22.499.912 Univ.- Bibl. Giessen Alle Rechte, besonders das der Uebersetzung und Verfilmung, vorbehalten. Für Amerika: Copyright 1945 by ADALBERT UTSCH Ottobeuren. Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel, Memmingen. Druck: Jos. Feiner& Co., G. m. b. H., Memmingen/ Bayern. Brben BEGEGNUNG „Bert, damals war es in meinem Filmstudio in Neubabels- iberg, als Du mir als Unbekannter ein Filmszenario vorlegtest. Es war zu jugendlich, ich mußte Dich. fortschicken und doch habe ich Dich in Erinnerung. behalten— immer! Jeder ist seinen Weg gegangen. Es war die Zeit des Umbruches 1933. Ich zog es vor, Deutschland zu verlassen. Ich hatte erkannt, wohin es führte: zu Krieg, Elend, Untergang. Nur die Eltern verbanden mich noch mit der Heimat. Meine Erkenntnis führte zum Haß gegen diejenigen, die das Verderben brachten. Meine Karriere in Deutschland ging zum Teufel. Ich wußte um das KZ, denn ich hatte jüdische Freunde und sie galt es zu befreien, bevor ich ins Ausland ging. Getarnte Querverbindungen und persönlicher Mut versetzten mich in die Lage, einen Doktor Salomon, einen Ledermann, Widmann und andere zu befreien. Viele aber blieben zurück, wie Vieh ins KZ getrieben. Familien von Freunden wurden zerstört, vernichtet wurde blühendes Menschenleben und schöpferischer Tatendrang. Ich verlor die Besten meines Berufes. Im Ausland schlug ich mich durch. Sehnsucht trieb mich zu meinen Eltern wieder nach Deutschland und hier begann 1938 auch für mich die Verfolgung durch die Gestapo. An Beruf, an filmen, an Berlin, war nicht mehr zu denken, ich war verfemt. Mit meiner gleichgesinnten Frau zog ich nach Schlesien und betrieb ein Fuhrunternehmen! Mit mir ein Tscheche Alois Sousek als Fahrer, ein Mann gleicher Gesinnung und gleichen Schlags; wir schworen uns, solange zusammenzuhalten, bis wir wieder eine freie Heimat hätten, er, wie ich. Es gesellten sich die französischen Kriegsgefangenen Verlaguet Marius und Crass Georges im kleinen Städtchen Bad Landeck, Grafschaft Glatz, zu uns und wir fühlten uns verbunden in unserer gemeinsamen Einstellung. Die Ausländer fanden in mir den Menschen und Freund. Ehrliche Freundschaft verband uns. Die Kreisleitung beobachtete unsere Zusammenkünfte, stellte mich und zog mich zur Verantwortung. Dort vertrat ich meinen Standpunkt. Verhaftung! Haussuchung! Man fand Briefe aus England und Holland von Sir Simon. Konspiration mit Ausländern! Ich mußte strafschanzen, zusammen mit Professor Vanoucek und anderen. Ich entschloß mich zur Flucht. Es drängte mich in die Nähe meiner Familie. Sechs Wochen lebte ich versteckt, da wird meine Frau verhaftet. Ich will mich stellen, aber zuvor mein Kind nochmals sehen und werde, den Jungen in den Armen, laut Steckbrief verhaftet. Grund: Meine Flucht, Freundschaft mit Ausländern, abfällige Äußerung gegen Partei und Führer, Verbergung von GestapoVerfolgten und Fahnenflucht. Ja, Fahnenflucht, weil ich ge6 äußert hatte: ,, Für Verbrecher und gegen meine Befreier kämpfe ich nicht!" Elf Wochen Einzelhaft ohne Vernehmung mit geschmiedeten Fesseln in der Zelle, dann Strafarbeitslager Schönau. Die Familie wußte nicht, wo ich war. Meinem Vater sagte man, solch einen Sohn hätte man über den Haufen schießen müssen. Am 7. Mai 1945 kamen die Russen als Befreier. Meine Frau und den Jungen suche ich seither. Ob ich sie wieder finde, weiß ich nicht. Mein Suchweg führte mich nach Ottobeuren und da begegnete ich Dir. - Ja, Du bist in der Heimat geblieben. Ich kenne Deinen Kampf, den Du damals führtest. Er war persönlich, es ging um die Existenz. Du versuchtest, Dich mit Novellen und Filmmanuskripten zu entwickeln und Deinen kleinen Verlag auszubauen, aber das Schicksal hat Dir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Deine Frau war dem Wahnsinn verfallen und Dir blieben die Sorgen um die zwei Kinder. Da kam die Gelegenheit, als Bibliothekar zu wirken. So wurdest Du mit einbezogen in das Getriebe jenes Staates, auf den ich damals schon mit Verachtung blickte. Du hast gearbeitet, Dich intensiv dem Sammeln und Ordnen von Büchern gewidmet, während um Dich das Leben die Formen annahm, die Deutschland zur Vernichtung bringen mußten. Unvermeidlich bist Du Soldat geworden, einer von den vielen Millionen, die um ein Phantom kämpfen mußten. Dein Weg führte Dich nach Polen. Erst dort hat Dich die Erkenntnis durch den tieferen Blick wach werden lassen. Und eines freut mich nun: Du bist der Mensch geblieben, wie ich das nicht anders erwartet habe. Treu Deiner innersten Überzeugung, trotz Verkettung in besondere Umstände, hast Du auf Deine Art gekämpft. Dir zur Seite stand Deine zweite Frau, die Dir mit klarem Blick restlos die Augen öffnete. Trotz Verpöhnung seid Ihr beide an den katholischen Traualtar getreten, als Ihr Euch 1941 vermähltet. Ihr habt es gewagt, bedrängten Polen Freundschaft zu halten und die Rechte der Menschlichkeit zu wahren. Ihr habt offene Kritik den SS- Methoden gegenüber geführt. Jetzt reiche ich Dir die Hand. Das übrige spricht Dein Buch selber; weiter ist es erforderlich für alle, die guten Geistes sind, an der Aufklärung zu arbeiten und auch den immer noch blinden Spießern zu zeigen, was das Deutschland ver7 brochen hat unter der Führung, unter welcher es stand. Gerade Du hast durch Deinen tiefen Einblick in das ganze Zeitgeschehen die Verpflichtung, aufklärend zu wirken und mitzuhelfen, den Augiasstall zu säubern, der noch in den Hirnen vieler Deutscher steckt. Dein Programm weiterer Schriften trägt das schon in sich und ich wünsche, daß mit diesem kleinen Anfang, der vorliegenden Schrift, eine Folge von ebenso lebensvollen Schilderungen der verschiedenen Probleme, die uns bewegen, fortgesetzt wird. Wenn das Konzentrationslager einen großen Sinn zu erfüllen hat, so ist es der, daß aus dieser Hölle befreite, berufene Menschen mitarbeiten an der Völkerverständigung und durch ihr Wissen um das Leid beitragen, wieder wirkliches Menschentum zu fördern. Aber zunächst gibt es nur einen Weg, und das ist kompromißlose Offenheit gegenüber der letzten Vergangenheit Deutschlands; und diese zu schildern, bist Du der rechte Mann. Ich selbst als Kenner vieler Länder, als Filmreisender in Australien, in Niederländisch Indien, vor allem in Amerika, habe mir, als ich das erste Mal die Staaten besuchte, eine große Vorstellung beim Anblick der Freiheitsstatue gemacht. Sie ist für uns nun nicht nur Symbol der Freiheit, sondern lebendige Gestalt der Befreiung Deutschlands aus seinem tiefsten Niedergang geworden! Ich weiß, wir werden mit vereinten Kräften, jeder an seiner Stelle, ich im Film, Du in der Publizistik, unsere Kraft einsetzen als freie Weltbürger für ein besseres Deutschland. Dafür waren wir KZ- Kumpel! 21.8. 45. 8 Dein Bert Irving." DER GALGEN Es zittern die Hände, Es wanken die Wände: Vor den Baracken ein Häftling den Galgen zimmert. Im Hof ein armer Hilfloser wimmert.—' Nun ist es so weit: ‚Schon wieder die Zeit Zur Versammlung, zum Abendappell! In der Mitte steht das Mordgestell!— Es strömen herbei die großen Massen, Die zwanzigtausend Lagerinsassen, Aus der Buden drückender Enge.® Vorn die Capos in despotischer. Strenge.- Die Menge im Zebragewand, Auf dem Platz, im dürren Sand, Muß Stunden um Stunden stehen, Um dann das Schauspiel anzusehen: Mit fahlem, falschem Gesicht Der SS-Mann verkündet Himmler’s teuflisch Gericht. Und mitten durch die Menge wankt, dem Tod verschrieben, Gekettet, der Hilflose, von$$ dem Galgen zugetrieben. Den Fallstrick legt er sich selber um. Alles blickt lethargisch stumm. Da hebt zum Gruß der Scheidende nochmals die Hand, Und alle haben seinen Spott und Mut und Gott erkannt. Der Galgen knarrt, der Körper fällt.— Die Menge starrt, den Atem hält!- 25. 7. 1945. Bert Utsch. 9 KZ- HÄFTLING 52478 Und wenn das Elend alles mir geraubt: So preis' ich's doch: Die Wahrheit lehrt es mich. Sturz ins Elend. Goethe. Nun sind wir im gefürchteten Quarantäneblock. Die Welt ist für uns abgeschlossen. Niemand hat hier Zulaß. Der Block ist auch innerhalb des Lagers hermetisch verriegelt. Ein ständiger Torwächter hat für den Verschluß Sorge zu tragen. Nur selten kommen hier SS- Leute von der Lagerwache oder von der Kommandantur herüber. Keiner will Zeuge sein von dem, was hier geschieht, was hier täglich, stündlich an Quälereien und Greueltaten vor sich geht, wie hier der Dezimierungsprozeß der grauenhaftesten Infamie, die je von Menschenhand erdacht wurde, seine himmelschreienden Triumphe feiert. Vor dem Block ist Antreten. Das schrille Kommando erinnert an den preußischen Militär- oder Kadettenkorpsdrill, so laut und entnervend wird gebrüllt. Nun aber beginnt ein Jagen und Hasten unter den gerade erst eingelieferten Schutzhäftlingen, ein Treten und sich gewaltsam zu dem kleinen Eingang Vorschieben. Einer boxt den anderen, der Nächste kommt zum Sturz, fällt auf den Boden nieder, andere fallen über ihn her und dazwischen schleudert der Stock des allgewaltigen Pironje*, der aussieht wie ein SS- Mann in Zivil, so daß man nicht weiß, ist er Häftling oder SS. Durch das kleine Fenster des Blocks brüllt eine Stimme: ,, Geht das nicht schneller mit den Zugängen? Ich werde Euch schon zeigen und auf die Beine helfen!" Und infolge der Anfeuerung durch den uniformierten SS- Blockführer schlägt Pironje noch wuchtiger auf die am Eingang Herausdrängenden. Das Antreten selbst ist schon eine Tragödie! Wie alles Tragödie ist, was im Lager vor sich geht! Es handelt sich ja nicht um gemustertes Menschenmaterial, das zu militärischer Ausbildung ausgewählt wurde, sondern um eine Auslese von Menschen aller Lebensstufen und-verhältnisse. Ja, in der Hauptsache sind es Gebrechliche, Kranke, Greise, Sieche und * Dieser Pironje ist ein krimineller Häftling aus dem oberschlesischer Kohlengebiet, der gerne polnisch spricht. 10 dazwischen nur einige junge, kräftige Gestalten. Man hat ihnen die Stöcke, die Prothesen und alles, was sie brauchen, eben bei der Einkleidung abgenommen. Nun bewegen sie sich hilflos, voller Angst und Entsetzen, voller Bangen und Herzklopfen, zu dem befohlenen Platz. Sie sollen in einer Reihe aufmarschieren. Da fängt einer an, laut zu brüllen. Die Laute sind aber nicht verständlich, es muß ein Ukrainer oder Russe sein: dazwischen hört man laut und deutlich: ,, Hilfe, Hilfe, ich kann nicht mehr, ich will nicht, macht was ihr wollt!" Es sind die eben vor der Türe zu Fall Gekommenen, von denen einer nur einen Fuß und keinen Stock hat und sich leichenblaẞ vorwärts bewegt. Der andere, ein alter Mann, der beim Aufruf in schwere Atemnot geraten ist, hat offenbar einen schweren Asthmaanfall bekommen...Ihr Schweine seid die Suppe nicht wert und die gute Aufnahme, die Ihr hier gefunden habt, denn keiner von Euch dürfte noch am Leben sein, wenn es nach dem Rechten ginge!", brüllt der Pironje. Er richtet die nun aufgestellten Menschen aus, immer mit Hilfe seines gefürchteten Stockes, mit dem er erst wild und wahllos dazwischenschlägt, dann aber die Einzelnen traktiert, wenn sie nicht schnurgerade stehen. Noch ist keiner daran gewöhnt, in den plumpen Holzpantinen, die sie nun das erste Mal tragen, zu laufen. So ist jeder Schritt eine Qual. In dem dünnen Mantel, der außer einem zerrissenen Lagerhemd zunächst die einzige Bekleidung des zitternden Körpers ist, kann sich keiner wie sonst im normalen Leben bewegen. Während des Antretens werden die am Vorabend mühsam aufgenähten Nummern und Kennzeichen der Schutzhäftlinge abgerissen und jeder, dem dies passiert, wird mit schallenden Ohrfeigen bearbeitet und darauf verwiesen, die Nummer und das Häftlingszeichen so, wie es der Pironje will, an den Mantel zu nähen. Woher aber die Nadel, woher den Faden nehmen? Das weiß keiner! Angstvoll überlegt man schon, wie man es machen soll, diese Utensilien zu erlangen, ohne dabei geschlagen zu werden, denn der Schrecken vom Vorabend, als es galt, sich lagerfertig zu machen, steckt jedem der Zitternden, Hungernden und Frierenden in den Gliedern. Dies ist der erste Tag. Nun werden in diesem hermetisch abgeschlossenen Hofraum Marschübungen gemacht und die mühsam wankende Kolonne von 200-300 Mann bewegt sich 11 nach polnischer Kommandosprache in Schwenkungen langsam vorwärts. Wer nicht kann, will nicht, heißt es und wird gezüchtigt. Weil ein erheblicher Teil durch das stundenlange Marschieren nach wild durcheinander wirbelnden Kommandos konfus wird, läßt man die ganze Gruppe sich auf die Erde legen und wieder aufstehen, wieder auf die Erde legen und wieder aufstehen, bis viele nicht mehr können und liegen bleiben und dann mit Stockschlägen gezwungen werden, mitzumachen, obwohl bereits eine winselnde und jammernd anklagende Menschenmusik die Begleitung dieses Trauerzuges ist. Nach dem nicht enden wollenden Tagesmarsch wird in den Block gerückt. ,, Hast Du es ausgehalten?", frage ich Otto, den ich von der Reise kenne. ,, Wenn mein Bruch nicht wäre", flüstert mir dieser zu ,,, aber ich laß mir nichts anmerken, sonst bin ich gleich unten durch und bleibe liegen wie die drei da draußen." ,, Weißt Du schon", frägt Otto ,,, einer ist schon tot! Die anderen beiden haben sie weggeschafft." Im selben Moment kracht unter uns die lange Bank, auf der wir, zusammengepfercht, uns niedergelassen haben. Ein Häftling, neben dem anderen in drückender Enge zusammengepreßt, machte eben noch dem anderen den Platz streitig, da zog man unter uns die Bank weg und alle 15 bis 20 Mann lagen rücklings am Boden. ,, Ich werde Euch Privatunterhaltung geben, wenn Ihr am Tisch sitzt", fistelte eine schrille Stimme; es war die eines Rothaarigen, der die ganze Zeit im Block verblieben war. An dem grünen Winkel und der niedrigen Nummer war zu erkennen, daß er ein älterer Lagerinsasse und Berufsverbrecher war, aber viel zu sagen hatte. Wir verstanden nicht, wieso ein Lagerinsasse derart mit uns umging. Ein Aufbegehren unsererseits ließ sofort den Pironje erscheinen, der uns tobend belehrte, wir hätten dem Rothaarigen zu folgen, er wüßte schon, wie er uns zu erziehen habe. Otto gab mir ein Zeichen des Einverständnisses und wir schwiegen. Die lautlose Stille wurde unterbrochen durch die satanischen Flüche des Pironje, der offenbar wieder irgendwelche Kommandos ausgab. An einem Tisch wurden den einzelnen Schutzhäftlingen kleine Habseligkeiten, wie Taschentücher, Lebensmittel, Tabakdosen, abgenommen und jetzt kam auch für unseren Tisch das deutliche Kommando: ,, Sachen abgeben!" 12 Das, was wir uns mühsam bei der Einkleidung an Kleinigkeiten zu erhalten verstanden hatten, mußten wir nun herausgeben. Angeblich sollte das nur eine vorläufige Maßnahme sein, damit uns diese Dinge nicht von den anderen gestohlen würden. In Wirklichkeit aber ahnten wir schon, daß uns nun auch das allerletzte, was wir aus dem zivilen Leben noch mit Mühe herübergerettet hatten, von diesen gedungenen, SShörigen Kerlen, die hier das Regiment führten, abgenommen würde. Bald häuften sich auf dem Tische da eine Wurst, hier Zuckerstücke, Sacharintabletten, Zigaretten, kleinere Tabaksmengen, Pfeifen, Medikamente, und für alles wußte. Pironje strenge Verbote der Lagerordnung, wonach das Behalten gerade dieser Sachen höchste Strafen nach sich ziehe. Ja, man fand in einem Taschentuch zerknäuelte Geldscheine ,. und das war nun angeblich der Hauptgrund, daß zur Strafe alles, was auf dem Tische lag, einbehalten blieb. Die auf diese Weise geraubten Habseligkeiten wurden behutsam in einen Winkel der Stube gebracht; nachher sah man, wenn man den Überblick behalten konnte, den Blockführer zum Pironje kommen und dann wurde all das, angefangen von der Ölsardinenbüchse, dem Marmeladenglas und aufhörend bei den kleinen Sacharintablettchen, in ein Tuch gewickelt und von dem Uniformierten unter dem Arm hinausgetragen. Natürlich hatten Pironje, der Blockältester des Zugangsblockes war, und seine drei Helfershelfer, böse Kreaturen, die uns gemeinsam in Abwesenheit des SS- Blockführers zu beaufsichtigen hatten, auch Beute gemacht und bezogen so einen Profitsold, von dem sie reichlich lebten. Der Vorgang war zu primitiv, um nicht doch die Empörung Einzelner hervorzurufen, die sich nicht scheuten, Pironje offen. anzusprechen. Es entspann sich eine laute Debatte inmitten. der Bude; ein großgewachsener junger Mensch, mit harten Zügen im Gesicht, forderte Pironje auf, seine drei Zigaretten, die er abgegeben habe, zurückzugeben. ,, Du Schwein weißt offenbar noch nicht, wo Du bist", und schon wollte Pironje zum Schlag ausholen, aber energisch antwortete der Betroffene: ,, Ich weiß wohl, wo ich bin, und dennoch wirst Du mir die Zigaretten geben! Mit mir machst. Du diese Sachen nicht, ich bin Zurückgeführter. Ich kenne ein halbes Dutzend Lager in Deutschland, also raus mit den Zigaretten oder -166 13 Man merkte sichtlich, wie Pironje klein wurde. Er blinzelte dem Gegenüber zu und hieß ihn mitgehen. Sie verschwanden dann aus der Tür; man sah noch, wie Pironje hinten aus dem Winkel eine Handvoll Zigaretten holte und der Zurückgeführte wurde nie mehr auf dem Zugangsblock gesehen. Später stellte sich bei Gelegenheit heraus, daß Rückführer oder aus einem anderen Lager Überführte, um die Technik der Methode nicht zu stören, grundsätzlich nicht in den Zugangsquarantäneblock, sondern immer gleich in das eigentliche Lager befohlen wurden. Um seine Autorität wieder voll herzustellen, schlug Pironje nun auf Tische und Häftlinge mit laut krachenden Schlägen ein. Es wagte keiner mehr aufzumucksen. Den Kopf gebeugt, stierte man auf die Tischplatte. Manch einer wimmerte, vom Schlag des Stockes getroffen. Mir war es unbemerkt möglich gewesen, mit Otto ein paar Worte zu wechseln: ,, Wir halten durch, mag kommen was will! Wenn wir zu Zweit sind, geht es schon etwas leichter!" Das hatten wir gestern mit der Nähnadel und dem Faden gesehen. Der eine ergatterte. dies, der andere das, und da konnte man wenigstens das Nummernschild und den roten Winkel als politischer Häftling eingermaßen richtig aufnähen. Jetzt ging dieser Tanz weiter. Es wimmelte von diesen roten, grünen, violetten, schwarzen Dreiecken und von den gelben Davidssternen für Juden, die eifrigst auf die silbergrau- blau gestreiften Mäntel genäht wurden. Ein angstvoll feilschendes Kämpfen um die Zubehörsachen wurde geführt, als ginge es um große Wertstücke und nicht um diese kleinen Dreiecke und Sterne, die für 10 000 kommende neue Schutzhäftlinge des Dritten Reiches bereitlagen und auch wieder von Schutzhäftlingen auf irgendeinem Block angefertigt werden mußten. Otto sagte mir, daß er gehört habe, morgen müßten wir alle Schuhlaufen. Was das ist, wüßte er noch nicht. ,, Aber sieh zu, daß wir zusammenkommen!" Ich entgegnete: ,, Gemacht“ und steckte ihm die Hälfte eines von der Abgabe geretteten kleinen Stückchens Kuchen, das ich zwischen meinen Beinen versteckt hielt, zu. ,, Von Elisabeth noch", sagte ich, traurig werdend und daran denkend, daß die Welt nun für lange, lange Zeit für mich verschlossen sein wird und doch hoffend, daß sie noch einmal wiederkommen würde. So aßen wir heimlich und geduckt das kleine Stück süßer Krumen. 14 Ich bin kein Mensch mehr. Es war gegen 6 Uhr abends. Draußen wurde es bitter kalt. Es dunkelte zusehends. Das Kommando ertönte: ,, Vor dem Block antreten!" Es war dies die Zeit, da das ganze Lager aufmarschierte; nur durch die Gitter des abgesperrten Blocks konnte man den unheimlichen Aufmarsch unübersehbarer Kolonnen und großer Formationen, Männer in Zebra, knapp erspähen. Die Stunde des großen allabendlichen Lagerappells war da, der hinter verschlossenem Gitter durchgeführt wurde. Was sich nun aber ereignen würde, wußte keiner. Im Anschluß an den Appell sollten wir dem Lagerkommandanten vorgestellt werden. Man ahnte nichts Gutes. Die Zeit zog sich lang hin. Husten und Räuspern waren die einzigen Laute der in eisiger Kälte Wartenden, dazwischen barsche Zurechtweisungen des Pironje, bis der SS- Blockführer erschien und die Zählung vornahm. Wir wurden in Gruppen sortiert, wie z. B. politische Häftlinge mit roten, Homosexuelle mit rosa, Bibelforscher mit violetten, Berufsverbrecher mit grünen, Asoziale mit schwarzen Winkeln und Juden mit gelben Sternen, die alle in Gruppen für sich aufgestellt wurden. Als dann nach eineinhalb Stunden grimmigen Frierens der Appell vorüber zu sein schien, wurde von dem Rothaarigen die Gittertür zum Eingangsblock geöffnet und es ging geradewegs dem Tor zu, durch das wir vorgestern ins Lager gekommen waren. Dort wurden wir, nach unseren farbigen Winkeln gruppiert, vorgestellt. Der Lagerkommandant, mit umgeschnallter Pistole, begleitet von einigen SS- Leuten, schritt die Reihen ab und frug jeden Einzelnen nach seinem Vergehen. Sehr oft hörte man die Antwort: ,, Ich weiß nicht, warum ich hier bin!" Ich sah, daß diese Leute aufgeschrieben wurden. Ich ahnte, daß dies Schlechtes zu bedeuten habe. Ich war nun einmal im Lager und versuchte, mich irgendwie mit der Situation abzufinden, und so grübelte ich darüber nach, was für ein Verbrechen ich vorbringen sollte. Es wollte mir nichts einfallen, was ich hätte sagen können. Doch verstrich die Zeit. Da sah ich einen, der wie zu einer Verteidigungsrede mit den Händen gestikulierte; er wurde von einem hinter dem Lagerkommandanten stehenden SS- Mann mit einem kleinen, aber offenbar sehr kräftigen Stock auf die Hände geschlagen und dem aufschreienden Häftling bedeutet, er wüßte wohl nicht, mit wem er da spräche! 15 Mir bangte beim Näherkommen des Allgewaltigen, und als. die Reihe an mir war, sagte ich kurz entschlossen: ,, Ich habe des öfteren abfällig über die SS gesprochen." Die Wirkung war gegenteilig, als ich erwartet hatte. Ich wurde dennoch mit aufgeschrieben, obwohl ich beobachtet hatte, daß nur diejenigen notiert wurden, die gar nicht wußten, warum sie im Lager waren. Von diesem Moment ab überkam mich ein beklemmendes Gefühl; wie im Taumel ging dann alles Weitere vor sich. Aber es gab einen Lichtstrahl: von einigen Häftlingen, die mich zuvor mißtrauisch betrachtet hatten, erhielt ich einen Zuspruch, der sich in ihren Blicken äußerte. Ich sah in den Augen der Leidenden Freude und sogar einen Unterton eines nicht totzukriegenden Humors selten starker Naturen. Das ging aber alles so schnell, daß ich mich kaum mehr erinnere, wie ich dann wieder in unsere Quarantänebude gelangt bin. Nur eines weiß ich, daß in dem Augenblick, da der Lagerkommandant vom Präsentierteller verschwunden war, die drei SS- Leute uns hetzten und trieben und wir wie gejagtes Wild zu unserem Gitter zurückströmten. Auch die, welche nicht laufen konnten, hatten einen rasenden Furor in sich, als stände hinter diesem Gitter unser Heil und Schutz.- ,, Ihr Schweine, Ihr Säue, Ihr Grobzeug, das kein Gott geschaffen hat! Bestien, macht zu! Lauft oder wir legen Euch gleich um", brüllte es hinter uns her, und die letzten, die in ihren Pantinen humpelten und rutschten, schrien laut auf unter den Tritten und Fäusten der SS- Leute. Es wurde nacht und dunkel.- ,, Wie heißt Du mit dem Vornamen?" beginnt Otto;„ Bert", sage ich ,,, nennt mich meine Frau zu Hause, eigentlich Adalbert." Also weißt Du, Bert, was Du heut gemacht hast, war ein großer Fehler. Du bist zu offen, das wird Dir immer schaden, hier wird es Dich vielleicht sehr bald zugrunde richten", sagte er in seinem sympathischen, österreichisch gefärbten Dialekt. ,, Mensch, Otto, ich wußte nicht, was ich sagen sollte, aber ich war mir klar darüber, daß es irgend etwas sein mußte. Und so ist mir das herausgeplatzt. Es traf ja auch zu und ich weiß genau, daß der als biederer Kaufmann getarnte, wie ich später erfuhr, Vertrauensmann der SS, Erich Roesmann in Lemberg, mich nur einlud, um meine Meinung über SS und Gestapo zu erkunden, um sie brühwarm nach Krakau zu bringen, wo er sich beim Höheren SS- und Polizeiführer Liebkind machte." 16 Ja, aber weißt Du, daß Deine Angabe für Dein Lagerleben von entscheidender Bedeutung sein kann!" Ich wußte es nicht, aber ich fühlte es jetzt und frug:„ Was denkst Du denn, was nun ist?" 99 ,, Ich glaube, Du kommst in ein strenges Kommando." ,, Was ist das, Kommando?" ,, Du hast doch gehört, das ganze Lager ist aufgeteilt in einzelne Arbeitskommandos und außerdem befinden sich, wie mir vorhin einer sagte, auch noch Außenkommandos hier und da sind die gefürchteten Todeskommandos dabei, von denen kaum einer zurückkommen soll." ..Ja und meinst Du, weil ich da aufgeschrieben wurde, werde ich bestimmt in ein solches Kommando geraten?" ..Ich weiß nichts, aber Du mußt auf der Hut sein, laß Dir das von mir sagen." ,, Ich danke Dir, Otto, ich habe kapiert." Hunger quälte, Durst tat weh. Jeder empfand das. Jeder sah den anderen an, als könnte er von ihm etwas bekommen. Nur in dem Winkel hinten wurde geschäftig hantiert und die vier Blockaufseher schienen sich für kommende Gemeinheiten zu stärken. Das gedämpfte Licht einer schwachen Glühbirne ließ nicht erkennen, daß mittlerweile ein uniformierter SS- Mann eingetreten war, und nun setzte ein Toben und lautes Brüllen ein und im Nu war die Bude wieder leer; alles mußte hinaus auf den vergitterten Hof. In der Dunkelheit kannte keiner den anderen, alles stieß aufeinander, kreischte und wimmerte, dazwischen donnerten die Kommandostimmen der Befehlsgewaltigen. An den grellen Schreien konnte man hören, daß immer wieder mit Knüppeln dazwischengeschlagen wurde, und so wurde das Manöver ,, rein und raus", von der Bude in den Vorhof, mindestens sechsmal wiederholt, bis keiner mehr wußte, was er eigentlich sollte. Da hörten wir den SS- Mann: ..Der Lagerkommandant hat ausgesetzt: solche Zugänge, wie Euch Krüppel, hat er noch nie erhalten! Ich habe gesehen, welche Bande ich vor mir habe, die nicht einmal einen SS- Dienstgrad respektiert. Aber Ihr sollt mich noch kennen lernen, das ist nur der Anfang. Hier sind Kreaturen dabei, die behaupten, nicht zu wissen, warum sie im Lager sind. Welche Schweine waren das? Vortreten!" ,, Es sind viel mehr", schrie er, nachdem drei sich aus der bedrückenden Enge herausmanövriert hatten und nun 2. Bg. Utsch, KZ vor 17 den bestialischen Uniformierten zu stehen kamen. Langsam wurden es immer mehr. ,, So, das sind die Helden!" Er klopfte dann an das Fenster und es erschien eine Gestalt, von der wir auch zuerst nicht recht wußten, ist es ein Häftling oder ist es ein SS- Mann. Sie trug eine Binde auf einer beim Nähertreten erkennbaren gut aussehenden Lagerjacke, und da ich an einem Tisch ziemlich nahe stand, konnte ich ein großes Z auf der Binde erkennen. ,, Schreib Dir diese Leute auf", befahl der SS- Mann. ,, Einer ist dabei, der sich nicht melden braucht, für ihn haben wir eine besondere Überraschung. Wir können warten, auch mit den Strafen." Dann brüllte er: ,, Wegtreten!" Verdugt über den unerwarteten Befehl blieben noch einige stehen; die wurden mit Fußtritten aus dem Rampenlicht zurückgeschleudert und damit verschwand der SS- Mann in Begleitung des anderen mit dem großen Z am Arm. Verschüchterte, verstörte, leicht erhitzte Gesichter blickten einander an, keiner dachte mehr an Hunger; da erschienen die Essenholer mit den großen Kübeln, aus denen es leicht dampfte. Es gab einen Schlag bräunlichen Getränks, das Kaffee sein sollte, zwei dünne Scheiben Kommißbrot, dazu etwas Margarine. Bei dem Verteilungsprozeß war bezeichnend das Gehabe der Quarantäne- Aufsichtsleute, welche sich den Löwenanteil des Fettes sicherten und dann um so gerechter den Rest für die einzelnen Tische aufteilten und hier wiederum einen Häftling bestimmten, die Verteilung vorzunehmen, ihn aber drohend anraunzten, ja gerecht zu sein. Das war die Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit des Dritten Reiches! ,.Bert, iß das Brot nicht auf", mahnte mich Otto. ,, Hast Du auch verstanden, wie sie Dir drohten?" Ich war geknickt und besonders unruhig, weil ich ahnte, daß dies für die nicht Aufgerufenen ein schlechtes Omen bedeutete. Was mit den anderen, die nicht wußten, warum sie im Lager waren, vor sich gehen sollte, war ja auch noch nicht geklärt, aber alles deutete darauf hin, daß mein Strafausmaß durch neue Gemeinheiten erhöht werden sollte. Ich grübelte. Aber dann zerschlug mir Otto die Gedanken, indem er meinte: ,, Vielleicht ist es auch wieder gerade Dein Glück, wenn Du gleich zu Anfang alle Schikanen des Lagers erfahren mußt. Kopf hoch Bert! Wir halten zusammen und 18 ich werde Dir immer helfen, wenn es geht. Aber weißt Du, was ich habe?" ,, Kann ich mir denken", sagte ich ,,, Du wirst mit Deinem Bruch zu schaffen haben; es war ja fürchterlich heute. Und) wer weiß, was uns diese Nacht noch bevorsteht? Hast Du schon gehört, es sind so viel neue Zugänge gekommen, daß der Quarantäneblock überfüllt ist; jetzt sollen wir zu Dritt auf einem Strohsack liegen. Wie das wird, kann ich mir nicht vorstellen. Die Müdigkeit wird es schon schaffen. Wenn nur nicht wieder mitten in der kurzen Nacht das furchtbare Gegröhle und Stöhnen dazwischenkommt." ,, Weißt Du schon, der Salomon ist auch gestorben, vorhin haben sie ihn vom Abort rausgetragen." 99 6: , Was, der ist schon tot? Am, Alex" war er noch so voller Hoffnungen und der alte Alich hat ihm noch Gedichte vorgelesen; ich kann das nicht verstehen. Der vierte, den ich schon vom Transport her kenne, lebt nun nicht mehr." Das war unser abendliches Gespräch. Tote, Tote und lebende Tote! Beim Schlafengehen ging es verhältnismäßig still zu heute. Scheinbar waren auch die Wachhabenden müde und zu faul, sich um uns zu kümmern; auch die Deckenausgabe war ruhiger als gestern, und jeder hatte nur die Sehnsucht, sich lang zu legen. Wenn es auch noch so eng war, so war es doch warm. Warm, nachdem man SO durchgefroren war bei dem langen Stehen. Ich dachte an meine Frau; was ist nun mit Elisabeth? Endlich schlief ich, schlief fest, bis wir morgens halb fünf Uhr aus den rohgezimmerten dreistöckigen Bettstellen purzelten. Das laute Rufen vom Bettenbau ertönte, und kunstfertig mußten die Strohsäcke bügelbrettglatt zurechtgestrichen werden, um den Ansprüchen des Pironje, der mit polnischen und oberschlesischen Flüchen und seinem Stock herumwütete und heftig dreinschlug und seine Helfershelfer anstachelte, Genüge zu tun. In wenigen Minuten war der Raum geleert. Schuhläuferkommando! Im Anschluß daran wurden wir dann zur Ausgabestelle der Schuhe gebracht. Aus einer kleinen Fensterluke wurde jedem ein Paar Schuhe verabfolgt. Große und kleine Schuhe, wie 2* * Alexanderplatz in Berlin mit dem Polizeipräsidium. 19 man sie erhaschte, meist verschiedene Schuhe; und schnellstens mußten sie angezogen werden, ob sie paßten oder nicht; ,, schnell, schnell" war die Parole. Dann wurden entsprechende mit Gewichten gefüllte Ranzen in Empfang genommen und umgeschnallt. Hielt der Riemen nicht, so mußte der Ranzen mit der Hand gehalten werden. Der ganze Trupp vom Zugangsblock mußte sich in Viererreihe gruppieren und in Bewegung setzen. Zum ersten Mal übersah man den großen Platz des Lagers, den Aufbau dieser kleinen Stadt, den Schauplatz unendlich vieler Menschenschicksale und unendlichen Leids. Block steht hier an Block und hinter jedem Block folgen ganze Reihen anderer Blocks, durch die sogenannte Blockstraßen ziehen. Die Bauweise dieser Blocks ist so angeordet, daß sie einen Halbkreis von riesenhaftem Ausmaß bilden und an die innerste Mauer des Hauptlagers grenzen, die dann von zwei Seiten zu dem Tor und Gebäude des Lagerkommandanten führt. - In diesem anderen Halbkreis ist der große Platz, die Sammelstelle der Appelle, und rings um diesen Platz aber innerhalb der Mauern führt gleich einer Reitbahn der Weg des Schuhkommandos, mehrfach unterbrochen von immer frisch aufgerolltem Schotter und Quadersteinen, mit Löchern und Pfützen. Diesen Weg entlang marschieren die Schutzhäftlinge von früh bis abends in eintöniger Monotonie, die nur unterbrochen wird durch den Zusammenbruch Einzelner, die nicht mehr können, über die dann die anderen hinwegkriechen, die zurückbleiben und wieder aufgepeitscht werden, um weiterzumarschieren, oder die liegen bleiben, um ein für alle Male diesem grausamen Erdendasein Lebewohl zu sagen. Wie verabredet, hatte ich mich an Ottos Seite eingefunden und nach den ersten langen Runden wagte einer von uns zu fragen: Passen Dir die Schuhe?" ,, Der Rechte geht, der andere quält mich fürchterlich." ,, Bei mir ist es gerade umgekehrt", war die Antwort. ,, Morgen wird es anders! Da tauschen wir gegenseitig! Du hast kleinere Füße, ich größere." Es war eine Hoffnung! Diese kleinen Hoffnungen sind es, die vieles überwinden, wenn auch das Teufelswerk der SS- Methoden es anders will. Viele brechen zusammen in den ersten Tagen, sie können nicht mehr. Aber diesen Gedanken lassen wir nicht hochkom20 men. Wenn es eine Methode gibt, uns kaputt zu machen, so suchen wir eine Methode, uns zu erhalten. Nein, wir suchen sie nicht, wir haben sie im Herzen. - ,, Glaubst Du an Gott?", frage ich Otto,„, und ob", sagt dieser. ,, Dann sind wir schon einig."..Liebst Du Deine Frau?", frage ich ihn weiter. ,, Ich hab keine", sagt er ,,, aber ich hab eine Schwester, die liebe ich; sie lebt in den bayrischen Bergen und bei ihrer Familie war ich jedes Jahr, bis vor dem Krieg. Noch einmal möchte ich dorthin, sollten wir wieder rauskommen." Mit solchen Gesprächen vergehen die Stunden schneller. Es ist nicht mehr kalt. Der ewige Marsch ist durch den Hunger kaum zu ertragen. Otto meint, ,, er habe doch recht gehabt, die Scheibe Kommißbrot aufzuheben". Wir krümeln uns etwas aus dem Brot heraus. Da werde ich von hinten mit einem Schlag ins Genick angefahren und muß eine Runde im Laufschritt überholen. Beim Laufen sehe ich, daß zwei Zebraleute, achtlos beiseite geworfen, am Wegrand liegen; sie waren schon tot. Der Überblick über das ganze Gelände war nun ein anderer. Ich sehe zum ersten Mal wuchtig große Lettern auf der Stirnseite des im Halbrund zum Platz gebauten Blockflügels, die auf einen einheitlichen Zusammenhang deuten. Lauter einzelne Worte. Auf jedem Block ungefähr ein Wort. Keuchend, im Laufen, versuche ich, zu entziffern. Es steht da geschrieben: Es gibt nur einen Weg zur Freiheit, seine Meilensteine lauten: Gehorsam, Treue, Wahrhaftigkeit, Mut Ich machte mir Gedanken darüber. Welche Ironie diese Worte an dieser Stätte bedeuten! Brutalität, Grausamkeit, Gemeinheit, Korruption, Mord, Diebstahl sind die Methoden, mit denen man ins Grab geschaufelt wird. Und die Gemeinheit lästert mit diesen Tugenden! Als ich die Gruppe erreichte, hatte ich natürlich meinen Platz neben dem Gefährten Otto verloren. Ich war nun in den letzten Reihen und hier sah ich das furchtbare Elend, mit welchem sich die nicht Gehfähigen und Schwerkranken weiterquälten, zu marschieren, endlos zu marschieren und nutzlos, wie wir dachten. Nein, nicht nutzlos, denn die Gemeinheit der Methode hat auch hier noch einen utilistischen, merkantilen Zweck und verdient am Tode dieser geplagten Läufer, verdient an den Qualen dieser Marschierer. 21 Es ist nämlich so, daß mit den Schuhen, die inwendig numeriert sind und täglich eine bestimmte Kilometerzahl laufen müssen, ein neuartiger Lederwerkstoff auf Strapazierfähigkeit erprobt wurde und ein künstlicher Leinenstoff durch die mit Gewichten beladenen Rucksäcke und Tornister ebenso geprüft wurde. Für die auf diese Art nachgewiesenen Proben wurden Prämien der interessierten Firmen an die Lagerleitung gezahlt.- 99 Wir sind jetzt mindestens fünf bis sechs Stunden marschiert. Ich glaube, es geht gegen 12 Uhr", meint einer, der neben mir trottelt, und er hatte recht. Zum ersten Male hörten wir das helle Läuten einer Glocke, die an ein Kloster erinnerte und offenbar ein geraubtes klösterliches Requisit war, das man hier mitten auf dem Platz auf einem Balkenverschlag angebracht hatte. Wir schwenkten ab und mußten im Laufschritt dem Gitter zueilen und hinter ihm zum Mittagsappell antreten. Jetzt mußten sich die nochmals melden, die aufgeschrieben waren. Es wartete schon der große Kerl mit der Z- Binde und das kleine Häuflein verschwand mit ihm, während die übrigen nach dem Appell in die Bude traten. Der widerlich süßliche, faulige Geruch der Futterrübensuppe war alsbald von den Eßgeschirren wieder weggespült, als nach dieser mageren, kurzen Mahlzeit angetreten wurde. Wieder der große, kahle Platz, der keine Spur von Vegetation zeigte und ohne Baum, Strauch oder sonstige Pflanzen war, der in hastender Eile, im ewigen Getriebenwerden, im Gejagtsein, wie das Wild auf der Treibjagd, durchlaufen werden mußte! Gleich zu Anfang zeigten sich diesmal wieder einige Ausfälle, so daß die Gruppe, eingerechnet derjenigen, die abgeführt worden waren, jetzt um 20-30 Mann kleiner war. Jeder machte sich Gedanken, was mit den anderen geschehen würde. Einer wollte wissen, daß das Z.= Züchtiger bedeute und diese Zugänge die erste Lagerstrafe zu erwarten hätten. Aber es blieb zunächst Geheimnis. Am Abend kehrten diese nicht zurück und keiner wußte, was mit ihnen geschehen war. Tagelang setzte sich dieses Kommando der sogenannten Schuhprüfstelle fort. Viele noch mußten das Rennen aufgeben. Nach 6 Uhr wurde wiederum Appell abgehalten. Diesmal erschien der Blockführer und gab den Befehl, noch 2 Stunden das Kommando., Mützen ab" zu üben. Das Grüßen beim 22 4 Erscheinen des Lagerkommandanten oder jeder x- beliebigen SS- Person würde immer noch nicht funktionieren und müßte uns beigebracht werden, bis uns die Zungen aus dem Halse hingen. Otto wurde indessen immer schwächer. Manchmal glaubte ich den Freund zu verlieren, aber sein Mut war noch nicht gebrochen und das schwere Bruchleiden konnte ihn nicht unterkriegen. Die Politische Abteilung. Am nächsten Tage gab es in banger Erwartung eine Änderung des Programms. Man blieb auf der Bude. In der Nacht gab es 2 Tote, die wegen ihrer lauten Heulerei mit Knüppeln buchstäblich erschlagen wurden und so mußte der ganze Block in Kniebeuge der Dinge harren, die da kommen sollten. Immer etwa 10 Mann wurden dann hinausgeführt und kamen nach etwa einer Stunde wieder. So lange hatten die anderen Kniebeugen zu machen für die Toten, die von den Aufsehern erschlagen worden waren. Gleich bei den Ersten, die zurückkamen, war Otto dabei. Ich versuchte natürlich zu erfahren, was los gewesen sei. Sie waren auf der politischen Abteilung gewesen. ,, Sicherlich doch wegen der Erschlagenen von heute Nacht", entgegnete ich. ,, Da bist Du schön im Irrtum, Du Optimist, um die kümmert sich keiner mehr nach meinen bisherigen Eindrücken. Nein, wir mußten nur zur politischen Abteilung zur Identifizierung und Rekognoszierung unserer Person, dann wurden wir nochmals fotografiert, diesmal im Zebra- Gewand mit Nummernschild und Häftlingswinkel. Der Fahndungsdienst braucht Unterlagen, damit wir nicht entweichen können. Es werden allerhand Fragen gestellt. Weißt Du, was sie besonders interessiert? Ob wir Goldzähne haben, oder auch nur goldene Plomben. Ich habe übrigens einen Häftling gesprochen, der schon länger im Lager ist. Er stand vor der politischen Abteilung zu einem Verhör. Die Leute, die gestern abgeführt wurden, liegen teilweise im Revier, teilweise sollen sie eingegangen sein. Genaues wirst Du nie erfahren. Die sind auf einen Bock geschnallt worden und der Züchtiger hatte ihnen auf Befehl zuerst 25 Schläge versetzen müssen, um zu erfahren, warum sie im Lager seien. Und es waren welche dabei, die es immer noch nicht wußten und nicht 23 genug Fantasie besaßen, einfach irgend etwas zu sagen, um sich weiterer Schläge zu erwehren." 