} ’ ji t % Nichts andres bleibt jetzt in der Zeiten Drang: Ausharren voll Pflicht; Halt Wacht im Dunkel, nicht blaẞ, nicht bang, Gott ist unser Licht! - Hier ist's dumpf, ist es still, drückt die Sehnsucht nieder, Lauscht jeder halb atemlos wieder und wieder, Hier sind Wartezeiten - Björnstjerne Björnson » j Fr 1 ? E B ‘= Der Juni ist in diesem Jahr wie ein April. Nur wenige Tage schien die Sonne sommerlich warm. Gestern schauerte und hagelte es. Und wie ist es heute? Ich öffne das mit Brettern vernagelte Fenster und schaue hinaus. Über dem Himmel liegt ein grauer Schleier. Es tropft leise auf die Straße, und die Luft ist lau. Wie betäubend war sonst der Duft der Linde um diese Zeit! Nun steht nur noch der Stumpf. Vom Fenster aus beobachte ich die feinen Gräserchen, die zwischen den Knorren aus der Erde sprießen. Die Fenster der gegenüberliegenden Häuser sind noch geschlossen. Dabei ist es gar nicht mehr so früh am Morgen. Eine große Müdigkeit ist über die Stadt gekommen. Seit sechs Wochen fallen keine Bomben mehr. Aber die Nächte sind noch nicht lang genug für die Erschöpften. Seit sechs Wochen ist der Krieg zu Ende. Doch Hamburgs Straßen sind noch beinahe ebenso menschenleer wie zuerst, als auch tagsüber Ausgangsverbot bestand. Wie drückend die Stimmung ist! Sie liegt in der grauen Luft, aber auch die blauen Tage sind jetzt nicht anders. Ich setze mich in den Sessel am Fenster. Warum bin ich so unfroh? Warum atme ich nicht befreit auf, jetzt, da es endlich so weit ist? Ist es die Untätigkeit? Ich bin es nicht mehr gewöhnt, immer zu Hause zu sein. Während der letzten drei Jahre habe ich die meiste Zeit im Zug gesessen. Immer gab es Menschen, die auf mich warteten - -- In der Ferne rattert es. Ein Jeep fährt vorbei, Am Ende der Straße taucht die Gestalt eines Mannes auf. Er stützt sich auf einen Stock. Er geht, als sei er ohne Ziel. Es ist wohl einer der Soldaten, die sich bis hierhin durchgeschlagen haben, um so der Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Da wird meine Aufmerksamkeit abgelenkt von einem weißen Auto, das sich leise surrend nähert und hält. Ein Offizier in englischer Uniform springt heraus. Ich trete zurück vom Fenster. Soll das Haus beschlagnahmt werden? Ich eile in das Zimmer meiner Mutter. Doch schon klopft es Sturm an der Tür. ,, Aufmachen! Aufmachen!" ruft eine ungeduldige Stimme. Und dann steht er vor mir - dieser englische Offizier! Die Hände hat er mir auf die Schulter gelegt und schüttelt mich, als wolle er mich wachrütteln. ,, Frei! Frei!" ruft er. Er umarmt mich und fragt: ,, Erkennst du mich wieder?" Er ergreift meine Hände und sagt mit strahlenden Augen: ,, Ich komme von Norwegen. Die Kameraden schicken mich!" Forschend sieht er mich an und fügt hinzu: ,, Wir machen uns Sorge, wie es dir geht." 7 Es ist Eilif. Zwar trägt er eine englische Uniform. Aber er ist Norweger. Als ich ihn vor einem halben Jahr zum letzenmal sah, trug er auch eine Uniform. Sie war schwarz · mit breiten Streifen an den Seiten der Hose und mit einem Aufschlag am Armel. War er denn General? Nein, Streifen und Aufschlag waren nicht rot. Sie waren gelb. Er war ein Zuchthausgefangener. ,, Vier Jahre!" sagt Eilif. ,, Es war eine lange Zeit. Doch jetzt liegt sie hinter mir. Wir sind frei! Und du auch!" Eilif bemerkt nicht meinen fragenden Blick. Eifrig fährt er fort: ,, Sag! Habe ich mich sehr verändert?" ,, Wieviel hast du zugenommen?" Eilif lacht. Genau wie damals. Nur umgekehrt. Du fragtest jedesmal: ,, Wieviel hast du abgenommen? Weißt du noch?" - Die langen Wochen dieses müden Nachkriegsfrühjahrs sind vergessen. Eilif ist nicht allein gekommen. Mit ihm taucht die Erinnerung auf an Hunderte von dänischen und norwegischen Gefangenen, die während des Krieges in deutschen Zuchthäusern und Lägern gewesen sind. - ,, Von wem soll ich dir zuerst berichten? Halt! Ich weiß es! Von mir selbst und von Else!" Eilif greift zur Brieftasche und zieht ein Bild heraus. Das ist für dich! Das versprochene Brautbild. Wir haben geheiratet." Suchend sieht er sich um. ,, Wo ist der Rahmen?" Doch schon hat er ihn entdeckt. Der Rahmen steht auf dem Schreibtisch. Eilif holt ihn. Es ist ein Rahmen aus rohem Gußeisen, mühsam zurechtgehämmert. Eine Inschrift ist auch darin. Eine Jahreszahl: 1944 und vier Worte: Von Deinem Freund Eilif. Eilif fügt das Brautbild in den Rahmen und fragt: ,, Erinnerst du dich noch an den Tag, als ich ihn dir gab?" ,, Ich erinnere mich an alles, Eilif." Aber da hätte ich fast das Wichtigste vergessen! ,, Hast du Hunger, Eilif?" ,, Auch diese Frage kenne ich!" Wir lächeln beide. ,, Nicht mehr so wie damals", sagt Eilif. Doch als wir dann zusammen frühstücken, scheint es ihm immer noch zu schmecken. ,, Ich wünschte nur, die Kameraden könnten uns sehen und mit dabei sein. Weißt du noch, als wir in der Baracke um den Tisch saßen und du die Brote verteiltest " ,, Und wie wir von der Zeit hinterher sprachen", fahre ich fort.., Wie wir den Frieden gewinnen wollten Es klopft an der Tür. Als ich öffne, stehen zwei englische Soldaten vor mir. Sie haben rote Mützen auf. ,, Military Police!" -?— 8 ,, Vor Ihrem Hause steht ein Alliiertenwagen. Ist bei Ihnen ein Engländer?" ,, Nein, ein Norweger." Sie kommen herein. Sie sagen zu Eilif: ,, Wissen Sie nicht als Offizier, daß jegliches Fraternisieren mit Deutschen verboten ist? Wir müssen Meldung über Sie machen." Eilif fährt auf: ,, Sie wissen wohl nicht, wer sie ist?" Er zeigt auf mich: ,, Ich war Zuchthausgefangener in Deutschland. Und sie war unsere Dolmetscherin." Der englische Sergeant versteht ihn falsch. ,, Aha! Sie war Gefangene. Nun, das ist schon etwas anderes. Trotzdem ,, Nein, nein! Ich war keine Gefangene", falle ich ihm ins Wort. ,, Im Gegenteil! Ich war während der letzten drei Jahre Dolmetscherin an deutschen Zuchthäusern." Der andere englische Polizist hat sich inzwischen im Zimmer umgesehen. Über dem Schrank hängt ein Davidstern. Als er ihn entdeckt, wird er lebhaft. Er zupft den Sergeanten am Ärmel, zeigt auf den Stern und flüstert ihm etwas zu. Da lächelt der Sergeant und sagt, zu mir hingewandt, freundlich: ,, Sie sind Jüdin? Das ist etwas anderes.". ,, Sir irren. Ich bin weder Gefangene noch Jüdin." Da wird das Gesicht so amtlich, wie es nur sein kann. Das Notizbuch kommt hervor. Der Sergeant wendet sich nur noch an Eilif, als sei ich gar nicht mehr im Zimmer: ,, Ihre Papiere! Sie hören selbst, daß diese Dame sagt, sie sei eine Deutsche. Und, wie wir sehen, haben Sie sogar in diesem Hause gegessen!" Während Eilif dem Sergeanten seine Papiere reicht, sagt er auf norwegisch zu mir: ,, Sie tun nur ihre Pflicht. Sie können es ja nicht wissen." - Sie tun nur ihre Pflicht! Habe ich die meine nicht auch einmal getan? Damals haben wir zusammen gegessen. Während ich das Brot austeilte, stand einer der Kameraden an der Tür und hielt Wache.- Rührte es sich nicht draußen auf dem Gang? Doch die schweren Stiefel, die noch eben zu hören waren, verhallten.- Und wir sprachen vom Frieden. Wir waren wie eine große Familie Deutsche! - die Norweger, Dänen und ich die Es prasselt gegen das Holz am Fenster Es gießt in Strömen. Als wir wieder allein sind, ist alles anders. Die frohe Stimmung von vorhin ist vorbei. Eilif fühlt es. Er gibt mir die Hand und sagt: ,, Sprachen wir nicht vorhin von den alten Zeiten von damals. Als die hohen Mauern überwunden wurden!" ,, Und jetzt -- --?" frage ich ihn mit halber Stimme. Eilif springt auf. ,, Laß uns zum Zuchthaus Fuhlsbüttel fahren. Noch einmal dorthin - zum letztenmal!" Während der Fahrt erzählt mir Eilif, warum er nach Deutschland gekommen ist. Er hat den Auftrag, nach vermißten dänischen und norwegischen Gefangenen zu suchen. 66 Ich schweige. Eilif wirft mir einen raschen Blick zu. ,, Ich weiß genau, was du denkst. Aber du darfst nicht gekränkt sein. Hast du nicht selbst nur zu gründlich das nazistische System kennengelernt? Verstehst du denn nicht, daß es nun vorerst nicht anders sein kann?" ,, Ich verstehe alles. Ich wünschte nur, man würde nicht ganz vergessen, daß es auch ein verborgenes Deutschland gegeben hat." Wir stehen vor dem schweren eisernen Tor. Oft habe ich schon davorgestanden! Die kleine Klappe geht auf, und die mürrische Stimme dahinter fragt wie immer: ,, Sie wünschen?" Doch heute brauche ich nicht mehr ,, Heil Hitler" zu sagen. Ich brauche keinen grünen Polizeiausweis vorzuzeigen. Eilifs Uniform ist der Ausweis! Die Schlüssel rasseln. Langsam öffnet sich das Tor. Wir sind auf dem Hof. ,, Als ich das letztemal hier stand", sage ich zu Eilif ,,, kam ein großer, schwarzer Wagen hereingefahren. Vorne saßen zwei in schwarzer Uniform: SS. Sie fluchten, als sie ihre Last herausließen neun junge Männer und Frauen. Sie waren in Eisen und wurden zur Hinrichtung gebracht." Ich sehe auf und hole tief Atem: ,, An jenem Tage glaubte ich, es könne nie wieder Frühling werden!" - Wir stehen vor der Tür zum Innenbau der Anstalt. Wieder rasseln Schlüssel. ,, Sie wünschen den Chef zu sprechen?" fragt ein Wachtmeister. ,, Der englische Gerichtsoffizier ist gerade bei ihm. Da müssen Sie warten." Er schließt das Besuchszimmer auf. ,, Kommen Sie hier herein!" Staub liegt auf Tisch und Bänken. ,, Dort hast du gesessen!" Eilif zeigt auf den einzigen im Zimmer vorhandenen Lehnsessel. Noch ein anderer Stuhl mit Lehne ist da. ,, Hier saẞ der Pfarrer." ,, Und dort habt ihr gesessen." Ich zeige auf die lange, grob zusammengehauene Holzbank ohne Lehne. Es wird plötzlich so hell im Zimmer. Ich blicke auf. Die dicken Wolken am Himmel haben sich ausgeregnet. Hinter dem Fenster ist strahlende Bläue. Und der Staub tanzt im Sonnenkegel, der sich unerschrocken durch die Gitterstäbe am Fenster schiebt. Das Fenster sperrt sich, als ich versuche, es zu öffnen. ,, Vielleicht ist es, seitdem du nicht mehr hier warst, immer geschlossen gewesen", sagt Eilif. Es gelingt ihm endlich, den einen Flügel aufzustoßen. Durch das Gitter sehen wir auf den großen Platz mit den spärlich angedeuteten grünen Rabatten, auf die alte, mächtige Kastanie und auf Wege, die alle zum Kreis geschlossen sind. Die Kerzen der Kastanie sind schon verblüht. Und der Platz ist leer. ,, Nun braucht ihr nicht mehr zu winken wie damals, als wir dort unten im Kreis gingen", sagt Eilif. ,, Nur wenn wir den Pfarrer und dich sahen, kam es uns zum Bewußtsein, daß es noch hinter den hohen Mauern eine Welt gab." 10 N N Während ich am Fenster dieses Besuchszimmers stehe, sehe ich sie alle wieder vor mir. Sie sind viele Jahre im Kreis gegangen. In dem ' kleinen Innenkreis gingen die Kranken. Oft blieben sie stehen. Und da ist auch der große Kreis außen, wo sie drei Meter Abstand halten mußten. Fünfzehn Minuten in der einen Richtung, und dann auf Kommando des ,, Grünen" fünfzehn Minuten in der anderen. Sie gehen im Kreis. Ohne Anfang, ohne Ende Tiefen. Ein Ring ohne Hoffnung. Tagaus - tagein. - keine Höhen, keine Ich kenne jeden einzigen der Gefangenen, der dort unten wandert. Verbrecher? - Bauern, Präsidenten, Fischer, Rechtsanwälte, Ärzte, Arbeiter und Journalisten, Gelehrte und Studenten Norweger und Dänen im Kreis. Wie lange? Monate? Jahre? Vor und hinter ihnen wandern deutsche Gefangene. Alle warten auf die Stunde der Befreiung. Wie lange habt ihr, die ihr aus anderen Ländern gekommen seid, gewartet? Sechs Jahre? Wir warteten zwölf. - - Winkt Christian, der Redakteur, nicht gerade herauf? Morgen bekommst du einen Brief von Anna Louise! Ich habe ihn heute zensiert. Eine Zeichnung von deinem kleinen Erik liegt auch dabei: Ein Schiff, das halb umfällt. Aufgeregte Wogen, der Mast. kerzengerade, und eine fröhlich flatternde Fahne: Rot- Weiß- Blau Norwegens Farben. Ich weiß, wenn du morgen den Brief in Händen hältst, wirst du an deinen Spind gehen. Vorsichtig wirst du ein Holzbälkchen lösen und das dahinter verborgene Bild hervorziehen. Es ist rot eingerahmt. Du trittst damit unter das vergitterte Fenster. Im Schein des blasser werdenden Abendlichtes schaust du lange auf das Bild. Ihr mildes Lächeln erfüllt dein Herz, die enge Zelle wird weit. Anna Louise! Folgt nicht in drei Meter Abstand Ole? Mit vierzehn ist er zur See gefahren, und als er achtzehn Jahre alt ist, geht er schon Monat um Monat im Kreis. Ole, sieh herauf! Ach, nein, er ist weit fort oben im hohen Norden auf der Insel. Vor dieser Welt der Mauern verschließt er die Augen. Ole, sieh herauf! Heute gehst du zum letztenmal im Kreis! Morgen schicken sie dich nach Schülp. Ich sah deinen Namen auf der Liste. Wenn ich dich nur davor bewahren könnte, doch diesmal blieben meine Einwände ohne Erfolg. Wir werden dich im Lager besuchen, Ole! Du mußt durchhalten, Ole! Versprich es mir. Und da ist Kristen! Nein, noch kein Brief wieder von Hanne- Tine! Nur alle sechs Wochen; du weißt es doch. Geduld! Drei Jahre wartet sie schon auf dich. Aber schrieb sie dir nicht das letztemal, daß sie warten werde, auch wenn es noch einmal drei Jahre dauere? Was tust du denn, Eilif? Er hat sich vorgebeugt und ruft Ejvind zu: ,, Kopf hoch, Kamerad!" Aber da brüllt auch schon der Grüne: ,, Heraustreten!" Und da löst du dich aus dem Ringe und stellst dich mit dem Gesicht zur Mauer. Wer dürfte es auch wagen, in der Freistunde zu sprechen! 11 Doch einer in grüner Uniform hat auch nur zwei Augen im Kopf! Er bemerkt nicht, wie Sigurd, der Journalist, heraufnickt. Morgen hat Sigurd Geburtstag. Zwei Hände schütteln sich herzlich hinter dem Fenster. Wir gratulieren! Sigurd lacht und versteht. Wer ist die gebeugte Gestalt, die im Innenkreis am Stock geht? Ist es Frederik? Nein, noch ist er nicht krank. Noch geht er im großen Kreis mit den anderen. Surrt es nicht in der Luft? Ja, Frederik, vor vielen Jahren flogst du auch im Flugzeug. Weißt du noch, damals? Mit Amundsen zusammen Ich werde versuchen, dir nächstes Mal Fußlappen mitzubringen, Arne! Die Lappen. die er um die Füße gewickelt hat, hängen in Fetzen über die Holzpantinen. Wie laut die Holzpantinen über den steinigen Weg klappern! Ist Arne der Älteste im Kreis? Nein, es sind noch Ältere da. Alle Altersklassen zwischen fünfzehn und siebzig sind vertreten. In Arnes Akte steht unter Beruf: Präsident. Damals wollten sie ihn zwingen, ans Mikrophon zu treten, um die norwegische Flotte in ihre Heimathäfen zurückzurufen. Aber Arne ließ sich nicht zwingen. Jetzt ist er Gefangener schon lange. Doch sein Blick ist noch ebenso stolz und offen wie damals, als er seinem Land die Freiheit zum Opfer gebracht hat. Aber --ich träume! - Der Platz ist leer. Neben mir steht Eilif. Aus langem Schweigen heraus sagt er: ,, Du hast in einer gefährlichen Arbeit gestanden." Dann atmet er tief auf. Noch ein letzter Blick durch die Gittergardinen auf den steinigen Hof, und er wendet sich um: ,, Der Ring ist gesprengt ein böser Traum!" - ,, Nein, Eilif! Kein Traum. Wirklichkeit. Mein Volk ging zwölf Jahre im Kreis." Und die Gedanken wandern zurück - Nicht vor dem schweren, eisernen Tor eines Zuchthauses beginnt meine Geschichte. Nicht vor einer hohen Mauer. Ich will da anfangen, wo sie wirklich begann: 1933. Da kam ein Baumeister und brachte Tausende und aber Tausende von Arbeitssklaven mit. Stein auf Stein wurde gefügt. Sie errichteten die Mauer, die uns trennen sollte von Wahrheit und Menschenrechten. Wie er sie baute, wißt ihr alle. Wie ich versucht habe, sie zu überwinden, sollt ihr erfahren. Als ,, sie" kommen, bin ich noch nicht ganz siebzehn. Günther und Hans sind Studenten, mein jüngster Bruder Willfried und ich stehen vor dem Abitur. Am Tage der Machtübernahme sagt meine Mutter: ,, Es wird nur einige Monate dauern." Es dauerte über zwölf Jahre. 12 Noch bis zu dem vorhergehenden Tage haben wir in der Schule die Probleme des Liberalismus und der Demokratie diskutiert. Ob meine Mit- schülerinnen das vergessen haben? Als ich darüber zu sprechen beginne, vereisen die meisten Gesichter. Einige, die es gut meinen, warnen zur Vor- sicht. Aber Vorsicht ist ein Begriff, den ich bis jetzt nur in Verbindung mit Straßenverkehr kenne! Chaotisch, verzweifelt sieht es in mir aus, als ich nach Hause gehe. Soll das, was einst leuchtende Wahrheit war, vergessen sein? Zu-Hause ist alles unverändert. Zu Hause sind meine Eltern, die uns die Worte lehren, die einmal Albert Schweitzer sprach:„Habe Ehrfurcht vor dem Leben”. Wir stehen in Opposition. Monate werden zu Jahren. In dem Alter, in welchem wir uns am liebsten begeistern würden, müssen wir„nein‘ sagen. „Soll man objektiv oder subjektiv denken, wenn es das eigene Volk betrifft?" fragt mich die Lehrerin. „Objektiv. Die Lehrerin weist mich aus der Klasse und sagt:„Sie werden es nie begreifen." Trotzdem bekomme ich das Abitur— es ist beinahe ein Wunder. Es geht auf Wanderschaft, zusammen mit einer Freundin. Wir ziehen nach Dänemark, zum erstenmal, nur für ein paar Tage. Jede hat zwanzig Mark in der Tasche. Wir wandern die dänische Landstraße entlang. Tief holen wir Atem. Wir sind in einem freien Land! Es gießt in Strömen, doch was tut es! Wir traben weiter und versuchen zu vergessen, daß wir schon bald wieder zurück müssen in das Land der Nazisten. Da nähert sich uns ein großes Auto. Es ist dunkelblau. Als es uns erreicht hat, hält es. Eine Dame sitzt darin.„Steigen Sie ein!‘ sagt sie, und dann fahren wir. Der Regen klatscht gegen das Fenster und wir wer- den schläfrig von dem eintönigen Geprassel.——— Wir wachen erst auf, als das Auto mit’einem Ruck hält. Wir sind an der See, in der Nähe‘ Kopenhagens.; . Die Sonne scheint wieder— über den Himmel spannt sich ein Regen- bogen.;: Die Dame sagt zu uns:„Jetzt sollen Sie dänische Ferien verleben!"-— Sie führt uns ins Haus, wo schon mehrere andere Gäste sind. Drei Wochen bleiben wir dort.; ; Als ich das Land verlasse, steht der Beschluß fest: Ich werde Philologie mit Dänisch als Hauptfach studieren. Wieder geht es nach Dänemark. Diesmal für fast zwei Jahre. Die dänische Gastfreiheit wird zum Erlebnis. Weiter geht es nach England. Beiden Ländern habe ich viel zu danken. 13 Und doch gibt es etwas, das schmerzlich berührt. Es ist das geringe Verständnis, welches man mir entgegenbringt, wenn ich sage, daß ich Gegner des in Deutschland herrschenden Systems bin. Interessiert man sich so wenig für das, was im Nachbarland vor sich geht? Hört man mir vielleicht überhaupt nur aus freundlicher Höflichkeit zu, wenn ich von den furchtbaren Folgen und Auswirkungen, die das System auf unser Volk hat, berichte? Fühlt ihr nicht den auf euch gerichteten fragenden Blick? Hört ihr nicht, daß ich, daß wir alle, die unter der Gewaltherrschaft leiden, an eure Herzen appellieren? Ich weiß, dem einzelnen könnt ihr nicht helfen. Warum aber schließt ihr euch nicht zusammen? Gibt es denn keine Macht, die eingreifen könnte? Doch nein! ,, Mach Schluß - du störst nur! Was für ein schöner Abend. Wie gut haben wir es doch in unserem Lande!" - - ,, Sag mir ehrlich ist nicht das, was du uns aus deinem Land erzählst, ein wenig übertrieben?" Habt ihr nicht auch einmal so gefragt? Und es gab auch solche, die sagten: ,, Ich glaube, für Euch ist Hitler noch nicht der Schlimmste. Deutschland braucht eine harte Hand." Ich bin zurück in Deutschland. Es ist ein Abend im November 1938. Ich bin in der Stadt. An jeder Ecke stehen einige Männer. Immer mehr Gruppen sammeln sich. Alle flüstern. Was ist los? Vierundzwanzig Stunden später wissen wir es. Die Judenverfolgung hat eingesetzt! Fenster werden entzweigeschlagen, Geschäfte gestürmt. In den Fleeten schwimmen Schuhe, Stoffe und alle möglichen anderen Sachen. Die Leute stehen auf der Straße und sehen zu. Sie selbst tun nichts, aber sie erheben auch keinen Einspruch. Einige machen große Augen. Zum erstenmal überkommt sie eine Ahnung zukünftiger Folgen der neuen Ideologie. Alle die, welche die Geschäfte stürmen und aktiv am Schauspiel teilnehmen, hat man von Nachbarorten heranholen müssen. Die eigenen Söhne der Stadt bekommt man nicht dazu. Die Mißhandlungen der Juden beginnen. Die erste Verhaftungswelle setzt ein. Willfried tritt vor meine Mutter und sagt: ,, Ihr habt uns viel gelehrt. Eins aber vergaßet ihr uns zu sagen: Es gibt Menschen, die von Grund auf schlecht sind!" Einen Augenblick lang schweigt meine Mutter. Dann antwortet sie: ,, Laßt uns nicht daran denken laẞt uns das Gute entgegensetzen!" Wir gehen zu unseren jüdischen Freunden, sind so oft wie nur möglich mit ihnen zusammen. Wir versuchen, ihnen zu helfen mit allem, was in unserer Macht steht. Doch es wird immer weiter verhaftet. In vielen Reden wird schon das zukünftige Schicksal der Juden verkündet. 14 Zu dieser Zeit schlage ich das Neue Testament auf, und ich erfasse die Bedeutung der Worte: ,, Sie wissen nicht, was sie tun". Es Immer mehr müssen wir uns in unsere vier Wände zurückziehen. gibt andere, die das gleiche tun. Es sind alle die, welche von Anfang an das neue System abgelehnt haben. - Auf der entgegengesetzten Seite stehen die fanatischen Nazisten. Und dazwischen die Masse! Alle die mit trägem Herzen. Alle die, die zu gleichgültig sind, sich zu widersetzen, welche über das, was ihnen persönlich unangenehm ist, schelten, und welche da mitlaufen, wo sie ihre Vorteile sehen. Aber was tue ich gegen das System? Es genügt nicht ,,, nein" zu sagen und ein politisierender Individualist zu sein. Die Tage im November sind grau, doch sie haben mir die Augen geöffnet. Jetzt kenne ich den Weg, den ich gehen muß. Und eins ist gewiß: Sind Herz und Sinn bereit, werden die Aufgaben kommen, früher oder später. 4 Im Sommer 1939 sind meine Studien beendet. Ich bin Dolmetscherin der dänischen und norwegischen Sprache. Mit einigen Studenten der Hamburgischen Universität reise ich nach Kopenhagen. Die Universität hat uns eingeladen. Ich habe das Empfinden, daß sich die Stimmung in Dänemark seit dem letzten Mal geändert hat. Ich glaube, die dänischen Professoren und Studenten beginnen zu ahnen, welchen Weg die Entwicklung nehmen wird. Doch sie schweigen. Wir sind ihre Gäste. Am letzten Abend sind wir beim Bürgermeister zu Gast. Er schweigt nicht. Er hält eine Rede, die sich mir einprägt. Ich nehme sie mit mir als letzten Gruß von Dänemark. In schweren Jahren steht sie mahnend vor mir. In schlichten Worten erzählt uns der Bürgermeister von den Studienjahren, die er in Deutschland verbracht hat. ,, Damals prägte der Geist eines Goethe und Schiller Ihre Kultur. Stolz dürfen Sie sein, daß Ihr Volk diese beiden hervorgebracht hat, aber es verpflichtet!" August 1939. Noch vier Wochen Frieden! In meinen Gedanken ist er nicht mehr. Sie sind voll dunkler Vorahnungen. Die Depressionen sind so stark, daß ich täglich viele Stunden lang einsame Wanderungen mache. Ich bin in Südengland. Der Weg ist immer der gleiche. Es geht herauf nach Beachy- Head dem Leuchtturm. Er steht hoch oben auf den Kreidefelsen. Sein Blinkfeuer leuchtet weit über das Meer. Es strahlt Ruhe, Frieden und Sicherheit aus. Nur die Möwen stören den Frieden. Zu Tausenden schreien und flattern sie um den Turm. Nie kommen sie zur Ruhe. Ihre Schreie bleiben ohne Antwort. 15 Der Himmel ist grau. Wolken haben sich zusammengeballt und stehen wie Legionen— undurchdringlich. Ich stehe am Rand der Felsen. Tief unten braust das Meer. Es ist, als ob die Brandung immer gewaltsamer wird. Warum, frage ich mich. Warum?— Damals dachten wir— nur ein paar Monate. Es dauerte länger. Haben wir denn nicht geduldig gewartet? Ist es immer noch nicht genug? Soll uns auch das Schwerste nicht erspart bleiben? Kommt wirklich Krieg? Ja, er muß kommen, Die Lawine rollt. Niemand hat sie rechtzeitig aufgehalten. . Mit rasendem Schrei stürzen sich einige Möwen: in den Abgrund. Die Gedanken jagen sich.—„Soll man subjektiv denken?"—„Mutter, Ihr habt uns nicht gelehrt, daß Menschen von Grund auf’ schlecht sein können.—„Hitler ist nicht der. Schlimmste. Deutschland braucht eine harte Hand!"— Soll ich es tun?‘Gib mir Frieden! Das ist das einzige, wonach ich mich sehne.=; In diesem Augenblick beginnt das Blinkfeuer aufzuleuchten— es wird so hell, daß ich die Hand vor Augen halte. Das Gesicht meines Vaters taucht vor mir auf, und wieder höre ich seine Stimme:„Habe Ehrfurcht vor dem Leben!": Es gibt kein Ausweichen! Das Leben muß gelebt werden, auch wenn der Krieg kommt. Eine wunderbare Gewißheit kommt über mich: Das Leben ist lebenswert, denn du selbst sollst es dazu machen— trotz Tod und Vernichtung.: 2 Ich bin ruhig geworden. Als ich zurückkehre zu meinen englischen Freunden, klingelt das Telephon. Ein Anruf aus London. Eine Freundin von mir, eine dänische Jüdin, spricht. Sie ist gerade von Kopenhagen auf Ferien gekommen.; Sie fragt:„Können wir uns nicht sehen?“ „Nein, ich fahre morgen nach Haus." Die Minuten vergehen damit, ihr zu erklären, warum. Dann klickt es, das Telephonfräulein sagt:„Drei Minuten— Sie müssen schließen.' i „Halt! Einen Augenblick noch, Fräulein!" sagt meine Freundin. Und dann fragt sie:„Glaubst du, daß Krieg kommt?" „Ja.— Und Hitler wird nach Dänemark kommen!“ „Wann?“: „Spätestens zum nächsten Frühjahr!"— Bin ich im Traum? Ist es ein anderer, der mir die Worte diktiert? Ohne zu denken, beinahe mechanisch, fahre ich fort:„Versuche, nach Schweden zu gehen! Du darfst nicht in Dänemark sein, wenn er kommt.“ Wieder mahnt das Telephonfräulein. Doch ganz aus der Ferne höre ich noch einmal die Stimme meiner Freundin: ,, Und gib acht auf dich!" Unmittelbar nach meiner Rückkehr bricht der Sturm los. Die entsetzliche Spannung hat sich gelöst. Wieder regt sich die Hoffnung. Vielleicht dauert es nur ein paar Monate! Jetzt kommen sie und helfen uns bei der Beseitigung des Systems. Und ich denke: Warum sind sie nicht eher gekommen? Meine Brüder werden einberufen. Um Mitternacht geht ihr Zug. Ihr alle kennt die dunklen Bahnhöfe des Krieges! Damals ist es das erstemal. Noch liegt auf vielen Gesichtern ein Lächeln. Man spürt es mehr, als daß man es sieht. Und nicht alle Stimmen sind gedämpft. Haben wir nicht schon einmal diesen Bahnhof so dunkel wie heute gesehen? Flüsternde Stimmen? Bleiche, graue Gesichter? Es war vor mehr als zwanzig Jahren. Ein endloser Zug von Kriegsgefangenen war es gemit Holzschuhen, Fußlappen und zerlumptem Zeug. Waren es Russen oder Deutsche? Ich erinnere mich nicht mehr. Für mich war es nur ein Zug des Elends. Aus dem Dunkel tauchten sie auf Dunkel wanderten sie hinein. wesen - - in das Eine erste Ahnung von etwas unbegreiflich Düsterem, einer noch nicht zu fassenden Schwere des Lebens hatte mich beschlichen. Fest hatte ich mich an meine Mutter geklammert. F -- - damals. Meine Mutter hatte uns an die Hand genommen Jetzt reicht sie die Hand meinen Brüdern zum Abschied. Günther und Willfried gehen als Ärzte hinaus. Beide sind ernst. Günther sagt: ,, Dieser Krieg ist nicht unser Krieg, Mutter. Aber wo er gekommen ist, wollen wir hoffen, daß durch ihn das System vernichtet wird." ' - Doch Willfried fügt hinzu: ,, Der Krieg wird nur vernichten. Wir wollen an die darauffolgende Zeit denken an den Frieden, der einmal kommen muß." Mit dem ihm eigenen guten Lächeln sagt er zu meiner Mutter: ,, Was auch geschieht, wohin wir auch kommen werden wir wollen arbeiten und leben in dem Geist, in dem ihr uns erzogen habt!" Drei Wochen später stirbt mein Vater. - Der Schnee liegt in diesem ersten Kriegswinter so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Luft ist eisklar. Es ist still. Nichts geschieht an der Front. Eine lächelnde, unheimliche Ruhe. Furcht steigt auf in mir. Was liegt noch vor uns? - Ich blättere im Neuen Testament. Der Jakobusbrief so lange ist es schon her, daß mein Vater uns daraus vorgelesen hat. Damals glitten die Worte an mir vorbei, jetzt gewinnen sie eine ganz neue Bedeutung: Widerstehet dem Teufel, so fliehet er von Euch. Und ich lese weiter: Nahet Euch zu Gott, so nahet er sich zu Euch. 2 Halt Wacht im Dunkel - 17 Juni 1940. Der Blitzkrieg geht seinem Ende entgegen. Ich bin in der Universität. Der norwegische Lektor soll eine Vorlesung halten. Er läßt auf sich warten. Da endlich öffnet sich die Tür. Atemlos kommt er herein: ,, Entschuldihaben Sie schon gegen Sie die Verspätung! Aber bevor ich beginne hört? Sie haben Paris eingenommen!" Paris gefallen tärisches Ereignis, nein dennoch siegen? - - vor meinen Augen verschwimmt alles. Kein miliSymbol der zerbrochenen Freiheit! Sollten sie Ich breche in Weinen aus. Die anderen Studenten sehen auf mich. Einige sind erstaunt. Andere werden unruhig. Doch es gibt auch solche, die verstehen. Einer kommt zu mir und gibt mir die Hand. - Zum Herbst werde ich in der Briefzensur als Dolmetscherin angestellt. Ein Teil der von mir zu zensierenden Briefe ist von Juden geschrieben, die nach dem Osten verschickt worden sind. Noch dürfen sie Briefe schreiben ins Ausland, doch lautet für uns die Anweisung: Judenbriefe, in denen geklagt oder um Zusendung von Zeug und Lebensmitteln gebeten wird, sind zu vernichten. Es kommt kaum ein Brief, der nicht zerrissen werden muß. - Aber das wird jetzt anders! Fortan werden die Briefe mit hinausgenommen sie erreichen ihr Ziel. Jeden Tag verlasse ich die Dienststelle mit einer vollen Handtasche. Wunderbar ist es, wenn ich nach vielen Wochen lese, daß ein Paket angekommen ist. Eines Tages fällt mir ein Brief in die Hand, der an meine jüdische Freundin in Kopenhagen gerichtet ist. Ein naher Verwandter von ihr ist der Absender. Er ist im Ghetto in Litzmannstadt. ,, Schicke mir, wenn Du Wieder kannst, Zeug und Essen!" bittet wie alle anderen auch er. starre ich auf die Anschrift. Wie es ihr wohl geht? Seit der Besetzung von Dänemark hat sie nicht mehr geschrieben. Ob sie wohl meinen Rat Oder ist sie noch in befolgt hat? Ist sie nach Schweden geflüchtet? Dänemark? Noch ist den dänischen Juden nichts geschehen. Doch es wird kommen. In ihren Reden haben ,, sie" es angekündigt, und hierin pflegen sie Wort zu halten! - Es ist Zeit zum Gehen. Wieder ein Tag vorüber. Wie viele Tage werde ich noch von denen, die in Ghettos leiden, Briefe lesen? Mechanisch wandert der Blick zum Kalender 19. August. - Habe ich nicht an diesem Tage mit meiner Freundin in England im Telephon gesprochen? Es ist genau vor drei Jahren gewesen. Und plötzlich geht etwas Unerklärliches vor sich. Ganz aus der Ferne höre ich wieder ihre Stimme: ,, Und gib acht auf dich!" Die Hand, die noch den Brief hält, sinkt herunter. Die Schublade wird wieder aufgeschlossen. Die Handtasche wird geleert. Alles wird zurückgelegt, während ich denke: morgen. Mir ist unwirklich dabei zumute ob ich träume. 18 als Seit langem zum erstenmal gehe ich ohne Ballast fort. Drei Männer umringen mich, als ich auf die Straße trete. Drei Marken blinken auf: ,, Gestapo! Folgen Sie uns " Ich fühle, wie mir alle Farbe aus dem Gesicht gewichen ist. Doch während sie die Handtasche durchwühlen, ist Jubel in meinem Herzen. Mit amtsmäßiger Freundlichkeit reichen sie mir die Tasche zurück. ,, Entschuldigen Sie, daß wir Sie bemüht haben. Aber Sie verstehen- Stichproben müssen gemacht werden. Sie haben einen verantwortungsvollen Posten." Ja, das ist richtig. Ich werde die Verantwortung zu nützen wissen! Ein seltsamer Zufall hat mich bewahrt. War es wirklich nur Zufall? Oder ist es deswegen, weil noch neue Aufgaben meiner harren? Immer seltener kommen Briefe von Juden. Schließlich höre ich, daß aus den Ghettos keine Briefe mehr geschrieben werden dürfen. Für mich bleibt nichts mehr zu tun. Ich kündige. Die Zensurarbeit während der letzten beiden Jahre hat mir gezeigt, daß unser Land zu einem einzigen großen Gefangenenlager geworden ist. Der von oben ausgeübte Druck hat nur noch graduelle Unterschiede. Bist du Jude, dann mußt du sterben. Bist du Gefangener, dann mußt du hungern. Bist du noch frei, dann mußt du schweigen. Doch nein! Das ist nur das ,, Entweder". Es gibt auch ein ,, Oder". ,, Laßt uns das Gute entgegensetzen!" Wenn sie vernichten, dann laẞt uns aufbauen. Wenn sie Wunden schlagen, dann laßt uns heilen. Das Leben wäre nicht mehr lebenswert, würde es nicht dieser Idee unterstellt. Das Leben ist lebenswert, denn du selbst sollst es dazu machen! Kam diese Gewißheit nicht über mich, als ich am Abgrund stand, als er gelockt hatte? Am nächsten Tag gehe ich zur Universität und schreibe mich für Medizin ein. Ich will Ärztin werden. Doch es sieht so aus, als ob ich auch weiterhin noch als Dolmetscherin gebraucht würde. Den ersten freien Vormittag habe ich dazu benutzt, um alle Formalitäten zu erledigen. Als ich mittags nach Hause komme, liegt ein Brief da. Absender ist die Staatsanwaltschaft in Hamburg. Ich werde aufgefordert, die Zensur für die im Zuchthaus und Gefängnis einsitzenden norwegischen Gefangenen zu übernehmen. Zuchthausgefangene? Ich kenne noch nicht einmal ein Zuchthaus von außen. Nur aus Gefängnissen habe ich einmal etwas gehört. Vor vielen Jahren. Da lernte ich die Oberin eines Untersuchungsgefängnisses kennen. Anfangs unterrichtete ich sie im Dänischen, dann wurden wir Freunde. Sie begann von ihrer Arbeit zu sprechen; sie erzählte von dem verschärften Reglement, das seit 1933 in Zuchthäusern und Gefängnissen zur Anwen2* 19 dung kam. Dann war sie eines Tages gekommen und hatte sich verabschiedet. Ich erinnere mich noch unseres letzten Gespräches. ,, Ich bin versetzt nach.."; den Namen des Gefängnisses hatte ich nicht verstanden. ,, Warum?" . ,, Es ist keine Strafversetzung," antwortete sie ,,, aber ich bin eben für den heutigen Strafvollzug nicht geeignet. Ich tauge nicht zur Bespitzelung von politischen Gefangenen--" Eine solche Spitzelarbeit soll ich jetzt übernehmen? Ohne zu zögern, lehne ich ab. Zwei Tage später bekomme ich eine Vorladung zu einer Rücksprache.- In einem hohen, düsteren Zimmer des Altonaer Amtsgerichts sitze ich in einem der gradlehnigen Gerichtsstühle. Gegenüber am Schreibtisch ein Amtsrichter. Neben mir der Chef des Zuchthauses Hamburg- Fuhlsbüttel. Ein gebürtiger Bayer: Stiernacken und hervorspringende Augen! ,, Warum lehnen Sie ab? Sie haben doch schon früher Briefe zensiert? Wir suchen jemand, der die Gefangenen auf das schärfste überwacht. Sie sind mir empfohlen worden." Wer kann mich empfohlen haben? Ich bin nicht Parteigenossin oder Mitglied irgendeiner anderen braunen Gliederung. Warum beauftragen sie nicht einen Beamten der Gestapo? Doch ich hüte mich, Fragen zu stellen., Erst viel später erfahre ich, daß Justiz und Gestapo zwei ganz verschiedene Organe sind und daß die Justiz ebensosehr bemüht ist, der Gestapo Einblick in ihr ,, Innenleben" zu verwehren, wie jede andere Seele im Dritten Reich. ,, Es handelt sich um etwa dreihundert dänische und norwegische Strafgefangene", sagt der Chef. ,, Es kommen aber täglich neue hinzu." ,, Sind es Kriminelle?" ,, O, bewahre!" Der Chef lacht gemütlich. ,, Glauben Sie, daß wir uns um solche Leute soviel Arbeit machen würden? Nein, viel schlimmer! Es sind politische Gefangene, die von deutschen Kriegsgerichten in Norwegen abgeurteilt worden sind und nun in Deutschland die Strafe verbüßen müssen. ,, Und welche Arbeit erwarten Sie von mir, Herr Regierungsrat?" ,, Sie lesen die Briefe, und fällt Ihnen etwas Verdächtiges auf, zeigen Sie es uns an." ,, Am besten legen Sie sich ein Heft an, in dem Sie sich über Gefangene, die Ihnen verdächtig erscheinen, Notizen machen," schlägt der Amtsrichter vor, während er umständlich aus dem Schreibtisch ein Heft nimmt, um mir Format und Größe zu zeigen. ,, Mit anderen Worten eine Spitzelarbeit?" - ,, Nun, wie Sie's nennen wollen," antwortet der Chef mit Strenge. ,, Sie tun damit, wie wir alle, nur Ihre Pflicht." Der Amtsrichter wirft einen Blick auf die Uhr. Schon zwei. ,, Bis jetzt habe ich diese Briefe zensiert," beginnt er in vermittelndem Ton. ,, Es hat 20 . " mir viel Freude gemacht." Er blättert in seinem Heft. ,, Sie brauchen ja nicht nur Notizen von verdächtigen Gefangenen zu machen. Sie könnten zum Beispiel hinten im Heft und er nimmt zwischen die dünnen Finger mit den etwas zu langen Fingernägeln einige Blätter, unterbricht sich umständlich und sagt:' ,, Sehen Sie, soviel Platz etwa dafür!" ,, Also in diesem Heft," nimmt der Amtsrichter den Faden wieder auf, ,, würden Sie die letzten Seiten dazu benutzen, um die Stellen aus Gefangenenbriefen abzuschreiben, wo sich die Gefangenen lobend über den deutschen Strafvollzug äußern. Sozusagen", ein mildes Lächeln ,,, die Anlage zu einem Weißbuch! Sie wissen selbst im Ausland gehen viele Gerüchte - - - Der Amtsrichter erwärmt sich am eigenen Vorschlag: Wirklich! Das wäre noch eine Aufgabe, um die es sich lohnte! Neben der Hauptaufgabe natürlich!" Ein schneller Blick hinüber zum Zuchthauschef. - ,, Im übrigen", redet mir der Amtsrichter zu ,,, haben Sie eine interessante Lektüre. Nicht nur politisch! Sie bekommen Einblick in alle menschlichen Dinge!" Er rollt das Heft zusammen. ,, Ich rate Ihnen, anzunehmen. Sie werden bestimmt auf Ihre Kosten kommen, nicht wahr, Herr Regierungsrat?" ,, Auf die Kosten kommen?" Der Chef hat nur gelangweilt zugehört. Jetzt wird er lebhaft: ,, Das sollte ich meinen. Ein einträgliches Geschäft. Und das Reich wird nicht einmal ärmer dabei. Jeder Gefangene muß die Zensur seiner Briefe selbst bezahlen.". ,, Wieviel verdient der Gefangene?" - ,, Pro Tag zehn Pfennig, wenn's hoch kommt, fünfzehn. Dann muß er aber sehr fleißig sein. Für einen Brief bekommen Sie pro Seite fünfzehn Pfennig. Der Gefangene zahlt's Ihnen gern!" Er lacht, zufrieden mit der eigenen Witzigkeit. ,, Ich kann es nicht übernehmen!" Ehe ich mich noch besinne, füge ich hinzu: ,, Es ist Blutgeld!" ,, Was soll das heißen?" fragt der Regierungsrat scharf. ,, Ich rate Ihnen, sich Ihre Worte etwas mehr zu überlegen." Der Amtsrichter gähnt, und da er anscheinend wünscht, daß die Unterredung zum Abschluß kommt, mischt er sich wieder vermittelnd ein: ,, Sie sehen es verkehrt. Denken Sie lieber daran, daß Sie mit dieser Aufgabe Ihrem Vaterland und der gemeinsamen Sache dienen." Ich sehe an ihm vorbei zum halbgeöffneten Fenster. Der Blick wandert über den Himmel, der grauverhängt ist von Wolken. Doch an einer Stelle teilen sie sich ein Stückchen Blau schimmert hervor.. Liegt bei mir noch die Entscheidung? Haben Herz und Sinn sich nicht schon seit langem für diese Aufgabe vorbereitet? Nervös trommelt die Hand des Regierungsrats auf dem Schreibtisch: ,, Also? Wozu haben Sie sich entschlossen?" - ,, Ich übernehme die Arbeit - unter einer Bedingung: Sie müssen mir gestatten, selbständig zu arbeiten. Es muß allein mir überlassen sein, die 21 zu beanstandenden Stellen in den Briefen zu streichen, und es muß in meinem Ermessen liegen, anzuzeigen oder nicht." Die Augen des Chefs treten noch mehr hervor. Auf der Stirn bilden sich dicke Wülste. Noch einmal Stillschweigen, dann sagt der Chef: ,, Gut! Ich nehme Ihre Bedingungen an. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß noch kein Dolmetscher sie mir gestellt hat. Aber Sie wissen ja genau so gut wie ich, welche Strafe auf Nichtbefolgung der Vorschriften steht!" Einige Tage später bekomme ich einen grünen Polizeiausweis ausgehändigt. Ich lächele, als ich den gesperrt gedruckten Vermerk auf der Rückseite lese: Inhaber ist gemäß§ 18 des Waffengesetzes vom 18. 3. 1938 berechtigt, Waffen zu tragen. Ein neuer Abschnitt in meinem Leben beginnt. Er dauert drei Jahre. Erst bin ich Dolmetscherin für dreihundert Strafgefangene im Zuchthaus Hamburg. Im Laufe der Zeit werden es mehr als achthundert, die in allen Teilen Deutschlands in Zuchthäusern und Lägern gefangengehalten werden. Die Briefe sind lange unterwegs. Vier Wochen von Oslo nach Hamburg. Fährt das Schiff so langsam? Rollen die Züge im Schneckentempo? Im Jahre 1942 ist das Verkehrswesen des Dritten Reiches noch unzerstört. Wenn Briefe nur sprechen könnten! Wieviele geheimnisvolle Zeichen decken den Briefumschlag! Da ist ein Brief aus Finnmarken. Schon vier Monate alt. Die mit ungelenken Buchstaben gemalte Anschrift ist kaum noch zu entziffern, so viele Vermerke trägt der Brief, so ausgewaschen ist er von seltsam gefärbten Streifen. Mich schrecken diese Vermerke und Zeichen nicht, da ich ihre Bedeutung kenne. Nicht umsonst habe ich über zwei Jahre in der Briefprüfstelle in Hamburg gearbeitet. Ich kenne jede Zahl, jedes Zeichen, jede Vorschrift. Briefe, die die Gefangenen aus dem Zuchthaus schreiben, kommen zuerst zu mir. Ich lese sie und muß sie dann weiterleiten an die Briefprüfstelle in Hamburg, wo sie nochmals geprüft werden. Die Briefe der Angehörigen gehen den Weg umgekehrt. Erst werden sie von der Briefprüfstelle gelesen, dann weitergeleitet an das Zuchthaus, und etwas später bekomme ich sie zur Zensur. Etwas später! Manchmal dauert es nur Tage. Oft aber bleiben die Briefe wochenlang in der Amtsstube des Zuchthauses liegen. ,, Keine Zeit! Keine Zeit!" sagt der Wachtmeister, dessen Aufgabe darin besteht, die Briefsendung für mich fertigzumachen. Habe ich dann die Briefe gelesen und schicke sie wieder zurück an das Zuchthaus, kann es abermals Tage oder Wochen dauern, ehe die Briefe aus der Amtsstube in die unmittelbar nebenan befindliche Briefkartei gereicht werden. ,, Keine Zeit! Keine Zeit!" 22 22 . - [Ei Die Briefe von Gefangenen und an sie werden also zweimal geprüft. Von der Briefprüfstelle und von mir. Das Zuchthausreglement verlangt die Zen- sur eines jeden Gefangenenbriefes. Gestapo und Wehrmacht, die in der Briefprüfstelle Hand in Hand arbeiten, zensieren ja den Brief von und nach dem Ausland.: Warum also schaltet man mich ein, wenn die Briefe sowieso von der Briefprüfstelle geprüft werden? Es ist eine„Schutzmaßnahme“! Im Dritten Reich hat das Wort„Schutz“ besondere Bedeutung gewonnen. Man schützt sich, weil man mißtraut. Ich habe die Briefe der Gefangenen zu überwachen„zum Schutze der politi- schen Sicherheit", zum anderen aber habe ich die Briefe der Gefangenen zu prüfen, gerade weil sie noch einmal gelesen werden! Die Gestapo ist ebenso Feind der Justiz, wie sie dein und mein Feind ist. Die Gestapo umlauert die Justiz wie dich und mich. Es gelingt ihr, den gewaltigen Apparat der Justiz in seinen Grundfesten zu erschüttern— wie dein und mein Leben. Doch immer noch hat die Justiz ihren eigenen Strafvollzug. Ein Zuchthaus ist kein KZ, es hat sein Reglement, sei es auch noch so hart. Im KZ dagegen hat nur der Sadismus Methode. So dient die Briefzensur, die ich auszuführen habe, nicht nur zur politi- schen Überwachung der Gefangenen. Sie ist gleichzeitig eine vorbeugende Maßnahme dafür, daß die Gestapo etwas aus dem Anstaltsleben erfährt, was die ausführenden Organe der Justiz belasten könnte. Doch zurück zur Briefprüfstelle! Wie viele haben nicht immer wieder ‘ Zeichen und Vermerke auf den Briefen studiert im vergeblichen Mühen, ihren Sinn zu. ergründen. Wie mancher ließ sich schrecken! Wenn er wüßte—— 5 Nehmen wir den Brief aus Finnmarken! Auf der Rückseite des Briefumschlages ist ein gestempelter Kreis. Im Kreis eine Zahl. Der Kreis bedeutet„Abwehr“, und die Zahl darin ist ein Mensch. Weder der Absender noch der Empfänger. Sondern einef oder eine von jenen Hunderten, die in der Briefprüfstelle vor den Wirren des Krieges sicheren Unterschlupf gefunden haben und nun in der Abteilung „Abwehr“ als erste die Briefe bearbeiten. Was wehren sie Ab? Vor ihnen liegen Listen. Tausende von Namen sind darauf alphabetisch geordnet. Jeder bearbeitet nur ein oder zwei Buchstaben des Alphabets. Jede Briefanschrift wird mit der Liste verglichen. Ist der Name des Empfängers oder des Absenders verdächtig, so steht er auf der Liste der allwissenden Gestapo!; Auf der Vorderseite des Briefumschlages ist ein lateinisch gedrucktes A. Es ist die„Chemie“. Der Brief ist inzwischen in der„Schnippelabteilung‘“ aufgeschnitten worden und soll jetzt chemisch geprüft werden. Auf die Briefbögen oder in den Umschlag können mit unsichtbaren Tinten geheime Mitteilungen geschrieben worden sein. Es soll Kriegsgefangene gegeben haben, die Urin als farblose Tinte benutzten. 23 h% i; N 14 Ä I h % ‘ Die ,, Chemie" ist ein großes Unternehmen. Sie beschäftigt über hundert Leute. Hier wird der Briefinhalt durchgezählt. Hinter dem A steht eine kleine 2: Zwei Briefbögen. Dann steht da vielleicht noch+ 1f plus eine Photographie. Doch nun die eigentliche Aufgabe der ,, Chemie": Die, Suche nach Geheimschriften. Mit breiten Pinseln fahren die Hände über Bogen und Umschläge. Braune und blaue Tinkturen werden verwendet. Stunde um Stunde streichen die Pinsel über das Papier. Es kräuselt und schlängelt sich unter der Feuchtigkeit. Dann wird es im Kasten" vor eine überhelle, weißstrahlende Birne gehalten. Der Kasten" ist mit einem schwarzen Vorhang versehen. Die Dame, die darin sitzt, nickt im Laufe des Tages ein. Sie ist übermüdet. Ihre Augen brennen. Alles ist ja sowieso vergebens. Jahr um Jahr ist nach Geheimschriften gesucht worden, doch noch niemals wurde eine gefunden. Ein alter Major ist Abteilungsleiter. Seine rote Nase läßt auf ,, Geistigkeit" schließen. Er ist Choleriker. Wenn er tobt, stottert er. Das kommt oft vor. Denn die Zwecklosigkeit seiner Jagd nach Geheimschriften reizt ihn zu eigenen Unternehmungen. Auf eigene Faust sondert er Briefe aus und fingiert geheime Mitteilungen hinein. Dann gibt er sie in die Abteilung. Große Tage für ihn! Aufgeregtes Hin- und Herlaufen, der angeschwollene Kopf verrät es. Die ,, Chemie" ist gewarnt. Die braunen und blauen Tinkturen ergießen sich über jedes Eckchen Papier. Die Damen im Kasten fahren hoch. Gnade ihnen, wenn sie heute nichts finden! Dann setzt es eine Untersuchung. Durch welche Hand ist der Brief mit der fingierten Geheimschrift gegangen? Es läßt sich feststellen. Denn die Dame im ,, Kasten" muß hinter das A auf den Briefumschlag noch die Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens fügen. Alles zittert. Ein Brief ist unterwegs. Eine rote Nase und geschwollene Reden künden es an. Da ein erlösender Schrei aus einem der Kästen. Gefunden! Der Major reißt den schwarzen Vorhang zurück und klopft der Glücklichen auf die Schulter. ,, Für heute sind Sie frei", sagt er gnädig. ,, Sie können sofort nach Hause gehen." Manchmal bleiben die Briefe nur wenige Stunden in der ,, Chemie", manchmal dauert es Tage. Anfang der Woche ist geringer Postanfall. Jeder Bogen wird bepinselt. Zwei Tage weiter, und die Post beginnt sich zu häufen. Der Major wird aufgeregt. Am Ende der Woche eine Flut von Briefen. Noch aber pinseln sie an den Briefen vom Montag. ,, Wie? Die Briefe liegen schon eine Woche hier?" brüllt der Major. ,, Ich dulde diese Bummelei nicht länger!" Und über die ,, Chemie" donnert sein Schlachtruf: ,, Schleusen!" Wie rasend werden nun in wenigen Stunden hunderte, tausende von Briefen durch die Abteilung gejagt. Die Pinsel fahren darüber hin pro forma! Damit die nächste Abteilung nicht bemerkt, daß der ,, Kasten" umgangen ist. - 24 - In großen Waschkörben wandern die Briefe in ein Stockwerk höher zur Lesegruppe". Dieser Raum gleicht einer Schulklasse. An langen Tischen sitzen Damen und Herren jeden Alters. Auch das Pult vorne fehlt nicht. Daran sitzt irgendein Hauptmann. Er könnte ebenso gut fehlen, denn er schaut nur Stunde um Stunde gelangweilt über die Menge und spielt mit dem Lineal. Nur wenn Verfügungen eintreffen, reckt er sich und ,, bittet um einen Augenblick Gehör". Verfügungen, Verfügungen! Jeden Tag gibt es neue. ,, Briefe sind anzuhalten, wenn Briefe harmlosen Inhalts sind besonders verdächtig. Die in Briefen angeführten Bibelstellen dienen grundsätzlich laut Ansicht der ,, Abwehr" zur Nachrichtenübermittlung ins Ausland. Von Kinderhand angefertigte Zeichnungen sind getarnte Pläne von Rüstungsfabriken und Flugplätzen! Die Briefprüfstelle ist sich ihrer Bedeutung bewußt. Da diese aber bei der Ergebnislosigkeit allen Prüfens oft bedenklich in Frage gestellt ist, betont sie ihre Gewichtigkeit um so nachdrücklicher und öfter. ,, Sie können gar nicht genug Briefe zurückhalten!" ruft die Stimme vorne am Pult dem müden Volk der Leser zu und verweist dabei auf die, Zensurbestimmung§ 21, Abschnitt 3a: Jeder Brief kann zurückgehalten werden, wenn dem Prüfer der Inhalt desselben aus irgendeinem Grunde nicht paßt. Die Durchschnittstagesleistung eines Lesers beträgt hundert Briefe. Die Augen rasen über die Zeilen. Geübte Prüfer lesen nur noch in jeder Zeile ein Wort. Sie steigern ihre Tagesration auf dreihundert Briefe. Liebesbriefe, Trauerbriefe, Gratulationen, Geschäftsbriefe die Briefe sind entpersönlicht. Das Briefgeheimnis ist aufgehoben. Fremde Augen gleiten über die Zeilen. Ab und zu ein kurzes Auflachen; irgendein Brief ist besonders interessant. Dann rascheln die Bogen von Hand zu Hand. Wissend lächeln die Prüfer und zwinkern einander zu. Wie bunt die Briefe schon aussehen, wenn sie in die Lesegruppe kommen. In irgendeinem der Waschkörbe liegt auch der Brief von Finnmarken. Mit einem Kreis und der Zahl, mit braunen und blauen Streifen und dem Vermerk auf der Vorderseite des Briefumschlags: A 2+ 1 f. Nun kommt noch eine dreistellige Zahl hinzu, die Nummer des Lesers. Es steht im Ermessen des Lesers, ob er den Brief zurückhält. Bei hundert Briefen greift er sich durchschnittlich sechs heraus. Diesen Akt des Zurückhaltens nennt der Fachmann ,, Beanstanden". Jeder Prüfer weiß, daß er eine gewisse Anzahl von Briefen beanstanden muß, um nicht selbst als Prüfer beanstandet zu werden. Er schielt nach beiden Seiten. Der Nachbar zur Linken hat schon morgens um 10 Uhr drei Beanstandungen, der Nachbar zur Rechten schreibt gerade einen Beanstandungszettel aus. Es heißt sich beeilen, um nicht aufzufallen. Wer sucht, der findet. Die zurückgehaltenen Briefe gehen zur Auswertung". Da sitzen die Auserwählten der Briefprüfstelle, die Bonzen! Sie machen schon zehn 25 Minuten eher als die anderen Schluß. Sie können sich Kaffee zum Frühstück kochen. Sie lesen an langen, unbeschäftigten Vormittagen englische Romane, um ihre Sprachkenntnisse aufzufrischen ,,, denn man kann nie wissen, harmlos - - Auch hier gilt das ungeschriebene Gesetz: Eine bestimmte Anzahl von Briefen muß ausgewertet werden, um nicht aufzufallen. Sie haben ein leichtes Spiel. Briefe, die einen jüdischen Absender haben, werden mit Vorliebe herausgegriffen. Der Inhalt wird und sei er auch noch so als ,, verdächtig" der Gestapo weitergeleitet, wo schon ein Heer von Kämpfern an der Heimatfront darauf wartet. Briefe, in denen von Geld die Rede ist, werden mit Begleitschreiben an den Zoll geschickt. Stimmungsmäßige Äußerungen interessieren das Propagandaministerium. Eine Hand arbeitet in die andere. Es ist, als ob die Briefe eigens für die Briefprüfstelle geschrieben werden. Ich selbst war in der ,, Auswertung", als ich die Briefe der nach dem Osten verschickten Juden las. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß Briefe, die in diese Gruppe kommen, nur noch wenige Schritte von der Gestapo entfernt sind. Ich streiche daher in den Briefen der Gefangenen alles, was in der Briefprüfstelle auch nur den geringsten Verdacht erwecken und so die Aufmerksamkeit der Gestapo erregen könnte. Die von mir überwachten Gefangenen sollen bei der Gestapo in Vergessenheit geraten! Doch noch nicht genug der Vermerke und Zeichen! Alle nicht zurückgehaltenen Briefe gehen in das ,, Schnippelkommando". Dort sind sie aufgeschnitten worden, dort werden sie auch wieder zugeklebt. Der Klebestreifen am Rand trägt einen gedruckten Stempel: Geprüft vom Oberkommando der Wehrmacht. Und ein kleines f, nur der Kenner bemerkt es! Es heißt: Auslandsbriefprüfstelle Hamburg. In den braunsten Siegestagen des Krieges gibt es verstreut über ganz Europa über dreißig solcher Briefprüfstellen, ganz zu schweigen von der Feldpostzensur und der geheimen Briefüberwachung im eigenen Lande. ,, Die Briefe dürfen höchstens vierundzwanzig Stunden von der Briefprüfstelle zurückgehalten werden." So die Verfügung! Oft bleiben die Briefe über einen Monat in der Prüfstelle liegen. Hat der Brief aus Finnmarken schon die Dienststelle verlassen, oder liegt er noch in irgendeiner Abteilung und wartet auf den donnernden Schlachtruf: ,, Schleusen!"? Nun, früher oder später wird er wohl im Zuchthaus eintreffen. Dem Beamten im Geschäftszimmer, der die Briefe in Empfang nimmt, ist es gleichgültig, ob sie vier Wochen oder vier Monate unterwegs sind. Ärgerlich wirft er sie in ein Fach, wo schon andere Briefe liegen. - ,, VerJe mehr Briefe es werden, desto ungeduldiger wird der Grüne. brennen sollte man den ganzen Haufen. Als ob wir nicht ohnehin schon 26 r n n e e n genug zu tun hätten!" Fluchend reißt er bei Gelegenheit eine Handvoll Briefe heraus. Die Kartothek steht neben ihm, er feuchtet den Blaustift mit der Zunge an und beginnt, die fremd klingenden Namen und Anschriften zu entziffern. Wie schmutzig und speckig der Umschlag aussieht! Durch wie viele Hände ist er schon gegangen! Der Wachtmeister kritzelt in deutschen Buchstaben auf die Vorderseite: 10 J. - Feindbeg. 