I ICH MACHE MIT EINEM KONZENTRATIONSLAGER BEKANNTSCHAFT sser Sum Jetzt erst wurde uns klar, was ein deutsches Konzentrationslager bedeutet. In Hamburg trieb man mich mit noch anderen 10 Häftlingen in den Lieferwagen irgendeiner Firma. Wir alle trugen Handschellen. Bei der Polizei hatte man uns noch mit jener kühlen Härte behandelt, wie sie gemeinen Verbrechern gegenüber angebracht sein mag, die keine freundliche Geste, kein freundliches Wort verdienen. Aber wir konnten uns dabei wie später klar wurde immer noch als Menschen und Mitglieder der menschlichen Gesellschaft fühlen. Wir aber eben Leute, die entweder ihrer Bestrafung entgegensahen oder doch unter dem Verdacht strafbarer Handlungen standen: - - - Aber jetzt plötzlich war alles ganz anders. Unten an der Treppe des Polizeiburos, auf dem Halteplatz der Polizeiautos, wo der Lieferwagen vorgefahren war, erwarteten uns zwei Wärter, deren Uniformen anders waren als die Polizeiuniformen und die uns auch wesentlich anders behandelten, als wir es von den Polizeibeamten gewohnt waren. Einer von ihnen trug eine Peitsche. Sie nahmen uns laut schimpfend in Empfang. Ein Ausdruck von Angst trat in die Gesichter der deutschen Häftlinge ich selbst war der einzige Ausländer unter den Opfern. Und plötzlich, als wäre eine Granate ganz in der Nähe explodiert, stürzte alles stolpernd und überhastet in den Wagen. Ich gehörte mit zu dieser kleinen Herde, wurde willenlos mitgerissen und buchstäblich in diesen Kasten auf Rädern hinaufgezerrt. Es war ganz dunkel. Die Decke war niedrig. Eigentlich war nur für die Hälfte von uns Platz. Wir lagen gekrümmt und gedrückt übereinander und konnten kaum ein Glied rühren. Soweit das Menschen überhaupt möglich ist, lagen oder standen wir wie Möbel in einem Packwa-. gen aneinandergepackt und aufgeschichtet. Die Tür hinter uns 5. klappte zu, wurde mit Ketten gesichert, und die Fahrt im Dunkeln begann. Es war ein milder Augusttag im Jahre 1941. Wir fuhren schnell. Die vielen Stöße, das Schleudern und Rattern des Wagens waren so stark, daß es unmöglich war, bei diesem Landtransport nicht seekrank zu werden. Es hätte nicht viel gefehlt, dann wären wir uns wie Rührei vorgekommen. Einer von unseren Leidensgefährten, ein ,, Neuer", der erst in Hamburg zu unserem Trupp gestoßen und mit uns getreten und geschlagen worden war, als gehörte das nun einmal zu einem streng vorgeschriebenen Zeremoniell, war offenbar aus dem Konzentrationslager Neuengamme entflohen. Man hatte ihn jedoch wieder eingefangen, und nun wurde er zurückgebracht. Wochenlang war es ihm gelungen, sich in Hamburg, wo er herstammte, versteckt zu halten. Aber die eigene Schwester hatte ihn dann der Polizei angezeigt. Später sollte dieser etwas finstere, aber lebhafte Bursche sich als eine der populärsten Unterweltfiguren aus der endlosen Vielfalt der Gestalten abheben, die als die ,, Grünen", die Berufsverbrecher, die ,, Kriminellen", in Neuengamme registriert waren. Er war nicht gerade ein Edelmann unter diesem Auswurf der menschlichen Gesellschaft, aber auf jeden Fall eine ausgesprochene Persönlichkeit mit einem gewissen Maß von Selbstachtung. Es wäre unter seiner Würde gewesen, hätten seine Diebstähle und Schwindeleien nicht ein viel größeres und großzügigeres Ausmaß gehabt als bei einem gewöhnlichen Verbrecher. Die Bürde seiner monatelangen Mißhandlungen in der Strafkompanie trug er mit einer Heiterkeit und einem Gleichmut, die in ihrer unverwüstlichen Lebensbejahung Bewunderung verdienten. In allem Elend eine unverwüstliche Natur. Ein Mann, der sich in seiner moralischen Verkommenheit wohl fühlte, der seine Freude daran hatte, tüchtiger zu şein als andere Verbrecher seines Schlages, ein Kerl, der sich in seiner Virtuosität, sich über die geltenden Regeln der Gemeinschaft hinwegzusetzen, nicht nur reich und glücklich, sondern auch beneidenswert vorkam. Ein geborener Freibeuter! Und dazu einer, der bis zum dramatischen Ende seines Lebens blieb, was er war, ein elegantes Raubtier. Nach einem Jahr Strafkompanie wurde er zur Abwechslung in der Miẞhandlung mit einem Kommando von Zwangsarbeitern in eine Fabrikstadt geschickt, und dort brachte er tatsächlich den Mut auf, noch einmal einen Fluchtversuch zu wagen. Die Sache 6 glückte fast, aber er endete mit einer Kugel in seinem unzähmbaren Körper. ,, Auf der Flucht erschossen!" Aber das war alles viel später. Vorläufig saß dieses unbändige Erzeugnis eines Außenviertels der Hafenstadt Hamburg als erwischter Ausreißer neben uns im Schaukelwagen der ,, Verkehrsgesellschaft Neuengamme" und packte eine Menge wertvoller Erfahrungen über das berüchtigte Lager aus, das uns alle erwartete. Während der Wagen uns durcheinander schüttelte und rüttelte, ging ein angstvolles Flüstern von Mund zu Mund. Selbst die Deutschen unter den ,, Neuen", die sich als alte Stammgäste von Gefängnis und Zuchthaus gewiß nicht leicht aus der Fassung bringen. ließen, fingen nun an zu zittern, da sie in eine neue Formation des menschlichen Daseins im Dritten Reich eingeteilt werden sollten. Aber die Quälerei dieser Fahrt lastete so drückend auf Nerven und Magen, daß man trotz allem ihr Ende herbeisehnte. Es gehört zu den Geheimnissen der menschlichen Natur, daß wir uns in Augenblicken größten körperlichen und seelischen Elends an die Illusion klammern, daß eine Veränderung eine Besserung bedeuten müsse, wenn wir auch keinen vernünftigen Grund zu der Annahme haben, daß die neuen Verhältnisse wirklich besser sein könnten. Die Illusion verklärt nun einmal die Zukunft gerade so gut wie die Erinnerung die Vergangenheit. Wer in Not ist, drängt instinktiv nach Und in der Ausnutzung der menschlichen Instinkte haben es die Nationalsozialisten bestimmt nicht weniger weit gebracht wie in der Beherrschung des Propaganda- Instruments. In dieser Beziehung gebührt diesen Landsleuten des sagenhaften Rattenfängers von Hameln und seines ebenbürtigen Nachfolgers von Berchtesgaden alle Ehre. vorn. Ohne es recht gewahr zu werden, hatten wir schon mit einem der wichtigsten Prinzipien der neuen Ordnung Bekanntschaft gemacht, zu dem sich die Nationalsozialisten zwar nicht offen aber doch in der Praxis bekannten: nämlich dem, die Menschen in Räumen zusammenzupferchen, die für ihren Zweck bei weitem nicht ausreichen. Das Mißbehagen, das daraus von selbst erwächst, läßt sie danach selbst noch in solchen Lebensumständen Befriedigung finden, die von Natur aus jeder Anziehungskraft entbehren. Als die Bewegung unserer rollenden Kiste aufhörte, fühlten wir uns sofort etwas erleichtert. Wir sprangen, vielleicht nicht gerade elegant, aber den Umständen entsprechend ganz 7 munter, aus unserem dumpfen Kasten heraus und marschierten durch ein Tor zwischen hohen Gittern. Vor uns lag ein weiter freier Platz mit einer breiten Straße in der Mitte.. Links von der Straße war der Boden gepflastert. Rechts sah man Sonnenblumen, Rasen und anderen bescheidenen Grünschmuck, der über die Hälfte der Fläche bedeckte. Um den Freiplatz herum standen ganze Reihen von einstöckigen Baracken, eingefaßt von einem hohen Stacheldrahtzaun mit festen hölzernen Wachtürmen an den Ecken. Nach der.monatelangen Einzelhaft in enger Gefängniszelle war es geradezu ein Genuß, über sich den weiten Himmel und die jagenden Wolken zu erblicken. Wie in einem Rausch marschierten wir rechts auf eine der Baracken zu, einen weißgetünchten Steinbau, und im Handumdrehen wurden wir dort unsere Kleidung los und mit der Uniform des Konzentrationslagers ausgerüstet. Was heißt schon Uniform! Auch für die Uniformen in den deutschen Konzentrationslagern gilt der grundlegende Unterschied zwischen Schein und Sein, zwischen der Propaganda und der zu vertuschenden Wirklichkeit. Für Propagandazwecke, der Außenwelt zuliebe hat man in der Uniform so etwas wie ansprechende Nüchternheit gewahrt: Kniehosen, Jacke und Mütze, alles in blau und grau gestreift, deutsches Fabrikat natürlich, unabhängig von der Tyrannei eingeführter Rohstoffe und deshalb ganz aus Zellwolle hergestellt. Im Grunde gar nicht so übel, recht solide und zum Tragen bei körperlicher Arbeit sehr geeignet. Im Sommer war der Anzug aus leichterem Stoff gefertigt als der für die übrigen Monate. Im Winter kam ein Mantel ähnlicher Machart hinzu, ebenfalls mit Kragen, mit einer Reihe von Knöpfen und von oben nach unten gestreift. Auf den ersten Blick sah es so aus, als wäre der lange Mantel mehr für Paradezwecke geeignet als zur Vervollständigung der Bekleidung für die Arbeit im Freien. Aber der Schein trügt. Wenn die Mantelschöße die Bewegung der Glieder behindern, dann wird der Mantel einfach unter der weiten Jacke angezogen, so wie eine Weste mit Aermeln, und die Schöße werden in der Hose um die Schenkel herumgeschlagen. Der Stoff ist dünn genug, um das zu ermöglichen, und um die Glieder den erforderlichen Maßen anzupassen, ist gar kein langer Aufenthalt im Konzentrationslager notwendig. Auf Abmagerungskuren versteht sich das Regime. Um den Propagandazwecken zu entsprechen, genügte es vollauf, der Außenwelt das Bild einer einigermaßen anständigen Kleidung zu vermitteln. Tatsächlich konnte man diesen Eindruck auch aus dem Auftreten der wenigen Häftlinge gewinnen, die der Außenwelt je vor die Augen kamen. Für diese Schaustellung genügte ein kleiner Bestand an anständigen Uniformen. Der Rest, die Bekleidung der Masse der ,, Konzentrationäre", war lediglich eine weitere Anwendung des gleichen nationalsozialistischen Grundprinzips, das auch in der Art der Unterbringung zum Ausdruck kommt und das allen natürlichen Vorstellungen von ,, ausreichend" vollständig zuwiderläuft. Nichts in den Konzentrationslagern genügt in irgendeiner Beziehung den bescheidensten Ansprüchen an Menschenwürdigkeit und alles wird im Namen einer unerbittlichen Ordnung geboten, der nicht einmal die düstere Weihe der Eingebung aus unmenschlichen Bereichen fehlt. Im Handumdrehen lagen unsere Zivilsachen auf dem Fußboden der ,, Effektenkammer". Sommeruniformen waren im Augenblick nicht verfügbar. Deshalb erhielten wir als Ausrüstung zunächst nur ein Hemd ohne Knöpfe, Unterhosen mit Bändern an den Beinen, aber ohne Taillenband, eine Jacke, die offensichtlich schon eine Menge Dienstjahre hinter sich hatte, Hosen, die zum Teil wohl noch aus verschlissenem Stoff bestanden, im übrigen aber aus vielen Flicken zusammengenäht waren, ein Paar Socken, die jemand gestopft hatte, ohne das geringste davon zu verstehen, plumpe Schuhe, die nicht paßten und denen obendrein die Schnürbänder fehlten, und dazu noch eine Mütze, die durch Schlamm und anderen Schmutz viel zu sehr eingelaufen war, als daß man sie hätte tragen können. Die Angestellten der Effektenkammer, Häftlinge in einigermaßen anständigen Uniformen und mit kurzgeschorenem Haar, gingen ans Werk, als hätten sie eine ganz mechanische Tätigkeit zu verrichten. Sie schienen die menschlichen Gestalten nur in Empfang zu nehmen, um sie gleich einem Umwandlungsprozeß weiterzureichen, dessen Ziel die Herstellung von Konzentrationslagerpuppen war. Nicht einmal eine Amtsmiene setzten sie dabei auf. Gesten ersetzten bei ihnen die Worte. Von unseren eigenen Kleiderbündeln durften wir nur die Hosenträger, ein Brillenfutteral, ein Taschentuch und eine 9 leere Geldtasche behalten. Das Uebrige wurde in einer Liste verzeichnet und sollte für uns verwahrt werden. 99 Scharf und rauh brüllte dann jemand: ,, Raus, schnell!" Wir stolperten hinaus und stellten uns in Reih und Glied, während uns zwei grinsende SS- Männer nicht aus den Augen ließen. , Was ist denn das für einer? Holländer! Schriftleiter? Aha, du hast gegen Deutschland gehetzt?" Der Mann, der mich anschrie und aussah wie ein halbwüchsiger Lausejunge, machte eine Bewegung, als wollte er die Strafe für mein mutmaßliches Verbrechen auf der Stelle selbst vollziehen, aber da näherte sich so etwas wie ein menschlicher Wachhund. Auch er war gleich als SS- Mann zu erkennen. In seinem vorgeschobenen Gesicht fiel einem die große, gebogene Nase auf, in der Hand hielt er eine Reitpeitsche. Offensichtlich war er der ,, Empfangschef". Denn nun mußten wir im Trab auf ihn zugehen und wurden eingehend gemustert, sobald wir in das Blickfeld von einem Paar tierisch dreinblickenden Augen kamen, in deren Ausdruck man las, daß sie das verkörperte Verbrechen zur Bestrafung vor sich zu haben glaubten. Eine heisergebrüllte Stimme! Dröhnende Flüche! Und dann die Frage, zugleich an uns alle gerichtet: ,, Wieviel Jahre Zuchthaus?" Niemand antwortete. Die Peitsche kam in Bewegung. ,, Alle mit mehr als fünf Jahren Zuchthaus die Hände hoch!" Alle Hände gingen in die Höhe. Die Peitsche pfiff herunter. Ein paar laute Schreie. Ein SS- Mann lachte dröhnend. Das war die Einweihung. Und auf den Befehl: ,, Im Laufschritt zur Schreibstube!" er wurde mit Peitschenhieben auf die Rücken der langsamsten unterstrichen mußten wir über die ganze Breite des Appellplatzes rennen, bis an den Anfang der langen Reihe von Holzbaracken nördlich der Schreibstube. - Durch eine kleine Tür betraten wir einen zweifenstrigen Raum mit Holzfußboden, hölzerner Wandverkleidung und Decke. Nach holländischen Begriffen die Hütte eines Bauaufsehers bei irgendwelchen größeren Bauvorhaben. In einem länglichen Nebenzimmer saß der Lagerälteste mit seinem Schreiber. Ein paar Tische, Stühle ohne Lehne, die ebenso gut unter wie vor dem Tisch stehen können, ein paar hohe Schränke für die Buchhaltung bildeten das einzige Mobiliar. Es war ein einfaches, bescheidenes, kaltes und barackenmäßig ungemütliches Zimmer; die Atmosphäre darin war noch bedrückender, als man es von Militärunterkünften oder der Inneneinrichtung von Polizeistuben gewohnt ist. 10 Bier hinein begleiteten uns keine SS.-Männer. Name und Beruf schienen bereits bekannt. Meine höflichen Antworten, die offensichtlich den Eindruck hervorriefen, daß ich nicht gegen die Umgangsformen der guten Gesellschaft verstoßen wollte, wurden lachend mit der Feststellung ‚kommentiert: „Wir sind auch Häftlinge, und Gefangene werden nicht mit „Sie“ angeredet. Hier duzt man sich.“ Man händigte uns ein paar Stoffetzen aus, zwei längliche weiße Rechtecke mit der Lagernummer für Jacke und Hose und zwei Dreiecke, die oberhalb der Lagernummer auf die Brust und unter- die rechte Hosentasche genäht werden sollten. Meine Dreiecke waren rot, in der Farbe der politischen Häftlinge.„Morgen früh acht Uhr vor der Schreibstube!“ war die Parole für die„Politische Abteilung“, und damit wurden wir nach Block 14 entlassen. Glücklicherweise ohne erneut Spießruten laufen zu müssen. Es war inzwischen spät am Nachmittag geworden. Eine Glocke läutete. Es„klingelte“. Die Klingel im Lager ist so ziemlich das einzige romantisch anmutende Attribut des Ge- fängnislebens. So etwas wie das Minarett in einem einsamen mohämmedanischen Dorf. Man könnte fast glauben, daß nur aus diesem Grunde in kleineren Lagern die Glocke durch das Anschlagen eines Metallbeckens mit kläglichem Ton ersetzt wird. Denn jede Spur von Romantik ist in der nationalsozia- listischen Wirklichkeit verpönt, genau so gut wie die Phan- tasie, die das Heimweh nach den stillen Freuden des verlo- renen Zivillebens wachhalten könnte.„Es klingelt!“ Ganz aus der Nähe dröhnen schwere Schritte herüber. Männer in Reih und Glied kamen anmarschiert wie Soldaten. Sie sangen. Einige jedenfalls sangen. Es waren Häftlinge. Sie erschienen auf der großen Heerstraße rechts vom Tor, nahmen hastig Haltung an, Hände an der Hosennaht, den Kopf entblößt. Im Gänsemarsch marschierten sie dann auf den Platz, um kurz darauf auseinander zu stieben wie verscheuchte Spatzen. Als„Zugänge“ brauchten wir am ersten Tage noch nicht an dem Abendappell, dem Höhepunkt des Tagesablaufs, teil- zun&hmen. Vor den Plankenwänden von Block 14 gab uns der Lager- älteste einige wichtige Verhaltungsmaßregeln. Es handelte sich ausschließlich um Verbote. Es war verboten, irgend etwas zu kaufen oder zu verkaufen. Verboten war es auch, während der Arbeitszeit zu rauchen. Es war verboten, beim Appell zu sprechen. Verboten war es, nach Zapfenstreich den Block zu % 11 verlassen. Es war verboten, zu stehlen, auszureißen oder sich unzüchtig zu benehmen. Alles dies wurde schwerstens bestraft. Im übrigen war es grundsätzlich verboten, irgend etwas zu tun oder zu unterlassen, was nicht in den Betrieb des tausendköpfigen Marionettentheaters passen wollte, das hier nach der Pfeife des SS- Regiments genau, mechanisch, tanzen sollte. Erst viel später wurde uns klar, was für eine teuflische Methode hinter dem Geflecht von Vorschriften und Verboten in einem Konzentrationslager steckte. Verboten war so vieles, daß es schlechthin unmöglich war weiterzuleben, ohne ständig das eine oder das andere der unzähligen Verbote zu übertreten. Man war einfach ständig straffällig. Ständig war man in Gefahr, erwischt oder angezeigt zu werden. Darüber hinaus war man geradezu gezwungen, selbst den Angeber zu spielen, was natürlich sofort wieder Rachemaßnahmen nach sich zog. Und obendrein war man noch kollektiv für jeden Verstoß seiner Mitgefangenen gegen die Lagerordnung verantwortlich. Notgedrungen mußte deshalb jeder, so gut es ging, den anderen dabei helfen, ihre Uebertretungen zu verheimlichen, und am Schluß lief die Sache darauf hinaus, daß man aus der ständigen Angst vor Bestrafung überhaupt nicht mehr herauskam. Die SS konnte also zu jeder Tages- und Nachtzeit nach freiem Ermessen irgendwelche Strafmaßnahmen in Anwendung bringen. Natürlich lediglich aus Gründen der Ordnung und Disziplin. Versuchte man, diesen Grundsatz und diese Zielsetzung der Rechtsordnung im Polizeistaat als sittlich verpflichtende Norm anzusehen, dann merkte man gleich, daß gerade die vielen Widersprüche in der allumfassenden Vielfalt der Vor-schriften eine der unerschöpflichen Quellen waren, die es dem nationalsozialistischen Regime erlaubten, jeder boshaften Laune und jeder verhüllten Gemeinheit den Anschein von. Berechtigung zu geben. Der Appell war inzwischen zu Ende gegangen, und inmit-. ten einer wild durcheinanderflutenden Menge, die sich durch einen schmalen Gang in den Block drängte, wurden wir mit an einen Tisch getrieben, an dem das Abendessen ausgegeben wurde, die einzige Mahlzeit am Tage, die diesen Namen überhaupt verdiente. Drei Mann mußten sich damals noch! später wurde die Ration halbiert. ein zweieinhalbpfündiges Roggenbrot teilen. Dazu bekam jeder etwas Margarine und eine kleine Scheibe Wurst; zu trinken gab es einen halben - - 12 Liter ,, Malzkaffee". Alles in allem nach einem durchhungerten Tage ein gemeinschaftliches Festmahl. Selbst dann noch, wenn man sich dabei ohne Tafel- oder Taschenmesser behelfen mußte und obendrein noch in Ermangelung von etwas besserem mit einem anderen zusammen aus einem Napf zu trinken gezwungen war. Anschließend mußten wir unsere Lagernummern und Erkennungswinkel auf Jacke und Hosenbein annähen. Und nun erschien als erster Lichtblick in dem grauen Einerlei finsterer Gestalten ein früherer Schupo aus Ostfriesland, Kurt Blum, der Blockälteste von Block 13. Er war neugierig auf die Nachrichten, die ihm ein Landsmann seiner Mutter, die aus Groningen stammte, bringen konnte, und war gern bereit, mich für die ersten Wochen meiner Novizenzeit im Lager in seine besondere Obhut zu nehmen. 13 II NATIONALSOZIALISTISCHER LEBENSSTIL- BEI GEFANGENEN Jedwede Sensationslust liegt diesem Augenzeugenbericht fern. Nicht ein einziges Geschehnis wird darin wiedergegeben, das ich nicht selbst erlebt hätte. Der Bericht enthält keine einzige Schilderung, die nicht auf persönlicher Erfahrung beruht. Sine ira et studio! Noch am ersten Abend empfingen wir einen Papierstrohsack und ein Paar zerschlissene schmuddlige Decken, die in Block 14 aufgestapelt lagen. Vor der Barackenwand zwischen dem vorderen Teil, in dem die langen Tische für das Abendessen und die Morgensuppe standen, und dem abgeteilten Raum für die Schlafpritschen durften wir uns, eng aneinander gepreßt, zum Schlafen hinlegen. Später würden wir vielleicht auch eine Pritsche bekommen. Wahrscheinlich ganz hinten irgendwo, wo die Polen lagen. In einem der Fächer des Holzgerüstes, wo drei Reihen Pritschen, eine über der anderen, vom Fußboden bis hinauf zum Dach aufeinandergetürmt waren. Gleich neben dem engen Waschraum und dem sogenannten ,, Scheißhaus", das über der Jauchegrube sechzehn primitive und reichlich wacklige Sitzgelegenheiten aufwies und gleichzeitig auch noch als heimlicher Rauchsalon, Zentrum des Schwarzen Marktes und politischer Club diente. Auf Jahre hinaus war dieses. ,, Scheißhaus" die einzige Zuflucht, die einzige Erholung für die Masse der Häftlinge, und das trotz des widerwärtigen Schmutzes, der zu dieser Einrichtung gehörte, und trotz der Tatsache, daß allein schon einer der unvermeidlichen Besuche an diesem Platz des Ekels für jeden eine Qual sein mußte, der noch nicht zu einer vertierten Gleichgültigkeit gegen solchen Gestank herabgesunken war. Die Decken waren keineswegs frei von Ungeziefer. Und wer nicht geschickt genug war, sich schnell und ohne lange zu überlegen, die am wenigsten verdächtig aussehenden 14 Exemplare zu sichern, der hatte von Anfang an ein paar schmutzstarrende Lappen auf dem Halse, die er normalerweise weit von sich geworfen hätte. So aber zwang ihn die nächtliche Kälte dazu, sie sich als einzigen Schutz gegen den Frost um den Leib zu wickeln. Zum Aufbewahren oder Weghängen der Kleider und sonstigen Utensilien war kein Platz. Man mußte sie unter den Strohsack legen oder am Körper verwahren, selbst auf die Gefahr hin, sich selbst damit Unbequemlichkeiten zu bereiten oder andere zum Diebstahl zu verlocken. Um fünf Uhr klingelte es wieder. ,, Aufstehen!" dröhnte es durch die Baracke, und im nächsten Augenblick stolperten Hunderte von Häftlingen in wildem Durcheinander von menschlichen Leibern und staubaufwirbelnden Decken durch die schmalen Gänge nach dem Waschraum, um den entblößten Oberkörper unter die Wasserleitung zu halten. Andere drängten sich stoßend und tretend durch das Gewühl, um einen kurzfristigen Sitzplatz im ,, Scheißhaus" zu ergattern; der Rest hing oder hockte wie die Affen über den Pritschen, um aus Strohsack und Decken das Bett zu bauen, wie es die unerbittliche Vorschrift verlangte. Danach drängte sich alles um die Tische, um den halben Liter warme Flüssigkeit hinunterzustürzen, der das Frühstück ersetzte. Eine Stunde danach war ,, Antreten". Alles strömte zu den Türen hinaus, den Eẞnapf unter dem Arm, den Löffel zwischen zwei Knopflöchern von oben nach unten an die Brust gesteckt, auf den ersten Blick ein lächerliches Schauspiel, genauer betrachtet ein bedeutungsvolles Symbol. Denn Löffel und Eẞnapf sind der sichtbare Ausdruck für den einen Beweggrund, der die Tausende von Zwangsarbeitern an ihre Sklavenarbeit marschieren läßt; sie sind die Waffen und gleichzeitig das Wappenschild für diesen hoffnungslosen Kampf ums Dasein in diesem Kuli- Leben, das bei dem geringstmöglichen Quantum an kräftigender Nahrung die schwerste körperliche Arbeit fordert. An den Wänden der Baracke standen die Häftlinge in Reih und Glied, eingeteilt nach Arbeitskommandos. Ganz vorn die Auserwählten für die Schachtarbeiten an der Elbe und für die Erdarbeiten in der Ziegelei oder an der Fertigungsstelle, hinter ihnen die anderen Arbeitskommandos. Wer sich den Luxus leisten konnte, einen Zug am Zigarettenstummel, aus 15 der ,, Tüte" oder einer Tabakspfeife zu tun, der nahm jetzt die Gelegenheit wahr. Denn wenn die Arbeitszeit erst einmal begonnen hatte, dann war das Rauchen lebensgefährlich. Es klingelte wieder, und von den Freiplätzen zwischen den Baracken zogen die Kolonnen zum Appellplatz. Denn jetzt wurde die täglich fällige Zählung der Häftlinge aus den einzelnen Blocks vorgenommen. Die Blockältesten spielten dabei die Feldwebel. ,, Block 14, halt! Augen rechts, die Augen links!" Und kerzengerade mußten die Gefangenen in Fünferreihen stehen bleiben und abwarten, bis der Blockführer, ein SS- Sturmmann, die Reihen im Eiltempo durchgezählt hatte. Wer während dieser feierlichen Handlung ,, auffiel", wurde rücksichtslos niedergeschlagen und für den Strafrapport notiert. ,, Meldung" nannte man das. Eine einfache Meldung bedeutete im allgemeinen einen ganzen Tag fasten, kerzengerade und ohne die geringste Bewegung am Eingangstor stillstehen, oder auch, für eine ganze Stunde an den auf dem Rücken verschränkten Handgelenken aufgehängt werden, vielleicht sogar die berüchtigten fünfundzwanzig Stockhiebe auf Gesäß und Schenkel, die für Wochen blaurote Striemen zurückließen und nicht selten schwere innere Verletzungen zur Folge hatten. Kaum war das Durchzählen beendet, hieß es schon ,, Arbeitstkommando formieren!", und jeder rannte rannte oder stolperte zu seiner Schicht. Im Gleichschritt mußten wir dann wie Soldaten bei der Parade an der Wache vorbeidefilieren, wo diesmal der Arbeitsdienstführer die Zahl kontrollierte. Wehe dem Unglücklichen, der dabei nicht Richtung hielt und so einen Fehler in der Abrechnung verschuldete. Das Leben eines Häftlings im Lager war gewiß nicht viel wert, aber das Verschwinden eines Gefangenen, selbst wenn es nur auf dem Papier vorkam, war eine Todsünde, für die Tausende von Männern zu büßen hatten. So zogen die armen Opfer in ihrer schäbigen Kleidung zur Arbeit, wie die wilden Tiere von den SS- Soldaten bewacht, auf dem Weg zu einem langen, langen Tag harter, schwerer und ermüdender Arbeit. Die Zugänge, die neu eingewiesenen Häftlinge, mußten am Tag nach ihrer Ankunft kahlgeschoren und in aller Eile notdürftig rasiert auf der ,, Politischen Abteilung" erscheinen. Diese ganze Abteilung bestand lediglich aus einer großen, sauber eingerichteten Baracke in der Nähe der Unterkünfte f E 1 g b H 1 ( 2 C I 1 h 1 .16 für die SS- Wachen. In ihr wurde über das Gefangenenlager Buch geführt, und ständig wurden kleinere Trupps von Häftlingen hineinzitiert, um anzugeben, wo sie geboren waren, was sie für einen Beruf ausgeübt hatten, wie oft sie vorbestraft waren und was es sonst noch für Daten in ihrem Leben gab. Alles dies schien lediglich dazu zu dienen, ein Aktenbündel zu füllen, das zunächst in die Kartei der lebenden Häftlinge wanderte, um später im gleichen Raum einen Schrank mit den Personalpapieren der toten Häftlinge zu füllen. Die erste Bekanntschaft mit der ,, Politischen Abteilung" bedeutete jedoch zur gleichen Zeit die Einführung in die speziellen Umgangsformen, mit denen die Herren von der SS den Häftlingen die Verächtlichkeit ihres Standes klarzumachen wünschten. In Reih und Glied marschierte man durch den breiten Durchgang der Politischen Abteilung, wobei in erster Linie zu beachten war, daß soviel Abstand von den vorbeikommenden SS- Männern gewahrt wurde, daß diese auch nicht die geringste Belästigung durch den Schatten, geschweige denn gar den Körper eines Häftlings erfuhren. Jeder Gefangene, der hier warten sollte, mußte sich mit dem Gesicht gegen die Wand aufstellen und sich mit den Fußspitzen eng an diese Wand pressen. Als ein Gegenstand also, den man nicht anfaẞt und der aus Bescheidenheit kein anderes Lebenszeichen von sich geben darf als dann und wann einen Atemzug. Wenn man einmal drinnen war, wurde das Verhör ganz nach Gutdünken der diensthabenden SS- Männer durchgeführt. Schlagen und Treten war ebenso an der Tagesordnung wie Brüllen und Fluchen. Niemand verließ den photographischen Aufnahmeraum, ohne vorher verprügelt und auf seine Empfänglichkeit für Angst und Schrecken geprüft worden zu sein. Wie man sich im Lager erzählte, hatte man dafür lange Zeit einen riesigen Affen verwendet, der darauf dressiert war, die Häftlinge anzufallen, sobald sie den Aufnahmeraum betraten, so daß die Photos in dem ,, Verbrecher- Album" durchweg einen Ausdruck tödlicher Angst zeigten. Der Hochbetrieb im Lager, das Tausende von Häftlingen mehr aufnehmen sollte, als ursprünglich vorgesehen war, hatte mit der Zeit ein Nachlassen der Schläge und Miẞhandlungen durch die SS- Angehörigen der Politischen Abteilung zur Folge. Man kann selbst die Box- Uebungen an Wehrlosen überbekommen. Jede menschliche Leidenschaft findet in ihrer 2.80 17 eigenen Uebersättigung eine Grenze. Doch wurde das Prinzip ,. die neu angekommenen Häftlinge zu erniedrigen und zu foltern, in alter Weise fortgesetzt. Zufällig war ich 1943 geradeDolmetscher für die Politische Abteilung, als Pastor Overmaat aus Zeist hereingebracht wurde. Der SS- Sturmmann, der ihn verhörte, war nicht einmal einer von den Schlechtesten. Er war im Gegenteil den Holländern ganz und gar nicht feind, denn er erinnerte sich immer noch mit Vergnügen einer jungen Dame aus Scheveningen, deren Adresse er gern gewußt hätte. Jeder, der ihm dabei möglicherweise helfen konnte, war eines anständigen Verhörs sicher. Aber natürlich kam das bei einem katholischen Priester nicht in Frage, ebensowenig wie bei einem Juden. ,, Bist du verheiratet?" fragte er Pastor Overmaat. ,, Nein!" , Warum nicht?". ,, Katholische Priester heiraten nicht." ,, Hast du Kinder?" ,, Nein, ich bin doch nicht verheiratet." ,, Aber deshalb kannst du doch uneheliche Kinder haben." Offensichtlich wollte der Pfarrer gerade gegen diese schamlose Unterstellung protestieren, die in verletzendem Ton und mit erhobener Stimme ausgesprochen wurde. Aber sein Blick fiel auf mich, er nahm sich zusammen, lächelte resigniert, seufzte ein wenig und antwortete ruhig: ,, Ich habe keine Kinder." دو "" , Warum hat man dich verhaftet?" , Weil ich einem Mitglied der Niederländischen Nationalsozialistischen Bewegung ein kirchliches Begräbnis verweigert habe." ,, Das war politischer Katholizismus." ,, Das war lediglich die Befolgung eines bischöflichen Befehls." ,, Hau' ihm eine' runter!" Dies sagte unser Sturmmann zu Franz, dem polnischen Dolmetscher, der damals fest im Verwaltungsdienste stand. Franz, der wie die meisten Angehörigen der polnischen Intelligenz, ebensoviel Takt wie Bildung besaß, machte ein paar gewaltige Schritte auf den Pfarrer zu und versetzte ihm einen Klaps, der zwar ganz wie ein richtiger Schlag aussah, aber offensichtlich nicht wehtun konnte. 