VORWORT Ich habe mich hier bemüht, die Tage, die ich im Herbst 1943 als Verhafteter der Gestapo im Stuttgarter Polizeigefängnis verbringen mußte, wahrheitsgetreu zu schildern. Dieser Bericht ist unmittelbar nach meiner Freilassung, noch unter dem frischen Eindruck meiner Erlebnisse so niedergeschrieben worden, wie er hier steht. Lediglich die Namen einiger Mitgefangener habe ich aus begreiflichen Gründen geändert. Es sind nur vierzehn, genau fünfzehn Tage, die ich hier ausführlich schildere. Ungezählte andere unschuldige Menschen haben unter den Nazis viele Jahre in Gefängnissen und Konzentrationslagern geschmachtet. Man ermesse an diesem Bericht, was sie vor allem auch seelisch gelitten haben. Walter Schumann DIE VERHAFTUNG ,, Herr Schumann, hier ist ein Herr, der Sie sprechen möchte." Mit diesen Worten rief man mich vom Arbeitsplatz des Betriebes in Magstadt weg, für den ich nun schon viele Jahre arbeite. Es war noch am frühen Morgen, kaum daß die Arbeit begonnen hatte. Vor mir stand ein Mann mit scharfem, durchdringendem Blick. Sein Gesicht war aber nicht unsympathisch. Ja, es lag etwas Vertrauenerweckendes in ihm, trotz der strengen Augen. Er mochte etwa Mitte Dreißig alt sein. Ich hielt ihn für einen Kunden; sie nahmen manchmal die unbequeme Bahnfahrt nach Magstadt auf sich, um wegen bevorzugter Lieferung vorzusprechen. Ahnungslos und dienstbeflissen stellte ich mich vor. Der Andere blieb kühl. Leise sagte er, er käme von der Polizei und müsse einige Fragen an mich richten. ,, Bitteschön." ,, Nicht hier, Sie müssen mit aufs Rathaus kommen." ,, Bitte." دو Was kann dieser Mensch von mir wollen, überlegte ich, während ich meinen Arbeitskittel mit dem Wintermantel vertauschte. Unten vor der Tür stand ein Personenwagen mit Fahrer. Mein Begleiter forderte mich auf, einzusteigen. Ich fragte ihn, ob ich die paar Schritte zum Rathaus zu Fuß folgen dürfe, denn es sähe ja gerade wie eine Festnahme aus, wenn ich jetzt in den Wagen mit dem Kennzeichen„ Polizei" steigen müßte. Sicherlich wurde, der Vorgang von allen Fenstern beobachtet. Er lehnte ab. Ich mußte mitfahren. Auf dem Rathaus, wo mich jeder kannte, begegnete ich überall erstaunten Gesichtern. Bedauern las ich in den meisten Augen. Man wußte hier, daß meine beiden Begleiter von der gefürchteten Gestapo waren. Der Mann, der mich aus dem Geschäft geholt hatte, führte mich in ein mir unbekanntes Zimmer im oberen Stockwerk des Rathauses. Wir setzten uns. Er holte Bleistift und Papier und nahm meine Personalien auf. Dann begann er das Gespräch. 7 „Sie werden sich wundern, was ich von Ihnen will.“ „Ja, allerdings.“ Er blickte mir eine Zeitlang scharf in die Augen und fragte dann plötz- lich:„Wo haben Sie die ausländischen Nachrichten her?“ „Ausländische Nachrichten....? Ich erhalte keine ausländischen Nach- richten.“ „Doch! Ich weiß es genau!“, sagte er scharf und bestimmt. „Dann wissen Sie mehr als ich.— An meinem Rundfunkgerät ist seit vie- len Monaten eine wichtige Röhre defekt. Ich kann keinen Ersatz bekommen und muß seitdem auf den Rundfunk verzichten. Schon deshalb ist jeder Verdacht, daß ich ausländische Sender höre, haltlos.“ „Daß Ihr Rundfunkgerät gestört ist, weiß ich bereits. Aber Sie werden doch laufend über ausländische Sendungen unterrichtet.“— Ich war sprachlos. Hier mußte eine niederträchtige Verleumdung vor- liegen. Nach einer Pause, während der er in einem vor mir liegenden Schriftstück las, fragte er:„Wer sagt Ihnen im Geschäft immer die, neuesten Nach- richten?“ Ich nannte verschiedene Herren, die ich frühmorgens fragte, was die Abendmeldungen gebracht haben, weil die Zeitungen bei uns auf dem Lande alle Nachrichten erst später brachten. „Was sagte Ihnen zum Beispiel Prof. K.?“ Jetzt wußte ich, wo es hinausging. Prof. K. arbeitete in einem anderen Gebäude des Unternehmens und hatte mir wiederholt durch das Haustele- fon Berichte über die Kriegslage gegeben. Er war immer besser unterrichtet, als alle anderen. Kein Zweifel, man hatte ihn angezeigt. So sollte ich jetzt dazu beitragen, den Mann ins Zuchthaus zu bringen. Ich legte dem Untersuchungsbeamten dar, daß mir Prof. K. nur Nach- richten mitteilte, die ich dann in der Zeitung gelesen habe. Er glaubte es mir nicht, schrie mich an, ich solle mich nicht so unwissend stellen. Als er merkte, daß er nichts von mir herausbekommen konnte, er- klärte er, ich sei vorläufig polizeilich festgenommen und müsse mit nach Stuttgart. „Darf ich meine Frau von hier aus noch telefonisch benachrichtigen?“ „Nein, das wird von uns gemacht.“— Mag kommen, was da will, ich werde nichts aussagen, dachte ich, als ich 8 us m en men meer 0 sera mit den beiden Gestapo- Beamten wieder in den Polizeiwagen stieg. Was mir Prof. K. durch den Fernsprecher gesagt hatte, waren Nachrichten, nichts als zutreffende Nachrichten über die Kriegslage. Wer will mit Bestimmtheit behaupten, daß diese Nachrichten von einem feindlichen Sender stammten? So sah ich in dieser Rundfunksache dem Kommenden ruhig entgegen. Aber etwas anderes machte mir zu schaffen: In meiner Brieftasche hatte ich verschiedene Zettel, die diese Herren besser nicht zu Gesicht bekamen. Es waren flüchtig hingekritzelte Gedanken, wie sie mir hin und wieder zufliegen. Ich hielt sie des Festhaltens wert. Daheim hatte ich eine dicke Mappe voll solcher beschriebener Zettel, meist Aufzeichnungen aus meiner Militärzeit. Vielleicht, daß ich sie nach dem Kriege veröffentlichen konnte. Auf jeden Fall sollten sie später einmal meinen Söhnen nützlich sein. Wie der Wortlaut auf den Zetteln war, die ich bei mir trug, wußte ich nicht mehr genau; sie waren Wochen, zum Teil Monate alt. Schmeicheleien für die heutigen Machthaber hatte ich aber nirgends aufgeschrieben. Jeder Zettel zeigte deutlich: ich bin kein Freund dieses Gewaltstaates, glaube nicht an seine Zukunft. Wenn diese Zettel der Gestapo in die Hände fallen, kann es gefährlich für mich werden, das war mir klar. Auf dem Rathaus hatte ich deshalb versucht, die Gelegenheit des Austretens zu benutzen, um sie verschwinden zu lassen. Es war aber unmöglich. Der Gestapo- Beamte war mitgegangen und hatte alle meine Bewegungen scharf beobachtet. Als ich nur den leisen Versuch machte, nach meiner Brieftasche zu fassen, schrie er gleich auf. Es war eine Dummheit von mir, denn damit hatte ich mich erst verdächtig gemacht. Er ließ deshalb jetzt kein Auge von mir, als wir nebeneinander im Kraftwagen saßen. Wenn er sich auch so stellte, als schaue er harmlos geradeaus, so merkte ich doch, wie er mich beobachtete, als ich mein Frühstücksbrot aus der Tasche nahm und zu essen begann. Er war ein geschulter Kriminalbeamter. Später erfuhr ich es. Ich mußte also die Hoffnung aufgeben, die Zettel, die mich jetzt in meiner Tasche drückten, als seien es falsche Banknoten, vernichten zu können. Allerdings, die gefährlichsten Aufschriebe würden es wohl nicht sein, die ich zur Zeit bei mir hatte. Aber wenn man daraufhin daheim Haussuchung machte? Herrgott, ich hatte Gedanken niedergeschrieben, die sich zum 9 Teil scharf gegen die führenden Männer richteten. In solchen heimlichen Niederschriften sah ich nun einmal für mich die einzige Möglichkeit, mir wenigstens etwas Luft zu machen. Mit anderen Menschen über solche Gedanken zu sprechen, hätte den Kopf kosten können. Der Gestapo- Beamte holte jetzt auch sein Frühstücksbrot hervor. So fuhren wir schweigend, jeder sein Brot essend, durch den spätherbstlichen Wald. Es war der achtzehnte November 1943, ein Donnerstag. Eigentlich ist es lange her, seit ich das letzte Mal in einem so guten Mercedes- Wagen saß, mußte ich denken. Wie oft bin ich vor dem Kriege mit meinem eigenen, viel bescheideneren Wagen diese Straße hier nach Stuttgart gefahren. Die heutige Fahrt würde aber wohl die denkwürdigste sein und bleiben: als Verhafteter der gefürchteten Gestapo. Vorn im Wagen ein Gestapo- Beamter und neben mir einer. - Eine stumme, aber furchtbare Sprache sprachen am Stadtrand und im Inneren von Stuttgart die frischen Ruinen der beim letzten Bombenangriff zerstörten Häuser. Haben diese Herren hier angesichts solchen Elends nichts Nützlicheres zu tun, als derartigen erbärmlichen Anzeigen nachzugehen, wie meinem Fall eine zugrunde liegt? Da werden zwei gesunde, wehrfähige Männer eingesetzt, um diese Lappalie zu verfolgen; sie verfahren den knappen Betriebsstoff, verbrauchen Zeit und verschreiben Papier. Das alles geht dem wirklichen Kriegseinsatz verloren. Die Nachrichten, die mir Prof. K. durch das Telefon mitgeteilt hatte, beruhen doch alle auf Wahrheit. Ein Hetzsender war es bestimmt nicht, den er gehört hat, allenfalls einer vom neutralen Ausland. Aber da wird wohl kein Unterschied gemacht: auf das Abhören ausländischer Sender steht Zuchthaus- oder Todesstrafe. Wie schwach, um nicht zu sagen wie schuldbewußt, muß sich ein Staat fühlen, der so etwas nicht vertragen kann! Der Wagen hielt vor dem schönen Gebäude der Gestapo, dem früheren Hotel Silber. Ich mußte mit dem Beamten zum vierten Stockwerk hinaufgehen, in sein Zimmer. An einem zweiten Schreibtisch, ihm gegenüber, saß noch ein anderer Herr, der offenbar mit meiner Sache nichts zu tun hatte, denn er sah kaum von seiner Schreibarbeit auf, während ich mich auf den mir angebotenen Stuhl setzte. Es begann noch einmal fast das gleiche Verhör wie in Magstadt. Demzufolge mit dem gleichen Ergebnis. ,, Dann stehen Sie eben im Verdacht, selbst ausländische Rundfunkmeldungen zu hören", sagte der Beamte, stand ruckartig auf, zog wieder seinen 10 Mantel an und machte mir mit einer Fingerbewegung schweigend klar, daß ich ihm zu folgen habe. 2; Wir gingen durch die Stadt zum Polizeigefängnis in der Büchsenstraße. Hier sah es schon im Erdgeschoß und Treppenhaus weniger freundlich aus, als in dem Gestapo-Gebäude. Vier Stockwerke ging es auch hier hinauf. Dort droben war der Flur in seiner ganzen Breite bis hinauf zur Decke durch eiserne Gitterstäbe abgeschlossen, wie bei einem Raubtierkäfig. Der Gestapo-Beamte läutete an der Klingel. Das also ist die berüchtigte„Büchsenschmiere“, wie dieses Polizeigefäng- nis im Stuttgarter Volksmund genannt wird! Schon manches habe ich dar- über gehört. Jetzt soll ich diese Büchsenschmiere also einmal selbst kennen lernen. Als Gefangener. Nun, ich werde auf diese Art feststellen können, was an den schrecklichen Dingen, die man sich von diesem Gefängnis er- zählt, wahr ist. Das Beobachter-Interesse wog bei mir jetzt, wie auch später, während der Tage meiner Gefangenschaft, vieles Unangenehme und Schwere einigermaßen auf. Mit der gleich am Anfang gefaßten Absicht, später ein- mal meine Erlebnisse wahrheitsgetreu niederzuschreiben, bemühte ich mich, alles, was ich sah und hörte, fest in das Gedächtnis einzuprägen. Während wir vor dem Raubtierkäfig warteten, bis geöffnet wurde, sagte ich zu meinem Begleiter:„Vierundvierzig Jahre bin ich alt geworden, ohne daß ich jemals etwas Ernstes mit der Polizei zu tun hatte. Jetzt sperren Sie mich in das Gefängnis, obwohl Sie wissen, daß ich unschuldig bin. Wie lange beabsichtigen Sie eigentlich, mich festzuhalten?“„Das liegt ganz bei Ihnen“, antwortete er. Durch die Gitterstäbe sah man jetzt drinnen einen Polizeiwachtmeister kommen. In seiner Hand klirrte ein großer Schlüsselbund. Ich wurde in einen Nebenraum geführt und mußte sämtliche Taschen leeren. Dann be- fahl mir der Wachtmeister, mich ganz auszuziehen. Als ich Rock und Weste abgelegt hatte, gab er sich jedoch zufrieden:„Sie werden keine Läuse haben, lassen Sie die Wäsche nur an“—„Nein“, erwiderte ich,„Läuse habe ich "nicht; hoffentlich bekomme ich hier keine.“ Währenddessen hatte der Gestapo-Beamte am Tisch sitzend den Inhalt meiner Brieftasche studiert.„Was sind das für Aufzeichnungen hier?“, fragte er mich scharf. Jetzt also war es soweit. Ich hatte schon darauf gewartet. „Das hat nichts weiter zu bedeuten“, sagte ich und bemühte mich, gleich- er 11 nen gültig zu erscheinen.„Andere raten in Mußestunden, auf der Eisenbahn, im Kaffeehaus oder sonstwo Kreuzworträtsel, ich mache Verse oder schreibe irgendwelche dumme Gedanken auf, die mir gerade einfallen. Die Zettel vernichte ich dann früher oder später; man braucht manchmal ein Stück Papier.“ „Ich muß schon sagen, das sind sehr sonderbare Gedanken, die Sie da auf- geschrieben haben. Sie werfen ein recht bezeichnendes Licht auf Sie.“ Damit nahm er die Zettel an sich, wendete mir den Rücken und verab- schiedete sich von dem Wachtmeister. Der führte mich den Flur mit den schwer verriegelten Türen rechts und links entlang, öffnete an einer Zelle das Schloß und das doppelte Riegelwerk und schob mich hinein. ZELLE 4 Wahrscheinlich habe ich recht verwunderte Augen gemacht, als ich diese düstere Zelle betrat. Noch nie in meinem Leben wurde mir bisher eine Ehrenfront gestellt. Hier aber standen bei meinem Eintritt die Insassen der Zelle in zwei Gliedern ausgerichtet, als wollten sie den Neueintretenden da- mit besonders ehren. Daß es kein Ulk war, sah ich an ihren ernsten Ge- sichtern. Das Ganze dauerte auch nicht lange. Sobald die Tür von draußen wieder zugeknallt worden war, fiel die Ordnung schlagartig auseinander. Einige setzten sich, andere standen an die Wand gelehnt. Mit rücksichtsloser Neugier waren die Augen sämtlicher Insassen auf mich gerichtet. Ich fühlte fast körperlich, wie sie mich musterten und jede einzelne Bewegung verfolgten, als ich meinen Überzieher auszog. „Hängen Sie Ihren Mantel nur mit an die Haken dort“, sagte einer. Es klang freundlich. Als ich mich dann mit auf eine der beiden Bänke setzte und mir die Ge- stalten ebenfalls etwas näher betrachtete, begann er weiter zu sprechen; „Wir sind alle Schwerverbrecher“. Dabei lachte er gezwungen, denn er selbst sah am wenigsten wie ein Verbrecher aus, wenn auch bei allen Insas- sen die blassen, hungrigen Gesichter, die noch dazu seit Tagen unrasiert waren, etwas abstießen, ebenso die unordentliche Kleidung. 12 „Warum hat man Sie geholt?“, fragte jetzt der Sprecher wieder, und alle Augen hingen gespannt an meinen Lippen. Ich erzählte die Rundfunkange- legenheit. Von meinen politischen Aufschrieben schwieg ich jedoch. Kaum hatte ich geendet, da begann ein lebhaftes Besprechen, welche Strafe ich zu erwarten hätte. Ich staunte über die Erfahrungen und Kennt- nisse der meisten. Wie im Dienst ergraute Richter wogen sie das Für und Wider gegeneinander ab, als gälte es, in höchster Instanz das Strafmaß fest- zusetzen. Doch sie wurden nicht einig. Während einige meinten, es könne nicht schlimm für mich werden, neigten andere zu der Ansicht, daß mir in der Rundfunksache Zuchthaus sicher sei. „Die bekommen schon aus Ihnen heraus, was sie wissen wollen“, sagte einer.„Und wenn man einmal Verdacht hat, daß Sie selbst ausländische Sender gehört haben, dann preßt man es aus Ihnen auch noch ganz heraus. Warten Sie nur, Sie lernen die Gestapo noch kennen.— Wenn Sie gar- nichts gestehen, steckt man Sie als politisch Verdächtigen einige Monate nach Welzheim.“: Ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß in Welzheim ein gefürchtetes Kon- zentrationslager ist.„Lieber zwei Jahre Gefängnis, als ein Jahr Welzheim“, sagte einer, der es aus eigener Erfahrung kannte.„Viel Arbeit, viel Prügel und wenig zu essen dort.“— „Und warum sind Sie hier?“, fragte ich jetzt den, der sich zuerst an mich gewendet hatte. Er führte am meisten das Wort, und ich merkte, daß seine Stimme bei den anderen galt. Sein Alter schätzte ich auf etwa fünfzig Jahre. Er hatte kluge, schwarze Augen und sein Gesicht wie sein Sprechen ließen Bildung erkennen; man durfte sich nur nicht an seinem struppigen Borsten- gesicht und der schlechten Kleidung stoßen. Er trug eine schäbige rote Strickweste, keinen Kragen und paßte mit allem, was er anhatte, in diese erbärmliche Umgebung hier. 2 „Ich habe Zwiebelsamen verschoben“, sagte er freimütig. Und er nannte mir eine bekannte Firma, bei der er angestellt war.„Mein Chef hat es im Großen gemacht, ich im Kleinen. Ihn ließ man laufen, weil er sich-heraus- reden konnte, mich hat man zweieinhalb Jahre als Kriegsverbrecher ins Ge- fängnis gesteckt; denn Zwiebelsamen ist bewirtschaftet.“ „Sie haben Ihre Gefängnisstrafe also schon abgesessen?“ »Jja=: „Und? Warum werden: Sie nicht entlassen?“ 13 1 i | 3 | { „Entlassen—? Bei Kriegsverbrechen wird man nachher nicht entlassen!” „Aber Sie haben Ihre Strafe doch verbüßt. Jetzt' muß man Sie doch wie- der freilassen?“, erwiderte ich ungläubig, denn mir schien, der Mensch schwindelte, obwohl er nicht’so aussah. „Lieber Mann“, sagte er und lachte dabei grimmig auf.„Sie kennen das neue Deutschland noch nicht.— Jetzt komme ich in ein Lager. Dort ist die Behandlung meist noch schlimmer als im Gefängnis.“ „Und wie lange?“ Er zuckte die Achseln:„Das weiß nur der liebe Gott. Mindestens bis zum Kriegsende.“—; Er merkte mir an, daß ich es nicht glaubte. Es wollte mir einfach nicht in den Kopf, daß man Menschen auf.unbestimmte Zeit festhält, die ihre Strafe abgesessen haben. Das schlägt jedem Rechtsempfinden ins Gesicht. Mir war es, als hätte ich körperliche Schmerzen bei dem Gedanken, daß solche Dinge in unserem deutschen Vaterland geschehen. „Sie dürfen mir schon glauben“, nahm der Andere das Gespräch wieder auf, und alle hörten weiter zu.„Meine Papiere sind jetzt in Berlin; dort wird endgültig entschieden, ob ich in ein Lager komme oder freigelassen werde. Die Aussichten sind schlecht. Ja, wenn sich eine Firma für mich einsetzen würde, bei der ich gleich die Arbeit aufnehmen könnte, wenn ich einen kriegswichtigen Beruf hätte, dann sähe es besser aus. Ich war aber früher freier Künstler, Maler, und bin jetzt im Krieg erst in einen Betrieb gegangen. Zu meiner früheren Firma mag ich natürlich nicht zurück. Und nun hänge ich gewissermaßen in der Luft, habe kein richtiges Arbeitsver- hältnis. Geld könnte ich mit meinen Bildern heute natürlich genug ver- dienen. Aber das will man ja nicht; deshalb sperrt man mich in ein Lager, wo ich wahrscheinlich irgendwelche mechanischen Arbeiten für die Kriegs- industrie machen muß. Im letzten Krieg war ich als Hauptmann im Felde. Das ist jetzt nun der Dank des Vaterlandes.“— Er zeigte auf eine Tafel, die in kleiner Schrift mit Text bedruckt an der Wand hing:„Auf der Tafel dort steht, daß dem Gefangenen der Deutsche Gruß verboten ist— ich werde nie mehr in meinem Leben ‚Heil Hitler’ sagen.“ Ich ging hin und las.„Gefängnisordnung“, stand als Überschrift; dar- unter kam eine lange Aufstellung, was den Gefangenen alles verboten ist. Im Gedächtnis habe ich davon nur behalten, daß man nicht durch Klopf- zeichen mit den Insassen der Nachbarzellen in Verbindung treten darf und 14 daß die Gefangenen sich nicht des Deutschen Grußes bedienen dürfen, wie der ehemalige Hauptmann schon sagte. Jetzt sah ich mich auch in der Zelle etwas genauer um. Das Inventar bestand aus einem schweren, eisernen Tisch, zwei eisernen Bänken und einem eisernen Stuhl. An den Wänden waren drei gitterartige Eisengestelle, die offenbar nachts zum Liegen heruntergeklappt werden, denn in ihnen war so etwas wie Matratzen zu sehen. An einer Wand war außerdem ein kleines Brett mit einigen Fächern, in dem anscheinend etliche Gefangene ihre wenigen Privatsachen, die man- ihnen gelassen, untergebracht hatten. Darüber stand ein Wasserkrug mit drei Bechern. Das war alles, was sich in dem kahlen, graudüsteren Raum befand. Vorn neben der schweren Metalltür war ein eigenartiger Ofen, der vom Flur draußen geheizt wurde. An der entgegengesetzten schmalen Wand war in kaum erreichbarer Höhe ein kleines, schwer vergittertes Fenster. Es war mit fächerartig eingebauten Querscheiben so konstruiert, daß man auch dann nicht hinunter auf Hof oder Straße sehen konnte, wenn man das darunter befindliche Eisengestell benutzend, hinauf zur Fensterhöhe kletterte. Ein schmales Stück Himmel, das war alles, was man von der Freiheit drauBen sehen konnte. Die Zelle war 6 m lang, 3,5 m breit und 3 m hoch. Ich zählte die Insassen. ,, Neun Mann, das sind etwas viel für diesen kleinen Raum", begann ich wieder das Gespräch. Alle lachten höhnisch auf.„, Haben Sie eine Ahnung!", sagte einer, der mir am nächsten stand.„ So wenig waren wir noch nie." Und der ehemalige Hauptmann Rößler sei hier sein Name erzählte - mir, daß sich am letzten Samstag und Sonntag zweiundzwanzig Gefangene in der Zelle befunden hätten.„ Das war der Rekord bis jetzt", fügte er mit grimmigem Lachen hinzu. - ,, Zweiundzwanzig Mann in diesem kleinen Raum. Und alle schlafen hierin? Das ist doch nicht möglich!", sagte ich ungläubig. ,, Bei der deutschen Polizei ist alles möglich", mischte sich ein anderer in das Gespräch.„ Draußen steht zwar groß und deutlich mit Ölfarbe vermerkt: 61 Kubikmeter, 4 Gefangene aber die Polizei braucht sich natürlich nicht daran zu halten." - Der das sagte, war ein Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren, der bisher still abseits gestanden hatte. Erst jetzt fiel mir sein feiner, durchgeistigter Kopf auf, der auf einem schmächtigen Körper saß. Das Gesicht war sehr 15 blaß und schmal. Der Mann hatte nicht nur Kummer und Hunger, der Mann war krank, schwer krank; das sah man. Sein Anblick erregte Mitleid. In meiner Tasche waren noch zwei Äpfel, die man mir nicht abgenommen hatte. Ich gab ihm einen davon. Seinen dankbaren Blick sehe ich noch heute im Geist vor mir. Wie ich merkte, machte es auch auf einige andere einen guten Eindruck, daß ich dem Kranken den Apfel gab; keiner war neidisch, obwohl sicher jeder gern einen solchen langentbehrten Apfel gegessen hätte. „Der wird auch nicht entlassen“, sagte jetzt Rößler, der ehemalige Haupt- ‚mann zu mir,„obwohl er, wie ich, seine Strafe abgebüßt hat.“ „Zwei Jahre Zuchthaus, auf dem Asperg“, bestätigte der Andere mit schwacher Stimme,„und ein halbes Jahr Welzheim.“ „Warum?“ „Politisch.“— Ich merkte, er wollte nicht mehr sagen. „Und jetzt?“, fragte ich deshalb nur. „Jetzt komme ich nach Dachau. Morgen geht der Transport ab“, und seine Augen blickten dabei sonderbar. „Sind Sie auch politisch hier?“, wandte ich mich jetzt an die anderen. Freimütig erzählte mir der Reihe nach jeder seine Geschichte. Es herrschte hier bei den Gefangenen eine eigenartige, kameradschaftliche Stimmung, die mich verwunderte. Ich erfuhr, daß drei oder vier der Zellengenossen, gleich Rößler, krimi- nelle Verbrecher waren. Einer hatte sich an seiner Stieftochter sittlich ver- gangen, ein anderer hatte aus einem Rüstungsbetrieb Werkzeug und Mate- rial mit heimgenommen, ein junger Deutschpole hatte aus'einer bekannten Großgaststätte, wo er in der Küche arbeitete, Zucker gestohlen und ver- schoben. Zum Teil waren diese Männer schon vorbestraft. Die restlichen Mitgefangenen saßen wegen Arbeitsvergehen. Ein junger, gut gekleideter Berliner war ohne Urlaubsgenehmigung nach Stuttgart ge- fahren, zu seiner Braut, angeblich, um sich hier trauen zu lassen. Auf der Bahn wurde er geschnappt und anstatt aufs Standesamt ging es gestern hier in das Gefängnis. Die anderen foppten ihn damit, daß. zwischen dem Braut- bett und der harten, dreckigen Matratze hier, auf der er die Nacht als Ge- fangener verbracht hatte, ein kleiner Unterschied sei. Ein anderer Gefangener, ein biederes Schneiderlein aus einer württember- gischen Kleinstadt, hatte bisher durch Heimarbeit für einen Rüstungsbetrieb sein Brot verdient. Jetzt sollte er in dem betreffenden Betrieb arbeiten. 16 Hiergegen hat er wohl etwas zu laut und heftig aufbegehrt. Das Gefängnis hält man für die geeignete Einrichtung, ihn zu beruhigen. Ich war bei diesen Erzählungen der Gefangenen keineswegs gutgläubig. Wie ich selbst den anderen die Geschichte mit meinen Notizzetteln ver- schwiegen hatte, so hielt ich es für durchaus wahrscheinlich, daß auch sie mir nicht alle ihre Vergehen erzählten. Ein Gewaltverbrecher war aber keiner von ihnen, das hatte ich längst gemerkt. Die meisten machten im Gegenteil einen recht harmlosen Eindruck. Einige, die wegen leichter Ar- beitsvergehen da waren, wurden auch in den nächsten Tagen ohne weitere Bestrafung wieder entlassen. So der junge Berliner, der heiraten wollte und der Schneider. „Sind die Zellen hier alle so belegt?“, fragte ich weiter. „Alle sind voll“, sagte Rößler.„Ich schätze, das so hundertfünfzig bis zweihundert Gefangene hier sind. Vorn in Zelle 2 sind Frauen, hinten sind Ausländer, Polen, Russen und andere, mindestens fünfundzwanzig bis dreißig Mann in einer Zelle, ganz zuletzt Juden. Es drängte mich jetzt, noch etwas zu wissen:„Wo geht man hier hin, wenn man ein Bedürfnis hat?“ „Zu dem Kübel dort in der Ecke.“ Erst jetzt bemerkte ich nicht weit von der Tür einen Kübel stehen, in Form und Größe wie ein normaler Eimer, nur durch einen besonderen Deckel einigermaßen dicht abgeschlossen.— Und das bei zweiundzwanzig Mann!, dachte ich. „Wer leert den Kübel?“ Ich erfuhr, daß hierzu besondere Gefangene als Arbeitskräfte eingesetzt sind. Sie werden Kalfaktor genannt. „Vor ihnen muß man sich besonders vorsehen“, sagte einer.„Sie sind oft schlimmer als die Wachleute und verraten ihre Mitgefangenen, um sich dadurch Vorteile zu verschaffen.“ Daran anknüpfend begann der schwach und krank Aussehende, der die Zuchthausstrafe hinter sich hatte, mit mir in der Ecke ein Gespräch.„Die schlimmsten Feinde der Gefangenen“, sagte er,„sind nicht die Männer, die draußen mit dem Schlüsselbund auf und ab laufen; viel schlimmer sind die Mitgefangenen selbst. Es gibt wahre Teufel darunter, die einem das Leben ' zur Hölle machen; Bestien in Menschengestalt, die um ein Stück Brot ihre Zellengenossen lebendig in Stücke reißen könnten.“ 2 Nur vierzehn Tage 17 Er sagte das mit einem starken Ausdruck von Abscheu im Gesicht und in tief verächtlichem Ton der Mann hatte im Zuchthaus Furchtbares durchgemacht! - Ich dachte an das Soldatenleben. Beim Militär, besonders in den Wochen der Ausbildung ist es ja auch so, daß sich die Soldaten untereinander oft mehr quälen, als es durch Unteroffiziere und andere Vorgesetzte geschieht. Besonders die, denen die Natur ein feineres Wesen gegeben hat, die Gebildeten und Empfindsamen, werden nur zu gern von den Robusten, Rohen und Gemeinen mit satanischer Freude seelisch wundgerieben und gepeinigt. Wieviel schlimmer muß dies im Zuchthaus sein, wenn man mit richtigen Verbrechern eng zusammenleben muß, denen alles im Leben gleichgültig ist. Und dieser schwächliche Mann hier ist einer von den Feingeistigen, ein Mensch, der viel denkt und tief empfindet; das war aus seinen Worten gleich am Anfang zu merken. Menschen dieser Art können mit der brutalen Gewalt Adolf Hitlers nicht einverstanden sein. Das wurde ihm, wie tausend anderen, zum Verderben. - ,, Hört, der Wagen fährt ein, es ist gleich Mittag", bemerkte jetzt Rößler, als man drunten im Hof einen Kraftwagen halten hörte. Und, sich an mich wendend, fügte er hinzu:„ Das ist nämlich unsere Uhr. Kurz vor 12 Uhr und nachmittags 5 Uhr bringt der Gefangenenwagen täglich die Gefangenen vom Verhör bei der Gestapo zurück und zugleich die Kübel mit dem Essen für uns." Ich schaute nach meiner, durch den Rockärmel verdeckten Armbanduhr. In der Tat, es waren zehn Minuten bis zwölf. Verwundert sah mich alles - ,, Mensch, an. ,, Hat man Ihnen die Uhr nicht abgenommen?"-„ Nein." - - da haben Sie Schwein gehabt. Das hat man vergessen. Lassen Sie die Uhr nur nicht sehen." So war ich während der ganzen Zeit meiner Gefangenschaft der geschätzte Mann, der zu jeder Tages- und Nachtstunde die Zeit angeben konnte. Wohl nie sonst in meinem Leben bin ich so viel danach gefragt worden, wie hier bei den untätig dasitzenden Gefangenen, die hungrig und ungeduldig immer auf die nächste Mahlzeit warteten, wie die Tiere im Zoologischen Garten auf die Fütterung. Rößler hatte Recht: es dauerte nicht mehr lange, da rasselte der Schlüsselbund im Schloß und man hörte, wie die schweren Riegel draußen zurückgeschoben wurden. Dieses Rasseln des Schlüsselbundes und das laute öffnen der Riegel sollte mir bald, wie jedem Insassen dieses Gefängnisses, zur 18 schrecklichen, sich am Tage unzählige Male wiederholenden Melodie werden. Es waren die charakteristischen Geräusche dieses Hauses. Eindringlicher, als es Worte vermöchten, bestätigen sie den Ohren des Gefangenen stets aufs neue, was das vergitterte Fenster und die düstere Zelle den Augen sagen: Du bist gefangen, eingesperrt, hinter Schloß und Riegel. Mit der Zeit gehen diese Geräusche an die Nerven; wohl jeder Gefangene behält sie nach seiner Entlassung noch lange in den Ohren. Als die Gefangenen in der Zelle draußen Schloß und Riegelwerk betätigen hörten, sprangen sie auf und stellten sich längs der Zelle in zwei Reihen auf, wie ich es bei meinem Eintreten erlebt hatte. Mir erklärten sie, daß dies bei jedem öffnen der Tür geschehen muß, und so stand ich als jüngstes Glied dieser ,, Verbrechergarde" am Ende der Doppelreihe. Die schwere Eisentür ging auf. Rößler, der ehemalige Hauptmann, war hier anscheinend so etwas wie Stubenältester. Er stand vorn als Erster und meldete dem eintretenden Wachtmeister mit dem schrecklich großen Schlüsselbund kurz und militärisch:„ Neun Mann!" Ein Gefangener in Sträflingskleidung kam hierauf mit einem Tragbrett an den Türeingang, auf dem neun Blechschüsseln mit Essen und neun Scheiben Brot standen. Jeder trat vor und nahm sich Schüssel und Brot, dazu einen Löffel. Mit Argusaugen überwachte der danebenstehende Polizeibeamte den Vorgang, als würden Goldbarren aus einem Banktresor überführt; jedesmal, wenn ein Gefangener Blechnapf und Brot genommen hatte, zählte er laut ,, eins zwei und so weiter. " Im Blechnapf war eine dünne Nudelsuppe. Sie schmeckte gar nicht schlecht. Beim Militär war es oft nicht besser gekocht und ich mußte daran denken, daß man jetzt im fünften Kriegsjahr auch in mancher Gaststätte kaum etwas Besseres bekam. Aber es war viel zu wenig. Von der halben Schüssel voll Suppe und der Scheibe Brot konnte ein Mann unmöglich satt werden und bis zum Abend auskommen. ,, Nur gleich am Anfang richtig mitessen, sonst hält man nicht durch", sagte der Kranke, der wegen eines politischen Vergehens im Zuchthaus gewesen war, ermunternd zu mir, da er merkte, daß mir die Esserei aus dem wenig appetitlichen Blechnapf nicht behagte. Ich ließ ihm den Rest meiner Portion. Sichtlich erfreut und mit Eifer machte er sich darüber. Der Mann hatte großen Hunger. Er war noch nicht ganz fertig mit dieser zweiten Portion, da rasselten wieder die Schlüssel 19 draußen und die Riegel wurden zurückgeschoben. Und wiederum sprang alles vom Tisch hoch und stellte sich in der vorgeschriebenen Weise auf. „ Eẞnäpfe raus! Kübel raus! Wasserkrug raus!", schrie ein Wachtmeister herein, kaum daß er die Tür aufgemacht hatte. Es war ein anderer als bisher. Mit einer Geschwindigkeit, als gälte es, einen Schnellzug in letzter Minute abzufertigen, wurden von den vorn stehenden Gefangenen die gewünschten Dinge vor die Tür auf den Flur gestellt. Ungeduldig, mit bösen Augen, sah der Polizeibeamte zu. Dann knallte er die Tür ins Schloß. ,, Der Schweinehund hat wieder Dienst, man merkt es gleich", sagte Rößler. Und ich erfuhr, daß von Mittag zu Mittag die Wachtmeister abgelöst werden und daß die einzelnen in der Art, wie sie die Gefangenen behandeln, je nach ihrem Wesen sehr verschieden sind. Der vom Vormittag, der mich aufgenommen hatte, sei weitaus der Anständigste; dieser hier, der ihn abgelöst habe, sei der Schlimmste. Als bald darauf die Tür wieder aufging und der so Geschilderte einige Gefangene mit scharfer Stimme herausrief, sah ich ihn mir etwas genauer an. Sein Gesicht hatte Ähnlichkeit mit einer Hyäne. Und er war eine Hyäne, wie ich später noch erfahren sollte. ,, Los, raus die Kerle!", schrie er ungeduldig, obwohl die Aufgerufenen mit Eile nach Hut und Mantel griffen. Und schon drohte er, dem Letzten die erhobene Hand mit dem Schlüsselbund in den Nacken zu schlagen. ,, Wenn sie den einmal langsam hinmachten, könnte ich lächelnd zusehen", sagte einer in der Zelle, als die Tür wieder zugeknallt worden war. ,, Der bekommt seinen Teil auch noch", meinte ein anderer.„ Laẞt nur erst den Krieg zu Ende sein. Ich kenne ihn gut." Und er nannte den Namen des Wachtmeisters und die Straße, wo er wohnt. Der Familienname beginnt mit O.. ,, Von dieser Sorte sind auch ein paar drüben bei der Gestapo. Es ist gut, Sie bereiten sich gleich darauf vor, wenn Sie vernommen werden", wendete sich jetzt der Kranke wieder an mich. Als ich dann später mit ihm etwas abseits zu stehen kam, setzten wir unser Gespräch vom Vormittag fort. Ich erfuhr jetzt, daß er ein ehemaliger Fabrikant aus Pf. war. Wir wollen ihn hier Lammer nennen. Er hatte als Patient in einem Krankenhaus von Bett zu Bett scharfe politische Bemerkungen gegen den Staat gemacht. Ein anderer Patient hat das angezeigt. Lammer bekam zweieinhalb Jahre Zuchthaus dafür. Das war 1940, nach dem siegreichen Frankreichfeldzug. Die 20 Strafen waren damals im Vollgefühl unserer Kraft für politische Vergehen besonders hoch. Da er lungenleidend war, kam er nicht nach Ludwigsburg, sondern auf den Asperg. Nach Verbüßung der Strafe steckte man ihn auf unbestimmte Zeit in das Welzheimer Konzentrationslager, obwohl sich sein Gesundheits- zustand inzwischen bedenklich verschlechtert hatte. Eines Morgens erklärte er dort, sie könnten mit ihm machen, was sie wollen, er würde auf seinem Lager liegen bleiben und nicht mehr aufstehen, denn sie müßten doch selbst sehen, daß er zum Arbeiten zu schwach sei. Daraufhin haben sie ihn hier- her in das Stuttgarter Polizeigefängnis transportiert.„Meine Akten sind in- zwischen nach Berlin zur Begutachtung geschickt worden und gestern zu- rück gekommen. Morgen geht es ab, nach Dachau“, schloß er seinen Bericht. „Und dort?“, fragte ich, voll Mitleid mit dem Schicksal dieses Menschen, der in meinen Augen so unschuldig war, wie ich selbst. ‚ „Dort..“?, seine Augen blickten wieder so seltsam. Dann sagte er schließ- lich mit verzweifeltem Lachen:„Der Fachausdruck lautet: man geht durch den Kamin.“ Als ich nicht gleich verstand, fuhr er fort:„Dachau ist für solche Fälle eingerichtet. Das Lager hat ein eigenes Krematorium. Die Angehörigen er- halten die Mitteilung: er ist seinem Leiden erlegen. Gegen Erstattung eines Betrages können sie sich die Asche kommen lassen.“— Mir schauderte. Das ist ja furchtbar. Das ist ganz entsetzlich. Dieser Mensch ist also einem zum Tode Verurteilten gleichzusetzen, nur daß er nicht hingerichtet wird, sondern wahrscheinlich durch eine Spritze oder irgend eine andere— hoffentlich schmerzlose— Art getötet wird. Wie jener, weiß auch er sein Schicksal und hat vielleicht die gleichen inneren Ängste und Qualen, die der Gewißheit des baldigen gewaltsamen Todes vorausgehen.— „Wie war es im Zuchthaus?“, fragte ich nach einer Pause des Nachden- kens.—„Nicht so schlecht, wie man annimmt. Es gibt überall Menschen und Unmenschen unter dem Aufsichtspersonal. Wie ich Ihnen heute Vor- mittag schon sagte, sind die schlimmsten Feinde des Gefangenen die Mit- gefangenen.“ „Und in Welzheim? Stimmt es, daß die Gefangenen dort geschlagen wer- den?“—„Ich habe bei meiner Entlassung dort unterschreiben müssen, daß ich nichts weiter erzähle. Damit wissen Sie alles.— Sollten Sie auch nach 21 Welzheim kommen und zufällig in Stube 3, dann grüßten Sie NN von mir. Er ist ein ungarischer Oberstleutnant, ein feiner Mensch, der sich Ihrer nach Möglichkeit annehmen wird. Sie befinden sich dort auch sonst in guter Gesellschaft: zwei Pfarrer, ein Landgerichtsrat und noch einige Akademiker. Alle selbstverständlich politisch." Bald darauf wurde er herausgeholt. Draußen im Flur hörte man das Aufrufen von Namen, Schreien und Schimpfen. Ohne das schien es hier überhaupt nicht abzugehen. „ Der Transport für morgen wird zusammengestellt", erklärte mir Rößler. Und dann fuhr er fort:„ Seien Sie vorsichtig im Umgang mit dem. Er hat Lungentuberkulose. Nicht mehr im Anfangsstadium. Ich lasse ihn nachts hier in der Ecke für sich liegen und sehe darauf, daß er immer die gleiche Matratze und Decke bekommt." ,, Für den ist es eine Erlösung, wenn man ihm eine Spritze gibt, daß er nicht mehr aufwacht", bemerkte einer, der auf einem Stuhl in der Ecke am Ofen saẞ. ,, Natürlich kann ein Mensch mit schwerer Lungentuberkulose in einem solchen düsteren Gefängnis und bei magerer Kost niemals wieder gesund werden", erwiderte ich. Und der Schneider erzählte, er kenne Lammer wie die ganze Familie gut von früher her, wo sie in seinem Ort gewohnt haben. Der Vater von Lammer sei auch schon an Schwindsucht gestorben und zwei Kinder von ihm seien ebenfalls an Tuberkulose erkrankt. Zu allem Unglück habe Lammer durch die lange Krankheit und die Zuchthausstrafe sein ganzes Vermögen verloren; die Frau stehe jetzt mittellos da. Nach dieser Erzählung wurde mir klar, warum Lammer nach Verbüßung seiner Strafe nicht entlassen worden ist. Was soll dieser gebrochene, totkranke Mensch draußen anfangen? Er würde dem Staat nur zur Last fallen. Also läßt man ihn, so gut es geht, in einem Lager zwangsweise Arbeit verrichten, die noch einigermaßen Nutzen bringt; und wenn er mit seinen Kräften dann endgültig fertig ist, gibt man ihm einen schnellen Tod wie einem ausgedienten Droschkengaul. Unnütze Esser kann man nicht gebrauchen. Und Krankenbetten hat man für solche Fälle auch nicht übrig. Grausam ist das Leben. Wieviele ähnliche Tragödien mögen sich im großen Deutschen Reich tagtäglich abspielen, von denen man draußen keine Ahnung hat. Man geht seinem Geschäft nach, sorgt für das Wohl der Familie, 22 22 liest gläubig seine Zeitung, in der nichts von alldem steht, bangt um die verwandten und bekannten Soldaten, die draußen an der Front stehen und kämpfen, und gibt sich im übrigen zufrieden. An den namenlosen, tausendfachen Jammer, der sich im neuen Reich zwischen Gefängnismauern und in Konzentrationslagern abspielt, denkt außer den Angehörigen der Betroffenen kaum jemand so richtig. Und wiederum bin ich meinem Schicksal fast dankbar, daß ich das alles einmal unmittelbar kennenlernen und erleben darf. - Wir brauchen auch bei der Einstellung zum Staat und zur Regierungsform den Ganzheitsbegriff, von dem man heute auf anderen Gebieten so viel spricht. Es ist leichtfertig und bequem, nur das Gute und Angenehme sehen zu wollen, es zu loben und sich daran zu freuen, im übrigen aber sich von den entsetzlichen Begleiterscheinungen und Nachteilen abzuwenden, wie es die Masse der Selbstgerechten so gerne tut. Solcherlei Gedanken beschäftigten mich, als Lammer wieder in die Zelle kam. ,, Nun ist es endgültig, morgen geht es fort", sagte er gleich beim Hereintreten.„ Eine ordentliche Anzahl haben sie da beisammen. Das Schlimmste wird wieder der Transport sein.“ - Ein anderer wußte genau Bescheid:„ Ihr kommt morgen nur bis Ulm. Dort wird im Gefängnis übernachtet. Am nächsten Tag geht es dann weiter." Alle schwiegen eine Zeitlang. Wohl jeder dachte mitleidig über das Schicksal dieses armen Menschen nach, den man trotz seines erbärmlichen körperlichen Zustandes vom Zuchthaus ins Konzentrationslager und dann von Gefängnis zu Gefängnis schleppte, um ihn am Ende zu töten. An die seelischen Leiden, die so ein empfindsamer Mensch durchlebt, denkt von den Herren bei der Gestapo und der Polizei natürlich niemand. Wie sollten sie auch, wenn sie sich schon der körperlichen nicht annehmen. Ich konnte nicht mehr stillsitzen. Mit meinen Gedanken beschäftigt, lief ich in der Zelle auf und ab, in der Diagonale, von Ecke zu Ecke; da war der Weg länger. Im Kreise, oder richtiger, im Rechteck herumlaufen konnte man nicht, weil auf einer Seite der schmalen Zelle ein Tisch stand. Dieses Hin- und Hergehen war auch in den folgenden Tagen der Gefangenschaft meine Haupttätigkeit. Mir fielen dabei wieder die Raubtiere im Zoologischen Garten ein, die in ihrem engen Käfig auch so hin- und herlaufen, ohne je herauszukönnen. 23 25 Die Luft hier in der Zelle war auch bald so, wie in einem Tierhaus. Das kleine Fenster, das am Vormittag offen stand, hatte ein Gefangener geschlossen, weil der Ofen erkaltet war und einige froren. Wenn man bedenkt, daß verschiedene Insassen der Zelle seit Monaten keine Möglichkeit gehabt hatten, zu baden und die Wäsche zu wechseln, dann kann man sich eine Vorstellung von ihrer Ausdünstung machen. Hierzu kam noch der liebliche Duft von dem Abort- Eimer, den von Zeit zu Zeit ein anderer benutzte. Es war eine Barbarei. Und das geschah nicht in irgendeinem weit entfernten finsteren Land der Erde unter halbwilden Völkern, sondern hier in unserem als so hochstehend gerühmten Neuen Deutschland des Dritten Reiches und ausgerechnet bei der Polizei, die überall auf Ordnung, Sauberkeit und hygienische Zustände zu sehen hat. دو , Wird man hier niemals an die Luft geführt?", fragte ich. ,, Nein, das gibt es hier nicht", antwortete man mir.„ Drüben, im Untersuchungsgefängnis, da kommen die Gefangenen ab und zu eine halbe Stunde in den Hof, wo sie hintereinander immer im Kreis herumlaufen müssen." ,, Da ist es überhaupt viel besser", sagte ein anderer, der auch schon einige Vorstrafen hinter sich hatte und sich auskannte. Dort ist man zu zweit in einer Zelle, hat sein Bett und seine Ordnung, kann sogar Bücher leihen. Aber hier in diesem Stall ist es schlimmer als in jedem Zuchthaus." Und einige andere bestätigten es. دو - Was habe ich hiergegen im Gefängnis von Mannheim für eine schöne Zeit gehabt", begann jetzt Rößler zu erzählen.