10 Jahre das ist die Strafdauer, und Feindbegünstigung ist das Vergehen. Der Wachtmeister vergleicht jede Anschrift mit seiner Kartothek. Wenn Straftat und Strafdauer jedes einzelnen Empfängers herausgezogen sind, stellt der Grüne an Hand der Briefe eine Liste auf. Dann endlich ist es so weit Liste und Briefe kommen in einen Dienstumschlag, werden versiegelt und mir zur Zensur zugeschickt. - Daß die Liste mit der Angabe der Straftat und Strafdauer des Briefempfängers schon sehr bald unnötig wird, weiß niemand außer mir selbst. Vom ersten Tage an führe ich an Hand der Briefe eine Kartei über die Gefangenen. Später, als täglich neue Gefangenentransporte eintreffen, als die Gefangenen über alle Zuchthäuser und Läger Deutschlands verteilt werden, gewinnt diese Kartei eine jetzt noch ungeahnte Bedeutung. Ich behalte als einzige einen vollkommenen Überblick über den Verbleib der skandinavischen Zuchthausgefangenen. Ein siebzigjähriger Wachtmeister versieht die Briefkartei. Er war schon pensioniert; durch den Krieg und den Mangel an Personal ist er wieder eingestellt worden. Die Briefkartei ist der Inhalt seines Lebens. Der Sport seines Alters. Mit dem Blaustift bewaffnet, rechnet er von morgens bis abends Brieftermine aus. Zweiundvierzig Tage genau! Trifft ein Brief ein oder zwei Tage zu früh ein, händigt er ihn dem Gefangenen nicht aus. Das heißt: zwölf Wochen warten. Briefe, die vor Ablauf der Frist eintreffen, trägt er eigenhändig in die Zelle. ,, Wieder einer zu früh!", sagt er nörgelnd, schwenkt den Brief vor dem Gefangenen hin und her und läßt ihn einen kurzen Blick auf den Umschlag werfen. Dann humpelt er mit dem Brief davon. Ich lege mir ein Heft an. Nicht so, wie es der Amtsgerichtsrat vorgeschlagen hat! Für jeden Gefangenen trage ich fortan den Brieftermin ein. Kommt ein Brief zu früh, wie es bei den unsicheren Postverhältnissen immer häufiger der Fall wird, halte ich ihn so lange zurück, bis er fällig ist. 4. Advent 1942. Vor mir türmt sich die Gefangenenpost. Die Gefangenen haben schon am 1. Dezember geschrieben. Die Briefe sind aber in der Amtsstube des Zuchthauses liegengeblieben. Erst gestern habe ich sie bekommen. Dazu Hunderte von Briefen aus Dänemark und Norwegen. Weihnachtsbriefe! Tannenzweige liegen darin, bunte Bänder und Silberfäden der alte Wachtmeister wird sie sorgsam entfernen. Ich höre ihn schon brummen: Wozu überhaupt Weihnachten für diese Leute!" 11 - 27 Aber vielleicht gelingt es mir doch noch, daß die Briefe zum Heiligen Abend in die Zelle gelangen! Ich bündele sie zusammen und bringe sie in das Zuchthaus. ,, Sie meinen wohl, wir hätten hier nichts anderes zu tun, als den Gefangenen Weihnachtsüberraschungen zu bereiten!" fährt mich der siebzigjährige Grüne an, als ich ihm Vorstellungen mache. ,, Erstmal die Kartei " ,, Und wann händigen Sie die Briefe aus?" " , Vielleicht überhaupt nicht! Die in Norwegen glauben wohl, sie könnten zu Weihnachten Extrabriefe schreiben. Da haben sie sich aber geirrt. Die Kartei - Die Kartei! Ich warte nicht, bis er zu Ende gesprochen hat. Auf dem Gang treffe ich den Chef. Er scheint guter Stimmung zu sein. Sie Weihnachten in einer Zelle verbringen?" ,, Wollen ,, Halten Sie denn keine Weihnachtsfeier für die Gefangenen ab?"" Der Chef sieht mich befremdet an. ,, Weihnachtsfeier? Für Ihre Norweger nicht." ,, Und für die Deutschen?" ― - - ,, Findet sie statt im völkischen Sinn. Übrigens habe ich Ihnen denn das nicht seinerzeit gesagt?" Der Chef bittet mich in sein Zimmer. ,, Ganz besonders haben Sie in den Briefen auf Bibelstellen zu achten. Es dürfte Ihnen bekannt sein, daß sie zur Nachrichtenübermittlung dienen könnten - In der Vase auf dem Schreibtisch sind einige Tannen. Der Chef bricht sich ein Zweiglein davon ab, und während er mit den kurzen knochigen Fingern Nadel für Nadel aus dem braunen Gerippe zieht, erklärt er mir: ,, Also nehmen wir an, der Gefangene schreibt: Liebet Eure Feinde. Da wissen wir von vornherein, daß dies ein Versuch ist, irgendeine gefälschte Nachricht in die Heimat zu schmuggeln. Denn", so sagt er abschließend und wirft den abgerupften Tannenzweig in den Papierkorb ,,, warum sollte er wohl sonst so etwas schreiben! Oder glauben Sie etwa, daß der Gefangene uns liebt?" Behaglich reibt sich der Chef die Hände: ,, Das soll er auch gar nicht, mein liebes Fräulein. Also achten Sie auf die Bibelstellen." - ,, Aber die Gefangenen bekommen doch eine Bibel ausgehändigt?" ,, Nein. Nur das Neue Testament. Die Bibel ist Judenlektüre und ist nicht zulässig." ,, Und Seelsorge?" ,, Für die Ausländer nicht." ,, Auch keine Sterbesakramente?" ,, Warum wohl? Es stirbt sich ebenso rasch ohne Gott." Der Chef wird ungeduldig und sieht zur Tür. Ich stehe auf. 28 ,, Noch eins, Herr Regierungsrat! Die Angehörigen der Gefangenen schicken in ihren Briefen Zahnbürsten. Wäre es nicht möglich, diese zu Weihnachten auszuhändigen?" ,, Zahnbürsten? Wieso? In meiner Anstalt hat jeder Gefangene zehn Zahnbürsten!" - ?- ,, Aber doch! Zehn Finger! Ist das nicht genug?" Der Chef lacht und ist wieder bester Laune. ,, Frohes Fest! Lassen Sie sich viel schenken!" Freunde - - ,, Auch in diesem Jahr kam Euer Weihnachtsbrief zu spät!" lese ich. nach Neujahr in den Gefangenenbriefen. Kaum brauche ich noch auf den Absender zu sehen. Ich kenne jede Schrift und versuche, mir ein Bild zu formen von dem Menschen, der sich hinter der Schrift verbirgt. Vielleicht werde ich nie erfahren, wie er in Wirklichkeit aussieht. Denn wie wäre es wohl möglich, daß ich als Frau mit den Gefangenen in persönliche Verbindung kommen könnte? Trotzdem habe ich von jedem meiner so nenne ich sie bereits im stillen eine genaue Vorstellung. Dies zum Beispiel ist Björns Schrift. Sie ist steil. Er muß noch sehr jung sein. Die Buchstaben legen sich ungelenk über das Papier: ,, Diesmal. gab's nicht einmal Erbsensuppe wie im vorigen Jahr. Heiligabend war wie jeder gewöhnliche Alltag. Dann aber kam Altjahrabend. Ich stieg auf den Schemel, nahm das alte Jahr und warf es zum Fenster hinaus. Ein verlorenes Jahr" Im nächsten Satz tanzen die Buchstaben wie ungeduldige Kinder über die Linien: ,, 1943 bringt die Freiheit, Mama! Ich glaube fest. daran." In meiner Kartei steht es anders. Björn ist zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Feindbegünstigung. Hinter dieser Begründung verbirgt sich die Geschichte aller Freiheits-kämpfer: Wird ein norwegisches Schiff nicht in den Hafen zurückbeordert, wenn der Feind im Land ist; versucht man, nach England zu fliehen, um an der Seite der Freunde zu kämpfen; ist Juden zur Flucht verholfen worden, um sie vor dem Zugriff der Gestapo zu retten, oder hat ein mutiger Pfarrer von der Kanzel herunter eine Predigt gehalten über das Wort: Gott gab. uns nicht den Geist der Furcht Feindbegünstigung. 12 Jahre. - - Die deutsche Justiz hat jedes Maß verloren. Sie rechnet nur noch in Zehnern. Ein kurzer Überschlag über die Streifen in meiner Kartei enthält mehrere Jahrtausende Zuchthaus! - sie ,, Lebenslänglich. Verbrechen gegen V. O." Wie oft lese ich in den Listen diesen Vermerk neben den Namen neueingelieferter Gefangener. Ich bekomme die Anweisung: V.O.- Leute sind besonders scharf zu über-wachen!" Was bedeutet V.O.? Die Erfahrungen der wenigen Monate, in denen. ich bis jetzt für das Zuchthaus gearbeitet habe, genügen nicht, um alle Abkürzungen zu verstehen. Es dauert geraume Zeit, ehe ich weiß, daß V.O. Verbrechen gegen Volksschädlingsverordnung heißt. 29 30 30 Frederik Ramm. Strafzeit: Lebenslänglich. Straftat: Verbrechen gegen V.O. So die Liste. Es ist nichts Ungewöhnliches. Wohl aber, daß ein ,, Volksschädling" jeden seiner Briefe unterzeichnet mit: ,, Dein glücklicher, freier und dankbarer Frederik". Solche Worte in einem Gefangenenbrief sind erstaunlich. Welch ein Mann muß dieser ,, Volksschädling" sein? Ich lese die Briefe genau. Nicht, um die von mir erwarteten Spitzeldienste zu versehen! Wenig weiß ich darüber, wie sich das Leben eines Zuchthausgefangenen abspielt. Doch bald schon kenne ich die Wirkung, die dies Leben hinter den Mauern auf die Gefangenen übt. ,, Was soll ich Dir schreiben? Wir warten lese ich diese Worte in Gefangenenbriefen. - warten - Wie oft Wie kann ich ihnen helfen? Dafür sorgen, daß die Briefe nicht vorzeitig dem alten Wachtmeister in die Hände fallen? Gelegentlich einen Brief als Geschäftsbrief bezeichnen, damit er auch außerhalb des Termins ausgehändigt wird? Ach, das sind alles nur Tropfen! Gewiß, meine Freunde brauchen nicht mehr zu befürchten, daß sie oder ihre Angehörigen bei der Gestapo auffallen. Doch wie kann ich ihnen spürbare Hilfe bringen? Die Zuchthausmauer scheint unüberwindlich zu sein. Da geschieht das Unmögliche, das nie Erwartete. Wieder sitze ich in einem Amtszimmer. Der Chef des Zuchthauses sagt: ,, Der norwegische Seemannspfarrer, der in Hamburg die Belange der norwegischen Seemannsmission vertritt, hat beantragt, die hier einsitzenden Gefangenen seines Landes zu besuchen. Das Justizministerium trägt keine Bedenken, falls die Anstalt in der Lage ist, die Überwachung scharf genug durchzuführen." Der Atem stockt mir vor Freude! Ich werde die Gefangenen sehen. Hunderte von Möglichkeiten, ihnen zu helfen, tauchen vor mir auf. Aber Vorsicht! Keine Miene verziehen! ,, Dürfen die Gefangenen denn Besuch bekommen?" ,, Alle vier Monate." ,, Auch von einem Pfarrer?" Ich versuche, der Stimme einen mißbilligenden Tonfall zu geben. - Pfaffen geDer Chef sieht mich wohlwollend an. ,, Sie haben ganz recht, so zu fragen. Sie scheinen der gleichen Meinung zu sein wie ich hören nicht in die Anstalt." Und beinahe entschuldigend fügt er hinzu: ,, Das Justizministerium hat dazu auch nur Genehmigung erteilt, weil die Angehörigen der Skandinavier keine Möglichkeit haben zum Besuch. Der Pfarrer ist also nur als ihr Vertreter zugelassen. Seelsorge ist ihm strengstens untersagt." Der Chef unterbricht sich und fragt: ,, Übrigens Sie ihn?" - kennen ", S 1, Ft g S r r n e g 1. er - ,, Nein, ich habe keinerlei Verbindung zu der hier ansässigen skandinavischen Kolonie." Der Chef nickt zufrieden.' ,, Das ist gut so. Ich glaube, daß niemand geeigneter ist als Sie! Ich habe Sie daher dem Justizministerium zur Überwachung der Besuche vorgeschlagen" Er macht eine Pause, in der er mich forschend ansieht: ,, Ich weiß, Sie wollen wieder dieselbe Forderung stellen wie damals bei der Briefüberwachung. Selbständige Arbeit. Gut! Ich vertraue Ihnen. Sie werden die Überwachung selbständig überohne Wachtmeister. Die Unterhaltung kann norwegisch vor sich nehmen gehen." - Irgendwie schäme ich mich in diesem Augenblick über dies mir unerklärlich große Vertrauen. Ich halte dem Blick des Chefs nicht stand. Aber dann sitze ich wieder sehr gerade, als ich ihn weitersprechen höre: ,, Liefern Sie mir Berichte, wenn die Gefangenen irgend etwas äußern sollten, das auf ihre politisch gegnerische Haltung schließen läßt. Überhaupt in dieser Hinsicht! Vielleicht wäre da noch manches, was Sie ermitteln könnten" Der Chef macht eine Handbewegung, als wollte er sagen: ,, Nun, Sie wissen wohl, was ich meine?" ,, Ich kann Ihnen nichts versprechen antworte ich unbestimmt. ,, Gut", sagt der Chef. ,, Ich überlasse es Ihnen. Aber auf eines mache ich Sie ausdrücklich aufmerksam: In keinem Fall darf der Pfarrer Seelsorge treiben. Sie bürgen mir dafür. Also?" Ich schweige und denke: Vor allem keine freudige Zusage! Nach einigem Zögern antworte ich: ,, Ich habe nur wenig Zeit. Ich muß es mir noch einmal überlegen. In einigen Tagen gebe ich Bescheid." Mein Zögern scheint dem Chef endgültig zu überzeugen, daß nur ich imstande sein werde, die Überwachung scharf genug durchzuführen. ,, Sie wundern sich vielleicht, daß wir eine Frau mit dieser Aufgabe betrauen?" meint er. ,, Im Frieden wäre dies allerdings unmöglich gewesen. Aber es sind eben Kriegszeiten!" Er streicht ein Stäubchen von der blanken Schreibtischfläche. ,, Sie brauchen übrigens keine Angst zu haben vor den Gefangenen", sagt er im überredenden Ton. ,, Auf den Gängen sind genug Wachtmeister, wie Sie wissen. Sie können eine Glocke mit hereinnehmen sollte irgend etwas sein, brauchen Sie nur zu läuten, und dann ,, Danke, Herr Regierungsrat!" Ich stehe auf. ,, Ich glaube, ich werde auch ohne, Glocke fertig!" - " cu e- 1: te er J- en Erst jetzt beginnt die Arbeit in ihrem vollen Umfang. Anfangs nur in Hamburg- Fuhlsbüttel. Doch schon wenige Monate später sitzen der Pfarrer und ich im Zug. Nach einem Jahr wird mir auch die Besuchsüberwachung der Dänen übertragen. Im Laufe der Zeit verschaffen wir uns Zutritt zu allen Zuchthäusern und Gefängnissen, in denen norwegische und dänische Gefangene sind. 31 Wie wir wissen, wo sie sind? Nicht umsonst lese ich die Briefe der Gefangenen so genau. - Meine Kartothek wächst von Monat zu Monat an. Wieder ein neuer Name. Wieder ein neues Zuchthaus. Waldheim wo liegt es? Ein Blick auf die Karte. Griebo? An den Zuchthäusern lerne ich deutsche Geographie. Es gibt viele Anstalten im Reich: Bautzen, Halle, Coswig, Cottbus, Frankfurt, Bützow und Rendsburg! Zuchthaus ist Zuchthaus. Nur die Züge wechseln. In dieser Woche geht es nach Süden, in der nächsten nach Norden. Mit Kleinbahnen geht es in die Außenkommandos. Fußmärsche führen uns in einsame Moore, wo uns Wolfshunde entgegenbellen, in Rüstungsfabriken, wo die Motore donnern. we Vo we im der ich su Es ist der erste warme Frühlingstag, als der norwegische Pfarrer und ich zum erstenmal vor dem eisernen Tor des Zuchthauses Fuhlsbüttel stehen. Das Grün der Bäume ist hell und zart. Ich klingele. Die Klappe geht auf, und eine mürrische Stimme fragt: ,, Sie wünschen?" ,, Besuch für die Strafgefangenen vom norwegischen Pfarrer und der Dolmetscherin." Zwei Ausweise werden durch die Klappe gereicht: ein norwegischer Paẞ und ein grüner Polizeiausweis. zun fra bes ber all Un Die Schlüssel rasseln. Das schwere Tor öffnet sich langsam. Endlich! ,, Heil Hitler!" ,, Heil Hitler!" ein ,, Zum erstenmal?" fragt der Wachtmeister, der uns über einen weiten Platz führt. mü ein ,, Zu Besuch." - Wa Pla ,, Ja, ja herein kommt man leicht. Aber heraus? Die Mauern sind hoch, und die Hoffnung bleibt draußen." Der Wachtmeister zieht den Schlüssel. 4 Wir stehen vor dem Hauptgebäude, vor einer vergitterten Tür. Der lange Schlüssel fährt ins Schloß. Wir sind im Vorderbau. Hier liegt die Verwaltung. Und hier ist auch das Warte- und Besuchszimmer. - hinten Am Ende des hohen, schmalen Ganges ist eine dritte Tür: die eiserne Wand zwischen ,, vorn" und ,, hinten"! Vorne haben sie Schlüssel gelbe Streifen. Die dritte Tür ist der Eingang zum ,, Stern",- einer Wachzentrale mit Scheinwerfern nach allen Seiten, Gänge und Brücken verlaufen sternförmig in alle Richtungen. Von der Wachźentrale übersieht man den Stern mit einem Blick. Schmale, eiserne Treppen verbinden Stockwerk auf Stockwerk, oft vier bis sechs übereinander. Zelle reiht sich an Zelle.. Gemeinschafts- und Einzelzellen, Eisentür neben Eisentür. In jeder Tür ist ein ,, Auge", ein kleines Glasguckloch mit einer Klappe darüber, gerade groß genug, um beobachten zu können, was in der Zelle vor sich geht. 32 32 Ve Zus Kö Die Bea ang ziel Bes bar wa Kon 3 H hu TE AERR zur 2d „Gehen Sie ins Wartezimmer“, sagt der Wachtmeister.„Ich werde An- weisung geben, daß das Besuchszimmer aufgeschlossen wird.“ Wir setzen uns auf eine Holzbank, das einzige Inventar dieses Zimmers. „Wie kalt es hier ist!’— Das ist mein erster Eindruck vom’ Zuchthaus. ‚ Wie viele haben wohl schon auf dieser Holzbank gesessen, das Herz voller Hoffnung auf ein kurzes Wiedersehen. Aber der Wachtmeister. weiß es besser:„Die Hoffnung bleibt draußen.”— Die Luft ist dumpfig im Raum. Sind es die geschlossenen Fenster, oder ist es die Atmosphäre der grauen Schwere? Mir wird beklommen zu Mute. Unwillkürlich senke ich die Stimme, als ich den Pfarrer frage:„Für wen haben Sie einen Be- „such beantragt?” Er gibt mir einen Zettel mit einigen Namen.„Wie seltsam!” sage ich zum Pfarrer.„Ich hatte mir vorgenommen, Sie nach Frederik Ramm zu fragen. Und da.lese ich auch schon seinen Namen auf dieser Liste.“ Der Pfarrer lächelt.„Jeder einzelne Name auf dem Zettel hat seine besondere Geschichte.” i „Kennen Sie denn die Gefangenen bereits?‘ „Nein, nur die wenigsten. Trotzdem weiß ich viel von ihnen. Zwar berichten die Zeitungen nichts, aber——— wir in Norwegen wissen doch älle um sie!“ In Gedanken sehe ich wieder Briefe vor mir, die immer die gleiche’ Unterschrift tragen:„Dein glücklicher, freier und dankbarer Frederik“. „Sagen Sie mir— wer ist Frederik Ramm?" Die Tür öffnet sich. Die Unterhaltung bricht ab. Ein Grüner kommt her- ein. Er spricht mit schnarrender Stimme, als mache er eine Meldung:„Sie müssen noch warten. each Rabbeler will Sie sprechen. In einigen Minuten kommt er.’ Wir warten jetzt schweigend. Ich sehe mich im Zimmer um. An der Wand hängt ein Führerbild, gegenüber ein Bild von Himmler. Daneben Plakate, gesperrt gedruckte deutsche Buchstaben, Vorschriften über ‚das Verhalten bei Gefangenenbesuchen: ö Kinder unter sechzehn Jahren haben keine Besuchserlaubnis.— Das Zustecken von Lebensmitteln’ oder Rauchwaren ist strengstens untersagt.— Körperliche Berührung mit dem Sträfgefangenen hat nicht stattzufinden.— Die Besuche werden nach einer Viertelstunde von dem aufsichtsführenden Beamten abgebrochen.— Die Unterhaltung hat sich nur auf Familien- angelegenheiten und das spätere-Fortkommen des Gefangenen zu be- ziehen.— Jede Übertretung der Vorschriften hat sofortigen Abbruch des Besuches und evtl. Bestrafung zur Folge. Verfügungen, Verfügungen! Wieder öffnet sich die Tür. Das erste, was ich sehe, sind ein Schnauz- bart und mächtige Schultern, auf den Achselklappen zwei Sterne. Haupt- wachtmeister Rabbeler winkt mich hinaus;„Auf einen Augenblick, bitte. Kommen Sie‘ in das Geschäftszimmer.” Der Schnauzbart wippt in Richtung 3 Halt Wacht im Dunkel 33 RER ACH Bi N 4 5 :B er, = \ \ , N - Hauptdes Wartezimmers, wo der Pfarrer zurückgeblieben ist. ,, Er" wachtmeister Rabbeler sieht mich bedeutungsvoll an ,,, soll es nicht hören." Wir sind allein. Trotzdem senkt Rabbeler die Stimme, als er sagt: seien ,, Lassen Sie sie nur das Notwendigste sprechen. Und vor allem Sie freundlich zu ihnen. So können sie am meisten aus ihnen herausbe" kommen und ,, Meine Anweisungen erhalte ich vom Chef!" Rabbeler lenkt ein. ,, Haben Sie eine Uhr? Oder soll ich Ihnen Bescheid sagen, wenn die Viertelstunde herum ist?" ,, Auch das ist nicht notwendig. Der Chef überläßt es mir, die Besuche zu beenden, wenn ich es für richtig halte." ,, Aber die Verfügungen einmal. die sch seh an -" versucht der Hauptwachtmeister noch hin die sie do ka sch ,, Stehen im Wartezimmer an der Wand, ich weiß", winke ich ab. Ich gebe ihm den Zettel mit den Namen. ,, Lassen Sie immer zwei Gefangene zur Zeit holen!" Hauptwachtmeister Rabbeler hält die Hand ans Ohr, als habe er nicht richtig verstanden: ,, Wie bitte? Sie glauben wohl, wir wären nur für Ich stelle Ihnen die Kerle auf - - die Gefangenen da. Heute ist Sonntag. den Gang. Dann können Sie sie sich nacheinander hereinholen. Nach dem Besuch stellen Sie sie wieder dorthin. Ich lasse sie dann heute abend abholen." Das bedeutet stundenlanges Stehen. Aber Rabbeler meint: ,, Umfallen? Bei uns hat jeder so lange zu stehen, wie wir es für richtig halten." Er ruft einen Oberwachtmeister heran, gibt ihm mit königlicher Miene den Zettel und sagt: ,, Du, Heinrich, lang mir die mal eben raus!" Dann zieht er sich gähnend zurück. Ich bleibe auf dem Gang stehen. Es ist Totenstille. Gespannt sehe ich zur Tür am Ende des Ganges. Es ist doch das erstemal! Werden die Gefangenen mir gegenüber mißtrauisch sein? Wie kann ich ihr Vertrauen gewinnen? Durch Freundlichkeit? Sie werden sie nur als eine der ihnen zur Genüge bekannten Gestapo methoden werten. Angst überflutet mich, Angst vor der eigenen Unternehmung, Angst vor dem Mißtrauen der Gefangenen. Angst vor der Gestapo. Wieder sehe ich die gesperrt gedruckten deutschen Buchstaben vor mir. Verfügungen, Verfügungen! Wann wird es bemerkt werden, daß ich die Verfügungen nicht einhalte? Und wie könnte ich sie einhalten, wenn ich den Gefangenen Hilfe bringen will? - Ich warte noch auf dem Gang. Ich wende mich um. Ich sehe zurück zum Eingang. Noch kann ich fort, noch ist Zeit, diese Arbeit niederzulegen. Da höre ich, wie eine Tür aufgeschlossen wird. Eine fluchende Beamtenstimme, Holzpantinengeklapper. Durch das vergitterte Glas der Eingangstür schimmert ein Eckchen des zartblauen Frühlingshimmels. Ich drehe mich um und gehe den Gefangenen entgegen. 34 ren Fra er Do Lä sic ihn all zus Ein Ne lich Au zu ber übe bef 3* t- t: en e- id ne ch ch ne cht Für uf em nd en? ene nn ich Geen men ch, Gegeann wie ick derCenngsehe ,, Halt!" ruft der Beamte. In drei Meter Abstand voneinander stellen sich die Gefangenen auf. ,, Frederik Ramm! Björn Simonäss!' Ihr Anzug ist zerlumpt. Die gelben Streifen sind schmutziggrau. Um die Füße haben sie sich einige Lappen gewickelt. Die Holzpantinen schlenkern. Rabbeler tritt aus dem Geschäftszimmer und sagt miẞbilligend: ,, Wie seht Ihr denn schon wieder aus. Sehen Sie sich bloß mal das Lumpenzeug an!" Er starrt den Gefangenen ins Gesicht. Frederik und Björn folgen mir ins Besuchszimmer. Die Tür schließt sich hinter uns. Noch eben war der Blick glanzlos und müde. Nun leuchten die Augen auf, als der Pfarrer Frederik und Björn die Hand schüttelt und sie in ihrer Muttersprache anspricht. Dann aber sehen sie sich um. Nein, kein Grüner ist im Zimmer. Und doch ist jemand zuviel da. Ein rascher Blick streift mich. Mir gegenüber sitzt Björn, lang aufgeschossen und sehr bleich. Er kann noch keine zwanzig sein. Ein Zug um den Mund verrät, daß er zu schweigen versteht. Die Augen aber sprechen ihre eigene Sprache. Während sie mich ernst ansehen, scheinen sie zu sagen: ,, Wie kann sich eine Frau zu solch einem Spitzelposten hergeben!" Seit fast zwei Jahren ist Björn im Zuchthaus. Kurz vor dem Abitur ist er verhaftet worden. ,, Wie geht es dir, Björn?" - Der Pfarrer sieht ihn heute zum erstenmal. Doch es ist, als ob sich alte Freunde nach langer Zeit wiedersehen. ,, Danke gut!" Für einen kurzen Augenblick geht ein schwaches Lächeln über Björns Gesicht. Dann erstarrt es, und er sieht stumm vor sich hin. ,, Wohnst Du mit guten Kameraden zusammen?" ,, Ich wohne und arbeite auf einer Zelle allein." Nur zögernd, als falle ihm das Sprechen schwer, fährt er fort: ,, Ich bin schon lange allein Eine Zeitlang war Björn in einem Außenkommando. In einer Baracke zusammen mit vierzig anderen Kameraden. Sie hatten Arbeit im Freien. Eines Tages versuchte Björn zu fliehen. Nach Haus? Nach Norwegen? Nein! Zurück in die Anstalt. Zurück hinter die Mauern. Ein ungewöhnlicher Fluchtversuch. Björn wußte, warum er es tat; die Zustände im Außenkommando waren unerträglich. ,, Ich werde versuchen, euch Hilfe zu bringen", sagte Björn zu den Kameraden. ,, Ich will dem Anstaltsleiter berichten, wie es hier zugeht." Die Antwort des Chefs: ,, Sechs Monate Einzelhaft." Schon zwei Monate über die Zeit sitzt Björn allein. Um die Klappe über dem ,, Auge" ist eine Schnur gewickelt. Ein großes Schild ist daran befestigt: Ausreiẞer! 3* 35 “In der Einzelzelle sind die Tage lang. Die Luft ist leimig und voller Staub. Die Pritsche ist hochgeklappt und mit einer Kette an die Wand gehakt. Wehe, wenn Björn sie tagsüber herunterlassen würde! Das„Auge“ sieht alles. ER Auf einem Holzschemel sitzt Björn, umgeben von Stapeln von Papier. Er klebt Tüten, das Mindestpensum— elfhundert täglich. Mechanisch grei- fen die Hände den Bogen, falten ihn und falzen den Rand. Ein Holz- stückchen wird in den Leimtopf getunkt. Das Holzstückchen streicht über das untere Ende des Bogens. Knicken, falten, pressen: eine Tüte ist fertig. Ein neuer Bogen. Die Hände falten, falzen und leimen—. a Minuten werden zu Ewigkeiten, Ewigkeiten vergehen‘wie Minuten. Tüte auf Tüte entsteht. Die Hände sind leimverklebt. Die Gedanken machen eine weite Reise———! Wann kam der letzte Brief? Vor drei Wochen, oder war es erst gestern? Wie geht es zu Hause— in Bergen? Bergen! Vor Björn taucht die Heimatstadt auf, so, wie er sie zum letztenmal gesehen hat, als das Schiff langsam dem Fjord entglitt.— Sie stehen an der Reeling, Björn und die Kameraden. Der Morgen graut. Noch schläft die Stadt. Hinter den Felsen aber— in weiter Ferne— sehen sie schon den ersten roten Schein'der Sonne..Möwen umkreisen das Schiff. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen gehen die Wachtposten auf und ab. Björn aber achtet nicht der schweren Soldatenstiefel. Denn nun umrahmt ein goldener Schimmer die Wolken. Silbrig glänzen die Felsen auf. Das . Grau des Himmels wird licht, wandelt sich bis zum reinsten Blau. Und unmerklich ist das Schiff weitergeglitten. Die Uhr des Kirchturms schlägt. Zehnmal. Björn fährt auf. Hat er ge-, schlafen? Nein, der Kasten ist voller Tüten; es war nur der Wachtraum eines Gefangenen., Vor drei Stunden gab es noch zwei Schnitten Brot. Noch zwei Stunden“ ‚ warten. Ist die Waschschüssel sauber? Björn geht an das Spind. Einige Zellen weiter hört er die Flüche eines Grünen. Schon wieder Inspektion? Sie war doch erst vorige Woche. Björn nimmt einen‘Bogen Papier, knüllt ihn zusammen und reibt die Emailleschüssel so lange, bis sich auch in den ausgeschlagenen Kanten kein Stäubchen mehr verkrochen haben kann. - Wie kalt es ist! Die, Finger sind steif. Es ist doch schon Frühling. Aber noch ist die Sonne zu kraftlos, um die dicke Mauer durchdringen zu können. Björn nimmt einen zweiten Bogen. Er reißt ihn in kleine Stücke und umwickelt die Gelenke. Das gibt etwas Wärme. Da blinkt es an der Tür. Die Klappe!„Das Auge” sieht alles. Krachend‘ fährt ein Schlüssel ins Schloß. Blitzschnell zieht Björn die Ärmel herunter, doch schon fliegt die Tür auf. Björn steht stramm, Hände an die Hosennaht. Ein Hilfswachtmeister stürzt herein.„Her mit dem Arm!“ brüllt er. „Glaubst du, ich hätte es nicht gesehen? Ihr lumpigen Ausländer wollt sie ko: vie vo ze Bj all kl Sc Ri .. ge au GE er ge d J. st m e ch ie ff. b. nt as e- m en ge n? llt en ber zu ke nd er, ht. er. ollt uns noch unser letztes Material wegnehmen!" Er reißt das Papier von Björns Gelenken, er fetzt es in kleine Stücke. ,, Heute keine Freistunde! Außerdem 1200 Papiertüten." - Keine Angst! Björn wird 1200 Papiertüten kleben. Nicht, weil er den Grünen fürchtet. Aber Björn hat Hunger. In zwei Stunden gibt es einen Liter Suppe, und abends gibt es zwei Schnitten Brot. Björn weiß, was auf Nichterfüllung des Pensums steht. Essensentzug! Wieder arbeiten die Hände emsig. Ob Mama noch die Blaubeeren aufbewahrt hat? Vorigen Winter schrieb sie ihm, sie hätte ein Glas beiseitegestellt. ,, Das machen wir auf, wenn du kommst." Dazu müßte es Pfannkuchen geben, mit drei Eiern daran. Nein, vier! und Sahne und weißes Mehl -- Schwere Schritte auf dem Gang, Geklapper von Essensschalen. Die Tür geht auf. Die Waschschüssel steht schon bereit. Björn reicht sie hin. Die Waschschüssel ist gleichzeitig Eßschüssel! Ein dicker Mann mit weißer Jacke nimmt Björn die Schüssel ab. Kein Kellner, ein Gefangener. Auch ein Zuchthaus hat Bonzen. Sie heißen Kalfaktor. Meistens werden Kriminelle zu diesem Amt ausersehen, denn politische Strafgefangene sind die Schwerverbrecher des Dritten Reiches. Nur ungern wird ihnen eine Vergünstigung gewährt. Der Kalfaktor ist gleich nach dem Wachtmeister der mächtigste Mann im Zuchthaus. Sein Zepter ist die Kelle. Geht sie tief hinunter in den Eimer, dann hält ein Freund ihm die Waschschüssel hin, denn unten liegt das Dicke: die wenigen Kartoffeln. Doch Björns Kopf senkt sich nicht tief, als die Augen der Kelle folgen. Nur ein paar Kohlblätter schwimmen in der Schüssel. Und viel Wasser. Vorsichtig halten, damit nichts überschwappt! Der Riegel knarrt wieder vor. Björn setzt sich auf den Schemel und hört, wie es in der Nachbarzelle rege wird. Zwei Zellen weiter wohnt ein Freund des Kalfaktors. Björn spürt es förmlich, wie sich die Kelle bis tief auf den Grund senkt, wie sie dann noch einmal gegen den Rand des Eimers gestützt wird, damit alles Wasser abfließen kann. Björn löffelt die Suppe. Ab und zu umschließt er mit den vor Kälte klammen Händen die Schüssel. Sie ist nur lauwarm. Zu Hause sitzen sie auch beim Essen. Die Eltern und Lillemor, seine Schwester. Nur sein Platz ist leer. Die Waschschüssel ist schon wieder im Spind. Björn sitzt mit dem Rücken zum ,, Auge". Über einen Bogen Papier gebeugt, zwischen den Fingern einen Bleistiftstummel. Woher? Ein Zuchthaus hat viele Kanäle, wenn auch die Zellentüren dreifach verschlossen sind. Vorige Woche war der ,, Barbier" da, um wie jeden Monat den Kopf kahlzuscheren. Vielleicht hat er den Stummel mitgebracht? Erst in vierzehn Tagen darf Björn nach Hause schreiben. Aber mit ungelenken Buchstaben kritzelt er schon heute: ,, Liebe Mama! Ich fange 37 einen Brief für Dich an, um Dir zu sagen, daß es mir gut geht. Was soll ich Dir schreiben? Ein Tag vergeht wie der andere - Björn sieht auf und überlegt einen Augenblick. Dann streicht er den eben begonnenen letzten Satz sorgfältig wieder durch und schreibt stattdessen: ,, Mach Dir keine Sorgen um mich, Mama!" Eine Glocke klingelt, langgezogen und dünn. So, läuteten Glocken seit altersher in Klöstern. Der Bleistiftstummel verschwindet in einer aufgezupften Naht der zerschlissenen Jacke. Ein letzter Blick auf den Briefentwurf. ,, Mach Dir keine Sorgen um mich, Mama!" Das Zettelchen verschwindet unter dem Stoß Papier. Die Hände greifen einen Bogen Die Hände falten, falzen und leimen. - keine Ist die gebeugte Gestalt, die auf dem Schemel hockt, ein neunzehnjähriger Junge? Oder ein alter Mann? Die Augen starren ins Leere; die Hände tun ihre Arbeit. Das ,, Auge" braucht nicht zu wachen. Wie die Stunden dahinrinnen, scheint alles Leben aus der Zelle zu weichen. Nachmittagsstille liegt über dem Zuchthaus. Nichts rührt sich auf dem Gang. Björn lugt nach dem Auge". Die Klappe liegt darüber Gefahr im Verzug! Unter dem Stoß Papier kommt ein Buch zum Vorschein. Einmal die Woche erhalten sie ein Buch aus der Bibliothek des Zuchthauses. Diesmal sind es Bauwerke des Mittelalters. Björn betrachtet lange Zeit einen gotischen Turm. Dann greift die Hand in die Naht der Jacke. Nur rasch eine Zeichnung! Eine norwegische Blockhütte entsteht. Wenn ich nur erst Architekt wäre! Die Hände falten, falzen und leimen. In der Zelle nebenan wird gesungen. Ein altes norwegisches Lied, das sang Lillemor auch. Ob sie wohl' in der Schauspielschule angenommen wird? ,, Morgen soll ich vorsprechen“, schreibt sie im letzten Brief. Sie weiß gut zu erzählen. Lillemor! Tausenderlei Sachen erlebt sie am Tag. Sie hat viele Freunde und Freundinnen. Mit rundgeschwungenen Buchstaben kritzelt sie an den Rand des Briefes an Björn: ,, Heute bin ich eingeladen. Morgen gehe ich ins Theater. Ich weiß nicht, wo die Zeit bleibt so viel habe ich vor!" - Wie still es ist! Wie viele Tage sind vergangen, seitdem ich zum Mama Lilleletzenmal gesprochen habe? Ich bin allein. Bergen Farben Leben hat es das wirklich alles einmal gegeben? Oder habe ich es nur in langen, dunklen Nächten geträumt? Nur diese Zelle, die weißgekalkten Wände und die Gittergardinen sind Wirklichkeit. mor - - - Die Arbeit ruht. Das Stückchen Holz klebt im Leimtopf fest. Björn schließt die Augen und verbirgt das Gesicht in den Händen. Er versucht, die Zelle und die sich vorzustellen, daß das alles nur ein Albtraum seiewig gleichen vier Wände. - Nein, nein! Die Eisenstangen vorm Fenster sind noch ebenso dick wie vorher. Sie lassen ein müdes, weißes Licht durch die vier winzigen Scheiben. 38 tur ist es lieg kan des Läc Kan beg um. Ob Der viel We Wa dün in bod Hol kom Abe Läc eini legt das Kei e e It Ι r S n e J. コー 2- it m e- er e n t, ie ie n. Es muß schon spät am Nachmittag sein. Björn hat die Uhr des Kirchturms nicht schlagen hören. Doch vor ihm liegt ein Berg von Tüten. Das ist seine Uhr - tagaus, tagein. Warum steigst du auf den Schemel, Björn? Weißt du denn nicht, daß es Arrest kostet, aus dem Fenster zu sehen? - Nur einen Augenblick nur eine halbe Minute! Die Mauer gegenüber liegt im Sonnenschein. Nur das will ich sehen. Ein wenig Sonne! Zu mir kann sie nicht kommen. Meine Zelle liegt im Schatten eines der Flügel des ,, Sterns". Beeile dich, Björn! Noch zweihundert Tüten. Wenn ich sterbe, kann es nicht stiller sein! Ich bin allein. Klopft es da nicht leise gegen die Wand? Über Björns Gesicht geht ein Lächeln, wie ein letzter Abglanz der auf der Mauer liegenden Sonne. Ja, Kamerad! Das ist unsere Sprache. Wir sind nicht allein! Das Gespräch beginnt. Während die Antwort kommt, greifen die Hände Bogen für Bogen. ,, Warum warst du nicht in der Freistunde?" ,, Strafe! Gab's etwas Neues?" - ,, Fünf Kameraden gestern von Norwegen angekommen." ,, Was sagen sie? Wie lange noch?" ,, Ein paar Monate höchstens." Schritte auf dem Gang. Das Klopfen verstummt. Björn sieht sich nicht um. Er fühlt das ,, Auge" auch im Rücken. Noch hundert Tüten. Um sechs gibt es Brot. In einer Stunde. Brot! Ob ich wohl heute eine Kante bekomme? Oder wird es nur die Schnitte? Der Freund vom Kalfaktor bekam gestern zwei Kanten. Wie gut Brot ist, viel besser als Kuchen. Zu Hause hat Mama jeden Sonnabend gebacken. Wenn der Kuchen noch im Ofen stand, wartete ich schon in der Küche. Warm schmeckt er am besten! Neunundneunzig. Hundert. Zwölf Kästen sind voll. Kurz darauf der dünne Ton der Glocke. Björn packt zusammen. Es ist schon halbdunkel in der Zelle, noch geht das Licht nicht an. Björn hockt sich auf den Schemel und zieht die Beine hoch. Vom Steinboden kriecht die Kälte herauf. Er vergräbt die Hände tief in die Ärmel. Holzpantinengeklapper auf dem Gang: Kameraden, die vom Außenkommando zurückkehren. Vor der Zellentür ein lautes Husten. Guten Abend, Kamerad! Der tägliche Gruß. Es ist Christian. Ein schwaches Lächeln geht über Björns Gesicht. - Türen werden geöffnet und fallen krachend ins Schloß. Nur noch einige Minuten, gleich gibt es Brot. Björn wartet mit dem Blick zur Tür. Es wird kein Kanten! Doch Björn bricht die Rinden sorgfältig ab und legt sie beiseite. Erst dann kaut er langsam das Brot. Schwach flackert das Licht auf. Björn heftet das schwarze Papier vors Fenster. Verdunkelung! Kein Lichtspalt darf von außen zu sehen sein. 39. 39 Die Tür geht auf.„Wieviel Tüten?” „Zwölfhundert.' ‚ „Dein Glück!" brummt‘der Grüne und nimmt die Kästen entgegen. Björn geht auf und ab, um warm zu werden. Sieben Schritte zur Tür und sieben Schritte Zurück zum Fenster. Keine Freiübungen.«Auch Neun- zehnjährige müssen im Zuchthaus mit ihren Kräften haushalten. Noch einmal ein langgezogener, dünner Ton. Es ist halb acht. Björn macht die Kette los. Das Klappbett geht herunter. Das Licht verlischt. Unter der dünnen. Wolldecke kauert er sich frierend zusammen. Bald ist Sommer, denkt Björn. Er betet das Vaterunser; er murmeit halblaut: „Unser täglich Brot gib uns heute.”- Er starrt ins Dunkel. Auf dem Gang hört er Stimmen.„Warte auf mich. Ich komme gleich mit. hinaus!” Schwere Schritte. Sie verhallen. Björn macht die Augen zu und schluckt. Dann.dreht er sich etwas zur Seite. Die Hand tastet nach dem Spind. Die beiden Rinden! Er ißt sie und denkt an Mama.. Vor langer, langer Zeit kam sie zu ihm ans Bett. Es war ebenso dunkel wie jetzt.„Schläfst du schon, Björn?“ fragte sie. Er gab keine Antwort, denn er mußte den Mund weit offen halten, damit das Stückchen Schoko- lade den Weg nur ja nicht verfehlte.——— „Und seit wann bist du in Einzelhaft, Frederik?" „Ebensolange wie Björn.”:\ Frederik ist schon über fünfzig. Als wir mit ihm sprechen, habe ich das Gefühl,.daß nicht wir ihn besuchen, sondern daß er unseren Besuch empfängt. Nach zweijähriger Gefangenschaft ist er ungebrochen. Im Leben da draußen hat er einmal: an führender Stelle gestanden. Während er dem Pfarrer Briefe an Freunde diktiert, vergesse ich das trübe Besuchszimmer——— 1929— Frederik Ramm begleitet als einziger Journalist Amundsen auf seiner Nordpolexpedition. Sie überfliegen: Schnee und Eis. Ewige Kälte. Sie landen wohlbehalten in Alaska. 1935— Frederik spricht in Oslo zu Tausenden:„Soziale, wirtschaftliche und politische Probleme gefährden den ‚Frieden der Welt. Sie sind nur noch zu lösen, wenn sich die Völker die Hand reichen. Laßt uns einander helfen! Rettet den Frieden!” 1940— an den hohen Fenstern der Redaktion einer Osloer Zeitung steht Frederik. Auf den Straßen rollen deutsche Panzer und LKW's. Das Zimmer ist dunkel. Es ist Nacht in Oslo. Nur die Scheinwerfer deutscher Fahrzeuge erhellen die Straßen.— Mit einem Ruck läßt Frederik den schwarzen Vorhang herunter. Dann setzt er sich an den Schreibtisch. Am nächsten Tag bringen die Zeitungen einen Artikel von Frederik . Ramm:„Anweisungen über das Verhalten bei Verdunkelung‘. um Url 'gef teu sei in bu an Br: un Dı bl si le d 1. r e el t, 5- as ch en. be Luf te. The ur Her ng Das mer Hen rik Die Nazizensur hat keinen Einspruch erhoben, da es sich anscheinend um technische Anweisungen handelt, die politisch ohne Interesse sind. Der ,, Milchstreik" setzt ein. In Oslo gibt es keine Milch. Wer sind die Urheber des Streiks? Die Gestapo meint, die einzig nur mögliche Lösung gefunden zu haben, als sie Gewerkschaftsleiter, Journalisten und Redakteure in Oslo verhaftet. Frederik ist einer der ersten. Die Gestapo bringt seine ,, Anweisungen über das Verhalten bei Verdunkelung" mit dem Streik in Verbindung. Lebenslänglich Zuchthaus lebenslänglich Kälte und Schweigen. Über ein Jahr lang hat Frederik in einem Außenkommando im Hamburger Hafen gearbeitet, jeden Tag 12 Stunden. Füße und Beine schwollen an. Wasser! Er hat viele Lasten gehoben und getragen. Bei vier Schnitten Brot und einem Liter Wassersuppe am Mittag. Nur eins bekommen sie, soviel sie nur wollen. Salz! Salz wird aufs Brot gestreut. Salz kommt als Gewürz in die Suppe. Salz dient zum Reinigen der Zähne. Salz macht durstig. Sie trinken Wasser, einen Becher nach dem anderen. Das Wasser setzt sich in die Füße; sie werden zu dicken Klumpen, kaum passen sie noch in die Holzpantinen. Das Wasser steigt in die Beine. Nach wochenlangem Warten wird Frederik endlich vom Anstaltsarzt untersucht. ,, Wieder einer von diesen norwegischen Simulanten!" brüllt Dr. Schreck. Er stößt den Daumen in den klumpigen Fuß. Eine tiefe Delle bleibt stehen. ,, Euch Säufern werde ich helfen!" Er diktiert dem Sanitäter: ,, Einzelzelle, Salzentzug und Rationierung von Trinkwasser für sechs Wochen." Aus Wochen werden Monate. Frederik ist vergessen. ,, Die Beine sind immer noch dick", wendet sich Frederik an mich. ,, Aber ich sehne mich nach Licht und Sonne. Könnte ich nur wieder in ein Außenkommando kommen!" Tags darauf trage ich dem Chef die Bitte vor, Björn und Frederik zu verlegen. ,, Wie lange sind sie schon in Einzelhaft?" ,, Acht Monate, Herr Regierungsrat.“ ,, Wie erst acht Monate?" - ,, Ein weiteres Verbleiben wird ihre Gesundheit ernsthaft gefährden ,, Dann warten wir nur ruhig bis dahin." " Als ich das Zimmer des Chefs verlasse, steht Hauptwachtmeister Rabbeler vor der Tür, als habe er auf mich gewartet: ,, Na, Fräulein, Erfolg gehabt?" - Der Nie werde ich diesen ersten Besuch bei Frederik vergessen! Pfarrer zieht zum Schluß das Neue Testament hervor und sieht mich fragend an. Ich nicke ihm zu. Da öffnet er es und liest daraus vor. Als er geendet hat, beginnt Frederik mit leiser Stimme zu beten. 41 Wie still es im Zimmer ist! Vor langer Zeit ist Frederik über das Polareis geflogen. Vor Tausenden hat er vom Weltfrieden gesprochen und versucht, sie wachzurütteln. Heute betet er hinter Mauern: ,, Gib uns Frieden im Herzen!" Welch einen Stoß gibt es mir aber, als er mitten im Gebet auch mich erwähnt, als er sagt: ,, Schütze sie in der Aufgabe, die vor ihr liegt." Woher weiß Frederik? Statt mir zu mißtrauen, betet er für mich. fünf Da! mehr Ejv To Aufger mitten Die Ejvind und Rolf sind kaum über zwanzig. Beim ersten Besuch lerne ich sie nur im Profil kennen. Sie sehen beharrlich an mir vorbei. Umsomehr fällt mir auf, wie zerbeult Ejvinds Nase ist. Über das Gesicht ziehen sich mehrere Narben. ,, Du mußt mir helfen!" ruft er aus und umarmt den Pfarrer. · Der Pfarrer nimmt seine Hand und sagt in tröstendem Ton: ,, Ich habe versucht, auch für deinen Vater Besuchserlaubnis zu erwirken, doch--" ,, Vater hat mich schon gesehen", unterbricht Ejvind ihn. Mit tonloser Stimme setzt er hinzu: ,, Er hat mich nicht wiedererkannt." Ejvind und sein Vater sind in der Widerstandsbewegung gewesen, die sich in Norwegen unmittelbar nach der deutschen Besetzung gebildet hat. Dafür wurden sie zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Durch einen glücklichen Zufall sind sie zusammengeblieben. Sie arbeiten in der Hofkolonne". Die Hofkolonne hat es besser als jedes andere Kommando. Sie entlädt die Lastwagen. - - Lastwagen bringen nicht nur Papier zum Tütenkleben. Sie bringen Ma-. terial für die Handwerksbetriebe des Zuchthauses Ersatzteile für die Schlosserei, Lumpen für die Schneiderei, Militärstiefel zum Besohlen für die Schuhmacherei und Kartoffeln und Brot für die Küche! - - Vier Scheiben Brot gibt es für einen Tag. Doch in den Hof fährt ein - lädt die glücklichen zehn ganzer Lastzug voll Brot. Die Hofkolonne ab. Die Brote wandern von Mann zu Mann; der letzte übergibt es dem ersten der Lagerkolonne", die die Nahrungsmittel in Verpflegungsmagazinen zu stapeln hat. Vier Scheiben Brot für einen Tag! - Hof- und Lagerkolonne arbeiten Hand in Hand. Diebstahl? Nimm, denn du hungerst so heißt das ungeschriebene Gesetz im ,, Knast". Gib weiter an Kameraden, die noch hungriger sind als du. Ein Lastwagen holpert über den steinigen Hof der Zelle warten fünf Kameraden! Nur E dem F Er zündet Hu gen v stehen endlic So heißen drinne Dal Sch Kopf. Melod sicker Hu Ein G " W De im Vo ,, E des S weiter Oh noch! Sie ih Die Haltur Kartoffeln. Hurra! In Herr ,, D kleine Ejvind, größer als alle anderen, reckt den Kopf und läßt den Wagen an sich vorbei. Die Augen strahlen. Er fühlt in die Tasche. Das ,, Geheimfach" ist tief! Kamerad Rolf von der Schneiderei hat es ihm eingenäht. Platz genug für mindestens zwanzig Kartoffeln. Zwanzig durch fünf, jeder bekommt schon Au wann 42 Da! Ein Stoß fünf mehr - - ein Schrei - zwanzig durch fünf - ein rasender Schmerz! Zwanzig durch und dann nichts vier Scheiben Brot - Ejvind liegt regungslos da. Der Kopf ist blutüberströmt. ,, Tot?" Der Chauffeur des Lastwagens kurbelt das Fenster herunter. Aufgeregt fängt er an zu schimpfen: ,, Warum stellt sich so ein Kerl auch mitten in den Weg?" Die Kameraden starren auf die blutige Masse über Ejvinds Schultern. Nur Ejvinds Vater wendet sich ab. Ein Grüner kommt heran, bewegt mit dem Fuß Ejvinds Schulter und sagt: ,, Der lebt!" Er kommandiert: Los! Anfassen! Hinauf damit zu Dr. Schreck!" Er zündet sich eine Zigarette an. Hundert Mann stehen vor dem Sanitätsraum aufgestellt, KrankmeldunHeute gen von gestern und heute. Gestern fiel die Sprechstunde aus. stehen sie schon seit, acht Uhr früh. Jetzt ist es zehn. Dr. Schreck ist endlich gekommen. ,, Schon wieder so viele?" hat er im Vorbeigehen gesagt. ,, Was soll das heißen? Draußen sind die Leute gesund. Aber euch faulem Pack hier drinnen werde ich das Kranksein austreiben!" Dabei hat es bösartig hinter den Brillengläsern gefunkelt. Schlüsselgerassel. Eine Tür wird aufgeschlossen. Niemand wendet den Kopf. Auch die Beamtenstimme, die jetzt losbrüllt, gehört zur täglichen Melodie. Halte den Ärmel unter den Kopf! Siehst du denn nicht, wie es sickert? Der blutet mir noch die ganze Anstalt voll!" Hundert Blicke gehen nach rechts. Hundert Mann recken den Kopf. Ein Großer beugt sich vor. ,, Wer ist es?" flüstert Eilif. Der Kamerad, der das sickernde Blut mit dem Jackenärmel abhält, gibt im Vorbeigehen zurück: ,, Ejvind". ,, Ejvind!" - ,, Ejvind!" Leise macht der Name die Runde. Die Tür des Sanitätsraumes schließt sich. Eilif sieht hinüber zu Christian, der weiter oben steht: ,, Tot?" Ohrenbetäubendes Brüllen kommt aus dem Sanitätsraum.. ,, Der lebt ja noch! Was fällt Ihnen ein, so mit ihm herumzuschleppen! Warum haben Sie ihn nicht liegenlassen und mich geholt?" Die Tür ist geschlossen, und doch spüren hundert Mann, wie der Grüne ich hatte gemeint Haltung annimmt, als er antwortet: ,, Ich dachte Herr Doktor haben so viel zu tun. Und - - - - der da stirbt doch nicht!" ,, Denken? Meinen? Merken Sie sich vor allem eins: Sie sind ein ganz kleiner Wachtmeister! Sie haben überhaupt nicht zu denken. Sie sind mir schon sowieso aufgefallen. Ich gehe zum Chef und mache Meldung!" Auf dem Gang hören hundert Mann in atemloser Spannung zu. Seit wann tritt Dr. Schreck für einen Gefangenen ein? 43 Aber Dr. Schreck ist noch nicht zu Ende. Wieder erhebt sich seine Stimme: ,, Der stirbt nicht? Das ist es doch gerade!" Einen Augenblick Stille. Dann tönt es herüber: ,, Er lebt. Es kann eine Schadenersatzklage geben. Wir hätten alles an Ort und Stelle zu Protokoll nehmen müssen!" Die Stimme ebbt ab. Es wird still sehr still. 1 Ejvind liegt regungslos auf dem Boden. Er hört kein Schimpfen, und er spürt nicht die ungeduldigen Hände, die sich ihm jetzt nähern. Auch auf dem Gang hat sich die Spannung gelegt. Schadenersatz das war es also. Schadenersatz für einen Gefangenen? Gibt es das im Dritten Reich? Ejvind ist im Zuchthaus, nicht im KZ. Das festgefügte Reglement des Strafvollzuges enthält auch einen Passus über Schadenersatz. Es wird einen Prozeß geben. Invalidität wer soll die Entschädigung tragen? Die Firma, die das Zuchthaus beliefert und deren Wagen Ejvind überfahren hat? Oder das Reich, in dessen Auftrag Ejvind als Zuchthausgefangener arbeitet? Das gibt einen Papierkrieg. Ejvind ist immer noch regungslos. Aber er lebt. Wütend setzt Dr. Schreck die Brille ab, putzt sie und sieht durch die Gläser. Ein kurzer Blick auf Ejvind, dann sagt er zu dem Grünen: ,, Fahren Sie ihn in die Kiefernklinik." Ärgerlich geht er zum Schreibtisch. Er öffnet das Seitenfach und nimmt einen Überweisungsschein heraus. Während er ihn abstempelt, murmelt er: ,, Diese ewige Schreiberei!" Er sieht auf. ,, Stehen Sie noch immer hier?" fährt er den Wachtmeister an. ,, Machen Sie, daß Sie hinauskommen!" Als der Grüne die Tür öffnet, bemerkt Dr. Schreck die lange Reihe von Krankmeldungen. Da ruft er: ,, Sie! Kommen Sie noch einmal zurück!" Eilfertig dreht sich der Wachtmeister um. ,, Schicken Sie die Krankmeldungen dorthin, wo sie hergekommen sind. Heute fällt die Sprechstunde aus. Keine Zeit!" Etwas ruhiger geworden, weist er auf Ejvind und fragt den Sanitäter: ,, Deutscher?" ,, Nein, Norweger, Herr Doktor." Während Dr. Schreck den Überweisungsschein faltet, brummt er vor sich hin: ,, Diese verfluchten Ausländer!" Wie blau das Meer ist! Wo das Meer aufhört, da ist das Blau des Himmels. Ejvind steht neben Randi. Ein weißes Kleid hat sie an. Jetzt bindet sie das rote Kopftüchlein los und läßt den hellen Haarschopf im Winde flattern. ,, Es wird Sommer, Ejvind!" Ejvind nimmt Randis Hand und zeigt weit über den Fjord: ,, Siehst du das Segelboot dort?" ,, Ich wollt', es wär' unser!" ,, Du bekommst ein viel schöneres. Nur noch ein wenig Geduld!" Di Randi Ej Ihr K Die sandi 11 " weit .V E Do auf K W zwei Se das C sagt, ihn n ja be Ei über ist di Da g gesch Stelle griff ,, I geme spric letzte In zu de Rand Ei ,, Ich läche D Ei Wag in En " E Dort W 44 k 21: e e er f b. ? es 105 -g d S- er h 1: nt lt ?" Die Tannen haben hellgrüne Spitzen. Hand in Hand gehen Ejvind und Randi am Fjord entlang. Tannenzapfen knistern unter dem Fuß. Ejvind fragt Randi: ,, Wirst du auf mich warten?" Er sieht Randi an. Ihr Kopf reicht ihm kaum bis zur Schulter. Randi hat die Augen gesenkt. Die Hände zerren an dem roten Tüchlein. Der Fuß malt Kreise im sandigen Weg. ,, Wie lange noch, Ejvind?" ,, Ein Jahr. Dann braucht der Vater mich nicht mehr. Wir ziehen weit fort. In ein kleines Haus." Doch ihre Augen blicken immer noch zu Boden. Der Fuß malt Kreis auf Kreis. Sie sagt: ,, Ach, es dauert mir viel zu lange." Wie die Augen wieder schmerzen! Ejvind legt das Buch beiseite. Nur zwei Seiten hat er bis jetzt gelesen. Seit drei Monaten ist Ejvind in der Kiefernklinik. ,, Wir werden Ihnen das Gesicht schon wieder zurechthämmern", hatte der Kiefernchirurg gesagt, als Ejvind aus tiefer Bewußtlosigkeit erwachte. Dieser Chirurg hat ihn nie gefragt, wer er ist, woher er kommt. Er ist sachlich, sehr ruhig, ja betont kühl. Aber Ejvind spürt: hier ist er Patient und kein Gefangener. Einen silbernen Kiefer, ein künstliches Jochbein. Ejvinds Finger gleiten über das Gesicht. Es scheint so wie früher zu sein. Nur an manchen Stellen ist die Haut rauh. Narben, denkt Ejvind. Ein Spiegel ist nicht im Zimmer. Da gehen die Finger über ein tiefes Tal. Die Nase. Früher war sie kühn geschwungen. Wieder streicht Ejvind über die Einbuchtung. An einer Stelle schmerzt es. Doch der Arzt hat ihm versprochen, noch einen Eingriff vorzunehmen. - ,, Die Nase wird dann fast so aussehen wie vorher", hat der Chirurg gemeint. ,, Nur es kostet Zeit. Aber- die haben wir ja!" Der Arzt spricht noch kühler und sachlicher als sonst. Aber Ejvind glaubt, in den letzten Worten einen warmen Unterton zu hören. In der Kiefernklinik gibt es auch eine Bibliothek. Jedesmal, wenn Ejvind zu der freundlichen Schwester geht, die die Bücher ausleiht, denkt er an Randi. Seit zwei Jahren spricht er zum erstenmal wieder mit einer Frau. Eines Tages fragt er die Schwester nach einer Karte von Norwegen. ,, Ich möchte verreisen wenn auch nur auf der Karte." Die Schwester - lächelt sanft und händigt ihm einen Atlas aus. Dann geht sie ans Telephon. Eine Stunde später hält vor der Klinik ein dunkelgrauer, vergitterter Wagen. Die Schwester wartet schon an der Tür und nimmt drei Männer in Empfang. ., Wo liegt er?" ,, Station II, Zimmer 24. Morgen will ihn der Arzt operieren." Ejvinds Finger wandern über die Karte. Da Dort wird das kleine Haus stehen. - nun machen sie halt. Wie aus dem Boden gewachsen stehen drei Männer vor ihm. on !" n- S. er: or es let de h du 45 ,, Gestapo! Stehen Sie auf - Wie die Augen schmerzen. Träume ich, oder muß ich wirklich aufstehen? Der silberne Kiefer drückt. Im Gaumen hämmert das Blut. ,, Also wird's bald!" - Ne Wasc ,, Was wollen Sie von mir? Was habe ich getan?" Sie reißen ihm den Atlas aus der Hand, packen ihn an der Schulter und zerren ihn hoch. So leicht machen wir dir die Flucht nicht!" Sie lachen. Du hast Glück, daß du Zuchthausgefangener bist. Dich wollten wir sonst in die Kur nehmen!" Im milden Vorwurf sieht die Schwester Ejvind an. - Einer der Männer schaut in sein Notzibuch. ,, Der Fall ist klar. Er kommt zurück ins Zuchthaus." Er blättert weiter. Die Seiten sind mit Adressen gefüllt. Dies ist nur ein Fall von vielen. ,, Also ihr macht alles fertig." Er nimmt seinen Hut. ,, Ich gehe inzwischen ins ,, Haus der Arbeit" und hole die Theaterkarten für heute nachmittag ab. Treffpunkt Kasse. Seid pünktlich; glaubt nicht, daß ich euretwegen warten will!" Er wendet sich zum Gehen. Noch ein Blick auf die Frau in weißer Tracht. ,, Besten Dank für Ihren Hinweis, Schwester!" -- ,, Wenn ich das gewußt hätte--", antwortet sie mit klagender Stimme. ,, Der Arzt wollte ihn morgen noch einmal operieren. Aber ich hatte ein so merkwürdiges Gefühl, als er die Karte verlangte." ,, Ganz recht, ganz recht, Schwester!" Der Gestapomann ist eilig. ,, Das fehlte ja auch noch. Die Herren Ausländer werden vom Zuchthaus in Kliniken verlegt, um in aller Ruhe die Flucht vorbereiten zu können, und wir Deutschen dürfen derweil den Kopf an der Front hinhalten! Also, er dreht sich noch einmal um nach den Kollegen. ,, Seid pünktlich heute nachmittag!" - Fünf Gestalten kauern auf ihren Holzschemeln und löffeln die lauwarme Suppe. Rolf ist als erster fertig.Er nimmt die Waschschüssel und stülpt sie über den Kopf. ,, Antreten zum Appell, Kameraden!" Keine Antwort von den vier anderen. Schweigend löffeln sie weiter, drei Norweger und ein Deutscher. Der Deutsche wurde schon 1933 verhaftet, Sozialdemokrat. ,, Morgen sind es zehn Jahre", sagt er, während er die Schüssel neben sich auf den Boden stellt. 11 Die norwegischen Kameraden blicken auf: Wann ist deine Strafzeit zu Ende?" Lappe Ro Ejvin glaub ,, D Ro ,, Auge bückt chen W ,, F streck greife Nu Stück „ Z Mi ist vo die G zur M Ro Nun Es Au Männ ,, L schob Fü steher ,, N Da sicht De einma Ab Vater ,, In zwei Jahren." ,, In zwei Jahren?" Die norwegischen Kameraden lachen kurz auf: ,, Bis dahin! So lange wird es nicht mehr dauern. In ein paar Monaten Aber der Deutsche stützt das Gesicht in die Hände und starrt vor sich hin. ,, Ein paar Monate", sagt er. ,, Das glaubte ich auch einmal. Es wurden ein paar Jahre. Es wurden viele Jahre." Und langsam fährt er fort zu sich selbst als zu den anderen: ,, In ein paar Monaten - - • mehr tiefe nend Ro Da spring hält e 46 Neben dem Spind steht ein Kübel mit abgestandenem Wasser. Fünf Waschschüsseln werden hineingetunkt. An einem Haken hängen sechs Lappen. Aber nur fünf werden gebraucht, um die Schüsseln nachzureiben. Rolf wirft einen Blick auf den unbenutzten Lappen. Wie es wohl Ejvind geht?" sagt er. ,, Seinem Vater haben sie gesagt, er sei tot. Ich glaube es nicht. Vielleicht ist er sogar schon zu Haus." ,, Der Barbier hat gesagt 44 Rolf lacht auf und sagt: ,, Halt! Mein Geheimfach!" Er sieht zum ,, Auge". Er geht zur Tür und horcht zum Gang heraus. Es ist still. Da bückt er sich und zerrt an einem der Fußlappen. Heraus zieht er ein Röllchen Priem. Drei Zentimeter lang. Wie gebannt schauen die Kameraden darauf. Priem! ,, Woher?" ,, Frag nicht, nimm!" Das Röllchen geht in fünf Teile. Vier Hände strecken sich aus. In jede legt Rolf ein winziges Endchen. Vorsichtig greifen die Finger danach, bedächtig schieben sie es hinter die Zähne. Nur der Deutsche hat seines noch in der Hand. Er wickelt es in ein Stückchen Papier und schiebt es in die offene Naht eines Ärmels. ,, Zehn Jahre!" sagt er. ,, Das kaue ich morgen." Mittagsmüdigkeit liegt über der Zelle. Keiner ist satt, doch der Magen ist voll, und hinter den Zähnen ist Priem. Erst in einer halben Stunde wird die Glocke ertönen. Woher sie es wissen? Sie kauern schon viele Tage zur Mittagszeit auf den Schemeln. Rolf sieht auf. Durch das Fenster schimmert das Blau des Himmels. Nun flattern einige Wölkchen vorbei. Es wird Sommer! Auf dem Gang klingen Schritte auf. Der Riegel knarrt zurück. Fünf Männer stehen stramm, die Hände an der Hosennaht. ,, Los! Ab!" hören sie den Grünen sagen. Eine Gestalt wird hereingeschoben. Die Tür schnappt wieder ins Schloß. Fünf Gefangene mustern ihn, der groß und schweigend an der Tür stehen bleibt, das Gesicht vernarbt und verbeult, die Nase plattgedrückt?" ,, Neu?" leitet Rolf die Unterhaltung ein. ,, Bist du Norweger?" Da läßt sich der Große auf einen Schemel fallen. Er verbirgt das Gesicht in den Händen und schluchzt wie ein Kind. Der Deutsche klopft ihm auf die Schulter. ,, Also ein Neuer! Sei erst einmal zehn Jahre hier!" Aber der Große murmelt nur abgerissene. Worte vor sich hin: ,, Randi- Vater!" Er fährt mit den Fingern über die rauhe, vernarbte Haut, über das tiefe Tal der Nase. Die weitaufgerissenen Augen starren ins Leere. Stöhnend bricht es aus ihm heraus: ,, Ich habe ein neues Gesicht bekommen!" Rolf begreift als erster: ,, Ejvind!" Da ertönt der langgezogene, dünne Ton einer Glocke. Die Kameraden springen auf. Nur Ejvind bleibt sitzen. Über die schmerzenden Augen hält er die Hand. ! 