18 34 „Nein“, brüllte der Sturmmann,„das ist doch keine Ohr- feige!‘ Franz. mußte noch einmal ausholen und spielte seine'Rolle diesmal noch geschickter, so daß es ganz so aussah, als hätte ‘er Pastor Overmaat wirklich ins Gesicht geschlagen. Offen- sichtlich war auch diesmal die Wirkung viel zu gering. Aber der Sturmmann zog es vor, sitzen zu bleiben, und begnügte sich damit, weiter zu schimpfen. Auf jeden Fall hatte er dem Priester seinen Standpunkt klargemacht, und der würde es in Zukunft wohl bleiben lassen, sich im ‚Sinne des politischen Katholizismus zu versündigen. Bestimmt wäre der Pfarrer nicht so leicht davongekom- men, wenn er ein Jahr vorher im Lager erschienen wäre. Gegen sieben Uhr fand der feierliche Abendappell statt. Todmüde,:verdreckt und hungrig marschierten die Tausende auf. Stramm und.ohne sich zu rühren. Und nach dem Durch- zählen begann ein Spiel, das die hungernden Mägen oft eine geschlagene;halbe Stunde lang marterte.„Mütze ab, Mütze auf; Mütze ab, Mütze auf!“— bis das Abnehmen der Lager- mützen mit einer Geschwindigkeit und einem Getöse geschah, das an das Abfeuern einer Salve erinnerte. Und dann hieß es singen, singen, sentimentale Lieder aus der Rumpelkammer popularisierter deutscher Romantik, solange, bis die Gefügig- keit, mit der der Schlußchor im Tagesablauf herausgeschmet-, tert wurde, mit einem Stück Brot und’ dem Schlaf der Er- schöpfung auf dem Strohsack belohnt wurde. Aber ein Anrecht auf Ruhe hatte’ man deshalb nicht, sie war niemals gesicherter Besitz. Denn die Reihe der Quäle- reien, die einen selbst in den Abendstunden erwarteten, war- endlos. Gelegentlich wurde man aus dem Bett geholt, um zu-.. gunsten anderer seine Schuhe oder Stiefel umzutauschen. Manchmal wurde man wachgerüttelt, um eine andere Pritsche zu beziehen. Dann und wann mußte man sich nackt ausziehen und zu einer flüchtigen Untersuchung: auf Krätze und Aus- schlag antreten. Regelmäßig wurde man truppweise ins Bad geschickt, wo man mit der Geschwindigkeit eines Hexen- .meisters aus den Kleidern zu fahren hatte, mit Engelsgeduld viertelstundenlang, splitternackt aneinander gepackt wie die Heringe, warten mußte, um dann für einen winzigen Augen- blick den Luxus einer warmen Dusche zu genießen. Danach . lag wieder die Gewalttour vor einem, in einer Eile in die Klei- der zu schlüpfen, wobei es selten ohne den Verlust irgendeines 10 Wertgegenstandes abging— und Wert hatte alles für uns. Manchmal hörte man mitten in der Nacht die Pfeife des - Blockältesten, und die ganze Belegschaft der Baracke mußte Hals über Kopf in den vorderen Teil des Blocks stürzen, wo- bei man in der Regel die Kleider noch in der Hand hatte, um aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen— oft war es nur eine Laune des Lagerkommandanten oder Blockführers— einen neuen Anwesenheitsappell über sich ergehen zu lassen. So war das in den Jahren 1941, 1942 und 1943. Und zu dieser Zeit war es, wie einem die Veteranen des Lagers erzählen konnten, noch beneidenswert angenehm im Vergleich zu dem, wie es vorher gewesen war. Und wie war das früher? . Die Erzählungen vieler Häftlinge, Deutscher sowohl als Polen und Tschechen, ließen überhaupt keinen Zweifel an der sadistischen Grausamkeit des Lagerregimes in seiner ur- sprünglichen Form aufkommen, die in Neuengamme lediglich im Interesse der zu leistenden Arbeit gemildert worden war. Früher wurde man mitten in der Nacht, tief im Winter, von seinem Strohsack geholt, trotz der vierzig Grad Kälte nur mit dem Hemd bekleidet, und mußte stundenlang im Freien ste- hen, um die Appellkomödie zum soundsovielten Male über sich ergehen zu lassen. Ebenso mußte man früher häufig an heißen Sommertagen seine Sonntagsruhe opfern und ohne Kopfbe- deckung regungslos in der prallen Mittagssonne stehen, wäh- rend die Leidensgefährten um einen herum einer nach dem anderen den Sonnenstich bekamen oder ohnmächtig zusam- menbrachen. Jaak Nooter, der erste Holländer, der in Neuen- gamme die Methoden der deutschen Konzentrationslager zu spüren bekam, hatte diese Art Sonnenbad als Kollektivstrafe für irgendein kleines Vergehen im Juni 1941 kurz vor meiner Ankunft erlebt. Während meines Aufenthalts im Lager ist eine derartige Quälerei nicht mehr: vorgekommen. Denn nun wurde eine Art Pause in den Mißhandlungen eingelegt, offensichtlich nur, um bald darauf eine neue Nuance in die langsam arbeitenden Foltermethoden-zu bringen. Jetzt wurden nämlich die schwachen Kräfte der Häftlinge syste- matisch überbeansprucht. Die Mehlzuteilung wurde von einem Drittel auf ein Viertel und später ein Fünftel Brot hinabge- setzt und die Arbeitszeit ausgedehnt. Selbst am Ostersonntag und zu Pfingsten mußten wir früh am Morgen ausrücken und den ganzen Tag durcharbeiten. Nur am Weihnachtstag ließ man uns Ruhe. Der Glanz des Weihnachtsfestes war noch nicht 20 aus dem Kalender der Lagerleitung gestrichen. Aber am Heiligen Abend stand der Sturmmann Lenzian betrunken nebenuns im Kartoffelkeller und begleitete unsere Fronarbeit mit Peitschenhieben. Von irgendeiner christlichen Einstellung konnte nirgends die Rede sein, nicht einmal bei der Ausnahmebehandlung der Häftlinge am Weihnachtstag. Christliches Gedankengut war überhaupt niemals und nirgends in der Lagerführung lebendig. Bestenfalls wurden die Häftlinge wie Lasttiere, wie Vieh behandelt. Es sollte Monate dauern, bis ich aus meinem anfänglichen Dämmerzustand erwachte und die grausame Wirklichkeit des Konzentrationslagers als die eine Seite des Lebens in Deutschland begriff. Vorher hatte ich so etwas für völlig unmöglich gehalten und angenommen, daß es nur in der überhitzten Phantasie der Urheber von Greuelpropaganda existierte. Alles, was ich in Rauschnings ,, Gesprächen mit Hitler" über die teuflischen Pläne des Nationalsozialismus zur Ausrottung der slawischen Völker gelesen hatte, war also doch wahr. Es schien also doch möglich, den größten Teil der polnischen und tschechischen Intelligenz einzusperren und zur Verzweiflung zu bringen. Es schien möglich, Millionen von Polen und Tschechen in Zwangsarbeiterkolonien zu bringen und sie dort umkommen zu lassen, so daß nicht mehr Slawen an den deutschen Ostgrenzen übrig blieben, als von den deutschen Kolonisatoren, die das Land der früheren Polen und Tschechen in Besitz nehmen wollten, für die niedersten Handarbeiten gebraucht wurden. In Neuengamme sah ich, wie dieser Raubtierstandpunkt unter der Tarnbezeichnung ,, Konzentrationslager" praktisch verwirklicht wurde. Bis zur Einführung des Arbeitseinsatzes im Jahre 1942 wurden die Polen und Tschechen hier systematisch ausgerottet. So unglaublich schlecht waren die Behandlung, die Unterernährung, die übermäßige Arbeit und die Unzulänglichkeit der ärztlichen Versorgung. Diese unmenschliche Behandlung traf in gleicher Weise die Holländer und Belgier und in verstärktem Maße die Russen. Im Herbst 1941 wurden einige Hundert Häftlinge aus Belgien und Holland in mehreren Gruppen eingewiesen. Die meisten von ihnen kamen aus dem Lager Breendonk, der Festung Huy und dem Lager Amersfoort. Sie sahen gut aus und waren munter und guter Dinge. Auch nicht einer von ihnen sah nach Sterben aus. Und doch sah ich viele von ihnen schon nach 21 - wenigen Monaten hinsiechen und sterben, und als ich nach zwei Jahren wieder freigelassen wurde, hieß es, daß bereits über 70 Prozent von diesen Holländern, Flamen und Wallonen umgekommen waren. Von den tausend Russen, die an einem Wintertag des Jahres 1941 als Kriegsgefangene durch das Gittertor marschierten es war ein stattlicher Anblick, diese kräftigen jungen Burschen in ihren gut sitzenden erdbraunen Uniformen langsam und würdig nach ihrer Abteilung ,, Kriegsgefangenenlager" schreiten zu sehen- von diesen tausend war nach einem halben Jahr höchstens noch ein Drittel am Leben. Täglich, wenn der immer mehr zusammenschmelzende Trupp vom Elbekommando zurückkam, brachten sie ihre toten oder sterbenden Kameraden mitgeschleppt. Schließlich wurde das Kriegsgefangenenlager, das aus zwei isolierten Blocks in der Mitte des Barackengeländes bestand, geschlossen, und der Rest der Gefangenen wurde zusammen mit neuen Transporten von Russen auf die übrige Belegschaft aufgeteilt, um in der gewöhnlichen ,, Sträflingsuniform" oder dem, was dafür gelten sollte, gemeinsam mit den anderen Häftlingen den Todesgang nach der Elbe, dem Klinkergelände und der ,, Fertigungsstelle" anzutreten. Ende Dezember brach im Lager Typhus aus. Als auch einige SS- Männer dieser Seuche zum Opfer gefallen waren, erwies es sich als notwendig, eine Quarantäne zu verhängen. Hunderte von Häftlingen erlagen der Krankheit. Aber diese Monate Isolierhaft in den Baracken mit herabgesetzten Brotzuteilungen und zermürbender Langeweile inmitten überreizter Häftlinge, während überall Krankheitsherde aufflackerten, bedeuteten noch eine wahre Oase im Vergleich zu der Zeit, die dann kommen sollte. Den Häftlingen, die durch den Müßiggang verweichlicht worden wären, sollte endlich mal wieder klar gemacht werden, was ein Konzentrationslager bedeutete. Die ,, Kapos" und Vorarbeiter erhielten Anweisung, strengstens durchzugreifen, wenn sich irgendwo Anzeichen von Schlappheit oder Faulheit bei der Arbeit bemerkbar machten. Und kein Tag verging mehr, der nicht eine ganze Reihe schwerster Mißhandlungen gebracht hätte. Wieder kamen in kurzer Zeit Hunderte von Häftlingen ums Leben. Unser alter Ernst Sauer, der ,, Kapo" in der Kartoffelschälküche, ein ,, Grüner", ein Berufsverbrecher also, aber ein Mann, dessen Güte und Anständigkeit seine Abreise im Herbst 22 22 1942 zu einem Trauertag für alle werden ließen, die ihn kannten, führte mich einmal vor das Fenster einer der großen Leichenhallen. Da sah ich ganze Haufen nackter Leichen aufgeschichtet wie Holzstöße. Kurz darauf kam ein Lastwagen auf Gummirädern vorgefahren, Häftlinge verluden die Leichen wie Stockfische und zogen den voll beladenen Wagen vors Krematorium. Hunderte von Gefangenen, die noch zu zäh waren, um gleich zu sterben, aber doch zu erschöpft, als daß sie in der nächsten Zeit eine nennenswerte Arbeitsleistung hätten vollbringen können, wurden aufgerufen und ins Konzentrationslager Dachau befördert. Zur Erholung, wie es hieß! Aber in Viehwagen. Viele von ihnen kamen mehr oder weniger wiederhergestellt nach Neuengamme zurück, aber nicht wenige hatten die lange und alles andere als bequeme Fahrt mit dem Leben bezahlt. Die allmähliche Ausrottung machte immer mehr Fortschritte. Und ständig wuchsen die Zahlen der Neueingelieferten. Selbstverständlich mußten diese Herden von Zeit zu Zeit in die unerbittlichen Lagervorschriften eingeweiht werden, natürlich nicht nach französischer Art, sondern mit preußischer Härte. Dazu sollte im Anfang meines Lageraufenthalts vor allem die enge Berührung mit deutschen Rauhbeinen dienen, die bereits seit Jahren durch die harte Schule des Lagerlebens gegangen waren und daher mit Pöstchen zum Drillen oder Beaufsichtigen der anderen Häftlinge betraut oder vielmehr ausgezeichnet worden waren. Es war ein Erlebnis ganz besonderer Art, in solch einer Umgebung gelandet zu sein. Vor meiner Verhaftung hatte ich die Angewohnheit, auf Reisen zu meiner Zerstreuung gelegentlich amerikanische Romane von der Sorte zu lesen, wie sie auf den Reklamesäulen der holländischen Bahnhöfe als die tollsten Reißer aus dem Wilden Westen und dem Land der Cowboy- Romantik angepriesen werden. Fraglos schlummert in jedem Manne immer noch ein Rest der kindlichen Bewunderung für anmaßendes Kraftmeiertum. Und die Veredelung und Verfeinerung dieses Triebes bis zum aufregenden Sportgeschehen unserer Tage, bis zu den Olympischen Spielen, genügt nicht, die Untergründe dieser Leidenschaft zuzudecken., Aber ich schmeichelte mir mit der Meinung, daß diese atavistischen Erscheinungen aus der Zeit des Mittelalters nur noch nachwirkende Erinnerungen seien, die höchstens noch einen literarischen Niederschlag 23 23 fänden in der Welt brutaler Gewaltanwendung und primitiven Faustrechts, wie sie in den Heldengedichten von den Pionieren der Wildnis und den kühnen Verfolgern von Viehdieben und anderen Banditen geschildert wird. Aus dem täglichen Leben der europäischen Welt schienen diese Züge für immer weggewischt. Das erwies sich als ein Irrtum. Nicht die Faust-, Feuer- und Blutromantik des Wilden Westens malt uns ein Phantasiebild der Menschheit, sondern die ritterlichen und höflichen Umgangsformen, die wir seit Generationen als das natürliche Benehmen der Menschen untereinander zu betrachten gelernt haben und deren Ursprung wir aus den Augen verloren, seit ihn ihre Taufe in den Wassern christlicher Ueberlieferung zu verleugnen sucht. Im wesentlichen zeigte die Wirklichkeit der Konzentrationslager nichts anderes als eine Gemeinschaft von wilden Tieren in Menschengestalt. Es erwies sich, daß die deutschen Häftlinge, die, wie man zu ihrer Entschuldigung sagen muß, die neuheidnische Wiedertaufe durch die nationalsozialistische Weltanschauung hatten durchmachen müssen, in der Mehrzahl nicht ein Haar besser waren als die DesperadoTypen, die uns in dem räuberischen Milieu der amerikanischen Unterwelt immer mit Widerwillen und Abscheu erfüllt haben. Die größte Unterlassungssünde, die mir dabei zum Bewußtsein kam, war die, daß ich in meiner Jugend nicht Boxen und Ringen gelernt habe. Aber die Einführung der Häftlinge in den rauhen Lebensstil des Konzentrationslagers blieb nicht auf das gewalttätige und zynische Benehmen der deutschen ,, Kameraden" und die abstoßenden Geschichten über die Entwicklung des gegenwärtigen Regimes in den Lagern Sachsenhausen, Mauthausen, Buchenwald und Esterwegen beschränkt. Auch die SS- Männer trugen nach besten Kräften zu der erwünschten ,, Erziehung" der Neuankömmlinge unter den Häftlingen bei. Kurz nach meiner Ankunft im August 1941 hörte ich auf dem Marsch zum Elbe- Kanal einen Schuß fallen. Nur wenige Schritte von mir entfernt sah ich dann die Leiche eines ,, Kumpels", kaum einen Meter neben der Straße am Rande des Deiches. Es genügte ja schon, sich nur ein kleines Stück aus der Marschordnung zu entfernen, einmal die Kette der SSWachmannschaft zu durchbrechen, um erbarmungslos über den Haufen geschossen zu werden. Das war gleichzeitig eine der gebräuchlichsten Methoden, Selbstmord. zu begehen oder 24 24 von böswilligen Mitgefangenen zum Selbstmord gezwungen zu werden. Genau so wie das Anfassen der elektrisch geladenen Drähte, die um das Lager gezogen waren, oder das nächtliche Aufhängen an einem Balken im ,, Scheißhaus". Auf dem. Arbeitsgelände spazierte ein Sturmmann mit einer Peitsche umher, um jeden Häftling, der es wagen sollte, seine schmerzenden Knochen zu schonen, mit ,, schlagenden" Argumenten ⚫davon zu überzeugen, daß er mit den anderen Schritt halten und seine ganze Ausdauer zum Weiterarbeiten einsetzen mußte. Ein weiterer SS- Mann schlenderte in Begleitung eines auf den Mann dressierten Polizeihundes an den Häftlingen vorbei, ständig bereit, in Ermangelung besserer Aufgaben, den Bluthund auf jeden Unglücklichen loszulassen, der seine Aufmerksamkeit auf irgend etwas anderes richtete als die Zwangsarbeit, die man ihm aufgehalst hatte. Die natürliche Folge davon waren Biẞwunden, die selbst dann, wenn sie nicht gleich große Fleischfetzen aus dem Körper rissen, praktisch niemals zuheilten. Dann und wann wurden beim Morgenappell die Lagernummern einiger Häftlinge aufgerufen, denen die Freiheit geschenkt werden sollte. So etwas stellte einen der größten Antriebe dar, alle Energie zusammenzureißen, um die schwere Prüfung dieses Lagerlebens durchzuhalten. Um jedoch alle allzu lebhaften Anwandlungen von Heimweh nach der Freiheit zu unterdrücken, wurden auch beim Abendappell die Lagernummern einiger Häftlinge aufgerufen in der Hauptsache Polen, und diese Auserwählten, die ebenfalls im Eiltempo vortreten mußten, ohne von irgendwem oder irgend etwas Abschied nehmen zu können, wurden in Begleitung von zwei SS- Männern in den ,, Bunker" geführt, um dort gehängt oder erschossen zu werden. Niemand hörte jemals etwas davon, aus welchem konkreten Grunde diese armen Opfer hingerichtet wurden. - Verschiedentlich schien ein Häftling verschwunden zu sein. War er etwa ausgerissen? Sobald auch nur eine Spur von Verdacht vorlag, daß jemand dem Totentanz im Lager hatte entfliehen wollen, wurde Generalalarm geschlagen und alle Arbeit stillgelegt. Und der Appell dauerte so lange, bis der Flüchtling aus seinem Versteck herausgeholt worden war. Natürlich bedeutete der Appell gleichzeitig eine Fastenzeit von unbestimmter Dauer. Gewöhnlich wurde der arme Irre 25 innerhalb weniger Stunden aufgefunden. Dem würde man es eintränken! Da man der Ansicht war, daß eine Verurteilung zu einem Jahr Strafkompanie auf die Einbildungskraft des Durchschnittshäftlings, der aus der Erfahrung der anderen lernen sollte, keinen genügenden Eindruck machte und die zusätzliche Mißhandlung mit fünfzig Peitschenhieben in der Kardie zur Feier einer solchen Exekution restlos ausgeräumt werden mußte nicht dramatisch genug war, wurde eines Tages bekanntgegeben, daß der zuletzt erwischte Ausreißer die wohlverdiente Tracht Prügel vor den Augen aller Lagerinsassen bekommen solle. toffelschälküche 1 - Am Sonnabendnachmittag begann die traurige Schaustellung. Sämtliche Häftlinge wurden in Reih und Glied auf den Platz geführt und mußten sich eng aneinander gepreẞt im Karree um die Mitte des Appellplatzes aufstellen. Das Richterkollegium der Lagerführung einschließlich Scharfrichter hatte seinen Platz neben dem ,, Bock", einem hölzernen Pferd ohne Kopf. Der Delinquent wurde der Länge nach so darauf geschnallt, daß Hände und Füße herabhingen, während Gesäß und Schenkel einen bequemen und völlig unbeweglichen Amboẞ für das Trommelfeuer der Schläge mit dem Ochsenziemer bildetén. Fünfzig Peitschenhiebe war der Tarif, verabfolgt von stämmigen SS- Männern, die abwechselnd zuschlugen und untereinander wetteiferten, die kräftigsten Schläge auszuteilen. Alles verlief programmgemäß. Und die vielköpfige Menge zitterte vor Erwartung, daß der mißhandelte Körper des Verurteilten völlig zermalmt und ohne Spur von Leben vom ,, Bock" herunterstürzen würde. Aber da war ein Fehler in der Rechnung. Der junge Mann, dessen Schicksal eventuellen Nachahmern als warnendes Beispiel dienen sollte, schien aus ganz besonderem Holz geschnitzt zu sein. Kaum war die Prügelei zu Ende und die Fesseln an Händen und Füßen gelöst, sprang er mit der Behendigkeit eines Akrobaten wieder auf die Füße, lächelte still vor sich hin, nahm kurz entschlossen den ,, Bock" auf seine Schultern und trug ihn im Laufschritt zu seinem ,, Stall", nämlich in die Südostecke der Kartoffelschälküche. Natürlich zum größten Vergnügen der gesamten Lagerbelegschaft, die sich vor Schadenfreude und Erleichterung ins Fäustchen lachte und über die Wut der SS die reinste Befriedigung empfand. Die SSSoldaten suchten gute Miene zum bösen Spiel zu machen und 26 nahmen sich vor, in Zukunft erst einmal Hinterteil und Schenkel der Kandidaten für eine neuerliche Auspeitschung einer genauen Untersuchung zu unterziehen. Wie sie behaupteten, taten sie das, um nicht zu schwache Konstitutionen einem solchen Experiment auszusetzen. In Wirklichkeit spielte wohl auch der Wunsch mit, sich nicht noch einmal dadurch zu blamieren, daß sie einen Schwergewichtler aus irgend einer Athletenschau unter die Finger kriegten. Ganz gleich, welches die Gründe sein mochten, jedenfalls wurden die öffentlichen Exekutionen auf dem ,, Bock" für eine Zeitlang unterbrochen., Von nun an sollten nur noch die Mitverurteilten der Urteilsvollstreckung in der Kartoffelschälküche beiwohnen. Die übrigen Häftlinge merkten, wenn sie sich zufällig in der Nähe aufhielten, von dem ganzen Strafgericht nichts anderes als das gellende Schreien der unglücklichen Opfer und die zufriedenen Gesichter der Strafvollstrecker von der SS, die nach dem Verlassen des Strafraums ihre Aermel herunterkrempelten und sich Witze erzählten. Später jedoch, nach der Einführung des Arbeitseinsatzes, wurde auch dieser Teil der Vollstreckung der Prügelstrafe aufgegeben. Die Blockältesten und Kapos wurden von nun an beim Strafrapport beauftragt, die Kehrseiten ihrer Mitgefangenen selbst braun und blau zu schlagen. Aber die Entwicklung dieses Verfahrens mit dem ,, Bock" bedeutete keineswegs, daß die Lagerverwaltung nun etwa die Absicht gehabt hätte, in ihrem Eifer, die Häftlinge durch Furcht und Schrecken zu erziehen, nachzulassen. Auf diesem Gebiet wußte sie sich immer Rat. Im Frühjahr 1942 hatte der Reichsführer SS Heinrich Himmler angeordnet, daß jeder, der aus dem Konzentrationslager zu fliehen versuchte, öffentlich gehängt werden sollte. Zufällig gab es zu dieser Zeit gerade keine Anwärter auf solch eine Exekution. Aber das war kein Grund, nicht trotzdem solch eine fesselnde Vorführung abzuhalten. Im Lager befanden sich immer Polen genug, die man verdächtigen konnte, beim Bromberger Aufstand gegen die Deutschen als ' ,, Heckenschützen" mitgewirkt zu haben. Ein Opfer war dann leicht gefunden. Diesmal sollte es wohl der Schmied aus unserer Kartoffelschälküche sein, ein halber Krüppel, der die Messer zum Kartoffelschälen zu schleifen hatte und anderes Gerät mit Hammer und Zange in Ordnung brachte. Ich kannte diesen Ceslaus oder Stanislaus seit Monaten. Ein harmloser 27 Bursche vom Lande, der die Freundschaft und Hilfsbereitschaft selber war, wenn man ihm eine Zigarette oder ein Stück Kautabak verehrte, und nur dann brummig und zurückhaltend wurde, wenn man etwas ohne Gegenleistung von ihm verlangte. Das war nun einmal das übliche Gegenseitigkeitsprinzip im Lager. Aber niemand hätte hinter diesem linkischen Burschen einen abgefeimten Heckenschützen vermutet. Er zeigte auch niemals irgendwelche Anzeichen von Angst. oder Unruhe, die auf verborgenes Schuldgefühl hätten schlieBen lassen. Er schien die Friedfertigkeit selber zu sein. Und doch wurde er in den ,, Bunker" eingesperrt und sollte am nächsten oder übernächsten Tage gehängt werden. Abends nach dem Appell, schon bei Einbruch der Dunkelheit, ging die Sache vonstatten. Vor dem Revier an der Südseite des Platzes hatte man einen hohen Galgen aufgerichtet. Alle Häftlinge sollten ihn sehen. Und gerade so, als handele es sich um eine Feier, die gefilmt werden sollte, sah man vor der ersten Reihe der angetretenen Häftlinge ein ständiges Kommen und Gehen von SS- Männern. Sogar einen Urteilsspruch hatte man aufgesetzt, der mit metallener Stimme verlesen wurde, von dem aber offensichtlich niemand etwas verstehen konnte. Der Verurteilte wurde auf eine Plattform geführt, von der ein Brett vorsprang. Da es schon ganz dunkel geworden war, wurden große Scheinwerfer auf die Bühne gerichtet. Zunächst erblickte man in dem Strom von Helligkeit nur die baumelnde Schlinge. Dann sah man, wie sich der Strick langsam herniedersenkte und dem gefesselten Polen. um den Hals gelegt wurde. Nun wurde das Brett unter seinen gefesselten Füßen fortgezogen. Der Körper fiel nach unten, ein kleines Stück nur, dann zuckten die Beine des Gehängten noch einmal krampfhaft nach oben. Das war alles. Die flüchtige Vision eines der vielen Galgen, die Charles de Coster in seinem Tyll Uylenspiegel geschildert hat. Mit Tyll aus den Niederlanden werden sich die Hunderte von Polenjungen, die dabei waren, gedacht haben: ,, Vaters Asche klopft an mein Herz..!" Diese Asche klopfte schon so lange, schon so oft und würde noch häufig an ihr Herz klopfen. Aber sie schwiegen still. Niedergeschlagen und aufgeregt waren hauptsächlich die anderen, die nun zitternd vor Kälte und Regen und krank vor Entsetzen ihren Strohsack aufsuchten. 28 Danach habe ich keine dieser Hinrichtungen, die keines- wegs vom Programm verschwunden waren, mehr mit ange- sehen. Und bald verschwamm die düstere Erinnerung an dieses abendliche Schauspiel in meinem Gedächtnis. Es gab zuviele wechselnde Eindrücke, zuviel Lärm und zuviel Wirbel. In regelmäßigen Abständen wurden neue Gefangene in den Bun- ker eingesperrt, und eine neue Welle von Hinrichtungen ging durch das Lager. Im Jahre 1942 wurden eines Tages Russen- frauen ins Lager gebracht. Es hieß, daß mit ihnen ein Versuch mit Giftgas gemacht werden sollte. Noch am gleichen Tage sah ich, wie ihre Leichen herausgeschleppt wurden. Sie hatten, wie mir ein Häftling erzählte, der bei den Aufräumungsar- beiten geholfen hatte, wie die Kletten an den Türpfosten' ge- klebt, in den Gesichtern noch den Ausdruck verzweifelter Angst und der Qual hoffnungsloser Versuche, aus dem Beton- sarg zu entkommen. Am nächsten Tage erfuhr man, daß die Frauen Partisaninnen gewesen sein sollten. An der Fenster- scheibe einer der kleinen Zellen, in denen sie den Gastod starben, war noch eine letzte Erklärung eingeritzt. Ich war dabei, als die Worte in der Kartoffelschälküche entziffert wurden. Am Schluß dieses Abschiedsbriefes auf Fensterglas stand in eyrillischen Buchstaben:„Hoch lebe Stalin!