Im Jahre 1925, die Nachwirkungen von Krieg und Inflation lasten noch schwer auf Deutschland, die Not geht durch die Familien und zwingt ihnen einen unbarmherzigen Existenzkampf auf, wandert der damals 16 jährige Schlosserlehrling Max Wittmann, besessen von jugendlicher Abenteurerlust und vitalem Erlebnisdrang und entschlossen, sich irgendwie durchzusetzen, von seiner thüringischen Heimat durch die schönen deutschen Lande südwärts der Grenze entgegen. Ohne Paß, ohne Koffer, ohne Geld und ohne Empfehlungen geht er zunächst nach Österreich. Als Globetrotter ohne Rast und Ziel geht es weiter nach Italien, Frankreich und Spanien. Und immer weiter. Mit wachen Augen und offenem Herzen durchstreift er 19 verschiedene Länder. Alle Berufe ergreift und erfüllt er, wie sie sich bieten. Eine erstaunliche Sprachbegabung und Auffassungsgabe kommt ihm dabei zugute, ob als Schiffsheizer, Seemann, Koch, Linjere, Portier, Hotelsekretär, Dolmetscher oder Handelsvertreter. Er steigt unbekümmert auf der sozialen Stufenleiter auf und nieder. Keine Strapazen bleiben ihm erspart, er leidet Hunger und Durst, schmachtet gelegentlich in Gefängnissen, und dann schlürft er wieder die Kostbarkeiten des Daseins und erlebt die Schönheiten der Erde, teils allein, teils in Gemeinschaft. Ebenso buntbewegte Charaktere und Schicksale kreuzen seinen Weg. Er nennt sie bei Namen und Art. Und in ihnen wetterleuchtet manchmal die politische Spannung der Jahre vor dem Krieg. Wittmann bleibt wachsam für das Wertvolle und sich 9.69 UB GIESSEN 22 499 696 60382 0011 65 I).. Buch wurde geschrieben in den Monaten August bis Oktober 1945. Es schildert Tatsachen und wahre Begebenheiten und nennt Menschen bei Namen und Art. In allem ließ ich jedoch meinem Kameraden und Mitautor die Freiheit, Personen und Handlungen da und dort nach eigenem Ermessen zu gruppieren, Einzelheiten hinzuzufügen, aus eigener Phantasie auszumalen, wenn er es im Interesse des Buches und seines ethischen Gehalts, sowie aus Gründen der Gestaltung und Zweckmäßigkeit für erforderlich hielt. Dies ist so geschehen, daß es wohl da und dort an der photographischen Genauigkeit mangelt, nie aber an der Wahrhaftigkeit. Ich hoffe, unser Buch wirkt aufklärend und aufrüttelnd und bringt die Mit- menschen zur Besinnung und inneren Einkehr. Möge es ihnen den Willen festigen, Haß, Lüge und Egoismus zu überwinden, wieder nach einem reineren, schöneren Leben zu streben und mitzuhelfen, das drohende Chaos zu bannen, die Wunden der Geschlagenen zu heilen und das den Erniedrigten und Be- leidigten zugefügte Unrecht wieder gutzumachen. Max Wittmann. \ Träume Die Luft flimmert und flirrt in der heißen Sommersonne. Weit am Horizont die dunkle Brandung der Wälder, die sanften Wogen der Berge. Dazwischen dehnen sich grüne Mulden. Schönes deutsches Herz, Thüringer Land! Es wogt. und rauscht. Schau, fühle, erlebe: ist es nicht wie ein Schiff... Schiff auf dem Meer? Ich liege, sonnengeblendet, im Grase und träume... von fernen Ländern, von fernen Wassern... von einer fernen, wunderbaren Frau... Dunkel blüht und glüht'es in meinem jungen Blut. Ah, es rauscht darin von Geheimnis und pulsendem Leben, ich horche ganz in mich hinein, ja, mein Blut ist so unergründlich tief und geheimnisvoll wie das Meer, dem ich mich auf eine wunderliche, zwingende Art verwandt fühle. In mir ist der tiefe Traum des Menschen, der den vorgeschriebenen Weg eines besonderen Schicksals gehen muß. Ich ahne mein Schicksal, den Zwang, unter dem ich gehe und stehe, weiß aber auch, daß mein Stern über mir steht. Gen Morgen steht mein Stern. Ich muß ihm folgen. Mit einer magischen Gewalt reißt es mich dahin. Besessener? Triebmensch? Vagant?— Nein, ein Begnadeter, der dem Gesetz gehorcht, das in ihm wohnt, dem sein Schicksal zugleich Erfüllung seines Seins ist. In mir atmet alles, was Leben heißt. Ich bin übermächtig erfüllt von Frei- heitsdrang, von Sonne und Jugend und Lebenswillen, von Glauben und Dank an den Schöpfer. Ich werfe mich im Grase herum, breite die Arme aus und drücke das Gesicht in die warme braune Erde, es ist wie eine Umarmung der Geliebten. Geliebte... Wo finde ich sie? Ich weiß plötzlich: ich gehöre zu den Menschen, die nur einmal wirklich lieben können, und denen nur eine Frau bestimmt ist. Ich muß sie suchen, werde sie finden. Fern. Fern. Geliebte Welt. Geliebte Frau... * Manchmal träume ich so. Sonst aber bin ich ein nüchterner, real denkender Mensch, der sich wohl nicht viel von der Norm des Durchschnittsmenschen unterscheidet. Ich huldigte von jeher dem Grundsatz: Leben und leben lassen, liebe die Harmonie in Welt und Leben und bin daher immer bestrebt, mit meinen Mitmenschen gut und höflich auszukommen. Ich liebe gutmütige, hilfs- bereite, gastfreundliche Menschen und glaube, selber zu dieser Art von Men- schen zu gehören. Aus Büchern, vom Hörensagen und aus eigenem Erleben weiß ich, daß es schlechte Menschen gibt, abgründig verdorbene, entartete, vertierte, daß es in der Verkommenheit des Menschen nach unten keine Grenze gibt, ebensowenig wie nach oben, wo auf steilem Gipfel lichterfüllte, gott- begnadete Gestalten leuchten, die uns wieder an das Menschengeschlecht glauben lassen, die uns mit Trost und Kraft, mit Vertrauen und neuem Lebens- mut erfüllen. Ich lernte in der Zeit, wo ich in der Hölle war, Kreaturen kennen, die nichts Menschliches mehr an sich hatten. Das Entsetzen schüttelt mich, wenn ich'denke, daß solche Bestien Menschenantlitz haben und sich mit uns anderen „Mensch“ nennen lassen. Auf meinen weiten Reisen habe ich aber zumeist freundliche und hilfsbereite Männer und Frauen kennengelernt. Bisweilen sinne ich darüber nach, daß es wohl Menschen gibt, die einander so zugehörig sind, daß sie zwangsläufig zueinander finden. Überall, wohin ich kam, fand ich Freunde, die mir weiterhalfen. Es kamen oftmals Menschen und Ereignisse gleichsam auf mich zu, um mir beizustehen, sorgend und schützend mich ein Stück Weges zu begleiten. Wie kann man es sich sonst erklären, daß ich in 10 ; j ’ 1 H i der weiten Welt viele Male Begegnungen hatte, zufällig und flüchtig Männer und Frauen kennenlernte, die mir angenehm und sympathisch waren, und die ich irgendwo in anderen Ländern, anderen Erdteilen unerwartet wieder traf? Wie dem auch sei: in meinem Leben kann ich feststellen, daß nichts von ungefähr, nichts zufällig ist, sondern daß wie von einer mächtigen, unsichtbaren Hand das Schicksal eines Menschen nach dem ihm innewohnenden Gesetz geleitet wird, daß sich alles gewissermaßen nach einer geheimnisvollen Regie hinter den Kulissen unseres äußeren Daseins abspielt. Sich willig und demütig dem Regisseur anzuvertrauen und von seiner verborgenen Hand leiten zu lassen, habe ich stets bewußt oder unbewußt als Grundsatz meines Lebens befolgt, ich habe gefühlt, daß ich dadurch im Einklang mit dem Ablauf des Schicksalhaften in meinem Leben stehe, und dies hat wohl auch bewirkt, daß ich selbst in dunklen Stunden nie ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, ja, der inneren Heiterkeit verlor. Ich bin ein gut mittelgroßer, starker Mann mit ziemlichen Körperkräften. Man hat mir gesagt, daß ich wohlgestaltet sei, mein Körper und meine Gesundheit sind robust und strapazierfähig. Das hat mir draußen viel geholfen. Es ist herrlich, sich jung und gesund zu wissen, sich tierhaft zu recken und zu strecken, das Leben vor sich zu haben und bereit zu sein, sich die Welt zu erobern. Seid umschlungen, Millionen, welch eine Lust, zu leben! Mein Vater hatte eine große Familie zu versorgen. Ich besuchte die Volksschule und schlecht und recht noch eine Realschule, und dann hieß es, etwas lernen, um zu verdienen. Ich kam zu einem Schlosser in die Lehre. Ich war eifrig und willig und arbeitete gern, mußte aber bald erfahren, daß es in dieser Welt nicht genügt, fleißig zu sein und gern zu arbeiten. Man muß Glück haben und begünstigt werden, arbeiten zu dürfen. Man darf nicht nur tüchtig, sondern man muß auch gewandt, listreich und rücksichtslos sein, um sich durchzusetzen, keinesfalls aber bescheiden und zurückhaltend. Die Jahre der Inflation und Arbeitslosigkeit kommen. Ich sitze zu Hause untätig herum. Düstere Gedanken quälen mich. Das Brot in meinem Vaterhause schmeckt bitter. Es wird mir zu eng daheim. Ich fliehe hinaus in die grüne Weite. Da ist meine Welt. Dort gelingt es mir, mich innerlich zu fangen, ruhig zu werden, zu meinem Ich zurückzufinden. Dort wird mir bisweilen noch eine gute Stunde 11 geschenkt. Die Stunde meiner Träume. Zu Hause überkommt mich oft die tiefe Mutlosigkeit und Verzweiflung aller Arbeitslosen, die keinen Ausweg aus ihrer trostlosen Lage erkennen. Bin ich auch in einer solchen Lage? Ich sage zu mir ,, nein". Ich bin einer, der seinen Weg gehen muß und wird, und so einer findet auch immer einen Ausweg. Das Blut in mir ballt sich zum Willen: ,, Fang an, Max, gehe Deinen Weg!" Ich weiß in diesen guten Stunden, meine Träume werden Wirklichkeit werden, ich erschauere fast unter der Ahnung, daß ich alle Höhen und Tiefen des Lebens werde durchmessen müssen, es durchströmt mich ein unsagbares Glücksgefühl, zugleich aber ein feiner Schmerz im jungen Wissen um Leid und Qual, die mir nicht erspart bleiben werden. So liege ich im Grase, sinne und grüble. Wie kommt es, daß den Menschen ihr Los wie das einer Lotterie zufällt? Daß aus der Masse einer einsam bleiben, abseits gehen, der unbekannten Ferne entgegenstreben muß? Ich bin jung und stark, aber das Leben bietet mir nicht die Lust und die Freuden, die es sonst jungen Menschen meines Alters gewährt. Ich mache mir nichts aus Frauen, aus Wein und Spiel und Geselligkeit, aus allem, was die Leute in der Masse zu Kurzweil und Lebensinhalt treiben. Und mein Lebensinhalt, mein Lebensziel? Vielleicht habe ich gar kein Ziel, vielleicht ist mein Weg das Ziel. In mir ist weiter nichts wie Zwang und Drang in die Ferne. Dort liegt die Erfüllung meines Lebens, dort ist die Frau, die zu mir gehört. Ich bin ein Ausgestoßener, ein Verbannter, solange ich nicht in meine Welt gelangen kann, solange ich nicht das erobere, was zu mir gehört. In dieser Zeit lese ich viel. Einige bekannte Bücher der Weltliteratur. Dann aber mehr und mehr Abenteurerbücher und Reiseschilderungen: Jack London, Sealsfield, Gerstäcker, auch der unvermeidliche Karl May, die herrlichen Seemannsbücher von Joseph Conrad und viele andere, wertvolle und wertlose, alles wild durcheinander. Nicht zuletzt die großen Reisewerke, Sven Hedin, Marco Polo, Wegener, Stanley, Livingstone, Emin Pascha. Bücher über die Kolonisierung Sibiriens, die Eroberung Südamerikas durch die spanischen Conquistadoren, über den Mongolensturm unter Dschingis- Khan und Tamerlan, Olgai und Temir dem Eisernen. Bücher über Kolonial- und Wirtschaftspolitik, über das Leben fremder Völker und die Entwicklungsgeschichte der Mensch12 heit. Mein Inneres ist ausgefüllt von fremden Welten. Der Gegensatz dieser inneren Welt zu meiner Umwelt wird manchmal unerträglich. Ich besuche Museen, besonders solche, die Völkerkundliches zeigen. Alle die Dinge aus fremden Ländern und Kulturen, die dort ausgestellt werden, interessieren mich wohl, aber ich muß mir befremdet eingestehen, daß sie keinen starken Eindruck auf mich machen. Nur wenn ich einmal vor einem besonders interessanten Stück stehen bleibe und längere Zeit davor verweile, kann es sein, daß ich plötzlich wie verwandelt bin, in eine andere Welt entführt werde und mich in die Bezirke meiner Träume verliere. Anders geht es mir im Bildermuseum. Die Farben und das starke Eigenleben der Bilder großer Meister üben eine seltsam erregende Wirkung auf mich aus. Ich entdecke ein paar Gemälde von van Gogh und Gauguin, verschaffe mir von diesen Malern Kunstmappen. Der fremdartige Reiz der Exotik Gauguins entflammt mich sehr. Ich verliere mich in den Bann seiner Bilder, das sind die Landschaften meiner Wunschträume, die Szenen und Menschen, die mich innerlich bewegen. Ich komme heim, verloren und befangen in meiner Welt, erfüllt von Gesichten und Bildern, unfähig, die dumpfe Wirklichkeit und gewöhnliche Alltäglichkeit um mich zu fassen. Im Halbdunkel des Treppenhauses begegnet mir mein Vater, er ist krank und blaß wie ein Schatten. Wir grüßen einander, ich achte kaum darauf, wir gehen aneinander vorüber. Wir sind immer aneinander vorübergegangen, so wie die meisten Menschen, auch die Angehörigen und Verwandten nebeneinander hergehen, nicht miteinander, wie es unter Menschen sein sollte. Irgendwie ist mir alles fremd, nicht zu mir gehörig. Und doch liebe ich meine Angehörigen und unser Heim. Vielleicht bekomme ich einmal Heimweh danach, wie ich jetzt Fernenweh habe. Unbewußt kehre ich mich auf der obersten Treppenstufe nochmals nach meinem Vater um. Auch er wirft, wie von ungefähr, einen Blick zurück. Es ist ein Augen- Blick, der nicht verlöscht, sondern haften bleibt, sich einsenkt, und der mir vielleicht nach Jahren wieder in den Sinn kommt, mir glückliche und schmerzliche Erinnerungen an das Vaterhaus wachruft. In diesem sekundenlangen Blick liegt die Summe eines Lebens: Sorge und Enttäuschung, aber doch ein demütiges" Ja" an das Dasein, Ergebung und stilles Bescheiden, ach ja, 13 E ein Funken Liebe und Güte. Eine Art Rührung bemächtigt sich meiner. Impulsiv steige ich zwei Stufen zurück, auch er verhält einige Sekunden. Ich fühle mich gedrängt, auf ihn zuzugehen, ihm die Hand zu drücken und ihm zu danken, ihm menschlich ganz nahe zu sein. Aber unsere Zivilisation kennt ja solche spontanen Regungen und impulsiven Handlungen nicht. Wir gehen weiter, jeder seines Weges, er abwärts, ich aufwärts. In diesem Augenblick ist mir, als nähme mein Vater Abschied von mir, es beschleicht mich ein eigentümliches Gefühl: er geht von mir weg, vielleicht nicht nur räumlich. Ein paar Tage später starb mein Vater. Auftakt Das brachte eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage unserer Familie mit sich. Meine Mutter bekam nur eine kleine Unterstützung, ich war arbeits- los, kein Verdiener mehr im Haus. Meine Mutter war eine stille Frau, ich hörte sie selten klagen. Aber ich fühlte ihre Sorge und ihren Kummer mit. Wie ein armer Sünder schlich ich im Haus umher, stumm und bedrückt saß ich am Eßtisch, der Mutter gegenüber, wie ein Angeklagter vor dem Richter. Es litt mich nicht mehr im Hause. Ziel- und planlos schweifte ich tagsüber in den Wäldern und Feldern umher, kam oft nicht zu den Mahlzeiten heim, verdiente mir da und dort ein paar Groschen, arbeitete fürs Essen. Unrast und Unbefriedigtsein trieben mich um; es mußte zu einer Veränderung kommen. Ich trat vor meine Mutter hin.„Ich will auf Wanderschaft gehen, Mutter.” „Es wird sich hier was finden. Bleib da, mein Junge”, sagte sie bittend. „Ich... ich muß weg”, antwortete ich. Die Kehle war mir wie zugeschnürt. Meine Mutter fühlte die Not und Bedrängnis in mir. Sie faßte leise meine Hand. Gefühlsbewegungen waren mir sonst ziemlich fremd. Nur in wenigen Augenblicken meines Lebens war ich meiner inneren Regungen nicht Herr. Ich lehnte meinen Kopf an die Schulter meiner Mutter und spürte tief die ganze Güte und Zartheit ihres Wesens. „Du wirst weit weggehen”, sagte sie leise. „Ja, Mutter, aber ich werde wiederkommen.” Sie richtete mir etwas Wäsche, ich packte meine Siebensachen. Sie half mir. In einer Ecke entdeckte ich ein kleines Stoffmännlein, mit dem ich als ganz kleines Kind schon gespielt hatte. Die Mutter hatte manche solcher kleinen Sächelchen aus unserer frühesten Kindheit aufgehoben und wie Reliquien verwahrt. Ich nahm das Stoffmännlein zu mir und sagte wie zur Entschuldigung: 15 31 , Weißt du, auf Fahrten und Reisen nimmt man heutzutage einen Talisman mit; das Stoffmännlein soll mein Talisman sein". ,, Da hätte ich dir einen besseren Talisman", meinte die gute Mutter, die gläubig und gottesfürchtig war." Gottes Wort ist der beste Talisman und Schutz." Sie brachte ein Neues Testament herbei. Gutwillig steckte ich das Büchlein auch noch zu mir. Ich ging also eines Tages los, wie der Wandersmann der Romantik, den Stab in der Hand, das Ränzel auf dem Rücken. Tagelang wanderte ich durch das schöne Thüringer Land; dann wieder irgendwo ein paar Tage Arbeit, wie sie sich bietet: bei einem Bauern, bei einem Förster, in einem Betrieb. Hilfe beim Heuen, Holzfällen im Wald, da und dort auf dem Lande Gelegenheitsarbeiten, schlossern, zimmern, flicken, reparieren. Ich habe immer etwas Geld bei mir und bekomme auch Arbeitsund Ausweispapiere. Im allgemeinen führe ich ein freies und ungebundenes Nomadenleben. Das Leben auf der Landstraße ist hart und unbarmherzig, aber ich halte es gut aus, gewöhne mich daran, und es gefällt mir. Nach wochenlanger Wanderung stand ich eines Tages an der Grenze Deutschlands, ich brach alle Brücken hinter mir ab und wagte den Sprung ins Ungewisse. Die erste Auslandsstation meiner Weltreisen war erreicht. In Österreich schlug ich mich schlecht und recht durch. Bald stand ich an der italienischen Grenze.„ Einmal ist keinmal." Dies Sprichwort ist unwahr. Was man einmal versucht und getan hat, tut man meist auch ein zweites Mal und immer wieder, bis es zur Gewohnheit wird. Ich wanderte durch das Zillertal nach Italien, natürlich ohne gültige Papiere. Italien! Das Land der Träume und der Sehnsucht großer Männer! Ich wage nicht zu schildern, welche Gefühle mich bewegten, wie ich auf den geheiligten Stätten der Kunst und Kultur stand, die vor mir schon so viele Deutsche begeistert hatten. Bisweilen hielt mich ein solcher Ort mehrere Tage fest, mein Gefühl konnte sich nicht davon lösen. Auf meiner Wanderung stieß ich auf einen Pilgerzug, dem ich mich anschloß. Es war niemand, der Anstoß an meinem Dabeisein genommen hätte. Man betrachtete mich als zugehörig. Und ich fühlte mich wohl in der großen Familie der Pilger, obwohl ich Protestant bin. Das war im Jahre 1925, dem großen Pilgerjahr. Ich sah vieles, was mir nicht gefiel, aber ich erlebte auch 16 manches, was mich stark beeindruckte. Im allgemeinen war die Stimmung der Menschen eine gehobene, man fühlte, sie waren gelöst von ihrem kleinen Alltag, sie waren innerlich bereit, ihre Herzen zu erheben und sich Gott und dem Guten zu öffnen. Und doch gelang dies den meisten auch nur selten, für Stunden, in den Zeiten der Andacht, der inneren Einkehr oder des Zusammenseins verbindender Religionsgemeinschaft. Sonst schmeckte es auch hier, wie überall, wo Menschen beieinander sind, oft fatal nach menschlicher Unzulänglichkeit und Eigensucht. Habgier, Neid, Klatsch und Verleumdung trübten den Weg zu dem guten Ziel. Ich empfand da manchmal schmerzlich, wie krank doch die Menschen sind, wie zerfressen innerlich von Habsucht und Eigennutz, wodurch sie sich und andere unglücklich machen. ,, Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute..." In den Stunden der Rast setzte ich mich bisweilen abseits und hielt meine Andacht für mich( obwohl ich mich oft und gern auch zu den Andachten und Gottesdiensten der anderen gesellte). Dann holte ich in einer stillen Stunde das Büchlein meiner Mutter hervor und las darin, erstmals innerlich angerührt von den großen Wahrheiten der Bibel. Den Heiligen Vater bekam ich leider nicht zu sehen. Nach einiger Zeit trennte ich mich von dem Pilgerzug und wanderte meine Straße allein weiter. Mein Ziel war Florenz, für mich ein Märchenname, der mein Herz stärker schlagen ließ. An einem heißen Nachmittag begegnete ich auf einer schmalen Fahrstraße einem Fuhrwerk, einem zweirädrigen Karren, der ein Fuder Wein geladen hatte. Der Fuhrmann saß vornübergebeugt, er war eingeschlafen. Die günstige Gelegenheit lockte, und so setzte ich mich auf den Karren hintenauf. Nach einer Weile erwachte der Fuhrmann, lud mich freundlich ein, vorn auf seinem Sitz Platz zu nehmen. Er konnte etwas Deutsch, war im Krieg 1914-18 in deutscher Gefangenschaft gewesen. Sein Gesicht strahlte rot und weinfroh. Die Landschaft gefiel mir, der Mensch gefiel mir so etwas war immer und überall für mich Grund genug, zu verweilen. Nie habe ich in meinem Leben danach getrachtet, reich zu werden, üppig zu leben und den Tanz um das goldene Kalb, um Macht, Ehre und Reichtum mitzumachen. Mir kam es stets darauf an, mich frei bewegen zu können und mich wohlzufühlen. Höher gingen meine Wünsche und mein Ehrgeiz nicht. Irgendwo auf der Welt zu sein, wo es schön war, wo ich menschliche Wärme verspürte, was konnte ich mehr vom Leben erwarten? Abends in ein Haus einzukehren, wo ein guter Kunter- Wittmann, Weltreise, 2 - - 17 11 Geist herrscht, wo man Mensch unter Menschen ist, wo dem Gast nach einem guten Gespräch bei einem Glase Wein bleibe" gesagt wird, das ist mir alles wert, danach steht mein Sinn mehr, als in Palästen und Luxushotels als vermögender und einflußreicher Mann zu residieren. ,, Ich bin Weinhändler", sagte der Mann, komme du zu mir, ich habe Arbeit für dich". Der Weg wurde schmaler. Wir kamen spät in einem abgelegenen Dörfchen im Gebirge an. Die Luft war rein und leicht. Ich war heiter und zufrieden, schlief unter dem Dach des Weinhändlers, es gefiel mir, ich blieb bei ihm. Ich erklärte ihm das, noch ehe ich sein Töchterchen kennengelernt hatte. Ich kann mir kaum denken, daß ich jemals im Leben meine entscheidenden Entschlüsse unter der Einwirkung einer Frau gefaßt habe, außer auf Tahiti, wo Tete lebte, die Frau meiner Träume. Ich war für sie geboren worden und sie für mich. Aber Lucia war sicher daran schuld, daß ich länger in St. Virigio de Vernio blieb als ich vorhatte. Sie brachte mir Italienisch bei, aber sie brachte mir auch bei, wie ein italienisches Mädchen küßt und liebt. In Italien lernte ich Trunkenheiten kennen, die ich bisher nicht gekannt hatte. Feurige, edle Trunkenheiten ohne Betrunkensein. In der Osteria abends beim feurigen Asti oder Chianti, und dann bisweilen in den Armen Lucias, Küsse und Liebkosungen. Heiß und schwül waren in St. Virigio die Tage und Nächte, und doch so leicht und beschwingt. Sommer und Herbst wie eine schöne Melodie, süß und unbeschwert, das Lied der Lebensfreude. Ich wanderte mit den Burschen und Mädels abends durch den Ort, Arm in Arm, hinaus ins Tal, fröhlich plauderná und singend. Wein, Weib, Gesang, diese Kostbarkeiten des Lebens, auch hier, in schöner Harmonie. Ich genieße den Reiz des einfachen Lebens, das sich nicht in Lüsten und Gelüsten verzehrt. Man wünscht hier einfach nicht mehr; man hat Genüge im Kleinen. Die Wogen der Leidenschaft gehen zwar manchmal hoch, aber sie haben keine Tiefe. Das Wasser wird nach einem leidenschaftlichen Aufruhr wieder spiegelglatt. 18 Auf die Dauer war mir das Temperament Lucias nicht angenehm. Meine Zeit in diesem Idyll war um, ich mußte weiter. Lucia vergoẞ heiße Tränen. Ich sprach ihr gut zu, trocknete ihre Tränen, mußte ihr versprechen, zu schreiben und wiederzukommen, sie wolle mir ewig treu bleiben.: So verließ ich die lieben Leute und pilgerte die Straße meines Lebens weiter, kam nach Florenz, tauchte tagelang in den Kunst- und Wunderwerken dieser unvergleichlichen Stadt unter. Ich folgte weiter den Pfaden, die schon so viele vor mir betreten hatten, folgte den Spuren der Großen, die in diesem Land die Höhepunkte ihres Daseins, die Erfüllung ihrer Träume von Schönheit und Vollkommenheit gefunden hatten. Erschüttert und ehrfürchtigen Herzens stand ich schließlich im Angesicht der Ewigen Stadt. Ein seliger Schauer erfüllte mich. Wie im Traum schritt ich einher auf der Via Appia. Von ihr hatte ich bereits vor Jahren erfahren, als ich das Buch„Quo vadis” las. Die unterirdischen Katakomben, die Peterskirche, das Kolosseum und all die vielen bekannten alten und neuen Bauten, sie wurden mir zum unvergeßlichen Erlebnis. In Rom blieb ich ein paar Wochen, schrieb meiner Mutter. Sie schickte mir auf meinen Wunsch einen Ausweis, der meine Volljährigkeit bescheinigte, den ich allerdings etwas„korrigieren mußte, damit er auch stimmte! Mit diesem Ausweis gelang es mir, einen Paß für fünf. Jahre für das In- und Ausland zu bekommen. Nach einigen weiteren Wanderungen und Reisen in Italien begab ich mich in die Schweiz, über Zürich nach Genf, diese weltaufgeschlossene, internationale Stadt, in der die Luft vieler Länder und Völker weht. Beim Billiardspiel im Hotel lernte ich Peter Baumann kennen, den Adoptivsohn des ehemaligen dänischen Konsuls Hartwick. Wir freundeten uns an; er gab mir wertvolle Winke und Ratschläge, brachte mich in Verbindung mit einer Familie Donsel, . die mich gastfreundlich aufnahm. In meiner Kasse war wieder einmal Ebbe. Ich bemerkte es seit einigen Tagen mit Sorge. So mußte ich mich nach einem passenden Erwerb umsehen. Donsel war ein reicher Mann, der vor der Stadt eine große Pelztierfarm besaß, in der wertvolle Tiere aus Argentinien untergebracht waren, vor allem die Nutria, eine Art Biber, deren feine dichte blaugraue Wolle einen beträcht- lichen Handelswert darstellt. Herr Donsel stellte mich in seiner Farm für die Pflege der Pelztiere an. Der Umgang mit den Tieren machte mir Freude. Ich hatte alle Hände voll zu tun, denn es gehört viel dazu, die Tiere sachgemäß und richtig zu versorgen. Im 19 übrigen blieb ich als Gast bei der Familie Donsel; es war eine schöne Zeit für mich, ich denke immer gern daran zurück. Der junge Donsel, ein Freund Baumanns, wurde auch mein Freund. Oft fuhr ich mit ihm in seinem eleganten Kraftwagen in die herrliche Umgebung Genfs, an den Gestaden des Genfer Sees entlang. Bei schönem Sonnenwetter stiegen wir dann meist bei einem der vielen Strandbäder aus, um ein erfrischen- des Bad zu nehmen. Am Strand machte ich eines Tages die Bekanntschaft einer jungen Dame. Sie war Sekretärin des Unterstaatssekretärs beim Völkerbund, Mr. Dufour Ferance. Fräulein Dix hörte mir gern zu, wenn ich von dem, was hinter mir lag, erzählte, von meinen Reisen und meinen Plänen. „Sie sollten einmal mit meinem Chef sprechen”, sagte sie.„Er hat etwas übrig für solche ausgefallenen Existenzen wie Sie sind, für Leute, die aus eigener Kraft in der Welt herumkommen. Er kann sicher etwas für Sie tun.” Die Unruhe saß mir um diese Zeit bereits wieder im Blut; magnetisch zog mich von Zeit zu Zeit mein unbekanntes Reiseziel an. Ich machte mich gleich am nächsten Tage auf, um Herrn Dufour Ferance in seinem Palast in der Rue de Masonier zu besuchen. Leider war er nicht zu Hause. Doch kam er in dem Augenblick herzu, als ich mich eben wieder zum Gehen wenden wollte. Er war in:großer Eile, stellte mir aber anheim, ihn in seinen Diensträumen in der„Societe des nations” aufzusuchen. Völkerbundspalast. Großzügiger, repräsentabler Bau. Weite Hallen und Räume, breite Freitreppen. Wie in einem. Bienenschwarm wimmelt’s in den Gängen, Sälen und Büros. Doch herrscht eine feierliche Stille in dem großen Hause. Vertreter aller Nationen sind hier unter einem Dach versammelt, um für Weltfrieden und Völkerverständigung zu arbeiten. Es ist eine verant- wortungsvolle Aufgabe, zu der sich Männer und Frauen aus aller Herren Länder, aus allen Völkern und Rassen hier vereinigt haben. Vielleicht unbewußt teilt sich das ihrem ganzen Gebaren, dem Ernst ihrer Gesichter und ihrer gedämpften Sprechweise mit. Es geht hier ernst, fast feierlich zu, wie in einer großen Kirche.; Durch ein kleines Heer von Türstehern, Aufsichtspersonen, Auskunft- erteilern und Sekretären arbeite ich mich hindurch, bis ich endlich in einem großen, saalartigen Zimmer dem Herrn Dufour Ferance gegenüberstehe. Eine große, imponierende Erscheinung, scharf profiliertes Gesicht, graumeliert, in 20 | ! A ji Wort und Geste sparsam, aber verbindlich und höflich. Knapp und treffsicher im Ausdruck, verhalten und doch bewegt von Gedanken und Energien. Man spürt gleich die überlegene Persönlichkeit, den geborenen Staats- und Weltmann. Auf seine Frage gebe ich ihm kurz einige Daten aus meinem Leben, schildere ein paar wesentliche Ereignisse. Er hört ruhig und aufmerksam zu, ab und zu durch eine Frage unterbrechend. 11 Ja, und was wollen Sie nun eigentlich?" fragt er unvermittelt. Weiter!" sage ich und wundere mich gleich darauf, daß mir dies Wort so unbedacht herausgefahren ist. Ich habe ihn doch bitten wollen, mir vielleicht eine Anstellung in diesen heiligen Hallen zu verschaffen, oder mich vielleicht ins Ausland einem seiner Freunde zu empfehlen. Ich habe einige Pläne entwickelt, ich will doch so viel, so viel... Und jetzt, ich könnte mich ärgern, fällt mir nichts ein, als auf eine entscheidende Frage fast tolpatschig ein einziges Wort zu äußern: ,, Weiter!" Er sieht mich mit seinen hellen klugen Augen fest und ein wenig nachdenklich an. ,, Gut", sagt er nach einer Pause ,,, es ist immer gut, wenn ein Mensch weiter will im Leben". Er wendet sich ab, schreibt flüchtig ein paar Worte auf einen Zettel, drückt ihn mir in die Hand. ,, Sie haben mir von Spanien gesprochen, ein Land, dessen Landschaft und dessen Leute ich sehr liebe. Gehen Sie in meinem Auftrag dorthin und überbringen Sie Grüße." Darauf verabschiedet er mich und übergibt mich zu treuen Händen einem Diener, der mich draußen an eine Kassenstelle führt. Diese händigt mir auf Grund des Zettels in meiner Hand einen größeren Geldbetrag aus. Freiwillig wäre ich von meinen Gönnern, der Familie Donsel, wohl noch nicht so bald weggegangen. Jetzt aber fühle ich mich dazu verpflichtet, da ich ja gegen Entgelt für einen Auftraggeber" reisen muß. In einer Fahrt, reich an, Eindrücken und Landschaftsbildern, reiste ich durch Südfrankreich und die Pyrenäen nach Barcelona. In dieser großen, betriebsamen Hafenstadt ließ ich mich für einige Wochen nieder. Es gab dort viel zu sehen und zu hören, und ich hatte interessante Begegnungen. Besonders war es ein Österreicher namens Hermann Gober, der für meine weitere Laufbahn noch eine Rolle spielen sollte. Gober gehörte zu jenen merkwürdigen Außenseitern der Gesellschaft, die einsam und eigenbrötlerisch ihre Wege gehen, in vielen Kreisen bekannt und 21 doch von niemandem in ihrer eigenen Lebenssphäre gekannt sind. Es ist dies der Typ des markanten, meist hochgebildeten Globetrotters, der sich ‚aus unsichtbaren Quellen speist, der es versteht, in die höchsten Gesellschaftskreise hineinzukommen, der überall gern gesehen und seiner geistreichen, welt- männischen Art wegen geschätzt wird, höflich und angenehm im Umgang, fast immer auch hilfsbereit. Männer dieser Art können alles sein: Forscher und Sammler, Kaufleute oder Vergnügungsreisende, Spieler und Hochstapler, Spitzel und Spione, Besessene oder harmlose Nichtstuer, Dichter, Lebenssüchtige oder verkrachte Existenzen. Ihr privates Leben spielt sich in einer Sphäre ab, die einem andern nicht zugänglich ist. Selten kann man einen schnellen Blick in das Innere solcher Menschen tun, selten erschließen sie dem Mitmenschen für einen Augenblick einen Winkel ihrer Seele. Sie tauchen aus einer dunklen Vergangenheit auf, glänzen in der Gegenwart und verschwinden wieder in der Versenkung einer dunklen Zukunft. Ihre Persönlichkeit und ihr Auftreten ist stets von einem undurchdringlichen Schleier des Geheimnisvollen umgeben. Im Verlauf meines Umganges mit Gober brachte ich nur soviel heraus, daß er damals 25 Jahre alt war und Staatswissenschaften studiert hatte. Er sprach fließend drei Sprachen, war bisweilen als Dolmetscher tätig und unterhielt aus- gedehnte Korrespondenzen. Zu Zeiten nahm er wohl auch eine Gelegenheits- arbeit an wie ich. So ließ er sich bald darauf als Hotelsekretär in Puerto Pollensa engagieren. Ich blieb noch in Barcelona. Es gab immer was zu sehen und zu erleben in dieser von buntem Leben und Treiben erfüllten Stadt. Eines Tages bemerkte ich auf der Rambla, der Hauptstraße Barcelonas, einen Herrn, der sich an seinem offensichtlich durch eine Panne außer Betrieb ge- setzten Kraftwagen zu schaffen machte. Es gelang ihm jedoch nicht, den Wagen wieder in Gang zu bringen. Er war ärgerlich und nervös. Bei flüchtigem Hin- sehen konnte ich feststellen, daß der Schaden nur geringfügig war. Das Kabel vom Akkumulator hing heraus. Ich faßte zu, hantierte emsig, machte ein wenig Hokuspokus und steckte das Kabel wieder hinein. Der Wagen lief an. Hocherfreut drückte mir Herr Capeine, wie er sich mir vorstellte, zwei Duros in die Hand, eine unverhältnismäßig hohe Geldsumme, die mir meinen schmal gewordenen Beutel etwas auffüllte. Ich mußte aber doch trachten, eine Arbeit 22 anzunehmen, denn meine Barmittel gingen allmählich aus. Da kam zur rechten Zeit ein Rrief von Gober, der mich einlud, zu ihm nach Palma di Mallorca zu kommen. Ich besann mich nicht lange und fuhr hin. Das Hotel lag in einem schönen stillen Winkel am Meer. Ich lebte dort ein paar Wochen als Gast Gobers. Um mir eine kleine Aufgabe und einen Gelderwerb zu schaffen, übernahm ich am Strand eine Bootsvermietung für die Gäste des Hotels. Das währte so ein paar Wochen. Da nahte eines schönen Vormittages die Veränderung in Gestalt des Herrn Capeine. Er begrüßte mich und den freundlichen Zufall, der unsere Wege abermals kreuzen ließ, „Was machen Sie denn hier?” fragte er.„Bootsfahren? Sie sollten etwas Gescheiteres treiben. Kommen Sie mit mir. Bei mir ist.es interessant!” „Was gibt’s zu tun?” fragte ich. „Dächer von Flugzeugschuppen aufmontieren.” Ich dankte meinem Freunde Gober für seine Gastfreundschaft und fuhr mit Herrn Cap£ine, dessen Angebot für mich verlockend war. Der Betrieb des Herrn Capeine befand sich auf Minorca. Ich arbeitete mich schnell und gut ein. Mein Arbeitgeber war mit meinen Leistungen sehr zu- frieden und ernannte mich zum Hausmonteur. Als solcher wurde ich gut bezahlt. Ich konnte mir ein hübsches Sümmchen zurücklegen. So ging das eine Weile. Aber auf’einen Brief meines Freundes Gober hin besann ich mich wieder eines anderen. Gober schrieb mir, er wolle auch mal wieder den Wanderstab in die Hand nehmen und müsse daher seinen Posten als Hotelsekretär aufgeben. Ob ich nicht Interesse dafür habe. Der Vorschlag gefiel mir nicht übel. Kurz entschlossen gab ich meine Arbeit im Betrieb Capeine auf und wurde Hotelsekretär im Hotel I’ha d’Or bei Puerto Pollensa. Es gab viel Arbeit, doch wurde ich gut fertig. Der Besitzer des Hotels war mit mir zufrieden, zumal ich organisatorisch einige Neuerungen und Veränderungen im Hotel schaffte, die den Gästen und somit dem Ruf des Hotels zugute kamen. Auch traf ich Vorkehrungen, daß sich die Reisenden- und Gepäck- beförderung praktischer und reibungsloser abwickelte als bis dahin. Meine wirtschaftlichen Verhältnisse besserten sich mehr und mehr. Es sammelte sich eine Menge Geld bei mir an. Ich dachte damals nicht daran, mein Geld auf eine Bank zu tun, sondern trug immer einen kleinen Koffer voll Devisen mit mir herum. 23 Das viele Geld wollte aber schließlich doch wo anders untergebracht sein als nur in einem engen Koffer. Dazu bestanden jedoch in meinem weltabgeschiedenen Hotel nicht viel Möglichkeiten, und so kam ich zu dem Entschluß, mich mal wieder auf die Beine zu machen, um nach solchen Möglichkeiten Umschau zu halten. Mit leisem Kummer gab ich meinen guten Posten auf und fuhr nach Barcelona. Von dort bummelte ich durch ganz Spanien, lernte Land und Leute kennen, stand bewundernd vor den jahrhundertealten Zeugen der maurischen Kulturstätten und sprach, wie ich in Cadiz, dem südlichsten Hafen Europas, ankam, fließend Spanisch. In Cadiz Stierkämpfe. Ich erstand mir eine Eintrittskarte und nahm in der Arena Platz. In mir war eine eigenartige Spannung, ein kleines Nervenfieber, wie ich es bisher nie gekannt hatte. Später hatte ich es noch manchmal, wenn ich Tiere erlegte, oder wenn ich Zeuge bei der Hinrichtung oder Ermordung von Menschen wurde. Veranstaltet wurden sogenannte ,, lustige Stierkämpfe", nicht der übliche Stierkampf. Ein Spaßmacher empfing den Stier. Der Clown gebärdete sich wie ein Torero oder doch wie die Karikatur eines Matadors, übertrieb Gestik und Mimik, machte prahlerische Gebärden und rettete sich schleunigst mit drolligen Sprüngen, wenn das Tier in gefährliche Nähe kam. Im Hintergrund konzertierte eine Musikkapelle. Der Kapellmeister dirigierte mit theatralischen Gebärden, keine Angst vor dem näherkommenden Stier vortäuschend. Die Musiker seiner Kapelle folgten dem Beispiel ihres Meisters und heuchelten in urkomischer Weise Sorg- und Furchtlosigkeit. Heldenmütig saßen und standen sie der drohenden Gefahr gegenüber, schmetterten auf ihren Instrumenten kriegerische Toreroweisen. Der Konzertmeister griff plötzlich zu einem kleinen roten Fähnchen und schwenkte es an Stelle des Taktstockes. Der Stier setzte wütend zum Stoß an. In diesem Augenblick wirklicher Gefahr ergriffen plötzlich sämtliche Musiker unter dem Gelächter des Publikums panikartig die Flucht und setzten mit akrobatischer Behendigkeit über die nahen Barrieren, hinter denen sie Schutz fanden. Die ganze Szene war natürlich bis ins einzelne genau einstudiert, die Musiker mußten also gleichzeitig Akrobaten sein. Nicht selten wird übrigens bei diesem Spiel der Spaß zum grausigen Ernst, nämlich dann, wenn der Stier schneller und geschickter ist als einer seiner humorvollen Gegner. 24 - Die Bestie versteht keinen Spaß und spießt auf, was ihr vors Horn kommt. Es kamen dann noch ein paar Clowns, die eine Situation herbeiführten, wo sie ebenfalls von dem Stier in die Enge gedrängt wurden, aus der sie auf einmal der wirkliche Torero befreite, der nun dem Stier ernsthaft zu Leibe ging. Es war ein quälend- spannendes Schauspiel, grausam barbarisch und doch ein Kampf, der die sportliche Gewandtheit, Kühnheit und Geschmeidigkeit eines ganzen Mannes erfordert. Bei keinem anderen Kampf ist Rhythmus und Bewegung so vollendet ausgeglichen und nuancenreich wie beim Stierkampf. Das ist ein berauschendes Bild von Gliederspiel, rassiger Gelenkigkeit und tänzerischer Bewegtheit. Voll zwiespältiger Gefühle ließ ich mich doch hinreißen mit der Menge, wurde ein Teil dieser animalischen Masse, die von Blutgeruch und Mordlust erfüllt war, von Jagdfieber und Sportgeist gepackt, in allen Sinnen berauscht von dem großen Trieb. Das war ein gewaltiger Koloß von Leibern, die in ihrer Ausdünstung und Triebhaftigkeit zu einer glühenden Einheit zusammenschweißten. Ich schrie Beifall und tobte mit der Menge, wankte wie betrunken mit den vielen hinaus und fand erst draußen weit in der einsamen Landschaft, in die ich mich flüchtete, wieder zu mir selber zurück. Die nächsten Tage verbrachte ich in Cadiz damit, im Hafen umherzuschlendern und zu sehen, ob mich nicht vielleicht ein Schiff irgendwohin mitnähme. Ein schöner Dampfer hatte es mir angetan. Es war ein dänisches Schiff. Ich pirschte mich nahe heran und stand lange in seinen Anblick versunken. Die alte Lust zur Seefahrt war wieder übermächtig in mir. Ich starrte das Schiff an und träumte meinen ewigen Traum... ,, Nun, mein Junge", sagte jemand hinter mir auf spanisch, und legte mir die Hand auf die Schulter. Ich schrak zusammen. ,, Woher, wohin? Möchtest wohl gern verreisen? Ich könnte noch einen Passagier dort auf dem Schiff brauchen, aber keinen blinden und auch keinen, der zum Vergnügen mitreist, sondern einen, der mitarbeitet! Keine Lust, keinen Bedarf an Arbeit, was?" Schnell entschlossen zeigte ich ihm Papiere, in denen ich meinen Beruf als Seemann angegeben hatte. Über das Gesicht des Fremden ging ein befriedigtes Schmunzeln. Habe es mir gleich gedacht, daß du ein oller Seebär bist." Im Handumdrehen war ich angeheuert, wurde als Matrose auf dem dänischen Schiff S/ S. Maria Toft angemustert. 25 Doch das-dicke Ende kam bald hintendrein. Kaum auf See, wurde der an- gebliche Seemann in kürzester Frist der Hochstapelei überführt. Die see- männischen Befehle und Ausdrücke waren für mich böhmische Dörfer. Mit Schimpf und Schande wurde ich aus dem Kreis zünftiger Seeleute davongejagt und als Schiffsjunge angemustert. Der Kapitän ließ eine Flut von Schimpf- wörtern, Flüchen und schlimmsten Injurien über mich dahinspülen, so daß ich ganz zerknirscht und zerknautscht dastand. Da wurde plötzlich sein Ton wieder milde, väterlich:„Na; so schlimm ist das ja nun nicht, mein Junge”, sagte er versöhnlich,„ich meine es gut mit dir. Als Schiffsjunge muß man eben an- fangen. Dann kann doch noch ein brauchbarer Seemann aus dir werden.” Der Kapitän hatte künftig keinen Grund mehr, noch einmal mit mir zu schimpfen. Ich war glücklich, zu bemerken, daß er mich oftmals wohlgefällig bei der Arbeit beobachtete. Ja, dann und wann knurrte er sogar etwas, was wie ein Lob klang. Wir fuhren nach Dänemark, und von dort mit einer Ladung nach L.eningrad. Ich mußte hart arbeiten, ich strengte mich nach Kräften an und gab in nichts den andern nach. Leider dauerte die Freude auf diesem Schiff nicht lang. Zurückgekehrt nach Dänemark, mußte ich das Schiff verlassen, weil es auf- gelegt wurde. Es bekam keine neue Order, eine weitere Fahrt zu unternehmen. Doch hatte ich die Genugtuung, daß mich der Kapitän als Seemann anerkannte und mir entsprechende Schiffsdecharge gab. Was nun? Wie so oft in meinem Leben, ließ ich mein Tun weniger von Überlegungen bestimmen, als von irgendeinem Impuls. Es kam mir in den Sinn, quer durch Mitteleuropa nach Jugoslawien zu tippeln, Ich durchstreifte deutsche Gaue und kam auf meiner Wanderschaft wieder durch Österreich. Unterwegs machte ich da und dort für_Tage oder Wochen Station, zuweilen nahm ich kurzfristig irgendeine Arbeit an. So auch im Österreichischen in dem Ort Perneck bei Bruck an der Mur, wo ich zwei Monate lang im Elektrizitäts- werk arbeitete. Einige Male mußte ich aufs Rathaus zum Bürgermeister, einem intelligenten, überdurchschnittlich gebildeten Mann, der sich lebhaft für mich interessierte. Ich erzählte ihm einiges aus meinem bewegten Leben. Bei Ge- legenheit traf ich auch die beiden Söhne des Bürgermeisters, Erich und Joseph Hubmann, mit denen ich dann oft beisammen war und gute Kameradschaft schloß. 26 Einmal nahmen mich die beiden Brüder mit in ihre Wohnung. Die Schwester Resi gesellte sich zu uns. Sie war ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen von südlichem Typ. In der Tiefe meiner Seele regte sich beim Anblick dieses Mädchens ein Gefühl, wie ich es bisher nicht gekannt hatte. Ich hatte vom ersten Augenblick an eine Zuneigung zu ihr, den Wunsch, ihr nahe sein zu dürfen. Es blieb auch in der Folgezeit so zwischen uns. Wir fühlten uns rein menschlich zueinander hingezogen, die sinnlichen Regungen traten demgegen- über zurück. Dieser Funke gegenseitiger Zuneigung glimmte in uns beiden gleichzeitig auf, manchmal loderte dieser Funke zur Flamme empor. Wir waren wie zwei Geschwister. Die Stunden verliefen sehr angeregt und gesellig, ich kam ins Erzählen. Und ich weiß, wenn ich meine gute Stunde habe, erzähle ich gut und anschaulich, dann wird der Traum in mir lebendig, und alles gewinnt Farbe, Duft und Gestalt. Resi Hubmann saß dicht bei mir, sie hing an meinem Munde und war ganz in meinen Bericht versponnen. Ich verabredete mich mit Resi für den folgenden Tag. Wir wanderten hinaus in den Wald. Es war eine schöne Harmonie zwischen uns, ein Gleichklang zweier Seelen. Wir waren nun fast täglich beieinander. Das reine und schöne Verhältnis blieb wie es war. Es kam nicht zu einem leidenschaftlichen Begehren, führte nicht zu der an sich natürlichen Entwicklung, die meist in solchen Ver- hältnissen einzutreten pflegt.„Ich bin glücklich, wenn ich nur bei dir sein darf”, sagte sie einmal schlicht und herzlich.„Es ist schön und gut bei dir. Ich höre dich auch so gern erzählen. Du hast alles wirklich erlebt, was ich bisher für Phantasie hielt, die Welt ist so weit und wunderbar. Du bist für mich ein Bote aus einer schöneren Welt...“ Sie stand da, den Blick in die Ferne gerichtet, sehnsüchtig verträumt wie eine Madonna. Mich rührte das liebe, kindliche Wesen des Mädchens, ich legte zart den Arm um sie. Wie hätte ich ihr Vertrauen mißbrauchen, wie sie aus ihren Träumen herausreißen dürfen! In mir erwachte der Wunsch, Schützer und Beschirmer eines solchen elfen- haften Wesens zu sein, sie vor der rauhen Nüchternheit und Feindseligkeit dieses Lebens zu bewahren. Eine Zeitlang spielte ich mit dem Gedanken, sie zu heiraten. Merkwürdigerweise konnte ich mich jedoch mit diesem Gedanken nicht recht vertraut machen. Ich war ein Mensch, der unsicher und gefahrvoll 27 lebte, ein Mensch, dem es bestimmt war, unstet zu sein, der den Wechselfällen des Lebens mehr als andere ausgesetzt war. Ich mußte dauernd auf der Hut. sein, auf der Lauer liegen, um gegen alle Möglichkeiten und bösen Überraschungen gewappnet zu sein. Ich kam mir manchmal in gewissen Lebenslagen und in fremden Erdteilen vor wie der erste Mensch, der sich seine Existenz erst erkämpfen muß. Und in ein solch ungesichertes, unheilbedrohtes Leben sollte ich dieses unschuldige Kind hineinstellen, es auf Gedeih und Verderb an eine solche Steppenwolfnatur wie die meine ketten? Und noch ein anderes Gefühl verscheuchte meine Heiratsgedanken. Ja, zu meiner Steppenwolfnatur gehörte ein Naturkind. Im tiefsten Grunde war ich mit keiner Frau verbunden, auch wenn ich mich noch so gut mit ihr verstand. Es gehörte keine so zu mir, daß ich mein Leben mit ihr hätte teilen können. Aber doch: die eine. Diese Gewißheit war mir eingeboren. Dieses unstete Leben, dessen Wege so kraus und verworren waren und manchmal keine Folgerichtigkeit, keinen tieferen Sinn erkennen ließen, war sicher nur ein Weg zu ihr. Die schönen Wochen der holden Zuneigung gingen dahin. Der Tag kam, da wir Abschied nehmen sollten. Resi war tief bestürzt, warf sich flehend an meinen Hals. Nimm mich mit, Liebster!" Ich suchte es ihr auszureden. Sie aber drang so lange in mich, bis ich ihr zugestand, daß sie eine Zeitlang mit mir wandern dürfe. Es wurde ein Wanderweg herzlicher Kameradschaft. Wir lebten wie zwei Kinder, sorglos und heiter, unter einem ständig blauen Himmel, ganz dem Tag und der Schönheit der Natur hingegeben. Es ging lange gut. Bis wir an die jugoslawische Grenze kamen. Da brach das Unheil über uns herein. Beim Grenzübertritt wurden wir von einem serbischen Soldaten festgenommen. Der wollte uns nach der Wache führen. Bei einer kleinen Spezereihandlung machte er halt und hieß uns warten. Anscheinend wollte er Tabak oder Schnaps kaufen. Ich blickte Resi an:" Wollen wir's wagen?" Sie nickte zum Einverständnis. Mit einigen Sätzen stürmten wir um das Haus, in eine Seitengasse hinein, von dort in Gärten und Gebüsch und dann, in die Deckung eines Hohlweges, der in den nahen Wald führte. Wir waren entwischt. 28 Aber mit des Geschickes Mächten... Nachdem wir unterwegs kurz Rast gemacht hatten, gelangten wir singend und frohgemut in den nächsten Ort. Unbekümmert und ahnungslos durchzogen wir die Straßen, da, an einer Wegbiegung, wer beschreibt unsere Bestürzung, sehen wir unverhofft eben jenen serbischen Soldaten auftauchen, der uns vor ein paar Stunden festgenommen hatte. Er erkannte uns auch sofort und nahm uns erneut fest. Jetzt gab es kein Entrinnen mehr. Wir wurden in einem Arrestlokal untergebracht. Resi war gefaßt und zuversichtlich. Ich machte mir Vorwürfe, sie in eine solche Lage gebracht zu haben. Ein paar Stunden später wurden wir in ein Amtszimmer geführt und vernommen. Außer dem Untersuchungsrichter waren zwei Beamte anwesend. Ich hatte einen gültigen Auslandspaß, Resi nicht. Auch war sie noch nicht volljährig. Unsere Personalien wurden vermerkt. 11 ,, Wer ist das junge Mädchen?" fragte der Richter durch den Dolmetscher. Eine Bekannte von mir, die sich mir zu einer Wanderung angeschlossen hat. Wir wollten nicht nach Jugoslawien, haben uns in der Gegend verirrt und unfreiwillig jugoslawischen Boden betreten." Der Dolmetscher sprach längere Zeit mit dem Richter und wandte sich dann an Resi. Er stellte zunächst fest, daß sie die Tochter des Bürgermeisters im österreichischen Perneck und also aus gutbürgerlicher Familie sei. ,, Sind Sie wirklich freiwillig mit ihm gegangen?" fragte er sie. Ja." Er deutete dann an, daß wahrscheinlich erst Erhebungen im Heimatort des Mädchens gemacht werden müßten, um herauszubekommen, in welchem Verhältnis Resi zu mir stehe.„ Es muß untersucht werden, ob nicht Verführung oder gar Entführung vorliegt. Das wäre eine strafbare Handlung die mit empfindlicher Freiheitsstrafe für den Mann geahndet werden würde." Ich bekam einen gewaltigen Schrecken. Die schlimmsten Unannehmlichkeiten standen mir, vor allem aber meiner Begleiterin, bevor. Allein schon die Haft, die sich in diesem Fall wohl über mindestens eine Woche erstrecken würde. Dann aber auch die Demütigung durch die Nachforschungen in Resis Wohnort! Das mußte unbedingt verhindert werden. Mein Hirn arbeitete angestrengt. Wie konnten wir uns aus dieser überaus peinlichen Lage befreien? ,, Genügt es denn nicht, wenn ich eidesstattlich erkläre, daß ich freiwillig mit diesem Mann mitgegangen bin?" fragte Resi. 29 99 ,, Nein. Sie können ja durch seine Machenschaften so unter seinem Einfluß stehen, daß Ihre freie Willensbestimmung ausgeschlossen ist." Die Situation verschlechterte sich mehr und mehr für uns, sie erschien ausweglos. Eine kleine Erleichterung gab mir das Gefühl, daß der Dolmetscher uns anscheinend wohlwollend gegenüberstand und uns durch seine ganze Verhandlungsführung den Eindruck machte, als ob er uns nach Möglichkeit aus der Patsche helfen wolle. Natürlich konnte er über seine Befugnisse als Amtsperson nicht hinausgehen und uns nicht allzu offenkundig einen Rat erteilen, der geeignet gewesen wäre, uns aus der schwierigen Lage zu erlösen. " I Wenn Sie also nichts geltend machen können", sagte er schließlich zu Resi, ,, etwa einen Verwandtschaftsgrad oder sonst ein nahes Verhältnis, na und so, Sie verstehen, so kann ich Ihnen leider nicht helfen. Dann müssen Sie beide zunächst ein paar Tage mit unserer Gastfreundschaft hier in einer allerdings nicht sehr bequemen und komfortablen Unterkunft zufrieden sein, bis die Erhebungen in Perneck abgeschlossen sind und der Prozeß durchgeführt werden kann." Ich begriff nicht. Aber Resi mit ihrem feinen weiblichen Instinkt hatte den Wink des Dolmetschers verstanden, und sie zog tapfer und vorurteilslos die Schlußfolgerungen daraus. 11 Was soll das alles bedeuten?" fragte sie in lautem und empörtem Ton. Warum diese Schikane? Ich bin verlobt mit Herrn Wittmann. Wir wollen Weihnachten heiraten. Darf ich keine Wanderung mit meinem Verlobten machen?!" Der Dolmetscher lächelte, gab dem Richter Aufklärung. Der lächelte auch, klappte die Akten zu, sagte etwas, das wir uns leicht selbst ins Deutsche übersetzen konnten, ohne die fremde Sprache zu verstehen. ,, Na, schön, dann ist ja alles in Ordnung. Das Verfahren wird mangels Beweisen niedergeschlagen, die Anklage auf vorsätzliche strafbare Grenzübertretung oder wegen Entführung fallen gelassen." Wir waren frei. Aber der Resi hatte sich der Schrecken über diesen etwas peinlichen Beginn ihrer großen Reise ins Blaue doch stark in die Glieder gesetzt. Sie ließ sich nicht lange von mir zureden, nach Hause zurückzukehren. Es gab eine wehmütige Trennungsstunde. Sie schluckte tapfer die Tränen hinunter, als sie mir 30 zum Abschied die Hand und zum Kuß die Lippen reichte, und mit einem Anflug schmerzlichen Humors sagte:„Die Rückkehr der verlorenen Tochter“. „Und unsere Verlobung?“ fragte ich, ihre Hand haltend. Ihr Gesicht verschönte ein kleines lächelndes Erröten.„Unsere Verlobung? Sie soll zu deinem Traum gehören und auch— zu meinem. Es war doch schön, gelt?” „Resi”, sagte ich leise und trat dicht vor sie hin.„Du bist ein tapferer Mensch, ein guter Kamerad. Mit solch einem Kameraden durchs Leben gehen.\..“ Sie hielt mir in komischer Verzweiflung den Mund zu.„Laß dich nicht vom Gefühl des Augenblicks übermannen, mein Freund. Du kannst bei deiner Weltenbummelei keinen Gefährten brauchen. Und alles weitere findet sich.” „Wenn du unser ‚Verlöbnis’ ernst nehmen wolltest, Resi— ich würde mich verpflichtet fühlen...” „Dummheiten! Willst du hier den Biedermann mit dem Eheversprechen markieren? Auf. der Komödie eines Grenzzwischenfalles möchte ich keine Ehe aufbauen. Du bist frei, wie ich auch. Aber ich, ich weiß nicht, ob ich jemals einen andern nehmen kann.” Sie überließ sich ein paar Minuten der Zärtlichkeit meiner Umarmung. „Sei es drum”, sagte ich,„behalten wir unsere Verlobung in unserem Traum, aber lassen wir doch die Möglichkeit offen, daß ein Traum auch Wirklichkeit werden kann.” Zwischen Lachen und Weinen blickte sie mir in die Augen.„Vielleicht....” meinte sie, und die ganze Anmut ihres Wesens lag in diesem einen Wort. „Leb wohl“, sagte sie dann, sich zusammenraffend und gab mir einen letzten festen Händedruck. Sie ging nach rechts, ich nach links. Würden wir uns nocheinmal im Leben wiedersehen? Zur Zeit, wo ich dieses berichte, habe ich sie noch nicht wieder- gesehen. Aber ich glaube, ich werde sie bald wiedersehen, nachdem ich unter eigenartigen und schrecklichen Umständen in der Hölle ein Wiedersehen mit ihren Brüdern hatte, von deren Schicksal ich noch berichten muß, namentlich' vom Opfertode Erich Hubmanns. Noch lange wehten unsere weißen Taschentücher einander Abschied im Winde. Sie fuhr in die Heimat zurück, ich mit dem nächsten Zuge nach Genua. 31 Globetrotter Ich befand mich nicht in bester Stimmung. Der Schmerz über die Trennung von Resi klang in mir nach. Auch hatte ich manchmal Gemütsverstimmungen, da mir mehr und mehr die Ziel- und Planlosigkeit meiner Reisen bewußt wurde. Glücklicherweise waren solche düsteren Stunden jedoch nur selten. Meine unbekümmerte Jugend und der Glaube an den tieferen Sinn meiner Reisen und Fahrten, an den mir vorgezeichneten Weg halfen mir über alle Fragwürdigkeiten meines Daseins hinweg. Die Gemütskrise verstärkte sich in Genua.. Ich verbrachte ein paar Tage unmutig und verdrossen; unschlüssig, was ich beginnen solle. Das andauernde Regenwetter war nicht geeignet, meine Stimmung zu heben. Ein Buch fiel mir in die Hände, das mich sehr fesselte. Es handelte vom Schicksal eines Menschen, der, einem unwiderstehlichen Antrieb folgend, Heimat und alles, was ihm lieb ist, verläßt und in die Welt hinausgeht, viele Irrfahrten und ziellose Reisen macht, bis er einmal auf einer Insel landet, auf der sich ansteckend Kranke befinden. Jetzt erkennt er plötzlich seine Aufgabe; es ist ihm, als sei er bisher durch alle Wirr- und Irrsal folgerichtig hierher geführt worden, weil ihm diese Aufgabe vorbestimmt war. Mit unermüdlicher Energie verfolgt er von da ab seinen Plan, den Kranken Hilfe zu bringen. Er erreicht Wunder an Erfolgen und opfert sein Leben im Dienst für andere. Schicksalswege. Es hat alles seinen Sinn und Zweck, wenn wir es oft auch erst spät erkennen. Selbst wenn wir zu keiner eigentlichen Aufgabe kommen, vielleicht genügt es schon, wenn wir zu uns selbst kommen, unser Sein in dem uns gemäßen Leben erfüllen. Gauguin, der von mir so sehr geliebte Maler, kommt mir in den Sinn. Welch große Lebenserfüllung, obwohl er arm, krank und verlassen starb! Er verließ Reichtum und hohe Ämter in Frankreich, über32 Sees SEE siedelte nach Tahiti, führte ein paradiesisches Leben im Paradies, kehrte zurück zur Natur und lebte als Naturkind unter Naturkindern, malte seine wunder- vollen Bilder, die heute alle begeistern, die einen unverbildeten Sinn für den Zauber exotischer Landschaften und Menschen besitzen. Ich denke lange dar- über nach, meine Phantasie entzündet sich an dem Lebenslauf solcher Europäer, denen das märchentiefe Leben mehr gilt als alle europäische Zivilisation, aller Luxus und äußerer Reichtum. Am andern Morgen erwachte ich mit einem Gefühl, als sei ich neu gestärkt, im Vollbewußtsein meiner alten Energie. Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, zog den Vorhang am Fenster meines Hotelzimmers zurück. Strahlender Sonnenschein. Verwandelt ist alles um mich her. Die Stadt in ihrer ursprüng- lichen Schönheit stuft sich an den grünen Höhen hinauf. Die Welt ist wieder offen. Ich frühstücke ordentlich und trete hinaus:„Guten Morgen!” grüßt jemand auf deutsch. Es ist Fritz, ein Deutscher, den ich vor Jahr und Tag in Barcelona kennenlernte. Wieder eine jener vielen Begegnungen, die ich im Verlauf meiner Globetrotterei in allen Herren Ländern mit alten Bekannten„zufällig“ hatte. Ich’gewöhnte mich im Lauf der Zeit daran, die große kleine Welt als meine engere Heimat zu betrachten, in der man Freunde und Bekannte immer mal wieder traf. Und doch hatte ich auch manchmal bei Begegnungen und Erleb- nissen ein Gefühl, das ich nicht recht beschreiben kann. Diesem Gefühl ist etwas Unheimliches beigemischt. Eigentümlich, sekundenlang unmittelbar zu empfinden, wie sich dieser Erdball dreht und mit ihm die Menschen, die so rast- und ruhelos durcheinanderquirlen, einander stoßen und drücken und doch jeder dem andern fremd ist. Ach ja, als Weltenwanderer empfindet man es zuweilen besonders stark, wie sehr man hier auf Erden nur Gast ist, wie fragwürdig, fremd, ja tragisch verloren der Mensch auf diesem Planeten lebt und daß ihm nur eins aus der Verzweiflung über diese Erkenntnis helfen kann: wenn er bewußt zu Gott und den wenigen wirklichen Werten des Lebens strebt. Ich setzte mich mit Fritz in eine Osteria, verplauderte ein paar gemütliche Stunden mit ihm. Er hatte längere Zeit in Genua zu tun. Ich sagte ihm, daß ich nicht bleiben wolle und könne und gab ihm einen Einblick in meine Nöte und Probleme. Kunter-Wittmann, Weltreise 3 33 ,, Du mußt trachten, nach Brasilien zu kommen", sagte er, und er erzählte mir, vom Wein und von seiner Phantasie erhitzt, eine farbige, abenteuerliche Geschichte aus seiner Vergangenheit. Du hast Glück. Du findest den blauen Indianer, der dir den Weg zur Schlangenorchidee zeigt. Werde Orchideenjäger! Ich sage dir, da erlebst du die Wunder der Welt, das Geheimnis der Schöpfung. Da beginnst du ein neues Leben, das sich in einer magischen Wirklichkeit abspielt. Ach ja, diese Wunderblume, sie berauscht und verjüngt dich, sie raunt dir zu, was Unsterblichkeit ist. Sie ist wie ein, Sesam öffne dich!' Sie verwandelt dich vollkommen, es ist dann, als hättest du den Stein der Weisen gefunden, du weißt alles und weißt Bescheid um alles, du bist der Herr der Welt!" Er sah sich scheu um, als hätte er etwas Verbotenes gesagt, das niemand hören dürfe. Er senkte die Stimme zum Flüstern, sein heißer Atem berührte mein Gesicht, als er fortfuhr zu erzählen, eindringlich und suggestiv in Worten und Bildern, deren Sprachkraft und Farbenreichtum mich ganz benommen machten. Es entstand eine Welt des Urwalds und der Sagenhaftigkeit vor mir, die mich in tiefe innere Erregung versetzte, eine Welt voll Phantastik und unbekannter Urhaftigkeit, gemischt aus wirklichen und unwirklichen, erlebten und erfundenen Elementen, aus einer erschreckend abgründigen Phantasie geboren, eine Welt, die irgendwie dem Dunstkreis des Schöpfungsbeginns entstieg, in der noch Urnebel und Urphänomene dämonisch am Werk waren und in der Dinge sich abspielten, die sich jenseits unseres Vorstellungs- und Erkennungsvermögens befinden, die wir manchmal in Sekundenschnelle nur dunkel ahnen, wenn der Sinn in uns sich regt, den wir vielleicht vor Jahrmillionen einmal hatten, und der seither in uns ganz verschüttet wurde. Vielleicht gibt es Menschen, die etwas von diesem Sinn noch haben und ihn wenigstens zu gewissen Stunden entfesseln können. Ich kann mir vorstellen, daß solche Menschen dann einen Blick hinter die Kulissen des Universums tun und Einblick erhalten in Bezirke, die uns sonst stest Geheimnis bleiben. Die Orchidee spielte in der Phantasie des Erzählers wohl die Rolle eines Schlüssels zu dem Weltgeheimnis, sie war sogar die lebengewordene Enträtselung selber. Ich muß gestehen, mir wurde es allmählich unbehaglich im Bannkreis des Zeugen einer phantastischen Urwelt und einer wilden Phantastik. Dieser Mann war zweifellos ein Besessener, ein Süchtiger, der einem hirngespinstigen Phantom nachjagte. Ich war sonst einer übertriebenen Phantasie durchaus abhold, 34 doch konnte ich mich dem eigenartigen und bannenden Reiz seiner Fabulierkünste nicht entziehen, ich saß wie in einem magischen Bann, wie in einer Hypnose. ,, Hast du schon die Schlangenorchidee gehabt, und warum bist du nicht Orchideenjäger geblieben?" unterbrach ich ihn endlich wie aus einer Verzauberung heraus. Er antwortete nicht sogleich, ich beobachtete, wie er durch meine Zwischenbemerkung in seinen Wortgespinsten gestört war, sich wie aus einem tiefen Traum zurückholte und dann mit einer veränderten Sprache wieder ruhig und nüchtern redete.„ Ich?" sagte er traurig ,,, ich bin ein kranker Mann. Malaria und ähnliches. Wie das so ist und unausbleiblich kommt. Ich hatte die blauen Indianer im brasilianischen Urwald gefunden, ich fand unter ihnen auch die wenigen, die das Geheimnis der Schlangenorchidee kannten. Sie halfen mir, nahmen alle Strapazen mit mir auf sich, wir entdeckten das Wunder der Orchidee, ich hielt sie in der Hand, aber wie ich sie brechen wollte, glitt ich auf dem Faulbaum aus, in dessen Sumpf sie blühte und verletzte mir den Fuß so, daß ich bewußtlos wurde und meine Begleiter mich hinwegtrugen. Ich unternahm dann mit wenigen Getreuen noch mehrere Streifzüge, fand sie aber nie mehr. Es war wie in einem Märchen, in dem die Wunschfee nur einmal erscheint, und wer dann sich nicht richtig verhält, dem entschwindet sie für immer." Er trank aus und stand entschlossen auf.„ Komm, laß uns gehen, ich muß zu einer wichtigen Besprechung ins Büro." Auf der Straße ging er nüchtern und festen Schrittes neben mir her. ,, Im Ernst", fing er nochmals an. ,, Orchideenjäger zu sein ist schwer und gefährlich, aber man kann reich werden. Es gibt Dollarmillionäre, die schwindelerregende Summen für seltene Exemplare von Orchideen zahlen. Fahre nach Portugal, dort hast du am besten Gelegenheit, nach Brasilien zu gelangen." Unterwegs begrüßte Fritz einen Bekannten, er stellte ihn mir als Geschäftsfreund vor und sprach kurz mit ihm. Die Unterhaltung drehte sich um Chilesalpeter und Kunstdünger, mein Freund Fritz sprach knapp und sachlich, ich erkannte ihn nicht wieder, er hatte nichts mehr von dem glühenden, phantasietrunkenen Erzähler von vorhin an sich. 35 ,, So, das Geschäft wäre gemacht", erklärte er befriedigt, als der Geschäftsfreund sich verabschiedet hatte. Nun muß ich aber ins Büro, du entschuldigst mich", setzte er eilig hinzu. Der Alltag hatte ihn wieder ganz gefangen; er war stärker als die phänomenale Gewalt der Urweltelemente in ihm und das Wissen um die Geheimnisse einer höheren Wirklichkeit; die Gewalt des Alltags drängte das andere in die privaten Bereiche eines Käfigdaseins zurück, aus dem es nur selten ans Tageslicht kam. Ich begab mich in den Hafen, erfuhr, daß heute noch ein Schiff nach Portugal fahre und löste eine Passagierkarte. Es blieben nur wenige Stunden Zeit, meine Angelegenheiten im Hotel zu ordnen. Am Nachmittag hatte ich mich bereits in meiner Kabine eingerichtet. Bald darauf ging die Fahrt los und verlief fahrplanmäßig. Der Dampfer legte in Huelva, dem bekannten spanischen Erzhafen, an. Bei einem Rundgang im Hafen bemerkte ich den schönen Hapagdampfer Essen", der sich mit einer Ladung Erz von Spanien nach Australien befand. Australien? Nun ja, das war eine Station in meinem„ Traum". Und Brasilien? Die Erzählung meines Freundes Fritz spukte zwar immer noch in meinem Hirn, und ich trug mich auch mit dem Gedanken, Orchideenjäger zu werden. Die Sache hatte etwas sehr Verlockendes für mich. Aber ich fühlte in diesem Augenblick wieder, daß ich meinen Weg gehen mußte. Was ging mich der Traum eines andern an? In Huelva traf ich zwei deutsche Seeleute aus Magdeburg, die mich in eine lustige, rauchgeschwärzte Hafenkneipe mitnahmen. Es wurde kräftig gezecht und Seemannsgarn gesponnen, und wir gerieten in frohe Laune. ,, Komm mit uns, Kamerad, nach Australien", forderten sie mich auf.„ Du hast nichts zu verlieren, siehst was von der Welt, und kannst wohl zu was kommen, wenn du die Augen offenhältst. Du bist ein junger, froher Landsmann, der uns manch grieselige Laune vertreiben mag." So sprachen sie mir zu, bis ich einverstanden war. Aber wie auf das Schiff kommen? Das wollten sie schon bewerkstelligen. Die Zollwache täuschten wir, indem wir als Seeleute Trunkenheit markierten, und so in das Hafengelände hineinkamen. Die Wachmänner dachten natürlich, daß wir Seeleute seien, die sich auf einem kurzen Landurlaub tüchtig bezecht 36 hatten und ließen uns ohne weitere Untersuchung passieren. Die Mannschaft des Schiffes ,, Essen" war noch mit Laden beschäftigt. In einem günstigen Augenblick, wo ich der Sicht entzogen war, kletterte ich an der Schiffsleiter empor. Einmal an Bord, gelang es mir, unbemerkt in den Kohlenbunker unterzuschlupfen. Da es in meinem Geldbeutel mal wieder sehr traurig aussah, konnte ich eine so weite Reise nicht als zahlender Passagier unternehmen. Ohne weiteres erhielt man aber auch keine Arbeit auf einem Schiff. Deshalb mußte ich also ungewöhnliche Machenschaften durchführen, um zum Ziel zu kommen. So war ich zunächst als blinder Passagier im Schiff einquartiert. Das Schiff stach bald in See. An den verschiedenen Läutesignalen und Schiffsschwankungen merkte ich, daß wir das offene Meer erreicht hatten. Nun kam es mir nicht mehr darauf an, entdeckt zu werden, und ich schlief den Schlaf des Gerechten. Auf der Höhe der Kanarischen Inseln wurde ich etwas unsanft geweckt. Der Kapitän nahm mich nicht unfreundlich an, musterte mich an Deck unter dem, Vorbehalt, daß er keine Garantie für meine persönliche Sicherheit übernehmen könne. Er befürchte, ich werde einmal bei einer der Streifen oder Revisionen auffallen und festgenommen werden. Mit der„ Essen" fuhr ich nun um den halben Erdball nach Australien. Die Reise dauerte 51 Tage. Sie verlief ohne Zwischenfälle und im allgemeinen etwas einförmig. Wasser, nichts als Wasser, selten sah ich in der Ferne eine Küste, einen Landsaum. Ich konnte auch nicht viel nach landschaftlichen Reizen und Meeresstimmungen Ausschau halten, denn ich war zum Arbeiten auf diesem Schiff, und ich mußte so schwer ran, daß ich oft todmüde abends hinsank und sofort einschlief. Am Kap der Guten Hoffnung hatten wir schwere See. Die Wogen stürzten haushoch über uns hinweg und schienen das Schifflein verschlingen zu wollen. Mit übermenschlichen Kräften mußten alle Mann an Bord gegen den Sturm ankämpfen, die Hölle war los, das Unwetter raste und heulte. Himmel und Meer schienen ein einziger dunkler Abgrund zu sein. Im Aufbau des Schiffes krachte und splitterte es, einmal hieß es: Mann über Bord. Wie durch ein Wunder wurde der Mann dem nassen Element entrissen. Majestätisch und unbeirrt flogen die schönen Albatrosse hinter uns her, unsere ständigen Begleiter bis Australien. Die Vögel schwebten ruhig und sicher über den wilden Wogen, auf und nieder, sich den Wellenbergen harmonisch anschmiegend, als 37 seien sie in einem herrlichen Rhythmus mit ihnen verbunden. Die treue Begleitung der Tiere hatte in diesem Aufruhr der Naturgewalten etwas Beruhigendes für mich. Die erste Landung erfolgte in Port Perie auf Australien. Nun hieß es für mich verschwinden, damit ich nicht als Überzähliger den Häschern in die Hände fiel. Heimlich ging ich an Land, stahl mich wie der Dieb in der Nacht vom Schiff weg. Mutterseelenallein stand ich da in einem fremden Erdteil, wie vom Mond gefallen. Ich kam mir kläglich und ein wenig komisch vor, wie ich so mit meinem Bündel dahinschlich, keinen Weg und Steg, kein Ziel vor Augen, keine Bleibe in Aussicht, keinen Trost in mir, daß da irgendwo ein Mensch auf mich warte. Es war dunkel. Ich hatte eine Karte bei mir und beschloß, aufs Geratewohl in südlicher Richtung zu wandern. Es mußten doch irgendwo Farmen oder Ansiedlungen sein, wo ich unterkommen konnte. Mit diesem billigen Trost marschierte ich geradewegs ins Innere Australiens hinein. Gleich hinter dem Küstenstrich beginnt wüstenartiges Land, Steppe und Busch. Nach einigen Stunden wollte ich mich ein wenig zum Schlaf niederlegen. Aber ich konnte nicht einschlafen. Eine unerklärliche Angst befiel mich je länger je mehr. Australien! Das Wort rief schreckliche Vorstellungen in mir wach: Buschmänner, die im Hinterhalt lauern, Kopfjäger, Schlangen und wilde Tiere, Hunger, Durst und mancherlei Gefahren im Hinterland. Ich hatte keine Waffe bei der Hand, nahm mein Taschenmesser heraus und hielt es zur Verteidigung bereit. Doch es regte sich nichts. Die Nacht verging still und friedlich. Am Tage wanderte ich ein paar Stunden weiter. Es war sehr heiß. Meinen Wasservorrat hatte ich getrunken. Ich bekam Durst; es gab nirgends Wasser. Mit dem Durst quälten mich Angst und Sorge. Meine Einbildung gaukelte mir Schreckensbilder vor von Verdurstenden, die elend in Wüste und Sonnenbrand umkamen. Ich war bald erschöpft, wartete bis zum Abend und wanderte dann weiter. Bis jetzt hatte ich keine menschliche Behausung gesehen. Ich beschloß, wieder der Küste zuzustreben. Die Richtung war durch mehrere Hilfsmittel auszumachen. Aber ich konnte es nicht mehr lange aushalten. Würde ich rechtzeitig dieser Einöde entkommen? Diese bange Frage beschäftigte mich von nun an ausschließlich. 