47 Schlüsselgerassel draußen. Der Riegel wird zurückgezogen. Ein Kommandoruf: ,, Heraustreten zur Arbeit!" Die Kameraden gehen an Ejvind vorbei. Der Deutsche ist der letzte. ,, Warte!" Er bleibt stehen und räuspert sich. Die Hand gleitet in die Naht des Ärmels. Etwas Winziges kommt zum Vorschein, sorgsam in Papier eingewickelt. In der Hand, die noch eben das schmerzende Auge bedeckt hat, liegt Priem. ,, Hast du einen Spiegel?" fragt Ejvind den Pfarrer. Ich bekomme einen fragenden Blick. In meiner Handtasche ist ein Taschenspiegel, doch ich schüttele den Kopf. Der Pfarrer versteht. a ,, Nein, Ejvind. Aber wir werden einen Spiegel mitbringen, wenn wir dich wieder besuchen. Und nun wollen wir überlegen, was wir für dich tun können." - ,, Hilf mir, daß ich zurück in die Klinik komme!" Nachts kann Ejvind nicht schlafen vor Schmerzen. Am Tage sitzt er und klebt Tüten. Das Blut pocht im Gaumen. Es flimmert ihm vor den Augen. ,, Und Dr. Schreck?" ,, Gab mir zwei Aspirintabletten und schrieb mich gesund." ,, Ich werde beantragen, daß du noch einmal vom Kiefernchirurgen untersucht wirst", sagt der Pfarrer. ,, Wirst du dabei sein und ihm alles erklären? Ich spreche nur wenig Deutsch." Neue Hoffnung ist in Ejvinds Stimme. Der Pfarrer wendet sich an mich: ,, Ist es wohl möglich, daß Sie mit dem Kiefernchirurgen sprechen?" Freundlich sehe ich zu Ejvind hinüber. Ob er wohl fühlt, daß ich es gut mit ihm meine? Aber da spüre ich, wie vor Ejvind das Bild einer Frau in weißer Schwesterntracht auftaucht. Auch sie war freundlich zu ihm! Sein Gesicht erstarrt. Er blickt geradeaus. Er ergreift die Hand des Pfarrers und sagt: ,, Ich möchte aber, daß du es tust!" Rolf nickt beifällig. Er würdigt mich keines Blickes. Es klopft. Die Tür des Besuchszimmers öffnet sich. Ein Grüner meldet: ,, Hauptwachtmeister Rabbeler sagt, ich solle Ihnen die letzten drei auf einmal hereinreichen. Die müssen nachher zur Arbeit." Es sind Olaf, Viggo und Christian. Zusammen haben sie sechsunddreißig Jahre Zuchthaus. Drei Schwerverbrecher? - Olaf ist Journalist an einer Zeitung in Bergen. Die Deutschen kommen, die Zeitung wird beschlagnahmt. 48 ,, Wir arbeiten weiter nachts!" sagt Olaf. - Es regnet. Es ist so finster, daß man keine Hand vor Augen zu sehen verma Setzer Es ,, W ,, Kr Das gescho Packer Tag trägt e Es Nacht. Es W Jem Ola verhaf Die gestoß Sie ist " W ,, Kr ,, Du tung? ,, Ni U ,, Nu versuc Der Die Zelle. schwei Als fangen ,, Da Sie ste Fuhlsb transpo Ein weiter, Fü 4 Halt om- die iegt inen ich dich t er den rgen enig mit h es iner llich des ldet: ein- und- men, ehen vermag. In einem Keller beim trüben Licht der Karbidlampe sitzt Olaf. Die Setzer sind an der Arbeit. Es klopft an das Fenster. Nacht für Nacht ist es dasselbe. „Wer da? 2 „Kristen.'° h Das Fenster geht auf. Vorsichtig wird ein dicker Ballen Papier hinaus- geschoben. Zeitungen! Zwei Hände greifen danach und nehmen den Packen entgegen. Tagsüber ist Kristen Physiker an einem Forschungsinstitut. Nachts trägt er Zeitungen aus. Es gießt in Strömen. Nicht einmal am Tag wird es hell. Wieder ist Nacht. Gegen das Fenster des Kellers prasselt der Regen. Es klopft. Wie? So früh heute, Kristen? „Wer da?" flüstert Olaf. Jemand tastet nach dem Fenster. Ein Stoß, Scheibengeklirr. Olaf stürzt vor. Eine Revolvermündung ist auf ihn gerichtet.„Sie sind verhaftet!"! 2 Die Tür zu einer Kellerzelle im Gestapogebäude in Bergen wird auf- gestoßen. Olaf tappt ins Dunkel der Zelle. Die Hand tastet über die Wand. Sie ist naß vom herunterrinnenden Wasser. „Wer da?" flüstert eine Stimme. „Kristen?" gibt Olaf zurück. „Du auch, Olaf?"— Fast unhörbar wird jetzt die Stimme:„Die Zei- tung?— Oder— das andere?" „Nichts zu befürchten!” beruhigt Olaf.„Nur wegen der Zeitung.“ „Und die Kameraden?" „Nur zwei Tage Zeit, Kristen! Dann sind sie in Sicherheit. Man wird versuchen, uns nach ihnen————” Der Riegel wird zurückgeschoben. Die Uniformen der SS sind noch schwärzer als die Finsternis in der ‚Zelle. Dunkle Tage! Die SS tut ihre Arbeit! Aber Olaf und Kristen schweigen. Als sie sich das letztemal sehen, ist es in einem langen Zug von Ge- fangenen. „Das Ganze halt!“ ruft ein Feldwebel mit aufgepflanztem'Seitengewehr. Sie stehen vor dem schweren eisernen Tor des Zuchthauses Hamburg- Fuhlsbüttel. Die Klappe geht auf. Der Feldwebel meldet:„Norweger- transport‘. Langsam öffnet sich das Tor.: Ein letzter, rascher Händedruck.„Die Kameraden leben und kämpfen weiter, Olaf!‘ E „Für die Freiheit, Kristen.— Für unsere Freiheit!" 4 Halt Wacht im Dunkel; 49 Auf Station V, Zelle 29, sitzt Olaf in einer Zelle zusammen mit zwei deutschen Raubmördern. Beide Lebenslängliche. Zusammengerechnet an Jahren, sitzen sie schon ein halbes Jahrhundert. Rudolf ist Nazist. Der zweite ist stumpf. Ein Namenloser. Einer von vielen. Auch Rudolf hat noch niemals ,, Heil Hitler" gesagt. Das Zuchthausreglement verbietet es, denn ,, Heil Hitler" ist der ,, Ehrengruß des deutschen Volkes"! Noch nie sah Rudolf eine braune Uniform. Im Zuchthaus gibt es nur zwei Uniformen: Die grüne und die schwarze mit gelben Streifen. Auch nazistische Literatur ist Rudolf fremd. Die Zuchthausbibliothek enthält nur wenige ,, braune" Bücher. Wie wäre wohl ein Zuchthausgefangener ihrer würdig? Und doch ist Rudolf Nazist. Er kann eine Bemerkung seines Komplizen nicht vergessen, mit dem er vor mehr als zwei Jahrzehnten einen Raubmord verübte. Der sagte schon damals: ,, Schließ dich Hitlers Partei an, Rudolf! Der wird es noch einmal schaffen." ,, Er hat recht behalten", sagt Rudolf zu Olaf. ,, Er war aber auch klüger als ich. Das siehst du schon daran, daß er entkam. Ich dagegen--Olaf denkt an Kamerad Kristen. Der liegt zwei Stockwerke über ihm auf Station II. Zwei Stockwerke auseinander. Vor zwei Jahren haben sie sich zum letztenmal gesehen! Vorige Woche jedoch kam ein Gruß von ihm. Es war in der Freistunde Jeden Tag sieht sich Olaf um, ob nicht Kristen in der Runde zu entdecken ist. Doch vergeblich. Hat Kristen mit einem anderen Trupp Freistunde? Oder ist er in ein Außenkommando gekommen? Drei Mann vor Olaf geht Eilif. Die Pantinen klappern über den steinigen Weg. Der Himmel ist wolkenlos blau. Eineineviertel Minute dauert die Runde, und sie sind dort, wo sie begonnen haben, fünfundsiebzig Sekunden. Achtundvierzigmal stehen sie in einer Freistunde am Ende des Ringes, der zugleich wieder Anfang bedeutet! Über fünfunddreißig Sekunden ist der Blick nach innen gerichtet. Wer aus dem Ring der Gefangenen bemerkt noch die hohe Mauer? Wesenlos gehen sie im Kreis. Doch nur die erste Hälfte! Dann kommt die zweite. über und über besät mit Am Weg steht eine alte, mächtige Kastanie dunkelroten Kerzen. Und wie die Gefangenen vorbeischreiten, kommt in die Augen Glanz. Die wesenlosen Gestalten beginnen zu leben. - Nur einmal im Jahr brennen in einem Zuchthaus so viele Lichter. Es wird Sommer! Einen dicken Stamm hat die Kastanie. Eilif sieht sich um. Fast zwei Sekunden deckt der Stamm ihn vor den Blicken des Grünen. folge geko Si sag W der Zelle K weit die H Der schri geht diese F Stam diese U " 1 Ei Krist D B Grün schw Der N kenn Wac sovie ,, I Schä D alter ,, Nur einsc komm D Freih En zurüc eine Jetzt! - Er dreht sich um. Sigurd geht hinter ihm, Christian und Olaf den 50 4* 50 zwei et an von Lucht3 des S nur othek gefanplizen Raubei an, lüger r ihm en sie Freiu ento Freisteinisie besie in deutet! t. Wer esenlos zweite. sät mit mmt in ter. Es st zwei nd Olaf folgen. Flüsternd beginnt Eilif: ,, Sigurd, sag Olaf, daß ich in Kristens Zelle gekommen bin." Sie sind vorbei am Stamm. Nächste Runde abwarten. Jetzt! ,, Christian, sag Olaf, daß Eilif auf Kristens Zelle verlegt ist." - Wieder eine Runde. Die dritte. Fünfundsiebzig Sekunden. Da ist er der dicke Stamm! Christian dreht sich um: ,, Olaf! Eilif ist auf Kristens Zelle gekommen." - - Kristen? Noch eben war die Gestalt, der Christian die Worte zurief, weit fort. Mit einem Schlage kehrt das Leben zurück. Kristen Bergen die Heimat! Ein Gruß von Kamerad Kristen. Der zweite in zwei Jahren! Der erste machte eine weitere Reise. Da hatte Kristen an Hanne- Tine geschrieben: ,, Sag Olafs Frau, sie möchte in ihrem Brief Olaf bestellen, es geht mir gut, und ich lasse ihn grüßen." Drei Monate dauerte die Reise dieses Grußes von Kristen zu Olaf. Und diesmal nur drei Runden! Fünfundsiebzig Sekunden. Gute, alte Kastanie! Da ist wieder dein Stamm. Olaf fragt: Wo arbeitet Kristen?" Dreimal hört die Kastanie dieselbe Frage. " - - Und endlich antwortet Eilif: ,, Verbrennung". ,, Verbrennung", sagt Christian. Sigurd wiederholt es: ,, Verbrennung". Ein Blick auf den Stamm der Kastanie. Olaf beugt sich vor: Hat Kristen " Doch zu spät. Der Stamm deckt nicht mehr. Beamtengebrüll: ,, Heraustreten, du Lump! An die Mauer mit dir!" Der Grüne packt Olaf an dem schmutziggrauen Halstuch, das ihm aus der schwarzen Jacke hervorschaut. An der Mauer versetzt er Olaf einen Stoß. Der Kopf prallt gegen die Steine. Nein, das Nasenbein ist nicht gebrochen! Olaf und seine Kameraden kennen schon zu genau die Gepflogenheiten eines Grünen. Sowie der Wachtmeister ihn griff, hat er den Kopf gesenkt. Nur ein wenig. Gerade soviel, daß nur die Stirn auf die Steine stößt. ,, Dir werd' ich's zeigen, daß die Zuchthausmauer härter ist als dein Schädel!" Der Beamte nimmt einen Schlüssel vom Bund am Koppel, einen langen, altertümlichen Schlüssel, der vor Olafs Augen hin- und hergefuchtelt wird: ,, Nur ihr seid schuld an diesem Krieg! Ihr und die Juden. Den Schädel einschlagen sollte man euch. Verdammtes Gesindel! Den ganzen Tag kommt man euretwegen nicht zur Ruhe. Zwölf Stunden Dienst!" Der Schlüssel kommt immer näher. Der Schlüssel, der Olaf das Tor zur Freiheit öffnen könnte! - Endlich verstummt der Beamte. Murrend läßt er von Olaf ab, geht zurück zur Runde und brüllt: ,, Kehrt, Marsch!" Die Holzpantinen machen eine Drehung um hundertachtzig Grad. Dann klappern sie weiter über den steinigen Hof. Noch fünfzehn Minuten. 4* 51 Olaf steht mit dem Gesicht zur Mauer. In der Stirn ist ein wühlender Schmerz. Er fühlt, wie die Haut anschwillt. Eintönig klingt das Holzpantinengeklapper zu ihm herüber. Wie dunkelrot die Steine sind. Ach, Die Mauer hat eine nein! Dunkelrot sind die Kerzen der Kastanie. schmutzig- sattrote Farbe. Die dunkelvioletten Rillen, die sich durch die Steine ziehen, gleichen Adern, in denen das Blut geronnen ist. Wie fest die Steine gefügt sind! Olaf hebt langsam die Hand und zeichnet mit dem Finger die Zementumrahmung eines Steines nach. Ein Stein. Die Finger gleiten weiter. Ein zweiter Stein. Der Zementweg ist weit. Er führt um jeden einzigen Stein. Die Mauer ist hoch! Wie die Stirn sich zusammenzieht! Olaf streicht mit der Hand darüber. Die Haut hat sich vorgebuchtet. Dann rühren die Finger wieder an die Steine. Die Sonne scheint. Die Mauer brennt in ihrer Wärme. " 1 Du bist also in der Verbrennung", Kristen? Im vorigen Jahr bin ich einige Monate dagewesen. -- Vor Olaf taucht die große Industrieanlage am Rande der Stadt auf Er sieht sich wieder im Lastwagen sitzen, der die eng zusammengepferchte Fuhre Gefangener herausfährt. Wieder spürt er die stickige, faulige Luft, sieht den von Rauchschwaden verfärbten Himmel vor sich. Verbrennung! Die Abfälle einer Millionenstadt werden in der Verbrennungsanstalt verlesen, in großen Trommeln. Hunderte, Tausende von Hände wühlen im Abfall und sortieren. Die Hand des Gelehrten, des Rechtsanwalts, des Studenten, des Bauern und Fischers. Fauliger Gestank verpestet die Luft. Gefangene verlesen den Abfall des Dritten Reiches, Kriegs- und Strafgefangene. Im Dritten Reich ist der Abfall wertvollstes Volksgut! Tag für Tag wühlen die Hände im Müll. Steht Kristen an der Trommel? Oder auf dem Hof, wo ich gearbeitet habe? Dort, wo die riesigen Haufen von Sand und Kali. liegen? Diese Haufen, diese Haufen mit Leben! Es zuckt um Olafs Mund. Diese Haufen hat er an einem Tag vor und am nächsten Tag wieder zurückgeschaufelt. Er entsinnt sich der Antwort, die ihm der Vorarbeiter gab, als er ihn fragte, warum. ,, Sie müssen am Leben bleiben!" sagt er. Diese stinkenden Sand- Kali- Haufen! Olaf spürt einen" Brechreiz. Ist es die Vorstellung von dem fauligen Dunst der Verbrennung oder der bohrende Schmerz in der Stirn? Langsam sinkt der Kopf den Steinen entgegen. - die Geschichte von Kamerad Kristen und Olaf Woher ich sie weiß von Ejvinds neuem Gesicht und von Frederik und Björn? Als mir zum erstenmal auf dem Gang des Zuchthauses eine Gruppe von Gefangenen entgegenkommt, nehme ich nur die zeṛlumpten Uniformen und d Holzp Al W D ,, W ,, I Au beans Es ist da uns in Die so, al der Pi Ich An di Gil es mi was h Od erlebe Be seine noch Nu als w der S Als noch ,, W mit de Traum Ich bin w briefe Olaf r sicht C ,, Si C Pfarre zum e 52 52 er Z- h, e ie st m er m er. die ch - enge, ch. erim des uft. raffür itet Lese der iter er. gen sam Olaf appe men und die schmutzig- graugelben Streifen wahr. Ich höre das Klappern der Holzpantinen. Als wir dann im Besuchszimmer sind, wird nur wenig gesprochen. ,, Wie geht es dir, Björn?" ,, Danke - gut!" ,, Wohnst du mit guten Kameraden zusammen?" ,, Ich wohne und arbeite auf einer Zelle allein." Auch die schärfste Überwachung könnte nichts an diesem Gespräch beanstanden. Es ist der erste Besuch! Vieles bleibt ungesagt. Keine grüne Uniform ist dabei. Doch es scheint so, als sei sie mit einer Tarnkappe versehen uns ins Zimmer gefolgt. Die Stimmen sind gedämpft. Auch die des Pfarrers. Und ich? Mir ist so, als habe ich die Sprache verloren. Kaum, daß ich Antwort gebe, als der Pfarrer eine Frage an mich richtet. Ich erfasse, daß es schwer ist, die Freiheit hinter Mauern zu bewahren! An diesem Nachmittag bin ich so unfrei wie nie zuvor. Gibt es noch eine Welt jenseits dieser Mauer? Unvorstellbar erscheint es mir. Denn wenn es sie gäbe könnte sie wirklich schweigen zu dem, was hier drinnen geschieht? Oder ist das, was ich hinter den Mauern an diesem ersten Nachmittag erlebe, nur ein Tropfen in einem Meer von Leid? Beim ersten Besuch erfahre ich nur vom Pfarrer, daß jeder Gefangene seine Geschichte hat. Keine Zeitung berichtet sie, weder in Norwegen noch in Deutschland. Wer hat sie mir dann erzählt? Nun, die Gefangenen selbst! Doch das ist alles viel später. Erst dann, als wir die Freiheit mit uns bringen, als wir die letzten Schatten quälender Schwere aus dem Besuchszimmer zu bannen vermögen. Als wir Olaf, Christian und Viggo gegenübersitzen, ist das Lächeln noch sehr zaghaft. Und dennoch ,, Wie schön es ist, einmal keine Uniform zu sehen!" Olaf streicht sich mit der Hand über die Augen, als ob er mit dieser Bewegung einen bösen Traum verscheucht. Freundlich sieht er mich an. Ich möchte ihm etwas darauf sagen, doch ich finde keine Antwort. Ich bin wie ausgepumpt. Ein Satz fällt mir ein, den ich oft in Gefangenenbriefen lese: ,, Der Kopf ist mir so leer." So geht es mir jetzt. Ich nicke Olaf nur zu und schweige. ,, Christian, wie geht es Dadda?" fragt der Pfarrer. Über Christians Gesicht geht ein heller Schein. Auch Olaf und Viggo lächeln. ,, Sie ist bei Anna Louise und den Kindern. Wie damals. Weißt du noch?" ,, Christian und ich sind zusammen zur Schule gegangen", sagt der Pfarrer zu mir hingewandt. ,, Ich sehe dich noch vor mir, Christian, als du zum erstenmal zur Schule kamst." 53 ,, An der Hand von Dadda?" fragt Viggo. Wie hell plötzlich das Besuchszimmer wird! Welch eine freundiiche Stimmung! Hat die Frage nach Dadda den Bann gebrochen? ,, Die Kameraden kennen sie beinahe ebenso gut wie ich", sagt Christian. Leise fügt er hinzu: ,, Es ist kalt hier. Aber wenn Dadda uns in der Zelle besucht, fühlen wir uns fast so geborgen wie in alten Tagen." - Ob Christian in meinen Augen das Erstaunen liest? Kann diese rätselhafte Dadda denn im Zuchthaus ein- und ausgehen? ,, Nein, nein! Dadda ist nicht hier. Sie ist weit fort. In Norwegen. Ich habe aber den Kameraden viel von ihr erzählt. Es tut gut zu wissen, daß es noch Daddas gibt Wer ist Dadda? Wie der Schnee glitzert! Ein kleiner Junge mit einem großen Schulranzen auf dem Rücken macht die Haustür weit auf. Vom Strohdach herunter hängen lange Eiszapfen. Gerade über Christians Nase ist einer! Christian reckt den Hals und streckt die Hand danách aus. Wenn ich den nur bekommen könnte! Ob an Sigurds Haus auch so lange hängen? Er stellt sich auf die Zehenspitzen. Wie weit und groß die Schneeflächen sind! Der Fjord liegt im nebligen, milchigen Licht. Die schweigenden Felsen haben weiße Mützen auf. Doch was kümmern Christian Felsen und Fjord! Wie gebannt hängen die Augen am Eiszapfen. Aber wie er sich auch reckt, und streckt, die Hand fuchtelt nur in die Luft. Der Eiszapfen wächst ihm nicht entgegen. Christian zieht die Stirn in Falten. Angespannt denkt er nach. Dann nimmt er den Ranzen ab, wirft ihn in den Schnee und stellt sich darauf. Wieder reckt sich der Arm in die Luft: ,, Komm, Eiszapfen, komm!" Doch der kommt nicht. ,, Was machst du da, Christian?" Dadda! Daß er nicht eher daran dachte! ,, Dadda, hilf mir, den Eiszapfen zu bekommen!" Dadda braucht sich gar nicht zu recken. So groß ist sie. ,, Knack!" sagt der Eiszapfen, und dann hält Dadda ihn in der Hand. ,, Warum hast du keine Handschuhe an, Christian?" Sie wirft den Eiszapfen in den Schnee und sagt: ,, Erst warm anziehen! Sonst läßt Dadda dich nicht hinaus in die Kälte." Eiszapfen und Ranzen liegen friedlich beieinander im Schnee. Etwas später öffnet sich wieder die Haustür. Diesmal trägt Christian große, wollige Fäustlinge und eine Mütze auf dem Kopf. Nur die Nasenspitze guckt noch aus dem dicken, roten Schal hervor. ,, Zieh nicht die Handschuhe aus, Christian! Damit du dich nicht erkältest. Sonst wird Mama traurig und Dadda auch!" 54 - Chr ,, Dadda Dad Schöne Ch Sch Hand Wie über. den R kleine Sigurd wenn Zw der W einand Dad Butter, gefang in der gen Es und g Da Sie st In Dadda auf ei Im Schein mischt Zeit s Da nicht D Sie linge weise ausgel Da zieht friere che an. der selIch daß hulhermer! SO neegenIsen e er Eisann auf. Doch Eisck!" hast nee s in stian senI die wird Christian hört kaum darauf. Die Fäustlinge zupfen an Daddas Schürze: ,, Dadda! Morgen habe ich Geburtstag. Was werde ich wohl bekommen?" Dadda macht ein geheimnisvolles Gesicht: ,, Ich weiß schon etwas ganz Schönes." ,, Christian, Christian!" ruft jemand von weitem. Schnell schnallt Christian den Ranzen auf, nimmt den Eiszapfen in die Hand und trabt davon. Wie lang und glatt der Eiszapfen ist! Der Fäustling fährt zärtlich darüber. Dann nimmt Christian den Zapfen, schlägt den Mantel zurück, hebt den Rand des Pullovers hoch und verbirgt ihn vorsichtig darunter. Die kleine vermummte Gestalt, die auf ihn zukommt, darf ihn noch nicht sehen! Sigurd soll genau so staunen wie die anderen Kameraden in der Klasse, wenn Christian plötzlich den Eiszapfen hervorzieht. Zwei Spuren von kleinen Füßen laufen im Schnee aufeinander zu. An der Wegkreuzung treffen sie sich und gehen noch ein Stückchen nebeneinander her bis zum warmen Klassenzimmer im Schulhaus. Dadda steht am Herd. In einer braunen Tonschüssel verrührt sie Eier, Butter, Zucker und Mehl zu einer goldgelben Masse. Draußen hat es angefangen zu schneien. Still ist es. Die Flocken tanzen vorm Fenster. Nur. in der Küche tickt die Uhr. - Es schneit. Flocke auf Flocke fällt und hüllt alles in tiefes Schweigen Fjord, Felsen und Haus. In der Küche knistert das Feuer im Herd und gibt im dämmernden Licht einen goldroten Schein. Dadda legt noch zwei Scheite nach. Sie wirft einen Blick in die Grude. Sie streicht sich die Schürze glatt und sieht auf die Uhr. In der Speisekammer auf der Hürde liegen die Äpfel in Reih und Glied. Dadda nimmt einen großen mit ganz verschrumpelter Haut und schiebt ihn auf einem Zinnteller in die Röhre. Im Herd prasselt das Feuer. Daddas weiße Schürze ist goldrot vom Schein. Die Kiefernscheite knistern und duften nach Wald. Darein vermischt sich der Duft aus Ofenröhre und Grude. Die Flocken fallen. Die Zeit steht still, nur der Zeiger der alten Uhr rückt ruckweise vor. Da öffnet sich die Tür. So leisé, daß Dadda, die ins Feuer schaut, es nicht hört. ,, Dadda!" Sie wendet sich um. Ein kleiner Schneemann steht vor ihr. Die Fäustlinge sind in die Augen gepreßt. Der Schneemann schmilzt! Und nur stoẞweise kommt es mit tränenerstickter Stimme: ,, Dadda! Sie haben mich ausgelacht!" Dadda fragt nicht, warum. Dadda nimmt ihn nur bei der Hand und zieht ihn ans Feuer. Und wieder sagt die erstickte Stimme: ,, Dadda! Ich friere sie sind alle so kalt." - 55 55 Die Schneeflocken? Der geschmolzene Eiszapfen? Oder die Jungen in der Klasse? Dadda fragt nicht. Auf der Leine über dem Herd hängt der kleine, blaue Pullover. Daneben das Mäntelchen, der rote Schal und die dicken, wolligen Fäustlinge. ,, Tropf, tropf." Von der Leine tropft es herunter. Zischend nimmt der Herd die Tropfen auf. Dadda sagt: ,, Siehst du, Christian, wie die Tränen fallen? Das Feuer löscht sie alle!" Unter der grobgeschnitzten Bank holt sie ein Fußschemelchen hervor. Das stellt sie vor die knisternden Holzscheite. Darauf sitzt der kleine Christian. Vor sich den Zinnteller mit dem gebratenen Apfel; der duftet nach Herbst und Winter und Wärme. Kommt da nicht auch ein warmer, süßer Duft aus der Grude? Die kleine Hand wischt das letzte Tränchen fort. ,, Dadda! Was ist in der Grude?" Dadda macht ein geheimnisvolles Gesicht und sagt: ,, Etwas ganz Schönes." Ein klein wenig macht sie die Klappe auf. Durch den Spalt schimmert etwas Goldgelbes mit einer hellbraunen Kruste. Und Christian sitzt im roten Schein des Feuers und zeichnet auf einem großen Block. Dadda strickt. Das Holz knistert. Die Flocken tanzen vorm Fenster. Drinnen tickt die Uhr. ,, Morgen werde ich sieben, Dadda!" ,, Bald bist du ein großer Mann, Christian." ,, Tick, tick!" sagt die Uhr. ,, Wie warm es bei dir ist, Dadda H nimm blass ..I Da milch Felse Da klein Zöpfe ,, D Da den H alle Volke urteil CH Span Richt etwas Si ,, N Vi denkt wird lebt! Di Die Tür zum Redaktionszimmer einer norwegischen' Zeitung wird aufgerissen. Ein eisiger Wind fegt herein. Ärgerlich mustert die Sekretärin den Mann, der atemlos fragt: ,, Wo ist der Chef?" ,, Schon zu Hause. Aber schließen Sie erst die Tür!" Der Mann ist schon bei den ersten Worten fortgestürzt. Durch die Straßen der Stadt. Durch die stilleren Wege draußen. Weiter zum Fjord! Hoch liegt der Schnee. Der Mann folgt den großen Fußstapfen. Sie führen zu einem strohdachgedeckten Haus. Am Flügel sitzt Anna Louise und spielt. Neben ihr stehen Jorum und Erik. Christian beobachtet die tanzenden Flocken vorm Fenster. Tür z ,, E schrie schär A hin u toben In Die Tür springt auf. Ein Mann stürzt herein: ,, Christian! Du mußt fliehen. Noch hast du Zeit. Sigurd ist verhaftet!" ,, Und Fritjof und Helge?" Holzs Der Mann schweigt einen Augenblick. Dann sagt er: ,, Auch! Aber komm! Schon morgen kannst du in England sein." Holzs Totenbleich steht Christian da. Er blickt hinüber zu Anna Louise. ,, Wenn Sigurd verhaftet ist, wissen sie auch von mir. Sie werden ihn foltern, wenn sie mich nicht finden." Immer eindringlicher wird die Stimme des Mannes. Seine Worte überstürzen sich: ,, Christian! Du wählst zwischen Leben und Tod!" 56 der Z Da Dadda Da Glut. en in meben nt der ränen ervor. kleine duftet kleine e?" Schömmert einem vorm aufetärin h die Fjord! ühren n und mußt Aber n ihn überHochaufgerichtet steht Christian da. Anna Louise tritt zu ihm heran und nimmt seine Hände. Ernst blickt sie ihn an. Die großen Augen in dem blassen Gesicht stellen keine Frage. Sie nehmen Abschied von ihm. ,, Ich bleibe!" sagt Christian. - Dadda steht in der Tür und sieht weit über den Fjord, der in ein milchig nebliges Licht gehüllt ist. Schwarz und schweigend stehen die Felsen da. Über den Schnee laufen viele schmutzige Fußstapfen. Dadda geht in die Küche. Auf dem Fußschemel am Herd kauert der kleine Erik. Jorum kniet daneben. Der Kopf ist so tief gesenkt, daß die Zöpfe fast bis zum Boden reichen. ,, Dadda! Dadda! Wann kommt Vater wieder?" Dadda weiß doch alles. Warum antwortet sie nicht? Sie hat sich über. den Herd gebeugt. Ganz leise zischt die glühende Platte. Das Feuer löscht alle Tränen! und spreche ich im Namen des Führers und des deutschen Volkes aus, daß Sie wegen wiederholter Feindbegünstigung zum Tode verurteilt werden." Christian, Sigurd, Fritjof und Helge bleiben regungslos stehen. Die Spannung der Wochen vor der Urteilsverkündung hat sich gelegt. Der Richter sieht zufrieden auf die Uhr. Noch nicht ganz zwei. ,, Haben Sie etwas dazu zu sagen?" Erwartungsvolles Schweigen im Saal. ,, Nun?" Sigurd tritt vor. Er lächelt und sagt: ,, Nichts!" ,, Noch eine Nacht! Morgen ist alles vorüber." Vier Norweger sitzen in der Zelle und warten auf den Tod. Christian denkt: Nie wieder werde ich das Ticken der Uhr hören. Doch Anna Louise wird am Flügel sitzen und spielen. Die Kinder werden spielen. Norwegen lebt! Die Schlüssel rasseln. Der Riegel springt zurück. Noch einmal wird die Tür zum Leben geöffnet. ,, Ein Gnadengesuch ist für Sie eingereicht worden. Es wird unterschrieben werden, wenn Sie die vor dem Fjord abgeworfenen Minen entschärfen." Auf hoher See tanzt ein Boot, vier Männer sind darin. Das Boot rollt hin und her. Der Himmel ist schwarzverhängt, die Wogen brüllen und toben. Himmel und Meer und Boot werden eins. In der Küche des strohdachgedeckten Hauses steht Dadda. Sie wirft Holzscheit auf Holzscheit in das prasselnde Feuer des Herdes. Auf dem Holzschemel kauert der kleine Erik. Neben ihm kniet Jorum. ,, Dadda! Dadda! Kommt Vater zurück?" Dadda sieht ins Feuer. Es ist dämmerig. Die Küche liegt in goldener Glut. Sie blickt auf die Uhr. Die tickt. Langsam, doch unaufhaltsam rückt der Zeiger vor. Dadda weiß alles. Sie sagt: ,, Er lebt.", - 57 ,, Sehen Sie! Das ist Dadda - und " Aus dem Fußlappen holt Christian ein zerknülltes Stückchen Papier. Er streicht es auf dem Tisch sorgfältig glatt. Kaum ist die kleine Bleistiftzeichnung noch zu erkennen: glattgescheiteltes Haar, schwarzgepunkteltes Kleid, eine weiße Schürze ein gutes Gesicht! Sie hält einen Kochlöffel in der einen Hand, eine Puppe in der anderen. ,, In der ganzen Welt gibt es nur eine Kinderfrau Dadda!" sagt Christian und streicht über das Papier, als sei es noch nicht glatt genug. - - Der Pfarrer macht ein betroffenes Gesicht. Ich errate seine Gedanken er sieht mich heute zum erstenmal. Er weiß ebenso wenig von mir wie die Gefangenen. ,, Ist es nicht verboten zu zeichnen, Christian?" ,, Es kostet drei Wochen Arrest." Die Arrestzellen liegen im Keller des Zuchthauses. Eine hölzerne Pritsche und der Kübel in der Ecke. Wasser und Brot, nur jeden dritten Tag ein warmes Mittagessen- ein Liter dünne Suppe. - Drei Wochen Arrest! Das Zuchthausreglement verfügt: Die im Arrest verbüßten Tage sind noch zusätzlich nach Beendigung der Strafzeit abzubüßen. ,, Hätte ich nur Feder, Tinte und Papier", sagt Christian. ,, Zeichnen zeichnen möchte ich!" - ,, Auch wenn du nach zwölf Jahren noch drei Wochen länger im Zuchthaus bleiben müßtest?" fragt Viggo. Viggo ist der ausgezehrteste von den dreien. Sie sind groß, Viggo ist der längste. Seine Züge sind scharfgeschnitten. Die Augen sind voller Leben. Nicht verträumt wie Björns und nicht zergrübelt wie die von Olaf. Viggo sagt: ,, Ich war Flieger Motorengedonner in der Luft. Viggo beugt sich aus dem Fenster des Flugzeugs. Unter ihm liegen dunkelgrüne Matten und Hänge, wild zerklüftete Felsen und die tobende Gischt der Brandung. Dann sind sie über dem Meer. Viggo packt das Steuer fester. Neben ihm sitzt Holger. ,, Siehst du schon Land, Holger?" Das Surren des Motors verschlingt Viggos Frage. Doch Viggo fährt fort, als müsse seine Stimme das Donnern des Motors, das Toben des Meeres und das Kriegsgeschrei auf dem Land übertönen: ,, Land, Holger! Land! Ich sehne mich nach Erde. Nur noch und Norwegens Luftflotte ist in England! Bald werden wir wieder frei sein dann holen wir die Flugzeuge zurück, und dann, Holger, zwei Fahrten - - dann ,, Land Land!" ruft Holger. Unter ihnen taucht die düstere Küste Schottlands auf. Aber Viggo achtet ihrer nicht. Er ruft: ,, Ich will Bauer werden, und die Erde, die ich pflüge, soll mir gehören - Holge gehören ,, Die wie ein ,, Mot pelzgefü Ein le zwei Fal wieder!" Ein M nur die kräuselt. Noch sin In ei zwei Fal Diese Jeder nach Si schleppt An d Himmel. ,, Bein Vigg dicken H Seine hier aus den Stad Doch silbrigen Seit Wo ,, War gleiche ..Vigg war rost ,, Ja, werde." Das i wegen v Dann wi entlasse zuleide. Ein deu funden 58 ie Holger lacht.„Du bist Flieger, Viggo, und du wirst.es bleiben. Dir gehören Land, Meer, Luft und— die Freiheit!” „Die Freiheit!" wiederholt Viggo.„Kamerad, die Freiheit!” Es klingt wie ein Schlachtruf.——— 2 „Motorboot klar zum Start“, meldet das; Telephon. Zwei Männer in pelzgefütterten Jacken springen auf.„Zurück nach Norwegen!" Ein letztes Shakehands mit dem diensttuenden Offizier der RAF:„Noch zwei Fahrten! Dann bleiben wir bei Euch. Beim Feindflug sehen wir uns wieder!"———\\ Ein Motorboot tuckert durch die Nacht. Wolken verdecken die Sterne, nur die schmale Sichel des Mondes lugt hervor. Die See ist leicht ge- kräuselt. Stunde um Stunde verrinnt. Das Licht des Mondes verblaßt. Noch sind die Sterne von Wolken verdeckt. In einem vergessenen Fjord geht das Motorboot vor Anker.„Noch "zwei Fahrten!” sagt Viggo. Diese Fahrt ist die erste, Viggo! Und die zweite? Jeden Montag geht von Oslo aus die„Monte Rosa” in See. Mit Kurs nach Süden. Eine Vergnügungsfahrt?— Menschenlasten werden ver- schleppt in deutsche Zuchthäuser und KZ’s.\ 5 An der Reeling stehen Viggo und Holger und sehen in den nächtlichen Himmel. Keine Wolke verdeckt die Sterne.——— ö „Beim Feindflug sehen wir uns wieder!“, Viggo hat sich auf den Schemel gestellt. Das kleine Fenster hinter den dicken Eisenstäben ist halbgeöffnet.: Seine Zelle liegt im dritten Stock des Zuchthauses Fuhlsbüttel. Von hier aus geht der Blick weit hinaus über die hohe Mauer, bis zum blühen- den Stadtpark hin. Doch Viggo sieht nicht aufs Land. Gebannt folgen die Augen einem silbrigen Punkt am glasblauen Himmel.„Aufklärer”, stellt er'kurz fest. Seit Wochen nur Aufklärer! „Wann kommen wir heim, Viggo?“ Tag für Tag stellt Tarald die‘ gleiche Frage, und Viggo antwortet:„Bald!" „Viggo, sag dem Wachtmeister, daß ich nichts getan habe. Die Waffe war rostig. Ich bin unschuldig. Geh zu ihm!“ „Ja, Tarald. Heute abend. Wenn ich zur Arbeit herausgeschlossen werde.” Viggo spricht so, als habe er ein Kind vor sich. Das ist Tarald auch! Er ist ebenso alt wie Viggo. Als er noch in Nor- wegen war, hat er zwei Jahre in einer Heil- und Pflegeanstalt verbracht. Dann wird er, da seine Geistesgestörtheit für die Umwelt ungefährlich ist, entlassen. Er lebt auf dem Hof seiner alten Eltern. Niemand tut ihm etwas zuleide. Eines Tages findet er auf dem Feld eine Waffe,‘schon verrostet. Ein deutscher Soldat kommt gerade des Weges.„Sieh nur, was ich ge- funden habe!“ Tarald geht auf ihn zu.; EL) Tarald wird wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu vierzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Vierzehn Jahre! Uber zwei Jahre sind schon verbüßt. Tarald arbeitet auf der Zelle. Er muß Tüten kleben. Meistens starrt er aber vor sich hin, den übergroßen Kopf in den beiden Händen. Er murmelt: ,, Die Waffe war doch verrostet." Der Kasten abends ist kaum halb gefüllt. Doch auch Wachtmeister können erlahmen im Verhängen von Strafen für mangelhafte Arbeitsleistung. - ,, Simulant!" brüllt Dr. Schreck, und der Fall ist für ihn erledigt. ,, Am besten Tür zu und ihn sitzen lassen. Wir haben schon sowieso genug Ärger!" sagt der Wachtmeister auf Taralds Station. Früher ist Tarald stundenlang auf dem Hof der Eltern hin- und hergewandert. Nun sitzt er auf dem Schemel. Füße und Beine sind zu schweren Klötzen geworden. Die Haut spannt sich unter den Holzpantinen. , Wasser!" sagt Tarald und greift sich an den Kopf. ,, Siehst du, Viggo, wie das Wasser steigt? Bald ist es so hoch, daß wir alle ertrinken!" 11 - Ein höhnisches Lachen. Tarald und Viggo sind nicht allein. Der dritte in der Zelle ist ein Gewohnheitsverbrecher draußen im Leben! Im Zuchthaus ist er Bonze Kalfaktor. Tief stößt er seinen fleischigen Daumen in Taralds Bein. Ein weißer Ring und eine Delle bleiben stehen. ,, Darein schütte ich dir heute die Suppe!". Er geht an den Spind und holt einen Kittel hervor, ursprünglich war er weiß, jetzt ist er schmutziggrau. Er zieht ihn über. Wie sich der Stoff über den dicken Bauch des Kalfaktors spannt! Viggo dreht ihm den Rücken und lehnt mit verschränkten Armen an der Wand. Er starrt vor sich hin. Der Kalfaktor stellt sich an die Tür. Tarald beobachtet ihn voller Spannung. Er sagt zu Viggo: Gleich gibt es Suppe! Hol die Waschschüssel aus dem Spind." Viggo gibt keine Antwort. Der Riegel geht zurück: ,, Kalfaktor heraustreten!" Auf dem Gang klappern die Esseneimer von Zelle zu Zelle. Türen werden geöffnet, Türen fallen wieder ins Schloß. Manchmal vernimmt Viggo ein schrapendes Geräusch: die Kelle geht auf den Grund und holt Dickes! - Nun ist er bei Sigurd, dann bei Ejvind kein Schrapen! Aber jetzt! Einige Zellen weiter wohnt ein Taschendieb! Im Zuchthaus ist er Hausarbeiter und reinigt Treppen, Brücken und Gänge. An der Wand steht Viggo. Die Finger umspannen die verschränkten Arme, als wollten sie sie zerpressen. Tarald blickt unentwegt zur Tür: ,, Viggo! Viggo! Gleich geht sie auf! Stell dich hierhin. Sprich mit dem Wachtmeister. Es wird Sommer, Viggo. Ich muß heim. Sie brauchen mich 60 bei der dir Bro Das An haben ausgem Es w Gegen Der löffelt Tür de lich mit den Tara Da ist e Für der Ka bis zun noch da ist Feie wird eb Der Der nimmt dem Es Brühe Hand e sieht, a und bil ,, Me " Wi faktors Da Fäuste sinnig Wen Als sie sehen In d Kampf Er steh ,, Das W bei der Ernte. - Viggo! Nach der Ernte komme ich zurück und bringe Das Klappern der Eimer entfernt sich immer mehr. ren dir Brot." itet hin, war uch afte ieso herwenen. wie ritte Im Dauhen. war Stoff den vor oller schüren mmt und etzt! Hauskten Tür: dem mich An der Wand steht Viggo. Er ist bleich. Er hat Hunger. Die Augen haben einen unheimlichen Glanz. Die Nägel der Finger nagen sich in die ausgemergelten Arme. Es wird still auf dem Gang. Tarald sagt: ,, Wo er nur wieder bleibt?" Gegen Viggos Finger pocht das Blut. - Der Kalfaktor steht am Ende des Ganges, wo es halbdunkel ist. Er löffelt aus dem vorletzten Eimer das Dicke. Viggo weiß es, obgleich die Tür der Zelle verschlossen ist. Unbeweglich steht er da und wartet. Endlich schlurrende Schritte.. Der Riegel knarrt. Die Tür geht auf. ,, Her mit den Schüsseln." - - - Tarald bemerkt hinter dem Kalfaktor den Grünen. Er flüstert: ,, Viggo! Da ist er." Viggo hört nichts. Die Augen funkeln. Sie folgen der Kelle. Für die erste Schüssel Suppe und etwas Dickes. Bei der zweiten hält der Kalfaktor die Kelle schützend über den Eimer die Schüssel läuft bis zum Rand voll mit Wasser und einigen Blättern Kohl. Nun ist nur noch das Dicke im letzten Eimer übrig. ,, So!" Der Kalfaktor rülpst. ,, Gleich ist Feierabend." Behend löffelt er das Dicke in die dritte Schüssel. Sie wird ebenso voll wie die zweite. Der Grüne steht dabei und meint: ,, Spitzbuben seid ihr doch allesamt!" Der Riegel geht wieder vor. Der Kalfaktor ist zurück in der Zelle. Er nimmt seine Schüssel und stellt sie sich unter den Schemel. Er wartet mit dem Essen, denn noch ist er zu satt. Dann greift er nach der mit dünner Brühe gefüllten Schüssel, stößt mit der fleischigen, zur Faust geballten Hand eine tiefe Delle in Taralds Bein und schüttet, ehe es sich Tarald versieht, aus der Schüssel Brühe herein. Triefend sickert sie am Bein entlang und bildet auf dem Boden eine gelbgrüne Lache. ,, Meine Suppe!" ruft Tarald und sieht sich nach Viggo um. ,, Wie? Ist es Suppe? Es ist doch Wasser!" Das Doppelkinn des Kalfaktors schwappert vor höhnischem Grinsen. Da - wird er zu Boden gerissen. Wie rasend schlagen zwei Fäuste auf ihn ein. Viggos Hände graben sich in das Fett. Ist Viggo wahnsinnig geworden? Er greift einen Kalfaktor an! Wenn sie ihn auch totprügeln würden hinterher! Es ist Viggo gleich. Als sie sich auf dem Boden wälzen, hämmert das Blut: ,, Beim Feindflug sehen wir uns wieder!" In der einsamen Zelle eines Zuchthauses liegt Viggo im verzweifelten Kampf mit einem Verbrecher. Nur der geistesgestörte Tarald ist Zeuge. Er steht verängstigt in einer Ecke, greift sich an den Kopf und murmelt: ,, Das Wasser steigt. Bald ist es so hoch, daß wir ertrinken." 61 Wie klar der Himmel auf der zweiten Fahrt war, singt das Blut, während die Hände den Hals des Kalfaktors würgen. Mein Gott, stehe ich nicht auch hier an der Front! Viggo steht auf. Er nimmt Tarald bei der Hand und drückt ihn sanft auf den Schemel. Dann holt er die Schüssel des Kalfaktors. Aus dem Spind nimmt er den hölzernen Löffel, tunkt mitten hinein in das Dicke und schiebt dem verwirrten Tarald den ersten Bissen in den Mund. Langsam erhebt sich der Kalfaktor. Am schmutziggrauen Kittel klebt die gelbgrüne Lache. Er stopft ihn in den Spind. Nur noch die Jacke spannt sich über den Bauch. ,, Das soll dir teuer zu stehen kommen!" murmelt er. ,, Du siehst schlecht aus, Viggo!" sagt der Pfarrer. ,, Ich war im Arrest." Es klopft an die Tür. ,, Herein!" ,, Reichen Sie uns die Leute heraus", fordert mich ein Grüner auf. ,, Sie müssen auf Nachtschicht." ,, Nur eine Minute noch." Der Pfarrer schlägt das Testament auf und liest: ,, Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht." Kostbare sechzig Sekunden! In den Gesichtern ist Leben. Sie lächeln. Nur die Gittergardinen, der Staub auf dem Tisch und die zerlumpten Uniformen gehören dem Zuchthaus. Olaf, Christian und Viggo sind frei wie wir. Ist das Besuchszimmer je grau gewesen? Durch das offene Fenster flutet das Sonnenlicht unbeirrt von den Eisenstäben. - über in der Da öffne ,, La besten Die sich C Au Wand kenne Sie Ejvind Mund Freder Gestal iosen schich Trä Sekun Christ Sin Nu Auch S wacht macht 11 ,, Es ist, als habest du ganz Norwegen mit dir gebracht", sagt Christian. Wirst du wiederkommen?" fragt Viggo den Pfarrer. ,, So oft es nur geht." ,, D ,, Für die Kameraden und mich im Zuchthaus wird mit diesen Besuchen eine neue Zeitrechnung beginnen." Christians Ärmel fährt mit einer raschen Bewegung über die Holzplatte des Tisches. Eine Wolke von Staub wird in die Sonne gefegt. Wie der Staub jetzt tanzt! Olaf tritt ans Fenster. ,, Nun erscheint mir alles so unwirklich Zuchthaus, die Zelle und die Kälte. Nur eine Wirklichkeit lebt: Norwegen und die Freiheit!" ,, Die Freiheit!" wiederholt Viggo. Sein Blick geht über den endlos blauen Himmel. ,, Die Freiheit!" sage ich. Niemand hört es. Hochaufgerichtet stehen die drei vor dem norwegischen Pfarrer. Wir stehen an der Tür. Wir schütteln einander die Hand. Viggo greift schon zur Klinke der Tür. Doch er läßt sie wieder los. Nur einen Augenblick, nur eine Sekunde noch frei sein! Tief atmet er auf. Dann fährt die Hand läßt e euch i Bjö Wend stumm meint dankb ginge Ral Ende - das diert: nach: und d De 20 62 wähich sanft dem und lebt acke en!" ,, Sie nicht und heln. Unie wir. nster stian. chen schen wird - das Norndlos Wir schon blick, Hand über die Klinke. ,, Vor zwei Jahren hielt ich zum letztenmal eine Klinke in der Hand." Das strahlende Lächeln in Viggos Gesicht erstarrt. ,, Wenn ich die Tür öffne sind wir wieder. Gefangene." - ,, Laẞt uns geduldig sein!" sagt der Pfarrer. ,, Norwegen wartet auf seine besten Söhne." Die Klinke geht herunter. Nur zögernd öffnet sich die Tür. Da wendet sich Olaf noch einmal um. ,, Ich danke Ihnen", sagt er zu mir und geht. Auf dem Gang stehen vier Gestalten wie leblos mit dem Gesicht zur Wand. Ich trete näher zu ihnen heran und beuge mich vor. Die Gesichter kenne ich doch? Sie sind es und sind es nicht. Die Nase ist eingedrückt. Doch, daß muẞ Ejvind sein! Und diese großen, fragenden Augen, dieser schweigende Mund? Ist das nicht Björn? Der hochaufgerichtete ältere Mann gleicht Frederik, und Rolf hatte genau so ein kühngeschwungenes Profil wie jene Gestalt, die blicklos vor sich hinstarrt. Meinte der Pfarrer diese weseniosen Gestalten, als er zu mir sagte, daß jeder Gefangene seine Geschichte habe? Träume ich nur? Fast scheint es so. Sah ich nicht noch vor wenigen Sekunden in strahlend lächelnde Augen? Suchend sehe ich mich um. Auch Christian, Olaf und Viggo stehen mit dem Gesicht zur Wand. Sind ihre Augen wirklich blicklos zur Wand gerichtet? Nun spüre ich, daß es anders sein muß. Ihr Blick geht nach innen. Auch hinter Mauern glimmt das Leben weiter! ,, So einen Sonntagnachmittag möchte ich auch mal haben!" Hauptwachtmeister Rabbeler tritt aus dem Geschäftszimmer heraus. ,, Unsereins macht Dienst, und die Herren Gefangenen bekommen Besuch." ,, Die Leute haben aber auch lange genug gestanden!" wende ich ein. ,, Ihnen merkt man an, daß Sie zum erstenmal in einem Zuchthaus sind", meint Rabbeler. Gefangene sind froh über jede Abwechslung und sind dankbar, wenn sie hier auf dem Gang stehen dürfen. Wenn es nach mir ginge Rabbelers Worte gehen unter im Holzpantinengeklapper. Die Tür am Ende des Ganges wird aufgeschlossen. Ein Hilfswachtmeister kommandiert: ,, Los! Rein mit euch!" Hauptwachtmeister Rabbeler ruft dem Grünen nach: ,, Heinrich, du hast jetzt ja Dienstschluß. Da kannst du das Fräulein und den Pfarrer mit hinausnehmen." Der Hilfswachtmeister dreht sich um. ,, Wen rausnehmen?" Ungeduldig läßt er den Schlüssel gegen die eiserne Tür klirren. ,, Erstmal hinein mit euch in die Zelle. Los! Los!" Björn geht als letzter an dem Grünen vorbei. Er macht eine halbe Wendung und wirft uns noch einen Blick zu. Ein schwaches Lächeln, eine stumme Frage der Augen. Björn ist nicht älter als neunzehn! In diesem 63 Augenblick danke ich Gott, daß seine Mutter ihn nicht besuchen darf. Könnte sie sonst je den Ausdruck der Verlassenheit vergessen, der Björns Gesicht prägt? Aber bald kommt ein Brief vom norwegischen Pfarrer aus - Und Hamburg; in dem steht: ,, Björn geht es den Umständen nach gut." in drei Wochen schreibt dir Björn selbst: ,, Mach Dir keine Sorgen um mich, Mama!" wir hu Medika Wie Pfarrer zimmer sein St Wo Ach ,, Heil Hitler!" Das schwere, eiserne Tor schließt sich hinter uns. Das Leben nimmt uns wieder auf. Schweigend biegen wir in die Allee, die sich entlang der Zuchthausmauer zieht. Die Straße ist leer. Es ist ein stiller Sonntagabend. Nur in den Vorgärten spielen einige Kinder. Ein kleiner Junge wirft seinen Ball gegen die Mauer. In einem der gegenüberliegenden Häuser beugt sich eine Frau aus dem Fenster und ruft: ,, Vorsicht! Wirf den Ball nicht zu hoch. Sonst fliegt er über die Mauer." ,, Ach, Mutti!" antwortet das Kind. Übermut wirft es den Ball immer höher. ,, Die ist ja so hoch." In seinem Die Linden duften. Ein Meer von zartgrünen Blättern verdeckt die schmutzig- sattrote Farbe der Steine. Es wird Sommer. In der Ferne die dumpfen Schläge einer Turmuhr. Siebenmal. Noch eine halbe Stunde, Björn. Dann hakst du die Kette ab und läßt die Pritsche herunter. Warum kauerst du dich so fröstelnd zusammen? Es wird Sommer, Björn! Ein schwerer Lastwagen holpert über die steinige Straße die Allee herunter, vollgepackt mit Soldaten. Wir bleiben stehen und lassen sie an uns vorüberfahren. Feldgraue Uniformen. Grau die Kappe und grau die Gesichter, eins sieht aus wie das andere. Wesenlose Gestalten. Seid Ihr. die Sklaven des Mannes, der Baumeister sein will? Habt Ihr diese hohe Mauer erbaut? Die Gesichter geben mir keine Antwort. Holzpantinengeklapper in der Ferne. Wir drehen uns um. Das Tor des Zuchthauses hat sich geöffnet und läßt einen langen Zug von dunklen Gestalten heraus. Sie wandern in der Mitte der Allee. Auf dem Fußsteig zu beiden Seiten Wachtmeister mit übergeschultertem Gewehr. Nur langsam bewegt sich der Zug vorwärts. Die Straße fällt etwas ab. Es ist, als ob sich die Gefangenen zu einem einzigen, im müden Rhythmus schreitenden Körper vereint hätten. Wir warten den Zug der Gefangenen nicht ab. Für heute genug! Wir können mit euch sprechen. Wir können euch sagen, daß wir mit euch warten. Wir werden euch bitten: Habt Geduld! Aber werden eure Augen nicht antworten: Wir warten schon so lange. Was nützen eure Worte? Jeder Tag ist ein Kampf. Gebt uns Brot, denn 64 ein Tro Lies Stimme Ohne N endlich ,, Ja Zu Als such in gestrich briefe. Es ist d Ein viele S rufen, N Viggo Gräben chen da Glut! I vorm F steigt, N Und ten. Tie heißt: K Mitte Heulen nute ge zu währ wenige Der junge F Mit den Hand st sie, zu 5 Halt W arf. rns aus Und um Das ausrin Ball sich wir hungern. Gebt uns Wärme wir frieren. Wir sind krank! Habt ihr Medikamente? Wie können wir sie euch bringen in der dünnen Aktenmappe des Pfarrers und in meiner kleinen Handtasche? Der Weg zu euch ins Besuchszimmer führt vorbei am Pförtnerhaus. Hauptwachtmeister Rabbeler und sein Stab haben scharfe Augen. Worte, Worte! Helft uns, gebt uns Brot! - Ach, selbst wenn wir helfen könnten wäre unsere Hilfe nicht nur ein Tropfen im Meer? Liest der Pfarrer meine Gedanken? Forschend sieht er mich an. Seine Stimme klingt freundlich, als er sagt: ,, Eine große Arbeit liegt vor uns." Ohne Mißtrauen fährt er fort: ,, Nur eins wird sie von uns fordern endliche Geduld!" - unI zu nem ,, Jaunendliche Geduld", wiederhole ich. ,, Und - unendliche Liebe!" die die läßt 2 Es heran die Ihr. hohe des Geg zu sam s ob nden mit ange. denn Zu Hause ist alles unverändert. Als ich in unserem kleinen Garten sitze, glaube ich beinahe, der Besuch im Zuchthaus sei nur ein böser Traum. Doch vor mir auf dem weißgestrichenen Gartentisch liegt ein Stapel brauner Briefe Gefangenenbriefe. Ich lese, bis es dunkel wird und die Buchstaben vorm Auge tanzen. Es ist der erste milde Sommerabend. - Ein Brief wird beiseitegelegt. Tarald hat ihn geschrieben: ,, Ich höre viele Stimmen. Warum hört Viggo sie nicht? Heute hast Du mich gerufen, Mutter! Bald kehre ich zurück. Gleich gibt es Suppe. Dann spricht Viggo mit dem Wachtmeister. Zur Ernte bin ich zu Hause. Ich werde die Gräben tieferziehen, damit das Wasser nicht das Korn ertränkt. Wir brauchen das Korn, Mutter! Zünde im Backofen ein Feuer an. Entfache die Glut! Ihr roter Schein soll die Zelle erhellen. Sie wird die Eisengitter vorm Fenster schmelzen. Die Mauern bersten auseinander. Das Wasser steigt, Mutter. Wir warten auf Feuer und Brot!" Undurchdringlich dunkel ist die Nacht. Noch immer sitze ich im Garten. Tiefstill ist es jetzt. Doch dieser Friede ist eine Lüge. Die Wahrheit heißt: Krieg, Vernichtung, Hunger und Kälte. Mitternacht. Ein langgezogener, heulender Ton. Alarm! Das klagende Heulen klingt wie der Aufschrei der leidenden Menschheit. Eine halbe Minute geht die Sirene. In dieser Nacht scheint ihr Jammern eine Ewigkeit zu währen. Nacht für Nacht ist Alarm, doch kein Angriff erfolgt. Nur wenige Minuten ein leises, silbriges Surren: Aufklärer. - Der Bunker ist kaum halbvoll. Neben mir auf der Holzbank sitzt eine junge Frau. Zwei Kinder hält sie auf dem Schoß fest an sich gedrückt. Mit dem Fuß stößt sie sacht den Wagen. Darin liegt ihr Jüngstes. Die Hand streicht über die schlafenden Kleinen. Die armen Kinder!" klagt sie, zu mir hingewandt. ,, Jede Nacht sitzen sie eingesperrt im Bunker." 5 Halt Wacht im Dunkel 55 65 Ein Gesicht taucht vor mir auf, fast noch ein Kindergesicht. Ernste Augen und ein einsamer Zug um den Mund. Und in Gedanken gehe ich weiter von Zelle zu Zelle. Auf jeder Pritsche hockt eine Gestalt. Sie horcht in die Nacht. Wann kommen sie? Motorengeräusche? Bomber? Nein, silbriges, leises Surren. Nur Aufklärer! 1 Plötzlich verschlägt es mir den Atem. Ich gehe hinaus. Eilig. Die Nacht ist sternenklar und tiefstill. Aber die Angst lebt weiter in mir. Bomben morgen irgendwann. ,, Die werden fallen. Es wird beginnen. Heute Mauern werden bersten!" schreibt Tarald. Die Zellen sind verschlossen und verriegelt. Wer wird sie öffnen? - - Endloser blauer Sommerhimmel! Doch im Zuchthaus ist immer kalt. es noch ,, Den Chef können Sie nicht sprechen. Der ist auf Dienstreise. Aber Herr Fuchs ist da." Fuchs ist die rechte Hand des Chefs. Bei ihm laufen alle Fäden der Verwaltung zusammen. Auf seinem Schreibtisch häufen sich Stapel von Akten und Papier, Meldungen der Wachtmeister über angebliche oder tatsächliche Vergehen der Gefangenen. Fuchs behält sich selbst die Abstrafung vor. Er ist in der Verteilung von Strafen ebenso großzügig wie jedes andere deutsche Gericht. Bis zu vier Wochen Arrest können in der Anstalt vergeben werden. Fuchs macht es selten unter einundzwanzig Tagen. Er ist oft krank, immer leidend. ,, So lerne ich Sie doch auch einmal kennen", sagt er mit etwas krächzender Stimme zu mir. ,, Ich habe bereits von Ihnen gehört." Der Ton, in dem dies gesagt wird, ist doppeldeutig, als wolle mir Fuchs zu verstehen geben, daß er meine geheimsten Gedanken und Pläne bereits durchschaut hat. Ich öffne die Handtasche und nehme Taralds Brief hervor. ,, Ich möchte mit Ihnen sprechen wegen eines Gefangenen." ,, Aha! Eine Beschwerde?" Die Stimme wird etwas verbindlicher. ,, Nun, da kann ich Ihnen ja sagen, daß ich mich schon gewundert habe, daß wir noch keine Meldung von Ihnen erhielten." Er streckt die Hand nach dem Brief aus: ,, Geben Sie her! Den Mann werden wir gleich haben." ,, Sie irren! Es handelt sich nicht um eine Beschwerde." Ich trage Fuchs Taralds Fall vor. ,, Geistesgestört?" fragt Fuchs verständnislos. ,, Wir haben keine Geistesgestörten. Das Zuchthausreglement schreibt vor, daß sie aus der Haft zu entlassen sind." ,, Eben darum komme ich zu Ihnen. Der Gefangene hat schon früher einmal zwei Jahre in Norwegen in einer Heil- und Pflegeanstalt verbracht." Fuchs klingelt und läßt sich Taralds Akte bringen. ,, Wahrscheinlich ein Simulant", meint er gähnend. ,, Alle Norweger sind Simulanten. Haben Sie das noch nicht bemerkt?" 66 Flüc Ihnen s ist der stehen werden schieht Da 1 er mir: Fuck heißt liche H vielen eins an kranks Gefang Doc überset ,, Bit Erst ,, Die M Sie! D Eb Lassen ,, Un Fenster gen in Die Ka und a Glatze Last. W Dann Überse nicht! ,, Da führt V Sein L Dal heimni Schrei lich n gestell 5* ste ch Sie er? cht en Die sen Och ber der won tattrades Angen. mal reits atig, danchte Nun, wir dem uchs stesEt zu üher cht." mlich aben Flüchtig blättert er in dem roten Schnellhefter. ,, Sehen Sie! Wie ich Ihnen schon sagte. Kein besonderer Vermerk von Dr. Schreck. Wie lange ist der Mensch schon hier? Über zwei Jahre? Na, also. Die Gefangenen stehen unter sorgfältigster ärztlicher Kontrolle. Schon bei der Einlieferung werden sie gründlich untersucht." Trocken fügt Fuchs hinzu: ,, Das geschieht schon um unserer eigenen Sicherheit willen." Da Fuchs wohl zu bemerken glaubt, daß ich ihn nicht verstehe, erklärt er mir: ,, Meinen Sie etwa, wir wollen uns noch bei den Kerlen anstecken?" Fuchs klappt die Akte zu. ,, Der Mann ist gesund wie Sie und ich. Das heißt", hüstelnd unterbricht er sich und betrachtet seine weiße, kränkliche Hand ,,, sagen wir lieber: Er ist gesund wie Sie. Denn ich bin seit vielen Jahren leidend. Trotzdem versehe ich noch meinen Dienst. Unsereins arbeitet mit letzter Kraft. Und die Gefangenen meinen, sie können krank spielen. Ich will Ihnen aber sagen, was die beste Medizin für einen Gefangenen ist ein kleiner, netter Arrestaufenthalt im Keller!" - Doch noch gebe ich nicht auf! ,, Darf ich Ihnen wenigstens den Brief übersetzen?" frage ich. ,, Bitte, bitte! Wenn's Ihnen Spaß macht." Erst hört Fuchs nur gelangweilt zu. Dann wiederholt er kopfschüttelnd: ,, Die Mauern bersten auseinander. Entfache die Glut!- Nein, wissen Sie! Der Kerl ist ja verrückt." - ,, Eben das ist es!" Ich werde lebhaft. ,, Darum komme ich ja zu Ihnen. Lassen Sie ihn vom Arzt untersuchen. Er wird ihn haftunfähig schreiben." ,, Und dann soll er hübsch nach Hause fahren? Was?" Durch das offene Fenster zieht ein fauliger Geruch von Steckrüben. Ganze Schwaden dringen in die Amtsstube. Ein langer Zug von Essenträgern kommt vorbei. Die Kalfaktoren! Die Zipfel der schmutzigen Kittel sind hochgeschlagen und am Gürtel befestigt. Auf kahlgeschorenen Köpfen und speckigen Glatzen sitzen die weißen Mützen. Die Schultern schwanken unter der Last. Zu zweien tragen sie einen Kessel. ,, Wie es wieder einmal zieht!" sagt Fuchs und schließt das Fenster. Dann greifen die langen, weißen Finger nach dem Brief. ,, Nehmen Sie ihn. Übersetzen Sie ihn und schicken Sie ihn ein. Nach Hause kommt er aber nicht! Er soll es nicht besser haben als unsere deutschen Geisteskranken." ,, Dann würde er also in eine deutsche Heil- und Pflegeanstalt überführt werden?" ,, Vorübergehend - ja. Bis auf weiteres!" antwortet Fuchs ausweichend. Sein Lächeln dabei erscheint mir wie Grinsen. Daß die deutschen Geisteskranken umgebracht werden, ist offenes Geheimnis. Fuchs weiß es ebensogut wie ich. Ich nehme den Brief vom Schreibtisch, stecke ihn fort und sage: ,, Vielleicht handelte es sich wirklich nur um einen Simulanten! Dr. Schreck hätte es sicher längst festgestellt, wenn er geisteskrank wäre" 5* 67 Fuchs lächelt zufrieden. ,, Ganz recht so! Nur keine Umstände machen! Den Norwegern fehlt nur eins, und das ist Arbeit. Ich schicke sie daher mit Vorliebe nach Schülp. Das ist ein Torfkommando, das Sie auch noch kennenlernen werden." Seine Stimme bekommt einen eisigen Klang. ,, Übrigens Mitleid ist hier nicht angebracht und kann Ihnen unter - Umständen teuer zu stehen kommen." Es klopft. ,, Was gibt's?" Hauptwachtmeister Rabbeler kommt herein. Er meldet: ,, Ich habe die Leute vorgeführt." - Und während ich noch draußen auf dem Gang von Rabbeler aufgehalten werde, fertigt drinnen bereits die krächzende Stimme die ersten Gefangenen ab: ,, Du Lump! Steh gefälligst gerade, wenn ich mit dir spreche! Was du frierst? Darum willst du dich tagsüber in die Wolldecke gewickelt haben?