“ Das Bild der hier geschilderten Grausamkeiten, die das tägliche Leben im Konzentrationslager„verschönten“, wäre nicht vollständig, wenn man die klassische Methode der Liquidation unerwähnt lassen wollte, die aus Sachsenhausen kam. Sie wurde indirekt von den SS-Stellen befohlen oder doch wenigstens geduldet und von den Blockältesten und „Kapos“ manchmal unter Zwang, manchmal aber auch aus eigenem Antrieb vollzogen. Diese ständige Bedrohung ge- hörte zu den grausigsten Erfahrungen des Lebens im Kon- zentrationslager; sie lastete wie ein Alpdruck auf dem Be- wußtsein eines jeden, der das Unglück hatte, sich die Ver- ärgerung oder den Haß rachsüchtiger Naturen zuzuziehen. Irgend jemand hatte vielleicht das Mißfallen eines SS-Bonzen erregt oder sich bei einer Gruppe von prominenten deutschen Gefangenen verhaßt gemacht. Man beschloß, ihn verschwin- den zu lassen. Kam das Urteil von der Seite der SS, dann hieß es einfach:„Ich will diesen Lump— oder dies Schwein— nicht mehr sehen!“ Entsprang es irgend welchen Machtge- lüsten der„Prominenz“, dann war der feststehende Ausdruck des Femegerichts dafür:„Fertig machen!“ 29 30 30 Der Unglückliche, dem dieser Urteilsspruch galt, wurde bei den übelsten Arbeitskommandos eingeteilt. Er wurde zur Arbeit gehetzt, ständig angebrüllt und bei dem geringsten Versehen geprügelt. Keiner durfte ihm helfen. Niemand durftemit ihm sprechen. Nirgends durfte er ungestört auch nur seine Notdurft verrichten. Wenn er einmal Mantel oder Jacke auszog und beiseitelegte, dann verschwand dieses Kleidungsstück auf der Stelle, er selbst aber wurde wegen Veruntreuung von Lagereigentum bestraft. Bei einer Arbeit, die man mit Vorbedacht besonders schwer und gefährlich gewählt hatte, fiel er vielleicht in einen Graben; am ganzen Leibe durchnäẞt mußte er weiterarbeiten. Wenn er sich in einem Anfall von Raserei seinen Peinigern widersetzte oder wenn er vor Erschöpfung zusammenbrach, dann sorgten Schläge und Stöße, mit Vorliebe ins Gesicht, für eine Beflügelung des Arbeitseifers. War der Tag schließlich zu Ende, dann ließ man ihm keine Zeit, sich einigermaßen wieder zu erholen. Er bekam Arbeitsdienst unter Aufsicht, bis es Zeit zum Schlafengehen war. Aber kaum hatte er sich dann auf seinem Strohsack ausgestreckt, wurde er schon wieder wachgerüttelt und mußte im Waschraum Wasser pumpen. War er mit seinen Kräften am Ende, dann wurde er an den Handgelenken, die man auf seinem Rücken zusammenband, aufgehängt. Verlor er dabei das Bewußtsein, goß man ihm. eimerweise Wasser über den Kopf. Kam er dann wieder zu sich, durfte er endlich auf seinen Strohsack zurückkehren. Früh am Morgen begann das gleiche Spiel von neuem, mit kleinen Abweichungen vielleicht, aber ohne Pause, ohne Gnade systematisch weitergeführt. Ruhe gab es für den Gemarterten nicht mehr. Bis er schließlich die Kette der SSWachen durchbrach, unmittelbar die Hand an sich legte oder an Lungenentzündung einging. In fast allen Fällen war sein Ende gewiß. Aber niemand wurde für diesen Ausgang der Aktion verantwortlich gemacht. Manch einer ist auf diese Weise zugrunde gegangen. Nicht wenige von ihnen waren minderwertige Charaktere, Brotdiebe, Gauner, Verräter oder Leichenschänder. Aber auch völlig Unschuldige waren darunter wie etwa der bedauernswerte George, ein Fremdenlegionär russischer, Herkunft aus. Marokko, der völlig zu Unrecht aufrührerischer Reden verdächtigt wurde. Die Blicke des Sterbenden riefen mir noch kurz vor meiner Versetzung aus dem Fabrikkommando von Wittenberge ein letztes Lebewohl zu. III UNTER DER GEISSEL VON HUNGER UND VERKOMMENHEIT Gleich am Anfang hatte mich Jaak Nooter, der Kommunist aus Amsterdam gewarnt: ,, Mensch, denk immer daran, daß es hier Leute gibt, die imstande sind, um ein Stück Brot einen Mord zu begehen!" Ungezählte Dramen haben sich um ein einziges Stück Brot abgespielt. Nicht einmal den kleinen Schränken in der Unterkunft konnte man es anvertrauen, es wäre im Handumdrehen verschwunden gewesen. Man konnte es nicht mit zur Arbeit nehmen, es wäre einem aus der Jacke oder dem Brotbeutel gestohlen worden. Man konnte es nicht in seinem Strohsack verbergen, den hätte man nachts ausgeräumt. Ein unbewachter Augenblick genügte, und der Verlust war unersetzlich. Selbst bei Tisch, wenn man eng aneinander gequetscht, manchmal zu zweit auf einem Schemel, nebeneinander saß, war man nicht sicher. Es gab Kerle, die mit der Behendigkeit eines Zauberers ein Stück Brot unter der Tischplatte festzukleben wußten oder es unbeobachtet im Gewühl verschwinden ließen. Es gab dann immer ein Jammergeschrei und böse Auseinandersetzungen, in der Regel obendrein eine blutige Schlägerei. Kein Schatz konnte schärfer mit der Aufmerksamkeit eines Polizeihundes bewacht, keinem aber auch mit mehr Arglist und tierischer Verschlagenheit nachgestellt werden. Wenn man seine Brotration wirklich selber essen wollte, dann gab es nur ein Mittel, man muẞte es gleich tun. Aber dazu hatte man nur zu oft keine Zeit. Manchmal mußte man, unmittelbar, nachdem man seine Brotration empfangen hatte, zum Arbeitsdienst, manchmal fand man auch buchstäblich keinen Platz, weder im Stehen noch im Sitzen, um seine magere Tagesration zu verdrücken. Und wehe dem, der aus Nachlässigkeit oder gezwungenermaßen seinen wertvollen Happen 31 aus der Hand gab. Den ganzen Tag hatte man nach der ersehnten Kräftigung gegiert, mit allen Fibern hatte man nach der Beruhigung und dem Trost gelechzt, die einem das Abendbrot geben sollte, und nun überfiel einen zu der körperlichen. Erschöpfung und dem Fehlen jeglicher Gemütlichkeit oder Bequemlichkeit auch noch die gesteigerte Qual des ungestillten Hungers. Da man obendrein noch eine ganze Nacht und einen Tag aufreibender Zwangsarbeit vor sich hatte, war das wahrhaftig mehr, als Menschennerven ohne Verbitterung und Auflehnung gegen alle und alles zu ertragen vermögen. Die rohe Erbarmungslosigkeit oder beleidigende Gleichgültigkeit der Geschöpfe ringsum, von denen selbst die Besten keine wirklichen Kameraden sein konnten, weil sie mehr als genug mit ihren eigenen Sorgen zu tun hatten, mußte den rebellierenden Lebenswillen immer weiter auf die krummen Wege maßloser Rachsucht oder doch wenigstens unbeherrschten Vergeltungsdranges treiben. Julien Lahaut erzählte mir einmal, daß einer seiner Bekannten aus Lüttich, der früher ein ehrenwerter Bergarbeiter von untadeligem Lebenswandel gewesen war, einem Manne, der aus der gleichen Gegend stammte, das Stück Brot aus der Hand gerissen hatte und damit weggerannt war. Wahrscheinlich hatte ihn die blinde Hoffnung, seinen hungrigen Magen einmal mit einem Stück trockenen Brotes sättigen zu können, völlig außer sich gebracht, denn er hatte überhaupt keine Ahnung, wohin er mit seiner Beute fliehen sollte. Er verlief sich ins Abwässergelände, und als er sich dort keinen Ausweg mehr wußte, warf er das Brot in eine Jauchegrube. Von seiner Gier nach Nahrung war er viel zu besessen, um das Verbrecherische seines Benehmens erkennen und seine Verfehlung durch Rückgabe des Gestohlenen wieder gut machen zu können. Wie der sprichwörtliche Dieb in der Nacht umlauert der Hunger den Häftling. Während der Arbeit hängt er wie Blei an den Muskeln, nur mit Gewaltanstrengung vermag man sich zu bewegen. In den Muẞestunden reißt er an den Nerven wie das Wimmern eines kleinen Hundes. Er umnebelt die Sinne bis zur Besessenheit eines Hundes, der überall herumschnüffelt, um Nahrung zu finden. Manch einen gefangenen Polen oder Russen erwischte man dabei, wie er die Abfallhaufen durchwühlte, um vielleicht noch die stinkenden Ueberreste von verdorbenem Küchenabfall zu finden. Das war natürlich verboten. Es verstieß auch gegen die Ordnung. Auf 32 den ausgemergelten Körper oder was davon an Haut, Knochen und Eingeweiden übrig sein mochte, aber wirkte es schlimmer als Opium, denn es hieß geradezu alle möglichen Krankheiten herausfordern. Und die Pusteln und Geschwüre schossen bald wie Giftpilze auf den Gliedern der ,, Abfallessér" in die Höhe, die bald einen Geruch ausströmten wie eine Jauchegrube. Man nahm sie erbarmungslos am Kragen, prügelte sie windelweich und warf sie mit Kleidern und allem Zubehör in einen Wasserbehälter, goẞ ihnen ein paar Eimer Wasser über den Kopf und jagte sie schließlich mit Stöcken und Peitschen an die Arbeit oder in einen entlegenen Winkel des Lagers, wo sie- nach europäischen Begriffen waren es ganz unmögliche Verstecke trocknen konnten wie ein nasses Feudel auf einem Kehrichthaufen. Aber praktisch hatte das nicht den geringsten Erfolg. Denn die Aermsten fingen immer wieder von neuem an, bis die völlige Erschöpfung oder eine barmherzige Lungenentzündung die Reste ihrer früheren Existenz ins Krematorium wandern ließ. Es waren nicht nur Polen oder Russen oder andere Hungernde aus dem Osten Europas, die auf die Suche nach Abfällen gingen. Manchmal trieb es auch politische Gefangene aus dem Westen Europas auf diese wilde Jagd. Eher noch als die Deutschen, die bereits lange Jahre Zuchthaus, Gefängnis oder Lagerleben hinter sich hatten und die der Selbsterhaltungstrieb gelehrt hatte, der Versuchung solcher unverdaulicher Abfälle zu widerstehen. Die deutschen Häftlinge hatten sich überhaupt andere Methoden ausgedacht, den Magen besser zu füllen, als es die Tagesration zuließ; im„ Organisieren" von zusätzlicher Verpflegung hatten sie so etwas wie eine höhere Kulturstufe erreicht, auf alle Fälle eine größere Geschicklichkeit. Nach Lage der Dinge mußten in einem deutschen Konzentrationslager mit Tausenden von Häftlingen aus allen Teilen Europas, von denen die meisten kein Deutsch verstehen, geschweige denn sprechen konnten, die meisten der Posten und Verrichtungen, die für die Regelung der Zwangsarbeit und die wechselseitige Selbstversorgung mit allen möglichen Gebrauchsgegenständen unerläßlich waren, fast ausschließlich in deutschen Händen liegen. Diese Pöstchen und Stellungen wurden mit irgendeiner Zulage zur Lebensmittelration belohnt. Das war eine ganz offizielle Regelung, und in-, offiziell wurde sie noch ganz erheblich ausgedehnt. 3 80 33 33 Yon dem Lebensmittelvorrat, der dem Lager zur Verfü- gung stand, wurden durch die deutschen Pöstcheninhäber er- hebliche Mengen auf die verschiedenartigste Weise unter- schlagen und abgezweigt, teils zum eigenen Verbrauch, teils für Tauschgeschäfte. Viele der Pöstchen und Stellen waren' mit dem Amt eines Sklaventreibers zu vergleichen und boten dadurch ausgiebig Gelegenheit, die Gefangenen zur Freigebig- keit zu zwingen, vor allem natürlich die, die dann und wann Lebensmittelpakete von zu Hause erhielten, also hauptsächlich Polen und Tschechen. Andere Pöstchen und Stellen bestanden im‘Wachdienst und wurden’ häufig lediglich dazu ‚ausgenutzt, _ den anderen das Stehlen unmöglich zu machen; soweit jeden- falls diese anderen nicht zu den' Freunden, Geschäftsbe- ziehungen’ oder persönlichen„Sklaven“ der Diebe gehörten. Eine„Stelle“ im Kartoffelkeller, im Bereich der Küche, des‘ Brotlagers, der. Vorratskammern, in den Transportabteilungen, bei den Ausgäbestellen, in den verschiedenen Abteilungen der Kantine, in den Revieren, in denen die Sterbenden keine Nah-% rung mehr brauchten, um gar nicht von den verschiedenen Arbeiten im Lager der SS-Wachmannschaften zu reden, boten ständig günstige Gelegenheiten, Beute zu machen. Es gehörte: zum System dieser Lagerverwaltung, daß man bei allen Ver- trauensposten persönliche Initiative beweisen mußte;'nach nationalsozialistischer Auffassung sollte sich dabef# die gebo- rene Führerpersönlichkeit beweisen. Das führte dazu, daß der- Amtswalter für den inneren Dienst in seinem eigenen Inter- esse als„Führer“ gezwungen war, sich selbst um die Beschaf- fung von Kohle, Holz, Verbandszeug, Putz-, Scheuer- und Wischgerät, Nähzeug, Eimer, Büchsen und sonstigen Blechbe- hältern zu kümmern, kurz, um all die vielen Kleinigkeiten, die für einen Barackenhaushalt mit einigermaßen militärischem Anstrich unerläßlich sind, ohne, daß jemals auch nur die Hälfte von dem ‚gebrauchten angeliefert wurde. Was fehlte, mußte eben„organisiert“ werden. Natürlich war das bei Androhung schwerster Strafen ver- boten, aber ebenso schwer bestraft wurde man auch, wenn man es nicht hatte. Denn zwischen.einem Schwindel, der die Unrechtmäßigkeit einer kühnen ‚„Besorgung“ vertuschen ‚sollte, und einem Schwindel, der den Mißerfolg bei der Be- schaffung des notwendigen Materials zu decken hatte, war im allgemeinen nur ein recht geringer Unterschied. Bei einem ‚34 Betrug erwischt zu werden, bedeutete regelmäßig ein Wiederhinabsinken auf das Niveau des Hungers und der schweren Arbeit. Deshalb mußte also gestohlen werden. Zwar stahlen der Barackenälteste und seine Gehilfen oder im entsprechenden Falle der Vorarbeiter des Kommandos nicht selbst, sondern an ihrer Stelle die deutschen Angehörigen des Stabes und Vizestabes, deren Geschicklichkeit und Risiko natürlich durch Sonderportionen belohnt werden mußten. Am leichtesten waren diese Sonderzuteilungen zu beschaffen, wenn man sie einfach denen wegnahm, für die sie ursprünglich bestimmt waren. Von den Suppenzuteilungen für das Frühstück und Abendessen, von den Brotrationen für die Baracken, von den Vorräten in den Lagern, vom Nachschub an Verpflegung, von allen Stellen, wo der Proviant für kürzere oder längere Zeit lagerte, von jedem Transport zwischen dem Zubereitungs- und Bestimmungsort flossen fast überall und immer kleinere und größere Brocken von Nahrungsmitteln in Privathände. Und diese Privathände waren in der überwältigenden Mehrzahl deutsche. Denn die Häftlinge mit der größten Anzahl von Dienstjahren und folglich auch der größten Erfahrung und hervorragendsten Eignung, auf dem Seil der Illegalität zu tanzen, waren im Lager immer die Deutschen. Dazu kam noch das natürliche Solidaritätsgefühl der Deutschen inmitten der vielen Ausländer, deren zahlenmäßiges Uebergewicht immer größer wurde und dadurch die bereits vorhandene Solidarität noch ständig verstärken mußte, zumal die Opposition immer größer und die Ausbeutungsmöglichkeiten immer besser wurden. Außerdem darf man nicht vergessen, daß sehr viele von den deutschen Häftlingen geradezu Meister in der Kunst des Diebstahls und häufig nicht zu unrecht als ,, Berufsverbrecher" registriert waren. Der Vorsprung, den die Deutschen als besondere Gruppe hatten, war recht erheblich, und sie waren sich dieser Tatsache auch durchaus bewußt. In jedem Falle ein Herrenvolk..! Und es war doch zu jeder Zeit so, daß die herrschenden Klassen nicht auf derselben niedrigen Ernährungsstufe stehenbleiben, auf der sich die unterworfenen oder Sklavenvölker durchschlagen müssen. Die Suppenverteilung wurde jedesmal von argwöhnischen Augen beobachtet, die genau darauf achteten, daß nicht etwa einer einen größeren ,, Schlag" bekam, als der andere. Immer wieder wurden Versuche unternommen, etwas von unten aus dem Kessel abzubekommen, denn das Unterste war immer 35 etwas dicker und enthielt regelmäßig mehr Kartoffelstücke. Ein ganz besonderer Glücksfall war es, wenn man gar eine oder zwei ganze Kartoffeln mit in die Suppe bekam. Auf einen besonders großzügigen Schlag hatten natürlich die ,, Prominenten" das erste Anrecht, dann kamen die Vorsitzenden der einzelnen Tische und nach ihnen alle die, die sich entweder offen oder insgeheim nützlich gemacht hatten. Um mit dazu zu gehören, wurden oft die halsbrecherischsten Tricks angewandt. Bei der Ausgabe und Aufteilung der Brotration drohte jede Freundschaft und Kameradschaft in die Brüche zu gehen. Wenn einmal irgend etwas Eßbares, gewöhnlich der Rest der Suppe, unter die verteilt wurde, die sich nicht zu gut dafür waren, dann war der Andrang gewöhnlich so groß, daß entweder ein Unglück passierte oder ein wilder Kampf die unausbleibliche Folge war. Die Schwachen und Erschöpften hatten dabei nicht die geringsten Aussichten; nur die, die über die stärksten Ellenbogen oder über eine langjährige Erfahrung als Diebe oder Bettler verfügten, kamen dabei zum Zuge. Für die Leute, die sich noch als menschliche Wesen betrachteten und damit ein Mindestmaß von Anstandsbegriffen verbanden, war hier nichts zu holen. Sie konnten nur die Augen abwenden und das Gefühl des Bedauerns, auf einen Mund voll Essen verzichten zu müssen, der Scham über die Entwürdigung vorziehen. Fast an jedem Tisch gab es ein oder zwei Kostgänger, die sich einen Nebenerwerb daraus machten, die Teller der anderen zu reinigen, vorausgesetzt, daß noch ein Rest Suppe übrig geblieben war, den sie vom Teller auflecken konnten. Die meisten jedoch ließen auch nicht eine Spur von Feuchtigkeit in ihren Eẞgefäßen; nur die Nutznießer am ,, Essen organisieren" in jeder Form konnten es sich erlauben, die angebotenen Aufwaschdienste anzunehmen. Viele der Prominenten unter ihnen erlaubten sich diesen Luxus als ein Zeichen ihrer höheren Würde. Bei den Außenkommandos bestand gewöhnlich keine Möglichkeit zum Aufwaschen. Aber wenn jemand trotzdem den Wunsch hegte, sein Eßgeschirr am Abend fleckenlos in den ,, Block" zurückzubringen, dann war es das einzig Richtige, einen kleinen Rest von dem Essen, scheinbar aus Großmut, einem der vielen Bewerber übrig zu lassen. Das Gerät wurde dann so vollkommen sauber geschleckt, daß es eine Katze nicht besser fertig gebracht hätte. Dabei muß man 36 natürlich über die Tatsache hinwegsehen, daß es auch undankbare Bewerber gab, ebenso wie es bekanntlich auch unsaubere Katzen gibt. Ein schnelles Abspülen nach dem Appell genügte auf diese Weise schon. Die Empfindlichkeit oder gar der Ekel vor den Spuren von Fingern und Lippen der schleckenden Kunden schienen mit dem wohltuenden Gefühl der Sättigung abhanden gekommen zu sein, das jetzt nur noch in der Erinnerung an frühere Zeiten weiterlebte. Es kam niemals vor, daß auch nur eine kleine Menge Suppe auf dem Wege von der Küche zu den Baracken verschüttet wurde, ohne daß das kostbare Naß sofort mit Löffeln oder in Ermangelung dieser von gierigen Zungen aufgeleckt worden wäre, ganz gleich, wie schmutzig der Fußboden war. Das Brot, das den Baracken zugeteilte gewöhnliche Kommiẞbrot, dem gelegentlich auch Kartoffelmehl oder gemahlene Hülsenfrüchte beigemengt waren, gewann eine ganze Reihe neuer und unerwarteter Eigenschaften. Es schmeckte köstlich, es schmeckte immer, ganz gleich, ob es feucht oder trocken, frisch oder alt war, ja, selbst, wenn es schimmelig wurde. Manche schlangen es sofort gierig hinunter, aber die meisten knabberten es auf wie Schokolade und ließen es dabei langsam im Munde zergehen; nicht wenige primitive Gemüter hoben es sich so lange auf wie irgend möglich, gerade so, wie ein Geizhals Gold oder Geld zu verwahren pflegt. Ein Stück Brot nahm man aus jeder Hand, wie schmutzig und ungewaschen sie auch sein mochte; es konnte in Lumpen eingewickelt sein, aus einem verdächtig aussehenden Stück Papier oder aus einer ganz gewöhnlichen Hosentasche herausgeholt werden- dem klassischen Aufbewahrungsort bei uns Gefangenen nie kam einem auch nur der Gedanke an Beschmutzung. Jede kleine Brotrinde hatte etwas von den übernatürlichen Eigenschaften der Manna, die von den Juden in der Wüste gesammelt wurde. Keine Besudelung des Brotes konnte mehr treffen als nur die Oberfläche. Brotkrumen las man nicht nur vom Tisch, sondern auch vom Fußboden auf. Der Begriff Brot erhielt die Weihe des Begriffs ,, Leben". Und jeder, der noch für religiöses Fühlen empfänglich war, bekam Ehrfurcht vor der tiefen Bedeutung der Gebetsworte: ,, Unser täglich Brot gib uns heute." Richtig verstanden schließen diese einfachen Worte die Weisheit unserer gesamten Theologie in sich ein, und ernsthaft gebetet sind sie ein Geleitbrief durch alle Gefahren von Leben und Tod. - 37 Viele gelehrte Phrasen, wie man sie in den Kompendien der Volkswirtschaftslehre oder Soziologie finden mag, scheinen nur noch Vitamin- Tabletten in handelsüblichen Packungen zu sein, wenn man ihren Inhalt an der erlebten Wirklichkeit unserer Gegenwart nachprüft, wie sie sich unter anderem, was vor allem die Allgewalt und Mächtigkeit des Hungers anlangt, in dem Leben eines Konzentrationslagers zeigt. Vitamine schmecken freilich nicht so gut wie die Früchte, aus denen man sie herausgezogen hat, aber das Fehlen der Geschmacksqualitäten läßt deshalb den Wert der in ihnen konzentrierten Eigenschaften nicht geringer werden. Mit anderen Worten, die Berührung mit der menschlichen Natur in ihrer lebendigen Wirklichkeit auf einer anderen Ebene als der der Behäbigkeit der gewöhnlichen menschlichen Existenzbedingungen kann den Blick bis zu mikroskopischer Genauigkeit schärfen, so daß wir in den Normen, die wir in unserem geistigen Gepäck mit uns herumschleppen; ein erstaunliches Maß von Wahrheit entdecken, obwohl wir sie bis dahin mit der. gleichen Oberflächlichkeit hinnahmen, mit der wir die Naturkräfte in handelsüblichen Packungen für nützlich und wertvoll halten. Selbst geistige Antipoden wie Karl Marx und Thomas von Aquino begegnen sich brüderlich auf der Suche nach dem gleichen Stück menschlicher Wirklichkeit, wenn der eine auf Grund seines historischen Materialismus beobachtet, daß die ökonomischen Verhältnisse den geistigen Inhalt der Lebensgesetze einer Gemeinschaft bestimmen, während der andere in seiner realistisch- finalistischen Weltschau zu dem Schluß kommt, daß ein tugendhaftes Leben nicht möglich ist ohne ein gewisses Maß von Wohlstand. Diese beiden Diagnosen sind so gut wie identisch und befinden sich soweit in unwiderlegbarer Uebereinstimmung darüber, daß wenn man den großen Zusammenhang betrachtet und die außergewöhnlichen Triebkräfte und individuellen Verschiedenheiten außer Acht läßt die materielle Not, in der eine Gruppe von Menschen lebt, diese Menschen langsam aber sicher zu einer anderen Haltung, anderen Gewohnheiten, anderen Anschauungen über das menschliche Verhalten und anderen Moralbegriffen führt, als sie außerhalb dieser Notlage mit dem Unterschied von Gut und Böse zu vereinbaren wären. Der grundsätzliche Unterschied zwischen den Auffassungen des Soziologen aus dem 19. Jahrhundert und des mittelalterlichen Philosophen liegt - - .38 nur in der Tatsache, daß der eine. das Krankheitsbild von der Wandelbarkeit der menschlichen Moralbegriffe nur in seinen äußern Auswirkungen betrachtet, während der zweite es vom Standpunkt einer festen Wertgebung im Rahmen eines feststehenden Ordnungsprinzips für das ganze Universum aus untersucht.. Zwei Beispiele sollen die Verheerungen veranschaulichen, die der Hunger selbst in dem Gefühl natürlicher Sympathie für die Leidensgefährten anrichtet. Unter den gefangenen Holländern befand sich auch ein Vater aus Rotterdam mit seinem Sohn. Einfache Leute, denen unter normalen Umständen niemand etwas schlechtes nachsagen konnte. Sie gehörten wie alle Holländer zu den ,, Politischen und waren wahrscheinlich wie die meisten verdächtig, marxistisch gefärbten Anschauungen zu huldigen. Die Einmütigkeit ihrer Gesinnung war über jeden Verdacht erhaben, und am Anfang zeigten ihre wechselseitigen Beziehungen auch nicht eine Spur von Trübung. Der Sohn wurde krank und kam ins ,, Revier"; allmählich erholte er sich wieder und durfte bei verschiedenen kleinen Arbeiten im Innendienst mitmachen. Diese Tätigkeit bot ihm regelmäßig die Möglichkeit, gelegentlich eine Krume mehr von den vielen Resten zu erwischen, die im Revier übrig blieben oder ,, organisiert" wurden. Er ließ sich nichts abgehen, und seine körperliche Verfassung besserte sich sichtlich. Dann kam auch sein Vater in die Krankenstube. Völlig erschöpft und ausgehungert, am Rande des Grabes, wie allgemein angenommen wurde. Und er bat seinen Sohn um Brot. Dieser hätte es ihm ohne weiteres geben können, ohne selbst zu kurz zu kommen, aber er verweigerte die Hilfe, die seinem Vater wahrscheinlich das Leben gerettet hätte. Der Grund dafür war lediglich Gefräßigkeit, und Julien Lahaut, der mir die Sache erzählte, war zutiefst erschüttert über solch eine Abstumpfung des kindlichen Empfindens. Jeder fand das Benehmen dieses entarteten Sohnes einfach schändlich, aber gleichzeitig verstand ihn jeder nur zu gut. ,, Alles verstehen heißt alles verzeihen!" Und der Vater selbst hat seinem Sohn später vergeben. In Wittenberge verschwand dann und wann ein Häftling aus dem Lagerkommando. Auf dem gleichen Fabrikgelände arbeiteten kleinere Gruppen von ,, freiwilligen" Arbeitern aus den verschiedensten Ländern. Sie durften ihr Mittagessen in besonderen Baracken am Rande des Geländes einnehmen. 