, wie tapfer und heiter Evchen immer wieder und bisher stets vergeblich versucht, für Herbert und sich einen Weg aus Deutschland heraus zu finden, wie Lotte sich bemüht, uns ihre Sorgen und die Aussichtslosigkeit ihres Schicksals nicht merken zu lassen, nehme auch ich mich zusammen. Berlin, den 28. Februar 1943 Gestern bei Erna hoffte ich Nachricht von Frau Hopf über Peter Merkel zu finden, aber sie hatte sich nicht gemeldet. Auf dem Heimweg packte mich der Mut der Verzweiflung, und in der Halle des Untergrundbahnhofs ging ich kurz entschlossen in eine öffentliche Telephonzelle, um bei Merkels anzurufen. Sie hatten noch die alte, uns vertraute Nummer, zweimal versuchte ich vergebens, jemanden zu erreichen, die Leitung war besetzt. Draußen wartete ein junges Mädchen, ich ließ es in die Zelle, um noch etwas zu warten. Zunächst hatte es ebenso wenig Glück mit seinem Gespräch wie ich. Es hängte den Hörer ein, kam heraus und überreichte mir lächelnd meine Handtasche, die ich drinnen liegen gelassen hatte. Als es nach meinem zwei244 ten vergeblichen Versuch sein Gespräch beendet hatte, gab es mir meinen Schirm, den ich diesmal hatte stehen lassen, mit den freundlichen Worten: ,, Aber beim nächsten Mal müssen Sie selbst gut nachsehen, ob noch etwas in der Zelle geblieben ist, gnädige Frau, ich gehe jetzt heim. Guten Abend!" Ich zitterte vor Erregung an allen Gliedern, als ich den dritten Versuch unternahm. Und diesmal bekam ich die Verbindung. Die Stimme eines jungen Mannes antwortete. ,, Hier ist Buddeli", sagte ich fast tonlos. ,, Hallo, Buddeli, hier ist Peter. Du wunderst dich gewiß, daß ich nichts habe hören lassen, aber ich liege immer noch zu Bett, eine ganz abscheulich langwierige Erkältung hat mich gehörig rangekriegt. Aber denke nicht, daß ich dich vergessen habe, mein erster Ausgang führt bestimmt zu dir!" Aufatmend antwortete ich: ,, Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich freue, deine Stimme zu hören; liegst du denn zu Hause? Mir wurde berichtet, du seiest im Krankenhaus, und ich befürchtete, daß es sehr schlimm um dich stehe!" Er verstand sofort, was ich meinte, ich hörte ihn leise lachen. ,, Nein, nein, Buddeli, das muß ein Mißverständnis gewesen sein, ich habe die ganze Zeit zu Hause gelegen, allerdings an einer sehr unangenehmen und hartnäckigen Rippenfellgeschichte. Aber jetzt geht es mir besser. Mutti haben wir nichts davon geschrieben, daß ich so krank war, sie braucht ihre Erholungszeit sehr nötig und hätte sich nur aufgeregt und geängstigt, ohne mir helfen zu können. Aber wie geht es dir? Das ist wichtiger als mein Befinden." Ich erwiderte, daß es mir gut ginge, und wir verabredeten, daß ich ihn in Abständen von einigen Tagen anrufen sollte, um über seine Besserung auf dem laufenden zu sein. Er hatte erst vorgeschlagen, mich anzurufen, doch hatte ich das abgelehnt. Wir fünf waren übereingekommen, uns nicht bei Onkel Karl telephonisch sprechen zu lassen, auch von der Wohnung aus keine Gespräche zu führen.- Ich war wie betrunken, als ich die Telephonzelle verließ, sah mich aber, der Mahnung des freundlichen jungen Mäd245 chens eingedenk, doch sorgfältig um, ob ich nichts ver- gessen hatte. Peter war also wirklich krank gewesen, und schwerkrank dazu, das ging schon aus seinem langen Zu- bettliegen hervor, das der Arzt nie geduldet hätte, wenn es nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Wurde doch jeder Arbeitende seit langem strengstens angehalten, keinen Ar- beitstag zu versäumen, außer bei ernster Krankheit! Aber er war frei, nicht von der Gestapo geschnappt, wie ich die letzten Wochen hindurch gefürchtet hatte! Erna mußte Frau Hopf am Telephon mißverstanden haben. Aber das war jetzt gleichgültig, wichtig war nur, daß wieder die Hoffnung in mir zu keimen begann, mit Peters Hilfe einen Ausweg zu finden!— Zu Hause merkte mir„die Familie“, wie Onkel Karl uns fünf nannte, sofort meine Erregung an, und nun konnte ich ihnen auch von meinen Sorgen der letzten Wochen und meiner neuen Hoffnung berichten.„Ach, wie würde ich mich für dich freuen, Maierchen‘‘,— so hieß ich bei ihnen — sagte Evchen warm und legte ihre Hand auf meine, „wenn du eine gute Unterkunft fändest! Es ist doch schon geradezu ein Wunder“, setzte sie seufzend hinzu,„daß es mit uns bis jetzt gut gegangen ist!“ Da hörten wir draußen die Tür gehen. Onkel Karl kam heim. Er begrüßte uns freundlich.„Mir wird ordentlich warm ums Herz, Kinder- chen‘, sagte er heiter,„wenn ich euch hier so um den Tisch sitzen sehe. Mir ist heute ein Gedanke gekommen. Was könnte ich mir für die Zeit, wenn der Schwindel vorbei sein wird, für ein besseres Zeugnis meiner Nazigegner- schaft schaffen, als wenn ich mich mit euch fünfen malen ließe! Zugleich hätte ich ein schönes Andenken an euch alle! Aber wo bekomme ich den Maler dafür her? Ich fürchte, daran wird mein schöner Plan scheitern!“ Wir mußten herzlich lachen. ‚Ach, Papa“, sagte Evchen schmei- chelnd,„das hast du nicht nötig, dich mit uns verewigen zu lassen, obwohl sicher jeder von uns gern so ein Bild hätte, wir alle können hoffentlich noch einmal dafür sorgen, 246 daß man dich und deine Taten richtig einschätzt und dir wenigstens ein kleiner Teil vergolten wird!" Wir stimmten ihr alle zu. ,, Das könnte dir so passen", brummte Onkel Karl, der vor jeder Rührung Angst hat ,,, und vielleicht darüber vergessen, daß ich mit einem Bärenhunger nach Hause gekommen bin, der durch keine schönen Redensarten gestillt wird!" Lachend liefen Susi und Evchen in die Küche. Berlin, den 8. März 1943 Eben hat mich Peter Merkel verlassen. Was für ein großer, hübscher Kerl er geworden ist! Und was viel wichtiger, was für ein kluger und guter Mensch! Sehr männlich und weit reifer, als seinen zwanzig Jahren entspricht. Er mußte mir von seiner Mutter und seinen Geschwistern berichten und vor allem von den letzten Tagen seiner Tante Kläre. Ich erfuhr, wie alles für ihre heimliche Abreise vorbereitet war. Peter selbst war nach Freiburg gefahren und hatte mit den dortigen Freunden das Notwendige verabredet. Doch als er an dem festgesetzten Morgen zu ihr kam, um sie zum Bahnhof zu begleiten- sie durfte schon längere Zeit nicht mehr bei ihnen wohnen, Leute aus dem Haus hatten an der Anwesenheit der Jüdin heftigen Anstoß genommen, und sie mietete schließlich nicht allzu weit ein Zimmer in einer jüdischen Wohnung fand er sie tot im Bett. Ein Zettel erklärte, daß sie aus dem Leben gegangen war, weil sie die Kraft zu dem Weg in die Illegalität nicht mehr aufbringen konnte. Lene und die Kinder wie unendlich hat sie sie geliebt!- sollten ihr verzeihen und sie ruhig schlafen lassen. Peter fügte hinzu: ,, Tante Kläre hat Vaters Tod im Konzentrationslager nach den langen Jahren der Quälerei nie verwunden, im Grunde hat sie damals im Frühjahr 1940 schon den Todesstoß empfangen." - - - - - 247 Die Mutter habe es auch recht schwer, sie arbeite halbtags im Büro eines Rüstungsbetriebes und führe daneben den Haushalt für sie alle. Seine Schwester Eva bekleide eine Laborantinnenstelle, die sie sehr in Anspruch nehme, sie komme immer spät und müde nach Hause. Der jüngere Bruder sei weiter in Schleswig- Holstein als Landwirtschaftsgehilfe tätig, und Brigitte, das Nesthäkchen, komme Ostern aus der Schule und müsse dann ihr Landdienstjahr machen. Aber nun zu dir, Buddeli; erzähle mir, wie es dir hier geht, ich möchte alles wissen." Er erschrak, als ich ihm sagte, wir seien hier fünf ,, Untergetauchte" in der Wohnung. ,, Aber das ist unmöglich, Buddeli, das kann auf die Dauer nicht gut gehen. Du mußt so schnell wie möglich von hier fort. Ich würde sagen, du solltest sofort zu uns kommen, aber wir haben im Augenblick schon zwei Leute illegal bei uns wohnen, die bis zu Muttis Rückkehr bleiben. Doch im Notfall können wir auch für dich noch Platz schaffen." Ich wehrte ab. ,, Das wäre ja nicht viel anders als hier, wir wären bei euch zu dritt, und das ist zu viel. Nein, laß mich hier bleiben, bis sie fort sind und Mutti zu Hause ist. Wenn ich dann zu euch kommen darf, bin ich sehr dankbar. Doch möchte ich auch nicht lange bei euch sein, weil es mir für euch zu gefährlich erscheint. Am liebsten ginge ich überhaupt von Berlin fort. Meinst du, es sei möglich, zu euren Freunden nach Freiburg zu gehen? Schon wegen der Nähe der Schweizer Grenze wäre mir der Aufenthalt dort besonders lieb. Glaubst du, es gäbe mit der Zeit eine Möglichkeit, in die Schweiz zu kommen?" Peter nickte. ,, Du kannst versichert sein, ich werde alles tun, um dir hinüber zu helfen. Aber das braucht Zeit, im Augenblick habe ich keine Verbindungen. Die Freiburger werden dich sicher gern aufnehmen. Doch besprechen wir das alles, wenn du erst bei uns bist." Beim Abschied bat er nochmals eindringlich: ,, Nicht wahr, wenn irgend etwas passieren sollte, kommst du sofort zu uns, wir können es immer einrichten!" 248 Berlin, den 24. März 1943 Seit vorgestern bin ich bei Merkels. Lene hatte mir sagen lassen, sie komme am 22. morgens zurück und möchte, daß ich am gleichen Tag gegen Abend zu ihnen ziehen solle.- Der Abschied von der ,, Familie" und von Onkel Karl ist mir nicht leicht geworden; solche Umstände wie die, unter denen wir leben, binden in kurzer Zeit fester, als es sonst in Jahren der Fall wäre. Aber es ist bestimmt eine Verminderung der Gefahr für die drei Zurückbleibenden, und Onkel Karl kann wieder sein Schlafzimmer beziehen. Selbstverständlich werde ich sie von Zeit zu Zeit besuchen.- Das Wiedersehen mit unserer alten Freundin Lene weckte bei aller Freude viele schmerzliche Erinnerungen in uns beiden, wir konnten die Tränen nicht zurückhalten. Sie schüttelte den Kopf über mein Aussehen. ,, Du siehst aus wie eine unterernährte, alte Frau." Ich wehrte ab. ,, Es geht mir jetzt sehr gut; du hast mich nicht gesehen, als es mir wirklich schlecht gegangen ist. Bei Onkel Karl habe ich mich schon erholt!" - Alle sind rührend freundlich zu mir, sie lassen mich merken, daß sie sich über meine Anwesenheit freuen. Ich kann Lene manche Arbeit abnehmen, und sie ist dankbar dafür. Gestern abend, als die ganze Familie beisammen saß, sprachen wir über meine Pläne. Wir waren uns einig, daß ich erst wie es mein Wunsch ist, und wie es hier auch - alle billigen-Berlin verlassen und nach Freiburg gehen könne, wenn ich einen hieb- und stichfesten Ausweis besitze. Wieder ging die ominöse Kennkarte von Hand zu Hand, wieder mußten alle feststellen, daß sie völlig unmöglich ist. Lene meinte schließlich: ,, Wenn wir gar nichts Besseres finden, mußt du einen Betriebsausweis mit Lichtbild bekommen, dazu einen von der gleichen Firma ausgestellten Urlaubsausweis, doch gehört als drittes notwendiges Requisit unbedingt noch eine Kleiderkarte dazu. 249 Man braucht sie heute für jeden Erholungsaufenthalt, sie muß dort vorgelegt werden. Die Aufenthaltsdauer wird auf ihr vermerkt. Die beiden ersten Ausweise kann ich dir, wenn es sonst nicht möglich ist, von meiner Firma beschaffen." ,, Das wird nicht nötig sein“, meinte Peter ,,, das kann meine Freundin Hella sicher besorgen. Sie hat als Prokuristin ihrer Firma alle notwendigen Formulare zu ihrer Verfügung. Und wegen einer Kleiderkarte muß ich mit dem, Pelztier' sprechen." Er erklärte mir dann, daß er in seinem Betrieb mit einem jungen Franzosen arbeite, der zwangsweise zur Arbeit nach Deutschland gebracht worden sei, der seines ähnlich klingenden Namens wegen das ,, Pelztier" genannt werde und sich allgemeiner Beliebtheit erfreue. Er, Peter, habe sich mit ihm angefreundet. Das ,, Pelztier" habe seine Hände überall im Schwarzhandel, viel mehr aus Sabotagegründen als um materieller Vorteile willen. ,, Er wird uns auch Lebensmittelkarten für dich beschaffen, hoffe ich, und wegen einer Kleiderkarte werde ich gleich morgen mit ihm sprechen."- Übrigens muß ich noch ergänzen, daß der Handel mit dem Fernglas zustande gekommen ist auf der Grundlage von zweieinviertel Kilogramm Butter und hundertfünfundzwanzig Gramm Bohnenkaffee. Die Butter wird in Raten bezogen, jede Woche ein Pfund. Die ersten zwei Pfund habe ich mit der ,, Familie" geteilt, die letzten zweieinhalb Pfund und der Kaffee werden in den nächsten Wochen hier verbraucht werden.- Auch von dem schwersten Luftangriff über Berlin, der seit dem Kriege stattgefunden hat, am späten Abend des 1. März will ich dir nachträglich berichten. Gegen halb zehn Uhr wurde Alarm gegeben. Wir fünf waren zu Hause, nur Onkel Karl, der in den ersten und letzten Tagen des Monats immer besonders viel zu tun hat, war noch in der Fabrik. Sofort nach dem Alarm fielen die ersten Bomben. Es kam uns vor, als gingen sie in allernächster Nähe nieder. Unheimlicher noch als die Bombeneinschläge klang das un250 aufhörliche Donnern der großen Flakgeschütze vom Zoo. Das Haus, das sehr wenig stabil gebaut ist, so leicht, daß es nicht einmal einen Luftschutzkeller hat, zitterte merkbar, alle Scheiben klirrten, doch konnten wir schnell noch die Fenster öffnen, so daß sie nicht zerbrachen wie in vielen anderen Nachbarwohnungen. Uns kann es nur lieb sein, daß im Hause kein Luftschutzkeller ist, wir könnten ihn doch nicht aufsuchen und uns der genauen Beobachtung und der Neugier der Hausbewohner aussetzen.