- Und das im Sommer? Daß ich nicht lache!" Wirklich klingt ein heiseres Lachen auf. ,, Ich wäre froh, wenn ich bei der Hitze eine Zelle nach Norden hätte. Nun, im Keller wirst du dir das Frieren schon abgewöhnen. Zu Hause in Norwegen liegt ihr das ganze Jahr in Eis, und hier wollt ihr uns erzählen, daß ihr mitten im Sommer friert--" -- Immer drückender wird die Sommerhitze. Der Pfarrer und ich sind auf dem Wege nach dem Außenkommando Schülp. Fuchs hat gesagt, daß man in Schülp das Arbeiten lerne. Schülp liegt mitten in Holstein. Von einer kleinen Bahnstation ist es noch eine Stunde Fußmarsch. Der Himmel ist von schweren Wolken verhängt. Ein Gewitter zieht herauf. Erst geht es eine holprige Landstraße entlang. Dann biegen wir querfeldein. Tiefes Schweigen ist um uns. Es ist ein Sonntagnachmittag. Endlich kommen wir zu einer langgezogenen Baracke. Sie ist umgeben von einem hohen Stacheldrahtzaun. Wie tot liegt sie da, als ob kein menschliches Wesen sie bewohne. An der Holzumrahmung der Stacheldrahttür hängt eine lange Schnur. Darunter steht mit Bleistift gekritzelt: Glocke. Als ich sie ziehe, bricht jenseits des Stacheldrahts ein ohrenbetäubendes Gebell los. Unheimlich durchschneidet es die Stille. Jetzt entdecke ich auch den Wolfshund, der wie rasend aus seiner Hütte springt. Er zerrt an der Kette. Die weißen Zähne blitzen. ,, Na, sollen wir ihn losmachen?" sagt der Wachtmeister, der uns öffnet. ,, Wo ist der Lagerkommandant?" ,, Mit dem Auto unterwegs. Dienstlich. Ich kann ihn aber anrufen. In wenigen Minuten wird er hier sein." Mir fällt ein, daß ich vor der Wirtschaft im Dorfe einen Dienstwagen stehen gesehen habe. Brüter Lagerkom mehrere Bild ist b in die Ri Durch liegenden von dreiz und Däne ,, Hier sagt Haup ,, Nun, we Er lacht Ist es jener deu schaffen v Träges stechende ,, Haber ,, Ja, d ,, Da frager fliegen. S die Nacht springen!" treu. Sie Er kra Rauch ver ,, Wie l ,, Das g ,, Auch 11 Warun hackt. Bes Und in ,, Da sin ,, Haben ,, Selbst reichen w ,, Und w Wieder kurzer Zei Der Pfa mandant, e 68 ! r h J. r e n e! e h ce n n uf es ht Fir g. en in ar. ht ch er en et. In en Brütende Hitze lastet über der Baracke. Wir warten im Raum des Lagerkommandanten, Hauptwachtmeister Wenck. Gummiknüppel und mehrere Maschinenpistolen hängen an der Wand. Und ein Führerbild. Das Bild ist braun. Nur die Augen schimmern weißlich, der starre Blick geht in die Richtung der gegenüberliegenden Klappe. Durch diese Klappe kann Hauptwachtmeister Wenck den dahinterliegenden Barackenraum übersehen. Etwa hundert Gefangene, Vertreter von dreizehn Nationen, hausen in diesem Raum, überwiegend Norweger und Dänen. ,, Hier versteht einer den anderen nicht. Ein wildes Sprachengemisch!" sagt Hauptwachtmeister Wenck, als er wenige Augenblicke später eintrifft. ,, Nun, wenn es gar nicht mehr weitergeht, sorge ich für Verständigung." Er lacht und sieht auf den Gummiknüppel. Ist es mehr als bloßer Zufall? Neben diesem Gummiknüppel hängt einer jener deutschen Kernsprüche, die in jeder Amtsstube zu finden sind: Wer schaffen will, muß fröhlich' sein! Träges Fliegengesumm erfüllt den Raum. Plötzlich fühle ich einen stechenden Schmerz am Bein. ,, Haben Sie hier Stechfliegen?" $ ,, Ja, das sind liebe Tierchen", antwortet Hauptwachtmeister Wenck. ,, Da fragen Sie nur die Gefangenen. Den ganzen Sommer haben wir Stechfliegen. Sie helfen mir bei der Arbeit. Die Gefangenen sind froh, wenn die Nacht vorbei ist. Sie sollten nur sehen, wie sie von den Pritschen springen!" Wenck lächelt mild und sagt: Außerdem sind die Tierchen treu. Sie folgen den Leuten ins Moor." Er kratzt sich am Kopf und greift dann nach einer Zigarette. ,, Der Rauch vertreibt die Fliegen", meint er. ,, Wie lange wird bei Ihnen Torf gestochen?" ,, Das ganze Jahr über." ,, Auch wenn es friert?" ,, Warum nicht? Es geht auch bei Frost. Dann wird der Boden aufgehackt. Besser, als wenn die Leute faul herumliegen." Und im Sommer?" ,, Da sind sie draußen von morgens sechs bis abends sechs." ,, Haben sie ein vorgeschriebenes Pensum?" ,, Selbstverständlich. Und sie müssen sich dranhalten, wenn sie es erreichen wollen." ,, Und wenn sie es nicht schaffen?" Wieder ein mildes Lächeln. ,, Meine Gefangenen erkennen schon nach kurzer Zeit, daß es ratsamer ist, das Pensum einzuhalten." Der Pfarrer hat bis jetzt geschwiegen. Doch nun sagt er: ,, Herr Kommandant, erinnern Sie sich noch an Pelle?" 69 69 Es ist, als ob sich Wencks zusammengepreßte Lippen noch fester aufeinander pressen. Die knochigen Hände umspannen die Armlehne. Ein rascher Blick auf mich. Dann starrt er wie gebannt den Pfarrer an und und?" fragt: ,, Ja ,, Ich habe Ihnen von Pelle einen Gruß zu bestellen." - Wencks Gesicht wird um einen Schein blasser. Wie laut die Fliegen summen! Bohrend, unablässig und erbarmungslos. Wenck ist verstummt. ein Paar weißlich Er sieht über uns hinweg auf sein Gegenüber schimmernde Augen in einem braunen Bild. Aber werden sie nicht verdrängt durch andere Augen? Wencks Blick geht zum Fenster. Durch die trüben Scheiben erscheinen Moor und Himmel, Stacheldraht und der lange Weg tief querfeldein in einem verschwommenen, graubräunlichen Licht. Den langen Weg haben sie ihn hinuntergetragen. Es war nicht Pelle, aber sein bester Kamerad. Was hat er gerufen? ,, Vergeßt uns nicht!" Wie lange ist es her? Es war vor einem Jahr Sonntags ist im Lager ,, Einkauf". Die Tabaksrationen werden verteilt. Wenck hat dabei sein eigenes System. Er setzt nicht fest, wieviel Tabak jeder einzelne Gefangene bekommen soll, sondern überläßt es den vier Kalfaktoren des Lagers. Die Zuteilung richtet sich nach der Gesamtarbeitsleistung. ,, Sorgt dafür, daß über das Pensum gestochen wird. Dann bekommt ihr mehr Tabak!" sagt Wenck zu den Kalfaktoren. Wie die Kalfaktoren den Tabak weiterverteilen, kümmert ihn nicht. Tut der Tabak nur das seine mehr Torf, mehr Torf! Und für Wenck Anerkennung, Beförderung und weitere Machtbefugnisse. Die Kalfaktoren sind ausgesuchte Leute. Meistens sind es Schwerverbrecher, die schon viele Jahre lang im Moor unter Wenck arbeiten. Sonntags bestimmt Wenck das Pensum für die Woche: Meter!" Nu Torfwa der A sind k ,, La Hol kurz. Ibe der G sieht überfli ,, V und v ,, La Schwe ,, D euch Barack Ha Arbeit Zw Torfw an. S ,, A beginn es gel dem H Vo Täglich drei Tages Ke Bombe Wolfs Am nächsten Tage kriechen die Kalfaktoren von Graben zu Graben: ,, Drei Meter täglich. Aber Freitag habt ihr schon fertig zu sein mit dem Pensum der Woche. Sonnabend wird zusätzlich gestochen." Im vierten Graben steht Holger. Neben ihm Pelle und Reidar. Die Wolken hängen so tief, als wollten sie die hohen Torfberge zurück in die Gräben drücken. Wie rasend jagt Holger immer wieder die Hacke in den faserigen Torf. Die Hände, große, verDoch die Hacke arbeitet nicht schnell genug. klumpte Hände, reißen die Torfwürfel heraus. Die linke Hand blutet. Das Blut. sickert in den braunen Torf und gibt dunkle Flecken. Holger kniet nieder und reißt von dem Fußlappen ein Stückchen ab. Er wickelt es um die Hand, hält mit den Zähnen den einen Zipfel fest und zieht mit den Fingern den Knoten zu. 70 10 surrt Mann ,, D Ho Der n bar! Pensu die L W Hand ufEin und gen mt. lich verdie nge cht. elle, Ceilt. bak vier eitst ihr e den - und rverdrei aben: dem Die n die Torf. vert. Das en ab. st und Nur keine Zeit verlieren! Neben ihm sind Pelle und Reidar gegen die Torfwand gelehnt. Schweißtropfen stehen ihnen auf der Stirn. Nicht von der Arbeit, sie haben heute nur wenige Torfwürfel gebrochen. Beide sind krank. " 1 ,, Laß doch, Holger!" sagt Pelle. ,, Du schaffst es doch nicht für uns." Holger wirft einen kurzen Blick auf Reidar. ,, Leg dich hin", sagt er kurz. Und du, Pelle, bleibst stehen und hälst Wache, ob Ibel kommt." Ibel ist der Kalfaktor, der von Graben zu Graben kriecht. Am Weg steht der Grüne mit aufgepflanztem Seitengewehr, die Zigarette im Mund, und sieht gelangweilt über den grauen Himmel und den braunen Torf. Er ist überflüssig. Die Kalfaktoren besorgen seine Arbeit! ,, Vorsicht! Er kommt", flüstert Pelle. Sie fassen Reidar an der Schulter und versuchen ihn aufzurichten. ,, Laẞt mich liegen, ich kann nicht mehr." Reidars Augen glänzen fiebrig. Schweißtropfen rinnen über das Gesicht. ,, Du mußt, Reidar!" Holger reißt ihn hoch. ,, Morgen früh meldet ihr euch noch einmal krank. Vielleicht lassen sie euch dann zurück in der Baracke. Nur noch bis dahin, Kamerad!" Hacke und Hände bohren sich in den faserigen Torf. ,, Los, an die Arbeit! Er kommt." Zwei langschäftige, lehmverklumpte Stiefel schieben sich über die Torfwand des Grabens: Ibel, der Kalfaktor. Die Langschäfter künden ihn an. Sonst tragen Gefangene Holzpantinen. ,, Aha, hier sind ja unsere beiden Krankmeldungen von heute morgen", beginnt er. Er tritt mit dem Stiefel gegen den Torfhaufen. ,, Ihr seht also, es geht. Schlapp wird nicht gemacht. Freitag habt ihr fertig zu sein mit dem Pensum. Sonnabend wird zusätzlich gestochen." · Von Graben zu Graben wandert die gleiche Litanei. Die Schwere des Tages wird noch lastender. Keine Uhr schlägt im Moor. Die Zeit steht still. Keine Alarme, keine Bomben. Nur das Gebrüll der Wachtmeister und das rasende Bellen des Wolfshundes durchbrechen das ewige Schweigen. Hoch über den Wolken surrt es silbrig und hell. Holger hört es nicht mehr. Ist es noch derselbe Mann, der vor zwei Jahren mit Viggo im Flugzeug saß? ,, Dir gehören Land, Luft, Meer und die Freiheit!" Holger kämpft. Wie rasend arbeiten sich Hände und Hacke in den Torf. Der nackte, braune Oberkörper glänzt vor Schweiß. Jede Minute ist kostbar! Ach, stände die Zeit doch still! Sie werden sie schlagen, wenn ihr Pensum nicht geschafft ist, denkt Holger, und schleudert die Würfel über die Lehmwand. Er sieht zu Pelle und Reidar hinüber. Wieder wühlen sich die Hände in den Torf. Der Verband um die linke Hand löst sich. Er ist blutrot gefärbt und von Lehm verschmutzt. 71 Holger steht tief im Graben. Schwer hängen die Wolken. Die Luft ist spannungsgeladen, aber immer noch kommt kein Gewitter. Träge summen die Fliegen auf Holgers Rücken. Aber Holger ist gefühllos geworden. Er keucht unter der Last des Torfes. Wieviel Stunden ist es her, daß sie Mittag bekamen? Ist: es bald sechs? Holger spürt weder Durst, Hunger noch Hitze. Er spürt nicht den rinnenden Schweiß. Er spürt nur den Torf und die jagende Hacke und Hand. „Reidars Stück wird noch fertig, aber deins, Pelle?"- Da rafft sich Pelle wieder auf und versucht wieder, die Hacke in den Torf zu stoßen, aber kraftlos sinkt die Hand herunter. „Kamerad, ich kann nicht.” Er hockt sich neben Reidar nieder. Die drei sind allein im Graben. Der wie rasend arbeitende Mann, die hockende Gestalt und der auf dem Torf gebettete Reidar. Ist fünf. Meter weiter‘der nächste Graben? Oder sind sie allein auf der Welt? Uber ihnen ist der grauverhangene Himmel. Um sie wogt das Meer von Torf. Reidar öffnet die Augen:„Sie haben uns vergessen“, sagt er mit dumpfer Stimme.„Norwegen, das Leben, der Friede— ja, selbst der Krieg! Zu uns in. den Graben dringt nichts mehr.“ Noch einmal schreit er auf:„Holger, Pelle! Warum Eulen sie uns ver- gessen? Warum?” Dann’ erstickt ein Hustenanfall die Stimme. Er neigt sich über‘den Torf. Es tropft und keucht aus’ dem Mund. Begierig saugt der Torf das sickernde Blut. Nur dunkle Flecke bleiben zurück. Träge, summend kriechen die Fliegen darüber. Matt fällt der Kopf endlich zu- rück:„Wir sind vergessen!" Doch Holger vernimmt nichts. Im rasenden Rhythmus arbeiten Körper: und Hände. Bücken. Hacke hereinstoßen. Ein— zwei—-drei— viermal stoßen. Mit den Händen nach. Zerren, reißen. Ja, es löst sich. Noch ein- mal ziehen und stoßen. Der Torfwürfel gibt nach. Der Körper. schnellt in die Höhe. Der Würfel fliegt über die Lehmwand. Dumpf aufklatschend . fällt,er auf den Haufen. Der Haufen wächst und wird zu einem Wall. Das ist die Uhr im Torf- moor. Das Aufklatschen der Würfel ist ihr Ticken. Schrilles Pfeifen durchschneidet die Stille. Sechs Uhr. Langschäfter kriechen von Graben zu Graben. An der Torfwand lehnen Reidar und Pelle. Vor ihnen steht Holger. Der Langschäfter taucht auf. „Nur knapp geschafft!’ Ich sage es euch noch einmal: Freitag müßt ihr fertig sein mit dem Pensum. Ich lasse mir nicht. durch euch den Einkauf ‚ verderben.” Noch einige Minuten: dann brüllt es über die Gräben:„Los, antreten!" Holger springt als erster aus dem Graben. Er packt Pelle an der Schul- ter und zieht ihn heraus. Aus allen Gräben kommen die Gefangenen ge- krochen. Holger ruft die nächsten herbei:„Helft mir, Reidar heraus- zuheben!“ \ 72 le ur Sie schleppen ihn mit sich. Die Kalfaktoren und der Weachtmeister kümmern sich nicht darum. Die Arbeit ist getan. Mag er bis morgen früh krank sein. Erst in zwölf Stunden beginnt von neuem der Kampf., Die Holzpantinen stapfen über den morastigen Grund. Noch immer ist das Gewitter nicht losgebrochen. Seit Tagen hat es nicht mehr geregnet. Aber das Moor ist durchtränkt von einer zähen Da Der Lehm bedeckt die Holzpantinen mit einer dicken Krüste. Endlich ist die Wegbiegung erreicht. Nun geht es noch den langen Weg hinunter— da ist die Baracke. Da sind Wasser. und Brot. Da sind die Pritsche, die Dunkelheit der Nacht und ein kurzes Vergessen im Schlaf. Holger bückt sich. In der tief Ban Son des Weges liegt eine Steckrübe.——— Wie entseelt liegt die Baracke da. Nur in der Schreibstube ist noch Licht. Durch einen Spalt der Klappe dringt ein Lichtritz in den dahinter- liegenden Raum. Dort liegen hundert Gefangene wie leblos auf den Prit- schen. Die Pritschen stehen zu dreien übereinander. Nacht senkt sich über die braune Erde. Auf die ersten Augenblicke stumpfer Erschöpfung folgt qualvolle Unruhe. Holger starrt ins Leere. Dann schließt er die Augen. Aber er schläft: nicht. Er betet:„Gib mir Kraft für morgen. Die Kameraden brauchen mich. Sie sind krank. Es kann nicht Dein Wille sein, daß sie sterben.” Und Holger fängt an, mit Gott zu rechten:„Hast Du uns N Wir warten und-hoffen. Aber wo bist Du— Gott?“- Die Fliegen summen, bohrend unerbittlich. Die Tür ist verriegelt; die Fenster sind geschlossen. Der Raum ist von Gestank verpestet.- Immer wieder springen sie aus den Pritschen heraus und laufen an das Ende des Raumes, wo die Kübel stehen. Sie klettern hinunter. in die schwarze Finsternis; sie tappen sich durch den schmalen Gang. Sie stoßen gegen die Pfosten der Pritschen— ein halbunterdrückter Schrei oder ein: wilder Fluch. Über Holger stöhnt es. Es ist Reidar. Er phantasiert:„Wir sind ver- gessen——— wir sind allein——" Es knackt, als ob etwas auseinandergebrochen wird. Eine Steckrübe wird geteilt.. Holgers Arm schiebt sich durch das Dunkel über die Kante. von Reidars Pritsche. „Nimm!- Ä Aber Reidar ist verloren in Phantasien.„Pelle, Pelle! ruft er.„Wir sind vergessen. Sie werden mich in brauner Erde begraben!" Pelles Antwort geht unter in Flüchen, die Reidars Pritsche umprasseln: „Halt's Maul! Gib Ruhe!” Der Tag ist lang gewesen. Der Rücken schmerzt; die Füße sind wie leblose Klumpen. Die Männer fallen in dumpfen Schlaf. Quälende Träume umkreisen die Pritsche. Sie schreien, auf:„Hilfe, Hilfe!‘ Wer verfolgt sie 73 im Traum? Die Gestapo? Ach, das liegt schon lange zurück. Sie sind im Moor! Der Tag, der verging, und der Tag, der kommt, hält sie mit eisernem Griff. Noch im Traum handeln sie mit dem Kalfaktor: ,, Ein Meter weniger Torf, und du kannst meinen Priem behalten." Aber der Stiefel, der große Stiefel! Er kommt näher da brüllen sie auf. Hellwach sind sie plötzlich und hören die Flüche aus den benachbarten Pritschen. Ruhe, Ruhe! Sie ringen um Ruhe, um einige wenige Stunden Schlaf. - Die Träume werden noch wilder. Der geknebelte Trieb schreit nach Leben. - ein HerzVon einer Pritsche dringt hilfloses Schreien. Kein Traum anfall. Das Schreien wird lauter. In den Pritschen ringsum wird es unruhig. Sie schimpfen, sie fluchen: ,, Ruhe, Ruhe!" Das Schreien durchdringt die Baracke. Sie brüllen ihn an: ,, Halt's Maul!" Mag er verrecken, wenn das Schreien nur endet. Sie ringen um einige Stunden Schlaf! In blinder Wut schleudern sie ihre Strohkissen ins Dunkel hinein. Das Schreien wird zum Winseln. Fliegen summen und stechen. Gestalten tappen sich durch die Gänge. Erst gegen Morgen wird es stiller. Von den Kübeln kommen faulige Schwaden. Holger erwacht mit einem dröhnenden Kopf. Noch eine Viertelstunde. Jeden Morgen wacht er zu früh auf. Noch fünfzehn Minuten Ruhe, noch fünfzehn Minuten Schlaf! Es wird nur ein Wachtraum. Wie erschlagen liegt der Körper da. In diesen Minuten fühlt er sich wie geteilt, als ob Körper und Seele auseinandergerissen würden. Dann ist es ihm, als ob er gewürgt würde. Und wieder kommen die Stiefel, die Stiefel! Er sieht sie im Graben. Sie sind mit Nägeln beschlagen. Sie schreiten das Pensum ab. Drei Meter pro Tag! Drei Meter sind drei Schritte der Stiefel. Aber Schritt ist nicht Schritt! Die Stiefel holen weit aus. - Holger greift sich an den Hals. Er ringt nach Atem. Er stöhnt, er brüllt: ,, Ich kann es nicht schaffen!" Doch der Kalfaktor hat den Pflock in der Hand. Drei lange Schritte dann sticht er in den Torf. Er grinst und lacht und lockt mit dem Finger: ,, Bis hierhin. Du mußt mir folgen!" Holger aber sieht zum nächsten Graben. Da arbeiten Freunde des Kalfaktors. Da gehen die Stiefel drei kurze Schrittchen. Und als er sich wendet, springt der Kalfaktor noch einmal heran, reißt den Pflock in Holgers Graben heraus, tritt mit dem Stiefel das Loch zu und sticht ihn noch einen Schritt weiter ein. Holger fährt hoch von einem stechenden Schmerz. Eine Fliege. In Schweiß gebadet sinkt er wieder zurück auf den Strohsack. Wieviele Minuten vergingen? Jeden Augenblick muß der gellende Pfiff kommen, der das Blut erstarren läßt und die Glieder lähmt. Wieder versinkt Holger. Angst überfällt ihn. 74 Die Baracke ist dunkel. Sie ist voll Menschen, Fliegen und Gestank. im sereter efel, sind uhe, nach Herzunringt venn nder reien inge. ulige ertelRuhe, e er-teilt, , als ! Er - das iefel. rüllt: n der. und gen!" alfakendet, olgers einen e. In e Mi, der olger. stank. Nie allein sein können. Über sich, neben sich Menschen! In einem kurzen, rasenden Augenblick durchschießt es Holger: ,, Flucht!" Flucht! Es reißt, es schleudert ihn fort. Er jagt über die braune Erde. Hinter sich ein fletschendes Maul, ihm in schnellem Lauf auf der Spur. Wie der Speichel trieft, wie die scharfen weißen Zähne glänzen! Er hört die Rufe des Kalfaktors. Schüsse da das Blut steht still. Die Beine versagen. Sie sind gelähmt. Wie angenagelt steht er da. Das wild jappende Tier kommt näher. Und er steht, er ringt, er kämpft. Die Beine machen nicht mit--- da - 11 - Ein gellender Pfiff! Die Beine die Beine! Noch halb im Schlaf reiẞt Holger die Beine über die Pritsche. Sie stoßen gegen die scharfe Kante. Die schwarzen Gardinen rollen hoch. Durch die schmutzigen Scheiben fließt graues Morgenlicht. Die Kalfaktoren rennen durch die Gänge. Wo sich die Stiefel nahen, springen die Männer von den Pritschen. Holger fällt fast besinnungslos gegen den Pfosten. Vor ihm, neben ihm jagen zerlumpte Gestalten wie besessen auf ein Ziel. - Nicht zur Waschkumme oder zum Kübel! Es ist das Spind. Sie reißen es auf. Halb umnebelt sind noch die Augen. Sie suchen und tasten im Fach. Da ist es ein Röllchen Priem! In rasender Hast gleich Verhungernden umwickeln sie es mit Papier. Sie greifen zu einem Kästchen. Darin ist die Lunte; der Feuerstein wird angeschlagen. Dann halten sie mit gieriger Hand die ,, Tüte" gegen die glimmenden Fasern. Die Tüte ist die Zigarette aus Priem und Papier! Gift für die Lungen, aber sie brauchen die Tüte, sie brauchen Betäubung. Zwei starke Züge aus der Tüte. Dann taumeln sie wie Betrunkene zurück zu den Pritschen, zu den Kübeln und zu den Kummen zum Waschen. Holger wendet sich um. Er zerrt an Reidars Schulter, nimmt seine Beine und zieht sie über die Kante. Er hebt die schwache Gestalt herunter. Reidar schwankt. Die Augen sind glasig. ,, Hast du noch Priem, Holger? Nimm ihn und bestich Ibel." Doch Holger schüttelt den Kopf. Das Spind ist leer. Er hat schon am Sonntag Brot für den Priem getauscht. Und Pelle und Reidar? Beim letzten ,, Einkauf" hat Ibel ihren Priem zurückbehalten. Die Arbeitsleistung war zu gering. Die Tür wird aufgeschlossen. Schwappende Eimer werden hereingetragen. Sie drängen sich um die braunschwarze Jauche, halten die ausgestoßenen Zinnbecher hin. Sie trinken hastig in kleinen Schlucken. In den müden Gesichtern liegt grauer Ekel. Langsam und gründlich mahlen die Zähne das Brot. In einer Ecke steht Ibel und flüstert mit einigen Gefangenen. Holger wartet abseits. Er sieht, wie sich die Hände der Gefangenen in Ibels Hand schieben, Bestechung, Bestechung! Er kommt mit leeren Händen. 75 55 ,, Wie? Krank?" Ibel stößt Holger beiseite. ,, Gestern konnten die beiden noch arbeiten. Heute wird es ebensogut gehen." Ibel geht einige Schritte vorwärts und brüllt: ,, Antreten!" Langsam setzt sich der graue Zug in Bewegung. An den Holzpantinen klebt noch die Lehmkruste vom Abend zuvor. Kaum merklich hat sich die Luft abgekühlt. Ibel hält das mit Stacheldraht umwickelte Holztor weit auf. Der Zug geht an ihm vorbei. Die Gefangenen sehen, wie seine Backenzähne eine saugende Bewegung machen. Aus der breiten Lücke in den Vorderzähnen trieft brauner Sud, Priem. Der Zug schleppt sich in der breiten, ausgefahrenen Spur des Weges. In der Mitte gehen Reidar und Pelle. Holger und ein anderer Kamerad stützen sie. Da stolpert Reidar. Schwer fällt er zu Boden, tief wühlt sich das Gesicht in den lehmigen Grund. Der Zug kommt ins Stocken. ,, Steh auf, Reidar!" Holger versucht, ihn emporzuzerren. Aber Reidar stöhnt nur: ,, Vorbei!" Aus der hintersten Reihe löst sich Ibel und springt herzu: ,, Was ist los? Steh auf, Kerl!" Noch ist die Wegbiegung nicht erreicht. Von der Baracke her kommt die verschlafene Stimme von Hauptwachtmeister Wenck: ,, Was ist los?" ,, Einer der Norweger ist umgefallen, Herr Hauptwachtmeister." ,, Mach ihm Beine!" ,, Jawohl, Herr Hauptwachtmeister." Und die Langschäfter stürzen sich auf Reidar. Die Stiefel treten zu. Treten, treten. Nehmen Rache für lange Jahre im Moor, für ein ganzes verwildertes Dasein, für die nun kleiner gewordene Tabaksration am Sonntag. Sie zertreten das letzte glimmende Leben. Die braune Erde schweigt. Stumm sehen die anderen Gefangenen zu. Ibel kommandiert: ,, Weitergehen!" Zögernd setzt sich der Zug in Bewegung. Nur Pelle bleibt zurück. Er kniet in der tief ausgefahrenen Spur des Weges und versucht, den zertretenen Körper neben ihm auf die Seite zu legen Er flüstert: ,, Reidar! Reidar!" Da öffnet Reidar noch einmal die Augen. . Aus der Baracke ist Wenck getreten und hat sich den beiden genähert. In der Hand hält er die glühende Zigarette. Er fühlt, wie sich zwei Augen auf ihn richten. Sie schimmern nicht weißlich! Es sind vom Tode gezeichnete Augen. Wie gebannt bleibt Wenck stehen. Diese Augen! Er spürt, wie sie ihn durchbohren, umfassen und wie sie durch ihn hindurchgehen. Aber Reidars Augen erkennen nicht mehr, daß es Wenck ist. Der Sterbende erschaut das Unsichtbare. Er sieht vor sich Scharen, Heere, Legio76 1 I e H 1 F 1 I n ER ıd e- s? nt 2 nen entseelter Menschen. Ihre Gesichter tragen die Züge von Wenck, von Ibel, von Fuchs— ihre Uniformen sind braun und schwarz. Doch ihre Sprache mischt sich aus vielen Sprachen der Welt! Schwärzer noch ballen sich die Wolken, Der Himmel senkt sich tiefer herab. Reidar sieht weiter— bis zum Horizont, bis zu den Grenzen der braunen Erde. Er keucht:„Vergeßt uns nicht! Vergeßt uns nicht!“ Es donnert in der Ferne. Die ersten schweren Tropfen fallen. Sie be- decken: Reidars Augen mit erlösenden Tränen. Dann’ sinkt sein: Kopf zur Seite. Pelle kniet am Wege. In den Armen hält er den toten Freund. Vor ihm steht Wenck. In Pelles Gesicht aber ist, ein Abglanz des Friedens, der . sich über Reidars Züge gebreitet hat. Da blitzt und kracht es. Schwefelgelb leuchtet der Himmel auf. Ge- blendet weicht Wenck zurück, dann gibt er sich einen Ruck. Die Augen, die ihn einen kurzen Augenblick zu bannen vermochten, sind für immer geschlossen. Mit dem Stiefel rührt er an Reidars Kopf.. „Steh auf”, herrscht er Pelle an.„Der ist tot. Scharrt ihm ein Grab, ehe der Regen die Erde durchweicht.“ i Vier Mann scharren und graben. Die Hacke, die sich sonst in den Torf stößt, wühlt jetzt den lehmigen Grund auf. Himmel und Erde sind eins. Es blitzt, donnert und tost. Es hat aufgehört zu tropfen. Ein Sturm ist aufgezogen. Tiefschwarz sind die Wolken. Zickzack-Blitze jagen. dar- über und leuchten grell über die braune Erde. Wenck steht an der Weg- biegung und ruft:„Tiefer das Loch! Sonst kommt der Regen und Me es auf.” 2 Wieder zuckt und kracht es.-Noch einmal leuchtet es über den Himmel. Der Wolfshund zerrt wie rasend an der Kette. Sein heulendes Jaulen klingt über das weite Moor. Holger stößt die Hacke in den Torf.. Fünf Meter von ihm ist der nächste Graben, aber da die Gestalten darin ebenso gebeugt stehen wie; er, liegt er wie leblos da. Holger ist, allein, über ihm der zerrissene Himmel, dessen wildes Licht über die Torfberge jagt. Tief wühlt er das Gesicht in die Torfwand. Die Hände ballen sich zu Fäusten. Endlich beginnt es zu regnen. Das Donnern verklingt in fernem rollen. Nur noch ein letztes Aufzucken und Leuchten. Der Himmel senkt sich über das Moor. Warmer Regen strömt herunter. Begierig saugen die braunen Fasern ihn auf und färben sich dunkel. Die Spannung in: den Fäusten läßt nach. Die Hände umfalten den Griff der Hacke. Das Gesicht löst sich vom Torf. Holger hält es dem Regen entgegen. „Todesursache: Herzschlag. ‚Die Bestattung hat an Ort und Stelle ord- nungsgemäß stattgefunden. Reidars Akte wird geschlossen. Und Pelle? Für kurze Zeit wird Wenck vorsichtiger. Kranke und Tote machen unnötig viele Scherereien. Er schickt ihn zurück nach Hamburg. Ein 2; Blutsturz 1 der Anstaltsarzt überweist ihn in das Zentrallazarett. Tuberkuloseerkrankte Gefangene können als haftunfähig erklärt werden. Nach mehreren Monaten Papierkrieg kehrt Pelle in die Heimat zurück. Er ist. gerettet. - ,, Ich bin erst vor kurzem in Norwegen gewesen", sagt der Pfarrer. ,, Da habe ich Pelle besucht. Pelle hat Sie nicht vergessen, Herr Kommandant!"" ,, Er hat mich nicht vergessen?" wiederholt Wenck unsicher. Er wirft einen fragenden Blick auf den Pfarrer, doch die unbeweglichen Augen. geben keine Antwort. Da sieht Wenck zum Führerbild, lacht kurz auf und diese Ausländer! Das Pensum, sagt, zu mir hingewandt: ,, Schlappe Kerle was ich ihnen gebe, ist noch viel zu klein. Ich könnte das doppelte leisten." Wir schweigen. Unsere Gedanken aber scheinen eine deutliche Sprache zu sprechen. Denn unvermittelt sagt Wenck zu mir: ,, Und Sie haben die Überwachung bei Besuchen? Das ist bei mir nicht nötig. Während des Weltkrieges war ich zwei Jahre in Dänemark interniert. Ich spreche daher ganz gut dänisch und versteh alles, auch norwegisch." - Darum also! Mir wird klar, warum ich in den Gefangenenbriefen aus diesem Lager noch nie eine Klage gelesen habe, warum sich in jedem der Briefe nur ein und derselbe Satz wiederholt: ,, Mir geht es gut." Ich ziehe meinen Polizeiausweis: ,, Der Chef hat angeordnet, daß ich die Besuche überwache." Wenck nimmt es schweigend zur Kenntnis. Ich stehe auf. ,, Wo sind die Gefangenen, die wir besuchen können?" ,, Da müssen Sie eine halbe Stunde gehen. Sie sind beim Torfstechen." Wenck ruft einen Wachtmeister herbei. Er sagt halblaut zu ihm: ,, Sie bleiben noch einen Augenblick zurück. Sind die Kalfaktoren zum Einkauf drinnen?" ,, Jawohl, Herr Hauptwachtmeister." ,, Dann kann einer der Leute die Herrschaften ins Moor bringen." Wenck wendet sich zu uns und sagt: ,, Dort werden Sie warten, bis der Wachtmeister kommt." Der Weg ist weit. Erst geht es die ausgefahrene Wagenspur entlang. Dann kommen wir zur Wegbiegung. Ein schnurgerader Weg führt ins Torfmoor. Aber noch sehen wir es nicht. Nur die Schienen beginnen, auf der der Torf in Loren zur Fabrik gefahren wird. Der Grund ist morastig. Wir treten auf die Schiene und gehen von Bohle zu Bohle. Ich sehe die Schienen entlang; in weiter Ferne scheinen sie einander näherzukommen. Und ⚫ weit, weit fort in der Unendlichkeit schneiden sie sich. Dort ist das Torfmoor. Da sind die Gräben. - Der Himmel verhängt sich immer mehr. Die tiefe Einsamkeit macht mich beklommen. Welche Anweisung Hauptwachtmeister Wenck wohl dem Grünen gibt? 78 un vi So Ja br La si D W da is u SO D Le V h er V G SI la m Z 11 sie uf ht- ng. re ler Nir ie- Ind das cht ohl. Das Land ist flach. Die Erde ist braun, und der Himmel wölbt sich grau und schwermütig darüber. Neben uns der schwere Schritt von Langschäftern: der Kalfaktor. Er ist vierschrötig und untersetzt. Übergroß sitzt. der Kopf auf den zu breiten Schultern. „schon lange hier?“ „Jawohl, jawohl.“ Kriecherisch klingt dieses„Jawohl“. „Wie lange?‘ „Ich war in mehreren Torflägern. Jawohl. Acht. Jahre im. ganzen. Jawohl.‘ Die Schienen nehmen kein Ende. Ringsherum, soweit das Auge reicht, braune Erde, bis an den Horizont. Da rechts vor uns wölbt sich das fläche Land gen Himmel: ein Berg von gestochenem Torf. Ganz in der Ferne tauchen langgezogene Torfwälle auf. Davor ziehen sich wie Kanäle die Gräben hin. Nur vereinzelt sind Gestalten zu sehen. Das Feld ist so groß, daß die vielen Gefangenen, die bei der Arbeit sind, wie Punkte erscheinen.- Die vordersten sind jetzt einige Meter vor uns, andere so weit entfernt, daß wir sie kaum erkennen. Der Kopf ist kahlgeschoren. Der Oberkörper ist nackend. Nur die Fliegen summen, sonst ist Stille. Während wir auf den Wachtmeister warten, bleibt der Kalfaktor bei uns stehen.. Wir blicken über das Feld. Im ewig gleichen Rhythmus ver- schwinden die Oberkörper der Gefangenen für einige Sekunden im Graben. Dann kommen sie wieder zum Vorschein. Etwas Dunkles fliegt über die Lehmwand und fällt auf den Torfwall vorm Graben. Ein Torfwürfel. Wieder verschwinden die Oberkörper. So vertieft bin ich,.daß ich auffahre, als ich neben mir jemand lachen höre. Es ist der Wachtmeister. Er klappt das Zigarettenetui auf, nimmt eine Ze heraus und sagt:„Sie sehen, hier lernt der Gefangene sich verneigen.' Er dreht sich um nach dem Kalfaktor, der dabei ist, in den ersten Graben zu springen.„Hast du noch nicht ausgerechnet, Ibel, wie oft sie sich in den Gräben an einem Tag bücken?“ „Viele tausendmal. Jawohl!" kommt die Antwort aus einem verzerrt lachenden Mund, in dem statt der Vorderzähne breite Lücken sind. Der Grüne zieht einen Zettel aus der Tasche, sieht kurz darauf und ruft mit‘einer Stimme, die in dem tiefen Schweigen bis an das Ende der Welt zu hören sein muß:„Holger Sandem!"° Ein Gefangener weiter entfernt nimmt den Ruf auf und wiederholt: „Holger Sandem!“ Und noch einmal ganz in der Ferne erklingt es dumpf:„Holger Sandem!“ Die Toten werden in ihren Gräbern geweckt! Gespenstisch ist es, als weit unten am Ende des Feldes eine Gestalt aus dem Graben auftaucht, wie fragend stehen bleibt und sich dann langsam in Bewegung setzt. Der Ruf hat den Rhythmus des Torfes unterbrochen. Alle Arbeit ruht. Das fühle ich mehr, als daß es das Auge bei der Weite des Moores erkennt. In den Gräben sinken die Arme nieder. Sind es die sich zusammenballenden Wolken am Himmel? Die Luft scheint stillzustehen, spannungsgeladen ist sie. Sekunden der Hoffnung für jeden Gefangenen! Werde auch ich aufgerufen? SO Hunderte von Augen sind auf uns gerichtet. Ach, nur einen Augenblick lang sprechen mit Menschen, die nicht in Uniform sind! Wochen, Monate, Jahre stehen sie schon im Graben. Noch zwei Namen schallen über das Moor. Die Toten lauschen in ihren Gräbern. Jedesmal löst sich eine Gestalt. Dann dreht sich der Wachtmeister um, rückt das über die Schulter aufgepflanzte Seitengewehr zurecht, klopft die Zigarette gegen den Handrücken und zündet sie an. Stumpfe Hoffnungslosigkeit legt sich über die Gräben. Die Oberkörper verschwinden. Dunkle Klumpen fliegen über die Lehmwand und fallen auf den Torfwall vorm Graben. Die drei kommen uns entgegen. ,, Marsch zurück mit euch!" fährt sie der Wachtmeister an. ,, Holt eure Jacken!" Wieder geht es zum Graben. Der Grüne führt uns zu einem verfallenen Holzschuppen. Es ist dunkel drinnen. Nur durch die geöffnete Tür aus Latten dringt trübes Licht. An der Wand stehen einige grob zusammengeschlagene Holzbänke. Auf dem Lehmboden liegen zerbrochene Bretter. ,, Hier halten die Gefangenen Mittag", sagt der Wachtmeister. ,, Wir wollen draußen sitzen." Zwei Holzbänke werden herausgetragen. Neben mir sitzt Holger. Sein Gesicht erinnert mich an das von Viggo. Dieselben scharfgeschnittenen Züge, nur die Augen liegen tiefer, grüblerischer. Uns gegenüber sitzen Baard und Ole. In der Mitte der Pfarrer. Baard greift in die Tasche der ausgefransten Jacke und holt etwas Blitzendes, Goldenes hervor. Es ist der Trauring." Wir haben Besuch", sagt er langsam, als falle ihm das Sprechen schwer. Er versucht, den Ring über den kleinen Finger zu streifen. Doch vergeblich. Er blickt auf unsere Hände und sieht die eigenen an. Sie sind wie Klumpen, aufgerissen und zerbeult. Die Gesichter sind verschorft und verbrannt von zuviel unerbittlich sengender Sonne. Ole sieht uns stumm mit großen, fragenden Augen an. Es ist der Blick eines Kindes. Er kann noch nicht einmal so alt sein wie Björn. ni ih Gr zu eir In be au sc sta Го nis die au ab be ihr ih kr Le ka de W um bli ste de 6 80 IS l- 1! = Neben uns steht der Wachtmeister. Er spuckt weit aus und weicht nicht von der Stelle. Ich fange an zu verstehen! Darum also hielt Wenck ihn länger zurück. Eı will uns nicht allein lassen. Nur langsam, sehr zögernd kommen die Worte. Angespannt hört der° Grüne zu. Da er aber die fremde Sprache nicht versteht, dreht er sich zuletzt gelangweilt um und fängt an, auf und ab zu gehen. Die braune Erde hält die Gefangenen in ihrem Bann. Ob wir ihn in einer kurzen halben Stunde brechen können? Ich nehme zwei Briefe aus der Handtasche.„Von Norwegen“, sage ich. In den Augen leuchtet es auf. Erst gestern habe ich diese Briefe vom Zuchthaus zur Zensur geschickt bekommen. Ein weiter Weg liegt noch vor ihnen, ehe sie dem Gefangenen ausgehändigt werden. Stimmt es mit dem Brieftermin? Vielleicht sind schon sechs Wochen seit dem letzten Brief vergangen. Dann wird die An- stalt die Briefe, wenn sie sie von. mir zensiert zurückerhält, nach dem Torflager weiterschicken. Da aber ist das letzte und schwerste Hinder- nis— Hauptwachtmeister Wenck! Er händigt nur Briefe aus an Gefangene, die ihr Pensum einhalten. „Ich kann euch die Briefe noch nicht geben“, sage ich mit einem Blick auf den Wachtmeister.„Aber der Pfarrer wird sie euch vorlesen.‘ „Für Sie habe ich keinen Brief“, wende ich mich an Holger.„Dafür aber einen Gruß!” „Von Viggo®' AR a GE Holger sieht in die Ferne. Dann sagt er schwerfällig, als müsse er sich besinnen:„Viggo wollte Bauer werden und das Land pflügen. Ich lachte ihn aus. Und jetzt bin ich es, der die Erde bricht.“ Wir verstummen. Der Pfarrer hat einen der Briefe geöffnet und liest ihn vor. Baard hält, als er zuhört, in den Händen den Ring.„Noch bin ich krank“, schreibt ihm Karen.„Doch ich denke an Dich und sage ‚ja’ zum Leben. Wie dankbar bin ich, daß Du in Sonne und frischer Luft arbeiten kannst.“ Die Fliegen summen, Sie setzen sich auf die Stirn. Sie kriechen über den kahlgeschorenen Kopf. Der Wachtmeister hüllt sich in Rauchwolken. Wir sitzen auf der Holzbank und schweigen. Baard streicht mit dem Finger um den Ring. Er zieht Kreis‘um Kreis. Um die Augen herum wird es rot. Der Pfarrer gibt mir Karens Brief zurück. Mit atemloser Spannung blickt Ole nach dem Brief, den der Pfarrer noch in Händen hält. Eine steile Schrift, die Buchstaben sind ungelenk miteinander verbunden. „Ein Brief für dich,-Ole— von deiner Mutter!" Der Pfarrer entfaltet den sorgsam geknickten Bogen und liest:„Lieber Sohn———" “ 6 Halt Wacht im Dunkel. Zum erstenmal in seinem achtzehnjährigen Leben bekommt Ole einen Brief. Seit einem Jahr steht er im Graben auf brauner Erde. Er hört die Flüche der Grünen und der Kalfaktoren, das Gebell des Wolfshundes, die flüsternd geführten Gespräche der Kameraden im Dunkel der Baracke, das bohrende Summen der Fliegen— er hört es und hört es nicht. Seine Augen sind weit offen, doch sie sind stumm und nach innen gerichtet. Ole wartet. Denn dies Leben im Graben ist nur ein böser Traum. Eines Tages wird er erwachen. Von den Schlachten dieses Krieges weiß er nichts. Seine Welt liegt weit, weit fort von hier, auf einer Insel im hohen Norden——— Dort donnert die Brandung. Du hörst sie bei Tag und bei Nacht. Du hörst sie, wo du auch bist auf der Insel. Und der Mensch schweigt. Da ist kein Baum oder Strauch. Nur düstere Felsen, schwarze Erde, tiefgrünes Moos und schreiende Möwen. Sie umkreisen rastlos die Insel, schreien und ächzen. Dort tobt und wogt das Meer. Es fordert die Menschen. Es gibt sie zu- "rück an die Insel oder verschlingt sie. Das Meer ‚spricht eine unerbittliche Sprache. Das Donnern der Brandung ist unergründlich wie die Stimme Gottes.: Das Jahr ist lang. Die hellen Tage sind gezählt. Sie sind so hell, daß es auch des Nachts nicht dunkel wird. Ein Lächeln geht dann über die ernsten Gesichter. Doch die Brandung donnert: Auf das Licht folgt das Dunkel! Stumm gehen die Menschen ihrem Tagewerk nach. Ole klettert in die Felsen. Er ist behende. Er findet mehr Möweneier als alle anderen Jungen auf der Insel. Dann kommt der Tag, wo sein Vater sagt:„Du bist vierzehn Jahre alt." Er hängt Ole das Olzeug über. Es zieht ihn fast zu Boden, so schwer ist es. Das Boot riecht nach frischer Teerfarbe. Im Hafen ist die Kraft des Meeres gebrochen. Aber wo die weitvorgeschobene Kaimauer zu Ende geht, wo die rote Lampe brennt, da fängt das Meer an. Das Boot kreuzt an der roten Lampe vorbei. Die Schiffspfeife tutet noch einmal langge- zogen klagend, als nehme das Boot Abschied. Ole wird Fischer. Jedesmal, wenn sein Vater und er von der Fahrt heimkommen, ist der Eingang zur Hütte niedriger geworden. Wenn sie wieder gehen, schaut Oline ihnen nach. Dann tritt sie zurück in die Hütte und putzt die Lampe. Die Brandung donnert gegen die Felsen der Insel. Bald werden die Tage dunkel. Eines Tages kommt Ole zurück. Er öffnet die schwere, holzverschlagene Tür. Seine Mutter tritt ihm entgegen. Die Petroleumlampe hüllt die Stube in ein müdes Licht. „Du kommst allein?“ fragt Oline. „Vater blieb auf dem Meer“, antwortet Ole. Er streicht seiner Mutter scheu über die Hand und sagt:„Ich bin bei dir. Du bist nicht allein." 82 hs& UNI 7 ehe 1e Je er sagt:„Das Meer hat ihn zu sich genommen. Es nimmt sie alle.” Aber die Brandung donnert gegen die Felsen. Oline hört es und sie Noch dunkler werden die Tage. Oline wartet, Ole kommt nicht zurück. Sie sagen, sein Boot sei zu weit’ hinausgefahren. Über die norwegische Grenze. „kat das Meer Grenzen?" fragt Oline. „Es ist Krieg‘, antworten sie ihr. Öle wird wegen unerlaubten Verlassens norwegischen Gebietes zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Oline wartet. Die Tage sind wieder hell geworden, aber kein Lächeln geht über ihr Gesicht. Sie geht zum Hafen der Insel und sieht nach den Booten. Sie fragt die Fischer:„Wann kommt Ole zurück?" Doch die wissen keine Antwort. Er ist nicht auf dem Meer geblieben. Er ist weit fort. Die Brandung donnert, und die Möwen jagen und schreien um die Insel. Die Jungen klettern in die Felsen und suchen nach Möweneiern. Da kommt eines Tages ein Brief von Ole. Oline zittert, als sie ihn in der Hand hält. Sie sieht lange darauf, bevor sie ihn öffnet. Zum erstenmal bekommt sie einen Brief. Er schreibt:„Ich komme zurück zu Dir, Mutter. Sage Lars, daß er ein neues Boot für mich kauft.” Oline lächelt. Er kommt zurück! Sie geht zum Hafen. „Lars, er kommt! Du sollst für ihn ein neues Boot kaufen.” Und abends putzt sie die Lampe. Bald werden die Tage dunkel. Doch Oline wartet vergebens. Die Brandung schlägt grollend gegen die Felsen. Dichter Nebel liegt über der Insel. Unsichtbare Wesen gellen und schreien um die Felsen. Das tiefgrüne Moos wird dunkel. Oline steht am Hafen. Der Nebel zerfließt in dünnen Regen. Das rote Licht vorne am Kai leuchtet. Es riecht nach frischer Teerfarbe. Sie klopft an das Fenster des Holzschuppens. Dort sitzt Lars, der Bootsmann, der für * die Fischer die Boote verkauft und kauft und der ihre Zettel ausschreibt. Der Holzschuppen ist sein Kontor. „Lars“, sagt Oline.„Ich will einen Brief schreiben.” ‘ Lars nimmt die Pfeife aus dem Mund und legt sie beiseite. Er rückt die. Bank zurecht und wischt mit dem Taschentuch über den Tisch. Dann legt er einen weißen Bogen darauf. Er setzt sich neben Oline. Feierlich ist beiden zumute. Oline schreibt einen Brief. Im Hafen sind die aufgeregten Wogen des Meeres gebrochen, äber von jenseits der Kaimauer tutet eine Schiffspfeife— langgezogen und klagend. Still ist es im Holzschuppen. Nur die Feder kratzt über das steife Papier——— „Lieber Sohn!“— Ole lauscht mit gefelteten Händen, und der Pfarrer liest weiter:„Ich warte auf Dich. Lars sieht sich nach einem Boot für Dich um. Komme’zurück zu Deiner lieben Mutter Oline.' Der Pfarrer faltet den Bogen zusammen. ,, Norwegen hat euch nicht vergessen", sagt er. Wie machtlos ich mich fühle auf dieser Holzbank im Moor! Wir sitzen und schweigen. Jeder Gefangene hat sein eigenes Schicksal. Man hat ihn entwurzelt und in ein fremdes Land geschafft. Doch sind nicht auch wir Entwurzelte? Die Gefangenen werden in ihre Heimat zurückkehren. Sie lieben sie. Sie leben für diesen Tag. Auch wir warten. Doch wie wird unser Land aussehen, wenn es endlich so weit ist? Ein Gefühl fast des Neides überkommt mich. Mehr noch, es wird schmerzliche Erkenntnis. Diese drei Gefangenen und ihr Pfarrer sind eine fest verbundene Einheit. Die Liebe, der Stolz auf ihr Land, knüpft sie, die noch gestern einander fremd waren, zusammen. Eine ohnmächtige Wut packt mich. Wo ist das Deutschland, das ich liebe? Es gehört der Vergangenheit vielleicht der Zukunft. Doch jetzt lebt die Gegenwart. Vor mir sind Hände, die in unserem Land zerbeult und zerrissen wurden! Ein Blick auf den Grünen. Er geht auf und ab. Jetzt ist er vom Holzschuppen halb verdeckt. Da greife ich in die Tasche und nehme mein Füllhalterętui heraus. Ich reiche es dem Pfarrer hinüber. Noch einmal greife ich in die Tasche und lasse dann die Hand langsam neben Holger auf die Bank gleiten. Ein Stückchen Schokolade liegt zwischen uns. Der Pfarrer zieht derweil den Reißverschluß des Etuis auf. Die Hand wandert nach rechts und nach links. Drei rissige Hände schieben sich über den Mund. Sie lächeln. Ein Stückchen Schokolade. Was bedeutet es schon? Ein kurzer süßer Geschmack ist im Mund? Ach, das ist vergänglich! Doch die Erinnerung an einen freundlichen Augenblick, in dem das Ungesagte erfühlt wird, bleibt. Holger sagt: ,, Diese Tage sind schwer. Doch wir wissen, warum es so sein muß." ,, Schreibe Karen, daß es mir gut geht", bittet Baard den Pfarrer. ,, Und was soll ich an deine Mutter schreiben?" sagt der Pfarrer zu Ole. Doch Ole antwortet nicht. Nur seine Augen fragen: ,, Wie lange noch?" Der Pfarrer schlägt das Testament auf. Der Grüne beobachtet es, stellt sich breitbeinig daneben und sieht mich an. Aber er sagt nichts. Der Pfarrer spricht das Vaterunser. Er bittet: Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern." ,, In vier Monaten sehen wir uns wieder!" Wir geben einander die Hand. Ole hält den Pfarrer zurück: ,, Sind es wirklich noch vier Monate? Sind wir nicht schon eher frei?" Dann tritt er zu den Kameraden. Langsam gehen sie zurück zum Graben. Noch einmal wenden wir uns nach ihnen um. Sie sind aber schon weit fort, tief im Feld. Schwermütig wölbt sich der Himmel. Auf die Torfwälle fallen dunkle Klumpen. 84 der hof der Grü Rich Nor wied die T burg herv Glan gelb gebe Brü kräu wur hoh wirk ein ten ' 1 den gela Sind N ken beka Wo N Mer alle Sei tisch Weiter fort von Schülp muß ein Gewitter heruntergegangen sein, denn der Himmel wird heller gegen Abend. Der Zug steht da, als wir am Bahnhof angekommen. Wir können gerade noch hineinspringen. Da pfeift schon der Mann mit der roten Mütze. Der Zug rollt durch Wiesen und Knicks, durch sattes, sommerliches Grün. Schon nach wenigen Minuten entdecken wir, daß wir die verkehrte Richtung gewählt haben. Statt nach Hamburg, sind wir in den Zug nach Norden gestiegen. Rendsburg ist erst' die nächste Station, an der wir wieder aussteigen können.. Wir stehen im Gang und sehen aus dem Fenster. Graublau schimmern die Wolken. Die dicke Decke reißt auf. Der Zug donnert über die Rendsburger Brücke. Tief unter uns liegt der Kieler Kanal. Da tritt die Sonne hervor und hüllt das Wasser und die kleine Stadt Rendsburg in goldenen Glanz. ,, Sehen Sie dort!" sagt der Pfarrer und zeigt auf einen weitausladenden, gelben Backsteinbau. Sternförmig gebaut, von einer hohen Mauer umgeben, liegt er eingezwängt in die friedliche Stadt. Es ist ein Zuchthaus. Wie oft bin ich, wenn ich nach Dänemark fuhr, über die Rendsburger Brücke gefahren. Ich sah den Kanal, wenn er blau war, wenn er sich kräuselte vom herunterrinnenden Regen, oder wenn das Wasser glasig wurde unter starrer Kälte. Doch den vergitterten Backsteinbau und die hohe, gelbe Mauer entdecke ich an diesem Abend zum erstenmal. Wir sehen, wie der Hof menschenleer daliegt. Tot und unbewohnt wirkt das Zuchthaus vom Zuge aus. Aber ich weiß, daß hinter jedem Gitter ein Gefangener sitzt.. ,, Vielleicht sind sie hier?" meint der Pfarrer. 1940 wurde ein Schiff mit 200 Norwegern an Bord gekapert. Sie wollten nach England fliehen. Sie wurden nach Deutschland gebracht und werden seitdem verborgen gehalten. Niemand weiß, wo. Keinerlei Nachricht gelangte jemals von ihnen nach Norwegen. Wo hält man sie versteckt? Sind sie überhaupt noch am Leben? ,, N. N.? Vielleicht" flüstert der Pfarrer. Wir verstummen, denn wir sind nicht allein auf dem Gang. N. N. Gefangener. Wer wagt es, dies Wort laut auszusprechen! Wenige kennen es. Nur Eingeweihte wissen, was es bedeutet. Aber ihnen ist auch bekannt, welche Strafe laut Führerbefehl denen droht, die auch nur das Wort ,, N. N. Gefangene" gegenüber Uneingeweihten fallen lassen. N. N.! Das ist das Losungswort der Gestapo zur Entpersönlichung eines Menschen. In den besetzten Gebieten und im Reich verhaftet die Gestapo alle diejenigen, die sie aus dem öffentlichen Leben zu entfernen wünscht. Sei es, daß sie einer antifaschistischen Partei angehören, daß sie im politischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Leben eine Rolle spielen oder daß 85 sie auch nur verwandt sind mit solchen Persönlichkeiten. Oder sei es auf Grund einer Bekanntschaft mit Personen, die der Gestapo Verdacht erregen. Wie lautet die Briefzensurbestimmung$ 21, Abschnitt 3a, für Briefe nach dem Ausland? Jeder Brief ist zurückzuhalten, dessen Inhalt dem Prüfer aus irgendeinem Grunde nicht paßt. Eine ähnliche Bestimmung scheint ausschlaggebend zu sein, daß man N. N.- Gefangener wird. Kinder, Greise und alte Frauen— Personen, die dem Regime in keiner Weise ge- fährlich werden können— verschwinden als N.N.-Gefangene, bringt die Gestapo sie in Verbindung mit ihnen lästigen Personen. Unberechenbar und unergründlich ist das Vorgehen der Gestapo: Mancher N.N.-Gefangene wird nie erfahren, warum er jahrelang verborgen gehalten worden ist. N.N.-Gefangene. Lebende Leichname! Flieger, Offiziere, Männer des ‚ öffentlichen Lebens verunglücken auf einer Dienstreise. Sie fallen aus dem Flugzeug. Die Maschine hat Bruch. Oder hochgeachtete Männer des Dritten Reiches sterben„plötzlich und unerwartet“. Sondermeldung des Radios. Ehrenvoller Nachruf von Dr. Goebbels. Staatsbegräbnis in der “Wochenschau: Blumen, Lorbeerkränze, Fanfaren und Ehrenkompagnien— und ein Führerhändedruck für die schwarzverschleierte Frau. Und die Wirklichkeit? N.N.-Gefangener! Die Gestapo hat den für tot Erklärten in sorgsamer Verwahrung. N.N.-Gefangene dürfen weder Briefe schreiben noch erhalten. Sie haben Nummern statt Namen. N.N. ist von jeher die Umschreibung für einen Namenlosen gewesen.: Wie nun einen N.N.-Gefangenen unterbringen, daß seine Isolierung von der Außenwelt nahezu vollkommen ist? In ein KZ? Diese großen Baracken- städte sind durch elektrisch geladenen Stacheldraht und durch tiefe Gräben hermetisch von der Umwelt abgeschlossen. Innerhalb dieser Städte aber können sich die Gefangenen frei bewegen, denn die Türen der Baracken haben Griffe und sind nicht verschlossen. Die Gefangenen können sich untereinander besuchen. Es gibt nur eine Einrichtung, in der ein Mensch für immer unauffindbar verschwinden kann. So war es schon in d Revolution, und so ist es noch heute im Dritten Reich. Es ist die Zelle im Zuchthaus. Die Mauern sind hoch, und die Zelle ist dreifach verriegelt. Der täg- liche Rundgang im Hof wird zeitlich so gelegt, daß sich N.N.-Gefangene und Strafgefangene nicht treffen. Der Barbier, der jede Woche in die Zelle zum Rasieren kommt, ist N.N.-Gefangener. Unter der vierzehntägigen Brause stehen nur. N.N.-Gefangene. N.N.-Gefangene arbeiten nicht im Außenkommando, sie werden in der Zelle beschäftigt. i 86\ en Zeiten vor der Französischen dor die sitz for: fan lie] un ZANO in g! b tı le ne lie’ en im N.N.-Gefangene sind nur„Gäste” im Zuchthaus. Die Gestapo hat sie dort einquartiert. Sie unterstehen zwar dem Zuchthausreglement, aber nur die Gestapo hat über ihr Schicksal zu verfügen. Die Gestapo hat einen langen Arm. Vor der Gestapo sind alle gleich— sitzt du nun hinter der Zellentür oder stehst du davor in der grünen Uni- form. Die Wachtmeister sind die einzige Verbindung zwischen N.N.-Ge- fangenen, und Strafgefangenen oder der Außenwelt. So ihnen ihr Leben lieb ist, werden sie schweigen. Und doch! Und doch! Nichts ist vollkommen— weder die Wachsam- keit der Gestapo noch die Isolierung der N.N.-Gefangenen. Je höher die Mauer, je stiller die Zelle, desto vielfältiger sind die verborgenen Kanäle, durch die die Nachrichten zu den Gefangenen dringen. Zuchthausgefangene lesen keine Zeitung. Sie hören kein Radio. Sie wissen aber ebenso gut wie du und ich, was draußen vor sich geht. Ja, manchmal sogar besser! Im Zuchthaus schwirren Gerüchte. Kluge Prophe- zeiungen werden früher oder später zur Tatsache. Im Laufe der Jahre gab ich den Gefangenen wohl über hundertmal ein und: dieselbe Antwort:„Vierzehn Tage zu früh!” Und so ist es wirklich! Im Zuchthaus eilen sie allen Vor- oder Rück- märschen an der Front, allen Ereignissen in der Politik vierzehn Tage voraus. „Stimmt es, daß die Russen Nikolajew zurückerobert haben?“ „Vierzehn Tage zu früh!”; i Zwei Wochen später trifft es wirklich ein. Welchen Grad der Vollkommenheit die Isolierung der N.N.-Gefangenen erreicht hat, beweist, daß die Strafgefangenen, die im gleichen Zuchthaus sitzen, nur von ihnen ahnen! Das Gespenst der Gestapo wacht über Wacht- meister und Gefangenen., Nie spricht ein Wachtmeister zu mir von einem N.N.-Gefangenen. Lange Gespräche führe ich späterhin mit den Gefangenen über Politik. Wir ver- trauen einander, wir sind Freunde. Sprechen wir aber von N.N.-Gefan- genen,. dann senken sich die Stimmen. Und nie hörte ich, daß ein Straf- gefangener das Wort„N.N.-Gefangener” aussprach. Sie nennen sie ‚anders. Statt„N.N." sagen sie„Nacht und Nebel“! Der Sommer wird drückend heiß. Ich verbringe ihn in der Baracke, im Zuchthaus oder im Bunker.{ Vormittags bin ich Medizinstudentin und höre Vorlesungen'in der großen Anatomiebaracke der Universität. Nachmittags bin ich Zensorin und lese Gefangenenbriefe, oder ich überwache hinter Mauern Gefangenen- besuche.- Es könnte zu einem Doppelleben werden. Ich empfinde es aber als un- trennbare Einheit. 87 Der Tag ist lang. Die Schreibtischlampe brennt bis Mitternacht. Dann heulen die Sirenen, und ich gehe zum Bunker. Oft bin’ich müde. Auf der Holzbank neben mir sitzt die junge Frau und hält ihre beiden Jungen im Arm. Mit dem Fuß stößt sie den Kinderwagen, in dem das Jüngste liegt. Aber schon nach wenigen Minuten kommt der Kinderwagen zum Stehen. Die junge Frau ist eingeschlafen. Ich kann nicht schlafen. Ich starre auf die weißgekalkte le an mit den breiten Leuchtstreifen über den Lampen.; In der Stille‘ der nächtlichen Alarme kommen und gehen die Gedanken. Ich,finde mich nicht mehr zurecht in diesem Zeitalter der Bunker, in dem sichtbare und unsichtbare Mauern errichtet werden. Oline fragte:„Hat das Meer Grenzen?” Und man antwortete ihr:„Es ‚ist Krieg.” Der Professor hat in seiner histologischen Vorlesung den‘.Bau des Knochengewebes zu Ende gebracht. „Heute, meine Damen und Herren”, beginnt er,„komme ich zum Fett- gewebe." 3 Uber vierhundert Studenten sitzen zusammengepfercht in der Anatomie- baracke. Feldgraue Uniformen, Achselstücke und Sterne, Soldaten und Kriegsversehrte, Kriegerwitwen und Studentinnen mit vor Eifer hektisch geröteten Wangen. Sie zücken den Bleistift und schlagen das Heft auf. Eine neue weiße Seite, ein neues Kapitel. Mehr als vierhundeıt Bleistifte kritzeln:„Fett“. Dann richten sich die Augen erwartungsvoll. auf den Professor. ö „Sie haben im letzten Winter im Präpariersaal an Leichen gearbeitet”, hebt er einleitend an.„Sie haben die Haut präpariert, die Muskeln, die Nerven und die Organe. Doch eins haben Sie vermißt, und ich möchte mich deshalb bei Ihnen post’festum entschuldigen—“ Über die Gesichter von vierhundert Studenten geht ein erwartungs- volles Schmunzeln.\ „Eins haben Sie, wie gesagt, bei der Leiche nicht gefunden” ‚ fährt der Brafessor fort.