38 Um Mitternacht sank ich zum Schlaf hin, schreckte aber bald wieder auf. Es hatte mich etwas berührt. Ein furchtbarer Schrecken durchzuckte mich. Mein erster Gedanke war: Schlangen! In wilder Panik rannte ich davon. Das Tier hinter mir her. Bellte. Da blieb ich stehen. Ein Tier, das bellt: das war nicht schlimm. Das Bellen klang mir wie Musik in den Ohren. Wo ein Hund war, da waren Menschen. Ich atmete tief und glücklich. Am liebsten hätte ich den Hund umarmt, aber der sah gar nicht freundlich und vertrauenerweckend aus. Es war eine Bulldogge. Trotzdem betrachtete ich entzückt sein Gesicht wie das eines lieben Menschen. Eine Stimme von fern. Der Hund bellte wieder. Jemand kam heran. Es war der Besitzer der Farm, die unweit einsam und in weiten Ländereien lag. Eine tiefe gute Stimme hieß mich auf Englisch willkommen. Wie Balsam wirkte diese menschliche Stimme auf mich. Kaum je zuvor hatten Mutterlaut und Worte in der Heimatsprache einen so tröstlichen Eindruck auf mich gemacht wie diese Anrede in englischer Sprache. Im Hause des Farmers genoß ich eine Gastfreundschaft, wie man sie nach meiner Erfahrung nur in weiten, menschenleeren Gebieten kennenlernt. Man fragte nicht nach dem Woher und Wohin, man überließ alles dem freien Willen des Gastes, der zur gegebenen Stunde Gelegenheit haben wird, sich auszusprechen. Es herrschte eine gute, altbürgerliche Atmosphäre in dem Hause. Ich wurde aufs beste verpflegt, mit größter Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit behandelt, und es war mir am zweiten Tag, als gehöre ich zur Familie. Eine unendlich wohltuende Ruhe umfing mich, draußen in der Natur und drinnen im Haus. Schön war's, wenn in der Dämmerung die hübsche Tochter des Farmers am Klavier saß und mit feinem Empfinden Lieder von Schubert und Mendelssohn spielte. Da wurde es mir eigen ums Herz. Ein Segen schien ausgegossen zu sein über die Bewohner dieses abendlichen Hauses. Am Kamin bei einem Glase Wein erzählte ich der Familie einiges aus meiner Vergangenheit. Man nahm lebhaften Anteil. Der Farmer erteilte mir dann brauchbare Ratschläge, wie ich am besten weiterkommen könne. Nach zwei Wochen brach ich wieder auf, ein Heimatloser, dem es doch beschieden war, in der weiten Welt da und dort eine kleine Heimat, wenn auch nur für kurze 39 Zeit, zu finden. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, den meine Mutter oft geäußert hatte: daß wir ja nirgends hier auf Erden eine bleibende Heimat haben. Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh? Ich weiß, daß mir als Schüler das Lied gefiel, und daß ich es mit Andacht sang.— Irgendwo in der Welt sitzen überall Menschen, die Liebe zum Nächsten und ein gastfreies Haus haben. Dort findet man stets ein Stück Heimat. Ich kam nach Melbourne, der Riesenstadt, von dort nach Sidney mit seiner imposanten Brücke. Da ist man schon wieder in Europa. Häuser, Menschen, Sitten und Gebräuche— manchmal muß man sich darauf besinnen, daß man P} ja hier in Australien ist. 40 Monsun Ich verdingte mich als ,, Rüberarbeiter" auf den 8000- Tonnen- Dampfer ,, Mosel" des Norddeutschen Lloyd, war Farbewascher und Rostklopfer, und so fuhr ich wieder zurück nach Bremen. Unsere Reise war diesmal noch stürmischer als die Herfahrt. Nach zwanzigtägiger Fahrt passierten wir das Kap Guardafui und fuhren in das Rote Meer ein. Das ist ein Dorado des Teufels. Eine infernalische Wasserwüste. Heiß, höllisch heiß, unerträglich heiß. Es ist einem, als klirre die unbewegte Luft wie splitterndes Glas vor Hitze. Dreck und Schweiß rinnt unaufhörlich an der klebrigen Haut herab, die Kehle trocknet aus, der Kopf schmerzt, wie betäubt bewegt man sich. Ein brodelnder Höllenkessel. Das Wasser dickflüssig, metallisch glänzend, wie Quecksilber, und träge wie Petroleum fließend. Die Sonne brennt und brennt, das Gehirn kocht, ein dumpfer Druck im ganzen Körper. Alles ist tot und wie gelähmt. Nirgendwo Vegetation oder Meeresleben. Das Eisen des Schiffes glüht, die Balken strömen Hitze aus. Ich dachte früher manchmal daran, wie es sein müsse, wenn man lebendigen Leibes in einen glühenden Backofen hineingeschoben wird. Jetzt kommt es mir so vor, als sei ich hier in eine solche Lage gekommen. Als sei eine eiserne glühende Wand um mich gespannt. Kein Luftzug. Nur Glut im leeren Nichts. Glühende Schwaden foltern die Nerven. Das Atmen fällt schwer. Menschen schleichen wie Gespenster dahin, machen fahrige, unsichere Bewegungen, taumeln, reden irr. Ich drehe mich im Kreise, als suche ich verzweifelt nach einem Ausweg, dieser Hölle zu entrinnen. Erbarmungslos muß man hindurch, ein wahres Fegefeuer. Hier hilft einem nichts und niemand. Man verwünscht die Sonne, sie ist hier der Feind. Der glühende Ball sengt und verbrennt alles Leben. Dieses Element an diesem Ort ist eine menschenfeindliche, brutale Gewalt, der man hilflos preisgegeben ist. 41 Durch Tage ging das so fort. Dann legte sich ein Dunst über die Sonne. Es schlich etwas heran, eine zähe und flüssige Breimasse. Man spürte es in allen Gliedern. Die Nerven waren äußerst gespannt. Das, was kommen würde, konnte nichts Angenehmes sein. Ein Wind kam auf, wälzte sich wie eine Woge heran, hüllte uns bald ein. Es war der Monsun, ein gefährlicher, tückischer, sandhaltiger Warmwind. Er sickerte überall durch, fraß sich ein, schmierig, ölig, widerlich. Er war zum Schneiden dick, man hatte das Gefühl, als bestehe er aus einer Wolke von Kleinstinsekten, die sich in die Haut einbohrten. Dämpfe brodelten auf. Die. Luft war ockergelb, schwefelig. Hinter dem dichten Vorhang die blasse Sonnenscheibe, deren grauenhafte Kraft durch die Nebelwand spürbar wurde. Sie verwandelte den Wind in diesen scheußlichen Brei, in dieses Chaos mißratener Naturerscheinungen, quirlender, durcheinanderwirbelnder Elemente, in diese grelle Symphonie schwelenden Brodems und giftiger Farben. Es kam mir vor wie die Szenerie zu einem unheilschwangeren Drama, das gleich beginnen würde. Das Gespensterschiff zog seine Bahn durch den Brei. Geisterbleich bewegten sich die Männer umeinander, Schemen, keine Menschen aus Fleisch und Blut. Die Stimmen schallten wie aus weiter Ferne zueinander, klanglos, dumpf, geisterhaft. Die Gestalten gingen wie hinter einem Schleier, fratzenhaft verzerrt, durch Luftspiegelungen verzogen sich die Konturen und die Linien. Auch die Bewegungen waren anders als sonst sichtbar. Langsam und eigentümlich tastend schritten die Leute wie in Zeitlupenaufnahmen. Ihre Füße schienen sich nicht auf dem Boden zu befinden, sie traten fließend und zögernd in der Luft umher. Der Wind änderte zeitweise seinen Charakter. Der zähe Nebel schwand. Andere Luftströmungen setzten sich durch, veränderten das Bild, zwangen die Verantwortlichen auf dem Schiff zu anderen Berechnungen, zu neuen navigatorischen Maßnahmen. In der Ferne wird ein Streifen Land sichtbar. Man schätzt auf zwei Kilometer. In Wirklichkeit sind es vielleicht zweihundert Meter. Die eigentümlichsten Luftströmungen können dicht nebeneinander bestehen, so daß zwischen dem Nebelbrei plötzlich eine klare und weite, scheinbar luftleere Rinne sichtbar wird. Es ist ein toller Spuk. Wie in einer laterna magica ändern sich die Bilder. Die merkwürdigsten Gespinste, Spiegelungen und Erscheinungen 42 über dem metallfarbig irisierenden und fluktuierenden Meer verwirren den zur Durchfahrt in diesem Fieberlabyrinth Verurteilten. Da- eine Sandbank? Nein, eine dunkle Wolkenbank, die allmählich in andere Formen und Farben übergeht und graublau in einem fernen Strom verschwindet. Der Strom gießt gewaltige graue Massen in ein imaginäres Bett. Alles ist nur Täuschung. Neue Dünste, neue Formen, neue Gestalten ziehen vor. Nie gesehene Farben betäuben die Augen. Wie von seltenen Steinen und Diamanten glänzt es manchmal, gigantische Schatten schieben sich heran, beängstigend, herzbeklemmend. Die Luftspiegelungen und-täuschungen sind sehr verhänignisvoll für die Schiffahrt. Wie durch ein Prisma, in tausend Farben, Schatten und Flimmerlüftchen gebrochen, sehen wir in der Ferne einen Landstrich. Er mag ein paar Meilen entfernt sein. Aber auf einmal kommt der Landstrich dunkel auf uns zu, wie eine riesenhafte Bestie wälzt es sich heran, mein Herz stockt, ich wittere Gefahr. Noch ehe der berstende Krach das Schiff durchbebt, spüre ich den Stof in meinem Körper, eine gewaltige Erschütterung, dann werde ich ein paar Meter weit in eine Schiffsecke geschleudert, auf einem Haufen Tauwerk liege ich minutenlang wie betäubt. Auch als ich aus der Betäubung wieder langsam zu mir komme, bleibe ich noch eine Weile mit wachen Sinnen unbeweglich, als müsse ich mich erst vergewissern, ob ich noch heil und ganz bin, und als ob ich mich erst entschließen müsse, weiterzuleben oder nicht. Das Schiff war auf eine Sandbank aufgelaufen. Der Kapitän, ein alter Seebär, auf dem Meer grau geworden, mit allen Tücken und Gefahren des nassen Elements vertraut, hatte sich auf seiner letzten Fahrt, die er unternahm, vom Monsun täuschen lassen. Er ließ einen Schlepper anfunken. In dieser Gegend lag immer so eine käufliche Hyäne der Meere bereit, um billig eine Art Zoll oder Strandgut zu erpressen. Wahrscheinlich nährte an dieser Stelle ein solches Gewerbe gut seinen Mann. Es fuhren zweifellos viele Schiffe auf der gefährlichen Sandbank auf. Der Schlepper funkte zurück: ,, Einverstanden, wenn das Abschleppen als Bergen betrachtet wird". In diesem Fall mußten dem Schlepper zehn Prozent der Ladung zugesprochen werden. Der Kapitän stand bolzengerade wie eine Säule. ,, Nein!" 43 Man funkte dem Schlepper:„ Es kann sich nicht um eine Bergung handeln. Das Schiff ist nur leicht havariert. Das Flottmachen kann unter normalen Umständen erfolgen und birgt für die Schleppermannschaft keinerlei Risiko. Wir bieten die reguläre Pauschalsumme für Abschleppdienste." Der Schlepper erklärte, er könne sich mit unserer Auslegung nicht einverstanden erklären. Es seien die Voraussetzungen für eine Bergung gegeben, nicht aber für Abschleppdienste. Der Kapitän stand unbeweglich, er fluchte nicht einmal, sein Gesicht war hart wie Stein. Ich beobachtete ihn gespannt. Er rang augenscheinlich mit einem schweren Entschluß. Endlich kam fest und knapp der Befehl aus seinem Munde: ,, Achthundert Tonnen Mehl über Bord! Alle Mann an Deck!" Was nun folgte, war die schwerste und wüsteste Arbeit meines Lebens. Kaum habe ich jemals später wieder so schuften müssen, auch nicht in der „ Hölle". - Die ganze Mannschaft, Koch und Küchenjunge nicht ausgeschlossen, mußte heran. Achthundert Tonnen rechnet aus, wieviel Zentnersäcke Mehl das sind. Diese Zentnersäcke mußten erst aus dem Schiffsinnern heraufgeschafft werden. Das Mehl war für Dschidda- Arabien bestimmt. Der Kapitän rechnete so: durch die Abgabe von achthundert Tonnen Ballast kommt das Schiff einige Fuß höher. Es sitzt nicht fest in der Sandbank, es hat kein Leck, es sickert kein Wasser ein. Die Wahrscheinlichkeit, daß das Schiff nach der Entlastung wieder flott wird, ist groß. Dann kostet das Miẞgeschick den Preis von achthundert Tonnen Mehl, währenddem der Preis für die Bergung durch den Schlepper ungleich höher wäre, denn der Dampfer hatte kostbare australische Wolle geladen. Ein weißer Strom ergoß sich in das Meer. Es war ein Jammer, zusehen zu müssen, wie diese kostbarste Gabe an den Menschen hier rücksichtslos vernichtet wurde. Das Meer färbte sich weithin weißgrau. Ein Sack nach dem andern rutschte in den Wassermoloch. Wir schufteten den Tag über und die Nacht hindurch unablässig. Wir wurden zu Maschinen, griffen mechanisch zu, luden auf, luden ab. Die Nerven stumpften ab, nachgerade spürten wir die Schmerzen im Rücken und in den Gliedern nicht mehr, die uns anfangs so quälend befallen hatten. Die Haut war an manchen Stellen aufgeschürft, sie hing in Fetzen herab, die offenen 44 Wunden brannten, aber sie behinderten nicht mehr den mechanischen Lauf der Glieder. Der Schweiß floß uns in Strömen am Leib herunter, wir arbeiteten fast nackt, einer riß sich in wilder Wut den letzten Fetzen vom Leibe und stand unter uns wie der neuerstandene Adam, keiner sah nach ihm. Nichts konnte uns davon abhalten, zu schuften. Was für ein Befehl oder innerer Antrieb war das, der uns an dieser höllischen Workerei festhielt, der uns nicht einfach hohnlachend erklären ließ: ,, Macht was ihr wollt, aber wir tun nicht mit!" Es gibt Lebenslagen, in denen irgendetwas stärker ist als der Verstand und der Selbsterhaltungstrieb, in denen man der Hypnose eines Befehls, einer Zwangsidee unterliegt. Die Sonne brannte weiterhin schrecklich hernieder, erhitzte den Monsun zu einem giftgeschwollenen Gasball. Taumelnd und keuchend durchmaßen wir den glühenden Ofen, immer wieder, immer wieder. Die letzte der achthundert Tonnen schusselte über Bord. Das Schiff hatte sich merklich Zoll um Zoll gehoben. Die Schiffsmaschinen wurden in Gang gesetzt. Befehle erschollen, Lärm, Geschrei, Flüche. Eine ungeheure Spannung und Erregung hatte sich unser bemächtigt. Wir benahmen uns alle wie Fieberkranke, wie im Delirium schwankten wir umher. Würde das Schiff flott kommen? Es war, als würde der ungeheure Leib des Schiffes lebendig, als stöhne er auf im wilden Kampf mit einer Bestie, die ihn überfallen hatte und umkrallt hielt. Es zuckte und ruckte im Schiffsrumpf, ein paar Mal bäumte er sich förmlich auf, wir hörten gierig auf das bekannte Geräusch der Schiffsschrauben und-maschinen, das uns beweisen würde, daß wir im freien Wasser seien. Aber das erlösende Geräusch ließ sich nicht vernehmen. Der Kapitän war einem zweiten, verhängnisvollen Rechenfehler erlegen. Er hatte genau berechnet, wie tief er mit seinem Schiff in die Sandbank versackt war, und daß er keine neue Belastung durch eindringende Wasser berücksichtigen mußte. Er hatte daraufhin mathematisch genau auskalkulieren können, wieviel Ballast er über Bord werfen mußte, um mit dem Schiff so viele Zoll höher zu kommen, daß es frei wurde. Nicht aber hatte er in seine Berechnung einbezogen, daß die Schiffslast an sich auf den Sand drückte, tiefer einsank, also nicht auf dem Fleck blieb, wo sie ursprünglich festgerammt war. 45 Die Schiffsmaschinen verstummten wieder. Die eintretende verhältnismäßige Stille kam uns wie eine Grabesruhe vor. Der Fehlschlag wirkte lähmend auf unsere Energien. Der Kapitän zog sich zurück. Wir warfen uns hin und dösten erschöpft ein. Schlafen konnten wir trotz schwerster Erschöpfung nicht. Nach ein paar Stunden erschien der Kapitän wieder auf Deck. Würde er nochmals Befehl geben, Ballast über Bord zu werfen, würde er den Kampf mit der Übermacht, mit einer höheren Gewalt erneut aufnehmen? Wir sahen ihn an. Seine Figur war nicht mehr so gestrafft wie gestern, wo er den Befehl zur Entladung von achthundert Tonnen Mehl gegeben hatte. Düster und gebeugt trat er vor uns hin. Sein Gesicht sah alt und zerfallen aus. Da wußte ich, daß er kapituliert hatte, daß er dem Gegner Sieg und Triumph überlassen mußte. Er erteilte Funkbericht, daß er die Bedingungen des Schleppers annehme. Der nahte eine Stunde später, stolz und siegesbewußt erklang sein Motorengeräusch, er kam heran, Hilfe bringend, Beute machend. Der Schlepper mußte sich nicht sehr bemühen; es gelang ihm bald, das Schiff flott zu machen und es in den nächsten Hafen zu bringen. In Perra Perim hatten wir also unfreiwilligen Aufenthalt. Die meiste Zeit verschliefen wir. Stundenweise gingen wir an Land, sahen dem Leben und Treiben der Araber zu. Es ist ein altes, zigeunerhaftes Volk mit ausgeprägten Merkmalen der Degeneration. Magere, klapperdürre Gestalten, unordentliche und unsaubere Weiber. Auffallend und grotesk sind manchmal die Gegensätze im Benehmen der Männer zu ihrer wahren Gestalt. Da kommt einer würdig und gravitätisch daher, und man weiß doch, er ist ein großer Gauner, der die nächste Gelegenheit benützt, um einen übers Ohr zu hauen. Die Männer haben dunkle, schlaue Diebsaugen, die dauernd nach Raub ausspähen. Man muß auf seine Siebensachen Obacht geben, sonst fehlt einem nachher bestimmt das eine oder andere. Die Sonne scheint ihnen alles Fett aus dem Körper ausgelassen zu haben; man meint manchmal, sie müßten zerbrechen auf ihren spindeldünnen Beinen. Kommt die Gebetsstunde, so breiten sie ohne Rücksicht auf jedwede Umgebung ihren Teppich aus, den sie stets bei sich tragen, und knien darauf nieder, das Gesicht gegen Osten in Richtung Mekka gewandt. Dann ertönt ein monotones Gesumme: Allah il Allah... 46 46 Wie faul sie sind, kann man an oft komischen Szenen beobachten. So hat sich eine Gruppe Araber dazu bequemt, eine Arbeit anzunehmen. Sie müssen ein versetzbares Schiffsgerüst ein Stück weiter transportieren. Ich weiß, vier bis fünf Mann können die Arbeit unschwer bewältigen. Hier packen etwa ein Dutzend Araber zu, machen ein Riesengeschrei, ziehen und keuchen, als gälte es ihr Leben. Sie markieren übermenschliche Anstrengungen, inmitten steht der Vorarbeiter wie ein alter Seeräuberkapitän und dirigiert mit dramatischem Pathos und schauspielerischer Mimik, gibt unartikulierte Laute von sich: ,, ah hup" oder so. Die Männer ziehen gewaltmäßig, schneiden Grimassen, als müßten sie sich die Lungen zum Hals hinausquälen. Ich durchschaue lächelnd die Komödie und habe mit den Ärmsten keinerlei Mitleid; sie überanstrengen sich gewiß nicht. Den Lebensunterhalt verdienen sich die Araber am liebsten mit Tauschhandel. Ich komme gerade dazu, wie ein solcher Handel abgeschlossen wird. Einer unserer Leute, der sich von den achthundert Tonnen heimlich einen Sack Mehl beiseitegeschafft hatte, bietet ihn zum Tausch gegen Ananas an. Der große, würdig einherschreitende Araber geht in vornehmer Zurückhaltung auf das Angebot ein. Die beiden werden nach einigem Feilschen handelseins. ,, Aber worin willst du denn das Mehl nehmen?" fragte unser Kamerad ,,, ich brauche meinen Sack für die Ananas". Wortlos griff der Araber zum schönsten Ornament seiner Würde, dem Turban eine rasche Handbewegung, und die hohe Kopfbedeckung entfaltet sich zu einem Sack, in den nun profanerweise das Mehl hineingefüllt wird. Nach kurzem Zwischenaufenthalt fuhren wir von Perra Perim unsere vorgeschriebene Route weiter, nochmals vier Tage durch das Rote Meer, nochmals die Schrecken dieser heißen Hölle auskostend. Nicht eine Stunde ließen diese Schrecken nach. Gibt es in dieser verwünschten Passage niemals eine Atempause? Ein Leben ohne Gnade, ein Sonnentod ohne Ende... Endlich sind wir erlöst. Eine frische Brise weht über das Meer, wir atmen freier und beglückt, die Qual und Pein ist überstanden. Nun scheint die Sonne wieder heiter und belebend, sie ist wieder wie wir selber ein Teil der Schöpfung, sie ist kein Feind mehr. Ungefährdet und ohne weitere Zwischenfälle kamen wir in Bremen an. 47 48 48 Fremde Heimat Während der Fahrt schon hatte ich mir weitere Reisepläne zurechtgelegt, kühne und weitgesteckte Projekte. Im Heimathafen Bremen überkam mich jedoch plötzlich ein Verlangen, meine Lieben zu Hause zu besuchen. Kurz entschlossen fuhr ich mit dem nächsten D- Zug in meine thüringische Heimat. Das war eine freudige Überraschung für Mutter und Geschwister, die ich wohlbehalten antraf. Fast feierlich nahmen mich meine Angehörigen an der Hand und führten mich in ein etwas abgelegenes Zimmer, das zu einer Art Museum eingerichtet war. Hier waren liebevoll und sorgfältig all die vielen Dinge aufgestapelt, die ich im Laufe der Jahre von meinen Reisen heimgeschickt hatte. Kleine Seltenheiten und Kostbarkeiten, Vögel, Blumen, Pflanzen, Steine, Hölzer, Kunsthandwerk, Nationalschmuck, Andenken an historische Stätten und Kultureigenarten, an Menschen und Erlebnisse. Fähnchen, Pelzwerk, Tierhaare, Haifischgebisse, Jagdtrophäen, allerlei bunte und interessante Dinge. Dazu viele Ansichtskarten und Fotos. Man sah, welche Mühe es gekostet hatte, diese Dinge zu ordnen und mit Geschmack aufzustellen, aneinanderzureihen, so, daß es eine kleine Erlebnischronik ergab. Ich hatte so viel Anteilnahme an meinen Fahrten nicht erwartet und war ganz gerührt über das liebevolle Interesse meiner Angehörigen. Sie ließen mich dann eine Stunde in meinem„ ,, Museum" allein. Es war ganz still im Zimmer, kein Laut, kein Geräusch. All die Dinge um mich her schwiegen, aber sie sahen mich an und waren belebt. Sie gehörten zu mir, sie sprachen mit mir, sie waren alle Teilnehmer an meinen Erlebnissen gewesen. Der Raum war mit einem magischen und beseelten Leben erfüllt. Das raunte mir aus allen Winkeln her die schönen Geschichten aus meinem„ Traum" zu. Alle diese Welten erstanden wieder in mir, die ich durchwandert hatte, nicht nur den Meilen nach, sondern in meiner Seele, in den Bezirken meines Denkens und Fühlens. Ich nahm hier eine Gemme, dort ein Bastkörbchen in die Hand, strich zärtlich über ein Nutriafell, legte meine Wange an ein Seidentüchlein und betrachtete lange und hingegeben Bilder aus den verschiedenen Stationen meines Erdenwallens. 11 Es lag in diesem Raum ein großer Zauber, dem ich mich ganz hingab. Ich war wieder ganz versponnen in meinen Traum". Wie damals, als ich im Schoß der grünen Heimat im Grase lag, schweiften meine Gedanken weit über Berge und Meere, verweilten und kreisten dann um Ziel und Erfüllung: Ferne Frau... Nachts schlief ich lange und traumlos unter dem Dach des Vaterhauses. In vollen Zügen genoß ich die vertraute Wärme und gute Luft des Hauses, ließ mich von der guten Mutter verwöhnen, von den Geschwistern mit Hochachtung und Aufmerksamkeit behandeln. Verwandte und Bekannte kamen, bestaunten den Globetrotter, überschütteten mich mit Fragen. Ich wurde nicht müde, zu erzählen, ich nährte meinen Traum mit den Berichten. Mein Bruder hatte eine kleine Empfangsfeierlichkeit im kleinen Saal eines Hotels veranstaltet. Dorthin kamen Freunde und Bekannte, auch viele Neugierige. Es hatte sich im Städtchen herumgesprochen, daß der Weltreisende wieder da sei. Ich wurde ein wenig gefeiert. Der Raum war mit Blumen dekoriert. Jemand hielt eine kleine Ansprache. Ich dankte für den freundlichen Empfang und erzählte dann wiederum von meinen Reisen und Erlebnissen in fremden Ländern und Erdteilen. Zum Schluß jedoch kam der erste leise Miẞklang auf. Ein Bekannter beendete das gesellige Beisammensein mit einem Trinkspruch, der in eine nationalsozialistische Propagandarede ausklang. Er ging darin so weit, daß man fast einen Vorwurf heraushören konnte, warum ich nichts von den nationalsozialistischen Organisationen im Ausland erwähnt habe." Wir dürfen wohl annehmen, daß unser Freund Wittmann sich der Pflicht eines guten Deutschen im Ausland bewußt ist, und daß er alles tut, um zu seinem Teil dem deutschen Ansehen im Ausland zur Geltung zu verhelfen, damit sich das Wort bewahrheitet: Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt!" Max wird bald wieder in die Welt hinausziehen. Möge er gesund und als guter Deutscher Kunter- Wittmann, Weltreise 4 49 zurückkehren und das nächstemal berichten, daß er nicht nur für sich in der großen Welt, sondern auch für Großdeutschland etwas getan hat!" Ich war peinlich berührt von dieser Ausnutzung eines gemütlichen Zusammenseins zu politischen Zwecken. Der Inhalt der Rede, aber auch die ganze Art und Weise, wie diese Propaganda getrieben wurde, war mir höchst unangenehm. Der Ton war plump und aggressiv; ich empfand diesen Stil als taktlos und mußte befremdet feststellen, daß die übrigen Anwesenden klatschten und anscheinend nichts gegen das pöbelhafte Benehmen einzuwenden hatten. In den folgenden Wochen bekam ich dann noch manche Stilprobe derartig massiver, das Anstandsgefühl verletzender Propagandamethoden. Ich hatte mit meinem Bruder eine Aussprache darüber. Im Verlauf des Gesprächs entwarf er ein Bild des neuen Deutschland, das mich hell entsetzte. Ja, wenn das so ist", sagte ich ,,, dann gibt es in Deutschland nicht nur die berüchtigten Konzentrationslager, sondern Deutschland selbst ist ein einziges Konzentrationslager! Das ist doch alles Willkür und Rechtlosigkeit. Wie könnt ihr euch von solchen Phrasen speisen lassen, die euch ein freies und schönes Deutschland vorspiegeln, während ihr in tiefster Entrechtung und Erniedrigung lebt." Mein Bruder gab das seufzend zu. Aber er zuckte die Schultern. ,, Was willst du dagegen tun? Wenn du Kritik übst oder eine abfällige Bemerkung machst, wirst du ohne Urteil und Gesetz eingesperrt. Du mußt vorbehaltlos und bedingungslos mit dem Strom schwimmen, sonst geht's dir schlimm." Ich war tief empört darüber, daß ein Staat Menschen so vergewaltigte. Grimm und Abneigung gegen ein System, das derart brutal Menschenrechte und geistige Freiheit unterdrückte, stiegen in mir auf. Mein Aufenthalt in der Heimat fiel in die Wochen, als Hitler seine aufsehenerregende Gewalttat gegen seine vertrautesten Anhänger und gleichzeitig gegen die andersgesinnten Widersacher beging. 30. Juni 1934. Ich stand starr vor Grauen über so gemeinen Mord, den der Unhold in einer Rede noch zu glorifizieren wagte. Diese Rede war so voller Widersprüche und durchsichtiger Rechtfertigungsversuche, daß mir der Ekel im Hals heraufstieg. Es mußte doch jeder denkende Mensch merken, was hier gespielt wurde, daß die wüsten Anschuldigungen und Verleumdungen Hitlers an den Haaren herbeigezogen worden waren, um eine fadenscheinige Begründung für sein Verbrechen zu konstruieren. Die Rede triefte von Gemeinheit, Schamlosigkeit und Verlogen50 heit. Ich konnte und konnte es nicht begreifen, daß unser Volk sich so etwas bieten ließ, daß man urteilslos eine so plumpe Mache hinnahm, zustimmte und Beifall jubelte. Ich erkannte auch sofort die tiefere Bedeutung der Gewalttat. ,, In diesem Augenblick war ich selbst der oberste Richter, es bedurfte keines Gerichts" hatte Hitler hysterisch gebrüllt. Und es wird von jetzt ab so bleiben. Die Partei wird das höchste Richteramt ausüben; wenn es sein muß, auch gegen das Urteil der ordentlichen Richter." 11 Das war deutlich. Also Proklamierung des Unrechts und der Willkür! Das deutsche Volk hatte sich seinem Henker widerstandslos ausgeliefert, es befand sich bereits im Zustand völliger Entrechtung und Entwürdigung. Die Lage wurde für mich mehr und mehr quälend und unerträglich. Ich kam mir manchmal vor wie in einem Irrenhaus. Die Menschen waren alle nicht mehr normal, obwohl es viele gab, die ihren guten Instinkt und gesunden Menschenverstand behalten hatten und sich ablehnend verhielten. Im Zwiegespräch gingen diese Menschen manchmal etwas aus sich heraus, man tastete sich gegenseitig ab, man erwog innerlich, ob man vertrauen dürfe und äußerte schließlich zögernd und nach und nach rückhaltloser seine wahre Meinung. Die Leute lebten in steter Furcht vor Spitzeln und Denunzianten. Alles, was ich so sah, hörte, erlebte, war für mich einfach unbegreiflich. Daß Menschen sich so erniedrigten, so in Schmach und Unfreiheit leben konnten- wie hatte das möglich werden können? Welcher Satan und Rattenfänger hatte hier Mittel und Wege gefunden, um alle Begriffe menschlichen Denkens und Fühlens, alle Sitten- und Rechtsgrundsätze, die bis dahin den Menschen heilig waren und als unumstößliches Gesetz galten, zu verwirren und zu entwerten? Man stand fassungslos vor so viel Krampf, Willkür und Gemeinheit. Entsetzt mußte ich feststellen, daß weite Kreise des Volkes von der Seuche des Nazismus befallen waren. Würde sie vielleicht auch mich anstecken, wenn ich lange genug in diesem Seuchenstall blieb? Nein, niemals", rief ich mir in diesen Gedanken laut zu. ,, Nimmermehr!" Aber gut und angenehm war's in keinem Fall, in diesem Hexensabbath zu bleiben. Lieber jahrelang im Roten Meer im Dampfbad des Teufels leben als im Irrenhaus Nazideutschlands, wo Narren und Verbrecher von Staats wegen die anderen zu Narren und Verbrechern machten. Ich trug mich mit dem Gedanken, so bald wie möglich wieder das Weite zu suchen. 51 Mein Bruder veranlaßte mich eines Abends, mit ihm einer Versammlung beizuwohnen. Es waren dort SA- Männer in ihren braungelben Uniformen anwesend. Schon die fremdartige grelle Uniform hatte etwas Aufreizendes an sich; noch aufreizender war der Ton, in dem diese grobschlächtigen Männer sprachen. Einer hielt eine Rede, laut, lärmend, scharf. Es klang bösartig und feindselig. Die andern nannten das zackig". Er sprach viel von unserem ,, wunderbaren Führer", forderte zum Judenboykott auf, pöbelte ausländische Staatsmänner in einem unflätigen Ton an und sprach von anderen Völkern, Franzosen und Polen als von minderwertigen Rassen. Der deutschen Herrenrasse gehöre die Welt, wir müßten uns unseren Lebensraum erkämpfen. Es schloß sich eine Diskussion an. Das Geschwätz der Leute war unsäglich primitiv und niedrig. Es mutete mich an, als sei ich unter eine Bande von Gangstern gefallen. ,, Ja, was versteht ihr denn unter Lebensraum und seine Eroberung?" konnte ich mich nicht enthalten, zu fragen. ,, Zum deutschen Lebensraum gehört zum Beispiel die Ukraine", erklärte jemand kategorisch. ,, Soviel ich weiß, gehört die Ukraine bereits zu Rußland." " 1 Unser Kampf gilt ja besonders dem bolschewistischen Untermenschentum. Stalin soll mit seiner Garde nach Asien über den Ural." ,, Das bedeutet also Krieg." Einige lachten, einige bejahten eifrig. ,, Aber Deutschland grenzt gar nicht an Rußland", wandte ich ein. ,, Da wird es schwer sein, einen Krieg zu starten." ,, Weshalb?" grinste mein Nachbar.„ Es gibt dann ein Reinemachen. Die Polen werden nebenbei auch gleich erledigt. Es ist eine Schande, daß ein so gemeines Volk neben deutschen Menschen überhaupt existieren darf." ,, Ausrotten muß man sie", gröhlte ein andrer dazwischen. Mit Mann und Maus, Kind und Kegel muß das Gesindel ins Jenseits befördert werden." ,, Solche Staaten wie Polen, Tschechei und die Balkanländer müssen samt und sonders von der Landkarte verschwinden. Dort existiert nur Lumpenpack. Das Schlechte und Minderwertige muß ausgemerzt werden, damit das Hochwertige Luft hat und leben kann. Das ist das Gesetz des Lebens und der Natur" suchte einer mit ernster und wichtiger Miene zu philosophieren. 52 42 In dieser Tonart ging es fort. Die Wackeren krakeelten und soffen, und sie trieften von Redensarten und Aussprüchen, die nichts als eine gemeine und brutale Art verrieten. Und dabei waren hier nicht nur Männer aus den unteren Ständen versammelt, sondern auch solche, die sich zu den Gebildeten rechneten, Beamte, Lehrer, Kaufleute, Akademiker. Sie waren alle vom gleichen Ungeist beseelt und geleitet vom gleichen niedrigen Instinkt, von ihrer schnöden Denkweise, so daß sie sich nicht mal mehr im Ausdruck voneinander unterschieden. Sie waren sich einig in dem brutalen Willen, die Schwächeren zu unterdrücken, Raubkriege zu führen, auf Kosten anderer sich zu bereichern und sich ein angenehmes Leben zu machen. Schließlich wurde es mir zu dumm. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und äußerte empört, daß man mit so pöbelhaften Manieren, mit Unverstand und Gemeinheit gewiß keine Welt erobern werde. Sofort hatte ich die ganze Meute wider mich. " ,, Ihr müßt euch Dümmere für euren politischen Unsinn heraussuchen als mich", rief ich, in Zorn geratend. Wenn ihr so weitermacht in Deutschland, werdet ihr bald euren Krieg bekommen, ihn aber auch verlieren. Verlaẞt euch darauf. Lernt erst mal die Welt und andere Völker kennen, ehe ihr sie verteilt. Das würde eure dumpfen Gehirne vielleicht ein wenig auslüften!" Ein wildes Durcheinander entstand. ,, Kanaille! Volksverräter!" Mit solchen und ähnlichen Ausdrücken fiel man über mich her. Judenknecht! Aufhängen sollte man solche Kerle, die ihr Deutschtum verraten!" Ich wehrte mich meiner Haut, ein paar gingen tätlich gegen mich vor, beschimpften und bedrohten. mich. Mit Müh und Not rettete ich mich zum Ausgang hinaus. In der Nacht wurde ich verhaftet und ins Untersuchungsgefängnis nach Zeitz gebracht. Das war meine erste Bekanntschaft mit dem neuen Deutschland", das mir einen so freundlichen Empfang bereitete. Fremd war mir alles hier geworden, fremd und unausstehlich. Was hatte man aus dem Deutschland der Kultur und des Geistes gemacht! Ich kannte es nicht wieder. In meiner dunklen Zelle hatte ich Zeit, über Deutschlands tiefe Erniedrigung zu trauern. Düster lag die Zukunft vor dem deutschen Volk. Der Führer" und seine Helfershelfer würden das Volk in eine Katastrophe hineinführen. Eine solche Herrschaft mußte ein Ende mit Schrecken nehmen. 53 Zu jener Zeit amteten im Reich noch Richter, die etwas auf die Ehre ihres Berufs hielten und nicht von Kreisleitern, Amtswaltern und anderen Nazibonzen Vorschriften für die Prozeßführung entgegennahmen und sich nicht bei ihnen erkundigen mußten, welche Urteile sie zu fällen hatten. Ich hatte das Glück, einem Untersuchungsrichter vorgeführt zu werden, der alles andere war als ein Nationalsozialist und der sich sträubte, als Rechtsbrecher und als Ausführungsorgan von Willkürakten zu dienen. Zu meinem Glück war der Herr mir von Anfang an wohlgesinnt. Er sprach lange mit mir über meine Auslandsreisen. Es war mir, als sei ich bei ihm zu Gast und nicht als Gefangener. Ich war herzlich froh, daß er mir seine Sympathie entgegenbrachte. Er las mir die Anklage vor. Ich hatte, wie mir erst jetzt richtig zum Bewußtsein kam, doch etwas viel gesagt und in meiner Erregung Äußerungen getan, die mich nach dem neuen Recht" schwer belasten mußten. Der Richter formulierte vorsichtig meine Aussagen, legte mir Erklärungen und Äußerungen in den Mund, die mich entlasteten, kurz, er tat alles, um mir zu helfen. So gelang es mir, meine Entgleisung im nationalsozialistischen Sinn zu bagatellisieren, ja, in einigen Punkten machte ich die Ankläger zu Angeklagten. Der Richter wies mich darauf hin, daß das Verhalten der SA- Leute in mancher Hinsicht auch nicht den Richtlinien und den Wünschen der Führung entsprach. Das wurde natürlich weidlich ausgenützt. Der Richter sagte mir im Vertrauen, dies werde vielleicht meine Rettung sein, dem Tatbestand nach sei eine schwere Bestrafung sonst unvermeidlich. Unter den Anzeigeerstattern seien einige höhere SA- Führer, die ein Interesse daran haben dürften, daß bei dem Prozeß manches zur Sprache komme, was sie selbst in ein schiefes Licht bringen könnte. Ich schlief wenig in den nächsten Nächten. Schwere Befürchtungen bedrückten mich. Was würde mit mir geschehen? Schon damals hatte das Wort ,, Konzentrationslager" einen bösen Klang. Ich wußte, daß man unrettbar verloren war, wenn man in die Maschinerie der nationalsozialistischen ,, Rechtsprechung" kam. Nirgends in der Welt, auch nicht bei den wilden und tiefstehenden Völkern war man so rechtlos, war man jeder Willkür so schutzlos preisgegeben wie hier. Mein Glücksgefühl kann ich nicht beschreiben, als nach zehn Tagen der Gefängniswärter die Tür aufschloß und mich zum Untersuchungsrichter 54 brachte. Der begrüßte mich herzlich und eröffnete mir, das Verfahren gegen mich sei eingestellt, ich sei frei. In überschwenglicher Freude drückte ich ihm die Hand. Er riet mir, sehr vorsichtig zu sein, unterhielt sich noch eine Viertelstunde mit mir und entließ mich dann mit besten Wünschen. Ich atmete erleichtert auf. Die günstige Wendung für mich führte ich sicher mit Recht darauf zurück, daß einige Beteiligte an dem häßlichen Zusammenstoß mit mir befürchten mußten, einen Rüffel für ihr Verhalten zu bekommen. Sie hatten daher wahrscheinlich einen Rückzieher gemacht und irgendwie dafür gesorgt, daß der Prozeß nicht durchgeführt und die Verfolgung wegen ,, Vergehens gegen das Heimtückegesetz" eingestellt wurde. Zu Hause packte ich meine Siebensachen und erklärte meinen Lieben, ich wolle lieber unter Buschmännern oder Hottentotten leben als unter Angehörigen der„ Herrenrasse"." Mein Bedarf an Nationalsozialismus ist gedeckt. Seht ihr zu, wie ihr damit auskommt, und daß ihr nicht unter die Räder geratet. Ihr tut mir leid, so leben zu müssen." Trotzdem fiel mir der Abschied von meinen Angehörigen schwer. Lange hielt ich meine Mutter im Arm. Ich sollte sie nie wiedersehen. Ungeschoren kam ich über die Grenze in die Schweiz. Mir war, als hätte ich eine große Gefahr hinter mir, als ich die Luft eines freien Staates atmen durfte, als ich auf Schritt und Tritt merkte, daß hier wieder Menschen wohnten, denen Recht und Menschenwürde etwas gelten. Ich muß gestehen: vor dieser Zeit waren Begriffe wie Freiheit", Ehre, Männerwürde mir nicht viel mehr als Worte gewesen, die von manchen politischen Parteien, Kriegervereinen, Schullehrern und sonst in gewissen Kreisen gebraucht wurden. Man konnte sich eben nichts anderes vorstellen, als daß man in einem zivilisierten Staat gewisse Freiheiten, seine Ehre und Würde von selbst habe. Es gibt Begriffe, die einem erst zum Bewußtsein kommen, wenn sie einmal nicht mehr selbstverständlich sind; wenn man am eigenen Leib verspüren muß, daß alles Gute und Edle, alle Menschenwürde mit Füßen getreten wird. Jetzt wußte ich, welch kostbares Gut Freiheit und Menschenrechte sind. Und später sollte ich noch mehr und noch schmerzlicher erfahren, daß es unsere vornehmste Lebensaufgabe sein müßte, diese höchsten Werte des Menschengeschlechts zu bewahren und zu verteidigen. 55 Brasilien _ Zunächst begab ich mich nach Südfrankreich, dann über Spanien nach Lissa- bon, einer der schönsten Städte Europas, in herrlicher Umgebung, an Hängen amphitheatralisch aufgebaut, die Häuserflanken weit dem Meer geöffnet, wie ein Vogel, der eben die Schwingen ausbreitet, um zum Flug über das große Wasser anzusetzen. Dazu ist diese Stadt ungemein lebendig, der Schnittpunkt dreier Erdteile, ein politischer Mittelpunkt erster Ordnung, in dem sich die Staatsmänner aller Länder treffen, die Kaufleute der Welt und Angehörige aller Völker. Und dann noch: ein Kulturzentrum der alten Welt, die Metro- pole eines kleinen Landes mit großer geschichtlicher Vergangenheit. Was diese Menschen an der Peripherie Europas als Seefahrer, Entdecker und Koloni- satoren geleistet haben, ist wahrhaft erstaunlich. Die Spuren der historischen und kulturellen Vergangenheit der Portugiesen findet man auf weiten Gebieten der Erdoberfläche, besonders natürlich im Lande selbst. In Lissabon umweht uns die weltweite Atmosphäre der portugiesischen Weltaufgeschlossenheit und Weltbedeutung. Mit dem deutschen Dampfer Cap Arcona von der Hamburg-Südamerika- Gesellschaft fuhr ich nach Southampton. Was nun weiter? Eines stand für mich fest: ich wollte weit weg. So weit "wie möglich von Deutschland, das mich so enttäuscht hatte. Aber wohin und wie? Mein Geld reichte nicht sehr weit. Ich mußte wieder den„andern“ Weg wählen, um ans Ziel meiner W ünsche zu kommen. Ich verbrachte ein paar Tage damit, eine Gelegenheit auszumachen. Es war auch immer gut, wenn man ein paar ausgekochte Gesellen aufspürte, die einem nützlich sein konnten. Solch nützliche Gesellen fand ich in zwei Finnen. 56 Wir kamen überein, zu dritt zu versuchen, auf ein Schiff zu kommen. Sie gaben mir einige Winke, die für das Gelingen unseres Planes entscheidend waren. Schwierig für einen, der blinder Passagier werden will, ist es bereits, einen abfahrbereiten Dampfer auszumachen, denn man kann ja erst unmittelbar vor der Abfahrt an Bord gehen. Endlich fanden wir den jugoslawischen Dampfer„ Laeste". Daß die Reise nach Brasilien ging, konnte man leicht feststellen. Die Laeste" erhielt Zufuhr von einem Zug mit Kohlen, an dessen Wagen verschiedentlich das Wort„ Brasilien" zu lesen war. Aus mehreren Anzeichen konnte man sodann entnehmen, daß das Schiff daran war, seeklar zu machen. Der Rumpf war tief geladen. Auch hatte der Dampfer den ,, blauen Peter" gesetzt, eine blaue Flagge mit weißem Quadrat, ein Zeichen, daß ein Schiff binnen 24 Stunden den Hafen verläßt. Die Matrosen legten die Ladebäume aus, das Schiff lag unter Dampf: höchste Zeit, einzusteigen. Meine zwei Finnen halfen mir, unbemerkt an Bord zu kommen, indem sie Schmiere standen und mich mit verschiedenen Tricks vertraut machten, die mir das Einschleichen erleichterten. Weiß der Kuckuck, sie selber kamen aber nicht auf dieses Schiff, wieso und warum, konnte ich nie ergründen. Hatten sie aus irgendeiner Laune heraus im letzten Augenblick Abstand davon genommen oder war ihre Absicht, an Deck zu gelangen, durch einen mißlichen Zwischenfall vereitelt worden? Ich versuchte, mich im Heck des Schiffes zu verstecken, doch war das Kabelgatt verschlossen, und ich mußte trachten, nach mittschiffs zu gelangen. An der Kombüse vorbei kam ich glücklich an die Tür des Heizraums und dann hinein in einen Zwischenbunker. Eine bange Stunde verging, und es war mir wie eine Erlösung, als ich endlich das Geräusch der Schiffsmaschinen hörte, die den Dampfer in Bewegung setzten. Noch war ich aber nicht in Sicherheit. Wenn man mich entdeckte, bevor das Schiff auf offener See war, konnte ich schmählich von Bord gejagt und an Land zurückgebracht werden. Es ging jedoch alles gut. Bald merkte ich an den Schwankungen des Schiffes, daß wir die offene See erreicht hatten. Nun konnte es gehen wie es wollte: mein Weg nach Brasilien war vorgeschrieben. Nach einem tiefen und langen Schlaf wachte ich hungrig auf. Zu essen hatte ich nichts bei mir; ich mußte mich also jetzt wohl oder übel zur Stelle melden. 57 Der Steuermann, zu dem ich gebracht wurde, fragte mich, ob ich Papiere habe. Ich verneinte auf Spanisch, sagte, ich sei von Guatemala. Dem Kapitän war es anscheinend nicht unangenehin, einen Mann zur Arbeit mehr zu haben, denn er ließ mir bei der Mannschaft einen Schlafplatz anweisen. Verschiedene meiner Kameraden gaben mir Seife und Arbeitszeug, und da sie an meiner Arbeit sahen, daß ich Seemann war, nahmen, sie mich als einen der ihren an. Ich verrichtete alle Arbeiten, die an Deck vorkamen. Ich hatte meinen Grund, mich nicht als Deutscher zu erkennen zu geben, denn die Naziregierung hatte sich durch ihr herausforderndes Benehmen dem Ausland gegenüber bereits verhaẞt gemacht, und diese Abneigung übertrug man auf alles, was deutsch sprach und sich zum Deutschtum bekannte. Als ich einmal in der Nähe der Küche hantierte, rief mich der Koch herein und redete mich auf Spanisch an: Nun sag mir mal, mein Junge, was bist du denn für einer? Flunkere nicht. Du hörst, ich kann besser spanisch als du, folglich bist du kein Spanier und auch nicht aus Guatemala. Du hast blaue Augen und blonde Haare. Nordländer, he?" ,, Na, sagen wir Finne", meinte ich halb im Scherz, halb im Ernst und ließ damit immer noch eine weitere Möglichkeit zu. Er gab sich jedoch mit dieser Antwort zufrieden, kam merkwürdigerweise nicht darauf, daß ich Deutscher sein könnte. Er war dann recht nett zu mir und versprach, den Glauben der Leute an meine Herkunft aus Guatemala nicht zu stören. Er zwinkerte nur befriedigt mit den Augen: ,, Nicht wahr, mich hast du aber nicht täuschen können!" Die Fahrt verlief eintönig und ohne bemerkenswerte Begebenheiten. Viel Arbeit, wenig Freistunden. Schön waren die kurzen Feierabende, an denen ich oftmals auf der Back saß und dem Spiel und Treiben der Schweinsfische zusah. Kurz vor der brasilianischen Küste riet mir der Koch, mit dem ich mich mehr und mehr angefreundet hatte, ich solle mich wieder verstecken, wenn die Behörden zur Kontrolle an Bord kämen, denn ich könnte Unannehmlichkeiten haben. Ich tat das auch und versteckte mich in der Bilg unter den Flurplatten des Heizraumes. Als ich wieder hervorkam, war die Luft sauber. Der Kapitän ließ mich rufen. ,, Na ja", sagte er brummend ,,, du bist schon ein Kerl. Da hast du 50 Milreis und verschwinde." 58 Geld allein nützt einem manchmal nichts, es müssen Devisen sein, das heißt: Geld in der Währung des Landes, in dem man sich gerade befindet. Einige brasilianische Händler kamen an das Schiff herangerudert, um Obst feilzubieten. Ich brauchte nicht viel zu reden, die Milreis führten eine verständliche Sprache. Ich drückte einem Bootslenker zehn Milreis in die Hand und sprang zu ihm ins Boot. Das Geld war für ihn eine hohe Belohnung für die Überfahrt zur Küste. Meine Kameraden standen an der Reeling. Ich rief ihnen im letzten Augenblick noch zu: Adios, Amigos, io sono Tedesco Propio di Germania!( Auf Wiedersehen, Freunde, ich bin ein Deutscher!). Manche lachten, manche staunten, manche warfen mir ein paar nicht bös gemeinte Schimpfwörter nach. Viele unter ihnen waren der deutschen Sprache mächtig. Und ich hatte während der langen Fahrt kein Wort deutsch mit ihnen gesprochen. Sie fühlten sich hinters Licht geführt. Ich kam an Land. Ich war in Brasilien. Ein Land, dessen Name allein in jedem Jungen bereits Vorstellungen von exotischer Natur, Wildwest, Indianer und Abenteuer hervorruft. Ich dachte an die Schlangenorchidee, an die geheimnisvollen blauen Indianer, an Gold- und Diamantensucher, an Urwald, Prärie und sagenhafte Schätze der einstigen Konquistadoren. Nun, der erste Eindruck war wesentlich nüchterner und prosaischer. Das erste, was ich sah, war ein Wolkenkratzer, das Gebäude der A'Noite, der großen Tageszeitung. Ein Häusermeer, eine Weltstadt. Die breite gepflegte Avinida Rio Branco, die Hauptstraße Rio de Janeiros, mit ihren imposanten Geschäftshäusern, in die man von der Hafenbucht Guanabara aus einbiegt. Der Impuls dieser Stadt ist ungeheuer stark; ich habe selten in einer anderen Weltstadt einen so energievollen Lebensgang gespürt. Rio bei Nacht. Der herrliche Copa- Copanastrand in wunderbarer Lichtfülle. Im Hintergrund der Cocovato mit der gigantischen Jesusstatue und der Paon de Asucas( Zuckerhut) mit der Schwebebahn, das pompöse Casino Atlantik. Im Hintergrund der weiträumigen Stadt das Orgelgebirge, und hinter den letzten Häuserreihen beginnt bereits der Urwald, stets bereit, mit unbändiger Kraft sein verlorenes Terrain wieder zurückzuerobern, sobald der Mensch in seinen Anstrengungen nachläßt, sein herandrängendes Element einzudämmen. Viele weiße, palastartige Villen steigen an den Hängen des Urwalds hinauf, 59 ein eleganter und zugleich sieghafter Wall der Zivilisation gegen eine chaotische Urwelt. Einige tausend Meilen von hier, am Amazonas, mitten im Urwald, hatten die Menschen eine Stadt erbaut. Das war, als der Kautschukhandel blühte. Da gab es dort reiche Leute. Die Stadt vergrößerte sich schnell. Paläste und öffentliche Bauten wuchsen aus dem Boden auf. Ein großes Opernhaus erstand. Plötzlich kamen schlechte Zeiten für Kautschuk. Der Handel lohnte nicht mehr. Die Großkaufleute hatten Verluste, verschwanden aus Manaos. Die Häuser standen leer. Es war keine Wohnungsnot. Niemand zog zu. Die Stadt verödete. Und in wenigen Jahren hatte der Urwald die entvölkerten Viertel wieder geschluckt, sich tief ins Stadtinnere hineingefressen, Bauten und Anlagen überwuchert. Der Urwald hatte gesiegt. Ich stelle mir vor, wie es hier gehen würde, wenn die Lebensenergien der Menschen erlahmten. Binnen weniger Jahre hätte der Urwald die ganze Stadt vertilgt, so daß kaum noch Spuren ehemaliger menschlicher Zivilisation und Größe sichtbar wären. Glanz und Größe und daneben Schmutz und Armut. Hinter der glänzenden Fassade auch hier wie in allen Weltstädten Elendsviertel, Not und Verkommenheit, Zerfall und Verwahrlosung. Erbärmliche Holzhütten, schmutzige Gassen, häßliche Mietskasernen, üble Hafenkneipen, wüste Negerbehausungen, Bordells, Kaschemmen und Unterschlüpfe für allerlei Gesindel. Brutstätten des Verbrechens und der Unsittlichkeit. Kloake, Gestank, Lärm, Dirnen- und Zuhälterbetrieb. Im Wechsel der Szenerie und im Trubel der Stadt geriet ich endlich unvermittelt in die Exercitio de Salvacao, die Heilsarmee. Deren Kapitän war ein Schwede. Er empfing mich als Deutschen sehr freundlich und wies mir eine gute Unterkunft an. Die Leute waren heiter und herzlich, sangen ihre Marschlieder zu religiösen Texten, beteten und arbeiteten. Ich kann nicht verstehen, daß man die Angehörigen der Heilsarmee oft verlacht und verhöhnt. Diese Leute tun mehr Gutes als die meisten anderen Menschen, sie verbringen ihr Dasein in praktischer Nächstenliebe, im Dienst am Mitmenschen. Ich lernte dort viele Deutsche kennen, die das Schicksal oft auf seltsame Art und Weise hierher verschlagen hatte. Solche Vereinigungen wie die der Heilsarmee oder der Quäker sind wahre Sammelbecken aller möglichen Existenzen, 60 Abenteurer, Gestrandete des Lebens, aus der Art Geschlagene, Glücksritter, aber auch Gott- Menschen und Lebenssucher. Hier hätte ein Forscher oder Schriftsteller Gelegenheit, die interessantesten Lebensläufe und Typen kennenzulernen und zu studieren. Der Kapitän gab mir am anderen Tage eine Empfehlung an eine holländische Pension. Dort fand ich ein nettes, gemütliches Unterkommen. Ich nahm gleich ein Bad im Haus, das mir allerdings nicht nur die gewünschte Erfrischung, sondern auch einen ungeahnten Kummer bereitete. Ich war eben in die Wanne gestiegen, da machte ich eine Entdeckung, die mich mit einem Sprung wieder aus dem Bad hinausjagte. Ein Viech, ein Irgendetwas, wie zwei Fäuste groß, eine Art Tausendfüßler, hatte mich in Panik versetzt. Das ekelhafte Biest bewegte sich schnell vorwärts; es flößte einem Angst und Abscheu ein. Die Pensionsinhaberin verbrannte später das Tier, eine Lacrallie, die in dieser Gegend häufig vorkommt. Durch böse Stiche kann der riesige Tausendfuß sogar gefährlich werden. Ich sah mir daraufhin die Sammlungen im Museum des Don Pietro an, das sämtliche Tierarten Brasiliens zeigt, von den kleinen Insekten und den häßlichen Vogelspinnen, die in manchen Arten ungeheuer groß werden, giftig, gefährlich, ja grauenerregend und unheimlich sind bis zu den Riesenschlangen. Eine eindrucksvolle Schau von Tieren, die uns meist unbekannt sind, und die uns einen Einblick in eine grandiose, buntbewegte Welt gibt. - In diesem Museum befindet sich auch eine umfangreiche Steinsammlung: Diamanten, Halbedelsteine und sonstiges Gestein. Da wurde auch in mir der alte Traum vieler Menschen wach: den Sprung ins Abenteuer zu tun, die gefährlichen und strapazenreichen Pfade der Gold- und Diamantensucher zu gehen. Ich fand bald eine Anstellung in der deutschen Rio- Zeitung, und zwar durch den Herausgeber einer anderen Zeitung, der A Noite, Herbert Moses. Durch eine Empfehlung war es mir gelungen, zu diesem Zeitungsgewaltigen vorzudringen. Er nahm mich sehr freundlich auf, ich gab ihm einen kleinen Bericht von meinen Erlebnissen in Nazideutschland. Wahrscheinlich gewann ich durch meine Einstellung gegen die Nazis sein besonderes Wohlwollen. Er tat in der Folgezeit sehr viel für mich. Sein Telephonanruf genügte, daß mich Herr Wendt, der Herausgeber der deutschen Zeitung, bereitwillig in seinem Betrieb einstellte. Ich hatte dort einen interessanten und gutbezahlten Posten inne. 61 Gefahren am Wege Aber die Unruhe saß mir wieder im Blut; das Fieber, die Welt von der anderen Seite kennenzulernen, hatte mich mehr denn je gepackt. Dies war immer nur die eine Seite: große Städte, menschliche Geschäftigkeit, Ruhm, Reichtum und Ehren, überall dasselbe, ob in Europa, Australien, Amerika oder sonstwo. Nein, was hinter der Fassade menschlicher Zivilisation lebte und webte, das war interessant und erlebnistief. Die Schlangenorchidee spukte mir wieder im Geist, die Berichte und Gerüchte über die Schätze der spanischen Konquistadoren beschäftigten meine Gedanken, Geschichten von Gold- und Diamantensuchern gingen mir durch den Sinn. Das nächstliegende wäre nun gewesen, daß ich mir einen Gefährten suchte, der Urwald und Wildnis aus eigener Erfahrung kannte. Aber es lag mir nicht, Menschen zu suchen. Die Menschen, die ich brauchte, hatten sich bisher immer von selber eingefunden. So überlegte ich nicht lange und entschloß mich, die Reise allein zu unternehmen. Sicher würde mir unterwegs jemand begegnen, der sich mir anschloß und zu mir und meinen Plänen paẞte. So verschaffte ich mir eine kleine Ausrüstung, Schanzzeug, Proviant, Revolver, von allem das Notwendigste, das auch leicht zu transportieren war. Ich kaufte mir Kompaß und Karte und allerlei Utensilien, die für eine Reise ins unbekannte Innere des Landes wichtig waren. Ich hatte Dutzende Dinge bei mir, ich war ganz stolz darauf und glaubte, wohlversorgt zu sein. Hätte ich aber mit einem Kenner des Landes über meine Vorbereitungen gesprochen, so hätte er sie trotz allem wohl belächelt und als unzureichend verworfen. Ich las Bücher über die Fahrten und Entdeckungen der Forscher und Glücksritter, die den Urwald und die unwirtlichen, menschenfeindlichen Gebiete 62 dieses Erdteils durchzogen hatten, ich studierte genau die Pläne und Beschreibungen der Goldsucher, stellte an Hand von Karten die Minen fest, die jetzt verlassen lagen, die Stellen, an denen Diamanten gefunden worden waren und legte auf dies hin einen genauen Reiseplan ins Innere Brasiliens an. Mein Ziel war Cuyabá, das auf dem Plateau des Matto Grosso liegt. Ich wollte so weit wie möglich mit der Bahn ins Innere des Landes fahren, bis dahin, wo die Natur und das Ende menschlicher Zivilisation und menschlicher Niederlassungsmöglichkeiten keine Schienenwege mehr zuläßt. Ich fuhr zuerst mit der Zahnradbahn zur Höhe nach Petropolis hinauf, einem schmucken, sauberen Ort, der wie ein Badeort in Deutschland anmutet. Er wurde von Deutschen gegründet. Grüne Wiesen umgeben die hübschen Häuschen; es läßt sich gut leben hier auf den luftigen Bergeshöhen. Weit hinten im Dunst der Täler liegt die Stadt Rio. Von dort aus ging es mit der Bahn weiter, viele hundert Meilen ins Land hinein. Von der Endstation Goyaz brach ich in Richtung Cuyabá auf. Mich am Stande der Sonne und mit Hilfe des Kompaẞ orientierend, hielt ich die vorgeschriebene Richtung ein. Ich hatte immer einen gewissen Trinkvorrat bei mir, brauchte ihn aber nicht. In den ersten Tagen kam ich durch Wiesen- und Steppenland. Es gab Früchte und wasserhaltige Kräuter. Streckenweise wurde das Land wüstenartig. Geröll, Felsen, dann wieder Morast und Sumpf. Bisweilen hatte die Gegend urwaldartigen Charakter. Vom eigentlichen Urwald hielt ich mich geflissentlich fern. Ich bewegte mich im großen und ganzen an der Grenze der riesigen Urwaldgebiete Brasiliens, konnte sie aber nicht ganz umgehen. Der Busch mußte da und dort durchbrochen werden. Das erste Gefühl, das ich beim Betreten des Urwalds hatte, war Angst und Beklemmung. Eine seltsame und furchtbare Welt tut sich da auf. Man spürt, hier ist eine barbarische Natur, die nie von Menschen bezwungen werden wird. Dieser Wald ist wild und brutal. Mit einer unbändigen Lebenskraft setzt er sich durch, kampfbereit, immer bestrebt, sich auszubreiten. Er ist nie auszurotten, urbar zu machen. Wenn man ihn niederbrennt, ausrodet, sprieẞt er bereits wieder auf, kämpft erbittert um seinen Boden. In den Vorzonen wuchert Gestrüpp und undurchdringliche Wirrnis von riesigen Büschen auf Sumpfboden. Ein krauses Durcheinander von Farnen, Geflechten, sonderbaren Gebilden, grünen Kerzen, Palmen, die sich wie Schrauben in die Luft hinauf63 drehen, Fahnen von Flechtwerk, Gerüste von Grasblättern und Stelzenwurzeln, Schlammalgen, dunkle, unentwirrbare Teppiche von Pflanzen und Gewinden, die in Lebensgemeinschaft mit den Bäumen schmarotzen; das Ganze riesige Bauten, die gespenstisch in dem Faulwasser schwanken. Ein verwirrendes Bild wilden Lebens, ungeahnter Lebensformen und-möglichkeiten, die sich von selbst herausbilden. Ich mußte oft meinen Facon gebrauchen, ein großes scharfes Messer, das Strauch, Dorn und Buschgewirr durchschneidet, um mir so eine Picate durch die Wildnis zu bahnen. Weit und breit waren nicht die geringsten menschlichen Spuren, Anzeichen menschlicher Ansiedelungen zu entdecken. Es wurde mir manchmal angst und bang zumut, ich durfte über meine Lage nicht nachdenken, denn ich spürte, daß mich dann leicht eine Verzweiflungsstimmung das war mir klar war ich verloren. Doch so befallen würde, und dann sehr ich auch bemüht war, aufsteigende Fragen und Zweifel zu unterdrücken, sie meldeten sich immer wieder. War es nicht leichtsinnig gewesen, so allein geradewegs in die Wildnis zu gehen, allen Zufälligkeiten und Gefahren preisgegeben? Wenn ich durch Mißgeschick einen Fuß brach, oder wenn mir sonst etwas zustieß, dann war ich hilflos auf mich selbst angewiesen und unrettbar einem schrecklichen Tode ausgeliefert. - - Nach ein paar Stunden Pionierarbeit im Busch war ich jedesmal vollkommen erschöpft und mußte mich lange ausruhen. Es war nur gut, daß ich meistens doch durch kahle und steppenartige, bergige Landschaft wandern mußte. Da kam ich dann leichter und schneller vorwärts. So war ich wohl acht bis zehn Tage unterwegs. Nach meinen Berechnungen mußte ich bald in eine Gegend am Plateau Matto Grosso kommen, in der es menschliche Behausungen und kleine Ortschaften gab. Es gingen aber wieder Tage dahin, und das Bild änderte sich nicht. Busch, Urwald, Steppe, Gestein, Gebirge, Sonnenbrand. An manchen Tagen fand ich kein Wasser. Das war meine größte Sorge. Grausigster Gedanke: Tod durch Verdursten. Die Sonne brannte unbarmherzig hernieder. Ich befand mich auf einer öden Strecke. Steine, Steppe, unbewaldete Hügel, wohin mein Auge schweifte. Da, unversehens, ich hatte kaum die Wolke bemerkt, die über einem kahlen Felsen hervorlugte, überfiel mich sozusagen aus heiterem Himmel ein tropischer Regen. Es schüttete Bäche herunter. Ich mußte mich auf eine Anhöhe flüchten 64 und mich festhalten, damit ich nicht hinweggespült wurde. Es war wie eine UÜberschwemmung. Ein Wassergestöber, Regenorkan, eine Sintflut. Ich dachte, mein letztes Stündlein habe geschlagen. Zum Glück entdeckte ich auf meinem Hügel einen kleinen, höhlenartigen Vorsprung, in den ich mich hineinducken konnte, und so fand ich Schutz gegen die geöffneten Schleusen des Himmels. Es fror mich jämmerlich in den völlig durchnäßten Kleidern. Ebenso un- vermittelt, wie der Regen gekommen war, hörte er aber wieder auf. Und sofort brannte die Sonne in unverminderter Kraft hernieder. Die Erde dampfte. Es war eine schreckliche Schwüle, die einem den Angstschweiß zu den Poren heraustrieb. Ich legte mich in den Schatten eines Baumes und schlief— tod- müde und erschöpft— alsbald ein. Wahrscheinlich hatte ich viele Stunden fest geschlafen. Mein Erwachen war eher ein langsames Zusichkommen aus dumpfer Betäubung. Ich hatte meine Augen noch nicht aufgeschlagen, meine Glieder streckten sich unbehaglich, mein Kopf schmerzte,. es lastete ein Druck auf mir. Plötzlich hatte ich das schreckhafte Gefühl, als laure Gefahr nebenan, als sei da irgendetwas in meiner nächsten Nähe nicht geheuer. Ich wagte zunächst die Augen nicht zu öffnen. Mein Herz stockte und schlug dann rasend schnell, der Atem hielt zurück. Ich war auf einmal hellwach, alle meine Sinne waren gespannt. Ich lugte schließlich scharf aus spaltenweit geöffneten Augenlidern hervor. Vor mir stand ein Mann, wild und häßlich, splitternackt. Ein Indianer. Er hielt mein Buschmesser in der Hand, betrachtete mich aufmerksam und unentwegt. Ich beobachtete ihn lange durch den engen Sehschlitz, ohne mich zu rühren. Es war eine qualvolle Spannung. Was war das für eine Wilder? Lauerte er nicht tückisch, um sich im geeigneten Moment auf mich zu stürzen und zu massakrieren? Wozu hatte er sonst meine Machete entwendet? Was hatte er vor? Ich konnte mir nicht anders denken, als daß er sich in feindlicher Absicht mir genähert hatte. Ich hatte gelesen, daß die meisten Indianerstämme in den brasilianischen Urwäldern den Weißen feindlich gesinnt sind. Es sind ganz primitive Waldmenschen, die sich selbst auf eine Stufe mit den Tieren stellen. Ihre Stämme haben Namen wie Ameisen, Tucans, Leoparden, ja, sogar Ban- hunas, das heißt Menschenfresser. Sie bemalen sich buntscheckig wie Raub- tiere, um sich bei ihren Kopfjägereien und Menschenfressereien unsjchtbar anschleichen zu können. Ja, es gibt tatsächlich in diesem Urwald noch Men- Kunter-Wittmann, Weltreise 5 65 | | schenfresser. Sie sind die wildesten der wilden Tiere. Mit Blasrohr und Giftpfeil klettern sie durch undurchdringlichen Wald und töten alles, was lebt und ihnen in den Weg kommt. In dieser menschenfeindlichen Wildnis, die keinen Mann, der sich darin verliert, lebend wieder entläßt, können keine Menschen existieren. Und die Ureinwohner dieses schrecklichen Gebietes kann man kaum zu den Menschen rechnen. Ihnen fehlt jedes menschliche Gefühl. Sie können hier nur leben, wenn sie kämpfende, wilde, tierische, gefräßige Ungeheuer sind, die in der gnadenlosen Natur das Dasein von herz- und hirnlosen Bestien führen, deren Tun nur vom Instinkt und Selbsterhaltungstrieb geleitet wird. Der Indianer stand unbeweglich, starr wie eine Säule, ließ mich nicht aus den Augen. Ich war wie gelähmt, wagte mich immer noch nicht zu bewegen. Wie vor dem hypnotisierenden Blick einer Schlange lag ich gebannt. Aber ich fühlte, ich würde dieser furchtbaren Nervenanspannung nicht mehr lange gewachsen sein. Da kam die Erlösung. Über das Gesicht des Indianers glitt plötzlich ein Lächeln. Im selben Augenblick lockerten sich meine Glieder wie aus einem Starrkrampf. Das Lächeln war breit und gut. Ein Mann, der so lächelte, konnte nichts Böses im Schilde führen. Er mußte wohl bemerkt haben, daß ich erwacht war. Wie lange mochte er denn schon so gestanden haben, auf einem Fleck, ein Wächter meines Schlafes? Er trat auf mich zu und gab mir mein Buschmesser zurück. Es mußte mir wohl im Schlafe entfallen sein. Unwillkürlich machte ich, als er auf mich zutrat, eine Bewegung nach meinem Revolver, zog aber meine Hand gleich wieder zurück. Die freundlichen und gutmütigen Gebärden des Mannes entwaffneten mich. Ich hatte das untrügliche Gefühl, daß er es gut mit mir meine, und dafs er zu den wenigen harmlosen Indianerstämmen gehöre, die vor der Expansion der Weißen in die Wälder zurückgedrängt worden waren, und sich nun meist in der Vorzone des Urwalds aufhielten, nicht wie die Ureinwohner in den dunkelsten Zentralregionen der unermeßlich tiefen und dunklen Wälder. Er machte einige Zeichen, die ich mir leicht deuten konnte: ich solle etwas warten. Gleich darauf verschwand er mit einer geradezu zauberischen Gewandtheit im Gebüsch, glatt und geschmeidig wie eine Schlange. Ich hätte mir 66 in diesem undurchdringlichen Dickicht die Haut in Fetzen zerrissen und wäre schließlich elend darin hängengeblieben. Ich blieb liegen und wartete geduldig. Es war mir sterbenselend zumute. Der Schädel brummte mir, ich konnte nicht klar denken. Es wurde mir noch bewußt, daß ich krank und verlassen am Rande des Urwalds liege, doch war ich in dieser Stunde nicht fähig, den Ernst meiner Lage zu erfassen. Nach einer Weile tauchte der Indianer wieder auf. Ich muß gestehen, diesmal kam er mir wie ein Sendbote des Himmels vor. Ich spürte instinktiv, daß ich mich in Not befand und dieser Mann mir Hilfe brachte. Er schnitt wieder eine lächelnde Grimasse, breit und häßlich, aber mir schien es mild und wunderbar wie das süße Lächeln einer Madonna von Murillo. Er hatte unter dem Arm ein Fell zusammengerollt. Er breitete das Fell aus. Es kam eine selbstgeflochtene Matte und eine Schale mit einem Getränk zum Vorschein. Er setzte die Schale an meine Lippen. Ohne Arg und gierig trank ich die eigentümlich schmeckende Flüssigkeit. Er breitete die Matte aus und bettete mich darauf. Ich ließ alles willig mit mir geschehen wie ein Kind, das von der Mutter behütet und versorgt wird. Zuletzt deckte er mich mit dem Fell zu. Er sprach freundlich und heiter zu mir, eifrig gestikulierend. Beim Sprechen machte er auch Zeichen mit den Fingern. Da wußte ich, er drückte sich in der Sprache der Guany aus, von der ich schon erfahren hatte. Bei dieser Sprache ergänzen sich Laute und Zeichen zu einer einheitlichen Ausdrucks- und Verständigungsform. So nahm er das Ohr zwischen Daumen und Zeigefinger und sagte das Wort„ Dagie". Aus dieser Geste und dem Wort und seinem ganzen Gebaren glaubte ich entnehmen zu können, daß er das Wetter sehr schön finde. Also eine Gesprächseinleitung, wie sie bei uns in Europa auch üblich ist. Ihm machte anscheinend der tropische Regen nicht viel aus. Im Gegenteil, er freute sich dessen, und er benutzte die Gelegenheit, ein Bad zu nehmen und seine nackte schmutzige Haut zu reinigen. Mein Körper, durch die vielen Strapazen geschwächt, streckte sich wohlig auf der Matte aus. Ich schlief sofort wieder ein. Wie lange, weiß ich nicht. Es mußte aber bestimmt ein sehr langer und fester Schlaf gewesen sein, der mich erquickte und einem ernstlichen Krankwerden vorbeugte. 67 Bei meinem Erwachen stand die Sonne im Mittag über mir. Es war schönes Wetter, sehr heiß, aber nicht mehr schwül. Der Wilde stand wieder wie das erstemal vor mir, als habe er sich inzwischen nicht vom Fleck weggerührt, starr und unbeweglich. Irgendetwas in seinem Aussehen beunruhigte mich. Er zeigte mit dem Finger zum Munde. Es war eine Geste, die auch wir Europäer in demselben Sinne deuten. Sie hieß nichts anderes als: Still! Obacht geben!" Ich rührte mich nicht, eine feine Witterung zeigte mir Gefahr an, unwillkürlich tat ich das richtige und lag ganz ohne jede Bewegung, verhielt sogar den Atem. Mit seinem Blick deutete der Indianer auf meine Füße. Ich richtete mein Augenmerk darauf. Da hatte ich ein Gefühl, als solle das Blut in meinen Adern erstarren. Zwischen meinen Beinen kauerte eine Giftschlange, die sich züngelnd hin und her bewegte und dann wieder in gänzlicher Unbeweglichkeit verharrte. Ich lag kühl im Schatten des breiten Laubdaches. Wahrscheinlich hatte sich die Schlange vor der Abkühlung durch den Regen an mich herangemacht, um sich in meiner Körperwärme zu bergen. Sie wand sich auf und ab, endlich blieb sie in meiner Achselhöhle liegen. Es verging eine halbe Stunde, eine qualvolle, endlose Ewigkeit. Mein Hirn arbeitete fieberhaft. Wie konnte ich mich retten? Die geringste Bewegung würde veranlassen, daß das Reptil auf mich zuschoß und seinen tödlichen Biẞ anbrachte. Warten, bis es von selber abzog? Das hätte Stunden dauern können. Einer so ungeheuren Nervenbelastung fühlte ich mich nicht gewachsen. Es mußte etwas geschehen. Ich zermarterte mir den Kopf nach einem Ausweg aus dieser Gefahr. Da kam mir eine tollkühne Idee. Meine Rettung einem Experiment anvertrauen? Es blieb nichts übrig, ich mußte den Versuch wagen. Ich gab dem Wilden Zeichen, er möge näher zu mir herankommen. Er verstand und schob sich unendlich vorsichtig und lautlos an mich heran. Die linke Hand hatte ich frei, die rechte durfte ich nicht rühren, da sich an dieser Seite die Schlange ringelte. Ich trug ein Glas bei mir, wie es die Gold- und Diamantensucher gebrauchen, um Steine und Geschürf zu untersuchen und zu vergrößern. Glücklicherweise hatte ich das Glas nicht in mein Gepäck getan, sondern es in meine Rocktasche gesteckt, und, wie ich zu meiner Freude merkte, sogar in die linke, in die ich ohne viel Beschwer hineinlangen konnte. 