53 ,, Das sind die Märtyrer der Wahrheit, die für ihre Überzeugung gestorben sind", sagte ich zu Otto. Ob wir die anderen wohl im Revier mal aufsuchen können? Der Grünberg tat mir besonders leid, er hatte mir seine Geschichte erzählt; er hatte früher einen kleinen Textilbetrieb und durfte anfänglich, obwohl er Jude war, in seinem Betrieb als zweiter Geschäftsführer tätig sein, zumal seine Frau arisch war. Nun kam eine gesetzliche Bestimmung oder Verfügung heraus, wonach es Juden untersagt wurde, Kleintiere zu halten. Eines Tages aber brachte seine Frau, die ihre Schwester aufgesucht hatte, einen Vogelbauer mit einem Kanarienvogel nach Hause, den sie solange betreuen wollte, bis die Schwester von einer Reise zurückgekehrt war. Längst war er nicht mehr zweiter Geschäftsführer in seinem früher eigenen Betrieb, sondern einfacher Arbeiter am Webstock, und da erschien eines schönen Tages die Gestapo und nahm das Vogelhaus mit, als ganzes Ergebnis der Haussuchung in dem kleinen Wohnraum, der ihm mit seiner Familie verblieben war. Er wurde bezichtigt, das Verbot der Kleintierhaltung überschritten zu haben. Naturgemäß verteidigte er sich, daß nicht er den Vogel, sondern seine Frau, die arisch war, im Hause hielt und versuchte schon bei der Vernehmung den Fall klar zu legen. Die Antwort war eine viehische Mißhandlung während dieses Verhörs und Überweisung ins Konzentrationslager. Grünberg sagte mir noch, daß er seine beabsichtigte Erklärung bei dem Lagerkommandanten mit den Worten ,, ich weiß nicht wieso" anfing und weitersprechen wollte, als er wuchtige Schläge auf seinen Händen verspürte und der Lagerkommandant schon zum Nächsten geschritten war. Nun bekam der alte Mann die 25 Stockschläge für den kleinen Kanarienvogel, dem seine Frau sorgend Obhut gewährt hatte. Grünberg lag, sich in fürchterlichen Schmerzen windend, in einem sogenannten Revier des KZ! Eine Einrichtung, von der wir später noch hören werden. Er starb an der Ruhr und an den Folgen der Hiebe, und mir ist nur das silberweiße Haar in Erinnerung, die korrekte, feine und stille Art des Mannes, seine ruhige Sprechweise, wenn er zu jemand Vertrauen hatte, und seine Bescheidenheit, in welcher er nicht einmal die später im gro24 Ben Lager mühsam beschaffte kleine Tüte Haferflocken, die ich ihm kurz vor seinem Tode ins Revier schmuggelte, annehmen wollte und mit den Worten ablehnte ,, nimm Du sie, du hast sie auch nötig, vielleicht bleibt Dir Dein Leben“. Ich habe hier etwas vorgegriffen. Lange noch nicht war es so weit, daß ich mich im Lager bewegen konnte und einen Häftling im Revier aufzusuchen Gelegenheit hatte und wagen durfte. Noch sind wir im Quarantäneblock abgeschlossen und auch vom eigentlichen Lager, unbestimmt auch, ob es das Schicksal überhaupt zuließ, in dieses aufgenommen zu werden, ob nicht schon vorher der eifrige Tod uns heimsuchte, oder ob da eines der gefürchteten Außenkommandos meine Bestimmung sei. Dann kam die Reihe an mich. Von einem kleinen, dicken Häftling wurden wir, zehn Mann, zur politischen Abteilung geführt. Es ging durch das große Tor, durch den ersten Mauerring mit den vielen Wachttürmen. Rechts davon entlang laufend, sahen wir zum ersten Mal die ständig unter Hochspannung gehaltenen Drähte und konnten die Maschinengewehre erblicken, die, über das ganze Lager verteilt, von den Türmen herunter im Nu auf den gerichtet waren, der sich außerhalb der offiziellen Wege bewegte, und sei es in der selbstmörderischen Absicht, in den Draht zu springen, um der Hölle des Lagers zu entgehen. Außerhalb des Tores aber, das wir im Laufschritt erreichten, und nach der strengen Kontrolle der zehn plus einen Häftlinge, deren Nummern notiert wurden, kamen wir in eine andere Welt, die Welt der Lagerverwaltung, der SS- Bewachungsorgane. Hier sah ich, wenn auch in der fortgeschrittenen winterlichen Jahreszeit nichts blühte, doch gepflegte Anlagen, Bäume und Strauchwerk, mit Rauhreif bedeckt, in denen, sympathisch versteckt, die einzelnen kleinen Häuser und Büros der SS- Wachen und Verwaltung lagen. Man kann sich nicht vorstellen, welch klaffender Unterschied sich jenseits und diesseits der Mauer auftat. Der Raum der politischen Abteilung war angenehm geheizt, luftig und groß. Nicht zu übertünchen aber ist die Art und Gesinnung der Menschen, die hier an den Häftlingen ihr satanisches Handwerk ausüben; für jeden der Neuzugänge haben sie nur hohnlächelnde Grimassen und Fratzen und teuflische Schimpf25 worte, bis der Häftling endlich selbst dieses entstellte Gesicht zur Schau trägt, das gerade recht ist für die fotografische Aufnahme, die seitlich und frontal erfolgt. Das Häftlingsgewand und das durch Leid und Angst verstörte Gesicht geben das Bild, das sie vom Häftling wollen: das Bild des Verbrechertypus. Stolz und Scham sind nur noch in der Brust verborgen!- Dann folgen die endlos langen Angaben und Daten. Eine Feststellung aber habe ich hier noch machen können: Unter den zur Mitarbeit herangezogenen Häftlingen sind diejenigen, die auf Grund einer besonderen Befähigung benötigt werden und ihren Dienst verrichten, oft auch anständige, aufrechte Kerle, die nicht aus ihrer SS- Hörigkeit heraus handeln, sondern weil sie etwas können. So bedienen die Apparate bei der Aufnahme Häftlinge, die mit fachlichem Können schnell arbeiten und doch noch Zeit finden, einen beruhigenden Blick oder ein leises, freundliches Wort zu geben und damit die Situation zu meistern, damit überhaupt etwas zustande kommt, was durch die Machenschaften der SS kaum möglich scheint. Dieser Gang zur politischen Abteilung hatte noch etwas Auffälliges. Die Luft war besser, der Ozon reiner, den wir hier atmen konnten. Ich blicke um mich. Neben mir steht ein politischer Häftling, der aus Spanien nach Deutschland transportiert wurde, ein sogenannter Spanienkämpfer der roten Armee, der mir schon manches von seiner abenteuerlichen Tournee erzählt hatte. Macht das alles der Garten aus" fragte ich ihn ,,, ich bilde mir ein, die Luft wäre hier besser." ..Du bist wohl auch nicht ganz wach", meint er ,,, hast Du denn noch nicht die Türme der beiden Krematorien gesehen, die wir direkt hinter den Blocks im Lager stehen haben? Die dicken Rauchschwaden senken sich, je nachdem wie der Wind geht, direkt über unseren Platz, und so atmen wir ständig den Krematoriumsrauch. Das ist einen Tag stärker, den anderen Tag etwas weniger auffallend, liegt aber nur am Wind. Ich habe mit einem Rückführer gesprochen, der hat mir erzählt, daß Tag und Nacht gebrannt wird, Tag und Nacht die Unzähligen von Toten im Krematorium verschürt werden. Schau nur mal hier links rüber, diese dicke Wolke strömt aus dem Krematorium, und das atmen wir ständig ein, wenn wir im Lager sind." 26 9 Ein SS- Mann tritt auf uns zu, verbietet die Unterhaltung und heißt jeden von uns in zwei Meter Abstand aufstellen und Kniebeugen machen, bis die anderen zurück sind. Jetzt erscheint der kleine, dicke Häftling, der uns geführt hatte, aber wir sind nur noch acht. Die zwei anderen sahen wir, von einem SS- Mann verfolgt, vor uns weg dem Tor zueilen, und als wir selbst das Tor passierten, wußte die Wache schon, daß diese schon hindurchgegangen waren. Man sah sie dann rechts am Tor stehen, wo wir damals standen, als wir ankamen. Sie erwarteten eine Lagerstrafe, irgend etwas für sie Ungünstiges mußte sich herausgestellt haben. Später hörte ich, daß sie einen falschen Häftlingswinkel aufgenäht hatten, dieser letzten Kontrolle der politischen Abteilung nicht entgingen und dem Lagerkommandanten gemeldet wurden. Der eine von den beiden war mir schon bekannt, ein Arzt aus Wiesbaden. In den kurzen Momenten, die es zuließen, hatte ich manches Wort mit ihm ausgetauscht und habe erfahren, daß er von einem Patienten beschuldigt war, ihn gelegentlich einer Visite unsittlich berührt zu haben. Er war verheiratet, hatte Kinder und hatte daher seiner Ansicht nach nichts zu befürchten, auch als der Prozeß gegen ihn lief. Den Prozeß gewann er auch. Er war Spezialist für Tropenkrankheiten und freute sich wieder seines Berufes, als plötzlich zwei Gestapobeamte in seiner Praxis erschienen, ihn schlankweg mitnahmen; ohne weitere Verhandlung wurde er nach einem langen Transport durch halb Deutschland von Untersuchungsgefängnis zu Untersuchungsgefängnis endlich nach Sachsenhausen gebracht. Im Alex jedoch wurde ihm eröffnet, daß er sich anderen Untersuchungshäftlingen gegenüber staatsfeindlich geäußert hätte und dafür zu büßen habe. Er gab mir auch zu verstehen, daß er sich erinnere, über seinen Fall und die rigorose Art des Dritten Reiches mit einem Insassen des Untersuchungsgefängnisses Moabit gesprochen zu haben, und daß ihm nachher von den anderen Untersuchungshäftlingen gesagt wurde, er sei einem SS- Spitzel in die Hände gefallen, der schon viele aus dem Untersuchungsgefängnis ins Lager gebracht habe. Für mich war in dieser Sekunde das raffinierte Doppelspiel der Methode klar. Hier hatte man keine Handhabe, ihn als Homosexuellen zu brandmarken, dort wurde er als politischer Verbrecher festgehalten. So meldete er bei der Einlie27 ferung seine sogenannte staatspolitische Straftat, wurde als Politischer behandelt und nähte sich im besten Glauben den roten Winkel auf, was ihm auch bedeutet worden war. Jetzt, bei der Durchsicht der Akten in der politischen Abteilung, wurde er falscher Angaben bezichtigt und hatte sich zu verantworten, warum er nicht den rosa Winkel für Homosexuelle aufgenäht habe. Nun stand der große, breitschultrige, gesunde Mann, dessen Widerstandskraft bis dahin noch allem Übel trotzte, der bis dahin stolz als Märtyrer litt, vor erneuter Anklage, vor erneuter Erwartung eines noch schrecklicheren Schicksales. ,, Dr. Berliner*, was wird wohl aus dir werden?", dachte ich, als wir im Laufschritt am Tor vorbeieilten, wieder dem Gitter zu. Das Schicksal des anderen Häftlings blieb unbekannt, wie tausend Schicksale untergehen in dieser Mordmaschinerie. Ich erzählte Otto dann von meinen Befürchtungen für Dr. Berliner. ,, Auf welcher Seite stand er, rechts oder links vom Tor?" ,, Warum, was spielt das für eine Rolle?" ,, Ja, ich habe inzwischen wieder einiges erfahren. Du hörst doch öfter die Schüsse von Infanteriegewehren, die wir anfangs in unserer Naivität für Übungen der SS hielten. Nein, das ist nicht so, es sind die Schüsse für diejenigen, die ins Jenseits befördert werden, und die stehen links am Tor. Doch sollen die meisten Erschieẞungen an denen erfolgen, die mit entsprechender Anweisung direkt ins Lager kommen und gar nicht erst aufgenommen werden. Das Lager selbst scheut sich vielleicht, diese direkte Tötung allzu zahlreich vorzunehmen, wenn es sich um Häftlinge handelt, die bereits registriert sind; man läßt sie lieber an einer Lungenentzündung oder an der Ruhr gestorben sein. Ich glaube, Dr. Berliner hat das größere Übel getroffen. Er bekommt, wenn er irgend etwas noch nicht eingestanden hat, was ihm vorgesagt wird, die Stockschläge und muß weiterleben." ,, Wir wollen ihn nicht aus den Augen lassen", sagte ich zu Otto. ,, Das hat alles keinen Sinn", meinte dieser;., schau nur, wo Du bleibst, es ist eh noch nicht aller Tage Abend!" Das Kniebeugen war inzwischen beendet. Es wurde Spindrevision gehalten. In der Bude flogen die Eẞlöffel, kleine Fetzen, * Name nicht genau erinnerlich. 28 die halbierten Handtücher und die Mützen der Häftlinge umher. Pironje brachte ein solches Durcheinander in den Raum, wie wir es bis dahin noch nicht gesehen und gehört hatten. Aber man merkte schon die Auslese der Leidgeprüften. Kaum daß man die Laute der Geschlagenen hörte, um so kräftiger krächzte die Stimme des allgewaltigen Blockführers, der inzwischen wieder mal erschienen war. Er war mit dem Capo*, der das Schuhläuferkommando führte, gekommen und donnerte im laut brüllenden Ton, aus dem nur zu erkennen war, wir wären zum Schuhlaufen zu faul und bequem gewesen heute vormittag, diese Sabotage würde der ganze Block noch auszufressen haben. Löffel, Mützen und die Handtuchfetzen flogen nun zu dem kleinen Fenster hinaus und es begann ein Umsichtreten und Schlagen, weil wir noch nicht draußen waren, die Sachen wieder zu holen. Nach dem Hinlege- und Aufstehkommando kam die Kohlsuppe. Rasches Runterlöffeln; manch einer hatte keinen Löffel und schüttete schnell sein Essen dem Nachbarn in den Napf, um ja zur gegebenen Minute fertig zu sein, um nicht dadurch wieder aufzufallen und neuen Schikanen ausgesetzt zu sein. Als beim Antreten einige Mützen fehlten, waren Köpfe mit Beulen statt mit Zebramützen das Resultat der mittäglichen Exekution. Kein Buch, keine Zeitung, kein geschriebenes Wort, kein harmonischer Laut, kein friedliches Gespräch, keine Entspannung, kein ruhiges Atmen. Schnell und hastend, bitter schmerzend an Körper und Seele war die Losung, was das Verstreichen der frühen Morgenstunden, des langen Vormittags, des unerträglichen Mittags und des bevorstehenden Nachmittags. In keinem Kopfe konnte sich mehr anderes rühren wie Gedanken um das unmittelbare Schicksal, die eigene Not und Erbärmlichkeit. Niemand wußte, wie ihm geschah, ob das noch Erdenleben oder schon die leibhaftige Hölle war. Und doch wußte Pironje anzudrohen, daß es für viele, die er schon genau kenne, viel schlimmer käme. ,, Ihr lebt ja hier im Sanatorium, heute NachVorgesetzter aus den Reihen der Häftlinge, vielfach verbre* Capo cherische Rohlinge. 29 mittag werden wir wieder Schlittenfahren, daß Ihr nicht mehr zurückkommt." Otto drückte sich etwas mehr an mich und hielt sich am Unterleib, er hatte große Schmerzen. An seinem beschmutzten Mantel erkannte ich, daß auch er vorhin in eine Schmutzlache gefallen war; er mußte unglücklich zu Fall gekommen sein, denn nie hatte ich bemerkt, daß er die Hand auf seine Bruchstelle hielt. Einer wagte es, die Hand zu heben, und verhältnismäßig ruhig befahl ihm Pironje zu sagen, was er habe. ,, Ich würde gerne nach Hause schreiben." ,, Die leben auch ohne Dich. Schreiben gibt es hier nicht für Zugänge. Sei mal erst 8 Wochen im Lager und wenn Du dann noch lebst, befummele Deine Alte, wenn Du kannst." Jetzt wurden 6 Mann ausgewählt, die künftig Essen holen sollten. Ich war bei diesen Auserwählten. Wir traten mit unseren großen Kübeln an und geschlossen ging es vor die Lagerküche, wo schon Hunderte warteten. Das Blinken der großen Kessel, das Klirren der Schöpflöffel gegen die Tröge und Bottiche, die ungeheuren Ausmaße der Küchenanlagen, die hier für etwa 25 000 Menschen die in hohen Bergen aufgetürmten Steckrüben und Futterkartoffeln verarbeiteten, war alles kein Eindruck gegen die Szene, die ich auf dem Rückweg mit den gefüllten Kesseln erlebte, aus denen beim Gehen mit den Holzpantinen und bei dem ungewohnten Umgang die brühheiße Suppe dauernd an den Henkeln über die bald entzündeten Finger spritzte. Eine Gruppe Häftlinge, die wohl aus genauer Beobachtung wußten, daß wir Zugänge noch nicht so geschickt hantierten und vorwärts kamen, nützten diese Situation aus und stießen ein Trägerpaar zu Boden, daß der Kessel zu Fall kam und sich die ganze dampfende Rübensuppe über den sandigen Boden ergoẞ. Sofort beugten, legten und streckten sich, mit aus der Tasche gegriffenen Löffeln, klapperdürre Gestalten mit hohlwangigen, hungerverzerrten Gesichtern zur Erde und löffelten vom Boden die sandige Suppe. Manche bedienten sich nur der Hände, wieder andere nur des am Boden schlürfenden Mundes, um ihren Hunger zu stillen. Dabei ergaben sich Raufereien um den besseren Platz. Wir kamen dann zurück mit dem Ausfalle eines Kessels und wurden sofort als Abholer abgesetzt. Die Schilderung, die wir 30 vorbrachten, wurde zwar geglaubt( es kam zu oft vor), aber es gab Ohrfeigen und allgemein wurde im Block bekanntgegeben, durch unser Verschulden sei dieses Mal der Essensausfall begründet und nachher auf dem Hofe sollten uns die anderen dafür heimzahlen. Die Ankunft immer neuer Zugänge machte es notwendig, daß wir früher als vorgesehen auf andere Blocks im Lager verteilt werden sollten und unsere Quarantäne beendet war. Was auch zu erwarten war, es bedeutete ein gewisses Aufatmen und manche Hoffnungen klammerten sich daran und neue Nöte ergaben sich aus dem Situationswechsel. Wir kamen in die Blocks des sogenannten kleinen Lagers; damals waren in diesen Blocks hauptsächlich die Ukrainer, Franzosen, Polen, Tschechen und solche Nationen vertreten, die besonders zahlreich inhaftiert waren. Während es allgemein auffiel, wie sich auch unsere nun auf diese Blocks verteilende Gruppe im Laufe weniger Tage verringert und gewandelt hatte und die korpulenten Figuren sich in schlanke verwandelten, wie an sich mit weniger Fülle bedachte Menschen sichtlich abmagerten, fiel es hier sofort auf, wieviel skelettartig abgemagerte, dürre, ausgemergelte Menschen uns in diesen Blocks begegneten. Auch traf man dazwischen solche, bei denen es anders schien, aber es war eine unnatürliche Aufgedunsenheit. Sie klagten über Wassersucht und zeigten einem die angeschwollenen Glieder. Größte Klage führten diejenigen, die mit einer Zahnprothese ins Lager kamen und diese trotz aller Bemühungen nicht wieder herausbekommen konnten. Auch Beinprothesen, orthopädische Schuhe, Krücken und Stöcke sind erst nach langem Kampf und öfterem Vorstellen beim Arbeitsdienstführer des Lagers, bei dem Blockführer und in der für die Verwahrung verantwortlichen Effektenkammer zu erlangen. Ein Arzt spricht hier überhaupt nicht mit. Es heißt einfach: Du kannst trampeln, schau, daß Du weiterkommst. Die Ausländer können sich durch die Unkenntnis der Sprache überhaupt nicht zurechtfinden und Nichtverstehen wird einfach mit Nichtverstehen wollen gedeutet und danach gehandelt. Es sind hier auch Blocks, in denen die dauernd Kranken und Bettlägerigen hausen und zusammengepfercht, ohne ärztliche Betreuung, dahinsiechen. Ein widerlicher Geruch erfüllt 31 die Räume. Zigeuner und vereinzelte Neger sind meistens in Gemeinschaften. Von ersteren sind zu ihrer Ausrottung besonders viele in die Konzentrationslager gewandert. Man kann überhaupt beobachten und erfahren, wie sich diese ungeheuren Menschenmassen durch verschiedene sogenannte„ ,, Großaktionen", die im Laufe der Jahre ,, draußen" stattgefunden haben, hier ihr unerfreuliches Stelldichein gaben. Einmal waren es die Bibelforscher, die in allen Teilen Deutschlands als staatsgefährlich, pazifistisch und defaitistisch verfolgt wurden. Ihnen wurde kurzerhand eröffnet, sie müßten einen Passus unterschreiben, der besagte, sie würden künftig von der Lehre Jehovas ablassen; taten sie dies nicht, so kamen sie ins Lager. Ihre Zahl schmolz im Lager in kürzester Zeit zusammen, derartig richtete sich der Vernichtungskampf gegen diese Verteidiger ihres Glaubens und ihrer Lehre. Dann wieder wurden z. B. für irgendein neuerrichtetes Werk inerhalb des KZ- Lagers Mechaniker, Uhrmacher, Goldarbeiter, Juweliere usw. für erforderlich gehalten und schon setzten Aktionen bei den jeweiligen Berufsgruppen ein und an den Zugängen konnte man deutlich erkennen, wie sie dann in mehr oder weniger geschlossenen Gruppen als zusammenfließendes Sklavenmaterial ins Lager strömten. Vielfach hat man sich gar nicht die Mühe gemacht, festzustellen, ob irgendein noch so kleines Delikt vorlag. Der Sachbearbeiter sprach eine Verdächtigung aus und dies genügte, um den Unglücklichen ins Lager zu bringen. Bei den Polenaktionen wurde, wie ich immer wieder hörte und feststellte, ganz wahllos zugegriffen und es genügte die bloße Tatsache, daß einer bei der polnischen Staatseisenbahn oder bei einer Autobusgesellschaft tätig war. Besonders viele solcher Menschen, die aus den Grenzgebieten kamen und teils deutsche, teils polnische Anverwandte besaßen, kamen zu Tausenden ins Lager; gegen diese Polen und Halbpolen setzte ein fürchterliches Massenmorden ein. Sehr beliebt war es, Leute ins Lager zu stecken, die Verkehr mit Frauen anderer Nationen hatten; das war eine sogenannte ,, feststehende" Straftat, die geahndet wurde. Fand der Verkehr mit Erfolg statt, so kam er ein halbes Jahr ins Lager, hatte er keinen Erfolg, so war es ein Vierteljahr. Aber diese zu einem Viertel- und halben Jahr Bestraften waren oft 32 langjährige Lagerinsassen, die nichts unternehmen konnten, ihre längst fällige Freiheit zu erlangen, wenn sie dem Tod im Lager glücklich entronnen waren. Ein Bauer wurde von seiner Feldarbeit weg verhaftet und ins Lager überbracht, weil er in seiner Stammtischrunde, als er von seinem Hof erzählte, die Äußerung tat, ,, mit der könnte ich auch einmal". Für diese Worte, die er spaẞhaft über eine polnische Landarbeiterin, ohne daß diese sie hörte, äußerte, wurde sein Hof zuschanden, kam die Familie in Bedrängnis, er selbst Jahre hindurch in das Lager. Immer mehr und weiter eröffneten sich die Perspektiven dieser Einrichtung. Nicht einmal, wie ich mir von alten Lagerinsassen, die genügend Einblick hatten, erklären ließ, irgendwelche positive produktive Leistung konnte erzielt werden, kein Nutzen für die Allgemeinheit zustande kommen, so dominierend herrschte der Mord um des Mordes willen, daß nirgends eingearbeitete Kräfte die Produktion gewährleisteten. Immer wieder neue geschwächte Kranke, Verhungernde, im letzten Elendsstadium Leidende, die mit einigen wenigen überrobusten Naturen in die jeweiligen Arbeitskommandos zogen und den natürlichen Ausfall des Gros bedingten! Der Arbeitsdienst war eine große, für den Einzelnen kaum übersehbare Organisation. Morgens beim Frühappell der 20bis 25 000 wurde ein Pult aufgestellt, von dem aus die Menschen verteilt wurden, dirigiert und kontrolliert durch das Arbeitsdienstkommando. Hier waren es die Kommandos wie Deutsche Werkstätten, eine spezielle Einrichtung für die SSKorruption, die sich durch diese Werkstätten alles, was sie für sich persönlich nötig hatten, zum Teil unter Aufwand von unbeschreiblichem Luxus, anfertigen ließen. Dann der sogenannte Industriehof, dann die Henkel- Flugzeugwerke, ferner die Wald- und Holzkommandos, Bahnstreckenkommandos, Zeughauskommando, Schuh- und Ledertrenner, Hundezwinger zur Unterstützung der Bewachung des Lagers, Unterkunftsverwaltung, Wäscherei, Bäckerei, die Klinkerwerke, um nur einige herauszugreifen. Der gute Geist im Lager. Ich kam in die Werkstätte der für die Unterkunftsverwaltung arbeitenden Großtischlerei. Wenn auch die November3. Bg. Utsch, KZ 33 kälte bei der ungewohnt dünnen Bekleidung schwer zu schaffen machte und ich durch den völligen Mangel beruflicher Kenntnisse ganz auf die Behandlung des Häftlings- Vorarbeiters angewiesen war und mich geflissentlich bemühen mußte, dem SS- Aufsichtspersonal gegenüber nicht zu sehr aufzufallen, so ließ sich diese Arbeit dennoch an und schon schien mir durch bestimmte Aufgaben die Aussicht auf erträglichere Stunden gegeben, wenigstens während der Arbeit, die von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends dauerte. Ich kam auf einen Block, in welchem der Ostmärker Franz Atgersdorfer war, der selbst jahrelang im Lager Dachau und in Sachsenhausen Entsetzliches durchmachte, aber ein grundanständiger Kerl war; es war seine Art, nach außen den strengen Mann zu spielen, aber im Block selbst Gutes und Beschwichtigendes zu tun, so gut er konnte. Der Franz hatte meist Österreicher um sich und es galt als eine glückliche Fügung, auf seinen Block zu gelangen. Als er hörte, ich sei aus München, bemerkte ich seine unauffällige Freude, als habe er einen Landsmann getroffen, und ohne viel Worte wies er mir seine Lagerstätte an, die er innehatte, bevor er Blockältester wurde und noch nicht im Tagesraum seinen Blockältestenwinkel bezogen hatte. Auf dem Strohsack neben mir lag ein Freund von ihm, mit den er Jahre hindurch allen Schmerz und alles Leid geteilt hatte. Und als ich dann am ersten Abend in diesem neuen Block und unter den günstig erscheinenden Arbeitsverhältnissen mich um 10 Uhr zur Ruhe legte, unterhielt ich mich noch lange flüsternd mit dem Schlafkumpan. Ich merkte heraus, daß er versuchte, etwas über meine bisherige Zeit im Lager zu erfahren und bald ergab sich aus dem Gespräch eine höchst beunruhigende Mitteilung. Er eröffnete mir unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, daß ich nur diese eine Nacht auf dem Block bliebe, ich würde in der Frühe noch vor dem allgemeinen Wecken abgeholt werden und müßte mit hinaus ins Klinkerwerk. Er gab mir allerhand Ratschläge und sagte mir, jetzt könnte ich verstehen, warum er mir am Abend schon die Zigaretten geschenkt habe. Ich stutzte und erkannte jetzt erst wieder das Gesicht des einzig freundlich Lächelnden, der mir in der Trosteinsamkeit begegnete und zu aller Überraschung ganz unerwartet ein 34 Päckchen Zigaretten zusteckte. ,, Wir kennen unsere Leute", sagte er. ,, Auch ohne daß das groß auffallen muß, kann man die retten, um die es sich lohnt und die den Kampf gegen die SS auf sich genommen haben. Daß Du nach Klinker kommst, konnte keiner von uns verhindern, weder der Franz, der sich bereits die Beine dafür abgelaufen hat und es jetzt noch einmal versucht, auch ich nicht, obwohl ich Dich als unentbehrlich für die Tischlerei ausgab." Ich war erstaunt über all die Zusammenhänge, über die geheimnisvoll wirkenden Kräfte eines guten Geistes, der also auch hier im Lager, wie eine unsichtbare Flamme, leise flackerte. Wieso kennst Du mich aus der Tischlerei?" 99 ,, Ich bin zweiter Vorarbeiter bei der Unterkunftsverwaltung und Deine Aussage bei der Vorstellung hat sich längst herumgesprochen. Deswegen wollten wir Dich auch auf unseren Block und in der Tischlerei haben. Der Arbeitsdienstführer der SS jedoch läßt nichts mit sich machen. Du mußt zu Klinker. Nun sieh auf alle Fälle zu, daß Du bei erster passender Gelegenheit Deinem Capo dort Zigaretten gibst, sieh zu, daß Du in ein Gespräch mit ihm kommst und daß Du erfährst, wie er zu Franz und mir steht. Wenn gut, so weißt Du, was Du zu sagen hast. Grüße ihn, oder erzähle ihm sonst einen Roman. Ich weiß nicht, aber ich denke doch, es wird Dir dienlich sein. Jetzt aber schlaf, Du brauchst den Schlaf." Und so kam es auch. Klinkerkommando! Das Klinkerkommando stand um 5 Uhr morgens vor der Schreibstube des Lagers, um zum Tagesbeginn des Klinkerwerkes bereits dort zu sein. Noch einer vom Block 27 mußte mit mir den Weg antreten. Ich bemerkte zu meinem Erstaunen, daß dieser Lederschuhe trug, als wir uns aufmachten. Auf meine erstaunte Frage antwortete er: ,, Mit Deinen Pantinen kommst Du niemals raus. Da werden sie Dich schon vor der Schreibstube gehörig in Empfang nehmen, und bei Klinker wirst Du es nicht lange mitmachen und eingehen, so werden sie Dich schikanieren." 66 ,, Ja, aber man hat mir doch nichts anderes gegeben im Lager." 3* 35 ,, Das ist egal, hier ist es nun mal so. Du mußt selbst sehen, wo Du bleibst. Wir müssen Dir Schuhe organisieren, gleichgültig, wie und wenn wir sie stehlen. Hast Du Zigaretten?" Ich gab die Hälfte meines Päckchens ab. ,, Ja damit kommen wir nicht weiter", und so gab ich den Rest dazu. 22 Was hast Du sonst noch?"" ..Mein Brot von gestern." 99 ,, Her damit. Ich habe Beziehungen zur Schuhkammer, das andere laß meine Sorge sein." Tatsächlich brachte der Kumpel Lederschuhe an. Offenbar zur Reparatur bestimmte, denn die Sohlen waren geschlissen. Im Dunkel der winterlich kalten Morgenfrühe standen wir vor der Schreibstube, als auch schon das übrige Lager aufmarschierte und das unheimliche Ansammeln der vielen Menschengruppen den Platz bevölkerte, die Transport- und Gerätewagen heranrollten. Als Erste verließen wir das Tor. Im Laufschritt, der keine Zeit zu einer Orientierung ließ, ging es durch verschiedene SS- Sperren, vorbei an der großen SS- Bäckerei, die die zwei Brotsorten für SS und Häftlinge anfertigte, bis nach% Stunden Weges Anlagen auftauchten, die gleich erkennen ließen, daß hier und nirgendwo anders das Zweigwerk Klinker ein gefürchtetes Todeskommando sich befinden mußte. Stacheldraht und Gitterdrahtumzäunung von außen, die Buden der Blocks und ein massiver Steinbau mit dem Toreingang! An einer Stelle, wo gerade Schotter- und Steinmassen angefahren waren und sich auftürmten, mußten wir Halt machen, uns in den in Straßenbreite angeführten Steinmassen aufstellen und sofort Hinlegen und Aufstehen üben. Durch die dünne Häftlingskleidung drangen die spitzen Steine. In Fetzen hingen die Kleider vom Leibe und Hände und Knie waren blutüberströmt; so verunstaltet wurden wir, nachdem dieses Kommando eine Stunde mit uns geübt wurde und wir zerschunden und zerrissen, gebeugt von Schmerzen, wieder auf die eigentliche Straße geführt wurden, dem Lagerältesten vorgestellt. Der Empfang wurde von SS- Leuten, die sich nicht genug darin tun konnten, uns zu beschimpfen, wie wir es wagen konnten, in einem derartig verkommenen Zustand nach Klinker zu kommen, durchgeführt. Jeder mußte einzeln in das 36 kleine Schreibbüro des Lagerältesten treten, der gleich die Einteilung in die Arbeitskolonne vornahm. Die SS machte dabei weiter nichts, als uns vor der Bude mit Tritten zu kujonieren und in besagter Weise zu beschimpfen, für das, was sie vorher selbst mit uns anrichtete. Es war die typische Methode, einem etwas anzuhängen und dann den Leidtragenden selbst dafür verantwortlich zu machen. Im Kleinen ein Spiegel dafür, was sich in ganz Deutschland in anderen Formen vielgestaltig vollzog. Auf dem Block sah man es nicht gerne, daß wir hinzukamen, so wenig Platz war vorhanden. Löffel konnte man keine geben. ,, Ihr müßt Euch so behelfen", hieß es. ,, Und zu zwei Mann bekommt Ihr eine Decke, das übrige wird sich finden; sofort abtreten in die eingeteilten Arbeitskolonnen, man wartet schon auf Euch." Ich wußte nur noch das Wort„ Ziegeltransportkommando" und irrte dann mit zerschundenen Knien und blutenden Händen bei eisiger Kälte umher, meine Kolonne suchend. Aufs geradewohl lief ich dahin, wo schon eine Menge Häftlinge stand. Es war richtig. Hier funkelte mich fuchtig ein kleiner, blonder, wild aussehender Capo an: ,, Wohin gehörst Du?" ,, Eben ins Lager gekommen zum Ziegeltransportkommando." ,, Da bist Du gerade recht!"_ - Ich sah, wie verschiedene Häftlinge rechts und links von anderen Häftlingen gestützt wurden. Ich hörte wieder dieses Winseln, das mir vom Zugangsblock nur zu bekannt war. Ich erkannte plötzlich wieder die Gestalt des Dr. Berliner, der auch von beiden Seiten gestützt wurde, um aufrecht stehen zu können. Ich sah ihn und konnte mich nicht enthalten, ihn mit Namen anzurufen. Er sah wohl um sich, aber er erkannte mich nicht. Ein bis ins Innerste dringendes, akustisch nicht zu beschreibendes Vonsichgeben von Tönen, das wie angstvolles Todesröcheln klang, war auch bei ihm zu vernehmen. Es möchte mir selbst nicht gelingen, dies zu beschreiben, wenn ich nicht Zeuge dieser unglaublichen Szenen gewesen wäre, die sich hier täglich abspielten. Die Totgequälten werden zur Arbeit getragen. Und wenn sich der Zug in Bewegung setzt, wird er von den Flanken bedroht, das Marschtempo einzuhalten; und wenn es dann hinausgeht durch das Tor, spielt die Lagerkapelle auf, 37 um mit geiferndem Hohngelächter die Kolonnen fortzuschikken mit der Fiedel des Mähers Tod. Vor der Halle des Ziegelwerkes tritt das Transportkommando alleine an und ein kleiner, wilder Capo teilt ein. Ich wurde an den Taucher befohlen. Der Taucher ist ein großer Kran, der die heißen Ziegelsteine aufnimmt und in ein Wasserbad verlädt; dann werden sie wieder vom mechanischen Taucher gegriffen und in Loren verladen. Dabei muß man die anrollenden Loren, eine nach der anderen, auf den Geleisen geschickt dirigieren, damit dieser Prozeß laufend vor sich geht. und Lore für Lore, gefüllt mit den frischgebrannten Backsteinen, die langen Hallen der Brennöfen verläßt. Von meiner Hand ging durch den Schwung, den die Lore zum Ausgangstor gleiten ließ, die Lore in die Hände der anderen Häftlinge, die nun im Laufschrittempo die Loren zu den Stapelplätzen und weiter hinten liegenden Kanalanlagen. transportierten. Alles folgt präzis aufeinander. Oft stoßen im Ungeschick des Beginnens, der Nervosität und Hastigkeit, die Krankette oder der Kran, der kantige Rollwagen oder sonstige Eisenteile an den Körper und mit schweren Kopfbeulen und Quetschwunden beginnt das Tagewerk, beginnt der Prozeẞ, in dem man verschlungen wird, in dem es kein Anlernen, kein weisendes Wort, nur tobsüchtiges Schimpfen und Schlagen gibt. Neue Rollwagen rollen aus anderen Geleisen aus langen Hallen heran, Geleise müssen verlegt werden, der Dreher wird aufgestellt, die Bohlen verschraubt. Die Finger, die noch von den Quadersteinen bluten, weisen neue Wunden auf, dieses Mal von den rostigen Eisenteilen. Mitten in der Arbeit kommt ein SS- Aufseher dazwischen und schlägt mich auf den beuligen Kopf. ,, Auch wieder so ein Hund ohne Klinkerschnitt." Ich wußte nicht, was das bedeutete. Mach ja hin, daß Du in der halbstündigen Mittagszeit die Surenallee auf den Kopf bekommst!" 25 Jetzt erst sah ich, die Köpfe der anderen betrachtend, daß sie in dem schon geschorenen Haar noch eine rasierte Scheitelrille in der Mitte des Kopfes trugen. Diese letzte Entstellung hatte ein Lagerführer eingeführt, nach ihm benannt die sogenannte Surenallee. Der Lagerführer, ein besonders berüchtigter, grausam despotischer Mörder, von dem man im Lager viel zu ezählen wußte, hieß Suren. 