- Wieder, wie schon bei allen früheren Alarmen, stellte ich fest, daß ich ohne jede Angst und Aufregung dem furchtbaren Dröhnen wie ein vollständig unbeteiligter Zuschauer folgte. Wir hielten uns in dem Berliner Zimmer auf, das am geschütztesten lag. Ab und zu ging ich mit Herbert ins dunkle Herrenzimmer, um aus dem Fenster auf die Straße zu sehen. Sehr bald bemerkten wir am Himmel einen starken Feuerschein, und dicke Rauchwolken quollen aus einem gegenüberliegenden Hause. Der Feuerschein verstärkte sich, es mußte ganz in der Nähe ein ungeheurer Brand sein; jetzt spürten wir am offenen Fenster den heißen, unheimlich brausenden Wind, der das Anzeichen einer nahen starken Feuersbrunst ist. Nun tönte auch Geschrei vorbeihastender Leute von der Straße herauf, ja, wir sahen an einzelnen kleine Flammen zucken, die schnell wuchsen. Später erst erfuhren wir, daß sie in Phosphor getreten waren. Damals wußte man noch nichts von der sich ständig ausbreitenden Gefahr des Phosphors, das ihn so unheimlich macht. Inzwischen hat man gelernt, sich durch Einhüllen in nasse Tücher etwas zu schützen. Das ganze Bild machte von oben gesehen wir befanden uns im zweiten Stockwerk- einen völlig unwirklichen gespenstischen Eindruck, der durch das Dröhnen der Flak, das Schreien der Menschen und das Schwirren der Flugzeuge noch erhöht wurde. Nach etwa vierzig Minuten war alles vorbei, Endalarm wurde gegeben. Wir riefen Onkel Karl an und atmeten auf, als wir seine Stimme hörten. Er versprach, sofort zu kommen. - - 251 - - Er berichtete uns, daß der Winterfeldtplatz brenne, ebenso eine Häuserreihe in der Gleditschstraße ganz schwer getroffen sei. Auch die Häuser um den Pragerplatz seien zusammengestürzt. Später erfuhren wir von vielen weiteren schweren Schäden in verschiedenen Stadtteilen. Die Berliner haben durch diesen Angriff einen schweren Schock erlitten und ahnen, was noch alles kommen könne! Abends hasten die Menschen noch mehr als sonst schon die Straßen entlang, um nur ja schnell vor einem eventuellen Alarm heimzukommen; das Stoßen und ungestüme Drängen an den Trambahnhaltestellen, den Untergrund- und Schnellbahnhöfen ist ärger geworden als je zuvor. Die Gesichter sind noch gespannter und ernster, ja düster, und von der sogenannten Volksgemeinschaft ist absolut nichts mehr zu spüren. Noch ein Einzelerlebnis will ich dir berichten. Die Besitzerin des Kolonialwarenladens, in dem Onkel Karl seit Jahren einkauft, wo er wohl auch vielerlei bekommt, was gewöhnliche Sterbliche nicht mehr erhalten, hat sowohl ihr Geschäft wie ihre Wohnung, die beide in der Gleditschstraße, aber in verschiedenen Häusern waren, verloren. Sie selbst wurde mit den meisten übrigen Bewohnern ihres Hauses vermißt. Da der Keller völlig zerstört war, gab man die Leute verloren. Doch zwei volle Tage später tauchten sie plötzlich alle miteinander, verrußt und erschöpft, aus einem Keller einer ziemlich entfernten Straße wieder auf. Sie waren, als ihr eigener Keller vom Einsturz bedroht war, in ein Nebenhaus durchgebrochen und ganz allmählich von Keller zu Keller weitergewandert. Schließlich waren sie auf das Wein- und Konservenlager irgend eines Geschäfts gestoßen, hatten ihren schlimmen Hunger und Durst stillen können und waren endlich wieder, vorsichtig Ausschau haltend, aus dem letzten Keller auf die Straße gelangt. Die Lebensmittelhändlerin, die mir übrigens sehr wenig sympathisch ist auch Onkel Karl schätzt sie charakterlich sehr niedrig ein hat ihm das Erlebnis mit allen Einzelheiten erzählt, und er berichtete es uns.- 252 - - Die Häuser am Pragerplatz sind verschwunden, vollkommen in Trümmer gesunken, bis auf ein einziges. Ich fuhr mit der Straßenbahn vorbei, auf dem Balkon im zweiten Stockwerk des intakten Hauses hängte ein Mädchen Wäsche auf. Angesichts der weiten Trümmerstätte ringsum wirkte das besonders grotesk. Berlin, den 18. Mai 1943 Kürzlich kam Peter triumphierend abends nach Hause, schon im Flur laut nach mir rufend: ,, Rate, Buddeli, was ich habe!" Ich zuckte mit den Achseln. ,, Das kann ich nicht raten, oder hat, das Pelztier vielleicht wieder Margarine aufgetrieben, die ich, der Familie' bringen kann?" ,, Ja, auch die kannst du wieder bekommen, soll ich dir bestellen, aber heute bringe ich dir die ersehnte Kleiderkarte! Noch dazu eine völlig echte und gar nicht sehr teuer! Hier hast du sie!" Sprachlos vor Staunen nahm ich sie entgegen. Sie. war ziemlich abgegriffen, ja ein bißchen angeschmuddelt. Ihre Besitzerin hatte anscheinend notwendig Geld gebraucht und sie verkauft. Sie war auf den Namen ,, Martha Schröder" ausgestellt, das Geburtsdatum lautete auf den 20. Oktober 1906. ,, Höre, Peter, ihr seid Prachtskerle und, das Pelztier' ein Tausendsassa", rief ich in meiner Freude und umarmte ihn. ,, Bitte, auf jede Backe einen Kuẞ", sagte er übermütig lachend ,,, einen für mich, einen fürs, Pelztier." ,, Hallo", rief Lene aus dem Wohnzimmer ,,, was gibt's da draußen, wir wollen auch wissen, worüber ihr so vergnügt seid!" Schnell wurden sie und die übrigen Familienmitglieder unterrichtet. ,, Aber Peter ich will dich nicht beleidigen, Buddeli doch wer wird dir glauben, daß du 1906 geboren bist, immerhin fünfzehn Jahre später als in Wirklichkeit!" ,, Das verlangen wir auch gar nicht", erwiderte Peter vergnügt ,,, ist schon alles bedacht. Wir hätten uns - 253 gar keine schönere Jahreszahl wünschen können als gerade ‚1906‘. Sieh dir die Null an, man kann mit Leichtigkeit eine ‚9° daraus machen und aus der ersten ‚9‘ eine ‚8°. Die paar lumpigen Jahre Unterschied zwischen 1891 und 1896 spielen keine Rolle, und da Namen, Adresse und Geburts- datum mit Tintestift geschrieben sind und sowieso ein biß- chen verwischt, läßt sich die Änderung so machen, daß nie- mand etwas merkt. Ich finde aber vor allem, daß ‚Martha Schröder‘ ein herrlicher Name ist, viel schöner als Leonie Maier, seid ihr nicht auch der Meinung?“ Wir stimmten ihm alle zu.„Jetzt fehlt nur noch der Lichtbildausweis“, sagte Eva Merkel,„dann hast du alles, was du brauchst, Buddeli. Und da ist mir eine Idee gekommen, die ich mit euch besprechen will. Meine Freundin erzählte mir nämlich, daß die zwei Damen, die bei ihr ‚untergetaucht‘ leben, ver- suchen wollen, sich einen Postausweis zu verschaffen. Ein Postausweis— danach habe ich mich erkundigt— ist genau so gut wie eine Kennkarte und überall als Personalausweis gültig. An sich braucht man dazu eine Geburtsurkunde, . doch kann in besonderen Fällen davon abgesehen werden, wenn der betreffende Briefträger die Person dessen, der einen Postausweis begehrt, indentifiziert. Nun müßten wir in den nächsten zehn bis zwölf Tagen Buddeli ein paar ein- geschriebene Briefe schicken. Sie nimmt sie selbst an und sagt unserer Briefträgerin bei dem Empfang etwa des dritten und letzten, sie möge ihr doch einen Rat geben, was sie künftig machen solle. Sie bekäme häufiger einge- schriebene Briefe, erwarte auch gelegentlich Geldsendungen mit der Post. Augenblicklich sei das sehr einfach, weil Buddeli Arbeitsurlaub habe und selbst quittieren könne. Aber ihr Urlaub laufe bald ab, und ihre Arbeitszeit liege so ungeschickt, daß die Post immer geschlossen sei, wenn sie frei habe. Dann wird unsere Briefträgerin, die ja sehr freundlich und verständnisvoll ist, sicher sagen: ‚O, das ist sehr einfach, Sie müssen einen Postausweis beantragen, mit dem kann ihre Wirtin oder ein beliebig von Ihnen Beauf- 254 “. tragter alle Postsendungen für Sie empfangen oder holen.‘ „Großartig, Eva“, fiel ich ein,„du brauchst die Sache nicht weiter auszumalen, wenn wir soweit sind, finde ich mich schon selbst zurecht!“„Also gut“, sagte Peter,„das scheint mir ein durchaus gangbarer Weg zu sein. Morgen schreibe ich dir den ersten eingeschriebenen Brief, fünf Tage später Eva den zweiten. Ich meine fast, das sollte genügen, wenn Buddeli in der Zwischenzeit täglich die Post von der Brief- trägerin in Empfang nimmt. Noch ein dritter eingeschrie- bener Brief in so kurzer Zeit könnte auffallen. Wichtig wäre, daß Buddeli immer ein paar Worte mit der Brief- trägerin wechselt, damit sich ihr Buddelis Person einprägt und die Bitte um einen Rat wegen späterer Geldsendungen nicht zu unvermittelt kommt.“ Ich konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen. Das Groteske in meiner Situation trat mir besonders vor Augen. Wie tief in Betrug und Schwindel, von Urkundenfälschungen gar nicht zu reden, war ich verstrickt! Wie sehnte ich mich, aus diesem Lügengewebe herauszukommen und wieder ein Leben in Legalität und Aufrichtigkeit zu führen! Wann würde das der Fall sein?! Andererseits: wie dankbar mußte ich sein, daß immer wieder Menschen sich unter Gefahr ihres eigenen Lebens für mich einsetzten, mich aufnahmen, verpflegten und mir weiter halfen! Ich schwor mir: Wenn die Sache mit dem Postausweis glücken sollte— es klang fast zu schön und einfach, um Wahrheit zu werden!— wollte ich so rasch wie möglich aus Berlin fort, wo gar zu viele Schicksalsgefährten illegal lebten, fort vor allem von Merkels, die auch ohne meine Anwesenheit stark belastet waren, einmal als Halbarier, dann durch ihre frühere po- litische Einstellung und ihr mutiges Eintreten für die Ver- folgten und Gehetzten. Schon am nächsten Morgen konnte ich auf Grund eines versehentlich bei uns eingeworfenen Briefes ein Gespräch mit der wirklich sehr freundlichen Briefträgerin anknüpfen. Wieder einen Tag später erhielt ich den ersten eingeschrie- 255 benen Brief, bei dessen Empfang sich leicht ein bißchen plaudern ließ. Ich bedauerte die Beamtin, die an diesem Tag eine besonders schwere Posttasche zu tragen hatte. Sie meinte, man freue sich ordentlich, wenn wirklich einmal jemand Verständnis für ihre nicht leichte Arbeit habe und dies auch äußere. Die meisten nähmen nur kurz ihre Post entgegen und schlügen dann schnell die Haustüre wieder zu.„Aber Sie sind auch noch nicht lange hier“, sagte sie schließlich. Das war mir gerade recht.„Nein, ich bin erst vor kurzem von der Rathausstraße“— so lautete die Adresse auf meiner Kleiderkarte—„hierhergezogen. Und ich habe meinen Arbeitsurlaub zum Umzug benutzt. Jetzt habe ich noch zehn Tage zum Eingewöhnen hier, ehe ich wieder im Betrieb anfangen muß.“„Da wünsche ich Ihnen noch gute Erholung“, nickte sie grüßend und lief weiter. Gestern, nach weiteren sechs Tagen, bekam ich den zweiten Einschreibebrief von Eva Merkel, und nun verlief meine Unterhaltung mit der Briefträgerin ganz programm- gemäß. Gewiß, es wäre das beste, wenn ich mir einen: Post- ausweis ausstellen ließe, ich benötigte dazu nur eine Ge- burtsurkunde.„Aber die habe ich nicht“, entgegnete ich ihr,„und ich kann sie mir auch nicht so bald verschaffen. Ich stamme aus Essen im Rheinland, das dortige Polizei- amt ist völlig ausgebombt, es wird lange dauern, bis die Ur- kunden wieder ergänzt und verfügbar sind.“„Das braucht Ihnen keine Sorgen zu machen“, tröstete sie freundlich, „auf die Geburtsurkunde kann verzichtet werden, wenn der Briefträger die betreffende Person kennt und sie ausweist. Morgen geht es schlecht, da habe ich meinen freien Tag, aber wenn Sie übermorgen um elf Uhr vormittags aufs Postamt, Zimmer Nummer X kommen, bin ich da. Sagen Sie dem Beamten, die Briefträgerin Frau N. N. könne Sie ausweisen, dann werde ich gerufen.“ Ich dankte ihr sehr für ihre Freundlichkeit. Morgen gehe ich um.elf Uhr zum Postamt. Ich kann aber immer noch nicht glauben, daß ich wirklich den so ersehnten Ausweis erhalten soll. 256 Berlin, den 24. Mai 1943 Es hat sich gezeigt, wie wichtig ein Notquartier für alle Fälle ist! Ich sitze auf dem Balkon der Wohnung alter Freunde, wohin ich heute früh nach telephonischer Anmeldung durch Eva Merkel übersiedelte. Doch ich will der Reihe nach erzählen. - Am 19. Mai, einem Mittwoch, ging ich klopfenden Herzens auf das Postamt. Du kennst das große Gebäude am Tempelhofer Ufer, nahe beim Halleschen Tor. In dem mir bezeichneten Zimmer saß eine Beamtin und fragte nach meinem Begehr. Ich bat um Ausstellung eines Postausweises und nannte den Namen unserer Briefträgerin, die bestätigen könnte, daß ich die Betreffende wirklich sei. Frau N. N. wurde telephonisch gerufen, erschien sofort, begrüßte mich freundlich wie eine alte gute Bekannte, und erklärte, sie wisse, daß ich Martha Schröder, wohnhaft X- Straße Nummer... sei. Die Beamtin nickte, die Briefträgerin verschwand. Ich gab meine neu angefertigten Lichtbilder, eines wurde auf den Ausweis aufgeklebt, meine Personalien aufgeschrieben, die Stempelmarke mit dem Bild des Führers unter mein Photo geklebt und das ganze mir zur Unterschrift vorgelegt. Kühn schrieb ich ,, Martha Schröder" hin. Das ganze kostete 50 Pfennig und das Porto für einen eingeschriebenen Brief, in welchem mir der Ausweis durch die Post etwa übermorgen weil noch eine Unterschrift eines höheren Beamten fehle - - zugesandt werde. Damit war ich entlassen. Immer noch konnte ich nicht an mein Glück glauben. Aber pünktlich am Freitag überreichte mir die Briefträgerin mit der übrigen Post den eingeschriebenen Brief, der den Ausweis enthielt. Ich dankte für ihre Freundlichkeit und Hilfe sie ahnte glücklicherweise nicht, wie groß diese gewesen war!! und gab ihr für ihre Mühe ein kleines Extratrinkgeld, das sie erst als nicht nötig abwehrte, dann aber dankend annahm. - 17 Behrend, Ich stand nicht allein 257 Ich hatte wirklich einen gültigen, guten Ausweis! Ob er mir das Tor in die Freiheit öffnen würde? Ich hatte das Gefühl, ihr wesentlich näher gekommen zu sein. Die ganze Familie teilte meine Freude, mein Postausweis ging von Hand zu Hand und wurde gebührend bewundert. Lene schrieb auf meinen Wunsch sofort an die Freiburger, daß ich in etwa einer Woche zu ihnen kommen würde. Alle Vorbedingungen seien nun erfüllt, der genaue Ankunftstermin würde ihnen noch mitgeteilt. Doch ehe ich reiste, wollte ich unbedingt noch einmal zu Onkel Karl und der ,, Familie", die wie bei meinem Fortgehen von ihnen, aus Lotte, Herbert und Evchen bestand. Ich wußte, daß Lotte immer noch auf die Fertigstellung ihrer Kennkarte wartete, und daß sie recht pessimistisch in bezug auf ihre spätere Verwendbarkeit war. Ich wollte unbedingt mit Lotte besprechen, ob nicht auch für sie ein Postausweis besorgt werden könnte. Die Verhältnisse dort hatten sich inzwischen verschärft. Die häufigen Alarme hatten die Portiersfrau bewogen, von Onkel Karl den Wohnungsschlüssel für die Zeit seiner Abwesenheit zu verlangen. Wenn nun die Sirene erklang, mußte ,, die Familie" sofort und möglichst ohne gesehen zu werden verschwinden, um nicht von der Portiersfrau auf ihrem Rundgang dort angetroffen zu werden. Zwar war bis jetzt alles gut gegangen, Onkel Karl hatte auch sonst Sicherungen getroffen. Eine seiner Angestellten, die unbedingt zuverlässig war, hatte er ins Vertrauen gezogen. Ein Betriebsausweis auf ihren Namen mit Evchens Bild wurde angefertigt, für Herbert ein ebensolcher mit Namen und Adresse eines seiner Arbeiter hergestellt. Evchen hieß Hildegard Müller, Herbert Walter Krüger. Wenn nun Lotte noch einen Postausweis bekam, war die schlimmste Gefahr abgewendet. Denn daß Onkel Karl schon immer in großzügiger Weise gastfreundlich war, daß auch seine Arbeiter und Angestellten zu ihm in einem patriarchalischen Verhältnis standen und außerhalb der Arbeitszeit in seiner Wohnung verkehrten, 258 ja auch gelegentlich übernachteten, war im Hause allgemein bekannt. an. Ich meldete mich telephonisch für Samstagnachmittag Samstag war einer jener lichten Frühlingstage, wie Berlin sie nur selten und eigentlich nur im Mai erlebt. Noch ist das Grün der Straßenbäume, der Büsche und Rasenplätze leuchtend hell und ohne Staub, der Himmel spannt sich besonders hoch und licht über die Stadt, ja selbst die sonst so ernsten Gesichter der Menschen auf den Straßen scheinen mir ein wenig heiterer zu sein. Oder kam mir das alles nur so vor, weil ich selbst so viel zuversichtlicher und freier in die Zukunft sah? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß seit Jahren, ja, seit dem Frühjahr 1941 im Isartal, ich zum ersten Mal wieder bewußt etwas vom Frühling sah und in mich aufnahm! Ich konnte mich an diesem wunderbar durchsonnten Nachmittag nicht entschließen, mich in eine vollgepfropfte Tram zu drängen, ich machte den etwa halbstündigen Weg lieber zu Fuß. An meinem Ziel öffnete mir Evchen auf das besondere Klingelzeichen, das mit nahen Freunden des Hauses ausgemacht war. ,, Schön, daß du kommst, Maierchen", begrüßte sie mich. Im Herrenzimmer saẞ Lotte auf einem der Sessel am runden Tisch, Herbert und ein mir fremder junger Mann arbeiteten an Onkel Karls großem Grammophon, das schon lange kaputt war. Der junge Mann wurde mir als Felix H. vorgestellt, ein Freund von Herbert, Jude wie wir und gleichfalls illegal lebend. Sehr bald kam ich auf den Hauptzweck meines Besuches zu sprechen, erzählte, daß ich heute Abschied von ihnen nehmen wollte, weil ich in der kommenden Woche nach Freiburg führe. Und dann zeigte ich voll Stolz meinen Postausweis und erklärte den aufmerksam Zuhörenden, wie ich ihn erlangt hatte. ,, Aber wenn du nun auch Schröder heiBest, für uns bleibst du doch das Maierchen, nicht wahr?" fragte Evchen lustig. Ich nickte. ,, Höre, Lotte, du solltest mit 17* 259 Onkel Karl besprechen, ob es nicht angeht, wenn du dir auf ähnliche Weise wie ich einen Postausweis zu beschaffen suchst. Die Sache mit deiner Kennkarte ist doch sehr zweifelhaft und vor allem dauert es so schrecklich lange, bis du sie bekommst. Ich weiß, daß es schwierig sein wird, plötzlich Post hierher an dich zu senden, doch sollte sich das irgendwie ermöglichen lassen. Es tut mir leid, daß Onkel Karl nicht hier ist, wir hätten dann gemeinsam überlegen können." Lotte stimmte mir zu, ich wußte ja, daß ihre Ausweislosigkeit sehr drückend für sie war. ,, Was hast du eigentlich für einen Ausweis, Felix?" fragte ihn Evchen. Er hielt mit der Arbeit inne und kam zu uns an den Tisch. ,, Ich habe einen Ausweis als italienischer Arbeiter", antwortete er und reichte ihn Evchen zur Ansicht. ,, Kannst du denn genügend italienisch?" warf Herbert ein. ,, Leider nicht", sagte er seufzend. ,, Ich habe mir zwar einige Sätze italienisch angeeignet und bemühe mich auch, mich weiterzubilden, aber es ist nicht weit her mit meinen Kenntnissen. Durch einen Italiener in dem Betrieb, in dem ich zuletzt arbeitete, durch den ich übrigens auch meinen Ausweis bekommen habe, konnte ich mich ein bißchen im Sprechen üben. Ich muß schließlich froh sein, diesen Ausweis zu haben. Ein Postausweis ist für Frauen wunderbar, aber für uns jüngere Männer hat er gar keinen Zweck, weil man immer nach Militärpapieren fragen würde." Er machte sich wieder an seine Arbeit. Da klingelte es an der Wohnungstür. Unschlüssig sahen wir uns an. Läuten an der Wohnungstür war ein besonderes Kapitel, niemand von uns konnte es ohne furchtbaren Schreck hören. Zögernd erhob sich Evchen. ,, Es ist wohl am besten zu öffnen, man kann draußen hören, daß hier gesprochen wird. Wir waren unvorsichtig, so laut zu sein." Sie schob den Riegel zurück und kam gleich darauf mit einem hochgewachsenen Polizisten wieder. Ich glaube, uns allen stand einen Moment das Herz still, aber keiner rührte sich. Der Beamte, ein jüngerer Mann in grü260 ner Uniform, hob kurz die Hand zum Gruß. ,, Hat die Wohnung einen zweiten Ausgang?" fragte er soldatisch knapp. ,, Nein", sagte Evchen. ,, Gut", erwiderte er ,,, führen Sie mich durch die Räume." ,, Erlauben Sie", sagte Evchen sehr ruhig und bestimmt ,,, daß ich zunächst Herrn R., den Inhaber der Wohnung, telephonisch verständige. Wir alle wohnen nämlich nicht hier."„ Das hat Zeit bis später", wehrte der Beamte kurz ab. ,, Zuerst will ich die Wohnung sehen." ,, Wie Sie wünschen", entgegnete Evchen, ging mit ihm durch das anschließende Eẞ- oder Berliner Zimmer und weiter auf den Flur, an dem die übrigen Räume lagen. Wir Zurückbleibenden sahen uns entsetzt an. Bleich bis in die Lippen flüsterte Lotte mir zu: ,, Sollen wir nicht schnell fliehen?" Schnell ergriff ich ihre Hand, die eiskalt war. ,, Ruhe, Lotte, jetzt fortzugehen wäre das Dümmste, das wir tun könnten. Je unbefangener wir uns geben, desto besser. Ihr beiden Männer arbeitet ruhig weiter, und wir Frauen bleiben hier sitzen, als wenn wir im Plaudern eben unterbrochen wurden. Die Unterhaltung mit dem Schupo überlaẞt Evchen und mir." Gleich darauf kamen beide wieder. ,, Und nun", sagte der Beamte kurz ,,, muß ich die Herrschaften um ihre Ausweise ersuchen." ,, Bitte sehr", antwortete Evchen und holte aus ihrer auf dem Tisch befindlichen Handtasche ihren auf ,, Hildegard Müller" lautenden Arbeitsausweis heraus. ,, Vielleicht darf ich gleich noch etwas zur Erklärung sagen", fuhr sie gewandt fort zu reden. ,, Sie sehen aus meinem Ausweis, daß ich bei Herrn R. angestellt bin. Herr R. ist Junggeselle, und ich bringe ihm nach meiner Arbeitszeit öfter einmal die Wohnung in Ordnung, koche auch gelegentlich für ihn. Uebrigens erwarten wir ihn jeden Augenblick. Er ist mit Arbeit in der Fabrik überhäuft und deshalb noch in seinem Betrieb." Der Beamte hatte sein Notizbuch herausgezogen und notierte Namen und Adresse von Hildegard Müller. Dann gab er ihr mit einer kleinen höflichen Verbeugung den Ausweis zurück. ,, Aber wollen Sie sich nicht setzen?" 261 mischte ich mich jetzt ein,„im Stehen ist das Schreiben doch gar zu unbequem.“ Wieder eine kleine Verbeugung, diesmal zu mir hinüber.„Wenn Sie gestatten, setze ich mich wirklich.‘ Er nahm neben mir auf der Couch Platz. „Walter, hast du deinen Ausweis bei dir?“ fragte Evchen zu Herbert hinüber. Sie ging zu ihm, der, mit dem Kopf nickend, ihr seinen Ausweis übergab. Sie reichte ihn dem Beamten.„Walter Krüger ist ein Arbeitskollege von mir. Herr R. hatte ihn beauftragt, sein kaputtes Grammophon zu reparieren.“„Und ich habe meinen Bekannten, Gio- vanni Corti, der zeitweise in unserem Betrieb beschäftigt war und viel von diesen Apparaten versteht, gebeten, mir zu helfen‘, fiel Herbert ein. Der Beamte hatte auch Walter Krügers Personalien notiert und gab Evchen den Ausweis zurück, die ihn Herbert brachte.„Wollen Sie mir Ihren Ausweis geben, Herr Corti“, sprach sie Felix an, der stumm das Papier aus der Brusttasche zog. Auch Felix’ Persona- lien wurden aufgeschrieben.„Und hier“, fuhr Evchen fort, indem sie auf Lotte wies,„ist meine Mutter, Frau Minna Müller. Herr R. hat meine Mutter und unsere gemeinsame Freundin Fräulein Schröder heute eingeladen, mit ihm den Tee zu nehmen. Fräulein Schröder, haben Sie einen Aus- weis bei sich?‘ wandte sie sich an mich.„Selbstverständ- lich“, antwortete ich,„sogar meinen neu ausgestellten Post- ausweis!“ und damit reichte ich ihn dem Polizisten, der Name und Nummer notierte und nach meiner Adresse fragte. Ich gab die in der Kleiderkarte vermerkte in der Rathausstraße an.„Ist das in Steglitz?“ fragte der Beamte. „Nein, in Berlin Mitte“, erwiderte ich ihm.— „Und nun“, sagte er viel verbindlicher als im Anfang, nachdem er Bleistift und Notizbuch in: seiner Brusttasche versorgt hatte, und lehnte sich mit entspanntem Gesichts- ausdruck zurück wie jemand, der froh ist, unangenehme dienstliche Obliegenheiten zu einem guten Ende gebracht zu haben,„nun will ich Sie über meinen Besuch aufklären. Ich habe mich ja zu meiner Freude überzeugen können, 262 daß hier alles in denkbar bester Ordnung ist. Aber wir bekamen eine Denunziation, die behauptete, Herr R. verberge in seiner Wohnung dauernd illegal lebende Juden! Sie staunen, nicht wahr? Aber Sie ahnen ja nicht", fuhr er mit einem Seufzer fort zu reden, ,, was wir auf dem Revier täglich an Denunziationen über uns ergehen lassen müssen! Und wir sind verpflichtet, jeder einzelnen nachzugehen, wenn sich auch die meisten als böswillige Verdächtigungen oder Verleumdungen herausstellen! Doch jetzt will ich Sie nicht länger stören, verzeihen Sie die unliebsame Unterbrechung. Ich wünsche einen recht guten Abend!" Er erhob sich, schlug die Hacken zusammen und hob die Hand zum Gruß. Evchen begleitete ihn hinaus, wir hörten sie im Flur noch mit dem Beamten sprechen. Als sie zurückkam, ließ sie sich stumm auf die Couch neben mir fallen.„ Uff", sagte sie nur. Jetzt, hinterher, als die Gefahr zunächst vorüber schien, zitterten mir die Knie. Erst ganz allmählich fanden wir die Sprache wieder. Ich gab mir einen Ruck, Herbert und Felix waren an den Tisch gekommen und setzten sich zu uns. ,, Laẞt uns überlegen, wie die Sache weitergeht", sagte ich. ,, Nun geht er zum Revier zurück und macht wahrscheinlich seinen Bericht, vielleicht nur mündlich, vielleicht aber auch schriftlich. Doch es ist Samstagnachmittag, weitere Nachprüfungen werden, zumal er die Denunziation für völlig aus der Luft gegriffen hält, wohl kaum vor Montag erfolgen. Dann wird er feststellen, daß sowohl bei Hildegard wie bei Minna Müller die angegebene Adresse stimmt, beide wohnen dort seit längerer Zeit, auch ihre Personalien sind in Ordnung. Das gleiche trifft für Walter Krüger zu. Es kann sein, daß man sich mit diesen Feststellungen als Stichprobe begnügt, es ist aber gut möglich, daß man auch die übrigen Angaben nachprüft. Und dann wird die Sache faul. Weder Giovanni Corti noch Martha Schröder wohnen dort, wo sie angegeben haben. Ihr müßt Onkel Karl sofort nach seinem Heimkommen alles berichten, vielleicht wäre es gut, 263 wenn er zum Revier ginge, wo man ihn ja genau kennt, da er schon viele Jahre hier wohnt, aber daß muß er entscheiden." ,, Wißt ihr, von wem die Denunziation kommt?" warf Evchen ein. Wir sahen sie fragend an. ,, Ich habe draußen im Flur danach gefragt, natürlich im Interesse von Herrn R., dem ich sofort Bericht erstatten würde. Er erklärte, das dürfe er eigentlich nicht verraten, aber er kenne Herrn R. gut und wisse, was für ein feiner, anständiger Mann er sei, und er halte diese Denunziation für besonders gemein. Die Lebensmittelhändlerin ist es, die ausgebombte, dieselbe, die damals von einem Keller zum anderen wandern mußte, die der Papa ein paar Tage hier hat wohnen lassen, weil sie ihm so leid tat und uns auch, daß wir gleich bereit waren, für diese Zeit in Papas Fabrik zu übernachten und uns tagsüber meistens auf den Straßen herumzudrücken", stieß sie mit blitzenden Augen hervor. ,, Aber ich bin froh, daß wir es wissen!" fügte sie noch hinzu. , ,, Vielleicht wird es gut sein, wenn ihr vorläufig wieder in der Fabrik schlaft", meinte ich nach einer kurzen Pause. ,, Ich bleibe jetzt noch ein bißchen hier, man kann ja nicht wissen, ob der Schupo nicht doch unten wartet oder einen Kollegen mit der Beobachtung des Hauses beauftragt hat. Jedenfalls werde ich sehr gut Umschau halten, wenn ich fortgehe. Vom Telephonhäuschen in der Untergrundbahnstation rufe ich euch dann an, melde mich als Frau Maier und sage, falls die Luft rein ist, ich wollte mich vor meiner Reise noch bei euch melden und euch auf Wiedersehen sagen. Sollte ich das Gefühl haben, daß der Hauseingang beobachtet wird, sage ich, ich hätte so lange nichts von mir hören lassen, weil es mir gesundheitlich schlecht gegangen wäre. Felix soll erst nach meinem Anruf fortgehen. Aber nun muß ich dir doch meine Bewunderung für deine Geistesgegenwart ausdrücken, Evchen", rief ich aus. ,, Das macht dir so leicht niemand nach! Und Lotte als deine Mutter vorzustellen, war geradezu ein Genieblitz!"„ Und er hat nicht mal gemerkt", sagte Evchen eifrig ,,, daß Lotte keinen 264 Ausweis hatte! Schon als ich ihm die Zimmer zeigte, war mir der Gedanke gekommen, Lotte auf diese Weise durchzuschmuggeln", sie brach in ein erregtes Lachen aus. Allmählich wurden auch den anderen die Zungen gelöst, im Reden entspannten wir uns ein wenig. ,, Mir ist richtig schlecht geworden, als ich den Polizisten in der Türe stehen sah", sagte Lotte. ,, Du Armes", rief Evchen mitleidig ,,, du warst ja auch von uns allen am schlimmsten dran, und ich freue mich, daß ich dir helfen konnte!" Etwa eine halbe Stunde später verließ ich das Haus. Niemand begegnete mir auf der Treppe und im Hausflur. Gerade vor der Haustür war eine Tramhaltestelle, es konnte nicht weiter auffallen, wenn ich mich dort zu den übrigen Wartenden gesellte. Ich ging hin und her, meine Augen suchten die Straße auf beiden Seiten ab. Nichts Verdächtiges war zu sehen. Ich wartete etwa fünf Minuten, dann ging ich langsam zum Untergrundbahnhof und telephonierte. Evchens Stimme meldete sich. Ich hörte sie aufatmen, als ich die verabredeten Sätze sprach. Ich fuhr nach Hause. Lene, die ich zuerst allein antraf, war tief erschrocken, auch Peter und Eva waren bestürzt, nachdem ich ihnen alles berichtet hatte. ,, Armes Buddeli", sagte Eva Merkel herzlich ,,, wie hast du dich mit dem Postausweis gefreut, und gleich muß wieder ein Dämpfer kommen." ,, Weißt du, Buddeli", meinte Peter nachdenklich, ,, ich glaube, es wäre am besten, wenn du recht bald reisen würdest. Und bis dahin solltest du zu unseren Freunden gehen." ,, Peter hat recht, packe noch heute deine Sachen, es sind ja nicht viel, behalte nur das Notwendigste zurück, und fahre morgen früh zu Fritz K. Einer von uns kann dich, wenn du das Haus verlassen hast, telephonisch von einer öffentlichen Fernsprechstelle aus anmelden", erklärte Lene. ,, Meint ihr, ich könnte trotzdem in Mitteldeutschland Station machen, wie es ursprünglich geplant war, oder soll ich direkt nach Freiburg fahren?" fragte ich zaghaft. ,, Du kannst ruhig unterwegs bei deiner Studienfreundin Eva 265 bleiben“, entgegnete mir Peter ,,, aber du solltest schon Montag fahren." ,, Das kann ich ohne weiteres", antwortete ich ,,, es muß nur einer von euch so gut sein und an meine Freundin Eva telegraphieren:, Martha kommt Montagabend um die und die Zeit. Dann weiß sie Bescheid und holt mich von der Bahn." ,, Das werde ich gleich morgen früh besorgen“, sagte Eva Merkel. ,, Und am Montag kommst du von der Wohnung deiner Freunde aus direkt auf den Anhalter Bahnhof, ich gehe mit deinem Koffer schon frühzeitig dorthin, besorge die Fahrkarte und belege einen Platz für dich." Ich sah sie alle drei gerührt an. Wie wunderbar sie sich in meine Lage versetzten, wie selbstverständlich sie zu jeder nur möglichen Hilfe bereit waren!! Und so sitze ich nun auf dem Balkon von Fritz' und Gertruds Wohnung, ganz allein und in Ruhe. Fritz ist zur Arbeit fort, und Gertrud hilft einer Nachbarin bei ihrer großen Wäsche. Am späten Nachmittag essen wir gemeinsam, und dann bringt mich Fritz zum Bahnhof.