Und fchwer und ferne Hängt eine Hülle Mit Ehrfurcht.- Stille Ruhn oben die Sterne Und unten die Gräber. GOETHE Er öffnet die finftern Gründe und bringt heraus das Dunkel an das Licht. Sein ift, der da irrt und der da verführt. DAS BUCH HIOB ANREDE AN DEN LESER Solltest Du unverfehens, lieber Lefer, über dies Büchlein ge raten und zu dem Eindruck gelangen, daß es von Dingen rede, die nicht für die Öffentlichkeit geeignet feien, ſo fei meiner Zuftimmung gewiß. Denn hier ift weder von hifto rifchen Zufammenhängen unferer jüngsten Vergangenheit die Rede, die bisher unbekannt geblieben wären, noch wäre der Anfpruch biographifcher Befonderheit gerechtfertigt, denn taufend Andere haben Ähnliches wie ich, Ungezählte noch Schlimmeres durchgemacht, noch wird hier das trau rige Gefchäft betrieben, den Haß in der Welt zu vermehren. Dies Büchlein ift nichts anderes als ein Bericht, der nur wahr heitsgetreu erzählen, aber nicht dramatifieren oder heroi fieren will, und der mit der Öffentlichkeit fo viel und fo we nig zu tun hat wie ich felbft. Aber verfuche zu verftehen, lieber Lefer, daß es Menfchen gibt, denen ich diefen Bericht fchuldig bin, und daß ich ihn, wenn ich schon die weite Öffentlichkeit nicht mit meinen perfönlichen Erfahrungen zu behelligen wünsche, doch in die Hände jener Menfchen übergeben möchte, nämlich meiner Frau wegen ihrer unvergleichlichen Tapferkeit und jenes unerfchütterlichen Gleichmaßes, das nur der chriftliche Glaube gewährt, meinem alten Vater in Ehrerbietung und Dankbarkeit, meinem alten Bifchof, weil er mich im Gefängnis befucht hat und ich darum feiner nach dem Herrenwort Matth. 25, 36 gedenken muß, 9 meinen Kindern, weil fie tapfer und schweigend meine Laft mitgetragen haben, die in viel höherem Maße, als ich gewußt habe, auch ihre Laft gewefen iſt, allen ftillen, tapferen Chriftenmenfchen in Berlin und anderswo, die mich mit ihren Gebeten geftärkt und mit ihren Gaben während meiner Haft erquickt haben, jenen deutfchen und ausländifchen Chriftengemeinden, die für mich regelmäßig namentliche Fürbitte geübt haben, und jenen Boten Gottes, die einen befonderen Auftrag an mich auszurichten und mich für den Tod oder das Leben zu rüften hatten. Denn ihrer aller werde ich in Dankbarkeit gedenken, fo lange mein Erdentag währt. Derer aber, deren Leben nach Gottes heiligem Ratfchluß in jener Zeit der Prüfung zu Ende ging, und die ihn durch ein getroftes, gläubiges Sterben ge priefen haben, gedenke ich mit den Worten aus dem Buch der Weisheit( 3, 1-6): Aber der Gerechten Seelen find in Gottes Hand, und keine Qual rühret fie an. Vor den Unverftändigen werden fie angefehen, als ftürben fie, und ihr Abfchied wird für eine Pein gerechnet, und ihre Hinfahrt für ein Verderben. Aber fie find im Frieden. Ob fie wohl vor den Menfchen viel Leidens haben, fo find fie doch gewiffer Hoffnung, daß fie nimmermehr fterben. Sie werden ein wenig geftäupt, aber viel Gutes wird ihnen widerfahren; denn Gott verfucht fie und findet, daß fie fein wert find. Er prüft fie wie Gold im Ofen und nimmt fie an wie ein vollkommenes Opfer. 10 Der Weg ins Dunkel Am 19. Auguft 1944 hatte ich morgens um 4 Uhr die Burg Bodenftein im Eichsfelde verlaffen, auf der ich die Nacht zuges bracht hatte, und ftieg zu Tal, um den Frühzug nach Berlin zu erreichen. Es war noch tiefe Nacht, und die Sterne funkelten klar vom Himmel. Die Tannen ftanden hoch und schwarz am Wege, der fich fteil ins Tal fenkte. Und da der Abftieg in diefer Morgenfrifche ganz unbefchwerlich war, wanderte ich, leicht befchwingt wie nur je eine Geftalt aus Eichendorffs Welt, den Weg hinab. Als ich die Talfohle erreicht hatte und nun, der Biegung der Landstraße folgend, den öftlichen Himmel vor mir fah, er fchrak ich plötzlich: am nächtlichen Himmel, über den fich fchon ein leifer blaffer Schein breitete, ftand in schimmern der Pracht der Orion. Ich hatte nicht bedacht, daß man ihn um diefe Zeit, da fich das Jahr fchon wieder unmerklich neigt, am frühen Morgenhimmel fehen kann; daher überfiel mich mitten im Sommer diefes winterliche Sternbild unerwartet, und eine jähe, unerklärliche. Beforgnis zog wie ein plötz licher Schmerz über mein Herz hin: wie würde es im Winter fein, wenn der Orion in feiner hohen Pracht über dem kämp fenden und leidenden Land ftehen würde? Und wie würde das neue Lebensjahr für mich fein? Denn es war der Tag vor meinem 45. Geburtstag, und ich hatte einige hübsche Ge danken geträumt, wie ich trotz der Kriegszeit den Tag ftill, 11 aber feftlich zu begehen dachte. Obwohl ich den Auguſt als die Höhe des Jahres befonders liebe, konnte ich mich in dies fem Augenblick eines drückenden, ernſten Empfindens nicht erwehren. Der Morgen kam, kühl und ein wenig ernüchternd. Im Zuge drängten fich fröftelnd wenige Reifende. Später ging der Tag ftrahlend und mit immer steigender Wärme auf. Auf der Station Barby überrascht uns der längft fällige Luftalarm; die Sirenen heulen auf, die Luftwarnungsflaggen werden gefetzt, der Zug wird entleert, und wir fehen die fil bernen Vögel, bedrohlich und glänzend, in riefigen Scharen durch die herrliche Bläue des makellofen Augufthimmels flies gen- oftwärts, auf Berlin zu. Mühfelige, ungewiffe Wartezeit, hundertmal durchgekoftet und doch immer aufs neue nervenzerreißend, langfame, fehr verspätete Einfahrt in Berlin, müde Spannung, ob das Haus noch steht, unbefchädigt ift. Es ist noch da; die Kühle und Ruhe drinnen ist wohltuend. Die treue Magdalena hat mit dem Mittageffen gewartet. Ich fchicke fie weg, verfchiebe die Mahlzeit auf den Abend, lege mich schlafen, um verfäumte Nachtruhe nachzuholen. Es muß gegen vier Uhr fein, als mehrere Male heftig ge klingelt wird. Da es fich wiederholt und Magdalenavon ihrem Wege noch nicht zurück ift, ftehe ich auf, um zu öffnen. Vor der Haustür ftehen zwei Männer, und fchlagartig ist mir alles klar. Sie brauchen nicht zu fagen, daß fie von der Ge ftapo find und eine Hausfuchung halten wollen; ich nehme fie faft felbſtverſtändlich auf und fordere fie auf einzutreten. Aber zu tief fitzt die ftille, ftändige Oppofition gegen diefes ekle Gewerbe mir im Blut, als daß ich es mir verfagen könnte, nach ihren Ausweifen zu fragen. Im Grunde ein überflüf figes Beginnen, Gefichter und Gehabe find eindeutig genug 12 durch ihren Beruf geprägt; und ganz dunkel, wie in einer fernen Erinnerung, kommen fie mir bekannt vor: wie oft mögen fie mich, ohne daß ich es wußte, bei Gesprächen in der S- Bahn oder bei Vorträgen und Predigten„ überfchat tet" haben? Später wird man mir im Verhör vorhalten, daß ich diefe Beiden fo ruhig empfangen habe, als fei ich längft darauf ge faßt gewefen; und das wird richtig fein. Ich bin innerlich eigent lich längft gerüftet, und wie ein felbſtverſtändliches Staunen fagt eine dunkle Stimme in mir: Jetzt alfo ift es fo weit. Die Hausfuchung ift eine merkwürdige Mifchung von Pe netranz und Oberflächlichkeit; find diefe unvergleichlichen Geftapobeamten nur darauf bedacht, den Anbruch ihres dienftfreien Samstagnachmittages nicht unnötig hinauszu zögern, oder wollen fie nur einen allgemeinen Eindruck von dem Grad meiner Staatsgefährlichkeit gewinnen, indem fie hier einen Stoẞ Briefe und dort einige Bücher, im Keller einige Papiervorräte und überhaupt keine anftändige und zufammenhängende Akte befichtigen? Oder ift diefe reich lich dilettantische Hausfuchung nur ein Vorwand? Offenfichtlich das Letzte; denn nach etwa einer halben Stunde wird mir eröffnet, daß ich verhaftet fei. Ich verlange einen fchriftlichen Haftbefehl; für die Geftapo beſtehen da keine Schwierigkeiten: er wird vor meinen Augen ausgestellt. Mein Hinweis darauf, daß ich am anderen Tag, dem Sonntag, Gots tesdienft halten müffe, und daß mein Fehlen Auffehen er regen würde, verfchlägt natürlich nicht; fie fagen: Diefes Auffehen werden wir zu verhindern wiffen, und ich fage: Das wird Ihnen nicht gelingen. Am Telephon, das fich jetzt wieder lebhafter meldet, darf ich nicht fagen, daß ich ver haftet bin. So antworte ich auf die zahlreichen Fragen, ob ich morgen predigen werde, das fei nicht der Fall; und als 13 gerade in diefem Augenblick Freund P. fich unerwartet auf der Durchreife meldet und zu einer feltenen Flasche Wein einlädt, erwidere ich mit grimmigem Humor, daß wir diefen hübfchen Plan ein wenig verfchieben müffen. Währenddem fitzen die Beiden wie böfe, wachfame Hunde dabei und ach ten auf jede Bewegung und jedes Wort; einige ironische Be merkungen von mir lieben fie durchaus nicht. Nun mache ich mich fertig. Ich wähle einen alten, aber noch immer ftrapazierfähigen Anzug; da er fchwarz und von. gutem Schnitt ift, wird er mir in Verbindung mit einer schwar zen, hoch gefchloffenen Wefte bei den späteren Verhören und anderen„ öffentlichen" Anläffen immer ein wenig klerikalen Glanz verleihen, und ich werde das fpäter als eine nette Beigabe empfinden. Außer dem Nachtzeug nehme ich noch zwei oder drei von den letzten guten Brafilzigarren( die am Abend bereits dem SS- Offizier wohlgefallen werden, der meine Perfonalien aufnimmt!) und außer der Bibel das fchön gebundene Exemplar des griechifchen Neuen Tefta mentes von Soden, weil es mit feinen klarer, großen Typen auch in einer Zelle gut lesbar fein wird. Dazu einen leich ten Mantel, und nach einigem Überlegen auch einen Hut. Aber eine Schwierigkeit ift noch da: in meiner Rocktasche ift ein handgefchriebener, kurzer englifcher Brief von Robert Mackie, dem Generalfekretär des Chriftlichen Studenten weltbundes. Es ist zwar nur ein ganz einfacher, chriftlicher Brudergruß, und weder Robert noch ich haben bisher Fäs higkeiten als Verfchwörer aufzuweifen. Aber da die Geftapo nun einmal zu Mißtrauen geneigt ift, könnte fie den Brief als belaftend anfehen, wenn ich nachher auf den Inhalt meiner Taschen durchfucht werde; und außerdem braucht fie nicht von mir zu erfahren, daß Schönfeld und einige andere folche Grüße über die Grenze zu bringen pflegen. 14 Und fiehe es gelingt: für kurze Zeit kann ich durch eine einfache, faft plumpe Zwifchenfrage die Beiden trennen, in der Küche geht der Eine wie erwartet auf die weit geöffne ten Fenftertüren zu und tritt für einen Augenblick auf die Teraffe- blitzfchnell ift der Brief in den Abfalleimer geflogen, und ich überlaffe es der göttlichen Weltlenkung, dafür zu forgen, daß er dort auch bald verfchwinden wird. Er hat fpäter keine Rolle gefpielt, und das war gut fo. Nun muß noch die Rückkehr von Magdalena abgewartet werden. Nach einer knappen Viertelftunde ift fie wieder da. Ihre Haltung bei der Nachricht von meiner Verhaftung iſt trotz ihrer fechzehn Jahre großartig und von derfelben ge faßten Ruhe, mit der fie unzählige nächtliche Luftangriffe überstanden hat. Dann verlaffen wir das Haus. Wohin geht die Fahrt? Auf meine Frage hatten die Beiden nur geantwortet, daß fie auf Weifung einer„ fehr hohen Stelle" handelten. Im Munde der Geftapo konnte das eigentlich nur Himmler felbft fein. Aber als wir nun in die Lehrter Straße einbiegen und fich die schweren großen Türen des Unterfuchungsgefängniffes auftun( ich fpüre noch den Gegenfatz zwifchen dem ftrah lenden Auguftnachmittag und dem fchmutzigen Gefängnis gemäuer) fällt mein Blick auf das Schild am Eingang„ Reichs ficherheitshauptdienft". Alfo bin ich der höchften Gruppe der ftaatsgefährlichen Gefangenen zugerechnet. Die Aufnahmezeremonien find eigentlich erträglich. Es iſt eine Schreibftube da, in die ich geführt werde. Die Uhr zeigt etwas nach fünf. SS- Offiziere verfchiedener Ränge find da; ich kenne fie nicht alle genau auseinander. Einer schreibt meine Perfonalien auf. Daß ich Pfarrer bin, erregt immerhin allgemeine Aufmerkfamkeit; aber die Frage, wie ich denn dazu komme, verhaftet zu werden, kann ich auch nicht be 15 antworten. Dann wird mir wie jedem Häftling abgenom men, womit ich Unheil ftiften könnte: Hofenträger, Kravatte und Gürtel, weil man fich damit aufhängen kann, den Ra fierapparat läßt er mir, aber ohne Klingen, weil man fich mit ihnen die Pulsader auffchneiden kann, auch die unfchul digen Sockenhalter müffen herunter( welches Unheil könnten fie eigentlich anrichten?), felbft die harmlofen Schnürbän der müffen aus den Stiefeln heraus; und trüge ich nicht ein fportliches Hemd, fo müßte ich auch noch die Schmach er tragen, die jeden gut angezogenen Gentleman tief treffen muẞ: ohne Kragen, nur mit einem Kragenknöpfchen beklei det, herumzulaufen. Aber nun wird es ernſter: außer den Ausweispapieren müffen auch Geld und Wertfachen abges geben werden: mein goldener Siegelring und meine schöne Schweizer Armbanduhr, mein Füllfederhalter und mein fil berner Vierfarbenftift, ja, fchließlich auch mein Trauring. Ich habe fie nicht wiedergefehen. Am fchlimmften ift, daß ich auch Bibel und Neues Teftament abliefern muß. Kein Einwand hilft; weder der, daß ich Pfarrer bin und die Geftapo fonft meinen Pfarrerfreunden die Bibel belaffen hat, noch, daß ich morgen meinen 45. Geburtstag damit beginnen wollte, einen Pfalm zu lefen:„ Bei uns gibt es das nicht". Und damit händigt er mir meine„ Zimmer, nummer" aus. Schließlich ist alles fo weit, daß ich zu meiner Zelle durch gefchleuft werden kann. Ich lerne, daß ein Inhaftierter mit dem Geficht zur Wand warten muß und fich bei taufend fchrecklichen Strafen nicht umfehen darf; ich lerne, daß man im Gefängnis des Reichsficherheitshauptdienftes die laute und vernehmliche Diktion mit eindeutig brutalem Einschlag liebt. Ein kleiner fchwärzlicher Schrumpfgermane in Hemds ärmeln, ohne Uniform, der fortgefetzt Nummern in die hohe 16 Halle fchreit, ruft:„ Poften III! 176 Zugang", und ich werde unter dem anfeuernden Gebrüll eines SS- Mannes, der nur ein merkwürdiges Deutſch beherrscht, über die klappernde Eifentreppe in den dritten Stock und in die Zelle 176 ge führt. Ein anderer volksdeutfcher SS- Mann mit ebenfo merk würdigem Deutſch nimmt mich in Empfang, und in wenigen Augenblicken fällt die fchwere, eiferne Tür der Zelle 176 hin ter mir ins Schloß. Diefer Augenblick ift der fchwerfte, fchwerer als die Stunden und Tage der Todesnähe. Als die Zellentür ins Schloß fchlug, habe ich mich auf die Pritfche geworfen und gebetet: laẞ mich die Tür vergeffen!- diefe Tür, die fo vernichtend schwer und unwiderruflich ins Schloß gefallen war. Sie ift ganz glatt, von einer fo verhängnisvoll fauberen Glätte, daß auch der Einfältigfte begreift: hier ift nichts zu machen, mein Lieber! Ein Guckloch ift in der Mitte, durch das der Poften von außen hereinschauen kann, darüber iſt eine Öffnung in der Mauer, damit der Poften fofort hören kann, falls du Unfinn betreibft. Das hat den Vorteil, daß du jedes Geräusch, das in diefer hohen Halle verdoppelt wird, un vermindert mitbekommft. Heute ift offenkundig Hochbe trieb; unausgefetzt hallen die lärmenden Rufe des kleinen Schrumpfgermanen durch die Halle: Poften III! Zugang!- Das Geftapogefängnis in der Prinz Albrecht- Straße ist längst überfüllt; hier in der Lehrter Straße find fchon zwei Flügel als , Hausgefängnis" für den Reichsficherheitshauptdienſt ein gerichtet. Ich bin mir fofort darüber klar, daß fich vor Montag nichts ereignen kann; heute ift mit allem Schluß. Sogar das, Abend brot" ift fchon ausgeteilt, und ich, der ich feit drei Uhr früh auf den Beinen bin, der ich überdies die Mittagsmahlzeit ausgefchlagen habe, empfinde nun doch erheblichen Hunger 17 Mit Mühe und Not wird durch einen menfchlichen Kalfaktor, alfo einen Mitgefangenen, noch ein Stück trockenen Brotes beforgt. Waffer ift im Krug. Das Inventar, Krug, Waschschale, Eẞnapf, Löffel, ift unbefchreiblich abgenutzt und schmutzig, die Bettwäsche flößt mir Grauen ein. Wie wohl die meiſten in folcher Lage bin ich von einem naiven Optimismus erfüllt und halte das Ganze für eine Angelegenheit von Tagen; als aber mein Blick auf eine mäch tige Gruppe von Bäumen fällt, die jenfeits der hohen Mauer majeftätisch in den klaren Augufthimmel ragen, zieht mir plötzlich wieder- wie in der Morgenfrühe- jäh und uner klärlich die Vorftellung durch den Sinn, ich könnte diefe Bäume herbftlich gelb oder gar winterlich kahl werden fehen! Eine niederdrückende Idee, wie ein Schlag auf die Bruft. Da beginnt langfam der Schrecken wie ein ekles Tier empor zukriechen. Mit unheimlicher Schärfe fehe ich mich felbft und meine Lage: die dumpfe, fchmutzige Zelle mit den eifernen Stäben, draußen der makellofe Augufthimmel, der fich in fil berblauer Pracht mächtig und weit ſpannt, aber er iſt ſchon faft nicht mehr wirklich, vor diefer unfichtbaren dunklen Wand, die da vor mir fteht, diefe dunkle, gefährliche, bedroh liche Gegenwart, gegen die ein Einzelner äußerlich wehrlos ift. Hier kann ich verfchwinden, ohne daß je wieder eine Spur von mir ans Licht dringt. Und der Schrecken beginnt langfam weiterzuwachfen und wird immer größer und furchtbarer, je mehr mir die Einzel> heiten meiner Lage erkennbar werden. Langfam dämmert die Erkenntnis, daß jene dunklen Flecken am Boden nicht vom Schmutz herftammen, fondern Blutflecke find, die kein Scheuern abwäfcht, fondern die- wie der Blutftein Parricidasimmer wieder durchfcheinen. Der dunkle Fleck neben der Pritfche muß von einem Unglücklichen herrühren, der fich 18 die Pulsadern aufgefchnitten hat; und was den großen, dunk len Fleck unter dem Fenster betrifft, fo kann er nur von je mandem ftammen, der fich an den eifernen Gitterftäben erhängt hat. Nun beginnt mein Ohr auch die lärmenden Eindrücke aus der Halle des Gefängnisflügels aufzunehmen und zu fam meln. Die Akustik da draußen ist wie in einer hohen weiten Kirchenhalle; aber da die Treppen und Gänge aus hallen dem Eifen find, ohne Holz, das den Schall gütig abdämpfen und verwandeln würde, klingt alles hart und platt und vor dergründig. Durch die Öffnung über der Zellentür dringt der ununterbrochene Lärm Tag und Nacht unbarmherzig herein. Noch immer werden Zellennummern ausgerufen- Zugang, Abgang, Verhöre, Mißhandlungen oder Schlimme res, was weiß ich? Und nun vernehme ich ganz deutlich in der Zelle nebenan ein langes, bald fteigendes, bald fchwächer werdendes Stöh nen, hin und wieder durch winfelnde Auffchreie unterbro chen, dann kommt jedesmal der Poften und fährt den Unbe kannten fcharf an- ift er krank, oder leidet er unter den Fol gen einer Folterung? Viel mehr noch als die phyfifche Not diefes Unglücklichen macht mir die Einbuße an Menfchens und Manneswürde zu fchaffen, die fich in diefen klagenden Ausbrüchen kundtut. Aber nun fängt wenige Zellen weiter links einer an, in Tobfuchtsanfällen gegen feine Tür zu trom/ meln; feine immer schriller werdenden Schreie:„ Ich bin un fchuldig!" beweifen, daß er völlig die Kontrolle über fich felbft verloren hat, bis er- ich höre die Einzelheiten genau- durch Einspritzung irgendeines Mittels zu verdächtiger Ruhe gebracht wird. In diefem Augenblick fteht mein Entfchluß feft: alle Kräfte des geiftigen und feelifchen Widerftandes in mir zu mobi 19 lifieren, damit ich unter keinen Umständen folchen Zufam menbrüchen erliege. Da wird mir eine der köftlichften Gaben zuteil, die mir schon unzählige Male in meinem Leben geholfen hat: der Schlaf. Ich lege mich auf der Pritfche fchlafen. Und da ich mit diefer köftlichen Gabe, obwohl fie mir in jeder Minute zur Ver fügung steht, fehr im Rückftande bin, da ich einen langen, früh begonnenen und immerhin ereignisreichen Tag hinter mir habe, fchlafe ich trotz der harten Lagerftatt und des un aufhörlichen nächtlichen Lärmes, felbft trotz der schauder haft grellen Lampe, die uns die ganze Nacht unmittelbar aufs Lager fcheint, wunderbar feft und tief, fodaß ich am anderen Morgen völlig erfrischt und geftärkt aufwache und die Welt anders anfehe. Es war Sonntag, der 20. Auguft 1944- mein 45. Geburtstag! Der Tag war von jener blendenden Majeftät, wie ich ihn mir für diefen Tag auf der Höhe des Jahres gewünſcht hatte, der Himmel war ein Dom von Licht, und die Sonne hüllte die Erde in ihre ftrahlende Glut. Da hörte ich plötzlich aus ei nem Fenster im anderen Flügel, ohne daß ich Genaueres erkennen konnte, hallend über den Platz pfeifen:„ Wer nur den lieben Gott läßt walten...."! Wie elektrifiert sprang ich ans Fenfter und antwortete, fobald der unbekannte Mitchrift drüben gefchloffen hatte, mit dem Choral:„ O, daß ich tau fend Zungen hätte!" Wir wechfelten pfeifend noch je eine Strophe, bis drüben der Wachtpoften mit polterndem Lärm ein Ende machte, und auch der Poften auf meinem Gang nahte, der aber, da ich längst wieder friedlich in meiner Zelle war, nichts entdeckte. Für einen Augenblick kehrte noch einmal jener langfam wachfende Schrecken von geſtern abend wieder: ich hatte in der Nähe Schüffe vernommen, die man mit einer faſt fried 20 lichen Regelmäßigkeit fallen hörte und hatte tatfächlich zu erft geglaubt, die SS Männer hielten ihre morgendliche Schießübung ab- bis mir jäh der Gedanke aufftieg, daß da Menfchen aus unferem Gefängnis, erledigt" würden. Da hoben in der Ferne Glocken an zu läuten; ich verfuchte am Stande der Sonne die Zeit zu erraten, und ging Stunde um Stunde den Sonntagvormittag durch, malte mir die wartende Gemeinde aus, und hielt im Geifte den Gottesdienft mit. Da fühlte ich in der Tafche einen ganz zufammen gefalteten Zettel, den geſtern der aufnehmende Beamte nicht entdeckt und ich felbft überfehen hatte; es waren Notizen zu der Predigt über 1.Cor.15, 1-10, die ich hatte halten wollen. Nun konnte ich den Text noch einmal überdenken. Von meinen Mitgefangenen habe ich bis zur Stunde noch nichts gefehen oder gehört. Die Zellennummern, die in den nächsten Tagen unabläffig gerufen werden, hüllen alles in eine bedrückende Anonymität. Am vierten oder fünften Tage wird eine Gruppe von uns für das Verbrecheralbum photographiert; wir ftehen, in langen Abſtänden, die Ges fichter zur Wand, auf der Treppe und den Gängen herum, bis wir draußen photographiert werden. Der Photograph ift von einer fehenswerten Ungefchicklichkeit; da er alles durcheinanderbringt, werden, um weitere Irrtümer zu ver meiden, die Namen aufgerufen, und auf diefe Weife erfahre ich, daß mein Nachbar Schulenburg heißt, höre weitere Na men, die alle in die gleiche Richtung weifen; ich begreife, daß ich mit dem 20. Juli in Zufammenhang gebracht werde. Beim Photographieren felbft bin ich mir über das Erforder liche durchaus klar; ich weiß, daß man aus einem unrafierten Geficht, zumal wenn ungeordnete Kragenverhältniffe hin zukommen, spielend leicht eine Verbrechervilage machen kann, wenn man das Opfer veranlaßt, nach unten zu ſehen. 