schland. für Film dt/ Thür. INHALT DER LANDSTREICHER DER KAMERAD DES HELDENJUNGEN DIE MILCH IST EINGETEILT DER TYP BUBI IN PRAG DIE SCHULE DER GRAUSAMKEIT TANTE TINA DER LANDSTREICHER Die Tische und Stühle des schönen, alten Baumgartens standen heute leer. Auch im Buchenwald, in den er unmittelbar überging, sah man weder bunte Kleider, noch hörte man Menschenstimmen. Ein sanfter Juliwind bewegte leise die Blätter der alten Bäume; der Duft der warmen Erde und des Grases erfüllte die reine Luft. Der weite Platz hinter dem großangelegten, jetzt baufälligen Gebäude stand verlassen. Weder Leiterwagen noch ländliche Kutschen, keine einzige Equipage, kein Auto. Es war Freitag. Das Sommertheater, die Attraktion des Arnold Buseschen Kaffeegartens, dessen Schild weit durch die Bäume und über die bescheidenen Kaffeekioske strahlte, spielte nur sonntags und donnerstags. Nicht einmal eine Probe war heute in dem häßlichen Bühnensaal, dem einstigen einzigen Schafstall eines mitteldeutschen Gutsbesitzers, der mit gar zu vielen Spekulationen sich um dieses Besitztum gebracht hatte. Auf der festgetretenen Wiese hinter dem Saal hörte man heute nur Herrn Buses Gänse schnattern. In den kleinen Kammern hinter einer brüchigen Holzgalerie, noch rings um den Schafstall, hatte vor vierzig Jahren das herrschaftliche Gesinde gehaust. Jetzt, im Jahre 1909, hatte Herr Wohlmann aus Posen alles gemietet. Seinen jungen Talenten, die froh sein mußten, im Sommer nicht zu hungern, zog er diese Quartiere mit je 15 Mark von ihren winzigen Gagen ab. Die Aufsicht über diese ärmsten und unbeweibten Mieter hatte die Sekretärin des Direktors. Ihr unumschränkter Gebieter nannte sie Goldchen; und so nannten sie alle. Trotz 7 augenfälliger Bleichsucht war dieses armselige Geschöpf un- ermüdlich fleißig und tätig, überall wo es Arbeit für den Direktor gab. Sie war nicht nur seine Stenotypistin, sein Tippfräulein und seine Rechnungsführerin, sondern auch seine Wäscherin und Privatbedienung in zwei Zimmern für jede Art von Körperpflege. Der Direktor und die etwas besser gestellten Mitglieder des sommerlichen Opern- und Schau- spielensembles bewohnten die hohen und ziemlich verkom- menen Zimmer des einstigen Gutshauses. Der Betrieb des Herrn Wohlmann war mitten im Walde gelegen, anderthalb Stunden Fußweg entfernt von der näch- sten Provinzstadt. Er trug fast alle Anzeichen einer Schmiere größeren Stils, war aber nicht in jedem Sinn eine solche. Die damals noch halbjährige Theatersaison warf zu jedem ‚hei- ligen“ Osterfest in Deutschland Tausende von Künstlern auf die Straße. Ein geschickter Geschäftsmann konnte sich ziem- lich mühelos ein gar nicht übles Orchester, dazu Operetten- sänger und Schauspieler jeder Art zusammenholen. Er konnte ihnen im Sommer fast dieselben Gagen zahlen wie seinem Souffleur und Beleuchter und erstrahlte dabei noch im Glanz eines Wohltäters der Menschheit. Herr Wohlmann hatte es verstanden, in den Berliner Theateragenturen aus der Menge der verzweifelten Ostergäste zwei erfahrene alte Theater- . hasen als Regisseure zu fischen und ein paar junge Talente für Spieloper und Schauspiel. Er hatte sich im einstigen Schafstall an ein künstlerisch anspruchsvolles Repertoire ge- wagt. Eben dies verlangte hier das theaterhungrige Publi- kum, die Pächter und kleinen Gutsbesitzer der Umgebung und der Mittelstand des nahen Städtchens, das einst die erste Universitätsstadt Deutschlands gewesen war und seither von Bildung träumte, In einem„Büro“ benannten Zimmerchen neben dem Bühnensaal saß Herr Wohlmann hinter einem leeren Schreib- tisch. Noch nie hatte er es wie heute bedauert, die Schuh- warenbranche mit der Theaterbranche vertauscht zu haben. Sein feister, langer Oberkörper lehnte steif gegen die wack- 8 lige die! sch We sicl Vil auf br H: sch mi de ih: lige Stuhllehne. Seine fetten, roten Backen und die formlose, dicke Nase glänzten wie mit Speck abgerieben. Die vorge- schobene Unterlippe sah aus wie eine dunkelrote, feuchte Wegeschnecke. Die warme Julisonne beleuchtete dies wenig anmutige Ge- ‘sicht und das ebenso unbewegliche der Kaiserin Auguste Viktoria auf dem gelbgrün verschossenen Öldruck hinter ihm auf einer mit Fliegenschmutz und Spinnweb bedeckten, rot- braun gekringelten Tapete. Die Tür öffnete sich leise. Ein unansehnliches Mädchen mit wächsern blassem Gesicht, in das unordentlich blonde Haarzotteln hingen, kam herein. Ein drahtfestes Pincenez an schwarzer Schnur schwankte vor ihren wasserblauen, gut- mütigen Augen. Ihr Blick begegnete betrübt dem fragenden, der sie erwartete. Sie zog ein punktiertes Taschentuch aus ihrem Sekretärinnenkleid und schneuzte sich umständlich. „Hör auf mit Naseputzen, sagte Wohlmann grob. Er sprach laut und betont mit fremdem Akzent:„Sag, was los ist.“ Das Mädchen, kaum halb so alt als der feiste, kleine Mann, antwortete ohne jede Empfindlichkeit mit einer dünnen, hohen Stimme:„Wirklich krank, Herr Direktor“, sagte sie,„er liegt unter dem Federbett und jammert.“ Wohlmann runzelte die Stirn:„Hast ihm in den Hals gesehen?“ »Ja.# „Mit Löffel?“ „Mit’nem Löffel.“ „Na— und?“ „Die linke Mandel ist dick. Mit gelben Pünktchen, Herr Direktor, Angina.“ „Kann man mit so was nicht singen?“ „Das müssen Sie doch’ wissen, Herr Direktor“, sagte Goldchen. „Ich bin Geschäftsmann“, brummte Wohlmann.„Dumme Gans.“ „Er will saubere Bettwäsche“, sagte Goldchen und setzte sich. „Was will er?“ schrie Wohlmann gereizt. „Saubere Bettwäsche, Herr Direktor“, wiederholte Gold- chen sanft. „Soll erst singen, der Idiot“, brüllte Wohlmann. „Herr Direktor“, Goldchen gab dem Pincenez einen Stups, „die Wäsche ist schon zwei Monate drauf. Sie ist ganz schwarz.“ Direktor Wohlmann stöhnte:„Wo in aller Welt, Gold- chen“, er vergrub alle zehn schmutzigen Fingerspitzen in seinen schwarzglänzenden Haaren,„wo in aller Welt nehmen wir jetzt bloß einen Tenor her?“ Brütend sah Wohlmann aus dem Fenster. Auf einmal wandte er sich um. „Die linke Mandel ist dick?“ fragte er hastig.„Mensch hat doch zwei Mandeln. Kann er nicht singen mit der rechten?“ „Herr Direktor“, sagte Goldchen mitleidig,„morgen wird die rechte auch dick sein. Das ist so bei Angina.‘ „Ist so! Ist so!“ Der Direktor trat drohend auf die Sekre- tärin zu:„Du redest den verdammten Jungens nach dem Mund.“ lchins , Ja, Sie. „Nichts andres hab’ ich im Sinn wie Herrn Direktors Wohl, Tag und Nacht.“ Goldchens Stimme schnappte über. „Dafür muß ich den Haß ertragen von der Frau Direktor...“ Ein Weinkrampf schien im Anzug. „Ist gut. Ist ja gut. Sei bloß schon ruhig, Goldchen.“ Er streichelte ihr fusseliges Haar.„Das Geschäft steht auf dem Spiel, und du sprichst von Privatsachen.“ Goldchen wollte etwas erwidern, aber es klopfte an der Tür. Gleich darauf standen drei junge Männer im Zimmer. Ein schwarz- und ein blondlockiger und zwischen ihnen einer mit rotem Haar und Bartstoppeln. Der Dunkle war Wohl- manns„Heldenvater“, ein großgewachsener, etwas gebeug- Io a te - 5, n n FE n h г d S -. 1 ter, junger Jude mit kraftvollen, unregelmäßigen Gesichtszügen, denen Entbehrungen und Willensanstrengungen von Jugend auf ihren Stempel aufgedrückt hatten. Sein Ausdruck und Wesen hatte etwas unjugendlich Gütiges und vollkommen Natürliches. Der Blondgelockte, Zierlichgekleidete trug seinen zu kleinen Kopf mit einer Stupsnase und einem Damenmündchen mit dem Selbstbewußtsein eines etwas geckenhaften jugendlichen Liebhabers. Er hatte einen überzarten Teint und sanfte Wangen wie ein junges Mädchen. Er wurde ,, der Lockige" genannt. Ein Abglanz Jung- Schillerscher Heldengefühle umschwebte seine hübschen blauen Augen und seine kindliche Stirn. Beim Anblick des Gastes, den seine jungen Schauspieler mit sich brachten, fuhr Direktor Wohlmann mit seinem Schreibtischstuhl weiter in die Ecke zurück. Er zog sogar den Tisch nach. Der verfärbte, ausgefranste Anzug des Stoppligen, seine viel zu kurzen und zerrissenen Ärmel und Hosen mochten die Ursache dieses Rückzuges sein. Herwig, der Lockige, und Goldchen lächelten belustigt. Der etwa fünf- oder sechsundzwanzigjährige, mittelgroße fremde Mensch sah zwar verkommen aus, aber denkbar ungefährlich und nichtssagend. So ein Kopf, wie kleine Kinder ihn mit Bleistift zeichnen: Punkt, Punkt, Komma, Strich fertig ist das Mondgesicht; und die dazugehörenden Haarborsten. Die rötlich dunkle Haut dieses lebenden Gesichts war freilich zerknittert wie zersprungenes, altes Leder und um den fast lippenlosen Mund standen sonderbar in den vollen Wangen tief eingegrabene Furchen. Wohlmann sah Goldchen an; Goldchen sah die jungen Künstler an. Was fiel ihnen ein, einen Landstreicher hereinzubringen? Daß es einer war, stand außer Zweifel. - Bogi, der Heldenvater von nicht mehr als dreiundzwanzig Jahren, näherte sich mit einem guten Lächeln dem Schreibtisch. Er sprach leise zu Wohlmann. Der Direktor zog vernehmlich etwas hoch, was nach europäischer Übereinkunft in ein Taschentuch gehört. Dann schob er Bogi mit der Hand beiseite. I I ,, Sie behaupten, mein Herr, daß Sie den Bajazzo singen könnten?" Er sprach gedehnt und so höflich er konnte. ,, Auf einer anständigen Bühne?" Es war deutlich, daß der Abgerissene ihm Angst einflößte. ,, Wo sind Sie schon aufgetreten?" Direktor Wohlmann bohrte einen roten Bleistift in sein fleischiges Ohr und blickte angestrengt gebieterisch. ,, Das ist ja uninteressant", meinte der Landstreicher ruhig. Seine Sprechstimme war nicht unangenehm, aber auffallend eintönig. ,, Die beiden Herren sagten mir, Sie brauchen jemand für ein paar Spielabende. Deshalb habe ich mich angeboten. Unsereiner kann mancherlei, was die Herrschaften in den vorüberfahrenden Kutschen nicht können." Bei diesen Worten legte er den Kopf schief, der klein und zierlich war. Bogis und Herwigs Blicke folgten mit aufgeregtem Interesse jeder seiner Bewegungen. Sie vermuteten in diesem unscheinbaren Menschen etwas von der unerkannten Kraft, die dem Volke innewohnt. Bogis Augen blieben auf dem vollendet. geformten Ohr haften, das zu dem mit rötlichen Borsten bedeckten, unreinlichen Schädel gar nicht zu passen schien. ,, Mir fehlen einige Sachen", fuhr der Ausgefranste fort, ohne seine seltsame Kopfhaltung zu ändern. ,, Ich brauche eine Mütze oder einen Strohhut, würde mir gern' nen Regenmantel kaufen und vielleicht eine Zahnbürste. Wenn Sie mir für jedes Auftreten 20 Emm geben, Herr Direktor, dann mach' ich Ihnen am Sonntag den Bajazzo." Ohne eine Miene zu verziehen sah er aus verschwommenen Äuglein, die an den Rändern entzündet waren, den Direktor an. Wohlmann bohrte den roten Bleistift noch tiefer in sein Ohr, kniff seine schwarzen Äuglein noch mehr, streckte seine plumpe Unterlippe noch weiter vor. Dabei ließ er keinen Blick von dem zweifelhaften Objekt seiner Hoffnung. Die Schauspieler standen wartend. Sie wußten, daß die Leidenschaft, die sie erfaßt hatte, vielleicht einen begabten Menschen der Landstraße zu entreißen, für Wohlmann ohne jedes Interesse war. 12 - ,, Na also?" unterbrach der Mann ohne Hemd endlich das Schweigen. ,, Brauchen Sie mich oder nicht?" Er stellte den Kopf gerade und setzte sich mit gleichgültiger Miene auf einen Stuhl an der Wand. Der Stuhl krachte. ,, Denken Sie nach. Ich habe Zeit", meinte er. Die Hände in den Taschen, sah er aus wie ein Mensch, der aus Ermüdung irgendwo sitzen geblieben ist. Den beiden jungen Leuten waren inzwischen die für den Mann aus der Schuhbranche passenden Argumente eingefallen. Sie sprachen flüsternd auf Wohlmann ein. ,, Es ist nicht unmöglich, Herr Direktor", widersprach Bogi. ,, Er hat durchaus nicht die Art eines Prahlers. Wir haben uns lange mit ihn unterhalten." ,, Aber, Kinder, seht euch doch den Menschen an-", sagte der Direktor nicht gerade leise. ,, Sieht doch rein nach gar nichts aus." " ,, Deshalb ist noch nicht gesagt, daß er nicht singen kann", sagte der Blondgelockte ärgerlich. ,, Na?" kam es wieder vernehmlich von dem Stuhl an der Wand. ,, Der Oberregisseur wird sich weigern die Bühne zu betreten, wenn ein Landstreicher auftritt", flüsterte Goldchen. ,, Dumme Gans, ich werde ihn nicht fragen", sagte der Direktor. ,, Denn eben nicht, Herr Direktor." Bogi spielte seinen letzten Trumpf aus: ,, Aber soviel ist Ihnen doch klar: wenn wir diesen Sonntag nicht spielen, hängt Herr Buse seine Vorlegeschlösser an die Bühnentür und vor die Garderoben. Und uns wirft er aus unseren Zimmern. Dann sind wir alle Landstreicher. Sie natürlich ausgenommen", setzte er schnell hinzu. Wohlmann hatte einen wütenden Schnalzer von sich gegeben. ,, Herr Direktor", Bogi endete in sanft zuredendem Heldenvaterton ,,, wenn er nur irgendwie auf der Bühne stehen und die Einsätze bringen kann“ Der Direktor hatte sich hinter seinen Schreibtisch zurück13 gezogen. Er warf den roten Bleistift auf den Tisch. Er war besiegt. ,, Holen Sie den Kapellmeister, Fräulein." ,, Einen Augenblick, Fräulein", rief es von der Wand. Der Landstreicher war plötzlich munter geworden und aufgestanden. Seine schlaffen, dünnen Lippen waren geöffnet und in dem zerknitterten Gesicht zeigte sich eine Reihe wunderhübscher, blendendweißer Kinderzähne. ,, Wenn ich vorsingen soll, muß ich erst essen. Ein ordentliches Mittag: Glas Bier, Suppe, Fleisch und Gemüse." Er zog die Lippen ein und schmatzte leicht. Alle lachten laut heraus. Nur der Direktor nicht. ,, Gauner!" rief er. ,, Hinaus!" Sein Arm wies nach der Tür. ,, Aber meine Herrschaften", sagte der angebliche Sänger begütigend ,,, aber meine Herrschaften!" Die Hände auf den Knien setzte er sich wieder, genau unter Wohlmanns wohlbekleideten, ausgestreckten Arm. ,, Verstehen Sie doch", wandte der Landstreicher sich an alle ,,, kann ein Mensch, der seit Wochen in keinem Bett geschlafen hat, und wenig gegessen wie soll er denn anständig singen in solch einem Zustand?" - ,, Recht hat er", rief der Blondgelockte. ,, Bestellen Sie ein Menu, Herr Direktor", sagte Bogi mit schmelzender Stimme. ,, Ich habe das Gefühl, der Mann kann was." - ,, Wird singen mit vollem Magen ein Berufssänger?" schrie Wohlmann. ,, Soviel weiß ich schließlich auch: sowas gibt es nicht." ,, Doch, es gibt", sagte der Landstreicher bescheiden. ,, Bei Ihrem Berufssänger ist der Magen auch voll. Bloß ein bißchen früher, Herr Direktor." ,, Raus!" schrie der Direktor wieder. ,, Ich habe den Mann satt." ,, Kommen Sie", sagte der junge Jude. ,, Wir drei essen zusammen." Er nickte Herwig zu und nahm seinen Schütz14 ling am Ellbogen; fuhr nur etwas zurück, da er mit der Hand in ein Loch und auf die nackte Haut geraten war. د, , Wir kommen dann wieder her, Herr Direktor", rief Bogi ins Büro zurück. ,, Sie werden sehen, er singt." Bogi und der Jugendliche legten zusammen. Es reichte. Eine Mark zwanzig kostete das Menu für den Gast. Nach einem wortkargen Essen verließen sie ihn im Schatten einer riesigen Kastanie und gingen den Kapellmeister suchen. Bald kamen sie aus dem Haus wieder heraus und liefen in den Wald. Der Kapellmeister, nicht gerade ein Zwerg, aber klein und bucklig, war ein musikalisches Genie, erfolgreicher Komponist ernster Musik. Durch einen Konflikt mit der Intendantur einer großen Bühne war er in eine Notlage geraten und hatte aus lauter Trotz und Hohn ein Engagement an dieser Sommerbühne angenommen. Die Sache war indessen halbwegs beigelegt. Er erwartete in diesen Tagen eine Depesche der Agentur, um von hier fortzukommen. Lebhaften Schrittes, barhäuptig wie die beiden Jünglinge, kam er zwischen ihnen aus dem Wald und begrüßte den Abgerissenen unter der Kastanie. Er faßte seine Hand. Aus hellen Augen, unter einer gewölbten Stirn hervor sah er den Schützling der jungen Schauspieler schweigend und forschend an. ,, Ein Kollege?" fragte er freundlich. ,, Sie wollen bei uns singen?" Als er die Hand des Landstreichers losließ, hatte sich dessen Gesicht verändert. Die Gleichgültigkeit, die wie der untilgbare Stempel eines ausgestoßenen Lebens diese Züge bisher wie ausgelöscht hatte erscheinen lassen, war schmolzen. Das Punkt- Punkt- Komma- Strich- Gesicht hatte sich in ein Menschenantlitz verwandelt. Die unscheinbaren, entzündeten Äuglein waren verschwunden. In der zerknitterten Haut, unter einer geraden reinen Stirn leuchteten auf einmal kindlich geweitet große, blaue Augen. ,, Möchte versuchen", sagte das neue Gesicht. ,, Versuchen wir!" 15 Mit einer heiteren, beflügelten Eile wandte der Bucklige sich dem Hause zu. Noten wurden geholt; der Flügel geöffnet. Die Schauspieler setzten sich an die lange Fensterwand, um dem blendenden Sonnenlicht zu entgehen, das die staubigen, leeren Stuhlreihen überflutete und abscheuliche Öldrucke an den verfleckten Wänden beschien. Den Landstreicher schien seine ganze Frechheit verlassen zu haben. Er stand mit hochgekrümmten Schultern neben dem geöffneten Instrumentendeckel, als sei der eine Falltür, die über ihm zusammenzuschlagen drohte. ,, Ach", flüsterte Bogi entmutigt. ,, Es wird nichts sein. Sieh bloß, wie unser Unglücksmann dasteht." ,, Verrückt. Bloß die Angst vor Herrn Buses Vorhängeschlössern hat uns das eingegeben", seufzte der Lockige. ,, Schade. Na, und wir?- wird man eben wieder einmal vis- à- vis de rien stehen." ,, Ein Sommer geht irgendwie zu Ende", sagte Bogi traurig. Er fühlte sich enttäuscht. Die Sache mit diesem Landstreicher hatte ihn ungemein gereizt und gefreut. ,, Macht nichts. Dann werde ich eben Zeit für meine Anzengruberrollen haben." - ,, Du hast gut reden, hast einen guten Vertrag für den Winter verdienst ihn auch", fügte er rasch hinzu. Bogi, dem man eine große Zukunft voraussagte, hatte beschämt aufgesehen. ,, Ich habe mit drei Jahren angefangen, das Hungern zu studieren", meinte Bogi. ,, Diesem Wohlmann hätte ich zu gern einen Schabernack gespielt", klagte der Lockige. ,, Junge", lachte Bogi auf ,,, wär' dem Schieber doch äußerst angenehm gewesen, hätten wir recht gehabt." Indessen waren die Noten aufgeschlagen. Der kleine Kapellmeister saß vorm Flügel. Die Hände auf den Tasten sah er mit abwesendem Blick über das Instrument hin. Dann schien er sich des Zwecks seines Hierseins wieder bewußt zu werden. Seine Augen streiften den Prüfling. 16 „Kinder, euch brauchen wir hier nicht dringend‘, rief er zur Fensterwand hinüber.„Seid so gut, wartet im Garten auf uns.“ Sichtlich ungern, aber gehorsam trotteten die beiden jun- gen Leute den Saal entlang und hinaus. Der Musiker griff ein paar Akkorde. Dann neigte er den geistreichen Kopf zur Schulter und lächelte zu dem schon gefaßter Stehenden hinauf. „Womit wollen wir anfangen? Das Lachen?— oder die Arie aus dem zweiten Akt?“ Der Mann antwortete nicht. „Paar Dreiklänge vielleicht, um hineinzukommen?“ „Bitte“, sagte der Landstreicher schüchtern. „Intonieren Sie. Ich komme schon mit“, schlug der Ka- pellmeister vor. Die rauhen Hände des Landstreichers griffen in die Tasten, er summte. Rein, vollkommen rein, aber nichts als Summen. Der Kapellmeister gab schon die Hoffnung auf. Auf ein- mal reckte der Mann sich. Er sang. Der Kapellmeister warf eilig die Notenblätter herum. Es war der Schluß der zweiten Arie. Der Kapellmeister spielte, horchte. Der Mann sang makellos rein, rhythmisch— nur die Stimme.... Der große Kopf des Buckligen sank in den Nacken. Er schloß die Augen. Was war mit dieser Stimme? Warm war sie, reich, weich— eine wunderbare Stimme mußte das gewesen sein... „Na also“, sagte der Sänger, der geendet hatte. Er steckte die Hände in die Taschen und sah zu Boden. Der Kapell- meister sah ihn an. „Daß Sie den Bajazzo hier in dieser Bude singen können, darüber müssen wir nicht reden. Das wissen Sie selbst.“ „Na ja“, brummte der Mann.„Vielleicht geht es.“ „Was die Musik betrifft, ohne Zweifel. Sie haben ihn schon gespielt, sagten Sie?“ „Vier, fünf Male.“ »Na# also: „Ist aber sechs Jahre her, Herr Kapellmeister“, sagte der Mann unsicher. 2 Wentscher 17. ,, Haben Sie ein gutes Gedächtnis?" ,, Ich hatte ein glänzendes." Sein Ton hakte klagend auf dem ,, hatte". ,, Können Sie den Souffleur hören?" Der Sänger nahm die Hände aus den Taschen. Er lachte. ,, Das schon! Dafür hab' ich ja nur an kleinen Bühnen gesungen, um nicht zu sagen Schmieren." Der Kapellmeister blätterte, aufgeregt in den Noten. ,, Singen Sie noch die große Arie", bat er. ,, Es muß nicht sein. Aber wollen Sie?" ,, Der Text wird mir fehlen; aber nichts, was ich lieber täte." Der Sänger fuhr mit der Hand über sein schwitzendes, rotes Gesicht und die Haarborsten, atmete tief und setzte schon ein. Der Text fehlte ihm tatsächlich gänzlich. Er sang in einer angenehmen Silbensprache, die es nicht gibt; und diesmal, das hatte der Musiker am Klavier erwartet, mit leidenschaftlichem Ausdruck. Als er geendet hatte, wurde geklatscht. Im offenen Spalt der Saaltür standen Bogi, der Lockige und mehrere Mitglieder der Oper. Der Bucklige winkte ärgerlich ab und die Tür schloß sich wieder. Der Kapellmeister zog dem Landstreicher einen Stuhl heran. ,, Sie können sich keine Vorstellung davon machen, was ein Musiker von den Sängern zu leiden hat. Wissen Sie: die meisten sind doch in einem Grade unmusikalisch..." ,, Na ja, das bin ich nicht", sagte der Mann ohne Hemd. Die Bewegung war aus seinem Gesicht gewichen. Seine Miene war hoffnungslos. ,, Sie singen so rein wie ein Engel", sagte der Musiker; und mit äußerster Zartheit, leise, fügte er hinzu: ,, Mann, wie konnten Sie nur mit einer so herrlichen Stimme auf die Landstraße geraten? Lange schon?" - Der Rothaarige nickte: ,,... und die Stimme ruinieren haben Sie aus Höflichkeit zu sagen vergessen." - ,, Ganz ruiniert ist sie nicht", fiel der Kapellmeister lebhaft ein. ,, Und die Reinheit Ihres Gesanges ist eine Seltenheit. 18 Fü na G TH SO st SC ve Ja SO M d h h a S Π 6 I Für kleinere Bühnen würde es noch reichen; ich könnte... Wenn Sie wollen, könnte ich-" Die Lippen des Landstreichers verschwanden gänzlich nach innen. ,, Hm, ja vielleicht-" - ,, Haben Sie niemals Unterricht gehabt? Sie hätten doch Gönner finden müssen. Gibt doch genug Hyänen in den Theateragenturen, die auf große Solisten spekulieren." Der Rothaarige zeigte seine schönen Zähne. ,, Ich habe sogar' nen Gönner gehabt. Ein Sänger, den Sie ganz bestimmt kennen. Der verschaffte mir eine Stelle als Logenschließer im Opernhaus in Berlin. Da sind sonst bloß Kriegsveteranen, und ich war erst einundzwanzig. Mit vierzehn Jahren hatte ich auf den Märkten Körbe und Säcke geschleppt. Er entdeckte mich als Kohlenträger. Zu einer Malerin, mit der er ein Verhältnis hatte, brachte ich immer die Kohlen rauf. ● Sehn Sie, ich habe alle Opern gehört den Winter damals, hinter der Tür. Was ich hörte, das konnte ich auch. Dann hat er mich zu seinem eigenen Lehrer geschickt und bezahlt dafür. Ich hatte damals eine Stelle als Verkäufer in einem Posamenteriegeschäft. Aber einen anständigen Anzug und ein sauberes Hemd auf dem Leib, das hatte ich nicht; und auch nicht satt zu essen. Ihnen muß ich nicht sagen, was das für einen Sänger bedeutet. Die Sänger und Sängerinnen, die pflegen sich doch wie die Nudelgänse. So möcht' ich auch gar nicht leben. Na ja. Und dann fuhr mein Gönner auf Gastspiel nach Amerika. Einen Monat hatte er noch Geld angewiesen. Einen hat mich der alte Geizkragen umsonst unterrichtet. So phänumenal war ich eben nicht, wie sie gehofft hatten; na, und dann bekam ich gerade' nen Kehlkopfkatarrh. Wie ich wieder zur Stunde kommen wollte, ließ mir der Alte durch das Stubenmädchen sagen, er wäre krank. Aber als ich die Treppe runterging, hörte ich seine Schüler das kleine Terzett aus dem Figaro singen. Übrigens schlecht. Der Figaro 2* 19 war elend." Der Landstreicher hüstelte. ,, Na und so. Das ist alles lange her." ,, Aber später sind Sie doch aufgetreten?" Der Landstreicher nickte. ,, Entschuldigen Sie", sagte der Kapellmeister ,,, wie alt sind Sie?" ,, Dreiunddreißig. Hätte ich überhaupt nie studiert, wär's wahrscheinlich eher gegangen. So habe ich mir im ersten Engagement schon die Stimme überschrien. Tja." Er zog ein Tuch von undefinierbarer Farbe aus der Hosentasche, stand auf, putzte sich plötzlich sorgfältig die Hände damit ab und lächelte unvernünftig: ,, Meine Mittellage macht der größte Hexenmeister nicht wieder ganz." " Ja", sagte der Bucklige langsam ,,, und ein Instrument spielen? Hat Sie das nicht interessiert?" ,, Interessiert ist gut!" fuhr der Sänger auf. ,, Sie vergessen, daß zu allem Geld gehört. Ich bin ein Findelkind. Den Teufel auch, genug von mir", schnauzte er plötzlich. ,,' n Wunder, daß ich überhaupt' nen Namen habe." ,, Verzeihen Sie", sagte der Bucklige errötend. ,, Ich habe noch nicht danach gefragt." Er reichte ihm die Hand. ,, Knoppé. Mit dem Ton auf dem é", sagte der Mann ohne Hemd und erwiderte den Händedruck des Buckligen. دو , Wenn Sie ein Findelkind sind, woher wissen Sie denn, wie Ihr Name betont wird?" ließ sich eine lustige Stimme hören. Es war der Lockige, der schon wieder in der Saaltür stand. Zehn Menschen oder mehr kamen mit ihm herein. ,, Späße über meinen Namen verbitte ich mir", sagte der Landstreicher gereizt. ,, Ich habe es nicht bös gemeint, Herr Knoppé", sagte Herwig erschrocken. Er betonte ernsthaft das é. ,, Sie werden also den Bajazzo singen?" ,, Herr Knoppé wird so freundlich sein, uns für die Dauer von Nikolais Erkrankung auszuhelfen", verkündete der Kapellmeister. ,, In Preziosa sind Sie studiert?" Knoppé nickte. SC ist fo W $ 1 V S 20 „Na also“, sagte der Kapellmeister laut.„Machen Sie schriftlich ab“, flüsterte er dem Sänger zu.„Der Direktor ist ein Gauner; und ich fahre wahrscheinlich Montag früh fort.“ Der Landstreicher sah ihn enttäuscht an. „Es tut mir auch leid. Aber ein anderer Kapellmeister wird da sein“, sagte der Bucklige. Das neugierige Häuflein der Hereingekommenen teilte sich. Herr Wohlmann kam mit eiligen Schritten daraus her- vor zum Flügel. Hinter ihm Goldchen, sich heftig Haar- strähnen aus dem wächsernen Gesicht pustend. „Er singt?“ fragten beide. „In Bajazzo und Preziosa studiert“, rief der Lockige triumphierend. „Sehen Sie wohl, Herr Direktor?“ „Aber wird es denn gehen?“ fragte der kleine Gauner aus der Schuhwarenbranche. Er gab dem darüber nicht sehr er- freuten Kapellmeister sein fettes Händchen. „Wie ist denn die Stimme, hä?“ „Herr Knoppe ist hervorragend musikalisch. Was die Musik anbetrifft, wird er übermorgen durchkommen, wenn er heute und morgen arbeitet. Für die nächsten Vorstellun- gen muß dann natürlich auch fest repetiert werden“, sagte der Kapellmeister. „Sie sind aber nicht gewohnt zu arbeiten, Herr?“ fragte der Direktor streng. „Sie hören doch“, rief Bogi, der zärtliche Blicke auf seinen Landstreicher warf.„Der Herr ist ein großes Talent.“ „Reden Sie keinen Unsinn, Herr Sawatzki; Talent und Genie bahnen sich stets ihren Weg“, sagte der Direktor groß- artig.„Wahrscheinlich trinkt der Mann.“ „Wahrscheinlich“, wiederholte der Landstreicher verächt- lich. Er stand zwischen den beiden jungen Schauspielern, denen man ansah, daß sie ihn am liebsten umarmt hätten. „Kann ich mich irgendwo waschen und ein Hemd kriegen?“ 2I Als Wohlmann sah, wie zufrieden seine Künstler mit der rothaarigen Aquisition waren, schlug seine Laune um. ,, Also, Kinder, das ist ja großartig", rief er und rieb sich die Hände. ,, Die Vorstellungen sind hiermit gesichert. Ich zahle Ihnen 15 Mark pro Abend und freies Essen und Quartier, solange Sie bei uns gastieren." ,, 20 Mark", verbesserte der Kapellmeister. ,, Meinetwegen sogar das. Laß den Badeofen heizen, Goldchen, und such eins von meinen ausrangierten Hemden raus. Das mit dem altmodischen Vorstoß. Du weißt schon." Er entschloß sich, dem Landstreicher auf die Schulter zu klopfen. ,, Na also, junger Mann." ,, Mein Name ist Knoppé", sagte der Sänger. ,, Haben Sie Papiere?" war die scharfe Antwort des Direktors. ,, Bitte sehr, hier sind Papiere." Der Landstreicher holte umständlich einige verdrückte, bestempelte Zettel aus seiner inneren Brusttasche. Er lächelte Wohlmann verschmitzt an. Sichtlich machte es ihm Freude, diesem Herrn, der so prall in seinem blauen Jackettanzug saß, Angst einzuflößen. ,,' nen Raubmord habe ich noch nicht verübt bis jetzt." - Der Direktor zuckte nervös zusammen. Er hielt Papiere und Stempel an seine Nase und prüfte sie' aufmerksam. ,, Knoppé heißen Sie?" ,, Knoppé. Ton auf dem é bitte", sagte der Rothaarige unfreundlich. ,, Findelkinder haben alle den Ton auf dem é", flüsterte der Lockige. ,, Halt' den Schnabel", stieß ihn Bogi in die Seite. ,, Was meinen Sie, Goldchen, Herr Knoppé könnte bei mir wohnen. In meiner Bude steht ein leeres Bett." دو , Wenn Herr Direktor einverstanden ist", sagte Goldchen vorschriftsmäßig. ,, Einverstanden. Den Badeofen heizen lassen", rief Wohlmann gutgelaunt. ,, Los, Goldchen. Ein Theaterdirektor muẞ sorgen für Hygiene." 22 Inzwischen war einer von Herrn Buses Kellnern herein- gekommen und stieß sich unhöflich durch die herumstehenden Ennsemblemitglieder. „Ihr kranker Tenor da hat mich um den Gefallen ge- beten....“, damit übergab er dem Direktor einen rosa Brief, drehte sich um und schlenkerte wieder hinaus. Durch die offenbleibende Saaltür kam ein wohltuender Hauch von Sommerluft. Er verdrängte für einen Augenblick den Geruch von Moder und wurmstichigem Holz, der immer das Haus erfüllte. Goldchens Hand zuckte unwillkürlich nach dem Brief:„Hat er also doch geschrieben‘— das Pincenez fiel von ihrer Nase. „Was weißt denn du davon, dumme Gans?“ drehte sich der Direktor um. „Ich hatte versucht, ihn zu beruhigen“, sagte Goldchen. „Aber ohne Erfolg‘, meinte Wohlmann. Er las- laut vor: „Hochverehrter Herr Direktor, für den Fall, daß in meinen Rollen und in meinen Kostümen ein Landstreicher auftreten sollte, halte ich mich an meinen Kontrakt nicht mehr gebunden. Hochachtungsvoll Helmut Nikolai, Opernsänger. Erste Tenorpartien.““ „Esel!“ Wohlmann setzte sich in die erste Bankreihe. „Du gehst gleich hin, Goldchen. Erstens: kündigen kann laut Kontrakt ich ihm; aber er nicht mir. Zweitens: die Kostüme gehören meinem Fundus.“ „Sie gehören dem Fundus der Stadt Thorn“, bemerkte der Lockige. „Die Kostüme gehören meinem Fundus“, wiederholte der Direktor.„Unterbrechen Sie mich nicht. Hörst du, Gold- chen? Wer darin spielt, das bestimme ich. Sage ihm das. Drittens: wenn er lästig ist durch Krankheit und verursacht seinem Direktor Unkosten, wenigstens soll er sich ruhig ver- halten.“ 23 ,, Er verhält sich aber gar nicht ruhig", sagte die bleichsüchtige Sekretärin mitleidig. ,, Ich wollte es Ihnen schon immer sagen, Herr Direktor. Herr Nikolai hat sich das Hemd aufgerissen und weint. Ich sage ihm, daß das seiner Stimme schadet, da reißt er auch noch den Halsumschlag ab. Ihm ist alles egal, sagt er. Er kränkt sich eben." ,, Du machst ihm sofort den Umschlag neu. Er hat fest unter der Decke zu liegen. Noch schöner. Sage ihm das. Sonst ist er gekündigt." ,, Schön, Herr Direktor", sagte Goldchen. ,, Ich werde ihm Vernunft beibringen." - Damit ,, Tue das, mein Kind. Aber vergiß nicht", der Direktor rief hinter Goldchen drein: ,, zuerst den Badeofen! Sie sich bei uns gemütlich fühlen." Dies galt dem Retter in der Not. , Sehr verbunden", sagte der Ausgefranste. ,, Und ich will die Bedingungen schriftlich aufgesetzt haben." ,, Bitte, Herr Knoppé." B W H al ge at Se h S m f a g k Der aufgeregte Freitag ging friedlich zu Ende., Mochte dieser Landstreicher singen wie ein Teekessel mit Dampfpfeife, so lautete die allgemeine Ansicht; die Hauptsache, er stand auf der Bühne und das Leben ging weiter. Bis nächsten Donnerstag konnte schlimmstenfalls die Agentur wen aus Berlin schicken. Herr Knoppé verbrachte den Abend mit Bogi und dem Lockigen in der Kammer des Tenors. Der Kranke lag still mit umwickeltem Hals. Er hatte sich beruhigt, nachdem Knoppé erklärt hatte, keinesfalls auf seinen Posten zu spekulieren. Der Landstreicher, rasiert und gebadet, in einem schneeweißen Hemd des Direktors und einer alten Hose des Regisseurs, sprach mit Gemütsbewegung davon, wie das sein würde, wenn er ein Instrument lernte. Lust hatte er auf 24 Bratsche. Die ganze Nacht brannte in Bogis Kammer das winzige elektrische Lämpchen. Großartig hingelagert ruhte Herr Knoppe& auf einer frisch bezogenen Matratze in einem alten Holzbett und studierte seine Partie. Er summte und gestikulierte und spuckte in fast regelmäßigen Abständen auf die Diele, bis er gegen drei Uhr morgens mitten in die- sen Beschäftigungen sanft eingeschlafen war. Auf der Probe glänzte er durch eine ungeheure Gewandt- heit, den Text vom Munde des Souffleurs zu pflücken. Am Sonntag früh gab es noch eine Probe, worüber natürlich mächtig geschimpft wurde. Nachmittags bei der Vorstellung fanden sich Schauspieler und Sänger beiderlei Geschlechts am Rand der Kulissen ein. Natürlich war das verboten. Sie gingen auch bald fort. Es war keine Sensation. Knoppe war kleiner als seine Partnerin, schwitzte ungeheuer, sang mäßig, mehrmals blieb er den Einsatz schuldig, obwohl der Kapell- meister sich rührend um ihn bemühte. Alles war so ähnlich, wie man es erwartet hatte. Nur das Spiel des Mannes war entschieden über dem Durchschnitt. Er spielte echt; wie ein Schauspieler und kein schlechter. Da konnte sich Nikolai verkriechen. Die Sänger flüsterten, daß er eine fabelhafte Stimme gehabt haben mußte, sei unverkennbar; aber es sei eine Qual, ihn singen zu hören. Der Oberregisseur stand welk— das war er immer— und mit sauersüßer Miene herum. Schließlich war er ein Künstler, der an Hoftheatern aufgetreten war. Er hatte sich mit Supermangansäurelösung gewaschen. Bogi, Herwig und die zweite Soubrette, die den Tenor nicht leiden konnte, und sämtliche Theaterarbeiter waren begeistert: vorgestern auf der Landstraße und heute in der Oper singen. Es war fabelhaft. Bogi und der Jugend- liche samt Soubrette erstürmten die Garderobe. Man mußte den Kollegen beglückwünschen. Knoppe saß, noch in Kostüm und Schminke, den Rücken ihnen zugewandt, vor dem Spiegel. In dem Spiegel war eine plump angemalte Totenmaske zu sehen. Sie war bar jeden Ausdrucks. Als die drei Gesichter im Spiegel erschienen, 25 fingen die Äuglein der Maske an zu blinzeln. Ihre Lippen verzogen sich kläglich. Es sah aus, als wollte sie weinen. Die fröhlich Hereingestürmten waren, plötzlich befangen, in der Tür stehengeblieben. Als sie durcheinander zu reden anfingen, winkte der Sänger so matt und stumm mit der Hand ab, daß sie betroffen schwiegen. Hatte ihn die Rolle so mitgenommen? Ein alter Liebesgram vielleicht? Wer konnte das wissen? Schließlich machte Bogi einen ernsthaften Anlauf, dem Mann, der sich wirklich tapfer gehalten hatte, seine Freude auszusprechen. Bajazzo erhob sich steif, tippte zweimal mit dem Zeigefinger an seine eigene Stirn. Ein roter Fleck entstand auf ihr. Dann ging er, wie er war, an ihnen vorbei und aus der Tür. Sie war zu ebener Erde. Die drei sahen einander an: den mußte man in Ruhe lassen. Als Knoppé in den Garten trat, spürte er wohltuend auf seiner ermüdeten Haut die frische Luft. Er atmete tief. Seine furchtbare Erschlaffung ließ ein wenig nach. Auf dem großen Platz knarrten die Räder der letzten abfahrenden Wagen über den Sand. In seinen Ohren brauste noch das Orchester. Erstaunt war er, daß es noch nicht dunkel war. Der Boden strömte einen erquickenden Erdgeruch aus. Er war feucht. Ein Regenschauer mußte vor kurzem niedergegangen sein. An den Zweigen einer mächtigen Tanne, gerad' vor seiner Nase, funkelten Tausende von Wassertropfen. Bäume und Erde, der ganze Garten kam ihm fremd vor. Tage schienen ihm vergangen zu sein, seit er durch die Garderobentür hineinspaziert war. Sonderbar, das Publikum hatte er überhaupt nicht gemerkt. In dem ersten Finale war seine Stimme glanzvoll gewesen. Wie früher. Aber sonst... Der Bucklige war nach dem letzten Abklopfen wie von der Rampe verschluckt gewesen. Eine Größe. Na ja. Wozu sollte so einer sich mit einer kaputten Mittellage abgeben? Knoppé näherte sich mechanisch der tropfenden Tanne. Aus seiner Stirn drang kalter Schweiß. Er lehnte den unerträglich schmerzenden Kopf gegen den feuchten Stamm. Warum hatte er sich bloß mit diesem verdammten 26 Unsinn eingelassen? Würziger Harzgeruch entströmte der Baumrinde. Mütze oder Regenmantel waren nicht der Grund. Warum ging er nicht sofort, verlangte sein Geld für heute und machte Schluß? Warum nur? Am Montagmorgen umstand das ganze Ensemble samt Herrn Buse und Kellnern den Wagen, der den kleinen Ka- pellmeister wieder in eine bessere Bühnenwelt entführen sollte. Er selber verlangte eigensinnig nach Herrn Knoppe. Der war aber nirgends zu finden. Er stand, gut gedeckt, die Hände in den Hosentaschen, hinter Bogis Kammerfenster- chen und besah sich von dort die Abschiedsszene. Die Tür war von innen verriegelt. Zum Mittagessen war schon der neue Kapellmeister da. Knoppe war bei den Proben und beim Repetieren ein in keiner Weise verlegener, aber sehr einsilbiger Gast. Er probte eifrig am Flügel mit dem Neuen für„Preziosa‘“ und „Die lustige Witwe“. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten in der großen Holzveranda, von der nur wenige sich ausschlos- ‘sen, widmete Knopp& seine ungeteilte Aufmerksamkeit der reichlichen Nahrung. Er war für ausführliche und ernste Gespräche über die Herstellung der Speisen zu haben. Be- sonders mit der ersten Liebhaberin, die in den Dreißigern und eine leidenschaftliche Köchin war. Nach dem Essen beklagte er sich meistens bei den Damen, daß er Bauch- schmerzen habe, was niemand wunderte. Im übrigen hatte er mit den Frauen nichts zu schaffen. Das weibliche Geschlecht, in Buses Theater-Oase sehr in der Minderzahl, war auch vollständig in Anspruch genommen. Der Landstreicher verstand sich natürlich aus dem Grunde auf selbstverständliche Kameradschaft, wie sie hier geübt wurde. Er fügte sich reibungslos ein. Seine Aus-dem-Stegreif- Leistungen sicherten ihm eine gewisse Bewunderung und Sympathie. Aber schließlich war dieses rauhe, rote Punkt- 27 Punkt-Komma-Strich-Gesicht eine unliebsame Verkörperung des krassen Mißerfolges, der einem jeden bevorstehen konnte, und dessen Merkmale vielen von ihnen schon auf der Stirn standen. Ärgerlich war auch, daß der Mann keinen Funken Humor hatte. Wenn die Visage dieses Rothaarigen bei den besten Witzen und Zoten unbeweglich blieb, so wünschte schon jeder, die Halsentzündung des Tenors möchte schneller enden. „Solche Schweinereien wie bei euch bekommt man auf der Landstraße nicht zu hören“, sagte Knoppe einmal. Der Lockige sprang auf und schlug sich mit einer übertriebenen Geste vor die Brust:„Natürlich— wir Wilden sind doch bessere Menschen.“ Knopp& antwortete, die Spatzen seien in diesem Sommer dicker als im vorigen. Die ‚„Preziosa‘“ am Donnerstag verlief ohne besondere Zwischenfälle. Das Theater war aber wieder so leer gewesen, daß Wohlmann für Sonntag einen Abstecher. vorbereitete. Nichts dergleichen stand in den Kontrakten. Aber auch die Choristen willigten zuletzt ein: vielleicht brachte das eine Aufbesserung der Wohlmannschen Kasse, die in einem be- ängstigenden Zustand war. P Fast allen war die bevorstehende Fahrt verdrießlich. Drei- zehn Menschen mußten sich in zwei Reihen in einem engen, grünen Kasten zusammenquetschen. Ein Kremser war über- haupt unter der Würde. Und was für eine Bude mochte das erst sein, wo man spielen sollte. Mit Witzen und Geistreiche- leien versuchte man Gene und Ärger zu verdecken. Am tief- sten beleidigt war natürlich der Oberregisseur. Nur Knoppe mit dem scharfen€ schien Freude an der Sache zu haben. Er klopfte lächelnd die starken Pferde, fütterte sie mit Zucker und sprang als letzter in den Wagen, als er schon fuhr. Unterwegs vermehrte sich seine Heiter- keit. Man kam durch Buchen- und Eichenwald, über freies Feld und durch mehrere Ortschaften. 28 a TRETEN TE TEN Kurz vor einem großen Dorf sagte Knoppe:„Hier muß ich Bekannte aufsuchen!“ und sprang über das hochgelegene Wagentürchen auf die Landstraße. Die Künstler hielten seine Worte für eine scherzhafte Redewendung und erwarteten ihn gleich wieder neben sich zu sehen. Er rief aber aus einiger Entfernung: „Fahrt langsamer. Am Ende des Dorfes hole ich euch wieder ein.“ Einer sah den andern an: den hatte die Landstraße wieder geholt. Was nun? Eine böse Sache. Immerhin pochten sie an die vordere Wagenwand und schrien dem Kutscher zu, langsam zu fahren. Ihr„Danilo“ war schon klein geworden. Eine böse Sache. Eine Debatte erhob sich und ging schnell in wüsten Zank über. Natürlich machte der sich aus dem Staube. Und wer würde jetzt die Kaution zahlen? Eine dritte Partie— das hatte man ja gleich gesagt— der reine Größen- wahn. Rein unmöglich war es. Unbegreiflich nur, daß er auf sein Geld verzichtete. Als der Wagen kurz hinter der Ortschaft hielt, und der Krach zwischen den engen Glaswänden auf dem Gipfel war, sagte Bogi:„Seid doch endlich ruhig. Da kommt er ja.“ In großem Laufschritt tauchte seitlich zwischen den Pappeln der vermißte Prinz Danilo auf. Er wurde mit Hallo begrüßt. Man klopfte dem Kutscher. Die Pferde zogen an. „Ich habe meine Pflegeeltern gesucht“, sagte der Rot- haarige noch außer Atem.„Sie haben hier früher einen Laden gehabt. Sind weggezogen. Schade.‘ Und plötzlich fing er an von seiner Kindheit zu erzählen. Alle hörten zu.„Drei Kinder— nie genug zu essen... und haben noch mich genommen. Solche Menschen waren das. Dann sind noch. zwei geboren. Da waren wir sechs. Gute Pflegeeltern habe ich gehabt. Das ist wahr. Wirklich. Als ich zwölf war, hab’ ich mich heimlich davongemacht. Konnte doch diesen Kin- dern nicht immer weiter alles wegessen.‘“ Er legte den Kopf auf die Seite. Alle schwiegen. 29 ,, Sind jetzt die weggezogen. Unbekannt wohin. Vor sieben Jahren habe ich sie hier noch besucht." ,, Erkundigen Sie sich doch bei der Polizei", meinte der Oberregisseur. ,, Quatsch", sagte Knoppé. ,, Wo haben deine Pflegeeltern dich eigentlich hergehabt?" ,, In ein graues Tuch hat sie mich gewickelt, meine Mutter und auf die Treppe gelegt." Mit Erbitterung, als spräche er von etwas, das ihm gestern widerfahren war, stieß der Landstreicher die Worte hervor. ,, Na, das war doch besser als nackt", meinte der Lockige. ,, Stellt euch vor. Das Aas. Nicht mal Wäsche", fuhr Knoppé finster fort. Ein peinliches Schweigen entstand. ,, Wahrscheinlich hat deine Mutter keine Wäsche gehabt", sagte Bogi. ,, Gehabt. Gehabt. Eine bekannte Sängerin war die. Ist sie noch. Lebt in Samt und Seide." Seine Augen blickten groß auf. ,, Habt ihr' ne Ahnung!" ,, Weißt du, wo sie jetzt ist?" " ,, Weiß ich nicht", brummte der Landstreicher. ,, Aber sie lebt. Ich sterbe früher als die." , Wenn sie dich damals nicht auf die Treppe gelegt hätte, wäre sie vielleicht um ihren Erfolg gekommen", meinte Bogi mit traurigen Augen. ,, Du meinst, so singt wenigstens einer von uns?" Der Rothaarige lachte trocken auf. Der erste Held und die erste Soubrette fingen an davon zu sprechen, daß man unbedingt Benefize verlangen müsse. Nach einer Weile sagte Knoppé: ,, Na ja, mag sein." Er dachte noch an das Aas... Er schwieg bis sie ankamen. K ha al K H Ɑ11 st W W R d R S S a a Der Abstecher verlief wie eben so ein Abstecher verläuft. ,, Es wird aus", sagt man am Theater. Auf der Rückfahrt war mehr Platz auf den Sitzen. Der Komiker und 30 Knoppe lagen zu Füßen der andern unten im Wagen. Sie hatten etwas zuviel getrunken. Bis Mitternacht, als man am alten Stall vorfuhr, waren sie wieder ganz nett beisammen. Knopp& konnte sich aufrecht und ohne Bogis Beistand seinem Holzbett nähern. „Mensch, ein Bett“, sagte er gerührt.„So viele Tage schon, und immer wieder ein Bett. Das ist nicht normal“, verfin- sterte er sich und fing an zu fluchen. Aber gleich darauf war er quer über die Matratze gefallen und schnarchte. Der Arzt, der endlich aus der Stadt zu Nikolai gekommen war, erklärte, daß der Patient einen nicht ganz harmlosen Rheumatismus habe. Vorläufig sei an Auftreten nicht zu denken. Knoppe war bereit, ohne Geld noch zweimal kleine Rollen im Schauspiel zu übernehmen. Dafür sollte er die Sachen, die man ihm geliehen hatte, behalten. Als der Souffleur das hörte, schimpfte er so, daß der Kasten wackelte. Eine nette Anstrengung würde das für ihn. Daß man ihm das bezahlen müßte, daran dachte wieder mal keiner. Am Sonntag war wieder„Lustige Witwe“, das einzige Stück, das man hier wiederholen konnte. Es war sogar die dritte Aufführung.„Prinz Danilo— Herr Knoppe a. G% stand auf dem Theaterzettel. Knoppe lag die halben Tage auf seiner Matratze und repetierte nochmals seinen Danilo. Bei Tisch riß er Witze, die aber nicht komisch waren, über die Schmalzmusik und den albernen Inhalt der Operette. „Die lustige Witwe“ war ein europäischer Erfolg. Die Über- heblichkeit des Landstreichers ärgerte daher alle. Um so mehr als, wie zu erwarten gewesen, von dem jugendlichen Glanz und dem bezaubernden Auftreten, das der Autor dem armen und liederlichen montenegrinischen Prinzen zugedacht hatte, bei Herrn Knoppe auch nicht die leiseste Andeutung zu finden war. Er spielte und sang in seiner prächtigen Uni- form mit einem feierlichen Ernst, der die Rolle unwillkürlich karikierte. Ein weniger harmloses Publikum hätte diesen Prinz unfehlbar ausgepfiffen. Aber auch keiner aus dem 31 Ensemble war so undankbar, sich über Knoppes Mängel auf- zuhalten. Er war nun einmal der Retter aus der Not. Nur Bogis Interesse an ‚seinem‘ Landstreicher war noch groß und beständig im Wachsen. So oft Knoppe draußen stand, war der junge Schauspieler in der ersten Kulisse hinter dem ersten Feuerwehrmann zu finden. Leicht vor- gebeugt, unbeweglich folgte er mit versonnenen, ja finsteren Blicken dem Spiele des Sängers. Wahrscheinlich war er der einzige Mensch im ganzen, dicht besetzten Haus, der sich in vollem Umfang der Groteske bewußt war, die dieser Prinz darstellte. Mochte die Wiedergabe auch ungenügend sein, diesseits und jenseits der Rampe herrschte ehrerbietige Auf- merksamkeit für den Saisonerfolg des Kontinents. Auf einmal schien auf der Bühne etwas nicht zu stimmen. Der eben noch walzende Prinz Danilo hatte sich aus den Armen der lustigen Witwe gelöst und stand mit verzerrtem Gesicht an der Rampe. Gehörte das dazu? Er schrie etwas ins Publikum. Das Orchester spielte weiter. Die Witwe, mit ratlosem Gesichtsausdruck und leer gebliebenen Armen, walzte allein und sang:„Ich hab’ dich lieb....“ Der Kapell- meister.klopfte ab. Die Musik verstummte mitten im Auf- schwung. Die lustige Witwe und ihre Ballgäste hatten zu tanzen aufgehört und starrten auf den Rückeri des Prinzen, der wie genagelt an der Rampe stand und in das dämmer- helle Parkett hineinschrie: „Wenn das Frauenzimmer in der dritten Reihe links, die vierte von der Wand, nicht sofort den Zuschauerraum ver- läßt—“ Er brüllte heiser und gar nicht laut; aber im ganzen Haus herrschte Totenstille— so erschreckend wirkte der Ausbruch des Sängers. „... ich werde nicht nur nicht weitersingen, ich werde gleich unten sein“, rief„Herr Knoppe a.G.‘“ drohend. Er hatte die Faust erhoben und schien wütend bereit, in den Saal zu springen. Eine ziemlich große und üppige Dame in einer grellblauen Seidenbluse, die an dem von dem Tobenden bezeichneten 32 TR eg a Platz gesessen hatte, wurde, sichtlich gegen ihren Willen, von den erschrockenen Zuschauern aus der Reihe und aus der Tür gedrängt. Von allen Seiten rief man nach der Theaterpolizei. Der Gendarm, ein dicker, schlaffer Mann, machte bereits Anstrengungen, auf die Bühne zu klettern. Er wurde aus der ersten Reihe von eifrigen Händen an seinem breiten Hosenboden zurückgezogen. Das Orchester spielte schon wieder. Das Liebespaar, Danilo und die lustige Witwe walzte wieder, wie es sich gehörte, inmitten der Bühne. ,, Ja,' s ist wahr,' s ist klar, ich hab' dich lieb", sangen sie und drehten sich eng umschlungen. Es war der Schlager der berühmten Hauptszene. Schade, gerade der war gestört worden. Aber alles war vorbei. Als der Vorhang fiel, beklatschte das Publikum den Prinzen Danilo. Es empfand plötzlich Sympathie für ihn, obwohl er so schrecklich ungleich sang und gar nicht hübsch war. Einige junge Damen erklärten, er sei süß und seine Höhe glockenrein. Aber der Schönschreiblehrer aus der Stadt hatte selber einmal Gesang studiert. Er versuchte den ahnungslosen Laien klarzumachen, eine so gründlich verdorbene Mittellage sei beispiellos auf einer deutschen Bühne; so etwas dürfe einem nicht einmal an einem Sommertheater zugemutet werden. Als Knoppé aus der Kulisse kam, nahm Bogi seine Hand. ,, War das deine Mutter?" fragte er leise. ,, Ach was, keine Rede", sagte Knoppé verächtlich. Er war erfreut über den Beifall und völlig im Gleichgewicht. ,, Meine Mutter ist eine stattliche Frau. Zweimal so groß wie dieses blöde Weib. Und schön. Wie käme die auch in den Schafstall hier?" ,, Aber warum hast du die Arme denn beschimpft?" ,, Na, was schon", sagte Knoppé. Er riß sich mit der rechten Hand die hübsche, schwarze Perücke herunter und kratzte sich, das Ding zwischen Daumen und Zeigefinger haltend, mit den andern Fingern seinen schwitzenden Kopf. ,, Wie ich sang, war ich aufgeregt, da kam mir's vor, sie wär's. Vielleicht war die Bluse schuld. In so einer hab' ich sie mal 3 Wentscher 33 gesehen. Ich dachte, ist sie's, ist es gut. Darauf hatte ichlang gewartet. Verdient hat sie's." Jemand packte den Sprechenden unsanft am Arm. Es war der Gendarm. Knoppé stellte mit einem halben Blick fest: niedrigste Rangstufe. Er sah ihn freundlich blinzelnd an. ,, Bitte?" fragte er höflich. Neben dem Gendarm stand Direktor Wohlmann. ,, Ich habe der Dame bereits das Eintrittsgeld zurückerstattet, Herr Oberwachtmeister", sagte er geflissentlich. Auf Knoppé warf er wütende Seitenblicke. ,, Eine momentane Gemütsverfinsterung, verstehen Sie. So was kann vorkommen. Der junge Mann hat sich sofort zusammengenommen. Reden Sie der Frau doch zu, daß sie nicht klagt", bat er und sah dem Schutzmann dringend in die Augen, als wäre der eine Dame, deren Herz er gewinnen wollte. Das fehlte noch, daß man ihm die Konzession entzog, weil er einen Landstreicher hatte auftreten lassen. ,, Vielen, vielen Dank auch für Ihre Mühe", er schüttelte dem Uniformierten die Hand und ließ unauffällig ein Markstück hineingleiten. Der Schutzmann trocknete schweigend den Innenrand seiner Mütze mit einem großen Taschentuch. Endlich stülpte er die Mütze wieder auf: ,, Gut, ich werde mit die Dame reden. Ich glaub', sie is nich so." Damit ging er. Kaum war er aus der Tapetentür, da fuhr Wohlmann los: ,, Sie gemeiner Halunke, Schkandal auf offner Szene machen." Er hatte sich plötzlich zu Knoppé herumgedreht, verstummte aber, als er ihn sah. Knoppé nahm sehr langsam seine Faust zurück. Sie hatte die bläuliche Nase leicht berührt. ,, Man immer mit die Ruhe", meinte der Besitzer der Faust. ,, Sonst gibt's noch mehr momentane Gemütsverfinsterungen." Wohlmanns große Zähne kauten an seiner dicken Unterlippe. ,, Nikolai muß wieder auftreten. Wir werden ja sehen", zischte er. ,, Das ist der Dank für meine Menschlichkeit. In meinem Hemd steht so was da und überhaupt, was 34 - bilden Sie sich eigentlich ein—— Herr—— Sie—.“ Er wollte etwas über Knoppes elenden Gesang sagen; aber wie- der näherte sich die Faust der Nase. Wieder bissen Wohl- manns Schneidezähne die dicke Unterlippe. Aus der gegenüberliegenden Kulisse kam Goldchen.. Sie beugte sich zu ihrem Herrn Direktor und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Ein zufriedenes Grinsen breitete sich über dessen feistes Gesicht.„Na also!“ sagte er— und zu Knoppe: „Kommen Sie nachher in mein Büro.“ „Gut, halten Sie aber das Geld bereit. Ich bekomme achtzig Mark“, sagte der Prinz in den roten Haarborsten. Er hatte sofort begriffen, daß der Tenor wieder spielen wollte. Knoppe bekam aus Wohlmann nicht mehr als sechzig Mark heraus. Der Direktor erklärte im Beisein des Gendarmen, den er noch aufgegabelt hatte, Knoppe verdanke es nur ihm und diesem freundlichen Beamten, wenn er wegen öffent- licher Beleidigung einer Dame nicht vor Gericht käme. Von Rechts wegen müßte er ihm Strafe abziehen, mindestens zehn Mark. Knoppe zog den schriftlichen Kontrakt aus der Hosen- tasche. Er erklärte, nicht fortzugehen, ehe er nicht sein Geld hätte. Der Direktor ließ sich von dem Gendarmen in seine Wohnung hinüberbegleiten. Am Abend saßen Bogi und Knoppe, beide in Hemds- ärmeln, auf Bogis Bett. In der Kammer war es schon dämm- rig. Eine milde Abendluft wehte durch das winzige Fenster. Das Schachbrett stand zwischen ihnen auf der Wolldecke. Plötzlich stand Goldchen im Zimmer. Sie hätten ihr Klopfen überhört. Das Mädchen sah wächserner und überanstrengter aus als je. „Was ist los?“ fragte der junge Schauspieler, unliebsam aus seinen Spekulationen gerissen. Sie wußten sehr gut, warum Goldchen da war. Sie war abgesandt, den„lieben Herrn Knopp£“ zu bitten, doch nur für die eine kleine Lust- spielrolle noch zu bleiben. Nikolai war von Bogi unterrichtet worden, warum Wohl- mann vorhin Goldchen zu ihm geschickt hatte, und daß dieser 3* 35 Geizhals dem Landstreicher das Versprochene nicht zahlen wollte. Der Tenor war daraufhin ,, kränker" geworden und bestand auf seinem ärztlichen Attest. ,, Leider können wir Ihnen keinen Stuhl anbieten", sagte Bogi. ,, Ich kann stehen", antwortete Goldchen. ,, Nun?" Bogi sah den begehrten Knoppé schmunzelnd an: ,, Was antworten Euer Gnaden Fräulein Goldchen?" Knoppé umgriff mit der Linken sein Kinn, sah das Mädchen von unten herauf an und schwieg. Goldchen versuchte sich wieder in Überredungskünsten. Eine neue Pause entstand. ,, Fräulein", sagte der Landstreicher endlich ,,, wozu strengen Sie sich bloß für diesen alten Kerl so an?" Das Mädchen wurde über und über rot. ,, Ich an Ihrer Stelle", endete der Rothaarige ,,, würde mir einen jüngeren und netteren Schatz suchen." Goldchen setzte ihr Pincenez wieder auf, das von der Nase gefallen war. Ihre armselige Brust hob sich einmal schnell. Dann fuhr sie fort, ihren Auftrag auszuführen, als hätte Knoppé nichts gesagt. Als ihr schon gar nichts mehr einfiel, schwieg sie. ,, Wirklich, Fräulein", wiederholte der Landstreicher ruhig und ganz ohne Bosheit: einen jüngern und hübschern Schatz." 17 ,, Herr Knoppé ist noch unentschlossen", sagte Bogi. Obwohl er das Ernsthafte dieses peinlichen Dialogs auch fühlte, verkniff er sich mit Mühe das Lachen. ,, Sie haben uns mitten im Schach gestört, Goldchen. Morgen ist auch noch ein Tag." Damit schob er die arme Abgesandte zur Tür hinaus. Als Bogi am andern Morgen früh erwachte, schien die Sonne schon voll in die Kammer. Mit einem Satz sprang er aus dem Bett und vors Fenster. Schön war heute mal wieder der Morgen! Er räkelte sich fröhlich und dehnte die Arme. 36 Als er sich umwandte, sah er, daß Knoppes Bett leer war. Auf der halb hinuntergefallenen Wolldecke lagen zwei kleine schmutzige Zettel. Bogis Augen suchten das Zifferblatt seiner Taschenuhr, die auf dem Tisch lag. Sieben! Gestern’ abend hatten sie nicht lange gesprochen. Sicher war er bei Sonnen- aufgang fort; drei Stunden schon. Er nahm die Zettel und las sie. Ohne sich zu waschen, kleidete er sich eilig an und lief durch den Gang und ohne anzuklopfen zu Herwig hinein. Der Lockige stand im Badeanzug und turnte mit Hanteln. Er bemerkte erstaunt Bogis verstörte Miene. Bogi reichte ihm wortlos einen Zettel und setzte sich mit niedergeschla- genen Augen auf die Bettkante. Er zog den Lesenden neben sich nieder und sah mit ihm auf das Blatt. Zum zweitenmal las er: Rechnung für Herrn Wohlmann, hier. Dir. W. schuldet Herrn Knoppe mal Prinz Danilo= 2oM. Gegenrechnung Für mich ausgelegt: eine alte Hose 3,50 M. ein altes Hemd 2,- M. 20,— M. ein altes Schakett 5,40 M.— 11,90 M. für den Schandarm BeM 5 So Summa 11,90 M. Auszuzahlen an Herrn Bogumil Sawatzki, hier. 24. Juli 1909. Knoppe. Der Lockige riß die Augenbrauen hoch und lachte. „Die Rechnung ist gut.“ „Jetzt weiter“, sagte Bogi und gab den kleineren Zettel. Der Lockige las laut und allmählich immer langsamer: „Lieber Bogi, ich habe es mir gründlich überlegt. Ich glaube, Du wirst ein großer Schauspieler werden. Ich will das mit dem Schauspieler werden lieber noch lassen.“ Ent- schuldige, aber mir kommt das alles so nicht ernst vor. Auf der Landstraße sieht man mehr. Dein Freund K.“ 37 ,, Das am Rand lies noch", sagte Bogi. ,, Grüße Nikolai und den Blonden und die Weiber. Lab Dir die 8,10 M. geben." ,, Hat er mit dir davon gesprochen, Schauspieler zu werden?" fragte Herwig. Bogi nickte, ohne den Kopf zu heben. ,, Plan gemacht. Fest beschlossen." ,, Tja", machte der Lockige. ,, So einer will nicht wirklich arbeiten " Bogi machte eine ungeduldige Bewegung. ,, Oder er kann eben nicht mehr; traut sich's nicht zu." ,, Die Menschen haben ihm das Vertrauen zum Leben genommen", sagte Bogi. In seinen schwarzen Augen glänzte es verdächtig. ,, Und das Selbstvertrauen!" rief Herwig aufspringend, ,, armer Kerl." Auch Bogi war aufgesprungen. Sein großer, etwas gebeugter Oberkörper füllte das Fenster. ,, Wenn der seinen eigenen Danilo hätte sehen können", rief er leidenschaftlich. ,, Die Feierlichkeit, mit der er den Schmarrn tragierte. Wenn der lernen könnte, so was bewußt zu machen. Mensch, Herwig, darauf kannst du. Gift nehmen: auf einer Großstadtbühne würde sein Danilo für die geniale Persiflageleistung eines großen Künstlers gehalten werden und rasenden Ap⚫plaus ernten." Der Lockige wollte etwas sagen. Der aufgeregte Bogi ließ ihn nicht zu Worte kommen: ,, Sogar so was wäre möglich: Knoppé in Berlin würde der, Lustigen Witwe vielleicht für immer den Hals brechen. Lache nicht. Es wäre möglich. Der Bursche ahnt doch selbst nicht, was für einen Hohn auf die , gute Gesellschaft' er da kreiert hat. In einer Großstadt gibt es Schichten, die auf dergleichen reagieren. Das sage ich dir, aus dem Mann könnte noch ein großer Komiker werden. Natürlich nicht auf einmal." ,, Ein Komiker", staunte Herwig ,,, doch höchstens ein Tragikomiker?" ,, Ein großer Komiker ist immer ein Tragikomiker", schnitt 38 ihm Bogı wieder das Wort ab. Sein Blick lag auf dem Zettel, den er in der Hand hielt.„Du siehst ja hier: um den Ernst ist es ihm zu tun. Dieser Knoppe war ein wertvoller Mensch, mehr wert als wir alle-hier zusammen.“ „Na, na“, machte der Lockige. Die dunklen Augen des jungen Juden brannten:„Ich sage dir etwas, aber nur dir. Wenn vielleicht wirklich etwas ganz Großes in mir steckt, dann werde ich Komiker werden und nichts anderes. Ich lege da meine ganze Seele in eine tragische— na, SO eine Anzengruberrolle zum Beispiel—, aber ein großer Komiker, siehst du, ganz andere Tiefen kann der aufreißen. Es ist ein verdammtes Fach, das weiß ich. Unser ganzes Leben ist ebenso lächerlich, wie es tragisch ist, Lockiger. Ein ernst- haftes Leben— was so ein Knoppe suchen geht—, das findet der nie. Deshalb wird er auch rettungslos kaputt gehen, meiner Meinung nach. Ein ernsthaftes Leben, das nicht tragikomisch ist, merke dir das, das kann es nur in der Freiheit geben— im alten Athen gab’s so was, soviel man weiß, nur—“ „Pah, die ollen Athener hielten Sklaven“, rief der Lockige. „Eben“, sagte Bogi und warf sich rücklings auf die Bett- stelle, daß sie krachte.„Bei uns sind wir Künstler selbst die Sklaven und haben Wohlmänner— nur kein Einwand—, die großen Direktoren sind nur gebildeter. Die Sorte ist höchstens noch schlimmer; bestimmt schlimmer, weil sie mehr Macht haben.“ „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren— Wir wollen trauen auf den höchsten Gott— Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen‘, deklamierte der Lockige. „Ach, mein Junge“, sagte Bogi mitleidig,„die Freiheit, die mein Großvater hatte, war beim Pogrom aufs Dach zu fliehen und da zu verbrennen, und die Freiheit meines Vaters hieß: Tuberkulose. Schillers höchsten Gott schenk’ ich dir auch. Nein, Lockiger...-—€r lag immer noch auf dem 3) Rücken, die Rechte vage in der Luft. Verhaltene Leidenschaft zitterte in seiner Stimme. " ,, Unter Freiheit stelle ich mir die Freude am Schaffen vor, diese tiefste Freude, die du auch kennst, ungehindert schaffen zu dürfen alle Menschen Menschen. Ein brüderliches Leben." - frei - - für alle Seine Hand fiel auf die Bettkante zurück. ,, Wer weiß, wo wir noch enden in diesem verkauften Dasein", schloß er bitter. ,, Wie gut, daß wir das nicht wissen", sagte der Lockige und riẞ ihn an der Schulter hoch. ,, Komm, wir wollen auf deine Bude gehn, die Rolle dieses Ausreißers holen. Wir müssen Nikolai helfen, das einzupauken. Der schafft das nicht allein. Noch dazu Prosa." ,, Es hat nicht jeder so feine Ohren wie unser Landstreicher", sagte Bogi wehmütig. Sie weckten Nikolai und brachten ihm das abgegriffene Rollenheft. 40 [r DER KAMERAD DES HELDENJUNGEN EINE BERLINER GESCHICHTE VOM OKTOBER 1918 „Alles, liebste Frau, was nur irgend Gutes da 1St.= DIE hohe und klingende Stimme des Hausherrn schallt in dem langen, weißgoldenen Korridor:„Hast du Schmalz oder Butter?“ „Zufällig sogar Kaffee.“ „Also mach es hübsch und nett. Das ist doch das wenigste, was wir dem Kameraden unseres Heldenjungen—“, seine Stimme kippt um, das tut sie offenbar leicht. Die vorstehenden, rosageäderten Augäpfel des Sanitäts- rats rollen herrschsüchtig und erbittert.„Du hältst ihn fest. Ich verlasse mich auf dich. Jetzt fortgehen zu müssen! Ein Ekzem soll das Mädel haben? Blödsinn. Sicherlich wieder eine von diesen schamlosen- Überfütterungen.“ Mit einem wütenden. Ruck reißt er die Wohnungstür auf. Würdig bei aller Eile stampft der beleibte, alte Herr die Treppe hinunter. Die kleine, magere Frau Sanitätsrat im ewigen, braun- seidenen Kleid schaut ihrem Mann mit ängstlichem Aus- druck nach. Die Tochter, groß und stattlich und auch ein wenig plump wie der Vater, kommt kindisch aufgeregt aus der Tür gelaufen:„Papa, du läßt uns allein mit dem fremden Mann? Papa—“ Das vollblütige, birnenförmige Gesicht des alten Arztes erscheint noch einmal über dem untern Treppengeländer: „Schrei nicht. Ihr haltet ihn fest. Unbedingt fest.“ Gleich darauf schlägt unten die Haustür. 41 Im großen Salon redet die etwas asthmatische Frau Stadtrat auf ihren alten Hausarzt ein. Die Dame bewegt nervös ihren kugligen, glattfrisierten Kopf zwischen rundlichen, mit feinem Stoff bespannten Schultern. ,, Vom Essen soll der Ausschlag bei Cillychen kommen?" Ihre sehr schmalen, gezeichneten Brauen drücken äußerstes Erstaunen aus. ,, Von zu gutem Essen? Ist doch nicht möglich?" Die schwarzblitzenden Äuglein in dem porzellanartigen Gesicht versuchen gespannt durch das goldene Lorgnon die Miene des Mannes, der ihr gegenübersitzt, zu erforschen. Will er sie kränken? Wieso sie ihn nur einmal so gern hatte? Sein faltiges Gesicht, so nichtssagend, so plump. Die schweren Lider über den immer feuchten, gewölbten Augen. Die hellrote, ewig feuchte Unterlippe, greulich. ,, Die Kinder, die man noch zu Hause hat", sie spricht gewinnend ,,, sie sind doch das einzige, was einem bleibt in dieser schweren Zeit." Sie dämpft die reich modulierte Stimme. ,, Natürlich kauft man, was es gibt. Wer sich selbst versorgt, fällt dem Staat nicht zur Last, nicht wahr?" Der Sanitätsrat lächelt. ,, Gnädige Frau, man freut sich über jeden, der heute noch gut genährt ist." Er legt den Kopf schief. ,, Freilich zu gut..." Er hat fatal gelächelt, denkt sie wütend. ,, Herr Sanitätsrat, vom ersten Tage an haben wir alle Karten fortgegeben, alle! Sofort sagte damals mein Mann:, Das ist Ehrensache. Die Karten werden abgegeben."" Sie hebt sich ein wenig im Sessel, reckt den kurzen Hals. ,,, Selbstverständlich Ehrensache', sagte Adolf. , Wir lassen die Karten den Ärmeren.' Sie haben das ja sicher auch gemacht?" Es klingt feierlich: ,, Wir haben in den vier Jahren nur gegessen, was sich die Ärmsten sowieso nicht kaufen können. Schließlich, wer heute noch nicht gelernt hätte, was er der Allgemeinheit schuldet..." ,, Aber gnädige Frau, wie lange kennen wir einander?" Der Arzt schüttelt sein Doppelkinn. Ob sie nicht bald fertig ist? ,, Verzeihen Sie, ich bin ein wenig eilig heut. Es erwartet mich jemand zu Hause; ein Patient..." Er möchte sich erheben; aber 42 vor dem maẞlos erstaunten Blick, dem er begegnet war, wagt er es nicht. " - - , Mein Sohn" ,, schickt sie schaut stolz und zärtlich in einem fort von der Front. Meine Neffen sind Fliegeroffiziere." Als ob er das nicht wüßte!, Fliegeroffiziere' klingt wie, Götter'. ,, Sie schicken auch. Neulich ist, unter uns gesagt, viel davon schlecht geworden. Schinken und Eier. Schrecklich war es. Ich habe es persönlich beseitigen müssen. Man muß sich ja genieren vor den Mädchen. Die armen Jungen draußen werden ganz närrisch gemacht durch die Urlauber. Unglaublich muß es sein, was für Märchen über die Not in der Heimat an der Front kursieren. Und dabei, wenn man die Leute hier sieht, es ist doch gottlob nicht so arg." Ihr Tempo schwillt. ,, Es steht heute ein sehr guter Artikel im, Berliner Tageblatt', der zur Vernunft mahnt. Und haben Sie das gelesen: wieder neue wissenschaftliche Untersuchungen über Margarine? Ja, und über Kohlrüben- Wruken, wie meine Johanna sagt und Sauerkohl." Die beringte Hand mit dem Lorgnon fällt zurück auf die venezianische Spitze des Mahagonitisches. ,, Daß all diese Nahrungsmittel doch so wertvoll und zuträglich sind! Die Leute sollen ja viel älter werden jetzt und viel leistungsfähiger. Das ist doch wirklich sehr beruhigend, nicht wahr?" - - - ,, Hm", meint der Doktor. Seine Gesichtsfarbe wird dunkler. ,, Ganz unter uns, lieber Sanitätsrat" sie nähert ihren porzellanweißen Kopf seinem Gesicht ,, Haben wir nicht eigentlich eine organisierte Hungersnot? Dies Hintenherumkaufen, diese Wucherpreise... wenn das noch weiter geht, ich zittere für die Kinder." Die fetten, kleinen Hände der Dame umspannen, nervös sich dehnend und wieder zusammenziehend, ihren glatten Hals, als fühlten sie schon da die gräßliche Schlinge der Hungersnot. Als sie die Hände wieder sinken läßt, ist unter der Kette aus kleinen echten Perlen ein dünner, blutroter Streifen geblieben. Der Doktor betrachtet ihn aufmerksam. ,, Überfütterung, gnädige Frau, 43 leider, gehört zur Kriegspsychose", sagt er fast zu höflich. ,, Wenn es Sie beruhigt, ich habe seit langem eine ganze Anzahl solcher Fälle von Ausschlag wie bei Cilly. Man spricht nicht darüber. Die Mutterherzen, nicht wahr?" - Dies war die erlösende Phrase. Er pustet ein wenig, als er sich in der ihm eigenen, etwas weichen, aber tadellos militärischen Art verbeugt. Auf seiner Stirn stehen Tropfen. Dabei ist ihm auffallend kalt. Hier ist immer wenig geheizt. Die Durchgangszimmer sind eisig. Auch Ehrensache bei Stadtrats; Prahlerei, wie bescheiden man ist., Bei uns ist's wenigstens warm, wenn wir auch schlecht essen', denkt der Doktor. Sein Mund steht unerlaubt schief und gibt die groBen Zähne preis. ,, Also Fissansalbe, nicht wahr, nicht waschen, und Puder, wenn es zu sehr juckt." Allein geblieben, setzt sich Frau Stadtrat an ihren Damenschreibtisch. Ein unsympathischer, alter Peter ist er geworden, ihr Jugendfreund. Sie zieht eine Schublade auf und sieht geistesabwesend hinein. Jetzt kann das arme Kind, die Cilly, morgen nicht zum Fest der feldgrauen Helden gehen. Sie bückt sich und entfernt einen winzigen Papierschnitzel vom Teppich. Als sie weiter nichts zu tun findet, blickt sie wiederum leer auf die zierlichen Gegenstände aus Elfenbein, Silber, Lapislazuli und Achat in der offenen Lade. Gar keine Jugend haben sie, die armen Kinder. Kinderhortfeste, Soldatenkaffees, Bescherungen, das ist alles. Wenn sie an ihre Bälle als junges Mädchen dachte und als junge Frau! Als der Sanitätsrat noch Oberarzt war und ein fabelhafter Tänzer. Die scharmant befehlshaberische Stimme, die er hatte; gar keine solchen Säcke unter den Augen und gar keine Eile, wenn er sie besuchte. Plötzlich fährt sie hoch und läuft sinnlos zum Kamin, wieder zum Schreibtisch und wieder zum Kamin. Wenn Bubi nur geschrieben hätte! Sie läutet. ,, War der Briefträger nicht da, Meta?" ,, Er ist schon vorbei, gnädige Frau." 44 e 1 Die Tür schließt sich. Die Gnädige sitzt und starrt auf die überflüssigen Gegenstände in der offenen Lade. Der unsympathische, alte Peter' hat wirklich ein seltsames Zähneblecken in seinem großen, roten Gesicht, als er, den Hausschlüssel in der Manteltasche umklammernd, den Kurfürstendamm hinuntereilt. Er stürzt mehr, als daß er ginge. Seine Gedanken sind bei der dann zu öffnenden groBen Haustür. Wird sie wie immer klemmen oder wird sie schnell aufgehen? Man müßte dem Wirt... Jetzt ist er in der Nebenstraße. Jetzt vor der Tür. Stark atmend läuft er die Treppe hinauf, wirft Mantel und Hut ab. Durch das Sprechzimmer in den kleinen Salon. Da ist er ein feldgrauer Soldat. Einer von tausenden. Von Millionen. Nein, das hier ist der Kamerad seines Heldenjungen. Das hier ist der Mann, der ihm und seiner Frau nach vier Monaten der Qual, des Nichtwissens, endlich sagen wird, wie sein Junge gefallen ist. Sein Heldenjunge. Warum steht er und schaut zur Wand? Was stehen seine Frau und seine Tochter so ungeschickt herum? Mit weit ausgreifendem Arm packt der Doktor die Hand des lang erwarteten Soldaten, birgt sie glücklich in seiner warmen, weichen Tatze, drückt sie, preßt diese lang ersehnte Hand. ,, Dank, herzlichen Dank, daß Sie gekommen sind." Aber der Graue mit den eingefallenen Wangen wendet sich ihm kaum zu, sieht ihn gar nicht an; nur seine Brust scheint etwas stärker zu atmen. Er entschließt sich nicht, die halb zugekniffenen Lider von dem großen Bilde im goldenen Rahmen loszureißen, das an der Wand dieses teppichbelegten Salons mit Plüschsesseln hängt. Unter breiten, frühlingsgrünen Bäumen in durchflimmerndem Sonnenlicht lagern da im Gras nackte Frauen; eine ist mehr gelblich und eine mehr rosig von Fleisch; schön sind beide, begehrenswert, sie scheinen einander Apfelsinen zuzuwerfen. 45 Ein groß geschnittenes Profil hat er, der Soldat, dreißig wird er sein. ,, Das Bild interessiert Sie", sagt der Doktor. ,, Nee, gar nicht", sagt der Graue unhöflich, zeigt weiter seine Seitenansicht und betrachtet weiter das Bild. Dabei scheinen die Löcher in seinen Wangen sich noch zu vertiefen. Breit ist er, männlicher als der Junge. So wäre Oswald auch geworden. ,, Lieber, sehr lieber Herr Riegel", sagt der Doktor mit seiner weichsten Stimme ,,, vielleicht setzen wir uns mal? Bitte schön, Herr Riegel. Und Elise, Marga, setzt euch." Er geht voran zu dem ovalen Kirschholztisch in der Nähe des Fensters. Der Soldat schaut abrupt auf, sieht mit einem leeren Blick in dem großen, mit schönen Möbeln vollgestellten Zimmer herum und kommt langsam zum Tisch. Befreit sehen die beiden Damen einander an. Mit einem schnellen Augenwink kann der Doktor gerade noch verhindern, daß seine Frau nach dem Mädchen läutet. - Jetzt also nach dem Jungen fragen. Fragen, stundenlang. Sein Blick streift die Gattin, die Tochter. Er schaut seinen Gast an. Der sieht steif auf seine abgewetzten Knie. Der und reden? Er beurteilt uns nach dem Treppenflur mit, echt Marmor'. Wenn der wüßte! Hart ist er und verschlossen, wie ich verdammt weich bin, denkt der Alte und fällt zusammen. Frau Elise zwinkert vor Unruhe mit den Augen. Wie alt ihr Mann aussieht! Wie er sich aufregt! Aber der Doktor beugt sich jetzt ruhig vor und fragt: ,, Wie haben Sie es zu Hause gefunden, Herr Riegel? Sie rauchen doch?" Er hält ihm ein Zigarrenetui hin. Und als keine Antwort kommt: ,, Alle guten Menschen rauchen." Um seine Augen kräuseln sich eine Menge kleiner, freundlicher Fältchen. Der Feldgraue richtet zum ersten Male einen Blick auf ihn aus großen, grünen Augen, die tief in zwei schräge Falten gebettet sind. Ein schöner Mann muß er vorm Krieg gewesen sein. Er nimmt mit seiner schweren, harten Hand die gebotene Zigarre und legt sie auf den Tisch. Sein magres Handgelenk ragt lang und nackt aus dem ausgefransten, 46 graugelblich farblosen Militärärmel. Nachdem er die wohl- riechende Zigarre dort niedergelegt hat, reckt er den dünnen Arm nach unten und schüttelt ihn. Das alles geht nicht schnell. Und er sagt noch immer nichts. Augenscheinlich wird er nie etwas sagen. Niemand spricht..