- - Freiburg, den 8. Juni 1943 Seit zehn Tagen bin ich hier, in der von Dir so besonders geliebten Stadt, und noch muß ich mich oft fragen, ob es Wirklichkeit oder ein schöner Traum ist! Wie oft hast Du mir von Deinem ersten Semester als junger Student erzählt, das Du hier verlebtest, und nie konntest Du Deiner Meinung nach eindringlich genug schildern, wie die Heiterkeit dieser gottgesegneten Landschaft, von der die Stadt als solche nicht ausgeschlossen ist, sondern von der sie einen untrennbaren Teil bildet, auf Dich jungen Menschen wirkte, der nur die Herbheit und Kargheit der norddeutschen Ebene kannte! Erst jetzt kann ich das ganz verstehen und nachempfinden, ist es doch, als wenn die schweren ver266 gangenen Jahre die Aufnahmefähigkeit für Schönes und Holdes in der Natur und bei den Menschen in mir ver- schärft und erhöht hätten. Und hier, wo mich außer meinen Gastgebern niemand von früher her kennt, kann ich auch wieder Spaziergänge und Ausflüge unternehmen, ohne wie in Berlin ständig fürchten zu müssen, erkannt und ausge- liefert zu werden. Aber ich greife vor und will doch lieber der Reihe nach erzählen: Als ich eine halbe Stunde vor der Abfahrt meines Zuges nach Weimar auf den Anhalter Bahnhof kam, winkte mir Eva Merkel schon von weitem aus einem Abteilfenster zu; sie hatte einen Fensterplatz für mich besetzt. Sie übergab mir eine Fahrkarte nach Erfurt(wir hatten gefunden, es sei besser, einen neutralen Ort als Ziel zu wählen). Ich mußte auch von Weimar nach Erfurt fahren, um dort den Anschluß an den Zug nach Freiburg zu erreichen. In Erfurt konnte ich dann ein Billett nach Freiburg lösen. Ich nahm nur einen kleinen Handkoffer mit, den Eva über meinem Platz verstaut hatte, der Rest meines ohnehin nicht großen Gepäcks würde in einigen Tagen von Peter nachgesandt werden. Auch Lene Merkel kam noch auf den Bahnsteig, um sich von mir zu verabschieden. Sie hatte noch einmal Onkel Karl angerufen, der ihr gesagt hatte, es sei alles in Ordnung, er ließe mich herzlich grüßen und mir gute Reise wünschen, ich solle bald von: mir hören lassen.— Wir - wollten uns den Abschied nicht schwer machen, doch gelang es mir nicht ganz, meine Rührung zu unterdrücken, die Aufregungen der letzten Zeit waren nicht spurlos an mir vorübergegangen.— Aber als der Zug in Bewegung war, gab ich mir einen Ruck: ich reiste noch immer leidenschaftlich gern, und die im freundlichen Abendsonnenschein vorüberfliegenden Felder und Wälder im Frühlingskleid machten es leicht, die trüben Gedanken wegzuschieben und mich der nächsten Zukunft zuzuwenden. Ich freute mich auf das Zusammensein mit meiner Freundin Eva in Weimar, deren kleine Wohnung ich nur aus ihren Schilderungen, aber nicht aus eigenem Augenschein kannte. Als dann die Dämmerung heraufkam, schloß ich die Augen und versuchte zu schlafen. Seit meinen täglichen: Fahrten zwischen München und dem Isar- tal war es mir leicht gewesen, mich durch das Geratter des fahrenden Zuges in Schlaf wiegen zu lassen, und siehe da, was mir in den ganzen langen Monaten meines illegalen . Lebens am schwersten geworden war, tief und ruhig zu schlafen, hier gelang es. Erst kurz vor Weimar erwachte ich, völlig frisch und neu gestärkt. Eva erwartete mich am Bahnhofsausgang. Wir hatten eine Weile durch die dunkle Stadt zu wandern, bis wir zu ihrer, in einer ruhigen Straße am Rande der Stadt gelegenen Wohnung kamen. Sie war im Dachgeschoß eines ein- stöckigen Hauses und enthielt Wohn- und Schlafzimmer, Kammer und Küche. Ich fühlte mich gleich heimisch. Aber Eva ließ mir nicht lange Zeit, mich umzusehen. Sie wollte wissen, wie alles gegangen war, warum ich meinen Reise- termin vorverlegt hätte, ob ich einen Auswies besäße und was für einen! Ich mußte bis in jede Einzelheit alles be- richten, sie hörte mit atemloser Spannung zu. Der Post- ausweis fand ihre volle Billigung, über das Erlebnis bei meinem letzten Besuch der ‚Familie‘ schüttelte sie den Kopf.„Wenn du es nicht wärest, die das schilderte, würde ich meinen, ich lauschte einem gut erdachten Kriminal- roman“, sagte sie, als ich geendigt hatte.„Mein Bedarf an Kriminalromanen, die ich selber erfahre, ist reichlich ge- deckt“, erwiderte ich ihr lächelnd.„Es erzählt sich ganz nett, aber was man dabei aussteht, ist unmöglich auszu- drücken.“„Das glaube ich dir gern“, antwortete Eva ernst, „hoffentlich beginnt nun eine weniger aufregende Zeit für dich. Die Tage bei mir wollen wir in aller Ruhe genießen. Wie lange kannst du bleiben?“„Ich habe mich durch Lene für Freitag früh, also den 28., in Freiburg anmelden lassen, muß also Donnerstag abend nicht zu spät von hier fort.“ Wir saßen noch lange plaudernd beisammen.— 268 Die Tage vergingen wie im Fluge, im Handumdrehen war der Donnerstagabend herangekommen. Es war gerade noch eine halbe Stunde Zeit, um auf den Bahnhof zu gehen, als die Sirene das Alarmzeichen gab.„Wenn es nicht gar zu lange dauert, bekommst du noch in Erfurt den Anschluß“, tröstete mich Eva.„Und im allerschlimmsten Fall tele- graphiere ich, daß du einen Tag später kommst.“ Aber nach vierzig Minuten kam der Endalarm. Wir machten uns sofort auf den Weg. Je näher wir dem Bahnhof kamen, um so mehr Menschen füllten die Straßen. Vor dem Bahn- hof staute sich eine riesige Menge. Eva wandte sich an eine neben uns stehende Frau.„Was ist denn nur los?“ fragte sie.„Haben Sie die Bomben nicht gehört?“ fragte diese zurück. Wir verneinten.„Der Bahnhof hat etwas ab- bekommen“, sagte die Frau eifrig.„Ein Teil der Schienen ist aufgerissen, ein Stück vom Bahnhofsgebäude getroffen. Auch Menschen sind umgekommen.“ Jetzt ertönte die Kommandostimme eines Polizisten. ‚„Auseinandergehen! Nur wer eine Fahrkarte hat, darf hierbleiben.‘ Ich bat Eva, ruhig nach Hause zu gehen, es schiene doch so zu sein, daß Teile der Bahngleise noch brauchbar wären. Ich wollte versuchen, nach Erfurt zu kommen, es war anzunehmen, daß auch mein Zug nach Freiburg Verspätung durch den Alarm erlitt und ich ihn noch erreichen konnte. Ungern nur trennte sie sich von mir. Inzwischen war das Polizei- aufgebot verstärkt, die Zuschauer waren vertrieben und die Reisenden mit Fahrkarten(wie gut, daß ich mein Bil- lett nach Erfurt hatte!) in die Bahnhofshalle gelassen wor- den. Dort standen wir nun, der Erlaubnis harrend, auf den Bahnsteig gelassen zu werden. Ich hörte erzählen, daß der Wartesaal von einer Bombe getroffen wurde, ebenso einer der Bahnsteige. Aber die Hauptlast der Bomben sei auf Jena niedergegangen. Jetzt wurde durch Lautsprecher verkündet, daß vom zweiten Bahnsteig ein Personenzug nach Erfurt abgelassen werde.„Anschluß nach Frankfurt a. M., Freiburg, Kon- 269 stanz, Basel!" Langsam schob ich mich vorwärts, durch die Sperre hindurch, eine Treppe hinauf auf den dunklen Bahnsteig. Es knirschte unter den Füßen: Glassplitter! Da stand der dunkle Zug, nur schnell hinein! Drinnen tappte man zu einem Sitzplatz. Bald füllte sich der Wagen, kurz darauf fuhr der Zug ab. In Erfurt erfuhr ich, daß mein Anschlußzug in etwa dreißig Minuten erwartet werde. Ich löste mir eine Fahrkarte nach Freiburg und wartete auf dem Bahnsteig. Auch hier war es sehr dunkel, aber es war nicht kalt. Mein Zug kam, ich stieg in den ersten besten Wagen. Es war entsetzlich voll, in jedem Abteil alles besetzt, auf den Gängen Menschen und Gepäckstücke eng gedrängt. Ich stellte mich auf den Gang. Keine schöne Aussicht, die ganze Nacht stehend zuzubringen, in einer Luft, die schon jetzt zum Schneiden dick war! Aber damit hatte ich rechnen müssen. Wer nicht vom Ausgangsbahnhof des betreffenden Schnellzuges abfuhr und sich durch stundenlanges Anstehen an der Sperre einen Sitzplatz erkämpfte, konnte bei den wenigen noch fahrenden Zügen für Zivilpersonen nicht einen solchen erwarten, ja, er mußte froh sein, wenn er überhaupt in den Zug hineinkam. Es war eben Krieg, und auch unser Zug zu einem großen Teil von Soldaten besetzt. Nach einer Weile öffnete sich die Abteiltür, vor der ich stand, und zwei Soldaten kamen heraus. ,, Donnerwetter, ist das voll hier", sagte der eine. ,, Da ist ja kaum Platz zum Stehen!" Er wandte sich zu mir. ,, Setzen Sie sich drinnen auf meinen Platz, dann kann ich Ihren Stehplatz einnehmen. Später können wir wieder tauschen." Ich dankte und nahm den mir gezeigten Platz ein. Angekommen, ließ ich vergeblich meine Blicke nach meinem Gastgeber schweifen. Schließlich ging ich in den Wartesaal und telephonierte nach dem Betrieb, in dem er arbeitete. Sehr erstaunt begrüßte er mich, als ich ihm meinen Namen natürlich Martha Schröder nannte. Es stellte sich heraus, daß Lenes Brief, den sie vor vier 270 - Tagen geschrieben hatte, noch nicht in seine Hände gelangt war. Er versprach, sofort zum Bahnhof zu kommen und mich in seine Wohnung zu geleiten. Eine Viertelstunde später war er im Wartesaal und begrüßte mich herzlich. Ich hatte ihn viele Jahre nicht gesehen, war auch damals nur gelegentlich mit ihm und seiner Frau Lotte bei Merkels zusammengetroffen. Er war Badenser, in Freiburg geboren, hatte aber einen großen Teil seiner Schulzeit in Mühlhausen im Elsaß verbracht und wurde deshalb von den Berliner Freunden scherzhaft ,, Wackes" genannt, welchen Spitznamen er sich, trotz des bösen Klangs, den er im Elsaß zu haben pflegte, gutmütig gefallen ließ. Der Einfachheit halber will ich ihn hier auch so nennen. Wir fuhren mit der Tram und mußten am Bertholdsbrunnen in eine zweite umsteigen. Der Wackes erzählte, er habe seiner Frau meine Ankunft telephoniert. Da sie hier im Eckhaus arbeite, werde sie sicher herunterkommen, um mich kurz zu begrüßen. Gleich darauf war sie bei uns. Sie war fast unverändert: Groß, hübsch, blond und grauäugig, eine sehr sympathische Erscheinung. Sie war viel jünger als ihr Mann, höchstens vierzig Jahre, während der Wackes hoch in den Fünfzigern war. In ihrer Sprache konnte man trotz der vielen Jahre, die sie von Berlin abwesend war, die Berlinerin nicht verkennen. Ich wußte sofort, wir würden uns gut verstehen. Doch da kam unsere Tram, die uns bis zu ihrer Wohnung führen sollte. ,, Auf Wiedersehen mittags!" rief sie mir noch nach ,,, stelle der Buddeli" wir hatten uns sofort geeinigt, daß sie mich bei diesem schönen und ungefährlichen Namen nennen sollten! ,, ein Frühstück hin, Wackes!" - Die Wohnung lag im ausgebauten Dachgeschoß eines massiven Hauses von zwei Stockwerken. Das hübsche große Wohn- und ein danebenliegendes kleines Herrenzimmer hatten die Fenster nach der Straßenseite mit einem schönen Blick auf die angrenzenden Schwarzwaldberge; Schlafzimmer und Küche lagen nach hinten, mit dem Blick auf 271 - die am Horizont zart sich abzeichnende Kette der Vogesen. Ich sollte im Herrenzimmer auf der Chaiselongue schlafen, die sonst der dreizehnjährige Rolf benutzte. Nun zog er auf eine zweite Chaiselongue im Schlafzimmer der Eltern. Mittags lernten wir beide uns kennen. Ein für sein Alter großer, schlanker Bub, dunkelblond und grauäugig, mit einem feingeschnittenen, sympathischen Gesicht. ,, So, das ist die Buddeli, Rolf, auf die du schon so gespannt gewesen bist", sagte seine Mutter, als sie ihn mir vorstellte. Freimütig sah er mir ins Gesicht, machte seine Verbeugung und reichte mir seine Hand mit festem Druck. Du weißt, daß ich von jeher alle Kinder gern hatte und fast immer schnellen Kontakt mit ihnen bekomme. Hier war es mir außer Zweifel, daß wir gut miteinander auskommen würden. Ich wußte, daß er in der Schule schlecht mitkam, und hatte mich durch Lene brieflich angeboten, mit Rolf zu arbeiten. Das hatten ihm die Eltern gesagt, daher seine große Spannung, wie ich wohl sein würde. Innerlich mußte ich lächeln, weil man ihm seine Erleichterung gar so deutlich anmerkte. Im übrigen hatten ihm seine Eltern mitgeteilt, daß möglichst alle älteren Leute, die nicht in Betrieben tätig waren, wegen der ständigen Bombardierungen Berlin verlassen sollten, was ja der Wahrheit entsprach. Deshalb sei ich von Berlin fortgegangen und wollte zunächst einmal für ein Vierteljahr bei ihnen in Freiburg bleiben. Diese Version sollte auch allen Bekannten von Wackes und Lotte zur Erklärung dienen. Am Nachmittag schlenderte ich durch die Stadt, zuerst zum Münsterplatz. Mit neuer Bewunderung betrachtete ich den Bau, der mir immer in Proportion und Maßen vollkommen erschienen war. Der Turm wirkte wie die Filigranarbeit eines gigantischen kunstreichen Goldschmiedes. Der Platz als solcher gefiel mir wieder über alle Maßen gut mit dem stattlichen Patrizierbau des ,, Kaufhauses" und dem vornehmen erzbischöflichen Palais. Nur war aller figürliche Schmuck am Münster wie am ,, Kaufhaus" ent272 fernt und bombensicher untergebracht worden. Dann wandte ich mich zum Schloßberg und genoß entzückt den Blick auf die Stadt und die liebliche Landschaft. Ein Gefühl unendlicher Dankbarkeit bewegte mich gegen die Vorsehung, die alles so wunderbar gefügt, und gegen die Menschen, die so tatkräftige Hilfe geleistet hatten! - Am Abend, nachdem Rolf zu Bett war, saßen wir lange zu dritt beisammen. Ich bat Lotte und den Wackes, mir zu sagen, wie ich mich verhalten, ob ich möglichst zu Hause bleiben, mich vor den übrigen Hausgenossen verbergen oder ihnen gerade unter die Augen treten sollte. Lächelnd meinte der Wackes:„ Je unbefangener Sie sich hier bewegen, desto besser. Die Leute im Haus sind gewöhnt, daß wir Besuch haben, wie es überhaupt für die Freiburger selbstverständlich ist, daß sich ständig Fremde in der Stadt bewegen. Das bringt seine begünstigte Lage und die Universität so mit sich. Lotte wird Sie nach und nach mit unseren Hausbewohnern bekanntmachen. Es sind im allgemeinen ordentliche, ruhige Menschen, auch in politischer Beziehung wenig aktiv. Wir sind überzeugt, daß der Aufenthalt bei uns für Sie wie für uns relativ ungefährlich ist." Er erhob sich, ging zum Radio und stellte den Schweizer Sender ein. ,, Noch ein Vorteil, den wir genießen", sagte er. ,, Wir können ohne Angst vor den Nachbarn