21 Und da man nicht wiffen kann, welche Publizität man uns zugedacht hat, recke ich auf alle Fälle das Geficht kühn der Sonne zu, um in paffabler Haltung auf die Platte gebannt zu werden. Aber bei der zweiten Aufnahme begreift einer der Aufficht führenden SS- Beamten mein Vorhaben und ver anlaẞt mich mit brüllendem, Kinn an die Binde!" zur ,, vor> fchriftsmäßigen" Haltung zurückzukehren. Ich gehöre nicht zu jener Menfchengruppe, deren Vorrecht die heroifche Pofe ift. Aber ein Gutes hat diefe kurze Begegnung mit den Mit gefangenen gebracht: die ftürmenden und bohrenden Ges danken über den Anlaß zu meiner Verhaftung bekommen eine neue Richtung. Bis dahin hatte ich drei verfchiedene Möglichkeiten erwogen.. Die erfte betraf Gerftenmaier. Er war am Abend des 20. Juli im Gebäude des OKW mit York und Anderen verhaftet. Obwohl ich keine Einzelheit kannte, wußte ich naturgemäß von feinen oekumenifchen Beziehungen. Er hatte Schönfeld und Anderen ermöglicht, die Verbindung mit den: oeku menifchen Verbänden in Genf aufrecht zu erhalten, und auf diefem Wege waren mir regelmäßig Nachrichten aus den ver fchiedenen ausländifchen Kirchengebieten zugegangen, ich hatte theologische literarische Neuerscheinungen kennen ge lernt und zuweilen Grüße von ausländifchen Freunden er halten. Das alles war nun zwar weit entfernt davon, ftaatsgefährlich zu fein. Für jeden Chriften, ja fchon für jeden halbwegs vernünftigen Menschen war ganz klar, daß hier überhaupt keine politiſchen Dinge im eigentlichen Sinne verhandelt wurden; aber natürlich war ich nicht naiv genug zu über/ fehen, daß alles dies trotzdem das höchfte Miẞfallen der Ge ftapo erwecken mußte.Was ihnen schon bei uns zuhaufe als 22 22 chriftliche oder kirchliche Oppofition vorkam, das mußte natürlich, wenn es aus dem„ Auslande" kam, doppelt ver dächtig erfcheinen. Und angefichts der provinzialiſtiſchen Ab neigung des Deutfchen gegen alles„ Ausländifche" war klar, daß die öffentliche Meinung ein Vorgehen gegen uns aus folchen Gründen für durchaus gerechtfertigt halten würde. Nun hatte mir Frau Gerftenmaier, die ich mehrfach gefehen hatte, berichtet, daß man insbesondere ein geheimnisvolles Aktenftück fuchte, das ihr Mann in Verwahrung haben follte. Schon vorher hatte es eine Rolle gefpielt, und schon damals war mir eine Warnung zugegangen; aber da ich nichts der gleichen befaß, hatte ich diefen Nachrichten undWarnungen keine Bedeutung beigemeffen, war aber nicht völlig unge rüftet. Die zweite Vermutung betraf Goerdeler. Nach einem Vor trag, den ich in einer Leipziger Kirche über, Möglichkeiten eines Chriftenlebens in der Gegenwart" gehalten hatte, war er zu mir in die Sakriftei gekommen und hatte Fühlung mit mir gefucht. Die ungewöhnliche Offenheit, mit der Goerdeler feine Pläne befprach, hatte mich immer mit größtem Miẞ trauen erfüllt. Sie entſprang zweifellos feiner perfönlichen Unerfchrockenheit; aber daß unter unbefangener Benutzung des Telephons ein fo ausgedehnter Kreis, den fchon ich über fehen konnte, von Goerdelers Kritik und Plänen ſprach, er fchien mir als ein verwunderlicher und gefährlicher Dilet tantismus. Daß angesichts diefer Offenheit und Unvorsichtig keit von lauter Leuten, die eben keine zünftigen Verschwörer waren, die Geftapo weder irgendeinen der Hauptbeteiligten vorher ausfindig gemacht, noch den Anfchlag vom 20. Juli hat verhindern können, ift fchlechthin unbegreiflich. Entwe der waren die Verfchwörer zu tief in ihre eigenen Reihen, und das kann nur heißen: in ihre eigenen führenden Kreife 23 23 hineingedrungen, oder fie war unfähiger, als der deutsche Bürger glaubte.Wahrfcheinlich trifft beides zu. Ich fah in den ( päteren Wochen mehr als einen SS- Führer als Häftling, der in irgend einer Weife am 20. Juli beteiligt war; andererfeits habe ich auch einem der verhörenden Geftapiften vorge halten, daß es nicht nur für mich unverftändlich war, woher die Geftapo noch im Hochfommer 1944Zeit und Leute nahm, um fämtliche Pfarrer der Berliner Bekennenden Kirche da rüber zu verhören, wohin fie ihre Kollekten abführten, wäh rend fich faft unter ihren Augen eine Verfchwörung gegen Hitlers Leben vorbereitete! Mein eigener Grund, gegenüber Goerdeler Zurückhaltung zu üben, war die Tatfache, daß ich nicht die Berufung zu un mittelbarem politifchem Einfatz empfinden konnte. Ich hatte zu jener Zeit eine fo blühende Vortragsarbeit, daß ich noch heute nur mit Bewegung an jene ſpannungs- und erwar tungsreiche Zeit zurückdenken kann, in der unter den immer härter werdenden Schlägen des Luftkrieges der innere Hun ger immer ftärker erwachte.Noch heute bewegt mich das Bild jener vielen überfüllten Kirchen, die oft von 2-3000 Men fchen befucht waren; die meiſten liegen heute in Trümmern. Es konnte mir nicht zweifelhaft fein, daß hier mein eigent licher Auftrag lag; war ich Prediger des Evangeliums, fo durf te ich nicht auch etwas Anderes fein wollen. Aber dem Kreife feiner Mitarbeiter ftand ich nicht fern. Sie kamen häufig in meine Gottesdienfte, um jene Zeit kann te fich in Deutſchland ein beftimmter Kreis von Leuten ohne jede Verabredung von felbft. Und fo habe ich, wenngleich ich an der aktiven Vorbereitung des 20. Juli in keiner Weife beteiligt war, und von meinen Bekannten, die mein geift liches Amt in diefer Hinficht refpektierten, ohne daß je ein Wort darüber gefallen wäre, auch nie dazu aufgefordert 24 worden bin, doch felbſtverſtändlich an mancher Erwägung über die Zukunft teilgenommen, foweit Kirche und geiftiges Leben in Betracht kamen.War jemandem zu jener Zeit klar, wohin der Weg gehen würde- und mir war nicht mehr der leifefte Zweifel daran, daß wir auf die Kataftrophe zutries ben, dann war es Vaterlandsverrat, fich über die Zukunft keine Gedanken zu machen. Aber daß dies alles kein ak tiver Einfatz bei der Vorbereitung des 20. Juli war, ist wohl deutlich. Auch Goerdeler fcheint über dies Attentat anderer Meinung gewefen zu fein als Stauffenberg; aber als er später auf der Flucht um meinen Rat bat, habe ich ihm geholfen, wie es die Kirche in vergangenen Jahrhunderten oft getan. Diese Tat fache habe ich später vor der Geftapo zugeftanden. Die dritte Vermutung war allgemeiner Natur gewefen. Vom Blickpunkt der Geftapo aus war ich eigentlich längst fällig. Genug Zwifchenfälle im Einzelnen hatten fich zugetragen, Ausweifungen, befristete Redeverbote, Entzug des Reifepal fes, Verbot meiner Zeitfchrift, wiederholte Verhöre, kurz lau ter Mahnmale, wie fie den Weg vieler rechtfchaffner Deutſcher, die das öffentliche Leben nicht ganz vermeiden konnten, zier ten. Schließlich hatte die Geftapo ihre wahre Meinung mir gegenüber dadurch kundgetan, daß fie mir wenige Tage vor dem 20. Juli ein totales Reifeverbot zudiktierte, das mit Aus nahme der Predigttätigkeit in Berlin auch ein vollſtändiges Redeverbot in fich fchloß. Daß ich fällig war, ftand alfo völlig unabhängig vom 20. Juli feft. Was man mir von diefer Seite her vorwerfen konnte, war uferlos. Ließ man das taufend fach zugefagte Recht gelten, fo war ich unfchuldig; nahm man den in meiner öffentlichen Tätigkeit unverkennbar zutage getretenen Gegenfatz gegen die Grundlehren des National> fozialismus zum Anlaß meiner Verhaftung, dann war jedes 25 25 Nachdenken über die juriftifchen Möglichkeiten gegen ftandslos. Da fich in den erften Tagen nach der Inhaftierung keinerlei Anzeichen dafür ergeben hatten, daß man fich an den Rechtsweg zu halten gedachte, da man mir weder einen inhaltlichen Haftbefehl erteilte noch auch die Möglichkeit zu einer Vernehmung gab, fondern einfach allen täglich früh beim Poftengang erneuerten Forderungen zum Trotz mich zunächft unbeachtet in der Zelle ließ, hatte ich langfam mit der letzten Möglichkeit gerechnet. Als die bei weitem traurigfte und niederdrückendfte Men fchengruppe in unferem Verließ erschienen mir zuerft die Wachmannfchaften. Es waren volksdeutfche SS- Leute aus Siebenbürgen, der Batfchka und andern balkanischen Ges genden. Die meiſten waren noch erftaunlich jung, einige eben erft 18 oder 19 Jahre alt. Ihr Deutfch war meift mangel haft, etliche fprachen es überhaupt nur gebrochen; in was für erftaunlichen Sprachlichen Wendungen habe ich mich von ihnen anbrüllen laffen müffen! So klang bei ihrem Getöfe immer ein leifer humoriftifcher Unterton mit, den ich auf meine Weife genoß. Übrigens habe ich es zum baffen Erftau nen diefer Männer zu wiederholten Malen an kräftiger, äußerft lauter Gegenwehr nicht fehlen laffen. Sie waren eigens, um uns Staatsverbrecher zu bewachen, aus der Front zurückgezogen, man hatte ihnen aufgetragen, mit diefen Verrätern nicht fanft umzugehen, und fie haben das Ihre getan, um diefem Geheiß wörtlich zu folgen. Nun war es den meisten einfach zu Kopf geftiegen, daß fie als junge Soldaten Generäle und Profefforen kommandieren und das bei allen unterdrückten fubalternen Komplexen freien Lauf laffen konnten. Wenn ich die durchs Leid geprägten Gefichter der Mitge fangenen fah, lauter Perfönlichkeiten, die im Leben hohe 26 Verantwortung zu tragen gewohnt waren, und dazu die vollendete Würde wahrnahm, mit der fie ihr Gefchick trugen, dann konnte ich nie dem Eindruck wehren, hier fei eine geifterhafte Verwechslung gefchehen, die Rollen feien dämo nisch vertauscht, eigentlich müßten Gefangene und Wächter die Plätze wechfeln. Oder war das ganze auch nur die fymbolhafte Selbftenthüllung einer politifchen Ordnung, die unmittelbar vor dem Zerfall ſtand? Später, als man die Gefichter diefer Männer beffer unter fcheiden lernte, vollzog fich ein völliger Wandel des Urteils bei mir. Das dauerte freilich lange, weil in den erften Wochen das abfolute Sprechverbot ftrengftens innegehalten wurde ( ich habe wochenlang wie ein Trappift gelebt), und weil über dies die Wachmannfchaften ständig wechfelten, um jede Ge fahr irgend einer vertraulichen Annäherung auszufchließen. So lüftete fich der Schleier der Anonymität, der auch unfere Wächter deckte, nur fehr langfam und fehr fpät. Aber trotz dem wurden allmählich die Gefichter der Gutgearteten er kennbar, die fich unter dem verhärteten Äußeren ein menfch liches Bild bewahrt hatten, und die man darauf anfprechen konnte. Aber auch die jüngeren Rohlinge lernte ich mit der Zeit ganz anders beurteilen. Gerade fie waren in einer be fonderen Weife Opfer des Dritten Reiches. Ganz jung, ohne alle eigene Kenntnis von der Wirklichkeit des Dritten Reis ches, waren fie beim Einmarfch der deutfchen Truppen in ihr Gebiet zur SS überredet oder gepreßt. Die meiſten hatten ihre Angehörigen feit langem nicht mehr gefehen und waren jetzt, nach dem Einmarfch der ruffifchen Truppen in ihre Heimat, zumeift in größter Sorge um fie. Den fchützenden Raum der Heimat hatten fie auch geiftig längst verloren, die SS- Moral in gefchlechtlichen Dingen hatte das ihre ge tan, und nun waren fie, lauter gefunde, kräftige, waffenfähige 27 Leute zum Wachdienft nach Berlin kommandiert! Buchstäb lich ihr ganzes Leben beftand in diefem über alle Maẞen eintönigen Dienft- vier Stunden Wache, vier Stunden Be reitschaft, vier Stunden Freizeit. Was fie mit ihrer Freizeit machten, war völlig ihnen überlaffen; und was es in dem fchon völlig zerftörten Berlin für fie noch an ,, Freuden" gab, darüber ließen ihre laut und rückhaltlos geführten Gespräs che keinen Zweifel. Die meiſten von ihnen verkamen einfach, und zwar nicht einmal auf fehr dramatische Weife; Nichtstun und Inhaltlofigkeit, dazu die erzwungene Bru talität fraßen fie von innen her auf. Hinter wie vielen diefer immer leerer werdenden Gefichter könnte man noch ohne Mühe den frischen Bauernburfchen von einft entdecken! Es ift bitter und fchmerzlich zu denken, daß das Dritte Reich unter ihnen nicht weniger Opfer gefordert hat als unter uns. Ihre Unterführer waren zumeift gänzlich wertlos; wie töricht viele von ihnen waren, ging daraus hervor, daß fie gegen Ende, als der Ausgang der Dinge fchon kaum noch zwei felhaft fein konnte, mit doppelt zackiger Brutalität die Ord nung aufrecht zu erhalten verfuchten, die im übrigen durch uns- fchon aus ganz primitiver Klugheit- nicht fonderlich gefährdet war. Später aber gelang doch mit dem einen oder andern ein ernsthafteres Gespräch; ich konnte diefer Verwirtschaftung junger Menfchen nicht einfach wortlos zufehen. Das Mittel, den Zugang zu gewinnen, war ganz einfach; ich fagte bei den üblichen Verrichtungen, bei denen wir mit den Poften zu tun hatten, beim Herausfetzen der Wafferkrüge oder beim Abliefern der Handtücher, danke"- ohne befonderen Ak zent, nur mit der Selbſtverſtändlichkeit des gut erzogenen Menfchen. Es war erstaunlich, wie verfchieden die Reaktion auf dies einfache Wörtlein war. Jedenfalls hat es mir den Weg 28 zu den Anfprechbaren eröffnet und mir Gelegenheit zu einigen ernsthaften Geſprächen gegeben. Mit dem gleichen kleinen Wörtlein habe ich einmal einen alten, fchon ganz verknitterten Juftizbeamten in Tegel völlig aus der Faffung gebracht. Es war in den erften schweren Tegeler Tagen, als der Befehl zur Feffelung noch ganz neu war. Diefer Alte hatte eines Abends vor dem Schlafengehen meine Feffeln abfchließen müffen, und als er fertig war, hatte ich es mir nicht verfagen können, mit höflichem, weltmän nifchem Tonfall, Danke fehr" zu fagen.Wie benommen ftand er auf und ging hinaus, kam aber dann fofort wieder herein und fagte faft rauh:„ Für fo etwas brauchen Sie fich doch nicht auch noch zu bedanken", worauf ich erwiderte:„ Sie haben doch nur Ihre Pflicht getan"- Zauberwort für jede gute deutfche Beamtenfeele! Wenn er noch gewußt hätte, wie man zärtlich wird, wäre er es jetzt geworden. So fchritt er nur unverständlich grunzend von dannen. So geht die Zeit ihren fchweren, ungewiffen Gang. Die Abge fchloffenheit ift vollſtändig. Außer den ganz wenigen dienſt lichen Bemerkungen von und zu den Poften fällt kein Wort; wenn morgens, mittags und abends die Mahlzeiten gebracht werden, ſteht alles, was es für mich noch von der Welt gibt, an meiner Zellentür. Keine Uhr, nicht ein Fetzen Papier zum Schreiben oder Lefen- nur die vier kahlen Zellenwände, das ift alles. Man muß alle Mittel geiftiger Selbstbehauptung mobilifieren, um nicht aus den Fugen zu geraten. Keine Nach richt von draußen nach drinnen oder umgekehrt. Und doch fehlt es an Tröftungen Gottes nicht. Eine von fei nen geringen Tröftungen war es, daß ich eines Tages einen Falken kreifen fah. Der Augufthimmel ftand noch in feiner vollen, makellofen Pracht über dem grauen, toten Viereck des Gefängnishofes, der gerade in diefer fommerlichen Welt läh 29 mend leer wirkte. Da ftieß plötzlich von irgend woher ein Falke in das lichte Blau über uns und zog hoch oben feine wunderbaren Kreife- ein herrliches Bild kreatürlicher Frei heit! Irgend eine Beute, die er hätte erfpähen können, gab es in diefem leeren Gefängnishofe nicht; fo hatte ich den Ein druck, er fei auf Gottes Geheiß gekommen, und das Wort Calvins zum 104. Pfalm zog mir tröftlich durch den Sinn: Status mundi in dei laetitia fundatus est.Wenn uns die Über welt gegenwärtig ift und als die größere und mächtigere Wirklichkeit über unferer äußeren Welt fteht, empfinden wir auch den geringften Strahl, der von ihrer Herrlichkeit auf unfern Weg fällt, mit mehr als alltäglicher Bedeutung. Ganz unvergeßlich, fodaß ich heute noch die Atmoſphäre zu fpüren glaube, war der Tag, da wir zuerft zu einem kur zen Spaziergang ins Freie kamen, ein Oktobertag, von jener durchfichtigen Klarheit des hohen Herbftes, die ich über alles andere im Jahr liebe. Es war in Tegel, wo der fehr pedantifche, aber geregelte Tageslauf der preußischen Juftizverwaltung galt. Da niemand daran gedacht hatte, das Gegenteil anzuordnen, wurden wir nach der Hausordnung früh auf den Hof zum Spazier gang gebracht. Der Tag war von faft fommerlicher Wärme. Wunderbar leuchtete das erfte zarte Herbftgold einer Birke über die hohe Mauer, und unwahrscheinlich füß war es, die Luft, diefe reine, herbftliche Luft zu atmen. Während ich fie förmlich trank, fuchte ich vergeblich nach den großen Stel len unferer klaffifchen Dichtung, da die Luft der Freiheit be fungen wird;' weil mein Gedächtnis fie nicht hergab, hielt ich Einkehr bei dem Lobgefang der Pfalmen. Diefer Augenblick nach wochenlanger Abgefchloffenheit war unvergeßlich. 30 Verhöre In den weitaus schwierigften Teil meiner Geftapohaft ging ich mit der fröhlichen Zuversicht eines fozufagen privaten Optimismus hinein; aber buchstäblich in wenigen Minuten wehte mich der heiße Atem fchwerfter gefchichtlicher Ent fcheidungen an. Wie im Sturmwind wurde ich aus der Er wartung, es werde fo fchlimm nicht fein, herausgeriffen, die Nebel privater Erwägungen zerteilten fich, und ich fah mich unverfehens in der breiten Front des großen gefchichtlichen Widerstandes gegen die Mächte des politifch Böfen. Die Geftapo wußte, wenngleich fie keineswegs alles wußte, weit mehr von mir, als ich je vermutet hatte; ich begriff ganz langfam, daß fie mir feit langem die Ehre einer ganz beträchtlichen Beachtung gefchenkt hatte. Die Haft war nur der Schlußpunkt einer Entwicklung, auf den jenes allgemeine Reife und Redeverbot kurz vor dem 20. Juli fchon unmiẞ verständlich hingewiefen hatte; für die Geftapo war ich längst fällig, ja überfällig gewefen. Die Verhaftung fchien nun die Möglichkeit zu bieten, mich mit einem Schlage auszulöschen. Denn fie erfolgte unter der Vorausfetzung meiner vollen Mitwifferfchaft am Anfchlag des 20. Juli. Das wurde mir nach wenigen Sätzen klar, als an einem fchönen, noch immer fonnigen und klaren Auguftmorgen. Dr. Neuhaus im Hauptquartier des Reichsficherheitshaupt dienftes in der Meinekeftraße mich zu verhören begann. .31 Diefer knapp mittelgroße, fehr dunkelhaarige und fehr exzitable Menfch war wegen feiner Verhöre gefürchtet. Er hatte alle Hauptbeteiligten am 20. Juli, vor allem die zuerft Ver urteilten, in feinen Vernehmungen zur Strecke gebracht und genoß unter den Seinen den Ruf, diefe Dinge weitaus am beften zu verftehen. Als es mir gelang, auf einer Aktenmappe oder einem Briefumschlag feinen Namen zu entdecken( fonft hüllte fich dies Haus bekanntlich in eine fürchterliche Anony mität), war mir fofort klar, daß ich der gefährlichften Gruppe zugeordnet war. Zunächst ein retardierendes Moment: fein Verhalten mir ge genüber war anfänglich durchaus das eines Gentleman. Ich wurde nicht gefeffelt, die Verhandlungen fanden in den leder nen Klubfeffeln der Geftapo ftatt, und felbft als fich ſpäterhin Drohungen und Befchimpfungen einftellten, wurde ich doch nicht gefoltert, wie es in diefen Räumen und bei diefen An läffen üblich war. Für diefen etwas erftaunlichen Vorgang, der fich öfter ergeben hat, früher fchon, und später auch vor dem Volksgerichtshof bei der Vernehmung durch Freisler, habe ich nach wiederholtem Nachdenken nur eine Erklärung gefunden: ich habe oft genug mit Weltkindern" zu tun ge habt, die irgendwo in der Tiefe ihrer Seele noch eine atavi ftifche, abergläubifche Scheu vor dem geiftlichen Stande hat ten und wohl aus dem ihnen felbft unbewußten Streben her aus handelten, nachzuweifen, daß fie fo böfe nicht feien. Aber das hinderte ihn nicht, fich bald im vollem Glanze feines wohl erworbenen Rufes zu zeigen. Nach einigen einleitenden Formalitäten zur Perfon" begann das Verhör, das mich in wenigen Minuten aus dem Bewußtfein, ein friedlicher Bürger zu fein, dem im Ernft nichts nachzuweifen war, herausriẞ und mir deutlich machte, daß es um mein Leben ging. Denn ich begriff, daß es hier garnicht darauf ankam, einen Sachver 32 " halt möglichft genau und wahrheitsgemäß feftzuftellen, fon dern daß mir ein Mann gegenüberfaß, der meinen Kopf wollte. Das war für mich etwas Neues: ein Gegenüber, das in der Form eines kalten, klaren Geſpräches mich zum Tode zu bringen verfuchte. Fürchterliche Verwandlung: da war kein blitzender Dolch oder roher Fauftfchlag, fondern das mörderische Inftrument, das nun für Stunden immer wieder nach mir zuckte, war ein Befragungsfyftem von dämoni fcher Präzifion. Die Kunft des Dr. Neuhaus war in der Tat wahrhaft dämo nifch, und das leife, aber merkliche Erfchrecken, das fie hers vorrief, war von der Art, wie wenn wir begreifen, daß der Teufel uns mit feinen Künften ſchlechthin überlegen ift. Hier war eine Kunft boshafter Seelenzergliederung, eine Kopfjägerei auf das unbedachte, verfängliche Wort, die viel fub tiler, aber auch viel präzifer arbeitete, als je ein meiſterhafter Chirurg mit dem Meffer operiert hat. Es war faft ausgefchlof fen, jenen unfichtbaren Schlingen auszuweichen, die mit jeder Frage ausgeworfen wurden, und deren jede todbringend war. Nach drei Sätzen hatte ich begriffen, daß diefe Fragen fcharfgefchliffene Dolche waren, die jedesmal einen tödlichen Stich beabsichtigten. Noch heute fpüre ich den Augenblick, da ich blitzartig begriff, daß in diefem dichten Geflecht von Frage und Antwort das aufregend fchöne Spiel um Leben oder Tod begonnen hatte. Aber noch erregender war, daß ich mit jeder einzelnen Antwort nicht nur mein eigenes Gefchick, fondern faft im mer auch ein anderes Menschenfchickfal in der Hand hielt. Und hierbei mußte ich meinen Weg völlig im Dunkel fuchen; denn von keinem meiner wefentlicheren Bekannten wußte ich Genaueres. Ich wußte weder, ob Trott und Schulenburg, Schacht und Goerdeler, Gerftenmaier und andere noch am 33 Leben waren, wer verhaftet war, noch was die Verhafteten, ob fie nun noch am Leben waren oder nicht, ausgefagt ha ben mochten. Diefe Ungewißheit war quälend; denn jeder mann wird verftehen, daß ich nicht die geringfte Freiheit empfand, fie in irgend einer Sache preiszugeben, ich konnte und wollte nicht für Andere Geftändniffe ablegen und würde es nie getan haben. Was mich felbft betraf, fo habe ich eine ganz einfache Methode befolgt, die fich bewährte: ich habe mich darauf beschränkt, nur die geftellten Fragen im engften Sinne zu beantworten, was ich aber antwortete, entſprach völlig der Wahrheit. Mir war ganz klar, daß ich, wenn ich schon als Pfarrer und in diefem Sinne um des Evangeliums willen in die Fänge der Geftapo geraten war, nicht mit Unwahrheiten umgehen konnte. Diefer Grundfatz aber war, fobald es fich um Andere handelte, nicht immer einfach durchzuführen; dadurch, daß ich in folchen Fällen mit der Antwort zögerte, habe ich immer den befonderen Zorn meines Vernehmers hervorgerufen. Es war verſtändlich, daß die Geftapo für folche Sorte Ritter lichkeit keinen Raum laffen konnte. So habe ich denn in den Fragen, die Andere betrafen, faft mehr als in eigenen An gelegenheiten die dämonifche Zielficherheit diefer Frage kunft zu spüren bekommen. Es war eine dämonische Kunft. Aber dämoniſch war fie auch infofern, als fie nicht nur von einer vernichtenden Intelligenz, fondern auch von einer ganz unvermuteten gefegneten Torheit war. Es war eine Kunft mit einem blinden Fleck im Auge. An der Fragetechnik die fes unter feinen Genoffen berühmten Interrogators wurde deutlich, daß der Hinterhältige die Wahrheit zuzeiten gar nicht fehen kann. Seine raffinierte, fcheinbar völlig unents rinnbare Vernehmungsmethodik hatte einen ganz elemen taren, fchwerwiegenden Mangel: die Voreingenommenheit. 34 Für ihn ftand es feft, daß ich Mitwiffer war, auf jeden Fall galt es, diefe Mitwifferfchaft, die ja für ein Todesurteil völlig aus gereicht hätte, aus mir herauszubekommen. Auf diefes Ziel waren feine Vernehmungen ausgerichtet; aber um diefes Zieles willen hat er auch ganz wefentliche Dinge, die im Laufe der Befragung erörtert wurden, einfach nicht in fich aufgenommen, wenn fie zu diefem Schlußziel nicht in Be ziehung ftanden. In den fünf großen Verhören, denen ich vor der Volksgerichtsverhandlung unterworfen wurde, kam faft jeder kritische Punkt meines bisherigen Lebenslaufes, vor allem aus den letzten Jahren, zur Sprache; viele von ihnen find nicht einmal protokolliert worden, weil er fie, ganz auf fein blutrünftiges Ziel ausgerichtet, im Augenblick in ihrer Tragweite nicht aufnahm. Und das gehörte nun allerdings nicht zu meinen Grundfätzen, ihn befonders auf fie auf merksam zu machen. Im übrigen glaube ich ernftlich, daß diefe einfache Methode, bei der Wahrheit zu bleiben, auch mein Schutz gewefen ift. Dabei kam mir eine fchon wiederholt beobachtete Hilfe. Da ich ein gutes Gedächtnis habe, konnte ich einzelne Zeitan gaben auf die Viertelftunde genau machen. Ich beobachtete, daß die Polizei, die nun einmal auf das Schlechte im Men fchen geeicht ist, durch folche Genauigkeit immer günftig beeindruckt wurde, wenngleich ein gutes Gedächtnis und Wahrheitsliebe immer noch zwei verfchiedene Dinge fein können. An einigen Punkten ist auch der Tyrann leicht zu friedenzuftellen. Der Gewaltige verfchmähte auch eine Methode zweitrangi ger Kriminaliſten nicht ganz: die Überraschungsfrage, die auch er plötzlich und unverfehens wie Schüffe aus dem Hin terhalt abzufeuern pflegte.( Ich entdeckte dabei, wie gern er auch Dibelius feftgelegt hätte, der ihm offenfichtlich unter 35 den Verhafteten noch fehlte). Er merkte, da er klug genug war, daß diefe Überraschungsfragen auf mich nur wie Schüffe aus einer Schreckfchußpiftole wirkten und wiederholte fie nicht. Für den Ruf, den er als kriminaliftifcher Kopfjäger unter den Seinen genoß, war eine kleine, für ihn etwas kompromit tierende Szene auffchlußreich, die fich zwifchendurch zutrug. Noch während des Vormittags heulten mitten im Verhör die Sirenen zum Fliegeralarm auf. Ich hatte zu erkennen gege ben, daß es mir nichts ausmachen würde, oben zu bleiben und das Verhör fortzuführen; aber Dr.Neuhaus, der fich zu erft ruhig gab, wurde dann doch merklich nervöfer und drang darauf, daß wir in den Luftfchutzkeller gingen. Das war nun äußerft intereffant. Als wir die geräumige unter irdifche Anlage betraten, wurde Neuhaus von einigen fchon anwefenden, recht blonden Sekretärinnen mit fröhlichen Zurufen begrüßt, die, um es liebenswürdig auszudrücken, auf eine beträchtliche Popularität fchließen ließen; ihm war das natürlich nicht fehr angenehm, und wir zogen uns weiter in die hinteren Abteilungen zurück, wo wir faft im Dunkel waren und nun auf einer einfachen hölzernen Bank ernft und würdig Platz nahmen; er las in einer Akte, ich dachte. Da trat nach wenigen Augenblicken ein SS- Standartenführer auf uns zu, der ein wenig alkoholifch fröhlich war, mich im Halbdunkel mit einer netten, leichten Verbeugung begrüßte, die ich felbſtverſtändlich weltmännisch erwiderte, und dann mit etwas überlauter Jovialität Neuhaus fragte:„ Na, wen haben Sie denn heute fertig gemacht?"