38 Wieder rollten die Loren, und als eine der Loren, die das Werk verließ, steckenblieb, drang der Befehl durch: ,, Bindet den Kerl an, der den Betrieb aufhält!" Im Nu stürzte sich, wie eine Meute Hunde, eine Gruppe Menschen auf den, der nicht mehr stehen konnte und banden ihn an den Rollwagen, daß er mit ihm geschleift wurde, bis er nicht mehr lebte. Sollte einem Häftling etwas bedeutet werden und er zu einer Handreichung oder zu anderen Arbeiten gerufen werden, so nahm man den nächstbesten Ziegelstein, deren es genug im Gelände gab, und warf nach dem Häftling, der auf diese Weise zum Nähertreten Befehl erhielt. Es schneite und war eisig kalt, und so war es beliebt, Häftlinge, die im Tempo nicht mitkamen, sich an die großen, glutvollen Brennöfen stellen zu lassen und sie unmittelbar danach in die Eiskälte zu jagen und dort zwei Stunden mit dem Kommando ,, Mützen ab", ohne sich rühren zu dürfen, stehen zu lassen. Das waren dann die einzigen wirklich an Lungenentzündung Verstorbenen, wie den Angehörigen meist lakonisch mitgeteilt wurde: Häftling X an Lungenentzündung im Lager verstorben. Wieder andere Häftlinge waren mit dem Stapeln der Steine beschäftigt; weithin sichtbar standen die Mauern der Backsteinstapel, die die Häftlinge mit ihrem Blut und letztem Schweiß, mit dem schon blutigen Lehm, aus der Tongrube zutage gefördert hatten. Die Tongrube war besonders beliebt, schwache und gebrechliche, todkranke, eigens zu ihrem letzten Atemzug Herangeschleppte mit einem Tritt in den Hintern in den metertiefen Abgrund zu stürzen. Nach etlichen Tagen wurde ich in ein anderes Kommando befohlen, weil meine aufgerissenen Hände die Bedienung des Tauchers nicht mehr möglich machten. So steckte man mich zur sogenannten Brennwagenmontage. Hier glaubte ich wirklich selbst einzugehen, den letzten Widerstand nicht mehr leisten zu können. Eine unübersehbare Menge neu antransportierter Brennwagenachsen mit Rädern mußte in einem unbeschreiblichen Tempo, jeweils in die Höhe gestellt, die Räder abmontiert, mit Graphit bestäubt, wieder verschlossen, auf die Geleise gebracht werden. Diese kaum von einem gesunden Menschen, 39 geschweige denn einem unkundigen und geschwächten, hochzustemmende Brennwagenachse schnitt in die Finger, und hatte man einige Achsen gewechselt, standen die SS- Treiber hinter einem, um das langsame Tempo zu bemängeln. Das Herz klopfte, Angstschweiß trat aus den Poren und durch die übermenschliche Anstrengung drohte oftmals das Versagen des gesamten Organismus; aber es gab keine Pause. Längst drang der Graphitstaub in alle Poren. Da trat wiederum ein SSMann auf mich zu und stülpte einen der Graphitkartons über meinen Kopf, daß ich eingestaubt war in den metallischen Ruß, schwarz wie ein Neger; und dies auf Wunden und auf Beulen, daß ich glaubte, jetzt geht es nicht mehr weiter. Nur in großem Abstand stand wieder ein Häftling, mit der glei chen Arbeit beschäftigt. Abends im Lager versuchte ich den Graphitstaub zu entfernen, aber alle Mühe war vergebens. Ich ersuchte den Blockältesten, mir draußen etwas Sand holen zu dürfen, und fand im Waschraum ein winzig kleines Seifenrestchen, mit dem ich versuchen wollte, mir den Schmutz vom Leibe zu entfernen. Kaum hatte ich jedoch angefangen, stürzte sich ein Häftling auf mich: ,, Jetzt haben wir wieder so einen Dieb! Du klaust hier die Seife!" und noch ehe ich mich versah, wurde ich von ihm über den Waschbottich gebeugt und von hinten mit seinen Fäusten bearbeitet. - Es kamen mehrere hinzu; sie brachten mich in das Tageszimmer des Blocks: ,, Schon haben wir wieder einen Dieb, Seife hat er gestohlen, legt ihn auf den Tisch!" Ich blieb ruhig. Da trat ein älterer Häftling dazwischen und meinte: ,, Erst muß der Fall geklärt werden. Mir kommt der Kerl nicht nach Klauen vor, auch wenn er ein Neuer ist." Der Ältere genoẞ Autorität genug, sich durchzusetzen. Ich sollte erzählen, was vor sich gegangen sei. So berichtete ich, es wurde anerkannt und man ließ mich in Ruhe. Jeden Tag um diese Stunde waren wilde Auseinandersetzungen wegen kleiner, vermutlicher Diebstähle. Eine ganze Meute, unmöglich, sich ihr entgegenzustellen, stürzte sich blutgierig auf den Verdächtigten. Meist stellte sich dann heraus, daß ein Socken oder Handschuh infolge der Enge der Räumlichkeiten oder des Platzmangels in den Spinden bei dem gegenseitigen Mißtrauen nicht zu finden war. Blutig 40 aber ging es zu, wenn wirklich ein Diebstahl in dieser Gemeinschaft der geduckten, gequälten und doch aufgeregten Menschen vorkam. Der Alte, der mir geholfen hatte, war ein Bibelforscher; er erzählte mir, wie oft er im Laufe des Lagerlebens dem sichtbaren und unsichtbaren Tode entronnen war. Durch ihn be kam ich zum ersten Mal die heißbegehrten Arbeitshandschuhe, die man offiziell im Lager zu bekommen hatte, teilweise aber einfach nicht erhielt, und man mußte lange zusehen, wie man zu dieser wichtigen kleinen Hilfe gelangten konnte. Ich erkundigte mich nach Dr. Berliner, wußte seine Häftlingsnummer und erfuhr seinen Block. Als ich dann nach Tagen das erste Mal abends den Block verlassen durfte, um mich innerhalb des Zweiglagers zu bewegen, erfuhr ich auch vom Ende Dr. Berliners, der ein Opfer der Tongrube wurde. Viele waren es nicht mehr, die noch lebten, die mit mir mit dem Transport vom Alex hergekommen waren. Immer mehr schmolz die Zahl zusammen und immer fraglicher wurde es, ob ich es überstehen würde. Ich merkte sichtlich, wie ich körperlich abnahm und mich all den Gestalten, bei denen nur noch die Augen aus hohlen Wangen schauten, anpaẞte. Dann war es ein Rätsel, daß ich immer noch keine Post erhielt. Wie ersehnte ich den ersten Brief von meiner Frau! Dann wüßte ich, sie lebt, und auch mein Dasein hätte wieder Sinn und Verpflichtung! Ich packte zu, und wenn es noch so schwer fiel, versuchte ich nach der Arbeit im Lager tätig zu sein, wo es anging. Da war das Entlausen, das eine große Rolle spielte und allabendlich vorgenommen werden mußte. Alle Häftlinge muẞten an den Entlausern, zu denen ich gehörte, vorbeidefilieren, in der Hand die Bekleidung, den Körper nackt. Mit einer Taschenlampe wurden besonders die behaarten Stellen abgesucht und dann die Rasur vorgenommen, wenn sich Läuse fanden. Ein Topf Krätzesalbe stand bereit, und so versuchte man, diesen Tieren und der Krätze wenigstens etwas Einhalt zu gebieten. Alles war jedoch umsonst, alle Decken waren verlaust; auch wurde morgens eine auf die andere gelegt, so daß auch der Reinlichste, weil er jeden Tag wieder andere Decken bekam, verlaust war. Auch der Versuch, wenn die Zeit es zuließ, die Decken auszuschütteln, nutzte nichts. Immer wieder tauchten die Kriecher auf und immer wieder 41 wiederholte sich Abend für Abend das Entlausen mit stets gleichem Erfolg. - Manche Abende jedoch waren ausgefüllt mit den sogenannten Stehkommandos; da wurde nach 6 Uhr so lange auf dem Platz verharrt, bis ein gesuchter vermeintlicher oder wirklicher Flüchtling gefunden wurde. Man hörte das Aufbellen der scharfen Hunde aus den Hundezwingern und in winterlicher Nacht wurde solange gesucht und geschnüffelt, bis endlich einer, meist tot, herbeigeschleift wurde, von Häftlingen getragen, die dem SS- Suchkommando angeschlossen waren. Dann ertönte das langerwartete Kommando., Mützen ab" und die Häftlinge rückten auf die Blocks. Hunger, Fleckfieber- und Typhusgefahr, Dysenterie, Wunden und Läuse an allen Körperstellen, Schlaflosigkeit, eines war so schwer zu ertragen wie das andere, das Unbeschreibliche, das Getrennt sein, das Fernsein, das Nichtwissen um das Schicksal der Frau, die, weit weg, in 2000 km Entfernung, all den Gefahren des Ostens ausgesetzt war, die Frau, die ich mitgenommen hatte und die mit mir mein Leben teilte, das so jäh durchrissen war. Ich wußte nicht, ob sie nicht vielleicht auch, wie es mir angedroht worden war, in die Hände der Gestapo gefallen war? Alles Nachsinnen, alles Denken führte zu keinem Ziel. Erste Briefe. Kein noch so kleines Lebenszeichen hatte mich seit dem. Transport durch den Osten Deutschlands nach Berlin, diesem Transport, der mir mit seinen Leidensstationen wie eine Ewigkeit vorkam, und seit der Ankunft im Konzentrationslager, seit den schaurigen Eindrücken und Erlebnissen, die ich hier schon hinter mir hatte, erreicht. Viel hätte ich gegeben, zu wissen, wie es um diese Frau, die ich mein eigen nannte, ja einen Teil von mir selber wähnte, bestellt sei. Ich kannte ihre gebrechliche Gesundheit, ihre Krankheitsgeschichte bis in alle Einzelheiten, die vielen Operationen, die ihr immer wieder schwerste Prüfungen im Leben auferlegten. Ich wußte um ihren Hang zu ihrer vielgeliebten Mutter, mit der sie Liebesbande verknüpften, wie man sie selten zwischen Mutter und Tochter kennt, bis sie kurz vor unserer Heirat 42 der Tod von ihr nahm. Nachts, wenn wir in unserem Lemberger Heim im Schlaf Erholung fanden, wähnte sie die verstorbene Mutter in fieberhaften Träumen immer wieder bei sich und führte lange Gespräche mit ihr. Ich wußte um ihre Anhänglichkeit zu unserem mit aller Liebe aufgebauten schmucken kleinen Heim, das sie zu einem ehelichen Idyll ausgebaut hatte. Ich mußte fürchten, daßẞ all dies, was wir uns mühsam und mit Liebe und Geschick aufgebaut hatten, was zugleich der Ausdruck unserer künstlerischer Veranlagung war, vielleicht schon zerstört war von unseren Widersachern. Ich fürchtete, daß das christliche Gepräge unserer Heimstätte, die Madonnenbilder und kleinen Skulpturen, das Resultat langjährigen Sammelns und idealer Begeisterung für Kunst und Kulturwerke, vielleicht schon von den Schergen des Satans, von den SS- Banditen, denen unser Leben und Lebenswandel in Lemberg ein Dorn im Auge war, zerstört sein konnte. Ich mußte annehmen, daß unsere Bekanntschaften und Freundschaften zu anständigen, unterdrückten polnischen Familien diese in gefährliche Lage gebracht haben könnten. Es war der Vorbesitzer der Druckerei darunter, die ich leitete, der seine nächsten Verwandten in meinem Betrieb beschäftigte, und zu denen wir ein inniges Verhältnis hatten, so daß meine Frau die Schwester und Mutter des Besitzers, die beide gut deutsch sprachen, mit Mami und Omi anredete. Ich nahm an, daß man ihr, wie vorher mir, bei den Verhören nun den Strick drehen wollte. Ich wußte nur zu genau, daß man uns unsere sonntäglichen Besuche der Bernhardinerkirche, unser stilles Einssein mit Gott, nun zum Verhängnis machen wollte. Ich wußte, daß man ihr, genau wir mir, die Besuche des Lytschakower Friedhofes, der Dominikanerkirche, der alten Klöster und Kapellen, der Gottesstätten Lembergs, verargte und uns heimlich nachspürte. Ich wußte, daß auch für meine Frau nun das Nachspiel dafür zu erwarten war, daß ich, als wir heirateten, mich an das katholische Pfarramt St. Ludwig in München gewandt hatte und mir dieses Weisung gab, mich an das Pfarramt des augenblicklichen Wohnortes zu wenden, wenn ich mich wieder verheiraten wolle. Und so kam für mich nur Radom in Polen, damals im sogenannten Generalgouvernement gelegen, in Frage. Der polnische Pfarrer lehnte jedoch meine Bitte ab und sagte mir, ich 43 müsse mich an den Bischof von Sandomierzs wenden. Ich hatte mich nun, da meine erste Frau noch lebte, aber geisteskrank war, um die Lizenz zur Wiederverheiratung an diesen Bischof gewandt und erhielt die kirchliche Erlaubnis zur Wiederverheiratung. Daraus machte man bei dem Verhör in Krakau eine ,, Konspiration mit polnischen Bischöfen"! Man stieß mich mit Füßen, schlug die Mappen und Schreibtischutensilien im Gestapogebäude in Krakau um mich und ließ aus dem ganzen Gestapogebäude Beamte und Beamtinnen herbeikommen, um diesen sonderbaren ,, Heiligen" anzusehen, der ein Deutscher. sein wolle und es so mit der Kirche halte. Ich fühlte, welche Auswirkungen es für meine Frau haben würde, daß sie sich auf Punkte der Kleiderkarte, obwohl sie evangelisch war, einen katholischen Trauschleier besorgt hatte. All diese Dinge, die man mir vorgeworfen hatte, würden nun über sie hereinbrechen und ganz beklommen wurde mir ums Herz. An meinen Betrieb dachte ich, der mit großer Sorgfalt geführt worden war, und an die Anhänglichkeit der Polen und Ukrainer. Im Gegensatz dazu hatte ich die Machenschaften der Deutschen zu befürchten. Wir gerne hätte ich meiner Frau mein Leid geklagt, als am Abend auf dem Block Briefschreiben war und ich das erste Mal an die Reihe kam. Wohin soll ich adressieren?, fragte ich mich, wußte ich doch nicht einmal, ob sich meine Frau noch in Lemberg befand, und es war mir höchst ungewiß, ob unter den obwaltenden Umständen dieses jämmerlich eingeschränkte Lebenszeichen, dieser 15- Zeilenbrief, sie auch erreichen würde. Nicht einmal das Briefschreiben ging ohne Reibereien vor sich. Wir mußten beim Blockführer antreten, und als sich ungefähr 40 meldeten, die Genehmigung haben wollten, zu schreiben, bekamen nur 15 einen Lagerbriefbogen ausgehändigt: mehr sei nicht da". Da half mir der Bibelforscher, mit dem ich öfters diskutierte, mit seinem Vorrat aus. Der Kopf dieses ersten Briefes besagte zu deutlich, wo ich mich befand, und so schrieb ich denn am 6. 12. 1942: 44 Meine liebe Elisabeth! Allem voran möchte ich Dir sagen, meine Gedanken waren immer bei Dir, auch wenn ich Dir nicht schreiben 1 t 1 konnte. Ich habe das Gefühl, Du bist zur Zeit nicht in Lemberg, und sende Dir daher dies erste Lebenszeichen an Tante, die es schnell weiterleiten, beziehungsweise telefonisch durchsagen wird. Halte Dir einen Platz im Herzen für die Kinder und für mich und laß mich das wissen, dann bin ich schon froh. Die Lagerordnung, wie oben, bitte beachten; nach deren neuester Bestimmung sind Lebensmittelpakete erlaubt. Der Koffer hatte zur Reise beste Dienste geleistet. Dank dafür und vor allem für die Liebe, die daraus sprach. Sei so gut und sende von meinen Sachen Hemden, Unterhosen, Strümpfe und bitte einen Schal und Handschuhe. Ich wünsche Dir Gesundheit und Kraft! Grüße für Vater, Martha und alle. Dich küẞt innigst Dein Bert." Jetzt arbeitete ich wochenlang schon in dem Häuflein, das die Backsteine stapelte, die Loren heranfuhr, die Steine sortierte in ganze, halbe und Bruch in die Kähne am Kai des Kanals verlud. Längst hatte ich es heraus, wie andere zehn und zwölf Steine auf den Arm zu laden und im behenden Schwung von einer Stelle zur andern zu tragen, die Schichten nach allen Regeln der Kunst aufzubauen oder abzuheben. Ich verstand es, manche halbe Stunde in der großen Halle zwischen den großen Feuerungsanlagen und Öfen zu verbringen und dort eine erhandelte gelbe Rübe mit einem Polen zu teilen, der mir diese kleinen Schliche zeigte. Ich stellte fest, daß ich einer von den Wenigen war, die sich gehalten hatten und nicht eingegangen war, wie es mir so manche prophezeiten und wie ich es manchmal beinahe selbst befürchtete. Aber immer wieder gab es Rückschläge, besonders durch die furchtbare Kälte des Winters und die erbärmliche Ernährung. Da wurde ich eines Tages in das SS- Büro der Klinkerwerke bestellt und keuchend erreichte ich es. Dort übergab man mir ein kleines Päckchen Briefe meiner Frau, die diese in fürsorgender Liebe und in Unkenntnis meines Aufenthaltsortes, im Glauben, ich sei im Reichssicherheitshauptamt, an mich gerichtet hatte. Die beiden Beamten in Zivil, die ganz offensichtlich nur zu diesem Zweck die Autoreise in einer luxuriösen großen Mercedesmaschine neuesten Typs gemacht hatten, taten an45 fangs überaus zuvorkommend, während ich kaum zu ruhigem Atmen kommen konnte. Voll banger Erwartungen, aber gewappnet mit verhaltenem Trotz, stand ich vor ihnen, merkwürdig berührt von dem, was sie mir vorzuhalten hatten. Es mußte um diese Briefe eine besondere Bewandtnis gehabt haben, aber bei der merkwürdigen Organisation dieser Gestapo- Oberbehörde war es immer so, daß sie voraussetzten, der Häftling sei Hellseher; so sollte ich wissen, was es mit diesen Briefen auf sich habe. Da sich gar keine Anhaltspunkte fanden, nahm ein großer, breitschultriger, modern gekleideter Beamter des Geheimen Staatsdienstes mit der wichtigtuenden Miene eines Kriminalobersekretärs oder-rates eine kleine schwarze Locke und hielt mir diese vor. Gleichzeitig schlug er mir die Briefumskläge ins Gesicht und fächerte sie in einem fort an meiner rechten und linken Wange hin und her und forderte mich auf, doch endlich Rede zu stehen, was ich mit diesen Locken vorhabe und was für Zeichen geheimer Verabredung sie seien. Man male sich meine Situation aus. Ich wurde von meinem Arbeitstisch weg ahnungslos verhaftet und kam ohne jede Verhandlung in das Konzentrationslager. Hier war ich nun acht Wochen, sollte gerade erst die ersten Briefe meiner Frau erhalten, und hier sollte ich über diese Post Bescheid wissen, die meine Frau, im Glauben, ich sei im Reichssicherheitshauptamt, an mich geschrieben hatte und niemand weiter in Händen hatte, als dieses Amt. Die Herren hatten nichts weiter zu tun, während sie angeblich für die Sicherheit des Reiches Sorge trugen, als mit diesen Briefen auf kostspieligste Art einen derart konfusen Unsinn anzurichten. In Wirklichkeit waren die Briefe nichts anderes, als das schönste Zeugnis einer tapferen, treu umsorgenden, liebenden Frau, die trotz Teufel und Tod den Kampf draußen auf sich nahm und mit mutigen, schlichten, schönen Worten diesen Kampf, ihre Liebe und ihren Schmerz zum Ausdruck brachte. Als ich dann in den späten Abendstunden mit zittrigen Händen in den Papieren blätterte und die Zeilen verschlang, die mit so viel Liebe und Zärtlichkeit mein Los zu erleichtern suchten und so voller Mut waren, konnte ich nichts, aber auch garnichts finden, was den Dummköpfen, auch bei regster Fantasie. als irgendwie verdächtig erscheinen konnte. Vor meinen Augen rollte noch einmal im Flug einer Sekunde die Skala 46 von spöttischen SS- Gesichtern und das Gequassel der beiden Gestapobeamten ab, die alle gespannt und auch wieder höhnisch bei der Übergabe der Briefe lachten, bis sie sich entschließen konnten, sie freizugeben. Ich wurde verpflichtet, laut Lagerordnung die Briefe nach dem Lesen in der politischen Abteilung abzugeben und dürfe, wie jeder Häftling, nur den letzterhaltenen Brief bei mir behalten, alle anderen müßten zu den Akten kommen oder der Vernichtung preisgegeben werden! Ich wußte aber im gleichen Moment, wie ich sie erhielt, daß ich diese Juwelen nicht preisgeben und sie mit mir tragen würde wie einen Teil von mir selbst. Und danach handelte ich. Die Briefe nähte ich sorgsam an den unteren Saum meines gestreiften KZ- Lagermantels und brachte sie durch alle Schrecken und Bedrängnisse wohlbehalten wieder heim. In dem ersten dieser Briefe, der vom 11. 11. 42 datierte, hieß es: ,, Mein geliebter Bert! Nun sind es schon vier Wochen, daß uns das Schicksal auseinandergerissen hat. Wenn ich bloß wüßte, wie es Dir geht? Ich glaube ja nicht, was man mir erzählt, ich bin ja so mißtrauisch. Aber eines, Geliebter, kann ich Dir versichern, meine Liebe zu Dir, die ist größer als alles in der Welt. Sie wird Dich begleiten, wo Du auch bist. Ich weiß, daẞ Du das fühlst. Hab um mich keine Angst. In meinem Leben habe ich so viel Schmerzen und Leiden ertragen müssen. Heute weiß ich, wozu es gut war, und wir Zwei haben einander heiraten müssen, es war uns so bestimmt. Ich würde Dir dieses ,, Ja" heute genau so treu und fest wieder geben. Du, nur Du wirst es sein, für den ich lebe und kämpfe. Ich fürchte nichts. Das Fürchten kannte ich nie groß und heute habe ich es ganz verlernt. Ich lache auch, Geliebter. Was tut es, wenn das Herz auch blutet, sehen tut's keiner. Wenn wir einander wiedersehen, schauen wir beide anders aus. Du und ich, aber die Liebe, die größte Macht, bleibt uns. Fräulein Lieberum und ich und all die anderen, sie denken und sorgen für Dich. Von überall her hilft man mir. Es wird Dir ein Koffer mit Deinen warmen und guten 47 Sachen durch Boten überbracht. Um uns mach Dir keine Sorgen. Wo ist Deine Frau jetzt nicht bekannt? Ich bin schließlich auch noch eine gute Hausfrau. Abends sind wir jetzt sehr pünktlich zu Hause, auf besonderen Wunsch, und dann arbeiten wir eben da. Geheizt wird bei Euch gewiß nicht sein. Ich kenne ja solche Räumlichkeiten. Obwohl die Gestapo hier ganz entsetzt meinte, aber Frau Utsch, Sie sind doch noch nie gesessen! Ich habe gelacht, nein, das nicht, und trotzdem war ich schon drinnen, weil es mich interessierte. Ja, und nun zu den Betrieben. Es geht alles seinen Gang. Ich schaffe es, denn das ist Ehrensache, schon um Deinetwillen! Na, und außerdem bin ich eben gut deutsch erzogen, erst die Pflicht! 48 Herr Göttel ist ab morgen nicht mehr hier, er wird Landkommissar irgendwo in den Karpathen. Freut sich wie ein Kind. In zehn Tagen kommt er wieder mal her, bis dahin arbeiten wir fest weiter. Ich habe schon wieder neue Aufträge. Papiermühle Fujna ist mein Sorgenkind. Immer fehlt uns was, und die Wehrmacht braucht Pappe. Aber ich schaffe den Kram schon bei. Warum bekomme ich die Bankvollmachten von Dir nicht unterschrieben zurück? Wir brauchen sie so dringend. Hast Du die RM. 250.- erhalten? Mit Hufnagel stehe ich mich gut, er hilft mit Maschinen aus und wird auch die Geldfrage der Druckerei regeln. Sie behaupten ja hier alle, ich sei die raffinierteste Frau. Ach was, Liebe macht findig und das Kaufmannsblut kann ich nicht verleugnen. Und wie werde ich selig sein, wenn ich erst alles wieder in Deine Hände zurücklegen darf. Dann bin ich nur wieder Frau. Wie ein Kind sähe ich jetzt aus, sagen sie jetzt alle. Ja mein, mit gut achtzig Pfund kann ja nicht viel dran sein. Aber zäh ist sie und lieben tut sie Dich unschuldigen Hasen. Das vergiß nie, und kämpfen tut sie auch! Dich grüßt und küßt mein Herz mit aller Kraft Anlage: eine Locke. * ,, Mein geliebter Bert! Deine Betty." Immer noch bin ich ohne Post von Dir. Mir kommt die Zeit schrecklich lang vor, aber mein Verstand sagt mir, es Der Autor mit seiner Frau Elisabeth 4. Bg. Utsch, KZ 49 50 ist ja nicht anders möglich. Ich brauche dringend die Bankvollmacht von der Bayerischen Beamten- Bank in München. Formular liegt bei. Ich kann nicht einmal einen Kontoauszug erhalten, ohne den habe ich ja keinen Überblick über das Geld. Ich habe ständig Überweisungen gemacht, um alles. begleichen zu können. Du weißt ja: Formulare, Formulare von der Wiege bis zur Bahre. Außerdem brauche ich eine Vollmachtserklärung für die Emissionsbank in Radom. Dort sind Gelder eingelaufen, die ich nur auslösen kann, wenn ich Deine Vollmacht habe. Aber ich schaff es schon mit meinem eisernen Willen. Für den Distrikt habe ich wichtige Eilaufträge. Sie fühlten sich schon von mir gejagt, ich muß jeden Tag einige Male ins Distriktsgebäude. Auch auf allen anderen Dienststellen bin ich oft persönlich. Ich kann Dir nur immer wieder sagen, man begegnet mir mit Hochachtung und alle sprechen nur das Beste von Dir. Ich kann hinhören, wo ich will, Dich achten sie alle, bis an die höchsten Stellen. Es ist dies wohl ein schönes Gefühl und ich bin von Herzen dankbar dafür, aber Dich muß ich entbehren, das ist unendlich bitter. Meine Liebe zu Dir, Geliebter, ist unverbrüchlich stark. Du bist der Inbegriff meines Lebens und wirst es stets bleiben. Mögen andere darüber denken wie sie wollen, ich stehe über ihnen und werde auch den Beweis dafür erbringen. Ich bin heute eine Utsch und werde Deinen Ahnen keine Schande bereiten. Treu und fest im Glauben stehe ich zu Dir, und Du, Geliebtes, denke stets daran. In den Betrieben gab es mancherlei Aufregungen, aber ich bin keine Frau, die man gerade als sanft bezeichnen kann, das war einmal. Hier wissen sie alle, daß ich mich durchsetze. Ein entzückendes Ding habe ich mir geleistet. Als Du zwei oder drei Tage weg warst, brauchte ich Papier für einen dringenden Auftrag. Abt. Wirtschaft hatte nichts, gab mir einen Tip. Ich rief dort an, nannte meinen Namen und bat um das Papier, was ich auch prompt erhielt. Gestern rief die Gestapo an und sagte:„ Frau Utsch, wir haben Ihnen doch Papier geliehen? Ich traute meinen Ohren nicht und bat den Herrn, er möchte das nochmals sagen. Er meinte: ,, Es ist schon so, Frau Utsch." Na, wir machten dann aus, daß ich ein entsprechendes Schreiben an die Abteilung Wirtschaft richte und ich das von der Gestapo bestätigt erhalte, mit Amtssiegel. Was auch prompt geschah. Das Leben hat schon so seine Besonderheiten. Bei mir ist ja jeden Tag was los. An Abwechslung fehlt es nicht, und doch ist mein Leben nur eine große Trauer, die alles überschattet. Hinter allem sitzen Leid und Tränen um Dich, mein Herz, von dem ich mit absoluter Gewißheit weiß, daß Du unschuldig bist. Deine Wünsche werden alle erfüllt. Wende Dich an Tante, sie weiß Bescheid. Alle lassen Dich grüßen, besonders Frl. Lieberum, die mir treu zur Seite steht. Wir halten gut zusammen. Alles Liebe von Deiner Elisabeth." Bei mir hatten diese Briefe, zusammen mit dem Besuch der Gestapo in den Klinkerwerken, die Befürchtung ausgelöst, meine Frau könnte nun nicht mehr gut in Lemberg sein, längst wäre sie nun schon in die Maschen des Befehlshabers der Sicherheitspolizei geraten. Die Angelegenheit mit dem Papier erschien mir als das typische Verstrickungsmanöver und die beim Verhör in Krakau getanen Andeutungen des Gestapobeamten Transfeld: ,, Dann werden wir auch Ihre Frau hierher bitten und lange wird sie nicht mehr in Lemberg bleiben", schienen mir ziemliche Gewißheit für meine Annahme zu geben. Ich fand dann ein zweites Mal Gelegenheit, meine 15 Zeilen, die nicht viel besagen durften, zu schreiben. Ich überlegte und machte folgendes: Die Tante, die meine Frau am Schluß erwähnte, konnte nur die Besitzerin eines Weinrestaurants in Berlin sein und würde also über alles Bescheid wissen. So plante ich, den Brief für meine Frau an sie zu adressieren und war sicher, daß sie alles tun würde, diesen Brief an sie weiterzuleiten, wo sie nun auch sei. Ich hatte damit auch die Hoffnung, daß der Brief nicht verloren ginge, und vielleicht auch schon durch telefonische Verbindung meine Frau viel schneller Bescheid bekäme. Es war natürlich das Risiko damit verbunden, daß die Lagerleitung oder Postzensurstelle das Manöver durchschaute und mir Strafe oder Nichtabsendung des Briefes drohte. 4* Am 20. 12. 1942 schrieb ich dann: 51 ,, Meine liebste Elisabeth! Welche Erlösung brachten Deine Briefe vom 11. und die beiden vom 21. 11. 1942. Gerade habe ich sie erhalten und heute ist Schreiberlaubnis. Sehr gut, daß Tante informiert ist und so wirst Du die Nachricht dorthin bekommen, wo Du Weihnachten wohl sein wirst. Ich bin gesund, und da ich nichts so hoch halte, wie meine Liebe zu Dir, wird es auch weiter gehen. Nun ist meine Erwartung,( direkt) hierher von Dir zu hören, sehr groß. Bin jetzt schon über zwei Monate von Dir getrennt. Grüße innigst unsere Kinderlein! Weihnachten bin ich in Gedanken bei Dir. Wie immer - Dein Bert." Und da ich diesen Brief also an die Tante adressierte, die unsere Verbindung herstellen sollte, opferte ich die nächsten vier Zeilen von den fünfzehn, die mir gewährt waren, der Tante, um sie gleichzeitig zu informieren. 29 ..Liebe Tante!", schrieb ich. Ich darf diese Anrede, die Elisabeths Privileg ist, auch mal gebrauchen. Bitte ihr diesen Brief weiterzusenden und( in meinem Namen) ein liebes Weihnachtsfest- und Neujahrstelegramm an sie zu richten. Mit vielem herzlichen Dank und Grüße. Es nahten die Weihnachtstage. Adalbert Utsch." Nur von kalendarischer Bedeutung für das Lager! In nichts unterschied sich Weihnachten vom Alltag, und doch hatte der Blockälteste, ein Tscheche, als dann der Heilige Abend wirklich da war, eine Überraschung. In der Tagesbude war ein kleiner Adventskranz, von der Decke herabhängend, geschickt. über dem Mittelpunkt der Tische angebracht und zwei Talglichter strahlten über der dumpfen, dunklen Bude. Es gab ein teeartiges Gebräu. Ukrainer stimmten traurige Weisen ihrer Heimat an, verfielen aber in ein weinerliches, weiches Schluchzen. Dann wieder versuchte sich eine kleine Gruppe Deutscher mit Weihnachtsliedern, aber die Uneinigkeit über das, was gesungen werden sollte, ließ keine rechte harmonische Stimmung aufkommen, und so trug man die stillen Gedanken in die weiten Fernen, in denen die Angehörigen ihr bescheidenes Fest ohne den Vater, den Mann. Bruder oder52 Geliebten, wohl aber auch in Gedanken an sie, verbringen mochten. Mich weckte aus meiner Träumerei, die mich nach Lemberg versetzt hatte, ein leichtes Klopfen auf den Rücken und vor mir stand ein Häftling, ehemals polnischer Lehrer, der in ein deutscherseits annektiertes Gebiet geraten war und kurzerhand nach Auschwitz und anschließend Sachsenhausen überführt wurde und mit dem ich manch langes Gespräch über die Verhältnisse im Warthegau und dem Generalgouvernement geführt hatte und sagte: ,, Komm rüber zu mir, Du warst mir immer der Liebste." In rührender Art hatte er einen kleinen Karton hervorgeholt und sagte mir: ,, Das, was sie mir gelassen haben beim Empfang, wollen wir jetzt verzehren und still für uns Weihnachten feiern. Es ist von meiner Mutter, die immer noch lebt und nur den Tag noch erleben möchte, mich, ihren einzigen Sohn, wieder zu sehen." Er erzählte mir dann von seinen Schülern, von den Schwierigkeiten in den Grenzgebieten und von der Sinnlosigkeit, mit der doch Menschen, die alle nur den Wunsch haben, ihre Pflicht zu tun, auch in diesem Kriege wieder so schauderhaft auseinandergerissen wurden. Es war kein Werben um die polnische Sache, es war ein tiefsinniges Gespräch von Mensch zu Mensch, rein durch den Weihnachtstag veranlaßt, das in jedem nur die echten, beschwingten Gefühle zum Ausdruck kommen ließ, die er in seiner Brust barg. Und ich hatte, wie in Polen, auch immer den Eindruck, daß, wenn Polen und Deutsche sich verstehen, dies ein ausgezeichnetes Verhältnis ergeben kann. Dies war meine Freude am Heiligen Abend im KZ. Auch das Entlausen ließ man an diesem Abend fallen. Dann ging es wieder weiter. In der Frühe war das Kommando besonders scharf. Es mußten mehr Reihen als sonst gestapelt werden. Die Backsteine dampften noch im winterlichen Frost und es sah aus wie Wolken, die zum Himmel aufstiegen, so schnell wurde geschichtet und Stein auf Stein gehäuft. Es gab wieder Schmerzen und unterdrückte Tränen. Rohe, robuste Kräfte walteten, keiner fand die Ruhe des Weihnachtsfeiertages und es erschien alles wie eine einzige Anklage, ja wie ein Zweifel an der Gottheit, die dies geschehen ließ. 53 Eine Falle. Als ich dann einige Tage später plötzlich wieder zur politischen Abteilung ins große Lager befohlen wurde und meine auch im Hauptlager bekannte und irgendwie anders gewertete Scheiteltonsur als Klinkerkommandierter zur Schau trug, lernte ich das Ergebnis dieses Klinkerkommandos in seiner furchtbarsten Auswirkung kennen. Wir hatten den Rollwagen zu schieben, der täglich von Klinkerleuten zum Hauptlager gefahren wurde, und der alte Kumpel, der neben mir den Wagen schob, klärte mich auf, was es mit diesem Wagen für eine Bewandtnis habe. Er war voll und doch nicht zu schwer. Auf Autogummirädern rollte das Gehäuse, in dem nichts weiter transportiert wurde, als die sogenannten Effektenpäckchen der Eingegangenen. Es ist dies die letzte kleine Habe der verstorbenen Häftlinge, der zu Tode gequälten, der gemarterten Opfer. Es überkam mich ein Grauen vor dieser traurigen Last, die wir leicht und langsam über den holprigen Weg rollten, zur Seite der SS- Henker zur Aufsicht, der SS- Mann, das Symbol für diese schaurige Mordinstitution. Der Wagen sah aus wie die Karosserie eines kleinen privaten Kraftwagens. Hier schoben wir nun die Kleinigkeiten eines Dr. Berliner, eines alten Alich und der vielen jungen Ukrainer mit ihren kindsunschuldigen, sogenannten Vergehen, die sie, herausgerissen aus ihrer Heimaterde, weitab von ihrem bäuerlichen Leben, in ihrer Urnatur begangen haben mochten. Niemals objektiv kriminell genug, um auch nur einem deutschen Richter dieser rechtlosen Zeit Anlaß zur Verfolgung oder Verurteilung zu geben, aber immerhin genug, um in der Zermalmungsmaschine des KZ den Tod herbeizuführen! Mit wie vielen von ihnen hatte ich gesprochen! Wie viele hatten mir halb polnisch, russisch- ukrainisch und halb deutsch, im Kauderwelsch der Sprachen, ihre Geschichte erzählt, beim Klopfen der Arme quer über den Rücken„ gimno, gimno" ( kalt, kalt) in einer kurzen Pause, in der der Capo und seine Helfer außer Sicht waren, angedeutet, wie sie ins Lager kamen. 54 ,, In Deutschland arbeiten, arbeiten, keinen freien Tag, ein mal krank, nicht zur Arbeit gehen, dann gleich nächsten Tag Gestapo und KZ- Lager." Oder: Ich mit schönes deutsches Mädchen sprechen, dann Gestapo kommen, mich verhaften." Oder:„ Ich viel Hunger, bei Bauer arbeiten, wenig Essen, ich Milch trinken( dabei strahlend polnisch ausrufend ,, mileko, mileko" Milch'. Dann Bauer mich Ortspolizei übergeben, ich Gestapo und jetzt eingehen. Wir in Ukraine viel Milch, Deutschland nichts Milch." - Und so immer das gleiche Lied! Dinge, deren sich diese Naturen gar nicht bewußt sein konnten. Aus dem überschäumenden Reichtum ihrer Heimat in die brandenburg- preußische Enge und Organisation gezwängt und oft kaum, daß sie acht Tage diesen deutschen Boden betreten hatten, waren sie Opfer ihrer Ahnungslosigkeit geworden. Wie oft gingen Menschen, die heute noch ein schönes Äußeres besaßen und vermeintlich an den Klippen des Lagers vorbeigeglitten waren, später mit einem verwundeten Glied vorüber, mit dem Ausspruch ,, ich gehe ein". Mit eingefallenen Wangen, hoffnungslos, blickten sie einen dann an, da es kein Heraus mehr gab aus dieser Mörderhöhle, in welcher der mörderische Arbeitsprozeß sie vernichten mußte. Und so war es mit all den vielen Effektenpäckchen, die wir nun herausfuhren, um sie der Nachlaẞverwaltung zu überbringen, die, scheinheilig, wie ein Akt der Güte, den Angehörigen diesen lächerlichen Rest der Habe zu übersenden hatte. Wir sprachen über Tote. Hier wurden sie verstümmelt, wie sie waren, auf Bretter geladen und in die medizinische Abteilung gebracht, in die sogenannte Anatomie, wo man ganz willkürlich noch Versuche mit den Toten anstellte und Ärzte und Nichtärzte an den Leichen herumschnippeln ließ, wie sie es wollten. Tote, die in Massen in diese Anatomie und das anschließende Krematorium gebracht wurden, und Tote, die in seltenen Ausnahmefällen nochmals der eine oder andere Angehörige sehen durfte. Da hatte man in der Nähe des Krematoriums an einem geschickt und freundlich mit Blumen und Sträuchern, Gras und Bäumen bepflanzten Weg eine Stätte errichtet. Hier wurden diese wenigen, auserwählten Toten, die hin und wieder ein Angehöriger sehen durfte, in einen pomphaften Blumen55 flor gebettet, wenn auch zweifelsohne oft nur der Kopf der Identität des Toten, die durch Häftlinge bestätigt werden mußte, die den Betreffenden kannten, entsprach. Hier wurde der Tote aufgebahrt. Oft war es wirklich nur sein eigener Kopf, das andere konnte ja von den meist weither Gereisten nicht gesehen und erkannt werden. So erzählte mir dieser Häftling, der schon lange in der Anatomie und im Krematorium arbeitete. Ich kam zur politischen Abteilung. Mehrere SS- Beamte waren im Zimmer. ,, Auf Sie haben wir schon gewartet. Sie brauchen nur zu unterschreiben und können dann gehen." 99 Was habe ich zu unterschreiben?" ,, Sie wissen wohl immer noch nicht, wo Sie sind? Wenn wir Ihnen befehlen, Sie haben zu unterschreiben, dann unterschreiben Sie! Hier." Man reichte mir ein großes, rotes Blatt, auf dem ich nur das Wort ,, Haftbefehl" in fetten Lettern erkennen konnte. Ich sah noch einen schreibmaschinengeschriebenen Text. Ich unterschrieb nicht, sondern versuchte, den Text zu lesen. So krank ich mich fühlte, so geschwächt und elend, bäumte sich doch in mir ein Gegengefühl auf. Ich sagte: ,, Ich unterschreibe nicht, wenn ich den Text nicht kenne." ,, Sie wissen, was es im Lager für Strafen für Ungehorsam, den Sie offensichtlich leisten, gibt." Ich wußte darum. 