68 Alle Bewegungen führte ich natürlich ganz langsam und mit größter Vorsicht aus. Ich bekam das Glas in die Hand und richtete es auf seine nackte Brust. Er hielt brav aus und ließ sich die Haut von der Sonne durch das Brennglas versengen. Er begriff großartig. Er nahm das Glas aus meiner Hand entgegen, ich machte ihm noch einige Andeutungen, wie er sich stellen solle. Dann wiederholte er das Experiment, indem er das Glas auf den Schwanzspitz der Schlange richtete. Der Erfolg trat bald ein. Die Schlange wurde unruhig, lang- sam schob sie sich nach rückwärts aus der warmen Hülle meines Körpers her- aus, richtete sich auf und glotzte mich an, daß ich vermeinte, meine Haare sträubten sich empor. Ein Schauer durchfuhr meinen Körper. Noch ‚eine Minute, und ich hätte Beherrschung und Nerven verloren und wäre auf- gesprungen. Dann wäre es um mich geschehen gewesen. Die Schlange saß und züngelte, sekundenlang unschlüssig. Dann drehte sie plötzlich ab, ein Husch, und sie schnellte durch das Gras ins Gebüsch. Ich war gerettet. 69 Urwald Der kalte Angstschweiß war mir aus den Poren getreten. Ich war über und über naß, diesmal nicht vom Regen. Es war mir unmöglich, mich zu erheben. Der Schrecken saß mir wie ein Bleigewicht in den Gliedern. Der Wilde rieb| mich ab, sprach mir freundlich zu und deckte wieder das Fell über mich. Schlafen konnte ich nicht mehr, aber ich gab mich ganz einer wohltätigen Ruhe und Entspannung hin. So lag ich langgestreckt, tiefatmend, bisweilen stöhnte ich’ auf unter der Nachwirkung des gräßlichen Erlebnisses. Der Indio wachte treu und geduldig an meinem Lager. Endlich erhob ich mich. Tief gerührt drückte ich meinem Retter in der Not die Hand. Er verstand meine überquellende Dankbarkeit.-Ein brüderlicher Mensch in der Wildnis, ein rassefremder, mißachteter Indianer hatte mir hier einen Dienst erwiesen, der mich ihm tief verpflichtete. Ja, auch die schreck- lichste Wildnis und Verlorenheit kann zur schönen Erinnerung, zum tiefen menschlichen Erlebnis werden, wenn uns ein wahrer Menschenbruder begegnet. Der Indio gab mir nun durch Zeichen zu verstehen, daß ich ihm folgen solle. Ich wehrte entsetzt ab. Ich ihm in den Urwald folgen? Lieber wäre ich mit ihm durch die Hölle gegangen. Es schauderte mich, wenn ich nur daran dachte. Er ließ jedoch nicht ab mit Bitten und Betteln. Aus seinem Gehaben glaubte ich zu verstehen, daß wir nicht tief ins Innere des Waldes vordringen würden, und daß ich ihm einen ‚Dienst erweisen solle. Dann werde er mich unbehelligt wieder aus dem Busch herausführen. Mein Vertrauen zu dem Wilden überwog schließlich meine’ Bedenken und mein Grauen. Auch reizte es mich, das Geheimnis dieser Urwelt ein wenig zu ergründen. Welch ein eigentümliches Empfinden löste allein schon das Wort| 70| ,, Urwald" in einem aus. Hier war ich nun unmittelbar bei ihm. Seine magische Kraft zog mich unwiderstehlich an. Es war wie ein hypnotischer Zwang, der mich zu ihm hinzog. Ich war vollkommen überwältigt, eine gänzliche Sinnesänderung ging in wenigen Minuten in mir vor. Hätte mich der Wilde jetzt nicht mitnehmen wollen, wahrhaftig, ich hätte ihn darum gebeten. Wir durchbrachen das schreckliche Gestrüpp der Vorzone. Der Indio half mir beständig, trug mich über schwierige Stellen hinweg, warnte mich vor morastigen Plätzen, schlüpfte durch leise Vorhänge aus Algen und Gespinsten, wand sich auf schmalen Pfaden dahin, ich paßte scharf auf, um es ihm nachzumachen. Stundenlang arbeiteten wir mit der Machete, bahnten uns eine Gasse durch das unentwirrbare Dickicht und die Gehege der monströsen Urwaldbäume. Hier gibt es nur Arbeit und entsetzliche Mühen, so daß man nicht dazukommt, die Wunder der neuen Umgebung zu beachten. Erst in einer Ruhestunde erschloß sich mein Bewußtsein den neuen Eindrücken. Eine gigantische und phantastische Urweltbühne. Da sind Bilder und Formen, Pflanzen und Dinge, Elemente und Erscheinungen, die noch niemand gedacht und gewußt hat, noch niemand in seiner Phantasie ausmalte. In der weiten menschlichen Vorstellungswelt existiert all dies überhaupt nicht. Man kann es auch nicht in Worten ausdrücken. Man müßte wahrscheinlich einen weiteren Sinn haben, ein anderes Bewußtsein, um das begreifen und erleben zu können, um zu spüren, daß es über unsere Wirklichkeit hinaus noch diese Wirklichkeit gibt, die unheimlich aus Urtiefen aufsteigt und ihre eigenen Gesetze hat, die vielleicht tiefer mit dem Geheimnis des Universums verbunden ist als all das, was wir denken, schauen und wahrnehmen können. Die glühend- phantastische Stunde mit Freund Fritz in Genua kam mir in den Sinn. Hatte er sich wirklich in seinen Phantasien zu weit von der Wahrheit entfernt? Wuchs angesichts dieser Tatsachen nicht die Wahrscheinlichkeit seiner abgründigen Grübeleien und seiner übersinnigen Gedankenspielereien? Eine Welt voll Riesenbäume, Blattdächer, Schlingpflanzen, Blumen, Grasteppichen, alles überschüttet mit einem Gerinsel von Farben und Stimmungen, Schatten und Lichtern, Strahlungen und ungeahnten Bildern. Wie Gletscher gleiten die Gras- und Blättergeflechte über die Baumriesen dahin, Blüten rieseln wie ein Wasserfall herunter. Ein betäubendes Farbenmeer grelleuchtender 71 Blumen. Rot und violett schießen Flammen empor. Fünfzig, sechzig Meter hoch aufgerichtet steht die Waldwand, bizarre Formen, unheimliches Leben, manches scheint zu wandern, einherzustelzen. Gebilde, die man nicht mit Namen nennen kann, umwirren alles. Alles ist seltsam ineinander verfilzt, seltsam verwoben, grotesk, wunderbar. Die hochgeschlungenen bezaubernden Lianen lodern in unermeßlicher Pracht; es funkelt wie ein Berg Edelsteine und Smaragde, es ist wie in einem Zaubermärchen, in dem immer neue unbekannte Kostbarkeiten zutagetreten, aber Zaubermärchen halten sich bei allem noch innerhalb der Bezirke menschlicher Begriffe. Hier reichen menschliche Begriffe nicht zu. Die Begriffe zerfließen, wandeln sich, gehen ineinander über. Blüten und Blumen rieseln buchstäblich wie Wasser, Farben brennen und leuchten, der Wald schäumt, die Schönheit fließt, strömt, strahlt, gestaltet sich; schmeckt, verwirrt, gebärt sich in immer neuen Farben, Formen und unvorstellbaren Gebilden, Bildern, Ereignissen, Geburten, unsagbaren dämonischen Unwirklichkeiten. Vögel und Käfer tarnen sich wie die Pflanzen, nehmen Farben und kleinste Merkmale der Bäume und Farne an, leben und atmen wie sie, sind sie. Ist das ein Zweig, ein Tier? Bewegt sich dort ein Falter oder ein Blumenstaub? Haucht dort eine Blüte oder ein Insekt? Pflanzen sind Tiere und Tiere Pflanzen. Es ist ein Zauberwald, sinnverwirrend, hirn- und herzverwandelnd. Unsere Sinne reichen nicht aus, um diese Farben und Formen zu erfassen und zu würdigen. Seltsame, fremdartige Gewächse, Orchideen, die in einer grandiosen Schönheit wuchern, eine unbändige Fülle von Lianen und riesenhaften Fuchsien, überwuchert von mimosenartigen Gespinsten. Das Leuchten und Flammen der Blumen ist eine Welt für sich, vielleicht sind es keine Gewächse, vielleicht ist alles Täuschung. Urgespinste, Urfeuer, irisierende Farben, feinste Strahlungen, Urwelthauchelemente, alles im Gemisch, Gestalt vortäuschend oder da und dort Gestalt annehmend, wieder verfließend, wieder sich materiálisierend; Zauber, Zauber, Schöpfung. Da stehen Blumenkobolde. Plötzlich ein feiner Reif um sie, kleine Lichter umtanzen sie, Kerzen werden gesetzt, ein Hauch goldgelben Staubes umweht das Ganze, und das Bild ist verschwunden. Etwas ganz Seltenes, eine Pilzblume, die sich mit allem möglichen Hexenspuk umgibt, sie trägt bisweilen ein 72 weiẞleuchtendes Röckchen, phosphoresziert, zerrinnt süß und schön und stinkt plötzlich so schrecklich, daß einem die Sinne vergehen. Gigantische, verführerische Wasserrosen auf den Teichen, denen schon mancher Blumenjäger zum Opfer gefallen ist, der sich in die tückischen Wasser vorwagte. Unwahrscheinlich schöne, schillernde, farbenbunte, leuchtende Blumen, ganze Wogen und Wolken von Farben und Blüten. Dazu die buntscheckige Tierwelt, die Falter und Kolibris, die wie ein Duft oder wie ein farbiger Pinselstrich sind, Myriaden von Ameisen, Mücken, Insekten, Käfern. Das ohrenbetäubende Geschrei der Affen, die durch die Bäume klettern, ,, Strickleitern" und" Affentreppen" im Baumnetz, der verhexte Wald voller Phantasmagorien. Viel größer aber als die Wunder dieser Urwelt sind deren Schrecken. Auf Schritt und Tritt lauert der Tod. Giftschlangen, giftige Insekten, wilde Tiere. Fieberschwangere Tropendünste bedrohen den Menschen ebenso wie die unheilvollen Nebel, die durch die Wälder ziehen. Millionen von Fliegen, Insekten und Spinnen bedrängen den Eindringling. Es ist eine wahre Hölle. Ja, hier liegen wahrlich Paradies und Hölle unmittelbar beieinander. Ich kann nicht begreifen, wie in diesem schrecklichen Wald ein Mensch mehrere Wochen leben kann, ohne den Verstand zu verlieren. Hier, wo alles unserer Vorstellungswelt entrückt ist, muß ja die ganze Grundlage unseres Denkens sich verändern, man muß jedes gewöhnlichen Maßstabes verlustig gehen, im wahrsten Sinne des Wortes ,, verrückt" werden. Wir drangen tiefer in den Busch ein. Aber ich war glücklich, daß es nicht lange so weiterging. Wir kamen bald an eine Rodung. Das grüne Laubdach war verschwunden, der Himmel sah herein. Ich blickte zu ihm auf wie ein Gefangener, der soeben aus dem Gefängnis entlassen wurde. Ich gewahrte nach und nach ein paar Hütten, aus Farnen, Laub und Gras kunstlos gebaut. Es war eine Indiosiedlung. Nur ein paar Familien wohnten hier beieinander. Wahrscheinlich nomadisieren die Indios, denn an eine Seẞhaftigkeit ist in diesem Urwald wohl nicht zu denken. Kinder tummeln sich umher, Weiber sind geschäftig. Sie bleiben in respektvoller Entfernung, drängen aber neugierig nach. Wir treten in eine Hütte ein. Sie ist ganz primitiv eingerichtet. Felle und Matten, allerlei Jagd- und Hausgerät, ein Holzgestell. Einige Löcher in den 73 73 grasgepolsterten Wänden, damit das notwendige Licht einfällt. Es ist dunkel und muffig. Mein Kamerad führt mich an eine Matte. Ein Mann liegt darauf. Ich stehe tief erschüttert, stoße einen Schreckensruf aus. Der Mann horcht auf, richtet sich empor, zittert vor Erregung an allen Gliedern. Es ist ein Franzose, ein Arzt aus Le Havre. Ich spreche mit ihm, er ist überwältigt von der Begegnung, klammert sich an mich, stöhnt und redet wirr durcheinander. Es hält schwer, mit ihm vernünftig zu sprechen. Ich merke, daß sein Verstand bereits verwirrt ist. Immerhin bekomme ich nach und nach ein Bild von seinem Leben im Urwald. Er ist vor Monaten mit einer Expedition in den Urwald eingedrungen. Zwölf Mann waren es. Sie haben Grauenhaftes erlebt. Einer nach dem andern kam um. Er als einziger Überlebender irrte durch den Wald weiter und drang bis hierher durch. Er hatte noch etwas Arzneimittel bei sich, kurierte damit ein paar Indios, die ihn wie einen ihrer Medizinmänner verehrten. Sich selbst konnte er nicht mehr helfen. Er war schwer krank, hatte Malaria und konnte fast nichts mehr sehen. Ich hatte einen schönen Vorrat Chinin und andere Medikamente in meinem Tornister. Der Arzt hatte alles aufgebraucht. Meine Arzneien belebten ihn zusehends; er erholte sich und kam innerlich mehr und mehr ins Gleichgewicht. Ich blieb zwei Tage bei den Indianern. Es gelang mir, mich notdürftig mit meinem Kameraden Indio zu verständigen. Ich hatte alle möglichen Kleinigkeiten bei mir, die ich den Eingeborenen schenkte, und über die sie in eine unbändige Freude ausbrachen: ein Taschenmesser, einen Spiegel, Rot- und Blaustifte, Glasperlen. Auch eine Anzahl Tabletten gegen leichtere Krankheitsfälle. Ich belehrte meinen Kameraden über die Anwendung der Medikamente und hatte den Eindruck, daß er es verstanden hatte und richtig machen würde. Dann verständigte ich mich ihm, daß ich mit dem Arzt von ihnen gehen werde. Es gab ein wildes Geheul unter den Eingeborenen, das wohl ein Wehgeklage sein sollte. Aber sie ließen uns unbehelligt ziehen, nachdem Kamerad Indio beruhigend auf sie eingesprochen und ihnen die Zaubermittel des weißen Medizinmannes gezeigt und gepriesen hatte. 74 14 Kamerad Indio begleitete uns auf unserem Rückmarsch durch den Urwald. Es machte mir große Sorge, wie ich den Franzosen mit mir schleppen solle; denn er war sehr hilfsbedürftig, er mußte geführt und manchmal getragen werden. Zeitweise ging es ganz gut mit ihm, er war bei Kräften und sprach verständig und im geordneten Denken. Bisweilen aber bekam er seine Anfälle, und er redete dann wirr und fieberkrank durcheinander. Ein Tagesmarsch durch den Urwald. Die Dämonen zaubern wieder ihren Spuk in die dunkelgrüne Dämmerung. Auf den Wassern schwimmen die riesigen Bäume, schimmelig phosphoreszierend, durch die schmarotzenden Baumwürger umgebracht, von der Schönheit der Lianen allmählich erwürgt. Seerosen locken, Schlangennester drohen, Affen kreischen, Berge von Ameisen, Wolken von Insekten versperren den Weg. Eine glückliche Stunde für mich und meinen Begleiter, als wir auch den Gürtel der Vorzone durchbrochen haben. Nie wieder Urwald... Nie wieder? Ich weiß nicht. Schrecklich und verflucht ist der Wald. Und doch, irgendwo in mir ist etwas, das sich wie von einem Magneten angezogen fühlt, irgendwie hat dieses Ungeheuer Gewalt über mich gewonnen, übt einen geheimen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Vielleicht werde ich doch mal Orchideenjäger, vielleicht wage ich es doch mal, in das Geheimnis des Urwaldes weiter einzudringen... Der Indio begleitete uns noch einen Tagesmarsch. Dann zeigte er uns die Richtung an und machte mir verständlich, daß es dort zu einer nicht sehr weit entfernten Hazienda gehe. Ungern entließ ich dann meinen Freund, den Indio. Auch ihm fiel der Abschied sichtlich schwer. Lange stand er noch auf einem Hügel und schaute uns nach. Leb wohl, mein roter Bruder! Es war gut, daß der Weg durch Flachland ging, das keine großen Hindernisse mehr bot. Es war für mich schwierig genug, den Kranken weiterzubringen, der oft nicht mehr mittat und sich sperrig zeigte. Dann mußte ich viel Geduld haben, ihn mit einer Tablette aufputschen und zum Weitergehen bewegen. Am Abend des dritten Tages sahen wir die Hazienda vor uns in einer Umgebung, die wie eine Oase in der Wildnis anmutete. Wir wurden von dem Besitzer mit größter Gastlichkeit aufgenommen und großartig verpflegt. Der Farmer hatte dann mit mir eine lange Aussprache, in der wir beschlossen, den Kranken vorläufig in der Hazienda zu lassen. Ich würde allein weiter75 marschieren, zurück nach Rio und dort veranlassen, daß der Kranke geholt und in einer Heilanstalt untergebracht werde. Nicht mit einem Gedanken erinnerte ich mich an meine ursprüngliche Absicht, Gold und Diamanten zu suchen. Es gab Wichtigeres und Reizvolleres. Die Welt war auch ohne Geld, Gold und Edelsteine schön, aufgabenreich und interessant. So erholte ich mich eine schöne Woche hindurch bei meinem liebenswürdigen Gastgeber und machte mich dann auf den Weg zur Küste. Unterwegs passierte ich eine große Ananasplantage deutscher Kolonisten, bei denen ich auch zwei Tage blieb. Die guten Leute freuten sich, einen Landsmann bei sich zu haben und hätten mich am liebsten bei sich behalten. Aber der nächste Tag sah mich wieder in Rio und am Meer. Am Meer, das für mich immer den Weg in die freie schöne Welt bedeutete. 76 Kaffee und Kaschaẞ Mein Äußeres befand sich nach diesem Abenteuer, wie man sich denken kann, nicht gerade in einem vertrauenerweckenden Zustande. Ein gewöhnlicher Landstreicher in den Staaten hätte mich kaum als seinesgleichen gewürdigt. Geld hatte ich fast keins. Ich wandte mich in meiner Verlegenheit wieder an den Herausgeber der A'Noite, Herbert Moses, der mich freundlich anhörte und mir eine Empfehlung an verschiedene Herren von der Hochfinanz gab. So halfen mir Herr Wallerstein und Herr Hoepke von der Sindicato Condor weiter. Ich hatte also durch meine abenteuerliche Reise ins Innere Brasiliens zwar keine Diamanten und Goldklumpen erworben, aber doch wenigstens eine neue Ausstattung. Im eleganten weißen Tropenanzug schlenderte ich über die Avenida Rio Branco und machte als neugebackener Kavalier sogar die Bekanntschaft des Staatspräsidenten Jetulio Vargas. In einem Park fiel mir das herrliche weiße Gebäude des Jokaiklubs auf. Diesem Klub gehören die reichsten und feudalsten Männer Brasiliens an, lauter Namen von Klang. Ich kam ins Gespräch mit dem Portier, der mir sagte, daß heute hoher Besuch da sei, der Präsident Vargas. ,, Von dem möchte ich ein Autogramm", sagte ich und ging auch sofort daran, meinen Wunsch in die Tat umzusetzen. Ich suchte den Zaun nach einer stillen, unbewachten Stelle ab und war eins zwei drei hinübergeklettert. Ich konnte jetzt unbehelligt in das Gebäude gehen, da ich als junger blonder Europäer in meiner eleganten Kleidung als zur Gesellschaft gehörig betrachtet wurde. Es war eine erlesene Gesellschaft in großer Toilette versammelt. An einem der separaten Tische gewahrte ich den Präsidenten. Kurz entschlossen trat ich auf ihn zu, stellte mich vor und hielt ihm im selben Augenblick auch schon Füllhalter und Papier hin für das gewünschte Autogramm. Er lächelte 77 und erkundigte sich nach meiner Herkunft im doppelten Sinne des Wortes. Ich antwortete, ich sei Deutscher und soeben über den Gartenzaun hier hereingekommen. Er schrieb seinen Namen und meinte:„ Ja ja, die Deutschen!" Ein Herr neben ihm sagte schmunzelnd zu mir: ,, Lind unsere Detektive! Wollen Sie nicht die Überwachung unserer Umgebung übernehmen, damit wir vor Leuten, die unter Umständen nicht so harmlos sind wie Sie, verschont bleiben?!" Ich lehnte dankend ab und zog mich schleunigst zurück. Eine Anstellung suchte ich in Rio nicht mehr. Ich wollte wieder reisen und schauen. Meine nächste Station auf der Fahrt an der Küste Brasiliens entlang war Santos, der berühmte Kaffee- Ausfuhrhafen. Große, langgestreckte Schuppen ziehen sich in den Hafenanlagen dahin, bis unters Dach vollgepfropft mit Kaffee. Eine Unmenge Kaffeehäuser befinden sich in dem Städtchen, in denen allerlei merkwürdige Existenzen herumsitzen, Börsenmakler, Seeleute, Globetrotter, Leute aus aller Herren Länder, deren Art und Beruf man nicht feststellen kann. Im Kaffeehaus wurde ich bekannt mit einem Herrn Merby. Er trank Kaffee und dann Zuckerrohrschnaps. Wenn er da angelangt war, kam er ins Erzählen, phantasievoll und abenteuerreich. Er erinnerte mich manchmal an Freund Fritz in Genua und an dessen Urwaldphantasien. Merby wurde nicht nur vom Kaschaẞ berauscht, sondern mehr noch von seinen Worten, die immer glühender und beschwörender wurden, je mehr er in sein Thema hineinkam. Mit einer unglaublichen Beredtsamkeit und Einbildungskraft schilderte er das, was er als Realitäten annahm und was nach meinem Dafürhalten nur in der Phantasie existierte. Sorge dafür, Max, daß wir zu einer eigenen Jacht kommen, dann wirst du ein reicher Herr und ich auch. Nur ich kenne das Geheimnis der Flibustier und der portugiesischen Freibeuter. An Hand von Berichten und Karten habe ich genau erkundet, wo die berüchtigten Seeräuber: kapitäne vergangener Jahrhunderte ihre Schätze versteckt haben. Ich hatte einmal einen Kompagnon, mit dem ich auf die Suche ging. Wir fanden auch in einer verborgenen Höhle am Meeresstrand das Wrack eines uralten, seltsam geformten Schiffes, wir fanden im Innern Truhen und eiserne Schatullen. Aber mein Begleiter war unvorsichtig, er stürzte durch die alten Planken und verunglückte tödlich..." 78 ,, Da nützten ihm dann alle Schätze nichts mehr", sagte ich skeptisch. ,, Mir ist mein Leben lieber als so unsichere Möglichkeiten. Die Welt ist so reich und steht mir zur Verfügung. Was brauche ich den zusammengestohlenen Sachen der alten Seeräuber nachjagen!" Aber er ließ sich durch meine nüchterne Zwischenbemerkung nicht beirren. Er zog Karten und Tabellen hervor und suchte mir zu beweisen, daß wir es dem Grafen von Monte Christo gleichtun könnten und märchenhafte Schätze heimbringen würden. Die Erzählung war der Phantasie eines Edgar Allan Poe würdig. Er behauptete, einen Totenkopf gefunden zu haben, der in einer mystischen Arithmetik das Geheimnis der Verstecke berge, und daß er den Schlüssel des Totenkopf- Geheimnisses entdeckt habe. Er brachte mathematische Gleichungen und magische Formeln herbei, daß es mir von alledem ganz dumm im Kopf wurde. Und doch wieder fesselte mich sein Gespräch. Ich hörte ihm gern und willig zu. Und ich hatte das Gefühl, es war ihm mehr daran gelegen, einen zu finden, der ihm in seiner Kaschaẞ- Rauschstimmung zuhörte, als daran, daß er seine Träume und die kühnen Pläne in die Tat umsetzte. Der Morgen graute bereits, als ich ihn einmal nach so einer rausch- und phantasieglühenden Nacht verließ. Mein Kopf brummte. Ich beschloß, noch ein wenig ins Freie zu gehen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen und schritt langsam durch die Hafenanlagen dahin. Mein Blick schweifte über die unabsehbaren Kaffeelager. Erstaunt blieb ich plötzlich stehen. Ein ungewöhnlicher Anblick bot sich mir. Auf einem Haufen Gerümpel lag ein völlig nackter Mann. Ich dachte im ersten Augenblick an eine Mordtat, überzeugte mich dann aber, daß der Mann fest schlief. Es war unschwer zu erkennen, wie der Mann in eine solche Lage gekommen war. Man hatte ihn zweifellos betrunken gemacht und ausgeplündert. Ich hielt Umschau und konnte einen Händler, der mit einem kleinen Lastwagen zur Stadt fuhr, bewegen, gegen Geld und gute Worte das Opfer des Alkohols in meine Wohnung zu bringen. Auf dem Auto befand sich eine Decke, in die wir ihn einwickelten. Inzwischen war der Mann zu sich gekommen. Ich fragte ihn: ,, What countryman are you?" ,, Deutscher", erwiderte er. ,, Na, du bist mir ein schöner Landsmann", sagte ich. ,, In dem Zustand kann man keine Ehre mit dir einlegen." 79 19 Er berichtete dann, wie es mit ihm ergangen war. Er mußte wohl sinnlos betrunken gewesen sein, denn er konnte sich an Einzelheiten nicht mehr erinnern. Er sei Matrose, von einem Motorsegler desertiert, in eine Kneipe und damit in zweifelhafte Gesellschaft geraten. Ja, der böse Zuckerrohrschnaps. Wer ihn dann bis aufs Hemd ausgeplündert hatte, wußte er nicht mehr. Wahrscheinlich seine Saufkumpane, vielleicht hatten die aber nur halbe Arbeit gemacht, ihn liegen lassen, und den Rest hatten dann brasilianische Neger besorgt, die nicht selten Betrunkene auszogen, um in den Besitz von Stoffen zu kommen. Wer weiß, welcher schwarze Kavalier jetzt den Anzug meines Landsmannes und Namensvetters Max trug! In meiner Wohnung ließ ich den Ärmsten zunächst ein Bad nehmen. Dann rasierte er sich, ich gab ihm Hemd und Hose, Strümpfe, Schuhe und Krawatte. Bald sah er wieder manierlich und ganz gut aus. - Ich hätte nicht so hochmütig die Nase rümpfen sollen über das Saufabenteuer meines Landmanns einige Tage später widerfuhr mir ein ähnliches Mißgeschick. Ich besuchte mit Max die Cap- Arcona- Bar in Gesellschaft von Seeleuten. Es wurde sehr viel getrunken und geredet. Die Wogen des Gesprächs und der Stimmung gingen hoch. Unendliche Mengen des süßen Zuckerrohrschnapses wurden konsumiert. Ich hatte einen gehörigen Schwips. Es war bereits spät in der Nacht. Die Seeleute brachen auf, denn sie mußten an Bord zurück. Mein Landsmann überredete mich, mit ihm noch zum Chave de Ore zu gehen. Ich merkte gar nicht, daß ich schon ziemlich angetrunken war, ebensowenig, daß ich ich nur noch wenig Geld bei mir hatte. Wir betraten ein Lokal, das auf Nepp eingerichtet und also ziemlich teuer war. Ich war meiner Sinne nicht mehr mächtig und bestellte wild drauf los. Schließlich drehte sich alles um mich, ich wußte nicht mehr, was Tür und Fenster waren, und wie es dann ans Zahlen ging, platzte die Blase. Mein Begleiter war verschwunden, zwei andere Begleiter nahmen mich in ihre Mitte. Es wurde mir nur dunkel bewußt, daß ich ziemlich unsanft behandelt, gestoßen und gepufft wurde. Man schob mich nach einem unbequemen Transport in einen kahlen, halbdunklen Raum, den eine große eiserne Tür absperrte. Mein Rausch schwand. Die Schatten um mich nahmen feste Formen an. Ein riesenhafter Brasilianer und vier handfeste Neger umtobten mich drohend, mit zunehmender Ernüchterung wurde mir elend zumute, angst und bang. Die 80 Kerle stellten mich förmlich auf den Kopf, drehten meine Taschen nach Geld und Wertsachen um, knufften und traten mich und stießen mich endlich in eine Ecke. Dort blieb ich auf dem schmutzigen Boden liegen, schlief aber sofort ein und wachte trotz der ungemütlichen Lage nicht so bald wieder auf. Am Morgen sah ich nun die Bescherung. Ich war im Gefängnis von Santos. Das war eine Stätte des Grauens, an die ich mein Lebtag mit Schrecken zurückdenken werde, obwohl ich später in der„ Hölle" noch viel Schlimmeres erlebte. Ich wartete vergebens, daß irgend jemand sich um mich kümmerte oder daß ich zu einem Verhör gerufen wurde. Es gab auch niemand, an den man sich wenden konnte. Man war hier völlig sich selbst und seinem Schicksal überlassen. Die beliebteste Methode der Untersuchung und Weiterführung des Prozesses gegen die Gefangenen bestand, wie ich heute mutmaße, darin, zu warten, bis ein Angehöriger oder sonst jemand kam, der einen Gefangenen auslöste. In dem großen, wüst aussehenden Kellerraum waren etwa siebzig Personen untergebracht. Ein paar zerlumpte Decken und Holzgestelle, daraus bestand das ganze ,, Inventar". Alles voller Dreck und Unrat. Ich ekelte mich sehr. Der Gestank in diesem Gefängnis benahm einem den Atem. Das Aussehen der meisten Mitinsassen war übel und abstoßend. In einer Ecke saßen in Lumpen ein paar Verrückte. Wovon sie verrückt geworden waren, erfuhr ich nicht, vielleicht von der Sonne, vielleicht vom Schnaps, vielleicht von der Lustseuche oder von sonstwas. Neben mir saßen und lagen ebenso üble Gestalten herum, die eifrig auf der Läusejagd waren. Im ersten Moment wußte ich nicht, was sie suchten, aber es sollte nicht lange dauern, so spürte ich es und suchte selbst. So ist das Auf und Ab des Lebens. Heute elegant und respektiert in der großen Gesellschaft, morgen unter Lumpengesindel auf der Läusejagd im Polizeigefängnis! Die Wände waren getüncht von den Blutspritzern der Wanzen. Das Ungeziefer war hier die schrecklichste Plage. Jede Minute wurde mir zur Qual, die Stunden dehnten sich zu höllischen Ewigkeiten. Wie lange mußte ich in dieser Schreckenskammer aushalten, einen Tag, zwei, drei? Drei Tage, es war unvorstellbar. Es sollten zehn Tage werden! Manchmal hätte ich gern mein Gefängnis mit dem Urwald vertauscht. Kunter- Wittmann, Weltreise 6 81 " 1 Hinter einem Verschlag, abgeteilt von dem großen Gefängnisraum, war eine Art Zelt hergerichtet, in dem unser Boß", der Vorsteher unseres idyllischen Gemeinwesens, schlief und hauste; eben jener herkulische Brasilianer, der mich tags zuvor so freundlich empfangen hatte. Die Essenszeiten waren regelmäßig wüste Szenen, die jeweils in wildes und übles Handgemenge ausarteten. In dieser Hinsicht mußte ich es begrüßen, daß es am Tag nur einmal Essen gab. Es bestand meistens aus Maniokamehl und roten Bohnen und wurde in einem großen verbeulten Kessel gebracht. Zuerst profitierten der„ Gefängnisdirektor" mit seinen Spießgesellen davon, diese gefräßigen Ungeheuer, die ganz sicher genug nahrhafte und gute Dinge tagsüber verschlangen und darum nicht auf diesen Fraß angewiesen waren. Was sie übrig ließen, stellten sie in die Mitte des Kellers. Dann fielen die Gefangenen wie die hungrigen Wölfe darüber her, Löffel, Bestecke und Geschirre gab es nicht. Die Kerle langten mit den dreckigen Händen in den Fraß und stopften sich, so gut es ging, das Maul. Sie balgten sich um die Futterkrippe, schlugen und stießen einander und suchten sich gegenseitig den letzten Bissen abzujagen. Es war ein scheußliches Schauspiel. In dem schauerlichen Gewölbe gab es natürlich nicht nur Landstreicher und schlimmstes Gesindel, sondern sehr oft auch gute Bürgersleute, die durch ähnliches Mißgeschick, wie ich es hatte, hier hereingerieten. So machte ich die Bekanntschaft eines Ingenieurs und eines schwedischen Seemannes. Wir vereinbarten, daß derjenige, der zuerst aus diesem Saustall herauskomme, sofort die nötigen Schritte unternehmen solle, um die andern zu befreien. Der erste, der von uns dreien Glück hatte, war der Ingenieur. Am Tage darauf wurde vom Boß mein Name aufgerufen. Er brummte etwas und dann öffnete mir einer der Neger das Tor. Meine Wirtin erwartete mich draußen. Sie war in großer Unruhe um mich gewesen und hatte sich mancherlei Gedanken gemacht, wo ich sei und warum ich ihr, wenn ich etwa eine plötzliche Reise habe antreten müssen, keine Nachricht zukommen ließ. Die Aufklärung der üblen Angelegenheit brachte mir eine neue böse Überraschung. Was war denn nur mit Ihnen los?" wollte meine Wirtin wissen, ,, und warum haben Sie von Max Ihre Sachen holen lassen?" 82 1 ,, Meine Sachen holen...?" Eine düstere Ahnung befiel mich. Ja, er war mehrmals da und holte jedesmal etwas ab. Beim drittenmal schöpfte ich Verdacht. Ich verweigerte ihm die Herausgabe weiterer Sachen von Ihnen und wollte wissen, wo Sie sich aufhielten und was überhaupt mit Ihnen los sei. Ich setzte ihm ziemlich heftig zu und verdächtigte ihn dann ganz offen, daß er ein unehrliches Spiel treibe. Ich wollte mit ihm zur Polizei gehen. Da kniff er aber sofort, murmelte etwas von Wiederkommen und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Heute früh nun, als ich bei der Polizei Nachforschungen anstellen wollte, kam ein Herr und erzählte mir von Ihrem Mißgeschick. Ich eilte sofort her, bezahlte die verlangte Carzia und kaufte Sie los." Der schnöde Undank eines Mannes, dem ich so viel Gutes getan hatte, kränkte mich sehr. Mein gutmütiges Vertrauen zu den Menschen hat von da ab einen starken Stoß erlitten. In meinem Zimmer mußte ich dann feststellen, daß der Schuft mir meine besten Wäschestücke und andere wertvolle Sachen entwendet hatte. Ich stand ganz blank da. Meine Wirtin hatte ich glücklicherweise noch für einige Wochen vorausbezahlt; sie stellte keine Ansprüche mehr an mich, sie half mir im Gegenteil nach Kräften. Ich hatte ihr auch ein Kästchen mit Wertsachen übergeben. Davon verkaufte ich etwas und so hatte ich fürs erste wieder Geld. Unseren Dritten im Bunde, den schwedischen Seemann, holte ich am nächsten Tage durch den schwedischen Konsul aus dem wüsten Gefängnis. 83 83 A B C Mein Bedarf an Kaffee und Kaschaß war gedeckt. Mich gelüstete es, andere Gefilde kennenzulernen. Immerhin, Südamerika hatte es mir angetan. Ich wollte noch nicht wieder ganz weg, sondern etwas mehr von diesem Zipfel des Erdballs sehen. Ich strebte in Richtung Süden, kam zu Schiff, zu Fuß, mit Kraftwagen nach Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens. Ein Städtebild, oft erlebt, in aller Welt wiederkehrend: Wolkenkratzer, Geschäftshäuser, Prachtbauten, Tag und Nacht Betrieb. Buenos Aires liegt in schöner Umgebung am La Plata, es ist umsäumt von schmucken Villenvororten. Auf einer der kleinen Stationen bei Buenos Aires traf ich eine kleine Gesellschaft von Linjeros an. Linjeros sind argentinische Landarbeiter, die im Innern Argentiniens meist zu den Weinernten, aber auch sonst zu allerlei Feldarbeiten eingestellt werden. Der Bedarf an solchen Landarbeitern ist in Argentinien sehr groß, die Umstände, unter denen der Bedarf gedeckt werden kann, sind schwierig. Die Linjeros finden daher die Unterstützung der Behörden. So wird es still geduldet, daß die Leute mit den Güterzügen unentgeltlich fahren. Nicht selten fahren 30-50 Linjeros auf einem Güterzug mit. Den Namen„ ,, Linjero" haben diese Arbeiter von ihrem Gepäckstück erhalten. Dies besteht aus einer Decke, die sie geschickt über Kreuz knüpfen, und in der sie ihre paar Habseligkeiten mit sich tragen. Bei uns heißt man das etwa ,, sein Bündel schnüren". Die Decke ist ein unentbehrliches Gepäckstück; sie strecken sich darin lang zum Schlafen, sie wickeln sich darin ein, um sich gegen Fröste und andere Unbill der Witterung, gegen Moskitos und sonstige Insektenplagen zu schützen. 84 Ich schloß mich ihnen an, lebte zwei Wochen in ihrer Gesellschaft. Wir reisten über Sankt Nikolas nach Rasario de Santa Fe, wo viele von ihnen bei den Kolonisten und Farmern Anstellung fanden. Die Linjeros leben einfach und anspruchslos. Morgens, mittags und abends bereiten sie sich ihren Mate-Tee mit Zucker und machen mit diesen Zutaten Mate Pombillio, ein Teegetränk, das aus einem kleinen getrockneten Kürbis mit einem Saugrohr geschlürft wird. Der Kürbis mit Mat& Pombillio geht nach indianischer Überlieferung im Kreise der Anwesenden herum, wie etwa die„Friedenspfeife”. Die Linjeros brauchen sehr wenig zum Leben, auch ich gewöhnte mich daran. Ich hatte mich mit einigen Linjeros angefreundet, be- scheidene, angenehme Menschen, in deren Kreis ich mich wohlfühlte. Sie hatten auch eine Decke für mich, die mir gute Dienste tat. So heiß der Tag ist, nachts wird es oft empfindlich kalt. Und die Moskitos sind eine furchtbare Plage. Unterwegs fanden immer wieder einige Arbeiter Anstellung bei den Far- mern. Zuletzt waren nur noch ein halbes Dutzend der Leutchen bei mir und auch. die reichten mir eines Tages die Hand zum Abschied. Sie sprachen mir zu, mit ihnen zu arbeiten, ich aber wollte weiter. Ich hatte mir vorgenommen, das ABC zu studieren, das heißt, die drei größten südamerikanischen Staaten: Argentinien, Brasilien und Chile, die sogenannten ABC-Staaten, kennen- zulernen. So wanderte ich allein weiter. Die Landschaft wurde einsam und unwirtlich. Ich befand mich jetzt in den zentralen Gebieten Argentiniens, in einer noch ziemlich unberührten Gegend. Steine und Steppe waren die Kennzeichen dieses Gebietes. Ich überlegte mir anfangs, ob ich nicht lieber umkehren, mit den Linjeros arbeiten, etwas Geld verdienen und mich in ihre Ruhe und Be- scheidenheit, in ihr geregeltes Leben zurückziehen solle. Warum dieses Leben der Unrast und der Strapazen, nur um immer neue Eindrücke zu sammeln, um die seltsame Lust zu befriedigen, zu wissen, was nun eigentlich an diesem Erdball dran sei, was es da alles gibt, was er an Möglichkeiten für unser Erdenwallen birgt. Es ist mir manchmal auf meinen Wanderungen, als müsse irgendwo einmal das Geheimnis des Lebens offenbar werden, hinter dem blau- dunklen Horizont jener Berge, dem Mangrovenvorhang des Urwalds, in den endlosen Steppen und Einöden wenig erforschter Gebiete oder weit, weit in 85 EEE TEEEETEZESTETEE TEE EEER REESETEHE der Ferne, wo die Meere enden... So sind die Füße wie das Herz immer auf den Spuren der Welt- und Gottsucher. Wo, wo ist der Schlüssel zur Welt, zur Erkenntnis?! So muß ich es immer weiter treiben, dieses unselig- selige Wandern, dieses Unterwegssein nach einem unbekannten Ziel. Was ich auch grübele, am Ende steht immer das eine Wort: weiter! Meine unermüdlichen Füße tragen mich durch die argentinische Pampa. Hier ist man allein mit sich und dem endlosen Schweigen der Natur. Ich durchquere die öde, trostlose Provinz Santa Lucia. Wüste, wohin das Auge blickt, eine unheimliche Mondlandschaft, tückisch, wie verwünscht, das Schweigen ist bedrückend, mein Tritt auf den Steinen tönt dumpf und fremd. Ich könnte mich in den einsamen Stunden manchmal über mich selbst ärgern: wenn es in Fremde und Wildnis geht, wo kaum einmal ein Mensch seinen Fuß hinsetzt, bin ich meist allein. Warum halte ich denn da nicht rechtzeitig nach einem Begleiter Umschau? Es findet sich doch immer jemand, der irgendetwas mitmacht, was im Sinne des guten Bürgers unvernünftig ist. Und zu zweit kommt man in den wilden und unsicheren Gebieten bestimmt besser durch als allein. Tagaus tagein Wandern, Meilenfressen. Hügel, Berge, Felsen, wenig Bäume und Pflanzen, gelbe Ebene, kleine Kraterseen, metallisch schimmernd wie das Geröll, das unter meinen Füßen knirscht. In der Ferne ein schwarzblauer Dunst. Ich glaube, es sind die Konturen des großen Gebirges, das sich durch ganz Südamerika unweit der anderen Küste hinzieht, die Riesenbarriere der Kordillieren. Kordillieren! Das läßt mein sehnsüchtiges Herz wieder höher klopfen! Mit diesem Namen hängen wunderliche und romantische, abenteuerreiche Begebenheiten zusammen, das ist ein Wort voll Klang, eine Station in der Menschheitsgeschichte, ein Begriff aus der Zeit einer großen Wende! Die Übermenschen aus einer herrischen Rasse, die Conquistadoren, haben durch Urwald und über dies gigantische Randgebirge ihre Entdeckungsfahrten gemacht, ohne Karten, ohne Kenntnis des Landes, ohne jedes Hilfsmittel, und sie haben Wunder an Kühnheit und Mut vollbracht. Auf ihren Spuren zu wandern- ist das nicht allein schon ein Erlebnis, das diese so improvisierte, im eigentlichen Sinne ziel- und zwecklose Reise rechtfertigt? 86 Endlich kam ich vor Mendozza, am Fuße der Kordillieren gelegen, an. Ich traf in dieser nun wieder bewohnten und urbar gemachten Gegend Linjeros an. Bei ihnen befand sich ein Nordamerikaner, der mich interessierte. Ich kam mit ihm ins Gespräch, und es stellte sich heraus, daß er die gleiche Absicht hatte wie ich, nämlich die Kordillieren zu bezwingen, um nach Chile zu kommen. Er sprach wie ich verschiedene Sprachen geläufig, vor allem Spanisch. In dieser Sprache unterhalte ich mich besonders gern. - Wir kamen schnell überein, miteinander zu reisen, sonderten uns von den Linjeros ab und schliefen die erste Nacht beieinander an einem kleinen Lager- feuer unweit eines Flüßchens vor Mendozza. Am nächsten Morgen deckten wir uns im Ort mit einigem wichtigem Pro- viant ein: Brot, getrocknetes Fleisch, Mate, Zucker, Blechkanister mit Wasser. Dann brachen wir auf, dem Gebirge entgegen. Auf einer schlechten, schmalen, steinigen, verlassenen Landstraße marschierten wir dahin, langsam, kaum merklich war die Steigung. Fern leuchteten in der Morgensonne die kahlen Zacken und Felsen des unabsehbar sich dehnenden Gebirges. 87 88 88 Durst Allmählich wurde das Tal enger, das Vorgebirge lag hinter uns, das Massiv der Kordillieren nahm uns auf. Wir hatten schon eine ziemliche Höhe erreicht, Wiesengrün und Blumen waren verschwunden, kein Baum und Strauch mehr, nur noch etwas Knüppelgehölz. Dunkel drohend standen Felsen und Bergwände vor uns; wir hatten keinen guten Eindruck und ahnten, was uns bevorstand. Wir wanderten durch eine uralte, böse Bergwildnis. - - Aber da auf der Höhe eines Berges angelangt grüßte uns überraschend ein freundliches Bild. Ein Idyll in düsterer, kahler Umgebung: oasenhaft inmitten grüner Weiden und Äcker ein Dörfchen, lieblich und einladend dem Auge dargeboten. In dem Ort arbeitete gerade eine Kolonne von Carrateros( Straßenarbeiter). Deren Vorarbeiter war ein Deutscher. Bei ihm konnten wir unseren Vorrat noch durch wichtige Kleinigkeiten ergänzen. Er veranlaßte uns auch, noch mehr Wasser mitzunehmen, denn wir würden einen weiten Weg durch wildes Gebirge haben, menschen- und wasserarm. Dann kletterten wir auf Pfaden, die immerhin noch erkennbar waren, in steilen Windungen in die Berge hinein und hinauf, wieder hinunter, wieder hinauf. Wir befanden uns im wüsten Labyrinth der Kordillieren. Endlos dehnte sich das Plateau riesiger, oft grotesk geformter Felsen, endlos die Reihen wildzerklüfteter Bergwände. Die Berge drängten in Massen hintereinander, schoben und quetschten sich. Ganze Wolken von Erd- und Steinmassiven verstellten den Blick zum Horizont, darüber und dazwischen die Wolken der Luft, dunkel und drohend. Nebel brauten, Winde rauschten. Ein wunderliches Gefühl beschlich mich. Es war, als wehe mich ein Hauch uralter Vergangenheit an, als stiegen aus den Klüften und Abgründen Geister der Urwelt auf. Am Abend suchten wir uns eine geschützte Stelle, wo wir uns zur Ruhe niederlegten. Zwei Menschlein in der unendlichen Weite, in der einsamen Bergwildnis, von der wir nicht wußten, ob sie uns unser Eindringen in ihre heilige Einsamkeit nicht verargen und uns lebend wieder entlassen würde. In der Ferne klangen dumpfe, langgezogene Töne durch die Nacht. Die schweigsamen Felsen und Berge wurden lebendig. Es war eine unheimlich gespenstige Bewegtheit ringsum. Geheul und Gekreisch in der Nacht. Wir wußten, es gab hier Geier und die sogenannten Kordillieren- Löwen, eine Gattung Pumas, die dem Menschen gefährlich wird. Wir hatten keine Waffen bei uns als Messer. Wir legten deshalb um unser Lagerfeuer griffbereit schwere Steine, um sie im Notfall als Waffe benützen zu können. Es war Unruhe in mir, trotzdem schlief ich bald ein, die Anstrengungen des Tages waren groß gewesen. Die Nacht verlief ohne Störung. Fröstelnd machten wir uns morgens unseren Maté- Tee und weichten etwas Hartbrot hinein. Nach diesem schmalen Frühstück setzten wir unseren Marsch fort. Das ging so einen Tag wie den anderen. Monoton, einförmig den vorgeschriebenen, endlosen Pfad durch die Gebirgseinöde. Wir waren Gefangene einer schrecklichen, gnadenlosen Welt aus der Vorzeit. Wann würden wir der Freiheit zurückgegeben werden? Wir zählten die Tage und Stunden unserer Gefangenschaft ab, rechneten aus, daß wir bereits über die Hälfte hinter uns hatten; es konnten doch nur mehr drei, vier Tage sein, dann mußten wir die hemmende Wand zu Freiheit und Leben durchbrochen haben. Aber es zeigten sich nicht die geringsten Anzeichen für eine nahende Veränderung des Landschaftsbildes, keine beginnende Vegetation, kein Hauch aus einer vertrauteren Welt wehte uns an. Wir begannen unruhig zu werden. Nach unseren Berechnungen war es Zeit, daß wir in die jenseitigen Täler gelangten. Aber der Tag kam und ging und mit ihm das ewig gleiche Bild. Hatten wir einen Gebirgszug überwunden, so erschien gleich dahinter noch drohender und feindseliger, braun, dunkel, bisweilen vielfarbig in der Sonne blinkend, das nächste Gebirgsmassiv. Das faszi89 nierende Farbenspiel der Berge im Sonnenlicht rührte von den Mineralien und Erzen her, die teils offen zutage traten. Wieder und immer wieder dasselbe. Narrte uns ein Spuk, hatten wir uns gar verirrt? Zu unserem Schrecken sahen wir, daß unser Wasservorrat zu Ende ging. Wir streckten die lebenspendenden Tropfen aufs äußerste. Wir schmachteten in der Sonnenhitze, dachten qualvoll an den Kanister und wagten nicht, ihn zu betasten in der Gewißheit, daß er über Leben und Tod entschied. Aber es kostete unvermeidlich auch den letzten Tropfen. Und doch deutete kein Silberstreif am Horizont, kein Wiesenstreif im Gebirgstal, das Ende unserer Wanderung durch die Todeswildnis an. Am nächsten Tag gingen wir in die furchtbare Hölle des Durstes ein. Ich weiß heute nicht, in welcher von den Höllen, durch die ich in meinem Leben hindurchmußte, es am schrecklichsten war: in der Hölle des Monsun, des Urwaldes, des Durstes in den Kordillieren oder in der furchtbaren Menschenhölle des Konzentrationslagers; nur so viel weiß ich, daß die Höllenqualen des Durstes die unerträglichsten von allen Höllenqualen sind. Wir marschierten auf einem ebenen, steinigen Plateau, weithin nur graue, kahle Wüste, kein Baum, auch kein Berg, nicht mal ein Wüstensee. Erst in der Ferne wieder ein Gebirgszug. Die Sonne brannte brutal. Wir hatten einen schattigen Ort ausgemacht und lagen in der großen Tageshitze verschmachtend und schwer atmend. In der Nacht öffneten wir den Mund weit, um die Kühle einzusaugen, die wenigstens ein klein wenig erfrischend wirkte. Wir fanden kaum Schlaf, wir waren voller Entsetzen und Verzweiflung, wie wir den nächsten Tag überstehen sollten, wenn wir kein Wasser fanden, oder keinen Menschen, der uns erlabte. Wir irrten durch den nächsten Tag. Gab es keinen Ausweg aus diesem Labyrinth? Zweifellos waren wir fehlgegangen, wanderten wohl im Kreise herum. Panik befiel uns zeitweise. Mein Gefährte rannte plötzlich auf und davon, hunderte Meter voraus, streckte dann beide Arme in die Luft und fiel wie ein Baum um. Ich erschrak; war er tot, war ich allein in dieser grauenhaften Wildnis? Er war nur ohnmächtig, kam wieder zu sich. Sprechen konnten wir nicht miteinander. Die Zunge war dick geschwollen und lag wie ein brandiger Ball im Mund. Mühsam lallten wir ein notwendiges Wort der Verständigung hervor. Nicht verrecken! Durch!" stammelte ich ihm mit 90 abrupten Gebärden zu. Er raffte sich auf, hing an meinem Arm. Bis wir wieder auseinandertorkelten und nach wenigen Schritten beide niederfielen. Liegen blieben, der eine da, der andere dort, in einiger Entfernung. Er stöhnte die Nacht hindurch wie im Fieber. Ich war ganz klar im Kopf. Würden wir den nächsten Tag überleben? Und wenn, dann mußten wir unweigerlich am übernächsten elend verenden, ein Fraß für die Geier, Skelette, dörrend in der Steinwüste. Am- frühen Morgen packte ich meinen Kameraden.„Weiter!“ krächzte ich mühsam durch den zungenfeuerballgefüllten Mund. Er trottete eine Weile apathisch neben mir her.„Wasser”, ächzte er von Zeit zu Zeit hervor. Ich hatte mich in der Nacht mit Energie neu geladen. Es mußte und mußte für uns eine Rettung geben. Es konnte nicht sein, daß wir so elend hier umkamen. Ich war voller Zuversicht, wir würden der Hölle entrinnen. ‚Die Sonne stieg, brannte unbarmherzig. Wir wollten uns eben wieder nach einem schützenden Ruheplatz umsehen. Mein Blick glitt, suchend über die weite, schwefelgelbe Fläche, glutend unter dem Sonnenbrand. „Da! Da!” schrie ich auf einmal in wilder Erregung. Meine Zunge gab in diesem Augenblick sogar den Weg frei für ein paar Worte.„Sieh, ein Tal, ein Fluß, Wiesen..‘. ah, Wasser, Wasser...“ Der andere stierte. Die dicken breiten Lippen weit geöffnet. Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel, aus Drüsen, die seit Tagen eingetrocknet waren. Beide waren wir wie neu belebt. Wir beschleunigten unsere Schritte, liefen, liefen im Sonnenbrand, die Gesichter in maßloser Gier und vor übergroßer Spannung verzerrt... In der nächsten Sekunde losch jedes Leben auf den Gesichtern aus, sie wurden fahl, leichenhaft blaß, nur die verzerrte Fratze blieb, einen Ausdruck furchtbarster Enttäuschung spiegelnd. Wir taumelten, der Schlag warf uns zu Boden; er mußte tödlich sein. Lange lag ich wie bewußtlos. Ich wagte nicht zu denken. Welcher tolle Zauber hatte uns so grausam getäuscht? Das Tal mit dem Wasser war eine Luftspiegelung gewesen. Minutenlang gaukelte sie uns alle Köstlichkeiten des Lebens vor, in einer Sekunde warf sie uns in die Qual gänzlicher Hoffnungslosigkeit zurück. 91 Die sengende Sonne ließ mich aus der Betäubung aufstehen.„ Verdursten!" Dies einzige Wort hämmerte unablässig in mir und gab mir neuen Auftrieb, ungeahnte Kräfte. Mein Körper spannte sich im eisernen Willen:„ Solange noch ein Funken Leben in mir ist, gebe ich mich nicht verloren, lasse ich nicht nach!" Die Maschine des Körpers funktionierte noch tadellos. Also weiter! Ich suggerierte mir den Durst weg, versuchte mir einzureden, daß ein Mensch eine Woche lang ohne etwas zu trinken leben könne. Ich trat zu meinem Leidensgenossen. Es gelang mir, den ganz Vernichteten nochmal aufzureißen, seinen Lebenswillen zu wecken. Stöhnend schleppte er sich vorwärts. In den Abendstunden wanderten wir noch ein paar Meilen. Es ging leidlich vorwärts. Mir kam es vor, als ändere sich das Landschaftsbild etwas. Da und dort zeigte sich verkrüppeltes Pflanzenwerk. Wir rissen einige Wurzeln heraus und nagten daran; eine bittere Feuchtigkeit netzte die Lippen, brannte und ätzte, aber es gab doch eine winzige Labsal. Doch auch der nächste Tag schien keine Erlösung aus der Qual zu bringen. Wir wanderten ein paar Stunden. Es ging schwach bergan. In geringer Entfernung ein langgestreckter Hügel. Am Fußende des Hügels niedriges Gehölz. Mein Kamerad kroch ins Strauchwerk hinein. Ich blieb bei ihm. Er fieberte im Sonnenbrand, stöhnte und schrie, verstummte dann und atmete in halber Bewußtlosigkeit schwer. Ich hatte noch so viel Kontrolle über mich, daß ich mich sozusagen in meinen Fieberphantasien zu beobachten vermochte. Bisweilen hatte ich wieder Halluzinationen, irre Träume, seltsame Gesichter. Die Luftspiegelungen gaukelten mir Bilder fruchtbarer Gegenden vor, Wasser, Wasser. Alles stand greifbar deutlich vor mir. Kühe weideten, ja, ich hörte sogar die Schellen an ihren Hälsen läuten. Aber es waren leere Luftgespinste. Sobald ich darauf zuging, zerfloß alles in nichts. Am anderen Morgen wollte ich meinen Kameraden auf die Füße zwingen. Er bewegte sich nicht vom Fleck. Ich wartete eine Stunde, zwei. Er stöhnte apathisch vor sich hin, war nicht wegzubringen. Ich verzweifelte in auswegloser Bedrängnis. Ich konnte den Kameraden hier doch nicht einem furchtbaren Schicksal überlassen! Was sollte ich tun? Ich wußte nicht mehr aus und ein. Eine Stunde um die andere verging. Die Sonne nahm ihren Lauf bereits auf den Mittag zu. Untätigkeit bedeutete sicheren Tod. Verzweifelt rüttelte 92 und schüttelte ich meinen Gefährten, trommelte mit den Fäusten auf ihn ein, stieß und trat ihn. Er war unempfindlich, rührte sich nicht. Meine Sinne verwirrten sich, ich konnte nicht mehr klar denken. Was ich nun tat, war nicht mehr folgerichtig durchdacht, sondern nur noch willkürlichen, instinktiven Regungen entspringend. Ich nahm aus dem Gehölz einen langen dürren Ast und befestigte daran ein großes Tuch, einen Fetzen, den ich aus einem Gepäckstück herausriß. Diese Fahnenstange stieß ich in den Boden. Ich nahm mir vor, hierher spätestens bis zum Abend zurückzukehren. Dann machte ich mich auf. Ich lenkte meine Schritte dem Hügel zu, schleppte mich mühsam hinauf, es ging von dort eine Mulde hinunter, die diesseits kahl und felsig war, jenseits aber mit Gesträuch bewachsen. Und auf dem jenseitigen Hügelrücken glaubte ich so etwas wie Pflanzenwuchs zu entdecken. Der Funken Hoffnung genügte, um mich von neuem anzuspornen. Ich schritt aus, rutschte am Hang hinunter, durchquerte die Mulde, klomm an dem sanfteren Hang auf der anderen Seite empor. Meine Glieder schmerzten. Meine Brust brannte wie eine tiefe Wunde; der Schlund schien mir ein glühender Krater zu sein. Der Durst brannte mein Inneres aus; es war mir, als würden mir mit glühenden Zangen die Eingeweide ausgebohrt. Auf dem Hügel angekommen, stand ich im ersten Augenblick wie gebannt in froher Überraschung. Ein Zauberer hatte vor mir Bäume, einen Flußlauf und Wiesen hingebreitet. Und dort dort fuhr ein Wagen, ein Planenwagen mit zwei Pferden davor, eine schmale Straße am Flußrand entlang. Ein berückendes Bild. - Ich schrie wild und winkte, stürzte den Berghang hinab, taumelte, fiel, rollte hinunter, konnte mich nicht mehr erheben, ich hatte mir das Fußgelenk verstaucht. Der Wagen fuhr weiter. Die Insassen hatten mich nicht bemerkt. Im selben Augenblick befiel mich tiefste Niedergeschlagenheit. Ich war im Moment fest überzeugt, daß es sich nur wieder um eine Luftspiegelung handele, und daß nun das Ende gekommen sei. Aber nach Minuten raffte ich mich wieder auf. Ich sah Bäume und Wasserlauf noch vor mir. Von einer wahren Panik gejagt, lief ich geradezu, der Schmerzen im Fußgelenk nicht achtend. Rasch zupacken, ehe der Satanszauber entschwand, vielleicht konnte ich den Teufel überlisten und ihm seinen Spuk zur Wirklichkeit abnehmen. 93 Halb irr und ohnmächtig vor Qualen rannte ich dahin, verfing mich in Wurzeln und Pflanzenwerk und fiel wieder hin. Der Wagen fuhr nicht weit entfernt von mir weg. Verlöschend lag ich da und fühlte, ich würde mich nicht mehr aus eigener Kraft erheben können. Wie aus weiter Ferne tönte Hundegebell an mein Ohr. Und jetzt spürte ich auch am Kopf Schnuppern und Atmen. Und bald darauf verworrene, näherkommende Stimmen. Man war aufmerksam geworden. Arme faßten mich an Kopf und Beinen, ich wurde weich gebettet. Und dann ein Naẞ an meinen Lippen. Ein Elixier durchdrang meinen Körper, Lebenssaft quoll in meinen Adern. Ich trank und trank, Bäche, Ströme schienen durch mich hindurchzugehen. Ich schluckte gierig und unaufhörlich. Wenig später fand man nach meinen Angaben auch meinen Leidensgenossen, fiebernd, verdurstend. Doch auch er wurde, wie man wohl sagen kann, in letzter Stunde, gerettet. 94 56 Über Land und Meer Wir blieben einen Tag und eine Nacht bei unseren Wohltätern, fuhren mit ihrem Wagen eine Strecke, schliefen nachts unter der Plane. In langsamer Fahrt ging's steil auf einen Höhenrücken hinauf. Ein schöner Ausblick bot sich unserem Auge. Tief unten im Tal lag im Grünen eingebettet der hübsche Ort Uspalato. Wir saugten das freundliche Bild mit unseren Augen förmlich ein, so sehr lechzten wir nach einer Natur, die nicht menschenfeindlich war. Im Ort trennten wir uns von unseren Betreuern, blieben in dem idyllischen Ort über Nacht und wanderten dann weiter zur chilenischen Grenze, die nicht mehr weit entfernt war, unter Zypressen an einem Flüßchen entlang. Das Tal wurde eng und romantisch. Es krümmte sich und eröffnete plötzlich einen wilden Felsenkessel. Zackige und riesige Blöcke standen unübersehbar in weiter Runde, lagen übereinander. Auf der einen Seite breitete sich eine Ebene aus, auf der wie von einer gewaltigen Faust eine Menge Steine hineingeworfen waren. Die Steine waren vielfach so groß wie dreistockige Häuser. Dazwischen lag im Winkel die Grenzstation zwischen Argentinien und Chile ,,, Ponte Inka". Sie sah aus wie ein paar Steine unter den Steinen. Durch dieses Meer von Steinen zog die Straße hinauf zum Paß Monte Christo, der ungefähr 4000 m hoch liegt. Auf seiner Höhe erhebt sich an der Grenze eine kolossale Jesusstatue, weithin in den Ländern sichtbar. Von dort aus hatte man wunderbare Aussicht über viele Gebirgszüge. Zu meiner Rechten ein noch tätiger Vulkan, der Aconcagua( 6953 m hoch). Wir passierten den ersten chilenischen Ort und hatten bei der Wiederbegegnung mit der Zivilisaton auch gleich Verdruß. Hinter uns erschien auf einmal ein berittener Gendarm und brachte uns zur Station zurück. Wir wur95 den verhört. Er fragte zuerst meinen Gefährten nach Nam' und Art und woher er komme. Von Argentinien", erwiderte mein Kamerad. ,, Dann mußt du wieder nach Argentinien zurück", lautete der lakonische Bescheid. Er saß da, feist und schnaufend, in einer selbstgefälligen Würde. Sein Anzug war nicht eben sauber; alles an ihm glänzte fettig und schmierig. Im Bewußtsein seines hohen Amtes wandte er sich an mich: ,, Und du? Wie steht's mit dir? Woher kommst du?" Ein schneller Gedanke durchzuckte mein Hirn. Ich komme von Santiago und möchte nach Argentinien." ,, Nein, das geht nicht", sprach der Gestrenge sein salomonisches Urteil, ,, du mußt zurück nach Santiago." Durch diese List kam ich also zu meinem Ziel, übel war allerdings mein Kamerad dran. Der hohe Herr prüfte dann noch unsere Papiere und nickte wohlgefällig, zum Zeichen, daß er sie in Ordnung fand. Er stieg daraufhin von seinem Piedestal herab und wurde leutselig. Es war ihm offenbar daran gelegen, in seiner Einsamkeit ein wenig Gesellschaft zu haben. Freundlich und geschäftig bewirtete er uns, holte in den Abendstunden eine Flasche Wein herauf, später noch eine und noch eine, und dann wurde er ganz umgänglich, ja sogar fidel. Er wies uns schließlich einen Raum zum Übernachten an. Wie wir aber seine gute Laune ausnützen wollten, um ihn zu bewegen, meinen Kameraden mit mir ziehen zu lassen, wurde er wieder Amtsperson und unnahbar. Ich vereinbarte dann mit meinem Gefährten, wir würden uns in Santiago treffen. Denn es war natürlich klar, daß er auf einem andern Weg über die Grenze gehen werde. Aber ich sollte ihn nicht wiedersehen. In der Abenddämmerung trat ich vor dem Schlafengehen vor die Tür hinaus. Im Abendlicht eine reizvolle Szenerie. Hohe Zypressen, Gebüsch, Stauden und Sträucher. Los Andes, der chilenische Grenzort, malerisch in den Bergen gelegen. Männer schritten vorüber, mit flachen, breiten Hüten, von gestickten Kordeln umflochten, breite Ledergürtel um die Hüften geschlungen, große, klirrende Sporen an den Stiefeln. Die Frauen, schwarzhaarig, dunkeläugig, braunhäutig, in bauschigen Gewändern. Ein Bild, umwoben von einem fremdartigen Reiz, umhaucht von einer unwirklichen, romantischen Stimmung, von sanftem Duft und zarter Farbigkeit. 96 Am nächsten Tag gelangte ich an die Bahnlinie und fuhr mit dem Zug nach Valparaiso. Zum erstenmal erblickte ich den blauen Pazifik, den größeren Bruder des Atlantik. Ich fuhr weiter nach Santiago, eine überraschend schöne Stadt mit gesundem Klima. Ausgedehnte Anlagen und Parks durchziehen die Stadtviertel, die sauber und schmuck gehalten sind. Kleine, einladende Speiserestaurants mit Hühnchenbratereien versorgen die Hungrigen gut und reichlich. Es läßt sich angenehm wohnen und leben in dieser Stadt, vorausgesetzt natürlich, wie überall, man hat das nötige Kleingeld. Doch ist das Leben nicht teuer. Ich mietete in einem Gasthaus der Avenida Portalis ein kleines Zimmer und bemühte mich, mein Äußeres einigermaßen in Ordnung zu bringen, denn ich sah ziemlich heruntergekommen aus. Beim Essen im Wirtschaftsraum saß ich neben einem Herrn, mit dem ich ins Gespräch kam. Er war Deutscher, erzählte mir, er sei Juwelier und suche einen tüchtigen Vertreter für Goldund Schmuckwaren. Im Hinterland von Santiago könne man gute Geschäfte machen. Mir sagte das Angebot zu. Ich streifte die Umgebung von Santiago ab und hatte auf dem Land reißenden Absatz meiner kleinen Kostbarkeiten, mit denen ich besonders die Damen beglückte. Das Geschäft machte mir Freude und ich verdiente viel Geld dabei. Die roten Pesoscheine häuften sich in meiner Brieftasche. Ich fühlte mich reich, ich war jung. Strahlend ging ich durch die Parks und Straßen von Santiago. Zwei lockende Augen und ich war wieder mal für eine Frist der Gefangene einer Frau. Ihr zuliebe verließ ich meine Stellung und reiste ihr aufs Land nach, nach Valdivia de Peine, einem kleinen Ort, wo ihr Vater eine Farm besaß. Ich war im Auto gekommen und stieg im einzigen Gasthof ab. Der Besitzer war Portugiese. Ich wurde als großer Herr aufgenommen, die Leute dienerten und wiesen mir das schönste Zimmer an. Die Ortseinwohner staunten mich an, am Abend lud ich jedermann zu Wein und Bier ein, es gab ein fröhliches Gelage. Die Jugend führte prächtige Nationaltänze vor. Der Bürgermeister biederte sich mir an. Er bewunderte meinen schönen holländischen Revolver, ich seinen Grauschimmel. Wir kamen überein, uns das Begehrte gegenseitig auszuleihen. Auf diese Weise lernte ich Reiten. Das ging leicht und rasch, bald tat ich es den besten Reitern gleich. Viele Stunden war ich auf dem Pferde. Kunter- Wittmann, Weltreise 7 97 Unvergeßlich die weiten Ritte in die reizvolle Landschaft, nachts einmal durch einen wilden Gebirgsbach, durch Berge und tiefe Einsamkeiten. Die kleine Ranch des Vaters meiner hübschen schwarzen Chilenin lag einige Meilen landeinwärts. Ich ritt eines Tages ins Gehöft ein, ihr Vater, ein starker chilenischer Bauer, nahm mich am Toreingang in Empfang, ich stellte mich ihm in der Haltung eines Grandseigneurs vor. Er begrüßte mich würdig und freundlich, aber etwas zurückhaltend. Er wußte es zu schätzen, daß dieser reiche ,, Aleman" in seinem Hause verkehrte und sich für seine Tochter interessierte. Er nahm natürlich an, daß ich auch die Sitte des Landes kannte und respektierte: nämlich die Tochter zu heiraten, wenn man ihr im Hause der Eltern den Hof machte. Das lag nicht in meinem Sinn. Und ich wurde ein wenig nachdenklich, als ich von dem Gerücht im Ort hörte, der reiche Aleman wolle die Tochter des Ranchbesitzers heiraten. Ich erfuhr, daß es bei den Chilenen, die zum großen Teil indianischer Abstammung sind, noch eine Art Blutrache gibt, die denjenigen trifft, der die heiligen Traditionen miẞachtet. Messer und Revolver sitzen bei den Chilenen ohnehin locker. 11 Im Verlauf von zwei Wochen kam ich dreimal in die Ranch. In einem Gespräch mit dem Rancher machte ich einmal die Bemerkung: Wenn man etwas Geld in das Gut hineinstecken würde, könnte man den Betrieb viel lohnender gestalten". Ich unterhielt mich über die Möglichkeit der Vergrößerung des Besitzes. Es kam mir sogar der Gedanke: wie wäre es mit einer Einheirat? Die Aufgabe, eine Großfarm zu verwalten, reizte mich. Etwas Geld würde ich sicher auch zusammenbringen. Ich sprach auch mit Isa darüber. ,, Bist du reich?" fragte sie mich. ,, Nein", erwiderte ich offen. Ich wollte vor ihr nicht als Hochstapler dastehen. ,, Ich bin ein Weltenbummler, mal habe ich nichts und kann nichts, mal habe ich alles und kann alles. Die ganze Welt gehört mir, wie zum Beispiel jetzt, wenn ich dich im Arm halte und küsse." Ich umarmte sie in einer heißen Aufwallung des Gefühls. Sie preßte sich leidenschaftlich an mich. Dann aber sagte sie im leisen Erschrecken: ,, Du hättest nicht zu mir kommen sollen. Dein Verhalten war nicht richtig und kann schlimme Folgen haben. Mein Bruder, ein düsterer, jähzorniger Mensch, belauert unser Verhältnis argwöhnisch. Und mein Vater rechnet mit deinem Heiratsantrag." 98 Das junge Mädchen hatte eine aufrichtige Zuneigung zu mir, die sie vergessen ließ, daß ich Unehre und Unannehmlichkeiten machte. Sie war in Angst und Sorge um mich und bat mich eindringlich, sofort hier abzubrechen. Ich war sehr bestürzt über ihre Eröffnungen. Einen solchen Verlauf meiner harmlosen Liebesgeschichte hatte ich nicht erwartet. Ich befolgte den Rat schon im Interesse meiner Schönen und trat sofort den Rückzug an. Der glich einer überstürzten Flucht zur Küste. Ich tauchte im Hafenviertel von Valparaiso unter. Drei Deutsche sprachen mich an und schleppten mich auf ihr Schiff ,, Padua", wo gerade eine Bordabstimmung stattfand. Ich gab meine Quittung über die Hitlerschen Errungenschaften in Deutschland ab. Eine Woche lang lungerte ich in Valparaiso herum, abends spielte ich meist Schach in einem italienischen Kaffee, unter anderem mit einem chilenischen Heizer vom Dampfer Fresia". Ich schenkte ihm eine holländische automatische Pistole. Er versprach mir dagegen, mich in seiner Koje auf der Fresia nach Iquique zu befördern. Einmal, als ich einige Gläschen zu mir genommen hatte, sah ich mit zufälligem Blick zum Eingang der Wirtschaft einen Bekannten eintreten. Ich erschrak bis ins Gebein. Es war Isas Bruder. Das schlechte Gewissen rührte sich. War er es wirklich oder sah ich Gespenster? Hatte ich zuviel getrunken? Gruselige Geschichten von Familienrache kamen mir in den Sinn. Ich saß in einer dunklen Ecke und schwitzte vor Unbehagen. Ich bat meinen Begleiter, zu zahlen, gab ihm eine halbe Aufklärung und drückte mich im Schatten einer Säule durch die Hintertür hinaus. Der Zwischenfall hatte mich reichlich nervös gemacht. Es war mir also mehr als lieb, daß der Dampfer Fresia anderntags in See stach und mich mitnahm. Nach zehntägiger Fahrt mit kurzer Zwischenstation in Antofogasta ging ich in der Salpeterstadt Iquique im Norden Chiles an Land. Wenige Kilometer entfernt zogen sich die blaugrauen Schatten des riesigen Gebirges zur bolivianischen Grenze hin. Iquique, eine Stadt mit fast fünfzigtausend Einwohnern, ist häßlich und ungesund. Niedrige Holzhäuser, staubige Straßen, schmuckund kulturlos. Ich dachte an die Wildwestromane und an Abenteurerfilme, wie ich diese hastig und erbärmlich gebaute Siedlung betrachtete. Es gefiel mir gar nicht. Ich arbeitete eine Zeitlang in der Salpeterindustrie. Auf meinen Streifen 99 durch Stadt und Hafen besuchte ich dann und wann auch chinesische Spelunken. Dort traf ich eines Tages Joe Rogers, einen englischen Seemann, mit dem ich in Santiago oft beisammen gewesen war. Es ging ihm damals schlecht; er war ziemlich heruntergekommen, und ich hatte viel für ihn getan, damit er sich durchschlagen konnte. Ich staunte, er war jetzt elegant herausstaffiert. Er zeigte mir im Hafen sein Schiff, das über Zentralamerika nach England fuhr und meinte, ich solle mitfahren bis zum Panamakanal, nach Christobal- Colon, das an der atlantischen Küste liegt. Ich war sofort damit einverstanden. Wir brachten in den Bars noch möglichst viel Geld durch. Der Peso hat keine hohe Währung, und in Christobal- Colon gab es wieder gute stabile Dollars. Da ich nicht viel Gepäck mit an Bord nehmen konnte, verkaufte ich schnell noch einen Großteil meiner Habe. An Deck ließ ich mich auf diesem Dampfer überhaupt nicht sehen. Ich lag die ganze Reise über in der Koje, und wenn mein Freund von Wache kam, kletterte ich in die Koje eines anderen Kameraden. Ich bemitleidete die Heizer, wenn sie ermüdet und schweißbedeckt ihre Lager aufsuchten; wußte ich doch aus eigener Erfahrung, was es heißt, in den Tropen im Heizraum eines Schiffes zu stehen. Nachdem wir die Schleusen von Panama passiert hatten, ging es in den Panamakanal hinein, den wir in zwölfstündiger Fahrt durchquerten. Das Schiff legte nirgends mehr an. Bei Christobal- Colon hatte es langsame Fahrt. Wenn ich nicht nach England mit wollte, mußte ich jetzt von Bord gehen. Ich zog mir Hemd und Hose und auch Schuhe an, meine Papiere umwickelte ich gut mit wasserdichtem Papier und band die Brieftasche um den Hals, und so sprang ich in ungefähr fünf Meter Höhe von der Reeling über Bord. Es war mir bekannt, daß vor der Bucht sich Haifische in großer Anzahl tummelten. Sie kommen zwar selten in die Binnenwasser herein, aber zuweilen geschieht es eben doch, und es ist kein angenehmer Gedanke, zweihundert Meter mit der Aussicht schwimmen zu müssen, daß man unterwegs vielleicht zum Frühstück eines seltenen Gastes dieser Gegend gemacht wird. Ich bin zwar ein guter Schwimmer, aber es ging doch schwer, denn das Zeug hatte sich voll Wasser gesaugt. Aber das gruselige Gefühl an die gewisse Möglichkeit verdoppelte meine Kräfte und so kam ich schnell an Land. Erschöpft warf ich mich am Strand hin und legte mich zum Trocknen in die 100 Sonne. Die Tropenglut bewirkte, daß ich in wenigen Minuten keinen nassen Faden mehr an mir hatte. In etwas fragwürdiger Aufmachung hielt ich meinen Einzug in die unweit des Hafens gelegene Stadt Christobal- Colon. Die Neger und Negerweiblein, die mir begegneten, musterten mich neugierig. Die Kleidung eines Europäers in diesen Breiten ist elegant und tadellos. Ich sah aber eher einem trockengelegten Neptun als einem eleganten Europäer gleich. Um so vornehmer gingen hier die schwarzen Damen und Herren gekleidet. Es gab reiche Leute unter den Schwarzen, in Amt und Würden, und sie wußten ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft auch nach außenhin mit Anstand und nicht ohne Geschmack zur Schau zu tragen. Ich bezog ein Zimmer in einer kleinen Pension und brachte so gut wie möglich mein Äußeres in Ordnung. Es ließ sich aber beim besten Willen kein feiner Herr mehr aus mir machen. Daraufhin begab ich mich zum großen Gebäude der Hapag, wo auch das Konsulat untergebracht war. Ich hatte Glück, gleich vom Konsul empfangen und freundlich aufgenommen zu werden. Ich berichtete ihm kurz, ich sei als blinder Passagier von Chile hierhergefahren und hoffe, hier leichter ein Schiff zu kriegen, das mir Gelegenheit gebe, weiterzukommen. Ich war peinlich berührt, als er mich von Kopf bis Fuß musterte und sagte:„ Ja, mein Lieber, zuerst müssen Sie aber mal eine andere Schale kriegen. Hierzulande gilt mehr als woanders das Gebot: Kleider machen Leute. Wir müssen streng darauf sehen, daß der Europäer tadellos angezogen ist, denn ein gut Teil des Respektes der Farbigen vor uns hängt davon ab." Wohlwollend klopfte er mir auf die Schulter, drückte mir eine Anweisung auf eine Wirtschaft in die Hand, wo ich essen gehen konnte, und bestellte mich auf den nächsten Tag erneut zu sich. Ich stellte mich pünktlich zur festgesetzten Stunde wieder ein, er unterhielt sich eine Weile sehr angeregt mit mir und überreichte mir dann ein großes Paket, das ich kaum tragen konnte. In meinem Hotelzimmer wickelte ich staunend die Bescherung aus: das Paket enthielt alles, was ein junger Weißer in dieser Gegend für seine Aufmachung braucht; von den Strümpfen bis zum Hut, zu Kragen und Krawatte. Feinste weiße Wäsche, weiße Waschanzüge, einen dunklen Anzug, Tropenhelm. 