hören, und speziell der Schweizer Sender wird wegen der Nähe zu unserem eigenen kaum gestört." Nach dem Schluß der Nachrichten fragte ich: ,, Aber Sie stellen ihn wahrscheinlich nur ein, wenn Rolf nicht da ist." ,, O nein", erwiderte der Wackes, ,, da sind Sie im Irrtum, vor Rolf verbergen wir nichts. Er ist sich auch über unsere politische Einstellung völlig im klaren und teilt sie durchaus. Er ist unbedingt zuverlässig." ,, Trauen Sie da einem Kind und das ist er mit seinen knapp dreizehn Jahren doch noch nicht gar zu viel zu? Belasten Sie ihn nicht zu sehr, wenn Sie das Gegenteil von dem sagen, was er in der Schule und der Hitler- Jugend hört, in der er doch zwangsweise sein mußẞ?" ,, Gewiß", 18 Behrend, Ich stand nicht allein - - 273 gab er zu ,,, ist das eine starke Belastung für ihn, aber ich kann sie ihm nicht ersparen. Soll ich, ohne etwas dagegen zu tun, zusehen, wie man ihm für mein Empfinden lauter falsche, ja unbedingt schädliche Begriffe einimpft, die er selbst nicht als solche erkennen kann? Nein, das erschiene mir als das größte Unrecht, das ich an ihm begehen würde. Und da er uns liebt und vertraut, glaubt er uns eben mehr als Lehrern und Hitler- Jugendführern. Sie dürfen mir glauben, wenn in den Familien zwischen Eltern und Kindern alles ist, wie es sein sollte, und die Eltern sich ihrer Verantwortung den Kindern gegenüber so weit bewußt sind, daß sie mit ihnen die wichtigen politischen Fragen besprechen, die heute an die Jugend herangetragen werden, würden so schreckliche Fälle von Verrat, den Kinder an den Eltern begehen, kaum vorkommen. Aber es ist spät geworden, und Sie haben die letzte Nacht im Zuge sicher wenig schlafen können." Im Hinausgehen sagte Lotte noch: ,, Wenn es Alarm geben sollte, erschrecken Sie nicht, die Flieger fliegen hier nur über unseren Köpfen weg gegen München oder Stuttgart. Freiburg hat fast keine Industrie bis jetzt, deshalb brauchen wir wohl keinen Angriff zu fürchten. Wir bleiben bei Alarm immer im Bett." Das war mir nur recht so! - - Inzwischen habe ich mich hier ganz eingelebt. Am Vormittag betätige ich mich im Haushalt, kaufe ein, koche, so daß Lotte, wenn sie gegen ein Uhr von ihrer Büroarbeit kommt, nur noch die letzte Hand anlegen muß, um das Mittagessen fertig zu machen. Sonntags wird, wenn das Wetter es nur einigermaßen erlaubt, ein Tagesausflug unternommen, dem sich das eine oder andere Mitglied aus dem Freundeskreis anschließt. Die Verpflegung für den Tag wird im Rucksack mitgenommen: Kartoffelsalat und Brot, Ersatzkaffee oder Kräutertee in der Thermosflasche. Vorgestern waren wir auf dem Feldberg. Wir sind im ganzen wohl etwa sieben Stunden gelaufen, und ich bin sehr zufrieden, daß ich diese Marschleistung ziemlich mühelos 274 bewältigen konnte. Du kennst ja den Feldberg, und ich kann mir eine ausführliche Schilderung ersparen. Ich wünschte nur, ich könnte Dir erklären, was solch ein Ausflug mir bedeutet nach der langen Zeit des Eingesperrtseins zwischen Mauern und das ist wörtlich und im übertragenen Sinne zu verstehen! Zwar liegt auch jetzt noch ein starker Druck, der durch meine ganze Lage, die Trennung von Dir und den Kindern, die Nachrichtenlosigkeit und die Unruhe und Angst um das Schicksal so vieler naher Menschen bedingt ist, auf mir, doch muß der eben getragen werden. Er ist am schlimmsten nachts; dann läßt er mich kaum schlafen und äußert sich immer wieder in schlimmen Träumen, wenn ich schließlich doch eingeschlummert bin. Aber wo steht geschrieben, daß ich in diesem entsetzlichsten aller Kriege, in diesem täglich wachsenden Meer von Leid und Not nicht das mir bestimmte Teil davon auf mich nehmen muß?! Ich habe ja vor den meisten meiner unglückseligen Rassen- und Schicksalsgefährten zwei ganz große Dinge voraus: Ich bin jetzt nicht unmittelbar an meinem Leben bedroht, und ich weiß, daß Du und die Kinder vor Peinigungen durch die Nazis, vor Deportationen und schrecklichem Hinmorden bewahrt seid! Daneben wiegt alles andere leicht! Rolf muß wirklich sehr schlecht in der Schule sein; ich fürchte, ich werde ihn vor dem Sitzenbleiben zum Schluẞ des Schuljahres Mitte Juli nicht mehr bewahren können. Sowohl im Englischen wie in der Mathematik ist er sehr zurück, aber es hapert leider auch in den übrigen Fächern. Ich habe den Eltern gesagt, daß es meiner Meinung nach richtiger wäre, ihn die Klasse wiederholen zu lassen, da die Lücken zu groß sind, um sie in kurzer Zeit ausfüllen zu können. Jetzt kann man nur bei den täglichen Schularbeiten helfen. Ist er sitzen geblieben, muß man ganz systematisch das Englische von Anfang an neu mit ihm durchnehmen, ebenso deutsche Grammatik und das Mathematikpensum der Klasse. Sein Vater erklärte mir, daß in den 18* 275 letzten Jahren ständig seine Lehrer gewechselt hätten, und Rolf gewöhnt sich nicht leicht an einen neuen. Außerdem hatten die Eltern keine Zeit, mit ihm zu arbeiten, was nötig gewesen wäre. Dabei halte ich ihn absolut nicht für dumm oder unbegabt, aber für sehr langsam, verträumt und unkonzentriert, auch nicht für so interessiert, daß es ihn allein zum Arbeiten zöge. Doch ist er gutwillig und gibt sich jetzt durchaus Mühe. Zum ,, Dienst" in der Hitlerjugend geht er fast niemals, auf Vorhalt von Lotte erklärte er: ,, Die meisten in meiner Klasse gehen nur ganz selten zum Dienst, es kümmert sich auch niemand darum, weil fast alle Schar- und Gruppenführer bei den Soldaten sind. Und begeisterte Nazis haben wir in der Klasse höchstens drei. Laß mich nur machen, Mutti, es geschieht mir sicher nichts", und damit verschwand er fröhlich pfeifend, um zum Schwimmen zu gehen. Freiburg, den 26. August 1943. Die drei Monate, die ursprünglich für meinen Aufenthalt hier festgesetzt waren, sind fast um, aber schon lange haben Lotte und der Wackes mir vorgeschlagen, weiter bei ihnen zu bleiben. Ich tue es nur zu gerne, ich fühle mich wohl hier. Rolf ist wirklich sitzen geblieben. Er war zu Beginn der Ferien vierzehn Tage in Heidelberg bei Freunden vom Wackes. Nach seiner Rückkehr haben wir sofort angefangen, intensiv und systematisch zu arbeiten. Anfangs wurde es ihm schwer, sich zu konzentrieren, aber jetzt geht es recht gut voran. Er bekommt ein Gefühl der Sicherheit, und sein ganz geschwundenes Selbstbewußtsein beginnt sich wieder einzustellen. Er gehört zu den Kindern, die man ermutigen muß, weil sie sich selbst gar nichts mehr zu276 trauen. Er ist von einer rührenden Dankbarkeit und Anhänglichkeit und beschwört mich immer wieder, doch bloẞ noch recht lange bei ihnen zu bleiben. Wir sind richtig befreundet miteinander, soweit man von einer Freundschaft zwischen so verschiedenen Lebensaltern sprechen kann. Er fühlt sehr wohl, daß ich ihn gern habe und vor allem, daß ich ihn ernst nehme. Ich habe selbst das Gefühl, daß es ihm gut tun würde, wenn ich noch eine Zeitlang regelmäßig mit ihm arbeitete, und seine Eltern sind der gleichen Meinung. So konnte Peter Merkel, der uns über Wochenende besuchte, um zu besprechen, was weiter mit mir werden sollte, uns über diesen Punkt beruhigt verlassen. Peter erzählte manches Interessante. Am meisten fesselte mich, was er vom ,, Pelztier", dem französischen Zivilarbeiter, zu berichten wußte. Er hatte außer dem Schwarzhandel, den er in immer größerem Umfang betrieb, auch einer ganzen Reihe von französischen Kriegsgefangenen mit Hilfe falscher Papiere zur Flucht nach Frankreich verholfen, worauf er besonders stolz war. Uebrigens handelt es sich um eine ganz ausgedehnte und verzweigte Organisation, die einen schwunghaften Handel nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit Textilien und allen Karten und Papieren betreibt, die nur denkbar sind. So hat auch das ,, Pelztier" mit Freuden meine falsche Kennkarte genommen und gern den von mir bezahlten Betrag dafür gegeben. Er wird den schlecht gemachten Stempel entfernen lassen und die Karte für eine ,, Untergetauchte" brauchbar machen. Das freut mich deshalb besonders, weil dies Geld nun zur Bezahlung meiner im Schwarzhandel erworbenen Lebensmittel nommen werden kann. Aber das ,, Pelztier" hat sich zu sicher gefühlt, und bei einer der großen Polizeirazzien am Alexanderplatz in Berlin, wo sich der Mittelpunkt des Schwarzhandels befindet, wurde er verhaftet. Peter meinte, man hätte ihn sicher schon lange verdächtigt, doch hat man glücklicherweise nichts Belastendes bei ihm und bei der Haussuchung gefunden, und die Firma hat sich über seine ge277 Arbeit höchst lobend ausgesprochen. Trotzdem war die Situation für ihn sehr kritisch. Da gelang es Freunden, die er anscheinend unter den Deutschen in großer Zahl besitzt, einen recht bekannten und berühmten nationalsozialistischen Anwalt für seine Verteidigung zu gewinnen. Diesem ist es dann wirklich gelungen, das„ Pelztier" wieder frei zu bekommen! Er ließ sich dieses Erlebnis zur Warnung dienen und verschwand sofort aus Deutschland. Peter nimmt an, daß er mit falschen Papieren nach Frankreich ging und in der französischen Widerstandsbewegung tätig sein wird. Natürlich haben wir ausführlich über die politische und militärische Lage gesprochen. Wir alle waren voller Hoffnung, als Italien sich Mussolinis entledigte! Ob es nun bald auch in Deutschland so weit sein wird? Man erwartet mit ungeheurer Spannung alle Nachrichten! Peter wußte auch von Sabotageakten zu erzählen. Lene ist im Büro einer Fabrik tätig, die Flugzeugteile herstellt. Von einer Lieferung von hundert neuen kleinen Motoren waren zwölf eines Tages plötzlich verschwunden. Das liegt nun Monate zurück, aber nie sind der oder die Täter entdeckt worden. Ungefähr zur selben Zeit wurde eines Mittags, als die ganze Belegschaft gemeinsam am Betriebsradio eine Ansprache von Ley anhören mußte, der ganze Werkplan, der für die Produktion ungeheuer wichtig ist und eine sehr schwierige, zeitraubende und komplizierte Arbeit darstellt am ehesten wohl mit dem Stundenplan einer ganz großen Schule vergleichbar in Tausende von kleinen Fetzchen zerrissen im Papierkorb aufgefunden. Auch hier ist nie herausgekommen, wer das gemacht hatte! - - - Im Juli habe ich die große Freude gehabt, meine Freundin Eva aus Weimar wiederzusehen. Sie war einige Tage hier auf der Durchreise zu einem Aufenthalt bei einer guten Bekannten am Bodensee, der sie gleichzeitig bei ihrer Erntearbeit in ihrem großen Garten und bei der Verarbeitung der Früchte hilft. Nur weil sie nachweisen konnte, daß sie schon seit einigen Kriegsjahren diese notwendige 278 Hilfe leistet, was der Ortsbauernführer des Dorfes am Bodensee bescheinigte, durfte sie während mehr als vierzehn Tagen dort bleiben. Denn das ist die festgesetzte Höchstdauer für Erholungsaufenthalte und auch nur für Menschen, die in einem kriegswichtigen Betrieb tätig sind. Noch gehören die Schulen dazu. Arbeitende über fünfzig Jahre bekommen drei Wochen zugebilligt. Der Aufenthalt wird auf der Kleiderkarte bescheinigt, die an jedem Kur- oder Erholungsort vorgelegt werden muß, so daß es unmöglich ist, etwa öfters solchen Aufenthalt zu nehmen. Ich muß noch etwas nachtragen: Ich hatte Peter etwas zaghaft gefragt, ob er keine Möglichkeit sähe, von hier aus in die Schweiz zu gelangen. Gewiß, es eilte nicht gerade, es lag mir selber daran, Rolf noch eine Weile zu fördern. Aber im Winter, etwa nach Weihnachten, müßte ich ja doch wieder einmal den Aufenthaltsort wechseln und würde dann, des illegalen Lebens schrecklich müde, brennend gern in die Schweiz gehen. Er konnte mir nicht viel Hoffnung machen. Wohl hatte seine Freundin Hella, die ich während meines Aufenthalts bei Merkels gut kennengelernt hatte, von einer Organisation gehört, die diesen Menschenschmuggel betrieb. Er wollte mit ihr darüber sprechen, sie sollte versuchen, an die Mittelsleute der Organisation heranzukommen. - Aber nun muß ich Dir noch erzählen, daß ich kürzlich die Kühnheit hatte, für einen Tag nach Straßburg zu fahren. Der Wackes hat mich dazu veranlaßt. Es sei eine so schöne Stadt, und man könne doch nicht wissen, wie lange sie noch für uns erreichbar sei. Mit meinem Postausweis sähe er keine Gefahr für mich, wenn ich für einen Tag hinüberführe. Und ich freue mich, daß ich es getan habe. Die Stadt ist herrlich, das Münster hat mir großen Eindruck gemacht und ebenso die schönen alten Stadtteile. Aber noch etwas anderes war mir hochinteressant. Sehr viele Geschäfte sind geschlossen, an den verhängten Schaufenstern prangte das gleiche Plakat, das ich noch in keiner anderen 279 Stadt gesehen habe: ,, Geschlossen wegen der Totalisierung des Krieges bis nach dem Siege!" Was mögen die Elsässer empfinden, wenn sie das lesen! Fragen sie, wie ich, unwillkürlich: ,, Nach wessen Sieg?" Wahrscheinlich! Freiburg, den 8. Januar 1944 Die Wochen gehen dahin, rasch in ihrem Gleichmaß von Arbeit und Ruhestunden, was könnte mir lieber sein?! Und doch rinnt im ganzen die Zeit langsam, wenn ich sie messe an meinen Wünschen und Hoffnungen! Die Entwicklung in Italien bedeutet eine große Enttäuschung, jäh sind die gar zu hoch gespannten Erwartungen auf ein baldiges Kriegsende in sich zusammengefallen. - Hier geht es mir unverändert gut. Der Vormittag vergeht mit Hausarbeit. Der Nachmittag gehört der Arbeit mit Rolf, der gute Fortschritte macht. Mir ist er weiter sehr zugetan. Er weiß, daß ich mit dem Gedanken umgehe, bald meinen Wohnort zu wechseln, und fürchtet sich etwas davor. Ich suche ihm immer wieder klarzumachen, daß er jetzt gut allein fertig werden kann. - Das Wirtschaften ist dagegen eine rechte Plage. Alles ist schrecklich knapp, vor allem Kartoffeln und Gemüse. Auch diese wichtigen Lebensmittel sind rationiert und in viel zu geringer Menge vorhanden. Besonders schlimm ist es, daß es so wenig Gemüse gibt; wir können uns gratulieren, daß der Wackes von Bekannten auf dem Land gelegentlich etwas Kohl und Lauch zugesteckt bekommt. Auch sind wir noch gut daran, daß wir im Herbst die ganze uns zustehende Kartoffelmenge erhielten. Aber sie ist viel zu klein, in Anbetracht dessen, daß Kartoffeln das Hauptnahrungsmittel bilden müssen. Es gibt absolut nichts mehr an un280 rationierten Lebensmitteln im freien Handel zu kaufen. Schwarzhandel kommt nicht in Frage, weil Geld oder gar Tauschmittel ebenso wie die Beziehungen zu den Quellen fehlen, die hier in der kleineren Stadt weniger vorhanden sind als etwa in Berlin. So gibt es jeden Abend zwischen Lotte und mir eine lange Beratung darüber, was