25 Schläge vom Züchtiger waren mir sicher. Ich fühlte sie schon, aber ich nahm alle Kraft zusammen. Ich wurde aus dem Zimmer verwiesen und mußte mich, das Gesicht zur Flurwand gerichtet, hinstellen, bis ich wieder gerufen würde. Dieses Mal, als ich mit der Häftlingsnummer hereingerufen wurde, waren es mehrere, die über mich herfielen mit drohenden Manipulationen der Hände; aber ich blieb eisern. Ich bekam den Text zu lesen. Die Anschuldigung eines Verbrechens war der Inhalt. ,, Sie können mit mir machen, was Sie wollen, Sie können mich auf der Stelle umlegen, aber diese Unterschrift werde ich nicht leisten!" Ein Toben von allen Seiten setzte ein. Ich verblieb bei meinem Standpunkt. Dann versuchten sie mir mit freundlichen 56 Worten klarzumachen, ich solle nur unterschreiben, daß ich von dem Haftbefehl Kenntnis erhalten habe. ,, Das kann ich nicht, Unterschrift bleibt Unterschrift. Wenn ich draußen im Leben als Kaufmann eine Quittung unterzeichne, habe ich den Betrag auch empfangen, anders kenne ich das nicht." Wieder mußte ich auf den Flur, das Gesicht zur Wand gerichtet, und abwarten, was nun geschehe. Bei jedem Eintretenden nahm ich an, es komme der Züchtiger. Ich sah schon den Pfahl vor mir, der einige hundert Meter von hier mitten im Industriehof stand, an den man, die Arme über einen Querbalken gebunden, aufgehängt wurde, bis man vor Schmerzen und ausgerenkten Gliedern das Erpreẞte, ob es nun zutraf oder nicht, in schmerzhafter, letzter Lethargie willenlos unterzeichnete. Vor mir stand die Gestalt des Züchtigers, der dann den Häftling an den Block band und ihm mit der umwickelten Stahlrute die Hiebe versetzte, die meist ein fürchterliches, qualvolles Ende im Krankenrevier bedeuteten. Ich mußte lange stehen und warten, warten auf diese grauenhaften Dinge, die mir bevorstanden. Indessen wurde ich nach dieser langen, bedrohlichen Situation in ein anderes Zimmer zu einem anderen Beamten gerufen und dieser bedeutete mir, ich habe sofort auf den Block im großen Lager zu gehen, in welchem ich aufgenommen worden war, bevor ich zum Klinkerkommando kam. Nicht angenehm berührt von dem, was nun noch folgen könnte, verließ ich die politische Abteilung. Das Eingangstor zum großen Lager stand vor mir, die Wache wußte Bescheid, ich konnte unbehelligt passieren. Wieder las ich die großen Buchstaben: Es gibt nur einen Weg zur Freiheit, seine Meilensteine heißen: Wahrhaftigkeit, Mut usw. Sollte mir mein Verhalten vielleicht helfen, sollte vielleicht doch der Mut zur Wahrhaftigkeit den Ausweg aus diesem Labyrinth der Möglichkeiten mit sich bringen? Kaum wagte ich es zu denken. Ich kam auf Block 27. Franz erkannte mich wieder. ,, Was haben sie mit Dir gemacht? Du gleichst ja nicht mehr Dir selbst. Du bleibst jetzt bei uns?" Ich erzählte kurz von der Affaire in der politischen Abteilung. ,, Dann sehe ich allerdings schwarz für Dich", meinte er, ,, jeden Augenblick kann es sein, daß Du gerufen wirst und 57 am Tor stehen mußt; heute sind wieder viele am Tor, die Politische arbeitet wieder fieberhaft, es soll ein Großtransport nach Riga abgehen. Die ganzen Bettlägerigen und viele Politische müssen mit." Neue Zweifel, neue Sorgen tauchten auf. Riga drängte sich wie ein Alp in meine Gedanken. Nichts Gutes ließ dieser Transport erwarten. Und daß gerade die Kranken und Bettlägerigen und politisch Diffamierten mit sollten, schien mir besonders verdächtig. Aber ich fühlte eine gewisse Geborgenheit in der Nähe des Blockältesten. ,, Du wirst natürlich gleich arbeiten und das Gebälk des Blocks reinigen, bis es zu einer Entscheidung mit Dir kommt. Diese ist stündlich zu erwarten. Weißt Du denn, wer von der Politischen Deinen Fall bearbeitet?" Ich wußte keinen Namen und konnte diese Typen auch nicht genau kennzeichnen. Die Aufregung muß wohl zu groß gewesen sein, was auch Franz meinte. Ich kletterte dann mit einer Schüssel Wasser auf die Spinde und nahm mir einen Stuhl zu Hilfe, um das Gebälk zu erreichen, und wusch eifrigst die Träger des Blocks, die durch Staub und Ruß eine schwarze Farbe angenommen hatten und nun wieder in der natürlichen Holzfarbe zum Vorschein kamen. Der kontrollierende SS- Blockführer kam herein und im Nu tobte mich Franz an, warum das nicht flinker und sauberer vor sich ginge. Ich wußte aber, wie es gemeint war, und es hatte den Erfolg, daß Spind und Stuhl nicht mit mir zu Boden prasselten, wie ich das auf dem Zugangsblock und im kleinen Lager schon erlebt hatte. Als nach Tagesende die Blockdecke frisch leuchtete, hatte auch Franz seine Freude, der sich zum Ziel setzte, immer irgendeine kleine Überraschung in das dumpfe Leben seiner Bude zu bringen. Am nächsten Tage befahl er einem Häftling vom Waldkommando, ein paar gleichmäßige Birkenstämme mitzubringen, und dann zimmerten wir gemeinsam eine kleine Bank, die er im Frühling vor dem Block aufstellen wollte und jetzt noch versteckt hinter der Rückseite des Blockes aufbewahrte. ,, Wir müssen Dich, nachdem 24 Stunden längst verstrichen sind, dem Arbeitsdienst melden, daß Du neu eingeteilt wirst, sonst kriege ich den Kommandanten auf den Hals. Vielleicht hat Dich die Politische vergessen oder übersehen, denn so lange dauert es selten, bis einer zum erneuten Verhör ge58 rufen wird. Aber vorher muß ich Dich auf ein bis zwei Tage in die Küche oder Kantine schicken. Dort kannst Du wenigstens ein paar Kartoffeln erben, und das hilft schon weiter, sonst gehst Du ein." Und schon wurde ich von der Küche angefordert. Dort gab es wirklich Kartoffeln in Hülle und Fülle. Anfangs allerdings nur schälen und kein essen dieser Kartoffeln! Es wurde streng darauf geachtet, daß keiner diese heißẞbegehrten Früchte der Erde aẞ und ein Übertreten des Verbotes brachte unweigerliches Abberufen vom Kommando mit sich. Und so schälte ich den ganzen lieben Tag, über die Fässer und Tröge gebeugt, unter der strengen Aufsicht des Küchencapos. Auch hier half eine Fürsprache des guten Franz und am nächsten Tage war ich bei den wenigen Pellkartoffelschälern, die gesondert arbeiteten, und genoß den Vorteil dieser Einrichtung. Es war ein Ausruhen von Klinker und wie ein Traum erschienen mir die vergangenen schweren Wochen. Da wurde ich, als ich von der Küche entlang dem todbringenden elektrischen Draht auf meinen Block zueilte, durch ein bekanntes Gesicht überrascht. Willi begegnete mir und erzählte von seinen jüngsten Erlebnissen im Lager, von dem furchtbaren Hunger, den er auszuhalten habe, dem schlimmsten Übel, mit dem er nicht fertig werden konnte. Freudestrahlend nahm er die paar Pellkartoffeln in Empfang, die ich versteckt bei mir trug. Da kam auf einem Fahrrad ein SS- Streifendienst, wie wir beide dachten, und große Angst vor einer schweren Lagerstrafe überkam uns. Aber es kam anders. ,, Können Sie gut schreiben?" sprach er mich an. ,, Jawohl, ich glaube." ,, Dann melden Sie sich morgen auf der Effektenkammer." Jetzt erkannte ich, daß es ein SS- Scharführer war. Am nächsten Tage meldete ich mich wie befohlen und einige Tage später war ich auf der Effektenkammer. -- In der Effektenkammer. In der Kammer kam ich mir anfänglich wie ein Außenseiter vor. Immerhin stellt sie eine gewisse Intelligenzelite dar unter den 25 000 Menschen, zusammen mit der Schreibstube, 59 die einen Block weiter liegt, und dem Lagerbaubüro. Meine blutdurchtränkte, mit Lehm und Graphit verfilzte Lagerklei- dung, meine wunden Hände, mein übernervöses Aufzucken bei jeder Gelegenheit, mein ganzes Gehabe wollte sich nicht in dieses kleine Kommando einfügen, obwohl ich mich be- harrlich bemühte und alles drangab, mich durchzusegen. Zunächst wurden sogenannte Postblocks geschrieben. Das waren die eingelaufenen Gelder für Häftlinge, die hier wie in einem selbständigen Postamt behandelt wurden. Arthur war der strenge Kassenleiter, während der SS-Oberscharführer nur die Aufsicht innehatte. Es war ein Wettlauf um die Schnelligkeit, so wurde geschrieben, addiert, sortiert, fein und grob nach Häftlingsnummern in Reihenfolge gestapelt, die Postanweisungsabschnitte abgetrennt, die einzelnen Abschnitte nach der Zugehörigkeit zu den einzelnen Blocks in einzelne Tüten gepackt und an diese abgegeben, so daß die Block- ältesten über eingelaufene Zahlungen informiert waren. Das Verfahren war so ausgedacht, daß viele von den tau- senden Häftlingen ein Konto besaßen, das auf den Block im bargeldlosen Zahlungsverkehr aufgrund der Guthaben lief. Es wurde ihm von seiner Kontokarte, die bei der Häftlings- kasse lag, an den Block nominell ausgezahlt und er konnte das einkaufen, was es in der Kantine zu erstehen gab. Diese Arbeit verlangte peinlichst genaues Rechnen und Schreiben, Zählen und Addieren, sollte nicht eine heillose Verwirrung entstehen, denn nicht immer stimmten die Häft- lingsnummern mit den Namen überein; es kamen schon von außen her Verwechslungen vor. Vielfach stimmte der Vor- name nicht, aber der Zuname, und es war viel Geduld erfor- derlich, all dies in ein geordnetes, präzis laufendes Gefüge zu bringen. Der Vorarbeiter, ein eigenartiger Mensch, von dem keiner wußte, ob er ein diplomatischer Kommunist oder ein Stink- nazi war, wurde im ganzen Lager teils gehaßt, teils gefürchtet. Er war überall bekannt und bei allen SS-Stellen, der Lager- führung und Verwaltung, angesehen und genoß unzweifelhaft auch als Häftling eine einflußreiche Autorität. Dies hatte er nicht zulegt dem glänzenden Funktionieren dieses immerhin komplizierten Apparates zu verdanken. der den SS-Kassen wiederum die Gelder, die den Häftlingen von ihren meist armen Angehörigen geopfert wurden, zufließen ließ. 60 Meine neue Stellung in der Kammer war schwer zu behaupten. Der Schreiberposten ist ein heiß umworbenes Tätigkeitsgebiet im Lager, und wenn auch nicht allzu viele in Konkurrenz traten, weil sich die wenigsten die Durchführung dieser Aufgabe selbst zuzumuten wagten, so war doch von den Interessierten eine ganze Clique stets wachsam dahinter her, um durch die verschiedenen Organe des Arbeitsdienstes und der Schreibstube diese Position zu erringen, statt in irgendeinem auswärtigen Kommando schwer schuften zu müssen und Wind, Wetter und Schikanen in allen Lagen ausgesetzt zu sein. Ich bemühte mich, meine Hände durch Salben und Beschneiden der zerrissenen Nägel in einen menschenwürdigen Zustand zu bringen. Ich war doch der von der Fügung Bevorzugte, der von Klinker gekommen war, um diese Stellung, die man im Lager als Prominentenposten bezeichnete, auszufüllen. Aber das Schreiben selbst und das Rechnen machten mir Kopfzerbrechen. Runtergekommen durch Klinker, war mir die Gelenkigkeit der Finger und die psychische Kraft der routinierten Schreib- und Rechenkünstler nicht ohne weiteres gegeben. Manchmal wurde ich bei einem Rechenfehler von Arthur ertappt und manchmal lief sogar ein Fehler trotz aller Vergleiche und Prüfungen mit durch. Dann war dicke Luft im Büro. So dicke Luft, daß es schien, ich würde wieder abgesetzt. Froh war ich natürlich, wenn nicht ich, sondern ein anderer das Karnickel war. Das schien meine Position zu stärken. - Auf der Stube des Blockes hatte meine neue Stellung ihre Wirkung nicht verfehlt. Die meisten, die mich vorher mit meiner Klinkertonsur unbeachtet ließen, hatten nun ein gewisses Interesse. Das hatte viele Gründe. Aber ich war zu vorsichtig, mich diesen Interessen zu widmen, und hier sei es offen gesagt: es ekelte mich davor. Die Häftlingskammer und-Kasse hatte nämlich auch die Verwahrung und Bearbeitung der Nachlässe, und teilweise trieben Häftlinge einen schwunghaften Handel mit rührseligen Nachlaßgütern, wie Kämmen, Rasierpinseln, Taschenspiegeln, Bleistiften, alles im Lager seltene, sehr begehrte Artikel, zu denen man nicht kommen konnte, ohne seine Kuhle Brot vom Tage zuvor zu opfern. 61 Ich hörte, daß sich auf Block 27, während ich bei Klinker war, große Sachen ereignet hatten und schwere Strafen vorgefallen waren, und saß nun denen gegenüber, die wegen eines Brotdiebstahls am Pfahl gehangen und es überstanden hatten. Noch waren sie von den Folgen und Auswirkungen nicht geheilt, aber ich staunte über die Widerstandskraft, über den Lebenswillen dieser alten Recken, dieser nicht umzubringenden Kumpels. Ich lernte einen nach dem anderen näher kennen. Hier ein Müllerssohn aus Württemberg, der nicht zum Militär wollte, weil er es mit seinen religiösen Anschauungen nicht vereinbaren konnte, deshalb nicht zur Musterung erschien und sich statt dessen ins Lager abführen ließ und dem Tod hier ebenso oft ins Auge schaute wie ein Soldat, aber als passiver, duldsamer Held seiner Idee. Hier der kleine Mähle, ein pfiffiger Kleinbauer, besser gesagt Gütler, der einen Acker seinem Ortsgruppenleiter nicht verkaufen wollte und diesen, wie er schön sagte ,,, verarschte" und schnurrige Geschichten, alle voll Witz und Schelmenart, zu erzählen wußte, die er als Kämpfer der Kommunistischen Partei mit den Nazis erlebt hatte. Er war Capo vom Straßenkehrkommando und verstand immer etwas aufzutreiben. Manchmal meinte man, er könne den Mist, den er auf die Karre lud, in etwas Eẞbares verwandeln. Immer, wenn er mit seiner Mistkarre an seinem Block vorbeikam, lud er irgend etwas Ergattertes, Organisiertes aus, um es an seine Kumpel zu verteilen. Dann war der Kümmeltürke Ali, der von seiner kleinen Villa in Dahlem erzählte, seines Zeichens Papierwaren engros. Er war ein kleines Männchen, der die ganze Welt gesehen hatte, lange in der Türkei lebte und politisch verdächtigt wurde. Ein fixer Rechner, der einen Posten im Kalkulationsbüro der Henkelwerke innehatte, aber durch die Ernährung dauernd mit widerlichem Ausschlag im Gesicht behaftet war, einmal mit roter, das andere Mal mit gelber Salbe oder scheckig bemalt auftrat und oft einen ekelerregenden Anblick bot. Immer hatte er Angst vor neuen Verfolgungen und andere machten sich das zunutze, indem sie ihm Schauermärchen erzählten, auf die er auch prompt hineinfiel. Da war der große, schlanke Michaelis, ein Repräsentant der Sozialdemokratischen Partei, der mit salomonischer Gerechtig62 keit an unserem Tische die Verteilungen vornahm und immer für Ausgleich und Beschwichtigung sorgte. In dem Geschnatter von deutsch, französisch und polnisch, dem lauten Aufbegehren sich benachteiligt Fühlender, in dem ewigen Streit um die Platzfrage schuf er mit gleichmütiger Ruhe Ordnung. Keiner konnte die Arme am Tisch bewegen und ein Oberschenkel war mindestens schon an dem Oberschenkel des Nachbarn angepreßt. Die Bänke waren in der Mitte durch ein Holzstück gestützt, das oft in sich einkrachte, wenn eine Bewegung am Tische entstand, und der dort Sitzende kam nach rückwärts zu Fall und störte den hinter ihm Sitzenden gröblich. Als ich einmal in der Kammer eifrig schrieb und addierte, stand plötzlich der SS- Scharführer vor mir und rief: ,, Sie können gleich draußen mithelfen." Ich wußte, da waren immer die Effektensäcke der Hunderte von Neuzugängen abzuladen, wozu auch wir Schreiber öfter zum Tragen herangezogen wurden. Im Nu also stand ich auf, rannte an die Tür, öffnete sie und sal, wie vor mir an einem Gebälk gezimmert wurde. Ich erschrak. Einen Meter von mir entfernt wurde das Gebälk des Galgens aufgerichtet. ,, Kommen Sie nur wieder rein", und mit einem Hohngelächter, diesem typischen Ausdrucksmerkmal der SS, wurde ich auf meinen Platz verwiesen. Um seinem Spaß die Krone aufzusetzen, sagte er: ,, Heute kommen Sie dran." Die Schreiber schauten auf und man sah jetzt durch die Fenster den Galgen stehen. Allmählich durfte ich auch an die großen Karteikästen, die in alphabetischer Reihenfolge nach dem Namen, und zwar der im Lager Lebenden und der nicht mehr zum Lager Gehörigen, geführt wurden. Es waren immer viele Häftlingsnummern und Schreibweisen, besonders bei den slawischen Namen, zu vergleichen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich dem unwiderstehlichen Drange nicht entkommen, nachzusehen, ob außer mir der seltene Name Utsch schon mal geführt wurde. Unter den Lebenden fand ich außer mir selbst keine Karte. Dann sah ich bei den Toten nach. Ich erschrak: Eugen Utsch, Zigarrenfabrikant, Hamm in Westfalen, Bibelforscher, dann und dann im Lager verstorben. Ich dachte nach. Es war der Bruder meiner Großtante, mit dem ich selbst nie in Verbindung war. Ich erinnerte mich 63 nur einer Andeutung, die die Tante in einem Briefe machte. Sie deutete auf furchtbare Geschichten der Gestapo wegen religiöser Einstellung eines Bruders. Jetzt war dieses Rätsel gelöst! Ich erkundigte mich und hörte, daß dieser Onkel im Lager gut bekannt war, mit den vielen Bibelforschern, die seinerzeit besonders von der SS gehaßt und verfemt wurden, ins Lager kam und an den Greueltaten verstarb. Ich konnte mir Vorstellungen machen, wie viele Menschen alljährlich durch die Preẞmaschine der Gestapo laufen, wenn mein seltener Name wirklich also zweimal vertreten war. Von meiner Familie also zwei ins Lager gekommen, dann aber außerdem meine Schwester wegen einer Bemerkung über eine Hitlerrede verfolgt, mein Bruder wegen Zugehörigkeit zur Antroposophischen Lehre von der Gestapo gehetzt und meine Tante Karla Utsch wegen Mitgliedschaft bei der Deutschen Friedensgesellschaft mit gekürztem Ruhegehalt als politisch unzuverlässig aus dem Lehrkörper ausgestoßen und entsetzlich gepeinigt, der Bruder meiner Frau ebenfalls in ein KZ gesteckt! Und dies nur die unmittelbarste Verwandtschaft meines kleinen Familienkreises! Was würde weiteres Forschen in diesen Karteien für Ergebnisse zeigen? Hier war alles schwarz auf weißẞ. Ein kleines V in den Nummernbüchern besagte: verstorben. Ganze Seiten der täglich zu wälzenden Nummernbücher trugen, Zahl für Zahl, Häftling für Häftling, dieses V als letztes kleines Andenken und Nachweismerkmal für die Verbliebenen. Reise zum Reichssicherheitshauptamt. Als ich knapp eine Woche in der Kammer beschäftigt war und mich langsam von Klinker zu erholen begann, wurde mir abends am Block eröffnet, daß ich am nächsten Tage nach Berlin ins Reichssicherheitshauptamt überführt werden sollte. Zum ersten Male, seit ich im Lager war, konnte ich an dem Brausebad teilnehmen. Der Blockfriseur, ein Häftling, der dies nebenbei machte, hatte den Auftrag, das Haar etwas zu 64 stutzen, obwohl dies bei dem Klinkerschnitt ein vergebliches Bemühen blieb. Am nächsten Morgen wurde mir die Zivilkleidung ausgehändigt, nachdem mein Effektensack abends zuvor aus dem Block, wo diese zur Aufbewahrung lagen, herausgesucht worden war. In einer auffallend großzügigen Weise durfte ich alles mitnehmen. Vielleicht wirst Du entlassen, vielleicht kommst Du nicht wieder dachte ich, denn freundlich ist man zu den Häftlingen, wenn sie wieder hinaus sollen in die Außenwelt, gleichsam, als wolle man das vertuschen, was alles im Lager geschah. Ich kam zusammen mit noch einigen Häftlingen bis zum Bahnhof Oranienburg, begleitet von SS- Wachen, und dort zu dem fahrplanmäßigen Zug nach Berlin, an dem zwei Gefangenenschließwagen angehängt waren. Die anderen Häftlinge verlor ich aus den Augen. Sie sollten in Polizeigefängnisse und andere Lager überführt werden. Mein Weg aber ging zum Reichssicherheitshauptamt. In Berlin empfing mich ein Beamter in Zivil am Alexanderplatz, wo ich meine Papiere in Empfang nahm und von der Behörde des Gefangenentransportes förmlich an die Behörde der Gestapo übergeben wurde. Vom Alexanderplatz brachten mich Zivilbeamte in einem Luxuswagen in das Reichssicherheitshauptamt. Hier wurde ich wie ein guter Bekannter mit freundlichem Gehabe eingewiesen, zu meinem Erstaunen in einen gepflegten, ordentlichen Raum gebracht, in dem sich etwa acht andere Zivilisten, durchwegs gut gekleidet, aufhielten. Ich war wie nicht recht bei Sinnen, erstaunt über die vorzügliche Unterkunft in Betten, die mit weißen Linnen frisch überzogen waren; das Essen, am gedeckten Tisch, bei zurückhaltenden Gesprächen mit den zuvorkommenden Insassen des Zimmers, war vorzüglich. Ich erkannte einen alten Bekannten, Dr. X., wieder, der dies aber scheinbar vor den anderen nicht wahr haben wollte und mir entsprechende Zeichen machte. Er war der sogenannte Stubenälteste in dem Raum und sorgte für ein fast zeremonielles gesellschaftliches Verhalten und einen liebenswürdigen Ton der Insassen untereinander. Für mich eine unbegreifliche andere Welt, hier im Gestapohauptgebäude. .5 Bg. Utsch, KZ 65 Zwei Tage lebte ich hier, fand Bücher und Zeitungen vor und unterhielt mich vornehmlich mit einem jugoslawischen Journalisten, der unter politischem Verdacht stand und diplomatischen Kreisen aller Herren Länder nahestand und sehr interessant zu erzählen wußte, aber mir nicht verheimlichte, daß er furchtbare Angst vor einem KZ- Lager habe. Ich mußte auspacken und erzählen, was ich wußte, gab aber eine vorsichtige Schilderung der Verhältnisse des Lagers, zumal mich mein Bekannter warnte und mir unbemerkt einen SS- Spitzel, der sich unter den Insassen befand, zeigte. Ich sehe meine Frau wieder. Einmal öffnete sich unsere Türe: ,, Herr Utsch!" -- Ich staunte und traute meinen Ohren nicht, war ich doch gewöhnt, nur auf die Häftlingsnummer zu reagieren. Ich meldete mich. ,, Bitte kommen Sie näher." Ich ging dann durch die langen Korridore und Winkel mit dem Gestapobeamten in ein anderes Gebäude; unterwegs frug er mich, ob ich wisse, daß ich jetzt meine Frau sehen werde. Ich hatte alles andere, nur dies nicht erwartet und freudigste Gefühle erfüllten mich. Wir traten in ein Zimmer mit Klubsesseln, den Empfangsraum der Gestapo. Hier wurde mir nochmals eröffnet, daß in wenigen Minuten meine Frau erscheinen würde. Die Sprechdauer würde eine halbe Stunde betragen, doch würde das Zusammensein sofort unterbrochen, falls auch nur ein Wort über ,, meinen Fall" und über das Lager zur Sprache käme. Dann kam sie. Das war ein Wiedersehen! Aber unter welchen Umständen, in welch bedrückender Enge! Das schöne Zimmer hatte keine Tür zur Freiheit und alle Empfindungen wurden gedämpft durch den lauernden, behäbigen Gestapobeamten, der sichtlich auf jedes Wort achtete, das gesprochen wurde. Man sitzt sich gegenüber und spricht, doch jedes Wort ist erzwungen, gehemmt, nicht der eigentliche Mensch spricht, 66 - nicht der Liebende, nicht der Mann, sondern ein fast sich selbst Fremder; so ist dieses Zusammensein ein Aufzählen bestimmter Ereignisse, ein Fragen nach den Kindern, nach Freunden und Bekannten und nach der Katze. Es verstreicht die kostbare Zeit, ohne daß man sich näherkommt; so brennend heiß auch das Verlangen restloser Hingabe ist, ein nur zu bekanntes Etwas steht zwischen uns. Als wüßte meine Frau, daß ich dies lange entbehrt hatte, reicht sie mir mit schalkhaftem Lachen eine Semmel und ich beginne sie zu zermalmen, nicht ohne ein Lächeln über diese Liebesgabe, die mir im Moment mehr wert war, als das große, schöne Paket, das meine Frau mir dann noch übergab und das der SS- Beamte beargwöhnte, als seien Kassiber, Gift oder Waffen in dem Backwerk. Der Beamte stellte plötzlich fest, daß die Zeit vorbei sei, ja daß sie schon längst überschritten wäre. Ich merkte ihm an, daß er sich langweilte. Ich hingegen wollte meiner Frau nun zu verstehen geben, was los war! Ich fragte den Beamten, ob ich nicht nach dem Besuch meiner Frau mit ihm selbst mal sprechen dürfe, denn ich wüßte überhaupt nicht, warum ich eigentlich ohne Verfahren und Urteil im Lager sei und möchte ihn um Aufklärung bitten. Auf diese Weise war nun wenigstens meine Frau auch unterrichtet, unter welch unbegreiflichen, rätselhaften, unbekannten Umständen ich festgehalten wurde und in einem KZLager sein mußte. Diese Aufklärung sollte sie mit nach Hause nehmen als unseren Triumph, nachdem die Zeit sowieso abgelaufen war. Und ich merkte, daß sie mich verstand. Der Abschiedskuẞ und ein mutiges Flüstern ins Ohr war das Lette. Ich verstand wohl ihre Worte nicht ganz, aber sie sprach vom Kämpfen und vom Sieg über die Methode. Der Beamte hielt meine Frau zurück und frug: ,, Was ist mit dem Geld, was ist mit den 250 RM.?" ,, Sehr einfach", sagte meine Frau,„ man hat sie meinem Mann auf dem Monte Lupich vorenthalten, obwohl er dort als Zusatz zu seiner Verpflegung das Geld haben durfte, wie man mir ausdrücklich mitteilte. Das Geld wurde einfach gestohlen, um es geradeheraus zu sagen." Der Beamte stutte über diese Offenheit, machte sich eine Notiz und bemerkte: Wir werden den Fall noch unter5* 99 67 suchen und Sie werden die Verantwortung zu tragen haben für Ihre Behauptung, die Reichssicherheitsbehörde würde stehlen." Nun wußte ich auch wieder mehr; als ich ins Lemberger Untersuchungsgefängnis kam, reklamierte die Aufnahmestelle bei dem Beamten, der mich überbracht hatte, daß kein Haftbefehl vorläge. Ich stand damals bereits ohne Kragen und Binder, die Taschen entleert, da stritten sich die Beamten, ob sie mich überhaupt behalten wollten. Bei der Überführung nach Krakau, auf dem Monte Lupich, gab es die gleiche Szene. Mein Protest wurde damals mit einem Kinnhaken und dem Bemerken, daß mich diese Gespräche nichts angingen, beantwortet. Was sollte ich machen, eingesperrt, hinter Gittern, gegenüber Pistolenträgern, gegenüber den SS- Gefängniswärtern? Jetzt aber hörte ich, daß mir auch das Geld, das mir meine Frau gesandt hatte, vorenthalten, wenn nicht gar unterschlagen wurde. Wo blieb deutsches Recht, deutsche Justiz, deutsche Wahrheit? Die Tür fiel ins Schloß. Meine Frau war verschwunden. - Ich stand dem Beamten alleine gegenüber. Er behielt die Haltung mir gegenüber, wie sie im Reichssicherheitshauptamt. offenbar zur geübten Methode gehörte. Freundlich, aalglatt, doch unnahbar. Ich merkte noch das Abgleiten in die vorangegangene Situation, den Ärger, den er über meine Frau gehabt haben mochte. Ich stellte ihn vor die Frage, warum ich eigentlich im KZLager sein müßte. ,, Wir haben das so beschlossen", war die naive Antwort. ,, Ja", sagte ich, da mit dem Manne scheinbar zu reden war, ..das muß aber doch seine Gründe haben, denn der mir nach drei Monaten vorgelegte Haftbefehl sprach von einem Verbrechen, mit dem ich auch nicht das Geringste zu tun habe, so daß ich auch nicht unterschrieben habe, was doch sonst von den Häftlingen des Lagers um jeden Preis erzwungen wird?" Eiskalt kam die Antwort: ,, Wir behalten Sie aber trotzdem im Lager. Das wurde so beschlossen und bleibt dabei." ,, Ja, aber es muß doch etwas Konkretes vorliegen. Die Angaben über meine Person waren das Einzige, was man bei dem Verhör in Krakau von mir erhalten hat, und das ge68 nügt doch nicht, um mich mein Leben lang festzuhalten und mich dort zugrunde gehen zu lassen?" Der Beamte versuchte gar nicht, mir eine Begründung zu geben. Ich mußte mich mit dem Gesagten abfinden und mich wieder in das Labyrinth der Fragen und Zweifel, auftauchender Minderwertigkeitskomplexe und innerer Spaltung zurückziehen. Es blieb auch eine gräßliche Ungewißheit zurück, denn zum Teil waren die Andeutungen so, daß ich vermuten konnte, vielleicht bald, vielleicht in Tagen schon, aus dem Lager herauszukommen. Alles war wie das Walten geheimnisvoller Kräfte, aber diesmal der bösen, des Satanischen. Nochmals versuchte ich, unter Preisgabe meiner letzten vermeintlichen Chance und verbunden mit der Gefahr, dadurch meine Lage zu verschlechtern, auf den Mann einzuwirken. Ich sagte, bei den Verhören über meine Person in Krakau habe man Gewalt angewendet, man habe mich mit Fäusten und Fußspitzen bearbeitet und mir Vorwürfe gemacht. ,, Ist das nicht schon genug und ist der Aufenthalt im Lager nicht ein Unrecht, zumal kein Urteilsspruch besteht? Kann ich nicht hier im Reichssicherheitshauptamt bleiben, wie mir das zugesagt wurde? Die Verhandlung muß doch schließlich mal stattfinden, und warum soll ich bis dahin in einem KZ- Lager sein müssen?" Der Beamte tat, als ginge er auf diese Frage ein. ,, Bei welchem Kommando sind Sie denn im Lager?" Ich antwortete: ,, Ich war bisher bei Klinker und bin jetzt in der Effektenkammer." ,, Dann haben Sie es doch jetzt so gut wie in einem Sanatorium und brauchen sich doch um nichts zu kümmern!"" Dies sagte er mit der Miene eines Biedermannes und mit einem Hundeblick, als meinte er es wirklich in diesem Moment gut mit mir. Ich kam mir vor wie beim Irrenarzt, der seinen Patienten im Sanatorium beschwichtigt, wenn er ihn in wachen Momenten antrifft. Dahinter aber sah ich das Lauernde, das Ungeduldige und Verdächtige, und ich hatte das Gefühl: jedes Wort vergebens! Er brach das Gespräch ab, ging ans Telefon, hob den Hörer ab, wählte und sagte dann laut: ,, Der Utsch aus Sachsenhau69 sen ist wieder zurückzuführen, gleich von meinem Zimmer aus. Das Weitere werde ich veranlassen!" Die Hoffnung auf Klarheit, auf die Herbeiführung eines Ausgleichs, auf irgendeine Bereinigung meines sogenannten Falles, versank im Abgrund. Ich fühlte mich wieder als Häftling. So gehoben die Situation auch war, so aussichtsreich mir für Augenblicke mein Kampf erschien, so bestimmt stand nun wieder das Dilemma der Ungewißheit und der Schrecken der Rückkehr in das Lager vor mir und betäubte meine Sinne. Rückkehr nach Oranienburg. Durch Flure und Gänge ging es wieder hinüber in das andere Haus. Hier hatte ich in der Gemeinschaftszelle gerade noch Gelegenheit, den anderen Insassen je ein Stück Kuchen aus dem Paket der geliebten Frau abzugeben und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich erzählte von dem Besuch und alles war überrascht über die Freizügigkeit, mir diesen Besuch zu gewähren, obwohl ich doch aus dem KZ sei. Meinen Bekannten bat ich, in Frankfurt/ Main meinen Schwiegervater aufzusuchen, falls er jemals dazu Gelegenheit haben und wieder in Freiheit gesetzt werden sollte. Ich trug ihm auf, vor allem auszurichten, daß ich nicht wüßte, warum ich im Lager sei, und in dieser Richtung den Versuch einer Befreiungsaktion von außen her durch Gesuche zu betreiben. Der Bekannte gelobte mir dies. Ich war gerade mit dem Gespräch zu Ende, als auch schon mein Name und, zum Erstaunen aller, auch der des jugoslawischen Journalisten von einem uniformierten Beamten von einem Zettel abgelesen wurde und uns dieser bedeutete, mit unseren Sachen marschfertig zu erscheinen. Wir wurden in einen großen Mercedeswagen gebracht; es wurden noch Bücher verladen, die auch nach Sachsenhausen sollten. Mir fiel dabei auf, daß im Zusammenhang mit den 70 Büchern der Name des früheren Reichstagsabgeordneten und Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei, Breitscheidt, fiel. Ich nahm an, der jugoslawische Journalist würde ebenfalls in Einzelhaft kommen, und als man dann eine große Anzahl Koffer mit Hotelzetteln aus aller Welt in den Mercedes verlud, bekräftigte sich in mir die Annahme, daß er zu Breitscheidt in eines jener Häuser komme, die in Sachsenhausen für besonders wichtige Einzelhäftlinge bereitstehen. Ich versuchte, in leisem Flüstertone zu erfahren, ob er Breitscheidt kenne. Zu lieb wäre mir eine Verbindung dorthin gewesen, da mir der Sohn Breitscheidts aus früheren Jahren in Berlin und in Dänemark gut bekannt war und uns wertvolle Erinnerungen verbanden. Nichts jedoch konnte ich durch den Journalisten erfahren; ab und zu nur sahen sich die begleitenden Gestapobeamten, die vorne in der Maschine saßen, um und in schneller Fahrt ging es hinaus aus der Stadt voll pulsierenden, freien Lebens. Allzu schnell war wieder die Stätte des endlosen Grauens erreicht und wir standen wieder vor dem Kommandantenhaus des Lagers. Hier geschah ein merkwürdiger Zwischenfall. Der Kommandant trat soeben heraus, sah die große Maschine kommen, den Journalisten und mich aus dem Wagen steigen und kam direkt auf uns zu und reichte uns die Hände. Ich konnte meine Hand noch zurückhalten, war ich mir doch des Irrtums bewußt, der hier vorlag. Der Journalist aber, der einen derartigen Empfang an der Stätte des Grauens vielleicht für möglich hielt, begrüßte den Kommandanten ebenfalls mit Händedruck, bis der Gestapobeamte durch das Wort ,, Achtung, Häftling!" die Situation klärte. Einige Stunden später sah ich den Journalisten im Zebramantel, barhäuptig, mit Holzpantinen, ohne seine große, helle Hornbrille, aber mit schlotternden Knien, auf der Effektenkammer. Das Lager zeigte sich gleich von seiner schlimmsten Seite. Links am Tor hatte man einen Kasten aufgebaut und auf diesem lehnte der Leichnam eines viehisch zerstückelten Menschen in der Häftlingkleidung; an seinem Körper war ein großes Plakat angebracht: ,, Ich habe Fluchtversuch gemacht." 71 Im Lager wußten sie, daß der Häftling aus einer Miete Kartoffeln organisieren wollte, dadurch von seinem Kommando abgekommen war und dann durch Hunde aus dem Zwinger gesucht und von diesen zerfleischt wurde. Die Blindgängerkommandos für Berlin. In den Tagen nach der Rückkehr bemühte ich mich, meinen Freund Otto wieder zu entdecken. Er war mir durch das Klinkerkommando und die vielen Möglichkeiten gänzlichen Sichverlierens in der großen Lagerstadt ganz außer Sicht geraten. Aus den Büchern der Häftlingskammer und auf der Schreibstube stellte ich dann fest, daß Otto im Revier lag, also krank war. Ich mußte sofort an sein schweres Bruchleiden denken. Also war er doch unterlegen, war er auch ein Opfer und sein baldiger Tod schien mir gewiß. Ich suchte ihn auf. Er lag in dem grauenhaften Elend unter vielen Todgeweihten, aber er erkannte mich gleich wieder und das freute mich. ,, Ich habe Glück gehabt. Meine Operation hat ein Häftlingsarzt gemacht, mit dem ich mich vorher besprechen konnte. Er ist Ostmärker, ein dufter Kerl. Und weißt Du, was er mir versprochen hat? Er will bei der Lagerleitung vorstellig werden und dort mein Leiden noch schlimmer hinstellen, als es ist. Als Arzt und langjähriger Häftling kann er das, und manchmal werden Häftlinge entlassen, wenn ihre Tage sowieso gezählt sind. Auf diese Tour will er es drehen, daß ich rauskomme. Außerdem läuft von draußen her ein Gesuch eines Militärs und auch die Sache scheint von Aussicht. Nimm mir nicht übel, wenn ich mich kränker stelle, als ich bin, das Liegen bekommt mir und die Hoffnung auf Freiheit tut ihr Übriges. Dann werde ich mich auch um Dich bekümmern, vor allem Deiner Frau Elisabeth Bescheid geben. Du mußt mir dann noch alles sagen, was Du auf dem Herzen hast. Vielleicht kann sich auch für Dich etwas zu Deinen Gunsten ergeben." Mit einem kurzen Händedruck schieden wir. 72 Auf dem Block war inzwischen wieder viel vorgefallen. An einem Tage allein vier Tote beim sogenannten Minensuchund Sprengkommando! Man hatte bei den Aufräumungsarbeiten in Groß- Berlin spezielle Häftlingskommandos aus dem KZ für den Abtransport und die Sprengung von Blindgängern aufgestellt. Die dazu beigegebenen Feuerwehrleute hatten nur ganz oberflächlich den Häftlingen Anweisung für die Handhabung von solchen Blindgängern gegeben und sich dann selbst in irgendwelche Lokale verdrückt. Nicht aber ohne vorher zu verlangen, daß die Entfernung der Blindgänger zu befristeter Zeit erfolgt sein mußte. Natürlich sind die Bomben explodiert und jeden Tag gab es viele Tote. Es wurde dann bei einem Appell das Entfernen der Blindgänger angeblich, wie so schön gesagt wurde,„, reformiert" und die Häftlinge sollten keine Unruhe mehr bei diesem Kommando, das künftig ein Ehrenkommando sei, haben. Es wurde den Häftlingen in Aussicht gestellt, sogenannte ,, Ehrenhäftlinge innerhalb des KZ- Lagers zu werden, wenn sie sich zum Bombensuchkommando meldeten. Ehrenhäftling bedeutete: Öfter und ausführlicher nach Hause schreiben dürfen, freie Wahl des Arbeitskommandos und nach Entfernung des zehnten Blindgängers in Aussicht gestellte Entlassung aus dem KZ. Mir erschien das ungeheuer verlockend. Nach Hause schreiben dürfen, vielleicht gar einen freien, echten, wirklichen Brief und Aussicht auf Entlassung! Kurz entschlossen meldete ich mich zum Bombensuchkommando. Ich bekam eine Absage. Der Lagerkommandant hätte mich gestrichen. Nicht daß ich mich damit innerlich mehr belastete, aber es war der Versuch, alles zu tun, was in meiner Macht lag, um meiner Frau den ersehnten wirklichen Brief schreiben zu können und um immer wieder den Kampf um die Freiheit aufzunehmen! Wiederum war es die Methode, die mich aufbrachte. Ich merkte genau, daß man solche Häftlinge, die in wichtigen Kommandos arbeiteten, von der Liste strich; später wurden überhaupt nur noch Ausländer und keine Deutschen mehr für dieses Kommando genommen. Auch hier eine bewußte Politik mit dem Morden. 73 Es stellte sich auch heraus, daß keiner der Häftlinge durch das Bombensuchkommando die versprochenen Vergünstigungen erhielt, keiner, der mitgeholfen hatte, mehr als zehn Blindgänger zu entfernen und oft dabei gewesen sein mag, wenn um ihn herum die anderen Kumpel von den krepierenden Geschossen zerstückelt wurden, die Freiheit erhielt. Schreiben konnten die meisten Ausländer sowieso nicht, und so hatte das ganze Gefasel von den Vergünstigungen keinen Sinn für sie. Die Bombensuchkommandos wurden auch künftighin nicht auf freiwilliger Basis, sondern zwangsweise zusammengestellt. Eines aber blieb beim alten, die große Zahl der Toten! Blutjunge, herzensgute Kerle, die den Block angenehm bevölkerten, Ukrainer, Franzosen, Polen ließen dabei ihr Leben, das so leichtsinnig aufs Spiel gesetzt wurde. Kabarett des Todes. Alle Neuerungen hatten stets einen Pferdefuß, hatten immer den leibhaftigen Teufel im Gefolge. So wurde auch eines schönen Tages verbreitet, daß im KZ zur Aufmunterung der Menschen ein Kabarett stattfinden würde. Und tatsächlich stieg eines Sonntagnachmittags an derselben Stelle, wo sonst das gefürchtete Gebälk des Galgens aufgerichtet wurde, das Gestell eines Podiums, einer kleinen Bühne auf. Es traten vor dem versammelten Lager Frauen auf, Tänzerinnen, kokette, lusterregende Weiblichkeiten, die sich in langer Reihenfolge, entsprechend einem reichhaltigen Varietéprogramm, zur Schau stellten. Hier eine Spanierin in Volkstracht, dort eine bunte Ukrainerin mit einem schönen Kopftuch, dann wieder eine elegante Mondäne usw. Doch alle diese Weiblichkeiten, so echt sie wirkten, waren keine Frauen, sondern Häftlinge aus dem Lager, die hier ihr Schauspielertalent zeigten. Tage darauf fand man einen Großteil bei dem zur Bestrafung angesetzten Torstehen. 