- „Es ist so freundlich von Ihnen, daß Sie gekommen sind“, stößt der Hausherr von neuem vor, rückt jovial näher zum Tisch. Aber weitere Ermunterungen bleiben ihm im Halse stecken. Mit einem energischen Ruck hat der sonderbare Gast den Stuhl zurückgeschoben, auf den man ihn genötigt hatte. Sein scharfer Blick bleibt auf den dicken, festen Wurstscheiben hängen, die auf zarten, bunten Tellern liegen. „Hätte nicht kommen sollen“, kommt eine eingetrocknete Stimme aus dem schief ins Zimmer gereckten, sehnigen Hals. Der vorstehende Kehlkopf des Soldaten geht auf und ab. „Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen, Herrschaften“, sein langes Kinn hebt sich zu einem säuerlichen Lächeln—„mit Damen schon überhaupt nicht.“ Ein halb ergrimmter, halb bittender Blick des Sanitäts- rats, und die Damen sind verschwunden. Sie gehen nicht weit, sie bleiben ziemlich erschrocken hinter der großen Schiebetür, die sie lautlos schließen. „Na, so meine ich es ja nicht gleich“, knurrt ‚der Gast. Nun ist er erschrocken. Er krächzt ein paarmal.„Entschul- digen Sie. Ich wollte gleich nicht raufkommen, hab’s aber dem Oswald versprochen„..“ Er räuspert sich ausführlich und mißtönend. Der Sanitätsrat lacht stoßweise:„Hier kommen Sie nicht weg“, sagt er.„Jetzt sind Sie in der Höhle gefangen.“ Er legt dem andern die Hand auf die Schulter.„Was ist Ihr Beruf im Frieden, wenn ich fragen darf?“ „Drucker.“ Es klingt wie:„Hol Sie der Teufel!“„Kann ich Ihnen in irgendeiner Sache zur Seite stehen, Herr Riegel?“ Er schiebt dem borstigen Gast vorsichtig einen Teller hin.„Nehmen Sie es nicht übel, Herr Riegel, ich bin den ganzen Morgen unterwegs gewesen. Ich habe einen greu- 47 lichen Hunger." Der Doktor beginnt mit Eifer und der Schnelligkeit einer Hausfrau Butterbrote zurechtzumachen, gießt zwei Gläser Rotwein ein und fängt gleich an, eine Schnitte aus der Hand zu essen. Dabei guckt er verstohlen zu seinem Gast hin. Der sieht schon weniger verbissen aus. Wenn ich's dem Oswald nicht versprochen hätte..." " " Wissen Sie, Herr Riegel, über die Perserteppiche hier" - der kauende Doktor bückt sich schwerfällig, er zeigt auf der Unterseite des Teppichs ein aufgeklebtes rundes Papierchen ,, müssen Sie sich nicht ärgern. Diese schönen Teppiche sind nämlich gepfändet." Das große Gesicht des Arztes zieht sich voll drolliger Falten. Er lacht gemütlich. ,, Sie werden es meiner Frau nicht verraten, Herr Riegel. Sehen Sie, so ein feiner Arzt wie ich, der muß jung und heiter sein und es mit den Damen verstehen, die Sie nicht leiden mögen. Jetzt sind wir ja unter uns Männern. Ich komme da gerade von so einer Gans. Als ich jung war wie Sie, machte ich sogar recht gern das nötige Theater, auch später noch. Aber seit damals die Nachricht kam von unserem ersten Jungen das war September vierzehn bin ich halt nicht mehr, wie ich sein sollte. Das finden meine Patienten auch. Ich vergesse sogar, was ich verordnet habe. Habe schon nicht mehr halb soviel zu tun wie früher. Dazu das Geld in die Kriegsanleihe gegeben, natürlich. Na ja, und so weiter. Kann mir denken, Sie haben noch mehr Sorgen." - - ,, Wenn Sie meinen." Der Gast senkt den hageren Kopf, hebt beide Hände hinter die großen Ohren und kratzt sich heftig den kahl geschorenen Schädel. ,, Herr Doktor, Ihr Junge, der ist tot, gut oder schlecht." Er sieht wieder auf. ,, Aber seine Frau und seine Kinder,- haben die Sorgen?" Unbewußt ergreift er ein Butterbrot. ,, Meine Frau und meine Kinder krepieren seit drei Jahren." Sehr laut hat er gesprochen und sieht erstaunt ein Wurstbrot in seiner Hand. Schönes Brot und gute Wurst. Er legt es mitten auf das weiße Tischtuch. ,, Nee, wir zwei haben einander nichts zu 48 be T lo be le au ch U St S h D S bestellen, Herr Doktor." Müde zieht er sich langsam hinterm Tisch hoch, ganz blaß ist er. ,, Sie haben zwei Jungens verloren, das ist schlimm, sehr schlimm. Aber wissen Sie, was bei mir schlimm ist? Bei mir ist schlimm, daß zwei Jungens leben und' n Mädchen auch noch." Er atmet leicht pfeifend aus und setzt sich wieder. Mühsam schluckt er seinen Speichel. Sein geschweifter, dünner Mund krümmt sich nach unten und läßt die Backenknochen noch größer über den stoppligen Wangenlöchern ragen. ,, Jetzt haben Sie's. Hätten Sie mich gehen lassen, ich wollte ja gleich gehen. Mit verhauener Schnauze reden ist nicht jedermanns Sache, Herr Doktor. Wenn mich wer anzeigen will, mir egal. Denn wird so Schluß." ,, Trinken Sie einen Schluck, Herr Riegel." Der Doktor schüttet ihm ein und stürzt selbst ein Glas Wein auf einen Ruck hinunter. Der Gast trinkt bedächtig und genießerisch. Er hält das halb ausgetrunkene Glas vor sich und schaut auf den dunkelroten Wein. ,, Wenigstens wissen Sie und Ihre Damen, wofür Sie Ihren Jungen verloren haben." Von den feuchten Lippen des Doktors kommt ein unartikulierter Laut. Seine breite, weiße Hand bleibt mit einer großen Geste in der Luft hängen. ,, Na immerzu. Sprechen Sie, sprechen Sie nur." Der Soldat wartet auf keine Aufforderung mehr. ,, Für wen halten wir den Kopf hin?" fragt er wild. ,, Für euch, bloß für euch." ,, Erlauben Sie mal" fährt der Sanitätsrat auf. - ,, Zeigen Sie mich an. Is mir recht. Ich sag's Ihnen ja. Sollen sie mich an die Wand stellen wie andere. Gibt noch mehr solche Käuze wie mich da draußen, Herr Doktor." Seine Augen funkeln und sein Mund zuckt. ,, Nicht genug? meinen Sie? Daß es nicht genug gibt? Das ist eben das Elend!" Der Doktor hat Haltung angenommen. ,, Ich verstehe nicht, wovon Sie reden, Herr Riegel." " , Man keine Bange. Sie verstehen mich ganz gut." 4 Wentscher 49 ,, Das Furchtbarste", flüstert der Alte. Die Haltung ist wieder hin. ,, Von Meuterei? Sie reden von Meuterei? Bürgerkrieg?" Der Soldat steht groß mitten im Zimmer. Seine Brust hebt und senkt sich schwer. ,, Kommt darauf an, wozu es führt", sagt er leise und heiser. ,, Muß nicht das Furchtbarste sein, für uns nicht, für uns Arbeiter nicht. Im Gegenteil"; und plötzlich erschlaffend: ,, Kann sein, das Denken is noch zu wenig Mode bei uns. Zu viel Dumme und-" kaum hörbar traurig endet er: ,, Feige auch." Sein abwesender Blick findet sich wieder auf den nackten Leibern der Apfelsinenwerferinnen. Er faßt sich an den Schädel: ,, Mit wem red ich", knurrt er wütend. ,, Verrückt bin ich." Aus dem roten Gesicht des gewesenen Regimentsarztes ist alle Farbe gewichen. Er ist aufgestanden, setzt sich gleich wieder, steht wieder auf. Er sieht furchtbar erregt aus. Einen Augenblick hebt er die Hand vors Gesicht; dann geht er auf seinen Gast zu: ,, Ich kann nicht Ihr Freund sein, Herr Riegel, wie ich hoffte aber Ihr Feind auch nicht." Er keucht leicht. Seine Stimme schlägt öfters um. ,, Reden Sie, wie es Ihnen ums Herz ist, Herr Riegel; nur nicht gar zu laut, bitte, es ist besser, nicht wahr?" - Der Angeredete schaut verständnislos: was tut der feierlich? Er vernimmt in dem Wirbel, der ihn erfaßt hat, nichts als die Aufforderung zu reden. Und er redet. Es schüttet sich aus ihm heraus, wie Steine aus einer plötzlich umgeschütteten Lore, stolpernd, polternd, gefährlich stürzend. ,, Damit Sie ein gutes Leben weiterführen können, oder wieder, wenn Sie wollen, so wie vorher. Ihre Teppiche, die werden Sie schon auslösen. Ich bin drei Jahre, herrschaftlicher Kutscher' gewesen, Herr Doktor. Ich kenne das. Bei euch ist immer alles halb so schlimm. Bei unsereins, klebt so' n Vogel mal erst auf den Möbeln, da fliegt er auch mit weg, bei uns ist es immer ernst. Meine Frau- Loren mußte sie schieben mit Ziegeln, anderthalb Jahr, bis zum Blutsturz. Und als das aus war, auf die Bauernhöfe mit' ner 50 Häckselmaschine mit’n fremden Kerl. War doch’n glän- zender Gedanke! Die Bauern geben Essen für die Kinder. War doch’ne feine Sache! ‚K.u.‘ war der, das sind die Rich- tigen, aber das andere kann er. So’n Mann mit'ner Frau herumziehen, den ganzen Sommer,— schließlich ist'ne Frau auch’n Mensch. Hat ihr genug zugesetzt, das schlechte Ge- wissen gegen mich. Hätte mich ja nicht so erbärmlich an- lügen müssen. Haben denn wir diesen Krieg gemacht? Im Winter hat sie Aufwartungen gehabt. Und die Kinder immer allein. Nichts wie Unfug treiben, zu Hause und auf der Straße. Die Frau kann fest zuschlagen; wenn die noch auf- geregt ist, sowieso. Und aus Angst vor Dresche traut sich die dämliche Brut nachts nicht nach Hause. Vorigen De- zember ist die Kleine in’ner Strohmiete bei dem Spaß fast erfroren. Gerade, wie ich das vorige Mal nach Hause kam, war das. Was glauben Sie, so’n Wiedersehen auf Urlaub, ein Jahr hat man darauf gewartet wie auf die himmlische Seligkeit. Jawoll, so wie die übrigen Seligkeiten, die unser- eins versprochen werden von denen, die im Fettnäpfchen sitzen. Sollten Sie mal sehen, meine drei Gerippe zu Hause, sind durchaus sehenswert. Wo soll es herkommen, bei Kleie- brot und erfrorenen Kartoffeln.“ Er gießt sich ein und trinkt diesmal rasch.„Können Sie sich schwer vorstellen, Herr Dok- tor, hier bei Ihrem Apfelsinenbild mit Gold, den Zustand bei mir zu Hause.“ Seine rostige Stimme ist höhnisch.„Ich bin froh, daß ich morgen wieder hin darf in die ‚Hölle‘, die andere.“ Und schwer jedes Wort betonend, sagt er:„Was das heißt, das wissen Sie hier nicht!“ Der Alte hat den Kopf in beide Hände vergraben. Er schweigt. „Ich meine nur so“, sagt der Gast schnell. Er greift mit plötzlichem Eifer seinen steifen Halskragen und zerrt ihn nach oben, als müsse er den Hals von einem unerträglichen Druck befreien.„Ist nur so rausgerutscht, weil Sie soviel fragen.“ 4* 5I Der Doktor hebt langsam den gesenkten Kopf, bis er im Nacken ruht, sein Mund steht halb offen. ,, So ist es eben. Genau so", sagt der andere. Jetzt wartet er, aber der Alte ihm gegenüber schweigt. ,, Draußen bildet man sich ein, man hat zusammen ein Schicksal", fängt der Graue wieder an. Sein Blick ist groß und sicher. ,, Alles Schwindel. Ihr Junge ist tot, und Sie sind hier wenigstens traurig.- Ich lebe sogar", schreit, er plötzlich, er steht dicht vor dem anderen, hebt seine starke knöchrige Hand, als wollte er den Hahn am Gewehr abziehen, und läßt sie müde wieder fallen. ,, Für meine Frau und die Kinder wär's sogar viel besser, wenn ich verschütt ging", sagt er leise. Er setzt sich erschöpft auf den nächsten Sessel. . ,, Wird sie Kriegerwitwe, hundert Mark monatlich,' n Haufen Geld." Beide Männer schweigen, die Blicke ins Leere gerichtet. Endlich richtet der Sanitätsrat, der zu einem Klumpen zusammengesunken scheint, sich höher. دو , Herr Riegel", fängt er mühsam an ,,, es tut mir alles furchtbar leid." Der Soldat will ärgerlich abwinken, aber der alte Mann schaut ihn hilflos an, seine vollen Lippen zittern. ,, Herr Riegel... ich... ich... ich... haben Sie ihn nicht ein bißchen gern gehabt, meinen Jungen? War doch ein lieber, frischer Bengel, ein braver Junge, was? Tapfer, was?" Der Sessel unter ihm knirscht. Die vorstehenden, rotgeäderten Augen blicken flehend auf den grausamen Besuch. ,, Gern schon", sagt der langsam mit seiner trockenen Stimme. ,, Sah Ihnen gar nicht ähnlich, der Junge, so zierliche Knochen hat er gehabt und so lange, feine Hände wie eine Dame, aber' n guter Kamerad war er, ein lieber Kerl. Freilich haben wir ihn gern gehabt", er schluckt, gern da... man ist auf deutsch gesagt... ein und derselbe Mist ist man da draußen, und Dreck klebt zusammen. Was denken Sie sich aber nun unter tapfer, Herr Doktor, wenn ich fragen darf? Daß er sich von der Etappe weggemeldet hat, das ist tapfer gewesen, wenn Sie wollen: weil ihn das an52 1. S T h e 1. st n h t, n et n B d , geekelt hat, die Fresserei und Sauferei da. Und dann war da noch was anderes: Os hat mir das mal erzählt, einen Ruhetag. Sein nächster Vorgesetzter in der Etappe, das war einer, der ihm auf dem Gymnasium den Streich mit dem Ruß gespielt hat." ,, Ruß?" ,, Ich verstehe ja nicht, wie ein erwachsener Mensch, schließlich war er doch so um die Zwanzig, sich über Kinderkram noch so aufregen kann. Hat eben noch keine andern Sorgen gekannt, der Os. Da hatte nämlich mal der jetzige Herr Hauptmann dem Professor seinen Stuhl mit Ruẞ beschmiert; aber Ihren Jungen haben sie reingelegt, der hat den Arrest dafür gekriegt. So' n roten Kopf hat er noch gehabt, wie er's erzählt hat. Nun mußt er dem noch mal meldet er sich nach vorn, zeigen, was er für ein Kerl ist, weil er den Rußkerl nicht ausstehen kann. So' n Blödsinn!" Der Vater wird immer krummer und kleiner in seinem Sessel. Der Soldat sieht an ihm vorbei. - ,, Wie er bei uns da vorn nun den Fraẞ bekam, Durchfall hat er gehabt vom ersten Tag an. So haben wir ihn kennengelernt." ,, Davon hat er nichts geschrieben", sagt der Alte kaum hörbar. ,, Geschrieben " macht der Frontsoldat verächtlich ,,, was man schon schreibt. Mit Durchfall, Herr Doktor, läßt sich verdammt schlecht tapfer sein." Der Kamerad des Heldenjungen lächelt: ,, Man ist beschäftigt, nicht wahr?" Er reibt sein unrasiertes Kinn zwischen dem breiten Daumen und den anderen Fingern und schaut wieder auf das verdammte Bild an der Wand. ,, Wie, wie ist mein Sohn gefallen?" fragt der Vater sehr langsam. Wie gelähmt, die großen Hände auf beiden Schenkeln, glotzt er an dem, der antworten, endlich antworten soll, vorbei, auf eine Art, als ob seine Ohren dabei wüchsen. Der Feldgraue stemmt das Gesicht in die Fäuste, zieht die Schultern hoch und schweigt. Der Doktor tastet mit unsicherer 53 Hand nach seiner Brusttasche. ,, Der Hauptmann schrieb uns", er will vorlesen, aber die Stimme versagt. ,, Der Hauptmann war gar nicht dabei", knurrt der Soldat. ,, Herr Riegel", fängt der Alte mit hoher Stimme an ,,, drei Monate haben wir auf Ihren Besuch gewartet. Wie ist mein Sohn gefallen?" Es klingt fast drohend. Zwei blaue Adern quellen an den Schläfen wie dicke Würmer auf. ,, Wie?" Er atmet laut. Der andere schaut mit leicht verzerrtem Gesicht schief zur Decke. ,, Tot ist tot, Durchfall ist kein Charakterfehler, Herr Doktor. Was soll man da viel erzählen? Bei' ner Patrouille ist er geblieben." ,, Ich weiß", keucht der Vater ,,, aber wie, wie war es?- was hat er gesagt?" - In der aufgeschobenen Tür stehen die beiden Frauen. Der Soldat mit dem schief zur Decke gehobenen Kopf wendet die Augen zu Boden, ohne sich sonst zu rühren. ,, Patrouille ist immer' ne ehrenvolle Sache, sagen die Herren Offiziere", meint er und kippt ein wenig mit dem Stuhl ,. auf dem er sitzt. Der alte Mann möchte ihn bei den Schultern packen, die Worte aus ihm herausschütteln. Aber er hält sich fest, wirklich fest mit einer primitiven Geste mit beiden Händen am Stuhl, wie beim Zahnziehen. Und der andere spricht: ,, Die letzten vier Tage war's besser mit ihm, weil wir nämlich abgeschnitten waren und nichts zu fr zu essen hatten außer Zwieback. Er wäre sonst ins Lazarett gekommen, hatte schon den Befehl. Aber was ist da noch Befehl? Wir hatten keine Verbindung mehr. Es ging ihm besser und na, da kam er eben auf Patrouille." Der Soldat steht auf: ,, Was wollen Sie denn noch wissen, Herr Doktor? Mehr weiß ich nun leider wirklich nicht, tut mir leid." Er hält seinem Bedränger die Hand hin, fast väterlich tut er das. Der frühere Oberstabsarzt nimmt die Hand nicht, er bleibt sitzen. ,, Sie wissen noch mehr", sagt er, im Sessel plötzlich wachsend, autoritativ; und der Soldat reagiert. Mit einem Achselzucken setzt er sich nochmals. - 54 Er spricht. Eintönig spricht er: ,, Vier Tage später haben wir ihn mit den zwei anderen aus dem Stacheldraht rausgewickelt. Sie waren zwischen den Feuerstellungen hängengeblieben, alle drei." Die Damen stehen steif. Der Alte sitzt ganz still. Die Unterlippe hängt tief unter dem Gaumen. ,, Wie ein Tier verreckt. Für die Kanonenkönige, Bankmagnaten und Kriegsgewinnler. Große Zeit!" Der Doktor sieht aus, als ob er schliefe; aber er fragt: ,, Schwer verwundet? Tot?" ,, Die beiden andern hatten Schüsse. Der eine muß schon zwei Tage tot gewesen sein. Der andere lebte noch; starb ' ne Stunde später." ,, Und Oswald?" ,, Keinen Schuß?" ,, Lebte?" Gleichzeitig, mit Entsetzen haben drei Menschen ihre Fragen ausgestoßen. Die Schiebetür steht offen; die Damen davor. ,, Er war tot. Aber noch nicht kalt. Schuß hatte er keinen. Ist einfach so zu Ende gekommen. Vor Schwäche, vor Hunger, hatte eben die ganze Zeit vorher kaum was zu essen bekommen." In einem Nu steht die Mutter neben dem Vater. Der Soldat hatte ihn bei den Schultern gepackt und geschüttelt. Er glotzte zu abscheulich. Aber die verglasten Augen sind schon wieder normal; nur die Augäpfel bleiben rot angelaufen. ,, Entschuldigen Sie", sagt der alte Mann. In dem Augenblick klingelt das Tischtelefon. Alle sehen mit Widerwillen auf den Apparat. Keiner nimmt den Hörer. Es schrillt, ein-, zwei-, drei-, viermal. Im Drahtverhau, ohne Wunde, zwischen den Feuern hängt der Sohn. Fünf, sechs, sieben, acht. Er will sich herausdrehen; der Stacheldraht wickelt sich fester; zerreißt ihm den Hals, die Schenkel. Links und rechts spritzen Granatsplitter. Das Telefon schrillt. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Wie Laokoon zwischen seinen Söhnen auf ihrem 55 braunen Sagenbuch- Einband sieht Marga den Bruder von Schlangen umwunden. Zwischen einer Leiche und einem Sterbenden hängt er. Der zarte Körper der Mutter zittert haltlos. Ihr Junge weint vor Hunger. Er steht, er hängt, nicht einmal liegen kann er. Vier Tage und vier Nächte. Eins, zwei, drei, vier. Das Telefon schrillt. Nicht fort kann er; links ein toter Kamerad, rechts ein sterbender. Und könnte er auch fort, ringsum kracht's, brennt's, schlägt's ein. Der Schwerverwundete brüllt. Ihr Junge ist zu schwach. Ihr Junge schweigt. Verwesungsgeruch der Leiche atmet er, blecherne Dornen in seinem Fleisch wie Jesus am Kreuz. Für wessen Sünden? Die Gedanken der Mutter verwirren sich. Das Telefon schrillt. Eins, zwei, drei, vier. Es ist nicht zu ertragen. Heftig greift das junge Mädchen nach dem Hörer. und wirft ihn auf den Tisch. Jetzt wird Ruhe sein. Aber eine Stimme von jemand, der nicht im Zimmer ist, sagt deutlich: ,, Verzeihen Sie, Herr Sanitätsrat, wie heißt die Salbe für Cillychen, Filsan- oder Fissansal be?" Das junge Mädchen schluchzt hysterisch auf. Aber der Mann im Sessel hebt einen zitternden, rosigen Zeigefinger und lächelt blöde: ,, Fissansal be. Vorzüglich gegen Diarrhöe. Ehre ist die Hauptsache. Die Ehre des Vaterlandes ist weiß, weiß wie Fissansalbe." 56 n e n г. DIE MILCH IST EINGETEILT EINE GESCHICHTE AUS BERLIN VOM NOVEMBER 1918 t, t. ? T T t e T In der ,, großen Zeit" des Weltkrieges trat an einem frühen Novembermorgen eine bekümmerte und unausgeschlafene alte Plätterin aus ihrer Wohnungstür. Ein kalter, mit altem Staub gemengter Windhauch fegte durch die zerbrochenen Fensterscheiben des Treppenflurs an ihre grobe, ein wenig rötliche Nase, unter die weißen buschigen Augenbrauen, in ihre kleinen entzündeten Augen, ohne daß ihr das im mindesten auffiel. Sie hatte sich längst gewöhnt, das Unangenehme, von dem das Leben wimmelt, möglichst ohne Bewußtsein hinzunehmen. Gedankenlos zerrieb ihre weiße, aufgeschwemmte Hand den Treppenstaub in ihren Augen. Frau Rasenack brauchte nur einen Schritt zu machen, um bei der Nachbarin zu klopfen. Die Nachbarin hatte ihre vom Abwasch nassen Hände an den Hüften entlang gerieben und steckte ihren Zoddelkopf durch den Türspalt. Ihre Augent sahen unruhig aus dem winzigen Gesicht, das aussah, als hätte es der Schöpfer, falls er es gemacht haben sollte, aus Versehen von oben nach unten zusammengeknutscht. ,, Is was?" fragte sie ängstlich und versuchte mit der feuchtgebliebenen Hand, ohne ihre Tür weit zu öffnen, die Rasenack hereinzuziehen. ,, Kommen Sie rein, Rasenack, die Küche kühlt mir sonst aus." Die Rasenack blieb steif stehen. ,, Nee doch, nee; ich muß nach' n Magistrat." Frau Rasenack spricht immer ruhig und heiser, heut spricht sie noch ruhiger und noch heiserer. ,, Weswegen ich komm: könnten Se nich' n bißchen nach meinem Mann sehen, Lohmann, derweile?" 57 Frau Lohmanns gutmütiges Gesicht zieht sich schief: „Nach'n Magistrat wolln Sie? Das lassen Se man, Rase- nack. Wegen Milch? Hat keen Zweck nich. Ihr Mann— er wird ja nich... wenn er nu aber doch... sehn Se mal, und es geht zu Ende mit ihm auf einmal? Nee, wissen Se, ich fürcht mich.“ Der schmale, geschweifte Mund der alten Plätterin, unter dem ein großes, weiches Kinn prangt, wird noch schmaler: „Menschenskind“, sagt sie langsam, ‚er liegt doch man bloß und schläft. Was ist denn da zum Fürchten? Milch ist das einzige, was er noch genießen kann. Ich geh. Natürlich geh ich.“ „Sie kriegen aber keene; ich sag’s Ihnen doch gerade.“ Die Nachbarin schüttelt ungeduldig den Kopf.„Müßt. er schon über siebzig' sein. Er kriegt eben nichts. Kinder über fünf kriegen auch nicht. Es is keene da eben“, und ganz nah am Ohr der Nachbarin, ‚was da ist“, flüstert sie,„wird verschoben. Könn Se glauben.“ „Und ich glaub es eben nich“; antwortet der Rasenack zu- versichtliche Stimme,„ich komm wieder mit Milch.“ Die Plätterin rafft ihr grauwollnes Umschlagetuch fester um ihren schweren, alten Körper.„Soll ich meinen Mann ver- dursten lassen im Sterben? Hat er mein Leben lang gesorgt, “ daß ich ne gute Tasse Kaffee hab gehabt, solang es eben is gegangen. Nee, nee, so was wird nicht gespielt; nich mal im Krieg. Ich bring Milch! Sie werden sehn, Lohmann, ich bring. Hier nehmen Se meinen Schlüssel.‘ Milchkanne und Schein fest in der klammen Hand, hastet die alte Frau unbeholfen über die Straße. Die alten Beine, dick und schwerfällig vom ewigen Stehen am Plättbrett, wollen sich nicht schnell bewegen lassen. Das weiße Bärt- chen über dem fast lippenlosen Mund wippt seltsam auf und ab. Ihre von der Plätthitze geröteten Augen blinzeln in der kalten Luft unter den zusammengewachsenen Brauen. Sie schiebt sich verzweifelt vorwärts. Nur schnell, nur bald zu- rück sein!— 58 - - Der Raum, in dem die Lebensmittel verteilt werden, ist düster, da er auf einen Hof geht, und schmutzig. Er hat, wie immer, trotz der Kälte ist da überhaupt geheizt? dicke verdorbene Luft. Täglich stehen hier hunderte von Menschen und geben ihre Ausdünstungen von sich. Die Fenster scheinen zugeklebt zu sein. Der Kalender am Schalter, mit einem glückstrahlenden Soldaten geziert, zeigt den 3. November 1918. Seit dreieinhalb Jahren hungert das Proletariat Deutschlands unter behördlicher Aufsicht. Nach Karten. Eine armselige Menschenschlange von müden, welk aussehenden Weibern, alten Männern und blassen Kindern murrt vor dem geschlossenen Schiebefenster des Milchkartenbeamten und fängt eben an, sich fast bedrohlich zu bewegen. Seit drei Stunden stehen diese unterernährten Ausgemergelten machtlos da, stumpf, verdrossen und verzweifelt. Frau Rasenack drängt sich durch. ,, Mein Mann liegt im Sterben", wird sie den beiden bösblickenden Finsteren, die zuvorderst am Schiebefenster stehen, sagen. Sie weiß, daß Vordrängende bei diesem tötenden, muffigen Warten die einzige Abwechslung für alle bedeuten, daß man an ihnen mit Wollust die aufgestapelte, fürchterlich schlechte Laune auszulassen pflegt; aber sie fühlt, daß ihr heute alles gelingen muß. Sie sagt gar nichts; und wirklich, die beiden Bösen vorne weichen. Mit Anerkennung sogar sieht alles. schweigend zu, wie die aufgeschwemmte, große Faust der Frau im Umschlagetuch sich energisch gegen das heilige Fenster erhebt. Sie bummst sogar ganz erheblich dagegen. Bewundernd erstarrt die Schlange vor soviel Verwegenheit. Nur eine untersetzte Frau mit einem bellend hustenden Jungen an der Hand zuckt ärgerlich die Achseln: ,, Jetzt wird er erst recht meckern." Aber die Arbeitsfäuste, die fordernd pochen, scheinen anders zu wirken. Der Beamte, ein Spitzbärtiger mit fast geschlossenen Augen es sieht aus, als hätte er sich längst und für immer abgewöhnt, sie zu öffnen erscheint fast sofort hinter dem schmutzigen Schiebefenster. Seine Haar- 59 - borsten scheuern den oberen Fensterrand. Er schlägt die Klappe hoch, und mit derselben schlafwandelnden Schlappheit, die sein gelbliches Gesicht beherrscht, nimmt er der Frau das Papier aus der Hand, hört er ihre stockende Rede an. Auswendig, im Schlaf. Er kennt diese Rede. Mein Mann, mein Säugling sie liegen im Fieber, sie sterben. Und was noch? Ist ja ewig dasselbe. Ihm geht's nicht gut. Gallen-. steine hat er. Er schreibt etwas auf einen winzigen Papierfetzen: ,, Damit gehn Sie morgen früh, aber pünktlich", er spricht wie zu einem sehr dummen Kind ,,, in die Steinmetzstraße gehen Sie damit, um sieben, verstanden?" - ,, Morgen erst?" hört man die erschrockene, tiefe Stimme der Frau. ,, Was denn noch? Erledigt!" brüllt jetzt der Kartengott, denn das ist er trotz allem. ,, Mehr Extrawürste haben wir nicht!" Mit einem Knall fliegt das Fenster zu. Frau Rasenack ist am Ausgang, da hört sie die Stimme noch einmal: ,, Nicht mehr warten, Milchkarten sind alle." Wieder knallt das Schiebefenster. Im selben Augenblick erhebt sich ein wildes Jammern und ein noch wilderes Geschimpfe. Alles schreit durcheinander. Die zahme, lahme Schlange hat sich in ein wildes Tier verwandelt. Im Türkreuz, vor Frau Rasenack wie aus dem Boden gewachsen, stehen Blaue, fünf gut ausgefütterte Blaue mit dem Säbel an der Seite. Die sind gekommen, um den Milchkartenempfängern beim Hinausgehen ,, behilflich" zu sein. Zu Rasenacks Staunen läßt der Lärm gar nicht besonders nach. An ihr vorbei rennt eine Frau auf die Treppe hinaus. Eine junge Frau. Sie schluchzt. Sie stolpert. Rasenack packt sie am Arm. Die Treppe ist steinern und steil. ,, Ach", weint die Frau auf, mit einem Ruck hat sie sie fest ,,, weil er vorigen Donnerstag, vorigen Donnerstag hat er Geburtstag gehabt, mein Kleiner, neununddreißig fiebert er. Weil er jetzt sechs ist, braucht er nicht gesund zu werden. Ich brauch gar nicht wiederkommen, sagen alle. Was mach ich? Was mach ich bloẞ?" 60 Die Rasenack macht den Mund auf und wieder zu. Sie hat den dünnen Arm der andern, den sie noch gepackt hielt, langsam losgelassen. In Berlin und in Kottbus, wo sie zu Hause ist, und in Breslau und in Köln, in Paris und in Wien und in Petersburg sie sieht die Landkarte vor sich, die in Kottbus, als sie zur Schule ging, ach, vor hundert wer stirbt da alles in Städten Jahren, an der Wand hing und Dörfern ohne Hilfe? Und es ist doch bloß ,, Hinterland", wo es ,, sicher" ist... -- - Der fröhliche Soldat auf dem Kalender da drinnen. All der Schwindel, den sie in den Zeitungen schreiben: ,, Große Zeit!" Bloß nicht umschauen, bloß nichts denken. Sie hat ja Glück gehabt. Nach Hause und Kaffee kochen. Ihre Hand umkrampft den kostbaren Zettel. Den nur festhalten! Und morgen früh... Wer hat recht gehabt? Die Lohmann wird staunen. Um halb sechs Uhr ist es noch stockdunkel. Licht wird sie lieber nicht machen. Das Gas knallt immer so, wenn sie ⚫es ansteckt. Sie kriecht leise aus dem großen, schönen Holzbett. So seine dreißig Jahr steht das nun hier an derselben Stelle neben dem ihres Mannes; gegenüber der breite Kleiderschrank, echt Eiche alles. Was hat man nun davon? Nicht mal Kinder sind da, wo nun der Fritz auf See schon längst ertrunken ist; war eben sein Fimmel... von diesen verrückten Kinderbüchern. Aber er hat wenigstens nicht in den Krieg gemußt für Wilhelm und die Börsenschieber; hat alles sein Gutes. Hätte sie damals nicht gedacht, als der Brief kam mit der Nachricht. Nu kann sie den verdammten Strumpf nicht finden, muß sie doch Licht machen. Ach, der Karl, der schläft wieder nicht. Nie schläft der Mann jetzt, gräßlich ist das. Und sagen tut er fast nie was. So steif liegt er; meistens guckt er bloẞ immer so schief über die Steppdecke weg, grad als ob er gar nichts sieht. Gar nicht wie' n Schmied sieht der Mann mehr aus. 61 Ihr linkes Bein ist wieder' n bißchen dicker. Wird sie sich doch mal' nen Krankenschein holen müssen. Wann aber? Na also... endlich drin im Stiefel. Eigentlich is er gar nicht krank; bloß so alle ist er geworden. So nach und nach. Daß er nichts mehr essen kann, das ist es. Was die Lohmann bloẞ immer für Angst hat. Zu komisch is die Frau. So schnell geht es nu doch nicht, zum Glück. Soll sie doch ein bißchen heizen? Ist besser. Jetzt ist er noch da, soll er's warm haben... Nach dem Heizen wäscht sie sich in der Küche. Hände und Gesicht. Mehr kann man nicht so früh morgens. Damals, wie Lohmanns den Schinken aus Belgien bekommen haben von der Trautchen ihrer Herrschaft, da hat es mit ihm angefangen. Sie hätten doch' nen Hund, hatte die Herrschaft Trautchens gefragt. Na, die Hunde... das waren wir. So ausgehungert auf Fleisch war mir der Mann. Ich dachte auch:, Besser mal' n bißchen was nicht so Gutes, wie nie was.' Hatte es doch mächtig mit dem lila Zeugs gewaschen. Hat man das wissen können? Uns allen andern ist es doch großartig bekommen... bloß dem Mann nicht. Heut werden ja die Hände überhaupt nicht trocken. Hat er gerufen? Sie läuft in die Stube. Der Schmied liegt auf der Seite und rührt sich nicht. Nun ist er gerade wegen dem Licht eingeschlafen, denkt Frau Rasenack glücklich. Es ist noch immer zu früh zum Gehen. So lange auf der Straße stehn, ist zu kalt. Sie setzt sich auf den breiten, grünen Sammetstuhl am Fenster und schiebt die ausgespreizten Hände auf den Schenkeln hin und her. Müde, mit krummem Rücken sitzt sie und wartet, daß es später werde. Zu tun ist nichts in der Stube; die ist ordentlich. Der Doktor sagt, er zehrt von sich selbst, und das dauert lange. So' n großer schöner Mann, wie der Karl war... anderthalb Jahr dauert es schon. Nun wird bald Schluß sein. Glaub ich noch gar nicht. Vorm Krieg hat er noch wie' n Junger mit am Eisenhammer gearbeitet und war schon fast 62 sechzig; jetzt, wenn man ihn sieht, Knochen mit Haut bezogen und Eiterwunden drauf... Sie geht noch mal zum Ofen. Er brennt. Der andere hat auch in den Schützengraben gemußt, der die Schmiede kaufen wollte. Er hinkte sogar, und auf einmal war er k. v. kriegsverwendungsfähig kriegsverwendungsfähig... Wie lang is nu die Schmiede zu? Die Uhr will nicht vorrücken. - Nicht mal' n Strickzeug hat man. Gibt ja keine Wolle. Werd mir doch Kaffee machen, denkt sie. Nicht das kleinste Geräusch entsteht von ihren leisen Schritten, so schwer die Beine sind. Vorm Herd angelangt, tut es ihr wieder leid, Feuer zu machen. Ach was sie geht. Sie holt das mausgraue Tuch aus dem Schrank. Das trägt sie nun schon zwanzig Jahre. Von ihrer ersten Herrschaft ist es... Im Anfang, da sagte er noch manchmal: ,, Frau,' nen richtigen Radreifen möcht ich nochmal schweißen!" Jetzt immer bloẞ: ,, Is Frieden? Is schon Frieden?" Fast hätte sie laut geseufzt. Sie bückt sich und legt die Ofentüre an. Und das mit dem Christentum, das läßt ihm keine Ruhe, daß die Pfarrer die Waffen einsegnen. Und dann das mit dem Frieden... Sie geht hinaus und schließt lautlos hinter sich ab. Den Schlüssel legt sie vor Lohmanns Tür. Aber jetzt, wie sie die dunkle Treppe hinuntergeht, gibt es keine Rettung mehr vor dem Gedanken, der sie seit drei Tagen tags und nachts verfolgt: Wenn, wenn sie ihm nun sagte: ,, Es is Frieden"? Die Tränen steigen ihr vor Versuchung zu Kopf. Daß der Mann in Ruhe sterben könnte. Hat sich genug gequält sein Leben lang. Sie stößt die Haustür auf. Die Straße ist windig und dunkel. Die Laternen brennen nicht. Wenn er dann aber doch was weiß, wenn er tot ist? Sie glaubt's ja nicht. Sie glaubt nicht an Widersehn und so' n Unsinn. Aber weiß man's denn? Genau weiß man's eben doch nicht. Nie in ihrem Leben hat sie dem Mann die Unwahrheit gesagt. In etwas Wichtigem nicht. Und ihn im Sterben anlügen? Und gleich 63 so? Wenn man nun doch vielleicht im Tode alles weiß? Dann weiß er auch, daß noch immer Krieg ist. Und dann glaubt er sicher, ich hab ihn dazumal wegen dem Schlosserkurt auch angelogen. Und das verzeiht mir der Mann nie, meiner nicht, so stolz wie der ist. Nee, sie kann es nicht wagen, es geht und es geht eben nicht... - Auf der Straße ist keine Menschenseele weit und breit. Frau Rasenack beeilt sich; und plötzlich kriegt sie es mit der Angst: hat denn der Schläfrige im Magistrat gesagt, um sieben? War es nicht halb sieben? Sie bleibt vor Schrecken stehn. Quatsch, zu dämlich ist man, sieben hat er gesagt. Sie geht wieder langsamer. Schön wäre es gewesen, wenn sie's ihm hätte sagen können: ,, Karl, es is Frieden." Schön einschlafen tät er mir dann. Wie so' n Kind. Sie wischt sich die Nase. Kalt ist es. Das ist die Steinmetzstraße; und jetzt sieht sie auch schon, wo es ist. Sicher da, wo das junge Mädchen mit dem Kännchen in der Hand auf dem Bürgersteig steht und von einem Fuß auf den andern tritt. Jetzt läuft die grad auf sie zu: ,, Kommen Sie auch von weit? Ich bin um fünfe zu Haus weg, ja, gleich nach fünf. Jetzt wird's wenigstens hell." Die Kleine spricht hastig. Die Rasenack macht nichts als: ,, Hm." Ein zartes hübsches Ding ist die Kleine. Sicher voll Angst und Not, wie sie selbst. Die gestern auf der Rathaustreppe fällt ihr ein. Aber bloß nicht reden mit den Leuten. Hat keinen Zweck. Die Junge trippelt indes um die Rasenack, die ihr vergeblich den Rücken gedreht hat. ,, Ich mach nämlich Hochzeit heut", sagt die Kleine und erwartet gespannt die Wirkung ihrer interessanten Mitteilung. Und als ob es gar nichts Besonderes wäre, zu heiraten, fügt sie hinzu: ,, Da braucht man ein bißchen Milch zum Bohnenkaffee, nicht wahr?" ,, Ja, ja", sagt die Alte abwesend und schaut die Straße hinauf, ob der Milchwagen noch nicht kommt. ,, Scheint' nen Happen doof zu sein, die Frau", beschließt die Junge; und 64 wieder allein, glücklich wippend, geht sie mit ihrem Kännchen in der Faust auf und ab. Es wird langsam hell. In der ausgestorbenen Straße schlägt eine Turmuhr. Beim vierten Schlage rasselt ein schwerfälliger Wagen um die Ecke. Laufen kann das Pferd da augenscheinlich nicht. Eine Frau springt vom Bock und schlägt mit blaugefrorenen Fäusten gegen die geschlossene Rolljalousie des kleinen Ladens. ,, Komme ja schon", ruft es von drinnen, und in der sich von unten in ein immer größer werdendes Loch verwandelnden Ladentür erscheint ein kugelrundes, rotes Gesicht über der üblichen blauen Milchhändlerbluse. Drei große Zinkkannen werden vom Wagen abgeladen. Den beiden früh Aufgestandenen schlägt das Herz im Halse: Milch! Richtige Milch in drei Kannen! Aufgeregt pendeln sie hinter jeder Kanne her, die die Kutscherin in den Laden trägt. Als die letzte steht, und die Frau ihren Block zum Quittieren herauszieht, macht der Geschäftsinhaber die Rolltür oben los. Genau vor ihren Nasen rollt sie herunter, und sie stehn draußen. Es scheint, daß der Mann sie gar nicht wahrgenommen hat, daß sie Luft für ihn sind. Aber nach vier Jahren Krieg bemerkt kein kluger Käufer dergleichen kleine Unfreundlichkeiten. Frau Rasenack ist ja eine breite, starke Frau und durchaus keine Luft: sie hat die Rolltür schon wieder hochgeschoben, steht im Laden neben der Milchkanne; die Kleine geht hinter ihr. ,, Was fällt Ihnen ein, in aller Herrgottsfrühe?" fragt der rundliche Mann. Dieser Rundliche wird bald kein ,, Mann" mehr sein, sondern ein ,, Herr". Seit voriger Woche verhandelt er wegen Grundstück und Privatauto. Wohnung in einem anderen Viertel hat er bereits. Hat er etwa nötig, gnädig zu sein gegen Leute, die sich ihm nicht erkenntlich erwiesen haben? Solche, die morgens um sieben kommen, das sind die Richtigen! Das ist die Sorte mit Schein und Recht, die der Magistrat schickt. Gar nicht erst reinlassen... 