In Anerkennung Ihrer Leistungen bei der Erfüllung unserer Planaufgaben werden Sie, lieber Kollege Bretschneider als Bestarbeiter ausgezeichnet. Wirdanken Ihnen für Ihre Mitarbeit und wünschenweitere Erfolge bei der Erfüllung unserer Aufgaben im 2. Fünfjahrplan. Gewidmet von der Betr. Gew.Ltg.VEBWirkmaschinenbau Lang Karl- Marx- Stadt, den 13.10.1955 Die Originalholzschnitte stammen von Hans Schneider Titel von Kurt Hofmann. Alle Rechte, einschließlich des Rechtes der Rundfunküber- tragung und Vorlesung in öffentlichen Vorträgen, vorbehalten Gedruckt im Frühjahr 1946 in der Mediäval-Antiqua bei Mänicke& Jahn KG., Rudolstadt Vorwort Die Erinnerungen von Karl Barthel, einst dem jüngsten Abgeordneten des demokratischen Deutschen Reichstags, die er in diesem Buch der Weltöffentlichkeit vorlegt, hat ein hartes, täglich mit dem Tode ringendes Leben geschrieben, ein Leben in den deutschen Nazi- Konzentrationslagern überhaupt und im Konzentrationslager Buchenwald im besonderen. Mit welchen Schwierigkeiten und persönlichen Gefahren wurden nicht die Informationen von den einzelnen Bestialitäten zusammengesucht, die von den SS- Angehörigen in Buchenwald verübt worden sind! Unter welchen gefährlichen Verhältnissen wurden nicht diese Ereignisse vom Autor während der kurzen Arbeitspause im ,, SS- Führerkasino" niedergeschrieben! - Und schließlich mußten diese Erinnerungen- ich kann es mit Recht sagen unter Einsatz des Lebens aus dem Lager Buchenwald noch unter der Herrschaft der SS fortgeschafft und der Ehefrau des Autors, Frau Leni Barthel, ausgehändigt werden, die sie auf der Maschine abschrieb und die Abschriften an drei Stellen bei ihren Verwandten hinterlegte. Damals, als der Hauptteil der Erinnerungen geschrieben und aus dem Lager gebracht wurde, gab es noch keine Westfront. Wir mußten ferner mit der Möglichkeit einer Massenermordung der bedeutenden politischen Häftlinge vor einer eventuellen Übergabe des Lagers Buchenwald an die siegreichen Verbündeten rechnen und wir rechneten auch damit. Die Hinrichtung des englischen Fallschirmspringers Perkins 5 im Buchenwalder Krematorium ein oder zwei Tage vor dem Verlassen des Lagers bleibt ein bezeichnendes Memento. Barthels Erinnerungen sollten in diesem Falle ein Testament sein, das nach Rache an den Mördern von Buchenwald ruft! Der schnelle Vormarsch der 3. amerikanischen Armee in Thüringen durchkreuzte die Durchführung der finsteren Absichten der SS- Angehörigen, die sie vor den Häftlingen keineswegs verbargen. Ich habe Karl Barthel auch in anderer Weise als einen unerschrockenen, den Tod verachtenden Menschen kennengelernt, wenn es um eine für die Gesamtheit wichtige Sache ging. Im SS- Führerkasino befand sich eine Radioempfangsanlage, eine wichtige Informationsquelle für die Häftlinge von Buchenwald. Karl Barthel hat nicht einen Augenblick gezögert, das Wertvollste zu wagen, das ein Mensch besitzt, das eigene Leben. Er hat täglich die Londoner und Moskauer Nachrichten abgehört und sie mit mir und meinem Kameraden Vaclav Beran ausgetauscht, die wir unsere eigenen tschechischen Informationsquellen hatten, wodurch wir, wie eine genaue verläßliche Uhr, diese Informationen ergänzen konnten. - - - - als Vom Tage unseres Eintreffens in Buchenwald sogenannte ,, Protektoratshäftlinge" und tschechische Geiseln-, als er uns als ,, Lagerältester 3" auf dem berüchtigten Appellplatz begrüßte, bewährte sich Karl Barthel während der ganzen Zeit es fehlen heute nur vier Monate zu vollen sechs Jahren als ein Freund, der oft auch um den Preis beträchtlicher Unannehmlichkeiten und Gefahren die Verpflichtungen erfüllte, die ihm das Freundschaftsverhältnis auferlegte; die gleiche Bereitschaft traf er Gott sei Dank auch auf der anderen Seite an. Die Bilanz dieser fast sechsjährigen konspirativen Zusammenarbeit eines deutschen Kommunisten und eines tschechoslowakischen demokratischen Sozialisten, Menschen, die das nazistische Regime zu verschworenen Feinden der nazistischen Ordnung auf Leben und Tod erzog, brachte uns beiden die schönsten Früchte für das ganze 6 Leben: die Erinnerung an Jahre der Not und Erniedrigung, verklärt durch eine Freundschaft, die durch den häufigen Blick in das Antlitz des Todes geheiligt war. Die Erinnerungen von Karl Barthel sind keine Erfindung, wie mancher Leser beim flüchtigen Überfliegen des Inhaltes meinen könnte. Sie sind sorgfältig beglaubigt oder persönlich erlebt. Nach 12 Jahren politischen Märtyrertums unter der nazistischen Willkür spricht Karl Barthel nicht nur zum deutschen Volk, sondern zur gesamten Weltöffentlichkeit. Ich glaube, er wird nicht ungehört bleiben... - Buchenwald, den 20. April 1945 am 10. Tage nach der Befreiung aus den nazistischen Fesseln durch die tapfere amerikanische Armee. Dr. Alois Neuman ehem. Bürgermeister von Ceske Budejovice und Abgeordneter der tschechoslowakischen Nationalversammlung. 7 Einleitung Als ich meine ersten Gehversuche aus dem KZ. in die Freiheit machte und nun mit vielen Menschen meines Volkes zusammenkam, ihnen kurze Abrisse, Episoden aus meiner jahrelangen Gefangenschaft erzählen mußte, hörte ich am Schluß fast jedesmal: ,, Und das haben Deutsche gemacht? dazu haben sich Deutsche hergegeben?" Auf diese Frage konnte und kann ich auch heute nur noch mit einem einfachen Ja antworten. Für all diese Schandtaten und Bestialitäten haben sich in der Mehrzahl Deutsche hergegeben, und sie allein tragen die Verantwortung. Natürlich hatten sich nach Ausbruch des Krieges 1939 diesen Mördern auch Subjekte und Abenteurer anderer Länder hinzugesellt. Sie standen jedoch nicht im Vordergrund. Auch sie werden von den Völkern, denen sie zugehören, zur Rechenschaft gezogen. Für uns handelt es sich nicht nur um die Bestrafung einzelner Verbrecher. Sicherlich werden alle diejenigen, die sich Verbrechen an der Menschheit schuldig gemacht haben, zur Bestrafung kommen, aber das kann und darf nicht genügen. Die Teilnahme des deutschen Elementes an den Grausamkeiten gegen die fortschrittliche, freiheitsliebende Menschheit war zu groß, war keine Einzelerscheinung, sondern fast eine Massenerscheinung. Nicht unbedeutende Teile unseres Volkes, insbesondere Teile unserer Jugend, wurden durch die Lehre des Nationalsozialismus verroht und zu Mord und Barbarei erzogen. Nur so kann man die massenhaften Bestialitäten, getätigt und geduldet von Deutschen, erklären. 8 Nur ein außerordentlicher Reinigungsprozeß im deut- schen Volke auf ideologischem und auch praktischem Gebiete kann eine grundsätzliche Änderung herbeiführen. Denken wir immer daran, der Schandfleck der ızjährigen Tätig- keit des deutschen Faschismus wird ewig an uns haften. Wir können ihn nur zum Verblassen bringen, indem wir der Wahrheit die Ehre geben und nüchtern und tatkräftig an die Wiedergutmachung alles dessen gehen, was der Faschismus im Namen unseres Volkes an Verbrechen begangen hat. Die Niederlegung und Veröffentlichung meiner Er- innerungen aus Buchenwald hat den Zweck, aufzuzeigen, wessen der Mensch fähig ist, im Bösen wie im Guten. Sie sollen mit dazu beitragen, uns zu der richtigen Er- kenntnis zu bringen. Selbstkritisch gilt es, ans Werk zu gehen. Im ureigensten Interesse unseres Volkes müssen wir darüber wachen, daß sich nie mehr so etwas wie Faschismus oder preußischer Militarismus in Deutschland entwickeln kann. Alles, was dazu führen könnte, muß rechtzeitig erkannt und schon im Keime erstickt und aus- gerottet werden. Wir haben die große Aufgabe mitzu- helfen, den Grundstein für eine Entwicklung der Mensch- heit zu legen, auf dem solche Gebilde wie Faschismus keinerlei Nährboden mehr finden. Bei der Veröffentlichung meiner Kurzgeschichten ist mir klar, daß ich zweierlei Kritik begegnen werde. Diejenigen, die selbst das Martyrium in Buchenwald mit all den kleinen Widrigkeiten und den großen Scheuß- lichkeiten, ständig den Tod vor Augen, miterleben muß- ten, werden mir den Vorwurf machen: Du hast zu mild geschrieben, es war noch viel furchtbarer. Die anderen aber, die in der sogenannten Freiheit ge- lebt haben und nie als Gefangene in einem KZ. gewesen sind, werden sagen:„der Verfasser übertreibt, das ist ja gar nicht möglich.“ Diesen beiden Kritiken trete ich entgegen, indem ich erkläre: Beim Niederschreiben dieses Buches legte ich nur die nackten, brutalen Tatsachen zugrunde. Die Um- schreibung derselben hängt natürlich von der objektiven Beobachtung und dem subjektiven Erleben ab. Ich habe streng darauf geachtet, nichts zu übertreiben, aber auch nichts wegzulassen. Mein Ziel ist, dem Leser ein wirk- liches Bild von der Leidenszeit aller Insassen der KZ. zu vermitteln, ıhre Erniedrigung und ihren Todeskampf, sowie die moralische Verkommenheit und die vertierte Natur ihrer Peiniger aufzuzeigen. Bevor ich abschließe, habe ich noch die Verpflichtung, all denen zu danken, ohne deren Mithilfe meine Kurz- geschichten undenkbar sind. In treuer Freundschaft haben mich Dr. Alois Neuman und sein Freund Beran trotz aller Gefahren in der Herbeischaffung der dazu notwen- digen Unterlagen tatkräftig unterstützt und mich auch in Zeiten der Depression immer wieder ermutigt. Auf die Gefahr hin, beim Mißlingen der Sicherung des Materials sofort erschossen zu werden, haben sich die ehemaligen SS-Rottenführer August Hinze, SS-Rotten- führer Hans Ruff, der Zeiß-Mechaniker Hans Prinzler und der Gustloffarbeiter Fritz Urban als tapfere, uner- schrockene Kameraden bewährt. Besonders danke ich meiner tapferen, treuen Frau Leni, die ebenfalls in einem ı2jährigen Alleinsein allen Feind- seligkeiten, Schicksalsschlägen und Erniedrigungen nicht nur standgehalten hat, sondern auch die sichere Auf- bewahrung dieses Materials garantierte. Sie hat sich damit nicht nur als meine liebe Frau, sondern als viel- mals hartgeprüfte Kämpferin bewährt. Obwohl sie in den 12 Jahren, physisch weit von mir entfernt, ihrer Tätigkeit nachgehen mußte, stand sie mir doch in allen gefahrvollen Situationen nahe und ermutigend zur Seite. Mögen diese Veröffentlichungen mit dazu beitragen, als ständige Mahnung gegen Mord, Willkür und Unge- rechtigkeit, die Menschheit auf den richtigen Weg für Fortschritt, Menschlichkeit und wahre Kultur zu bringen und zu begleiten. Buchenwald von 1937 bis 1945 In den Monaten Juni, Juli und August 1937 begannen die ersten großen Arbeiten zur Errichtung des Konzentrationslagers auf dem Buchenwaldberg in der Nähe des kleinen Ortes Ettersburg. Schloß Ettersburg ist die Stätte, an der Friedrich Schiller sein Drama ,, Maria Stuart" niedergeschrieben haben soll. Wieland und andere große Geister der klassischen Zeit haben dort gastiert. Für Johann Wolfgang Goethe war die Umgebung von Ettersburg ein beliebter Ausflugsort. Ab 1937 sollte der Buchenwaldberg, der einem undurchdringlichen Urwald glich, nicht mehr den Menschen zur Freude und Erholung dienen. Nein, die SS- Führung Heinrich Himmlers hatte ihn für andere Zwecke vorgesehen. Aus einem Berg der Freude wurde ein Berg des Grauens! In den Monaten Juni- August rollten die ersten groBen Häftlingstransporte an. Die bisher bestehenden kleineren KZ.s wie Lichtenburg, Sachsenburg usw. wurden aufgelöst und ihre Belegschaften nach Buchenwald verfrachtet. Wir rollten von Lichtenburg bei Torgau mit 1300 Mann an. Vor uns traf schon ein Vorauskommando von Sachsenhausen bei Berlin ein. Mit Tempo ging es an die Arbeit. Der Südteil des Berges mit seinem milderen, angenehmeren Klima wurde für die Unterkünfte der SS bestimmt, der Nordteil mit seinen rauhen Wettern und seiner herben Luft für das Lager der Häftlinge. Buchenwald ist der Berg der Wetterscheide. Er sollte auch der Scheidepunkt vieler Menschen werden. Sprengungen aller Art und Rodungen großer Teile des I I Waldes mußten ohne Rücksicht auf die Gesundheit und dauernde Schädigung der Menschen in kürzester Zeit durchgeführt werden. Schon erstanden die ersten Baracken. Die Maurerarbeiten zur Errichtung des Untergrundes, sowie die Zusammenfügung und Aufstellung der Barackenteile durfte nicht länger als 2 Tage in Anspruch nehmen. Am 3. Tag mußte jede Baracke bezugsfertig dastehen. Anfahrtsstraßen wurden im Hetztempo gebaut. Das Wort Feierabend wurde zum Fremdwort. Tag und Nacht und Nacht wie Tag wurde gearbeitet. Wer diesen körperlichen Strapazen nicht gewachsen war, brach zusammen. Die Schwachen fielen um wie die Fliegen. Für sie war hier keine Zeit. ,, Was kümmert's uns, wenn diese erledigt sind, fangen wir uns neue ein, von dieser Sorte gibt's noch genug", war der oft wiederholte Ausspruch des SSHauptsturmführers Weißenborn. Wer nicht ganz bei Kräften war und mitunter nicht etwas Glück in diesem Unglück hatte, ging unweigerlich unter, war verloren. Deutsche Häftlinge waren es, die die schlimmste Zeit im KZ. Buchenwald zu bestehen hatten. Nachdem einigermaßen die Voraussetzungen geschaffen waren, liefen Transporte über Transporte ein. Neben ,, normalen" Zugängen, das sind solche, die nach Abbüßung ihrer politischen oder kriminellen Schuld wieder in Polizeigewahrsam zur angeblichen ,, Umschulung" genommen wurden, brachte man ganze Razzien von Bibelforschern, Wiener Juden, Juden von Berlin, Halle, Schneidemühl usw. Dabei handelte es sich nicht um Hunderte, sondern um Tausende. Der Menschenverschleiß war zu groß, als daß schon die beträchtliche Zahl Arbeitstiere für die Verwirklichung der Pläne der SS ausgereicht hätte. Der Ruf nach Arbeitssklaven wurde immer lauter. SS- wie Häftlingslager sollten in kürzester Zeit wie aus dem Erdboden gestampft werden. Neue Razzien wurden im ganzen Reich durchgeführt. Diesmal nannte man sie die ,, Asozialen". Es waren Men12 schen, die eigenmächtig ihre Arbeitsstelle gewechselt hatten oder sonst in irgendeiner Weise der Gestapo oder Kripo denunziert worden waren. Zu Massen wurden sie in der ersten Hälfte des Jahres 1938 dem Lager Buchenwald zugeführt. Auch ihnen wurde, wie all den anderen vorher, durch die Mordmethoden der SS in kürzester Zeit jedes Selbstbewußtsein geraubt. Bald verrichteten auch sie willenlos und stur die geforderten Arbeiten. Die Ermordung vom Rath's in der deutschen Botschaft zu Paris 1938 benutzte die Gestapo als formellen Anlaß, um erneut 10 000 deutsche Juden unter den unmenschlichsten Bedingungen in das Konzentrationslager Buchenwald zu schleppen. Mit Beginn des Weltkrieges, September 1939, wurden im Reich alle ,, Unzuverlässigen Elemente" verhaftet. Mit ihnen wurde der Bestand an Arbeitskräften aufgefüllt. Gleichzeitig brachte man mehrere hundert tschechische Geiseln, betitelt als ,, Protektoratshäftlinge", ironisch als ,, Staatskapitäne" vom Kommandanten Koch benannt, ins Lager. Viele Polen, Spanier und deutsche Spanienkämpfer folgten. 1940 kamen zu Tausenden Holländer, Belgier, Dänen, Franzosen, Jugoslawen und Norweger dazu. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion, Juni 1941, wurden Tausende von Russen ins Lager hineingepfercht. Andere Russen haben das Lager nur kurze Augenblicke von außen gesehen, da sie sofort zur Exekution durch Genickschuß nach dem berüchtigten Pferdestall gefahren wurden. Der Sturz Mussolinis 1943 zog die Verhaftung vieler italienischer Antifaschisten durch die Gestapo nach sich, die ebenfalls Buchenwald kennenlernen sollten. Englische und kanadische Gefangene, einzelne Amerikaner, Türken, Chinesen und Neger vermehrten die Vielfalt der bereits vertretenen Völker. Somit war Buchenwald im wahrsten Sinne des Wortes international geworden. Sein Charakter, seine Zusammensetzung hatte sich vom Nationalen zum Internationalen verwandelt. Bestand die Belegschaft bis zu Kriegsbeginn nur aus 13 Deutschen, so wurde danach der Prozentsatz des deutschen Elementes gegenüber dem internationalen von Jahr zu Jahr geringer. 1937 hatte man mit wenigen Hundert begonnen. Bis in das Jahr 1945 war diese Zahl einschließlich der Außenkommandos auf über 100 000 gestiegen. Rund 51 000 Menschen sind in diesen Jahren ermordet worden, verhungert und gestorben. Der Ausbau Buchenwalds war beendet. Im Laufe der Jahre war eine große Rüstungsindustrie entstanden. Tausende von Arbeitssklaven wurden in die Kriegsproduktion hineingepreßt. Sie wurden mißbraucht zur Verteidigung und Erhaltung ihres Todfeindes, des Feindes aller freiheitsliebenden Völker, des Faschismus. Am Mittwoch, dem 11. April 1945, 16 Uhr, befreite die tapfere, siegreiche amerikanische Armee die Opfer des faschistischen Terrorregimes. 14 Der erste Galgen Ein Geraune geht durch die Masse Menschen. " Einer flüstert dem andern zu:, Weißt du's schon?" Was denn?" " ,, Den Bargatzki haben sie wieder, er soll schon in Weimar sitzen." ,, Das Sondergericht soll ihn heute aburteilen." ,, Der wird bestimmt zum Tode verurteilt." ,, Woher willst du das schon wieder wissen?" ,, Menschenskinder hört bloß auf, das sind doch alles Scheißhausparolen!" ,, Was sagst du? Das sind keine Parolen, das ist und wird Wahrheit!" ,, Abwarten, Tee trinken!" ,, Du, dann will ich dir noch etwas sagen. Seit einigen Tagen arbeitet man in der Zimmerei an der Fertigstellung eines Galgens. Na, und was sagst du dazu, der Galgen muß heute fertig sein. Alle andere Arbeit bleibt liegen." " , Wenn das alles stimmt, muß ich schon sagen, dann hast du allerhand Verbindungen. Ich habe ja schon immer gesagt, du bist die reinste Lagerzeitung. Hast du schon mal was von einem Revolverblatt gehört?" ,, Blöder Hund, da sagt man dir mal was Neues, und aus Dank ziehst du einen noch durch den Kakao. Laẞ mich in Ruhe, von mir erfährst du nichts mehr!" Dies war eines der vielen Gespräche in der Frühe vor 5 Uhr zum Morgenappell, während die SS- Blockführer die Stärkemeldungen der Blocks abnahmen. Inzwischen haben die Blockführer ihre Meldungen an 15 den Rapportführer weitergegeben. Es ist genau 5 Uhr. Durch den neuen Radiolautsprecher ruft es laut und vernehmlich: ,, Fertig!" ,, Das Ganze stillgestanden! Mützen ab!" Jetzt meldet der Rapportführer die Stärke des gesamten Lagers an den Lagerführer und dieser an den Kommandanten. Dann ruft es wieder: ,, Mützen auf!" Der Appell ist vorüber. Und schon lautet der nächste Ruf: ,, Arbeitskommandos antreten!" Wie in einem Bienenschwarm laufen die Menschen durcheinander, es ist fast kein Durchkommen nach der Stelle auf dem Appellplatz, an der das Arbeitskommando antritt. Ich trete in die Nähe des Arbeitsdienstführers. Bevor er die Stärke der Arbeitskommandos aufnimmt, spricht der Lagerführer mit ihm. Er erhält folgende Anweisungen: Alle Kommandos, soweit sie unbedingt außerhalb des Lagers arbeiten müssen, stellen die zu entbehrenden Häftlinge ab. Alle übrigen Kommandos bleiben im Lager. Sämtliche Zugänge bleiben ebenfalls am Tor stehen. Der Arbeitsdienst führer führt sofort diese Befehle durch. Als all dies erledigt ist, werden sämtliche Vorarbeiter und Kapos der auf dem Appellplatz verbliebenen Kommandos ans Tor gerufen. Der Lagerführer teilt ihnen folgendes mit: ,, Heute abend will ich keinen Baumstamm mehr auf dem Appellplatz liegen sehen. Wie ihr das macht, ist mir egal, ist eure Sache. Wenn bis zum Abendappell diese Arbeit nicht fertig ist, wird so lange in die Nacht hinein gearbeitet, bis kein Stamm mehr da liegt. Gebt euren Faulenzern richtigen Druck. Verstanden?!" ,, Jawohl!" Die Kapos und Vorarbeiter begeben sich im Trab zu ihren Kommandos. Diese werden in kleine Gruppen aufgeteilt, und schon sieht man die ersten Baumstämme auf den Schultern der Häftlinge, die bei voller Kraftanstren16 gung die niederdrückende Last in Richtung Werkstättentischlerei schleppen. Die Entfernung bis zum Abwerfen der Stämme beträgt 600-700 m. Trotz klaren Himmels und schönsten Sonnenscheins ist der Boden von dem tags zuvor heruntergegangenen wolkenbruchartigen Regen aufgeweicht. Die Häftlinge versinken mit ihren schweren Lasten bis über die Knöchel im Schlamm. Dies macht das Tragen doppelt schwer. Der Buchenwaldlehmboden heftet sich an die Schuhe, Hosen und Strümpfe so fest, daß man manchmal fürchten muß, ohne Hilfsmittel gar nicht wieder loszukommen. Ja, dieser verfluchte Boden läßt niemanden wieder gehen, der ihn erst einmal betreten hat. Er möchte ihn am liebsten für immer festhalten. Und wieviele Menschen, die voller Hoffnung, Zuversicht und Illusionen, festen Selbstbewußtseins, stark, kräftig und gut. genährt diesen Boden betraten, hat er in dem Kampf um die Erhaltung ihres Lebens besiegt. Sie konnten nicht ahnen, daß Buchenwald einmal über sie als Sieger triumphieren und von ihnen nur noch die Erinnerung bleiben würde. Die Erde dampft. Unbarmherzig brennt die Sonne auf die Baumträger nieder. Ein herrlicher Tag für die, die ihn unbeschwert genießen können und keine Vorstellung von dem Leid und der Pein eines Häftlings haben. In Schweiß gebadet, erschöpft und Todesangst in den Gesichtern, schleppt eine Kolonne nach der anderen die ihr zugeteilten Baumstämme dahin. Schon oft haben die Trägergruppen ihren Weg zurückgelegt, und immer noch ist nicht zu sehen, daß dieser den ganzen Winter über zusammengetragene Berg von Baumstämmen weniger werden wollte. Es ist zum Verzweifeln! Bis auf wenige, die körperlich unmöglich den Anforderungen nachkommen konnten, hielt bis jetzt der größte Teil durch. Jeder von ihnen gab seine ganze Kraft dazu her. Aber jetzt, wo es der Mittagsstunde entgegen geht, fangen auch die Starken und Kräftigen zu stöhnen an. Es wäre an der Zeit, eine Pause einzulegen, um sich etwas 2* 19 - - zu verschnaufen und von der am Morgen erhaltenen Tagesbrotportion 5 Mann I Brot ein Stückchen essen zu können. Das Arbeitstempo läßt automatisch nach. Der Weg zurück, ohne Last nach dem Appellplatz, wird zur Stärkung benutzt. In unbemerkten Augenblicken, wenn Kapos und Vorarbeiter außer Sichtweite oder durch andere Dinge abgelenkt sind, wird schnell ein aus der Hosentasche abgebrochener Bissen Brot in den Mund geschoben. Der Lehmschlamm wird im Laufe des Tages in der Hitze wohl trockener, dafür aber zäher. Fast ist kein Durchkommen mehr. Auch die kräftigsten Schuhe lassen Wasser und Schlamm durch. Die Schuhe saugen sich so fest an, daß beim Versuch des Weitergehens die Absätze, ja ganze Sohlen abreißen und im Schlamm stecken bleiben. Und dann geht es auf den nackten Fußsohlen weiter. Das Kommando verlassen, um auf der Kammer die Schuhe tauschen zu gehen, ist streng verboten. Wer Glück hat, bekommt seine Schuhe bei dem zweimal wöchentlich angesetzten Tausch nach Feierabend gewechselt. Bis dahin sind aber in vielen Fällen die Füße des Häftlings ruiniert, was bei der Überfüllung des Krankenreviers der Anfang zu seiner Liquidierung sein kann. Auch die Kapos und Vorarbeiter werden müde, und so übersehen sie manches, was nicht sein soll. Sie haben die Hoffnung auf Vollendung der Arbeit bis zum Abend aufgegeben und eingesehen, daß auch durch größte Kraftanstrengung und besten Willen diese Masse von Baumstämmen in einem Tag nicht zu bewältigen ist. Unter diesen Umständen, bei der Erschlaffung der Kraft jedes einzelnen, läßt das Arbeitstempo noch weiter nach. Auch muß so gerechnet werden, daß jeder einzelne noch genügend Kraft für den langen Nachmittag oder den Moment von ,, dicker Luft" besitzt. Und dieser Augenblick ließ nicht allzu lange auf sich warten. Die ,, dicke Luft" trat schon in Erscheinung. Von den ersten Gruppen wurde auf einmal die Parole durchgegeben: ,, Achtzehn". Alles stutzt und guckt, ohne etwas 20 zu bemerken. Stimmen werden laut wie ,, die spinnen ja", ,, wahrscheinlich Finte der Kapos". Aber gleich darauf die Parole: ganz große Achtzehn"! d. h. nun muß alles schwer auf Draht sein. Und richtig. Durch das große Tor kommen die beiden Lagerführer in Begleitung des Standartenführers, dem Kommandanten, sowie der erste Rapportführer. Der Lagerälteste und die nächsten Kapos werden von ihnen herangerufen. Im brüllenden, hysterischen Ton schreit sie der 1. Lagerführer an: ,, Sagt, was bildet ihr euch ein, nennt ihr das vielleicht arbeiten? Die Kerle schlafen ja bald ein, na, wartet nur, euch Dreckkerls werde ich schon noch Beine machen." Der Rapportführer schrieb sofort die Häftlingsnummern einer der soeben vorbeimarschierenden Baumträgerkolonne auf. Wie ich später feststellen mußte, erhielt jeder von ihnen ½ Stunde Baumhängen als Strafe wegen Faulheit. Baumhängen ist mit fürchterlichen Schmerzen verbunden. Als unterhalb der Blockgebäude noch genügend Bäume standen, konnte man an mindestens 15-20 von ihnen in ungefähr 2½ m Höhe lange große Nägel sehen. An diese wurden die zur Bestrafung Aufgeschriebenen aufgehängt. Aber wie? eine teuflische, sadistische Erfindung! Die Hände werden auf dem Rücken gefesselt, dann muß sich der Gefesselte mit dem Rücken gegen den Baumstamm stellen. Ist kein Schemel zur Hand, muß ihn ein Häftling, der Stunde später die gleichen Qualen durchzustehen hat, am Stamm hochheben, bis seine Hände den Nagel erreicht haben. Jetzt wird die Fessel durch den SS- Mann Hauptscharführer Sommer war dafür besonders berüchtigt an den Nägeln befestigt und der Rest der Leine um den Stamm festgebunden, damit sie nicht nachgeben kann. Der nächste Moment bringt den ersten Hauptschmerz. Der Schemel wird weggezogen bzw. der andere muß den Festgebundenen loslassen, und dieser rutscht das ganze Stück seiner Armeslänge herunter. Da die Arme und die Muskulatur die Last des Körpers in - - 21 dieser unnatürlichen Lage nicht gewöhnt sind, kugeln die Armgelenke aus und bereiten unvorstellbare Schmerzen. Die Bäume werden immer so gewählt, daß auch der längste Mensch nach der Auskugelung der Arme mit den Füßen nicht den Erdboden berühren kann, um eventuell seine Schmerzen zu lindern. Er hängt in der Luft! Wer stöhnt oder vor Schmerzen laut aufschreit, dem geschieht folgendes: SS- Hauptscharführer Sommer geht auf den Häftling zu, bedauert ihn heuchlerisch und erpreẞßt zugleich Geständnisse aus ihm mit dem Schlußeffekt: ,, Also so ein Schwein bist du! Das hätte ich früher wissen müssen. Dir gefällt das nicht, Schmerzen hast du? Augenblick! Dies können wir abstellen!" Nimmt dessen Beine und schaukelt den Körper vom Baumstamm weg. Dieser verzehnfachte Schmerz erzeugt bei dem Häftling verzweifelte Schreie. - ,, Ach, das gefällt dir immer noch nicht? Du Ärmster!" Und dann schlägt er mit seinem Ochsenziemer auf dessen Körper ein. Viele werden dabei bewußtlos und schreien nicht mehr. Sie schweigen! Befriedigt murmelt Sommer für sich hin: ,, Dem habe ich mal wieder die Schnauze gestopft." Wagen sich im Lager beschäftigte Häftlinge zu nahe heran, so werden sie vom ,, Sommer" gestellt und zu seinem Zeitvertreib wegen ihrer ,, Neugierde" und Unerfahrenheit ebenfalls gehängt. Oft bewußtlos, in Angstund Schmerzensschweiß gebadet, werden sie nach der festgelegten Zeit abgebunden. Sofort sacken sie zusammen wie tote Körper. Sommer ist jetzt ganz groß" in Form. ,, Zu faul bist du, um zu laufen?" Traktiert ihn mit Stiefeltritten und Peitschenhieben so lange, bis er auf allen Vieren wegkriecht, oder leblos, erneut ohne Bewußtsein liegen bleibt.