- und als Neuhaus begreiflicherweife einige abwehrende Bemerkungen und Geften machte, immer noch in heiterer Verkennung der Si tuation fchallend fortfuhr: Wie er fcheinheilig tut! Sie können das doch hier im Haus am beften!" Und dabei fah er mich, 36 Beftätigung heifchend, fröhlich, wenngleich etwas unficheren Auges an. Es bedurfte der ganzen vollendeten„ Gefprächs technik" Neuhausens, um das Gefpräch aus diefen peinlichen Gewäffern in unverfängliche Regionen zu leiten. Man wird verftehen, daß ich diefe Szene nicht unterfchlagen darf. Das fachliche Ergebnis des erften Vernehmungstages war ganz eindeutig; es ftand feft, daß meine Beziehungen zu den „ Verschwörern" rein feelforgerlicher Natur waren, fo zahl> reich fie auch waren. Es ift begreiflich, daß fich die Ges ftapo mit einem folchen Ergebnis nur ungern abfand und ihre Bemühungen fortfetzte, mehr aus mir herauszubekom men. Aber die Führer der nächften Verhöre waren nicht von dem gleichen Kaliber wie Dr. Neuhaus. Infolgedeffen trat der Wille, mich zur Strecke zu bringen, unverhüllt hervor, war aber auch leichter abzuwehren. So galten die beiden letzten Verhöre dem Verfuch, mirAuslandsbeziehungen nach zuweifen. Natürlich befaß ich fie in reichem Maße. Gemeffen an meinen zahlreichen Beziehungen zum kirchlichen Aus lande waren die Kenntniffe des mich vernehmenden Beam ten, der aus der Kategorie der miẞvergnügten, kleinhorizon tigen und darum gefährlichen Pedanten ftammte, geradezu dürftig. Er fchien von der verbreiteten Vorftellung zu leben, daß das Ausland fchlechthin verwerflich fei und war nicht unerheblich dekonzertiert, als ich bereitwillig ausgedehnte Auslandsbeziehungen zugab, die aber nun eben fogar amt lichen Charakter trugen und beiſpielsweife vom Auswär tigen Amte nachweislich feit Jahren gebilligt und unterſtützt waren. Mit diefer einleitenden Erkenntnis verlor feine Ver nehmung fofort die Sicherheit und den Schneid und ging fehr lahm zu Ende. Noch mehr traf das auf die letzte feiner Vernehmungen zu. Offenfichtlich hatte er den Auftrag, unter allen Umständen etwas Hochverräterifches herauszubringen, 37 und irgend jemand mochte ihn auf einige allerdings fehr unangenehme Schweizer Preffeäußerungen hingewiefen ha ben, die im dortigen Evangelifchen Preffedienft erschienen waren. Er fragte alfo nach meinen Beziehungen zu diefer Organiſation; ich hatte keine. Als er fich fo leichten Kaufes nicht gefchlagen geben wollte und mit der verhüllten, aber immerhin erkennbaren Unterftellung fortfuhr, daß ich nicht die Wahrheit fagte, war ich entrüftet und fagte ihm im Tone fachkundiger Überlegenheit:„ Die Herren überfehen fort gefetzt, daß die Schweiz calviniftifch ift, und daß der Luthe rifche Weltkonvent( deffen Generalfekretär ich war) außer zwei winzigen Gemeinden in Zürich und Bafel dort über haupt keine amtlichen Beziehungen hat".Worauf er, willens fich keine Blöße zu geben, fich zu verfichern beeilte:„ Das ift mir natürlich bekannt"- und damit nun völlig die Möglich keit verlor, den angesponnenen Faden weiterzuführen. So endete dies letzte Verhör fchon nach wenigen Minuten. Mir verblieb als ekler Nachgefchmack die Erkenntnis, daß Men fchen meines Blutes offenkundig befchloffen hatten, mich un ter jedem fich bietenden Vorwand zum Tode zu bringen. Aber mit der Empörung verband fich noch etwas Anderes; ich verftand das Ganze immer weniger. Diefer Wille zu töten, der ja nicht nur mir gegenüber in diefem Haufe herrschte, glich einem wild um fich fchlagenden Rafenden. Wie unficher mußte ein Syftem fich fühlen, wenn es fo planlos zufchlug! In bemerkenswertem Unterfchiede zu diefen letzten Ver nehmungen ftanden die beiden umfaffenden Verhöre, die fich mit meiner Verkündigung befchäftigten, und die ich für viel wefentlicher halten mußte, als die gefährlichen Angriffe des Dr. Neuhaus. Sie waren auf jeden Fall befonders inte reffant und zugleich fehr auffchlußreich für das Bild, das die Geftapo fich von Kirche und Chriftenheit gemacht hatte. 38 „ Sie wiffen, daß Sie der Gefährlichfte find!"- begann mein Gegenüber, als er mich mit den bekannten Formalitäten, übrigens wiederum ohne mich zu feffeln, nach der Dienft ftelle der Geftapo in der Franzöfifchen Straße gebracht hatte. Er war von Neuhaus fehr verfchieden und im Gan zen eine merkwürdige Mifchung von Klugheit und Naivi tät, von Menschlichkeit und vorfchriftsmäßiger Geftapohal tung. So. ließ er mich mitten zwifchendurch ganz kurz mit meiner Frau telephonieren, die ich bis dahin weder gefehen noch gefprochen hatte; er tat es zweifellos gegen alle Vorfchriften auf eigene Verantwortung; und der Grund für diefe Kühnheit und Menfchlichkeit war ganz leicht erkennbar: ihm hatte meine Frau wegen ihrer Ruhe und Tapferkeit ganz befonderen Eindruck gemacht. Auf der anderen Seite fehlte es dann wieder an Drohungen und herabfetzenden. Bemerkungen nicht. Ebenfo konnte er kluge und richtige Beobachtungen durch ganz ungehemmte Naivitäten unter brechen: Wann ift das Johannesevangelium verfaßt?!"- und als ich, akademifcher Tradition getreu, fagte, das fei keine eindeutig zu beantwortende Frage, ſchnitt er mir faft das Wort zu folchen„ Ausflüchten" ab:„ Im Jahre 254!", welch verblüffende Auskunft er alsbald mit einem Konglomerat nicht ganz verftandener Lefefrüchte aus feinen Privatftudien zu belegen begann. Auf der anderen Seite hatte er genau begriffen, welche prinzipielle Tiefe der Kirchenkampf hatte und wußte fehr wohl zwifchen Fragen erfter und zweiter Ordnung zu unterfcheiden. Mit Geringfchätzung ſprach er von jenen„ Bekennern", die, um des Evangeliums willen" irgend eine unaufgebbare Pofition bezögen, die fie dann- vielleicht nach entfprechender Haft und einem Revers doch fehr wohl zu räumen wüßten, wofür er als Beiſpiel die Frage der theologifchen Prüfungen der Bekennenden Kirche an 39 führte. Von einigen, die für Säulen angelehen waren, hielt er nicht fonderlich hoch, während er über die Frömmigkeit einiger anderer Brüder der Bekennenden Kirche, wie etwa des Präfes Scharf, mit offener Hochachtung fprach. Ganz unerwartet fcharfe Kritik übte er an der Tatsache, daß Eva Bildt meine Sekretärin war; für eine unwahrscheinlich lange Zeit konnte es den Anfchein haben, es gäbe überhaupt keine größere Belaftung für mich als die, daß ich eine Mitarbei terin hatte, die nach dem Sprachgebrauch des Dritten Reiches halbarifch war. Es war wirklich ein äußerft mühfeliger Teil der Vernehmung, obwohl ja fachlich blutwenig zu fagen war. Es hing alles mit feinem Haupteinwand gegen mich zufam men; für ihn war ich mindeſtens ein geiftiger Mitwiffer des 20. Juli, nein im Grunde noch mehr. Die„ Verfchwörer und Verräter" würden mich nicht in folchem Maße feelforgerlich und als Pfarrer in Anfpruch genommen haben, wenn fie nicht Anlaß gehabt hätten zu der Überzeugung, daß ich, auch ohne politifche Aktivität im einzelnen, einer der entfchloffenften geiftigen Gegner des Nationalfozialismus fei. Hier erwies fich, daß die Geftapo von meiner Vortragstätigkeit viel mehr verftanden hatte, als meine Freunde immer anzunehmen geneigt waren; er jedenfalls hatte fich durch gefchickte For mulierungen nicht täufchen laffen. Und daß ich in meinen öffentlichen Reden die agreffive Polemik im vordergründigen Sinne vermied, und in der Form im allgemeinen ge mäßigt blieb, gerade das ließ mich in feinen Augen als befon ders gefährlich erscheinen. Diefer Mann alfo war es, der an jenem Morgen mit dem herausfordernden Satze begann: „ Sie wiffen, daß Sie der Gefährlichfte find!" Worauf ich, faft erfchrocken, fagte:„ Das kann doch nicht fein!" Darauf er, meine Betroffenheit völlig mißdeutend: Wie kön nen Sie das leugnen?!" 40 Ich:„ Weil hundert Andere viel tapferer und viel klüger ge wefen find als ich". 1 Er:„ Ha, tapferer?! Und klüger?! Wer mußte denn hier in der Berliner BK reden, wenn die Leute kommen follten?! Und wer hat die großen Verfammlungen in Leipzig und Hannover und Stuttgart und Heidelberg und anderswo ge halten?! Wenn es 40 oder meinetwegen 100 gewefen wären, hätten wir natürlich nichts gefagt- aber bei Ihnen ging es immer in die Taufende. Das durfte nicht fein." Es ftellte fich heraus, daß er- wie er felbft fagte- feit zwei Jahren auf das Genauefte meinen Weg und meine öffent liche Tätigkeit verfolgt hatte; mit einem Griff konnte er lin ker Hand aus feinem Schreibtisch die Nachfchrift faft jedes wichtigeren Vortrages hervorziehen, den ich in jenen Jahren gehalten hatte. In cinigen Fällen war feine Erinnerung ge nauer und verläßlicher als meine eigene. Das Gefpräch gewann bald grundfätzlichen Charakter. Ich beklagte mich in bitteren Worten, daß uns Chriften kein öffentlicher geiftiger Lebensraum in der Nation gewährt würde. Er: Warum greifen Sie den Nationalfozialismus fortgefetzt an?" Ich:„ Es gibt Grundlehren des Nationalfozialismus, zu denen ein Chrift niemals fchweigen kann- warum zwingen Sie uns im Namen der politifchen Erneuerung fo abfolut heidnische Lehren auf wie die vom lebensunwerten Leben oder ver dächtigen uns als Staatsfeinde, wenn wir einfach unfern Glauben verkündigen?" Er:„ Genau wegen folcher Reden fitzen Sie hier!" Ich:„ Sie müffen aber doch zugeben, daß ich mich bemüht habe, keinen berechtigten Anftoß zu geben." Er: ,, Das ift es ja gerade! Sie waren nicht fo dumm, fich mit 41 Fragen zweiter Ordnung herumzufchlagen wie Kollekten, Prüfungen oder dergleichen; Sie find immer aufs Ganze ges gangen, aufs Zentrum", und indem er die Nachfchrift meines letzten öffentlichen Vortrages, Und Gott fchweigt?!" ergriff und daraus feitenlang Satz um Satz vorlas, unterbrach er fich immer wieder:„ Sehen Sie- Schuß um Schuß ins Schwarze!" Es war unerwartet auffchlußreich für mich, eine fo unmit telbare, gleichfam amtliche nationalfozialistische Reaktion auf meinen Vortrag anzuhören; ich kann nicht leugnen, daß meine Ausführungen mir plötzlich in einer Schärfe erfchies nen, die mir bis dahin felber kaum bewußt gewefen war.. Ich hatte das Evangelium verkündigen und chriftliche Grund überzeugungen erklären wollen, weiter nichts; ergab fich eine gegenfätzliche Frontftellung daraus, fo lag es nicht an mir, das zu ändern; aber ich hatte weder billigen rhetori fchen Ruhm noch den Glanz des Märtyrers gesucht. Nun erwies fich, daß diefe Tätigkeit in viel höherem Maße, als mir während meines Dienftes bewußt geworden war, auch eine Eingliederung in jene große gefchichtliche Frontbildung gewefen war, die mir bei meinem erften Verhör fo blitzartig bewußt geworden war. Trotz meiner Situation und meiner augenblicklichen Umgebung empfand ich das dankbar als eine Bestätigung meines bisherigen Weges, und fo fchloß ich denn nach einigen weiteren angriffigen Bemerkungen von feiner Seite:„ Wenn ich das alles im Dritten Reich nicht fagen darf, fitze ich gerne hier", und habe jenes Haus erhobenen Ges mütes verlaffen. Mir fchienen die Fronten klar, und durch diefebeidenVernehmungen fchien mir auch der wahre Grund für meine Haft eindeutig beſtimmt zu fein. Das ftimmte mich zur Dankbarkeit. Ich muß jenem Beamten auch das ehrende Zeugnis ausftellen, daẞ feine Vernehmungen oft an die Höhe des Grundfätzli 42 chen führten. Dann weckte er fogar bei aller Abfonderlich keit und Verfchiedenheit jenen leifen, unverkennbaren Zug von Sympathie, den auch der Gegner in uns lebendig macht wenn es eine klare und fachliche Gegnerfchaft ift. Er spürte, felber deutlich die Unentrinnbarkeit und das Unausweich liche in dem Gegenfatz zwifchen chriftlichem Glauben und Nationalfozialismus; wenn er die Formulierungen dafür ge habt hätte, würde er felber zugegeben haben, daß es zwi fchen der Erfatzgläubigkeit des NS- Fanatismus und dem, was der Chrift im Glauben bekennt, keine Verbindung ge ben konnte, daß jene fanatifche Gläubigkeit des National fozialisten, die eine vollſtändige Erfatzreligion, wenngleich nihiliftifcher Prägung war, den chriftlichen Glauben aus fchloß, weil fie das Erfte Gebot:, Du follft keine andern Götter haben neben mir", nicht gelten laffen konnte, und darum auch alle anderen Gebote nicht. Im übrigen war er diefer feiner Welt völlig verhaftet. Er lebte in der kindlichen Vorftellung, die Pfarrer hätten außer ihrer fonntäglichen Predigt nicht recht etwas zu tun; und als ich einmal von einer kirchenfeindlichen Maßnahme der Partei beiläufig gefagt hatte, fie fei auch außenpolitisch ein fach töricht, braufte er auf:„ Was?! uns hilft nur eins- die geballte Fauft!" Das war immerhin gegen Ende des Jahres 1944, und es war wiederum nur ein weiterer kleiner Zug aus diefem gefpenfterhaften Untergang einer politifchen Welt, die fich felber nicht mehr realiftifch zu fehen vermochte, eben aus diefer vorgefaßten, fanatifchen Gläubigkeit heraus, die ihren Blick fo verdunkelte, wie ihre Propaganda fich das von der mittelalterlichen Frömmigkeit vorzustellen pflegte. Aber die beiden langen Vernehmungen, die er mit mir hielt, heben fich doch trotz aller Ähnlichkeit mit den andern deut lich in der Erinnerung von ihnen ab; er handelte, foweit ich 43 urteilen konnte, aus Überzeugung und hat der meinen einen unbewußten Refpekt nicht verfagt. Er duldete es fchweigend, daß mir mitten in einem Geſpräch, als ich meine durch keine irdifche Inftanz begrenzte Verantwortung als Prediger kräf tig zum Ausdruck gebracht hatte, feine Sekretärin als ftum mes Zeichen der Anerkennung eine Zigarette anbot. Das alles milderte den Eindruck des Unmenfchlichen und Böfen, der fonft über diefer Inftitution lag. Mit befonderer Dankbarkeit erfüllte mich, daß ich alle diefe Verhöre mit größter Frifche und Elaftizität durchſtand. Das erfte unter Dr. Neuhaus begann irgendwann am frühen Vormittag, eine Uhr befaß ich ja nicht mehr; als ich an die fem Tage endlich wieder nach oben in meine Zelle gebracht wurde, fiel mein Blick auf eine Uhr in der Schreibftube, es war genau Mitternacht. Dazwischen hatte nur eine kleine Paufe mit einem Teller Suppe gelegen, das war alles. Und es war nicht nur das aufregende fchöne Spiel um Tod und Leben gewefen, das mich wendig erhalten hatte; ich war wirklich mühelos und ohne zu ermüden diefem Spiel mit allen feinen Wechſelfällen und Zwifchenfällen gefolgt. Auch die andern Vernehmungen hatten mich nicht ermüdet. So erftaunlich es klingen mag: ich hätte, vor allem für das erfte Verhör, keine beffere Vorbereitung erfahren können als die Haft. Die Verhaftung hatte, da fie nicht unvermutet kam und mich daher auch nicht völlig aus dem Geleife gewor fen hatte diefe Anfechtungen kamen erft fpäter-, nur eine Schock wirkung ausgeübt, die dazugedient hatte, mich geiftig und feelisch alert zu machen. Durch den regelmäßigen, für meine Verhältniffe langen Schlaf hatte ich viel verfäumte Nachtruhe nachgeholt und war ganz ausgeruht. Die Karg heit der Koft hatte in diefen erften, fommerlich heißen Tagen der Haft noch keinerlei Schaden getan, fondern nur die Be 44 deutung eines guten Trainings oder einer asketifchen Dis ziplinierung gehabt. Mit gymnaftifchen Übungen, zu denen ein morgendlicher ,, Dauerlauf" durch die Zelle gehörte, hat te ich verfucht, das Schickfal, wie ein bleicher, ungefund auf gedunfener Häftling auszufehen, abzuwehren; und zu dem körperlichen Training war das geiftige hinzugekommen. Ich hatte verfucht, durch eine ftrenge geiftige Zucht dem Ab finken in das konturenlofe chaotifche Dafein entgegenzu arbeiten. Regelmäßige Meditationen und längere Gebets zeiten hatten in meinem feft geordneten Tageslauf mit der Durchdenkung theologifcher und kirchlicher Fragen abge wechfelt, von deren Ergebnis ich heute noch zehren kann. Da ich nicht einen einzigen Zettel zum Schreiben hatte, habe ich das Erarbeitete nicht nur durch Wiederholung fondern auch durch Überfetzung ins Englifche oder Franzöfifche oder fogar Lateinifche mir einzuprägen verfucht, was wiederum meinem Gedächtnis zugute kam. Auch Bibelfprüche und Gefangbuchverfe konnte ich unter diefen Umftänden nur meinem Gedächtnis entnehmen- gepriefen feien alle Lehrer, die mich Gefangbuchlieder und Gedichte, griechische Lyri ker, lateinifche Oden oder hebräifche Pfalmen haben lernen laffen! Sie haben mich mit einem Schatz befchenkt, deffen unzerftörbarer Wert mir in jenen harten, einfamen Wochen unfchätzbar geworden ift. Um in diefen Wochen der ſtreng ften Abgefchloffenheit das Zeitgefühl nicht zu verlieren, hatte ich mir an einer für den Poften unerkennbaren Stelle, unmittelbar hinter der aufgehenden Zellentür, mit einem aus dem Spind gezogenen roftigen Nagel nach eigenem Syftem einen kleinen Kalender in die Wand geritzt; mit ei nem Blick konnte ich an den Siebenerkäften feftftellen, wie viel Tage, Wochen und Monate meine Haft währte. Man wird begreifen, daß ich ohne Befinnen die Einzelhaft 45. der Gemeinfchaftshaft vorzog, auch in ihrer ftrengen Form. Mir ift auf diefe Weife ein Gefchenk zuteil geworden, das ich fonft nur um den Preis, Trappiftenmönch zu werden, hätte haben können. Gewiß war das dunkle Schickfal immer ge genwärtig, und es hat gelegentlich, glücklicherweife äußerst felten, an fchweren und fchwerften Anfechtungen nicht ge fehlt; aber daẞ mir auf diefe Weife, auf der Mittagshöhe mei> nes Lebens, die Möglichkeit zu einer ganz geordneten, durch keine äußerlichen Eindrücke geftörten geiftigen und geift lichen Disziplinierung und Übung im Glauben gefchenkt wurde, bedeutet für mich noch heute ein Gefchenk von un verlierbarer Koftbarkeit. Die Verhöre waren- außer zwei oder drei Gefprächen mit Poelchau- die einzige Unterbrechung diefer ftrengen, erften Wochen; bei dem unverfehenen Wechfel aus der völligen, schweigenden Abgefchloffenheit in das lebhaftefte, Geſpräch" des Verhörs glich dann mein Geift dem Bogen, deffen frisch geftraffte Sehne den Pfeil mit doppelter Kraft schnellt. So habe ich gerade die erfte, fchwierigfte und gefährlichfte Vers nehmung, ohne es felbft zu spüren, durchgehalten. Das Ge genüber wechfelte; fchon bei der Feftftellung zur Perfon" entdeckte ich, welcher unvermuteten Bekanntheit ich mich in der Meinekeftraße erfreute, man wußte in jeder Sparte von meinen Predigten, Reifen und Vorträgen; dann trat der Gewaltige felbft wieder in Aktion, einem jederzeit zum Aus bruch bereiten Vulkan vergleichbar- aber ich hielt durch. Ich weiß, daß es andere wefentlich schwerer gehabt haben als ich; zu eitlem Selbftruhm ift das alles nicht erzählt. Was mir Conftantin von Dietze über feine Gegenüberftellung mit Goerdeler berichtete, hat mich erschüttert; er ſtand ei nem Manne gegenüber, aus dem die Geftapo bei lebendi gem Leibe eine Ruine gemacht hatte. Mit einer abweifenden, 46 gegen den Mitgefangenen faft vorwurfsvollen Stimme mach te er feine Ausfagen in einer mechanifchen, feelenlofen Ma nier, wie wenn er lauter eingelernte Dinge fagte; das Auge, deffen einft lebhafter Glanz faft erlofchen war, verriet, daß außer den üblichen Torturen auch Drogen und andere üble Dinge ihr Werk getan haben mochten. Nicht wenige von uns, darunter ich felbft, waren durch eine Ausfage Goer delers in Haft gekommen. Es gab infolgedeffen manchen unter uns, der ihm offen grollte. Ich habe das nie getan und nie für recht gehalten; was wußten wir von den Qualen, denen er ausgefetzt war, und den teuflifchen Methoden, die ihn zum Reden gebracht haben mochten! Nicht umfonft haben fie ihn monatelang nach feiner Verurteilung zum Tode noch zu ihrer Verfügung gehalten. Ich weiß auch, von ande ren abgefehen, von den nach einer diabolifchen Methodik erfonnenen Quälereien, denen Gerfteninaier ausgefetzt war, der ihnen übrigens erftaunlichen Widerſtand entgegenfetzte, ich weiß von Peinigungen, von denen ich noch heute nicht verftehe, wie fie ein menfchliches Hirn erfinnen kann- nein, zum Selbftruhm für mich, der ich es in diefer Hinficht leichter gehabt habe- ift das nicht erzählt. Man taffe mich im Übrigen freimütig bekennen, daß ich in der Wachheit und inneren Sicherheit während diefer Ver höre Gaben erkannt habe, die ich der Fürbitte jener treuen Menfchen verdanke, die für mich vor dem Throne Gottes eingetreten find. Es hat Gott, in deffen Händen unfer aller Schickfal lag, gefallen, mir mit Hilfen beizuftehen, die nicht von diefer Welt waren. Daß ich mit diefer Überzeugung nicht eine poetische, myf tifche oder irrationale Schwärmerei zum Ausdruck bringe, laffe man mich noch mit der folgenden Erwägung bezeu gen. Pascal hat einmal in feiner tieffinnigen Genialität die 47 Problematik des menfchlichen Seins in die eine Ausfage zu fammengefaßt, das Unglück des Menschen beſtehe darin, daß er nicht in einem Zimmer für fich allein fein könne. Und jeder Kundige weiß, welche Bedeutung für feine Gefamt diagnoſe des menfchlichen Schickfals der„ ennui" hat, jene verderbenbringende Langeweile, jene tödliche Leere, die aus den Tiefen feines Selbft emporfteigt, und die, ob es ihm nun bewußt wird oder nicht, unmittelbar an das Grauen vor dem Unendlichen ftreift, auf das uns die modernen Exiftentialphilofophen wieder aufmerkfam gemacht haben. Der Mensch kann nicht wahrhaft allein fein, wenn er nicht mit Gott allein fein kann. In der Tat verrät fich die tragische Verlorenheit feiner irdischen Exiſtenz darin, daß er die Ein famkeit nicht zu ertragen vermag. Es gab unter uns auch eine edle humaniſtiſche Form der Überwindung diefer letzten Einfamkeit; Albrecht Haushofers Moabiter Sonette" find der ergreifende Niederfchlag diefes Ringens, das wenige Zellen von mir entfernt durchgekämpft wurde. Aber für mich und viele andere in diefem Haufe war es eine wefentliche Erkenntnis, daß die Begegnung mit Gott uns diefe letzte, furchtbare Einfamkeit hat überwinden laffen. Irgendwann in feinem Leben, und wohl nicht nur ein mal, muß der Menfch in völliger Todeinfamkeit Gott gegen übertreten, fo wie er in feiner letzten Stunde ihm allein Auge in Auge gegenübertreten wird, ehe er weiß, daß er vor ihm feine Exiſtenz verantworten muß, und ehe er begreifen kann, was es für unfern Lebenslauf bedeutet, daß der Gottes fohn durch feine Gottverlaffenheit alle unfere Einfamkeit geheiligt hat. 88 48 Gefährten Sehen Sie fich unfere Schar an", fagte eines Tages beim Geröllaufräumen einer der Mitgefangenen zu mir, einer der Führer der Widerftandsbewegung, der in den letzten Tagen auch noch umgebracht worden ift, und dabei wies er auf un fern kleinen Arbeitstrupp hin, der allerdings einige der be kanntesten deutfchen Namen umfaßte, eine Regierung oder Führung eines neuen Deutſchland ergibt das nicht mehr". Um diefe Zeit waren die wefentlichsten Köpfe der Wider ftandsbewegung fchon nicht mehr am Leben. Was übrig ge blieben war, gehörte überwiegend im engeren oder weiteren Sinne zum 20. Juli. Aber es waren auch andere da, führende Gewerkschaftler und Linkspolitiker, Graf Moltke, der Führer des Kreifauer Kreifes, der aus chriftlichen Gründen immer eine Ermordung Hitlers abgelehnt hatte, und einige führen de Katholiken. Die beiden Brüder Haushofer waren noch da, und von einem größeren Studienkreife der Bekennenden Kirche vor allem die Freiburger Profefforen Gerhard Ritter und Conftantin von Dietze. Ungefähr jeder verdächtige füh rende Politiker war für kurze oder längere Zeit Infaffe unferes Haufes gewefen; faft jede alte preußifche Familie war durch irgend ein Glied vertreten, und fchließlich gab es noch zahl reiche„ Sippenhäftlinge" unter uns, deren ganzes Verschulden darin beftand, mit irgend einem der Verschwörer verwandt zu fein, 49 Natürlich war das Maß politifcher Aktivität bei den Einzel nen völlig verfchieden gewefen. Es gab Leute unter uns, die viel mehr wußten und getan hatten, als man herausge bracht hatte, obwohl man mit Schlägen und Folterungen nicht kargte; und es gab gänzlich Harmlofe, die nur dem fchrecklichen Mißtrauen des Dritten Reiches zum Opfer ge fallen waren. Gerade unter ihnen waren einige, deren Schickfal die miẞtrauifche Graufamkeit jeder Diktatur erschütternd illuftriert. Die meiſten hatten fich an Erwägung darüber beteiligt, was werden follte, wenn einmal der längst erwartete Zufam menbruch eingetreten wäre. In den Augen der Hüter des Dritten Reiches war das natürlich ein todeswürdiges Ver brechen; denn das Dogma des Dritten Reiches verlangte den Glauben an die Ewigkeit diefer Inftitution.Wer alfo un vorsichtig genug war zuzugeben, daß er fich an folchen Er wägungen beteiligt hatte, verfiel dem Zorn Freislers und dem Strick des Henkers. So widerfuhr es dem alten Baurat z. N., mit dem Goerdeler gelegentlich folche Dinge erörtert hatte, der aber im übrigen von Goerdelers Plänen keine Kenntnis befeffen hatte. Seine Hinrichtung war ein graufa mer Juftizmord. Aber hier hatte ich Zeit genug, um mir über die Kraft und den gefchichtlichen Auftrag der innerdeutfchen Oppofition Gedanken zu machen. Ich war ihren Führern bekannter, als ich wußte. Viele von ihnen pflegten meine Gottesdienfte zu befuchen; fo war, wie ich erft hier im Gefängnis erfuhr, Beck mit mehreren feiner Kameraden in meiner Predigt zu Neujahr 1944 gewefen. Manchen von ihnen bin ich feelforgerlich näher gekommen, und die Bitte eines der am erften Verurteilten, ich möchte ihm vor der Hinrichtung das Abendmahl reichen, hat nach 50 weislich dazu beigetragen, meine Verhaftung zu befchleu nigen. Aber dem Gedanken eines Anfchlags auf Hitlers Leben ftand ich felber fern. Zwar habe ich lange und oft über die jefui tifche