5 Wentscher 65 solche. Er hat nichts! Genug Angst schwitzt man, ehe man zu' nem bißchen brauchbarer Ware kommt. Einen Teil muẞ man den Kunden sowieso zu diesen lächerlichen Preisen geben, sonst fällt das auf. Der Rundliche putzt sich ausführlich mit einem riesigen weißen Taschentuch die Nase. Draußen fährt der Wagen ab. ,, Ich habe ein Attest vom Arzt"( Da haben wir's: Attest!) ,, und einen Extraschein vom Magistrat", sagt Frau Rasenack ruhig, aber das Bärtchen auf ihrer schmalen Lippe zittert. ,, Ich bekomme einen halben Liter Milch." ,, Von uns?" blinzelt der zukünftige Herr hinterm Ladentisch ,,, Ihnen kenn ich ja gar nicht, meine Dame." Er stellt sich breit auf beide Beine und macht sich sogar die Mühe, die beiden ,, Damen" anzusehen. ,, Die Milch hier ist eingeteilt", sagt er dann langsam und feierlich. Das ist sein Ausspruch. An dem ist nicht zu rütteln. Ein Ladenbesitzer, der Ware hat, ist nicht schlechter als ein Feldmarschall. ,, Was?" schreit die alte Frau auf ,,, eingeteilt ist die?" ,, Jawoll", sagt der Runde mit Genuß ,,, eingeteilt. Wenn Sie nämlich nischt dagegen haben. Immer mit der Ruhe. Eingeteilt für meine alten Kunden. Jawoll, wenn Sie gestatten, werte Dame. Ich habe das gar nicht nötig. Aber ich erkläre Sie das." Die Rasenack hat beide breiten Fäuste auf den Ladentisch niedergelegt. ,, Und im Magistrat bestellen Sie man", fährt der Ladenbesitzer gemütlich fort ,,, sie sollen mir endlich mal in Ruhe lassen mit solche Besuche wie Sie und die junge Frau da", fügt er noch gemütlicher hinzu. Er kommt hinter seinem Ladentisch hervor und steht breit vor seinen Milchkannen, den lieben schönen Kannen, denen er die Villa verdankt. Die Frau des Schmieds hat in vierzig Jahren genug schwere Bügeleisen geschoben und gehoben, sie kann auch einen dicken Milchmann von der Stelle befördern. Schon hat sie den Verblüfften bei beiden Ellenbogen gepackt, auf seinen Hacken umgedreht und beiseitegeschoben. Jetzt steht sie 66 B n , כ t. n e " t t n h h e m 1, e n e en e vor den Milchkannen. Entschlossen reißt sie den zinnernen Deckel aus der ersten, daß es nur so dröhnt. ,, Das Schöpfmaẞ her!" befiehlt sie. ,, Hier ist Milch für mich und auch für die junge Frau. Wieviel bekommen Sie? Zeigen Sie Ihren Schein. Einen Liter kriegt die junge Frau. Bißchen fix mal, Sie! Wir müssen zu Hause." ,, Ich werde einen Blauen holen!" will der Händler sagen. Statt dessen holt er das Maß. Er füllt die Kännchen. ,, Sie sterben zu Hause, sie warten nicht", schreit die Plätterin ,,, her mit der Milch!" Wie Frau Rasenack auf die Straße gekommen ist, weiß sie selber nicht. Hat sie gezahlt? Die Groschen in ihrer Hand sind nicht mehr da, dann wird sie wohl gezahlt haben. Ein ganz vernünftiger Mann schließlich, als man ihn vorn Bauch gestoßen hat. Die Kleine, hat Kaffeemilch für ihre Hochzeit. Na schön. Der Wind hat Frau Rasenack das Mausegraue losgerissen, sie erhascht den Zipfel und steckt ihn im Gehen fest. Mein Gott, wenn Karl jetzt trinken wird! Er wird ein bißchen schmunzeln vielleicht. Der Doktor meinte ja, es macht ihm wieder Kräfte? Milch ist sehr nahrhaft. Ach, der Wind. Schon wieder ist das Tuch los. Kräfte, Kräfte! Woher denn? Es würgt sie im Hals. Er hat heute stiller unter der Decke gelegen, viel stiller als gestern und vorgestern. Das sah gar nicht gut aus. Können die nicht streuen auf der Straße? Fast wäre sie gefallen. Ob die Lohmann drin ist bei ihm? Der kleine Angsthase. Nanu, ist die Haustür schon offen? Ist's denn so spät? Auf der Treppe hört sie den Zeitungsjungen von oben herunterpoltern. ,, Auflösung der Truppen in vollster Disziplin!" brüllt er. So' n Bengel. Muß der denn so brüllen? Wenn die Leute noch schlafen. ,, Auflösung?" denkt sie plötzlich wie vor den Kopf geschlagen, während die Treppe ihr mit jeder Stufe höher zu werden scheint. ,, Meutern die Soldaten? Und mit Disziplin? Wie machen die denn das: Meu5* 67 tern mit Disziplin? Versteh ich nicht", denkt sie gequält. Erst die dritte Treppe. Noch eine. Na, aber nun wird mein Lohmännchen staunen. Nanu? Ist meine Tür offen? Obwohl sie ohne Atem ist, nimmt Frau Rasenack hastig die letzten Stufen. Gleich hinter der Tür ist das gelbe Gesicht der Nachbarin, ängstlicher noch als sonst. Die Hände hält sie mit dem Schürzenzipfel auf den Bauch gedrückt. Wozu hält sie die Daumen nach außen? So steht doch ein vernünftiger Mensch nicht da. Da stimmt doch was nicht. Frau Rasenack steht schon am Bett. Warum liegt mein Mann unbedeckt? ,, Ich habe doch Milch... ich..." Sein Mund steht offen. Die Schnurrbartspitzen, an denen in gesunden Tagen nach dem Frühstück immer zwei lustige Tröpfchen hingen, starren trocken in die Luft. Das Kinn ist heruntergefallen... ,, Wann?" fragt die Rasenack. ,, Gerade eben", sagt die Nachbarin ,,, wie der Zeitungsjunge kam." Rasenack nimmt die Decke vom Boden auf, den Zipfel in der Hand, setzt sie sich schwer auf einen Stuhl. Ihr Gesicht ist ganz still, nur das große Kinn zittert. ,, Hat er noch was gesagt?" fragte sie endlich. ,, Ja., Marie wollte Milch... sagte er, hat er gesagt. Sonst nichts. Nee." 68 89 DER mYH Den Malkasten am Riemen schräg über der Schulter, die Staffelei unter dem andern Arm, den Griff des großen Mal- bretts in der Hand, kam eine junge, blondhaarige Person mit großen, ungleichmäßigen Schritten von Schotter auf Blöcke tappend, die letzte Strecke der kahlen Felsen her- unter. In der lautlosen Stille der Berghöhe war das Schep- pern ihres Malgeräts das einzige Geräusch. Die Landschaft hatte hier, wo man das pflanzenlose Stein- meer hinter sich ließ, fast den Charakter eines groß ange- legten Parks. Aus tiefem Moos und Gras zwischen phan- tastisch geformten Granitblöcken ragten dunkle Zirbelkiefern auf, Silberpappeln und Birken. Unter dem ersten Baum, einer großen, dunkelgrünen Zirbelkiefer blieb die Malerin stehen. Von der heißen Mittagssonne erwärmt, strömten die Äste und die weinblau schimmernden Früchte einen schwe- ren, süßen Duft aus. Die Malerin betrachtete den Baum mit Entzücken; sog tiefatmend die harzgeschwängerte Luft ein. Glücklich ermüdet nach der Arbeit auf 1900 Meter Höhe, unfähig, im Augenblick starke Eindrücke aufzunehmen, konnte die Künstlerin aus tiefgehender Gewöhnung doch das Schauen nicht gänzlich lassen. Der Schaffensrausch der Morgenskizze, äußerste geistige Anspannung und erheben- der Genuß in einem, zitterte noch in ihr nach. In einer Art Verzauberung, begeistert halb, halb Geistes bar, sehend und nicht sehend, fühlend und gefühllos stieg sie langsam die Berghöhe hinunter. Als sie um den letzten Felsenvorsprung herumkam, bemerkte sie vor dem altvertrauten, einsamen Gebirgsgasthaus, dem höchst gelegenen des Tals, einen frem- 69 den Gast. Es war ein stattlicher Tourist. Mehr als dreißig Jahre alt. Ein elegantes Sportkostüm betonte seinen auffallend guten Wuchs. Er war sichtlich erregt. Glänzende Augen bewegten sich lebhaft in dem großen Gesicht. Mit der graden Nase, dem stark entwickelten Kinn mußte er schön genannt werden. Der Malerin flößte aber dieser Mensch eine unbegründete, heftige Antipathie ein. Obgleich das den einfachen Sitten hier oben widersprach, ging sie ohne Gruß an ihm vorüber und ließ sich zwei Tische weiter nieder. ,, Gnädige Frau!" Er wartete kaum, bis sie sich gesetzt hatte. Mit einer wohlklingenden, lauten Stimme, die aber etwas Schauspielermäßiges an sich hatte, rief er sein ,, Gnädige Frau". Er hatte eine der leeren Sodawasserflaschen, die vor ihm auf dem Tisch standen, ergriffen und hielt sie mit steifem Arm gegen den am Horizont aufragenden Fernergletscher: ,, Gnädige Frau, ich sehe, Sie sind Künstlerin. Entschuldigen Sie. Ich muß es einem Menschen sagen: ich bin so glücklich!" Die Künstlerin sah ihn ohne Freundlichkeit an. Worüber war dieser Mensch glücklich? Sie hoffte, er würde auf diesen Blick hin schweigen. ,, Ich bin berauscht", fuhr der Fremde ungestört fort. ,, Sie sehen, ich trinke Selters, gnädige Frau." Er beugte sich über den leeren, runden Tisch, der zwischen ihnen stand. ,, Ich habe einen Bergrausch"", flüsterte er strahlend. ,, Einen Rausch ohne Wein oder Bier. Tatsache, erstmalig in meinem Leben, gnädige Frau. Großartig ist doch sowas! Sie kennen das sicher. Aber ich ich habe es eben zum erstenmal. , Wissen Sie, ich bin ganz elektrisch." Er reckte sehr ungeniert seine Arme und Beine. Immerhin ging von dem starken, männlichen Körper die Glut eines durch und durch mit vollen Lungen atmenden, gesunden Wesens aus. Schließlich ein Landsmann hier im Tiroler Gebirge, dachte die Malerin. Nach seiner Aussprache war er ein Norddeutscher. 70 - - ,, Gnädigste, dort oben auf dem Gipfel war ich heut." Er zeigte stolz auf die Roßberge zu ihrer Rechten. ,, Hier mit Verzeihung 2115 Meter. Kolossal! Eine diesen Beinen Luft! Eine Aussicht!" Er kippte seinen Stuhl so stark, daß die Malerin glaubte, er würde fallen. ,, Jugend ist Trunkenheit ohne Wein!" deklamierte er. Vielleicht war er im Privatberuf Studienrat? Er sprach ohne Pause. ,, Die großartigsten Momente des Lebens, wirklich, kommen einem da wieder hoch." Plötzlich drehte er sich ganz zu der Dame herum und legte die Arme auf den runden Tisch zwischen ihnen. ,, Gnädigste haben eine fabelhaft schöne Figur. Sollte man gar nicht denken, nicht wahr, wie so ein Malkittel kleidsam sein kann; aber" Er schaute an seinem tipptoppen Kostüm herunter. ,, Aber so ein Touristenanzug ist schließlich was Ähnliches." Augenscheinlich gefiel er sich selbst unendlich. Die Malerin stand auf, wollte gehn. Der Kavalier streckte das Bein vor und hielt den Durchgang verrammelt: ,, Bitte, bitte, nicht gehen", bat er kokett. In diesem Augenblick brachte die junge Kellnerin das Abendessen der Künstlerin. Das liebe, herzliche Mäderl nur anzusehen, war der Malerin eine Wohltat. Sie rückte erleichtert beiseite. Aber statt sich zu ihr zu setzen, warf Midl aus dunklen Augen einen mißvergnügten Blick auf den Fremden. Sogar ohne zu grüßen ging sie ins Haus zurück. ,, Ja, an den Weltkrieg hab ich gedacht", sagte die unerbetene Bekanntschaft und fuhr sich mit einer großen, gepflegten Hand über den Kopf. ,, Das waren noch gelebte Zeiten! Da ging's aus dem Vollen! Achtzehn war ich." Er trank ein ganzes Glas Wasser auf einmal aus. So wie Korpsstudenten in den Kneipen in den offenen Mund Bier hinunterschütten und dann den leeren Krug auf den Tisch knallen. Der glückliche Ausdruck seines Gesichts vertiefte sich noch. Er hob den Zeigefinger. Sie bemerkte einen ziemlich kostbaren Ring daran und ein goldenes Armband unter der Manschette. 71 ,, Haben Gnädige im Krieg Familie verloren?" Die Künstlerin antwortete nicht. Der Weltkrieg hatte ihr zwei Brüder und alle ihre Jugendfreunde geraubt. ,, Gefangene werden nicht gemacht", fuhr der Mann im Sportkostüm unbekümmert fort. ,, Wir hatten Gefangene gemacht, Gnädigste, bei Soissons. Stücker viere. Die Kerls mußten sich entblättern; dann geknebelt und gebunden. Nicht rühren konnten sie sich. In den Wäldern da gab's Ameisenhaufen. Solche Riesendinger, wissen Sie." Er zeigte weit ausholend. ,, Da haben wir sie reingelegt. Jeden in einen." ,, Die Gefangenen?" Die Malerin zweifelte, ob sie recht gehört haben könnte. ,, Wen sonst?" antwortete er lachend. ,, Die Französlein. Gefangene werden nicht gemacht", fügte er augenzwinkernd hinzu. ,, Verstehen Sie?" ,, Und warum haben Sie sie nicht erschossen, wenn es schon solch einen Befehl gab?" fragte die Malerin. Sie beherrschte sich mühsam. " , Weil das so viel lustiger war", antwortete der Mann mit dem Bergrausch. ,, Feste Honig in die Ohren geschmiert, in die Nase, in den Mund und so weiter, wissen Sie. Die Ameisen haben Süßes gerne. Die krabbeln da rein, War' ne zerschossene, verlassene Gegend da. Kein angenehmer Tod, meine Gnädige." Die Malerin schob ihr Essen fort und stand auf. ,, So etwas", sagte sie angeekelt, ,, wollen Sie mir einreden, hätten im Weltkrieg deutsche Soldaten getan?" - ,, Tja, das ist der Krieg, meine Gnädige. Übrigens, ich war damals schon Offizier. Meine Kameraden, der Fähnrich Wegener und Offiziersaspirant Schuffelhauer wo die jetzt wohl sein mögen? Machen Sie nicht so ein Gesicht, meine Gnädige", fügte er hinzu. Er stand tadellos höflich auf und ließ die Dame vorbeigehen. ,, Das war Rache", fuhr er ungestört glücklich fort. ,, Frauen verstehn so etwas nicht." Er verbeugte sich leicht gegen sie. ,, Rache ist süß." ,, Irgendwelche armen Soldaten, die für ihr Volk starben, 72 k e W h 0 1 konnten Sie nicht erschießen?" Sie sprach fast gegen ihren Willen. ,, Aber meine Gnädigste. Erbfeinde! Franzosen." Er rief es fast mitleidig angesichts ihrer Verständnislosigkeit. ,, Jung waren wir. Und so ein Erlebnis: Macht über Menschenleben haben! Macht! Rache! Ein Machtrausch, wie wenn man da oben auf dem Roßberg steht, sehen Sie. Ja so kam ich ja drauf." Er verbeugte sich noch einmal tadellos. Noch immer lächelnd, setzte er sich an seinen Tisch zurück; ,, Fräulein!" rief er über die Schulter. ,, Jetzt bringen Sie mir aber Wein, eine Flasche Gumpoldskirchner." - Die Künstlerin war unvermittelt aufgestanden. Ihre rechte Hand krampfte sich einen Augenblick um ihre Stirn. Mit eiligen Schritten, fast fliehend verließ sie den Vorplatz. ,, Zu was reden S' denn mit dem Latsch, dem eingebildeten?" raunte die junge Kellnerin ihr im Hausgang zu. In der kleinen Kammer, in der sie sich häuslich eingerichtet hatte, ließ die Künstlerin, ganz gegen ihre Gewohnheit, ihr Malgerät lärmend aus den Händen fallen. Dieser Mensch hatte sie aus der Fassung gebracht. ,, Ein sattes Raubtier", dachte sie tief angeekelt. Sie fühlte, daß eine Art Entsetzen sie vom Wirbel bis zur Zehe erfüllte. Das Erschreckende an den Äußerungen dieses Landsmanns war, daß er ganz augenscheinlich kein Psychopath war. Offenbar handelte es sich bei diesem Menschen um eine Gesinnung, in deren man sich in gewissen Kreisen zum mindesten Deutschland nicht zu schämen brauchte. Das war also kein gräßlicher Einzelfall, sondern ein Typ. Mit Grauen sagte sie sich dieser Typ zweibeiniger Bestien lebt unter uns, freut sich frech seines Daseins. Heinrich Heines ,, Wintermärchen" fiel ihr ein. - ,, Der Himmel erhalte Dich, wackres Volk, Er segne Deine Saaten, Bewahre Dich vor Krieg und Ruhm, Vor Helden und Heldentaten." 73 - Was sollte aus Deutschland, was aus Europa werden, würde dieser Typ einmal losgelassen? Die Künstlerin stieß das Kammerfenster auf. Der Ferner- gletscher schaute in stummer Schönheit herüber. Wie reich, wie erfüllt war ihr Morgen gewesen; in der kühlen Frühe, im Angesicht der mächtigen, schneebedeckten Berggipfel, ihr heißes Bemühen, die leuchtende Morgenhelle zu erfassen. Ach, nur nicht an die Großstadt denken, Menschen, Politik, Gesellschaften, Offiziere, die ewig den Krieg wünschten. Wenn dieser Sommer doch nie ein Ende nähme! Ihre zärtlich forschenden Maleraugen saugten sich fest an der geliebten Landschaft. Sie seufzte: Nur auf der Insel der Kunst läßt sich’s leben. Ein Jahrzehnt später, als die zweibeinigen Bestien wirk- lich losgelassen wurden, stellte es sich heraus, daß man auch auf der Insel der Kunst nicht leben konnte. 24 BUBI IN PRAG EINE ERZÄHLUNG AUS DEM HERBST 1933 Ein kalter Morgenwind wirbelte bunte Platanenblätter über das eben erst gefegte Pflaster der Villenstraße. Eine lumpig gekleidete Straßenfegerin mit Besen und langstieliger Blechschippe sah mit schläfriger Verwunderung auf einen schlanken, jungen Mann in kurzem, weißem Trenchcoat, der die Straße heraufkam. Er hatte seinen feinbelederten Rucksack von den Schultern geworfen und blieb stehen. Seine Bewegungen waren ungeduldig und fahrig, wie die eines Menschen, den ein unerwartetes und schweres Ereignis aus dem Gleichgewicht gebracht hat; das kindliche Gesicht blaẞ und fürchterlich übermüdet; ein verwöhnter, schöner Junge. War er verrückt? Welcher Mensch knöpft sich mitten auf dem Gehsteig Mantel, Rock und Hemde auf und pustet sich, mit gespreizten Beinen stehend, verzweifelt auf die Brust? Die Straßenfegerin näherte sich neugierig. Sie konnte gerade noch bemerken, daß das schneeweiße Hemd, das rasch über dieser Brust geschlossen wurde, blutig war. Bubi Elger, unter dem Blick der Alten kindisch erschrocken, bog eilig in die erste Querstraße ein. Es war dumm, denn es war ein Umweg, und er mußte unbedingt den Frühzug nach Prag erreichen. Teufel auch, er hatte sich wieder unbeherrscht benommen; eine Schande war es. Hätte ihn jemand so gesehen, es hätte schlimme Folgen haben können. Gerade hatte er geglaubt, seine Prüfung als Mann bestanden zu haben, diese grausigen zwei Nächte und drei Tage im SA- Keller. Er, Bubi Elger, hatte wie ein Held geschwiegen, bis er das Bewußtsein verloren hatte. Die zu Hause hätten gestaunt. 75 Die glaubten ja, er, trotz seiner 22 Jahre, könne sich überhaupt nicht beherrschen. Wie sagte Mama? ,, Dr. phil., cand. jur., sechs erste Tennispreise, aber keine Selbstbeherrschung." Die arme Mama! Wenn sie das miterlebt hätte. Sie wäre gestorben vor Entsetzen. Noch am Montag dieser selben Woche hätte Peter Elger nichts für möglich gehalten von dem, was er erlebt hatte: vollständig sinnlose Beschimpfungen, Erniedrigungen, viehische Roheit und Gewalt; und all das gegen Wehrlose. Phantasieuniformen, die dieser Niedertracht einen Rechtstitel verleihen sollten. Diese feigen Schurken. Nun, gut gehalten hatte er sich. Freilich, er hatte nichts zu verschweigen gehabt. Für Menschen, die im politischen Kampf standen, mußte es schwerer sein. Danke, ihm war's schwer genug gewesen. Glück hatte er gehabt. Ein Auto erwischt; innerhalb zehn Minuten unbemerkt zu Hause rein, sich irgendwie verbunden, umgezogen, wieder raus. Mama war nicht aufgewacht. Diese Banditen hatten ihm seine goldene Armbanduhr gestohlen und die Brieftasche mit mehr als 400 M. Jetzt muẞte er so fahren, ohne Geld. Etwas anderes wäre nicht in Frage gekommen. Mama hätte einen Arzt gerufen, mitgewollt; weiß der Himmel, was Mama alles gewollt hätte! Bubi Elger ging schneller. Diese Wunden brannten infam. Vom Schmutz kam das auch. Namenlos gereizt fühlte er sich. Immer noch. Warum nur? Jetzt, da er wider Erwarten frei war? da er alle Aussicht hatte, fortzukommen? Konnten Verbrechen anderer einen Menschen beleidigen? Erniedrigten bestialische Handlungen irgend jemanden außer die, die sie vollführten? Brüllen hätte er sollen, mit den Fäusten schlagen er hatte doch Kraft, mehr als die Fäuste pah Sie hatten Ruten, und er war gebunden gewesen. Versuchen, nicht daran zu denken. Bubi Elger seufzte. Er zerrte an den Rucksackriemen, kratzte sich die Hüfte unterm Trenchcoat und schrie leise auf. Verdammt, jetzt hatte er die frische Haut abgerissen. Das war die Wunde von der ersten Nacht. Teufel auch. Er mußte sich zusammennehmen. Bis Schreiber- 76 - - - hau war die Fahrt nicht gefährlich; aber dann, von den Nazi unbemerkt über den Paß kommen. Ob er es schaffte? * Das äußerst mäßige Hotel, in das Elger in Prag geraten war, nahm 35 Kronen für jede Nacht. Überall roch es nach schlechtem Bohnerwachs. Nachdem er das Geld für zwei Nächte auf den Tisch gelegt hatte, besaß er noch dreizehn Kronen. Eine lächerliche Situation. An Telegramme nach Deutschland war wegen des Terrors der Nazi nicht zu denken. Der Brief, den er sofort nach Hause schrieb, ging über Schweden. Ein paar Tage würde es dauern, bis Mama die Nachricht bekam, und einen, bis sie einen Umweg fand, ihn fürs erste mit Geld und Sachen zu versehen. Danach mußte man sich brieflich über das Ziel der Auswanderung einigen. Am besten wohl New York. Es gab in Prag eine Emigrantenküche, die unentgeltlich war. Bubi Elger, der eleganteste Junge vom Corneliusufer, würde eine Weile als„Flüchtling‘ leben. Vielleicht ganz interessant? War es eigentlich interessant? Unangenehm war es. Im Komitee, an das er sich gewandt hatte, kam man jedem Ar- beiter freundlicher entgegen als ihm. Wenigstens schien es ihm so. Es war ihm unangenehm zu versichern, daß er ein Jude war, und die Leute glaubten es nicht einmal. Papiere darüber besaß er nicht. Was hätten das für Papiere sein sollen? Er hatte in Berlin gelebt wie irgendein anderer deut- scher Bürger, der sich für seine Religionszugehörigkeit weiter nicht interessierte. Seiner Kultur, seinem Bewußtsein nach war er ein Deutscher. Armer Bubi Elger! Er war es gewohnt, angebetet zu wer- den; und den Leuten vom Flüchtlingskomitee gefiel er nicht. So echt teutsch-selbstbewußt, so sichtlich nur mit sich selbst beschäftigt, blond, blauäugig, schlank und groß, mit dem hohen, schmalen Schädel, dem hellen Stutzbärtchen über dem Mund— alle waren einig, daß er wie ein waschechter Nazi 77 aussah und kein bißchen wie ein Jude. Nicht einmal seine Wunden machten auf irgend jemand besonderen Eindruck. Fast jeder war mißhandelt worden. Die meisten hatten zehnmal soviel erlitten als er. Die Arbeiter zeigten Verachtung, darüber viel zu reden. Die Nazi seien eine vorübergehende Erscheinung, sagten sie. Das sei eine braune Pest, eine Seuche und nichts Menschenähnliches. Hitler würde Deutschland in Grund und Boden regieren, das war für diese Arbeiter so sicher, wie daß sie wieder nach Deutschland zurück wollten. Im übrigen schwiegen sie, wenn er in ihre Nähe kam, und es verdroẞ ihn tief. Er merkte gut, daß sie ihm mißtrauten. Er wäre zum erstenmal im Leben sehr geneigt gewesen, über Politik sprechen zu hören. Wenn sie sich zu gut dünkten... Zunächst mußte er aus dem Hotel fort. Sammelquartier kam für ihn nicht in Frage. Das Flüchtlingskomitee zahlte für billige Zimmer. In Heidelberg und Göttingen als Student war Zimmersuche eine einfache Sache gewesen. Es gab nette Vermieterinnen und es gab Scheusäler, wahre Hyänen von Zimmervermieterinnen. Man hatte gelernt, die zu unterscheiden; das war nicht besonders schwer gewesen. Aber hier? In den ersten drei Tagen seiner denkwürdigen Zimmersuche sah Bubi Elger die Altstadt und die Neustadt von Prag, die breite Moldau mit ihren schönen, hochgelegenen Parks und Bäumen; er sah die rote Sonne im bräunlichen Herbstnebel und den weißen Mond, den Hradschin von weitem und die häßliche Arbeitervorstadt mit ihren Mietskasernen von nahem. Von der Gattung der Zimmervermieterinnen bekam er nicht ein einziges Exemplar zu sehen. Statt dessen sah er Türen und hörte Menschenstimmen. Seine dreizehn Kronen brauchte er, um ein paarmal in den Automaten am Wenzelsplatz zu essen. Von morgens bis abends hatte er zu Fuß zu laufen, um diese Türen zu sehen und diese Stimmen zu hören. Er bekam langweilige, neugestrichene Türen zu sehen, Fabrikware, aber auch ausgedörrte, morsche, einst zinnoberrot oder leuchtend grün, nun rosig- bläulich78 W f ti te W d n wurmstichig, angefressen von den Jahrhunderten, immer noch feierlich und sogar solide, romanische und gotische Bogentüren von mürbem Graurosa, eiserne Plattentüren, die hallten, wenn er sie berührte, gepolsterte Türen und andere, die windschief in den Angeln hingen und hinter einem klaffenden Spalt den Eisenhaken sehen ließen, der sie schloß; solche mit plumpen Vorhängeschlössern; im Halbdunkel, hinterm Spalt allein gelassene kleine Kinder; Türen auf dunklen Gängen und auf offenen zugigen Galerien, Türen im 6. Stock eines modernen Zementhauses, das erfüllt war vom Lärm von Dutzenden von Büros und noch zehnmal so vielen Schreibmaschinen; Türen im Keller; vereinzelte Türen und Türen, die in Massen auftraten. Alle diese Türen waren nicht zum augenscheinlich zum Verschließen da und Öffnen. Hinter vielen herrschte undurchdringliches Schweigen, aus dem einfachen Grunde, weil die Leute auf Arbeit waren. Manche öffneten sich schlitzartig. Hinter diesen gab es nach Bubis Klopfen oder Klingeln die schon erwähnten Geräusche und Stimmen; vom stillen Gebrumm, Gekeif, Gezeter bis zum wüsten Geschimpfe. Es gab viel Abwechslung. Elger unterschied hohe und tiefe, Frauen-, Männer-, Kinderund Hundestimmen. Da es tschechisch war, verstand er nichts. Nur die Worte Faschist und Njemez kamen fast immer vor. Bubi Elger machte im Flüchtlingskomitee Krach. Weshalb bekam er lauter vergebene Adressen? Unerhört war es! Man hetzte einen Flüchtling, dem man helfen sollte, tagelang herum ohne Sinn und Verstand. ,, So ist es eben", hieß es, ,, die Adressen bekommen mehrere." Immerhin, am nächsten Tag, dem vierten, kam er Türen, die richtig aufgingen. Zimmer, die einigermaßen waren, kosteten ein Weniges mehr als das Flüchtlingskomitee zahlte. Vergeblich versicherte der wohlgekleidete, junge Herr, daß er nur auf Geld warte und bald selber zahlen werde. Die Leute lächelten vieldeutig, und die Türen schlossen sich. Es war, um närrisch zu werden; und im Hotel heizte man nicht, weil er nicht zahlte. 79 Weiter! Die schmale, steilgewundene Steintreppe hinauf. Aus der Hussitenzeit wahrscheinlich. Hier wird es billig sein. Zimmer 14. Die Tür am Ende des Ganges ist nur angelehnt. Sie öffnet sich nach außen und stößt den Besucher bei einem Haar die Treppe wieder hinunter. Bubi Elger kommt in einen Raum, in den das Licht schräg von oben fällt. Der eiserne Küchenherd mitten darin wackelt, als der Besucher die ungastliche Tür hinter sich schließt. Auf einem Schemel hockt eine ältere Frau. Sie hockt vor ein paar Pelargonientöpfen und zwei altersschwachen Petroleumlampen, die, an der Wand aufgereiht, die Möbel zu ersetzen scheinen. Der Junge auf ihrem Schoß schaut teilnahmslos. Sein grau- gelbes Hemdchen reicht ihm knapp über den Nabel. Den Zettel vom Flüchtlingskomitee zu zeigen lohnt nicht; gleich umkehren kann Elger auch nicht. Er wendet die linke Handfläche nach oben: ,, Gdje pokoi?" Das kann er gut tschechisch aussprechen. Die Frau zeigt gelassen auf ein Eisenbett, das seine rostigen und schiefen Beine unter einer roten Wolldecke hervorstreckt. Es ist das einzige Bett im Raum. Die Frau erklärt etwas. Elger, stumm, versteht langsam, sie wird auf den Stühlen an der andern Wand schlafen. Er deutet fragend auf das Kind. Sie, als Antwort, auf ein mißfarbenes Kissen, auf dem ein vor Schmutz grünlich- gelber Terrier schläft. ,, Ach, schauderhaft", entfährt es Elger. Kaum sind die deutschen Worte aus seinem Mund gekommen, als die Frau sich verwandelt. Statt der kleinen Hutzligen steht eine große Hagere da. Bös bricht sie los: ,, Für Ihnen bei mich nicht gut genug. Sie Deitscher. Faschist bei mich nicht wohnen." Elger staunt: sie kann deutsch. ,, Deitsche Leit sein schlechte Leit", schreit sie. ,, Ich hassen Deitsche." Plötzlich küßt sie ihr Kind und wieder zu dem Eindringling gewandt: ,, Nehmen armes Volk Arbeit, nehmen Geld, nehmen Leben von armes tschechisches Volk. Deitscher bei mich nicht schlafen." - Grotesk! Dies schmutzige Weib und das Geschlecht scheint keine Rolle bei ihr zu spielen. Warum lachte er nicht? Nein. Zum Lachen war ihm nicht. Ekelhaft war es. 80 Di lic SC de ei D sa Un H R B Diese gemeine Aussprache. Deitscher, Deitscher! Schrecklich so ein Nationalhaß. Menschenunwürdig. Auf Stühlen schläft sie. Ihm war ganz schlecht. Das nächste Zimmer, das er zu sehen bekam, war am andern Ende der Stadt. Es war eine fensterlose Kammer hinter einer geräumigen Küche, die auf einen Lichtschacht ging. Die gescheuerten Dielen, die ärmliche Einrichtung, alles sah sauber aus, roch aber durchdringend nach Petroleum und Seife. Ein altertümlicher Schrank und zwei ebensolche Holzbetten mit getürmten, karierten Kissen füllten den Raum, der sogar etwas Anheimelndes hatte. Auf dem einen Bett saß ein starker, junger Mann. Er war gerade dabei, Stiefel anzuziehen. Vielleicht nicht uninteressant, dachte Elger. Der einfache, junge Mann gefiel ihm. Eine Weile mit so einem einfachen Menschen das Zimmer zu teilen? Warum nicht? Es zeigte sich indes gleich, daß der Mann nicht ,, einfach" war. Er erklärte in gut tschechischem Deutsch, das andere Bett sei frei, aber nicht für Deutsche. ,, Glauben Sie etwa, daß ich ein Faschist bin?" rief Elger ärgerlich. Der andere junge Mann trat den ersten Stiefel fest. ,, Das eben kann ich nicht wissen", sagte er. Sein dunkles, eckig geschnittenes Tschechengesicht sah von unten herauf den blonden, weichen Blauäugigen an. Er kniff die Augen: ,, Vielleicht sind Sie einer?" ,, Mein Gott, ist das ein Blödsinn!" brach Elger los. ,, Unvernünftig sind die Leute hier in Prag!" ,, So?" Der Tscheche sah mit seinen zusammengekniffenen Augen beharrlich weiter von unten herauf den Fremden an. ,, Sie sehen danach aus", meinte er. ,, Und wenn Sie's nun falsch sehen?" rief Elger scharf. ,, Hören Sie doch erst einmal, was man Ihnen zu sagen hat!" Der Tscheche hob auffallend langsam sein gespaltenes Kinn. Elger nahm sich zusammen: ,, Sie sind doch ein intelligenter, junger Mann", endete er wohlwollend. ,, Raus da, prtsch!" Der Stiefel, den der junge Mann noch nicht anhatte, schwebte in der Luft. ,, Bilden Sie sich ein, 6 Wentscher 81 ein tschechischer Arbeiter läßt sich in seiner eigenen Wohnung eure Kasernenhofmanieren gefallen?" Es war ein schwarzer, geschmierter Röhrenstiefel mit einem derben Absatz. Peter Elger fand es praktisch, sich zwar erhobenen Hauptes und langsam durch die Küchentür zurückzuziehen. ,, Esel", sagte er laut und schlug die Tür hinter sich zu. Grauer Kalk rieselte über seinen Trenchcoat. ,, Herrdumeineslebens", seufzte er laut. Die Leute waren hier wirklich verrückt; konnten alle deutsch, bildeten sich ein, jeder Deutsche sei ein Nazi; ließen einen Deutschen überhaupt nicht zu Worte kommen. Wenn schon! Hol's der Teufel. In solchen Buden konnte ein anständiger Mensch sowieso nicht wohnen. Auch kurze Zeit nicht. Weiß Gott, was da für Wanzen waren! Zur nächsten Adresse fuhr er eine halbe Stunde mit der Straßenbahn. Hier sah's schon besser aus. Fünfstockgebäude aus den 80- er Jahren; Säulen, Balkons, überlebensgroße Karyatiden aus altem, grauem Stuck. Ihre Riesenmuskeln erinnerten freilich stark an Leberwürste. Das Zimmer, drei Treppen hoch, war überraschend. Nichts als Glastüren und Tüllspitzen. Drei große gläserne Flügeltüren nach drei andern Zimmern; alle drei verhängt mit meterlangen, zarten Spitzengardinen. Eine weiẞlackierte Tür führte in den Flur. Kein einziges Fenster. Quer auf dem hellgewichsten Parkett ein hoch getürmtes Riesenbett, in dieselben geblümten, weißen, gesteiften Tüllwogen eingehüllt. Lackierte Tischchen und Stühlchen. Rings an den Wänden, wie Schwalbennester an der Blumentapete klebend, schwanke Mahagonibrettchen mit spitzenporzellanenen Dämchen und Herrchen. Ein Zimmer, groß, blitzsauber, hell, undatembeklemmend. Ein rotwangiges slowakisches Mädchen, fast noch ein Kind, das den Zimmersuchenden hereingeführt hatte, kam mit der Hausfrau. Die übertrieben gepuderte, alte Dame lächelte mit falschen Zähnen Bubi Elger zu und nannte sofort einen auffallend niedrigen Preis. Ob wegen der Glastüren? Das Zimmer hatte auf eine besondere Art 82 e e etwas so ungemein Einladendes; aber dazu drei Glastüren? Bubi grinste etwas hilflos. Als er sich endlich zum Sprechen ermannte, belebte sich das seltsam viereckige, knochige Gesicht der alten Dame unter der Schminke. ,, Das Zimmer ist bereits vergeben", erklärte sie mit gutem deutschen Akzent. ,, Ach?" sagte er ungezogen. ,, Warum geben Sie dann dem Komitee Ihre Adresse, gnädige Frau?" ,, Was für ein Komitee? Ich habe meine Adresse niemandem gegeben. An Deutsche vermiete ich nicht." ,, Ach", wiederholte Elger noch ungezogener. Statt zu sagen, daß er kein Nazi war und daß es sich um eines der Flüchtlingskomitees handelte. ,, Und warum nicht, wenn ich fragen darf?" دو ,, Weil Ihr Hitler ein Abenteurer und Schurke ist, der nur Gewalt kennt. Krieg will er, Krieg und wieder Krieg. Wir Tschechen haben uns nach jahrhundertelanger Unterdrückung durch Deutsche unsern eigenen Staat aufgebaut." Ihre fahlen Wangen wurden zusehends röter. Sie sprach sehr schnell: ,, Ihr faschistischen Banditen fallt in den Hörsälen über unsere tschechische Jugend her eine Jugend, die die deutsche Kultur verehrt hat! wie Hetzhunde über Wild. Sechs über einen. Wir Tschechen wollen Frieden, verstehen Sie das? Frieden! Wir wollen unsere junge Republik aufbaun. Wir hassen Ihren Hitler und seine Blutträume vom Krieg!" - ,, Meinen Hitler?" rief Bubi Elger empört. ,, Wer sagt Ihnen, daß es meiner ist?" Seine Stimme ging steil in die Höhe. ,, Wieso meiner? Mein Hitler! Sehr gut. Ich bin vor Hitler geflohen, damit Sie's nur wissen", rief er erbost. ,, Weil ich mißhandelt worden bin. Jawohl." Die Dame sah den gepflegten, jungen Mann ungläubig an. Bubis Augen blitzten. ,, Von der SA. Wollen Sie es sehen?" In dem Gesicht der Dame malte sich Widerwillen, ja Abscheu. " ,, Wer weiß, woher Sie das haben! Sie möchten mir einreden, daß Sie ein Verfolgter sind?" 6* 83 Bubi Elger öffnete den Mund, um zu antworten. ,, Ich weiß, daß ihr faschistischen Mörderknaben euch als Verfolgte und Opfer aufspielt", fuhr die Dame heftig fort. ,, Gehen Sie. Ich habe mit Ihresgleichen nichts zu schaffen." ,, Allerdings bin ich ein Verfolgter", rief Elger nicht weniger heftig. ,, Ich bin ein Jude. Wissen Sie nicht, daß die Nazis Judenpogrome machen? Mich haben sie in einem SA- Keller“ ,, Schweigen Sie mir von SA- Kellern", unterbrach die Gepuderte empört. ,, Ich weiß genug von euren Mörderhöhlen. Ihr nennt euch national und sozialistisch: ihr seid die Feinde jeder Nation, jeder Zivilisation und Kultur- von Sozialismus gar nicht zu reden; die Feinde jedes Menschenrechts." ,, Gewiß", schrie Elger die Dame war gar nicht übel,- ,, gewiß; Hitler" Weiter kam er nicht. - - ,, Schweigen Sie hier, schweigen Sie in diesem Zimmer von diesem Namen", rief die Dame noch zorniger. ,, Sie ein Jude? Ich sehe es an allem"; sie endete leise und kategorisch: ,, Sie sind ein Nazi. Stehen Sie gefälligst von meinem Stuhl auf, den Sie böswillig zerbrechen wollen." Sie streckte gebieterisch die Hand aus. ,, Verlassen Sie mein Haus." Bubi Elger war blaß geworden. Er ertrug es einfach nicht mehr, immer der Herausgeworfene zu sein. Er blieb sitzen. ,, Gnädige Frau", begann er mit erzwungener Ruhe ,,, Sie sind durchaus, völlig" ,, Verlassen Sie mein Haus", wiederholte die Dame. - ,, Durchaus völlig im Irrtum", schrie Bubi schon wieder kindisch aufgeregt und ganz unglücklich. Er sprang auf: ,, Ich bin ein deutscher Jude, Jude, Jude, trotzdem ich bis vor kurzem von meinem Judentum wenig wußte. Aber Sie, Gnädige, haben mich beschimpft, verhöhnt, beleidigt-" ,, Ich habe Sie gar nicht verhöhnt. Ich sage nur, daß Sie ein Nazi sind." ,, Geschlagen, am Boden gezerrt, verwundet, gefoltert haben sie mich. Hören Sie?" In seiner Erregung packte er die 84 Dame am Arm und schüttelte sie. Sie schleuderte mit überraschender Kraft seine Hand zurück. ,, Ein ruchloser Bube sind Sie. Buben mit solchen schönen, blauen Augen und tadellosem Scheitel und in solchem feinen Sportanzug wie Sie haben meinem Neffen das Gesicht verstümmelt. Weil er ein Tscheche ist. Ein Slawe ist ja für euch kein Mensch." ,, Gnädige Frau", stammelte Bubi Elger ,,, ich bedaure-" Das kleine slowakische Landmädchen stand plötzlich neben ihm und flüsterte: ,, Sie tun mir aber schrecklich leid, junger Herr Jude. Ich haben alles verstanden. Mein gnädige Frau dürfen Sie nicht aufregen so sehr. Mein gnädige Frau ein sehr unglückliche Dame." Die Stimme und Art dieses Mädchens waren so treuherzig, daß Bubi Elger vorübergehend zur Vernunft kam. Auch der Zorn der Tschechin ließ nach: ,, Sei still, dummes Ding", sagte sie ruhiger. ,, Und Sie, gehen Sie endlich." ,, Gleich. Ich gehe. Sofort, gnädige Frau", sagte Elger geschmeidig. Durch diese geölte Höflichkeit, die er nun einmal gelernt hatte, bestärkte er die Dame von neuem in ihrer Meinung, daß er ein Nazi sei. Besonders, da er sich wieder gesetzt hatte. ,, Er setzt sich wieder!" schrie sie. ,, Ich werde so lange hier sitzen, wenn Sie gestatten, bis ich Sie überzeugt habe,“ ,, Ich gestatte nicht." " ,, überzeugt habe- Lassen Sie mich einmal ausreden-: daß ich ein Leidensgefährte Ihres Herrn Neffen bin." Wieder machte Bubi Elger, Dr. phil. und cand. jur., Anstalt diesmal ruhig sein Hemd aufzuknöpfen. Die große Wunde auf der Brust war ziemlich verharscht und sauber mit Dermatolpuder bestreut. - Die Dame wandte sich angeekelt ab. Unter dieser ausdrucksvollen Miene erblühte Bubis Ärger frisch wie eine aufspringende Giftknospe. ,, Bitte, gnädige Frau. Ich falle nicht weiter lästig", sagte 85 er spitzig. ,, Offen gestanden, ich spüre keine Neigung, noch länger zwischen Ihren Glastüren und Spitzendecken zu sitzen." Das starke Kinn der alten Dame zitterte so sehr, daß Elger glaubte, eine Puderwelle auf ihren Busen fallen zu sehen. ,, So frech kann nur ein Nazi sein." Sie sah fast hilflos das slowakische Mädchen an. Der ungeladene Gast verbeugte sich: ,, Sie haben recht", sagte er tief gekränkt. ,, Ich bin ein Nazi. Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens!" Er nahm seine Sportmütze und wandte sich zur Tür. ,, Junger Herr doch Flüchtling, von Flüchtlingskomitee", flüsterte das kleine Landmädchen eifrig. Ihre Dame war auf den Sessel neben dem Spitzenbett gesunken. ,, Wir brauchen doch Mieter, gnä Frau." Das Mädchen rief Elger, der langsam die Treppe hinunterging, etwas nach, was er halb verstand. Er war zu verärgert, um darauf zu hören. Es muß zu Bubi Elgers Schande gesagt werden, daß er aus den so eklatanten Mißerfolgen seiner Zimmersuche keine weisen Schlüsse zu ziehen verstand. Wäre er ein Dichter gewesen, so hätte er das haẞerfüllte hagere Weib, den jungen Arbeiter, der den Stiefel schwang, und die unglückliche Dame, deren geliebtem Neffen faschistische Henkersknechte das Gesicht verstümmelt hatten, als künftige Figuren für einen Roman im zornschweren Herzen verwahrt. Er hätte alle für ihren Haß geliebt. So aber war er ein verzärtelter Junge aus Berlin, der in seinem bisherigen Leben an äußere Mißerfolge ganz und gar nicht gewöhnt war. Er nahm sie dem Schicksal einfach übel. Seine Gedanken über das, was er erlebte, waren logisch und vernünftig, aber die Gefühle, nach denen er handelte, waren die von Mamas einzigem Söhnchen, der alles auf sich bezog. Es wurde nichts aus dem verständigen Vorsatz, eine Elefantenhaut zu haben. In den 86 mit Knoblauch- und Schweinefettdüften gewürzten, krummen Giebelstraßen des alten Prag und in den häßlichen, grauen, graden Straßen der Vorstädte, auf den breiten Absätzen gewundener und in Jahrhunderten ausgetretener Steintreppen, zwischen wäschebehangenen, brüchigen Holzgalerien, wenn aus zahllosen Armeleutetüren neugierige Frauen und alte Männer nach ihm lugten, Tag für Tag eine Haßwelle sich entgegenschlagen zu fühlen, ging über seine Kraft. Er sagte sich umsonst, daß sie nicht ihm, sondern seinen Feinden galt. Sie galt auch dem Gutgekleideten, dem Fremden, empfand er verstimmt; sie galt auch ihm als Deutschem, der er ja nicht mehr sein sollte. Wer war er nun eigentlich? Ihm kam man grob, ihm schlug man die Tür vor der Nase zu, ihn warf man hinaus. So brach er jedesmal schneller los, wenn er aus den allerverschiedensten und oft ganz harmlosen Gründen eine Absage bekam. Er nahm gegen sein goldenes Petschaft als Pfand Adressen aus einem Vermietungsbüro. Es wurde nicht besser. Ein schwerhöriger alter Fotograf brüllte ihn an, warum er nicht tschechisch gelernt hätte. Ein schwarzlockiger Barmusikant, selber Jude, bemitleidete ihn zwar und ließ sich erzählen, aber sein Zimmer hatte er eben vergeben. Ein ungeheuer dicker Angestellter von einer Schließgesellschaft wollte sein gutes Zimmer samt eigenem Bett billig vermieten, mit sich selbst als Tagesbeigabe. Nachts hatte er Dienst. Auch dieser Mensch lehnte Elger als Mieter ab. Er erkannte ihn mittels Schnüfflernase als blonden Juden und erklärte, Juden nähme er nicht; Juden seien eine menschenunwürdige Rasse. Auf diesen Mann wäre Elger fast mit Fäusten losgegangen. Er war aber von der Stiernackensorte, dreimal so stark als er. Nach dieser Niederlage wurde Bubi so verrückt, daß er die nächste Unterhandlung mit einer Wäscherin mit den geistreichen Sätzen einleitete: ,, Tschechisch kann ich nicht. Sie halten mich wohl für einen Nazi? Es gibt auch blonde Juden. Ich bin ein Jude." Als die freundliche Alte, die ein wenig deutsch verstand, 87 erstaunt schwieg, fügte er die wenig beruhigende Erklärung hinzu: ,, Einen Paß habe ich nicht." Sie sah seinen Schein vom Komitee und wollte ihn nehmen. Sie nahm immer deutsche Flüchtlinge, und gegen Juden hatte sie nichts. ,, Vor Gott sind alle Menschen gleich", meinte sie; aber das Bett war in ihrer Schlafstube. Eine zweite Stube hatte sie nicht. Herr Dr. Elger dankte. Am Abend des sechsten Tages hatte er noch immer kein Zimmer. Er beschloß nicht mehr auszugehen, bis das Geld kam. Auch nicht zum Essen. Jedenfalls heute nicht. Alles war ihm bis zum Hals. Er wußte auch schon nicht mehr, wie an der Portierloge vorbeizukommen. Dazu- kam, daß der Gedanke, denen zu Hause, besonders Mama könnte etwas zugestoßen sein, ihn von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht mehr quälte. Er verriegelte das immer kalte Hotelzimmer; schlief unruhiger als je, aber bis in den hellen Tag. - - ein Gegen Mittag stand er vorm Waschtischspiegel, seufzte: ,, Ach, Mamachen, kleines, liebes", und warf mit dem Kamm sein leuchtendes Haar durcheinander. Womöglich sollte er es schwarz färben? Er lachte höhnisch. Er war immer stolz gewesen und Mama erst daß er wie ein Deutscher aussah. Jetzt konnte man sich dessen schämen. Jetzt sollte noch sein Scheitel beweisen, daß er ein Schuft wäre, einer von denen, die Europa in Brand stecken wollten! Er, der Großneffe eines berühmten deutschen Humanisten Mordbube. Unverständlich und ekelhaft war alles. Er warf sich wieder aufs Bett. Die Arme unterm Kopf, verfolgte er stundenlang die schwarzen, bildhaften Risse in Wand und Decke, sann ihnen nach, grübelte. Und er fühlte, wie langsam seine Verstimmung, die Gereiztheit der letzten Tage gleichsam aus ihm verdunstete. War er denn blind gewesen? Dieser Haß überall! Das war doch eine Pracht! Darüber konnte man sich doch freuen. Und er freute sich. Mächtig freute er sich. Ein Gefühl des Triumphes stand in ihm auf. Was hätte er nach jenen Terrortagen in Berlin 88 Erheiternderes, Tröstlicheres erleben können, als gerade diese zugeschlagenen Türen, gereizten Mienen, bösen Worte, die den deutschen Nazi galten, diesen Nationenverhetzern, diesen Verächtern der Menschen- und Völkerwürde. Der Trenchcoat und der schöne Wollsweater, mit denen Bubi Elger sich zugedeckt hatte, glitten zu Boden, so plötzlich hatte er sich aufgesetzt. Es war noch etwas dabei. Dieser Haß war kein gewöhnlicher Haß. In diesem Deutschenhaß der Tschechen war etwas Eigentümliches. Etwas Mürbes und Verzweifeltes haftete ihm an. Sogar die Glastürendame, so aggressiv sie war,- zuletzt war sie auf dem Sessel zusammengeknickt, und das Mädchen hatte ihn zurückrufen wollen. Vielleicht war es ein zu alt gewordener Haß, der sich im Lodern verzehrte, eine Flamme, die nur mehr knisterte, ein letztes Mal aufflammte, um zu erlöschen? Bubi Elger erinnerte sich mühsam, was er von der tschechischen Geschichte wußte. Diese Dame hatte davon gesprochen. Die Habsburger hatten jahrhundertelang die Tschechen und Slowaken unterdrückt. Plötzlich sprang Elger hoch, trampste quer über den Trenchcoat durchs Zimmer, fuhr sich wie ein Verzweifelter mit allen zehn Fingern in die Haare: Liegt er da herum, zerbricht sich den Kopf über so' nen Haß und solchen Haẞ! Und Mama? Was ist mit Mama?! Warum kein Brief? Er zitterte. Quer über seiner Kinderstirn entstanden Falten. Auf einmal betrachtete er interessiert sein Abbild im Waschtischspiegel. Er hatte Haß hervorgerufen. Er, Bubi Elger, der beliebteste Junge vom Corneliusufer. Er hörte wieder das Gezeter in der Dlouhagasse, roch Knoblauch, heißes Schweineschmalz und Sauerkraut, sah die Hagere am kalten Küchenherd vor ihren Pelargonien aufwachsen, den Arbeiter mit dem erhobenen Röhrenstiefel. ,, Falsch", sagte er laut. ,, Das ist kein Haẞ, der nur aufflackert und erstirbt. Solid, eingewurzelt, zuverlässig ist der Tschechenhaß. Bum." Er drehte sich tief befriedigt auf dem Hausschuh herum und hatte für Minuten die Angst wegen Zuhause vergessen. Dieser Haß war etwas 89 völlig Selbstverständliches. Wie Hauch und Atem ging dieser Haß aus und ein, Funktionen, an die ein gesunder Mensch nicht denkt. Herr Gott, hatte er sich hier in Prag dumm und albern aufgeführt. Wirklich maẞlos dumm. Hatte es geklopft? Nein, wieder nichts. - Vielleicht ist so ein überalterter Haß, der jahrhundertelang einem Volk im Blut sitzt, wie der Tschechenhaß träge, langsam vielleicht, aber, wenn der einmal losbricht, dann wehe Hitler! Wehe der Nazibande! Bubi sah sich mit erhobener Faust vor dem Spiegel stehen. ,, Wehe euch, ihr Bluthunde!" schrie er laut. ,, Was mach ich denn?" murmelte er gleich darauf. Er schnitt verzweifelte Grimassen, kratzte sich, vor dem Bett stehend, rund um alle seine Wunden. Dann warf er sich auf den Rücken und schlief schon wieder. Drei oder vier Stunden später erwachte er von einem harten Klopfen. Der Kellner bestellte, vom Flüchtlingskomitee sei angerufen worden, Dr. Peter Elger möchte sofort ins. Grand- Hotel am Wenzelsplatz kommen. Mama war mit sechs Rohrplatten- und fünf Kalblederkoffern eingetroffen. Etwas angegriffen ausschauend und unausgeruht, aber reizend wie immer, sprang sie von einem runden Tisch auf, auf dem zwei Gedecke zum Diner aufgelegt waren. Sie lief dem wiedergefundenen Sohn fast stürmisch entgegen. Als sie seine lange Gestalt umfing und ihr duftendes Haupt gegen seine Brust drückte, schrie er auf. Sie erschrak. Sie fragte. Er riß mit einem Griff Jackett und Hemd auf und zeigte. Sie zog hastig beide Kleidungsstücke herunter, und nun schrie sie. ,, Die SA. Also doch! Diese Mörder! Du warst im SA- Keller!" Immer redend, die Augen voller Tränen, mit zitternden Fingern tastete die Mutter die noch übel aussehenden Wunden ab. Bubi Elger hielt ganz still, wie ein Kaninchen, das man streichelt. ,, Diese Schurken, diese Feiglinge! Pfui, pfui! Aber du? Wie kannst du nur so herumlaufen, Kind? Unverbunden! Blutvergiftung kannst du bekommen. So ein Irrsinn! Zieh dich an. Vorsichtig, Bubi, vorsichtig." 90 3 Sie stürzte zum Schreibtisch und blätterte im Telefonbuch. „Große Kliniken muß es doch geben. Gott sei Dank, Gott sei Dank, daß du nicht mehr allein bist. So ein Kind, so ein unvernünftiges Kind!“ Ihre Stimme war kindlich, fast kindisch. „Du bemerkst natürlich nicht, daß ich sehr gut mit anti- septischem Puder behandelt habe“, sagte Bubi beleidigt. „Ein Wunder, ja, daß du nicht an Blutvergiftung gestorben bist!“ rief Mama.„Mein Gott, mein Gott, diese Schufte.“ Nachdem Mama einen berühmten Professor angerufen hatte, wurde sie ruhiger. Sie lautete. „Mamachen, von allern viel“, sagte Bubi. Er warf einen prüfenden Blick auf das Menü.„Alles“, sagte er, als der Kellner mit der Serviette erschien, und reckte lustig das Kinn.„Und dann dasselbe noch einmal.“ Der Kellner verzog keine Miene. „Ein Wunder, wie ich fortgekommen bin“, fing Mama an, nachdem er gegangen war.„Sie haben sich bezahlt gemacht. Den großen Perlenschmuck von der Urgroßmama—“ „Was?“ schrie Bubi auf,„den großen?“ „Sie haben die Kassette eingesteckt, als wenn’s eine Schachtel Streichhölzer wäre. Diese Mörder! Diese Diebe!“ Ihre großen Augen sprühten Funken. Bubi sah bestürzt zu Boden. „Wir werden auch so weiterleben‘‘, sagte Mama.„Aber die Unglücklichen, die nicht heraus können aus Deutschland. Hast du gehört— zuerst nimmt man ihnen die Existenz und das Geld, dann den Paß; und dann wird die Ausreise verweigert. Die ganz Armen gar— gehetzt wie unreine Tiere.“ Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. Sie weinte. Sie weinte lange und heftig.\ „Mama, Mamachen.“ Bubi sah sie grübelnd an. Ihre Tränen taten ihm wohl. Die Frauen hatten es gut. Sie weinten. „Vernichtete Opfer“, stöhnte Mama und putzte ein über das andere Mal die Nase. Bubi hatte seinen Schlips fertig g9I gebunden.„Ja“, sagte er, und sein Mund zog sich wehmütig schief,„und wir— wir andern fahren nach New York— oder, wohin denkst da— wollen wir?“. „Dazu sind keine Gesichter zu schneiden“, fuhr Mama empfindlich hoch.„Entsetzlich genug, daß Hunderttausende nicht fliehen können.‘ Damals konnte sie noch nicht ahnen, daß es sechs Millionen sein würden.„Ist das ein Grund für uns, sich freiwillig versklaven, sterilisieren, hinschlachten zu lassen?“ „Hitler ist ein Ungeheuer“, schrie Bubi Elger.„Das sage ich dir, Mama, der Faschismus bleibt nicht. Das ist eine Pest in Europa, eine stinkende Krankheit.“ Er hatte ein großes, silbernes Messer vom Tisch ergriffen und stach da- mit in die Luft. Mama schrie auf:„Was fällt dir ein? Bubi! Laß das.“ „Eine scheußliche Krankheit“, schrie er noch lauter. „Schrei nicht so“, rief Mama.„Leg das Messer hin.“ „Sie geht vorüber wie jede Seuche; freilich nicht von selbst.“ Er warf das Messer lässig auf den Tisch.„Ich habe hier viel mit Arbeitern politisiert. In der Emigrantenküche.“ Er setzte sich und sprang sofort wieder auf, plötzlich heftig errötet.„Haß gibt es, Mama, Haß gegen die Nazis, wenn du “ wüßtest. Was ich hier für Haßaugen gesehen habe. Wut- augen wie Teetassen, Mama. Blitzende, gekniffene, heraus- gequollene Augen. Mama, ganze Kaffeekannen, Suppen- schüsseln, ganze Waschbütten voll Haß, Kammern und Glas- kästen, Häuser und Straßen voller Haß— die Moldau, Mama, ach, die Moldau am Abend ist schön. Dunkelblau mit Glitzern wie böse Augen. Fluten voll Haß— ein Meer. Ach, daß die Nazis Deutsche sein müssen!“ Der Kellner war unbemerkt mit der zugedeckten Suppen- schüssel hereingekommen. Die Flüchtlinge setzten sich zu Tisch. Bubi erzählte seiner Mama, was er in fünf Tagen in Prag erlebt hatte, DIE SCHULE DER GRAUSAMKEIT Das einzige Ergebnis des Verhörs hinter gepolsterten Ledertüren war die Veränderung, die mit dem Verhörten vorgegangen war. Diese war freilich bemerkenswert. Ein muskulöser, dunkeläugiger Arbeiter von etwa fünfundzwanzig Jahren war vor fünf Stunden aufrecht eingetreten. Edwin Steeger und Hans Warnke, beide siebzehnjährig, beide zum erstenmal der ,, Ehre" teilhaftig, bei einem ,, Verhör" mitzuwirken, hatten unbewußt ein unsympathisches Opfer erwartet. Jetzt lag der nackte Körper des Starrsinnigen, der kein Wort gesprochen hatte, bis zur Unkenntlichkeit verschwollen, schwarzblau gefleckt, blutüberströmt und ohnmächtig in einer Lache von Blut und Schmutz vor ihnen auf den Steinfliesen. Schwer verärgert sah Kommandant Klemm, ein nicht mehr junger, hünenhafter Mensch, den Kommissar an, und dann auf das leer gebliebene Protokoll. Die Schmarre, die seinen Mund ein wenig schief zog, saß wie ein weißgelber Wurm auf seinem geröteten Gesicht. Sein ausholender Blick traf die beiden Jungen. ,, Schluß also", sagte er heiser. ,, Hat' n bißchen viel gekriegt." Er wandte sich ab, zog ein großes seidenes Taschentuch aus der Brusttasche und wischte sich den perlenden Schweiß von der breiten Stirn, um den Mund herum und vom Nacken. Nachdem er sich noch geräuschvoll die Nase geputzt und das Tuch wieder weggesteckt hatte, versetzte er dem Opfer mit dem Stiefel einen letzten Tritt gegen die linke Schulter, die durch einen Zufall unverletzt geblieben war. Die runde, kräftige Wölbung des Oberarms ragte wie marmorn aus dem beschmutzten, zerfetzten Fleisch. 93 Die beiden Hitlerjungen, nach fünf Stunden wütender, glühender Anstrengung plötzlich entspannt, standen jetzt nicht mehr hochrot, sondern käseweiß und schwitzend gegen die Wand gelehnt wie zwei Puppensoldaten. Die Stahlruten hingen schlaff in ihren Händen. Gläsern, stier starrten sie zu Boden, auf ihr Werk. Der wachsgelbe Kopf des Bewußtlosen war von dem Stoẞ des Stiefels einmal hin- und hergerollt. Das linke Auge hatte sich eine Sekunde geöffnet, die blauverschwollenen Lippen zeigten einen Spalt. Ein dünnes Rinnsal Blut sickerte aus dem andern hochgeschwollenen Auge und aus dem Mund in die Pfütze. Klemm bemerkte das Glotzen der Grünlinge. ,, Na, ihr", er klopfte erst dem Dunklen, dann dem Blonden leutselig auf die Schulter. ,, Habt euch tapfer gehalten, Bengels. Nationalsozialisten sind keine Schmachtengel, was?" Steeger und Warnke schlugen die Hacken zusammen. Sie freuten sich. Dieses Lob hatten sie sich nicht leicht verdient. Aber der Gestank in dem kahlen Raum, diese undefinierbare Mischung von menschlichem Unrat, Leder, Blut und Schnaps war fürchterlich. ,, Seid heute dienstfrei", wandte sich der Vorgesetzte an die anwesenden SA- Leute. Mit einem Ausdruck der Erschöpfung goß er das letzte gefüllte Glas Bier herunter, das neben einer Batterie geleerter Bier- und Schnapsgläser auf einem Ecktisch stand. دو , Ihr auch", sagte Klemm freundlich zu den Jungen. ,, Aber ohne Ausgang; und getrunken wird nichts mehr, verstanden?" Er wußte, daß diese Siebzehnjährigen auch so bis morgen, wie von Steinen erschlagen, schlafen würden. ,, Nicht schlecht für den Anfang", meinte er, als die Jungens automatenhaft grüßend abgetreten waren. In Wirklichkeit hatte die Haltung der beiden, wie sie da zuletzt an der Wand gestanden und geglotzt hatten, Klemm sehr miẞfallen. Müßte sich, dachte er, in den nächsten Tagen wer um die Bengels kümmern. Dieser Edwin Steeger verkehrte in Berlin bei ihm zu Hause. Der Vater hatte schon seit 1927 großzügig 94 für die Bewegung gegeben. Schien der Bengel hier gleich einen Freund gefunden zu haben. Gefühlsduseleien konnte man im Lager nicht brauchen. Keinesfalls war es gut, die beiden Jungen zusammen zu verwenden. Seine kleine Tochter Gerda ließ alle Spielsachen liegen, wenn dieser Edwin ins Zimmer kam. Verflucht, wenn der hier schlappmachte, sollte ihn trotzdem der Deubel holen. Tag und Nacht gab es jetzt diese Verhöre. Schließlich war man im ersten Monat der Machtergreifung. Wirklich keine Zeit, sich um Einzelheiten zu kümmern. Die beiden Jungen schliefen, wie Klemm es vorausgesehen hatte, vom Nachmittag an ohne Unterbrechung. Obgleich es mit dem üblichen Lärm und Geschimpfe vor sich ging, merkten sie von dem Zubettgehen ihrer Kameraden in der Baracke nicht das geringste. Mitten in der Nacht erwachte Hans Warnke. Der Mond schien ihm durchs offene Fenster gerade ins Gesicht. Groß wie eine Sonne im Nebel stand er neben einer hohen dünnen Pappel. Die Augen fielen Hans Warnke wieder zu. Was war das für ein gelber Mond? Was war das für eine Pappel? Wo war er bloß? Ihm war, als ob ein kalter, nasser Sandsack auf ihm läge. Das Herz war fort aus der Brust, und über der rechten Schläfe tuckte es unaufhörlich. Jetzt hörte, er unten gleichmäßige Schritte. Hans Warnke riß gewaltsam die Augen auf. Auf der Pritsche neben ihm lag Edwin Steegers eingerollte Gestalt. Warnkes schlaftrunkene Blicke tasteten im Halbdunkel des Schlafsaals herum. Die Fußtritte, das war die Wache am Bunker. Und die Pappel war doch dieser einzige Baum im Hof, wo die Gefangenen... Weiter kamen seine Gedanken nicht. Er drehte sich schwer auf den Bauch herum, drückte das Gesicht in das kleine harte Kissen. Nein, er wollte nicht denken. An gar nichts. Aber im Kissen war der Traum hängengeblieben: Er war 95 mit dem andern Kohlenjungen eben vom Güterbahnhof zurück und sie waren jetzt beim Aufschichten der Briketts und Halbstücke. Die hintere Wand war schon voll. Sein Vater stand am Pult bei der Tür, sah die Rechnungen durch und seufzte. So deutlich hatte er den Vater gesehen. Die abgescheuerte schwarze Jacke, seine hochgezogene rechte Schulter, den schweren Nacken und gegen das Licht seinen großen, runden, etwas strubbligen Kopf. Gut war der Vater. Jähzornige sind meistens gute Menschen. Das sagte Vater immer selbst, und dann lachte er. So nett konnte Vater lachen. Auf einmal war die Kellertür aufgegangen. Aber es war gar nicht die alte morsche Plankentür mit den angekreideten Kundenschulden. Sie war blank, schwarz gepolstert, aus Leder, und davor stand der Kommandant in Lederweste und schneeweißen Hemdsärmeln mit Armbändern. Er brüllte: Wer sind die andern? Die Namen!' Vater hatte sein Gewerkschaftsbuch vom Pult genommen. Er hob es in die Höhe, wie der Pastor bei der Einsegnung die Bibel. Im selben Augenblick stürzte mit Krachen die ganze Brikettwand ein. Aus der Hinterkammer kam Mutters scharfe Stimme:, Mann, Mann, mach' doch bloß jetzt keine Sachen nicht!' Und dann war das Gräßliche gewesen. Über Vaters unrașiertes Kinn, aus beiden Mundwinkeln waren kleine Rinnsale Blut geflossen, erst langsam, dann immer schneller, immer mehr. Hans Warnke sah sich entsetzt nach dem andern Jungen um: So ein Rinnsal Blut lief auch ihm über das Kinn, den schwarzen Hals. Hans wollte schreien, Hilfe rufen. Er riẞ den Mund auf, kein Laut kam heraus... Ach, na ja, so ein Alpdrucktraum. Hans Warnke schüttelte sich, wälzte sich herum, setzte sich schließlich auf. Sein semmelblondes Haar stand nach allen Seiten von seinem gutmütigen, runden Gesicht ab. Er sah hinaus. Der Mond war nicht mehr gelb; klein und weiß schwebte er genau über der Pappel. Nichts zu hören als das Flüstern des Baums, der Schritt der Wache und das Atmen der Schlafenden. 96 S Trocken aufschluchzend warf sich Hans Warnke die harte Wolldecke über den Kopf. Ja, er sehnte sich nach Vater und Mutter wie ein kleines Kind, er sehnte sich nach dem ab- scheulichen Kohlenkeller. Es war eine Affenschande. Ein Glück, daß die hier die Träume nicht auch kontrollieren konnten. Nie wär’ er hier angekommen, wenn ein Mensch ahnte, daß sein Alter Sozialdemokrat gewesen war. Wenn die ahnten, wie Vater beim Abschied gesagt hatte: ‚Du bist mein Sohn nicht mehr.‘ Er selber hatte geweint, verdammt noch mal, und Mutter erst. Leise stöhnend kroch Hans Warnke tiefer unter die Decke. Wenige Sekunden später schlief er wieder und träumte noch einmal denselben Traum. Die Briketts stürzten, und er er- wachte in kaltem Schweiß. Er fuhr unter seiner Decke her- vor, streckte beide Arme hinüber zur Nebenpritsche. Er schüttelte Edwin Steeger ein-, zwei-, dreimal bei den Schul- tern. Der Gerüttelte blieb liegen, als hätte er nichts verspürt. Seine vollen, hellroten Lippen hingen und zeigten die regel- mäßigen weißen Zähne des Unterkiefers. Plötzlich lief sein bleiches, ovales Gesicht rot an. Der sehnige Körper reckte sich einmal scharf. Edwin Steeger schlug die Augen groß auf und fing sofort an zu flüstern, als hätte er überhaupt nicht geschlafen:„Wenn der nicht gefesselt gewesen wäre, Hans, der war stärker als drei von uns— vielleicht so- gar vier.“ „Ich wollte gestern abend so gern mit dir sprechen, aber ich glaube, wir sind beide gleich eingeschlafen“, erwiderte der andere. „Sprich leise‘, mahnte Edwin Steeger und beugte sich ganz zu dem Freund hinüber.„Bei uns zu Hause, als ich noch klein war, in der Bar war mal’n Mensch,’r feiner Rechts- anwalt aus dem Westen, reich, elegant, dabei ein baumstarker Kerl. Hatte die ganze Nacht durch gesoffen. Am Morgen wollte der die ganze Bude zertrümmern, weil seine Brief- tasche fort war. Es war so ein wilder Lärm, daß keiner be- merkt hatte, daß ich im Hemde herausgekommen war und 7 WVentscher 97 zitternd zusah, wie mein Vater und alle drei Kellner mit dem Tobenden rangen. Es dauerte lange, bis sie ihn am Boden hatten. Dann haben sie ihn gebunden.“ Edwin Steeger schwieg, legte sich auf den Rand seiner Pritsche zurück und schloß die Augen.„Da waren auch vier gegen einen“, flüsterte er kaum hörbar. Sein Mund hing schief. „Vier?“ fragte Hans Warnke dumm.„Wieso vier?“ „Eben— vier. Dieser Arbeiter hat uns verachtet‘‘, flüsterte Edwin Steeger und sah dem Freund wild ins erschrockene Gesicht.„Hast du seinen Blick gesehen?“ Hans Warnkes Augen antworteten: ja. Er hatte den Blick so gefühlt, daß er fürchtete, ihn nie mehr zu vergessen. „Jetzt hast du zwar’ne verschlafene, aber doch normale Visage“, flüsterte Edwin Steeger erbittert.„Aber gestern hast du genau so eine rohe, schwitzende, verzerrte Fratze gehabt wie——— „Wie?“ Hans Warnke fragte laut und heiser. Er vergaß zu flüstern. „Wie— nun wie wir alle, mich miteinbegriffen wahr- scheinlich. Aber der— der, mein Lieber, hatte ein Gesicht, ein Menschengesicht, ein——— Edwin Steegers Lippen zuckten schmerzlich.: „Du bist ja ganz verrückt“, flüsterte Hans Warnke.„Ich hab’ zwar auch’nen komischen Traum gehabt; aber des- “ wegen— Edwin Steeger schnitt eine Grimasse. „Natürlich ist so ein Kommunist—“ fing Hans Warnke hilflos an. „Halt’s Maul“, zischte Steeger,„wenn du je in deinem Leben ein Wort von dem wiederholst, was wir eben gespro- chen haben, erschlag ich dich!“ „Edwin“, sagte der Blonde leise, er schämte sich—„Wir sind doch Freunde, Edwin.“ „Quatsch nicht! Schluß! Laß uns noch’n paar Stunden schlafen. Morgen, wenn’s hell ist, ist alles anders.“ Am andern Morgen war wirklich alles anders. Edwin 98 Steeger, der als Schweiger galt und als solcher von den übrigen scheel angesehen wurde, floß über von Beredsamkeit; plötzlich zeigte sich, daß er glänzend verstand, Witze zu erzählen. Und eine interessante Sorte, anders als Hans Warnkes harmlose Jungenscherze, die auf einmal allen Glanz verloren. Seinen Freund Warnke schien Steeger überhaupt nicht zu bemerken. Hatten die beiden sich verkracht? Hans Warnke war auffallend gedrückt und still. Edwin Steeger hatte sich entschlossen, dem andern fürs erste auszuweichen. Der Junge war zu weich. Schließlich konnte man einer Freundschaft wegen seine Zukunft nicht gefährden. Verflucht dummes Zeug hatte er selbst in der Nacht, in der ersten Aufregung des neuen Dienstes geredet. - - Steeger hatte es sich schwierig gedacht, dem Freund aus dem Wege zu gehen. Es zeigte sich aber, daß es ganz leicht ging. Sie hatten unheimlich viel Dienst. Abends konnte man sich schlafend stellen, sowie man aufs Bett fiel, und bald schlief man wirklich. Als eine Woche vorüber war, hatten beide Burschen so ziemlich ihr Gleichgewicht wieder. Das Verhör schien wie nicht gewesen. Als nach geraumer Zeit beide und wieder zusammen ein besonderes Kommando bekamen, freuten sie sich sogar. Nur so gehörte man zu denen, die Hoffnung auf Karriere hatten. Hans Warnke merkte aus versteckten Andeutungen in seiner Mutter Briefen, daß das Geschäft schlecht ging; er wollte dem Alten nicht wieder vor Augen kommen, bis er selbständig war. Dazu gehörte vor allem, daß er hier genügte. Edwin Steegers Gleichgültigkeit gegen ihn kränkte ihn schwer. Von Tag zu Tag hoffte er, des Abends sich mit ihm aussprechen zu können. Noch dazu hatte er jetzt mehrmals um nichts und wieder nichts Krach mit ihm bekommen. Einmal war es ein vertauschter Schaftstiefel, dessentwegen sie zwei Tage nicht einmal die gleichgültigen Worte des Alltags miteinander wechselten. Gestern hatte der andere gar behauptet, Hans Warnke habe ihn mit dem Gewehrkolben absichtlich vor die Brust gestoßen. Ja, wußte denn der verrückte Junge nicht, 7* 99 wie er danach brannte, sich mit ihm zu verständigen über alles, alles, was es überhaupt in den Welt gab, wie früher? So wie sonst? Hans Warnke kam fünf, vielleicht waren es auch sieben Minuten später in die Schlafbaracke als die andern. Bums, da lag Steeger schon wieder in seine graue Decke gewickelt, den dunklen Schopf tief nach unten hängend. Nichts war vom Gesicht zu sehen. Schlief er wirklich? Hans Warnke beteiligte sich mit Nachdruck an den lauten Unterhaltungen der übrigen beim Zubettgehen. Edwin Steeger rührte sich nicht. Eine halbe Stunde später, als schon alle schliefen, stand Hans Warnke leise auf und ging wie zufällig um die Pritsche des früheren Freundes herum, so, als wolle er nach der Uhr sehen. Edwin Steegers Gesicht lag offen nach oben gekehrt; im Halbdunkel der spärlichen Nachtbeleuchtung erschien es dem Beschauer. klüger und schöner als je. Er kämpfte mit sich: gar zu gern hätte er ihn geweckt. Ein nervöses Zucken lief über die vollen, hellroten Lippen des Schlafenden. Hans Warnke erinnerte sich schmerzhaft der scharfen und fast verächtlichen Worte, die gestern bei dem blödsinnigen Streit über diese Lippen gekommen waren. Seufzend schlich er auf sein Lager zurück. Er spuckte wütend in weitem Bogen über das Fußende seiner Pritsche— brummte vor sich hin. Nach einer Weile ging dies Gebrumm in ein vernehmliches Marsch- lied über. Aus mehreren Betten fuhren Köpfe hoch und fragten:„Ist hier wer verrückt geworden?“ „Wer hat die Frechheit, hier zu singen?“ fragte auch Hans Warnke mit verschlafener Stimme. Steeger war nicht unter denen, die aufgewacht waren. Jetzt wußte Hans Warnke Bescheid. Steeger pflegte vom kleinsten Geräusch zu erwachen. Der fürchtete sich einfach, mit ihm zu sprechen. Nun, Hans Warnke fürchtete sich nicht. Fast vergnügt schlief er ein. BRETTEN K Te Eines Abends standen sie zufällig nebeneinander am Flur- fenster. Der Hof mit seinen trostlosen, häßlichen Bretter- zäunen lag leer und lautlos da unten vor ihnen im Dunkel. Vom Bunker drang gedämpftes Sprechen herüber. Niemand war auf der trüben, nebligen Fläche zu sehen, deren Anblick nichts als widrige und scheußliche Vorstellungen auslöste. Soviel sich auch die SA-Leute, besonders die Älteren be- mühten, dem Dienst bei den Gefangenen, der hauptsächlich tagsüber da unten ausgeübt wurde, einen für die Mannschaft lustigen, selbst übermütigen Anstrich zu geben, so als ob das Ganze dieser methodischen Menschenschinderei ein unge- keurer und dabei nützlicher Spaß wäre— das Gefühl der Jungen. war noch nicht ganz verdorben: von seelischer und körperlicher Qual verzerrte Mienen, die täglichen Zusammen- brüche des einen oder andern Lagergefangenen, der ihnen unwillkürlich Achtung abgezwungen hatte, Ohnmächte, Blut und Eiter, das alles erschien ihnen im besten Falle eine häß- liche Notwendigkeit. Am besten, man dachte nicht darüber nach. „Wenn nur endlich mal der Krieg mit Rußland ausbräche‘“, murmelte Hans Warnke verdrossen.„Dann kämen wir in ““ ein richtiges Leben— „Oder wenigstens der mit Fran Steeger.„Mensch, im Krieg, das wird'n andres Dasein.“ Die Stimmen vom Bunker waren verstummt. Zwischen einer kleinen Geleitmannschaft wurde ein Zinksarg über den Hof getragen. Die Kolonne ging auffallend rasch, ohne Ge- räusch, ohne Worte. Der letzte Mann sah sich mehrmals nach m: dabei stolperte er und fiel fast, so zerrten die Nebel außer kreich“, meinte Edwin kinten u vorderen. Nach wenigen Minuten wären sie im Sicht. „Weißt du, wer das ist in dem Zinksarg Warnke leise.„Ich hab noch nie so ein Ding schon?“ Steeger schwieg. „Unser Erster“, sagte Hans Hand die Bewegung des Erhängens. ?“ fragte Hans gesehen. Du Warnke und machte mit der „Der, dem du das I0I Auge" Mittendrin schnappte seine erhobene Rechte ab, und er tat so, als hätte er eine Fliege fangen wollen. ,, Heut' nacht im Bunker", fügte er zögernd und noch leiser hinzu. ,, Die Wache hat es mir gesagt." ,, So?" Steeger war hochgefahren. Er tippte wütend mit dem Zeigefinger gegen seine Stirn. ,, Und das glaubst du?" zischte er ganz nahe an des anderen Gesicht. Er hatte seine ganze Zurückhaltung vergessen. ,, Dieser Mensch mit seiner eisernen Energie? Der und sich erhängen? Idiot, der du bist!" - Hans Warnke war langsam über und über errötet. Er zuckte die Achseln. ,, Alle sagen es." ,, Wenn es alle sagen, dann könntest du schon wissen, daß was anderes dahinter ist." " , Was denn, Edwin?" Hans Warnke fühlte in diesem Augenblick nur, daß der Freund mit ihm sprach wie früher. Er sah ihn fast lachend an; und Steeger erwiderte seinen Blick. ,, Er ist geflohen, Junge, Dienstag nacht. Deswegen waren doch die aus Berlin hier. Uns, Kleine' haben sie schlafen geschickt, damit wir nichts merken. Ich habe aber die Scheinwerfer gesehen in der Nacht und den Alarm gehört. Du weißt doch, daß ich so einen verdammt leichten Schlaf habe." ,, Der? Geflohen? Der war doch ganz kaputtgeschlagen und einäugig!" sagte Hans Warnke ungläubig. ,, Dann hast du wohl auch geglaubt, daß Müller und Linke ohne Abschied von uns fort und versetzt sind, was?" ,, Sind sie das denn nicht?" Hans Warnke brachte das zwischen den Zähnen hervor. Alle hatten diese Übung, zwischen den Zähnen so leise zu sprechen, daß es nur in allernächster Nähe hörbar war. ,, Nicht versetzt?" ,, Doch, sogar enorm", meinte Steeger. ,, Wenn du durch Zinkwände gucken könntest, und wenn es auf dem Hof nicht so duster wäre, denn hättest du sie eben beide gesehen." Hans Warnkes blaue Augen wurden ganz schwarz. ,, Haben sie dem unserm Ersten geholfen?" - 102 ,, Weiß ich nicht. Aber sie hatten die äußere Torwache, und wer muß doch schuld sein." Steeger trat vom Fenster zurück. ,, Wie kann man so leichtgläubig sein", sagte er ziemlich laut. Ein kleiner Trupp SA- Leute kam die schmale Treppe heraufgepoltert. Edwin Steeger rief den aus der Kantine Kommenden ein Hallo zu und ging, den Arm um die Schulter des Stubenältesten gelegt, mit ihnen weiter. Aber zwei Tage später, beim Kleiderputzen, stand Steeger wieder zufällig neben Hans Warnke. Der putzte und bürstete mit noch nicht dagewesenem Eifer. Er hatte die Lippen fest zugekniffen. Er fing nicht an. Danke schön. Wieder so stehnbleiben, er nicht. Da konnte Edwin lange warten. ,, Wir könnten eigentlich Sonntag zusammen um Urlaub einkommen", meinte Edwin Steeger auf einmal mit einer Stimme, als ob gar nichts los gewesen wäre. ,, Was meinst du, Warnke?" ,, Kannst zu mir ja neuerdings Warnke sagen, wenn du das gut findest; aber Sonntag, warum nicht? Kann man machen, Steeger." Hans Warnke fuhr auf einem längst sauberen Ärmel herum., Ist doch ein goldener Bengel, der Hans', dachte Steeger. Himmelherrgott, er wollte endlich mal wieder mit einem Menschen darüber reden, was er dachte, und nicht immer bloß quatschen, was befohlen war zu sagen. - ,, Warnke, was?" ,, Gut, reichen wir also ein", er lachte Es zuckte übermütig um seinen hellroten, eigentümlich unregelmäßigen Mund. ,, Was, Hans?" - ,, Junge, und dann frei von der Leber geredet, das wird ein Sonntag! Nach zwei Monaten der erste Feiertag!" schrie Hans Warnke und ließ die Bürste fallen. Sein semmelblonder Haarschopf tanzte. ,, Du hast deine Bürste fallen lassen", sagte Edwin mit plötzlich veränderter Stimme. Gleich darauf stieß er einen leisen Schmerzlaut aus. Er hatte sich die Jacke so heftig über die Schulter geworfen, daß einer der Monturknöpfe ihn an der Schläfe verletzt hatte. Mit einem hochmütigen Ge103 sicht zog er das Kleidungsstück tiefer über die Achsel: ,, Ach, ich kann ja diesen Sonntag gar nicht", meinte er langsam im Fortgehen ,,, ich hab ja versprochen, dem langen Eff im Schach Revanche zu geben. Der lange Eff war der Stubenälteste; andere Vorzüge hatte er nicht. , Er fürchtet, daß ich nicht dicht halte, daß ich leichtsinnig bin', wußte Hans Warnke., Hat keinen Mut zur Freundschaft, der Arme!' Er hätte vor Enttäuschung frischweg heulen können.. Gut, Edwin konnte ihm leid tun. Aber was half das? Er blieb allein. ,, Entschuldige, Hans", sagte Edwin Steeger. Er kam wahrhaftig noch einmal zurück, um dem Freund die Hand zu geben. ,, Ich hatte wirklich die Schachpartie vergessen. Ein andermal." Gleich darauf hörte Hans Warnke im Schlafsaal aus dem Höllenlärm, den die Kameraden dort vollführten, Steegers Stimme heraus: er gab einen Witz zum besten. Das Verrückteste war, daß der sich wirklich einbildete, er hätte Revanche versprochen. Zufällig wußte Hans Warnke, daß Eff diesen Sonntag Dienst hatte. Inzwischen gab es fast täglich Verhöre. Eine neue, große Baracke war in zwei Tagen fertig geworden, und schon waren zweihundertfünfzig Gefangene da, die ,, bearbeitet" werden mußten. Man hatte keine Zeit mehr, über Freundschaft und dergleichen nachzudenken. Der Dienst ging fast über die Kräfte. Steeger tat sich durch besonderen Eifer hervor. Bei den Exekutionen war er bald der Grausamste. Eine sinnlose Wut erfaßte ihn, wenn er neben zwei andern sich Hans Warnke gegenübersah, der mit hochrotem Kopf, über dem der semmelblonde Schopf hüpfte, Nase, Mund und Falten um die Augen krausgezogen, auf einen Gebundenen einschlug. Edwin Steeger selber traf unbarmherzig. Nicht etwa, daß die Strafwürdigkeit dieser Menschen, die verhört wurden, ihm besonders eingeleuchtet hätte. Seiner Meinung nach waren es entweder Leute, die gar keine Ahnung hatten, worum es ging, oder es waren überzeugte Menschen, die 104 eben eine andere Gesinnung hatten. Edwin Steeger glaubte an den Sieg einer Idee. Was sie hier taten, hieß das nicht nur, Märtyrer zu machen und so der feindlichen Idee zu helfen? Wenn auch in ferner Zukunft? Dieses Henkeramt ekelte ihn. Grausam machte ihn seine Zwangslage. Grausam sein hieß es, damit niemand seine Zweifel ahnte. Zweifel waren Hochverrat. Unversehens, wie in jeder Zwangslage, hatte sich schon bei jenem ersten Verhör ein Hilfsmittel eingestellt. Edwin Steeger brauchte es später bewußt, indem er seine Phantasien, die ungerufen kamen, anfeuerte. Er hatte plötzlich geglaubt, statt der ihm unbekannten, ihm verhaßte Menschen vor sich zu haben: den Lehrer etwa, der ihn in der Schule seinerzeit ungerecht beschuldigt hatte, ein Taschenmesser gestohlen zu haben; den unnahbaren Direktor, der ihn, einen Vierzehnjährigen deshalb von der Schule gejagt hatte; oder den Kommandanten Klemm, den er als Junge so heiß verehrt, in dem er heimlich Hermann, den Cherusker, angebetet hatte. Manchmal schlug er in Gedanken sogar Hans Warnke; oder eigentlich war es mehr das Schicksal, das ihm keinen Freund ließ. Er tobte, weil er allein war, ganz allein. Diese Phantasien machten ihn oft rasend vor Leidenschaft. Körperlich und noch mehr seelisch tödlich ermattet, fiel er an solchen Abenden auf die Pritsche. Er verstellte sich längst nicht mehr. Aus Ekel am Wachsein schlief er sofort ein. Mit wem hätte er reden sollen? Mit wem konnte er etwas gemein haben? Er verachtete die andern, die sich, mit Erlaubnis natürlich, vor den Verhören schwer betranken. Hans Warnke tat das auch. Seine Phantasie, das fühlte Edwin Steeger wohl, war ein böseres Gift, aber er verschmähte es als menschenunwürdig, unter tierischer Betäubung tierisch zu handeln. Das Beste auf der Welt war Schlaf. Manchmal tat er sich so leid, daß er hätte heulen können wie ein kleines Kind. Etwas bäumte sich in ihm auf. Widerlich schreien hätte er mögen, sich nur einmal Luft machen, brüllen, wie die Schakale im Zoologi105 schen Garten. War denn das ein Leben für einen Jungen wie er? War er denn nicht erst siebzehn? - Ein Sonntagmorgen kam, es war ein sonniger, kalter Aprilmorgen, an dem die Pappel vor dem Bunker den ganzen Tag keinen ruhigen Augenblick hatte, so ging der Frühlingswind von diesem Sonntag an schien für Edwin Steeger ein neues Leben zu beginnen. Fünf Minuten vorm Essensappell wurde er zum Kommandanten gerufen: Klemm persönlich ließ ihn auf sein Zimmer kommen. Er verspätete sich dann eine volle Viertelstunde bei Tisch. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, als er mit hocherhobenem Kopf, wie es auch sonst seine Art war, die Kantine betrat. Jeder konnte sehen, daß ein zufriedenes und stolzes Lächeln sein Gesicht verklärte. Aufschluß von Steeger zu verlangen, weswegen der Alte ihn gerufen hatte, wäre sowieso vergebens gewesen. Niemand versuchte es. Steegers hochmütiges und verschlossenes Wesen kannte man. Der Kommandant hatte Steeger einen Gruß von seinem Vater aus Berlin bestellt, hatte ihn gefragt, wie ihm der Dienst gefiele, ob er irgendwelche besonderen Wünsche habe. Edwin Steeger hatte strammgestanden, obwohl der Kommandant es gar nicht verlangt hatte, im Gegenteil. Edwin Steeger hatte sich Bücher zu seiner politischen Weiterbildung gewünscht und Zeit zum Lesen, wenn das möglich sein sollte. Klemm hatte gemeint, das würde sich machen lassen und ihn äußerst gnädig entlassen. Schon nach drei Tagen bekam Edwin Steeger ein Bücherpaket aus Berlin und vom Lagerkommandanten Leseerlaubnis, täglich zwei Stunden. Bald darauf mußte er Kurse halten. Er machte es gut, und sein Ansehen wuchs zusehends, schneller fast als die Pappelblätter neben dem Bunker. * Der Erste Mai, an dem die feinen Leute und alle die zu ihnen hielten, jahrzehntelang die Straßen möglichst nicht 106 betreten hatten, weil es der erklärte Tag der Arbeitersoli- darität der Welt ist, war von Hitler zum„deutschen Natio- nalfeiertag“ erklärt worden. In geschlossenen Kolonnen zog man allerorten aus den Fabriken auf die befohlenen Sammel- plätze. Hitlers Anhänger jubelten, aber Zehntausende von Arbeitern marschierten mit in den Taschen geballten Fäusten, die Herzen voll Scham und Zorn. Am zweiten Mai bereits trafen überall in den Konzen- trationslagern große Schübe neuer Häftlinge ein: verdächtige Drückeberger vom„Nationalfeiertag“. Auch in N. trafen zehn überfüllte Lastautos mit Gefan- genen ein. Sie wurden auf Einzelzellen verteilt. In ihren neuen„Zimmerchen“ sollten die Ankömmlinge von Vierer- kommandos„abgeklopft“ und„ein bißchen an den Betrieb gewöhnt‘ werden. Edwin Steeger, Hans Warnke und ein dritter SA-Mann traten mit einem jungen Sturmführer, einem fünfundzwanzig- jährigen mageren Schlaks, den niemand leiden konnte, in das erste„Zimmerchen“ einer neuen Baracke, ein niedriger Holzverschlag, in dem es einstweilen angenehm nach frischem Tannenschlag roch. Freilich war es darin so dunkel, daß sie fast über den Unratkübel gestolpert wären. Auf der Pritsche, auf der jede Andeutung von Bettzeug fehlte, saß ein kräf- tiger junger Arbeiter. Er stand auf, als die vier Nazis ein- traten. Mit einem schnellen Blick, der Entschlossenheit und keine Furcht verriet, sah er den vieren der Reihe nach ins Gesicht. Er war mittelgroß; das Haar stand, gegen das Licht gesehen, sonderbar dünn und trocken von seinem eckigen Kopf ab. „Namen!“ herrschte ihn der Sturmführer an. Eine rauhe, jugendliche Stimme nannte einen von den Namen, die zu Tausenden in Norddeutschland vorkommen. Fritz hieß er. Er machte ein vollkommen ernsthaftes Gesicht, und doch war irgend etwas Undefinierbares in dem Strahlen- kranz von kleinen Fältchen um die Augen, der überhaupt 107 merkwürdig war an einem so jungen Gesicht. Fast sah es aus, als ob er sich über die Nazimannschaft lustig machte. „Warum beim Festaufmarsch gefehlt?“ schrie der Sturm- führer. „Ich habe verschlafen“, sagte der Bursche. Der Sturmführer versetzte ihm einen Hieb mit der Riemen- peitsche. Der Arbeiter zuckte nicht. Er biß nur die Lippen zusammen.„Ich habe wirklich verschlafen“, sagte er freund- lich, als sei nicht ein roter Striemen über seiner linken Wange aufgelaufen.„Ich habe einen ekelhaft festen Schlaf, Herr Sturmführer.“ s „Das Übel wirst du hier schon loswerden“, lachte der Schlaksige. „Der Erste Mai ist für uns Arbeiter immer ein großer Feiertag, Herr Sturmführer“, fuhr der junge Mensch ruhig fort. „Du meinst den marxistischen Ersten Mai, du Schwein?“ Von vier Seiten sausten Schläge auf den Burschen. „Den Ersten Mai, den mein Großvater und mein Vater, Herr Sturmführer....“, sprach dieser erstaunliche Junge weiter. Er hatte sich nur geduckt und stand schon wieder, wenn auch blutend, gerade da neben der leeren Pritsche. „Das Schwein will sich über uns lustig machen“, sagte der Schlaksige. Er hatte einen ungeschickten Griff gemacht und sich ein bißchen die Hand verstaucht. Red’ weiter, du Schwein“, sagte er. Er warf den andern einen Blick zu, daß er hören wolle, was der da vorbrächte. Indessen renkte er sein Gelenk zurecht. „Warum sagen Sie Schwein zu mir, Herr Sturmführer?“ Das nicht faßbare Lächeln war aus dem jetzt blutenden Ge- sicht verschwunden.„Wie könnte ich mich lustig machen wollen?“ sagte eine Stimme, die keine Spur von Erregung verriet.„Meine Lage ist ja gar nicht lustig.“ Der Arbeiter lüftete sein Jackett ein wenig. Ein sauberes Hemd kam zum Vorschein.„Ich bin doch ganz sauber, warum ‚Schwein‘? Ich ehre den Ersten Mai wirklich aufrichtig von Kindheit an—‘ Wieder sah er Hans Warnke und Edwin Steeger ins 108 es te. m- enen ndge err Her Ber rt. er, nge er, Her nd du Haß er ?" Gemen ang ter um n'? meit ins Gesicht. Beide blickten steif in die offene, scheinbar harmlose Miene dieses kecken Menschen, auf seinen langen, dunkelbraunen Hals, in dem ein Adamsapfel lustig auf und ab spazierte, auf seine starken, behaarten Schlosserhände. ,, Ablegen, die Jacke ablegen", brüllte der Sturmführer. Der Arbeiter zog seine Jacke aus und legte sie auf die Pritsche. Wieder sah er mit diesem verdammten Ausdruck wie erwartungsvoll von einem zum andern. ,, Der Führer hat völlig recht", sagte er dabei. ,, Der Erste Mai wird immer der schönste Feiertag für uns Arb" Weiter kam er nicht. Er fiel unter den Hieben, die von allen Seiten auf ihn einschlugen. Mit unglaublicher Behendigkeit riß er sich blitzschnell wieder hoch und stand. ,, Vier gegen einen, ein sonderbarer Sport für deutsche Heldensöhne", schrie er plötzlich mit einer lauten, höhnischen Stimme und hob die Faust. Ein furchtbarer Hieb von Steegers Stahlrute traf sein linkes Auge. Er wankte und fiel nach hinten um. Edwin Steeger sah unwillentlich Hans Warnke an. Genau so war damals ihr Erster gestürzt, gewankt wie ein steifes Brett und steil nach hinten. Der Sturmführer, der in allem Klemm nachzuahmen suchte, gab dem bewußtlos Liegenden einen Stoß mit dem Stiefelabsatz. Er beschmutzte das saubere Hemd, das in Fetzen die Schulter entblößte, eine kraftvolle, gesunde Schulter. ,, Dem werden wir das Maulaufreißen abgewöhnen. So ein unverschämtes Aas", knurrte der Schlaksige. ,, Raus! Riegel vor! Wir haben noch mehr zu tun." Eine Stunde später war das Viererkommando fertig. Die drei Burschen bekamen eine Stunde frei. Zum erstenmal, seit jenem ersten Verhör benutzten Warnke und Steeger eine Freizeit gemeinsam. Ohne ein Wort der Verabredung gingen sie, nachdem sie sich gewaschen und etwas ausgeruht hatten, miteinander auf dem kleinen Weg hinter der Pappel auf und ab. Wie es kam, wußte keiner von beiden: die Spannung der letzten Stunden wollte sich nicht lösen. Ein klumpiges Gefühl schwerer Unlust lag ihnen auf der Brust. Qual, Wut und 109 Scham, die immer verschüttet gelegen hatten, standen plötzlich in völliger Nacktheit vor ihnen. Jeder hatte es dem andern angemerkt, wie er innerlich immer widerwilliger in die nächste Zelle gegangen, bis Hans Warnke schon kurz davor gewesen war, Übelsein vorzuschützen. Ein wütender Blick Edwin Steegers hatte ihn noch gerettet. Jetzt gingen sie hier und schwiegen. Hans Warnke dachte an den bedrückenden Traum, als dem Vater das dünne Rinnsal aus den Mundwinkeln lief und die Brikettwand einstürzte. Edwin Steeger wurde den Gedanken an den Mai- Verehrer nicht los. Wie der auf seinen Treffer hin, bauz, umlag! Hatte dieser verdammte Arbeiterbengel nicht gesagt: ,, Vier gegen einen?" Das war Dienst am Volk. Basta. Es mußte so sein. Er sah Warnke von der Seite an. ,, Wir wollen wieder öfter zusammensein, wenn's dir recht ist?" Würde er etwa nein sagen? Hans Warnke sagte ja, aber seine Stimme war wie ausgelöscht, und er sah weiter geradeaus. " Ja", sagte er noch einmal etwas lauter. Sie gingen noch die letzten zehn Minuten zusammen vor der Pappel auf und ab. Eine warme Maisonne lachte auf den öden Hof und die häßlichen Bretterbuden hinunter. Auf dem kaltblauen Himmel über der Pappel, die einen ätzend herben Frühlingsgeruch • ausströmte, segelten weiße Wolken; zuerst riesenhaft und gewaltig, zu blendender Größe geballt, lösten sie sich langsam auf. Kein Hauch blieb von ihnen auf dem reinen Himmel. Die beiden jungen Menschen sahen nichts von diesem Phänomen. Es war heute ein schwerer Tag gewesen, auch für Klemm. Nach solchem Dienst, bei dem es kaum eine freie Minute gab vom frühen Morgen bis zum Abend, pflegte er schlaflos zu sein. Vier Monate nach der Machtergreifung. Eigentlich hatte er sich dieses Glück anders vorgestellt. Er wußte eigentlich selbst nicht genau wie: mit großen Aufmärschen, Festessen, mächtig viel Kneipereien. Verdammter Stumpfsinn war es, so ohne seine Familie zu leben; hier den roten ΙΙΟ Schweinen die Borsten abzubrühen; niemand zu haben, mit dem man vertraulich reden konnte. Nachdem er gebadet, zu Abend gegessen und den Burschen weggeschickt hatte, streckte er sich, wieder völlig angekleidet, auf dem Diwan aus und zündete sich eine Zigarre an. Sie wollte nicht schmecken. Schweiß drang ihm aus allen Poren. Ächzend zog er den kleinen Taburettisch näher, auf dem trostspendender alter Bordeaux stand. Er hatte sich eigent- lich vorgenommen, heute nacht die Wachen zu inspizieren. In einer ersten Nacht, in der so viele Neue da waren, war das immer gut. Aber wenn man so müde ist! Er bedauerte, nicht gleich den Schlafrock angezogen zu haben. Auch nach der Baracke der Jungens hatte er selber sehen wollen. Dieser junge Steeger machte sich in letzter Zeit prächtig. Wie der Bengel verstand, die Uniform zu tragen; alle Achtung. Dabei war er nicht einmal groß. Nachlässig— elegant. Diese Sorte Haltung, er selber hatte das nie geschafft. Er war nun mal so ein Roß ohne Grazie. Na, dafür imponierte seine Figur, und dann der Schmiß. Für Exklusivität hatte er eigentlich wenig Sinn. Ekelhaft, die Isoliertheit in so einer Stellung; und dazu die ewige Angst vor der Inspektion aus Berlin. Immer ist man denen noch zu sanft. Aber wenn sie Aus- landskommissionen schicken, erfährt man es in allerletzter Minute. Dann sollen auf einmal keine Striemen, kein Blut und Eiter zu sehen sein. Wie macht man das, bitte? Seine Augen blitzten ärgerlich. Der Wurm auf seinem Gesicht, die Schmarre neben dem Mund stand gelbweiß hervor. Klemm füllte sein Kelchglas neu. Der Wein war gut. Unvermittelt lächelte er. Dieser feine Hitlerjunge, der kleine Steeger, schmollte mit ihm, weil er ihn noch nicht zum Stubenältesten gemacht hatte. Trotzdem er so schön die heilige Schrift aus- legte. Klemm warf einen schmunzelnden Blick auf das polierte Eckbrett, auf dem, neben zwei wirklich guten Büchern über Pferdezucht, Hitlers„Mein Kampf“ stand. Warten lernen, mein Lieber. Die grünen Bengel machen jetzt schnell genug Karriere. Tja, die Erziehung der Jugend, das war etwas, was noch Freude machte, dachte er. Sobald die Bude hier endgültig in Schuß war, wollte er klassische Musikabende für seine Hitler- jüngen einrichten. Er liebte Musik, besonders Wagner. Er zog die weiche, stahlblaue Seidenplüschdecke bis über beide Ohren und streckte seine langen Beine. Jetzt fühlte er sich recht gemütlich. Ein paar Sekunden später hörte die Wache ihn schnarchen. * In der Kantine war es an diesem Abend hoch hergegangen. Der Spaß über die neueingetroffenen„Mistkerle“ wollte kein Ende nehmen. Die Geleitmannschaft hatte allerlei aus Berlin zum besten gegeben. Alles mußte besprochen, bequatscht, be- lacht und nochmals begossen werden. Zuletzt waren alle an- geheitert und mehr oder weniger betrunken— nur Steeger nicht. Um zwölf Uhr wurde Schluß befohlen. Alles zerstreute sich in die Schlafbaracken. Als Gespräch und Lärm verstummt waren, hörte man das gleichförmige Trommeln des an die Scheiben klatschenden Regens. Kaum fünf Minuten nach dem allgemeinen Aufbruch in der Kantine lagen auf allen Pritschen die Leute in tiefem Schlaf. Nur Edwin Steeger lag wach. Die Berichte von der ‘ Berliner Maifeier erfüllten ihn mit Genugtuung. Was er nicht begreifen konnte, war nur, daß der Führer den Ar- beitern so den Hof machte. Waren diese verdammten Arbeiter wirklich so wichtige Menschen? Er konnte das nicht einsehen. Wie diese Bande den Nationalfeiertag betrachtete, das sah man doch an diesem Burschen, den er ins Auge getroffen hatte. Ein Armutszeugnis war es, daß man es für nötig ge- funden hatte, ausgerechnet den ersten Mai zu wählen. Wäre so ein Kerl sonst so unverschämt? Als Edwin Steeger anfing, verzweifelt zu werden, weil er nicht einschlafen konnte, erwachte sein Nebenmann. Mit einem Ruck saß Hans Warnke. So ein Glück: Edwin Steeger schlief nicht. Te „Edwin“, flüsterte er. „Ja?“ kam es zurück. „Kann ich offen reden?“ „Aber leise.‘ „Wie sonst? Sag mal, Edwin, warum bist du so ein Hun- dertprozentiger geworden?“ „Was ist los?“ „Warum tust du mehr als man verlangt?“ „Woher denn?“ „Warum schlägst du den Menschen die Augen aus?“ „Was tu ich?“ „Das ist jetzt der Zweite‘, zischte Hans Warnke. „Blödsinn. Ich hab es mir genau angesehen. Es war ein Schläfenschlag. Laß doch bloß so was“, flüsterte Steeger ärgerlich. „Zufall“, beharrte Hans Warnke.„Weißt du, daß unser Erster, der— unser erster Zinksarg— „Jawoll, in dem unsre Leute lagen. Red nicht. Statt so einen Quatsch zu produzieren, könntest du lieber schlafen“, raunte Steeger. „Daß der mit so einem Steckbrief durchgekommen ist! Mit einer Binde überm Auge, das werd ich nie begreifen.“ „s gibt Brillen.“ „Wenn schon!“ „Ist das alles, was du mir zu sagen hast?“ „Nein.‘‘ Hans Warnke machte eine Miene, als würde er gleich zu weinen anfangen.„Nein, nein, nein, nein.“ Er wimmerte.: „Du hast ja deinen Rausch noch nicht ausgeschlafen“, flüsterte Edwin Steeger.„Halt’s Maul und schlaf.“ Hans Warnke setzte sich auf. Er hob den Finger:„Sau- fen“, fing er leise an—„ist nicht schön. Es ist nicht an- ständig, sich zu betrinken“, sagte er weinerlich.„Aber anständiger ist es noch, als sich mit Grausamkeit zu be- tauben“, fuhr er plötzlich heftig flüsternd fort.„Viel an- ständiger, hörst du?“ Er rülpste.„So wie du das machst 8 Wentscher 113 mit deiner Zweihundertprozentigkeit. Einen Burschen wie den heut, der uns gar nicht verstehen kann so ins Auge- pfui Teufel. Das ist erst der richtige Dreck." - ,, Bist du endlich still", zischte Edwin Steeger. ,, Der richtige Dreck, sage ich dir. Mit Grausamkeit betäubst du dich, sage ich dir. Ich kenne dich. Mir machst du nichts vor. Es macht dich verrückt, wie diese Arbeiter an ihre Sache glauben, während wir nicht genau wissen-" ,, Himmeldonnerwetter", flüsterte Edwin Steeger außer sich, ,, so sprich doch wenigstens leise deinen verfluchten Unsinn." Die Nachwirkung des Alkohols machte Hans Warnke unempfindlich für die Lautstärke seiner Worte. Er glaubte zu flüstern, während er ziemlich laut, hastig und erregt weitersprach. ,, Den Mut seiner Meinung haben muß man, nicht wahr? Den haben doch sogar diese Mistkerle. Schließlich, was war denn ich? Auch ein Mistkerl, wie? Und was mach ich jetzt als Hitlerjunge? Jetzt kusch ich bloß von morgens bis abends. Oder etwa nicht? Jawoll, Memmen sind wir, Memmen. Und du noch ganz besonders, mein Lieber." Hans Warnke war von der Pritsche gesprungen, denn Steeger stand mit zornfunkelnden Augen vor ihm. Ein dumpfer Knall folgte. Hans Warnke lag am Boden; Steeger, über ihm, rang mit seinem linken Arm, um die Hände des andern kampfunfähig zu machen. Mit der Rechten hielt er ihm den Mund zu. ,, Das sag noch einmal, du", keuchte er. ,, Sie sind die Memmen, Memmen und Bestien sind sie, der Kommissar und der Kommandant, und andere auch noch" Erschrocken über seine eigenen Worte, ließ er des anderen Mund frei. Er saß auf dem Besiegten, ein sinnloses Lächeln stand auf seinem Gesicht. Auf der gelben Wand äfften zwei Schatten grotesk die Gestalten der Ringenden nach. Aus dem Bett neben dem Fenster sprach wer aus dem Schlaf. Neben Warnkes Pritsche setzte sich einer auf, gab einen glucksenden Laut von sich, sank aber, ohne die Augen geöffnet zu haben, sofort wieder zurück. Die Jungen merkten nichts von alledem. Sie beII4 TREE RETTET ET EEEEEUENTT merkten auch nicht den Schatten eines großen Mannes, der seit einer halben Minute hinter der Tür stand. „Ich wußte es ja“, flüsterte Hans Warnke mit leuchtenden Augen,„du bist nicht wie die andern. Du machst das bloß aus Verzweiflung. Wir müssen einen Plan entwerfen, Ed.“ Steeger sprang mit einem leichten Satz auf die nackten Füße. Er sah sich erschrocken um und legte wieder, diesmal sanft, seine Hand auf Hans Warnkes Mund. Das friedliche Schnarchen eines Schläfers durchbrach die Stille. „Was für einen Plan, alter Esel?“ flüsterte er beunruhigt. „Was fällt dir ein? Der Kommandant protegiert mich. Mein Alter gibt kolossal für die Bewegung. Ich muß aushalten. Wo soll man da sonst auch hin?“ Er überblickte prüfend alle Betten. Nichts war verdächtig. Daß Klemm, der im Gang stand, das Licht ausgeschaltet hatte, damit sein Schatten ihn nicht verraten konnte, fiel den Jungen nicht auf. Sie wickelten sich in ihre Decken und setzten sich auf den Pritschen ein- ander gegenüber. Die Wanduhr schlug eins. Die Nacht- kontrolle mußte schon durch sein. Außerdem waren ihre Betten so nah am Gang; sollte doch jemand kommen, so hörten sie es unbedingt vorher. Beide Jungen reckten sich gemütlich.„Hast du den Kom- mandanten gern?“ fragte Hans Warnke.„Ich kann nicht leiden, wenn er soviel schwitzt und sich so ausführlich ab- trocknet mit seinem fabelhaft schönen Taschentuch.‘“ „Weißt du“, meinte Edwin Steeger, ‚er ist doch ein Kerl. Früher habe ich ihn, offen gestanden, sehr verehrt. Ich nannte ihn bei mir sogar Hermann, den Cherusker, so ein Riese, wie er ist. Aber jetzt— na ja— wenn er so mit dem Stiefelabsatz—“ Er schlug mit der Hand durch die Luft. „Reden wir lieber von was Wichtigem.‘‘ Man mußte diesem Jungen mal einen richtigen Vortrag halten.„Sieh mal“, er flüsterte nicht besonders leise; alle schliefen ja.„Wir sind alle in der Zange. Der Führer auch. Entweder die Marxisten oder wir. Wenn der Führer nicht siegt, zertritt die Masse alles, wie ein Elefant Rohr zertritt. Mensch, begreif das 8 115 doch. Laß das Saufen und gewöhn dir deine proletarischen Überbleibsel ab. Vor allem gewöhn dir deine Gefühle ab. Gefühle sind lächerlich. Und denken tut für uns der Führer, da kannst du ganz beruhigt sein.“ „Na ja“, meinte Hans Warnke,„es ist eben nicht so ein- fach, die alten Begriffe und Gefühle aus der Kindheit über den Haufen zu werfen. Über das Volk zum Beispiel.“ „Das Volk muß der Führer lenken wie ein Tankist seinen Tankwagen. Die hinten drin sitzen, brauchen nichts zu sehn oder zu hören. Die sind eben die Mannschaft, basta. Wenn du das nicht einsiehst—“ „Mag sein. Ich kann aber das hier nicht mehr aushalten, ich kann nicht‘, flüsterte Hans Warnke. Er zitterte und wickelte sich fester in seine Decke. „Dreiviertel von Europa wird Deutschland sein, Hans. Und dann geht’s gen Osten. Und dann gehören wir, die von Anfang an dabeigewesen sind, zu den ersten. Dafür muß man eben leiden können.“ „Höre mal, Edwin, bist du bei Troste? Wer leidet denn hier?“ Hans Warnke schüttelte seine blonde Mähne. ‚So wie du dich belügst, das schaff ich nicht. Will ich auch nicht“, fügte er trotzig hinzu. „Hast du nicht zuerst gesagt, daß ich mich bloß mit Roheit betäube? Ist das etwa kein Leiden?“ Edwin Steeger warf sich auf den Rücken. „Ich kann mich aber von den Kerlen nicht mehr so ansehn lassen“, flüsterte Hans Warnke. ‚Lieber will ich wieder von morgens bis abends vier Treppen hoch Kohlensäcke in die Häuser schleppen, keine Uniform tragen und wieder’n schwarzer, dreckiger Bengel sein, bei meinem Vater im Keller. Das heute hat mir den Rest gegeben.“ „Es ist ekelhaft, ja“, gab Steeger zu.„Wo willst du aber hin, bitte?“ „In der Zange sind wir, das sagst du richtig; wieviel Feinde im Volk sind, das sehen wir ja hier alle Tage. Aber 116 solch eine Macht über ein Volk, das gar nicht will, was ist das schon für eine Macht? Kann denn die halten?" ,, Schscht", machte Edwin, ,, hast du nicht was gehört?" ,, Ach wo. Aber warum ist kein Licht im Gang? Komisch. Soll ich mal nachsehn?" ,, Nein, nicht unsre Sache." ,, Wir müssen was ausbrüten, einen Plan", fing Hans Warnke wieder an. ,, Irgendwie, daß wir hier wegkommen." Er sprach drängend. ,, Ausgeschlossen", zischte der Freund, jetzt schon wütend. ,, Ich kann meinen Eltern nichts anstellen. Der Alte gibt und gibt über seine Kraft, bloß damit mir's gut geht. Wenn dann hier was mit mir nicht klappt-" ,, Es klappt nicht", sagte eine laute Stimme. Die Jungen erstarrten. In der hellerleuchteten offenen Tür stand Klemms Hünengestalt. In einer Sekunde lagen sie steif ausgerichtet. Durch ihre Köpfe jagte wirr durcheinander das eben Gesprochene. Was mochte er gehört haben? Vielleicht nur ein paar Worte. Mut. ,, Raus aus den Betten!" Die Stimme des Kommandanten war kalt. Der gelblich- weiße Wurm der Schmarre stand prall auf seinem großen Gesicht. Steeger und Warnke sprangen auf und standen stramm wie Puppen am Faden. Der Kommandant knipste mit einem trüben Lächeln das Licht im Saal an. Von den Pritschen fuhren verschlafene Köpfe hoch. ,, Warnke und Steeger bleiben so stehen", sagte Klemm, und sah dabei durch die beiden hindurch, als ob sie gar nicht da wären. ,, Sie werden gleich abgeholt", fügte er lässig hinzu, wandte sich und verließ den Raum, ruhig die Tür hinter sich schlieBend. Man hörte die sich entfernenden Schritte im Flur. Es war noch kein Wort gefallen, da waren die Schritte zurück, in verändertem, schnellem Tempo. Die Tür wurde wieder aufgerissen. Klemm ging an Warnke vorbei, der, wie Steeger auch, noch versteinert im Nachtanzug dastand. Der Kommandant hob seine große Hand und schlug Edwin Steeger 117 cine harte Ohrfeige in das bleiche Gesicht. Er sah noch dieses Gesicht einen Augenblick an, wie es einseitig rot auflief. Dann ging er hinaus. In der Tür- der ganze Saal glotzte jim stumm nach zog er sein Taschentuch. Dann war er fort. - - Ein paar Minuten später wurden Steeger und Warnke abgeführt... * Die beiden hatten keine Gelegenheit mehr, ein einziges Wort miteinander zu sprechen. Jeder wurde einzeln verhört. Jeder konnte bald bemerken, daß der Kommandant durchaus nicht alles, vieles aber gefährlich falsch verstanden hatte. Für Steeger war es besonders günstig, daß Hans Warnke aussagte, jener habe, auf ihm kniend, ausgerufen: ,, Du bist eine Memme, eine Bestie bist du." Steeger war es eingefallen, gerade dasselbe auszusagen. Daß auch nur das kleinste Wort gegen den Führer gesagt worden war, leugneten beide; dies sogar der Wahrheit gemäß. Im Protokoll, das der hohe Lauscher verfaßt hatte, stand es aber anders, und natürlich war das Protokoll unanfechtbar. Das Ergebnis, das den jungen Leuten am Ende ihrer Gegenüberstellung mitgeteilt wurde, lautete: Hans Warnke zur Erziehung ins Konzentrationslager D. Edwin Steeger zur Erziehung ins Konzentrationslager O. In den Lagern, die die Hitlerjungen nun als Gefangene betraten, wurden die Verhöre mit ihnen fortgesetzt. So, als ob noch gar keine gewesen wären. Alles fing wieder von vorne an. Das nächtliche Flüstergespräch nahm die Form eines Alpdrucks an, der sie keinen Augenblick mehr loszulassen schien. Zuletzt wußten sie aus Klemms Protokoll lange Sätze auswendig, von denen sie selbst nicht mehr wußten, hatten sie das gesagt oder nicht. Hans Warnke leugnete nicht so geschickt wie Steeger. Daß er besonders scharf die ,, Grausamkeit" kritisiert hatte, war offenbar. Noch hatte man ihn 118 nicht geschlagen: aber das Zusehen hier, wo die Opfer Nationalsozialisten waren, und wo überdies vielleicht morgen er daran kam, ging fast über seine Kräfte. Zweimal wurden ihm winzige Zettel zugesteckt. ,, Halt aus. Es kommt anders", stand auf dem einen. ,, Sie werden die Macht nicht behalten", verkündete der andere. Eines Abends wurde Hans Warnke wieder gezwungen, stundenlang stehend scheußlichen Szenen beizuwohnen. Von den Strapazen und dem Hunger der letzten Wochen geschwächt, konnte er sich kaum mehr auf den Beinen halten. Sein ganzes Wesen war in Aufruhr. Seit einer Stunde kämpfte er mit einem immer von neuem, jedesmal stärker auftretenden Schwindelgefühl. Er wollte nicht umfallen. Nicht um alles in der Welt würde er umfallen. Als er an die Reihe kam, wurde ihm wieder einmal die Frage vorgelegt, ob er seine Meinung über die ,, Grausamkeiten" geändert habe. Zu seinem eigenen Staunen hörte Hans sich diesmal leise aber deutlich mit Nein" antworten. Als nach einer Stille die Frage drohend wiederholt wurde, geschah etwas noch Seltsameres, als es diese Antwort in diesem Raum gewesen war. Der Hitlerjunge Hans Warnke trat einen Schritt zurück und lächelte, wie nicht ganz bei sich, den Fragenden, einen untersetzten, etwas aufgeschwemmten 44- Mann an. " Tatsächlich wußte Hans Warnke in diesem Augenblick nicht mehr, wo er stand. Ihm war plötzlich zumute, als wäre alles gut geworden. Neben ihm sang ein großer Chor von Menschenstimmen. ,, Sie werden die Macht nicht behalten", sangen sie. Er selber stand auf der Tribüne desselben Sportpalastes, aus dem sie früher die Kommunisten zu vertreiben versucht hatten. Neben ihm stand Edwin Steeger, und Hans sprach zum Volk. ,, Hier steht ein Mensch, der die Wahrheit sagt, und dieser Mensch bin ich." Der Lagergefangene Hans Warnke sprach wie singend, mit einer überlauten, seltsamen Stimme. Seine blauen Augen flackerten. Er hob feierlich den Arm. ,, Mein Freund sagt: es ist verboten, zu denken und zu fühlen. Aber ich denke, und ich fühle. Ach, wie das gut ist", 119 endete er plötzlich mit einer ganz vernünftigen Stimme und strich sich über den Kopf. „Nanu, was wird denn das?“ sagte der 44-Mann belustigt. Er nickte dem Protokollführer und der Türwache vielsagend zu. Weiter war niemand anwesend. Er strich langsam mit einer beringten Hand sein weiches Doppelkinn und lehnte sich schweigend gegen die Wand; fuhr aber gleich wieder zurück, weil sie feucht und schimmlig war. Der blonde einstige Hitlerjunge mit dem runden Kinder- kopf lächelte ihm noch immer mit demselben abwesenden Blick mitten ins Gesicht— er redete bereits wieder:„Das hier“, fing er leise an,„sind keine Erzieher. Das hier sind Verbrecher.“ Er hob die Stimme:„Verbrecher nicht nur an denen, die geschlagen werden, sondern noch mehr— das sage ich, weil ich es weiß—“, schrie er plötzlich laut,„Ver- brecher an ‚euch, die man zwingt, gesunde Menschen, ehr- liche, mutige, die euch ansehen mit ihren Augen“— er ver- wirrte sich,„Augen“, wiederholte er wie müde geworden—, „zu schlagen, ja und———“ Er verwirrte sich von netem und schwieg. Die Türwache, ein baumlanger, gutmütiger älterer Mann, wollte sich dem 44-Mann nähern und etwas sagen. Er wurde durch einen Wink zurückgeschickt. Der 4 amüsierte sich großartig. Sollte der nur weiterspinnen. Hans Warnkes Mienen und Gestalt spannten sich wieder. Er atmete tief, sah mit erhobenem Kopf in ein unsichtbares Riesenauditorium. Er schrie. Seine kindlichen Augen voller Tränen:„Wir“— schrie er—„wir, die gesamte, gemarterte deutsche Jugend, mein Freund und ich—“ Weiter kam er nicht. Bei der Erziehungsmaßnahme, die auf diese Szene folgte, erlitt Hans Warnke eine schwere innere Verletzung. Er wurde einige Tage später ins Lazarett überführt. Er litt körperlich sehr, fieberte und war nicht immer bei Bewußtsein. Meist lag er schweigend. Manchmal hob er sich von seinem harten Lager mühsam ein wenig auf. Den blonden Schopf über der Knabenstirn, sah Nr. 46 mit weit aufgerissenen Augen über die zahllosen Pritschen des I20 Raumes, der ihm kein Ende zu haben schien und rief mit flehender Stimme: ,, Wir sind in der Zange, Edwin. Wo ist Edwin hingekommen? Edwin Steeger!" In einer warmen Juninacht alarmierte die Nachtwache die Schwester vom Dienst, daß Nr. 46 besonders unruhig sei. Das stereotype Fragen nach Edwin ging in Schreie über. Nr. 46 starb am andern Morgen. Herr Warnke, Kohlengeschäft, Berlin O, wurde telegraphisch von dem Ableben seines Sohnes verständigt. Todesursache: ein unglücklicher Sturz beim Reckturnen. Am Nachmittag war Vater Warnke da, ein Mann in schwarzem Gehrock, dem sein blanker Zylinder, achtlos zurückgeschoben, auf einem Stiernacken saß. Er sprach kaum drei Worte. Nach mehrstündigem Warten erhielt er die Erlaubnis, die Leiche zu sehen. Das Gesicht seines Sohnes erschien ihm so klein, als wäre es geschrumpft: es lächelte aber. Das beruhigte ihn ein wenig. Er wußte nicht, daß bei Eintritt der Todesstarre die Muskeln um den Mund sich automatisch nach oben ziehen und daß deshalb alle Toten zu lächeln scheinen. * Den Freund, von dem Nr. 46 im Konzentrationslager O. phantasiert hatte, gab es nicht mehr. Jener Edwin Steeger, der in Gefahr gewesen war, aufzubegehren, war für immer tot und begraben. Ein neuer Edwin Steeger war mit Erfolg erzogen worden. Vom ersten Tage an verstand Steeger, sich im Konzentrationslager Achtung zu erzwingen. Er war unschuldig. Ein in den Tod getreuer Gefolgsmann. Seine Verehrung für den ,, Führer" kannte keine Grenzen. Seine Hochachtung für Vorgesetzte hatte etwas Begeistertes. Nach einiger Zeit wurde ihm erlaubt, an den Kommandanten Klemm einen Brief zu schreiben. Dieser Brief rührte Klemm ungemein. Der junge Steeger durfte noch einmal schreiben, und dann bekam er sogar ein paar Zeilen von seinem früheren Gönner. Strenge Zeilen. Aber welch eine Ermunterung war das! Bald zeich121 - nete Steeger sich dermaßen aus, daß ihm der Rest seiner Strafe erlassen wurde. Bei der Frage, die im Verhör auf Tod und Leben gestanden hatte: Schlage ich oder werde ich geschlagen? hatte es für Edwin Steeger keine Wahl gegeben. Die Vorstellung, der Geschlagene zu sein, war völlig unausdenkbar. Es war ihm vom ersten Tag an gelungen, seinen völligen Gegensatz zu dem Verräter Warnke glaubhaft zu machen. Über dessen Verbleib wußte er übrigens nichts, wollte er auch nichts wissen. Ein Jahr später wurde Edwin Steeger in die SA aufgenommen. Es dauerte nicht sehr lange, und er wurde zur 44 abkommandiert. Dank seiner Forschheit, Gewandtheit und seines autoritativen Auftretens. machte er natürlich mit der notwendigen Nachhilfe hinter der Szene bald eine glänzende Karriere. Mit dreiundzwanzig Jahren, im Herbst 1936, wurde er, die Hoffnung der NSDAP, Stellvertreter des Lagerkommandanten in einem der größten deutschen Konzentrationslager. - - Trotz seiner Jugend war Steeger ein ungemein gefürchteter Vorgesetzter. Niemand sah ihn je lächeln. Nichts in seinem Benehmen ließ erkennen, daß er ein so überaus junger Mensch war. Bekannt war Steegers Tick, daß er auch außerdienstlich die leisesten Andeutungen von Gefühlsäußerungen - - abgesehen natürlich von nationaler Begeisterung nicht vertragen konnte. Ein Untergebener, den Steeger verdächtigte ,,, ein Gemütvoller" zu sein, hatte in seiner Nähe keine gute Minute. ,, Gemütvolle sind staatsgefährlich", war ein häufiges Wort von ihm. ,, Solche Leute kennen keinen zuverlässigen Gehorsam, wollen womöglich selber denken." Nie verfehlte Steeger, wenn so ein Unsicherer zur Tür hereinkam, ihn höhnisch zu begrüßen: ,, Aha", pflegte er zu sagen, ,, unser Schmachtengel!" Oder er brüllte ihn an: ,, Sie wollen ein Nationalsozialist sein? Sie haben wohl Schlagsahne in den Knochen?" Er, Edwin Steeger, darüber war kein Zweifel, war ein echter Nationalsozialist. * 122 Fünf Jahre waren verstrichen. Im Frühling und Herbst 1938 überfiel und annektierte das ,, Dritte Reich" Hitlers Österreich und große Teile der Tschechoslowakei. Diese räuberischen Überfälle wurden von der deutschen Presse und im Radio als große deutsche Siege gefeiert. Indessen verstärkte sich zur selben Zeit der atemraubende Druck der Kriegsvorbereitung im ganzen Lande. Die Umwandlung aller produktiven Arbeit des Volkes in Zwangsarbeit für den Krieg und Kriegsrüstung lag wie ein Alp auf den Menschen. Die Konzentrationslager reichten nicht, die widerstrebenden Elemente aufzunehmen. Die Geheime Staatspolizei arbeitete fieberhaft; aber die Unzufriedenen und Trotzenden verdarben überall die geklebte Fassade des ,, glücklichen Deutschlands". Angesichts der Unzufriedenheit so breiter Massen und des Zunehmens der illegalen Agitation der Antifaschisten, sah sich das Hitler- Regime gezwungen, vor einer Scheinöffentlichkeit das Schauspiel wenigstens einiger Hochverratsprozesse aufzuführen. In Wirklichkeit war ausschließlich treueste Gefolgschaft anwesend. Die Presse erhielt Weisungen, wie zu berichten wäre. Steeger, der im Winter 1938 dienstlich in Berlin zu tun hatte, ergriff die Gelegenheit, einem solchen Prozeß gegen sechs Antifaschisten beizuwohnen. Die Angeklagten waren Fabrikarbeiter, alles junge Leute. Man hatte zur Verhandlung einen der kleinsten Säle des Gerichtsgebäudes gewählt, und ließ von den mit Einlaßkarten versehenen Leuten nur genau so viele herein, als Stühle da waren. Die Menschenmassen, die sich, Einlaß begehrend, vor dem Gebäude stauten, wurden von der Schupo rücksichtslos auseinandergedrängt und fortgewiesen. Ihre Anzahl, die in die Tausende ging, roch fatal nach einer gegen das Regime gerichteten Demonstration. Steeger bahnte sich einen Weg durch das Menschengewühl. Seit einiger Zeit befand er sich in einem reizbaren Gemütszustand, der durch allerlei unangenehme Berliner Diensterfahrungen noch gesteigert worden war. Diese Men123 schenmenge verdroß ihn schwer. Seine Erlebnisse mit kommunistischen, sozialdemokratischen, christlichen Arbeitern und Arbeiterinnen, mit Intellektuellen, evangelischen und katholischen Pfarrern, trotzigen Kleinbürgern und Kleinbürgerfrauen, die lange Kette der Verhöre und Abstrafungen, die Zugrunderichtung von Existenzen und Menschenleben, das ganze erbitterte, blutschmutzige Wüten gegen die dem Naziregime widerstrebenden Elemente, das die Grundlage seines meteorhaften Aufstiegs in so jungen Jahren gewesen war, zog beim Anblick dieser unwilligen Menschenmasse, die sich nicht ohne Umstände fortweisen ließ, in seinem Kopf vorüber. Er bildete sich ein, hier und da Gesichter zu erkennen. - Fünf Jahre Zwangsmaßnahmen härtester Art, eine ganze Armee von Toten, Armeen von Eingesperrten und der Erfolg: Szenen wie diese. Ein Skandal war es, daß sie nicht vermieden werden konnten. Die Luft war kalt. Ein ungemütlicher Wind wehte Steeger den Straßenstaub von unten herauf ins Gesicht. Er zog ein feines Batisttaschentuch aus der Brusttasche und wischte mit seiner, mit feinstem Glacéleder behandschuhten Hand den aufsteigenden Schweiß von der Stirn und unter