- Und nun schleppen die Häftlinge die Baumstämme davon, und in einzelnen finden sich noch die Nägel, an denen mancher von ihnen unter nicht zu beschreibenden Schmerzen gehangen hatte. Erinnerungen und Grausen 22 aus der Vergangenheit, Angst und Schrecken vor der Gegenwart und Zukunft bestimmen ihre Gefühle. Während der Rapportführer sämtliche Nummern der einen Kolonne notierte, hatte der 1. Lagerführer seine Reitpeitsche gezückt und schlug wahllos auf die vorbeiziehenden, wehrlosen Menschen ein. Der 2. Lagerführer konnte und wollte dem nicht untätig zusehen und ließ mangels einer Reitpeitsche die Träger seine Stiefelabsätze spüren. Der Rapportführer folgte seinem Beispiel, und so war das Vorbeimarschieren an den ,, höchsten Herren" von Buchenwald ein regelrechtes Spießrutenlaufen. Der Kommandant Koch jedoch blieb mit verschränkten Armen über der Brust stehen und lächelte voller Zufriedenheit über die Tüchtigkeit seiner Untergebenen. Wie ein wildes Tier schrie der erste Lagerführer: ,, Euch Kapos kann ich nur versichern, wenn ihr nicht sofort Bewegung in diesen Haufen bringt, laß ich euch selbst Stämme tragen, aber in einem anderen Tempo. Ihr Schweine, ich laß euch alle ablösen und zur schwersten Arbeit einteilen. Kommenden Sonntag gibt's fürs ganze Lager nichts zu fressen, weil ihr zu faul seid. Die anderen können sich dann bei euch bedanken. Wenn es nicht im Guten geht, ich kann auch anders! Soll ich euch vielleicht noch Glacé- Handschuhe liefern, damit ihr ja keinem weh tut? Lange sehe ich mir das nicht mehr mit an, dann ist's mit meiner Geduld zu Ende!" - - Für verschiedene Übereifrige, insbesondere BV.er und Schwarze ein Teil der Politischen eingeschlossen war dies das Signal, jetzt unter Beweis zu stellen, daß sie des von der Lagerführung in sie gesetzten Vertrauens würdig und schon ,, umgeschult" sind. Sie bewaffneten sich mit Knüppeln und schlugen rücksichtslos in die Kolonnen hinein. Jetzt war die Anwesenheit der ,, großen Achtzehn" nicht mehr nötig, jetzt waren Kapos und Vorarbeiter die große 18"! Das Raubtierartige war in ihnen geweckt worden, alle menschliche Erziehung abgefallen, weggeworfen. Hätte ich es nicht 25 mit eigenen Augen gesehen, nie würde ich geglaubt haben, daß ein Wesen, das wie ein Mensch aussieht, dessen fähig sein kann. Hinzu kamen nun noch die von dem Lagerführer ins Lager geschickten SS- Blockführer. Diese wütend, daß sie an einem solch schönen Tag durch Dienst in Anspruch genommen wurden, waren ebenfalls mit Knüppeln und Peitschen versehen und schlugen mit gleicher Brutalität dazwischen. Und die Masse? Einer Herde gehetzter Tiere glich sie! Duckend, den Schlägen ausweichend, schwitzend, blutend versuchte sie immer wieder, den Anforderungen nachzukommen. Das geringste Aufmucken konnte den Tod bedeuten! Und so schleppten sie sich und die Baumstämme immer wieder von neuem dahin. Viele brachen zusammen. Erst bekamen sie Schläge. Als sie trotzdem nicht mehr auf die Beine kamen, ließ man sie in diesem erschöpften, bewußtlosen Zustand liegen. Niemand kümmert sich mehr um sie. Alle anderen waren sich klar, bevor sie sich auf solche Weise von der Arbeit ,, befreien" ließen, mußten sie erst völlig erschöpft sein und dann noch eine schwere Tracht Prügel über sich ergehen lassen. So versuchten sie es immer wieder und trugen weiter. Trug einer seine Last mit gekrümmtem Rücken, so schlug man ihn im Tragen so lange, bis er das Kreuz durchdrückte oder zusammenbrach. Das ganze Bild glich einer abgehetzten Kamelkarawane, die dem Wüstensturm ausgesetzt ist, verzweifelt einen Ausweg sucht, aber keinen findet. Entweder durchbeißen oder sterben, nur eins von diesen beiden gibt es! Das Sklaventum des Altertums war ein Kinderspiel gegen das, was die Menschen hier im 20. Jahrhundert erdulden mußten. Der Sklave war käuflich, er kostete Geld, er bedeutete für den Besitzer einen Wert, aber hier sind die Menschen nur eine Nummer, sie sind wertlos und werden zu jeder Zeit durch andere ersetzt. Mit eingefallenen Augen, dicke, trockene Krusten auf den Lippen, alle Glieder schmerzend, erwartete jeder, der 26 dazu noch die Kraft aufbrachte, den Abendappell. Viele Stunden waren vergangen, der Appell begann, aber die Baumstämme waren noch lange nicht alle an dem befohlenen Ort. Der Weg vom Appellplatz nach der Tischlerei sah einem Schlachtfeld ähnlich. An beiden Seiten lagen die bewußtlosen, erschöpften Menschen. Sie werden nun auf dem Appellplatz zusammengetragen, von wo die Stubendienste sie zu den Blocks zur Appellabnahme bringen. Sie gelten ja noch als Lebende und müssen mitgezählt werden. Und in diesem Zustand liegen sie nun am linken Flügel ihres Blocks. Der Appell geht diesmal schneller als sonst zu Ende. Dann wird bekanntgegeben, daß alle Kommandos nach 30 Minuten wieder auf dem Appellplatz zu stehen haben. Der Abmarsch bis zur Erreichung der Blocks nimmt 5-7 Minuten in Anspruch. Der Weg zum erneuten Antreten mindestens 3 Minuten, so daß zur Essenausgabe und Einnehmen desselben 20 Minuten bleiben. Da die Blocks jedoch eine starke Belegschaft haben, sind die Letzten noch nicht mit Essen abgefertigt, wenn die Trillerpfeife der Lagerältesten wieder ertönt, und alles mit größter Schnelligkeit dem Appellplatz zuströmen muß. Das Gros der Häftlinge hat trotz Hunger vor Erschöpfung und Müdigkeit diese 20 Minuten zum Verschnaufen und Ausruhen benutzt, statt zum Essen. Nun geht es wieder von neuem weiter! Mit Geschrei, Gebrüll, Lärm der Kapos und Vorarbeiter wird die Arbeit wieder aufgenommen. Schon schweben wieder Baumstämme in der Luft. Eine Kolonne schiebt sich hinter die andere. Ein Baumstamm nach dem anderen. Eine lange Kette! Der Lagerführer steht auf dem stärksten Stamm inmitten des Gewimmels von Menschen und schwingt im Schein der untergehenden Sonne seine Peitsche. Trotz seines Antreibens muß er zu der Erkenntnis gekommen sein, daß er bei dieser Masse von Baumstämmen auch dann sein Ziel nicht erreichen kann, wenn die ganze Nacht durch27 gearbeitet würde. Der Platz vorm Tor und Arrest muß aber für die bevorstehende Schaustellung frei sein. Er befiehlt, die Stämme nur noch an einer Stelle aufzustapeln, die 20 bis 30 m links vom Arrest entfernt war. Ein Aufatmen, erleichtertes Gemurmel geht durch die gequälten Menschen. Die untergehende Sonne hat ihre Kraft verloren. Ihre Strahlen erhellen nur noch, erhitzen aber nicht mehr zusätzlich die Menschenkörper. Der Gedanke: bald ist Schluß mit der Qual für heute, läßt die Häftlinge ihre letzten Kräfte ausgeben. Mit nochmals gesteigertem Tempo geht es dem Ende zu. Aber schau, was ist das? Träume ich oder ist es Wirklichkeit? Mitten in der bewegten, arbeitenden Masse erhebt sich ein Galgen. Ja, soll es doch wahr sein, was heute morgen gesprochen wurde? Das, was da der BV.er Alscher, der Krumme mit der großen Schnauze und seine Helfer aufbauen, ist ein richtiger Galgen! Die Politischen, hörte ich weiter, hätten die Herstellung abgelehnt. Und jetzt ragt er fertig mit der Schlinge hoch in der Luft. Unter und um ihn die gehetzten Menschen, der Lagerführer, die Kapos, ihre Peitsche schwingend gegen die Arbeitenden. Im Hintergrund ein herrliches Abendrot. Die Sonne nimmt Abschied und sendet ihre letzten Strahlen. All dies hinterläßt in mir einen mysteriösen, gespensterhaften Eindruck. Die Pfeife des Lagerältesten ertönt. Feierabend! Die Masse strömt den Baracken zu. Endlich ist's geschafft! Endlich! Ein schwerer, mühevoller Tag ist vorüber! Zur selben Zeit fährt außerhalb des Lagers das Gefangenentransportauto, genannt die„ Grüne Minna", am Arrest vor. An Händen und Füßen gefesselt, wird ein Mensch eingeliefert. Er heißt Bargatzki! Wenn morgen die Sonne ihre ersten Strahlen vom Osten auf unseren Berg schickt, sind die letzten Minuten seines Lebens angebrochen. Heute ist er vom Sondergericht in Weimar zum Tode verurteilt worden! 28 Er sitzt in der Arrestzelle unter Aufsicht des Haupt scharführers Sommer. Er weiß, daß Sommer ein viel- facher Mörder ist. Aber jetzt muß er aus dessen Munde hören:„Na, Bargatzki, das hättest du dir nicht träumen lassen, du Spitzbube, du Mörder!“ Morgen früh geht’s an den Galgen!“ An Schlaf ist nicht zu denken. Er grübelt: gibt es noch eine Rettung? Nein! Jetzt nicht mehr. Sein Entschluß ist, erhobenen Hauptes den Galgen zu besteigen und als Mann zu sterben! 29 Such dir einen raus! Alle amtlichen und halbamtlichen Mitteilungen bekommen die Häftlinge durch den Rapportführer während oder nach dem Appell mitgeteilt. 1937 ging das Aufrufen von Häftlingen wie die Bekanntgabe von anderen Dingen noch ohne Radiolautsprecher vor sich. So wurden auch eines Abends eine ganze Reihe aufgerufen, u. a. mein Bekannter Rudolf. Mit Zittern und Zagen, nach außen hin versuchen sie sich nichts anmerken zu lassen, rennen sie im Laufschritt durch dicken Schlamm zum Tor. In den meisten Fällen sind es keine angenehmen Mitteilungen, die ihnen dort gemacht werden. Oftmals wird der Name des Betreffenden laut verlesen mit dem Bemerken, daß er wegen Faulheit 25 Stockschläge erhalten würde. Er geht anschließend sofort über den Bock und kassiert seine 25. Wann und wo er zur Bestrafung aufgeschrieben wurde und ob dies vielleicht eine Personenverwechslung oder Irrtum ist, weiß er in den meisten Fällen nicht. Dies ist ja auch nicht so wichtig, es handelt sich ja nur um einen Häftling. Davon gibt es genug, und wenn Mangel eintritt, werden wieder neue gefangen. Diese Gedanken gehen auch meinem Bekannten in der Zeit, als die vor ihm stehenden abgefertigt werden, durch den Kopf. Was kann es nur sein? Ausgefressen hat er nichts! Er ist voller Spannung und drückender Unruhe. Jetzt ist er an der Reihe. Rapportführer Hackmann, bekannt als Jonny: ,, Und Sie Mistvogel?" 30 Häftling: ,, Schutzhäftling Rudolf G., geb. am 4. 3. 06, Nr. 1327." Rapportführer: ,, Was ist mit dir los, Kerl? Was hast du ausgefressen? Sag die Wahrheit!" Häftling: ,, Ich weiß nicht, ich bin aufgerufen worden." Rapportführer: ,, Ach du bist R. G. Mm, da ist ein Schreiben angekommen, worin dir eröffnet wird, daß dein Bruder gestorben ist, verstanden?" Der Häftling hätte nunmehr, dem Brauche im KZ. entsprechend, nochmals die Hacken zusammenschlagend, sagen müssen ,, Bitte wegtreten zu dürfen" und abhauen sollen. Stattdessen bleibt er zögernd stehen, als könne er nicht von der Stelle, wie angenagelt. Dies zum Erstaunen des Rapportführers. Nach Abfertigung des Nächsten wendet er sich erneut an ihn mit den Worten: ,, Da steht ja dieser langweilige Mistvogel immer noch hier. Mach dich weg, Kerl!" Häftling: ,, Herr Rapportführer, erlaube mir sagen zu dürfen, ich habe zwei Brüder." Rapportführer: ,, Was gehen mich deine Brüder an. So eine Frechheit! Der Kerl wird zuguterletzt noch aufsässig. Paß auf, ich laß dir gleich noch 25 besorgen. Welcher Bruder gestorben ist? Such dir einen raus und hau bloẞ ab!" -- - Der Häftling machte darauf kehrt und lief zu seinem Block zurück. Es klingt phantastisch, aber der Rapportführer war auf seine Gefühlsroheit sehr stolz. Besonders glücklich war er, daß seine Skrupellosigkeit bei den umstehenden SS- Angehörigen, insbesondere bei SS- Hauptsturmführer Weisenborn, eine Lachsalve auslöste. 31 Die gequälte Natur November 1938! In den vergangenen Wochen hatten wir rund 10000 Juden als Neuzugänge bekommen. Der äußere Anlaß hierfür war die Ermordung vom Rath's in Paris durch den sogenannten Juden Grünspan. Dies war aber auch nur der äußere Anlaß. Denn schon Wochen vorher wurden 5 große Baracken, dies sind einfache Bretterbuden, für die Unterbringung gebaut. Innen wurde der gesamte Raum mit 6stöckigen Holzgestellen ausgefüllt. Das waren die Schlafliegestellen für die nunmehr eingelieferten Juden. Strohsäcke oder Decken waren unbekannte Dinge und blieben es auch für diese Art ,, Behausung". Da nun eine große Zahl so eingeliefert wurde, wie man sie in der Nacht bei der Verhaftung angetroffen hatte, nämlich im Hemd und Unterhose oder Schlafanzug und Nachtschuhen, kann man sich die Folgen dieser primitiven Unterbringung in den kalten Nächten vorstellen. Dies war aber nicht die Sorge der dafür Verantwortlichen, sondern der Sinn der ganzen Verhaftungsaktion heißt ja in seiner ganzen Konsequenz: Liquidierung. Wasserleitungen und Abortanlagen sind nicht vorhanden. Zu Hunderten werden diese Menschen wie Tiere hineingetrieben. Rund 2000 in eine Baracke! Die ersten 24 Stunden und noch länger nichts zu essen und nichts zu trinken, keine Austrittsmöglichkeiten und nur so viel Platz, um sich auf den Brettern der Gestelle lang legen zu können. Mensch an Mensch! 2000 auf engsten Raum zusammengepfercht. Eine unmögliche Atmosphäre. 32 Kannst du dir vorstellen, wie schmerzhaft es für einen Menschen ist, wenn er 24 oder 48 Stunden und noch länger keine Möglichkeit bekommt, seine Notdurft zu verrichten. Weißt du, daß dies einen Zustand des Wahnsinns erzeugt?! Die Folgen blieben nicht aus. Selbsthilfe war die Parole! Scham, Erziehung und Anstand, das ,, Standesgemäße" und vieles andere, alles wurde über Bord geworfen. Das Verlangen setzte sich durch: ,, Wir wollen nicht auf eine so elende Weise krepieren, wir wollen leben!" Und siehe da, für einen geringen Prozentsatz war eine Lösung gefunden, allerdings war sie nur einmalig. In einer dieser Baracken waren die Juden von der Wiener Aktion. Sie hatten sich schon einigermaßen akklimatisiert. Geld hatten die Neuzugänge genug. Und so kaufte man im Handumdrehen sämtliche Hüte und Mützen von diesen für hohe Summen. Darin verrichteten sie ihre schon lange nötige Notdurft. Alle übrigen, die noch über eigene Kopfbedeckungen verfügten, folgten diesem Beispiel. Aus Mangel an Papier nahm man 50- oder 100Markscheine. Am nächsten Morgen waren überall an den Stellen der schmalen Fensterlugen Berge von Hüten zu sehen. Auf Anregung eines Häftlings wurde mit Hochdruck und Blitztempo eine zweite Latrine im Freien gebaut. Aber was sind 2 Latrinen für 10 000 Menschen? Zumindest keine Lösung. 3 Barthel, Ohne Erbarmen 333 Meuterei im kleinen Lager Ein Tag voller Aufregung war vorüber. Gegen 10 Uhr habe ich mich niedergelegt. Plötzlich werde ich geweckt. Ich schaue nach der Uhr, es ist 21 Uhr nachts. ,, Was ist los?" ,, Sofort aufstehen, Meuterei im kleinen Lager!" Im Nu war ich auf. Die Kleider wurden im Laufen nach dem kleinen Lager( dies war der Platz mit den 5 groBen Bretterbuden, in denen sich die Juden befanden-) noch fertig angezogen. Jetzt hatte ich mit meinem Begleiter den Eingang erreicht. Sofort wollte ich hinein, um festzustellen, was los ist. Da versperrten mir die BV.er ( Berufsverbrecherhäftlinge), Blockältesten und BV.- Kontrolleure den Weg, an ihrer Spitze der Oberganove Hans von Jäger. ,, Halt, du kannst unmöglich hinein." ,, Warum, ist es wirklich so schlimm?" ,, Darin steht alles Kopf. Mit Messern und Scheren sind sie auf uns losgegangen. Ein Anführer hat sogar gerufen:, Kameraden, das ist unter unserer Würde, es lebe Juda, alles drauf!" ,, Das hat wirklich einer gerufen? Und was habt ihr gemacht?" ,, Wir sind schleunigst nach dem Ausgang zu und sind, außer mit ein paar Beulen und kleinen Flecken, gerade noch so mit dem Leben davon gekommen!" ,, Und haben sie sich inzwischen beruhigt?" ,, Wenn du lebensmüde bist und gern totgeschlagen werden willst, kannst du ja reingehen." ,, Ich bin weder lebensmüde, noch will ich totgeschlagen werden, aber ich glaube, ihr alle übertreibt ein wenig. Nehmt mir's nicht übel, aber ich werde versuchen, hineinzugehen. Also in Baracke 5 a sagt ihr!" ,, Ja, ja, Baracke 5 a!" 34 Ich gehe in Richtung nach 5 a. Es ist mehr als halbdunkel. Stehende oder laufende Menschen kann man auf eine Entfernung von 5 m sehr undeutlich erkennen. Ich stolpere über etwas. In der Meinung, daß es Abfälle von Dachpappe, Brettern usw. sind, versuche ich weiterzugehen. Wieder stolpere ich über einen Gegenstand. Was ist das? Eine weiche nachgiebige Masse. Ich strenge meine Augen noch mehr an, bücke mich und versuche den Gegenstand abzutasten. Als sich meine Augen an das Dunkle gewöhnt haben, durchschauert's mich eiskalt. Hier liegen ja Menschen, 6 oder 8 Menschen liegen da. Jetzt höre ich sie auch stöhnen und röcheln. Zusammengeschlagene, erschöpfte Menschen. Ich gehe weiter, will wissen, was und wie es geschehen ist. Plötzlich sehe ich einige Meter vor mir einen Menschen aus dem Gang zwischen 4a und 5 a auf mich zukommen. Er hat sich mit einem großen Knüppel bewaffnet. Erschrocken weiche ich zurück. Fasse nach einem der vielen Abfallhaufen und finde ein schlecht zu handhabendes Brett. Aber zur Verteidigung muß es gehen. Jetzt gehe ich wieder auf die Gestalt zu. Rufe ihm zu: ,, Kamerad, was willst du, wirf den Knüppel weg!" ,, Kamerad sagst du, ihr habt meinen Bruder niedergeschlagen, ich will meinen Bruder wiederhaben. Gebt mir meinen Bruder!" ,, Kamerad, ich will Euch helfen, aber wirf erst deinen Knüppel weg!" Er bleibt stehen, aber antwortet nicht! Jeder von uns beobachtet genau sein Gegenüber. Ich habe den Eindruck, als ob es doch ernst werden würde. Sekundenlange Pause. Beide stehen wir uns in einigen Metern Abstand gegenüber. Diese Situation kommt mir schon reichlich blöd vor. Ich überlege mir, gibt es denn wirklich keinen anderen Ausweg als die Gewalt? Da höre ich auf einmal ein unsicheres, verzweifeltes Gestammel meines Gegenüber. ,, Du sprichst ganz anders, als deine Vorgänger, hier hast du den Stock, aber bitte helfe mir!" Das Eis ist gebrochen. Daraufhin werfe ich mein Brett weg, gehe auf ihn zu und fasse den Juden am Arm. ,, Wo soll dein Bruder sein?" ,, Niedergeschlagen und herausgeschleppt haben 3* 35 sie ihn." Ich führe ihn zu den 8, die etwas weiter im Dreck liegen. Seine Stimme genügte, um ein Lebenszeichen seines Bruders zu hören. Die Freude war groß, vielleicht war es die letzte Freude zweier für sich eintretender Brüder. Als ich erneut dem Eingang der Baracke 5 a zustrebte, begegnete mir ein zweiter Jude; diesmal nicht mit irgendwelchen Gegenständen bewaffnet, sondern vom Scheitel bis zur Sohle voller Menschenkot. Er muß sich in dem Durcheinander bei der ,, Meuterei" in Richtung Latrine herausgeschlichen haben. Durch die Finsternis und infolge seiner Ortsunkenntnis mag er in die Latrine gefallen sein. Wie er wieder herausgekommen ist, weiß nur er. Nun steht er vor mir, hilflos und mitleiderregend. Eine sehr übelriechende Angelegenheit. Man könnte sagen eine wandelnde Latrine. Und dann, was das schlimmste ist, kein Tropfen Wasser. Ich tröste ihn, indem ich sage, daß er morgen ins Bad unter die Dusche kommt. Er wird sie wahrscheinlich nie gesehen haben. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht; ich habe ihn nie wieder zu Gesicht bekommen. Endlich bin ich am Eingang. Viele Stimmen, viele Männer rufen mir die verschiedensten Dinge zu. Einige erklärten mir, sie seien Weltkriegsteilnehmer gewesen, hätten schlimme Dinge erlebt, aber so etwas wie hier sei ihnen unfaẞbar. Unter solchen Umständen müßten Menschen wahnsinnig werden. Nachdem ich aus dem vielen Durcheinanderrufen herausgefunden hatte, was geschehen war und worum es denn überhaupt ging, sagte ich zu ihnen, man hat mir berichtet, ihr hättet eine große Meuterei vom Stapel gelassen. Alle Gesichter schauten mich ganz erstaunt an und mir war klar, daß das Ganze wieder ein typisches und übles Provokationsstück der BV.er war. Warum haben sie dies getan? Es ist das alte Lied bei solchen schwachen, charakterlosen Menschentypen. Sie hat der Goldrausch, die Geldgier gepackt. So wie eine Hyäne schon aus weiter Ferne Aas wittert, so witterten diese 36 kriminellen Elemente hier Geld, Wertsachen aus allen Edelmetallen und Edelsteine selbst. Wie sie das gemacht haben, um in den Besitz dieser Dinge zu kommen? Ganz einfach. Alle diejenigen, die den Eindruck machen, daß sie irgendwelche Wertgegenstände bei sich haben, werden zwangsweise visitiert, und alles wird ihnen abgenommen. Die Begründung lautet: Ihr seid jetzt Häftlinge und dürft solche Dinge nicht bei euch tragen. Außerdem habt ihr euch das nur durch Gaunerei erworben, indem ihr die Leute belogen und betrogen habt. So ist ungefähr die Sprache der Buchenwaldgangster. Vielen sind allerdings später die Tausende von Mark, die Gold- und anderen Wertgegenstände zum tödlichen Verhängnis geworden. Ihre letzte Station war das Krematorium. Und warum sie aus ihrer Erpressungs- und Raubaktion eine ,, Meuterei" der Juden machten? Ihnen ging es darum, I. sich selbst bei der Lagerführung als die einzig zuverlässigen, tüchtigsten Blockältesten und Kontrolleure zu erweisen und 2. bei eventuellen Beschwerden durch die Juden, diese von vornherein ins Unrecht zu setzen und sie unglaubhaft zu machen. Tote können keine Beschwerde erheben. Sie, die BV.er, sind diejenigen unter den Häftlingen, die gewissenlos über Leichen marschieren. Einige Worte genügten, um die aufgeregte ,, meuternde" Masse zu beruhigen. Nachdem ich ihnen klargelegt hatte, daß ich als Politischer alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um ihre Lage wenigstens etwas zu erleichtern, ihnen aber unmöglich zu essen und zur Zeit auch kein Trinkwasser besorgen kann, blieb mir nur übrig, ihnen eine Möglichkeit zur Verrichtung der Notdurft zu geben. Kurz entschlossen ließ ich die in der Nähe unter freiem Himmel befindliche Latrine 20- mannweise in der Nacht gegen 1-3 Uhr auf meine Verantwortung benutzen. Merkwürdig, wie auf einmal die angeblich ,, meuternden" Menschen diszipliniert und freiwillig allen Anordnungen nachkamen. Mancher wird hier vielleicht die Frage aufwerfen, was heißt das schon ,, auf eigene Verantwortung"! Nun im KZ. 37 ist eben alles anders. Im normalen Leben ist es eine selbstverständliche Pflicht, seinen nächstbefindlichen Menschen das allerprimitivste Recht zuzugestehen. Hier aber kann eine solch eigenmächtige Handlung den Tod bedeuten. Hinzu kommt noch, daß ich am Tag zuvor den ersten Lagerführer darauf aufmerksam gemacht hatte, daß doch die 10000 Menschen austreten müßten. Die Antwort war„solln in die Hosen scheißen, sind doch nicht Ihre Hosen, oder haben Sie gar Mitleid mit denen?“ Gegen nachts%4 Uhr wurde mir zugerufen„alles aus dem Barackenbereich, der ı. Lagerführer kommt“. Ob ich wollte oder nicht, ich mußte zum Schaden der noch nicht Abgefertigten meine Austrittsaktion abbrechen und dem Ausgang zueilen. Dort erwarteten mich neue Überraschungen.— Nach- dem die BV.-Kontrolleure und Blockältesten festgestellt hatten, daß es mir gelungen war, ohne größere Zwischen- fälle die Ruhe wiederherzustellen, hatten sie sich an den Haufen der von ihnen zusammengeschlagenen Juden her- angeschlichen, diese gepackt und auf den Appellplatz hinausgeschleift. Unter anderen auch den Juden, den ich zu seinem Bruder gebracht hatte. In ihnen wollten sie nun die Anführer der„Meuterei“ gefunden haben. Mein fast leidenschaftliches Eintreten gegen eine Auslieferung dieser Juden an die Lagerführung wurde von den Gang- stern Hans von Jäger, Lankau, Bowenschulte, Willwolt, um nur einige namentlich zu nennen, mit den Drohungen gegen mich beantwortet, ich sei ein Judenfreund, das hätten sie schon lange bemerkt, ich würde die„Meuterer“ in Schutz nehmen und sie würden das alles dem Lager- führer melden, damit er gleichfalls gegen mich Straf- maßnahmen treffen kann. Wer die Macht hat, hat das Recht, und so war es auch hier. Sie waren die Zuträger, Speichellecker und Zuhälter der Lagerführung, und ich mußte unter diesen Umständen das Feld räumen, ohne ihnen ihre Opfer entreißen zu können. Am nächsten Morgen sah ich die„Meuterer“ einer an 38 den anderen mit Achterfesseln zusammengeschlossen um eine starke Buche auf dem Appellplatz. SS-Blockführer meinten in ihrer sadistischen Freude, „die üben den Bärentanz“; dort habe ich die Unglück- lichen das letzte Mal gesehen, sie sollen darauf in den Arrest gekommen sein. Wahrscheinlich sind sie anschlie- Bend über den Rost gegangen, ein gefühlloser, aber hier absolut geläufiger Ausdruck. 39 Die alte Küche Stelle dir eine mittelgroße Bretterbude vor. Stückweise betoniert. Eine stillgelegte Wasserleitung läuft hindurch und einige Waschbecken, in denen früher die Kartoffeln und anderes gesäubert wurden, gibt es da. Auf diesen naẞkalten Betonboden, in den vermoderten Ecken, überall lagen kreuz und quer, ja sogar übereinander, gefesselte Menschen. Der eine war mit Stricken, der andere mit Draht, der nächste mit Seilen aus Lumpen gefesselt. Viele von ihnen hatten Schaum vorm Mund, andere stierten schreckenerregend und abweisend jeden Ankömmling entgegen. Einer rief wiederholt: ,, Minna, du sollst mir sofort das Essen bringen, aber sofort! Wo bleibst du bloß, Minna? Nun mach schon!" Einige waren mit allen Kräften tierisch keuchend daran, sich aus ihrer Fesselung zu befreien. Sie machten den Eindruck, daß sie uns nach Erreichung ihres Zieles sofort anspringen und umbringen wollten. Einer, der nicht mehr auf die Füße kam, von uns unbemerkt herangekrochen und machte plötzlich den Versuch, uns in die Beine zu beißen und zu Fall zu bringen. Ich fragte einen jüdischen Arzt, der als Gefangner die Aufsicht hatte, was das für Menschen wären. Kurz und lakonisch war seine Antwort: ,, Denen sind die Nerven durchgegangen!" Also übergeschnappt. Verrückt! Ist das ein Wunder? Nein, in dieser furchtbaren Atmosphäre bleibt so etwas nicht aus. Vorgestern waren sie Familienväter, Abteilungsleiter, Unternehmer und vieles andere. Gestern waren sie unter den ungewöhnlichsten Verhältnissen Gefangne. Und heute waren sie war - 40 40 schon geistesabwesend, wahnsinnig! So schnell wandeln sich die Verhältnisse der Menschen, so schnell vollzieht sich der Sturz ins Nichts! Von ihnen dürfte keiner mehr unter den Lebenden sein. Sie sind sicher alle den Weg nach dem Krematorium gegangen, denn in diesen Monaten stieg die Zahl der Toten pro Monat auf 600. 41 Die Suche nach Namenlosen Sämtliche Blockältesten sofort zum Tor! Alle Häftlinge, die sich zur selben Zeit auf den Lagerstraßen befinden, sind verpflichtet, diesen Ruf weiterzugeben. Und so hört man im ganzen Lager, aus allen Ecken, denselben Ruf. Der Rapportführer schnauft jeden wütend an, der einige Sekunden nach dem großen Haupttrupp angerannt. kommt. Nun, und einer ist halt immer der Letzte. - Jetzt ist es soweit. Der Lagerälteste kommandiert: ,, Stillgestanden! Die Augen links!" Er meldet: ,, Sämtliche Blockältesten angetreten!" Rapportführer: ,, Hat lange genug gedauert, bis dieser Sauhaufen endlich zusammen ist. Wenn es euch zu gut geht, braucht ihr's nur zu sagen. Es macht mir gar nichts aus, euch mal den Arsch vollhauen zu lassen oder diesen ganzen Haufen im Steinbruch an die Loren zu stecken. Habt ihr verstanden?" Antwort: ein vielstimmiges ,, Jawohl"! Die Moralpredigt ist vorüber, wir erhalten neue Anweisungen über besseren Bettenbau, Sauberkeit, Disziplin, Aufmarsch zum Appell usw. Rapportführer:„ Und morgen kommt eine Besichtigung, wehe dem Blockältesten, der mit seinem Block auffällt. Dieser Vogel ist reif, dann ist der Arsch restlos ab! Verstanden?!“ ,, Jawohl!" Zum Lagerältesten: Lassen Sie wegtreten! Halt!" 4 Blockälteste werden mit dem Lagerältesten, unter denen auch ich mich befinde, zurückgehalten. Wir sehen uns gegenseitig an und fragen uns: was hat er vor? Die an42 deren verschwinden hinter den ersten Blockbaracken. Trau schau wem! In der Nähe steht ein Jude in Zivil. Also einer aus den Baracken 1a- 5a. Gleich daneben ein BV.