„Es war das Fett! Leider konnte ich es Ihnen nicht bieten, ‚da es sich bei den Leichen um hingerichtete oder verstorbene Gefangene handelte." 2 Noch ruhen die Bleistifte. Nichts Ma wurde bis jetzt gesagt. „Machen wir uns einmal an Hand einer Zeichnung klar, wie eine Fett- zelle aussieht!‘ Der Professor nimmt die Kreide und tritt an die Tafel. Da spannen sich die eben noch gleichgültigen, halb verschlafenen Ge- sichter. Vierhundert Bleistifte kommen in Bewegung. Eifrig beugen sich die Köpfe über die Hefte. Ich sehe mich um in den Reihen. Habt ihr nicht gehört, was der Professor sagte? 88 zu/ heut male der fabr sehe 'Daß Som hau: spre nute Hän ung: sie Deu lieb: Deu gele dass Vierhundert Bleistifte zeichnen im Kollegheft. Unter dem Wort ,, Fett" entstehen große, traubige Gebilde. Nachmittags bin ich im Zuchthaus. Wir wollen einen Gefangenen besuchen, der in Norwegen führend in der pazifistischen Arbeit für die Verständigung der Jugend aller Völker gewesen ist. Es ist ein Gelehrter. Wegen seiner Friedensarbeit ist er vom Dritten Reich zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden! Erst steht er auf dem Gang zusammen mit den anderen. Doch er ist so schwach, daß er hin- und herschwankt. Ein Hilfswachtmeister nimmt mich beiseite und zeigt auf den Gelehrten: ,, Nehmen Sie den zuerst. Der fällt sonst gleich um." Er sagt es kalt und mürrisch, doch zum erstenmal spüre ich, daß dieser Ton nur angenommen ist, daß es auch jetzt noch anständige Grüne gibt. Wir haben schon viele Gefangene besucht. Es dauert aber lange, bis wir alle kennen. Es sind viele hundert. Auch der Gelehrte bekommt erst heute zum erstenmal Besuch. Aber wie anders ist es schon jetzt als damals, als ich die Arbeit begann. Ein Zuchthaus hat viele Kanäle. Vielleicht hörte es der dicke Stamm der Kastanie? Vielleicht riefen beim Donner der Motoren in der Rüstungsfabrik die Gefangenen es einander zu? Oder hat es der Barbier von Zelle zu Zelle gebracht? Die Losung heißt: ,, Habt Vertrauen!" Die Gefangenen sehen nicht mehr an mir vorbei. Daß der Pfarrer ihr Freund ist, wissen sie. Daß ich ihre Freundin bin, beginnen sie zu ahnen. Wir besuchen den Gelehrten als ersten. Draußen ist ein tiefblauer Sommerhimmel. Die Hitze ist so groß, daß sogar die Kälte des Zuchthauses einer lähmenden Schwüle gewichen ist. Ein Beamter kommt herein und sagt, der Chef wolle den Pfarrer sprechen. Zum erstenmal bin ich mit einem Gefangenen für einige Minuten allein. Der Gelehrte sitzt mir gegenüber. Seine Gestalt ist ausgemergelt. Die Hände haben einmal viel geschrieben. Jetzt sind die Fingernägel lang und ungepflegt, sogar etwas Schmutz sitzt darunter. Die Jacke ist viel zu weit; sie legt sich faltig über die hängenden Schultern. Der Gelehrte schweigt. Ich richte das Wort an ihn: ,, Kannten Sie das, Deutschland von früher?" - Zögernd nur kommt die Antwort: ,, Ja, ich habe Deutschland einmal geliebt. Aber" ein Blick auf die Gittergardinen am Fenster ,, jenes Deutschland ist tot, und manchmal zweifle ich, ob es überhaupt je gelebt hat." - Harte Worte! Doch es ist noch gar nicht so lange her da habe ich dasselbe gedacht. Es war im Torflager Schülp. 89 89 Heute denke ich anders. Vierhundert Studenten tauchen vor mir auf. Wieder sehe ich ihre gleichgültigen Gesichter, als der Professor von hin- gerichteten und verstorbenen Gefangenen spricht. Ich kenne viele dieser Studenten, weiß, daß unter ihnen die aktiven Anhänger. des Dritten Reichs gezählt sind. Die anderen sind überwältigt worden von den Geschehnissen der Gegenwart. Nur die wenigsten haben die seelische Kraft, sich diesem Strudel zu widersetzen. Die Gegenwart: Krieg, endlose Alarme, Bomben, Schlangestehen, Kartoffeln und Steckrüben und der alles beherrschende Ge- danke, das eigene Schifflein durch diesen'reißenden Strom zu steuern. Die Elemente der Vernichtung machen nicht halt vor der Seele. Sie machen stumpf. Wir sehen und sehen doch nicht. Wir hören und hören doch nicht. Sprachen nicht einmal Bach, Goethe und Schiller zu unserem Volk? Ihre Stimme ist verstummt. Die Zerstörung spricht eine lautere Sprache. Und doch lebt der Geist von einst weiter! In uns, im verborgenen Deutsch- land, in allen, die das Böse mit dem Guten bekämpfen! Soll ich es dem Gelehrten sagen? Er wird mich ungläubig ansehen und wieder auf die schweren Eisenstöbe am Fenster blicken. Soll ich ihm sagen, daß Millionen von deutschen politischen Gefangenen hinter Mauern und Stacheldraht sitzen? Er weiß es selbst. Er wird mir nur antworten, daß dies der beste Beweis dafür sei, daß das Deutschland von einst nicht mehr lebe. Schweigend sehe ich ihn an. Seine Augen glänzen matt. Die Haut spannt sich wie dünnes, gelbes’ Leder über das eingefallene Gesicht. - Ich ziehe mein Frühstücksbrot aus der Tasche, nehme seine Hand und lege es hinein. / Nachts. Ich starre wieder auf die Leuchtstreifen an der Wand im Bunker.: Wieder spüre ich, wie der Gelehrte zum Eisengitter am Fenster blickt, als er sagt:„Deutschland ist tot, und ich zweifle, ob es überhaupt je gelebt hat.” Diese Worte lassen mich nicht los. Hat er recht? Er lernt Deutschland im Zuchthaus kennen. Doch’ es ist nicht Deutsch- land! Es ist das Dritte Reich, wie es leibt und lebt. Ein getreues Spiegel- bild; ein Totenhaus.; Politische Gefangene sind die schwersten Verbrecher. Sie haben zu schweigen und nur den Befehlen, die das Heer der ihnen Übergeordneten gibt, Folge zu leisten. Sonst aber hat jeder jemand, der ihm unterstellt ist, den er treten kann und den er bedroht. Auch unter den Kriminellen ‘gibt es gute Kameraden. Andere aber. drängen sich an die Posten heran. Sie werden Stubenältester, sie werden Kalfaktor. Es kommt vor, daß auch politische Gefangene Stubenälteste werden. Meistens sind es jedoch Kriminelle. Sie haben in der Zelle für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Sind sie ein williges Werkzeug des Grünen, so ist die » 9 Sie und -sich Lebi neh. wac stra keit stän der Bespitzelung der Gefangenen vollkommen. Einer mißtraut dem anderen. Nur unter Freunden noch halbgeflüsterte Worte hinter der vorgehaltenen Hand. Und dann der Kalfaktor! Er teilt den Gefangenen das Essen aus und steht zur persönlichen Verfügung des Wachtmeisters. 11 ,, Wir ziehen sie uns mit Zuckerbrot und Peitsche!" sagen die Grünen. Das Zuckerbrot sind die doppelten Portionen, das Dicke unten im Eimer. Die Peitsche sind die Flüche und Drohungen, wenn die Kalfaktoren und Stubenältesten nicht Ruhe und Ordnung unter den Gefangenen halten. Das Zuckerbrot ist die Macht über wehrlose Gefangene! Die Peitsche ist die Angst, den einmal eroberten Posten wieder zu verlieren und in das Heer der Namenlosen zurückgestoßen zu werden. Die Wachtmeister sind die Vertreter des Herrenvolks. Ihre Macht über die Gefangenen ist beinahe unbegrenzt. Zwar hat der Gefangene die Möglichkeit, sich zu beschweren. Doch alle Bitten und Beschwerden führen über den ,, Antrag". Der Antrag ist ein Lappen Papier, ein Formular. Erst müssen sie den Kalfaktor um Aushändigung dieses Formulares bitten. Der Gefangene schreibt seinen Antrag. Wird aber der Kalfaktor ihn weiterleiten an den Grünen? Und was sagt der Wachtmeister? ,, Keine Zeit! Keine Zeit!" Oder der Vorrat an Formularen auf der Station ist gerade erschöpft. Alles zieht sich über Tage und Wochen hin. Der Gefangene hat das Warten gelernt. ,, Wie? Eine Beschwerde?" Sie wandert in die Schublade des Schreibtisches auf der Station. Da bleibt sie liegen. Oder eine Bitte? Etwa ein Gnadengesuch? ,, Das hat Zeit! Wenn wir alle so könnten, wie wir wollten Gibt es nur schlechte Wachtmeister? Schlecht? Sie nutzen nur, wie alle primitiven Wesen, ihre Macht über Wehrlosę. Sie erfüllen nebenbei noch recht und schlecht ihre Pflicht. Oft fluchen sie, und manchmal sind sie gutmütig. Sie sehen in bleiche, ausgemergelte Gesichter. Hände an der Hosennaht - Wehrlosigkeit reizt. Und dann die Sadisten. Warum sie es wurden? Oft sind es die vom Leben Enterbten. Hier können sie quälen und peinigen. Sie können Rache nehmen für ein verpfuschtes Leben. Sie selbst haben es nur bis zum Hilfswachtmeister gebracht, aber der ehemalige Rechtsanwalt steht vor ihnen stramm. Es gibt auch anständige Wachtmeister. Sie verbergen die Anständigkeit unter der rauhen Schale eines soldatischen Drills. Oder sie sind anständig aus Gleichgültigkeit. ,, Alles laufen lassen! Schimpfen strengt unnötig an. Laßt sie doch in der Zelle verrecken!" 91 Doch es gibt auch solche, die anständig sind aus Gesinnung. Sprichst du eigentlich vom Wachtmeister des Zuchthauses oder vom Unteroffizier auf dem Kasernenhof? Von beiden! Ist nicht der Mensch an sich eine Mischung von Gut und Böse? Ist es nicht überall so? In der ganzen Welt? Nur mit einem Unterschied! Alles ist Willkür im Dritten Reich, und die Willkür hat sogar noch Methode. Eine geordnete Unordnung! Sie treten nach unten. Sie erstarren zu Marionetten und legen die Hände an die Hosennaht vor denen, die über ihnen sind. Die Befehle kommen von oben, sie sind auszuführen. Wie das bleibt dem einzelnen überlassen. Im Hintergrund droht die Gestapo. 1 ,, Ich habe Familie. Ich muß den Befehl ausführen, sonst Langsam schläft das Gewissen ein. Das gute Beispiel fehlt, der schlechten gibt es viele. Wer denkt noch selbständig, wenn in der Zeitung und im Radio nur noch das ,, Für" und nicht mehr das ,, Wider" gebracht wird? Wer hat noch die Kraft zur Unterscheidung? Der Wirrwarr in den Köpfen ist ebenso groß wie das Durcheinander auf jeder Dienststelle, in den Behörden und Anstalten. Doch alles ist überdeckt vom Drill. Hände an die Hosennaht! Befehl ausgeführt! Die Straße ist frei; hier herrscht Ruhe und Ordnung. Die Brücken und Gänge im Zuchthaus liegen verlassen da. Die Gefangenen gleiten wie Schemen darüber. Wesenlos, entpersönlicht. Ihre Sprache ist das Klappern der Holzpantinen. Die Antwort der Grünen ist Schlüsselgerassel. Die Holzpantinen klappern schon einen weiten Weg. Nie kommen sie weiter als bis zur Tür der Zelle. Dort ist Anfang und Ende. Die Tür hat keinen Griff, nur der lange Schlüssel des Grünen kann sie öffnen. Die Schatten gleiten hinein. Die Schatten sind Menschen. In der Zelle brodelt das Leben. Da sitzen sie eingesperrt. Allein, zu dreien und mehr, oft bis zu hundert auf dem Gemeinschaftssaal. Nie zu zweien. Für alles ist gesorgt! Alles ist bedacht auch das Triebleben der Gefangenen. Und damit ist alles geschehen. Sie glauben, daß diese vorbeugende Maßnahme jede Ausschreitung unterbinden wird. Die Nacht aber ist lang. Über dem vergitterten Fenster ist schwarzes Papier. Für zehn Stunden ist es dunkel! Wie erfüllt die Zelle von Angst, Sehnsucht und Hoffnung ist! Angst vor der Verlassenheit der Nacht, Sehnsucht nach Licht und Wärme, Hoffnung auf den Tag, der den Bann sprengen wird. Doch die Hoffnung wohnt draußen. Der Tag bricht an, und das Licht, das durch die Scheiben dringt, ist ebenso trübe wie am Tage zuvor. Nur die Klappe an der Tür knackt leise. Das Auge" beginnt zu wachen. Es ist hell in der Zelle. Die Männer waschen sich. Sie sitzen auf 92 dem sich D sagt M ᎠᎴ Da zú ba K B Zu Dann Es sind werk blätte ab. S sich träum Karto vor N Si sie n Tüten Arbei A Ne gefüg ,, V der G Vi dabei mal .rübe. W Stück Ich Bunke in der Ab dem Kübel. Sie ziehen sich an. Sie arbeiten. Sie essen. Sie starren vor sich hin. Das Auge" sieht alles. Die Wäsche steht vor Schmutz. ,, Einmal in der Woche frische Wäsche", sagt das Reglement. Jede Woche wird das graublaue Halstuch gewechselt. Meldung nach oben: ,, Befehl ausgeführt." Doch die übrige Wäsche tragen sie schon seit sechzehn Wochen! Das Reglement schreibt vor: ,, Alle vierzehn Tage ist der Gefangene zu baden." ,, Alle Mann antreten!" Kaum dreißig Sekunden steht jeder unter der Brause. ,, Befehl ausgeführt." Zurück in die Zelle, an die Arbeit. Noch drei Stunden bis zum Abend. Dann gibt es zwei Schnitten Brot. Es gibt ,, gelernte" und ,, ungelernte" Arbeiter im Zuchthaus. Die einen sind Handwerker und die anderen Tütenkleber oder Tauzupfer. Die Handwerker bekommen mittags ein viertel Liter Suppe mehr. Eine Kelle Kohlblätter und Wasser! Von dieser Kelle hängt das Leben und die Seligkeit ab. Sie füllt nur, macht nicht satter, aber bei den Ungelernten" steigert sich dieses Viertelliter ins Unermeßliche. Eine Kelle mehr! In den Wachträumen wächst die Kelle, wird breit, wird riesig, schwimmt dick voller Kartoffeln und Kohl und macht die Seelen derer, die sie nicht haben, krank vor Neid. " Sie arbeiten zehn Stunden. Sie sitzen in der gleichen staubigen Luft, ob sie nun schneidern, Bücher einbinden, Setzer sind oder Tau zupfen und Tüten kleben. Es ist Zufall, ob man Handwerker wird oder ,, ungelernter", Arbeiter. Aber die Kelle! Die Kelle! Neid und Miẞgunst sind die besten Helfer der Grünen. Hunger macht gefügig. Für etwas Tabak oder Priem kaufen sie Seelen. ,, Vier Scheiben Brot und drei Röllchen Priem für deinen Trauring", sagt der Grüne. Vier Scheiben Brot! Die Zähne knirschen. Vielleicht ist ein Kanten dabei. Und dann der Priem. Das Wasser läuft im Munde zusammen. Einmal wieder einen anderen Geschmack haben als den der fauligen Steckrübe. Ein kurzer innerer Kampf. Der Trauring gleitet vom Finger. Wer wagt es, einen Stein zu werfen auf den, der seine Seele für ein Stück Brot verkauft? Er ist hungrig. Ich sitze im Bunker. Der Baumeister hat ihn für sein Volk gebaut. Die Bunker sind die Kirchen des Dritten Reiches! Hier brodelt das Leben wie in der Zelle im Zuchthaus. Aber noch brennt das Licht. Noch stehen die Bunker unerschüttert. 93 Der norwegische Lektor der Hamburgischen Universität hat die Genehmigung bekommen, einen seiner gefangenen Landsleute zu besuchen. Wir stehen in der Untergrundbahn und fahren zum Kettenwerk. Es liegt am Rande der Stadt. Schwer lastet der Sommer. Die Luft in der Bahn nimmt den Atem. Mensch steht an Mensch. Vor drei Jahren sah ich den Lektor zum letztenmal. Es war in der Universität. Er sieht mich forschend an. Ich lese seine Gedanken. Drei Jahre sind eine lange Zeit. Habe ich mich verändert? Drei Jahre sind verflossen seit jenem Tage im Juni 1940. als er in die Vorlesung kam und uns atemlos mitteilte, Paris sei gefallen. Als er mich ansah mit einem Blick, der mir sagte, daß er mich verstand. Drei Jahre eine lange Zeit! Wir sind mißtrauisch im Dritten Reich. Kettenwerk! Der Name klingt nach Ketten und Sklaven. Wir wollen Sigurd besuchen. Noch kenne ich ihn nicht. Aber welch ein Mann muß er sein, der sein Todesurteil lächelnd hinnimmt, der, als er vom Gerichtshof befragt wird, was er dazu zu sagen habe, antwortet: ,, Nichts!" Als ich einmal glaubte, die Freiheit sei für immer zerbrochen, weinte ich. Sigurd aber hat gelächelt, als alles für ihn verloren schien. Wir gehen über die staubige Landstraße. In der Ferne taucht das riesige Fabrikgelände auf. Stacheldraht, dahinter die Kuppeln von vielen Hallen, Betonbunker und Fabrikschornsteine. Die Wände sind übermalt mit grünblau- grau- braunen Flecken. Von Halle zu Halle spannen sich Netze aus. künstlichem Zweiggeflecht. Der Lektor geht neben mir. Bis jetzt haben wir nur wenig miteinander gesprochen. Er kennt mich nur als die Studentin von damals. Heute trifft er mich wieder als die Überwachungsbeamtin eines Zuchthauses. Er zeigt auf die farbigen Wände, auf das Gewirr von Netzen und sagt: ,, Alles Tarnung." Er sieht mich dabei vielsagend an, es klingt wie eine Frage. Da antworte ich lachend: ,, Ja, alles Tarnung!" Das Eis ist gebrochen. Wir sind wieder die alten Freunde. Der Lektor fragt: ,, Wissen Sie noch ,, Habe ich mich verändert?" ,, Nein, gar nicht!" - -——?" Von weitem wirkt das Fabrikgelände mit dem grünblättrigen Netzwerk über den Kuppeln der Hallen wie ein zu groß geratenes Spielzeug für Kinder. Doch als wir den Stacheldraht entlanggehen, wird das Spielzeug zur Vernichtungsstätte. Sengend liegt die Sonne darüber. Das Tarnwerk hängt zwischen Himmel und Erde. Tiefblauer Himmel! Unter den Netzen eine schwarze Stadt! Halle reiht sich an Halle. Kaum sind die Umrisse zu unterscheiden. Doch an der Wand unter den Kuppeln sind Nummern. 94 angeb Sehr Me mierte auf S Au Motor klingt Da das L der V Dritte Sie der C einan De ,, Dien allen kleide der dürfe Schla Di und H Doch Krieg dem Di Oder rissen ein g Un komm Kleid geleg samm Da der g schlu W mit d V lerner Gechen. liegt tem. Uniahre ossen tem- der eich. ollen muß _chtseinte esige allen ,. grüne aus; ander trifft zeigt Alles zwerk g für lzeug werk etzen mrisse mern angebracht. Ziemlich weit vorne ein übergroßes Schild mit einer 2 darauf. Sehr weit hinten ist eine 14 zu entziffern Halle 14. Menschenleer liegen die Betonstraßen da. Nur einige graublau Uniformierte sind zu entdecken: Werkschutz. Sie gehen träge. Die Sonne brennt auf Straße und Uniform. Ist die tote Stadt ohne Menschen? Aus den Hallen dringt das Stampfen der Maschinen, das Surren der Motoren. Und ein seihendes Geräusch, wie wenn Eisen behauen wird. Es klingt wie Achzen. Das ist die Sprache der toten Stadt. In den schwarzen Hallen brodelt das Leben. In die klirrende Arbeit mischen sich Brocken aus allen Sprachen der Welt. Hier pfercht man sie zusammen die Menschenbeute des Dritten Reiches! - Sie sind das graue Heer. Vor der Maschine sind sie alle gleich. Nur der Grad der Zerlumptheit ihrer Kleidung unterscheidet sie noch voneinander. es Der siegreiche Beutezug begann im eigenen Land. Sie nannten ,, Dienstverpflichtung". Frauen, Mädchen und wehruntaugliche Männer aus allen Schichten des Volkes wurden verflichtet. Vornehme Kostüme, Dirndlkleider, der dunkelblaue Stoff der Arbeitsfront sie zerschleißen im Laufe der Jahre in der schwarzen Halle. Doch nach zwölf Stunden Arbeit dürfen sie das Werk verlassen. Sie sind noch frei. Für einen dumpfen Schlaf, für karge Stunden der Freizeit. - - Die anderen wohnen im Lager. Kriegsgefangene Franzosen, Belgier und Holländer. Ihre grünbraune Uniform ist zerlöchert und ausgefranst. Doch die meisten von ihnen tragen noch Stiefel. Aber die russischen Kriegsgefangenen klappern über die Betonstraße in Holzpantinen. Auf dem Rücken steht wie mit weißer Kreide gemalt ihr Zeichen: SU. Die Polen haben nicht einmal eine Uniform. Sind sie Soldaten gewesen? Oder holte man sie fort vom Pflug auf den Feldern? Ihre Jacken sind zerrissen und verschmiert. In der Nähe des Herzens befestigte man ihnen ein gelbes Schild mit violettem Rand: Pole. Und dann die Verschleppten! Frauen, Mädchen und Männer. Sie kommen vom Westen; lange Züge bringen sie aus dem Osten heran. Ihre Kleider sind Lumpen. Sie tragen alte zermottete Trainingshosen. Aus abgelegten Unterröcken lappen sich die Frauen Blusen und Kopftücher zusammen. Das graue Heer zieht über die Straße aus Beton. Der Weg ist immer der gleiche. Der Rachen der Halle sperrt sich auf. Das Heer wird verschlungen. Wo ist die schwarze Uniform mit den gelben Streifen? Sie mischt sich mit den grünbraunen Uniformen, mit den buntfarbigen Lumpen der Frauen. Von überallher stoßen sie zu dem grauen Heer. Deutsche Facharbeiter lernen sie an. Sie werden überwacht von der Gestapo. Keiner aus dem 95 grauen Heer gehört hierher. Jeder bringt sein Schicksal mit; es geht unter im Motorengetöse. ,, Kennen Sie Sigurd?" frage ich den Lektor. ,, Nein, wir sind nur aus der gleichen Stadt." Wir stehen am Anfang der langen Betonstraße. Wie der Beton, glüht! Unwillkürlich ziehe ich den Strohhut tiefer ins Gesicht. Im Pförtnerhaus ist die Luft zum Ersticken. Es riecht nach schlechtem, selbstgezogenem Tabak. Die Helligkeit draußen ist so grell, daß sich das Auge erst an die neblige Dämmerung im Raum gewöhnen muß. Drei Männer in graublauer Uniform sitzen am Tisch und spielen Karten. Aus der dunklen Ecke dringt Musik aus einem Volksempfänger. Eine schreiende, verzerrte Musik, als ob viele Bogen immer wieder über eine Saite der Geige streichen. An der Wand hängt ein Bild: der Führer im wehenden Mantel. Ihm gegenüber ein Abreißkalender; die weißlich schimmernden Augen starren wie gebannt auf das Datum. Der eine Uniformierte sieht auf. Was wollen Sie?" fragt er und ordnet dabei die Karten. " Dann sagt er: ,, Wie? Einen norwegischen Strafgefangenen besuchen?" Er steckt eine Karte nach hinten. Was denken Sie sich eigentlich? Hier gibt es, keine Besuche! Gehen Sie zu ihm ins Zuchthaus, wenn er Nachtschicht hat. Hier wird gearbeitet und nicht gefeiert!", Unschlüssig stehe ich da. Die stickige Luft macht mich benommen. Noch einmal dreht sich die Uniform zu mir: ,, Wie gesagt! Hier geht's nicht. Uns besucht auch niemand!" Er wendet sich zu den beiden anderen. Ungeduldig pochen die Finger auf den Tisch: ,, Los, Heini! Ansagen!" ,, Passe." ,, Herz - Trumpf!" Im Volksempfänger krächzen die Bogen über die Saite. Tabakschwaden umräuchern den Mann im wehenden Mantel. Wir könnten nun gehen. Wir können Sigurd besuchen, wenn er tagsüber im Zuchthaus ist. Aber plötzlich geht es mir um mehr als um diesen ' einen Besuch einmal nur den Bann dieser toten Stadt brechen! Herz - Trumpf? Ich sehe zu den weißlich schimmernden Augen an der Wand. Mir fällt ein, daß sogar ich dem braunen Mann einen Trumpf zu verdanken habe! Das ist mein grüner Ausweis. Ich halte ihn den drei Unformierten entgegen und spreche das ,, Sesam öffne Dich" des Dritten Reiches: ,, Polizei!" Die Karten werden niedergelegt. Drei Uniformen starren mich an. Polizei? Ohne Uniform? Eine junge Dame in Strohhut und weißem Mantel? Vielleicht Gestapo? 96 ,, L Besch Er der N vom Ei zur H Ist wird Di im Ra ein S Farbe Zv Wand Blitz H Plaka Schre In Durch über. I" Noch Di Si hat e Ic Lekto tisch zu H W vertr löst des 11. Si seren seite In Fenst entla 7 Hal inter lüht! tem, das rten. Eine eine Ihm ten dnet en?" Hier acht men. licht. inger aden tags-> jesen ı der f zu ent- izeil‘ | an. ntel? „Los, Heini! Geh hinüber nach Halle 14 und sag dem Wachtmeister Bescheid.” Er springt auf. Vor Übereifer wirft er den Stuhl um.„Und wie war der Name des Gefangenen, bitte?"——— Eine der Uniformen verschwindet. Die beiden anderen fegen die Karten vom Tisch. Sie werden eifrig, sie telephonieren. Sie nehmen eine Liste zur Hand und starren darauf. Ist die junge Dame von.der Gestapo? Man kann nie wissen. Hier wird gearbeitet! Die Musik kreischt. Die Bogen zerren ünd zeißen über die Saite. Hinten im Raum führen drei Stufen hinauf zu einem winzigen Zimmer. Darin sind. ein Stuhl und ein Klapptisch. An der Wand ein Plakat in schreiend gelber Farbe. Zwischen diesem Plakat und dem Führerbild ist nur eine trennende Wand, als ob es am Rücken des wehenden Mantels hinge. Ein wilder, roter Blitz ist darauf und die drohende Mahnung:„Achtung, Feind hört mit!” „Hier werden wir den Besuch abhalten“, sage ich zu dem Lektor. Das Plakat bekommt einen wohlwollenden Blick. Der Lektor holt aus der Schreibstube den Stuhl, der noch umgeworfen auf dem Boden, liegt. In diesem Hinterzimmerchen klingen die winselnden Bogen gedämpfter. Durch das offene Fenster dringt das seihende Geräusch‘ des Eisens her- über. Dann klappert es auf dem Beton. Es klappert am Fenster vorbei. „Da ist er!" Der Grüne schiebt Sigurd herein und will selbst folgen. Noch einmal der Ausweis und:„Polizei!“ Die Tür schließt sich. Wir sind allein. Sigurd sieht ungläubig von einem zum anderen:„Besuch!— Noch nie hat einer von uns im Werk Besuch bekommen.“ Ich setze mich. Sigurd nimmt den zweiten Stuhl und schiebt ihn dem Lektor zu. Er selbst: lehnt sich mit verschränkten Armen gegen den Klapp- tisch und sagt:„Ich kann stehen.— Sie sind zu Gast, ich aber. bin hier ‘zu Haus!‘ Wir lachen. Durch das geöffnete Fenster fließt helles Sonnenlicht. Es vertreibt die aus dem vorderen Raum hereingekrochenen Tabakschwaden, löst sie auf in heitere Wölkchen. Sigurd streicht sich über die Augen. „Wie hell es hier ist”, sagt er.„In der Halle ist immer Nacht— auch des Tags.“\ Sigurds Hände sind um die Fingerkuppen herum tiefgelb. Er sieht un- seren fragenden Blick.„Kein Tabak.— Säure!“ Dann fährt er fort:„Doch seit einem Monat arbeite ich an der Maschine.“ In freier, aufrechter Haltung steht Sigurd vor üns. Er sieht aus dem Fenster. Ich folge seinem Blick, die schnurgerade, breite Straße aus Betor entlang.„Ihr braucht mich nicht zu bedauern“, sagt Sigurd. Forschend 7 Halt Wacht im Dunkel:= 97 sieht er uns an und spricht dann mehr für sich selbst als zu uns: ,, Ich kann warten. Denn eines weiß ich, wenn ich mein Land wiedersehe, ist es frei!" Mir ist, als ob ich Sigurd seit langem kenne. Dem Lektor geht es nicht anders. Wir sprechen miteinander wie alte Freunde. Die Minuten fliegen dahin. Ich möchte sie festhalten. Warum? Zum erstenmal fühle ich, wie es ein Gefangener verstanden hat, daß wir Deutsche uns ebensosehr nach der Freiheit sehnen wie er. Aber Sigurd sprach doch nur von der Freiheit seines Landes? Nein! Er sieht auf das Plakat in den schreienden gelben und roten Farben und sagt, zu mir hingewandt: ,, Ich weiß, er ist ebensosehr Euer Feind wie der unsere. Wir sind nicht allein. Ihr das verborgene Deutschland wartet mit uns!" - Ich sehe ihn unsicher an. Seine Offenheit mir gegenüber macht mich betroffen. Aber war ich heute nicht schon einmal miẞtrauisch, ohne Grund zu haben? Der Lektor kommt mir zu Hilfe. Er fragt Sigurd: ,, Kennt Ihr Eure Dolmetscherin schon so gut?" - Sigurd sieht mich freundlich an für einen kurzen, glücklichen Augenblick vergesse ich die Kälte dieser Zeit. ,, Ich sehe sie heute zum erstenmal", sagt er. Aber ich kenne sie schon gut! Und wenn wir mit Freunden zusammen sind, wird es hell. Dann wissen wir wieder, warum wir hier sein müssen, daß auch unser passives Warten einen Sinn hat." Der Lektor wirft mir einen Blick zu. Wieder denken wir beide dasselbe. War es uns nicht noch vor wenigen Minuten draußen auf dem staubigen Weg genau so gegangen? Sigurd tritt ans Fenster. ,, Ich sagte, in der Halle sei es immer dunkel. Doch sogar dort kann es geschehen, daß es hell wird ――" - Es ist noch vor Mitternacht. Seit drei Stunden rotiert das Band der Maschine in rasender Schnelligkeit. Die Hände schieben das Eisen heran. Dreißig Sekunden die Kerbe ist tief genug. Die Hände ziehen das Eisen es fliegt auf das laufende Band. Die linke Hand greift in den Kasten, der neben der Maschine steht. Sie wühlt am Boden; der Kasten ist fast leer. zurück - Zehn Sekunden genau. Die Hände gehen wieder an die Maschine heran. Dreißig Sekunden. Die Maschine nagt sich ächzend ins Eisen. Zurück mit der Hand. Das Band der Maschine rotiert in rasender Schnelligkeit. Das laufende Band vor dem Tisch schiebt sich träge weiter. Die Hände wühlen. am Grund des Kastens 98 S Eisen Maso D ist ti A V es g der H ist ka In d Kupp Is Band die b Si die M V Schre nuten U Mitte Di es gi Eisen Si euch haber uns, des F warte Es w und Da heit Er in da Sie si Brille Ohr: Si Das H 7* xann rei!" nicht egen daß und der artet mich rund Dolgenchon Dann Lives elbe. igen nkel. der eran. Eisen - Sieht Sigurd noch das Eisenteil, das er vor sich hält? Es ist ein Stück Eisen nichts weiter. Neben ihm sitzt Olaf an der Maschine, und eine Maschine weiter ist Viggo Die Hände nähern sich der Maschine. Dreißig Sekunden ist tief genug. Aus vielen Eisenteilen wird eine Granate zusammengefügt. - die Kerbe Von der Kuppel der Halle scheint das Licht der Bogenlampe. Oben ist es grell. Es wird matter und matter, je tiefer der Kegel reicht. Die Wand der Halle ist aus Wellblech; sie ist schwarz. Der Boden ist aus Beton; er ist kalt. Auf der hellen Straße glüht der Beton unter der sengenden Sonne. In der Halle aber kriecht aus dem Boden die Kälte. Nur oben in der Kuppel ballt sich die Hitze des Tages. Ist es Tag oder Nacht? Die Wände sind schwarz, der Boden ist kalt. Das Band rotiert unaufhaltsam. Aschgraue Gesichter! Gelbe Streifen am Ärmel, die bei dem fahlen Licht fast ebenso schwarz sind wie die Uniform-- Sigurd sieht und sieht nicht. Mechanisch schieben sich die Hände an die Maschine, vorbei an dem rotierenden Band. Vorsicht, Sigurd, deine Finger! Du brauchst die Hand noch zum Schreiben! Sigurd fährt mit einem Ruck hoch. Vergingen inzwischen Minuten oder waren es Stunden? Noch kann nicht Mitternacht sein. Um Mitternacht gibt es Suppe. Um Mitternacht gibt es Alarm. Um Mitternacht werde ich leben. Um Mitternacht werde ich dichten! Die Hände schieben sich an die Maschine. Sie frißt sich in das Eisen, es gibt einen seihenden Ton. Hörst du nicht das Stöhnen, Sigurd? Das Eisen wird zersplittern. Es wird sich in deinen Körper fressen - Sigurd hört das Stöhnen, aber er sagt: ,, Ihr kämpft! Wenn diese Granate euch zerreißt, so fallt ihr im offenen Kampf. Unser Leiden ist größer. Wir haben gekämpft wie Ihr. Wir gaben unsere Freiheit. Jetzt zwingen sie uns, Granaten zu drehen für den Kampf gegen Brüder, für die Vernichtung des Freiheitsgedankens der Welt. Uns bleibt nichts mehr zu tun, als zu warten. Doch der Tag wird kommen, wo wir den Kampf wieder aufnehmen. Es wird ein Kampf für den Frieden!" - Das Band rotiert. Die Maschine stampft: Tod und Vernichtung und Vernichtung. In Sigurds Seele aber singt es: Freiheit den sten. heit - - Friede eran. mit Das hlen. - Tod - Friede. FreiEr fährt hoch. Jemand rüttelt ihn an der Schulter. Eine Stimme brüllt in das Achzen des Eisens: ,, Halten Sie die Finger vom Band, oder wollen Sie sie verlieren?" Es klingt sehr barsch, doch hinter der goldumränderten Brille blitzt es freundlich. Und noch einmal klingt die Stimme an sein Ohr: ,, Ich habe Ihr Gedicht gelesen." Sigurd sieht sich nicht um, doch er nickt mit dem Kopf und lächelt. Das Band rotiert in rasender Fahrt. Die Hände nähern sich der Maschine. 7* 99 Dreißig Sekunden— die Kerbe ist tief genug. Mechanisch gehen die Hände zurück.; Klirrend fallen neue Eisenstücke in seinen Kästen. Otto, der deutsche Vorarbeiter, steht neben ihnen und flüstert:„Herr Doktor— der Grüne!“ Der Werkarzt geht weiter. Er ist'oft bei den Strafgefangenen, merk- würdig oft, findet der Grüne. Doch er kann ihn nicht hindern. Der Werk- arzt hat überall freien Zutritt— auch bei den„Schwarzen mit gelben Streifen"!,& i Hinter Sigurd schwere Schritte. Wieder fährt er hoch. Der Woacht- meister geht vorbei. Bis jetzt hat er vorne beim Pförtner Karten gespielt. Wenn er kommt, gibt es bald Alarm. Ist es schon Mitternacht? Mecha-- nisch verrichten die Hände ihr Werk, die Augen hüten die Finger. Die Ge- danken aber machen eine weite Reise. Dann schüttelt Sigurd den Kopf. Das alles ist Lüge! Das Meer, die Heide und der weiße Sand! Lüge, Lüge! Das Leben birgt keine Schönheit. Diese schwarze Stadt, diese Hölle, die stampfenden Maschinen, die ge- beugten Gestalten im Dunkel des fahlen Lichts— das ist‘ das Leben! Warum kämpfst du noch darum? Das Blut hämmert Tod und Vernichtung. Schiebe die Hand in die Maschine! Wirf dich gegen das rotierende Band! Wirf die Seele fort— sonst wird sie zerfressen. Du bist in der toten Stadt! Da— ein langer Ton! Er heult Vernichtung, doch für die tote Stadt bringt er Leben. 2 Das träge laufende Band steht still. Das rasend rotierende Band schleift aus. Die Hand fährt darüber, ohne zerrissen zu werden. Sie recken sich— die-gebeugten Gestalten! Es ist Mitternacht. Sie erwachen zu neuem Leben. Sie klumpen sich zusammen zu einem Zug. Die Kommandorufe des Grünen sind heiser. Die Bogenlampen erlöschen.-Nur eine Karbidlampe weist den Weg durch die dunkle Halle. Von jeder Maschine löst sich ein Schatten. N Die Nachtluft schlägt ihnen weich, entgegen. Über die Straße aus Beton klappern Pantinen. Sie begegnen einem Zug von Frauen, erkennen sie am Umriß des Kopftuches. Dann hören sie das Knarren von Stiefeln: franzö- 'sische Kriegsgefangene. Es strecken sich ihnen Arme entgegen— schwarze Ärmel mit gelben Streifen. Gebende Hände finden den Weg auch im Dunkel! Ein kurz gemurmeltes:„Merci, camarade!” und der Zug ist vorüber. In die Tasche der schwarzen Uniform gleitet die Zigarette. Oft ist es nur eine ‘halbe, manchmal sind es nur Stummel. Sie geben, was sie haben. Sie sind Kameraden des grauen Heeres. Jeder Zug gleitet in den ihm zugewiesenen Unterstand. Auch vor dem Tode sind sie nicht gleich! Die Deutschen sind im Bunker; eine zwei Meter dicke Panzerdecke liegt darauf. Die Ausländer— Kriegsgefangene und Frauen— kommen in Röhren; die Decke ist nur ein Meter dick. 100 die che e!" erkerkben chtielt chaGedie heit. geben! ung. and! Cadt! Stadt leift h - ben. des mpe sich eton e am nzöwarze nkel! r. In eine sind dem Meter und - Und die deutschen und ausländischen politischen Strafgefangenen? Sie sind die Untersten. Sie sind die Niedrigsten und Ärmsten sie sind die Verbrecher des Dritten Reiches. Man pfercht sie in den Kohlenkeller des Werkes! Sie liegen auf den Kohlen. Sie denken nicht an die Bombe, die die Decke durchschlagen kann, und strecken den schmerzenden Rücken. Sie legen sich auf die Kohlen. Zigaretten glimmen auf. Kein Wachtmeister ist da. Er hat die Türen verriegelt und sich zum Bunker geschlichen. Sie sind frei. Sie finden Vergessen im Schlaf, oder sie unterhalten sich flüsternd. Die Kohlen kullern und knacken. ,, Otto sagt, nur noch einen Kasten! Dann ist das Material für diese Nacht alle ,, Hast du den Suppenwagen schon gesehen? Otto sagt, es gibt heute Kohl" 1 ,, Mein deutscher Zellenkamerad gab mir ein neues Rezept. Sie nennen es, Heidesand'! Ein Pfund Butter, ein Pfund Zucker und ein Pfund Mehl. Gut verrühren. Eine lange Rolle daraus kneten und dann schneiden in Es soll zwischen den dicke Taler. Goldgelb im Ofen bräunen lassen. Zähnen knirschen wie richtiger Sand ,, Und nach Frieden schmecken!" - ,, Ich kenne ein noch viel besseres Rezept. Du nimmst Die Kohlen knacken und kullern. Tief hängt die Decke darüber. Sie müssen über die Haufen kriechen. Auf einem Brett steht die Karbidlampe. Zwei Männer knien davor Christian und Sigurd. Christian zeichnet. Ein kleiner Zettel liegt vor ihm. Das Holzbrett ist die Unterlage. Die Hand wirft schwarze Schatten auf das Papier. Sigurd dichtet; der Bleistift kritzelt. Tief holt er Atem. Du atmest Kohlenstaub, Sigurd! Warum streicht deine Hand über die Kohle? Warum bröckelst du sie und läßt sie durch die Finger gleiten? - Es ist Mitternacht! Sigurd steigt in die Traumbahn. Sie bringt ihn zurück ans Meer. Die Füße schreiten über den weißen Sand. Er glitzert und atmet Leben. Am Himmel steht der Mond eine goldene Scheibe. Die flatternden Noten sind zu schimmernden Streifen geworden. Das Brausen des Meeres wird zum leisen Rauschen und Plätschern Sanft gluckst es dem Sand entgegen. Sigurd wandert Stunde um Stunde. Auf dem sich kräuselnden Meer liegt eine silberne Brücke. Die Füße baden im Sand. Der Gang wird langsamer. Sigurd läßt sich nieder, die Meereswellen tragen ihm silberne Stufen entgegen. Die Hand taucht in den Sand. Dann hebt sie sich. Durch die Finger rieseln feine Körner. Die Nacht singt das Lied vom Frieden. Der Sand rieselt zu Boden. Sigurds Hand wird zur Sanduhr. 101 Nichts ist zeitlos! Du hältst die wilde Schönheit des Tages nicht! Das Blau des Himmels wird dunkel. Die weißen Noten entflattern und werden zu schimmernden Streifen im Mondlicht. Die silberne Brücke wird kürzer. Die goldene Scheibe wird milchig- weiß glänzend, sie wird fahl. Im Morgengrauen sucht das müde Auge die erste Röte. Das Meer plätschert. Das Glucksen schwillt an- wird zum wütenden Brausen wird zum Stampfen der Maschine, zum seihenden Lied des Eisens. - Sigurds Verzauberung weicht. Vorbei ist die mitternächtliche Stunde. Tief stöhnt er auf ,, Noch hungrig, Kamerad?" ruft, ihm Otto, der deutsche Vorarbeiter, ins Ohr. Als sie aus dem Keller zurückkamen, gab es Suppe, reichlicher als am Tage. Sie haben sich vollgestopft mit Wasser und Kohl. Der Magen macht mit. Er ist dehnbar wie ein Schlauch. - ..Ja, mich hungert", sagt Sigurd, und er brüllt: ,, Ich habe Hunger nach dem Leben!" Er stampft mit dem Fuß auf: ,, Leben Leben Leben! Aber das Tosen der Maschinen, das eilfertige Surren des rasend rotierenden Bandes verschlingt seine Worte. Plötzlich wird das Stampfen der Maschinen geringer. Das rotierende Band schlenkert langsamer im Kreis. Es schleift aus. Das Ächzen des Eisens erstirbt. ,, Material zu Ende!" ruft Otto. Noch fast vier Stunden. Sie stehen herum. Sie nehmen die Kippen, kratzen den Tabak aus dem Papier und legen ihn hinter die Zähne. Sigurd behält eine Kippe zurück. Er denkt: Morgen vorm Einschlafen! Gibt es etwas besseres, als mit Tabak im Munde zu träumen? Das Tor zur Halle wird aufgerissen. Der Werkmeister und der Grüne kommen herein. ,, Rostiges Eisen und Feilen austeilen!" ruft der Werkmeister. Die Schatten gleiten zurück an die Tische. Aber der Grüne ruft: ,, Heute haben wir Zeit zur Revision!" Er leert den Gefangenen die Taschen. Nicht allen! Es ist Nacht. Sein Eifer ist schnell erlahmt. Doch Christian und Sigurd sind darunter. Zwei Zettel werden in winzige Stückchen zerrissen. Dann tritt der schwere Stiefel des Wachtmeisters darauf. Eine Faust tanzt vor Sigurds Gesicht. Doch das matte Licht in der Halle dämpft sogar das Brüllen eines Grünen zum heiseren Schreien. Die grobe Hand wühlt sich bis in den letzten Winkel der Tasche. Triumphierend bringt sie die Kippe zum Vorschein. Das höhnische Lachen wird in der Nacht zum gespenstischen Grinsen. Der Deckel eines Blechkästchens springt auf, die Kippe wandert in die Tabaksdose des Grünen. Der Grüne zieht sich zurück. Irgendwo in einem hinteren Raum der Halle steht eine Pritsche. 102 Die flüster hat. M Liegen geht d Sig schon Und d Bitt reißen dicken Kos will s Stadt! Da träume Die W Deutsc blitzte W im Kol unt fast zo Dan Worte ,, Al ,, Seitde Oft pa schnitt kommt starke auf de Sig Wi zum er danken Ich ,, Al er Sigu Win Betonst in der nach. ne )ie ert ist tel les las 1m: ler he 1es les ler Ä _— unter der dicken Panzerdecke.' Die Feilen ruhen. Otto hockt mit den Gefangenen in einer Ecke. Sie flüstern. Er teilt Holzzweiglein aus, die er aus seinem Garten mitgebracht hat. Mit den Feilen zerschaben sie diese Zweige zu hauchfeinen Blättchen. Liegen sie dann lange genug hinter den Zähnen und feuchten gut durch, geht durch den Mund eine schwache Ahnung von Tabak. Sigurd allein steht vor der Maschine. Er starrt auf das Band. Vielleicht schon wieder in einer. Stunde wird es in rasender Fahrt im Kreis rotieren. . Und das träge laufende Band macht die Runde langsam. Bitterkeit erfüllt Sigurd. Sie macht ihn schwach, sie macht ihn zum reißenden Tier. Seine Hände umspannen die Bänder. Sie zerren an dem dicken Leder, als wollten sie es zerreißen. Kostbare Zeit, die mir in diesen Jahren entglitt! Ich bin Künstler. Ich will schaffen. Ihr aber‘'stehlt mir das Leben. Ihr zwingt mich in die tote Stadt! Er flucht dem Lande, er flucht jedem einzelnen Deutschen. Da erklingt eine Melodie. Sigurd dreht sich nicht um. Er vermeint-zu träumen. Aber die tiefe, freundliche Stimme des Mannes singt weiter. Die Worte des Liedes kennt Sigurd. Sie wirken in’ der Aussprache des Deutschen seltsam gedehnt und zwingend. Als sich Sigurd endlich wendet, blitzt es in den Augen hinter der goldumränderten Brille stolz auf. „Wie gefällt Ihnen unser Lied?" fragt der Werkarzt.„Die Worte wurden im Kohlenbunker geschrieben. Die Musik dazu komponierte ich im Bunker “ Wieder blitzt es in den Augen, diesmal fast zornig. Dahn aber lächelt der Arzt und sagt.„Man will uns trennen, doch Ihre Worte und meine Musik binden uns zusammen!”: '„Als ich mein Todesurteil bekam, lächelte ich”, sagt Sigurd zu uns. „Seitdem ist jeder einzige Tag ein Kampf, dieses Lächeln zu bewahren. Oft packt mich Zorn. Oft werde ich ungeduldig. Ich fühle mich abge- “schnitten von allem, was ich liebe, Bücher, Farben, Musik! Dann aber über- kommt mich wieder die Gewißheit, daß ich nicht allein warte. Wir haben starke Verbündete, die mit uns kämpfen um Frieden— in uns selbst und auf der Welt!” Sigurd sieht zu mir herüber. Wir geben einander die Hand. Wir nehmen Abschied. Doch heute zum erstenmal habe ich kein Gefühl der Machtlosigkeit mehr bei dem Ge- ' danken, daß Sigurd zurück in-die tote Stadt geht. Ich lächele und sage zu ihm:„Grüßen Sie unsere Kameraden!” ie „Alles erledigt?‘ fragt mich der Grüne.„Zurück nach Halle 14!" ruft er Sigurd zu.:Vor mir macht er den grünen Ärmel stramm:„Heil Hitler!” “Wir gehen den staubigen Weg am Stacheldrahtzaun entlang. Auf der Betonstraße gehen einige grau-blaue Uniformen träge im Sonnenlicht. Ganz in der Ferne eine grüne und eine schwarze Uniform. Wir sehen ihnen nach. Die breiten gelben Streifen an Hose und Ärmel werden zu schmalen Litzen. Sigurd sieht sich nicht um. Wir aber folgen ihm mit den Augen. bis ihn der schwarze Rachen der Halle verschlingt. Wir gehen in einer Wolke von Staub. Doch wir gehen so schnell, als ob ein Ziel vor uns winkte, um das es sich lohnt. - Aus tiefem Schweigen heraus sagt der Lektor: ,, Ich sagte zu Ihnen, Sie hätten sich nicht verändert. Jetzt weiß ich, daß es doch so ist. Damals vor drei Jahren weinten Sie, als Sie sahen, wie die Freiheit geknebelt lächeln Sie!" war. Heute aber Einzeln auch w Mir wie se lichung Gesells Die setzen Spektr Die Hitze am Tage ist unerträglich. Die Nächte sind schwül und hell. Bis zum Dunkelwerden bin ich im Garten, am liebsten möchte ich dann gar nicht wieder ins Haus. Doch das schwarze Rouleau rollt herunter. Der Sommer bleibt draußen. Drinnen brennt die Schreibtischlampe. Drei Tage noch dann lege ich die erste medizinische Prüfung ab. Mein Vorsatz steht fest: In den nächsten Tagen werde ich mich ausschließlich dem Studium widmen. Ich murmele chemische Formeln. Immer wieder lese ich die botanische Systematik durch. In den letzten Jahren habe ich mich täglich nur zwei bis drei Stunden mit den Vorlesungsfächern beschäftigen können. Seit einigen Wochen komme ich zur Examensvorbereitung zusammen mit Kommilitionen. In den Tagen vorm Examen nehmen die Erzählungen von Fragen der Professoren viel Raum ein in den Köpfen der Studenten. ,, Und in der Zoologie soll er danach gefragt haben, wieviel Beine die Spinne hat. Wer es nicht wußte, fiel durch." - ,, Um Gottes willen!" Eifrige Hände schlagen im Zoologiebuch nach. Die Sirene heult., Die letzten Nächte war ich im Garten. Nur ein leises Surren unterbrach die Stille. Die Versuchung ist groß, auch heute hinauszugehen. In diesem Sommer war nur der Alarm meine Freizeit, und ich sehne mich nach Sommer und Sorglosigkeit. Doch ich schlage das Physikbuch auf. Ich lese vom Spektrum. Von den verschiedenen Wellenlängen der Strahlen. - Gedank lösche We ist Kri Nur der V Wi der we suchun worde Sel dinavi aber o Das ,, drauß nungsl und Z sperru Sie Stockv fragun St Die tauche - Numm Wi schlos Jed Grüne ,, Licht wird uns sichbar, weil es aus Strahlen besteht, deren Wellenlänge für das Auge wahrnehmbar ist. Es gibt aber noch andere Strahlen Röntgenstrahlen. Ultraviolette und ultrarote Strahlen. Das Auge erkennt sie nicht, und doch üben sie ihre Wirkung " Vor mir taucht das Millionenheer der Heimatlosen auf, der voneinander Getrennten. Gab es denn nicht immer ein Meer von Leid auf der Welt? Wann hätte das Leben je Glück bedeutet? Ist es nicht vielmehr eine Aufgabe, die uns für das Einzelleben Menschwerdung und Entfaltung zur Persönlichkeit gebietet? Kann sich der 104 kann. Un mir zu fragen ler ler lie ch. sin ıte nd len der itte ch- der ‘ Einzelne nicht immer für die Wahrung der Mu einsetzen— auch wenn die Gesamtheit versagt? Mir wird offenbar, wie wenig die Menschheit um diese Aufgabe weiß, wie sehr sie sich ihrer eigenen Würde beraubt hat. Ist diese Entpersön- lichung zur Masse nicht schon so weit vorgetrieben, daß die menschliche Gesellschaft nur vom Individuum ausgehend neugestaltet werden kann? Die Buchstaben im Buch vor mir, die beim Abschweifen verschwimmen, setzen sich wieder zu Worten zusammen. Ich bin bei der Physik, beim Spektrum! Eine Tafel gibt es farbig. wieder. Ich sehe darauf, aber die Gedanken sind nicht dabei. Die grelle Gegenwart macht mich unruhig. Ich lösche das Licht und öffne das Fenster. Weiche Sommernacht erfüllt das Zimmer. In der Luft surrt es leise. Es ist Krieg und nicht einmal in mir selbst ist Frieden. Nur noch zwei Tage bis zur Prüfung. Der Vorsatz, mich ausschließlich der Vorbereitung zu widmen, ist schon durchbrochen.\ Wir sind im Untersuchungsgefängnis. Wir besuchen einen Rechtsanwalt, der wegen„antifaschistischer Umtriebe“ seit achtzehn Monaten in Unter- suchungshaft ist. Hat man ihn vergessen? Erst zweimal ist er verhört worden. Selten nur besuchen wir Untersuchungsgefangene, da die meisten Skan- dinavier im eigenen Land von deutschen Kriegsgerichten abgeurteilt oder aber ohne Strafverfahren in ein KZ geschickt werden. Das Untersuchungsgefängnis ist die‘ Durchgangsstation zwischen „draußen“ und„drinnen“. Die Luft ist noch nicht‘ so verstaubt und hoff- nungslos grau wie im Zuchthaus. Sie ist unruhiger— zwischen Hoffen und Zweifeln flackernd. Sie ist erfüllt von dem ersten Schock der Ab- sperrung und des Eingeschlossenseins. Sie kommen herein, noch in Zivil. Ein Grüner führt sie durch mehrere Stockwerke über lange Gänge. Aufnahme— Warten in der Kartei— Be- fragung nach den Personalien. „Stehen Sie stramm, wenn wir mit ihnen sprechen!" Die Personalien werden abgegeben. Irgendwo in der dicken Kartei tauchen sie unter, Die neuen Personalien werden ausgegeben: Zelle und Nummer.: Wieder geht es über die Gänge. Eisenvergitterte Türen werden aufge- schlossen. Der lange Schlüssel fährt in eine der Zellentüren. Jeden Tag öffnen und schließen sie viele Türen. Gelangweilt hält der Grüne sie nur so weit auf, daß der„Neue von draußen“ Bingen kann. Krachend fällt die Tür zu. Er ist drinnen. Unstet wandern die Augen des Rechtsanwalts vom Pastor zu mir, von mir zum Pastor. Er beginnt von seinem Fall-zu sprechen, ohne daß wir ihn fragen. Er schildert ihn uns mit einer Eindringlichkeit, als ob von uns £ 105 seine Freilassung abhinge. Seine fragenden Augen quälen mich. Sie stellen eine andere Frage als Oles Augen auf Zune Der Btegie:„Wie lange noch?“ Doch in den Augen des Rechtsanwalts liegt alle Unsicherheit und Un- gewißheit eines Untersuchungsgefangenen des Dritten Reiches. Wird er der Gestapo überwiesen, oder wird ihn die Justiz aburteilen? Es gehört Mut dazu, draußen das System aktiv zu bekämpfen, drinnen ist es aus- schließlich eine Frage der Nervenkraft, wie lange ein.Untersuchungsgefan- gener der Gestapo standhält. Das monatelange Warten auf die Aufnahme des Verfahrens hat dieselbe zermürbende Wirkung wie ein stundenlanges Kreuzverhör. ‚In den ersten Wochen ist die Gewichtsabnahme ruckartig. Dann geht. es langsam bergab. Und dann iritt ein Stillstand ein— Körper und Seele dämmern in stumpfer Gleichgültigkeit: Mag da kommen mit mir, was will! „Alles, was an jenem Sommertage geschieht, hat sich mir eingeprägt. "Als der Pfarrer zum Schluß das Testament hervorzieht, hebt der Unter- suchungsgefangene wie abwehrend die Hände. „Nein, nein!" ruft er..„Das nicht! Als ich noch draußen war, habe ich nicht, auf Gottes Wort gehört. Müßte ich mich nicht schämen, wollte ich jetzt, da es mir schlecht geht und ich nicht weiß, was aus mir wird, Gottes Hilfe erbitten?” Wie Angst liegt es in seinen Worten. Noch gehöre ich zu denen da draußen! Noch bin ich derselbe wie damals! Oder sollte es keine Angst sein, sondern Stolz, auch 5 der Not nicht in der einmal gewonnenen Überzeugung zu'wanken? Der eben noch so _ unstete Blick wird freimütig und entschlossen. Und dieser Augenblick wird mir ebenso unvergeßlich wie der im Besuchszimmer des Zuchthauses Fuhls- büttel, als Frederik unvermittelt, nachdem der er aus dem Testament vorgelesen.hat, anfängt zu beten. Der eine lehnt Gottes Wort ebenso entschieden ab, wie sich der andere dazu bekennt. Zu beidem gehört Mut, wenn man Gefangener ist! Kaum bin ich zu Hause, da klingelt das Telephon. „Heil Hitler! Hier Fuchs. Kommen Sie bitte gleich ins Zuchthaus. Ein norwegischer Kapitän hat eine geschäftliche Unterredung mit einem der Gefangenen beantragt. Und außerdem———", die Stimme kommt ins Krächzen, ee ich Sie sowieso vorladen. Ich habe mit Ihnen. zu sprechen." Ein eisiger Schreck durchfährt mich. Vorladen? Das Klingt nach Ge- stapo, nach Untersuchung und Verhör. Ich habe meinen Strohhut auf, doch von der Stirn tropft es. Ich fühle mich seltsam bedrückt. Irgend etwas lastet auf mir. Es mischt sich aus vielem. Die Hitze, das bevorstehende Examen, die unerwartete ellen ange Uner hört ausfanhme nges geht eele will! nterich ich ottes da Licht a so wird hlsment Here Ein der ins zu Gescht -tete Störung in diesen letzten Tagen der Vorbereitung, der unstete Blick des Rechtsanwalts heute morgen. War in seinen Augen Angst, war es Trotz oder Überzeugung? Oder beschwert mich der kalte Klang des Wortes ,, vorladen"? Ich gehe über den langen Gang. Einige Gefangene stehen mit dem Gesicht zur Wand. Vor dem Zimmer von Fuchs bleibe ich stehen. Da wird die Tür von innen geöffnet. Vor mir steht Hauptwachtmeister Wenck. Sollte es das sein? Hat Wenck über mich ausgesagt? War es vielleicht die Schokolade? Oder die Unterhaltung? Unmöglich! Wenck war nicht dabei, und der andere Grüne hörte und sah nichts. Oder sollte einer der Gefangenen -? Mißtrauen überflutet mich! Sie erzählten von der Schokolade - Dies wahnwitzige Mißtrauen! Es ist die Krankheit unserer Zeit. Es ergreift uns, packt uns wie Fieber. Wir nehmen Platz. Wenck bleibt dabei. Es ist also doch so! Ich sehe aus dem Fenster. Die Gedanken arbeiten. Die Kastanie steht zeitlos im Hof. Die Kerzen sind erloschen. Der Baum ist über und über besät mit kleinen grünen Knollen. Die Blätter sind von sattem, staubigem Grün. Ich beobachte das alles, ohne es sehen zu wollen. Ich warte darauf, daß Fuchs beginnt. Er sagt: ,, Es ist mir zu Ohren gekommen, daß Sie Feindbegünstigung treiben!" Feindbegünstigung - ein gefährliches Wort! Aber ruhig bleiben. Ruhig! Vom steinigen Hof dringt das schlurende Klappern der Holzpantinen. Feindbegünstigung! Eine große Arbeit steht auf dem Spiel. Gelassen blicke ich zu Fuchs hin. Ich bemühe mich, meiner Stimme einen eisigen Klang zu geben, als ich antworte: ,, Feindbegünstigung? Sie täten gut daran, bei der Wahl Ihrer Worte mehr Vorsicht walten zu lassen!" - Fuchs schwillt an: ,, Ich scherze hier nicht! Was denken Sie sich eigentlich? Wenck berichtet mir, Sie hätten bei dem Besuch auf Schülp zuge-. lassen, daß der Pfarrer aus dem Testament vorlas. Sie wissen ebensogut wie ich, daß seelsorgerliche Betreuung verboten ist." Ich fühle, wie ich erbleiche. Das war es also! Wieder sehe ich uns auf der Holzbank sitzen und spüre den Blick des Grünen, als der Pfarrer das Testament öffnet. Wenn die Gestapo davon erfährt, ergeht es mir schlecht. Alle Farbe ist aus dem Gesicht gewichen. Die Hände klammern sich ineinander. Der Grüne ist dabei gewesen. Das Testament hätte geschlossen bleiben müssen. Ich habe einen Fehler gemacht. Doch noch ist nicht alles verloren! 107 Ich stehe auf und sage:„Mit Ihnen möchte ich nicht darüber ver- handeln. Ich bin nur dem Chef verantwortlich. Ich werde ihm sofort diese Angelegenheit vortragen.“ S Die Wirkung könnte nicht besser sein. Erregt springt Fuchs auf. Er weiß, daß jetzt er einen Fehler gemacht hat. Er hat den Chef übergangen, er hätte die Meldung an ihn weiterleiten müssen. Er lenkt ein. Doch kurzentschlossen eile ich in den ersten Stock. Ohne Anmeldung trete ich beim Chef ein. „Nanu, was gibts?” fragt der Regierungsrat und sieht mich erstaunt an, „Sie kommen übrigens wie gerufen. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.“ Ein neuer Schreck durchfährt mich. Sollte noch etwas anderes vorge- fallen sein?: Aber der Chef fährt fort:„Es handelt sich um den Kapitän. Der Ge- fangene, den er besuchen will, ist ein Schiffsreeder. Der Kapitän hat von einer ‚norwegischen Firma den Auftrag bekommen, ihn wegen neuer Schiffs- bauten zu Rate zu ziehen." Er senkt’die Stimme und wird geheimnisvoll:„Es ist in Deutschlands In- teresse, wenn Schiffe gebaut werden. Lassen Sie daher den Mann, eine Stunde sprechen, nein, überhaupt so lange, wie sie wollen.” Er ereifert sich: ‚Eine Flotte brauchen wir.. Das habe ich schon im Weltkrieg gesagt. Und warum haben wir ihn verloren?— Eben weil unsere Flotte nicht groß genug war!“ Er reibt sich zufrieden die Hände, als ob er durch seinen Einfall, den ‘ Kapitän möglichst. lange sprechen zu lassen, entscheidend zum Siege beitrage. Ich atme auf. Die Stimmung des Chefs ist gut. Ich trage ihm meinen Fall vor. Da umwölkt sich zwar seine Stirn, doch als erstes sagt er:„Das geht Fuchs nichts an! Warum meldet man es nicht mir?" Dann scheint er sich zu besinnen. Langsam dringt es. durch die. großen Poren des etwas zu schwammigen Gesichts, das noch eben breite, lächelnde Falten zeigte. Seelsorge— die Poren atmen es ein. Wie? Seelsorge? Der. Wulst auf der Stirn wird dicker. Die Stimme ist kühl-amtlich:„Wie kommen Sie dazu? Bis jetzt habe ich Ihnen vertraut. Wie konnten Sie das zulassen?" „Ich habe mich geirrt”, gebe ich zu.„Aber so wie Sie beim Abschied ‚Heil Hitler’ sagen, so liest der Pfarrer aus dem Testament." Der Regierungsrat sieht mich an, als ob er sich nicht schlüssig werden kann, ob er brüllen oder lachen soll. „Ich werde den Fall noch einmal neruchen. Merken Sie sich aber für alle Zeiten—-" die Stimme mir gegenüber erhebt sich zum donnernden Rollen:„Nicht Gott— der Führer hat hier die Macht!" Durch das offene Fenster dringt schlurendes Pantinengeklapper. Der Regierungsrat steht auf.„Also— Heil Hitler!" 108 verdiese . Er gen, Ohne t an. orgeGevon ChiffsIs Ineine eifert esagt. nicht ■ den Siege einen ,, Das roßen elnde Der ,, Wie e das chied erden aber Inden ,, Ohlsen Ohlsen Ohlsen", Rabbelers Blaustift fährt über die Liste. Alle Norweger heißen Ohlsen." Rabbeler ist schlechter Laune: ,, Zwölf Stunden Dienst und dann noch irgendeinen hergelaufenen Norweger suchen müssen!" ,, Diesmal ist es etwas Besonderes," sage ich. ,, Eine Geschäftsunterredung Rabbeler wird aufmerksam. ,, Ach mit dem Kapitän? Der Chef -- hat es vorhin bei mir erwähnt. Es ist wegen der Schiffsbauten, nicht wahr?" ,, Wegen der Flotte-", antworte ich bedeutungsvoll. Rabbeler nickt mit dem Kopf. Er weiß Bescheid. Der Chef hat ihm offenbar schon seine Theorie über Kriegführung und Flotte entwickelt. Er nimmt Haltung an. Der Blaustift wird angefeuchtet. ,, Den werden wir gleich haben! Also Ohlsen, Ohlsen, Ohlsen--", der Blaustift I wandert weiter. Rabbeler murmelt: ,, O- 0-0-". Der Rest des Namens da ist er!" geht unter im Gewirr des Schnauzbarts. 