„ Wir mußten nach den Fliegerangriffen Aufräumungsarbeiten machen. Die Bevölkerung schob uns Lebensmittel und Rauchwaren zu, wenn wir ihnen behilflich waren, fast mehr, als wir brauchen konnten. Wir haben noch den Wachleuten davon abgegeben. Die waren auch froh, wenn sie etwas zusätzlich bekamen. Und dann erst, als ich mit im Kühlhaus arbeiten mußte, das die Engländer auch zertrümmert hatten: soviel Wurst und andere gute Sachen habe ich in meinem ganzen Leben nicht gegessen, wie in dieser Zeit. Und was ist da verschoben worden! Meine Herren...!" Und er rollte vor uns ein Bild der Schiebung und Korruption auf, worin so ziemlich das ganze Gefängnis verwickelt war, Gefangene wie Aufsichtsbeamte. Ich staunte nur so bei dieser Erzählung. Es mag vielleicht sein, daß Rößler einiges übertrieben und dazu gemacht hat, aber so ganz frei erfunden war es nicht, das merkte man. Dazwischen fragte er mich immer wieder ungeduldig nach der Zeit, ob es 24 - nicht bald vier Uhr sei. Er erwartete Essen, das ihm seine Frau täglich hier in das Gefängnis brachte. Es war erlaubt, sich Lebensmittel, Wäsche und verschiedene Gebrauchsgegenstände bringen zu lassen, nur mußte man von einem Oberleutnant, der täglich die Zellen inspizierte, die Erlaubnis erbitten, seine Angehörigen benachrichtigen zu dürfen. Kurz vor vier Uhr brachte der Wachtmeister dann auch richtig einen Handkorb mit Lebensmittel für Rößler. Jedes Stück nahm der Polizeibeamte einzeln heraus und untersuchte es, ob nichts Unerlaubtes darin versteckt sei. Alles stellte er auf den Tisch. Ein Glas Marmelade, Pfannkuchen, gebratenes Fleisch und andere leckere Sachen, nach denen alle Insassen der Zelle begehrliche Augen machten. Es gehört schon eine ganz abgebrühte, egoistische Natur dazu, wenn einer mit Behaglichkeit und Genuß hier zu essen vermag, wo alle anderen Zellengenossen mit hungrigem Magen dicht ringsum sitzen und schmachtend jeden Bissen genau beobachten. Andererseits bliebe dem Betreffenden nicht mehr viel, wenn er jedem ein annehmbares Stück abgeben wollte. Rößler hatte Erfahrung. Er half sich so aus der Klemme, daß er einige Kleinigkeiten verteilte, während er selbst tüchtig aß, die Hauptstücke und guten Sachen jedoch einstweilen im Wandregal verstaute. Später, am Abend, als es in der Zelle dunkel war, aß er dann rasch alles auf. Sicherlich haben die anderen Gefangenen das genau so bemerkt, wie ich, aber keiner konnte im Dunkeln sehen, wie es ihm schmeckte, und er wiederum brauchte nicht in die hungrigen, neidischen Augen der anderen zu sehen. - Die Lebensmittel standen noch auf dem Tisch, als die Riegel draußen wieder bewegt wurden. Das schnelle Aufstellen in zwei Reihen war für mich nun schon nichts Neues mehr; mechanisch wie die anderen machte ich es mit. Diesmal trat der Polizei- Oberleutnant ein, begleitet von dem Wachtmeister mit dem Schlüsselbund. ,, Achtung!" kommandierte Rößler, der in der ersten Reihe vorn stand. Und dann meldete er:„ Zelle 4 belegt mit neun Mann!" Der Oberleutnant hatte ein unfreundliches Gesicht.„ Macht mal das Fenster auf", sagte er gleich an der Tür ,,, hier stinkts ja, daß man es nicht aushalten kann." Dann ging er in die Zelle und sah flüchtig umher, ob alles in Ordnung war. Als er die Lebensmittel auf dem Tisch sah, sagte er zu Rößler: Hat Ihnen Ihre Frau schon wieder Essen gebracht! Sie haben eine viel zu gute Frau. Wenn ich im Gefängnis wäre, mir brächte meine Frau nichts. Ich würde mich auch schämen." - 25 Ein Geisteslicht ist der Mann nicht gerade, dachte ich bei mir, als ich sein Gesicht sah und diese Worte hörte. Beim Sprechen brachte er den Mund kaum auf, und die Zähne machte er überhaupt nicht auseinander. Man mußte scharf aufpassen, um ihn zu verstehen. „Hat einer einen Wunsch?“, murmelte er beim Hinausgehen noch. „Ich bitte Hertn Oberleutnant, meiner Frau schreiben zu dürfen“, sagte ich schnell. Meine Mitgefangenen hatten mich auf diesen Augenblick vor- bereitet, und vom Militär her weiß man ja, wie diese Herren angesprochen sein wollen. Er blieb stehen, mich von oben bis unten ansehend.„Warum hat man Sie geholt?“ „Ich erzählte ihm die Verdächtigung mit den Rundfunknachrichten.“ „Wie lange sind Sie hier?“ „Seit heute Vormittag.“ „Und da wollen Sie schon schreiben!— Was haben Sie denn so Wichtiges?” „Herr Oberleutnant, meine Frau weiß garnicht, wo.ich bin. Man hat mich vom Geschäft weggeholt. Außerdem brauche ich Seife, Handtuch und Zahnputzzeug.“ „Ist das so notwendig?“ „Ich bin es bisher gewöhnt, diese Sachen täglich zu benützen“, antwortete ich und hatte Mühe, ein überlegenes Lächeln zu verbergen.„Es ist etwas früh mit dem Schreiben, wenn Sie heute erst eingeliefert worden sind, aber ich will mal sehen“, erwiderte er und wandte sich zum Gehen. „Ich habe auch noch einen Wunsch“, sagte jetzt schnell noch ein anderer, der ebenfalls schreiben wollte.—„Ich auch!“, meldete sich ein Dritter.— „Dann wünschen Sie nur weiter“, murmelte der Oberleutnant höhnisch durch die Zähne und ging hinaus. Kaum war die Türe zu, da brach in der Zelle eine Schimpfkanonade über den Mann los. „Wer weiß, was der für einen Drachen daheim hat, wenn ihm sein Weib kein Essen ins Gefängnis bringen würde“, sagte einer. „Der war nur neidisch, als er die guten Sachen hier auf dem Tisch sah; den Gefangenen gönnen sie es nicht“, meinte ein anderer. Wieder andere hatten nur verächtliche und derbe Ausdrücke für den Mann. Rößler erklärte mir, daß dieser Oberleutnant ein alter„Zwölfender“ sei, das heißt, ein ausgedienter ehemaliger Feldwebel, der nach zwölfjähriger Mili- 26 tärzeit zur Polizei gegangen ist.„Von diesen Leuten kann man nicht mehr erwarten“, fügte er, sich seines Hauptmannsgrades bewußt, verächtlich hinzu. Einer wußte jetzt zu berichten, daß der Oberleutnant als Vorsteher des Gefängnisses im Hause eine Dienstwohnung hat. „Lieber draußen Lokusputzer, als hier Gefängnisdirektor“, bemerkte hier- zu einer, nur drückte er sich dabei etwas weniger schicklich aus. Bald darauf brachte mir der Wachtmeister Briefpapier und Bleistift. Auf dem Kopf des Bogens waren eine lange Reihe Vorschriften aufgedruckt, die man beim Schreiben beachten mußte, wenn man wollte, daß der Brief wei- tergeleitet wird. Vor allem durfte man nichts über die schwebende Straftat erwähnen. Der Bleistift war nur ein kümmerlicher, schlecht gespitzter Stummel, so kurz, daß man ihn beim Schreiben kaum in den Fingern halten konnte. „Da, nehmen Sie den, der ist besser“. Mit diesen Worten gab mir Rößler einen gut gespitzten langen Bleistift. Auf meine erstaunte Frage, woher er den habe, da ja diese Sachen jedem bei der Einlieferung abgenommen wer- den, lächelte er.„Man muß immer auf Draht sein.“ Es war in der Zelle schon ziemlich dunkel geworden, als ich schrieb. Bei dem trübseligen Novemberhimmel und dem kleinen, bedeckten Fenster war es ja den ganzen Tag über in dem Raum nicht recht hell gewesen. Auf meine Frage, ob nicht bald Licht gemacht würde, lächelten die anderen: so großzügig sei man hier nicht, wo schon draußen überall mit Strom gespart werden müsse. Rößler hängte dann, nachdem ich meinen Brief beendet hatte, den Ver- dunkelungsrahmen in das Fenster, denn er wußte aus Erfahrung zu berich- ten, daß die Wachtmeister wild werden, wenn sie von draußen plötzlich Licht machen und dann beim Öffnen der Tür feststellen, daß das Fenster nicht vorher abgedunkelt war. Beim Hin- und Herlaufen mußte man jetzt aufpassen, daß man in der rabenschwarzen Nacht nicht mit einem anderen zusammenstieß. Im übrigen staunte ich, wie schnell man, einem Blinden gleich, durch Tasten in dem Raum Tisch und Bank und auch die Gelegenheit für ein menschliches Be- dürfnis fand. Gegen einhalb sechs Uhr wurde es im Flur draußen lebendig. Man hörte Schritte, Stimmen und Namenaufrufe.„Sie kommen von der Arbeit zu- 2, rück", sagte Rößler, der auf Grund seiner vierzehntägigen Gefangenschaft in dieser Zelle den Tagesablauf genau kannte. Kurz danach ging die Tür auf. Aus der Helle draußen wurden drei Gestalten in unsere dunkle Zelle geschoben. Bumbs, schon war die Tür wieder zu und die Ankömmlinge tasteten sich zurecht. Erst zum Abendessen, um sechs Uhr, wurde von draußen das Licht in der Zelle eingeschaltet, eine schwache Glühbirne oben an der Decke. Jeder bekam jetzt eine Schüssel voll Rettichsalat und eine Scheibe Brot. Dazu einen Becher voll Tee. Der Ausdruck Rettichsalat darf keine falschen Vorstellungen erwecken. Es war in Scheiben geschnittener, ungeschälter, sehr scharf schmeckender, schwarzer Rettich mit etwas Kartoffelbrei und Wasser angemacht. Der Hunger war bei allen so groß, daß keiner auch nur eine Scheibe Rettich übrig ließ. Man hatte hierauf auch den nötigen Durst, um den Tee trinken zu können. Er war weder warm noch kalt und von fadem Geschmack; gesüßt wäre er vielleicht einigermaßen genießbar gewesen. ,, Viel Zeit wurde uns nicht zum Essen und Trinken gelassen. Immer wieder ging die Tür auf und der patzige Wachtmeister rief ungeduldig herein: Fertige Schüsseln raus! Los, beeilt Euch! Die anderen wollen auch noch Das Geschirr war also knapp und wurde für die anderen Insassen noch gebraucht. Ich glaube nicht, daß man sich mit dem Abwaschen vor dem Weiterverwenden übermäßige Mühe gegeben hat. essen. - Nach einiger Zeit wurden noch drei weitere Rortionen Abendessen gebracht:„ Für die drei, die gearbeitet haben", sagte der Wachtmeister kurz. Es waren junge Burschen, noch keine zwanzig Jahre alt. Zwei von ihnen glichen sich wie Zwillinge. Schlank und groß, blauäugig und blond. Ich hätte sie für Friesen oder Schweden gehalten, aber niemals für Polen aus Litzmannstadt, wenn es ihre Sprache nicht verraten hätte. Sie aẞen mit Behagen ihre zusätzlichen Portionen und waren frohgelaunt, lachten sogar viel miteinander. Sorglose Jugend, auch wenn sie im Gefängnis sitzt. Der dritte war ruhiger im Wesen, von kleiner Gestalt und, um den Gegensatz voll zu machen, hatte er dunkle Augen und kohlschwarzes Haar. Aber sein offenes Gesicht war nicht weniger freundlich und gewinnend, als bei den beiden Blonden. Ja, er wurde mir in seiner stillen, bescheidenen und gefälligen Art der Liebste von allen. Ich habe mich in den folgenden Tagen oft mit ihm unterhalten. Koval war sein Name. Er wohnte garnicht in Polen, sondern in Belgien, wohin seine Eltern mit ihm und den Geschwistern 28 einige Jahre vor dem Krieg ausgewandert waren. Von Beruf war er Mechaniker. Er sprach ebenso gut Deutsch und Französisch wie Polnisch und machte für seine achtzehn Jahre und seinen Beruf einen recht gebildeten Eindruck. Auf meine Frage, warum er hier im Gefängnis sei, erzählte er mir, daß er in einem bekannten großen Rüstungsbetrieb gearbeitet habe. Es sei ihm bei seinem Dienstantritt zugesagt worden, daß er nach einem Jahr auf Urlaub heim dürfe. Nachdem über zwei Jahre vergangen waren, ohne daß man ihm auf sein wiederholtes Ansuchen den versprochenen Urlaub gewährte, habe er versucht, auf eigene Faust heimzufahren. Auf der Bahn wurde er gefaßt und hier in das Gefängnis gebracht. ,, Wie lange sind Sie jetzt hier?" ,, Neun Wochen!" ,, Neun Wochen schon!-Und wie lange will man Sie noch hier behalten?" Er zuckte die Achseln:„ Man hat mich weder richtig verhört noch verurteilt. Der Tatbestand ist ja auch klar; nicht ich, sondern die, die den Arbeitsvertrag nicht gehalten haben, sind die eigentlichen Angeklagten. Wahrscheinlich kommt es nie zu einer Verhandlung. Man behält uns eben hier, damit wir nicht wieder ausreißen und läßt uns tagsüber arbeiten. Macht nichts. Es geht alles vorüber", sagte er am Schluß und sein Gesicht zeigte dabei ein gleichgültiges Lächeln. Keine Spur von Zorn oder Haß- und Rachegefühl, wie man es bei manchen ausländischen Arbeitern findet. - - Das Gespräch mit diesem jungen Ausländer hatte mich wiederum nachdenklich gemacht, wie am Vormittag die Berichte von Rößler, Lammer und anderen Gefangenen. Wie kurzsichtig und unüberlegt handeln die verantwortlichen Leute, die solche an sich wertvollen Menschen hier einsperren. Bilden Sie sich etwa ein, auf diese Weise könne man in den besetzten Ländern Sympathien für Deutschland erwerben, ein vereintes Europa unter Deutschlands Führung schaffen! Jene engstirnigen Polizeimenschen versündigen sich am Ansehen des Deutschen Volkes, das für alles das verantwortlich gemacht wird, obwohl es nicht damit einverstanden ist. Sie gehören eingesperrt, nicht diese Menschen hier, die auf ihr Vertragsrecht bestehen. Und ich erfuhr, daß es bei den beiden Polen, die als Volksdeutsche gelten, ähnlich stand. Auch sie wohnen seit vielen Wochen hier im Gefängnis und werden tagtäglich zur Arbeit geführt. ,, Müßt Ihr schwer arbeiten", fragte ich. 29 ,, Nein, nein!", lachten sie.„ Die Wachleute sind sehr gut zu uns." Dann erzählten sie, daß sie mit zwanzig bis dreißig anderen Gefangenen zusammen am Stadtrand von Stuttgart, draußen in Zuffenhausen, Baracken bauen müssen. Wir vermuteten alle, es handele sich um vorsorgliche Wohnbaracken für Fliegergeschädigte. Später wurde ich eines anderen belehrt. Doch das kommt noch. Der Boden sei sehr aufgeweicht und dreckig, sagten die Polen, und ihre lehmbekrusteten Schuhe und Hosenbeine bestätigten es. Aber sonst sei die Arbeit nicht schlimm. Ich merkte, daß diese munteren, offenen Burschen nicht nur meine Sympathie hatten, sondern auch die von Rößler und den anderen Mitgefangenen. Sie verloren bei mir auch nicht an Ansehen, als einer von ihnen sich unter die Lampe setzte, sein Hemd über den Kopf zog und es in aller Gemütsruhe auf Läuse durchsuchte. Wir hatten es als Soldaten im ersten Weltkrieg ja auch nicht anders gemacht und waren deshalb doch keine schlechten Menschen. Als er dann mehrmals die typisch knackende Bewegung mit den Daumennägeln machte, sagte Rößler:„ Jetzt hat der Kerl schon wieder Läuse, dabei sind wir erst vor einigen Tagen entlaust worden." - Angenehm war es freilich nicht, mit verlausten Menschen so eng zusammen zu sein. Wie lange würde es dauern, bis auch ich kratzend das Jucken abwehre und in gleicher Weise auf Läusejagd gehe? Um das Unbehagen voll zu machen, erklärte man mir noch, daß es in der Zelle auch Wanzen habe. Doch jetzt um diese Jahreszeit sei es nicht so schlimm wie im Hochsommer, beruhigten mich die Erfahrenen. Klirren der Schlüssel und Rasseln der Riegel an der Tür unterbrach die Unterhaltung. Das allabendlich sich gleichbleibende Geschehen des Fertigmachens zum Schlafen rollte ab. Es verlief so: Die Tür wurde aufgerissen und noch bevor sich die Zelleninsassen aufstellen konnten, flog im Bogen ein eisernes Etwas herein und krachte auf den Fußboden der Zelle. Wasserkrug raus! Kübel raus!", schrie gleichzeitig der Wachtmeister mit dem Hyänengesicht. دو - Während zwei Gefangene sich beeilten, diese Sachen vor die Tür zu stellen, damit sie der am Eingang stehende Kalfaktor mitnehmen konnte, bückte sich ein anderer, den hereingeworfenen Gegenstand aufzuheben. Es war ein besonderer, großer Vierkantschlüssel, mit dem die Eisengestelle an der Wand gelöst wurden, in denen sich die Schlafmatratzen befanden. 30 Sofort bildeten sich Gruppen, die die schweren Eisengestelle herabklappten und Matratzen und Decken herausnahmen. Rößler leitete das Ganze. Er war nun einmal der anerkannte Häuptling dieser Gesellschaft.„ Da, diese Matratze und die Decke hier nehmen Sie", sagte er zu mir, nachdem er sich auch seine Sachen gesichert hatte.„ Und Sie legen sich am besten hier in die Ecke auf den Platz neben mir. Der Mann, der bisher dort lag, ist heute Morgen weggekommen." Und während jeder seine kurze Matratze auf den Fußboden eng an die anderen zu einer langen Reihe legte, erklärte mir Röẞler noch flüsternd, wie wichtig es sei, daß einer aufpasse und die Reihenfolge der Lager bestimme. Die drei Polen, bei denen man nicht sicher sei, ob sie alle Läuse haben, kommen immer oben in die Ecke an das Fenster, wo es auch am kältesten ist. Der Mann mit der Tuberkulose liegt ganz für sich an der Wand uns gegenüber. Rößler achtete auch sehr darauf, daß jeder immer die gleiche Decke und Matratze bekam. So wurde durch die Vernunft der Gefangenen das Unheil nach Möglichkeit vermieden, das durch die Unvernunft der Polizei entstehen konnte. - Kaum waren die Matratzen alle ausgelegt, da ging die Tür wieder auf: ,, Kübel rein! Wasserkrug rein! Leinentücher holen!" Alles wurde im - scharfen Kommandoton geschrieen. - Rößler, der vorne stand, nahm schnell die bezeichneten Sachen herein. Dann sprangen wir alle im Laufschritt einer hinter dem andern im Gefängnisflur entlang zu einem Regal vorn an der Tür. Daraus nahm jeder ein zusammengerolltes Leinentuch. Drei Polizisten hatten sich hierbei im Flur aufgestellt, feuerten durch Schimpfworte zu größter Eile an, als ob das Haus brenne, und paßten wie Detektive auf, daß jeder nur ein Tuch nahm. Beim Aufrollen der Tücher in der Zelle zeigte sich, daß sie mehr schmutzig- schwarz als weiß waren. Aber es empfahl sich schon, auf diesen Leinentüchern zu liegen, die wenigsten ab und zu einmal gewaschen wurden, als direkt auf den großen, fleckigen und dreckigen Matratzen, die sicherlich seit Jahr und Tag nicht gereinigt worden waren. Weiß Gott, wer da schon alles drauf gelegen hatte. Rößler riet mir, zum Schlafen möglichst wenig auszuziehen, auf jeden Fall die Hose anzubehalten, nicht nur aus hygienischen Gründen und wegen der Kälte nachts, sondern auch für den Fall eines Fliegeralarms. Die Gefangenen müssen sich dann völlig im Dunkeln schnell anziehen. Ich solle sehr darauf achten, alle meine Sachen in greifbarer Nähe zu haben. 31 Erst seit dem letzten Großangriff auf Stuttgart, wo Bomben ganz in die Nähe des Gefängnisses gefallen waren, wurden die Gefangenen bei Alarm in den Keller gebracht. Früher mußten sie in der Zelle bleiben. Eine furchtbare Qual, denn die Zellen waren ja im obersten Stockwerk des alten Gebäudes, und bei der Nähe des Boschwerkes war die Gefahr hier groß. Allein schon die Vorstellung, daß nur eine einfache Brandbombe mit ihrer großen Hitzeentwicklung in eine solche mit Menschen überfüllte, verschlossene Zelle schlägt, wo kein Wasser, kein Sand und nichts zum Löschen da war, lieẞ einen schaudern. Noch bevor wir uns alle hingelegt hatten, wurde das Licht von draußen ausgeschaltet. Man mußte sehen, wie man im Dunkeln zurecht kam. Es war erst 18.30 Uhr, also noch etwas sehr zeitig zum schlafen. ,, Fenster auf!", rief Rößler den Polen zu. Man hörte, wie einer an dem Eisengestell hochkletterte und das Fenster öffnete. Dann wurde es still. FLIEGER- ALARM Die Gottesgabe, so ziemlich in allen Lebenslagen rasch und tief einschlafen zu können, verließ mich auch hier nicht. Rößler, der dicht neben mir lag, behauptete, ich hätte schon fest geschnarcht, als nach etwa einer Stunde die Zellentür aufgerissen und„ Luftgefahr" hereingerufen wurde. Schon war die Tür wieder zu. Beim schnellen Anziehen im Dunkeln erwies sich jetzt, wie gut die Ermahnung von Rößler war, alles griffbereit zu legen. Meinen Rock hatte ich als Kopfkissen benutzt, den Mantel zum Zudecken und die Schuhe an das Fußende gelegt. So konnte ich mich mühelos zurechttasten. Lediglich beim Greifen der Hüte, die an einigen wenigen Haken übereinander hingen, gab es Zeitverlust; nur durch Ausprobieren war festzustellen, welche Hüte ihrer Größe nach auf die verschiedenen Köpfe gehörten. Schon heulten draußen die Sirenen Alarm. Die Tür wurde aufgerissen: ,, Alles hier in zwei Reihen antreten! Keiner hat zu sprechen!" Und so wie wir wurden die Insassen aus allen Zellen geholt. Ich sah zum ersten Mal die verschiedenen Gestalten und merkte, daß Rößler mit seiner Schätzung auf hundertfünfzig bis zweihundert Gefangene recht hatte. Die Doppelreihe 32 lief durch den ganzen langen Flur. Ganz vorn standen Frauen und junge Mädchen, hinten Polen, Russen und andere Ausländer. Mit viel Schreien, Schimpfen und Drohen der Aufsichtsbeamten, wobei sich O., der Hyänenmensch, wieder besonders hervortat, ging es in Trupps zu zehn Mann die Treppe hinunter in den Keller. Die einzelnen Trupps wurden regelrecht hinuntergeschleust. Wenn ein Trupp die obere Gittertür verlassen hatte, wurde sie hinter ihm wieder fest verschlossen. Der Treppenaufgang mit den zehn Mann war jetzt oben und unten abgeriegelt, man mußte drunten vor der verschlossenen Tür warten, bis der vorhergehende Trupp über den Flur im Erdgeschoß zur Kellertreppe geführt worden war, wo sich der Vorgang des Schleusens wiederholte. Dabei waren gewiß noch alle Haus- und Hoftore verschlossen und verriegelt, ein Fluchtgedanke wäre schon deshalb lächerlich gewesen. Auf dem Weg von oben bis unten hatten sich außerdem eine Anzahl bewaffneter Polizisten verteilt, als seien wir alle gefährlichste Verbrecher. Wenn uns noch Handschellen angelegt worden wären, ich hätte mich nicht mehr darüber gewundert. Der Keller war tief gelegen und groß. Es wäre kein schlechter Luftschutzraum gewesen, wenn ihn nicht riesige Weinfässer ganz ausgefüllt hätten. So blieben nur die langen, schmalen Gänge zwischen den Fässerreihen. In ihnen mußten wir stehen, zu zweit hintereinander, mit dem Gesicht gegen die Stirnwände der Fässer. Wehe dem, der zu sprechen wagte, ja auch nur den Kopf zur Seite drehte. Hinter ihm schlich der brutale Wachtmeister O. lautlos die Reihen ab, schimpfte und drohte. Als ich den Kopf etwas vorneigte und die Reihe entlangsah, um festzustellen, ob vielleicht Prof. K. auch geholt worden war, da hörte ich den allerseits verhaßten Wachtmeister zu mir sagen:„ Du bist der Erste, dem ich mit dem Schlüsselbund ins Genick schlage!" Rößler stand neben mir.„ So ein verfluchter Hund!", grollte er vorsichtig, als der Kerl weitergegangen war. Gleich darauf hörten wir, wie weiter oben ein Gefangener, der gesprochen hatte, in der Tat mit dem Schlüsselbund mehrmals geschlagen wurde, daß es durch das ganze Kellergewölbe klirrte und klatschte. Hinzusehen wagte niemand. Nach einiger Zeit erschien durch eine Tür am anderen Ende des Kellers der Oberleutnant im Luftschutzhelm. Er wiederholte die Mahnung, nicht zu sprechen, ging die Reihen entlang und verschwand wieder. - Die Zeit vergeht langsam, wenn man so auf einer Stelle stehen muß, sich nicht wenden und nicht sprechen darf, sondern nur den Nacken seines Vor3 Nur vierzehn Tage 33 dermannes und die Wand des davorstehenden großes Fasses ansieht. Unsere Qual wurde erhöht durch die schlechte Luft in dem Keller. Für Lüftung war anscheinend nicht gesorgt. Das Atmen von zweihundert Menschen verbrauchte viel Sauerstoff. Nach etwa einer Stunde schien mir bei dieser Luft das unbewegliche Stehen in meinem schweren Wintermantel kaum mehr erträglich. Doch alle Beschwerden verflogen und meine Last wurde leicht, wenn ich zu dem schwindsüchtigen Lammer sah, der etwas seitlich von mir stand. Der arme Mensch konnte sich nur so helfen, daß er den Kopf in die Mitte der sich fast schließenden Lücke zwischen zwei Fässer hing, und sich mit den Händen an die Faßränder rechts und links klammerte. Wie ein Gekreuzigter hing er so mit ausgebreiteten Armen da. Wer aber fragte hier danach, ob der Mann vor Schwäche fast zusammenbrach. Über zwei Stunden waren wir in diesem Keller. Erlöst atmete alles auf, als das Entwarnungszeichen ertönte. Wieder ging es jetzt truppweise hinauf in die Zellen. An das Schimpfen und die Stöße der Polizeibeamten waren wir jetzt schon gewöhnt. War die Luft drunten im Keller schlecht und sauerstoffarm, so war sie hier oben in der Zelle schauderhaft, stinkig wie in einem primitiven Klosettraum. Erst jetzt beim Eintreten von draußen empfand man das ganz. Diesmal waren wir dem Wachtmeister dankbar, als er das Licht bald ausschaltete, so daß wir das abgedunkelte Fenster wieder öffnen konnten. Kaum aber lagen wir alle zum ersehnten Schlaf bereit, da wurde draußen erneut eine Zellentür nach der anderen aufgerissen:„ Luftgefahr!", rief der Wachtmeister abermals herein. Das Herumtappen und Anziehen im Dunkeln begann von vorn. Ich war erstaunt, wie ruhig und geduldig alle die Aussicht auf sich nahmen, noch einmal stundenlang in dem Keller stehen zu müssen. Gleichgültig und still ergeben in ihr Schicksal fügten sich die Gefangenen in das Unabänderliche. Beim Militär wird in solchen Fällen je nach Veranlagung und Temperament geschimpft und geflucht, daß der Teufel das Grauen kriegen könnte; es war wenigstens bei meiner Kompanie so, die überwiegend aus jungen aktiven Soldaten bestand. Zum Glück ersparte es uns der Engländer, noch einmal in den Keller zu müssen. ,, Luftgefahr vorbei!", rief der Wachtmeister in die Zelle, nachdem wir glücklich wieder angezogen waren. Wir schliefen endgültig ein. 34 Einmal habe ich während der Nacht halb schlafend, halb wachend gehört, wie einer den vollen Kübel hinausgab und der Wärter, unwillig über die Störung, schimpfte. Dann wurde ich noch einigemal durch die verzweifelten Hustenanfälle des Schwindsüchtigen geweckt, die entsetzlich anzuhören waren. DER ERSTE MORGEN IM GEFÄNGNIS Ich habe den Ablauf des Abends in unserer Gefängniszelle beschrieben, so will ich jetzt auch den Ablauf des Morgens schildern, wie er sich tagtäglich im wesentlichen gleichblieb. Bei der deutschen Polizei sind solche Sachen wie beim Militär sorgfältig geregelt; es wird sehr auf pünktliche und ordnungsgemäße Abwicklung derartiger Äußerlichkeiten geachtet, nur nicht auf viele andere Dinge, die weit wichtiger für das körperliche und seelische Befinden der Menschen sind. Genau um halb sechs Uhr riß einen das Rasseln des Schlüsselbundes im Schloß und das Wegschieben der Riegel aus dem Schlaf.„ Fenster zu!", war das erste, was als Morgengruß in die Zelle gerufen wurde. Die jungen Polen, vorn am Fenster, waren schon darauf eingestellt. Einer kletterte sofort hoch, schloß die beiden Fensterflügel und machte den Verdunkelungsrahmen davor. Dann schaltete der Polizeibeamte von draußen das Licht ein. Lässig erhoben sich die Schläfer, das trübselige Bild der erbärmlichen Zelle und der struppigen Schlafgenossen mit erwachenden Sinnen in sich aufnehmend. Einige klagten, daß ihr Nachbar die ganze Nacht geschnarcht habe, andere jammerten über Wanzen und zeigten Bißwunden am Hals und im Gesicht. Ich scheine gegen Wanzen immun zu sein, denn ich hatte nichts davon gemerkt. Aber ich sah sie jetzt bei Licht laufen, diese widerlichen Tiere, auf meinem Leinentuch und an der Wand. Mein Nachbar machte sich ein besonderes Vergnügen daraus, sie mit einer zusammengefalteten Zeitung totzuklatschen. Das gab dann jedesmal einen Blutfleck, der noch ekelhafter anzusehen war, als die lebenden Tiere. Die Luft in der Zelle wurde nach dem Schließen des Fensters bald wieder schauderhaft. Einige hatten sich in der Nacht an dem Kübel doch nicht so 35 ganz zurecht gefunden: es sah in der Ecke zum Davonlaufen aus und es roch naturgemäß auch so. Hierzu kam, daß der Kübel morgens beim Aufstehen stets übervoll war, aber jeder, den ein Bedürfnis drängte, mußte sich erst selbst davon überzeugen, ehe er es glaubte. So hob alle Augenblicke ein anderer den Deckel vom Kübel; jedesmal stieg ein bestialischer Gestank hoch. Zustände, die ein deutscher PK- Berichter aus dem finstersten Polen mit Vorliebe in den Zeitungen schildern und anprangern würde. Unterdessen wurden die Matratzen und Decken in die Gestelle verstaut. Rößler, der Häuptling, wachte wieder sehr darauf, daß nichts durcheinander kam. Ob die Läuse und die Tuberkel freilich, wie er es wünchte, in den betreffenden Matratzen und Decken blieben, wo in den Gestellen doch alles eng aneinander lag, das war eine andere Frage. Anschließend rollten wir die Leinentücher zusammen. Dann nahm jeder die Tuchrolle in die Hand, stand umher und wartete. Endlich ging die Türe auf. Wieder flog im Bogen der Schlüssel herein, mit dem die hochgeklappten Gittergestelle mit den Matratzen und Decken an die Wand geschlossen wurden. Man mußte wirklich froh sein, wenn man den Schlüssel nicht zufällig an den Kopf bekam.„ Kübel raus! Wasserkrug raus!- Leinentücher abgeben!", hieß es gleichzeitig. Schnell wurden die ersten beiden Sachen gereicht. Dann sprang alles hintereinander im Laufschritt den Flur entlang wie am Abend vorher, und jeder legte die Leinentuchrolle in das Wandregal. دو - Waschwasser mitnehmen!", hieß es beim Zurückgehen in die Zelle. Ein Kalfaktor hatte inzwischen kleine Blechschüsseln mit Wasser vor die Zellentür gestellt, die jedoch nur viertelvoll waren. Damit wusch sich jeder. Röẞler besaß Seife. Verstohlen lieh er sie mir. Immerhin war es ein Problem, Gesicht und Hände mit so wenig Wasser ohne Lappen zu waschen. Gerade hier aber, bei diesen unhygienischen Verhältnissen, wäre es dringend notwendig gewesen, vor allem die Hände sehr gründlich zu reinigen, waren wir doch beim Essen weitgehend auf die Finger angewiesen, denn Messer und Gabel erhält der Gefangene nicht. Ein Leinentuch, wie wir es die Nacht über zum Draufliegen benutzt hatten, wurde als gemeinsames Handtuch gereicht; jeder rieb sich damit Gesicht und Hände ab. Wieder ging die Tür auf:„ Waschbecken raus! krug rein! - - Handtuch! Wasser- Kübel rein!", befahl der Wachtmeister jetzt und der neben ihm stehende Kalfaktor nahm die geforderten Sachen in Empfang. 36 - Kaum war der Krug mit frischem Wasser und der leere Abortkübel in der Zelle, da schlug der Wachtmeister die Tür wieder zu und schaltete das Licht aus: Knack! Da saßen wir wiederum in unserer Dunkelheit. Doch wie am Abend vorher, so waren wir auch jetzt alle froh, wieder das Fenster öffnen zu können. Von draußen kam zwar feuchtkalte Luft herein; mancher fröstelte; doch keiner wünschte das Fenster lieber geschlossen. Der Urheber des Berliner Sprichwortes: warmer Mief sei besser als kalter Ozon, wäre in unserer Zelle sicher auch eines anderen belehrt worden und hätte mit uns lieber etwas gefroren, als diese stinkige Dickluft einzuatmen. Draußen am Himmel begann es zu dämmern. Allmählich konnte man in der Zelle die Umrisse der Gegenstände erkennen und lief nicht mehr Gefahr, beim Hin- und Hergehen mit einem anderen zusammenzustoßen. Gegen sieben Uhr wurde das Licht wieder eingeschaltet. Die drei Polen, die zum Arbeiten wegmußten, bekamen ihre Frühstücksportionen: jeder ein Stück Kommißbrot und eine Schüssel voll brauner Kaffeebrühe. Bald darauf rief sie der Wachtmeister heraus. Jetzt flog ein langer Stubenbesen in die Zelle. Ohne ein Wort zu sagen, ohne uns auch nur mit einem Blick zu würdigen, warf der verhaßte Wachtmeister O. den Besen auf den Boden, wie man einem räudigen Hund etwas zuwirft und ängstlich vermeidet, mit ihm in Berührung zu kommen. Fürwahr, diesem rohen, gefühllosen Kerl bedeuteten wir Menschen in der Zelle hier weniger, als dem Wärter eines Zoologischen Gartens die Raubtiere. Jeder Handgriff für uns war ihm zuviel; er hatte für die Gefangenen nur böse Blicke, Schimpfworte und Schläge. Man muß sich dabei immer wieder vor Augen halten, alle Gefangenen hier befanden sich nur in Polizeihaft, keiner war verurteilt. Und im nationalsozialistischen Deutschland festgenommen und in ein solches Gefängnis gesteckt zu werden, sei es auf Grund einer Verleumdung, sei es auf Grund eines falschen Verdachtes, das konnte wahrhaftig dem Besten geschehen. Ich entsann mich, daß dereinst, als ich noch Kind war, meine Mutter mir verächtlich von Rußland erzählte, dort würden die Menschen, besonders politisch miẞliebige, ohne Verhör und Gerichtsurteil, einfach in den Kerker geworfen. Jenes Gespräch mag nun seine 35 Jahre zurückliegen; es handelte sich um das alte, zaristische Rußland. Lange Zeit war daraufhin für mich Rußland der Inbegriff der Rechtlosigkeit. Ich hatte Abscheu vor diesem Land und dankte Gott, daß ich in dem geliebten und herrlichen Deutsch37 land geboren bin, wo solche Zustände unmöglich sind, wo es Gerichte und öffentliche Rechtsprechung gibt. - Und nun ist mein deutsches Vaterland ein ebensolcher Willkürstaat geworden, wie das seinerzeitige finstere Rußland: es sperrt unbescholtene, anständige Familienväter kurzerhand ein, ohne nach Recht und Menschlichkeit zu fragen. Und hier müssen sie durch dieses Scheusal von Polizeibeamten eine Behandlung über sich ergehen lassen, als wären sie Raubmörder oder andere gemeingefährliche Verbrecher. Herrgott, wohin treiben wir? - Zur Ehre der anderen Wachtmeister in diesem Gefängnis sei hier erwähnt, daß O. der einzige war, der Schlüssel und andere Gegenstände auf die beschriebene Weise in die Zelle warf. Alle anderen gaben sie einem Gefangenen, der der Tür gerade am nächsten stand, in die Hand. Brutal und rücksichtslos waren allerdings die meisten. Einer hob sich sehr angenehm ab. Alle Gefangenen lobten ihn. Er zeigte im Gegensatz zu den Schreiern und Peinigern nicht nur ein ruhiges, beherrschtes Wesen, sondern vor allem auch ein mitfühlendes Herz, wie ich später noch darlegen werde. Es war jener Wachtmeister, der gerade Dienst hatte, als ich von dem Gestapo- Beamten eingeliefert worden war. Sein anständiges, rücksichtsvolles Benehmen machte schon da einen guten Eindruck auf mich. Schade, daß ich den Namen dieses braven Mannes nicht weiß; gern würde ich ihn hier rühmend hervorheben. - Doch zurück zum morgendlichen Ablauf der Geschehnisse in der Zelle. Den hereingeworfenen Besen hatte einer der jüngeren Gefangenen ergriffen und die Zelle damit gefegt. Als dann die Tür aufging, flogen ein kleiner Handbesen und eine Kehrichtschaufel herein. Der zusammengefegte Schmutz wurde in einen draußen bereitstehenden Eimer gebracht. Wieder rasselten nach einiger Zeit die Schlüssel an der Tür. Wieder wurden die Riegel zurückgeschoben. Wieder stellten wir uns zum wievielten Male schon am Morgen? in Doppelreihe vorschriftsmäßig auf. Diesmal mußte ein Eimer mit warmem Wasser und Scheuerlappen hereingenommen werden. Sogleich machte sich einer daran, den Fußboden aufzuwischen. Dann war die Tagesarbeit der Gefangenen getan. Man hätte jeweils die Uhr danach stellen können, so pünktlich und gleichmäßig rollten jeden Morgen diese einzelnen Phasen ab. Im Organisieren und Einhalten solcher Anordnungen sind wir Deutsche nun einmal hervorragend. Im seelischen Miterleben und im Einfühlen in das Wesen anderer 38 Menschen und Völker sind wir es leider, leider nicht. Denn eins stand für mich fest: was ich hier in diesem Gefängnis erlebte und beobachtete, war in seinem Wesen durchaus nicht einmalig und alleinstehend; es ist charakteristisch für den rücksichtslosen Geist, der in der Welt draußen uns Deutschen so furchtbar geschadet hat und noch täglich schadet. Ich bin mir bewußt, daß viele Überdeutsche diese Bemerkung mit Unwillen und Entrüstung lesen werden, denn sie können eine solche Kritik ihres Wesens nicht vertragen. Aber ich denke, die heutige Not wird so manchen zur Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis bringen, wie das Leid ja allgemein dazu da ist, den Menschen zu läutern, zu bessern und vollkommener zu machen. Wir müssen endlich einmal zu der Einsicht kommen, daß es an unserer Art liegt, wenn sich die Welt von uns abwendet. Es ist billige und bequeme Selbsttäuschung, die Feindschaft draußen nur auf Neid- und Haßpropaganda zurückzuführen. Natürlich sind die anderen auch keine Engel. Natürlich haben sie ihre Fehler. Natürlich gibt es in ihren Ländern mehr oder weniger schwere Mißstände. Aber man spreche mit Menschen, die mit klaren Augen und gesunden Sinnen in der Welt umhergekommen sind: die Achtung und Bewunderung, die man draußen unserem Fleiß, unserer Kraft und unseren Werken entgegenbringt, wird übertöht von der Verachtung, die alle Welt für unsere gewalttätige Art, unseren Militarismus und das dummgrobe Polizeitum hat. Das ist nicht erst seit Adolf Hitler so. Die Naziführer haben diese Zustände nur verschärft und besonders hochgezüchtet. - Doch zurück zu den Geschehnissen im Gefängnis. Um acht Uhr gab es dann endlich etwas zu essen. Jeder erhielt ein Stück Kommiẞbrot und eine Schüssel mit lauwarmer Kaffeebrühe, wie es die drei Polen, die zur Arbeit ausrücken mußten, bereits bekommen hatten. Rößler hatte eine kleine Tüte voll Salz bei sich; so konnten wir alle damit das trockene Brot etwas schmackhafter machen. Wir waren noch nicht fertig mit diesem ,, Frühstück", da wurde Lammer, der schwindsüchtige ehemalige Fabrikant aus Pf. herausgerufen. Der Transport nach Dachau ging ab, die Fahrt, von der er wußte, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach für ihn kein Zurückkommen mehr gibt. Der kranke, schwache Mann konnte seinen Mantel und Hut und die paar Armseligkeiten, die so ein Gefangener bei sich haben darf, dem ungeduldi39 gen Wachtmeister O. nicht schnell genug fassen, obwohl jeder sah, wie verängstigt er sich beeilte.„ Kerl, wenn du nicht schneller machst, schlage ich dir den Schlüsselbund ins Genick!", sagte der Hyänenmensch mit wütendem Gesichtsausdruck. Das waren anscheinend seine Lieblingsworte, denn diese Drohung hatte ich nun schon etliche Male aus seinem Munde gehört. In der Tat, er hob jetzt die Hand mit dem klirrenden Schlüsselbund drohend hinter Lammer, und es fehlte nicht viel, da hätten wir ein erbärmliches und fluchwürdiges Schauspiel mit ansehen müssen. Sicherlich hätte uns Lammer noch gern die Hand zum Abschied gereicht. Das war jedoch unter diesen Umständen unmöglich. So mußte er sich damit begnügen, uns einen flüchtigen, aber zu Herzen gehenden Blick zuzuwerfen. Ich glaube, der Blick hat hauptsächlich mir gegolten. Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber auf Grund der Gespräche, die wir zwei am Tage vorher miteinander geführt hatten, waren wir uns trotz der kurzen Zeit des Kennenlernens menschlich nahe gekommen, als verbände uns eine langjährige Freundschaft. Den Abschiedsblick werde ich wohl nicht mehr vergessen. Mir erzählte einmal eine gemütvolle Frau, daß sie lange Zeit einen Hund gehabt hätte, der dann wegen Krankheit getötet werden mußte. Als er von ihrem Mann zum letzten Gang weggeführt wurde, hätte er mit seltsam traurigen Augen zu ihr zurückgesehen, als sei sich das Tier bewußt gewesen, was man mit ihm vorhatte.„ Den Blick werde ich nie mehr vergessen", sagte die Frau damals zu mir. Sicherlich hatte sie bei ihrem Schmerz über die Trennung von dem Hund und bei ihrem Mitgefühl mit seinem bevorstehenden Tod sich nur eingebildet, der Hund blicke sie so traurig und verstehend an, während das Tier ganz natürlich aus den Augen sah, wie sonst auch. man Aber dieser Mensch hier wußte, was ihm bevorstand. Und wenn schon bei einem Hund so viel Teilnahme zeigt, so brauche ich mich wohl nicht übermäßiger Weichheit und Empfindsamkeit zu schämen, wenn ich gestehe, daß mich das tragische Schicksal dieses Mannes und das traurige Scheiden von ihm stark beeindruckt hat. Er war ein anständiger Charakter, das hatte ich sofort gefühlt. - Wir waren jetzt nur noch acht Mann in der Zelle. Durch das geöffnete Fenster kam Licht und Luft, und im Ofen hörten wir, wie von draußen Feuer gemacht wurde. So war es hier auszuhalten, zumal man bei den 40 - - meisten Gefangenen nicht den Eindruck hatte, daß man sich rein menschlich gesehen in schlechter Gesellschaft befand. Im Gegenteil: wenn man einen Vergleich mit den Leuten anstellte, die draußen im Gang mit dem Schlüsselbund auf- und abliefen, und mit denen, die für das Einsperren verantwortlich waren, da konnte man geneigt sein, anzunehmen, hier im Gefängnis sitzen die Anständigen und Rechtschaffenen und draußen sind die Verbrechernaturen. - Allerdings, Anhänger von Adolf Hitler waren die Leute nicht hier in der Zelle, keiner. Wehe, wenn ein Gestapo- Beamter die Unterhaltung mit angehört hätte, die sich im Anschluß an die empörende Behandlung des weggeführten Lammer entsponnen hatte! Anfangs trug ich Bedenken, es könne ein Spitzel mit in der Zelle sein, der die Gefangenen auszuhorchen habe, wie es ein alter Kriminalistentrick ist. Aber soviel Menschenkenntnis glaubte ich zu besitzen, um bald beruhigt feststellen zu können, daß keiner der Zellengenossen ein solch falscher Kerl war; es beteiligten sich alle an der Unterhaltung, und man merkte, daß jeder ehrlichen Herzens voll echter Empörung schimpfte. Der Schneider aus G. entpuppte sich als ein kirchenfrommer Mann, der der Evangelischen Kirche nach dem Krieg einen neuen starken Auftrieb prophezeite. Rößler gab ihm recht. ,, Es ist klar", sagte ich. - دو wenn der Krieg ungünstig ausgeht, dann werden auch die letzten gläubigen Anhänger von Adolf Hitler erkennen, daß der Nationalsozialismus keine Religionsgemeinschaft ersetzen kann. Gerade im Unglück aber klammern sich die Menschen gern an einen überirdischen Halt. Nach dem letzten Krieg liefen sie in Scharen zweifelhaften Winkelpredigern, Sterndeutern und anderen Wahrsagern nach, weil die Kirche damals nicht fähig war, die am Christentum irregewordenen Massen wieder in ihre Richtung zu lenken. Allerdings hat auch hier die kirchenfeindliche Propaganda der Linksparteien viel mitgewirkt. Da die Kirche diesmal den Krieg nicht wieder gutheißt und da sie die jetzige Staatsführung innerlich ablehnt, so wird sie zweifellos gewinnen. Mancher Abtrünnige, mancher enttäuschte Nationalsozialist und manche schwankende Gestalt wird zu ihr zurückkehren." Durch solcherlei anregende Unterhaltung verlief die Zeit rasch. Gegen zehn Uhr rasselten wieder Schlüssel und Riegel an der Tür." Schumann raus!", rief diesmal der Wachtmeister zu meiner Überraschung. Schnell nahm ich Hut und Mantel, wobei ich es auf Grund des Erlebnisses mit Lam41 mer und angesichts des ungeduldig blickenden bösartigen Wachtmeisters für ratsam hielt, den Mantel erst draußen vor der Tür anzuziehen, damit ich rasch genug hinauskam. IM HAUSE DER GESTAPO Im Flur erblickte ich vorn am Ausgang den Gestapo-Beamten, der mich festgenommen hatte. Er winkte mich mit dem Finger zu sich heran. Ich brachte es nicht fertig, einen Gruß zu sagen, als ich vor ihm stand. Der so- genannte Deutsche Gruß war mir als Gefangenem verboten— darüber war ich innerlich nicht böse—, und diesem Menschen hier, der berufsmäßig mein Feind sein mußte, irgend einen anderen freundlichen Gruß zu sagen, das ging mir gegen den Strich. Mit solchen Heucheleien war hier auch nichts mehr zu retten, das fühlte ich, als ich seine scharfen, durchdringenden Augen wieder auf mich gerichtet sah. Im Gegenteil, es schien mir besser, von An- fang an Charakter zu zeigen; vielleicht schätzte er das doch innerlich, denn in seinem Gesicht war bei aller äußeren Schärfe ein Ausdruck von Ehrlich- keit, Korrektheit und Menschlichkeit zu lesen; ich stellte es heute Morgen wieder fest. Vielleicht war es ihm selbst zuwider, daß er so gegen mich vor- gehen mußte. Aber er hat natürlich den Ehrgeiz, nach oben seine Tüchtig- keit zu zeigen, wie ich mich.bei meiner Arbeit ja auch bemühe, vor meinem Chef gut.dazustehen und seine Wünsche zu erfüllen. Bei mir freilich han- delt es sich normalerweise um den Verkauf von Waren und um Steigerung des Umsatzes— hier geht es um Menschenschicksale. Als die vergitterte Gefängnistür hinter uns zugeschlagen war, fragte er mich, ob ich mir jetzt überlegt hätte, was Prof. K. mir alles mitgeteilt habe. „Ja“, antwortete ich ruhig. „Und?