- Häftling, ein Leichenträger und Leichenwäscher. Im selben Augenblick werden wir fünf und diese zwei zum Tor herausgerufen. Der Rapportführer geht uns voraus. Wir folgen ihm schweigsam, aber voller Spannung. Am Raubtiervogelgehege, bei den Affen vorbei, zwischen Bärenzwinger und Hirschboxen, geht es in die Richtung zum Schwanen- und Ententeich. Wie schön ist die Natur, ein herrlicher Herbsttag. Die Tiere tummeln sich und machen einen gutgepflegten, gutgenährten Eindruck. Ja, die Tiere sind die Lieblinge des Kommandanten und sind sehr wertvoll. Die Kosten ihrer Erhaltung und Pflege spielen keine Rolle. Auf einmal heißt es ,, halt"! Wir stehen vor einer mittelgroßen Bretterbude am Schwanenteich, ungefähr so groß wie eine Wohnung mit 2 Räumen. Der Jude muẞ an der Seite warten. ,, Und ihr kommt mit mir!" sagt der Rapportführer. Er macht die Tür auf und gibt uns durch Kopfbewegung zu verstehen, daß wir hineingehen sollen. Aber, o Schreck, was ist das? Innen im Raum, quer vor der Eingangstür liegen mehrere Leichen neben- und übereinander. Ein grausiger Anblick! Wir sind wie gelähmt und bleiben auf der Stelle stehen. Über das Gesicht des Rapportführers gleiten einige ironische, sadistisch- befriedigte Züge. Er ergötzt sich an unserem Überraschtsein. Nachdem keiner recht beginnen will, lautet sein Befehl: , Macht euch erst mal etwas Platz! Schafft diese Figuren in den hinteren Raum." Dieser schien ein primitiv eingerichteter Sezierraum zu sein. Keiner wollte anfassen, aber wir müssen. Dem BV.er als Leichenträger war diese Arbeit keinesfalls neu, und er begann kurz entschlossen als erster mit der Aufräumungsarbeit. Zu jedem Leichnam gehörte ein Zettel mit seinem Namen darauf, der entweder mit Schnur am Zeh oder Finger befestigt war, " 45 oder auch lose auf dem Leib lag. Der Leichenträger ging ziemlich robust mit diesen Toten um, wobei die Namen entweder herunterfielen oder abgerissen wurden. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß er die Zettel verwechselte, also auf einen anderen Toten gelegt hat, meinte er ganz ruhig und gelassen: ,, das ist nicht so wichtig, die werden sowieso alle verbrannt." z. T. Schlecht ist es, wenn einem diese Arbeit ungewohnt ist. Wie kalt und schlaff diese toten Körper sind. Diese Arbeit war erledigt, die Leichen waren übereinandergestapelt und wir hatten jetzt Platz, um stehen und uns etwas bewegen zu können. Vor uns und links vom Türeingang stehen sargähnliche schwarz angestrichene Holzkisten, zu viert übereinander, mit den Fußbzw. Kopfenden nach der Mitte des Raumes gerichtet. Von den 19 aufgestapelten Kästen stand auf 6 am Kopfende mit Kreide groß geschrieben ,, Namenlos". Uns wurde sofort klar, daß darin ebenfalls schon Leichen lagen. Rapportführer: ,, So, die Kästen, auf denen, Namenlos' steht, werden heraussortiert und aufgeschraubt, sowie herausgesetzt." Dies war in dem kleinen Raum keine leichte Arbeit. Aber sie wurde durchgeführt. Als wir sie alle vor die Tür gestellt hatten, wurde der Jude herangerufen und der Deckel vom ersten abgehoben. Rapportführer: ,, Wenn Sie eine dieser Figuren wiedererkennen, oder Ihren Bruder dabei finden, müssen Sie sofort Bescheid sagen." ,, Jawohl" war die Antwort. Im ersten lag ein Leichnam, dessen noch offene aber gebrochene Augen uns anstarrten. Der Jude machte eine verneinende Kopfbewegung und der Deckel wurde wieder aufgeschraubt. ,, Der Nächste" rief der Rapportführer.— Und so wurden alle 6 geöffnet und wieder geschlossen. Der Jude kannte keinen! Rapportführer: ,, Ja, wo soll denn bloß dieser Kerl sein? Wenn wir durchrufen, meldet er sich nicht, zu sehen ist 46 er auch nicht, könnte er höchstens noch ins Scheißhaus gefallen sein." Zu dem Juden gerichtet: ,, Das sage ich Ihnen schon heute, wenn der nochmals wo auftauchen sollte, dann Gnade ihm, dann werde ich dafür sorgen, daß er am längsten gelebt hat." Einer der Toten hatte das rechte Auge noch zur Hälfte offen. Sein Gesicht hatte einen verächtlichen Ausdruck und mir war, als wollte er uns jetzt noch verspotten. Die anderen waren mehr oder weniger entstellt. Wir brachten die Särge wieder hinein und stapelten sie übereinander auf. Rapportführer: ,, Ihr könnt abrücken." Er selbst führte den Juden ins Lager nach den Baracken I a bis 5 a. Noch einmal schaute ich auf diese kleine Bretterbude zurück. Und die Gedanken schossen durch den Kopf: wenn du im Lager kaputt gehst, werden sie auch deinen Körper dahin schleifen und dich aufstapeln. Wie scheuẞlich. Fünfundzwanzig in einem kleinen Raum! Jetzt stehen wir am Schwanenteich. Ich versuche, das soeben Erlebte abzuschütteln und konzentriere mich auf die Schönheiten der Natur. Gravitätisch und stolz durchgleiten die Schwäne das Wasser. Es sind auch australische Schwäne unter den bekannten weißen, sie sind schwarz mit einem roten Schnabel. Die Enten liegen in der Sonne, ein Teil davon rudert im Wasser, taucht wiederholt und sucht Futter. Ein Idyll vom friedlichen Leben. Wir gehen weiter. Vor uns befindet sich der Bärenzwinger. Bis auf die Tatsache des Gefangenseins, leben die Tiere ganz natürlich. Trotz der Überfülle wichtigster Arbeiten zur notdürftigsten Unterbringung der Menschen mußten im Frühjahr Häftlinge im Caracho eine der Natur angepaẞte Bärenbehausung bauen. Da mußten große Brocken von Steinen transportiert werden, da wurde nicht nur Schweiß, sondern auch Blut geschwitzt. Wäre der Hirsch gegenüber dem Bärenzwinger nicht durch eine sehr stabile Umzäunung von uns getrennt, er würde uns bestimmt aufspießen. Vielleicht haßt er auch 47 48 schon das Subjekt Mensch. Die Wildschweine und noch verschiedene andere Tiere schauten wir uns an. Das ist der Zoologische Garten von Buchenwald. Der Erbauer nennt sich Karl Koch, SS- Standartenführer. Ja, er liebt die Tiere. Die Tiere haben es tatsächlich sehr schön in Buchenwald! Aber 2 Minuten davon leben Menschen, nicht weil sie wollen, sondern müssen. Zu Hunderten sterben sie dahin an Kollaps, Bauchtyphus, Ruhr, Unterernährung usw. Sie werden gehetzt, geschlagen, gemordet. Wer nicht an Krankheit stirbt, aber nach Gutdünken eines kleinen SSMannes verschwinden muß, wird über die Postenkette getrieben und erschossen. Es sind Menschen, die für ihre politische Überzeugung alles geopfert haben, die von ihren Frauen und Kindern weggerissen wurden. Sie gaben ihre Freiheit für das Ziel, die Menschheit vor Barbarei, Krieg und Elend zu schützen, sie einem menschenwürdigen Leben zuzuführen. Heute sind sie in Buchenwald! Ihr unersättlicher, blutgieriger Gegner verlangt von ihnen noch mehr, das Letzte, das Leben! Ja, Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen. Buchenwald, das Paradies der Tiere! Buchenwald, Hölle und Tod der Menschen! Und ihr wollt Arbeiter sein!? 1938 gab es im Lager außerordentlich viel Arbeit. Danach war auch die Arbeitszeit! Um 3.45 Uhr wurde aufgestanden, 4.30 Uhr zum Appellplatz ausgerückt. 19 Uhr war Einrücken, anschließend Appell, danach Einnahme des warmen Essens. 20 Uhr bzw. 20.15 Uhr mußten die Häftlinge, die Nachtarbeit hatten, bereits wieder angetreten sein und arbeiteten dann im Lichte der Scheinwerfer meistens bis 24.00 Uhr, mitunter auch bis 1.00 Uhr nachts. Den nächsten Morgen mußten sie aber genau so früh wie die übrigen Häftlinge, also 3.45 Uhr, wieder aufstehen. Dies ging nicht nur eine Woche, sondern viele Wochen, ja Monate ohne Unterbrechung vor sich. Häftlinge in der Tischlerei mußten 1937 einmal 3 Tage und Nächte hintereinander, ohne zu schlafen, arbeiten. Erst als sie vor den Maschinen zusammenbrachen, durften sie schlafen gehen. Daß sich zu solchen Arbeiten niemand besonders drängelte und Häftlinge nach dem Abendappell wegen völliger Erschöpfung ins Krankenrevier aufgenommen werden mußten und somit zur Nachtarbeit nicht erscheinen konnten, ist selbstverständlich und kam oft vor. Da aber jedes Nachtarbeiterkommando in voller Stärke ausrücken mußte, entstand jedesmal die Frage: Wo die Ersatzleute. hernehmen. Die Berufsverbrecher, die zur damaligen Zeit die führenden Positionen im Lager inne hatten und sich bis auf wenige Ausnahmen als Büttel und Einpeitscher der Anordnungen der Lagerführung besonders tüchtig erwiesen, machten sich die Heranschaffung der Ersatzleute 4 Barthel, Ohne Erbarmen 49 sehr einfach. Sie gingen durch die Lagerstraßen zwischen den Blocks, trafen sie jemand mit einem ihnen unsympathischen Gesicht, faßten sie ihn und schleppten selbigen zur Nachtarbeit nach dem Appellplatz. Ob er wollte oder nicht, er mußte und wurde bei dem geringsten Widersetzen mit Prügel dazu getrieben. So versuchten sie es eines Abends im Frühjahr 1938 mit einem ,, Schwarzen". Die Bezeichnung ,, Schwarzer" hat weder mit der schwarzen Rasse noch mit seiner Hautfarbe etwas zu tun, sondern mit der schwarzen Markierung, die er als sogenannter„ Asozialer" tragen muß, genau wie die Berufsverbrecher auf Grund der grünen Markierung ,, Grüne", die Politischen ,, Rote" benannt werden. Dieser ,, Schwarze" war ein großer, kräftiger, schätzungsweise 40jähriger Mensch. Er machte einen selbstbewußten Eindruck und war auf alle Fälle nicht gewöhnt, sich wie ein Sklave oder wie ein Stück Vieh behandeln zu lassen. Und so mußte das eintreten, was in solchen Fällen zu erwarten war. Als ihn nämlich der Lagerälteste Richter mit Gewalt zwingen wollte, wehrte er sich und schlug ihm eine runter. Das war das Signal für die übrigen ,, Grünen". Sie scharten sich zusammen und schlugen alle auf ihn ein. Er wehrte sich aber wie ein Löwe. Erst, als er völlig erschöpft war, gab er den Widerstand auf. Jetzt jubelten die Bestien in Menschengestalt. Packten und schleiften ihn zum Appellplatz. Inzwischen war aber das Kommando vollzählig und rückte bereits zum Tor hinaus. Da holte sich der Berufsverbrecher, Lagerältester Richter, beim Lagerführer die Genehmigung, den ,, Widerspenstigen" als Strafe wegen Schlagens seines Vorge- Lagerältesten und Blockältesten einige Stunden ,, aufhängen" zu dürfen. Der Lagerführer gab sofort. sein Einverständnis, und der Arrestmeister Sommer lieferte ihnen die Leine zur Fesselung. setzten - - Zu dieser Zeit standen noch die dicken Buchen auf dem Appellplatz. An eine dieser Buchen wurde er gehängt. 50 Wieder wehrte er sich bis zum letzten, aber es waren zuviel Bestien, er konnte dagegen nicht aufkommen. Sie fesselten ihm die Hände auf dem Rücken und hängten ihn nach Buchenwaldart auf. Jetzt, nachdem ihm durch das Aufhängen an den Händen die Arme ausgekugelt waren und er keinen Boden mehr unter den Füßen hatte, sondern in der Luft hing, schlugen die BV.er Richter, Dürrbecker, Hennicke, Osterloh und leider auch einer mit roter Markierung namens Mohr mit dicken Knüppeln auf seinen Unterleib und seine Beine ein. Selbst dem damaligen Rapportführer Stribbelder sonst solche Dinge befürwortete war dies zuviel, er - rief herunter, sie sollten es nun gut sein lassen. - Aber diese Häftlingsbestien waren mitten in ihrem Blutrausch ob sie die Warnung zum Aufhören bewußt oder unbewußt überhört haben, ist schwer zu sagen sie schlugen mit voller Kraft weiter auf ihr Opfer ein. Als der gehängte ,, Schwarze" das Schwinden seiner letzten Kräfte verspürte, schaute er sie alle noch einmal fast mitleidig an und rief ihnen laut und klar zu:„ Und ihr wollt Arbeiter sein? Pfui!" Seine Augen quollen aus den Höhlen, der Glanz erlosch er war tot! - Sie hatten ihn in diesem Zustand, aufgehängt am Baum, regelrecht totgeschlagen.- Einige Zeit darauf wurde er losgebunden und nach der Leichenbretterbude zur späteren Verbrennung gebracht. Todesursache lautete: ,, Herzschlag"! Der Fall ist erledigt. Richtlinie der verantwortlichen Leitung des Lagers ist: ,, Die Häftlinge sollen sich nach Möglichkeit selbst, auffressen. Soweit sie sich gegenseitig fertig machen und totschlagen, brauchen wir es nicht zu tun, ersparen sie uns die Arbeit." Leider fanden sich in der Gefangenschaft unter den Lebensbedingungen der KZ. immer wieder kurzsichtige, egoistische und verbrecherische Subjekte, die sich für diese Bestialitäten brauchen ließen. 51 Der Traum vom Kranksein Als ich am 28. Oktober 1933 in Breslau in die Polizeizelle Nr. 43 eingeliefert wurde, war mein erstes, mir meine neue Behausung genauestens zu beschauen. Nach 7 stündiger harter Vernehmung, begleitet von starken Mißhandlungen, hatte ich mich mit dem Gedanken vertraut gemacht, mit einer langen Gefangenschaft rechnen zu müssen. Mir war klar, daß ich jetzt auf Jahre hinaus, vielleicht auch für immer, lebendig begraben sein würde. So ging ich mit Ruhe, Gelassenheit, jedoch auch mit Zuversicht an die Besichtigung meiner Zelle. Neben unangenehmen Inschriften an der Wand wie„, 7 Jahre Zuchthaus wegen Lustmord! Auf nach Wohlau!" fand ich auch zwei, die mir besonders gefielen. Die erste lautete: ,, Humor ist die lächelnde Überwindung des Lebens." Die zweite: ,, Ein Optimist siegt immer! Immer!" Diese zwei Inschriften kamen mir in Erinnerung, als sich 1937 bei uns folgender Fall ereignete: Meldete sich ein Häftling zum Arzt, mußte er sich vorher einer Besichtigung durch den Lagerführer, Hauptsturmführer Weißenborn, unterziehen. Dies hatte den Zweck, Häftlinge, die noch irgendeine Arbeit leisten konnten soweit ein Mensch dies dem äußeren Aussehen vom Lagerführer nach überhaupt beurteilen konnte - wieder zu ihrem Arbeitskommando jagen zu lassen. Hier traf ungefähr zu, daß derjenige, der nicht mit seinem Kopf unter dem Arm ankam, nicht zum Arzt zugelassen wurde. 52 Ein Bibelforscher, der auf Grund seines starken Asth BERE mas und allgemeiner körperlichen Schwäche schon mehrmals versucht hatte, dem Arzt vorgestellt zu werden, wurde jedesmal zurückgewiesen. Lange grübelte er nach einem Ausweg. Der Winter 1937/38 war sehr kalt. Der Schnee knirschte, wenn die Häftlinge blockweise zum Appellplatz marschierten. Nach Beendigung des Appells, als sich die Arbeitskommandos formierten, erklang der Ruf: ,, Arztvormelder antreten!" Unter diesen befand sich auch der bereits erwähnte Bibelforscher. Siegesbewußt stellte er sich in die Reihe der Arztvormelder. ,, Diesmal schaffe ich es, heute wird er mich nicht davonjagen", murmelte er für sich hin. Zwei Drittel der Gemeldeten waren von Weißenborn bereits für gesund erklärt und unter Ohrfeigen und Fußtritten zu ihrem Kommando zurückgeschickt worden. Jetzt kam der Bibelforscher an die Reihe. ,, Na, und du Himmelfahrtskomiker, was ist mit dir los?" ,, Herr Hauptsturmführer, ich habe sehr stark Asthma und bin körperlich vollkommen herunter, ich bin außerstande, noch zu arbeiten. Diese Nacht hatte ich 39,5 Fieber."/ ,, Was, bei dieser herrlichen Buchenwaldluft willst du körperlich runtergekommen sein? Du schiebst eine ganz schöne Kugel. Wenn es mir nach ginge, müßte jeder einzelne noch täglich 10 Mk. für die gesunde Höhenluft als Pension zahlen!" ,, Herr Hauptsturmführer, darf ich Ihnen noch etwas mitteilen?" ,, Dann rede schon, du alter Mistvogel, aber fasse dich kurz!" ,, Herr Hauptsturmführer, ich habe diese Nacht von Ihnen geträumt!" " , Was kannst du Jehovaheini schon von mir geträumt haben? Erzähl!" 53 ,, Ich habe geträumt, daß Sie mir sagten: ‚ Dies sieht ja jeder Mensch auf den ersten Augenblick, der eine kleine Ahnung von Krankheiten hat, daß du schwer krank bist. Mach dich sofort zum Arzt!"" - ,, So, und du willst mir also weismachen, daß du das wirklich geträumt hast? Warte mal!" Im Moment war er über so viel Kühnheit eines Häftlings tatsächlich überrascht. So etwas war ihm in seiner ganzen bisherigen Praxis noch nicht vorgekommen. Er überlegte wahrscheinlich, ob er den Bibelforscher nicht gleich als erste Rate 25 Stockschläge verpassen sollte. Seine Stirne voller Zornesfalten, seine Augen funkelten, und seine beiden Hände vergrub er noch tiefer in die Manteltaschen. Die herumstehenden Scharführer, sowie der Rapportführer waren gespannt, was der ,, Alte" wohl tun würde. Auf einmal zuckten seine Lippen, und ein sadistisches Lächeln huschte über sein Gesicht. Sein Entschluß war gefaßt. Es war ein teuflischer Entschluß! ,, Sag mal, was denkst du wohl, wenn ich dir jetzt sage, daß auch ich von dir diese Nacht geträumt habe?" ,, Hoffentlich etwas Gutes, Herr Hauptsturmführer." ,, Ja, und was meinst du denn, was ich geträumt habe?" ,, Ich weiß es nicht, Herr Hauptsturmführer!" ,, Dann will ich dir's sagen. Als der ganze Appellplatz leer war, drehte ich mich noch einmal um und sah dich hier auf dieser Stelle sitzen, mit gefalteten Händen. Du wolltest so lange beten zu deinem Jehova, bis er dich wieder gesund gemacht hat! Vielleicht sitzt du schon, du krummbeiniger Himmelsgucker! Das merke dir, wenn hier im Lager Träume zutreffen, dann sind es meine, und nicht deine! So, und wenn ich heute abend wieder hierher komme, will ich dich noch sitzen sehen, und dann kannst du mir wieder erzählen, was du geträumt hast. Ich hoffe, daß dir dann das Träumen vergangen ist, und du ein- für allemal ausgeträumt hast. So, und jetzt bleibst du sitzen und versuche nur nicht aufzustehen, dann erlebst du bestimmt ein Wunder!" 54 - Viele Stunden waren vergangen. Von den Fenstern der Häftlingsbaracken hatten wir wiederholt nachgesehen, was wohl der Bibelforscher machen würde. Aber immer wieder mußten wir feststellen, der sitzt eisern, der rührt sich nicht von der Stelle. 25° Kälte. Gegen Abend zog die Temperatur noch weiter an. Ein feiner, eiskalter Wind wirbelte die Millionen kleiner Eiskristalle hoch und ließ sie auf die Haut der Menschen niederregnen, daß es schmerzte. Nur eine Stunde bei diesem Wetter im Freien, und jeder sehnte sich wieder nach dem Schutz einer Behausung. Und der Bibelforscher saß nun schon viele, viele Stunden, fast den ganzen Tag, durfte nicht aufstehen, keinerlei Bewegungen machen. Wie mußte ihm zumute sein? - Feierabend Arbeitsschluß! Die Häftlinge rückten kommandoweise zum Tor herein. Trotzdem sie im Laufschritt den Appellplatz passieren mußten, schauten sie alle zu dem sitzenden Häftling hinüber. Jetzt wurde blockweise auf den Appellplatz gerückt. Hauptsturmführer Weißenborn kam soeben zum Tor ins Lager herein. Er schritt geradewegs auf den Sitzenden zu. Als er vor ihm stand, fragte er diesen: ,, Hast du jetzt ausgeträumt? Oder wirst du diese Nacht wieder von mir träumen?- Gib schon Antwort!" Lachend schaute er sich zu seinen Begleitern um, die aus Blockführern und dem ersten Rapportführer bestanden. - Jedoch der Sitzende gab keine Antwort er schwieg! ,, Na, du willst wohl nicht, was?" Bei dieser Frage versetzte er dem Häftling einen Fußtritt. Aber ohne einen Laut von sich zu geben, fiel der Körper des Sitzenden nach der anderen Seite in den Schnee. Er schwieg und wird auch weiter schweigen. Nach näherer Betrachtung erklärte der Rapportführer dem Lagerführer: ,, Der gibt keinen Ton mehr von sich, der ist verreckt!" ,, Ich habe es doch gleich gesagt, heute abend hat er aus57 geträumt. Laß ihn wegbringen, hier ist er uns nur noch im Wege. Ruft die Leichenträger!“ Der Häftling war tot! Erfroren! Mit humorvollen Einfällen wollte er sein Leben erhalten und verlängern. Und das war das Ende. „Humor ist die lächelnde Überwindung des Lebens!“ Einundzwanzig! Am 8. November findet alljährlich die Zusammenkunft der„alten Nazi“ im Bürgerbräukeller von München statt. Hitler hält dann meist eine lange Rede. In diesem Jahr, 1944, fiel beides aus, die Rede und die Zusammen- kunft. Die Begründung in den Zeitungen war, daß der Führer jetzt wichtigere Dinge zu tun habe als zu reden. Andere behaupten, Hitler hätte es die Sprache verschla- gen. Mag es sein, wie es will! Der 8. November 1939 wurde jedoch noch in der vor- gesehenen Form gefeiert. Radio und Zeitung berichteten am 9. November 1939 in sensationeller Aufmachung, daß wenige Minuten nach Beendigung der Rede Hitlers vor seinen alten„PG.s‘“ unter dem Rednerpult eine Höllen- maschine losgegangen sei. Wie man wissen wollte, sei dies ein Anschlag des englischen Spionagedienstes auf Hitler gewesen. Es soll auch ein Engländer als Attentäter verhaftet worden sein, über den später nie wieder etwas gehört wurde. Diese Dinge sind allgemein bekannt und bedürfen keiner ausführlichen Erwähnung. Aber wie wirkte sich dieses Ereignis auf unser Lager aus? Als in der frühen Morgenstunde am 9. November 1939 zwischen 4 und 5 Uhr die Blockältesten zur Schreib- stube die Appellstärke meldeten, war das Geschehene den deutschen Radiomeldungen entsprechend bekannt. Eine unheimliche Atmosphäre lag über dem Lager. Jeder er- fahrene Konzentrationär rechnete damit, daß sich dieses Ereignis, wie alle vorhergehenden politischen Geschehnisse irgendwie auf das Lager auswirken würde. 9 Ja, aber wie? Schon einige Stunden später wußten wir es. Der verrufene, gefürchtete Hauptscharführer Blank war in Begleitung des Scharführers Hettig ins Lager gekommen. Ihr Weg galt direkt der Strafkompanie. Auf besonderen Befehl des Standartenführers Koch befanden sich alle sogenannten ,, Rassenschänder" aktenmäßig in der Strafkompanie. Alle Juden mußten sofort vor dem Block antreten. Nach den Fragen:" Woher?" ,, Wie alt?" ließ Blank ca. 10 Juden zur Seite stellen. Auch meinen Freund Rolf Baumann fragte er. Mit zackiger, strammer Haltung trat er vor Blank. Auge in Auge. Mit einem sympathischen, mehr ernsten Lächeln beantwortete er die Fragen. ,, Woher" mit ,, Berlin" und ,, Wie alt" mit ,, 24 Jahre". Blank hatte schon das Zeichen gegeben, daß er ebenfalls zur Seite treten solle, als er ihn im selben Moment wieder zurückrief. ,, Berliner bist du?" ,, Jawohl, Berliner bin ick, Herr Hauptscharführer!" ,, Bleib mal hier, geh wieder zum großen Haufen!" Rolf trat mit einem lauten, kurzen ,, Jawohl" zurück. Was hatte wohl Blank veranlaßt, Rolf zurückzuschikken? War es sein sympathisches Äußere oder sein schneidiges Auftreten? Wir wissen es nicht. Bemerkenswert ist jedoch noch, daß Rolf gar kein Jude war, sondern der Söhn einer arischen Frau, die ihn unmittelbar nach der Geburt ihrer jüdischen Freundin namens Baumann, natürlich mit deren Einverständnis, untergeschoben, übereignet hatte. Trotz aller Gesuche, Schreiben an das Rassepolitische Amt Berlin, hat diese Rabenmutter, eine Postsekretärin in Berlin, bis heute meinen Freund Rolf als uneheliches Kind geboren zu haben, bestritten. Dies wahrscheinlich aus Angst um ihre Position. Und nun war er als ,, Rassenschänder" unter erschwerten Bedingungen hier in der Strafkompanie. 60 Die herausgesuchten Juden mußten zum Tor hinauf. Blank und Hettig begaben sich nach Block 16 und 17. Dort wiederholte sich dasselbe wie vor der Strafkompanie. Vom Block 17 fiel auch die Wahl auf meinen Freund Hermann Rautenberg, einen sogen. Halbjuden. Ein schöner, junger, blühender Mensch! Auch ein Berliner. Auf Grund seiner engen Freundschaft mit Kurt Eisner, dem Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten der bayrischen Räterepublik 1919, wurde ,, Raute" aus dem Block 23 nach 17 verlegt. Die restlich Ausgesuchten wurden von den beiden SSSchergen ebenfalls zum Tor gebracht. Auf dem Wege dahin trafen sie einen aus dem Revier kommenden ahnungslosen, jüngeren Juden. Ohne ihn groß zu fragen, wurde er aus einer Laune Blanks mit zum Tor genommen. Die Zahl hatte sich nunmehr auf 21 erhöht. Zwei SSBlockführer beaufsichtigten sie. Wegen nicht geputzter Schuhe und anderen Nichtigkeiten rempelten und verhöhnte die SS unsere 21. ,, Zu einem solchen Feiertag konntet ihr eure Drecklatschen auch putzen!" Nach ungefähr zwei Stunden Wartens in der Kälte lautete das Kommando: ,, Rechts um! Ohne Tritt gleich links schwenkt marsch!“ Es ging zum Tor hinaus in Richtung Steinbruch. Noch einmal sahen wir sie marschieren, und danach nie wieder! Ahnten sie, daß dies ihr letzter Weg war? Konnten sie sich denken, daß sie schon nach einer Stunde zusammengeschossene, leblose Körper waren? Ich weiß es nicht! Mit einem mir näher bekannten Blockältesten ging ich nach Block 36, 1. Etage, zum C- Flügel. Wenn auch der dazwischen liegende Wald uns die Sicht zum Steinbruch versperrte, schauten wir doch suchenden Blickes, jeder seinen eigenen Gedanken nachgehend, in die Richtung, in der die 21 verschwunden waren. Stille war's. Nur ein leises Rauschen des gegenüberliegenden Waldes. Der SS- Posten auf dem Wachturm 61 außerhalb des elektrisch geladenen Drahtzaunes ging gelangweilt seine 3 Schritt vor- und 3 Schritt rückwärts. Auf einmal stutzte er. Auch wir horchten auf! War dies nicht ein Schuß? Noch mitten im Nachdenken fiel ein zweiter, ein dritter in weiter Ferne. Von den nachfolgenden klangen manche hohl und bei einigen war ein mehrfacher Widerhall zu hören. 47 haben wir gezählt! Was spielte sich da drüben ab, welche furchtbaren Szenen? 21 Menschen! Veranstaltete man vielleicht mit ihnen eine Hasenjagd? Sie waren in den Steinbruch geführt worden. Hatten vom oberen Rand aus den Befehl bekommen, einen groBen Stein aufzunehmen und nach der Rampe zu tragen. Als sie sich auf halbem Wege mit ihrer schweren Last der Rampe näherten, krachten auf einmal Schüsse. Sie ließen die Steine fallen und suchten Deckung im großen Loch des Steinbruchs. Nichts half. Die Schüsse krachten von allen Seiten. Von rechts, von links, von hinten, von vorn, wohin sie auch sprangen, überall pfiffen die Kugeln und wirbelten den Muschelkalk vor ihnen auf, bis einer der Schüsse sie zur Strecke brachte. Einige riefen den Schützen noch ,, Mörder" ,,, Bluthunde" entgegen, und dann war alles ruhig. Verstreut lagen die 21 im Gelände des Steinbruchs. Das Blut floß aus ihren Körpern in kleinen Pfützen zusammen. Viele zeigten Kopfschüsse und waren entsetzlich entstellt. Manche waren schwer verletzt und lagen stöhnend mit verkrampften Gliedern auf der kalten Erde. Konnten sie noch hoffen? Aus allen Ecken, Winkeln und Verstecks kamen die Mörder hervorgekrochen. ,, Das hatte mal wieder geklappt!" Für jeden Kopf 10 Mk. Heute konnten sie wieder ein Gelage geben. Sie kontrollierten ihre Opfer. Diejenigen, die nicht tödlich getroffen waren, erhielten aus nächster Nähe den Fangschuß! Jetzt stand noch eine Arbeit bevor. Die Erschossenen mußten in das bereitgestellte Auto verladen werden. Die 62 Mörder packten und schleiften sie heran; warfen die noch warmen blutenden Körper kreuz und quer auf den Lastwagen, mit einer Plane zugedeckt. Die Fahrt ging zur Leichenbretterbude vor dem Lager. Beim Abladen war es wohl Scharführer Jähnisch übel geworden. Er lehnte abseits gegen einen Baum, während die anderen Schützen Hettig, Stribbel usw. ihre Henkerarbeit vollendeten. Jede Leiche wurde formell seziert und den Angehörigen als Todesursache mitgeteilt: ,, Auf der Flucht erschossen!" Alle übrigen Juden im Lager mußten 6 Tage zusammengepfercht in verdunkelten Blocks, ohne etwas zu essen, sitzen. Massenarrest! Der damalige verantwortliche Lagerführer Hüttig, bekannt als der ,, Soldatenmaxe", der diesen Mord angeordnet hatte, rühmte sich und war stolz auf seine erneute vaterländische Tat! Dies war der 9. November 1939! 63 Die Nachttischlampe In einem KZ.