0-0Der Blaustift macht halt: ,, Flügel C, Station 4, Zelle 223 Gefangener 645." Er sieht auf die Uhr. ,, Station 4 hat gerade Freistunde! Der Schnauzbart beugt sich etwas vor und horcht, ob noch die Pantinen klappern. ,, Ja ist noch unterwegs!" - - - - - Ich sehe hinunter' auf die Runde im Hof. In der Hand halten sie alle etwas Grau- Weißes. Es ist die Mütze. Sie brauchen sie nicht aufzusetzen, doch sie müssen sie bei sich tragen. Das Zuchthausreglement verlangt es. Sie gehen im Kreis. Sie fahren sich mit dem grau- weißen Stück über die Stirn und wischen den Schweiß ab. Die Tür zum Geschäftszimmer steht offen. Auf dem Gang ist es still. Im Wartezimmer sitzt der Kapitän. Vielleicht studiert er die vielen Verfügungen an der Wand. Und wenn er ein echter Kapitän ist, wird er nicht sonderlich sprachbegabt sein. Er wird nicht weiterkommen als bis: ,, Es ist verboten ——" Es ist verboten -. Wie verwirrt und beklommen wurde ich damals, als ich diese Worte in den unzähligen Verordnungen an der Wand des Wartezimmers sich immer wiederholen sah. Wie lange das schon her ist, obgleich es erst wenige Monate zurückliegt! Über den leeren Gang brüllt es: ,, Meyer II!" Rabbeler hält in der Hand deň Zettel mit dem Namen des Gefangenen. Er streckt den Arm aus, ohne auch nur hinzusehen, ob jemand kommt. Er ist Hauptwachtmeister und hat zwei Sterne. Die mit einem Stern oder gar leerem Spiegel haben zu gehorchen. Im Nebenzimmer scharrt ein Stuhl über den Boden. Ein Grüner kommt an: ,, Jawohl, Herr Hauptwachtmeister?" Rabbeler hält den Zettel hin: ,, Holen! Ist auf dem Hof." - ,, Jawohl." Meyer II wählt im klappernden Bunde einen der langen Schlüssel. 109 Rabbeler schließt das Besuchszimmer auf. ,, Sie kennen ihn?" frage ich. ,, Wen?" ,, Den norwegischen Gefangenen, den Sie jetzt holen lassen." Rabbeler sieht mich erstaunt an. Woher wohl? denn?" 11 - Kennen Sie ihn Chris Woch Ich ihren er m ,, Ja aus Briefen." ,, Wieso? Aus Briefen? Ich lese die Briefe der deutschen Gefangenen seit mehr als zwanzig Jahren; aber ein Brief ist wie der andere. Ich erinnere mich an keinen." Die Luft im Besuchszimmer ist mit stickiger Schwüle geladen. Ich versuche, das Fenster zu öffnen. Rabbeler hilft mir. Er stößt es auf. Das schlurende Geräusch der Holzpantinen wird lauter und klappernder. Sie wandeln im Ring wie im Schlaf. - Doch beim Knarren des sich sperrenden Fensterflügels geht ein Erwachen durch die Runde. Trübe, fragende Augen sehen herauf. Aber schon sind die Blicke wieder gesenkt. Ein Grüner steht am Fenster! Die Holzpantinen klappern weiter. Rabbeler klimpert mit dem Schlüssel gegen die Eisenstäbe, zeigt hinunter und sagt kopfschüttelnd: ,, Und die soll ich kennen? Ihre Leute sind erst drei Jahre hier. Und ich kenne noch nicht einmal alle Gefangenen bei Namen, die schon zwanzig Jahre bei uns sitzen. Wie sollte ich auch? Einer sieht aus wie der andere. Und Lumpen sind sie alle!" Die letzten Worte verhallen schon auf dem Gang. Rabbeler holt den Kapitän. Ich gehe zurück zum Fenster. Ein Ruf tönt über den Hof. Alle horchen auf. Einer löst sich aus der Runde, sieht zum Grünen hinüber und steht. vor ihm stramm.. Besuch? Ob es mit dem Knarren des Fensters zusammenhängt? Wieder gehen die Blicke hinauf. Kein Rabbeler steht neben mir. Der Wachtmeister unten dreht den Rücken. Da hebe ich die Hand und winke. Etwas Wundersames geschieht. Wer vermag zu unterscheiden, ob ich es nur so empfinde, oder ob es lebendige Wirklichkeit ist: Der Hof gewinnt neues Leben! Die noch eben staubig-.* welke Kastanie steht im saftigsten Grün. Die Spitzen ihrer Blätter sind in sommerliche Glut getaucht und werden vom leuchtenden Blau des Himmels umrahmt. Die dicht beblätterte Krone verdeckt die Mauer. Der Stamm schützt die Gefangenen und mich vor den Blicken des Grünen. Doch sie heben nicht die Hand, um zurückzuwinken. Ein Zuchthaus hat viele Augen; hinter jedem Fenster können Grüne stehen! Aber sie lächeln! Und da erkenne ich die Gesichter, die ich noch vor wenigen Minuten nicht zu unterscheiden vermochte. Da ist murm So kenne Au Ra geht Er sonnt Füllu fen. Di herein glaub trager De ist ve will r Ab die E E W verleg Maue Ich at Ar E Ist die Z so wie kleide aller So sehe; eicher mattbl raffen 110 hn ET- eT- as Sie Er- er Jie in- nd en. en. en ht, ler ter- Christian. Vor ihm geht Sigurd, hinter ihm Olaf. Sie. haben in dieser Woche Nachtschicht. Ich sehe in abgezehrte Gesichter: ‚Die lächelnden Augen liegen tief in ihren Höhlen. Vor Eilif geht eine schwankende Gestalt. Es ist Tarald. Als er mich sieht,. fährt die Hand zum Kopf. Die Lippen bewegen sich, als murmeln sie etwas. En: So ziehen sie auf dem steinigen Hof an meinem Fenster vorbei. Viele kenne ich, und manche kenne ich noch nicht. Auf dem Gang wird es lebhaft. Zurück vom Fenster! R Rabbelers Stimme ist triefend vor Diensteifer. Die Flotte— die Flottel geht es mir durch den Kopf. Er öffnet die Tür zum Besuchszimmef:„Bitte sehr, mein Herr!“ Der sonntäglich wirkende dunkelblaue Anzug des Kapitäns erscheint in der Füllung. Dann packt Rabbeler die schwarze Uniform mit den gelben Strei- fen. Er schiebt sie ins Zimmer und sagt:„Los! Herein!“ Die Jacken brauchen nur getauscht-zu werden, dann würde der Kapitän hereingestoßen. Und steckte Rabbeler in der Gefangenenuniform— ich glaube, er würde es es in der Ordnung finden, wenn dann er der Leid- tragende wäre. Der Kapitän verbeugt sich vor Arne. Eine Pause entsteht.“ Der Kapitän ist verwirrt. Ich warte darauf, daß die Geschäftsunterredung beginnt und will nicht stören. Aber der Kapitän sieht verlegen an Arne vorbei. Dann blickt er auf. die Eisenstäbe am Fenster. Arne und ich denken beide dasselbe. „Erster Besuch im Zuchthaus?“ frage ich den Kapitän.: Wieder erinnere ich mich,‘ wie ich noch vor wenigen Monaten ebenso verlegen in diesem Zimmer saß! Jetzt bemerke ich kaum noch die hohe Mauer, die vergitterten Fenster oder die zerlumpte Gefangenenuniform. . Ich atme die Zuchthausluft, ohne beklommen zu werden. Arne unterbricht das Schweigen.„Wie geht es meiner Frau?" „Es ist noch dasselbe——.” Der Kapitän verstummt. Ist Arnes Frau krank? Warum ist der Kapitän so wortkarg? Nimmt die Zuchthausluft ihm den Atem? Oder raubt es ihm die Sprache, Arne so wiederzusehen? Vielleicht hat Arne draußen eine führende Stellung be- kleidet, und den Kapitän überkommt ein Ahnen von der Vergänglichkeit aller Werte? .‘So muß es sein; denn als ich Arne mir gegenüber am Tisch sitzen sehe; scheint es mir, als ob sich der rohgebaute Tisch in einen schweren eichenen Schreibtisch wandelt. Das schmutzige Linoleum wird zum dicken, mattblauen Teppich. Die Eisenstäbe am Fenster fließen auseinander und raffen sich zu dunkelblau-samtnen Vorhängen——— Arne spricht wenig von sich, aber seine Worte zaubern in das staubige Besuchszimmer die Bilder von seinem Leben draußen, als er noch frei war Die braune Schreibtischplatte ist bedeckt von Papier. Neben dem Bild eine Seltenheit zu einer Frau stehen in einer Vase langstielige Rosen dieser frühen Jahreszeit. - In der Hand hält Arne die glimmende Zigarette. Er wirft einen flüchtigen Blick auf die Telegramme. Viele Worte. Alle sagen das gleiche: Glückwünsche zu seinem fünfundzwanzigsten Jubiläum als Schiffsreeder. Nur ein paar Telegramme liegen abseits. Die Sekretärin hat sie möglichst weit fortgelegt. Dieser Jubiläumstag soll ein Festtag sein!-Trotzdem hat Arne sie als erste gelesen. Die Schatten unter den Augen werden dabei noch tiefer. Diese Telegramme deuten auf Krieg. Noch sind es nur Gerüchte. Noch will Arne glauben, daß Norwegen der Friede bewahrt bleibt. Er sieht in die sorglos lächelnden Augen der Frau auf dem Bild. Er überfliegt flüchtig ein längeres Glückwunschtelegramm. Ein müder Zug um Arnes Mund verrät ein Leben der Arbeit. Vor fünfundzwanzig Jahren gründete er eine eigene Reederei. Heute ist er im Vorstand der Schiffahrtsvereinigung. Er ist Direktor vieler Ausschüsse, Ehrenmitglied von Komitees und Vereinen, Gründer von Stiftungen und Legaten. Er hat Orden und Ehrenzeichen. Er ist am Ziel! Das Telephon schrillt. Arne zögert, den Hörer abzunehmen. Er starrt auf die weiße Asche der Zigarette. Er sieht den, bläulichen Ringen des Rauches nach. Erst sind sie Ellipsen; dann werden sie zu Kreisen. Er greift zum Hörer. Die zaghafte Stimme der Sekretärin meldet: ,, Drei Uhr! In einer Stunde ist das Festessen." ,, Ja es ist gut. Ich werde gleich gehen." Festessen, neue Telegramme. Endlose Reden und Blumen. Arne ist müde, unerklärlich müde. Warum nur? Hat er nicht das erreicht, was er wollte? Er hat aus dem Nichts für sich und andere Wohlstand geschaffen. Durch das Doppelfenster dringt wie aus weiter Ferne das langgezogene Tuten der Schiffe. Norwegens Flotte ist auf allen Meeren zu Hause. Und darunter sind Arnes Schiffe. Jahr um Jahr hat er geplant, gebaut, erneuert und verbessert. Reiche Jahre liegen vor ihm. Die Zigarette glimmt. Bläuliche Ringe wandern durch das Zimmer und zerfließen im dämmernden Licht der verhängten Fenster. - den alten Arne stützt den Kopf in die Hände. Daß er gerade heute daran denkt! Lange Jahre hat er vergessen, was schon über vier Jahrzehnte zurückliegt. Deutlich sieht er es wieder vor sich Bootsmann und das vor Feuchtigkeit glänzende Holz des Bootes. Welch draußen, als er noch eine Sehnsucht hatte er damals nach dem Leben als Schiffsjunge zur See fuhr. 112 - Es Da geworf Run es fast eine B Sie vorübe Der zerrinn Kreise. seits d Er gefüllt Latten Reinlic Eine noch, dem F die Wa Den Glänze erzählt Hafen die Ha still. jener das So Arr Aber Da Bootsn auf K habe i größer pfeife Un die Ne Himme hat es De Jetzt s sagt: 8 Halt _ge rei ild zu chThe: =. ögem den nur ibt. Er um ute usCunarrt des Er nde ist s er ffen. Jene Und erund aran Jahralten Welch moch Es war auf den Lofoten. Da sind sie mit dem Fischerboot weit hinausgefahren. Sie haben Anker geworfen und auf den Fischschwarm gewartet. Rundherum liegen andere Boote. Wüßten sie es nicht, so könnten sie es fast vergessen. Denn sie sind in Nebel gehüllt. Sie sind allein. Nur eine Bootspfeife klingt manchmal matt herüber. Sie warten und schweigen und knüpfen Netze. Wenn der Fischschwarm vorüberzieht, werden die Netze sich füllen, bis das Boot gut und tief liegt. Der Bootsjunge Arne sieht in das sich kräuselnde Meer. Der Nebel zerrinnt auf dem Wasser in schwere Tropfen und bildet zerfließende Kreise. Die Augen suchen die dicke Nebelwand zu durchdringen jenseits der Wand liegen die Zukunft, die Welt und das Leben. Er schleudert einen Eimer über die Reeling und zieht ihn mit Wasser gefüllt am Strick wieder hoch. Er scheuert das Bootsdeck. Er schrubbt Latten und Bohlen, bis das Holz dunkel- feuchtglänzend von Wasser und Reinlichkeit ist. Eine Möwe krächzt um das Boot. Als Arne aufblickt, sieht er gerade noch, wie sie aufschreiend im Nebel verschwindet. Achtlos stößt er mit dem Fuß den Eimer beiseite. Die Augen sind unbeweglich, als wollten sie die Wand aus Nebel durchdringen. Denn das Leben das liegt hinter dieser Mauer. Es muß etwas Glänzendes, Großes, Gewaltiges sein. Der alte Bootsmann hat ihm davon erzählt. Er weiß es von dem Kapitän, der mit seinem Schiff Kohle in den Hafen bringt. Er hat dem Bootsmann von einer großen Stadt berichtet, wo die Häuser dicht nebeneinander stehen. Da wird es nie in den Straßen still. Auch des Nachts nicht, dann sind sie hell erleuchtet. Und im Hafen jener Stadt liegt ein Schiff neben dem andern. Sie sind ebenso groß wie das Schiff des Kapitäns, und einige sind sogar noch größer! Arnes Augen weiten sich. Er meint, die Nebelwand müsse zerfließen. Aber nur gelbe Schwaden und schwarze Punkte tanzen vor seinem Auge. Da ballt der Bootsjunge die Fäuste. Die Augen blitzen: ,, Wenn ich erst Bootsmann bin! Ich werde sparen!" Er rechnet. Vor ihm häuft sich Krone auf Krone. Ein zwei vier Jahre lang Bootsmann ,, Dann habe ich ein eigenes Boot!" Wieder legt er Krone auf Krone. Es muß ein größeres Boot sein. Größer als alle, die hier im Nebel liegen. Die Bootspfeife muß lauter als alle anderen tuten. - - drei - Und eines Tages wird aus dem Boot ein Schiff; sein scharfer Kiel wird die Nebelmauer durchschneiden. Er wird nach dem Süden fahren, wo der Himmel blau ist. Die im Nebel aber werden sagen: ,, Ja der Arne! Der hat es weiter gebracht als wir." Der alte Bootsmann sitzt auf den Tauen und bessert die Netze aus. Jetzt sieht er herüber zum Bootsjungen, schüttelt bedächtig den Kopf und sagt: ,, Der graue Nebel kommt vom Himmel und fließt ins Meer. Hinter 8 Halt Wacht im Dunkel 113 der Wand ist es heller, und weit fort von hier wird der Himmel blau. Wir . sind in Schweigen und Nebel gehüllt, aber irgendwo in: der Welt wird immer getanzt!"= Er läßt das Netz sinken. Noch-grauer fügt sich die undurchdringliche Nebelmauer zusammen. Er wiederholt:„Immer wird irgendwo auf der Welt getanzt.” Schreiend jagt eine Möwe über das Boot— der Nebel verschlingt sie. Der alte Bootsmann schiebt die’ Pfeife von einem Mundwinkel in den . anderen und sagt:„Du willst viel, Arne. Du willst uns verlassen. Du willst zu denen, die tanzen—.": „Ich will arbeiten und sparen und ein großes Schiff haben.“ Der Bootsmann zieht an der Pfeife, nimmt sie dann aus dem Mund und bläst in die klamme Luft einen bläulichen Ring— schattenhaft gleitet er in den rinnenden Nebel. „Alles im Leben ist vergänglich”, hört Arne den Bootsmann sagen. „Sitzest du auf diesem Boot, oder fährst du auf einem großen Schiff. Wenn der Tod kommt, kannst du nichts mit dir nehmen.” Arne aber sagt ungeduldig:„Erzähle mir von der Welt— von dort draußen!“=: . Und dann ist er nach draußen gekommen.——— Arne blickt auf. Achtlos läßt er die weiße Asche der Zigarette auf den mattblauen Teppich fallen. Er wirft einen Blick auf die goldene Uhr. Ihr Ticken ist unhörbar, aber der Zeiger rückt unaufhaltsam vorwärts. Es geht auf vier. Das Festessen wartet. „Irgendwo wird inimer— ' Warum denkt Arne wieder daran? Weil seit einem halben Jahr Krieg. in Europa ist? t Er nimmt noch einmal die beiseitegestellten Telegramme vor. Norwegen und Krieg? Vernichtung und Tod in einem Land des Friedens? Unmöglich!.; Was sagte der alte Bootsmann vom Tod? ‚Wenn er kommt, kannst du nichts mit dir nehmen.” Arne ist plötzlich sehr müde. Da hört er eine Schiffspfeife tuten. Arne‘ drückt die Zigarette aus. Mit dem letzten bläulichen Ring zerfließt die Vergangenheit._ Er tritt ans Fenster und hebt die Schalgardine beiseite. Er blickt über den Fjord. Die„Lynx” läuft ein. Kohle aus Deutschland. Wie gut die„Lynx im Wasser liegt! Sie wurde erst im letzten Jahr gebaut. Man sollte noch ein Schiff der gleichen Type bauen. Aber wenn nun der Krieg——— Arne wendet sich zum Gehen. festli Gesi E den und um, V bese V Wag der A Wir wird che der sie. den Du und I er gen. hiff. dort den Ihr geht rieg egen t du Arne die über Jahr venn Auf die glänzend weiße Damastdecke tropft aus silbernen Kandelabern Wachs. Die Kerzen brennen. Die Gläser klirren. An der langen Tafel bilden Frack und Gesellschaftskleid eine bunte Kette. Die Dame in schwarzer Seide mit blitzenden Ringen an der Hand ist Arnes Frau. Ihr Haar ist grau, aber die Augen schauen sorglos. Sie haben nicht oft geweint, und sie sahen nur selten Tränen. Einzelne Worte, abgerissene Sätze plätschern an Arnes Ohr. ,, Gestern beim Bridge hätten Sie statt Karo Herz ausspielen müssen und das Spiel wäre unser gewesen, gnädige Frau!" vor Ein leichtes Lachen. ,, Herz wirklich?" - ,, Gewiß, der Wagen läuft gut, doch ich ziehe den amerikanischen 1 ,, Ich hörte die Lindgreen im letzten Winter in Stockholm als Aida." ,, Ach ja, die Turmszene! Ich liebe Kerker- und Gefängnisszenen." Arne hört fröhliches Lachen. Weiter unten an der Tafel wird es lauter. Sie sprechen vom Krieg. Die Unterhaltung in Arnes Nähe bricht ab. Eine Stimme neben ihm sagt fast ungehalten: ,, Krieg Wir wollen an schönere Dinge denken!" - immer Krieg! Ein alter beleibter Reeder erhebt sich schon etwas weinschwer und klopft gegen das Glas. Große Worte klingen an Arnes Ohr. Harte Arbeit verdiente Ruhe Verdienste Norwegens Flotte - - Aufstieg - wohlIn ihm Es rauscht an ihm vorüber. Er hört und hört doch nicht. hämmert es wieder: ,, Immer wird irgendwo auf der Welt getanzt." Schmerzhaft empfindet er den Glanz der Kerzen. Der weißschimmernde Damast und das strahlende Kristall blenden. Die festlich- bunte Gesellschaft wird zu Marionetten. Er murmelt: ,, Du kannst es nicht mit dir nehmen-". ,, Arne, was ist dir?" Eine kühle Hand legt sich auf seinen Arm. Doch Arne antwortet nicht. Er sieht die Tafel entlang, an der ihm die festlichen Farben zu grauem Nebel verschwimmen. Das Lächeln auf den Gesichtern erscheint ihm verzerrt. Es gibt Krieg, denkt Arne. Darum zwingt sich mir die Erinnerung an den alten Bootsmann auf. Er spürt einen leisen Zug. Die Kerzen' flackern und werfen über die Damastdecke lange, unruhige Schatten. Er dreht sich doch die Tür ist geschlossen um, --Vierundzwanzig Tage später weht über Oslo die Hakenkreuzflagge. Sie besetzen Zitadelle, Hafen und Rundfunk. Vor einem verschlafen daliegenden Haus fährt frühmorgens ein grauer Wagen vor. Einige Männer springen heraus. Mit großen Schritten eilt der Oberst voran. Sie reißen die Klingel. 8* Arne selbst öffnet die Tür. 115 Oben auf dem breiten Absatz der Treppe steht seine Frau und hört die kurze Unterredung. Die an der Tür sprechen Deutsch. Sie versteht nur Arnes norwegische Antwort: ,, Nein, ich rufe die Flotte nicht zurück." Sie hört, wie er stolz hinzusetzt: ,, Und wenn ich sie riefe, sie würde nicht kommen!" Da bricht es ab. Die schwere Tür fällt ins Schloß. Die Gardinen an den hohen Fenstern der Halle bewegen sich zuckend. Dann ist Totenstille. Von der Treppe klingt es herunter: ,, Arne Keine Antwort kommt. - Arne!" Der Da füllen sich die freundlichen, sorglosen Augen mit Tränen. weiche, tiefblaue Teppich beginnt unter den Füßen zu schwanken. Die Hand mit den blitzenden Ringen tastet nach dem Geländer, doch sie verfehlt es schwer fällt der Körper vor der untersten Stufe der Treppe auf. Sie ist bewußtlos. Als sie erwacht, erkennt sie die Dienerschaft nicht mehr. - Da schließen sie die schweren silbernen Kandelaber fort. Der weiße Damast liegt im Schrank. Die Teppiche werden aufgerollt. Das Haus wird geschlossen.- ,, Auf welchem Schiff sind Sie gekommen?" fragt Arne den Kapitän im Besuchszimmer. Irg fliegt Sonne ,, I komn A einige A Zensu Er ist geant ..1 11 En schlie V werfe stille sagt Ei letzte ,, Ach ja, die, Lynx' - " Arne sieht vor sich hin. Die Unter,, Auf der Lynx'." haltung stockt. Der Kapitän rückt verlegen auf der Kante des Stuhles. Er greift sich an den Kragen, als ob er zu eng sei. Um ihm über die Pause des Schweigens hinwegzuhelfen, frage ich: ,, Und der geschäftliche Teil?" - -- Da wird der Kapitän noch verlegener. Stockend wiederholt er: ,, Der eigentlich geschäftliche Teil-? Ja, gewiß! Das heißt Er räuspert sich und sucht nach einer Antwort. ,, Es war nämlich so Man wollte mich nicht vorlassen, und da- 38 Ja, da fährt die stolze Flotte dahin und zerfließt im Nebell Doch wir verdanken ihr eine freundliche Stunde. Und so trägt sie trotz allem zum Sieg bei wenn auch nicht zu ,, ihrem" Sieg. Aber es wird ein Sieg über die Kälte der Mauern. Im Sonnenkegel tanzt der Staub. Das Klappern der Holzpantinen im Hof ist verstummt. Der Himmel ist tiefblau. - Wir sprechen miteinander. Arne und ich. Der Kapitän aber sieht auf die vergitterten Fenster, und unvermittelt sagt er:„ ,, Um Mitternacht wird die, Lynx' schon die Elbmündung erreicht haben. Heute abend laufen wir aus." 116 Arnes und mein Blick treffen sich. Wir bleiben zurück. nur Id B Gesi spiel M kein E lung mein S nehn stör V habe der E T- er er uf rd en Irgendein Wachtmeister brüllt auf dem Gang. Dicht am Fenster vorbei fliegt ein Vogel; sein Flügel streift das Eisen. Um die im Westen stehende Sonne türmen sich glutreiche Wolkenberge. „Ich. bin müde”, sage ich zu meiner‘Mutter, als ich nach Hause komme.— Arne hat mir seine vom Wasser angeschwollenen Beine gezeigt:„Seit einigen Wochen habe ich eine Arbeit, bei der ich zwölf Stunden stehen muß." Am Tor des Zuchthauses gibt mir der Beamte einen Stapel Briefe zur Zensur mit. Ich sehe sie flüchtig durch. Auch von Arne ist ein Brief dabei. Er ist an seine Tochter gerichtet.„Es ist noch dasselbel” hatte der Kapitän geantwortet, als Arne nach seiner Frau fragte. „Ist sie sehr krank?‘ frage ich. „Sie wird nie wieder gesund werden", sagt der Kapitän. Erleichtert atmet er auf, als sich das schwere Tor wieder hinter ihm schließt. 2 ‚Vor'uns liegt die grüne Allee, Kinder spielen vor den Häusern und werfen den Ball-gegen die Mauer. Ihr fröhliches Lachen hallt durch den stillen Abend. „Hier sind die Kinder ebenso vergnügt wie bei uns in Norwegen’, sagt der Kapitän. Eine Kommilitonin wartet schon ungeduldig auf mich. Sie will bis zum letzten Zug bleiben und mit mir arbeiten. „Heute geht es nicht mehr," sage ich zu ihr.„Ich bin müde." „Du hast heute noch.nichts getan“, mahnt sie ungehalten.„Ich möchte nur wissen, wie du deine Tage verbringst." Ich antworte nicht. Ich gehe in den Garten und setze mich auf die Bank. Brüllende Grüne, schwarze Männer der SS und das undurchdringliche Gesicht der Gestapo tauchen vor mir auf. Waren sie nicht auch einmal spielende, lachende Kinder? Milde, weiche Dämmerung senkt sich über den Garten, aber ich finde keinen Frieden. Es ist dunkel geworden. Ich höre, wie oben am Fenster die Verdunke- lungsgardine herunterrollt. Es ist wohl die Kommilitonin, die noch an meinem Schreibtisch sitzt und arbeitet. Sie wartet vergebens auf mich. Ich bleibe im Garten. Die Gedanken nehmen den alten Lauf. Wird ein Donnerschlag uns zur Besinnung bringen? Wer sieht die Zer- störung, die seine Sklaven der: Seele unseres Volkes. schon zugefügt haben?— Erst wenn das ganze Land in Trümmern läge, würden die Augen der ewig Gleichgültigen sich weiten——— Eine Hand legt sich mir auf den Arm. ,, Du denkst anscheinend nach über zu viele Dinge, die nicht zum Examen gehören." Meine Kommilitonin sieht mich freundlich an. Vielleicht versteht sie in diesem Augenblick, was in mir vorgeht. Doch sie zuckt die Achseln: ,, Als ob man es mit allem Nachdenken ändern könnte! Wir wollen lieber an schönere Dinge denken an unser Studium." Dann geht sie. - Mitternacht. Ich sitze am Schreibtisch. Auf der Uhr stehen beide Zeiger, der große und der kleine, auf zwölf. Die Lynx" wird die Elbmündung erreicht haben. Vor ihr liegt das freie Meer. Wir aber bleiben zurück und warten. Tief atme ich auf: Gib uns Frieden. Das Physikbuch liegt aufgeschlagen vor mir. Es ist noch dieselbe Seite wie gestern abend. Die Augen heften sich fest an eine Zeile: Sichtbare und unsichtbare Strahlen. Da heult die Sirne. Die Stille der Nacht wird noch größer, als ihr jammernder Ton verklingt. Seit Wochen ist es dasselbe. Alarm. Stille. Leises Surren eines vereinzelten Flugzeuges. Über die Straße trappeln nur wenige Füße zum Bunker. Auf der Holzbank im Bunker sitzt schon die junge Frau. Auf dem Schoẞ hält sie die schlafenden Kinder. Mit dem Fuß stößt sie sacht gegen den Wagen, in dem das Näschen des Jüngsten wie ein rosiger Fleck aus dem blaugewürfelten Kissen schaut. Müde sieht sie mir zu, als ich die Tasche öffne und einen Stapel Briefe herausnehme. " ,, So viele Briefe jedesmal", meint sie. Werden Sie nie fertig, mit Lesen?" Auf dem zuoberst liegenden rauhbraunen Umschlag ist die Tinte rinselnd ausgelaufen. Der sorgsam gefaltete Bogen ist mit steilen kindlichen Schriftzügen bedeckt. Am Rande ist mit winzigen Buchstaben gekritzelt: ,, Mach Dir keine Sorgen um mich, Mama!" Da! schütterung. ― da! - Ein Rauschen. Es reißt durch den Bunker. Eine furchtbare. ErWir s entsetzte muß etw Rasen dämpft Jema Sie stürz Der Kinderw voll. Di ,, Ruhe, H Und Wie war und berstend In di nacht di gelegt? Wir sitz Da l Hand m Das mat Stille Rausche Die Neben I einer Se sitzende Hand. H keine S Hell gescheh burg an der Bom werferli Ist es drinnen oder draußen? Der Kinderwagen schwankt, schaukelt, rollt- Das Licht flackert, knackt Der Sturm bricht los. Es wird dunkel. Stürzt der Himmel zusammen? Offnet sich donnernd die Erde? Die Eisentüren krachen, als wollten sie zerbersten. Sie schlagen gegen die Wand. Hin und her, hin und her. Ihr Hämmern, das Rauschen, der ächzende Widerstand der eisernen Tür gegen den Druck von außen zerrt an den Nerven bis zum Zerreißen. 118 Flugzeu Einige H Eine serne G Niem der Gas zwei Sc eine ein um Och ern m." ger, das Gib eite pare ngt. einker. choß den dem Ciefe mit rinchen zelt: . Erkelt, Die die ende Eden Wir sitzen gekrümmt. Wir sind wie gelähmt, sind ein einziges großes, entsetztes Horchen auf das erbarmungslose Rauschen da draußen. Dort muß etwas noch nie Erlebtes, in seiner Schwere Unfaßbares vor sich gehen. Rasendes Klopfen gegen die eiserne Tür. Besinnungsloses Schreien, gedämpft durch die dicke Wandung. Sie schreien - schreien. Jemand tappt sich zur Tür. Der Riegel fliegt zurück. Die Tür reißt auf. Sie stürzen herein wie Besessene. Der Bann ist gebrochen. Die steinernen Mauern hallen wider von Kinderweinen und Hilfeschreien der Frauen. Doch der Bunker ist nur halbvoll. Die brüllende Männerstimme hält den verwirrten Haufen mit ihrem ,, Ruhe, Ruhe!" in Schach. Und wieder rauscht es rauscht es. Der Kopf ist geduckt, Wie lange dauert es schon? Stunden, Minuten, Sekunden? Alles, was war und was sein wird, ist ausgelöscht. Wir hocken im Dunkel. Zerberstend rollt das Unglück über die Erde. -- In dieser Finsternis krümmt sich das Herz vor Alleinsein. Wird heute nacht die Welt eine mit Taubheit geschlagene Welt in Trümmer gelegt? Geht das Leben weiter, oder ist es zu Ende? Ich weiß nichts mehr. Wir sitzen im Dunkel und warten. Da legt sich eine Hand auf meinen Arm. Es ist eine gute Hand, die Hand meiner Mutter. Ich hebe die Augen. Der Blick geht zur Wand. Das matte Licht der Leuchtstreifen erhellt die Schwärze der Nacht Stille befreiende Stille! Kein Sausen mehr in den Ohren. Kein Rauschen mehr draußen. Die Verkrampfung löst sich. Viele Stimmen sprechen durcheinander. Neben mir weint es kläglich. Eine Taschenlampe blitzt auf. Im Bruchteil einer Sekunde nehme ich die junge Frau wahr, wie sie die auf dem Schoß sitzenden Kinder an sich preßt. Noch immer halte ich einen Brief in der Hand. Ein Streifen Licht fällt über die steile, kindliche Schrift: ,, Mach Dir keine Sorgen, Mama!" Hellwach bin ich plötzlich. Die Besinnung kehrt zurück. Was ist gegeschehen? Eine Landung? Ein Angriff? Unmöglich! Schon oft wurde Hamburg angegriffen. Doch das Surren der Kampfflugzeuge und die Einschläge der Bomben gingen unter in der donnernden Beschießung der Flak. Scheinwerferlicht jagte über den Himmel und ruhte nicht eher, als bis es ein Flugzeug im Kegel hatte. Hinterher irgendwo am Himmel ein heller Schein. Einige Häuser brannten und fielen zusammen. Das war alles. Eine Karbidlampe wird angezündet. Aus ihrem Helldunkel starren wächserne Gesichter. Niemand hindert mich, als ich die Eisentür öffne und gehe. Die Wand der Gasschleuse gegenüber dem offenen Eingang schimmert rötlich. Noch zwei Schritte, und ich sehe! Geblendet weiche ich zurück. Der Himmel ist eine einzige Feuerlohe. 119 Die Fenster in den gegenüberliegenden Häusern flammen. Nein nur der Widerschein des Himmels. Feuer? ,, Die Bomben müssen weiter zur Innenstadt heruntergegangen sein", sage ich zu einem Mann, der kraftlos gegen die Wand des Bunkers lehnt. Keuchend ringt er nach Luft. Die Schatten unter den Augen sind im roten Licht wie dunkelblaue Säckchen. - ,, Bomben? Das waren keine Bomben. Der Himmel regnete Feuer!" Ein Zittern geht über die Erde. Dann eine ohrenbetäubende Detonation. Wir fahren zusammen Aus dem Flammenmeer lärmt das Knacken und Krachen des zusammenstürzenden Gebälks herüber. Fauchend legt sich das Feuer darauf. - - Doch zu Hause ist alles unDer kurze Weg nach Hause wird lang. verändert. Nicht einmal eine Scheibe ist zersprungen, denn die Fenster sind offen gewesen. Und nun trappeln die Füße über die Straße. Stunde um Stunde wandern sie vorbei. Im Nachthemd, im Pyjama, im lose übergeworfenen Mantel. Die bloßen Füße in offenen Schuhen. Ein Strom zieht hinein in die Stadt. Sie ziehen den lodernden Flammen entgegen, begierig, das gewaltige Schauspiel zwischen Himmel und Erde zu sehen. - Drückend heiß ist die Nacht. In der Ferne ein dumpfes Rollen. Kein Klingeln der Feuerwehr mehr. Nur das Knistern und Knacken der zusammenstürzenden Häuser einer brennenden Stadt. Die Luft erhitzt sich. Unerträglich wird es im Haus. Die ersten Schwaden von Brand wälzen sich herüber. Wir gehen in den Garten. Ich stolpere über etwas Weißes. Als ich mich bücke und daran rühre, läßt es sich blättern. Es ist das Physikbuch. Der Druck hat es heruntergeschleudert. Das Licht der Taschenlampe fährt über die Seite. Es legt sich über eine Zeile: Sichtbare und unsichtbare Strahlen. Da fetzen die Blätter, fahren zusammen und auseinander in tosendem Wind. Der Wind wird Sturm, der Sturm wird Orkan. Wie rasend peitschen die Flammen den Himmel, als wollten sie ihn mit ihrer Glut zerfressen. Es pfeift und tobt. Die Birke im Garten schwankt; Zweige und Blätter fallen. Das Trappeln der Füße geht unter im Sturm, den die glühende Hitze entfacht hat. Es geht unter in dumpfen Detonationen, im Klirren und Knistern des krachenden Gebälks. Die Denkkraft setzt aus. Herz und Sinn sind wirr und apathisch zugleich. Erst als der Morgen graut, kommt ein unruhiger Schlaf Mattes Licht fließt ins Zimmer, als ich erwache. Ist es Tag oder Nacht? Aus dem tiefblauen Himmel langer Sommerwochen ist ein schmutziges, qualmendes Grauschwarz geworden. Die Sonne, die sonst des Morgens einen hellen Streifen über den Schreibtisch legt, ist ein trübgelber Fleck. 120 Da in Sc Leich Di sie tr Erde? auf Un Ic des denn Die S Da Richt Si gezei Wint Sie h retter Farbe zoger der H Schri geru schni Si legen Himn ist da S ge Es w rung nähe aus D Was den A sche stür peste sami Feuer? sein", lehnt. roten euer!" nation. en und t sich es unFenster andern Mantel. = Stadt. waltige - Kein Her zuSchwatolpere es sich eudert. er eine sendem itschen fressen. fallen. e Hitze en und nd Sinn amt ein Nacht? utziges, Morgens I Fleck. Das Erlebnis der Nacht bricht herein in den grauen Morgen. Ich bin in Schweiß gebadet. Das Zimmer ist erfüllt von üblem Geruch. Es ist Leichengeruch, faulig, stinkend und sengend. Die brennende Nacht, das gespenstische Trappeln der Füße! Wie es sie treibt zum Flammenmeer, zum Schauspiel zwischen Himmel und Erde! Erde? Nein Hölle! Draußen klingelt es. Feuerwehr. Dumpf reißt es - auf Zeitzünder. - Und da - und da? Da trappeln die Füße wieder. Ich drücke den Kopf ins Kissen. Nichs mehr sehen von der Schwärze des Himmels. Nichts mehr hören von der schaulustigen Menge! Und dennoch lausche ich mit angehaltenem Atem. Keine Rufe dringen herüber. Die Schritte sind nicht mehr hastig. Sie schleppen sich über das Pflaster. Da sehe ich hinaus und schrecke zurück! Uber Nacht hat sich die Richtung des Stroms gewendet. -- Sie wandern hinaus aus der Stadt. Mit rauchgeschwärzten Gesichtern, gezeichnet von dem Entsetzen einer einzigen Nacht. Frauen, die sich im Wintermantel schleppen, die den Pelzmantel noch übergeworfen haben. Sie keuchen unter der Hitze. Aber nur retten, den letzten Besitz noch retten! Frauen in dünnen Sommerfähnchen mit Strümpfen verschiedener Farbe. Die Bombe hat sie aus dem Schlaf gerissen. In wahnwitziger Hast zogen sie an, was sie fanden, und stürzten aus dem brennenden Haus. An der Hand zerren sie mit sich die Kinder. Die kleinen Füße halten nicht Schritt mit den großen. Sie haben die Kinder durch Rauch und Leichengeruch geschleift. Die Männer tragen Koffer und mit Papierbindfäden verschnürte Kartons. Sie lassen sich nieder am Kantstein. Sie ziehen die Schuhe aus. Sie legen sich auf das steinige Pflaster und starren in den verfinsterten Himmel. Kaum ein Weinen oder Klagen dringt herüber. In den Gesichtern ist das Leben erloschen - Sie strömen weiter - - weiter - heraus aus der Stadt. Die Beine gehen gehen unaufhaltsam. Die Hände schleppen- schleppen die letzte Habe. Es wird nicht hell. Als der Tag in schweigende, unheilverkündende Dämmerung übergeht, erlahmen die Hände. Sie lassen die Koffer zurück. Der Tod nähert sich. Wenn er kommt, kannst du nichts mit dir nehmen! Nur heraus aus der Stadt. Die Beine gehen schneller. Die Telephonleitungen sind zerstört. Die Stromversorgung versagt. Kein Wasser ist in der Leitung. Es floß im versiegenden Strahl über die rasenden Flammen. Als es dämmert, zieht über den Himmel ein rötlicher Schein. Der Menschenstrom nimmt eine neue Richtung. Sie ziehen zu den Bunkern. Sie stürmen sie. Sie zwängen sich durch die Gasschleuse. Hinein in die verpestete Schwüle der schützenden, dicken Mauern, hinter denen die zusammengestampfte Menge nach Atem ringt! 121 Wir sind noch zu Hause, im Garten. Aus der Dämmerung wird Dunkel. Aus dem rötlichen Schimmer des Himmels wird flammende Glut. Ein matter Abglanz ist über Baum und Garten. Die Benommenheit weicht. Langsam taucht alles wieder auf, was war gestern vorher - Das Zuchthaus. Schlurende Holzpantinen. Eine donnernde Stimme: ,, Nicht Gott, der Führer hat hier die Macht!" - Brand- und Leichengeruch nimmt mir den Atem. Gedanken und Vorstellungen jagen einander. Die trappelnden Füße in der Nacht. So trappelten sie über das Pflaster, als er kam! Auf dem flammenden Scheiterhaufen türmten sich Bücher zu Bergen. Sie wurden verbrannt. Vom Freiheitsgedanken blieb kaum mehr übrig als ein Häufchen Asche, das weiterglomm in den Herzen derer, die abseits im Dunkel standen. Im flammenden Licht tanzte die jauchzende Menge und sang: ,, Heilig Vaterland-". Und die Fackeln schlugen gen Himmel. Die müde sich schleppenden Füße am Morgen! Die Hände halten das letzte Reisegepäck so vertrieben zieht am Anfang des Krieges das biblische Volk gen Osten. Sie können nichts mit sich nehmen; sie ziehen in den Tod. Jenseits der Hecke sind schwere Schritte auf der Straße. Sie marschieren in Reih und Glied. Die Spaten liegen über den Schultern wie Gewehre. Soldaten oder Kriegsgefangene? Im Dunkel sind die Uniformen gleich. Nur das Eisen der blanken Spaten blinkt rötlich. Über die fahlen Gesichter ergießt sich ein roter Schein. Sie ziehen in die Stadt. Es sind Totengräber. Da überkommt mich ein Gefühl unbeschreiblicher Schwere, unnennbares Ahnen einer nie zu überwindenden Düsternis des Lebens! Habe ich nicht schon früher diesen Zug gesehen? Trugen sie nicht auch Uniformen? Doch der Schritt war müder, nicht so unaufhaltsam erbarmungslos fortschreitend wie heute. War es vor mehr als zwei Jahrzehnten? Die Gedanken verwirren und entwirren sich: denn was wir einmal erschauten und nicht erfaßten, wird uns, wenn es nochmals im späteren Leben auftaucht, deutlicher klarer. - Immer noch marschieren die Stiefel über das steinige Pflaster. Lautes Hupen von Autos kommt ihnen entgegen. Frech klingt es herein in die brennende Nacht. Die Stiefel drücken sich zur Seite. Leise surrend rollen die Wagen an ihnen vorbei. Im roten Licht des Himmels glänzt der Lack, schimmern die Scheiben vorn. Im Wageninnern sind die Fenster heruntergerollt. Der Scheinwerfer des folgenden erhellt den voranfahrenden Wagen. Damen in Pelz und Männer in brauner Uniform sitzen darin. Auf dem Verdeck häuft sich Gepäck, eingebuchtet von sich darüberspannenden breiten Riemen. 122 Noch die Tote gräber n Schritte Es w heult di es ans S Unhe Brandge Nacht. Und Ach Gesicht Dinge d Dazw Der donnerte Millimet Der zerbeult in die S Dann ab Augen; nach re Kette v geschwä Trüm Reiches! entgege Hand. 1 Weit zünder. ,, Ach Trümme weiter. Schritt Am Polster vom Ra loschen Warten sicherer ne: Or- ter, zu ehr die_ nde gen das das hen 1aT- wie nen len sind Ares icht och ‚end Noch einmal in drittes Hupen. Für Sekunden fällt grelles Licht über . die Totengräber. Die Bonzen verlassen die brennende Stadt. Die Toten- gräber marschieren ein. Matt blinken die Spaten im rötlichen Schein. Die ‚Schritte der schweren Stiefel verhallen im Dunkel. Es wird still auf der Straße. Bald ist Mitternacht. Um Mitternacht heult die Sirene, regnet es Phosphor vom Himmel. Um Mitternacht geht. es ans Sterben!: Unheilvoll stickig und sengend ist die Luft, dick von Leichen- und E andgeruch. Voller Angst und qualvollem Warten auf die kommende Nacht.; Und wie wird es enden? Wie wird der Morgen sein? Ach— das Examen! Morgen um neun Uhr fängt'mein Examen an. Das Gesicht brennt, und in. den Ohren dröhnt es:„Wir wollen an schönere Dinge denken———!" Dazwischen drängt sich die alte Frage:„Wieviel Beine hat die Spinne? Der gelbe Fleck am Himmel ist trübgrau. In der Nacht rauschte und donnerte. es über der Stadt. Sie liegt unter den Flugzeugen wie ein Bogen Millimeterpapier. Sie nehmen ihn vor— Quadrat um Quadrat. Der Verkehr ist lahmgelegt. Die Eisenbahnschienen sind von der Glut zerbeult oder von Bomben zerrissen. Frühmorgens mache ich mich. zu Fuß auf in die Stadt. Die ersten paar hundert Meter sind noch frei von Trümmern. Dann aber wird der Rauch zu nebligem Qualm. Die Hand fährt über die Augen; sie beginnen zu tränen. Wir gehen in der Mitte der Straße. Etwas nach rechts, denn.uns entgegen strömt eine endlose, nicht abreißende Kette von Menschen. Bleiche, schwankende Gestalten. mit müden, rauch- geschwärzten Gesichtern.;£ Trümmer blockieren-die Straße. Es sind die. Barrikaden des Dritten “Reiches! Wir steigen hinüber. Wir greifen nach den Händen, die sich uns- entgegenstrecken. Dann bleiben wir stehen und reichen dem Nächsten die Hand. Einige Schritte von uns stürzen Häuserwände grollend zusammen. Weiter, weiter! Nicht stehenbleiben! Es donnert in der-Nähe: Zeit- zünder. Es rollt in der Ferne. „Achtung! Überall liegen Blindgänger!“ ruft eine Stimme jenseits eines Trümmerberges. Doth in stumpfer Gleichgültigkeit schleppt sich die Menge weiter. Was nützt es, abzusperren? Überall liegen Blindgänger. Jeder Schritt weiter kann ebenso unheilvoll werden wie das Zurück. Am Wege stapeln sich die aus brennenden Häusern geborgenen Möbel. Polster und Maträtzen sind versengt. Die Politur der Tische ist fleckig vom Rauch. Die Besitzer sitzen daneben und halten Wache; an ihrem er- loschenen Blick flutet der Menschenstrom wie ein Geisterzug- vorüber. Warten sie auf Wagen, die ihre letzte Habe aufladen, die sie an einen sicheren Ort bringen werden?— In die von Trümmern verbauten Straßen 123 kommt kein Wagen herein. Oder sie jagen, wenn der Weg noch frei ist, in wilder Fahrt vorbei. Denn bei jeder Erschütterung geht ein Zittern Wände und Häuserfassaden durch die brüchig gewordenen Mauern. krachen zusammen. Doch sie harren aus bei den Möbeln; bis die Nacht kommt und über den Himmel ein roter Schein zieht. Dann werden die Beine rennen. Wenn der Tod kommt, kannst du nichts mit dir nehmen! - Vor einem ausgebrannten Haus wühlen die Hände einer hageren Frau im Schutt. Sie zerrt an einem Stuhlbein. Die abgebrochene Kante eines Tisches liegt neben ihr, und halb aus dem Mörtel und Grus ragt eine Schranktür. Sie stampft mit dem Fuß auf das Pflaster, daß der Staub hoch aufwirbelt, und schreit mit verzerrtem Gesicht: Verflucht! Verflucht!" Abseits von einem Treppeneingang sitzt ein alter Mann. Sie springt auf ihn los und ruft mit geballten Fäusten: ,, Warum hast du die Möbel aus dem Fenster geworfen, statt sie die Treppe hinunterzutragen?" ,, Vorsicht! Draht!" Ich werde zurückgerissen. Quer über die Straße liegen in halber Höhe Kabel und Leitungen der Straßenbahn. Weiter, weiter! Auf den Schuhen liegt dicker, rotbrauner Staub. Die Kehle ist heiser, das Schlucken fällt schwer. Der Rauch wird dichter, aus den Augen rinnen Tränen. Die Schuhe waten im Staub. Als wir in eine Nebenstraße biegen wollen, flutet es uns wie von Sinnen entgegen: ,, Die Straße brennt!" Ich stelle mich in einen Toreingang, um den ersten Ansturm des wirren Menschenknäuels vorüberzulassen. Einige Meter entfernt hüpfen über das Pflaster kleine, blaue Flämmchen. Sie kriechen rasch weiter und zucken auf. Phosphor! Eine Frau stürzt sich in die Menge: ,, Meine Schuhe, meine Schuhe!" Um die Schuhe leckt eine bläuliche Flamme, doch niemand beachtet die Frau. Die Menge drängt weiter, zusammengeballt zu einer sich vorwärtsschiebenden Masse. Die Gesichter sind seltsam verzerrt, doch es ist, als ob diese Verzerrung erstarrt sei und sich nie wieder lösen könne. Unter meinem Fuß liegt etwas Steifes, Glattes. Als ich den rotbraunen Schutt und Mörtel etwas beiseitetrete, schimmert es grün, grau und schwarz. Es muß ein Bild sein. Ich zerre das steife Papier hervor und halte es etwas schräg, daß Staub und Mörtel herunterrascheln. Ein Engel, der einen grünen Palmzweig in Händen hält, kommt zum Vorschein. Eine Ecke des Bildes ist abgerissen, der rechte, breite Flügel des Engels fehlt, der Riẞ setzt sich noch fort über das Gesicht. Aber als ich mit zwei Fingern die sich ringelnden Enden des Bildes zusammenhalte, geht über die Züge des Engels ein mildes Lächeln. Er beugt sich über einen gefallenen Soldaten und reicht ihm den Palmzweig. Unter dem Bild steht in dicken, schwarzen Lettern: ,, Niemand kann größere Dinge tun, denn daß er sein Leben gibt für seine Brüder". In kleiner, verschnörkelter Handschrift folgen der Name des Gefallenen, eine Stadt und ein Datum. 124 Sand haf Verdun Aus hierherge Rahmen grünen H lichen Z Der I ausgebra eine gre bemerkt. Das in der b weiter i Doch gebröcke Die Hän die Aug sie bohr denen z Löchern berge, a der Bier sehen a Augen s kleine C ten Aug Weit Sind wi gefängn in der erkenne Doch Trümme Fenster Bomben papier" Jens Physika dem Ei digt, ab Vor um. Wi >i ist, ittern saden Nacht Beine Frau eines . eine hoch tie gt auf >] aus Straße ).- Die I, aus biegen wirten er das zucken rel" e Frau. Twärts- als ob raunen u und or und nt zum Flügel ber als snhalte, "h über m Bild ge tun, Inörkel- Datum. Sand haftet darauf. Ich kratze ihn etwas ab und entziffere: Gefallen vor Verdun am 1. 8. 1916”.: Aus einem der ausgebrannten Häuser hat es der Sturm heute nacht hierhergetragen. Das Papier ist vergilbt. Uber zwei Jahrzehnte hing es im Rahmen in der Stube über dem roten Plüschsofa, und der matte Schein der grünen Hängelampe verklärte das süße Lächeln des Engels und die fried- lichen Züge des Soldaten.— Der Engel mit dem Palmzweig gleitet zurück in den Mörtel. In den ausgebrannten Ruinen zuckt es hier und da auf. Ein blaues Flämmchen; eine grelle Stichflamme: Phosphor! Er wird weiterkriechen, tückisch, un- bemerkt.: Das Menschenknäuel hat sich entwirrt. Die Menge klettert weiter weg in der benachbarten Straße. So trete ich aus dem Toreingang und ziehe weiter im Menschenstrom. Doch noch einmal stockt der Schritt. Auf den Stufen einer halb ab- gebröckelten Treppe sitzt ein Kind. Es kann nicht älter als vier Jahre sein. Die Hände sind wie im Gebet gefaltet. In dem blassen Gesichtchen sind die Augen unwahrscheinlich groß. Sie starren auf die blauen Flämmchen, sie bohren sich in die Trümmer, in die leeren, ausgebrannten Fenster, aus denen zerfetzte Gardinen wie verkohlte Strünke baumeln. Hinter den Löchern der. Häuserfassaden erheben sich die Umrisse endloser Trümmer- berge, aufgerissener Wände, Ruinen, Mörtel und Schutt. Wie ein summen- der Bienenschwarm zieht die Menge an dem Kind vorbei. Seine Augen sehen auch mich an, doch so, als ob sie-mich nicht bemerkten. Unter den Augen sind tiefe, nachtblaue Schatten. Ich wende mich ab; die schmächtige kleine Gestalt ist die eines Kindes, doch die stummen, hilflos verwunder- ten Augen gleichen denen eines Greises. Weiter, weiter! Schon über. eine Stunde dauert der Trümmermarsch. Sind wir am Sternschänzenbahnhof? Sollten wir schon am Untersuchungs- gefängnis vorbei sein? Bin ich zu weit nach rechts abgekommen und schon in der Nähe der Reeperbahn? Kein Straßenschild weist den Weg. Ich erkenne die Straßen nicht wieder. Doch da ist die„Grenze! Schlagartig ändert sich das Bild. Keine Trümmer mehr, keine ausgebrannten Fassaden, nur noch herausgerissene Fenster und Türen und abgedeckte Dächer. Nach zwei Nächten haben die Bomben erst den Rand der Innenstädt erreicht. Der„Bogen Millimeter- papier‘ wird vom Westen nach Osten durchpflügt. Jenseits der„Grenze neben dem Untersuchungsgefängnis liegt das Physikalische Institut der Hamburgischen Universität. In die Mauer über dem Eingangstor ist.eine Uhr eingelassen. Das Ziffernblatt ist unbeschä- digt, aber die Uhr ist stehengeblieben. Vor dem Eingang entdecke ich den Professor. Er sieht sich suchend um, Wir sollen bei ihm in einer:Gruppe zu vieren in der Physik geprüft 125 werden. Doch eine Studentin fehlt. Es ist die Kommilitonin, mit der ich zusammengearbeitet habe. Sie wohnt in dem Quadrat, welches in der vergangenen Nacht mit Phosphor übergossen worden ist.. Der Professor geht die steile Treppe voraus bis in den dritten Stock. ,, Wir gehen in mein Arbeitszimmer", sagt er. Auf den Fluren treten wir über Glas. Die Türen zu den Übungsräumen sind aus den Angeln gerissen. Die Apparate sind zerbrochen. Der Professor zeigt darauf: ,, Alles zerstört. Der Druck war zu groß." Er ist verwirrt und erschüttert. Unter dem Fuß knistern Scherben. Auf dem langen, hölzernen Tisch liegt rotbrauner Staub. Wir sitzen zu dreien gegenüber dem Professor, der dem Fenster den Rücken dreht. Müde leitet er die Prüfung ein: ,, Was ist Wärme?" Ich bin die Letzte. Während die beiden anderen Studenten gefragt werden, sehe ich mich im Raum um. Die Apparate sind entzwei. Die Pendel sind verbogen, in das Ziffernblatt der Meẞskalen haben sich Glassplitter eingebohrt. Aus der Wand sind große Mauerstücke gebröckelt, und die Bilder liegen zerbrochen herum. Liegt da nicht auch ein brauner Mantel mit wehendem Kragen und weißlich schimmernden Augen? Das Führerbild ist heruntergeschleudert worden. Der Führer liegt am Boden! Es blitzt freudig in mir auf. Doch dann geht der Blick zum Fenster. Wir sitzen erhöht, so daß ich im Hintergrund das gewaltige Trümmermeer liegen sehe. Davor erhebt sich ein massiver, roter Bau: vergitterte Fenster und hohe Mauern. Es ist das Untersuchungsgefängnis. In drohender Düsternis liegt es da. Auf dem Hof gehen sie im Kreis. Der Grüne, der Wache hält, sieht von hier oben aus wie ein Zinnsoldat. Kein Schluren der Holzpantinen dringt herauf. Haben sie als Untersuchungsgefangene noch Schuhe an, oder dämpft der braune Staub auf dem Hof das Klappern? Zwei Mauern trennen den Innenhof vom großen Eingangsportal. Das eiserne Tor geht gerade nach innen auf. Wie ein schwarzes Loch sieht der Eingang jetzt aus. Ein Lastwagen fährt hinein, vollbepackt mit Menschen. Von hier oben sieht er aus wie ein Spielzeug, der mit einer unbestimmbaren Masse beladen ist. Nur die Gesichter schimmern wie weiße Punkte. Das Tor schließt sich wieder. Wie ein Spuk ist inzwischen die Runde auf dem Innenhof verschwunden. Die kleine Tür im Gemäuer steht noch offen. Als einziger ist der Grüne zurückgeblieben. Die Mütze sitzt ihm tief im Nacken. Oder sieht er in den rauchgeschwärzten Himmel, an dem die Sonne wie ein trübgelber Flecken steht? Da verschwimmen die grüne Uniform und die schmutzig sattrote Mauer zu grauem, undurchdringlichem Nebel. Tränen die Augen noch vom 126 Rauch? los. Ni Au zum Fe Er dreh Trümm nicht z Dan das Spe Und bloßer sieht ü liegend Ich hör Wellen Die meine unsicht Mei hohe M Fenster wart fi Kur sagen. Win Frauen staubt Es weisen die Fin Es unsere Schwe End Da sa Stunde " W ,, La Ad Die Entner Ger gestell r ich der Stock. umen Pro$ verTisch essor, ,, Was efragt iffernWand ochen ragen chleuenster. rmeer enster ender e, der luren ngene Opern? . Das. sieht Mener unweiße unden. Grüne er in gelber Mauer vom Rauch? Hoffnungslosigkeit ergreift mich, packt mich und macht mich mutlos. Nicht Gott der Führer hat hier die Macht! - ,, Auch ausgebombt?" fragt mich der Professor. Er sieht, wie mein Blick zum Fenster geht. ,, Ach ja- die Trümmer. Ein furchtbarer Anblick." Er dreht sich halb um. Sein Auge geht über das Gefängnis hinweg zu den Trümmern. Die hohen Mauern sind der gewohnte Anblick; er scheint sie nicht zu bemerken. Dann beginnt meine Prüfung. Der Professor sagt: ,, Sprechen Sie über das Spektrum. Über sichtbare und unsichtbare Strahlen-." Und während ich antworte, geht in mir eine Wandlung vor. Ist es bloßer Zufall, daß ich diese Frage gestellt bekomme? Der Professor sieht übermüdet vor sich hin; mechanisch schiebt er mit dem vor ihm liegenden kleinen Notizbuch im Halbkreis die Staubschicht vom Tisch. Ich höre mich selbst wie aus weiter Ferne antworten: ,, Nur Strahlen, deren Wellenlänge das Auge wahrnimmt, sind sichtbar." - Die Gedanken arbeiten weiter, denn diese Frage ist die Antwort auf meine Zweifel. Sind die Trümmer nicht nur der sichtbare Ausdruck einer unsichtbaren Zerstörung der irregeleiteten Seele der Menschheit? Mein Blick geht über den Professor und die Studenten hinweg, über hohe Mauern, über den steinigen Hof. Er wandert zu den eisenvergitterten Fenstern. Nichts rührt sich dahinter. Dort liegt die Aufgabe der Gegenwart für mich! Dort hinter vergitterten Fenstern. Kurz nach zehn Uhr beginnt es wieder zu rauschen. Die Sirenen versagen. Das Surren in der Luft ist Alarm. Wir drängen uns in den Keller des Instituts. Professoren, Studenten, Frauen und Kinder, Männer in blauen Arbeitsanzügen, die braungrau verstaubt sind vom Mörtel und Schutt. Es ist voll. Wir stehen eng aneinandergepreßt im Dunkel. Die stoßweisen Atemzüge einer Frau, die einen Herzanfall hat, durchschneiden die Finsternis. Es schwankt und rollt. Das muß im Hafen sein. Dann kracht es in unserer Nähe. Die zusammengepferchte Menge verharrt in atemlosem Schweigen. Sogar die Kinder sind still. Endlich wird es draußen ruhiger. Nur noch weit in der Ferne rollt es. Seit neunzehn Da sagt neben mir jemand: ,, Habt ihr schon gehört? Stunden wird London bombardiert." ,, Woher wissen Sie es?" ,, Lautsprecher sind durch die Straßen gefahren." ,, Ach die Vergeltung!" - Die Propagandamaschine muß zu stärkeren Mitteln greifen, um diese Entnervten noch aufzupeitschen! Gerüchte werden weitergegeben: ,, Churchill hat Hitler ein Ultimatum gestellt. Hamburg wird so lange gebombt, bis es kapituliert." 127 Beredtes Schweigen. Das Rollen draußen kommt wieder näher. Da lösen sich die Zungen. Gesegnetes Dunkel! ,, Der kapituliert nicht und wenn, wir auch alle verrecken." Wer hat es gesagt? Eine Taschenlampe blitzt auf. Da springt die Tür zu der nach draußen führenden Treppe auf. Der grelle Schein der Taschenlampe zerfließt im grauen Morgenlicht. Eine grüne Uniform ruft herein: ,, Er hat abgedankt!" Die Menge kommt in Bewegung. Sie stoßen einander, drängeln sich, springen auf von den Bänken. Wie rasende Hoffnung geht es durch das erhellte Dunkel: ,, Wer?" ,, Mussolini." Doch mir ein Anfangs Es ist Hamburg Auf schiebt s die Aug und das pirschen Als i Menge s Sie s Die Tür schlägt wieder zu. schweigend zurecht. In der Finsternis rückt sich die Menge möchte Socken Stille. Über den Rauchwolken kein Surren mehr. Auf der Straße ist es schon wieder lebhaft. Wir gehen zum Botanischen Institut, um uns beim Professor der Botanik zur Prüfung zu melden.. Totenstill ist es im Gebäude. Es hallt in den Gängen. Wir waten im Glas. Aus dem Keller vermeinen wir, Schritte zu hören. Wir rufen hinunter; niemand antwortet, nur eine Tür fällt ins Schloß. Wir rufen wieder. Schlurfenden Schrittes kommt endlich ein altes Faktotum im weißen Kittel herauf. ,, Prüfung? Scherben - - - Sie denken noch an Prüfung? Sehen Sie diese —!" Ich fahre mit dem Fuß darüber: ,, Es ist doch nur Glas. Das Gebäude steht Da geht durch den Alten ein Schuckeln. Er schüttelt sich vor irrem Lachen, bis ihm Tränen übers Gesicht laufen. ,, Glas? - - nur Glas?" keucht und stöhnt er, und man weiß nicht, ob er ja! Aber kein lacht oder weint. ,, Sehen Sie doch nur hin! Es ist Glas gewöhnliches! Es sind Präparate die Arbeit von dreißig Jahren." - Er lehnt sich an die Wand, schüttelt den Kopf und sagt mit einer hilfdie Arbeit eines losen Handbewegung wie zu sich selbst: ,, Ein Leben ganzen Lebens." Aus dem Keller kommt jemand herauf. Das Glas knirscht leise. Die Schuhe gehen so behutsam darüber, als sei es noch heil. Eine gebeugte Gestalt geht, ohne uns zu beachten, vorbei; das Gesicht ist aschfahl. Es ist der Professor. Wir werden geprüft. Wir tun es ab wie etwas, was sein muß. Unterm Tisch schiebt der Fuß langsam die Glasscherben beiseite. Während sie uns fragen und wir die Antwort geben, denken wir dasselbe: ,, Morgen vielleicht schon morgen ist alles vorbei." 