und calvinifche Lehre von der Möglichkeit des Tyran nenmordes nachgedacht, und ich kann nicht leugnen, daß fie, je mehr das Dritte Reich fein Wefen erfüllte, und je grauenvoller es das deutfche Volk einer finnlofen Vernichtung zu trieb, um fo ftärkeren Eindruck auf mich machte; aber ich bin dennoch bei der Lehre der lutherischen Reformation ge blieben, die diefe Möglichkeit ausschließt. Weil es an diefem Punkte ein befonders zählebiges Mißverſtändnis gibt, will ich hinzufügen, daß die lutherische Reformation ausdrück lich, wie die andern Reformatoren auch, ein Widerstandsrecht gegen die Obrigkeit kennt; es ift grotesk, die gedankenloſe, von jeglichem Ethos gelöfte Unterwürfigkeit unter die Ob rigkeit, wie auch immer fie fei, und was auch immer fie ge biete, für lutherifch auszugeben. Es ist aber auch äußerst bes denklich, wenn man die lutherifche Ausfage, der Chrift habe als Waffe gegen eine gottlofe Obrigkeit nur das Wort, für eine weltflüchtige Einschränkung hält. So kann man nur ur teilen, wenn man den Glauben an das Wort, nämlich das Wort Gottes verloren hat. Denn was kann es für den Chri ften, wenn er wirklich an den lebendigen Gott glaubt, für eine mächtigere Waffe geben als eben dies Wort, das Felfen zerfchlägt? John Knox war für fein eigenes Herrscherhaus furchtbarer als alle bewaffneten Rebellen, obwohl er nie das Schwerf erhoben hat. Diefer Glaube an die Majeftät und Macht des Wortes Gottes ift allerdings Vorausfetzung, wenn die lutherische Lehre von dem Wort als einziger Waffe ge gen eine rechtlofe Obrigkeit richtig verftanden werden foll. Mir felber ift es außerordentlich wichtig gewefen, daß, wie 51 die verhöre zur Genüge ergaben, der eigentliche Anstoß, den die Geftapo an mir genommen hatte, feit langem an meiner Verkündigung entftanden war. Aber damit fälle ich kein rafches Urteil über Männer, de ren Gewiffen anders geurteilt hat. Eine große gefchichtliche Rechtfertigung haben fie für fich: fie haben für ihre Überzeugung mit dem Leben bezahlt. Stauffenberg, der aktivfte unter ihnen, der ein treuer Sohn feiner katholischen Kirche war, wurde durch feine flammende Vaterlandsliebe zu dem Entfchluß getrieben, die politifche Reinigung und Rettung Deutſchlands folle aus feinem eigenen Inneren kommen und dürfe nicht erft dem Zufammenbruch und den Alliierten überlaffen bleiben. Natürlich ift es fchwer, daß der Aktivift, auch der edle Aktivift, den Sinn für die Hintergründigkeit der Gefchichte behält. Aber er follte nicht vergeffen, daß auch eine Gottesgeißel von Gott verordnet ift. Nur der vordergründige, dem Diesfeits verhaftete Sinn desTyrannen meint, er fei fein eigener Schöp fer und habe fich felber gefchichtlich berufen. Und der ver weltlichte Sinn feiner Nachfolger( jeder Tyrannennachfolger hat einen verweltlichten Sinn) meint ebenfo, fein Herr habe feinen Ort in der Gefchichte aus eigenem Beruf. Er weiß es fo wenig wie der Tyrann felbft, daß es fehr fchwer ift, zu den Werkzeugen Gottes in der Gefchichte zu gehören. Denn die meiften zerbricht er. Freilich ift mir zu keiner Minute ungewiß gewefen, daß der Weg Hitlers ins Verderben führen müffe, ihn und das von ihm geführte Volk. ,, Die Schelme müffen fich felbft umbrin gen", hat einmal in einem klugen, überlegenen Worte Hilty gefagt. Der Plan Gottes hatte dem Tyrannen beſtimmt, in völliger Blindheit feinen Weg zuende zu gehen, bis nichts, gar nichts mehr übrig blieb- auch nicht mehr der zweideu 52 tige Schimmer einer politifchen Märtyrerkrone. Indem Gott dem Tyrannen diefen billigen Scheinruhm verfagte, der das Denken vieler Deutfcher fchwer verwirrt haben würde, hat er unferm Volke eine qualvolle Selbftzerfleifchung erfpart. Die Kritik an den Männern des 20. Juli, die merkwürdig rafch nach dem Zufammenbruch einfetzte, hat fich ja auch nicht auf diefe chriftlichen Bedenken geftützt, fondern im allge meinen mit der etwas plumpen Behauptung gearbeitet, hier habe eine politiſche Kafte, die fich in ihrer Existenz bedroht fühlte, um ihre Selbstbehauptung gekämpft. Ich bin ficher, daß die gefchichtliche Einzelforschung, falls est noch nötig fein follte, die Unrichtigkeit diefer Darſtellung enthüllen wird. Damit ift nicht von vornherein die Kritik am 20. Juli über haupt abgewehrt. Es wird vielmehr unerläßlich fein, fich um eine fachliche Erörterung der Frage zu bemühen, was es um das Miẞlingen diefes Verfuches und überhaupt um den ges fchichtlichen Ort und Auftrag diefer Bewegung war. An dem Bilde der Männer, mit denen ich zufammen war, wurde mir deutlich, daß diefe Kritik ziemlich umfaffend und tiefgreifend fein mußte. Deutſchland befaß nicht mehr die Kraft, die fchwere Krife, die das Dritte Reich darftellte, von fich aus und von innen heraus zu überwinden. Zwar daran gab es für mich nicht den leifeften Zweifel, daß diefe Männer zur Blüte der Nation gehörten. Gewiß, nicht alle von ihnen waren„ Helden". Vereinzelte litten fogar zu fichtbar unter Haft und Entehrung. An ihnen rächte fich der erftarrte und völlig veräußerlichte Ehrbegriff des fäkularifierten Spätpreußentums; der verweltlichte Ehr gedanke weiß nichts von jener großartigen inneren Unab hängigkeit, die der Glaube gewährt. Ich habe es in jeder Stun de der Haft mit Dankbarkeit empfunden, daß der Dienſt ei 53 nes Predigers des Evangeliums den Menfchen von Ruhm und Tadel der Welt gleichermaßen unabhängig macht, und habe deshalb auch zu keiner Stunde im Ernst meine Ehre durch die Behandlung, die in jenem Haufe üblich war, berührt ge fühlt. Wer nur einen innerweltlichen Ehrenkodex kannte, mußte allerdings tief getroffen werden. Aber das waren doch nur Einzelerfcheinungen, genau wie die wenigen Furchtfamen. Die meiſten waren von einer bewundernswerten Nobleffe und inneren Furchtlofigkeit. Wenngleich an dem bitteren gefchichtlichen Urteil kaum et was zu ändern fein wird, daß der Adel durch ein unbegreif> liches Verfagen die gefchichtliche Führung verwirkt hatte, und daß er den Verluft der Glaubensfubftanz faft immer mit ei nem doppelt tiefen Abfturz in den Nihilismus hat bezahlen müffen, fo haben doch in diefen Tagen manche feiner Glies der diefe gefchichtliche Schuld mit Blut gefühnt. In Einzelnen wurden einige der edelften Züge des Adels durch Todesnähe und Glaubenszuverficht verklärt und neu geadelt. Ich erinnere mich zweier junger Edelleute, die in einem Ver hör einander gegenübergeftellt wurden, und die fich bei dies fem Anlaß nach Wochen der Haft zum erften Male wieder begegneten. Sie begrüßten fich nur mit einer knappen, zucht vollen Verbeugung, als trügen fie keine Feffeln, und fahen durch ihre Schergen hindurch wie durch Glas. Das war gros Be Form. Da war ein früherer preußifcher Oberpräfident, der einen Tag voll Vernehmungen mit unmenfchlichen Folterungen hinter fich hatte; in unverwüftlicher Frifche betrat er abends den Luftfchutzkeller und fagte, während fchon die erften Bom ben herniederfauften, laut und herzhaft und ohne fich um die Wachen und das ftrenge Sprechverbot zu kümmern: 54 54 „ Kinder, was haben wir für eine fonnige Jugend!" Das war befter Stoizismus. Da waren aber auch die Gewerkschaftsführer, die mit Goer deler konfpiriert hatten, und einige führende Katholiken, einer wie der andere von gleicher Unerfchütterlichkeit und Überlegenheit. Da war Conftantin von Dietze, mit dem ich in den Bombennächten trotz des Sprechverbotes wahrhaft fröhlich war. Da war die prachtvolle, durch die Haft völlig ungebrochene Aktivität von Dr.Walter Bauer, dem viele von uns, vor allem die ohne nähere Angehörige viel wirkfame Hilfsbereitschaft zu danken haben; da war der frühere Obers bürgermeister von Hannover, Dr. Menge, der durch keinen räfonnierenden Wachthabenden davon abzubringen war, vor den ihm bekannten Mitgefangenen mit vollendeter han noverfcher Courtoifie den Hut zu ziehen, und dadurch den vollkommen geftaltlofen Gefängnishof und unfer Haus in einen, Kavaliersflügel" verwandeln half. Aber noch weit eindrucksvoller war der gefammelte, edle, ruhige Ernft, mit dem ein Glied einer der älteften preußischen Familien unter uns weilte, Ewald von Kleift- Schmentzien. Er war zum Tode verurteilt und wußte, daß er fterben würde; aber keine erkennbare Spur von Unruhe ſtörte das Bild vollendeter Abgeklärtheit, in der natürlicher und geiftlicher Adel einander begegneten. Seine letzte irdifche Lektüre wa ren meine, Kreuzwegandachten, die ich in der Paffionszeit niedergeschrieben hatte und die im Haufe heimlich von Hand zu Hand gingen. Alle diefe Männer waren in ihrer Haltung verehrungswür dig, ihr Todesmut verdient Bewunderung. Aber der große gefchichtliche Gegenfpieler Hitlers war nicht unter uns. Gewiß, die hervorragendften Führer der Widerftandsbewe gung waren schon tot, der große, kluge Beck, York von War 55 55 tenburg und Fritz von der Schulenburg, zwei bis zuletzt rit terliche Geftalten, der edle Adam von Trott, und der aktivfte unter ihnen, Stauffenberg, der einer brennenden Fackel glich. Es waren feine Köpfe, klare Gefichter, knappe, faft asketiſche Züge; fie trugen Gelehrtengefichter, diefe Träger hoher, alter Kultur, nicht für einen Augenblick konnten fie mit den Lands knechtsfeelen und Strebern oder auch nur mit jenen blin den Fanatikern verwechfelt werden, die, wo fie aus Proteft den Platz räumten, allzu bereitwillig ihre Stelle einnahmen- aber der große, kühne Gegenfpieler Hitlers war nicht unter ihnen. War auch ihr ethischer Wille rein und ihr persönlicher Mut makellos, fo gebrach es der Bewegung als ganzer doch an robufter Entschlußkraft. Viel zu tief faß der ganzen Nation jenes Denken im Blut, das erft das Dritte Reich möglich ge macht hatte; der Wille Einzelner vermochte die niederftür zende Lawine nicht aufzuhalten, wie mit naturhafter Gewalt mußte fich dies Schickfal ausfchäumen und erfüllen. Es gehört zu den fpukhaften Zügen diefes dämonifchen Abs schnittes deutscher Gefchichte, daß er ohne eigentlichen ge fchichtlichen Gegenfpieler zuende ging. Monate später habe ich durch einen Zufall auf der Anklage bank in Nürnberg die Führer des Dritten Reiches gefehen und war erschüttert. Nicht in erster Linie darüber, daß da unten viele nur noch den Eindruck alt gewordener, zerfal lener, bedeutungslofer Männer machten, fondern ich war be troffen, daß fie weder das eine noch das andere waren- weder glühende, bis zum Letzten kämpfende Repräfentanten einer großen( oder wenigftens einmal für groß gehaltenen) Idee, noch auch harte und entfchloffene Streiter gegen erkannten Wahnfinn und Rechtsbruch. Da war weder flammender Pro teft noch angreifende Verteidigung, und was war es um einſt 56 gerühmte Ehre und Treue? Auch da war der große gefchicht liche Gegenfpieler nicht und darum keine letzte gefchicht liche Größe- nur die trümmerhaften Überrefte eines fpuk haften Schickfals. Leider gab es fogar jenen unerfreulichen Typus des Mitge fangenen unter uns, wenn auch glücklicherweise nur in ganz wenigen Ausnahmen, der im Kz„ Kapo" gehießen hätte. Es ift erftaunlich und rätfelhaft zugleich, wie rafch in einer fol chen Situation die menfchliche Natur enthüllt, welcher Tiefen fie fähig ist. Wenn fo einer eben gerade eine geringfügige Auffichtsbefugnis erhalten hat, fchlägt er fich im gleichen Au genblick auf die Seite der Peiniger, ift härter und fchärfer als fie, keine Erinnerung an die eigene Situation bindet ihn, nicht einmal im Tonfall kann er freundlich und menfchlich fein. Es ift traurig, wie rafch ein Menfch der Unmenschlich keit verfallen kann. Aber die Gefchichte ift unbeftechlichderjenige, der am deutlichften in meiner Erinnerung fteht, wird am 23. April genau wie die andern, liquidiert". Je länger unfere Haft währte, desto deutlicher trat hervor, daß eine andere Kraft die meiſten unter uns viel ftärker be ftimmte als die gemeinfame politifche Oppofition. Das war der chriftliche Glaube. Es war auffchlußreich zu fehen, wie einem nach dem andern diefer Tatbestand deutlich wurde, und war er erft erkannt, auch immer bewußter ergriffen wurde. Das war weder verwunderlich noch neu. In den letzten Jahren des Dritten Reiches hatte fich ein nicht unbedeutender kirchengefchichtlicher Wandel vollzogen. Je weiter die innere Zerftörug fortfchritt, um fo mehr hatten Viele in den chriftlichen Kirchen den Hort geiftiger und geift, licher Unabhängigkeit fehen gelernt. In jenen Jahren habe ich regelmäßig an einer Tafelrunde teilgenommen, die unter 40 57 58 58 der Leitung des früheren Kronprinzen von Sachfen, des Jefuitenpaters Georg, zufammenkam. An ihr nahmen eine gan ze Reihe bekannter Namen teil, Romano Guardini und Ger trud Bäumer, der Dante- Überfetzer Falkenhaufen und Auguft Winnig, Jochen Klepper und Bogislav von Selchow, Thadden, Pechel, Dovifat und eine ganze Reihe katholischer und proteftantifcher Männer. Es war klar, daß der einzige Boden einer unabhängigen geiftigen Exiſtenz in jenen Jahren die Kirche war; und die Männer und Frauen fuchten dort mehr, als nur geiftige Unabhängigkeit im Sinne des älteren Libe ralismus. Was alfo in unferem geiftigen Leben immer gegenwärtig geblieben war, das trat nun in der Haft in feine volle Blüte. Es war die chriftliche Existenz, die den meiſten unter uns das Dafein im Geftapo- Gefängnis möglich machte. Der Je fuitenprovinzial Pater Röfch, der mit uns in Haft war, hat in diefem Haufe eine ausgebreitete, regelmäßige geiftliche Verforgung der Katholiken möglich gemacht, mit Einschluß täglicher Meffe und Abfolution. Es ist nicht an mir zu erzäh len, wie er diefen Dienſt täglich und ohne Kenntnis der Ge fängnisleitung ausgeführt hat; aber ich habe feinem Eifer, fo oft ich ihn beobachten konnte, die Bewunderung nicht verfagt.Von unfern evangelifchen Infaffen gelangten auf ähn lichem unterirdifchen Wege manche Bitten um geiftlichen Lefeftoff auch an meine mitgefangenen Amtsbrüder Betke und Harder und an mich, und trotz der ftrengen Abgefchie denheit in der Einzelhaft fand fich immer ein Weg, folchen Bitten nachzukommen. Zu den geiftlichen und chriftlichen Erscheinungen diefer Zeit gehören nun aber unter allen Umständen auch die Ernften Bibelforfcher hinzu.Wegen ihrer abfoluten Wahrheitsliebe be nutzte die Geftapo fie fehr gern in den verfchiedenen Ge fängniffen als„ Kalfaktoren"; denn in ihrer Wahrheitsliebe gingen fie ftets fo weit, daß fie auch die Grenze der Kame radfchaftlichkeit nicht gelten ließen. So war es für die Geftas po leicht, mit ihrer Hilfe die andern Gefangenen zu beauf> fichtigen. Aber ihnen gebührt trotz allem jene Achtung, die wir etwa den„ Schwärmern" der Reformationszeit schul den. Wie jene haben fie beiſpiellofe Blutopfer gebracht; keine chriftliche Gemeinschaft kann fich mit der Zahl ihrer Blut zeugen auch nur von ferne meffen. Ihre maffive Eschatolo gie hat es ihnen möglich gemacht, in der Erwartung einer baldigen befferen Welt wahrhaft unbekümmert in den Tod zu gehen; fie find in Scharen geftorben, bis die Geftapo es aufgab, fie hinzurichten. Nun dienten fie auch bei uns und trugen unleugbar ein Ele ment der Menschlichkeit in das dunkle Haus. Nicht alle von ihnen find dem landeskirchlichen Pfarrer freundlich begegnet, aber meift waren fie gütig und umgänglich. Noch in ihrer fchwärmerifchen Einfeitigkeit waren fie menschlicher als viele der SS- Jünglinge, die brutal und in jeder Hinsicht formlos waren. Guftav aber, der für unferen Flur zuständig war, und deffen Familienname ich nie erfahren habe, trug eine achtjährige, zum Teil fehr fchwere Gefangenschaft mit einer fröhlichen und chriftlichen Gelaffenheit, an der alle Brutalität einer feindlichen Welt völlig ípurlos vorüberge gangen war. Und wenn es auch den Anfchein hat, als fei jetzt, nach wiedererlangter Freiheit, ihre eiferne Unbelehr barkeit wieder wie einft ihr hervorftechender Wefenszug, fo darf mich das nicht hindern, ihnen jenes Lob zu zollen, das ihnen gebührt. Sie können für fich in Anspruch nehmen, die einzigen Kriegsdienftverweigerer großen Stiles zu fein, die es im Dritten Reich gegeben hat, und zwar offen und um des Gewiffens willen. 59 Aber auch in den eigenen Reihen waren Männer, deren Ge dächtnis wir als chriftliche Zeugen in Ehren halten müffen. Als ich mit den andern nach Tegel verbracht wurde, faẞ dort in einem andern Flügel fchon feit einem Jahre Dietrich Bon hoeffer. Durch den großartigen Amtsbruder Poelchau, den Gefängnispfarrer, konnte ich noch Grüße mit ihm tauſchen; gefehen habe ich ihn nicht mehr. Als der Zuſammenbruch nahte, ift er wenige Tage vor mir nach Nürnberg und von dort nach Floffenbürg verbracht, wo er beim Herannahen der amerikaniſchen Truppen noch ermordet wurde; als wir dort ankamen, war schon das gefamte Verkehrs- und Nachrich tenfyftem zufammengebrochen, fodaß kein Weitertransport möglich war, aber auch kein Befehl aus Berlin oder Hof, der letzten Zufluchtsftätte des Reichsficherheitshauptdienftes, mehr ankommen konnte. Das hat uns, menfchlich gefpro chen, vor dem gleichen Schickfal bewahrt.Was aber Bonhoef fer als Chrift in der Gefangenfchaft ertragen und in den Schriften und Gedichten diefer Zeit niedergelegt hat, das ift inzwifchen Befitz der Weltchriftenheit geworden. Einen andern aber habe ich in Tegel noch mehrfach gefehen und gelegentlich auch heimlich gefprochen, den Jefuitenpa ter Delp. Weder feine Kleidung noch auch fein etwas rufti kales Denkergeficht verrieten den Kleriker; er war Konver tit und einer der fcharffinnigften und einfallreichften Mitar beiter an den„ Stimmen der Zeit", jenem bedeutenden, in jeder Hinficht hochftehendem Organ der Jefuiten. Seine Bei träge waren mir deshalb fo vertraut, weil wir manchen ver wandten Fragen und Aufgaben nachgingen, und uns gele gentlich bis in die Formulierungen fchriftftellerifch berühr ten. Er war wie die meiſten- ungebeugt und ungebrochen. Unvergeßlich ift der Bericht von den letzten Augenblicken vor feiner Hinrichtung: aus dem unmittelbaren, durch keine 60 - Reflexion zerstörten Glauben an das ewige Leben fagte er dem begleitenden Gefängnispfarrer:„ In wenigen Augen blicken weiß ich mehr als Sie". Der Glaube ift nach der klaffi fchen Formel des Hebräerbriefes, ein Überführtwerden von unfichtbaren Realitäten". Die eindrucksvollfte Geftalt aber war Graf Helmuth von Moltke. Als wir, die wahrscheinlichen Todeskandidaten, uns im Korridor des Geftapo- Hausgefängniffes in der Lehrter Straße zum Abtransport nach Tegel verfammelt hatten, fiel von felbft ein wohl 2 Meter hoher Mann auf, der in Zucht hauskleidern ging. Als er mich beim Namensaufruf erkann te, nickte er mir mit befonders freundlichem Gefichte zu; und während ich noch mein Gedächtnis durchforschte, wo ich dies mir bekannte Gesicht fchon gefehen hatte, gab mir der Namensaufruf Antwort: es war Graf Moltke, der auch zu den gelegentlichen Befuchern meiner Gottesdienfte ges hört hatte. Im grünen Polizeiwagen gerieten wir nebenein ander, und da er in der dünnen Zuchthauskleidung fror, gab ich ihm meine Decke zum Wärmen. Nach der Ankunft in Tegel wurden wir in einen verfchließ baren Raum gebracht, um die weiteren Formalitäten abzu warten. Einer jener kleinen menfchlichen Zwischenfälle trat ein, wie sie nur bei ganz altem, bewährten Beamtentum möglich find, das die Grenze der Routine kennt; der auf fichtführende Juftizwachtmeifter ließ uns einige Zeit allein, um uns das verbotene Rauchen und die ebenfo verbotene Unterhaltung zu ermöglichen. Für viele unter uns, auch für mich, war es die erfte Möglichkeit zu näherer Information nach langen Wochen ftrengfter Abgefchiedenheit. Moltke, Steltzer und ich faßen für eine Weile zufammen. Mir machte die ruhige Sicherheit Eindruck, mit der Moltke auf Steltzer und einige andere einfprach:„ Machen Sie fich 61 nichts vor wenn Sie das getan haben, was Sie eben berich tet haben, werden Sie gehängt!" Mit einer Ruhe, die alles andere als ftoifch war, weil fie aus einer faft heiteren Ge löftheit ftammte, redete er uns die weichlichen Illufionen über unfer Schickfal aus und forderte uns auf, uns auf den Tod zu rüften. Er felber tat das auf eine vorbildliche Weife. Ohne die leifefte Selbfttäuschung über fein wahrscheinliches Ende lebte er in einer heiteren Klarheit der Seele, das leuchtendfte Beiſpiel einer ungebeugten Haltung aus Glauben. Als Chrift war er der klarfte und ſelbſtverſtändlichfte unter uns. In ihm war noch die volle Subftanz des Glaubens gegenwärtig; es gab bei ihm jene Skepfis nicht, die auch der Reiffte und Gläu bigfte zuzeiten nur durch Kampf und Anftrengung überwindet. Bei ihm vollzog fich, was es wohl nur an der Grenze des Todes geben kann: Der Kampf lag hinter ihm, keine Wolke der Anfechtung trübte feine Glaubenszuverficht. Ich muß ihm bezeugen, daß ich ihn nur heiter und gelaffen ge fehen habe. Als am Tage vor feiner Hinrichtung der Wacht meiſter noch einmal feine Zelle betrat mit der Nachricht: Morgen noch einmal Vernehmung- fertigmachen!", fagte er nur mit völligem Gleichmaß der Seele:„ O, ich weiß- die Hinrichtung!" und las weiter in meiner Auslegung des letzten Buches der Bibel, die als Lektüre feine letzten Tage ausgefüllt hatte. Wunderbar find in ihrer Gewißheit und Klarheit feine Briefe aus der letzten Zeit. Bis zuletzt war er innerlich völlig frei, freundlich, hilfreich, umfichtig- ein rich tiger freier Menfch von innerem Adel mitten unter den Lar ven der Graufamkeit. " Ganz friedlich ist auch Friedrich Juftus Perels, der Juftitiar der Bekennenden Kirche, feinen Erdenweg zuende gegang en. Ich habe ihn noch mehrfach auf dem Gefängnishof ge 62 fehen und heimlich gefprochen. In den Tagen der zahlrei chen Vernehmungen, da er viel gequält worden ist, fah er mitgenommener aus als in der letzten Zeit, da er fich ruhig und wie ein Chrift auf das Ende rüftete, wenngleich über allen zum Tode Verurteilten noch ein leifer Schimmer der Hoffnung lag, die äußeren Ereigniffe möchten rascher ſein als die Juftiz der Geftapo. Aber er war gerüftet und im Frie den. Die Grüße, die er mir an die Brüder der chriftlichen Studentenbewegung in England auftrug, denen er viel ver dankte, find inzwifchen fchon ausgerichtet, Sein Gedächtnis bleibt im Segen. Menfchlich ist es bitter zu denken, daß fo Viele von ihnen noch in den letzten Tagen und Stunden des Dritten Reiches, als fchon die Befreiung vor der Tür ftand, umgekommen find, Verurteilte und andere. Aber nicht die Bitterkeit darf im Gedenken an fie das letzte Wort behalten, fondern nur das Bewußtfein, daß fich Gottes heiliger Plan über ihrem Leben erfüllt hat, und die Dankbarkeit dafür, daß er ihnen erlaubt hat, im getroften Glauben in den Tod zu gehen. Wir, die wir diefe Brüder auf der letzten Strecke ihres Erdenwe ges gefehen und begleitet haben, bezeugen es in Dankbar keit und Ehrfurcht. „ Vor den Unverſtändigen werden fie angefehen, als ftürben fie und ihr Abfchied wird für eine Pein gerechnet und ihre Hinfahrt für ein Verderben; aber fie find im Frieden"( Weis heit 3,3). 