74 Es hatte sich herumgesprochen, daß im Lager Homosexuelle seien, und nun wurden ganze Paare der angeblich Männlein und Weiblein spielenden Häftlinge entlarvt. Man hatte festgestellt, daß sich die sogenannten Frauen mit Büstenhaltern und anderen Dessous behingen und sich mit den Männern in Verstecken ihrer Lust hingaben; nun folgte die Bestrafung für die vom Lager selbst eingerichtete Vergnügungsstätte. Die Opfer waren meist ahnungslose junge Menschen, die Täter waren durch lange, lange Jahre in falsche Bahnen gelenkte, stark sexuelle Triebmenschen, die einen Ausweg suchten. Die wirklichen Verbrecher dabei waren die SS- Menschen, die sich noch ein ergötzliches Spiel aus dem Leid der Menschen machten und die auf diese Weise gesuchten und gefundenen Opfer verrieten und bestraften. Kein sonderbarer Zufall war es, daß der Vorschlag von einem SS kam, der selber Häftling war und als Häftlingsältester seinerzeit figurierte. Als dieses ganze Spiel seine höchsten Blüten trieb, dem das Ende folgte, stellte sich gleichzeitig eine großangelegte Korruption heraus, die dieser SSHäftling zusammen mit den SS- Beamten des Lagers angestellt hatte. Das Lederkommando entdeckt Schätze. Dieser Lagerälteste Ludwig hatte natürlich Zutritt zu allen Kommandos und so auch zur Abteilung, die die Kleider der verstorbenen Häftlinge auf ihre weitere Brauchbarkeit bearbeitete, und zu den sogenannten Ledertrennern, die die Schuhe auseinanderschnitten. Dieses Kommando, das an sich unter strenger Aufsicht arbeitete, brachte große Schätze an Banknoten aller Herren Länder, an Münzen in Gold und Silber, an Edelsteinen und sonstigen Pretiosen zutage, die man in den Tausenden und Abertausenden von Kleidern und Schuhen eingenäht und eingearbeitet fand. Notgelder und Notgroschen der Ausländer und Juden, die damit ihre letzte Habe 75 verbargen und daraus ihr Heil erhofften aus gefährdeter Lage. Statt dessen waren sie im KZ zu Tode gequält worden und hier in der Sammelstelle Sachsenhausen wurden ihre Kleider, ob sie nun von Lublin, Auschwitz oder einem anderen Lager kamen, bearbeitet und nach Gold und Geld durchgesehen. Diese nach Verschlagenheit und Blut stinkende Korruption wurde in einem derartigen Ausmaße aufgedeckt, daß Ludwig, der sich seine Entlassung erschlichen hatte, wenige Tage nachher durch andere Behörden verhaftet, wieder ins Lager kam und als Rückgeführter vor dem Tore stand. Damit begann eine Skala von Massenverhaftungen innerhalb des Lagers und täglich kamen neue Delinquenten, die in diese Korruption verwickelt waren, hinzu. Man sah sie dann zum großen Teil bei dem Schuhlaufkommando, von denen einer nach dem anderen absackte und einging. Jeder aber wußte, ahnte oder fühlte es wenigstens, daß die ganze Lagerkommandantur selbst in diese Machenschaften verwickelt war und daß man mit den exemplarischen Bestrafungen nur übertünchte, was die anderen in noch größerem Maße, ja im Gang einer laufenden Geschäftsordnung, an Korruption und Bereicherung mit der letzten Habe der Toten einheimsten. Es sprach sich herum, daß der eine oder andere Lagerkommandant versetzt wurde, weil er zu reich geworden war im Konzentrationslager Sachsenhausen. Dies war aber nicht das einzige, was sich aus der Varietéveranstaltung ergab. Im Anschluß an die Tänzeleien der Transvestiten hatte man zum ersten Mal russische Kriegsgefangene, die in einem Sonderlager gehalten wurden, auftreten lassen. Schlicht, einfach, mit einer gewissen Zeremonie und guten Haltung betraten sie das Podium. Dann begannen sie ihre Volksweisen zu singen und Choräle erklangen. Man hörte kraftvolle Solostimmen; es war das erste Mal, daß im Lager die Harmonie der Töne und die Schönheit menschlicher Stimmen zu hören waren. Es rief die schallende Begeisterung aller Lagerinsassen hervor. Die Russen hatten in ihrer Abgeschlossenheit keine Ahnung, was für einer Veranstaltung ihre Stimme diente! Härte, Enge, preußische Schnauzigkeit, sadistische SS- Art, elendes Massensterben ohne Kampf, ohne Widerstand, sollten 76 übertüncht werden durch die Einrichtung eines Varietés? Das kam nicht in Frage. Nicht einer von den vielen Tausenden, die am Sonntag mithalfen, die Bänke herauszuschleifen, zurechtzustellen für die großartige Aufmachung im eigenen Elend, empfand anders: bizarrste Ironie, gemeinster Betrug, letztes Hohngelächter den Todesnahen, ähnlich wie die Musik am Tor bei den Klinkerwerken, wenn die Halbtoten zur Arbeit getragen werden! Oder sollte gar der von den wachsamen politischen Auguren, von den klugen Häftlingen, vielmals vorausgesagte, bald bevorstehende Zusammenbruch damit bemäntelt werden und die Lagerleitung in einer Anwandlung psychologischer Haltung bei den Häftlingen Stimmung erwecken wollen, ob ihrer großen Güte und Menschlichkeit? Das waren die Fragen, die wir uns stellten. Die meisten aber haben ganz derb zum Ausdruck gebracht, daß dieser Schwindel eben KZ sei, und man sprach nicht viel, sondern tat das ab mit seinem gesamten Schicksal. Mein Freund Weiß- Rütli. Auf meinem Block hörte ich öfter von einem Häftling, der mich interessierte; er sollte auch aus München sein, befand sich schon lange im Lager, war von Dachau hergekommen und sollte Alfred Weiß- Rütli heißen. Er besuchte des öfteren den Blockältesten Franz und so lernte ich ihn kennen. Das war gerade in den Tagen, als ich mich verzweifelt gegen eine Ruhrerkrankung aufbäumte und mit allen Mitteln versuchte, ihrer Herr zu werden. Ich war schlapp von dem Durchfall und all den Nebenerscheinungen und auch die Holzkohle, die mir Häftlinge vom Waldkommando mitbrachten, wollte mir nicht helfen. Das Fasten war umsonst, ich fiel immer mehr zusammen. Und da half mir die erste Begegnung mit Alfred. Nicht nur, daß er mir, behutsam eingewickelt, nach tagelangen Bemühungen ein Pülverchen verschaffte, daß ich dadurch nicht ins Re77 vier mußte, um in diesen Elendsbaracken zu verrecken, vor allem war es die geistige Begegnung, die den Ausschlag gab und mir dann rasch zur Besserung verhalf. Die Schlingen der äußeren Lage im KZ sind nach längerem Aufenthalt nicht so gefahrdrohend, wie die nach innen gekehrten Qualen und Entbehrungen, wie der Komplex geistiger Nöte und Reflexe und psychologischer Erscheinungen, die den Menschen belasten und töten wollen, die ihn in der Einsamkeit und Furcht zu selbstquälerischen, zermürbenden Gedanken treiben; die Hoffnungslosigkeit steigert dieses Nachdenken ins Unerträgliche. So kam mir Alfred gerade zur rechten Zeit. Eine Vision. Die erste lange Unterhaltung zeigte mir das unermeßliche Glück, daß ich einen Menschen und nicht nur einen Menschen, sondern auch einen Dichter kennen lernte. Unser Gespräch ging über den Nationalsozialismus in einer dichterischen Anklage gegen eine Welt, in der die Guten gezwungen sind, Frevler zu werden, weil sich die Bösewichter auf allen Stühlen und Thronen Deutschlands breitgemacht hatten. Er verstand es, die ganze Schmach und das ganze Elend, das Deutschland betroffen hat, und die erschreckende Zukunft, die ihm danach noch bevorstände, in visionärer Darstellung zu schildern. Während sich seine Anschauung über den Nationalsozialismus, der es verstand, wie der Wolf im Schafspelz die deutschen Gemüter zu verführen, mit meiner Auffassung deckte, war ich erstaunt über die Klarheit, mit der er auch die Zukunft sah. Alfred und ich sahen uns von nun ab fast jeden Tag. Es war viel, was wir Gemeinsames hatten und was uns auch über unser Schicksal, zeitweise wenigstens, erhob. Jeder wurde wach und lebendig. Wir waren beide aus München, so lebte die Stadt vor uns auf. Wir waren beide literarisch stark interessiert, und so lebten Idealgestalten und tauchten da und dort 78 Bekanntschaften auf, die wir gemeinsam hatten. Dies gab ein Gefühl, als lebten diese Menschen plötzlich mit uns. Wir begegneten uns in Gesprächen in Münchner Lokalen, die von Künstlern und Literaten bevorzugt wurden. Wir trafen uns im Simplizissimus, im Steinicke, beim Papa der Literaten und Künstler des alten Schwabing. Wir stellten auf einmal fest, daß meine Schwester seine Bekannte war, wuẞten mit einem Mal, daß wir einander von München her kannten. Wir vergaßen, daß wir im KZ- Lager waren, und als wir auf der langen Lagerstraße auf und ab pendelten, gingen wir spazieren, als zögen wir durch die breite, schöne Ludwigsstraße mit der Staatsbibliothek und Universität. Wir waren erfüllt von einem unermeßlichen Reichtum beiderseitiger Erlebnisse, Wanderungen in Deutschlands und Italiens Gauen, in Österreich und in der Schweiz. Wir waren auf Wanderungen in den Epochen der Literatur und Geisteswissenschaften aller Zeiten und Strömungen. Dann wieder waren es Bedenken über die furchtbare Massenscheinkultur der barbarisierten Welt Deutschlands, die durch Fanatismus und Tyrannei eines Mannes die deutsche Bevölkerung in eine Flut gewaltiger, epochemachender Umwälzungen und Katastrophen gestellt hat, wie sie in gleich vielseitiger und welterschütternder Zerrüttung überlieferter staatlicher Ordnung und internationalen Gleichgewichts in einem demokratischen Staatswesen niemals von einem Manne heraufbeschworen werden konnte. Eine Zerstörung, die er heraufbeschworen hatte, deren furchtbares Finale hier im KZ schon seine Vorzeichen zeigte! Ein furchtbarer Ausgang für Deutschland war aus den Gesichtern aller Häftlinge schon zu lesen. Wir waren uns klar in unseren langen Gesprächen, daß gerade die Einrichtung des KZ wohl den ersten Rang unter den Schuld- und Sühne- Problemen der Zukunft einnehmen wird. Halb Europa ein KZ und Kasernenhof. Ist es ein Gesetz der Logik, daß Umfang und Kraft eines Beweises dem Gewicht der Beweisgegenstände entsprechen 79 muß, so wußten wir, daß die furchtbare Wirklichkeit des KZ auch ein furchtbares Unglück über Deutschland, das dem Teufel verschrieben war, hereinbrechen lassen wird. Ganz Deutschland, ja halb Europa war ein einziger Kasernenhof, ein einziges KZ, das sich nur in einzelne Unterscheidungen, in Grade aufteilte; wird es dieser falsche Prophet in seinen tiefsten Niedergang stürzen? Das war die Bilanz unserer Gespräche über den Nationalsozialismus. Alfred hatte viele kleine Kniffe, um allen Widerwärtigkeiten im Lager zu entgehen. Bald bekam ich auch seine Geschichte zu hören, die ihn in das KZ brachte, in dem er schon vier Jahre schmachtete. In München wurde an einem Faschingsabend, das heißt in der Nacht, der bekannte Kunstmaler Herpfel ermordet aufgefunden. Auf seinem Wege nach Hause hatte er diesen Mann begleitet, mit dem er gut befreundet war, nachdem beide ein Vergnügungsfest in der Schwabinger Brauerei erlebt hatten. Am nächsten Tage erschien bei ihm die Kriminalpolizei und verhörte ihn mehrmals. Es fand eine Haussuchung statt, aber man fand weiter nichts Verdächtiges, doch nahm einer der Beamten ein geheimes Tagebuch mit. Als sich dann der wirkliche Täter, der der Sohn des Kunstmalers war, herausstellte, schien die Sache für den Schriftsteller Alfred Weiß- Rütli erledigt. Nach einiger Zeit jedoch erschien die Gestapo, nahm ihn zum Verhör mit und legte ihm das Tagebuch vor. Dieses Tagebuch enthielt nun alle Gedanken, die sich im Gewissen des Dichters gegen die Einrichtungen des Dritten Reiches regten, und da er bekannte, dies geschrieben zu haben, blieb er zunächst in Haft. Nach einigen Tagen war sein Sachbearbeiter nicht mehr in dem Gestapogebäude und dessen Vertreter steckte ihn kurzerhand in das Lager Dachau. Seither wurde sein Familienleben unterminiert, ihm keine Möglichkeit mehr gegeben, sich irgendwie zu rechtfertigen oder zu äußern. Jahr um Jahr blieb er im Lager und wurde schließlich von Dachau nach Berlin- Oranienburg überführt. Alfred wurde mein Freund im Lager. Geist fand sich zu Geist und Hoffnung knüpfte sich an Hoffnung. Er selbst gab einer ganz anderen Geschichte die Schuld für sein Unglück. Mit rührender Offenheit und leichtem Erröten erzählte mir der Dichter, warum er seiner Meinung nach im 80 Lager büßen müsse. Er war ein großer Verehrer bayerischer Kunst, besonders jener primitiv bäuerlichen Kirchenkunst, deren kulturelle Leistungen man überall zu Lande findet, sei es in Hinterglasmalereien, Ölbildern, Votivtäfelchen, Schnitzereien und all den anderen Kunsterzeugnissen. Diese Liebhaberei war bei meinem Freunde zu einer ausgesprochen närrischen Manie geworden. Um jeden Preis mußte er einen Gegenstand, in den er sich nun mal vergafft hatte, auch besitzen. Eines schönen Tages, auf einer Wanderung im Chiemseegebiet, kam er an eine der kleinen, altehrwürdigen, lieblichen Kapellen, die dort auf dem Lande an Wegkreuzungen oder schönen Punkten stehen, und besah sich diese Kapelle, bis er die Entdeckung machte, die dann sein vermeintliches Verhängnis wurde. Er sah ein Votivbild, welches darstellte, wie ein Dieb in Gefangenschaft schmachtete, aber dadurch, daß er das Gelübde machte, der Kirche ein schönes Votivbild zu stiften, befreit wurde. Er sah dieses Bild, das ihn in seiner ganzen Naivität der Handlung und Malart entzückte und beeindruckte; er konnte sich nicht dagegen erwehren, das Bild vorsichtig aus seiner alten Verschraubung auszulösen, in seine Mappe zu packen und mitzunehmen. Schon auf dem Wege nach Hause packten ihn Skrupel und Zweifel über dieses Sakrileg, diesen schändlichen Gottesraub, den er begangen hatte. Aber jedes Mal, wenn er das Bild aus seiner Mappe hervornahm, um es wieder zu betrachten, packte ihn von neuem dieses Fieber der Begeisterung und er blieb bei seinem Entschluß, das geschätzte Kleinod mit nach Hause zu nehmen und seiner Sammlung altbayerischer Kunst einzuverleiben. Jetzt, wo er im Lager war, erinnerte er sich immer wieder dieses Gottesraubes; in der religiösen Einfalt seines guten Herzens gestand er sich, daß dieser wohl alle Schuld verursache, daß auch er nun in so lange Gefangenschaft geraten sei, und so habe auch er das Gelübde getan, ein solches Votivbild zu stiften, wenn er das andere an die Stelle zurückgebracht und in Demut und Reue den Schaden wieder gutgemacht habe. Sein Herz blutete in inneren Nöten, in die ihn dieser Diebstahl eines geweihten Gegenstandes gebracht hatte. Wann wird er befreit sein, um sein Gelübde zu erfüllen? 6. Bg. Utsch, KZ 81 Ich soll mit nach Riga. In der Effektenkammer geht das Telefon. Ich höre auf zu arbeiten, denn meine Nummer wird vom stellvertretenden SS- Scharführer genannt. Der Stellvertreter, der erst den zweiten Tag zur Aushilfe im Kommando ist, bespricht sich mit dem Häftlingskassenleiter Arthur über den Anruf. Da frägt der Lagerkommandant an, wie die Führung von 52478 sei. Schnell die Antwort des Kassenleiters, die geflüstert, aber doch zu verstehen ist: ,, Sehr gut, nur ist der Häftling zu kurze Zeit im Kommando, um ihn genauer beurteilen zu können." Nach dieser Angabe des Capos fällt dann auch die Antwort des Lagerkommandanten aus. Ich ahnte, daß mit diesem Gespräch wieder einmal mein Schicksal bestimmt werden sollte und daß vielleicht Aussicht bestand, das Lager zu verlassen, oder daß ein entscheidender Eingriff in mein Leben geplant war. Ich war mir klar darüber, daß die Auskunft in der gegebenen Form nicht viel von den erhofften Vorteilen für meine Zukunft erwarten ließ. In den nächsten Tagen wurden dann die Kommandos für Riga endgültig zusammengestellt. Im Lager kursierten Gerüchte; jeder wollte wissen, daß nur ein ganz kleiner Teil auserwählten und zwar von dort angeforderten Häftlings- und SS- Verwaltungspersonals das Ziel erreiche, daß die Mehrzahl aber die Stadt nie erreichen würde und unter irgendwelchen Umständen auf dem Transport umkäme. Viele wollten wissen, daß die Böden in den Waggons während der Fahrt durch einen eigens konstruierten Mechanismus weggezogen werden könnten und so ein Ende auf den Schienen den meisten bevorstünde. Sagte es nicht auch schon die Zusammenstellung der Leute, daß sie einfach dezimiert und unser Lager aufgefrischt werden sollte mit all den jüngeren Neuen, die täglich in großen Massen zuströmten? Da waren für das Rigaer Lager die von den Kranken- und Siechenblocks, die Strumpfflicker und Kartoffelschäler und all die Kommandos leichterer Arbeit zusammengestellt, also solche, die wirklichen Widerstand nicht mehr leisten konnten. Hunderte, Tausende von Menschen, die nun in ihrer gebrechlichen Armseligkeit, das kleine Päckchen ihrer Habe unter 82 dem Arm, die weite Reise nach Riga in menschenunwürdigen Käfigen antreten sollten! Wie ganz offen darüber gesprochen wurde, sollten in einem gesonderten Transport die wenigen Häftlinge, die dem Verwaltungsapparat der Häftlingsselbstverwaltung angeschlossen würden, zusammen mit den SS- Verwaltungsbeamten nach Riga fahren. Wiederum das typische Bild: geplanter Mord an denjenigen, für die auch scheinbar die Steckrübensuppe, die erbärmlichste Nahrung des Lagers, zu viel war, und das Behalten derjenigen, die genehm waren, noch Henkersdienste zu verrichten, bis auch sie versteckten Schlingen zum Opfer fallen würden. Frühzeitiger, als es offiziell bekannt wurde, erfuhr ich in der Effektenkammer, daß auch ich für den Transport nach Riga ausersehen sei. Nur wußte ich nicht, war es die nicht zu verheimlichende Ruhrerkrankung oder war es meine Tätigkeit in der Häftlingskasse, die den Anlaß gab, mich für Riga mit auszuwählen. Ich hegte ein furchtsames Mißtrauen! Hier sah ich den Tod Unschuldiger, Ahnungsloser vor Augen, hier sah ich die, wenn auch indirekte, Beteiligung und Bevorzugung der SS- Hörigen, die im Sondertransport mitfuhren. Beides für mich in gleichem Maße entsetzliche Vorstellungen! Ich raffte mich auf, nahm meine letzte Kraft zusammen und schrieb ein kurzes Gesuch, den Lagerkommandanten sprechen zu dürfen. Natürlich begehrte ich dies in einer Angelegenheit, die etwas ganz anderes betraf. Ich wurde vorgelassen. Ich brachte beim Lagerkommandanten vor, was ich wollte, und begründete meinen Wunsch damit, besonders gerne in der Häftlingskasse, in der ich nun eingearbeitet sei, schaffen zu wollen. Ich erreichte mein Ziel. Sie sind der Mann, der die vielen Sprachen spricht?", fragte der Lagerkommandant ,,, dann wollen wir Sie sowieso behalten." S Aber im Lager geht nichts ohne Dornen. Auch dieses Glück barg neue Komplikationen. Statt meiner wurde dafür ein mir gut Bekannter in das Kommando ausersehen. Anfangs machte ich mir darüber die größten Selbstvorwürfe, auf diese Weise in das Schicksal eines anderen Menschen eingegriffen zu haben. Da ich meine Aussprache mit dem Lagerkomman* 6* 83 danten nicht verheimlichte, machte er mir Vorwürfe, daß ich es war, der diese Änderung hervorrief. Bei der endgültigen Zusammenstellung aber fügte es sich so, daß der Bekannte in das Auswahlkommando der Häftlings- Selbstverwaltung kam. Zu meinem großen Erstaunen war er beglückt darüber. Ich bekam Anweisung, ihn in die Häftlings- Kassenangelegenheiten einzuweihen, ihm Unterlagen für eine solche Kasse für ein neu zu errichtendes Lager mitzugeben, und so lösten sich diese innerlichen Konflikte. Der Transport der Tausende von Häftlingen vollzog sich. schleppend. Immer wieder mußten einige abgeschrieben werden, die noch im Lager verstarben. Und die Reise in ein Jammertal von Kreuz und Elend, ins Ungewisse, in den Tod begann. Abgeschossene Feindflieger im KZ. Zur gleichen Zeit kamen in unser Lager große Transporte aus Buchenwald, aus Neuengamme, aus Dachau. Ein ständiges Umgruppieren und Sortieren der Menschenmassen! In Deutschland wurde die Parole ,, Räder rollen für den Sieg" propagiert und hier rollten die Räder für die schmachvollste Unterdrückung, die sich in einem großen Volke jemals vollzog. Mit jedem Transport kamen gleichzeitig viele Tote, die dann ins Krematorium geschafft wurden. Viele wurden in die Sterbebaracken gebracht, da man ihres baldigen Dahinscheidens gewiß war. Nun vollzog sich der Massentod in ganz großen Maßstäben. Die Ziffer der täglichen Toten schwoll ins Unermeßliche. Aber auch an anderen Zugängen fehlte es nicht. Es kam in dieser Zeit zu den ersten großen Fliegerangriffen auf GroßBerlin. Es wurde befohlen: Sämtliche Häftlinge haben auf ihren Blocks zu verbleiben, es kann passieren, was da wolle! Keinerlei Anlagen, keinerlei Lauf- oder Schutzgräben wurden gebaut, nur für den Lagerkommandanten und für das SS- Personal wurden alle möglichen Schutz einrichtungen getroffen, die selbstverständlich die Häftlinge zu bauen hatten. 84 Eines Tages wurde über dem Lager ziemlich gegen Ende eines Großangriffs eine anglo- amerikanische Maschine gesichtet, die dann auch in der Nähe von Sachsenhausen zum Absturz kam. Wir sahen die brennende Maschine niedergehen und tags darauf waren die Insassen, die mit ihren Fallschirmen abgesprungen waren, im KZ. Eben noch Soldaten, jetzt Häftlinge des KZ- Lagers! Unverständlich für alle. Wenn auch das Kriegsgeschehen furchtbare Formen und Folgen, insbesondere im Luftkrieg, angenommen hatte, so wußte doch jeder, daß nach den Völkerrechtsbestimmungen Kriegsgefangene auf keinen Fall in ein KZ- Lager gehörten. Ja, wer gehörte denn wirklich ins KZ- Lager? Der Widersinn hatte nun seine allerletzten Phasen erreicht. Zusammen mit den Tommies kam eine Anzahl Geistlicher an, darunter ein katholischer Pfarrer aus Luxemburg, der eine kleine Pressenotiz veröffentlicht hatte, die nicht im Sinne der Gestapo schien. Der Pfarrer war in der Gewandung des Geistlichen gekommen und im Köfferchen, das er bei sich trug, befanden sich Meßgewand und Stola. In der Effektenkammer mußten diese Sachen hinterlegt werden. Der SS- Oberscharführer beauftragte trotz seines Widerstandes den Häftling Erich Güth, der in der Kammer so eine Art Mädchen für alles zu spielen gezwungen wurde, auch ein sogenannter Läufer war, die priesterliche Gewandung anzuziehen, einen gleichfalls vorgefundenen Kelch mit Hostien zu nehmen und den in der Kammer arbeitenden Häftlingen die Kommunion zu verabreichen. Hinter der Theke, in der sich das Effekten- Packmaterial und die Akten befanden, grinsten die SS ihr diabolisches Lachen bei dieser gotteslästerlichen Zeremonie. Ich weigerte mich standhaft, diese Art der Kommunion zu empfangen. Dann kam der Geistliche auf die Kammer und mußte mit zusehen, welchen Frevel man mit diesen geheiligten Gegenständen trieb. In diesen Tagen hörte man auch aus einem erstmalig aufgestellten Lautsprecher von der Zerstörung des Kölner Doms. Da mußte man sich fragen, ist ein Volk, das solchen Frevel treibt, würdig, solche Gotteshäuser, solche erhabene Werke der Kunst zu besitzen? Ist es nicht Fügung Gottes, wenn da die Gebäude zusammenbrechen, die man ihm einst in Ehrfurcht und Glauben erbaute? 85 Freiwild für die SS. - Unter den Neuangekommenen befand sich auch ein Häftling, der schon früher im KZ- Lager Sachsenhausen gewesen war. Er hatte sich auf die Flucht begeben und kam bis in sein polnisches Heimatdorf, wo er dreiviertel Jahr bei seinen Angehörigen lebte. Er wurde als Rückführer eingeliefert und man nahm an, daß er in eines der strengsten Kommandos kommen werde, als Freiwild für die SS, mit einem roten Kreis auf dem Rücken, der anzeigte: Flüchtling vogelfrei! Am Abend jedoch wurde der Galgen wieder aufgebaut und beim Appell verlesen, daß laut Urteil des Reichsführers- SS Himmler der Flüchtige den Tod am Strang zu erleiden habe. Zum warnenden Beispiel sei die Hinrichtung öffentlich, dem ganzen Lager sichtbar, zu vollziehen und jeder Einzelne müsse den Toten ansehen. So marschierte das ganze Lager nach der schaurigen Erhängung an dem Toten vorüber. Diese Methode wiederholte sich künftig oft. Immer mußten wir, Block für Block, an den Erhängten vorbeidefilieren. Otto hatte längst das Lager verlassen, schneller, als wir alle dachten! Ich trug ihm auf, meiner Frau nach Lemberg zu schreiben, mit ihr Verbindung aufzunehmen, sie zu beruhigen, meine Lage so gut wie möglich darzustellen und ihr vor allem zu erklären, ich wüßte nach wie vor nicht, warum ich eigentlich im KZ- Lager sei. Otto war ja im Bilde, was sie mir zum Vorwurf machten.. Er hatte seinerzeit ein Fahrradgeschäft in Krakau gehabt und an den jüdischen Ältestenrat das Ansuchen gerichtet, ihm eine Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Da er sich nicht direkt an die Distriktsregierung gewandt hatte, sondern an den Ältestenrat, wurde ihm das als widerrechtliches Zusammenarbeiten mit Juden ausgelegt. Er wußte wenigstens, in welcher Richtung er seine Bestrebungen für die Wiedererlangung der Freiheit einzuleiten hatte. Statt Otto hatte ich nun Alfred als meinen Kumpel. Im Lager geht es nicht anders, als daß man seinen Kumpel hat! Außerdem unterhielt ich mich viel und gerne mit einem Hamburger Psychiater, der, nachdem er Haus und Praxis durch Bombenschaden eingebüßt hatte, einmal im Kreise von Kollegen eine seiner spitzen, treffenden Bemerkungen über 86 das Dritte Reich gemacht hatte und deshalb ins KZ- Lager gesperrt wurde. Er war innerhalb der Häftlingslagerverwaltung beliebt und kam alsbald ins Revier als Häftlingsarzt. Er plante, eine neurologische Station zu errichten. Alsbald aber sah er klar, worauf das hinauslaufen sollte, und bevor er sich selber die Finger mit Morden besudelte, zog er es vor, im Revier als unbedeutender Arzt zu figurieren. Als ich ihm klagte, durch die Aussicht, in Ewigkeit in diesem Lager festgehalten zu werden, psychopathische Anwandlungen zu haben, gab er mir eine treffende und stärkende Antwort, indem er sagte:„ ,, Die alle, die uns hierher gebracht haben, die unser Los verschulden, sind Psychopathen höchsten Grades, Du aber bist ein kraftvoller Mensch, weil Du es bis jetzt ausgehalten hast, ohne jämmerlich einzugehen." Mussolini spukt herum. Angesammelt war auch eine Unzahl von Astrologen, Chiromanten, Wahrsagern, Kartenlegern, Propheten aller Art, und als eines schönen Tages das faschistische Regime in Italien zusammenbrach und Benito Mussolini zunächst unauffindbar war, wurden alle besagten Sterndeuter, Hellseher, Kartenleger, Weissager, wie gesagt Propheten aller Art, aus dem Lager und allen Zweiglagern und den entlegensten Kommandos zusammengetrommelt und diese kleine Hundertschaft wurde geschlossen nach Berlin ins Reichssicherheitshauptamt überführt. nun Alex, ein Jahrmarktsastrologe, der wegen Kartenschlagen ins Lager gekommen war, war auch dabei und berichtete mir von dem, was sie in Berlin erlebt hatten. Dort wurden sie sortiert in solche, die einigermaßen ernst zu nehmen waren, und solche, die von vornherein ausschieden bei dem, was folgte. Die in die engere Wahl Genommenen sollten aufgrund ihrer hellseherischen und prophetischen Veranlagung darüber wahrsagen, wo Mussolini sich aufhielte, aber über ihre Aussage strengstes Stillschweigen bewahren. So wurde denn tatsächlich eine Reihe von Hellsehern und Propheten vernommen, darüber zu deuten, wo Mussolini sich befände. Auf ein87 mal nahm man diese Menschen, die wegen ihrer Veranlagung oder vermöge ihres zweiten Gesichtes strafweise ins Lager gekommen waren, ganz ernst, ja so ernst, daß sie über Mussolinis Aufenthalt Bescheid wissen sollten. Ich erfuhr, daß viele ernsthaft auf die Frage eingingen, manche aber zum Trotz und aus Verachtung absichtlich verwirrende Angaben machten. Es wurde dem Häftling, der wirklich sachdienliche Angaben machen konnte, Freiheit versprochen. Die meisten Häftlinge kamen noch am gleichen Tage zurück, einige wurden noch im Reichssicherheitshauptamt zu weiteren Besprechungen zurückgehalten. Als sich dann nach Tagen Mussolinis wirklicher Aufenthaltsort herausstellte, meldete sich ein Häftling, der die absolut zutreffenden Angaben hellsichtig gemacht haben sollte und dafür nun entlassen werden wollte. Er wollte den Gran- Sasso, wo Mussolini in Gefangenschaft weilte, beschrieben haben und Einzelheiten darüber angegeben haben. Dieser Häftling soll tatsächlich entlassen worden sein. Langsam wird es wärmer, ja die Jahreszeit schreitet voran und während vor kurzem noch die„ ,, polnische Dampfheizung" ( das Klopfen der Hände auf dem Rücken) die Hauptbeschäftigung all der abgehärmten Muselmänner bildete, sah man jetzt die Zigaretten- Heischenden in Gruppen ihren schimmligen Mahorka rauchen, der, in Zeitungspapier zu Stäbchen geformt, den Rest der Gesundheit der Elenden unterminierte. Ich bin gerade wieder mit Alfred im Gespräch, einem auch dem Nikotin restlos Verfallenen; er macht ein Gesicht, weil kleine Pusteln und rötlicher Ausschlag sein Gesicht und vornehmlich den Rücken, verbunden mit einem schauderhaften Jucken, entstellt haben; unser Gespräch ist heute am Schluß bei Gott angelangt. Eigentümlich, die Schnorrereien um Tabak brachten uns auf dieses Gespräch. Gespräche mit dem Freunde. Es geschah mindestens dreißig Mal, daß wir in allea Sprachen um das ersehnte bißchen Tabak angesprochen wurden. 88 Der ganze Jammer zeigte sich erst, wenn man um diesen verschimmelten Tabak Menschen einander anflehen und anbetteln sah und wenn diese Zudringlichkeit des Begehrens Formen annahmen, die die letzte Menschenwürde vermissen ließen. Wo ich konnte und soweit ich besaß, verschenkte ich großzügig, während Alfred es ablehnte, sich auf die Zudringlichkeiten einzulassen. Unser vielfach gepreßtes und geteiltes Gemüt verursachte eine kleine Meinungsverschiedenheit. Mir erschien, wenn man nicht in dem Übermaß des Leides ersticken wollte, jede menschliche Rührung als ein gewisser Ausweg und auch ein Trost für die anderen. Alfred dagegen meinte wieder, man müsse ganz für sich bleiben, seine eigenen Wege gehen und, wo man nur könne, die Persönlichkeit wahren. So fing es mit diesen unbedeutenden Kleinigkeiten an und führte zu jenen langwährenden Debatten, die uns immer mehr uns selbst näherbrachten. Ich hatte die Erfahrung gemacht auch schon früher im Ausland und zuletzt in Polen, daß man mit kleinen, stillen Diensten an dem Weh der Allgemeinheit vieles gutmachen kann, was in dieser Zeit allgemeiner Wirrnis und gegenseitigen Unverständnisses die Menschen einander an Leid zufügen. Der Standpunkt von Weiß- Rütli war, von anderer Warte ausgehend: ,, Frage mich, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist." ,, So", sagte er ,,, unterstützt Du diejenigen, die Dich eben betrogen, die eben noch ein sorgsam in Papier gewickeltes Stück Brot Dir zum Tausch für etwas, was sie gerade benötigten, anboten, ein Stück Brot, das nachher ein Stück Holz war, wenn Du es im Vertrauen angenommen hattest. Diese Schwindeleien entfernen mich von den Menschen, lassen mich immer wieder alleine gehen.“ Alfred hatte zweifellos eine gewisse Disziplin in all diesen Handlungen. Er tat nur bewußt, was er machte. Ich hingegen vertrat einen allgemein toleranten Standpunkt gegen die Misere. Gott allein weiß, was aus solchen stillen Diensten für ein Segen erwächst. Selbst wenn es nicht mit gottgefälligen Mitteln hier im Lager geschehen kann, so ist es doch die 89 Sprache des Herzens, die wir finden und hochhalten müssen. Bei Alfred hingegen war es ein schmetternder, schreiender Ruf gegen all die Vorgänge im Lager, die nur zu deutlich das Versinken dieser Menschen bestimmten und jeden einzelnen der gleichen Gefahr aussetzten, wenn er nicht streng auf sich hielt und auch in seinem Umgang Selbstkontrolle und Skepsis bewahrte. ,, Es finden sich zu viel ganz schlechte, im Laster verhärtete Menschen unter uns, und wir müssen uns vor ihnen hüten." Mein Gegenargument war, daß meine Waffen im Kampf die Liebe und der Glaube seien und daß diese schließlich auch den Sieg davontragen müssen. So kamen wir auf die unmittelbarsten Fragen, die unser Gemüt bewegten, zu sprechen. ,, Darf man Gott deswegen anklagen, oder ist es nicht an uns, einzusehen, daß all dies, was er über uns ergehen läßt, Prüfung oder vielleicht gar schon sein Gericht bedeutet? Mit der Hartherzigkeit zeigen wir nicht, daß wir gelernt haben aus der Verworfenheit. Denk doch nur an diese Muselmänner, die im Irrsinn, im letzten Wahnsinn, zum Gespött der SS- Gewaltigen, hier ihren letzten Lebensodem verhauchen und noch einmal, und wenn sie sich nur in diesen kleinen Handlungen äußert, menschliche Liebe spüren wollen! Die hier Schlimmeres tun, als der ärgste Verbrecher je getan hat, denn sie handeln immer aus irgendeiner Not, aus irgendeiner Überwältigung ihres Selbst. Die SS aber handelt in ihrer brutalen Manie aus der letzten Konsequenz des ewig Satanischen." Wenn diese Gespräche solche Höhepunkte fanden, und unser aufgewühltes Gemüt zuletzt die Verzweiflung zum Ausdruck brachte, fanden wir uns wieder. Klage und Anklage, Ruf und Widerruf erstickten in der lebendigen Verpflichtung zu Gott. Heute war wieder ein Brief meiner Frau gekommen. Mit scharf geschliffenen Worten schilderte sie ihren Weg draußen um ihr gutes Recht. Auch solche Briefe waren der Ausgangspunkt unserer langen Unterhaltungen, wenn wir uns abends vom Leben des Blocks freimachen konnten und wieder die Lagerstraße entlangzogen über den sandigen, staubigen Hof. 90 Die Kantine. Heute gab es im Block Kantineneinkauf. Verlockend sieht es aus, wenn hier ein großes Faß angerollt wird, Quarkkäse enthaltend, wenn dort lange, rote Würste säuberlich ausgestellt und wenn Pakete mit Tabak gestapelt werden. Gibt dann der Block älteste bekannt, daß der Einkauf beginnen könne, es gäbe heute auch extrafeinen Muschelsalat, da fällt jeder wieder darauf hinein und die Kauflustigen stürzen sich mit Gier an den Tisch des Blockältesten, der sie dann in Reihe aufstellen läßt. Bekommt man dann endlich seine Bescherung, dann ist es ein Quark voller Maden, dem eine undefinierbare Essenz beigemischt ist, um den fauligen Geruch wenigstens etwas zu überdecken, oder ein schimmliger Mahorkatabak und das Ende vom Liede eine jeder Beschreibung spottende Belastung des Kontos der Häftlinge für Waren, deren Verkauf das Gesundheitsamt und die Nahrungsmittelprüfstelle mit schweren Strafen geahndet hätten. Bauchschmerzen mit Erbrechen waren meist das Resultat der gierigen Verschlingung des eben erst Erstandenen und Kopfschmerzen das Ergebnis des Genusses dieser Rauchwaren. Es ist mir als in der Häftlingskasse Beschäftigtem nur zu bekannt gewesen, daß, wenn die SS- Kasse Geld notwendig hatte, diese Abfallprodukte in großen Mengen an die Kantine abgegeben wurden. Systematisch wurden diese verdorbenen Wirtschaftsgüter von irgendwelchen Stellen eingesammelt und mit Hochdruck der Verkauf über die Kantine betrieben, um Geld zu machen. Lediglich eine bestimmte Art von Rübensalat, den die Häftlinge selbst herstellten und dessen Rohprodukte wiederum der Häftlingsnahrung entzogen wurden, konnte als einigermaßen genießbar angesehen werden. Dieser wurde aber genau so durch die SS- Häftlingskasse zu hohen Preisen umgesetzt und damit ungeheuerliche Verdienste aus den Guthaben der Häftlinge geschöpft. Die schönen, roten Würste, die für jeden so verlockend aussahen, enthielten nichts als rote Rüben, Kartoffeln und ein synthetisches Gewürz, wurden aber zu Preisen weit höher als Wurstwaren ersten Ranges verkauft. Es war tatsächlich so, 91' daß diese Beigabe die Gesundheit nicht förderte, sondern im stärksten Maße untergrub. Wenn kleine Utensilien hin und wieder zu teuren Preisen verkauft wurden, so waren es Beutewaren, Gegenstände, die hier für die SS- Aktiengesellschaften in klingende Münze verwandelt wurden. Und doch, bei jedem Einkauf standen hungrige Gesichter, bettelnde Figuren abseits, um etwas zu erheischen von den Glücklichen, die kaufen konnten, die ein laufendes Konto besaßen und sich der Illusion hingeben durften, besser gestellt zu sein, als die anderen Elenden. Man kann sich nicht vorstellen, welche Riesensummen auf diese Weise umgesetzt wurden, wie förmlich aus Dreck und Abfall Tausendmarkscheine und 30-40.000- Mark- Umsätze im Handumdrehen gemacht wurden, buchstäblich im Handumdrehen, denn es bedurfte nur eines Anrufes des Herrn Untersturmführers der Kassenverwaltung:„ Wir brauchen Geld, heute findet Kantinenverkauf statt!"" Vom Empfang der Ware bis zum Transport und Detailverkauf, vom Einrichten der Konten bis zur direkten Auszahlung der blanken Summen an die SS- Verwaltung geschah ja alles durch die Arbeitskräfte und Organisation der Häftlinge selber und es wurden nur die Gelder eingestrichen. So erstaunlich primitiv im Denken, so raffiniert war auch hier wieder die Methode des Geldeinstreichens. Daß hier ein geregelter, bis auf den letzten Heller genau durchgeführter Plan verfolgt wurde, braucht eigentlich keine Erwähnung zu finden. Depression und Schweigsamkeit waren immer wieder die Auswirkung davon, wenn man sich das Ganze betrachtete. Viele meinten, es läge wieder etwas in der Luft, ein neuer Kommandant käme; Gerüchte kursierten, aber in Wirklichkeit war es wie ein Symptom von Massendepression, von Massenwahnsinn, der alle Gemüter zu bedrohen schien. Es war dann die Zeit, wo auch die eifrigen Debatten ausblieben und man vor den Blocks weniger Häuflein und Gruppen sich bilden sah, daß jeder, vergrämt mit sich selbst, den anderen mied und eine nervöse Hochspannung im ganzen Lager um sich griff, die oft Tage währte und nur durch bedeutendere Ereignisse abgelöst wurde. Es gab mehrfach Menschen, die schon in den Draht gelaufen waren, in Wahnsinnsanfällen und sonderbarsten Gemütserregungen immer wieder den Tod suchten, der sie nicht er92 lösen wollte. Wenn man in der stickigen Luft der Bude tagsüber oder nachts auf den Holzpritschen lag, begegneten einem Augen, die so unsagbar weh und leidgetränkt schauen konnten, daß es einen immer wieder durchschauerte und durchrieselte. Kein Wort, keine Silbe war von vielen dieser Menschen zu erfahren. Einige nannten sie alte Böcke, alte Sonderlinge, aber sie brauchten nicht alt an Jahren zu sein. Das Lager hatte sie ganz geduckt und die tiefsten Tiefen ihres Innern der Selbstzerstörung nahegebracht. Einen dieser Menschen kannte ich gut, bei ihm war es nur einzig und allein die Sehnsucht nach seiner Mutter. Nicht die physischen Schmerzen und die grauenhaften Qualen, die gerade er in seinem Kommando erlebte, nur das Band zu seiner Mutter, das auf so unnatürliche Weise durchschnitten war, trieb ihn immer wieder dazu, den Tod zu suchen. Es gab Tage, da war er leidlich zu sprechen. Andere Tage, da schien er mich kaum zu erkennen. Seine Augen gingen wirr umher. Er brach zusammen, und da er schon lange Jahre im Lager war, durfte er sich dann auf seinem Block aufhalten. Er nahm einen alten Strumpf und eine Nadel zur Hand und man konnte ihn den ganzen Tag beobachten, ohne daß er auch nur ein Wort aus sich herausbrachte, ohne daß er die Nadel bewegte, ohne daß er Nahrung aufnahm. Anfangs hatte das seine Schwierigkeiten. Man versuchte ihn zu zwingen zu dem, was er nicht mehr konnte. Dann aber ließ man ihn mittags und abends auf einer Pritsche; dort saẞ er dann, wie vorher auf der Bank beim Tisch, am Rande der hölzernen Schlafstätte, mit seinem Socken in der Hand. Der Tertius Gaudens dieser Situation war ein kleiner, gefräßiger Häftling, der eifrig die Psyche dieses Sehnsuchtskranken studiert hatte und seinen Kumpel spielte. Er hatte sich das Recht erfochten, dessen Mahlzeiten zu erhalten, und wachte sorgsam darüber, daß seine Pakete nur mit ihm geteilt wurden; dafür aber hielt er in Zeiten der schwersten Depression, in den Augenblicken des wahnnahesten Sinnierens treu zu ihm und hielt jede Belästigung von ihm fern. Zweimal suchte er den Tod im Draht und wurde gerettet. Ein Einzelschicksal, eine kleine der vielen tausenden Lagergeschichten. Jeder im Lager hat so seine Geschichte. Von diesem weiß man sie allgemein, von dem anderen weiß keiner ein Wort. - 93 In derselben Zeit, in der mein Freund Alfred an einem Ekzem litt, hatte ich mit einer Furunkulose zu tun. Zum ersten Mal in meinem Leben wucherten auch auf meinem Körper diese Eitergebilde, aber nicht nur an den bloßen Stellen des Körpers, sondern auch in der Nähe der Drüsen unter den Armen quälte mich diese Krankheit. Den Gedanken, ins Revier zu gehen, wies ich von mir, doch mußte ich mich zu einer Behandlung entscheiden. Es geschah mit Salben und Mittelchen, doch der Nacken wurde nicht frei. Es war jedesmal ein schauriges Bild, das sich im Revier bot. Schließlich aber hatte sich auch bei mir die Krankheit so gesteigert, daß man zu einer Schweißdrüsenoperation greifen mußte. Meiner Freundschaft mit Alfred allein hatte ich es zu verdanken, an einen Häftlingsarzt, einen polnischen Chirurgen, zu geraten, der mit vorzüglicher Fachkenntnis zu Werke ging und mir das Schwerste ersparte: im Revier liegen zu müssen. So lief ich denn mit abgestüztem Arm im Lager herum und versäumte keine Stunde an meinem Arbeitsplatz, den ich um keinen Preis verlieren mochte. So quälte ich mich durch, schon stark geschwächt durch das verunreinigte Blut, die Unterernährung, das Nachlassen der Widerstandskräfte des Körpers, den dauernden Durchfall und die immer wieder anfallenden Erkältungen, durch die langen Dienststunden in der Häftlingskasse, die sehr oft die Nacht über fortgesetzt wurden, wenn wieder Massentransporte ins Lager kamen, so daß der fehlende Schlaf auch noch die letzten Kräfte verzehrte. Ein neuer Aufwand innerer Anstrengungen war erforderlich; geschöpft wurde diese Kraft aus der Liebe zu meiner treuumsorgenden Frau, aus der Fülle meiner Einfälle, mich mit ihren Briefen zu ermutigen, und aus dem Born der Freundschaft zu Alfred, der mir hier auch wieder den richtigen Tip gab. ,, Du mußt Dir Lebertran verschaffen", sagte er, und er wußte Rat, wie dies anzustellen sei. Norweger im KZ. Im Lager gab es Norweger- Blocks. Diese Blocks genossen immerhin ein gewisses Vorrecht vor den übrigen. Es konnte 94 den Norwegern auf Grund bestimmter Abmachungen mit dem Roten Kreuz nicht vorenthalten werden, Sendungen in Empfang zu nehmen, und so gab es dort ansehnliche Lebensmittelzuteilungen, die diese aus ihrer geliebten Heimat empfingen. Überhaupt ließ man merkwürdigerweise diese Norweger nicht in die schrecklichsten Unterstufungen des Lagers und seiner Außenstellen kommen, sondern behandelte sie etwas sichtiger. Mir war wichtig, zu diesem Lebertran zu kommen. Da kam mir ein weiterer Zufall zu Hilfe. In unsere Häftlingskammer wurde auch ein Norweger eingestellt. Dieser war Journalist und er verband sich freundschaftlich mit uns. Ich brachte ihm mein Anliegen vor und er begann eine kleine Aktion, um mich auf diese Weise vor dem körperlichen Zusammenbruch zu bewahren. In wenigen Tagen brachte er es fertig, mir einen Liter von diesem wertvollen Heilmittel zu beschaffen, das ich nun künftig löffelweise jeden Morgen und Abend einnahm. Ich merkte zusehends die Besserung und es blieb nicht bei dem hin und wieder beschafften Lebertran, sondern er besorgte auch für unser Kommando norwegische Heringe und das war dann ein großes Fest für uns. Im Lager war die Intelligenz Norwegens versammelt: Professoren und Doktoren aller Fakultäten, Künstler und Journalisten von Ruf und Rang. Im großen und ganzen lebten die Norweger für sich abgeschlossen und bildeten eine Sondergruppe. Man sah nur von früheren Zugängen Stammende oder aus anderen Lagern Kommende, die den gleichen Grad äußerlichen Heruntergekommenseins an sich hatten, wie die meisten übrigen Insassen des allgemeinen Lagers. Ihre kraftvolle Konstitution, ihre gesunden Körper hielten daher den Anfechtungen des Lagers länger stand als die der anderen. Und trotzdem war auch bei ihnen die Sterblichkeit groß, unglaublich groß, gemessen an den Vorteilen, die man ihnen im allgemeinen gab. Ich weiß, welche Bemühungen von außen her immer wieder gerade für die Norweger unternommen wurden. Unter irgendwelchen Vorwänden drangen die um wirkliche Fürsorge Bemühten sogar bis zu der SS- Häftlingskasse vor, und nicht nur, daß man sich um einen Einzelnen von seiten eines Konsulates, von seiten einer Bank oder einer sonstigen Verbindungs95 stelle kümmerte, sondern in vorbildlicher Weise liefen diese Bemühungen für das Gemeinwohl aller. Für alle Norweger liefen monatliche Beträge ein, die alle einen Mindestbetrag und dazu noch die Summen von eigenen Angehörigen aufwiesen. In gleich auffallender Weise wurde für keine größere Gemeinschaft zusammenhängend gesorgt, keine Nation konnte innerhalb des Lagers ihr Recht auch nur annähernd so vertreten. Hier waltete der Geist kluger, geschickter, fürsorglicher Bemühungen der hochstehenden norwegischen Kultur und Organisation, obwohl dieses Land, selbst in Not und Bedrängnis durch deutsche Vergewaltigung, einen schweren Kampf bestehen mußte, um dies durchzusetzen. Wie viele starben im KZ? Manchmal stellte ich simple Berechnungen über die Zahl der Toten aus den KZ- Lagern an. Es wird, und darüber gibt es gar keinen Zweifel, immer und zu allen Zeiten ein Schleier darüber bleiben, wie viele wirklich im Lager zugrunde gegangen sind. Auch die großen Bemühungen, die heute infolge der Ereignisse und der Öffnung dieser Höllenbrutstuben gemacht werden, vermögen dieses Dunkel auch nur annähernd aufzuhellen und die Anzahl derer nicht mehr ans Licht zu bringen, die tatsächlich in diesen Grauensstätten gestorben sind. Aber nehmen wir nur einmal als Mindestzahl die Anzahl der zugegebenen und registrierten täglichen Toten nach der Veränderungsmeldung an, die jeden Tag von diesem einen Lager herausgegeben wurde. Da waren das mindestens 50 bis 60 Tote. Ich habe in der ganzen Zeit meiner Häftlingskassenarbeit, bei welcher mir dieser Zettel täglich in die Hand kam, nie einen niedrigeren Satz an Toten gelesen. Das wären, sagen wir 60 Tote täglich gerechnet, etwa 1800 Tote im Monat und im Jahr 19 600 Tote. 19 600 Tote im Jahr und 25 000 Menschen die Höchstzahl der Lagerinsassen, die das Lager ständig beherbergte! Während diese kleine Schrift nur ein Streiflicht über ein Teilgeschehen bieten kann und es nicht an mir ist, hier pro96 zentuale Berechnungen und statistische Hinweise und Abrechnungen zu geben, werden all diese Dinge durch objektiv arbeitende Kommissionen geklärt und festgelegt werden. Es soll nur von einem, der es erlebte und verhältnismäßig genauen Einblick hatte, ein Bruchteil dessen veranschaulicht werden, was geschehen ist. Es sind bei diesen nahezu 20 000 Menschen alle jene nicht mitgerechnet, die sofort im Lager an die rechte Seite des Tores treten mußten und ohne weitere Registrierung und Aufnahme sofort durch die verschiedenen Todesmethoden umgebracht wurden. Auch ist diese genauere Buchführung erst eine Erscheinung späterer Jahre. Wie ich mir immer wieder sagen ließ, wurde auch hierin in früheren Jahren sehr großzügig gehandelt und es wurden einfach beliebige Streichungen und Radierungen vorgenommen. Wie überhaupt die Buchführung, wohl aus ganz bestimmten Gründen, mit Bleistift und nicht mit Tinte und Feder ausgeführt wurde! Ich will hier auch nur kurz mein allererstes Erlebnis mit dem Worte ,, KZ- Lager" einflechten, um aufzuzeigen, was noch weiter dahintersteckte, wenn den 25 000 Lebenden nur 20.000 Tote gegenübergestellt werden. Ich hatte im Jahre 1938 eine bibliothekarische Nebenarbeit und einen Rechtsstreit für den Grafen Alexander Hochberg zu tätigen. In dem Rechtsstreit spielte ich die Vermittlerrolle zu einem bekannten Vertreter des bürgerlichen Rechts, den ich zufällig kannte und der familienrechtliche Angelegenheiten in einer Brauereiteilhaberschaft durch ein Gutachten schlichten sollte. Dadurch war meine Fühlungnahme mit dem genannten Grafen Hochberg zu einer persönlichen Bekanntschaft geworden, so daß dieser mir hin und wieder schrieb. In einem seiner Briefe hieß es: ,, Mein Bruder Bolko wurde in das KZ- Lager Oranienburg geschleppt. Nach einem Vierteljahr kam er wieder frei. Er ist jedoch vierzehn Tage später, ohne daß er nochmal sein inzwischen geborenes Töchterchen sehen konnte, verstorben." 