“, fragte er gespannt. „Was ich Ihnen bereits gestern gesagt habe: Nachrichten, die auch in der Zeitung standen. Etwas anderes kann ich Ihnen nicht berichten und wenn Sie mich noch so lange einsperren.“ Ich sah auf seinem Gesicht die Enttäuschung. Doch er schwieg. So gingen wir still nebeneinander durch die belebte Stadt. Niemand: sah mir an, daß 42 ich ein Polizeigefangener war. Ich befürchtete nur, daß uns ein Bekannter von mir begegnete, der mich ansprechen könnte. Die frische Luft und das Laufen taten mir gut. Es war doch eine verteufelte Sache, untätig in der stinkigen Zelle dort oben festgehalten zu sein. Erst hier auf der Straße, wo ringsum Freiheit war, empfand ich es ganz. Dabei war ich erst 24 Stunden im Gefängnis. Andere schmachteten dort seit Wochen und Monaten. ,, Darf ich Ihren Namen erfahren, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun habe?", unterbrach ich nach einiger Zeit das Schweigen. " Ja." Er nannte mir seinen Namen: B..." ,, Muß ich in der Anrede einen Titel gebrauchen?" ,, Nein, es ist nicht erforderlich." Das war unsere ganze Unterhaltung auf dem Wege zum Gebäude der Gestapo. Dort führte er mich wieder in den vierten Stock hinauf in sein Zimmer. Der Herr, der gestern an dem anderen der beiden gegeneinandergestellten Schreibtische saß, war wieder anwesend. Er schrieb und nahm auch heute von mir keine Notiz, hatte also offenbar mit meiner Sache nichts zu tun. Wir setzten uns. Das Verhör begann. So sehr B. auch durch ausgeklügelte Fragen mich zu erforschen suchte, es führte zu keinem anderen Ergebnis als am Tage vorher. Ja, ich gewann durch diese Fragen mehr als er; denn ich merkte daraus, wie dünn und haltlos das Anklagematerial war. Prof. K. sollte mir unter anderem etwas von dem Kuban- Brückenkopf gesagt haben; daß er geräumt werden müsse. ,, Das mag durchaus zutreffen", gab ich zu,„ obwohl ich mich heute nicht mehr daran erinnern kann. Es liegt ja auch schon Wochen zurück, daß der Kuban- Brückenkopf geräumt worden ist. Warum soll Prof. K. diese Nachricht von einem ausländischen Sender gehört haben; es war ja die Wahrheit?". ,, Aber von deutscher Seite ist sie erst später bekannt gegeben worden", erwiderte er heftig. ,, Das konnte ich nicht verfolgen. Wie Sie wissen, ist mein Rundfunkgerät defekt und die Zeitungsnachrichten erhalten wir in unserer Landgemeinde meist erst einige Tage später. Das ist ja der Grund, weshalb ich mich von Prof. K. täglich über die neuesten Kriegsereignisse unterrichten ließ. Hierauf sagte B.:„ Den K. haben wir jetzt auch geholt." Es sollte gleich43 gültig klingen, wie eine unbedeutende beiläufige Bemerkung. Er sah mich dabei aber forschend an, um zu sehen, wie ich darauf reagiere. ,, Also", erwiderte ich,„ da können Sie ihn ja fragen. Der weiß, woher er die Nachrichten hat; ich weiß es nicht; ich war nicht dabei, als er seinen Radio- Apparat einstellte. Ich kann Ihnen nur sagen, was er mir am Fernsprecher gesagt hat: Nachrichten, die auch in der Zeitung standen." Während des Verhörs hatte sich B. dauernd mit Bleistift Notizen gemacht. ,, Und nun zu Ihren Zetteln!", fuhr er nach einer Pause fort, als er merkte, daß er mit mir in der Rundfunksache zu keinem positiven Ergebnis kam. Dabei nahm er ein neues Blatt Papier zur Hand. Jetzt wurde es ernster. Ich merkte es daraus, daß er außer meinen Personalien auch meinen Lebenslauf sehr ausführlich aufnahm. Ob ich mich früher politisch betätigt hätte?- Nein! Ob ich einer Partei oder irgend einer politischen Organisation angehört habe oder angehöre? Nein! „ Hm." - Wie ich dann dazu käme, mir solche Sachen aufzuschreiben? Es läge nun einmal in meinem Wesen, so erklärte ich ihm jetzt, mich gedanklich etwas mehr als die meisten anderen Menschen mit allem zu beschäftigen, was auf mich eindringt. Er habe in meiner Brieftasche Verse und Notizen aller Art gefunden, die ihm das bestätigen. Ich sei eine Grübler- Natur. Oft geschähe es, wenn ich ein inhaltreiches Buch lese, daß ich einen Zettel nehme, und mir diese und jene Worte und Sätze daraus aufschriebe. Manchmal mache ich auch eigene gedankliche Bemerkungen dazu. Dies alles geschähe nur, um es mir besser ins Gedächtnis einzuprägen. Nach einiger Zeit würfe ich die Zettel wieder weg. So sei es verständlich, daß ich mir auch beim Lesen der Tageszeitungen und politischer Bücher hin und wieder Bemerkungen aufschreibe, die eigenes Gedankengut sind. ,, Aus diesen Aufzeichnungen aber erkennt man Ihre Gesinnung!", erwiderte er mir scharf.„ Was wollen Sie mit dem Spruch sagen: Lieber das Volk der Dichter und Denker, anstatt das Volk der Richter und Henker?" Also das ist es! An diesen Vers hatte ich längst nicht mehr gedacht. Erschrocken überlegte ich, was ich antworten sollte. Dann sagte ich:„ Das habe ich niedergeschrieben, weil mir der doppelte Reim gut gefiel." 44 - ,, Sie wollen damit aber doch etwas ausdrücken!- Wen meinen Sie denn mit den Richtern und Henkern?" Ich schwieg. ,, Na, haben Sie die Sprache verloren?" „ Ich will es Ihnen sagen", begann ich jetzt, denn es schien mir nunmehr ratsam, mit dem Mann offen und freimütig zu sprechen; der Spruch war nun einmal in seinen Händen und es gab daran nichts mehr zu ändern und zu deuteln.„ Den Vers habe ich einmal beim Lesen der Tageszeitung verfaßt. Ich las die Ausführung irgendeines Zeitungsschreibers, daß wir Deutsche nicht mehr wie früher das politisch unbedeutende Volk der Dichter und Denker sein wollen, sondern Anspruch auf Macht, Geltung und Besitz erheben. Auf dem gleichen Zeitungsblatt stand ein Gerichtsbericht, wonach ein Mann aus politischen Gründen hingerichtet worden ist. Ich glaube, es war ein Bibelforscher, genau weiß ich das aber nicht mehr. Wie Ihnen das Datum auf meinem Zettel zeigt, liegt das ja auch schon Monate zurück. Beim nachdenklichen Lesen dieser beiden Zeitungsartikel kam mir der Gedankenblitz des Verses, den ich mir aufschrieb. Sie wollen also damit ausdrücken, daß Sie mit der Verurteilung solcher Staatsverbrecher nicht einverstanden sind?" ,, Auf jeden Fall nicht mit einer so furchtbaren Strafe. Sie mögen darüber anders denken. Ich bin wahrscheinlich ein empfindsamerer Mensch. Dafür kann ich nicht. Ich habe seelische Schmerzen, wenn ich lese, daß ein Familienvater, der mutig zu seinem Glauben stand, hingerichtet worden ist. Und Sie werden besser wissen als ich, daß ich mit dieser Auffassung nicht allein dastehe, ja, ich möchte behaupten, Sie entspricht dem gesunden Volksempfinden." - Ich glaubte zu fühlen, daß ihm diese Bemerkung peinlich war. Er erwiderte nichts. Aber er schrieb und schrieb. Zwei große Bogen hatte er bereits vollgeschrieben und jetzt nahm er ein neues Blatt. - So viel hatte ich ja gar nicht gesagt! Er machte wohl noch seine eigenen Bemerkungen dazu. Aber man wird ja schließlich auch hier bei der Gestapo nicht umhin können, mir das Protokoll vorzulesen und unterschreiben zu lassen, bevor man mich verurteilt. Jetzt entzifferte er einen anderen meiner Zettel: Der Unfehlbarkeitsfimmel war schon unter Wilhelm II. unser Fluch. Es versteht sich, daß ein militärischer Vorgesetzter keinen Widerspruch von 45 دو Untergebenen dulden kann; daß er aber seine Ansicht als unbedingt richtig bestätigt haben will, nicht einmal leiseste Aufklärung und vorsichtiges Richtigstellen vertragen kann, das ist unsinnig und beschämend für ein hochstehendes Volk. Es hat uns bereits im ersten Weltkrieg manchen braven Soldaten, manche verlorene Schlacht, ja vielleicht den ganzen Krieg gekostet. Der Nationalsozialismus hat es noch verschlimmert. Uneingeschränkter denn je bestimmen heute in Deutschland die rücksichtslosen Gewaltmenschen und die unduldsamen Kommißköpfe. So wird der Soldat vorn wieder durch sein Heldentum gutmachen müssen, was die Führung hinten verpatzt.* Was wollen Sie damit sagen?" ,, Ich glaube, es spricht für sich selbst." ,, Solcher Art sind also Ihre Gedanken!" ,, Herr B., meine Gedanken werden Sie mir nicht verbieten wollen, denn das können Sie nicht. Ob ich die Gedanken lediglich in meinem Kopf behalte, ob ich sie still für mich hersage oder für mich allein niederschreibe, das muß sich gleich bleiben. Die Straftat beginnt erst dann, wenn ich diese Gedanken einem anderen Menschen mitteile." Und zu meiner Beruhigung war ich mir bewußt, daß ich in der Tat weder den obigen Vers noch die anderen Aufzeichnungen irgend jemand gezeigt hatte, außer meiner Frau. Sie sollten in meine Kriegserinnerungen aufgenommen werden, an denen ich hin und wieder in stillen Abendstunden schrieb. B. wußte nichts zu erwidern. Eine solche Sachlage war ihm wahrscheinlich noch nicht vorgekommen. Er hielt es deshalb für klug, zu schweigen und die Entscheidung seiner vorgesetzten Stelle zu überlassen. Jetzt nahm er einen weiteren Notizzettel von mir, den letzten mit politischen Bemerkungen, aber auch den gefährlichsten für mich. Mühselig entzifferte er, was ich mit Bleistift, kaum lesbar, auf den kleinen Zettel gekritzelt hatte: Ueber Lessing, den Dichter des unvergänglichen Nathan, hat Goethe mahnend zum deutschen Volk gesagt:„ Möge das im Nathan ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und ernst bleiben." Heute darf Nathan der Weise, dieses wohl beste Werk des großen deutschen Dichters, in seinem Vaterlande nicht mehr aufgeführt werden. Mit der von Goethe gerühmten Duldsamkeit ist es gründlich vorbei. * Da die Zettel mit meinen Aufzeichnungen bei den Akten der Gestapo geblieben sind, muß ich den Text hier aus dem Gedächtnis wiedergeben. Ich glaube, daß er wortgetreu ist, kann mich aber nicht dafür verbürgen. Sinngemäß stimmt er auf jeden Fall mit dem Original überein. 46 Jene edelmenschlichen Dichter und Denker haben damals Deutschland in der ganzen Kulturwelt Ehre und Ansehen verschafft; die Schreier, Politiker und Krieger von heute bringen es in Schmach und Schande. ,, Sie scheinen ganze Arbeit zu machen, das muß ich schon sagen", bemerkte B. zu dem letzten Satz. Auch der Herr am Schreibtisch ihm gegenüber sah entsetzt zu mir auf, als er hörte, was ich da geschrieben hatte. Das Wort„ Krieger" war von mir unglücklich gewählt. Das wurde mir jetzt bewußt; wahrscheinlich hätte ich es bei einer späteren Reinschrift geändert. Denn ich meinte mit Krieger natürlich nicht den Frontsoldaten, der im guten Glauben an eine gerechte Sache sein Letztes für Deutschland hergibt, sondern jene führenden Männer, die dem Volke nur noch das ,, Gefährlichleben" priesen, mit Vorliebe in Uniform umherliefen, sich möglichst kriegerisch gebärdeten und mit ihren Gedanken, Worten und Taten den Krieg herbeigezogen haben, teils bewußt, teils unbewußt. Das freilich konnte ich den Herren von der Gestapo nicht sagen; es hätte mir nur noch mehr geschadet. - Ich sagte nur, auch das, was ich hier niedergeschrieben habe, seien meine persönlichen Gedanken, die mir niemand verbieten könnte. Und es war bei allem Ernst doch so etwas wie eine stille Freude in mir, daß ausgerechnet dieser Zettel zu den Akten der Gestapo kam. So sollten diese Herren einmal vernehmen, wie mancher Deutsche, der sein Vaterland nicht weniger liebt, so ganz anders denkt als sie, dem es aber bei schweren Strafen verboten ist, sein Herz zu offenbaren. Als B. jetzt wieder in abfälligem Ton von meiner Gesinnung sprach, die aus diesen Niederschriften hervorgehe, legte ich meinen Standpunkt näher dar: Wie ein Mensch sich auf die Dauer Ehre, Ansehen und wahres Glück nicht durch äußere Mittel erzwingen kann, nicht durch Macht, Gewalt und Geld, sondern allein durch innere Werte, durch Seelenadel und edle Menschlichkeit, so kann sich auch ein Volk diese höchsten, allein erstrebenswerten Güter nicht durch Propaganda, nicht durch Militärmacht und nicht durch kriegerische Eroberungen verschaffen. Von dem kleinen, machtlosen und politisch unbedeutenden Weimar des Herzogs Karl August strahlte ein Glanz in die Welt aus, der Jahrhunderte, vielleicht wirklich Jahrtausende überdauert. Vornehme Engländer sind damals ehrfürchtig zu dem großen Goethe gepilgert und ein Napoleon, der Herrscher von halb Europa, stand - 47 bewundernd vor ihm. Das heutige Deutschland aber findet in der ganzen Kulturwelt nur Verachtung und Abscheu, weil es in seinem blinden, rücksichtslosen Streben nach äußerer Größe, nach Macht und politischer Geltung die Menschlichkeit miẞachtet, der allein unvergängliche Kulturwerte' entspringen. So etwa führte ich aus. B. und auch der andere Beamte hatten aufmerksam zugehört, so daß ich mir einbildete, sie gäben mir innerlich recht. Doch sie schwiegen wohlweislich zu dem, was ich sagte. Ich setzte dann noch hinzu:„ Und ich glaube, ich bin bei weitem nicht der einzige Deutsche, der mit ohnmächtigem Ingrimm zusieht, wie sich sein geliebtes Volk immer tiefer in die falsche Richtung verirrt. Heute ist bei uns nicht nur, wie in früheren dunklen Jahrhunderten, das freie Wort und die freie Rede verboten, wofür so viele große Deutsche gelitten und gestritten haben, heute sucht man sogar die Geistesfreiheit, dieses urewige Menschenrecht, zu unterdrücken, sonst würden Sie mich nicht wegen meiner aufgeschriebenen Gedanken bestrafen wollen. Die Gedanken aber sind und bleiben frei!" sprang auf B. sah nach der Uhr. Es war kurz vor zwölf geworden. Er und hieß mich ihm zu folgen. Wir gingen hinunter in die Halle. Von hier jedoch nicht durch die Eingangstür hinaus auf die Straße und zurück zum Gefängnis, wie ich vermutet hatte, sondern in einen Raum neben dem Eingang. Zu einem Herrn, der hier am Schreibtisch saß, sprach B. ein paar Worte, die ich aber nicht verstand. Dann ging er davon. Ich wartete. Es schien hier so eine Art Empfangsraum zu sein, wenn auch nicht mehr so geschmackvoll und elegant ausgestattet, wie wohl dereinst, als das Gebäude noch Hotel Silber war, aber immerhin, wie alles in diesem Hause, recht behaglich und gediegen; für eine Polizeidienststelle wohl ungewöhnlich. Man braucht zum Vergleich nur an die nüchternen, mit altpreußischer Sparsamkeit eingerichteten Wachstuben und Amtszimmer der regulären Polizei zu denken. Der Herr hier am Schreibtisch, der dauernd mit den einzelnen Stellen im Hause telefonierte, machte seinem biederen Aussehen und seiner guten Klei dung nach auch eher den Eindruck eines Empfangschefs in einem Hotel, als den eines Polizisten. Es herrschte hier überhaupt ein ähnlich lebhafter Betrieb wie in einem Hotel. Dauernd gingen Leute ein und aus, meist wohl • Beamte des Hauses. 48 - Ich entzifferte die Aufschrift, die an der Mattscheibe der Tür von draußen als Spiegelschrift durchschimmerte: Anzeigen- Annahme. So bequem also wird es denen gemacht, die irgend einen lieben Bekannten verdächtigen oder verleumden wollen, die einen verhaßten Gegner, dem sie sonst nicht beikommen können, politisch eins auswischen oder für immer unschädlich machen wollen. ,, Anzeigen- Annahme!" Man geht hierher, erzählt dem Beamten da am Schreibtisch, daß der Betreffende sich über einen führenden politischen Mann miẞliebig geäußert habe, oder daß er über den Kriegsausgang eine pessimistische Meinung zu erkennen gegeben habe, oder daß er einen politischen Witz, der nicht schmeichelhaft für die heutigen Machthaber ist, weitererzählt habe und schon wird der Verhaßte von der Gestapo geholt. So einfach ist es heute, einen Menschen, den man nicht leiden kann, ins Gefängnis, wenn nicht gar ins Zuchthaus zu bringen. Man muß nur aufpassen, daß man selbst einigermaßen hasenrein ist, seine eigene politische Ansicht klug für sich behalten und bei den Witzen der anderen nur lachen, keinen selbst erzählen, damit der Angezeigte einen nicht belasten kann. Fürwahr, es ist schon so, wie der Volksmund sagt: Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant. - Gerade hier bei der Gestapo werden wohl diejenigen Menschen, die aus echter nationalsozialistischer Entrüstung einen anderen anzeigen, nicht sehr zahlreich sein. Die meisten Anzeigenden treiben Haßgefühle, Rachsucht und andere niedere Beweggründe hierher. Diese Menschen gehörten in erster Linie eingesperrt. Zwölf Uhr schlug es irgendwo. Draußen in der Halle gingen die Beamten des Hauses und die vielen weiblichen Bürokräfte vorüber zum Essen. Auch eine Gruppe Gefangene, Männer und Frauen, meist Ausländer, wurden hinausgeführt. Um mich kümmerte sich kein Mensch. Nach einiger Zeit fragte mich der Mann am Schreibtisch, auf wen ich eigentlich warte. - ?" Wenn er es nicht weiß, ich weiß es gleich gar nicht. Er versucht, Herrn B. anzurufen, um zu erfahren, was ich hier soll. B. ist bereits zu Tisch. Alle Herren sind zu Tisch. Niemand im Haus weiß Bescheid, was mit mir anzufangen ist. Wenn ich vor einigen Minuten in aller Ruhe durch die Glastür gegangen wäre, und dann mit dem Strom der zu Tisch flutenden Beamten hinaus auf die Straße, niemand hätte mich vermutlich daran gehindert. Kein Mensch konnte mir ansehen, daß ich ein Gefangener bin. . 4 Nur vierzehn Tage 49 Wie sich jetzt herausstellte, hätte ich vorhin mit dem Gefangenentransport im Wagen zurück zum Gefängnis gebracht werden sollen. Der Beamte am Schreibtisch war aber von B. angeblich nicht recht unterrichtet worden; er versah diesen Posten hier heute auch nur vertretungsweise und wußte an- scheinend in allem nicht recht Bescheid. Etwas verlegen erklärte er mir, daß er mich bis zum nächsten Transport in eine Zelle schließen müsse. „Wann geht der nächste Transport?” „Am Nachmittag.“ „Ist hier niemand, der mich auf dem Weg ing Gefängnis begleiten kann?“ „Vielleicht um zwei Uhr, wenn die Herren wiederkommen; jetzt haben wir hier niemand.“ „Ich habe seit heute morgen nichts gegessen, und das war auch nicht viel!“ Er zuckte bedauernd die Schultern und ging mit mir hinunter in das Kel- lergewölbe. Dort schloß er eine Zellentür auf. Die Zellen hier hatten kein so umständliches Schloß- und Riegelwerk, wie drüben im Polizeigefängnis. Innen waren sie auch freundlicher, allerdings auch viel kleiner; ich schätzte die, in der ich mich befand, zwei Meter breit und drei Meter lang. Außer einer kleinen Bank war nichts in der Zelle; sie konnte also nur zum be- schränkten Aufenthalt auf Stunden bestimmt sein. Tageslicht konnte nicht hereinfallen; an der Wand hing ein Luftverbesserer, wie man ihn hin und wieder auf Toiletten findet. Die Wände hier waren nicht so schmutzig- grau wie in der Büchsen-Schmiere; sie hatten einen gelblichen, grobrauhen Verputz, wahrscheinlich deshalb, damit sie nicht beschrieben werden konn- ten. Doch es blieb den Gefangenen immer noch die mit Blech beschlagene, grau gestrichene Tür, wenn sie sich die Zeit hier mit schriftlichen Ergüssen vertreiben wollten, oder sich bewogen fühlten, wenigstens ihren Namen und die Gründe ihrer Haft den Nachgefangenen mitzuteilen. Ä In der Tat, diese Tür war mit den verschiedensten Bleistift-Handschriften bekritzelt, daß ich mir mit dem nachdenklichen Lesen der Sprüchlein einige Zeit vertreiben konnte. So ziemlich alle Sprachen Europas waren vertreten, selbst griechisch. Französisch überwog weitaus. Fantasielose hatten sich mit der Bemerkung begnügt: Vive la France. Die meisten aber hatten je nach Geist und Temperament Verse und kleine Lebensromane an die Tür ge- schrieben. In einem stimmten die Inschriften alle überein, wohl auch die, die ich nicht entziffern konnte: in der Abkehr von Deutschland und in der Klage über die unmenschliche Behandlung, die die Gefangenen hier erleben 50 mußten. Auch die Bemerkungen in deutscher Sprache waren voll Wut und Haß gegen den Nazi- Staat; zum Teil allerdings mögen sie von Holländern und anderen, deutschsprechenden Ausländern geschrieben worden sein. So interessant diese Lektüre zunächst war, zur stundenlangen Unterhaltung reichte sie nicht aus. Kein Büchlein, kein Zeitungsblatt, nichts, gar nichts war sonst hier, womit sich der Geist beschäftigen konnte. Es blieben nur die eigenen Gedanken. Ich begann zu fühlen, welche Qual längere Einzelhaft für einen Menschen bedeutet. Schlafen ist hier das beste, dachte ich schließlich, zumal die warme, trokkene Luft in der Zelle müde und matt machte. Also legte ich mich auf der Bank lang, den zusammengelegten Mantel als Kopfkissen benutzend. Es gelang mir jedoch nicht, richtig einzuschlafen. Unfaßbar langsam verstrich die Zeit. Um zwei Uhr wurde droben irgendwo ein Rundfunkgerät laut eingeschaltet und ich konnte den Wehrmachtsbericht mithören. Das übliche: harte Abwehrkämpfe im Osten und Süden, Feindeinflüge in Westdeutschland. Gegen drei Uhr wurden draußen Schritte hörbar. Die Tür ging auf. ,, Sind Sie Deutscher?", fragte der öffnende Herr. Er hatte ein intelligentes, schmales Gesicht mit dunkler Hornbrille, dunklen Augen und schwarzen Haaren. Als ich die Frage bejahte, schob er einen anderen Gefangenen mit in die Zelle. Bevor er die Tür wieder zugemacht hatte, sagte ich schnell: ,, Ich soll in das Polizeigefängnis zurückgebracht werden." ,, Ja, ich weiß", antwortete er. ,, Ich habe noch kein Mittagessen gehabt." Er sah nach seiner Uhr:„ Der Wagen kommt jetzt gleich."- Jetzt begehrte der neue Gefangene auf:„ Fünf Tage nichts zu essen bekommen." Zornig sah er den Beamten dabei an. ,, Ja, ich weiß", erwiderte er gleichgültig wie bei mir. Und schon war die Tür von draußen wieder zugeschlossen. - Warum hatte er mich gefragt, ob ich Deutscher bin? Doch wohl, weil der Neue ebenfalls Deutscher ist. Man will begreiflicherweise Deutsche zu Deutschen stecken. Aber schon das südländische Aussehen des anderen ließ erkennen, daß er kein Deutscher war. Es war ein Grieche, der allerdings recht gut deutsch sprach. Kaufmann von Beruf. In Athen hatte er ein eigenes Geschäft ge51 habt, das durch den Krieg zerschlagen worden war. Daraufhin ging er nach Deutschland zum Arbeiten. Er mußte tagtäglich in Waiblingen Kohlen ausladen. Dazu wenig Essen. Schließlich machte er nicht mehr mit. Ein griechischer Handelsmann ist besseres gewöhnt. Er weigerte sich beharrlich, weiter zu arbeiten. Wieder einer von dem faulen, widerspenstigen Ausländergesindel, dem man in Deutschland das Arbeiten beibringen muß. Zunächst versuchte man es im„ Guten": man sperrte ihn in Waiblingen einige Tage ein und gab ihm nichts zu essen. Doch er weigerte sich dann noch entschiedener, weiter Kohlen zu schaufeln unbegreiflich für die Polizeileute, die wohl wissen, daß Pferd nicht gleich Pferd ist und ein feines Reittier niemals neben einem plumpen Ackergaul vor einen schweren Lastkarren spannen würden, beim Menschen aber einen solchen Unterschied nicht anerkennen, zumal wenn es sich um Ausländer handelt. Nun, man bekommt im Nazi- Deutschland jeden klein. Gestapo heißt die wunderbare Einrichtung hierzu. Wie weit die Angaben dieses Griechen auf Wahrheit beruhten, weiß ich natürlich nicht. Seiner Bildung und seinem Aussehen nach aber glaubte ich ihm, daß er Kaufmann von Beruf war. Er zeigte mir auch seine vom Kohlenschaufeln schwielig gewordenen feinen Hände. So bestand keine Ursache, den Bericht anzuzweifeln, zumal man ja draußen vielfach Gelegenheit hatte, ähnliche falsche Arbeitsverwendung, nicht nur der Ausländer, sondern selbst Deutscher zu beobachten. ― Eins steht für mich fest: Wenn dieser Mensch früher je Sympathien für Deutschland gehabt hat- und das war bei einem so gut deutschsprechenhier im neuen den griechischen Händler durchaus wahrscheinlich Deutschland hat man sie ihm gründlich genommen. Die Gestapo wird nun wohl vollends dafür sorgen, daß er sich einreiht in die große Haẞarmee, das heißt, in die Reihen der Männer und Frauen aller Nationen, die auf Grund ihrer Erfahrungen mit dem Nazi- Deutschland nur noch Haß- und Rachegefühle für unser Volk haben. O, diese dummen, dummen, verantwortlichen Männer bei uns, diese engstirnigen, unpsychologischen Gewaltmenschen, die sich einbilden, sie könnten auf diese Weise ein geeintes, friedliches Europa unter Deutschlands Führung schaffen! Seelen kann man nicht zwingen, man muß um sie werben, wenn man sie gewinnen will, muß ihnen Besseres bringen, anstatt sie in schlechtere Verhältnisse zu pressen. Gerade die bisher frei und ungezwun52 gen lebenden südländischen Völker empfinden diese Zwangsmaßnahmen und die menschenunwürdige Behandlung noch weit lästiger und verabscheuungswürdiger als wir Deutsche, die wir uns an die einengende Polizeigewalt auf allen Gebieten längst gewöhnt haben.- - Es wurde vier Uhr halb fünf Uhr. Draußen rührte sich noch immer nichts. Dem Griechen merkte man an, daß er ordentlich Hunger hatte. Die Hände in den Hosentaschen ging er zornig erregt auf und ab, sagte nichts mehr, sondern blies nur von Zeit zu Zeit die Luft durch die Zähne. In diesem Fauchen drückte sich seine ohnmächtige Wut aus. Kurz vor fünf Uhr öffnete endlich der Herr mit der schwarzen Hornbrille, der den Griechen gebracht hatte, die Zelle. Er hieß uns draußen warten und schloß noch die beiden daneben liegenden Zellen auf. Jedesmal beim Öffnen einer Tür rief er:„ Auf gehts!" Aus der einen Zelle kamen vier Franzosen und Polen, aus der letzten drei Frauen. دو Die Karawane wurde hierauf oben in den mit Anzeigen- Annahme bezeichneten Raum geführt, in dem man mich am Vormittag versehentlich stehen gelassen hatte. Es erwies sich, daß der schwarze Herr mit der Brille jetzt hier Dienst machte und der eigentliche Empfangschef" war. Er sah auch noch eher wie der Empfangschef eines Hotels aus. Ich werde ihn hier künftig einfach als Empfangschef bezeichnen, da mir sein Name nicht bekannt geworden ist. Es war ja auch seine Aufgabe, die Ankommenden zu empfangen. Als Gäste freilich konnte man sie nicht bezeichnen, weder die, die kamen, um hier irgend wen anzuzeigen, noch gar die, die der Wagen aus dem Gefängnis herüberbrachte. Bei ihrem Empfang gab es an Stelle der im Hotel üblichen dienstbeflissenen Worte und geschmeidigen Bücklinge Schimpfen und Rippenstöße. So brachte der Empfangschef auch jetzt die Ausländer mit Schimpfen und Püffen in Reih und Glied. Sie machten mit ihrer schlechten, heruntergerissenen Kleidung hier in dem schön ausgestatteten Raum einen besonders kläglichen Eindruck. Zum Teil standen sie verängstigt, fast zitternd, da. Offenbar hatten sie ihre Erfahrungen hinter sich. Zu sprechen wagte keiner: es wäre ihnen auch schlecht bekommen. Nach dem Verlesen unserer Namen führten uns zwei uniformierte Wachtmeister aus dem Gefängnis in den vor dem Haus bereit stehenden Gefangenenwagen. Die Frauen kamen in ein vorn abgetrenntes kleineres Abteil. Wir sechs Männer hatten im hinteren Raum auf den Bänken reichlich Platz. 53 Hinaussehen konnten wir nicht; an Stelle von Fenstern waren an den Seiten nur eine Art kleine Luftlöcher angebracht. Unterwegs hielt der Wagen in einem Hof. Wir mußten bereitstehende Eẞkübel einladen, das Abendessen für uns Gefängnis- Insassen.„ Sie sind verantwortlich, daß an dem Essen nichts geschieht", sagte der Wachtmeister zu mir. Es wäre schon denkbar gewesen, daß die hungrigen Ausländer über das Essen herfielen; mir knurrte ja auch der Magen. Aber die Furcht vor der deutschen Polizei ist gewaltiger als der ärgste Hunger. - Der Wagen hielt wieder. Die Tür wurde geöffnet: wir waren„ daheim", im Hof der Büchsenschmiere. Jetzt begann das bekannte Schlüsselrasseln wieder. Drei bis vier Türen im Flur und Treppenhaus mußten geöffnet und hinter uns wieder sorgfältig geschlossen werden, bis wir endlich oben im eigentlichen Gefängnis waren. Das Schreien und Schimpfen, der Begleittext zur Melodie des Schlüsselrasselns, blieb nicht aus. Jeder mußte sich vor seine Zellentür stellen, in die er dann hineingelassen wurde. In der Zelle war es schon fast dunkel. Rößler kam auf mich zu und flüsterte:„, Prof. K. haben sie auch geholt. Er ist in der Zelle nebenan. Ich habe seinen Namen gehört, als er eingeliefert wurde." Er glaubte, mir damit eine für mich wichtige Mitteilung zu machen, doch ich wußte es ja bereits und erzählte nun meinerseits, wie es mir gegangen war. Ich stellte auch fest, daß die Insassen in der Zelle weniger geworden waren: den frommen Schneider und den Berliner, der Hochzeit halten wollte, hatte man wieder springen lassen. Als dann die drei Polen von ihrer Arbeit in die inzwischen völlig dunkel gewordene Zelle zurückkamen, wußten wir, auch ohne daß ich nach der Uhr sah: es war jetzt gegen sechs Uhr. Bald darauf wurde Licht gemacht. Jeder empfing seine Abendportion, auf die alle ungeduldig warteten. ,, Wo ist der, der kein Mittagessen gehabt hat?", fragte der Wachtmeister. Ich erhielt mein Mittagessen nach, ohne daß ich hier etwas davon gesagt hatte. Es war von der Gestapo dem Gefängnisbeamten gemeldet worden. In solchen Dingen geht es bei der deutschen Polizei ordnungsgemäß zu. Das Essen war nicht so gut, wie am Vortag: noch mehr Flüssigkeit als Nahrhaftes. Zum Abend gab es wenig Brot und eine Art Margarine, die ihres üblen Geschmackes wegen nur mit reichlich Salz zu genießen war. Anschließend an das Abendessen rollten die einzelnen Phasen des Nachtlager- Bereitens und Schlafenlegens ab, wie ich es am Tage vorher schon 54 kennengelernt und hier geschildert habe. Diesmal ging es mit etwas weniger Schimpfen und Anschreien ab, weil nicht der brutale Wachtmeister O. Dienst hatte. EIN RUHIGER TAG UND EINE UNRUHIGE NACHT Auch der nächste Morgen verlief wie am Vortag. Als die drei Polen wieder zur Arbeit weggeholt waren, zählten wir in der Zelle nur noch sechs Mann. Es war der niederste Stand während meiner Gefangenschaft. Schon im Laufe des Vormittags kam ein Neuer. Der Bursche hatte etwas Unangenehmes im Gesicht und im Wesen. Doch er wußte spannend zu erzählen. Zuletzt war er auf dem Heuberg in einer militärischen Strafkompanie gewesen. Dort hatten wüste Gesellen eine Wirtschaft kurz und klein geschlagen, alle Stühle, Tische und das ganze Geschirr. Der neue Häftling stand im Verdacht, mit daran teilgenommen zu haben, weshalb man ihn zur Untersuchung und Aburteilung hierher gebracht hatte. Uns gegenüber bestritt er jede Schuld. Aber man konnte ihm eine solche Tat schon zutrauen; er sah aus wie ein Krakehler und Raufbold. Ja, es hätte mich keineswegs gewundert, wenn er der Anführer der ganzen Bande gewesen wäre. Es stellte sich im Laufe der Untersuchung heraus, daß er schon im Zuchthaus gewesen war und auch im Moor. Warum, das erfuhren wir nicht. Das Moor scheint das Schlimmste zu sein, was es an Strafverbüßung in Deutschland gibt. Rößler und andere Zellengenossen wußten vom Hörensagen auch allerlei davon zu berichten. Droben im Norden, bei Lingen, müssen die Sträflinge Moorboden kultivieren, jeder im Tag eine genau vorgeschriebene Anzahl Kubikmeter, ohne Rücksicht darauf, ob einer körperlich stark oder schwach ist. Die Behandlung sei hundemäßig, das Essen auch. SS- Leute halten strenge Aufsicht und schießen jeden sofort nieder, der nur den leisen Versuch zum Widerstand oder zur Flucht macht. Viele würden aus dem Moor nie mehr zurückkehren. - Es war Samstag heute. An diesem Tag jeder Woche dürfen sich die Gefangenen rasieren. Nach dem Mittagessen wurde uns ein alter Rasierapparát gebracht, dazu ein Pinsel, der noch einige Borsten hatte, ein winziges Stück 55 Rasierseife und ein zerbrochener Spiegel. Mühevoll entfernte jeder, so gut es mit diesen Dingen möglich war, seinen Siebentagebart. Meiner freilich war noch nicht drei Tage alt. Es war auffallend, wie die Gesichter sämt- licher Insassen nach dem Rasieren angenehmer und menschlicher wurden. Später erschien dann wieder der Polizei-Oberleutnant zu seiner täglichen Visite. Diesmal schien er noch übler gelaunt zu sein als am ersten Tag. Man merkte ihm an: suchend bemühte er sich, in der Zelle irgend etwas zum Beanstanden zu finden, wie es so einem ehemaligen aktiven Feldwebel während seiner langjährigen Dienstzeit nun einmal in Fleisch und Blut über- gegangen ist. Beim Hinausgehen sah er den Stuhl am Ofen stehen, auf dem der Neuhinzugekommene die ganze Zeit über gesessen hatte.„Wenn einer von Euch noch einmal hier am Ofen sitzt, lasse ich den ganzen Tag nicht heizen!“, wetterte er los; froh, nun doch noch etwas gefunden zu haben. Kaum, daß die Tür wieder geschlossen war, brummte einer das in sol- chen Fällen unter schwäbischen Männern gebräuchlichste Schimpfwort hin- ter ihm her. Wir lachten alle. Was stört es auch diesen Oberleutnant schon, ob einer am Ofen sitzt oder nicht.‘Überhitzt ist der Ofen wahrhaftig nicht. Aber so sind diese Herren nun einmal. Und sie überlegen nicht, daß sie nicht nur sich, sondern die ganze deutsche Polizei blamieren, so sehr sie sich auch bemühen, mit ihrer schneidigen, blitzblanken Uniform und ihrer Haltung die ganze deutsche Polizei zu repräsentieren. Bald darauf wurde für den jungen Deutschpolen, der wegen Zuckerdieb- stahl schon fünf Wochen hier war, ohne je richtig vernommen worden zu sein, ein Paket abgegeben. Eine große Wurst, Brötchen und verschiedene andere Lebensmittel kamen zum Vorschein. „So hat der Tscheche doch Wort gehalten“, sagte Rößler zu dem Polen, der vor Freude strahlte. Er hatte immer schweigend in der Ecke gesessen, und ich glaube, ihn plagte der Hunger besonders stark. Rößler erzählte mir jetzt, daß früher ein Tscheche hier in der Zelle gewe- sen sei, der kein Hemd am Leibe und auch sonst nichts rechtes anzuziehen gehabt hatte. Als er entlassen wurde, hätte der Pole, das biblische Wort wahrmachend, sein einziges Hemd ausgezogen und es dem Tschechen ge- schenkt. Aus Dankbarkeit habe der Tscheche dem Polen hierauf verspro- chen, ihm ein Lebensmittelpaket ins Gefängnis zu bringen, doch niemand habe es recht geglaubt. Wer einmal draußen ist, denkt nicht mehr an die im Gefängnis zurück. Das sei eine alte Erfahrung.— Und nun hatte der 56 Tscheche doch Wort gehalten! Wir hörten ihn dann auch unten im Hof pfeifen, der Pole erkannte den Pfiff. Es war aber nicht möglich, ihn vom Fenster aus zu sehen und wieder hinunter zu pfeifen. Der junge Pole hatte tatsächlich kein Hemd an; er trug seinen braunen Pullover mit Ärmeln direkt auf der Haut, wie ich später feststellte. Ich war gerührt. Seelenadel und Edelmut unter Verbrechern. Was man hier in diesem Gefängnis nicht alles erlebt. Die Lebensmittel hatte der Tscheche draußen vielleicht irgendwo gestohlen, auf die Gefahr hin, wiederum eingesperrt zu werden. Vielleicht hat er auch das für ihn sicherlich noch größere Opfer gebracht und sich die Mar ken vom Munde abgespart. Wie dem auch sei, den hilfsbereiten Freund im Gefängnis wollte er unter keinen Umständen enttäuschen; es drängte ihn, das gegebene Wort einzulösen. Um vier Uhr erhielt auch Rößler wieder einen Korb mit Lebensmitteln von seiner Frau. Dazu die neuesten Zeitungen und ein Buch. Der Wachtmeister schimpfte, es sei zuviel, was Rößler jeden Tag bekomme; morgen, am Sonntag, werde nichts für ihn angenommen. Doch wir merkten, daß dies nur dem persönlichen Unwillen des Beamten entsprang; er durfte die Annahme nicht verweigern. Auch ich hatte im Stillen gehofft, meine Frau würde mir heute etwas schicken. Doch Rößler belehrte mich, daß es drei bis vier Tage dauert, bis mein Brief von vorgestern zur Post gegeben wird; er muß erst verschiedene Zensurstellen durchlaufen, und die Herren nehmen sich Zeit. Vielleicht auch wird er überhaupt zurückgehalten, ohne daß ich davon erfahre, falls ich in dem Brief irgend etwas Unliebes erwähnt habe. Angenehme Aussicht. Wie soll dann meine Frau davon Kenntnis erhalten, wo ich bin und daß sie mir etwas schicken darf. Sehr erstaunt war ich, als ich das Buch aufschlug, das Rößler heute gebracht worden war: eine Biographie von Heinrich Heine, mit Bildern. Wenn ich mich noch recht entsinne, aus dem Jahre 1880. Den Namen des Verfassers habe ich mir leider nicht gemerkt. Gleich beim aufmerksamen Durchblättern blieb ich verwundert an einer Stelle hängen, wo Heines jüdische Abstammung als gut für seine dichterische Begabung ausgelegt worden ist. - Und dieses Buch, das ein waschechter Nationalsozialist und Judenfresser verbrennt und dann vielleicht noch die Asche in alle Winde zerstreut, so wie die Kirchenherren seinerzeit die Asche des Ketzers Huß an verschiedenen - 57 Stellen in den Rhein streuen ließen, damit selbst am jüngsten Tag keine Auferstehung mehr möglich ist dieses Buch wird hier von Polizeibeamten einem Gefangenen zur Lektüre gegeben! Röẞler machte sich nichts aus dem Buch und ließ es mir gern zum Lesen. Wenn ich auch mit so manchen Ausführungen des Verfassers nicht einig ging, so war ich doch erfreut, hier eine solche selten gewordene Lektüre zu haben. Das Buch gab durch Zitieren vieler Äußerungen von Literaturprofessoren jener Zeit ein anschauliches Bild über die damalige Einstellung weiter Kreise zum Judentum, die sich inzwischen durch staatlichen Zwang und einseitige Propaganda so gewaltig geändert hat. - So ging der Samstag ruhig und angenehm zu Ende. Die drei Polen kamen heute auch etwas früher von der Arbeit zurück. Zum Nachtessen gab es diesmal sogar Brot und Wurst, allerdings von beiden wieder so wenig, daß kein Mensch davon satt werden konnte. Für die Nacht kündigte Rößler auf Grund seiner Erfahrungen noch Zugang an: Samstag kommt gegen neun Uhr ein Transport von Oberndorf. Er bringt die aus dem Arbeitslager zurück, die ihre 56 Straftage hinter sich haben. Außerdem werden in der Nacht zum Sonntag meist noch Betrunkene eingeliefert. Und richtig, ich hatte schon etwas geschlafen, als wir durch das offene Fenster unten das Gefangenen- Auto vorfahren hörten.„ Der Transport von Oberndorf kommt", erklärte Rößler. Bald darauf wurde es im Flur draußen lebhaft. Lautes Schimpfen und Schreien der Wachmannschaften, und dazwischen immer wieder das Klatschen von Schlägen.„ Da patscht es wieder ordentlich", sagte Rößler, das ist jeden Samstag abend das gleiche. An den armen Kerlen lassen die Polizeibeamten ihren Zorn aus, weil sie jetzt abends so spät noch arbeiten müssen." Peinlich wurde ich an die Jugendgeschichten von den Sklaventransporter. früher in Afrika erinnert. Ganz ähnlich stellte ich es mir jetzt da draußen im Flur vor, als die verschiedenen Namen, meist fremdländische, aufgerufen wurden. Was tut es, daß die Sklavenhändler damals mit einer Nilpferdpeitsche zuschlugen und die Wärter hier nur mit der Hand und dem Schlüsselbund. Dafür sind ja diese Gefangenen auch Europäer, oft sogar sehr gebildete, die lediglich wegen Arbeitsvergehen nach Oberndorf geschickt wurden, während jene Schwarzen noch Halbwilde waren. Und viel liebloser werden die Aufseher damals kaum zu ihren Sklaven gewesen sein, 58 als diese rohen Polizisten hier zu ihren Gefangenen. Manchem, wie vor allem dem sattsam beschriebenen O., traue ich ohne weiteres zu, daß er zur Nilpferdpeitsche greifen würde, wenn er die Erlaubnis und Gelegenheit hierzu hätte. O, heiliges Deutschland! Unsere Türe wurde aufgeriegelt.„ Fenster zu!", schrie es herein. Wie ein Affe kletterte einer am Eisengestell schnell hoch und schloß das Fenster. Dann wurde Licht eingeschaltet und ein Gefangener hereingeschoben.- „ Nur einer!", stellte Rößler befriedigt fest. Es war ein Pole mit kurzgeschorenen Haaren, der nur sehr schlecht Deutsch sprach, anscheinend auch keine Lust zum Reden hatte. Ohne viel zu fragen und sich lange umzusehen, breitete er seinen schäbigen Mantel auf dem Fußboden aus und legte sich drauf. Die Matratzen waren schon von uns belegt. Es war gut, daß der Pole nicht viel Umstände machte, denn schon wurde draußen das Licht wieder ausgeschaltet und nichts war mehr zu sehen. Doch es sollte nicht die letzte Störung in dieser Nacht gewesen sein. Nach einer weiteren Stunde, vielleicht waren es auch zwei, wurden wir durch Poltern und Stimmen draußen geweckt. Der Lärm kam an unsere Zellentür. Sie wurde aufgeriegelt und eine weitere Gestalt hereingeschoben, diesmal ohne das Licht einzuschalten. ,, Macht doch Licht!", sprach der Fremde in gutem Schwäbisch. Und wir merkten gleich, daß er mehr getrunken hatte, als er vertragen konnte. ,, Du Bachel, meinst Du, Du bist hier im Hotel, wo jeder einen Schalter am Bett hat!", antwortete ihm der Sträfling vom Heuberg. Alles lachte.