- Lager gibt es oft absonderliche Dinge. Dinge, für die man in der Freiheit gar kein Vorstellungsvermögen aufbringt. So haben wir hier eine ganze Reihe von Markierungen, die sicherlich in erster Linie geschaffen wurden, um die Masse der Häftlinge nicht zu einer geschlossenen Einheit zusammenwachsen zu lassen, sondern um sie zu differenzieren. Schaffung von Gegensätzen, Ausspielen der einen Markierung gegen die andere, sie dauernd in Spannung halten, sie nicht zur Ruhe kommen lassen, das ist die Parole der Verantwortlichen. Es gibt Zeiten, in denen eine Markierung mit Hilfe der Lagerführung oder deren stillschweigenden Zustimmung die andere mit den brutalsten Mitteln bekämpft, in einem solchen Maße, daß man fast glauben könnte, eine restlose Liquidation ist nicht mehr zu verhindern! So haben z. B. die BV.er in Mauthausen die Spanienkämpfer, also rote, politische Häftlinge, zu Hunderten in den Tod getrieben. Auch bei uns haben die BV.er unter Führung einiger besonders egoistischer, intelligenter Oberverbrecher, ich denke dabei an Richter, Ohles, Kreuels, Engelhardt, nichts unversucht gelassen, die Macht restlos an sich zu reißen und die führenden Politischen physisch auszurotten. Dies war und ist ein ständiger Kampf auf Leben und Tod! Nicht nur die, die uns der Freiheit beraubt haben, uns unter den menschenunwürdigsten Zuständen dahinvegetieren lassen, sind unsere Feinde, nein, auch viele unter den Häftlingen trachten nach unserem Leben. Dies ist 64 eine Nervenbelastung, die schon manches Menschenleben aus seiner Bahn geschleudert hat. Jedoch 1939-40 erlebten wir hier eine Aktion, die ganz von den bisherigen abwich. Ein SS- Arzt, Wagner, war hier auf den Plan getreten. Eines Tages wurden sämtliche Häftlinge mit Tätowierungen zu ihm in den Häftlingskrankenbau bestellt. Er besichtigte und befragte sie nach dem Grund ihrer Tätowierungen. Besonders schöne wurden fotografiert. Die Personalien genau notiert. Dies alles sollte angeblich die Grundlage zu einer Doktorarbeit des SS- Arztes Wagner darstellen. Natürlich waren diese Arbeiten auch ein Diskussionsthema der SS- Führer und deren Frauen. Die Frauen hörten im Laufe der Unterhaltungen und sahen es dann auch auf den Fotografien, daß es im Lager Häftlinge gab, die wahre Kunstarbeiten auf ihrem Körper spazieren trugen. Auch besondere Originalitäten reizten sie sehr. Und so wurde bei einigen, insbesondere bei Frau Koch, der Frau des Lagerkommandanten SS- Standartenführer Koch, der Wunsch geweckt, so etwas ihr eigen zu nennen. Sie konnte sich nun einmal nicht damit abfinden, daß andere etwas aufzuweisen hatten, was sie nicht besaß. Nicht etwa, daß sie eventuell auf die absurde Idee gekommen wäre, sich ebenfalls tätowieren zu lassen, nein, da müßte es noch andere Wege geben. Schließlich fand man auch diese Wege! - 1940 an einem herrlichen, sonnigen Tage ertönte auf einmal durch die Lautsprecher aller Blocks der Ruf: ,, Nr. 3914, Jupp Collinet, hat sich sofort beim Lagerarzt zu melden." Zur damaligen Zeit war ich Blockältester von Block 45, dessen Belegschaft nur aus BV.ern, also aus ,, Grünen", bestand. Ich selbst war der einzige Politische. Dieser Belegschaft gehörte auch Joseph Collinet an, er war bei mir im Stubendienst. Dadurch hatte ich Gelegenheit, ihn näher kennenzulernen. Er war ein großer, stattlicher, sehr kräftiger Mensch, stammte aus Aachen und besaß mehrere Bordelle. Die offizielle Besitzerin war 5 Barthel, Ohne Erbarmen 65 allerdings seine Braut, die im Dritten Reich noch 2 davon in Betrieb hielt. Ein Auge verlor er seinem Erzählen nach bei einer Messerstecherei. Davon stammten auch einige Narben und genähte Stellen an seinem Körper. Auf Grund seiner außergewöhnlichen Körperkraft war er in seinem ganzen Bezirk bei der Polizei sehr gefürchtet. Unangenehm war für ihn, daß ausgerechnet ein Polizist aus dem Gebiet Aachen- Köln hier im Lager als Kriminalsekretär der politischen Abteilung fungierte. Dieser kannte Collinet ebenfalls von draußen, kannte seine Umgebung und seine Frauen. Er war es, der ihn im Krankenbau gemeinsam mit Dr. Hooven vernahm und veranlaßte, daß das Kesseltreiben sofort gegen ihn aufgenommen wurde. Die Folge davon war, daß Collinet auf Befehl der Lagerführung in die Strafkompanie und damit in den Steinbruch versetzt wurde. Lederschuhe mußte er abgeben, sie wurden ersetzt durch schwerste Holzschuhe, damit er so schnell wie möglich wunde Füße bekommen sollte. Da er trotz seiner zweifelhaften und nicht gerade einwandfreien Vergangenheit hier im Lager ein sehr guter Kamerad war, wurde er von vielen unterstützt und auch illegal verbunden. Vollkommen klar war, daß ein Aufsuchen des Krankenreviers durch ihn von Dr. Hooven sofort dazu benutzt worden wäre, ihn aufzunehmen, was dann bestimmt seinen Tod bedeutet hätte. Erst als seine Wunden immer größer wurden und Dr. Hooven gerade in Urlaub war, hatte ihn der Revierkapo Walter Krämer als Kranken aufgenommen. Walter Krämer erzählte mir später über die weitere Entwicklung des Falles Collinet folgendes: ,, Als Dr. Hooven vom Urlaub zurückkehrte, verschwieg ich ihm die Aufnahme Collinets. Mit dem Wiedererscheinen des Doktors hatte ich Collinet zu verstehen gegeben, daß es an der Zeit sei, hier zu verschwinden, wenn er auch noch nicht ausgeheilt sei. Entweder verstand er mich nicht oder begriff nicht die Schwere seiner Situation. Er blieb trotz meiner Warnung im Krankenbau. Am 3. Tage 66 inspizierte Hooven mit mir die Säle, so daß er Collinet sah und mir sofort Vorwürfe machte, daß ich ihm keinen Bericht davon erstattet hätte. Ich benutzte die Ausrede, daß es doch nicht zu besonderen Vorkommnissen gehöre, wenn irgendein Häftling als Kranker ins Revier aufgenommen würde. Der Arzt antwortete: ,, Aber Krämer, auf den warte ich doch schon so lange!" Dr. Hooven war dabei sehr aufgeregt, ließ Collinet sofort in ein separates Zimmer bringen und gab ihm selbst die Spritze. Einige Sekunden später hatte Collinet gelebt, er war tot! Hervorzuheben ist noch, daß Collinet am ganzen Körper durchweg tätowiert war, und sein Körper die schönsten Bilder aller Tätowierten im Lager aufzuweisen hatte. Dies ist der Grund, weshalb der Fall Collinet besonders interessiert. --Einige Monate waren vergangen. Sommer und Herbst gingen vorüber. Der Wind pfiff durch alle Fugen. Es war an einem kalten Wintertag. Ich hatte mich mit dem Leiter bzw. Kapo der Pathologie verabredet. Er erzählte mir viele Dinge aus seinem Beruf, vom Sezieren, fertigte histologische Schnitte von Menschenfleisch an und ließ sie mich dann durchs Mikroskop beschauen. Machte mich auf Zellenbildung, Bazillen, Tuberkel und vieles andere aufmerksam vom echten Skelett bis zu einem konservierten geplatzten Menschenmagen usw. Der geplatzte Magen stammte von einem ,, Schwarzen", der aus Hunger sich alles übriggebliebene Sauerkraut seiner Kameraden einverleibte. Er starb elend daran. Mein Erklärer erzählte mir, daß sie noch eine Unmenge Sauerkraut diesem Magen entnommen hätten. Dieser Häftling wollte sich einmal satt essen. Zuletzt schlug mein Führer eine Mappe auf. Darin lagen wundervolle Zeichnungen und Sprüche aller Art. Er reichte sie mir einzeln zur näheren Besichtigung, wie man jemandem Fotografien zeigt. Diese Stücke fühlten sich wie starkes Pergament an. Als ich ihn nach Art und 5* 67 Herkunft der Bilder und Sprüche befragte, meinte er lächelnd: " , Wer sie gemacht hat, weiß ich nicht, aber ich kann dir sagen, von wem sie sind, und dies ist kein Pergament, sondern Tätowierungen auf abgezogener, getrockneter, präparierter Menschenhaut. Sieh her, diese Tätowierung müßte dir doch bekannt sein." ,, Ja, bekannt kommt sie mir vor, aber ich weiß nicht mehr, wo ich sie gesehen habe." ,, Nun, sie ist von deinem Freund Franz Machlet, der Blockältester der Strafkompanie war, sich aufgehängt hatte, und dessen Leichnam dann zum Ausprobieren des fahrbaren Krematoriums auf dem Appellplatz verbrannt wurde." Außer schönen Tätowierungen sah ich noch Inschriften wie: ,, Dieses Haupt gehört dem Henker!" Dieser Spruch war ebenfalls einem ,, Schwarzen" rings um den Hals tätowiert. Oder: ,, Das ist Mamas Liebling", sowie„ Ich liebe nur dich, Martha!" ,, Dies ist alles gegerbte, präparierte Menschenhaut." ,, Sag mal, warum zieht ihr die Menschenhaut mit Tätowierungen von den Leichnamen ab?" ,, Dies geschieht auf Verlangen und Anordnungen höherer Stellen. Den direkten Befehl dazu haben wir vom Lazarettarzt. Alle schönen und besonders originellen Tätowierungen haben wir abzuziehen, kurz bevor die Leichname verbrannt werden. Ich denke, daß dies nur aus wissenschaftlichen Gründen geschieht." Damit war mein Rundgang beendet. Ich bedankte mich aufrichtig, hatte den Kopf voll neuer Gedanken und trat in die Kälte des Wintertages hinaus. Hier hatte ich etwas gesehen und erlebt, was nicht allen Häftlingen vergönnt war. Wer als Häftling außerhalb des Lagers, jedoch noch im Kommandanturbereich gearbeitet hat, begegnete oftmals einer Frau. Sie war schlank, hatte einen guten Körperbau, ihr Haar mehr rot als blond. Eingeweihte Häft68 linge meinten bei ihrem Erscheinen: ,, Die, Rote' kommt." Betrachtete man sie aus der Nähe, so schaute man in ein Gesicht voller Sommersprossen, dessen Züge mehr männlich als weiblich waren. Die Lippen und Mundwinkel zeigten Partien, die auf Brutalität und Perversität schlieBen ließen. Nein, es war kein menschliches Frauengesicht, dies waren die Züge einer weiblichen Bestie. Häftlinge, die neu hierher kamen, jahrelang in einer Zelle der Zuchthäuser und Gefängnisse gesessen hatten, blickten natürlich interessiert auf die aufreizende weibliche Erscheinung. Hinzu kam noch, daß sie im Sommer in eng anliegendem Badeanzug zwischen den Häftlingen spazieren ging. Bemerkte sie, daß einer sie besonders interessiert musterte, ging sie auf diesen zu und drohte: ,, Sie haben wohl noch keine Frau gesehen. Was?! Wenn Sie mich noch mal so geil anstieren, melde ich's meinem Mann, der läßt Ihnen 25 auf den Arsch hauen!" Ihr Mann nannte sich Karl Koch, war Standartenführer, Kommandant des Lagers und die gefürchteste sowie bestgehaßte Person in Buchenwald. Nach dieser Begegnung zog es jeder Häftling vor, sobald er wußte, wer die ,, Rote" war, einen großen Bogen um sie herum zu machen. Frau Koch provozierte aber nicht nur Häftlinge, um sie dann mit Hilfe ihres Mannes zur Bestrafung zu bringen, sie übte auch ihren Einfluß, besser gesagt. ihre Macht, gegenüber den SS- Angehörigen aus. Ihr Wunsch war vielen Befehl, so daß sie die wirkliche Herrscherin in Buchenwald darstellte. - Wer Gelegenheit gehabt hätte, einmal die Räume- eine Villa mit allem Komfort der Familie Koch zu betreten, der wäre durch viele Dinge in Erstaunen versetzt worden. Aber dies wäre noch nichts Besonderes. Aus dem Staunen wäre ihm bald darauf das Grausen angekommen. Schau, da auf diesem kleinen Tisch steht eine kleine Lampe. Wenn du sie von weitem ansiehst, findest du nichts Besonderes daran. Betrachtest du sie aus der Nähe, dann durchzuckt es unwillkürlich deinen Körper. 69 Die Lampe besitzt einen Lampenschirm und einen Fuß, wie jede Nachttischlampe. Aber was ist denn das? Der Lampenschirm! Phantastisch! Voll von schönen Zeichnungen und allerlei Inschriften. Jedoch ganz andere, als man dies von anderen Bildern gewöhnt ist. Auch vermittelt der Schirm einen eigenartigen Schein. Ja, er ist weder aus Pergament, noch aus Leinewand, er ist aus Menschenhaut. Bist du Häftling im KZ. und schaust du dir die Inschriften und Bilder genau an, dann wird dir mancher Mensch, mancher Kamerad in Erinnerung kommen, mit dem du in Reih und Glied mit Pickel und Spaten Schulter an Schulter marschiert bist. Er, wie viele andere sind schon lange tot. Vielleicht ist schon ein großer Teil vergessen, aber ihre Haut ziert den Lampenschirm einer weiblichen Bestie, die den Namen Frau Koch trägt. Wie viele Familienväter, Söhne und Brüder mußten deshalb sterben. Es wurde nichts von ihnen begehrt, nichts als ihre Haut Menschenhaut für Lampenschirme. - Hast du schon einmal von den Kopfjägern am Amazonas gehört? Das war nicht am Amazonas, auch nicht in Australien, das geschah in Buchenwald, eine 2- Wegestunde entfernt von dem Hause Johann Wolfgang von Goethes! - 70 70 Grigori ,, Macht das Licht aus, es ist doch schon Mitternacht!" ,, Sei ruhig, das geht dich gar nichts an", war die Antwort. Stimmen im Flüsterton. Einer vom Stubendienst kletterte bis zu den dritten Betten hoch und zählte halblaut die Schlafenden ab. Einige wachten auf, und aus dem bisherigen Geflüster und Gemurmel entwickelte sich eine laute Unterhaltung, so daß auch die Mehrzahl der im Saal Befindlichen im Schlaf gestört wurde. Wieder hörte ich die erste Stimme: ,, Leute, das geht entschieden zu weit, macht endlich das Licht aus, wir wollen schlafen!" Das war Oswald, der Kapo. Die Antwort, die er erhielt, war nicht gerade liebenswürdig. ,, Halt nun endlich deine Fresse, das, was wir machen, ist unsere Sache. Wir verantworten das!" Inzwischen war ich vollkommen wach geworden. Ich schaute nach der Uhr, 21 Uhr nachts. Die Stubendienste ließen sich nicht in ihrer Arbeit stören und zählten weiter. Da ich hier ebenfalls mit der Zeit ein dickes Fell bekommen hatte, legte ich mich auf die andere Seite und schlief wieder ein. Am anderen Morgen erzählte man mir darüber folgendes: Gestern nachmittag gegen 5 Uhr( März 1944) wurden 3 Russen zum Krematorium geführt. Sie sollen in der 71 Nähe von Düsseldorf einem der üblichen Fabrikzwangsarbeitslager entflohen sein. Nachdem sie nichts mehr zu essen hatten, sollen sie einen Eisenbahner, der sie beim Aufbrechen eines Waggons mit Butter und anderen Lebensmitteln ertappte, niedergeschlagen haben. Nach ihrer Wiederverhaftung wurden sie nach Buchenwald gebracht. Inzwischen hatte sie irgendeine höhere Instanz in ihrer Abwesenheit zum Tode verurteilt. Gestern sollte nun die Vollstreckung dieser ,, Urteile" erfolgen. Die drei Russen, blutjunge Menschen im Alter um 20 Jahre herum, waren in den Hof des Krematoriums gebracht worden. Vor ihnen stand der Galgen. Rechts daneben ein großer Kleiderhaufen, der bis über den Rand der den Hof umgebenden Bretterplanke aufgestapelt war. Dies sind Uniformen russischer Soldaten, die in den letzten Tagen und Stunden alle den Weg ins Krematorium antreten mußten. Die Bretterwand ist so hoch, daß einem von außen kein Einblick in den Hof gewährt werden kann, auch der Galgen bleibt ungesehen. Erst als die begleitende SS die drei jungen Russen plötzlich umringte, ihre Pistolen zog und entsicherte, erkannten sie nun im Angesicht des Galgens den wirklichen Ernst ihrer Lage. Lakonisch wurde ihnen mitgeteilt, daß sie zum Tode verurteilt seien. Ehe sie sich's versahen, wurde der erste schon gegriffen, zum Galgen geführt und vor den beiden anderen aufgehängt. Die Nerven, der Körper der zwei noch vor dem Galgen stehenden Menschen fieberten und waren bis aufs höchste angespannt. In den nächsten Minuten, Sekunden sollen sie ihr junges Leben beenden. Wer wird wohl der nächste sein, fragte jeder für sich. Ein Weglaufen ist nicht mehr möglich. Es ist alles aus. Bei dem Ersten ist bereits der Tod eingetreten, er wird abgehängt, ein schauerlicher Anblick! Im nächsten Moment wird der Zweite gepackt. Grigori, der Letzte, steht noch allein. Die Aufmerksamkeit der SS ist auf den Zweiten gerichtet. Grigori spürt 72 einen ungeheuren Drang zum Leben. Nein, noch nicht sterben, ich will leben, ich muß leben! Da sieht er den großen Haufen Kleider. Der Gedanke war noch nicht zu Ende gefaßt, da war er auch schon mit einem kühnen Sprung auf dem Haufen und über die Bretterplanke in Richtung ,, Kleines Lager". Betroffen stand die SS da. Das war ihnen auch noch nicht vorgekommen. Das hätte keiner für möglich gehalten. Selbst sie bekamen vor diesem mit soviel Energie geladenen jungen Menschen eine Art Achtung. Aber nur für einen Moment, denn dann wurde ihnen sofort klar, was das für sie bedeutete. Sie hatten den Auftrag, diese 3 zu erhängen, und einer davon rückte ihnen trotz aller Sicherungen direkt vor dem Galgen ab. Ihnen drohte jetzt wegen mangelnden Diensteifers und Nachlässigkeit Arrest! Dies war nachmittag gegen 17 Uhr. Der gesamte Lagerschutz, die Feuerwehr, Blockälteste und Stubendienste, Kapo sowie Vorarbeiter, alles wurde alarmiert für die Suchaktion nach diesem Flüchtling. Bis zum Abendappell war das Lager mit all seinen Ecken und Winkeln mehrmals überholt. Grigori war nicht gefunden worden. Zum Appell wurde einige Male seine Nummer und sein Name durchgerufen, ohne Ergebnis. Nach Beendigung des Appells erhielten alle Häftlinge den Befehl, sich sofort in die Baracken zu begeben, da die Suchaktion fortgesetzt werden würde. Die ganze Nacht stöberte man alles durch, zählte die Häftlinge in den Betten, Resultat gleich null. Am nächsten Tag 11 Uhr wurde durchs Mikrophon allen Häftlingen von der Lagerführung mitgeteilt: Wenn bis zum Abendappell der geflüchtete Häftling nicht gefunden ist, bleibt alles ohne Ausnahme so lange. auf dem Appellplatz stehen, bis wir diesen Kerl haben. Derjenige, der den Häftling findet, erhält vom Kommandanten 10 Mk. und eine Schachtel Zigaretten!" Die Stimmen aus der Masse der Häftlinge lauteten: Und wenn sie uns 24 Stunden stehen lassen. Wir wollen es gern über 73 uns ergehen lassen. Hoffentlich finden sie ihn nicht. Daa war der Wunsch vieler. Unter einem Teil der Häftlinge liefen die tollsten Parolen herum. Einige wollten wissen, daß von seiten der SS- Lagerführung die Äußerung gefallen sei: ,, Wenn der heute nicht gefunden ist, wird eine Reihe Verantwortlicher kurzerhand abgesetzt." Jetzt, nachdem bestimmte Häftlinge ihre Posten bedroht sahen, wurden sofort folgende Parolen gehört: ,, Man darf die Dinge nicht auf die Spitze treiben. Dieser Russe gefährdet das ganze Lager. Der Zustand ist unhaltbar. Er muß gefunden und ausgeliefert werden." Diese Stimmungsmache ging auf die direkte Auslieferung Grigoris, d. h. seine Hinrichtung aus. Der Abendappell kam. Die Häftlinge standen blockweise angetreten. Der Rapportführer meldete die Gesamtstärke des Lagers dem 1. Lagerführer. Alle standen voller Spannung auf dem Platz. Die nächsten Minuten werden entscheiden, ob 30 000 Menschen stehenbleiben müssen oder nicht. Wieder wurde bekanntgegeben, daß alles nach. dem Appell in den Blocks zu bleiben hat. Und zur Überraschung aller rief der Rapportführer durchs Mikrophon: ,, Abrücken." Also von der Drohung am Vormittag 11 Uhr war nichts geblieben. Wahrscheinlich begann die Lagerführung schon selbst zu zweifeln, daß der Flüchtling sich überhaupt noch im Lager aufhielt. So wie er über die Bretterplanke gekommen war, konnte es auch Möglichkeiten gegeben haben, aus dem Lager überhaupt zu entweichen. Natürlich dürfte so etwas von der Lagerführung nicht öffentlich zugegeben werden! Was machte Grigori? Wo war er? War er überhaupt noch im Lager? Das waren die Fragen, die in diesen Stunden und 2 Tagen viele Tausende von Herzen und Hirnen beschäftigten. In seiner ersten Angst war Grigori nach dem Sprung über die Bretterwand zwischen den Blocks, Richtung Gärtnerei ins kleine Lager gelaufen. Er 74 muß sich wahrscheinlich in einem Zugangsblock aufgehalten haben. Sein Vertrauen zur Solidarität und Kameradschaft seiner Mitgefangenen war ungeheuer groß. Tagsüber hat er einen totliegenden Heizungskanal ausfindig gemacht. Der Eingang des Kanals ging von Kellerräumen des Kammergebäudes aus, der Ausgang war vermauert. Wenn nun nach Beendigung der Arbeit das Kammergebäude verschlossen wurde, konnten die Beauftragten das Lager noch soviel durchsuchen, hier würden sie ihn nicht vermuten. Wenn er gefunden werden würde, dann nur durch Verrat. Und daran glaubte er nicht. Sein einziges Ziel war, Zeit zu gewinnen. Nach reichlich 24 Stunden seiner Flucht stand er vor seinem Versteck. Erschöpft sank er auf einen Strohsack nieder. ,, Wie lange werde ich hier kampieren müssen, hoffentlich geht alles gut. Nein, die Kameraden werden mich sicher nicht ausliefern." Stockfinster war es. Er konnte seine eigene Hand nicht vor den Augen sehen. Gespensterhaft rasen ihm die Ereignisse durch den Kopf. Hätte er nur einen Menschen, mit dem er sich aussprechen und beraten könnte. Nein, jetzt ist er ganz allein, ganz auf sich selbst angewiesen. Die Erkenntnis, daß er in höchster Not, ohne Freunde ist, kam ihm zum Bewußtsein. Sein Vater, seine Mutter würden ihm bestimmt helfen. Aber sie waren ja so weit weg von ihm. Ob sie auch noch lebten? Eine ungeheure Sehnsucht trieb seine Gedanken nach den Eltern. Sie waren immer so gut zu ihm gewesen. Nun war er nach all den furchtbaren Dingen wieder ganz bei ihnen. Fühlte wie die Mutter mit den harten abgearbeiteten Händen zärtlich über sein Haar strich. Ihre Liebe hatte ihn vollkommen eingehüllt, er fühlte sich wohlig und geborgen. Plötzlich schrak er zurück. Augenblicklich sah er den Galgen, an dem einer seiner Kameraden hing, die mit Pistolen bewaffnete SS vor sich. Er wagte nicht, die Augen aufzumachen. Er wollte diese abscheulichen Bilder 75 vor seinen Augen vertreiben. Es nützte nichts, sie blieben vor ihm stehen. Unauffällig tastete er mit seinen Händen in noch liegender Stellung mit geschlossenen Augen nach rechts und links. Er fühlte den grobmaschigen Strohsack und an seiner linken Seite die schlüpfrignasse kalte Wand. Es durchschauerte ihn. Sein Herz klopfte schnell und rasend. Die Stirn war heiß. Das Fieber schien ihn gepackt zu haben. Er schlug die Augen auf, um sich von seiner Umgebung zu überzeugen. Nichts sah er. Er träumte nicht mehr. Die rauhe unbarmherzige Wirklichkeit hatte ihn zurückgerufen. Eine starke Unruhe erfaßte ihn. Immer wieder versuchte er sich einzureden, daß er sich in absoluter Sicherheit befinde. Es gelang ihm nicht. Er wälzte sich auf dem Strohsack hin und her, hielt seine schöne Stirn gegen die naẞkalte Wand. Aber in seinem Kopf hämmerte es weiter. Auf dem Bauch liegend, den Kopf auf die verschränkten Arme stützend, starrten seine Augen in die undurchdringliche Finsternis. Er befand sich in einem Zustand zwischen Schlafen, Träumen und Wachen. Zu seiner Überraschung hörte er auf einmal in der Ferne Schritte. Dem Schall nach mußten sie im Gebäude sein. Sein Gehör versuchte jedes Geräusch auf das Genaueste festzustellen. Die Schritte kamen näher. Schon waren Stimmen zu hören. Grigori duckte und schmiegte sich fest zwischen Wand und Strohsack. Die Nässe der Wand spürte er nicht mehr. Seine sämtlichen Sinne sind auf das Näherkommen eingestellt. Plötzlich trifft ihn ein greller Lichtstrahl ins Gesicht. Er schrickt zusammen und stellt sich schlafend. Seine Gedanken sagen ihm: Verrat! Ein Häftling von der Lagerfeuerwehr stieß ihn an, weckte ihn und rief seine Begleiter heran. Sie führten Grigori zum Ausgang. Dort versammelten sich schnell noch andere von der Suchaktion. Der Kontrolleur wurde geholt. Er lief zum Tor und meldete der Lagerführung: ,, Der Häftling ist gefunden." Sofort gingen Hauptsturm76 führer Schobert und Obersturmführer Gust ihnen entgegen. Nach nochmaliger Feststellung der Personalien blieb kein Zweifel mehr. ,, Für dich habe ich einen schönen Tod", meinte Hauptsturmführer Schobert. Alle SS- Angehörigen, die sich im Lager befanden, hatten sich inzwischen um ihn versammelt. Es war abends gegen 21.30 Uhr. Grigori bekam die Handschellen angelegt. Der traurige Zug setzte sich in Bewegung nach dem Krematorium. Die SS jubelte und bedachte Grigori mit allen Schimpfnamen. Die Hunde Gusts und Schoberts witterten Beute. Mit wedelnden Schwänzen schoben sie sich immer näher an Grigori heran. Er wäre nicht der Erste, den sie im Auftrage ihrer Herren bei lebendigem Leibe zerfetzen und zerreißen würden. Noch um die Ecke herum, und der Eingang zum Krematoriumshof war erreicht. In Grigori bäumte sich nochmals alles auf. ,, Ich soll jetzt sterben! Nein!" Aus den Holzklumpen, die er als Fußbekleidung trug, schlüpfte er heraus. Mit den Schultern stieß er seine Begleiter beiseite, und im Nu war er fort. Die Hände in der Acht auf dem Rücken gefesselt, lief er in Socken, so gut seine Beine ihn tragen konnten, um das Krematorium herum wieder in Richtung Gärtnerei. Wohin wußte er selbst nicht. Nur dem Tod entrinnen, nicht sterben. Nochmals sah er im Geiste den Galgen vor sich. Daran wollen sie mich aufhängen. Nein, laufen, laufen und nochmals laufen. Auf einmal schlug ein großes, weiches Etwas gegen seinen Körper. Er verlor das Gleichgewicht, kam ins Stolpern und fiel. Knurrend stürzten sich 2 Hunde auf ihn, bissen ihn in die Weichteile seines Körpers und rissen Fetzen herunter. Mit Gegröhle kam die SS heran. Sie traten ihn und prügelten mit Knüppeln auf ihn ein. Sie packten und 77 schleiften ihn zum Galgen in den Hof des Krematoriums. In fast bewußtlosem Zustande sah er nochmals das Galgen- gerüst. Dann krachten einige Pistolenschüsse. Nachdem war Stille. Der Mond wanderte seine gewohnte Bahn weiter und blickte auf die Erde hernieder, als wäre nichts gewesen. 5 Grigori war tot! Einer von vielen! Der Untergang Kovalenkos Häftlingskrankenbau herhören! Sofort ein Arzt zum Tor! aber sofort! Ungefähr eine Minute später ertönte wieder die aufgeregte, zitternde Stimme durch den Äther aus allen Lautsprechern des Lagers: Krankenbau herhören, wo bleibt der Arzt? Dr. Horn sofort zum Arrest! Es besteht Lebensgefahr! Eilt! Lebensgefahr! Und wieder verstummte die Stimme. All die Häftlinge, die es hörten, schauten sich erstaunt an und fragten sich: was ist da los? Bisher war man so etwas nicht gewohnt. Was war geschehen? Vor dem Arrest am Tor des Lagers lag ein zusammengeschossenes Etwas, ein schrecklicher Anblick. Aber niemand kümmerte sich um diesen leblosen Körper, es war ein Häftling. SS- Angehörige liefen in schnellen Schritten dem Arrest zu. In aufgeregtem Gespräch verließen sie ihn. Bald danach trug man einen der beiden Arrestmeister auf einer Trage heraus. Zwei Tote! Einer, der in seiner Praxis schon viele in den Tod befördert hatte, der andere, der nicht willens war, sich wie ein ,, frommes Lamm" ins Jenseits befördern zu lassen, sondern sein Leben so teuer wie möglich verkauft hatte. Zwei, bei denen die Frage stand: Du oder ich oder auch wir beide zusammen. Dies war am 3. Juni 1944! 79 12 Und die Vorgeschichte! Im Stalinower Gebiet war unser Freund Wladimir Michajelitsch Kovalenko am I. 10. 1920 zur Welt gekommen. Später erregte er durch seine Klugheit, durch Fleiß und Strebsamkeit bald die Aufmerksamkeit seiner Umgebung. Seine Eltern waren sehr stolz auf ihren Jungen. Und das mit Recht! Die sozialen Einrichtungen der Sowjetunion ermöglichten ihm, auch als Sohn einer einfachen Familie, zu studieren. Auch hier unterschied er sich von seinen Mitschülern durch besondere Tüchtigkeit. Mitten in seinem Studium kam die Furie Krieg und riß ihn heraus. Bei dem schnellen Vormarsch der Deutschen in die Sowjetunion geriet er in die Hände der Deutschen und wurde zur Arbeit nach Deutschland zwangsverschickt. - Von dem unmenschlichen Transport ganz zu schweigen in 21 Tagen bekamen sie 3mal auf 10 Mann I Brot im Güterwagen und täglich pro Kopf einen knappen Liter dünne Suppe waren die Arbeitsverhältnisse ihm nicht nur ungewohnt, sondern unter seiner Ehre und menschlichen Würde. Nicht nur, daß sie die undenkbarsten Schimpfnamen über sich ergehen lassen mußten, nein, sie wurden bei schlechtem Essen während der Arbeit noch geschlagen und aufs schwerste mißhandelt. Als einziger Ausweg aus dieser Lage erschien ihm die Flucht. - Bei dem dichten Verkehrsnetz, den genauen und oft wiederholten Kontrollen, wurde er bald wieder verhaftet und kam nach Buchenwald! Von hier ging er auf Außenkommando. Auch hier war die Behandlung eine unerträgliche. Schläge standen auf der Tagesordnung. Das Essen schlecht und die Arbeit schwer. Der Prügel war den ganzen Tag in Tätigkeit. Jede Kleinigkeit, wie Aufrichten und ein minutenlanges Verschnaufen wurde mit Stockhieben beantwortet. Nach Schluß der Arbeit war es der Kommando- bzw. Lagerführer, der dann eigenhändig mitunter noch 40 Häftlinge zum abendlichen Appell mit je 25 Stockschlägen versah. Dieser damalige Oberscharführer Schmidt 80 war ein Sadist im wahrsten Sinne. Trotzdem sich die Glieder der Häftlinge voll Wasser füllten, Blasen größten Ausmaßes bildeten, prügelte er sinnlos auf sie weiter ein und schlug sie buchstäblich tot. Hier lernte er den am 8. 8. 1924 in Kowalowka( Woroschilowgrader Gebiet) geborenen Nikolei, Feodosowitsch Kalinowski kennen. Auch er hatte noch mitten im Studium gestanden. Noch keine 20 Jahre alt, lernte er Deutschland von der finstersten Seite kennen. Er hatte ähnliches wie sein jetziger Freund erlebt. Und jetzt standen sie wieder in einer Lage, in der es nur die Wahl gab: langsam aber sicher umzukommen oder alles auf eine Karte zu setzen und noch einmal zu fliehen! - Außer ihnen hatten noch 3 andere Russen den Plan zu fliehen. Die Gelegenheit und Stunde kamen, um den Plan zur Tat werden zu lassen.