39 Einige von diesen freiwilligen Arbeitern stammten aus Osteuropa, und die Schwerverständlichkeit dieser Sprache ermöglichte es ihnen, dann und wann ein paar Worte mit vorbeikommenden russischen oder polnischen Häftlingen zu wechseln. Auf diese Weise gelang es einigen Polen, aus dem Lager zu verschwinden, was zur Folge hatte, daß alle Gefangenen einen Tag lang nichts zu essen bekamen. Im Frühjahr 1943 verschwand ein junger Russe. Er war ein ziemlich unangenehmer junger Bursche mit unverschämtem Gesichtsausdruck, rüden Manieren und grober Sprache. Er war ein Rädelsführer bei allen üblen Geschichten, bei denen sich diese Art Straßenjungen gewöhnlich auszeichnet. In dieser rauhen Schale steckte aber ein recht fähiger Verstand, und eines Tages fehlte der Junge beim Abendappell. Viel Geschrei und Aufregung! Wir alle, es mochten etwa vierhundert Mann sein, die gerade zum Abendbrot kamen, mußten sofort stramm stehen bleiben. Stundenlang sollten wir so stehen, ohne Aufhören, ohne Unterbrechung, ganz gleich, wie das Wetter war, ohne einen einzigen Bissen zu essen, zwei Tage lang womöglich, wenn der Ausreißer nicht schon vorher tot oder lebendig aufgespürt wurde. Die Kameraden" der Schicht, zu der der Russe gehört hatte, wurden beiseite genommen. Ihr deutscher Vormann wurde abgesetzt und durchgeprügelt und mußte dann stundenlang in Kniebeuge mit ausgestreckten Armen in einer Ecke an der Umzäunung des Appellplatzes stehen bleiben; eine Bestrafung, die wesentlich qualvoller ist, als' man es nach dem komischen Anblick vermuten würde. Die anderen wurden einem Kreuzverhör unterworfen. Der Russe, mit dem der Ausreißer zusammengearbeitet haben sollte ein armer Teufel aus Moskau, der zwar behauptete, von Beruf Bäcker zu sein, aber in Wirklichkeit viel zu einfältig zum Brötchenbacken war und der auch insofern als Ausnahme unter seinen Landsleuten galt, weil er sich mit allen Kräften zur Arbeit zwang und deshalb als einer der nächsten Kandidaten für den ,, Schornstein" betrachtet wurde dieser Russe also wurde mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen an die Decke einer Baracke gehängt und mit Peitschenhieben traktiert, bis er auf das genaueste ausgesagt hatte, was sein Kumpel vor der Flucht über seine Pläne geäußert habe. Diese Methode muẞte auf jeden Fall helfen; der Lagerkommandant 40 - - erklärte jedenfalls, er wisse ganz genau, daß man die Wahrheit, und zwar die ganze Wahrheit, aus einem Menschen herausprügeln könne. Diesmal jedoch war der einzige Erfolg der, daß die Leine, an der man den Mann aufgehängt hatte, die jammernde Last nicht länger zu tragen vermochte und das Opfer, das von nichts eine Ahnung hatte, auf den Betonfuẞboden stürzte. Einen bewußtlosen Mann zum Sprechen zu bringen, schien auch die Kraft der SS- Peitschen zu übersteigen, geschweige denn, aus einem Mann eine Wahrheit herauszubringen, die er gar nicht kannte. Deshalb wurde einfach die ganze Arbeitsschicht, zu der auch ich gehörte, hinausgejagt, um dort auf dem Präsentierteller ,, Gymnastik" zu treiben. Wir mußten marschieren, laufen, uns flach auf den Boden werfen, auf Ellenbogen und Knien durch Sand und Schlamm kriechen, aufstehen, wieder laufen, wieder auf dem Boden herumkriechen wie die Raupen, wieder aufstehen, rennen, hinfallen, kriechen, unaufhörlich, ohne Gnade, ohne Rücksicht auf Wunden oder Krankheit. Jeder, der zögerte oder zurückblieb, bekam was mit der Peitsche, nicht von der SS, sondern von den deutschen Mithäftlingen, ein paar ,, Kapos" und Vormännern, die mit einem Eifer und einer Begeisterung, die einer besseren Sache, würdig gewesen wären, ihr bestes taten, das stolpernde Herumgehumpel zu einem Anblick zu machen, der der Bezeichnung ,, Strafturnen in einem Konzentrationslager" einigermaßen würdig war. Inzwischen waren die ersten Alarmmaßnahmen für die Aufspürung des geflohenen Russen ergebnislos verlaufen, und deshalb mußte eine etwas ausgedehntere Demonstration der Allgewalt der SS- Wachen in Szene gesetzt werden. Alle NichtRussen und nicht stammesverwandten Slawen wurden aufgefordert, an der Treibjagd teilzunehmen. Zwei Brote, ein Pfund Margarine und sechs Päckchen Tabak von je 50 Gramm wurden als Belohnung für die Auffindung des ,, Halunken" ausgesetzt. des ,, H Das war viel mehr, als man an natürlichem Sympathiegefühl für einen Kameraden aufbringen konnte, der sein Leben für die Freiheit wagte; und fast alle, die nicht ausdrücklich davon ausgeschlossen waren, stürmten nach vorn, um sich zur Teilnahme an der Jagd zu melden. Da liefen sie schon, die Spürhunde, einige von ihnen waren tatsächlich mit festen Knüppeln bewaffnet. Für diesen Fall hatte die SS die Erlaubnis dazu gegeben. Wir anderen, der Rest von der Belegschaft, aber mußten weiter stehen und suchten den Hunger zu verbeißen, 41 den der Abend ohne Essen mit sich brachte und der uns auch noch für die nächsten beiden Tage drohte. Nach einigen Stunden kam schließlich die Meute mit dem erwischten Flüchtling im Triumphzug, zurück. Er, war bereits aus der Umzäunung des Fabrikgeländes hinausgelangt, wahrscheinlich dank der Zivilkleidung, die er sich heimlich verschafft hatte, wurde dann aber von dem ,, Kapo" Cornelius, dem glücklichen Gewinner der zwei Brote, des Pfundes Margarine und der sechs Päckchen Tabak, im Walde aufgestöbert. Die ganze Belegschaft atmete wieder auf, ähnlich wie die Juden es wahrscheinlich nach ihrem Entkommen aus dem Roten Meer getan haben. Nun brauchten sie nicht zwei Tage zu fasten, noch am gleichen Abend würde jeder von ihnen einen ganzen Liter Suppe bekommen, vielleicht sogar noch einen Extraschlag von einem Viertelliter dazu, einen dünnen Aufguß von Gemüse. Das Drama, das sich nun abspielte, dauerte kaum länger als eine Viertelstunde.. Ein paar schwülstige Hetzreden der SS- Männer gegen den Unglücklichen, der durch seine Flucht das Hungern seiner Mitgefangenen verschuldet habe, genügten vollauf. Ein Haufen Russen stürzte sich auf ihren freiheitsdurstigen Landsmann, ging ihm johlend und schreiend zu Leibe, spuckte ihn an, zerschlug und kratzte ihn, bis nur noch ein unkenntlicher, blutender Kadaver übrig geblieben war. Dann wurde die Suppe heruntergeschlungen. Vor der Ankunft der Russen galten die Polen und die Tschechen als die Aermsten und Verachtetsten unter den Lagerinsassen. Der Zustand qualvollsten Elends, in dem sie ihre Tage verbringen mußten, wurde später im Jahre 1942 etwas aufgebessert. Denn zu dieser Zeit wurde der totale Arbeitseinsatz proklamiert, der alle Kräfte für die Kriegswirtschaft erfassen sollte. Er machte auch der planmäßigen Ausrottung der Angehörigen der slawischen Volksstämme ein Ende, jedenfalls, soweit ihre körperliche Verfassung noch einigen Nutzen von ihrer Arbeitskraft erwarten ließ. allgemeinen hatten die Polen und Tschechen den Lagerjargon verstehen gelernt; sie beherrschten die notwendigsten Ausdrücke, um sich zu verständigen, vor allem die Flüche und Schimpfworte. Allmählich wurden sie auch zu bevorzugten Kommandos und den verschiedensten untergeordneten Pöstchen herangezogen; einige machte man sogar zu Vormännern oder ,, Kapos". Daß sie so gut mit den Russen zurechtkamen, Im 42 deren Sprache sie verstanden, verschaffte ihnen oft sogar den Vorzug vor deutschen Häftlingen. Bald nach dieser Wendung zum Besseren, die zweifellos in ursächlichem Zusammenhang mit den Forderungen des Arbeitseinsatzes stand, erging ein Himmler- Befehl, der die allgemeine Sperre für Lebensmittelpakete an die Häftlinge in den Konzentrationslagern aufhob. Das war am 1. November 1942, und dieser Tag bedeutete für die Polen und Tschechen einen glücklichen Markstein. Denn zwischen diesen Ländern und dem Deutschen Reich gab es eine regelmäßige Postverbindung und eine vereinfachte Kontrolle, die es möglich machte, daß die heiß ersehnten und glühend geneideten Pakete weniger als einen Monat, gelegentlich sogar nur ein paar Tage unterwegs waren. Im allgemeinen enthielten die Pakete für die Polen und Tschechen in der Hauptsache Brot, Brot in jeder Form und jeder Zusammenstellung. Das bedeutete wirklich eine Hilfe. Denn diese Pakete brachten damit das, was jeder am nötigsten zum Leben und zur Aufrechterhaltung seiner Gesundheit brauchte; sie entgingen am leichtesten der Gefahr, unterwegs konfisziert zu werden, und erregten am wenigsten die Begehrlichkeit der deutschen Prominenten im Lager, die selbst in keiner Weise über Mangel an Brot zu klagen hatten. Häufig kam das Brot bereits verschimmelt an, aber es hätte schon völlig verdorben sein müssen, um für die Empfänger wertlos zu werden. Mit diesem Brot aus ihrer Heimat, selbst wenn es nur einmal im Monat kam, vermochten die Polen und Tschechen Wunder an Widerstandskraft im Kampf ums Dasein zu vollbringen. Man mußte nur einmal beobachten, wie sehr ihnen die Eigenart der slawischen Rasse dabei zugute kam. Die Slawen sind umsichtiger. und anpassungsfähiger als die Menschen des Westens; in einer fremden Umgebung spüren sie instinktiv jede Spur von Feindseligkeit oder Gefahr; sie lassen sich nach außen hin demütigen, ohne irgendwelchen Willen zur Auflehnung erkennen zu lassen. Die Eitelkeit des Westeuropäers, der gern mit seinem Glück oder seinen Vorzügen prahlt, ist ihnen unbekannt. Sie erheben keinen Anspruch auf die gleiche Behandlung wie die anderen Artgenossen, auf die der Westeuropäer so ungern verzichtet. Selbst in Temperamentssachen weichen sie zu starker Erhitzung und Abkühlung aus, indem sie lieber den ,, Schatten" aufsuchen, statt wie der Mensch aus dem Westen immer gleich 43 zu protestieren und unruhig zu werden. Sie verdrücken sich gern nach den windgeschützten Stellen und opfern ihrer Bequemlichkeit und Sicherheit gern das Gefühl persönlichen Stolzes, das den Westeuropäer leicht dazu bringt, die Zähne zu zeigen oder zu spotten. Die Freiheit liegt ihnen nicht weniger am Herzen als den Menschen aus dem Westen, und sie werden sie gegebenenfalls genau so mißbrauchen, aber angesichts der recht fragwürdigen Hoffnung, auch einmal die anderen bekritteln und schikanieren zu können, halten sie es doch für klüger, Geduld und Gelassenheit an den Tag zu legen. Deshalb hielten die Polen und Tschechen ihre Pakete nach Möglichkeit vor den übrigen Barackeninsassen verborgen; am liebsten futterten sie ihre kostbaren Vorräte nachts auf, wenn es dunkel war, aber sie versäumten es dabei nie, eine gehörige Portion von dem Besten, was sie bekommen hatten, vornehmlich Wurst, Speck, Tabak, Bonbons, in aller Unterwürfigkeit als rechtmäßigen Tribut den wichtigsten Prominenten im ,, Block" oder Arbeitskommando zur Verfügung zu stellen. Wenn man diese schwierige, aber außerordentlich kluge Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung in Betracht zieht, dann kann man es als eins der Paradoxe aus der Geschichte unserer Zeit ansehen, daß Hitlers totaler Krieg ausgerechnet dazu beigetragen hat, die Polen am Leben zu erhalten, und daß die Konzentrationslager, die mit dazu bestimmt waren, die polnische Nation auszurotten, gerade zur Erhaltung der polnischen Volkskraft beigetragen haben. Denn ohne den totalen Krieg wäre der Arbeitseinsatz aller niemals als Ergänzung der militärischen Maßnahmen eingeführt worden, und es war lediglich eine Konsequenz der Mobilisierung aller verfügbaren Arbeitskräfte, daß die gefangenen Polen, die nur zum Zweck ihrer völligen Ausrottung in Haft genommen worden waren, durch die Gunst des Augenblicks als wichtige Arbeitskräfte entdeckt und geschont wurden. Hätte allerdings Hitlers totaler Krieg mit einem Sieg geendet, statt mit einer Niederlage, dann wäre der Untergang von Millionen lediglich aufgeschoben und nicht verhindert worden. Aber ohne den Versuch Hitlers, durch den totalen Krieg zum Siege zu kommen, wäre den Polen diese Galgenfrist nicht gegönnt worden, und damit hätten sie nicht die geringste Aussicht gehabt, in den Konzentrationslagern ihre Arbeitskraft und damit auch ihr Leben zu retten. 44 - Allerdings erhielten nicht alle Polen und Tschechen Lebensmittel von zu Hause geschickt, dafür stammten die meisten von ihnen aus viel zu armen Familien. Bis Ende 1942 wurden solche Postpakete ohnehin nur sporadisch durchgelassen da ihre Beförderung grundsätzlich verboten war-, und wenn sie trotzdem einmal ankamen, dann selten in unbeschädigtem Zustand. Man konnte fast glauben, daß der einzige Grund dafür, daß nicht alle diese verbotenen Paketsendungen zurückgeschickt wurden oder aber spurlos verschwanden, einfach der war, daß die Geheimstrategie der Lagerführung die Pakete indirekt in die Hände bekommen wollte, so daß sie dann und wann eine besonders wertvolle Vor dieser Zeit waren bereits Beute erwischen konnte. Tausende von Polen und Tschechen zugrunde gegangen, und unter ihnen hatte vor allem die Intelligenz, Doktoren, Lehrer den Würgegriff der Verzweiflung ausgekostet; die Reihen dieser Kategorien unter den Slawen wurden durch Selbstmordfälle stark gelichtet. Lange Zeit zeigte so auch die Masse der Polen und Tschechen den trostlosen Anblick, den die Russen später bieten sollten, als Spezialisten beim Sammeln von Kartoffelschalen und leidenschaftliche Jäger nach rohen Kartoffeln, Gemüseresten und allem möglichen Abfall. Selbst der Kaffeesatz, der völlig wertlose Rückstand des Ersatzkaffees, war täglich der Gegenstand heftigster Auseinander> setzungen. 45 IV SEGENSREICHER PRIEMTABAK \ Mit geschwungener Schaufel standen wir an der Elbe, um die ausgebaggerten Haufen Sand ein paar Meter weiter aufzu- schichten. Zug um Zug mußte der Berg weiterbewegt werden, um dann allmählich auf Kippkarren, die jeweils von drei, vier oder manchmal auch fünf Mann geschoben wurden, verladen zu werden. Sie wurden dann irgendwo wieder ausgeleert, wo neue Berge aus dem alten Berg aufgehäuft wurden, bis der große Deich für den neuen Kanalbau in seiner ganzen Höhe und Breite aufgeworfen und festgestampft war. Unter normalen Umständen geht das mit ein paar Baggermaschinen und einer Handvoll erfahrener Erdarbeiter schnell und wirkungsvoll vor sich. Hier war gerade das Gegenteil der Fall; so wenig Werk- zeuge und so viele Menschen wie irgend möglich, und dazu, noch Menschen, von denen die Mehrzahl aus den ver- Schiedensten Gründen denkbar ungeeignet war. In den Augusttagen des Jahres 1941 war es hin und wieder sehr heiß. Zu trinken. bekam man nichts, um. den oft sehr quälenden Durst zu löschen, als die Suppe, das Essen, von dem jeder Häftling am Nachmittag einen Liter, eine Kelle voll, erhielt. Das mußte für die. Jangen Stunden zwischen sieben Uhr morgens und abends um sechs genügen. Wir hatten dabei nur’ eine Stunde Pause, die wir immer an der frischen Luft verbringen mußten, wobei wir auf dem Erdboden saßen oder lagen. „Willst du ein bißchen Priem?“ fragte mich mein Nachbar Anton, ein kleiner Schlesier mit einem runden Gesicht und freundlichen Augen hinter einer Stählbrille, ein unwahr- scheinlich anmutendes Musterexemplar eines alten Ulanen aus dem Kriege von 1914-1918, der später Gastwirt geworden war, bei den Vorräten seiner Wirtschaft Trost gesucht hatte und so auf die schiefe Ebene geraten war. Wenn mir irgendein anderer Kumpel dies schmutzige Stück brauner Masse 46 ee TEE angeboten hätte, dann hätte ich wahrscheinlich an einen schlechten Witz gedacht, womöglich gar an einen Versuch, mich zu vergiften. Aber Anton sah ganz vertrauenswürdig aus, und seinen traurig-niedergeschlagenen Augen sah man zwar die Fähigkeit an, Schläge und Stöße zu vertragen, aber hinter ihnen verbarg sich bestimmt keine von den Nieder- trächtigkeiten, aus denen sich das tägliche Leben der übrigen Lagerinsassen zusammensetzte. Ich nahm den Priem dankend an, und das scharfe bittere Röllchen zwischen den Zähnen schmeckte mir recht gut. Das war meine erste Bekanntschaft mit dem Priem und zugleich der Beginn einer treuen Kameradschaft. Kein einziger irdischer Genuß hat mir während meines langjährigen Sklavendaseins so viel Freude‘ gegeben wie der Kautabak, und es gab wenig Häftlinge, die mehr darauf versessen waren als ich, immer ihren Priem in der Tasche zu haben. Die guten Eigenschaften dieser kleinen schwarzen Röllchen erwiesen sich als unvermutet vielseitig. Kautabak löscht zwar den Durst nicht, aber er mildert etwas den quälenden Drang nach der Flüssigkeit;.er stillt zwar den Hunger nicht, aber er betäubt den knurrenden Magen etwas. Wenn, man ihn nach einem Stück Brot zu sich nimmt, fördert er die Verdauung und ersetzt den Nachtisch. Wenn man abends todmüde auf seinen Strohsack sinkt, versüßt er den Uebergang ins Nebelreich der Träume, etwa ebenso wie ein Schnaps den Trinker sanft hinüberduseln läßt. Er lindert die Zahnschmerzen und genießt den Ruf, Mund und Rachen gründlich zu desinfizieren, er er- setzt sogar in hohem Maße den Genuß von etwas Rauchbarem. Ich war gewohnt, vom Frühstück bis zum'Schlafengehen zu rauchen, den ganzen Tag lang, und mit Vorliebe Brasil- zigarren. In den ersten Monaten meiner Gefangenschaft quälte es mich am schwersten, daß ich darauf verzichten mußte. Mein Körper war zu sehr an das Nikotin gewöhnt, und wie leicht diese Gewohnheit zur zweiten Natur werden kann, geht am besten daraus hervor, daß viele Gefangene aller Länder lieber verhungert wären, als daß sie auf das bißchen Freude ver- zichtet hätten, das ihnen das Rauchen verschaffen: konnte, wie kümmerlich und heimlich sie es sich auch auf der Latrine oder unter der Decke auf dem Strohsack erschleichen mußten. Das Priemen machte es mir leichter, auf das Rauchen zu verzichten und das bißchen Rauchtabak, das ich in der Kantine kaufen konnte oder später, etwa seit 1943, von zu 47 48 48 Hause geschickt bekam, gegen die Protektion oder das Brot von Mitgefangenen zu vertauschen, die als leidenschaftliche Raucher galten und irgendeine. bevorzugte Stellung innehatten. Wenn man es gar nicht ohne den Geruch des Tabaks oder den tiefen Lungenzug aushielt, dann konnte man schließlich auch seine Rolle Priem kleinschneiden, waschen, trocknen und sich daraus eine würzige Zigarette drehen oder eine genüßliche Pfeife stopfen. Sogar zu doppelter Anwendung gab sich der Priem großzügig her; man konnte ihn ein paar Stunden kauen und ihn dann für die Pfeife trocknen. Das war natürlich eine Methode, die nur für solche Leute Reiz haben konnte, die unter dem Zwang der Notwendigkeit Fanatiker der Autarkie geworden waren und aus nichts etwas zu machen verstanden. Auch hierbei verleugnete die menschliche Natur das ihr angeborene Talent nicht, für alle Bedürfnisse Befriedigung zu finden und trotz, ja durch ihre Armut reich zu werden. Je ungünstiger die Lebensbedingungen sind, desto größer ist der Genuß, den die Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse gewährt. Je dringender das Bedürfnis, desto leidenschaftlicher ist auch die Genugtuung, und jede solche Befriedigung wird immer mehr zum Luxus, je drückender die Armut wird. Im Tauschhandel war der Tabak geradezu Gold wert. Vom Standpunkt des Besitzers gesehen, war er auch genau so schwer zu verwahren. Man mußte ihn sicher unterbringen, und dafür standen einem keine Banktresore, geschweige denn Kühlräume zur Verfügung, so daß er nicht nur völlig austrocknen, sondern vor allem auch gestohlen werden konnte, zu jeder Tages- und Nachtzeit, aus allen möglichen Ecken und Löchern, überhaupt aus jedem Versteck, das man ausfindig machen mochte. Wenn es in der Kantine genug Priem zu kaufen gab, und das kam gelegentlich vor, je nach Laune und Gutdünken der unberechenbaren Lagerleitung, die im Einklang mit dem Geist eines Konzentrationslagers niemals und nirgends ruhige Ordnung oder friedliche Regelmäßigkeit walten ließ, dann war das Angebot zu groß, und die Rolle sank beträchtlich im Preise. Aber ebenso oft gab es Aufgeld, vor allem, wenn die Kantinenvorräte nicht ausreichten oder wenn der Nachschub an Kautabak einmal aus staatspolitischen Gründen, nämlich um die Häftlinge zu quälen und zu schikanieren, aufhörte. Dann war der Tabak eine recht gute Kapitalsanlage und kluge Leute wußten sich das zunutze zu machen. Vor allem die Geschäftstüchtigen, die von Zeit zu Zeit an ihre ,, Kapos" oder Werkführer, vielleicht auch an ihre Vormänner oder krittelsüchtigen Kumpels mit ihren drohenden Fäusten und noch bedrohlicheren Verleumdungen Tribute entrichten mußten. Selbst die übelsten Leute weisen noch einige Vorzüge auf, und auf dem Tauschwege konnte man sich immer ein wenig Ruhe oder doch wenigstens eine Milderung der Quälereien einhandeln. Mein Freund Hein brachte es fertig, seine gescheiterte Karriere als Hersteller gefälschter Banknoten mit Hilfe seines Kautabaks wieder auf eine neue Grundlage zu stellen. Er selbst priemte nicht und rauchte auch nicht, aber er sammelte den Kautabak rollenweise, stapelte ihn im Schrank des ,, Stubendienstes" auf, über den er volle Befehlsgewalt besaß, und verwaltete seinen Schatz mit der Umsicht eines Finanzministers. Mit seinen Priemrollen besoldete er Boten, Spione, Dienstboten, organisierte er Holz, Möbelpolitur, Bürsten, Besen, Töpfe und Pfannen, Schuhe und Kleidungsstücke. Mit ihnen belohnte er Fleiß und tröstete die getretene Unschuld. Er machte es gerade so wie Joseph in Aegypten wenn auch nur auf der bescheidenen Grundlage von Kautabak und einschlägigen Rauchwaren und wurde auf diese Weise ebenfalls Vizekönig, zwar nicht im Sklavenlager, aber doch im Herzen unzähliger Leidensgefährten. - - Seht, wie weit die Zauberkraft des Kautabaks reicht! Man hatte mich aus der Kartoffelschälküche herausgesetzt, und ich sollte nun als Hilfsarbeiter zu den Erdarbeiten in der Ziegelei kommen. Eine schwere Heimsuchung, denn viele, die gleich mir für solche schwere und ermüdende körperliche Arbeit völlig ungeeignet waren, mußten dafür mit einem ebenso langsamen wie sicheren Verfall ihrer Körperkräfte bezahlen und sahen als einzige Erlösung das Krematorium vor sich. Beim täglichen Rückmarsch von der Ziegelei beobachtete Hein meinen schleppenden Gang mit besorgten Blicken, und ihm war gleich klar, daß meine Liquidation bei diesem Kommando nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. ,, Albert", sagte er ,,, du mußt wieder in die Kartoffelschälküche!" ,, Gern, wenn's geht, aber wie soll ich das machen?" ,, Du mußt eben krank werden. Dann gehst du ins Revier, bekommst für ein paar Tage einen ,, Schonungsschein", und dann kommst du zurück zu den Kartoffeln. Da sorge ich schon für." 4 80 49 ,, Aber wie soll ich denn krank werden?" Als ich im September 1941 vom Elbe- Kommando in die Kartoffelschälküche geschickt wurde, war auch Krankheit der Grund gewesen. Aber diese Krankheit entsprach auch der ,, Umwertung aller Werte" in einem Konzentrationslager. Mit weniger als 39 Grad Fieber kam man nicht auf die Krankenstation. Jeden, der sich meldete, sah man erst als Drückeberger an und wies ihn schroff ab. Mitleid gab es einfach nicht, man mochte noch so leichenblaẞ aussehen oder wie ein mit Haut überzogenes Skelett wirken. Mit zitternden Gliedern, den ganzen Körper mit Schwären und Eiterbeulen bedeckt, wurde man in Regen und Schlamm zur Arbeit getrieben. Ausnahmen gab es nur, wenn durch Zufall viele Gefangene in andere Lager versetzt worden waren und die vielen frei gewordenen Plätze die Anzahl der Sanitäter im Revier nicht mehr zu rechtfertigen schienen; dann konnte man wegen einer Kleinigkeit ins Bett gesteckt werden und so lange darin bleiben, bis schließlich sogar die Pflege im Revier zur Qual wurde. Köbes, der damalige Lagerälteste, der mir helfen wollte vielleicht als Anerkennung für einen kleinen Gedankenaustausch kurz nach meiner Ankunft im Lager und vielleicht auch wegen der Möglichkeit, daß meine erstaunlichen Erfahrungen irgendwie durch die Kanäle der öffentlichen Meinung in Westeuropa dringen könnten stellte fest, daß ich an Herzschwäche litt. Auf solch einen Befund war ich im Hinblick auf die Ueberbeanspruchung meiner ungeübten Knochen durch die schwere körperliche Arbeit auch aufs beste vorbereitet. So erwirkte er wenigstens Schonung für mich, wenn schon nicht die erstrebte ,, Arbeitsunfähigkeit", die mir meine mangelnde Gewöhnung und Eignung allein nicht verschaffen konnten. Aber jetzt, um Ostern 1942, wehte der Wind aus einer anderen Richtung. Anstelle der zeitweiligen Ruhe, die während der ersten Monate meines Aufenthalts geherrscht hatte Deutschland siegte an allen Fronten und hatte den Krieg mit Amerika noch nicht im Magen rauschte jetzt der Sturm ,.der nationalsozialistischen Schulung" über die ,, verweichlichten" Häftlinge, die infolge der Typhus- Epidemie ein paar Monate in ihren Baracken eingesperrt gewesen waren. Die Brotrationen wurden gekürzt, und die abendliche Suppe wurde noch dünner. Alle, die noch nicht ganz zum Wrack geworden und deren Glieder nicht ganz offensichtlich durch den Typhus geschwächt waren, kamen von ihrer noch einigermaßen - 50 50 erträglichen Arbeit unter Dach und Fach zu den Außen- kommandos in Regen, Wind und ewigem.Schlamm. Es war der Auftakt zu einer neuen Vernichtungswelle entsprechend dem geflügelten Wort aus Sachsenhausen:„Ihr seid hier nicht in einem Konzentrationslager, ihr seid in einem Vernichtungs- lager.‘ „Wie soll ich bloß krank werden?“ fragte ich Hein. Hein war um eine Antwort nicht verlegen. Das gehörte zum geistigen Gesicht der Elite unter den Lagerinsassen. Sie wissen immer, was zu tun ist, oder sie sehen jedenfalls so aus, als wüßten sie es. Wo das Wissen fehlt, tritt eben der Anschein von geheimen Kenntnissen an seine Stelle, gerade so, wie es dort Aberglauben zu geben pflegt, wo der wirkliche Glaube fehlt. Aber Hein wußte tatsächlich mehr als andere Häftlinge, und obwohl seine angeborene Menschenkenntnis und seine lange, lange Lagererfahrung noch nicht ausreichten, ihn auf den Wellen seiner Ueberlegenheit über die Grenzen des Sklavendaseins hinwegsegeln zu lassen oder ihn auch nur in die häufig wechselnde Aristokratenklasse der ersten Diener der SS-Schreckensherrschaft einzureihen, so verdiente Hein doch blindes Vertrauen. Und ich war gern bereit, ihm dieses Vertrauen entgegenzubringen. „Du schluckst ein ordentliches Stück Kautabak hinunter“, sagte Hein mit der Bestimmtheit eines Orakels.„Das ist ein saumäßiges Gefühl. Du wirst todkrank davon, siehst blaß aus und bekommst Fieber, Dein Herz klopft wild, und Du bekommst eine märchenhaft hohe Temperatur. Aber Dir passiert nichts. Und’ niemand kann feststellen, was Dir eigentlich fehlt.“ Er hatte dieses Mittel selbst im Moorlager Esterwegen ausprobiert und hatte dabei geglaubt, daß sein letztes Stünd- lein geschlagen hätte.—„Aber dir passiert nichts!“— Im übrigen würde er seinen„Beziehungen“— das Zauberwort der Lagerelite!