„ Leg Dich dorthin, wo Du stehst", sagte Rößler. Diese Ortsbestimmung war nur nach der Schallrichtung möglich, denn in keiner Dunkelkammer hätte es finsterer sein können, als in unserer Zelle. Gar zu gerne hätte ich gewußt, wie dieser Mann aussah, doch da blieb nichts übrig, als bis zum Morgen zu warten. Der Fremde begehrte auf:„ Herrgott, so macht doch Licht!" Als das nichts half, verlegte er sich aufs Bitten:„ Ihr lieben Leute, seid doch so gut." Anscheinend glaubte er noch immer, trotz unserer Zurufe und Belehrungen, es läge an unserem Willen. Jetzt tastete er selber nach einem Schalter und erwischte den eisernen Ring an der Zellentür. Den klapperte er auf und nieder und rief dabei immerzu: ,, Ich will raus! Ich will raus!" ,, Laß das sein", ermahnte ihn Rößler ,,, sonst kommt der Wachtmeister 59 und schlägt Dich, daß Du für einige Tage genug hast." Und als er trotzdem nicht aufhörte, rief der weniger gebildete Mann vom Heuberg aus seiner Ecke:„ Kerl, wenn Du jetzt nicht endlich ganz still bist und Dich hinlegst, stehe ich auf und schlage Dir den Ranzen voll." Das half. Doch jetzt erklärte der Fremde, er müsse austreten. Das war nun freilich in dieser Finsternis für einen, der die besonderen Verhältnisse hier nicht kannte und noch dazu für einen Betrunkenen, ein sehr schwieriges Problem, fanden sich doch jede Nacht selbst einige Eingeweihte und Nüchterne kaum zurecht. - Um ein Unglück zu verhüten, fühlte sich Rößler in seiner sich selbst gegebenen Stubenältestenrolle verpflichtet, jetzt einzugreifen. Er tastete sich zum Kübel, nahm den Deckel ab und hielt dem Betrunkenen das Gefäß so vor den Leib, daß nach menschlichem Ermessen selbst hier bei völliger Dunkelheit alles gut gehen mußte. Die nicht gerade zärtlichen, derb- schwäbischen Worte, die dabei gesprochen wurden und die Geräusche ließen uns den Vorgang deutlich verfolgen und wir mußten alle kräftig lachen. ,, So, und nun legst Du Dich hierher und schläfst", sagte anschließend Wenn wir Röẞler zu dem Fremden.„ Hier hast Du eine übrige Decke. noch ein Wort hören, passiert etwas!" Das klang fest und wirkte. Man merkte Röẞler an, daß er einst Hauptmann beim deutschen Militär gewesen war und befehlen gelernt hatte. Der Betrunkene murmelte nur noch ein paarmal vor sich hin: ,, Ihr lieben Leute, seid nur so gut." Dann schlief er ein. Mancher Leser dieses Berichtes wird es vielleicht als wenig geschmackvoll empfinden, daß ich das alles hier wiedergebe. Ich schreibe aber nicht ein schöngeistiges Werk, sondern möchte möglichst anschaulich schildern, wie es in einem solchen Gefängnis zugeht und was ich erlebt habe. Die Polizei fragte ja auch nicht danach, ob einer Ästhet und besonders fein empfindend war, wenn sie ihn in eine solche Zelle steckte, unter Umständen noch in dunkler Nacht. So mußten wir am andern Morgen feststellen, daß der Betrunkene keineswegs ein übler Mensch war. Er sah aus, wie ein biederer, braver Bürgersmann, an Alter etwa Mitte Fünfzig, gut gekleidet. Wie er uns jetzt erzählte, hatte er mit einem Urlauber in einem bekannten Hotel zwei Flaschen Wein getrunken. ,, Man ist nichts mehr gewöhnt", sagte er ,,, hat auch nichts Rechtes im Magen. Als ich an die Luft kam, drehte sich bei mir alles und ich fand in der Dunkelheit nicht mehr nach Hause." 60 Es stellte sich heraus, daß er in der Gegend wohnte, wo auch die Wohnung von Röẞler war und daß sie beide gemeinsame Bekannte hatten. So war der Kontakt völlig hergestellt; wir hätten es jetzt wohl alle bedauert, wenn es am letzten Abend in der allseitigen Erregung zu Tätlichkeiten gegenüber dem armen Teufel gekommen wäre. Immer wieder sah er mit entsetzten Augen zu dem schwervergitterten Fenster empor; man merkte, er konnte es nur schwer fassen, daß er in einer Gefängniszelle war, mit allerlei seltsamen, meist schlecht gekleideten Menschen zusammen. Ich machte ihm klar, daß keiner ein Gewaltverbrecher ist. ,, Von den drei da hinten halten Sie sich allerdings am besten etwas fern", flüsterte ich ihm noch zu,„ sie haben Läuse. Aber sonst sind sie auch harmlos." Erschrocken fuhr er bei dieser Eröffnung zusammen; wahrscheinlich fühlte er in der Einbildung bereits ein Jucken an seinem Körper. - Als ich ihm dann noch darlegte, warum ich und einige andere hier eingesperrt sind, wagte er vor Angst nicht mehr laut zu sprechen. Er flüsterte nur immer wieder kopfschüttelnd:„ Das ist ja furchtbar, das ist entsetzlich. Meinen Sie, daß man mich auch längere Zeit hier behalten wird?", fragte er mich schließlich mit bangem Gesicht, als er von mir hörte, daß ich nicht wußte, wann ich je aus dieser Jammerzelle wieder herauskomme, daß es Wochen, vielleicht sogar Monate dauern kann wie bei einigen anderen Gefangenen hier. Rößler, der die Frage mitgehört hatte, beruhigte ihn auf Grund seiner Erfahrungen:„ Gegen einhalb zehn Uhr läßt man Sie wieder springen, wenn Sie sonst nichts weiter angestellt haben. Das ist jeden Sonntag mit den Besoffenen so." Der Andere konnte die Zeit nicht erwarten. Es war erst halb acht Uhr. Nervös und ungeduldig fragte er mich nach jeder Viertelstunde, ob es nicht bald halb zehn sei. Anscheinend hatte er auch vor seiner Frau Angst. Immer wieder sprach er davon, wie peinlich es ihm sei, daß er die Nacht nicht daheim war und was seine Frau sagen wird, wenn er erst am Sonntag Vormittag ankommt.„ Daß ausgerechnet mir das passieren mußte! Ich gehe sonst wenig fort und trinke kaum etwas." - ,, Früher hat die Polizei einen anständigen Bürger heimgebracht, wenn er etwas über den Durst getrunken hatte und ihm später einen Strafzettel geschickt. Wenn es nicht anders ging, ließ man ihn auf einer Polizeiwache 61 - übernachten. Heute wird man in eine finstere, verlauste Zelle geworfen, zu Verbrechern. Tscha, mein Lieber, so haben sich die Zeiten geändert.” Der andere erwiderte nichts. Seinem Schweigen und seinem Gesichtsaus- druck nach aber glaubte ich entnehmen zu können, daß er nicht gerade freundlich und begeistert über diese Zustände bei der Polizei gedacht hat. Wenn er bisher zustimmend zum gegenwärtigen Staat eingestellt war, so wird wohl auch bei ihm die Sympathie auf Grund des Erlebnisses in dieser Nacht einen Knacks bekommen haben. Hunger und Durst waren ihm auch vergangen. Er gab das Brot und die Schüssel mit Kaffeebrühe, die er gleich uns empfangen hatte, sofort einem anderen. Man merkte, ihn beherrschte nur ein Gedanke: so schnell wie möglich raus aus dieser fürchterlichen Zelle. Er litt sehr. Eines hat die Polizei bestimmt erreicht: nie wieder wird dieser Mensch einen Schluck mehr ‚ trinken, als er vertragen kann, wenn er dann bei Dunkelheit seinen Weg nach Hause suchen muß. Mir kam jetzt ein guter Gedanke: wenn dieser Mann nachher entlassen wird, kann er meine Frau benachrichtigen, denn wer weiß, ob und wann mein Brief von hier befördert wird. Es war gut, daß Rößler einen Bleistift hatte. Ich riß ein Stück von dem weißen Rand einer Zeitschrift ab— an- deres Schreibpapier war nicht vorhanden— und schrieb darauf Anschrift und Rufnummer meiner Frau, wie auch die meiner Stuttgarter Verwandten für den Fall, daß dem Mann ein Gespräch über das Fernamt zu umständlich wat. Weiterhin vermerkte ich auf dem Zettel meine Wünsche: Lebensmit- tel, Wäsche, Toilettesachen, Zeitungen und Bücher. Voller Mitgefühl mit meinem Schicksal versprach mir der Fremde, alles ausrichten zu wollen. Aber er lehnte es entschieden ab, meine in Stuttgart wohnende Schwester gelegentlich einmal aufzusuchen und mündlich einiges zu berichten. Anscheinend befürchtete er, daß ihm daraus Unannehmlich- keiten entstehen könnten, wie er uns auch seinen Namen verschwieg.— Ich hoffe, daß er diesen gedruckten Bericht hier zu lesen bekommt, und ich bin froh, ihm auf diese Weise herzlich dafür danken zu können, daß er den kleinen, von mir beschriebenen Zettel, noch am selben Nachmittag mei- ner Schwester in den Briefkasten an ihrem Haus geworfen hat. Sie hatte daraufhin sofort meiner Frau nach Magstadt telefoniert; am nächsten Tag schon erhielt ich alle die heißbegehrten Sachen.— Doch ich will meinem Bericht nicht vorgreifen. 62 Gegen Mittag wurde an diesem Sonntag noch ein Neuer eingeliefert, ein aufgeregter, geschwätziger Mensch, gebürtiger Hannoveraner. Er war beschuldigt worden, aus der Kantine eines Rüstungsbetriebes Lebensmittel gestohlen zu haben. Immer wieder beteuerte er uns gegenüber seine Unschuld, als seien wir die Richter. Eine vernünftige Unterhaltung mit ihm war nicht möglich. Ich verbrachte den Tag hauptsächlich mit dem Lesen der Lebensbeschreibung Heinrich Heines. Andere Zellengenossen dösten halb schlafend, halb wachend in sitzender Stellung stundenlang vor sich hin. Einige vertrieben sich die Zeit mit Mühle und Schachspielen. Als Brett hierzu diente die Rückseite des Wandplakates mit der Gefängnisordnung; die Figuren wurden auf kleine Papierblättchen gezeichnet. Not macht wirklich erfinderisch. Die Wettkämpfe, die hier mit diesem primitiven Hilfszeug ausgetragen wurden, waren darum kaum weniger heiß und heftig, als so manches Turnier mit besten, elfenbeingeschnitzten Figuren. Sonst gab es an diesem Nachmittag keine weitere Störung unseres Sonntagfriedens." Schon am frühen Nachmittag wurde das Licht, das von dem trübseligen Novemberhimmel hereinfiel, so schlecht, daß Lesen und Schachspielen die Augen anstrengte. Nur zu bald war es deshalb aus mit dieser Unterhaltung. Man saß untätig da oder lief teils verzweifelt, teils gedankenvoll hin und her. Mit Röbler kam ich in ein Gespräch über die Rassenfrage. Ich weiß heute nicht mehr, was der Anlaß hierzu war, aber ich entsinne mich, wie wir mit bitterer Ironie feststellten, daß in unserer Zelle ausgerechnet drei Polen blond und blauäugig waren, also offenbar überwiegend nordischen Blutes: die beiden schlanken, hochgewachsenen Friesengestalten, die sich wie Zwillinge glichen und der stille Mensch, der Zucker gestohlen und verschoben hatte. Alle anderen Zellengenossen waren schwarzhaarig und dunkeläugig wie Rößler und ich. - Zufall?- Nein, allerorten finden sich ähnliche Beispiele der Rassenverwirrung: blonde Italiener und dunkelhäutige Norweger;„ bolschewistische" Russen, die stark und kernig, fleißig und erdverbunden sind, wie westfälische Bauerngeschlechter. Hingegen alteingesessene Deutsche, unter deren triebhafter, unsystematischer Arbeit das entsteht, was man polnische Wirtschaft nennt; deutsche SS- Leute mit unverkennbarem asiatischen, ja sorgar afrikanischem Einschlag; und es hat schon Jüdinnen gegeben, die aussahen, als wären sie die Germania persönlich. 63 Unergründlich, wie sich die verschiedensten Rassen im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende in Deutschland wie in ganz Europa gemischt haben. Die mongolischen Hunnen, die unter Attila bei uns eindrangen, die fremdländischen Landsknechte des dreißigjährigen Krieges und die Völker, die halfen, Napoleon von unserem Boden zu vertreiben, sie alle haben ebenso wenig nach Abstammung und Ariernachweis gefragt, wie die deutschen Frauen und Mädchen, die sich ihnen bei diesen Kriegszügen teils gutwillig, teils mit Zwang und Gewalt hingaben. Und glaubt man etwa, die Römer, die jahrhundertelang am Rhein und in Süddeutschland saßen, dort Städte gründeten und Straßen bauten, haben sich von den germanischen Frauen ferngehalten. Gerade diese römischen Legionäre aber waren stark mit asiatischen und afrikanischen Elementen durchsetzt. Diese fremden Bestandteile blieben in unserem Lande; sie treten noch heute immer wieder in Erscheinung; man muß sich nur einmal die Gesichter und den Körperbau seiner Mitmenschen daraufhin ansehen. Alle Versuche, heute in Deutschland wieder so etwas wie eine Rassenreinheit errichten zu wollen, müssen deshalb haltloses Papierwerk bleiben. Nur wirtlichkeitsfremde Ideologen, leichtfertige Massenredner und gedankenlose Schreiberlinge können sagen, es ginge in diesem Krieg um Erhaltung unserer Rasse. Sie meinen damit die nordische Rasse, von der sie behaupten, daß sie die wertvollste und hochstehendste Rasse sei, die alle Kultur geschaffen habe und erhalte. Dabei bedenken sie nicht, wie sehr man sich der Überheblichkeit verdächtig macht, wenn man eine so hohe Meinung von sich immer wieder in die Welt hinaus schreit. Und die Tatsache, daß ausgerechnet unser so rassebetontes neues Deutschland mit den Japanern Waffenbrüderschaft geschlossen hat, um stammesverwandte Nationen zu vernichten, zeigt der Welt deutlich, daß es uns in diesem Krieg nicht um heilige Rassenideale geht, sondern um niederen, materiellen Gewinn. Am Montag ging es in unserer Gefängniszelle gleich vom frühen Morgen an lebhaft zu. Noch bevor unsere drei Polen zur Arbeit ausrückten, wurde draußen im Flur mit dem üblichen Lärm ein Transport zusammengestellt. Nach Oberndorf. Auch von unserer Zelle war einer dabei. Dann wurde der Pole geholt, der am Samstag Abend aus Oberndorf zurückgekommen war. Auch der aufgeregte Hannoveraner wurde herausgerufen. Er mußte, wie wir am Abend, als er wiederkam, erfuhren, mit einem 64 Kriminalbeamten zur Haussuchung in seine Wohnung fahren. Auch am folgenden Tag wurde diese Untersuchung fortgesetzt. Man hat ihm aber wohl nichts nachweisen können, denn am Dienstag wurde er wieder entlassen. So schien es doch wahr zu sein, was er uns gegenüber von Anfang an behauptet hatte: daß er das unschuldige Opfer eines Racheaktes von einem niederträchtigen Weibsbild war. - Im Laufe des Montag Vormittag rief dann ein Wachtmeister beim schnellen Öffnen der Zellentür fragend herein, ob jemand den evangelischen Pfarrer zu sprechen wünsche. Er gab uns nicht lange Zeit zum Besinnen, sondern schlug die Tür wieder zu, bevor ich überhaupt begriffen hatte, was er wollte. ,, Bei dem hätten Sie sich melden sollen", sagte Rößler zu mir ,,, er kann Ihre Frau benachrichtigen und auch sonst viel für Sie tun." Nein, ich will nicht zu den Menschen gehören, die sich nur in der Not an den Pfarrer klammern. Später kam dann nacheinander weiterer Zugang in unsere Zelle. Der erste war ein Fahrraddieb. Anscheinend betrieb er den Fahrraddiebstahl gewerbsmäßig, denn er hatte schon einige einschlägige Vorstrafen hinter sich. Er war sich bewußt, daß es diesmal eine ordentliche Zuchthausstrafe geben würde, da er rückfällig war und den Diebstahl unter Ausnützung der Verdunkelung begangen hatte. Doch er sah mit erstaunlicher Ruhe und Gelassenheit seinem weiteren Schicksal entgegen. Die Zeit vertrieb er sich hauptsächlich mit Schachspielen, wobei er sich bald den Titel des Schachmeisters in der Zelle errang. Der zweite Neuling, ein junger Mann in dürftiger Kleidung, ohne Mantel und Kopfbedeckung, hatte versucht, im Gedränge vor einem Lichtspieltheater einer Frau den Geldbeutel mit einigen Mark Inhalt zu stehlen, obwohl er, wie er uns versicherte, das Geld gar nicht brauchte. Von einem Kriminalbeamten, der den Vorgang zufällig beobachtet hatte, sei er sofort festgenommen worden. Einige Zellengenossen erklärten auf seinen Bericht hin, daß eine solche Dummheit mit Recht bestraft werden müsse.„ Lebensmittelmarken klauen", sagte Rößler,„ das kann ich allenfalls verstehen, oder irgendwelche anderen Wertsachen aber Geld!, lumpiges Geld, mit dem man heute doch nichts mehr anfangen kann, das ist mehr als dumm." Der Dieb nannte sich daraufhin selbst einen Idioten. Doch es zeigte sich, daß er sonst durchaus nicht beschränkt war. Er kannte sich in den Strafbestimmungen und Gerichtsverfahren aus wie ein alter Jurist und erwies sich auf vielen Gebieten als sehr belesen. Auch Schachspielen konnte er gut. 5 Nur vierzehn Tage - 65 Für mich und für Rößler blieb dieser Mann ein psychologisches Rätsel. Wir wurden die ganze Zeit über nicht aus ihm klug. Erst hatte ich ihn im Verdacht, ein Spitzel zu sein, der besonders mich aushorchen sollte. Doch dazu benahm er sich wiederum nicht raffiniert genug. Er war aber der einzige in dieser Zelle und blieb es während meiner ganzen Gefangenschaft, der den gegenwärtigen Staat lobte und an den baldigen deutschen Sieg glaubte. Ja, wenn einer von uns dagegen sprach, wurde er wütend, so daß man befürchten mußte, er würde zu Tätlichkeiten übergehen. Dabei zeigte er eine erstaunlich gute Kenntnis der Reden von Hitler und Äußerungen von Goebbels, die er uns immer wieder vorbrachte, um die Richtigkeit seiner Ansichten zu beweisen. Kein ganz alter Kämpfer mit dem goldenen Parteiabzeichen hätte sich stärker für Adolf Hitler einsetzen können. EIN SELTSAMER MENSCH Die politische Auseinandersetzung, die ja doch fruchtlos bleiben, mußte, elf Uhr ein weiterer Mann in unsere Zelle geschoben verstummte, als gegen wurde. Oder war es eine Frau? Niemand konnte es auf den ersten Blick - mit Bestimmtheit sagen. Verblüfft schauten wir alle auf die unwirklich seltsame, vornehme und auffallend gut gekleidete Gestalt, die da hilflos an der Tür stand, verängstigt und scheu mit großen Augen umherblickte, wie ein gefangenes Reh. Wohl jeden von uns, selbst dem wüsten Raufbold von der Heuberg- Strafkompanie, erfaßte aufrichtiges Mitleid mit diesem feingliedrigen Wesen, das jetzt die Schritte bis zur Bank am Tisch vorwärtswankte, dort zusammensank, Arme und Kopf auf den Tisch legte und herzergreifend schluchzte, daß es den zarten Körper nur so schüttelte. paar ,, Noch nie habe ich bei einem Menschen so schöne Augen gesehen", flüsterte mir Röẞler als ehemaliger Kunstmaler zu, während wir alle stummfragend dasaßen. Nach einiger Zeit, als sich der Ankömmling etwas beruhigt zu haben schien, sprach Rößler ihn an, ähnlich, wie seinerzeit mich: ,, Wollen Sie Ihren Mantel nicht ablegen? Dort sind Haken." Es war ein sehr schöner, dunkelbrauner Mantel aus allerbestem Friedens66 stoff, das sah man. Der Fremde hatte ihn nicht richtig angezogen, sondern nur über die Schultern gelegt, wie es Frauen gern tun. Das und die eigen- artige Frisur der ziemlich langen Haare bestärkten den Eindruck, eine junge Dame vor sich zu haben. Es wurde fast zur Gewißheit, als das betreffende Wesen jetzt mit hoher Mädchenstimme antwortete:„Nein, danke!“ „Das ist ein Weib! Das ist ein Weib!“, flüsterten sich einige jetzt höchst verwundert zu und kicherten dabei, während die schöne Gestalt von neuem weinte. Jedesmal, wenn sich dieses rätselhafte Geschöpf zu beruhigen schien, suchten wir es vorsichtig und teilnahmsvoll auszufragen, doch stets bekam es einen neuen Weinanfall und konnte nicht sprechen. Das einzige, was es über die Lippen brachte, war eine unter Tränen vorgebrachte Klage, der Polizeibeamte sei mit ihm so furchtbar schnell hierher zum Gefängnis ge- laufen und habe mit gemeinen Schimpfworten zur Eile angetrieben. Als dann das Mittagessen gebracht wurde und dieser Mensch auch seinen Blechnapf in Empfang nehmen mußte, sprach ich ihm ermunternd zu, wie man es mit mir am ersten Tag getan hatte.„Nur nicht unterkriegen lassen; gleich von Anfang an richtig mitessen, dann hält man am besten durch.“ Doch er versuchte nicht einen Löffel voll. Sein Nachbar, der junge hung- rige Pole, wartete schon darauf und verschlang die zusätzliche Portion im Nu. Nach dem Essen beruhigte sich der Neuling doch allmählich und wir erfuhren nach und nach aus Bruchstücken, die wir uns selbst zusammen- reimten, welche Bewandtnis es mit ihm auf sich hatte. Er ist sechsundzwanzig Jahre alt, macht aber noch einen jüngeren, unent- wickelten Eindruck und hat, obwohl männlichen Geschlechts, seinem ganzen Wesen nach einen wohl einzigartig starken femininen Einschlag, so daß man sich immer wieder von neuem fragt, ob man einen Jüngling oder ein junges Mädchen vor sich hat. Nicht nur.die Gestalt, Gesicht, Stimme und Haar- frisur sind fast mehr weiblich als männlich, auch die Kleidung ist es: weite, rockartig geschnittene Hosen; kleine schmale Schuhe und blusenähnliches Oberhemd. Doch das alles macht keinen gesuchten und gekünstelten Ein- druck, als wollte ein Mann bewußt die weibliche Note betonen, man fühlt sofort beim Betrachten: es ist die Kleidung, die diesem Wesen entspricht. Ohne Zweifel ein bedauernswertes Geschöpf, einer seltsamen Laune der Natur entsprungen. Ein Zwitter, wenn auch nicht rein körperlich, so doch seelisch und zwar in einer Weise, wie es wohl nur selten vorkommt. Dazu noch stark infantil. Auf einen solchen außerordentlich„interessanten“ Fall 67 a * stürzen sich die Forscher, Mediziner und Psychologen mit Vorliebe. Und wir erfuhren auch, daß dieser Mensch schon wiederholt in Kliniken und Anstalten zur Beobachtung war, so auch bei Prof. W. in Stuttgart. Bei der Musterung zum Militärdienst ist er dauernd wehrunfähig geschrieben worden, was wohl deutlich für den Grad seiner Krankheit spricht. Dabei stammt er aus einer alten Offiziers familie, ist aber Waise. Ein Onkel, der sich seiner annimmt, ist zur Zeit als hoher deutscher Offizier in Paris tätig. Fast unwirklich und höchst seltsam, wie alles an diesem Menschen, sind die finanziellen Verhältnisse, in denen er lebt und die er uns mit kindlicher Offenheit darlegt: Er besitzt bei einer Bergbaugesellschaft in USA Anteile von fantastischer Höhe. Der Schatz wird von Verwandten drüben im Amerika für ihn verwaltet. Noch während des Krieges, bevor Deutschland die Beziehungen mit Rußland und Amerika abgebrochen hatte, sind für ihn einige weitere Hunderttausend Mark auf dem Wege über den Osten auf eine hiesige Bank eingezahlt worden, von denen er jetzt lebt. Das ist aber nur ein kleiner Teil seines riesigen Vermögens. In einem größeren Kurort des württembergischen Schwarzwaldes bewohnt er seit langem drei Zimmer eines schönen Privathauses bei Leuten, die ihn bedienen. Das Essen wird ihm regelmäßig von einem mir gut bekannten großen Hotel in der Nähe gebracht. Der Betrag, den er allmonatlich für Miete und das alles entrichtet, übersteigt mein Monatsgehalt um einige ärmsten Verhältnissen hundert Mark. Einigen Mitgefangenen, die aus kamen, schwindelte bei diesen Summen wahrscheinlich der Kopf. Ihnen mag wohl zumute gewesen sein, als hörten sie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Und doch erwies sich später alles als Wahrheit. - Ist es verwunderlich, daß ein solcher Mensch in seinem Leben noch nicht gearbeitet hat?. Sein überzartes, ungewöhnlich feinnerviges Wesen macht ihn wohl auch zu jeder ernsthaften und ausdauernden Arbeit ungeeignet. So betrachtete er es als ein großes Glück, daß ihm das Schicksal Geld genug in die Wiege gelegt hatte, um ihm wirtschaftliche Sorgen und den harten Kampf um das Dasein zu ersparen. Aber der nationalsozialistische Staat fragt nicht danach, ob einer Geld hat. Wir stehen im totalen Krieg. Anfang dieses Jahres befahl das Gesetz den Arbeitseinsatz aller Männer und Frauen bis zu einem bestimmten Alter. Zwar das Arbeitsamt in dem betreffenden Kurort wollte von Herrn Jentsch 68 - so wollen wir ihn hier nennen nichts wissen. Es ließ ihn weiter sein untätiges Leben führen, das keinem schadete, einigen aber, die an dem reichen jungen Mann gut verdienten, sehr nützte. So säße dieser Mensch heute noch ungestört in diesem schönen Schwarzwaldort, wenn ja, wenn die lieben Mitmenschen nicht wären, neidisch und erbarmungslos, wenn es dabei um ihren eigenen Vorteil geht. - Verwandte jener Frau, bei der dieser Jentsch wohnte, kamen aus Stuttgart hin und wieder zu Besuch dorthin. Es müssen besonders gute Nationalsozialisten gewesen sein. Lange Zeit, auch noch nach dem Aufruf zum allgemeinen Arbeitseinsatz, scherten sie sich nämlich nicht darum, ob dieser sonderbare Untermieter arbeitete oder nicht. Sie waren immer recht freundlich zu ihm, wie sich das bei einem so unerhört reichen Mann, der mit Geldausgeben durchaus nicht kleinlich ist, schon aus Klugheit empfiehlt. Dann aber kam im Herbst 1943 die Zeit, wo in Stuttgart die Bombenangriffe öfter und beängstigender wurden. Jene Leute bekamen Angst, nicht nur um ihr Leben, sondern auch um das viele wertvolle Hab und Gut, das sie gern irgendwo in Sicherheit gebracht hätten. Dazu wären nun in dem stillen Schwarzwaldort die drei Zimmer, die dieser Herr Jentsch bewohnte, recht geeignet gewesen. Alle die vielen kostbaren Möbel, Betten, Kleidungsstücke und sonstigen Sachen könnte man dort gut unterstellen und abwechselnd selbst immer wieder auf einige Zeit hinfahren, wenn es in Stuttgart zu brenzlich wird. Zwar die Wuchermiete, die der reiche junge Mann zahlte, würde man den Verwandten vielleicht ebenfalls zahlen müssen, aber man war ja auch nicht gerade arm, und schließlich: was spielt heute schon das Geld für eine Rolle, wenn es darum geht, alle seine geliebten Gegenstände zu erhalten? Herr Jentsch jedoch war von diesem Vorschlag alles andere als begeistert. Er wollte keineswegs ausziehen. Ja, er wurde sogar ungewöhnlich heftig. Unverblümt, wie ein zorniges Kind, sagte er, daß man bisher lange Jahre an seinem Gelde recht froh gewesen sei, jetzt wiege es aber anscheinend nicht mehr so schwer. Vielleicht hat er in der Erregung auch noch Beleidigungen gesagt. Nun, das braucht man sich ja nicht gefallen zu lassen, besonders wenn man Parteigenosse ist. Diesen bockbeinigen jungen Menschen wird man schon aus seiner Wohnung herausbringen, und wenn er noch so viel Geld hat. Das wäre ja gelacht. Gott sei Dank gibt es im neuen Deutschland Stellen, die da schnelle und gründliche Arbeit machen. 69 Also geht man in Stuttgart in das ehemalige Hotel Silber zur Gestapo und zeigt diesen Menschen an. Selbstverständlich erwähnt man nichts davon, daß man Wert auf die Wohnung legt. Nein, so dumm sind die Betreffen- den nicht. Es waren, wie gesagt, gute Nationalsozialisten. Also erzählten sie, daß dieser Herr Jentsch ein Plutokrat und eine Drohne sei, nichts arbeite, sich den ganzen Tag bedienen lasse und obendrein noch abfällige Bemer- kungen über das Dritte Reich gemacht habe. So hat er in der Erregung gesagt:„Wegen Euch verdammten Nazis kann ich jetzt nicht nach Paris und Amerika reisen.“ Das alles wurde in Stuttgart ausführlich zu Protokoll gegeben, wie es sich für einen gewissenhaften Nationalsozialisten geziemt. Eines Tages er- schien daraufhin bei dem ahnungslosen Jentsch ein Kriminalbeamter. Der Mann war freundlich und nett, erzählte von der Anzeige, die vorläge, stellte einige Fragen und sagte, nachdem er die Antwort befriedigt aufgeschrieben hatte, daß die Angelegenheit damit wohl erledigt sein dürfte. Vielleicht glaubte er es selbst, zumindest wünschte er es wohl. Wochen vergingen. Jentsch und seine ihn betreuende Tante, die oft aus Stuttgart zu ihm kam, glaubten immer mehr, daß mit dieser Vernehmung alles erledigt sei, zumal sie beide in ihrem sorglosen Dahinleben der Sache von Anfang an keine große Bedeutung beigelegt hatten. So nahmen sie es auch nicht sehr ernst, als Jentsch eines Tages eine schriftliche Vorladung zur Vernehmung bei der Gestapo in Stuttgart erhielt. Die Tante hielt es allerdings für ratsam, mitzufahren. Dieser sensible, unselbständige Mensch brauchte ja auf jeden Fall eine Unterstützung, wenn er vernommen wird. Sie als Gattin eines hohen deutschen Offiziers würde schon den richtigen Eindruck auf die Gestapobeamten machen und die nötige Auskunft geben. So hatte sie gehofft. Doch die Herren in Stuttgart interessierten sich nur für Herrn Jentsch und wollten von der Tante nichts wissen. Es war eine Tortur ohnegleichen, was er hier erlebte. Ein Mensch, den das rätselhafte W/alten der Natur so werden ließ wie ihn: nicht Mann, nicht Weib, kein Kind mehr und doch kein Erwachsener, ist an sich vielleicht schon be- dauernswerter als ein Blinder oder einer mit anderen auffallenden körper- lichen Gebrechen, denn er ist seelisch außerordentlich empfindsam. Es läßt sich denken, wie sehr er leidet, wenn ihn überall die Menschen ansehen, als sei er ein Wesen von einem fremden Stern, oder wenn ärztliche Autoritäten ihn mit allen Mitteln neuzeitlicher Forschung immer wieder untersuchen. 70 Was er jedoch bei der Gestapo an seelischem Leiden erlebte, das übertraf alles, was er bisher durchmachen mußte. Er berichtete anfangs nur zögernd darüber, doch nach und nach erfuhren wir alles. Der Beamte, der seine Sache bearbeitete, hatte sich zunächst über den weiblichen Einschlag in seinem Wesen und Aussehen lustig gemacht und dabei derbe zynische Bemerkungen fallen lassen. Auch kleinlicher Neid sprach aus seinen Worten. Die gute Kleidung von Jentsch stach ihm in die Augen, besonders der vornehme braune Mantel aus bestem Stoff. Ungeniert erklärte der Beamte, daß er selbst in einem schäbigen Mantel umherlaufe, wo er doch arbeite, während Jentsch nichts schaffe. Es sei überhaupt unverantwortlich von dem zuständigen Arbeitsamt, ihn nicht zur Arbeit gezwungen zu haben. Auf den Einwand der Tante, daß dieser ungewöhnlich zarte, eigenartige Mensch wohl kaum zu einer produktiven Arbeit zu gebrauchen sei, erwiderte er scharf, das werde man feststellen. Sollte Jentsch tatsächlich nicht arbeiten können, dann hätte man guten Grund, anzunehmen, er sei auch nicht fähig, sein großes Vermögen selbständig zu verwalten und man müsse ihn entmündigen. Das ginge heute sehr schnell. Der arme Jentsch bekam hiervon einen noch größeren Schreck als von der Ankündigung, daß er nicht mehr in den Schwarzwald zurückfahren dürfe, sondern verhaftet sei und in ein Gefängnis überführt werde. Es mag sein, daß der Gestapo- Beamte hierbei pflichtgemäß handelte, wie es ihm vorgeschrieben war; er tat aber mehr als seine Pflicht, als er den seltsamen, empfindlichen Menschen, bevor er ihn in das Gefängnis überführen ließ, erst noch durch verschiedene Zimmer schleifte, um ihn den Kollegen vorzuführen, die in gemeiner Weise ihre mehr oder weniger geistreichen und verletzenden Witze über ihn machten. Es war die gleiche Gefühlsrohheit, wie wenn man etwa einen Lahmen zur allgemeinen Ergötzung hin und her springen ließe und sich dabei noch über sein Gebrechen in taktloser Weise lustig machte. Nein, nach dem, was uns dieser fein- empfindende junge Mann unter ständig neu ausbrechenden Weinanfällen erzählte, war es ihm noch weit schlimmer zumute, als er vor diesen höhnisch blickenden Augen Spießruten laufen mußte und die zynischen Bemerkungen hörte. So wie er mag ein schamhaftes junges Weib empfinden, das von wüsten Gesellen nackt ausgezogen wird und zur rohen Freude der Betreffenden sich allen zur Schau stellen muß.- - 71 دو Und nun saß dieser gepflegte Mensch in seiner vornehmen Kleidung und mit dem feinen Parfüm, das er an sich hatte, in unserer düsteren, stinkigen Zelle, inmitten schlecht gekleideter struppiger Gestalten, ungewiß über das, was ihm bevorstand. Eines erkannte er bald: diese Verbrecher" hier, die mit Ausdrücken des Mitgefühls und aufrichtiger Teilnahme seinem Bericht folgten, waren bessere Menschen als jene Herren bei der Gestapo. Der anfängliche Schreck und das Grauen wichen von ihm; er ward immer aufgeschlossener zu uns. Doch wehmütig blickte er von Zeit zu Zeit zu dem kleinen, vergitterten Fenster empor.„ Ich kann es noch immer nicht fassen, daß ich im Gefängnis bin; mir kommt alles vor, wie ein böser Traum", sagte er zu mir, und seine Tränen flossen dabei von neuem. Seine größte Angst war, daß er entmündigt und der Staat sein Vermögen kassieren würde. Aber auch vor der zwangsweisen Unterbringung in eine Anstalt fürchtete er sich sehr. Immer wieder sprach er mit uns darüber; seine Gedanken kamen nicht davon los. Obwohl wir alle unser möglichstes versuchten, gelang es uns nicht, diesen verängstigten, gebrochenen Menschen auf die Dauer zu beruhigen und ihm einigermaßen Mut zu machen. Unser Hauptargument war, daß es der Tante draußen schon gelingen werde, von dem bekannten und angesehenen Professor W., der Jentsch ja von früheren Untersuchungen her kannte, ein Gutachten zu erlangen, nach dem ihn die Gestapo freilassen muß ohne daß er entmündigt wird. Eine böse Sache war es freilich; das sagten wir uns alle im Stillen. Es kann gut sein, daß die Gestapo nach keinem Professor draußen fragt, sondern allein den Gerichtsarzt entscheiden läßt. Und der SS- Arzt, der die Gefangenen hier untersucht, soll gleich jenen Militärärzten sein, die einen Menschen erst dann für dienst- oder arbeitsunfähig erklären, wenn auch der simpelste Laie merkt, daß der Betreffende halbtot ist. Für seelische Leiden und Empfindungen haben solche Herren meist kein Verständnis. Es ist ja auch unbequem und umständlich, sich auf langwierige psychologische Untersuchungen einzulassen. Herz und Lunge, Magen und Darm wie auch alle anderen Organe sind bei diesem Herrn Jentsch ja in Ordnung, ebenso Glieder und Muskeln, und da er auch nicht den Eindruck eines Geistesgestörten macht, ist so denken diese Herren nicht einzusehen, warum er arbeitsunfähig sein soll. Also ein Drückeberger, der bestraft gehört, weil er sich der gesetzlichen Arbeitspflicht entzogen hat. Straferschwerend kommen im vorliegenden Falle noch die abfälligen Bemerkungen hinzu, die 72 - Jentsch über den Nationalsozialismus gemacht hat. Anscheinend waren sie nicht so ganz harmlos, wir entnahmen das seinen Andeutungen. Ganz rückte er in diesem Punkt mit der Sprache nicht heraus, wohl aus Angst. Was erlebt man nicht alles in diesem Gefängnis hier, dachte ich wieder einmal im Anschluß an den tränenreichen Bericht von Jentsch. Wie wunderlich spielt das Schicksal! Da sitzt der reiche, verwöhnte und vornehme Mensch neben dem lumpigen Taschendieb, der nicht viel mehr als Hose, Rock und Hemd sein eigen nennt. Draußen im Leben wären sie weit, unerreichbar weit von einander abgerückt; jetzt sitzen sie hier eng einträchtig nebeneinander auf der Bank, als wären sie beide die gleichen Sünder. Kann die Fantasie eines Dichters größere Gegensätze erfinden? Und das alles ist hier Wirklichkeit, ist tatsächlich! Ja, ich glaube, ich muß meinem Schick- sal doch dankbar sein, daß es mich das einmal so anschaulich miterleben läẞt; und vielleicht ist der Preis, den ich dafür zahlen muß, keineswegs zu hoch. Aus solcherlei Betrachtungen und Gedanken riß mich das Öffnen der Tür. Mein Name wurde gerufen. Der Wachtmeister schüttelte den Inhalt eines mir gut bekannten Koffers auf dem Tisch aus. Dann untersuchte er alles sorgfältig: Wäsche, Toiletteartikel, belegte Brote, Äpfel und Gebäck. Es war, als ob der Weihnachtsmann in unsere Zelle gekommen wäre. Alle die hungrigen Gestalten, die rings um den Tisch saßen, machten große, verlangende Augen, als sie die lang entbehrten guten Sachen vor sich ausgebreitet sahen. Der Beamte sagte, daß der leere Koffer wieder mitgenommen würde. Mir mitzuteilen, wer ihn gebracht hatte, hielt er nicht für notwendig, geschweige einen Gruß von meiner Frau auszurichten, den sie mir doch sicherlich bestellt hatte. Vielleicht durfte er das auch nicht; was weiß ich. Es war immerhin einer von den anständigeren Beamten, ein älterer, ruhiger. So erklärte er sich wenn auch brummend und widerwillig bereit, mit der Rückgabe des Koffers zu warten, bis ich schnell die Wäsche gewechselt hatte, ein Entgegenkommen, zu dem beispielsweise O. niemals bereit gewesen wäre. Allerdings trieb mich auch dieser Wachtmeister hier zu größter Eile an, während er einstweilen hinausging. Wahrscheinlich hatte er Angst, der Oberleutnant könnte dazu kommen. - - Während ich mich auszog und die Leibwäsche wechselte, stierten meine Zellengenossen unablässig auf die Eßwaren, die zum Greifen nahe vor 73 ihnen lagen; und mancher von den Spitzbuben litt wohl Höllenqualen, daß er trotz seines Hungers nicht die gewohnte schnelle Handbewegung machen konnte. Aber einer paẞte auf den anderen auf, und ich hatte von meiner Ecke her auch noch ein wachsames Auge. Es fiel dann, als ich endlich an das Essen und Verteilen gehen konnte, für alle etwas ab. Meine Frau hatte sehr reichlich geschickt. Lieber sparen sie es sich daheim vom Mund ab, als daß sie den Vater im Gefängnis Hunger leiden lassen. Aus der Art der erhaltenen Toilette- Artikel erkannte ich auch, daß die Sendung bereits auf Grund der Bestellung des Betrunkenen kam, der am Vortag entlassen worden war. Nur gut, daß ich auf den Gedanken gekommen war, durch ihn einen Zettel hinausschmuggeln zu lassen. Wer weiß, wann meine Frau den Brief vom letzten Donnerstag erhält. Vielleicht nie. Was kümmern sich schon die zuständigen Stellen hier im Gefängnis darum, ob mir die gewünschten Sachen gebracht werden. Ich bin ein Polizeigefangener, nicht mehr ein Mensch, der irgendwelche Rechte hat und Ansprüche stellen darf. - Um vier Uhr erwartete Rößler wieder seine Eßwaren wie alltäglich. Zu seiner Überraschung wurde er diesmal herausgerufen; er durfte seine Frau sprechen. Es wurde ihm von dem das Gespräch überwachenden Beamten eröffnet, daß er am übernächsten Tag hier wegkomme, in das Lager von Narzweiler im Elsaß. Wie lange, wußte niemand. Rößler sah recht bekümmert und bedrückt aus, als er in die Zelle zurückkam und uns das erzählte. Wie er sagte, wäre er viel lieber noch einige Zeit hier in dieser Zelle geblieben, wo er täglich von seiner Frau Essen und Lesestoff erhielt, als in jenes allgemein gefürchtete Arbeitslager zu kommen. Auch wir hätten ihn gern noch behalten; wie eine Mutter hatte er sich um alle und alles in unserer Zelle gekümmert. Wie liebevoll weihte er vor allem die Neulinge in die Gepflogenheiten des Gefängnisses ein. Jentsch war sein schwierigster Fall. Wir alle gaben uns Mühe, diesem gänzlich unmilitärischen Sonderling beizubringen, daß er beim Öffnen der Tür aufspringen und sich mit uns in Reih und Glied stellen müsse. Es wollte ihm nicht in den Kopf; er hatte deshalb von den Wachtmeistern schon einige Anschnauzer mit Fluchen und Schimpfworten über sich ergehen lassen müssen. Begreiflicherweise wurde dieser sensible Mensch dadurch nur noch mehr 74 verstört und erst recht unfähig, sich schnell einzuordnen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als ihn jedesmal beim Geräusch der Türriegel draußen hochzureißen und zurechtzuschieben, um ihm Schlimmeres zu ersparen. Zum Schlafen am Abend ließen wir ihm einen Lagerplatz zwischen Rößler und mir frei. Er zeigte sich dabei wieder recht geniert und unbeholfen; wir merkten, wie schwer es ihm fiel, sich auf den schmutzigen, eng aneinander gereihten Matratzen hinzulegen, wo er bisher in seinem Leben wohl nur in feinsten und bequemen Betten geschlafen hatte. Doch zur Ehre aller Mitgefangenen in dieser Zelle sei gesagt: keiner hänselte ihn, keiner machte eine höhnisch- verletzende Bemerkung, wie es beim Militär, besonders unter jungen, rohen Soldaten mit Vorliebe geschieht, wenn einer sich anmerken läßt, daß er von Haus aus Besseres gewöhnt ist. Jeder von uns, auch die kriminellen Verbrecher, hatten ehrliches Mitempfinden mit dem Jammer dieses Menschen. Nicht aber hatten das einige von den Polizeiknechten draußen. Wir merkten gut, wie einer nach dem andern in gewissen Zeitabständen nur zu dem Zweck das Licht andrehte und hereinschaute, um diesen seltsamen Menschen mit dem gut frisierten Mädchenkopf zwischen uns liegen zu sehen; ein Anblick, wie er in diesem Gefängnis bisher wohl noch nicht da war. Jentsch hatte in dieser Nacht wohl mehr geweint als geschlafen. Wiederholt ergriff er im Dunkeln meine Hand und hielt sie verängstigt fest, als erwache er aus furchtbarem Alpdruck. Immer wieder flüsterte er mir dabei fragend zu:„, Glauben Sie, daß ich entmündigt werde? daß der Staat mir mein Vermögen nimmt? daß ich in eine Anstalt komme?" - Anfangs glaubte ich noch, es würde mit der Zeit möglich sein, ihn in dieser Hinsicht zu trösten und zu beruhigen. Im Laufe der nächsten Tage mußten wir aber alle erfahren, daß dies aussichtslos war. Was wir ihm auch zum Trost und zur Hoffnung sagten, er gab sich nicht zufrieden und stellte die gleichen Fragen immer wieder von neuem. Die Angst, entmündigt zu werden oder in eine Anstalt zu kommen, war bei ihm zur Zwangsvorstellung geworden. Tag und Nacht quälte er sich damit. Es war für ihn eine furchtbare Seelenmarter, und mit der Zeit wurde es auch für uns alle zur Nervenbelastung. An Stelle des anfänglich gütigen Zuredens bekam er jetzt immer mehr unwillige Antworten und scharfe, aufrüttelnde Worte zu hören. Einer von den robusteren Zellengenossen, an den er sich als neues Opfer mit seinen hundertmal vorgebrachten Fragen und seinem ständig 75 gleichen Jammer wendete, sagte ihm, nachdem vernünftiges Zureden nicht half, laut und eindringlich das bekannte Wort, das Götz von Berlichingen seinem Kaiser sagen ließ. Doch er konnte und wollte nicht einsehen, daß es hier in der Zelle nichts Besseres für ihn zu tun gab, als gleich uns geduldig abzuwarten, was das Schicksal bringt und seinem guten Stern zu vertrauen. Ich sagte ihm, daß er mit seinem ewigen Fragen und Jammern sich seelisch noch ruiniere und dann vielleicht wirklich den Eindruck eines Psychopathen mache, wenn er zur ärztlichen Untersuchung oder zu einem neuen Verhör geführt würde. ,, Deshalb", munterte ich ihn nochmals auf,„ Kopf hoch! Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten! Schachspielen, Lesen und sich zu vergessen suchen!" Die anderen seien ja auch wohlgemut, obwohl sie zum Teil, wie jener Fahrraddieb, wüßten, daß ihnen sogar Zuchthausstrafe bevorstehe. Wenn man so mit ihm sprach, sah dieser Arme das verstandesmäßig wohl ein, er nickte zustimmend mit dem Kopf; gleich darauf brach er aber erneut in Tränen aus. Er hatte nun einmal nicht die seelische Kraft zum Widerstand. Wir konnten sie ihm durch unser Beispiel und unsere Worte ebensowenig geben, wie ein Athlet einen körperlichen Schwächling durch sein Vorbild zu den gleichen Kraftleistungen bringen kann. Sein hilfloses, unselbständiges und anlehnungsbedürftiges Wesen war allerdings auch ein Erziehungsfehler. Man merkte ihm an, daß er gewöhnt war, sich nur bedienen zu lassen und selbst keinen Handgriff zu tun. Wenn man, wie er uns sagte, der Gestapo angezeigt hatte, er ließe sich täglich das Frühstück an das Bett bringen und auch sonst in jeder Beziehung verwöhnen und verweichlichen, so war das sicherlich nicht aus der Luft gegriffen. Er konnte bisher eben für sein Geld so ziemlich alles haben, und das ist für keinen Menschen gut. So wurden ihm auch hier in das Gefängnis vom zweiten Tag an reichlich Lebensmittel geschickt, und was für feine Sachen: raffinierte Salate und Delikatessen verschiedenster Art, wie er es wohl liebte. Natürlich sagte ihm die Gefängniskost nun überhaupt nicht zu. An sich wäre es kein Fehler gewesen, wenn es auch für ihn einmal geheißen hätte: Vogel friß oder stirb. Allerdings, er war ein kranker, hilfsbedürftiger Mensch, das durfte man bei allem nicht vergessen. Eine Besserung konnte, falls überhaupt möglich, nur nach längerer Zeit durch systematische, mühevolle Arbeit erzielt werden. War der Gegensatz vom bisherigen Leben draußen zum Dasein in die76 ser Zelle hier schon für einen gewöhnlichen Menschen kraß und schwer erträglich, so mußte er für diesen verwöhnten und leicht verletzlichen Herrn Jentsch geradezu eine grausame Folter sein. Er empfand die seelischen. Schmerzen wohl tausendmal stärker als beispielsweise der abgebrühte Fahrraddieb. Jentsch gehörte in die Hand eines erfahrenen Psychiaters, und es war eine besondere Kulturschande, diesen Menschen mit seinen zarten, wunden Nerven wie einen gemeinen Verbrecher hier ins Gefängnis zu sperren. Ebensowenig, wie ein Grobschmied mit seiner klobigen Hand ein hochempfindliches, feinmechanisches Instrument auseinandernehmen und wieder in Ordnung bringen kann, sondern nur noch größeres Unheil anrichtet, ebensowenig konnten die mitleidlosen Männer bei der Gestapo oder diese gefühlslosen Polizeiknechte hier im Gefängnis diesen Herrn Jentsch zu einem gesunden, nützlichen Menschen machen. Wenn wir Mitgefangenen sahen, wie er jedesmal beim Rasseln der Schlüssel und Riegel draußen an der Tür nervös zusammenzuckte und hierauf verängstigt und kopflos seinen Platz in der Doppelreihe suchte, dann tat er uns allen immer wieder leid. Er war so weltfremd und töricht, daß er, nachdem er mit seinen jammernden Fragen bei uns Mitgefangenen kein Gehör mehr fand, versuchte, sich an die Polizei- Wachtmeister zu wenden, wenn sie die Tür öffneten. Manche schlugen sie wieder zu, bevor er in seiner langsamen und schüchtern- leisen Art nur ein Wort herausgebracht hatte. Einige hörten ihn an und lachten ihn dann nur höhnisch aus oder waren so grausam, ihm erst recht Angst zu machen. Doch alle Enttäuschungen, wie alle Ermahnungen von uns, daß er besser mit dem Ofen reden könne, als mit diesen Unmenschen, waren fruchtlos; er versuchte immer wieder, bei einem anderen Beamten zu erfragen, wie lange er hierbleiben müsse, ob er entmündigt werde oder in eine Anstalt komme. Schließlich erbarmte sich doch ein Polizei- Wachtmeister seines Jammers. Es war jener hochanständige, der mich seinerzeit bei meiner Einlieferung in das Gefängnis aufgenommen hatte. Wie ein Pfarrer, der den Namen Seelsorger wirklich verdient, sprach er mit bewundernswerter Geduld dem Verzweifelten Mut und Trost zu, so daß er uns Mitgefangene, die wir bei dem ewigen Jammern des Jentsch unwillig geworden waren, beschämte. Ein solcher Mensch unter den anderen, jeden Mitgefühls baren Polizeileuten, war in der Tat wie ein Engel unter Teufeln. Ich kann diesen Mann nicht genug 77 bewundern und loben und bedaure nochmals, seinen Namen nicht zu wissen. Doch ich greife mit meiner Schilderung voraus. Dies alles trug sich erst in den nächsten Tagen zu. Auf jenen Montag, da dieser Herr Jentsch zu uns kam, folgte der Tag, der für mich von ausschlaggebender Bedeutung war. DER GROSSKAMPFTAG MEINER GEFANGENSCHAFT Nachdem die Gestapo während des Samstags, Sonntags und Montags nichts hatte von mir wissen wollen, rechnete ich nicht mehr mit einer baldigen weiteren Vernehmung. Wie ich hörte, war es ja bei politischen Gefangenen vielfach üblich, sie wochen-, wenn nicht gar monatelang hier festzuhalten, ohne daß irgend etwas mit ihnen geschah. In früheren Jahrhunderten Daumenschrauben, heute Aufenthalt in dieser stinkigen Zelle, bis man weich wird. Ich war deshalb überrascht, als ich am Dienstag Morgen, noch bevor die drei Polen zur Arbeit ausgerückt waren, gemeinsam mit Rößler herausgerufen wurde. Ihm hatte man schon am Vortag angekündigt, daß er heute zum Arzt geführt werde. Vor der Überführung in ein Lager wurde jeder Gefangene noch einmal auf seinen Gesundheitszustand untersucht. Fast eine reine Formsache, wie mir Rößler versicherte. Denn es mußte einer schon halbtot sein, wenn ihn der Gefängnisarzt für nicht transportfähig erklären sollte. - Ob ich auch zum Arzt komme?. Nein, es wurden aus den verschiedenen Zellen noch viele andere Gefangene geholt, die gewiß nicht alle zur ärztlichen Untersuchung kamen. Meist waren es wieder fremdländische Gestalten, oft erbärmlich bekleidet. Einer hatte anstatt Schuhen nur Lumpen um die Füße gewickelt, die mit Bindfaden zusammengebunden waren. Wir mußten im Flur in zwei Gliedern antreten. Beim Verlesen der Namen zeigte es sich, daß tatsächlich nur sehr wenige dieser Gefangenen Deutsche waren; wir hörten fast nur polnische und kroatische, französische und holländische und weiß Gott was sonst noch für Namen. So international, wie jetzt im Dritten Reich, waren die deutschen Gefängnisse wohl noch nie. Des alten sozialdemokratischen Kampfrufes: Proletarier aller Länder ver78 einigt Euch!, wird es wohl nicht mehr bedürfen; der deutsche Nationalsozialismus hat sie vereinigt gegen sich. - Denn diese Ausländer hier waren fast alle ebensowenig Verbrecher, wie ich einer bin. Sie haben sich meist nur gegen den deutschen Arbeitszwang vergangen. In ihrem Lande kannten sie den Arbeitszwang nicht. Achtunddreißig Mann waren wir. Wahrscheinlich ging es zur Gestapo zum Vernehmen. Nachdem der Wachtmeister mit mühseligem Buchstabieren der fremdländischen Namen festgestellt hatte, daß alle, die auf der Liste standen, herbeigeholt waren, wurden wir in eine besondere Zelle geschoben. Sie war kaum groß genug, daß alle darin eng aneinander stehen konnten. Jeder bekam beim Eintreten die übliche Morgenportion, eine Schüssel mit lauwarmer, brauner Kaffeebrühe und ein Stück Brot. Wie er es fertig brachte, bei dem engen Aneinanderstehen Flüssigkeit und Brot zu sich zu nehmen, war seine Angelegenheit. In einer Ecke, nicht allzuweit von mir, hörte ich, wie sich zwei Deutsche, die mir schon durch ihre bessere Kleidung aufgefallen waren, über ihre Zellengenossen unterhielten, wobei der Name von Prof. K. fiel. Sofort arbeitete ich mich zu ihnen hin; wir machten uns bekannt. Der eine, er soll hier Taube genannt werden, hatte ein Geschäft, nicht weit von diesem Gefängnis entfernt. Vor einigen Tagen hatte man ihn festgenommen, weil er einen geharnischten Brief an die HJ. geschrieben hatte, worin unter anderem der Ausdruck ,, Soldätlesspielen" vorkam. Der andere Deutsche hatte es seiner Frau zu verdanken, daß er im Gefängnis saß. Zehn Jahre lebte er, wie er sagte, in unglücklicher Ehe. Jetzt hatte er sich dazu durchgerungen, dem Zank und Streit ein Ende zu machen und sich scheiden zu lassen. Daraufhin hat dieses edle Weib ihn bei der Gestapo angezeigt: er drücke sich von der Arbeit und sei auch politisch nicht einwandfrei. Ohne lange zu fragen, hat man ihn zunächst einmal hier zur Untersuchung eingesperrt, anstatt, wie es wohl richtiger gewesen wäre, die Frau zu holen. Diese beiden Herren waren tatsächlich in der gleichen Zelle wie Prof. K. untergebracht. So konnte ich Grüße an ihn bestellen und sagen lassen, daß seine Sache recht gut stehe, soweit ich sie beurteilen könne. Alle drei lächelten wir kopfschüttelnd über die unüberlegte Handlungsweise dieser erstklassigen Polizei. Da wird streng darauf gesehen, daß Gefangene der verschiedenen Zellen nicht durch Klopfzeichen miteinander in Verbindung treten, 79 da wird einem sofort mit dem Schlüsselbund in das Gesicht geschlagen, wenn einer im Flur mit seinem Nachbar spricht, und hier sperrt man alle miteinander in eine Zelle, wo sie sich in Ruhe alles Wichtige sagen können. Es wäre mir auch ohne weiteres möglich gewesen, Prof. K. eine schriftliche Mitteilung zukommen zu lassen, falls sich das als nötig erwiesen hätte, da ich Bleistift und Papier bei mir hatte. So blind arbeiten diese Polizeibeamten vor lauter eingedrilltem Eifer, ihren vorgeschriebenen Dienst pünktlich und ordnungsgemäß zu verrichten. Wenn sie nur brutal und rücksichtslos mit den Gefangenen umgehen, das scheint hier die Hauptsache zu sein. Wie rücksichtslos sie sein können, das sollten wir bald darauf wieder einmal erleben. Wir achtunddreißig Mann und vor uns noch eine Gruppe weibliche Gefangene wurden unter strenger Aufsicht die Treppe hinuntergeführt. Im Hof stand ein Gefangenenwagen. Zunächst mußten die Frauen vorn das kleine Sonderabteil besteigen. Als der Polizist, der den Kraftwagen führte, hörte, wieviel wir waren, blickte er unseren Begleiter, den Wachtmeister O., lächelnd an, als wollte er damit ausdrücken: ein bißchen reichlich viel, aber wir werden sie schon hineinkriegen. Es war grausam, wie wir in dem Wagen zusammengepfercht wurden. Da es bei der deutschen Polizei das Wort„ es geht nicht" wahrscheinlich ebensowenig gibt, wie beim deutschen Militär, so mußte es eben gehen. Ich kam mit als einer der ersten hinein und erwischte hinten an der Wand auf einer querliegenden, eisernen Gasflasche noch einen Sitzplatz. Im nächsten Augenblick aber schon war es mir unmöglich, mich zu bewegen. Die hinter mir waren mit Gewalt eng an mich gepreßt, alle in schräg nach vorn gekrümmter Haltung, weil über unseren Sitzplätzen zunächst eine gewisse Leere entstanden war. Manche lagen mehr über uns, als daß sie standen, einige schwebten, zwischen anderen eingekeilt, wohl überhaupt mit den Füßen in der Luft. Dazu völlige Dunkelheit in dem Wagen, denn die siebartig durchlöcherten kleinen Bleche an der Seite, durch die etwas Licht und Luft hereinkommen sollte, wurden von den eng angepreßten Menschenkörpern unvermeidlich zugehalten. Wenn da die Polizei dahinter kommt! mußte ich bei dieser unmenschlichen Verfrachtung mit grimmigem Hohn wieder einmal denken. Aussprechen konnte ich es nicht; es sprach bei dem Mangel an Sauerstoff keiner. Man hörte nur Stöhnen und Keuchen. Was ich als Soldat im Felde nicht kennen gelernt hatte, hier während die80 00 ser Fahrt erlebte ich es: Todesangst!, richtige Todesangst. Wenn der Wagen jetzt eine Panne bekommt oder aus irgend einem anderen Grund unterwegs längere Zeit stehen bleiben muß, so sagte ich mir, dann ersticken wir alle mit Naturnotwendigkeit. Vielleicht aber überstehen wir nicht einmal so diese kurze Fahrt. Achtunddreißig Mann in einen solchen kleinen Kastenraum gepreßt, das ist unvorstellbar und doch Tatsache. - Herrgott, es gibt Tierschutzvereine; sie achten darauf, daß Vieh auf Transportwagen nicht zu eng verladen wird aber mit Menschen darf man alles tun, wenn sie Gefangene sind. Wir brauchen Menschenschutzvereine. Wenn jetzt wirklich einige von uns ersticken, wer fragt schon viel danach? Die Angehörigen werden eine kurze Mitteilung mit verlogener Angabe über die Art des Todes erhalten, die schuldigen Beamten vielleicht eine Disziplinarstrafe. Das wird alles sein. Keine Zeitung gibt es im großen deutschen Reich, die mit einem Wort der Empörung über einen solchen Fall berichten dürfte, keine Partei, die sich dieser himmelschreienden Sache annehmen und kein Parlament, auf dem es zur Sprache kommen könnte. - Die Sekunden wurden uns zu Stunden, die Minuten zur Ewigkeit, während der Wagen langsam durch die Stadt fuhr. Endlich, endlich, hielt er vor dem Gebäude der Gestapo. Wie Menschen, die nach langem, schwächendem Krankenlager zum ersten Mal wieder aufstehen, schwankten und taumelten wir heraus. Beamte der Gestapo und ihre weiblichen Bürokräfte, die jetzt um acht Uhr morgens zum Dienst gingen, bildeten eine Gasse, durch die wir gehen mußten. Einige von den jungen Damen lächelten höhnisch und erhaben, als die von dieser Fahrt mitgenommenen bleichen Gestalten, die sich zum Teil kaum aufrecht halten konnten, an ihnen vorübergeführt wurden. Es ging zunächst in den mit Anzeigen- Annahme bezeichneten Nebenraum. Die verschüchterten und verängstigten Ausländer wurden hier wiederum mit Püffen und Stößen in Reih und Glied gebracht; wir Deutsche konnten uns etwas abseits stellen. Die weiblichen Gefangenen durften auf einer Bank sitzen. Nach und nach erschienen die einzelnen Sachbearbeiter, die sich ihre Gefangenen wegholten, teils einzeln, teils mehrere auf einmal. Es war für mich dabei interessant, die verschiedenen Gestapo- Beamten kennen zu lernen. Wenn uns Gefangenen auch das Sprechen verboten war, die Augen und 6 Nur vierzehn Tage 81 . Ohren wurden uns nicht zugebunden, und so konnte man es auch nicht verhindern, daß ich mir über jeden Herren meine Gedanken machte. Ach, man muß gerecht sein: mancher von diesen Männern sah sympathisch aus. Er wollte sicherlich damals von ganzem Herzen das Gute, als er sich Adolf Hitler mit Leib und Seele verschrieb. In seiner jugendlichen Unreife hat er sich von den großen vaterländischen Worten berauschen lassen, war begeistert von der bestechenden Idee, einen sozial gerechten Staat auf nationaler Grundlage mit aufbauen zu dürfen. Vermutlich war es diesem und jenem vor der Machtergreifung wirtschaftlich schlecht ergangen, als Arbeitnehmer abgebaut, als selbständiger Berufstätiger gescheitert; freudig griffen sie als alte SS- Leute mit beiden Händen nach der Gelegenheit, Staatsbeamte werden zu können, einen Posten bei der allgewaltigen Gestapo zu bekommen. Zu spät erkannten sie dann mit Schaudern( mancher allerdings bis heute noch nicht), daß dieser Weg der brutalen Gewalt, der himmelschreienden Ungerechtigkeiten und barbarischen Unmenschlichkeiten niemals zu etwas Gutem führen kann. Doch sie konnten nicht mehr zurück, hatten Adolf Hitler Gehorsam bis in den Tod geschworen und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit den Wölfen zu heulen. Freilich, bei einigen dieser Beamten sieht man an dem brutalen Gesicht, daß sie sich hier in ihrem Element fühlen wie ein waschechter, altpreußischer Feldwebel auf dem Kasernenhof oder wie die Gefangenenwärter drüben im Gefängnis. Da sie mit Geistesgaben nicht aufwarten können, ist es ihnen besondere Freude, über andere Menschen Macht und Gewalt zu haben, und sie sind erst dann richtig befriedigt, wenn sie ihre Macht den Untergebenen rücksichtslos fühlen lassen können. So holten sich hier einige Beamten ihre Gefangenen mit rohen oder spöttischen Worten weg; zuweilen halfen sie mit einem Rippenstoß nach, wenn die Betreffenden nicht gleich verstanden. Schließlich blieb ich allein übrig. Es war mir lieb, daß man mich länger warten ließ; so konnte ich mich von der Schreckensfahrt wieder erholen und beruhigen, bis das hochnotpeinliche Verhör begann. Als dann endlich das bekannte Gesicht von B. an der Tür erschien, konnte ich feststellen, daß ein guter Stern gerade diesen Mann meinen Fall bearbeiten ließ, denn von allen Gestapo- Beamten, die ich jetzt gesehen hatte, machte er schon äußerlich rein als Mensch auf mich den besten Eindruck. Mein Gefühl täuscht mich in solchen Fällen kaum. Ich ließ mich in meinem 82 32 Urteil auch nicht dadurch beirren, daß er jetzt, bei der grußlosen Begegnung, mich wieder mit seinen ernsten, durchforschenden Augen ansah und ohne ein Wort zu sprechen, mit der Bewegung des Zeigefingers zu sich heranwinkte, eine Eigenart, die ich nun schon an ihm kennen gelernt hatte und die er sich anscheinend in seinem Dienst beim Verkehr mit den Gefangenen angewöhnt hatte. Er führte mich wieder die vier Stockwerke hoch in sein Zimmer. Hier kannte ich mich jetzt schon aus. Der Herr am anderen Schreibtisch war auch wieder da, hatte aber offenbar nach wie vor mit meiner Sache nichts zu tun. B. begann das Verhör mit einigen neuen Fragen in der Rundfunkangelegenheit. Als er merkte, daß er auch damit nicht zum Ziele kam, wurde er energisch: ,, Sie, ich will Ihnen etwas sagen: bis jetzt sind wir zwei im Guten miteinander ausgekommen, wenn Sie jetzt aber nicht endlich mit der Sprache herausrücken, und nicht aussagen, was Sie wissen, dann sollen Sie mich kennen lernen!" So sprach er wörtlich, das letzte schreiend, wobei er mich drohend ansah, so daß man durchaus annehmen konnte, er würde im nächsten Augenblick die Wirkung seiner Worte durch ein paar Faustschläge ins Gesicht verstärken. Auf ein solches Vorgehen war ich durch die Belehrungen einiger Zellengenossen drüben im Gefängnis vorbereitet. Ich hatte mir für diesen Fall die Worte schon überlegt, mit denen ich jetzt meinen stärksten Trumpf ausspielte:„ Herr B., Sie können mich einsperren, so lange Sie wollen, Sie können mit mir machen, was Sie wollen; ich werde es zu ertragen wissen. Es geht vorüber. Wenn ich jetzt aber unter dem Druck Ihrer Drohungen etwas sage, was ich nicht genau weiß, und damit einen unschuldigen Menschen ins Zuchthaus bringe, dann belaste ich meine Seele bis an mein Lebensende. Das geht nicht mehr vorüber." Diese Karte hatte gestochen. B. war ein Mensch; ich hatte mich nicht in ihm getäuscht. Er drang nicht weiter in mich. Auch der andere Herr sah, seine Schreibarbeit unterbrechend, zu mir auf, und wie schon bei der letzten Vernehmung, glaubte ich auch jetzt so etwas wie eine vorsichtige Zustimmung in seinem Gesicht lesen zu können. ,, Sie bleiben also dabei, daß Sie sich an nichts mehr erinnern können", sagte B. nach einer Pause des allgemeinen Schweigens, das meine Worte hervorgerufen hatte. Er wollte dann von mir noch etwas über eine abfäl83 1 lige Kritik an den Maßnahmen Hitlers bei der Stalingrad- Niederlage wissen, die in Magstadt an meiner Arbeitsstätte von bestimmter Seite laut ausgesprochen worden war. Ich gab auch hier zunächst eine ausweichende Antwort, und als er wieder scharf zu werden versuchte, sagte ich offen, damals sei alles über die Stalingradsache erregt gewesen; er wisse wahrscheinlich selbst am besten, wie fast ein jeder mehr oder weniger vorsichtig seinem Herzen Luft gemacht habe.„ Wenn Sie", so sagte ich am Schluß,„, wegen einer solchen Äußerung jetzt nach fast einem Jahr einen Familienvater ins Zuchthaus bringen wollen, dann dürfen Sie von mir nicht erwarten, daß ich dazu beitrage." Auch das hatte gezogen. Er ließ nun von mir ab und rief ein Schreibfräulein, dem er in meiner Gegenwart ein endgültiges Protokoll über meine Vernehmung in die Maschine diktierte. Scharf achtete ich auf jedes Wort, bereit, sofort einzuspringen, wenn irgend eine belastende Wendung gebraucht würde. Mit ständig zunehmender Freude aber hörte ich, daß er das Protokoll so abfaßte, wie es ein Verteidiger kaum hätte günstiger tun können. Danach war die Anklage gegen Prof. K. unhaltbar geworden. Mir konnte man in dieser Sache erst recht nichts anhaben. Erleichtert setzte ich meinen Namen darunter. Doch es blieb die leidige Angelegenheit mit meinen politischen Aufzeichnungen. B. begann sogleich auch dieses zweite Protokoll in die Maschine zu diktieren. Offenbar wollte er die ganze Sache schnell hinter sich haben. Ich mußte den kaum leserlichen Wortlaut der Notizen noch einmal entziffern und das Schreibfräulein schrieb ihn gleich in die Maschine. Einige Male versuchte ich, dieses und jenes Wort zu ändern und den Sätzen eine weniger gefährliche Wendung zu geben. Aber B. merkte es jedesmal, fuhr mich an und sorgte dafür, daß der wortgetreue Urtext in das Protokoll aufgenommen wurde. Auf dem großen Bogen, fein säuberlich mit der Maschine geschrieben, wirkte das alles viel härter, als auf meinen kleinen, flüchtig gekritzelten Zetteln. Ich fühlte jetzt erst so richtig, wie die Worte in diesem Hause mir zur Gefahr wurden. Für jeden deutlich lesbar standen sie jetzt da, daran war nichts mehr zu ändern. Und doch mußte ich versuchen, mich zu retten, so lange noch Zeit und Gelegenheit dazu war. Durch meinen vorherigen Erfolg kühn gemacht, erläuterte ich, das Diktat unterbrechend, noch einmal meinen politischen Standpunkt, diesmal ausführlicher, als bei der letzten Vernehmung. Ich 84 hatte ja inzwischen im Gefängnis Zeit genug gehabt, alles noch einmal gründlich durchzudenken. Jetzt schreckte ich auch nicht davor zurück, einige mir gut bekannte Miẞstände bei der Partei anzuführen, die mich zu solchen Notizen mit veranlaßt hatten. - ,, Sie können das alles gleich selbst in die Maschine diktieren", sagte B., als ich geendet hatte. Nein, sicherlich war es nicht ratsam, nach der Aufregung der seitherigen Vernehmung und der Schreckensfahrt im Gefängniswagen diese heikle Sache, von der meine Strafe abhängen würde, spruchreif in die Maschine zu diktieren. Jedes Wort mußte zuvor hin und her erwogen werden. Offen sagte ich das jetzt, wobei ich, um meine Erregung noch mehr zu begründen, einen recht anschaulichen Bericht von der Todesfahrt am Morgen gab, so daß die drei Zuhörer betroffen dasaßen. Niemand von ihnen fand ein Wort, um diese Unmenschlichkeit zu verteidigen oder auch nur zu beschönigen. " Ich schlug daraufhin B. vor, daß ich alles, was ich zu meiner Verteidigung vorzubringen hatte, in Ruhe selbst niederschreibe. Er möge mir Bleistift und Papier geben. Allerdings, so sagte ich noch, als ich merkte, daß er hierzu nicht abgeneigt war ,,, meine düstere Zelle drüben, wo zwölf neugierige Mitgefangene um einen herumsitzen, ist recht wenig für eine solche wichtige Niederschrift geeignet." Und ich bat um einen ruhigen Schreibplatz für einige Stunden hier im Hause. Er winkte ab. Dazu sei man hier nicht eingerichtet. Doch dann überlegte er und ging hinaus. Als er wieder hereinkam, fragte er mich, wieviel Blatt Papier ich für meine Niederschrift benötige.„ Drei bis vier Seiten werden es wohl werden", sagte ich. Er gab mir Papier und Bleistift und forderte mich auf, ihm zu folgen. Es ging den Flur ganz entlang in das letzte Zimmer. EINE GROSSE ÜBERRASCHUNG Kaum war B. mit mir in dieses Zimmer getreten, da sprang der Herr darin von seinem Schreibtisch auf und ging freudig auf mich zu.„ Heil Hitler, Herr Schumann!" Und schon streckte er mir zur Begrüßung die Hand hin, 85 so daß ich mich verwundert fragte, ob ich noch in dem gefürchteten Hause der Gestapo sei.\ Doch mein Erstaunen wurde immer größer. Er hielt mir sein geöffnetes Zigaretten-Etui entgegen.„Da bitte!" Da ich als Nichtraucher ablehnte, beeilte er sich, mir eine Tüte zu reichen:„Aber einen Apfel werden Sie essen.“ Dankend und freudig griff ich zu, während B. sonderbar lächelnd daneben stand. „Kennen wir uns?”, fragte ich den Fremden, noch immer voll Erstaunen über diese unerwartet freundliche Behandlung.: „Aber natürlich, Herr Schumann, von Ulm her!“ „Herr Sch....!“ Freudig rief ich es aus, als ich ihn endlich wiederer- kannte. Und jetzt drückte ich ihm herzlich die Hand, während B. hinaus- ging und uns allein ließ. Es waren allerdings etliche Jahre her, daß wir uns nicht gesehen hatten. Seinerzeit, als meine Frau noch ledig war, hatte sie in Ulm bei dieser Familie gewohnt. Durch die sonntäglichen Besuche bei meiner Braut lernte ich auch diesen Herrn Sch. kennen. Er war damals Kriminalbeamter. Von meiner Frau, die mit der Gattin noch im Briefwech- sel stand, hörte ich einmal, daß der Mann an die Ostfront gekommen war. Wie er mir jetzt sagte, war er erst vor wenigen Wochen von Rußland zu- rückgekommen und hier bei der Stuttgarter Gestapo eingesetzt worden. „Gestern war Ihre Frau hier bei mir“, erzählte er mir zu meinem weiteren Erstaunen.„Sie hat mir alles berichtet. Rein zufällig hatte sie drunten in der Anmeldung meinen Namen gehört, als sie meinen Kollegen B. sprechen wollte. Natürlich ließ sie sich sogleich bei mir melden. Ganz gebrochen kam sie hier herein, konnte vor Tränen anfangs überhaupt nicht sprechen, und es dauerte einige Zeit, bis ich einigermaßen wußte, um was es sich in Ihrem Fall handelt. Wie Frauen in solchen Fällen sind, sah sie schon Ihren Kopf rollen. Na, wir haben sie wieder aufgemöbelt, nicht wahr, Fräulein?“ Und durch die offene Tür antwortete im Nebenzimmer eine Damenstimme:„Ja.“ „Sie hat mir auch die Bilder von Ihren Kindern gezeigt“, fuhr er dann fort,„nette Buben. Ich muß doch Sonntags einmal einen Besuch bei Ihnen machen und sie mir in Natur ansehen.“ Mir wurde immer wohler, als ich diesen sympathischen Menschen so lie- benswürdig plaudern hörte. Es war zweifellos ein ganz unerhörter Glücks- fall für mich, daß er vor kurzem ausgerechnet zur Stuttgarter Gestapo ver- setzt worden ist, daß ferner meine ahnungslose Frau gestern zufällig hier 86 im Hause seinen Namen gehört hatte und zum dritten, daß B., veranlaßt durch meinen Vorschlag, mich schriftlich zu rechtfertigen, mich in dieses Zimmer zu ihm führte. So, wie ich Sch. kannte, würde er sich bestimmt für mich einsetzen. ,, Und er flüsterte mir dann auch leise zu: Was macht Ihr in Eurem Magstadt für Geschichten! Schweizer Sender aufgedreht? Mensch, Schumann, wie könnt Ihr aber auch so dumm sein, Euch die Nachrichten durch das Telefon mitzuteilen. Ihr müßt Euch doch sagen, daß mitgehört werden kann." Ich sagte auch ihm, ich wüßte nicht, ob es sich tatsächlich um ausländische Nachrichten gehandelt habe. ,, Na, Ihnen kann in dieser Sache sowieso nichts passieren. Wie ich von meinem Kollegen B. erfahren habe, hat die Anklägerin gleich erklärt, daß Sie unschuldig sind. Sie belastet nur den anderen, den Professor. Und wegen Ihrer dummen Zettel- Notizen habe ich B. auch aufgeklärt, was Sie für ein Mensch sind. Ungeschehen kann man es jetzt freilich nicht mehr machen, wo alles schon bei den Akten ist.- B. hat mir vorhin gesagt, was Sie vorhaben. Also, setzen Sie sich da an den Schreibtisch und schreiben Sie in aller Ruhe nieder, was Sie auf dem Herzen haben. Sie brauchen sich dabei nicht beeilen; der Mann, der sonst hier sitzt, kommt heute nicht wieder. Wenn Sie bis Mittag nicht fertig werden, machen Sie eben am Nachmittag weiter. Da, essen Sie erst noch einen Apfel." - - Ich fragte Sch., ob er auch derartige politische Fälle zu bearbeiten habe. Es sei doch furchtbar, Menschen, die an sich anständig und rechtschaffen sind, ins Gefängnis zu bringen. Ich entsann mich dabei, daß Sch. seinerzeit in Ulm durchaus nicht ein begeisterter Anhänger Adolf Hitlers war. So hatte mir damals meine Braut erzählt, daß er sich einmal voller gesundmenschlichem Zorn und voller Abscheu über verschiedene an Juden begangenen Miẞhandlungen ausgesprochen habe, die er in seinem Dienst mit ansehen mußte. ,, Ich habe die Angelegenheiten der Bibelforscher zu bearbeiten", klärte er mich jetzt auf.„ Sie sind verboten und betätigen sich weiter; da sieht es schon ernster aus. Aber ich muß mich erst noch einarbeiten; die meisten Sachen habe ich halb erledigt von meinem Vorgänger übernommen." Man merkte ihm an, daß ihn diese Arbeit nicht erfreute. Schließlich flüsterte er mit bezeichnendem Gesichtsausdruck:„ Es wird höchste Zeit, Herr Schumann, daß der Krieg zu Ende geht." 87 Als ich dann schrieb, mahnte er nochmals:„ Nicht so schnell, sonst sind Sie ja zu Mittag fertig. Ich denke aber, es wird Ihnen heute Nachmittag hier lieber sein, als drüben in Ihrer Gefängniszelle." Nach einiger Zeit kam der Herr herein, der im Zimmer von B. diesem gegenübersaẞ. Freundlich sprach auch er mir zu, ich möge mich nicht beeilen und alles in Ruhe niederschreiben. Als er wieder draußen war, erzählte mir Sch., dieser Herr, namens J., sei vorhin noch während meiner Vernehmung bei ihm gewesen und habe gesagt: ,,, Der Schumann hat Charakter, er verrät keinen." Auch auf die Gefahr hin, daß mir die Wiedergabe dieser Bemerkung als selbstgefälliges Eigenlob ausgelegt wird, möchte ich sie nicht weglassen, denn sie ehrt wohl weit mehr den betreffenden Gestapo- Beamten als mich. Ist es nicht eine Freude, festzustellen, daß es selbst bei einer solchen, mit Recht berüchtigten und gefürchteten Institution, wie es die Gestapo ist, Menschen gibt, die das Herz auf dem rechten Fleck haben! Sie sind natürlich als Beamte besonders scharf eingespannt in dieses fürchterliche, grausame System, das keine Geistesfreiheit zuläßt. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als mehr oder weniger heuchlerisch mitzutun. Sicher bespitzelt einer den anderen, und jeder läuft Gefahr, bei einer unvorsichtigen Bemerkung oder Handlung selbst eingesperrt zu werden. Deshalb zog ich es auch vor, mit Sch. nicht über das zu sprechen, was ich niederschrieb. Er selbst fragte nicht danach, so daß ich annahm, es sei ihm recht, wenn ich ihn aus der Sache heraushalte. Es war nun einmal eine sehr gewagte Verteidigung, die ich da vorhatte. Doch mir blieb keine andere Wahl. Durch die Aufzeichnungen war meine Gesinnung", wie sich B. ausdrückte, eindeutig festgelegt. Wenn ich mich noch retten konnte, dann nur, indem ich offen darlegte, warum ich zu solchen Ansichten gekommen bin, und daß meine Gesinnung in rein menschlichem Sinne nicht zu verwerfen ist. Es ging zwar nicht um mein Leben, aber immerhin um einige Monate Gefängnis oder Konzentrationslager. Auf jeden Fall mußte ich anstreben, daß die Sache nicht vor ein Sondergericht kam, sondern im Hause erledigt wurde. Die Erfahrungen, die ich heute mit B. gemacht hatte und vor allem die Aussicht auf Fürsprache durch Sch. gaben mir Hoffnung. So schrieb ich nieder, was ich auf dem Herzen hatte. Offen legte ich dar, warum ich nicht in die NSDAP. eingetreten bin, obwohl man es mir bei der Machtübernahme und auch später von verschiedenen Seiten, aus geschäftlichen 88 und anderen Gründen, sehr nahe gelegt hatte. Und ich führte Fälle an, die es verständlich machen sollten, daß ich Adolf Hitler innerlich nicht zustimmen kann. So erwähnte ich, daß Hitler einmal gesagt hat, der Nationalsozialismus würde dann eine Utopie bleiben, wenn es ihm nicht gelänge, einen besseren Menschen zu schaffen. Ich könne mich aber des Gefühls nicht erwehren, daß durch die Wege, die man gehe, unmöglich ein besserer Mensch geschaffen werde. Ich war so in meine Gedanken versponnen und schrieb voll Eifer, daß ich gar nicht merkte, wie schnell die Zeit vergangen war. B. kam herein, sagte, daß es gleich zwölf Uhr sei und nahm interessiert an sich, was ich geschrieben hatte. Gleich von sich aus erklärte er, ich könne am Nachmittag weiterschreiben, er würde dafür sorgen, daß ich um zwei Uhr wieder herkomme. Unten wartete schon der Gefangenenwagen. Jetzt auf der Rückfahrt in das Gefängnis waren wir nur wenige, so daß alle sitzen konnten. Niemand wußte, wo die vielen ausländischen Gefangenen vom Morgen geblieben waren; vielleicht hatte man sich doch entschlossen, zweimal zu fahren. Ich dachte sogar daran, anzunehmen, daß meine drastische Schilderung und Beschwerde bei B. über die Herfahrt am Morgen das erreicht hatte. Die beiden Deutschen, die mit Prof. K. in einer Zelle waren, saßen jetzt im Wagen neben mir. Jeder hatte viel zu erzählen: Herrn Taube waren für seinen Brief an die HJ. einige Monate Gefängnis angekündigt worden, doch sein Sachberater habe tröstend gesagt, daß ihm diese Strafe vielleicht auf dem Gnadenwege erlassen werde. Der Andere, den seine Frau angezeigt hatte, muß, wie er betrübt sagte, wahrscheinlich sechsundfünfzig Tage nach Oberndorf in das Arbeitslager. Über meinen Fall konnte ich jetzt Prof. K. noch bestimmter und ausführlicher mitteilen lassen, daß für ihn alles gut stehe. Von dem anderen schwieg ich. In unserer Gefängniszelle angekommen, schaute ich zuerst nach dem Rest meiner Lebensmittel von gestern. Am Morgen war es mir bei der üblichen hastigen Weise, mit der mich der brutale Wachtmeister herausgerufen hatte, nicht mehr möglich gewesen, etwas davon mitzunehmen. Leicht hätte in der zu jener Zeit noch dunklen Zelle einer der Gefangenen diese Eẞwaren heimlich vertilgen können. Beim deutschen Militär wird der Rekrut bestraft, der es vergißt, die Tür seines Spindes sorgfältig abzuschließen, wegen ,, ,, Verleitung zum Diebstahl", wie uns unser Spieß lehrte. Wenn die militärische Obrigkeit, wohl auf Grund ihrer Erfahrungen, annehmen muß, daß eine 89 unverschlossene Schranktür den deutschen Soldaten zum Kameradendiebstahl verleitet, wie hätte ich dann diese mir fremden überhungrigen Gesellen verurteilen können, wenn sie sich an dem, was so günstig vor ihnen lag, ein wenig satt gegessen hätten. Zur Ehre aller gerichtsnotorischen Spitzbuben, die sich damals in Zelle 4 befanden, sei aber hier hervorgehoben, daß alles noch unberührt dalag, als ich zurückkam, so daß ich aus Freude einige Äpfel verteilte. Um die armen Kerle aber nicht wieder in Versuchung zu bringen, steckte ich jetzt schon die restlichen Sachen alle in meine Manteltaschen, um sie bestimmt das nächste Mal bei mir zu haben, wenn ich wieder herausgerufen würde. Rößler berichtete mir, daß die Untersuchung beim Arzt in der Tat nur eine reine Formsache war, wie er vermutet hatte. Der Arzt habe ihn kaum richtig angesehen. Morgen muß er also endgültig fort in das gefürchtete. Lager Narzweiler. Er schenkte mir schon jetzt die Sachen, die er nicht mitnehmen konnte: das eingeschmuggelte Küchenmesser, einen schönen, großen Bleistift und ein leeres Marmeladeglas, das man an Stelle der verrosteten, von allen benutzten beiden Blechbecher zum Wassertrinken für sich allein verwenden konnte. Nur wer selbst schon ohne solche Hilfsmittel von der Zivilisation abgeschnitten leben mußte, wie wir hier in unserer Gefängniszelle, kann ermessen, was diese armseligen Dinge, die ich hier erbte, für mich bedeuteten. Gegen einhalb zwei Uhr wurde ich herausgerufen. Draußen im Flur war wieder das übliche Aufstellen in zwei Gliedern und Verlesen der Namen nach den kleinen Zetteln, die die einzelnen Sachbearbeiter von der Gestapo herübergeschickt hatten. Jetzt am Nachmittag waren wir nicht viel, etwa zehn bis zwölf Mann, so daß wir im Gefangenenwagen gut Platz hatten. Allerdings kamen aus einem Gefängnis der Innenstadt noch Russen hinzu. Als mich B. im Hause der Gestapo wieder hinaufführte, begegneten wir unten in der Halle Fräulein R. aus Magstadt, unsere Anklägerin und die Urheberin der ganzen leidigen Angelegenheit. Verlegen wich sie meinem Blick aus. B. sagte ihr, sie müsse noch etwas warten und brachte mich wieder in das Zimmer zu Sch., damit ich weiter schreiben konnte. Sch. verließ mich bald, er hatte dienstliche Erledigungen außerhalb des Hauses. Ich war jetzt ganz allein und ungestört in dem großen Zimmer, nur vom Nebenraum her hörte ich durch die offene Tür das Fräulein mit der Schreibmaschine klappern. 90 Um fünfzehn Uhr kam sie herüber und schaltete das schöne Rundfunkgerät ein, das neben meinem Schreibtisch stand. Sogleich erschienen Damen und Herren aus anderen Zimmern. Wir hörten den Wehrmachtsbericht, der unter anderem den ersten schweren Großangriff auf Berlin vom vergangenen Abend bekanntgab. Niemand der Anwesenden sprach ein Wort, auch hinterher nicht. Das Schweigen war auffallend. Einige sahen recht verwundert auf mich fremden, unrasierten Menschen, der an diesem schönen Schreibtisch saß, als wäre es sein gewohnter Arbeitsplatz. Bald nachdem ich mich wieder in meine Schreibarbeit vertieft hatte, kam B.:„ Herr Schumann, ich möchte Sie jetzt Fräulein R. gegenüberstellen." Es klang fast freundlich, gar nicht mehr in dem früheren Ton. Ich folgte ihm in sein Zimmer. Fräulein R. machte einen jämmerlichen, hilflosen Eindruck. Sichtlich verlegen blickte sie bei meinem Eintreten zu Boden. Ein Uneingeweihter, der uns beide jetzt so gegenübersitzen gesehen hätte, würde wohl gemeint haben, die Rollen seien vertauscht, sie sei die Angeklagte und ich der Kläger. Das ist Strafe genug für dieses dumme Ding, dachte ich bei mir und vielleicht tat sie mir mehr leid, als ich ihr. Unsicher brachte sie auf Befragen von B. noch einmal vor, was in dem abgeschlossenen Protokoll bereits als haltlos festgelegt war: Prof. K. habe mir durch den Fernsprecher gesagt, der Kuban- Brückenkopf müsse geräumt werden. Heute wollte sie plötzlich wissen, das sei im deutschen Nachrichtendienst erst vierzehn Tage später bekannt gegeben worden. Da sie aber keinerlei Daten nennen konnte, legte B. ihren Angaben weiter keine Bedeutung bei. Zum Schluß brachte sie etwas Neues hervor: An einem bestimmten Tage, da ein Arbeitskamerad, der von Rußland auf Urlaub da war, zurückfahren mußte, hätte ich schon mittags um ein Uhr gewußt, daß Berlin bombardiert worden sei. Ich hätte damals geäußert, der betreffende Urlauber könne vielleicht gar nicht mehr nach Berlin zurückfahren. Da der Wehrmachtsbericht aber erst um vierzehn Uhr die Nachricht von dem Angriff auf Berlin gebracht habe, könne ich meine Kenntnisse doch nur von einem ausländischen Sender haben. Nun, auch das lag schon etliche Wochen zurück. Ich konnte mich tatsächlich nicht mehr entsinnen. Schließlich fragte ich sie, ob sie sich vergewissert habe, daß diese Mitteilung nicht schon im Morgennachrichtendienst gekommen sei, bevor sie kurzerhand behaupte, die Nachricht käme von 91. einem verbotenen Sender. Das mußte sie beschämt verneinen. Mein Mitleid mit dieser Person war jetzt vorbei. Ein Mensch, der eine solche Bagatelle hier bei der gefürchteten Gestapo vorbringt, um damit zwei unbescholtene Männer ins Zuchthaus zu bringen, der verdient nur Verachtung. Ich glaube, auch in den Augen von B. hatte sie mit dieser Angabe noch völlig verloren. Er dachte nicht daran, diese Sache näher zu prüfen oder gar schriftlich niederzulegen. Eigentlich war das schade, denn, wie sich nach meiner Entlassung herausstellte, konnte ich gerade bei dieser Aussage die Unwahrheit einwandfrei festlegen. Es ergab sich nämlich, daß während der Zeit, als der betreffende Urlauber in Deutschland war, Berlin überhaupt keinen Angriff hatte, sondern an dem erwähnten letzten Urlaubstag war Stuttgart bombardiert worden. Deshalb hatte ich damals im Geschäft geäußert, der Urlauber könne vielleicht gar nicht mehr rechtzeitig nach Berlin zurückfahren. Das hatte dieses leichtfertige Fräulein in der Erinnerung durcheinander gebracht, und an eine so unklare Sache klammerte sie sich jetzt, um ihr Ansehen zu retten. Nun, Prof. K. und mir konnte sie mit ihrer Angabe nicht mehr schaden und sich selbst nicht mehr nützen. Herr B. hatte bereits die richtige Meinung von ihr, das merkte ich an der Art, wie er sie entließ. Anschließend unterhielt er sich recht freundlich mit mir, im Gegensatz zu der Vernehmung am Morgen, wo wir uns auf den gleichen Plätzen noch feindlich und gespannt gegenüber saßen. Also konnte meine Verteidigungsschrift, soweit ich sie ihm bis jetzt übergeben hatte, keinen schlechten Eindruck auf ihn gemacht haben. Ich sah die Blätter vor ihm auf dem Tisch liegen. Wohl auch der Umstand, daß wir zwei diesmal ohne den Kollegen von B., der sonst immer alles mithörte, im Zimmer waren, hatte ihn bewogen, aus seiner vorgeschriebenen Beamten- Reserviertheit herauszugehen. Nach meiner Meinung über jenes anklägerische Fräulein R. gefragt, sagte ich, es sei sonderbar, daß sie in dieser Sache plötzlich ihr nationalsozialistisches Gewissen entdeckt habe, obwohl sie doch kein Parteimitglied ist und auch schon Äußerungen habe fallen lassen, die nicht gerade von begeisterter Hingabe zu Hitler sprächen. Unverkennbar gehe es ihr nicht um eine politische Bereinigung, sondern lediglich darum, Herrn Prof. K., der sie wegen Pflichtverletzung an ihrem Arbeitsplatz wiederholt zur Rede gestellt hatte, eins auszuwischen. Alle ihre Angaben, ob wahr oder unwahr, entsprängen kleinlicher, niederer Rache. 92 Wie ich später erfuhr, hatte sie einen solchen Eindruck auch bei der Gegenüberstellung mit Prof. K. hinterlassen, die schon am Samstag vorher erfolgt war. Prof. K. konnte dabei ihre Glaubwürdigkeit mehrmals erschüttern. Ich hatte dann noch Gelegenheit, Herrn B. einiges über die unmenschlichen Zustände drüben im Polizeigefängnis zu erzählen. Es war ihm allgemein wohl nichts Neues, doch er hörte mich geduldig an. Wohl um sich auch selbst zu beruhigen, erwiderte er mir dann:„ Ein Gefängnis ist schließlich kein Erholungsheim." Ich machte ihn aber darauf aufmerksam, daß es sich hier ja nicht um eine Strafanstalt handelt, sondern um Untersuchungsgefangene und, so fügte ich noch hinzu, er wisse ja, wie leicht man heute als unschuldiger Mensch in ein solches Gefängnis kommen könne. Ich erzählte ihm jetzt von dem Mann, der als achtbarer und ehrenwerter Bürger am letzten Samstag Abend lediglich deshalb in unsere dunkle Zelle geworfen worden sei, weil er etwas mehr getrunken habe, als er in der heutigen Zeit vertragen konnte.