101 Im Handumdrehen war ich nun wieder in ein würdiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft verwandelt. War das Leben so einfach? Brauchte man nicht mehr zu sein als gut gekleidet, um anerkannt und geachtet zu werden? Überall, und hier sehr deutlich, wurde nach dem Äußeren eines Menschen gefragt, wie selten nach dem Inneren! Als neugebackener Gentleman flanierte ich in der Hauptstraße und trank in der Kresch- Bar ein Glas Wein. Am selben Tischchen saß ein vornehm gekleideter Herr, der sich mir vorstellte und mit mir sprach. Wir unterhielten uns gut miteinander. Er lud mich ein, mit ihm eine Autofahrt zu machen. Ich erzählte ihm einige Stücklein aus meinen Fahrten und Wanderungen.„ Well", sagte er ,,, wir bleiben ein wenig beieinander." Ich hielt mich gern in seiner Gesellschaft auf. Wir waren jetzt jeden Tag beieinander. Er gab mir etwas zu tun, kleine Buchungen und Aufzeichnungen. Er stellte mich überall als seinen Sekretär vor, ich erhielt auch Gehalt. Aber der Chef sowohl wie die Angestellten arbeiteten soviel wie nichts. Mister Taft war eine bekannte Persönlichkeit in Christobal- Colon, sein Kredit war groß, wahrscheinlich größer als sein Vermögen. An verschiedenen Anzeichen bemerkte ich, daß seine finanziellen Verhältnisse trotz seines großartigen Auftretens nicht gerade glänzend waren. Er war überhaupt ein Mensch, aus dem ich nicht recht klug wurde. Er hatte etwas Zwiespältiges in seinem Wesen. So sehr er den Lebemann spielte, so sehr er als glänzender und heiterer Kavalier auftrat, so düster und melancholisch war er manchmal gestimmt. Ich erfuhr, daß er einst Ingenieur beim Kanalbau gewesen war. Er hatte sich viele Auszeichnungen, Geld und Ehren erworben. Man wollte wissen, daß er eine glänzende Laufbahn vor sich gehabt hatte und zu höchsten Stellungen hätte kommen können. Unbegreiflicherweise war der einst besessen Arbeitende aber untätig in Christobal- Colon geblieben, verbrachte in Müßiggang und schaler Genußsucht seine Tage. 102 Menschenfresser Kanal Ich traf ihn eines Tages in schlechter Stimmung an. Rauchend und düster vor sich hinblickend lag er lässig in seinem Ledersessel und forderte mich zum Trinken auf. Ich rauchte und trank mit ihm und fragte ihn unvermittelt geradezu:„ Es ist doch unbefriedigend und unnütz, sein Leben zwischen Vergnügen und Nichtstun zu verbringen. Ich meine, du wärest zu etwas anderem geboren." Er schwieg lange, stand plötzlich mit hartem Ruck auf und lud mich zu einer Autofahrt ein. Wir fuhren am Kanal entlang. Er sprach kein Wort. Eine Stunde lang. An einem wilden Gestrüpp machte der Wagenlenker halt. Hinter dem Gestrüpp dehnte sich eine umzäunte Fläche aus. Darin standen viele Kreuze. Es war ein Friedhof. Ich folgte ihm durch die Gräberreihen. Er blieb stehen und wies auf drei Kreuze. ,, Siehst du", sagte er klanglos ,,, da liegt der Inhalt meines Lebens begraben. Wie kann ich meinem Leben einen neuen Inhalt geben? Ich gehöre zu ihnen und warte nur, bis ich an die Reihe komme. Ob ich in Schönheit sterbe oder im Dreck, ob in Würden und Ehren oder in Sumpf und Suff, das ist für mich ohne Bedeutung." Es lagen hier seine Frau, sein Bruder und sein Freund begraben. ,, Woran sind sie gestorben?" ,, An der Kanalkrankheit. Im Paradies des Teufels. Der Kanal hat sie gefressen wie die vielen anderen auch." Ich fühlte tief den ungeheuren Schmerz mit, der in diesem Menschen wühlte, und der den ganzen Bau seiner Energien und seines Menschtums erschüttert hatte. Ich stand staunend und tief ergiffen vor einem solchen Schicksal, vor einem Mann, der zu viel Gefühl hatte und davon gefällt worden war, der seines Schmerzes nicht Herr hatte werden können, und der sich 103 schließlich in die zynische Pose eines Lebemannes hineingerettet hatte, das nutzlose Wrack seines Lebens müde durch Bars und Amüsierlokale schleppend. Wir fuhren zurück. Er legte ein wahnwitziges Tempo drauf; der Wagen sauste in halsbrecherischer Fahrt dahin. In einer halben Stunde waren wir wieder in Christobal- Colon. ,, Komm mit zu mir hinauf!" sagte er.„ Ich erzähl dir was. 11 Er mischte oben einige Cocktails. Wir tranken lange und schweigend, er war in seine düsteren Gedanken vertieft, ich wollte ihn nicht stören. Er hatte sein Glas vor sich, saß gebückt in dem Ledersessel und stierte zu Boden. So erzählte er mir die Geschichte des Kanals und seiner Lieben. Er sprach mehr zu sich selber, ganz in seine qualvollen Gedanken versponnen. Seine Lippen bildeten keine ganzen Sätze. Er setzte nur einzelne Worte nebeneinander, die sich zu eindrucksvollen Bildern und dramatisch bewegten Szenen formten. ,, Ja, mein Junge, wenn du so glatt durch den Kanal fährst, weißt du gar nicht, wieviel Blut darin mitfließt. Man weiß, der Erbauer des Kanals war Lesseps und nach seiner bösen Niederlage der und der. Man kennt den Panamakanal, hat gelesen von den großen Durchstechereien, den finanziellen und politischen Sensationen, den verschobenen Aktienpaketen, den Intrigen und Betrügereien, den Machenschaften der Kapitalisten und Glücksritter. Aber was sonst an Qual und Leid hinter dieser Großtat menschlichen Könnens steht, davon wissen nicht viele etwas, im allgemeinen nur die, denen es selber ans Leder ging. Aber das muß wohl so sein in der menschlichen Geschichte. Das Große und Nützliche ist immer auf Blut und Tränen aufgebaut worden. Der Mensch von heute staunt über die Weltwunder von Menschenhand und denkt dabei nicht der Opfer, die sie gekostet haben." So redete er eine Weile voller Bitterkeit von der seltsamen Verschwisterung menschlicher Unzulänglichkeit und Gemeinheit mit menschlicher Genialität und Schöpferleidenschaft. Dann verfiel er wieder lange in Schweigen und Trinken, bis er fortfuhr und nun ein farbiges Bild vom Kanalbau selbst entwarf. Eine packende, dramatische Szene entstand vor meinem Geist, ein gewaltiger Akt von schöpferischer Einmaligkeit, eine Symphonie von Tatkraft, Größe, Leid und grandioser Turbulenz. Das ganze Register menschlicher Leidenschaften und Laster, Dämonien und Triebe entfaltete sich in diesem Drama, 104 ein Hexenkessel voll abenteuerlicher Ereignisse und Menschen, eine Galerie von Gestalten aller menschlichen Schattierungen. Er redete sich in seine Schilderungen hinein wie ein Seher, der eine Vision hat. Ja, schaurig groß war die Vision, die er entwarf:„ Zehntausende Arbeiter rodeten den Urwald. Graue Wolken von Staub, Dreck, Gas, Holz, Asche. Lärm und Gebrüll von Maschinen, Gerassel, Gehämmer, Getöse. Die Brunstschreie der wilden Tiere verklangen klagend in der Ferne. Uralter Boden war entweiht, gemartert, zertrümmert. Der Urwald war zurückgedrängt. Von fern klang seine Melodie, leuchteten seine Farben herüber; da war noch Land des Traumes, verzaubertes Land. Hier war nur verfluchtes Land. Menschen stöhnten und schrien, schimpften und fluchten, brüllten und tobten mit den Maschinen um die Wette. Kolonnen von Kerlen schlugen im Takt mit schweren Hämmern auf eiserne Röhren, Schweißapparate blitzten und fauchten. Felsblöcke krachten auseinander, das Eingeweide der Erde wurde aufgerissen. Ein Höllentohuwabohu Tag und Nacht. Kettenreihen von Transportmitteln, Bahnen, Ochsengespannen, Baggern und Fuhrwerken. Schwefelgelb die Luft, Gifthauch des Todes, Fieberdünste, bazillengeschwängerte Schwaden, brodelnder Dampf. Die Sonne drang durch diese Wolken von Ausscheidungen und Ablagerungen nie hindurch, wohl aber ward ihre todbringende Kraft schrecklich spürbar. In Qual und Schweiß verbrachten die Menschen ihre Tage, keuchend und verreckend unter dem unbarmherzigen diesigen Sonnenglast. Ein Heer von Arbeitern ging moralisch und körperlich zugrunde. Der Mensch wurde zum Tier. Alle bösen Instinkte kamen zum Durchbruch: Haß, Neid, Miẞgunst, Habsucht, Argwohn, Angst. Gesundheit wurde faul, die stärksten Männer verfielen an Kraft und Energie. Nur der Selbsterhaltungstrieb setzte sich noch kraftvoll durch. Die Menschentiere gingen ein, die Arbeitssklaven krepierten zu Hunderten. In Massenquartieren waren sie untergebracht, in Baracken, Erdlöchern, dumpfen Höhlen, Hütten. Ungeziefer, Spinnen, Moskitos wurden zur unerträglichen Plage, der Schweiß rann in Strömen über die nackten Leiber. Flüche und Verwünschungen in allen Zungen, Menschen aus allen Zonen des Erdballs arbeiteten und lebten hier nebeneinander, nicht kameradschaftlich und brüderlich, sondern zänkisch, haßerfüllt, verbittert und roh. Sie rauchten, schliefen, soffen und fraßen, verkamen in Dreck, Schwarzwasser- und Gelbfieber, verwahrlost 105 und verloren. Keiner kümmerte sich um den andern. Nichts, gar nichts wurde für den Menschen getan. Alles für den Kanal. Für den Kanal, der die Reichen mästete und die Armen verenden ließ. Täglich kamen neue Herden von Menschen aus aller Herren Länder an. Arbeiter, die auf guten Verdienst rechneten, Abenteurer, verkrachte Existenzen, Ausgestoßene der Gesellschaft, Deserteure, Glücksritter, Gestrandete, Verzweifelte, Mörder und Verbrecher. Hier wurde keiner abgewiesen und verstoßen, sie wurden gern aufgenommen, alle gleich gemacht. Die grausamen Lebensbedingungen rissen furchtbare Lücken in ihre Reihen. Das mörderische Klima, zwölf Stunden Arbeit täglich in Fieberdampf und Sonnenbrand, schlechtes Essen, ungesundes Wasser, das gab Krankheiten, Typhus, Malaria, räumte schrecklich unter den Unglücklichen auf. Verzweiflung führte zu Meutereien, die grausam und mit brutaler Gewalt niedergeschlagen wurden. Massenflucht. Unsicher das Land durch Vagabunden, von denen viele in der Wildnis umkamen. Unfälle, Morde, Verbrechen, Willkürakte, wilde Ausschweifungen. Baracken verpestet und verseucht. Epidemien raffen Hunderte hinweg. Syphilis richtet Verheerungen an. Verseuchte Weiber ruinieren die Männer. Ein Labyrinth des Todes und des Grauens. Aber der Kanal gedeiht und lebt. Und mit ihm die großen Unternehmer. Der Präsident der Bank von Frankreich sieht sich die Sache einmal an; Kommissionen erscheinen, Politiker, Industrielle, Großkaufleute, Bankiers. Ein wildes Geschäftemachen und Intrigenspiel gruppiert sich in aller Welt um den Kanal. Alles drängt heran, will das große Spiel mitmachen, schaut hypnotisiert nach der Riesenschlange zwischen zwei Weltmeeren." Wieder schweigt der Erzähler lange, trinkt, raucht, stiert wie gebannt vor sich hin, schließlich setzt er zögernd seine Beichte fort: ,, Auch ich gehörte zu den Süchtigen, die dem Phantom nachjagten, durch den Kanal groß zu werden, ein Reicher und Mächtiger dieser Welt. Ich war ein Besessener der Arbeit, nichts als das Werk war in mir, ihm gehörte mein ganzes Sein, meine Liebe. Meine Liebe? Meine erste große Leidenschaft hatte meiner Frau gegolten. Ich liebte sie abgöttisch. In mir war alles bereit, das Äußerste zu leisten, um ihr die Welt zu Füßen zu legen. Ich arbeitete 106 aus Leidenschaft zu meiner Frau. Dann arbeitete ich aus Leidenschaft zum Werk. Aber die eine Leidenschaft verdrängte nicht die andere. Im Gegenteil: beide vereinigten sich zu einer großen Flamme, die immer stärker und machtvoller brannte. Ich wurde einer der ersten Ingenieure des Werkes, Berater in der Betriebsleitung, in meinen Händen liefen schließlich die Fäden der großen Politik und Wirtschaft zusammen. Ich stand vor den höchsten Gipfeln irdischer Möglichkeiten. Aber meine Frau betrachtete das anders. Sie wollte nicht Reichtum, Macht und Ehren, sie wollte mich. Und sie sah, daß das Werk mich ihr fortnahm. Sie glaubte auch zu beobachten, daß meine Gesundheit untergraben wurde, und daß mich das Werk vielleicht verbrauchen würde wie so viele andere. Was weiß ich, was alles in ihr vorgegangen ist, welche Gedanken und Gefühle sie bewegten. Sie sah, daß sie mich nicht würde bestimmen können, die Arbeit aufzugeben, sie sah ein, daß ein Kapitän eben auf seinem Schiff bleiben muß. Sie mußte sich wohl einsam und unnütz fühlen. Wie es aber auch gewesen sein mag: kurz, sie erklärte eines Tages, daß sie auch mitarbeiten wolle und bereits einen Posten als Krankenschwester in einer der Krankenbaracken angenommen habe. Ich war bestürzt, versuchte ihr die ,, fixe Idee", wie ich es nannte, auszureden, sie wenigstens zur Annahme einer anderen Tätigkeit zu bewegen. Vergeblich. Sie blieb schon darum bei ihrem Vorhaben, weil in jenen Tagen mein Bruder in die Krankenstation eingeliefert worden war. Sie hatte sich gleich seiner Pflege angenommen. Mein Bruder starb an der Seuche. Ebenso mein einziger Freund, der kurz darauf eingeliefert wurde. Beide hatte ich zur Mitarbeit überredet, dazu gebracht, in diesem Dorado des Satans ihre Lebenskraft zu verzehren. Und ich will es kurz machen - - nach einiger Zeit wurde auch meine tapfere Frau von der Seuche ergriffen und ging dahin." Mister Taft verstummte in schmerzlicher Versunkenheit. Er war der einzige Überlebende in diesem Drama gewesen, sofern man ein menschliches Wrack als Überlebenden bezeichnen kann. Das Schicksal hatte ihn zerbrochen, ihm den Sinn seines Lebens genommen. Die Natur hatte ihren Tribut verlangt dafür, daß sie hier gezwungen wurde, ein Zugeständnis an den Menschen zu machen. Der Mensch hatte der Natur 107 den Kanal abgerungen, der für die Bewohner aller Erdteile unschätzbar nutzbringend ist. Der Kanal hatte eine Armee von Arbeitern und Pionieren des Fortschritts geschluckt. Er forderte auch dieses Opfer noch. Einige Tage später wurde Mister Taft mit dem zertrümmerten Auto aus einem Schleusenarm des Kanals als Leiche geborgen. Es konnte nicht genau festgestellt werden, ob Unfall, Mord oder Selbstmord vorlag. Die Behörden kümmerten sich auch nicht viel darum. Der Tote hatte im Staat Panama keine Angehörigen, Verwandte oder Freunde, die Anteil an dem Todesfall genommen hätten. 108 Auf der Luxusjacht Nach dem traurigen Ende des Misters Taft mochte ich nicht mehr länger in Panama bleiben. Ich beschloß, mich auf einen Dampfer zu verdingen, der mich wieder ein Stückchen weiter in der Welt herumbrachte. Ich suchte das Gebäude der Hapag auf und machte bei dieser Gelegenheit wieder mal einen Besuch bei dem deutschen Konsul, dessen besonderes Wohlwollen ich nach wie vor besaß. Während der kurzen Minuten meines Gesprächs mit ihm läutete das Telephon. Ein amerikanischer Agent meldete sich, der einen deutschen Koch mit englischen Sprachkenntnissen suchte. Der Konsul hielt die Sprechmuschel zu, unterrichtete mich kurz und fragte mich, ob ich vielleicht den Posten übernehmen könne und wolle. Ohne mich lange zu besinnen, sagte ich zu. Ich hatte bisher zwar nur etliche Male da und dort in der Küche ausgeholfen und meine Kochkenntnisse waren gering. Aber es würde schon gehen. Ich habe in der Welt draußen viele Berufe gehabt, nahm immer an, was sich bot. Man muß sich was zutrauen, die Augen offenhalten, geschickt sein und zupacken. Mit diesem Grundsatz kam ich meistens durch. Man fragt in der Fremde selten nach Papieren, man fragt nach der Brauchbarkeit des Mannes. ,, I want not to see papers. I want to see the work", sagt der Amerikaner. Durch diesen kleinen Telephonanruf im richtigen Augenblick kam ich dem Ziel meiner Wünsche wieder etwas näher. Ich stellte mich unverzüglich dem Agenten vor und wurde von ihm zu der Motorjacht Moana" des vielfachen amerikanischen Millionärs Leeds geschickt. Auf der Gangway empfing mich ein Matrose in weißer Uniform, der hier wie der Türsteher vor einem feinen Hotel paradierte. Ich merkte sofort, daß ich hier ein Schiff betrat, das mit erlesenem Luxus ausgestattet war. Es roch geradezu nach Vornehmheit. In 109 der Küche, in die ich dann geführt wurde, roch es allerdings wieder anders, aber ich hatte durchaus den Eindruck, daß auch diese Gerüche zur Vornehmheit des Ganzen paßten. Der Chefkoch musterte mich kritisch, mußte aber wohl mit dem Eindruck, den ich ihm machte, zufrieden sein, denn er sprach sehr freundlich mit mir. Am eigentümlichen Akzent seines Englisch merkte ich gleich, daß er kein Engländer oder Amerikaner war. Ich fragte ihn nach seiner Heimat. Er war Franzose. Ich unterhielt mich alsbald mit ihm in seiner Muttersprache, worüber er sehr erfreut war. Er stellte mich dann dem Personalchef vor, dem Chiefstuart Harry, der ein wenig meine englischen Sprachkenntnisse prüfte. Es ging alles glatt, und so, konnte ich meine neue Stellung antreten. Ich holte meine Siebensachen an Bord und war damit in den Hofstaat eines Angehörigen der oberen Zehntausend" aufgenommen. Mister Leeds hatte im Jahre 1904 mit einem Kompagnon zusammen große Zinnfunde in Kalifornien gemacht und war dabei steinreich geworden. Sein Vermögen wurde zur Zeit auf 80 Millionen Dollar geschätzt. Wozu er eigentlich mit seiner Gattin unablässig in der Welt herumgondelte, konnte ich nie recht ergründen. Wahrscheinlich nur zum Sport und Vergnügen. Das bißchen Fischfang und die botanischen Studien, die er in der Südsee machte, waren wohl mehr oder weniger nur Vorwand, um sich und anderen Zweck seiner Reisen und nützliche Tätigkeit vorzutäuschen. Auf alle Fälle ging es ihm und seiner ganzen Umgebung gut auf dem Boden, wo er ein kleiner Herrscher war. So hatte sein Dasein hier wenigstens das Gute, daß er für etwa vierzig Menschen väterlich sorgte und alle, bis auf den letzten Arbeiter und Heizer, ein angenehmes, sorgloses Leben führten. Kaum einem von ihnen kam es aber wohl in den Sinn, daß die Arbeiter in den Zinngruben, die den ganzen Reichtum des Millionärs und das Wohlleben der Leute auf der ,, Moana" ermöglicht hatten, sicher arme Teufel gewesen waren und nie von dem Reichtum ihres Herrn profitiert hatten. Mister Leeds war ein kleiner, gutgenährter Herr, jovial, immer guter Laune. Seine Frau, zierlich, zerbrechlich, nervös, übertrieben elegant, gepflegt, sehr unnahbar. Der Arzt, mehr Gast als Angestellter, groß, breitschultrig, robust 110 und doch nicht ungelenk. Noch ein paar Damen und Herren, Gäste von Mister Leeds, eine schöne, blonde Assistentin, die Gehilfin des Arztes. Der Sekretär Hennersy, Sohn eines bekannten amerikanischen Millionärs. Die Mannschaft setzte sich zumeist aus Amerikanern zusammen, war anscheinend aber verschiedener Abstammung. Denn man hörte abends im Mannschaftslogis verschiedene Sprachen, schwedisch, französisch, spanisch. Ich war der einzige Deutsche, doch konnte der eine und andere etwas Deutsch. Ehe die ,, Moana" auslief, kam es zu einem kleinen Zwischenfall. Die sogenannte Emigration, eine Kontrollbehörde, erschien an Bord, um die üblichen Formalitäten zu erledigen. Ich mußte auch meine Papiere vorzeigen. Mein Paß war nicht in Ordnung. Er trug kein Visum, weil ich illegal in Panama eingereist war. Damals in Christobal- Colon war ich ja heimlich von Bord gegangen. Da stand ich nun am Ende meines Lateins und hätte nicht ausreisen dürfen, wenn nicht Mister Leeds persönlich eingegriffen hätte. Er mußte wohi schon Gefallen an mir gefunden haben. Sein Wort und die Kaution, die er für mich hinterlegte, verfehlten ihre Wirkung nicht, und so ließ man mich ungeschoren. An Bord dieses Schiffes lebte man in Saus und Braus. Wir Angestellten hatten wenigsten etwas zu tun. Die armen Herren und Damen mußten sich die Köpfe nach einem Zeitvertreib zerbrechen. Die Jacht war ehemals ein Frachtschiff gewesen, das zu einer modernen Motorjacht umgebaut worden war. Das Schiff hatte weißen Anstrich, ein herrliches Bootsdeck, einen ovalen, breiten, gelben Schornstein. Es strotzte alles von Pracht und Überfülle. Elegante, breite Kojen, mit blauen Leintüchern ausgelegt. Am Fußende der Betten mit den Füßen leicht zu bedienende Ventilatoren, am Kopfende Licht, an den Seiten Aufsätze für Geschirr und Aschenbecher, unter den Betten Schubladen für Wäsche und Bedarfsartikel, alles praktisch eingerichtet und im Liegen zu erreichen. In den Wasch- und Toilettenräumen große, kostbare Spiegel. Die prunkvollen Wohnkabinen für Mister Leeds und seine Gäste nahmen den mittleren Teil des Schiffes ein. Außerdem befanden sich dort Gesellschafts- und Spielräume, dann gab es Bäder und Sportplätze, an Deck eine mit allem Raffinement eingerichtete Bar. Durch die Länge des Schiffes führte ein weißer, prächtiger Gang. Überall Glanz und Pracht, Luxus und Reichtum. 111 In den unten gelegenen Eisboxen des Schiffes befanden sich hauptsächlich die Provianträume. Ein ausgewähltes Lager von Lebensmitteln und Delikatessen aller Art vereinigten sich hier zu einem Stilleben, wie man es wohl selten in einem Luxushotel findet. Ausgeschlachtete Kälber, Rinder, Schweine, in Seidenpapier verpackte Hühner, Fasanen und anderes Geflügel, Kisten mit Butter, Eier, sogar frische Milch in besonders konstruierten Behältern, die feinsten Leckerbissen, alles, was den Gaumen erfreuen kann, in Hülle und Fülle Kostbarkeiten, die eines Lukullus würdig gewesen wären. Dazu ein wohlsortiertes Wein- und Whiskylager. Ich hatte die Aufgabe, diese Räume zu„ betreuen". Ich tat es gründlich und mit dem Erfolg, daß ich bei meiner Ankunft in Tahiti dreiundachtzig Kilogramm wog. Es war also reinweg ein Schlaraffenleben, das man hier auf dem weiten Weltmeer führte, und niemals wieder ist es mir so gut gegangen, was ein genußreiches und sorgloses Leben anbetrifft. Die Leute, in ein so angenehmes Dasein hineingestellt, vertrugen sich gut miteinander und zeigten sich alle von ihrer besten Seite. Das Leben an Bord glich also einer harmonischen Familiengemeinschaft; es war wie ein immerwährender Festtag. Man konnte auch originelle Typen unter den Schiffsbewohnern finden und allerlei Menschenstudien machen. Der Arzt hatte fast nichts zu tun und gab sich seinen Studien und privaten Neigungen hin. Seine Assistentin begann offenbar mit der Gesundheitspflege bei sich selbst, sie lag den ganzen Tag über hinter einem Boot am Bootsdeck in der Sonne. Der Sekretär Hennersy war zurückhaltend und kühl. Mister Leeds erschien immer einfach und heiter. Bei der Tafel saß er in einer blauen Marine- Uniform, doch ohne jegliche Tressen und Schmuck. Dagegen seine Frau, der Arzt und die meisten Gäste in großer Aufmachung. Unter der Schiffsmannschaft ging es rauh aber herzlich zu. Sehr fein waren sie nicht in ihren Ausdrücken, aber gute Kameraden. Mit dem zweiten Koch stand ich mich am besten. Mit ihm verbrachte ich auch jeweils meinen Landurlaub. Er war groß und stark, sah aus wie ein Cowboy. Dagegen Julius, der erste Koch, dürr, schmächtig, einsiedlerisch, seine Arbeit wie eine Mission und mit einer Hingabe wie ein Künstler an seinem Werk betreibend. Er sprach alle möglichen Sprachen und war sehr- gescheit. 112 Ich hantierte als Carly-boy, das heißt als vierter Koch, der mehr oder weniger Handlangerdienste leisten, die verschiedenen Lebensmittel und Zu- taten aus den Magazinen herbeiholen, Kaffee kochen und unter Aufsicht an der Zubereitung der Speisen arbeiten muß. Aber mit Wonne trug ich alles herbei, half ‚mit, aß mit. Alles, was das Herz begehrte, gab’s; feinste Delikatessen, wunderbar zubereitete Gerichte, Kunstwerke fürs Auge und für den Gaumen. Braten, Fisch, Toaste, hors d’auvres, Früchte, Puddings, Torten, Sandvichs. Mittags verschiedene Gänge. Schildkrötensuppe. Steaks. Mayonnaisensalate. Desserts mit Cakes. Eiskaffee und Schokolade. Feinste Weine, Papst- und Knickerbockerbier, Whisky, Cocktails. Es wurde geschlemmt und gepraßt. Nur gut, daß ich immer aufnahmefähig und gesundheitlich gut beieinander war und nicht seekrank wurde. Unser schwimmendes Schlaraffenland nahm Kurs auf die Kokosinsel, fünf- hundert Meilen westlich Panama. Nach ein paar Tagen tauchte vor uns in der Morgensonne ein kleiner Hügel auf, der langsam wuchs. Das Eiland war schön bewaldet, eine Insel der Seligen, Quellen und Bächlein sprudelten überall. Einsamkeit seit ewigher. Eine kleine Welt für sich, dieser mit undurchdring- lichem Wald bewachsene Gebirgsstock mitten im Ozean. Ein schmaler Streifen Küste, grünes Land. Die Insel ist unbewohnt; sie gehört zu Costa Rica, dem Zwergstaat in Zentralamerika. Früher hatte die Regierung hier ein paar Sol- daten stationiert. Eine alte, verfallene Hütte zeugt von dieser vergangenen Pracht der Kolonisation. An einem Baum war eine alte Tonne befestigt, die eine Art Briefkasten darstellte. Manche Besucher der Insel warfen hier Briefe ein in der verwegenen Hoffnung, daß diese Grüße aus der Ferne befördert würden und ihre Lieben in der Heimat erreichten. Auch ich tat ein Brieflein hinein, erhielt aber nie Bescheid, daß es ans Ziel gekommen sei. Die Hütte war im Innern verziert mit allerlei Nameninschriften, unter anderem auch mit der des Grafen Luckner, den aus dem ersten Weltkrieg bekannten Kapitän des„Seeteufel“. Mein'Kamerad Jack und ich hatten für ein paar Stunden Landurlaub ge- nommen. Wir tummelten uns auf dem grünen Landstreifen und im Geröll des Strandes. Das Wasser ist an der Küste nicht tief; man konnte stellenweise durch die blaue Flut hindurch auf den Grund sehen. Es wimmelte von Fischen aller Art. Etwas entfernt lagerten große schwarze Schatten in der Tiefe. Hai- Kunter-Wittmann, Weltreise 8 113 fische. Unter einem aus fünf Meter herunterstürzenden Wasserfall badeten wir. Dann streckten wir uns in der Sonne lang. Kokosnüsse lagen in Mengen umher. Ich glaube, als Robinson könnte man es gut und gern mal eine Weile aushalten. Mister Leeds und etliche seiner Trabanten fingen Fische, mit Schußwaffen und Harpunen. Sie erlegten vor allem einige Manda", ein Fisch in der Größe von einem Meter im Geviert, der sich kräftig wehrte und im Todeskampf eines unserer Boote fast einen Kilometer weit mit ins Meer hineinzog. Die Kokosinsel soll übrigens früher das Versteck von Seeräubern gewesen sein. Man hat in Höhlen altmodische verrostete Waffen gefunden, ebenso unmittelbar unter der Küste im Sand versackte Wracks von Holzschiffen, von denen man vermutet, daß sie den Seeräubern gehörten. Auch hatte einmal eine amerikanische Expedition nach Gold gesucht. Wahrscheinlich mit Erfolg. Denn später verbot die Regierung von Costa- Rica solche Unternehmungen, wohl aus dem Grunde, weil sie selber die Goldadern abbauen wollte. Von der Kokosinsel ging's mit südlichem Kurs den Galapagosinseln entgegen. Wir legten vor der Insel St. James an, die unter der Verwaltung des Kleinstaates Ecuador steht. Die Insel ist von etwa sechzig Menschen bewohnt. Eine kleine Polizeitruppe befindet sich dort, acht Mann, die aber nicht gerade einen günstigen Eindruck auf die Fremden machen, sondern mehr wie Seeräuber wirken. Der Polizeichef trat uns wie ein romantischer Landstreicher entgegen. Er trug eine schmierige Jacke, die früher wohl mal weiß gewesen war und eine zerlumpte Hose, zerrissene Stiefel und einen riesigen, altmodischen Revolver am Gürtel, ein richtiger Rinaldo Rinaldini. Er gab sich aber doch würdig und war sichtlich bestrebt, sich Respekt zu verschaffen. Ich machte mit Jack einen Streifzug quer durch die Insel und hatte dabei eine Begegnung mit den Gebrüdern Angermeier aus Hamburg, die hier eine Art Robinsondasein führten. Sie bauten noch an ihrem Haus, es war fast fertig. Sie waren vor dem Naziterror aus Deutschland emigriert und lebten hier glücklich und zufrieden und ohne böse Nachbarn. Der eine Bruder war verheiratet mit einer Holländerin. Drei Menschen im Paradies. In mir stieg eine fast quälende Sehnsucht nach solch einem Leben auf. Ich glaube zwar, es ist nicht ganz leicht, sich daran zu gewöhnen als Europäer, der der Natur entfremdet und von der Zivilisation verzogen ist. Aber wenn man die Entziehungskur durchhält und in der einsamen Welt Wurzel schlagen kann, 114 dann wird man für immer dem wahren Leben gewonnen, den Quellen der Schöpfung nahe sein. Die Galapagosinseln sind vulkanischen Ursprungs. Gewaltige Lavamassen, erkaltet, verhärtet, verschlammt, vor Urzeiten ins Meer ergossen, ziehen sich wie Gletscher über Land und Meer dahin. An der steil abfallenden Felsenküste brechen sich die Wogen, eine gewaltige Brandung. Überwältigt steht man in diesem grandiosen Naturschauspiel, nur von dem einen Gedanken und Gefühl beherrscht: wie wunderbar ist die Natur, wie demütig sollten wir vor den unerschöpflichen bewegenden Kräften in der Welt werden! Auf unserer Wanderung über die Insel sahen wir Wildschweine, von deren Fang die Gebrüder Angermeier leben. Auch haben sie einsamen Siedlern Kartoffeln und Gemüse angebaut. Gegen Abend fuhren Jack und ich an eine flache, sandige Stelle der Küste in einem der kleinen Motorboote, die wir an Bord hatten. Wir wollten auf Schildkrötenfang gehen. Die Brandung und der ungeheure Wellengang hinderten uns jedoch, bis dicht an die Küste heranzukommen. Man muß dann geschickt manövrieren, den günstigen Augenblick abpassen, bevor die Welle den Strand erreicht und dann mit dem Motor sofort zur See ankuppeln. Mit Sekundenschnelle heißt es dann, schnell den Strand laufend oder schwimmend zu erreichen. Wir suchten die Küstenstrecke ab und auch das angrenzende Gebüsch, fanden aber keine der berühmten Galapagosschildkröten mit den großen Elefantenfüßen. Dagegen hatte Dr. Cavan, einer der Gäste von Mister Leeds, der ein Einzelgänger war, mehr Glück. Er übergab mir später an Bord ein Prachtexemplar der begehrten Tiere, aus dem ich die beliebte Schildkrötensuppe bereitete. Unverrichteter Dinge mußten wir also wieder abziehen und uns einschiffen. Diesmal hatte ich Pech. Mein Gefährte gelangte schnell und gewandt ins Boot zurück, das die See berührte. Ich aber versäumte den Moment, da die Wellen von der Küste abzogen. Die nächste jedoch packte mich mit einer furchtbaren Wucht und warf mich wie einen Klotz Hals über Kopf auf den Strand zurück. Mir war Hören und Sehen vergangen. Aber die Gefahr hatte mich meine Sinne schärfen und meine Kräfte verdoppeln lassen. Ohne mich zu besinnen, sprang ich sofort wieder auf und jagte der abziehenden Welle nach. Keuchend, 115 kämpfend, schwimmend stieß ich zum Boot vor und konnte gerade noch den Bootsrand anfassen, ehe ich von einer neuen Welle erfaßt wurde. Erst dann wurde mir die Größe der Gefahr bewußt, in der ich gewesen war. Das Spiel der Welle hätte mich auch in den Strudel ziehen und irgendwo an der Brandung zerschellen lassen können, anstatt mich auf den sandigen Strand zu werfen. Am dritten Tag in der Bucht dieser kleinen Insel wollten wir die Anker lichten. Da kam unser Rinaldo Rinaldini an Bord und verlangte eine unverschämt hohe" Hafengebühr". Er erhielt ordentlich was zu trinken und gab sich dann mit der Hälfte der geforderten Summe zufrieden, als er merkte, daß er andernfalls gar nichts bekommen werde. Der olle Freibeuter hatte einfach einen unserer Leute auf dem Land gefangengesetzt in der Vorausahnung, daß sein Erpressungsmanöver sonst vielleicht nicht gelingen werde. Aber es wurde ihm klargemacht, daß wir seine geheiligte Person so lange an Bord behalten würden, bis unser Mann zurück sein werde. Da gab er unter Protest nach und einigte sich mit uns. Mister Leeds gab nach diesem spaßhaften Auftritt den Helfershelfern Rinaldo Rinaldinis mehr Trinkgeld, als die geforderte Hafengebühr ausgemacht hätte. Die Moana" änderte nun den Kurs und fuhr dem Märchenland der Südsee entgegen. Tausende von Meilen ging es durch die blauen Wasser des Pazifik, durch die unendlichen Weiten einer stillen, schönen Wasserwelt. Tagein, tagaus dasselbe Bild. Es war, als führe man durch die Ewigkeit ins Jenseits. Beim Überqueren des Äquators gab es eine heitere Szene an Bord. Es waren verschiedene unter uns, die den Aquator noch nie passiert hatten, und die ,, getauft" werden mußten. Wir errichteten am Vorschiff auf Steuerbordseite ein Bassin mit einem Thron darin für Neptun. Der Wassergott wurde von Mister Leeds dargestellt. Wahrscheinlich wollte er sich selbst dadurch der Taufe entziehen. Die„ Täuflinge" wurden von den Schergen Neptuns herbeigeschleppt. Manche wehrten sich energisch. Unheil ahnend. Aber es half ihnen nichts. Sie wurden ziemlich unsanft gepackt, zum Rasieren fertiggemacht, eingeseift mit einem Schaum aus Seife und Schlagsahne, mit einem riesigen Holzmesser bearbeitet und zum Schluß kopfüber in das Bassin geworfen. Neptun in einem kostbaren roten Mantel mit der tangüberhängten Gabel in der Hand sah dem 116 Schauspiel schmunzelnd zu. Plötzlich aber schwankte sein Thron, ein Erschrecken glitt über sein Gesicht, und schon fühlte Neptun sich in sein Element zurückbefördert. Er schnob und schnaufte, wollte prustend und triefend aus dem Bassin herauskrabbeln, was ihm aber bei seiner rundlichen Körperfülle nicht gelang. Einer der Schergen erbarmte sich schließlich seiner und zog ihn heraus. Zum Dank dafür stieß der schnöde Neptun ihn ins Wasser. Zur Erinnerung an die Äquatortaufe des 15. September 1938 ließ Mister Leeds einen kunstvoll entworfenen Taufschein drucken. Die Überschrift lautete: ,, Domain of Neptuns Rex". Unterschrift: Neptunus Rex, Ruler of the Raging Main. 117 Je d’amour Die Sonne scheint ‚heiß, aber ihre Glut wird gemildert durch die leichte Brise der Passatwinde, die uns weich und angenehm umschmeicheln. Wir fahren sanft durch die Wogen und meinen, wir seien in einem wohltuenden Bade. Schön ist es so, wenn man in der Freizeit untätig auf Deck liegen darf. Nach Wochen erscheint plötzlich am Horizont ein Baum, eine Palme. Näher- kommend stelle ich fest, daß sie auf einer Lagune steht. Diese Lagunen bestehen aus Korallenriffs und bilden ganze Inseln im Ozean, ragen nur wenig über den Wasserspiegel hervor. Wir durchfahren einen großen Archipel. Viele Hunderte von Atollen, teilweise mit Palmen bewachsen. Manche sind bewohnt, die meisten unbewohnt. Ringförmige Gebilde, aus dem Meer empor- ‚gewachsen, umfassen im Innern kleine idyllische Seen. Hier mußten wir vorsichtig fahren, denn manchem Schiff sind die Korallen- riffe schon zum Verhängnis geworden. In den nächsten Tagen kamen wir an den Marquesas vorbei, die aus mehreren großen Inseln bestehen, die be- kannteste: Nukahiva. Darauf eine kleine Ansiedlung, in einer Bucht gelegen, lieblich anzuschauen. Palmen umsäumen die Bungalows, aus Bambus und Schilf gebaut. Ich besuchte mit mehreren Kameraden das Idyll. Am Strande standen Eingeborene mit kleinen Reitpferden und Körben voll Mangofrüchten. Wir machten einen Ritt durch die Palmenhaine, über die Berge auf schmalen Pfaden, kamen wieder an Küsten, die steil abfielen. Felseneilande sind diese Inseln, wie von einer Urgewalt aus dem Meer hinausgestoßen. Dies war die letzte Station vor Tahiti. Wir alle waren voller Erwartung. Tahiti! Schon das Wort klang wie ein Märchen uns in den Ohren. Aus Büchern und Gesprächen war uns der Klang vertraut. 118 - Und da- eines Morgens wurde das Märchen Wirklichkeit. Aus dem fernen Dunst stiegen die Spitzen der Berge wie die Türme einer Traumstadt auf. Still und sanft erschienen am Horizont die welligen Konturen der Berge, das Gegenständliche wuchs heran, und vor unseren Augen entfaltete sich mehr und mehr ein harmonisches Bild voller Leben. Langsam fuhren wir durch die schmale Einfahrt des die Insel umgebenden Korallenriffs. Ein kleines Boot mit dem Lotsen und Arzt an Bord kam uns entgegen, geleitete uns sicher in das Binnenwasser von Papeete vor Anker. Eine Bucht tat sich auf, wie ein Bett, behütet von hohen Kokospalmen. Goldgrün leuchtete es herüber, gesprenkelt und getupft spann sich der dunkelgrüne Teppich der Bäume in die Breite und Tiefe. Als das Schiff angelegt hatte, wimmelte es in dem seichten Wasser heran, braune Gestalten mit leichtfüßigen Bewegungen, junge Mädchen, blumengeschmückt, leicht bekleidet mit Baströcken, anmutig in den Bewegungen, geschmeidig und schwebend, immer lächelnd und heiter. Die Männer brachten Mangofrüchte, Bananen, Nüsse und Kokosmilch. Ein Rudel Pirogen umlagerte uns, um uns auf die Insel zu entführen. Die Pirogen sind kleine Fahrzeuge aus Baumstämmen mit Geleitbäumen an der Seite, die von den Eingeborenen mit großer Geschicklichkeit bedient werden, Klopfenden Herzens betrat ich den Boden Tahitis. Im Unterbewußtsein wußte ich vielleicht, daß es der Boden meines Traumes war und meines Schicksals. Ich schritt aufs Geratewohl am Strand entlang und wanderte ziel- und planlos draufzu. Leicht und beschwingt fühlte ich mich in einer Gehobenheit der Stimmung, wie ich sie bisher nicht gekannt hatte. Es war mir immer noch, als sei dieses Inselstäubchen im Weltmeer nicht wirklich, sondern nur eine Fata morgana, wie ich sie vom Schiff aus in der Ferne aus dem blaugrauen Dunst heraufsteigen gesehen hatte. Es kam mir vor, wie die Gaukelei eines Taschenspielers, der einen feinen Nebel um sich her verbreitet, aus dem ein zartes schönes Bild entsteigt. Unter die unwirklichen Traumgestalten dieses Bildes war ich selber gemischt worden. Diese wunderliche Stimmung hatte mich vom ersten Augenblick an befallen, in dem ich den Fuß auf das zauberhafte Eiland setzte. Tahiti war eine von 119 den ,, Inseln im Winde", wie diese Südseeversprengsel genannt werden. Mild und gütig, unendlich wohltuend, schmeicheln die Passatwinde um diese Gestade. Inseln im Winde! Sie sind die Kinder dieser Winde, wie aus ihnen geboren worden. Duftzart und wie hingehaucht, Gebilde aus dem Flaum der Wolken und dem Atem der Luft, alles Leben auf diesen Inseln ist erfüllt von dem Atem des reinen Himmels. Selig in der Ferne ruhen weißdunkelnde Wolkenkissen, weißer noch stehen dagegen die Segel kleiner Schiffe; wunderbar still und friedlich ist der Blick über die weite Fläche des Wassers. Das Meer rauscht seine ewige Melodie, fern tost die Brandung gegen Felsen. Die wunderlichen Konturen der Berge mischen sich mit dem wolkendunklen Horizont. Näher steht die dunklere Wand des Waldes, der reale Durchbruch der Materie in diesem äthergeborenen Schaumgefüge aus Duft, Farbe, Melodie und Schönheit. Einige Stunden schreite ich so durch Palmenhaine, Bananenstauden, Busch und Wiesen dahin. Der schwere Mantel des Waldes liegt auf den Bergen im Hintergrund. Die Sonne scheint tropisch heiß, aber balsamisch fächelt mich der Wind. Ein tiefes Glück ist in meinem Herzen, ein schöner Schwung der Seele erfüllt mich ganz. An eine Palme gelehnt, stehe ich am Wasser, lange, lange. Man vergift hier Zeit und Stunde. Mein Blick schweift über die blanke Fläche zu dem äußeren Korallenriff, wo die Wogen des Meeres sich brechen, und leise tönt das Rauschen der schlagenden Wellen an mein Ohr. Eine süße Wehmut ergreift mich. In meiner frühen Jugend las ich einmal Gedichte von Lenau, die süßen, schwermütigen. Ich war damals vom seltsamen Zauber dieser Gedichte erfüllt, ganz so wie jetzt, wo ich das melancholisch- wundersame Gedicht einer traumhaften Wirklichkeit erlebe. Darüber wird es Abend, Dämmerung fällt ein. Angenehme Kühle weht über dem Wasser herüber. Leise, stärker, stark, wieder leise tönen die fremdartigen Rhythmen der Musik durch die Luft, Musik der Eingeborenen, Gesang zu den Tänzen der schönen Mädchen und Männer. Ich nähere mich einer Gruppe Tanzender; es ist ein wunderbarer Anblick, den die harmonischen, gleitenden Bewegungen der schlanken, braunen, kaum bekleideten Körper bieten, ein Bild vollendeter Anmut. Es ist ein Fest der Augen, die fleischgewordene Grazie, ein seliges Spiel der Glieder und Seelen. Ich trinke mich satt an diesem feinen 120 Gespinst tänzerischer Bewegtheit, diesen ausdrucksvollen Gestaltungen der Seele, dieser Musik pflanzenhafter Menschenwesen. Ich bewege mich wie im Rausch; ich fühle einen Strom von dionysischer Lebensfreude in meinen Adern. Kohlschwarz hängen die Haare der Frauen auf die braunen Schultern herab. Die Tänzerinnen sind mit Jasminkränzen geschmückt, haben weiße Tiareblumen ins Haar gesteckt. Federnde Baströckchen umschmeicheln ihre Lenden. Im weiten Umkreis der Palmen sitzen und stehen Gruppen junger Menschen, da und dort auch einzelne Mädchen oder Jünglinge, sie haben Bewegungen wie Kinder, sie singen und spielen, winden Blumen zu Kränzen. Ich geselle mich fast absichtslos zu einer Gruppe junger Mädchen. Lächelnd reicht mir eine einen Kranz. Ich gebe ihr dafür einen Ring von meiner Hand. Ich schenke jeder etwas. Bei der letzten weiß ich nicht mehr, ob ich es ihr gab. Ich halte ihre Hand, sehe ihr in die Augen. Sie steht wie eine Waldelfe vor mir. Im Mondlicht ist sie magisch beleuchtet. Aber ich weiß, es ist nicht nur die Beleuchtung, der Reiz der Südseenacht. Ich sehe und fühle den Menschen vor mir, eine wunderliche Kraft zieht mich zu ihr hin. Das ist keine Märchenfee, auch keine artfremde Tahitianerin, das ist ein Mensch von Fleisch und Blut wie ich, und doch mehr. Das ist etwas, erträumt und erlebt aus dem Blut, Erinnerung an Bindungen vielleicht in einem früheren Dasein. Wir gehen etwas abseits, ich lege mich unter eine Palme, sie kauert sich neben mich, steckt mir eine Tiareblume ins Haar, flicht einen Kranz und hängt ihn mir um den Hals. Sie singt die Melodien der Tänzer mit und betrachtet mich dann stumm eine Weile. Ein unbeschreiblicher Zauber ist um mich, sie ist eine Blume, ein Hauch neben mir, nein doch, ein Mensch, dessen Nähe allein mich in ein betäubendes Glücksgefühl einhüllt. Später treten wir heraus aus dem Blumenhain an den Strand. Das Mondlicht spielt über dem bewegten See; die Wellen glitzern, wie wenn eine unsichtbare Hand silberne Dukaten über das Meer hinausstreute, zu den Korallen hinüber ein silbergleißender Teppich. Ich muß dem magischen Zwang widerstehen, sie an der Hand zu nehmen und über diesen Teppich dahinzuschreiten zu seligen Fernen. Ich lege mich wieder hin, sie setzt sich zu mir, nimmt meinen Kopf in ihren Schoß. Ich schließe die Augen und die Welt ist in mir; alles, aber alles ver121 wandelt sich in das Mädchen neben mir; sie ist der einzige Gedanke meines Herzens. Dann öffne ich die Augen wieder. Das Kreuz des Südens ist über mir, ein unendlicher Sternenhimmel. Wunderlicher Gedanke, daß man mit zwei Augen das ganze Weltall erfassen kann, einen Kosmos mit seinen Unendlichkeiten und Ewigkeiten! Ich drehe meinen Kopf, und das ganze Weltall dreht sich mit! Ein Husch und eine Welt steht da. Ein Husch und das Wunder einer Liebe erfüllt sich. So begreift man in gewissen Augenblicken die Ge-/ heimnisse und Wunder des Schöpfers; so fühlt man manchmal in einer Sekunde die Unsterblichkeit der Seele, es offenbart sich das letzte. 122 Paradies Tete spricht mit mir. Aus ihrem holden Mund kommen französische Worte. Das ist ernüchternd. Ich bin zuerst enttäuscht, dann aber froh, daß ich mich leicht mit ihr verständigen kann. Sie ist Halbblut. Ihr Vater ist Franzose, der auf Tahiti eine Kokosplantage besitzt und Kopra erzeugt. Kopra sind getrocknete Kokosnüsse, die nach Nordamerika verschickt werden. Daraus gewinnt man dann Ol. Die Palmin-, Pflanzenfett- und Margarinefabriken verarbeiten Kopra. Tetes Mutter war eine reinblütige Tahitianerin. Tete ist Witwe. Sie war mit einem Tschechen verheiratet gewesen, der sie mit nach Prag genommen hatte. Aber sie hatte in der Fremde nicht Wurzel schlagen können, sie war krank geworden, die Erde und die Luft waren Gift für ihr Herz. Sie wäre eingegangen wie eine Pflanze, wenn sie nicht in letzter Stunde abgereist und nach Tahiti zurückgekehrt wäre, sterbenselend und schwer atmend wie ein Lungenkranker, der neue Gebiete aufsucht, um Luft zu bekommen. Ihr Mann hatte sie zurückgebracht, ging aber selbst bald wieder nach Europa. Sie hörte nur noch einmal von ihm: als sie Nachricht von seinen Angehörigen bekam, daß er das Opfer eines Unfalls im Gebirge geworden sei. Sie besaß einen schönen Bungalow bei Papeete in einem paradiesischen Garten, inmitten Palmen, Bananenstauden und Majoreebäumen. Er lag auf einer Anhöhe, wir hatten von dort aus einen herrlichen Blick auf die Bucht. Eine schöne junge Tahitianerin war still und unaufdringlich beschäftigt. Kaum brauchte ihr die Herrin Befehle zu geben. Sie fragte mehr mit den Augen und erhielt Antwort. Sie besorgte den Haushalt und blieb doch fast unsichtbar im Hintergrund, sie störte nicht, war wie eine gute, sorgende Schwester. Die Jacht Moana, unser schwimmendes Schlaraffenland, blieb zwei Monate im Hafen von Tahiti. Mister Leeds mit seiner Gesellschaft kostete alle Freuden 123 reichlich aus. Die reichen Leute gaben ihr Geld aus in den großen Gaststätten und Bars, nahmen Fremdenführer und ließen sich die Sehenswürdigkeiten der Insel zeigen, Original tahitische Tänze und Original- Palmenwald, alles gegen gute Dollars, tranken französischen Champagner auf Terrassen unter Palmen, arrangierten Kostümfeste in tahitianischen Parees, Illuminationen am Strand. Ich machte auch mal einen Abstecher nach der Nachbarinsel Morea mit, die wie eine Hand mit zum Schwur erhobenen Fingern gen Himmel ragt. Solch eigentümliche Formen haben die Felsen und Berge auf der Insel gebildet. Das Leben auf den Nachbarinseln ist noch ursprünglicher als auf Tahiti. Der Strom des Fremdenverkehrs ist noch nicht so darüber hingegangen. Am Strand zwischen den Palmen stehen die Eingeborenenhütten, so wie sie vor alter Zeit errichtet worden sind, primitiv hergestellt. Mister Leeds ließ dort den Eingeborenen einen Film vorführen:„ Meuterei auf der Bounty", der in Tahiti aufgenommen worden ist. Die einheimischen Betrachter gerieten außer Rand und Band vor Entzücken, namentlich dann, wenn sie ihre eigenen Leute auf der Leinwand sahen und Ausdrücke in ihrer Sprache hörten. Die Moana fuhr nach zwei Monaten weiter, ohne mich. Ich blieb da, vertauschte das Schlaraffenland mit dem Paradies. Später traf ich bisweilen auf der Insel, meist in abgelegenen Gegenden, den Eigenbrötler Dr. Cavan, der es ebenfalls vorgezogen hatte, hierzubleiben. Er hatte einen unbewohnten Bungalow weitab vom menschlichen Getriebe erworben und hauste dort, nur von einem tahitianischen Diener betreut. Der Doktor hatte den erkrankten Mann geheilt, und der Gesundete schien dann glücklich zu sein, dem verehrten Wundermann folgen zu dürfen. Cavan betrieb wohl allerlei Forschungen für sein botanisches und medizinisches Wissen. Es konnte natürlich auch nicht ausbleiben, daß er als Arzt viel in Anspruch genommen wurde. Sein einsam gelegener Bungalow war bald zum Wallfahrtsort geworden und die Eingeborenen lagen oft geduldig tagelang vor seinem Haus, da Cavan manchmal für längere Zeit einfach verschwand und nicht aufzuspüren war. Ich lebte als Glücklicher mit den Glücklichen auf dieser Insel. Es ging mir auch nicht wie so vielen Europäern, die zuerst entzückt sind von der Schönheit dieses Idylls im Großen Ozean, dann aber zurück wollen in ihre gewohnte 124 Umgebung, in die Luft und den Lärm ihrer Städte. Es wird ihnen langweilig. Das Klima bekommt ihnen nicht, weder äußerlich noch innerlich. Es sind die Menschen, die begeistert von der Schönheit eines alten romantischen Bauwerks schwärmen, ja sogar eine Zeitlang darin wohnen, dann aber doch schleunigst in ihre moderne Vierzimmerwohnung zurückgehen, und zwar in erster Linie darum, weil fließend Wasser und WC. darin ist. Mir ging es anders. Ich fühlte mich heimisch auf diesem Boden, es war eine Luft um mich, die mir körperlich und seelisch zuträglich war; es kam mir vor, als sei ich erst jetzt auf meinen eigentlichen Platz an der Sonne gestellt worden, an dem ich Wurzel schlagen konnte. Ich fing von innen heraus zu leben an. Ich fühlte mich wie verwandelt, wie neugeboren. Mein Instinkt ließ mich glauben, ich sei schon tausend Jahre hier, es war wie ein Erinnern an eine Urheimat, die mich nach langem Fernsein wieder aufgenommen hatte. Ich überließ mich ganz der Wonne des neuen Lebens. Wie eine Pflanze entfaltete ich mich, die nicht nach Zeit und Stunde fragt. Die Tage gingen und schwanden, einer schöner als der andere. Ich führte mit Tete ein Leben in der Natur. Wir waren manchmal tagelang unterwegs. Braundunkel dehnten sich die riesigen Flächen der Wälder; wir zwei Menschlein standen verloren im Geheimnis des Waldes, der hier nicht Düsterkeiten und Schrecknisse hatte. Wir verfielen ganz seinem bannenden Reiz. Er wurde uns zum Zauberwald, zum Umkreis unserer Liebe, deren Phantasie unendlich beschwingt wurde. Durch Tete lernte ich den Wald kennen, die Pflanzen, die Tiere, das Meer. Einen großen Teil meines Daseins hatte ich auf dem Meer verbracht, ich hatte es nicht erlebt, nichts von ihm gewußt. Wir kletterten am Strand umher, wie fingen Fische, sie tauchte und brachte unwahrscheinliche Dinge hervor, Lebewesen, ob Pflanzen oder Tiere, was weiß ich. Sie kannte die Verstecke der Schildkröten und der Salamander. Sie schlängelte sich mit mir durch Brandungen, auf Wegen, die in bizarre Höhlen führten, in denen es wunderbar rauschte; Muscheln, in denen sich das ganze Leben und Weben des Meeres gefangen hatte. Wie die ersten Menschen waren wir, gedankenrein und keusch. Über allem Naturerlebnis lag der Zauber unserer Liebe. In paradiesischer Nacktheit überließen wir unsere Körper den Wogen. Es war eine unaussprechliche Wonne, sich dem nassen Element frei hinzugeben; es war, als verströme man im Strom des Lebens. Manchmal waren wir den ganzen 125 Tag über am und im Wasser, wanderten hinaus ins Meer, badeten, schwammen, balgten uns auf Stämmen und Hölzern. Ich bekam sie zu fassen, aber glatt wie eine Nixe entzog sie sich mir, tauchte minutenlang und stieg dann wieder wie eine schaumgeborene Venus hervor, mir mit anmutiger Gebärde eine Muschel oder sonst ein skurril geformtes Etwas reichend. So wandelte ich mit Tete auf den Pfaden der Freude und des Lebens. Ich wünschte mir nichts mehr, ich war glücklich wie ein Kind, ich war in meinem eigensten Element. Es stand für mich fest, daß ich mich hier für immer niederlassen werde. Es war meine Wahlheimat, mein Sinn stand nach nichts anderem. Ich schrieb meiner Mutter einen langen Brief, der in überströmenden Worten mein Glück kundtat. Daß ich hier für immer bleiben wolle und meine geliebte Tete heiraten werde. Heiraten? Tete war glücklich, als ich ihr davon sprach. Doch sie schmiegte sich an mich und fragte bang:„ Aber wenn ich dir in deine Heimat folgen soll, muß ich sterben. Selbst deine Liebe kann mich dann nicht am Leben erhalten." ,, Ich gehöre zu dir", tröstete ich sie. ,, Wo du bist, ist meine Heimat. Du und deine Heimat sind mir ein Begriff. Fühlst du nicht, daß mein Herz nie daran denken wird, dich und Tahiti zu verlassen?" Unser Bungalow war ein verwunschenes Schlößchen. Bad, Küche, Ofen, in dem mit einem kleinen Handfächer Feuer gemacht wird. Dann ein schöner, intimer Raum zum Aufenthalt, das war die ganze Herrlichkeit. Rund herum in der Länge und Breite zog sich eine Veranda um das Haus. Sie war geräumig und diente gleichzeitig meist als Wohnraum, sie war reichlich mit Möbeln, Tischen, Stühlen, Couchs, Polstern, Kissen und Decken versehen. Wir lebten im wahrsten Sinne des Wortes herrlich und in Freuden, im Paradies, verbunden in einer schönen Selbstverständlichkeit, in einer idealen Gemeinschaft. Die Tage brachten uns immer neue Erlebnisse in der Natur. Die ganze Fülle des Lebens bot sich uns auf dieser Märcheninsel. Wir wurden von immer neuen Wundern des Lebens und der Liebe überschüttet. Wir aẞen und tranken froh und dankbar vom Tisch des Lebens, der hier immer reichlich gedeckt war. Zu Hause die Wohnung blieb unverschlossen. Im Paradies gab es keine Diebe. Die französische Behörde hatte zwar ein Gefängnis eingerichtet, vielleicht, weil es zu einer Kolonie gehört, die zivilisiert werden soll. Aber es befand sich selten jemand im Prison, außer dem Gefängniswärter selbst. 126 Auch nachts sperrten wir Türen und Verschlüsse meist weit auf. Die balsamische Nacht wehte dann zu uns herein und umfächelte uns wonnig. Wir atmeten tief und selig ein wie die Blumen und Pflanzen draußen, die sich weit dem Balsam öffneten, die Orangen, Zitronen, Bananen, Kokosnüsse, Papajka, Majorée, Jasmin und Mango. Betäubend süßer Duft umfächelte uns, lau und zärtlich. Alles atmete und verströmte sich in einer seligen Lust. Unsere Liebe fand in der dionysischen Entfaltung dieser Nächte höchste Erfüllung. Von fernher klangen Musik und Gesang der Eingeborenen, es war alles traumhaft, unwirklich schön und tief. Der Himmel schien nähergerückt zu sein. Ich lauschte. Es war mir, als töne Sphärenmusik an mein Ohr. Ruhig und tief war mein Schlaf. Morgens, wenn ich erwachte, trat Tete an mein Bett und reichte mir einen Trank, ein Gemisch von Zitrone, Rum und Ei und allem möglichen, ein kräftiges, belebendes, würziges Getränk, ein wahres Elixier. Dann saß ich mit ihr am Frühstückstisch. Es gab reichhaltig ungeahnte Leckerbissen nach tahitianischer Art. In Vanille, Zimt und Butter gebackene Bananen, Früchte, Papoja, Mango, Majorée, es war jedesmal ein Fest des Schlemmens. Kokosmilch und eine Art Brotfrucht, kräftig und wohlschmeckend. Ich gewöhnte mir bald an, mit Tete nach tahitianischem Brauch zu essen, ohne Messer und Gabel, nur mit den Fingern. Besonders delikat waren auch die Fische, die auf verschiedene Art zubereitet wurden, einzelne mariniert mit Mayonnaise, deren Hauptbestandteil die aus geraspelter Kokosnuf gewonnene Milch ist. Zuweilen, aber nur selten, ging ich morgens allein, ohne Tete, weg, machte Streifzüge kreuz und quer in die nähere Umgebung. Ich besuchte dann wohl in abgelegenen Gebieten die zurückgezogen lebenden armen Eingeborenenfamilien, die mich freundlich aufnahmen und mir zeigten, wie sie wohnen und schlafen. Ziemlich primitiv. Sie brauchen nicht viel zum Leben und müssen auch nicht viel arbeiten, um zu leben. Die Früchte wachsen ihnen in den Mund hinein, und der Fischfang macht auch nicht viel Mühe. Sie schlafen auf selbstgeflochtenen Matten. Einrichtungsgegenstände und Geräte gibt es nur wenige. Kindhafte Menschen in diesem Garten Eden, lammfromm und ohne Arg, triebhaft wie Pflanzen lebend. Ihre Arbeit ist mehr ein Spielen, sie verbringen ihre Tage im süßen Nichtstun, ihre liebste Beschäftigung ist Gesang und Tanz. Mit Blumen und Pflanzen leben sie ihr naturhaftes Dasein. 127 Ich kam mir vor wie der cherubinische Wandersmann bei meinen Ausflügen auf der Insel. Ich befand mich hier in einer glückseligen Harmonie mit der Natur und dem Unendlichen. In frohen und guten Gedanken schritt ich dahin. Aber einmal geschah mir unerwartet etwas Schlimmes, das mich lange bedrückte. Ich stieß auf eine umzäunte Ansiedlung, die ich umgehen wollte. Da, in einem Winkel sah ich es, das Grausige: Leprakranke. Verdammte, die an gräßlichem Aussatz dahinsiechen, hier einem hilfe- und gnadenlosen Verenden ausgesetzt. Gebannt starrte ich eine Weile auf eine Gruppe mißgestalteter Männer, Frauen und Kinder, deren Glieder bei lebendigem Leibe verfaulen. Ohne zu wissen, ob es einen Sinn habe, wühlte ich meine Taschen durch, warf Geld, Zigarren und Süßigkeiten hinein und flüchtete dann vor dem scheußlichen Anblick. Wie gehetzt rannte ich davon, atemlos erst nach langer Zeit haltmachend. Ich war ganz verstört von diesem Erlebnis. So nahe liegen also Paradies und Hölle beieinander! Das gibt es alles gewissermaßen in einem Atemzug: höchste Reinheit und Schönheit, und daneben den Gifthauch des Todes, Häßlichkeit, Kloake. Ja, die Paradiese Gottes und des Teufels mischen sich auch sonst in der Welt manchmal auf eine erschreckliche Weise. Auch später dachte ich oft an die Unglücklichen in der Leprastation zurück. Ich werde innerlich nie von dem schrecklichen Anblick ganz loskommen. Lange sann ich darüber nach: wenn man doch eine wirkliche Aufgabe hätte im Leben! Das Höchste mußte es sein, wenn man anderen helfen konnte. Glücklich der Mensch, der vielleicht sein Leben damit zubrachte, ein Heilmittel gegen eine so furchtbare Krankheit wie Lepra zu suchen. Wie wunderbar auch, daß es Menschen gab, die freiwillig in eine solche Schrecknis gingen, um mit tätiger Nächstenliebe zu helfen! Ich eilte zu Tete zurück, bei ihr Trost zu suchen. Sie bemerkte gleich meine tiefe innere Erschütterung und suchte mich zu beruhigen. Ich schmiegte mich eng an sie und sagte leise, beschwörend: Du darfst mich nie allein lassen, Tete. Ich will nie mehr ohne dich sein. Ich habe heute zum erstenmal Furcht bekommen vor der Welt, vor dem, was uns allen an Schrecklichem zustoßen kann. Unerbittlich ist das Schicksal, grausam allein ist der Mensch, preisgegeben, schutzlos. Aber wenn du bei mir bist, kann mir nichts geschehen." 128 Ich dachte viel über das Wunder der Liebe nach, wie ich bei Tete ganz zu meinem Ich gekommen, ganz zum Menschen geworden war. Ohne sie würde ich wieder in die Nichtigkeit und das Unerfülltsein eines gewöhnlichen Lebens zurücksinken. Der Gedanke verursachte in mir Beklemmung, daß ich von Tete einmal getrennt werden, in die Unerbittlichkeit des feindlichen Lebens hinausgestoßen würde, in ein Dasein, das dann nicht mehr ein Kreuz und ein Quer auf der Suche nach Erfüllung sein konnte, sondern nur noch ein ahasverisches Umherirren. Ich beratschlagte mit Tete, wie ich mich hier seẞhaft machen und arbeiten könne. Sie ging mit mir zu ihrem Vater, bei dem ich gleich anfangs einmal gewesen war. Mit leisem Bangen hatte ich mich ihm das erstemal genaht. Wie würde er meine Bekanntschaft mit seiner Tochter aufnehmen? Er hatte mich sehr freundlich empfangen und mich eingeladen, wiederzukommen. Er war ein großer, stattlicher Herr, eine vornehme Erscheinung. Sein graumeliertes Haar stand ihm gut zu dem scharfgeschnittenen, ausdrucksvollen Gesicht. Der alte Herr lebte sehr zurückgezogen, hatte eine schöne, völkerkundliche Sammlung der Südsee- Inseln, und trieb allerlei Studien. Er hatte eine gütige, etwas müde Art zu reden. Seine tahitianische Frau hatte er wohl sehr geliebt, es war, als traure er noch um die vor anderthalb Jahrzehnten bereits Verstorbene, sein ganzes Wesen war von Melancholie und leiser Trauer umschattet. Auch seiner Tochter war er sehr zugetan, er hätte ihr sicher keinen Wunsch versagen können. So nahm er mich herzlich auf, als sie erklärte, sie wolle mich heiraten, und in seinem ganzen Benehmen mir gegenüber ließ er keinen Zweifel, daß er mit der Wahl seiner Tochter einverstanden sei. Er unterhielt sich mit mir gern in seiner französischen Muttersprache, und unser Verhältnis zueinander war ein fast kameradschaftliches. Als ich jetzt mit Tete kam, um mit ihm über mein endgültiges Verbleiben auf Tahiti zu sprechen, machte er es mir leicht und bot mir an, sein Teilhaber zu werden. Er hatte keinen männlichen Erben und auch sonst keinen Verwandten, der nach seinem Tode oder noch an seinem Lebensabend seine Plantage und sein Koprahandelsgeschäft hätte übernehmen können. Er freute sich herzlich, einen Schwiegersohn zu bekommen, dem er vertrauen und sein Lebenswerk zur Weiterführung übergeben konnte. Den Rückweg zu unserem Bungalow begannen wir in gehobener Stimmung. Es war alles nach Wunsch gegangen. Ich hatte meine Arbeit, mit der ich gleich Kunter- Wittmann, Weltreise 9 129 beginnen würde, ich hatte eine schöne, geschäftliche Zukunft vor mir, ein sorgenfreies Leben, ich war in allem gesichert, durfte auf meiner Insel, bei was konnte mir noch widerfahren? Ich war der geliebten Frau bleiben - der reinste Glückspilz, alles fiel mir zu, als wären die letzten Wünsche meines Herzens von einer gütigen Fee erfüllt worden. In mir war Jubel und Dank ohne Maß. Je mehr wir uns jedoch unserem Hause näherten, desto mehr befiel mich ein unerklärliches, bedrückendes Gefühl. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf, als ob mir etwas Schweres bevorstände, ein harter Schlag mich treffen werde. So sehr ich mich auch selber beschwichtigen und meine Unruhe vor Tete verbergen wollte, ich wurde das böse Gefühl nicht los. Zu Hause fand ich ein Schreiben des Gouverneurs vor. Nichts Gutes ahnend, öffnete ich es und bemerkte dabei, daß meine Finger leicht zitterten. Er teilte mir mit, daß er von meiner Absicht, auf Tahiti zu bleiben und zu heiraten, Kenntnis genommen habe. Es stehe dem nichts im Wege, wenn ich mir die ordnungsgemäßen Papiere besorge. Da ich deutscher Nationalität sei, müsse ich von einem französischen Generalkonsul oder aber in Paris mir die Aufenthaltsgenehmigung besorgen. Es werde mir nichts anderes übrigbleiben, als diese Papiere an Ort und Stelle zu beantragen. Ich müsse dieserhalb persönlich bei der zuständigen Behörde vorstellig werden. Im ersten Augenblick stand ich wie betäubt. Wie ein Schlag aus dem Hinterhalt traf die Erkenntnis mein Herz: Trennung von der geliebten Frau! Raus aus dem gelobten Lande. Vertreibung aus dem Paradies. Zurück nach Gott- weiß- wohin. Viele tausend Meilen von hier weg. Mir war, als versinke ich viele tausend Meilen ins Nichts. Wir ließen Tage dahingehen, wagten nicht von der grausamen Notwendigkeit zu sprechen. Aber es stand unausgesprochen zwischen uns, das eiserne Muß, es verdüsterte uns den goldenen Tag, es nahm uns Freude und Ruhe. Warum muß denn der Mensch immer gleich büßen, wenn ihn ein gütiges Geschick einmal auf den Gipfel des Glücks geführt hat?! Wie machtlos sind wir allen Launen und Tücken des Schicksals preisgegeben! Heute so, morgen so. Nichts hat Bestand. Wahrlich: des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil. 130 Da hatte ich nun den Platz gefunden auf Erden, der wie geschaffen für mich war. Ich war glücklich und zufrieden, gewillt, den Nachbarn in seinem Glück und seiner Zufriedenheit nicht zu stören. Schon paẞte es einem andern nicht, einem, der mich gar nicht kannte, dem ich gleichgültig sein mußte wie er mir. Irgendeine Maschinerie wurde in Bewegung gesetzt, Federn raschelten in einem Büro, Schreibmaschinen tippten, emsig und gewichtig hantierten Menschen, die einen Posten und ein gutes Einkommen hatten, und deren Beruf es war, Ordnung zu schaffen und eine menschliche Gemeinschaft zu organisieren dort, wo vorher nur eine göttliche Ordnung bestanden hatte und eine Gemeinschaft, die sich harmonisch und selbstverständlich gegliedert hatte, ohne Zwang und amtliches Verfahren. Gleich einem Giftpfeil aus dem Hinterhalt kam ein Papier angeschossen und zerstörte brutal das Glück und den Traum eines Menschen. Es mußte sein. Tete sprach es schließlich selber aus. Ich war zu feig dazu. Wir sprachen uns gegenseitig Mut zu, suchten einander zu trösten: ,, Es dauert ja nicht lange, dann sind wir wieder beieinander. Dann feiern wir Wiedersehen, dann ist die Freude und das Glück um so größer. Nichts und niemand soll uns dann auseinanderreißen!" Ich weiß nicht, wer unter der Trennung mehr gelitten hat, sie oder ich. In manchen Stunden war sie untröstlich, dann mußte ich sie halten und innerlich aufrichten, während es auch Stunden gab, wo sie mich tröstete und mir zuversichtlich zusprach. Auf dem Gouvernement erhielt ich die Auskunft, daß ich wahrscheinlich schon in Panama bei dem dortigen französischen Konsul die notwendigen Papiere erhalten werde. Ich beschloß also, nach Panama zu fahren. Der Dampfer ,, Commissaire Ramel", der von Numea über Zentralamerika nach Marseille fuhr, sollte mich meiner geliebten Tete entführen. Der schwere Tag brach an. Unser einziger Trost war, daß die Trennung nicht lang dauern und die Trauung sofort nach meiner Rückkehr stattfinden werde. Küsse. Tränen. Umarmung. Das, was millionenmal schon unter Menschen geschah, die sich lieben und voneinandergehen müssen. Abschied nehmen: welch herbes, bittersüßes Geschehen! 131 Die letzte Sekunde noch, die allerletzte beieinander. Die Mannschaften des Schiffes warfen bereits die Taue. Unter den Klängen der Schiffskapelle löste sich der gewaltige Zehntausend-Tonnen-Fracht- und Passagierdampfer vom Kai. Ich warf der am Ufer Verharrenden die Blumenkränze zu bis auf einen; so ist's hier der Brauch.. Das ist alles, was mir von ihr verblieb. In meiner Sammlung zu Hause in Thüringen hängt als unverwelkliche Erinnerung der verwelkte Blumenkranz, von der Hand Tetes gewunden. Langsam entschwand mir das geliebte Antlitz. Als wir schon weit auf der See waren, sah ich noch wie eine winzige Fahne das weiße Kleid Tetes flattern, das ich ihr einmal geschenkt hatte, wie wir ein Sommernachtsfest miteinander besuchten und als glückliches Paar unter Palmen wandelten. Der Weg ins Verhängnis Diesmal fuhr ich als zahlender Passagier auf dem Schiff. Die Reise verlief angenehm und ohne Zwischenfälle. Vielleicht wäre es aber besser gewesen, wenn ich als Arbeiter mitgefahren wäre, dann hätte ich über der Arbeit mein Heimweh nach Tahiti und Tete vergessen. Christobal- Colon war das Ziel meiner Reise. Der Dampfer nahm hier fahrplanmäßig zwei Tage Aufenthalt. Ich begab mich sofort zum französischen Konsul und mußte dort zu meiner maßlosen Enttäuschung erfahren, daß ich von ihm die Aufenthaltserlaubnis für Tahiti nicht erhalten könne. Er war Panamänier und deshalb Ehrenkonsul, der nicht die Rechte und Ermächtigungen eines ordentlichen Konsuls französischer Nationalität besaß. Was tun? Ich besann mich nicht lange. Die Papiere brauchte ich unter allen Umständen, und am besten war, ich ging gleich an die richtige Stelle. Der Dampfer fuhr morgen nach Marseille weiter. In einigen Wochen konnte ich in Paris sein. Ich gab sofort ein Telegramm an Tete auf, in dem ich ihr meinen Miẞerfolg und meinen neuen Entschluß mitteilte. Dann belegte ich wieder meine Kabine auf dem„, Commissaire Ramel". Die Reise ging über Curaçao, Martinique, Guadeloupe, wo der Dampfer anlegte. Zwei Beamte der Emigration erschienen an Bord und prüften die Papiere. Auf dem Schiff waren zwei Deutsche, außer mir noch ein Herr Eberhard von Nathusius. ,, Sie dürfen nicht von Bord gehen", erklärte der Beamte höflich, aber bestimmt. In Anbetracht der bedrohlichen politischen Verhältnisse in Europa mußte die französische Regierung Ausnahmebestimmungen treffen, nach denen Angehörigen deutscher Nationalität das Betreten französischen Bodens ohne besondere Erlaubnis nicht gestattet ist." 135 Wir waren demnach interniert. Große Ereignisse warfen ihre Schatten voraus. Im weiteren Verlauf unserer Reise schloß ich mich enger an den Landsmann an. Eberhard von Nathusius war eine jener merkwürdigen Globetrotter- gestalten, wie man sie da und dort auf großen Reisen einmal trifft; Menschen, wie sie nirgendwo im seßhaften Bürgertum möglich wären; wunderliche Typen, deren ganzes Leben eine dauernde Pilgerfahrt über diesen Erdball ist, die ohne Ruhe und Rast unterwegs sind. Nathusius war ein großer stattlicher Mann in mittleren Jahren, vornehm und elegant, sicher und gewandt im Auftreten. Auffallend war sein lang. herabwallendes Haar, das er bisweilen hochsteckte und hinter einer. schwarzen Binde verbarg, wenn er im Abendanzug in der Gesellschaft erschien. Er war immer höflich und verbindlich. Doch konnte niemand einen Blick hinter die Kulissen seines äußeren, Daseins tun. Wie bei allen derartigen Existenzen war es auch bei ihm sehr schwer, ihn in seiner wahren Gestalt zu erkennen. Wovon lebte er, woher kam er, wohin ging er? Vielleicht war er ein Gelehrter oder ein Künstler, vielleicht aber auch ein Diplomat oder der Vertreter eines Wirtschaftskonzerns. Wer kann es wissen, ob er nicht gar ein Spion, Agent, Berufsspieler oder sonst ein Abenteurer war? Hier versagt manchmal sogar die Kunst eines großen Menschenkenners, der an Worten, Gebärden und scheinbar unwichtigen Einzelheiten oft erkennen kann, wen er vor sich hat. Kellner haben da bisweilen die beste Witterung. Sie wissen untrüglich, wie sie den Mann vor sich einzuschätzen haben, welcher Gattung Mensch und Beruf er zugehört. Zu uns gesellte sich noch ein Schweizer namens Max Kübler, ein derber, vierschrötiger Mann, doch intelligent und gebildet, mit seiner Frau. Das Schiff lief am 7. April 1939 im Hafen von Marseille ein. Noch am selben Tag suchte ich den Grenzkommissar auf und trug ihm mein Anliegen vor.