ich zum nächsten Mittag kochen soll. Es machen sich auch körperliche Schäden bemerkbar, die durch den Fettmangel und das schlechte, schwer verdauliche Brot zu erklären sind. Viele Menschen, auch Lotte, haben Magen- und Darmleiden, und bei mir zeigt sich neuerdings ein Nesselfieberausschlag, der in den Nächten am schlimmsten ist und wegen des Juckreizes den ohnehin spärlichen und unruhigen Schlaf verscheucht. Von ähnlichen Beschwerden hört man überall. Trotzdem haben wir versucht, Weihnachten richtig zu feiern. Für Rolf waren alle Vorbereitungen, die ich dazu traf, etwas Neues. Vater und Mutter waren seit vielen Jahren so überlastet mit Berufsarbeit, daß diese Seite des Familienlebens notwendig zu kurz kommen mußte. Nun machte es mir Freude, mit ihm für alle Nahestehenden kleine Geschenke zu erdenken und selbst herzustellen. Das war gar nicht leicht, denn es gibt fast nichts zu kaufen, und wenn das eine oder andere Geschäft wirklich etwas hatte, war es im Nu fort. Rolf machte sich ein Vergnügen daraus, alle ihm bekannten Läden fast täglich aufzusuchen, um ja nicht den Augenblick zu verpassen, wenn es etwas gab. Und hin und wieder hatte er Glück. So trieb er in einigen Buchläden eine Reihe kleiner für die Soldaten bestimmter Heftchen mit Novellen oder Aufsätzen bekannter Schriftsteller auf. In dem Papiergeschäft, in dem er seine Schulhefte kauft auch sie sind rationiert, ein neues gibt es nur, wenn die Schule die Notwendigkeit der Anschaffung bescheinigt, und das Papier ist so schlecht, daß beim Schreiben die Tinte verläuft! fand er ein paar kleine Radierungen von Freiburg und in einem dritten Laden einfache - - 281 - hölzerne Rähmchen. Diesen Schatz galt es nun richtig zu verteilen und zu vervollständigen. Mir gelang es, in einer Buchbinderei kleine Abschnitte bunten Papiers für einige Pfennige zu erstehen. Die Büchlein bekamen einen bunten Einband, jede Radierung erhielt eine kleine Mappe. Als es dann schließlich Rolf noch glückte, ein Tannenbäumchen zu ergattern- bei den wenigen, die auf den Markt kamen, wirklich eine Leistung, die mit langem Anstehen und kalten Händen und Füßen nicht zu teuer bezahlt war war seine Freude vollkommen. Nur mit Kerzen sah es ganz schlimm aus. Jede Familie, ganz gleich wie groß sie war, erhielt auf ihre Haushaltskarte nur eine einzige. Aber aus früheren Jahren fanden sich noch einige halbabgebrannte Lichtstümpfchen, man mußte sich eben behelfen. Und unsere Weihnachtsfeier war schön durch die Freude des Jungen, für den das armselige Bäumchen mit den Lichtstummeln so viel bedeutete wie uns früher der im Kerzenglanz flimmernde große Baum. Er freute sich so kindlich, schenken zu können, und nahm seine Gaben- meist aus dem Eigenbesitz des Gebers stammend mit jubelnder Freude entgegen. - - Daß ich nachher in meinem stillen Zimmer für mich noch ein Fest der Erinnerung und der Hoffnung feierte, brauche ich nicht zu betonen! Die nächsten Tage brachten eine große Freude: Peter Merkel meldete sich mit seiner Freundin Hella für einige Tage zum Besuch an. Sie kamen beide mit ziemlicher Verspätung und recht elend aussehend in Freiburg an. Aber sie freuten sich der wenigen ruhigen Tage und der bombensicheren Nächte. - Sie berichteten von den entsetzlichen Angriffen, denen Berlin seit Ende November ausgesetzt war. Die Luftangriffe, die ich miterlebt hatte, und die auch schon schwer gewesen waren, seien nichts dagegen! Sie erzählten auch, und andere daß immer mehr kriegswichtige Betriebe - - existierten ja kaum mehr! von Berlin in ruhigere Gebiete verlegt werden, was zur Folge hatte, daß die dort Ar282 beitenden mit ihren Firmen verpflanzt wurden. Und das war eine Maßnahme, die ganz tief in das persönliche Leben des einzelnen eingriff, die Familien auseinanderriẞ und die Mitglieder über das ganze Reich zerstreute. Viele suchten sich dem zu entziehen, indem sie ,, untertauchten" und wie wir Judendas illegale Leben einem solchen, das in ihren Augen keines war, vorzogen. - Ich mußte daran denken, was Du einst, angesichts eines der damals neu aufgerichteten Schaukästen mit der antisemitischen Zeitung ,, Der Stürmer" und der in leuchtenden Lettern angebrachten Ueberschrift: ,, Die Juden sind unser Unglück!", die wir damals noch wie einen Schlag ins Gesicht empfanden, geäußert hast: ,, Dies Wort: Die Juden sind unser Unglück! ist prophetisch, nur wird es sich in einem ganz anderen Sinne bewahrheiten, als die Verfasser jetzt meinen. Nämlich das, was sie uns jetzt antun, wird wie ein Bumerang in der Hand des Schleudernden auf sie zurückfallen und sie mit den gleichen Schlägen treffen, die sie nun und in Zukunft auf uns herniedersausen lassen." Ich hielt das damals für übertrieben, heute zeigt es sich, daß Du recht gehabt hast. Alles wiederholt sich haargenau. Ihr Vermögen, ihre Häuser werden ihnen geraubt und zertrümmert, sie werden zusammengepfercht in Notquartieren, die immer dürftiger und menschlichen Wohnungen unähnlicher werden. Ihre Männer, Brüder, Söhne kämpfen und fallen auf fremder Erde, die Frauen, Schwestern und Töchter roboten elf und zwölf Stunden täglich und müssen dann oft, wie früher die Unseren, die Wege zu Fuß zurücklegen, weil die Verkehrsmittel nicht mehr intakt sind. Die Kinder sind irgendwo in Heimen notdürftig untergebracht, die schriftliche Verbindung ist unzulänglich, oft stockend und unzuverlässig. Frauen und Kinder sind in früher unvorstellbarem Maß der Massenvernichtung ausgesetzt. Kurz alle Not, alles Elend schlägt wie mit unsichtbaren Hämmern immer rascher, immer wuchtiger auf das ganze Volk los, das wie betäubt und stumpf unter dem Unmaß des Leides 283 sich krümmt und duckt, ohne mehr die Kraft der Abwehr oder gar der Auflehnung aufzubringen. Aber Hella wußte mir auch freundlichere Kunde zu melden: Sie hatte wirklich die Verbindung mit einem der Mittelsmänner aufnehmen können, die mit einer Organisation des Menschenschmuggels in die Schweiz zusammenarbeiteten. Sie hatte noch keine bestimmte Zusage erhalten, aber sie hoffte, es werde gelingen, mich auf diese Weise über die Grenze zu schaffen: ,, Wann es so weit sein wird, weiß ich nicht, es kann einmal ganz schnell gehen, es kann aber auch noch ein Vierteljahr dauern", schloß sie ihren Bericht. ,, Wenn ich den Termin weiß, komme ich her, ich kann es in meinem Betrieb, in dem ich nur noch allein tätig bin, immer irgendwie einrichten und gebe dir mündlich über alle Einzelheiten Bescheid. Vielleicht kann ich dich sogar noch ein Stück begleiten", fügte sie hinzu. Ich atmete innerlich auf. Wie oft hatte ich im letzten Herbst an klaren Tagen von einer der Schwarzwaldhöhen, auf die ich, Pilze sammelnd, gestiegen war, die Schweizer Berge von ferne leuchten gesehen. Wie stark war dann immer von neuem die Sehnsucht nach diesem gelobten Land des Friedens und der Freiheit in mir aufgeflammt, die Sehnsucht vor allem nach einem Leben nicht mehr außerhalb von Gesetz und Gesellschaftsordnung! Sollte diese Sehnsucht nun bald in Erfüllung gehen? Aber wie oft schon hatte sich das Tor zu dieser Rettungsinsel lockend einen Spalt geöffnet, um dann mit Donnerkrachen, alle Hoffnung für den Augenblick begrabend, wieder zuzuschlagen! Mit zusammengebissenen Zähnen predigte ich mir selber Ruhe, geduldig abzuwarten, keine großen Erwartungen zu hegen, bis ich der Erfüllung sicher sein konnte! Doch das ist leicht gesagt. Heimlich weben die Wünsche und Hoffnungen an einem neuen, lokkend weichen Tuch, das alle klug abwehrenden Gedanken einhüllt und verbirgt! Ich wollte nicht warten auf die verabredete kurze Nachricht, die mir die Gewißheit der nahen Abreise bringen sollte, und ich tue es doch, ob284 wohl ich weiß, wie zermürbend und niederdrückend es auf die Dauer wirkt; ich bin nicht mehr Herr über meinen Willen, und dabei sind Hella und Peter erst seit fünf Tagen fort. Freiburg, den 28. Februar 1944 Noch immer warte ich vergebens auf die ersehnte Nachricht. Ich schäme mich vor mir selber und den Menschen, die mit mir zusammen leben, wie nervös und überreizt ich bin. Dabei weiß ich, daß augenblicklich gar keine Möglichkeit der Flucht besteht, weil unerwartet nach einem sehr milden Januar und der ersten Hälfte des Februars heftige Schneefälle eingesetzt haben. Hella sagte mir, daß bei Schnee, der alle Spuren verraten würde, keine Grenzüberschreitungen stattfinden können. Also warte ich jetzt darauf, daß der Schnee verschwindet. Wir erfuhren schon vor einer Woche von einer Aufführung der Matthäus- Passion im Münster durch die Studentenschaft, gleichzeitig aber auch, daß keine Karten mehr zu haben seien. Ich war sehr traurig darüber, gar zu gern hätte ich dies Werk wieder einmal gehört! Durch einen glücklichen Zufall erhielt ich schließlich doch eine Karte, und so kam es, daß ich gestern dieses Oratorium im Münster hörte. Die Freiburger Studenten führten das Werk zum Gedächtnis ihrer im Kriege gefallenen Kameraden auf. Der Dirigent war ein Student, der nach einer Kriegsverwundung in ambulanter Behandlung war. Er hatte das Ganze mit dem Chor und dem Orchester einstudiert, die nur aus Studenten und Studentinnen bestanden. Lediglich die Solisten waren Berufssänger, und es war gelungen, erste Kräfte dafür zu gewinnen. Die Aufführung war etwas ganz Besonderes, und wer gefürchtet hatte, eine dilettantenhafte 285 Wiedergabe zu hören, die ja verständlich gewesen wäre, erlebte eine große Ueberraschung. Es war eine erstaunliche Leistung, nur zu erklären mit der Hingabe und dem Einsatz der Kräfte jedes einzelnen. Alles war bis ins kleinste geprobt und studiert, bis es vollkommen war. Und die Schönheit des Werks fand den gebührenden Rahmen in dem wunderbaren Raum des Münsters, das der Erzbischof bereitwillig zur Verfügung gestellt hatte. Waren das dieselben deutschen jungen Menschen, die als fanatische Nationalsozialisten die schrecklichen Grausamkeiten in den besetzten Gebieten verübten, von denen wir durch die ausländischen Sender hörten? Nein, wohl nicht dieselben; wir wußten aus Berichten eines Studenten, des Sohnes eines Freundes vom Wackes, daß hier, wie z. B. in München, eine zahlenmäßig starke Opposition gegen das herrschende Regime unter der Studentenschaft bestand. In München hatte sie offen zu opponieren gewagt und war sofort blutig unterdrückt worden. Aber man hatte sie trotz aller Terrormaßnahmen nicht ausrotten können. In dieser Aufführung meinte ich sie zu hören: aus den Rhythmen der begleitenden Instrumente, aus den Chorfugen erhob sich die Stimme der geknechteten Gottheit, die trotz allem den Sieg davontrug, der geschändeten Menschlichkeit, die schließlich triumphierte, und sie weckte in den andächtig Lauschenden neuen Mut, gab ihnen neue Kraft auszuhalten bis zum ersehnten Ende der Tyrannei, das ja einmal kommen muẞ! Schaffhausen/ Schweiz, den 24. April 1944 Ich lese die letzten Sätze, die ich im Februar geschrieben habe. Ja, für mich ist das Ende der Knechtschaft nun da; doch noch ist mir alles wie ein Traum, aus dem ich zu erwachen fürchte! Aber ich will Dir von allen Ereig286 - - nissen einen möglichst genauen Bericht geben. Meine Geduld wurde noch auf eine recht harte Probe gestellt. Der Schnee wollte und wollte nicht weichen, den ganzen März hindurch blieb er hartnäckig liegen, hie und da durch neue Schneefälle sogar verstärkt. Ostern kam heran, zaghaft wagten sich die ersten Frühlingsboten hervor, die Knospen an Sträuchern und Bäumen wurden dicker und glänzender. In Freiburg war der Schnee jetzt endlich verschwunden, doch immer noch blieb die ersehnte Nachricht aus. Da kam vor etwa vierzehn Tagen der Wackes mit besonders ernstem Gesicht heim, und als Rolf im Bett war, erzählte er folgendes: Er sei auf dem Nachhauseweg von einem Polizisten des Reviers angerufen und hereingebeten worden. Er kenne ihn schon seit langem als anständigen Menschen und korrekten Beamten, der sicher kein Freund der Nazis sei. Im Büro war niemand außer ihnen. ,, Ich wollte Sie allein sprechen", begann der Beamte. ,, Bei Ihnen in der Wohnung haben Sie seit längerer Zeit eine ältere Frau, die vor den Bombardierungen flüchtete, aufgenommen. Sie haben sie nicht polizeilich angemeldet. Ich weiß, Sie wollen sagen, daß das heute nicht mehr so genau genommen wird wie früher, wir hier auf dem Revier drücken in dieser Beziehung auch gern ein, ja notfalls beide Augen zu. Aber in Ihrem Haus wohnt eine Person, die Ihnen anscheinend nicht wohlgesinnt ist. Sie muß wohl gespürt haben", und dabei lächelte er ,,, daß Sie die Nazis nicht gerade lieben. Ich habe durchaus Verständnis dafür", wehrte er ab, als der Wackes etwas erwidern wollte. ,, Sie möchte Ihnen gern etwas am Zeug flicken, und da sie gestern bei mir eine Sache zu erledigen hatte, nahm sie die Gelegenheit wahr, um mir zu sagen, ich solle mir die Frau Schröder, die da bei Ihnen wohnt, doch einmal genauer ansehen. Sie glaubte die Äußerung von ihr gehört zu haben, der Krieg könne ja von Deutschland nicht mehr gewonnen werden, und dagegen müsse man doch einschreiten, es sei ja direkt verbrecherisch, so zu reden. Ich beschwich287 - - - tigte sie und versprach, der Sache nachzugehen. Ich hoffe, sie wird sich dabei beruhigen, wenn ich ihr erkläre, daß es sich um ein Mißverständnis handle. Sie sowohl wie die Frau Schröder hätten entrüstet abgelehnt, je so etwas gesagt zu haben. Aber es wäre besser, wenn die Frau zwar nicht sofort das würde vielleicht zu neuem Gerede Anlaß bieten aber bald den Aufenthalt wechselte." Und damit habe er ihm die Hand hingestreckt, und er sei gegangen. Mir war immer abwechselnd heiß und kalt geworden. Was nun? ,, Ruhig, Buddeli, nicht den Mut verlieren“, sagte der Wackes herzlich ,,, ich bin ganz sicher, ich würde nochmals gewarnt, wenn eine akute Gefahr bestände. Aber während ich sonst gar nicht begeistert war von Ihrem Plan, in die Schweiz zu flüchten, weil mir das Risiko zu groß erschien, glaube ich jetzt, daß es das Richtige ist." ,, Was hältst du davon", wandte Lotte ein ,,, wenn ich morgen vom Büro aus mit Hella telephoniere. Es genügt ja, wenn ich ihr sage, daß es allerhöchste Zeit für Buddeli wäre, daß sie zur Erholung fortkäme." ,, Das ist eine gute Idee", nickte der Wackes. Du kannst Dir vorstellen, daß mich der Schlaf floh. Schließlich machte ich meine kleine Lampe wieder an und begann zu lesen. Mittags erwartete ich Lotte in großer Spannung. Ja, es war ihr geglückt, sie hatte Hella gesprochen. Sie war ziemlich erschrocken gewesen und hatte versichert, daß auch ohne ihren Anruf die Sache im Laufen sei. Sie hoffe, in etwa zwölf Tagen könne ich meine Erholungsreise antreten. Sie brächte mich selbst auf den Weg und würde die Zeit ihrer Ankunft telegraphisch mitteilen. ,, Sehen Sie, Buddeli, nun sind wir schon ein kleines Stück weiter. Ich fürchtete schon, die ganze Sache sei ins Wasser gefallen, und ich bin sehr erleichtert, daß es nicht so ist", endete Lotte ihren Bericht. - Die nächsten acht Tage waren schrecklich. Bei jedem unerwarteten Klingelzeichen fuhr ich zusammen, genau wie in 288 den Zeiten bei Erna und Gustav, aber auch in den Monaten bei Onkel Karl. Wir hatten ausgemacht, bei abendlichem, verdächtigem Läuten, das unten an der Haustür erfolgte, sollte ich für alle Fälle in der auf dem Treppenflur gelegenen Toilette verschwinden, weil die Wohnung keinen zweiten Ausgang hatte. Daß das bei einer regelrechten Haussuchung kein sicherer Schlupfwinkel wäre, war mir klar. Ich konnte nur hoffen, daß es nicht so weit kam! Am 18. April kam ein Telegramm von Hella, sie würde am 19. kommen, ich solle mich bereit halten. Meine Spannung stieg ins Unerträgliche.