— die er im„Revier“ hatte, die nötigen Winke geben. Auf diese Weise würde schon alles„klappen“. Im übrigen sollte ich schweigen wie das Grab. Wieder eins der Wundermittel der Scheingelehrsamkeit im Lager, in dem jedoch tiefe Weisheit verborgen war. Ich war enttäuscht. Und das trotz meines blinden Zutrauens zu Hein. Wie sollte das Herunterschlucken einer Rolle Kautabak bei mir solche herrlichen Symptome hervorbringen, wie Hein sie bei sich selbst hervorgezaubert hatte! Die Hälfte 51 meines Lebens hatte ich gequalmt wie ein Schornstein, und was für Tabak! Seit einem halben Jahr priemte ich nun schon, mittlerweile sogar Tag und Nacht in einem fort. Außerdem hatte ich schon einmal aus Versehen ein Stück Priem heruntergeschluckt, und in meinem so gut wie leeren Magen war das allerdings ein recht unangenehmes Gefühl gewesen. Aber Herzklopfen und so etwas ähnliches, dazu hatte es bei diesem ersten ,, Herzschwächeversuch" bei mir nicht gereicht. ,, Hein", sagte ich ,,, die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. So ein bißchen Nikotin wirkt bei mir nicht." ,, Dann nimm doch zwei Stück oder drei. Aber nicht mehr! Denn du kannst dabei Nikotinvergiftung bekommen, und richtig krank werden sollst du doch nicht. Denn dafür hat das Revier nicht die richtigen Medikamente." Ich gehorchte. Aber ich war mir meiner Sache keineswegs sicher. Und außerdem hatte ich Angst; Angst, daß die Komödie nicht klappen könnte und daß ich unter dem üblichen Schwall von Stößen und Schimpfworten zur Strafkompanie geschickt werden könnte, wo ich infolge der schweren körperlichen Arbeit und der Mißhandlungen durch die Aufseher bald am Ende meiner Kräfte gewesen und als Leiche auf der Strecke geblieben wäre. Morgens um vier Uhr stand ich von meinem Strohsack auf, kroch in den Waschraum und schluckte, nicht ohne Mühe, sechs Stück Priem nacheinander hinunter. Das war gerade das doppelte Quantum von dem, was Hein damals an seine letzte Stunde hatte denken lassen, und würde deshalb wahrscheinlich genug sein. Aber als um fünf Uhr die Lagerglocke läutete und alles in fieberhafter Eile aufsprang, um sich anzuziehen und den nackten Oberkörper unter die Pumpe zu halten, da fühlte ich nichts als die Angst vor dem ungewissen Ausgang der Komödie. In meiner Verzweiflung würgte ich auf gut Glück noch einmal sechs Stück Priem hinunter, trotz des Gespenstes einer Nikotinvergiftung. Halb sechs; die Morgensuppe war heiß und süß, und ich bekam einen ganzen Liter voll. Ich stürzte die dünne Flüssigkeit auf einen Zug hinunter, und sofort war meine Stirn schweißüberströmt. Aber nicht wegen des Nikotins! Und als um sechs Uhr das Signal zum Antreten gegeben wurde, da packte mich wieder banger Zweifel, ob ich es wagen dürfte, zurückzubleiben und krank zu spielen, und ich kämpfte mich mit den Ellenbogen durch die Menge zu Hein durch und bat 52 52 ihn um eine weitere Schachtel Priemtabak. Hein gab sie mir nur zögernd, denn das konnte glatten Selbstmord bedeuten. Der Würfel war gefallen. Ich ging nicht mit hinaus, sondern raste in den Waschraum, verdrückte abermals sechs Stück Priem, stolperte schwankend, als wenn mir schwindlig wäre, die paar Schritte bis zum oberen Ende der Baracke, setzte mich still hin, stützte den Kopf in die Hände und hoffte, daß der Himmel ein Einsehen haben würde. Das Schicksal war mir gnädig. Als eine weitere Stunde vergangen war, wurden die Anzeichen einer beginnenden Krankheit so überzeugend, daß sich Hein, der mich beim Appell ,, im Revier" gemeldet hatte, allmählich über die Widerstandsfähigkeit meines ,, Zementmagens" gegen Nikotin. zu beruhigen begann und mir begeistert auf den Rücken klopfte, um den Gärungsprozeß in meinem Innern noch etwas zu beschleunigen. ,, Jetzt geht's gut!" ermutigte mich Hein, und er bat Fritz, den Blockältesten, mit mir ins Revier zu gehen. Es verstieß gegen alle Disziplin, während der Arbeitszeit ins Revier zu gehen, es sei denn, man wäre überhaupt nicht in der Lage gewesen, sich auf den Beinen zu halten, aber dann ging man natürlicher Weise auch nicht. Die Begleitung von Fritz ersparte mir gleichzeitig ein Transportmittel und einen Freibrief, um bis in den abgesperrten Sanitätsraum vorzudringen. ,, Schwer krank", sagte Fritz mit der Gewichtigkeit eines Mannes, der weiß, was er seinem Amt und seiner Person schuldig ist. Wie primitiv das Komplott auch sein mochte, Rudi, der erste Amtswalter bei der Aufnahme zum Revier und im übrigen ein Gesinnungsgenosse von Fritz, der früher ein kommunistischer Agitator gewesen war, verstand offensichtlich sofort, was man von ihm wollte, so daß alle weiteren Umschweife überflüssig waren. Er steckte mir ein Thermometer unter den Arm, und als es nur 32 Grad anzeigte, ergoß er nicht die übliche Sturzflut von Flüchen und Beschimpfungen über mein Haupt, sondern warf mir nur einen zynisch sein sollenden, verächtlichen Blick zu, der im Konzentrationslager bereits als Zeichen liebenswürdigen Humors gewertet wird. ,, Untertemperatur, ist schon tot!" sagte Rudi und wandte sich mit routinierter Gewandtheit an den SS- Aufseher, der zufällig gerade hereinkam und mich ganz im Stil dieser 53 Krankenstation mit halb wütenden und halb gleichgültigen Blicken anstarrte. ,, Aufnehmen?" fragte Rudi, der ganz so tat, als verdienten halbe Leichen auch nicht mehr Aufmerksamkeit als amtlich anerkannte Leichen, und als der SS- Mann etwas zögernd nickte, wurde ich hinaus in den Gang gejagt, um dort zu warten, bis man ein Lager für mich fertiggemacht hatte. Etwa zwei Tage lang schwankte das Fieber bei weitem nicht genügend, um den Aufenthalt eines Häftlings im Revier zu rechtfertigen, und so mußte ich schleunigst aus dem ansonsten ziemlich langweiligen Ruhedomizil verschwinden, ohne solche Sensationen miterlebt zu haben wie etwa Jaak Nooter, der einmal Augenzeuge war, wie ein Chauffeur als Chirurg Operationen vornahm, oder wie Julien Lahaut, der mit ansehen mußte, wie man völlig ausgepumpten Invaliden nachts durch Einspritzungen zur ewigen Ruhe verhalf. Aber ich bekam jedenfalls den üblichen ,, Schonungsschein" und konnte wieder in die Kartoffelschälküche gelotst werden, was ja Sinn und Zweck der ganzen Aktion gewesen war. Natürlich blieb das Experiment mit den achtzehn Rollen Priemtabak nicht ganz ohne Folgen. Ich vermag nicht zu beurteilen, wie weit man von einer Vergiftung sprechen konnte. Auf jeden Fall stellte sich eine erhebliche allgemeine Körperschwäche ein, und bestimmt war die magere Kost nicht das geeignete Mittel, um solch eine ungewöhnlich hohe Menge von Nikotin ohne schädliche Wirkung zu überstehen. Aber zwischen der Aussicht, eines Tages als Schwächling unter der zu schweren Arbeit zusammenzubrechen oder in ebenso entkräftetem Zustand in einem Invalidenkommando auf weniger aufreibende Arbeit rechnen zu können, war die Wahl nicht schwer. Wenn man sich die Geschichte rückschauend betrachtet, dann haben mir die medizinischen Qualitäten des Priemtabaks unzweifelhaft das Leben gerettet. Als Reaktion auf die Gewaltkur hatte ich zunächst den Geschmack am Kautabak verloren. Aber das dauerte nicht lange, denn die hervorragenden Eigenschaften des Priems, die sich schon früher gezeigt hatten, wenn mah von Hunger oder Durst gequält wurde, trockenes Brot zu verdauen hatte und das Verlangen nach Rauchwaren unterdrücken mußte, ließen sich auf die Dauer nicht endgültig durch die Abneigung unterdrücken, die ein übernormales Quantum für eine Zeitlang 54 zur Folge hat. Und ich fragte mich ernstlich, ob man die Eignung der Tabakpflanze zur Verwendung als Kautabak nicht doch im allgemeinen zu gering einschätzt, vor allem, weil er die anderen Hausgenossen in keiner Weise belästigt ,. denen oft der Tabakrauch recht unangenehm ist. Was die Fähigkeit anlangt, ohne irgendwelche Aufpulverungs- und Aufmunterungsmittel auszukommen, darin ist das ,, starke" Geschlecht zweifelsohne das schwächere. Im Geiste sehe ich daher schon silberne Kautabaksdosen auf dem Markt auftauchen, entsprechend den Schnupftabaksdosen, die es früher gab. 55 56 99 V TEILNAHME UND GLEICHGULTIGKEIT DER UNTERSUCHUNGSKOMMISSIONEN Dann und wann kamen Kommissionen zu Besuch. Militärkommissionen, Aerztekommissionen, juristische Kommissionen, Wirtschaftskommissionen. Gelegentlich auch andere. Es waren Tage höchster Spannung. ,, Dicke Luft." So etwas wie Vorboten eines Gewitters. Es begann mit einer merklichen Unruhe in den Reihen der SS, fuhr wie ein elektrischer Schlag durch die Rangstufen der Barackenältesten und ,, Kapos" und endete mit einer allgemeinen Nervosität bis hinunter auf die niedrigste Stufe zu den ganz abgestumpften Arbeitsunfähigen. Von Zeit zu Zeit wurde eine Generalüberholung der Kleidungsstücke angesetzt, die man sauber machen mußte, ohne zu wissen, womit man sie ausbürsten sollte. Eine allgemeine Säuberung der Decken, die ausgeschüttelt werden mußten und dabei in der Regel nur die Staubschicht wechselten, der Baracken, die gefegt und in Ordnung gebracht werden mußten, des Appellplatzes, der wie ein Tempelvorplatz aussehen sollte, der Arbeitsplätze, wo alles auf den Kopf gestellt wurde, des Reviers, wo eine neue Sendung papiernen Verbandszeuges über Wunden und Schwären geklebt wurde, und auch... eine Säuberung des Lagers von den menschlichen ,, Lagerabfällen", die allgemein als ,, Muselmänner" bezeichnet wurden. Die Herren aus den Kommissionen sollten nämlich einen frischen Eindruck von den vorzüglichen Einrichtungen der Konzentrationslager als der typischen Kulturprodukte des nationalsozialistischen Systems mit nach Hause nehmen. Y Es mußten also ,, Potemkinsche Dörfer" gebaut werden. Tüchtige Arbeiter waren auszusuchen, um die Industriellen zur Gründung einer Zweigniederlassung ihres Rüstungsbetriebes zu veranlassen, wobei es natürlich nicht ohne Belohnung für die Lieferanten der begehrten Arbeitskräfte, die SS- Führer aus dem Sklavenlager, abgehen durfte. Völlig verkommene Verbrechertypen mußten zusammen- geholt werden, um den Juristen klar zu machen, wie gut es für die Gemeinschaft war, daß man den Bösewichtern, die mehr als 12 Vorstrafen auf dem Kerbholz hatten, hier die Möglichkeit gab, fern von allen Versuchungen und Ver- lockungen zum Verbrechen eine neue soziale Gemeinschaft zu bilden. Sorgfältig verbundene und verpflasterte Invaliden sollten den medizinischen Aufsichtsorganen zeigen, mit welcher Sorgfalt das SS-Regime den Forderungen der modernen Hygiene und Ansteckungsverhütung nachkam, selbst wenn es sich um„aus der Volksgemeinschaft Ausgeschlossene“ handelte. Den Offizieren von Heer und Marine aber sollte das Bild von Sauberkeit, Ordnung und Disziplin, die selbst bei dieser Massenunterbringung, Bewachung und dem Arbeitseinsatz von Tausenden von Häftlingen gewahrt blieben, den imponie-, renden Eindruck vermitteln, daß die besten Traditionen preußischen Soldatentums auch in den vielerörterten Sicher- heitslagern der Partei in Ehren gehalten würden. Natürlich blieb es dabei immer ein lästiges Problem, was man mit den zahllosen Invaliden jeder Art)‘ jeden Aussehens, jeder Farbschattierung und jeden Geruchs anfangen sollte. Sie waren immer im Wege und beim besten Willen zu keiner Propagandaaktion zu gebrauchen. „Muselmänner“ nannte man diese menschlichen Wracks im Lager, und man mußte einmal einen Blick auf dieses Sammelsurium von verschrumpelten und mißgestalteten Exemplaren der Gattung Mensch geworfen haben, um einen Schimmer von dem Unbehagen zu verspüren, das der Anblick von soviel Menschenunwürdigkeit auslöste.e Man konnte glauben, man wäre in eine Ansammlung europäisch“aus- staffierter Bettler aus einer arabischen Stadt oder einem chinesischen Außenviertel verschlagen worden. Sie waren entweder ausgemergelt bis auf die Knochen oder infolge der Zersetzung des Muskelgewebes durch die Wassersucht bis zur Unförmigkeit aufgedunsen. An jedem erdenklichen Körperteil waren sie mit Papierbinden umwickelt, die offensichtlich nur selten gewechselt wurden. Oft waren sie mit schwarzer oder gelber Salbe gegen Ausschlag und Krätze angemalt wie die Quacksalber aus Negerdörfern oder Indianerstämmen. Am Kopf, Hals und Händen sah man ekelerregende Geschwüre wie offene Löcher im faulenden Fleisch. Sie schleppten sich vorwärts oder stolperten mit Mühe weiter und boten dabei jenen erschreckenden Anblick von Gebrechlichkeit und Schwäche, der jeden normalen Menschen in seinem Gefühl für Gesundheit beleidigt und mit Ekel erfüllt. Sie steckten in Kleidern, die wie Lumpen aussahen und es auch tatsächlich waren oder doch wurden, weil der Mangel an Sauberkeit und Pflege eine unvermeidliche Begleiterscheinung dieses Zustands war. Ihre armseligen Habseligkeiten und Lagergeräte war Ihre armseligen Habseligkeiten und Lagergeräte schleppten sie mit sich herum wie eine Geschwulst an ihrem verfallenen Körper, und ohne es zu wollen, machten sie sich zu Sammelplätzen und Brutstätten allen möglichen Ungeziefers, das auf menschliche Beute lauert. Und vor allem klebte auf den Elendsgesichtern jener halb entgeisterte, halb tierische Ausdruck, den das Menschenantlitz nur dann annimmt, wenn der Körper bereits auf dem besten Wege ist, sich von seiner lebendigen Seele zu trennen. Diese Muselmänner" entsprossen der Lagerbelegschaft wie die Geschwüre einem unterernährten Körper oder die Läuse der vernachlässigten Leibwäsche. Ein unvermeidliches Ergebnis der Tatsache, daß es den Häftlingen einfach unmöglich war, sich angesichts der zahllosen Entbehrungen körperlich sauber und moralisch widerstandsfähig zu erhalten, und gleichzeitig ein Beweis für die Unzulänglichkeit aller Vorkehrungen im Lager, die die Opfer dieses unmenschlichen Daseinsrhythmus rechtzeitig wieder auf die Beine bringen sollten. Gewiß stellten die Schwächeren aus der Masse der Osteuropäer das Hauptkontingent in dem ständig anwachsenden Haufen der ,, Muselmänner". Aber die Erscheinung an sich existierte bereits vor dem Zustrom von Ukrainern und Russen, vor der Ankunft der Polen, die zum Untergang verurteilt waren, und der Strom menschlicher Elendsgestalten sog auch Holländer so gut wie Deutsche in sich auf und ließ sie in die tiefsten Tiefen der Verkommenheit und physischen Auslöschung versinken. Was sollte die Lagerleitung nun vor den Augen der interessierten Kommissionen mit diesem Produkt eigener Züchtung anfangen? Weder Drohungen noch Gewalt konnten ihr dabei helfen, und zu einer einigermaßen ausreichenden Maskierung fehlte es im Lager einfach an Material. Die einzige Möglichkeit war die, die ,, Muselmänner" einfach verschwinden zu 58 lassen. Und dabei zeigte sich das Genie der SS nicht weniger erfinderisch als“ bei anderen schnell improvisierten zeit- weiligen Tarnmaßnahmen. Die„Muselmänner‘“ wurden also zusammengetrieben, ihre Reihen mit den schlimmsten Exemplaren unter den nur halb Invaliden aufgefüllt und dann alle zusammen in einem großen Kohlenschuppen versteckt. Diese Komödie hatte früher bereits in kleinerem Maßstabe einen glänzenden Erfolg gehabt und wurde nun im Sommer 1942 mit Entschlossenheit und Geschick- lichkeit in ganz großem Maßstab ausprobiert. Die Herren der Militär-Kommission, die diesmal in der Hauptsache aus Marineoffizieren bestand, brauchten lange Zeit, bevor sie dazu kamen, auch die Umgebung des Appell- platzes zu besichtigen, und so gingen auch die Nachmittags- stunden vorbei, ohne daß die versteckten„Muselmänner“ Gelegenheit bekamen, sich ihre Suppe zu holen. Diese Schwierigkeit war jedoch nicht allzu ernst zu nehmen, denn die Tür war fest zugesperrt, und von dieser Versammlung von Lahmen, Krüppeln und Stumpfsinnigen waren keinerlei Ausbruchsversuche zu erwarten. Und doch steckte ein Fehler in der Regie. Die Organisatoren der Besichtigung im Stile Potemkins hatten. vergessen, die Fenster des Kohlenschuppens zu ver- dunkeln. Es war ja heller Tag. Vielleicht hatte auch ein Eulenspiegel unter den Eingesperrten diese Verdunklung entfernt, möglicherweise sogar dabei einigen einladenden Lärm hinter dem Fenster vollführt? Wie dem auch sei, jedenfalls trat zufällig einer der Offiziere in Blau an das Fenster heran und erblickte ein Bild, das ihn ebenso aus allen Wolken fallen ließ, wie es sonst etwa ein menschlicher Schädel in einer Suppenterrine getan hätte. Er hielt mit seinem Erstaunen nicht zurück, und die logische, wiewohl für die Lagerleitung höchst unerfreuliche Folge davon war, daß fast die ganz@ Gesellschaft im Gänsemarsch vor die Fenster- scheibe des Kohlenschuppens marschierte, um das über- raschende Schauspiel mit anzusehen. Am nächsten Tage wollten die Gerüchte im Lager wissen, daß die Herren Offiziere der Kommission eine Einladung zum gemeinsamen Abendessen mit den Kollegen der Lagerverwaltung abgelehnt hätten. Ob das stimmte.....?„Wenn es nicht wahr ist, dann ist es wenigstens gut erfunden“, pflegt man in Italien zu sagen. 00 60 Es war bestimmt eine Unterlassungssünde des für so vollendet gehaltenen organisatorischen Talents des ,, deutschen Geistes", daß nicht auch einmal soziologische Kommissionen. in das Lager geschickt wurden. Denn auf dem Gebiet der psychiatrischen Forschung und der Sammlung und Aufzeichnung der gesellschaftlichen Gepflogenheiten, Moralbegriffe und Ideen, die sich durch das Leben im Konzentrationslager entwickelten, ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten. Mit echt deutscher Gründlichkeit natürlich und Foliobogen voller Berichte über die experimentalpsychologischen Befunde. Es wäre nicht einmal verwunderlich gewesen, wenn solche Kommissionen von Anfang an in Erscheinung getreten wären, denn in einer der berüchtigten Verlautbarungen aus dem Lager Sachsenhausen hieß es mit nicht mit nicht weniger krasser Selbstzufriedenheit als eitler Entschiedenheit, das Konzentrationslager sei eine einzigartige Erziehungsstätte ureigenster nationalsozialistischer Prägung. Was für Errungenschaften es da wohl aufzuzeichnen gäbe! Aber eine Kommission, die man zu diesem Zweck eingesetzt hätte, ist niemals auf dem Schauplatz erschienen. Wenn der Selbsterhaltungstrieb auch in der Regel Wunder an Widerstandskraft gegen jeden Schicksalsschlag, jede Entbehrung und jede Prüfung wachruft, so läßt doch in den meisten Fällen die allzu schwere Last körperlicher und seelischer Beanspruchung den Willen, der Schwierigkeiten Herr zu werden, absinken und häufig ganz zerbrechen. Neben der Vertiertheit und völligen Abstumpfung entfaltet sich eine ungeahnte Blütenpracht von nicht tot zu kriegenden Anpassungserscheinungen und fremdartigen Liebhabereien. Begabungen und Talente kommen zum Vorschein, die man früher für unmöglich gehalten hätte, oder von denen man wenigstens glaubte, es handle sich um verborgene Geheimnisse von Tieren wie dem Chamäleon, oder sie lebten nur noch in der menschlichen Phantasie, genährt durch Geschichten über die Rothäute oder die Geheimnisse der Inder. Solche Talente entfalten sich auf das prächtigste auf dem praktisch unbegrenzten Gebiet der Möglichkeiten zum Stehlen und Organisieren. Aus dieser fruchtbaren Mischung wuchs der Senfbaum des ,, Organisierens" zum Himmel. Es war die einzige Möglichkeit, die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse. auf andere Weise als durch Selbstversorgung oder Kauf zu erreichen. Betrachten wir beispielsweise einmal das Phänomen der russischen Häftlinge. Diese Russen setzten die drillenden SS- Männer und die zu Aufseherdiensten herangezogenen deutschen Häftlinge ständig durch die Wendigkeit schachmatt, mit der sie den verschiedenartigsten Appellen und Kontrollen zu entgehen wußten. Manchmal mußte man fast annehmen, daß sie sich unsichtbar machen oder in eine Nebelwolke hüllen könnten. Sie verstehen es, ihre persönliche Physiognomie einfach aus ihrem Gesicht auszulöschen, so daß man sie nicht mehr als Einzelwesen zu unterscheiden vermag; wie die Schatten. kriechen sie unbemerkt Wände und Wege entlang; sie sickern durch Fenster und quetschen sich durch Spalten hinein und hinaus und meistern das Problem ihres persönlichen Lebensraums mit der Geschmeidigkeit von Ameisen oder Bienen. Wenn sie tagsüber vor Kälte oder Hunger zittern, dann gewähren sie sich gegenseitig Schutz und Anlehnung, indem sie wie ein schwankender Heuhaufen zusammenkleben. Wenn sie nachts nicht genügend Decken für alle haben, dann retten sie sich ihre Nachtruhe, indem sie sich zu dritt auf einen Strohsack legen und sich so den so dringend benötigten Schutz gegen die absinkenden Temperaturen verschaffen. Gemeinschaftliche Erzeugung von Behaglichkeit aus nichts anderem als der eigenen Körperwärme! Sie verstehen es, das schwache Flämmchen ihrer Lebenskraft in Gang zu halten, indem sie stundenlang still liegen. oder stehen bleiben und die geringste Bewegung vermeiden, die körperlichen Energieaufwand beanspruchen würde. Sie können über die weitesten Entfernungen, die sie zurückzulegen haben, mit der nicht einmal gespielten Trägheit von Schildkröten dahinschlurfen, aber wenn es irgendwo ,, kapuszta" gibt ganz gleich, um was für eine Art von Kohl, Rüben oder sonstigen eßbaren Gewächsen es sich handelt dann rennen sie nicht nur, dann schießen sie mit der Schnelligkeit eines Geiers darauf zu. Und sie treffen dabei immer ins Zentrum. Sie sehen alles, ergründen jede Möglichkeit, ihren Ohren entgeht nichts, sie wissen immer, was nicht niet- und nagelfest ist, und sie riechen schon auf eine so weite Entfernung, als wären ihre Nasen mit einem Aufnahmeapparat ausgerüstet, der für die Westeuropäer erst noch erfunden - 61 werden muß, als Gegenstück zu dem, was für ihre Augen und Ohren das Fernrohr und das Mikrofon bedeuten. Nur für deutsche Befehle und Verbote blieben sie taub und blind, solange die Ermahnungen nicht von„schlagenden“ Argu- menten in der wörtlichsten Bedeutung.dieses Ausdrucks. begleitet wurden. Ließ man die Russen nur für ein paar Viertelstunden ohne Aufsicht, dann hatten sie das Antlitz der Erde auch schon durch ein brennendes Oefchen bereichert; irgendwo wurde. ein Eimer, ein Kessel oder Kanister aufgetrieben, wenn nicht auf einem, Abfallhaufen, dann eben in der Bude eines Arbeitsaufsehers, und dann handelte es sich nur noch darum,. unten ein paar passende Löcher herauszuschneiden. Ziegel- steine, die als Untersatz dienen und aus denen der Schornstein gemauert wird, wurden, wenn nötig, aus der Mauer heraus- gebrochen, und Feuerholz würden diese Russen selbst in dem baumlosen China aufzutreiben wissen. Weder Tisch noch Stuhl, Schränke noch Pritschen fanden Gnade vor ihren Augen, und bis hinunter zu den Holzpantinen entging ihnen nichts Brennbares. Für die Unzulänglichkeit der. Lageruniform wußten sie sich durch das Zerschneiden von Schlafdecken zu entschädigen; es wurde allmählich gefährlich, sie auf dem vorgeschriebenen Platz auf dem Strohsack liegen zu lassen. Und mit Papier verstanden sie Sachen anzustellen, über die- selbst'ein Japaner in Staunen geraten wäre. Bei manchem Kontrollappell wurden ganze Jacken, Bein- und Schenkelschützer, ja selbst Socken ans Tageslicht gefördert, deren Material noch vor einem oder zwei Tagen zu einem Papiersack gehört hatte, der für den Transport von Zement, Sand, Stroh oder sonst etwas bestimmt gewesen war, das man früher in dauerhafteren Hüllen befördert hatte. In Deutschland war das Papier einer der ergiebigsten Ersatz- stoffe, trotzdem fanden die Russen immer nach bessere Verwendungszwecke dafür, wobei sie gleichzeitig eine recht wirksame Sabotage trieben. Den handgreiflichen Rügen der düpierten Deutschen gegenüber waren sie ebenso unempfind- lich und gleichzeitig ebenso ungerührt wie Gummi. Ich habe Russen gesehen, die sich zu Beginn des Arbeits- tages flach zu Boden fallen ließen, als wären sie restlos erschöpft. Die dann folgende Flut von Tritten und Stößen. ließen sie schweigend über sich ergehen, bis sie tot waren. 62 War das ernst? War es die reine Verzweiflung durch Erschöpfung? War es vielleicht Berechnung oder die Hoffnung, in den Reihen der ,, Muselmänner" ein ruhigeres Lebensendezu finden? War es ein Protest gegen die mitleidlose Ausbeutung der mageren Ueberreste ihrer Körperkraft? War es der ohnmächtige Widerwille, länger für den Feind zu arbeiten? Die russische Seele verfügt über geheime Regungen, denen. der Westeuropäer kaum nachzuspüren vermag. Das Schauspiel wude in der Oeffentlichkeit vorgeführt, gerade in einem Augenblick, gleich nach dem Morgenappell, in dem jeder Häftling es sehen mußte. Daß hier eine Absicht vorlag, war ganz unverkennbar. Es geschah wie auf Verabredung, einen Tag nach dem anderen, in zehn Fällen. Stets in dem kritischen Augenblick des Abmarschs an die Elbe und zum Klinkerwerk. Die Geste wirkte keineswegs theatralisch. Aber sie war doch ergreifend, so unbeholfen sie auch sein mochte, fast wie ein Ausbruch von Massenwahn. Man brauchte die Feder eines Dostojewskij, um die Verwicklungen der vielfältigen und unbewußten Triebkräfte entwirren zu können. Auf jeden Fall, welch ein Ausbruch unermeßlichen Leides! Einmal sah ich einen Russen an meinem eigenen Tisch in der Baracke, der eben vom Abendappell zurückgekommen war, stumm nach seinem Stück Brot griff, einen Bissen davon hinunterschluckte, noch im Umkippen seine Zähne in den Brotkanten schlug und starb. Man merkte überhaupt keinen Uebergang zwischen Leben und Tod. Hier war auch nicht ein Schein oder Schatten von Komödienspiel zu spüren. War er ausgelöscht, ohne es zu wissen? Oder war es doch Heldenmut gewesen? Viele Russen verfügten über seelische Kräfte von ehrfurchtgebietender Tiefe. Ueber manch eine Tragödie fiel der Schleier des Vergessens. Und auch über viele Seelengröße und manche seelische Erbärmlichkeit. Was die organischen Qualitäten anlangt, so gehört es jedenfalls zu den unsinnigsten Irrtümern der nationalsozialistischen Rassentheorie, anzunehmen, die deutschen Menschen seien edleren Gehalts als die verachteten Osteuropäer, deren Heimat das weite Land zwischen den Karpathen und dem Ural ist. Und damit ist immer noch nichts über die kräftige Konstitution des unverdorbenen russischen Magens gesagt. Zum Beispiel knabbert ein Russe die Knochen nicht ab, sondern er iẞt sie mit, selbst wenn es sich um Knochen handelt, die 63. so hart sind wie Astknorren, was nebenbei auch noch die überlegene Güte seiner Zähne beweist. Man muß allerdings zugeben, daß nach Rauschning der„ Führer" selbst mit dem verwöhnten Geschmack der Deutschen in der Ernährung recht unzufrieden war und denn auch als ersten Schritt zur Wiedereinführung einer einfacheren Ernährungsweise alles dazu tat, die Kartoffel als Gipfelpunkt der kulinarischen Kultur im neuen Europa erscheinen zu lassen. Die Entwicklung der Empfänglichkeit deutscher Gefangener für neue Antriebe und ihre Fähigkeit, den Tag zu genießen oder ,, to make the best of it" zeigte wesentlich andere Aspekte als die Anpassungsphänomene bei den Russen. Mit als Folge des Unterschiedes in der sozialen Stellung, auf den an anderer Stelle dieses Buches noch näher eingegangen werden soll. Aber doch nicht allein wegen dieser örtlich bedingten Verhältnisse. Zweifellos auch als Auswirkung des Nationalcharakters und der von Jugend auf eingelernten Umgangsformen und' Neigungen. In dieser Hinsicht unterschieden sich die Deutschen nicht nur ganz eindeutig von den Slawen, sondern ebenso sehr auch von den Westeuropäern. Dieser Unterschied, der aus der Verschiedenartigkeit von Volkstum und geistiger Tradition herrührt, soll jetzt noch näher beleuchtet werden. Der Hang zur peinlichen" Sauberkeit in Kleidung sowohl als auch in den Decken, dem Eßgerät und anderen Gebrauchsgegenständen, durch den die Deutschen sich vor allen anderen europäischen Völkergruppen auszeichneten, ist bestimmt zum großen Teil auf atavistische Regungen von Kasernendisziplin ,, made in Germany" zurückzuführen. Befremdend war die Angewohnheit der Deutschen, für jeden, der keinen prinzipiellen Abscheu vor rohen Kartoffelstückchen oder noch, so sorgfältig zubereiteten Kartoffelschalen hegte, eine unerschütterliche Verachtung zur Schau zu tragen, obwohl sie selbst die glühendsten Verehrer der Kartoffel im gebratenen oder gekochten Zustand waren. Eine völlig unerklärliche Inkonsequenz für jeden Franzosen oder Wallonen, der in Bezug auf den verfeinerten Geschmack im Essen bestimmt nicht hinter den Deutschen zurücksteht. Es war damit, mutatis mutandis", genau so wie mit der übertriebenen Sorgfalt, die die Deutschen beim Ausklopfen ihrer Decken zur Schau trugen, und mit der plumpen Nachlässigkeit, mit der sie sich bei der Durchführung dieses nationalen Zeremoniells mit schmutzigen .64 Schuhsohlen oder Holzpantinen auf die Kanten der Pritschen zu stellen pflegten, die eine Reihe unter ihren eigenen lagen. Der Einfluß einer über hundert Jahre währenden preußischen Erziehung hat ein für allemal eine. deutliche Markierung bei der westdeutschen Bevölkerung von.ur- sprünglich germanischer Herkunft hinterlassen. In Neuen- gamme sah man- viele Häftlinge aus Rheinland, Westfalen, Holstein, Hamburg, Bremen und Mecklenburg. Im allgemeinen gelernte oder ungelernte Arbeiter, sowohl politische Häftlinge als auch-solche mit der Kennzeichnung als ‚„Berufsverbrecher‘“. Wenn man sich einzeln mit diesen Leuten"unterhielt und wenn dann das gemeinschaftliche Leid und die gemein- schaftlich:zu leistende Arbeit die Schleusen öffneten, dann konnte man glauben, mit richtigen Germanen zusammen zu sein, Abkömmlingen der Franken, Sachsen‘und: Friesen, wie man sie auch in den Niederlanden und in England findet, Leuten, die sich ihrer Menschenwürde bewußt waren, statt eine mit Minderwertigkeitsgefühlen gepaarte Selbstüber- schätzung zur Schau zu tragen. Die gleiche Einfältigkeit des Herzens, die gleiche Empfindsamkeit, der gleiche Ernst, der gleiche Sinn für Häuslichkeit, die gleiche Vorliebe für Gründ- lichkeit und die gleiche spöttische Abneigung gegen Pathos und Fransenwerk.: Ihre Mundart ist solch ein kerniges Platt, daß die Verhärtung ihrer„gebildeten“ Umgangssprache zum Hochdeutschen den holländischen Zuhörer traurig stimmt.' Wahrlich, die Sprache Veldekes, Maerlants und Ruusbroecs war ihren Vorvätern nicht fremd. Brugmans Predigten brauchten nicht erst übersetzt zu werden, um sie für die Teilnahme an den Kreuzzügen zu begeistern,. und sprachlich gesehen würde die„Staatenbibel“ mit. Leichtigkeit die Prosa Luthers übertrumpft haben. Aber wenn man zehn dieser westdeutschen Landeskinder nebeneinander aufstellt, dann sind es keine halben Niederländer mehr, dann handelt es sich nicht mehr um Germanen, die durch Ebbe und Flut der westeuropäischen Zivilisation abgeschliffen sind, sondern dann knallen die Zehn ihre Hacken zusammen, dann fangen sie an, mit schnarrender Stimme zu reden, dann schreien sie im Takt auf Kommando, dann buckeln sie nach oben und treten nach unten, dann sind sie auf einmal wieder richtige Neudeutsche nach preußischem Muster. i Die Deutschen dieser Prägung und die Westeuropäer aus Holland, Belgien und Frankreich stehen sich innerlich manchmal so fern, daß eine zuweilen geradezu lachhafte Verständnislosigkeit für die geistige Haltung und den Umgangston. des anderen die Folge ist. Es ist verschiedentlich vorgekommen. daß irgendein Hamburger oder ein Mann aus der Nähe dieser Stadt, der um die Ordnung in der Baracke oder an der Arbeitsstelle besorgt war, einem Wallonen die wohlgemeinte Warnung zurief:„ Mensch, tu das!" oder„ Tu das nicht!", was lediglich zur Folge hatte, daß sich der gereizte Herr aus Lüttich oder der Borinage bei einem anderen erkundigte, was mit dem Schimpfwort ,, Mensch" denn eigentlich gemeint. sei. Die Erklärung, daß der harmlose Ausdruck ,, Mensch" überhaupt kein Schimpfwort sei und auch in diesem Sinne nicht verwendet werde, fand so gut wie niemals Glauben. ,, C'est le ton qui fait la musique!" Wenn die Deutschen irgendein Amt zu versehen hatten, dann hatten sie meist noch weniger Verständnis für die Umgangsformen der Niederländer und Franzosen. Für die Angehörigen dieser Völker ist es bekanntlich charakteristisch, daß sie, wenn sie ein Anliegen vorzubringen oder einen Pflichtbesuch zu machen haben, besonders viel Wert auf Höflichkeit und Zurückhaltung legen. Und nach ihrer Auffassung von Lebensstil vertragen sich Höflichkeit und Zurückhaltung keineswegs mit geräuschvollem Auftreten und einem metallisch klingenden Aufwand von Worten. Nach preußischer Auffassung ist es jedoch gerade umgekehrt. Wenn diese Wortkanonaden fehlen, dann argwöhnt der Deutsche sofort einen Mangel an Willenskraft oder gar an gutem Willen selbst. Deshalb gab es in der ,, Politischen Abteilung" ständig Kollisionen zwischen den Westeuropäern mit ihren höflichen Manieren und der Höflichkeit aber einer ganz anderen Art von Höflichkeit die von den Herren der SSVerwaltung erwartet wurde. Wenn es den Westeuropäern nicht gelang, diesen Stimmaufwand soweit nachzuahmen, daß sie im gleichen Ton den Satz hinausgeschmettert hatten: ,, Bitte eintreten zu dürfen!", dann wurden sie angeschnauzt wie unverschämte Eindringlinge und je nachdem, ob die diensthabenden Herren Spaß verstanden oder nicht, entweder mit Schimpfworten wieder hinausgewiesen oder mit ein paar Ohrfeigen zur Ordnung gerufen, worauf dann das nachfolgende Verhör noch heftigere Formen annahm als gewöhnlich. 