128 - Aber schlende den Nac Plötz Züge, e Damals Winter Eine in C- Mo Ich mehr he fäden v im Sum Auf Kirchtu Arbeitsz Wir Doch un Best ein kau Profess rat śieh die Tü klopfen England Gen Wartez Aquarie 9 Halt V en. Der ne ch, age hen im minder. Ben iese ude -rem b er kein hilfeines Die = ugte Es _term en sie - Doch inmitten dieser lähmenden Untergangsstimmung ist trotz allem in mir ein Warten auf das Morgen und ein freudiges Ahnen, daß es ein neuer Anfang sein wird. Es ist Mittag geworden. Wir gehen durch die Stadt. In der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs liegt das Institut der Zoologie. Auf der Lombardsbrücke rollen Lastwagen. Nach beiden Richtungen schiebt sich ein Strom von Menschen. Einen Augenblick lang schließe ich die Augen. Da hören sich das Summen der Stimmen, das Kindergeschrei und das wilde Klingeln der sich zwischen hupenden Lastwagen vorwärtspirschenden Fahrräder wie ein Jahrmarkt an. Als ich aber die Augen öffne und die sich planlos dahinschiebende Menge sehe, wird es zu einer Symphonie des Elends. Sie sitzen an der Straßenkante und ziehen sich die Schuhe aus. Ich möchte es ihnen nachmachen, denn die Ferse blutet. Die schmutzigen Socken scheuern und haben sich festgeklebt. Die Füße schmerzen. Aber weiter weiter trägt mich die Menge. Ausländische Arbeiter schlendern vorbei. Männer in Hemden ohne Kragen; die Mütze ist tief in den Nacken geschoben. - Plötzlich entdecke ich ein mir bekanntes Gesicht, scharfgeschnittene Züge, eine wehende Mähne. Ich besinne mich ach ja, richtig! Damals trug der Künstler einen Frack und gab ein Konzert. Im letzten Winter habe ich ihn gehört. Eine leise perlende Melodie klingt wieder in mir auf: Mozarts Sonate in C- Moll das Adagio - - - - Ich wende mich noch einmal um, doch ich finde den Künstler nicht mehr heraus. Einer sieht aus wie der andere Rucksäcke mit Bindfäden verschnürte Koffer schleppende Schritte. Das Adagio verklingt im Summen und Brausen des Menschenstroms. - Auf meiner kleinen Armbanduhr ist es zwei. Keine Uhr schlägt vom Kirchturm. In unserer Stadt steht die Zeit still. Wir warten vor dem Arbeitszimmer des Professors der Zoologie. Wir klopfen an die Tür; keine Antwort. Vorsichtig öffnen wir sie. Doch ungeduldig verweist uns der Professor: ,, Ich habe Sie nicht gerufen!" Bestürzte Gesichter bei den beiden anderen Studenten und meinerseits ein kaum zu verbergendes Lächeln. Ein Blick hat genügt. Ich sehe den Professor in einer Ecke vor einem winzigen Radiogerät stehen. Der Apparat sieht sehr zusammengebastelt aus, daneben ein Akkumulator. Als ich die Tür wieder schließe, höre ich es gerade noch aus dem Kästchen klopfen. Dreimal kurz einmal lang. Zwei Uhr. Der Professor hört England! Genau fünfzehn Minuten später werden wir gerufen. Ich habe die Wartezeit genutzt. Auch hier waten die Schuhe durch Scherben. Die Aquarien sind zerbrochen, totes Getier liegt am Boden. In einem Glashafen 9 Halt Wacht im Dunkel 129 ist noch Wasser. Kurz entschlossen ziehe ich Schuhe und Socken aus und tauche die Füße ein. Welch eine Wohltat, Wasser! Es ist abgestanden, doch es kühlt. Alles an diesem Tage ist ungewöhnlich. Die mir in der Prüfung vorgelegten Fragen stehen in einer seltsam inneren Verbindung zu der Aufgabe, die mir die Gegenwart stellt. Zwar beziehen sie sich nicht unmittelbar darauf. Sie rufen aber alles das wach, was ich in der letzten Zeit bedacht habe. Wie kann es mich überraschen, als der Professor der Zoologie als erstes die Frage an mich richtet: ,, Wieviel Beine hat die Spinne?" - -- Wieder merke ich auf, wie schon einmal bei der Prüfung in der Physik. Geheime Fäden spinnen sich von Begebenheit zu Begebenheit unsichtbar dem Auge, aber spürbar dem Sinn, der sie wahrnehmen will. Ich bestehe die Prüfung. Als der Professor mir zum Abschied die Hand hohe Maureicht, versinken Studium und Spinnenbeine. Die Gegenwart ern und vom Wasser angeschwollene Beine - schlägt mich in ihren Bann. Im Erst am Spätnachmittag komme ich nach Hause. Unten in den Zimmern sind viele Menschen. Fremde Gesichter; unter den Augen sind tiefe Schatten; die Stimmen sind heiser. Meine Mutter schneidet Brot. Garten qualmt es aus vier gegeneinander gelegenen Ziegelsteinen. Etwas Reisig und Papier wird nachgeschoben. Ein Kessel mit Wasser steht darauf; das blanke Metall ist schon verruẞt. Süß und faulig ist die Luft. Die Stadt kocht im brodelnden Leichengeruch. Das Grün der Bäume und Sträucher ist welkbraun geworden. Die helle Windjacke, die ich heute getragen habe, ist rauchgeschwärzt.' In dem festen Stoff hängt der Geruch von Brand und Tod. Ich werfe sie weit fort von mir, doch der Geruch bleibt. Ich gehe hinauf in mein Zimmer, lege mich hin und versuche zu schlafen. Es will nicht gelingen. Ich liege nur im Halbschlaf und höre das eintönige Gesumm einer heiseren Stimme, die von unten heraufdringt. Es wird eine der Frauen sein, die auf ihrer Flucht aus der Stadt bei uns Rast machen. Monoton babbelt die Stimme, niemand unterbricht sie. Doch ich will nicht hören! Ich will schlafen. Aber wie ich es auch versuche, die Stimme ist da. Sie peinigt mich, denn sie ruft Erinnerungen und Verbindungen mit einer Musik wach, an die ich nicht denken möchte. - Ich will aufspringen, ich will, diese Menschen bitten, zu gehen. Aber die Stimme die Stimme sie wird zur Melodie dieser Zeit, zu der Musik, die ich vergessen möchte und nicht vergessen kann. Vor mehr als einem Jahrzehnt habe ich sie zum erstenmal gehört. 130 Sie be halbe Tö Motiv wi Man Frage, die das Ohr. man läßt mente, di auflösen Ja, sie Baßge Nacheina dazu, sog Alte noch imm so ist es nichtend. Kein zureißen wieder l Die w nanzen. von jene Als e Weltall s harrt wie der mart Es mu Takte Ge Da die ankla Der anderen Aber Nur setzen si sich und Stimme Von gleichför sie auch wegung 9* Von es en efe vas eht en- Die Ins veit la- ein- Es uns will nme gen \ber ZiE Sie beginnt mit einem\gleichförmigen Motiv. Nur einige, wenige Noten, . halbe Töne, die eine Geige im schleppenden Takt spielt, Dreimal wird das Motiv wiederholt. Dreimal bleibt es ohne Antwort. Man merkt auf. Die Einförmigkeit der Wiederholung reizt wie eine ; Frage, die immer wieder gestellt wird, ohne Antwort zu finden. Sie peinigt das Ohr. Man möchte die Hände heben und rufen:„Halt ein!"— Doch -man läßt es, denn man wartet. Man wartet auf den Einsatz anderer Instru- mente, die das quälende Motiv dämpfen, mildern und zuletzt harmonisch auflösen werden. Ja, sie kommen!. Aber anders, als ich erhoffte. Baßgeigen fallen ein, übernehmen das Motiv und tragen es weiter. Nacheinander gesellen sich Gamben, Celli, Klaviere, Flöten und Saxaphone dazu, sogar eine Harfe und endlich auch die Drommeten. Alte und neue Instrumente! Sie. verfallen der Melodie. Das Motiv ist noch immer das gleiche. Doch wenn sich anfangs nur eine Stimme erhob, so ist es jetzt eine brausende Symphonie— haßerfüllt, quälend, ver- nichtend. - Kein Instrument weiß eine Antwort oder findet den Weg, sich los- zureißen von dem qualvollen Motiv: Einmal begonnen, kommt es nicht wieder los davon.: Die wenigen Noten, die halben Töne. werden zu schreienden Disso- nanzen. Die Instrumente jagen einander. Eines nach dem anderen wird von jenem Motiv besessen, das sie zwingend und gleisnerisch überfällt. Als endlich ein Heer von Instrumenten davon gepackt ist und es ins Weltall stößt, wird es ein Aufschrei. Man möchte fliehen, doch man ver- harrt wie gebannt mit verhaltenem Atem, lauscht und hofft auf die Lösung der martervollen Dissonanzen. Es muß doch kommen! Es muß doch kommen! Nur noch einige wenige Takte Geduld. Da——— endlich. Eine der Geigen geht über in Moll, Eine Stimme, die anklagt, die zur Versöhnung ‚ruft. Der Atem stockt. Jetzt—. jetzt! Schon ist die Überleitung für die ‘anderen Instrumente gefunden, die plötzlich verstummt sind. Aber dann— dann! Nur einige Takte lang’ haben sie geschwiegen. Mit rasendem Wüten setzen sie unvermittelt ein. Im wahnwitzigen Siegesrausch vereinigen sie sich und zerren in wildem Triumph das Anfangsmotiv hervor. Die zarte Stimme der anklagenden Geige geht unter———. Von unten herauf klingt immer noch die Stimme der Frau. Sie spricht gleichförmig weiter, peitscht meine Nerven auf. Doch so furchtbare Bilder sie auch malt, die Stimme erzählt gleichbleibend heiser. und ohne Be- wegung———. Von der vergangenen Nacht. g”: 131 Sie sitzt mit ihren Kindern im Keller. Sie kauern sich zusammen. Die Wände beben, von der Decke fällt Draußen rauscht und tost es.. Mörtel. Die Kinder kuscheln sich so eng an die Mutter, als müsse ihre Nähe ihnen Geborgenheit geben. Die Frau aber zittert. Sie ist allein mit den Kindern, ganz allein auf der Welt. Der Keller ist brechend voll. Neben ihr sind Menschen. Aber jeder hat nur ein kleines Plätzchen und wenige Menschen, die er liebt. Die anderen sieht er nicht, und wenn sie auch neben ihm stehen! Die Frau hält ihre Kinder umfangen. Als aber das Rauschen aufhört und es draußen unheimlich raschelt und knistert, fangen sie an zu weinen. Sie rufen: ,, Mutter, wir haben Angst!" Über das Gesicht der Frau rinnen Tränen. Sie preßt die Kleinen noch fester an sich. Die Hand tastet nach der Tasche. Sie öffnet sie. Die Finger gleiten über die glänzende Seite eines Bildes. Sie nimmt es heraus und drückt es gegen die glühende Stirn. Auch im Dunkel sieht sie das ruhige Lächeln, die lieben Augen, die sich für immer geschlossen haben. Er fiel schon in den ersten Tagen des Krieges. Die Frau und die Kinder sind allein im Rauschen, im Knistern und Knacken der darauffolgenden Stille. Da - ein Aufschrei: ,, Es brennt!" Ein Stöhnen geht durch den Keller. Noch einmal ein wilder Ruf: ,, Phosphor!" Das Stöhnen wird zum unsinnigen Stampfen. Sie drängen nach der Tür, doch Rauch schlägt ihnen entgegen. Die Menge dreht sich und reißt die Frau und die Kinder mit. Sie schieben und stoßen sich durch die Mauerdurchbrüche. Zwei Häuser weiter ist der Ausgang noch frei. Die Frau zerrt die Kinder mit sich. Die Hand hält den Griff der Tasche krampfhaft umschlossen; darin sind die letzten Briefe des Mannes, Lebensdas Granatarmband der mittelkarten und das Geld. Und der Schmuck Mutter und die Brosche, die er ihr zur Verlobung geschenkt hat. - Aus dem Dunkel wird grelle, glutrote Helligkeit. Geblendet schließen sich die Augen. Tosend schlagen die Flammen aus den Häusern ringsum. Die Frau denkt nichts, denn die sengende Hitze dörrt die Gedanken Doch dumpf empfindet sie: Ich verlor den Mann; ich verlor das Sie sieht auf die Kinder. Heim, aber noch habe ich euch! aus. -- Sie will mit ihnen davoneilen, doch da stockt ihr Schritt, als ob ihr noch etwas einfällt. Suchend sieht sie sich um. Wohin mit der schweren Tasche? Und was mit den Kindern? Ein Mann kommt vorbei. Er ist in brauner Uniform; die silberne Mütze, glitzert. Es ist ein politischer Leiter. Sie hält ihm die Tasche bittend ent132 gegen: ,, H Kleinen: Dann gegen, un Die K auf die M sie sich auf die S Es kra geben ei angst- u nach den der Zug Angst stößt sie klemmt e Die K anderen ,, Mutters Durch raten. S davoneil Frech Da g nicht na Augenbl Entschlo Es ist Sie pack über die Nacht w rasen mi Sie s wie im ein irres geworfe Wer den wa Mutter, Wanddu haben A um Rauc - ie es ın af: Jen ım. zen das ihr Ind itze, eni- gegen:„Halten Sie sie— nur einen Augenblick lang.” Sie weist auf die Kleinen:„Und achten Sie auf die Kinder— ich bin gleich zurück.“ Dann stürzt sie zurück ins dunkle Haus, dem rauchenden Keller ent- gegen, um das Bild zu suchen, das ihr bei der Flucht entglitt. Die Kinder halten sich an der Hand und warten klopfenden Herzens auf die Mutter. Die Menge flutet an ihnen vorbei. Etwas weiter weg ordnet sie sich zum Gänsemarsch. Sie hören sie rufen:„Phosphor! Gebt acht auf die Schuhe!” S: Es kracht im Gebälk der brennenden Häuser. Die lodernden Flammen ‘geben einen fauchenden Ton. Die Gesichter sind in der glühenden Hitze angst- und schmerzverzertt. Gespenstisch zieht der lange Zug— einer nach dem anderen— dahin. Bläulich zuckt es auf. Ein wilder Schrei— der Zug drückt sich in einer Wellenbewegung zur Seite. Ängstlich drängen sich die Kleinen an den braunen Mann. Der aber stößt sie beiseite und will im Gewirr der Menge verschwinden. Die Tasche klemmt er sich unter den Arm. Die Kinder fangen an zu schreien. Der Älteste reißt sich von den beiden anderen los, verfolgt den braunen Mann und ruft mit weinender Stimme: „Mutters Tasche! Gib Mutters Tasche!“ Durch den Gänsemarsch ist der Strom von Menschen ins Stocken ge- raten. Sie werden aufmerksam auf das schreiende Kind und den hastig davoneilenden Mann. Frech glitzern die Schnüre im flammenden Licht! Da geht durch die Menge eine Bewegung, ein Zucken. Sie denken: nicht nach, doch sie handeln in der plötzlichen Erleuchtung eines Augenblicks, die sie das begangene Unrecht erkennen läßt, die ihnen wilde Entschlossenheit verleiht, es zu sühnen.\ Es ist das Werk von Sekunden. Sie stürzen sich auf den braunen Mann. Sie packen ihn, der sich wie rasend wehrt, sie halten ihn fest, werfen ihn über die Schulter. Da bittet er feige winselnd um Gnade. Doch in dieser Nacht werden die Taten des braunen Mannes der. Menge sichtbar. Sie rasen mit ihm den Flammen entgegen. 5 Sie schleudern ihn hinein in den fauchenden Brand. Die Hände zittern wie im furchtbaren Krampf. Über die schmerzverzerrten Gesichter weht ein irres Lachen. Rache, Rache! Sie haben den braunen Mann ins Feuer geworfen.: Nun mögen die Flammen gen Himmel lodern! Wer kümmert sich noch um die Kinder? Der Junge läuft zurück zu den wartenden Kleinen. Sie stürzen ins dunkle. Haus. Nur zurück zu Mutter, fort von der schreienden Menge! Weinend klettern sie durch die Wanddurchbrüche auf den Keller zu. Sie rufen:„Mutter! Mutter! Wir»- haben Angst!" Rauch und Flammen schlagen ihnen entgegen. Sie sinken bewußtlos am— Auf der Straße irrt eine Frau. Der Rauch in den dunklen Gängen des Hauses hat sie zurückgetrieben. Vergebens suchte sie nach dem Bild. Nun sieht sie die vorbeieilende, triumphierende Menge, hört das Winseln des braunen Mannes. Die Kinder findet sie nicht. Auf dem Pflaster liegt ein Granatarmband; der rote Stein leuchtet auf in der Glut. Briefe liegen verstreut daneben und ringeln sich in der Hitze. Sie begreift. Krachend stürzt eines der flammenden Häuser zusammen. Die Menge flutet weiter. Die Frau sucht nicht länger nach den Kindern. Die Augen sind blicklos, die Tränen versiegt. an. Sie schließt sich dem unaufhaltsam vorwärtsdrängenden Menschenstrom Die Lippen murmeln in steter Einförmigkeit: ,, Er hat mir alles genommen den Mann, das Heim und die Kinder. Der braune Mann hat mir alles genommen - Hämmert die Stimme unten noch im monotonen Einklang oder träume ich schon im unruhigen Schlaf? Meine Mutter steht vor mir, als ich erwache. ,, Es ist dunkel", sagt sie. ,, Bald ist es so weit." Ich halte ihre Hand fest und suche den Weg zurück in den Traum. Denn ich habe vom Frieden geträumt! ,, Es ist wohl nicht genug, vom Frieden zu träumen?" ,, Man muß ihn wollen und um ihn kämpfen!" ,, Mitten im Krieg?" ,, Gerade jetzt! Jeden einzigen Tag Die Totengräber sind an der Arbeit. - Sieben lange Tage ist der Himmel finster. Sieben lange Nächte leuchten die Wolkenberge aus Rauch in dunkelroter Glut. Lastwagen rollen aus der brennenden Stadt. Am Wege stehen angstverzerrte Gestalten und halten die Wagen an: ,, Nimm mich mit, Kamerad!" Sie bieten Geld, drängen es dem Fahrer auf. Der winkt nur müde ab: ,, Wozu Geld? Steig auf, aber rasch!" Weiter, weiter! Die durchlöcherten Fassaden beben, wenn die Menschenfuhren durch die Straßen rollen. Mauern schwanken oder krachen donnernd zusammen. Die Totengräber sind an der Arbeit. Bagger stampfen und stoßen. Die Schaufeln fressen sich in den Schutt. Aus den Kellern dringen noch Schreie, aber darüber türmen sich Trümmer zu klotzigen Kloben. Die Fabriken liegen still. Vor den Barackenlägern stehen die Fremdarbeiter. Auf ihre Jacken heftete man ihnen ein gelbes Schild mit violettem Rand und einem P darin. Oder sie tragen am linken Ärmel einen blauen Flecken mit dem eingewirkten 134 weiße rotges An los, zi Die dringe Maul An ist de an de D bleibe Fleisc die so Die A schwi Au den schwe Mann die G Di Stirn. die a 11 V V La sprin wand Di Le Fack sicht nach broch D gesp Le Je Holz Alle n des - Nun n des et auf Hitze. Menge Augen strom es geat mir räume Denn uchten angstmerad!" de ab: nschennnernd Schutt. rümmer weißen ,, Ost". Die Frauen im bunten zerschlissenen Sommerfähnchen mit rotgeschminkten Lippen kommen aus Frankreich. An diesen Heimatlosen vorbei zieht der Strom der Ausgebombten- planlos, ziellos irrend. Die Schreie in den Kellern verstummen. Nur noch schwache Klopfzeichen dringen nach außen. Da ebbt das Stampfen und Stoßen der Bagger ab. Das Maul der Schaufeln bleibt offen. An der Straßenkante hocken die Männer der Feuerwehr. Schon längst ist der dünne Wasserstrahl versiegt. Sie führen die Flasche mit Dünnbier an den Mund. Die Stromversorgung setzt aus. Die elektrisch betriebenen Backöfen bleiben leer; Brot wird nicht mehr gebacken. In den Kühlhäusern fault das Fleisch; da wird es auf den Markt geworfen. Läger und Speicher öffnen sich; die schreiende Menge rafft sich Fleisch, Butter, Eier, Schokolade und Kaffee. Die Arme sind so voll, daß sie den Raub verlieren. Auf dem braunen Staub schwimmen gelbe Lachen von zerschlagenen Eiern. Auf dem Friedhof der Stadt werden Massengräber ausgebaggert. Neben den dünnsohligen Schuhen eines Beamten der Stadtverwaltung holen schwere, gut gefettete Stiefel weit aus. Der Verwaltungsbeamte und der Mann in brauner Uniform mit silberner Schnüre schreiten den Platz für die Gräber ab: zweihundert Meter in der Länge und dreißig in der Breite. Die Bagger baggern; die Spaten schaufeln. Der Schweiß rinnt von der Stirn. Kommandorufe schallen über das weite Feld. Mächtig türmen sich die aufgeworfenen Erdhügel. ,, Wir müssen noch mehr in die Tiefe gehen", sagt der Beamte. ,, Wir brauchen die Gräber", antwortet die Parteistimme ungeduldig. Soldaten Lastwagen rollen an, halten am Rande des ersten Grabes. springen herzu und schieben einen eisernen Riegel beiseite. Die Klappwand fällt herunter. Die Totengräber sind an der Arbeit. Leichen und Knochen fallen ins Massengrab. Leichen, die als brennende Fackel zusammengeschrumpft und verkohlt sind. Leichen, auf deren Gesichtern ein Ausdruck kindlicher Verklärtheit liegt, befreite Erlösung nach qualvollem Druck, Leichen mit verzerrten Gesichtern und gebrochenen Augen. Der Mund ist geschlossen. Niemand weiß, welche Sprache er einst gesprochen hat. Leichen und Knochen fallen in die Tiefe. heftete n. Oder wirkten Jenseits der Zypressen und Tannen klappern über das holprige Pflaster Holzpantinen. Sie kreuzen die Straße und biegen in die aufwärtssteigende Allee. Dort drückt sich der Zug auf den Fußsteig. 135 Die sonst stillen Straßen des Krieges sind unruhevoller als in den Tagen des Friedens. Zum erstenmal rollen über eine deutsche Stadt Groß- angriffe. Doch noch arbeitet die Propagandamaschine. Sie prägt ein Schlagwort, das zwar die Vernichtung zugibt, sie aber als etwas Ein- maliges, nie mehr sich Wiederholendes darstellt. Sie nennen es„Kata- strophe”.- Lautsprecherwagen und die in panischer Hast gedruckten und heraus- geschleuderten Lappen sprechen von Hamburgs„Katastrophe”. Die Katastrophe— ein Unglück— etwas Unvorhergesehenes! Wer: könnte die Partei dafür zur Verantwortung ziehen? Höhere Gewalt! Je größer aber die Wirrnis wird, desto mehr schwindet die braune Farbe aus dem Bild der bunt wimmelnden Straße. Erst fällt die braune Jacke. Um den Ärmel eines zivilen Jacketts wird die weiße Binde ge- schlungen. Die braune Hose wird durch Breeches ersetzt. Und schließlich wird auch das braune Herz von der Glut der roten Flammen angeleckt! Der kleine Propagandaredner, der noch vor einer - Woche für den Führer durchs Feuer ging, hat bleichen Gesichts im Bunker Quartier bezogen und sagt:„Hier kann nur noch Gott helfen!" Das Grün der sommerlichen Allee ist welkes Braun geworden. Müde bedecken die ermatteten Blätter das schmutzige, sattrote Gestein.- Ein Zug von Gefangenen zieht die Mauer entlang. Träge geht ein Grüner daneben. Er sagt:„In einigen Wochen ist es zü Ende.“ Es donnert durch die Allee. Lastwagen folgt auf Lastwagen, vollgestopft mit Menschen. Bleiche, müde Gesichter. Die Straße ist schmutzig; Staub, Papier, silberne und verkohlte Streifen. Ein Gefangener bückt sich und hebt einen Zettel auf. Der Grüne kommt angelaufen:„Gib her!" Doch schon sind die Augen des Gefangenen Gerdbergegnten:„Kein Flugblatt. Nur ein Aufruf von Eurem Gauleiter!" „Ach—!” Mit einem Fluch wirft der Grüne es fort. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Seit zwei Nächten stehen die Türen der Zellen des Zuchthauses offen! Die Gefangenen dürfen sich beim Angriff auf den Gängen und: Brücken des ersten Stockes aufhalten. Die Grünen und die Verwaltung haben sich in die schützenden Verließe des Kellers geflüchtet. Tagsüber bleiben die Pritschen heruntergelassen. Kein„Auge‘ wacht mehr darüber, was in den Zellen vorgeht. Als der Brand den Mauern des Zuchthauses näherrückt, öffnet sich des Nachts das Tor. Die Gefangenen ‚gehen hinaus. Sie fliehen nicht, denn. wohin sollen sie gehen in dieser schwelenden, rauchenden Stadt? Sie helfen. Sie tragen Möbel aus brennenden Häusern, graben Zügänge zu verschütteten Kellern. Niemand zwingt sie dazu. star Ball » näh stöl koı Zel in den _t GroßSigt ein as Ein,, Kataherauss! Wer alt! braune braune nde geer roten or einer Bunker . Müde geht ein lgestopft g; Staub, e kommt n: ,, Kein ehen die rfen sich aufhalten. Verließe e" wacht sich des cht, denn tadt? Sie gänge zu Sie helfen, weil das Leid des brennenden Dunkels zu den Herzen derer spricht, die selbst viel gelitten haben. Am Tage liegen sie auf den Pritschen. In den unruhigen Schlaf mischen sich die Brocken der Grünen, die auf den schmalen eisernen Brücken stehen und die Köpfe zusammenstecken: ,, Bomben nung heruntergebrannt - - - Phosphor Woh- bald Schluß-." hat doch keinen Sinn mehr Sie horchen auf. ,, Bald Schluß bald Schluß!" Die Hoffnung glimmt auf. In diesen Tagen wird es im Zuchthaus nicht still. Das Drinnen und das Draußen verwischen sich. Der furchtbar lastende Druck weicht. Ist es die Freundlichkeit der Grünen? Aus ihr spricht mehr Angst als Gesinnung. Ist es das bessere Essen? Es gibt Dickes für Freund und Feind des Kalfaktors. Oder ist es die Glut am Himmel, die das Dunkel der Nacht hinter den Mauern erhellt? Auf einem Schemel steht Tarald und schiebt das rissige, schwarze Verdunkelungspapier beiseite. Mit dem eisernen Haken stößt er die kleine zu öffnende Scheibe des Fensters auf. ,, Die Gitter werden sich wärmen", murmelt er. ,, Sie werden glühen und schmelzen. Heute noch bersten die Mauern —" Stunde um Stunde starrt er zu der Glut hinüber. Es rauscht, es tost, wird wieder still. Nur ein Knistern und Knacken und von jenseits der Mauer das Summen des Menschenstroms. - Tarald wartet geduldig. Die Beine stehen auf dem Schemel wie erstarrte Klötze. Die Arme strecken sich aus den Eisenstäben entgegen. Tarald wartet noch, als der Morgen schon graut. Wie ein blutiger Ball steigt die Sonne über den Horizont. Tarald schiebt den schweren Kopf näher ans Fenster heran und murmelt: ,, Mutter, ich komme Aber das blutige Rot der Sonne wird grauer, wird gelbgefleckt. Tarald stöhnt auf. Die schweren Beine auf dem Schemel schwanken. Da wird die Tür aufgezogen. Ein Grüner steckt den Kopf herein: ,, Fertigmachen zum Abmarsch! Ihr kommt fort!" Über Stiegen und Brücken hallen die schweren Stiefel. Von Zelle zu ihr kommt fort." Zelle klingt es: ,, Fertigmachen - Sie springen auf von den Pritschen. Dumpfe Hoffnungen nächtlicher Träume werden zu qualvollem Wunsch: ,, Wohin?" Doch der Grüne hat es eilig. ,, Keine Zeit. Keine Zeit!" Zweihundert Norweger müssen in Marsch gesetzt werden. Aber die Augen in den Zellen richten sich fragend auf ihn. Sie kommen näher. Sie bitten: Wohin?" Die Wehrlosigkeit und die aufkeimende Hoffnung in den Augen dieser Ausgezehrten reizt und dauert den Grünen zugleich. ,, Wohin?" wiederholt er. Über das ungeschlachte Gesicht geht ein dummes Lächeln. 137 Aus einem unklaren Gemisch von Gutmütigkeit und Schadenfreude gibt er zur Antwort: ,, Nach Norwegen." Nach Norwegen! Es ist wie ein Donnerschlag. - Es rast durch die Zellen: ,, Nach Norwegen. Wir sind frei!" Auf der Pritsche sitzt Tarald und stammelt in wirrer Freude: ,, Ich habe --!" es gewußt. Die Mauern bersten auseinander. Mutter, ich komme Sie drängen sich auf den Gang. Die Katastrophe, die draußen Tod und Verwirrung gebracht hat, gibt ihnen drinnen das Leben zurück. Wohl erheben sich Stimmen, die zweifeln. Doch wer achtet ihrer? Sie atmen auf, sie recken sich. Wärme, Leben, erstes Ahnen der Freiheit überflutet sie. - Die grobe Faust des Grünen versetzt Björn einen ermunternden Rippenstoß, denn ungläubig sieht ihn der Junge an. Aber der Grüne sagt: ,, Ja, ja es geht nach Haus. Du bist frei!" Fast glaubt er es jetzt schon selber. Da lächelt nach langen, einsamen Monaten der schweigende Mund zum erstenmal. Als Björn die Kameraden wiedersieht, sagt er langsam: ,, Mama weiß, daß ich komme. Ich habe ihr geschrieben, daß dies Jahr die Freiheit bringt." Erst nachmittags ist es so weit. Kommandorufe auf fünf Stationen: ,, Norweger antreten!" Es trappelt über Gänge und Brücken, es klappert über die Treppen. Sie gehen einzeln hintereinander und rücken unten im Stern vor der Zentrale zu vieren auf. Jeden Tag, jeden einzigen Tag ist es so gewesen, zur Freistunde oder wenn sie zur Arbeit ausrückten. - so lebendig. Doch heute ist alles neu Björn beobachtet den kleinen, untersetzten Grünen in der Zentrale. Er hat Säbelbeine. Björn kennt ihn, denn der säbelbeinige Grüne hat ihm einmal den Kopf gegen die Wand gestoßen. Jetzt läuft er aufgeregt hin und her im Glashäuschen der Zentrale und gleicht einem flatternden Vogel. Lebenslänglich gefangen, denkt Björn. Ich aber bin heute frei! Die Stechpalme vor der Tür der Zentrale welkt siech dahin. Auf den staubigen, grünen Blättern sind braune Flecken, denn die Palme steht in einem Totenhaus! Sigurd schaut zur Tür. Gleich wird sie sich öffnen. Sie zählen zu vieren ab. Sie zählen und lächeln und denken: zum letztenmal. Noch sind sie in Uniform, doch der Beamte sagt kurz: ,, Effekten werden nachgeschickt. Sie sehen sich um und entdecken, daß einige Norweger fehlen. Sie flüstern, sie fragen einander, sie geben es weiter. Da sie berauscht sind von der nahenden Freiheit, finden sie auch die Erklärung:„ ,, Es sind nicht genug Lastwagen da, um uns alle auf einmal zu befördern." Dann endlich fährt der lange Schlüssel ins Schloß. Über die bleichen Gesichter geht ein Lächeln. Das Kommando ertönt: ,, Los! Ab!" 138 Sie Schrit ruft d mal 1 Di Hof h A folger einan Al Wand ΑΙ Di Die M rollt Di Wage lache doch Leich das Si leben E die E stehe die stroh lich D und Halm S Die Leich lang V Sche D gold S wolk e gibt habe --!" d und ? Sie überppen: ,, Ja, -elber. dzum Mama reiheit n. Sie entrale r Freile. Er m eingt hin Vogel. uf den Leht in en. 1: zum werden m. Sie nt sind d nicht leichen Sie marschieren über den Gang von hinten nach vorne in taktfesten Schritten. Der Schnauzbart steht im Eingang zum Geschäftszimmer. Er ruft dem Betriebssekretär zu: ,, Na, Gott sei Dank, daß wir die erst einmal los sind!" Die Tür vom Innenbau springt auf. Sie klappern die drei Stufen zum Hof hinunter, und das Klappern ist strahlende, heitere Melodie. Auf dem Hof stehen Lastwagen. Sie springen hinauf, reichen den Nachfolgenden die Hände und ziehen sie hoch. Sie stehen dicht gedrängt aneinander. Aller Augen richten sich auf das graue, eiserne Tor, die letzte trennende Wand zwischen Drinnen und Draußen. Als sie verstaut sind, ruft der Grüne: ,, Fertig!" Die Beamten gehen die Stufen hinauf und verschwinden im Innenbau. Die Gefangenen blicken wie gebannt auf das sich langsam öffnende Tor. Mit einem Ruck setzt sich die Lastwagenkolonne in Bewegung. Sie rollt durch das Tor und biegt in die Allee. Die Hupen ertönen. Die Allee hinunter rollt Wagen auf Die Wagen halten wieder an. Wagen. Menschenfuhren! Sie reihen sich ein in die Elendsfuhre. Die lächelnden Gesichter der Gefangenen werden ernst. Sie atmen tief auf, doch die Luft ist die gleiche wie im Zuchthaus, dicksüßlich und faulig vor Leichengeruch. Sie fahren vorbei an Zypressen und Tannen, durch welche das Türmchen einer Totenkapelle blinkt. Sigurd schließt die Augen. Das Blut hämmert: ,, Leben! Ich werde leben!" Er öffnet die Augen erst wieder, als die Luft reiner und freier wird, als die Straße sich weitet und am Wegesrand nur noch vereinzelt Häuser stehen. Die Häuser sind grau, hier und da fehlt ein Fenster. Dann werden die Häuser kleiner. Die roten Dächer einer Siedlung blinken auf. An strohdachgedeckten Gebäuden geht es vorbei, stillen Bauernhöfen, friedlich weidendem Vieh. Der Himmel klärt sich auf. Das lastende Grau wird zu lichtem Weiß, und als sie weiterrollen, vorbei an Wiesen, Feldern und Knicks, geht über Halm und Erde ein goldener Schein. Sommersonne flutet über das Land. Da weicht die Kälte der Mauern. Die Lastwagen rollen, rollen. Die Gesichter wenden sich der Sonne zu. Leichtbewegter Wind fährt durch die Uniformen und bläst den Staub langer, ungelebter Tage heraus. Wohin geht die Fahrt? Geht es nach Norwegen? Jeder hat nur zwei Scheiben Brot als Reiseproviant erhalten. Die untergehende Sonne senkt sich wie ein blutroter Ball über das goldgelbe Kornfeld. Die Wagen rollen nach Norden. Ja, es geht heimwärts! Sigurds Blick wandert weit über den Himmel. Zurück liegen die Rauchwolken der brennenden Stadt. Doch vor ihnen geht das zart verklärte - 139 Lila des Abends in graue, schwül aufsteigende Wolken über. Das Gelb des Kornes verblaßt. Das saftige Grün der Wiesen wird dunkler, sumpfiger, wandelt sich zu lehmigem Braun. An schiefwinkligen Katen vorbei biegen tiefspurige Wege von der Landstraße ab. Sekundenschnell gleiten die Augen über ein gelbes Schild mit schwarzer Beschriftung, ein Wegweiser an einem der Nebenwege: Nach Schülp 2 km.. Wolken kriechen in der Dämmerung über den Himmel.: Die Lastwagen rollen mit ihrer Fuhre. Ein schwacher roter Schein glüht im Süden. Sie kommen aus der brennenden Stadt! Sie fahren hinein in die Schwärze der Nacht. Die vom Wasser geschwollenen Beine sind vom langen Stehen wie ab- gestorben. Aber im Herzen glimmt immer noch Hoffnung. Sie fahren nach Norden! Die schwachen Lichter einer verdunkelten Stadt blinken auf. Donnernd fahren die Wagen über eine Brücke. Sie fahren durch stille Straßen. Die ineinander geschachtelten Häuser schlafen im tiefen Frieden. Das Rollen ebbt aus, die Wagen halten.; “ Vor den Gefangenen erhebt sich schwarz und schweigend ein schwerer, massiver Bau. Die Grünen springen vorne vom Wagen. Das grelle Licht der am Koppel hängenden Lampe blinkt auf. Stolpernd suchen sich die Stiefel über das steinige Pflaster den Weg zum Tor.- Die Hände finden den Glockenzug. Langgezogenes, ungeduldiges Klingeln durchschneidet die Stille der Nacht. Da geht gleich einer Welle von Wagen zu Wagen ein Seufzer. Wie ein letztes Fünkchen Hoffnung springt die Frage auf:„Vielleicht nur eine Sta- tion am Wege?": -Doch im Licht der aufblinkenden Lampe geben die düsteren Schatten der Mauern die Antwort. Die Gefangenen stehen und warten wie am Morgen des Tages. Sie warten darauf, daß das Tor sich öffne. Nur für einen kurzen, hellen Sommertag gab die Mauer sie frei. Ein blauer Himmel, ein zärtlicher Strahl Sonne, ein blutroter Ball und ein zartes Lila: Ein erstes Ahnen der Freiheit! Lastend senkt sich die Schwüle über die Wartenden. Dumpf rollt es in der Ferne; ein Gewitter zieht auf. Hoch über den spannungsgeladenen Wolken ziehen Kampfflugzeuge mit Bombenlasten dahin; silbrig surren sie durch die grollende Nacht. Durch den tief- hängenden Himmel jagt ein Blitz. Leises Rollen ist die Antwort. Dann zuckt es auf— schneidender, greller. Stampfend rückt den Donner näher. Sie reißen noch einmal den Klingelzug. Sie schimpfen und bearbeiten mit den Stiefeln das Tor. Das Eisen ächzt unter den Tritten. Hinten im Wagen fragen sie einander:„Wo sind wir?" 149 Anw auf. Man! Grei kaun Erg fahr: as Gelb mpfiger, von der s Schild enwege: Schein n hinein wie abren nach Donnernd Ben. Die schwerer, m Koppel über das ockenzug. er Nacht. Wie ein eine StaSchatten ages. Sie n, hellen her Strahl Freiheit! frollt es geladenen Surren sie en ist die rückt der bearbeiten ,, Gottverdammtes Kaff!" fluchen sie vorne am Tor. Da geht die kleine Klappe herunter. Im dunklen Tor steht ein helles Quadrat. ,, Was gibt's?" fragt eine verschlafene Stimme. ,, Norwegertransport von Hamburg. Macht endlich auf!" - ,, Immer mit der Ruhe! Hier ist nichts von eurer Ankunft gemeldet." Die Klappe schnarrt wieder hoch. Das helle Quadrat wischt sich fort. Blitze fahren im wilden Zickzack über den Himmel. Sie reißen den Himmel auseinander und bohren sich wutschnaubend in die Erde. Krachend rollt das Gewitter über die schlafenden Häuser. Und wenn es wie atemholend schweigt, surrt es hoch oben silbrig summend. ,, Kampfflugzeuge?" - Die Grünen horchen nach oben. Sie klettern zurück in die Wagen und drücken die Hupen. Gespenstisch liegt die wartende Kolonne im jagenden Licht, im Tosen und Donnern der aufgewühlten, empörten Natur. Aus einem der vor der Mauer liegenden Häuser kommt jaulendes Hundegekläff. ,, Ruhig, Greif! Ruhig!" mahnt eine freundliche, alte Stimme aus dem Dunkel. Ein kleiner, gebeugter Mann erscheint im Kegel der Taschenlampen: ,, Was gibt's?" ,, Norwegertransport aus Hamburg. Lassen Sie uns endlich hinein!" Der alte Mann zögert. ,, Der Chef ist auf Dienstreise. Wir haben keine Anweisung erhalten." In grellen Blitzen leuchtet der steinige Bau mit den vergitterten Fenstern auf. Angstvoll winselnd kriecht sich der Hund an die Knie des alten Mannes. Der streichelt ihn freundlich über den Rücken und sagt: ,, Ruhig, Da hörst du den Donner Greif! Wir gehen hinein ins Zuchthaus. kaum " Er geht zum Tor und greift zum Glockenzug; die Klappe geht herunter. Er gibt die Parole. Das schwere, eiserne Tor geht auf. Die Motore springen an. Langsam fahren die Wagen mit ihrer Last hinein. Schwer fallen die ersten Tropfen auf den steinigen Hof. Über matt erleuchtete Gänge ziehen schwankende Gestalten. Die Türen der Zellen öffnen sich. Die Türen der Zellen fallen ins Schloß. Auf der Pritsche sitzt Tarald und stammelt schluchzend: ,, Die Mauer wann wird die Mauer zerbersten?" Er fährt mit der Hand über die kühle, nüchtern gekalkte Steinwand. Bomben und Brand haben die Gitter nicht zum Schmelzen gebracht. Auch das tosende Unwetter dieser Nacht riß die Mauer nicht ein. ,, Mutter - wo bist du?" 141. Die schweren Tropfen fallen dichter, werden zu Regenketten. Es prasselt gegen die Steine. Björn liegt noch wach. Die Hände falten sich wie im Gebet: ,, Ich komme, Mama! Dieses Jahr bringt die Freiheit. Ich glaube daran." Unablässig rauscht der Regen herunter. Sigurd steht auf dem Schemel, schiebt das schwarze Papier beiseite und sieht aus dem Fenster. Der trübe Morgen graut. Wie ein leiderfüllter Schatten erheben sich düster die hohen Mauern. Die schwarzen Löcher darin mit den Eisenstäben darüber gleichen verschleierten Augen. Sein Blick geht weiter, über die Mauer hinauf zum Himmel. Fern. am Horizont glaubt er einen schwachen, rötlichen Schein zu erkennen liegt die brennende Stadt! Da zieht Sigurd das schwarze Papier wieder vor. der Zelle tastet sich die Hand zur Wand. Er ritzt in das gekalkte Gestein ein Kreuz. In der Dunkelheit Nor burg D muß H D safti farb Neb Räd dort sie Wir Reg T mas Es regnet. Keine Wolkenbrüche, nicht prasselnder, strömender Regen. Nur ein unaufhaltsames, müdes Rinnen aus verhängtem Grau. Es rinnt über verruẞte Häuserfassaden, es rieselt über Möbelaufbauten am Rande der Straße. Das Rot der Plüschpolster tropft verwässert über die Steine, schleppt sich träge durch die Rillen des Pflasters und gibt dem am Siele sich sammelnden Wasser eine schwache Röte. Aus Häusern hämmert und klopft es. Leere Fenster werden mit Holzbrett und Pappe verschlagen. Verlassen liegt die Straße da. Das Summen des Menschenstroms, das Trappeln hastender Füße und das dumpfe Rollen der Wagen sind verstummt. Tage werden zu Wochen. Mit übergeschultertem Spaten rücken die in die nächste Stadt. Arbeitsbataillone ab. Sie marschieren weiter Der August ist noch nicht zu Ende. Unsere Birke im Garten hat aber schon verschrumpelte braune Blättchen. Ist noch Sommer oder ist schon Herbst? Über der Stadt liegt die lähmende Schwere des Regens, die Erschöpfung nach den Tagen der Spannung. Doch das Leben geht weiter. Der dünne Wasserstrahl wird kräftiger. Das elektrische Licht flackert auf; die nicht unmittelbar betroffenen Bezirke der Stadt werden wieder mit Strom versorgt. Das brennende Streichholz entlockt dem geöffneten Gashahn ein träges Flämmchen. Lange Regenfäden ziehen sich über die Scheibe. Die Fahrkarte wischt einen Streifen glatt. Langsam gleiten Trümmer und Häuserfassaden vorbei. Kein Leichenzug! Das Leben geht weiter. Die Züge rollen. Ich fahre nach 142 und gesp Uni Die zers im ein Die Im Fah geh und vor gel rasselt : ,, Ich ite und en sich Eisenern. am - dort kelheit Regen. Es rinnt Rande Steine, m Siele it Holzms, das nd verken die dt. mat aber Norden. Nicht nach Dänemark oder nach Norwegen! Es geht nach Rendsburg ins Zuchthaus. Der Krieg geht weiter. Die brennende Stadt hat mich getäuscht. ,, Es muß zu Ende sein", dachte ich. ,, Nur noch wenige Tage," Heute singt der schleppende Gang der Räder: ,, Wochen!" Die Fahrt wird schneller. Hinter dem blank geriebenen Guckloch taucht saftig- grüne Marschlandschaft auf, nur unterbrochen von den mit Tarnfarbe übermalten Munitionszügen, die in ununterbrochener Kette auf dem Nebengeleise in entgegengesetzter Richtung rollen. Das Hämmern der Räder wird kürzer und schroffer. Wie im Vierertakt klingt es ,, Monate!" Der Zug steigt. Wenige Minuten späte donnern die Räder, als rollten sie über Stahl und Beton. Noch einmal wischt die Karte ein Guckloch.. Wir fahren über die Brücke. Im trüben Licht liegt der Kieler Kanal. Im Regen kräuselt sich das Wasser zu Ringen und Kreisen. Und da eingezwängt in die dahinterdämmernde Stadt liegt ein massiver, gelber Backsteinbau. Wie sagte der Pfarrer damals, als wir auf dem Gang des Zuges standen und hinuntersahen? ,, Vielleicht sind sie hier?" Flüsternd hatte er weitergesprochen: ,, N. N.- Gefangene?" War es erst vor wenigen Wochen? Mir scheint, es liegt Jahre zurück. Sie gehen im Kreis auf dem Innenhof. Vom Zug aus gleichen die Uniformen einer zum Ring geschlossenen Kette aus schwarzen Punkten. Die gelbe Mauer schwingt sich darum wie der Streifen um den Ärmel der zerschlissenen Jacke. Sie gehen im Innen- und Außenring. So war es auch im Zuchthaus Fuhlsbüttel. Eine Sekunde nur - dann sind wir vorbei. Nur in meiner Scheibe ist ein Guckloch. Die meisten Mitreisenden sehen verdrossen vor sich hin. Die Brücke schwingt sich in einer ausladenden Schleife durch die Stadt. Im donnernden Takt rollen die Räder des Zuges darüber hin; in wilder Fahrt ächzen sie: ,, Jahre vielleicht noch Jahre!" - die lähannung. räftiger. nen BeStreiche wischt vorbei. are nach Ein Zug an der Glocke draußen; dünnes Geläute drinnen. Die Klappe geht herunter: ,, Was gibt's?" ,, Dolmetscherin der norwegischen Strafgefangenen-." ,, Hier nicht gemeldet." ,, Ich möchte den Chef sprechen." ,, Nicht da. Auf Dienstreise." Die Klappe springt hoch. Doch rasch stecke ich die Hand dazwischen und rufe durch den Spalt: ,, So lassen Sie mich doch hinein! Ich komme von Hamburg." ,, Immer mit der Ruhe. Hier werden nur gemeldete Besucher heréingelassen." 143 In ein Zuchthaus hereingelassen zu werden ist anscheinend ebenso schwer wie wieder herauszukommen! ,, Melden Sie mich dem Stellvertreter des Chefs!" Die Stiefel entfernen sich. Ich warte. Über dem Tor ist in der gelben Mauer ein dunkler Fleck. Er hat die Form eines Wappenschildes. Das Wappen ist entfernt. Es war dänisch wie das ganze Zuchthaus. Im vorigen Jahrhundert hat es der König von Dänemark erbauen lassen. Mit dem Fingerknöchel klopfe ich auf den gelben Backstein. Wie meisterlich man es doch von jeher verstanden hat, Mauern zu errichten! ,, Sie sind Dolmetscherin?" fragt der Grüne, der mich über den Innenhof zur Verwaltung bringt..- ,, Und arbeiten an Zuchthäusern?" Er schüttelt den Kopf. Seit fast dreißig Jahren bin ich an dieser Anstalt. Aber ich habe noch nicht erlebt, daß eine Frau mit der Überwachung von Strafgefangenen beauftragt wird." Ärgerlich rückt am Koppel: ,, Wieder eine der Neuerungen, die nur dazu angetan sind, das Anstaltsleben in Unordnung zu bringen." er Der Gang ist menschenleer. Ein Läufer aus Stroh dämpft den Schritt der Stiefel und meiner Schuhe. Eine der Türen öffnet sich. Ein Hund kommt auf uns zu. Er bellt nicht, wedelt nur mit dem Schwanz und geht um uns herum. Dann kommt die gebeugte Gestalt eines alten Mannes zum Vorschein. Die Dolmetscherin?" ,, Ja, hier ist die Dame", meldet der Grüne. Damenhaft sehe ich ganz und gar nicht aus! Das entdecke ich aber erst in Rendsburg! In Hamburg ist es so gleichgültig gewesen, ob man einen Hut trägt oder nicht. Wie ich ging und stand, fuhr ich aus den Trümmern fort. Aber Rendsburg liegt viel, viel weiter entfernt von Hamburg als nur 170 Kilometer. In diesem Augenblick fällt mir auf, daß meine Windjacke ruẞgeschwärzt ist. Eine Wolke von Rauch liegt über Schreibtisch und Akten gezogener Tabak. - S das C Schre Be Bevor schon Als B alles und H J De De Was G Ich b ist d sieht ,, I zensu wie 11 Es burg Sie von Dien S im Z der 11E - selbsteiner ,, Bitte nehmen Sie Platz!" der Oberinspektor weist auf ein grünes Plüschsofa. Das Grün ist schon ein bißchen verwittert. Über dem Sofa hängt ein großes Bild. Ein gezwirbelter Schnauzbart in Stahlhelm und offenem Militärmantel: Hindenburg. Und der Führer? Er darf in keiner deutschen Amtsstube fehlen. Vorschrift ist Vorschrift. Doch es kommt auf das Wie der Ausführung an. Wir haben darauf achten gelernt, wo Bilder hängen! Hier hat Hindenburg also den Ehrenplatz. Erleichtert atme ich auf. Den Führer entdecke ich erst viel später. Er hängt, halb verborgen von Stößen von Akten, in Postkartengröße über einem Regal in der Ecke. kom werd sie A Besu für 11 sind 144 10 H ebenso gelben . Das origen t dem h man menhof elt den habe ngenen ne der rdnung Schritt t nicht, mt die herin?" Der erst n einen immern als nur ndjacke selbstgrünes em Sofa lm und n. Vorung an. denburg gen von cke. ,, Sie sind Beamtin im Zuchthaus Fuhlsbüttel?" leitet der Oberinspektor das Gespräch ein. Sein Hund liegt in einem Korb zwischen Sofa und Schreibtisch auf einer grauen Wolldecke und gähnt. Beamtin? Erstaunt sehe ich auf. Nein, nur als Dolmetscherin beauftragt. Bevor ich aber noch einen Einwand machen kann, fährt der alte Mann schon fort: ,, Der Chef vom Zuchthaus Fuhlsbüttel hat Sie uns empfohlen. Als Beamtin haben Sie ja bereits den Diensteid geleistet und wissen über alles Bescheid. Wenn Sie dazu bereit sind, können Sie hier die Briefzensur und Besuchsüberwachung so durchführen, wie ,, Ja, aber " Der Hund unten im Korb wird unruhig und fängt an zu bellen. Der Oberinspektor steht halb auf und beugt sich vor: ,, Ruhig, Greif! Was wollten Sie sagen?" Guter Greif! Wenige Sekunden Überlegung, und die Eingebung kommt. Ich bin weder Beamtin, noch habe ich je einen Diensteid geleistet. Aber ist dieses Mißverständnis nicht glückliche Fügung? Der Oberinspektor sieht mich fragend an. ,, Ich wollte nur sagen, Herr Oberinspektor, daß ich bereit wäre, Briefzensur und Besuchsüberwachung in der gleichen Weise durchzuführen wie———." ,, Wie im Zuchthaus Fuhlsbüttel", ergänzt der Oberinspektor. Es wird ein guter Tag. Zuchthaus Fuhlsbüttel und Zuchthaus Rendsburg liegen im gleichen Land, nur zwei Stunden Bahnfahrt voneinander. Sie unterstehen demselben Reglement. Aber was weiß die eine Anstalt von der anderen? Das Mißtrauen ist eine zuverlässige Wächterin. Keine Dienststelle wünscht aufzufallen. So wird Zuchthaus Fuhlsbüttel das ,, Sesam öffne Dich" für meine Arbeit im Zuchthaus Rendsburg, und im Laufe der Zeit wird es zu einem Schlüssel, der mir viele eiserne Tore öffnet. ,, Berichten Sie, wie Sie es im Zuchthaus Fuhlsbüttel gehalten haben." Eine Stunde später steht fest, daß die Gefangenen nicht mehr von dem einen bis zum nächsten Brief sechs Wochen zu warten brauchen. Sie bekommen jeden Brief, der eintrifft, ausgehändigt. Auch Photographien werden ausgeliefert ,,, denn im Zuchthaus Fuhlsbüttel Auch können die Gefangenen fortan bei mir einen Antrag stellen, wenn sie Extrabriefe schreiben wollen. Ich habe darüber zu entscheiden. Und Besuche? ,, Im Zuchthaus Fuhlsbüttel ,, Alle zehn bis vierzehn Tage pflegen der Pfarrer und ich zu kommen." Auch in die Außenkommandos fahren wir. Die Gefangenen brauchen für den Besuch nicht ins Zuchthaus zurückgeholt zu werden. Belanglosigkeiten! Vergünstigungen, die kaum des Erwähnens wert sind! Die hohe Mauer durchbrecht ihr nicht! 10 Halt Wacht im Dunkel 145 Fragt Björn, was es ihm bedeute, nicht mehr vier Monate bis zum nächsten Besuch warten zu brauchen. Geht in die Zelle zu Christian. Vielleicht steht er gerade unter dem Fenster und hält in der Hand ein Bild von Anna Louise. Seit drei Jahren sieht er sie zum erstenmal wieder. Sie lächelt; ein ernstes Lächeln. So hat sie gelächelt, als sie am Flügel saẞ damals. Weichen die Gittergardinen nicht auseinander? Wird das Grau des Himmels nicht heller? In weiter Ferne glaubt er wieder ihr Spiel zu hören - Greif liegt zusammengerollt im Korb. Er schläft. Seine ruhigen Atemzüge und die Tabakswolken lassen mich fast vergessen, daß ich in einem Zuchthaus bin. Doch dann überschleicht es mich, daß auch über die Gänge Nacht und Nebel! Auch da, dieses Hauses Schatten gleiten. Gefangene wo Hindenburg noch den Ehrenplatz über dem Sofa hat. - Aber noch weiß ich nicht, ob es so ist. Soll ich fragen? Es treibt mich dazu, ob ich will oder nicht. Ehe ich mich recht besonnen habe, ist es gesagt: ,, Vielleicht sind sie hier?" ,, Wer?" - Der Oberinspektor legt die Pfeife beiseite. Er strafft sich. Das Gesicht wird amtlich, als ob auch er die Spannung fühlt, die im Zimmer ist. Ich öffne meine Tasche und nehme das Taschentuch heraus, um Zeit zu gewinnen. Wenn das Gesicht mir gegenüber noch amtlicher wird, wenn nun der Klang der Stimme sich vereist, wenn sie fragt: ,, Woher wissen Sie __?" - Das Taschentuch liegt zerknüllt in der Hand. Der Verstand sagt: Vorsicht! Durch unbedachtes Fragen wird die Arbeit gefährdet! Aber das Herz spricht: Zweihundert Mütter und Frauen warten seit zwei Jahren vergebens. nor Nu aus Tür er also leid Es noo Wa übe An lad auf suc Erd vor win win Au sch die - anderen?" Das Wort ,, N.- N.- Gefangene" bleibt ,, Sie haben schon längere Zeit Norweger hier?" sage ich halblaut. Hastig kommt die Gegenfrage: ,, Wieso?" ,, Ich meine ungesprochen. Doch der Oberinspektor scheint mich auch so zu verstehen. Die gebeugte Gestalt lehnt sich vor; die weitsichtigen Augen richten sich ängstlich zur Tür, als ob jemand zur Unzeit eintreten könne: Woher wissen Sie _?" " Erleichtert atme ich auf. Nur steinerne Amtlichkeit ist unüberwindlich. ,, Im Zuchthaus Fuhlsbüttel——", deute ich an. - Greif rollt sich zur anderen Seite und knurrt zufrieden im Schlaf. Der Sie als Beamtin--." Oberinspektor rückt die Brille zurecht: ,, Ach so Er senkt die Stimme: ,, Ja, sie sind hier 146 - - seit zwei Jahren." Fre " VO win ner win sin Mo Ab zub zun " A 10* is zum 1. Viel- in Bild er., Sie saß— s Grau r Spiel . Atem- | einem . Gänge uch da, bt mich ‚ist es fft sich. die im Zeit zu d, wenn ' wissen gt: Vor- ber das Jahren laut. e'' bleibt Die ge- "h ängst- r wissen windlich. hlaf. Der n——. Die Hand knotet das Taschentuch und zerrt am Zipfel\ Zweihundert norwegische N.-N.-Gefangene! Zweihundert Mütter und Frauen warten. Nur noch wenige Tage Geduld! Mein Gesicht bleibt unbeweglich. Der Oberinspektor klopft seine Pfeife aus und sagt leise:„Übrigens,——. Noch einmal ein schneller Blick zur Tür.„Die Gestapo hat verfügt, daß diese N.———.” Verwirrt räuspert er sich und fährt hustend fort:„Norweger, meine ich natürlich. Gut— ‚also, daß diese Norweger noch ein Strafverfahren bekommen sollen. Viel- leicht wär es für sie besser, sie wären— das geblieben, was sie jetzt sind. Es wird nicht ohne einige Todesurteile abgehen." „Wann wird die Verhandlung beginnen?" „In einigen Monaten— frühestens Anfang Dezember." Wie trocken der Oberinspektor das sagt! Als ob bis dahin überhaupt noch———. In einigen Monaten ist der Krieg zu Ende! Im Besuchszimmer des Rendsburger Zuchthauses hängt an der einen Wand eine riesige Landkarte von Norwegen und Dänemark, an der gegen- ' überliegenden Wand ein großes Bild. Es zeigt einen weiten, braunen Acker. An schweren Stiefeln klebt die feuchte Erde. Ein Landmann geht mit aus- ladendem Schritt über das flache Land und wirft die Saat aus. Er kommt auf uns zu, als ob er aus dem Bild heraustreten wolle. Der Blick. ist suchend in die Zukunft gerichtet. Aber auch vor ihm liegt noch braune -Erde, und über ihm wölbt sich’der Himmel undurchdringlich grau. Wir rücken die Stühle so, daß die Gefangenen die Karte ihres Landes vor Augen haben. Unser Blick geht auf das Bild. Als der Himmel grauer wird, der Sommer sich in Herbst wandelt, als endlich schneidender Ost- wind um die vergitterten Fenster pfeift und wir’ noch immer wartenden Augen gegenübersitzen, da wird jenes Bild tröstliches Symbol des bibli- schen Wortes:„Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“. Wir atmen freier als im Zuchthaus Fuhlsbüttel. Wir kommen unseren Freunden näher, auch im wörtlichen Sinne. Die Tür zwischen„hinten” und „vorn“ ist in Rendsburg aus Glas. Zwar vergittert, aber was macht das. Es wird uns zur Gewohnheit, die Gefangenen nach dem Besuch bis zur gläser- nen Tür zu begleiten. Wenn sich dann die Tür hinter ihnen schließt, sehen wir ihnen noch nach. Sie gehen im Kreis durch die Zentrale, nicht einfach quer durch, Wir sind im Zuchthaus; jeder Schritt ist vorgeschrieben. Durch ein besonderes Mosaik der Steine ist auf dem Boden der Zentrale der Weg vorgezeichnet. Aber wenn sie den Kreis verlassen, um in eine der Zacken des Sterns ein- zubiegen, wenden sie sich noch einmal um. Denn da ist etwas, was nicht zum Zuchthaus gehört, ein letzter Gruß von draußen. Die Augen sagen: „Auf Wiedersehen.