- Ich holte Hella vom Bahnhof ab. Die Abreise war für den 20. April vorgesehen. Also gerade an Hitlers Geburtstag sollte ich über die Grenze gehen! Hella meinte, dieses Datum sei gewiß mit Absicht gewählt worden. Ich wollte wissen, was die Sache koste. ,, Mit Mühe und Not habe ich erreicht, daß sie überhaupt noch deutsches Geld nehmen", berichtete sie. ,, Du bist wahrscheinlich die Letzte, bei der sie es tun, und sie verlangen daneben noch eine Menge Wäsche und einen goldenen Ring. Doch die Hauptsache ist, daß wir es geben können und alles hoffentlich klappen wird." ,, Wohin muß ich fahren, und wie soll alles vor sich gehen?" fragte ich gespannt. - - ,, Das will ich dir genau sagen. Wir fahren morgen nach Singen. Du darfst keinen Koffer mitnehmen, höchstens einen nicht zu schweren Rucksack und eine größere Tasche. Du sollst auch keinen Hut aufsetzen, sondern ein Tuch umbinden. Und als Erkennungszeichen mußt du bitte lache nicht! einen Besen in der Hand tragen!!" Mir war beileibe nicht zum Lachen zumute, aber ich muß wohl sehr runde, erstaunte Augen gemacht haben, denn Hella begann ihrerseits zu lachen. Meine Hand fassend, fuhr sie fort: ,, Ein drolliges Erkennungszeichen, aber ein sicheres jedenfalls, und heutzutage, wo es gar nichts mehr zu kaufen gibt, wird es niemandem besonders auffallen, wenn eine Frau einen Besen von einem Ort zum andern bringt. Schwieriger 19 Behrend, Ich stand nicht allein 289 wird es sein, ihn aufzutreiben. Aber da ich dich begleite und den Besen wieder zurückgeben kann, werden wir schon einen geliehen kriegen.“„Ich möchte versuchen, einen Puppenbesen zu bekommen“, erwiderte ich,„er wäre mir viel’ sympathischer als ein richtiger großer, der unbequem zu verstauen und zu tragen ist.“„Du hast recht, das wäre natürlich angenehmer. Wir werden Lotte fragen, wo wir eventuell einen solchen geliehen bekommen. Aber nun laß dir weiter berichten: Du mußt um fünf Uhr nachmittags in Singen sein und eine bestimmte Straße in Bahnhofsnähe langsam hinuntergehen. Irgendwo wird ein Mann stehen, der dir unauffällig ein Zeichen geben und sich dann lang- sam in Bewegung setzen wird. Du wirst ihm folgen. An einer einsamen Stelle wird er haltmachen. Du hast ihm ein bestimmtes Kennwort zu sagen, an dem er neben allen anderen Zeichen merkt, daß du die Person bist, die fort- gebracht werden soll. Dann hast du ihm Geld, Ring und den Gepäckschein für das Wäschepaket, das ich an der Handgepäckstelle in Singen abgeben werde, auszuhändigen. Das Weitere wirst du von ihm erfahren. Soviel ich weiß, wird er dich nach einer Weile einer zweiten, und diese schließlich einer dritten Person zur Weiterbeförderung übergeben. So, das ist alles, was ich dir sagen kann.“ Mittags wurde Lotte wegen des Puppenbesens inter- pelliert.„Vielleicht kann Frau M. Ihnen helfen, Buddeli“, meinte sie.„Da sind Kinder im Hause, und sie kennt Sie und wird alles tun, um Ihnen weiterzuhelfen.“ Ich hatte Glück, Frau M’s. Nichten, die bei ihr wohnten, besaßen wirklich einen sehr gut erhaltenen Puppenbesen, den Frau M. mir gern zur Verfügung stellte.— Auch das Packen des Rucksacks war schnell erledigt. Ein Paar Schuhe, Reisehausschuhe, eine Bluse, ein Nachthemd, die notwendigsten Toilettenutensilien und das Tagebuch waren bald verstaut. Schwieriger war die Frage zu lösen, was ich anziehen sollte. Aber ich hatte ja von den vielen Deportationen her eine traurige Routine in diesen Dingen. 290 Möglichst dreifache Unterwäsche, zwei Sommerkleider und Rock und Bluse, darüber noch der Wintermantel und an den Füßen die Bergstiefel, ein Geschenk vor meiner Beförderung ins Sammellager. Als dieser ganze Haufen vor uns lag, meinte Hella zweifelnd: ,, Ob du das wirklich alles übereinander ziehen kannst? Du solltest es jetzt mindestens zur Probe versuchen." Gesagt, getan; es ging gut, ein Segen, daß ich früher so viel dicker gewesen war! Wohl sah ich etwas rundlich aus, aber Lottes und Hellas kritische Augen konnten nichts Auffallendes an mir entdecken.- Der Abschied am nächsten Morgen fiel uns allen nicht leicht. Rolf hatten wir gesagt, daß ich als Aushilfe in ein Kinderheim bei Radolfszell ginge, ich hatte ihn ja schon lange auf ein plötzliches Scheiden vorbereitet. Er fand es tröstlich, daß ich nicht so weit fort fuhr. Wir mußten den Zug nehmen, der gegen zehn Uhr abging, und mit dem wir um drei Uhr Singen erreichen sollten. In Donaueschingen hatten wir eine Stunde Aufenthalt, die wir benützten, um etwas Warmes zu essen. Ich hatte außer meinem Rucksack noch eine alte Einkaufstasche und meine große lederne Handtasche, Hella das Wäschepaket, ihr Stadtköfferchen und den Puppenbesen. Es war ausgemacht, daß sie in Singen übernachten und am nächsten Tag nach Freiburg zurückfahren sollte, um Bericht zu erstatten. --Ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich für Hellas Begleitung war! So ging die Zeit doch etwas rascher mit gemeinsamer Unterhaltung hin. Wir kamen ziemlich pünktlich in Singen an, gaben das Wäschepaket auf der Handgepäckstelle ab und schlenderten in entgegengesetzter Richtung als der, in welcher ich später zum Treffpunkt gehen sollte, durch die Stadt, bis wir ziemlich weit draußen eine kleine Gartenwirtschaft fanden, in der wir uns niederließen. ,, Bist du ängstlich, Buddeli?" brach Hella das Schweigen. Ich schüttelte den Kopf. ,, Nein, ich bin ganz ruhig. Ich bin froh, daß so oder so ein Ende des Zustandes kommt, in dem ich seit nun fast zwei Jahren gelebt habe. 19* 291 Glaube mir, wenn ich vorher gewußt hätte, daß es so lange gehen würde, ich hätte die Flucht von München nach Berlin in die Illegalität nicht unternommen." ,, Das glaube ich dir gern", erwiderte Hella. ,, Aber laß uns allmählich gehen, es wird Zeit." Wir zahlten unsere kleine Zeche und wanderten zum Bahnhof zurück. Hella ging in das gegenüberliegende Wirtshaus, wo ich sie abholen sollte, falls ich nicht gleich weiter mußte. Doch glaubte sie, dazu werde man das Dunkel des Abends abwarten. Wir trennten uns rasch. Langsam, den Puppenbesen in der Hand, angespannt aufmerkend ging ich nun den vorgeschriebenen Weg, der belebt war von einer Menge aus ihrem Betrieb kommender Arbeiter. Da- dort drüben stand ein kleiner Mann, wie zufällig, eine Zigarette rauchend, gleichmütig die Vorübergehenden betrachtend. War das nicht ein fast unmerkbares Nicken des Kopfes, ein Blinzeln der Augen, als er mich sah? Und nun wandte er sich ruhig und schritt eine Querstraße hinunter. Ich folgte; jetzt klopfte mein Herz so stark, daß ich meinte, es müßte zerspringen! Aber was war das? Der Mann, den ich fest im Auge behielt, hatte sich wieder umgewandt und ging nun an mir vorüber. Sollte ich mich geirrt haben? Doch ich konnte ihm jetzt nicht folgen, das wäre zu auffällig, also ging ich noch ein wenig langsamer die Straße in der begonnenen Richtung weiter. Jetzt mein Herz tat einen Sprung!-da kam der gleiche kleine Mann wieder an mir vorbei und schritt ein wenig schneller vor mir her. Er war es! Nun war ich ganz sicher! Allmählich verlief sich der Strom der Menschen, auch die Häuser wurden seltener, standen nicht mehr in Reihen nebeneinander, Gärten und Felder schoben sich dazwischen, und bald hatten wir auch die letzten Wohnstätten hinter uns gelassen. Da stand der Mann still und ließ mich herankommen. ,, Ich komme von Xaver", nannte ich die Parole. Er nickte. ,, Sie sind richtig, mit Ihnen kann man etwas Der Mensch ist eine machen“, sagte er anerkennend. - sonderbare Kreatur, ich muß Dir gestehen, daß ich mich 292 - über diesen Ausspruch eines völlig Fremden, Gleichgültigen geschmeichelt fühlte. Da sprach er auch schon weiter: ,, Haben Sie den Gepäckschein?" Ich gab ihn hin. ,, Und das übrige?" Auch des Couvert mit dem Geld und der Ring wanderten in seine Hände. ,, Gut", fuhr er fort ,,, Sie kommen heute abend um Viertel vor neun Uhr auf den Bahnhof, bleiben in der Nähe der Sperre und passen auf, wenn ich dort durch gehe. Sie folgen mir auf dem Fuß, ich habe Ihre Fahrkarte und lasse sie mit der meinigen lochen. Dann gehen Sie den ersten Bahnsteig ganz weit nach rechts hinunter, ziemlich am Ende steht ein kleiner Lokalzug. In den steigen Sie ein und erwarten alles Weitere. Der Zug fährt neun Uhr fünf ab." Damit nickte er nochmals kurz und verschwand. - Ich blieb noch eine Weile stehen und ging dann den Weg zurück, den ich gekommen war. Plötzlich überflutete es mich heiß. War es nicht falsch gewesen, dem Mann alles abzugeben? Konnte er nun nicht einfach verschwinden und mich sitzen lassen? Aber es war so ausgemacht, tröstete ich mich selbst abwarten und ruhig bleiben! Wie gut, daß Hella mich erwartete, ein Mensch, der mich gern hatte und Verständnis und Warmherzigkeit besaß! In der großen Gaststube ließ ich meine Augen wandern, bis ich sie entdeckte. Ich setzte mich zu ihr und berichtete. Sie hörte gespannt zu. Als ich meine Bedenken äußerte, redete sie sie mir aus. ,, Diese Sorge ist sicher überflüssig", sagte sie beruhigend ,,, du hast genau das getan, was verabredet war. Laẞ uns vertrauen, daß alles gut wird!" Wir blieben noch eine Weile sitzen, dann schlenderten wir wieder in der Stadt umher, Hella suchte sich ein Zimmer für die Nacht. Wie langsam ging doch die Zeit, immer noch zwei Stunden, bis wir wieder zum Bahnhof gehen konnten! Aber schließlich gingen auch diese vorüber. Es war dunkel geworden, der Tag war trüb gewesen, hin und wieder hatte es getröpfelt, aber nicht hintereinander geregnet. Da lag der Bahnhof, Hella löste eine Bahnsteig- 293 karte und stellte sich mir gegenüber in der Nähe der Sperre auf. Es herrschte ziemlich reger Verkehr, ich sah einfache Soldaten, Offiziere und SA- Männer, vermutlich wollten sie zu einer Feier von Hitlers Geburtstag. Halt-da kam der kleine Mann, langsam schritt er zur Sperre, ich schloß mich ihm an. So, jetzt stand ich auf dem Bahnsteig und ging nach rechts. Ich konnte nichts sehen, meine Augen waren noch geblendet von dem Licht in der Bahnhofshalle. Da war auch schon Hella an meiner Seite. Jetzt hatten wir den nur aus wenigen Wagen bestehenden Zug erreicht. Der kleine Mann war schon dort. ,, Steigen Sie hier ein", sagte er leise ,,, hier haben Sie Ihre Fahrkarte. Ich steige erst nach der zweiten Station bei Ihnen ein, mir ist das Gewimmel hier zu gefährlich. Ich fahre mit dem Rad voraus." Er wandte sich ab, gleich darauf war er verschwunden. Hella war zurückgetreten, nun kam sie wieder zu mir, wir nahmen kurz Abschied voneinander. Ich konnte kaum sprechen, es saß mir wie ein Kloß in der Kehle. Sie war fort, der letzte Mensch, der die Brücke zur Vergangenheit und meinem ganzen bisherigen Leben bildete. Ich stieg in den bezeichneten Wagen, der noch fast leer war, und setzte mich gleich an der Tür auf eine freie Bank. Der Zug fuhr ab, der Wagen hatte sich inzwischen gefüllt. Wir ratterten im Bummelzugtempo durch die Nacht, unser Wagen war völlig finster. Der Schaffner erschien und verlangte die Billette. Ich reichte meines hin, auch die übrigen Insassen gaben die ihren ab. Er kam noch einmal zurück und fragte mich, mir mit seiner Taschenlampe ins Gesicht leuchtend: ,, Wo steigen Sie aus?" Ich erschrak, ich hatte keine Ahnung, es war viel zu dunkel gewesen, um den Stationsnamen auf der Karte lesen zu können. Ich sagte auf gut Glück: ,, Bei der dritten Haltestelle!" Er verließ den Wagen. Ich blieb in großer Unruhe zurück. Die erste Station war vorbei, wir hielten auf der zweiten und verließen auch diese wieder. Die Tür öffnete sich, jemand kam herein und setzte sich mir gegenüber. ,, Da bin ich", sagte 294 die Stimme des kleinen Mannes. Ich atmete auf und erzählte ihm flüsternd von dem Gespräch mit dem Schaffner. ,, Das macht nichts", beruhigte er mich ,,, wir fahren bis zur Endhaltestelle. Das bringe ich schon in Ordnung." Ich lehnte mich wieder in meine Ecke zurück. Nach der dritten Station kam der Schaffner und sagte zu mir: ,, Wollten Sie nicht bei der dritten Haltestelle aussteigen?" Der kleine Mann antwortete statt meiner: ,, Die Frau hat sich geirrt, sie glaubte, Beuron sei schon die dritte Station!" Der Schaffner entfernte sich. Ich weiß nicht mehr wieviele Haltestellen noch kamen, sehr viele sind es wohl kaum gewesen. Vor der letzten sagte der Mann kurz: ,, Wir sind gleich da." Ich stieg hinter ihm aus, mir kam vor, es sei noch dunkler geworden, man konnte keine Hand vor Augen sehen. Der kleine Mann wies mich an, stehenzubleiben, bis er sein Fahrrad aus dem Gepäckwagen geholt habe. Auch jetzt noch konnte er mich verlassen, ich war ihm ausgeliefert. Die folgenden Minuten wurden zur Ewigkeit. Doch da war seine Stimme wieder: ,, Kommen Sie!" Wir gingen ein paar Schritte. ,, Hier sollen wir den zweiten Mann treffen, der Sie weiter führen wird", sagte er leise. Wir warteten. Jetzt trat jemand zu uns, ich konnte nur erkennen, daß dieser Zweite im Gegensatz zum Ersten recht groß zu sein schien. Der Kleine übergab ihm etwas. ,, Hier ist das Geld", hörte ich seine Stimme. ,, Wie steht es?" fuhr er fort. ,, Schlecht", antwortete der Zweite kurz. Ich erschrak. ,, Aber wir versuchen es trotzdem", tönte wieder die Stimme des Großen aus dem Dunkel. ,, Gut, ich gehe dann", erwiderte der Kleine, und sofort hatte ihn die Finsternis verschluckt. Der Große wandte sich zu mir: ,, Gehen Sie immer etwa zwanzig Schritte hinter mir", er zündete eine Zigarre an, tat ein paar Züge, die sie hell aufglimmen ließ und begann zu gehen. Ich folgte, von Zeit zu Zeit sah ich vor mir den leuchtenden Punkt der Zigarre des voranschreitenden Mannes. Ich fühlte, daß wir auf einer Landstraße gingen, 295 zuerst wohl noch durch ein Dorf, wie vereinzeltes Hundegebell, gelegentliches kurzes Muhen der Kühe aus den Ställen anzeigten. Dann hörten diese Geräusche auf, eine ungeheure Stille senkte sich auf uns herab, ich hörte nur dumpf die Schritte des Mannes vor mir. Mir kam vor, als gingen wir endlos, ich hatte alles Gefühl für Zeitablauf verloren. Endlich schienen wir uns wieder einem Dorf zu nähern, menschliche Stimmen erklangen dumpf und versanken wieder. Wir schritten weiter. Plötzlich durchzuckte mich ein furchtbarer Schreck. Ich hatte den Mann verloren, ich sah und hörte ihn nicht mehr. Was tun? Mein Herz schlug wie ein Hammer, es übertönte alle anderen Geräusche. Ich blieb stehen. Wie lange? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß in dieser Zeit mein ganzes Leben an mir vorüberzog, in weiter Ferne die glücklichen Jahre unseres Zusammenseins, näher schon die Zeit der Trennung mit allem Schweren, dem unermeßlich scheinenden Meer von Leid und wie leuchtende Inseln darin das menschlich Schöne und Erhebende! Aber narrte mich ein Spuk, ein Irrlicht, oder kam der Leuchtpunkt der Zigarre in der Hand des Mannes mir wirklich näher? Ja, er war's. Da war er neben mir, flüsternd hörte ich ihn sagen: ,, Der Dritte ist nicht gekommen. Fassen Sie meine Hand, wir müssen von der Straße fort." Stumm nahm ich seine Hand. Ich fühlte, daß wir nun auf einer Wiese gingen. Wir standen still. ,, Hier ist ein Stacheldraht", flüsterte er ,,, fühlen Sie ihn?" Er führte meine Hand vorsichtig heran. ,, Ja", antwortete ich. ,, Steigen Sie hinüber, ich halte Sie", kam sein Befehl. Ich gehorchte. Jetzt standen wir auf der anderen Seite des Stacheldrahtes. ,, Hören Sie unten den Bach?" fragte er von neuem. Ich bejahte. ,, Wir sind auf einem Hang, der dem Bach parallel verläuft. Gehen Sie möglichst auf gleicher Höhe weiter, das Rauschen des Baches gibt Ihnen die Richtung an", er hob den Arm mit der glimmenden Zigarre. ,, Drüben liegt eine Strecke bachaufwärts das deutsche Zollhaus, auf dieser 296 Seite des Baches kommen später die Grenze und das Schweizer Zollhaus. Das müssen Sie erreichen. Geben Sie mir Ihren Postausweis und ihre Kleiderkarte." Ich reichte beides hinüber, ich hatte sie in meiner Manteltasche bereit gehalten. Es war ausgemacht, daß sie Hella übergeben werden sollten, zum Zeichen, daß ich über die Grenze gelangt war. Aber so weit war es ja noch gar nicht! ,, Bringen Sie mich doch noch etwas weiter", sagte ich ,,, ich kann absolut nichts sehen." ,, Nein", entgegnete er kurz ,,, es ist mir zu gefährlich, Sie müssen sehen, wie Sie allein weiterkommen!" Er war fort wie ein Geist! Ich stand allein. Unten rauschte der Bach, langsam setzte ich Fuß vor Fuß. Ich fühlte, daß ich auf einem Wiesenabhang ging, er mußte ziemlich steil zum Bach abfallen. Also vorsichtig gehen! Wie still es war, das Rauschen des Baches schien die Stille ringsum noch zu erhöhen. Es kam mir vor, als wandere ich außerhalb der ganzen bewohnten Welt, in einem Zwischenreich, in dem sich außer mir kein menschliches Wesen befand. Von meiner Vergangenheit war ich getrennt, schon hatte sich zwischen sie und die Zukunft eine weite Kluft geschoben. Würde ich sie überwinden, oder stand ich vor dem Ende? Aber wie dem auch sein mochte, ein tiefes Vertrauen in die göttliche Macht des Schicksals erfüllte mich jetzt. Wunderbar getrost war ich plötzlich, das Gefühl des unendlichen Alleinseins hatte mich verlassen. Vorwärts schritt ich nun, alles in mir gespannt nur auf das vorsichtige Gehen gerichtet. Bums, da lag ich! Durch den Wiesenabhang zog sich eine tiefe Rinne, über die ich gefallen war. Aber ich hatte mir nichts getan, schon stand ich wieder auf den Beinen. Doch wo war meine Handtasche geblieben? Ich trug sie in der linken Hand, in der ich wegen der teilweisen Lähmung kein rechtes Gefühl hatte. In der Handtasche waren die einzigen Photos von Euch, die ich besaß, je eins von Dir und den Kindern, ein teurer Besitz, den ich nicht missen wollte! Auch ein Armband aus Gold, der Füllfederhalter, den ich 297 - im Sammellager vor der Deportation geschenkt bekommen hatte, eine Ersatzbrille und manche anderen wichtigen Kleinigkeiten waren darin untergebracht. Ich tastete mit der rechten Hand meine ganze Umgebung ab. Nichts! Aber ich konnte mich hier nicht lange aufhalten, es war gefährlich, weiterzusuchen und womöglich die Richtung zu verlieren. Ich mußte die Handtasche verloren geben, ich durfte mich nicht an irgendein materielles Besitztum klammern! Also weiter. Irgendwo in der Ferne hörte ich den Stundenschlag von einem Kirchturm her. Ich versäumte, die Schläge zu zählen, die Zeit war mir unwichtig geworden. Ich ging noch langsamer, setzte die Schritte noch vorsichtiger. Da ich hatte den Boden unter den Füßen verloren, war gefallen, tausend flammende Sterne tanzten vor meinen Augen! Einen Moment lag ich ganz still. Ich fühlte Steinplatten unter mir. Ich versuchte aufzustehen, ein furchtbarer Schmerz im linken Fuß ließ mich wieder zurücksinken. Ich mußte ihn gebrochen haben, tastend entdeckte ich, daß er ganz verdreht war. Wenn ich nur wüßte, wo ich mich befand! Jetzt hörte ich Schritte, sah das Licht von einer Laterne oder Taschenlampe. Offenbar hatte man den Sturz im Hause, das zu dem mit Steinplatten oder Zement bedeckten Hof gehörte, vernommen, und jemand kam nachzusehen. Ich rief, es war ja doch nutzlos, sich weiter verbergen zu wollen, da ich nicht ohne Hilfe aufstehen konnte. Der Lichtschein näherte sich mir. ,, Bitte, sagen Sie mir, wo ich bin", rief ich. In meiner Stimme mußte meine Angst mitgeklungen haben, denn eine dunkle Männerstimme antwortete beruhigend: ,, Seien Sie ganz ruhig, Sie sind auf Schweizer Boden!" Ich war direkt in den Hof des Schweizer Zollhauses gestürzt! Während des letzten Teils des Weges hatte ich mir vorgehalten, daß der Empfang in der Schweiz sicher nichts weniger als freundlich sein würde, und daß das nur zu verständlich war. Da kam eine Fremde spät nachts über 298 die Grenze und machte bloß Arbeit und Mühe. Ich bemühte mich, nicht die Nerven zu verlieren und ruhig hinzunehmen, was man auch mit mir anfangen würde. terne - - - Zunächst erfüllten mich nach den mir wie eine Himmelsbotschaft klingenden Worten des Mannes mit der LaErleichterung und Freude trotz des sehr heftigen Schmerzes im Fußgelenk. Da war der Mann auch schon neben mir, mit ihm kam noch ein zweiter. ,, Ich glaube, ich habe den Fuß gebrochen“, sagte ich nach kurzem Gruß. ,, Nur keine Sorge, das werden wir gleich haben", gab er freundlich zur Antwort. Die beiden Männer hoben mich mit geschickten, vorsichtigen Bewegungen auf und trugen mich ins Haus. An der Haustür stand, mitleidig grüßend, eine Frau, öffnete eine zweite Tür, die in eine Art Amtszimmer oder Büro führte, und half mich auf eine lange Wandbank betten. Sie holte Kissen für den Kopf, um ihn zu stützen. Sie war voller Hilfsbereitschaft und lief, um mir einen heißen Kaffee zu kochen. Ich erzählte den Zollwächtern auf ihr Fragen, daß ich von Singen gekommen war. ,, Ich bestelle telephonisch einen Arzt aus Thayngen und benachrichtige die Polizei", sagte der eine. Der andere fragte: ,, Haben Sie sehr arge Schmerzen?" Ich bejahte. Kurz darauf brachte die Frau des Zollwächters Kaffee und Zwieback. Ich nahm dankend ein paar Schluck von dem heißen, belebenden Getränk, essen konnte ich nichts, aber die Herzenswärme und die Freundlichkeit, mit der ich hier empfangen und gelabt wurde, taten mir unendlich wohl! Die Frau schüttelte den Kopf darüber, daß ich allein in dieser dunklen Nacht den gefährlichen Gang gewagt hatte. Ich konnte ihr nicht erklären, wie das nur das konsequente Schlußglied einer langen Kette von schweren Erlebnissen bedeutete. Ich fragte nach der Uhr, es war nach Schweizer Zeit gegen elf, nach deutscher Sommerzeit eine Stunde später. Da waren auch schon der Arzt und ein Polizeibeamter. Beide grüßten freundlich, der Arzt, ein noch jüngerer 299 - - Mann, begann vorsichtig das linke Bein und das Fußgelenk zu untersuchen. ,, Ich werde den Stiefel aufschneiden müssen“, sagte er abschließend ,,, bei der starken Schwellung müßte ich Ihnen sonst zu starke Schmerzen beim Ausziehen verursachen." ,, Das tut nichts, Herr Doktor", erwiderte ich ihm ,,, die Schmerzen will ich schon aushalten, aber den Stiefel kann ich nicht entbehren, den dürfen Sie nicht zerschneiden." Er stand einen Augenblick überlegend. ,, Gut, ich werde Ihnen eine starke Morphiumspritze geben, auch dann wird das Abziehen des Stiefels noch schmerzen, aber es wird leichter zu ertragen sein." Er bereitete alles vor. ,, Bis die Spritze gewirkt hat, wird der Polizeibeamte Sie befragen, oder fühlen Sie sich zu elend dazu?" Ich erklärte, gern Auskunft zu geben über das, was ich wisse, doch sei das sehr wenig. Ich erzählte kurz, daß ich von den daß es sich Mittelsleuten der Schmugglerorganisation um eine solche handelte, setzte der Beamte ohne weiteres voraus keine Ahnung hätte, da alles durch mehrere mir unbekannte Menschen gegangen sei. In Singen sei ich erwartet worden. Ueber den Mann, der mich in Empfang genommen hätte, könnte ich nichts sagen, weil ich vor Aufregung nicht auf sein Aussehen geachtet hätte. Auf seinen Wunsch beschrieb ich kurz den Weg. Ich berichtete auch von dem ersten Fall auf dem Wiesenhang und dem Verlust der Handtasche, der mir sehr schmerzlich sei. ,, Nach Ihrer Erzählung muß man annehmen, daß Sie die Tasche noch auf deutschem Boden verloren haben, trotzdem werden wir morgen, früh nachsuchen lassen. Aber wir sind hier unmittelbar hinter der Grenze", erwiderte der Beamte. ( Inzwischen bekam ich die Nachricht, daß man sie nicht gefunden hat.) Er machte kurze Notizen, schrieb auch meinen Namen auf nach fast zwei Jahren wieder zum ersten Mal meinen richtigen Namen!- ,, Es ist ein Wunder, daß Sie sich nur das Bein und nicht das Genick gebrochen haben", sagte der Arzt kopfschüttelnd. ,, Sie sind über eine Und was fanzweieinhalb Meter hohe Mauer gefallen! 300 - - gen wir jetzt mit der Frau Doktor an?“ wandte er sich fragend an den Polizeibeamten. Nach kurzer Besprechung kamen sie überein, es wäre das beste, mich sofort nach Anlegen einer Schiene und eines Interimsverbandes in das Kantonspital nach Schaffhausen zu bringen.„Man wird sich zuerst ein bißchen wundern, wenn eine Frau mit einem Beinbruch als Notfall eingeliefert wird, aber das macht nichts, es ist am richtigsten so. Ich werde gleich selbst nach einem Auto telephonieren, es gibt eines, in das man bequem einen Kranken betten kann“, schloß der Arzt, zufrieden, eine Lösung gefunden zu haben. Inzwischen hatte die Spritze ihre Wirkung getan. Vor- sichtig begann der Arzt, den Stiefel abzuziehen. Es tat noch gehörig weh, aber was machten mir diese Schmerzen schon aus! Der Stiefel war herunter, die Schiene wurde angelegt und ein Verband gemacht. Dann telephonierte der Doktor nach dem Wagen.— Ich mußte eingeschlummert sein, ich erwachte nur halb, als der Arzt mit Hilfe der Zollwächter mich in das Auto trug.— Es tut mir jetzt leid, daß ich nicht imstande war, den freundlichen Menschen richtig zu danken!— Der Wagen fuhr durch die Nacht; ich kann nicht sagen wie lange, doch erfuhr ich hinterher, daß ich gegen halb ein Uhr im Spital ankam.— Ich erwachte, als wir vor einem beleuchteten Hause hiel- ten, ich aus dem Auto geholt und eine Treppe hinaufge- tragen wurde. Zwei weibliche Wesen, darunter eine Dia- konissin, begannen mich zu entkleiden. Ganz von ferne hörte ich ihr leises Lachen, als immer noch eine Hülle her- unterzuziehen war. Doch war ich viel zu müde, um etwas sagen zu können. Ich war ganz wunschlos, hatte ich doch mein Ziel erreicht: Das schlimme, gefährliche und doch oft so wundersame Leben in Gesetz- und Rechtlosigkeit war zu Ende!— 301 Im gleichen Verlag erscheint: Roi Ottley: ,, DIE SCHWARZE ODYSSEE" Die Geschichte der Neger in Amerika. Übersetzt und eingeleitet von Klara Deppe. 308 Seiten. Holzfreies Papier. Friedensmäßige Ausstattung. Ganzleinen mit zweifarb. Schutzumschlag. DM 7.50 Das Buch ist nicht nur historisch, es ist vor allem menschlich, und die unzähligen Abenteuer, Geschichten, Anekdoten und Skizzen von Negerpersönlichkeiten darin geben den Kapiteln sprühendes Leben und Wärme. In AMERIKA schreibt man über dieses Buch: ,,... stellenweise liest sich dieses Buch wie unglaubliche Zeitungsgeschichten,... dann wieder wird der Verfasser zum Geschichtsschreiber wichtiger Prozesse,... am besten ist er zuhause, wenn er dramatische Vorfälle schildert, wie Kriege und Sklavenaufstände. Kein wichtiges Ereignis läßt er aus, und es gibt keinen Helden seiner Rasse, von dem er nicht berichtet... Nachdem man über diese Menschen gelesen hat, fällt es schwer, sie sich als Neger vorzustellen." In ENGLAND: The Nation, New York Ein brillantes Buch, das jeder lesen sollte, der an dem Schicksal der Neger ein wirkliches Interesse nimmt." The Star, London EUROPÄISCHE VERLAGSANSTALT GMBH Hamburg 1, Speersort 1,( Pressehaus) Große Menschen gehören nicht dem Land allein, in dem sie gelebt und gewirkt haben; sie gehören der ganzen Menschheit. Biographien von großen Männern und Frauen J. Nehru: INDIENS WEG ZUR FREIHEIT Autobiographie des ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Indien. Mit besonderem Vorwort für die deutsche Ausgabe. 624 Seiten. Ganzleinen. Farbiger Schutzumschlag. Kunstdruckbilder. DM 12.50 J. Hampden Jackson: JEAN JAURES Sein Leben und Werk. 256 Seiten. Ganzleinen. Farbiger Schutzumschlag. DM 6.80 Margaret Cole: TAPFER UND UNENTWEGT Die Lebensgeschichte von BEATRICE WEBB. 316 Seiten. Ganzleinen. DM 6.80 Jules Messinne: EMILE VANDERVELDE Ein großer Belgier. 221 Seiten. Ganzleinen. DM 6.80 William Stewart: J. KEIR HARDIE Ein Leben im Dienste der Werktätigen. Mit einem Nachwort von Ramsey MacDonald sowie ausführlichen Anmerkungen und Register. 312 Seiten. Großoktav, Ganzleinen mit Schutzumschlag. DM 7.50 Alle Werke sind auf gutem, holzfreiem Papier ge- druckt und friedensmäßig ausgestattet. EUROPÄISCHE VERLAGSANSTALT GMBH Hamburg 1, Speersort 1,(Pressehaus)