89 63 Nächte Die Nächte waren, foweit die Geftapo in Betracht kam, keine Nächte. Denn fie waren weder dunkel noch ftill. Daß man noch gegen Mitternacht zur Vernehmung nach unten geholt wurde, war nichts Außergewöhnliches, und die Executionen pflegten früh morgens gegen 3 oder 4 Uhr ftattzufinden. In der Zwifchenzeit forgten die Poften mit fchallenden Gesprächen oder lärmender Ablöfung für die entſprechende Unruhe. Dazu brannte die ganze Nacht in unfern Zellen Licht. Wahr fcheinlich befürchtete man Selbstmordverfuche oder andereunerwünschte Dinge; jedenfalls gab es für uns in den Näch ten keinen Mangel an elektriſchem Strom. Natürlich war es außerordentlich unangenehm, trotz Lärm und Licht schlafen zu müffen. Ich habe immer neue Manipulationen erfunden, um mir Augen und Ohren abzufchirmen", bis es dem je weiligen Poften gefiel, es lärmend zu verbieten; dann mußte mir etwas neues einfallen. Am häßlichften fand ich, wenn etwa nachts gegen 2 oder 3 Uhr einer von den Jünglingen die Zellentür aufriß und brüllend befahl, hinfort nur auf dem Rücken liegend, die Hände auf die Decke gelegt, zu fchlafen. Aber von derartigen Annehmlichkeiten war unfer Tageslauf ohnehin erfüllt, vor allem in der erſten Zeit. Gelegentlich habe ich mit lebhafteftem Gegengebrüll geant wortet. Das nützte natürlich nichts, aber es erleichterte doch. 64 44 Auf eine ganz unvermutete Weife aber kehrte der Friede der Nächte wieder und damit die innere Stille und die Mög lichkeit zur Befinnung und Einkehr. Es war ja Krieg, und es gab Fliegeralarm. In den kurzen Auguftnächten waren fie äußerst felten; aber je weiter das Jahr fortfchritt, desto mehr nahmen fie zu, und bald traten fie mit der Verläßlichkeit eines Uhrwerkes ein. Dann veränderten auch die Nächte ihr Bild. Diefe Fliegernächte find von einer eigenen Romantik erfüllt. Und es ift erftaunlich, wie das Abenteuer tief im Herzen lebendig ift und unter dem Höllentanz diefer Angriffe wach wird. Zwar unfere äußere Lage ift peinlich, fehr peinlich fogar; die Feffeln find, obgleich man fich an fie gewöhnt hat, immer noch ein wenig hinderlich, wenn man fich die Wafchfchüffel als kümmerlichen Splitterfchutz auf den Kopf zu praktizie ren verfucht; während der tollften Detonationen hockt man dann in der Ecke dicht unter dem Fenster, um vor den gröb> ften Glass, Bomben und Flakfplittern gefchützt zu fein. Das machen wir hier alle fo. Aber man tut es nur in den kurzen Augenblicken, da die Bomben mit höllischem Pfeifen in un mittelbarer Nähe herunterfaufen. Wenn der Splitterregen niedergegangen ift und das Beben der alten, feften Mauern fich beruhigt hat, fteht man wieder am Fenfter, verfolgt die atemberaubende Jagd der Scheinwerfer, die über der schüt ternden Stadt ihren Lichtdom wie ein graufames Affenſpiel der Feftlichkeit aufleuchten laffen, und die manchmal einen diefer gefährlichen filberweißen Leiber eines feindlichen Flugzeuges erfaffen. Haben erft zwei Scheinwerfer einen fol chen Nachtvogel erhafcht, dann faugt fich rafch das ganze Strahlenbündel aus allen Lichtkegeln an ihm feft, hält ihn, gibt keine Ruhe, folgt allen tollen Windungen, Schrauben, 65 Steigungen, Fluchtverfuchen... um den vom Licht Einge kreiften blitzen die krepierenden Flakgranaten wie der Fun kenregen einer Lokomotive auf- aber wie felten schlägt ein tödlicher Funke in einen diefer Silberleiber, daß er wie eine lohende Fackel pfeilschnell in die Tiefe ftürzt! Auf dem Lehrter Bahnhof, ganz in der Nähe, fcheint eine fchwere Batterie zu ſtehen; wenn fie mit ihrem bollernden, pladdernden Gedröhn einfetzt, ift es meift fchon sehr unan genehm. Oft leuchten vorher die phosphorroten Vierecke der, Chriftbäume", die den kommenden Bombenteppich drohend abzeichnen; und wenn ihr Licht den Gefängnishof taghell macht, bleibt in den bangen Sekunden bis zum nie derbraufenden tödlichen Gewitter nur noch eines: die Seele Gott befehlen. Man kann auch mit gefeffelten Händen beten. Es ist kein Zweifel, daß uns dies alles beffer gelingt als un fern Schergen. Zwar äußerlich haben fie es beffer als wir. Während wir hier oben im dritten Stock in unfern verriegel ten Zellen bleiben, wo wir, falls uns etwas zuftöẞt, verbren nen oder verbluten können, ohne daß es jemand vor Ende des Alarms bemerkt, ziehen fie polternd und lärmend über die eifernen Treppen in die Luftfchutzkeller hinab; kein nationalfozialiftifches Pflichtgefühl hält auch nur einen ein zigen von ihnen oben. Aber dann ist mitten im Dunkel ihre Gewalt für einen Augenblick aufgehoben, und es iſt, als hätten fie für diefe Zeit ihre Macht an den Herrn über Tod und Leben abgetreten, der über fie und uns in gleicher Weife gebietet. Es trägt einen inneren Adel ein, wenn man vom Tode be droht ift. Der inftinktive Hochmut, mit dem der Frontfoldat dem Mann der Etappe begegnete, entſprang der gleichen Wurzel: der vom Tode Bedrohte ift dem„ Geficherten" über legen. Denn es vermehrt die geiftige Freiheit, wenn man mit 66 dem Leben abgefchloffen hat. Wenn der göttliche Wille unfer Ende befchloffen hat, dann ist es nicht mehr fo.wefentlich, ob der Strick oder ein Bombenfplitter das Mittel fein wird, un fer irdisches Sein auszulöschen. Und daß es, wenn wir am Leben bleiben, nur durch ein Wunder gefchehen kann, das wiffen wir fowiefo jeden Tag. Derartige Erwägungen und dazu das Bewußtfein, daß in diefen Alarmnächten die Für bitte draußen mit verftärkter Gewalt emporfteigt, tun denn auch ihre Wirkung; ich ftehe diefe nächtlichen Höllensze nen, die fich gegen das Ende hin immer mehr fteigern, ohne jede Verzagtheit durch. Nur einmal war es anders. Mein Herz muß fchlecht gewefen fein. Der junge Gefängnisarzt, ein wahrscheinlich nicht fehr bedeutender, und jedenfalls auch nicht fehr intereffierter SS Arzt, deffen Gehilfe übrigens noch nicht einmal wußte, was Afthma war, hatte mir Cardiazol gegeben, was offen fichtlich ganz falfch gewefen war. Als dann in jener Nacht die Sirenen aufgeheult hatten und das Höllenspiel lärmend und dröhnend begann, habe ich buchstäblich das„ Zittern und Zagen" kennen gelernt; und eigentlich muß ich dank bar fein, daß ich nicht nur als Stoiker durchgehalten habe. Denn wer wirklich auf Gottes Hilfe trauen lernen will, muẞ auch bis an die äußerfte Grenze der Hilflofigkeit geführt worden fein; er muß tief hinabgeführt fein in jenes finftre Tal, von dem der dreiundzwanzigfte Pfalm fpricht. Wann aber erführe der Menfch das Bewußtfein, völlig preisgege ben zu fein, je im bürgerlichen Dafein? Noch ein anderes Gefchenk bringen diefe Fliegernächte. Die Verdunkelung muß fofort nach dem Auslöfchen des Lichtes aufgerollt werden, damit fie nicht vom Luftdruck zerriffen wird; denn neues Material gibt es nicht, und wir können, da wir ja die ganze Nacht auf unfern Pritschen als 67 Schwerverbrecher angeleuchtet werden müffen, nicht ohne Verdunkelung fein. Sobald die Sirenen aufheulen und das Licht abgefchaltet ift, rolle ich jedesmal mit Freuden das dunkle Papier zufammen; denn nun befchenkt uns die Nacht mit dem, was ich in den erften Wochen niemals fah: dem geftirnten Himmel. Für eine gewiffe Zeitfpanne, ehe Lärm und Feuer die Stille zerreiffen, liegt dann die nächtliche Welt mit ihrem unwahrscheinlichen Frieden tröftlich da; und wenngleich ich ein nur wenig ergiebiges Feld des Sternen himmels vor meinem Gitterfenfter habe, den Nord- NordWeft, fo fteht doch der Wagen fchimmernd da, und manchmal glänzt es auch vom Orion herüber. Dann empfange ich den ruhigen Schein diefer Himmelslichter, die foviel Menfchen leid gefehen haben, wie einen göttlichen Gruß. 68 Du Bote ewger Ordnung, goldner Wagen, Ziehft wie vorzeiten fchimmernd deine Bahn, Um wieder, wenn die hellen Nächte nahn, All deiner Sterne goldne Fracht zu tragen. Du wanderft weiter, wie in Väter Tagen, Und drehft dich ftill nach Gottes heilgem Plan Und füllft die Herzen, die dich wandern fahn, Mit Mut, auch ihren Weg mit Gott zu wagen. Du ziehft fo ftill die ewgen, goldnen Gleife- Doch dein Gebilde spannt fich fchimmernd weit In aller Sterne heller Übermacht. Du kündeft Gottes Lob, unhörbar, leife, Das Lob des Herrn, der über aller Zeit Den Seinen auch auf Erden Bahn gemacht. Noch eine schöne Blüte der Menschlichkeit erblüht in diefen Nächten des Grauens. Es ist wieder Alarm. Das Haus liegt ganz dunkel. Draußen ift noch nichts erkennbar, fondern alles noch von der läh menden Stille der Erwartung überdeckt. Die Wachtpoften, die eben mit knarrenden Stiefeln über die Treppe nach unten geftiegen find, hört man in den Kellergewölben laut reden. Oben ist alles totenftill. Da werden mit einem Male unhörbar die beiden Riegel meiner Zellentür zurückgefchoben, und lautlos öffnet fich ein Spalt. In der Nifche ſteht Freiherr von Guttenberg, der mit leifen Zeichen zum Schweigen mahnt. Als alles ſtill ift, führen wir im Flüfterton eine kurze Unterhaltung.„ Finden Sie nicht, Herr Pfarrer, daß wir alle in diefer Lage die Ölbergszene aus dem Neuen Teftament viel beffer verftehen?" Er ist nicht der Einzige in diefem Haufe, der Pascals unver gleichliche Meditation über die Gethsemanegefchichte kennt und liebt, und wir reden hier nun ein wenig davon, welchen Troft diefes Stück des Neuen Teftamentes gerade uns ge währt.Ich werde diefe Doftojewskifche Szene nicht vergeffen: das dunkle, zwiefach dunkle Haus, draußen der Höllenlärm von Flak und Bomben, und drinnen diefe geflüfterte Unter haltung über den Sohn Gottes, der in jener Nacht am Öl berg allen Nächten das Grauen genommen hat und hinfort bei denen ift, die in den Nächten kämpfen, ringen und beten. Ich werde auch den Mann nicht vergeffen. Er war einer von denen unter uns, die über dem eigenen Gefchick nie das Ges famtfchickfal aus dem Auge verloren. Wieviele Pläne find in diefem Haufe darüber gefchmiedet worden, wie man den Opfern des 20. Juli künftig würde helfen können, und was man überhaupt für die zu erwartende riefige Not des deut fchen Volkes würde tun können! Er war schon damals klar 69 darüber, daß wir alles, was unfere Haft uns etwa an Ver trauen im In- und Auslande eintragen könnte, falls wir am Leben blieben, für diefe Hilfe einzufetzen haben würden. Er hatte fich die volle Fähigkeit bewahrt, an Andere zu denken; und der Grund dafür war die einfache Tatfache, daß er ein Chrift war. An ihm konnte man lernen, daß Güte und Mut auf eine verborgene Weife zufammen gehören. Echte Güte ift das Vorrecht großer und furchtlofer Seelen; die meiſten Menfchen find zur Güte unfähig, weil fie zu furchtfam find. Wer anders als ein furchtlofer Menfch hätte diefe ftille Güte geübt, die er mit feinem nächtlichen Tun erwies? Denn das mit wagte er viel. Durch irgendwelche Manipulationen, die ich nicht kenne, vermutlich durch eine handfefte Beftechung, hatte er es zuwege gebracht, daß er ungefeffelt blieb, und daß auch feine Zellentür während der Alarme geöffnet wur de. Sobald der Voralarm verklungen und die Schar der Scher gen unten war, fchlich er fich aus feiner Zelle und öffnete- wechſelnd- bei fo vielen, wie es in der Eile und ohne Auf fehen zu erregen möglich war, die Zellentür ein wenig. Für die meiſten war das eine unfchätzbare pfychifche Wohltat, dem Becher kalten Waffers vergleichbar, von dem das Evan gelium fpricht. Denn bei einem der erften Alarme hatten wir in unferm Flügel dreizehn Tote gehabt, und die Erinne rung an die hilflos in ihren Zellen umkommenden, gefeffel ten Gefährten bedrückte Viele fehr. Wäre er je bei diefem Akt fchlichter, mutiger Menfchlichkeit ertappt worden, fo wären die Folgen für ihn felbft unabfehbar gewefen. Aber er lebte aus jener Güte, die aus der geheiligten Furchtlofig keit erwächft. Er gehört zu denen, die in diefem Haufe das Bild menfch licher Würde und Hoheit rein gehalten haben. 70 016 Weihnacht Der Chriftabend rückt heran. Der Heilige Abend iſt in einem Gefängnis deshalb fo fchrecklich, weil dann eine Woge von Sentimentalität über das dunkle Haus dahingeht. Jeder denkt an feine Lieben, mit denen er gern zufammen wäre, und von denen er nicht weiß, wie fie das Feft der Liebe feiern werden. Mit einer unwiderftehlichen Gewalt überfallen die Erinnerungen der Kindheit gerade die, die zum Tode verur teilt find und fich der rückfchauenden Erinnerungen ohne hin nicht erwehren können; es ist nicht zufällig, daß die Selbstmordverfuche an diefem Abend in den Gefängniffen befonders zahlreich find. Das Merkwürdigfte aber war die fentimentale Weichheit, die über unfere Wachtpoften kam; diefe volksdeutfchen SS- Männer meift junge Burfchen von ganz unnötig brutalen Umgangsformen, waren nicht wie derzuerkennen, fo griff ihnen diefer Abend ans Gemüt. Wir hatten um jene Zeit einen Komandanten, der menfch lich war. Er war, obwohl er aus der mittleren Laufbahn zum SS- Offizier aufgeftiegen war, ein gerader Mann geblieben, der wohl barfch, aber nicht brutal war, und der uns man cherlei Erleichterungen gewährte, bis er wegen zu großer Menfchlichkeit abgelöft wurde. Er hat uns wefentlich mehr Eindruck gemacht, als fein in mancher Hinficht nichtswür diger Nachfolger. Diefer Kommandant nun hatte auch für diefen befonderen 71 Abend im Jahre einige menfchliche Freundlichkeiten mög lich gemacht. Einem zum Tode Verurteilten, der schon gefel felt war, hatte er die Feffeln abnehmen und feine Geige aus händigen laffen, auf der er ein großer Künftler war und die er zauberhaft fpielte; nun drangen aus feiner Zelle die feft lichen Klänge rätfelhaft und fehnfüchtig in die hohe Halle. Während ich bei finkendem Abend in der Zelle auf und ab fchritt, in die Betrachtung eines weihnachtlichen Transparen tes verfunken, das eins meiner Kinder gefchnitten hatte und das nun, von einer Kerze erhellt und mit Tannengrün ge schmückt, die Zelle weihnachtlich geftaltete, dachte ich an den Chriftabend- Gottesdienft zurück, den ich ein Jahr zu vor in unferer Johanneskirche in Lichterfelde gehalten hatte. Es war schon ein fehr denkwürdiges Chriftfeft gewefen, ein Weihnachtsfeft faft ohne Kinder, da die meiſten Familien wegen des immer härter werdenden Luftkrieges ihre Kin der auch über das Feft evakuiert hatten. Nun waren faft nur folche Menschen, vor allem Männer, dagewefen, die von irgendeiner Kriegsverpflichtung in Berlin feftgehalten wur den, oder es waren alleinftehende oder ältere Menfchen, die den Gefahren des Luftkrieges gleichmütiger gegenüber ftanden und fich für niemanden zu fchonen brauchten. Je denfalls war es eine merkwürdige Gemeinde, die fich da in der fchon fehr befchädigten, kalten Kirche zur Chriftvefper verfammelt hatte. Ich erinnerte mich daran, daß ich damals über das Prophetenwort gefprochen hatte:„ Das Volk, das im Finftern wandelt, fieht ein großes Licht"( Jes. 9,1). Als Kin der hatten wir immer, fo hatte ich gefagt, den Heimweg aus der Chriftkirche hinausgezögert und überall in den Fen ftern die Kerzenbäume einen nach dem andern aufftrah len fehen, bis wir zuletzt zu Haus- höchfte Steigerung!- vor dem eigenen, fchimmernden Chriftbaum ſtanden. In 72 diefem Jahre waren die Fenſter verdunkelt und die ganze Welt auch. Ich hatte davon gefprochen, daß diesmal wir Älte ren, die von ihren Familien getrennten Männer, die Alleinfte henden, die Alten, Weihnachten feiern lernen müßten, nicht mehr abgelenkt durch Kinderromantik und Gemütsbewes gungen- dafür war nun in diefem Jahre wirklich kein An> laẞ. Und dann hatte ich verfucht, mit Hilfe diefes Propheten wortes den eigentlichen Sinn der Weihnachtsbotschaft für uns, die Erwachſenen, für die Menfchen einer harten, dunk len Zeit deutlich zu machen. Soweit war ich in meinen Gedanken gekommen und hatte gerade eben noch einmal die fchmerzliche Sehnsucht nach einer Gemeinde empfunden, der ich an diefem Abend und in diefer harten und dunklen Zeit das Weihnachtsevange lium verkündigen könnte. Da hörte ich draußen hallend meine Zellennummer rufen.Wenn fonft diefer Ruf durch die hohe Halle des Gefängnisflügels fchallte, pflegte er kaum etwas Gutes zu bedeuten- Verhöre, Mißhandlungen, Ab transport oder noch Schlimmeres. Obwohl ich immer auf alles gefaßt war, konnte ich mir eigentlich für diefen Abend nicht gerade etwas befonders Schreckliches vorftellen, folgte aber dem Poften, der mich aus meiner im dritten Stock ge legenen Zelle nach unten führte. Ich wurde zum Komman danten gebracht; nach feiner Gewohnheit fagte er kein Wort, fondern ging zu einer anderen Zelle voran.„ Bringen Sie Nr. 212 auch her!" fagte er dem Poften, ehe er die Zelle betrat. Als fich die fchwere Zellentür öffnete, erhob fich ein Mann, den ich wegen der auffallenden Ähnlichkeit fofort als den Grafen X erkannte. Sein Bruder, einer der erften Verurteil ten vom 20. Juli, hatte unmittelbar vor feiner Hinrichtung gebeten, ich möchte ihm das Abendmahl reichen- eine Bitte, die natürlich abgefchlagen wurde. Er war einer der treue 73 ften Befucher meiner Predigten gewefen und hatte noch am Sonntag vor feiner Verhaftung an Gottesdienft und Abendmahl teilgenommen. Ganz fpontan und die Situation völlig außer acht laffend, hatte ich X auf diefe Erinnerung hin angesprochen, als mich der Kommandant barfch unterbrach:„ Ich habe die Herren hier nicht zu perfönlicher Unterhaltung zufammengebeten" und dann fortfuhr:„ Sie haben gebeten, daß der Divifions pfarrer Y, Ihr Freund, Sie heute Abend feelforgerlich befu chen möchte. Diefe Bitte habe ich Ihnen leider nicht erfüllen können, aber hier ift Dr. L., der einige Worte an Sie richten wird". Das war die erfte Mitteilung über das, was von mir erwartet wurde. Der Graf fagte, daß er eigentlich beichten und das Abendmahl hätte halten wollen. Ich fagte fofort, daß ich auch dazu bereit fei, und der Kommandant widerfprach nicht. Ein kleiner, filberner Becher war da, ein wenig Wein und etwas Weißbrot, von dem ich die Hoftien schnitt. Inzwis fchen war auch„ Nr. 212" hergeführt, es war der zum Tode verurteilte Geigenfpieler. Der Poften wurde wieder hinaus gefchickt, fo waren wir vier Männer in der Zelle. Der Violiniſt ſpielte auf Befehl des Kommandanten einen Weihnachtschoral, mehrftimmig und wundervoll, und ich las- in diefer Zelle und vor diefer„ Gemeinde"!- das Weih nachtsevangelium:„ Es begab fich aber zu der Zeit..." Dann spielte der Geiger noch einen Weihnachtschoral, und ich hatte in der Zwifchenzeit meine Gedanken foweit ordnen können, daß ich einige Worte über das Prophetenwort fprechen konn te, das mein Nachdenken ganz erfüllt hatte, als ich gerufen wurde. Ich habe meinem mitgefangenen Bruder gefagt, daß heute Abend wir eine Gemeinde feien und daß uns dies große Wort der Verheißung Gottes genau fo gelte wie denen vor einem Jahre( unter denen fein Bruder noch gewefen war) 74 und allen, die es in diefem Jahre im Glauben vernähmen; und daß es nun darauf ankäme, daß wir im feften Glauben diefe Verheißung hinnähmen, daß Gott, der in Jefus Chriftus der im Todesdunkel verfinkenden Welt das ewige Licht habe aufgehen laffen, es auch für uns fcheinen laffen werde. Jetzt hätten wir in unferen Zellen fo gut wie nichts mehr von alledem, was früher das Weihnachtsfeft für die Menfchen vers traut und gemütvoll gemacht hätte, nun fei nur noch dies eine übrig geblieben- Gottes große Verheißung; daran woll ten wir uns halten und ihn mitten in der Dunkelheit, Ungewißheit und Todverfallenheit unferer Zellen durch einen feften und unerfchütterlichen Glauben an feine Zufage prei fen. Und dann kniete er mitten in der Zelle auf dem har ten, kalten Boden nieder, und während ich das von ihm felbft ausgewählte, fchöne alte Beichtgebet aus Thomas a Kempis betete und ihm die Abfolution zufprach, rannen lautlos und unabläffig die Tränen feinen Wangen hinab. Aber es war eine ganz ftille und getrofte Abendmahlsfeier, und der Troft der göttlichen Verheißung lag fpürbar über diefer weihnacht lichen Stunde in der Zelle des Geftapo- Gefängniffes zu Ber lin. Ja, der Friede Gottes war wirklich und gegenwärtig- ,, wie man eine Hand fühlt". Da der Kommandant, der fichtlich alles ohne irgend eine Ge nehmigung, allein auffeine perfönliche Verantwortung zuge laffen hatte, kein weiteres, perfönliches Geſpräch erlaubte, bin ich nach einem Schlußchoral des Geigers mit einem feften Händedruck gefchieden:„ Gott fegne Sie, Bruder X!" Draußen ergriff der Kommandant zweimal mit eifernem Händedruck meine Hand und fagte, während es ihm feucht in die Augen ftieg:„ Ich danke ihnen. Sie können es nicht ahnen, was Sie mir mit diefem Abend für mein schweres, trauriges Tagewerk gegeben haben!" 75 Ich wurde fofort wieder in meine Zelle geführt, aber ich habe Gott gepriefen, jawohl von Herzen gepriefen, daß auch in diefem Haufe der Todesfchatten und der vielfältigen Not eine Weihnachtsgemeinde gewefen war. Denn es kann viel äußerer Feftglanz, schimmernder Trubel und bürgerliches Wohlbehagen da fein und doch keine Chriftfeftgemeinde, und es kann unter Todesnot und viel Herzensangft doch ei ne Chriftusgemeinde zu Weihnachten beieinander fein. Die Kerzen und alle menfchlichen Lichter können unfere Augen blenden, fodaẞ fie das Wefentliche an Weihnachten garnicht mehr zu fehen vermögen, aber das Volk, das im Finftern wandelt, kann es vielleicht beffer erkennen als alle, die im irdifchen Lichterglanz ftehen: „ Das ew'ge Licht geht da herein, Gibt der Welt ein'n neuen Schein". X kam kurz nach Weihnachten in ein Konzentrationslager. Der Geiger wurde noch in den letzten Tagen vor dem Zu fammenbruch von der Geftapo umgebracht, und den Kom mandanten, der bald darauf wegen zu großer Menschlich keit abgelöft wurde, habe ich völlig aus dem Auge verloren. Aber die Erinnerung an meine Weihnachtsgemeinde 1944, über der das tröftliche, ewige Licht Gottes aufging, ift ge blieben. 76 Gefegnete Agonie Jene wunderfamen Tage, da uns in den kargen Freiſtunden auf dem Gefängnishof zu Tegel ein Spätherbft ohnegleichen grüßte, waren auch die Tage der größten Todesnähe. Zwar kam mir der Tod noch einmal zwiefach drohend nahe; das war gegen das Ende meiner Haftzeit, als auf der einen Seite der Hunger fein zermalmendes Werk tat und auf der an dern Seite die Willkürjuftiz der letzten Tage des Dritten Rei ches, die noch fo viele redliche Männer umbrachte, ihren drohenden Schatten auch über unfern Weg warf. Aber die Tage in Tegel waren am fichtbarften in den dunklen Bann kreis der Todesnähe gerückt. Dafür war fchon die einfache Tatfache unferes Abtranspor tes nach Tegel ein Beweis. Denn hierher waren wir mit bes fonders fcharfer, ja lächerlich fcharfer Bewachung gebracht worden. Ein eigenes Kontingent fchwerbewaffneter Schutz polizei verfah zufätzlichen Wachtdienst an den Toren und auf unferm Hof. Uberdies wurden wir nun dauernd gefeffelt, Tag und Nacht. Und je genauer wir uns untereinander ken nen lernten, foweit wir uns nicht schon vorher kannten, um fo deutlicher begriffen wir, daß dies etwa der noch verblie bene Kreis derer war, die das ftärkste Mißfallen des Reichs ficherheitshauptdienftes hervorgerufen hatten. Es iſt denn auch nach meiner Schätzung nicht ein Fünftel der damals dorthin Verbrachten lebend davongekommen. 77 17 Ein weiteres Zeichen für den Ernft der Lage war jene un bewußte Behutfamkeit der Gefängnisbeamten, die der gutgeartete Menfch von felbft gegenüber Schwerkranken oder fonft vom Schickfal Gezeichneten annimmt. Es waren wür dige Objekte folcher Sorgfamkeit in unferer Mitte. Da war jener alte, uralte Kölner Kanonikus, der in feiner Gebrech lichkeit beim morgendlichen Spaziergang immer nur einen kleinen inneren Kreis abzufchreiten vermochte und deffen feinen, faft zarten Gelehrtenhänden die Feffeln viel zu fchwer waren- ein rührendes Bild. Die Beamten behandelten ihn mit unauffälliger Sorgfalt. Da war einer der beiden Brüder von Lüning, der ein schweres Magenleiden hatte und den ich nächtens in der Zelle nebenan oft ftöhnen hörte; nicht felten trat dann einer der Beamten vom Nachtdienst an feine Zellentür, um mit rauher, des Mitleids ungewohnter Stim me fein Mitgefühl zu bezeugen. Er litt offenbar unfäglich; ich habe es bewundert, daß er trotzdem immer wieder einem jüngeren Verwandten, der fehr unter dem Hunger litt, ein Stück feines koftbaren Weißbrotes beim Appell zuzuftecken verftand. Von diefem jüngeren Offizier, der mir auch zuerft von dem Tode Schulenburgs und Adam Trotts fowie einiger anderer fichere Nachricht geben konnte, erfuhr ich auch Näheres über die uns zugedachte Hinrichtungsart. Denn ihn hatte man ge fchmackvollerweife diefer Prozedur zur Probe unterzogen. Er war in einen kleineren faalartigen Raum geführt, von deffen niedriger Decke die Halsfchlingen, an Schrauben be feftigt, herunterhingen. Man mußte, natürlich mit auf den Rücken gefeffelten Händen, einen Schemel befteigen und den Kopf in die Schlinge ftecken. Dann trat ein SS- Mann den Schemel zur Seite, und das Opfer baumelte- ein ebenfo einfaches wie wirkfames Verfahren. In feinem Falle hatte die 78 Prozedur, da fie nur zur Probe veranstaltet wurde, mit ei nem ,, Runter, du Schwein!" geendet. Der Gefängnisgeiftliche, Dr. Poelchau, hatte, tapfer und um fichtig, wie er immer war, uns alle rasch befucht, ehe ihm ein Sprechverbot erteilt werden konnte. Als er mich nach mei nem eigenen Urteil über meinen Fall befragte, hatte ich ohne jede Illufion über die drohenden Möglichkeiten geantwor tet:„ Wenn es nach Gerechtigkeit geht, kann ich nicht zum Tode verurteilt werden", worauf der kluge Skeptiker erwi dert hatte:„ Gerechtigkeit ift ein foziologischer Begriff". Ich hielt es für richtig, mich ganz auf die letzte Möglichkeit einzurichten. Und darum find mir diefe Tegeler Tage in be fondererWeife unvergeßlich; fie ftehen mit einem eigentüm lich verhaltenen Glanze in meiner Erinnerung. Denn hier bin ich spürbarer und bewußter denn je fonft in meinem Leben vor das Angeficht Gottes getreten. Und das konnte hier in Tegel befonders gut gefchehen. - - Die Zelle in diefem modernen Gefängnis ift zwar kleiner als die in der Lehrter Straße, man kann nur fünf Schritte in der Längsrichtung machen. Aber fie ift ganz fauber, und wenn in diefen lichten Herbfttagen die Sonne hereinfällt, liegt et was von der kargen, klaren Schönheit einer Mönchszelle über ihr. Je deutlicher mein Schickfalsweg wird, defto ſtiller wird es um mich und in mir. Die Welt verfinkt, die Stimmen des Tages fchweigen. Kein Telefon fchrillt durch die Stille, keine Besprechungen. Sitzungen, Verabredungen, Verpflich tungen erfüllen den Tag mit Haft. Selbft die Gitterstäbe und die Feffeln haben keine unmittelbare Bedeutung mehr.Löffel und Napf, Tisch und Pritfche- es find ganz wenige, einfache Dinge, die um mich geblieben find. Es iſt nichts Aufgereg tes und Zerftreuendes mehr da. Mein Geift ift ganz aus geruht und frei für die wefentlichen Eindrücke. 