dem Mützenschirm weg. Seit einigen Wochen rang er damit, diese tiefe Verstimmung, die sein ganzes Wesen ergriffen hatte, sich nicht anmerken zu lassen. Das Lagerleben, die beständige Knechtschaft des Dienstes, hatte ihm, wie den meisten seines Schlages, jahrelang die Liebe nur in ihrer häßlichsten Abart, der käuflichen, zugänglich gemacht. Die ersten drei Wochen seiner jetzigen Anwesenheit in Berlin waren Urlaub gewesen. Er hatte frühere, erfolgreich begonnene Versuche fortgesetzt, in der„ guten" Gesellschaft heimisch zu werden. Sein alter Gönner Klemm, der inzwischen in der Berliner 44 eine nicht unbedeutende Rolle spielte, hatte ihn dabei unterstützt. Mit einer aufkeimenden Hoffnung auf etwas menschlich 124 - Gutes in seinem dem Ehrgeiz verfallenen Leben hatte Edwin Steeger sich Hals über Kopf in Klemms einzige Tochter verliebt. Die kleine, spindeldürre Gerda, mit der er als Siebzehnjähriger manchmal gespielt hatte, hatte er zuerst nicht wiedererkannt. Am Flügel hatte ein schönes Mädchen gestanden und gesungen; alles andere als vollendet, aber mit einer Frische und Natürlichkeit, einer Wärme, einer Hingegebenheit, die für sie warb. Stürmischer Applaus hatte ihr gedankt. Die uninteressierte, fast abweisende Art, mit der Gerda diesen Beifall hingenommen hatte, die auffallende ruhige Fremdheit, mit der sie zwischen den vielen und eleganten Gästen in der Wohnung ihres Vaters herumging, als sei auch sie ein Gast alles das hatte Steeger neugierig gemacht. Sie hatte ihn sofort erkannt und war zu ihm, wie er zu spüren vermeinte, weniger kalt als zu den andern. Natürlich war sie im ,, Bund deutscher Mädchen". Sie hatte aber gar keine BDM- Manieren. Das war kein Fehler, fand Steeger. Etwas geärgert hatte es ihn, daß sie größer war als er. Aber ihr Körper war von so ebenmäßiger Schönheit, dabei nervig und gelenkig konnte man sie anders wünschen? Er hatte nicht gewußt, daß Musik solchen Eindruck auf ihn machen konnte. Als dieses Mädchen Bach spielte, verlor er ganz den Kopf. Er fühlte sich ihr unterworfen, willenlos selig versklavt. Völlig benommen von einem unerwartet über ihn hereingebrochenen Glück war er damals in sein Hotelzimmer zurückgekehrt. Am nächsten Tag hatte er sie bei einem Tee getroffen, wo sie wieder spielte. Singen tat sie nur zu Hause. Sie war freundlich in einer ihr auch fremden Gesellschaft zu Steeger gewesen und hatte ihm erlaubt, sie am nächsten Tag zu besuchen. - Dann waren die märchenhaften zwei Wochen gekommen, in denen er fast regelmäßig zur letzten Stunde ihrer täglichen Übezeit als stummer Gast auf dem blauen Ecksofa gesessen hatte. Danach war sie natürlich müde und meist einsilbig gewesen. Das hatte den Frieden zwischen ihnen nicht gestört. Am meisten fesselte den vor Leidenschaft ganz Tollen die 125 erstaunliche Ernsthaftigkeit, die allen Äußerungen dieses Mädchens eigen war. Gerda lachte nie, war nie albern; schien aber immer ebenso heiter wie auch ernsthaft. Niemand hielt sie für achtzehnjährig; aber man dachte auch nicht über ihr Alter nach; sie war ein junges Mädchen, das Musik studierte, und sie war schön und lieblich, und sie war Klemms Tochter. Dieses Mädchen, das hatte Steeger gefühlt, würde vielleicht noch einen Menschen aus ihm machen, ihn jung machen. Er wurde bald vierundzwanzig; aber er war alt, so alt. Wie ein Stein war er gewesen, bis er Gerda kannte. Dienst, Dienst, nochmals Dienst was hatte es denn sonst für ihn gegeben? - Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, Gerda mit den üblichen Redensarten den Hof zu machen, bei denen der größere Teil aus Frechheiten bestand, womit man das schwache Geschlecht verblüffte. Edwin Steeger sprach aufrichtig mit ihr, bescheiden, fast schüchtern. Er erzählte ihr von Jagdabenteuern, und daß er den Geruch der jungen Pappelblätter im Frühling liebe und alte Baumriesen auf weiten Wiesen; und wenn im Frühling aus winzigen Federwölkchen unvermutet sich mächtige Wolkenriesen ballen, die Himmel und Erde zu beherrschen scheinen. ,, Ja, scheinen", hatte Gerda gesagt. ,, Ich weiß, daß Sie das Blendende verehren. Aber denken Sie nicht daran, wie schnell diese Riesen zerplatzen, und ein reiner, blauer Himmel wölbt sich über der Erde?" Sie drückte sich immer gut und manchmal so seltsam aus. Er hätte damals merken können, daß sie das mit dem Blendenden politisch meinte. Sie sprach ja aber nie ein politisches Wort. Weiß der Teufel! Wäre sie ihm nur in solchen Augenblicken nicht so hinreißend erschienen. Meist hatte ihn in ihrer Nähe ein unbekanntes, ein zartes, sanftes, seliges Gefühl erfüllt vom Wirbel bis zur Zehe. Er, der nichts so sehr verhöhnt hatte als Gefühl, kannte sich selbst nicht mehr wieder. Sie hatte ihm immer aufmerksam und unbefangen zugehört, wenn er sprach, und er hatte viel gesprochen; sie 126 1 t r e hatte sich über sein Interesse an ihrer Musik gefreut, obgleich er, wie sie sehr schnell gemerkt hatte, gar nichts davon verstand. Selbstverständlich hatte er seine Neigung erwidert geglaubt. Sein Selbstgefühl kannte keinen ernsten Zweifel. Auf keinen Fall hätte er gewagt, sich ihr mit der kleinsten Vertraulichkeit zu nähern. Nicht, weil sie Klemms Tochter es gab genug Töchter, die allerlei vertrugen- nein, in Wahrheit, Gerda flößte ihm gründliche, fast unbegreifliche Hochachtung ein. war - Am Ende dieser verzauberten Wochen hatte er es ihr gesagt. Er sagte ihr, daß er sie liebe, und wollte sie in seine Arme schließen. Noch heute, hier im Gerichtssaal, nach so langer Zeit, wurde er dunkelrot, wenn er an die Vernichtung dieses Augenblicks dachte. Gerda hatte ihn mit ausgestreckten Händen vor die Brust gestoßen. Die feinen Augenbrauen hochgezogen, hatte sie einen unbeschreiblichen Blick auf ihn gerichtet war er schmerzlich gewesen?- und langsam und ausführlich den Kopf geschüttelt. Sie hatte kein Wort gesagt; aber die Abweisung war vollkommen gewesen. - Es hätte einen genügend harten Schlag für Steegers Eitelkeit bedeutet, wenn seine Herkunft aus einer Weinstube den Anlaß gegeben hätte; aber etwas weit Bittereres hatte er erleben müssen. Stammelnd hatte er gefragt, ob seine Abstammung aus ,, niederen Sphären" der Grund ihrer Ablehnung sei. Gerdas ,, Nein" war so rein und klar gewesen, daß daran nichts zu deuteln war. Aber plötzlich aufstehend, war sie vom blauen Sofa, wo sie saßen, zur Tür geeilt und hatte gerufen- ja, förmlich gerufen hatte sie es: ,, Nein, Steeger, ich habe Sie nicht einmal gern. Unglücklich wäre ich, wenn ich Sie liebte." Damit hatte sie ihn im Zimmer allein gelassen. Er war unbemerkt aus dem Haus gegangen, um sie nicht mehr wiederzusehen. Steeger war unglücklich genug, keinen Augenblick weiter daran zu zweifeln, daß sein Beruf es war, den sie verabscheute. Warum sollte sie diesen nur an ihrem Vater hassen? 127 Es waren geringfügige Beweise, die er hatte, Andeutungen von Beweisen. Aber sie waren zahllos. Er wußte ja, was für Leute Gerda liebte: diesen verfluchten Pianisten, ihren Professor und dessen Familie. Das Reich hatte von den prominenten Künstlern wenige genug behalten können oder mögen. Die man nicht über die Grenzen geworfen hatte, bloß um ein paar Namen zu behalten, wer weiß, was das für Leute waren? Wenn er sie kennenlernen könnte, diese Menschen, die Klemms Tochter beeinflußten, ihren Einfluß brechen? Er sah Gerda vor sich, die Art, wie sie den Kopf trug, durchs Zimmer ging. Der Gedanke erschien ihm so dumm, wie er war. Solche Leute, denen eine Uniform nichts sagte geistige Größen natürlich war er für Gerdas Professor einfach ein großer Junge in Uniform, weiter nichts. Jedenfalls, solange diese geistige Größe in Freiheit war. - Nach einer durchwachten Nacht hatte Edwin Steeger am andern Morgen einen Brief abgeschickt, in dem nichts stand als: ,, Ist es mein Beruf? Ich schwöre Ihnen bei meiner Liebe und Verehrung Diskretion." Noch am selben Tag hatte er einen winzigen Zettel in der Hand gehalten, auf dem nur dies eine Wort stand: ,, Ja." Er, blöder Esel, hatte vor Freude am ganzen Leib gezittert, als ⚫ er es auf dem entfalteten Blättchen sah, dies Ja. ,, Ja", das hieß: wechsle den Beruf, weiter nichts. ,, Ich liebe dich", hieß es ,,, ich liebe dich." Er hatte sich vor dem Spiegel gekämmt, er mußte sich den besehn, wie er aussah, dieser prächtige E. St., den Gerda Klemm liebte. Ein Bad bestellt, gebadet, sich wieder frisiert, gesungen, geträllert, wie ein Narr sich aufgeführt. Aber dann beim Ankleiden war er zur Besinnung gekommen. Es war ihm klargeworden, daß es für ihn gar keine Möglichkeit gab, den Beruf zu wechseln. Das einzige wäre vielleicht gewesen, sich auf Kriegsakademie zu melden. Bah, man hätte ihn gar nicht gelassen. Es reizte ihn auch nicht. Wie hoch er als Militär klettern konnte, er blieb doch immer ein Spielball seiner Vorgesetzten. Aber das alles war nicht das Wesentliche. Das Wesentliche, was ihm damals 128 VE— klar wurde, war, daß er für jeden andern Beruf verdorben war. Von Grund aus verdorben. Er gab es sich zähneknir- schend zu: gutwillig wollte, konnte er nicht mehr verzichten auf den Machtrausch, den sein Beruf ihm verschaffte. Wo gab es noch etwas Ähnliches: solche persönliche, fühlbare Macht haben über Leiber und Seelen? Obgleich die Unmög- lichkeit, durch Gewalt Seelen zu beherrschen, der ewig quä- lende Stachel seines Berufs war. Fast war er gleich im An- fang an dieser Klippe gescheitert; Hans Warnke war daran zugrunde gegangen. Wie immer in wichtigen Augenblicken seines Lebens war die bohrende Erinnerung an Hans Warnke auch an jenem Tag in ihm wach geworden. Warum bloß? Er hatte ihn nicht verraten. Hans Warnke hatte sich selbst verraten. Wenn man wankte und schwankte, konnte man das Leben nicht beherrschen. Lächerlich, er ließ sich von einem Mädchen nicht aus der Lebensbahn werfen. Dann hatte er sich einzig dem Gedanken hingegeben, zu lieben und geliebt zu sein. Vor Abend würde er Gerda wahr- scheinlich zu Hause nicht antreffen. Er hatte sich trotzdem ein Auto genommen und war hingefahren. Unterwegs war ihm beklommen zumute geworden, und als er die Treppe hinaufgegangen war, noch beklommener. Und dann hatte er sie im Salon sprechen gehört— wie sein idiotisches Herz in Sprüngen gegangen war!— und dann——— Steeger, der in der zweiten Stuhlreihe des Gerichtssaales saß, richtete sich steil im Kreuz auf— dann war das Stubenmädchen herausgekommen, um zu sagen, das gnädige Fräulein sei nicht zu Hause. Im selben Augenblick hatte er sich wieder im blauen Musikzimmer mit ihr gesehen, den Stoß ihrer ausgestreckten Hände gefühlt und alles gewußt: der Gestapo- mensch war es, den sie in ihm verabscheute. Diese fünf Jahre seines Lebens, die er nie mehr von sich abwaschen konnte. Sie hatte alles aus diesen Zügen herausgelesen. Genug hatte sie ihn angeschaut: gerade, schweigend, forschend. Sie wußte. Sehr viel wußte dieses Kind. Woher nur? Als er wieder auf die Straße gekommen war, hatte ihn 9 Wentscher 129 eine wütende Lust befallen, zu schreien, sich auf das Pflaster zu werfen, irgend etwas Unmögliches zu tun. Er hatte sich nur mit äußerster Mühe zusammengerissen und war zu Fuß bis nach Halensee gelaufen, geradeaus, ohne Sinn und Ziel, bis er auf einmal im Grunewald gestanden hatte. Hatte sie nicht recht? Hatte dieser Beruf nicht alles in ihm ertötet? Die Wahrheit war: er hätte Hans Warnke helfen können, und er hatte ihn verraten. Ein Gestapomensch und Freundschaft? Jugend? Reinheit? Menschlichkeit? Freude? Lachhaft! Alles vor die Hunde gegangen, noch ehe er ein Mann war. Und wofür? Zähneknirschend arbeitete man. Der Dienst war wirklich alles andere als leicht. Und was hatte man davon? Ein Mädchen aus den eigenen Reihen setzte lieber ihre Sicherheit aufs Spiel, die ganze Geborgenheit ihres Daseins, ehe sie sich einem solchen Gestapotier anvertraute, wie er es war. So sah das Glück aus, das einem ergebenen Nationalsozialisten blühte, den man als halbes Kind in diesen höllischen Apparat für Menschenfang geworfen hatte. Ja, Plakate an den Bäumen, Feste, Orden, Reden, Konzerte. Das Volk wußte es besser. Nie würde die Gestapo populär werden. Die Feinde des Dritten Reiches saßen in allen Schichten. Er seufzte tief. Politik. Immer Politik. Kam denn für ihn nie etwas wie Leben? wie Glück? In der Nacht, die auf diesen Vierstundenmarsch gefolgt war, hatte er keine Ruhe vor seinen Gedanken gefunden. Auf Tränen waren Rachepläne gefolgt. Beschämende, blöde. Er hatte darüber gebrütet, die Tochter Klemms, dieses spröde Mädchen, in dem soviel Leidenschaft war, diese großartige Bachspielerin, die sich für ihn zu schade dünkte, dennoch zu umstricken, zu verführen. Minutenlang faßte er sogar den irrsinnigen Plan einer Vergewaltigung. Wollust schien es, Karriere und sogar das Leben zu verwirken ans Leben würde es ihm gehen könnte er nur sein Rachegelüst kühlen. Endlich gegen vier Uhr morgens hatten die vielen Mittel, die er genommen hatte, gewirkt, und er war eingeschlafen. - 130 - ET TEE Am nächsten Tag hatte er vor sich selber ausgespuckt; na ja, und seither war er dabei, sich in das Unvermeidliche zu finden. Er war vernünftig geworden. Wie gefroren lag ein ärgerliches Grinsen auf dem Gesicht des Zuhörers in der zweiten Reihe des Gerichtssaales. Zwei Vernehmungen waren bereits vorüber, und es war Edwin Steeger noch immer nicht gelungen, sich auf die Vorgänge dicht vor ihm zu konzentrieren. So erging es ihm jetzt immer: in unbeschäftigten Stunden fielen diese Gedanken über ihn her wie SA mit Peitschen und Stuhlbeinen über einen Ge- fangenen. Die Typen der Arbeiter-Angeklagten waren die- selben, die er aus täglicher Erfahrung kannte. Es ärgerte ihn überdies, diese Erfahrungen an die Öffentlichkeit gezogen zu sehen, wenn es auch nur die Parteiöffentlichkeit war. Diese auch vor solchen Kenntnissen zu schützen, war sonst ein wichtiger Teil seiner Arbeit. Lächerlich war es. Hier standen diese Wühler, die sonst die Unschuld selbst vor- stellten, und gaben ruhig an, als ob es das Selbstverständ- lichste von der Welt wäre, daß sie weitverzweigten unter- irdischen Organisationen angehörten. Hier standen diese An- geklagten und klagten an. Es schien für sie nur eine Sache in der Welt zu geben, eben die der Bekämpfung des Faschis- mus, für die sie hier so frech Propaganda zu machen wagten. Sie nannten sie die Sache des deutschen Volkes und aller Völker. Zum Glück irrten sich diese Leütchen, wenn sie glaubten, daß ihr Gerede jemals über diese vier Wände hin- ausdränge. Daß das Henkerbeil sie nach solchen Worten er- wartete, schienen sie nicht zu wissen. Dennoch, sie wußten es so gut wie die Richter, wie jeder hier im Saal. Mit zunehmender Verstimmung, jetzt aufmerk- sam, hörte Steeger die Vernehmung des dritten, vierten und fünften Angeklagten an. Sie saßen auf einer Seitenbank zwi- schen je zwei Schupos. Ihre Physiognomien erschienen ihm alle gleich uninteressant. Gerade wurde der sechste aufge- rufen und vor den Tisch geführt. Steeger warf einen halben Blick auf ihn und erhob sich, um zu gehen. Es war ja immer 131 dasselbe. Im Aufstehen bemerkte er, daß der Mensch, dessen Gesicht er vorher nur im Profil gesehen hatte, über dem rechten Auge ein schwarzes Blindenpflaster trug. Der Gedanke an seinen ,, Ersten" durchzuckte Steegers übermüdetes und überreiztes Hirn. Unwillkürlich setzte er sich wieder. Er fixierte den Angeklagten. Er stand jetzt so, daß er diesen genau sehen konnte. Nicht die geringste Ähnlichkeit! Ärgerlich über sich selbst erhob er sich von neuem, aber nun hätte er bereits eine Störung verursacht, wäre er gegangen. Der Angeklagte fing schon an auszusagen. ,, Sie haben einer illegalen Organisation angehört?" fragte der Richter. ,, Ja", war die Antwort. Dieser Vorsitzende, ein Mann mit rosigem Teint, der fast ununterbrochen seine damenhaft weichen, dicklichen Hände umeinander bewegte, als ob er sie wüsche, war auch nicht nach Steegers Geschmack. ,, Welches war das Ziel dieser Organisation?" fragte der liebenswürdige Richter. - ,, Das Endziel" der Angeklagte wiegte den runden, geschorenen Kopf; Edwin Steeger bildete sich ein, daß er dabei mit seinem einen Auge, das grau und hell war, ihm ins Gesicht sah ,, das Endziel", antwortete er ,,, der Sturz der Hitlerregierung." Ein empörtes Murmeln lief durch den Saal. Der Richter erhob beschwichtigend die Hände gegen das Publikum. - ,, Wozu und wie", fragte er sanft ,,, wollte Ihre Organisation eine Regierung stürzen, die vom ganzen Volk vergöttert wird?" Er lächelte breit den Angeklagten an und sah dann triumphierend über die Reihen der Zuschauer. Wenige lachten. Man kannte das jetzt schon. ,, Sprechen Sie sich nur aus, junger Mann. Sprechen Sie sich ruhig aus. Vielleicht können Sie uns dumme Nationalsozialisten überzeugen." Diesmal fehlte der Lacherfolg nicht. Es dauerte eine Weile, bis wieder Ruhe eintrat. ,, Also legen Sie los", sagte der lächelnde Richter. 132 „Mein Vater war Arbeiter und Sozialdemokrat.“ Die Stimme.des Gefesselten war rauh; sie hatte indes etwas Heiter-Jugendliches, das in dieser Umgebung und unter die- sen Umständen fast verblüffend wirkte. „1933 war ich noch ein dummer Junge. Ich lernte damals Schlosser. Außer für meine Arbeit habe ich mich nur für Wassersport interessiert. Bloß von Vater und Großvater her war ich gewöhnt, daß der Erste Mai— eben der Erste Mai ist.“ Wieder schien es Steeger, daß das graue Auge ihn ansah. „Der Tag, an dem die Arbeiter, sagen wir mal, Heerschau halten für ihren Zukunftssieg. So. Und wie dann der Erste Mai auf einmal nicht mehr unser Tag sein sollte, da wollte ich nicht für die Herren aufmarschieren. Das war 1933, da blieb ich im Bett. Na ja, damit fing es an.“ „Damals waren Sie also ein dummer Junge?“ unterbrach der Richter.„Und was sind Sie jetzt?“ Im Saal wurde stürmisch gelacht. „Ich verstehe, daß Ihnen diese Angeklagten lächerlich vor- kommen“, wandte sich der Richter ernst an die Zuhörerschatft. „Ich muß aber um vollständige Ruhe, bis zuletzt, bitten.“ „Seit 1933 bin ich ein erklärter Feind der Regierung“, sagte der Angeklagte. Seine eingesunkenen Züge spannten sich. Sicher, Edwin Steeger kannte den Mann.„Der Herr Vorsitzende sagt, daß das deutsche Volk die Regierung ver- göttert. Das ist nicht richtig. Ich kenne das deutsche Volk besser als Sie, Herr Richter. Ich habe ja auch bis vor einem halben Jahr für einen Anhänger der Regierung gegolten. Sie wissen, was Abraham Lincoln gesagt hat: ‚Man kann manch klugen Menschen betrügen, lange, sogar auf die Dauer, auch ein Volk kann man betrügen, lange; aber nie- mals auf die Dauer.‘ Das deutsche Volk wurde betrogen und wird betrogen und es weiß das.“ „Doll!“ rief jemand im Zuschauerraum. Steeger hatte den Sprechenden unverwandt angesehen. Der „Erste“ war es nicht. Der vom Ersten Mai damals, im selben 133 “Frühling, konnte es auch nicht sein. Erstens hatte der das’ Auge behalten; und dann war dieser hier auch viel zu alt, obgleich— Aber nein, er hatte ja eben gesagt, daß er 1933 noch ein Junge war. Mit einer Zornfalte in der Stirne fuhr der Angeklagte fort:„Das deutsche Volk will ein brüderliches Leben ohne Grausamkeit. Es will ohne eine Bedrückerkaste die Früchte seiner Arbeit genießen.“ Die eigentümliche Stimme, der lange, braune Hals, in dem der Kehlkopf auf- und abspazierte— tatsächlich es war der Bursch! Edwin Steeger schnaufte leise durch die Nase. Da war er schon wieder bei Hans Warnke. Schön, Hans hatte also recht gehabt: er, Edwin Steeger, hatte dem frechen Kerl damals doch das Auge ausgeschlagen. An dem da war der Junge zugrunde gegangen. Weshalb ihn nur immer jetzt alles bis zur Wut reizte? Diese Schaustellungen der Verräter waren ein Greuel und wenn es auch innerhalb der Partei blieb, überflüssig, schädlich. Und wozu in aller Welt ärgerte er sich so? Schade, daß er nicht gegangen war. „Kann es ein Volk geben, das Willkür und Grausamkeit liebt? Ein ungerechtes Leben im großen und im kleinen?» Ein solches Volk gibt es nicht“, sagte der Angeklagte. „Lodeskandidat oder nicht, nachgerade wird das etwas viel.“ 3 „Das ist nun der sechste!“ kamen erboste Stimmen aus dem Saal. „Beim nächsten Zwischenruf werde ich den Saal räumen lassen“, erklärte der Richter bestimmt. „Ihr Herren Nationalsozialisten glaubt, die deutschen Ar- beiter haben aufgehört zu denken. Der ‚Führer‘ hat es ja . befohlen. Ach nein‘— über das dunkle Gesicht des Ein- augigen flog ein Lächeln—,„sie denken noch. Ganz gut können sie denken. Sie wissen, was die Arbeiter der ganzen Welt wissen: daß die Zukunft ihnen gehört.“ Im Saal wurde gelacht. Auch der Richter lachte wie über einen guten Witz. 134 „Sie lachen?“ rief der"Angeklagte mit vorgestrecktem Hals. Er bewegte dabei den Kopf schnell hin und her, wie lebhafte Einäugige zu tun pflegen. Zum drittenmal plagte Steeger das zuwidere Gefühl, daß dieses Auge ihn abtastete. Der Richter war aufgestanden. „Das deutsche Volk kann sich nicht rühren, weil es überall zwischen Gewehren steht, die sehr leicht losgehen“, sagte der Angeklagte langsam.„Das ist wahr. Aber der Tag wird kommen, wo es begreift, was es mit diesen Gewehren machen muß.“ „Soll das noch lange so gehen?“ schrie eine hysterische Stimme in der zweiten Stuhlreihe auf. „Lassen Sie doch. Das kostet dem den Kopf“, sagte ein gemütlicher Dicker zu Steeger, dem die Nerven durch- gegangen waren. N „Der Kopf ist schon lose. Woher sonst die Frechheit“, meinte der andere Banknachbar. Das ganze Auditorium war aufgestanden und sprach. Steeger sah sich um. An Haltung und Gebaren erkannte er die Parteigenossen. Er beruhigte sich. Dieser Mensch sagte nichts anderes, als was diese Leute immer sagten, wenn sie glaubten, eine Tribüne zu haben. Der Richter hatte eine Glocke geschwungen und stellte sie wieder auf den Tisch. Sofort trat Stille ein. Alle saßen. Nur die fünf auf der Anklagebank, die ihr Urteil erwarteten, und ihre Wachen waren aus einem unerfindlichen Grunde stehengeblieben. „Setzen!“ schrie der Richter. Der Einäugige, der den Sturm verursacht hatte, stand, den Kopf nach der linken Saalseite gewendet. Diesmal blieb Steeger kein Zweifel, daß der Mann ihn ansah. ‚Er wird mich anreden, eine Szene provozieren‘, dachte er peinvoll. Seine Gereiztheit steigerte ‚sich beständig. Es fiel ihm, so unglaublich ihm das selber vorkam, schwer, den Blick des Menschen unbeweglich auszuhalten. „Dieser reizende kleine Vortrag— war das alles? Ihre 135 letzten Worte, Angeklagter Müller?" fragte der Richter anzüglich. ,, Nein, nicht alles", rief Müller mit plötzlicher Leidenschaft. ,, Erlauben Sie, noch etwas zu sagen. Ich werde kurz sein." , Jetzt geht's los', dachte Steeger und hielt den Kopf steif. Er war sich schon klar: es waren die Dinge, die mit seinen Anfängen, die mit Hans Warnke zusammenhingen, auf die er so qualvoll reagierte. Der Angeklagte hatte sich ganz dem Saal zugewendet. Er tat einen Schritt nach der Seite hin, wo Steeger saẞ. Sein graues Auge flammte seltsam auf. Er hob die gefesselten Hände. An den Innenseiten wurden Wunden sichtbar. Der Saal lauschte mit der entzückten Stille der Erwartung, die einem sensationellen Augenblick entgegensieht. Ob nun die Atmosphäre dieser Zuhörerschaft ihn berührt oder das leise Klirren seiner Fesseln ihn geweckt hatte, der Einäugige ließ das. erhobene Händepaar wieder fallen. Sein gestraffter Körper entspannte, seine geöffneten Lippen schlossen sich. Er sah ruhig geradeaus wie vorher; nur sein entstelltes Gesicht war von einem Lächeln verklärt, das von innen her zu strahlen schien. - ,, Nichts, nichts", sagte er leise mit einer, abwesenden Stimme. ,, Der grausame Feind ist leichter kennbar. Wir haben Grund zur Dankbarkeit." Nur die vordersten Reihen hatten seine Worte hören können. Er zog tief den Atem ein und reckte seine abgemagerte Gestalt. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Man strengte sich an, zu verstehen. ,, Mein Leben hat einen Sinn gehabt", sagte er ebenso leise und heiter. ,, Und mein Tod wird sinnvoll sein." Aber plötzlich machte er etwas wie einen Luftsprung, erstaunlich anzusehn. Mit weitgeöffnetem Mund, laut, lachend, schrie er den versammelten Faschisten im Saal zu: ,, Ihr werdet die Herrschaft nicht behalten. Das wißt ihr selbst... Nach uns sechsen werden andere aufstehen, klügere, geschicktere, sechzehn vielleicht, dann Hunderte und Hunderttausende und zu136 letzt alle, die Millionen Unterdrückter!" Ein tief aus der Kehle aufsteigender Laut endete seinen Aufschrei. Die Wachen hatten den Angeklagten gepackt und drehten ihm die Ellenbogen nach außen. Mit zusammengebissenen Zähnen, aber noch verständlich, stieß er hervor: ,, Wenn nicht heute, dann morgen; und wenn nicht morgen, dann übermorgen." ,, Immer derselbe Blödsinn, rief der Richter. Er war gar nicht mehr rosig, sah kalkig und übermüdet aus. Eine neue Drehung an seinen Armen hatte dem Einäugigen fast einen Schmerzensschrei erpreßt. Ohne ihn loszulassen, führten die Wachen ihn auf seinen Platz auf der Anklagebank. Die Verhöre waren beendet. Richter und Beisitzer zogen sich in ein anliegendes Kabinett zurück. Eine Viertelstunde später erschienen sie wieder. Die Urteile wurden verlesen. Fünf junge Männer erhielten zusammen 81 Jahre Zuchthaus. Fritz Müller wurde zum Tode durch das Handbeil verurteilt. Die Zuschauer erhoben sich geräuschvoll. Steeger hätte sich gern eilig mit den ersten durch die Saaltür gedrängt. Da sich aber dort alles staute, mußte er stehenbleiben, Bekannte begrüßen, Fragen stellen, Antworten geben, so lästig das war. Er war noch froh, daß Gerdas Vater nicht dabei war und ihn wieder fragte, warum er sich nie sehen ließ. Endlich gewann er die Straße. Der Wind von vorher blies ihn an; aber jetzt empfand er ihn angenehm. ,, Vier Jahre", knurrte er ,,, herumgewühlt, ohne in unsere Netze zu fallen; naja, als treuer Gefolgsmann. Er wollte mich anquatschen. Aber dann lohnte es ihm nicht." In rasender Eile überquerte Steeger den Platz vor dem Gerichtsgebäude., Verdammter Hund! Wie diese Leute mit sich zufrieden sind! Auf dem Platz war nichts außer Schupo und Privatautos. Unmöglich, einen Wagen zu bekommen. Steeger war so voller Zorn und widerwärtiger Gefühle, daß er einfach nicht mehr denken konnte. Was auch? Er hatte es einfach satt. Alles. Endlich kam ein Taxi. Er rief es an und 137 " warf sich hinein., Weinstube Zabert. Unter den Linden." Mit einer verdrießlichen Grimasse wechselte er auf den Rücksitz. Dort konnte der Spiegel des Fahrers nur seinen Rücken wiedergeben. Kaum sitzend, zog er seine Brieftasche heraus, nahm einen winzigen Zettel aus einem Briefumschlag und betrachtete ihn lange, so, als ob er einen Brief läse. Ein ,, Ja" stand darauf, das ,, Nein" bedeutete. In der Weinstube saß er bis tief in die Nacht allein; bis die Kellner anfingen, unruhig hin und her zu laufen, ob dieser letzte Gast nicht endlich auch ginge. Zum erstenmal in seinem Leben betrank Steeger sich sinnlos. Gegen Vierte! zwei fiel er unter den Tisch. Er riß das schneeweiße Damasttischtuch mit sich; Gläser und Flaschen stürzten über ihn. Die Kellner holten den Wirt und untersuchten in dessen Gegenwart die Brieftasche des 44- Offiziers. Auf einem elfenbeinernen Briefumschlag fand sich eine Adresse. Das Hotel, das man danach anrief, war das richtige. Man brachte den Besinnungslosen nach Hause. Steeger, der bisher so. Beherrschte, Tadellose fing an, ein unordentliches Leben zu führen. Es machte ihm keine Freude. Geliebt wollte er werden. So kam es, daß er den verhüllten Werbungen der Frau eines hohen Vorgesetzten erlag. Sie war in Liebesdingen erfahren, fast doppelt so alt wie er und beherrschte ihn bald vollständig. Die Demütigungen und Qualen zu ertragen, die die Besonderheit und Heimlichkeit dieses Verhältnisses für den ehrgeizigen 44- Offizier mit sich brachten, ging fast über seine Kraft. Diese Frau war ihm nicht treu, so wenig wie ihrem Mann. Sie liebte es, wenn Steeger unterwegs war, zärtliche und leidenschaftliche Briefe an ihn zu schreiben; aber ihr Geliebter wußte nur zu gut, daß sie in ihrem Schloß an der Havel mit ganz anderen Leidenschaften beschäftigt war, als der, für sein Leben zu zittern. Bald bespuckte Steeger in Gedanken sich selber und sie. Er konnte sich nicht von den raffinierten Freuden losreißen, die sie ihm gewährte. Danach litt er an verzweifelten 138 Stimmungen. Was er nie für möglich gehalten hätte, ge- schah: er, Edwin Steeger, verfiel dem ihm am meisten ver- haßten Laster seiner Kameraden: er trank. Er trank bis zur Besinnungslosigkeit, und er schämte sich. Er trank allein. Er gewöhnte sich eine bestimmte Weinstube an, wo er in einem abgetrennten Louis-Seize-Salon seine finsteren, ein- samen Orgien feierte. Er sprach dann laut mit sich selber. Es kam vor, daß er zuletzt.tobte und mit Schaum vorm Mund und glotzenden Augen gegen die Wände rannte. Ein bestimmter, aufwartender Kellner hatte ihn in solchen Fällen mit Eiswasser zu begießen. Wenn ihm das Wasser durch den Kragen über die Brust rann, pflegte Steeger sich schwer atmend langsam zu beruhigen. Bald darauf konnte ihn der Mann auf ein kleines, seidenes Ecksofa schleppen. Zwei oder drei Stunden später fuhr der 44-Öffizier im geschlossenen Wagen nach Hause. Zum Glück für Edwin Steeger brachte die Vorbereitung des totalen Krieges ihm bald andere Spannungen und Er- regungen. Das Leben fing an großen Stil zu bekommen. Der Gestapo-Mann Steeger, vor große Aufgaben gestellt, fühlte sich allen gewachsen. Er war einer der Organisatoren der Vorbereitung der faschistischen Einbrüche in Belgien, Hol- land und Frankreich. Seine Spitzel, Spione und Saboteure arbeiteten lautlos, unvermerkt, fieberhaft, meisterhaft. Ihre Methoden übertrafen an Bösartigkeit und Geschicklichkeit alles, was je an Fallenstellen und unvorstellbarer Hinterlist in der Ausforschung und Übertölpelung argloser Patrioten von einer Geheimpolizei geleistet worden war. Die Domini- kanermönche der Inquisition Innozenz III., deren Methoden Steeger studiert hatte, waren harmlose Leute, verglichen mit seinen Spezialisten. Steeger arbeitete Hand in Hand mit dem faschistischen französischen Geheimdienst. Als die Dinge ins Rollen kamen, klappte es. Die fliehenden franzö- : sischen Armeen sprengten hinter sich die Brücken; aber so viel Brücken als nötig waren, blieben ganz. Nach 37 Tagen war der feuerspeiende Heerwurm der motorisierten deut- / 139 schen Truppen in dem von seiner famosen Regierung verratenen Paris. Sein Beruf machte Steeger jetzt endlich Freude. Er war ständig unterwegs. Er besuchte auf Inspektionsreisen alle im Westen eroberten Gebiete. Die Orden, die seine Brust schmückten, die Auszeichnung, mit der er seines hohen. Rangs halber überall empfangen werden mußte, bereitete ihm Genugtuung. Die erbarmungslosen, verschärfenden Maẞnahmen, die er anordnete, wohin er kam, fanden einen fliegenden, zuweilen angstvollen Gehorsam. Er empfand hemmungslosen Genuß, diesen Gehorsam auf die härtesten Proben zu stellen. Wenn er in seiner eleganten Uniform nachlässig auf einem bequemen Sessel hingestreckt, bestialische Quälereien und Miẞhandlungen befahl, so konnte er die hüpfende Freude in seinem Leibe niemals bis auf den letzten Rest verhehlen. Auf seinen unmerklich zuckenden, immer noch hellroten, vollen Lippen stand dann ein Lächeln, bei dem manchem seiner abgebrühten Adjutanten schlecht wurde. Ein feiner Beobachter hätte an einem plötzlichen Flackern von Steegers langbewimperten Augenlidern merken können, daß Steeger sich nicht nur für seine Opfer interessierte, sondern auch auf Ekel und Widerstand bei seinen Agenten lauerte. Zu dieser Sensation für seine abgelebten Nerven kam er. indessen selten. Seine Leute waren den Dienst gewohnt. Seit langem waren sie auf Roheit und Fühllosigkeit dressiert. ,, Tritt dem andern das Auge aus, sonst tut er's dir", so hieß die Losung. Alle Henker werden mit der Zeit furchtsam. Die Furcht war es, die die Grausamkeit der kleinen Henker der Gestapo weiter und weiter stachelte. Die kleinen Henker der Gestapo hatten weniger Willen als irgendeines ihrer Opfer. Die schwindelnden Erfolge des deutschen Faschismus in West- und Mitteleuropa hatten diesem scheußlichen Barbarentum der Neuzeit keine sichere Basis zu geben vermocht. Trotz, oder auch wegen der Ausbreitung dieser Erfolge Widerwille und Besorgnis gärten im eigenen Volk, Haß 140 - und Abscheu häuften sich in den vergewaltigten Ländern als angsterregender Explosivstoff unter dem mit so unbeschreiblicher Grausamkeit errichteten Machtgebäude des Hitlerismus. Die bewaffnete Feindschaft Englands und Amerikas, der ganzen gesitteten Welt ließ dem rasenden ,, Führer" keinen andern Ausweg, als ein neues diesmal ein ungeheuerliches Abenteuer! - In der Nacht vom 21. zum 22. Juni 1941 verriet Hitler den Freundschaftsvertrag, den er mit Sowjetrußland geschlossen hatte. Zweihundertfünfundvierzig deutschfaschistische Divisionen brachen in die Sowjetunion ein. Große Massen der deutschen Soldaten wußten nicht, gegen wen es ging. Das OKW hatte es ihnen verheimlicht. Es wußte: waren die Armeen erst im Feuer, so mußten sie weiter. Der ,, Lebensraum", den sie eroberten, sollte ihr persönliches Eigentum werden. Die Slawen wären fast zu schlecht, ihre Knechte zu sein. Im Heer wurden Propagandalügen verbreitet über tausende vorgefundener Leichen und Verstümmelter in eroberten russischen Ortschaften. Aber trotz des ungeheuren militärischen Erfolges, den die überlegene, überrumpelnde Angriffstaktik den Deutschen zunächst gab trotz ihres tiefen Eindringens in das fremde Land-: die Stimmung der Truppen war mäßig. Hie und da stießen sie auf einen Widerstand, der in seiner Intensität ihnen völlig neu und tief unheimlich war. In den Wäldern begannen die Partisanen sich zu sammeln. Nur daheim in Deutschland war der Siegestaumel überschwenglich, unermeßlich. Die heimlichen Warner verstummten; vor Entsetzen die einen, die andern endgültig überzeugt. Indessen, im weiten Rußland selbst stand der blutige Schatten Napoleons, wenn auch noch verhüllt, am Horizont und sagte einer unglücklichen Millionenarmee ihren Untergang voraus. - Steeger übte in den besetzten Städten eine ausgebreitete Tätigkeit aus, die an Menge und Art alles übertraf, was die Gestapo je hatte aussinnen und ausführen lassen. Er leitete die Sonderkommandos und die Abrechnungen mit den wider14I setzlichen Elementen in den Städten. Diesen Teil der Arbeit beherrschte er im Großen und kannte ihn bis ins geringste Detail. Jetzt interessierte ihn das russische Dorf. Was ging dort vor? Die Bauern gaben ihre Kolchos- und Sowjetvorsitzenden nicht heraus. Sonderkommandos und Spitzel plagten sich. Wo man durch Foltern keine Namen erpressen konnte, wurde das wahllose Hängen von Abgezählten aus der Reihe angewandt. Führte es auch nicht immer zu den gewünschten Ergebnissen, Furcht und Schrecken wurden verbreitet, der Gehorsam erzwungen. Steeger beschloß, sich so eine Dorferziehung einmal persönlich anzusehen. Vielleicht ließ sich das noch besser machen. Als sein Wagen inmitten einer kleinen Kolonne im Dorfe Ch. ankam, war das Schauspiel schon im Gange. Unter einer Gruppe alter Eichen auf dem Dorfplatz standen gebunden, dicht zusammengedrängt, wie Puppen ohne Arme und Beine die zwanzig Ausgezählten, die zu hängen waren. Sie standen zwischen einer dreifachen Kette von Soldaten. Ein geballter Knäuel von Menschen, nicht mehr als vierzig oder fünfzig, drängte mit entsetzten Gesichtern stumm gegen die Flintenkolben der ebenfalls schweigenden Soldaten der dritten Reihe an. Ein ohrenbetäubendes Geschrei und Geheul, das von woanders kam, erfüllte die Luft. Es drang aus den Häusern und legte sich wie ein Alp auf das Gehirn. Hätte Steeger die Worte verstanden, er hätte alle die alten, seltsamen und wilden Flüche vernommen, die in Jahrhunderten der Knechtschaft ein starkes Volk in gequälter Brust gefunden hat. Nach 23 Jahren selbsterworbener Freiheit erschütterten diese gräßlichen Flüche noch einmal die Luft über der russischen Erde. Die Flüche drangen durch die Wände der Häuser trotz aller Drohungen und Kolbenschläge der faschistischen Wachen. Diese Flüche drohten und verhießen mit Gewißheit Taten. Steeger sah seinen Begleiter an. ,, Ekelhafter Lärm. Köter, die bellen, beißen nicht." Die beiden 44- Offiziere_gingen zu einem der größten Bäume, der auf hügligem Grunde seit142 wärts etwas erhöht stand und mit gewaltig ausgebreiteten Zweigen mächtige Schatten warf. Oberst Steeger klopfte die knorrige Rinde der alten Eiche, als klopfe er einem Pferd den Hals. ,, Prachtbaum!" ,, Ja, kein übles Land", meinte sein Begleiter. Die Soldaten waren eben mit dem Überprüfen der Stricke fertig und kamen die Leitern herunter. Sie machten finstere Gesichter. Sie waren selber Bauernsöhne. ,, Na, fangt an!" rief Steeger ermunternd; und zu den Gebundenen gewandt: ,, Schöne Bäume habt ihr! Da werdet ihr, Früchtchen gut hängen. Schön kühl da oben." Die Ausgezählten starrten voll Grauen auf den deutschen Faschisten wie auf ein fremdartiges, nie gesehenes Tier. Sie hatten sein gebrochenes Russisch verstanden. ,, Was sagt er? Was sagt der?" rief es aus dem Häuflein der Übriggebliebenen. Hinter der Abriegelung schoben und drängten sie erbittert, aber vergebens nach vorne. Der erste Mensch stieg auf die Leiter. Es war ein starker Mann mit nacktem, geschundenem Oberkörper. Man hatte ihn hinaufstoßen wollen. Er hatte sich auf eine Art nach den Soldaten umgesehen, daß ihre Kolben sich senkten. Als er oben auf der Leiter angekommen war und sich herumwandte, konnte man deutlich sein schweres, großes Gesicht sehen, mit tief in die Stirne gewachsenem, braunem Haar. Die gefesselten Hände gesenkt, sah der Geschundene zu dem Haufen jener Glücklich- Unglücklichen hinüber, aus dem vor einer halben Stunde die Henker ihre Opfer herausgezerrt hatten. Augenscheinlich wollte er etwas sagen. Er schien sich nicht sammeln zu können. Endlich kamen Worte: ruhig, langsam. ,, Der deutsche Gospodin sagt, daß wir schöne Bäume haben und Früchte. Unsere Feldfrüchte gefallen dem Gospodin." Er schnaufte leise: ,, Anjuscha". Ein sonderbares Glucksen aus seiner Kehle begleitete das Wort, Anjuscha'. ,, Für dich und unsere Kinderchen, meint er, wird es künftig genügen, wenn für euch statt Äpfeln oder Birnen eure Teuren in den 143 Bäumen hängen— zwanzig Männer und Frauen, Kolchos- bauern—“ Infolge des Dialekts hatte Steeger fast nichts verstanden. Beim Wort Kolchosbauer winkte er. Die Soldaten warfen die Schlinge. Der Redner wurde heruntergeworfen. Aus dem Menschenknäuel kam ein Geräusch von trampelnden Füßen. Es klang, als marschierte ein Trupp vorbei. Kein Aufschrei; Ächzen nur, gurgelnde Laute: wie von Erstickenden. „Die Kur wirkt“, sagte Oberst Steeger zu seinem Be- gleiter. Man brachte Stühle für die Herren, und sie setzten sich.