- Am 19. Mai 1944 wurden sie aus dem Arrest von Buchenwald mit dem Fluchtpunkt ( bes. Markierung) ins Lager entlassen. Also auch diesmal war es ihnen nicht gelungen, sich längere Zeit in der sogenannten Freiheit zu halten. Deutschland ist zu klein und zu dicht besiedelt; ohne eine direkte Verbindung mit der Außenwelt muß die Flucht in den meisten Fällen mit einem Fiasko enden. Hier fehlen die unübersichtlichen Wälder und dünnbesiedelten Gebiete Rußlands. Dazu kommt noch, daß jeder Knabe, jedes Kind zur ,, Pflicht" gemahnt worden ist, alle ihnen verdächtig erscheinenden Personen zur Ausweisung aufzufordern. Kann der Betreffende dieser Aufforderung nicht nachkommen, wird er sofort der nächsten Polizeibehörde gemeldet. Darauf setzt die Hetzjagd ein, bis das Opfer gestellt ist. Und so war es auch unseren Fünf ergangen. Nachdem sie sich nun wieder im Lager befanden, stand für sie nur die Frage: werden wir als Bestrafung für die Flucht mit 25 Stockschlägen davonkommen oder wird noch mehr daraus entstehen? Jeder Aufruf durch das Mikrophon, jedes kleine Vor6 Barthel, Ohne Erbarmen 81 kommnis wurde von ihnen aufmerksam verfolgt, um irgendwelche Anhaltspunkte zur Beurteilung ihres Falles zu bekommen. Nach einigen Tagen wurde ein Pole ans Tor gerufen. Er war vom Lager„ Dora" geflüchtet und hatte zu seiner Umkleidung eine Hose und Jacke gestohlen. Man hatte beobachtet, daß er zum Rapportführer gebracht worden war, nachdem verschwand jede weitere Spur von ihm, trotz aller Nachforschungen. Einige Tage danach erfuhren wir, daß er von der Gesamtstärke des Lagers gestrichen, d. h. aufgehängt worden und im Krematorium über den Rost gegangen war. War es das, was unseren Fünf bevorstand? In einem Gespräch mit Kovalenko stellte ihm Toni, ein alter politischer Häftling, u. a. folgende Frage: ,, Sag' mal, bist du und deine Kameraden freiwillig nach Deutschland gekommen?" ,, Freiwillig, ich, wir, freiwillig, ha, du hast vielleicht eine Auffassung! Wer geht schon freiwillig nach Deutschland?" Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, die Hohn, Spott, Ironie und einen tiefen Abscheu zum Ausdruck brachte. ,, Ja, wenn ihr nicht freiwillig nach Deutschland gekommen seid, dann wart ihr euch wohl im klaren, was Faschismus heißt und wie die Verhältnisse in Deutschland liegen?" ,, Und ob wir im klaren waren. Wir wußten über alles Bescheid, wir haben zur Genüge in Filmen gesehen, was in einem faschistischen Deutschland los ist! Wir sind ohne Illusionen nach Deutschland gebracht worden. Wir haben voller Abscheu deutschen faschistischen Boden betreten. Wir mußten und haben damit gerechnet, daß wir nie wieder unsere geliebte Heimaterde, die Sowjetunion, betreten noch sehen werden." ,, Ja, und was denkst du über deinen Fall?" ,, Nun, das Verschwinden des Polen sagt mir, was ich zu denken habe." 82 د, , Warum nimmst du gleich das schlimmste an? Der Fall mit dem Polen war vielleicht ganz anders gelagert als der deinige mitsamt deinen 4 Kameraden." ,, Du meinst es vielleicht gut, wenn du glaubst, mich trösten zu müssen, aber dies ist bei mir keinesfalls angebracht. Ich verlange nur Klarheit. Dieser Pole hat genau nur das getan, was auch ich und meine 4 Kameraden ausgeführt haben. Er hat sich Zivilkleidung gestohlen, genau wie wir, um sich überhaupt draußen bewegen zu können. Also, wenn wir keine Illusionisten sind, müssen auch wir damit rechnen, daß wir eines Tages zum Aufhängen aufgerufen werden. Den Polen hat man einmal aufgehängt. Uns hängt man hunderte Male auf. Du verstehst nicht? Weißt du, was warten heißt? Ich weiß, daß man mich aufhängen will, aber es geschieht nichts. Ich stehe hier und kann nichts anderes tun als warten, warten, warten! In jeder Nacht hängt man mich auf. Auch der stärkste, mutigste Mensch würde ständig von diesem Gedanken geplagt sein, wenn er sich in unserer Lage befinden würde. Aber das versichere ich dir, kampflos werde ich nicht sterben!" Das Gespräch war damit beendet. Tage waren vergangen. Sonntag nachmittag war es. Arbeitsfrei! Er saß mit seinen Kameraden am Tisch und packte das Paket auf, das ihm seine Schwester geschickt hatte. Sie war ebenfalls nach Deutschland als Ostarbeiterin gebracht worden und schickte ihrem unglücklichen Bruder zusammengesparte Liebesgaben. Er teilte den Inhalt unter seine Kameraden brüderlich auf. Dann las er das Briefchen, das sie ihm beigelegt hatte. Sein Gesicht wurde kalkweiß. Seine Augen nahmen einen eigenartigen Glanz an. Sie sahen nicht die Kameraden ringsum, sie sahen jetzt keinen Buchenwald, nein, sie sahen jetzt die liebe Schwester, weit, weit weg von hier. Seine Schwester schrieb ihm zum Schluß: ,, Komm zu mir! Hoffentlich sehen wir uns bald wieder!" 6* 83 Den Brief in der Hand, kamen leise, fast zärtlich über seine bebenden Lippen die Worte: ,, Komm zu mir! Hoffentlich sehen wir uns bald wieder! Nein, mein liebes Schwesterlein, damit ist es vorbei! Ich sehe dich und unsere geliebte russische Erde nicht mehr wieder. Man wird mich töten!" Sein Gesicht sah aus wie aus Marmor gemeißelt. Die Kameraden ließen ihn gewähren und unterbrachen ihn nicht. Totenstille um ihn. Alle versuchten, über ihr eigenes Schicksal nachzudenken. Ein nervöses Zucken glitt über sein Gesicht. Ironie und Spott traten wieder hervor. Halblaut sagte er zu sich selbst: ,, Was heißt schon leben, was ist schon ein Menschenleben? Ein Nichts!" Er wandte sich wieder seinen Kameraden zu, sein Abschied mit der Schwester war beendet. Dies war die letzte gemütliche Zusammenkunft mit seinen Kameraden. Die ersten Tage der darauf folgenden Woche vergingen, ohne daß etwas Besonderes geschah. Kleine Hoffnungsschimmer machten sich bei ihm bemerkbar. Sollte man doch unseren Fall anders beurteilen als den des bereits erledigten Polen? - Und dann kam der Sonnabend, der 3. Juni! Unser Freund Wladimir war wie immer mit seinem Arbeitskommando ausgerückt und arbeitete intensiv, um den einen, immer gleichen bohrenden Gedanken loszuwerden. Gegen Mittag trat sein Kapo und ein Stubendienst seines Blockes auf ihn zu mit der Aufforderung, zum Blockältesten zu kommen. Im selben Augenblick war ihm klar, was dies für ihn hieß. Es gab kein Entrinnen mehr. Jetzt galt es, zu kämpfen! Der Tod stand unmittelbar vor ihm. Mit dem Stubendienst passierte er das Haupttor ins Lager. Der Blockälteste von Block 45 wartete bereits auf ihn. Er selbst nahm sich jedoch noch so viel Zeit, um auf seinen C- Flügel, in dem er bisher wohnte, hinaufzugehen. Er übergab seine letzten Habseligkeiten einem Häftling 84 zur Aufteilung an seine Kameraden. Danach brachte ihn der Blockälteste Walter zur Schreibstube. Der Blockälteste wußte genau, was unserem Freund Wladimir bevorstand. Beim Vergleich der Personalien mit der Liste der Schreibstube wurde festgestellt, daß er seine Häftlingsnummer entfernt und sich eine andere Nummer angenäht hatte. Dies nahm der Blockälteste zum Anlaß, ihn Kraft seines Amtes in Gegenwart der anderen zu ohrfeigen. Unser Wladimir hatte nur noch den Ausdruck ,, alter Teufel" für ihn übrig. Und dies alles noch durch ein Subjekt, das selbst die Häftlingsuniform trug. Er wurde in Arrest gebracht und eingesperrt. Hier sollte er seine Hinrichtung erwarten. Aus den Berichten anderer Häftlinge wußte er, wie sich die letzten Minuten, vielleicht auch Stunden seines Lebens abspielen würden. Die Arresttür wird aufgehen. Der Arrestmeister wird ihn auffordern, die Hände auf den Rücken zu legen und herauszukommen. Dann wird man ihn ins Krematorium führen, ihm die Acht, die Handschellen umlegen und am Galgen hochziehen. Noch einige Schrecksekunden und alles wird vorbei sein! Ja, so hat man das Ausscheiden seiner Person aus dem Leben vorgesehen. Und so sind schon Hunderte ins sogenannte Jenseits befördert worden. " , Wenn alle so gestorben sind, ich, Wladimir Michajlitsch Kovalenko, werde nicht so sterben. Werde mich nicht wie ein Stück Vieh auf die Schlachtbank bringen lassen, nein, ich werde kämpfen!" Für diesen Augenblick hatte er sich ein Messer beschafft, wobei es ihm gelungen war, dies trotz Durchsuchung mit in die Zelle zu schmuggeln. Jetzt holte er es hervor. Er muß mit jedem Augenblick rechnen. Er darf keine Zeit verlieren. Der Gedanke, nicht so zu sterben wie all die anderen vor ihm, mit ganz geringen Ausnahmen, war für ihn noch die einzige Genugtuung. Ja, sterben mußte er trotz seiner 85 jungen Jahre, darüber bestand für ihn kein Zweifel mehr. Aber wenn schon, dann wollte er ein Beispiel liefern, wie Russen zu sterben gewohnt sind. Nicht als Feiglinge oder reuemütige Sünder, sondern als Kämpfer gegen den Faschismus! Die Minuten wurden zu Stunden. Sein ganzes Nervensystem war aufs äußerste angespannt. Jedes Geräusch, jeder Schritt auf dem Gang, jedes Wort, was draußen gesprochen wurde, das Knacken und Aufschließen der anderen Zellentüren, fanden ihn kampfbereit. Noch einmal überflog er im Geiste flüchtig sein Leben. Gedachte der schönen und schlechten Stunden seines kurzen Erdendaseins. Noch einmal nahm er Abschied von allem, was ihm in seinem Leben wertvoll erschienen war. Von seiner lieben Schwester, der Mutter, dem Vater und anderen guten Menschen und vor allem von seiner schönen Heimat, der Sowjetunion. ,, Genosse Stalin, ein Kovalenko wird dir keine Schande bereiten." - Einige Minuten vor 17 Uhr! Knarrend wurde die Tür geöffnet. Eine Stimme erscholl: ,, Legen Sie Ihre Hände auf den Rücken und kommen Sie rrrraus!" Im selben Augenblick sprang Wladimir auf einen der beiden Henker zu, der eben diesen Befehl gegeben hatte, und stieß ihm sein Messer tief in die Kehle. Ein roter Blutstrahl spritzte gegen die Wand. Kein lauter Schrei drang mehr aus diesem Körper, nur noch ein Röcheln. Der zweite Henker war dermaßen überrascht, daß er nur einen Schlag mit der Handschelle gegen Wladimirs Kopf anbringen konnte. Im Moment wurde es Wladimir fast schwarz vor den Augen. Seine aufgespeicherte Energie gab ihm für diesen Augenblick die Kraft, mit einem weiteren Sprung auf den Gang den Versuch zu machen, zu entkommen. 86 49 87 Aber da krachte schon eine Garbe von Pistolenschüssen. An mehreren Stellen getroffen, sank er tot zusammen. Am Abend dieses Tages wurden seine 4 Kameraden, die mit ihm in Arrest gesperrt worden waren, unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen gefesselt, zum Krematorium geführt, im Leichenkeller wie ein Stück Vieh aufgehängt und danach verbrannt. Hunger In den Septemberwochen des Jahres 1939, den ersten Wochen des Krieges gegen Polen, wurden die ersten Transporte von polnischen Kriegs- und Zivilgefangenen nach Buchenwald gebracht. Für ihre Unterbringung hatte man östlich des Appellplatzes ein mit doppelten Stacheldrahtzäunen umgebenes ,, kleines Lager" errichtet. Dies bestand aus einem Zelt und mehreren Notbaracken, sowie einigen primitiven, kleinen Bretterbuden. Eine dieser Bretterbuden hatte noch einen Anbau aus starkem, feinmaschigem Drahtgeflecht. In diesem Drahtgeflecht befand sich die Eingangstür. Ohne Zuhilfenahme von Werkzeugen war aus diesem Gehege kein Entkommen. Die Bretterbude mit Drahtgehege hatte eine Grundfläche von ungefähr 10-15 qm. In diesem Käfig waren durchschnittlich ständig 25-30 Menschen hineingepfercht. Man nannte sie ,, Heckenschützen". Sie wurden von der SS beschuldigt, aus dem Hinterhalt geschossen zu haben oder der polnischen Aufstandsorganisation anzugehören. Zu essen erhielten sie fast nichts. Wenn sie ein wenig bekamen, so geschah dies ganz nach der Laune des jeweiligen SS- Verantwortlichen. Sie wurden somit dem nackten Hungertode ausgeliefert. Waren unter ihnen welche zu zäh und starben nicht schnell genug, erhielten sie vom SS- Hauptscharführer Blank eine Spritze. Den nächsten Morgen konnten ihre toten Körper dann bestimmt aus dem Käfig herausgezogen werden. Wenn tagsüber die Sonne einige wärmende Strahlen auf den Käfig warf, kam ein Teil der zu Skeletten ab88 gehungerten Menschen aus der Bude herausgekrochen. Sie wollten ihren von Schüttelfrost und Fieber durchwühlten Körper der Sonne aussetzen. Hatten sie vielleicht noch Hoffnung auf eine günstige Wendung? Würde ihr bloßer Verstand und nicht ihr Gefühl geurteilt haben, konnten sie unter den Umständen nur noch mit dem Tode rechnen. Aber nur wenige Menschen vermögen ihrem Schicksal bestimmt entgegenzusehen. Der größte Teil erhofft noch in seinen letzten Atemzügen die gewünschte Wendung. Statt dessen kommen die Fieberphantasien und darauf der Tod. SS- Hauptscharführer Hinkelmanns große Freude war es, seinen Helfershelfern die polnischen„, Heckenschützen und Untermenschen" zur Schau darzubieten. Sie selbst kümmerten sich nicht um diese Besichtigungen, sie starrten mit halberloschenen Augen vor sich hin. Bei einigen war noch ein geringer Glanz und ein gewisses Aufflackern in den Augen, ein Rest von Leben. Was sie dachten, weiß ich nicht, ein Sprechen oder Verständigen mit ihnen war unmöglich, viele wurden schon am anderen Morgen auf den Stapel zu den übrigen Toten des ,, kleinen Lagers" geworfen. Viele Wochen hindurch wurde der Käfig immer wieder mit neuen Zugängen auf die gewohnte Zahl aufgefüllt. Wie viele Male sind die ,, Belegschaften" in diesen Todeswochen ausgestorben? Verhungert!! Vergiftet!! Gestorben!! Unter den Insassen des übrigen ,, kleinen Lagers" waren eine Reihe schulpflichtiger Kinder. Zu dieser Zeit gab es im großen Lager pro Tag für 5 Häftlinge ein 3- Pfd.- Brot. Im ,, kleinen Lager" mußten sich 10 Häftlinge in I Brot. teilen. Außerdem gab es noch-% Ltr. Suppe. Das war die ganze Tagesration. Massensterben war an der Tagesordnung. Jeden Morgen lagen die Toten aus der vergangenen Nacht in Reihen im Lager. Trotzdem sich die noch Lebenden nur unter Anspannung all ihrer Kräfte auf den Füßen halten konnten, brachte sie der Hunger auf geradezu phantastische Einfälle. Um in den Besitz 89 zweier Brotportionen zu kommen, nahmen sie kurzentschlossen einen Toten auf, zerrten sich diesen Leichnam auf Rücken und Schulter, das Gesicht dem Tragenden zugewandt und marschierten damit an die Brotverteiler heran. Außer ihrer Brotportion baten sie um die Portion ihres ,, kranken Kameraden", der nicht mehr laufen könne, weil er zu marode sei. Man versuche sich vorzustellen, daß auch die größeren, schon etwas stärker gebauten Kinder mit Leichnamen auf dem Rücken bei den Brotverteilern vorbeimarschierten. Dies ging eine ganze Zeitlang gut, bis durch die Unvorsichtigkeit einiger Häftlinge auch diese ,, Brotquelle" verlorenging. Bei der Masse von Menschen, die unter freiem Himmel von den Brotverteilern abgefertigt werden mußten, blieb keine Zeit zu untersuchen, ob die getragenen Menschenleiber tot oder noch lebendig waren. Die Lebenden erhielten im Anfang ohne Widerspruch die Portionen der Toten. Erst als die Lebenden die toten Körper sofort nach Erhalt der Portionen an der nächst passenden Stelle abwarfen, statt sie wieder in Reih und Glied zu den übrigen Leichen zu legen, wurden die Brotverteiler stutzig. Strengere Aufsicht verhinderte die Ernährung der Lebenden durch die Toten. Die tägliche Zahl der Toten wurde noch höher!! 90 Der Kampf um das eigene Ich Viele Leute behaupten: ,, Je größer die Not, um so fester und stärker die menschliche Gemeinschaft." Sie sagen, Not bindet, sie schweiße zusammen. Die Feststellung dürfte, wenn sie überhaupt den Tatsachen entspricht, nur sehr allgemein zutreffen. In den vielen Jahren meiner Gefangenschaft habe ich wiederholt Situationen äußerster Not unter anormalen Bedingungen durchleben müssen und besitze wohl ein Recht dazu, mir über die Auswirkungen dieser Not ein Urteil zu erlauben. Meinen Erfahrungen nach bin ich jedoch zu dem gerade entgegengesetzten Ergebnis des obigen allgemein bekannten Satzes gekommen. Ein fester Notzustand, der lange Zeit anhält, bindet nicht, sondern reißt auseinander. Er stärkt die Gemeinschaft nicht, sondern er schwächt sie. Wenn wir, kritisch und unabhängig von den überlieferten Meinungen, an die Untersuchung von krassen Notzuständen auf anderen Gebieten der Menschheit herangehen, werden Ergebnisse erzielt werden, die mit meinen Erfahrungen übereinstimmen. Dabei denke ich nicht nur an rein materielle, sondern auch an geistige Notzustände. Klar dürfte wohl für alle sein, daß überall dort, wo die dementsprechende materielle Grundlage fehlt, auch keine geistigen Leistungen über dem Durchschnitt zu erwarten sind. Geradezu katastrophal wirkt es sich jedoch aus, wenn geistig hochstehende Menschen aus ihrer gewohnten Lage herausgerissen und in einen Zustand geschleudert werden, wie ihn die Gefangenen der Konzentrationslager 91 nicht nur Wochen und Monate, sondern jahrelang ertragen mußten. Hunderte von Fällen und mehr haben bewiesen, daß ausgesprochene Geistesarbeiter, die das Leben nur von der theoretischen Seite kennengelernt hatten, zu einem großen Teil in der rauhen, brutalen Praxis versagten. Sie mußten versagen, weil sie außer der Beherrschung ihrer theoretischen Probleme auf allen praktischen Gebieten vollkommen unselbständig waren. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich bei einem nicht unbeträchtlichen Teil von ihnen ein außergewöhnlicher Verlust an Energie und Willenskraft. In moralischer und hygienischer Beziehung ließen sie sich gehen und verloren die Herrschaft über sich selbst. Diese Menschen waren schon nach einigen Wochen nicht wiederzuerkennen, weder in ihrer Haltung noch in ihren Handlungen. Nur wenige hätten in ihnen noch den früheren Herrn Doktor, Studienrat, Philosophen oder irgendeine andere große Kapazität auf geistigem Gebiete wiedererkannt. Sie machten nur noch den Eindruck von hilflosen und bemitleidenswerten Menschen. Jeder dachte nur an sich selbst. Jeder einzelne war in erster Linie auf seine persönliche Erhaltung und Rettung bedacht. Nur wenige handeln auch in solchen Situationen solidarisch. Den Menschen der Praxis, die schon manchen Kampf mit der rauhen Wirklichkeit bezwungen hatten, setzten die anormalen Verhältnisse des Konzentrationslagers wohl auch schwer zu, sie zeigten sich jedoch in einem viel größeren Maße der außergewöhnlichen Verhältnisse der Läger gewachsen. Wessen ein Mensch fähig ist, in dem Versuch, sein Leben auch unter den schwierigsten Bedingungen zu erhalten, haben uns die Vorkommnisse im Lager überhaupt und im sog. ,, kleinen Lager" im besonderen bewiesen. Stelle dir vor, du wirst als Zugang dem ,, kleinen Lager" zugeteilt. Mit rund 1500 bis 2000 Menschen wirst du in eine Holzbaracke hineingepfercht. In kürzester Zeit wird die Luft unerträglich. Mensch an Mensch steht dicht an92 einander und alle warten voller Spannung auf das Kommende. Den ganzen Transport über hast du wenig oder vielleicht gar nichts zu essen erhalten. Bist ausgehungert und durchfroren. Vielleicht hat dich schon das Fieber gepackt. Wenn nicht dich, dann aber bestimmt mehrere deiner Kameraden. Endlich bekommt ihr nach der Blockaufnahme die Essenmarke zugeteilt. Aber, o Jammer, sie ist nicht für heute, sondern erst für morgen bestimmt. Also noch einmal eine Nacht weiter hungern. Deinen Durst kannst du nicht stillen, weil es auch nichts zu trinken gibt. Waschen ist nicht möglich, denn es gibt kein Wasser. Nunmehr wird dir ein Schlafplatz angewiesen. Du wirst einer 15 Mann starken Gruppe zugeteilt, die eine Boxe angewiesen bekommt. Der Stärkere und Schnellere sucht sich den besten Platz heraus. In einer Boxe im Quadrat ungefähr 3 X 3 m- mußt du dich mit einem der schlechtesten Plätze begnügen. Nur blanke Bretter bilden die Unterlage deines Platzes. Wenn du Glück hast, reicht es noch zu einer schmierigen Schlafdecke, die stinkt und vor Dreck steht. Deine Kleider und Schuhe muẞt du wegen Platzmangel anbehalten, vielleicht auch wegen der Kälte oder auch wegen der Gefahr des Diebstahls. Nach langem Sinnen über deine gegenwärtige Lage hat dich endlich der Schlaf überwältigt. Es ist kein fester und gesunder Schlaf. Die Atmosphäre wird mit jeder Minute unerträglicher. Du wirst aus deinem Halbschlaf durch plötzliches Schreien in deiner nächsten Nähe herausgerissen. Im matten Schein der blauen Verdunklungslampe schaust du in die Richtung des Schreies. Nichts kannst du feststellen. Kaum bist du wieder in eine Art Schlafzustand verfallen, hörst du erneute Schreie. Zu deinem Erstaunen siehst du in einer der nächsten Boxen die Umrisse eines Menschen, kniend oder liegend auf einem anderen. Du findest keine Erklärung für das Gesehene. In anderen Boxen hörst du weitere Schreie. Einige scheinen von träumenden Menschen herzurühren, andere hören sich an wie Schreie, die ein Mensch in größter Not 93 ausstößt, wie Todesschreie! Alles ist dir neu. Der Kopf fängt zu schmerzen an. Zerschlagen an Leib und Seele erwartest du den neuen Tag. Am nächsten Morgen aber werden aus den verschiedenen Boxen tote Menschenleiber zwischen den Lebenden herausgezogen. Ein Teil ist an Erschöpfung, an Hunger oder Ruhr gestorben. Vorm Blockausgang siehst du beim Aufstapeln der Leichen an vielen von ihnen einzelne Druckstellen am Hals. Du fragst einen der schon länger Inhaftierten nach der Ursache. Die Antwort lautet: ,, Das ist Hunger." ,, Ja, aber Hunger hinterläßt doch keine Druckstellen." Und darauf sagt man dir: ,, Der, der da liegt, hat keinen Hunger mehr. Aber der, der ihn in der Nacht erwürgt hat, um in den Besitz seiner Essenmarke zu kommen, der hat sogar jetzt noch Hunger." Noch einmal treten dir die Bilder der vergangenen Nacht vor Augen. Wofür du vor Stunden noch keine Erklärung fandest, jetzt hast du sie. Dies war nur eine Nacht, wie viele stehen dir noch bevor? Jahrelang haben viele Menschen solche und ähnliche Nächte erdulden müssen. Handelt es sich bei Menschen, die sich zu solchen Handlungen hinreißen lassen, immer um ausgesprochen verbrecherische Elemente? Ich behaupte: nein! Die Gefangenen stehen in losen Gruppen im kleinen Lager beisammen. Viele bummeln abseits von der Masse. Alles wartet. Jeden Augenblick kann der Pfiff ertönen zum Essenempfang. Sie schauen voller Spannung nach der Holzbaracke, in der die Vorbereitungen zur Essenausgabe getroffen werden. Ein großer Teil ist mit sich selbst beschäftigt und geht seinen eigenen Gedanken nach. Etwas abseits sind auf einmal herzzerreißende Schreie zu hören. Eine Masse Menschen strömt an dieser Stelle zusammen. Was ist zu sehen? Ein schwacher, hilfloser Mitgefangener stöhnt blutend auf der Erde. Seine abgeschla94 gene linke Hand liegt etwas entfernt von ihm. Was ist geschehen? Einer oder mehrere haben ihm mit einer Art Metzgermesser die linke Hand abgeschlagen, in der er ahnungslos seine Essenmarke trug. Ein achtjähriges Kind bekommt von dänischen Häftlingen Lebensmittel, Schokolade und andere Dinge. Die Dänen waren dazu in der Lage, weil sie durch das dänische ,, Rote Kreuz" tatkräftig unterstützt wurden. Dieser Vorgang muß von einer Gruppe älterer Häftlinge der gleichen Nation beobachtet worden sein. Als das Kind in seine Blockunterkunft zurückkehren will, wird es von ihnen angehalten und aufgefordert, von den soeben erhaltenen Geschenken einen Teil herzugeben. Nach der Weigerung des Kindes wird es jämmerlich zusammengeschlagen, seiner Geschenke beraubt und seinem Schicksal überlassen. Das, was unter normalen Umständen Glück und Freude bedeutet, brachte diesem Kinde Unglück und Schläge ein. 95 95 Kamerad, sei so gut und töte mich! Transporte kamen und gingen bei uns in Buchenwald fast jeden Tag. Sie waren keine Sensation mehr. Sie gehörten zum gewohnten Ablauf der Dinge. In diesem Zusammenhang dürften lediglich die Krankentransporte interessieren. Das waren Häftlinge, die auf den Außenkommandos durch die überschwere Arbeit und das Hetztempo körperlich heruntergekommen waren und die, wenn sie sich bei uns im Stammlager Buchenwald nicht rechtzeitig erholten, bei nächster Gelegenheit zur Vergasung nach Auschwitz verfrachtet wurden. Bei Aufnahme und Unterbringung dieser Häftlinge spielten sich die gräẞlichsten und unangenehmsten Szenen ab. In Massen lagen sie auf dem Erdboden herum. Voller Schmutz und Wunden, abgemagert zu Skeletten. Selbst Menschen mit außergewöhnlich starken Nerven kostete es oftmals innere Überwindung, diese Menschen anzufassen und ihnen helfend zur Seite zu stehen. So manche unter den Todgeweihten dieser Krankentransporte lagen mit aufgeschnittenen Handgelenken blutend zwischen den übrigen. Ihnen war es gelungen, sich noch eine Rasierklinge, ein Rasiermesser, ein altes Taschenmesser oder einen Glasscherben zu verschaffen. Damit wollten sie sich durch einen Pulsaderschnitt dieses elenden Lebens entledigen. Aber selbst dafür reichte ihre Kraft nicht mehr aus. Sie wurden gezwungen, dieses Dahinsiechen gegen ihren Willen bis zuletzt zu ertragen. Mit aufgeschnittenen Handgelenken lagen sie nun da, ohne die Pulsader getroffen zu haben. Jeden von uns Vorübergehenden bettelten sie an: 96 ,, Kamerad, sei so gut und töte mich!" Winniza" Die Zeitungen sind voll von großen Schlagzeilen: ,, Zwölftausend polnische Offiziere meuchlings ermordet! Die Leichen in Katyn sind Zeugnisse bolschewistischer Grausamkeit!" In immer neuen Variationen sprechen die Zeitungen wochenlang von Katyn. Die Rundfunksendungen vergaßen an keinem Tag, lang und breit davon zu berichten. Nicht nur bei Häftlingen, sondern auch bei SS- Angehörigen hörte ich oft den Ausspruch: ,, Das hängt einem schon zum Halse raus." In diesen Wochen kam ich auch mit dem SS- Angehörigen August Hinze auf Katyn zu sprechen. Auf meine Frage, ob er ernstlich glaube, daß es sich bei Katyn um ehemalige polnische Offiziere handle, winkte er mir verächtlich ab und erzählte folgendes: ,, Hör zu. Ich bin an der Ostfront gewesen und habe vieles gesehen, wovon ihr euch gar keine Vorstellung machen könnt. Diese Sache Katyn erinnert mich an Winniza, einem kleinen Städtchen in der Ukraine. Als wir diese Gegend besetzt hatten, wurden sämtliche Juden aus der ganzen Umgebung zusammengetrieben und erschossen, Frauen und Säuglinge, Kinder und Greise. Es waren mehrere Tausend! Eine Szene werde ich nie vergessen. Die Juden mußten alle am Rande einer Schlucht, die sehr tief war, entlang laufen. Die in entsprechender Entfernung aufgestellten Maschinengewehre setzten sich in Tätigkeit und die leblosen Körper stürzten in die Schlucht. Ein kleiner Teil, der oben am Rande liegen blieb, konnte ohne große Mühe hinuntergeworfen werden. Dies alles geschah unter 7 Barthel, Ohne Erbarmen 97 den Augen der Nachfolgenden, die ebenfalls erschossen wurden. Unter ihnen war eine junge Jüdin, vielleicht 18 bis 20 Jahre alt. Bildschön, wie aus Marmor gemeißelt. Die junge Jüdin liebte das Leben, sie wollte nicht sterben. Statt nach dem Rand der Schlucht, lief sie vor die Front des SS- Sonderkommandos, auf die Maschinengewehre zu. Sie flehte und bettelte:, Laßt mich leben, seid nicht so grausam, ich will nicht sterben. Sie warf sich zu Boden und rief:, Ihr könnt mich alle gebrauchen, ihr könnt alles von mir haben, aber laßt mich leben. Nicht schießen, nicht schießen, ich bin ja noch so jung!' Die Todesangst trieb sie zu dem Unmöglichsten. Die Scharfschützen wurden unschlüssig und wußten nicht, was sie tun sollten. So dauerte dieser Auftritt einige Minuten. Alles schaute auf das Mädchen, das dem Tod zu entrinnen versuchte. Todesstille. Da trat ein Offizier aus den Reihen des Sonderkommandos und ging auf das Mädchen zu. Sie blickte zu ihm auf, und ihr Gesichtsausdruck war voller Hoffnung. Der Offizier nahm sie liebevoll in seine Arme. Folgende Worte sprach er zu ihr: , Du bist Jüdin und wir haben Befehl, alle Juden zu liquidieren. Wie soll ich dich retten?' , Rette mich, laß mich nicht erschießen, rette mich!' war ihre flehende Antwort. , Ja, und wenn ich dich zu retten versuchte, wird man uns beide erschießen. Komm, steh auf! Gehen wir!' Alle, die es sahen, waren voller Spannung. Was wird er tun? Er ging mit ihr ein Stück aus der Schußrichtung der MG.s. Zärtlich legte er seinen Arm um ihre Hüfte. Sie schmiegte sich an ihn, fühlte sich geborgen und glaubte, er sei ihr Retter. Dankbar schaute sie mit tränenden Augen zu ihm herauf. Sekunden vergingen. Mitten in diese Stille fiel ein Schuß. Das junge Mädchen sank neben dem Offizier zusammen und entglitt seinem Arm. Sie war tot. Ihr Leben ward ausgelöscht in dem Augenblick, in dem sie glaubte, es gerettet zu haben. 