7. Bg. Utsch, KZ. 97 Damit will ich nur andeuten, wie viele von den Wenigen, die vielleicht glücklich die Freiheit wiedererlangten, sei es nun durch Bemühungen von außen her oder durch andere günstige Umstände, doch auch dann noch in die große Zahl der durch das KZ- Lager Verstorbenen eingingen. Auch hier noch arbeitete der Dezimierungsprozeß weiter, denn nur wenige haben die begnadete Konstitution, ein KZ- Lager zu überstehen und wirklich zu überwinden. Briefe, die Fäden zur Außenwelt. Bei den Kommunisten, und vornehmlich bei den deutschen Kommunisten, konnte in vielen einzelnen rühmenswerten Fällen die langjährige Standhaftigkeit der Frauen und Angehörigen beobachtet werden, die nicht locker ließen, ihren Kumpel mit zusammengesparten und von Freunden gestifteten Lebensmittelsendungen zu erquicken und das Untragbare zu erleichtern und über die lange, lange Zeit die Verbindung zu wahren. Da gab es Menschen, die seit 1933/34 in den verschiedensten Lagern waren und sich das Leben retteten, nur durch den roten Faden treuer Anhänglichkeit ermuntert. Freilich gab es noch mehr gegenteilige Beispiele und es ist nicht uninteressant, hier festzustellen, wie durch die Struktur des Lagers auch hier eine gewisse sonderbare Gerechtigkeit des Schicksals im großen und ganzen in Erscheinung trat. Waren es hauptsächlich die politischen Gefangenen und einige andere Gruppen, wie z. B. die Bibelforscher, die insofern am härtesten betroffen waren, als sie die Konzentrationslager bevölkern mußten, ohne je im Leben ein eigentliches Verbrechen begangen zu haben, so kamen die sogenannten Berufsverbrecher, Sittlichkeitsverbrecher, Sicherungsverwahrer und Asozialen meist doch schon aus Strafanstalten, waren zum Teil wirklicher Verbrechen schuldig befunden worden und 98 handelten auch im Lager im Leben unter den Kumpels wirklich nicht immer einwandfrei. So waren denn auch die ersteren diejenigen, die bei weitem mehr und in ausgesprochener Weise den Kontakt mit denen zu Hause behielten und mit Gaben bedacht wurden, während bei den anderen dies weniger der Fall war. Ja, und wiederum gab es trostlose Fälle. Man bedenke nur, welche Schmach es in dem damaligen Deutschland bedeutete, in einem KZ- Lager zu sein! Man war das verworfenste Subjekt, man war ausgeschieden aus der Nation und ihren Rechten, man hatte aufgehört zu existieren. Als Schande galt es für die daheim, einen solchen Verstoßenen zur Familie zu zählen. Schande war es für die Dorfgemeinde und die Augen der Ortsgruppenleiter wachten über derartige Verbindungen, die ganze gehässige Bevölkerungsschicht der echten Nazis zeigte mit den Fingern auf die Familie, von der ein Mitglied im KZ war. Welcher Mut, welche Tapferkeit des Herzens war es also in den meisten Fällen, daß diese Briefe dennoch geschrieben wurden, daß die Pakete mit den diffamierenden Postaufschriften doch zum Herrn Postangestellten X in dem kleinen Dörfchen so und so gebracht wurden und trotz abfälliger, hämischer Bemerkungen immer wieder hinausgingen in das KZ- Lager. Viele aber blieben ohne diesen Lebens- Liebesfaden von außen, bei vielen hatte die Familie wider besseres Fühlen versagt, nicht aus Mangel an Liebe, sondern aus Furcht, besser gesagt: aus Feigheit. Wie oft tränten Augen, wenn andere glückselig den Brief vom Bruder, von der Frau, vom Freund in Empfang nehmen konnten und sie selbst leer ausgingen. Hierbei hatte natürlich auch vielfach die Gestapo ihre Hand im Spiele. Während die Postzensurstelle im Lager selbst teilweise mit einer gewissen Toleranz arbeitete, zwar nicht aus tugendhaften Gründen, sondern weil sie einfach zu faul war, all die Briefe zu zensieren, wurde von außen her, von den sogenannten Sachbearbeitern bei den Gestapoleitstellen der Heimatbezirke, alles unternommen, um, je nach Grad der Gehässigkeit des einzelnen Beamten, die Postzufuhr zu durch-7% 99 kreuzen, abzuschneiden oder durch Machinationen in bitterlichstes Weh zu verwandeln. Ich habe Briefe von Häftlingen. gelesen, die diese erhielten, Briefe, die unglaublichste Verleumdungen der Ehefrauen enthielten, von denen sich dann später kein einziges Wort als wahr herausstellte. Gleichzeitig hatte man der Frau verboten, ihrem Manne zu schreiben, oder man schüchterte sie ein. Kein Ausmaß der Vorstellung würde genügen, das alles darzustellen, was in dieser Hinsicht im Lager bei jedem Postempfang ans Licht kam. Da hatten Frauen angeblich schon Kinder bekommen, dort hatten sie mit mehreren anderen gleichzeitig Verhältnisse, dann hatten sie die Sachen der Männer verkauft, dann wiederum waren sie selbst in KZ- Lagern! Solche und andere Aufregungen wußten Dritte Mitarbeiter der Gestapo den Häftlingen zu schreiben, dafür benützten sie ihre Zeit, während draußen die Millionenheere verbluteten und im KZ- Lager die großen Heere starben, ohne Kampf, ohne sich wehren zu können! - Für mich persönlich bedeutete der Briefempfang viel Kummer und Leid. Nicht die Briefe selbst, nur der Empfang, wohlgemerkt! Ja, ich nehme an, man hatte den hohen Wert und Gehalt, die kämpferische Haltung und den Mut meiner Frau durchschaut, man wußte, welchen Wert diese Briefe für mich besaßen, und so wurden sie mir unter größtem Vorbehalt und in häßlichster Form verabreicht. Selten, daß ich meine Briefe in der üblichen Weise über den Block ausgehändigt bekam. Ich mußte fast jedes Mal zur Politischen Abteilung. Auszug aus der Lagerordnung Jeder Häftling darf im Monat 2 Briefe oder 2 Postkarten empfangen und absenden. Eingehende Briefe dürfen nicht mehr als 4 Seiten à 15 Zeilen enthalten und müssen übersichtlich und gut lesbar sein. Pakete jeglichen Inhalts sind verboten. Geldsendungen sind nur durch Postanweisung zulässig, deren Abschnitt nur Vor- und Zuname, Ge100 burtstag und Häftlingsnummer trägt, jedoch keinerlei Mitteilungen. Geld, Foto- und Bildereinlagen in Briefen sind verboten. Die Annahme von Postsendungen, die den gestellten Anforderungen nicht entsprechen, wird verweigert. Unübersichtliche, schlecht lesbare Briefe werden vernichtet. Im Lager kann alles gekauft werden. Nationalsozialistische Zeitungen sind zugelassen, müssen aber vom Häftling selbst im KZ- Lager bestellt werden. Der Lagerkommandant. Zu den schwierigsten Kapiteln im Lagerleben zählte das Briefschreiben. In jeder Weise merkte man hier den Versuch der Gestapostellen, die familiäre Bindung des Häftlings zu durchschneiden, ihn langsam von den Seinen zu isolieren, ihn als den aus der Gemeinschaft Ausgeschiedenen selber abtrünnig zu machen und von außen und innen her alles zu durchlöchern und zu durchsieben, was noch an Halt da war, nachdem ein Häftling längere Zeit durch die Maschen der Gestapomaschinerie gelaufen war und schließlich im Lager landete und dann endlich der Zeitpunkt gekommen war, den langersehnten Brief zu schreiben. Hatte diese oben angeführte Lagerordnung, die auf jedem Briefkopf und offen auf der Rückseite jeder Postkarte in rotgedruckten Lettern zu lesen war, mehr Bedeutung für die Außenwelt, so war für die interne Handhabung noch viel mehr ausgedacht worden, um den Häftlingen das Schreiben eines wirklich persönlichen Briefes zu erschweren. Die persönliche Bindung wurde durch diese nichtssagenden, belanglosen Lebenszeichen mit der Zeit immer lockerer, wenn sie nicht von Haus aus stark war, und von den anderen nicht die Zusammenhänge erfühlt und erkannt wurden. Sonst kam es leicht zum Einschläfern der Korrespondenz. Auch auf den Blocks war es an den sogenannten Schreibtagen nicht einfach, seinen Brief zu schreiben. Es war nicht richtig für Feder und Tinte gesorgt, denn es gab nur gespaltene, abgekritzelte, verbrauchte Federn und eine verfilzte, dicke Flüssigkeit diente als Tinte. Man mußte schon über gute und gewohnte Beziehungen verfügen und entsprechende 101 Tauschangebote unterbreiten können, um nur einmal Tinte und Feder leihweise zu erlangen oder gar als eigenen Besitz erwerben zu können. Was war es für ein Kampf, das erste Mal, ohne Konto und noch fremd im Lager, mißtrauisch von allen Seiten betrachtet, ohne Kumpel und Gefährten, die paar Pfennige von einem anderen Konto überschrieben zu bekommen, um materiell in der Lage zu sein, seinen Brief schreiben zu können! Nach längerem Aufenthalt im Lager boten sich freilich hierin keine Schwierigkeiten mehr, denn jeder war bereit, einzuspringen und man hatte selber immer 15 bis 20 Briefschreiber am Bändel, denen man aushalf. Aber es ist eben so: am Anfang ist man neu und unter Neuen, von denen jeder selbst in der gleichen Lage ist. Irgendwelche Fürsorge von seiten der Lagerleitung gab es natürlich nicht. Und dann die Einschränkungen des Inhalts! Weder über die meisten persönlichen Angelegenheiten, noch über das Leben und Treiben im Lager, noch über den eigenen Fall und natürlich auch nichts über Politik und viele andere Punkte durfte geschrieben werden. Die Briefe wurden erst von den Blockältesten geprüft und gingen dann an die Zensurstelle. Natürlich durfte auch kein Wort über die Verpflegung geschrieben werden, damit ja nicht der Anschein erweckt werden könnte, man habe vielleicht Hunger im Lager! Alle diese Beschneidungen in dem ganzen Schriftwechsel nahmen natürlich manch einem schwerfälligen Briefschreiber von vornherein alle Lust, einen Brief zu verfertigen. Einen Brief nämlich, der den hohen Herren von der SS genehm war! Und hatte man nun seine Epistel verfertigt, so kam es dennoch bei einem Großteil der Blockpost vor, daß sie wieder zurückkam. Der Brief, durchrissen und mit Blau- und Rotstift durchgestrichen, besagte, daß die Post den Herren also doch nicht genehm war. Das Schlimmste war, daß dann der Angehörige ohne eine Nachricht blieb, also mindestens schon vier Wochen keine Post bekam. So degradierte man den Inhalt der 15 Zeilen zu 102 inhaltsloser Schöntuerei, es ginge einem gut, man sei gesund usw. usw. Natürlich war es ebenso mit dem Empfang der Post und es darf hier nicht vergessen werden auf die besondere Behandlung der Ausländer. Kam eines Tages auch infolge einer großartigen Anwandlung der Lagerverwaltung die Genehmigung, daß z. B. Ukrainer, denen es bis dahin prinzipiell verboten war, Briefe zu schreiben, nun doch nach Hause schreiben durften, so bekamen diese Ausländer strenge Anweisung, nicht mitzuteilen, daß sie sich in einem KZ- Lager befänden. Sie durften nur schreiben, daß es ihnen gut ginge, durften Fragen nach Angehörigen stellen und damit war ihre Mitteilungsmöglichkeit restlos erschöpft. Natürlich wurden eigene neutrale Briefbogen ausgegeben und mit dem Amt Oranienburg war eine Vereinbarung getroffen worden, daß die Post mit der Anschrift Oranienburg in Zweifelsfällen das Lager anginge. Ob natürlich die Angehörigen nicht doch Lunte rochen, bleibt dahingestellt. Der Ruf dieses Ortes war nun einmal auch in den entlegensten Teilen Europas schon bekannt und sonderbarerweise kamen dann auch prompt Nachrichten von denen draußen mit der Anschrift an das KZ- Lager. Es bedurfte dazu wahrhaftig keiner Hellseherei, um zu ergründen, wohin der Betreffende verschleppt worden war und warum er einen derart hilflosen, ungeschickten, inhaltslosen Brief hinaussandte. Jeder, auch der im Schreiben Unbeholfene, hat seine bestimmte Art, den Seinen das zu sagen. was er will, wenn nur die Freiheit ihm die Möglichkeit dazu bietet. An diesen Schreibtagen, es waren meist Sonntage, hatte ich immer alle Hände voll zu tun. Da kamen Franzosen, Holländer, Tschechen, Ukrainer, Norweger, Italiener, Jugoslawen, und sie alle baten mich, ihnen einen kurzen deutschen Brief zu schreiben, damit sie auch endlich Verbindung aufnehmen konnten, soweit das von Fall zu Fall anging und erlaubt war. Eine beliebte Strafe war auch das prinzipielle Schreibverbot oder prinzipielle Schreibeinschränkung. So durften bei103 spielsweise Bibelforscher noch weit weniger schreiben, als es die allgemeine Lagerordnung erlaubte, und auch der größte Teil der Ausländer hatte nur ganz selten Gelegenheit zum Schreiben, sofern die Länder überhaupt postalisch zugänglich waren. Wenn vielleicht auch zu der Einwohnerschaft von Oranien- burg etwas mehr als in die entferntere Umgebung durch- . drang, was alles im Lager vor sich ging, wie die ganze grauen- hafte Mordmaschine spielte, so kann man hier zur Ehre der Bevölkerung sagen, daß sie ihre Sympathie auch in den Zeiten absoluten Gestapoterrors offenkundig zum Ausdruck brachte und es ist anzunehmen, daß der deutsche Mensch, wenn er allgemein gewußt hätte, was in den Lagern vor sich ging, auch an anderen Orten, wohin die Wahrheit nur weniger drang, wohl auch den entsprechenden Mut zum Widerspruch auf- gebracht hätte, so sich ihm passende Gelegenheit geboten hätte. Man hatte nämlich, wie mir erinnerlich ist, ein einziges Mal, anläßlich einer Sportveranstaltung, oder war es sonst ein taktisches Manöver, um vielleicht dadurch zu zeigen, ‚„‚wie gut es denen im Lager ginge“, die Zebraleute mit der Lager- kapelle durch das Städtchen ziehen lassen und beim Ertönen der Blasinstrumente wurden sie von der Bevölkerung um- jubelt. So waren die Frauen der SS! Anders dagegen äußerte sich die anmaßende,: skrupellose Gesinnung der SS-Familien, die an der Peripherie des Ortes ihre Einfamilienhäuser besaßen und dort ihr sattes Wohl- leben führten. Es wurden nämlich vielfach Häftlinge mit Auf- trägen der Blockführer oder Verwaltungsbeamten ausgeschickt, anstatt in ihren Kommandos für persönliche Zwecke in die- sen SS-Heimen zu arbeiten und besonders handwerkliche Dienstleistungen zu verrichten. Nichts wurde den Häftlingen dort erleichtert; sie bekamen nur den Ingrimm und die ge- 104 meine Gesinnung der hochtrabenden Frauen dieser SS zu hören. Ein witziger, alter Kumpel, ein Kommunist, der sich das Herankommen des Endes genau so auslegte, wie es dann auch tatsächlich gekommen ist, fragte eine dieser Frauen, was sie vom Kriegsende halte.„ Der Sieg ist sicher, der Führer wird den Zeitpunkt bestimmen. Aber noch sicherer ist, daß dann jeder von uns Frauen mindestens ein Dutzend Häftlinge zur Verfügung stehen wird, und fällt einer von den Faulenzern aus, so brauchen wir nur neue anzufordern. Uns steht das Recht zu, mindestens zwölf Häftlinge zu unserer persönlichen Bedienung, für Haus, Garten und Garage, für Auto und wozu wir sie sonst noch brauchen, zu haben. Diese Zeit ist nicht mehr fern." ,, Ja, und werden wir es dann besser haben?", fragte er, seine persönliche Meinung unterdrückend. ,, Das Lager wird die Verpflegung übernehmen, darüber sind wir uns schon einig, so daß wir damit keine Sorgen haben", antwortete sie ihm. Diese Gesinnung war nicht ein einzelner Fall, sie sprach aus allem, was aus der SS- Siedlung Oranienburg von den Häftlingen zu erfahren war. Hatte einmal ein Häftling in seinem Hunger eine Mohrrübe im Garten ergattert, so wurde eine große Meldung wegen Diebstahls an das Lager geschickt. Der Betreffende wurde vom Kommando abgesetzt und in ein anderes Lager mit entsprechenden Anweisungen überführt. Natürlich gab es auch sogenannte Gutmütige unter diesen Hyänen, aber das hatte seine besonderen Gründe: Dann wurde dem Häftling nahegelegt, aus seinem Kommando, wenn er z. B. Maler war, Ölfarbe zum Anstreichen zu organisieren oder ein anderer hatte Stacheldraht zu besorgen und mußte unter größten Gefahren das für die SS- Frau X organisierte Diebesgut in ihr Heim schaffen. Dann konnte er mit einer Scheibe Brot rechnen. Platte aber der Betreffende( das heißt, kam die Sache heraus), so leugnete die SS- Frau jeden Zusammenhang und diskriminierte ihn als Verbrecher. 105 Das war das, was man immer wieder hörte, wenn es nur die leiseste Berührung mit dem Worte SS gab: Verrat, Schwindel, Korruption, Gemeinheit, Verachtung des Menschenlebens, hinterhältiges Morden. Das darf eigentlich auf keiner Seite dieses Manuskriptes fehlen und, mag auch die Zeit manchmal einschläfernd und ermüdend gegenüber all dem Geschehen gewirkt haben, es war eben so! Hatte der kleine Häftling um eine Scheibe Brot das Werkzeug oder den Stacheldraht, oder was es sonst gewesen sein mag, im Auftrag organisiert und zugebracht und wurde er dabei versetzt und verraten und ein tödliches Kommando erwartete ihn, so war damit die Sache für die SS abgetan und sie brüstete sich ob ihrer sauberen Weste. SS bekommt Angst vor dem Ende. War es schon allmähliche Eingewöhnung, oder war es das Aufdämmern der Gefahr oder die Anspannung aller Kräfte in Deutschland: im Laufe der Monate wurde langsam ein Nachlassen der allzu arroganten Art der SS- Organe spürbar. Die Bewachung der Kommandos, die Lebensgestaltung auf dem Block, alles dies wurde langsam, aber doch merklich, immer mehr in die Hände der Häftlinge selbst gelegt. Ja, ein gewisser Einfluß auf die Lagerverwaltung durch die jeweiligen Lagerältesten machte sich mehr und mehr bemerkbar. Manche Vorschläge drangen sogar von den Häftlingen selbst direkt bis zum Lagerältesten und dann wieder bis zum Lagerkommandanten vor. Oder war es meine Stellung im Lager, die nur mir das so erscheinen ließ, da ich mehr oder weniger mit den Spitzen des Lagers in ständiger Berührung stand, soweit dies die Häftlingsselbstverwaltung in Gestalt der mächtigen Schreibstube, der Effektenkammer und der Häftlingskasse mit sich brachte? Ich sprach mit Alfred über meine Empfindungen. ,, Ja, mein 106 Lieber, das ist das Umschönwetterbitten der SS! Langsam spüren auch sie, daß ihre Fäden, die sie gesponnen, ins Unglück und Verderben für sie selbst führen und manch einer möchte sich beizeiten sichern. Ja, da und dort bemerkst du, wie sie förmlich um die Gunst der Häftlinge buhlen. Hätte es das früher, ja selbst vor wenigen Monaten noch, gegeben, daß Blockführer so leise auftraten, wenn sie in den Block kamen, daß nichts geschah und ihr Besuch sich reibungslos abwickelte? Aber das ist nicht immer so! Hast Du gehört, was gestern wieder passiert ist? Draußen in den Kommandos hatten sich einige in ein politisches Gespräch eingelassen. Sie wurden auf der Stelle erschossen. Ohne Verhör, ohne Verhandlung niedergeschossen! Und der SS- Kommandoführer wird heute abend beim Appell sein Loblied erhalten für diese Heldentat, für das Im- Keim- Ersticken politischer Debatten. Du weißt, man hört so allerhand im Baubüro und mancher SS- Scharführer kann auch in unserer Gegenwart das Maul nicht halten. Ich erfuhr auf diese Art schon vorher, was man uns heute abend beim Appell erzählen wird. Unsicherheit ist es, Schwäche, die sich verrät, weiter nichts! Mit Wohlwollen hat das nichts zu tun, und ich glaube, die große Schlußapotheose im Lager wird sich erst noch abspielen und es gibt noch einmal ein furchtbares Gemetzel unter den Häftlingen! Aber dann wird es zu Ende sein mit der SS! Zur Zeit ist es ihre Taktik, eine gewisse allgemeine Toleranz vorzutäuschen, dabei aber hin und wieder Exempel zu statuieren, um nach wie vor ihre Macht unter Beweis zu stellen. Manch einer mag sich täuschen lassen. Ich glaube nicht mehr daran. Es ist damit genau so, wie mit den großen Reden, die jetzt draußen von den politischen und militärischen Despoten gehalten werden. Es ist die Zeit einer großen Krise und ihre Auswirkungen spielen sich auch hier im Lager ab. Ein Teil des Personals ist auch für andere, immer noch neu entstehende Lager abgezogen worden und auch die SS muß einen Teil ihrer Leute für das große Aufgebot, das für die breiten 107 Fronten von den militärischen Führern gefordert wird, für ihre SS- Divisionen zur Verfügung stellen. So sind es jetzt weniger SS- Leute, die uns bewachen und verwalten. Wenn sich dieser geringere Personalaufwand einmal im Lager durchgesetzt haben wird, dann bekommen wir zweifelsohne wenigstens hier im großen Lager eine gewisse Erleichterung zu spüren und da hast Du ganz recht mit Deiner Beobachtung. Aber frage mich nicht, was noch alles kommen wird, bevor das Kartenhaus zusammenbricht." Massenzugänge. Bei Ankunft neuer Häftlinge war in dieser Zeit der Vorgang so, daß die Häftlinge vom Tor in die hinten im kleinen Lager gelegenen Blocks der politischen Abteilung geführt wurden, die von den Häftlingen selbst betreut wurden und ein Unterorgan der eigentlichen politischen Abteilung waren. Hier wurden sie dann in Empfang genommen, hier wurde die provisorische Personalaufnahme vorgenommen und den Häftlingen ein kleiner Karton mit der Häftlingsnummer übergeben. Dann kamen sie vom Aufnahmeraum in einen anschließenden Raum, in dem sie von der Häftlingskasse bearbeitet wurden. Hier mußten sie nun ihre Wertsachen abgeben, ihre Wertpapiere und Wehrpässe. Diese wurden laufend nach der Nummer in die entsprechenden Bücher eingetragen. Hier Wertsachen, hier Wehrpapiere! Dann begann anschließend das Vorbeipassieren an den Häftlingen, die der Effektenkammer angehörten. Hier mußten sie ihre Kleider abgeben und auch ihre sonstigen Sachen, wie Prothesen, Gebisse usw., hinterlassen. Dann standen sie splitternackt, wie von Gott geschaffen, im KZ. Als erstes wurde dann der Kopf kahl geschoren, dann wanderten sie in den Raum der ,, Entlausung" und hier wurden die 108 übrigen Haare vom Körper entfernt, worauf besonders streng bei Zugängen von Angehörigen der Ostvölker geachtet wurde. In den Brausestuben wurde exerziermäßig geduscht und weiter ging es in den anschließenden Raum zu einer schnellen ärztlichen Besichtigung, bis dann endlich im gleichen Block oder in dem sogenannten Aufnahmeblock die Lagerkleidung und Holzpantinen empfangen wurden. An diesem ganzen Vorgange hatte ich als Mitglied der Häftlingskasse Anteil. Arthur teilte uns ein. Wieder stehen Zugänge vor dem Tore. Es sind mindestens 400. Alle Bücher und Unterlagen werden zusammengesucht. Hier die Listen für die ausländischen Währungen: für französische Francs, russische Rubel und Tscherwonzen, für tschechische Kronen, für Dinare, für das Geld der Italiener, die Lire, und genau so für holländische Gulden, norwegische Kronen, belgische Francs, und nicht allein für ausländische Währungen, auch für Wehrmachtsscheine und für Lagergelder. Dann die Bücher für Wertsachen und Wehrpapiere. Dies alles nahm ein umfangreicher Kasten in sich auf und es gehörte noch mancherlei dazu, was erforderlich war, um die ankommenden Häftlinge abzufertigen. Da waren die sogenannten Werttüten: einfache Umschläge, auf denen schon vorher mit dickem, rotem Tintenaufstrich die Stelle gekennzeichnet war, auf welche die Häftlingsnummer zum späteren leichteren Herausfinden einzutragen war. Dann war das Schreibmaterial noch mitzunehmen und so ausgerüstet zog ich mit meinem wegen der Operation abgestreckten Arm zu dem Aufnahmeblock. 99 , Entlausung". Dieser wurde einfach die ,, Entlausung" genannt. Ich mel-. dete mich ab ,, zur Entlausung" und damit wußte der SS- Oberscharführer, daß ich wegen Neuzugängen meine Arbeitsstelle verließ. 109 In der ,, Entlausung" waren ein einfacher Tisch, eine Bank und weiter nichts erforderlich. In langen Reihen traten nun die aus der politischen Häftlingsabteilung kommenden Neuzugänge herein. Ich hatte nur in der jeweiligen Landessprache zu fragen, ob der Betreffende Wertsachen oder Wehrmachtspapiere, wie Wehrpaß, Soldbuch, Entlassungsschein der Wehrmacht, Wehrunwürdigkeitszeugnis, Wehruntauglichkeitspapiere und dergleichen mehr, bei sich trage. In dieser Weise gingen an mir im Laufe meiner Tätigkeit bei der Häftlingskasse Tausende und Tausende von Neuzugängen vorüber, oft in langen Nächten und bei daran anschließender Weiterarbeit am Tage. Ich konnte so die Zugänge in ihren ersten Momenten des Lagerlebens beobachten und ihre weitere Entwicklung im Lager verfolgen, denn viele von ihnen begegneten mir immer wieder bei den sogenannten Auszahlungen der auf die Häftlingskontos eingehenden Gelder. Eben noch der adrette, fein säuberlich gekleidete Herr Assessor, der Arzt oder der Arbeiter im Berufskittel, der Pfarrer im Priesterrock, Soldat, Offizier in Uniform, und in wenigen Minuten, entblößt aller bürgerlichen Würde, der KZ- Häftling ohne jeden Unterschied, einer dem anderen gleich! Ja, es war so, und diese Beobachtung machte man ganz allgemein, daß, je höher einer im zivilen Leben gestellt war, um so erbärmlicher und armseliger sah er dann im Lager aus. Waren doch im allgemeinen die Vertreter der gebildeteren Schichten die körperlich weniger Widerstandsfähigen und oft seelisch weniger Robusten, so daß sie also desto jämmerlicher und erbarmungswürdiger in dem Prozeß untergingen. Selbstverständlich war bei dieser Aufnahme ein SS- Aufseher dabei und besonders in den ersten Monaten meiner Tätigkeit waren diese SS- Aufsichtsleute die gefürchtete und schreckenbringende Begleiterscheinung bei dieser sonst sachlich vorgenommenen Abgabe der Wertsachen und Papiere. Später änderte sich dann das Bild etwas infolge der schon erwähnten Unsicherheit der Gestapomaschinerie. Es war vor 110 allem die beliebte Frage dieser SS- Leute, warum einer ins Lager gekommen sei. Sie war tausende Male hier zu hören und es ist nicht zu beschreiben, wie sie es verstanden, die Nichtigkeiten, die die meisten ins Lager geführt hatten, in ein Staatsverbrechen zu verwandeln, und dann begannen die Schindereien Das Auskleiden war immer ein besonderer Anlaß zum Zeigen ihres Hohnes und Spottes. Naturgemäß waren die Ankommenden vielfach Wochen, ja Monate, unterwegs und ihre Wäsche und ihr Körper von entsprechendem Aussehen. Die Wäsche war nicht nur schmutzig, sondern vor allem blutdurchtränkt. Blau und rot angelaufene Striemen auf den Hinterteilen und Oberschenkeln, geschwollene Hoden, vernachlässigte Wunden aller Art, Eitergeschwüre, Ausschläge, Pusteln und Röteln, das tägliche Bild! Bei Menschen, die eben eine feine Gewandung ablegten und denen keiner, wenn er ihnen draußen im Leben begegnet wäre, die Merkmale der Grausamkeit in Deutschlands Haft- und Untersuchungsanstalten angemerkt hätte, konnte man von Züchtigungen herrührende Anschwellungen und Wundgebilde beobachten, wie man sich dies in derartiger Vielfalt und in so drastischen Auswirkungen und zahlenmäßig so häufigem Vorkommen kaum vorstellen könnte, hätte man es nicht tagtäglich mit eigenen Augen gesehen. Aber auch rührende Zeichen demütiger Gottesverbundenheit hatten sich bis hierher durchgesetzt. Manch einer bat flehenden Blickes, gerade dies eine möchte man ihm lassen, dies sei sein Schutzpatron, oder er hatte eine goldene Kapsel mit einem Mutterbild oder ein Madonnenmedaillon, von dem er nicht ablassen wollte: Abgerissen wurde ihm dann das Kettlein und ein Schlag ins Genick oder in die Rippen traf ihn mit dem Ruf: ,, Schneller machen, Du Schwein hältst den Betrieb auf!" Mit einem Fluch auf die heiligen Zeichen oder familiären Requisiten mußte er sein Flehen büßen. Eheringe, die sich nicht vom Finger lösten, mußten unter allen Umständen entfernt werden und es ging brutal dabei zu. Zuerst tat man, als würde man mit Seife und Wasser den Versuch 111 machen, den Ring zu lösen. Dann ging es mit der Feile an den Ring und die Feile schonte auch den Finger nicht. Das waren die Hilfeleistungen der Herren SS! Blutige Finger, Schläge und grobe Anwürfe, das war die Trennung vom Ring des Treugelöbnisses! Dann sah man wieder Tätowierte in allen Schattierungen und die sonderbarsten Darstellungen dieser Art könnte kein nautisches Museum in solcher Vielgestalt bringen, wie sie hier zutage kamen. Da war z. B. einer, der hatte, aufreizend dargestellt auf der vorderen Seite des Körpers, den Satz:„ Nimm mich Mady." Und auf dem Rücken hatte er mit frappierendem Raffinement die Merkmale eines weiblichen Busens dargestellt und darunter stand: ,, Nimm mich Bubi." Diese Tätowierung gab natürlich Anlaß zu einer besonderen Attraktion mit diesem Typ aus den letzten menschlichen Niederungen und es kam zu tollsten Schauspielen. Jeder Mensch anders! Jeder Mensch: hier Zivil, hier Zebra des KZ! Die Freiheit winkt. Man wartet ohne Klage, ohne Ungeduld, und doch kreist das Denken immer um das gleiche Problem, um das sich hier im Lager alle Gedanken drehen, von dem jeder spricht, an dem man sich verzehrt und auf das doch jeder seine Hoffnung setzt: Wann werde ich frei? Die Schwären und Eiterbeulen gingen nach der Schweißdrüsenoperation langsam zurück. Das Kopfhaar wuchs wieder und bei den Prominenten von der Effektenkammer war man etwas großzügiger, man übersah eine gewisse Haarlänge. Und wenn mich dann manchmal einer fragte: ,, Wieso kommt es eigentlich, daß Du immer lachst?", so hatte ich keine rechte Antwort darauf, aber im Innern dachte ich, daß der, der alles weiß, es wohl auch mit mir zum Besten fügen werde. 112 Wenn man manchmal Tage zwischen einem flachen Sein oder Nichtsein verdämmerte, kam wiederum eine Nachricht von der vielgeliebten Frau, oder es drangen Hiobsbotschaften vom politischen Himmel ins Lager, als sei das grausige Verhängnis unabwendbar nahe und ertöne bald die Gerichtsglocke des Jüngsten Tages für die deutsche Menschenseele. Wenn ich dann mit Alfred meine Wege ging und mit ihm plauderte und wir einmal auch einen dieser geheimnisvollen Sterndeuter aufsuchten und dieser mir mit einer absoluten Sicherheit die Freiheit verkündete, Alfred aber noch langen Verbleib im Lager voraussagte, und wir anfangs scherzhaft, dann im Ernst das Gespräch mit dem Astrologen in allen Einzelheiten betrachteten, so wurden wir uns doch langsam einig, daß vielleicht etwas Wahres an all dem sei. Immer mehr rechneten wir mit meinem Loskommen aus der drückenden Enge des Lagers. Hinaus aus dem Untermenschlichen, allzu Untermenschlichen, damit man wieder Mensch wird! Auch andere, Nichtastrologen, nur so im Vorbeihuschen Bekanntgewordene, deuteten mir, ich würde bald, wie man so schön sagte, abhauen". War es nun der wache Instinkt der in sich selbst lebenden Menschen, die in dem Dreck, in den Elendsbretterbuden der Blocks, doch ihr Eigenleben führten? Denn eines Tages war es wirklich so! Der SS- Oberscharführer kam mit seinem Rade angesaust und mit gerötetem Gesicht in die Effektenkammer. Er kam von vorne', wie das Gebiet der SS- Verwaltung so schön hieß, und ging gleich in medias res: ,, Utsch, heute sind Sie dran!" Ich stand auf und wenn mich einer gesehen hätte, würde er bemerkt haben, daß ich puterrot im Gesicht war.„ ,, Jawohl!", war die Antwort. ,, Und der glaubt es wirklich!", ließ mich der Scharführer wiederum im Ungewissen zappeln. Und ich glaubte dennoch! Innerhalb einer Stunde voller Abwechslungen oder, besser gesagt, abwechselndem Hin und Her, bei dem der Scharführer noch seinen letzten Spaß mit mir haben wollte, erfuhr ich nun endlich, endgültig, daß dem so sei. 8. Bg. Utsch, KZ 113 Draußen vor der Effektenkammer stand ein Pferdewagen, etwas unerhört seltenes im Lager, für mich gleichsam Gruß der Natur, der ich mich nun wieder näherte, gleichsam eine Botschaft aus der Ferne, und ich merkte, trotz einer zurückhaltenden inneren Scheu, daß ein erhöhtes Leben in mir erweckt war. Alle bedrängten mich mit kurzen Worten oder freudigen Püffen. Es war ein lustvolles Bedrängen der nun im Laufe der langen Monate gut bekanntgewordenen Häftlinge. Es begann ein Empfang von Adressen, kleinen Zettelchen, die man mitnehmen sollte. Doch man durfte sich ja nicht erwischen lassen! Das bedeutete nämlich Rückkehr ins Lager! Jeder versuchte, durch mich irgendeinen Kontakt mit drauBen herzustellen, irgendeine Botschaft für die daheim und irgend etwas Besonderes ausrichten zu lassen. Für Arthur sollte ich unbedingt einen trostvollen Brief an seine Mutter schreiben. Für Erich Güth sollte ich in der Weinhandlung in Breslau seiner vielgeliebten Mutter bestellen, sie möge den Wehrpaß suchen und sofort dem Lagerkommandanten einschicken, er möchte jetzt Soldat werden und kämpfe schon so lange darum. Dieser Gedanke schnürte mir die Kehle zu. Nun also Soldat werden und für dies Deutschland kämpfen, das ich hier erleben durfte! Ich überlegte mein eigenes unabwendbares Schicksal der Zukunft: Wahrscheinlich würde ich Soldat, werden. Wäre es da nicht besser gewesen,' der Cholera oder dem Typhus zu erliegen oder in einem Moor zu versinken und zu ertrinken oder, an die Lore angebunden, in den Tod geschleift zu werden? Doch der Gedanke ging vorbei. Hinaus aus dem Unmenschlichen, damit man wieder Mensch wird! Ich dachte an Elisabeth. Ich dachte an die Kinder. Der Wunsch, das gewaltige, unermeßliche Du der Natur noch einmal zu erleben, war stärker. Meine Gesundheit war stärker als alle schwachen Gedanken, mögen sie auch aus einer seelisch einwandfreien Ideologie gestammt haben. Es ging dann alles sehr schnell. Kaum, daß ich Zeit hatte, mittags Alfred rechtzeitig zu benachrichtigen. Alfred hatte 114 sehr schöne Worte für meinen Abschied. Er sprach von der einzigen wahren, tiefgehenden und verinnerlichten Bindung, die er durch mich im Lager gehabt hätte. Ich sagte:„ Ich gehe nun und wir kommen einst zusammen. Ich glaube, wenn der Sterndeuter recht hatte, dann ist das so zu verstehen, daß Du, der Ältere, den Endkampf vielleicht hier erleben mußt und ich draußen, irgendwo draußen, die Knarre in der Hand und wer weiß, was man mir wohl bescheren wird. Aber eines weiß ich: wir sehen uns wieder und unter anderen Umständen als hier und in dem jetzigen Deutschland, dem Ausverkaufslokal einer einst hohen und hehren Kultur. Unser Suchen nach dem Lebendigen wird uns einst die Frucht bringen, wenn es so weit ist. Alles braucht seine Zeit für die Reife." Und dann kam Willi dran, der in so bedrängten Verhältnissen mit seiner Frau war und mich ersuchte, mit ihr Verbindung aufzunehmen, die richtigen Worte für sie zu finden oder sie nach Möglichkeit selber aufzusuchen. Und dann kamen die vielen anderen. Schließlich kam ich selber. Es war allerhand vorzubereiten: Von der Effektenkammer den eigenen Häftlingssack in Empfang zu nehmen. Ja, nun wieder Zivilist werden, eigene Kleidung tragen, Hemd mit Kragen und Binder, einen Anzug, einen Mantel, das Haar scheiteln, all dies stand mir bevor, nach vierzehn Monaten Trennung von der Zivilisation und ihren Einrichtungen. Dennoch wußte ich bis jetzt eigentlich nur aus der spaẞhaften Äußerung des Oberscharführers, daß ich die Freiheit wieder erlangen sollte. Ein Tag, eine Stunde, eine Minute, ja selbst eine Sekunde kann eine Ewigkeit dauern, wenn man etwas erwartet. Und so erwartete ich bei dem letzten Morgenappell am 5. Dezember, daß meine Nummer aufgerufen würde. Dunkelheit lag noch über dem Lager, als wir dazu antraten. Es war das einzige Mal, daß in den 14 Monaten meine Nummer vor den 25 000 durch das Sprachrohr laut ausgerufen wurde, um nach vorne ans Tor zu müssen, an das Pult, wo der Arbeitsdienstleiter, wo der Lagerkommandant, wo sie 8* 115 alle, die Gewichtigen, standen. Aber nicht der Tod durch den Strick, sondern die Freiheit sollte mir verkündet werden. Ich kam nach vorne. ,, Links raus die Entlassungen, rechts raus die Bestraften!" Meine Blicke fielen hinüber auf jene, die wieder an den Bock geschnallt oder an den Pfahl gehängt werden sollten. Meine Augen hefteten sich an einen dieser Züchtiger, die bereitstanden, die Verurteilten mit 25, 50 oder 100 Schlägen, wehrlos aufgeschnallt auf dem Bock, zu geißeln. Ein leidenschaftlicher Blick traf die, die das veranlaßten, traf die, die das ausführten, und ich wußte, nie werde ich dieses Bild vergessen, und wenn sich nun für mich mit der Entlassung der Ring schließt, so ist dies der letzte Schlußstrich unter das gewesen, was ich einst nicht wußte und nun durchleben mußte. Ich stehe nicht als gebrochener Mann, wenn auch nicht stark und gesund, so doch klar sehend, entschieden, nunmehr an der Schwelle des Tores, das mir Freiheit verheißt. Entlassung aus dem KZ. Als dann die Dunkelheit der Nacht dem Tage wich, wartete ich mit vielen anderen, die mit mir heute das Lager verlassen sollten, am Brausebad. Die meisten wurden in andere Lager, Gefängnisse oder sonstige Strafanstalten überführt. Ein alter Lagerhase war dabei, der es über die Krankenstation fertiggebracht hatte, sein Lungenleiden so' darzustellen, daß sein angeblich kurz bevorstehender Tod ausschlaggebend für seine Entlassung war. Es war ein Frankfurter. Erst als er hörte, meine Schwiegereltern seien auch aus Frankfurt/ Main, taute er auf und aus einer gemimten Kränklichkeit sprach ein doch ganz wohliges Lebensgefühl und mit kneifenden Augen griente er, im unverfälschten Frankfurterisch erzählend, wie er es fertiggebracht habe, auf diese 116 Weise herauszukommen. Das können nur in ganz vereinzelten, glücklich gelagerten Fällen hartgesottene Naturen und so ein echtes Frankfurter Kind. Wieder ein anderer war ein Kriegsdienstverweigerer leichteren Grades, der nun Soldat werden sollte. Ich forschte, ob es ihm wirklich ernst darum sei. ,, Nein, aus dem Lager will ich!", war die nicht schwer entwundene Antwort. Während wir beim Duschraum stundenlang warten mußten, begegnete mir noch ein kleiner Zwischenfall im Lager, der mich innerlich noch manchmal beschäftigte. Ich wurde hinüber in die Effektenkammer gerufen, dort zeigte mir der SS- Scharführer Timmer ein Arsenal schöner Kleidungsstücke aller Art: Hüte, Mäntel, Anzüge lagen dort ausgebreitet. 