„Bedaure”, sagte er achselzuckend.„Ich kann Ihnen kein Visum geben und Ihnen auch keine Einreiseerlaubnis nach Paris erteilen. Im äußersten Falle will ich Ihnen ein Visum de transit sans arr&t zugestehen. Damit können Sie durch Frankreich in ein anderes Land ohne Aufenthalt und Umweg reisen.” Ich stand wie vernichtet von dieser Eröffnung. Im Augenblick schienen mir Tete, Tahiti, meine Zukunft, ich selbst in einen wilden Strudel zu versinken. "136; Ich war kaum imstande, mich zu beherrschen und meine furchtbare innere Erregung zu verbergen. Mein Gott, was sollte denn nun werden, welche schreckliche anonyme Macht stellte sich mir plötzlich in den Weg, um mich und mein Lebensglück zu zerstören?! Ich lief lange in den Straßen von Marseille umher, nicht fähig, einen klaren Gedanken oder Entschluß zu fassen. Koste es was es wolle, ich mußte die Papiere haben, die über mein ferneres Leben entscheidend sein würden. Ich beschloß, so lange wie möglich in Frankreich zu bleiben, um viel- leicht doch auf Umwegen nach Paris zu kommen und dort die lebenswichtigen Dokumente zu holen. Mit Nathusius und Kübler beratschlagte ich, was zu tun sei. Den beiden war auch durch die französischen Behörden ein Strich durch die Rechnung ge- macht worden. Sie hatten Reisepläne gehabt, die sie nun nicht ausführen konnten. Wir beschlossen, an der Riviera entlang nach San Remo zu reisen. Nathusius hatte stets eine Unmenge Gepäck bei sich, Dutzende von Koffern, Köfferchen und Schachteln, Mappen, Gegenständen, Behältern und Dingen von unmöglichem Format. Den Transport seiner Sachen zu organisieren, war jeweils ein Kunststück für sich. In Monte Carlo suchte Nathusius das Spielkasino auf und setzte sich ans Roulette. Ich ging aus Neugierde mit und sah zu. Ich hatte keinerlei Interesse fürs Glücksspiel. Aber es ergriff mich doch eine gewisse Spannung, als ich die Kugeln rollen sah und die fiebernde Teilnahme der Spieler an den Tischen bemerkte, die gleißende Aufmachung dieses gefährlichen Betriebs und das grelle Licht, in dem sich das turbulente Gewimmel abspielte. Wie eine Gottheit thronte am anderen Ende des Tisches die elegante Figur des Croupiers, kalt, höflich, unbewegt und wiederholte monoton sein„Mesdames et messieurs, faites votre jeu!”; Nathusius spielte mit Glück vom ersten Einsatz an. Mindestens zwanzigmal hintereinander strich er große oder kleine Beträge ein. Dann kam ein kleiner Rückschlag.‘ Er büßte eine geringe Summe ein. Sofort erhob er sich. ‚Cela suffit”, sagte er kurz und schob die Banknoten in seine Rocktasche. „Wie?“ sagte ich erstaunt und fast ärgerlich.„Sie haben Glück heute. War- um nützen Sie es nicht aus? Es ist klar, daß man zwischenrein auch mal ver- liert. Deswegen gibt man doch nicht auf.“ Ich bedrängte ihn fast. ,, Mensch, warum spielen Sie nicht weiter?" Er lächelte fein. ,, Weil es gegen mein Prinzip verstoßen würde." 11 Welches Prinzip?" ,, Sie fragen naiv. Wissen Sie nicht, daß kein Spieler sein Prinzip verrät?" ,, Haben Sie viel Erfolg im Spiel?" " Ja." ,, Ich möchte es auch mal versuchen. Können Sie mir nicht einen Typ geben?" Er betrachtete mich nachdenklich. ,, An Ihrer Stelle würde ich es lieber bleiben lassen. Aber versuchen können Sie's ja mal. Ja, ich gebe Ihnen auch einen Typ, weil Sie es sind. Hören Sie jedesmal sofort auf, sobald Sie das erste Spiel verlieren. Das erfordert viel Willenskraft, aber es lohnt sich auf die Dauer." ,, Na, lange kann man dann aber nie spielen, denn es geht doch meist nur ein paar Minuten gut, dann kommt unfehlbar ein Verlust." ,, Allerdings." Ich nahm am Roulettetisch Platz, setzte hundert Francs. Gewann. Nochmals hundert. Wiederum flogen mir ein paar Scheine zu. Fünf-, sechsmal hatte ich Glück. Dann verlor ich. Aber ich dachte nicht daran, aufzuhören. Die Spielleidenschaft hatte mich gepackt. Ich verlor zum zweitenmal, gewann wieder, verlor. Die Verluste blieben in der Minderzahl. Nach einer halben Stunde hatte ich einen Berg Banknoten vor mir liegen. ,, Machen Sie jetzt Schluß", raunte mir die Stimme des hinter mir stehenden Nathusius zu, als ich dann wieder zwei-, dreimal verlor. Aber ich drehte mich nicht mal nach ihm um. Keine Macht der Welt hätte mich jetzt vom Spieltisch weggebracht. Es kam eine Serie von Verlusten, dann wieder ein paar Gewinne; ein paarmal ging es hin und her, aber die Glückssträhne kam nicht wieder. Ich verbiẞ mich in das Spiel, wollte wenigstens noch eine Gewinnserie haben. Aber sie ließ sich nicht herbeizwingen. Mein Häufchen Banknoten schmolz zusammen. Ich griff nach meiner Brieftasche. Im Handumdrehen war der ganze Inhalt verspielt. Ich hatte dreitausend Francs bei mir gehabt. Ich wandte mich um und sagte fast schroff zu Nathusius: ,, Leihen Sie mir tausend Francs." 138 „Nein“, entgegnete er.„Lieber stecke ich die tausend Francs in diese Opfer- büchse, als daß ich sie in den Moloch der Bank werfe. Seien Sie ein Mann! Kommen Sie! Zahlen Sie dies Lehrgeld und spielen Sie nie wieder!” Widerstrebend ließ ich mich von ihm mitziehen. Er legte wirklich einen großen Geldschein in eine der Sammelbüchsen, deren Ertrag für wohltätige Zwecke gedacht war und ging mit, mir zum Hotel. Ich ärgerte mich sehr über meine Unbeherrschtheit, die mich so viel Geld gekostet hatte. Ich besaß nunmehr nur noch etwa 5000 Francs, der letzte Rest von 37 000 Francs, die ich von Tahiti mitgenommen hatte. An andern Tag war der Spielrausch verflogen. Ich lachte mich aus und freute mich in der Gewißheit, daß ich von der Spielsucht sicher geheilt war. Der Kummer war überwunden, der andere aber nagte stärker denn je an meinem Herzen. Ich begab mich zu Nathusius, den ich zu meiner Überraschung dabei antraf, seine sieben mal sieben Sachen zu packen. Er war im Begriff, abzureisen. „Vielleicht kommen Sie auch noch nach Deutschland,” sagte er zu mir,„dann besuchen Sie mich in Baden-Baden.“ Er hatte mir schon von seinem schönen Heim in Baden-Baden erzählt, Nathusius trennte sich also von uns. Ich blieb mit Kübler und seiner Frau zusammen, fuhr mit den beiden nach San Remo und nahm dort für acht Tage Aufenthalt. Kübler hatte auch eine abenteuerliche Vergangenheit. Aus einigen Äußerungen konnte ich schließen, daß er sich von der deutschen Polizei be- droht fühlte. Er hatte vor Jahren eine Devisenschiebung von Nürnberg in die Schweiz durchgeführt. In San Remo schickte er seine Frau nach Zürich. Sie sollte dort zunächst mal die Lage sondieren und feststellen, ob die Luft sauber sei. Andernfalls gedachte er, lieber andere Gefilde aufzusuchen. Nach ein paar Tagen konnte er jedoch mit seiner Frau in Zürich ein Ferngespräch führen, das ihm die Gewißheit brachte, daß sich nur die deutsche Polizei, nicht aber die schweizerische, für ihn interessierte. Er konnte also ruhig in die Schweiz zurückkehren. Seine Einladung, mit ihm zu fahren, nahm ich an. Wir reisten miteinander nach Zürich. Ich hatte mich dabei von dem Gedanken leiten lasssen, daß ich vielleicht von dem französischen Konsul in der Schweiz die vermaledeiten Papiere be- 139 F i E 1 N Der kommen könne. Aber ich kam schon gar nicht dazu, dies zu versuchen. Als ich mich in Zürich bei den Behörden anmelden wollte, wurde mir erklärt, daß ich binnen vierundzwanzig Stunden die Schweiz zu verlassen habe. Ich befand mich in einer ausweglosen Lage, zumal mir meine Barmittel ausgegangen waren. Ich hatte noch ein paar Francs in der Tasche als Rest eines kleinen Vermögens, wobei man allerdings berücksichtigen muß, daß der französische Franc nur geringwertig war. Wohin sollte ich mich wenden? Mein Geld reichte zu keiner großen Reise mehr, und die Schweiz mußte ich sofort verlasssn, wollte ich nicht als lästiger Ausländer abgeschoben werden. Es blieb in dieser kritischen Lage tatsächlich nur eins übrig: nach Deutschland zu gehen. Die Entscheidung unterlag nicht mehr meinem freien Willen, die Entwicklung war zwangsläufig. Es war mir, als werde ich auf einen vorgeschriebenen Weg gezwungen. Ich fuhr über die Grenze nach Singen am Hohentwiel. Mit meiner letzten Mark ging ich ins Gasthaus zum Kreuz, um eine Tasse Kaffee zu trinken und dabei meine heikle Lage zu überdenken. Es war klar, daß ich sofort eine Arbeit annehmen mußte, um mich durchzubringen. Bei allem war ich doch sehr zuversichtlich. Nach einer Stunde, als ich meine letzte Zigarette geraucht hatte, wollte ich aufbrechen, um die notwendigen Schritte für meine Existenzsicherung zu unternehmen, da fuhr ein Auto vor, und herein trat ein Herr, der nach kurzer Umschau im Lokal an meinem Tisch Platz nahm. Er hieß Erwin Schneider und besaß eine Autoreparaturwerkstätte in Sigmaringen. Wir kamen ins Gespräch, tasteten uns gegenseitig ab, auf die vorsichtige Weise, wie man das damals in Deutschland tat, ehe man sich nach und nach als Nazigegner bekanntgab. Wir verstanden uns in dieser wie auch in anderer Hinsicht vortrefflich. Er sagte, er fahre über Freiburg und Baden- Baden nach Karlsruhe. Auf meine Bitte erklärte er sich gern bereit, mich mitzunehmen. Wir fuhren also zunächst nach Freiburg. Ich hatte ihm einiges von meinen Reisen und Abenteuern berichtet und ihm auch nicht verhehlt, daß ich mich in einer sehr mißlichen Lage befinde. Er steckte mir insgeheim einen Geldschein in die Rocktasche, und ich tat so, als bemerke ich es nicht. In Freiburg besuchten wir die Schwester meines Gönners, die uns freundlich bewirtete und gern ein Stündchen meinen Erzählungen aus aller Welt zuhörte. Gegen Abend 140 fuhren wir dann nach Baden-Baden. Dort trennte ich mich von dem guten Mann. Ich ging sofort zu dem Haus, in dem Nathusius sein Heim hatte. Glück- licherweise traf ich ihn an, und er nahm mich freundlich auf. Ich sprach an einem der folgenden Tage bei der Kurverwaltung wegen einer Anstellung vor, vielleicht als Dolmetscher, oder meinetwegen auch als Küchenhelfer oder als Portier. Der Kurdirektor empfahl mir, mich an Herrn Professor Ebert zu wenden, der hier die Reichsstelle für Bodenforschung leite. Ich begab mich dorthin und sprach mit Dr. Ebert und seinem Mitarbeiter, Dr. Mitthoff, dem Geophysiker. Professor Ebert war lange Zeit in Spanien tätig gewesen und sprach gut spanisch. Ich unterhielt mich mit ihm in dieser Sprache, und er stellte mich schließlich für einfache Arbeiten in seinem Institut an. Hans Haus, einer seiner Mitarbeiter, weihte mich in die Geheimnisse der Bodenforschung ein. Unser Tätigkeitsfeld lag vorwiegend im Wald und in den Bergen. Wir machten Widerstandsmessungen und Radioaktivmessungen. Ich verdiente schön und hatte nebenher noch Einnahmen aus Übersetzungen von geophysischen Arbeiten aus dem Englischen ins Deutsche. So verbrachte ich ungestört und beschaulich einen schönen Sommer in Baden-Baden und seiner herrlichen Umgebung. Doch war ich innerlich unruhig und bedrückt. Oft lag ich nachts schlaflos und sann darüber nach, wie ich hier loskommen, meine Jagd nach den Papieren glücklich beenden und mich dann nach Tahiti einschiffen könne. Eine bange Ahnung beschlich mich, daß mir mit zunehmender Verschlechterung der Lage die Rückkehr zu Tete unmöglich gemacht werden würde. Besorgt verfolgte ich die Weiterentwicklung, zu jeder Stunde bereit, eine sich bietende Chance auszunützen und aus Deutschland zu verschwinden. Ich witterte Unheil und Kriegsgefahr. Aus einer anderen, friedlichen und normal denkenden Welt nach Deutschland zurückkehrend, kam ich mir manch- mal wie in einem Tollhaus vor, wenn ich die Zeitungen las, die voller plumper und hanebüchener Lügen und Verdrehungen waren; wenn ich die Reden der deutschen Staatsmänner hörte, die, im Fuhrmannston gehalten, gespickt mit Anpöbelungen fremder Staatsmänner und Beleidigungen von Angehörigen des eigenen Volkes und anderer Völker, dem gesunden Menschenverstand und 141 dem Empfinden des anständigen Menschen zuwiderliefen. Daß das auf die Dauer nicht gut gehen konnte und worauf das hinauslaufen würde, konnte sich jeder denkende und fühlende Mensch, der sich durch die Nazipropaganda nicht um das letzte bißchen Verstand und den Rest eines eigenen Urteils hatte bringen lassen, leicht ausrechnen. Es lag klar zutage, daß die Nazis hemmungslos aufgerüstet hatten, um einen Krieg vom Zaun zu brechen. Ich hatte natürlich schon verschiedene Male an Tete nach Tahiti geschrieben, aber noch keine Zeile von ihr erhalten. Täglich ging ich zum Postamt, um nach postlagernden Sendungen für mich zu fragen. Einmal sah der Beamte wieder das Päckchen" W" durch. Ich verfolgte gespannt seine Bewegungen und bemerkte, wie er bei einem Zettel stutzig wurde, um ihn dann hastig umzulegen. Ich hatte aber bereits gelesen, was auf dem Zettel stand: ,, Wittmann, Max. Gestapo anrufen bei Ankunft von Post" war mit Rotstift daraufgeschrieben. Ich wußte Bescheid. Die Gestapo interessierte sich also bereits für mich. Der Boden unter den Füßen wurde mir heiß. Um diese Zeit stellte die Bodenforschung in Baden- Baden ihre Tätigkeit ein und übersiedelte nach Berlin zu ihrem Hauptbetrieb. Ich ging nicht mit, sondern reiste zunächst mal nach Frankfurt am Main. Wie es sich so gab, nahm ich eine Anstellung als Barportier in den großen Betrieben am Eschersheimer Turm an. Ab neun Uhr abends stand ich am Eingang der Bar in der Livree, mitunter bis spät in der Nacht und in den frühen Morgen. Es war auch ein Vertrauensposten"; gar mancher ,, Dienst am Kunden" wurde sozusagen mit Gold aufgewogen. Ich kam im Monat auf achthundert bis tausend Mark. In den Lokalen verkehrten viele hohe Nazioffiziere und„ Hoheitsträger". Was ich da zu sehen bekam, war nicht geeignet, mir Achtung vor diesen Herren beizubringen. Sie besoffen sich sinnlos, gröhlten und randalierten, führten gemeine Reden, brüsteten sich auf eine alberne und abstoßende Art und benahmen sich alles in allem so, daß einem der Ekel zum Hals heraufstieg. So sahen also die Herrenmenschen aus, die Edelsten der Nation, wie sie von ihrer verlogenen Propaganda sich selbst feiern ließen! - Das Volk lebte dumpf und geduckt in der unheilschwangeren Atmosphäre ständiger Kriegsdrohung. Dunkle Gewitterwolken lagerten über Europa. Die 142 Katastrophe stand unmittelbar bevor. Eine schreckliche Spannung war in den Menschen, jeder fühlte es herankommen wie ein Naturereignis. Und dann war es plötzlich da, fast spielerisch machten es die Naziverbrecher, wie ein Gangster, der ein Ding dreht". Die apokalyptischen Reiter hatten ihren Ritt begonnen; unter den Hufen ihrer Pferde sollte Europa mehr als fünf Jahre lang zerstört, um Reichtum, Errungenschaften und den Fortschritt von Jahrhunderten gebracht werden. Über mich kam es wie eine Panik. Jetzt mußte ich hinaus, koste es, was es wolle. Dem Fluch der wahnsinnigen Machenschaften in diesem Volk wollte ich nicht anheimfallen, ich wollte mich in keiner Weise mitschuldig machen an dem Verbrechen, das hier begangen wurde. Jemand behauptete, daß von Jugoslawien aus noch Schiffe nach Südamerika führen. Da stand mein Entschluß fest. Ich mußte nach Jugoslawien durchzubrechen versuchen. Ich gab also meinen Posten in dem Vergnügungslokal auf und fuhr zunächst nach Hause. Dort überfiel mich die Hiobsbotschaft, daß meine Mutter vor kurzem gestorben sei. Der Schlag traf mich schwer. Aber ich hatte nicht Zeit, an ihrem Grabe lange zu trauern. Ich mußte wieder weg, weiter. Mein Bruder unkte, warnte mich, die Grenze zu überschreiten, es gehe um meinen Kopf. Denn ich werde jetzt im Krieg als Deserteur gelten und nach den Kriegsgesetzen zum Tode verurteilt werden, wenn man mich beim Grenzübertritt abfaßte. Mich konnte nichts halten. Ich mußte natürlich schwarz über die Grenze gehen, denn meine Papiere würden wahrscheinlich beanstandet werden, wenn ich sie vorzeigte, und auch sonst würde man mich nicht aus Deutschland hinauslassen. Ich fuhr über Regensburg, Passau nach Linz. Dann über Klagenfurt an die jugoslawische Grenze. Die Nacht verbrachte ich bei einem Bauern namens Hild in der Nähe von Völkermarkt, der mich von meinen früheren Reisen her kannte und der sich herzlich freute, mich wiederzusehen. Ich vertraute ihm meinen Plan an, und er unterstützte mich hilfreich in meinem Fortkommen. In der Neujahrsnacht 1940 ging ich querfeldein durch hohen Schnee dem Großen Betzen an der jugoslawischen Grenze entgegen. Eisige Kälte durchfror 143 meine Glieder. Ich hatte mich mit Wurst, Brot und Schnaps versorgt, das half tüchtig meinen Kräften nach. “Auf dem Kamm des Bergrückens zog sich die Landesgrenze hin. Vorsichtig stieg ich durch den verschneiten Bergwald empor. Mitunter kroch ich auf Händen und Füßen den Abhang hinauf. Wie mit Nadeln stach die Kälte. Die Hände schmerzten, als hielte ich sie ins Feuer. Es war eine Qual, bis ich endlich oben war, an den Grenzsteinen zwischen Deutschland und Jugoslawien. Weit und breit kein Mensch, keine Spur eines Grenzwächters. Ich tastete mit meinem Feldstecher die Umgebung ab, es schien alles sauber zu sein. Leise, auf allen Vieren, kroch ich über den Pfad, der die Grenze markierte, ich befand mich auf jugoslawischem Boden. In die Falle gegangen Damit war ich noch nicht außer Gefahr. Wenn mich jetzt ein Grenzer faßte, wurde ich entweder verhaftet oder aber wieder nach Deutschland abgeschoben. Behutsam begann ich den Abstieg, rutschte durch das Dickicht des Waldes den steilen Hang hinunter. Es war gegen Morgen, schon ziemlich hell. Am Waldrand suchte ich mit dem Fernglas das flache Land vor mir ab. In einigen hundert Meter Entfernung sah ich zwei serbische Grenzsoldaten, den Mantel hoch über die Ohren geschlagen, Zigarre im Mund, in eifriger Unterhaltung. Ich schlug einen Bogen und erreichte in der Deckung eines Gehölzes die Talsohle. Ich schlich abseitige Pfade entlang, an einer Sägmühle vorbei und umging das nächste Dorf, um nicht angehalten zu werden, da ich Gendarmen auf der Straße bemerkte. An einer Wegsenke wieder ein paar Häuser. Ein Gasthaus. Ich ging hinein, bestellte etwas zu trinken, nahm Platz am Fenster, um die Straße beobachten zu können. Im Gespräch mit dem Wirt erfuhr ich, daß er Besitzungen auf der österreichischen Seite habe und manchmal hinübergehe. Auf meine Bitte wechselte er mir mein deutsches Geld ein. Dann marschierte ich abermals zwei, drei Stunden, bis ich mich sicherer fühlte. Nachmittags fuhr ich von einer Bahnstation mit dem Zuge nach Agram und blieb dort über Nacht in einem christlichen Hospiz. Beim Abendessen saß ich neben einem jungen Mann, einem Studenten, der eine freundliche, vertrauenerweckende Art hatte. Ich saß abends noch ein Stündchen bei ihm, erzählte ihm von meinen Fahrten und Schicksalen und daß ich jetzt in einer sehr unangenehmen, peinvollen Lage sei. Er stellte mir ein Empfehlungsschreiben aus, in dem ich als Deutsch- Amerikaner, aus Deutschland emigriert, bezeichnet wurde, und daß man mir überall freundliche Aufnahme und Unterstützung zuteil werden lassen solle. Auch beschaffte er mir den Stempel und Kunter- Wittmann, Weltreise 10 145 die Unterschrift des Bischofs dazu. So konnte ich am andern Morgen, mit dem Segen des Seelenhirten versehen, weiterpilgern. Das Schreiben half mir in Dalmatien mancherorts weiter. Zunächst fuhr ich nach Spalato. Anfänglich simulierte ich auf meinen Fahrten im Zug zuweilen den Taubstummen, um dadurch etwaigen neugierigen Fragestellern auszuweichen. Ein paarmal nächtigte ich beim Nachtwächter eines Segeljacht- Klubs im Bootsschuppen. Dadurch ging ich den Anmeldereien in den Hotels aus dem Weg. Teils fuhr ich, teils tippelte ich durch Dalmatien. Eines Abends langte ich in einem Kloster an, wo ich gut aufgenommen und bewirtet wurde. Es gab ein Krautgericht, das mit Öl auf dalmatinische Art zubereitet war und dazu einen echten, alten dalmatinischen Wein, der das Blut wie Feuer durch die Adern rinnen ließ. Später in Ragusa fand ich bei einer Emigrantenfamilie freundliche Aufnahme. Ich erhielt kostenlos Essen und Wohnung. Ragusa, eine althistorische Festungsstadt, liegt in einer imposanten Gebirgsszenerie am Meer, blau dehnt sich die weite Fläche des Meeres, die schöne kleine Halbinsel Lapat streckt sich ins Blaue, ein bunter Kranz von Villen in südlichen Gärten hebt sich von dem blauen Hintergrund ab. Bei einem Spaziergang durch den Hafen sah ich eine kleine Jacht. Es gab sich, daß ich mich dem Besitzer, einem Juden, nähern konnte, der mir Interesse und Wohlwollen bezeigte, als ich mich als Emigrant und Antifaschist zu erkennen gab. Er brachte mich mit einem Angehörigen der reichen Familie Banat zusammen, die über eine große Schiffahrtslinie verfügte. Auf dieser Linie fuhr ab und zu noch ein Schiff nach Südamerika. Es war unmöglich, ohne besondere Erlaubnis und ohne Visum einen Platz auf einem solchen Dampfer zu bekommen. ,, Ja, es ist schwierig", sagte Banat, aber wir beide gehören nicht zu denen, die sich von Schwierigkeiten bluffen lassen. Geduld, wir werden schon einen Weg finden." Und nach ein paar Tagen eröffnete mir der Gute:" Morgen fährt eins unserer Schiffe hinüber. Willst du mit?" ,, Ob ich will?! Es wird doch nicht möglich sein." ,, Hast du das jemals gesagt, wenn du dich als blinder Passagier auf einem Schiff einquartiert hast? Na also. Komm mit. Ich zeige dir jetzt unsere 146 Jungfer" und wie du geschickt an sie herankommen und sie nehmen kannst. Das weitere ist dann deine Sache. Ich habe damit nichts zu tun, verstanden?" Ich hatte verstanden und merkte mir die Stellen gut, wo ich am besten heimlich an Bord gehen konnte. Ich war voller Erwartung und Erregung. Wurde nach langem Hangen und Bangen der Weg mir wieder freigegeben, der Weg zu Tete und dem Paradies? Ich lag lange wach und träumte von der Südsee, die Sehnsucht nach Tete erfaßte mich von neuem übermächtig. Gegen Morgen erst schlief ich ein, wurde plötzlich durch heftiges Pochen geweckt, taumelte schlaftrunken auf, öffnete. Zwei Polizisten standen vor mir. Sie waren gekommen, mich zu verhaften. Im Polizeirevier erklärte man mir, daß ich im Zuge einer Razzia gegen verdächtige Ausländer festgenommen worden sei. Es könne schon ein paar Wochen dauern, bis die Nachforschungen und Untersuchungen abgeschlossen seien. So lange müsse ich mich mit einem unfreiwilligen Aufenthalt hinter Gittern zufrieden geben. Ich wurde auf dem Seeweg nach Spalato gebracht und von hier mit der Bahn nach Agram. Im Polizeigefängnis in der Petrinska- Ulitza begannen die Verhöre. Hier wurde mir bereits Spionage zugunsten Deutschlands vorgeworfen. Es sah schlimm für mich und meine Freiheit aus. Der Aufenthalt im Agramer Polizeigefängnis erinnerte mich an die Schreckenstage im Gefängnis zu Santos. Die Unterkunft war verdreckt und voller Ungeziefer. Es wimmelte von Wanzen und Läusen. Schlafen mußte ich auf einer Holzpritsche ohne Decke. Am Tag gab es nur einmal zu essen, meistens rote Bohnen mit einem Stück Brot dazu. Wie eine wilde Horde stürzten sich meine Mitgefangenen auf das Essen und oftmals gab es wüste Schlägereien um den Fraẞ. Mir grauste vor den Leuten, die sich in zerlumptem und ekelerregendem Zustand befanden. Nicht auszudenken, wenn ich Wochen oder gar Monate unter ihnen hausen mußte. Da hatte ich wieder mal Glück. Ich konnte bereits so viel Serbisch, daß ich mich mit dem Wärter zu verständigen vermochte. Er war sehr zugänglich, namentlich meinem Geldbeutel. Geld bewirkte mehr als gute Worte, daß er mir eine bessere, reinlichere Zelle verschaffte. Ja, hin und wieder ließ er sich 147 bewegen, mir gegen gute Bezahlung Essen aus dem Gasthaus zu besorgen. Nach einigen Monaten durfte ich sogar bisweilen mit einem Polizisten in der Stadt spazierengehen, natürlich immer auf Kosten meines Geldbeutels. So ging das tagein, tagaus, von einer Woche zur anderen; als Abwechslung nur die Verhöre. Nach Verlauf von acht Monaten hatte man sich wohl endlich davon überzeugt, daß ich kein deutscher Spion sei und daß man meinen Beteuerungen, ich sei Deserteur und wegen meiner Einstellung gegen das Hitlerregime emigriert, Glauben schenken könne. Man eröffnete mir, ich sei von der Anklage der Spionage zugunsten Deutschlands mangels Beweisen freigesprochen, doch werde ich als lästiger Ausländer über die griechische Grenze abgeschoben. Mit einem Transport von Leidensgenossen, die ein ähnliches Schicksal erlitten wie ich, wurde ich unter Bewachung von zwölf Gendarmen nach Belgrad überführt. Dort wurde ich in dem berüchtigten Schraubgefängnis untergebracht. Das war eine wahre Schreckenskammer. Zuerst wurden uns die Haare geschnitten, sträflingsmäßig. Dann steckte man mich in eine bereits überfüllte Zelle, die ursprünglich für etwa zehn Personen gedacht war, und in der sich jetzt vierzig befanden. Hier gab es nur den kahlen Raum ohne irgendwelche Gegenstände, kein Tisch, kein Stuhl, keine Pritsche zum Schlafen. Die vierzig Leute hatten kaum Platz, sich auf dem Boden auszustrecken; sie konnten nicht auf dem Rücken liegen, sondern mußten sich, den Platz geschickt ausnützend, hintereinander auf die Seite legen, um im Liegen schlafen zu können. Die Nahrung für die Gefangenen bestand hier tatsächlich aus weiter nichts als Wasser und Brot, nie ein anderes oder ein warmes Essen. Der düstere Raum wurde außer von zu vielen Menschen noch von einem Heer von Wanzen und Läusen bevölkert, die einen aufs Blut peinigten. Auch hier war natürlich wieder eine Auslese der menschlichen Gesellschaft versammelt, furchterregende Gestalten, aus allen Ecken des Balkans herbeigeholt. Menschen mit üblen Gewohnheiten, dreckstarrend, mißgestaltet, zanksüchtig, wüst. Der Abschaum. Ein bestialischer Gestank erfüllte den Raum. Neben dem Eingang in der Ecke eine Art Verließ, wo der Kübel stand, der nie ausreichte. Es war ein gräßliches Loch, auch ein Dokument menschlicher Zivilisation. Überall in der Welt gibt es Zustände und Einrichtungen, die zum Himmel schreien und einen Schandfleck für die sogenannte gesittete Welt 148 bilden. Anständige Menschen im Volk müßten sich schämen, so etwas zu dulden. Kann jemand’ermessen, was es heißt, dreißig Tage lang in einer solchen Tag- und Nacht-Dauerfolter leben zu müssen? Welche Körper- und Seelen- qualen man da aushalten muß? Groß ist das unvermeidbare Leid in der Welt, noch größer das vermeidbare. Es ist ein trauriges Kapitel in der Menschheits- geschichte, daß es zu allen Zeiten so viel Leid, Kummer, Qual und Elend gegeben hat, das hätte vermieden werden können. Unter gruseligen Gefühlen hatte ich mir als Junge manchmal vorgestellt, wie es den Sklaven und Galeeren- sträflingen zumute gewesen sein und was sie gelitten haben mußten; es war aber immer bei verschwommenen und undeutlichen Vorstellungen geblieben. Jetzt konnte ich von mir sagen, daß ich derartige Leiden und Qualen schon selber durchlebt hatte. Noch hatte ich keine Ahnung, daß einmal die Zeit kommen würde, wo ich die tiefsten Abgründe der Leiden durchmessen sollte, die Menschenleiber und-herzen bisher erfahren haben. Auf meine Anfrage bei der Gefängnisleitung erhielt ich die Auskunft, daß man die Gelegenheit des Weitertransports abwarten müsse; deshalb der ver- zögernde Aufenthalt im Polizeigefängnis. Mein Einwand, daß ich doch frei- gesprochen und darum nicht als Gefangener zu behandeln sei, wurde nicht beachtet. Endlich kam der Tag, an dem sich das Tor für uns wieder öffnete. Wir wurden auf einen Lastkraftwagen verladen und in Richtung griechische Grenze transportiert. Nach zwei Tagen kamen wir dort an, wurden der Grenz- gendarmerie übergeben. Es entspann sich sofort ein wildes Geschrei zwischen unseren Polizisten und den Grenzbeamten, die offenbar mit dem Schub nicht einverstanden waren. Aber unsere Polizisten machten kurzen Prozeß, setzten uns ab und fuhren eilig davon. Da standen wir erst mal einen halben Tag frierend und ausgehungert umher. Dann erklärte uns ein Beamter kurz und bündig, daß die griechische Grenze zu stark von Militär besetzt sei und daher keine Möglichkeit bestehe, den Schub hinüberzubringen. Also auch die Re- gierungen arbeiteten„illegal”, denn ihre Beamten waren ja angewiesen, un- erwünschte Elemente auf Schleichwegen über die Grenze ins Nachbarland abzuschieben. 149 Ungeachtet unserer Proteste und ohne viel Federlesen wurden wir wieder eingepackt und zunächst nach Skoplje zurückgefahren, dort in ein altes türkisches Gefängnis eingeliefert. Ein zweistöckiger Bau, aus Lehm und Holz gebaut, mit einer drei Meter hohen Lehmmauer; fast romantisch von außen anzusehen, auch von innen, aber da machte mir die Romantik gerade keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Zu Seiten der Treppe, die ich hinauf mußte, hingen große, schwere Eisen und Ringe, die man wahrscheinlich den Schwerverbrechern um den Hals oder an die Füße schmiedete. Auch erblickte ich einen derben Farrenschwanz; demnach gab es in dieser menschenfreundlichen Anstalt auch Schläge. Glücklicherweise wurde es hier nicht so schlimm, wie der erste Anschein vermuten ließ. In der Zelle, die mir zugewiesen wurde, hockten auf dem von Ratten und Mäusen durchlöcherten Fußboden sechs Muselmänner, in ihren weißen Tüchern eingewickelt. Ich betrachtete sie etwas argwöhnisch. Sie sprachen nichts mit mir, doch wandte sich der eine und andere mal freundlich mir zu, und dann reichten sie mir Brot, Schafkäse und Weintrauben. Es war friedlich und angenehm in diesem kargen Raum wie in einer Klosterzelle. Bald darauf ließ mich der Gefängnisaufseher rufen; er war sehr nett zu mir, lud mich zum Abendessen ein, und ich unterhielt mich noch eine Weile mit ihm. Mit meinem Serbisch kam ich bereits ganz gut durch. Nachts kehrte ich dann in meine Zelle zurück. Die Muselmänner saßen immer noch auf demselben Fleck wie Gespenster. Sie sprachen jetzt nicht mehr miteinander; vielleicht waren sie ins Gebet vertieft. Hier hätte ich es schon ein paar Wochen ausgehalten, aber es war meines Bleibens nicht lange. In der dritten Nacht wurde ich von serbischen Grenzpolizisten abgeholt. Diesmal ging es, wie sie mir auf Befragen mitteilten, an die ungarische Grenze. Etwa dreihundert Kilometer. Eine Tagesfahrt. Abends waren wir an Ort und Stelle. Die Soldaten brummten etwas, und ehe ich es mir recht versah, stand ich allein auf weiter Flur. Verloren und verlassen in unbekanntem, fremdartigem Gelände. Ich wanderte ein paar Stunden plan- und richtungslos durch Steppenlandschaft; es mochte wohl eine Gegend der ungarischen Puẞta sein. Im Morgengrauen irrte ich noch lange umher, bis ich endlich auf eine Straße kam, die zu einem Dorf am Balaton- See führte. Von dort nahm mich ein Auto mit nach Budapest. In der ungarischen Hauptstadt 150 war es mir aber auch nicht ganz geheuer. Ich befand mich in völliger innerer Verwirrung, wie ja mein ganzes Leben zur Zeit in die Irre ging, ich bewegte mich seit Monaten in einem Labyrinth, in dem ich mich immer mehr zu verstricken schien. Wohin sollte das führen? Soviel ich auch überlegte, ich konnte mir nur einen Ausweg denken: erneut versuchen, an die Küste zu gelangen und von dort mit einem Schiff aus Europa loszukommen. In Betracht kam jedoch nur die jugoslawische Küste. Ich mußte also im Kreis zurück nach Kroatien, Dalmatien. So begab ich mich zunächst an die österreichisch- ungarische Grenze. In der Nähe von Neusiedel am See brachten mich einige Ungarn ins Österreichische hinüber. Wenig später war ich in Wien. Dort hatte ich keine ruhige Stunde mehr. Wenn sich jezt die Gestapo um mich kümmerte, war es um mich geschehen. Auch spürte ich bereits wieder in allen Nerven die ungute Atmosphäre in Nazideutschland. Es brodelte in diesem Hexenkessel wie von Schwefel und Unrat. Die Menschen kamen mir wie verzaubert vor, verdreht in ihrem Denken und Fühlen, irr und krank, von allen guten Geistern verlassen. Die bösen Geister aber machten sich im ganzen öffentlichen Leben, an allen Ecken und Enden, in jeder Lebensäußerung bemerkbar. Die Luft war vergiftet, es roch penetrant nach Teufelschwefel. Die Knechtung und Verseuchung des deutschen Volkes mit der Giftspritze des Nazismus war weit fortgeschritten. Der Wahnsinn tobte sich in voller Stärke aus. Dazu der Taumel über die Erfolge im Frankreich- Feldzug! Es mochte kommen wie es wollte: hier konnte ich es keine zwei Tage aushalten. Ohne große Vorbereitungen und ohne langes Besinnen wandte ich mich von neuem der österreichisch- jugoslawischen Grenze zu. Durch einen günstigen Zufall gelang es mir, leicht und ungefährdet hinüberzukommen. Ein paar Stunden Bahnfahrt und ich befand mich wieder in Agram. Mein Ziel mußte wieder Ragusa sein, dort würde mir sicher der Schiffseigner Banat weiterhelfen, übers Meer in die Freiheit. Aber ich beschloß, zunächst eine Weile in Agram zu bleiben, ich mußte erst neue Kräfte sammeln. Im Augenblick getraute ich mich nicht recht, an den Schauplatz meines großen Mißgeschickes zurückzukehren. Ich erinnerte mich, im Agramer Gefängnis mit einem Studenten der Medizin, Ivan Sirocio, zusammengewesen zu sein, der dort einige Zeit wegen kommunistischer Umtriebe in Haft gewesen war. Sirocio hatte mir gesagt, 151 wenn ich mal Hilfe brauchen würde, sollte ich mich an seine Eltern wenden. Das tat ich jetzt. Sein Vater war Professor im Ruhestand und lebte in einer kleinen Villa in der Nähe von Agram. Das alte Ehepaar nahm mich freundlich und hilfsbereit auf, und mir tat die herzliche Gastfreundschaft nach der langen Zeit der Strapazen gut. Die braven Leute betreuten mich, halfen und rieten mir auf jede Art. Einmal meinte Herr Sirocio, ob es nicht besser sei, wenn ich mir einen gültigen Paẞ besorgen würde. Zur Zeit sei ich so gut wie staatenlos, und ich könnte unerwartet da und dort Schwierigkeiten bekommen. Ich fand den Vorschlag nicht so schlecht und begab mich in diesen Tagen zum deutschen Konsulat. Der Konsul fragte mich dies und das, er war höflich und angenehm, es sah aus, als sollte ich Glück haben. ,, Es kann vierzehn Tage dauern", meinte er.„ Kommen Sie wieder vorbei; es wird dann schon klappen." Nach zwei Wochen stellte ich mich wieder ein. Diesmal wurde ich von einem anderen Konsulatsbeamten empfangen. Er musterte mich prüfend. ,, Ja", sagte er mit einer etwas schleppenden Stimme, die mich unangenehm berührte ,,, Ihr Paß ist fertig. Aber sagen Sie, was tun Sie denn hier? Wollen Sie nicht nach Deutschland zurückkehren? Es muß doch jedem echten Deutschen daran liegen, jetzt, im Schicksalskampf seines Volkes, in der Heimat zu weilen." ,, Nun ja", erwiderte ich, gelegentlich werde ich nach Deutschland zurückkehren. Es leben schließlich noch mehr Deutsche in Jugoslawien, die auch nicht ohne weiteres nach Deutschland umsiedeln. Ganz abgesehen wohl von den internationalen Bestimmungen, die das zur Zeit gar nicht zulassen würden." Er lächelte unangenehm.„ Das wird sich bald ändern. Und überdies: wenn man will, findet sich für einen jungen Mann immer ein Weg in die Heimat. Nun, sei dem wie es wolle: Sie können Ihren Paß morgen haben. Es ist noch eine Unterschrift erforderlich, die ich im Augenblick nicht beibringen kann." Wie ich ihm den Rücken wandte und die Treppe hinunterging, überfiel mich plötzlich ein eigenartiges Gefühl von Niedergeschlagenheit, ja von Bangigkeit. Es wurde mir eng und beklommen über der Brust. Ich konnte mir nicht erklären, wieso ich so unvermittelt in eine tiefe Depression versetzt wurde. Es kam mir auf einmal in den Sinn, daß Kroatien ein Land war, dessen Regierung in manchen Stellen stark mit Deutschland sympathisierte, ja, ich hatte schon 152 gehört, daß die Nazis Einfluß in Regierungsämtern hätten, daß es im ganzen Land von dunklen Machenschaften wimmelte, und daß die deutsche Gestapo insgeheim mit den kroatischen Polizeibehörden, der späteren Ustascha, eng zusammenarbeitete. Mein Schritt, den ich beim deutschen Konsulat unternommen hatte, stellte sich im Moment in einem anderen Lichte dar. Wie, wenn ich hier einen Fehler begangen und die deutschen Behörden erst auf mich aufmerksam gemacht hätte? Es war mir bekannt, daß die Deutschen über einen großartigen, weitverzweigten und machtvollen Apparat im Ausland verfügten. Blitzschnell gingen mir diese Gedanken durch den Kopf, während ich im Begriff war, das Haus zu verlassen. Unten am Eingang trat ein Beamter auf mich zu, deutete auf eine Marke hinter dem Rock, und forderte mich auf, ihm unauffällig zu folgen. Er führte mich in eine Polizeibeamtung. ,, So, Papiere wollen Sie?" fragte jemand.„ Nun, Sie werden keine mehr brauchen. Sie sind dumm und frech, wissen Sie das? Wie kann ein Emigrant und Deserteur es wagen, zum Konsulat zu gehen und sich einen Paß ausstellen zu lassen! Sie werden ausgeliefert an die deutschen Behörden." Mir drehte sich alles vor den Augen, Büro und Menschen schwammen wie in einer Wolke von Nebel. Ich konnte nichts erwidern, hatte auch keine Zeit und Gelegenheit dazu. Ein paar Hände packten mich unsanft und schoben mich zum Zimmer hinaus. Was im einzelnen geschah, weiß ich gar nicht mehr. Ich war wie betäubt und kam erst wieder zu mir, als ich in einem Kraftwagen saẞ, zu beiden Seiten Polizisten mit aufgepflanztem Seitengewehr, die sich auf der ganzen Fahrt nur zu der Mitteilung an mich herbeiließen, daß es über Marburg an die deutsche Grenze gehe. Es war Nacht um mich her, Nacht und Verzweiflung auch in meinem Herzen. Die beiden Polizisten hockten schweigend neben mir. In der Dunkelheit glimmten ihre Zigaretten. Spät nachts kamen wir bei der Grenzstation Spielfeld an. Dort wurde ich den deutschen Behörden übergeben. 153 Erste Station in der Hölle Am nächsten Vormittag traten zwei deutsche Zivilisten in den Raum, wo ich untergebracht worden war, zogen Handschellen hervor und fesselten mich an beiden Armgelenken. Sie nahmen mich in ihre Mitte und verfrachteten mich auf dem Bahnhof in ein Sonderabteil. Wir fuhren nach Graz/ Steiermark, wo ich von den beiden Beamten ins Polizeigefängnis am Paulustor eingeliefert wurde. Ich kam in eine schmale Zelle von anderthalb Meter Breite und drei Meter Länge. Das sollte für ungefähr zehn Monate mein Heim darstellen. Zu essen gab es wenig, meist eine dünne Wassersuppe mit einem Stückchen Brot dabei. Täglich wurde ich zum Verhör geholt, sehr oft auch nachts. Gewöhnlich saß ich einem jungen Beamten der Gestapo gegenüber. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen und blies den blauen Duft an meiner Nase vorbei. Endlos kreisten seine Gespräche und Fragen um die stets gleichen Themen: was ich in Jugoslawien getan, warum ich mich als Emigrant, als politisch Verfolgter und Feind Adolf Hitlers ausgegeben habe. Entweder hatten die GestapoAgenten in Kroatien tatsächlich meine Äußerungen über das nationalsozialistische Deutschland erfahren, oder aber er klopfte mit seinen Anschuldigungen auf den Busch und holte mich aus. In den ewigen Kreuzverhören wurde man mürbe gemacht, die geistigen und moralischen Energien reichten dann nicht aus, und man war mehr oder weniger den diabolischen Machenschaften der Gestapoleute ausgeliefert. Manchmal nahmen sie mich auch zu zweit oder dritt in die Zange, grausam, mitleidlos. Sie hielten mich die ganze Nacht durch wach, setzten mich so, daß mir grelles Licht vielkerziger Birnen ins Gesicht fiel. Ich sank bisweilen zusammen, müde, erschöpft, zerschlagen, kippte vom Stuhl herunter. Die Unmenschen ließen mich nicht fünf Minuten ausruhen. So 154 konnte das Verhör die ganze Nacht durch dauern, sechs, acht Stunden. Zog sich der eine Beamte zurück, so erschien prompt der andere und folterte mich mit den unentwegten Fragen weiter. Wurde ich endlich entlassen und sank ich dann taumelnd auf mein Lager, so kam es vor, daß man mich nach einer Stunde aus dem Schlaf weckte und wieder in die Folterkammer zum Verhör führte. Es war eine raffinierte Methode, die Gefangenen klein zu kriegen und gefügig zu machen. Aber ich konnte ja nichts anderes aussagen, als das, was sie schon wußten. Das, was ich darüber hinaus gestehen sollte, gab ich auch in der schwersten Bedrängnis nicht zu, auch dann nicht, als ich durch die geistige und seelische Marter völlig ermattet und nicht mehr zurechnungsfähig war. Ich verlor die Fähigkeit, zu denken, sogar das Gefühl stumpfte ab. Ich spürte nicht mehr, wenn ich Rippenstöße oder Schläge bekam. Zu manchen Zeiten wankte ich wie im Delirium umher. Ich knurrte zum Schluß nur noch apathisch: ,, Nein" oder weiß nicht". " 1 Die Bestie fletschte dann manchmal die Zähne. ,, Wir werden dich schon noch zum Sprechen bringen, du verdammter roter Hund! Wir werden Mittel anwenden, daß du froh sein wirst, auf den Knien die Wahrheit zu sagen!" Sie versuchten es bisweilen mit plump- vertraulichem Zuspruch, dann wieder mit Drohungen oder Mißhandlungen. Sie unterhielten sich manchmal in meiner Gegenwart über die Methoden, die sie bei dem oder jenem angewendet hätten. Über Dinge, die zu berichten sich die Feder sträubt, sprachen sie in einem Ton, wie ein normaler Bürger etwa über den letzten Familienabend im Gesangverein ,, Eintracht" spricht. Endlich schienen die Folterknechte an mir genug zu haben. Das Material hatte zweifellos nicht ausgereicht, um mich vor ein ordentliches Gericht zu stellen. Ob das mein Glück war, möchte ich heute nicht bejahen. Denn was jetzt kam, war sicherlich schlimmer, als wenn ich zu ein paar Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre. Man legte mir ein Papier vor mit der Aufforderung, zu unterschreiben. Es war der Schutzhaftbefehl, unterzeichnet von Obergruppenführer Heydrich. In dem Schreiben hieß es unter anderem:... er hat das Reichsgebiet illegal verlassen und sich im Ausland als Emigrant und Gegner des nationalsozialistischen Staates und Feind Adolf Hitlers bezeichnet. Bei vorzeitiger Freilassung 155 besteht daher die Gefahr, daß er sich gegen die Belange des Deutschen Reiches vergehen könnte. Er ist daher bis auf weiteres in Schutzhaft zu nehmen." Ich protestierte gegen die Behauptungen und Beschuldigungen, die in dem Schriftstück gegen mich erhoben wurden und verweigerte meine Unterschrift mit dem Hinweis, daß ich ja dadurch die mir vorgeworfenen strafbaren Handlungen anerkennen würde. Ich unterschrieb nicht, obwohl die Kerle mir heftig und handgreiflich zusetzten. Ich wurde ins Bezirksgericht überstellt, von wo aus Transporte ins Konzentrationslager abgefertigt wurden. Im Bezirksgericht fand ich eine große Anzahl Leidensgenossen vor, hauptsächlich Österreicher, die gegen eine Verbindung zwischen Deutschland und Österreich gewesen waren. Auch Spanienkämpfer, die gegen das Regime Franco gekämpft hatten. Im Bezirksgericht waren unsere Wärter und die Gefängnisbeamten Österreicher vom alten Schlag. Von ihnen ging ein wärmender Hauch von Menschlichkeit aus, der letzte, den wir für lange, lange Zeit verspüren sollten. Der alte Wachmann Strobel nahm es des Morgens, wenn die Glocke zum Aufstehen geläutet hatte und er uns noch im Bett vorfand, nicht so genau. Auch sein Kamerad Lauterberger ließ uns manche Freiheit. Ich muß lobend erwähnen, daß es viele alte und ehrliche Beamte gab, die den Häftlingen unverhohlen ihre Sympathie bezeigten, ihnen nach Möglichkeit Zuwendungen an Lebensmitteln machten und Erleichterungen jeder Art verschafften. So hatte mir auch der Hausmeister Hödel im Gestapokeller in Graz manches Gute getan. Nur ein einziges gutes Wort in einer solchen Lebenslage: es vollbringt Wunder an einem Unglücklichen, es wärmt und gibt Licht, schenkt dem Verzweifelnden neues Leben, es ist ein wundersames Erlebnis, wie man es in Glück und Freiheit kaum haben kann. Nach acht Wochen wurde ein Transport zusammengestellt. Wohin? Wer weiß! Eine Fahrt ins Blaue, eine Fahrt ins Dunkle! Wir kamen nach Salzburg, blieben dort über Nacht. In der Zelle begegnete ich zwei Spaniern, die aus dem Konzentrationslager Mauthausen kamen. Sie waren verschwiegen, erzählten mir nichts von ihren Erfahrungen und Erlebnissen, wahrscheinlich aus Furcht, wieder dorthin zurückgebracht zu werden, wenn das geringste aufkam. Nächste Station: München. Dort wurde die Masse der Häftlinge aufgeteilt. Mich traf das Los, einem Haufen zugeschoben zu werden, der für das Lager Flossenbürg bestimmt war. 156 Am Morgen hinein in den Zug, dem ein Sonderwagen für uns angehängt war. Darin befanden sich lauter kleine Einzelzellen. Ich konnte mich in meiner Zelle eben herumdrehen, kaum bewegen. So ging es im dumpfen und trostlosen Alleinsein einer dunklen Zukunft entgegen. In Weiden/ Oberpfalz Halt. Wüstes Geschrei." Heraus, ihr Drecksäcke!" Klobige Gestalten der SS. Gedränge und Geschiebe. Ich fühlte einen Schmerz in der Seite. Es gab Schläge, Stöße mit den Gewehrkolben, Fußtritte. Alle suchten so schnell wie möglich das bereitstehende Auto zu erreichen, drängten hinein, stießen und quetschten einander, verwirrten sich zu einem Knäuel, in den die SS blindlings hineinschlug. Das Auto war vollständig geschlossen, nur vorn am Führersitz und hinten kleine Fensterchen, durch die wir hindurchlugen konnten. Wir waren voll banger Spannung, wie das Ziel unserer unfreiwilligen Reise aussehen würde. Es war der 27. August 1941, aber mehr oder weniger saß ich schon seit dem 26. Februar 1940. So lange hatte es gedauert, bis ich an dem schrecklichsten Ort der Erde, wie man heute wohl sagen darf, in einem Hitlerschen Konzentrationslager, angelangt war. Flossenbürg heißt die Burg mit dem kleinen Dorf, das unweit der böhmischen Grenze in einer Talsenke liegt. Wir fuhren durch das Dorf hindurch an der Burg vorbei und in einer scharfen Rechtskurve hinein ins KZ. Das Lager liegt in achthundert Meter Höhe in einem Sattel. Wahrscheinlich wurde es dort angelegt, damit die Häftlinge immer frische Luft haben. Solange ich dort war, pfiff der Wind durch dieses Loch und es war immer kalt und zugig. Ein Blick noch zurück. Links konnte ich die groben Umrisse des ausgedehnten Steinbruchs erkennen, der für viele Monate meine Arbeitsstätte sein sollte. Das Auto hielt an, die Türen flogen auf und wir hinaus. Ich bin nie Soldat gewesen, und ich glaube, die Mehrzahl derer, die bei mir waren, auch nicht. Aber aus lauter Angst standen wir ruck- zuck in Reih und Glied, Gebrüll und Geschrei rings um uns. Ein paar, die nicht gleich in der Reihe standen, wurden übel zugerichtet, getreten, umgestoßen, übertrampelt. Nach diesem huldvollen Empfang wurden wir an ein paar alte KZ.ler übergeben. Im Laufschritt mußten wir mit ihnen zum Appellplatz. Dort befand sich das Bad, unterhalb der Wäscherei. Im Bad mußten wir uns splitternackt ausziehen. Einige Häftlinge mit Scheren und Haarschneidemaschinen in den 157 Händen nahmen uns vor, rasierten und scherten uns die Haare an sämtlichen Stellen des Körpers ab. Da saßen und standen wir nun in unserer nackten und kahlen Armseligkeit. Gar mancher hockte bedrückt und beschämt in einer Ecke und wartete, bis der Bademeister das Wasser anstellen würde. 11 Nachdem wir gebadet hatten, mußten wir im Gänsemarsch an einem Häftling vorbei, der jedem Vorübergehenden eine Hose und eine Jacke aus dünnem, blauweiß gestreiften Drillich zuwarf, sowie ein Hemd, eine Unterhose und ein Paar Strümpfe. Ein anderer drückte mir ein paar Holzschuhe in die Hand. Ob die Sachen groß oder klein, zu eng oder zu weit waren, danach wurde wenig gefragt, es mußte passen. Als wir dann eingekleidet" waren und unsere blauweißen runden Käppis auf dem Kopf hatten, sahen wir, wie man sich vorstellen kann, wie Schießbudenfiguren aus. Ich sehe heute noch meinen Vordermann vor mir, er war bald zwei Meter groß und seine Hose reichte ihm gerade übers Knie, dazu wollte sein breiter Hintern nicht in den zu engen Hosenboden hinein. Der aufsichtführende SS- Mann lachte: ,, Sein Arsch wird sich bald an die Hose anpassen. Dafür werden wir sorgen." Der Mann band den fehlenden Teil der Hose mit Bindfaden zu, den er irgendwo aufgeschnappt hatte. Einer hing in dem Zeug wie in einem viel zu weiten Sack drin, bei dem andern paẞten die Ober- und Unterteile nicht zusammen; es war ein traurig- komischer Anblick. So wurden wir der Lächerlichkeit preisgegeben. Aber der bittere Ernst ließ uns bald die Lächerlichkeit vergessen. Ein paar Häftlinge mit schwarzen Binden führten uns zur Aufnahmekanzlei, vor der wir, mit dem Gesicht zur Wand, aufgestellt wurden. Dort mußten wir warten, bis wir aufgerufen wurden. Ich stand wohl drei Stunden so, unbeweglich. Wer sich rührte oder durch eine Bewegung auffiel, wurde von einem SS- Wachmann mit dem Gesicht gegen die rauhe Wand gestoßen, daß er blutige Kratzer und Flecken bekam. Es wurde mir in der langen Wartezeit schwach und schlecht, sterbenselend. Die graue Wand vor mir, die unbequeme Stellung, die Angst vor Mißhandlung, dann die Aufregungen und Martern der zurückliegenden Zeit, das alles wirkte jetzt zu einem Schwächeanfall zusammen. Ich meinte, ohnmächtig zu werden und umzusinken. Aber irgend etwas hielt mich aufrecht. War es Angst oder woher kam mir sonst die Energie, auszuhalten? Seltsam, welche Kräfte der Mensch zuzeiten in sich mobil macht, meist unbewußt, um selbst 158 das Naturgesetz zu überwinden, das nach den gewöhnlichen Erfahrungen des Lebens, ein Mindestmaß an Nahrung, Kleidung, Wohnung und Schlaf erfordert. Ich wurde in ein Zimmer der politischen Abteilung befohlen. Unwillkürlich stand ich stramm, Hand und Mütze an der Hosennaht. Hinter dem Schreibtisch ein Beamter in SS- Uniform. Ein Schreibfräulein, das den Eindruck machte, als sei es ebensowenig an den Vorgängen um sich her interessiert wie ihre Schreibmaschine. Auf dem Schreibtisch erblickte ich auch einen Schlauch und eine kurze Peitsche. Was taten die in einem Büro? Sie konnten ja nur einen Zweck haben... Im Hintergrund standen ohne ersichtlichen Grund und erkennbare Tätigkeit zwei, drei SS- Männer herum. Der Beamte kläffte mich an: ,, Name? Wo geboren? Wohnort? Und so weiter." Ich gab Auskunft. 11 ,, Und so weiter habe ich gefragt", brüllte der Mann unvermittelt. ,, Soll ich dir die Zähne auseinandermachen, du verstockter Köter?! Weißt du nicht selbst, welche Angaben du bei Personalerhebungen machen mußt, he? Was hast du in den fünfzehn Jahren im Ausland getrieben? Alle Kaffernsprachen gelernt, nur nicht Deutsch! Wart, wir reden jetzt deutsch mit dir, und wehe dir, wenn du es nicht verstehst!" Einer seiner Kameraden hatte sich, von mir unbemerkt, hinter mich gestellt und trat mich plötzlich mit aller Wucht gegen den Knöchel meines Fußes, so daß ich laut aufschrie vor Schmerz. Was hast du im Ausland getrieben?" fragte er mich mit einer verhaltenen, wie aus einem Versteck kommenden Stimme. ,, Gehetzt gegen den Führer und gegen das deutsche Volk hast du." 11 - Er trat mir schwer auf die Zehen und brachte seinen Kopf ganz nahe an mein Gesicht, blickte mir von unten herauf lauernd und drohend in die Augen. Seine ganze Haltung war eine tückische und hinterhältige. Er hatte die Hände in die Taschen gesteckt, rempelte mich mit dem Ellenbogen an und quetschte bei jedem Stoß ein paar Worte hervor:" He, du Kanaille. Gibst Antwort. Was sollen wir mit dir anfangen?"- Er sprach immer leiser. Es war fast still im Zimmer, unheimlich still. Die andern sahen untätig herüber. Das Schreibmaschinenfräulein glotzte ausdruckslos, als denke sie an ganz was anderes. Ja, wirklich, jetzt zog sie einen Spiegel und ein Döschen hervor und machte sich an ihrer Frisur zu schaffen. - - 159 - Mein Peiniger machte Pausen zwischen seinen abgerissenen Sätzen. Er bedrängte mich körperlich, ich spürte seinen Hauch an meinem Gesicht. ,, Für Du kannst solche Bürschchen wie du bist haben wir schöne Sachen bereit. dir's meinetwegen aussuchen- Stehbunker, solange bis du verfaulst.- Oder Baum. Weißt du, was das ist?- Ob du weißt, was das ist? Kerl, willst du antworten?" - ,, Nein", preßte ich mühsam hervor. ,, Das wirst du dann erfahren. Du Lump. - Was bist du? - Je, was du bist, frage ich dich?—" Und plötzlich ein Geschrei von allen Seiten.„ Du Lump! Du Vaterlandsverräter! Du Kanaille!" Es hagelte Schimpfworte, Schläge und Tritte, bis ich zur Tür hinausflog. Draußen blieb mir nicht viel Zeit, mich zu sammeln. Es hieß wieder stramm stehen und warten, bis die andern fertig waren. Dann mußten wir in Viererreihen antreten und wurden von dem Blockältesten auf den Zugangsblock gebracht. 160 Flossenbürg Das Lager war in sogenannte Blocks eingeteilt, Baracken, in denen jeweils zweihundertfünfzig, fünfhundert oder auch mehr Häftlinge untergebracht waren. Die Aufsicht über die Insassen eines Blocks hatte der Blockälteste, ein Häftling, der sich durch jahrelange Gefangenschaft oder aber durch ein Verhalten, das ihn in den Augen der SS als besonders geeignet erscheinen ließ, den Posten erworben hat. Vor den anderen Häftlingen war der Blockälteste an der schwarzen Armbinde erkenntlich, auf dem das Wort„ Blockältester" und die Nummer seines Blocks stand. Der Blockälteste war verantwortlich für alles, was in seiner Baracke vorging, für alle seine Untergebenen. Es kam vor, daß ein Blockältester schwer büßen mußte, wenn irgendetwas das Mißfallen der SS in seinem Block erregte, wenn sich ein unliebsamer Zwischenfall ereignete oder sonst etwas nicht stimmte. Da konnte es dann sein, daß er mehr Prügel erhielt als ein gewöhnlicher Häftling. Auf diese Weise wurden die Blockältesten und die„ Capos", die im Dienst die unmittelbaren Vorgesetzten der Häftlinge waren, von der SS zu Bluthunden erzogen, die oft so schlimm waren wie die schlimmsten SS- Peiniger selber. Es gab aber auch viele Anständige unter ihnen, die sich gerecht und einwandfrei den Häftlingen gegenüber verhielten und mit Energie und Umsicht für sie sorgten. Die bevorzugte Stellung der Blockältesten brachte natürlich Vergünstigungen für sie mit sich. Der Blockälteste hatte in der Baracke eine besondere Ecke für sich mit Tisch und Schrank; er hatte ein besseres Bett, er war der erste am Futtertrog. Er machte sich das Bett nicht selbst, sondern ließ es sich machen. Und wenn er mal nicht guter Laune war, konnte es sein, daß er Krach machend durch die ganze Baracke wütete und die Leute prügelte. Kunter- Wittmann, Weltreise 11 161 Der besondere Nachteil in Flossenbürg war, daß es ein ausgesprochen ,, grünes Lager" war. Die Insassen trugen zum größten Teil den grünen Winkel. Sie waren demnach keine Schutzhäftlinge, sondern nur Vorbeugungshäftlinge, die nicht durch die Gestapo, sondern durch die Kriminalpolizei eingeliefert worden waren. Mit Zuchthaus oder Gefängnis Vorbestrafte. Jeder Häftling trug als Erkennungszeichen einen Winkel mit Nummer am Anzug. Die politischen Häftlinge waren mit einem roten Winkel gebrandmarkt, andere hatten einen blauen Winkel, das waren die Bibelforscher, wieder andere einen schwarzen Winkel: die nach Ansicht der Nazis asozialen" Menschen. Gezeichnete alle: die mit dem roten, blauen, grünen, schwarzen, gelben Winkel, die sogenannten Hundertfünfundsiebziger( Homosexuellen) mit rotem Winkel und gelben Balken, die mit grünem Winkel und einem gelben Balken, dann welche, die den roten Winkel mit der Spitze nach oben hatten, ehemalige Wehrmachtsangehörige. Die Juden hatten einen Davidstern, in rot- gelb gehalten. Den Ausländern war im Winkel noch ein Buchstabe eingemalt: den Polen ein P, den Russen ein R, den Franzosen ein F und so weiter. Die Einreihung war oft eine durchaus willkürliche und wenig begründete; immer nach nationalsozialistischen Begriffen vorgenommen und darum in vielen Fällen brutale Willkür. So lernte ich einen Familienvater kennen, der im Wald ohne Erlaubnis Holz geholt und deshalb eine kleine Strafe erhalten hatte. Er galt als vorbestraft und wurde unter die Berufsverbrecher eingereiht. Ich selbst bekam als„ Politischer" den roten Winkel. Da befand ich mich wenigstens in der besten Gesellschaft, bei denen, die im allgemeinen gut zusammenhielten, weil sie die meisten klugen und charaktervollen Menschen in ihren Reihen hatten. Andererseits ging es ihnen schlechter als den andern, und sie wurden mehr bedrückt. In diesem Lager war es so, daß die Berufsverbrecher ( und dann die wirklichen!) oder die asozialen, die Vertrauensposten innehatten und mit den SS- Teufeln im edlen Wettstreit die Häftlinge drangsalierten. Zuerst kamen wir Neulinge für vierzehn Tage in den„ Zugangsblock". Der war von den übrigen Blocks streng isoliert und mit einem besonderen, hohen Stacheldraht umgeben. In dem Block war, wie in jedem Block, auch ein Schreiber, zugleich stellvertretender Blockältester, dem die schriftliche Verwaltungs162 arbeit oblag: Listen führen, Personalverzeichnisse anlegen, mit der Kantine abrechnen. Jedem Block war überdies ein Blockführer der SS zugeteilt, die tagsüber ein paarmal erschienen, um uns die Hölle heiß zu machen. Ich erhielt meine Falle in der Baracke zugewiesen und damit war ich einer von den vielen geworden, die verurteilt waren, hier für ungewisse Zeit oder bis an ihr allzufrühes Ende in Not und Bedrängnis zu leben. In den letzten Tagen war ich nicht mehr zu mir selbst gekommen. Auch jetzt noch kam mir nicht voll zu Bewußtsein, was geschehen war, und wie es hatte geschehen können, daß ich mich hier unter den Gezeichneten, Gemarterten und Vogelfreien befand. Ich mochte auch nicht denken; ich wehrte mich dagegen, ein Gefühl oder einen Gedanken aufkommen zu lassen, denn ich fühlte, daß ich dann vielleicht den Verstand verlieren oder sonst in eine Zerrüttung des Geistes oder der Nerven fallen würde. Mein Instinkt sagte mir, daß ich jetzt alle Kräfte zusammennehmen müsse, um zu bestehen. Alles Vergangene mußte ich hinter mir lassen. Ich hatte Mißgeschick gehabt, war in ein Unglück, in eine gefährliche Situation hineingeraten und mußte versuchen, mich zu retten. Am Abend erhielten wir eine Wassersuppe und Brot. Der Blockälteste versammelte uns um sich und instruierte uns, was wir zu tun und zu lassen hatten, gab uns Ratschläge und Verhaltungsmaßregeln. Ein paar Häftlinge, die schon länger da waren, erzählten uns einiges aus dem Lager, und das war nicht geeignet, uns Mut und Zuversicht einzuflößen. Wir waren dann froh, als wir schlafen gehen durften. Todmüde und im unruhigen Schlaf verbrachte ich die erste Nacht. Erst gegen Morgen schlief ich fest. Da fuhr ich plötzlich jäh empor. Ein Schrei hatte mich geweckt. Messerscharf tönte es durch den Raum:„ Aufstehen!" Gleichzeitig flammte grell das elektrische Licht auf. Mit einem Satz waren wir heraus, denn es war uns bedrohlich eingeschärft worden, wie streng es mit dem Aufstehen genommen würde. Anziehen, waschen, bettenmachen, putzen und säubern alles in fliegender Hast. Nach einer halben Stunde hieß es:„ Raus! Antreten!" Wir nahmen schleunigst auf dem kleinen Platz vor dem Block Aufstellung in Reih und Glied. Verängstigt und aufgeregt standen wir stramm und unbewegt, wagten kaum zu atmen. Der SS- Blockführer, ein junger, etwa vierundzwanzigjähriger - 163 Mann, geschniegelt und gebügelt, musterte uns kalt und höhnisch. Er hielt eine Ansprache, in der er einen Kübel voll wüster Redensarten über uns aus- schüttete und uns ankündigte, er werde uns bolschewistische Schweinehunde striezen, daß wir an Gottes Gnade verzweifeln würden. Dann kamen die Kommandos. Abzählen. Es klappte nicht. Bei elf platzte schon die Nummer dreizehn heraus, bebend vor Aufregung.„Raus!” brüllte der SS-Mann. Der Angerufene stand angstschlotternd vor ihm. „Beruf?“ wurde er gefragt. „Lehrer.“ „Und dann kannst du nicht bis dreizehn zählen? Seht euch den an! Und sowas lebt! Das will Kinder unterrichten und erziehen. Lehrer willst du sein, he? Scheiße bist du. Was bist du?” Der Gequälte erhielt nicht eher Ruhe, als bis er auf Befehl zehnmal laut geschrien hatte:„Ich bin nicht Lehrer, sondern Scheiße!” Von vorn abzählen.„Schneller. Zackiger. Lauter. Von vorn!” So ging es eine Weile fort unter ständigen Flüchen und Beschimpfungen. Immer wieder verhaspelte sich einer, jedesmal klappte etwas nicht. Wie in einer Jahrmarkts- bude, maschinell betrieben, flogen eine Reihe von Köpfen ständig im Zack-Zack hin und her, stießen brüllend Zahlen wie unartikulierte Mißtöne hervor. Einer rief:„Zwei-neunundzwanzig”. Er mußte neunundzwanzigmal um den Hof laufen und dabei„Neunundzwanzig" schreien, stur, idiotisch. Ein anderer drehte in der Verwirrung den Kopf nach links statt nach rechts. Der Peiniger schlug ihm ins Gesicht, daß ihm das Blut zur Nase herausstürzte.„Dir schlag ich deinen Kopf herunter, wenn du ihn nicht richtig bewegen kannst." Der Geschlagene hob die Hand zum Gesicht, um das Blut zurückzuhalten. „Willst du die Hand runternehmen, du Zigeuner! Hände an die Hosennaht! Wenn ich vor dir stehe und du hebst noch einmal die Hand hoch, knalle ich dich über den Haufen!” Er wandte sich an unseren Blockältesten.„Die Leute aufklären, daß das Hand- aufheben gegen einen Vorgesetzten mit dem Tode bestraft wird.” So ging die Schikane den ganzen Vormittag weiter: Die Kommandos ertönten ununterbrochen:„Im Laufschritt marsch marsch! Aufstehen, hinliegen!”‘und so weiter. Eine verdoppelte Auflage militärischen Drills. 164 Zu Mittag hieß es Essen fassen. Ich wurde mit ein paar anderen angewiesen, die Kessel herbeizutragen. Die Küche lag ziemlich weit entfernt. Es war keine Kleinigkeit, einen Essenträger mit fünfzig Liter Inhalt die Treppe hinunter nach unserem Block zu schleppen. Das konnten nur kräftige Leute tun. Gar mancher war zu schwach dazu und mußte sich furchtbar abplagen. Manchmal überstieg es seine Kräfte, er sank erschöpft zu Boden. Dann wurde er mitleidslos vom Knüppel des Wachmannes aufgejagt und gezwungen, mit seiner Last weiterzukeuchen. Wir bekamen jeder einen Schöpflöffel voll Kraut in unseren Blechnapf und schlangen das Essen gierig hinunter. Ein Sättigungsgefühl hatten wir nicht, aber wir dachten heute gar nicht ans Essen, sondern nur daran, ein wenig Ruhe zu bekommen. Einzelne kauerten sich ermattet in eine Ecke oder sonstwo am Boden hin. Aber sie wurden bald wieder aufgestört. Abräumen, Geschirr säubern, Kessel zurückbringen. Stubendienst. Es war dafür gesorgt, daß man hier keinen Augenblick zur Ruhe kam. Nachmittags wieder Exerzieren und militärische Übungen. Grüßen lernen und Mützen ab!" Das war ein gefürchtetes Kommando, um das sich schon Tragödien abgespielt hatten. Wenn es ertönte, mußte die Hand wie der Blitz nach dem Kopf fahren und die Mütze herunterreißen, mit einem leichten Schlag gegen den Schenkel. Ruck- Zuck! Hände an die Hosennaht und keinen Hauch einer Bewegung mehr. Es war üblich, daß diese Übung stundenlang eingepaukt wurde, obwohl sie in der ersten Viertelstunde oft besser ging als zwei Stunden später. Pausenlos wurden wir auf dem Hof herumgehetzt, unterbrochen von dem Kommando Stillgestanden! Richt euch! Mützen ab!" Wehe, wer auffiel! Er wurde eine halbe Stunde lang besonders behandelt. Einige von uns wurden so überanstrengt, daß sie bewußtlos wurden oder schwer erschöpft liegen blieben. Dann mußten Häftlinge einen Kübel kalten Wassers über den Erschöpften ausgießen, bis er wieder zu sich kam. Oder traktierte ihn der Rohling selber mit Fußtritten. Dieser ins Maẞlose übersteigerte Kommisdrill ging vierzehn Tage lang so fort. Wir fühlten uns nicht mehr als Menschen; in uns war eine Mechanik wie in Maschinen, leb- und gefühllos setzten wir uns auf Befehl in Bewegung; wir 165 bewegten mechanisch die Glieder, waren wie ausgepumpt, als hätte man uns Blut und Seele aus dem Körper gesaugt. Nach zwei Wochen wurde unser Block aufgeteilt. Die einen dorthin, die andern dahin. Ich kam auf Block sechs. Nun waren wir wohlvorbereitet auf das, was kommen würde, abgehärtet, zurechtgestutzt, zu willfährigen Arbeits- tieren gemacht. Tiere? Nein, die hatten noch mehr Willen und noch mehr Würde. Tiere konnte man nicht so gemein und niederträchtig behandeln. Tiere krepierten höchstens unter Mißhandlung, aber sie ertrugen nicht jahrelange Qual, Entwürdigung, Schändung und Willkür jeder Art. Nie hätte ich geglaubt, daß der Mensch so tief sinken kann. Daß er soweit komme, jede, aber auch jede Gemeinheit und Brutalität, jede Bestialität und Erniedrigung zu erdulden. Ich mußte mich im Verlauf der Jahre manchmal fragen, wer denn nun der Gemeinere ist; der, der seine Schändlichkeiten an wehrlosen Gefangenen aus- läßt oder der, der sie erträgt. Müßte es nicht eine Grenze geben, eine Grenze nach unten für den Menschen, wo er sagt:„Bis hierher und nicht weiter. Jetzt macht mit mir, was ihr wollt; ich mache nicht mehr mit!” Ich erinnerte mich dann wohl an jene Zeit auf dem Schiff im Monsun des Roten Meeres, wie mich bei der Roboterarbeit des Säcke-Überbord-Schmeißens ähnliche Gedanken bewegten. Und heute noch grübele ich immer wieder über die unerklärliche Tatsache nach, daß es für den Menschen nach unten keine * Grenzen gibt, in der grauenhaften Bereitschaft Böses zu tun sowohl als auch in der Bereitschaft, Böses bis über die Möglichkeiten des Menschlichen hinaus zu ertragen. Der Selbsterhaltungstrieb im Menschen betäubt alle anderen Triebe und Regungen; er setzt sich gegen Vernunft und Ehrgefühl gerade dann durch, wenn der Lebenswille bereits im hohen Maße ausgeschaltet ist. Ein Selbstmord findet nicht so bald in einer völlig ausweglosen Lebenslage statt als dann, wenn noch eine Chance für den Menschen besteht. Wenn die Unterdrückung und Gefährdung des Menschen am stärksten ist, kämpft er meistens am zähesten und erbittertsten. Morgens, mittags und abends war Appell auf dem Appellplatz. Das ging so vor sich: der Blockälteste marschierte mit seinem Block in Reih und Glied auf dem Platz auf. So ein Block nach dem andern, bis alle versammelt waren. Kommandos:„Block vierzehn stillgestanden! Mützen ab! Augen rechts!” Und der Blockälteste meldete in strammer Haltung seinem Blockführer etwa:„Block 166 vierzehn mit vierhundertfünfzig Mann zum Morgenappell angetreten!" Dann zählte der Rapportführer die Blöcke durch. Wenn der Lagerführer erschien, meldete ihm der Rapportführer die gesamte Stärke des Lagers. Klappte alles, so nahmen die streng militärischen Vorgänge ein schnelles Ende und wir konnten an die Arbeitsplätze marschieren. Ich war den Arbeiten im Steinbruch zugeteilt worden. Da hieß es von früh bis spät die Loren einfüllen und schieben. Die Steine wurden vor allem beim Straßenbau gebraucht, bei dem in der Nähe ein anderer Großteil der Häftlinge beschäftigt war. Wieder andere arbeiteten an der Roll- Leitung. Das Lager Flossenbürg war noch ziemlich im Rohbau; es gab also viel zu tun. Tagaus, tagein lud ich die schweren Steine auf, fuhr mit den Loren hin und her. Manchmal schob ich auch die Walzen auf der Roll- Leitung. Es war ein umfangreicher Betrieb. Lärm und Gehaste. Maschinen und Fahrzeuge aller Art. Oft wurden wir auch nach Feierabend wieder herausgerufen, um noch diese und jene Arbeiten zu verrichten. Der Lärm der Arbeit und das Getöse der Maschinen wurde bisweilen übertönt durch das Geschrei des Aufsichtspersonals, Fluchen und Schimpfen, wildes Antreiben. Die Leute schafften unter der Knute, wurden geschlagen und getreten und mußten sich dabei aufrechthalten und den Schmerz verbeißen. Denn wenn einer zusammenbrach, wurde er so lange geprügelt, bis er wieder zu sich kam und weitertaumelte. Eine Sklaverei wie in alten Zeiten. Wehe dem, der unangenehm auffiel oder der das Miẞfallen eines SS- Mannes erregt hatte! Er wurde barbarisch geprügelt und miẞhandelt. Täglich gab es Opfer der schrecklichen Strapazen, Mißhandlungen und Entbehrungen, die wir zu erdulden hatten. Kranke, Verletzte, Tote. Über die schöne Jahreszeit war es noch erträglich. Im Winter aber... uns schauderte, wenn wir nur darandachten. Kameraden erzählten von entsetzlichen Leiden, die sie in manchem Winter durchgemacht hatten. Die Tage dehnten sich zu Wochen und Monaten. Der Herbst verging. Es wurde November. Er brachte bereits kalte Tage. Der erste Schnee fiel. Nebel hüllten das Land ein. Ich fühlte mich nicht wohl, fröstelte auf dem Heimweg, dachte daran, abends eine Stunde für mich zu haben und dann eine ungestörte Nacht. 