79 Der Strom der Zeit zieht in ruhiger, mächtiger Bahn frei und gelöft auf Gott zu. Eigentlich tut er es immer; aber mir find hier in der Stille die Organe zuteil geworden, es deut licher zu erkennen. Mir ift erlaubt, jenen Streifen Landes am Strande der Zeit zu betreten, auf den fchon ein Schein der anderen Welt fällt. Ich habe nicht gewußt, daß ein Dafein, das noch ganz irdisch und menfchlich ift, fchon fo offen fein kann für die Welt Gottes. Gefegnete Stille. Gefegnete Einfamkeit. Gefegnete Haft. Und nun beginnt die große Reviſion. Das ift zunächft Schritt für Schritt ein Weg in die Tiefe. Bild um Bild fteigt aus der Vergangenheit auf, längst ver geffene Szenen aus völlig vergeffenen Winkeln. Ich habe nicht gewußt, daß in der Todesnähe die eigene Vergangenheit mit folcher plaftifchen Anfchaulichkeit vor unfer geiftiges Auge treten kann, und ich ahne von ferne, wie es fein wird, wenn am Jüngsten Tage unfer Leben vor den Augen des ewigen Richters liegen wird wie ein aufgefchlagenes Buch. Ich vers ftehe zum erften Male die unheimliche Wirklichkeit des Pfalmwortes:, Unfre unerkannte Sünde ftellft du ins Licht vor deinem Angeficht". Was fteigt da alles aus dem Brunnen der Vergangenheit auf! Längft vergeffene Fehle- wir Mens fchen find Virtuofen der Vergeßlichkeit, wenn es fich um un fere eigenen Schwächen und Verfchuldungen handelt; aber welche Kette dunkler Erinnerungen ergibt das, wenn wir zum erften Male nicht im milden Lichte bürgerlicher Maß ftäbe, fondern im Angefichte der Ewigkeit unfern bisherigen Weg überschauen! Und- lähmender und kläglicher noch- welche Verfäumniffe!..... daß ich in meine Fehden trat mit rafchern Streichen nicht und kühnrer Tat!" Scheinbar ganz nebenfächliche Erinnerungen werden wach. Da ist ein blon der Junge, der an mir als feinem Pfarrer gehangen hat und 80 nun zur Marine gegangen ift. Nach feinem letzten Urlaub hatte er fich darauf gefreut, eine Strecke mit mir zu rei fen und hatte mir einen Platz in feinem Abteil freihalten wollen. Ich war erst im letzten Augenblick an den Zug gekommen und hatte auf Grund meiner Netzkarte noch rafch im letzten Wagen, einem II. Klaffe Wagen, vorläufig Platz genommen; als ich während der Fahrt nach vorn ge hen wollte, ftellte fich heraus, daß diefer Wagen nicht mit den anderen verbunden war. Ich weiß nicht, wo er nun ift, und wo fein U- Boot fein mag; vielleicht habe ich ihn um eine feiner letzten irdifchen Freuden betrogen. Keine große Sache, aber wer will die Verfchuldungen wägen im Angefich te der Ewigkeit? Es ist ein Gefühl völliger Wehrlofigkeit gegenüber der eige nen Vergangenheit; nichts, keinen einzigen Handfchlag kann ich mehr an ihr ändern, mit unabänderlicher Abgefchloffen heit ſteht fie da. Aber es ift gerade dies Gefühl völliger Wehrlofigkeit, das mir den Weg zu Gottes Erbarmen öffnet. Denn mit der glei chen Wehrlofigkeit ftehe ich ja meinen großen Sorgen ge genüber. Was foll aus den Meinen werden, wenn jetzt mein Leben zuende geht? Meine Kinder find aufs Land evaku iert und befuchen in einer Kleinſtadt mit unwahrscheinlich begrenztem Horizont eine Schule, die von denkbar engſten NS- Maßstäben beftimmt ift. Es ist völlig ausgefchloffen, daß die Kinder eines Mannes, der als Verräter am Dritten Reich in Haft fitzt und vielleicht als folcher hingerichtet wird, eine geordnete Zukunft haben könnten; diefe Kleinſtadt wird ebenfo unbarmherzig fein, wie fie uneinfichtig ift. Meine Feffeln werden zum Symbol; ich kann keine Hand rüh ren, ihnen zu helfen. Für einen Mann eine völlig unerträg liche Lage. 81 An derfelben Stelle und in der gleichen Tiefe vollzieht fich fchließlich aber auch das Ringen um die Überwindung der Todesfurcht. Es ift die gleiche Wehrlofigkeit- was kann ich tun, wenn Gottes Plan das Ende meines Lebens beſtimmt hat? Wo bleiben die Pläne und Wünſche, und das bittere Be wußtsein um unvollendete Aufgaben, die ich fchuldig geblie ben bin? Es ist wie diefe Zelle und diefe Feffeln- eine hei lige Unentrinnbarkeit. Es gibt nur einen einzigen Weg zu Gottes Erbarmen- daß ich ihn an der Stelle fuche, da er fich mir zeigen will, hier, da er fich als der erweift, der meinem Leben ein Ziel fetzt. Nur durch willige Unterwerfung unter feinen heiligen Willen kann ich ihn preifen. So füge ich meinem Tageslauf, ohne daß ich ihn im Übrigen ändere, noch eine Viertelftunde täglicher Meditatio mortis ein, da ich mich Zug um Zug auf die Möglichkeit meiner Hinrichtung innerlich rüfte. Täglich ende ich diefe Viertel ftunde mit der Bitte, Gott möge meine Kniee nicht zittern laffen, wenn ich jenen Schemel befteigen muß, von dem mir mein Nachbar beim Appell erzählt hat. Von nun an fchaue ich täglich auf zu dem Gottesfohn, der fich im Garten Gethsemane unter den fchweren, heiligen Willen Gottes gebeugt und durch feinen Todeskampf der Todesfurcht die Macht genommen hat. Von ihm lerne ich, wie man über Zittern und Zagen hin zu dieſem ſchweren, heiligen Gotteswillen Ja fagt. Gefegnete Agonie. Geheiligtes Feuer, das die Schuld wegbrennt! Geheiligter Todeskampf, auf deffen dunkler Wolkenwand der Regenbogen der göttlichen Erbarmung fchimmert wie fonft nie! Mir ift bewußt, daß um mich herum mancher den gleichen Glaubenskampf kämpft, daß in diefem Haufe viel gebetet 82 62 wird, und daß mehr als einer in der Anfchauung der gött lichen Barmherzigkeit die letzte Strecke feines irdischen Weges getroft zuende geht. Ich weiß auch um die Gewalt der Fürbitte derer, die draußen für uns die Hände falten. Die Abendmahlsfeier, bei der ich in der Zelle knieend felbft das Beichtgebet fpreche, und Poelchau mir brüderlich Abs folution und Kommunion darreicht, fteht unter dem Zeichen der gefchenkten Gewißheit. Sie ist für mich der innere Wendepunkt meiner Haft. Unter folchen Erkenntniffen tut fich eine neue Tiefendimen fion des Dafeins auf. Der kennt das Wefen des Menfchen nicht vollſtändig, der ihn nicht im Stande der völligen Wehrlofigkeit gefehen hat. Denn dort zeigt er fich unverhüllt; was an jener äußersten Grenze noch verbleibt, das wird wahrfcheinlich echt fein. Jedenfalls wird an diefer äußerften. Grenze des Menschentums deutlich, warum es nicht anders fein kann, als daß Gott bei den Erniedrigten, Beleidigten, Befeffenen, Gepeinigten, Gefangenen, Entrechteten, Traurigen ift. Er ist zwar auch bei den Stolzen, Sicheren, Hochmütigen und Selbftgerechten; fie wären ja verloren ohne ihn und feine gnadenreichen Gerichte. Chriftus war auch bei den Pharifäern, und fein Drohwort war noch verborgene Werbung um fie. Aber das echtefte Bild Chrifti ift doch das des Hundertgul denblattes, da er wie ein Magnet des Lichtes alle Nacht der Not auf fich zieht. An der gleichen Stelle entſteht auch die uns vielfach über irdifch anmutende Weisheit und Menfchenkenntnis der Heiligen und großen Chriften. Denn fie laffen den Menschen in feiner Wehrlofigkeit gelten. Sie schauen durch alle Panzer der Konvention hindurch und erkennen in dem reichen 83 Gefchäftsmann, in dem vom Machtrausch heimgefuchten Staatsmann, in dem glanzvollen Kirchenfürften irgendwo in der Tiefe den Menschen, der müde ift und zuzeiten unficher, der manchmal verzagt ift oder unter der Unerfüllt heit oder Schuld feines Lebens leidet. Und indem fie diefen Menfchen auf diefen niedrigften Punkt feiner Existenz an reden, rühren fie eine verborgene und vergeffene Saite feines Herzens an und behalten recht. An derfelben Stelle ift mir auch aufgegangen, warum der jüngere Bodelfchwingh ein fo großer Seelenführer der Chri ftenheit war. Ich habe immer unter dem Eindruck geftanden, daẞ feine unwahrscheinliche Klugheit, die noch einige Schich ten tiefer reichte als bloße Intelligenz, ihn zum Skeptiker beſtimmt hätte, wenn er nicht der Wahrheit Chrifti begegnet wäre; und ich habe mich manchmal gefragt, ob nicht auch fein Chriftenftand nur durch eine hauchdünne Wand von der abfoluten Skepfis getrennt war. Denn er lebte völlig ohne Illufionen über den Menfchen, gerade auch den frommen Menfchen. Aber fo fonderbar es klingt: die Erkenntnis des Menfchen in der abfoluten Wehrlofigkeit hat ihn vor der Skepfis bewahrt. Denn im Umgang mit den Gemüts- und Geifteskranken, mit den Epileptikern, vor deren schwerer Leidensnacht jeder bürgerliche Rationalismus verfagt, begeg nete ihm die Tiefe der Menschheit. Und hier wurde ihm im mer aufs neue erkennbar, daß alles Leben in der Welt, buch ftäblich alles Leben davon lebt, daß es Gottes Erbarmen gibt. Der Menfch ift fo geartet, daß Gott fich feiner nur erbarmen kann. Gott kann ihn nicht loben, er kann ihn vielleicht noch nicht einmal wirklich ändern, folange fein irdifches Dafein währt, auf das Erbmaffe und Umgebung fortgefetzt ihren lähmenden Einfluß ausüben. Er kann fich nur erbarmen. Der Menfch kann wirklich nur fo exiftieren, daß Gott ihn, 84 85 85 den Sünder, für gerecht erklärt, daß er ihm, dem Todver fallenen, das Leben zufpricht. Und weil Bodelfchwingh das alles fo deutlich erkannt hatte, darum hatte fein Chriftenftand eine Qualität, die manchem durch hohe Erkenntnis ausgezeichneten Theologen abgeht, Güte. Das befondere Charisma feiner Verkündigung war die Verbindung von Kraft und Güte. Ich habe damals begriffen, daß Gott einem Menfchen das alles nur in der Tiefe des Leidens und der Gottverlaffenheit kundtun kann. Darum wird einer, den Gott in diefe Schule der Erkenntnis genommen hat, ihn dafür als für das bes deutfamfte geiftliche Gefchenk feines Lebens preifen. 98 86 Volksgericht Der Verhandlungstag kam heran. Es war ein hübſches Spiel der Gefchichte, daß mein Haftbefehl, der übrigens über ein Vierteljahr später ausgeftellt wurde, auf den 9. November datiert war, und daß nun der Verhandlungstermin vor dem I. Senat des Volksgerichts wegen„ Landesverrats" auf den 18. Januar, den Gründungstag des Zweiten Reiches feſtges fetzt war. Es entſprach der Gepflogenheit, daß uns einige Tage und Nächte vorher wieder die Handfeffeln angelegt wurden. Der SS- Jüngling, der bei mir die Prozedur vorzunehmen hatte, kannte den mir zugedachten Typus, eine moderne Form der Polizeifeffel, nicht; auf Grund vielgeftaltiger Erfahrung konn te ich ihm beim Anlegen der Feffeln die erforderlichen Hin weife geben. Natürlich wurden dadurch die Nächte wieder wefentlich unangenehmer; das alte vertraute Bild trat wie der ein: Luftangriffe in der einfamen, verriegelten Zelle, man drückt fich in die Ecke, verfucht fich mit den gefeffelten Hän den das Wafchbecken als Splitterfchutz über den Kopf zu ftülpen und zum Schutze gegen die Kälte fich eine Decke umzudrapieren und befiehlt im Übrigen feine Seele Gott. Eine neuere Annehmlichkeit war, daß man nicht mehr un rafiert und ungepflegt, als„ Schwerverbrecher" ftilifiert, vor geführt wurde, fondern daß wir uns, fein" machen konnten. Das hieß: rafieren, ein ordentlicher Anzug, einige bekamen fogar Ringe und Uhren ausgehändigt. Es ift erftaunlich, was derartige Äußerlichkeiten auf die Haltung eines Menschen vermögen; ich habe es bei jeder Rafur empfunden. Daß mich die Poften anbrüllten, hat mir- mit zwei Ausnahmen- über haupt keinen Eindruck gemacht; daß ich unraffert zu den Vernehmungen geführt wurde, war mir läftig. Es gibt eben fehr verfchiedene Lebensftandards und infolgedeffen auch verfchiedene Formen großer und kleiner Quälerei. Ein kleiner Vorgang, der fich beim Abtransport zur Verhand lung zutrug, ift mir noch in Erinnerung. Als die uns über nehmenden Geftapo- Beamten uns vor dem Einſteigen in den grünen Polizeiwagen aufs Neue mit ihren eigenen Fel feln anfchloffen, fehlte ein Paar Handfeffeln. Es geschah, was mir wegen meines schlechthin unbedeutenden Äußeren oft widerfährt- ich wurde überfehen, und der Befehl zum Ab transport erteilt, obwohl ich noch ungefeffelt war. Da erhob einer meiner Mitgefangenen Proteft: Einer ift noch nicht ge feffelt! Und fo wurde denn das Erforderliche, wenn auch un ter einigem nicht unbeträchtlichem Zeitverluft, bis ein Paar vorfchriftsmäßiger Feffeln befchafft war, nachgeholt, und wir konnten im allgemeinen Seelenfrieden unfere Reife antre ten. Ich berichte das nicht, um jenen hier ungenannten Mit gefangenen fchlecht zu machen, mit dem ich mich tatsächlich ſpäter fehr befreundet habe, fondern um zu zeigen, wie rafch die Haftpfychofe einen Menfchen herunterbringen kann; fie kann auch ganz rechtfchaffene Leute kleinlich und gereizt machen. Und das ift eine der fchlimmften Begleiterfcheinun gen jeder Haft. Die Fahrt im grünen, vergitterten Polizeiwagen war gei fterhaft. Ich hatte mir unbemerkt den Platz gegenüber der Tür gefichert und konnte auf diefe Weife, wenn auch fehr frag mentarisch, die Ausficht genießen. Noch rollte der Apparat 87 88 88 des Dritten Reiches im fcheinbar unerfchütterlichen, furcht erregenden Gleichmaß; aber draußen erhafchte das Auge immer größere und grauenvollere Partien jenes Trümmer feldes, das Berlin hieß. Auch das Haus des Volksgerichtshofes war schwer betroffen. Vernagelte Fenfter, befchädigte und mühfelig wieder geflickte Innenwände hatten dem höchften deutfchen GerichtWefentliches von feinerWürde genommen. Um fo mehr hatte man fich bemüht, dem Verhandlungsraum den Charakter amtlicher Feierlichkeit zu geben. Aber es war ein kläglicher Verfuch. Keine Tribüne für das höchfte deuts fche Gericht, keine befonderen Zeugenftände( es waren auch keine da), keine befondere Anklagebank( die übrigens auch nicht nötig war, weil praktiſch der ganze übrige Raum An klagebank war!), die„ Sachverständigen", d. h. die Vertreter fämtlicher Nazi- Behörden, und die„ Geladenen", d. h. die bes fohlenen Zuhörer, Ritterkreuzträger der Wehrmachtsteile, hatten fchlicht um uns an den Wänden herum Platz genom men, die wir, von einem wahren Heer von grünen Polizeibeamten behütet, in der Mitte des Saales faßen. Ganz hinten an der Wand waren, fchweigend und unauffällig, die Vertre ter der Geftapo, die wohl der eigentliche ftumme Herr auch diefes Saales war. Aber weder das Bild des Staatsoberhaup tes, das als einziges Schmuckstück in einer etwas mittelmäßi gen Bildwiedergabe drohend von der Wand blickte, noch die fcharlachroten Roben der„ Volksrichter" und noch weniger das grelle Licht aus zwei Jupiterlampen, das auf uns gerich tet wurde, fobald wir an den Verhandlungstisch traten, vers mochten dem Ganzen einen wirklich feierlichen Glanz zu geben; der Saal wirkte wie das Bundeslokal eines vorftäd tifchen Kriegervereins. Es war wieder diefer geifterhafte Zugdas Symbol einer fchon langfam zerfallenden politischen Existenzform. Zunächst wurden wir in einem Vorzimmer zum Warten, ab geftellt". Wieder hatte ich Gelegenheit, mich über jene Bru talität zu wundern, die in der Form der Gedankenlofigkeit auftritt. Die uns hier bewachenden Beamten waren von der Juftizverwaltung, einige von ihnen offenfichtlich alter Schule; den meisten unter ihnen würde ich wohl, wenn auch nach ei nigem Nachdenken, das Prädikat„ rechtfchaffen" nicht ver weigern. Aber obwohl neben dem gefamten Bewachungs apparat noch auf jeden Gefangenen zwei( in Worten zwei!) Schutzpolizeibeamte kamen, wurden uns die Feffeln nicht abgenommen; das gefchah erft im letzten Augenblick vor dem Betreten des Verhandlungsfaales, als es galt, den An fchein der freien Vorführung zu wahren; und da irgend eine Sitzgelegenheit nicht vorhanden war, ließ man uns einfach nach uraltem militärischem Vorbild in Reih und Glied ftehen, was einigen aufgeregten Seelen unter den Mitgefangenen, befonders auch einigen Alten und Kränklichen, nur unnö tige Erfchöpfung verurfachte. Statt deffen wurden wohl drei mal unfere Namen aufgerufen; der verlefende Beamte mach te, wie es fo bei vielen fremden Namen zu gehen pflegt, viel dabei falfch, und da außerdem die dazugehörigen Perfonen immer wieder verwechselt wurden, war das Ganze ziemlich finnlos. Es reichte gerade zu einer Demonftration einiger Wes fenszüge, die einen beſtimmten Beamtentypus immer wie der unerfreulich zieren: finnlofer Formalismus, Gedanken lofigkeit und Mangel an humaner Initiative. Nicht zuletzt Furcht vor dem Nächfthöheren. Das war in diefem Falle eindeutig die Geftapo. Mir ist es heute fo unintereffant wie damals, ob die Geftapo die Urs teile fchon fertig hatte,( daß ihr Einfluß praktiſch auf das Gleiche hinauskam, ift wohl außer Zweifel); mir war nur bes merkenswert, daß auch die Juftiz- und Schutzpolizeibeamten 89 69 fich ununterbrochen fcheu nach den wenigen erkennbaren Vertretern diefer ehrenwerten Firma richteten. Es war wie der diefe geiſterhafte Umkehrung aller Dinge: wir, deren Schickfal ja im Grunde fchon entfchieden war, wenn wir dies Haus betraten, waren im Wefen unabhängiger und freier als jene, und die Sklaven faßen anderswo. Schließlich ist es soweit. Wir fitzen, von je zwei Schupos forgfältig bewacht, diearme Menfchen!- ununterbrochen unfern Rockärmel festhalten müffen, im Saal, die„ Sachverständigen" und„ Ge ladenen" haben Platz genommen. Die gegenüberliegende Tür tut fich auf, der ganze Saal erhebt fich, das höchfte deut fche Gericht betritt den Verhandlungsraum. Alles, was nicht angeklagt ift, erhebt die Rechte zum, deutfchen Gruẞ", wir dürfen es nicht! Es ift fofort klar, daß die beſtimmende Geftalt der gefürch tete Freisler ift. Als er ,, die Toga läffig umgehangen", Platz genommen hat und nun die Verhandlung eröffnet, fetzt mich ein unerwarteter Zug in Erftaunen- das völlig unjuriftifche Pathos. Er spricht nicht mit der zackigen, fchneidenden Schärfe des Oberna zis, fondern in dem hohlen paftoralen Tonfall eines deutſch chriftlichen Superintendenten. Aber ich überwinde diefen un vermuteten Eindruck bald und faffe nun diefe Erscheinung fchärfer ins Auge. Ich habe den gleichen Eindruck wie bei einigen andern führenden Männern des Dritten Reiches: ein ursprünglich gutes, beinahe edles Geficht, mit scharfge schnittenen, klaren, geiftigen Zügen; aber dies Bild ift gleich fam von innen her zerfallen, die Zeichen eines grauenhaften inneren Verkommens fcheinen unverkennbar durch. So ift nun auch der Menfch und Richter Freisler. Mir ist bekannt, daß ihn die Juriften für fehr befähigt hal 90 ten, und daß auch die Andersdenkenden von feinem juri ftifchen Können mit einer merkwürdigen Achtung fprechen. Auf den erften Blick ift feine formale Begabung unverkenn bar, er erfcheint als vorzüglicher Kenner der Akten, der fich zur Stützung feines Gedächtniffes nur eines kleinen Zettels bedient. Aber diefe Kenntnis ift nicht echt und offenbar we der durch das Intereffe an der Sache noch gar am Menfchen diktiert; am nächsten Tage wird er in der mündlichen Be gründung meines Urteils nur lauter Sachen fagen, die mit meinem Falle überhaupt nichts zu tun haben. Er verfchmäht auch die fehr billigen Effekte nicht; ein älterer Mitangeklag ter hat fich in jungen Jahren als Zimmermann einen Scha den am Bein zugezogen, der ihm noch jetzt zu fchaffen macht; als er in der Schilderung feines Lebenslaufes an diefe Stelle kommt, läßt ihn Freisler in dramatifierter Menschlichkeit fich fetzen; aber man fpürt deutlich, daß diefe Demonftration vorweg bedacht ift. Im Übrigen ift er von einer unleidlichen tyrannifchen Erregbarkeit, der kleinfte Widerspruch reizt ihn zu wahrhaft fultanifchen Zornesausbrüchen, und mit feinem ganzen richterlichen Dafein befindet er fich am entgegen gefetzten Ende von jener Klarheit und objektiven Überle genheit, die den Richter zieren. Seine Mitwelt nimmt ihn einfach hin, man fragt vor Beginn der Verhandlungen, wie er gefchlafen und gefrühſtückt haben mag, und wenn er zür nend ausbricht, fchweigt alles im Chor. Der Oberreichsan walt erfcheint gegenüber diefer rächenden Juftiz wie der Repräsentant mildernder Menfchlichkeit. Theodor Haubach, der edle Sozialift, hat diefe jähzornige Unberechenbarkeit fchwer zu spüren bekommen. Im Ver trauen auf die Rechtsordnung hat er das dem Angeklagten zuftehende Schlußwort zu ernsthaften Ausführungen über die Hintergründe feiner Tat und Haltung benutzt und da 1G 91 mit fo fehr den Zorn Freislers hervorgerufen, daß er fofort die Verhandlungen neu aufnahm und fie ftatt mit der fchon beantragten Freiheitsftrafe mit dem Todesurteil endete. Nur einmal iſt diefer Mentalität wirkfamer Widerftand begeg net. Der unvergleichliche Moltke hat, in klarer Erkenntnis des fchon befchloffenen Todesurteils, den moralifchen Mut zum Angriff auf Freisler und die gefamte Inftitution befeffen; er, der fchon verurteilte Angeklagte, hat feinerfeits die Hüter der Sicherheit des Dritten Reiches angegriffen, die, wenn der Anfchlag auf Hitlers Leben gelungen wäre, heute an feiner Seite stehen würden; und als er, des gefchichtlichen Sieges feiner Sache gewiß, mit den Worten des Lutherliedes fchloẞ: „ Das Reich muß uns doch bleiben"( was im Munde Helmut von Moltkes nicht nationaliſtiſch gemeint war), da lag für einen Augenblick die Überlegenheit einer ganz andern Wirk lichkeit fpürbar über diefem traurigen Raum. Nein, Freisler war weder wahrhaft groß noch wahrhaft be deutend; es müßte denn eine Naivität fein zu meinen, einem Juriften müffe die Gerechtigkeit ungefähr ebenfo wichtig fein wie einem Theologen die Frömmigkeit und der Glaube. Aber vielleicht verwandelt fich das Eine wie das Andere, fo bald es zur„ Profeffion" wird. Pharifäer und Heuchler gibt es offenfichtlich nicht nur auf dem Boden des Glaubens, fon dern auch im Nationalen und Juriftifchen. Es ist doch wohl keine Übertreibung, wenn ich diefen ganzen Prozeß als eine groß angelegte Parodie auf die Gerechtig keit empfinde. Es iſt alles ftreng geheime Reichsfache; meine Frau, die mit gewohnter Tapferkeit und Findigkeit den Ver handlungstermin herausgebracht hat, muß fich von allen be teiligten Stellen( von allen!) bis zuletzt belügen laffen, damit nichts herauskomme, und von einer Teilnahme am Prozeß ift fchon garnicht die Rede. Dafür find Vertreter aller NS92 92 Organiſationen auf der Sachverständigenbank" anwefendwas tun alle diefe pfeudogermanifchen Jünglinge in diefem Saale, die vor Beginn der Verhandlungen unfre Perfonalien aufnehmen und Fragen an uns richten, als gehörten fie dazu? Da fitzen die Pflichtverteidiger- fonft unbefcholtene Männer, gegen die ich, obwohl fie hier nicht viel mehr als unwürdige juriftifche Statiften find, keinen Groll hege. Nur bin ich ents fchloffen, meinem Pflichtverteidiger, einem Schwager Himm lers, im fpäteren Leben das Honorar für diefe Verteidigung, das übrigens nicht fehr hoch fein foll, wieder abzunehmen und einer milden Stiftung zu überweifen, damit dies ungut erworbene Geld nicht fein Gewiffen belaften muß. Denn irgend eine wirkungsvolle Tätigkeit hat er nicht entfaltet, und feine milde Prognofe, die er mir wenige Minuten vor der Urteilsverkündigung zuflüftert, erweift fich als völlig falsch. Aber diefe Verteidiger, die ja, wenn fie ihren Beruf und ihre Mannesexiſtenz ernft nehmen, mehr entwürdigt werden als wir, find'fonft im befcheidenen Rahmen des Möglichen nicht unfreundlich oder unmenfchlich; und einer von ihnen, ein Landsmann von mir, verfetzt durch eine wohlgezielte Frage, die er zur Rettung des plötzlich fehr gefährdeten Palombini einwirft, Freisler in eine flammende, gefährliche Wut. Unftreitig die übelften Erfcheinungen im ganzen Saal find die Laienbeifitzer, offenfichtlich bewährte Pgs, wohlgenährt und zufrieden, die, von den hier verhandelten Menfchen fchickfalen unberührt, während der Verhandlungen futtern und fich befcheidene Witze zuflüftern. Es ist nicht angenehm zu denken, daß vielleicht fchon in wenigen Wochen diefe boshafte Harmlofigkeit ihre irdifche Sühne gefunden haben wird. Überhaupt- welches Bild von der gefchichtlichen Wirks lichkeit haben diefe Menfchen da? Vor einer Woche hatte jener fchwere Einbruch der Ruffen in unfere öftlichen Kampf 93 93 linien begonnen, der die ganze Oftfront aufriß und das end gültige Schlußkapitel des deutfchen Widerstandes einleitete; bis in unfere Zellen war flüfternd die Kunde davon gedrun gen. Was follte es bedeuten, wenn Freisler zwifchendurch noch einmal pathetiſch aufdonnerte:„ Wenn Hitler fällt, fal len wir alle!"