99 Wenn Ihnen etwas nicht paẞt, so gehen wir noch auf den Lagerblock, dort ist viel mehr von dem Zeug. Sie können sich aussuchen, was Sie wollen und benötigen, aber eines müssen Sie mir versprechen...." 66 Ich stutte. Der fette, große Kerl, dem es in all diesen Jahren nie schlecht gegangen war, dem es nur um seine Haut bangte, den nur materiellé Interessen trieben, verlangte von mir, ich sollte ihm, da ich ja nun wieder nach Polen käme, Wodka senden. Wodka, einige Flaschen Wodka, und mir stände alles, was mein Herz an Kleidern begehrte, offen. Mein Entschluß war im Bruchteil einer Sekunde gefaßt. Ich handelte danach. Auf dem Transport waren mir ja ein Mantel, Anzug, Hemden, Schuhe, was mir meine Frau in den Koffer an warmen Wintersachen eingepackt und in das Untersuchungsgefängnis von Monte Lupich in Krakau gesandt hatte, abhanden gekommen. Und so entschied ich mich, guten Gewissens das anzunehmen, was mir abhanden gekommen war, niemals aber dem Satan in Menschengestalt den Wodka zu senden. Fast haargenau das gleiche, was mir fehlte, fiel mir nun zu. So schloß sich auch hier der Ring vollends. Und war das nun ein Vorzeichen dafür, daß sich auch all das, was man durchzumachen und zu ertragen gehabt hatte, wieder ausglei117 chen werde, ausgleichen durch den, der alles weiß und alles zum Besten fügt? Die Zukunft wird es lehren, dachte ich. Dann kam auch ich an die Reihe zusammen mit den Verbindern, den traurigen Elendsgestalten, die ihre Gaze- und Mullverbände, ihre Tücher und Fetzen, ihre wochenlang anhaftenden Pflaster von den Wunden lösten. Alle ekelerregend, stinkend, hier, wo keiner mehr weiß, was Hygiene und wirkliche Pflege ist. Mit ihnen zusammen durfte ich das letzte Mal duschen. Wohlgemerkt: ich durfte, denn es soll mir ins Herz geschrieben bleiben, was die dort noch weiter durchmachten, während ich rausdurfte, raus, in wenigen Stunden schon als freier Mensch mich bewegend! Dann kam ich auf den Block zurück. Franz wollte es nicht glauben, daß ich nun von ihm ginge. Der abgeklärte und doch immer aufgeregte Franz, das gute Herz des Blocks, auch er gab mir seine Anschrift. Bündelchen und Kleidungsstücke wurden verpackt, letzte Lebensmittel aus den Päckchen meiner Frau, eisern Erspartes, an Hungrige verschenkt, selbst aber achtsam das Nötigste mitgenommen. Immer wieder der Gedanke: was wird? Man ist im KZ niemals sicher. Mag die Entlassung auch schon ausgesprochen sein, kann es doch noch passieren, daß es anders kommt. So spielte für mich die Kuhlé Brot die gleiche Rolle, wie all die vierzehn Monate. Sorgsam wurde es verpackt, das Stück Brot! Und doch bricht schon wieder in mir das Gefühl kommender Freiheit durch, es jauchzt zwar nicht, aber leise klingt es in mir an wie ein fernes Singen. Ich muß noch einmal auf einen anderen Block. Da liegen beim Küchenblock die Futterrübenberge und zwei Zebras mit Knüppeln halten Wache, daß keiner es wage, auch nur zu nahe zu treten. Unbestechlich würden sie über diesen herfallen. Aber niemals vorher bin ich den Futterrüben so nahegetreten, ohne jetzt auch nur den geringsten Verdacht zu erregen. Und dann sammeln wir uns am Tore, die zur Entlassung, zur Überführung Bereitstehenden. Dieses Mal ist es ein 118 freundlich sich gebärdender SS, der uns zu bewachen hat. ..Ihr müßt noch einmal auf einen Block, aber zusammenbleiben, es geht erst in einigen Stunden fort. Der Lagerkommandant ist noch nicht da. Er muß Euch noch sprechen, bevor Ihr rauskommt." 99 - . Warum? Noch einmal geht es über den großen Platz, ich lese die Lettern: Es gibt nur einen Weg zur Freiheit, seine Meilensteine heißen: Ich lese nur die Worte .. Wahrhaftigkeit Mut" bleiben haften. Dann sind wir schon drüben. Auf irgendeinem Block wartet man. Durch eine harte Menschenstimme gestört, schrecke ich zurück aus Traumtoren, die sich mir geöffnet hatten in Gedanken an Wahrheit und Wirklichkeit. 99 ,, Jetzt geht es zum Lagerführer!", heißt es. Ist alles vollzählig? Habt Ihr Eure Klamotten beisammen?" Wir hatten alles, waren vollzählig. Hinauf zum Lagerführer in das Kommandohaus! Wiederum warten. Der Lagerführer Kolb, SS- Obersturmbannführer, der immer seinen Ukrainerjungen eine Tafel Schokolade überreichte, um seine Leutseligkeit zu beweisen, es sich aber nicht nehmen ließ, Stockschläge mit eigener Hand zu vollziehen, wenn es ihm paẞte, der Herr Lagerführer ließ es sich auch heute nicht nehmen, uns eine Abschiedsrede zu halten: ,, Wenn Ihr jetzt wieder rauskommt und in die Freiheit gesetzt werdet, so bedenkt immer eines: daß es nicht Euer Verdienst ist, wenn wir Gnade vor Recht ergehen lassen! Bedenkt immer, daß Ihr nur durch unsere Güte wieder zu den Euren nach Hause zurückkehren dürft. Bei den meisten ist es ja so, daß sie in die Arme der Wehrmacht aufgenommen werden, und da kann ich Euch für Euren künftigen Lebensweg nur einen Rat erteilen: das Maul halten! Ihr wart Schutzhäftlinge, Ihr wart also zu Eurem eigenen Schutze hier untergebracht und keiner von Euch kann sich wohl beklagen, daß es ihm jemals schlecht gegangen sei hier im Lager! Hat es doch einmal da und dort etwas gegeben, so war das nur Rauferei unter Euch selber oder bedingte Selbsterziehung, und da wir ja keine Memmen sind, sondern ganze Kerle, spielt 119 das keine Rolle. Sollte sich doch noch einer zu beklagen haben, so kann er gleich hier bleiben! Hier ist Platz genug! Sollte aber einer draußen irgendwelche Gerüchte verbreiten, und es kann sich nur um Gerüchte handeln, die er vorbringen könnte, so ist keine Institution so schnell wie wir, Euch wieder ins Lager zurückzuführen. Daß es dann nicht so glimpflich mit Euch abgeht, wiẞt Ihr ja. Jeder von Euch war lange genug im Lager, um zu wissen, was das Wort Rückführer bedeutet." Er wischte sich seine Hornbrille. Sein Gebaren und sein Ton waren die eines gutmütigen Biedermannes und eisiges Schweigen war die Antwort auf diese letzte Erpressung, auf die Erpressung, die uns über das Lager hinaus noch in steter Angst und Furcht halten sollte. zug ,, Wenn Ihr jetzt bei der politischen Abteilung Eure Papiere in Empfang nehmen werdet, so habt Ihr zu unterschreiben, daß kein Wort über Eure Lippen kommen wird, welches Behat auf das Lager und auf alles, was Ihr hier etwa erfahren habt, oder über Euren einzelnen Fall, der ja nun erledigt ist und mit der Entlassung aus der Schutzhaft seine endgültige Bereinigung erfahren hat. So, und nun könnt Ihr gehen! Aber eines noch: Hütet Euch davor, etwa im Trunk durch die gefährlichen Auswirkungen des Alkohols den Mund aufzutun! Auch in den Reihen der Wehrmacht seid Ihr künftig streng beobachtet und überall haben wir unsere Beamten, die über Euch Bescheid wissen. Ohne viel Gefackel kehrt Ihr ins KZ- Lager zurück. Hat jemand irgendwelche Anschriften von Häftlingen, die Euch etwa Aufträge erteilt haben, so werden diese sofort hier abgeliefert und es darf keineswegs auch nur einem einfallen, das Geringste zu unternehmen für hier inhaftierte Schutzhäftlinge! Höchstes Strafmaß setze ich für die deshalb sofort ins Lager Zurückkehrenden aus! Hütet Euch, das KZ- Lager steht Euch immer offen!" Dann entließ er uns, nicht ohne jeden Einzelnen zu fragen, wie sein Bestimmungsort nach der Entlassung laute. Für die meisten war es der direkte Gestellungsort aufgrund eines 120 Einberufungsbefehles. Ich sollte mich noch einmal in Krakau bei der Sicherheitspolizei melden. T Nun nahm uns halb schon Befreite ein Blockführer in seine Obhut und wies darauf hin, daß nun strenge Kontrollen unserer gesamten Gepäckstücke bevorstünden. Nochmals das alte, beklemmende Gefühl um meine Briefe! Alle Briefe meiner Frau hatte ich mir gegen strengste Befehle erhalten und jetzt im Rockärmel meines Winterpaletots verstaut. Die Zettelchen und Anschriften waren ebenfalls in höchster Gefahr. Ich selbst mußte damit rechnen, sofort ins Lager zurückgebracht zu werden. Wir schritten zur politischen Abteilung. Ohne hinzusehen, unterschrieb ich den Passus der Verschwiegenheit. Es ging zur Häftlingskasse. Dort wurden mir Ehering, Brieftasche, Papiere und das einzige kleine Bildnis meiner Frau, das ich besaß, ausgehändigt. Ich bekam mein Häftlingskonto ausbezahlt. Alles freundlich, auffallend überfreundlich!—— Schon fühlte ich mich wieder gehobener und sicherer. Es ging dann, zufällig ohne die verheißene Kontrolle, durch den ersten und zweiten Wachring, an viel SS vorbei, endlich hinaus! Häuser, Straßen und erste Menschen, Zivilbevölkerung, begegnete uns. Es war still in den Straßen, nur da und dort eine Frau, die ihre Einkäufe tätigte, für die aber die immer noch von dem SS begleitete Menschengruppe etwas Auffallendes hatte. Die Leute mußten es wissen, daß wir Entlassene waren. Sie blickten auf, doch die Zeit lastete auf allen und keiner wußte, wohin ihn der eigene Weg führte. Und so hatten diese Blicke nichts Verheißungsvolles oder Belebendes. Druck überall! Überall war die Belastung des Krieges und wohl ein wühlendes Schuldgefühl zu spüren! Bald standen wir auf dem kleinen Bahnhof Oranienburg. Warten auf den nächsten Zug! Hier zerteilte sich jetzt die Gruppe: Die, die überführt wurden, blieben beim SS- Mann zurück und bildeten ein Häuflein für sich. Die andere Gruppe, 121 mit den Entlassungsscheinen in der Tasche, löste sich auf. Der eine holte sich seine Fahrkarte, der andere brauchte nur seinen Einberufungsbefehl vorzuzeigen, um an sein Ziel zu kommen und Soldat zu werden. Für ‚mich hatte der Bahnsteig in Oranienburg noch nichts Befreiendes, hatte ich doch hier schon zweimal gestanden. Einmal, als ich ins Lager kam, das andere Mal zur Überfüh- rung nach Berlin zum Reichssicherheitshauptamt. Immer in dem Gefängniswagen, der auch jet mit anrollte, um die an- deren zu übernehmen, das Häuflein Überführter! Melancholie lag über dem Warten. Erst als ich dann im Abteil saß, besserte sich dies Unbehagen. Ich machte mir Ge- danken und Pläne über meine unmittelbare Zukunft: Nach Berlin fahren, in einem Hotel übernachten, vorher noch tele- grafieren! Ich kam in Berlin an, zusammen mit einem eben- falls entlassenen Häftling, einem Kriegsdienstverweigerer. Er paßte auf mein Gepäck auf. Ich suchte ein Postamt nahe dem Schlesischen Bahnhof. Da ich mich in Krakau melden mußte, schien ja meine Freiheit noch irgendeinen Pferdefuß, irgend- einen Hinterhalt der Gestapo, in sich zu haben. Heimkehr zu Elisabeth. Aber ich war frei! Da gab es kein Drehen und Deuteln mehr für mich. Ich wollte diese Freiheit um jeden Preis wenigstens so weit auskosten, meine Frau wieder in meine Arme schließen zu können. Dann konnte kommen, was wollte! Und wir würden uns gemeinsam wehren, nach der Aussprache, nach dem Sichwiederhaben, und sei es nur für Stunden, aber für Stunden wirklicher persönlicher Freiheit. Ich formulierte mein Telegramm so, daß es zwar mein Empfinden in Worte faßte, aber doch den praktischen Er- 122 wägungen dienen konnte. Ich telegrafierte nach Lemberg an meine Frau: ,, Auf dem Wege zu Dir, Treffpunkt in Krakau, Grand Hotel." Die Lösung befriedigte mich auch, als ich nach Stunden überlegte, ob ich es hätte besser und geschickter machen können, um meine Frau zu sehen, bevor ich den Gestapoteufeln wieder zu Gesicht käme. In Berlin überall Verdunkelung! Die Häuser um den Schlesischen Bahnhof zerstört! Da ließ ich den Versuch sein, mich in einem Hotel auszuschlafen. Es drängte mich weiter, weiter! Dem Reisegefährten gab ich noch von meinen Rauchwaren und Lebensmitteln ab. Er wollte möglichst langsam zu seinem Ziele kommen, zum Gestellungsort der Wehrmacht. Er wollte noch in Berlin bleiben. So wünschte ich ihm Soldatenglück und er mir ferneres Wohlergehen und meine Augen trennten sich von dem Letzten aus der KZ- Sphäre, die wir nun hinter uns gelassen hatten. Ich löste am Fahrkartenschalter mein Billett nach Krakau. Es war so verdunkelt, daß nur noch die kleine Öffnung für das Herausgeben von Geld und Fahrkarte beleuchtet war. ,, Legitimation für Krakau!", hörte ich hinter dem Schalter. Ich mußte meinen KZ- Entlassungsschein mit dem Fahrbefehl nach Krakau durch den Schalter geben. Bevor ich meine Fahrkarte ausgehändigt erhielt, öffnete sich das ganze Fenster, ohne Rücksicht auf die Verdunkelung. Ich stand einer Reichsbahnbeamtin gegenüber. Nur Sekunden, ganz kurz, aber das genügte! Dieser Blick der Verachtung, des Hasses, dazu noch von einem Weib, war wie der Blick der SS im KZ! Habe ich das KZ also schon hinter mir? Wird mir dies nicht überall begegnen?? Dann rollte ich im D- Zug Richtung Breslau. Dort muẞte ich umsteigen. Ich konnte nicht anders, zumal ich einige Stunden Aufenthalt hatte, als mir nochmals die Stätte meiner ersten deutschen Polizeihaft mit ihren schaurigen Erinnerungen zu besichtigen. Dieses Mal von außen. Das große Backsteingebäude fiel mir sofort wieder auf. Ich suchte die Keller123 6 fenster, aus denen man durch einen kleinen Spalt hinaus auf die Straße blicken konnte. Dort, wo ich damals im Stehen, Mann an Mann gepreßt, mehrere Nächte und Tage, die Nächte waren, verbrachte! Dort, wo die Wanzen wie Trauben von der Decke fielen und wo man in einem Meer von Wanzen schier umkam! Wo sich Homosexuelle an einen herandrängten und wo Du nicht wuẞtest, wer vor und wer hinter dir stand, so eng war es! Wo wir ungeschälte Kartoffeln, als Suppe verkocht, schlürften! Wo die Aufsichtsbeamten mit einem kleinen Stock mit Lederschnalle, wie eine Fliegenklappe, herumschlugen, um sich durch den Schlag auf die Gesichter Platz zu schaffen und Gruppierungen vorzunehmen, wie sie sie für Transporte brauchten. Ich fand dieses Kellerfenster wieder. Es waren wohl wieder Menschen dahinter. Sicher mit den gleichen begehrlichen Blicken nach draußen auf die platte Straße und auf das Gegenüber, wo Menschen aus- und eingingen. Ich sah mir nun auch dieses Gegenüber an. Es war ein Parteigebäude, modern eingerichtet, und all die Menschen, die ein- und ausgingen, waren Parteibeflissene, die geschäftig an dem Schicksal arbeiteten, das Deutschland zum Kuin brachte. Hier standen sie sich gegenüber, die beiden Gebäude: gleichsam Ziel und Resultat! Was wir damals begehrten, wäre eine lumpige Zigarette, ein Stückchen Brot gewesen! Dann schlenderte ich weiter und nicht weit entfernt lag die kleine Gasse mit dem Weinhaus Güth, das ich aufsuchen sollte. Ich traf die Mutter des Häftlings und überbrachte ihr Grüße von ihrem Sohne aus dem KZ- Lager. Ein Glas alten Rotweins förderte die Pläne, was zu unternehmen sei, um auch ihn freizubekommen. Freilich war da nicht viel zu machen. Die Frau fand den Wehrpaß nicht, der die einzige Hilfe bedeutet hätte. Ich gab ihr dennoch Ratschläge und die vom langen Warten verzehrte Frau sah einen neuen Hoffnungsschimmer. 124 Das Menschengewoge in den Bahnhofshallen war auch in diesen frühen Morgenstunden, nachdem ich meinen fast noch nächtlichen Rundgang durch die Straßen Breslaus mit dem. Stehenbleiben vor dem Gefängnis und mit dem ungewöhnlich frühzeitigen Besuch des alten Weinhauses Güth beendet hatte, schon in vollem Gange. Militärs in allen Uniformen, Zivilisten, Fremdarbeiter, alles drängte sich in den breiten Wandelgängen und auch die Wartesäle waren überfüllt. An der Theke konnte man einen dürftigen Kaffee erstehen. Die Schalter waren bereits geöffnet worden und ich wollte nun meine Zuschlagskarte für den Krakauer Schnellzug lösen, der in wenigen Minuten einlaufen sollte. Sie wird mir verweigert! Wieder zeige ich meinen Marschbefehl vom KZLager. ,, Tut nichts zur Sache! Sie müssen einen Passierschein. haben." Also zurück zum Polizeipräsidium, da die übliche Stelle für Passierscheine für mich nicht zuständig ist. Jetzt erst fällt mir ein, daß heute Sonntag ist. Trotzdem wird der Versuch gemacht. Der diensttuende Offizier im Präsidium hört sich mein Begehren ruhig an. ,, Was, wo kommen Sie her? Aus dem KZLager? Nun, dann wird auch für Sie mal wieder die Sonne scheinen! Ich werde alles tun, daß Sie Ihr benötigtes Papier heute noch erhalten. Nehmen Sie bitte Platz!" Diensteifrig und ehrlich wohlmeinend wurden nun mit aller Umständlichkeit aus den einzelnen Zimmern der betreffenden Referate die Unterlagen, Eintragungsbücher und Stempel geholt und nach einigen Stunden hatte ich meinen Passierschein. Da ich dem Beamten erklärte, daß ich von Krakau noch weiter nach Lemberg wolle, vermerkte er auf dem Passierschein die Reise nach Krakau mit genehmigter Weiterfahrt nach Lemberg. ,, Ja", sagte er ,,, man sieht immer den Leuten gleich an, was mit ihnen los ist, und ich bilde mir ein, es ist besser, man bildet sich sein eigenes Urteil in der heutigen Justiz und deshalb habe ich mich bemüht, Ihnen auch heute, am Sonn125 tag, weiterzuhelfen! Fahren Sie wohl und kommen Sie gut zu Ihrer Frau!" Ich staunte und stutte. Fast war ich versucht, mich in ein politisches Gespräch einzulassen, doch der Instinkt hielt mich zurück. ,, Der gebrannte Hund scheut das Feuer", heißt es im Volksmund und ich wollte wenigstens meine Frau noch sehen. Deshalb drängte es mich weiter zum Bahnhof. Ich ging zum gleichen Schalter zurück. Stolz ziehe ich den Passierschein hervor und reiche ihn hin. Der Beamte gibt ihn mir zurück: ,, Mit dem Wisch kommen Sie nicht nach Krakau! Man hat Ihnen ja ein Formular für Einreisen ins Protektorat gegeben. Wie haben Sie das überhaupt heute bekommen?" Nach dieser unliebsamen Feststellung der Verwechslung des Formulars mache ich noch einmal einen Versuch am Polizeipräsidium. Der angenehme Wachhabende war nicht mehr da und sein Nachfolger war weniger zuvorkommend. Er verwies mich auf die Amtsstunden am Montag zwischen neun und elf Uhr. Ein Tag war verloren. Ein kostbarer Tag! Doch mein Entschluß war gleich gefaßt. Ich suchte eines der besseren Hotels auf und es gelang mir, Unterkunft zu finden. Ich meldete sofort ein Gespräch nach Lemberg an zu meiner Frau. Ich sagte dem Portier, ich sei auf meinem Zimmer, bis Lemberg rufe. Ein Lächeln für diesen Optimismus! ,, Da können Sie morgen auch noch auf Ihrem Zimmer sitzen!" ,, Macht nichts, mir ist es wichtig!" Der Page fuhr mich im Lift in meine Etage. Hier stellte man mein Gepäck ab. Ich blickte im Zimmer um mich. Alles da, was ein Weltmann braucht! Mein Blick fiel auf das Telefon am Nachttisch. Kaum hatte ich es erspäht, schrillte es auch schon, daß es mir durch Mark und Beine fuhr: Lemberg war da! Meine Frau rief durch den Äther: Bert, bist Du es?" ,, Ja, ich bin es." Wo steckst Du?" In Breslau." ,, Kommst Du?" Ja, ich komme, ich fahre nur zunächst bist Krakau." ,, Ich erwarte Dich also in Krakau."„ Ja." - 99 22 2.2 - 126 - ,, Gut, wir treffen uns dort im Grand Hotel." ,, Also in Krakau! Hallo, Elisabeth...66 Schon war die Verbindung unterbrochen, die rein und klar war und sich so überraschend schnell und wie der Ablauf unbedingter Gesetzmäßigkeit vollzog. Habe ich auch nichts vergessen? Ja, natürlich, ich konnte ihr nicht mehr sagen, daß ich morgen erst, günstigsten Falls am Mittag, hier abreisen konnte. Es fehlte ja noch der richtige Passierschein! Jetzt kamen endlich die Stunden der wohlverdienten Ruhe, der erste Schlaf nach der im Zug, auf dem Bahnhof und im Bummel durch Breslau verbrachten Nacht. Der erste Schlaf nach vierzehn Monaten ohne richtiges Bett, nach vierzehn Monaten Gefängnis und KZ- Lager- Unterkünften! Alles funktionierte in dem Hotel. Es kam mir wie eine Gnade vor, mich endlich derart wohlig ausruhen zu können, mich zu waschen, zu pflegen, stundenlang die Leitung mit fließendem warmem Wasser in Anspruch zu nehmen und unten im Gästeraum die markenfreien Speisefolgen auszusuchen. Erfrischt ging ich dann morgens um neun Uhr zur festgesetzten Stunde auf die Polizeistelle. Der Empfang des Passierscheins erlitt eine Verzögerung, die nicht in der Natur meines Begehrens lag, sondern dadurch verursacht wurde, daß man dem Polizeioffizier, der mir so entgegenkommend geholfen hatte, einen Strick drehen wollte. Ich versuchte alles, dies abzuwenden. Es war mir mehr als unangenehm, als der den Fall aufnehmende Beamte die peinliche Bemerkung machte: ,, Dem sind wir schon lange auf der Spur. Ihre Gesinnung aber können wir sowieso erraten, wenn Sie aus dem KZ kommen!" ,, Haben Sie den Fall auch genau aufgenommen?", kam ein höherer Beamter herein. ,, Ja, aber brauchen wir die Unterschrift des Utsch?" ,, Nein, die würde uns sowieso nichts besagen. Es genügt, wenn wir es festlegen." 127 An diesem Tage strahlte die Sonne in Breslau. Der gute Beamte, der mir am Sonntag so bereitwillig und menschenfreundlich den Weg ebnen wollte, hatte recht. Auch Ihnen wird wieder einmal die Sonne scheinen! Und schien sie mir nicht, auch wenn sie nur dezemberlich schien? Aber schien sie mir nicht leuchtend hell, hell strahlend, da ich nun meinem einzigen Verlangen entgegenfahren konnte, meiner Frau, meiner Elisabeth! Und doch! War es nicht vielleicht für den anderen eine verhängnisvolle Wendung? Waren nicht schon wieder die Schergen am Werk, das Satanische gegen das Gute auszuspielen, das ohnmächtig darniederlag? Das große KZ- Lager Deutschland aller Orten! Nie werde ich das Polizeigefängnis Breslau vergessen, das ich nun in allen Formen erlebt hatte: Der Empfang des Häftlingszuges aus Krakau, damals in der Nacht, als ein großes Polizeiaufgebot uns mit aufgepflanzten Bajonetten empfing. Dann Polizisten mit Handschellen in der Hand, die ich angelegt bekam, ehe noch mein Fuß vom Trittbrett des Waggons zum Erdboden glitt. In dunkler Nacht durch das Spalier der aufgepflanzten Bajonette, gefesselt, von Polizisten geführt. Dann in die Minna, den Polizeiwagen, gepfercht und in das Polizeipräsidium gebracht. Ich lernte damals die Kellerräume kennen und nun auch die Amtsstuben und die Amtshandlungen. Das war aber nun vorbei! Neues Leben pulsierte in mir und nur kurz hielt ich mich noch bei diesen Gedanken auf. Die Auslagen der Buchhandlungen interessierten mich. Nicht die Buchhandlungen im eigentlichen Sinne, in denen nur sogenannte völkische und militärische Literatur marktschreierisch zum Kauf angeboten wurde! Mehr die alten, kleinen Antiquariate mit ihren da und dort noch zu entdeckenden literarischen Kostbarkeiten aus verklungenen Zeiten, mit Kupferund Stahlstichen. Ich konnte nicht widerstehen, einen kleinen, ersten Gruß für meine Elisabeth zu erstehen. Ich fand ein sinnreiches, schönes Bild aus der Romantikerzeit und 128 schrieb dann im Hotel auf die Rückseite die Widmung dazu. Jetzt hatte mir Breslau alles gegeben, was es mir zu geben vermochte. Ich zahlte meine Hotelrechnung und fuhr nach Krakau. Wie erlebt ein Reisender, frisch aus dem KZ- Lager entlassen, so eine Fahrt? Ist es ein berauschendes Glücksempfinden und sieghaftes Selbstbewußtsein, im rasenden Schnellzug voll gepflegter Menschen mit positiven Plänen und Absichten zu sitzen? Gehört er zu ihnen? Ist er gleich wieder eingereiht in die zivilisierte Menschheit? Sagt er zu allem ,, Ja", was er sieht, beobachtet und bemerkt? Nein! So schnell funktioniert das Schaltwerk menschlicher Empfindungen auch im besten Falle nicht! Allgemeine Schwäche, Depression, Schweigsamkeit lassen melancholisch den Blick auf die winterlich trübe Landschaft fallen. Der Landser, der gegenüber sitzt und seine Marschportion vertilgt, beneidet den schweigsamen Zivilisten, der offenbar zu stolz ist, sich mit ihm abzugeben. Aber ich sehe ihn nicht. Ich sehe lange nicht, was vor sich geht, und nehme auch an den Gesprächen nicht teil. Lethargie überfällt mich und doch rasen die Räder weiter meinem schönen Ziele zu. Die oberschlesischen Industrieorte tauchen auf. Einmal höre ich auch etwas von Myslowitz. Eine Frau brüstet sich, ihr Mann sei dort im Lager tätig. Ich werde wach. Ich höre zu. Sie spricht ganz offen. Sie will sich scheiden lassen. Jetzt fährt sie zu ihren Eltern. Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Der Landser bietet Zigaretten an. Ich sehe mir die Frau an, betrachte sie. Ihre Augen sind verweint, obwohl aus ihrer Stimme keine Trauer klingt. Daher mein Mißverstehen der Situation! Auch was sie weiter sagt, läßt erkennen, daß sie sich nicht brüstet, weil ihr Mann im Lager ist, sondern deswegen von ihm gehen will. ,, Immer erzählt er mir von den Greueltaten im Lager dort." Dann stöhnt sie: ,, Ich halte das nicht mehr aus." Der Landser horcht ebenfalls gespannt zu. ,, Scheinwerfer fallen dort mit grellem Licht in die Räume der Häftlinge, 9. Bg. Utsch, KZ 129 daß sie erblinden. In anderen Zellen müssen die Häftlinge Tag und Nacht in Hockstellung und gebückter Haltung auf ihren Pritschen sitzen. Sie werden dann auf ein Kommando zum Verrichten ihrer Notdurft hinausgepeitscht und das geht so schnell und mit Hieben, daß die erstarrten und gekrümmten Körper zusammenbrechen. Dann werden sie mit Stockschlägen traktiert und versäumen die Zeit, ihre Notdurft zu verrichten. Diese verbleibt dann in den Kleidern, die sie Wochen und Monate nicht wechseln. Bestialischer, pestartiger Gestank in den Zellen! Fast ausnahmslos politische Häftlinge sind in diesem Lager." Sie erzählt und erzählt und ihre Berichte stimmen genau mit dem überein, was ich schon in Krakau im Monte Lupich von einem hörte, der selbst dort war. Später kam er dann über Auschwitz nach Sachsenhausen. Dort sah ich ihn oft wieder. Das Stärkste aber, was die Frau sagte, war: Sie nehme es auf sich, trotzdem ihr dadurch alle Konsequenzen der heutigen Regierung beschieden seien vom Hause ihrer Eltern aus die Scheidung zu betreiben, selbst beim Verlust ihrer beiden Söhne. ,, Es kommt ja doch mal wieder anders und dann werde ich meine Buben wiederhaben!" - Es war ein Einvernehmen im ganzen Abteil. Der Landser, ich, zwei Geschäftsreisende gaben der Frau recht. Sie stieg dann irgendwo bei Gleiwitz aus. Aber es kam kein Gespräch mehr auf. Jeder war von der Tragik des Gehörten erfüllt und benommen und jeder fühlte die Schwere und das Unausweichbare der Tyrannei, in der man steckte. Ich bekam Hunger und erinnerte mich an meine Kuhle Brot aus dem KZ- Lager. Ich verzehrte es, denn ich hatte nichts anderes. Die Grenzstation war da. Alles verlief ohne Schwierigkeiten. Wir näherten uns Krakau. Die üblichen Verspätungen hatten wieder einmal eine Rekordlänge erreicht. Acht Stunden später als fahrplanmäßig rollte der Zug in den Krakauer Bahnhof. Polen mit großen Tragekörben, wie Lasttiere beladen mit Säcken und großen Korbflaschen, mit Ranzen und 130 Koffern! Eine unübersehbare Menschenmenge wimmelte mit lautem Getöse umher und füllte die Bahnsteige. Ich bahnte mir einen Weg. Zielsicher und doch wie im Traume wandelte ich hin zur Unterführung und mitten in diesem vielköpfigen Durcheinander stand, schlicht und wie eine Bildsäule, die treue Begleiterin meiner Frau, meine frühere Sekretärin, genau so, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. ,, Herr Utsch!" Und schon ein Schrei, wie aus dem Grunde der Seele: ,, Bert, Bert, mein Bert, Mensch! Du!" Und meine Frau, die im Hintergrunde gestanden hatte, hielt mich in den Armen! So fest und anhaltend, so lieb und innig war die Begrüßung! ,, Kein bißchen verändert, ganz der Alte bist Du geblieben, Bert!" Nun waren es wieder wir, nun war es wieder glückliche Zweisamkeit! Jetzt erst bemerkten wir, wie viele an unserer Begrüßung teilhatten. Landser blieben stehen, hatten ihre Freude und ließen es sich nicht nehmen, trotz schwerem Affen über dem Buckel und der Knarre am Arm, diese augenfällige, BegrüBung mit anzusehen. Polen und allerhand Leute witterten hier einen besonderen Anlaß. Eine lange, schwere Sehnsucht war erfüllt. Wir tippelten die Treppe hinunter durch die Unterführung und gingen durch die Sperre. Nun waren wir Menschen, wie alle anderen! Allein für uns! Die Begleiterin meiner Frau, längst ihre Freundin, war in den Zug nach Lemberg gestiegen. Ihre Mission war erfüllt, ihr Zug dampfte ab. Mehr wollte sie wohl auch garnicht wissen, als das das wahr geworden war, wofür auch sie treu an der Seite meiner Frau mitgekämpft und durchgehalten hatte. Wir aber fühlten uns vom ersten Augenblick an wieder zusammengehörig, wie uns die Fügung höheren Waltens einst zusammengeführt hatte. Und so waren es nicht überschwengliche Worte, sondern allein unsere Blicke, die unser Glück ausdrückten. Wir steuerten über den Bahnhofsplatz einem kleinen Hotel zu, in dem Elisabeth zusammen mit einer Drit* 9* 131 ten im Bunde, zu ihrem Schutze auch von Lemberg mitgekommen, Logis genommen hatte. Das Grand Hotel war nun nicht mehr nötig! Wir konnten, der Lage gemäß, das kleine Hotel viel besser gebrauchen für all das, was wir uns zu sagen und zu erzählen hatten, für die ersten Stunden des Sichwiederbesitzens. Die Dritte, eine junge Stuttgarterin, die in Lemberg in einem Büro beschäftigt war, erwartete uns, und so waren wir allein und doch nicht allein. Vielleicht die richtige Situation für unsere übervollen Gemüter, die ja nun wirklich eine unsagbare Härte, jedes für sich, zu tragen gehabt hatten und jetzt allzu leicht durch unser absolutes Alleinsein in schwermütige Verfassung hätten geraten können. So erfreuten wir uns zu Dritt an einem heiteren, kleinen Picknick von den gesparten Mitbringseln aus Lemberg: ein kalter Braten, Cognac, Butterbrote und Süßigkeiten. Alles, was wir sprachen und planten, hatte einen humorvollen Anstrich. Da wurde der Plan für den morgigen Tag festgelegt, für den unausweichlichen Besuch beim Oberen Befehlshaber der SS und Polizei, der höchsten Gestapostelle in Krakau, bei der ich mich vorzustellen hatte. Ein Plan war schnell fertig: Ich sollte ruhig hinaufgehen in den gefürchteten Bau und beim nächsten Häuserblock, mit Sicht auf die Eingangstür, würde Elisabeth warten und etwas weiter dahinter die Stuttgarter Freundin. Beide wollten unbedingt etwas unternehmen, wenn meine Rückkehr zu lange dauerte. Elisabeth wollte einfach hineingehen und wenn auch sie ausbliebe, die Freundin telefonisch alles in Bewegung setzen. Vielleicht kindlich, aber der Plan machte uns Spaß, ja wir tranken darauf einen Cognac, noch einen und einen dritten. Aber dieses Mal sollte mich die Gestapo nicht mehr bekommen, das wäre sicher! Tatsächlich gab mir dieser Entschluß Zuversicht. Lange plauderten wir über das Lager, über die Briefe, über die Locke, über die roten Rosen. Jetzt löste sich all der Druck der schweren Stunden in einem leichten Geplänkel darüber. 132 Doch wir wußten, daß wir sie damit nicht verallgemeinerten oder verkitschten. Es war nur das notwendige Übergangsgespräch. Denn nicht nur an mir hatten die Monate gezehrt. Es war erschreckend, wie meine Frau aussah! Spindeldürr, ätherisch zart, leidend die Züge, wenn sie auch jetzt vom Erleben erster Wiedersehensfreude eine Frische verriet, die nicht ihrer Gesundheit entsprach. Ja, wenn man uns gegenübergestellt und einen Unwissenden gefragt hätte, wer von uns beiden im KZLager war, so wäre trotz meiner eigenen Verfassung auf meine Frau gedeutet worden. Aber die Flut der Gespräche wogte über unser beiderseitiges Erleben, leicht beschwingt, als hätten unzählige kleine Nebensächlichkeiten die Zeit der Trennung erfüllt. - Dann kamen wir auf das Nachtquartier zu sprechen. ,, Wir haben nur ein Zimmer!" Lautes Gelächter. ,, In Krakau ist nichts zu finden!" ,, Ja, es stehen aber zwei Betten im Zimmer." ,, Höchst einfach, die werden auseinandergestellt und das Ehepaar liegt im einen, die Anstandsdame im anderen. Denn heute müßt Ihr anständig sein", lächelte die Stuttgarterin zweideutig. Nochmals bei Transfeld. Am nächsten Morgen ging es mit einer kleinen polnischen Droschke zu den Tuchhallen, zur Marienkirche. Der große Dom, das erhabene Bauwerk, das Ehrfurcht gebietende, schöne Gottesgebäude, ließ uns ganz kurz Dank sagen. Wir nahmen das Frühstück. Auf Krakaus schönstem Platz, in einem Kaffeehaus in den altehrwürdigen Tuchhallen, stärkten wir uns leiblich, bis es dann an der Zeit war Auf das Surren des elektrischen Knopfes öffnete sich das Pförtnerfenster. Ich zeigte dem Gestapobeamten meinen Schein, die doppelte Pforte öffnete sich. Ich ging hinauf in das gleiche 133 Zimmer, in dem auch damals meine Verhöre stattgefunden hatten. Diesmal allein und nicht aus dem Untersuchungsgefängnis Monte Lupich als vorgeführter Untersuchungshäftling, begleitet von Gestapo. Alles, was mir damals so geheimnisvoll und unergründlich erschienen war, hatte jetzt etwas Leichtes. Das große, inwendige Gittertor vor der eigentlichen Aufgangstreppe, das sonst immer erst hochgezogen wurde, umständlich und herausfordernd, das Unausweichliche verkündend, war bereits hochgezogen. Ich ging die Treppe hinauf wie ein Besucher in einem Privathaus. War dies alles so organisiert und bis ins Letzte durchdacht, um den Untersuchungshäftling einzuschüchtern und andererseits auf den freien Besucher einen möglichst harmlosen Eindruck zu machen? Ich konnte es nicht enträtseln, aber es fiel mir auf. Auch oben die Türen zu dem Sachbearbeiter, das kleine Vorzimmer, waren offen. Ich sah wieder das schöne, alte Möbelstück und den Kleiderständer, an dem das letzte Mal mein Mantel hing, als ich zum Transport nach Berlin zum Reichssicherheitshauptamt kommen sollte, wo meine Verhandlung vor sich gehen sollte. Ich sah wieder diesen Kleiderständer, ich dachte an meinen Mantel. Ich besah meinen eigenen. Mantel, der nicht mehr derselbe war, und erinnerte mich an den alten Mantel, der diesem so absolut glich und doch nicht der gleiche war. Aber ich erinnerte mich auch noch einer anderen Episode bei diesem letzten Verhör durch Transfeld, dem ich nun gleich wieder gegenüberstehen würde. Es war damals auch Winter und ich hatte all die Gemeinheiten und teuflisch erdachten Schikanen hinter mir, die dieser Transfeld mir zugefügt hatte, der mich bewußt in ein. KZ- Lager sandte, statt, wie er sagte, zum Reichssicherheitshauptamt zur Verhandlung unter Beisitz eines von mir zu wählenden Rechtsanwaltes. Er hatte meinen Mantel genommen und ihn während des Verhörs über die Dampfheizung gehängt und ihn mir dann gegeben mit den Worten: ,, Damit Sie es auch schön warm haben." 134 Diese augenfällig plumpe Bosheit, dieses echte Transfeldstück, diese ausgedachte Gehässigkeit! Wußte er doch, was so ein Transport im Winter durch Deutschlands Untersuchungsgefängnisse bis nach Berlin bedeutete! Welche Kälte auf den Holzpritschen in kleinen, ungeheizten Stadtgefängnissen und erst in den Zügen der Massentransporte! Er wußte es, denn viele hatte er so abtransportieren lassen und von Tausenden kannte er das Schicksal des Frierens oder Erfrierens im Lager, auf dem Kommando, im Moor, in Eis und Schnee. Und diese Scheinheiligkeit wurde mir, als ich diesen Kleiderständer wiedersah, so recht bewußt. Ich trat ein, um dem Satan wieder zu begegnen. Staunen! Das Zimmer war leer. Ich schloß die Türe. Ich klopfte an der Nebenzimmertür. Verschlossen! Ich wartete im Vestibül. Ich wartete lange. Ging nochmals hinunter. Ja, der wird gleich kommen!" Sonderbar! Das strenge Gestapogebäude und dieser Gegensatz zu dem sonst so wichtigen Gehaben nun einem Entlassenen gegenüber. Ich ging wieder hinauf. Dann kam er. Der baltische, feingeschnittene Schädel, die schnellen, wendigen Bewegungen! Der Mann, schlank und rank, stand vor mir: ,, So, wir haben Sie schon vor acht Tagen erwartet. Wie kommt das, daß Sie erst heute hier erscheinen?" ,, Die Sache ist höchst einfach: Ich wurde am 6. in Oranienburg entlassen, fuhr sofort nach Breslau, benötigte dort einen Passierschein, verlor, da es Sonntag war, einen Tag und bin dann umgehend hierher gefahren. Kam gestern nacht an und stehe heute zur üblichen Bürostunde vor Ihnen, um mich pflichtgemäß zu melden." Meine Klarheit der Antwort mochte ihn zuerst etwas verdutzt haben. Er suchte in Ordnern, verließ das Zimmer, lieẞ mich auf dem mir allzu bekannten Hocker Platz nehmen, kam wieder, hatte ein Zettelchen in der Hand:„ Ja, ganz richtig, ich wollte es nur genau wissen. Es stimmt, am 6. sind Sie erst entlassen worden." 