„ Glauben Sie", so fragte ich ,,, daß man diesen Mann damit für den heutigen Staat begeistert?" Ich hob noch hervor, daß unsere Zelle verlaust ist. Jeder Soldat, der von der Ostfront auf Urlaub komme, werde entlaust, bevor er deutschen Boden betritt. Der Polizei jedoch, die eigentlich über solche Mißstände zu wachen habe, sei es anscheinend ganz gleichgültig, wenn durch ihre unüberlegten Maßnahmen Menschen und Wohnungen in Stuttgart verlaust würden, denn den betreffenden Mann haben, sie am Sonntag Morgen wieder ohne weiteres springen lassen. Das und manchen anderen Miẞstand im Gefängnis sagte ich ihm. Er hörte mich schweigend an und ich merkte gut, wie sehr er das alles miẞbilligte. Zum Schluß erklärte er, es sei von ihnen wiederholt angestrebt worden, politische und kriminelle Untersuchungsgefangene in getrennten Häusern unterzubringen. Leider fehlten die Möglichkeiten dazu. Im übrigen hätte man hier bei der Gestapo auf die Verhältnisse drüben im Polizeigefängnis keinen Einfluß. Ich wagte dann noch, ihm zu sagen, man könne mich doch vorläufig entlassen. Wenn es wegen meiner politischen Aufschriebe zu einer Verhandlung kommen sollte, so stände ich ja jederzeit zur Verfügung. Fluchtverdacht sei bei den heutigen Verhältnissen wohl unsinnig, zumal ich Familie und ein eigenes Haus hätte. Und Verschleierungsgefahr läge nun auch nicht mehr vor, nachdem alles schriftlich festgelegt sei. 93 33 Was ich im voraus fühlte, gab er mir hierauf zu verstehen: er persönlich hätte mich gern nach Hause gehen lassen, aber nach seinen Bestimmungen durfte er es nicht. Nach dieser menschlichen Unterhaltung führte er mich in das Zimmer von Sch. zurück, damit ich fertig schreiben konnte. Kaum war B. weg, da brachte mir das Schreibfräulein vom Nebenraum im Auftrag von Sch. eine große Tüte mit Brezeln. Wenn man als Gefangener tagelang so hundemäßig behandelt worden ist, dann tut eine solche unvermutete, liebevolle Aufmerksamkeit ungemein wohl. Ich war gerührt. Es war kurz vor fünf Uhr geworden, bis ich meine Schrift beendet hatte. Ich setzte gerade meinen Namen darunter, als B. erschien und sagte, der Gefangenenwagen warte bereits unten; ich müsse sofort abschließen. Gern hätte ich noch einmal durchgelesen, was ich geschrieben hatte, doch es war nicht mehr möglich. - Völlig dunkel war es wieder in unserer Gefängniszelle, als ich eintrat. Später, als Licht gemacht wurde, sah ich verschiedene neu hinzugekommene Gestalten. Ich erkundigte mich nach ihrem Vergehen. Es handelte sich fast immer um die gleichen Fälle: Arbeitsvergehen oder Diebstahl. Ich wußte jetzt auch schon ungefähr, wie es mit jedem einzelnen hier weitergeht: Die wegen Arbeitsvergehen werden der Gestapo vorgeführt; ist es ein besonders leichter Fall, wie kürzlich bei dem Schneider und bei dem Berliner, der heiraten wollte, so läßt man den Betreffenden nach einigen Tagen wieder frei; meist aber gibt es sechsundfünfzig Tage Oberndorf. Dieses Strafmaß scheint für das Arbeitslager einheitlich zu sein; die Mühe, hier noch einmal, je nach der Schwere des Vergehens zu unterteilen, macht man sich nicht. Die kriminellen Verbrecher werden einigemale hinweg geholt, zum Vernehmen durch einen Kriminalbeamten, zum Fotografieren für das Verbrecher- Archiv und zum Anfertigen von Fingerabdrücken. Diese Vorarbeiten. werden im Hause des Gefängnisses gemacht und sind meist in drei bis vier Tagen abgeschlossen; dann kommen jene Gefangenen in das eigentliche Untersuchungsgefängnis. So ist hier in diesem Polizeigefängnis ein ständiges Kommen und Gehen der kriminellen Gefangenen. Auch heute haben einige unsere Zelle verlassen, darunter der unangenehme Kerl von der HeubergStrafkompanie. Am längsten bleiben die politischen Gefangenen hier. Wie ich hörte, 94 dauert es bei manchen allein schon Wochen, bis sie das erste Mal vernommen werden. Ich habe somit auch in dieser Beziehung Glück gehabt. Dagegen sah mir der Fall des seltsamen Jentsch nach allem, was er uns erzählte, nicht so aus, als ob sie sich drüben bei der Gestapo ihm zuliebe besonders beeilen würden. Heute brachten ihm seine Bekannten zum ersten Male Lebensmittel. Das stärkte ihn auch seelisch etwas, sah er doch, daß man sich draußen um ihn sorgte. Auch ich erhielt an diesem Abend noch Eßwaren, Zeitungen und Zeitschriften durch meine Verwandten. Kurz vor dem Schlafengehen wurde noch ein Neuer hereingeschoben, zur Zeit der sechzehnte Gefangene in unserer Zelle! Wieder ein„, interessanter Fall. Der Mann, seinem Äußeren nach ein Handwerker von fünfzig bis sechzig Jahren, war fürchterlich zugerichtet. Das Gesicht dick geschwollen, dazu blutige Striemen und Wunden von Hieben. Ein grauenvoller Anblick. Die Augenlider waren blau und beide fast zugequollen. Auch aus der aufgeschlagenen Oberlippe blutete er noch, und beim Versuch zu sprechen, gab er nur unverständliche, tierähnliche Laute mit dumpfer Stimme von sich. So war es nicht möglich, zu erfahren, wer ihn mißhandelt hatte. Rößler und einige andere Zellengenossen waren auf Grund früherer Erfahrungen überzeugt, daß die Polizei ihn aus irgend einem Grund so geschlagen hatte, vielleicht, daß er nicht mitgehen wollte und sich tätlich widersetzte. Es bleibt aber auch die Möglichkeit, daß er mit irgend einem anderen eine Schlägerei gehabt hat, und das wollen wir zu Gunsten der Polizei annehmen, obwohl der Mann nicht gerade wie ein Raufbold aussah. Am nächsten Morgen wurde er gleich nach dem Aufstehen als Erster herausgeholt. Er kam nicht wieder. BEINAHE ENTLASSEN Als dann an jenem Mittwoch Morgen die drei Polen wieder zu ihrer alltäglichen Arbeit ausgerückt waren, und auch der Gefangenenwagen bereits seine morgendliche Menschenfracht zur Gestapo und zum Arzt weggefahren hatte, da hieß es plötzlich, noch bevor wir unsere Morgenportion erhalten hatten:„ Schumann raus!" Jetzt, zu dieser frühen Stunde hatte ich wieder 95 einmal nicht damit gerechnet. Als ich in den Flur trat, schallte es an einer anderen Zellentür:„ K. raus!" Der Professor also auch. Vorn, am Eingang des Gefängnisses stand B.„ Gesprochen wird nicht miteinander!", sagte er, als der Wachtmeister uns beide ihm übergab. Wir gingen zu dritt nebeneinander durch die Stadt, B. in der Mitte. Im Hause der Gestapo hieß mich B. oben im Flur vor seinem Zimmer warten, während er mit Prof. K. hineinging. Dann, nach etwa einer halben Stunde, wurde ich hereingeholt und K. mußte warten. B. wollte von mir noch einige Stellen in meiner Niederschrift mündlich näher erläutert haben. Er machte sich darüber Notizen. Dann hieß er mich in dem Zimmer warten und ging mit den Akten hinaus. Es dauerte lange, bis er wiederkam. Er forderte mich auf, ihm zu folgen. Wir gingen an Prof. K. vorbei, den Treppengang hinunter. Im Gehen sagte mir B., und ich hatte den Eindruck, er bemühte sich, seiner Stimme einen festen Klang zu geben:„ Also, Herr Schumann, sie bleiben weiter in Haft. Wie lange ist noch unbestimmt." ,, Und Professor K.?" دو ,, Das ist noch nicht entschieden." Als er mich drunten in die Zelle schloß, fühlte ich noch einmal deutlich, daß er mich lieber auch freigelassen hätte, wie es meiner Vermutung nach bei Prof. K. der Fall sein würde. In der mir nun bereits auch schon gut bekannten Zelle, die man im Hause der Gestapo wegen ihrer unterirdischen Anlage Bunker nennt, saß schon einer drin, ein Pole. Große, kräftige Gestalt und gut aussehend. Er sprach ziemlich gut deutsch, so daß ich wenigstens Unterhaltung hatte. In einem wegen seines guten Weines bekannten württembergischen Ort war er bei einem Landwirt beschäftigt.' ,, Ich bin gefahren ohne alles nach Ludwigsburg", erklärte er mir auf mein Befragen. Dabei hatte man ihn geschnappt. ,, Sind Sie schon verhört worden?", fragte ich weiter. Er bestätigte es. Und?" دو Jetzt wird geschrieben an die Polizei in meinem Heimatort, ob meine Angaben auf Wahrheit beruhen. Bis Antwort kommt, muß ich im Gefängnis bleiben." - Ich glaube nicht, daß mir der Pole alles gebeichtet hat. Zumindest wird er in dem Verdacht gestanden haben, noch einiges auf dem Kerbholz zu 96 haben, weil Rückfragen notwendig waren. Immerhin, einen unangenehmen Eindruck machte er nicht gerade; besser die Gesellschaft als gar keine. Es war auch zu dumm, daß ich am Morgen, als ich wiederum aus der Zelle unerwartet herausgerufen wurde, in der Eile nichts hatte von den Zeitschriften mitnehmen können. Das Gespräch mit dem Polen war bald erschöpft. Die Zeit verlief langsam. Aber es wurde doch endlich zwölf Uhr. Der schwarze Herr mit der Hornbrille, der Empfangschef, öffnete unsere Zelle und die beiden danebenliegenden.„ Alles raus!" Es waren immerhin wieder etwa zwölf Personen, die aus den drei Zellen zum Vorschein kamen. ,, Auf gehts!" Ich wußte nun schon Bescheid und konnte vorangehen: zunächst wieder oben in den mit Anzeigen- Annahme bezeichneten Raum. Umständlich wurden hier wieder die Namen verlesen. Prof. K. fehlte; somit hielt ich es für sicher, daß er entlassen worden war. Wir wurden dann in den draußen bereitstehenden Gefangenenwagen geführt, der mir nun schon innen ebensogut bekannt war wie außen. In unserer Zelle drüben im Gefängnis traf ich Rößler leider nicht mehr an. Der Transport nach Narzweiler war am Morgen abgegangen, bald nachdem man mich herausgerufen hatte. Gern hätte ich ihm zum Abschied noch einmal die Hand gedrückt. Nun übernahm ich stillschweigend das Amt des Stubenältesten, denn ich war jetzt am längsten hier, wenn man von den Polen absah, die für diesen Posten ausschieden. Es war also jetzt meine Aufgabe, dem Oberleutnant bei seinen täglichen, kurzen Besuchen zu melden, wieviel Gefangene wir in der Zelle waren. Außerdem bestimmte ich jetzt an Stelle von Röẞler abends die Reihenfolge, in der wir uns zum Schlafen nebeneinander legten; und morgens sorgte ich dafür, daß jeweils ein anderer den Fußboden kehrte und aufwischte. Meist übernahm diese Arbeit allerdings der aufmerksame junge Pole, der wegen Zuckerdiebstahl eingesperrt war, freiwillig, besonders für die, bei welchen ab und zu etwas zu Essen abfiel. Weder Jentsch noch ich haben es je selbst gemacht. 7 Nur vierzehn Tage 97 97 EIN LÄSTIGER GESELLE UND NOCH ANDERE NEUE Im Laufe jenes Mittwoch Nachmittag wurden noch einige Neue in unsere Zelle eingeliefert. Es war fast immer reizvoll, mit den Neuen ein Gespräch zu beginnen und sie auszuforschen. An Abwechslung und Unterhaltung fehlte es also nach wie vor nicht in unserer Zelle. Gegen Abend kam aber einer, der mehr sprach, als uns allen lieb war. Ihn brauchte man nicht erst mehr oder weniger vorsichtig zu fragen, warum er in das Gefängnis gekommen war. Er kam mit den Worten herein:„, Guten Abend, da bin ich wieder." Es war ein flott gekleideter, lebhafter Mann von etwa dreißig Jahren. Während er ein Bündel guter Wäsche, das er beim Eintreten unter den Arm geklemmt trug, auf dem Tisch auseinanderrollte, als sei er hier heimisch, begann sein Mundwerk zu sprudeln und es sollte so bald nicht wieder aufhören. - - Er war bereits kürzlich in dieser Zelle hier gewesen. Der Pole, der nun bald schon drei Wochen hier war, kannte ihn noch. Jetzt kam der Neue Dreher sei hier sein Name vom Untersuchungsgefängnis zurück. Am Tage vorher hatte er in einer öffentlichen Gerichtsverhandlung auf der Anklagebank gesessen, worüber auch die Tageszeitungen berichtet hatten. Er hatte beim Schlangestehen mit einer Frau Streit bekommen und sie dabei ins Gesicht geschlagen. Seinem Mundwerk gelang es vor Gericht, das Mitleid der Frau mit seinem verpfuschten Leben hervorzurufen. Als er sie mit viel Worten um Verzeihung bat, nahm sie die Klage zurück. Doch es schwebte noch eine andere Sache gegen ihn: Beleidigung eines Kriminalbeamten. Bei seiner Verhaftung hatte er auffallend viel Lebensmittelmarken bei sich, die er sich vom Munde abgespart haben wollte. Die Marken wurden beschlagnahmt. Den betreffenden Beamten hatte Dreher schriftlich der Unterschlagung seiner Lebensmittelmarken bezichtigt. Jetzt sollte er sich in dieser Sache verantworten und nachweisen, woher er die Marken hatte. Doch damit bei weitem nicht genug. Ohne Unterbrechung erzählte er uns mit unglaublicher Redegewandtheit und Ausdauer von allen seinen sechsundzwanzig Vorstrafen: Schwindeleien, Urkundenfälschungen, Schiebungen, Preisvergehen und ähnliche„ Kleinigkeiten", deretwegen man ihn schon ins Zuchthaus und auch in das berüchtigte Moor geschickt hatte. Er ging also durch alle Schulen. Mit seinem großen Wortschwall suchte er aber sich 98 und uns einzureden, daß es eigentlich alles Irrtümer der Justiz waren, wie er sich besonders vor mir bemühte, der seiner Kleidung entsprechende feine Mann zu sein. Ein gewohnheitsmäßiger Schwindler und gefährlicher Hochstapler! - Ausführlich erzählte er uns dann, wie er vor dem Kriege die Polizei, die nach ihm fahndete, fast ein ganzes Jahr lang an der Nase herumgeführt hatte; immer, wenn sie ihn fassen wollte, war er verschwunden. Als Handelsvertreter, der irgendwelche Waren an Lebensmittelgeschäfte auf eigene Rechnung verkaufte, fuhr er damals mit seinem Kraftfahrzeug von Ort zu Ort in ganz Deutschland umher, wobei er sich in den Hotels mit falschem Namen einschrieb. Wenn sich gerade günstige Gelegenheit gab, hatte er auch den Anmeldezettel später mit raschem Griff wieder an sich genommen. Die Polizei tat alles, um ihn zu finden. Sie beobachtete seine Wohnung in Cannstatt, verhörte seine Freundin, mit der er immer wieder zusammenkam, suchte seinen Wagen festzuhalten, als sie erfahren hatte, daß er sich in einer Reparaturstätte befand. Doch immer, wenn sie den Vogel fassen wollte, war er davongeflogen. Das alles erzählte er uns mit sichtlicher Freude. Schließlich aber hat die Polizei ihn doch in die Finger bekommen. - Hätte der Mann sich mit dem Erzählen seiner eigenen Straftaten zufrieden gegeben, wäre es noch angegangen. Aber die Hoffnung, sein unermüdliches Mundwerk würde aus Mangel an Redestoff verstummen, erwies sich als trügerisch. Er berichtete anschließend ebenso lang und breit über Mitgefangene, die er in den verschiedenen Strafanstalten kennen gelernt hatte, erzählte, daß er einmal einige Wochen mit einem zum Tode Verurteilten in einer Zelle war und schilderte mit behaglicher Kleinmalerei die Qualen der Todesangst, die dieser arme Sünder durchgemacht hatte, wobei die Hälfte wohl von Dreher dazu erfunden war. Dann behauptete er, heute Morgen seien in Stuttgart achtunddreißig Menschen hingerichtet worden. Er habe von seiner Zelle aus gehört, wie sie geschrieen hätten und wie die Hinrichtungsmaschine gearbeitet habe, sozusagen am laufenden Band. Und er machte uns, wie ein Teufel, der Gefallen daran hat, das Geräusch vor, das er jedesmal vernommen haben wollte, bis der Kopf rollte. Ein ekelhafter Kerl! Die Polen, die von der Arbeit zurückkamen, kannten ihn auch bereits von früher. Sie machten gleich beim Eintreten hinter seinem Rücken den Mund weit auf und zu, um damit anzudeuten, daß er ein erbärmlicher Schwätzer und Großsprecher sei, was wir zu unserem Leidwesen bereits gemerkt hatten, 99 96 Erst als wir abends im Dunkeln wieder auf unseren Matratzen lagen und auch er endlich einschlafen mußte, verstummte sein Mundwerk. Wie es sich für einen so feinen Mann gehört, zog er einen eleganten Schlafanzug an und stellte damit unseren vornehmen Jentsch in den Schat- ten, der, wie wit, in seiner Unterkleidung schlief. Die Wanzen und Läuse werden allerdings vor Drehers Schlafanzug ebenso wenig Respekt gehabt haben, wie wir Mitgefangenen. Er beachtete auch nicht meinen Hinweis, daß er im Schlafanzug bei Fliegeralarm in Druck kommen werde, weil wir uns ja dann völlig im Dunkeln schnell anziehen müssen. Sogleich nach dem Wecken am nächsten Morgen setzte Dreher sein schreckliches Mundwerk wieder in Bewegung. Er hörte bis zum Abend nicht mehr auf. SO ging es auch die folgenden Tage. Zu meinem Unglück wählte dieser rücksichtslose Mensch mit Vorliebe mich als zuhörendes Opfer. Er setzte sich neben mich und sprach unablässig auf mich ein. Ich machte zunächst eine gleichgültige, später eine immer mehr abweisende Miene. Doch das störte ihn nicht im geringsten. Schließlich sprang ich mit deutlichem Unwillen hoch und ging auf und ab. Sofort stand er ebenfalls auf, ging dicht neben mir hin und her ohne in seinen Erzählungen auch nur einen Augenblick inne zu halten. Ich mußte hundert Einbruchsgeschichten mit allen schmutzigen Einzelheiten über mich ergehen lassen, von denen dieser Mensch irgend einmal gehört hatte. Dann berichtete er wieder von seinen Erlebnissen im Moor, von der Behandlung im Zuchthaus und von tausend anderen Sachen, wobei man nie wußte, wieviel davon wahr und wieviel er dazu geschwindelt hatte. Sein Redestoff war jedenfalls uner- schöpflich. Verärgert setzte ich mich schließlich wieder, nahm eine Zeitung zur Hand und stellte mich so, als ob ich läse. Doch der Mensch hatte kein Gefühl für andere; er sprach ungeniert weiter. Ich wurde deutlicher und sagte laut:„Wie wäre es, wenn wir jetzt alle miteinander eine Zeitlang still wären.“ Aber das war noch viel zu rücksichtsvoll für diesen Kerl. Er tat, als ob er meine Worte überhaupt nicht gehört habe. Man muß ihm grob und deutlich kommen, dachte ich hierauf.„Jetzt halten Sie doch endlich einmal Ihren Schnabel; Sie sehen doch, daß alle an- deren lesen oder Schachspielen und auf Ihr Gerede längst nicht mehr hören.“ Zornig hatte ich ihm das ins Gesicht geschrieen. Sichtbar war er darüber verdutzt und er schwieg wirklich ein paar Minuten. Doch dann 100 - ging es von neuem los, ohne daß er über meine Bemerkung beleidigt war. Nein, es war unmöglich, diesen Menschen zum Schweigen zu bringen. Wahrscheinlich hätte nicht einmal rohe Gewalt auf die Dauer geholfen. Das hatte ich noch nicht erlebt. Rettungslos waren wir ihm ausgeliefert. Eine erhebliche Strafverschärfung. Es war, wie wenn man gezwungen wäre, einen endlosen Film mit immer neuen, zusammenhanglosen Handlungen ohne Unterbrechung anzusehen, stundenlang, tagelang. Zuerst fesselt es noch einigermaßen, dann bekommt man Kopfschmerzen, möchte wegsehen, davonlaufen und kann nicht. - Es blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als mich in einer Ecke auf den Fußboden zu setzen und beide Ohren mit den Händen fest und deutlich zuzuhalten. Bei diesem kräftigen pausenlosen Redeschwall kam der zartbesaitete Jentsch naturgemäß von Anfang an mit seinem Lamentieren ins Hintertreffen. Er saß die ganze Zeit über auf der Bank, legte seinen Kopf in der bei ihm bereits charakteristisch gewordenen Art auf den Tisch, einen Arm als Unterlage benutzend, und weinte still vor sich hin. Sein eigener Jammer verschloß ihn so wenigstens vor Drehers Geschwätz. Dieser arme Jentsch war nun auch schon bereits vier Tage bei uns, ohne daß jemand von der Gestapo nach ihm gefragt hatte. Wir schrieben Donnerstag, den 25. November. Acht Tage waren es jetzt, daß B. mich in Magstadt geholt hatte. Schnell war diese Woche vergangen. Und doch, so mußte ich denken, was habe ich in dieser Woche nicht alles erlebt! - Am schlimmsten ist es natürlich für die Frau daheim. Wahrscheinlich wird sie in ihrem Jammer und ihrer Aufregung von Pontius zu Pilatus laufen, sich an alle in Betracht kommenden Stellen wenden, damit ich frei komme. Hat natürlich alles keinen Wert. Wer setzt sich draußen schon für mich ein, da ich kein Parteimitglied bin und mit meiner Familie immer still für mich gelebt habe. Und wenn einer schon wollte, die Gestapo läßt sich in ihren Maßnahmen von niemand draußen hineinreden. Die einzige Hoffnung bleibt Sch. Auch von B. habe ich ja nun das sichere Gefühl, daß er mir gewogen ist. Aber entscheiden können sie beide über meinen Fall nicht, dazu sind sie zu kleine Beamte. Gott weiß, wer sich noch alles mit meinen Akten beschäftigen wird. Es braucht unter diesen Herren nur so ein hochnäsiger ehemaliger Offizier zu sein, der sich mit meiner verächtlichen Bemerkung über die Kommißköpfe persönlich gekränkt fühlt, so daß er sagt, 101 dem Mann müssen seine Gedanken und die Lust, derartiges niederzuschrei- ben, gründlich ausgetrieben werden. Dann können Frau und Kinder lange warten, bis ich wieder heimkomme. Morgen ist unser Hochzeitstag. Den hatte sich meine Frau wohl auch anders vorgestellt. So wird sie sich damit begnügen müssen, mir wieder einiges zu bringen. Sprechen wird sie mich wohl kaum dürfen nach allem, was ich hier gehört habe.— Solche Gedanken beschäftigten mich an jenem Donnerstag. Am Nach- mittag kamen noch einige Zugänge. Wir waren an jenem Abend achtzehn Mann, die Höchstzahl bis jetzt. Nachts lagen wir eng aneinander wie die Heringe. Die Matratzen und Decken reichten schon längst nicht mehr für alle. Einige von den Zuletztgekommenen mußten sich auf den blanken Fuß- boden legen und mit dem Mantel zudecken, sofern sie einen hatten. Von den Neulingen, die teils an jenem Donnerstag, teils am folgenden Tag ge- bracht wurden, seien hier drei näher beschrieben: Zunächst der junge Mann, der verlegen und beschämt an der Tür stehen blieb, Tränen in den Augen. Sofort ging das neugierige Fragen los:„Poli- tisch?“— Er schüttelte kaum merkbar den Kopf.—„Arbeitsverweigerung?“ — Die gleiche Verneinung. Weitere Fragen beantwortete er überhaupt nicht. Teilnahmslos blickte er mit nassen Augen vor sich hin. Aber Dreher war nicht der Mann, locker zu lassen. Gleich einem gewiegten Unter- suchungsrichter gab er seinen Fragen immer wieder andere Wendungen, bis der Neue seinem lästigen Drängen nicht länger widerstehen konnte. Wir erfuhren schließlich, daß er als Angestellter bei der Bahnpost aus einem Feldpostpäckchen zwei Zigarren gestohlen hatte. Er wurde beobachtet und sofort verhaftet.—„Zuchthaus!“, sagte Dreher, der gefühllose Mensch hierauf. Sichtlich zuckte der Missetäter zusammen. Um ihn zu trösten, widersprach ich entschieden. Doch Dreher legte mit seinem überlegenen Mundwerk dar, daß es auf Diebstahl aus Feldpostpäckchen, noch dazu von einem Bahnangestellten, nur Zuchthaus gibt.„Wenn er es schon mehrmals getan hat, rollt der Kopf“, fügte er in grausamer Weise hinzu. Wir erfuhren dann noch, daß der arme Sünder Familienvater ist und zwei Kinder hat. Nach seinem Eindruck und seinen Worten konnte man ihm glauben, daß er tatsächlich beim ersten schüchternen Diebstahlversuch sofort gefaßt worden ist. Bemitleidenswert. Vielleicht ist er leidenschaft- ‚licher Raucher und hat längere Zeit keine Rauchwaren bekommen, so daß 102 er der Lockung einer besonders günstigen Gelegenheit nicht widerstehen konnte. Gewiß mildernde Umstände. Aber wo sollen wir bei den gerade in letzter Zeit überhandnehmenden Diebstählen von Bahn- und Postsendungen hinkommen, wenn die Polizei nicht scharf und hart zufaẞt? Möge er einen Richter finden, der bei seinem Urteil menschliches Mitgefühl und die Belange des Staates weise gegeneinander abwägt. - Ganz anders stand es mit einem anderen Neuling unter den Gefangenen, einem Alten, der noch am Donnerstag Nachmittag zu uns kam. Das war wieder ein interessanter Fall für den Seelenforscher, vielleicht auch für den Arzt, denn körperlich krank war dieser Mensch obendrein, das sah man gleich beim Eintreten an seinem leidenden Gesichtsausdruck, seiner gekrümmten Haltung und seinem schleppenden Gang. Er mochte zwischen sechzig und siebzig Jahre alt sein. Wie ein typischer Bettel- und Schnapsbruder sah er aus mit seinem abgetragenen, schmutzigen schwarzen Mantel, dem ungepflegten Gesicht und dem mitleiderregenden Blick. So zogen sie in meiner Jugendzeit als arme Reisende bettelnd von Tür zu Tür. In der Tat, es ergab sich aus seinen Erzählungen, daß er ein vollendeter Landstreicher war, einer der letzten seiner Art, denn der neue Staat hat ja gründlich damit aufgeräumt. Jahr für Jahr, sein ganzes Leben lang, ist dieser Mensch bettelnd umhergewandert, hauptsächlich in Süddeutschland. Nach Arbeit wird er sich nie gedrängt haben. Und wenn ihn auf seinen Wegen der liebe Gott zufällig in ein unbewachtes Gehöft geführt hat, oder wenn er einen unverschlossenen Keller antraf, dann wird er wahrscheinlich ohne sonderliche Hemmungen an sich genommen haben, was sich ihm gerade an Geld, Eßwaren und anderen Sachen bot. Über zwanzig Vorstrafen zählte sein Register, wie er uns freimütig sagte. Manche weitere Missetat wird der Polizei entgangen sein. So manches Gefängnis kannte der Alte von innen. Auch im Zuchthaus in Ludwigsburg war er schon gewesen. Ein Gewaltverbrecher war er aber noch weniger als mancher andere hier; das merkte man. Er hatte im Gegenteil etwas Gemütliches an sich, eine Art philosophische Abgeklärtheit und kindliche Ergebenheit in sein Schicksal, wie es solchen berufsmäßigen Landstreichern manchmal eigen ist. Die Art, wie er sprach, machte ihn weiterhin sympathisch, wenn dieser Ausdruck bei einem solchen nichtsnutzigen Menschen gestattet ist. Man hörte ihm viel lieber zu, als Dreher, dem seichten Vielschwätzer, obwohl 103 der Alte wegen seines körperlichen Leidens nur mit schwacher Stimme erzählen konnte, wobei er obendrein noch oft stocken mußte. Auch Schachspielen konnte er überraschend gut, wie wir später feststellten. Er war überhaupt geistig erstaunlich rege. Seinen Lebensunterhalt wollte er durch Sammeln und Handeln von Briefmarken verdient haben. Er behauptete, eine Sammlung von einigen Tausend Mark Wert zu besitzen und vom Briefmarkenverkauf gut leben zu können. Aber man durfte ihm wohl nicht alles glauben. Sicher war jedenfalls, daß er keinen festen Wohnsitz und keine Angehörigen mehr hatte.„ Meinem Sohn ist es gut gegangen: er ist in Rußland gefallen", sagte er und zeigte dabei keinerlei Kummer. Eigenartig war die Geschichte, die er uns erzählte, weshalb er wieder ins Gefängnis gekommen war. Sie mag glauben, wer will: Er habe ein Huhn gejagt, nur, um es in seinen Hof zurückzuführen. Dabei sei das verängstigte Tier in einem Zaun hängen geblieben und habe vor Schreck das Leben aufgegeben. Ihm sei nun zur Last gelegt worden, er habe das Huhn absichtlich getötet, um es zu stehlen. Die gerichtsärztliche Untersuchung habe jedoch einwandfrei ergeben, daß das Huhn allein durch den Schreck draufgegangen sei, so daß ihm keinerlei Schuld zugesprochen werden könne. Nun, man hat ihn trotzdem eingesperrt. - Aus seinem Landstreicherleben wußte der Alte noch manches Ergötzliche zu berichten. Einmal in Freiburg i. Br. war er, wahrscheinlich bettelnd, in eine Ärzte- Versammlung geraten. Die medizinischen Geistesleuchten irgend eines Kongresses saßen nach getaner Arbeit beim Wein und waren gut aufgelegt. So machten sie ihren Ulk mit dem Landstreicher. Vielleicht hatte einer entdeckt, daß der Alte mit seiner hohen Stirn, dem klugen Gesicht und den grauen Haaren in diesem Kreise garnicht so unpassend ausgesehen hätte, wenn er nur entsprechend gut gekleidet gewesen wäre; jedenfalls behandelten sie ihn, als sei er auch ein Professor, der in diese Versammlung gehöre, forderten ihn auf, sich unter sie zu setzen und ließen ihn vor allem tüchtig Wein trinken, erfreut und belustigt über die Abwechslung und die ungewöhnliche Unterhaltung mit dem trink- und redseligen Alten. ,, Ich bin den Herren keine Antwort schuldig geblieben und habe ihnen gezeigt, daß ich auch viel von Medizin verstehe." So sagte er uns selbstbewußt. Dabei leuchteten seine Augen noch jetzt in der Erinnerung voll Freude auf. Die meiste Zeit aber war es hier in der Zelle ein großer Jammer mit ihm. Gleich am ersten Nachmittag begann sein Elend: er bekam einen kolikarti104 gen Anfall, anscheinend im Magen, krümmte sich vor Schmerzen, wälzte sich am Boden, bis er sich schließlich unter Stöhnen erbrechen mußte, wobei es ihm nicht mehr gelang, den Kübel zu erreichen. Und das in einer schlecht gelüfteten kleinen Zelle mit soviel Menschen! Kein Zweifel, der Mann war schwerkrank, vielleicht sogar totkrank. Gleich zu Beginn des Anfalls hatte ich auf den Signalknopf an der Tür gedrückt, den man in solchen Notfällen betätigen darf. Es dauerte lange, der Anfall war schon vorüber, bis sich ein Wachtmeister sehen ließ. Ungehalten über die Belästigung fragte er kurz, während er die Tür nur ein wenig öffnete, was es gäbe. Ich berichtete von dem Anfall und sagte, daß der Kranke dringend einen Arzt brauche.- ,, Der kommt morgen sowieso zum Arzt", entgegnete der. Beamte brummend und verärgert über meine Zumutung. Und schon hatte er die Tür wieder zugeschlagen. Bis morgen kann der Mann in unserer Zelle gestorben sein. Doch was kümmert das die Polizei? Mitgefühl, Kultur, Zivilisation, das alles darf hier fehlen, wenn man nur stramme Beamte hat, die militärisches Pflichtbewußtsein in den Knochen haben, peinlich auf Ordnung sehen und ihre Vorschriften genau einhalten wie ein Automat, dann ist man zufrieden. Herz? Seele? Das sind bei diesen Menschen lächerliche und veraltete Begriffe, mit denen sich allenfalls weltfremde Dichter und fromme Weiblein noch befassen. - Der totkranke Alte wurde richtig am anderen Morgen zum Arzt gebracht. Da er sich kaum aufrecht halten konnte, rechnete ich nicht damit, daß er in unsere Zelle zurückkommen würde. Es muß ja irgend eine Stelle geben, wo man so schwerkranke Gefangene unterbringt und behandelt, eine Sonderabteilung in irgend einem städtischen Krankenhaus. Doch für unseren Alten war dort wohl kein Platz. Mit dem Mittagtransport kam er wieder zu uns. Er berichtete, daß der SS- Arzt zu ihm nichts über seine Krankheit gesagt habe. Es sei noch ein anderer Herr dabei gewesen. Der hätte ihn über sein ganzes Leben ausgefragt und alles aufgeschrieben, hauptsächlich, daß er schon einmal eine Zeitlang als Geisteskranker in einer Irrenanstalt war. Jener Herr, so berichtete der Alte weiter, sei freundlich zu ihm gewesen und habe am Schluß gesagt, er käme nach Dachau in eine Sonderabteilung für alte Leute, die nicht mehr arbeiten könnten. Dort habe er es gut. Zuvor allerdings müsse er in unserem Gefängnis aushalten. 105 „Wissen Sie, ich glaube das auch“, sagte der Alte am Schluß zu mir, und in seinen Augen war ein Schimmer von Freude und Hoffnung zu sehen. „Diesmal haben sie nicht, wie sonst, von meinen Vorstrafen wissen wollen, sondern nur von meinen Krankheiten.“ Der gute Alte stellte sich tatsächlich in Dachau so etwas wie ein geruh- sames Altersheim vor. Er hatte noch eine sehr gute Meinung von dem gegenwärtigen Staat. Es gelang mir, rechtzeitig dem geschwätzigen Dreher zuzuflüstern, er möge ja nicht so grausam sein und diesem armen Tropf die Augen öffnen. Wir selbst waren uns darüber klar, welches Schicksal ihn in Dachau erwartete: es ging durch den Kamin, wie sich Lammer, der ehe- malige Fabrikant aus Pf. mit schmerzendem Humor über seine Zukunft aus- drückte. Die Umstände, daß der Mann schon einmal in einer Irrenanstalt war und daß seine Akten zur Genehmigung nach Berlin geschickt wurden, sprachen deutlich dafür. ‚ Drei Wochen dauert es regelmäßig, bis der Bescheid von Berlin zurück- kommt, hatte man mir berichtet. Solange also muß dieser Schwerkranke hier aushalten. Vielleicht gibt es diesmal in Berlin auch noch Verzögerung, denn Tag und Nacht sind jetzt dort schwere Fliegerangriffe. Da der Alte, wie er sagte, nicht einen Angehörigen mehr hat und heute wohl kaum mehr am Leben sein wird, ‚trage ich auch bei ihm keine Be- denken, hier seinen richtigen Namen zu nennen: er heißt Kübler und stammt aus Leutkirch. Vielleicht hat ihn dieser und jener, der meinen Bericht liest, gekannt und nimmt nun Anteil an seinem Geschick. Wie vor acht Tagen bei dem. schwindsüchtigen Lammer, so mußte ich auch jetzt wieder in mir verarbeiten, was diesem Menschen, der da vor mir saß, bestimmt ist. Bei Lammer war es furchtbarer: er wußte, was ihm be- vorstand, dachte an Frau und Kinder daheim, wie sie um ihn bangten, und er war, von seiner körperlichen Krankheit abgesehen, ein hochwertiger Mensch, der sich nur politisch mißliebig gemacht hatte. Hier dieser Alte war unbestreitbar asozial. Niemand wird ihn vermissen, wenn er nicht mehr lebt, kein Mensch um ihn trauern. So hatte er auch keinerlei Aussicht, in dieser Zeit, wo in Deutschland überall Kriegsnot und Elend, Hunger und Mangel war, irgendwo die Pflege zu finden, die er brauchte, um vielleicht wieder einigermaßen gesund zu werden. Viele Men- schen werden es deshalb billigen, wenn man ihm bald einen schmerzlosen Tod gibt, ohne daß er davon weiß, und ihn so von seinem Jammerdasein 106 erlöst. Eine schwere Gewissensfrage bleibt eine solche Tat freilich immer für den betreffenden Arzt. Bekanntgeworden ist die Antwort, mit der sich Desgenettes in Syrien dem Befehl Napoleons widersetzte, den zurückgelassenen Pestkranken Opium zu geben, damit sie nicht in die Hände der grausamen Türken fielen:„ Mein Handwerk ist es, die Menschen zu heilen, nicht sie zu töten." Mit der christlichen Anschauung steht es auf jeden Fall im Widerspruch, einem Menschen bewußt das Leben zu nehmen. Aber dieser ganze Krieg ist ja eine höchst unchristliche Sache. Und was fragte der Staat Adolf Hitlers schon viel danach, ob ein Arzt oder Beamter religiöse Hemmungen hat? Weder christlich noch menschlich war aber vor allem die grausame Handlungsweise, den Alten hier in dieser erbärmlichen Zelle mitleidlos mit seiner schweren Krankheit sich selbst zu überlassen, bis er nach Dachau überführt werden konnte. Keine schmerzlindernden Tabletten noch sonst irgend ein Medikament hatte man für ihn. Regelmäßig bekam er nachmittags seine Kolikanfälle, so daß man jedesmal, wenn er sich vor Schmerzen am Boden wälzte und krümmte, meinte, es sei das Ende; der Tod würde von selbst kommen und den Herren weitere Bemühungen abnehmen. Immer jedoch richtete sich der Alte am Schluß wieder auf, meist, nachdem er unter Stöhnen den Inhalt seines Magens von sich gegeben hatte. Auch nachts war er eine Plage für uns. Oft mußte er aufstehen und er schleppte sich dann im Dunkeln mühselig in die Ecke zum Kübel. Er selbst hatte Wert darauf gelegt, daß sein Liegeplatz in unmittelbarer Nähe davon war. Trotzdem bedeutete der Gang dorthin jedesmal eine Qual für ihn, wie für die, die bei seinem Gehen, Tasten und Stöhnen aufwachten. EIN BIBELFORSCHER Der letzte von den drei neu hinzugekommenen Gefangenen, den ich hier für erwähnenswert halte, war im Gegensatz zu dem kranken Alten ein junger, frischer und gesunder Mensch. Keineswegs betrübt über seine Gefangenschaft erzählte er freimütig, er gehöre zur Organisation der Bibel107 forscher und habe aus innerer Überzeugung den Eid auf Adolf Hitler verweigert. Er hieß Stark und stammte aus Ulm. Was ihm bevorstand, wußte er gut: Welzheim, Konzentrationslager. So mancher seiner Glaubensgenossen saß bereits dort. Wie er sagte, standen seine Angehörigen in geheimer Verbindung mit ihnen. Bis in alle Einzelheiten war er über die Behandlung dort unterrichtet. Beim Reichsarbeitsdienst hatte man ihn zunächst eingesperrt und durch andere Maßnahmen immer wieder zum Eid pressen wollen. Da er jedoch standhaft blieb, hat man ihn endlich der Gestapo zur weiteren Behandlung übergeben. Wie genau er sich auskannte, das zeigten uns die Worte, mit denen er uns aufklärte:„ Wenn ich bereits Soldat wäre und würde den Eid verweigern, wäre mir Todesstrafe ziemlich sicher. So aber gibt es nur KZ." Nur KZ., sagte er. Dabei wußte er genau, daß der Aufenthalt in diesem gefürchteten Lager Jahre dauern kann, ja, daß bei einem für uns siegreichen Ausgang des Krieges seine Zukunft hoffnungslos ist. Frohgemut, fast lächelnd, blickte er trotz allem um sich. So furchtlos mit überlegener Seelenkraft mögen im alten Rom die gemarterten Christen, die sich nicht zur herrschenden Staatsreligion bekennen wollten, auf ihre Peiniger geblickt haben. Es ist immer eine faule Sache, Menschen wegen ihres Glaubens zu verfolgen, mag dieser Glaube nun sein, wie er will; man schafft nur Märtyrer. Dieser standhafte junge Mann hier wird bei seinen Glaubensgenossen ein Kämpfer und Held sein, nicht anders, als es bei der Waffen- SS ein draufgängerischer, todesmutiger Krieger ist. Und mir scheint, es gehört zumindest ebenso viel Mut und fanatischer Glaube an das Gute und Heilige seiner Sache dazu, angesichts der furchtbaren Strafandrohungen den Eid auf Adolf Hitler zu verweigern, wie im Kugelregen gegen einen übermächtigen Feind vorzugehen. Nur kleine, auf eine bestimmte Gedankenrichtung eingestellte Geister, können leugnen, daß dieser junge Bibelforscher menschliche Größe zeigte, die Verehrung und Bewunderung verdient, wie alles, wo ein Mann unerschrocken an seiner Sache festhält, von der er glaubt, daß sie heilig und gerecht ist. Einen guten Eindruck machte es auch auf mich, daß sich Stark gleich am ersten Abend von sich aus bereit erklärte, die Nacht sitzend auf dem Stuhl zu verbringen, um den anderen bessere Liegemöglichkeit zu verschaffen. 108 Propaganda für den Glauben und die Sache dieser Bibelforscher machte Stark nicht. Wir erfuhren also nichts über Wesen und Treiben dieser Leute. Ich legte auch keinen Wert darauf. Mich interessierte hier nur der Mensch und was mit ihm geschah, nicht die Sache, für die er eintrat. Auf meine Frage nach dem Namen des Gestapo-Beamten, der seinen Fall bearbeitet, konnte er leider keine Auskunft geben. Er war bisher dort nur kurz vernommmen worden; auch pflegen sich ja die Herren drüben bei der Gestapo den Verhafteten nicht vorzustellen. Mich interessierte begreif- licherweise, ob Sch., mein Bekannter, diese Sache in Händen hat; ich ver- mutete es, da er mir erzählt hatte, daß ihm die Bibelforscher zugewiesen werden. Am nächsten Morgen wurde Stark zu einer neuen Vernehmung zur Gestapo gebracht. Als er mittags zurückkam, konnte er mir bestätigen, daß meine Vermutung zutrifft: der Mann, der ihm dort gegenüber saß und der ihn in der bekannten Weise ausfragte, war wirklich Sch. Es freute mich sehr, auch aus dem Munde dieses Bibelforschers ein günstiges Urteil über meinen Bekannten zu hören. Sch. sei bei allem berufsmäßigen Ernst und aller vorgeschriebenen Strenge durchaus anständig und korrekt zu ihm ge- wesen, wie ich es ja in meinem Falle auch von B. sagen kann.