? Hier in diefem Saale wurden zugleich mit den Todesurteilen noch Konfiskationen von Gütern verfügt, die längst in ruffifche Hand gefallen waren. Da es keinen Ausweg aus dem geifterhaften Spuk gab, wurde das fchatten hafte Spiel bis zum Schluß gefpielt- wie ein ins Waffer ge fallenes Grammophon weitertönt, bis die gurgelnden Wellen es ftumm machen, oder wie bei einem in Brand geratenen Karuffell die Drehorgel weiterfpielt, bis die Flammen auch fie erreicht haben. Jetzt ift alles vorbei. Aber ehe wir den Saal verlaffen und die Feffeln für den Rücktransport wieder angelegt bekom men, müffen wir das gefamte Aktenmaterial wieder ablie fern, da es fich um eine„ Streng geheime Reichsfache" han delt! Mit dieſem Augenblick habe ich längft gerechnet. Nach dem ich fchon vor einiger Zeit den Haftbefehl aus dem Ge fängnis gefchmuggelt hatte, laffe ich nun blitzschnell die Ladung zum Termin unter meiner Wefte verfchwinden, ehe ich den großen Umfchlag mit den übrigen Akten zurückgebe. Diefer üppige Bewachungsapparat ift immerhin fo mit dem allgemeinen Aufbruch befchäftigt, daß es keiner im großen Saal bemerkt hat. Aber die Idee, uns hier nach allen Regeln der Kunft zu verurteilen und uns zugleich für den Ausbruch eines etwaigen Vierten Reiches gänzlich ohne Dokumente über das Erlittene zu laffen, geht mir denn doch zu weit. Später ift diefe Ladung neben jenem Haftbefehl das einzige Dokument meiner Haft gewefen. Aber ich muß noch berichten, daß ich an diefem Tage den 94 46 kritischften und gefährlichften Augenblick meiner ganzen Haft erlebt habe; das war der Augenblick der Urteilsver kündigung. Ich habe während diefer ganzen Zeit keine Vers fuchung gehabt, die an Wucht diefem Augenblick gleichges kommen wäre, da die Empörung wie eine dunkle, heiße Welle durch mein Blut fchoẞ. Das mag verwunderlich erfcheinen. Denn die wefentliche Frage bei allen Freisler- Prozeffen be ftand in der elementaren Alternative: Todesurteil oder nicht. Wurde jemand nicht zum Tode verurteilt, fo war bei einer Freiheitsftrafe das Strafmaß völlig gleichgültig. Wer freige fprochen wurde, kam in der Regel fofort ins Kz, die andern entſprechend fpäter; daß wir im übrigen alle im Dritten Reiche das Licht der Freiheit nicht wiederfehen follten, wurde uns mehr als einmal mit zynifcher Offenheit deutlich ge macht. Das alles war mir natürlich wohl bekannt, und ich hatte mich längst innerlich darauf eingerichtet. Auch das mir zudiktierte Strafmaß entſprach- trotz der befchwichtigenden, aber völ lig falfchen Prognofe meines Verteidigers- meinen Erwar tungen. Das alles hätte mich nicht zu erregen brauchen. Aber während der Prozeß ablief, enthüllte fich die völlige Willkür diefer Rechtfprechung auf eine immer unverhülltere Weife, in der Urteilsverkündung erreichte fie ihren Gipfel. Obwohl fich für ein Todesurteil, wie es in meinem Falle ein deutig beabsichtigt war, nicht genügend Unterlagen hatten befchaffen laffen, waren wir alle wegen Landesverrat, des Näheren wegen Feindbegünftigung angeklagt. Daß trotz die fer immerhin belaftenden Anklage zwei von uns mit einem Jahre Gefängnis und noch einigen zufätzlichen Beweifen von Freislers Wohlwollen davon kamen, mochte deshalb hinge hen, weil es fich um belanglofe Mitläufer handelte; immer 95 95 hin war der juriftifche Sachverhalt bei allen neun Ange klagten im Wefentlichen der gleiche, trotzdem wurden zwei höhere Reichsbeamte zu fechs Jahren Zuchthaus und dop peltem Ehrverluft und andere zu vier Jahren Gefängnis ver> urteilt. Ich felbft hätte, wenn man mich nicht für einen Mits verfchwörer oder Mitwiffer hielt, nach geltendem Recht über haupt nur zu wenigen Monaten Gefängnis verurteilt wer den können. Daß hier Männer im Namen des deutſchen Volkes und mit der Autorität des Reiches folche völlig will kürlichen Urteilsfprüche auszufprechen wagten, hat mich im Tiefften empört. Denn nächft der Liebe zur Freiheit ist uns Niederfachfen die Liebe zur Gerechtigkeit am tiefften ins Blut gefenkt. Darum empfand ich diefen Urteilsfpruch, obwohl ich genau wußte, daß ich ihn nicht mehr abfitzen würde, als einen fundamentalen Angriff auf das ethifche Zentrum meis ner Perfönlichkeit. Es war der einzige Augenblick meiner gefamten Haftzeit, da mein Blut kochte; aus der Tiefe fühlte ich die dunkle Woge des Haffes emporſteigen. Auf der Rückfahrt blieb mir nichts anderes, als mich im wört lichen Gehorfam unter ein Wort der Bibel zu beugen:„ Die Rache ist mein, ich will vergelten, ſpricht der Herr". Ich habe es mit der Naivität eines Kindes getan. Ich hatte Anlaß, mich darin zu üben. " Zu Haufe" angelangt, erfuhr ich, daß meine Frau für diefen Tag eine Sprecherlaubnis erwirkt hatte. Es war klar, daß fie, allen offiziellen Lügen zum Trotz, den Termin der Verhand lung herausgebracht hatte. Ich durfte ihr weder von der ftatt gehabten Verhandlung noch von dem Urteil etwas fagen. Dabei war dies der einzige, wirklich der einzige Tag, da ihre gewohnte klare Beherrschtheit nicht erkennbar war; fie war fchwer erkältet, wahrscheinlich richtig krank, und hatte fich nur für den mühfeligen, wegen der schlimmen Verkehrsver 96 hältniffe immer befonders befchwerlichen Weg ins Gefäng nis aus dem Bett erhoben. Nun fprach fie langfam, faft mit Mühe, und es war offenkundig, daß fie unter der Ungerech tigkeit ebenfo bitter trug wie ich felbft. Ich konnte ihr nur jenes Bibelwort fagen, das mich felbft in Zucht hielt. Nachdem ich meine Zelle wieder betreten hatte, fuchte ich in meiner Bibel diefe Stelle. Als ich fie fand, war mir, als ob für einen Augenblick die Hand Gottes felbft meinen Herzfchlag fefthielte. Denn der volle Text lautete:„ Die Rache ist mein, ich will vergelten. Zu feiner Zeit foll ihr Fuß gleiten; denn die Zeit ihres Unglücks ift nahe, und was über fie kommen foll, eilt herzu.".( 5. Mof. 32, 35). Ganz dicht ftand vor der Wand meines Herzens die maje ftätifche Welt Gottes, und ich begriff, daß Haß und Vergeltung feine heiligen Gerichte nicht beflecken dürfen. Ich beugte mich in Demut vor einer Hand, die mächtiger und heiliger ift als die Unruhe unferer Herzen. Drei Wochen später kam Freisler bei einem Luftangriff um. Drei Monate später war das Dritte Reich zu Ende. ,, Was über fie kommen foll, eilt herzu". 97 67 Der Schluẞakt In den bitterkalten Januar 1945, den wir in völlig ungeheiz ten Zellen verbrachten, drangen die Nachrichten von den Fronten immer alarmierender hinein. Natürlich gelangten fie auch zu uns; denn welche Kerkermauern könnten die Kunde von einer gefchichtlichen Stunde aufhalten, deren Zeit gekommen ist? Die meiſten unter uns begriffen auch, daß nun der bei wei tem gefährlichste Augenblick unferer ganzen Haftzeit nahte. Der Unterfchied zwifchen den zum Tode Verurteilten und uns Anderen wurde mit jedem Tag unwefentlicher. Für die vom Todesurteil Bedrohten bedeutete zwar jeder Tag, da die Alli ierten näher rückten, Gewinn, aber um fo näher rückte damit für uns alle auch die letzte Grenze unferer Haft, über die wir eigentlich nur durch ein befonderesWunder Gottes hinüber gelangen konnten. Was würde die Geftapo tun, wenn die alliierten Truppen vor den Toren Berlins oder gar unferes Gefängniffes ftehen würden? Gerüchte wollten wiffen, daß fie an einigen Stellen beim Herannahen der Alliierten Menfch lichkeit geübt und die politischen Häftlinge entlaffen hätte. Oder würden fie uns einfach verlaffen und einem nicht ganz eindeutigen Schickfal preisgeben? Wahrfcheinlicher als beides war, daß fie fich im letzten Augenblick unferer ge waltfam entledigen würden; war es nicht von ihrem Stand punkt aus das einzig Vernünftige, folche unliebfamen Zeu 98 98 gen rechtzeitig zu befeitigen? Die späteren Ereigniffe haben bewiefen, wie nahe uns allen diefe letzte und wahrschein lichfte Möglichkeit war; die Opfer der letzten Mafchinenge wehrgarbe, die man in der Morgenfrühe des 23. April aus ihren Zellen geholt hatte, angeblich um fie zu entlaffen, fand man nach der Befreiung, nur flüchtig mit Sand bedeckt, Albrecht Haushofer hielt das Manufkript feiner„ Moabiter Sonette" in den erftarrten Händen. Vorerft wuchs die Aufgeregtheit und Verwirrung auf Seiten unferer Schergen mit jedem Tage. Der neue Kommandant, eine etwas merkwürdige Erfcheinung, lief immer häufiger mit der Maſchinenpiftole umher; die Wachmannschaften wurden abgelöft, um an irgend einer Stelle der längst auf gelöften Front eingefetzt zu werden, und durch ältere Män ner vom Zollgrenzfchutz erfetzt; die zurückgebliebenen Un terführer der SS hielten es für richtig, täglich fchneidiger und brutaler mit uns umzugehen. Ein rotbäckiger Berliner unter ihnen fragte mich hämifch im heimatlichen Tonfall:„ Sie wol len doch Pfarrer fein- wie kann Gott denn nun mit einem Mal die Bolfchewiften über uns fiegen laffen?!" Worauf ich nur erwiderte:„ Zwölf Jahre habt Ihr Euch nicht um Gott gekümmert und alles allein gekonnt- nun foll er gut genug fein, die Verantwortung zu tragen?" Und als er darauf plötz lich ernsthaft, faft bekümmert ausfah, fügte ich hinzu:„ Ich fürchte, einige werden jetzt lernen müffen, was in der Bibel fteht: Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht ſpotten." Er ging fchweigend aus der Zelle. Aber dann griff die unfichtbare Hand Gottes ein und teilte die Lofe zu. Abtransporte begannen. Noch eine völlig unnötige geiftige Graufamkeit: meine Frau, die eine letzte fchriftliche Sprecherlaubnis hatte, die der Kommandant über eine Woche lang unter wechselnden Aus 99 reden hinausgezögert hatte, wird auf den Palmfonntag früh beftellt, um gerade noch Zeuge zu werden, wie einige von uns unter tofenden Schimpfreden eines wahrhaft wider lichen Polizeimeifters in den grünen Polizeiwagen zum Ab transport verladen werden. Das war das letzte, was fie von mir vor dem Zufammenbruch des Dritten Reiches gefehen hat; einige ſchöne Erquickungen, die fie mir hatte bringen wollen, gab ich ihr zurück, weil fie mir nur abgenommen worden wären. Diefen Polizeimeifter ftellte ich, fobald ich konnte; es gelang, als wir zu Fuß durch ein kleines Trüm merfeld eskortiert werden mußten, ich erreichte, daß er mich führte. Ich fagte:„ Warum brüllen Sie uns eigentlich fo an? Hier find nur Leute, die Ihnen, auch wenn Sie vernünftig mit ihnen reden, keine Schwierigkeit machen würden. Und den ken Sie denn garnicht an das, was kommen kann?" Er fuhr mit einem fürchterlich drohenden Wortfchwall auf: aber ich fagte nur:„ Regen Sie fich nicht auf- ich bin fchon verhaf tet- ich bin fogar fchon vom Volksgericht verurteilt! Warum gehen Sie völlig überflüffiger Weife fo graufam mit Gefange nen um?" Ich fügte hinzu, daß diefe fehr häßliche Szene beim Aufbruch möglicherweife das Letzte fein könnte, was meine Frau von mir gefehen hätte., Meinen Sie, daß Gott einfach zu fehen wird, wenn Sie fo graufam find?" Ich habe ihn nicht wieder gefehen und weiß nicht, wo er heute fein mag. Nach längerem Zwifchenaufenthalt in Tegel und der übli chen Durchfchleufung durch den" Alex", zwei unliebfamen Erweiterungen meiner Kenntnis von Polizei, Gestapo und Strafvollzug, ergeht neue Weifung: wir follen nach Nürnberg. Mich bedrückt diefe Kunde fehr. Denn obwohl es immer noch Blinde und Taube unter uns gibt, die den Absturz in die Kataftrophe nicht wahr haben wollen, bin ich mir durch aus darüber klar, daß es, immer vorausgefetzt, daß wir am 100 Leben bleiben, völlig unklar fein wird, wie wir von dort wieder nach Berlin zurückkommen follen. Eine dunkle Stim me fagt mir, daß ich mein Haus und vielleicht auch meine Bücher und andere Güter nicht wieder fehen werde: inner lich habe ich mich längft von ihnen getrennt. Aber wie foll es, wenn erft alles zufammengebrochen fein wird, je mög lich fein, meine Familie wieder ausfindig zu machen? Wenn wir in Berlin blieben, könnte man vielleicht gerade in den letzten kritischen Stunden helfend bei ihnen fein; es ift bitter zu denken, daß fie dies dunkle Kapitel nun auf jeden Fall allein zuende bringen müffen. Nicht einmal die letzte genaue Benachrichtigung gelingt. Wir fchreiten nach beiden Seiten ins Dunkel, auf daß unfer Glaube bis zuletzt geübt werde. Mit dem Abtransport nach Nürnberg beginnt nun der letzte Abſchnitt diefer ganzen gefpenftigen Zeit; faft von Stunde zu Stunde wird es geifterhafter. Auf dem Anhalter Banhof fteht ein Zug. Einer von diefen un vorftellbar überfüllten Zügen, in denen Menfchen aus Berlin fliehen, folange es noch Züge gibt. Für uns ift ein Abteil refer viert; wir find, um kein Auffehen zu erregen, ungefeffelt und in Zivil. Die Menfchen, die in dem überfüllten Gang ſtehen, und natürlich nicht wiffen, wer wir find, empören fich über unfere Sitzplätze, und wir müffen, groteske Verwechslung, noch etwas von der allgemeinen Unbeliebtheit der Geftapo auf uns nehmen, deren Firmenfchild an der Abteiltür prangt. Sehen wir wirklich wie Glieder diefer ehrenwerten Firma aus? Offenbar doch- denn als ich als erfter das Abteil be trete, erhebt fich ein höherer SS Offizier, der wegen der Überfüllung in diefem refervierten Abteil Zuflucht geſucht hat, und ftellt fich mir vor. Ich wende mich, auch in diefem Aus genblick noch für den ungewollten Humor der Situation em/ pfänglich, mit feigneuraler Handgebärde dem einen der 101 beiden begleitenden Polizeimeiſter zu:„ Bitte erklären Sie!" - worauf er erklärt und der Andere fich verlegen ftammelnd fetzt. In Leipzig ift genau um Mitternacht Fliegerarlarm. Es iſt fchon alles fo vollſtändig desorganiſiert, daß man diefen Zug mit fchätzungsweife taufend Menfchen einfach in der faft zer ftörten Bahnhofshalle ſtehen läßt. Da in der Dunkelheit nur wenige fich wegzugehen getrauen, da die meiſten weder ihr Gepäck noch ihren mühfelig errungenen Platz im Zuge preis geben wollen, bleiben fie einfach, hilflos, wehrlos, fo wie dies ganze Volk in diefen Wochen fein Schickfal als unab änderlich hinzunehmen fich gewöhnt hat; es gibt keine Brücke mehr zwifchen der amtlichen Heldenhaftigkeit der Propaganda und diefen bitteren Realitäten. Man ergibt fich in fein Schickfal, weinend, fluchend- jedenfalls wehrlos. Un fere Poliziften müffen ja bei uns ausharren; ich erleichtere allen Beteiligten die Lage durch meinen Vorfchlag, wenig ftens nach draußen zu gehen, um einer etwaigen Panik auszuweichen. So erleben wir den Angriff ,, ftehend freihändig" mit; glücklicherweife geht alles gut vorüber. Die Flieger bleiben gefchäftig, auch als es längst wieder Tag ift. Irgendwo liegen wir gefchlagene fieben Stundendies unwahrscheinlich geduldige deutfche Volk! Größe und Grenzen in einem! Noch wiffen wir nicht, daß der letzte längfte Aufenthalt fchon mit unserm Bestimmungsort zu fammenhängt; über Nürnberg ift der letzte Großangriff da hingegangen, der feine unvergleichliche Schönheit in den Staub gelegt hat. Noch ift der Schienenweg nicht wieder frei Wir liegen einfach ftill und warten, warten- wie es das gan ze deutfche Volk in diefen Tagen weltgefchichtlicher Benommenheit tut. Unfere Reifezeit wächft allmählich auf 70 Stunden. Unfer 102 " offizieller Reifeproviant beſteht aus zwei großen Brotfchnit ten mit Aufftrich. Anderes haben wir nicht. Unfere wackeren Polizeimeifter, die fich als erfolgreiche Kleintierzüchter er weifen, ziehen prächtige Vorräte mit Kaninchenleberwurft, gekochten Eiern und andern fchätzenswerten Dingen hervor; ein jüngerer Beamter, der in dem Beftreben, fich abzu fetzen", von irgend einer Front zu uns geftoßen ist, hat aus aufgelöftenWehrmachtsbeftänden einige Dofen mitgebracht. Er macht eine davon auf, und man spürt einen herrlichen Duft von folider, guter Wurft; er tut fich gütlich und die an dern wiffen ihn zu kameradfchaftlichemOpfer zuveranlaffen, in folchen Fällen gibt es kein Pardon und keine falfche Scham. Alle halten fich an die Vorfchrift, daß man Gefangenen, und nun erft Gestapo- Gefangenen nichts abgeben darf- wer will fie tadeln, wenn fie fich an ihre Beftimmungen halten? Außer dem find wir in der Übung; wie man einen Ranken Brot fo ein teilt, daß er unwahrscheinlich lange reicht, wiffen wir längft. Man kann mit zwei Doppelfchnitten Brot auch fiebzig Stun den auskommen; wirklich, man kann es. Im Ernft- ich spüre den Hunger nicht einmal; denn es braucht nun wirklich nicht viel Gemerk, um zu spüren, daß wir Zeugen eines gefchicht lichen Zufammenbruchs werden. Endlich, endlich- es ift fchon wieder tiefe Nacht- werden wir in Fürth ausgeladen.Weiter geht es nicht. Der letzte Angriff muß furchtbar gewefen fein. Man hört Zahlen von Todes opfern. Irgendwo brennt es noch. Jedenfalls geht es nicht weiter, wir müffen in einem merkwürdigen Saal unterkom men, der, von Bombenflüchtlingen, Soldaten, Verwundeten, und den erften Oftflüchtlingen überfüllt, das beginnende Nomadenfchickfal fo Vieler vorfchattet. Zufammenbruch und Umwandlung find fchon im vollen Zuge. Auch die Schei delinie zwifchen Geftapohäftlingen und anderen„ Volksge 103 noffen" verliert immer mehr ihren Sinn, es ift faft, als gingen wir nur noch pro forma wieder ins Nürnberger Gefängnis. Aber die letzte Grenze ift noch da, dunkel und drohend. Wir warten auf den Morgen. Die Beamten haben es fehr eilig, in diefer Wirrnis noch wieder nach Berlin zu kommen; fobald der Tag graut und Fluchtverfuche nicht mehr fo wahr fcheinlich find, werden fie uns im Nürnberger Gefängnis ab liefern. Was weiter wird, wiffen fie fo wenig wie wir. Der Schlußakt begann. Aus dem zerftörten Bahnhofsgebäude machten wir uns in der Morgenfrühe auf, ein merkwürdiger Gefangenentrans port. Verkehrsmittel gab es nicht, wir mußten marfchieren. Unfere wenigen Habfeligkeiten waren trotz ihrer Dürftig keit auf die Dauer fchwer zu tragen, wir mußten oft ausruhen. Als wir die Hauptstraße, die Führt mit Nürnberg verbindet, in der Frühe diefes geheimnisvollen 6. April entlang zogen, kamen uns die Scharen des Volksfturm Aufgebotes entge gen, Zug um Zug. Noch fehe ich in der Erinnerung ihre Ge fichter in diefer kalkigen Morgenfrühe- betretene Gefichter betroffener, benommener Menfchen, die nicht mehr wiffen, wohin fie ein Gefchick verfchlägt, das fie längst nicht mehr ver ftehen, die aber auch- trotz allem- nicht mehr glauben. Das Geifterhafte fteigert fich ins Groteske: wir find die Geächte ten und jene find im Vollbefitz ihrer bürgerlichen Ehren- aber wer ift nun kümmerlicher dran? Die Grenzlinien und Vor urteile löfen fich auf wie der Einband eines fchlecht gebun denen Buches. Und wann wird die überhängende Wand ein ftürzen, und wen wird fie erfchlagen- fie oder uns? Wir schritten in den kühlen, fehr nüchternen und doch ir gendwie unwirklichen Morgen hinein und bogen schließlich in jene Seitenstraße, die zum Zellengefängnis führt. Das breit hingelagerte Tor erſchien faft idyllifch im Vergleich zu der 104 troftlofen Düfternis der Berliner Gefängnistore. Das Gebäu de war bayrisch, nicht häßlicher preußischer Ziegelbau, fon dern von jenem füdlichen Sandſtein, der immer einen war men, mattroten Ton hat. Die Zucht schien auf den erften Blick fauber und ordentlich- was für gute Monturen hatten die Ge fangenen im Vergleich zu unfern Tegeler Lumpen! In diefem Gefängnis war auch die Zelle, in der einft Julius Streicher, der, Frankenführer", gefeffen hatte; als wir es betraten, konn ten wir nicht ahnen, daß wenige Monate ſpäter Göring und andere Große des Dritten Reiches hier ihren letzten irdischen Aufenthalt nehmen follten. Für die Zwifchenzeit vermehrten wir nun auf unfere befcheidene Weife die hiftorische Be deutung diefes Ortes. Neue Weifungen über uns find nicht aus Berlin eingegangen und nun auch wohl nicht mehr zu erwarten; wir werden daher vorerst in den normalen Straf vollzug eingereiht. Der Aufenthalt im Nürnberger Gefängnis hat mich mit einer unvermuteten und nicht erfreulichen Erkenntnis be fchenkt: wie graufam auch die geordnete" Juftiz in der Strafvollstreckung fein kann, wenn fie zur gedankenlofen, fchematischen Routine wird. Hier wirkten altgediente Juftiz wachtmeifter, fämtlich Bayern, aber die meiſten von ihnen pedantisch und uneinfichtig wie nur je ein„ Preuße". Je weni ger der Strafvollzug zu individualifieren vermag, defto grau famer wird er. Aber auch um fo nutzlofer. Da im ,, Hausgefängnis" der Geftapo ohnehin keine Regel galt, blieb auch die tägliche Willkür ohne fonderlichen Ein druck auf mich; fie war einfach die Atmoſphäre, in der wir lebten, und ich war nicht naiv genug, etwas anderes dort zu erwarten. Hier aber erbitterte es mich täglich, daß unter dem Vorgeben ftrenger, unperfönlicher Gerechtigkeit lauter zu fätzliche Graufamkeit gefchah. Die refignierten Gedanken 105 über die völlige Nutzlofigkeit des Strafvollzuges, die ich mir wiederholt gemacht hatte, kehrten wieder, und wie ein trü bes Traumbild ftieg, als ich erft wieder in der Einfamkeit meiner Einzelzelle faß, jene Szene aus der Lehrter Straße vor meinem geistigen Auge auf, die mich zuerft zu diefen Erwä gungen veranlaẞt hatte. Da fteht ein Chriftenmenfch, an das vergitterte Fenſter fei ner Zelle gelehnt, und fieht, wiewohl es verboten ift, auf den noch morgentrüben Gefängnishof, wo andere„ Leidensge fährten"( pazieren geführt werden, in konzentrifchen, fich gegeneinander bewegenden Kreifen, wie ein Uhrwerk im mer um den Hof herum, immer herum. Was fich da unten in der grauen, nebligen Atmoſphäre eines äußerft unfreund lichen Wintertages abfpielt, das ist noch durch eine Welt von ihm getrennt, es ift richtige Kriminalität. Der Chriftenmenfch wundert sich, daß unter folchen Lebensbedingungen wie den feinen diefer Unterfchied doch noch ins Bewußtfein tritt, denn zu den Verdächtigten und Geächteten gehört erja nun auch. Wenn er dies Schauſpiel da unten lange genug auf fich hat wirken laffen, diefe mechanisch herumwandernden Menfchen, die Stumpfheit ihres Gefichtsausdrucks, das Ge brüll ihres Auffehers, der eine Stimme hat wie eine Nerven fäge, dann kommt er zu dem kategorifchen Schluß, daß die fer Strafvollzug nur die Fortfetzung der Verbrecherlaufbahn mit andren Mitteln ift. Es find vielerlei Erwägungen, die ihn zu diefer trüben Schlußfolgerung verleiten. Es ift alles gut und fchön, was man von Gerechtigkeit und Sühne fagt; aber wenn folche Begriffe wirken follen, fetzen fie eine Gemeinfchaftsordnung voraus, die felber noch ge fund und durch folche Richtpunkte beſtimmt ift. Aber wo gibt es das jetzt- 1944? Wie foll ein franzöfifcher Zwangs 106 7144 arbeiter, der eine Flasche Wein, organifiert" hat( wirklich nur eine), verftehen, daß er dafür zu einem Jahre Gefängnis ver urteilt wird, während um ihn herum im Kleinen und noch mehr im Großen„ organifiert" wird? Der Chriftenmenfch weiß es auch nicht. " Wo die ftaatliche Rechtsordnung zur bloßen Konvention oder zum Machtinftrument einer kleinen herrschenden Kafte ges worden ist, hat fie überhaupt keine Kraft mehr. Nicht ein mal im äußerlichen Sinne. Keine, drakonifche" Maßnahme kann die Schickfalsftunde des Dritten Reiches aufhalten. Was rum nicht? Schon der kluge, kühle Heide Voltaire hat es ge wußt:„ Es gibt ein Ding in der Welt, das mächtiger ift als alle Heere der Machthaber: eine Idee, deren Zeit gekommen ift". Da das Dritte Reich nicht wahrhaft fozialistisch, fondern im Grunde feines Wefens kleinbürgerlich war, hat es diefen Sachverhalt nie begriffen; es hielt feine drakonifchen" Maß nahmen für wirkungsvoll, weil es die Wirkungen an den furchtfamen, willfährigen und unterwürfigen Bürgern ab las. Aber die gefchichtliche Stunde des Bürgers war im Drit ten Reich schon vorbei, oder feine Sendung war zum min deften auf das Tieffte bedroht, weil er in der Verdiesfeiti gung und damit in der Selbftfucht verfunken und darum keines Opfers mehr fähig war. Und noch weniger vermochte der Strafvollzug des Dritten Reiches im tieferen Sinne zu wirs ken, weil er nicht neugeftalten konnte. Diktaturen können ihrem Wefen nach, als die höchfte Vollendung des Macht ftaates, niemals werbend, miffionierend, überzeugend wir ken. Sie können nur fafzinieren oder zermalmen. Genau das pflegten fie mit zynifcher Offenheit felbft zu fagen. An diefer Stelle geht dem betrachtenden Chriftenmenfchen, der da am Gitterfenfter ſteht, die fchwächfte und bedenk lichfte Stelle jeglichen Strafvollzuges auf. Er steht unter dem 107 Eindruck, wenn er jene Menfchen auf dem Gefängnishof und ihre Wärter fieht, daß es eine Befferung oder totale Umer ziehung nur bei folchen Objekten der Juftiz geben könnte, die fchon felber Giganten eines moralifchen Willens find; denn allein der Widerftand gegen diefe organifierte Dreffur zur Subalternität, unter der jeder perfönliche Wille einfach niedergewalzt wird, würde eine ethische Kraft der Selbſt behauptung vorausfetzen, die es nicht eben häufig gibt. Und ihn erbittert förmlich die Erkenntnis, daß es auf dem Boden diefes Strafvollzuges keine wahrhafte Befferung geben kann, weil es gar keine Wiedererweckung zu neuer ethischer Vers antwortung gibt, weil es überhaupt nicht auf einen neuen perfönlichen Willen ankommt; der Wille wird zerbrochen, genormt, eingeebnet, die Biegfamen, Fügfamen, Glatten be halten das Feld, die Gutartigen, Schüchternen, Befferungsfä higen werden in den Hintergrund gedrängt, und beherr fchend find alle Künfte, die einen richtigen Kriminellen aus machen, Verftellung, entfchloffene Bosheit, zielbewußter Ego ismus. Der Strafvollzug ift in dem Maße ohnmächtig, als er nicht durch den Gehorfam gegen Gottes heilige Gerechtig keit und durch den Glauben an Gottes erneuernde Gnade beftimmt ift. Wo die Gerechtigkeit allein in die Hände der Menfchen gerät und kein Schimmer von der neufchaffenden Gewalt der Vergebung mehr darauf fällt, verfinkt fie un aufhaltfam im Hoffnungslofen. Die Hüter der Gerechtigkeit in einem Volke mögen es wohl bedenken, daß eine verwelt lichte Juftiz eine furchtbare Angelegenheit ift: wer will fie, wenn erft ihre methaphyfifche Bindung gelöft ift, vor dem Verkommen im Flugfand wechfelnder menfchlicher Ziele bewahren? Diefe trüben Erwägungen drängten fich hier wieder mit Macht hervor gänzlich ungenügende fanitäre und hygi 108 enifche Verhältniffe, folange wir nicht eingeteilt waren und unfere endgültigen Zellen bezogen hatten; der ftumme Kampf mit gedankenlofen Auffehern und äußerst boshaften Unternehmungen der Krimminellen gegen die Politiſchen, dazu eine Juftizmaſchinerie, die für irgend eine Form der ethifchen Selbstbehauptung keinen, auch nicht den gering ften Raum ließ. Wir halfen uns mit befcheidenem, grimmis gen Humor und einer beſtimmten Form der paffiven Refi ftenz: mit einer umftändlichen Kafernenhof Zackigkeit bei den geringften Verrichtungen, die alle antipreußischen Inftinkte in unfern bajuvarifchen Hütern zum Weißglühen brachte, mit einer hemmungslofen Gründlichkeit beim Zel lenreinigen, fodaß unfre Behaufung noch in den erften rei nigenden Wafferfluten fchwamm, wenn die Andern schon zum Heraustreten fertig waren, und was dergleichen be fcheidene Unternehmungen mehr waren man fieht, daß in diefer kleinmafchigen Umgebung auch unfere geiftige Selbstbehauptung nur nach kleinem Format geriet. Die zweite unliebfame Entdeckung war die von der Gewalt des Hungers. Zwar kannte ich fchon aus der Lehrter Straße jenes erniedrigende Hungergefühl, da man den Schatten vom gegenüberliegenden Gefängnisflügel langfam, unbe fchreiblich langfam über den glühenden Gefängnishof wan dern fah, bis er an die Stelle kam, die gleich einer Sonnen uhr die nächfte ,, Mahlzeit" ankündigte, und dawifchen lag. der heroifche, nicht immer fiegreiche Kampf mit der Ver fuchung, den nächften winzigen Brotwürfel vor der Zeit zu effen. Aber dies hier war anders. Hier kam der Hunger mit elementarer Gewalt, wie ein ftarker Gewappneter, der dich zu Boden wirft. Bis dahin kannte ich es noch nicht, daß einem vor Hunger fchwarz vor den Augen werden kann, und daß man fich nur mit größter Mühe und taumelnden Schrit 109 tes von feinem kümmerlichen Lager erhebt. Das kennen zu lernen hatte ich noch ganz unvermutete Gelegenheit, und von da aus gefehen, hätten die amerikaniſchen Truppen nicht viel später ankommen dürfen. Diefem Schlußereignis aber eilte nun die Entwicklung wie ein Sturzbach zu. Es hatte fich kaum gelohnt, daß ich mich in der gepriefenen Einfamkeit meiner Zelle einzurichten verfuchte. Ich mußte Blechhalter für Hindenburglichte zurechtbiegen. Mit Hilfe eines ingeniöfen Rationalifierungsverfahrens- zu was alles hat man nicht in der Zelle Zeit!