167 Abendappell. Abzählen. Mützen ab. Blockweise zusammentreten. Meldungen, Kommandos. Der gleiche Zauber wie jeden Abend. Es war feuchtkalt. Durch unsere leichten Kleider spürten wir beim Still- stehen die unangenehme Kälte. Aber Eisesschauer durchfuhr uns plötzlich, wie es hieß: die Stärke stimmt nicht! Das bedeutet für uns nichts Gutes. Es wurde hochmal durchgezählt. Ein Mann fehlte. Das Wort„Wegtreten!”, das uns abends erlösend in den Ohren klang, ertönte nicht. Wir standen eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden. Wir waren empört, nicht über die Behandlung, die uns zuteil wurde, denn an die hatten wir uns wie an ein unabwendbares Geschick gewöhnt, aber über den Häftling, der mit seiner Flucht unausdenkbare Leiden über uns brachte, der genau wußte, daß sein Tun uns schwere Opfer kosten werde. Wir wünschten inbrünstig, er möge bald zurückgebracht werden, tot oder lebendig, damit unsere Leidens- zeit abgekürzt werde. Wir standen die ganze Nacht durch auf einem Fleck. Weiß jemand, was das heißt, eine feuchtkalte Novembernacht hindurch im Freien stehen zu müssen? Ich habe keine Worte, um das zu schildern. Es würde wohl auch nicht Worte geben, um klar zu machen, daß man noch viel länger diese Tortur aushalten mußte und konnte. Es ging der ganze nächste Tag vorüber, es kam wieder die Nacht und wir standen noch da. Wir standen da? Waren wir das? Was war es, das uns hielt? Wir hatten keine Gedanken und Gefühle mehr; wir spürten nicht mehr, daß wir Menschen aus Fleisch und Blut waren. Ein dünner Faden Leben pulste in diesem armseligen Häufchen Knochen und Haut, irgend- ein dumpfer Trieb ließ uns wie Bäumchen angewurzelt stehen. Der Wind wehte uns fast um; hohl und schwach schwankte der Körper, leere Gehäuse waren wir, die ohne Saft und Kraft erstarben, wie Gespenster geisterten unsere Schatten in der Nacht. Aber wir standen. Gibt es Leichen, die stehen können? Einer knickte ein, hielt sich aber noch in den Knien. Ein Kolbenschlag in die Kniekehle. Der Schatten sank um. Der Barbar schlug auf ihn ein, hielt aber inne. Der Mann war tot.„Das Aas ist verreckt”, sagte der Rohling und wandte sich ab. Ja, man brauchte keinen Gewehrkolben dazu, man könnte mal mit dem Zeigefinger stoßen, um zu sehen, ob der und jener eine Leiche ist oder noch lebt. Dann würde vielleicht immer mal wieder einer umfallen und tot liegen 168 bleiben. Der Wind bläst sie um. Das letzte Fünkchen erlöscht in ihnen, sie fallen um und sind tot. - wo war So kostete diese Nacht zehn, zwanzig, dreißig Menschen; weiß nicht, wieviel. Man achtete auch nicht drauf. Es gab kein Sitzen, kein Ausruhen, kein Austreten. Die Leute machten in die Hosen, alle waren voller Unrat und Kot. Immer wieder knickte einer um, blies sein Lebenslicht aus. Licht nur ein Fünkchen Licht, nichts als Dunkelheit, innen und außen! Wo war Gott? Wo die Mutter, wo der Vater? Wo irgendein Mensch, an den zu denken ein wenig Trost spenden konnte? Wo Frau und Kinder? In den Ewigkeiten der unendlichen Nacht holte man manchmal wie aus grundlosen Tiefen einen Gedanken, ein Gefühl hervor, wie aus einem Scheintod kam man dann zu sich, konnte wieder als Mensch denken und fühlen, für Minuten. Eine Erinnerung an ein gutes Wort, das man einmal in seiner Kindheit hörte, und das längst vergessen war, stieg auf, Erinnerung an eine Gebärde der Liebe und Güte, an ein vergangenes seliges Stück Freiheit, an einen lieben Menschen; ein Traum von einem warmen Heim, von einem Etwas, das einmal Leben war. Aber diese Aufwallung des Blutes, die ein Gefühl hervorbrachte, verebbte sofort wieder; das Fünkchen das für Sekunden eine Flamme entfachte, verlosch in Dunkelheit und Verzweiflung. Einer schrie auf wie ein Tier, seine Schreie gellten durch das nächtliche Dunkel. Er wurde durch Schläge zum Schweigen gebracht, zum ewigen Schweigen. Die Nacht ging herum, es wurde wiederum Tag. Wir standen. Vergessen und verloren und abgestorben. Elende Wracks und Ruinen. Ein Friedhof mit Grabsteinen. Leichenhafte Fratzen. Gegen Mittag Tumult. In unsere Kadaver kam Bewegung. Von weitem hetzte es herein. Menschen. Einer vornweg. Hunde hinter ihm. Sie haben ihn. Gott sei Dank! Ich atmete auf, befühlte mich, als müsse ich mich vergewissern, daß ich noch am Leben sei, schüttelte mich wie ein Hund. Der Gehetzte wurde auf einen Schemel gestellt, so daß er weithin sichtbar war. Seine ganze Gestalt war über und über mit Blut und Schmutz bedeckt. Ich staunte, wo er Kraft und Energie hernahm, nach dieser Attacke sich aufrecht zu halten und, wie ihm befohlen wurde, alle Minuten zu schreien:„ Ich bin zurück! Ich bin wieder da!" 169 - Eine halbe Stunde schrie er das gellend über den Hof hinaus:„ Ich bin zurück ich bin wieder da!", begleitet von Schlägen und Kolbenstößen. Der Lagerkommandant war mit erschienen. Er sprach endlich das Urteil:„ Hundert Stockhiebe!" Der Bock wurde herbeigeschoben. Der Verurteilte darübergezerrt. Zwei Kerle stellten sich zu beiden Seiten auf, in jeder Hand einen Farrenschwanz. Der Verurteilte wurde festgeschnallt. Die Kerle holten aus, schlugen drauf. Ohne Pause. Wie gebannt sah ich dem gräßlichen Schauspiel zu, wurde mir dabei nach einiger Zeit bewußt, wie mein Blut in Erregung kam; die toten, abgestorbenen Glieder bewegten sich wieder. Ich war dem Leben zurückgegeben, fühlte und dachte wieder, atmete heiß und schwer, in den Fluch und das Drama des Daseins neu eingespannt. Die Schläge fielen unablässig. Kleider und Haut hingen in Fetzen herab. Die Maschine ließ nicht nach, schlug weiter auf den unkenntlichen blutigen Klumpen. Ein Blutgerinsel zog sich um das Martergerüst. Fünfzig, sechzig, siebzig. Sie kamen nicht zu Ende. Als sie merkten, daß der Mann tot war, ließen sie ab, blickten nach ihrem Herrn und Meister. Der winkte. ,, Abtreten!" Das Wort hatte auch jetzt seinen alten Zauber nicht verloren. In die letzten der Erschöpften und Gequälten dieser Nacht, in die Todeskandidaten kam Leben. Jeder riẞ sich zusammen und suchte die schützende Baracke auf. 170 Die Elenden Das war die erste Exekution, der ich mit der Masse der Häftlinge beiwohnte. Es war verhältnismäßig selten, daß Gefangene flüchteten. Ganz selten kam einer durch. Die meisten wurden tot oder lebendig zurückgebracht, mit Hunden aufgespürt und gehetzt. Es gab nur wenige, die die barbarischen Strafen überlebten und dann in eine Strafkompanie eingereiht wurden, in der sie trotz allem noch elend zugrunde gingen. Die Unglücklichen erhielten nach ihrer Rückkehr hundert oder gar hundertfünfzig Stockhiebe zudiktiert. Einmal war ich zugegen, als ein Pole, der nach dieser Prozedur noch lebte, aufgehängt wurde. Die Fluchtversuche von Gefangenen hatten auch für die Lagerinsassen schlimme Folgen. Wie ich schon schilderte, mußten die Blocks geschlossen auf dem Appellplatz stehen bis der Flüchtige wieder zurückgebracht wurde. In Regen, Sturm und Schnee mußten die ausgemergelten, hungrigen Menschen in ihren dünnen Anzügen oft stunden- oder gar tagelang aushalten. Wir waren gezwungen, selber dafür zu sorgen, daß niemand durchging. Zu diesem Zweck wurden Lagerwachen aufgestellt. Abwechselnd mußten einige Häftlinge Nachtwache halten. Manche meldeten sich zu diesem Posten freiwillig. Man hatte da den Vorteil, daß man von den Überresten der Mahlzeiten nochmals etwas erhielt. Nachtwache zu haben war gewiß kein Vergnügen. Aber der Hunger war das größere Übel und für einen Napf voll Kartoffelstampf tat man alles mögliche. Essen? Morgens gab es eine dünne Suppe. Mitunter roch sie nach fauligen Kartoffeln. Zur Arbeit bekamen wir eine Scheibe Brot mit, auf acht Mann ein Kilogramm Brot. Mittags Kraut oder Steckrüben. Pro Mann dreiviertel Liter Essen und drei oder vier Pellkartoffeln. Die meisten warfen die Kar171 toffeln mit der Schale ins Essen hinein, nicht weil sie zu faul zum Schälen waren, sondern damit ihnen ja nichts verlorenging. Gegessen wurde alles, was irgendwie genießbar war. Manche suchten Tisch und Boden nach Kartoffel- schale ab, die andere weggetan hatten. Die Speisen waren fast ohne Fett zu- bereitet. Das nährwertarme Essen hielt natürlich nicht vor. Hunger und Unter- ernährung waren die Folgeerscheinungen der unzulänglichen Verpflegung. Fleisch gab es zweimal in der Woche, donnerstags und sonntags. Aber was heißt da Fleisch! Im Essen schwammen ein paar rote Fasern herum. Büchsen- fleisch. Manchmal auch frisches Freibankfleisch. Wenn man dann Glück hatte, fand man zwei, drei Stückchen so groß wie die Spitze des kleinen Fingers darin. Abends, wenn man ins Lager kam, der Appell vorbei war und alles gut ging, so daß man gleich essen konnte, gab es für vier Mann ein Brot, dann etwa ein Stück Wurst, handtellergroß die dünne Scheibe, oder zwanzig bis dreißig Gramm Margarine, zuweilen ein Stückchen Käse. Dazu das braune Wasser, das sich Kaffee nannte. Wenn abends Suppe verabfolgt wurde, fiel Wurst oder Margarine aus. Bei dieser Ernährung mußten wir also schwerste Arbeit verrichten, im Steinbruch schuften, bei zwanzig Grad Kälte, in achthundert Meter Höhe. An die zweitausend Mann waren im Steinbruch beschäftigt. Mittags nahmen wir unser Essen an Ort und Stelle ein. In Reih und Glied standen wir mit dem Blechnapf in der Hand vor der Essensausgabe bei Kälte, Regen und Schnee und warteten, bis wir drankamen. Meist hatte Scharführer Gruber die Auf- sicht. Dieser Teufel in Menschengestalt schikanierte und mißhandelte uns von morgens bis abends. Einmal im Dezember hatte irgendetwas sein Mißfallen erregt, er kritisierte unsere Arbeit und ließ‘uns zur Strafe unser Mittagessen draußen vor der Halle im Schneegestöber verzehren. Es kam auch vor, daß das Mittagessen nicht für alle ausreichte. Dann wurde zum Schluß hinaus mit Wasser gestreckt oder auch weniger ausgegeben. Die letzten hundert Mann bekamen vielleicht nur einen halben Liter oder einen Viertelliter in ihre Schüssel und anstatt drei Kartoffeln nur zwei oder eine. Wenn der„Steinbruch” abends einrückte, wurde hinter dem langen Zug eine Trägerkolonne aufgestellt, bei der auch ich mich zuweilen befand. Die Träger mußten die Häftlinge, die im Laufe des Tages aus Erschöpfung oder infolge der Kälte zusammengebrochen waren, an Händen und Füßen oder auf 172 die Achsel nehmen und ins Lager befördern. So hatten wir täglich zwanzig bis fünfundzwanzig Mann Verluste, Schwerkranke, von denen viele starben oder doch nicht wieder aufkamen. Während meines Aufenthalts in Flossenbürg hatten wir durchschnittlich einen Lagerbestand von ungefähr sechstausend Häftlingen. Jede Woche kamen hundert bis zweihundert Häftlinge Zugang. Und doch blieb der Bestand immer der gleiche. Es starben aber damals schon in der Woche ein- bis zweihundert Menschen an Miẞhandlungen, Hunger, Kälte, Seuchen. Das war für die Lagerleitung eine einfache Rechnung: zweihundert Menschen kamen vorn herein und hinten gingen sie durch den Schornstein wieder hinaus. Da gab es nicht viel zu tun und zu besorgen. Das vereinfachte alle Probleme, die verwaltungstechnischen Fragen und praktischen Maßnahmen. Ich muß jetzt manchmal darüber nachdenken, wie sehr der Mensch unserer Zeit gegen die Zahlen abgestumpft ist. Ob man von zehn- oder hunderttausend oder einer Million Toten spricht, macht gar keinen Eindruck auf ihn. Was das bedeutet, kann er nicht erfassen. Es ist lediglich eine Feststellung, daß es in Heilbronn bei einem nächtlichen Bombenangriff 32 000 Tote gab und in Dresden 320 000! Die Summe der infernalischen Dinge, die hinter diesen nichtssagenden Zahlen steht, kann niemand ermessen, ebensowenig wie sich jemand Vorstellungen von Billionen Lichtjahren machen kann und von all dem, was die astronomische Arithmetik in den Vorgängen des Weltalls errechnet. Es liegt aber nicht nur daran, daß, gemessen an den gigantischen Tragödien unserer Zeit, das Einzelschicksal unbedeutend wird und die großen Zahlen daher keine Begriffe mehr geben, sondern es liegt an der Begriffs- und Gefühlsverwirrung des Menschen selber, an seinem entarteten Egoismus, der ihn nur noch für sein eigenes Schicksal Interesse haben läßt, nicht mehr für das Schicksal seines Nächsten. Diese Interesse- und Teilnahmslosigkeit ist erschreckend. Eine Million Polen ausgerottet? Fünfzigtausend Leichen verhungerter KZ- ler da und da entdeckt mich genug zu denken und zu tun. was betrifft mich das? Ich habe für Welch eine Welt voll Qual und Leid hat mancher in den zwölf Jahren nazistischer Verbrecherherrschaft durchmachen müssen! Wieviele wurden zu Tode gemartert! Mit jedem einzelnen ging eine Welt zugrunde, ein Stück Schöpfung! Stelle dir zehn Menschen nebeneinander vor, die so elend um173 kommen! Versetze dich in ihre Lage: sie hatten einmal ein Heim, ein bescheidenes, normales Leben. Dann eines Nachts Pochen, Lärm. Verhaftung. Hinaus in Nacht und Dunkel. Und dann der endlose Weg der Leiden und das Ende: eine Leiche unter einem Berg von Leichen. Männer, Frauen, Kinder untereinander. Zu Tode gemarterte Menschen. Angehörige weinen um sie und verzweifeln. Stelle dir so eine Reihe von zweihundert Menschen vor, die auf diese Weise sinn- und erbarmungslos ins Elend kommen und hingemordet werden! Alles Menschen aus Fleisch und Blut, die nichts wollten, als ihr bescheidenes kleines Dasein leben. Und das schreckliche Schicksal all dieser verbirgt sich hinter ein paar Worten, anonym und unverantwortlich:„ Zugang am 15. Dezember fünfzig Mann, Abgang achtundvierzig Mann". Würde ich mich auch einmal unter den täglich vierzig bis sechzig Mann Abgang befinden? Ich spannte alle Kräfte des Willens und des Lebens in mir an, um mich möglichst stark zum Durchhalten zu machen. Ich wußte, wer nachließ, war verloren. Es kam alles darauf an, einen einzigen Gedanken unablässig zu pflegen: ich will hier nicht verrecken! Manchmal fühlte ich mich sterbenskrank, legte mich abends mit Fieber ins Bett. Aber ich sträubte mich mit allen Energien dagegen, ernstlich krank zu werden und etwa ins Revier zu kommen. Über diesen Ort, an dem wenige Kranke gesund wurden, aber viele starben, gingen dunkle Geschichten um. Die meisten Häftlinge, die ins Revier eingeliefert wurden, waren so krank und schwach, daß sie für lange Zeit arbeitsunfähig waren. Bei sehr vielen bestand kaum Aussicht, daß sie jemals wieder zur Arbeit eingesetzt werden konnten. Von Zeit zu Zeit erschien der Revierarzt in der Krankenbaracke, sah sich die Kranken an und zeichnete im Vorbeigehen ein Dutzend Menschen durch einen Wink der Hand mit dem Todesmal. So entschliefen über Nacht im Revier fortwährend viele Kranke. Der Revierkapo, ein Grüner namens Max Neel, ein gefügiges Werkzeug des skrupellosen Arztes, hat gewiß Hunderte von Menschen auf dem Gewissen. Denn die meisten von denen, die starben, hätten bei sachgemäßer Behandlung und ordentlicher Verpflegung gerettet werden können. Die fettlose, magere Kost führt zu Durchfallepidemien. Die Mehrzahl der Häftlinge litt an ruhrartigen Erscheinungen. Viele wurden wochen- und monatelang davon geplagt und magerten zu Skeletten ab. Dann die mangel174 haften Abortanlagen. Die Aborte wurden oft von sechs, acht Männern zugleich belagert. Vor dem Abort im Steinbruch wurde ein Häftling aufgestellt, der den ganzen Tag nichts zu tun hatte, als den Stuhlgang zu regulieren". Er mußte aufpassen, daß keiner länger als zwei, drei Minuten auf dem Abort verweilte. Der Abort war eine primitive Anlage: eine Bretterwand, eine tiefe Grube und darüber ein Balken. Es gehörte Geschick dazu, diese Vorrichtung zu benützen. Es kam von Zeit zu Zeit tatsächlich vor, daß Häftlinge hinüber und hinunter in die Grube fielen. Vor dem Abort standen die Männer Schlange. Männer, die Ruhr und Durchfall hatten. Viele konnten nicht mehr warten und an sich halten, machten die Hosen voll. Wo sollten sie sich reinigen? Woher eine zweite Hose zum wechseln nehmen? Während des ganzen Winters litt ich ebenfalls an Ruhr. Ich konnte manchmal nicht weiter, so schwach und elend fühlte ich mich. Aber nur nicht ins Revier! Ich weiß heute nicht, wie ich die Energie aufbrachte, mich selbst zu kurieren. Unter diesen Verhältnissen eine Roẞkur: ich fastete zwei Tage völlig, aß und trank nichts. Und anschließend nochmal zwei Tage lebte ich ausschließlich von geröstetem Brot und Holzkohle. Ich war danach so matt, daß ich nicht aufstehen konnte und erhielt drei Tage Schonung. Aber von dem Durchfall war ich mehrere Wochen geheilt. Unserem Stubendienst Walter Eichhorn vom Block sechs, unserem Blockschreiber Gieselmann und dem Blockältesten vom Block vierzehn, F. Wessel, habe ich für ihren Beistand in den kritischen Tagen viel zu verdanken. Sie halfen mir mit Essen und Zuwendungen wieder auf die Beine. Später wurde ich nocheinmal krank. Es sah wie eine drohende Lungenentzündung aus. Der Revierkapo kam und sah mich an. Wenn es morgen nicht besser ist, kommt er ins Revier", entschied er. 11 Ich nahm alle Kräfte zusammen, sagte am andern Morgen, ich fühle mich besser. Da durfte ich als leichtkrank in meiner Falle liegen bleiben. Fünf Tage Leichtkrankenbehandlung, bei Besserung des Befindens fünf Tage innerer Dienst. Danach kümmerte sich niemand von Revier und Krankenabteilung mehr um mich. Ich lag tagelang fast bewußtlos, fiebernd, elendsmüde. Dann hatte ich wieder gute Stunden, die mir Lebensmut zurückgaben. Das Fieber wich, 175 ich kam zu mir selber. Ich fühlte eine Hand in der meinen. ,, Geht es dir besser?" fragte eine zarte Stimme. Sie zauberte im Moment das Bild von Tete vor meinen Geist. Aber schon erklang der Befehl in mir: keine Erinnerung an das Vergangene; sie schadet dir! Ich drehte den Kopf und die Illusion schwand auch ohne inneren Befehl: an meinem Bett saß ein„, Muselmann". Muselmänner hießen diejenigen, die so schwach und hinfällig waren, daß sie für schwere Arbeit nicht mehr in Betracht kamen. Es waren die zum Skelett Abgemagerten, die wie ein Schatten umherirrten, ohne Lebenswillen und ohne Hoffnung. Die Todeskandidaten und zum Abgang" Reifen. Sie hingen in ihren viel zu weiten Kleidungsstücken drin wie Muselmänner in ihren Gewändern und Umschlagtüchern. Greisenhaft schritten sie langsam und wankend dahin. Der Junge war höchstens fünfundzwanzig Jahre alt und sah aus wie fünfundsiebzig. Er hatte gar keine Gestalt mehr und ein greisenhaft verfallenes Gnomengesicht. Ein Häufchen Kleider, wie eine Stoffpuppe. ,, Hier nimm", sagte er mit seinem schwachen Stimmchen. ,, Ich habe dir ein bißchen Tee organisiert, hähä." Das modische Allerweltswort ,, organisieren" für„ beschaffen" klang komisch aus seinem Munde. Ein Gefühl von Rührung über die Güte des Muselmanns stieg in mir auf. Und die unbezwingliche Sehnsucht, ein gutes menschliches Wort zu hören, kam wie ein Heißhunger über mich. Wie fing ich es an, daß er es von selbst sagte? ,, Meinst du, daß ich davonkomme?" fragte ich ihn. ,, Meinst du, daß ich wieder hinauskomme?" ,, Ja, du schon. Du bist kräftig und auch ein guter Mensch." - Wieso ein guter Mensch? Und was hat das damit zu tun, daß ich wieder gesund werde und hinauskomme?" ,, Du organisierst manchmal was zu essen. Und dann gibst du den anderen davon. Das habe ich schon bemerkt. Und ich glaube, daß gute Menschen mehr Kraft haben als andere und daher eher Aussicht, wieder herauszukommen." ,, Aber du", sagte ich, eigenartig berührt ,,, du bist doch auch kein schlechter Mensch. Du mußt dann auch davonkommen." 176 ,, Nein", entgegnete er ,,, ich bin ein schwacher und kein guter Mensch. Ich komme nicht davon." Mit diesen Worten verschloß er sich ganz vor mir, zog sich noch mehr in seine Umhüllung und sein Gespensterdasein zurück. Ich hatte auf das eine Wort gehofft. Es kam nicht. Aber das, was mir der Muselmann sagte, war schon genug an Trost und Wärme. Ich war ihm aus Herzenstiefe dankbar. Jetzt gab ich ihm das rechte Wort." Guter Kerl", sagte ich zu ihm. ,, Ob du nun mal gut oder schlecht warst, du bist zum guten Kerl geworden." Damit legte ich ihm die Hand auf den Kopf. So blieben wir lange und schweigend beieinander. Es war ganz still um uns. In der Baracke war niemand sonst. Die Kameraden waren bei der Arbeit draußen. Heiliger Frieden ringsum. Ein stiller Winkel in der Hölle. Allzubald wurde unser Idyll gestört. Die Kameraden kehrten zurück. Sie trugen die Pein und Drangsal ihres Tages herein. Eine besondere Aufregung heute: die Häftlinge Schlemmer und Kneisel hatten eine günstige Gelegenheit zur Flucht ergreifen wollen. Sie waren aber nicht weit über den Steinbruch hinausgekommen. Da wurden sie bereits entdeckt und festgenommen. Sie wurden zu fünfzig Stockschlägen verurteilt, außerdem zu einer Stunde Baum. Den ersten Teil der Strafe hatten sie schon überstanden. Die blutige Masse des Hinterteils war ihnen vom Sanitäter mit Jodtinktur eingerieben worden. Nun wurden sie der zweiten Folter unterzogen. Sie kamen an den Baum. Es wurden ihnen die Hände auf den Rücken gebunden und so wurden sie an einen Baum nach hinten aufgezogen. Derart hingen sie eine Stunde, mit verrenkten Gliedern, ausgekugelten Gelenken. SS- Männer machen sich ein Vergnügen daraus, die zu entsetzlichen Qualen Verurteilten noch besonders zu quälen. Sie schlagen mit der Reitpeitsche auf die Unglücklichen ein, drehen sie im Halbkreis nach rechts oder links, kitzeln sie an verschiedenen Körperstellen, verhöhnen und beschimpfen sie. Danach kamen die beiden Unglücklichen ins Revier. Wir rechneten damit, daß bald ihr Tod bekanntgegeben würde. Aber das Wunder geschah, sie überstanden auch die letzte Prüfung. Sie wurden dann in die Strafkompanie eingereiht. In der Strafkompanie wurde sonntags wie wochentags gearbeitet. Die Kost war noch schmaler, die Behandlung noch schlechter als allgemein im Lager. Kunter- Wittmann, Weltreise 12 177 Die Leute der Strafkompanie mußten die schwerste und schlimmste Arbeit verrichten; vor allem Arbeiten, die mit Lebensgefahr verbunden waren, wie etwa Sprengungen. Die Leute wurden wahrhaft zu Tod geschunden. In den Steinbruch mußten sie mit den Schubkarren im Laufschritt ziehen, schwere Steine auf dem Rücken tragen, doppelt geladene Loren schieben. Wenn die SS- Wachen irgendetwas bei einem zu beanstanden hatten, mußte er mit Steinen auf dem Rücken eine Stunde lang in einem Schlammloch im Kreise herumlaufen. Bei der unmenschlichen Behandlung gingen unverhältnismäßig viel Häftlinge ein. Wer keine eiserne Natur hatte, hielt es höchstens ein paar Monate aus. Es gab nur wenige, die ein Jahr oder mehr überstanden. Täglich Abgänge. Erfroren, verunglückt, vor Erschöpfung gestorben oder bewußtlos ins Revier gebracht ,,, auf der Flucht erschossen". Ein wilder Teufelskessel war jener Teil des Steinbruchs, wo die Strafkompanie beschäftigt wurde. Der Irrsinn der Verbrecher tobte sich dort unbegrenzt aus. Wenn der Steinbruch von Flossenbürg vom Blut der Erschlagenen und Ermordeten rot geworden wäre, hätte er weithin ins Land leuchten müssen, ein Fanal denjenigen, die vielleicht oder angeblich nicht gewußt haben, daß es Konzentrationslager gab, in denen Greuel geschehen sind. 178 Lagerleben Der letzte Tag meiner Schonzeit war gekommen. Ein Sonntag. Sonntags hatten die Häftlinge freien Nachmittag und, wenn es gut ging, waren wir dann auch wenigstens einmal in der Woche für uns allein, konnten uns von den Stunden des Nachmittags eine Ruhestunde oder ein kleines geselliges Beisammensein erübrigen. Der größte Teil des Nachmittags ging aber, wie der Samstagnachmittag, mit Säuberungsarbeiten in den Baracken und Instandsetzung der Kleider und Schuhe hin. Es gab da meist verschiedene Appelle. Wir mußten heraustreten, Schuhe, Wäsche, Hose oder Geschirr vorzeigen. Defekte oder sonst schadhaft gewordene Sachen mußten auf der Kammer umgetauscht oder zum Ausbessern in die zuständigen Werkstätten getragen werden. Dort mußte man eine Stunde mit Warten zubringen, bis man drankam. Nach dem Appell und den damit verbundenen Sonderaufgaben kam der Befehl zu den großen Reinigungsarbeiten. Die Tische und Bänke wurden ins Freie gebracht und gescheuert, das Geschirr mit Sand ausgerieben, die Fußböden naß gewischt. Es gab alle Hände voll zu tun. Im Tagesraum mußten die Spinde geputzt werden, so blank, daß das Holz weißer war, als wenn es gerade vom Schreiner gekommen wäre. Wehe, wenn dem Blockältesten bei einer Kontrolle durch den Blockführer eine Rüge erteilt wurde, daß dieser oder jener Spind nicht sauber sei! Die Blockführer prüften raffiniert. Sie nahmen Eẞgeschirr und Trinkbecher aus dem Spind und fuhren mit einer Nadel in die Ritzen, wo vielleicht noch ein winziger Speiserest versteckt war oder wischten sie mit dem Finger über die Blende einer elektrischen Birne, die man beim Abstauben vergessen hatte. Eine Strafmeldung wegen Faulheit oder Unsauberkeit war die Folge: Arrest, Kostentzug, Strafarbeit. 179 Am Sonntagnachmittag nach vier Uhr endlich alles in Ordnung. Die meisten saßen untätig herum, unterhielten sich, manche streckten sich auf der Bank, andere dösten in den Ecken. Wieder andere gaben sich mit Eifer der Tabak- fabrikation hin, wandelten„Kippen” in Tabak um, hatten von irgendwoher Tabakersatz beschafft: Blätter oder Tee. Es wurde hier emsig und mit einem fast feierlichen Ernst gearbeitet. „Eine kostbare Sache”, meinte einer. „Ja, kostbar und teuer.” Und man erzählte Geschichten, wie teuer man den leidenschaftlich begehrten Stoff schon bezahlt hatte. „Der Müller Karl ist ein Muselmann dadurch geworden.” „Na, das war aber auch ein starkes Stück von ihm. Läßt sich während der Arbeit beim Rauchen erwischen. Da kriegte er drei Monate Strafkompanie aufgebrummt. Dort wurde er fertiggemacht. Jetzt hilft er im Revier, die Toten zum Krematorium zu fahren. Bald wird er selber durch den Schornstein ab- ziehen.” Da ist der Braunwald Oskar eigentlich billiger ins Jenseits gekommen. Vor dem Stacheldraht warf ein SS-Mann eine große Kippe weg. Im Vorbeigehen bückte sich Oskar und langte über den Sperrmeter durch den Stacheldraht nach dem Stummel. Schon schoß die Turmwache auf ihn, und er rauchte keine Zigarette mehr, er rauchte kurz drauf selber im Krematorium.” „Mich hat eine Zigarette mal fünfundzwanzig auf den Arsch gekostet”, be- richtete einer. Wie ich bei der SS putzen mußte, lag da eine hinter einem Kasten. Ich steckte sie zu mir. Kurz darauf kam der Zill herein, guckte hinter den Kasten.„Aha“, sagte er höhnisch und grinste, der Satan.„Taschen um- drehen!“ Er hatte natürlich die Zigarette absichtlich hingelegt, um mich dran- zukriegen.” „Auf so’nen faulen Zauber fällt man auch nicht rein“, sagte ein Kamerad. „Das muß man geschickt und vorsichtig machen.” Und sie unterhielten sich halblaut in ihrer rauhen und derben Ausdrucks- weise und mit einem gewissen düsteren Galgenhumor über die Möglichkeiten, zu. Tabak zu kommen. Da schreckte uns ein lauter Befehl aus unserer friedlichen Stunde auf: „Raustreten!” 180 Der Ruhestörer war wieder mal der Sturmführer Schirner, das Ekel. Es fiel ihm nicht selten ein, sonntagnachmittags das ganze Lager antreten zu lassen. Zum - Singen! Er spazierte daher wie der Storch im grünen Klee, gestiefelt und gespornt. Lackstiefel, lederne Reithosen, saubere, elegante Uniform. In der Mitte des Appellplatzes ließ er eine Holztreppe aufstellen. Dort mußte ein Häftling hinaufstehen, der früher vielleicht mal Dirigent bei einem Gesangverein gewesen war. Er stimmte ein Lied an. Und dann mußte der Chor der Lagerinsassen singen. Schirner schritt gravitätisch auf und ab, die Hände auf dem Rücken und vertrieb sich die Zeit damit, dem Gesinge zuzuhören und sich dabei ein bißchen im Glanze seiner Macht und Größe zu sonnen. Wir verwünschten ihn zu allen Teufeln, gröhlten laut, damit es nicht auffiel, daß viele nicht mitsangen. Zwischenrein seine Rufe und Kommandos: ,, Schöner! Zackiger, ihr faulen Burschen! Ich werde euch das Singen beibringen und den Übermut vertreiben! Aufhören! Nochmals von vorne! Das ist doch ein Gefurz und kein Gesang, ihr Schweinehunde! Aufstehen! Hinliegen!" So konnte es zwei Stunden lang gehen, bis er endlich genug hatte und zum Tor hinausstolzierte. Die Sonntagsstunde war uns wieder mal verdorben. Bald hieß es dann: Essen fassen. Alle mußten hinaustreten. Im Block blieben nur der Blockälteste und der Schreiber zurück und vielleicht noch ein paar prominente Kapos. Die sorgten natürlich erst mal für sich, füllten sich einen schön gehäuften Teller voll Kartoffeln. Auch ihre Portionen an Brot und Wurst ließen sie nicht gerade klein ausfallen. Darauf teilten sie die Portionen an uns aus. Wir mußten uns aufstellen, einer hinter dem andern. Jeder stellte Überlegungen an, wie er am besten drankomme. Verschiedene wollten die ersten sein, vielleicht weil sie sich einbildeten, daß oben das Fett schwimme, die andern drückten sich hinten herum, weil unten im Kessel das Dicke ist. So kam es manchmal mehr oder weniger versteckt zu einem Kampf um die besten Plätze und Portionen, um einen winzigen Vorteil. Wie häßlich und gemein wird der Mensch, wenn er seine Gedanken einzig darauf richten muß, sein nacktes Leben zu fristen; wenn er nach einer Brotrinde gieren muß! 181 Nach dem Essen drängte alles zum Waschraum, denn jeder wollte als erster sein Geschirr spülen. So stieß und rieb man sich aneinander in den engen Räumen. Wir hielten im allgemeinen gute Disziplin und Kameradschaft. Aber wo so viele Menschen auf kleinem Raum beieinander sind unter menschenunwürdigen Verhältnissen, unterdrückt und unzureichend verpflegt, da können Reibereien Gehässigkeiten, Streit und Hader nicht ausbleiben. Viele waren in den Nerven ganz heruntergekommen und darum unbeherrscht und händelsüchtig. Die Vernünftigen hatten dann Mühe zu schlichten, damit wir Unglücklichen und Elenden einander nicht unnötig das Leben noch schwerer machten als es bereits war. An Werktagen, wenn man glaubte, nach dem Abendessen noch ein Stündchen Ruhe zu bekommen, täuschte man sich manchmal. Es kam wieder etwas anderes. Fertigmachen zur Läusekontrolle! Dann mußte jeder Hemd und Hose ausziehen und nach dem Ungeziefer gucken, das sich manchmal nicht nur in den Kleidern, sondern auch an den behaarten Stellen des Körpers einnistete. Wer Ungeziefer hatte, mußte Decken und Kleider zusammenrollen und sich zur Entlausung in die Waschküche begeben. Nach alldem war es endlich soweit, daß man in seine Falle einsteigen konnte. Gut und schön. Das ging einfach vonstatten. Aber morgens dann der Fallenbau! Das war ein Kapitel für sich. Das Bett mußte sein wie ein Billardtisch, so glatt und gestriegelt, das Kopfkissen wie eine Zigarrenkiste. Die Flucht der Betten mußte die gleiche Höhe haben, kein Zentimeter Unterschied durfte da sein, keine Falte oder Unebenheit. Der Schlafsaaldienst hatte eine Tabelle, auf der jeder mit seiner Nummer und seinem Bett verzeichnet stand. Denjenigen, der mit seinem Bett aufgefallen" war, erwartete abends statt des Essens eine Strafmeldung. Er durfte dann nicht mit den andern essen, sondern mußte unter schimpfender und prügelnder Aufsicht sein Bett x- mal machen und wieder einreißen. Dann war es oftmals bereits soweit, daß er gleich hineinkriechen konnte, wenn er es endlich zur Zufriedenheit gebaut hatte. Übrigens kostete der Fallenbau wohl manchem das Leben. Der eine oder andere war nervös und unsicher und fürchtete, er werde beim Bettenmachen auffallen. Aus diesem Grunde übertrug er einem andern die Aufgabe, sein Bett mitzumachen und gab ihm dafür ein Stück Brot. Das aber bedeutete 182 langsamen Selbstmord. Denn Brot war das unentbehrlichste Nahrungsmittel, dessen Qualität und Quantität uns am Leben erhielt. Es war kostbar wie das Leben selber. Darum wurde Brotdiebstahl auch hart und unerbittlich von den Häftlingen selber bestraft. Wer des Brotdiebstahls überführt wurde, bekam von uns so unbarmherzig Prügel, wie für andere Vergehen von der SS.— Lebensgefährlich. Die unbezähmbare Sucht vieler Häftlinge, zu rauchen, führte ebenfalls zu Brothandel. Tabak oder Tabakersatz wurde gegen Brot eingetauscht. Das wurde ebenfalls vielen zum Verhängnis. Denn auf das Rauchen konnte man verzichten, niemals aber auf einen, wenn auch noch so kleinen Teil des Brotes. Wer von seinem Brot laufend abgab, mußte unrettbar eingehen. Essen! Das war der Gedanke und das Gespräch der ewig Hungrigen. Nichts sonst interessierte sie so sehr wie das.„Was gibt es heute?”, das war die ständig wiederkehrende Frage, eines der beiden Hauptthemen. Das andere Thema hieß: Komme ich hier wieder raus und wann? Aber noch eine Frage schien dringlich zu sein, wenn sie auch wenig im Lager unter den Häftlingen behandelt wurde: das Geschlechtsleben. Die Lager- verwaltung jedenfalls sah diese Frage sicher als dringlich an, denn sonst hätte sie nicht in die karge Rubrik) ihres Haushalts, überschrieben„Häftlings- betreuung”, Ausgaben und Einnahmen über die geschlechtlichen Versorgungs- maßnahmen eintragen können. Während meines Aufenthalts in Flossenbürg wurde ein Bordell eingerichtet. Man wollte damit wohl in erster Linie vor- beugen, daß widernatürliche Geschlechtsbetätigungen allzusehr um sich griffen. Denn bei der erzwungenen geschlechtlichen Enthaltsamkeit durch viele Jahre konnte es natürlich nicht ausbleiben, daß Männer in sexuelle Not gerieten und sich auf mancherlei Art abzureagieren versuchten. Manche halfen sich wohl mit Onanie. Es kamen aber auch Beziehungen zwischen Männern zustande. Da und dort wurde so etwas bekannt. Verurteilungen, Sterilisation und Kastrieren wegen Vergehens gegen den$ 175 kamen vor. Dem allem sollte nun die Einrichtung des Bordells-abhelfen. Ich empfand eine solche Einrichtung als Schande und neue Erniedrigung und ließ mich nie in dem Haus sehen. Kameraden berichteten mir über Zustände und Vorgänge im Bordell. Wollte der Häftling solch ein Haus besuchen, so mußte er sich vorher bei seinem Blockältesten anmelden. Er wurde vorgemerkt und bekam 183 eine Karte gegen die Gebühr von einer Mark. Das ging von den paar Pfennig ,, Verdienst" ab, die wir erhielten. Zur bestimmten Stunde betrat er das Gebäude, wurde zuvor vom Arzt untersucht und mußte dann mit einer Reihe von Bewerbern Schlange stehen. Die Aufsicht führte auch hier die SS. Sie rief einen nach dem andern auf und teilte jedem die Zimmernummer mit. Die Frau, mit der er Verkehr haben würde, sah er vorher nicht. Es war ihm eine Frist von fünfzehn Minuten bewilligt, die er nicht überschreiten durfte. In der Zimmertür war ein Guckloch für etwaige Kontrollmaßnahmen. Die Mädchen und Frauen in dem Bordell waren keineswegs ausschließlich Prostituierte aus anderen Bordells, sondern zumeist weibliche KZ- Häftlinge aus Frauenlagern, zum Beispiel aus Ravensbrück. Dort wurden die Frauen von Ärzten zu Versuchszwecken in abscheulicher Weise mißbraucht und miẞhandelt. Gar manche wurde regelrecht bei lebendigem Leibe seziert. Die mörderischen Metzger schnitten den Frauen oft ohne Narkose Muskeln heraus, um diese auf verwundete Soldaten zu übertragen. Anderen impfte man Giftstoffe ein, die schrecklichen Aussatz, zerstörende Krankheiten oder Lähmungen hervorriefen. Bei einer Reihe von Frauen versuchte man künstliche Befruchtungen, um dann die Entwicklungsstadien des Embryos zu studieren. Die Quälereien müssen so entsetzlich gewesen sein, daß viele Frauen sich aus den Fenstern stürzten oder sonstwie Selbstmord verübten. Viele meldeten sich auch als Bordellmädchen für die Anstalten in den KZ- Lagern, zumal man ihnen versprach, daß sie nach einer gewissen Zeit in die Freiheit entlassen werden würden. 184 Ein Wintertag Ich wache vom nervösen Schlaf auf, sehe durch die Scheiben der mit Eis- blumen verzierten Fenster, der elektrische Draht ist erleuchtet. Wie spät mag’s sein, fünf, halb sechs? Die ersten Zeichen des Morgengrauens draußen, die dunklen Nebel hellen sich etwas auf. Ich fühle, bald wird es pfeifen zum Wecken, dann geht das Licht am Appellplatz und in den Blocks an und der grausig kalte und gnadenlose Tag beginnt. Einer gleicht dem andern. Man ist immer froh, wenn man wieder in der Falle liegt, wenn man ungeschoren da- vongekommen ist, wenn man nicht das Mißgeschick hatte, in irgendeine mör- derische Sache hineinzugeraten, den Bestien in die Fänge zu fallen. Wie lange soll das so weitergehen, die ewig gleiche Frage! Besteht überhaupt Aussicht, daß man aus dieser Hölle mal lebend herauskommt? Nur der Tod kann Er- lösung bringen, denn Entlassung gibt es doch keine. Unter tausend mal einer oder zwei. Auf diese Lotterie verlasse ich mich weniger noch als auf das Hasardspiel seinerzeit in Monte Carlo. Was ist das, was haben diese Hunde eigentlich mit uns vor? Wollen sie uns alle zu Tode martern oder verhungern lassen? Wenn ich daran denke, der Blockälteste sitzt schon zehn Jahre hinter dem Draht, mich schaudert bei dem Gedanken, daß ich vielleicht auch so lange aushalten muß, um schließlich doch noch ein Opfer der wahnsinnigen Verbrecher zu werden, abgetan zu werden wie ein Stück Vieh, zertreten wie ein Insekt, bespien wie der letzte Dreck. Mein Gott, mein Gott, hast du mich verlassen? Verzweiflung überfällt mich manchmal, aber nur für Augenblicke. Die Kraft reicht gar nicht aus zu Verzweiflungsattacken; auch wehre ich mich immer mit aller Energie gegen niederdrückende Gefühle. Ich liege still in der Falle, warte auf den Pfiff. Draußen ist gewiß eine Hunde- kälte, sie kriecht durch die Barackenwände herein. Die dünnen Bretter würden 185 sicher die Wärme nicht halten können, doch die zweihundert Menschen im Schlafsaal geben außer dem furchtbaren Gestank, der einem kaum die Luft zum Atmen läßt, doch eine gewisse Wärme. Meine Gedanken gehen matt und undeutlich durch den Kopf, abgerissene Schatten und Bilder wie in den unruhigen Träumen. Gestern, Sonntag früh, war ich auf der Schusterbude. Zwei nette Kapos waren da, die Gebrüder Masel. Allgemein beliebt, ruhig und freundlich zu jedermann. Selten findet man so sanfte und gleichmäßige Menschen hier. Gutmütig hatte Georg Masel mir versprochen, mir den Schuh bald zu flicken. ,, Komm morgen abend wieder, Max!" Ich hatte ihm zum Abschied die Hand reichen wollen, er gab sie mir aber nicht; ich war befremdet darüber. Geh nun, Max. Auf Wiedersehen. Und was willst du, Karl?" Nachmittags im Gespräch mit Kameraden hatte ich dann gefragt, was mit den Brüdern Masel sei. ,, Zwei gute Kapos, nicht wahr?" ,, Ja, schon. Man sollte es nicht glauben, daß es Schwerverbrecher sind. Sie haben als sechzehnjährige Buben ihre Eltern ermordet." 11 In mir schwang jetzt noch die Erregung über diese Auskunft nach. Welche Abgründe waren im Menschen, von welchen teuflischen Kräften und Dämonen wurden sie angetrieben? Wie nahe beieinander waren in den Menschen Böses und Gutes, Edles und Verworfenheit, Grausamkeit und Mitleid, Gott und Teufel! Ich erschrak im tiefsten Innern. Konnte man den Menschen überhaupt verantwortlich machen für das, was er tat? In vielen war das Menschtum ganz von den bösen Kräften überspielt, sie waren das Werkzeug der Dämonen, die sich in ihnen festgesetzt hatten; sie lebten nicht mehr das Leben von Menschen, hatten nur noch Menschengestalt, kaum noch Menschengesicht. Sie waren krank, eine Seuche hatte sie erfaßt, sie litten an Wahnsinn. Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Nein doch, so konnte ich nicht beten. Ich war auch nur ein Mensch. Herr, nimm sie in Schutzhaft. Eine grimmige Laune des Schicksals hatte die falschen Leute in Schutzhaft geraten lassen! Schutzhaft! Auch so ein Wort der Niedertracht. Wer sollte vor uns oder wir vor wem geschützt werden? Schutz brauchten nur wir, und zwar vor den Bestien, die uns bewachen sollten. Ich wartete auf den Pfiff. Mir stockte der Atem in der plötzlichen Überzeugung, daß es in der nächsten Minute pfeifen werde. Noch zehn oder zwanzig Sekunden. Es pfiff nicht. Da wünschte ich mir, der Pfiff möge wenig186 stens noch fünf Minuten auf sich warten lassen. Ah, noch fünf Minuten! Welche Ewigkeit, welche Seligkeit! Fünf Minuten ganz allein für mich. Kein Mensch würde mich stören, kein SS- Mann mich anschreien. Ich konnte ganz souverän über meine fünf Minuten verfügen. Ja, ich konnte, beispielsweise, meinem großen Traum ein bißchen nachhängen. Wie damals in der grünen Thüringer Mulde. Oder am Strand auf Tahiti, unter dem Kreuz des Südens, Tete neben mir, die schöner war als der schönste Traum, zarter als der Hauch über dem Meer in der Ferne, märchenhafter als das Märchen der„, Inseln im Winde". Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum hast du mich aus dem Paradies verjagt, in dieses Paradies des Teufes hineingestoßen! Ich werde traurig, hole mich zurück aus dem grübelnden Traum. Nein, ich kann doch nicht über meine fünf Minuten frei verfügen. Ich bin ein Verdammter, ich brauche meine fünf Minuten, um mich in der Verdammnis am Leben zu erhalten, meine Kräfte zu konzentrieren, ich selber bin ja schon konzentriert im Konzentrationslager, haha. Wie witzig man sein kann, in allem Elend. Wie gut, daß meine Mutter tot ist! Sonst würde sie sich jetzt zu Tode grämen, und dann wäre ich an ihrem Tode schuld, ein Muttermörder wie Georg Masel. Vielleicht sind die Gebrüder Masel Zwillinge und unter dem Saturn geboren mit einer schlechten Konstellation im Haus des Mondes. Da hatte ich mal in einem astrologischen Buch gelesen, daß solche Menschen ein furchtbares Los haben, entweder Mörder werden oder aber Ermordete. Wer weiß, wie das alles zusammenhängt. Aber wenn man den Philosophen und Dichtern glauben darf, ist alles Vorherbestimmung. Niemand kann sein wie er will und sollte. Die Nazis sprechen von Erbgut. Die andern von Veranlagungen, die zwangsläufig den Ablauf des Lebens bestimmen. Also kann man doch keinen Nazi verantwortlich machen für das, was er tut! Vor Jahren hatte ich mal ,, Raskolnikow" von Dostojewski gelesen. Wie der die Menschen kannte! Er wußte Bescheid um die tragische Verlorenheit des Menschen, er wußte, wie schwer sie an ihrer Verworfenheit trugen, wie verstrickt sie in ihr dämonisches Schicksal waren, wie sie an der Strippe zappelten, an dem der mächtige Böse zog. Das Inferno beginnt hier auf Erden bereits, die Seele muß durch das Purgatorium hindurch, Gute und Böse müssen leiden. Warum? Wieso? Hol's der Teufel! Was geht mich das an? Über diese Fragen sollen die Dichter und Philosophen nachdenken. Das ist ihres Amtes. Sie sollen 187 Blut schwitzen, um es herauszufinden. Es soll auch ihnen nicht nur gut gehen. Denn es geht ihnen wohl gut genug, sie haben zu leben, sitzen friedlich und warm in schön ausgestatteten Arbeitszimmern. Allerdings, so einfach ist das auch wieder nicht. Ich habe gelesen, daß viele unglücklich waren und verrückt wurden, und ein Berühmter hat einmal ausgerufen:„ Gott, mein Gott, du hast mich ein ganzes Leben lang gequält!" Und Dostojewski hat an epileptischen Anfällen gelitten, und andere haben an ihrem Leben wie an einer schweren Last getragen, obwohl nach außen hin alles so schön klappte, Haus und Garten und mancherlei Bequemlichkeiten da waren. Komisch, wenn man es recht bedachte, war vielleicht kein Mensch glücklich; es gab vielerlei Höllen, durch die er hindurch mußte, vielerlei Verstrickungen und Abgründe. Wer kannte sich da aus! Verdammt, das Leben war anscheinend für alle eine schwere Last, wirklich ein Jammertal, ich hatte das immer für eine leere Phrase gehalten. Aber ich durfte mich nicht versündigen. Nein. Es war nicht recht, daß ich manchmal mit Gott und meinem Schicksal haderte. Der große Dichter klagte Gott an, daß er ihn sein ganzes Leben hindurch gequält habe. Mich hatte er bisher nur ein paar Monate quälen lassen und er würde mich höchstens ein paar Jahre quälen. Was für schöne und glückliche Zeiten hatte er mir schon geschenkt! Er hatte mich begnadet und bevorzugt vor vielen anderen. Er hatte mir Köstlichkeiten gewährt wie selten anderen Menschen zuteil wurden. Er hatte mich als einfachen, starken, sinnenfrohen Menschen geschaffen und mir seine Welt geschenkt, er hatte mir so oft weitergeholfen, er würde mir auch jetzt weiterhelfen. Aber was phantasierte ich da zusammen! Was für einen blauen Dunst machte ich mir vor! Humaner Dusel und Fusel! Alles Unsinn. Ich war ins Konzentrationslager gekommen, wie ein anderer im Gebirge abstürzt und das Genick bricht. So war es nun und nicht anders. Damit basta. Meine Aufgabe war, durchzuhalten und zu versuchen, mich zu retten. Und nachher? Die Nazis? Nachher kamen die Nazis an die Reihe! Weg mit ihnen. Zerdrücken wie die Wanzen. Einen Mörser erfinden, in dem man sie zerquetschen kann. Da pfeift es. Rums, fliegt alles raus aus den Betten. Nervöse Hast unter den Aufgestörten. Es ist fünf Uhr dreißig Minuten. Die Einteilung ist so, daß keiner zurückbleiben darf, will er nicht Unannehmlichkeiten und Nachteile haben. Erst baut der Ober- und der Unterstock Betten, dann heißt es ,, Raus!", 188 und die Bewohner des Mittelstocks kommen dran, ihre Betten zu bauen. Galopp. Kaffee fassen! Hastig wird die braune Brühe hinuntergeschlürft. Wer nicht mitkommt, muß auf den Kaffee verzichten und sein Brot in die Tasche stecken, unterwegs essen. Wieder ein Befehl: ,, Alles raustreten!" Der gesamte Block muß vor dem Appell gesäubert werden. Stubendienst vor die Front. Dazu müssen sich ein paar Mann mit Besen und Schrubber bewaffnen. Ein Gedränge und Geschiebe, wohin man sieht. Der eine will noch schnell sein Geschirr im Waschraum säubern, der andere springt zum Abort. Natürlich ist der wieder besetzt, und fünf andere warten auch schon. Viele haben Durchfall, und der Kalfakter, der den Abort sauber halten muß, will auch fertig werden, denn es ist gleich Appell. Schluß jetzt!" schreit er. Es darf keiner rein. Die draufsitzen, nehmen ihre Hosen in die Hände und knöpfen sie unterwegs an. Der Blockälteste pfeift zum Antreten. Eine eisige Kälte empfängt uns. Flimmernd und glitzernd treibt ein feiner Schnee, der schneidende Wind fährt uns ins Gebein. Wir schlottern in den dünnen Kleidern. Die Herren sind natürlich noch drinnen im Tagesraum, wo eingeheizt ist. Der Blockälteste, der Schreiber, der Stubenälteste und noch ein paar haben Innendienst, sorgen dafür, daß die Baracke instandgesetzt wird. Da will auch jeder gern dabei sein, morgens den Block sauber machen helfen. Denn man darf dafür mittags, wenn das Essen ausgeteilt ist, den Kostträger auskratzen; etliche Klumpen bleiben immer am Boden hängen. Und ein paar Löffel mehr in diesem deutschen Sibirien kann das Leben bedeuten. Wir stehen draußen in Reih und Glied und trampeln den Schnee fest. Morgenappell. Mützen ab! Meldung des Rapportführers an den Lagerführer. Befehl:„ Arbeitskommandos formieren!" Dann wirbelt alles durcheinander, schnell reiht sich jeder seinem Arbeitskommando ein. Die einen rennen zum Schuster, die andern zum Schneider, in die Werkstätten, an die verschiedensten Arbeitsplätze. Einige haben Schonung, müssen leichten Innendienst machen, andere sind fürs Revier vorgemerkt. Der längste Zug ist der zum Steinbruch. Im Gleichschritt marsch! Die lange Kette ausgehungerter Menschen, in ihren plumpen Holzschuhen und schmutzigen blauweiß gestreiften Anzügen marschieren zum Tor des Lagers hinaus, über die Landstraße nach dem in einigen hundert Meter Entfernung liegenden Steinbruch. Inzwischen ist die große 189 Postenkette gebildet, die sich um das gesamte Lager und um den Steinbruch zieht. Grau und kalt liegt der Steinbruch vor uns. Wie eine träge ruhende Bestie blickt er uns feindselig entgegen. Täglich von neuem müssen wir den Kampf mit der Bestie aufnehmen, die schon viele von uns gefressen hat. Wer wird heute drankommen? Selten vergeht ein Arbeitstag, ohne daß wir Tote oder Verletzte hätten. Auf wen fällt heute das Los, wen hat die Bestie sich ausgesucht? Uns fröstelt. Aber nicht mehr lang. Bald kommt Leben in diesen toten kalten Winkel der Hölle. Die Betonmischmaschinen rasseln, die Kähne ächzen, die Stampfer und Bohrer machen Lärm. Überall emsige Hände, die bohren, heben, brechen, Ketten an den Kränen ziehen. Manche tragen schwere Steine mit bloßen Händen. Was für schreckliche Kälte sitzt in den Steinen! Was für ein feindliches Element! Die Loren werden vollgeladen, zu den einzelnen Hallen transportiert, wo Häftlinge als Steinmetzen eingesetzt sind. In einem großen Loch, in dem sich Schlamm und Schneewasser befindet, laufen etwa zwanzig Häftlinge im Kreis herum. Sie haben schwere Steine auf dem Rücken, sind von der Strafkompanie. Weiß der Teufel, aus welchem Grund die armen Kerle so geplagt werden. Ein junger, kräftiger SS- Mann steht dabei, mit glattem, rundrotem Gesicht, wasserhellen Augen, seine Miene hat einen Ausdruck von Freude und Spannung, als sei er mit sich oder mit dem, was er tut, sehr zufrieden. Er ist satten Leibes, aber auch satt in seinen Trieben und Instinkten, die böse und grausam sind. Er mästet sich an Tieren und Menschen. Man kennt und fürchtet ihn allgemein. Er ist der Typ des SS- Mann- Kannibalen, unter dem die Häftlinge körperlich und seelisch zugrundegehen. So schätze ich ihn ab. Sein feister Körper streckt und reckt sich. Wie eine fette Made, geht mir der Vergleich durch den Sinn. Nein, jetzt nicht. So kann man ihn sich vorstellen in seinem Bau, wenn er gefressen hat. Jetzt steht er kalt und eisern, kälter als der Stein, den ich eben an ihm vorbeischleppen muß. Da, die glatte Figur regt sich, rutscht mit dem Fuß aus, tritt einem Häftling auf den Stein, den er auf der Achsel schleppt, so derb, daß der Unglückliche mit einem Aufschrei zusammenfällt. ,, Willst du in die Reihe kommen, du Lump!" schreit er wüst. Aber der kommt nicht mehr in die Reihe. Der liegt da und ein kleines Gerinsel von Blut fließt aus seinem Mund. ,, Schafft das Stück Mist aus dem Weg!" befiehlt der Unhold. 190 Auf einmal ertönt das Kommando: Hinlegen! Wir alle schnell zu Boden. Es ist wieder einer, der es nicht mehr aushalten konnte, an den Draht gelaufen. Schüsse fallen. Ein Auto kommt. Das Fenster schiebt sich auf. Wir liegen Minuten in der eisigen Kälte am Boden. Ich schiele von der Böschung hinauf, sehe und höre, wie der Bluthund, der Kommandoführer vom Steinbruch, Scharführer Gruber, dem Lagerkommandanten und dem SS- Arzt die Meldung macht:„ Ein Häftling auf der Flucht erschossen!" Zwei Häftlinge mit einer Trage kommen im Laufschritt an mir vorbei, laden den Toten auf wie kurz vorher einen großen Stein auf die Lore, Decke drüber, im Laufschritt ab. ,, Aufstehen! Weitermachen!" Das sind die kleinen üblichen Zwischenfälle des Alltags. Abends alles in allem: Im Lager nichts Neues, nichts von Bedeutung. Es ist elf Uhr. Der sehnsüchtig erwartete Wagen mit dem Essen fährt an. Abzählen. In acht Reihen aufstellen. Essen fassen. Drei Viertelliter Kraut. Halb roh schwimmt es in der klaren Brühe herum. Und wieder so schlechte, erfrorene Kartoffeln! Aber heiß, herrlich heiß. Viele schlingen im Heißhunger hinunter. Viele halten erst eine Zeitlang die erstarrten Hände an den Blechnapf, an die heißen Kartoffeln. Drei Viertelstunden ist Mittagszeit. In einer Viertelstunde sind wir mit essen fertig. Mit dem Essen, aber nicht mit dem Hunger. Jeder guckt und schnuppert herum, ob noch irgendwo was zum Brechen und Beißen ist. Manche suchen Kartoffelschalen. Einer hat seinen Eẞschlag unter die Hände eines kartoffelschälenden Kameraden gestellt, damit er den begehrten Abfall ,, aus erster Hand" bekommt. An einer Ecke stehen zwei und handeln. Der eine hat eine Zigarette in der Hand, der andere will ihm eine Kartoffel dafür geben. Aber der erste tut's nicht dafür. Zwei Kartoffeln will er. Der gibt sie ihm schließlich, zögernd und notgedrungen. Dabei sieht er aus wie der lebendige Tod, hohlwangig und klapperdürr. Der macht auch nicht mehr lange. Er gibt die Lebenssubstanz für das Rauchen aus. ,, Friß doch deine Kartoffeln selber!" mahnt ein Vorübergehender. Muẞt ja bald ins Gras beißen!" Das Skelett verzieht das Gesicht. ,, Ins Gras? In den Schnee meinst du wohl? Bis zum Frühjahr halte ich nicht durch..." 191 ,, Mensch, red nicht so dalket daher! Du frißt und rauchst noch Gras im Frühjahr, wie wir andern auch." Die letzte Viertelstunde stehen die meisten in kleinen Gruppen beieinander und unterhalten sich. Immer die gleichen Gespräche. ,, Du, ich habe gehört, heute soll es Suppe geben."„, Nein, es gibt wieder Kaffee."" So und was dazu?"" Wahrscheinlich Brot und Margarine." Essen, Trieb, Sehnsucht, Wunschtraum. Essen, nur wieder mal sich sattessen. Das ist zum manischen Gedanken und Wunsch geworden. 11 Bei verschiedenen Gruppen Tuscheln, Politisieren. ,, Du, die Deutschen sollen in Rußland weit zurückgegangen sein." Wenn die Russen sie nur ganz rausschmeißen und uns befreien würden!" ,, Uns befreien? Bis die hier sind, haben uns die Verbrecher längst alle kaltgemacht!"" Hitler den Krieg gewinnen? Verrecken wird er an seinem eigenen Krieg!"" Aber was geschieht dann mit uns, die schlachten uns vorher ab!"" Und wenn er den Krieg gewinnen würde, meinst du, dann kämen wir hier raus? Dann ging's erst recht über uns her. Dann schnappen sie in ihrem Größenwahn ganz über und machen mit uns, was sie wollen. Was denkst du, wie wir schuften müßten am Straßenbau und in den zerstörten Städten! Und was glaubst du, was die SS mit uns macht, wenn sie zurückkommt? Sie werden uns alles heißen, Lumpen, Vaterlandsverräter, Kommunisten. Ihr habt euch hier herumgedrückt, ihr Faulenzer, werden sie sagen, und wir sind draußengestanden und haben uns die Knochen kaputtschießen lassen. Also, das wäre unausdenkbar schrecklich für uns und das ganze deutsche Volk, nein, für alle Völker, wenn die Nazis ihre Herrschaft ausdehnen könnten. Aber es ist ja lächerlich, darüber zu sprechen, daß die Nazis den Krieg gewinnen könnten. Jetzt kommt auch der Amerikaner hinzu, und der macht sie restlos fertig." ,, Schon recht. Aber wir sind so oder so erledigt. Ob wir den Krieg gewinnen oder nicht." ,, Du unkst immer dasselbe. Ich sage dir, wir sind nächsten Herbst zu Hause bei Muttern." ,, Und du prophezeist immer dasselbe, Alfred. Nächste Weihnachten, nächste Ostern, Pfingsten, Herbst. An deiner Großmutter ihrem Geburtstag." Ich schlendere an verschiedenen Gruppen vorbei. Überall vernehme ich Gesprächsfetzen über Themen, um die die Gedanken aller kreisen. 192 Essen. Wie geht's daheim? Nachrichten von der Frau. Wie geht der Krieg aus? Kommen wir wieder hinaus oder nicht? Lange Erörterungen über Entlassungsmöglichkeiten. Tausend Gerüchte und Parolen. - - Man kann sich freiwillig zur Wehrmacht melden. Man kann sich einem Kommando zuteilen lassen, das Blindgänger und Zeitzünder nach Bombenangriffen sicherstellt. Nach zwanzig Einsätzen wird man zur Belohnung entlassen. Allgemeine Amnestie für Häftlinge, die mehr als fünf Jahre da sind, in Aussicht. Fünfzig Prozent der Häftlinge werden entlassen. Die Lebensmittelzufuhr ist herabgesetzt worden. Hundert Kleinigkeiten werden an den Haaren herbeigezogen, um Anzeichen für baldige Entlassung zu konstruieren. Seit Jahren tagein, tagaus das gleiche. - Es pfeift zur Arbeitswiederaufnahme. Scheißhausparolen", bemerkt einer laut und abschließend. ,, Und die Vergünstigung für das Zeitzünderwegräumen gibt es nur für Zuchthäusler, nicht für uns", setzte einer im Laufschritt mit einem andern noch kurz das Gespräch fort. Ach, wie ist der Nachmittag lang, bitterhart, bitterkalt. Die letzten Stunden beanspruchen die letzte Kraft. Leer und ausgelaugt sind die Glieder, apathisch schleppt man sich dahin, schuftet, keucht, überanstrengt sich, nimmt sich zusammen, um nicht aufzufallen und mißhandelt zu werden. Feierabend. Vielleicht eine Stunde heute abend. Stillsitzen. Ausruhen. Vielleicht etwas zu rauchen. Der Gedanke hält aufrecht. Endlich der erlösende Pfiff. Es ist fünf Uhr. Einrücken. Müde und abgearbeitet zieht sich die lange Kette der Elenden auf der Straße ins Lager zurück. Hinter ihr noch ein besonderer Zug. Der sieht aus wie ein Leichenzug. Nein, er sieht nicht nur so aus, sondern er ist ein Leichenzug. Eine Kolonne für sich. Träger mit Unglücklichen, die tagsüber zusammengebrochen sind, meist solche, die die letzten zwei Stunden doch nicht mehr ausgehalten haben. Bewußtlose, Erschöpfte, Kranke, auch Tote. Alle, die noch ein bißchen stabil sind, müssen Träger machen. Auch ich. Mein guter Kamerad Alfred neben mir. Mensch, Alfred, du, ich glaube, der ist schon tot. Eiskalte Beene hat er. Oder vielleicht hat er sie erfroren.". Hoffentlich ist er tot, bis wir heimkommen. Sonst schmeißen sie ihn im Revier ja doch in kaltes Wasser, daß er vollends kaputtgeht. Kanter- Wittmann, Weltreise 13 193 Neben uns zwei Träger, die auf verschränkten Armen einen Bewußtlosen tragen.„Also stinken tut der. Na ja, er hat die Hosen voll. Der arme Kerl. Wird sich nochmal ausgeschissen haben, und dann ist ihm das Arschloch zu- geschnappt. Paß auf, der kommt gar nicht wieder zu sich.“ Heute waren es verhältnismäßig wenig, die wir hereintrugen. Etwa fünf- zehn Mann. Etliche sind einigermaßen bei sich, sie verschwinden möglichst schnell und unauffällig. Denn wenn sie ins Revier kommen, sind sie Todes- kandidaten. Da wird nicht gefackelt. Die andern werden gleich zum Revier gebracht, abgeladen wie ein Haufen Wachspuppen. Erbärmliche Menschen- bündel, Plunderpakete in Lumpen und Dreck. Der Wind pfeift. Es fängt an zu schneien. Alfred steht bei mir. Junge, Junge, dauert das wieder lang mit dem Appell. Jetzt müssen wir wieder warten, bis der Lagerführer geruht, zu kommen. Mensch, so eine Kälte! Der Lagerführer kommt.„Mützen ab! Die Augen links!” Au, au, verdammt, Alfred, da stimmt etwas nicht! Da fehlt wieder einer. Na, das kann ja recht werden bei der Kälte, Mensch. So ein blöder Hund. Jetzt im Winter. Wo will er denn hin? Sollen wieder zwanzig verrecken wegen so einem gewissenlosen Kerl. Da, verflucht nochmal! Hörst du:„Sämtliche Kapos raustreten!” Aha, die gehen jetzt, den Steinbruch absuchen. Siehst du, sie haben Hunde geholt. Er kann noch nicht weit sein, hat sich vielleicht im Steinbruch versteckt. Hoffentlich fassen sie ihn gleich. Du, der Lagerführer, der Auermeier, der kriegt es fertig und läßt uns die ganze Nacht durch in der eisigen Kälte stehen. Dann gehen Dutzende drauf. Das überleben wir alle nicht recht, da kriegen wir alle einen Knacks weg. Aber schau, die kommen ja schon wieder. Gott sei Dank! Zum Tor kommen sie herein. Die Hunde sind gut auf den Menschen dressiert. Guck, Alfred, sie hängen ihm eine Tafel um. O je, gleich in vier Sprachen. Er hat einen roten Winkel mit einem R. Ein Russe. Was meinst du, wenn er Deutscher wäre, dann hätte der Auermeier uns wieder besonders geschliffen. Siehst du, jetzt führen sie ihn herum. Er kann ja kein Wort Deutsch, sonst würden sie ihn bestimmt rufen lassen: Ich bin zurück, ich bin wieder da. Jetzt wird er gleich die Hiebe bekommen. Schau, sie holen schon den Bock her. Alles im Viereck antreten.. Sie schnallen ihn über. Der Rapportführer und der Lagerführer stehen dabei. Zwei schlagen. Patsch, patsch, saust es hernieder von links und rechts. Fünfzig! Na, Alfred, 194 der ist diesmal gut weggekommen. Ich dachte, er kriegt als Russe hundert, und man macht ihn fertig. Alle Achtung, er ist ein Kerl. Keinen Laut hat er von sich gegeben. Der Junge ist eisern. Aber verdammt, ich glaube, ich habe meinen Zehen erfroren. Ich will nichts mehr wissen, sehen und hören. Die Deutschen wegtreten!" Im Laufschritt kehrt marsch. Kümmere sich jeder um sich. Hinter mir der Tag, die Strapazen, die toten und kranken Kameraden, der zerprügelte Russe, die Menschenschuttabladestelle am Revier. Hol alles der Teufel. Jedes Gefühl ist in mir erstorben. Mitleid mit den Gepeinigten sowohl wie Empörung über die Peiniger. Es sind alles keine Menschen mehr. Nur noch Kreaturen, die unter Kreaturen leiden, alle miteinander Opfer einer Katastrophe, einer Sintflut. Menschendämmerung. Rette sich wer kann! Sintflut, ja, so etwas denke ich. Und da, vor mir die Baracke, sie ist wie die Arche Noah. Dort drin bin ich geborgen. Ich gehöre zu den Glücklichen, die darin aufgenommen werden, die geschützt sind vor Kälte, Sturm und allerlei Unbill. Vielleicht kommt morgen die Taube mit dem Olzweig und wir können trocken hinaus. Phantasiere ich schon wieder? Es wird doch nicht wieder so'n Dreckzeug mit Fieber unterwegs sein? O herrlich, die Baracke ist heute geheizt. Das Essen wird ausgegeben, also, es gibt doch Kaffee mit Brot und Margarine. Fein. Man taut auf und kriegt etwas Stimmung. Wie der Mensch doch gleich wieder obenauf und zuversichtlich ist, wenn es ihm ein winziges bißchen besser geht! Der Blockälteste kläfft. Aber sein lärmender Befehl: ,, Verhaltet euch ja ruhig, ich will keinen Laut hören!" wäre nicht nötig. Alle sitzen von selbst still und ruhig da, schneiden ihr Brot, zwei, drei Stücke, streichen sich bedächtig und sorgsam einteilend die Margarine drauf, kauen mit Behagen. Manche schmatzen gewohnheitsmäßig beim Essen, schlürfen allzu vernehmlich ihren Kaffee. Es wird nicht gesprochen. Alle sind dem Essen mit Andacht und innerer Teilnahme wie einer kultischen Handlung hingegeben. Es herrscht Friede und Eintracht in dieser guten Stunde, die auch später, nach dem Essen, Geschirrspülen und Reinigen nachwirkt. In Gruppen sitzen sie beieinander, suchen Wärme, obwohl es ganz gut geheizt ist, Wärme beim Menschen. Sie drängen sich aneinander. Wie friedliche Tiere in der Herde sind sie. Alle, auch die unguten, streitsüchtigen, unverträglichen Kerle, die grobschlächtigen, krassen 195 Egoisten nehmen mal teil an der Gemeinschaft, sind umgänglich und freundlich, stiften ein bißchen von ihrem Tabak. Na ja, es geht doch auch so. Warum denn nicht immer so? engen Räumen. Man plaudert und raucht. Qualm und dicke Luft bald in den Ein paar magere, schmächtige Kerlchen sitzen zwischen großen, breiten Männern geklemmt. Sie ziehen die Schultern ein und machen sich noch schmaler, als bäten sie um Verzeihung, daß ihre unnötige Existenz noch so viel Platz wegnimmt. Wie die Kinder schmiegen sich manche aneinander, brüderliche Menschen. Sogar über die abgezehrten Totengesichter der Muselmänner huscht ein froher Schein. Es ist so schön, gemütlich in dem Qualm und Stank bei den guten Kameraden, die Zigaretten drehen, Witze erzählen, auch wohl renommieren und von draußen allerlei Interessantes berichten. Rückt zusammen, ihr Schutz- und Wärmebedürftigen! Laßt uns enger zusammenrücken, Brüder! Es wird gut und nötig sein, jetzt und in Zukunft. Das Leben ist schwer und voller Gefahren. Wir brauchen einander. 196 Glückspilz und Pechvogel Es ging tiefer in den Winter hinein. Die Kälte und die Furcht davor hockten mir in den Gliedern. Mir graute oft vor dem kommenden Tag. In letzter Zeit fühlte ich mich gar nicht wohl. Mit Schaudern erfüllte mich der Gedanke, daß ich krank werden und meine Widerstandskraft verlieren könne. Dann war ich verloren. Über kurz oder lang gingen alle ein, mit denen es anfing, bergab zu gehen. Es gab viele Muselmänner, die vor Monaten noch groß und stark gewesen waren. Herrgott, wenn ich dachte, ich ein Muselmann! Ich sann hin und her, wie ich es anstellen könne, mal in ein anderes Kommando zu kommen, in eine Werkstätte oder gar in die Küche oder sonst in einen Innendienst. Da war es doch wenigstens nicht kalt und nicht so kräftezehrend. Aber die Leute, die noch einigermaßen gut beieinander waren, ließ man nicht aus dem Steinbruch los. Ich gehörte zu den ,, oberen Tausend", die verhältnismäßig gut bei Kräften waren und da war an einen Kommandowechsel für mich nicht zu denken. Ab und zu wollte sich meiner eine Verzweiflungsstimmung bemächtigen. Sofort kämpfte ich sie jedoch mit eiserner Energie nieder. Zwanzigmal hintereinander wiederholte ich für mich dann wohl die Zauberformeln, daß ich hier nicht zugrundegehen dürfe. Ich suggerierte mir systematisch Kraft und Mut zum Durchhalten. Und das half mir wirklich dazu. Tag für Tag zog ich mit dem Gespensterzug zum Steinbruch und zurück, brachte abends die mit heim, die auf der Straße geblieben waren. Ohne Aussicht auf Befreiung, ohne Hoffnung auf bessere Tage schleppten wir unser armes, gequältes Leben dahin. Nur noch ein dünner Lebensfaden war in den ausgemergelten Gestalten. Bei vielen riẞ er ab. 197 “ Und immer die Angst, immer auf der Lauer sein: wo ist Gefahr, springt es dich nicht mal unerwartet an, kommst in eine Sauerei hinein? Bist du jetzt dran, mußt du die Stationen der Foltermaschinerie durchlaufen, wirst schließ- lich in den Ofen geschoben? Die Marterinstrumente hatten immer Arbeit. Wir wurden oft Zeuge, wie. unablässig der greuliche Apparat funktionierte, rastlos Tag und Nacht. Eines Abends, wir waren eben auf dem-Appellplatz zum Abendappell an- getreten, kam das geschlossene Lagerauto der SS, fuhr vor dem Baderaum bei der Waschküche vor. Ich bemerkte im Husch, daß die Insassen Russen waren. Nach wenigen Minuten traten sie wieder aus dem Gebäude heraus, nur mit Hemd und Hose bekleidet. Sie wurden zum Krematorium hinuntergeführt. Hinter dem Krematorium befand sich der Schießstand. Nicht lange danach hörten wir ein paar Salven hintereinander. Nun ja, es war den Ankömmlingen viel erspart geblieben. Kaum kam ein Gefühl von Mitleid mit dem Mord an den Ahnungslosen in mir auf. Es war kurz und schmerzlos gegangen. Nun . kamen sie gleich ins Krematorium und dann war alles vorbei. Ja so, später vom Gemüseschuppen aus beobachtete ich noch, wie man eine Holztrage voll Kleider vom Krematorium herunterbrachte. Es hatte alles seine Ordnung und Zweckmäßigkeit. Was hätte man auch mit den Toten noch die Kleider ver- brennen sollen! In der Mordfabrik ging alles gut durchorganisiert am laufen- den Band! Das Krematorium in Flossenbürg arbeitete ununterbrochen Tag und Nacht. Manchmal, wenn der Wind gegen das Lager ging, stand ein widerlicher Brat- geruch von gebranntem Fleisch in der Luft. An manchen Tagen wurden Polen oder sonst mißliebige Ausländer von der Arbeit weg aus dem Steinbruch geholt. Es dauerte dann kaum eine Stunde, so ertönten in kurzen Abständen die Salven vom Schießstand herüber. Wenn die Erschießungen stattfanden, wurde am Eingang des Lagers eine rote Flagge gesteckt. Diese Art Hinrichtungen nahmen meist junge Blockführer oder Schar- führer vor, sie waren dabei gewöhnlich stark betrunken oder doch„an- geheitert". Der Winter war noch lang. Die Arbeit fiel mir schwer. Ich fühlte, daß meine Kräfte nachließen. Herrgott, gib mir Kraft, durchzuhalten! 