98 - Was war geschehen? Unbemerkt hatte der Offizier seinen entsicherten Revolver so geführt, daß er ihr durch den Rücken in das Herz schießen konnte. Der Offizier schaute sich etwas verwirrt um und gab dann zwei seiner Untergebenen den Befehl, den Leichnam nach der Schlucht zu bringen. Der Zwischenfall war vorüber, die MG.s nahmen ihre Tätigkeit wieder auf, der Massenmord ging weiter." Frage: Warum willst du mich töten? Warum soll ich sterben, trotzdem ich keinerlei Verbrechen begangen habe und frei von Schuld bin? Antwort: Ich muß dich töten, weil du zur jüdischen Rasse gehörst. Mehrere Monate waren vergangen. Wiederum brachten die deutschen Zeitungen in großen fetten Schlagzeilen eine Bekanntgabe: ,, Neuer bolschewistischer Massenmord aufgedeckt!" Diesmal aber hieß der Tatort nicht Katyn, sondern Winniza!!! 7* 99 96 Henker „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Diesen sinnreichen Satz soll Goethe hier unter unserer schönen starken Eiche geschrieben haben. Diese Eiche steht zwischen Wäscherei und Häftlingsküche und ist der einzige übriggebliebene Baum. Er wäre auch gefallen wie all die Hunderte, wenn er nicht unter Naturschutz gestan- den hätte. Goethe soll unter diesem Baume manche Stunde verbracht haben. Darauf mußte sich der Satz beziehen, den man 1938 in einem Schildhaus lesen konnte:„Früher wandelten hier Goethe und Dichter, heute regiert hier der Henker Richter!“ 2 Das muß ein SS-Posten geschrieben haben, der sich den Nationalsozialismus wahrscheinlich auch etwas anders vorgestellt hatte und so seine Empörung. über die Lager- verhältnisse von Buchenwald zum Ausdruck bringen wollte. Richter, der Henker von Buchenwald, war ein Berufs- verbrecher und zur damaligen Zeit Lagerältester. Er hat mit dem Berufsverbrecher Osterloh gemeinsam 2 Häft- linge namens Bargatzki und Forster, welche in Verbin- dung mit ihrer geglückten Flucht dem SS-Posten Kallweit einen solchen Schlag versetzten, daß dieser nach I oder 2 Tagen daran starb, aufgehängt. Bargatzki wurde schon einige Wochen später in Mitteldeutschland verhaftet und vom Sondergericht in Weimar zum Tode verurteilt. Durch einen Sondererlaß von Hitler wurde er nicht enthauptet, sondern durch den Strang in Buchenwald in Gegenwart aller Häftlinge und SS-Angehörigen hingerichtet. Die 100 Hinrichtung war kein gewöhnliches Aufhängen, sondern ein regelrechtes Strangulieren. Richter brachte seinen Kameraden und Mithäftling zum Galgen herauf, legte ihm die Schlinge um den Hals und Osterloh zog ihn dann langsam in die Höhe. Auf Befehl des Kommandanten Koch hatte Osterloh die Anweisung, das Hochziehen sehr langsam vorzunehmen, um so den Tod noch abschrekkender zu gestalten. Nach meiner Beobachtung dauerte es 2 bis 3 Minuten, bis der Tod eintrat. D. h., wenn das plötzliche Spreizen der Beine des Strangulierten als das Zeichen des endgültigen Erlöschens des Lebens angesehen werden kann. Richter stand daneben auf dem Galgengerüst und bewunderte seine Tat. Beide Henker bekamen als Belohnung jeder 10,- RM. und eine Anzahl Zigaretten von der Lagerführung. Der Leichnam blieb insgesamt 3 Tage am Galgen hängen und war für alle Lagerzugänge eine ganz ,, nette" Überraschung. Als nach der Hinrichtung der Staatsanwalt sowie das Sondergericht, der Gruppenführer Eicke, Kommandant Koch und alle SS- Angehörigen samt ihren schußbereit aufgestellten schweren MG.s das Lager verlassen hatten, sollte ich noch ein weiteres Erlebnis haben. Der damalige SS- Oberführer und Lagerführer Thau B sprach zu sämtlichen Häftlingen: ,, Alles herhören! Nachdem wir diesen Verbrecher nun endlich da hängen haben, ist für euch das Rauchverbot und die Kantineneinkaufssperre ab sofort aufgehoben!" Dieselbe Masse Menschen, die mit eisigem Schweigen soeben die Hinrichtung eines Häftlings aus ihrer Mitte. erlebt hatte, brach nach dieser Bekanntgabe des Lagerführers in Beifall und Händeklatschen aus. Voll Abscheu wandte ich mich ab und hing meinen eigenen Gedanken nach. Alle wirklich politischen Häftlinge waren über diesen Zwischenfall aufs stärkste empört. - Kurz vor Weihnachten wurde bekannt, daß die Regierung der Tschechoslowakei den nach Eger geflüchteten IOI Forster gegen jeden internationalen Brauch, denn Forster hatte sich ja nur politischer Vergehen schuldig gemacht, an Deutschland ausgeliefert hatte. Er wurde genau wie Bargatzki in Weimar vom Sondergericht zum Tode verurteilt. Aus einem Bericht der Thüringer Gauzeitung konnte man ersehen, daß sich Forster sehr gut verteidigt haben muß. Das nutzte ihm jedoch nichts. Er ging denselben Weg wie sein Kamerad Bargatzki. Am Abend vor dem sogenannten ,, Heiligen Abend", am 23. Dezember 1938, wurde auch er in unserer Anwesenheit durch den Strang hingerichtet. Es war gegen 18 Uhr. Die Häftlinge rückten blockweise zum Appellplatz. Sämtliche Scheinwerfer waren auf den Appellplatz eingestellt. Die dichtfallenden Schneeflocken wirbelten in diesem grellen Licht. Rings um das Lager hing der dunkle, undurchdringliche Vorhang, die Nacht. Eine fast feierliche Stimmung. Alles wiederholte sich, wie ich es schon bei der Hinrichtung Bargatzkis erlebt hatte. Aus allen Richtungen waren wieder die schweren MG.s auf uns Häftlinge eingestellt. Nach Einmarsch und Aufstellung der SS- Kompanien kam der Staatsanwalt mit seinem Gefolge und nach ihnen die SS- Offiziere ins Lager. Dann wurde Forster, an Händen und Füßen gefesselt, von SS- Hauptscharführer Sommer zum Galgen geführt. Durch das Mikrophon erklang wiederum die Stimme des Staatsanwaltes, er verlaẞ das Urteil und den Sondererlaß Hitlers. Dann übergab er den Verurteilten zur Vollstreckung des Urteils dem Kommandanten des Lagers, SS- Standartenführer Koch. Dieser rief befehlsmäßig: ,, Hängt ihn auf!" Die Henker Richter und Osterloh begannen wieder ihre Tätigkeit und verdienten sich ihren Judaslohn, 10,- RM. und eine Hand voll Zigaretten. Stolz und in gerader Haltung, erhobenen Hauptes, betrat Forster das Galgengerüst und ging schweigend in den Tod. - Die SS triumphierte!! Das war Weihnachten 1938 im Konzentrationslager Buchenwald. 102 Nachdem ich diese 2 offiziellen Hinrichtungen mit eigenen Augen genau gesehen hatte, nachdem die vielen tödlich auslaufenden Mißhandlungen an meinen Mithäftlingen durch die SS und unter Mitwirkung von Häftlingen kriminellen Einschlags erlebt hatte, glaubte ich, die schlimmsten Offenbarungen menschlicher Brutalität und Grausamkeit erfahren zu haben. Ich hatte mich geirrt, wie sich später herausstellte! 103 Massenmord in Buchenwald In den Morgenstunden des 22. Juni 1941 erreichte uns die Nachricht vom Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion und damit vom offenen Krieg zwischen beiden Staaten. Die politischen Häftlinge waren voller Spannung und rechneten mit den schlimmsten Maßnahmen der Lagerführung. Wird man gegen uns, gegen die bekannten Revolutionäre und Verteidiger der Sowjetunion, irgend etwas unternehmen? Offiziell geschah in den darauffolgenden Wochen nichts. Der anfängliche Blitzkrieg in Rußland mit dem schnellen Vordringen deutscher Truppen in das Innere der Sowjetunion hatte Partei und SS berauscht. Sie glaubten des Sieges über den Bolschewismus sicher zu sein. Sie hatten schon Stempel und andere Materialien fertig und bereitgestellt für die Errichtung von ,, Baubüros der SS Stadt Moskau". Auch die verantwortlichen Personen waren schon dafür bestimmt. Am Ende des Jahres 1941 waren alle Träume dieser Art untergegangen in Eis und Schnee, gescheitert an der neuorganisierten Widerstandskraft der Sowjetunion. Der Stagnation von 1941 folgte ein Jahr später die Niederlage von Stalingrad und danach der unaufhaltsame Rückzug. Mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion wurde bei uns in aller Stille im Werkstättengelände der Deutschen Ausrüstungswerke ein Kugelfang gebaut. Er wurde so tief gegraben und außerdem an den Seiten mit Erde so hoch aufgeworfen, daß man direkt vor dem Eingang 104 stehen mußte um erkennen zu können, was innerhalb dieses Walles vorging. Bisher wurden die offiziellen Erschießungen an der Südostecke außerhalb des Lagers vorgenommen. Nach Fertigstellung des Kugelfanges sollte dies nun hier geschehen. Jedesmal, wenn Erschießungen bevorstanden, wurden Häftlinge beauftragt, Hobelspäne in den Kugelfang zu streuen. Auf diese Weise wußten wir, wann Exekutionen stattfinden sollten. Die nächsten Opfer ließen nicht lange auf sich warten. Es hieß: 8 Mitglieder der Roten Armee, wahrscheinlich Offiziere, sind in Arrest eingeliefert worden. Das waren die ersten 8!! Zum Abendappell durften wir nicht abrücken. Alles mußte auf dem Platz stehenbleiben. Die Acht wurden am Krematorium vorbei nach dem Kugelfang geführt. Was sich dann abspielte, sah nur die SS. Jeder von uns wußte jedoch, was jetzt geschah. In dieser Stunde begann ein Massenmord an unseren russischen Brüdern. Diesen ersten 8 Opfern sollten noch viele folgen. Nach einer reichlichen halben Stunde konzentrierten sich die Blicke aller Häftlinge auf einen Punkt, auf den hohen Schornstein des Krematoriums. Aus ihm schlug plötzlich eine hohe Stichflamme heraus. Einige Minuten hielten sich die Flammen in 4-5 m Höhe über der Öffnung des Schornsteins. Danach kamen dicke Qualmwolken. Der Schornstein rauchte wie die Esse eines Schiffes, das die höchste Knotenzahl und Geschwindigkeit erreichen will. Die Erschieẞung war vorüber, die Verbrennung wurde sofort vorgenommen, um keinerlei Beweise zu hinterlassen. Nach einigen Wochen wurden die Fragen der Zivilbevölkerung von Weimar und Umgebung an unsere Häftlinge, die auf Außenkommandos arbeiteten, immer häufiger, daß wir doch jetzt auch Russen in das Lager bekommen hätten. Die Häftlinge verneinten diese Frage und erklärten immer wieder zum Erstaunen der Zivilisten, daß sie im Lager noch keinen Russen gesehen 105 hätten. Die Zivilisten schauten sich darauf gegenseitig vielsagend an. Diese vielen Hunderte von Russen waren wohl nach Buchenwald gekommen, aber nicht ins Lager. Einen Russen hatten wir im Lager. Dieser war aber nicht aus der Sowjetunion, sondern aus dem zaristischen Rußland. Sein Name war Gregor Kuschnir- Kuschnareff Nr. 2711, geb. am 30. 9. 1884 zu Charkow. Er behauptete, daß er in Österreich, nunmehr Großdeutschland, im Auftrag der deutschen Regierung auf Wunsch einer befreundeten Macht( wahrscheinlich der Sowjetunion auf Grund des Vertrages mit Deutschland) in Haft genommen worden war. Er stamme aus der Ukraine und nach seinem Namen sei nach der Februarrevolution 1917 eine zweimonatlange Regierungsperiode als ,, Kuschnir- KuschnareffAera" benannt worden. Besonders stolz behauptete er von sich, den Feuerbefehl der Schutz- und Leibgarde des Zaren im Palais gegen die anstürmenden Bolschewisten gegeben zu haben. ,, Leider" hätte man seinen Feuerbefehl nicht befolgt, bemerkte er traurig. Vom ersten Tage seiner Anwesenheit in Buchenwald spielte er sich sofort als 100% iger Antisemit auf und nahm jede Gelegenheit wahr, um sich bei der Lagerführung beliebt zu machen. Bald hatte er Verbindung zur politischen Abteilung( Lagergestapo), zum Adjutanten, ja selbst zum Kommandanten direkt. Er denunzierte alles, was er im Lager in Erfahrung bringen konnte und wurde somit eine der größten Gefahren für uns alle. Nachdem im Jahre 1940-41 Todestransporte zur Ausprobierung von Giftgasen zusammengestellt wurden, war er es, der einen großen Teil alter politischer Häftlinge mit auf die Liste gebracht hatte. Nur unter Aufbietung aller Kräfte und Ausnutzung aller Verbindungen wurde dieser Anschlag gegen uns im letzten Augenblick vereitelt. Dieser Mensch hatte dem Belschewismus und auch den Kommunisten der anderen Länder Todfeindschaft geschworen. Er nutzte die ihm hier gebotene Chance und übte eine fürchterliche Rache. 106 Durch den deutschen Vormarsch 1941 in die Sowjetunion fühlte sich Kuschnir- Kuschnareff als der kommende Mann eines Rußlands unter deutscher Herrschaft. Von diesem Zeitpunkt an kamen dann fast Tag und Nacht Transporte auf Transporte. Alle waren Russen, und alle mußten ahnungslos denselben Weg gehen. Dieser Weg war der Weg in den Tod!! Die Liquidierung Hunderter Gefangener in dem bereits beschriebenen Kugelfang war zu umständlich. Einige vermochten trotz der Fesselung noch in den letzten Minuten Widerstand zu leisten und außerdem konnte dort das Massenmorden auf die Dauer nicht geheim bleiben. Man fand einen anderen Weg! Die Transporte kamen in offenen oder geschlossenen Lastkraftwagen und mitunter auch mit Omnibussen. Dadurch hatten die Insassen die Möglichkeit, die Häftlinge im Kommandanturbereich Buchenwald ,, frei" herumlaufen zu sehen. Die Gefangenen dachten: bald werde auch ich hier als Zwangsarbeiter oder Häftling herumlaufen. Ganz so schlimm wie man es uns von den deutschen Konzentrationslagern erzählt hat, wird es schon nicht sein. Diese Illusion vertrieb jeden Gedanken an Widerstand gegen unmittelbar bevorstehende Repressalien und Bestialitäten und machte die Gefangenen hoffnungsvoll. Ja, voller Hoffnung ging die Mehrzahl von ihnen in den Tod! Kuschnir- Kuschnareff wurde zu jedem Transport gerufen. Bisher hatte man sie in ihren Kleidern erschossen und verbrannt. Einige Zeit später zog man den Leichnamen die Kleider aus. Aber auch dies war noch alles zu umständlich, machte viel zu viel Arbeit, und dann konnten sich auch die Häftlinge ein ungefähres Bild von der Zahl der Erschossenen machen, wenn die Kleiderberge bis hoch über die Bretterumzäunung des Krematoriumshofes zu sehen waren. Das ,, richtige" Verfahren war bald gefunden. An die Stelle des Kugelfanges trat der Genickschuß. Aber wie? Die Opfer wurden statt ins Lager sofort nach dem Pferde107 stall gefahren. Dieser liegt einige 100 m westlich außerhalb des Lagers. Der Pferdestall ist in verschiedene Räume aufgeteilt. Die Zugänge wurden schubweise in einen Auskleideraum gebracht. Kuschnir- Kuschnareff hielt ihnen mit freundlichstem Gesicht und gewählten Worten in russischer Sprache einen Vortrag, wie sie sich zu verhalten. hätten, und daß sie jetzt untersucht sowie aufgenommen werden würden. Jeder sage laut und deutlich seine Personalien, wie alle anderen Dinge, nach denen er gefragt werden würde. Bei der sogenannten Personalaufnahme war Kuschnareff als Dolmetscher ebenfalls zugegen. Nachdem sie sich alle entkleidet hatten, wurde jeder einzeln in den ,, Aufnahmeraum" gerufen. Er wurde nach allem Möglichen gefragt, bekam die Brust abgehört und wurde darauf zur Meßlatte geführt. Damit hatte das Opfer seinen letzten Schritt getan. In dem Moment, in dem der Gefangene sich in gerader Haltung unter dem Winkel der Meßlatte befand, krachte ein Schuß, und er fiel nach vorn zu Boden. Durch eine Hintertür wurde der Tote hinausgeschleppt und in den bereit gestellten verdeckten Lastkraftwagen geworfen. Viele werden sich sagen, aber das ist doch nicht möglich, erstens würden die im Auskleideraum Befindlichen die Schüsse hören und zweitens kann man das alles nicht bewerkstelligen, ohne daß die Opfer bemerken, worum es geht. Man muß jedoch wissen: der Aufnahmeraum ist schalldicht. Die der Meßlatte gegenüberstehende Wand ist mit Stoffstreifen dicht behangen, so daß sich die Geschosse darin verfangen und weder die Wand beschädigen, noch durchschlagen. Vor der Meßlatte liegt ein großes Blech, von dem das Blut in einen Abfluẞ geleitet wird. Dieses wurde entweder sofort mit Wasser abgespült oder mit Holzspänen so bestreut, daß der nächste keine Blutspuren mehr entdecken konnte. Die Meßlatte wiederum stellt die Außenwand eines in die Wand des Zimmers eingebauten Schrankes dar. Der Schütze steht in diesem Schrank und kann somit von dem Opfer nicht gesehen werden. 108 Auf diese Weise sind nicht nur Hunderte, sondern Tausende vernichtet worden, darunter viele Frauen! Im Anfang muß der SS doch noch zuweilen ein Regie- fehler unterlaufen sein, denn oft drangen aus der stock- finsteren Nacht aus der Richtung Pferdestall Todesschreie ins Lager herüber. Danach knallten Schüsse, dann herrschte wieder Todesstille. Wurden diese von einem Häftling ge- hört, so wußte er, die Mörder sind wieder beim Schlach- ten. Mit verkrampfter Faust in der Tasche wünschte er sich, daß bald die Stunde der Vergeltung für all diese Schandtaten schlagen möge. In den ersten Stadien der Massenliquidierung genügten die vorhandenen Verbrennungseinrichtungen für die Un- zahl der Leichen nicht mehr. Die Notwendigkeit eines eige- nen Krematoriums war schon damals gegeben, da sämt- liche Krematorien der Umgebung von Weimar und Erfurt die Buchenwaldleichen gar nicht mehr alle rechtzeitig ver- brennen konnten, weil sie auch die aus ihrem Bezirk überwiesenen Toten einzuäschern hatten. Vor allem aber war das Personal der städtischen Krematorien nicht schweigsam genug, und so war wohl bekannt geworden, in welchem Zustand sich die Leichen von Buchenwald befanden. Außerdem, daß das Gros der Leichname nur noch mit Haut überzogene Skelette darstellten, hatte man wahrscheinlich auch viele andere undenkbare Dinge ge- sehen und festgestellt. Da die geschlossenen Leichentransportwagen mit Toten regelrecht vollgestopft wurden, meist ohne Leichenkästen, war es doch einmal passiert, daß durch irgendeinen Um- stand während der Fahrt nach Weimar die Wagentür auf- gesprungen war und ein oder zwei Leichen auf der Straße lagen.’ Erst durch die entsetzten Handbewegungen der Straßen- passanten wurde der Chauffeur aufmerksam, daß etwas passiert sein mußte. Er fuhr zurück und verfrachtete kurzerhand sein verlorenes„Gut“ unter den neugierig ent- setzten Augen der Zuschauer wieder in das Innere seines Wagens und fuhr weiter. Natürlich hatte sich dieser Vorfall wie ein Lauffeuer in Weimar herumgesprochen. Seitdem sprach man in Weimar nicht mehr vom Buchenwaldberg, sondern nur noch vom ,, Totenberg". Das Krematorium wurde umgebaut. Danach hatte es 2 Öfen mit 6 Einfahrtsöffnungen. In jede Öffnung konnten gleichzeitig 3-4 Leichen zum Verbrennen eingeschoben werden. Da die Verbrennung einer Leiche 40 Minuten beanspruchte, 18 Leichen und mehr aber gleichzeitig verbrannt werden können, kommt ein Stundenpensum von mindestens über 20 heraus. Wie hoch das Tages- oder Wochenpensum bei voller Beanspruchung sein konnte, mag sich der Leser selbst ausrechnen. 112 Menschenknochen Ein anderes Problem war die Entfernung der Asche. So wie bei allen noch nicht eingespielten Dingen erst Erfahrungen notwendig sind, so wurden auch hier in der Eile unüberlegte Handlungen begangen. Nachts gegen 21 Uhr war es. Nach Erledigung meiner laufenden Arbeiten als Blockältester hatte ich noch verschiedene Zeitungen durchgeschmökert. Bis auf die Nachtwache war alles schlafen gegangen. Durch den Spalt der halbgeöffneten Schlafsaaltür hörte man das ,, Sägen" einiger schnarchenden Menschen. Nur das Heulen des Windes bis in den Ofen herunter unterbrach die Stille. Mitten in die Unterhaltung zwischen der Nachtwache und mir war plötzlich das Dröhnen eines schweren Motors zu hören. Schon vernahmen wir das Gerumpel eines Lastkraftwagens. Dies alles um Mitternacht im Häftlingslager. Eine vollkommen ungewohnte Angelegenheit im Jahre 1941. Wir versuchten mit angestrengtem Gehör die Fahrtrichtung dieses nächtlichen Ungetüms festzustellen. Es mußte sich unserem Block nähern. Richtig, jetzt quietschten die Bremsen zwischen unserer östlichen Giebelseite und der Effektenkammer. Leise, auf den Zehenspitzen schlichen wir uns in den Schlafsaal nach dem B- Flügel, um Näheres feststellen zu können. Durch die Schlafsaalfenster, die im Gegensatz zu denen des Tagesraumes zur damaligen Zeit noch nicht verdunkelt waren, konnte man, nachdem sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt hatte, die Vorgänge draußen schwach erkennen. Aufgeregte, 8 Barthel, Ohne Erbarmen II3 halblaute Männerstimmen. Es wurde hastig und geheim- nisvoll gesprochen. Aus der Richtung Effektenkammer rief eine Stimme: „Zwei Mann hierher! Schnell!“ Auch bei Block 50 rief es:„Hier auch ein paar her. Los, Tempo!“ Dann hörten wir Menschenschritte im Trab. Was hatte das alles auf sich? Umstellen sie unseren Block? Will man vielleicht Verhaftungen vornehmen? Im Schlafsaal waren einige durch das Motorengeräusch wach geworden. Sie fragten neugierig: „Was ist los?“ „Pst! Auf alle Fälle Ruhe! Wir wissen’s auch nicht!“ zischte ich dazwischen. So verharrten wir noch einige Sekunden, vielleicht auch Minuten, ohne uns zu bewegen. Plötzlich blitzte ein Licht- strahl beim Block 50 am Revisionsgully der Kanalisation in der schwarzen Nacht auf. Deutlich erkannten wir den damaligen SS-Scharführer Adolf Döring. Er hielt eine Stablampe in der Hand und gab Befehle. Jetzt erkannten wir auch, daß mehrere Häftlinge in gestreifter Uniform zugegen waren. Sie mußten den Eisen- deckel des Gullys abheben und zur Seite legen. SS-Scharführer Döring leuchtete hinein und meinte danach:„Ja, es geht! Jetzt schnell, bringt die Säcke!“ Die Häftlinge liefen zum Auto und kamen schweren Schrittes mit großen, gefüllten Säcken zurück. In Eile wurden sie aufgebunden, und der Inhalt in den Gully entleert. Beim zweiten oder dritten Sack hörten wir auf einmal wieder die Stimme Dörings durch den heulenden Wind zu uns herüber: „Idiot, verfluchter, paß doch auf! Du sollst nichts da- neben schütten!“ Wir sahen, wie daraufhin jemand in gebückter Haltung die daneben geschüttete Masse mit beiden Händen zu- sammenscharrte und ebenfalls in den Gully warf. 114 Was kann das sein? Wenn es auf den Betonrand fiel, hörte es sich fast so an wie kleine Kieselsteine. Aber nein, der Klang war noch anders, hohler. Ja, was mag das wohl sein? - Dies schaurige Schauspiel war inzwischen beendet. Die Schritte draußen begaben sich zum Auto. Es setzte sich wieder in Gang und rollte ab. Wir gingen in den Tagesraum zurück. Noch lange unterhielten wir uns, wobei ich meine Vermutungen zum Ausdruck brachte, aber noch nichts beweisen konnte. Lange fand ich keinen Schlaf, immer wieder mußte ich über das Geschehene nachdenken. ,, Heute sind sie es, morgen können wir's schon sein!" Als am nächsten Morgen die Arbeitskommandos ausmarschiert und kein großer Verkehr mehr im Lager war, ging ich unauffällig an dem Gully von Block 50 und dem an der Effektenkammer vorbei. Sieh da, das Rätsel war gelöst, der Beweis für meine Vermutungen lag da. Asche und verbrannte Knochenreste! Beim nochmaligen Vorbeigehen hob ich einige unauffällig auf und steckte sie in die Tasche. Kurz darauf legte ich sie einem Spezialisten vor, der mir nach genauer Besichtigung kurzerhand erklärte, daß es sich hier um Menschenknochen handele. Das genügte mir. Am vorhergehenden Tage waren wieder einige Hundert russischer Kriegsgefangener gebracht worden. Jedoch nicht ins Lager, sondern nach dem Pferdestall. Nach der Erschieẞung waren sie im Krematorium sofort verbrannt worden. Der Schornstein zeigte den ganzen Tag bis spät in die Nacht starke, dicke Rauchschwaden. Oft züngelten die Flammen an der Öffnung des Schlotes. Die Luft war erfüllt von dem Geruch verbrannten Fleisches. Und in der vergangenen Nacht hatte man die unverbrennbaren Reste der Toten in die Kanalisation geschüttet. Frühjahr 1942! In einer langen Reihe, einer neben dem anderen, graben wir die Erde zur Neubestellung in der Gärtnerei Buchenwalds um. Oftmals standen wir bis über 8* II5 die Fußknöchel in Kotschlamm, der aus den Schlammbecken( Behälter) der Kläranlage zur Düngung der Erde breitgeschüttet worden war. Wir müssen einen furchtbaren Geruch an uns gehabt haben. Jeder, der es eben konnte, machte einen großen Bogen um uns, wir waren gemieden wie die Pest. Mitten im Umgraben stoppte auf einmal mein Nebenarbeiter Hannes. ,, Was ist das?" fragte er mich und zeigte auf mehrere Knochenreste. ,, Knochen aus der Küche", antwortete ich. ,, Du, das glaube ich nicht, denn diese Knochen sind doch verbrannt. Sieh doch mal richtig her, schau, wie porös sie sind, wie Karbid sehen sie aus. Und das gibst du wohl zu, daß in der Küche keine Knochen verbrannt werden. Die Knochen stammen bestimmt wo anders her." ,, Wie meinst du denn das, wo sollen sie her sein?" ,, Sag mal, hast du denn Ende vorigen Jahres( 1941) nicht gehört, daß das Hauptrohr der Kanalisation zur Kläranlage verstopft war? Weißt du, welchen Durchmesser die Hauptrohrleitung hat?" ,, Nein, davon habe ich keine Ahnung." ,, Nun, soviel ich weiß, soll der Durchmesser zwischen 1-1 m sein. Kannst du dir dann vorstellen, was das heißt, wenn eine solche Leitung verstopft?" ,, Allerdings, das will schon was heißen, da muß man schon sehr viel Unrat hineinwerfen, ehe man eine solche Leitung zum Verstopfen bringt. Zumal dauernd Wasser hindurchfließt." ,, Ja, und hast du nie von der Ursache der Verstopfung gehört? Nein? dann will ich es dir sagen: das, was du Unrat nennst, waren Menschenasche und Menschenknochen." Da, am Fangrechen der Kläranlage, hat man haufenweise die Menschenknochen mit Mistgabeln herausgefischt. Falls du es wirklich noch nicht wissen solltest, nun weißt du Bescheid." 116 Daraufhin erzählte er mir noch viele Einzelheiten, die mir jedoch schon alle bekannt waren. „Hannes, wir graben jetzt die Asche und Knochen von Menschen in die Erde, damit der Boden ertragreicher wird! Diese Erde ist tatsächlich getränkt mit Menschenblut und gedüngt mit vielen Hunderten von Menschen! Wir sind jetzt das Sonderkommando von Buchenwald, stehen noch unter der allgemeinen Strafkompanie. Das Ziel des Obersturmführers, Lagerführers Plaul, und der Berufsverbrecherclique Ohlis, Kreuels, Engelhardt, Post- pechie, Trumpf, Grätsch usw. ist, uns hier noch über den Rost zu bringen. Heute graben wir die Asche und Knochen unserer russischen Brüder unter die Erde, wann und wo wird die unsere umgegraben? Sollten sie, die Denunzianten, Verräter, Spitzelfiguren gegen uns nicht ihr Ziel erreichen, dann wehe ihnen, sie werden das teuer zu zahlen haben. Jede'Gefühlsduselei würde nur noch weitere, größere Opfer fordern. Darum werden wir mit ihnen hart abzurechnen haben!“ 117 Angriff auf das Rüstungswerk Buchenwald Seit diesem Erlebnis waren mehr als 2 Jahre vergangen. Die Denunzianten und Achtgroschenjungens hatten ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht. Was sie uns zugedacht hatten, mußten sie selbst erleiden. Sie sind gewesen, gehören der Vergangenheit an und können keine Menschen mehr in den Tod jagen. Die militärische Lage hatte sich wesentlich zu Ungunsten Deutschlands verändert. Die Invasion war gelungen, und die Alliierten standen an den Grenzen des Reiches. Die ,, Rote Armee" hatte die deutschen Truppen aus Rußland vertrieben, stand vor Warschau und an der ostpreußischen Grenze. Alles, alles ist anders geworden. Fast keine deutsche Stadt mehr, die nicht wüßte, was Bombenangriffe bedeuten. Die Luftoffensive der vereinten Nationen nimmt täglich an Heftigkeit zu.