- hatte ich es dahin gebracht, daß ich mein Tagespenfum in wenigen Stunden abfolvierte und im übrigen Zeit zum Nachdenken und später auch zum Lefen hatte. Aber aus beiden wurde immer weniger, je nä her die Front rückte. Die Tagesangriffe der Flieger, vor allem der Tiefflieger, nahmen zu; fchließlich war mit Ausnahme weniger Morgenstunden Daueralarm. Bald vernahm das Ohr auch die knapperen, fchärferen und in mancher Hin ficht gefährlicheren Einfchläge der Artillerie die letzte Szene des letzten Aktes hatte begonnen. Es wurde immer geifterhafter. 1 Ein Gefängnisbeamter ſprach, als der Tod Rooſevelts be kannt wurde, über ihn als den größten Kriegsverbrecher aller Zeiten" und verfuchte zu fchildern, was uns blühen würde, falls unfer Widerftand erlahmen würde- drei Tage vor der Eroberung Nürnbergs!-, draußen ftanden, deut lich erkennbar, die letzten deutfchen Vorposten und eine zäh kämpfende leichte Batterie, ein Granatenvolltreffer zer fchlug die Schreinerei, eine Holzbaracke unmittelbar unter meinem Zellenfenfter, noch wurden abends im Gefängnis hof Erfchießungen vorgenommen- ich wußte damals noch nicht, daß Dietrich Bonhoeffer wenige Tage vor uns von hier 110 nach Floffenbürg und in den Tod gebracht war, und daß uns vielleicht nur der Zufammenbruch des gefamten Nachrich tenwefens vor dem gleichen Schickfal bewahrt hatte. In der letzten Nacht, während ich mein Bett wegen des bef feren Schutzes gegen Granatfplitter unter das Gitterfenfter gezogen hatte, drang aus dem Keller, wo die Gefängnisleis tung mit ihren Getreueften noch ein Abfchiedsgelage ver anftaltete, der Duft von Gebratenem und der Lärm wein feliger Männer herauf, während oben in ihren Zellen hun Iderte von Männern zwifchen Hunger und Todesangft fie bernd auf ihre herannahende Befreiung hofften. Ich felber habe gefchlafen und fehe ein, daß ich eines Tages eine theo logifche Abhandlung werde fchreiben müffen über den Schlaf als eine Form, Gott zu loben. Ich bin gänzlich ruhig, als am andern Vormittage, während das Ohr noch kaum eine Veränderung im Artilleriebefchuß wahrzunehmen vermag, plötzlich nach kurzem Lärm auf dem Flur die Zellentür aufgeriffen wird und einer der Lei densgenoffen mit Freudentränen hereinstürzt:„ Die Ameri kaner find da!" Es find wirkliche Freudentränen, die in feinen Augen ſtehen, und es iſt eine ehrliche Entrüftung, mit der er feftſtellt: Du freuft Dich garnicht! Es ist wahr: ich freue mich nicht. Jedensfalls nicht in diefem vordergründigen, faft ein wenig einfältigen Sinn, in dem es meine johlenden, aufgeregt geftikulierenden Gefährten tun. Mir ift fofort klar, daß für die Meiſten jetzt ein fehr mühfe liger Weg ins Leben zurück beginnen wird- langwierige Formalitäten, bis wir wirklich als freie Menfchen uns drau Ben bewegen können, die Suche nach den Familien, die Fra ge, wo künftig meine Heimat fein wird. Da ift die jäh auffteigende Bitterkeit, daß es Fremde fein 111 - müffen, die uns das koftbare Gut der Freiheit wiedergeben, das die eigenen Volksgenoffen uns geraubt haben; und da ift auch ganz anderer Klang- irgendwo ein ganz leifes Verwundern( oder muß ich es gar Bedauern nennen?), daß nun plötzlich und unwiderruflich die Zeit der Prüfung vor bei ifthat fie geleiftet, was fie an Reinigung, Läuterung, neuer Kraft fchenken follte? Da ift endlich foviel haltlofe Menfchlichkeit, daß man mit einem Schlage weiß: auch schwere gefchichtliche Kataftrophen tragen noch nicht in fich felbft die Kraft zur Erneu erung, es liegt eine Welt zwifchen einem Zufammenbruch, der fchickfalhaft abrollt, und dem läuternden Feuer gottge wirkter Erneuerung. Diefe Menfchlichkeit fchäumt auf, un gewiß, verwirrt, kleinlich, häßlich, fehnfüchtig, für einen Au genblick beherrschen die Kreaturen die Stunde. Sie find alle " politifch", fie haben alle eine dunkle Erwartung von einer Freiheit, es muß anders werden, fie haben gelitten, ihnen ist Unrecht gefchehen, jetzt muß der Tag der Freiheit kommen und der Weg in das Leben tut fich wieder auf. Bei den politifchen Kleinbürgern mag das noch hingehen. Sie haben in der Tat unter dem Dritten Reich gelitten, harm lofe Schwarzhörer, die ein hämifcher Nachbar denunziert hat, wackere Handwerker und kleine Kaufleute, die im Raufch geringfchätzige Bemerkungen über die Großen des Reiches gemacht haben; aber da find auch die zweifelhaften Geſtal ten, die nur darum wegen Unterfchlagung oder Urkunden fälfchung oder anderer Dinge verurteilt find, weil angeblich der Ortsgruppenleiter oder fonft jemand fie, erledigen" wollte wirkt da nicht die unverhohlene Unverfchämtheit faft fympathisch, mit der ein ganz Naiver erklärt, er habe nur deswegen eine große Kifte mit Champagner geklaut, weil er fchon immer gegen Adolf Hitler war? Man muß 112 Obacht geben, daß man da nicht einfach widerfpruchslos ein gereiht wird; ift es unverftändlicher Hochmut, wenn die ei gentlichen„ Politifchen", Kommuniften, die auf ihre Weife tapfer gekämpft, die Rote Hilfe illegal unterſtützt, Flugblät ter verbreitet haben, oder Glieder der Gewerkschaften und Männer des 20. Juli, Wert darauf legen, mit jenen Gefähr ten nicht verwechfelt zu werden? Noch find es äußerft dichte Nebelfchwaden, die den Weg in die Freiheit verhüllen. Die Dichter haben den Augenblick ergreifend gefchildert, da die Gefangenen das Licht der Frei heit wiederfehen, Doftojewskij ift fürs Leben von dem Au genblick erfchüttert worden, als ihm unerwartet in letzter Minute Freiheit und Leben wiedergefchenkt wurde- aber hier liegt alles noch hinter einem zähen, undurchfichtigen Schleier des Ungewiffen. Es iſt unheimlich, welche nieder drückende Gewalt das Dritte Reich noch in feinem Sterben hat. Da wehen über Nürnberg, der Stadt der Reichspartei tage, die weißen Fahnen der Kapitulation und verhöhnen ftumm das heroifche„ Niemals!", das noch vorgeftern die heiferen Lautsprecher der amtlichen Propaganda verkün deten- aber der helle Morgen der Freiheit ift das nicht. Es ist wie bei einem Schwerkranken, der wider Erwarten die Krifis überlebt hat noch ift ganz ungewiß, woher er die Kräfte zur wirklichen Genefung und zum neuen Leben ge winnen foll. Das ift die eine Seite unferer Welt. Die andere ift noch weniger erhebend ein häßliches Nachspiel der Schmach. Tag um Tag werden jetzt die Funktionäre des Dritten Reiches als Gefangene des amerikani fchen Sicherheitsdienftes eingeliefert. Bei ihnen allen ent hüllt fich in niederdrückender Monotonie folgendes Sche ma, nach dem fie ihre letzten Tage im Dritten Reich ver bracht haben. 113 Letzte Rede an die Bevölkerung der Stadt, vor deren Toren die amerikanischen Truppen ſtehen: Widerſtand bis zum letzten! Widerftand? Durch wen?! Durch die Zurückge bliebenen Greife, Frauen, Kinder? Ja. Nach der Rede, meift zwei Tage vor dem Einrücken der Ame rikaner: ,, Befehlsmäßig abgefetzt!" Dies Wort, abfetzen" muẞ für immer mit diefer gefchichtlichen Stunde verbunden blei ben. Für das Volk, für die Mütter, Kinder, Alten, ift der Wi derſtand bis zum letzten, ift das Sterben, find die Trümmerfür die Hoheitsträger das„ Sich abfetzen".....„ Die Fahne hoch!" Keiner fällt mit feiner Stadt. Keiner ftirbt auf den Trümmern. " Dann Mittenwald. Gebirgsjäger. Jawohl, alle diefe Mannen, wie fie da eingeliefert werden, find noch Soldat geworden. Vielleicht haben fie unterwegs beim Abfetzen" noch irgend eine Brücke gefprengt, deren Zerftörung zwar nicht einen einzigen amerikaniſchen Panzer aufgehalten hat, aber da für die Verforgung der deutfchen Bevölkerung auf lange hinaus gefährden wird. Und dann haben fie fich in Mitten wald bei den Gebirgsjägern gemeldet. Die Wehrmacht hat Auffangftellen für fie einrichten müffen, fie werden eingeklei det, bekommen ein Soldbuch, werden nach fünf Tagen ord nungsgemäß entlaffen. Sie meinen, jetzt kann ihnen nichts paffieren, fie find nicht mehr Kreisleiter, Ortsgruppenleiter, Hoheitsträger- das Schlimmfte, was ihnen paffieren kann, ift Kriegsgefangenfchaft. Aber auch ein amerikaniſcher Soldat begreift, daß ein Fünf Tagefoldat kein richtiger Soldat ift. Und ein Deutfcher, der dabei fteht, und dem bei folchem elenden tagelangen Schau ſpiel langfam die Röte ins Geficht fteigt, begreift, daß einer, der fünf Jahre unabkömmlich gewefen ift, in den letzten fünf Tagen auch nichts bei den Soldaten zu fuchen hat. Denn der 114 1 Soldat- das ift eine redliche, gerade, tapfere Existenz. Er hat auch meist geftanden bis zuletzt. Aber hier ift weder Red/ lichkeit noch Geradheit noch Tapferkeit. Hier ift Schande. Denn nun beginnt jenes demütigende Schauſpiel, das un fere Nation mit Schmach bedeckt hat: mit einer einzigen Ausnahme, übrigens einem rechtfchaffenen, ordentlichen und menfchlichen Beamten unferes Gefängniffes, der fich zu feiner politifchen Überzeugung bekennt, mit diefer einen Ausnahme ift es keiner gewefen. Was da eingeliefert wird, das ist nach den eigenen Auslagen eine Sammlung friedlicher, bürgerlicher Exiftenzen. Sie wa ren kirchentreu( das fagen fie alle zuerft) und fie waren menfchlich, fie find für die Juden eingetreten und für die Tschechen und Polen auch, fie haben keinem ein Haar ges krümmt, fie haben nur Befehle ausgeführt, aber fonft find fie harmlos, unvorftellbar harmlos. Harmlos ift der Orts gruppenleiter, zu deffen Bereich das Gefängnis gehört hat; die Beamten, faft alle felber Parteigenoffen, verftauen ihn mit unverhüllter Genugtuung- fie kennen ihren Häuptling. Ein richtiger Geftapo- Funktionär ift fo harmlos, daß er auf die einleitende Frage des Verhörs:„ Sie waren alfo bei der Ge ftapo?" nur antworten kann:„ Geftapo- was ift das?" Er hat aber auch vor feiner Verhaftung eine ganze Flafche Kognak getrunken( er hatte noch eine) und fieht nun ein wenig bleich und benommen aus. Nach feinen eigenen Ausfagen hat er hunderte von Pfarrern auf weltliche Berufe umgefchult, die alle froh gewefen wären, aus dem Kirchendienſt herauszukommen; als ihm der vernehmende Amerikaner ganz genau fagt, was er für einen Dienft gehabt hat, da fällt ihm im Augenblick gar nicht recht etwas ein, das er antworten könnte woher wiffen die Andern nur fo genau Befcheid? Dies Schaufpiel, das fich nun Tag für Tag und Mann für Mann 115 wiederholt, ift fo unwahrscheinlich würdelos, daß der Bes obachter nur zu dem Schluß kommen kann: es brauchte gar keine Kzs gegeben zu haben und keine Goebbelsfche Propaganda, keine Stalingrad- Strategie und keinen totalen Vernichtungskrieg bis zum letzten- diefe atemberaubende Feigheit, da nicht einmal der leifefte Verfuch unternommen wird, fich zu den Idealen von geftern zu bekennen, da eine einftmals große oder wenigftens laute Sache nicht einmal mehr verraten wird, fondern in einer niederfchmetternden Ruhmlofigkeit einfach in das Nichts fällt- diefe atemberau bende Feigheit ift das fchlimmfte Selbftgericht über die eben zufammengebrochene politifche Ordnung, die man fich den ken kann. Man kann nicht einmal vom tofenden Zufam menbruch reden- diefer Untergang ist wahrhaft einmalig, noch nie ist ein Kapitel deutfcher Gefchichte fo ruhmlos zu Ende gegangen. Sollte in diefem verwirrten und benommenen Volk, das durch Bombennächte und Hunger, durch Leid und Wunden, durch Betrug und Verführung gegangen ift und noch schwe reren Dingen entgegengeht, noch ein Nationalgefühl leben dig fein, dann muß diefe Schmach brennen und brennen. Sie haben dem deutfchen Namen Unvorftellbares angetan. Das ift die andere Seite. Und dazwifchen liegt die turbu lente Welt, in der wir jetzt leben. Die nervöfen, unterernähr ten Mitgefangenen laffen- begreiflicherweife- jedes feelifche Gleichgewicht vermiffen; die Beamten find wie abgeftumpft durch die Eindrücke, denen fie führungslos preisgegeben find, und die Amerikaner haben alle Mühe, die Böcke von den Schafen zu fondern, bei Gefangenen, Beamten und Neu ankommenden. Es iſt eine fehr nervöfe Welt; immerfort droht eine Saite zu reißen. Aber einen Punkt gibt es in diefer nebelhaften Un 116 gewißheit, in diefer erniedrigenden Saga von der Haltlofigs keit der Menfchlichkeit- das Wort Gottes. Ich habe endlich meine Bibel wieder, meine vertraute kleine Tafchenbibel, die mich feit den Tagen meiner Indienreife be gleitet hat und fo viele denkwürdige Eintragungen enthält. Nun fchreibe ich ein neues Datum an den Rand beim er ften Buche Mofis, im 50. Kapitel:„ Die Brüder aber Jofephs fürchteten fich, da ihr Vater geftorben war, und ſprachen: Jofeph möchte uns gram fein, und vergelten alle Bosheit, die wir an ihm getan haben. Darum ließen fie ihm fagen: Dein Vater befahl vor feinem Tode und fprach: Alfo follt ihr Jofeph fagen: Vergib doch deinen Brüdern die Miffetat und ihre Sünde, daß fie fo übel an dir getan haben. So vergib doch nun diefe Miffetat uns, den Dienern des Gottes dei> nes Vaters. Aber Jofeph weinte, da fie folches zu ihm redeten. Und feine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und fprachen: Siehe, wir find deine Knechte. Jofeph ſprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich bin unter Gott. Ihr gedachtet es böfe mit mir zu machen; aber Gott gedachte es gut zu machen, daß er täte, wie es jetzt am Tage ift, zu erhalten viel Volks. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch verforgen und eure Kinder. Und er tröftete fie und redete freundlich mit ihnen." Das wird der Text der erften Predigt, die ich nach der Be freiung halte. Die Gefängniskirche ift voll, natürlich, denn vor ihnen ſteht einer im Talar, den fie bis dahin nur im fchä bigen, äußerft fchäbigen Sträflingsanzug gekannt haben. Ich kann es nicht ändern, daß es ein, Judenbuch" ift, das da von Edelmut fpricht und damit den erften, fehr fchmalen, aber unüberfehbaren Damm gegen die neue Welle von Haẞ und Vergeltung aufwirft; es ift Gottes Wort und heiliger Wille. ,, Ich bin unter Gott". 117 Nach langen, viel zu langen Verhandlungen, unter denen die längft überanfpruchten Nerven der Mitgefangenen zu zerreißen drohen, geht auch dies letzte Kapitel der Haft zu Ende. Es ift Sonnabend, der 26. Mai 1945, als wir endlich die Pas piere in der Tafche haben, daß wir frei find. Frei! Ein Frühling von einer Uppigkeit ohnegleichen deckt das gefchlagene, blutende Land, wie ein tröftliches Zeichen da für, daß unter fo viel fchmählichem, drückenden Zufammen bruch Gottes ewige, gütige Ordnung weitergeht, Froft und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Noch ift unfere Welt wie mit Brettern eingezäunt; kaum dringt eine Kunde aus anderen Teilen des Landes her, Ver kehr gibt es nicht. Die Ungewißheit fteigert bei den meisten Kameraden die Nervofität auf den Siedepunkt. Ich bin ganz ruhig. Die Scheidewand, die die fichtbare Welt von der unfichtbaren trennt, ift ganz dünn geworden. Es ift einer von den feltenen Augenblicken im Leben, da man das Geheimnis des göttlichen Planes hinter den Dingen faft mit der Hand greifen kann. Eines Tages gefchieht, was ich irgendwann in der Haft wie eine Viſion mit geiftigem Auge fah: ein Auto fährt vor. Wo her kommt in diefer desorganifierten Welt, in der fich nur alliierte Truppentransporte bewegen können, ein Auto? Der Landesbifchof von Hannover hat es gefchickt. Irgend ein wandernder Soldat hat die Kunde, daß ich in Nürnberg am Leben bin, nach der Heimatftadt gebracht. Da mein El ternhaus zerstört ift- ich wußte es nicht-, hat keine dort hin gerichtete Nachricht ihr Ziel erreicht; von der Familie weiß ich nichts, Briefe und Nachrichten, die ich aufs Unge wiffe nach Berlin und Bremen gerichtet habe, find noch ohne Antwort. Aber wie ein plötzlicher Blitz ift diefe Kunde da 118 heim aufgezuckt. Drei prachtvolle Vertreter der Heimatkir che, die fich mit Kühnheit und Findigkeit durchgefchlagen haben, find im Wagen, fie bringen einen Brief des Bifchofs, alles ift für die Rückreife bereit. Ich brauche nur einzufteigen. Wir fahren durch die blühende Frühlingswelt, durch diefe deutfche, deutfche Landfchaft, deren Schönheit kein Wort be fchreibt, mit jedem Wechfel ein neues überwältigendes Ge schenk an den dem Tode Entronnenen. Es ist ein aus taufend Wunden blutendes Land, aber die blauen Berge und die grü nen Wälder find noch da, die Ströme und Täler, und mit je der Stunde rückt die Heimat näher, die Heimat! Heimkehr, Heimat, wiedergefchenktes Leben, neuer Dienft! Trotz allem wölbt fich der Bogen der Freiheit über Land und Leben. In den Nebeln der Zukunft liegt noch viel Bit teres verborgen. Aber es ist doch ein neuer Tag. Für einen Augenblick liegt die Stunde der Gefchichte ganz offen da: noch kann alles werden. 119 Epilog Dies ift der Bericht eines schlichten Chriftenmenschen, der, obwohl er nichts anderes als ein Prediger des Evangeliums war, in die Hände der Geftapo fiel, und den Gott dort be wahrt hat wie einft die Männer- im feurigen Ofen. Es iſt ihm in den Feuern der Anfechtung ergangen wie jenen;„ der Engel des Herrn machte es wie einen kühlen Tau im Ofen". So ift er denn, ein Wunder Barmherzigkeit Gottes, an Leib und Seele bewahrt geblieben, wiewohl er an beiden nicht unbeträchtliche Schrammen davongetragen hat. Aber er hat feinem himmlifchen Herrn für eine unvergeẞ liche, köftliche Schule der Anfechtung zu danken; denn er weiß wohl, daß in friedlichen Zeiten ein Menfch niemals frei willig einen folchen Weg durchs finftere Tal geht. Er hat jenen Streifen Landes betreten dürfen, der nicht mehr das irdifche und noch nicht das zukünftige Leben ist, der aber schon viel ftärker im Morgenglanz der Ewigkeit als im Schatten irdifcher Erinnerung liegt, und er weiß, daß er ein Leben lang nicht wieder vergeffen wird, wie fich an die fer Schwelle das Leben verwandelt. Und wenn er je in Ge fahr geraten follte, es zu vergeffen, wird ihm das Gedenken an jene Gefährten helfen, mit denen er gemeinfam an diefer Schwelle ftand, und deren größere Zahl die ewige Stimme an das andere Ufer gerufen hat, während er felber auf Got tes Geheiß ins irdifche Leben zurückging. Er weiß auch, welche koftbare innere Unabhängigkeit es 120 gewährt, mit dem Leben abgefchloffen zu haben, nachdem einmal rohe und tyrannifche Hände ihn unmittelbar vor das Angelicht des Todes gezerrt haben; unvergeßlich wird ihm bleiben, was er von dem Schlußwort Moltkes vor dem Volksgerichtshof gehört hat, das kein noch fo leifer Schim mer irdischer Hoffnungen mehr schwächen durfte, und das ihn, den Gefeffelten, zu dem einzigen Freien mitten unter den Schergen des Unterganges gemacht hat. Und er weiß, daß er fich hinfort vor keiner irdischen Macht mehr fürchten darf. Denn er hat auch einmal felber ganz mit feinem Leben abgefchloffen gehabt, hat einmal wirklich und vollſtändig gebeichtet und im Mahl des Herrn das Sie gel einer Gnade empfangen, die über alles Unfertige, Ver fäumte, Verfchuldete die Vergebung breitet. Er hat erfahren, wie füß, wie unfagbar füß das Licht der Frei heit ist und wie köftlich das Leben, das wie eine lautere Gnade, als reines, unverdientes, unerwartetes Gefchenk über ihn gekommen ist, nicht mehr bedeckt durch den Rauh reif der Selbstgerechtigkeit und Selbstbehauptung. Nach jener königlichen Stille aber, da die Haft der Zeit ihm keinen Schaden tun durfte, da er Woche um Woche beten, meditieren, denken und wieder beten konnte, da er feinen Geift wie weichen Ton in die Hand des ewigen Herrn legen und durch die göttliche Nähe prägen laffen durfte, nach je ner Zeit der Stille, die ihn innerlich frei gemacht hat wie nie zuvor, wird er noch oft zurückblicken und wird immer aufs neue von der Frage bewegt werden, ob es denn das, was ihm im Angesichte jener Todesgrenze an fchönften und köft lichften Gaben Gottes erkennbar wurde, nicht auch mitten im Leben gibt. Noch stärker aber bewegt ihn die Verpflichtung, die jene Zeit auf ihn gelegt hat. 121 Außer jenen überirdischen Gaben Gottes ift es vor allem das Gedenken an jene, die ihr Leben hingeben mußten, das ihn bindet. Denn das Böfe, das nach ihnen die Hand aus ftreckte, und gegen das fie einen scheinbar fieglofen, aber dennoch nicht vergeblichen Kampf gekämpft haben, ift noch immer gegenwärtig. Es lebt nicht in jenen Erscheinungen der Oberfläche, da der flüchtige Blick es noch heute geſchäf tig fucht, fondern in viel größeren Tiefen, aber darum auch viel näher und des nächſten Ausbruchs gewärtig. Es lebt überall, wo der Haß, die Vergeltung oder gar die Ungerech tigkeit mächtig find; denn aus ihnen kann, ganz gleich wel> che Richtung fie haben, niemals etwas Gutes, fondern im mer nur Vernichtung kommen. Es lebt auch da, wo Bitterkeit und Refignation ihre lähmende Gewalt über die Herzen üben und ihnen den Mut nehmen, im Namen Gottes einen neuen Anfang zu machen. Und er weiß, daß es gegenüber diefen dunklen Möglichkei ten nur eine irdifche Verheißung gibt: den unerschütterli chen Gehorfam gegenüber der heiligen Ordnung Gottes, der göttlichen Wahrheit, dem ewigen Recht, den jene durch ihr Sterben über alle Schranken verfchiedener religiöfer und politischer Überzeugungen hinweg bewährt haben. Und er hofft, daß hier eine Stelle fei, von der aus die cha otifche Verwirrung, die noch immer unfer Volk niederdrückt, geheilt werden könne. 122 Inhalt Anrede an den Lefer 9 Der Weg ins Dunkel..... 11 Verhöre ..31 Gefährten.. ... 49 Nächte. 64 Weihnacht.. 71 Gefegnete Agonie 77 Volksgericht 86 Der Schlußakt 98 Epilog... .120 Military Government Information Control License No. US- E- 154 Alle Rechte, insbefondere das der Überfetzung vorbehalten. Copyright 1947 by Lätare Verlag, Nürnberg Druck: Karl Ulrich& Co., Nürnberg D. Dr. Hanns Lilje geb. am 20. Auguft 1899 zu Hannover. Befuch der Leibnizfchule feiner Vaterftadt. Teilnahme am erften Weltkrieg. Univerfitäten: Göttingen, Leipzig, Zürich. General fekretär der Deutfchen Chriftlichen Studenten Vereinigung feit 1927 und Vizepräsident des Chriftlichen Studentenwelt bundes. Zahlreiche Reifen nach Amerika, verfchiedenen euro päischen Ländern und Indien. Zeitweilig Herausgeber der " Jungen Kirche, des Organs der Bekennenden Kirche. 1935 Generalfekretär des Lutherifchen Weltkonvents, feit April 1947 Landesbifchof der Ev. luth. Landeskirche Hannovers.