66 - - ב r r e S 5 t e e e , f d 1 e n 4. n n B t e r e Wenn Shakespeare seinen„ Kaufmann von Venedig" noch einmal schreiben müßte, dann würde er möglicherweise an der Stelle eine kleine Aenderung vornehmen, an der Portia den Engländer als einen Mann beschreibt, der zwar sehr nett ist, sich aber komisch anzieht, den Franzosen als einen, der mit seinem eigenen Schatten zu kämpfen scheint,. und den Deutschen als jemand, dessen Mund in der Hauptsache dazu dient, im Wein zu schwelgen. Heutzutage läßt dieser Mund mit Vorliebe die anderen schwelgen, und zwar in den Schimpfworten, die er von sich gibt. Natürlich blieb die ungewollte Begegnung von westlicher ,, Höflichkeit" und preußischem ,, Schneid" auch in den vereinfachten Formen des absichtslosen Sichgebens immer im Einklang mit den angeborenen Eigenschaften oder den später erworbenen Eigenheiten, wobei wechselseitige Beeinflussung nicht ausblieb. Die Menschen beeinflussen sich nun einmal gegenseitig in ihren Handlungen und Unterlassungen, auch wenn sie es nicht wissen oder wollen. Was Augen und Ohren an menschlichen Handlungen beobachten, findet in Worten und Gesten wieder seinen Niederschlag. Nicht nur im Reich des Anorganischen und nicht nur bei Pflanzen und Tieren bringen wechselseitige Beeinflussungen neue Daseinsformen zustande auch im Spiel von Klängen und Schatten, die auf menschliches Tun zurückgehen, liegt noch eine vielfältige Schöpferkraft verborgen, die auf Verbesserung und Verfeinerung hinzielt, eine Schöpferkraft, die allen geschaffenen Dingen innewohnt. - Hier wäre eine Möglichkeit, die in Pascals ,, Pensées" ausgesprochenen analytischen Beobachtungen über Mikrokosmos und Makrokosmos nachzuprüfen, die schwindelerregende Mannigfaltigkeit der Ordnung im Weltall einerseits und anderseits auch in den kleinsten Einzelheiten von allem, was es gibt zu begreifen, unerreichbar für alle denkbaren menschlichen Kräfte und Fähigkeiten und doch in seiner großartigen Erhabenheit von jedem menschlichen Verstand zu erfassen. Das gleiche gilt von der Erhabenheit des Ordnungsprinzips, dessen Walten in Planung und Ausführung dem Ursprung aller Dinge vorangegangen sein muß- wenn der menschliche Verstand etwas anderes sein soll als reines Schattenspiel und für das die Propheten des Alten Bundes kein Wort fanden, das würdig gewesen wäre, dieses göttliche Prinzip zu bezeichnen, diesen Ursprung und Anfang von allem, was die - 67 Menschen jemals zu sprachlosem Staunen und andächtiger Bewunderung hingerissen hat. der Aber solch eine Betrachtung würde hier als Reaktion auf die jammervollen Ergebnisse unfreiwilliger Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Zivilisationstypen in nüchternen Umgebung der„ einzigartigen" Erziehungsstätte, die als deutsches Konzentrationslager bekannt ist, nur als Ausdruck für die Anwendung falscher Maßstäbe bei der Einordnung psychologischer Phänomene wirken. Wir wollen es mit der Feststellung genug sein lassen, daß das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen den westeuropäisch Erzogenen und den vom Preußentum Beeinflußten im wesentlichen das war, daß die Westeuropäer aus Nachahmungstrieb oder in Erwartung von Vorteilen die Deutschen zu kopieren suchten und daß sich die Deutschen noch arroganter benahmen, als sie es ohnehin schon waren. Es war damit ähnlich wie mit der Wechselwirkung zwischen kapitalistischen und kommunistischen Methoden, denen der Nationalsozialismus in der Lagerpraxis in einer sozialökonomischen Kombination zu, folgen suchte. Vom Kapitalismus wurde die Ausbeutung der Arbeitskräfte übernommen, ohne die Manna des Mehrwerts besonders tüchtigen Arbeitspartnern zukommen zu lassen; und vom Kommunismus hatte man die völlige Gleichstellung aller Häftlinge gelernt, wobei man die besondere Eignung oder intellektuelle Begabung der Gefangenen geflissentlich übersah. 89 68 VI VON DER WILLKCR BIS ZUR UNMENSCHLICHKEIT ,, Was hast du verbrochen?" ,, Das weiß ich nicht!" ,, Bist du nicht verurteilt worden?" ,, Nicht, daß ich wüßte!" ,, Ist denn kein Haftbefehl ausgestellt worden?" ,, Ich hab keinen gesehen!" , Warum hat man dich denn in Schutzhaft genommen?" ,, Soviel ich weiß, wegen, Staatsfeindlichkeit.'" ,, Hat man dir das nicht selbst gesagt?" ,, Ich bin nur drei Tage lang von der ,, Sicherheitspolizei" verhört worden. Man hat mich bedroht, geschlagen, sieben Monate lang in eine Zelle gesperrt, man hat mich selbst bei der eigenen Familie verdächtigt und schließlich in diesem Konzentrationslager interniert." ,, Hast du denn gegen Deutschland gehetzt?"" ,, Nein!" ,, Warst du vor dem Kriege deutschfeindlich eingestellt?" ,, Nein!" ,, Wie war deine politische Einstellung?" ,, Rein politisch gesehen, war ich niederländischer Nationalist." , Wie die Polen?" " 9 دو , Und die Iren!" 199 , Warst du vielleicht ein Anhänger der Alliierten?" ,, Ich war ein aufrichtiger Verfechter der Neutralitätspolitik der niederländischen Regierung." Weswegen hat man dich denn dann angeklagt?" ,, Wegen Spionage für England oder die Alliierten im allgemeinen." ,, Und das geschah offensichtlich zu Unrecht?" ,, Der Leiter des Verfahrens gegen mich hat selbst erklärt, daß er die Anklage für unbegründet hielt." 69 69 ,, Aber was wirft man dir denn dann vor?" ,, Daß ich vor dem Kriege Beziehungen zu Katholiken hatte, die international als Gegner des Nationalsozialismus bekannt waren, daß ich damals gleichzeitig in freundschaftlichen Beziehungen zu den niederländischen Ministern stand, die mit der Königin Wilhelmine nach London emigriert sind, und weiterhin, daß ich zu Engländern und Franzosen genau so freundlich war wie den Deutschen gegenüber." ,, Dann hast du wahrscheinlich auch noch nach Ausbruch des Krieges im Geiste dieser freundschaftlichen Beziehungen weitergearbeitet?" ,, Ich habe in loyaler Weise alle Folgen der Kapitulation des niederländischen Oberkommandierenden anerkannt, der als Bevollmächtigter der Königin für das niederländische Gebiet in Europa eingesetzt war." ,, Aber hast du auch loyal nach dieser Anerkennung gehandelt?" ,, Ich habe sogar neben den Vertretern der holländischen Nationalsozialisten einen Sitz im Beirat für die niederländische Presse angenommen." ,, Und darin hast du wahrscheinlich passiven Widerstand geübt?" " , Ganz im Gegenteil, ich habe sogar versucht, die Leute darüber aufzuklären, auf welche Rechte vernünftiger Weise die Besatzungsmacht Anspruch hat, und welche Pflichten dem besetzten Land zufallen." ,, Aber bei diesen Rechten und Pflichten hast du wahrscheinlich nicht berücksichtigt, daß das nationalsozialistische Deutschland neue gesellschaftliche Prinzipien für Europa und die Welt eingeführt hat." ,, Doch, sowohl vor als auch nach Ausbruch des Krieges habe ich darauf hingearbeitet, daß man die annehmbaren und die unannehmbaren Bestrebungen der neuen Ideologie auseinander halten müsse." 23 , Und was hast du für annehmbar gehalten?" ,, Die Grundgedanken der neuen Gemeinschaftslehre, die sittliche Forderung auf Zusammenarbeit innerhalb der Volksgemeinschaft, also die Ablehnung des Klassenkampfes, die Notwendigkeit einer hierarchischen Führung der Gemeinschaft, also einer Autorität für die Massen, aber nicht durch die Massen; die Befürwortung einer neuen Wirtschaftspolitik, die die wirtschaftliche Selbstversorgung als Ausgangspunkt 70 70 hat, also den Bedarf des Volkes insgesamt, aber nicht den Gewinn des Einzelnen als Richtschnur nimmt; eine geordnete Zusammenarbeit der europäischen Völker auf der Grundlage allgemeiner kultureller Unabhängigkeit, eine Einheit also durch Zusammenarbeit und nicht durch Verwischung der nationalen Eigenart.“ „Und in der politischen Praxis.. ER. „Zusammenarbeit zwischen Besatzungsmacht und besetz- tem Land bei der Anwendung dieser Grundgedanken, ohne mit den Grundsätzen des Christentums und den Gesetzen der niederländischen Staatsordnung in Konflikt zu kommen.“ „Hat man irgendwelche Bedenken gegen diese Ein- schränkung geäußert?“ „Direkt nicht.“ „Aber vielleicht indirekt?“ „Vor meiner Verhaftung hat man mir geraten, in die Niederländische Nationalsozialistische Bewegung einzutreten, und nach meiner Verhaftung bot man mir die Freilassung an, wenn ich an die Seite Deutschlands treten wollte.“ „Und das hast du abgelehnt?“ „Ich habe geantwortet, ich ginge nur soweit, wie ich es mit meinem Gewissen vereinbaren könne.“ „Dein Gewissen war also nicht weit genug?“ „Weder weit genug, um deutsche Absichten an die Stelle niederländischer Zielsetzungen treten zu lassen, noch weit genug, den Nationalsozialismus höher einzuschätzen, als es sich vom christlichen Standpunkt aus verantworten ließ.“ „Du warst also gegen eine Gleichschaltung?“ „Ich war für eine beiderseitige Achtung der geltenden Gesetze und die Anerkennung gemeinsamer Interessen, aber gegen eine Verleugnung der eigenen Lebensgrundsätze und die Versklavung der Niederlande im Dienst des Dritten Reichs.“ „Für die Politik der Partei warst du also nicht zu gebrauchen?“ „Aber die Besatzungsbehörden haben mich doch selbst gebeten, eine beratende Aufgabe zu übernehmen.“ „Um so mehr Grund, dich verschwinden zu lassen.“ „Aber dann konnten sie mich doch entlassen oder auf- fordern, freiwillig zurückzutreten.“: „Das vertrug sich natürlich nicht mit ihrer Taktik, die öffentliche Meinung irrezuführen.“ ,, Aber wozu diese Besudelung des guten Rufes durch verleumderische Erfindungen und die teuflische Vernichtung aller Existenzgrundlagen?" ,, Das ist nun einmal die Art der Gestapo." Dies etwa ist eine summarische Zusammenfassung vieler Gespräche über die stereotype Frage: Warum bist, du eigentlich hier?" " Es ist nicht nur die wahrheitsgetreue Zusammenfassung der Hintergründe eines Einzelfalles- man kann es als symbolisch für ungezählte Fälle von Liquidation aus politischen Gründen in deutschen Konzentrationslagern ansehen. Ohne jeden Verstoß gegen Gesetzesvorschriften, ohne eine Spur von feindlicher Einstellung gegen die rechtmäßigen Interessen von Deutschland, ohne irgendwelche ernsthaften Verdachtsgründe wurden Tausende von Ausländern in den besetzten Gebieten in Haft genommen und ohne Gerichtsverfahren, ohne die Möglichkeit, sich zu verteidigen oder Berufung einzulegen, faktisch zur Zwangsarbeit auf eine unbegrenzte Dauer verurteilt. Ohne ausreichende Bekleidung, Unterkunft oder Ernährung, ohne Schutz gegen körperliche Ueberanstrengung, ohne irgendwelche sachgemäße Vorsorge für Krankheit oder Unfälle! Und das alles mitten unter dem Auswurf der deutschen Gesellschaft, abgeschnitten von allen Verbindungen mit Heimat und Familie, ohne geistige Anregung, unter ständigen Schlägen und Mißhandlungen, mit dem Bewußtsein, daß selbst der gute Ruf im eigenen Vaterland systematisch in den Dreck gezogen wurde, wobei man täglich Leidensgefährten vor Augen hatte, die solange mißhandelt wurden, bis sie nur noch menschliche Wracks waren und dann achtlos beiseite geworfen wurden wie altes Eisen. Die Vermutung der Gestapo, daß man möglicherweise den Zielen von Partei und Staat im Wege stehen könne, der Eindruck, daß die Beseitigung eines Menschen die Verwirklichung der Pläne der Partei fördern könne, die Annahme, daß. Terrormaßnahmen die Gefügigkeit einer bestimmten Bevölkerungsschicht fördern könnten, der plötzliche Wunsch, die Macht und die Wachsamkeit der Sicherheitsorganisation eindrucksvoll zu demonstrieren, die persönliche Abneigung eines Gestapofunktionärs, 72 ein oberflächliches Vorurteil gegen irgendwelche Ziele oder Bestrebungen, der Wunsch, besonderen Eifer oder besondere Rührigkeit an den Tag zu legen, die Einbildung, daß man die Bevölkerung ständig in Spannung halten müsse, der Mangel an Verständnis für die Wesensverschiedenheiten der Menschen in sozialer oder religiöser Hinsicht- dies alles genügt eins wie das andere, um einen Menschen wie ein gefährliches Tier zu behandeln, ihn aus seinen Lebensgewohnheiten herauszureißen, ihn seiner Familie zu entfremden, ihn zu martern, für immer unglücklich zu machen, ihn um Leben, um sein Ansehen bei Bluts- und Geistesverwandten, um seine Ehre zu bringen, um das ideelle Gut also, das man zu allen Zeiten als unveränderlichen Bestandteil der menschlichen Existenz angesehen hat. Das ist eine Willkür, die jeden Gedanken an Persönlichkeit auslöscht, die ordnende Autorität im Staate zu einem wilden Tier macht und jede Neigung zu einer geistigen Gemeinschaft mit anderen sinnlos werden läßt und folglich das erhabene Kulturgut in Erziehung und Berufung, das eine Nation erst ausmacht, absterben läßt. Denn es ist ganz logisch, daß unter einer solchen Willkürherrschaft nur eine Gemeinschaft von Marionetten bestehen kann, eine Gemeinschaft von Menschen, denen man den geistigen Inhalt des Menschseins genommen hat. Warum sollte der Mensch noch danach streben, dem edlen Trieb zu folgen, der ihn von den Tieren unterscheidet und ihn nach der allgemeinen menschlichen Auffassung über alle bloßen Objekte heraushebt, dem Drang nach Wahrheit, Güte und Rechtschaffenheit, wenn ihn gerade diese Bemühungen unvermeidlich in ein Gebiet führen, wo die Willkürherrschaft des Polizeistaates ihre Treibjagden auf jede Abweichung von der Parteidoktrin organisiert, auf jede Abweichung von Regeln, die noch nicht einmal klar als solche zu erkennen sind? Blinde Furcht und blinder Gehorsam müssen dann die Grundprinzipien der Menschenführung im Hinblick auf alle Staatsmaßnahmen werden, ganz gleich, auf welche verborgenen Beweggründe sie zurückgehen und auf welche dunklen Ziele sie gerichtet sind. Das ist die Mentalität einer Horde, einer Herde von Wesen, die zwar von Natur aus begabt sind, die aber es als erstes Lebensgesetz ansehen müssen, sich so unvernünftig wie möglich zu gebärden. 73 Die Seele des Aufstiegs und des Ruhms Europas, das Axiom von der Menschenwürde, die auf das Recht zum Leben, auf Gewissensfreiheit im Denken und Handeln, auf unparteiische Rechtsprechung nach festen Normen Anspruch erhebt, wird durch eine derartige Willkür, wie sie der nationalsozialistische Polizeistaat verkörpert, einem neuen Sündenfall in den asiatischen Despotismus geopfert. Das groteske Bild, das diese Wirklichkeit hinter dem Vorhang der nationalsozialistischen Propaganda zeigt, die zur Verteidigung der edelsten Güter Europas gegen die Gefahr des neuen Despotismus aus den Steppen Asiens aufrief, darf die Aufmerksamkeit nicht vom wahren Gesicht der nationalsozialistischen Willkürherrschaft ablenken. Ihrer wahren Natur entsprechend, nimmt diese Willkür weder auf menschliches Recht, noch auf menschliche Moralbegriffe Rücksicht. Aber sie bleibt nicht einmal bei dieser Ablehnung von Moral und Recht stehen. Sie verlangt darüber hinaus, daß man diese Ablehnung auch noch billigt, sie will das auf jeden Fall erzwingen, indem sie alle spontanen Einwände und Proteste im Terror erstickt. Und dieser Terror hat zwangsläufig eine solche Angst zur Folge, daß nur noch dieses menschliche Gefühl als Quelle der Gefügigkeit gegenüber den augenblicklichen Machthabern Geltung behält. Diese Gefügigkeit, der blinde Gehorsam ist der einzig anerkannte Maßstab für das, was gut und böse ist. Wenn er wie hier als oberste Lebensregel angewendet wird, dann zielt er direkt auf die Auflösung der menschlichen Rechte und der menschlichen Moral als den Attributen der menschlichen Wesenheit. Das ist nicht nur die Vernichtung der menschlichen Persönlichkeit als erstes Ziel, sondern gleichzeitig die völlige Pervertierung dieser Persönlichkeit, die gleichzeitig als erstrebenswert in den Vordergrund gestellt wird, selbst wenn man von Natur aus geneigt ist, ihre Ziele als wertlos und sogar schlecht anzusehen. Der Lebensinstinkt wird auf Abneigung und Abscheu gegen gerade das gedrillt, was dieser Instinkt von der Geburt an als geistige Korrelate mit auf den Weg bekam: den primitiven menschlichen Drang nach Wahrheit und Recht., Um diesen Preis sind alle die schönen sonstigen Werte der nationalsozialistischen Ideologie zu teuer erkauft, sind diese Werte nur ein schlechtes Geschäft. Denn letzten Endes ist die Seele aller dieser Werte doch immer nur die menschliche Persönlichkeit, und die wird für äußere Hüllen beiseite 74 geworfen, die, so anziehend sie von außen her anmuten mögen, doch immer nur die Schale einer innerlich faulen Frucht sind. Und warum diese Willkür? Etwa weil Krieg war? Aber sie existierte bereits vor dem Kriege. Weil sie etwa notwendig war, um den Krieg vorzubereiten? Dabei kann niemals der sadistische Wille, unschuldige Gefangene zu quälen, und die satanische Freude, auch noch das Andenken an diese Unglücklichen zu beschmutzen, von irgendwelchem Nutzen sein. Diese Willkür gründete sich offensichtlich nicht auf Zweckmäßigkeitserwägungen, jedenfalls nicht auf solche, die sich auf die Verteidigungsbereitschaft oder die Sicherheit des Staates bezogen. Die Geschichte, einschließlich der aus den letzten Jahrhunderten, zeigt uns erschreckende Beispiele menschlicher Grausamkeit und Freude an den Leiden anderer. Nur zu oft durchbrechen Haß und Feindschaft die Dämme der menschlichen Selbstachtung. Was Huronen, Irokesen und andere Indianerstämme, was die aufständischen Boxer in China den christlichen Missionaren oder den Angehörigen feindlicher Rassen angetan haben, übersteigt fast die Vorstellungskraft des Menschen unserer Tage. Betrachtet man nun die vernichtende Wirkung, die der menschliche Haß gegen als Feinde angesehene Mitmenschen auf jede Neigung zur Güte ausübt, dann versteht man, wie Hobbes in seinem ,, Leviathan" vom Standpunkt der Moral aus den modernen Machtstaat verteidigen konnte und wie in unserer Zeit Carl Schmitt zu dem Versuch kam, aus der naturgegebenen Gegnerschaft zwischen Freund und Feind, vor allem in der Politik, eine Rechtsgrundlage für die Despotie zu entwickeln. Aber auf lange Sicht findet man in jeder politischen Theorie und Praxis eine natürliche Grenze: Der Wille, den Feind zu vernichten, geht nicht weiter als bis zu seiner tatsächlichen Vernichtung. Ist dies Ziel erreicht, dann braucht man nicht weiter zu gehen. Und wo das Ziel mit beschränkten Mitteln erreicht werden kann, da lehnt sich der gesunde Menschenverstand dagegen auf, alle verfügbaren Mittel anzuwenden. Hier ist der Ursprung des ,, positiven Völkerrechts", das in Kriegszeiten den Willen zur Vernichtung auf die Beseitigung der Hindernisse für den Sieg beschränken will. Und selbst im ,, totalen Krieg" unserer Tage 75 ist das im Grunde genommen nicht anders. Immer wieder veranlassen die Vernunft und das Gefühl für Menschlichkeit die Völker, sich an diese Grundregeln der Zweckmäßigkeit zu halten. In erster Linie aber kann von einer solchen Zweckmäßigkeit dann nicht mehr die Rede sein, wenn es sich um Menschen handelt, deren weitere Existenz keine Gefahr mehr bedeutet. Wenn einmal in der Hitze des Gefechts oder dem Fieber der Erregung sinn- und zwecklose Grausamkeiten verübt werden, darf man daraus noch nicht schließen, daß von nun an nicht mehr versucht zu werden brauche, die Gesetze der Zweckmäßigkeit bei der Schonung von Menschenleben in Anwendung zu bringen. Aber auch nur, um dieAchtung vor dem Grundsatz der Notwendigkeit wieder herzustellen. Auf diese Weise bleibt das Bewußtsein von der Erhabenheit der menschlichen Persönlichkeit trotz allem Schlachtgetümmel im Bewußtsein der Völker erhalten. Und warum erkennt die Gestapo dies Gesetz der Notwendigkeit. und Zweckmäßigkeit nicht an? Warum martert diese Willkür unschuldige und harmlose Menschen in den Konzentrationslagern, und warum besudelt diese gleiche Willkür den Ruf und das Ansehen dieser Menschen? Es gibt keine andere Erklärung dafür als die, daß das Sicherheitsorgan des nationalsozialistischen Staates von Grundsätzen ausgeht, die keine persönlichen Rechte und folglich auch keine Grenzen ihrer Machtausübung infolge von Humanitäts- Gesichtspunkten anerkennen. Das Rassendogma des Nationalsozialismus ist mit seiner Mystik vom Blut in der Form, in der es von der Staats autorität praktisch vertreten wird, nichts anderes als eine Tierzuchtlehre. In den Menschen sieht dieses Dogma lediglich. Herdentiere, die gezähmt und gedrillt werden müssen. Und wenn eine Lebensauffassung damit beginnt, daß sie den Menschen von einer Persönlichkeit zum bloßen Objekt herabwürdigt, wie sollte sie dann auch ein anderes Ergebnis erzielen können? Principiis obsta! sagte ein alter Weiser( Ovid), und Wladimir Soloview hat eine seiner eindrucksvollen Beweisführungen auf die Erfahrung verwendet, daß ein einziger falscher Grundsatz ein ganzes Nest geistigen Ungeziefers in die Welt setzen kann. Die Menschheit hat natürlich die. Folgen zu tragen. 76 vu NEUHEIDNISCHE LEBENSORDNUNG ALS GESELLSCHAFTLICHES PRINZIP Zwischen den-deutschen Häftlingen und denen‘ anderer Nationalität gab es einen Unterschied in der sozialen Stellung. Dieser Unterschied führte ganz automatisch zu bestimmten psychischen Entwicklungen, in erster Linie bei den Deutschen selbst. Aber gleichzeitig auch bei den anderen Häftlingen, die dem Einfluß der vorherrschenden geistigen Haltung-der Deutschen Ausgesetzt waren. A Wie es zu diesem Unterschied in der sozialen Stellung zwischen Deutschen. und Nichtdeutschen kam und worin dieser Unterschied bestand, das waren Umstände,.deren' Bedeutung weit über die normale Erscheinung einer gesell- schaftlichen Differenzierung in einer neuen Umgebung hinaus- ging. Die Auswirkung dieser Erscheinung trug nämlich dazu bei, den ganzen Lebensstil im Konzentrationslager zu bestimmen. Und daher war sie ein fester.Bestandteil des -- äußeren Bildes der Lagerorganisation im Zusammenhang mit einem parallel gehenden inneren Vorgang. Nach der Planung der„einzigartigen“ Einrichtung der Konzentrationslager konnte allerdings von einem derartigen Unterschied in der sozialen Stellung der Häftlinge keine Rede sein. Denn es gehörte zu der„Einzigartigkeit“ dieses„einzig- artigen“ Systems, daß vom Augenblick ihrer Einsperrung in das Konzentrationslager an prinzipiell kein Unterschied mehr; zwischen den verschiedenartigsten Menschen gemacht wurde, die für die Dauer ihrer Inhaftierung überhaupt aufhörten, Menschen zu sein. So kam es, daß politische Häftlinge und die sogenannten„Berufsverbrecher“, Menschen aus geistigen Berufen und ungelernte Arbeiter, tüchtige Fachleute und Landstreicher, Anhänger irgendwelcher religiösen Sekten und Inhaber von Freudenhäusern, bestrafte Kriegsgefangene und Schmuggler, Juden und Zigeuner, Arbeitsscheue und ER Halbverrückte, und weiterhin Deutsche und Osteuropäer, Angehörige von Balkanvölkern und Westeuropäer jeden Alters und jeder Mundart einander gleichgestellt und bunt. durcheinander gewürfelt wurden. Alle Wassertropfen erst bilden eine Pfütze, und alle Häftlinge zusammen bilden, im Prinzip ohne irgendeinen Unterschied, die Belegschaft eines Konzentrationslagers. Mit diesem Material wurde dann in ,, einzigartiger" Weise weiter gearbeitet. Jedoch keineswegs ohne Anlehnung an geschichtliche Beispiele. Denn die ganze Sache zeigte eine leicht erkennbare und grundlegende Uebereinstimmung mit der Sklaverei in Ägypten zu der Zeit, da die Pharaonen die Pyramiden bauen ließen.. Das ist der erste Kardinalpunkt. Obwohl der Bau von Pyramiden oder doch wenigstens von Bauwerken, die nach heutigen Maßstäben damit verglichen werden könnten, keineswegs von vornherein von der nationalsozialistischen Wirtschaftsplanung abgelehnt wurde, gab man in Kriegszeiten doch Projekten mit handgreiflicherem Nutzeffekt den Vorzug, etwa, der Urbarmachung von Oedland, der Einrichtung riesenhafter Ziegeleien, dem Graben von Kanälen, der Errichtung völlig neuer Werksanlagen und der Vervielfältigung von Gebäuden und Einrichtungen für Rüstungszwecke. Die Sklaven, nach der deutschen Terminologie die ,, Häftlinge", die an der Verwirklichung dieser ,, pyramidalen" Pläne arbeiten sollten, mußten natürlich bewacht werden. Diese Bewachung geschah durch die Soldaten Pharaos oder in diesem Falle Himmlers. - Aber diese Bewachung ist für den angestrebten Zweck noch nicht ausreichend. Denn die Soldaten Pharaos und Himmlers müssen auch noch Krieg führen, fremde Länder besetzen und sich im eigenen Lande gegen das eigene Volk schützen, so daß für je hundert Sklaven oder Häftlinge- nur ein paar Soldaten zum Wachdienst verfügbar sind. Und wer sollte außerdem noch darauf achten, daß die Sklaven oder Häftlinge nicht faulenzten, nicht zuviel von den Vorräten verschwinden ließen, die für die Aufrechterhaltung der körperlichen Kraft dieser lebenden Werkzeuge notwendig waren, und überhaupt nichts taten oder unterließen, das nicht in den Rahmen der besonderen Zwecke paßte, um derentwillen diese Sklaven oder Häftlinge überhaupt angesammelt worden waren? Nun, zu diesem Zweck verwendeten die Soldaten des Pharao Sklaventreiber, und die Soldaten Himmlers machten. 