198 Im Januar, in der bittersten Kälte, als auch meine Stimmung und Widerstandskraft auf dem Nullpunkt angelangt war, trat unverhofft eine günstige Wendung für mich ein. Ich wurde in die Schmiedewerkstatt abkommandiert. Dort war ich doch vor der furchtbaren Kälte geschützt. Ich empfand das fast als Lebensrettung und war herzlich froh, daß das Glück mir mal wieder hold gewesen war. In der Schmiede wurden vor allem Spitzmeißel hergestellt, die die Steinmetzen in den Mahlen zur Bearbeitung der Steine benötigten. Die Arbeit war wohl auch anstrengend, aber doch gleichmäßiger und nicht so von der Aufsicht bedrängt. So kalt es vorher gewesen war, so heiß hatte ich es jetzt. Weißglühende Feuer in den Ofen. Die Arbeit daran konnten natürlich auch nur harte, widerstandsfähige Menschen ertragen. Auch hier hatten wir oft Abgang. Mancher galt als nicht brauchbar in der Schmiede und tauchte wo anders, manchmal sogar im Steinbruch, wieder auf! Es hielt sich hier jeder so gut er konnte, es galt der Spruch: selten kommt etwas besseres nach! Ich ertrug die übergroße Hitze ziemlich gut, war sie von manchen Fahrten über den Ozean gewöhnt; hatte ich doch auf dem und jenem Schiff als Kohlentrimmer oder Hilfsheizer gearbeitet! So fand ich es im allgemeinen ganz erträglich auf meinem Arbeitsplatz. Es vergingen Wochen, wo ich fast unbelästigt und im mäßigen Tempo arbeiten durfte. Doch mit des Geschickes Mächten... So wie ich Glück im Unglück gehabt hatte, als ich hierher abkommandiert wurde, so hatte ich an dieser Stelle bald mal Unglück im Glück. Eine Zeitlang erhielten wir zum Mittagessen dauernd gefrorene Kartoffeln, die kaum genießbar waren. Um die zuträglicher und schmackhafter zu machen, fertigten wir aus dünnem Draht Kartoffelstampfer an, mit denen wir bei den Mahlzeiten die Kartoffeln zerkleinerten und zu Brei verrieben. Die primitiven Dinger hatten wir an meinem Feuer hergestellt, und ich selbst hatte mir alle Mühe damit gegeben. Befehl: Alle Häftlinge in der Schmiede zum Scharführer Gruber. Uns ahnte nichts Gutes. Wir dachten auch gleich an die heimlich hergestellten Kartoffelstampfer. Hatte uns jemand verpfiffen? Im Hausgang der Bude im Steinbruch, in der der Scharführer Gruber residierte, traten wir an. Gruber war einer der schlimmsten Menschenschinder des 199 Lagers, und es hatte gewiß nichts Gutes zu bedeuten, daß er uns während der Arbeitszeit zu sich kommen ließ. Als erster wurde ich zu ihm hereingerufen. Ich sperrte die Tür auf, stand stramm und sagte das eingelernte Verschen her:" Bitte eintreten zu dürfen. Schutzhäftling 2940, Wittmann Max, meldet sich zur Stelle." ,, Du Schweinehund", klang die Antwort zurück ,,, dir werd ich den Arsch grün und blau schlagen." Ich verzog keine Miene, wartete ab, was da kommen würde. " 1 Wer hat die Kartoffelstampfer angefertigt?" Ich war verwirrt, suchte nach einer Antwort. " Wird's bald, du Kanaille? Wart, ich werd dir nachhelfen!" Mit diesen Worten warf er mir den Aschenbecher vom Tisch ans Handgelenk. ,, Ich weiß nicht", erwiderte ich, entschlossen, nichts und niemand zu verraten. ,, Dir werd ich das Wissen beibringen!" Er ließ sich von einem Häftling, der bei ihm Bursche war, einen mit Kupferdraht gefüllten Gummischlauch bringen. Zwei Mann zerrten mich über einen niedrigen Schreibmaschinentisch. Mit aller Kraft schlug er zu, zehn-, zwölf-, fünfzehnmal. Bei den ersten drei, vier Schlägen zucken und springen die Muskeln des Gesäßes. Es ist ein Schmerz, als wenn einem jemand mit einem Rasiermesser ins Fleisch schneidet. Doch bei den weiteren Schlägen spürte ich eigentlich nichts mehr. Nur ein dumpfes Dröhnen erschütterte das Gerüst des Körpers. Die Haut war aufgeplatzt, das rohe Fleisch trat hervor, ich blutete stark. ,, Raus, du Hund!" schrie der Unmensch wie rasend und gab mir noch einen Fußtritt. Der nächste kam herein und erhielt sein Teil. Und so alle fünfundfünfzig Häftlinge, die in der Schmiede arbeiteten. Alle fünfundfünfzig schlug er, daß sie bluteten und schwere Verletzungen davontrugen. Doch niemand sagte etwas und so brachte er nicht heraus, wer die Kartoffelstampfer angefertigt hatte. Minuten nach der Mißhandlung meldete sich bei mir der Schmerz wieder, die Nerven waren vorübergehend von den furchtbaren Schlägen betäubt worden. Jetzt schmerzten mich die Wunden entsetzlich. Es kam mir vor, als hätte ich mich auf ein glühendes Eisen gesetzt. Später mußten wir ins Revier, um die Wunden ein200 pinseln zu lassen. Abends im Bett hatte ich leichtes Fieber. Der Blockälteste drückte ein Auge zu, daß ich eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit in die Falle stieg. Die andern kümmerten sich kameradschaftlich um mich. ,, So kann man ins Unglück kommen", sagte ein Muselmann mitleidig. Es verwunderte mich, daß anscheinend viele von uns willens waren, dies alles als eine Art Unglück hinzunehmen, als ein unvermeidbares Übel und Unheil, in das ein Mensch schicksalhaft hineingerät. Von Haß und Empörung über die Willkür und Missetat sadistisch entarteter Verbrecher war wenig zu spüren. Am nächsten Tag erhielt ich den Strafbefehl: Zwei Tage Stehbunker ohne Essen. Grund: Verstocktes Leugnen eines Vergehens. Ich wurde als einziger zu dieser besonderen Strafe verurteilt, weil an meinem Feuer die Drahtwerkzeuge angefertigt worden waren, und ich daher für das fluchwürdige Verbrechen verantwortlich gemacht wurde. Ich wurde von einem SS- Mann an den Bunker gebracht, in eine dunkle Zelle hineingestoßen. Ein Loch, anderthalb. Meter hoch und nicht so breit, daß man sich auch nur rumdrehen kann. Gebückt mußte ich stehen, es bestand keine Möglichkeit, sich zu setzen. Es fiel kein Licht herein. Durch kleine Öffnungen in der Decke wurde spärlich Luft zugeführt. In diesem Sarg zweimal vierundzwanzig Stunden zubringen, bedeutet mehrere Tode sterben. Es mußten manche aber acht und zehn Tage aushalten. Viele haben weiße Haare, wenn sie nach dieser Folter aus der geöffneten Zelle herausfallen. Viele haben sich neurotische Leiden zugezogen, sind nervenkrank für ihr Leben. Wie noch nie einer aus einem Grab heraus einen Bericht gemacht hat, so kann auch ich von der Zeit meines Lebendigbegrabenseins kaum berichten. Man ist da nicht mehr der Mensch namens soundso. Man fühlt sich nicht mehr als sich selbst. Man ist eine tierische Kreatur, die leidet, sonst nichts. Die eine ganze Skala von Qualen durchlebt. Angst, Entsetzen, Beklemmung, Verzweiflung, Irrsinn, dumpfes Dahindösen, Gefühle und Bedrängnisse, die sich als unheimliche Ahnungen bisweilen in Alpträumen andeuten. Aber ich verlor das Bewußtsein und den Willen zum Leben auch hier nicht. Nach zwei Tagen torkelte ich heraus, fiel lang hin zu Boden. Die rohen Fäuste und Schimpfworte der SS- Männer brachten mich zum Leben zurück. Langsam kam ich zu mir, staunte in die Welt, sog gierig die Luft ein, befühlte meine 201 Glieder. Ich lebte, lebte, atmete, sah den Himmel, die Erde. Es war ja alles wieder gut. O Gott, ich war da, war nicht umzubringen, ich würde alle Prüfungen überstehen. Ein Lebewesen erschien mir in diesem Augenblick wie ein Engel vom Himmel. Sogar die SS- Männer hätte ich, unbesehen im Zustand momentaner Verzückung, meine Brüder genannt, wenn sie es mir nicht durch ihr Schimpfen und Unfreundlichsein verwehrt hätten. Aber ich war ihnen trotzdem nicht böse. Konnten sie etwas dafür, daß ich in einen dunklen Abgrund gestürzt, in Nacht und Finsternis eines Verließes eingesperrt gewesen war? Jedenfalls hatten sie mir jetzt wieder rausgeholfen. Ich schritt zwischen ihnen, als seien sie meine Retter. 202 Allach Der grausame Winter verging. Es war mein erster im KZ- Lager Flossenbürg aber leider nicht der letzte. Frühjahr und Sommer meinten es besser mit uns, nicht aber unsere Peiniger, die sich immer gleich blieben in ihrer Methode, ums körperlich und seelisch zu quälen. Einige der übelsten Kerle will ich hier angeben. An der Spitze natürlich der SS- Lagerkommandant Auermeier, der seine ergebenen Kreaturen andauernd aufwiegelte, uns zu drangsalieren und zu mißhandeln. Er selber beteiligte sich häufig an den Quälereien. Lagerführer Zill, ein brutaler Gewaltmensch, der viele Häftlinge auf dem Gewissen hat. SS- Sturmführer Schirner, von dessen eitler und gemeiner Art ich ein Stücklein schilderte. Und der Schlimmste von allen: der sadistische Folterknecht, SS- Scharführer Gruber, dem auch ich, wie ich schilderte, einmal in die Klauen fiel. 11 Leider gaben ihnen viele Häftlinge an Grausamkeit und Roheit nichts nach. Die Bluthunde waren meistens Grüne", schwere Berufsverbrecher, die uns als Kapos, Blockälteste und Lagerälteste vorgesetzt waren und mit uns nach Laune und Belieben roh und gewalttätig umgingen. In meiner Umgebung taten sich als besonders gemeine Kreaturen hervor: Oberkapo Maibach im Steinbruch, sowie der Kapo Rochel, die in edler Gemeinschaft mit den SS- Kumpanen zusammen wetteiferten, die Häftlinge zu schikanieren, zu schlagen und zu mißhandeln, wo sie nur konnten. Der Blockschreiber vierzehn, Schuhmann, ein Lump und Denunziant; ebenso der Lagerälteste Rettenmeyer. Seinem Nachfolger Cliffort ging man, wenn möglich, aus dem Wege. Ein starker Mensch, unberechenbar und jähzornig; 203 im Lager ein großer Mann, vielleicht auch draußen unter seinesgleichen. Er war in der Unterwelt Hamburgs beheimatet. Die Kapos Spicker und Hans Ruser waren nicht ganz so schlimm, doch ließen sie sich auch viele Übergriffe und Gewalttätigkeiten gegen Häftlinge zuschulden kommen. * Die Wochen dehnten sich zu Monaten und die Monate zu Jahren. Im Winter 1943 trat eine Veränderung in meinem Schicksal ein. Ich wurde dem Transport zugeteilt, der nach Allach, einer ,, Filiale" von Dachau, abkommandiert wurde. Allach, unweit Dachau, liegt an der Landstraße Dachau- München mitten auf freiem Feld. Die Häftlinge, die sich dort befanden, wurden zu Arbeiten in der BMW verwendet. Bei unserer Ankunft gab es dort erst etwa zweihundert Häftlinge. Es kam aber Transport um Transport, und so waren es in wenigen Tagen zweitausend. Diese Zahl nahm dauernd zu, das Lager wuchs. Wir waren zunächst mit Instandsetzungsarbeiten im Lager beschäftigt. Es war Februar, und wir hatten auch hier viel unter der Kälte zu leiden. Schnell und unverhofft nahm mein Geschick eine günstige Wende. Ein Glücksumstand brachte mich in eine Position, die mir für die ganze Folgezeit ein einigermaßen erträgliches Leben verschaffte. Beim Appell hieß es einmal:„ Köche raus!" Ohne mich zu besinnen, trat ich vor. Ich hatte ja als Koch einige Erfahrung, auch fühlte ich instinktiv, daß ich in der Küche am besten aufgehoben sein würde, da es dort mit dem Essen gut bestellt war. Das war hier die beste Lebensversicherung. Viele meiner Kameraden schienen aber ebenso schlau zu sein wie ich, denn es meldeten sich eine unverhältnismäßig große Anzahl Köche. " 1 Der Kommandoführer fluchte. Wollt ihr machen, daß ihr wieder reinkommt, ihr Schwindler! Am liebsten gingt ihr alle in die Küche, das glaub ich. Fressen und faulenzen, das ist der oberste Grundsatz von euch Bolschewisten! Wieso sind denn hier beinahe die Hälfte Köche? Nur, wer gelernter Koch ist, soll vortreten. Untersteh sich ja niemand sonst, sich zu melden." Da muckste sich nichts mehr. Es trat niemand vor. 204 ,, Wer schon als Koch gearbeitet hat", rief der Kommandoführer wütend. Flugs war ich als erster wieder zur Stelle. Andere folgten zögernd und stellten sich neben mich. Ich trat kühn unmittelbar vor den Küchenkapo B. Wolf hin, der neben dem Kommandoführer stand. Mit seiner Riesenpratze faßte er mich am Arm und zerrte mich hinter sich. Dann wählte er noch fünf, sechs Mann von den immerhin wieder zwei Dutzend Angetretenen aus und überraschend schnell gab sich der Kommandoführer damit zufrieden, ohne noch viel nach Beruf und Eignung zu fragen. Ich hatte es geschafft und sah der Weiterentwicklung zuversichtlich entgegen. Ich sollte in meinen hochgespannten Erwartungen nicht enttäuscht werden. Zunächst hatte ich es mit dem Küchenkapo gut getroffen. Ein gutmütiger Mensch, klein, dick und kugelig. Er trug den grünen Winkel. In seinem„ Zivilberuf" war er Schmuggler. Wolf war übrigens einer der wenigen grünen Küchenkapos. Sonst nahm die Dachauer Lebensmittelverwaltung für solche Posten meist rote Häftlinge. Auch bezeichnend: die politischen Häftlinge, die in den Lagern die charakterlich einwandfreien waren, wurden von Berufsverbrechern und asozialen Elementen überwacht und bevormundet, ihrer Willkür und Roheit ausgeliefert, andererseits aber zog man sie zu den verantwortungsvollen Arbeiten heran und besetzte mit ihnen die Vertrauensposten. Man ging natürlich davon aus, daß in der Küche und im Lebensmittellager viel gestohlen und geschoben würde und rechnete dann, daß man mit den Roten besser fahren werde als mit den Grünen. Nun war ich ja kein gelernter Koch, aber ich hatte doch Kenntnisse im Kochen, und das, was ich dort brauchte, hätte ich auch ohne jegliche Kochkenntnisse bald bewerkstelligen können. Wenn ich daran dachte, was ich da als Koch auf der Jacht Moana" des M. Leeds geleistet hatte, was das Kochen und das Essen anbetrifft! Na, ich verkniff mir, daran zu denken... - Die Arbeit war, wie sich denken läßt, auch hier sehr schwer und anstrengend, dazu eine unendlich lange Arbeitszeit. Ans Kochen kam ich anfangs überhaupt nicht. Ich mußte Küchenjunge machen, scheuern und putzen, Kessel reinigen. Allenfalls frühmorgens Kaffee kochen. Da hieß es früh aufstehen. Morgens drei Uhr war Tagwacht. Bald darauf stand ich an den großen Dreihundert- Liter- Kesseln und kochte Kaffee. Der wurde in die großen schweren Kannen eingegossen und auf die verschiedenen 205 Blocks verteilt. Dann mußten die Kessel ausgewaschen und die Vorbereitungen für das Mittagessen getroffen werden. Um zehn Uhr wurde das Mittagessen schon ausgekellt, weil um elf Uhr bereits das Auto kam, um das Essen für die Außenkommandos in Empfang zu nehmen. Anschließend mußten wir sofort die Vorarbeiten für das Abendessen in Angriff nehmen, und nach dessen Fertigstellung hatten wir alle Hände voll zu tun, um die Lebensmittel und Zutaten für den nächsten Tag herzurichten. So verlief der Tag pausenlos in schwerer Arbeit. Von morgens drei Uhr bis abends acht Uhr war man auf den Beinen. Das konnte natürlich nur eine starke und kräftige Natur auf die Dauer aushalten. Daß man bei Kräften blieb, dafür sorgte man durch zusätzliche Kost. Man aẞ, so viel man wollte, verleibte sich da und dort ein Stück Fleisch oder Wurst ein und erhielt auch manchmal etwas besonders Gutes, wenn Reste aus der SS- Küche herüberkamen, die dann unter dem Küchenpersonal aufgeteilt wurden. Der Küchenkapo merkte bald, daß ich geschickt und anstellig war und auch von der Kocherei etwas verstand. Er selbst war nicht fürs viele Arbeiten, er lief die meiste Zeit im Alkoholnebel umher. Nachdem ich also einen Monat lang am Kessel als Kesselmann gearbeitet hatte, setzte Wolf mich als Kolonnenführer ein. Als Kolonnenführer hatte ich sämtliche Kesselleute unter mir, sie mußten nach meinen Angaben und Anordnungen arbeiten. Ich wiederum bekam meine Instruktionen vom Küchenkapo. Das Lager vergrößerte sich und damit die Küche. Wir brauchten mehr Personal, und wir Alten hatten Chancen, etwas zu werden. Ich genoß das besondere Vertrauen des Küchenkapos Wolf. Er sorgte dafür, daß ich zum Vizekapo und stellvertretenden Küchenkapo ernannt wurde. Ein äußeres Zeichen meiner neuen Würde war, daß ich von dem damaligen Lagerführer Jarolin die Erlaubnis erhielt, mir die Haare stehen zu lassen. Einen Blick in den Küchenbetrieb. Wir hatten zwanzig große DreihundertLiter- Kessel in der Küche. Daneben in der SS- Küche zwei Herde und zwei Küblerpfannen. Zwei Heizer mußten die mit Kohlenfeuerung betriebenen Herde und Öfen versehen; für jeden Kessel war ein Kesselmann da. Ich hatte auch einen Kartoffelschälerkapo unter mir. Die Leute, die bei ihm arbeiteten, waren meist nicht ganz arbeitsfähige Häftlinge, Fußkranke oder sonst Leichtkranke; sie mußten Kartoffel schälen und Gemüse putzen. Neben der Küche 206 war ein kleiner Proviantraum, dabei ein kleines Zimmer, in dem der Küchenkapo schlief und seine schriftlichen Arbeiten erledigte. In einem weiteren Nebengelaẞ stand ein Kühlschrank und ein großer Tisch für unseren„, Portionenschneider", den Katschmarek. Der war den ganzen Tag damit beschäftigt, Fleisch und Wurst zu schneiden und die Portionen einzuteilen, vor allem für die SS. Das ganze Jahr hindurch wurde fast nichts anderes zu Mittag gekocht als Steckrüben oder Kraut mit Kartoffeln. Zur Abwechslung auch mal gelbe Rüben. Oder zur Spinatzeit Spinat. Donnerstags und sonntags waren die sogenannten Fleischtage. Von der Dachauer Lebensmittelverwaltung erhielten wir Speisekarten", auf denen vermerkt war, welche Mengen an Kartoffeln, Gemüse, Fett, Mehl, Fleisch und Brot den Häftlingen zustehe. Wenn die Häftlinge das, was auf dem Papier stand, wirklich erhalten hätten, dann wäre es nicht mal so schlimm gewesen, und es wären gewiß nicht so viele an Hunger und Unterernährung eingegangen. Aber bis die Lebensmittel zu dem kamen, der sie erhalten sollte, waren die Mengen schon bös zusammengeschrumpft. Eine ganze Reihe von Personen wollten an der Verköstigung der Ärmsten der Armen noch profitieren, verdienen, mitessen; angefangen vom Lieferanten, der sicher Schiebungen machte und minderwertige Ware lieferte über die großen SS- Bonzen zu den kleinen Bonzen. Was sah ich nicht allein an Schmarotzertum in meiner Umgebung unter den begehrlichen und gefräßigen SS- Leuten, die ständige Besucher unserer Küche waren! Ihnen gegenüber war man auch als Kapo nur Häftling und damit machtlos. Ingrimmig mußte man zusehen, wenn sie sich die fettesten Bissen holten, den ausgehungerten Häftlingen vom Munde wegstahlen. Sagen durfte man nichts, denn dann hatte man seinen Vorzugsposten die längste Zeit gehabt, und man konnte vielleicht in Mauthausen oder einem anderen berüchtigten Lager mit den übrigen Häftlingen am Hungertuch nagen. Das Fleisch an den Feiertagen wurde in den Pfannen mit Margarine geröstet und mit Zwiebel und Paprika gut schmackhaft gemacht. Dies Gulasch, fein in Würfeln geschnitten, hätte den Häftlingen sicher gemundet, wenn man es ihnen so vorgesetzt hätte. Aber wenn das Gulaschfleisch dann in den DreihundertLiter- Kessel hineinkam, dann mußte man lange fischen, um ein Bröckelchen zu 207 finden. Siebzig Liter zubereiteter Gulasch auf fünftausendsiebenhundert Liter Mittagessen, da kann man sich vorstellen, wieviel Fleisch auf jeden Häftling entfiel. Laut Speisekarte wurde pro Mann und Tag für die Essenzubereitung fünfzehn Gramm Margarine berechnet. So viel stand bei weitem nicht zur Verfügung. Das kam also in den Kessel rein, dazu geschnittenes Kraut und Kartoffeln. Und mit diesem Fraẞ sollten die armen Schlucker dann zwölf Stunden am Tag schwer arbeiten. Mittags und manchmal auch abends kam der Küchenchef von der SS herüber, um pflichtgemäß die Speisen für die Häftlinge zu probieren. Er sagte immer: ,, schmeckt gut", und das wurde dann ins Befundbuch eingetragen. Ich habe aber nie gesehen, daß er einen zweiten Löffel voll zum Munde führte. So schnell er bei uns fertig war, so lange hielt er sich meistens im Zimmer unseres Kapos Wolf auf, der zu gewissen Stunden die Kostverteilung zurechtmachte, oder bei Katschmarek, der die Wurstportionen schnitt. Und nach einem besonders lang ausgedehnten Besuch konnte man feststellen, daß die Wurst ziemlich weniger geworden war. Das wurde dann unter„ Schwund" gebucht. Wenn die Wurst im Eisschrank hängt, dann tropft sie und gibt Wasser ab. Dadurch verringert sich ihr Gewicht. Man nennt das„ Schwund" und kalkuliert es in den Haushaltsplan ein. So hat der Küchenchef sich gewiß manche Wurst mitgenommen und den Häftlingen weggegessen. Und das war dann eben Schwund, der sich allerdings nicht am Bauch des Küchenchefs, sondern an dem der Häftlinge auswirkte, an ihrer kargen Portion zum Abendbrot, die aus einer kaum zentimeterdicken, handtellergroßen Scheibe Wurst bestand. Auch unser Lagerführer Jarolin, der ehemalige Straßenpolizist in München, und sein Komplize, der Hauptscharführer Eberle, sorgten dafür, daß immer außerplanmäßig viel Schwund vorhanden war. Der Eberle war damals Rapportführer; er hatte ein schiefes Gestell und humpelte. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er oft nach Feierabend, wenn ich noch etwas zu tun hatte, mit dem Spießgesellen hereinkam, lächelnd und unverschämt. Beide hatten die Hände in den Hosentaschen, der Jarolin wälzte von Zeit zu Zeit die Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen. 208 ,, Na, Wolf, was gibt's heute Neues und Gutes?" ,, Ich habe es schon gerichtet, Herr Hauptscharführer. Bitte hier herein. Eine kleine Magenstärkung. Und das Paketchen können Sie vielleicht in die Aktentasche nehmen." Wenn Jarolin und Eberle dagewesen waren, hatte die Wurst über Nacht furchtbar getropft, denn diese beiden Gauner fraßen eine Pfanne aus, an der ein Dutzend Häftlinge sich bestimmt hätten erlaben können. Und so hatten wir noch ein paar Mitesser und Schmarotzer, denen man manchmal wünschte, sie möchten an dem Bissen ersticken, den sie den anderen wegnahmen. Vor allem war es der alte Säufer Häusler, der in schamloser Weise Eẞwaren davontrug. Offenbar vergaß er häufig seine Schnapsflasche bei unserem Küchenkapo im Zimmer, denn er wie Wolf waren stets in eine Wolke von Schnapsdunst gehüllt. Häusler traf ich später in Kottern wieder. Er hatte es aber wohl mit dem Schieben und Stehlen zu arg getrieben, denn er wurde schließlich strafversetzt und tauchte später in Dachau wieder auf. Da fehlten die Sterne auf seinen Achselklappen. Ein paar Lichtgestalten möchte ich diesen Dunkelmännern in Allach gegenüberstellen. Das Andenken des dicken Thon und des Polen Morawski in Ehren! Die beiden haben viel Gutes für die Häftlinge getan und man muß bedenken, daß dies immer und in jedem Fall mit großen Gefahren verknüpft war. Thon und Morawski hatten das Lebensmittelmagazin unter sich, und sie schoben uns manches aus der SS- Küche für unsere Häftlingsküche zu. Auch der Blockälteste Karl Tepke, der Kantinenverwalter Sepp Huber, der Karl Hauff von der Bekleidungskammer waren gute Kerle, die den Häftlingen nach Kräften beistanden. Den Karl Hauff traf ich nach dem Zusammenbruch in der Rückführungsstelle der politischen Häftlinge in Stuttgart wieder, und wir tauschten ein Stündlein Erinnerungen aus. In Allach befanden sich meist Russen und Polen. Ich gab ihnen Winke, daß sie ihre Schwachen und Kranken abwechselnd in die Küche zum Arbeiten dirigieren sollten. Ich steckte ihnen viele gute Bissen zu und sah auch nicht hin, wenn sie etwas verschwinden ließen. Die meisten Russen und Polen konnten etwas Deutsch. Ich war immer in meinem Leben darauf aus, Sprachen zu lernen, was mir sehr leichtfällt. Ich kann sechs Sprachen geläufig sprechen, in anderen mich verständigen, sogar etwas Zigeunerisch verstehe ich. Eine Zeitlang hatte ich einen Russen als Kunter- Wittmann, Weltreise 14 209 Kesselmann beschäftigt. Er blieb nach Feierabend manchmal noch bei mir und brachte mir etwas Russisch bei. Ich hatte früher in russischen Romanen oft gelesen, daß sich die Menschen untereinander in Rußland„ Brüderchen" nennen. Ich fütterte ihn immer ordentlich. Einmal nahm ich ihn mit in einen Nebenraum. Dort hatte ich etwas Schnaps und Wurst. Wir aßen und tranken miteinander, und ich nannte ihn ,, Brüderchen". Er heulte vor Wonne und ich war auch fast zu Tränen gerührt. So hielten wir Fremdlinge uns umschlungen, Brüder, die einander im Unglück begegneten und sich gegenseitig ein bißchen Herzenswärme spendeten. Hoffentlich kamst du inzwischen in deine kalte Heimat, die doch für dich genug Wärme und Nahrung hat, heil und gesund zurück, Brüderchen! 210 Kottern Im allgemeinen ging es mir also gut in Allach. Sonst war es hier wie in jedem anderen Lager: barbarische Sklaverei. Eines Tages kam der SS- Sturmscharführer Füllebeck von der Lebensmittelverwaltung Dachau zu uns. Er hatte mit unserem Kapo Wolf eine Aussprache, die für mich sehr wichtig werden sollte. Wie Wolf mir nachher berichtete, fragte Füllebeck ihn:" Wenn Sie mal krank werden, Wolf, haben Sie dann einen tüchtigen Vertreter?" ,, Ja, ich habe einen zuverlässigen Kolonnenführer, einen ungewöhnlich brauchbaren Mann." ,, Schicken Sie mir den mal her!" Ich erschien vor ihm, sauber, mit weißer Schürze, gut aussehend. Er fragte mich einiges über Küchenbetrieb, über meine Erfahrungen beim Kochen und in der Lebensmitteleinteilung. Sein Verhalten mir gegenüber war ziemlich wohlwollend. Am nächsten Tag bekam ich durch den Arbeitsdienstführer vom Arbeitseinsatz Dachau den Befehl, mich sofort fertigzumachen. Ich sei zum Küchenkapo ernannt worden, und zwar für das Lager Kottern bei Kempten im Allgäu. ,, Siediges Donnerwetter!" fluchte Wolf. ,, Ich Esel habe dich weggelobt. Das hat der alte Fuchs, der Füllebeck, schlau eingefädelt. Hätte er mich direkt gefragt, ob er einen tüchtigen Mann für Kottern von mir bekommen könne, hätte ich ihm natürlich einen anderen vorgeschlagen. Jetzt kann ich schauen, wo ich einen Koch herbringe, der mir mein Sach ordentlich schafft." Aber er beruhigte sich dann.„ Nun ja, ich gönne es dir ja auch. Hast es verdient, daß du Kapo geworden bist und dir das Leben ein bißchen angenehmer machen kannst." 211 Am 10. Januar 1944 kam ich nach Kottern und übernahm dort die Küche als Küchenkapo. Kottern liegt herrlich in den Bergen. Leider hat man nichts davon, wenn man hinter elektrisch geladenem Draht hausen muß. Das Lager war erst im Entstehen, überall wurde gebaut und gezimmert. Die Häftlinge schliefen in der ersten Zeit in dem Fabrikgebäude der Spinnerei. Unten in dem Gebäude waren große Fabriksäle, in denen Teile für den Messerschmitt- Flugzeugbau hergestellt wurden. Nachts hatten wir oft Fliegeralarm. Dann beschlich uns ein banges, unbehagliches Gefühl. Daß auch dieser Bau zusammengeworfen wurde, stand bei uns fest. Denn überall, wo Messerschmitt sich zeigte, zeigten sich auch die Bomber. Deren Angriffe wurden immer stärker und gefährlicher. Es begann gerade die Zeit, wo die Alliierten die Luftherrschaft über Deutschland mehr und mehr gewannen, und eine wirksame Abwehr bereits nicht mehr vorhanden war. Das Lager befand sich ungefähr einen Kilometer von der Fabrik entfernt, im freien Feld. Es wurde in aller Eile notdürftig eingerichtet. Ungepflastert war das Innere des Lagers, alles dreckig und schmierig. Wenn es regnete, sank man bis an die Knöchel in den Schlamm ein. Kahl und unfreundlich lagen die unfertigen Baracken in Schmutz und Wirrwarr. Ich wurde zunächst in den Schlafsaal der Häftlinge eingewiesen, und ich schlief dort auch die erste Nacht. Wir lagen wie die Heringe in der Tonne nebeneinander. Es war kein Platz da, eine provisorische Unterkunft. In ein paar Tagen sollten wir die Baracken beziehen können. Die Kameraden sagten mir jedoch, man behaupte schon seit sechs Wochen, daß man in ein paar Tagen in die Baracken übersiedeln werde. So waren also hier Hunderte von Menschen in einem Saal zusammengepfercht. Die schlechte Luft und der Gestank ließen einen nachts nicht schlafen, verursachten Kopfschmerzen und Atembeschwerden. Alle Nationen waren in dem Saal versammelt: Deutsche, Russen, Polen, Serben, Griechen, Italiener, Franzosen, lauter arme, ausgehungerte Menschen, die für den Sieg des Dritten Reiches arbeiten, hungern und verrecken sollten. Am Abend des zweiten Tages wurde ich zum Lagerführer gerufen.„ O weh", meinte ein Kamerad, hoffentlich wird's kein zu warmer Empfang." Wie ist denn der Lagerführer?" erkundigte ich mich. " 212 ,, Der Wilhelm? Na, eine doppelt miese Ausgabe von andern Lagerführern. Dann kannst du dir ein Bild machen." ,, Ein Säufer und Sadist", sagte einer beiseite zu mir. Ein wüster Gesell. Nimm dich in acht. Sei vorsichtig aber kühn, so kann man ihm manchmal imponieren. Ich hab ihn vorhin schon gesehen. Er scheint in festlicher Stimmung zu sein." Mit Bangen ging ich hinüber. Ich wurde an sein Zimmer gewiesen, klopfte an. Ein SS- Mann öffnete. ,, Schutzhäftling 46 431 bittet, eintreten zu dürfen." ,, Wart, bis der Chef kommt", raunzte der SS- Mann, der stark nach Alkohol roch und verschwand. Ich war geraume Zeit allein. Im Nebenraum ging es lärmend zu. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und herein kamen drei SSLeute, die sechs, acht Häftlinge brachten. Ich drückte mich instinktiv in das Dunkel der Ecke des kleinen Vorraums, in dem Büromöbel standen. Die Tür zum Zimmer des Lagerführers wurde aufgemacht, die Häftlinge wurden hineingestoßen. Mit einem Blick übersah ich das Innere des Zimmers. Eine wildbewegte Gesellschaft befand sich darin, der Lagerführer mit seinen Kumpanen, dazu drei, vier Weiber. Ein übler Dunst nach Zigaretten und Alkohol schlug mir entgegen. Soviel ich beobachten konnte, war die ganze Gesellschaft betrunken. Ein wüstes Bild. Ein Durcheinander auf dem Boden und auf dem Tisch. Flaschen standen herum, lagen auf dem Boden, Gläser waren umgestürzt. Die Kleider der weiblichen Teilnehmer bei diesem Gelage waren in Unordnung. Einer hing halb bewußtlos rittlings über die Stuhllehne. Ein paar Männer bedrängten die Weiber. Als die Häftlinge in dieses Idyll hineingerieten, gab es ein tolles Hallo. Die Stimme des Lagerführers überschlug sich. Auch die andern schlossen sich dem Geschrei an, fuhren wie wild auf die Häftlinge los. Die Tür war wieder geschlossen worden. Ich konnte nichts mehr sehen und verstand auch nicht viel Worte in dem Getöse. Die Häftlinge antworteten kaum. Sie verstanden wohl auch nichts. Es waren sicher Ausländer. ,, Die Hosen herunter!" brüllte in den Lärm eine Stimme. ,, Euch unsauberen Stinktieren den Arsch vollzuschlagen, ist ja eigentlich kein Vergnügen. Aber vielleicht macht es den Damen Spaß..." 213 Die Weiber quietschten und grillten. Kurz darauf hörte ich es, wie die armen Häftlinge geprügelt wurden, ihre Schmerzenslaute zwischen dem barbarischen Geheul und Getue der Männer und Weiber. ,, Gib ihm! Immer feste, noch ein paar! Gerbt ihm das Fell! Nur druff!" So hetzten sie einander auf, und ich fühlte draußen, daß sie in Hitze gerieten und sich in die sadistischen Ausschweifungen immer mehr hineinpeitschten. Die Schläge klatschten auf nacktes Fleisch, die Geprügelten schrien, die andern johlten dazwischen, es polterte, keuchte, wogte durcheinander. Ein Höllentohuwabohu. Es fielen Bemerkungen und obszöne Ausdrücke, die ich hier nicht wiedergeben kann, und aus denen ich entnehmen konnte, daß sich auch die Weiber an den Miẞhandlungen beteiligten, aufgegeilt und ganz außer Rand und Band geraten. Ich wünschte mich über alle Berge. Was würde aus mir werden? Wenn einer der Unholde mich hier erblickte, konnte es sein, daß er mich in den Hexenkessel hineinstieß und daß ich auch meine Tracht abbekam. Ich saß wie auf glühenden Kohlen. Sollte ich nicht lieber doch wieder verschwinden und später wiederkommen? Ich schlich mich leise an die Türe. Da trat der SS- Mann, der mir die Tür geöffnet hatte, wieder herbei. ,, Schutzhäftling 46 431 bittet, austreten zu dürfen", stotterte ich in größter Verlegenheit. Der Mann schüttelte sich vor Lachen. ,, Hast du vor Schreck in die Hosen geseicht, was?" schrie er.„ ,, Marsch raus und dann draußen warten, bis ich dich wieder hereinrufe." Ich flitzte hinaus. Wartete, ging eine halbe Stunde lang auf und ab. Endlich kamen die armen Teufel heraus, blutig und zerschlagen. Es dauerte aber noch eine Weile. Ich stellte mich dicht an der Tür auf. Nach einer halben Stunde wollte ein SS- Mann hinein, fragte mich, was ich hier tue. Ich gab ihm Bescheid. ,, Komm mit herein!" forderte er mich auf. Ich stand wieder in dem Vorraum. Dann erschien der Türöffner wieder. ,, Ja so, du bist auch noch da!" sagte er, ging hinein und meldete mich. Bald darauf trat dann der Lagerführer ein. Ich stand stramm und machte meine Meldung. Der hohe Herr konnte sich kaum auf den Füßen halten, er war voll. ,, Du bist also der neue Küchenkapo", rülpste er. Was muß ein Küchenkapo haben?" " Ich ließ mich durch diese dumme Frage nicht beirren, sondern wußte prompt die Antwort: ,, Immer was zu essen, Herr Lagerführer." 214 „Richtig”, sagte er jovial.„Du bringst mir also jeden Abend mein Abend- brot, verstanden? Und ich hoffe, du kennst meinen Geschmack. Wehe dir, wenn dur mir nicht nach dem Munde arbeitest!“ „Ich schlug die Hacken zusammen in der Hoffnung, daß damit die Audienz beendet sei. Aber Seine Gnaden war nicht gesonnen, mich so ohne weiteres zu entlassen. „Halt mal, ich muß dich erst noch prüfen. Ein Küchenkapo muß saufen können, sonst ist er kein Koch, sondern ein fauler Kunde. Hier, das saufst du aus, eins, zwei, drei. Und wenn du das nicht fertigbringst, jage ich dich mit Schimpf und Schande aus dem Amt.” Mit diesen Worten stellte er mir eine ganze Flasche Steinhäger hin. Ich zögerte, war unschlüssig, ich schrak zurück vor einem solchen Tun, das mich umschmeißen und gesundheitlich ruinieren konnte. „Na, wird’s bald?” In seiner Stimme lag bereits etwas wie Drohung. Da wußte ich, daß es keine Rettung für mich gab. Und wäre es Salzsäure gewesen und er hätte mir den Befehl gegeben, hätte ich es auch tun müssen. Ich ergriff die Flasche, setzte an und trank ein Drittel in einem Zug aus. Im ersten Moment blieb mir die Luft weg. Ich glaubte, es schlage mich nieder, es brenne mir die Kehle auf. Ich schwankte, hatte mich aber sofort wieder in der Gewalt. Nur wenigstens eine Minute gewinnen, um Atem zu holen und mich zu festigen. Jetzt nicht schlapp machen, sonst war es um mich geschehen. Ja, wer weiß, vielleicht stand mein Leben auf dem Spiel. Wenn ich als Häft- ling wieder in den Steinbruch oder Gott weiß wohin mußte— wie lange würde ich es aushalten?. Ich zwang mir Ruhe ab und lächelte, nahm vom Tischchen eine Zigaretten- schachtel.„Bitte, Herr Lagerführer.” „Was fällt dir ein?” „Verzeihung. Ich meinte, Herr Lagerführer schauten nach den Zigaretten, um sich eine anzuzünden.” Er nahm eine, wurde dadurch wieder in seinem Rausch einen Grad mensch- licher gestimmt. Ich hatte die nötige Zeit gewonnen, setzte wieder an, goß das zweite Drittel hinunter. Es kostete meine ganze Energie, um mich aufrecht zu halten. Es ging wie ein elektrischer Schlag durch meinen Körper. Der Magen drehte sich um, ein Krampf erschütterte die Gefäße von der Kehle bis zum 2315) Bauch. Einen Augenblick war mir, als müßte ich das brennende Gift mitsamt den Eingeweiden ausspucken. Aber ich stand und gewann die Beherrschung über mich, über jeden Muskel und über jeden Nerv. Aber ob ich den dritten Gang dieses Satanstrunks überstehen würde? Ich stürzte mich mit dem Mut der Verzweiflung darauf zu. Da kam mir ein kleiner günstiger Zwischenfall zu Hilfe und gönnte mir die nötige Atempause. Wilhelms Saufkumpan, ein Oberfeldwebel der Luftwaffe, Kuchalewski, kam herein. Das war einer, den ich während meiner ganzen Zeit in Kottern nie recht nüchtern sah. Er war auch jetzt schwer geladen. Der Lagerführer wandte ihm die Aufmerksamkeit zu, bot ihm zu trinken an, trank selber mit. Ich vergoß im unbewachten Augenblick einen Teil des Restes hinter das Aktenregal, neben dem ich stand. Dann setzte ich an und soff aus. Mit letzter Energie nahm ich stramme Haltung an. ,, Melde gehorsamst: Auftrag erfüllt! Bitte, abtreten zu dürfen!" Das Herz schlug mir am Hals hoch. Wenn es ihm nun in seinem Suff einfiel, zu verlangen, ich sollte nochmal eine Flasche austrinken, oder wenn er mir sonst eine Sauerei anhängte?! Ich wäre zu nichts mehr fähig gewesen, es wäre mein Verderben geworden. Aber den Gedanken konnte ich natürlich nicht mehr klar durchdenken. Das Zimmer schaukelte vor meinen Augen, die Gestalten der zwei und alles sonst verschwammen im Nebel. Er hatte sich im Sessel langgestreckt und flätzte die Beine über den niedrigen Schreibmaschinentisch, wobei die Schreibmaschine bedenklich an der Kante wackelte. Raus mit dir!" rief er mir zu. Und kotz dich draußen aus!" " Schnell war ich zur Tür hinaus, kam gerade noch bis in unseren Saal. In den Eingeweiden brannte es, ich keuchte vor Atemnot, Teile meines Körpers waren wie gelähmt, die Glieder ganz steif, aber Brust und Bauch wanden sich förmlich in Krämpfen. Ich würgte und erbrach das Giftgesüff zum größten Teil wieder, ich schwamm im Dreck und rutschte ein paarmal drin aus, als ich mich erheben wollte. Ein paar Kameraden halfen mir ins Bett und nahmen sich auch sonst meiner an. Ich lag die ganze Nacht hindurch in einer Art Betäubung, hatte von Zeit zu Zeit Bauchkrämpfe und Erbrechen. Am andern Tag gab mir der Reviergefreite ein Mittel, das ganz gut wirkte. Auch konnte ich in der Küche einen Schoppen Milch trinken. Das brachte mich einigermaßen wieder auf die Beine. Doch hatte ich noch tagelang unter den Nachwirkungen des Exzesses zu leiden. 216 Zum Glück hatten wir in den nächsten drei Nächten keinen Fliegeralarm. Sonst bekamen wir regelmäßig jede andere Nacht Besuch von den amerikanischen oder englischen Bombern. Viele von uns befanden sich dann jedesmal in einer panikartigen Stimmung. Wir rechneten fest mit einem Angriff, und dann waren wir ja hier hilflos preisgegeben, denn wir wurden nicht aus dem Gebäude herausgelassen. Der Schlafsaal war ganz verwanzt und verlaust. Das eklige Ungeziefer plagte uns nachts, wie uns tagsüber das andere Ungeziefer plagte. So waren wir froh, als wir endlich die Baracken beziehen konnten. Wir hatten trotzdem noch genug zu tun, um die kahlen Buden einigermaßen wohnlich zu machen. Es befanden sich in Kottern, auch einem Außenkommando von Dachau, etwa zwölfhundert Häftlinge. Ihr Leben unterschied sich kaum von dem in anderen Lagern. Sie lebten in derselben Knechtschaft, wurden schlecht behandelt und bekamen unzureichendes Essen. Genau wie in Allach fanden sich in der Küche auch wieder die Maden und Schmarotzer ein. Die Skrupellosigkeit, mit der einige dieser Gauner aus den Beständen Lebensmittel stahlen und verschoben, war rein verbrecherisch. Man könnte es vielleicht ausrechnen, wieviele Häftlinge dadurch ihr Leben lassen mußten, denn wenn ihnen die volle Kost, die ihnen zustand, auch zugute gekommen wäre, hätten sicher viele nicht an Hunger und Entkräftung eingehen müssen. Ganz besonders schlimm trieben es der Verwalter und sein ,, Assistent", der SS- Schütze Weidner und der Rottenführer Romada. Sie brachten große Mengen Fleisch, Wurst, Nährmittel und Fett beiseite. In ihrer Habgier hätten sie wohl das ganze Lager ausgeplündert, wenn ich nicht doch immer wieder gebremst hätte. Sie betrogen auch die SS- Lebensmittelverwaltung und räumten dort die Depots aus. Wo ein Aas ist, sammeln sich die Geier. Es fand sich auch der alte Spitzbube Häusler hier ein. Diesmal nannte er sich Oberscharführer und stellvertretender Lagerführer. Er hörte gern, wenn man ihn so betitelte. Sicherlich kam ihm die Beförderung bei seinen Neigungen und kleinen Schwächen zustatten. Er stahl und schob en gros, nicht nur in Lebensmitteln. Später wurde er einmal erwischt, als er große Mengen Decken, die die Häftlinge bekommen sollten, verschoben hatte. 217 11 Wittmann, das ist doch sicher zuviel Margarine, die du da für das Essen zugerichtet hast!" Eine piepsige, hohe Kastratenstimme klang an mein Ohr. Ich drehte mich um und stand stramm vor einem kleinen Männlein. Es war der Herr Oberscharführer Strauß, eine häßliche Gnomengestalt, x- beinig und mickrig. Ich konnte den Kerl wirklich nicht ernst nehmen, und glaubte auch, daß er sicherlich harmlos sei. Da hatte ich mich aber getäuscht. Er war ein widerlicher, habgieriger Gesell, eine Qualle, dachte ich manchmal, die man zerdrücken sollte. Er war befreundet mit dem Oberscharführer Eichholzer von der Lebensmittelversorgung Dachau. Wahrscheinlich haben sie beide Hand in Hand gearbeitet und kräftig miteinander geschoben. Er piepste mir dauernd die Ohren voll, es müsse gespart werden. Manchmal drohte er mir sogar, er lasse mich prügeln, wenn er mich dabei ertappe, daß ich mehr als die vorgeschriebene Menge Zutaten beim Kochen verwende. ,, Es ist immer weniger als vorgeschrieben, Herr Oberscharführer", erwiderte ich, meinen Zorn kaum verbergend. Weil zu viel Schwund da ist." 11 Er guckte mich giftig an, denn er merkte wohl den Hohn und den versteckten Vorwurf aus meinen Worten heraus. ,, Bursche, Bursche, nimm dich in acht, du krummer Siech, ich schmeiße dich in deinen Kessel hinein, daß du schmorst." Ich wußte nicht, ob er das witzig meinte. Dem Ton nach nicht, denn er war offensichtlich voller Wut gegen mich. Aber ich mußte mir doch ein Lachen verbeißen, eben darum, weil er ernstlich drohte. Solch eine Miẞgeburt nannte mich, der ich fest und stark bin und eine richtige Sportfigur habe, einen ,, krummen Siech"! Und der wollte mich in den Kessel mit siedendem Wasser schmeißen! Weiß Gott, ich hätte ihn mit einer Hand gelupft und hineingeschmissen, daß sich das Schleimtier in Nichts aufgelöst hätte! Als ich etwa ein Jahr im Lager war, widerfuhr uns allen eine große Freude: der Lagerführer Wilhelm und sein Intimus, der Kuchalewski, wurden strafversetzt. In ihrem Rausch hatten sie einmal aus den Fenstern heraus wild in die Gegend geschossen und sonst allerhand Unfug getrieben. Dadurch waren einige Leute verletzt worden, zum Unglück auch ein SS- Mann. Das war ein kleines Mißgeschick gewesen. Hätte er nur Häftlinge getroffen, dann wäre sicher nicht so viel Aufhebens von der Sache gemacht worden. 218 Sein Nachfolger Deffner war, obwohl auch ein eitler, größenwahnsinniger Wicht wie alle, doch bedeutend besser. Er spielte sich natürlich auch als Diktator und Herr über Leben und Tod auf, doch wirkte sich seine Herrschaft nicht so wild und barbarisch aus wie die seines Vorgängers. Dafür wurden die Verhältnisse an sich immer schlechter. Es war Ende 1944. Die Zeichen des Zusammenbruchs mehrten sich. Man spürte, daß es dem Ende zuging, daß die Krise bald eintreten würde, die über unser Sein oder Nichtsein entschied. Die Verpflegung wurde schlechter. Die Zufuhr stockte. Es klappte hinten und vorne nicht mehr. Das wirkte sich auch auf die Laune der SS aus, die immer böser wurde. Viele von ihnen ließen sich gehen, wurden gleichgültig und nachlässig im Dienst, manche machten bereits den Versuch, sich mit den Häftlingen gut zu stellen, andere wieder wurden noch gewalttätiger und brutaler. Fast jeden Tag hatten wir in der Mittagszeit Fliegeralarm. Die Häftlinge suchten dann die Splittergräben auf. Ich blieb in der Küche. Diese befand sich fast einen Kilometer vom Lager entfernt in einem Bauernhaus, weil die Küche im Lager noch nicht fertig war. Sie wäre wohl auch nie fertig geworden, selbst wenn wir noch jahrelang hier geblieben wären, denn es fehlte damals schon an mancherlei Material, das man zur Einrichtung einer Küche braucht. Tag für Tag zogen die Hunderte von schweren Bombern ruhig und unangefochten über uns weg, nach München, Augsburg, Stuttgart, Ulm. Wir ahnten, daß sie auch uns nicht vergessen würden. Und richtig, einmal gegen Mittag, waren sie da. Ich stand vor der Küche und sah, wie die schwarze Masse drohend auf uns einschwenkte, von der üblichen Richtung abweichend. Die Bomber flogen nicht hoch, beängstigend senkte sich die dunkle Wolke herunter. Es rauschte unheilverkündend in den Lüften. Der Küchenchef Feuser, der den Rußlandfeldzug mitgemacht hatte, sagte: ,, Max, paß auf, das gilt uns!" Da hörte ich es schon sausen und singen und pfeifen. Ich sah die Fabrikgebäude wanken, eine Stein- und Staubwolke in die Luft gehen, warf mich zu Boden. Die Bombeneinschläge kamen näher. Ich sprang wieder auf, rief: ,, Küche raus!" und rannte mit dem gesamten Küchenpersonal an den Bach, der in etwa fünfzig Meter Entfernung vorbeifloß. Wir sprangen alle ins Wasser. Durch die Senke und die Uferböschung hatten wir doch ein bißchen Deckung. 219 Die Posten kümmerten sich nicht mehr um uns. Sie sind schneller gelaufen als wir. Wir hatten Glück. In hundert Meter Entfernung hörte der Bombenregen auf. Die Arbeitsstellen waren zusammengeworfen. Doch ließ man die Ruinen notdürftig wieder herrichten, um weiterzuarbeiten. Eine Bombe war ins Lager gefallen, hatte drei Baracken wie Kartenhäuser umgelegt. Es war ein Wunder, daß unter den Häftlingen keine Toten zu verzeichnen waren. Ich hatte am Tag zuvor dem Oberscharführer Strauß mitgeteilt, daß ein Teil der Wurst schimmelig geworden sei und verderben werde. Man müsse sie schnell verbrauchen. ,, Wozu bist du Koch?" fistelte er. ,, Du mußt dir's eben einteilen. Jedenfalls bekommst du zusätzlich nichts." Ich sah jetzt nochmals die Bestände durch und stellte fest, daß ein großer Teil der Wurst fast ungenießbar sei und nur noch dem Verbrauch zugeführt werden könne, wenn sie schleunigst verkocht würde. Kurz entschlossen tat ich den ganzen Bestand ins Mittagessen. So kam sie doch noch den Häftlingen zugute, und sie hatten ein ordentliches Mittagessen nach dem Bombenangriff, der sie doch auch ziemlich mitgenommen hatte. Am Nachmittag stellte mich der Giftmolch. Was hast du mit der Wurst gemacht? Bist du verrückt geworden?" ,, Herr Oberscharführer", sagte ich ruhig, die Wurst hätten wir eigentlich in den Abfall werfen müssen. Ich habe sie im letzten Augenblick mit verwendet. Besser hätte ich sie nie mehr verwerten können." Der widerliche Bösewicht raste, was allerdings mehr komisch als furchterregend wirkte. Das wird dir schlecht bekommen", drohte er.„ Das ist Eigenmächtigkeit, Sabotage." Bei dem letzten Wort überpiepste sich seine Stimme und er schluckte an dem Wort wie ein Kicker an einem zu großen Bissen. Er jammerte wie ein altes Weib mit seiner weinerlichen Stimme. Er hatte sich seit kurzem mit Weidner und Romada zusammengetan, mit denen er zuvor nicht gerade auf gutem Fuß gestanden war. Die edlen Parteigenossen betrachteten einander in ihren Gaunereien wohl zu sehr als Konkurrenz und neideten sich gegenseitig die besten Brocken. Jetzt war es anscheinend zu einem gentleman agreement" zwischen ihnen gekommen und damit zu einer gemeinsamen Front gegen mich. Denn ich war auch mit den beiden Spitzbuben Weidner und Romada schon aneinandergeraten, als sie es 220 zu bunt trieben und hatte mich einmal bei ihnen beklagt, als die Lebensmittelzuteilung ein viel zu geringes Gewicht aufwies.„ Ich habe Befehl, die mir überwiesenen Vorräte restlos den Häftlingen zukommen zu lassen, wie es die Speisekarte ausweist. Ich kann es nicht verantworten, weniger Zutaten als vorgeschrieben, zum Essen zu nehmen." ,, Du blöder Hammel, mußt du nicht auch Schwund verrechnen? Willst du vielleicht uns vorwerfen, wir wollten uns bereichern? Wir haben in unseren Büchern ein Manko auszugleichen. Zweifellos ist das dadurch entstanden, daß wir dir zu wenig Schwund abgezogen haben, als wir die Zuteilung an die Küche machten." Ich begnügte mich dann mit einem geringen Gewichtsausgleich, den sie mir mürrisch zubilligten, überließ den Raubtieren die fetten Brocken, damit sie Ruhe gaben. Aber ich war von da an darauf gefaßt, daß sie mich bei nächster Gelegenheit selber fressen würden, da ich ihnen gewiß unbequem wurde. Ich bemerkte auch, daß Weidner und Romada mit dem Lagerführer Deffner gut Freund waren. Vermutlich ließen sie ihm die nötigen Kleinigkeiten aus dem Verpflegungslager zukommen. Mit dem Lagerführer Wilhelm hatten sie es nicht so gut verstanden. Ich glaube, der hatte größere Verpflegungsquellen zur Verfügung gehabt. Da wußte ich, daß meine Tage in Kottern gezählt waren. Und wirklich, es dauerte nicht mehr lange, da wurde ich abgelöst und nach Dachau geschickt. Meine Binde als Kapo mußte ich abgeben. Immerhin war ich noch froh, daß ich wenigstens heil und ungerupft davonkam. 221 Dachau Die Schurken hatten mich sicher auch bei ihren Vertrauensleuten in der Lebensmittelverwaltung Dachau angegeben. Ich mußte mich bei dem dicken Eichhölzer, dem Kompagnon von Strauß, melden. Er redete kurz und barsch mit mir und gab mir den Befehl, mich unverzüglich zur Arbeit in die Küche zu begeben. Ich war also degradiert, mußte wieder als Kolonnenführer der Kesselarbeiter tätig sein. Zum Glück kannte ich den Küchenkapo Schwab von Dachau gut. Er sorgte schon dafür, daß ich nicht zu kurz kam und zog mich als Hilfskraft zu seiner eigenen Arbeit heran. Dachau war ein großes Lager und hatte deshalb auch eine große Küche. Es arbeiteten mehrere hundert Mann darin. Die Dampfkessel faßten alle mindestens tausend Liter. Die Menge des Essens, die wir herstellen mußten, war sehr verschieden. Die Zugänge nahmen in ungeheurem Maße zu. Aber auch die Abgänge waren anormal hoch. Die deutschen Heere, Tausende von Kilometern zurückgeworfen, setzten ihren Rückzug über die deutschen Grenzen fort. Der Zusammenbruch der Fronten war bereits vollzogen. Verwaltung und Transportwesen waren in Unordung geraten. Aus den aufgegebenen Gebieten wurden auch die politischen Gefangenen und die Schutzhäftlinge aus anderen Lagern zurückgebracht. Alles sammelte sich in dem großen Zentrum Dachau. Das Lager war überfüllt; die herzuströmenden Häftlinge ordnungsgemäß unterzubringen, war nicht möglich. An allen Ecken und Enden fehlte es. Nichts klappte mehr. Die Verpflegung wurde schwierig. An manchen Tagen mußten wir die Rationen auf die Hälfte herabsetzen. Da hieß es zum Beispiel kurz und bündig: Soeben zweitausend Mann Zugang. Entsprechend mehr kochen. Das Mittagessen aber war bereits fertig. Wir konnten uns nicht anders helfen, als noch ein 222 bißchen Kraut und Rüben in die Kessel zu werfen und dazu ein paar hundert Liter Wasser hineinzuschütten. An ein planmäßiges Einteilen war nicht mehr zu denken, es wurde alles nur improvisiert, man wurstelte von einem Tag zum andern dahin. Ich schlief wieder in der Baracke mit anderen Häftlingen zusammen. Es sah trostlos und erschreckend aus. Anstatt zweihundert Mann lagen vierhundert in den Stuben. Der Block selbst mit mehr als tausend Mann belegt. Fallen wurden in die Gänge eingebaut, irgendwelche primitive Schlafstellen her- gerichtet.„Hilf dir selbst!” war die allgemeine Losung. Die Häftlinge waren ganz ausgehungert und verwahrlost. Die meisten schleppten sich apathisch und matt von einem Tag zum andern hin. Ein Heer von Gezeichneten und Ver- dammten. Der Tod ging im Lager um und mähte Tausende nieder. Fleck- typhus wütete. Ich war der einzige in meiner Umgebung, der körperlich noch einigermaßen in Ordnung war, ein ganzer Körper unter lauter Skeletten. Wie ein Alpdruck lastete das Bild auf mir, das sich mir bot. Ein Gewimmel über- und durch- einander von lemurenhaften Lebewesen. Auf allen Vieren krochen manche aus ihren Fallen hervor, aus den Lagern unter den untersten Fallen. Mühsam richteten sie sich auf, die unzähligen Muselmänner. Ein Gewoge und Ge- schiebe durcheinander, wie Gewürm drängte und zwängte und kroch alles herum, ein wirrer Haufen Knochengerüste und Gebein, ein unheimlicher An- blick. Ich hatte schon gräßliche Bilder großer Künstler gesehen, die Totentanz und Gebeinspuk darstellten. Ein solches Bild wurde hier Wirklichkeit. Sollte ich in diesem Knäuel von Elend und Verwesung mit so vielen anderen verderben und sterben, elendiglich verrecken? Ich bäumte mich mit meiner ganzen Lebenskraft dagegen auf, suchte mich immun zu machen gegen das große Sterben ringsum, verschloß Augen, Ohren und alle Sinne, Gefühl und Gedanken gegen das, was hier geschah. Mein guter Stern drang wieder durch die Finsternis mit einem Strahl Licht zu mir. Nach drei Wochen wurde ich nach Bäumenheim, einem andern Außen- kommando Dachaus, abkommandiert. Das war ein kleines Lager, wo nur etwa fünfhundert Häftlinge untergebracht waren. Im Dorfe Bäumenheim be- fand sich die Fabrik Dachenreiter, in der früher Dreschmaschinen hergestellt wurden. Jetzt arbeitete sie für Messerschmitt. Ich wurde in der Küche wieder 223 als Küchenkapo eingesetzt. Wie ich zu der erneuten Beförderung kam, weiß ich heute noch nicht. Wahrscheinlich bestand Mangel an brauchbaren Küchen- chefs, vielleicht saßen auch andere Leute in der Verwaltung in Dachau, denn bei Eichhölzer war ich ja infolge der schlechten Empfehlung von Weidner, Strauß und Konsorten nicht gut angeschrieben. Wie dem aber auch sei, ich war froh, wieder einigermaßen zurechtgerückt zu sein, unter leidlich guten Verhältnissen arbeiten zu dürfen, zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Leider sollte das Dach über dem Kopf nicht lange halten. In dem Fabriklager hatten wir nur eine kleine Küche mit drei Kesseln. Viel zu sorgen und zu disponieren gab es hier für einen Küchenkapo nicht. Im gleichen Gebäude befand sich auch das Lebensmittelmagazin und das Revier. Ich betrachtete mir den Laden zunächst.mal genau und gab dann meine Anordnungen. Eben war ich dabei, die Lebensmittelbestände zu prüfen, da ertönte hinter mir eine wohlbekannte Stimme.„Also, Zier, die Bestände sind knapp und ob und wann was kommt, ist fraglich. Wir müssen uns darauf einrichten, Fastentage einzulegen.” Weinerlich und piepsig klang die Stimme. Ich nahm Haltung an und stand dem Oberscharführer Strauß, dem alten Ekel, gegenüber.„Soso, den Witt- mann hat’s auch hierher verschlagen. Na, es soll mir recht sein. Aber Menkenke machst.du mir keine wie in Kottern, Freundchen, sonst kommen wir schwer hintereinander.” Ich schritt mit ihm und dem Lagerältesten Zier durch die Räume. Im Kühl- schrank bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß die Wurst nicht mehr gut war.„Wir müssen sparen, wo wir nur können, einsparen”, piepste der häßliche Kobold.„Wittmann, vergessen Sie das ja nie!” Also auch hier ließ er lieber die Wurst verschimmeln und verfaulen, als daß er sie den hungernden Menschen hätte zukommen lassen. Der kautzige_ Kerl kam mir manchmal vor wie die Figur einer unheimlichen phantastischen Geschichte oder eines Nachtstückes. Sein Geiz. war sinn- und zwecklos. Er kam nicht mal ihm selbst mehr zugute. Denn mit schlechter Wurst konnte er nicht schieben. Mit dem Lagerältesten Zier verstand er sich gut. Diese Kreatur war auch seiner würdig. Zier gehörte zur ersten Garnitur der rohen und brutalen 224 Bestien, unter denen die Häftlinge viel zu leiden hatten. Er verkaufte die Häftlinge an die SS, schaltete und waltete selber ganz despotisch, prügelte und miẞhandelte vor allem die ihm mißliebigen Gefangenen, beteiligte sich als Werkzeug der SS an allen Schandtaten. Einen solchen Menschen konnte Strauß natürlich brauchen. Beide bereicherten sich nach Kräften an dem wenigen, was die Häftlinge bekamen und sahen zu, wie die Opfer ihrer Habgier massenweise verhungerten. Zier wurde deshalb später von den Amerikanern in Dachau erschossen. Die beiden Schmarotzer setzten mir natürlich übel zu, und ich hatte Müh und Not, mich ihrer zu erwehren, damit die vorschriftsmäßigen Mengen an Lebensmitteln wenigstens nicht allzusehr geschmälert wurden. Im Lager waren fast nur Ausländer untergebracht. Mit denen hatte man ja noch leichteres Spiel als mit den Deutschen. Sonst konnte ich mit meinem Posten zufrieden sein. Den Häftlingen ging es natürlich auch hier schlecht genug, aber doch wohl nicht ganz so schlecht wie in anderen Lagern. Denn die Verhältnisse waren noch einigermaßen normal, noch nicht so desorganisiert wie in Dachau. Und bei der geringen Zahl von Lagerinsassen konnte ich für das bißchen Fraß noch jeden Tag sorgen, wenn auch im unzureichenden Maße. Die Unterernährung währte bereits zu lange. Das Essen wurde nicht mehr, sondern immer weniger, die Portionen kleiner. Es gingen auch hier viele an Erschöpfung und Entkräftung zugrunde. Das Revier, zwar überfüllt, war in Bäumenheim glücklicherweise doch nicht gerade als ein Institut für nachhelfende Beförderung ins Jenseits zu betrachten, wenn naturgemäß auch nicht viel für die Kranken getan werden konnte. Der Verwalter des Reviers war ein Graf Oktav von Andlau, Großgrundbesitzer. Weiß Gott, wie er und so viele andere aus reichen und angesehenen Familien, Industrielle, Wirtschaftsführer, hohe Würdenträger der Kirche, Gelehrte, Künstler, Beamte in die Lager kamen und dort zum Teil elend zugrunde gingen. Die Herrlichkeit in Bäumenheim dauerte nicht lange. Wir hatten täglich Fliegeralarm. Donauwörth wurde bombardiert. Bei Tag suchten die Häftlinge Splittergräben auf, wenn Alarm war. Nachts mußten wir in unserer Unterkunft bleiben. Ich ging nie mit in die Splittergräben. Die Flieger kamen immer gegen Mittag, wenn ich in der Küche am meisten zu tun und die Kessel unter Druck hatte, um das Mittagessen fertigzubringen. Kunter- Wittmann, Weltreise 15 225 An einem Tag aber hatte ich ein eigentümliches Gefühl. Als Alarm erfolgte, schloß ich mich den andern an, doch schon auf halbem Weg zu den Gräben kam Entwarnung. Meine Kameraden lachten mich aus und spotteten:„ Da schau her, der Küchenkapo kriegt es auch mit der Angst. Gib nur acht, daß die Bomben nicht mal Gulasch aus dir machen und dich stücklesweis in die Kessel schmeißen. Da kriegen wir mal einen ordentlichen Fleischtag!" Am Nachmittag gab es wieder Fliegeralarm. Ich blieb im Haus mit dem Stubenältesten Otto Elsenhans. Auch der Graf blieb da und sein Helfer Loisl. Wie das Gebrumm näherkam, war ich oben im Schlafsaal und stand mit Elsenhans am Fenster." Otto", sagte ich, ich weiß nicht, mir ist mulmig zumut, ich glaube, wir kriegen was ab." Da pfiff und zischte es auch schon herunter. Wir hinaus aus dem Saal, mit zwei Sprüngen zur Treppe, aber da faßte uns der Luftdruck einschlagender Bomben und warf uns Hals über Kopf die Treppe hinunter. Ich dachte, der Weltuntergang sei gekommen. Das ganze Gebäude fing an zu hupsen und zu schaukeln, Wände stürzten ein, Risse entstanden, das Dach klatschte herunter, Fensterscheiben klirrten. Ein ungeheures Krachen und Getöse. Wolken von Staub und Dreck. Das Gebäude war halb zerstört, von Bomben, die unmittelbar daneben einschlugen, eingedrückt. Ich rannte hinaus; ein Bild höllischer Verwirrung, ein Schlachtfeld. Alles rannte wild durcheinander. Überall lagen Tote und Verletzte herum, Arme, Beine, Köpfe, Gliedmaßen, zerfetzte und verstümmelte Menschen. Es war ein grausiger Anblick. Die meisten Häftlinge waren während des Angriffes aus ihren Splittergräben herausgesprungen und ins freie Feld gelaufen, viele hatten auch die Gräben gar nicht erreicht. Den Menschenknäuel da unten hatten die Flieger vielleicht für Militär gehalten und außer den unzähligen Brandbomben auch Sprengbomben geworfen. Daher die vielen Toten. Die Flieger hatten ganze Arbeit gemacht. Die Beschädigungen waren so schwer, daß an eine geordnete Wiederaufnahme der Arbeit nicht mehr zu denken war. Außerdem war die amerikanische Armee bereits weit nach Deutschland hereingekommen; es hieß, sie sei nahe der bayerischen Grenze, weniger als hundert Kilometer von uns entfernt. Also alles schon in Auflösung. Die Maschinen wurden abmontiert, was brauchbar war, abgerissen oder eingepackt und wo anders hin verfrachtet. Die Häftlinge mußten ein paar Tage 226 lang Aufräumungsarbeiten verrichten, bis es plötzlich hieß:„ Sofort das Lager verlassen!" Jetzt mußte der Strauß die Wurst herausgeben. Es tut mir leid, Herr Oberscharführer. Sie stinkt zwar schon etwas, aber gefressen wird sie doch. Oder haben Sie bessere Verwendung dafür?" In meinem Ton lag grimmige Ironie und Verachtung. Ich hätte das Stück Unflat am liebsten genommen und in den Ofen hineingeschoben. ,, Mach, was du willst", meinte er. Er war auch ganz durchgedreht und bangte um sein kostbares Leben. Er machte sich aus dem Staube. Ich sah ihn nie wieder. Hoffentlich hat auch ihn die Vergeltung erreicht! Man ließ alles liegen und stehen. Die Häftlinge fraßen auf, was noch da war an Eẞbarem und was ich ihnen zukommen ließ und dann ging's im Eilmarsch zum Bahnhof, wo wir in Viehwagen hineingepfercht wurden. Der vollgepropfte Zug dampfte in Richtung Landsberg ab. Bei Landsberg mußten wir aus dem Zug raus und unter strenger Bewachung zu Fuß weitermarschieren. Schlafen mußten wir im Wald. Die meisten hatten ihre Schlafdecke mitgenommen. So waren wir vor Kälte und Unbill einigermaßen, geschützt. Etwa acht Tage waren wir unterwegs. An einem Aprilmorgen trafen wir in Dachau ein. Bei strömendem Regen mußten wir lange stehen, bis wir auf die verschiedenen Blocks verteilt wurden. Ich kam auf Block zweiundzwanzig. Der Anfang vom Ende war gekommen. 227 Inferno In Nacht und Hölle geworfen. Grauen umfing mich. Es roch nach Leichen und Verwesung. Die Luft war geladen mit Giftstoffen und Krankheitskeimen. Man spürte in allen Nerven, daß hier Grauenhaftes vor sich ging. Wie Todes- hauch wehte es durchs Lager. Ich schauerte zusammen, als habe mich die Schwinge des Todesengels berührt. Für Sekunden stieg die furchtbare Vision des Sensenmannes vor mir auf, der riesig aus dem Nichts emporwuchs, den Himmel verdunkelte und sich über das Lager beugte, mit der Sense zum Schnitt ausholend. Ich schloß sekundenlang die Augen, wankte in die Baracke hinein. Sie war vollgestopft von Menschen. Ich meldete mich beim Blockältesten.„Du mußt dir eben eine Schlafgelegenheit suchen. Eine Falle ist nicht mehr frei. Du siehst ja selbst, wie es hier zugeht.“ Lange suchte ich nach einem Plätzchen, wo ich mich würde lang legen können, fand aber nichts. Überall lagen sie schon auf dem Boden herum, in jeder Ecke waren notdürftige Schlafstellen eingerichtet, jedes Fleckchen war ausgenützt. Ich sprach mit mehreren Kameraden, suchte, ob ich nicht Bekannte finden würde. Und ich fand zwei. Bei Tisch im Tagesraum fand ich sie. Ich stand ihnen gegenüber, starr vor Staunen. Es waren Erich und Joseph Hubmann. Auch sie waren maßlos über- rascht. Wir lagen uns in den Armen und freuten uns zwischen Verwunderung und Rührung. Sie befanden sich seit der Besetzung Österreichs, also seit 1938, im Konzentrationslager. Sie gehörten zu denen, die sich gegen den Anschluß Österreichs an Nazideutschland geäußert und gewehrt hatten. Die schöne Zeit meiner Zuneigung zu Resi Hubmann kam mir in Erinne- rung, und diesmal überließ ich mich dem holden Traum. Sie war die einzige 228 Frau gewesen, die neben Tete einen Platz in meinem Herzen behalten hatte. Oft auf meinen Wegen war ein sehnsüchtiger Gedanke zu ihr gewandert und mehr als einmal hatte ich mich befragt, ob sie nicht doch eine gute Gefährtin für mein Leben hätte werden können. Sie hatte mich sehr geliebt. Alle Einzelheiten unseres kurzen Zusammenseins gingen mir durch den Sinn bis zu der tragikomischen Episode an der jugoslawischen Grenze mit dem wehmütigen Abschied. Ihre Geistesgegenwart hatte uns damals aus einer unangenehmen Situation gerettet. Jedes einzelnen Wortes erinnerte ich mich noch.„ Du bist frei", hatte sie gesagt ,,, wie ich auch. Aber ich weiß nicht, ob ich jemals einen andern nehmen kann." Wahrlich, einen Augenblick sehnte ich mich nach einer stillen, warmen Häuslichkeit mit ihr. Wie, wenn sie noch auf mich wartete? ,, Und Resi?" fragte ich die Brüder mit stockendem Atem. ,, Sie ist verheiratet", lautete die Antwort. Erich Hubmann betrachtete mich prüfend. Ein sonderbares Mädel, das. Sie hätte Gelegenheit gehabt, Männer mit Rang und Reichtum zu heiraten. Aber sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, Schwester zu werden und nahm dann einen Kriegsblinden zum Mann. So habe sie auch eine Lebensaufgabe, hatte sie gemeint." Ich blieb stumm ergriffen. Wenn Resi im Mittelalter gelebt hätte, wäre sie vielleicht ins Kloster gegangen; jetzt brachte sie ihr Leben zum Opfer, um einem Ärmsten, einem Blinden, Licht zu spenden mit ihrem gütigen Wesen. Wir erzählten einander von unseren Leidenswegen. Das, was ich erlebt und mit angesehen hatte, verblaßte neben den Berichten, die sie mir gaben. Die Brüder und einige ihrer Kameraden erzählten grauenhafte Einzelheiten von der Hölle in Dachau, die sie durchschritten und bis jetzt überstanden hatten. Von Menschen berichteten sie, die auf alle Arten gequält und gefoltert worden waren. Die schlimmsten Szenen aus den mittelalterlichen Folterkammern wiederholten sich in dieser Zeit. Ein wahres Inferno erstand vor mir bei den Berichten; es verschlug mir bisweilen den Atem. Da hatte man lebende Menschen in Steinquetschmaschinen hineingeworfen, Halberfrorene in kaltes Wasser gelegt, wo sie noch stundenlang leiden mußten, bis sie tot waren, Gesunde in den Versuchsstationen zu Krüppeln und Siechen gemacht oder zu Tode seziert. 229 ,, Einmal sah ich mit eigenen Augen zu, wie ein SS- Mann einen Häftling in den Geröllbrei stieß, der durch die Betonmischmaschine entstand. Die Masse war dauernd in Bewegung und wuchs durch das ständig neu hinzukommende Gemisch. Der Mann zappelte und kämpfte in dem Brei, versuchte sich wieder herauszuretten. Wir durften ihm nicht helfen, keinen Stock oder Strick hinhalten, an dem er sich hätte ans rettende Ufer ziehen können. Wie in einem Sumpf sank er immer tiefer ein, in wilder Panik um sich schlagend, schreiend und heulend. Aber das Schreien und Heulen hörte bald auf. Er brauchte seine ganze Kraft, um mit dem furchtbaren Element zu kämpfen, das ihn immer mehr schluckte. Es half ihm alles nichts, er sank tiefer und tiefer, bald verschwand das letzte Kopfhaar im Brei. In dem Bau, der hier entstand, ist ein Mensch einbetoniert." Erich berichtete:" Wie oft kam es vor, daß ein SS- Mann aus schlechter Laune oder gar, weil er Urlaub haben wollte( für jede Meldung einer Tötung wegen Widerstands des Häftlings oder sonst aus einem Grunde gab es Urlaub!) auf geradezu teuflische Art einen Unglücklichen ums Leben brachte. Er riẞ dem Häftling die Mütze vom Kopf, warf sie auf den Grasplatz und befahl ihm, sie wieder zu holen. Weigerte sich der Häftling, so wurde er wegen Nichterfüllung eines gegebenen Befehls erschossen, betrat er den verbotenen Rasen, so legte ihn eine Salve des MG- Schützen auf dem Turm um. Eine Möglichkeit, sein Leben zu retten, bestand also nicht." Der unverhüllte Mord griff um sich. Die Mordbanditen tobten ihren Blutrausch aus. Sie waren vom Koller, vom Blutwahn befallen, hausten irrsinnig, feierten Orgien der Perversität und Grausamkeit. Pfarrer wurden gekreuzigt, andere mit dem Kopf nach unten aufgehängt, Tausende von Menschen zu Tode gemartert und geprügelt, mit siedheißem Wasser verbrüht. ,, Ich war einmal mit sechzig Häftlingen zu fünfundzwanzig Stockschlägen verurteilt", sagte einer der Kameraden.„ Die Vergehen der einzelnen waren eine Zeitlang notiert worden und dann wurde einmal Generalabrechnung" gehalten. Einer nach dem andern mußte sich mit entblößtem Hintern über den Bock legen und wurde dort blutig und in Fetzen gehauen. Die andern mußten solange Kniebeugen machen. Der Arzt und ein Sanitäter waren während der Exekution zugegen, tauchten große Pinsel in einen Eimer und schrubbten mit der ätzenden Flüssigkeit über die zerschlagenen Gesäße. Sofort 230 nach Strafvollzug mußte der Häftling wieder in Reih und Glied treten und mit den andern weiter in Kniebeuge gehen, nach Kommando auf und nieder. War er dazu nicht imstande oder fielen sie nicht nach Wunsch aus, so traten ihm die brutalen SS- Männer in den wunden Hintern." So stellten die Kameraden in ihren Berichten eine endlose Liste von Greuelund Schandtaten zusammen. Ich konnte es schließlich nicht mehr mit anhören. Lebten wir diese Wirklichkeit tatsächlich? War nicht alles Spuk, Fiebertraum, entartete Phantasie? Hatte es noch einen Sinn, weiterzuleben unter Menschenbestien, die derart den Sinn der Schöpfung und des Menschendaseins entwerteten und schändeten? Zum erstenmal erfüllte Trauer und Verzweiflung mein Herz, der ich mich nicht mehr zu entziehen suchte. Gott, wo bist du? Warum hast du uns verlassen? 