135 Ich merkte seine Verlegenheit. Er suchte immer noch oder tat, als ob er suche. Jetzt platzte er mit der Frage heraus: Weiß Ihre Frau schon Bescheid?" ,, Die steht unten und wartet auf mich, wenn Sie es genau wissen wollen", antwortete ich. 99 - Ich merkte, der sonst so Sichere war sichtlich verlegen, noch verlegener als anfangs schon. Fürchtete er mich? Fürchtete er meine Frau? Ich fühlte das, aber mir war nicht darum zu tun, billige Triumphe zu feiern, sondern möglichst schnell wieder hier hinauszukommen. Dann fing er wieder an: ,, Sie sind nun mal in das KZLager gekommen. Irgendwie waren sie verdächtigt und nun steht Ihnen der Weg zur Wehrmacht offen. Vielleicht können Sie sich draußen eine Auszeichnung verdienen. Es ist, wie Ihnen ja schon gesagt wurde, über das Vorgefallene nicht viel zu debattieren, aber Sie haben mir noch zu unterschreiben, daß das Reichssicherheitshauptamt Ihnen die 250 RM. nicht vorenthalten hat. Außerdem müssen Sie mir bestätigen, daß Sie keinerlei Ansprüche stellen werden! Dabei komme ich auf Ansprüche zurück: Sie haben ja wohl im Lager schon unterschrieben, daß aus dem KZ- Lager Entlassene unter keinen Umständen irgendwelche Beschwerden erheben dürfen. Meldungen irgendwohin sind untersagt und Sie haben keinerlei Ersatzansprüche zu erheben. Darüber brauche ich also mit Ihnen nichts zu reden." ,, Ja, das mit dem Koffer hat sich sowieso erledigt und das, was Sie von dem Gelde sagten,... das kann ich gerne machen, denn inzwischen hat meine Frau das Geld zurückerhalten und ich kann in ihrem Namen bestätigen, daß wir keinerlei Ansprüche mehr stellen werden." Die Erpressung der allgemeinen Schweigepflicht, die Unmöglichkeit, sich zu beschweren oder Ersatzansprüche an den Staat zu stellen für Preisgabe der Ehre, der bürgerlichen Existenz und vor allem der Gesundheit der Ehefrau und der eigenen, darüber gab es sowieso keine Gedanken. Diese Ideen hatten keinen Platz in meinem Hirn. Es wäre ja nur auf ein Paktie136 ren mit Partei und Staat hinausgelaufen, und eine Rehabilitierung in diesem Staate stand außer jeder Diskussion. Ich ignorierte dieses Thema: ,, Nein! Nein! Ich werde keinerlei Ansprüche stellen, auch meine Frau nicht." Ich spürte, er wollte an meinem Wort ,, Ansprüche stellen" etwas aussetzen. Aber er gab sich zufrieden. Ich stellte ein entsprechendes Schreiben zur Verfügung. ,, So, und damit wir ganz sicher gehen: Es sind vielleicht noch irgendwelche Förmlichkeiten zu regeln. Melden Sie sich morgen um die gleiche Zeit wieder hier bei mir. Und dies so lange, bis alles erledigt ist, jeden Tag. Im übrigen können Sie sich in Krakau ganz frei bewegen. Das macht Ihnen doch nichts aus?" ,, Schon gut", sagte ich... und überlegte, ob ich etwas entgegnen sollte, wußte aber und war mir klar darüber: Noch würde er der Stärkere sein, wenn, wie er sagte, noch Förmlichkeiten zu erledigen seien. ,, Also, Sie können gehen." ,, Danke schön, Herr Transfeld." Ich bemerkte, wie einer, von dem ich es nicht erwartet hatte, leichenblaẞ wurde. Und im Bruchteil einer Sekunde stand der schnelle, wendige Mann auf und drehte sich um sich selbst. Er kam auf mich zu und ich hielt ihm, mehr aus Ungeschick, als Willens dazu, meine Hand hin und er gab mir die seine. Wie einen elektrischen Schlag fühlte ich diesen Händedruck, als könne er einen unbeschreiblichen Haß, aber noch mehr Furcht, Angst um sich selber, ausdrücken. Seine letzte Frage war:, Wieso kennen Sie meinen Namen?" ,, Den wußte jeder auf dem Monte Lupich." ,, So, so", und die Tür fiel ins Schloß. Ich verließ das Gebäude. 99 Wie verabredet fand ich meine Frau an dem nächsten Häuserblock. Wir kamen uns vor wie Mitglieder einer Bande, die etwas ausgeheckt haben. ,, Wie war es?", war ihre erste Frage. ., Gut so, muß morgen noch einmal anrufen. Und dann nochmal und so weiter." ..Die sind wohl verrückt da oben, da steckt etwas dahinter!" Wir trafen die Stuttgarterin und schlenderten durch Krakau. ,, Ja, scheint mir auch so", sagte die Schwäbin. ,, Die wol137 len noch etwas Besonderes drehen. Aber sind wir nicht, zwei Frauen und ein Mann, zusammen ebenso klug, wie die ganze Bagage?" Wir kamen an der Jagellonischen Bibliothek vorbei, warfen einen Blick in die Säulenhalle und betrachteten den Kopernikus. ,, Wollen wir wieder zurück ins Hotel?" Allgemeiner Protest! ,, 30 Grad Kälte, kein Feuer in der Bude! Da heizt auch Ihr mit Eurer jungen Liebe nicht, Ihr altes Ehepaar!" Doch! Wir müssen mal schauen! Vielleicht hat Liselotte aus Lemberg angerufen oder telegraphiert. Ich habe ein beunruhigendes Gefühl." Gedacht, getan! 99 Doch nichts lag vor. ,, Ich weiß, es geschieht etwas. Irgendetwas wird unternommen, was Dir, Bert, nochmal das Genick brechen soll", ängstigt sich meine Frau. ,, Ich mache den Vorschlag, unser Schwabenmädel fährt so bald wie möglich auch zurück nach Lemberg und bleibt in unserer Wohnung." ,, Wieso?" ,, Erstens ist unsere Wohnung gefährdet und zweitens soll jemand da sein, falls wichtige Post einläuft." ,, Was Du nur immer hast!" ,, Glaubt meinem Instinkt. Aber jetzt gehen wir erst mal essen. Ich empfehle heute zur Feier des Tages ein gutes Lokal. Marken haben wir. Und dann heißt es Verbindungen aufnehmen." Am nächsten Tage rief ich an. Pünktlich um 9 Uhr sprach ich mit Transfeld: Ja, rufen Sie doch morgen, nein, übermorgen erst wieder an, um die gleiche Zeit bitte. Dann werde ich vielleicht da sein." Aus der Portierloge des Hotels kehrte ich in das frostigkalte Hotelzimmer zurück und wir hielten Kriegsrat über die neue Lage.„ Er will Zeit gewinnen, er braucht Zeit für irgendeine neue Attraktion", sagte Elisabeth. Ich selbst bin noch so in all dem Neuen befangen und will es an mich herankommen lassen. Aber dann schließe ich mich den schützenden und klugen Betrachtungen und Entschlüssen meiner Frau an. Unsere Schwäbin soll endgültig fahren. Liselotte hatte inzwischen Lemberg verlassen, um in Urlaub zu gehen. So stand die Wohnung unbewacht. 138 - Warum war ich im KZ? Nun sind wir allein in Krakau. Wir sitzen wieder in den Tuchhallen. Ich frage meine Frau:„ Bist Du Dir jemals darüber klar geworden, warum ich ins KZ- Lager kam? Was hast Du mir von Deiner Seite darüber zu sagen? Im allgemeinen ist es doch so, daß man über jeden etwas Konkretes weiß, daß man mindestens eine Menge Gerüchte erzählen kann. Was haben nun die Leute in Lemberg über mich gesagt? Was hast Du selbst entnommen aus den Versuchen, die Du angestellt hast, mich freizubekommen? Ist hier wirklich die Geheime Staatspolizei so mysteriös?" 66 So habe ich meine Frau, als wir uns dann in stille Kaffeehauswinkel Krakaus zurückzogen, um der Kälte unseres Zimmers auszuweichen, gefragt. Ja, Bert, viel kann ich Dir eigentlich auch nicht sagen." ,, Also ist es ein Konglomerat von ungünstigen Umständen, die es dazu brachten?" ,, Da könntest Du recht haben, Bert. Erstens einmal waren sie Dir wegen Deines Betriebes auf der Spur. Da geht es Dir nicht anders, wie all denen in Deutschland, die ihre Redaktionen schließen mußten, weil Herr Amman und sein Amt es so wollten." ,, Dann verstehe ich aber nicht, wieso gerade auf diese Art?" ,, Da sind mir unzählige Beispiele bekannt, wo man ähnlich verfuhr. Ich weiß, daß man unbequeme Einrichtungen und Personen möglichst gewaltsam entfernte, damit nicht hintennach irgendwelche Ansprüche gestellt werden oder Zeugen für ein unrechtmäßiges Vorgehen des Staates und der Partei vorhanden sind. Man schafft einfach alle beiseite. Das ist ja das Bequemste. Und glaub mir, das ist so! Die anderen Sachen, die Du mir erzählst, hast Du Dir nur ausgedacht, um Dich selbst zu schwächen und Dir selber als Staatsverbrecher vorzukommen. Sie haben Deine Psyche eingehend studiert, als sie Dich im April 1941 das erste Mal verhörten. Glaubst Du, wenn Dir nur das geringste konkrete Vergehen nachzuweisen gewesen wäre, hätte man Dich weitere Monate auf fréien Fuß gesetzt? Hätte es nur irgendeinen 139 Anhaltspunkt für ein ordentliches Gericht gegeben, so hätte man Dich erst mal diesem zur Verfügung gestellt, Dich Deine Strafe abbrummen lassen und dann hätte Dich die Gestapo mit desto offeneren Armen in Empfang genommen! In meinen vielen Gesprächen, die ich zwangsläufig über dieses Thema in all der Zeit führte, habe ich soviel Einblick gewinnen können, um wenigstens das genau zu wissen. Was aber die Leute in Lemberg über Dich gesagt haben, müßtest Du eigentlich aus meinen ungeschminkten Briefen wissen. Zweitens glaube ich, daß Du aus rein politischen Gründen festgehalten wurdest. Wenn ihnen Dein Betrieb nicht paßte, so war ihnen auch Deine und meine Person noch mehr ein Dorn im Auge. Wir haben nun einmal kein Blatt vor den Mund genommen gegenüber den SS-Methoden. Wir hielten es mit bedrängten Polen und verfolgten Juden und blieben der Kirche treu. Wenn sie es uns auch nicht direkt nachweisen konnten und die Denunzianten schlechte Arbeit leisteten, so hat man uns doch entsprechend gestraft: Dein KZ-Aufenthalt und das Häuflein Elend, das ich heute noch bin, lieber Bert, sind die Folgen unseres Einsages für Wahrheit und Mensch- lichkeit. Das hast Du ja selbst aus den Verhören über Deine Person entnommen und mir immer wieder als den Kern- punkt ihrer Verdächtigungen geschildert.‘ „Wie oft, Elisabeth, warst Du nun bei der Gestapo und welche Beobachtungen hast Du dort machen können?“ „Als Du damals verhaftet wurdest, fand bei uns eine Haus- suchung statt. Die gab mir klaren Aufschluß darüber, daß sie selber nicht wußten, was sie eigentlich wollten, sondern das erst suchen mußten—— aber nicht fanden! Du kennst ja Deine Frau. Ja und was nahmen sie da mit? Briefe, Bilder, Fotos, mit denen man wirklich nicht viel anfangen konnte.“ „Ja, das ist mir klar, weil sie aus meiner Post die politi- sche Unzuverlässigkeit konstruierten. Da schrieb mir meine Tante, Else Gaßner, in einem Brief über Erbschaftsangelegenheiten auch auf ihre Pension ein- gehend: ‚So geht es uns in dem heutigen Staat.‘ Das war. rot 140 unterstrichen. Und dann noch die Sache mit dem Bischof von Sandomiercz, den wir um Lizenz zur Wiederverehelichung angingen. Damit erklärte man mich zum Konspirenten mit polnischer hoher Geistlichkeit. Unsere Korrespondenz mit dem Pfarrer von Holzgünz und mit dem Pfarramt St. Ludwig in München wurde als Verbindung mit katholischen Kreisen ausgelegt und damit schüchterten sie mich ein: Ich sei kein Deutscher und würde nicht die Haltung, die man von Deutschen im besetzten Gebiete erwarte, beweisen. Damals wurde ich deswegen getreten und alle Gestapobeamten kamen ins Zimmer von Transfeld und es ging dieses mörderische Hallo los." ,, Ich glaube, damit rundet sich das Bild schon, wenn man bedenkt, aus welchen noch kleineren Anlässen Menschen in die Fangarme der Gestapo gerieten und in ihnen auf Nimmerwiedersehen untergingen. Ich selber wurde drei Wochen nach Deiner Inhaftierung vorgeladen, aber es war vielleicht das Komischste, was ich je erlebt habe. Schon die Ermittlung war amüsant für mich. Der übliche Anruf, Du kennst es ja. Man bestellte mich. Sofort sollte ich kommen. Ich lehnte es ab. ich hätte keine Zeit. Dann kommen Sie die nächste Woche! Ja, dann, dann allerdings kann ich heute schon kommen! Und ich ging hin:, Wieso unterstehen Sie sich, an den Reichsjustizminister zu schreiben?", fragte mich der Beamte, als ich mich durch das Labyrinth von Gängen, Toren, Türen und Sicherungen des Gestapobaues durchgefunden hatte und in einem kleinen Raume den beiden Beamten gegenüberstand. Keß war meine Art. Du weißt ja, wie ich das hervorkehren kann, was ich in Berlin gelernt habe, wo man schließlich auch mit allerhand ulkigen Figuren fertig werden mußte." 99 ,, Ja, und was sagtest Du dann?" Ob denn das Schreiben im Dritten Reich auch schon verboten sei?, fragte ich. Dann fielen sie über Deine Bekannten her und wollten allerhand wissen. Ob ich sie nun selber kannte oder nicht, ich sagte einfach, sie sollten sich ihre Hasen selber schießen. Und dann kamen sie auf Dich zu sprechen. Du seiest in Schutzhaft. Ich lachte laut auf:, Mir ist mein eigener Schutz aber lieber und 141 sicherer., Wieso? Fühlen Sie sich denn bei uns nicht geborgen?, Oh, nur allzu sehr', entgegnete ich. Und in diesem Tone ging das fort. " Warum haben Sie aber noch jemand mitgebracht und warum haben Sie das Amt des Gouverneurs verständigt?", Mitgebracht habe ich meine Freundin, damit sie meinen Schmuck an sich nimmt, wenn ich in der Versenkung verschwinden sollte, und verständigt habe ich das Amt, damit doch jemand Bescheid weiß, wenn die Druckereiarbeit durch mein Verschwinden in Verzögerung gerät.', Ja und wissen Sie, daß wir auch den Gouverneur verhaften können?', Nur allzu gut weiß ich auch das! Doch was habe ich damit zu tun?" Die haben mit mir nichts zu lachen gehabt und ich glaube, sie freuten sich, als sie mich wieder los waren.. Ein anderes Mal bekamen sie mich und wollten wissen, warum ich Dir keine Briefe schriebe? Du warst im KZ, aber ich mußte annehmen, Du seiest im Reichssicherheitshauptamt. Das heißt, da Du noch nicht schreiben durftest, wußte ich überhaupt nichts und konnte auch nicht an Dich schreiben. Ich sagte einfach:, Täglich werde ich schreiben, wenn Sie mir nur endlich sagen, wohin, und ob meinen Mann die Briefe erreichen!" Dann kamen sie auch mal wieder in die Druckerei und schnüffelten dort. Sie fanden belanglose Korrespondenzen und vor allem Briefe, die ich Dir gesandt hatte. Briefe aus unserer Verlobungszeit. Du kennst sie ja, meine Briefköpfe, und so nahmen sie sich diese Briefe vor., Ha, Sie sind ja nicht einmal die Frau des Utsch! Sie sind ja nur sein Verhältnis! Hier haben wir ja den Beweis!" Und er zeigte mir einen Brief mit der Anschrift:.An Frl. Elisabeth Kroth." Der andere machte sich in der Zwischenzeit am Radio zu schaffen, spielte mit unserem kleinen Munzi- Kätzchen und kam dann wichtig hinzu., Was?", sagte ich zu den beiden, , schließlich war man ja auch mal verlobt und ist eine Geborene! Oder kennen Sie keine Standesämter? Wie begossene Pudel zogen sie dann mit unseren Briefen ab." 142 Das sind Angebote! Dann erfuhr ich von einem sonderbaren Angebot'an meine Frau. Sie erzählte:„Durch einen bekannten Bauunternehmer, der, wie ich nachher erfahren habe, zur Gestapo gehörte, wurde mir, als ich mich um einen Auftrag für unsere Firma bemühte, im Rahmen einer kleinen Kaffeegesellschaft allen Ernstes angetragen, Deine Freiheit zu erkaufen. Der Bau- gewaltige, ein enger Freund des höchsten Gestapomannes in Lemberg, der wiederum Beziehungen zu allen Stellen in Kra- kau und Berlin hatte, überbrachte mir das Angebot seines Gestapointimus. Ich würde Dich sofort freibekommen, wenn ich vorher eine Nacht bei ihm schliefe. Aus dem Auftrage und aus dem Angebot wurde nichts. Mit Lächeln habe ich beides abgelehnt und bin meiner Wege gegangen. Und dann erhielt ich eines Tages ein Schreiben aus dem Reichssicherheitshauptamt mit der Aufforderung, bekanntzu- geben, wann ich Dich in Oranienburg besuchen wolle. Daher kam dann unser kurzes Zusammentreffen im Reichssicherheits- hauptamt. Ich verfolgte damit gleichzeitig den praktischen Zweck, denen in Berlin die Unterschlagung der 250 RM. nach- zuweisen. Ich hatte die 250 RM. nach Krakau geschickt, da- mit Du als Untersuchungshäftling Geld für die zusägliche Ver- pflegung hättest. Das Geld hat Dich nie erreicht und in Kra- kau behauptete man, es nie erhalten zu haben. Ich hatte mir nun beim Zentralarchiv der Post in Warschau den von der Dienststelle des Oberbefehlshabers der Sicherheitspolizei quit- tierten Einzahlungsschein über die 250 RM. beschafft und zu- gleich mit dem Bescheid der SS aus Krakau den Herren in Berlin im Anschluß an unsere Unterredung vorgezeigt. Du wirst Dich ja noch erinnern, wie ich in Deiner Gegenwart auch dieses Thema anschnitt und der Beamte meinte, diese Ver- leumdung der Reichssicherheitsbehörden würde mir teuer zu stehen kommen. Und weißt Du, was der Erfolg war? Nach 143 vier Monaten erhielt ich nach intensiver Zusammenarbeit mit den Postbehörden tatsächlich das Geld zurück! Ich muß auch sagen, diese Behörden unterstützten mich, wo sie nur konnten. Was habe ich an Telegrammen Deinetwegen telefonisch durchgegeben an alle Freunde und wohlgesinnten Menschen, gerade anfangs nach Deiner Verhaftung. Wenn in Lemberg Telefonsperren waren, so ließ man meinen Apparat weiterlaufen. In dieser Richtung konnte ich mich nicht beklagen. Die Leute wußten ja alle, daß hier mit dem Teufel grobes Unrecht und boshafte Schikane am Werke waren, denn was konnten sie uns nachweisen?" – Unsere Druckerei sinnlos zerstört. ,, Als ich dann von dem Berliner Besuch zurückkam", setzte meine Frau ihre Erzählung fort, ,, war das wirkliche Tat geworden, was mir Liselotte telegraphisch schon nach Berlin mitgeteilt hatte und was ich nicht glauben wollte: Unsere Druckerei war sinnlos zerstört worden. Die Maschinen, Pressen und Offseteinrichtungen, die wertvollen Steine, alles lag zerschmettert und zerstampft im Hofe. Unsere Belegschaft, die so treu an uns hing, wurde in alle Winde zerstreut. Die Vorbesitzer, für die wir die Reprivatisierung anstrebten, wurden besitz- und arbeitslos und alle weinten uns nach. Sie veranstalteten mit den Arbeitern einen Abschiedsabend und widmeten uns ein Familienalbum, für das sie zusammenlegten. Was ich noch alles unternommen habe, um Dich, ohne mir etwas zu vergeben, freizubekommen, kann ich Dir garnicht einmal erzählen. Es wird noch lange Zeit brauchen, bis mir alles einfällt. An die höchsten SS- Stellen habe ich mich herangepirscht. Aber Du kannst Dir denken, wie fruchtlos dieses Bemühen war, denn mit jedem Satz verriet ich meine Einstellung. 144 Ich habe aber auch unsere Kirche beansprucht und denk Dir, es wurden heilige Messen gelesen. In Polen werden diese Messen um göttliche Fürsprache unter öffentlicher Verlesung des Anliegens gehalten und da fiel in der polnischen Gemeinde Dein Name und die Bitte um die Befreiung aus dem KZ- Lager. In der kleinen Marienkirche in der Oststraße, gegenüber unserer Druckerei, wurden Deine Messen gelesen. Du kannst Dir denken, wie feierlich für mich dieser Akt jedes Mal war, aber auch wie gefährlich, nicht nur für mich alleine, sondern auch für die Benediktinerpatres, ja für die ganze Gemeinde. Du weißt, wie streng das verboten war. Selbst der Kirchgang war streng untersagt; wir durften nur in unsere deutschen Kirchen. Aber mein Bitten hat nun doch geholfen. Es gibt einen lebendigen Gott, der uns beisteht in unseren Nöten. Viele Menschen, von denen wir in unserer Ahnungslosigkeit nicht annahmen, daß sie auch zur Gestapo gehörten, umlauerten mich in diesen Tagen. Du machst Dir gar keinen Begriff, wie groß das Netz der Menschenfänger war, und ich mußte schon Haare auf den Zähnen haben, um ihnen nicht zu verfallen. Da kam täglich eine Dame zu mir herauf, die sich meiner annahm, mir ihre Hilfe anbot und nichts weiter war, als eine Gestapoagentin. Besonders unsere Besitzverhältnisse interessierten sie. Du kennst ja meinen Ordnungssinn und unser Prinzip, über alles, was wir haben, Belege aufzuheben, und so konnte sie bei mir nicht gut landen. Ich ging auf alle ihre schönen Fragen ein und schneller, als sie dachte, bekam sie ihre Antwort." Einschüchterungsversuche. 9 99 ,, Dann gab es solche", fuhr meine Frau fort, die mich um jeden Preis einschüchtern wollten. Alle diese Menschen gehörten einem bestimmten Kreise an. Ich erkannte schon 10. Bg. Utsch, KZ 145 Zusammenhänge, bevor ich noch wußte, daß sie zur Gestapo gehörten. Zur gleichen Zeit, da diese Dame mich besuchte - es war eine Frau Fischer aus der Abteilung Wirtschaft kam ihr Chef bei einer Begegnung auf der Straße auf mich zu und versicherte mir:, Mit Ihrem Mann, gnädige Frau, haben wir einen Fang gemacht. Der kommt lebend nicht mehr aus dem KZ. Ich selbst war einige Zeit im KZ Buchenwald, allerdings nicht als Häftling, sondern in der Lagerleitung, und so können Sie mir schon glauben. Schreiben Sie ihn ruhig ab und suchen Sie sich was anderes.' Das war Herr Hoyer. Du kennst ihn ja selbst. Natürlich versetzte mir so etwas jedes Mal einen Schock und es kostete schlaflose Nächte and Kraft der Überwindung. Einen ganz mysteriösen Anruf bekam ich von einem, der es, wie er sagte, gut mit mir meine, aber seinen Namen nicht preisgeben wolle und mir dann eröffnete: Hüten Sie sich bei den Judenverfolgungen. Man plant, auch Sie, wenn Sie vom Geschäft heimkehren, zu kassieren, mit umlegen zu lassen. Es wird Sie keiner retten, wenn Sie sich kaschen lassen. Man will Sie auf diese Weise aus dem Wege räumen. Ich sage Ihnen nochmals: Hüten Sie sich vor der Razzia nach Juden!" Du kannst Dir denken, wie mir zu Mute war und wie vorsichtig ich in Lemberg zur Zeit der Judenverfolgungen sein mußte. Du hast ja selbst noch miterlebt, wie die Fängerei losging und wie oft wir uns damals legitimieren mußten. Jetzt hätten also auch meine Ausweise nichts mehr genützt. Ich machte oft große Umwege, um nach Hause zu gelangen, und ging nie ohne Begleitung. Und dennoch, man war mitbeteiligt an dem Leid der eigentlich Verfolgten! Man mußte viel mit ansehen. Wie oft versuchten wir auch als Du weg warst, unter Gefährdung des eigenen Lebens, verfolgten Juden aus unserem Betriebe und auch anderen gehetzten Juden durch Papiere und Ausweise die traurige Lebensfrist zu verlängern! Doch dahinter sind sie nie gekommen sonst - 66 146 Ein merkwürdiges Manöver. Am übernächsten Tage war das Telefonieren höchst umständlich. Transfeld war nicht zu erreichen. In der Portierloge fiel es bereits allgemein auf, daß wir ständig die allzu bekannte Nummer der Gestapo verlangten. Die Polen tuschelten. Ist er ein Verfolgter oder ist er ein Dazugehöriger? Diese Frage stand auf ihren Gesichtern. Und jedes Mal war eine kleine Versammlung Interessierter zu beobachten, wenn ich wieder telefonierte. Jetzt war der Kontakt ganz unterbrochen. Transfeld war schon drei Tage nicht zu erreichen. Sollte man nun hingehen oder weiter warten? Wir hatten es bald satt, da, als wir eines Abends den Zimmerschlüssel verlangten, hieß es: ,, Nummer.. hat angerufen, Sie sollten sich sofort melden!" Wieder ein Versuch und wieder war er nicht anwesend. Als wir uns gerade zur Ruhe niederlegen wollten, wurden wir aus dem Bett getrommelt: Anruf aus Lemberg. Die Schwäbin am Apparat. Schwere Verständigung. Nur eines war zu entnehmen: Zu Hause lag für mich der Gestellungsbefehl zur sofortigen Einberufung! Jetzt befand ich mich in der Zwickmühle! Hier Wehrmacht und hier Gestapo, die mich nicht freiließ. Und schon kam auch ein Telegramm gleichen Inhalts. Aber am nächsten Tage war Transfeld wieder nicht zu erreichen. Jetzt war der Wehrmachtsbefehl schon 48 Stunden alt, die Frist, sich binnen 24 Stunden zu melden, abgelaufen. Es mußte etwas geschehen! Unsere inzwischen aufgenommene Verbindung mit einem Kaufmann sollte uns dazu verhelfen. Elisabeth hatte den Plan, noch bevor die Gestapo oder die Wehrmacht etwas unternehmen konnte, sich mit letzterer direkt zu verständigen. Wir gingen zu dem Kaufmann und sprachen ganz offen über die Situation. ,, Ja", meinte er ,,, wenn Ihnen mit einem Blitzgespräch gedient ist, will ich das Wehrüberwachungsamt sofort verlangen und in wenigen Minuten können Sie mit 10* 147 9 Lemberg sprechen. Es dürfte klüger sein, wenn Ihre Gattin mit dem Beamten spricht, dann kann Ihnen auch von seiten der Gestapo kein Vorwurf gemacht werden." Meine Frau kannte den Leiter des Wehrüberwachungsamtes durch ihre Versuche, mich über diesen freizubekommen. Also sprach sie mit dem Oberstleutnant Böhmig. ,, Ja, wir wollten Ihren Mann schon mit einer Eskorte abholen lassen. Die Gestapo hat uns mitgeteilt, daß sie ihn freigegeben habe und er längst in Lemberg sein müßte. Wir nahmen Verweigerung seinerseits an." 66 ,, Aber Herr Oberstleutnant, mein Mann ist hier in Krakau. Die Gestapo gibt ihn aber nicht frei, er muß sich bis auf weiteres täglich melden und wenn er das tun will, ist überhaupt niemand da, oder man läßt sich verleugnen. Ich glaube, da steckt ein merkwürdiges Manöver dahinter. Gestatten Sie, daß ich das ganz offen sage, Herr Oberstleutnant!" ,, Wie ist doch Ihre Wohnung in Krakau, haben Sie Telefon? Gut, dann unternehmen Sie jetzt nichts, alles Weitere wird von mir veranlaßt. Ich empfehle mich, gnädige Frau." Dieses Gespräch gab allen Beteiligten, auch dem zuhörenden Kaufmanne, eine Entspannung: Die wollten gar nichts weiter erreichen, als es dahin bringen, daß Sie auch bei der Wehrmacht gleich wieder diffamiert sind und in eine Strafkompanie kommen. Das aber haben Sie, Frau Utsch, dadurch überaus geschickt abgebogen, daß Sie so vertrauensvoll zu mir gekommen sind. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch und wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem Wege. Vor allem gute Reise nach Lemberg. Und machen Sie nur nicht zu schnell zu den Preußen. Das hat immer noch etwas Zeit", lächelte mir der vielbeschäftigte Kaufmann noch zu, während sich andere Besucher im Vorzimmer drängten. 99 Wir kehrten ins Hotel zurück. , Dieses Mal gehe ich an den Apparat!" sagte meine Frau zu mir. ,, Warum, wieso?" ,, Dieses Mal werde ich den Transfeld verlangen, vielleicht habe ich mehr Glück." Wieder die bewußte Nummer: ,, Hier Frau Utsch. Kann ich Herrn Transfeld dringend 148 sprechen?" ,, Nein, Herrn Transfeld nicht, aber bleiben Sie mal am Apparat." Es meldete sich Obersturmbannführer Schmeher: ,, Womit stehe ich zu Diensten, gnädige Frau?" ,, Es handelt sich darum, daß mein Mann ständig bei Herrn Transfeld anrufen soll, dieser aber nie zu erreichen ist. Nun stehen aber für uns wichtige Belange auf dem Spiel, wir müssen nach Lemberg fahren. Es liegt ein Gestellungsbefehl für meinen Mann vor!" ,, Ja, wieso können Sie denn das wissen?", fragte er ganz betroffen und scheinbar gut eingeweiht. ,, Ja, dann geben Sie mir mal Ihren Mann." - ,, Hier spricht Utsch."„ ,, So, Sie wollen nach Lemberg? Ja nun, fahren Sie, es liegt gar nicht an uns, Sie davon abzuhalten. Fahren Sie ruhig, aber einen Gefallen tun Sie mir und melden sie sich in Lemberg bei unserer Gestapo. 66 Der Ring schloß sich. Ein letzter Versuch der Gestapo, mich erneut in ihre Maschen zu verstricken, wurde durch Instinkt und Wachsamkeit und durch scharfes Zupacken meiner Frau abgewehrt. Wir fuhren nach Lemberg. Rückkehr in das kleine, geliebte Heim. Alles Altvertraute war, soweit es nicht durch den Zugriff der Gestapo zerstört und annektiert worden war, vorhanden, wie ich es verließ. Mit wachsamen Augen und fürsorgender Hand hatte dies die Frau zuwege gebracht. Der kleine Kreis guter Bekannter, Gegner der sinnlosen Menschenmörder, hatte sich treu um sie geschart und war nun zur Stelle, uns die ersten Tage der Rückkehr zu verschönern. Man sorgte für Fleisch im Topfe und andere kleine Annehmlichkeiten. Ich meldete mich bei der Gestapo und fand zu Hause den inzwischen erneut ergangenen Gestellungsbefehl vor. Sofort zum Wehrüberwachungsamt! Inzwischen war es Mitte Dezember geworden. In dem überheizten Wachlokal der Wehrmeldestelle sollte ein Handel ausgetragen werden, uns wenigstens bis über die Feiertage nach dreizehn Monaten KZ- Lager in Freiheit still miteinander leben zu lassen. Mein Versuch miẞlang völlig. 149 ,, Sie haben sofort hier zu erscheinen und können froh sein, daß wir Sie nicht geholt haben." Da schaltete sich meine Frau ein. ,, Das widerspricht aber dem Telefongespräch, das ich mit dem Leiter der Überwachungsstelle gestern von Krakau aus geführt habe." ,, So, dann muß ich noch einmal fragen." Er kam: ,, Ja, also bis zum ersten Weihnachtsfeiertag können Sie in Lemberg bleiben. Aber dann sind Sie Soldat und unterstehen den Gesetzen der Wehrmacht. Sie bekommen einen neuen Gestellungsbefehl ins Haus." Diese Post ließ nicht auf sich warten. Am ersten Weihnachtsfeiertage sollte ich mit eingereiht werden in die Reihen der Kämpfer für den Sieg Deutschlands. Schnell gingen die Tage dahin. Es ist mit jedem aus dem KZ- Lager Entlassenen ein Experiment, wie er die ersten acht Tage, den ersten Monat und das erste Vierteljahr nach seiner Freilassung übersteht. Je nachdem, wie seine physische Konstitution beschaffen ist, ruft sie unweigerlich Rückschläge hervor und mag sich, wie bei mir, die Fürsorge der geliebten Frau noch so gut auswirken. Diese Gewalttätigkeit gegen die Gesundheit überwindet auch die stärkste Natur nur sehr schwer. Bis zum 24. hielt ich mich leidlich. Dann feierten wir eine stille Bescherung im Lichterglanz eines vom Boden bis zur Decke reichenden Christbaumes. Mit weißen Lichtern strahlte er in unserem Heim den Frieden aus, den zwei glückliche Menschen in hehrer Feierlichkeit erleben, wenn sie sich nach Nöten und Entbehrungen wiedergefunden haben. - Das Köfferchen war schon gepackt, denn in aller Frühe sollte der Zug zum Gestellungsort abdampfen. Alles war vorbereitet. ,, Ich glaube, ich habe Fieber." ,, Ich weiß, daß Du Fieber hast, aber wir wollen doch mal messen": 39,6. Der Amtsarzt wurde gerufen und verständigte die Wehrüberwachung. Resultat: Persönliches Erscheinen beim Oberfeldarzt! Ergebnis: ,, Einen solchen Mann kann die Wehrmacht nicht brauchen! Sie sind vollständig heruntergekom150 men und bedürfen einer Spezialuntersuchung beim Neurologen und bei einem Herzspezialisten." - Der Nerven- und der Herzarzt sind sich darüber einig, daß ich zunächst ein Vierteljahr zurückzustellen sei. Die akute Erkrankung geht langsam vorüber, die Krise ist überstanden. Ich versuche, um das Vierteljahr auszufüllen und um mir den Lebensunterhalt zu verdienen, eine Anstellung bei den Lemberger Elektrizitätswerken zu finden. Die Verhandlungen laufen dahin, daß ich einen Posten als Einkäufer erhalten soll. Mit Offenheit erkläre ich dem Leiter, daß ich als politischer Häftling im KZ war. ,, Schreiben Sie dennoch einen Lebenslauf und kommen Sie Mittwoch wieder." Statt diesen Besuch machen zu können, erhielt ich einen Brief der Gestapo, mich wiederum dort zu melden. Also doch nicht frei, immer wieder die Verfolgung! Ich kam dem Auftrage nach. Meldete mich. Der Leiter des Elektrizitätsamtes hätte einen Bericht über mein Gesuch dort abgegeben. Ich sollte vorläufig abwarten, bis ich wieder Bescheid bekäme. ,, Ja, kann ich aber dann einer anderen Arbeit nachgehen?" ,, Das müssen Sie selbst wissen", war die nichtssagende Antwort. Wieder die Ungewißheit. Doch nichts hielt uns ab, unseren Weg zu gehen. Meine Frau behielt trotz schwerer Erkrankung eine Bürostellung, ich selbst suchte einen Posten bei einer Baufirma. Dort wurde weniger gefragt. - Man ging an die Arbeit. Das Vierteljahr verlief schnell. Ich wurde wieder aufgefordert, mich zur ärztlichen Untersuchung zu melden. Ergebnis: Schweres nervöses Herzleiden und Körperschwäche untauglich! Mit dem Ergebnis mußte ich zum Wehrüberwachungsamt, um meinen Wehrpaß in Empfang zu nehmen. Statt dessen bekam ich einen Gestellungsbefehl für den gleichen Tag in die Hand gedrückt. ,, Dann werden Sie eben in ein Militärlazarett gelegt!" 151 99 ,, An vorderster Front zu verwenden!" Abschied. Abfahrt nach Zirndorf zum Ersatzhaufen. Ich bin einige Tage da, werde zum Kommandeur gerufen. ..Was ist mit Ihren Nerven los? Wo fehlt es bei Ihnen? Sie können sich ruhig aussprechen!"„ Herr Major, ich war in einem KZ- Lager."„ Das wissen wir. Aber Sie machen doch sonst einen guten Eindruck! Was ist eigentlich vorgefallen?" ,, Das Schlimme, Herr Major, ich weiß es selbst nicht genau! Vorausgesetzt, daß mir als Soldaten keinerlei Schweigepflicht auferlegt ist, kann ich über das Mitteilung machen, was ich über meinen Fall weiß?" ,, Reden Sie nur! Bei uns gibt es keinerlei Einschränkung! Sie sind jetzt Soldat." 29. ,, Man machte mir Vorwürfe über das Verhalten meiner Person, das dem eines deutschen Mannes nicht würdig sei. Ich weiß, ich war menschlich zu bedrängten Polen, verfolgten Juden und blieb meiner Kirche treu. Das ist zwar wahr gewesen, aber nicht einmal eindeutig und mit Beweisen festgestellt worden. Und so hat man dann im Lager versucht, von mir eine Unterschrift für eine nie getane Straftat zu erpressen." 66 ,, Was Sie mir sagen, ist mir bekannt. Auch wir haben unsere Informationen! Und Sie können beruhigt sein: Unter anderen Verhältnissen wäre Ihnen niemals derartiges passiert. Nun, lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen und betrachten Sie die Tätigkeit, für die wir Sie bestimmt haben, als eine Auszeichnung. Sie sprechen doch gut italienisch, wie mir mein Adjutant versichert hat. Also sind Sie mit sofortiger Wirkung Dolmetscher in der X. Batterie." Damit entließ mich der Major. - - Gab es in Deutschland schon zwei Richtungen oder habe ich falsch verstanden?- Nach vorsichtiger, aber den Maß152 stäben meiner Erkenntnisse entsprechender Erledigung meiner Arbeit als Dolmetscher und Betreuer der Wehmachtbücherei, nach verschiedenen Kommandos, kam ich dann an die Front. Bei meiner Batterie in Ungarn bekam ich letzte Erkenntnisse darüber, wie weit die Gestapo methoden mich auch dorthin verfolgten. Der Schreiber der Batterie eröffnete mir eines schönen Tages, die Wehrpässe seien angekommen, er müsse mich unbedingt mal sprechen. Als wir uns dann zur verabredeten Zeit trafen, sagte er: ,, Du wirst scheinbar auch von der Gestapo verfolgt. In Deinem Wehrpaß befindet sich ein Zettelchen: ,, Utsch ist aus dem KZ- Lager entlassen und an vorderster Front zu verwenden!" Als er meine Geschichte gehört hatte, versteckte er das Zettelchen in der Hülle des Wehrpasses. Mit dem Schreiber verband mich künftig gute Freundschaft. - In der Batterie wurde ich öfter aufgefordert, Lehrgänge mitzumachen und Offizier zu werden. ,, Begabt! Gute Führungszeugnisse!" sagte man. Ich lehnte ab. Ich begründete die Ablehnung mit meiner erschütterten Gesundheit, mit der ich den Strapazen dieser Lehrgänge nicht gewachsen sei. ,, Was halten Sie von der gesamten Lage?" ,, Fragen Sie mich als Soldat und Untergebenen, Herr Hauptwachtmeister, oder fragen Sie mich als gesund denkenden Menschen?" Ich konnte mir die Frage erlauben. Ich war Kurier, und dadurch bestand ein gewisser Kontakt mit meinen Vorgesetzten. ,, Vom Menschen möchte ich es hören." ,, Da kann ich Ihnen nur erwidern, daß jede Logik auf ein trauriges Ende für Deutschland schließen läßt. Denn so wie Deutschland mit seinen und anderer Völker Menschen umgeht, kann man nichts anderes erwarten. Aber abgesehen davon, haben wir nicht fast ganz Europa und vor allem Ruẞland und den Vereinigten Staaten den Krieg erklärt, nachdem wir uns vorher in der ganzen Welt nach beliebtem 153 - Muster unbeliebt gemacht haben? Ist nicht die größte Kontinentalmacht, die größte Handelsmacht, die größte Seemacht und vor allem die stärkste Luftmacht gegen uns? Und ist nicht der eigene Kern faul? Ist es da nicht mehr als logisch und ich möchte sagen: verdient, daß wir verspielen _?" Der Hauptwachtmeister meinte: ,, Wir haben zu viel Zeit zum Nachdenken. Die Geschütze müßten mehr schießen." ,, Und die Munition, woher soll die noch kommen?"" Wir wußten Bescheid. Wir wußten alle allzu gut Bescheid! Ohne Handwaffe, gegen strenges Verbot, fuhr ich meinen Kurierdienst. Seit Wochen und Monaten. In einer alten Scheune im schönen Ungarland tranken wir aus Feldbechern Wein. Mancher lachte und ich sagte, was ich dachte: ,, Es wird wieder die Zeit kommen, in der wieder menschliche Rechte gelten." Ein Wachtmeister fragte mich, ob ich Frau und Kinder habe und ob sie mir lieb seien; er wolle mich melden, ich sei Demokrat oder Kommunist. Ein anderer, der mich kannte, stoppte das Gespräch ab, zog mich beiseite: ,, Noch ist es nicht so weit. Sei auf der Hut! Jetzt, kurz vor Toresschluß, fällt leicht ein Schuß!" Fliegerangriff über Steinamanger. Ich wurde verwundet. Ich lag im Lazarett. Tiefflieger und Artillerie über Steinamanger. Das Teillazarett, in dem ich lag, wurde zerstört. Ich rettete mein Leben. - Ich nahm mir den Ältesten, der sich kaum bewegen konnte im ganzen Körper Splitter ich selbst lief auf Krücken, und es kamen noch einige Jüngere mit. Rette sich, wer sich retten kann! Es ging zurück, es ging nach Tirol, es ging in die Heimat! Und im Heimatlazarett erlebte ich das erlösende Ende des Krieges. Und wenn noch einer lebt, dem wir, meine Frau, ich und unsere Liselotte, in unverschuldeter Not und grausamer Verfolgung zu helfen versucht haben, dann war nichts umsonst! 154 INHALTS- VERZEICHNIS Begegnung Ein Brief von Bert Irving. Der Galgen - Sturz ins Elend Ein Gedicht . Ich bin kein Mensch mehr Schuhläuferkommando! Die Politische Abteilung Der gute Geist im Lager. Klinkerkommando! Erste Briefe Eine Falle ⋅ In der Effektenkammer Reise zum Reichssicherheitshauptamt. Ich sehe meine Frau wieder Rückkehr nach Oranienburg . . . Die Blindgängerkommandos für Berlin Kabarett des Todes Das Lederkommando entdeckt Schätze Mein Freund Weiß- Rütli. Eine Vision Halb Europa ein KZ und Kasernenhof Ich soll mit nach Riga Abgeschossene Feindflieger im KZ Freiwild für die SS. Mussolini spukt herum Gespräche mit dem Freunde Die Kantine Norweger im KZ. Wie viele starben im KZ? Seite 5 9 10 • 15 . 19 23 33 35 42 53 59 64 66 70 72 74 75 77 78 79 82 84 86 87 88 91 94 96 Seite So waren die Frauen der SS!.. SS bekommt Angst vor dem Ende Massenzugänge ,, Entlausung" Die Freiheit winkt . 104 . 105 . 107 108 111 Entlassung aus dem KZ Heimkehr zu Elisabeth Nochmals bei Transfeld . 115 . 120 . 133. Warum war ich im KZ? Das sind Angebote! Unsere Druckerei sinnlos zerstört! Einschüchterungsversuche. Ein merkwürdiges Manöver 139 143 144 145 . 147 ., An vorderster Front zu verwenden!" . 152 Bert Irving Der Häftling • Verfasser mit Frau Bilder 599 49