„Aber“, so fuhr Stark in seinem Bericht fort,„es kam dann bei meiner Vernehmung noch ein anderer Beamter hinzu, ein dicker, unsympathischer Mensch“, der habe ihn angeschrieen, er sei ein großer Vaterlandslump und das beste wäre, man würde ihn ohne langes Federlesen erschießen. Auch der Vater von Stark, dessen inzwischen erfolgte Verhaftung man dem jungen Menschen mitteilte, gehöre hingerichtet; überhaupt alle Bibelforscher. Aber auch damit ließ sich der junge Stark nicht einschüchtern. Man merkte ihm an: er war bereit, sich zum Märtyrer machen zu lassen und, wenn es sein mußte, für seinen Glauben in den Tod zu gehen. Gegen diese Menschen versagt Gewalt. MEINE FRAU DARF MICH SPRECHEN Unerwartet wurde ich am Freitag Nachmittag herausgerufen. Mit einem weiteren Lebensmittelpaket hatte ich an diesem Tag gerechnet, aber daß 109 meine Frau und ich uns sehen und sprechen durften, war eine freudige Überraschung an unserem Hochzeitstag. B. hatte meine Frau selbst von dem Gestapo- Gebäude herübergeführt. Der schwer vergitterte Nebenraum, in dem ich sie betrübt sitzend antraf, wirkte begreiflicherweise auf jeden Besucher deprimierend. So mußte ich sie mehr aufmuntern als sie mich. ,, Über die Sache selbst wird nicht gesprochen", sagte B. und ging hinaus. Es war sehr anständig von ihm, uns allein zu lassen. So konnte mir meine Frau alles zuflüstern, was sie drüben bei der Gestapo über meine Angelegenheit erfahren hatte und was ich von Magstadt wissen wollte. Sie bestätigte mir, daß Prof. K. am letzten Mittwoch entlassen worden sei. Allen im Ort sei es unerklärlich, warum man mich noch festhält, nachdem sich die Rundfunksache als haltlos erwiesen habe. Ich erhielt von meiner Frau vor allem auch die Gewißheit, daß eine Haussuchung bei uns nicht vorgenommen wurde. Alle meine Notizzettel und Manuskripte, die mir hätten gefährlich werden können, hatte sie auch sogleich aus dem Hause gebracht, als sie von meiner Verhaftung hörte. Das beruhigte mich sehr. Gott weiß, was mit mir geschehen wäre, wenn alle die Aufzeichnungen, die ich als Soldat gemacht hatte, und die kritischen Bemerkungen zu den Reden Adolf Hitlers in die Hände der Gestapo gefallen wären. Sonderbarerweise ist es B. nie eingefallen, mich auf Grund der in meiner Brieftasche gefundenen Zettel zu fragen, wozu ich diese Notizen gemacht habe und ob ich noch mehr solche Zettel besitze. Nun wird man nichts weiter finden und ich kann nur für die drei Aufzeichnungen bestraft werden, die sich jetzt bei den Akten befinden. Freilich, sie waren schon schlimm genug; das hatten B. und Sch. meiner Frau zu verstehen gegeben. Sie konnten meiner Frau noch nicht sagen, wie lange ich hier in diesem Gefängnis bleiben werde und ob es zu einer Verhandlung vor dem Sondergericht kommt. B. hatte ihr nur vorsichtig angedeutet, daß mit meiner baldigen Freilassung kaum zu rechnen sei. Nun, den Kopf kostet es nicht. Wahrscheinlich wird es überhaupt nicht so schlimm werden. Die drei Herren, Sch., B. und auch J., der Kollege von B. werden jedenfalls alles tun, um die Sache abzuschwächen; dieses tröstliche Gefühl hat auch meine Frau auf Grund ihrer Unterredungen mit ihnen bekommen. Die Hauptsache war ja schließlich, daß ich vor meinem Gewissen verant110 worten kann, was ich getan habe. Mag man mich hier auch wie einen gemeinen Verbrecher behandeln, mögen in Magstadt lieblose Kinder zu unseren Buben sagen:„ Euer Vater sitzt im Gefängnis", mag mit mir in dieser Sache auch geschehen, was will, es wird mir vor allen rechtlich empfindenden Menschen doch keine Schande bringen. Das sagte ich meiner Frau und ich erzählte ihr von dem jungen Familienvater, der wegen Diebstahl aus einem Feldpostpäckchen hart bestraft werden wird und von dem erbärmlichen Schicksal einiger anderer Zellengenossen, so daß unser eigenes Los dagegen klein und unbedeutend erschien. Interessant war es für mich auch, von meiner Frau zu erfahren, daß sie bei ihrem ersten Besuch im Gefängnis ein Buch für mich abgeben wollte, von dem sie annahm, daß es mich ablenkt und unterhält: Gregorovius, Wanderjahre in Italien. Der Wachtmeister habe das Buch jedoch nicht angenommen. Vielleicht, so bemerkte ich, war ihm der Verfassername zu fremdländisch und der Titel politisch verdächtig. Eine Lebensbeschreibung von Heinrich Heine erschien dem unwissenden Beamten sicherlich einwandfreier. Etwa eine halbe Stunde saßen wir so ungestört beisammen, dann kam B. zurück und mahnte zum Abschluß. - Doch jetzt kündigte mir meine Frau noch eine Überraschung an. Nein, ich will es hier nicht verschweigen; auch das verdient festgehalten zu werden: Unten wartete noch jemand, um mich zu besuchen, so bald meine Frau wieder herunterkam: ein junges Mädel, Arbeitskameradin und langjährige Schreibhilfe von mir. Sie benutzte einige Sachen, die im Geschäft bei meiner Verhaftung unerledigt liegen geblieben waren, als Vorwand, mich besuchen zu dürfen. In Wirklichkeit ging es ihr darum, mir zu beweisen, daß sie und einige andere Arbeitskameraden unbeirrt hinter mir stehen. Einige überkluge und übervorsichtige Herren im Geschäft hatten sie zwar vor diesem Besuch gewarnt, wie ich später erfuhr: Man wisse ja nicht, was gegen mich alles vorläge und leicht könne man sich damit selbst verdächtig machen. Der Ortsgruppenleiter sei auch nicht gut auf mich zu sprechen. Allen solchen Ratschlägen und Bedenken zum Trotz kam sie aber mutig mit dem Parteiabzeichen am Mantel zu mir, dem politischen Verbrecher. Sie war eine Nationalsozialistin, die es ernst nahm und fest an Hitler und Deutschlands Sieg glaubte. Ein Charakter, den man auch dann hochachtet, wenn er im anderen Lager steht. Meine entgegengesetzte politische Einstel111 lung kannte sie aus zahlreichen Gesprächen, denn ihr gegenüber hatte ich immer offen sein dürfen. Ich wußte, daß sie meine Ansicht ebenso als Überzeugung achtete, wie ich die ihre, wenn sie mir auch niemals zustimmen konnte. Oft mag es ihr weh getan haben, wenn ich ihr sagte, welche verderbliche Gefahr ich in Adolf Hitler wie im ganzen gewalttätigen Nationalsozialismus für unser deutsches Vaterland erblicke, aber sie war trotz ihrer Jugend innerlich groß genug, mich als Mensch nicht geringer zu schätzen oder gar zu verraten, wie umgekehrt auch sie mit ihrer von glühendem Idealismus getragenen Liebe zu Hitler bei mir nicht verlor. Dem Gespräch mit ihr im Gefängnis, das sich zum Teil um geschäftliche Dinge drehte, wohnte B. von Anfang bis Ende bei. Wie ich später noch erfuhr, hatte diese Besucherin vorher in einer längeren Besprechung mit B. ohne Rücksicht darauf, daß sie als junges Mädel leicht in einen falschen Verdacht kommen könnte, sich in einer Weise für mich eingesetzt und in ihrem Eifer, mich zu retten, die Meinung, die man im Geschäft und im Ort als Mensch von mir habe, so übertrieben gut hingestellt, daß B. im Stillen wohl erst recht bedauerte, mich nicht sofort entlassen zu können. - EIN FLIEGERANGRIFF AUF STUTTGART Wie bei dem Alarm vor etwa einer Woche waren wir auch am Abend jenes Freitag, den 26. November 1943, gerade beim Einschlafen, als Alarm gegeben wurde. Einige von uns schliefen wohl schon. Diesmal lagen wir Achtzehn in quetschender Enge nebeneinander, darunter einige Neulinge; das letzte Mal waren wir nur halb so viel. Es gab deshalb heute ein böses Gewühle im Dunkeln, bis alle ihre Sachen gefunden und angezogen hatten. Hüte, Schuhe und andere Kleidungsstücke wurden in nervöser Hast zuerst verwechselt. Man konnte sich ja nur durch Tasten und Anprobieren überzeugen, ob es die eigenen Sachen waren. Dreher in seinem Schlafanzug kam besonders in Schwierigkeiten, wie vorauszusehen war. Mit seinem aufgeregten Umherschreien verwirrte er die anderen noch mehr. Einige, darunter auch er selbst, waren deshalb erst halb angezogen, als es mit Eile hinaus und hinab in den Keller ging. 112 Unglücklicherweise hatte an diesem Abend wieder O., der unmenschlichste von den Polizeimännern Dienst. Der Vergleich mit einer Hyäne ist berechtigt. Ich stellte es immer wieder fest. Wenn einen dieser Kerl mit seinen ewig zornig funkelnden Augen ansah und die Hand mit dem Schlüsselbund drohend zum Schlagen erhob, dann war es nicht viel anders, als wenn man wehr- und hilflos vor einer Bestie steht, die im nächsten Augenblick über einen herfallen kann. Einige Zellengenossen hatten mich gleich am Anfang auf Grund ihrer Erfahrungen in Gefängnissen und Zuchthäusern darüber belehrt, daß der Gefangene, wenn er geschlagen wird, nicht die leiseste Abwehrbewegung mit der Hand machen darf. Das könne nämlich der Beamte als tätlichen Widerstand auslegen, und dann sei man erledigt. Im besten Falle würde man gefesselt und halbtot geprügelt; der Beamte könne einen unter diesen Umständen aber auch sofort niederschießen wie bei einem Fluchtversuch. Man ist also einem solchen Rohling hilflos. ausgeliefert. In der Tat erlebten wir es dann im Keller, wie er gar nicht weit von uns ein junges Mädchen mit dem Schlüsselbund in Gesicht und Nacken schlug, daß das Klatschen und Schreien durch das ganze Kellergewölbe hallte. Vorsichtig drehten wir die Köpfe zur Seite und blickten verstohlen dorthin; richtig hinzusehen wagten wir nicht; wir mußten ja in langen Reihen mit dem Gesicht gegen die Stirnwand der Weinfässer stehen, wenn wir nicht auch die Schläge mit dem scharfkantigen, großen Schlüsselbund fühlen wollten. Aber wir hörten zu unserer hellen Freude und inneren Befriedigung, wie eine andere, mutige Gefangene dem Unmenschen laut und deutlich in das Gesicht sagte:„ Sie sollten sich schämen, eine wehrlose Frau so zu schlagen!" Überraschenderweise erwiderte er nichts und ging weiter; vielleicht haben ihn die Worte doch getroffen. Als er von unserer Nähe weg war, sah ich, wie eine von den Gefangenen, vermutlich jene, die dem Kerl unerschrocken ihre Meinung gesagt hatte, beide Fäuste erhob und halblaut ausrief: ,, O, wenn ich könnte, wie ich wollte!" Es war dramatisch, diese Frau in ihrem gerechten Zorn und in heiliger Empörung so dastehen zu sehen und diese Worte zu hören. So schreien bei einer Aufführung von Schillers Wilhelm Tell die geknechteten Schweizer ihre Qual zum Himmel und sehnen den Tag herbei, wo sie dem Fronvogt seine Schandtaten vergelten können. Und wenn schon im Theater die Herzen aller Zuschauer bei den 8 Nur vierzehn Tage 113 gepeinigten Schweizern sind, um wieviel mehr stimmten hier alle Gefangenen, die den Ausspruch hörten, jener Frau zu. Bald darauf fielen draußen Bomben. Wie wir später erfuhren, waren die Einschläge alle in größerer Entfernung. Aber hier in diesem mächtigen Kellergewölbe hallte es doch einigemal laut und schwer. Die Türen zitterten, noch mehr die Gefangenen. Es ging jedem an die Nerven, befürchten zu müssen, daß im nächsten Augenblick das gewaltige Gebäude über diesem Keller zusammenstürzt. Zweihundert Gefangene, vielleicht verschüttet, wo ohnehin kaum genügend Sauerstoff hereinkam man konnte bei diesem Gedanken schon eine Gänsehaut bekommen. Erst beim letzten Angriff sind ja in unmittelbarer Nähe einige große Gebäude völlig in Trümmer geschlagen worden. Diese Gegend war nun einmal wegen der Nähe des BoschWerkes besonders gefährdet. - Als draußen wieder eine Bombe dröhnte, war die Nervenbelastung für eine der Frauen zu groß: sie fiel ohnmächtig um. Andere schrieen auf. Man ließ sie liegen. Es kann auch sein, daß sie einen epileptischen Anfall bekommen hatte, denn ich sah später, daß sie mit den Gliedern zuckte. Vielleicht aber zitterte ihr ganzer Körper auch nur aus Angst. Längere Zeit meinen Kopf zur Seite zu drehen und genau hinzusehen, wagte ich nicht. O., der Gefürchtete, stand in der Nähe und paẞte auf wie ein Schießhund, daß sich keiner rührte. Um die am Boden liegende kümmerte er sich nicht weiter. Die Bomben- Einschläge hörten bald auf. Aber wir mußten noch lange in dieser qualvollen Weise in dem Keller stehen. Wie beim letzten Alarm Lammer, der Schwindsüchtige, so tat mir diesmal Kübler, der alte, kranke Landstreicher besonders leid. Er stand neben mir. Von Minute zu Minute wartete ich darauf, daß er vor Schwäche ebenfalls zusammensinke. Aber er hielt durch, bis uns das Entwarnungssignal erlöste. ICH MUSS ARBEITEN Am nächsten Morgen gab es eine neue Überraschung für mich: ich wurde mit den drei Polen, die täglich zur Arbeit ausrückten, herausgerufen. Zugleich holte man Gefangene aus anderen Zellen. Draußen im Flur hieß es wieder in der üblichen Weise, in zwei Gliedern antreten. Wir waren dreißig 114 Mann. Davon etwa vier oder fünf Deutsche, im übrigen wieder so ziemlich alle Nationalitäten Europas. Ja, sogar ein junger Deutsch-Amerikaner war darunter. Allerdings war bei ihm die Frage, ob deutscher oder amerikani- scher Staatsbürger noch nicht restlos geklärt: er war das uneheliche Kind eines Amerikaners, aber in Deutschland geboten. Seine Jugend hatte er bis kurz vor Kriegsausbruch. in Amerika verbracht. Über ihn mußten wir manches Mal belustigt lachen. Wenn ihn ein Polizei-Beamter grob anfuhr, verzog er wie ein echter Yankee die Mundwinkel und sagte:„I am ameri- can!“ Anschließend murmelte er dann jedesmal eine Drohung mit dem Schweizer Konsulat, das nach dem Abbruch unserer Beziehungen mit USA. die Belange der Amerikaner in Deutschland wahrnahm. Das wiederholte sich während der folgenden Tage mehrmals. Daß es Eindruck auf die Wachtmeister machte, konnte ich allerdings nicht beobachten.— Später einmal, als ich mit ihm näher ins Gespräch kam, sagte er mir, man müßte die Möglichkeit haben, hier einen Foto-Apparat einzuschmuggeln, um heim- lich dieses Gefängnis innen zu fotografieren. Taube, der ehemalige Genosse von Prof. K., den ich von der gemein- samen Fahrt zur Gestapo kannte, war auch mit herausgerufen worden. Er stand neben mir und flüsterte mir freudig zu:„Wir werden entlassen.“— Nein, so sah es mir nicht aus. Wir standen hier mit denen in Reih und Glied, die täglich zur Arbeit ausrückten. Alles sprach dafür, daß auch wir mit arbeiten mußten. Als bald darauf jedem ein Blechnapf und Eßlöffel in die Hand gedrückt wurde, schwand der letzte Zweifel. Vorn am Tor warteten sechs Wachposten auf uns. Sie trugen die Uniform der Hilfspolizei und hatten Gewehre. Gleichgültig und harmlos sahen sie aus, ganz anders, als die teuflischen Schlüsselrassler im Gefängnis. Auf ihren Gewehren saßen noch die Mündungsschoner— die erschießen also keinen, wenn er fliehen will, dachte ich bei mir. Und wie diese Männer ausahen, so waren sie auch. Das zeigte sich so- gleich, als sie den Gefangenenzug durch die Stadt führten. Mit erstaun- licher Nachsicht duldeten sie, daß die Gefangenen rechts und links aus der Reihe sprangen, um weggeworfene Zigarettenstummel aufzulesen. Manche Gefangene wagten es, schnell bis zum anderen Fußwege zu laufen, um einen zertretenen Stummel aufzuheben, ohne daß einer der Wachleute ernstlich dagegen einschritt. So gierig habe ich in meinem Leben Menschen nicht nach Brotresten langen sehen, wie diese Ausländer nach Tabak. 115 A Wir drei Deutsche, Taube, ferner der Mann, den seine Frau in das Gefängnis gebracht hatte und ich, wir bildeten die letzte Reihe dieses Gefangenenzuges. Für Taube als Stuttgarter Geschäftsmann, der dazu noch in der Nähe des Gefängnisses wohnte, war es besonders peinlich, so durch die belebten Straßen der Stadt geführt zu werden. Wir ließen ihn deshalb in der Mitte gehen. Ich mußte zwar auch damit rechnen, daß mich Bekannte in diesem Zug sahen, aber mir war es gleichgültig. Es sind von diesem Staat schon ganz andere Männer festgenommen worden als ich. Nicht wir müssen uns schämen, sondern diejenigen, die uns Verbrechern gleichstellen. Es dürfte wohl von allen Kulturstaaten einzig im neuen Deutschland vorkommen, daß bisher unbescholtene Bürger, die noch nicht einmal verurteilt sind, in einem Gefangenenzug am hellen Tag durch die Straßen geführt werden. An einer Straßenbahn- Haltestelle der Innenstadt mußten wir uns aufstellen. Nach Zuffenhausen ging es; das wußte ich von den drei Polen aus meiner Zelle. Die direkte Straßenbahn- Verbindung war durch Bombenschäden in der lezten Nacht gestört; wir mußten über Cannstatt umfahren und mehrmals umsteigen. Es machte bei dem starken Morgenverkehr den begleitenden Polizeileuten Schwierigkeiten, die vorderen Plattformen der verschiedenen Straßenbahnwagen für uns räumen zu lassen. Überall sahen wir teilnahmsvolle und mitleidige Blicke auf uns Gefangene gerichtet. Die bleichen, hungrigen und ungepflegten Gesichter und die dürftige und schmutzige Kleidung gaben inmitten der anderen Menschen einen besonders traurigen Anblick; und die uns begleitenden vielen Wachleute ließen leicht Schlimmes vermuten. Vor der Abfahrt in der Stadt war mit einigen weiteren Wachposten auch ein Vorgesetzter von ihnen zu uns gekommen, ein Zugwachtmeister. In Zuffenhausen, beim Weitermarsch zur Arbeitsstätte, fiel sein Blick auf uns drei Deutsche, die wir in der letzten Reihe gingen. Sofort kam er auf uns zu: ,, Sie sind heute auch zum ersten Male dabei", sagte er. Es klang auffallend freundlich, daß mir ordentlich wohl dabei wurde, denn seit der Erfahrung mit dem Oberleutnant drinnen im Gefängnis erwartete ich von solchen höheren Polizeimännern uns Gefangenen gegenüber kaum etwas anderes als kurzen Befehlston und kalte Gleichgültigkeit. Und bei seinen nächsten Worten entpuppte er sich völlig als Mensch: ,, Sie sind alle drei so gut angezogen. So kann ich Sie doch nicht arbeiten lassen. Es wäre ja schade um Ihre Kleidung." 116 55 Ich erklärte ihm, daß drinnen im Gefängnis niemand nach unserer Kleidung fragt. Ahnungslos seien wir heute Morgen herausgerufen und der Arbeitskolonne eingereiht worden. Wir werden überhaupt nur wegen geringfügiger politischer Sachen festgehalten", fügte ich am Schluß noch hinzu. ,, Das sieht man, daß Sie keine Verbrecher sind", antwortete er sogleich. Wir wollen mal sehen; es wird sich schon eine geeignete Arbeit für Sie finden lassen." ,, Wir marschierten an den Rand von Zuffenhausen. Noch nie war ich in dieser verlassenen Gegend gewesen. Zuletzt ging es querfeldein. Der Ackerboden war zum Glück gefroren, wenn auch nur leicht. Zwei Bretterbuden standen auf dem Baugelände, das wir jetzt betraten: eine für die Polizeileute, eine für uns Gefangene. Roh und primitiv war unsere Bude zusammengezimmert, bunt die Gesellschaft, die sich darin versammelt hatte. Ich betrachtete mir die verschiedenen Gestalten jetzt noch einmal in Ruhe. Einige Franzosen waren Mischlinge, halbe Neger: putzwollartig gekräuseltes Haar; dicke, wulstige Lippen; dunkelbraune Haut. Dazwischen saßen helle, blauäugige Holländer; Polen mit breitknochigen, slavischen Gesichtern und finsteren, dunklen Augen; ferner Kroaten, Italiener und Angehörige anderer Nationen. Ebenso vielseitig war natürlich das Sprachengewirr, das hier erschallte. Französisch überwog. Deutsch kam ganz ins Hintertreffen. Traurig stand es bei den meisten mit der Kleidung. Viele hatten keine Mäntel, manche sicherlich auch kein warmes Unterzeug; und die Wäsche, die man zu sehen bekam, war schmutzig, wie es kaum schmutziger ging. Wo sollten diese armen Teufel sie jetzt im Winter auch waschen? Das trostloseste Kapitel war das Schuhwerk. Kaum einer hatte noch einigermaßen ganze Schuhe. Manche hatten sie mit Bindfaden zusammengebunden, damit die Sohlen nicht aufklappten. Andere hatten alte Lumpen auf die jämmerlichen Halbschuhe und zerrissenen Strümpfe gewickelt, um nicht gar zu arg an den Füßen zu frieren. Kein Mensch reparierte natürlich ihr Schuhwerk oder gab ihnen gar neues; es war ja für die Deutschen draußen bei weitem nicht genug da. Als der Zugwachtmeister uns um sich versammelte und zur Arbeit einteilte, ging es wiederum garnicht militärisch zu. Zuerst griff er die drei Polen heraus, die in meiner Zelle lagen: die beiden hochwüchsigen Blonden, die aussahen wie Friesen und Koval, den besonders sympathischen ruhigen 117 Schwarzhaarigen, der auch geborener Pole war, seit Jahren aber in Belgien wohnte. „Das sind ordentliche Kerle; ich bin mit ihnen im Gefängnis zusammen“, entschlüpfte es mir; ich stand gerade neben dem Zugwachtmeister.„Ja“, erwiderte er zustimmend, es sind meine besten Spezialarbeiter. Wenn ich die nicht hätte, stände es schlimm, denn mit den anderen ist meist nicht viel anzufangen.“ Ich glaubte es ihm gern. Was konnte man auch von solchen hungern- den und frierenden fremdländischen Gesellen viel verlangen, die für diese Arbeit hier nicht das geringste Interesse hatten. Nachdem der Zugwachtmeister mit Umsicht und Menschenkenntnis jedem die Arbeit zugewiesen hatte, für die er sich am besten zu eignen schien, sagte er zu uns drei Deutschen, die wir übrig geblieben waren:„Etwas muß ich Sie auch schaffen: lassen, sonst bekomme ich Anstände.— Aber was?— Halt, ich hab’s: in der hinteren Baracke dort können Sie den Schnee vom Fußboden kehren.“ Die betreffende Baracke hatte noch kein Dach. Es war in der Nacht nur “ wenig Schnee gefallen; er lag kaum einen Zentimeter hoch. So hatten wir bei dieser Arbeit nur eine Mühe: darauf zu achten, daß wir nicht so bald fertig wurden. Meine frühere Vermutung, daß es sich bei diesen Barackenbauten, von denen uns die Polen schon im Gefängnis erzählt hatten, um Notunterkünfte für Fliegergeschädigte handele, erwies sich bei näherer Betrachtung als irrig. Nicht Wohnungen wurden hier erstellt, sondern— Gefängnisse! Offenbar wurden sie im Deutschland Adolf Hitlers dringender gebraucht. Zwing- burgen, die wir Gefangenen vielleicht für uns selbst bauen. Wieder mußte ich an Schillers Tell denken. Zum Bewachen der dreißig Gefangenen, die auf dem Platz arbeiteten, waren insgesamt zwölf Wachposten eingesetzt. Man merkte ihnen an, daß sie fast ebenso ungern hier waren, wie wir. Gelangweilt liefen sie in diesem sibirisch anmutenden Gelände auf und ab, das Gewehr umgeschultert. Mit Vorliebe hielten sie sich bei uns Deutschen auf und sorgten durch Gespräche mit uns dafür, daß wir nicht zu früh mit unserer Verlegenheitsarbeit fertig wurden.— Es war wirklich ein gemütlicher Verein! So geht es, dachte ich bei mir, wenn man ältere, strebsame Männer von ihrer Berufsarbeit wegholt und sie zu einer solchen erbärmlich stumpfsinni- 118 gen Tätigkeit zwingt, wie es das Gefangenenbewachen hier war. Es waren durchweg Leute in meinem Alter, gleich mir Teilnehmer am ersten Weltkrieg und Soldaten unter Adolf Hitler im ersten Jahr dieses Krieges. Nach dem Frankreich- Feldzug hatte man sie vom Militär entlassen und später, als man wieder Leute brauchte, zur Hilfspolizei eingezogen. Einer von ihnen, dem ich erzählte, warum ich im Gefängnis bin, sagte, ich sei immer noch besser daran, als er: ich wüßte wenigstens, daß ich in einiger Zeit entlassen würde, er aber würde erst nach Beendigung des Krieges wieder frei, und der Krieg würde noch sehr lange dauern. Es war ein selbständiger Handwerksmeister aus einem kleinen schwäbischen Ort. Daheim half sich die Frau mit vier Kindern ohne ihn recht und schlecht durch und wartete gleich ihm sehnsüchtig auf seine Rückkehr. Was könnte er daheim Nützliches schaffen! Hier aber mußte er tagtäglich Gefangene bewachen, die kaum an Flucht dachten. Ist es da verwunderlich, wenn der Mann diese geisttötende und fast überflüssige Tätigkeit hier auch wie Gefangenschaft und Strafe empfand? Ich brauche nur daran zu denken, wie unglücklich ich selbst gewesen wäre, wenn man mich ebenfalls zu dieser Hilfspolizei gepreßt hätte. Es gab in dieser Lage nur einen Trost, den sich wohl alle hier sagten, selbst wir als Gefangene: die Soldaten im Osten leiden noch tausendmal mehr und machen noch tausendmal Schwereres durch; sie sehen auch kein Ende dieses Jammers. - Noch ein höherer Vorgesetzter als es der Zugwachtmeister war, erschien nach einiger Zeit auf dem Baugelände, ein Polizeimeister. Er führte einen schönen, großen Hund bei sich. Jetzt wird es aus einem anderen Ton pfeifen, dachten wir. Doch es zeigte sich gar bald, daß er von der gleichen menschlichen Art war, wie der Zugwachtmeister und die Wachposten. Freundlich unterhielt er sich mit uns Deutschen über unsere„ Straftaten". Wir konnten ihm auch die Zustände im Gefängnis schildern, die ihm im allgemeinen nicht unbekannt waren, in den Einzelheiten aber doch sehr interessierten. Immer wieder schüttelte er mißbilligend den Kopf, hütete sich aber, irgend ein Wort dazu zu sagen. Um zehn Uhr war Frühstückspause, Wir durften alle in unsere Bude gehen. In der Mitte des Raumes brannte ein Feuer, auf dem Kaffee in einer großen Blechkanne warm gemacht wurde. Es war wie ein Stück Wildwestromantik, wenn man diese fremdländischen Gestalten, sich wärmend, um das Holzfeuer sitzen sah, in den schmutzigen Händen die Eßschüssel haltend, 119 aus der sie die braune Brühe schlürften. Man hätte meinen können, weit weg von unserer deutschen Heimat, irgendwo unter Goldgräbern oder anderen Abenteurern zu sein, aber nicht am Stadtrand von Stuttgart. Einige hatten vom Morgen her noch etwas trockenes Brot bei sich. Die meisten aber konnten sich den Magen lediglich mit dem warmen kaffeeähnlichen Getränk füllen. Ich selbst hatte, durch die früheren Erfahrungen gewitzigt, rechtzeitig den Rest der Brote, die meine Frau am Tage vorher gebracht hatte, eingesteckt. Daran war ich sehr froh. Hier draußen in der frischen Winterluft und nach dem Marsch bekam man naturgemäß viel mehr Hunger, als wenn man drin in der Gefängniszelle untätig saß. Es erwies sich noch obendrein zu Mittag, daß das hier warm gemachte Essen ungenießbar war. Man bekam nämlich auf dem Bauplatz jeweils das Essen, das es am Vortag drinnen im Gefängnis gegeben hatte. In großen Kannen mußten es einige Gefangene jedesmal mit herausschleppen. Nicht selten aber war es, wie auch heute, durch das Stehen über Nacht sauer geworden. Es schmeckte widerlich. Ich bekam nichts hinunter. Trotzdem hatten es viele von den überhungrigen Menschen verschlungen, als wäre es ein Festgericht. Der Mann, der das Essen hier warm machte und austeilte, war auch ein Deutscher. Ein sympathischer Mensch, dem die Polizeileute hier, als er zum ersten Male auf dem Bauplatz mit anrückte, den Posten des„ Kochs" zugewiesen hatten, damit er auch von der schmutzigen Arbeit verschont blieb. Seine ,, Straftat" bestand darin, daß er in einem Rüstungsbetrieb einmal in etwas angetrunkenem Zustand zur Nachtschicht gekommen war. Die Gestapo hatte zum Glück sein Vergehen nicht so schwerwiegend angesehen, um ihn sechsundfünfzig Tage nach Oberndorf zu schicken. Man hat ihn etwa acht Tage festgehalten und dann wieder laufen lassen. Am Nachmittag ging es mit dem besten Willen nicht länger, daß wir drei Deutsche mit unserem Besen weiter so taten, als fegten wir den Schnee vom Holzfußboden der Baracke, denn es war längst keiner mehr da. Wir erhielten deshalb eine neue Arbeit zugewiesen: kleine Fußbodenbrettchen sortieren, die in verschiedenen Größen durcheinander lagen. Leider hatte die Sonne inzwischen den Erdboden aufgeweicht. Es ließ sich deshalb nicht vermeiden, daß unsere Schuhe, Hosenbeine und Mäntel sehr schmutzig wurden. Aber wir konnten ja schließlich nicht die ganze Zeit untätig dastehen. Es war wirklich noch die geeignetste Arbeit für uns mit der guten 120 Kleidung. Die anderen mußten meist mit Schubkarren Schlacken herbeifahren oder sonstige grob- schmutzige Arbeit machen. Der Zugwachtmeister, der jedem die Arbeit anwies, war die Seele von allem und wohl auch der Einzige hier, der etwas vom Barackenbau verstand. Unermüdlich lief er hin und her, nahm hier Maß, prüfte dort und zeigte vor allem seinen drei Lieblingen, den Polen aus meiner Zelle, wo sie mit Hammer und Säge ansetzen mußten. Er gehörte zu den Vorgesetzten, die mitreißen, nicht antreiben. Das freilich kann nur einer, der als Mensch und als Fachmann Vorbild ist, wie er es war. Hätten wir die Herren aus dem Gefängnis hier zur Aufsicht gehabt, dann wären wir alle nur mit Schimpfen und Schlägen unablässig zur Arbeit angehalten worden. Ich glaube aber nicht, daß bei einem solchen Vorgehen die Baracken früher fertig geworden wären. Man hätte nur die Fleißigen verärgert, die Faulen hinterlistig und widerspenstig gemacht und die Rachsüchtigen zu Sabotagehandlungen veranlaßt, vor allem aber: die Wut auf den deutschen Polizeigeist weiter gesteigert und dem Ansehen unseres deutschen Vaterlandes draußen noch mehr geschadet, als es leider schon geschehen ist. Diesen Nachteil hätten niemals ein paar gewonnene Arbeitstage aufgewogen, die man vielleicht mit der Knute herausgeschunden hätte. Es wurde bis zum Dunkelwerden gearbeitet. Vor dem Abmarsch ließ der Zugwachtmeister noch einen großen Sack mit Äpfeln an die Gefangenen verteilen. Jeder durfte sich die Taschen füllen. Ich weiß nicht, wo er dieses Obst aufgetrieben hat, ob sie ihm eine mitleidige Seele für die Gefangenen geschenkt hatte oder ob die Wachposten gar selbst Geld dafür ausgegeben haben. Es waren zwar nicht gerade die besten Äpfel, aber die Gefangenen stürzten sich mit einer Gier darauf, wie Verdurstende auf Wasser. Obst und andere vitaminhaltige Sachen bekamen sie ja sonst kaum. Im Gefängnis hatte heute abend der menschliche, sympathische Wachtmeister Dienst. Er schaltete sogleich das Licht ein, als wir eintraten und ließ uns reichlich Zeit zum Rasieren. Es war ja Samstag heute, der Tag, an dem die Wochenbärte entfernt werden. Die Zahl der Zelleninsassen hatte um einige abgenommen. Auch Dreher, der lästige Vielschwätzer, war weggebracht worden, angeblich ist er der Wehrmacht zugeteilt worden. Wenn ich mich recht entsinne, waren wir an jenem Abend nur noch zwölf Mann, immerhin noch eine Überfülle für diese Zelle, aber wir brauchten doch nicht mehr in der quetschenden Enge zu 121 liegen wie in den vorhergehenden Nächten. Allerdings war in dieser Nacht wieder Zugang zu erwarten: Transport von Oberndorf und Betrunkene. Ich wußte jetzt Bescheid und konnte die anderen aufklären, wie früher Rößler mich. Doch ich hatte mit meiner Vorhersage unrecht, diesmal kam niemand mehr in unsere Zelle. Am nächsten Morgen wurde ich wieder mit den Polen herausgerufen. Also auch am Sonntag arbeiten. An sich war ich lieber draußen in der frischen Luft. Aber ich brauchte Arbeitskleidung. Die Sachen, die ich anhatte, wären selbst in gesegneten Friedenszeiten zu schade gewesen, um auf dem Bauplatz heruntergerissen zu werden. Jetzt, wo überhaupt kein Ersatz mehr zu beschaffen war, bedeutete das Arbeiten in ihnen ein Hohn auf die Kriegsforderung, Sachwerte zu erhalten. Taube und den anderen gut gekleideten Deutschen ging es natürlich ebenso wie mir. Ich hatte deshalb schon am Vortag mit ihnen gesprochen, daß wir alles versuchen wollten, um die Genehmigung zu erhalten, so schnell wie möglich unseren Angehörigen mitzuteilen, sie möchten uns Arbeitskleidung bringen, falls wir auch weiterhin zu dieser Arbeit ausrücken müßten. Auch der freundliche Polizeimeister draußen auf dem Bauplatz hatte uns das nahegelegt. Schon am Vorabend hatte ich die Gelegenheit hierzu wahrgenommen und den diensthabenden mitfühlenden Wachtmeister gebeten, er möge mir Gelegenheit geben, meiner Frau wegen Arbeitskleidung zu schreiben. Bedauernd erklärte er mir, was ich schon wußte: das kann nur der Oberleutnant gestatten und ich muß ihn selbst fragen. ,, Wann aber komme ich dazu?", erwiderte ich.„ Morgen ist Sonntag, da läßt er sich nicht sehen. Und am Montag früh kann man mich schon wieder zur Arbeit wegholen. Wie soll ich ihn da fragen können?" Er zuckte die Schultern und wußte auch keinen Rat. - Das war, wie gesagt, der Anständigste und Freundlichste von allen. Jener Beamte, der am Sonntag morgen zur Arbeit herausrief, ließ weniger mit sich reden. Als wir unser Anliegen wegen der Kleidung vorbringen wollten, schnitt er uns gleich patzig das Wort ab: das ginge ihn nichts an; wir ständen auf der Liste und hätten zur Arbeit auszurücken. ,, In dieser Kleidung?", wagte ich noch in ironischem Ton zu bemerken. Hierauf schrie er mich an:„ Ein anständiger Mensch benimmt sich draußen eben so, daß er nicht ins Gefängnis kommt." - Da ist jedes weitere Wort sinnlos. Das sind keine Menschen, die fühlen 122 und denken, das sind Polizeibeamte. Wer hier im Gefängnis sitzt, ist bei ihnen ein Verbrecher; und wenn er auf jener Liste steht, die Gott weiß was für ein Bürokrat zusammengestellt hat, dann muß er arbeiten. Hätte es ein unglücklicher Zufall gewollt, daß ich im Smoking verhaftet und hier in das Gefängnis gebracht worden wäre oder in Begräbniskleidung, wer wagt zu bezweifeln, daß diese Leute hier mich auch dann ohne jedes Bedenken so, wie ich war, zur Arbeit geschickt hätten? Und heute regnete es. Nicht gerade wenig. Ein häßliches, naẞkaltes Wetter. Noch bevor wir die Straßenbahn bestiegen, waren wir völlig durchnäßt. Man sah es den armen Kerlen, die keine Mäntel hatten, an, wie sie in ihren Lumpen froren. Einige zitterten richtig. Draußen auf dem Bauplatz begann aber erst der ganze Jammer für sie, als sie mit ihrem schlechten Schuhwerk, teils sogar in Halbschuhen, über den tief aufgeweichten Ackerboden gehen mußten. Wir alle, die wir keine hohen Stiefel hatten, wie die Wachmannschaften und ihre Vorgesetzten. mußten uns erst überwinden, bevor wir den Platz betraten. Es war kein Laufen mehr, es war ein Vorwärtsrutschen und Vorwärtsquälen. Dicke Lehmklumpen klebten an unseren Füßen. Es hatte keinen Wert mehr, sich vorzusehen, daß die langen Hosen nicht beschmutzt wurden. Der Dreck klebte gar bald an beiden Hosenbeinen weit herauf. Man konnte nur darauf achten, daß man bei dem glitschigen Boden nicht ausrutschte und hinfiel. Dér Versuch, bei diesem Dreck und Regen arbeiten zu lassen, mußte bald wieder aufgegeben werden. Es war ein Novemberwetter, wie man es sich nicht schlechter vorstellen kann. Wir saßen in unserer verqualmten Bretterbude, streckten abwechselnd Hände und Füße über das Feuer und warteten auf den Abend. ,, Schöner Sonntag heute", sagte der vorbeigehende Polizeimeister zu mir, als ich mit einigen anderen vor die Tür trat, weil es wegen des beißenden Rauches drinnen auf die Dauer auch nicht auszuhalten war. Man merkte seinem Gesicht an, daß auch er lieber daheim in der warmen Stube bei seiner Familie gewesen wäre. ,, Haben Sie jetzt wegen Arbeitskleidung schreiben dürfen?", fragte er noch interessiert. Wir erzählten ihm, wie es uns am Morgen im Gefängnis ergangen war.„ Bald werden unsere guten Sachen auch so mitgenommen sein, wie die der anderen", sagte ich noch und bat ihn, er möge uns gestatten, von hier aus unseren Frauen zu schreiben. 123 Lange überlegte er schweigend. Dann lehnte er bedauernd ab. Wir verstanden: er riskierte zu viel; wenn es durch einen Zufall herauskäme, könnte es für ihn als Beamten recht unangenehm werden: Gefangenenbegünstigung und was sonst noch alles. Hätte ich nur einen Briefumschlag, dann wollte ich mir schon selbst helfen. Bleistift und Papierfetzen zum Beschreiben hatte ich ja. Auf meine Bitte versprach mir einer der Wachposten, am kommenden Tag einen Umschlag mitzubringen. Somit würde es immerhin Dienstag werden, bis meine Frau den Brief bekommt. Das bedeutet, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach noch bis Mittwoch in meiner guten Kleidung in diesem Dreck umherlaufen und arbeiten muß. Gestern abend im Gefängnis sahen wir erst so richtig, in welchem erschreckenden Maße die Sachen beschmutzt waren. Eine Möglichkeit, sie auch nur etwas zu säubern, gab es nicht. Wer sollte von den Gefangenen auch schon eine Bürste haben? Am nächsten Morgen hatte wieder der gefürchtete O. Dienst. Wie zu erwarten war, rief er auch heute meinen Namen mit den drei Polen auf: ,, Raus!" Bei mir war nicht mehr zu befürchten, daß es diesem ungeduldigen Menschen nicht schnell genug ging, so daß er in Versuchung kommen würde, durch einen Schlag mit dem Schlüsselbund nachzuhelfen. Alle Brote und Zeitungen, die man mir am Sonntag abend neuerdings gebracht hatte, waren längst in meinen Manteltaschen verstaut. Wir Deutsche hatten am Sonntag abend vereinbart, daß wir am nächsten Morgen verlangen, zur Gestapo geführt zu werden, damit wir uns dort beschweren können, denn es war ja aussichtslos, hier den Oberleutnant einmal zu Gesicht zu bekommen. Der Fall, daß Gefangene selbst wünschen, zur gefürchteten Gestapo gebracht zu werden, war wohl neu. O. stutzte. Aber dann erklärte er barsch, daß wir jetzt befehlsgemäß zur Arbeit auszurücken hätten, nichts anderes. Jetzt forderte ich, an die Gestapo schreiben zu dürfen.„ Wir müssen doch schließlich die Möglichkeit haben, irgendwo unser berechtigtes Anliegen vorbringen zu können", sagte ich, auf meine schmutzige Kleidung deutend und wunderte mich hinterher selbst, wie scharf und zornig das in der Erregung diesem gefährlichen Menschen gegenüber herauskam. Es hatte tatsächlich Erfolg. Er brachte mir einen kleinen Zettel und den üblichen Bleistiftstummel. 124 „Ich will mich auch beschweren“, sagte jetzt Taube.—„Ich auch“, fügte ein anderer hinzu. „Alle auf diesen Zettel!“, belehrte uns O. kurz. Währenddessen hatte ich schon heimlich meinen besseren Bleistift aus der Tasche gezogen, und, den Papierfetzen an die Wand lehnend, darauf ge- schrieben:; An die Gestapo, Stuttgart. Ich bitte, dort bald vorgeführt zu werden, um eine Beschwerde vorzu- bringen. Wir haben hier keine Gelegenheit, den Herrn Oberleutnant zu sprechen. W. Schumann. Dann setzte Taube darunter:„Ich will mich ebenfalls beschweren“, und der dritte schrieb das gleiche in seinem Namen. Zum Schluß schrieb ich noch quer an den Rand, denn ein anderer Platz war auf dem kleinen Zettel nicht mehr vorhanden:„Wir haben hier alle nur diesen einen Zettel be- kommen.“ Diesen Zusatz hielt ich für ratsam, denn als alter Soldat wußte ich, daß beim Militär gemeinsame Beschwerden streng verboten sind. Ein ahnungs- loser Kamerad von mir erlebte es am Anfang des Krieges, daß eine ähnliche harmlose Sache ihm beinahe als Meuterei ausgelegt worden wäre. Wer weiß, ob hier bei der Polizei nicht ähnliche Bestimmungen bestehen. Wie leichi kann der Schuß nach hinten losgehen, wenn der Zettel dem Oberleutnant oder irgend einem Wüterich drüben in die Hände kommt.— Zunächst ging es also wieder zur Arbeit. Die Kolonne war sehr zusam- mengeschrumpft. Fast die Hälfte war an diesem Morgen nach Oberndorf abgegangen. Sechzehn Mann zählten wir noch. Dazu nach wie vor zwölf Wachposten, fast für jeden Gefangenen einen! Das Wetter war nicht besser als am Vortag, nur anders: statt des Sturmes und kräftigen Regens war heute Nebel und feiner Sprühregen. Den Bau- platz fanden wir naturgemäß noch mehr aufgeweicht, sofern das überhaupt möglich war. Auch an diesem Tag haben wir Gefangene alle nichts weiter getan, als in der Bude beim Feuer gesessen. Taube, als der Ältere, übernahm von jetzt ab das Amt des Kochs; der frühere war entlassen worden. Diesmal hatte ich wenigstens alles an neuen Zeitschriften und Zeitungen eingesteckt, so daß der Tag nicht gar so langweilig für mich wurde. Auch 125 das Vorhaben mit dem Brief an meine Frau klappte. Der Wachposten hatte Wort gehalten und mir einen Umschlag mitgebracht. Ohne Bedenken erklärte er sich bereit, den Brief in einen Postkasten zu werfen und noch eine Marke zu stiften, obwohl das letzte wirklich nicht nötig gewesen wäre; meine Frau hätte in diesem Fall natürlich gern Strafporto bezahlt. Am Nachmittag nahm der mitfühlende Polizeimeister Taube und mich mit in seine Bude, wo ein ordentlicher Ofen brannte. Wir unterhielten uns mit ihm und einigen Wachposten über den Krieg und andere Dinge. Begeistert waren alle die Polizeileute hier nicht über das gelobte Dritte Reich, das hörten wir heraus, wenn sie auch mit ihren Äußerungen begreiflicherweise vorsichtig waren. Vor dem Abrücken vom Bauplatz verteilte der Zugführer wiederum einen Sack voll Äpfel an die Gefangenen. Abends, in der dunklen Zelle wieder angekommen, teilten uns die Zellengenossen sogleich die wichtigste Neuigkeit mit: Jentsch, der seltsamste von allen, war am Vormittag weggeholt worden. Auch der blasse, junge Pole, der nun schon seit fünf Wochen in dieser Zelle war, ohne daß man ihn einmal richtig vernommen hatte, war unerwartet weggekommen, vielleicht entlassen, vielleicht in ein anderes Gefängnis. Am nächsten Morgen mußten wir in der gleichen Weise zur Arbeit ausrücken. Die Gestapo hatte auf unseren Zettel nichts hören lassen. Wer weiß, so dachte ich, ob er von hier überhaupt weitergegeben worden ist. Und wenn schon wird man drüben auf einen solchen eng bekritzelten Fetzen Papier von Gefangenen überhaupt reagieren? Zum Glück war das Wetter heute, am Dienstag, wieder besser. Der Boden auf dem Bauplatz war zwar nach wie vor glitschig und lehmig, aber von oben blieb es diesmal wenigstens trocken. So konnte einigermaßen gearbeitet werden. Am Nachmittag kam hoher Besuch: ein Polizeihauptmann, der einen ganzen Stab von anderen höheren Polizeibeamten mitbrachte. Sie hatten große Besprechung mit unserem Polizeimeister und Zugwachtmeister. Dann war gemeinsamer Rundgang und Besichtigung der Arbeit. Die fremdländischen Arbeiter scherten sich den Teufel um diese hohen Herren, arbeiteten nicht mehr und nicht weniger als sonst. Ich weiß vom Militär her, daß man bei solchen Besichtigungen wenigstens so tun muß, als ob. Geschäftig lief ich deshalb auf dem aufgeweichten Boden mit meinem Zollstock hin 126 und her und maß die daliegenden Brettchen auf ihre Länge. Zwar war das I: u nicht mehr nötig; ich hatte sie schon vorher alle gemessen und sortiert, aber* das konnte ja niemand den Brettern ansehen. Andere Arbeit lag für mich nicht vor, und mit untätigen Händen konnte ich mich nicht gut hinstellen. Re Der Hauptmann blieb beim Rundgang mit seinem Stab vor mir stehen| und fragte mich nach meinem Beruf. N „Verstehen Sie etwas von Holz und Barackenbau?“, fragte er dann weiter.| „Die Arbeit hier kann ich gut machen“, erwiderte ich. h} „Dann ist es recht“, sagte er hierauf im freundlichen Ton. Auch mein i:| Polizeimeister schmunzelte. Dann gingen sie alle weiter. Was sind das doch alles für nette Menschen hier, mußte ich wiederum Ä| denken. Welcher Unterschied zwischen Polizei und Polizei, wenn ich diesen Hauptmann mit dem Oberleutnant drinnen im Gefängnis verglich. Abends im Gefängnis hörte ich im Flur nach Taube rufen. Mit dem Ohr an der Zellentür konnte ich vernehmen, daß er entlassen wird. Längst hatte er sich meine Fernsprechnummer aufgeschrieben und mir versprochen, meine Frau zu unterrichten, sobald er frei würde. Ich konnte also mit doppelter Sicherheit damit rechnen, daß meine Frau am nächsten Tag zum Bauplatz kommen und mir Arbeitskleidung bringen würde. Und richtig: sowohl mein Brief wie auch das Ferngespräch von Taube| hatten meine Frau rechtzeitig erreicht. Sie kam am Mittwoch mit den ge-| wünschten Sachen nach Zuffenhausen, fand nach der Beschreibung den ab- gelegenen Bauplatz, stampfte über den morastigen Boden, und— ich war nicht unter den Gefangenen. Der Polizeimeister konnte ihr nichts weiter von mir sagen, als daß ich heute nicht mit herausgekommen sei. Warum,; z das wußte er nicht, wie er ja überhaupt keine Ahnung davon hatte, was drinnen im Gefängnis mit den Einzelnen geschah. WIEDER EINMAL BEI DER GESTAPO An jenem Morgen war ich mit dem Gefangenenwagen zur Gestapo ge- bracht worden. Will man mich auch entlassen, wie Taube? Nein, so opti- mistisch bin ich nach alledem nicht. Eher glaube ich, der Chef hat inzwi- schen meine Akten eingesehen und will mich jetzt noch einmal persönlich 127 - vernehmen. Mit meinen Dreckschuhen und den entsetzlich schmutzigen Hosen wird er ein nettes Bild von mir bekommen.