78 73 es genau so, nur nannten sie die Sklaventreiber„Lagerälteste‘“, „Stubenälteste“ und in dem Stil weiter, soweit es sich um Unterbringung, Kleidung und Verpflegung. handelte, und „Kapos“ oder„Vorarbeiter“, soweit die Führung bei den Arbeiten des Tages in Frage kam. Die Sklaventreiber wurden aus den Reihen der Sklaven ernannt: und zu ihrem Amt gezwungen oder dazu verführt, indem man ihnen Erleichterungen in der Behandlung gewährte, die die gewöhnlichen Sklaven zu erdulden hatten. Genau das gleiche ging bei der Ernennung von„Aeltesten“ und„Kapos“ aus den Reihen der Häftlinge vor sich. Die Sklaventreiber blieben Sklaven, und ihr Leben blieb auch genau so unfrei und rechtlos, aber dafür konnten sie praktisch über Leben und Tod entscheiden, nicht mehr zwar, als die Wachsoldaten es für angebracht oder zweckmäßig hielten, aber auch nicht weniger. Genau das gleiche galt für die„Aeltesten“ und„Kapos“, die ebenfalls Häftlinge blieben, aber in der Praxis das Leben der gewöhnlichen Häftlinge in der rechten und ihren Tod in der linken Hand hielten, ganz nach Lust und Laune ihrer Auftraggeber. Für die Arbeit an den Pyramiden war das alles recht einfach und wirkungsvoll eingerichtet, ebenso natürlich für die Schreckensherrschaft, auf deren Befehl die Pyramiden gebaut wurden. Die nüchterne Wirklichkeit brachte es nun mit sich, daß heutzutage genau wie früher die Sklaven, die Sklaventreiber geworden waren, schließlich doch nicht ganz die gleichen Sklaven blieben wie die, die statt andere anzutreiben, immer nur selbst angetrieben wurden. Die Häftlinge waren Sklaven und obendrein auch noch die Sklaven von Sklaven, die „Aeltesten“ und„Kapos“ mit ihren Stäben waren nur noch einfache Sklaven, und daher im Vergleich zu jenen doppelten Sklaven schon beinahe halbe Herren. Das war eine Entwicklung, die der„Einzigartigkeit“ dieses „einzigartigen“ Systems direkt zuwider lief, das im Prinzip keinerlei Unterschiede zwischen Häftlingen kannte, ganz. gleich, woher sie kamen. Aber dagegen war nichts zumachen. Denn sklaventreibende „Aelteste“ und„Kapos“ waren einfach unentbehrlich, und obwohl sie stets abgesetzt werden konnten und tatsächlich auch oft mit aller Härte„abgelöst“ wurden, die rechtlosen Sklaven gegenüber angebracht schien, mußten sie dann doch. 2 schleunigst durch andere Sklaventreiber ersetzt werden, die ebenfalls aus den Reihen der Häftlinge kamen. Und hier, in dieser Zwangslage, in der sich die Soldateska Himmlers befand, lag die Grundlage für eine soziale Auswahl, die unwiderruflich zur Entwicklung einer gesellschaftlichen Elite unter den Lagerinsassen führen mußte, einer Elite, deren Angehörige sich weit über den ursprünglichen Stamm der gewöhnlichen Häftlinge erhaben dünkten und allmählich erlebten, daß ihre Unentbehrlichkeit zu einer Quelle von Vorrechten wurde, die zwar nicht formell, aber doch praktisch von den SS- Bewachungsmannschaften anerkannt wurden. Eine Art Aristokratie hinter Stacheldraht unter der despotischen Oberherrschaft Himmlers. Und nun zum zweiten Kardinalpunkt. Ursprünglich bestand die Masse der Häftlinge ausschließlich aus Deutschen. Alle Gefangenen mußten ausnahmslos zu schwerster körperlicher Arbeit angetrieben werden. Wer von ihnen kam nun wohl in erster Linie in Betracht, für die Sklaventreiberposten als ,, Aelteste" und„, Kapos" ausgewählt zu werden oder sich für diese Posten in Empfehlung zu bringen? - Das waren natürlich nicht die Sanftmütigsten und die am zartesten Besaiteten, die Gelehrten und Künstler, die körperlich Empfindlichsten und in ihrer Arbeit am meisten Spezialisierten, im allgemeinen überhaupt nicht die, die nach ihrer früheren sozialen Stellung zu den angesehensten und achtbarsten Gesellschaftskreisen gehörten. Die gesellschaftlichen und persönlichen Vorzüge, die sie mehr als die anderen verkörpert hatten, galten nun nichts mehr und brachten durch ihre Unverwendbarkeit nun auch ihre Träger mit zu Fall. Nein, dies war die Stunde der Rohlinge und der Kraftmenschen, der Brutalen und Verschlagenen, der Ausbeuter und ,, Schleifer", der plumpen Stiefel und kräftigen Fäuste, der Dickfelligen und Gefühllosen, der Gewissenlosen und der Menschenschinder. Als einzige korrigierende Gegenkraft stand der Herrschaft dieser unteren Instanzen, die in der Regel dem fragwürdigsten Abschaum der deutschen Unterwelt entstammten, der Selbsterhaltungstrieb der SS- Wachen entgegen, die sich nicht allzu leicht betrügen und berauben lassen durften. Das hatte zur Folge, daß neben den Brutalen und Starrköpfigen auch Typen 80 ausgesucht wurden, die sich durch andere Eigenschaften auszeichneten als die Liebe zur eigenen Bequemlichkeit, und die an andere Dinge dachten als an ausschließlich selbstsüchtige. Zwecke, an Habsucht und Beutegier. So kam es, daß die SS die verantwortlichen Posten mit Vorliebe den Kommunisten übertrug. Wahrhaftig einzigartig", vor allem beim Gedanken an die nationalsozialistische Erziehung für die ,, aus der Volksgemeinschaft Ausgeschlossenen". Diese wurden abwechselnd von despotischen SS- Männern und einer kleinen Gemeinschaft unversöhnlicher politischer Gegner der SS regiert, dazu flankiert und bespitzelt von einer ganzen Schar notorischer Verbrecher ohne politische Ideale. Für die täglichen Sorgen und Anliegen der Häftlinge ging der bequemste und ausgetretenste Pfad über die Brücke der gut organisierten Arbeitsgemeinschaft zwischen den prominenten Kommunisten und den Berufsverbrechern. Ein Musterbeispiel gesellschaftlicher Differenzierung hatte sich bereits vor der Ankunft der ständig neuen Tausende von Ausländern aus den besetzten Gebieten herausgebildet. Diese Differenzierung bestand bereits bei den Deutschen unter sich und blieb auch noch bestehen, als sich die Zusammensetzung der Lagerbelegschaft bis zu einer großen Mehrheit von Häftlingen aus allen Teilen Europas, vor allem aus dem Osten, und einer zahlenmäßigen Minderheit von Häftlingen aus Deutschland selbst gewandelt hatte. Aber aus der Tatsache, daß die Verwaltung deutsch war und unter Führung von SS- Männern stand, die nur deutsch verstanden und nur das Deutsche schätzten, ergab es sich ganz von selbst, daß die ständig zahlreicher werdenden Posten von Sklaventreibern und ihren Gehilfen den deutschen Häftlingen anvertraut wurden; allmählich rückten nahezu alle Deutschen, die eine genügende Anzahl von Dienstjahren hinter sich hatten, in die bevorrechtete Kaste der ,, Aeltesten" und ,, Kapos" auf, wenn auch nicht ganz ohne Wahrung gewisser Standesunterschiede, wie sie zu einem mehr oder weniger glücklich imitierten Feudalsystem gehören. Es gab deshalb hohe, ganze, halbe Prominente und außerdem Anwärter darauf. Aber die überwiegende Mehrheit dieser Aristokraten, in Neuengamme wenigstens, hatte keinen anderen Adelstitel aufzuweisen als den, daß sie sich im bürgerlichen Leben durch ,, Raubrittertum" oder andere gleich unsoziale und ungesetzliche Betätigungen ausgezeichnet hatte. 6 80 81. 0 Charakteristisch für die geistigen und moralischen Qualitäten, mit denen deutsche Häftlinge am leichtesten einen Platz auf den Sprossen der Leiter zur Prominenz finden konnten, blieb immer die ursprüngliche Auswahl der am besten für die Sklaventreiberdienste geeigneten Elemente. Und der Ehrenkodex, der für alle Gewohnheiten und Einrichtungen in dieser ,, einzigartigen" Gemeinschaft von Lagerinsassen galt, hatte keinen anderen Inhalt als die langsam herausgebildete Lebensauffassung des geschickten und handfesten Berufsverbrechers reinsten Wassers, die einigermaßen von Solidaritätsauffassungen kommunistischer Prägung beeinflußt war. Sie standen sich als Gegenpole gegenüber, die Kommunisten und Berufsverbrecher, aber sie ergänzten sich gleichzeitig. Sie hatten völlig verschiedene Ambitionen, aber zur gleichen Zeit auch gemeinsame Interessen. Und da die Menschen in der Praxis meist nicht so gut sind wie die Ideale, die sie vertreten, aber auch nicht so schlecht wie die falschen Ideen, für die sie sich einsetzen, schaukelte der geistige Zuschnitt des Lagerlebens hin und her, ganz nach der Devise: Leben und leben lassen, andere ausnutzen, aber ihnen doch eine Chance zur Selbsterhaltung geben; vor allem für sich selber sorgen, aber dabei doch vermeiden, sich in offenen Gegensatz zu allen anderen zu stellen. Sklaventreiben war nun einmal keine Krankenpflege, und die gespielte Dienstfertigkeit der SS- Führung gegenüber war die Vorbedingung für die eigene Sicherheit, aber der Berufsverbrecher stieß auf Opposition bei dem Kommunisten, wenn er das Lebensrecht des Einzelnen zu sehr beschnitt, und der Kommunist begegnete dem Widerstand des Berufsverbrechers, wenn er Parteifreunde begünstigte. Was die Haltung gegenüber dem SS- Regime anlangt, unterschieden sich die beiden Kategorien voneinander, aber beider Haß war gleich stark und ihr Verlangen, die Tyrannei zu überlisten, gleich heftig. Warum sollte der Kommunist den Berufsverbrecher daran hindern, aus dem Vorratsraum der SS zu stehlen, wenn dadurch die nationalsozialistische Wirtschaftsführung geschädigt wurde? Und warum sollte der Berufsverbrecher die kommunistischen Sabotageversuche an diesem Sklavensystem übelnehmen? Die gegenseitige Eifersucht war heftig und die wechselseitige Verachtung keineswegs gering, denn beide Teile hatten Angst, von den anderen verraten zu werden, weil beide 82 gegen die Lagervorschriften sündigten; die Berufsverbrecher gegen das Verbot des Spielens, Trinkens und anderer sinnlicher Genüsse und die Kommunisten gegen das Verbot politischer Betätigung. Manchmal begegneten sie sich in gleichartigen Regungen von Sympathie für andere. Für die Kommunisten war es einfach Sache des Prinzips, auch die nichtdeutschen Häftlinge als Genossen zu behandeln, um so mehr, da die SS- Theorie auf die nichtdeutschen Volksstämme herabsah. Und bei vielen Berufsverbrechern blieb die Entartung ihres Charakters auf einige besonders hervortretende Leidenschaften beschränkt, ohne daß dies ihrer natürlichen Neigung zu gutmütiger Toleranz irgendwelchen Abbruch tat. Selbst wenn man einem Menschen alle menschlichen Züge abgesprochen hat und wenn auch mit zynischer Planmäßigkeit versucht wird, seinen menschlichen Charakter durch irgend etwas anderes zu ersetzen, dann wird er deshalb noch lange nicht ein anderes Wesen, als er von Natur aus ist. Elementen Dieser kurze Abriß hat vielleicht klar gemacht, wie ein dem altägyptischen Muster nachgebildetes Sklavensystem, das hauptsächlich von verbrecherischen geformt wurde, zu deren Gruppe allmählich die meisten deutschen Häftlinge gehörten, und die dadurch zur Führerschicht wurde, den verwaltungsmäßigen Aufbau des Konzentrationslagers bestimmen konnte. Da es ursprünglich die Aufgabe der ganzen Einrichtung gewesen war, als soziale Erziehungsstätte einzigartiger" nationalsozialistischer Prägung zu wirken, lohnt sich schon die Mühe, näher auf ihre moralische Wirkung einzugehen, die unter dem Einfluß der deutschen ,, Lagerelite" Zehntausende von Häftlingen aus allen Gegenden Europas moralisch verdorben hat. Das Kompendium ungeschriebener Lebensgesetze, die sich zu einer Ethik des Konzentrationslagers entwickelten und nach deren Beispiel sich das soziale Verhalten sämtlicher Häftlinge gestaltete, kann man in ein paar im Lager umgehende geflügelte Worte zusammenfassen: ,, Du bist im Lager!" Wer sein Leben zu retten trachtet, der wird es verlieren! Das Schriftwort, das einst im Hinblick auf die Ewigkeit ausgesprochen wurde, gewann im Konzentrationslager eine unheimliche Gegenwartsnähe. Wenn man den Wunsch hatte, sich für die Zukunft eine Möglichkeit zur Rückkehr in seine frühere Existenz offenzuhalten, dann mußte man versuchen, alle 83 Erinnerungen an diese frühere Existenz zum Schweigen zu bringen oder wirkungslos zu machen. Nur eine Richtschnur durfte noch für Verstand und Seele maßgebend sein und mußte auf irgendeine Weise immer zugrundegelegt werden: Paß auf, daß du nicht erliegst! Entsage allen Angewohnheiten und Ansprüchen deiner früheren Existenz, ertrage alle Ungerechtigkeiten und Verrücktheiten, halte alle Mißhandlungen und Erniedrigungen aus, vermeide alle Schwierigkeiten und Gefahren und krieche unter den Hindernissen hindurch, wenn es nicht möglich ist, sie beiseite zu schieben oder darüber hinwegzuspringen. Denn du bist im Lager, in dieser einzigartigen Umgebung, die zugleich die Verachtung und Verneinung von allem dem ist, was einem früher das Leben unter seinesgleichen angenehm machte. Jede offene Widersetzlichkeit bricht dir den Hals! - - ,, Laß dich nicht erwischen!" Man kann sich leicht vornehmen, unter dem Regime des Konzentrationslagers nicht zu erliegen, aber damit kommt man noch nicht über die Tatsache hinweg, daß dies Regime gerade über all das verfügt, was seine Opfer zum Erliegen bringen kann. Es handelt sich daher für jeden Einzelnen darum, den normalen Auswirkungen des Regimes so weit wie möglich aus dem Wege zu gehen. Aus diesem Grunde arbeite nicht so schwer, wie es verlangt wird, nimm mehr Nahrung, als erlaubt wird, sieh zu, daß du dir mehr Kleidung und mehr Wärme verschaffst, als vorgesehen ist, behalte ruhigere Nerven, als es die Unmöglichkeit, einander widersprechende Vorschriften zu befolgen, zulassen will, mit einem Wort: Tu so viel wie möglich gerade das, was verboten ist und suche gleichzeitig mit Fleiß, dem aus dem Wege zu gehen, was als Pflicht herausgestellt wird; aber tu das heimlich, laß dich nicht erwischen! Denn das würde deinen Untergang bedeuten. - ,, Auf Draht sein!" Was man, nicht sieht, oder was nicht verraten wird, das ist erlaubt. Die SS erwartet ja gar keine Gefügigkeit und versteht es sehr wohl, daß man keine Chance ausläßt, die nicht mit Risiko verbunden ist. Aber am Ende wäre es doch eine zu große Blamage für eine Einrichtung zur endgültigen, wenn auch allmählichen Liquidierung der Häftlinge, wenn die meisten von ihnen dieser Liquidierung entgehen könnten. Deshalb verlangt es die Selbstachtung der SS- Männer, daß nur so wenig Schlupflöcher offenbleiben, durch die man den Zielen des Lagerbetriebes entgehen kann, 84 daß nur die Häftlinge es fertig bringen, durch die Maschen zu schlüpfen, deren Ausdauer oder Brauchbarkeit, Gewandtheit oder Glück das Entkommen verdienen. Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt, und da der Einsatz nichts Geringeres ist als das eigene Leben, die eigene Gesundheit oder die Erhaltung der eigenen Knochen, muß man ständig alle Spannkraft aufbieten, um zuzugreifen, wo man Vorteile einstecken oder Nachteile vermeiden kann. Im großen wie im kleinen, bei der Arbeit wie beim Essen, beim Verlangen, beim Nehmen ohne Zaudern, ohne Ängstlichkeit. Wer nicht ,, auf Draht" ist, zieht den Kürzeren. " " , Wenn ich habe.. Ein wesentlicher Bestandteil des Lagerregiments ist die völlige Ungewißheit über das, was morgen sein wird, über die Fortdauer der geltenden Bestimmungen. Alles ist ungewiß. Aus Prinzip kann niemand damit rechnen, im Besitz des einmal zugeteilten Lagerplatzes, der zugeteilten Arbeit, der festgesetzten Rationen zu bleiben, oder sich auf die Termine für die Entlöhnung oder den Einkauf in der Kantine verlassen zu können. Man kann sich überhaupt nicht ernsthaft auf einen Tauschhandel gegen spätere Bezahlung einlassen, ohne die Einschränkung zu machen: , wenn ich habe..." Wenn ausgezahlt wird, wenn es in der Kantine dieses oder jenes zu kaufen gibt, wenn sich in der Zulage nichts ändert, wenn das augenblickliche Kommando bleibt, wie es ist, wenn die Lagerbelegschaft nicht plötzlich durcheinandergewürfelt wird, wenn keine unerwarteten Beschlagnahmen erfolgen, wenn es nicht zu überraschenden Entsendungen zur Zwangsarbeit außerhalb des Lagers kommt dann kann ich vielleicht dieses oder jenes Versprechen einlösen. Sonst nicht! Unmögliches kann man von niemand verlangen. Und da es tatsächlich sehr oft unmöglich war, ein Versprechen einzulösen, bedeutete ein Versprechen als solches keine bindende Vereinbarung mehr. Es war so verführerisch, etwas zu versprechen, wenn man es bei dem Versprechen belassen konnte. - Neben der Möglichkeit, daß man einfach materiell nicht in der Lage war, die passenden Gegenleistungen aufzubringen, gab es ja noch den Ablauf der Zeit. Die Zeit ging unaufhörlich weiter, und mit ihr schwand auch die Erinnerung, im endlosen Wirbel der Quälereien und Aufpeitschungen sogar außerordentlich schnell. Mit dem dahinschwindenden Gefühl für die Verschuldung schwand auch die Schuld selbst. Jedwede 55 85 - Verpflichtung wurde schon nach kurzer Zeit als automatisch verfallen betrachtet.„ Versprich alles und halte nichts!" war ein ganz alltäglicher Grundsatz. Und wenn ein Gefangener seiner Bitte um eine Zigarette oder einen Priem die Worte hinzusetzte: ,, Ich gebe es dir nachher zurück", dann wußte man mit Sicherheit, daß er nur betteln oder erpressen wollte. ,, Wir sind Kameraden!" In der fünften Lebensregel kam der Hang zum Geselligen zum Ausdruck, der untrennbar mit dem menschlichen Sein verknüpft ist. Selbst das egozentrischste und selbstsüchtigste Einzelwesen braucht die Unterstützung der Gemeinschaft mit anderen Artgenossen, sowohl materiell als auch in geistiger Beziehung. Und als Ersatz für alle Ausweitungen, die das Einzelleben in der zivilen Welt durch das Schließen von Freundschaften, das Gründen einer Familie und den Beitritt zu den verschiedensten Vereinen oder Gesellschaften erfährt, gab es hier die ,, Kameradschaft". Als Tatsache und als Norm, als Erweiterung des Selbsterhaltungstriebes und als spontane Neigung zur Mitteilsamkeit. Kameraden waren alle Gefangenen, schon durch ihre ursprüngliche Gleichstellung in der Verbannung, in der Vernichtung aller früheren Lebensannehmlichkeiten, bei der Verteilung der Verpflegungsrationen, bei der Ableistung der gemeinschaftlichen schweren Arbeit. Die Gleichschaltung in der sozialen ,, Nacktheit" war prinzipiell mit einer Gleichheit in der Verteilung und im Tragen der Last verbunden. Und da sich kein einziges Menschenkind von Natur aus dazu berufen oder veranlaßt fühlt, andere anstelle von sich selbst über das Niveau dieser grundsätzlichen Gleichheit hinauszuheben, wurde jeder, der nicht in der Lage war, sich selbst Vorrechte zu verschaffen, zum Teilen der gleichen Leiden gezwungen. Nur durch die gegenseitige Unterstützung ihrer Bedürftigkeit vermochten die Häftlinge ihrer eigenen Unzulänglichkeit etwas aufzuhelfen. Und die unbestreitbare Zweckmäßigkeit gegenseitiger Hilfe brachte ihr die höchste Wertschätzung in den Beziehungen von Mensch zu Mensch. Das Aufblühen einer inneren Annäherung, der Anhänglichkeit und der Hilfsbereitschaft, durch die Selbstsucht des Einzelnen sein Anschlußbedürfnis zu verkleiden versteht, führte gleichzeitig zu einer ersten Spur von Einverständnis. Aber zur gleichen Zeit wuchs auch die Anfälligkeit für Ausnutzung. Denn die Heuchelei, die unausweichlich der erzwungenen Unehrlichkeit in Handlungen und Unterlassungen entspringt, die gegen die offiziellen Lagervorschriften gerichtet sind, verführte die Schmarotzer aller Sorten, die Flagge der Kameradschaft auf jedem„Schlammprahm“, zu hissen, Im Namen der: Kameradschaft wurde man von Leuten, die nur an ihren eigenen Vorteil dachten, um Gefälligkeiten an- gegangen. Im Namen der Kameradschaft wurde man um Geld oder Gut erleichtert, ohne selbst etwas dafür zu bekommen. Im Namen der Kameradschaft wurde man herabgesetzt und mißachtet, ohne einen anderen Grund als gewünschte Ab- neigung. Im Namen der Kameradschaft wurden Menschen als Abfall behandelt und mißhandelt, wenn sie sich nicht den Schutz der Mächtigeren erringen oder erkaufen konnten. Was Kameradschaft war und sein konnte, mußte der Neu- ankömmling erst lernen. Und dabei ging es nicht immer ohne Verluste ab. Gehörte er nicht zum Gangster-Typus und ver- schenkte er etwas Wertvolles an den ersten Mithäftling, dem er begegnete, dann wurde er als Dummkopf ausgelacht; ver- langte er eine passende Gegenleistung dafür, daß er auf sein eigenes Vergnügen verzichtet hatte, dann nannte man ihn geizig, wagte er es etwa, mit seinen Besitztümern zu prahlen, dann machte er die anderen neidisch. In allen drei Fällen zog er Verachtung und Rachegefühle auf sich. Nur die, die aner- kanntermaßen zur Kaste der Prominenten gehörten, durften sich so etwas erlauben. Das gehörte zu den Merkmalen der Prominenz im Lager. Ein Gefangener, der nicht in diese. Ober- schicht aufgenommen worden war— und in den ersten Jah- ren hatte man wenig Aussichten darauf— der mußte seine Besitztümer mit den Mächtigen teilen, seine Sachen nur in ganz bescheidenem Maße vertauschen und alles das, was er für sich verwenden wollte, sorgfältig verstecken. Die Kameradschaft als ethischer Wertmesser war auf eine Art von Gegenseitigkeitsprinzip beschränkt.„Nichts für nichts!“ Gleichgestellte in der gleichen Lage tauschen zu glei- chen Bedingungen, helfen sich selbst, indem sie den anderen helfen. Im Grunde genommen nichts anderes als eine Wahr- nehmung der eigenen Interessen, friedlich, aber zweckmäßig. Infolgedessen auch: nur dort angewendet, wo persönliche Vor- teile dabei zu holen waren. Außerhalb dieser begrenzten Sphäre des Gegenseitigkeits- prinzips im Umgang mit den Mithäftlingen, auf deren Hilfe man angewiesen war, dienten Schlagwort und Losung ‚„Kame- radschaft“ in der Regel nur als. Deckmantel für Schwindeleien. \ 3. x .. Damit haben wir die fünf Gebote für das individuelle und gesellschaftliche Leben im Lager Revue passieren lassen. Ihre in der geschilderten Weise durchgeführte Verwirklichung war auf dem. Gebiet der sittlichen Ordnung die„einzigartige“ Folge einer„einzigartigen“ Einrichtung. Sie hatte so etwas wie wohldressierte Haustiere hervorbringen wollen, aber sie hatte es nur fertig gebracht, Menschen mit zwei Gesichtern heranzubilden. Indessen hatte sie soweit doch das Recht, auf eine geistige Vaterschaft Anspruch zu erheben, gegenüber der die Durchschnittsgefangenen höchstens auf Anerkennung als eifrige Nachahmer des nationalsozialistischen Lebens- stils in der großen Politik rechnen konnten. Denn der bedeutete: Über dem eigenen Lebensrecht das der anderen zu vergessen, unter der versprochenen Korrektheit die anderen zu hintergehen, unter dem Vorwand einer besseren j Verteilung die anderen zu bestehlen, unter dem Anschein gegenseitiger Hilfeleistung die anderen nackt auszuziehen oder in die Sklaverei zu zwingen, während man ihnen zu- gleich Solidarität predigte! ‘vIll WIRTSCHAFTLICHER UNSINN UND UNBEWUSSTER GOTZENDIENST Zusammen mit Carl Neumayr, Willen zu weiterer Verwaltung Amorem tui solum cum:gratia tua mihi dones Gewähr mir, hur Dich zu lieben und Deine Gnade Et dives sum satis Und ich bin reich genug Nec aliud quidquam ultra posco ‚Und mehr verlange ich nicht. X MEILENSTEINE EINER KAMERADSCHAFT Zu der Kategorie von Mitgefangenen in Neuengamme, von denen man, ohne das Wort zu mißbrauchen, wirkliche Kameradschaft erwarten konnte, gehörte gehörte Czetwertinsky. Genau genommen hieß er Fürst Jedzy Swiatopelt Czetwertinsky, aber sein polnisches Adelsprädikat war eine gefährliche Beigabe, und im Interesse seiner Sicherheit blieb es besser geheim. Sein Vater war im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben gekommen. Ich nannte ihn Georges, denn unsere erste Unterhaltung ging auf Französisch vor sich, und diese Sprache ermöglichte es uns auch, uns gegenseitig das Herz auszuschütten und Nachrichten von den Fronten auszutauschen, ohne, wie sonst immer, Gefahr zu laufen, belauscht und verraten zu werden. In den ersten Tagen nach meiner Ankunft im Lager saẞ ich einmal mit ein paar gebrochenen Fingernägeln da und sah mich nach einer Schere um, weil ich noch keine Übung darin hatte, mir die Nägel sauber mit den Zähnen abzurunden. Es schien ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen zu sein, denn Scheren waren knapp. Höchstens ein„ Kapo" oder eine sonstige deutsche ,, Respektsperson" pflegte Sorgfalt auf seine Toilette zu verwenden, und bei ihnen konnte man im allgemeinen nicht auf kameradschaftliche Hilfe rechnen. Der Zufall kam mir zu Hilfe. Ein Deutscher, der auf Trinkgelder aus war, bemerkte meine Verlegenheit und machte mich darauf aufmerksam, daß der ,, Fürst" eine habe. - ,, Der ,, Fürst"? Was ist denn das für ein seltsamer Herr, der hier mit so einem Namen angibt?" fragte ich skeptisch und etwas argwöhnisch. Ob ich etwa nicht glaubte, daß es im Block einen ,, Fürsten" gab? Wenn er etwas von meinem ,, Einkauf" in der nächsten Kantine abbekäme, dann würde, er den scherenbesitzenden Fürsten gleich einmal heranholen. Unverzüglich verschwand der Mann hinter dem - 118 ,, Block" und kam tatsächlich mit einem Fürsten zurück, allerdings mit einem Fürsten ohne Schere, denn die war gerade ausgeliehen, und im Konzentrationslager machen ausgeliehené Gegenstände noch ungewissere Irrfahrten durch als bei Einmal Menschenkindern unter gewöhnlichen Umständen. habe ich sie auch in die Hand bekommen, aber öfter auch nicht; natürlich war sie dann mittlerweile gestohlen worden, obwohl der Eigentümer seinen wertvollen Besitz sicherheitshalber im Strohsack zu verstecken pflegte. - Die Kameradschft Georges' brauchte jedoch nicht durch materielle Dienste bekräftigt zu werden. Wir waren Kameraden in unserer gemeinsamen Niedergeschlagenheit, in unserer gemeinsamen Erniedrigung, in der Gemeinsamkeit nicht etwa auf unseres Schicksals, liquidiert zu werden irgendeine besondere Anordnung der SS hin, dafür waren wir beide viel zu unbedeutend und unsere Haltung viel zu bescheiden sondern ganz einfach durch die Umgebung, in der wir, ungeschult und ungeeignet für den Kampf ums Dasein inmitten einer Auslese von Gangstern, einfach dazu verurteilt waren, unter die Füße getreten zu werden. - Unsere beiderseitigen Aussichten waren sich nicht ganz gleich; körperlich durften wir allerdings beide nicht mehr viel an Fett oder Fleisch einbüßen, aber er hatte den Vorteil, daß er keine Brille trug und deshalb auch nicht so leicht als ,, Kapitalist" entlarvt werden konnte. Dies ersparte seinem Gesicht und anderen Körperstellen, die zu Schlägen einluden, viele Gewalttätigkeiten aus reiner Bosheit und Mutwilligkeit heraus; andererseits hatte ich mehr Gelegenheit, Priem und Rauchwaren in die Hand zu bekommen und konnte mit dieser Waffe manches Donnerwetter ablenken, gegen das Georges keinerlei Schutz hatte. Am Ende aber hat er doch am besten abgeschnitten, denn das Verschenken von Tabak an einige Prominente, die sich in der Hoffnung auf weitere Zuwendungen veranlaßt sahen, diese gute Quelle zu erhalten, förderte natürlich nur das Gift der Eifersucht und der Habgier bei anderen Prominenten, so daß ich eines Tages- es war in Wittenberge den Preis für meine einseitige Parteinahme in Gestalt von zwanzig Hieben mit der ,, Katze" bekam. Das geschah einen guten Monat, bevor meine drei Cornelius, Behr und Gefährten bei dieser„ Prügelung" wegen der Ermordung von ein paar russischen oder polnischen Burschen hingerichtet wurden. Im übrigen Ehrhardt - - - 119 hatte diese etwas schmerzliche Angelegenheit für mich den unerwarteten Vorteil, daß mein Ansehen bei der Kaste der deutschen Unterführer etwas gehoben wurde. Der einzige Grund, auf den dieser Aufstieg zurückzuführen ist, war meine Hiobsgeduld, die mich instandsetzte, weder zu jammern noch zu schreien, als die Schläge fielen, und meine Verachtung für ihre Sturheit, in der sie körperliche Kraft zu finden glaubten. Kameraden waren wir auch in der gemeinsamen Machtlosigkeit, die deprimierenden Erlebnisse jeder Stunde des Tages anders zu ertragen als durch die geheime Hoffnung, die wir im Herzen trugen, daß sich Traum und Prophezeiung Bobolas für den Wiederaufstieg seines Vaterlandes auch noch einmal für Polen und Holland erfüllen würden und daß auch für uns inzwischen einmal die Zeiten der Prüfung zu Ende gehen würden, ganz gleich wie. Früher, in glücklicheren Zeiten hatten wir beide dieselben Lehren von der Vergänglichkeit alles Irdischen gehört. Gleiten die Jahre nicht an uns vorbei und folgt nicht das eine unbemerkt auf das andere? Die Stunden fliegen dahin, und mit ihnen wird unser Leben immer kürzer; wenn sie am Ziel sind, dann ist es auch mit uns zu Ende. Monate werden zu Wochen, Wochen zu Tagen, Tage zu Stunden und Stunden zu Augenblicken, und nur der Augenblick gehört uns ganz; aber auch er geht dahin, während wir noch glauben, er gehöre uns; unser ganzes Dasein ist nichts als Vergänglichkeit. Was uns damals eine erschreckende Mahnung an das unvermeidliche Ende unseres Wohllebens war, das schien uns jetzt ein Trost in der nicht endenwollenden Kette unermeßlichen Leides.„ Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, erst geht Heinrich Himmler und dann die Partei", wie der rothaarige Tabor vor sich hinpfiff, bis es uns zum Halse heraushing. Wir waren Kameraden, nicht nur im Einerlei des täglichen Lebens, sondern auch in unserem stillschweigenden Einverständnis, Kameraden für immer. Wenn das quälende Elend eines solchen langen, quälenden Tages einen vor Heimweh nach dem eigenen Zuhause, nach den lieben Gesichtern von Frau und Kindern aufseufzen ließ wer weiß, in welchen Sorgen und Nöten sie leben mochten? wenn es umflort von unaussprechlichem Leid in den verschwommenen Umrissen der Erinnerung einen fast zu Tränen rührte, dann suchten - - 120 Augen und Herz nach einer mitfühlenden Seele, nach einem Freund. Und wenn man unter der bleiernen Last der Müdigkeit, des Hungers und des erbarmungslosen Mangels an Gelegenheit, seine Sorgen mit irgend jemand zu teilen, etwas Trost suchte, dann war es beruhigend, einem verstehenden Blick zu begegnen, selbst wenn man sich dabei über seine seelischen Sorgen gar nicht aussprach. - Wir hatten es gut miteinander getroffen. Georges war vor dem Krieg tatsächlich so etwas Ähnliches wie ein Nachbar von mir gewesen. Er hatte in Antwerpen im ,, St. Ignatius" studiert und liebte deshalb das Land, aus dem ich kam. Breda und Antwerpen. Wie die Tauben in ihren Schlag, so flogen unsere Gedanken nun zurück nach dem Herzen von Brabant. und alle Herrlichkeiten ,, Brabandt is sijn eygen landt!" dieses lieblichen, ebenen Landes mit seinen Poldern, Wäldern und Marschen und seinen freundlichen Menschen erfüllten reich die Leere unseres ärmlichen nackten Daseins. ,, Met raad en daad, met goed en bloed, band tusschen Noord en Zuid!( ,, Mit Rat und Tat, mit Gut und Blut, Band zwischen Nord und Süd!"); die Romantik um Tyll, den Helden aus dem Buche Charles de Costers, sprach auch ihn an. Wie wäre es auch bei einem polnischen Aristokraten anders möglich gewesen, der aus der Vergangenheit seiner eigenen Nation wußte, wie wenig die politischen Grenzen die Wesenszüge eines Volkes bestimmen, und der als Student an Orten gelebt hatte, die früher Residenzen des Hauses Nassau gewesen waren? Seht nur die Burgen in diesem Lande, den steinernen Dreiklang von Antwerpen, Hoogstraaten und Breda! Solch eine festliche Dreiheit hoch ausgereckter Arme mit der Kraft aufgereckter Fäuste und der Freundlichkeit winkender Hände! Bilder von Mannestum und spielerischem Frohsinn in einem, von mystischer Versenkung und erdhafter Sinnenfreude ,, die das geistige Merkmal einer großen Familie sind! Aus diesem einen kleinen Teil der großen Niederländer hätte vielleicht die Hauptstadt von Nordwesteuropa emporwachsen können, wenn die Erhebung gegen Spanien unter Führung des ersten Edlen von Brabant, Wilhelms von Oranien, des Herrn von Breda und Antwerpen, damals nicht nur zum Teil erfolgreich gewesen wäre. Georges versprach mir, später noch einmal ins Brabanter Land zu kommen, wenn wir beide am Leben blieben. Und 121 dieses Versprechen hat er auch gehalten. In welcher Weise, das wird am Ende dieses Buches erzählt. In Gedanken sind wir häufig bei den Erinnerungen an Schlemmerjahre im fetten Lande Breughels und Jordaens zu Gast gewesen. Im Konzentrationslager sprach ja jeder über das Essen und über den Mangel daran. Die Mehrzahl der Häftlinge unterhielt sich selten von etwas anderem. In Gedanken war jeder mit Kochen, Braten und Backen beschäftigt. Was für die Juden des Alten Testamentes das Goldene Kalb war, das war für den ,, Konzentrationär" das geschlachtete Schwein. ,, Sie sind einfach besessen, geradezu besessen", pflegte Nooter zu sagen, und aus seiner unverwüstlichen Seemannseinstellung heraus, für die auch das Treiben auf den Wellen des Sklavendaseins, so sehr auch die Hoffnung auf Heimkehr manchmal hinterm Horizont verschwinden mochte, nur eine vorübergehende Sache war, aus dieser Einstellung heraus floh er die Menschen und ihre Gespräche, um aus seinen Gedanken die Bedrückung durch das Hungergefühl zu verbannen. 0 Die Bonzen konnten auch in Wirklichkeit gelegentlich ihre Kochkünste erproben. Einmal in der Woche bestand die Tagesration aus Brot, ein wenig Margarine und ein paar Pellkartoffeln. Für den gewöhnlichen Häftling waren das vier, fünf oder höchstens mal sechs in der Schale gekochte kleine Kartoffeln; aber die Prominenten bekamen einen ganzen Teller voll von diesem ,, deutschen Kaviar" und verstanden es obendrein, sich auf Wegen, die das Geheimnis ihrer Gefolgschaft blieben, auch die Margarine zu erschleichen, die für dieses ,, Bratkartoffelfest" benötigt wurde. Solange im ,, Block" ein Ofen stand, wurde die Luft abends mit den herrlichen Düften parfümiert, die den heißen Bratpfannen entstiegen. Schon ohne solchen äußeren Anreiz wäre es uns weder möglich noch erwünscht gewesen, ungerührt mit den Gedanken bei solchen Genüssen eines wohlgefüllten Magens zu verweilen, und erst recht nicht in der Nähe eines solch lukullischen Mahles, das da nicht weit von uns entfernt für andere bereitet wurde; und so zog denn wenigstens unsere Phantasie auf eine solche Schlemmerfahrt aus. ,, Wollen wir nicht ins Metropol gehen? Ein italienisches Hühnchen mit Schinkenscheibchen in Trüffelsauce wäre doch etwas Köstliches, natürlich mit Champignons und Pommes frites!" 122 ,, Der saure Hering im Yachtklub St. Anneke ist auch nicht so übel." ,, Grüner Aal würde auch ganz gut schmecken, oder Ravioli mit Chianti im italienischen Restaurant!" ,, Oder die Pastete bei Madame aus dem, Saucisson de Paris!"" 27 دو Oder eine Scheibe, Jambon d' Ardennes'!" , Und hinterher einen Pfannkuchen!" ,, Oder ein Stück Apfeltorte." ,, Und dann ein Schuß Kognak oder Calvados in starkem Kaffee!" " , Und du, Polk, was willst du gern haben?" - - der viel Polk, der Diamantenschleifer aus Amsterdam tüchtiger und geschickter war als wir und der deshalb auch trotz seines Namens, der früher wohl Polak gelautet hatte, was glücklicherweise den Fühlhörnern der Gestapo entgangen war, viel besser untergekommen war als wir dieser Polk, war Vegetarier, noch von früher her, als keinerlei Zwang vorgelegen hatte, das Fleisch zu verschmähen. Deshalb mochte er jetzt am liebsten eine Tasse Milchschokolade mit weißen ,, Pistolekens"( Brötchen), wie sie am Sonntagmorgen den Amsterdamer Patriziern serviert wurden. Visionen aus meiner Kindheit! Die ,, Pistolekens" von Diest, mit Schinken oder Käse belegt und dann eine Wallfahrt nach Scherpenheuvel; jeder Magenkranke wäre dort genesen und hätte allen Mißmut verloren. Vielleicht habe ich solchen Erlebnissen meine zähe Konstitution zu danken, die ohne Beschwerden und Erkrankungen allem Essensabfall des LagerTebens glorreich widerstanden hat. ,, Ach, Georges, ich glaube, das ist für heute genug. Ich habe kein Taschentuch bei mir, und Augen und Mund sind mir wässerig. Wenn du noch weiter willst, dann vergiẞ bitte nicht den Elsässer in der Quellin- Straße, der vielleicht immer noch nach dem Essen ein ,, Quetchen" oder einen CherryBrandy serviert; und wenn dieser Dickwanst von Ober mit seiner roten Wolljacke dich mit dem Hinweis auf das gesetzliche Verbot abspeisen will, dann mußt du ihm dasselbe sagen, was er einmal zu Minister Sap gesagt hat:, Sie werden ihre Stammkunden doch wohl nicht vor den Kopf stoßen wollen, Mijnheer!"" Zu anderen Festessen als denen, die wir in der Phantasie genossen, bot sich für Georges und mich keine Gelegenheit. 123 Es hat ziemlich lange gedauert, bis wir anfingen, den notwendigen Ergänzungsmöglichkeiten für unsere Tagesration auf die Spur zu kommen. Und bald sind wir uns auch infolge. von unbeabsichtigten Zusammenstößen mit den scharfen Kanten der öffentlichen Meinung im Lager der Angreifbarkeit unserer Lage bewußt geworden. In gleichem Maße schienen wir beide die geeigneten Opfer zu sein, so etwas wie gebratene Enten für die Berufsverbrecher, wenn auch mit viel weniger Fleisch und viel mehr Knochen. - - Georges hatte eines Tages von einer Tante ein Paket geeine Salami! schickt bekommen, in dem eine Wurst war und er hatte sie gelegentlich im Dunkel der Nacht aufgefuttert, ohne daran zu denken, daß auch andere Häftlinge gegen Wurst nichts einzuwenden hatten, und ohne den Künstlern im Klauen auch nur für einen Augenblick Gelegenheit zu geben, ihn unaufgefordert davor zu bewahren, sich den Magen zu überladen. Deshalb galt er von nun an als ,, Geizkragen". Auch mir wurde dieser Geiz nachgesagt, als ich mit den Paketen, die dann und wann aus Brabant für mich eintrafen, keine Nikolaus- Bescherung veranstaltete. Früher hätten wir es gut genug gehabt, gab man uns zu verstehen, deshalb sollten wir jetzt ruhig auch mal ertragen, was andere so lange erdulden mußten. Der Grund zu solcher moralischen Entrüstung war nicht immer der blanke Neid; manchmal entsprang sie eher einer Art von politischem Instinkt, der zu allen Zeiten als einen Ausdruck für die Gleichheit unter den Völkern und Einzelmenschen kommunistische Rechte angestrebt hat. Was Schwanebeck mir darüber erzählte, war typisch für diese Einstellung. Der einfache Maurer aus Sachsen, der es immer verstand, einige Brocken von den Sendungen für die Polen zu erwischen und der in der Lage war, sich mit einem ,, Nachschlag" zu revanchieren, erbot sich, mir für eine Zigarette eine Extraportion Suppe zu besorgen. Natürlich hielt er sein Versprechen nicht. Und als ich ihn fragte, wie er dazu käme, da erklärte er mir ganz offen: ,, Mensch, das handelt sich doch nicht um die Suppe, davon habe ich genug; aber wenn ich dir die Suppe wirklich gebe, dann ist mir die ganze Freude verdorben, denn schließlich bist du auch nackend zur Welt gekommen, und warum hast du dich dann nicht genau so 124 wie ich von Jugend auf in Gefängnissen und Zuchthäusern herumtreiben müssen? Mir hat das richtig Spaß gemacht, daß ich dich auch einmal hereinlegen konnte und daß du mit deiner ganzen Gelehrtheit auch einmal der Dumme warst." Das war tatsächlich nicht nur eine sarkastische Ausrede, denn Schwanebeck, der ständig um mich herumschnüffelte, wenn ich beim Essen war, schenkte mir einmal unaufgefordert ein Stück Margarine, als er wußte, daß ich nur trockenes Brot zu essen hatte. Manchmal gefiel er sich eben darin, selbst auch einmal den Gentleman zu spielen, und diese Art von Gleichstellung gefiel ihm, glaube ich, viel besser als all sein Schwindeln und Stehlen. Die Menschen haben alle ihre besonderen Neigungen, und erst sie geben ihren Einfällen die Unberechenbarkeit, die zum Leben gehört. Der Mangel an Essen, Kleidung und Abwechslung ist nicht einmal das Schlimmste, was den Menschen passieren kann, denn solche Mängel lassen sich viel leichter ertragen, wenn die anderen das alles auch entbehren müssen. Aber wenn man Not leiden muß, während man sieht, daß die anderen alles im Überfluß haben, das erst gießt Öl ins Feuer. Das gleiche gilt für das Verlangen, sich vor den anderen jedes hervorzutun. Der Neid und die Eitelkeit können gesellschaftliche System zu einem Zerrbild und einem offenen Skandal ausarten lassen. Kapital oder Kapitalisten gab es nirgendwo im Lager, und trotzdem herrschte keine Eintracht. Die Verschiedenheit der Menschen untereinander führt allein schon zu einer Verschiedenheit in den Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Gleiches Recht bei gleicher Begabung und gleicher Arbeit, das ist keineswegs ein Problem der gesellschaftlichen Struktur, sondern eine Sache der aufgeklärten und umsichtigen Führung. Manchmal ist es für den Mitmenschen viel besser, wenn er seinen Hang zum Wohlleben beherrscht, als wenn man ihm mehr gibt, als er bereits hat. Es klingt vielleicht altmodisch, pastoral oder zu skeptisch, aber unvoreingenommene Untersuchungen über die Natur des Menschen stellen immer wieder fest, daß der innerste Kern einer jeden Gesellschaftsordnung ein moralisches Problem ist. Daß selbst die menschlichen Bedürfnisse ihrer Natur nach relativ sind, war vielleicht die erstaunlichste Entdeckung, die man im täglichen Lagerleben machen konnte. 125 Gewiß ist der Hunger eine mächtige Ursache für viele menschliche Gefühlsregungen, die an Stärke häufig das normale Maß übersteigen. Er ist in hohem Maße eine Quelle körperlicher Qual und seelischer Abstumpfung, giftiger Eifersucht und stürmischer Leidenschaft, blinder Habsucht und alles riskierender Rücksichtslosigkeit. Hunger kann alle möglichen Laster hervorbringen, vom einfachen Diebstahl bis zur mörderischsten Verleumdung über alle Grenzen der Selbstbeherrschung hinaus. Öffne nur einmal das Tor dieses Reiches, und du siehst mit atemberaubender Klarheit, wie schwimmend die Grenze zwischen Mensch und Tier ist, zwischen dem Tier, das seinen Artgenossen nur vernichtet, um seinen, Hunger stillen zu können, und dem Menschen, den neben diesem tierischen Trieb auch noch die unerbittliche Geißel des Brotneides antreibt, der seinen Mitmenschen vernichtet oder gefoltert sehen will, ohne daß er sich davon irgendwelchen materiellen Vorteil versprechen könnte. ,, Die Wesenszüge eines Engels und eines Tieres miteinander vermischt", so hat Vondel den Menschen beschrieben. Dieser zwiespältige Charakter des Menschen ist nun nicht einfach eine Zusammensetzung aus einem höherwertigen und einem niederen Bestandteil, von materiellen Kräften und geistigen Merkmalen. Es ist vielmehr eine innige Mischung von zwei in sich vollständigen Naturen, von denen jede zu den Höhen und Tiefen des Lebens Zugang hat, die wir als gut und böse bezeichnen. Das Element des Menschen, das ihn den Engeln an die Seite stellt, beschränkt sich nicht auf die Gabe des Denkens und auch nicht darauf, ihm die Kräfte des Geistes für die Bedürfnisse und die Bereicherung seiner leiblichen Existenz zu erschließen. Dieser ,, engelhafte" Bestandteil führt oft gleichsam ein Eigenleben, das zwar noch unter dem Einfluß der tierischen Körperlichkeit steht, aber doch Höhen und Tiefen kennt, die außerhalb jeder Beziehung zu körperlichen Bedürfnissen stehen. Nicht nur der Drang nach Güte und Schönheit um ihrer selbst willen ist ebenso wie das uneigennützige Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit in diesem ,, engelhaften" Leben wirksam, das neben der körperlichen Existenz des Menschen einhergeht, sondern auch die drachenähnliche Vielköpfigkeit der Neigungen, die gerade auf das Gegenteil von dem ausgehen, was gut und schön, wahr und gerecht ist. 126 Der ,, engelähnliche" Teil des Menschen sucht auch nach dem Bösen als solchem und tut manchmal selbst das Böse um des Bösen willen, oder wenigstens einem Antrieb zuliebe, der seinen Anspruch oder Ursprung in keinem anderen Bedürfnis findet als dem einen Impuls, Schaden oder Leid zuzufügen, freien Lauf zu lassen. Das Gute und das Böse als Gegenpole in der geistigen Existenz des Menschen ohne irgendwelche Beziehung zu einer Befriedigung leiblicher Bedürfnisse: Sie repräsentieren den zwiespältigen Charakter der Engelsnatur des Menschen: den eines vernunftbegabten Wesens, das in der Erhabenheit des Geistigen lebt, und den des gefallenen Engels, den die christliche Offenbarung den Teufel nennt. ,, Die Natur eines Engels und eines Tieres zugleich" sind im Menschen beheimatet. Neben dem Tier mit seinen friedlichen und feindlichen Regungen seinen Artgenossen gegenüber lebt im Menschen auch ein Teufel als Kehrseite des Engels. Jeder Mensch birgt in sich einen Teufel, ein zum Bösen tendierendes Prinzip. Und dieser Teufel, der in jeder menschlichen Seele gegen den Engel kämpft, gegen die geistige Macht, die Gottes Ebenbild und die gottähnlichen Züge in sich begreift, dieser Teufel nährt sich von den Unvollkommenheiten des ständig Forderungen stellenden Tieres, als das wir den menschlichen Körper anzusehen haben. Er vermag das Gift seiner Aktivität ebenso gut aus dem Überfluß wie aus der Not zu destillieren. Ohne Zweifel gehört der Hunger zu den wichtigsten Kaperbriefen des Teufels; durch die Waffe des Hungers versteht er es gewöhnlich, jeden menschlichen Widerstand zu besiegen. Aber der Hunger kann auch ein Werkzeug des Engels im Menschen sein. Er nagt mit zermürbender Rastlosigkeit, aber er macht auch unempfindlich für den Mangel an anderer Befriedigung. Er macht den Menschen reizbar und verdrießlich, aber er führt auch dazu, daß man an Speisen Vorzüge entdeckt, die man sonst nicht zu schätzen wußte. Er zerrt die Seele endlos durch die Gossen des tierischen Verlangens nach Nahrung, aber er erhebt das Herz auch zu großmütiger Dankbarkeit für die kärglichsten Almosen. Er läßt das Wissen um die gesellschaftlichen Bindungen zerflattern, die man im gewöhnlichen Leben als geheiligte Konventionen achtet, aber er läßt auch das menschliche Solidaritätsgefühl lebendig werden, bis es in gar keinem 127 . Verhältnis mehr steht zu den ärmlichen Beweggründen für den gegenseitigen Beistand. Er lähmt die Schwingen der menschlichen Gedanken, aber er regt bei der geringsten Besserung der Lage die Phantasie mit einem Schwung an, der sich bis zur Höhe des Dichterischen erhebt. Mit der massiven Gewalt eines Mühlsteines zermalmt er häufig das menschliche Pflichtgefühl, aber schon das geringste Nachlassen seiner Stärke gibt, Antrieben zu heroischer Selbstverleugnung Raum. Er begräbt den Menschen in seiner materiellen Finsternis, aber er kann, kaum zum Stillstand gebracht, dem menschlichen Geist einen Aufschwung geben, der ihn seine Verhaftung im Überirdischen von neuem entdecken läßt. Um zu Czetwertinsky zurückzukehren: Wir waren Kameraden der Feder, und halfen einander gern, geistige Lücken auszufüllen. Georges machte es Freude, von mir einen polnischen Protest gegen die Ungerechtigkeiten zu hören, die über unseren Köpfen zum Ausbruch kamen. Mir gefiel seine angenehme Nüchternheit, die nicht auf die Nerven ging und über die eingebildete ,, Herrenrasse" nur die Nase rümpfte. ,, Sie haben keine Moral!", das war das ebenso lakonische wie sympathisch berührende Zeugnis, das er der Freude der Deutschen an der Machtausübung ausstellte. ,, Sie mögen mich nun einmal nicht", so fand er sich lächelnd mit jedem Dünkel und jeder Grobheit ab. Mit der Feder würden wir uns für unsere Unfähigkeit als Zwangsarbeiter revanchieren. Wir beide schrieben die Briefe für diejenigen, die die deutsche Sprache nicht beherrschten und einmal oder zweimal im Monat Nachricht nach Hause geben durften, daß sie gesund und munter" wären, und die wohl auch einmal um etwas bitten durften, vorausgesetzt, daß sie dabei nicht durchblicken ließen, daß ihnen überhaupt alles fehlte. Die ,,, Kassiber", die oft unbemerkt durch die Zensur gingen, sicherten ihm die Anhänglichkeit der Polen und mir die Freundschaft der Wallonen. Nach deutschem Brauch brauchten wir beide uns nicht mehr an irdische Güter gebunden zu fühlen. Was die Mitgefangenen nicht stahlen, weil es in der Unterkunft der SSWachen eingeschlossen war, das nahm die Wache in ihre persönliche Obhut. Der einzige Unterschied, der zwischen diesen Konfiskationen bestand, war der, daß die Häftlinge nicht zu fragen pflegten, ob wir auch damit einverstanden 128 waren, während die ,, Herren" uns schwarz auf weiß erklären ließen, daß wir ,, freiwillig" auf unsere Besitztümer verzichtet hätten. Auf diese Weise spendete Georges ,, freiwillig" seinen Pelzmantel und ich zwei Drittel meines Kontos. Über die regelmäßigen Plünderungen der Postsendungen. aus der Heimat braucht man nicht mehr zu sagen, als daß es oft recht schmerzlich war zu erfahren, daß Lebensmittel, die sich die Angehörigen für ihren Sohn, Gatten oder Vater vom Munde abgespart hatten, ausgerechnet denen zugute kamen, für die sie am wenigsten bestimmt waren. Natürlich wurde eine solche Entnahme auch schriftlich beglaubigt, denn auf dem Papier wollte das nationalsozialistische Regime so untadelig dastehen wie nur irgend möglich. Noch am Tage meiner Entlassung aus Neuengamme mußte ich unter der Drohung, sonst von neuem eingesperrt zu werden, eine Erklärung unterzeichnen, die nichts anderes bedeutete als eine Preisgabe aller meiner Verletzungen, Wunden, Narben und Verstümmelungen, die als Unterlagen für Schadenersatzansprüche gegen das Lager oder das Reich hätten dienen können. Georges hatte ich auch meine Einführung in die Wissenschaft von den Flöhen und Läusen zu verdanken. Schon bald nach meiner Ankunft im Lager hatte das Jucken angefangen, aber im Anfang war es nur Krätze gewesen. Erst dann kamen die Flöhe mit ihren giftigen Bissen und ihrer Kleinkriegstaktik unter den unzugänglichsten Stellen der Häftlingsuniform. George sprach mir Mut zu, indem er versicherte, daß die Flöhe ohne Zweifel im November verschwinden würden, um den Läusen Platz zu machen. Flöhe und Läuse vertragen sich nämlich nicht miteinander. Das eine Übel war nicht ganz so schlimm wie das andere, denn, wie Georges fand: ,, Die Läuse kitzeln einen nur." Das mochte stimmen, solange die periodisch auftretende Läuseplage noch in ihren Kinderschuhen steckte. Als sie aber in voller Blüte stand, da war sie einfach unwiderstehlich und erbarmungslos aggressiv. Nach Läusen zu jagen, ist fast ebenso nutzlos wie ein Kampf gegen Mücken. Sie kommen über den Fußboden gekrochen und lassen sich wie Spezialisten in der Strategie des Anpirschens von oben herunterfallen. Wenn sie sich einmal auf einem niedergelassen haben, dann bevölkern schon nach ein paar Tagen ganze Kolonien von ihnen restlos Körper und Kleidung. Und das mit einer derartigen Erfindungsgabe beim 9.80 129 Beziehen von Stellungen und mit einer so überwältigenden Begabung zur Fortpflanzung oder Rekrutenaushebung, daß die einzige einigermaßen erfolgversprechende Taktik, die Ruhe und Sauberkeit wiederherzustellen, die Taktik der , verbrannten Erde" ist. دو Wir haben den Entlausungssport denn auch zur Genüge auskosten können. Im Februar 1942 haben wir vollständig nackend unseren Block verlassen, um über den gefrorenen Schnee in eine andere Baracke zu rennen, in der sich zwei Tage und zwei Nächte lang' Hunderte von Gefangenen in einem Raum aufhalten mußten, in dem höchstens einige Dutzend Platz hatten. Vorher hatte man uns so kahl geschoren, daß am ganzen Körper auch nicht ein einziges Haar mehr zu finden war. Als einzige Bekleidung erhielten wir dann Sommerhose und Jacke. Wir hatten weder zum Sitzen noch zum Schlafen Gelegenheit. Die einzige Erwärmung bot uns die körperliche Ausdünstung dieser zusammengepferchten Horde. Und doch war die Läuseplage noch viel schlimmer als diese ekelhafte Prozedur. Resigniert, wenn auch krank vor Müdigkeit, Ungeduld und Reizbarkeit, haben wir uns verschiedentlich einer solchen Entlausung unterziehen müssen. Im Januar 1943 mußten Georges und ich ein paar Abende lang zusammen in der ,, Politischen Abteilung" arbeiten. Eine neue Welle von Häftlingen war angekommen, und Hunderte von Strafbüchern mußten gründlich überprüft werden. Er mußte die Personal papiere der Russen übersetzen, und ich bekam den Auftrag, nachzusehen, welche Personalkarten von verstorbenen Häftlingen in der Kartothek falsch eingeordnet waren.„ Denke daran", ermahnte mich der„ Oberscharführer", , daß Neugier mit dem Tode bestraft wird", und ominöser Weise lag gerade vor mir ein ganzer Stapel von vorgedruckten Rundschreiben, in denen den Angehörigen aller verstorbenen Häftlinge mitgeteilt wurde, daß die Todesursache Herzschwäche gewesen sei. 29 Aber dies war die Chance meines Lebens, endlich einmal zu erfahren, was auf meiner Karte als Grund für die ,, Schutzhaft" angegeben war. Während alle übrigen Anwesenden eifrig mit den Dokumenten beschäftigt waren, benutzte ich die Gelegenheit zu einem kühnen Griff und las zu meiner Unterrichtung als Grund für meine Inhaftierung: ,, Betätigte sich zum Nachteil des deutschen Staates." Das war deutlich 130 A genug, aber was ich zum Nachteil des deutschen Staates verbrochen haben sollte, das war mir immer noch schleierhaft. Ebensowenig wurde mir später offiziell mitgeteilt, aus welchem Grunde ich wieder freigelassen wurde. دور Gemeinsam wurden Georges und ich von der abendlichen Arbeit in der Politischen Abteilung" entlassen, und bald danach kam der Ukas, daß ich als Zwangsarbeiter mit nach Wittenberge sollte. Schon nach einem Monat erlitt ich eine Quetschung an der linken Hand und bekam außerdem eine Lungenentzündung, die zu heftig war, als daß man mich mit einem Krankentransport hätte nach Neuengamme ins ,, Revier" schicken können. Später wurden mir auch noch meine Beine und meine rechte Hand gequetscht, aber doch nicht schlimm genug, um mit dem nächsten Transport als arbeitsunfähig zur Erholung geschickt zu werden. Dann bekam ich obendrein noch ekelhafte Eiterbeulen am linken Fuß und am Kopf, aber auf diesem Wege schien man nicht aus der Sandwüste von Wittenberge herauskommen zu können. Mir ging es genau so, wie es schon vorher drei Niederländern ergangen war: Man sprach zwar von Entlassung, aber mit Bestimmtheit wußte niemand anzugeben, ob etwas Wahres daran sei. Ende November 1943 sah ich Georges in Neuengamme wieder. Er hatte noch immer den gleichen kühlen, offenen Blick, und rauchte noch immer seine halbe Zigarette nach dem Essen. Seine Figur war kräftiger und seine Haltung sicherer geworden. Befördert hatte man ihn! Dank dem Arbeitseinsatz und den ständig neu ankommenden Tausenden von Häftlingen hatte sich der polnische Fürst bis zum Rang eines ,, Magaziners" hinaufgearbeitet. Er hatte nicht viel Zutrauen zu der Mitteilung, daß ich nach Hause kommen sollte. Er glaubte es erst, als er schlieẞlich ein Lebenszeichen aus Breda erhielt. Und kaum ein Jahr später kam er auch dorthin. Am 1. November 1944 saß er mit triumphierender Miene als Leutnant in englischer Uniform bei mir zu Hause, drei Tage, nachdem Breda von den polnischen Truppen der britischen Befreiungsarmee genommen worden war. ,, Aber Georges, wie hast du das bloẞ fertiggebracht?" ,, Na, ich hatte dir doch auf alle Fälle versprochen zu kommen, und als im August ein Kommando von Neuengamme nach Frankreich abgehen sollte, da sagte ich mir, daß das doch mehr in deiner Nähe wäre. Keiner durfte mit, der sich auf 131 Französisch verständigen konnte, aber das war natürlich nur ein Grund mehr, endlich mal wieder die Luft der Freiheit zu atmen. So bin ich zusammen mit Russen, Polen und ein paar Deutschen zuerst nach Köln und später in die Nähe der Front gekommen. Dort erlebten wir einen Bombenangriff, und diese Gelegenheit habe ich mit noch ein paar anderen zur Flucht ausgenutzt. Für das übrige sorgte der ,, Maquis", und im Oktober war ich schon bei der polnischen Armee. Gerade eben bin ich aus Tilburg gekommen. Ich bin dort. bei den ,, Civil affairs". Natürlich mußte ich dich unbedingt sehen: Ist dein Buch schon fertig?" In Neuengamme hatte ich ihm versprochen, später einmal ein Buch über die Konzentrationslager zu schreiben. Dieses Versprechen habe ich hiermit eingelöst. Abgeschlossen im Winter 1944/45