„Sind(die Kolchosfasler erst gehängt, werden wir leichtes Spiel haben.“ Der Begleiter deutete auf den Zweiten, der sich gerade mit Anstrengung auf der obersten Leitersprosse herumdrehte. „Versuchen Sie zu verstehen“, zischte Steeger.„Von dem erhöhten Platz hier sehe ich gut, aber ich höre nicht ordent- lich. Muß man mal gehört haben, dies verrückt gemachte Volk.“ Der weißbärtige Alte, der jetzt in den weit ausladenden Ästen der alten Eichenkrone stand, hatte gar keine Ähnlich- keit‘mit ‚verrückt Gemachten‘. Sein harmonisch geformtes, schönes Gesicht zeigte keine Unruhe. Unter buschigen Brauen standen durchdringende, grellblaue Augen wie funkelnde » Lichter. Was sie blitzten, war unverkennbar Stolz, Hochmut — vielleicht sogar Verachtung. Toll, dachte Steeger, den Strick vor der Nase!„Wo nehmen die Leute diese Haltung her? Wir wollen sie reden lassen.“ „Was hast du zu sagen, Bauer?“ rief der Dolmetsch in den Baum hinauf. Der Alte hob das Kinn so hoch, daß sein weißer Bart geradewegs zur Menge hindeutete. „Meine Teuren“, fing er sofort an,„wer in Zukunft in den Bäumen hängen wird, das wird sich schon zeigen. Um unsere Lieben hier ist es schade. Aber ihr seht es ja, wir verstehen zu sterben.“ Er wandte sich, so weit er konnte, herum, offenbar, um 144 Anjuschas Mann nicht schaukeln zu sehen. ,, Meine Teuren, grämt euch nicht. Hört ihr? Andrej Afanassjewitsch hat die schwere Kinderzeit gesehen und das harte Mannesalter. Wir haben an das gute Väterchen Zar geglaubt; aber dann kam der schwarze Sonntag und Lenin. Wir haben Erde bekommen, ach Kinderchen, und dann kam der Bürgerkrieg. Wir haben hier im Dorf das erste und das zweite Kolchos gehabt. Meinen Grigorij haben die Denikinbanden gehängt. Die Denikinbanden wurden zerschmettert. Wir haben das Kulakengeschmeiß gehabt und das dritte Kolchos voll mit Verrätern. Wir haben die Kulaken und die Verräter zerschmettert." ,, Lauter", rief Steeger von seiner Anhöhe herüber. ,, Der alte Kerl soll lauter predigen." ,, Du sollst lauter predigen", rief der Dolmetsch hinauf. ,, Die Stimme ist schlecht", entschuldigte sich der Alte. Ein Blick aus seinen grellen Augen hatte die Anhöhe gestreift, wo die Offiziere saßen. ,, Die hier werden zerschmettert werden. Sie werden von der russischen Erde verschwinden, wie die weißen Banden verschwunden sind. Wie der Ofenrauch aus einem Holzfeuerchen. Ja, meine Teuren, so werden sie verschwinden." Steeger winkte dem Dolmetsch. Er ließ sich übersetzen. ,, Ein munterer Todeskandidat. Der reinste Dichter. Weiter", rief er leutselig hinüber. ,, Der muntere Todeskandidat soll weiterreden." ,, Du darfst noch reden", rief der Dolmetsch hinauf. Der Alte reckte den Kopf. ,, Was noch sagen?" Man sah, daß ihm das Stehen auf der schmalen Sprosse jeden Augenblick schwerer wurde. Augenscheinlich fürchtete er, gebunden, wie er war, hinunterzustürzen. Er schwankte. Der Soldat auf dem Gerüst nebenan packte ihn am Arm. Als der Bauer sein schönes Altvatergesicht wieder hob, sah man seinen großen Mund im Barte lächeln: ,, Der alte Moses hat sein gelobtes Land nur von weitem gesehen. Und er starb gern. Andrej Afanassjewitsch stirbt 10 Wentscher 145 erst gern, meine Teuren." Seine Stimme zitterte. ,, Unser Kolchos hat alle seine Maschinen abgezahlt. Unsere MTS versorgt die ganze Gegend. Wir haben gelernt zusammenzuarbeiten. Unser Kolchos ist ein Stolz der Sowjetunion. Meine Kinder sind in schönen, gelehrten Berufen in der Stadt gewesen, und jetzt sind Andrej Afanassjewitschs Kinder bei der Roten Armee." Steegers Gesicht war verkniffen. Er verstand jetzt. Der Alte, bereits von einem zweiten Soldaten gehalten, redete immer noch: ,, Das Bild von unserm Grischa hängt nun seine 21 Jahre in der Ecke, da, wo früher das Heiligenbild hing. Mutter kann jetzt meines daneben hängen. Schreibt nach Moskau, an Genossen Stalin, wenn ihr die da wieder raus habt, daß alles in Ordnung ist." Dann schrie er mit gänzlich veränderter Stimme die Soldaten an: ,, Jetzt will ich nicht mehr warten." Die Soldaten rührten sich nicht. Sie warteten auf Befehl. Der Befehl kam. Andrej Afanassjewitsch wurde hinuntergestoßen. ,, Den übrigen Knebel in den Mund." - Die Gebundenen schrien gellend, langgezogen, wie aus einer Kehle. Auch die Menge schrie. Nachdem der dritte ohne Wort abgeglitten war, trat eine Stockung ein. Oberst Steeger war aufgestanden, aber er gab kein Zeichen. Sein Blick lag erstarrend auf dem Bauernjungen, der unter der nächsten Schlinge stand. Dieser Bengel, die Kopfhaltung, die Augen, der semmelblonde Schopf verdammt noch mal: Hans Warnke sah er ähnlich. Und war so etwas möglich? Er lachte. Hans, Hans, dachte Steeger ärgerlich, wieso Hans? Wie Hans sahen Tausende aus. Deutsche und Russen. Weshalb würgte ihn das lang vergessene, schmähliche Gefühl moralischer Machtlosigkeit im Hals? Lächerlich. Weltherrscher morgen! Fast schon heute. Aber worüber zum Teufel lachte dieser Bursche? In seinem weit offenen Mund glänzten 146 di D be R g h d die Zähne. Das war nicht Verzweiflung, auch nicht Trotz- Dieser Bursche sah etwas. Was sah er? Plötzlich, wie von einer Lebensgefahr, wird Steeger sich bewußt: das Geheul aus den Häusern ist verstummt. Im Rücken der 44- Offiziere weht, rauscht, schnaubt etwas. Steegers Kopf, die Köpfe der beim Hängen Beschäftigten flogen herum. Ein Falkenschrei. Fast in Sekunden war der Knäuel der Kolchosleute auseinander gestoben. In einer Staubwolke auf den Eichplatz zu stürmte in aufgelöstem Schwarm ein Trupp Reiter. Sie hoben sich in den Sätteln. Sie sahen wild aus. Die Hufe ihrer Pferde gaben einen dumpfen Aufschlag. Die deutschen Soldaten hieben und schossen auf die nach den Seiten entweichenden Männer und Frauen ein. Steeger war die Anhöhe hinuntergelaufen. Die Maschinenpistole in der Hand, den Finger am Hahn. ,, Den Wagen, meinen Wagen", brüllte er. Keine Antwort kam, aber von drüben die ersten Schüsse. Soldaten und Bauern im Handgemenge stürzten getroffen. Die unbewaffneten Bauern krochen an der Erde entlang, den verwundeten Soldaten den Garaus zu machen. Die Deutschen waren gezwungen, ihre Salven auf die sich heranwälzende Staubwolke zu richten. Die Kolchosleute versuchten sie zu Boden zu reißen, während sie schossen, und wurden selbst von den Kugeln der Partisanen getroffen. Der blonde Junge, der gelacht hatte, war wie besessen die Leiter hinabgerannt. Auch er hatte sich niedergeworfen. Ein bärtiger Bauer löste ihm die Fesseln. Mitten im Kugelfeuer begannen beide die Gebundenen zu befreien. Als es dem Jungen nicht gelang, einer Schwangeren die Stricke zu entwirren, ergriff er den nächsten Gefesselten. Mit ungeheurer Kraftanstrengung zerrte er beide Menschenbündel am Boden entlang aus dem Getümmel. Ein schrecklicher Nahkampf entspann sich. Die Dorfbesatzung, die zu Fuß war und von ihren Maschinengewehren abgeschnitten, erlag zuletzt. Trotz ihrer 10* 147 Überzahl konnte sie dem Ansturm der Partisanenreiter nicht standhalten. Die Wagenkolonne wurde an ihrem Standort von einem andern Teil der Partisanen überwältigt. In den Fäusten der aus den Häusern befreiten Bauern waren Mist- gabeln, Spaten und Beile zu grausamen Waffen geworden. Diese Menschen waren furchtbar. Sie kämpften um ihre Erde, und das Gefühl gerechter Rache hatte sie zu Helden gemacht. Alle Gefesselten wurden befreit, die drei Erhängten her- untergenommen. Der Schmerz und die Erbitterung der Sieger waren unbeschreiblich. Ihr wildester Haß galt dem faschi- stischen Hund, der die Eiche geklopft und die Worte von den Früchtchen und von der Kühle gesagt hatte. Das deutsche Kommando in der Stadt hatte keine Gelegen- heit, die zur bestimmten Frist nicht eintreffende Wagen- kolonne suchen zu lassen. In derselben Nacht hatten Truppen der Roten Armee Stadt und Gebiet von N. zurückerobert. Sie sollten sie noch zweimal wieder verlieren. Der große Gestapomann, Edwin Steeger, endete unter den erbarmungs- losen Schlägen der Bauern und Bauernweiber von Ch. EIER EI er TANTE TINA Bei der Hinrichtung der 61jährigen Berliner Gasthausbesitzerin Tina Kerndl im Herbst 1937 ging alles wie geölt, bis der rasierte, totenähnliche Kopf, Tante Tinas einst so schöner Kopf, zu Boden fiel. Der Kopf stand, und die Henkersknechte schrien entsetzt: ,, Sie guckt." Die übriggebliebenen Roten vom einstigen 17. Bezirk erfuhren den Hergang; einer da, der andere dort; mit Ausschmückung oder ohne. Nach einer Woche wußten es alle. In die Erbitterung, den Schmerz und die Wut mischte sich Genugtuung: Die Mörder von Beruf hatten in den Augen des stehenden Kopfes einer Toten ihr eigenes schlimmes Ende gelesen! Die Tage von 1933, in blutiges Licht getaucht, standen aus der halben Vergessenheit wieder auf: Wehrlose überfallen und hinmachen, das konnten die Nazi. Nach vier Jahren fast ständiger Einzelhaft der Prozeß. Der Mörder ist der Richter: Kopf ab. Aber Tante Tina war etwas eingefallen: sie hatte geguckt, als sie schon tot war. Das sah ihr ähnlich. Sie hatte schon immer so gucken können, daß schlechten Kerlen das Herz in die Hosen fiel. Im Außengelände von Berlin standen ein paar alte Arbeiter um eine Sandkiste beim heimlichen Treff. Ein Spiel Karten für den unerwünschten Zwischenfall - - lag auf dem Kistendeckel. Sie sahen in die Dämmerung, die von den Rieselfeldern auf die Großstadt zukroch. Ihr ganzes Wesen war in Aufruhr, und deshalb schwiegen sie. Ein jeder fühlte, was der andere dachte: Tante Tina. Wer im 17. Bezirk hatte Tante Tina nicht gekannt? Hatten die Arbeiter aus der Färberei nebenan und aus der 149 Gasanstalt, wenn sie nach Feierabend auf eine Molle kamen, nicht jahraus, jahrein ihre müden Geister aufgewärmt an Tante Tinas tiefer Stimme, am Feuer ihrer Augen, die her- ausfordernd und durchdringend waren, wie die Augen der Bergadler ihrer Heimat, von denen sie erzählte? Gut waren Tante Tinas Augen gewesen noch dazu, gut und warm. Hundsverfluchte Nazibrut! Sie haben Tante Tina geschlachtet wie ein Tier. Warm und gut war sie gewesen wie ihre ge- heizte Gaststube, wie der heiße Bohnenkaffee, den sie aus- schenkte, wenn es anderswo längst schon bloß Lorke gab; sauber und appetitlich wie ihre knusprigen Schrippen und heißen Wiener Würstchen, kühl auch und achtunggebietend, wie das schäumende Bier aus den schön vernickelten Kränen. Wenn die Bierkutscher abladen kamen, da war geschmun- zelt worden und oft schallend gelacht. Die Bierkutscher ver- ehrten, ebenso wie die Gäste, Tante Tinas famoses Mund- werk. Ja, diese Frau verstand mehr als Kaffeekochen. Tante Tinas Worte stammten aus der Tiefe ihres sturmreichen Lebens. Sie mit ihrem ungelehrten Hirn hatte nachgedacht über das Schicksal der arbeitenden Menschheit seit ihrem 9. Jahr, als ihr eigentliches Arbeitsleben begann. Sie wußte noch anderes zu melden außer von Bergadlern und Ziegen ihrer Heimat, etwas von dem, was uns am nächsten angeht. Etwas Lebendiges war in ihren Worten, das verpflichtete und vorwärts stieß. Sie nannte die Dinge bei ihrem richtigen Namen. Da blieb manchem zimperlichen Burschen der Mund offen. Derb genug waren oft ihre Scherze, aber nie dreckig. Nein, sauber war die Luft in der kleinen, dunklen Gaststube an der Straßenecke in Berlin-N. Und bewegt, Jungens. Da gab es Wind öfters. Da roch es noch nach Freiheit. Da rührte sich noch was von Zukunft. Hundsverfluchte, feige Nazimörder! Tante Tinas Kopf wird euch noch lange an- gucken. Ihre toten Augen wußten mehr als eure lebendigen wissen. Lange werden sie euch verfolgen— bis es auch bei uns endlich Tag wird— der Tag der werktätigen Menschheit. * 150 Von Tante Tina muß man reden. Man muß aufzeichnen, was man weiß. Leider wissen wir nicht viel. Aus ihrer Haft- zeit nur das eine, daß sie furchtbar litt und niemand ver- raten hat. Von früher können wir erzählen. Tante Tina sprach nicht berlinisch. Schwer zu sagen, was sie eigentlich sprach. Sie hatte etwas Besonderes an sich; kannte die Welt von oben und unten. Eine Haltung hatte sie, alle Achtung! Hätte noch alle Tage eine Ia Herrschafts- köchin abgegeben. Aber zu uns gehörte sie. Das war selbst- verständlich, und das war ihr Stolz. 60 Jahre, nein 61 stand in der Zeitung. Als wir sie kannten, vor vier Jahren zuletzt sah sie aus wie keine vierzig. Groß wie ein Mann; aber’n Weib völlig. Alles da; und gesunde Haut. Die vollen Wan- gen etwas gelblich, die Zähne schneeweiß und stark wie bei einer gesunden Bäuerin. Ich hab sie nur mit weißem Haar gekannt. Das stand wie ein Rahmen um ihr großes Gesicht. Fast feierlich wie bei so einem Meisterkopf aus dem Mittel- alter im Museum. Dabei war sie ein Racker. Kamen die Grünen mit irgend- welchen Plackereien— Tante Tina sagte rein gar nichts; nur ihre hellen Augen mit den langen, schwarzen Wimpern drangen auf sie ein, daß die neueste Polizeiverordnung denen fast im Halse steckenblieb. Wenn’s nur irgend anging, schoben sie wieder ab. Den Jungen flößte Tante Tina eine Art Scheu ein. Krach oder Keilerei duldete sie nicht. Trunkenbolde kannten ihre harte Faust in ihrem Rücken. Mancher Brave hat sie mal gespürt, plötzlich an der freien Luft in der offenen Tür der Schankstube. Aber das wußte er: hinfliegen wird er nicht. Straßenjungen, die an der Haus- türe Unfug machen wollten, kriegten Tante Tinas Serviette um die Ohren. Diese selben Jungen saßen später als junge Arbeitslose in der Ecke rechts hinter der Theke, schluckten mit seligem Augenaufschlag Kaffee-Lorke, aber doch naß und heiß. „Drei Jahre hat man dich als Lehrling ausgebeutet, und dann auf die Straße. Trink, mein Sohn. Mein Kaffee-Pleur, 151 der macht Blut. Daß du ein Kämpfer wirst." Oft fand sich noch' ne Semmel. Und dann lachte Tante Tina. Nett konnte sie lachen. Zahlen mußten sie nicht. Diese Jungen werden jetzt für den Krieg im Arbeitslager gedrillt; manche sind in Spanien gefallen, viele schwitzen Schweiß und Blut im KZ., viele haben sie schon totgequält und andere, noch viel mehr was wahr ist, muß man sagen sind in der SA. Einen Kellner zu halten warf das Geschäft nicht ab, so wie Tante Tina es betrieb. Ein Mädel war da als Hilfe bei der Bedienung und eine für die Küche und Reinemachen. Ihr Gehalt bekamen sie pünktlich, und sie behandelte sie wie Töchter. - - Aber die eigene Tochter ging ihr über alles. Das war die Leni. Dreißig Jahre war sie alt. Sie war Kassiererin in einem Warenhaus. Ihr Mann war gestorben. Seitdem lebte sie mit der Mutter in dem winzigen Zimmer hinter der Gaststube. Die Töchter leidenschaftlicher Mütter sind oft sehr still und von einer sanften Festigkeit. So war die Leni. Fast lautlos ging sie aus und ein. - - So um 28 herum, wenn sie von der Arbeit kommen mußte, war es ein besonderes Vergnügen der Stammgäste, Tante Tinas Gesicht zu beobachten. Verstohlen blickte sie immer wieder nach der Eingangstür. Wie' n junges Mädel, das seinen Liebhaber erwartet. Aber jeder freute sich, die Leni zu sehen. Sie war schön wie die Mutter, nur zarter. Wenn ihr Hut in der Türspalte erschien Tante Tina ordentlich finster vor Glück. Sollte nur ja niemand merken, wie sie närrisch toll an dem Mädel hing. Das war ja ihre ganze Familie, alles was ihr geblieben war von einem Mann und fünf Kindern. Da konnte sein was wollte, Tante Tina verschwand mit dem Mädel im Hinterzimmer. Die Leni schlang das sorgfältig vorbereitete Essen hinunter und ging fort zur Parteiarbeit. Die Kinder von allen vier Ecken und aus zwei Nebenstraßen liebten Tante Tina. Wenn sie für Vater eine Molle holen kamen und wußten, wer der mutige deutsche Mann 152 war, der 1916 gegen den Krieg gewettert hatte, oder die schreckliche Geschichte, wie Karl und Rosa im Edenhôtel umgebracht wurden, nahm Tante Tina den Deckel von dem großen, bauchigen Bonbonglas. Es gab ein oder gar zwei Atlaskissen. Die Farbe konnten sie aussuchen. Eine Art Bestechung vielleicht. Sollten die Kleinen nur kapieren, wo sie lebten. Tante Tina hielt mit ihrer Meinung über das Herrengesindel nicht hinter dem Berge. Und sie wußte, wo ein Wort hingehörte. In der Partei war sie nicht. Sie hatte keine politische Bildung, aber sie las unsere Zeitungen. Als 1933 die ersten Nazi amtlich in die Gaststube hereingestelzt kamen und Stunk machen wollten, hat sie sie eingewickelt: - - ,, Ich bin nur eine einfache Frau aus dem Hochgebirge. Ich habe Kühe gern, Rösser, Schafe, Schweine, alles Viehich meine eure Politik davon verstehe zeug, aber euch ich nichts. Dazu muß man Grips haben so wie Sie, meine Herren." Mit solcher Art Reden hielt sie an der Theke die Braunen auf. Jeden Augenblick wollten die wild werden; aber gleich wieder denken sie, sie haben sich geirrt. Inzwischen haben die Genossen im Hinterraum die Kartothek und die Parteiabrechnungen beiseite geschafft. Damals im Januar war es für die Nazi natürlich nicht schwer zu erfahren, daß bei Tante Tina ihre Todfeinde aus und ein gingen. Die Leni hielten sie für eine ,, große Nummer", was sie gar nicht war. Aber bei ihnen hat es wohl festgestanden, daß man die Leni ,, erledigen" müßte. In einer Almhütte in den Tiroler Bergen war Tante Tina zu Hause, 1700 oder 1800 m hoch. So eine Hütte ist aus Baumstämmen gemacht, der Boden ist Erde. Ihre Eltern hat sie nicht gekannt. Ein halber Trottel, ein seelenguter Kerl war ihr Ziehvater, ein Ziegenhirt, allein auf der Höhe, 8 Stunden weit von der nächsten menschlichen Behausung. 153 Armselig und erbärmlich war ihre Kindheit und doch schön. Wenn Tante Tina zu erzählen anfing, vom Himmel im Hochgebirge und brombeerfarbigen Bergketten, von Felsenzacken im ewigen Schnee, von Gewittern, Lawinen und Sturzbächen, von den launischen Ziegen, die sie hüten mußte, von Ziegenmilch und Ziegenkäse, dann wurde es an den Gasttischen still. Alles hörte zu. Sie liebte es, die Bergziegen zu beschreiben: ,, So schöne Tiere habt ihr nie gesehen: Große, gewundene Hörner, wie poliert; gelbe Bernsteinaugen, feine Hufe. Lange Haare wie aus glänzender Seide, gelblich- weiß wie Elfenbein und etwas lockig." Über ihre feine Witterung konnte sie erzählen, über endlose Streiche, die sie ihr gespielt haben. Sie behauptete, daß so eine Ziege vie! klüger sei als ein Kind. Gehungert hat sie da oben nicht. Die Ziegeneuter konnte der reiche Bauer aus dem Tal nicht zubinden und das Tinerl saß an der Quelle; es melkte. Mit neun Jahren war sie Kindermädel in der Fremdenstadt Innsbruck bei einem Gerichtsvollzieher. Der trank. Den ganzen Tag mit den Kindern allein. Das Essen reichte für zwei oder drei; sie waren aber sechs, mit ihr sieben. Verlaust und wild dazu waren die Rangen. Sie liefen ihr davon auf die Straße. Während sie herumrannte, die Größeren zu suchen, hatten die Kleinen zu Hause sich blutig gerauft. Am Abend bekam dann das Kindermädel vom Gerichtsvollzieher die Schläge; und das war sie. Danach war sie bei Schneidersleuten in Dienst, guten Menschen. Der kleine Schneider, eine Art Philosoph, war der erste, der ihr erzählt hat, daß die Welt nicht so schlecht eingerichtet bleiben muß, wie sie ist. Hungrig und erbärmlich blieb ihr Leben lange. Als Abwaschmädel hat sie sich in den hintersten, schmutzigsten Winkeln der Gasthäuser desselben Innsbruck geplagt. Die Männer müssen ihr nicht wenig nachgestiegen sein. In den Gaststuben hat sie das starke Geschlecht nicht gerade lieben gelernt. ,, Ich war stößiger als eine Bergziege", pflegte sie zu sagen. Nun, das glaubte man. Wehrhaft war Tante Tina noch mit 60 und hatte es immer noch nötig. ,, Ach Jungens, 154 ich war wirklich schön", sagte sie manchmal. Dann lachte sie, und ihre weißen Zähne glänzten. Sie hatte eine bescheidene Art bei allem. Man konnte ihr nichts übelnehmen. Von Liebessachen habe ich nie im Leben einen Menschen so einfach und so gescheit reden und raten hören wie diese Frau. Aber ihre eigenen Geschichten gab sie nicht preis. Ums Verrecken nicht. Sie hatte sicher mehr als einen Mann gehabt. Aber darüber war nichts von ihr zu erfahren. Zwei Söhne sind ihr im Weltkrieg gefallen. Mir hat sie einmal gesagt, daß sie vor Gram fast verrückt geworden ist, nachdem sie als junges Weib ihren zweiten Säugling begraben hat. Beides schöne, gesunde Kinder gewesen; und sie sah zu, wie die Reichen elende, halbkranke Bälge großziehen konnten. In Innsbruck ist sie in reiche Häuser gekommen. Eine Gnädige, die sich in ihren Salons langweilte und ihren Mann nicht leiden konnte, vernarrte sich in sie. Jeden Tag ist sie in die Küche gekommen und hat ,, das Tinerl" kochen gelehrt. Feinste Küche. Von da an war Tante Tina auf längere Zeit die Not los. In ganz Europa ist sie gewesen mit Herrschaften, hat viel Geld verdient- Konstantinopel gesehen, Abbazzia, die Nordsee, das Alsterviertel in Hamburg, im Pullman gefahren, Stockholm, den Rhein, die Donau auf und ab, und wer weiß, wo noch. Nach dem Krieg war sie ein paar Jahre in Belgien. Im dritten Winter hat sie sich mit ihrer Herrschaft verkracht. Da sie als verhaßte Deutsche keine andere Arbeit bekam, kurzerhand Stellung als Köchin in einem Bordell genommen. Wenn sie davon anfing: ,, Jungens, in so Hauptstädten wie Brüssel gibt's Bordelle, habt ihr' ne Ahnung. Wie man da das arme Volk auffriẞt. Ach, habt ihr' ne Ahnung." Einmal hat sie so einen Gentleman, der eine arme Dirne getreten hatte, daß sie schrie- dieses Stadtoberhaupt im Hemde hat Tante Tina eigenhändig herausgeholt, ihm befohlen, sich anzuziehen, und ihn aus der Tür gefeuert. Dabei war sie Köchin; ging sie gar nichts an; wußte, daß sie die Stellung verliert; hat sie auch verloren, noch in derselben Nacht mit Krach und Beschimp155 fungen. Wenn sie das erzählte, wurde sie dunkel im Gesicht vor Zorn und vor Vergnügen, noch nach 12 Jahren. ,, Jungens, die feinen Herren, die müssen runter von der Erde. Eher kann kein Volk atmen. Ich kenne die feinen Herren. Jetzt ziehen sie sich diese braunen Horden, um uns Deutsche für den Krieg fertig zumachen. Wenn Krieg ist, dann geht's solchen noch besser. Die ganze arbeitende Menschheit soll bloß für die Herren kochen und braten." Hat sie etwa nicht recht gehabt? Der Krieg wird ja bald da sein. Tante Tina konnte Reden halten, besser als mancher Politische. Die letzte Rede in ihrer Gaststube an dem Unglückstag ist aber doch von ihrem Tirol gewesen. Ich kann von dem Tag berichten, was ich von Kurt Golitz weiß, der damals durch das Seitenfenster entkommen ist. Als die Braunen in Uniform in der Gaststube an der Ecke einbrachen, regnete es in Strömen auf das Berliner Straßenpflaster. Die Gäste saßen vor fast leeren Tischen, weil sie kein Geld hatten, etwas Richtiges zu bestellen. Die letzten Schandtaten der Nazi in Berlin und im Reich waren hin und her besprochen worden. Damals saßen sie noch nicht fest im Sattel. Tante Tina startete vor Wut über die Berichte aus Neukölln und Eisleben auf Bergwiesen, Alpenblumen und Ziegen. ,, Zerbrich dir lieber den Kopf, was du mit deiner Bude hier machen willst, Tante Tina", sagten ihr ihre Gäste. ,, Auf die Dauer werden sie dich nicht in Ruhe lassen. Es ist auch anderorts schon darüber beraten worden." Tante Tina putzte mit der Serviette an den Nickelkränen herum. ,, Ich mach nicht zu", sagte sie trotzig; dabei war sie unruhig. Es war 28. Die Leni hätte schon da sein müssen. In Wirklichkeit fürchtete Tante Tina schon jeden Abend, ob etwa ihre Tochter verunglückt oder gar nicht nach Hause käme. Täglich war jetzt Streit zwischen ihnen, die Leni sollte 156 woanders schlafen; aber sie weigerte sich, die Mutter allein zu lassen: Sie war die Tochter ihrer Mutter. Am Abend des Mords waren nur sechs Gäste in der Stube. Tina spricht also von ihren Bergziegen mit den polierten Hörnern und den seidenen Haaren. ,, Solche Tiere zu schlachten, die man gut kennt", sagt sie, ,, das ist schrecklich. Ich wollte nie dabei sein. Diese SABanden bringen uns Arbeiter um, viel gleichgültiger als man Tiere schlachtet. Das nennen sie Deutschland erneuern." Wie sie das sagt, geht die Tür auf, durch die Leni kommen soll und drin steht der Nazi- Sturm. Geschniegelt, gebügelt, freche Gesichter, nagelneue Uniformen. Ein Pomadegeruch geht von ihnen aus; stehen in der aufgerissenen Tür, 12 Mann hoch, brüllen: ,, Tische frei!", stoßen zwei ältere Männer, die da zufällig sitzen, von den Stühlen. Mit einem Klapp schlagen 12 Revolver auf die Tischplatten. - ,, Bier her! Essen her!" brüllt der Chor; rot im Gesicht. Sie hatten schon vorher ,, eingefüllt". Der Sturmführer, ein hochgewachsener, breiter Mann mit zu kurzer Taille steht mit gespreizten Beinen, die Arme im Rücken. Er lehnt sich im Kreuz zurück, bestellt im Bierbaẞ: ,, Für jeden der Herren eine Tasse Kaffee, 3 Schnaps, drei große Bier, 2 Paar Würstchen." Tante Tina hatte aufgehört die Nickelkräne zu putzen und guckte bloẞ. Sie schlägt langsam die Arme unter und guckt diese Gäste an, die Revolver in ihren Fäusten, den Herrn Sturmführer, der sich vor der Theke aufgepflanzt hat und wie zum Spaß seinen Revolver gegen sie hebt. Es war klar: Das ging auf Tod und Leben. ,, Erst Kasse", sagt Tante Tina langsam ,,, und wozu, meine Herren, sind die Revolver?" ,, Kasse?" lacht der Sturmführer ,,, versteht sich, werte Dame. Nachher rechnen wir ab." Immer noch liegen die Hände mit den Revolvern auf den Tischen. Zu beiden Seiten der Tür, durch die Leni kommen sollte, steht je ein SA. ,, Abgerechnet wird nachher", brüllt der Chor. ,, Erst essen." 157 „Ich bestelle‘, sagt Tante Tina mit starren Augen und will durch die Tapetentür in die Küche; aber die Tür geht nicht auf. „Bestell nur durchs Schiebefenster!“ höhnt der Sturm- führer. Den feisten Oberkörper hin und her wiegend steht er neben der Theke. Tante Tina öffnet das Schiebefenster: „An Wienern, was da ist und ı2 Tassen Kaffee.“ Der Sturmführer lehnt sich vertraulich grinsend. über die Theke: „Wo ist denn Ihre werte Dame Tochter, Tante Tinachen?“ Bei dem Wort Tochter hat sich Tina nicht gerührt. Sie sieht dem Sturmführer steif in die grausam zwinkernden Äuglein. „Meine Tochter wohnt nicht mehr hier.“ Die Antwort dieses Kerls, der größer war als Tante Tina, war ein solcher Hieb in Tante Tinas Gesicht, daß sie fast hingeschlagen wäre. „Lüg nicht, Arbeitersau.“ Sie schwankte, richtete sich wieder grad, wischte mit der Serviette ihr blutendes Gesicht ab. „Ich hole die Wiener.“ Mit einem plötzlichen, gewaltigen Stoß ihres ganzen Körpers hat Tante Tina die ‚Tapetentür ‚ aufgedrückt. „Na schön. Kann auch auf sein, die Tür“, lacht der Sturm- führer. Aus der Küche führte ein Ausgang auf die Straße. Hätte Tina da hinaus gekonnt, dann wären Leni und sie gerettet gewesen. Ja, wären gewesen! Am Gasherd standen zwei Nazi. Das Küchenmädel holte bereits unter ihrer Aufsicht die Wiener aus dem Heißwasserbehälter. Es war ein kräftiges, sommersprossiges Ding. Ihre Hände zitterten. Kaum war Tante Tina erschienen, pflanzten sich die Kerle vor die Ausgangstür. Die Falle war zu. In dem Augenblick ist eigentlich schon alles ausgewesen. Aber es kam noch schlimm genug. Die Tina ergriff mit einer Hand zwei Teller mit Würstchen, noch zwei oben drauf, und 158 schob das Mädel, das jetzt am ganzen Leibe zitterte, vor sich her durch die Tapetentür in den Gastraum. Hier ging es schon lärmend her. Nur die Arbeiter saßen still, halblaut redend um den runden Tisch an der Seitenwand neben Tante Tina. Sie versuchten einen Verteidigungsplan zu entwerfen. Es war klar genug, daß sie auf alles gefaßt sein mußten. Tante Tina hat der braunen Bande Schnaps eingeschenkt und Bier und zum Trotz dem Arbeitertisch 6 große Bier. Eine halbe Stunde lang haben die Revolverhelden sich gütlich getan an Getränken und Würstchen; auch die Türwache abgelöst und trinken lassen; gemeine Witze gerissen. ,, Arbeiterschweine" ,,, Judensau" war das dritte Wort. Na, man kennt sie ja. Jetzt ehren sie ja angeblich den Arbeiter! Unsere Jungens haben sich zunächst mal taub gestellt. Tante Tina hat unbewegt hinter ihrer Theke gestanden wie ein Soldat auf Wache. Wie sie da unvermerkt Blicke schießt nach der Ausgangstür, da hat sie schon völlig ausgesehen, sagt Kurt, wie ein Bergadler mit dem durchdringenden Stößerblick. Neben ihr das sommersprossige Küchenmädel, das immer zitterte, hat sie fest an der Hand gehalten. Ob ich ordentlich erzählen kann, was dann kam, weiß ich nicht. Ich hab es zwar damals dreimal von Kurt gehört, aber jedesmal so aufgeregt; mir kam vor, es war jedesmal ein bißchen anders. Ich weiß nicht, ob ich nicht manches durcheinanderbringen werde. Soviel ist sicher: Das sommersprossige Küchenmädel hat einer von den Nazi durch die Hintertür davonlaufen lassen. Wann und wie, das hab ich nicht behalten. Als es losging, und wie Kurt selber durchs Fenster sprang, war sie jedenfalls schon fort. Es soll so gegen acht gewesen sein. Tante Tinas Gaststube lag doch in einer Nebenstraße. Sie war um diese Zeit und bei dem Regen ganz menschenleer. Aber ein paar Kinder müssen was gesehen haben. Wahrscheinlich haben sie die Leni gewarnt. Die Leni hat geglaubt, wenn sie mit den Kleinen an der Hand hineingeht, wird nichts passieren. Die Leni war eine mutige Frau; aber die Nazi hat sie zu wenig 159 - gekannt; wie wir alle. Was hätte sie aber tun können? Die Polizei zu rufen, war damals schon zwecklos. Entweder wäre sie gar nicht gekommen oder nachdem alles vorbei war. Wären die Nazi Menschen, wäre das mit den Kindern gar nicht so dumm gewesen. Aber sind denn das Menschen? Wie die Leni gekommen ist, soll der Sturmführer grad was über Tante Tinas Schönheit gesagt haben. Natürlich eine Unverschämtheit, und der ganze Sturm wiehert. Dabei sieht der Sturmführer nach der Eingangstür, und die sechs von der Seitenwand sehen nach der Eingangstür, und Tante Tina sieht nach der Eingangstür. Ja, paar Minuten vor 8 soll es gewesen sein, wie die Leni grad aufgereckt mit den Kleinen in der Tür steht. Sie hat ihre hellblaue, kunstseidene Jacke angehabt und bildschön ausgesehen, erzählte Kurt. Wie die beiden Innenposten nur sie durchgelassen haben, die schreienden Kinder hinausgestoßen, die Tür zugeschlagen und zugeriegelt, wie der Schuß fiel und die ganze Stube auf einmal im Tumult war das muß alles ein Augenblick gewesen sein. Unsere hatten zwar keine Revolver, aber doch Schlagringe. Den Schuß hatte der Sturmführer abgegeben. Tante Tina ist mit einem Aufschrei zum Ausgang hin, hat sich zur Leni auf den Boden geworfen. Es scheint, daß sie fast sofort nicht mehr geatmet hat. Die Mutter stammelt, spricht auf sie ein, reißt ihr die Jacke auf, wo das Blut kommt. Wahrscheinlich hat sie gleich den Einschuß gefunden. Sie beugt sich über den Mund; wird wohl schon kein Atem mehr gewesen sein. Der Schuft hatte gut gezielt. Die Tina soll so schrecklich geschrien haben, daß es eine Weile ganz still geworden ist. Um so toller ging's gleich darauf los. Mit Kolben, Schlagringen, Stuhlbeinen und Biergläsern. Wieviel Nazi liegengeblieben sind, wußte Kurt nicht. Zwei Arbeiter waren schwer verwundet. Er hat mit zweien gekämpft, die hinter Tante Tina standen. Sie wollten sie festhalten, wenn sie hochkommt. Die kannten Tante Tina nicht. Die hat sich von der Leiche umgedreht, ihre Augen aufgerissen wie aus einem Traum, mißt die Kerle und den Kurt 160 t - mit einem fürchterlichen Blick. Der Kurt packt den einen. Sie hat sich von dem andern schon losgerissen, hat schon das spitze, schwere Brotmesser, das immer unterm Auswie sie durch die Tobenden schanktisch lag, in der Hand dahin ist und wieder zurück, bleibt unverständlich, geht auch schon mit dem erhobenen Messer auf den Sturmführer los, der sich's nicht versieht. Aber zwei vom Sturm, zwei gleich, reißen Tante Tinas Ellbogen nach hinten zurück. Hätten die Kerls nicht so aufgepaßt auf ihren Helden, sagte Kurt, dann hätte der in seinem Leben keine unflätigen Witze mehr über Arbeiter und 60jährige Frauen gerissen und keine wehrlosen, jungen Frauen feige erschossen. Wer weiß, was der jetzt macht! Auch so ist ihm der Rock aufgeschlitzt gewesen bis aufs Nackte. So jach ist Tante Tinas zurückgerissenes Brotmesser hochgefahren, und noch einen Riẞ hat er gekriegt von seinem Menschenfresserkinn bis an die Stirn. Und mehr weiß ich nicht. Der Kurt ist mit seinem Kollegen zusammen, beide schwer blutend, durch das Seitenfenster ausgebrochen. Sie haben den Moment benutzen können, wo alles wegen der Tina und dem Sturmführer in Aufruhr war. Unsere Verwundeten haben die Nazi liegen lassen. Das hat man später erfahren. Die Tina haben sie getreten und gebunden und durch Polizei verhaften lassen. Als die Schupo kam, haben sie sicherlich wie die Engelchen um die aufgeräumten Tische gesessen. Das kennt man ja. Die Leni habe sich laut Zeitungsbericht ,, aus Gram über die Tat ihrer Mutter und deren Verhaftung erschossen". Sie haben sie sogenannt anständig beerdigt.- Im ,, Angriff" gab es damals Schlagzeilen: ,, Wieder ein ruchloser kommunistischer Mordversuch an harmlosem nationalsozialistischem Gasthausbesucher." Die Tina hat seit damals kein Mensch von uns mehr gesehen. Gehört, wo sie war, haben wir. Grüße haben wir ihr schicken können. Selten. Vom März 1933 bis zum Herbst 1937 war die Berliner Gasthausbesitzerin Tina Kerndl fast ständig in Einzelhaft gehalten worden. Sie wurde nie ins 11 Wentscher 161 Freie geführt und magerte ab zu einem Gerippe. Ihr Prozeß fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Als sie hingerichtet wurde, ging alles wie geölt, bis ihr rasierter Kopf, Tante Tinas, im weißen, kurz geschnittenen Haar einst so schöner Kopf— jetzt ganz der eines kranken Adlers im Käfig— zu Boden fiel. Der Kopf stand, und die Henkersknechte schrien entsetzt:„Sie guckt!“ Im Blick des gebieterisch stehenden Kopfes der Toten lasen die Mörder von Beruf ihr eigenes schlimmes Ende.