- Vielleicht aber auch läßt man mich doch auf Grund meines Beschwerdezettels von vorgestern jetzt zur Gestapo kommen. Wie dem auch sei: es hat keinen Wert, darüber zu grübeln. Warten wir es ab. Der Gefangenenwagen ist auch diesmal nicht überfüllt. So zwölf bis fünfzehn Personen. Mit Schaudern denke ich zurück an die Schreckensfahrt, wo wir achtunddreißig Gefangene in diesem Wagen waren. Das sind nun auch schon wieder acht Tage her. Morgen, am Donnerstag, bin ich die zweite Woche im Gefängnis. Die Zeit vergeht hier nicht langsamer als draußen. Das allgemeine„ Programm" im Hause der Gestapo ist auch heute unverändert: zunächst alles vorn links in die Anzeigen- Annahme. Aufstellen in zwei Gliedern, Namenverlesen, Schimpfen und feindliche Blicke, als wären wir alle Schwerverbrecher. Gelegentlich wieder Rippenstöße, wenn einer nicht gleich begreift, wie er sich in Reih und Glied stellen muß. Das alles kannte ich ja schon von früher her; nachdem ich aber inzwischen die menschliche Art kennen gelernt hatte, mit der die Polizei- Vorgesetzten draußen auf dem Bauplatz die Gefangenen behandeln, fiel mir der Unterschied besonders auf. Die Sachbearbeiter erschienen in der üblichen Weise und holten sich ihre Leute zur„, Bearbeitung" weg. So geht das hier nun Tag für Tag, Woche für Woche, seit Jahren aber wohl nicht mehr Jahre lang. - Auch B. kam. Schweigend, wie immer, forderte er mich auf, zu folgen. Wir gingen hinauf in sein Zimmer. J., sein Kollege, saß auch wieder da und schrieb. Hier im Zimmer verwandelte sich das strenge Beamtengesicht von B. in ein freundliches, menschliches. ,, Was haben Sie mir vorzubringen, Herr Schumann", begann er. Aha, also doch mein Beschwerdezettel. ,, Ich weiß nicht, Herr B., ob Ihnen bekannt ist, daß ich seit einigen Tagen arbeiten muß." Er verneinte es und fragte erstaunt, was und wo ich arbeite. Auch sein Kollege horchte auf. ,, An sich bin ich gar nicht betrübt, daß man mich zur Arbeit wegholt", fuhr ich fort, nachdem ich den Herren die Art der Arbeit näher beschrieben hatte ,,, im Gegenteil, ich bin froh, wenn ich aus der düsteren, stinkigen 128 - Zelle herauskomme und mich betätigen kann, aber sehen Sie sich bitte das hier an!" Und dabei hob ich meinen Fuß hoch, damit beide Herren sehen konnten, wie auf Schuhen, Strümpfen und Hosenbeinen eine dicke Schmutzkruste klebte. ,, Sie wissen, Herr B.," sagte ich weiter, im Bewußtsein meiner berechtigten Sache immer fester werdend, da ich merkte, wie die Herren durch meine drastische Vorführung sichtlich beeindruckt waren,„ als Sie mich damals in Magstadt von meinem Arbeitsplatz wegholten, trug ich zum Schutze der Straßenkleidung einen Arbeitsmantel, obwohl jene Arbeit bei weitem nicht so schmutzig ist und die Kleidung so strapaziert, wie die Tätigkeit auf dem Bauplatz. Es ist Unvernunft ohnegleichen, Raubbau an den wenigen guten Kleidungsstücken, die wir noch haben, und ein Hohn auf die Kriegsforderung, Sachwerte zu erhalten, in dieser Weise zu arbeiten, bis in Bälde mein Anzug und meine Schuhe völlig heruntergerissen sind." ,, Das geht natürlich nicht", sagte B. leise und betroffen. Und auch der andere Herr ließ eine zustimmende Bemerkung fallen. Ich war einmal in guter Fahrt und sprach weiter:„ Bei der mustergültigen Ordnung und Organisation drüben im Gefängnis besteht keinerlei Möglichkeit, mich hierüber zu beschweren und von irgend jemand die Erlaubnis zu erhalten, meiner Frau um Arbeitskleidung zu schreiben. Der Oberleutnant ist der einzige, der das erlauben könnte, er geht aber nur nachmittags die Zellen durch, wenn wir nicht da sind. Abends läßt er sich nicht sprechen und am frühen Morgen gleich gar nicht. Ich habe mir somit nicht anders zu helfen gewußt, als den Beschwerdezettel an die Gestapo zu schreiben. Bitte, Herr B., geben Sie mir Gelegenheit, meine Frau zu benachrichtigen, daß sie mir Arbeitskleidung bringt." Von dem Brief, den ich vorgestern durch einen Wachposten herausgeschmuggelt hatte, erwähnte ich natürlich nichts. B. wiegte den Kopf hin und her. Schließlich sagte er:„ Ich glaube nicht, Herr Schumann, daß es noch notwendig ist. Der Chef kommt in den nächsten Tagen von der Reise zurück und ich denke, daß Sie dann entlassen werden. Sollte das doch nicht der Fall sein, dann werde ich selbst Ihre Frau anrufen, daß sie Ihnen Arbeitskleidung bringt. Auf die Verhältnisse im Gefängnis drüben haben wir keinen Einfluß, das sagte ich Ihnen ja schon einmal.„ Aber", so fuhr er nach einigem Überlegen fort, ich könnte Sie morgen und, wenn nötig, übermorgen noch einmal hierherbestellen, damit - 9 Nur vierzehn Tage 129 Sie nicht auf den Bauplatz brauchen. Morgen bin ich allerdings erst am Nachmittag hier, aber wenn ich den Zettel heute abend rüberschicke, wird man Sie morgen nicht zur Arbeit ausrücken lassen.” "Auch gut, dachte ich, erfreut über die Aussicht, bald heim zu dürfen. B. ging hierauf mit mir hinunter und schloß mich in den Bunker. Es war erst neun Uhr; drei Stunden also noch, bis der Wagen mich in das Gefäng- nis zurückbrachte. Nun, ich hatte Brote und Zeitungen in der Tasche. Nicht lange war ich allein. Ein bekanntes Gesicht tauchte beim Öffnen der Tür auf: der lange Pole, mit dem ich schon vorige Woche einmal in dieser Zelle beisammen war. Er hatte diesmal einen Begleiter bei sich. „Ich bin heute nur als Dolmetscher hier“, klärte er mich auf und wies auf den Anderen:„Der versteht nicht Deutsch.“ „Warum ist er hier?“ „Er hat es gehabt mit deutscher Frau.“ Weiter sagte er nichts. Mir genügte es auch. Ich bedaure die Beamten, die sich mit solchen Sachen beschäftigen müssen. Wie verächtlich werden diese Polen darüber denken; der Dolmetscher machte einen klugen Eindruck; ich stellte es heute wieder fest. Vielleicht hat er die gleichen Gedanken, wie ich: entweder hat jener Pole da die deutsche Frau vergewaltigt; dann ist er ein gemeiner Verbrecher und gehört einem ordentlichen Gericht übergeben, das ihn hinter Schloß und:Riegel zu bringen hat. Oder aber— und das ist wahrscheinlicher— jene, Frau war sehr damit einverstanden, vielleicht gar die Verführerin. Dann haben die beiden es nur vor sich selbst, gegebenen- falls noch vor dem Ehemann der Frau zu verantworten. Die Polizei geht es in diesem Falle nichts an.— So verbrachte ich mit Nachdenken und Lesen den Rest des Vormittags. Am Nachmittag konnte ich drüben in unserer Zelle bei den anderen blei- ben. Es wurde ein Koffer mit der gewünschten Arbeitskleidung für mich abgegeben. So war meine Frau, nachdem sie mich draußen in Zuffenhausen nicht angetroffen hatte, hier hereingekommen. Am Abend bestätigten mir dann die drei Polen, daß eine Frau mit einem Koffer auf dem Bauplatz ge- ‚wesen sei und mit dem Polizeimeister gesprochen habe. Mit Kleidung war ich jetzt also für den Dreck auf dem Bauplatz einiger- maßen gerüstet. Von mir aus hätte es morgen wieder nach Zuffenhausen gehen können. Drüben, im Bunker der Gestapo, ist es auch nicht gerade ein Vergnügen. 130 Zu meinem Leidwesen holte man mich am nächsten Tag schon morgens heraus, als der Transport für die Gestapo zusammengestellt wurde. Ich erlaubte mir, den betreffenden Wachtmeister darauf hinzuweisen, daß ich erst nachmittags bestellt sei, da mein Sachbearbeiter am Vormittag gar nicht da sei. Aber das wollte der Mann nicht wissen: er hatte den kleinen Zettel von B. in der Hand, auf ihm stand groß und deutlich mein Name. Genau hinzusehen und den Vermerk zu lesen: vierzehn Uhr, das ist von diesem sturen Menschen wohl schon zuviel verlangt. Bisher war es wahrscheinlich noch nicht vorgekommen, daß man morgens schon Bestellungen für den Nachmittag vorliegen hatte. Also steige ich wieder einmal in den Gefangenen- Wagen. Einen Teil der mitfahrenden Ausländer kenne ich nun schon: einige kommen fast jeden Tag zur Vernehmung hinüber. Meist aber sind es doch immer wieder neue Gesichter. Da B., wie er schon angekündigt hatte, am Vormittag nicht im GestapoGebäude war, kam auf den Anruf des„, Empfangschefs" hin J., der Zimmergenosse von B. herunter, um mich zu holen. Als wir draußen in der Halle allein waren, sprach er zu mir einige bedauernde Worte, daß man mich drüben versehentlich schon jetzt am Vormittag herübergebracht habe; und er ließ merken, wie unangenehm es ihm war, mich in den Bunker sperren zu müssen.„ Es ist ziemlich sicher damit zu rechnen, daß Sie entlassen werden, sobald der Chef zurückkommt", bemerkte er noch, um mich zu trösten. Ich fühlte mich daraufhin meinerseits bewogen, den Mann zu beruhigen, tat deshalb so, als ob es mir gar nichts ausmache, die Zeit hier im Bunker verbringen zu müssen und sagte unter anderem, daß ich Zeitschriften in der Tasche hätte, mir also die Zeit mit Lesen vertreiben könne. So trösteten wir uns gegenseitig, während wir in den Keller hinuntergingen. Dort stellten wir fest, daß die ersten beiden Zellen schon mit Ausländern belegt waren. J. tat mich daraufhin in die dritte und letzte Zelle. Sie war noch frei. Nicht lange jedoch sollte ich hier bleiben. Es mochte keine Viertelstunde vergangen sein, da öffnete der barsche Empfangschef von droben die Tür: ,, Raus! Die Zelle ist für Weiber." Er steckte zwei Frauen hinein. Ich kam wieder in die erste, mir nun schon gut bekannte Zelle zu den anderen Gefangenen. Es waren Polen und Franzosen. Ein Franzose, der mit geschlossenen Augen auf der Bank saß, war blind, oder stellte sich so. Ich erfuhr von seinem Begleiter, daß er in der 131 Gefängniszelle„ganz plötzlich“ blind geworden sei. Als die beiden dann zum Verhör geholt wurden, sagte der Beamte laut und scharf, man werde ihm schon das Sehen wieder beibringen. Zu Mittag, als wir herausgeholt wurden, hörte ich, wie der Empfangschef droben zu einem anderen Mann von der Gestapo sagte, daß der„Blinde“ Zigarettenstummel auf dem Boden ganz gut sehe; sobald er sich unbeobachtet glaube, bücke er sich danach. Der Kerl simuliert also. Die Menschen kommen in ihrer Verzweiflung auf alles. Überhaupt war die Gesellschaft heute in der Zelle hier durchweg nicht angenehm. Zum Unglück kamen noch einige dazu. Wir waren schließlich zehn Mann in der kleinen Zelle, die keine rechte Lüftung hatte. Der Luft- verbesserer kam gegen die Ausdünstung der Gefangenen nicht auf. Dazu machte die Zentralheizung die Luft noch trocken und ungesund. Einer der Gefangenen mußte austreten und drückte auf den Signalknopf neben der Tür. Doch niemand kam und öffnete ihm. Mir wurde immer unbehaglicher. Viel lieber wäre ich jetzt drüben in unserer Gefängniszelle. Dort konnte man wenigstens ab und zu das Fenster öffnen, hatte auch bessere Gesellschaft.— Nein, einen Gefallen haben mir die Herren droben nicht damit getan, daß sie mich herüberholten. Aber sie hatten es gut gemeint. Einer der jungen Franzosen, der meinen Unwillen merkte, als ich mit diesen Gedanken auf und ab lief, sprach mich an:„Haben Sie Hunger?— Wir nicht Hunger. Schön in Deutschland! Alles sauber!“ Dabei sah er an den gut verputzten Wänden der Zelle empor. Ach, ich verstand die Ironie dieses Menschen nur zu gut. Wahrscheinlich würde ich in Frankreich ähnlich sprechen, wenn ich umgekehrt dort unter solchen Umständen mit Franzosen in einer Zelle wäre. So war es das Klügste, zu schweigen. Als dann später ein Mann im weißen Kittel öffnete, um einen herauszu- holen— es war der Fotograf des Hauses— bat ich ihn, mich in eine andere Zelle zu tun, da ich der einzige Deutsche unter Ausländern sei. Er nahm mich daraufhin heraus und schloß die mittlere Zelle auf, die einzige, die noch in Betracht kam, denn in der dritten Zelle waren ja Frauen. Beim Öffnen der Tür sprangen drinnen zwei baumlange Russen in schwe- ren Mänteln und Pelzmützen von ihrer Bank hoch. Wie mächtige Bären sahen sie aus. Erschrocken taumelte ich zurück. Nein, lieber wieder in Zelle 132 eins, zu den Franzosen und Polen. Vielleicht waren die beiden Russen harmlos, wie die meisten anderen Gefangenen hier, aber der unerwartete Anblick war doch furchterregend, und stundenlang mochte ich auf keinen Fall mit ihnen in einer Zelle sein. Das war auch die Meinung des Beamten, der mir hierauf wieder die Tür der ersten Zelle öffnete. - Auch dieser Vormittag ging vorüber. Am Nachmittag kam ich vom Gefängnis wieder zur Gestapo, wie es ja von B. vorgesehen war. O., der Hyänenmensch, hatte wieder einmal Dienst. Er war nicht nur der brutalste, er war auch sonst der unfähigste Beamte von allen. Wir merkten es jetzt wieder, als er unsere Namen im Flur vorlas und einige fremdländische immer wieder durcheinander brachte. Mehrmals mußte er einen Gefangenen als den falschen in seine Zelle zurückführen und dafür einen anderen herausrufen. Wie es die Art solcher ungebildeter Gewaltmenschen ist, suchte er den Zorn über seine eigene Unfähigkeit an den Gefangenen auszulassen, schimpfte auf sie und stieß sie umher. " Wie Schließlich suchte noch ein Pole oder Russe ihm mühsam verständlich zu machen, daß er nicht der sei, dessen Name vorgelesen worden war. heißt Du?", herrschte ihn O. unwillig an. Verschüchtert nannte er seinen Namen, der wie der auf der Liste mit utschky oder so ähnlich endete.„ Du bist der Richtige und kommst mit", bestimmte O. Es war aber doch der Falsche, wie sich drüben auf der Gestapo herausstellte. Außerdem hatte O. einen anderen ganz vergessen. Natürlich waren die Gefangenen daran schuld. Der„ Empfangschef", der mit seiner dunklen Brille am Schreibtisch saß, bemerkte:„ Die fangen langsam an, mit uns Hugoles zu spielen. Aber nicht mehr lange. Bald werden die Ohrlappen wieder rot und blau aussehen." O. erwiderte hierauf bedauernd:„ Wir dürfen sie ja nicht mehr schlagen, es ist uns verboten worden." دو Wenn Ihr es nicht dürft, dann schlagen wir sie eben. Lieber lasse ich mich dafür bestrafen", entgegnete der Empfangschef. Dieses Gespräch hat wörtlich so stattgefunden. Die Bemerkung des Gestapo- Beamten hat mich mehr beeindruckt, als die Schläge, die O. drüben im Gefängnis austeilte. Von diesem rohen Polizeiknecht konnte man nicht viel anderes verlangen; jener aber erhob seinem Wesen und Aussehen nach Anspruch darauf, gebildet zu sein. Er war schlimmer als der andere, weil er ihn noch zum Schlagen aufmunterte. 133 Diesmal kam auf die telefonische Meldung, daß ich da sei, weder B. noch J. herunter, um mich in den Bunker zu sperren. Sie ließen das den Empfangschef machen. In Zelle 1 hatte ich jetzt mehr Glück als am Vormittag: erst war ich allein, später kam nur noch einer dazu, obendrein ein Deutscher, mit dem ich mich schon auf der Herfahrt im Gefangenenwagen unterhalten hatte. Angeklagt war er wegen Arbeits- Sabotage. Er erzählte mir, sein Werkmeister, mit dem er persönliche Differenzen hatte, hätte behauptet, daß er als Heizer oder Maschinist zu wenig Dampf durchgegeben habe, so daß der ganze Rüstungsbetrieb nicht auf Volltouren laufen konnte. Jetzt mußte er sich hier vor der Gestapo verantworten. Er war recht guten Mutes und sagte mir noch, daß er den Bearbeiter seiner Sache hier durch seinen Schwager persönlich kenne, so daß es auch aus diesem Grunde nicht schlimm für ihn werde. Er rechnete noch heute, spätestens morgen, mit seiner Freilassung. Es war ein großer, starker Mann in meinem Alter. Wir stellten dann fest, daß er den Feldzug in Belgien und Frankreich im Sommer 1940 im gleichen Korps mitgemacht hatte, dem auch ich angehört habe. Diese gemeinsamen Kriegserinnerungen gaben uns ausreichend Gesprächsstoff, bis wir um fünf Uhr wieder in den Gefangenen- Wagen verfrachtet wurden. Kurz vorher hatte mich noch B. in der Zelle besucht. Er war erst jetzt vom Außendienst zurückgekommen und hielt es für notwendig, mir ebenfalls sein Bedauern auszusprechen, daß man mich schon am Vormittag versehentlich herübergeholt hatte.„ Für morgen werde ich auf dem Zettel noch einigemale dick unterstreichen, daß Sie erst am Nachmittag kommen sollen." DER LETZTE TAG IM GEFÄNGNIS Für diese sturen Polizeibeamten hatte B. die Zeit, da ich zur Gestapo gebracht werden sollte, doch nicht dick genug unterstrichen. Am nächsten Morgen hieß es wieder:„ Schumann raus!" Noch eindringlicher als am Vortag legte ich dem Polizeibeamten dar, daß ich erst am Nachmittag zur Gestapo gebracht werden darf. Dabei wies ich auf den dreimal unterstrichenen Vermerk„, 14 Uhr" auf dem Zettel, den er in der Hand hatte. Diesmal gelang es mir, den Beamten von seinem Irrtum abzubringen. Es war zum 134 Glück einer von den Wachtmeistern, die in solchen Sachen wenigstens etwas zugänglich sind. Bei O. hätte ich kaum den Mund aufmachen dürfen; mit der Sicherheit einer im unabänderlich gleichen Gang laufenden Maschine wäre ich wiederum zur Gestapo gebracht worden. Wir hatten in der Zelle während meiner Abwesenheit gestern noch einige Zugänge bekommen, die hier erwähnenswert sein dürften. Der eine war ein Bauer aus dem schwäbischen Oberland. Nicht mehr der Jüngste. So etwa um die Fünfzig herum. Die Haare schon leicht ergraut. Er hatte es sich wohl auch nicht träumen lassen, daß er in seinem Leben noch einmal als Verbrecher behandelt würde und eine Zeitlang die Freiheit nur durch ein vergittertes Fenster sehen kann. Eine junge, hübsche Polin, die bei ihm arbeitete, war sein Unglück. Längere Zeit hat er ein Verhältnis mit ihr gehabt, bis es schließlich durch ihre Schwätzereien seine anderen Arbeiterinnen erfuhren. Dann dauerte es natürlich nicht mehr lange, bis der ganze Ort davon sprach. Die Parteileitung sorgte dafür, daß er festgenommen wurde. Nun müssen sie daheim sehen, wie sie ohne ihn das große Gut bewirtschaften. Seine Frau habe ihm verziehen, sagte er mir, aber vor seinen vier Kindern schäme er sich. Es sei ihm selbst unbegreiflich, wie er so schwach hatte werden können. Wieder mußte ich denken, wie am Vortag bei dem Polen, der umgekehrt sich mit einer deutschen Frau eingelassen hatte: was hat sich die Polizei hierum zu kümmern? Ist die Schande und das Unglück nicht Strafe genug für den Mann, wenn jetzt der ganze Ort davon spricht und sein Familienleben zerrüttet ist? Da schreit man immer wieder vom totalen Kriegseinsatz, von der Kostbarkeit jeder Arbeitsminute, und hier läßt man einen gesunden, kräftigen Bauer wegen einer rein privaten Verfehlung untätig sitzen; ParteiInstanzen und Polizei verbrauchen in dieser Angelegenheit Zeit, Mühe und viel Papier, die anderen, kriegswichtigen Aufgaben verloren gehen. Ist das nicht fahrlässiges Arbeitsvergehen der hierfür Verantwortlichen? Sie gehören bestraft. Die Gestapo hat dem Bauer bei seiner Vernehmung übrigens wissen lassen, daß es nicht schlimm für ihn werde, da er sich nicht gegen die Nürnberger Rassengesetze vergangen habe. Wozu dann erst den Aufwand? Hätte es aber der Teufel gewollt, daß jene verführerische Polin keine arische Großmutter hatte, dann wäre der arme Mann wohl wegen Rassenschande mit Zuchthaus bestraft worden. O, heiliges, neudeutsches Recht! 135 Der andere Neue war eine weniger vertrauenerweckende Gestalt, als jener Bauer, aber ein kluger Kopf, der in der Welt umhergekommen war und fesselnd zu erzählen wußte, so daß der Vormittag schnell verrann. Es war ein ehemaliger Fremdenlegionär. Warum er als Deutscher seinerzeit in die Fremdenlegion gegangen war, verschwieg er uns. In Marokko hatte er sich mit einer französischen Jüdin verheiratet. Mit ihr zog er später nach Paris, wo sie, wie er uns sagte, friedlich lebten. Sie hatten fünf Kinder. Er war als staatenlos erklärt worden. Als die Deutschen im Sommer 1940 Paris besetzten, dauerte es nicht lange, bis sie ihn verhafteten. Er mußte einige Monate im berüchtigten Moor arbeiten. dann kam er in das Zuchthaus nach Bruchsal. Von dort war er gestern mit einem Transport hierher gebracht worden. Nun soll er in das Lager nach Narzweiler kommen. Wie lange, das weiß natürlich wieder kein Mensch. Von seiner Familie hat er seit seiner Verhaftung in Paris nichts mehr gehört. Sicherlich hatte dieser Mann von früher her Einiges auf dem Kerbholz, weshalb er sich damals auch in die Fremdenlegion geflüchtet hatte. Es lag in seinem Gesicht etwas Finsteres, Abstoßendes. Aber was er uns über sein Schicksal in den letzten Jahren sagte, machte nicht den Eindruck, als ob es erfunden oder viel dazu gelogen sei. Wie bei Rößler, so empörte es mich auch hier, daß man ihn jetzt noch auf unbestimmte Zeit in einem Lager festhalten will, von dem es heißt, dort sei es schlimmer als im Zuchthaus. Ich hatte jetzt übergenug von allen diesen Eindrücken und Erlebnissen hier im Gefängnis. Auch vom Standpunkt des Wißbegierigen und Beobachters aus genügte es mir vollauf. Was konnte auch noch wesentlich Neues kommen? Die zwei Wochen, die ich nunmehr da war, haben mir einen ungeahnt guten Ausschnitt vom Leben in einem Gefängnis des gelobten Reiches Adolf Hitlers gegeben. Und was ich an Menschen und Menschenschicksalen in dieser Zeit kennen gelernt habe, das war vielseitiger, fesselnder und erschütternder als ich je zuvor für möglich gehalten hätte. Heute war Freitag, der 3. Dezember. Vielleicht kann ich doch bis Sonntag wieder daheim sein. Meine Gedanken beschäftigten sich an jenem Vormittag immer wieder damit und nahmen mir die Ruhe, wie nie zuvor. Tausendmal vergegenwärtigte ich mir voll freudiger Hoffnung, wie zuversichtlich B. und sein Kollege J. gesprochen hatten. Allerdings genau wußten auch sie nicht, wie der Chef in diesem Falle entscheiden würde, das hatte ich gemerkt. Er braucht sich ja nur mit der Bezeichnung„ Richter und Henker" persönlich 136 beschimpft fühlen, dann wird es wahrscheinlich heißen: dem frechen Burschen müssen wir das gründlich austreiben. Vielleicht werde ich vorher überhaupt nicht mehr vernommen. Dem gemeinen Verbrecher wird ein Verteidiger gestellt, sein Urteil wird nach öffentlicher Gerichtsverhandlung gesprochen, er darf Einspruch erheben. Hier über mein künftiges Wohl und Wehe entscheidet ein Mann, geheim und endgültig. Dazu noch ein Mann, der politisch und berufsmäßig mein Gegner sein muß. Eine verdammt unangenehme Sache! Jedes Wort meiner Verteidigungsschrift rief ich mir in das Gedächtnis zurück und suchte seine Wirkung zu ergründen. Dazu kam die Hoffnung auf Sch., der sich bestimmt für mich eingesetzt hat, soweit er es konnte. Aber ein banges Gefühl blieb, als ich mit dem Nachmittags- Transport zur Gestapo gebracht wurde. Bisher hatte ich es immer tapfer niederkämpfen können, heute gelang es mir nicht recht, vielleicht weil die Freiheit schon zu nahe winkte, denn diesmal wird es wohl bestimmt zum Urteilsspruch gehen. Auf Grund der Äußerungen, die B. am Vortag gemacht hatte, war nunmehr anzunehmen, daß der Chef endlich von seiner Reise zurückgekommen war. Mein Zellengenosse von gestern, der stramme Kriegskamerad, saß auch wieder im Gefängniswagen. Wir hatten dann bei der Gestapo sogar das Glück, daß der Empfangschef uns zwei allein in eine Zelle tat. Bald wurde der Andere herausgerufen. Nach etwa einer Stunde kam er zurück, sackte neben mir auf der Bank zusammen und heulte wie ein Kind. Ich hatte in diesen Tagen schon so manche Männerträne fließen sehen und konnte davon eigentlich kaum mehr erschüttert werden, aber bei diesem großen, starken Mann beeindruckte es mich doch wieder sehr. Als er sich endlich beruhigt hatte, erzählte er mir: Sechsundfünfzig Tage Oberndorf habe man ihm verpaẞt". Er sei dem Chef vorgeführt worden. Getobt habe der und geschrieen, die Leute nur so am laufenden Band verdonnert. Zwei junge Mädchen, die vor ihm dran waren, müßten in ein Konzentrationslager. Sie hätten furchtbar gejammert.„ Aber danach fragt ja so einer nicht", fügte er noch hinzu. Dieser Chef ist der geeignete Mann für meine Aufzeichnungen, dachte ich, und ich gab die Hoffnung auf, bald entlassen zu werden. Der Sachbearbeiter von meinem jammernden Zellen genossen erschien jetzt noch einmal in der Zelle. Seien Sie froh", sagte er dem bekümmert Dasitzenden ,,, daß Sie so weggekommen sind. Wenn ich mich nicht für Sie 137 eingesetzt hätte, wäre es noch ganz anders gelaufen. Was meinen Sie! Sabotage in einem Rüstungsbetrieb! Das kostet sonst den Kopf!" Der Angeklagte erwidert nichts. Es war das Klügste. Das Männlein, das sich als Bekannter des Bestraften nachträglich rechtfertigen wollte und sich selbst lobte, sah nicht so aus, als ob er vor seinem strengen Chef besonders fest hingestanden wäre. Wahrscheinlich wird es auch garnicht in seiner Macht gestanden haben, irgend etwas für seinen Bekannten zu tun. Ich wurde nachdenklich. Vielleicht geht es mir in meinem Falle ebenso. B. wird mir hinterher erklären:„ Seien Sie froh, Herr Schumann, daß sich Sch. und ich so für Sie eingesetzt haben; nur dadurch sind Sie so billig mit einigen Monaten Konzentrationslager weggekommen. Nein, so gering - durfte ich von B. und Sch. nicht denken. Sie waren doch von anderem Holze als dieser Beamte, der eben in der Zelle war. Mein Zellengenosse geriet immer mehr vom Jammern ins Schimpfen:„ Das wagen die einem ehemaligen Unteroffizier und Teilnehmer an zwei Kriegen anzutun!- Die sollen mir noch einmal kommen mit der NSV. oder irgend einer Sammlung! Überall trete ich aus. Nichts gebe ich mehr! Aus ist's bei mir mit dem Nationalsozialismus. Ganz aus!" - Wieder einer, mußte ich denken. Drüben in der Gefängniszelle hatte ich ja schon Röẞler und andere Gefangene ähnlich sprechen hören.- Die Zeit verrann immer mehr, ohne daß jemand nach mir sah. Es wurde einhalb vier Uhr, es wurde vier Uhr, einviertel fünf. Bald würde uns der Gefangenenwagen zurückholen, zur Büchsenschmiere. Für heute gab ich die Hoffnung auf. Da hörte ich draußen Schritte kommen. - B. erschien und sagte:„, Herr Schumann, Sie dürfen heim." Es schien mir, er freute sich darüber nicht weniger als ich mich. Droben in der Halle nahm er mich beiseite:„ Der Chef ist damit einverstanden, daß Sie sofort entlassen werden. Sie gelten auch nicht als bestraft; es wird nirgends etwas eingetragen. Aber eines muß ich Ihnen noch sagen: Lassen Sie Ihre Schreibereien bleiben. Sie sind mit den zwei Wochen Polizeigefängnis sehr glimpflich weggekommen. Wenn Sie noch einmal erwischt werden, geht es nicht wieder so ab; da kann es sehr, aber wirklich sehr eklig für Sie werden, daß Ihnen Ihre Schreiblust bestimmt für immer vergehen wird. Also, Herr Schumann, seien Sie vernünftig, lassen Sie es. So, und hier haben Sie die Bescheinigung, daß Sie entlassen sind. Die geben Sie drüben im Gefängnis ab, damit Sie Ihre Sachen wieder bekommen." 138 - Damit gab er mir einen verschlossenen Umschlag. Dann reichte er mir zum Abschied die Hand. „Herr B., es waren nicht die schönsten, aber die interessantesten fünfzehn Tage meines Lebens.“ „So ähnlich hat Prof. K. auch gesagt“, erwiderte er lächelnd,„ja, man muß alles einmal kennen lernen.“ Dabei schüttelten wir uns die Hände wie zwei alte Freunde. „Auf Wiedersehen— aber nicht hier!“, sagte ich noch, bevor ich hinaus- ging.——— Freiheit!— Ein königliches Wonnegefühl, wieder allein und ungehindert durch die Straßen der Stadt gehen zu dürfen. Wie muß erst einem Menschen zu Mute sein, der nach jahrelanger Zuchthausstrafe endlich entlassen wird. Mein Weg führte mich an einer bekannten Gaststätte vorüber, in der ich so manches Mal gesessen hatte.— Ein Glas Bier jetzt, das wäre ein Genuß. Auch ein warmes Essen dürfte es sein. Doch noch habe ich keinen Pfennig in der Tasche. Aber auch dann hätte ich mich mit meinem struppeligen Gesicht und meinen ungepflegten Haaren wohl kaum hinein getraut. Man muß mir ja ansehen, daß ich aus dem Gefängnis komme. Dann begegnete mir der Gefangenenwagen. Er holt jetzt die armen Kerle von der Gestapo und bringt sie in das Gefängnis zurück. Meine Gedanken fliegen zu ihnen. Dieses und jenes bleiche Gesicht erscheint vor mir im Geist. Immer wieder muß ich mir sagen: die allerwenigsten sind Ver- brechernaturen, die eine solche Behandlung verdienen. Das ist für einen mitfühlenden Menschen erschütternd, aufwühlend— nein, es ist noch etwas schlimmeres: es ist beschämend. Jawohl, schämen muß man sich, daß man einem Lande angehört, wo solche Dinge möglich sind. Es ist das Land der Väter, es soll das Land unserer Kinder sein. Man liebt dieses Land, aber man kann unmöglich die lieben, die solche Zustände geschaffen haben, sie verteidigen und beibehalten wollen. Da führen wir Krieg um materielle Dinge: um Land, um Bodenschätze, um ein äußerlich reiches Leben— und wir geben unsere Ehre, unser An- sehen als Kulturvolk dafür. Nein, ich kann noch nicht leichten Herzens aufatmen und mich freuen, auch wenn ich jetzt aus dem Gefängnis heraus bin. Noch befinden wir uns alle in einem Nationalzuchthaus; noch wird die Menschlichkeit mit Füßen getreten; noch wird das unterdrückt, wofür so viele große Deutsche 139 gestritten und gelitten haben, ein Lessing, ein Schiller, ein Uhland und wie sie alle heißen: Das Recht des freien Wortes, das aus einem ehrlichen, empörten Menschenherzen kommt. Und noch ist es ein Hohn, wenn wir in unserem Deutschlandlied singen: Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand.. Für, die Einigkeit hat man jetzt in Deutschland Recht und Freiheit hergegeben. Eine Einigkeit aber, die nur durch Zwang und brutale Gewalt geschaffen und erhalten wird, kann niemals Glück für ein Volk bedeuten. Hat es, bevor diese blind-eifrigen Fanatiker an die Macht kamen, nicht warnende Stimmen einsichtiger Männer gegeben? Haben diese Männer da- mals nicht darauf hingewiesen, daß Hitler einen Staat voller Kasernenhof- drill und Kadavergehorsam errichten werde, der alles frühere übertreffe, daß ferner das letzte Ziel nationalsozialistischer Außenpolitik der Krieg sei?— ©, diese Männer haben fürchterlich Recht behalten. Doch schon damals hat man sie mundtot gemacht, niedergeschrieen, der Vaterlandsfeindlichkeit verdächtigt, nur weil sie sich nicht berauschen ließen, ihr Vaterland mehr liebten, als den Rausch. Und jetzt beginnt überall im Volke der Katzenjammer. Er wird an Größe dem Rausch entsprechen. Schön war der Gedanke, ein neues deutsches Reich auf nationaler Grundlage und voller sozialer Gerechtigkeit zu schaf- fen, doch zu spät erkannten die berauschten Massen, daß man mit national nicht stilles Sammeln unserer Kraft, nicht würdevolles Bewußtsein innerer Überlegenheit, nicht weises Beschränken auf die Grenzen unseres Landes meinte, sondern lautes Kraftmeiertum, kriegerisches Schreien und krampf- hafte Sucht nach Weltmacht und Weltgeltung. Damit wurde auch das Wort vom Sozialismus zum Trugbild und zur Lüge. Man befreite den Arbeiter nicht von seinem Joch durch die Leistung der Maschine, sondern man machte ihn zum nationalen Arbeitssklaven. An Stelle besserer Lebens- bedingungen für alle, die sich durch die hochentwickelte Technik ergeben sollten, bürdet man den Massen im Interesse des Staates weit größere Lasten auf denn je, und man weiß als Trost nur zu sagen, daß man sich bemüht, diese Lasten gerecht zu verteilen. Man strebte von Anfang an nicht nach einer gesunden Entwicklung zu neuen, besseren Wirtschaftsformen, sondern man machte mit krampfhafter Hast das ganze Deutsche Reich zu einer ein- zigen großen Rüstungsfabrik. Die Vernunft ersetzte man durch brutale Gewalt.— 140 Das alles mußte ich noch einmal überdenken, während ich dem Gefängnis zuschritt. Dort konnte ich jetzt die breite Haupttreppe hinaufgehen; als Gefangene wurden wir immer den schmalen, schwer verschlossenen Hintergang hinunter- und heraufgeführt. Wie bei meiner Einlieferung stand ich droben wieder vor dem bis hinauf zur Decke mit Eisenstäben vergitterten Eingang, der den Eindruck machte, als befände man sich vor einem Raubtierkäfig. - Ein Zufall nein, ich will diesen lächerlichen Ausdruck nach dem Erlebnis der fünfzehn Tage noch weniger gebrauchen als früher die Bestimmung wollte es, daß mir der sympathische Wachtmeister auf mein Läuten öffnete, der mich seinerzeit aufgenommen hatte. Schon durch das Gitter sah ich, wie er sich freute, mich außerhalb der Gitterstäbe zu sehen. Der Brief von der Gestapo bestätigte ihm, daß ich entlassen sei. Aus meiner Zelle waren noch verschiedene, mir noch gehörende Gegenstände zu holen. Der Wachtmeister öffnete mir. Da standen sie wieder, die armen Zellengenossen, vorschriftsmäßig in zwei Gliedern nebeneinander, als wollten sie mir zum Abschied noch einmal eine Ehrenfront bilden, wie damals bei meiner Einlieferung. Doch inzwischen waren es andere Gestalten und Gesichter geworden. , Der böse Traum ist aus. Es geht heim", sagte ich beim Eintreten. Sie alle streckten mir die Hände entgegen. Der gütige Wachtmeister an der Tür ließ es zu, daß ich jedem zum Abschied die Hand drückte; bei einem andern wäre das unmöglich gewesen. Möge auch euch bald die Freiheit werden! Dir, du junger, standhafter Bibelforscher; dir, du Bauer, der du dich in einer schwachen Stunde mit der verführerischen Polin eingelassen hast; dir du armer, kranker Alter; dir du ehemaliger Fremdenlegionär; euch anderen allen, die ihr kaum schlechter seid, als so mancher von denen, Da die euch hier einsperren und draußen in Amt und Würden sitzen. habe ich noch etwas Brot. Teilt es euch!" - Im Flur draußen kam ich mit dem Wachtmeister noch einmal ins Gespräch über die Zustände in diesem Gefängnis, während im Nebenraum ein anderer Beamter meine mir bei der Einlieferung abgenommenen Sachen hervorsuchte. Der Wachtmeister sagte zu mir:„ Ich behandle jeden hier als Mensch, auch wenn ich weiß, daß er ein Verbrecher ist. Dafür muß er ja seine Strafe verbüßen." Daß das keine Unwahrheit war, hatte ich genügend 141 beobachten können. Gern bestätigte ich es ihm. Ich wies zugleich darauf hin, wie seine menschliche Art angenehm von den anderen Polizeileuten abstach. „Achtung, dort kommt O!“, sagte er jetzt, als der Verhaßte am anderen Ende des Flurs auftauchte. Und sichtlich rückte er von mir ab, bis der Unmensch vorüber war. Auch er fürchtete ihn also, wagte nicht, sich im vertrauten Gespräch mit mir zu zeigen. Mehr als anderswo unter Kollegen wird wohl hier einer der Teufel des anderen sein. Schweigend ging O. an uns vorüber, in seiner charakteristischen Haltung, die an eine geduckte, schleichende Bestie erinnerte. Hoffentlich ist es mir gelungen, mit dem Blick, den ich ihm jetzt zuwarf, zu zeigen, wie sehr ich ihn verachte. Wir sprachen dann über ihn. Der Wachtmeister suchte ihn zu verteidigen. Er sei durch den jahrelangen Dienst hier im Gefängnis so geworden. Aber das eigene Wesen und freundliche Gebaren dieses Wachtmeisters entkräftete seine Worte und klagte O. an. Ein Mensch wird auch in dieser Umgebung nicht zur Bestie, wenn er es nicht schon ist. Endlich erhielt ich meine Sachen. Es stimmte auf den Pfennig. Ich konnte gehen. Keine Minute länger in diesem Hause!„Auf Wiedersehen, aber nicht hier“, sagte ich auch zu diesem Wachtmeister, wie ich es drüben bei der Gestapo zu B. gesagt hatte. Dann schlug die schwere Gittertür des Raubtierkäfigs hinter mir zu.— Jetzt schnell zum Fernsprecher, die Frau anrufen. Ich hatte ja wieder Geld bei mir.— Ein Ausruf freudiger Überraschung am anderen Ende der Leitung.—„Jawohl, ich bin es selbst, bin frei. Mit dem nächsten Zug komme ich. Mache inzwischen bitte Badewasser warm; das wird noch nötiger sein, als essen.“ 142 SCHLUSSBETRACHTUNG Den dringenden Rat von B., meine Schreibereien zu lassen, konnte ich nicht erfüllen. Es trieb mich, das Erlebnis dieser fünfzehn Tage sogleich nach meiner Entlassung niederzuschreiben, bevor Vieles meinem Gedächtnis entschwand. Heimlich, bei verschlossenen Türen, schrieb meine Frau diese Blätter mit der Maschine. Gar manchmal tauchte dabei im Geist vor mir das drohende strenge Gesicht von B. auf, wie ich es von den ersten Vernehmungen her in Erinnerung hatte. Allein ich habe gelernt und bin vorsichtig geworden. Zettelnotizen trage ich nicht mehr bei mir; und für diese Manuskript- Blätter habe ich ein so gutes Versteck, daß sie die Herren Kriminalisten auch bei einer etwaigen Haussuchung schwerlich finden werden.- ,, Hebe den klagenden Ruf! Doch es siege das Gute!" So ließ vor zweieinhalb Jahrtausenden Äschylos die Stimme des Menschheitsgewissens ausrufen. In den unvergänglichen Dichtungen aller Zeiten und Völker finden wir diesen Ausspruch bewußt oder unbewußt als Leitgedanken. Es freut mich, daß jenes Wort des Äschylos auch über diesem Erlebnisbericht als Motto stehen könnte. Ich mußte hier nicht nur anklagen; die geschilderten Tatsachen stillen auch das Verlangen nach dem Sieg des Guten, das in jedem unverdorbenen Herzen schlummert. Möge dieser Bericht den Leser nachdenklich machen und ihn erkennen lassen, was in unserem deutschen Vaterlande nowendig ist. Es geht heute nicht so sehr um Hab und Gut, wie um die inneren Werte, um edle Menschlichkeit, die unser Volk gestehen wir es nur offen und reumütig ein in seinem blinden Verlangen nach Raum, nach politischer Weltgeltung und noch besseren Lebensbedingungen vielfach miẞachtet hat. - - Nicht ein Kampf Völker gegen Völker, Rassen gegen Rassen, Parteien gegen Parteien, Klassen gegen Klassen und Organisationen gegen Organisationen bringt uns ein besseres Dasein und hat im Sinne einer Höherentwicklung der Menschheit Wert und Berechtigung, sondern allein der Kampf der Guten gegen die Bösen. Wenn auch die Begriffe Gut und Böse 143 nicht scharf umrissen werden können, wenn klügelnde Verstandesmenschen sie belächeln und lebensfremde Philosophen, deren ewigen Wert mißachtend, sich von ihnen lossagen: der unverbildete Mensch fühlt ohne weiteres, wer gut und böse handelt, wenn er zum Beispiel ein Bühnenstück der großen Menschengestalter Shakespeare, Calderon, Moliere, Schiller und anderer auf sich wirken läßt, und ebenso, wenn er mit kindlich-unbefangenem Gemüt, gesunden Sinnen und ehrlichem Wollen das gewaltigste aller Dramen, das Miteinanderleben der Menschen hier auf dieser Erde betrachtet. Ich glaube, in meinem Bericht hier jedem deutlich gezeigt zu haben, wer gut und böse handelte, unbeeinträchtigt davon, ob die Betreffenden Beamten- uniform trugen oder in jämmerlichen, schmutzigen Lumpen einherliefen, ob sie Macht und Geltung hatten oder erbärmlich hilflose Gefangene waren. Darin erblicke ich eines der Übel, die zu den gegenwärtigen unerträg- lichen Zuständen geführt haben: wir alle lassen uns bei unserem Urteil über Mitmenschen von Äußerlichkeiten leiten und geraten zu leicht in die Ge- fahr des Verallgemeinerns. Es ist eigentlich lächerlich, die folgende Binsen- wahrheit auszusprechen, und doch halte ich es für notwendig: ob ein Mensch gut oder böse ist, erkennt man nicht an irgend einer Uniform oder sonstigen Kleidung, nicht an dem Abzeichen einer Partei oder Organisation und auch nicht daran, ob er in diesem oder jenem Lande geboren ist, dieser oder jener Rasse angehört. Man muß/immer unvoreingenommen den Menschen rein als solchen auf sich wirken lassen und darf ihn nur nach seinen Taten rich- ten. Das allein ist gerecht. Allerdings erfordert es einige Mühe, setzt ehr- liches Wollen und Lebenserfahrung voraus. Verantwortungslose Hetzer und Volksverführer freilich wollen davon nichts wissen. Deshalb ist ihnen auch die unreife, leichtfertige Jugend lieber als das erfahrene, bedächtige Alter; die mitreißende aber kurzlebige Rede in Massenversammlungen lieber, als die langsam eindringende, aber nach- . haltigere Wirkung des Buches eines ernsten, unparteiischen Denkers; blindes Verallgemeinern im Haß lieber, als sorgfältiges Abwägen jeden Falles und gewissenhaftes Gerechtwerden jedes Menschen. Welche Welt damit ge- schaffen wird— ja, das sollten wir nun eigentlich genügend kennen gelernt haben! Mir erzählte einmal ein Soldat des ersten Weltkrieges, der in englische Gefangenschaft geraten war, daß der englische Lagerkommandant in ge- brochenem Deutsch eine Ansprache an die Gefangenen gerichtet habe, die 144 mit den Worten endigte:„ Es gibt in Deutschland Kommandanten gute und schlechte, und es gibt in England Kommandanten gute und schlechte ich will sein ein gutes Kommandant!" - und So schlecht das Deutsch dieser Rede war, so edelmenschlich und weise ihr Sinn. Jawohl, es gibt überall gute und schlechte Menschen, in Deutschland wie in England, Rußland und allen anderen Ländern; und es ist gewissenlos und verabscheuungswürdig, ein ganzes Volk als verbrecherisch hinzustellen und leiden zu lassen. Das gilt für hüben wie drüben. Mit meinem Bericht hier habe ich dargelegt, daß selbst bei einer so verwerflichen Einrichtung, wie es die Gestapo ist, durchaus achtenswerte, menschlich denkende und menschlich handelnde, also„ gute", Menschen waren; ja, daß sogar unter den Teufeln im Gefängnis ein Wachtmeister war, der sich nicht von den Beispielen der anderen und von den üblen Gebräuchen anstecken ließ, sondern sich auch in dieser Umgebung bemühte, ein guter Mensch zu sein, wie jener englische Kommandant des Kriegsgefangenenlagers. Wenn es mir mit meinen Darlegungen hier gelungen ist, diese Erkenntnis in einige Herzen zu tragen und bei ihnen das Bestreben zu fördern, gleich jenen Vorbildern an dem Platze, wo sie gerade stehen, menschlich gut zu handeln, dann soll es der schönste Lohn meiner Arbeit sein. 145 NACHWORT geschrieben Ende April 1945 Über ein Jahr hat dieser Bericht bei mir verborgen gelegen. Heute nun ist es so weit, daß ich ihn veröffentlichen kann. Die furchtbare Schicksalsstunde unseres Volkes ist da. Ungezählte Deutsche haben sie gleich mir mit blutendem Herzen, gebundenen Händen und zugehaltenem Mund als unabwendbar vorausgesehen. Nur, daß es nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis noch sechzehn Monate dauern würde, bis Deutschland den Widerstand einstellte, daß der Wahnsinn auf eine solche Spitze getrieben würde, daß Elend und Not diese Ausmaße annehmen würden, das wagte ich damals nicht zu fürchten. Als ich freigelassen wurde und wähnte, die Vernunft müsse bei uns in kurzer Zeit durchbrechen und den für Deutschland aussichtslos gewordenen Krieg beenden, war Schwabens schöne Hauptstadt noch da und lebensstark, wenn auch aus mancher Wunde blutend. Erst durch die Bombenangriffe, die nach dem 20. Juli 1944 erfolgten, ist das, was Stuttgart früher war, dahin, wie die verfallenen Städte antiker Herrlichkeit. Neben den unvergeßlichen Wahrzeichen und Bauwerken, die jedem Stuttgarter ans Herz gewachsen waren, sind auch das Haus der Gestapo und das Polizeigefängnis in der Büchsenstraße ein Trümmerhaufen geworden. Auch die Gefängnisbaracken, die wir in Zuffenhausen erstellen sollten, sind bald nach meiner Freilassung bei einem nächtlichen Angriff in Flammen aufgegangen. Halb erfreut, halb betrübt stellte ich es fest, als ich damals hinauspilgerte, um die freundlichen Polizeibeamten und Mitgefangenen zu besuchen. So habe ich keinen der ehemaligen Leidensgenossen wiedergesehen. Sch., der Gestapobeamte, dem ich wohl am meisten zu verdanken habe, ist bald nach meiner Freilassung von der Stuttgarter Gestapo wieder weggekommen und auswärts für andere Arbeiten eingesetzt worden. Meine Bemühungen, ihn wiederzusehen und ihm zu danken, waren vergebens; ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. 147