- Fliegeralarm! Für uns keine Seltenheit mehr. Aber jeder meinte, wenn er zu Hunderten die amerikanischen Bomberverbände vorbeiziehen sah: Buchenwald ist immun, Buchenwald wird nicht bombardiert. Die in den sieben Jahren entstandene Rüstungsindustrie war zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor herangewachsen. Die ,, Deutschen Ausrüstungswerke", die ,, Mibau" und ,, Gustloff- Werke" beschäftigten Tausende von Häftlingen. Sie mußten eines Tages ein lohnendes Ziel für die alliierten Flugzeugverbände werden. 118 24. August 1944, 12 Uhr mittag! Die Flieger waren über uns. Keiner ahnte, was wir in den nächsten Augenblicken erleben sollten. Plötzlich gaben einzelne Flieger ein uns bis dahin unbekanntes Zeichen. Wie glühende Lava floß die abgeworfene Masse, einem langen, starken Seil gleich, der Erde zu. Eines der Zeichen blieb in zackiger Form, fast einem Blitz ähnlich, am Himmel stehen. Im nächsten Augenblick krachte und knallte es schon in unmittelbarer Nähe. Die Luft war voll Heulen und Brausen. Schlag folgte auf Schlag. Klirrend und pfeifend prasselten Steine, Erdklumpen und Dachziegel durch die Luft. In den Pausen der Einschläge sprangen wir auf und rannten in Richtung des Lagers. Wieder heulte und pfiff es durch die Luft, und wieder lagen wir platt auf der Nase, krochen auf allen Vieren nach dem nächsten starken Baumstamm, in der Hoffnung, durch ihn vor dem Steinregen geschützt zu sein. Am Lagerzaun angelangt, bezogen wir kurzentschlossen auf meinen Vorschlag einen Splittergraben der SS. Von dessen Ein- und Ausgang beobachteten wir den Fortgang des grauenerregenden Schauspiels. Schwarze, graue Rauchwolken verdunkelten die Sonne trotz heller Mittagszeit. Die Sonne hing wie eine glühende Scheibe in der Finsternis. Gespensterhaft tauchte sie zwischen den schwarzen Schwaden auf und wurde wieder verdeckt. Dicht über uns zogen etwa 12 Bomber vorüber. Deutlich sahen wir die Brandbomben fallen. Kurz danach war die Luft voller Flugblätter. Noch waren aus der Richtung ,, Gustloffwerke" und DAW. schwere Detonationen zu hören, dann war der Angriff vorüber. Wir gingen zurück zur Arbeitsstelle. Die Straßen waren in Steinströme, der Exerzierplatz vor dem Wirtschaftsgebäude in einen Steinsee verwandelt. Wenn man bedenkt, daß bis auf eine Bombe vor dem Krematorium und einige Brandbomben auf die Desinfektion, Schuhmacherei, Schneiderei und Wäscherei das Lager selbst verschont blieb, kommt man zu der Schlußfolgerung, daß hier ganze und vor allem ungeheuer präzise Arbeit geliefert wurde. 119 Besonders stark.wurde außer den Betrieben der Stein- bruch getroffen. Zahlreich lagen die Toten und Schwer- verwundeten herum. Als sich die Häftlinge der„Gustloffwerke‘“ und„Mibau“ aus dem Bombardierungs- und Flammenbereich zurück- ziehen wollten, feuerten die SS-Posten, die hauptsächlich aus Ukrainern bestanden, dazwischen, so daß die Todes- opfer noch erhöht wurden. Tagelang lagen die Toten— zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und ver- brannt— vor dem Krematorium. Einer neben dem an- deren. Und weil der Platz dafür zu klein war, hatte man einen Teil in einer Ecke zu einem Haufen aufgestapelt. Rund 400 Häftlinge und weit über 100 SS-Leute hatte der Bombenangriff als Opfer gefordert. Trotzdem bereits eine Stunde vor dem Angriff Flieger- alarm gegeben wurde, durften die Häftlinge die Betriebe nicht verlassen, so daß die Schuld für die hohe Zahl der Opfer den SS-Verantwortlichen im Lager zufällt. Der Moloch von Buchenwald Das Krematorium hatte wieder Hochkonjunktur! Wieder lodern die Flammen gegen den Himmel. Wieder ist die Luft erfüllt vom Geruch verbrannten Fleisches. Könntest du, Krematorium von Buchenwald, sprechen und erzählen, wie viele abscheuliche Geheimnisse kämen ans Tageslicht, die jetzt für unzählige Menschen dunkel bleiben. Was sie nur ahnen, das weißt du, dein Schweigen, du scheußlicher Moloch des 20. Jahrhunderts, bestialischen Gehirnen entsprungen, wird deinen Helfern und Zutreibern nichts nützen. Der Tag wird kommen, an dem sie sich zu verantworten haben werden. In deiner Unersättlichkeit forderst du immer noch mehr Opfer für deinen ungeheuren Menschenfraẞ. Alle Völker der Erde müssen dir ihre Opfer darbringen. Es ist nicht genug, daß du Deutsche, Österreicher, Tschechen, Franzosen, Norweger und Dänen, Polen, Jugoslawen, Rumänen, Italiener, Holländer, Belgier und Russen verschlingst! Du mußt über den Atlantik greifen, Amerikaner und Kanadier, weiße Menschen und farbige, Juden aus allen Nationen der Welt mußt du in deinen flammensprühenden Rachen ziehen. Deine Maßlosigkeit, du empfindungsloses grausiges Scheusal des technischen Zeitalters, der grausamsten und menschenfeindlichsten Idee dienend, die je in dieser Welt geherrscht hat, kennt keine Grenze. Es ist dein Wesen, die Natur derer, die dich erschufen, daß du das Rechte und das Gute, das Schöne vernichtest und ein Unrecht und eine Bestialität auf die andere häufst. I2I In deinem Rachen verwandelt sich in ein Nichts, was der Menschheit seit tausend Jahren heilig gewesen ist. Denkst du noch an die vielen Frauen? Sturmschar- führer Hellwig war’s, der am darauffolgenden Morgen beim Betreten des Pferdestalls sagte:„Man merkt doch gleich, daß hier Kühe gewesen sind, die ganze Luft ist voll von ihrem Geruch.“ Denkst du an die 3 kleinen Kinder im Alter von 7 bis ıı Jahren, die zur Zeit der Verhaftung des Generalfeld- marschalls von Witzleben aus dem Arrest vom politischen Kommissar Sernow, Hauptsturmführer Schobert und Ober- sturmführer Gust dir zugeführt wurden. Sie folgten den Dreien, wie Kinder ihrem Onkel folgen, vor dem sie noch etwas schüchtern, dann aber bei der geringsten Herz- lichkeit bereit sind, ihre ganze Liebe entgegenzubringen. Auch sie hast du verschlurigen. Heute ist es nicht mehr nötig, daß der„Pampus‘“, Hauptscharführer Tauvrathshofer, Oberscharführer Baier, Oberscharführer König und Abraham usw. nach der An- kunft neuer Transporte durchs Mikrophon gerufen werden müssen. Heute machst du alles allein, heute erfährt kein Unberufener mehr, was in deinem scheußlichen Tempel vorgeht. Der Hof dieses Tempels ist mit Galgen ge- schmückt, in seinen Kellern sind 48 Haken, eingemauert in der Wand! Achtundvierzig vereinfachte Galgen, vereinfacht, um das Tempo des Mordens am laufenden Band zu beschleu- nigen. Das, was dort geschieht, ist kein Erhängen, son- dern ein langsames Erwürgen. Die ahnungslosen Opfer dieser Keller werden in ge- schlossenen Wagen bis zum Eingang gefahren und in einen der Räume geführt. Dort müssen sie sich völlig entkleiden, genau wie ihre Vorgänger das im Pferdestall tun mußten. Dann werden sie einzeln nach der Keller- treppe geführt. Dort wird das ahnungslose Opfer von bewaffneten Schergen überwältigt und in Handschellen I22 gelegt. Ein Weglaufen ist nicht mehr möglich. Die letzten Minuten vergehen nach vorgeschriebenem Plan. Es geht die Treppe hinunter. Das Opfer sieht den Keller voll von nackten Toten. Es will stehenbleiben, will zurück. Aber schon wird es neu brutal gefaßt und zu den Haken ge- schleift, erhält eine einfache Schlinge um den Hals ge- legt, und wird wie ein totes Schwein aufgehängt. Allzu Widerspenstige, die in ihrer Todesangst mit den Beinen stoßen oder laut schreien, schlägt man mit einer Eisen- stange auf den Kopf oder jagt ihnen einen Pistolenschuß in den Unterleib. Hat man sie erst einmal am Haken hängen, kümmert sich vorerst niemand mehr darum. Laufend geht es wei- ter. Das nächste Opfer wartet schon. Erst müssen alle 48 Haken besetzt sein. Inzwischen sind die ersten Opfer im Würgetod verendet. Sie werden abgehängt, zur Seite geworfen, die Nächsten folgen, und so reiht sich einer an den anderen. Upton Sinclair beschrieb einmal das Grauen der Schlacht- häuser von Chikago. Dort wurden nur Tiere geschlach- tet— hier aber werden Menschen geschlachtet, viehisch gemartert, einer nach dem anderen! Wie hoch ist bei diesem Tempo ein Tages- oder Nacht- pensum? Wir erhalten noch keine Antwort. Die Stunde wird jedoch kommen, in der wir die Antwort hören werden. Dann werden wir auch erfahren, ob Ernst Thälmann, der Führer der„Kommunistischen Partei Deutschlands“, auf diese feige, hinterhältige Weise gemordet wurde. Mit großer Verspätung teilte man in der Presse mit, er sei mit dem„SPD.“-Reichstagsabgeordneten Rudolf Breit- scheid beim Bombenangriff tödlich getroffen worden. Bei Breitscheid trifft es zu, er erlag am selben Tag im Re- vier seinen Verletzungen, aber Thälmann war überhaupt nicht hier. Dabei war ihnen noch der Fehler unterlaufen, daß sie den Termin des Bombenangriffes vom 24. August auf den 125 28. verlegten. Vielleicht ist der 28. August tatsächlich sein Todestag? Wenn er hier zugrunde ging, dann durch Mord im Pferdestall oder im Leichenkeller. Auch darüber der finstere Vorhang! Und was machst du mit all den sterblichen Überresten der Hunderte und Tausende von Menschen? In Säcken läßt du sie wegbringen einmal, vor Jahren, waren es sogar Urnen. Den Toten wurde somit wenigstens der Schein eines menschlichen Empfindens gewahrt. Heute hast du dies schon lange nicht mehr nötig. Auch auf diesem Gebiet bist du nach deiner Art modern geworden. Hast eine Knochenmühle und Mörser. Von den Mörsern wandern die sterblichen Reste zur Kläranlage! Tagtäglich werden sie, gemischt mit dem Kotschlamm der Kläranlage, zur Düngung des Buchenwaldbodens breitgetragen. Dieser Berg ist mit der Asche der Angehörigen vieler Völker und Nationen gedüngt. Ganz Buchenwald ist ein einziges Grab! Buchenwald ist eine internationale Grabstätte geworden. Es ist die heilige Stätte aller Völker! Du Mutter aus russischer Steppe, du Vater aus Frankreich, ihr Angehörigen aller Völker, wenn ihr am Kriegsende ohne Nachricht über den Verbleib eurer Söhne, Väter und Brüder seid, hofft und bangt, dann denkt an Buchenwald. Buchenwald ist die Stätte, die sicher vielen von euch die harte, unbarmherzige, aber klare Antwort geben kann. Sie ist die Grabstätte eurer Geliebten. 126 Zwei an einen Haken Als die Hinrichtung von 16 Frauen am 9. April 1945 in dem berüchtigten Keller des Krematoriums vollzogen war, erteilte die Lagerführung den Befehl, sämtliche 48 Haken zu entfernen. Die Durchführung des Befehls geschah am darauffolgenden Dienstagvormittag. In den Nachmittagstunden desselben Tages erhielten die dort beschäftigten Häftlinge jedoch den Auftrag, 5 der herausgeschlagenen Haken wieder einzugipsen. Gegen Abend wurden trotz der unmittelbaren Nähe der 3. amerikanischen Armee noch 15 Hinrichtungen, und zwar an 14 Männern und an einer Frau in Eile durchgeführt. Nachdem die ersten Fünf nach der bereits bekannten Methode aufgehängt worden waren, entstand ein Wortwechsel zwischen den SS- Henkern und dem BV.- Häftling Heinrich Rothe- Hamburg einerseits und dem BV.- Häftling Joseph Müller- Dortmund. Die ersteren wollten die sofortige Abnahme der 5 Erhängten vornehmen, Müller brachte seine Bedenken zum Ausdruck und meinte ,,, die sind noch nicht soweit". Trotzdem nahmen Rothe und die SS- Leute die Leichname ab und schleiften sie in die hintere Ecke zum Fahrstuhl. Die nächsten 5 kamen an die Reihe. Als sie mit diesen gerade fertig waren, mußten die Henker zu ihrem Erstaunen feststellen, wie einige von den ersten 5 in der Ecke versuchten, sich wieder zu erheben. Müller hatte Recht gehabt, sie waren noch nicht restlos tot, da ja diese Art Hinrichtung kein Erhängen, sondern ein langsames Erwürgen bzw. Strangulieren ist. In diesem Moment holte der BV.er Rothe die berüchtigte große Holzkeule herbei 127 und schlug den wieder zu sich gekommenen die Schädeldecken ein. Zuletzt war die Ecke am Fahrstuhl nur noch eine einzige Blutlache. Der Zwischenfall war vorüber, und die Henkerarbeit wurde fortgesetzt. Zur Vermeidung dieser Zustände machte man sich die Erhängung der letzten Fünf( 4 Männer und eine Frau) sehr einfach. Man ließ die soeben Erhängten an den Haken und hängte die Folgenden einfach dazu, so daß an jedem Haken 2 Menschen hingen. Wenn schon der Anblick und die Tatsache des unmittelbar bevorstehenden Todes für die Vorhergehenden unbeschreibbar ist, so kann man sich vorstellen, welche Gefühle sie jetzt beseelten. Nachdem die Hinrichtung der 10 Personen an den 5 Haken vollzogen war, begaben sich die Henker zum Abendbrot. Solche Bestien in Menschengestalt konnten nur in einem System, wie dem des Dritten Reichs, gedeihen und existieren in einem Staat, in dem Bestien Führer des Volkes waren im 20. Jahrhundert dieser ,, vollkom- menen" Welt. - Und nun steht auf und sagt: Wir sind unschuldig - 128 Selektion Selektion war das gefürchteste Wort unter den Häftlingen, die mit Verhältnissen des KZ. Auschwitz vertraut waren. Selektion bedeutet, daß bei Besichtigungen und Musterungen nach der Laune der sogenannten SS- Ärzte die Häftlinge herausgesucht wurden, die in den nächsten Stunden oder Tagen vergast werden sollten. Alle körperlich schwachen Häftlinge, Häftlinge, bei denen einige Pickel oder Abszesse zu sehen waren oder solche, die bei dem SS- Arzt einen unsympathischen Eindruck hinterließen, verfielen unbarmherzig der Selektion. Außer den Musterungen der bereits im Lager befindlichen Häftlinge kamen täglich ganze Transporte direkt zur Vergasung. Einer der berüchtigsten Bestien bei der Durchführung von Maßnahmen vor der Vergasung war Rapportführer Moll. Er suchte sich aus dem Frauentransport oftmals 4-6 Frauen heraus, stellte sie in eine Front und benutzte sie, eine nach der anderen, als Zielscheibe, bis sie tot zusammenbrachen. Unter einem dieser Transporte befand sich eine sehr schöne französische Schauspielerin amerikanischer Abstammung. Sie mußte sich auf der Seite der Frauen, genau wie alle anderen, entkleiden. Als dies bis auf wenige Kleidungsstücke geschehen war, begann sie zu zögern. Sofort erhielt sie von den beaufsichtigenden SS- Schergen den Befehl, sich auch noch der letzten Unterwäsche zu entledigen. Dieser Moment muß ihr wohl gezeigt haben, daß die Situation für sie aussichtslos war. Sie löste ihren Büstenhalter, sprang den nächsten beiden SS- Verbrechern 9 Barthel, Ohne Erbarmen 129 entgegen, schlug ihnen den Halter mehrmals ins Gesicht, entriẞ einem davon die Pistole und schoß beide nieder mit dem Ruf an die gegenüberstehenden, ebenfalls unmittelbar vor dem Gastode befindlichen Männer: ,, Männer, wo habt ihr euer Blut!" Diese Tat zeigt erneut, daß es oft Frauen sind, die in ausweglosen Situationen noch den Mut und die Energie aufbringen, als Heldinnen zu sterben. Dieser Vorfall ist mir von mehreren glaubhaften Zeugen, Häftlingen aus Auschwitz, berichtet worden. - 130 Magnus Poser Vergangene Nacht wurde ein großer, kräftiger, blonder Mensch ins Revier eingeliefert. Man brachte ihn sofort in den großen Operationsraum. Die Ärzte wurden zu- sammengerufen. Sollte noch etwas gerettet werden, mußte die Operation ohne Zögern begonnen werden. Der Neue wies eine Anzahl schwerer Schußverletzungen auf. Sein bisheriger Blutverlust mußte schon sehr erheblich sein. In seiner Begleitung befanden sich einige Gestapobeamten. Sie forderten die Ärzte auf, alles daranzusetzen, den zu Operierenden am Leben zu erhalten. Eine seltene Tat- sache, die zum Nachdenken zwang. Was war die Ursache ihrer ungewöhnlichen Besorgnis? Die Antwort auf diese Fragen gab der Angeschossene selbst. Als ein Gestapo-Mann ihm vor der Narkose noch die Frage stellte, ob er denn nichts mehr auszusagen habe, antwortete er: „Mit Verbrechern und Mördern habe ich nichts mehr zu sprechen. Glaubt ihr, mich weichgemacht zu haben? Ihr habt euch geirrt! Die erbärmlichsten Feiglinge seid ihr, die mir je unter die Augen getreten sind. Aber eure Stunde hat bald geschlagen. Ich weiß, daß ich sterben muß. Jetzt könnt ihr noch wahllos morden, aber bald seid ihr selbst an der Reihe. Die Ermordung noch so vieler Wehrloser wird euch nichts nützen, alle könnt ihr nicht hinschlachten, die Alliierten werden siegen und euch zur Verantwortung ziehen. Wenn ich es auch nicht mehr er- leben darf, so habe ich den Trost, daß eure Stunde un- mittelbar bevorsteht.‘ 9 131 Liegend auf dem Operationstisch sprach er diese Worte hastig, als hätte er keine Zeit zu verlieren. Sie hörten sich an wie ein Vermächtnis. Nach der Operation wurde er in einem Krankensaal eingebettet. Kamerad Herbert hielt bei ihm Wache. Als er zu sich kam, fragte er nach seiner Umgebung. Herbert erklärte ihm, daß er sich in Buchenwald befände. Sofort erkundigte er sich nach vielen Kameraden. Auch mir bestellte er nochmal Grüße. ,, Der Kampf ist draußen schwer, aber es wird bereits überall wieder gearbeitet. Haltet aus, bleibt gesund und vergeßt die Sache nicht." Er sprach nicht von seinen Schmerzen, nicht von seinem unmittelbar bevorstehenden Tode, seine Reden galten nur der Sache des Kampfes gegen den Faschismus. Kurz darauf ließ ihn die Körperschwäche einschlafen, um nie wieder aufzuwachen. Es gibt wenige Menschen, die in ihrer letzten Stunde noch die Kraft und den Mut aufbringen, ihren Feinden die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern. Er, Magnus Poser aus Jena, starb als wahrer Held im Kampf um die Freiheit!! 132 Der 3. Oktober 1944 Fliegeralarm! Nach dem Bombenangriff am 24. August 1944 auf Buchenwald strömen alle Häftlinge nach Er- tönen der Sirene ins Lager. Hier fühlen sie sich sicher. Die Alliierten greifen das Lager nicht an, das hat der Angriff vom 24. 8. bewiesen. So strömen auch am 3. Oktober um die Mittagszeit wieder Tausende von Menschen ins Lager. Uns entgegen bewegte sich langsam ein langer Zug ausgemergelter Gestalten. Annähernd 1300! Ungarische Juden. Ich erfuhr, daß sich darunter auch viele befanden, die in der ungarischen Armee gegen die Sowjets ge- kämpft hatten. Sie mußten doch schon an der Front zur Genüge gesehen haben, welcher Grausamkeiten der Fax schismus fähig war. Die richtige Lehre hatten sie daraus ‚nicht gezogen, denn sonst stünden sie jetzt nicht in die- sem Zug der Todgeweihten. Seit ihrer Verhaftung führten sie die ihnen zugewiesenen Arbeiten unter Aufwand all ihrer Kräfte durch. Schlechtes Essen, dazu das Hetz- tempo, verwandelten sie in Gerippe. Für sie gab es keinen Fliegeralarm. Mit eingezogenen Köpfen, gekrümmten Rücken, ein Schwarzbrot unter den Arm gepreßt, ihre Marschportion, frierend an diesem naßkalten Tag, standen sie bereit zum Abtransport nach Auschwitz! Auschwitz?! Das Lager mit den großen Gaskammern! Auschwitz bietet dem Lager Buchenwald auf dem Gebiete der Massenliquidierungen von Menschen zu jeder Zeit noch Konkurrenz. Dort müssen sich die Zugänge trans- portweise zu Hunderten entkleiden, bekommen ein Hand- 133 tuch und Seife in die Hand gedrückt und werden in große ,, Badehallen" geführt. Statt Wasser strömt in diesen Badehallen Gas aus den Düsen! Zu spät wird es von den ,, Badenden" erkannt. Fenster, die man einschlagen könnte, gibt es nicht, die Ausgänge verschlossen und fest verrammelt. Ein Entkommen ist nicht mehr möglich. Nach einigen Minuten Todeskampf ist alles vorüber. Nur noch leblose Körper. Entwarnung wurde bereits gegeben, doch wir konnten nicht zum Tor hinaus. Da standen zwei- und vierrädrige Kein Karren, beladen mit Kranken und Invaliden. Schreien, nur Stöhnen hörte man. Bewegen konnten sie sich nicht mehr, aber ihr Brot hielten sie krampfhaft unter den Arm gepreßt, ihre Marschportion! Zum Marsch in den Tod! Alte Männer und minderjährige Kinder! Zur schweren Arbeit zu schwach. Sie waren Ballast für das Lager des Faschismus! Sie müssen beseitigt werden! Der Transport für die Gaskammern in Auschwitz stand bereit. 1300 waren es! 134 Kinder Heute darf ich länger schlafen. Das Wirtschaftsgebäude, meine Arbeitsstelle, ist wegen eines Blindgängers für jedermann gesperrt. Ich lag noch im Bett und hörte auf einmal Kinderstimmen. An diesem Morgen durfte ich seit vielen Jahren endlich wieder einmal richtig ausschlafen, und ich versuchte diesen so seltenen Genuß vollkommen auszuschöpfen. Es war unmöglich. Die Kinder machten zu viel Lärm. Ich stand auf und ging zum Fenster. Zu meiner Überraschung sah ich an die 200 Zigeunerkinder. Durch meine Arbeit außerhalb des Lagers wußte ich nichts von der Anwesenheit so vieler kleiner Kinder an diesem finsteren Ort. Gegen 7 Uhr war es. Sie machten Frühgymnastik unter Aufsicht eines älteren Häftlings. Die kleinen Körper reckten und dehnten sich. ,, Tief einatmen, tüchtig ausatmen!" Kleine gleichaltrige Gruppen hatten ihr eigenes Kommando. Ein Gewimmel, ein Hüpfen und Springen, ein buntes Durcheinander! Aus den dunkelbraunen, wie feines Leder aussehenden Gesichtern strahlten die Augen. Jeder wollte es besser bringen, jeder wollte ein großer, starker Mann werden. Zuletzt hieß es: ,, Übungen einstellen! Fertigmachen zum Wettlauf!" Im Nu flogen unter großem Geschrei die Schuhchen herunter und alles stand barfuß zum Start bereit. Ich fragte mich beim Anblick dieses schönen Bildes: ,, Ist denn so etwas möglich? Im Konzentrationslager! Wer hätte früher so etwas gedacht. Ist gar der Faschismus auf dem Wege zur Humanität, zur Menschenliebe?" 135 136 Ich ließ die Frage offen. Einige Wochen nach diesem schönen Erlebnis erfuhr ich folgendes und erhielt damit die Antwort auf meine damaligen Fragen: Heute sind 200 Zigeuner- und Judenkinder auf Transport nach Auschwitz gegangen. Das heißt: zur Beseitigung in die Gaskammern. Sie wollten große, starke Männer werden, damals legten sie Schuhe ab zu einem Wettlauf zum Wettlauf in den Tod! Das geschah im Oktober 1944. - 20 Gramm Margarine Schon oft sind über den Wert eines Menschen Berech- nungen angestellt worden. In der alten Sklavenzeit hing er ab von Angebot und Nachfrage. Der Körperbau, be- sondere Schönheit oder besondere Fähigkeit, Kraft oder Schwäche waren preisbildende Faktoren. In neuerer Zeit hat man die physiologischen Werte im menschlichen Kör- per genau festgestellt und berechnet. In Geld ausgedrückt entsprach der Mensch einem Wert von 3,77 RM. Die SS hat noch andere Maßstäbe! Wenn in den vergangenen Jahren die Sterbeziffer in einem Monat nicht hoch genug war und die- SS-Verant- wortlichen, insbesondere der Lagerarzt eine Kritik zu befürchten hatte, wurde etwas nachgeholfen. Aber wie? Ganz einfach! Zu diesem Zweck richtete man in einer Baracke des Häftlingskrankenbaues, die als die ‚Alm‘ bekannt war, einen besonderen Krankensaal ein. Hineingelegt wurden nur solche, die zur Liquidierung bestimmt waren. Neben Lungentuberkulösen und Invaliden wurden Russen(die Mit- glieder der Partei oder Komsomolzen gewesen waren), insbesondere aber Juden und andere Unliebsame bestimmt. Dort eingebettet gab man einem nach dem andern die Todesspritze, gefüllt mit Epiphan. Da diese Toten aber erst am nächsten Tag von der Gesamtstärke abgeschrieben wurden, erhielt das Revier noch die Verpflegung für einen Tag. Ein Pfundwürfel Margarine bedeutete 25 Häftlings- portionen. SS-Hauptsturmführer Dr. Hooven legte großen Wert darauf, daß die Zahl seiner Opfer immer eine runde 137- war. Fehlten einige, überprüfte man schnell die Krankensäle noch einmal, andernfalls holte man einige aus dem Lager zum Auffüllen. Sobald die Liquidierungsaktion beendet war, ging Dr. Hooven zur Revierküche, um sich die Zahl der Margarineportion für seinen persönlichen Verbrauch aushändigen zu lassen. Seitdem ließen die hier eingeweihten Häftlinge. alle bisherigen Berechnungen über den Wert des Menschen fallen und gelangten zu der Schußfolgerung: ,, Der Wert eines Menschen ist gleich einer Margarineportion= 20 Gramm!" 138 Kümmelblättchen Der Steinbruch war von jeher das Kommando, in das die Häftlinge strafweise eingeteilt wurden. Verleumdungen, geringfügige Vergehen oder schlechte Akten waren Grund genug, um in den Steinbruch zu kommen. Hinein kam man sehr schnell, umso schwerer heraus! Das Arbeitstempo war so, daß die Sterbeziffer immer beträchtlich hoch war. Als Kapos und Vorarbeiter suchte sich die Lagerführung Häftlinge heraus, die charakterlos genug waren, sich als Büttel benutzen zu lassen und rücksichtslos auf ihre Mithäftlinge mit Knüppeln einschlugen. Die Mißhandlung der Häftlinge steigerte sich in den meisten Fällen bis zum Totschlag, zum Mord. Eine beliebte Methode, einen Häftling fertig zu machen, war das Steinetragen im Laufschritt. Dem betreffenden Häftling hob man zu zweit einen Stein auf die Schultern, den ein normaler Mensch allein nicht heben konnte. Dann wurde er gezwungen, in schnellem Schritt bergauf bis zur Rampe zu laufen. War er kräftig, schaffte er das vielleicht einmal. Nach Abwerfen des Steines ging es wieder im Laufschritt in den Steinbruch hinunter. Schwächliche und entkräftete Häftlinge versagten schon bei der ersten Tour. Das war das Signal für die Henkersknechte; Kapo und Vorarbeiter schlugen ihn so lange, meistens auf die Waden, bis er den Stein wieder weitertrug oder zusammenbrach. Nun wurde er mit den Füßen bearbeitet, ins Gesicht, in die Weichteile des Körpers, in die Nierengegend getreten. Nach dieser Behandlung starb der Häftling mitunter schon nach Minuten, oft auch erst nach Stunden. 