231 Und Gott schweigt Kurz vor dem Krieg las ich mal ein Buch mit dem Titel: ,, Und Gott schweigt". Aus den Zeilen dieses Machwerks roch so stark die nazistische Propaganda heraus, daß ich es bald, kaum zur Hälfte gelesen, beiseite legte. Der Verfasser der Sudelschrift, Edwin Erich Dwinger, hatte einmal ein einigermaßen objektives Buch„ Zwischen Weiß und Rot" über den Russischen Bürgerkrieg 1918 geschrieben. All seine späteren Bücher sind im Zeitungsstil verfaßt und stehen im Dienst der Nazipropaganda. Dwinger ist ein typisches Beispiel dafür, wie schmachvoll sich prominente Intellektuelle in Deutschland an den Nazismus verkaufen ließen. Man muß leider feststellen, daß ein Großteil der geistigen Elite" schmählich versagte, ihre Kunst und ihr Können prostituierte und sich mit keiner noch so schwachen Geste gegen den Einbruch der Ungeistigkeit und Unkultur in die kulturellen Bezirke wehrte. Die geschichtliche Schuld des deutschen Volkes an der Zerrüttung der zivilisierten Welt tragen zu einem großen Teil die oberen Zehntausend" der Gelehrten, Künstler, Dichter und Geistesarbeiter, die die Verbrecherherrschaft ideell stützten oder passiv duldeten. Ihnen ist's mehr Sünde als den andern in der großen Masse, die verführt und unwissend waren. - Und Gott schweigt das mußte ich jetzt manchmal denken, wenn ich um mich sah. Ich lebte in diesen Tagen kaum noch bewußt, nur noch instinktmäßig. Wie im Delirium ging ich umher. Die Hölle spie alle ihre Schrecken aus. Es gab nur wenig geregelte Arbeit. Die Desorganisation war vollkommen. Mal gab es an einem Tag was zu essen, mal nicht. Kraftlose, abgezehrte Gestalten wankten herum; die meisten waren überhaupt zu keiner Arbeit mehr fähig. Viele lagen in Ecken, kaum imstande, sich zu erheben und ihre Notdurft 232 draußen zu verrichten. Manche machten unter sich. Es stank in den Baracken schrecklich. Täglich kamen neue Transporte von Häftlingen aus allen Gebieten. Es waren keinerlei Unterbringungsmöglichkeiten mehr vorhanden. Wahllos verteilte man die Leute auf die Baracken, ohne zu fragen, wie man für sie noch Platz schaffen solle. Es schliefen oft vier, fünf Häftlinge in zwei nebeneinandergestellten Fallen. In Decken gewickelt, legten sich die Neuangekommenen irgendwohin, unter Tische und Betten, auf die Bänke und den Boden. Die Brüder Hubmann bugsierten mich glücklich in eine Falle hinein, die sie, nur mit einem Mann belegt, noch hatten freihalten können. ,, Es liegt ein Muselmann drin. Er ist krank und schwach, aber ungefährlich. Und dabei nimmt ja das dürre Bündel nicht viel Platz weg. Du kannst es dir schon etwas bequem machen." Der Inhaber des Bettes nickte gewährend mit dem Kopf, als wir ihm erklärten, was wir vorhatten und was sein müsse. Er rückte gegen die Wand, lag. schmal wie ein Brett. Ich legte mich zu ihm hinein. Es ging ganz gut; ich spürte ihn kaum. Obwohl ich innerlich ganz durcheinander und sehr aufgeregt war, schlief ich bald ein, von unruhigen Träumen geplagt, aber doch ohne Unterbrechung die ganze Nacht durch. Am andern Morgen mußten die Arbeitsfähigen antreten. Sie wurden alle zum Innendienst eingeteilt: Platz schaffen für die ununterbrochen herzuströmenden Scharen verelendeter Menschen, Kranke pflegen und Tote wegbringen. Die meisten Kranken konnten in den Revieren nicht mehr untergebracht werden, mußten in den Baracken bleiben. Dort starben viele. Morgens und tagsüber trugen wir Tote heraus oder brachten Kranke, die von ansteckenden Seuchen befallen wurden, in die Seuchenlazarette. Es kamen täglich Hunderte um. Typhus und andere Seuchen forderten die meisten Opfer. Im Krematorium war Hochbetrieb, aber auch in den Gaskammern. Die Brutalitäten und Schindereien der SS gingen bei allem weiter. Von Zeit zu Zeit krachten die Salven. Dann hatten auf dem Schießstand wieder Erschießungen stattgefunden. Wie mag wohl das letzte Stündlein all der vielen gewesen sein, die erschossen wurden! Im Holzschuppen neben der Hinrichtungsstätte mußten sie sich nackt ausziehen, denn ihre armseligen Lumpen 233 stellten immer noch einen Wert dar, den man den Ärmsten nicht lassen wollte. Hyänen und Leichenfledderer waren diese Mörder obendrein. Goldzähne wurden den Opfern ausgebrochen und Ringe von den Fingern gestreift, ehe man sie nach der Erschießung ins Krematorium brachte. Acht, vierzehn Tage lebte ich so dahin, umgeben von Tod und Verderben, in einer Blutvision von Scheusäligkeit und Verbrechen. Meine Sinne stumpften sich ab. Meiner Augen wurde ich leid, die so etwas sehen mußten. Ich schloß mein Herz und alle menschlichen Regungen wie mit einem Riegel ab, um nicht wahnsinnig zu werden. Ich sah Qual und Not im Unmaß, es war unerträglich. Ich sah Berge von Töten, wie Brennholz lagen die nackten Skelette überein- andergeschichtet. Ich sah, wie die Toten gleich Viehkadavern auf Wagen ge- worfen und nachher verscharrt oder verbrannt wurden. Nicht schwach werden, sonst kann es einem geschehen, daß man geschwind selbst unter die Leichen gerät. Manch einer neben mir sinkt um, ist tot. Oder vielleicht doch nicht ganz? Man kann nicht lange untersuchen. Ach, er ist sicher tot. Hinauf auf den Karren, auf die Fuhre von Leichen. Die Karren und Wagen fahren unablässig. Die Leichen werden zusammen- getragen. Da und dort nimmt man so nebenbei einen mit, der eben erst umfiel und in dem kein Leben mehr ist. Sie schleppen sich dahin, rutschen vor Ent- kräftung in den Dreck und stehen nicht mehr auf. Manche können den Weg zur Latrine nicht mehr verkraften. Es reicht nicht zurück in die Baracke, sie verenden unterwegs. Gespenster und Spukgebeine wimmeln da um mich her- um. Verliere ich meinen Verstand, leide ich an Halluzinationen? Wenn’s gut geht, täglich hundertfünfzig Gramm Brot und eine dünne Suppe aus„Nährmitteln”. Die Kräfte der Menschen nehmen rapid ab. Wenn nicht bald Hilfe kommt, müssen wir alle elendiglich zugrunde gehen. Die Lager- verwaltung kümmerte sich nicht mehr um uns, hatte wohl auch keine Möglich- keit mehr, uns zu verpflegen. Sehr viele unserer Peiniger waren schon ab- gerückt, in die Berge. Sie hatten große Lebensmittelbestände mitgenommen, raubten uns das Letzte weg. Die Lagerleitung und das übrige Personal waren um mindestens zwei Drittel ihres Normalbestandes zusammengeschrumpft. Es hieß bereits: die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Aber sie würden wohl nicht weit kommen, jedenfalls nicht über den Abgrund hinweg, den sie sich selber geschaffen hatten.} 234 Sollten die Insassen des Lagers„liquidiert” werden? Wir wußten, Himmler | hatte Befehl gegeben, uns alle zusammenzuschießen, wenn nichts anderes mehr I übrig bliebe. Man hielt es zweifellos für gut, bereits einige Vorarbeit zu leisten. Je mehr an Hunger und Typhus zugrunde gingen, desto weniger brauchte man nachher zu„liquidieren”. So schien es uns, daß der Lagerführer und seine Spießgesellen bewußt nichts gegen das Massensterben unternahmen und sogar mehr denn je zuvor mit Erschießungen, Vergasungen, Mord und Totschlag dem allgemeinen Untergang nachhalfen. An manchen Stellen hielten SS-Männer Keulen bereit. Wenn die Opfer nach Vergasung noch Lebenszeichen gaben oder wenn sie sich sonst zwischen den an Hunger oder Typhus Ver- endeten in den letzten Todeszuckungen regten, gaben die Unmenschen ihnen mit den Keulen den Rest. Wieviele mögen auch noch lebend in den Leichen- bergen mit beiseitegeschafft worden sein! Erschöpft und innerlich ganz verstört sank ich nach den grausigen Erleb- nissen des Tages abends ins Bett. Der Muselmann lag still und brav wie eine Wachspuppe neben mir. Ich konnte ihm manchmal etwas zu essen besorgen. Er war aber schon so schwach, daß er das Genossene meist erbrach. Aber er war so dankbar. An seinen leisen Bewegungen merkte ich das. Und ich war dank- bar für seine menschliche Nähe. Er hatte noch ein Gefühl, hier war ein Etwas, das mir zugeneigt war, das mir einen freundlichen Gedanken schenkte. Er sprach fast nichts. Ich brachte ihm eine Suppe und löffelte sie ihm in den Mund.„Daß du aber nicht spuckst!” mahnte ich ihn. Dann legte ich mich zu ihm. Er nahm meine Hand und so schliefen wir ein. Als ich morgens erwachte, fuhr ich jäh zusammen. Eine kalte Totenhand hielt meinen Arm umklammert. Ich faßte ihn an. Er war steif und kalt. Ich hatte neben einer Leiche ‚geschlafen.; |„Wieder sechs, heute”, sagte der Blockälteste, dem ich Meldung machte. 4„Aber wir sind ja noch vierhundertachtzehn auf der Bude, normal belegt ist sie sonst mit hundertzwanzig bis hundertfünfzig Mann.“ Vor den Baracken wurden die Leichen abgelegt. Der Haufen blieb in der letzten Zeit oft zwei, drei Tage liegen, ehe er abgebaut wurde. Ein süßlicher Verwesungsgestank erfüllte die Luft. Wie Holzscheiter waren die Leichen kreuz und quer übereinandergelegt. Sie liefen grünlich-blau an, gingen in 235 Fäulnis über. Schreckliches Gebein aufeinandergetürmt. Knochenarme und -beine streckten sich zum Himmel, eine furchtbare Anklage. Und Gott schweigt. Die Tage vergingen, die Menschen vergingen. Unbarmherzig wurden sie ihrem schrecklichen Schicksal überlassen, in der Mahlmühle des Teufels zermalmt. Niemand kümmerte sich um sie, kein Gott und kein Mensch. Wir selber konnten einander nicht mehr helfen. Wir waren zu schwach und zu stumpf dazu. Wer fiel, blieb liegen. Man stolperte darüber, achtete nicht, ob es eine Leiche oder ein Halbtoter war. Wer an der Arbeitsstelle zusammenbrach, wurde liegen gelassen. Es war nicht erlaubt, sich bei der Arbeit eines Sterbenden anzunehmen. In den Monaten Januar bis März 1945 starben ungefähr vierzehntausend Häftlinge in Dachau. Nach der Besetzung fanden die Amerikaner in und vor dem Krematorium dreitausendfünfhundert Leichen vor. Zweitausend lagen im Güterzug, neunhundert im Revier. Insgesamt sind schätzungsweise zweihunderttausend Menschen allein in Dachau ums Leben gekommen, qualvoll und verlassen, ohne geistlichen Zuspruch, in Dreck und Elend. Verhungert, verseucht, zu Tod gemartert. Hat denn die Welt wirklich Raum genug für diese Berge von Qual und Leid, für diese Meere von Blut und Tränen? Einsam und schaurig war das Sterben. Einsam und schaurig war das Leben für uns Überlebende. Die Eingeweide krampften sich vor Hunger, Läuse plagten uns, Wechsel der Wäsche gab es nicht mehr. Es wurde nicht gewaschen, es gab keine Waschmittel. Wir erstarrten in Schmutz und Unflat. Immer neue Transporte kamen. Tag und Nacht. Ich wurde ein paarmal mit anderen Kameraden kommandiert, die Häftlinge von den Transporten in Empfang zu nehmen. Die meisten wankten halbtot aus den Wagen heraus. In Kälte und Regen waren sie oft tagelang unterwegs gewesen, ohne Verpflegung. Die Eisenbahnstrecken waren bombardiert und unterbrochen, die Transporte auch von Tieffliegern vielfach heimgesucht. Eine Woche und länger saßen die Unglücklichen oft in den Viehwagen. An Verpflegung hatte jeder ein halbes Kommiẞbrot mitbekommen. Und dann war's aus. Jeder Transport führte Tote mit sich. Keiner lebte mehr richtig. Lauter Gezeichnete, Gemarterte, Halb- oder Ganzverhungerte. Und dann das Schrecklichste; ich kann es fast nicht berichten: Aus einem Zug luden wir Leichen aus, denen Fleischteile herausgerissen waren. Verstört 236 und irr stierten Menschen uns an; keuchend unter der Last des grauenhaften Erlebens. Sie waren zu Menschenfressern geworden. Vor Hunger hatten sie das Fleisch ihrer toten Kameraden verzehrt. Das Entsetzen schüttelte mich. Ich habe dies alles mit meinen eigenen Augen gesehen, ich und viele Kameraden. Gehöre ich zu den Verfluchten dieser Erde, daß ich das mit ansehen mußte? In dieser Stunde hätte ich sogar einen Blinden um sein Schicksal beneiden können. Greuel über Greuel. Entsetzen ohne Ende. Sintflut, erlöse den Menschen von Fluch und Qual dieses Erdballs! Schöpfung und Wesenheit verlöschen in Nacht und Grauen. Und Gott schweigt! 2,37, Er Die letzten zehn Tage Die Nacht weicht nicht aus den Baracken. Dumpf und dunkel ist's ringsum. Herbst im Frühling. Es riecht nach Sterben und Verwelken. Die Apokalypti- schen Reiter sind bei ihrem Ritt über Europa in unserem Lager angekommen. Die Hufe ihrer Pferde trampeln uns zusammen, viele werden tödlich getroffen. Die Schwingen des Todesengels rauschen über uns hinweg. Es tost in den Lüften von den wüsten Horden des Todes. Die Elemente sind entfesselt. Der Himmel ist verdüstert. Die Welt ist im Aufruhr, das Universum scheint aus den Fugen zu gehen. Ich liege im Alptraum. Meine Kameraden auch. Eine kosmische Wolke düsteren Schicksals senkt sich auf uns herab. Aaaeehhhh! Einer schreit in Todesangst unter dem Alp. Der Weltenbau stürzt zusammen. Die Erde klafft auf, Satanas steigt aus Schwefel und Dampf triumphierend empor. Die Gräber öffnen sich. Leben kommt in die Gebeine und Klapper- gestelle. Die Knochengerüste führen einen grausigen Totentanz auf. Die Hölle ist entfesselt. Haltet uns, wir versinken im Chaos, in der Hölle und im Ver- derben. Hilfe! Hilfe! Ich schwitze im unruhigen Halbschlaf. Über zwei Fallen hatten wir Ver- bindungsbretter gelegt, und auf dem dadurch entstandenen Quadrat lagen wir nun zu sechst. Die Baracke ist mit fünfhundert Mann mehr als doppelt belegt. Zu Knäueln liegen die Menschen neben-, unter- und übereinander, fiebern, phantasieren, dünsten aus, stöhnen in Verwahrlosung und in Angstträumen, stinken, sterben. Man erstickt fast in Gestank und verdorbener Luft, liegt wie betäubt. Die Unglücklichen stöhnen und ächzen im Schlaf. Die meisten ver- bringen halbe Nächte schlaflos, dösen dahin, schrecken von Zeit zu Zeit auf. Alle sind voller Unruhe und Spannung. Was’ wird der Tag wieder bringen? Jeder Tag bringt uns dem Grabe näher— oder der Freiheit? Dann dürfen es 238 aber nicht mehr viele Tage sein. Nicht mehr so viel, wie wir an den Fingern abzählen können, sonst sind wir alle an Hunger oder an der Seuche ein- gegangen. Neben mir röchelt einer wie im Todeskampf. Ich stoße ihn an, kann mich nicht nach links und nicht nach rechts bewegen, so eingezwängt bin ich, schlafe ein. Der Traum ist wieder da. Dunkelheit zieht vor.’ Unwetter birst aus dem schwefeligen Himmel. Der Spuk wird lebendig. Tumult in den Wolken. Ein grausiges Welttheater tut sich auf. Die höllischen Mächte toben gegenein- ander, das wildbewegte Verhängnis nähert sich dem Lager. In der Tiefe der unheimlichen Schau das Bild eines Sonnensystems, dessen Sternenapparatur durch eine Katastrophe im All in Chaos und Unordnung geraten ist. Die in- fernalischen Geister fallen über uns her. Ein riesiger Satan schwingt herbei, selber, er hat Himmelskörper aus dem Universum gerissen und wirft sie auf uns hernieder. Ein Weltuntergangsgetöse erschallt, das aber noch tönt wird vom Höllengelächter des Satans. Ich schrecke auf. Sirenen heulen. Flugzeuge in Massen über uns. Kanonen- donner. Einschläge von Granaten. Kommen sie jetzt, die Befreier, die Engel, die Amerikaner? Sie sind unsere einzige Hoffnung. Ich halte es nicht mehr aus, erhebe mich, klettere über die Menschenknäuel hinweg, trete ins Freie. Draußen treffe ich Erich Hubmann. Er kommt mir irgendwie verändert vor, er hat einen fremden, harten Zug im Gesicht, den ich sonst nicht an ihm kannte.„Wie siehst du aus, Erich?“ frage ich.„Was gibt’s Neues? Wo stehen die Amerikaner?” Er zuckte die Achseln.„Wie soll ich das wissen? Wir müßten eben Ver- bindung mit ihnen suchen.” „Und im Lager?“ „Der Maransanio und der Wernicke sind abgesetzt. Oskar Müller ist zum Lagerältesten ernannt worden.” Diese Nachricht gab uns allen neue Hoffnung und neuen Lebensmut. Maran- sanio und Wernicke, zwei Häftlinge, von der SS zu Bluthunden und willigen Werkzeugen erzogen, hatten schlimmer gewütet als viele der schlimmsten SS- Büttel. Sie mißhandelten und drangsalierten die Häftlinge aufs Blut.„Unser Weg geht mit der SS”, betonten sie immer wieder und sie hatten sich mit einigen hundert Mann unserer Peiniger verschworen, im Ernstfall die Führung 23% des Lagers zu übernehmen und die Geheimbefehle Himmlers auszuführen. Inzwischen waren mehr und mehr SS- Leute abgerückt. Es befanden sich vorwiegend nur noch die düstersten, verbissensten und zu allem entschlossenen Teufelskerle bei uns. Aber die Entfernung von Maransanio und Wernicke aus ihren Posten bedeutete einen ganz großen Erfolg für die aktiven Antifaschisten in unserem Lager und zeigte gleichzeitig an, daß die Allmacht der Banditen gebrochen war. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß keine Gefahr mehr vorhanden war. Sie war größer denn je. Die SS kämpfte jetzt um ihr Leben, sie hatte keine Aussicht mehr auf Entkommen und war darum bereit, das Lager zu verteidigen und jeden Befehl ihrer Leitung auszuführen. Es befand sich also gewissermaßen eine Atombombe im Lager, die allstündlich losgehen und uns alle vernichten konnte. Die SS und ihre Kreaturen hatten nur taktisch einen Miẞerfolg erlitten, weil sie nicht imstande waren, auch nur das Notwendigste zu organisieren. Sie standen der Entwicklung machtlos gegenüber, wurden unsicher und verworren, beherrschten die Lage nicht mehr, und dadurch gelang es uns, sie zu überspielen und bestimmend einzugreifen. Seit langem gab es im Lager illegale Arbeit politischer Häftlinge, die sich unter großen Gefahren, Schwierigkeiten und Menschenopfern vollzog. Was manche energische und zielbewußte, politisch geschulte Kameraden da getan haben, gehört zu den großen und heroischen Leistungen der Menschheitsgeschichte. Ihnen ist es letzten Endes zu verdanken, daß nach langem Hangen und Bangen die Tragödie für die letzten dreiunddreißigtausend Überlebenden noch einen günstigen Verlauf nahm. Es war alles gut durchorganisiert und bedacht. Die Brüder Hubmann weihten mich ein. Nicht in allen Teilen, aber in manchen. Es erhielt jeder seine Aufgabe zugewiesen. Sie selber eine der schwersten. Nur wenige von uns kannten die große Gefahr, in der die vielen tausend wehrlosen Menschen schwebten, nur wenige wußten einigermaßen Bescheid über das, was vorging und geplant war. Der Gauleiter von München hatte einen Befehl herausgegeben, falls die Evakuierung des Lagers nicht gelänge, alles zusammenzuschießen. Ein ehemaliger Lagerkommandant Weiß, der dafür bekannt war, daß er mit den Häftlingen milde umging, wurde beauftragt, 240 diesen Befehl auszuführen. Er soll sich geweigert haben und deshalb von den Mordbanditen Ruppert und seinen Spießgesellen umgebracht worden sein. Das Damoklesschwert hing über uns, ein riesiges Fallbeil. Würde es in der Schicksalsstunde herabsausen und uns allen mit einem Streich die Köpfe abschlagen? Wir wenigen, die etwas wußten, durften nicht reden, um das Lager nicht noch mehr in Unruhe und Aufregung zu versetzen. Gingen doch ohnehin genug alarmierende Gerüchte und Parolen herum! Das schwirrte und wirrte wild durcheinander. Wißt ihr's schon? Die Luftwaffe soll gegen uns eingesetzt werden. Die macht dann reinen Tisch bei uns. In fünf Minuten sind wir alle erledigt!"" Draußen bei Schleißheim ist ein SS- Kommando mit Artillerie aufgerückt. Das soll uns zusammenschießen."" Man will uns noch in SS- Uniformen stecken, dann sollen wir das Lager verteidigen."" Ach was, das haben die alles nicht nötig. Es dauert noch mindestens acht Tage, bis die Amerikaner kommen, und dann lebt keiner mehr von den dreiundreißigtausend. Was essen wir heut, was essen wir morgen? Nichts? Wer gibt dir was? Niemand. Es ist nichts da." Ja, es gab nichts mehr. Soviel wie nichts. Wenn es gut ging, kamen mal ein paar Brote, einige Körbe voll Rüben, Kraut oder Kartoffeln herein. Es reichte nicht hin und nicht her. Wir fraßen, was zum Kauen zwischen die Zähne taugte. Manche wurden irrsinnig in Hungerdelirien, wühlten in Dreck und Abfällen wie Hunde. Die Leichenhaufen konnten nicht mehr beiseitegeschafft werden. Der Verwesungsgeruch war unerträglich. " 1 Sämtliche dreiundreißigtausend Insassen des Lagers standen buchstäblich vor dem Hungertode. Es war auszurechnen, bis wann unser aller Ende bei solch einer Verpflegung" eintreten würde. Eine Änderung zu unseren Gunsten durfte keine acht Tage mehr auf sich warten lassen, sonst wurde das Lager Dachau Massengrab und Friedhof der letzten Armee politischer Häftlinge und Opfer des Naziterrors. Die Nazis machten einen Evakuierungsversuch. Ein Transport von über achttausend Mann wurde in Marsch gesetzt, wahllos Angehörige aller Nationen. Wir wußten, die meisten von ihnen gingen in den Tod. Denn sie waren bestimmt mehrere Tage unterwegs, ohne Verpflegung, krank und erschöpft. Wer unterwegs schlapp machte und umfiel, wurde von der SS mit dem GeKunter- Wittmann, Weltreise 16 241 wehrkolben erschlagen. Die Leidenswege der Transporte in den letzten Tagen vor dem Zusammenbruch waren gezeichnet mit Leichen. Ein zweiter Transport wurde zusammengestellt. Viele drückten sich davon, tauchten in der Masse irgendwo unauffindbar unter. Die Parole war, auf eigene Faust zu handeln, durchzugehen, die Bewachung der Transporte bei schicklicher Gelegenheit zu entwaffnen und sich zu den Amerikanern durchzuschlagen. Es stand bei jedem fest, daß man mit einem Transport das Ziel nicht mehr erreichen werde. Es waren Transporte ins Nichts, ins Geisterreich; letzte Bataillone, die in Nacht und Nebel verschwanden. Nacht und Nebel! Ja, was war auch aus den NN- Blocks geworden? Um die Häftlinge in ihnen war immer ein Geheimnis gewesen. Allen Anzeichen nach hatte es sich um Blocks gehandelt, in denen Todeskandidaten untergebracht wurden, Leute, die man aus besonderen ,, staatspolitischen" Gründen liquidieren wollte und durch das Fegefeuer der Gaskammern und Giftspritzen gehen ließ. NN. Wir hatten Nacht und Nebel aus den anonymen Buchstaben abgeleitet. Die Insassen dieser Blocks lösten sich auf Nimmerwiedersehen in Nacht und Nebel auf. Die Holländer und Spanier der letzten Zeit in diesen Blocks waren nicht mehr da. Auch die NN- Blocks waren jetzt überfüllt mit gewöhnlichen" Häftlingen. Es kamen aber trotz der Überfüllung des Lagers, und obwohl große Verbände von Häftlingen abtransportiert wurden, immer neue Massen von Insassen aus den Außenkommandos, Zuchthäusern und Gefängnissen. Ohne jede Möglichkeit der Verpflegung wurden die Leute einfach in das Lager hineingestopft. Wir lauschten von Stunde zu Stunde dem Kanonendonner. Wann, o Gott, wann kamen die Amerikaner? Wir stellten einmal voller Enttäuschung fest, daß am Tag vorher der Kanonendonner stärker gewesen war. Wurden sie von deutschen Truppenverbänden aufgehalten oder gar, wie es da und dort auch vorkam, vorübergehend zurückgeschlagen? Wenn sich ihr Vormarsch nur um Tage verzögerte, mußte das für uns die verhängnisvollste Auswirkung haben. Es war gar nicht mehr daran zu denken, daß noch Lebensmittelzufuhren kamen. Und die Magazine für die Häftlinge waren leer. Im Lager brodelte und rumorte es wie in einem Hexenkessel. Die Unruhe und Erregung stieg auf den Höhepunkt. Es herrschte Panik ja sogar 242 - Revoltenstimmung. In den SS- Depots gab es noch zu essen. Schlagt sie tot, die Werwölfe! Dann können wir leben. Ich kam mir vor wie im Trichter eines unterirdisch tätigen Vulkans, der jeden Augenblick ausbrechen und Feuer speien konnte. Die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Wie lange noch... einen Tag, zwei Tage? Wurde im letzten Augenblick von der SS noch ein Blutbad veranstaltet? Kamen die Amerikaner rechtzeitig an? Schnell und überraschend? Nur eine Überrumpelung des Lagers und der SS konnte uns retten. Es durfte keine Zeit bleiben, uns zu vernichten. Was hat sich in diesen letzten dramatischen Tagen in Dachau wohl alles getan, welche Auftritte und Ereignisse in dieser Tragödie spielten sich ab, die unser Schicksal betrafen und bestimmten. Oft hing gewiß unser aller Leben an einem Haar. Die Untermenschen waren zu allem entschlossen, sie beratschlagten sicher mehr als einmal über unsere Liquidierung, sie waren zugleich toll und verwirrt, gewalttätig und schwach, Irre in einem Tollhaus. Befehle und Gegenbefehle ergingen. Zeitweise waren alle von der Außenwelt abgeschnitten. Miẞverständnisse, Schwierigkeiten in der Nachrichtenübermittlung, Zwischenfälle aller Art verhinderten entscheidende Maßnahmen. Zum Schluß ließ man alles gehen wie es wollte, alles ging im allgemeinen Strudel unter. Die körperliche Erschöpfung und der seelische Druck nahmen in einem unerträglichen Maß zu. Die Krise näherte sich ihrem Höhepunkt. Die Lage war verzweifelt. Es kam der Tag, an dem die illegal tätigen Antifaschisten zu einer geheimen Sitzung zusammentraten und Sofortmaßnahmen beschlossen, koste es was es wolle. Die Entscheidung über Sein oder Nichtsein mußte innerhalb vierundzwanzig Stunden herbeigeführt werden. Das Lager war fest in den Händen der Antifaschisten, aber wenn eine Katastrophe von unabsehbaren Ausmaßen verhindert werden sollte, durften keine drei Tage mehr verstreichen. Es mußte unverzüglich gehandelt werden. Wo blieben die Amerikaner? Unserer Berechnung nach mußten sie bereits da sein. Es war dringend erforderlich, sofort Verbindung mit ihnen aufzunehmen, sie über die katastrophale Lage im Lager zu unterrichten, ihnen nützliche Fingerzeige und Winke zu geben und mit ihnen zu beraten, wie das Lager und die SS- Mannschaft am besten zu überrumpeln seien. Nur schleunige Hilfe konnte noch wirksam werden. 243 Ich sprach mit Erich und Joseph Hubmann.„ Wir müssen weg, etwas besorgen", sagten sie; ,, du weißt, was du zu tun hast, Max. Bleibe wachsam. Wenn es notwendig ist, handle. Die Bluthunde dürfen nicht mehr losgelassen werden. Du kennst Deine Leute. Wenn ihr das Geringste merkt, greift zum äußersten und verteidigt Euch, greift sie an, macht sie nieder." Es wurden nicht viel Worte gemacht. Ich fragte sie auch nicht nach dem Wohin und Was. Ich drückte jedem lange und fest die Hand. Du", sagte Erich zögernd ,,, und wenn uns etwas passieren sollte und du lebst, gib meinen Angehörigen Nachricht." Etwas beklommen war mir beim Abschied. Ich sah den beiden lange nach. Erich, den guten, tapferen Kameraden, sollte ich nie wiedersehen. Er ließ sein Leben im Einsatz zur Rettung der dreiunddreißigtausend. Viele Tausende haben jedenfalls ihm und seinen paar tapferen Kameraden das Leben zu verdanken. Denn sie brachten die Amerikaner sicher Stunden oder gar Tage früher herbei als sie sonst gekommen wären. Und jede Stunde in den letzten Tagen von Dachau kostete Dutzenden von Menschen das Leben. Sie starben und starben dahin, verwelkten, gingen ein, waren nicht mehr zu retten. Auch nach dem Eintreffen der Amerikaner starben noch viele, denen nicht mehr geholfen werden konnte. Wie ich mir nachher berichten ließ, gelang der Plan der aktiven Kameraden. Eine Gruppe der„ Illegalen" manövrierte mit großem Geschick und durchbrach die Sperren. Einer nur drang an die richtige Stelle vor, Karl Riemaier. Er schlug sich zum amerikanischen General nach Pfaffenhofen durch, erstattete ihm Bericht, schilderte die Verhältnisse und flehte ihn um sofortige Hilfe an. Der General erhielt durch ihn auch wertvolle Hinweise über die militärischen Voraussetzungen und Möglichkeiten und entschloß sich, schnell und energisch zu handeln. Ohne Rücksicht auf die Sicherung seiner Streitkräfte schickte er einen kleinen Stoẞtrupp vor, dem es tatsächlich gelang, das Lager im schnellen Zupacken zu nehmen. Mit ihm marschierten unsere abgesandten Kameraden. Beim Sturm auf Dachau fielen von den unseren: Fritz Dürr, Max Grünfelder, Erich Hubmann. Die letzte Stunde der Hölle Dachau war gekommen. Wir spürten in allen Nerven, daß der Vorhang über dem Drama anhub, sich zu senken. Wir fieberten vor Erwartung. In das verlöschende Leben kam neuer Antrieb. Es war, 244 als ob die Sterbenden den Atem des Lebens in sich anhielten, um ihn in dieser Stunde nicht auszuhauchen. Jeder, jeder wollte noch miterleben, was jetzt geschehen mußte. Der letzte Lebensfunke flammte auf, die Sinne schärften sich, Augen und Ohren lauschten gespannt. Die sich noch bewegen konnten, lungerten umher, hielten Ausschau. Das Zünglein an der Waage war im Begriff, auszuschlagen, wir fühlten es in nervenzerreißender Spannung. Wir warteten auf das große Ereignis. Was würde kommen? Salven der SS, Tod und Vernichtung, oder Sturm der Amerikaner, Rettung, Befreiung? Wir waren auf alles gefaßt. Sonntag, 29. April 1945, nachmittags vier Uhr. Kanonendonner, in den letzten Tagen in gleichbleibender Stärke und Entfernung, kommt schnell näher, lauter, ganz laut. Geschosse jagen über das Lager hinweg, Gewehrfeuer hörbar. Einige Kugeln pfeifen ins Lager, an den Eingang. Der Lagerälteste gibt Befehl, alles weg von den Lager- und Blockstraßen, in die Baracken hinein. Scharfe, knappe Befehle wie Pistolenschüsse. Das Lager bleibt ruhig, es ist fest in der Hand unserer aktiven Kameraden. Und die SS? Warum handelt sie nicht? Hat sie eine besondere Teufelei vor? Will sie das ganze Lager in die Luft sprengen, vergasen oder vergiften? Wird etwas Schreckliches passieren? Spielt der Teufel seinen letzten Trumpf aus? Dreiundreißigtausend Todgeweihte! Werden wir diese Stunde überstehen? Viele zweifeln, verzweifeln, rühren sich nicht, sind wie betäubt. Unheimlich, diese Ruhe. Es ist, als halte die fortschreitende Zeit für Minuten in ihrem Gang inne. Wir spüren, eine weltgeschichtliche Stunde hat geschlagen, die mehr bedeutet, als nur das Schicksal von Konzentrationslagern, das Schicksal von Völkern. Das Werk des Bösen, aufgetrieben zum wildesten und wüstesten Furioso, dargestellt in Versklavung der Völker und Miẞhandlung der Menschen ohne Maß, ist zerschlagen, liegt in den letzten Zuckungen. Wird sich die Bestie nochmals aufbäumen, um uns zu verschlingen? Dreiunddreißigtausend? Dreiunddreißigtausend! Qualvoll diese Ruhe, die unsere innere Unruhe verbirgt. Was wird mit uns geschehen? Nichts denken, nichts denken! Bomber fliegen über uns weg. Lähmendes Entsetzen befällt alle bei dem gleichen Gedanken: jetzt machen die Nazis vielleicht einen fingierten Fliegerangriff der Amerikaner, um den Alliierten dann die Vernichtung der KZ- ler 245 zuzuschieben. Aber nein, die meisten von uns verwerfen den Gedanken sofort. Die Naziverbrecher haben keine Gelegenheit mehr zu dieser Schandtat. Es ist zu spät für sie. Keiner ihrer Bomber kann sich mehr in die Lüfte wagen. Die Minuten schleichen dahin. Die letzte Szene des Dramas läuft ab. Die Luft ist mit dramatischen Spannungen wie mit Elektrizität geladen. Der Druck lastet schier unerträglich auf uns. Können wir nichts tun, um dem, was zu fallen im Begriff ist, den letzten Stoß zu versetzen? Wir stehen und liegen wie gelähmt umher, wie Marionetten, die nicht mehr von ihrer Maschinerie bewegt werden und ohne Regung verharren, starr und unheimlich. -- Da wieder Schießen! Dumpfes Rollen. Das müssen Panzer sein. Lärm. Getöse. Artilleriefeuer. Wir lauschen gespannt. Es ist offenbar ein Feuergefecht im Gang. Granaten heulen. Es zischt und pfeift. Starke Feuerschläge. Ich halte es nicht mehr aus, verlasse die Baracke, schleiche mich geduckt an die Umzäunung, belauere den Eingang des Lagers, verhalte den Atem vor Erwartung. Einschläge in die steinernen Wachtürme. In einen hat es schwere Breschen geschlagen. Ist die SS noch darin? Erwidert sie das Feuer? Ich kann nicht viel beobachten, was vorgeht. Aber was seh ich da? Mein Gott, ist es möglich... ein Amerikaner! Ein kleiner, starker Kerl mit schwarzen Haaren, sein Khaki staubbedeckt, in den Händen eine Maschinenpistole. So schleicht er am Wassergraben entlang, der den äußeren Stacheldraht umgibt. Ein Schuß fällt. Der Amerikaner geht in Deckung. Acht SSLeute in ihren laubfroschgrün gesprenkelten Uniformen treten hervor. Heben sie die Hände hoch? Ja, sieh, ein paar tun es. Zwei, drei folgen zögernd, aber dort die zwei, die sich hinter ihnen herumdrücken, greifen nach ihrem Revolver. Einer schießt. Blitzartig erwidert der Amerikaner. Rums- eine Salve aus der Maschinenpistole und alle acht liegen in ihrem Blut. Ich pürsche mich an die Böschung vor, mir kommen vor Erregung Tränen in die Augen. Ich beobachte die Umzingelung des Lagers durch den amerikanischen Trupp. Und jetzt Gott, laß uns das Glück ertragen sich das Tor. Das Tor zur Freiheit. - öffnet Tobender Jubel der Lágerinsassen. Alles drängt herbei. Viele schluchzen und weinen. Es wird erzählt, daß da und dort einer das Übermaß der Freude nicht ertragen konnte und seinen Geist aufgab. Wir waren gerettet; dem Leben, der Freiheit zurückgegeben. 246 Frei Das Lager durften wir allerdings noch nicht so schnell verlassen. Wir mußten eine Zeitlang streng isoliert gehalten werden, da ja Typhus und andere Seuchen wüteten. Jeder mußte eine Quarantänezeit mitmachen. Die Kranken kamen in Lazarette, die in aller Eile in den SS- Gebäuden eingerichtet wurden. Die amerikanischen und französischen Truppen stellten überdies je. zwei Feldlazarette mit viertausend Betten zur Verfügung. Auf dem Appellplatz wurden große Zelte aufgeschlagen, in denen Dutzende von amerikanischen Ärzten zur Rettung der Kranken tätig waren und alles daransetzten, um den Todgeweihten das Leben zu erhalten. Trotzdem starben noch Hunderte an den Seuchen und an Entkräftung; sie waren nicht mehr zu retten. Wir mußten einer hinter dem anderen durch die lichten, sauberen Zelte wandern, wo wir gegen Fleck-, Bauch- und Hungertyphus geimpft wurden. An Essen litten wir keine Not. Wir mußten in der ersten Zeit vorsichtig sein und durften nur wenig essen, da wir innerlich auf eine gute und reichliche Kost nicht mehr eingerichtet waren. Manche konnten nicht Maß halten und erkrankten zum Teil schwer. Langsam mußten wir uns an eine ordentliche Kost wieder gewöhnen. Aber es war doch herrlich, sich sattessen zu können, nicht mit hungrigem Magen in die Falle kriechen zu müssen. Ich will hier nicht einer materialistischen Lebensauffassung ein Loblied singen, aber ich muß doch sagen, daß das Wohlbefinden des Menschen und auch ein gut Teil seiner charakterlichen Haltung von einem wohlversorgten Magen abhängt. Der Magen reguliert nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische und moralische Verfassung des Menschen. Bei der Essenseinteilung standen wir schön brav und sauber hintereinander in den Reihen und warteten geduldig, bis wir drankamen. Jeder wußte ja, 247 daß er sein Essen bekam und reichte es ihm nicht, dann holte er sich eben nocheinmal. Früher hatten sich die armen, halbverhungerten Männer gedrängt und gestoßen, um zu ihrem kargen Teil zu kommen, gierig, vielleicht vor dem andern einen Vorteil zu erhaschen, ein paar Brocken mehr zu bekommen. Ach, und jetzt gab es soviel man wollte. Und wir brauchten nur da- und dorthin zu gehen, da bekamen wir nicht nur alles, was das Herz begehrte, sondern auch noch ein freundliches Wort dazu. Ja, wahrhaftig, ich hatte oft vollauf genug und wünschte nichts mehr. Aber ich ging trotzdem hin und holte mir ein Gebäck oder ein Stück Schokolade oder eine Zigarette, nur, um noch ein freundliches Wort zu erhaschen. Nach dieser seelischen Speise hörte der Hunger nicht so bald auf wie nach der leiblichen. Wir wurden gefüttert mit allerlei guten Dingen, mit Fleisch, Wurst, Pudding, Kuchen, Süßigkeiten. Es war für uns das reinste Schlaraffenland. Hatte ich es je so gut gehabt? Hatte es mir je so geschmeckt? Ich stellte Vergleiche mit meinem ,, schwimmenden Schlaraffenland" in der Südsee an, mit Mister Leeds Luxusjacht. Ach, es kam mir hier noch wunderbarer und üppiger vor, obwohl das Essen und die Genüsse hier natürlich doch viel einfacher und geringer waren als damals auf der Moana, wo das üppige Schlemmerleben den Gaumen abstumpfte und den Bauch übersättigte. Tagsüber lagen wir in der Sonne vor dem Draht, der früher elektrisch geladen war und so vielen von uns das Leben gekostet hatte. Oder wir machten kleine Rundgänge durch das Lager, das inzwischen gesäubert und aufgeräumt worden war. Wir betrachteten die Todesfabriken, das Vergasungsinstitut, das Krematorium, die Hinrichtungsstätte. Tausende und aber Tausende Opfer waren hier dem Moloch Nazismus anheimgefallen. Wir interessierten uns auch für die SS- Magazine. Es waren die reinsten Räuberlager. Außer Lebensmitteln hatten die Banditen dort alle nur denkbaren Gegenstände und Waren aus den unterjochten Ländern aufgespeichert. Da gab es viele Ballen feinster Stoffe, kostbare Gläser und Porzellane, Silberbestecke, Schreibmappen, Briefpapiere. Einen Friseurladen voll echter Parfüme, Haaröle, Hautcreme, Toiletteseifen, Waschpulver. Ganze Schuppen voll unausgepackte Kisten mit französischen, holländischen, tschechischen Aufschriften. Keller voll Schnaps und Wein. Ein Warenlager, aus allen Ländern Europas und von allen Völkern zusammengestohlen. Ein großes Warenhaus mit allem 248 menschlichem Bedarf und Luxus. Und hundert Meter entfernt verhungerten und verreckten Menschen in Elend, Not und Qual. In wenigen Tagen hatte unser Lager ein ganz anderes Gesicht bekommen. Die Blocks waren desinfiziert und entlaust. Überall Sauberkeit, Ordnung, planmäßige Organisation. Eine Atmosphäre des Friedens. Des Friedens und der Freiheit. Vier Freiheiten hatten die Alliierten für den Menschen auf Erden proklamiert. Ach, wir kannten viel mehr und doch nur eine. Die Freiheit, die alle andern einschloß. Welch unbeschreibliches Gefühl, wieder leben und atmen zu dürfen ohne Angst und Sorge, Hunger und Mißhandlung! Kein Appell mehr, kein Strammstehen, kein Geschrei und keine Prügel! Kein SS- Mann hinter uns, wo wir jeden Augenblick gewärtig sein mußten, den Gewehrkolben ins Kreuz zu kriegen, kein Hauptscharführer, der Inbegriff aller gefährlichen Möglichkeiten, vor uns, kein Blockführer als Bluthund neben uns. Frei konnten wir uns bewegen, frei auf dem Rasen liegen, ohne von MG- Geschossen hingemäht zu werden. Frei denken und reden, ohne befürchten zu müssen, von einem Spitzel verraten zu werden, frei in den von höllischen Bombern gesäuberten Himmel sehen, frei unter Freien, nicht mehr unter Knechten und Sklaven sein! O Freiheit, du kostbarstes Gut des Menschen, das ihm erst Würde und den Sinn des Lebens verleiht, ihn erst zum Geschöpf Gottes macht! 249 Nachher Nach und nach wurde das Lager geräumt. Ende Mai war meine Quarantäne beendet. Der 2. Juni 1945 entließ mich aus dem Lager Dachau. Ich konnte fahren oder gehen, wohin ich wollte. Einen Zehrpfennig bekamen wir mit und dazu einen Beutel mit allerhand leckeren Sachen drin, Verpflegung für mehrere Tage und die Versicherung, daß überall gut für uns gesorgt werden würde. Ich ging mit einigen Kameraden zuerst nach Dachau in die Stadt. An schönen Häusern vorbei, unter blühenden Bäumen. Es war ja Frühling, Frühling, wie ich schon lange keinen mehr erlebte, wie ich so herrlich überhaupt nie einen erlebt hatte. Grüne Wälder, grüne Wiesen, sprossende Felder, Blüten, Blumen. Mir schien, als sei ich aus dem Grab gestiegen und zu neuem Leben erwacht. Die Erde war ein Märchen, ein Wunder. O Gott, war denn das alles Wirklichkeit? In einem stillen grünen Tal sank ich zutiefst erschüttert zu Boden und schluchzte in mich hinein. Mein Gesicht berührte die warme, gute Erde, es war, als küßte ich sie und sie mich. Lange wanderte und fuhr ich mit den Kameraden nicht durch die Gaue. Ich mußte für mich allein sein. Allein auf der Straße, auf stillen Waldwegen zu gehen, frei und unbeschwert, ist das nicht über alle Maßen herrlich nach solch einer Zeit der Not und Pein? Aus der Hölle stracks zurück ins Paradies. Ich wanderte kreuz und quer durch blühende Gaue, schlief bei Bauern und guten, hilfsbereiten Menschen, wurde überall warmherzig aufgenommen, aufs beste verpflegt. Zuerst wollte ich mal meine Lieben in Thüringen aufsuchen. Dann würde mich mein Weg vielleicht nach Österreich führen, um Resi Hubmann wiederzusehen. Joseph war ja am Leben geblieben. Ich hatte also nicht die schwere 250 Pflicht, der Familie Hubmann die Nachricht von Erichs Heldentod zu überbringen. Und dann? Wo war meine Heimat, wo mein Herz zu Hause? Wo gehörte ich hin? Wo lebte der Mensch, der für mich da war? * Wochen vergingen. Mein Herz, zuerst leicht wie ein Vogel, wurde bald wieder schwer. Auch in der Freiheit kann man nicht frei und unbekümmert leben, wenn man unter Menschen ist, die in selbstverschuldeter Unfreiheit existieren. Ich sah vieles, was mich bedrückte. Ich erkannte, daß die Deutschen auch außerhalb unserer Lager in Gefängnissen gelebt hatten und sich auch jetzt noch, nach ihrer Befreiung, geistig, seelisch und moralisch darin befanden. Die Spuren der Hölle führten durch ganz Deutschland, durch ganz Europa. Überall zerstörte Städte und Dörfer, überall Not und Elend, kein Haus, das die Apokalyptischen Reiter verschont gelassen hatten. Überall Not und Tod, Verwüstung und Verwilderung. In Blut und Tränen schwammen die Völker. Ich erfuhr von entsetzlichen Greueln und Geschehnissen in allen Teilen Europas, die Kriegsfurie hatte maßlos gewütet. Alle Bande menschlicher Ordnung und Gesittung hatten sich gelockert. Das Volk stand vor dem Abgrund, war in die Barbarei untergegangen. Schlimmer noch als die materiellen Schäden sind die geistigen, seelischen und moralischen Zerstörungen. Zersetzung, Verderbnis, Chaos überall. Die Giftspritze des Nazismus wirkt nach. Das Volk ist krank und verseucht, der Mensch in seinem Bestand im höchsten Maß gefährdet. Die Menschheit steht unter dem Gewicht ungeheuerlicher Verhängnisse. Sie ist in die Irre gegangen. Immer neue Gewaltmenschen haben die Völker ins Feuer und Verderben gejagt. Sie sind förmlich wahnsinnig geworden. Grauenhafte Unholde wie Hitler und Himmler sind dem Schoß eines Volkes entsprungen, aus dem zuvor wunderbare Lichtgestalten und Genies wie Goethe und Schiller, Hölderlin und Mörike, Beethoven und Mozart, Bach und Bruckner, Dürer und Grünewald geboren wurden. Das Entsetzen lähmt uns fast, uns wenige, die Fühlen und Denken, Vernunft und Verstand bewahrt haben. Wohin ist der Mensch geraten, was soll 521 aus ihm werden? Wir sind traurig und verzweifelt. Wir sehen, wie das Volk sich hilflos und verworfen in ausweglosen Verstrickungen windet, wie es noch tiefer im Sumpf versinkt. Wir sehen das Leid und die unendlichen Qualen der Millionen. Schuldlos- schuldig sind sie allen Schrecken der irdischen Hölle preisgegeben; unvermögend, aus eigener Kraft sich herauszuretten; unvermögend, die Kraft und Gnade Gottes zu erwerben. Keine Macht der Welt, keine Organisationen, Institute, Hilfsverbände, keine Pläne und Systeme bringen der Menschheit Ruhe, Ordnung und wahren Frieden, wenn sie nicht von der Kraft des Herzens, von der Kraft der tätigen Liebe erfüllt sind. Aber wo ist in allen Kalkulationen und Plänen diese Kraft einbezogen? Schreckliches ist geschehen, Schrecklicheres noch kündigt sich an, wenn es uns nicht gelingt, der Vernunft und der anständigen Gesinnung zum Sieg zu verhelfen, die sittlichen Begriffe wieder einzusetzen, die Herzen und Hirne zu gesunden; das Element zu erneuern und wieder wirksam zu machen, das allein imstande ist, die Menschheit aus Chaos und Untergang zurückzureißen: Die Liebe. Nur sie kann uns wieder Zucht und Ordnung geben, nur sie kann die Gebrechen heilen, nur sie uns auf die rechte Straße zurückbringen, die uns miteinander aus der Dunkelheit zum Licht führt; nur sie aus Qual und Leid erlösen, uns wieder gesund und lebenstüchtig, lebensberechtigt machen. Wir verzweifeln nicht. Wir glauben an den Menschen, weil wir an die Macht des Guten und Edlen, an die Macht der Seele und des Geistes, an die Macht Gottes glauben. Sie ist nicht zerstört, obwohl es so scheint, obwohl sie von der Macht des Bösen überwältigt worden ist. Das Gute ist nicht ausgestorben. Es ist da. Es lebt. Laßt es uns wirksam machen! Laßt neues Leben aus den Ruinen entstehen! Seid treu und guten Willens! Seid die ersten Menschen, ihr letzten Menschen, und fangt an am Neubau der Welt! Wir legen dieses Bekenntnis zum Menschen ab nach allem, was wir an menschlicher Niedertracht und Verworfenheit erlebten. Wir glauben trotz allem an den Sinn des Lebens und den Sieg des Guten. * Gesichte, Gefühle und Gedanken bewegen und bedrängen mich in letzter Zeit. Ich hatte mir die Freiheit doch anders vorgestellt, freier, menschlicher, zu252 kunftsfroher. Ich hatte mir gewünscht, in privaten Bezirken zu leben, für mich, für Frau und Familie, abseits von Lärm und Getriebe, ruhig und friedlich, in der Schönheit und Fülle des Lebens. Jetzt bin ich in ein neues, unruhvolles Dasein hineingestellt, bin’ ein Teil jener Masse, die gezwungen wird, einen Weg aus dem Chaos zu finden oder zu verderben. Aufgaben sind zu erfüllen. Es gilt zu arbeiten und aufzubauen. Man fühlt sich von innen heraus ver- pflichtet, mitzuhelfen. Kann ich mich als Mitglied dieser Gemeinschaft eines verdorbenen und verlorenen, am Leben gefährdeten Volkes absondern, darf ich danach streben, in die Ferne zu entweichen, in ein besseres Leben zu flüchten? Im Paradies ein Leben ohne Sorge und Belastung, in Harmonie und Frohsinn zu führen? Ach, ich erkenne die Unabänderlichkeit der Gesetze des Lebens und der Entwicklung, der Zeit, in die einer hineingestellt ist. Leise nur klingt mein Traum in mir an. Wehmütig ziehen Erinnerungen durch meinen Sinn, das Blut regt sich heiß und sehnsuchtsvoll in mir. Und ich lasse mir eine Hoffnung offen..In einem Winkel meines Herzens glaube ich an die Erfüllung meines Traums. Vielleicht führt mich der unabänderliche Weg meines Schicksals doch einmal dorthin, wo die ferne Frau lebt, die Frau meiner Liebe. Geliebte Frau! Geliebte Welt! Wartest du auf mich? Ich warte auf dich. Ich gehe hier, strebe, denke, glaube und arbeite. Ein Wartender, Suchender, Tätiger, ein Gläubiger und Vertrauender. 253 Lieber Kamerad Max! Ein Brief Als einer meiner Freunde mir vorschlug, mit Dir zusammen ein Buch zu schreiben, machte ich meine Zusage insgeheim abhängig von dem ersten Eindruck, den die Persönlichkeit des Mannes auf mich ausüben würde, dessen Erlebnisse ich in dem Buch vereinigen sollte. Du tratst in mein Zimmer, stark und fremd. Es war mir, als seiest Du umweht von der Luft der Ferne und des Außergewöhnlichen. Wir fanden uns gleich im Gespräch. Es gab einen guten Klang. Und mein Entschluß stand fest. Ich sagte ja. In gemeinsamer Arbeit entstand ein Werk, das mehr erforderte, als gewöhnliche Arbeitsteilung. Es stellte nicht nur Anforderungen an Leistung und Sicheinfühlen in den Stoff, sondern auch an den Menschen selbst. Der ganze Mensch, wie er leibt und lebt, fühlt und denkt, mußte hier dabei sein. Sollte das Werk gelingen, dann mußten wir uns nicht nur in unserer Begabung, in allen Einzelheiten der Arbeit gegenseitig ergänzen, sondern auch in unseren Beziehungen von Mensch zu Mensch. Ein Buch, von zwei Autoren geschrieben: immer ein gefährliches, selten ganz geglücktes Experiment. Wir unternahmen das Wagnis. An den Anregungen, die Du mir gabst, hatte weniger die Sachlichkeit des Berichterstatters Anteil als die menschlich warme und sympathische Art Deiner Persönlichkeit. Ohne das wäre es kaum gut gegangen. Je mehr ich mich mit Herz und Phantasie in den Stoff hineinlebte, desto mehr gewann ich die Überzeugung vom Gelingen des Buches. Ich erlebte Deine Fahrten und Abenteuer nicht nur nach, sondern mit, und Du hast mir mehr als einmal bestätigt, daß meine Phantasie bei der Gestaltung des Werkes mich bisweilen instinktsicherer geführt habe, als es auch die detailliertesten Beschreibungen und die genauesten Schilderungen 254 Deines Mundes und Deiner Feder hätten tun können. Das gab mir innerlich immer neuen Antrieb und Lust zur Arbeit. Ich hatte allmählich beim Schreiben das Gefühl, ganz Du zu sein; der Mann, der diesen ungewöhnlichen Schicksalsweg hinter sich hatte, dem es bestimmt war, das Paradies sowohl wie auch die Hölle zu durchschreiten. Du gehörst zu den Menschen, denen es als Mitgift in den Weg gelegt wird, daß überall, wohin sie gehen, Bewegtheit, Erlebnis und Lebensfülle ist. Auf Schritt und Tritt gestalten sich ihnen neue Ereignisse, überall ist Buntheit, Besonderheit und die Unmittelbarkeit des Daseins. Wo sie sind, ist es immer interessant, ist immer Spannung. Nirgends ist Leere und Öde, ungestaltetes Leben wie im Spießertum. Gefahren ringsum, aber auch die großen Reize und Spannungen, die das gewöhnliche Dasein nicht bietet. Unvergessen wird mir alles bleiben, was dem Buch zum Werden und uns zur Freundschaft verhalf: die Gespräche in langen Stunden, das Hingegebensein an die Wiedererstehung des Vergangenen in der Erinnerung und im Bericht, die Spaziergänge in der herbstlichen Dämmerung durch Wald und Wiesen. Und dann die Erinnerung an die Wirklichkeit der Nazihölle, deren Greuel und Schrecken ich mit Dir um so mehr empfinden konnte, als ich einen Vorgeschmack davon aus eigenem Erleben erhielt. Ich selbst war politischer Häftling in den Jahren 1933/34 gewesen und habe damals schon die Willkür, die Gemeinheit und Brutalität der Naziverbrecher am eigenen Leibe verspürt, war Zeuge von Schandtaten und Bestialitäten. Diese Gleichartigkeit des Erlebens und Erleidens verstärkte unsere freundschaftliche Bindung. Ich ergänzte Deine Berichte durch meine Erlebnisse in den Konzentrationslagern Heuberg und Kuhberg. Allerorts hört man sagen, daß es ja anfangs ,, noch nicht so schlimm" gewesen sei. Nun, uns hat es auch damals schon gereicht. Meinem schlimmsten Feind, wenn ich einen hätte, würde ich nicht wünschen, das zu erdulden, was wir dort durchgemacht haben. Man vergegenwärtige sich auch, daß man 1933 aus einer Zeit kam, in der Menschenrecht noch etwas galt. Man konnte es kaum fassen, daß ein Mensch vogelfrei war, daß man ihn ohne wirklichen Anlaß, ohne Gerichtsverfahren einsperren durfte. Ich stand zwar in meiner politischen 255 Überzeugung immer ganz links, doch betätigte ich mich vor 1933 politisch sehr wenig, wenn ich auch manchmal öffentlich gegen den Nationalsozialismus heftig Stellung nahm. Ich war mehr kulturell als politisch interessiert. Ich schrieb absolut unpolitische, schöngeistige Bücher, interessierte mich für alle geistigen und ethischen Bestrebungen der Zeit und fühlte mich in den Bereichen der Kunst, der Musik, des Theaters und der Bücher zu Hause. Einen solchen Menschen auch nur anzurühren, wäre vor 1933 eine Ungeheuerlichkeit gewesen. Nach der sogenannten Machtübernahme wurde ich eines Morgens aus dem Bett herausgeholt, auf das Rathaus gebracht, von SS- Leuten beschimpft und angeschrien. Menschen, die Goethe und Schiller kaum dem Namen nach kannten, die von Kunst, Literatur und Wissenschaft keine blasse Ahnung haben, die nichts von mir gelesen hatten, nannten mich einen Kulturbolschewisten, behandelten mich in einer Weise, die mir heute noch die Schamröte ins Gesicht treibt. Von meiner etwa fünfhundert Bände umfassenden Bücherei hatten sie den größten Teil ausgeräumt und mitgenommen, fast lauter unpolitische Werke anerkannter Dichter der Weltliteratur. Ich wurde in einen Lastwagen gestoßen und nach Freudenstadt ins Gefängnis abtransportiert. Nach drei Wochen kam ich auf den Heuberg. Dort wurde bei Neuankömmlingen jedesmal„ Empfang" gefeiert. Wir wurden unter Prügeln und Fuẞtritten auf dem großen Hof herumgejagt, mindestens zwanzigmal die Treppen des großen Unterkunftshauses hinauf- und hinuntergehetzt. Endlich mußten wir in ein Zimmer mit Kommißbetten hinein. Dort ging es war spät abends. der Tanz von neuem los. Die Wachleute gröhlten wie die Wilden, warfen mit allen möglichen Gegenständen nach uns, so daß verschiedene verletzt wurden und anderntags ins Revier mußten. Einer verlor durch einen unglücklichen Treffer mit einem Schemel linksseitig das Gehör. Ich hatte einige Hautabschürfungen und Würgemale davongetragen. Am andern Tag wurden wir dem Arzt vorgeführt. Er fragte jeden, woher er die Verletzungen habe. Dabei grinste er hämisch. Denn er wußte, daß sie alle durch eigenes Verschulden" entstanden waren. Man hatte uns vorher gesagt, es werde uns schlecht ergehen, wenn wir wahrheitsgemäß aussagen würden. Es waren schon Leute deswegen nachher halbtot geprügelt worden. Auch hätte es keinen Wert gehabt, Tatsachen zu berichten. Der Arzt war eine ganz gemeine Nazikreatur, der gern jedem Wink von oben folgte, die Gefangenen ,, sachgemäß" zu behandeln. - 256 - 11 : 1 Es begann ein böser Leidensweg für uns. Täglich von neuem Schikane, Mißhandlungen, wüste Beschimpfungen. Ich mußte im Steinbruch und beim Straßenbau im Pfaffental" helfen, stellte mich dabei als Intellektueller" nicht gerade geschickt an und fiel oftmals auf. Trotzdem hatte ich immer Glück im Unglück. Ich kam im allgemeinen glimpflich davon. Meine Kameraden hielten mich etwas im Hintergrund, dadurch wurde ich den Schikanen der SA mehr oder weniger entzogen. Verschiedene Wachleute waren als sadistische Folterknechte bekannt. Sie kamen oft spät nachts betrunken ins Lager, jagten die Häftlinge heraus und mißhandelten sie. Bisweilen trieben sie die Häftlinge, besonders neu hinzukommende, auf den Bodenraum hinauf, wo sie dann wahre Prügelorgien veranstalteten. Ich war einmal bei dem Kommando, das am Morgen nach solchen Ausschreitungen mit Wassereimer und Schrubber den Raum säubern mußte. Wir scheuerten Blut, Zeug- und Hautfetzen von Boden und Wänden. Der Lagerkommandant Buck, ein körperlicher und moralischer Krüppel, putschte seine Kreaturen zu immer neuen Ausschreitungen gegen die wehrlosen Häftlinge auf. Daß im allgemeinen auf dem Heuberg keine Ermordungen vorkamen wie in Dachau und anderen Lagern, ist wohl nur auf den Umstand zurückzuführen, daß Buck einfach aus Feigheit sich nicht getraute, zum äußersten zu gehen. Er fürchtete wahrscheinlich, er könnte doch einmal dafür zur Rechenschaft gezogen werden. So ist mir nur ein Fall von Mißhandlung mit tödlichem Ausgang bekannt. Im September 1933 wurde ich Zeuge, wie der Jude Leibowitsch, der krank und mißhandelt ins Lager eingeliefert worden war, von den SA- Leuten schwer drangsaliert und geschlagen wurde, so dass er am andern Tag im Revier starb. Man lebte in ständiger Angst, unversehens einmal in die Klauen der Bestien zu geraten. Wir befanden uns in einem Zustand vollständiger Rechtlosigkeit und waren der Willkür hilflos preisgegeben. Viele Kameraden, die das besondere ,, Interesse" der Wachmänner gefunden hatten, mußten Tag für Tag ein wahres Martyrium durchmachen. Aber auch die allgemeine Schikane wurde von Monat zu Monat stärker. Die Aufseher ersannen immer neue Miẞhandlungen und Plagen. Sie machten sich ein Vergnügen und einen Sport daraus. Ein Wachmann schnitt Häftlingen die Haare. Man mußte dabei in die Kniebeuge gehen und durfte nicht mucksen, Kunter- Wittmann, Weltreise 17 257 wenn er einen Büschel mit der Maschine herauszog. Wer dabei erwischt wurde, daß er einen Zigarettenstummel aufhob oder etwa eine Kartoffel aus der Küche beim Kartoffelschälen einsteckte, wurde geprügelt und bei halber Ration in Arrest geworfen. Halbe Ration! Die ganze bestand aus einem halben Pfund Brot am Tag, mittags einem Schlag voll Kraut oder Kartoffelgemüse und abends meistens einer Suppe oder einem kleinen Stück Käse. Einmal im Dezember mußte ein Häftling nachts dringend austreten. Die Türen zu unseren Schlafräumen waren stets abgeschlossen. Der SA-Mann, der Nachtwache hatte, war angewiesen, auf Klopfen zu öffnen. Der Häftling klopfte. Es kam niemand. Er pochte nochmals. Zweimal, dreimal. Stärker. Endlich kam der Wachmann und fluchte unflätig. Er jagte uns alle raus. Sämtliche Schlaf- räume im Block wurden alarmiert. Dreihundert Mann mußten hinaus in die Aborthallen. Immer zwanzig Mann. Die anderen standen draußen in der Kälte, nur mit dem Hemd bekleidet. Wer mehr anhatte, mußte sich auf der Stelle bis aufs Hemd ausziehen. So verharrten wir auf einem Fleck eine gute halbe Stunde. Auch sonst wurden wir oft gezwungen, nachts drei- oder vier- mal alle Mann auszutreten. Dadurch kamen sehr viele um ihre ganze Nacht- ruhe, da man jedesmal aus dem Schlaf herausgerissen wurde und dann lange nicht wieder einschlafen konnte. Solche und ähnliche Scherze erlaubten sich die üblen Gesellen tagtäglich mit uns. Am ersten Weihnachtstag wurden wir vom Heuberg in den Kuhberg nach Ulm überführt, in die unterirdischen Festungsgänge. Das Lager wär halbfertig und nicht eingerichtet. Weihnachten 1933 wird mir ewig in düsterer Erinnerung bleiben. Im Halbdunkel tappten wir in den Kasematten die engen Wendel- treppen hinunter, gingen durch die schmalen Gänge, die etwa hundert Meter weit leicht abwärts führten, standen in den dumpfen, feuchtkalten Verließen eine Weile bedrückt und verlassen umher, wollten es nicht glauben, daß dies unsere Unterkunft sein sollte. Zu essen bekamen wir an den Weihnachtstagen fast nichts, da die Häftlingsküche noch nicht eingerichtet war. Die SA-Wachen stellten ab und zu einen Kübel voll Essen aus ihrer Küche zu uns herein. Das war natürlich viel zu wenig für alle. Die Robusten fielen darüber her. Geschirr hatten wir noch keins. Man mußte irgendeinen Behälter oder eine Papp- schachtel nehmen, wenn man etwas haben wollte. 258 Der Aufenthalt in den Festungsgängen war sehr gesundheitsschädlich. Lehmboden, aus dem Grundwasser hervorsickerte, an den Decken Tropfsteingebilde, ein dumpfes und muffiges Gemäuer. Zu Seiten der Gänge Nischen, etwa zwei Meter breit und ebenso tief. Die Nischen waren oben gewölbt. Abwechselnd standen in ihnen je sieben Kommißfallen in drei Reihen nebeneinander, links und rechts je zwei, in der Mitte drei übereinander. In den Nachbarnischen für je sieben Mann„ Aufenthaltsräume" mit Tischen und Bänken. Die Räume lagen ständig im Dämmerdunkel, das Tageslicht fiel nur schwach durch die Fensterchen herein, die in die Schießscharten der meterdicken Festungsmauern eingelassen waren. Trübes Licht der elektrischen Birnen erhellte abends notdürftig die Kerker. Dort also hausten wir Monate und Jahre hindurch, atmeten die stickige, verdorbene Luft in den überfüllten Räumen. Wie oft stand ich an den Einschnitten der Schießscharten, öffnete ein Fensterchen und suchte eine Lunge voll Luft, ein Auge voll Licht zu erhaschen. Und es war dann geradezu eine Pein, wenn die gute Luft draußen auch vor dem geöffneten Fenster wie vor einer Mauer stehen blieb. Die dicke Luft innen ließ kaum einen Hauch von außen herein. Die enge Öffnung verhinderte, daß man den Kopf hinausstrecken konnte, und so wehte mich nur selten ein Luftzug von draußen an. Das Leben wurde härter, die Behandlung grausamer. Man versagte uns jeglichen Lesestoff, nahm uns alle Spiele weg, Karten- und Schachspiele, mit denen wir uns auf dem Heuberg manch dunkle Stunde vertrieben hatten. Es wird viel berichtet von den Greueln und den Schandtaten in den Lagern, wenig wird gesprochen und geschrieben vom Alltag der Häftlinge, in welcher körperlichen und seelischen Bedrängnis sie die Tage überstanden. Die Ungewißheit: komme ich hier wieder heraus und wann, belastete die Moral und die Nerven, dazu die ständige Furcht vor Spitzeln und Belauerung durch die Wachmannschaften, die Enge und Dumpfheit der Räume, das drückende Eingepferchtsein in Massen, unzulängliche hygienische Verhältnisse, Abortanlagen, die jeder Beschreibung spotten, Verschmutzung, Verwahrlosung, Druck, Mißhandlung, Beschimpfung, es war ein qualvolles Dasein. Es gab große starke Männer, die moralisch zusammenbrachen. Manche wurden streitsüchtig, rauflustig, manche ließen sich als Spitzel kaufen, manche zeigten Anzeichen von Irrsinn und geistiger Verwirrung. Das Gift dieser unwürdigen, unmenschlichen Zustände wirkte sich aus. 259 Die Masse der Häftlinge lebte in trauriger Verlassenheit dahin, ohne Hoffnung auf Besserung ihres Geschicks oder auf Befreiung, ohne Trost und Licht, Seelsorge und Betreuung, vergessen, verraten und verloren, täglich von neuem erniedrigt und beleidigt. Einige Häftlinge, die sich vorbildlich charaktervoll hielten, taten viel, um die Moral der andern zu stärken, sie aufzumuntern, seelisch zu betreuen. So vor allem die Pfarrer Dangelmaier und Sturm, die eines Tages unter wüstem Geschrei der SA- Leute in unseren Gang hineingestoßen wurden. Man hatte sie im Zuge der Aktion gegen den Katholizismus gefangen gesetzt und behandelte sie nun hier im Lager in einer abscheulichen und erniedrigenden Weise. Sie mußten Abort schrubben und andere niedere Arbeiten verrichten, wurden dabei getreten und mißhandelt, in unflätiger Weise beschimpft. Sie ertrugen alles mit Gelassenheit und Seelenstärke, fanden bei allem abends immer noch Freude und Kraft, sich uns und unseren Nöten zu widmen und eine Stunde der geistigen und seelischen Erbauung ohne Frömmelei mit uns zu verbringen. Ich weiß, unser Elend und Jammer im Kuhberg war nur ein Vorspiel" dessen, was später kam, ein Nadelstich, verglichen mit dem, was ihr Kameraden in den letzten Jahren vor dem Zusammenbruch in den Lagern erlitten habt. Aber das, was uns angetan wurde, genügte bereits, um das Gewaltsystem der Nazis als das menschenunwürdigste aller Systeme anzuprangern, die den Völkern bisher zuteil wurden. Es ist gewiß nicht nebensächlich, in einem Buch, das mit leidenschaftlichem Ernst auf die Pestbeule des Naziverbrechertums hinweist, auch diese Anfänge der Konzentrationslagermethoden einmal kurz zu streifen und die ursächlichen Zusammenhänge in der verhängnisvollen Entwicklung aufzuzeigen. Wir sprachen über all das, lieber Freund, und wir trafen uns auch hier in einer wahren Gesinnungsgemeinschaft, die uns noch enger befreundete. Mit leidenschaftlicher Wahrheitsliebe stellten wir das ungeheure Material der kriminellen Schuld der Naziverbrecher in den Konzentrationslagern zusammen. Mit heißem Herzen und innerster Empörung gedachten wir der Schandtaten und auch der volksverderberischen Maßnahmen der Hitlerleute. Wir waren voll Haß und Erbitterung über das, was uns in den zwölf Jahren angetan worden war. Am meisten gelitten haben wir beiden unter der Unfreiheit und 260 der Erniedrigung des Menschen, die nie so groß war wie in Nazideutschland. Viele Deutsche haben wohl auch den Druck und die Ungerechtigkeiten gespürt, leider aber nur wenige das Menschenunwürdige unserer Lage im Dritten Reich. Wer empfand so sehr wie Du und ich die Entwürdigung und Beleidigung, die uns zugefügt wurde, wer hat je so vor Empörung innerlich gebebt, wenn die Nazihäuptlinge immer neue Attentate gegen die Menschlichkeit begingen, die alle Begriffe von Recht, Anstand und Gesittung verwirrten, und die sie durch eine teuflische Propaganda dem Volk stilgerecht machten?! Wer hat so sehr die Schmach und Entrechtung unserer Knechtschaft empfunden wie wir wenigen in Deutschland, die bisweilen fast erstickten im Gifthauch der Naziideologie, in der Kloake dieses entarteten Denkens und Handelns; die wir nur noch von der einen Hoffnung am Leben erhalten wurden, daß dieses Reich des Antichrist, diese Herrschaft einer dämonisch besessenen Verbrecherhorde eines Tages zusammenbrechen werde. Ja, wir beide und dazu die Besten unseres Volkes, taten das, was ungeheuerlich in der Weltgeschichte erscheint, und was doch in diesem Fall natürlich und folgerichtig ist: wir beteten für den Sieg der ,, Feinde", der die Herrschaft, des Teufels durch die Herrschaft des Menschen ablösen möge. Denn dieser Krieg war kein Krieg von Nationen untereinander, sondern ein Attentat des Untermenschen gegen den Menschen, der noch etwas auf sich hält, dem Anständigkeit, Sauberkeit und Persönlichkeitswerte noch etwas bedeuten, der nicht leben und atmen kann in einer geistigen Wüste. Ich habe in diesem Brief all das aufzuzeigen versucht, was zu den persönlichen, tiefen Bindungen zwischen uns führte, die wiederum die Ursache für das Gelingen des Buches waren. Ich werde im Geist noch oft die Stunden durchleben, aus denen sich Freundschaft und Buch formten, und neu in glühenden Farben und Formen werden die Bilder vor mir erstehen, die wir dabei entworfen haben. Ich reise dann wieder mit Dir über Länder und Meere, durch Urwald und Wüste, durch Paradies und Hölle, auf den Spuren der Abenteurer und Entdecker, auf den Pfaden der Freundschaft und Liebe, ich bin bei Dir im Zauber der Lianenwildnis, auf dem Eiland der Seligen, im Märchenland der Naturmenschen, auf den Inseln der Liebe, in den Schrecken der Wildnis, in den Qualdelirien des Durstes, in den Sonnenhitzeparoxismen des Roten Meeres, in der grauenhaften Hölle der Konzentrationslager des Dritten Reiches. 261 Und über allem leuchtet dann die Sonne einer Kameradschaft, die uns dies alles in der nachschöpferischen Arbeit zum Erlebnis werden ließ. Ich weiß, es treibt Dich wieder in die Ferne, bald werden vielleicht Tausende von Meilen, Sand- und Wasserwüsten zwischen uns sein. Aber ich weiß auch, daß wir einander trotzdem nah sein und nie verlieren werden. Zieh mit unserem Buch in die Welt hinaus und laß es ein Zeugnis sein von Freiheit und Knechtschaft, von Freud und Leid, von Ehre und Schande der Menschheit, laß es sprechen für die Schönheit und Wunder der Erde und für die glückhaften Aussichten, die wir Menschen haben, wenn die Erde-in Frieden und Gerechtigkeit regiert und verwaltet wird. Leb wohl! Möge unser Weg licht sein! Dein Erich Kunter. Inhaltsverzeichnis I. Teil: IN ALLER WELT Träume Auftakt Globetrotter Monsun Fremde Heimat Brasilien . Gefahren am Wege Urwald . Kaffee und Kaschaf ABC. Durst Über Land und Meer. Menschenfresser Kanal Auf der Luxusjacht Ile d'Amour Paradies II. Teil: IN DER HOLLE Seite 9 15 32 41 48 56 62 70 77 84 88 95 103 109 118 123 Der Weg ins Verhängnis 135 In die Falle gegangen. 145 Erste Station in der Hölle. 154 263 264 Seite Flossenbürg Die Elenden 161 171 Lagerleben 179 Ein Wintertag 185 Glückspilz und Pechvogel 197 Allach 203 Kottern 211 Dachau 222 Inferno 228 Und Gott schweigt 232 Die letzten zehn Tage 238 Frei 247 . Nachher Ein Brief. 250 254 selbst treu. Er bewahrt sich, wie auch später, den sittlichen Ernst und den Glauben an das Gute— trotz allem. So bewährt sich seine selbsterlebte Weltanschauung in ihm. Sein erstes Wiedersehen mit der Heimat, 1934, enttäuscht ihn. Das nationalsozialistische Gedanken- gut ist ihm fremd. Hitler erscheint ihm sowohl als nationale wie als internationale Gefahr. So zieht er wieder hinaus in eine freiere Welt. Dort will er nach Jahren Anker werfen. Auf Tahiti, einer Märchen- insel im Pazifik findet er Tete, die Frau seiner Träume. Und er will sie heiraten. Um die Heiratspapiere zu erlangen, muß er jedoch nach Europa reisen. Dort steht der zweite Weltkrieg vor der Tür. Wittmann wird nach Deutschland abgeschoben. Um nun den Krieg nicht gegen seine Uberzeugung mitmachen zu müssen, versucht er wiederholt, über den Balkan nach Amerika zu entkommen. Da- bei wird er verhaftet und der Gestapo als Deserteur ausgeliefert. Nach zehn Monaten Unter- suchungshaft im Polizeigefängnis kommt er in die Knochenmühle der Konzentrationslager, deren er mehrere durchkostet, bis er zuletzt in Dachau seine spannungsvolle Befreiung erlebt. So mündet das farbig bewegte Weltreisebuch, das in seiner schlicht erzählenden Sprache zugleich ein anspruchsloser und doch gehalt- voller, aktueller Entwicklungsro- man ist, in seinem zweiten Teil in einen erschütternd spannenden Wahrheitsbericht über die ver- schiedensten Konzentrationslager und die Zustände und Schicksale in ihnen. 3