139 Als Todesursache wurde dann Herzschlag angegeben. Diejenigen, die nicht zusammenbrachen, ließ man so lange unter dauernden Schlägen im Laufschritt Steine tragen, bis ihnen das Blut zum Kochen kam. Der Augenblick des Zusammenbruchs war nicht mehr fern. Noch einmal schaute das Opfer seine Peiniger bittend und flehend an. Ohne Erfolg! Sie hatten ja den Auftrag, ihn fertigzumachen. Waren sie ,, human", flüsterten sie ihm zu: ,, Du hast noch eine Rettung, lauf durch die Postenkette!" Verständnislos schaute er zu seinen Mördern auf, macht kehrt und schleppt sich mühsam zur Postenkette. Den formellen Anruf„ Zurück, halt!" hört er nicht mehr. Die Apathie beherrscht ihn bereits vollkommen. Er läuft weiter, der Posten legt an, die Schüsse krachen, er fällt! Ist er noch nicht tot, gibt man ihm den Fangschuß. ,, Das ist erreicht! Dieser wäre fertig!" Kapo und Vorarbeiter gehen zurück zur Bude, melden den Tatbestand dem Kommandoführer Blanck, der es ja sowieso weiß, da er es von weitem beobachtete, bekommen von ihm Zigaretten als Belohnung und frühstücken nach dieser ,, Leistung" erst mal kräftig. Auf diese Weise sind Hunderte und aber Hunderte ,, fertiggemacht" worden. Frühmorgens erhielt der Posten bereits vom Kapo Bescheid, daß heute in seinem Bereich einer, mitunter auch 2 oder 3 durch die Postenkette laufen würden. Für jeden Erschossenen erhält er 10,- RM. zur Auffüllung seines Geldbeutels. Ganz selten, daß mal ein Posten diese Aufträge ablehnte. Denn Verbrecher waren sie alle. Nur wenige Kapos vom Kommando Steinbruch weigerten sich, diese Morde am laufenden Band durchzuführen. Vogel, Herzog, Stöckel und Müller galten als die verrufensten Mörderkapos. Ein Vorarbeiter, Wittmann ( ein ,, Schwarzer" asoziales Element), mordete für ein Butterbrot auf Befehl des SS- Hauptscharführers Blanck seine Mithäftlinge ohne jede Bedenken und Hemmungen. Eine Äußerung Blancks: ,, Wittmann, da liegt die Brot140 - schnitte, den und den will ich heute abend nicht mehr ins Lager einrücken sehen!" genügte, und er ging unverzüglich an die ,, Arbeit". Eine ganz besondere Methode, Häftlinge fertigzumachen, benutzte Kapo Müller( bekannt als der Waldmüller) und sein Kommandoschreiber Jupp Höcker. Viele Häftlinge entwickeln in der Gefangenschaft ein starkes Geltungsbedürfnis. Die einen streben nach Macht, um den Mittelpunkt eines größeren Kreises zu bilden, andere ziehen sich besonders gut und auffällig an. Das letztere war allerdings erst möglich, seitdem Privatwäsche und-kleider getragen werden durften. Wenn es dabei geblieben wäre, könnte man diese Wünsche mit einem Lächeln abtun. Dies war aber leider nicht der Fall. Hatten sie erst einmal eine Position inne, dann setzen sie alles daran, um sie zu halten. In den Mitteln waren sie niemals wählerisch; natürlich immer auf Kosten der Mithäftlinge, die ihnen unterstanden. Müller und Höker wollten die Macht von Tyrannen verkörpern, zeigten aber auch gleichzeitig eine Sucht, nur noch seidene Hemden und die beste Wäsche zu tragen. Wie kam man aber damals zu seidenen Hemden? Unter den Häftlingen befanden sich auch ehemals gut gestellte Bürger. Hatten nun die beiden durch ihre Mittelsmänner Häftlinge festgestellt, die noch wünschenswerte Dinge besaßen, redete man diesen so lange zu, bis sie bei der Verwaltung einen Antrag auf Aushändigung ihrer Sachen stellten. Jetzt tauchten Müller und Höker mit ihren Forderungen auf. Wurden sie nicht bedingungslos erfüllt, zögerte etwa der Eigentümer, das Geforderte ,, freiwillig zu schenken", war sein Todesurteil gesprochen. Einige Zeit später wurde das Opfer zur Bude des Kapo gerufen. Dort eröffneten sie ihm, daß sie, Müller und Höker zusammen ,,, Kümmelblättchen" spielen wollten. Der Gerufene ahnte nichts von der Bedeutung dieses ,, Spiels". Unter ,, Kümmelblättchen" versteht man in verschiedenen Gegenden ein Glückskartenspiel. In diesem Falle war den 14I beiden Verbrechern ihr Glück schon im voraus sicher. Nun begann eine grausige Art von ,, Kartenspiel"! Die Karte war in diesem Falle das Opfer selbst. Es mußte sich hinter die Bude zwischen die Bäume legen. Dann begann ,, Meine- Deine" und ,, Kümmelblättchen fliege". Im nächsten Moment faßten sie es an beiden Armen und Beinen, schwenkten es hin und her, warfen es, so hoch sie konnten und ließen es auf den Boden fallen. Wehren war hoffnungslos. Im nächsten Augenblick sah man das Opfer schon wieder durch die Luft fliegen. Dies geschah so lange, bis dem Häftling das Blut aus Mund, Nase und Ohren quoll. Nun stürzten die beiden sich auf ihn, sprangen ihm mit ihrer ganzen Körperschwere auf Leib und Brustkorb. Wie Raubtiere mit ihrer Beute spielen, so wiederholten sie dies so oft, bis dieser Menschenkörper keinen Ton, keinen Atemstoß und kein Stöhnen mehr hervorbrachte Das ,, Spiel" war damit zu Ende. Zwei Häftlinge mußten den toten Leichnam auf einer provisorischen Trage zum Revier ins Lager bringen. Todesursache: Herzschlag! Jetzt gehörte den beiden ,, Spielern" die von der Effektenkammer gefaßte Wäsche und andere schöne Dinge. Der Besitzer war tot! - Ihr glaubt mir nicht? Ich sah dieses grausige Spiel um Menschen zu Bestien werein seidenes Hemd spielen den um eines Fetzens willen. Aber ich klage nicht nur die Bestien an, ich klage ein System an, das solche Bestien züchtete. Vielleicht waren es nicht einmal Bestien von Anfang an, aber Menschen, die nicht fest gefügt waren, ohne innere Widerstandskraft, ohne Herz und Charakter, mußten in diesem System der Unmenschlichkeit zu UnMenschen werden. Sie paßten sich an und reüssierten. Ich klage die Umgebung an, deren Produkt sie wurden. 142 Bilder und Streiflichter Familiensinn München schwer bombardiert. Der Putzer vom Sturmbannführer Füß erhält für seinen ,, Alten" aus München ein Telegramm, worin mitgeteilt wird, daß die Wohnung seines Chefs total ausgebombt wurde. Da der Putzer wußte, daß die Frau von Füß sich außerhalb von München bei ihren Eltern aufhielt, bemerkte er am nächsten Morgen seinem Chef gegenüber: ,, Es ist ja sehr bedauerlich, daß Sturmbannführer mit einem Schlag nun alles verloren hat. Von Glück kann er jedoch immer noch reden, daß ihm wenigstens seine Frau erhalten blieb." Überraschend war für den Putzer die abgebrühte Antwort des Sturmbannführers: ,, Fritz", meinte er ,,, was ist schon dabei, wenn sie mit kaputt gegangen wäre. Es gibt ja so viele Frauen. Ist's nicht die eine, dann ist's halt die andere." Wer hängt ,, ihn" auf! Im ,, Mibau"( Mitteldeutsche Baufirmen) war eine Wandreparatur notwendig, so daß ein großes Bildnis von Adolf Hitler abgenommen werden mußte. Nachdem die Reparatur beendet war, ging der zuständige Häftling, ein Tscheche, zum Zivilmeister und stellte folgende Frage: ,, Meister, die Wandreparatur ist schon fertig, kann ich nun den Führer dran aufhängen?" 10 Barthel, Ohne Erbarmen 145 Verdutzt und mißtrauisch schaut der Meister ihn an. Nach kurzer Atempause: ,, Nee, nee mein Junge, dazu können wir dich nicht gebrauchen, das besorgen wir schon selber!" ,, Damals war ich zu alt" Der Kommandant, Standartenführer Pister, begegnet im Kommandanturgelände einem seiner SS- Männer. Es handelt sich um einen der zuletzt eingezogenen. Sein Haar ist bereits sehr stark ergraut. Daß der Standartenführer sich mit ihm in ein Gespräch einließ, war eine besondere Anerkennung für den alten Uniformierten. U. a. stellte der Standartenführer ihm folgende Frage:„ Bei Ihrem Alter haben Sie doch bestimmt schon den Weltkrieg von 1914 bis 1918 als Aktiver mitgemacht?" Die Antwort des Alten war eine verblüffende: ,, Nein, Standartenführer, im Weltkrieg von 14-18 habe. ich nicht als Aktiver gedient, denn damals war ich schon zu alt." Vor weit über 20 Jahren zu alt, heute ,, strammer SSMann"!! Dies werden sicher die neuen Divisionen nach Goebbels'scher Phantasie. Hier werden sie allgemein als die ,, neue Waffe" benannt, nämlich als ,, V 3". Und damit wollte man dem Kriegsgeschehen eine neue Wende zum Sieg geben. Die ersten Radieschen Im Frühjahr 1938 waren die ersten Radieschen in Buchenwald im schönsten Gedeihen. Plötzlich hieß es eines Sonnabends zum Appell: ,, Heute wurde festgestellt, daß die Radieschen des Lagerkommandanten SS- Standartenführer Koch gestohlen. worden sind. Zur Bestrafung des Lagers ordnet der Kommandant an: Alle Häftlinge erhalten für morgigen Sonntag Kostentzug! Nicht nur das Mittagessen, sondern auch die 146 kalte Verpflegung( Brot, Margarine usw.). Außerdem bleibt das ganze Lager bis zum Mittagappell auf dem Appellplatz strafweise stehen. ,, Erzieht euch eure Spitzbuben! Dann wird so etwas nicht vorkommen!" Dies bedeutete einen ganzen Tag Hungern trotz der überschweren Arbeit. Zum Mittagsappell mußten alle SS- Angehörigen der Kommandantur antreten und SS- Standartenführer Koch ließ die den Häftlingen entzogene Kost( Margarine usw.). an sie verteilen. ,, Oh, wir haben einen besorgten Standartenführer", meinte die SS. Vierzehn Tage später stellte sich heraus, daß der inzwischen wieder aus dem Urlaub zurückgekommene SSScharführer Landgräfe aus der Gärtnerei die Radieschen für sich verbraucht hatte. Was geschah ihm? Nichts! Aber wir sollten unsere ,, Spitzbuben" besser erziehen, damit solche Dinge sich nicht wiederholen. Echt Konzentrationslager! Der Wolf Außer einem australischen Windhund hatten wir 1937 bis 1938 auch einen Wolf im Hundezwinger. Es war wirklich ein echter Wolf, den Luftfahrtminister Göring hier in Pension hatte. Der Hundepfleger war ein BV.er ( ein ,, Grüner") namens Kiene. Um sich bei der SS beliebt zu machen, sie zu amüsieren und aus eigenen sadistischen Gefühlen heraus hetzte er oft die Hunde auf die Häftlinge. Blutüberströmt mit zerrissenen Kleidern flüchteten sie so gut sie konnten. Eines Tages hieß es, der Wolf ist tot. Häftlinge sollten ihn beim Vorbeigehen am Käfig gereizt haben, worauf er sich im Gitter verbissen hätte und daran verendet wäre. Tatsächlich schlug Kiene den Wolf in einem seiner sadistischen Anfälle tot. Für die Neubeschaffung eines Wolfes mußten alle Blocks eine 10* 147 ,, freiwillige Geldsammlung" durchführen. Um neuen Repressalien zu entgehen, zeichneten die meisten Häftlinge soviel sie konnten, insbesondere die Judenblocks. Tausende und aber Tausende Mark kamen zusammen. Was wurde mit dem Geld gemacht? Kein neuer Wolf gekauft. Nein, SS- Standartenführer Koch nahm diese Summe an sich zum Saufen, Schlemmen, Prassen. Dies dürfte wohl einer der teuersten Wölfe gewesen sein! ,, Vitamine" 1939 wütete der Hungertyphus in Buchenwald. Vielen hat er das Leben genommen. U. a. auch das des ehemaligen M. d. R. Walter Stöcker. Neben Verabreichung von Spritzen an jeden Häftling sollte auch die Verpflegung eine geringe Verbesserung erfahren. Deshalb machte der Lagerarzt dem ersten Schutzhaftlagerführer, damals Obersturmbannführer Rödl, folgenden Vorschlag: ,, Für ganz besonders wichtig halte ich es, daß wir ab sofort dafür sorgen, daß Vitamine ins Lager kommen." Entsetzt, entgeistert starrt SS- Obersturmbannführer Rödl den Arzt an: ,, Nein, nein, solange ich Lagerführer bin und die Verantwortung darüber habe, kommen mir diese Weiber nicht ins Lager!" ,, Partisanen" Ein deutscher Häftling unterhält sich mit einem Belgier. Mitten im Gespräch fragt der Deutsche den Belgier: ,, Hast du auch Kinder?" " Ja", antwortete der Belgier. ,, Wieviel?" ,, Zwei." دو , Was sind sie denn?"( Mit dieser Frage wollte er erfahren, ob Jungen oder Mädchen.) 148 Die prompte und stolze Antwort darauf war: ,, Partisanen!" Eine kleine Rechenaufgabe Wenn dich jemand fragen würde, wieviel ist 15+ 18, dann würdest du wahrscheinlich sagen 33. Richtig. Wir auf unserem Berg haben aber ein ganz anderes Rechensystem und bekommen somit auch ein ganz anderes Ergebnis heraus. Wenn du hier während der Arbeitszeit einmal eine 15 machst, d. h. auf eigene Faust eine Frühstückspause einlegst und du durch eine ,, 18" überrascht, also durch einen SS- Angehörigen erwischt und aufgeschrieben wirst, erhältst du ,, 25". Fünfundzwanzig Stockschläge für ,, Faulheit" ist das Ergebnis des Zusammentreffens von ,, 15" plus ,, 18". Sorge dafür, daß diese Rechenmethode keinen Einzug in andere Gebiete hält, sondern eine Originalität unseres Berges bleibt. Kommandantur Schießbefehl! des Konz.- Lager Buchenwald Weimar- Buchenwald, d. 21.5.40 Anordnung für das Schutzhaftlager! In letzter Zeit haben feindliche Flugzeuge verschiedene Kriegsgefangenenlager in Deutschland mit Bomben belegt. Ein Zeichen, daß die Bomben entweder wahllos abgeworfen werden, oder aber, daß die Bombenabwürfe eine besondere Anerkennung für die Kriegsgefangenen sind, die ihr Leben im Kampf gegen Deutschland für die Interessen der Feindmächte eingesetzt haben. Es besteht somit auch die Möglichkeit, daß das Lager Buchenwald von feindlichen Fliegern mit Bomben belegt wird, weil man eventuell annimmt, daß hier ebenfalls 149 Kriegsgefangene untergebracht sind. Für diesen Fall ordne ich an, daß bei Bombenabwürfen alle Häftlinge innerhalb des Schutzhaftlagers sofort in die Unterkünfte zu verschwinden haben. Häftlinge, die diesem Befehl nicht sofort nachkommen, werden durch MG.s beschossen. Sollte es bei Bombenabwürfen zu Tumultszenen kommen, gebe ich Befehl, das gesamte Lager mit schweren Infanteriewaffen und MG.s zu beschießen.( Zusatz für SS- Dienststellen, Handgranaten bereit halten und in Ansammlungen werfen, wenn Treffsicherheit gegeben.) Arbeitskommandos außerhalb des Schutzhaftlagers haben sich sofort zu sammeln und platt mit dem Gesicht zum Boden hinzuwerfen. In dieser Stellung ist weiterer Befehl der Begleitposten abzuwarten. Wer den Kopf hebt, gilt als fluchtverdächtig und wird beschossen. - SS- Standartenführer und Kommandant. gez. Koch. Der jüngste Häftling Nr. 67509 Stefan, Georg Zweig, geboren am 28. 1. 1941 in Krakau, das sind die Personalien unseres jüngsten Konzentrationärs. Er ist das Kind jüdischer Eltern. Ihn am Leben zu erhalten, erforderte von seinen Eltern Mut und Energie. Von seinen Altersgenossen, die wie er ihrem Vater und ihrer Mutter in das Konzentrations- und Arbeitslager folgen mußten, leben die wenigsten noch. Er, seine zweijährige Schwester und seine Eltern wurden im Jahre 1942 in ein Zwangsarbeitslager bei Krakau eingeliefert. Im Jahre 1943 wurde dieses Lager, das einem Ghetto gleichkam, aufgelöst und alle Juden nach dem Lager ,, Pesanov" in Polen gebracht. Einige Monate später wurde auch dieses Lager evakuiert. Alle diejenigen, die nicht arbeitsfähig waren, wurden an Ort und Stelle erschossen. Zu diesen hätte auch der kleine Stefan gehören sollen. Der Mut und die Intelligenz seines Vaters 150 retteten ihn davor. Er gab seinem Kind ein langanhaltendes Schlafpulver ein und brachte ihn als Paket in das Lager ,, Skarzisko Kamene". Nachdem er, der Vater, als Lagerpolizist beschäftigt wurde, hatte er Gelegenheit, Stefan auch unter den schwierigsten Umständen am Leben zu erhalten. Infolge des schnellen Vormarsches der ,, Roten Armee" wurde im Juli 1944 auch dieses Lager aufgelöst. Alle Kranken und Kinder, insgesamt 300, wurden erschossen. Die Frauen verfrachtete man zur Arbeit nach Leipzig, die Männer nach Buchenwald. Am 4. 8. 1944 passierte Stefan, als lebendes Paket wieder, das Eingangstor von Buchenwald. Seitdem wird er von seinen Mithäftlingen betreut und alles darangesetzt, sein Leben zu erhalten. Dies ist Stefans Lebenslauf bis heute, Ende 1944. Wird er das bald folgende, das Finale dieses grausigen Systems, lebend überstehen? Ich wünsche es ihm. ,, Ick werd verrückt!" Am 9. April 1945, 2 Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald durch die 3. amerikanische Armee, wurden 16 gut gekleidete Frauen in einem geschlossenen Wagen nach dem Krematoriumshof gefahren. Einzeln wurden sie in den berüchtigten Keller heruntergeführt und ihnen im Angesicht der schon dort aufgehängten Menschen mitgeteilt, daß sie zum Tode verurteilt seien. Alle 16 Frauen sind durch Erhängen hingerichtet worden. Alle, bis auf eine Ausnahme, wurden von der Überwältigung dermaßen überrascht, daß sie entweder schweigend oder hilfeschreiend in den Tod gingen. Nur eine Berlinerin brachte die Energie auf, nach Herunterführen in den Keller, die Arme in die Hüften stützend, folgendes zu erklären: ,, Ick werd verrückt, jetzt wollen die Lumpen mich sogar noch aufhängen, wo ich doch gar nichts verbrochen habe!" Auch sie starb wie alle anderen. 151 An solchen Exekutionen nahmen außer den direkten Henkern auch die Lagerführung, die Leiter der politischen Abteilung und andere SS-Offiziere ständig teil. Die dort beschäftigten Häftlinge mußten nach dem Abhängen die weiblichen Leichname entkleiden. Die Kleidungsstücke nahmen die SS-Offiziere in ihren Besitz. Es handelte sich um wertvolle Sachen, die sie vermutlich ihren Frauen zur Verfügung stellten. In diesen Tagen wurde auch ein ı8jähriges‘Mädchen ins Krematorium gebracht. Ein Offizier wurde nach Ver- lassen desselben von einem anderen befragt:„Was hat sie noch gesagt?“ Seine Antwort:„Nur ‚Ach‘ hat sie gestöhnt, und dann war alles vorbei.“ 152 Unsere Befreiung In den ersten Apriltagen haben die Spitzen der 3. amerikanischen Armee Gotha, ungefähr 50 km Luftlinie von Buchenwald entfernt, erreicht. Bei der Schnelligkeit des amerikanischen Vormarsches konnten wir mit unserer Befreiung in ein, zwei oder drei Tagen rechnen. Auch die Lagerführung schien die Situation so einzuschätzen. Am Montag, dem 2. April, sprach der SS- Kommandant zu den Lagerfunktionskräften der Häftlinge. Er ermahnte nochmals zur Disziplin und versprach die ordnungsgemäße Übergabe des Lagers ån die Amerikaner. Für uns tauchte die Frage auf: Sollte diese Rede eine Einschläferung der Wachsamkeit der Häftlinge zum Ziel haben oder spielte tatsächlich der SS- Oberführer Pister mit dem Gedanken, durch die Übergabe des Lagers sein Leben zu retten? Dann folgten Dienstag, Mittwoch, Donnerstag voller Spannung. Die widersprechendsten Parolen schwirrten im Lager herum. Die langersehnten Amerikaner trafen nicht ein. Sie standen den Meldungen nach immer noch bei Gotha. Wohl hatten wir Tag und Nacht Fliegeralarm, hörten die Detonationen, sahen Einschläge, Rauchfahnen und Brände. Die Entfernungen waren aber immer noch zu weit, als daß wir mit einem unmittelbaren Angriff rechnen konnten. Das Dröhnen der Artillerie- Abschüsse war eine alltägliche Erscheinung. Jedoch die Ursache für den plötzlich verlangsamten Vormarsch der Amerikaner konnten wir uns nicht erklären. Wir wußten nicht, lag das an einem stärkeren deutschen Widerstand oder hatten die Amerikaner Nachschubsorgen. 155 Diese von uns nicht einkalkulierte Pause sollte für viele noch verhängnisvoll und todbringend werden. Die SS gewann Zeit und nutzte sie aus, um die letzten ihrer finsteren Pläne noch verwirklichen zu können. Häftlinge wurden bestimmt, die Maschinen und Anlagen in den DAW.- Betrieben sowie Gustloff- Werken zu vernichten. Sie weigerten sich jedoch, und die SS ging daraufhin selbst an die Zerstörungsarbeit. Neue Faktoren schalteten sich ein und traten auf. Beauftragte von Himmler, die Gestapo, Gauleiter Sauckel und der Oberbefehlshaber unseres Wehrmachtsabschnitts verlangten die sofortige Evakuierung des Lagers. Wohin? das wußten sie selbst nicht. Unseren bisherigen Erfahrungen nach ging es ihnen hauptsächlich darum, die Masse der Häftlinge aufzusplittern und auf den Transporten noch beträchtliche Teile ,, legal" zu vernichten. Die Vernichtung geschieht auf verschiedene Art: durch Genickschuß, Verhungern, Massenerschießungen auf freier Strecke oder dadurch, daß man die Häftlinge Bombenangriffen aussetzt. Die Würfel waren gefallen, die Evakuierung des Lagers begann. Freitag und Sonnabend gingen die ersten Transporte. Alle Kranken und Schwachen, die das Marschtempo nicht einhalten konnten, wurden beiseite genommen, durch Genickschuß erledigt und liegengelassen. Von einem Transport mit 3000 Häftlingen blieben vom Lager Buchenwald bis zum Stadtrand Weimar an diesem Sonnabend 94 Leichen liegen. Das Ziel der Häftlinge im Lager war, die Evakuierung solange wie möglich zu verzögern. Sonntag, den 8. April, wurde befohlen, daß die gesamte Belegschaft des Lagers um 12 Uhr mittag abmarschbereit auf dem Appellplatz zu stehen habe. Trotz mehrmaliger Wiederholung dieses Befehls durch den Lautsprecher rückte nicht ein Block zum Appellplatz hinauf. In Besprechung mit den Lagerältesten und anderen verantwortlichen Häftlingen stellte der Kommandant das Ultimatum, daß bis 14 Uhr 6000 Häftlinge abmarschbereit zu stehen haben. Wenn nicht, wird er 14 Uhr bewaffnete SS ins Lager 156 hineinschicken. Punkt 14 Uhr marschierten daraufhin mehrere 100 SS, bewaffnet mit Panzerfäusten, MG.s usw. ins Lager. Mit Gewalt wurden die Häftlingsunterkünfte geräumt. Der Rapportführer, Oberscharführer Hofschulte, der Unterscharführer Schramm sowie der Unterscharführer Heinrich fühlten sich nochmals in ihrem Element und schlugen blindlings auf die Häftlinge ein. Um 16 Uhr verließ daraufhin ein weiterer Transport. das Lager. In derselben Nacht um 23 Uhr sollte der große Rest der Lagerbelegschaft evakuiert werden. Im letzten Moment wurde dieser Transport jedoch aufgeschoben, weil man den Abtransport von angehäuften Wertsachen und sämtlichen Lebensmitteln für notwendiger hielt. Dies sollte unsere Rettung sein. Montag und Dienstag darauf schien sich die militärische Lage schon dermaßen zugespitzt zu haben, daß an eine Evakuierung nicht mehr zu denken war. Ununterbrochen wurde von Sprengungen, Vernichtung des Lagers sowie Beseitigung des Restes der Lagerbelegschaft gesprochen. Der Mittwochmorgen begann mit einer völlig ungewohnten, ja bedrückenden Ruhe. Keine Aufrufe, keine Befehle wurden durch den Lagerlautsprecher erteilt. Viele von uns wußten nicht, ob der SS- Kommandanturstab noch da oder schon geflohen war. II.30 ertönte plötzlich noch einmal die widerliche Krähstimme des Rapportführers Hofschulte durch das Mikrophon: ,, Sämtliche SS- Angehörige haben sofort das Lager zu verlassen." Wieder rollten Wagen und Autos außerhalb des Lagers davon. Der SS- Kommandanturstab zog es vor, sich so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Denn Kampf und Widerstand wagten diese Helden nicht. Mittwoch, den 11. April. Zwischen 8 und 9 Uhr war es. Kameraden teilten mir mit, daß unterhalb des Schweinestalls an der Nordwestseite und westlich des Krankenbaus das Tacken von MG.s zu hören sei. Ich machte mich sofort auf den Weg und überzeugte mich selbst. Richtig, es stimmt. Deutlich konnte ich das Tak- tak tak, tak, tak - hören. Dann war wieder minutenlange Stille. Kurz dar157 - auf vernahmen wir erneut das tak, tak, tak, tak, tak. Diese Töne klangen wie Musik in unseren Ohren. Wenn uns nichts täuschte, waren das die ersten Anzeichen unserer unmittelbar bevorstehenden Befreiung. Jetzt wurde kombiniert: handelt es sich um Spähtrupps oder ist das schon der Großangriff. Einige Pessimisten meinten sogar, daß es vielleicht das ,, Einschießen" von MG.s auf bestimmte Ziele sei. Für uns war jedoch klar, daß unsere Befreier näher als 4 km vom Lager entfernt sein mußten. Hoffentlich bekommen sie keinen Rückschlag! Das war der Wunsch von uns allen. Unmittelbar nach Mittag, zwischen 12-14 Uhr, wurde das MG.- Tacken stärker. Plötzlich peitschten Gewehrschüsse dazwischen. Die waren von den Amerikanern. Nach 14 Uhr hörten wir auf einmal in Erwiderung des deutschen MG.- Feuers amerikanische MG.s. MG.- und Gewehrsalven lösten einander ab. Die Schießerei schien ihrem Höhepunkt entgegenzugehen. Mit jeder Minute wurde sie lebhafter. 15.30 trat auf einmal plötzliche Stille ein. 5 Minuten vergingen. 10 Minuten waren verstrichen, kein Schuß fiel mehr. Einer von uns ließ ängstlich die Frage verlauten: vielleicht sind die Amerikaner zurückgeschlagen worden?" ,, Das glaube ich kaum, denn einen solchen Berg wie Buchenwald kann man nicht auf einmal stürmen, da treten immer kleine Zwischenpausen ein", erwiderte ich. Wir fieberten vor Aufregung. Wuẞten wir doch, daß alles auf des Messers Schneide stand. Würde die SS nochmals eine Ruhepause erhalten, dann wären wir bestimmt die Opfer ihrer rasenden Vernichtungswut geworden. Mit Hilfe meines mir organisierten Fernglases suchte ich das westlich von uns gelegene Wäldchen ab. Ich traute meinen Augen nicht, wagte nicht auszusprechen, was ich sah. Nochmals überzeugte ich mich. Nein, es war wirklich kein Irrtum. Jetzt rief ich's aus: Genossen, die SS wechselt die Stellungen, sie geht zurück, sie setzt sich ab. Nunmehr konnten auch die übrigen dies mit bloßem Auge 158 beobachten. Wieder erscholl ein tolles Geknatter. Die MG.s spielten ihre bekannte Musik. Das waren aber keine deutschen mehr. Außer einzelnen Gewehrschüssen war von der SS nichts mehr zu hören. Und dann trat das Unbeschreibliche, das Ungewöhnliche ein. In das Tacken der MG.s mischte sich ein Rauschen, Rattern und Rollen. Irgendeiner rief: Panzer!! Panzer!!! Panzer!!!!! Massen von Panzern und Panzerspähwagen rollten über den Berg Buchenwald. Die bis dahin verhaltene Begeisterung aller Häftlinge schwoll lawinenartig an. Keiner war mehr zu halten. Menschenströme quollen aus den Häftlingsunterkünften den Befreiern entgegen. Die Kranken, die einigermaßen laufen konnten, flüchteten aus ihren Betten, auch sie wollten dabei sein. Auch sie wollten die historische Stunde erleben. Der faschistische Druck war gewichen, der bis dahin gefürchtete todbringende elektrisch geladene Drahtzaun wurde mit großen Stangen niedergeschlagen und niedergerissen. Die zurückgebliebenen SS- Posten auf den Türmen entwaffnet und gefangengenommen. Die von der SS zurückgelassenen MG.s, Panzerfäuste, Gewehre, Maschinenpistolen und Munition eingesammelt. Wie ein Kartenhaus war das faschistische Terrorregime zusammengefallen. Gegen Wehrlose war es stark gewesen, gegenüber einer bewaffneten Macht brach es ohnmächtig zusammen. Um 16 Uhr drückten die ersten amerikanischen Befreier den Befreiten die Hände, Menschen, die bis zu 12 Jahre als Geißel des Nazi- Regimes ständig den Tod vor Augen hatten. Die Freude war unsagbar. Viele Befreite, vor Begeisterung und Freude die Augen voller Tränen, umarmten und küßten sich. Sie waren dem Tod entronnen. Um 16 Uhr wehten die weißen Fahnen von den bisherigen Häftlingsunterkünften. Ein amerikanisches Beobachtungsflugzeug, das wir schon die Tage zuvor mehrmals gesehen hatten, kreiste langsam bis in die Abendstunden in grüßender Fahrt über uns Befreite. 159 Tausende Hände streckten sich zum Gruß ihm entgegen. Tausende Menschenstimmen riefen ihm zu: ,, Wir danken euch! Wir sind frei! 21 000 Menschen, jahrelang unterdrückt, mißhandelt, gefoltert, bis an die äußerste Grenze ausgehungert, danken den tapferen alliierten Armeen für ihre Zurückführung in das Leben und in die Freiheit! Deutsche, vergeßt nicht, was in den Konzentrationslagern geschah. Vergeßt nicht, daß uns alle europäischen Nationen, Amerikaner und Kanadier, Listen, lange Listen ihrer ermordeten Söhne präsentieren! Vergeßt nicht, daß alles, was viele von euch zum ersten Male aus den Seiten dieses Buches erfahren haben, im Ausland schon jahrelang schon vor Beginn des Krieges bekannt war. - Wundert ihr euch noch, daß wir keine Freunde mehr hatten? Wundert ihr euch noch, daß der Name der Deutschen mit Schmach bedeckt erscheint? Im Namen ,, des Führers", im Namen des deutschen Volkes wurden unerhörte Schandtaten vollzogen. Nun lasset, ich flehe euch an, ihr Deutschen, nun lasset aus dem ,, Wundern" eine Einsicht werden, lasset aus dem Entsetzen über das, was geschah und nie mehr auszulöschen ist, lasset daraus den einzigen Willen wachsen, das Menschenbild wieder so hoch zu errichten wie Hitler es erniedrigt hat. Lernt es wieder jeden einzelnen Menschen achten als ein kostbares Gut. Lernt die Freiheit lieben und alle Unfreiheit verachten. Die Welt hat gelernt uns zu hassen! Sorgen wir dafür, denn es ist an der Zeit, daß sie uns durch unsere Taten wieder achten und lieben lernt. 160 Erläuterungen Achtzehn Große Achtzehn Bibelforscher Block Blockältester Blockführer BVer- Grüne Каро Achtung! Gefahr! Achtung! Große, unmittelbare Gefahr Angehörige einer pazifistisch eingestellten religiösen Sekte. 1. Die Unterkunft( Baracke) für die Häftlinge 2. oder aber eine Formation der Häftlinge in der ungefähren Stärke einer Kompanie. Häftling, der die Verantwortung für einen Block trug. SS- Angehöriger, dem ein Block unmittelbar unterstellt war. Vorbeugungshäftlinge, Kriminelle, auch Berufsverbrecher genannt ( s. Kennzeichnung). Ein Häftling, dem ein Arbeitskommando samɩ den Häftlingsvorarbeitern unterstellt war. Kennzeichnung der Häftlinge: Rot Grün Politische Häftlinge Berufsverbrecher( BVer) Vorbeugungshäftlinge Lila Bibelforscher Hellblau Emigranten Rosa Schwarz Homosexuelle Asoziale und Arbeitsscheue 161 Kontrolleure Kripo Lagerschutz Rote Schwarze über den Bock gehen über den Rost gehen Häftlinge, die von der SS- Lagerleitung zur Kontrolle über alle Gefangenen im Lager eingesetzt waren. Kriminalpolizei Von der Lagerleitung beauftragt gewesene Häftlinge zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Lager. Politische Häftlinge( s. Kennzeichn.) Asoziale Häftlinge( s. Kennzeichnung) Instrument zur Vollstreckung von Prügelstrafen- Stockhieben. Rost des Krematoriums, auf dem die Leichen zur Verbrennung kamen. 162 Inhaltsverzeichnis Seite Vorwort.. 5 Einleitung.. 8 Buchenwald von 1937 bis 1945.. ıı Der erste Galgen.. 15 Such dir einen raus!;. 30 Die gequälte Natur.. 32 Meuterei im kleinen Lager.. 34 Die alte Küche..%0 Die Suche nach Namenlosen.. 42 Und ihr wollt Arbeiter sein!?.. 49 Der Traum vom Kranksein.. 32 Einundzwanzig!.. 359 Die Nachttischlampe.. 64 GrIigotl.. 0071 Der Untergang Kovalenkos.. 79 Hunger 2. 88 Der Kampf um das eigene Ich.. g9ı Kamerad, sei so gut und töte mich!.. 96 „Wanniza®.. 07 Henker..: 100 Massenmord in Buchenwald.. 104 Menschenknochen.. 113 Angriff auf das Rüstungswerk Buchenwald.. 118 Der Moloch von Buchenwald.. ı21 Zwei an einen Haken.. 127 Selektion.. 129 Magnus Poser.. 131 Der 3. Oktober 1944.. 133 Kinder.. 135 20o Gramm Margarine.. 137 Kümmelblättchen.. 139 Bilder und Streiflichter.. 145 Unsere Befreiung.. 155 Erläuterungen.. 161 Inhaltsverzeichnis.. 163