“ N\\ Manchmal verlasse ich auch während des Besuchs das Zimmer. Wenn es auf dem Gang still ist, gehe ich bis zur gläsernen Tür. Warum? Kein Grüner und kein Gefangener ist in der Zentrale. Die Zacken des Sterns Gänge und Brücken sind leer. Nur eine der Zacken ist durch eine eiserne Tür versperrt, und dahin geht immer wieder mein Blick. Vielleicht sind sie hier? Ich gehe oft zur gläsernen Tür in der Hoffnung, daß sich die eiserne Tür einmal öffnen möge. Und wirklich! Einmal will es der Zufall so., Gänge und Brücken sehen in dieser Zacke genau so aus wie in jeder anderen, doch ich hefte mich daran. Die Augen weiten sich-- - ,, Ich habe sie gesehen", sage ich, als ich im Zimmer zurück bin. ,, Sie tragen schwarze Uniform. Aber der Streifen ist rot." Eilif sitzt uns gegenüber. Vor ihm liegt ein Bild. Seine Verlobte hat es dem Pfarrer geschickt. Jetzt greift er danach und zeigt mir das ernste Gesicht eines Mädchens. ,, Ihr Bruder soll auch dabei sein", sagt er. Fragend sieht er den Pfarrer an: ,, Wirst du Else und ihrer Mutter Nachricht geben, -?" daẞ John poli zog leer hoc die Phy Plat kan ein 1 eina sein leer der ein No -- bin Un Leu Der Pfarrer lächelt. ,, Was wir wissen, Eilif, weiß Norwegen auch." Er nimmt das Testament, und während er es aufschlägt, sagt er: ,, Nun ist anderen Verbindung aufes an euch, zu versuchen, mit John und den zunehmen. Sagt ihnen, daß es gut steht in Norwegen!" Eilif nickt. Kein Wort wird mehr darüber gesprochen. Es gibt keinen Auftrag, den Eilif nicht ausführt. Es mögen Tage und Wochen vergehen, doch es wird ihm gelingen. Nach einem Monat, als Eilif und sechzig andere norwegische Gefangene auf ein Außenkommando in eine Lübecker Rüstungsfabrik geschickt worden sind, liegt in dem Stapel Gefangenenbriefe, der mir zugesandt ist, auch ein Brief von ihm. ,, Ich bin auf Außenkommando, Else!" schreibt Eilif. ,, Aber am Tage, bevor wir verlegt wurden, sah ich John. Es geht ihm und den anderen gut." - Zwei Jahre haben sie drinnen und draußen auf ein Lebenszeichen gewartet. Jetzt wissen sie voneinander. Mögen auch Wochen darüber vergehen, ehe wieder einer der Gefangenen etwas von den ,, anderen" zu berichten weiß, zweihundert Frauen und Mütter warten geduldig in der Gewißheit: Sie leben! ,, Heil Hitler, gnädiges Fräulein! Freue mich sehr, Sie kennenzulernen", sagt eine ölige Stimme. Bei unserem dritten Besuch in Rendsburg werde ich endlich zum Chef der Anstalt bestellt. Sein Arbeitszimmer unterscheidet sich in vielem von dem des Oberinspektors. Ein Blick genügt! Keine Aktenstöße, sondern eine spiegelglatt 148 ber Rüs tun Fin sch sin Wo kei daf Sad wü VOI Wenn Kein erns dahin eiserne Gänge nderen, in. ,, Sie e hat es ernste Fragend = geben, --uch." Nun ist ng aufI keinen ergehen, efangene worden auch ein . ,, Aber hm und Chen geber ver" zu beder Gernen", um Chef es OberLegelglatt polierte, braune Schreibtischplatte. Über dem mit hellgrünem Rips bezogenen Sofa schimmern weißliche Augen, deren Blick starr auf den leeren, blanken Schreibtisch gerichtet ist. Der braune Mantelkragen ist hochgeschlagen, die Arme sind verschränkt. Es ist dieselbe Führerausgabe, die ich noch vor wenigen Wochen im brennenden Hamburg im Institut für Physik am Boden liegen gesehen habe. Hier hängt der Führer an seinem Platz! Ein feiner Duft von Zigarren ist in der Luft. ,, Heil Hitler, Herr Oberregierungsrat!" ,, Nicht, Ober'," verbessert er ,,, nur Regierungsrat'. Aber der Ober' kann nicht mehr lange auf sich warten lassen, wenn nur der Krieg noch ein wenig dauert." Der Regierungsrat sitzt, die zu kurzen Beine übereinandergeschlagen, in einem ledernen Klubsessel. Ein Blick auf das Revers seines dunkelblauen Anzuges.. Das Knopfloch ist leer! Manchmal sind leere Knopflöcher gefährlicher, als wenn sie ein Parteiabzeichen schmückt! ,, Wie Sie gesehen haben, bin ich meistens auf Dienstreisen", beginnt der Chef. Gestern war ich in einer Lübecker Rüstungsfabrik und habe ein neues Außenkommando eingerichtet. Übrigens verwende ich dazu ihre Norweger." Er lacht und reibt sich behaglich die Hände: ,, Eigentlich bin ich mehr Rüstungsunternehmer als ein Strafvollzugsbeamter Und er beginnt zu prahlen von den Arbeitsleistungen, die er aus ,, seinen" Leuten herauspreẞt. ,, Machen Sie während der Besuche meinen Leuten klar, daß Drückebergerei keinen Zweck hat. Mein Zuchthaus ist bis zur letzten Einzelzelle Rüstungsbetrieb. Lassen Sie immer durchblicken, daß wir bei Nichteinhaltung des Pensums Mittel und Wege kennen--" Die kurzen, dicken Finger spielen mit einem der Nägel, mit denen der Klubsessel beschlagen ist. ,, Nun, Sie sind ja bereits von Fuhlsbüttel her den Betrieb gewohnt und sind vereidigt." Ich sehe mein Gegenüber freundlich lächelnd an. Der Chef faßt das wohl als Zustimmung auf, denn er fährt fort: ,, Also ich brauche Ihnen keine weiteren Anweisungen zu geben. Lassen Sie aber nie außer acht, daß es um die gemeinsame Sache geht!" Es geht um den ,, Ober", denke ich bei mir. ,, Es geht um die Sache!" antworte ich. gute ,, Und wie ist der norwegische Pfarrer?" Die Stimme trieft vor Liebenswürdigkeit, doch die Augen sind kaltforschend auf mich gerichtet. ,, Im Zuchthaus Fuhlsbüttel hatte man keine Bedenken", antworte ich vorsichtig. ,, Ich halte nichts von den Pfaffen! Und Sie?" - 149 ,, Der norwegische Pfarrer kommt nicht als Seelsorger. Er hat nur Erlaubnis, die Gefangenen als Vertreter der Angehörigen in Norwegen zu besuchen", weiche ich aus. Die rundliche Hand macht eine Bewegung, als wolle sie eine Fliege fangen. Der Sessel rückt näher. Die Stimme senkt sich: ,, Versucht der Pfarrer nicht doch manchmal, Seelsorge zu treiben?" Erwartungsvoll glänzen die Augen. Ein eisiger Schreck durchfährt mich. Hat der Chef von Fuhlsbüttel über den Vorfall auf Schülp berichtet? Oder sollten die Gefangenen doch Ich halte den kalten Augen stand und gebe lächelnd zurück: ,, Meine Überwachung dient ja gerade dazu, daß keine Seelsorge getrieben wird!" Angriff abgeschlagen! Aber die fettige Stimme fragt weiter, Sie klingt nach Gestapo. unterEndlich steht der Regierungsrat auf. Er geht zum Schreibtisch und reicht mir den grünen Ausweis: ,, Sie brauchen nur noch zu schreiben." Noch einmal nimmt er den Ausweis zurück und drückt auf meinen Namenszug einen Stempel. Dabei gleitet sein Blick flüchtig darüber. Er stutzt; etwas scheint ihm aufzufallen. Doch die schwammig lächelnden Falten bleiben undurchdringlich, nur die Augenlider kneifen sich etwas zusammen. ,, Ein seltsamer Vorname!" sagt er. Der Chef der Rendsburger Anstalt ist meistens auf Dienstreise. So beginnt und endet jeder Besuch beim Oberinspektor. Wir kommen oft, so oft, daß uns Greif nur noch vom Korb herauf einen halbverschlafenen Blick zusendet. Dann wendet er den Kopf zur Seite und schnarcht weiter. ,, Ist es nicht möglich, daß unsere Seemannsmission für die Gefangenen Tran liefert?" fragt der Pfarrer. ,, Tran?" Der Oberinspektor sieht ratlos auf. Wir sind doch kein Sanatorium, Herr Pastor!" ,, Eben darum!" ,, Im Zuchthaus Fuhlsbüttel", fange ich an. Fortan bekommen die Gefangenen alle vierzehn Tage eine kleine Flasche Tran. Der Lebertran wird zum Allheilmittel! Er wird getrunken, das trockene Brot wird darein getunkt. Er wird aber auch auf offene, Beine geschmiert und wirkt Wunder. Der Oberinspektor genehmigt die Einrichtung einer norwegischen Bibliothek. Ich bekomme den Auftrag, die eingelieferten Bücher vorher zu zensieren. Wir tragen schwere Koffer herein. Stoß auf Stoß wandern Bücher in die Bibliothek. Bald sind es nicht nur norwegische! Wir gehen durch alle Buchhandlungen Hamburgs. Wir kaufen auf, fahren in andere 150 Städ Die Buc " sich ( noch Uns dies I ich im Mei H lege krit I Auf Flu auf wa die jed don wa wa noc neh Kof die nur Ergen zu Fliege cht der ngsvoll el über - -? ,, Meine - wird!" e klingt ch und untermeinen ber. Er helnden n etwas So be, so oft, en Blick r. angenen in Sanae kleine trunken, me, Beine egischen orher zu wandern ir gehen n andere Städte. Fachliteratur und Kunstbücher, schöngeistige Romane und Lexika! Die Augen gleiten über verstaubte Regale; immer wieder finden wir etwas. ,, Gerade gestern haben wir noch eine Sendung bekommen", sagt der Buchhändler. ,, Sie haben Glück." Glück? Mir ist, als ob unsichtbare Hände helfen! Vor der eigenen Bibliothek wird nicht haltgemacht. Der Koffer füllt sich mit englischen Büchern. Während ich sie hineinlege, blättere ich sie noch einmal durch. Besondere Erinnerungen verknüpfen sich mit ihnen. Unsere jüdischen Freunde gaben sie uns zum Abschied., Damals, als sie dieses Land verlassen mußten! Ein wenig rissig schon sind die Bände von Schiller. Als Schulkind habe ich sie im Antiquariat gekauft! Ich greife danach. Als ich die Bücher noch im Arm halte, fällt ein Band aufgeschlagen zu Boden. Ich nehme ihn auf. Mein Blick fällt auf die Zeilen: ,, Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, ob auch der menschliche wanke. Hoch über Raum und den Zeiten schwebt lebendig der höchste Gedanke-." Bevor ich das Buch zu den anderen lege, streiche ich die Zeilen an und lege einen schmalen Streifen weißen Papiers zwischen die Seiten. Der Pfarrer bekommt einen Brief. Mit Bleistift geschrieben, hastig gekritzelt. Eine schiefaufgeklebte Marke. ,, Lesen Sie", sagt er zu mir, als wir im Zug sitzen. Die Schrift kenne ich doch! Wer hat den Brief herausgeschmuggelt? Auf dem Poststempel steht Lübeck. ,, Wir sind im Außenkommando in einer Flugzeugfabrik," schreibt Eilif. ,, Sechzig Norweger sind hier und warten auf Euch. Wann kommt Ihr?" Wir kommen, Eilif. Aber es warten viele. Im Zuchthaus Fuhlsbüttel warten die Norweger, die man zurückließ. In Schülp auf dem Moor werden die grauen Tage noch grauer. Im Innenhof des gelben Baues gehen sie jeden Morgen um zehn Uhr in der Runde und blicken dem über die Brücke donnernden Zug nach: ,, Ob sie heute kommen?" Auf dem Schreibtisch zu Hause häufen sich Stapel von Briefen. Sie warten in Norwegen. Sie warten hinter Mauern. Wenn ich nachts noch wach liege im Dunkel, denke ich: ,, Es muß gehen. Es wird gehen. Nur noch wenige Monate." In das Zuchthaus Fuhlsbüttel können wir nur eine Aktenmappe mitnehmen. In Rendsburg aber gewöhnt man sich bald daran, daß wir schwere Koffer bringen. Denkt der Wachtmeister am Tor, daß wir immer noch für die norwegische Bibliothek Bücher liefern, oder glaubt man meinen * 151 Worten, als ich nebenbei erwähne: ,, Luftschutzgepäck. Wenn ich in Hamburg ausgebombt werde, habe ich nur noch das, was ich bei mir trage"? die Wahrheit. Wir tragen viel hinein: Brot, Priem, Medikamente und Worte allein sind Steine, wenn du hungerst! Brot ist nicht nur Brot. Es zu geben, ist heilige Handlung. Es sagt das Ungesagte, und diese Sprache verstehen alle Völker der Welt. - Kein Tabak, nur Priem; den Rauch könnten die Grünen riechen. Der Priem liegt hinter den Zähnen Tag und Nacht. Manchmal allerdings bringen wir auch Zigaretten. Unsere Freunde sind zuverlässig; sie rauchen sie des Nachts. Sie zählen erst die Schläge der Uhr! Wenn endlich die Schritte des Grünen auf dem Gang verstummt sind, zünden sie sie an. Sie stehen dabei auf dem Schemel unter dem Fenster, schlagen das schwarze Papier zurück und sehen auf zum nachtblauen Himmel. Die Lungen hüllen sich in wohltätigen Rauch. - Medikamente im Koffer sind Vitamintabletten, Transalben, Gaze, Watte und Leukoplast. Offene Beine verlangen nach Salben, Wunden müssen verbunden werden. Gefangene, die an Herzschwäche leiden, brauchen herzstärkende Mittel. Viele verlangen nach schmerzstillenden Tabletten. Im Arzneischrank des Zuchthauslazaretts fehlt es an nichts; in der Gefangenenzelle fehlt es an allem. Während der Besuche liegt vor mir ein Heft aufgeschlagen. ,, Bestellbuch", nenne ich es im stillen! Alles, was die Gefangenen benötigen, wird aufgeschrieben. Erst sind es nur Medikamente. Bald darauf stehen darin auch Bemerkungen wie: ,, Schreibpapier - Federn - Tinte - Bleistifte" ,, Danke!" sagen Olaf, Christian und Sigurd, als zum erstenmal Papier und Bleistift vor ihnen liegen. Das nächstemal ziehen sie, sorgsam versteckt unter dem Jackett, eine kleine Mappe hervor. Zeichnungen und Gedichte! Die Mappe wird mit herausgenommen. Neues Papier, spitze und breite Federn und Tusche wandern hinein. - Warum nicht den freundlichen Oberinspektor fragen? Würde er es nicht erlauben? Nein, Gefangener bleibt Gefangener. ,, Ausgeschlossen! Das Reglement-" Er spielt mit dem Bleistift und zieht dann auf einer Akte mit dem Lineal säuberlich eine Linie nach. ,, Welch ein Mißbrauch würde wohl mit Bleistiften getrieben werden! Die Gefangenen könnten das Papier zur Nachrichtenübermittlung von Zelle zu Zelle benutzen. Sie könnten es vermittels einer Schnur an der Außenwand herunterlassen zu einer anderen Zelle. Da hatten wir einen Fall vor zehn Jahren ständlich beginnt er zu erzählen. ben ist und we lan übe sol der hin Inh Ja hin geg Me Eig dal Ar Ge bin gle de De Ta stä hä de far lei -" Umsie Sie kö ge Vergißt er, daß die Gefangenen, auch wenn wir ihnen nicht Papier in die Zelle geben, Schnur und Papier haben? Für Mitteilungen untereinander 152 in Ham- rage''? ahrheit. ur Brot. ıd diese en. Der nde sind läge der ımt sind, Fenster, htblauen n, Gaze, Wunden leiden, tillenden ichts; in „Bestell- jen, wird ı Bemer- ıl Papier sam Ver- und Ge- itze und ' es nicht en! Das auf einer fißbrauch ınten das Sie könn- zu einer —.''- Papier in reinander benutzen sie das Kübelpapier, der Faden, den sie am Webstuhl verspinnen, ist so lang, daß er von hier bis nach Norwegen reichen würde.- ‘ Wir geben, was wir können. Erst sind es nur der norwegische Pfarrer und ich. Später, als ich auch Dolmetscherin für die dänischen Gefangenen werde, kommt noch der dänische Pfarrer hinzu. Die Pfarrer stehen als Vertreter der Seemannsmissionen- in ‚Deutsch- land auf einem'gefahrvollen Außenposten. Sie werden von der Gestapo überwacht. Nicht anders ergeht es mir, obgleich ich selbst überwachen "soll. Vor der Gestapo sind wir alle gleich! So verrichten wir. stumm unsere Arbeit. Wir sehen einander nur auf der Reise oder wenn es etwas Dringendes zu besprechen gilt. Neben und hinter uns steht immer das drohende Gespenst der Gestapo.’ Schweigend tragen wir unsere Koffer hinein. Der’ eine sieht erst den "Inhalt des Koffers vom anderen, wenn er in die Tasche des schwarzen Jacketts gleitet. Nichts Genaues weiß ich darüber, welche Hilfsorganisation hinter dem Pfarrer steht und ihn stützt. Nicht anders ergeht es ihm mir gegenüber.! Hinter ihm seine Heimat, ein Volk, dessen Vertreter er ist. Hinter mir? Meine Familie und sehr wenige zuverlässige Freunde. Darüber hinaus haben der Pfarrer und ich einige gemeinsame Freunde. Eigentlich sind es die Freunde der Gefangenen, doch wie könnte es sein, daß nicht auch wir uns dann ihnen verbunden fühlen? Es sind deutsche Arbeiter, die in den Rüstungsfabriken und auf Außenkommandos mit den Gefangenen in Berührung kommen.- Es dauert nicht lange, so stehe ich in regelmäßiger brieflicher Ver- bindung mit ihnen. Sie wachen für uns, denn wir können nicht überall zu- gleich sein. Wir schicken ihnen Geld und Pakete. Sie helfen den Gefangenen. Mir aber geben sie aufs neue den Glauben, der in den vergangenen Jahren ins Wanken geraten. ist: Das verborgene Deutschland lebt! Nicht nur hinter den Mauern, auch draußen. Eine gute Tat von ihnen, den Unbekannten inmitten der lärmenden braunen Masse, stählt wieder meinen Willen. Das Heer aus dem verborgenen Deutschland hält keine Propagandareden. Es hat nur eine Waffe: die gute Tat in der Stille. i Und doch reichen Koffer und Taschen nicht aus, um Hunderte von Ge- fangenen zu versorgen. Nur eins bringen wir ihnen allen zugleich— viel- leicht bedeutet es ihnen am meisten: die Wahrheit. Die Gerüchte zehren an den Gefangenen wie eine Krankheit. Sie machen sie. unsicher, versetzen sie in einen Zustand zwischen Hoffen und Bangen. Sie sehnen sich nach der Wahrheit, mag sie auch bitter sein. Anfangs können wir nur bestätigen, was die Siegesfanfaren schon bis in die letzte Zelle geschmettert haben. Aber als sie verstummen, als die Sondermeldungen 153 ausbleiben und statt dessen die Zuchthausluft schwirrt von geheimnisvollen Andeutungen der Grünen über„Vergeltung!—„Wunderwaffe”“ oder„In. vierzehn Tagen geht es los!“—, als jeder Tag länger Hunger und Frieren bedeutet und das Warten kaum noch zu ertragen ist, da machen die politischen Berichte, die wir während der: Besuche geben, die Unruhigen ruhig, die Zweifelnden fest. f Im Zuchthaus sind viele Spitzel. Sie sind in grüner Uniform, aber auch! in der schwarzen mit den gelben Streifen! Deutsche und Ausländer; jede Nation hat ihre Verräter! Es gibt nur vier Wände in der Anstalt, die keine Ohren haben. Das ist das Zimmer, in dem wir sitzen.; Unsere Freunde hören, und sind sie zurück in den Zellen, arten sie “einige Tage. Erst dann sickert es von Zelle zu Zelle. Nie sagen sie:„Der Pfarrer und die Dolmetscherin haben gesagt———.” Spitzel im Zuchthaus haben feirie Ohren. Über uns erfahren sie nichts. Die Gefangenen sagen:„Wir haben gehört, daß———." Da alle Gerüchte so weitergegeben werden, kann niemand es hindern, daß auch die Wahr- heit an die Tür der Zelle klopft. Wir bringen ihnen Brot und‘Wahrheit. Die Gefangenen strecken auch mir— der Deutschen— die Hand entgegen. Wir werden Freunde. Es ge- lingt, das Mißtrauen— die hohe Mauer, die diese Zeit zwischen Mensch und Mensch errichtet hat— zu überwinden.; Ich bringe keinen Sprengstoff in die Anstalt. Ich versuche nur das Ge- bot, nach dem jede Seele in diesem erbarmungslosen Lande lechzt, zu er- füllen: das Gebot der Menschlichkeit. Und doch ist das Vertrauen, das mir in immer steigendem Maße auch von den Chefs der Anstalten entgegengebracht wird, oft für mich be- drückend. Ich muß ihnen gegenüber unwahr sein, um im Verborgenen Gutes zu tun. Wie vielen anderen wird es auch so ergehen? Allen denen, die nicht träge sagen:„Wir müssen ja, sonst———" Es gibt Stunden, in denen die Last der Unwahrheit, die um einer guten Tat-willen geübt werden muß, mich zu Boden drückt. Aber dann wieder steht das Wort, das einst mein Vater uns aus dem Jakobusbrief vorgelesen hat, wegweisend vor mir:„Denn wer da weiß, Gutes zu tun und tut’s nicht, dem ist Sünde”. Wir gehen über ausgefahrene Wege. Der Lehm klebt an den Schuhen. Die Erde ist braun. Es rinnt vom Himmel. In diesem Jahr wird es sehr früh Herbst; auf den tiefliegenden Wiesen dampft nasser Nebel. Über den Wolken surrt es. Die Sirene hat getutet, als unser Zug. auf der kleinen. - Station angekommen ist.; „Wie weit ist es noch?‘ frage ich den Pfarrer. Wir tragen schwere Mappen. Ei durch Himm W ich x imme stellu Im svollen der ,, In Frieren Len die ruhigen er auch r; jede alt, die ten sie e: ,, Der nichts. erüchte Wahren auch Es geMensch das GeT zu erBe auch ich beorgenen denen, er guten wieder gelesen ' s nicht, Schuhen. es sehr ber den kleinen schwere An einer Kreuzung steht endlich ein Wegweiser, ein gelbes Schild mit schwarzer Beschriftung: Nach Himmelmoor. - Überall im Land ist braune Erde nicht nur auf Schülp! Auch das Zuchthaus Rendsburg hat ein Außenkommando im Moor. Die Spur des Wagens verwischt sich. Wir kommen an eine Schiene. Da steht die letzte Kate der Ortschaft. Hinter dem Fenster sitzt ein Mann und raucht die Pfeife. ,, Wie weit ist es noch bis Himmelmoor?" Er kommt näher an die Scheibe heran und faßt langsam nach dem Griff. Nur widerwillig öffnet er auf einen Spalt. ,, Nach Himmelmoor?" kommt es gedehnt durch das Fenster. ,, Das ist noch weit, und dann bei dem Wetter!" - Wir gehen über die Schiene. Zu beiden Seiten klumpt sich der feuchte, braune Lehm. Ich bleibe stehen. Immer ist etwas mit meinen Schuhen. Das schwarze Paar muß besohlt werden, darum trage ich heute die braunen. Aber darin sind die Nägel zu tief geschlagen. Ich setze die Tasche nieder. Der Pfarrer dreht sich um. ,, Wieder Nägel?" Ein Stein wird gesucht. Das Hämmern auf der Schuhsohle klingt hohl durch die tiefe Stille des Sonntagmittags. Träge kommt der Regen vom Himmel, die unersättliche braune Erde saugt die Fäden begierig auf. Wir gehen von der Schiene herunter, denn mir wird schwindlig, wenn ich von einer Bohle zur anderen trete immer der gleiche Abstand, immer in derselben Richtung ohne Ziel, oder doch nur in der Vorstellung: irgendwo müssen ja Schienen und braune Erde zu Ende sein. - - Im Morast haben sich große Lachen gebildet. Wir springen von einer zur anderen. In den Gräben sammelt sich Wasser. Das Grau des Himmels, das feuchte Grün der Wiesen und der braune Morast, in die die Schienen nur gelegt zu sein scheinen, um uns noch tiefer hineinzulocken, nehmen mir den Atem. Wieder fühle ich, daß in der Luft ein Geruch vom Sterben mehr ein qualist. Nicht der Leichengeruch einer brennenden Stadt volles Warten, ein langsames Dahinsiechen. - Aber was sehe ich nur in die Natur hinein! So tief hing der Himmel schon über dem braunen Morast, als ich noch nicht einmal atmete. Und doch ist es so in der Luft ist Warten, Beklommenheit, Sterben. Von der Ferne her dringt ein klägliches Blöken, der gepreßte Jammer eines Wesens, das die Sprache verloren hat. Ich atme auf. ,, Endlich etwas Lebendiges!" Im matten Licht dieses grauen Tages sind auf der Weide die Umrisse einiger Schafe und Lämmer zu erkennen. Wir stapfen und springen weiter. Es trieft an der Tasche herunter; das Brot darin ist gut und trocken. Endlich biegt von der Schiene ein Feldweg ab. Im morastigen Grund sind viele große Fußstapfen; der Umriß von Hacken ist nicht zu erkennen. 155 ,, Holzpantinen", sagt der Pfarrer. Wir gehen den Spuren nach. Der Weg führt über eine feuchte Weide, da verliert sich die Spur. Doch hinter einem Knick fängt sie wieder an, und als der Weg noch einmal eine Biegung gemacht hat, stehen wir am Rande einer spärlichen Reihe von leuchtendweiß. Tannen. Dahinter blinkt es auf ,, Wir haben uns verlaufen!" - ,, Altes Fachwerk", ruft der Pfarrer. ,, Lassen Sie uns sehen." In etwa fünfzig Meter Abstand voneinander liegen zwei Bauernhöfe. Alt müssen sie sein, und doch sind sie wohlerhalten. Durch die frisch weißgekalkte Wand zieht sich braunes Fachwerk. Das Strohdach liegt tief darüber. Unter dem Giebel entdecken wir eingeschnitzt in das Fachwerk eine Jahreszahl. Wir können sie kaum entziffern im rinnenden Regen. Erst als wir die Hände rund machen und wie ein Fernrohr vor das Auge halten, lesen wir: Anno 1815. ,, Freiheitskriege!" sage ich zum Pfarrer. ,, Sehen Sie die Sonnenuhr darunter!" Der Pfarrer zeigt auf einen etwas verwitterten Kreis, der, aus Holzbälkchen bestehend, in die weißgekalkte Wand eingelassen worden ist. In einem breiten Querbalken ist eingeschnitzt: ,, Mach es wie diese Sonnenuhr! Zähl die heiteren Stunden nur!" ,, Heitere Stunden zählen im toten Moor", meint der Pfarrer. ,, Wieviele mögen es gewesen sein seit 1815?" ,, Niemand zählt sie mehr. Die Bauernhäuser sind unbewohnt. Aber sicherlich stehen sie wegen des alten Fachwerks und des schönen Spruches unter Denkmalschutz." Wir treten noch näher hinzu. Fast haben wir beide vergessen, warum wir ins Moor gegangen sind. Aber da fahre ich zurück: ,, Sehen Sie. nur!" Hinter den Fenstern sind Gitter. Statt nach außen hat man sie nach innen gebaut. Ein Strafgefangenenkommando in diesem alten, schönen Bauernhof? Ungläubig schüttelt der Pfarrer den Kopf. Wir gehen auf die behäbig einladende Tür zu. Wir suchen den Klingelzug; vergeblich! ,, Also doch unbewohnt!" Wir drücken die Klinke herunter, aber die Tür ist verschlossen. Nun trommeln wir mit den Fäusten, dumpf schallt es aus dem Innern zurück. Die Diele hinter der Tür muß groß und leer sein. Da gehen wir um den Bauernhof herum. Wir drücken Klinken herunter, aber keine gibt nach. Die Stallungen sind geräumig gebaut, das Dach liegt höher als im Wohnhaus. Wir stemmen uns gegen das eiserne Tor. Es ist verschlossen, aber aus dem Innern kommt eine Stimme in gebrochenem Deutsch: ,, Wollt ihr zu uns?" ,, Wir sind es, Kameraden", antwortet der Pfarrer auf norwegisch. ,, Vorne schlafen sie zu Mittag. Ihr müßt rufen", klingt es zurück, hohl, als komme die Antwort aus dem Grab. 156 Wir hauses. Wir fa werfen. mißmut Die nicht, d ich nur zu wac ,, Ich gottver Er es ist l dunkel im Win Dämme Plöt trappel Stimme Postkan Mantel Ich fangene Der darüber das Da kleine trübe L mes tre Es mög ,, Las Der Klopfer herunte der Bir vergeht ,, Es gegen. vier St einande geknote tropf Der hinter e Biee von nhöfe. frisch gt tief hwerk n. Erst halten, etwas kalkte eingenur!" ieviele Aber ruches warum en Sie. e nach chönen auf die ! ber die schallt er sein. en herut, das eiserne in geWir rufen. Wir drücken das Gesicht gegen die Scheiben des Wohnhauses. Nichts regt sich. Die großen Stuben im Erdgeschoß stehen leer. Wir fangen an, Steine gegen die Fenster des ausgebauten Giebels zu werfen. Da endlich nähern sich schlurfende Schritte. ,, Wer da?" ruft eine miẞmutige Stimme. Die Tür öffnet sich, der Grüne ist verwirrt. Den Pfarrer beachtet er nicht, der ist Norweger. Aber ich, die Deutsche, bin von der Polizei! Wenn ich nun dem Chef der Rendsburger Anstalt berichte, daß er schläft, statt zu wachen? ,, Ich war oben bei den Büchern", stottert er dienstbeflissen. ,, In dies gottverdammte Nest kommt sonst nur einmal im Monat der Chef." Er reißt die Tür zum Wohnzimmer auf. Darin ist Platz für viele, aber es ist leer. Stimme und Schritte hallen über den Boden. Nur ein gewaltiger, dunkelgrüner Kachelofen steht in der Mitte der Stube; früher haben sich im Winter die Kinder darum gehockt, und die Alten haben ihnen in der Dämmerung Märchen erzählt. Plötzlich weiß ich, warum keine Kinderfüße mehr über die Diele trappeln, warum die Wohnstuben im Fachwerkhaus leerstehen, warum Stimme und Schritte hallen neben dem Kamin ist mit Heftzwecken eine Postkarte an die Wand gepinnt: das Bild eines Mannes mit aufgeschlagenem Mantelkragen, die Arme verschränkt. Starre Augen blicken mich an - Ich drehe mich um zu dem Grünen. ,, Führen Sie uns zu den Gefangenen!" Der Steinboden ist feucht im Stall. Es ist ein einziger, großer Raum, darüber der Dachfirst. Grobbehauene Holzpfeiler führen hinauf und stützen das Dach ab. In der Mitte des Stalles hängt an einer langen Schnur eine kleine Glühbirne. Durch die vergitterten, schmutzigen Scheiben dringt das trübe Licht eines Regentages herein. Wie verloren in der Weite des Raumes treten zerlumpte Gestalten aus dem Dunkel des Stalles näher herzu. Es mögen etwa zwanzig sein. ,, Lassen Sie uns allein!" Der Grüne zieht sich eilfertig zurück. ,, Ich muß Sie mit einschließen. Klopfen Sie gegen die Tür, wenn Sie wieder rauswollen." Der Hebel rasselt herunter. Noch stehen die Gefangenen unbeweglich im schwachen Schein der Birne, als ob unser Kommen etwas Unwirkliches wäre, das wieder vergeht, wenn eine Stimme die Stille durchbricht. - ,, Es ist Sonntag", sagt der Pfarrer. Da strecken sich uns die Hände entgegen. Das Licht erreicht noch gerade einige Holzbänke. Ein Brett und vier Stöcker das ist der Tisch. Im Halbdunkel stehen Pritschen übereinander getürmt. Von den Pfosten bis zu den Holzpfeilern sind zusammengeknotete Papierbindfäden gespannt. Einiges Zeug hängt darüber. Tropf ch. k, hohl, tropf - es rinnt auf den Steinboden. - 157 ,, Es ist Sonntag", sagt Rolf. ,, Da haben wir Wäsche." Dann krempelt er sich die Jackenärmel herunter:„ Heute ist Feiertag. Der Tag liegt sehr, Ihr seid gekommen!" Er sieht dabei auch mich an. sehr weit zurück, als er zum erstenmal im Besuchszimmer saß und ich sein Gesicht nur im Profil sah. Es war ein hartes Profil. Heute gibt er mir die Hand und sagt: ,, Dank für den letzten Brief." Der Brief war von seiner Mutter, und ich habe nichts anderes getan als ihn gelesen, abgestempelt und weitergeschickt. Sonntag! Sechs Tage haben sie im Graben gestanden und Torf gestochen, geschichtet und verladen. Den siebenten Tag verbringen sie eingeschlossen in einem Stall. Zwanzig Mann zusammengewürfelt aus fünf Nationen. Die geräumige Stube im Haus steht leer. Dort hängt nur ein Bild an der Wand. Verschränkte Arme ein starrer Blick. - - Es ist still. Sie sitzen und warten. Kaum wird es am Tage hell, nur die Birne gibt etwas Licht. Wozu auch? Es gibt keine Bücher hier draußen. Zeile für Nur manchmal ein Brief und den kennen sie auswendig Zeile. Sie waschen die Wäsche in der zinnernen Kumme. Sie liegen auf der Pritsche und starren in den Dachfirst. Die Stunden schleichen und rennen zugleich. Sonntag! Sie sitzen im Stall auf der Holzbank und löffeln die Steckrübensuppe. Sonntag! Nach dem Essen wird die Tür noch einmal aufgeschlossen. Der Grüne reicht ein Messer herein. Dann wird es wieder still. Einer nach dem anderen nimmt am äußersten Ende der Holzbank unter der Birne Platz. für die Gefangenen Das Messer barbiert ihn. Wäsche, Essen, Barbieren ist gesorgt. Die Stimmen sind gedämpft, wenn sie miteinander sprechen. Der Klang verliert sich in dem weiten dunklen Raum, wo nur die Pritsche wie eine Insel steht, auf der es Vergessen gibt. - Die Augen in der Wohnstube starren auch des Nachts, wenn im Stall die Birne verlöscht ist Jetzt sehen Sie ebenso ernst aus wie ich damals, als Sie zum erstenmal zu uns gekommen sind", sagt eine Stimme neben mir. Es ist Rolf, Wir sitzen um den Tisch herum, an dem einen Ende der Pfarrer und an dem anderen ich. Wir sprechen mit den Gefangenen. Manchmal klingt ein Lachen auf, doch es verhallt gespenstisch in der Weite des Stalles. Es wird Sonntag. Priem und Brot wandern von Hand zu Hand. ,, Warum ich eben so ernst war?" wende ich mich an Rolf. ,, Sicher aus einem anderen Grund als Sie damals." Er sieht mich gespannt an, und ich fahre fort: ,, Mir fiel ein Traum ein, den ich einmal gehabt habe. Darin hatte mich ein Kind gefragt: Kannst du dich denn gar nicht mehr freuen?- Ich sann nach und fand vieles, über das ich mich freuen konnte. 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Aber" Die Stimme senkt sich zum Flüstern. ,, Haben Sie den anderen Bauernhof gesehen?" ,, Das alte Fachwerkhaus, das so aussieht wie dieses?" ,, Ja, von außen gleicht es unserem, aber drinnen ,, Wer?" - - ,, Nacht und Nebel!" Und fast unhörbar spricht Rolf weiter - Der Zug rollt zurück durch die dunkle Nacht. Wir haben einen Platz am Fenster bekommen. Das Abteil füllt sich immer mehr; die Menschen schlafen im Stehen. Es hat aufgehört zu regnen. Der Wind fetzt die Wolken auseinander, daß der Mond hervorsieht. Er wirft fahles Licht über die nächtliche Landschaft. Hinter Weiden und Knicks und spärlichen Tannenreihen liegen stille Bauernhöfe verborgen. Altes Fachwerk und eine Sonnenuhr, drinnen aber ein starrer Blick Zwei Bauernhöfe. In dem einen ein Strafgefangenenkommando. In dem anderen französische Juden, die die Gestapo als N.- N.- Gefangene verborgen hält. Sorgfältig hat sie die französischen Kriegsgefangenenläger nach Juden durchsucht und bringt sie in ,, Nacht und Nebel", abgesondert von den anderen Kriegsgefangenen. ,, Seit wann sind sie hier?" habe ich Rolf gefragt. ,, Seit 1940." Ihre Familien sind verschleppt nach dem Osten. Wer wird noch von ihnen am Leben sein? Wen werden sie einst wiederfinden? Werden sie selbst überhaupt jemals die Heimat wiedersehen? Warum hält die Gestapo sie als N.- N.- Gefangene verborgen? Warum geht sie nicht mit ihnen in der gleichen Weise vor wie mit anderen Juden? Unergründlich ist die Gestapo, aber selbst ihre Unergründlichkeit hat System. Drittes Reich steht leer. - Nacht und Nebel. Starre Augen - die Wohnstube Der Wind peitscht die Wolken über den Mond; es wird dunkel. Wir nähern uns der Stadt. Scheinwerfer beginnen sich milchig über die Wolkendecke zu legen. Die Räder rumpeln und ächzen. Neben mir weint ein Kind: ,, Mutter, ich habe Angst. Wann sind wir zu Hause?" ,, 1943 bringt uns die Freiheit!" hat Björn am letzten Tage des vergangenen Jahres geschrieben. Jedesmal, wenn unser Zug über die Rendsburger Brücke kommt, denke ich daran. Wie lange ist es schon wieder her, seit ich aus dem brennenden Hamburg in der rußgeschwärzten Wind159 11 jacke nach Norden gefahren bin! Die Räder hatten gesungen: Wochen", dann wurden es ,, Monate", und zuletzt meinte ich, aus ihrem Singsang herauszuhören: ,, Jahre, vielleicht noch Jahre Während der Fahrt sehe ich kaum auf. Ich lese Briefe. Ich nutze jede Minute. Denn sie warten, und die Tage zwischen zwei Fahrten sind kurz. Die Notizen im Bestellbuch sind lang! Erst wenn wir ,, steigen" und das Eisen der Brücke unter dem Zug dumpf aufhallt, lege ich die Arbeit zusammen. ,, Zehn Uhr", sagt der Pfarrer. Die Hände ordnen die Briefe und pressen sie in das letzte freie Eckchen der Tasche. Die Augen sehen hinaus der Kanal liegt im leuchtenden, frühherbstlichen Blau des Septembers. Zwei Atemzüge weiter schlingt sich die hohe, gelbe Mauer um eine Kette von schwarzen, sich vorwärtsbewegenden Punkten. ,, Wir kommen!" singen die Räder. Mit Koffern und Mappen bahnen wir uns den Weg durch den Gang. ,, Zu Willi oder zu Kolp?" ,, Zu Willi." Bevor wir ins Zuchthaus gehen, trinken wir eine Tasse Kaffee. Wir brauchen diese Viertelstunde. Willi ist Kellner im Bahnhofsrestaurant. Daß er Willi heißt, wissen wir von ihm selbst. Manchmal wird er nämlich gesprächig, und wenn es am Nebentisch vor sich geht, hören wir mehr oder weniger unfreiwillig zu. ,, Als ich noch im Zuchthaus Fuhlsbüttel Dienst machte---", so fangen alle seine Geschichten an. Er ist dort Hilfswachtmeister gewesen. ,, Zu Kolp!" sage ich, als der Pfarrer mich das nächstemal fragt. Kolp sieht uns schief an, als wir mit ,, Guten Tag" hereinkommen. Er hebt den Arm und antwortet mit Entschlossenheit: ,, Heil Hitler!" So bleibt es doch meistens bei Willi. Einmal in der Woche ist aber das Restaurant im Bahnhof geschlossen. Wenn wir tagsüber im Zuchthaus nichts gegessen haben, treibt uns abends eben vor Abgang des Zuges noch der Hunger zu Kolp. Dort gibt es Bratkartoffeln gebräunt in Kaffeersatz, und kleine Fische in sauer. ,, Die Bratkartoffeln sind wie Kolp selbst", flüstere ich dem Pfarrer zu. ,, Schön braun. Aber nur Farbe, kein Gehalt!" ,, Und von den Fischen verstehe ich als Norweger etwas", sagt der Pfarrer. Er schiebt sie mit der Gabel beiseite. Sie sehen aus wie Stichlinge." Wenn wir morgens in dem von Dünnbier und schlechtem Tabak erfüllten Dunst des Restaurants sitzen, bietet sich Kolp oder Willi stets das gleiche Bild. Der lauwarme Kaffee vor uns bleibt stehen und wird kalt. Wir unterhalten uns leise. Offenbar scheinen Willi und Kolp es nicht ganz in der Ordnung zu finden, daß wir eine fremde Sprache sprechen. Langsam 160 gehen verste Je würde H" Ja erster worde büttel erhalt führt. Sei es Die S ,, I büttel ben S De setzt begün — es komm fange wegis in ke steht 11 W zurüc ,, D Kaffee Tasse Ich Nein schick leistu wende auf di De Norw Bitte aber halten ..U 11 Hal chen", g here jede kurz. nd das eit zuckchen enden, gt sich rwärtsng. e. Wir sen wir es am llig zu. fangen E. Kolp ebt den ber das chthaus es noch eersatz, selbst", Gehalt!" agt der Lus wie bak ertets das rd kalt. cht ganz Langsam - gehen sie an unserem Tisch vorbei, aber wie sie sich auch mühen sie verstehen nicht, was wir sagen. Jedoch selbst wenn sie verständen, begreifen würden sie nicht! Sie würden nicht einmal erfassen, daß von Gefangenen die Rede ist. ,, Haben Sie für Tarald beantragt?" fragt der Pfarrer. 11 Ja, der Kampf um Taralds Strafaussetzung geht weiter! Schon beim ersten Besuch in Rendsburg bin ich beim Oberinspektor vorstellig geworden. Wenn er geistesgestört ist, wäre er nicht zwei Jahre in Fuhlsbüttel gewesen", wird mir entgegengehalten. ,, Geistesgestörte Gefangene erhalten Strafaussetzung und werden in eine deutsche Heilanstalt überführt." Aber die deutschen Heilanstalten seien überfüllt, wende ich ein. Sei es nicht daher ratsam, ihn in eine Anstalt nach Norwegen zu bringen? Die Seemannsmission sei bereit, alle Kosten zu tragen. - ,, Ich werde dem Chef die Sache vorlegen, aber wenn Zuchthaus Fuhlsbüttel-" Der Oberinspektor zaudert. Zuletzt meint er aber: ,, Schreiben Sie einen Antrag." Der Antrag wird durch viele Hände gehen. Wie? Eine Dolmetscherin setzt sich für einen Gefangenen ein? Wird nicht der Verdacht der Feindbegünstigung auf mich fallen? Unsicherer Boden Vorsicht! Keine Sorge es gilt nur die richtigen Worte zu wählen. Auf die Art der Darstellung kommt es an. - - - möchte ich daher der Anstaltsleitung anheimstellen, diesen Gefangenen in seine Heimat abzuschieben zwecks Überführung in eine norwegische Heilanstalt, da der Aufwand an Kosten für seinen Lebensunterhalt in keinem Verhältnis zu der aus ihm zu erzielenden Arbeitsleistung steht--", halblaut liest der Pfarrer die Abschrift durch. 11 , Wie kalt die deutsche Sprache ist!" Der Pfarrer reicht mir das Blatt zurück. ,, Die deutsche Sprache?" Zerstreut rühre ich mit dem kleinen Löffel im Kaffee. Seit langem schon liegt kein Zuckerstückchen mehr neben der Tasse, aber den Löffel legen sie bei in stumpfer Gewohnheit. - - - Ich nehme den Bogen noch einmal zur Hand. ,, Deutsche Sprache? Nein dies ist die Tarnsprache des Dritten Reiches. Statt zurückschicken abschieben, statt Kräfteverbrauch zu erzielende Arbeitsleistung, ach!" ich werde ungeduldig. ,, Lassen Sie uns das Blatt wenden." Ich nehme den Bleistift und setze seine Spitze erwartungsvoll auf die unbeschriebene Seite: ,, Erst Ihre" - Der Pfarrer nimmt eine dicke Akte hervor. Es sind Briefe an ihn aus Norwegen von den Angehörigen der Gefangenen. Irgendein Anliegen, eine Bitte um Übermittlung einer Nachricht an ihre Söhne und Männer, oder aber angstvolle Rückfragen derer, die seit langem keinen Brief mehr erhalten haben. Name kommt unter Name; die Liste wird lang. - ,, Und nun Ihre", sagt der Pfarrer. 11 Halt Wacht im Dunkel 161 Hinter der vorgehaltenen Hand blättere ich in der Kartothek. Die neu- eingelieferten Gefangenen müssen besucht werden. Name auf Name— hinter jedem Namen ein Schicksal. Hinter jedem Namen eine Familie, die auf die erste Nachricht wartet. „Und nun die Besonderen——. Merkwürdig halbe Sätze. Schon längst beachten uns Kolp oder Willi nicht mehr. 5: Die„Besonderen kommen auf die Liste— Gefangene, die in ihrem Brief an die Angehörigen um einen Besuch vom Pfarrer bitten.„Könnt Ihr nicht an den Pfarrer in Hamburg schreiben, daß er mich besucht—." Es ist eine stillschweigende Vereinbarung zwischen den Gefangenen ünd mir, -daß sie dies nur schreiben, wenn sie etwas Besonderes auf dem Herzen haben. x Zu dieser frühen Vormittagsstunde sind wir im Restaurant die einzigen Gäste. Gelangweilt lehnt Willi am Büfett und gähnt. Unter den Arm hat ‘er sich ein Wischtuch geklemmt, das mich jedesmal an das Halstuch der Gefangenen erinnert. Die weiße Kellnerjacke von Willi ist fleckig und grau, aber immer langt die Kriegsseifenration zu diesem frischgewaschenen Tuch! „Und die Zusammenstellung?” sagt der Pfarrer. Ein neuer Bogen. Es ist nicht damit abgetan, eine Liste der zu be- suchenden Gefangenen aufzustellen. Wir besuchen zwei oder drei Ge- fangene zusammen. Auch hier eine Möglichkeit zur Hilfe! Im Besuchs- zimmer treffen sich Vater und Sohn, die sich seit Monaten, manchmal seit Jahren, nicht wiedergesehen haben; Freunde, die in Einzelhaft sitzen. Wie wollt ihr aber bei den vielen Hunderten wissen, wer mit wem be- sonders befreundet ist? Sagte ich nicht schon, daß ich die Briefe aufmerk- sam lese? Es ist Absicht, daß wir die Gefangenen selbst nicht fragen, mit wem sie das nächstemal im Besuchszimmer zusammentreffen wollen. Wer hören will, errät auch ohne Fragen! Olaf steht auf der Liste, weiter unten. Kristen. a, der zweiten Liste rücken sie nebeneinander.® Das Restaurant ist unter Gleis und Bahnsteig eingebaut. Ein Zug rollt darüber. Uber Tisch und Siühle geht eine zitternde Welle.„Zwanzig nach zehn“, sagt der Pfarrer.„Wir müssen gehen.“: Doch er öffnet noch einmal die Mappe und holt die Akte hervor:„Fast _ vergesse ich die Hauptsache. Wir müssen Frederik besuchen.” Frederik?‘Seit er in Rendsburg ist, haben wir ihn noch nicht wieder- gesehen. Zu viele andere stehen auf der Liste. Frederik ist durch ein Ver- sehen in eine Gemeinschaftszelle gekommen. Die langen Monate der Binzel- haft sind überstanden. Erleichtert habe ich aufgeatmet. Noch steht mir das Gespräch mit dem Chef vom Zuchthaus Fuhlsbüttel in allzu guter. Erinnerung. Als ich ihm vorstelle, daß bei einer noch länger andauernden Die neuame - ilie, die er Willi m ihrem önnt Ihr - Es ind mir, Herzen einzigen Arm hat tuch der kig und aschenen = zu bedrei GeBesuchsmal seit tzen. wem beaufmerkagen, mit en. Wer ten Liste Zug rollt zig nach For: ,, Fast t wiederein Verer Einzelsteht mir zu guter auernden Einzelhaft der Gesundheitszustand Ramms ernstlich gefährdet sei und er mir zur Antwort gibt, daß wir das nur ruhig abwarten wollten. ,, Ist Frederik krank?" ,, Im Gegenteil! Heute kann ich Ihnen etwas sehr Gutes sagen. Ich tat es nicht eher, weil es zu unsicher war, ob mein Vorhaben gelingen würde." Geheimnisvoll reicht mir der Pfarrer einen Brief. Die säuberlichen Schreibmaschinentypen der Perlschrift kenne ich ebenso genau wie die Handschrift der Gefangenen. - ,, und teile ich Ihnen mit", schreibt der Oberinspektor im umständlichen Amtsdeutsch ,,, daß gegenüber Ihrem Antrage, den hier einsitzenden Strafgefangenen Frederik Ramm zum Bibliothekar der von Ihnen eingelieferten norwegischen Bibliothek zu ernennen, keine Bedenken bestehen" Frederik, der Journalist, der schon einmal auf der Nordpolexpedition zusammen mit Amundsen Eis und Schnee überwunden hat, soll zum zweitenmal dem Leben zurückgegeben werden. Zwar ist er nicht frei. Aber die Bücher kommen zu ihm. Nun ist mir nicht mehr bange, daß Frederik die noch vor ihm liegende Zeit der Gefangenschaft gut überstehen wird. Noch einmal wird die Liste vorgenommen. Der Bleistift malt in großen Druckbuchstaben: ,, Frederik". Und rasch füge ich noch einen Namen hinzu: ,, Björn". Kopfschüttelnd beugt sich der Oberinspektor über den Zettel, den ihm ein Wachtmeister hereingebracht hat. Er greift nach einer Akte. Unwillig fragt er uns: ,, Was ist das für ein merkwürdiger Mann, den Sie als Bibliothekar vorgeschlagen haben?" ,, Ein bekannter norwegischer Journalist!. Sie haben mir doch geschrieben, daß Sie mit dem Vorschlag einverstanden seien." ,, Ich - ja", antwortet der Oberinspektor trocken. ,, Aber er nicht. Er hat abgelehnt." Daß Frederik die Arbeit als Bibliothekar ablehnt, ist ebenso unfaßlich, ais wenn ein Gefangener Brot zurückweisen würde. Eine erste Unruhe meldet sich. Fehlt ihm etwas? - Zitternd am ganzen Körper, dünn und abgezehrt, steht er vor uns, als wir ihn wiedersehen. Ich erkenne ihn und kenne ihn doch nicht. Ist das derselbe Mann, den ich in Hamburg sah? Damals trotz langer Gefangenschaft noch der Mann von Welt, der Besuche empfängt, Briefe diktiert, Pläne entwirft heute die gebeugte Gestalt eines Greises. Wie einen dumpfen Schmerz empfinde ich es, als ich bei unserer Begrüßung in seiner Haltung eine stumme Abwehr zu bemerken glaube. Was ist geschehen? Wir sind doch da wir, seine Freunde! - Ich trete auf ihn zu, und bevor ich noch recht überlege, was ich sagen will, habe ich seine Hand ergriffen: ,, Frederik, bist du es?" 11* 163 Es durchfährt mich, daß ich zum erstenmal einen der Gefangenen mit Vornamen und„du‘ anrede. Doch es verwirrt mich nicht. Es macht mich nicht wie ein übereiltes Wort verlegen. Denn das Dunkel dieser Zeit gibt ‘uns die Freiheit, die Gebundenheit der Form zu brechen und die Sprache des Herzens zu sprechen. Frederik ist krank. Seine Augen sind ohne Glanz. Er hustet trocken, er räuspert sich. Er ist so heiser, daß er kaum zu sprechen vermag:„Habt Dank dafür, daß ich Bibliothekar werden soll. Doch es geht nicht. Es würde bedeuten, daß ich.jeden Tag zwei Stockwerke hinauf- und hinunter- gehen müßte. Dazu bin ich zu"schwach——.” Wieder hüstet er. Nür mit Anstrengung spricht er weiter. Etwas von der alten Entschiedenheit klingt durch seine Worte, als er sagt:„Ich bitte nur um eins. Laßt mich dort, wo ich bin.” i Der Pfarrer sieht ihn forschend an:„Dir fehlt etwas, Frederik?" Aber Frederik hebt abwehrend die Hände:„Es ist nichts!”.Und er ver sichert noch einmal, als ob es nicht nur gelte, uns zu überzeugen:„Es ist nichts.“ Ich glaube, Frederik ist sehr krank. Ein Blick des Pfarrers sagt mir, daß er das gleiche denkt. Wir müssen sofort handeln. Zufällig steht. draußen auf dem Gang der Oberinspektor. Wir holen ihn herein. Scham- gefühl steigt in mir auf, als ich Frederik bei seinem Eintreten aufspringen und strammstehen sehe.— Der Oberinspektor setzt sich auf Frederiks Stuhl. Frederik bleibt stehen. Da erhebe ich mich und bitte ihn, in meinem Lehnstuhl_zu sitzen. Der Oberinspektor macht erstaunte Augen, doch er steht sofort auf. x „Sehen Sie, Herr Oberinspektor. Wir haben den Eindruck, daß dieser Mann sehr krank ist. Er muß gründlich untersucht werden.” Der Oberinspektor ist anderer Meinung. Und wie kann es auch anders sein? Er sieht jeden Tag so viele ausgemergelte Menschen, daß er an Frederiks Zustand nichts Auffallendes findet. Er sieht ihn an, klopft ihm auf die Schulter und sagt mit einem leichten Augenzwinkern, als spreche er zu einem Kinde:„Ich weiß, was dir fehlt. Du hast eine häßliche Jacke an. Die Ärmel sind zu kurz, und ein Riß ist darin. Gar kein Anblick für eine Dame. Du gehst jetzt in den Keller und läßt dir eine größere Jacke geben." Jacken, die Risse haben, werden in die Kleiderkammer zur Ausbesserung geschickt.‘Alles hat seine Ordnung. Der Fall ist erledigt. Auch ein freundlicher Oberinspektor hat seine Grenzen!|: Doch Frederik selbst macht es uns schwer, ihm zu helfen. Hustend und mit einer vor Heiserkeit versagenden Stimme versichert er uns, daß er über nichts zu klagen habe.— 164 n mit mich t gibt jrache cken, „Habt ıt.. Es unter- Nur enheit . mich T Ver- ‚Es ist t. mir, steht. ‚cham- ringen .deriks hn, in Augen, dieser anders er an ft ihm preche Jacke ck für Jacke serung ch ein [ustend 1s, daß Unmittelbar nach A Besuch schreiben: wir einen Antrag, worin der Pfarrer um eine gründliche Untersuchung bittet. Frederik ist allein im Zimmer gewesen. Es erscheint uns besser so, als wir vom Oberinspektor hören, daß er nicht Bibliothekar werden will. Nun _ warten wir auf Björn— mein Sorgenkind! Nach dem Wiedersehen mit Frederik überkommt mich bei dem Gedanken an Björn eine seltsame Un- ruhe. Vielleicht ist dieses Vorgefühl schon innere Vorbereitung darauf, daß es nicht anders sein kann. Und wirklich! Björn ist noch dünner geworden. Die Augen haben einen fiebrigen Glanz. Er hustet trocken. Er spricht nur wenig, aber seine Augen sagen:„Endlich! Ich habe lange auf euch gewartet. Aber auch Björn will sich nicht zum Arzt melden. Es ist zu verstehen. Wir sind im Zuchthaus. Abgesehen von’den wenigen Ausnahmen sind für& den Anstaltsarzt die Gefangenen eine Quelle des Ärgers, lebendig ge- wordener Vorwurf, daß sie in der Laufbahn draußen versagten. Meistens sind es Ärzte, die es mit ihrer Unwissenheit bei zivilen Patienten zu bunt getrieben haben und so auf das feste Einkommen vom Reich nicht ver- zichten können. Aber es ist nur das letzte Eisen im Feuer. Welcher An- staltsarzt macht nicht immer wieder den Versuch, sich„draußen“ einen Kreis von: Patienten zu verschaffen! Der Arzt an der Anstalt in Rendsbirg nennt sich„Militärarzt.„Da- mals, als wir noch in Afrika unsere Kolonien hatten, war ich draußen bei- der Tıuppe—.“ Er spricht kurz und abgehackt. Immer noch Soldat! Vielleicht versteht er von Tropenkrankheiten-mehr als von Mangel- erscheinungen infolge Unterernährung. Jedenfalls ist es nicht ratsam, sich im Zuchthaus unnötig oft zum Arzt zu melden. Findet er nichts, so kann es mit Arrest enden. Zuletzt be- komme ich aber Björn so weit, daß er es mir in die Hand verspricht, zur Untersuchung zu gehen. Als wir vierzehn Tage später wieder in Rendsburg sind, kommt uns schon auf dem niedrig gewölbten Gang der Oberinspektor entgegen:„Sie haben recht gehabt. Es lag doch nicht an der Jacke." Schwanzwedelnd beschnuppert uns Greif, ruhig wie immer. Was ist Besonderes geschehen? Einer der norwegischen Gefangenen hat Tuberkulose bekommen. Wer weiß draußen, wo der Schlachtenlärm das Stöhnen derer, die auf dem„Felde der Ehre” fallen, überdonnert, von dem_stillen Kampf eines Gefangenen hinter Mauern, der nicht krank sein will, weil er weiß, daß die Zukunft ihn rufen wird. Ihn, den Soldaten des Friedens. Ihn, der sich zu den wenigen zählen darf, die rechtzeitig er- kannten und mahnend ihre‘Stimmen erhoben Be „Übrigens“, fährt der Oberinspektor fort,„kam gleichzeitig mit Ramm noch ein anderer norwegischer Strafgefangener auf das Lazarett. Auch Tuberkulose. Sie liegen zusammen.”; Es ist gut, daß es auf dem Gang halb dunkel ist. Meine Augen machen mir zu schaffen. Die große steile Kinderhandschrift hat sich mir in die Seele geschrieben:—„Mach Dir keine Sorgen um mich,:Mama!"— _ Frederiks Krankenlager beginnt. Björns Tuberkulose ist noch im An- fangsstadium. Er wird Frederiks treuer Zellenkamerad. Sind wir in Rends- burg, so gilt unser erster Gang dem Lazarett.: Anfangs will Frederik nicht, daß wir zu ihm kommen. Er betritt das Besuchszimmer, auf Björn gestützt.„Ich werde wieder gesund", sagt er. Doch es geht immer langsamer. Schon bald müssen wir zu ihm an das Krankenbett gehen. Vor jeder Reise sehe ich die Briefe, die ich zur Zensur geschickt be- kommen habe, durch. Vielleicht ein Brief für Frederik oder Björn? Der Pfarrer beantragt die Sendung von Paketen. Aber auch für Kranke wird es nicht genehmigt.„Das Reglement———.” Wir bringen ihnen mit, soviel wir können. Wir ziehen mit Koffern über Treppen und Brücken zum ersten Stock in das Lazarett. „Von meinem Luftschutzgepäck trenne ich mich nie” sage ich zu den Grünen, wenn sie befremdet unsere Lasten betrachten. i . Nie sage ich es vergebens. Sie werden lebhaft und fragen:„Auch aus- gebombt?'"' Denn in’ dieser friedlichen, kleinen Stadt lebt die Vorstellung, daß man nicht Hamburger sein kann, ohne alles verloren zu haben. Meine Mutter backt Kuchen.„Weißt du, so einen, wie wir ihn zum Geburtstag bekamen." Die Zutaten’ sind nicht mehr so gut wie damals, aber der Kuchen wird mit derselben Liebe gebacken, als sei er für die eigenen Söhne, die nun nur Jahr für Jahr wenige Tage auf Urlaub zu Hause sind. i. Am liebsten möchte Björn Obst haben. Das ist schwer zu beschaffen. Wie froh bin ich, als mich eines Tages der Oberinspektor geheimnisvoll zur Seite nimmt und mir einen Korb voll Äpfel schenkt. „Aus dem eigenen Garten—, sagt er freundlich.„Für Sie. Ich weiß ja, ihr in der Stadt———. 3 „Wer noch so froh aussieht wie Sie—'‘, sagt der Sanitäter etwas gräm- lich, als er die Tür der Krankenzelle wieder hinter uns schließt. Doch eins können wir ihnen nicht geben— die Freiheit! Sie ist es, nach der sich Frederik und Björn am meisten sehnen. Und vielleicht— vielleicht———! Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Das Reglement er- laubt zwar nicht, Kranken Lebensmittel und Apfel zu bringen. Es enthält aber eine Verfügung:„Für an Tuberkulose erkrankte Strafgefangene kann Straf- aussetzung beantragt werden.” Allerdings sollen sie einer deutschen Heil- 166 ZZ Ramm Auch machen in die m AnRendsitt das agt er. an das ckt beKranke n über zu den ch austellung, in zum damals, für die aub zu chaffen. mnisvoll ch weiß s grämist es, eicht - ent ermält aber n Strafen Heilanstalt überwiesen werden, doch gelingt es, die Generalstaatsanwaltschaft zu überzeugen, daß es während des Krieges ,, ratsamer sei, die ohnehin schon überlaufenen deutschen Heilanstalten nicht noch unnötig mehr zu belasten, sondern die Norweger in die Heimat abzuschieben." Anträge auf Strafaussetzung sind eingereicht. Aber der Weg ist weit und der Amtsschimmel zäh und träge. - Wir versuchen, unseren Freunden wenigstens einen Teil der Güte zu erweisen, die sie erfahren hätten, könnten sie nur zu Hause sein. Und. dennoch die Tage, die sie verlassen in der Zelle liegen, sind lang. Der September vergeht in goldener Bläue. Sie zählen Stunde um Stunde die Schläge der Turmuhr. Vom Kieler Kanal tönen die Schiffspfeifen zu ihnen herüber. ,, Sie fahren noch Norden", sagt Björn. Die Schiffspfeifen verklingen in der Ferne, nur die Schläge der Uhr begleiten sie Tag und Nacht. Wenn Björn morgens den Zug über die Rendsburger Brücke donnern hört, stellt er sich ans Fenster und hält eine halbe Stunde lang ,, Wache". Jedesmal, wenn sich das schwere eiserne Tor öffnet und Björn sich voller Spannung vorbeugt, um hinüber zum Eingang zu sehen, fragt Frederik: ,, Kommen sie?" Wenn wir gegen halb elf auf den Hof treten, geht unser Blick zum ersten Stock. Strahlende Augen hinter einem vergitterten Fenster. Björn winkt uns zu. Da wir keine Hand frei haben, schwenken wir ein wenig die schweren Koffer und Mappen. Das ist unser Gruß. Wir brauchen noch nicht einmal zu befürchten, daß die vielen unsichtbaren Augen des Zuchthauses bemerken, wem er gilt. Denn unter dem Lazarett sitzt die Verwaltung, vorne am Pult der alte Justizsekretär, der zuständig ist für die Briefe der Gefangenen. Er fühlt sich mir daher besonders verbunden und kann es sich gar nicht anders denken, als daß wir ihm zunicken. Er erhebt sich dann, mit ihm das Personal. Halb zum Fenster gewendet, die linke Hand auf der Lehne, heben sie den rechten Arm zum Deutschen Gruß! Ich glaube, dem nichtsahnenden Björn wird es warm ums Herz, wenn er in unsere lachenden Gesichter sieht! Björn pflegt Frederik, wie ein Sohn seinen Vater nicht besser zu pflegen vermag. Doch die Zellenluft ist schlecht. Und die Krankenkost? Ein halber Liter Milch täglich. Sie erhalten auch einen halben Liter Suppe mehr. Oder ist es sogar ein ganzer Liter? Wasser und Kohlblätter! Doch im Spind, hinter der Essenschale versteckt, steht die gelbe Dose! Sie kam von ,, draußen", mit Schokolade gefüllt. Nie wird sie leer! Immer kommt etwas zur rechten Zeit, als ob die ganze Welt weiß, daß wir in diesen Wochen besonders viel gute Dinge brauchen. 167 Ein Päckchen aus Dänemark Schokolade! Ein Brief dabei: ,, Hier wird sie knapp, aber gerade heute habe ich zufällig welche bekommen. Du sollst sie haben." Für den nächsten Tag ist eine Reise nach Rendsburg geplant. Je mehr ich mit meiner Arbeit verwachse, je größere Forderungen sie an mich stellt, desto häufiger ereignet sich das, was mir anfangs als Zufall, aber im Laufe der Zeit wie wundersame Fügung erscheint. Es ist, als ob wir, haben wir nur einmal eine bestimmte Richtung gewählt, durch unsichtbare Hände geschoben werden. Die Hilfe, die wir anderen bringen wollen, wird uns selbst zuteil. So ist sie nur ein Weitergeben. Immer mehr richten sich Frederiks Gedanken auf das, was kommen muẞ. Zwischen Leben und Tod beginnt ein Kampf. Zum erstenmal erlebe ich aus unmittelbarer Nähe, wie schwer das Sterben ist. Ich bin selbst noch jung. Das Leben steht mir auch in dieser Zeit, in der in der Luft das Sterben ist oder vielleicht gerade deswegen so viel näher. Oft verstumme ich daher, wenn der Pfarrer mit Björn spricht und ich an Frederiks Bett sitze. - Ich rechte mit dem Schicksal, das uns einen Kämpfer des Friedens entreißen will. Wir können keinen einzigen mehr entbehren! Zu viele sind schon von uns gegangen. Frederik scheint meine Gedanken zu lesen, denn aus tiefem Schweigen heraus sagt er: ,, Du glaubst also nicht, daß ich nach Hause komme?" Ich zögere mit der Antwort. Dann sage ich: ,, Ich hoffe es, Frederik. Es warten noch viele Aufgaben auf dich." Und in einem plötzlichen Vertrauen fahre ich fort: ,, Manchmal fürchte ich mich vor dem Tag, an dem der Bann, der über diesem Land liegt, gebrochen ist!" Ich sehe zum Fenster, vor dessen Gitter Nebel liegt. Es wird Herbst. Frederik sieht mich unverwandt an. ,, Warum zweifelst gerade du?" Er richtet sich auf. ,, Wenn der Tag gekommen ist, steht ihr nicht allein. Wir sind da. Wir werden euch helfen, den Frieden zu gewinnen, obgleich--" Ein Hustenanfall unterbricht ihn. Er greift nach einem Tuch, es ist voller Blutflecken. Er spricht nicht mehr viel. Er scheint meine Anwesenheit vergessen zu haben, denn er sagt wie zu sich selber:„ Könnte ich nur noch einmal Eva und die Kinder wiedersehen" Er ist weit fort von hier und doch so gebunden an diese Zelle. Ich sehe mich um, als ob das Gefühl der Verlassenheit, das über mich kriecht, nach einem Gegenstand sucht, der Trost zu spenden vermag. Da ist das Spind. Daneben steht auf dem vom vielen Feulen stumpf und rissig gewordenen Linoleumboden die Essenschale. Sie ist noch halbvoll. Der Holzlöffel liegt festgetrocknet in einem grauen, unbestimmbaren Brei. Wie schlecht muß es mit einem Gefangenen stehen, wenn er die Schale nicht leer iẞt! 168 war fang einig lasse Fred dank daß traut Je stach zoge liege E folge ., E In einer Frede scho Besu starr Angs Fr daran Obgl Wass schüt nehm Bleist habe Та sind zelle träge sie la lange W bilder sind r wird n. Du dsburg en sie Zufall, als ob ch unringen ommen erlebe selbst uft das ft verederiks ns entLe sind , denn hnach ederik. n Vern dem erbst. u?" Er n. Wir I nicht enn er Kinder Hen an r mich ag. Da rissig 1. Der i. Wie e nicht - Vier eiserne Bettstellen sind in der Zelle, an jeder Wand zwei. Anfangs war noch außer Björn und Frederik ein Dritter da ein deutscher Gefangener. Nur wenige Wochen lang. Wir gaben ihm die Hand, wechselten einige Worte mit ihm, aber dennoch stand seine Pritsche wie eine verlassene Insel an der stahlblau getünchten Wand. Wenn wir uns mit Frederik oder Björn unterhielten, war ich oft im Untergrund meiner Gedanken bei diesem Dritten. Irgendwie schmerzte mich die Vorstellung, daß der Deutsche sich doppelt allein fühlen mußte, wenn er sah, wie vertraut wir mit den beiden Norwegern waren. Jetzt ist der blaugewürfelte Bezug von jener Bettstelle entfernt. Einige stachlige Strohhalme stechen aus der schmalen, mit Sackleinwand bezogenen Matratze. Zwei dünne, säuberlich gefaltete graue Wolldecken liegen am Fußende. Es ist still neben mir. Der Hustenanfall ist vorüber. Frederiks Augen folgen meinem Blick. ,, Gestorben?" Er nickt. In das Gefühl meiner Machtlosigkeit mischt sich Scham. Wieder ist einer einsam gestorben, ohne daß wir seiner gedachten. Unser Gruß galt Frederik und Björn, wenn wir zum Fenster hinaufwinkten. Was bedeuteten schon der Händedruck und die paar freundlichen Worte, die während des Besuches bei den beiden anderen für den Dritten abfielen? Noch immer starre ich auf die leere Bettstelle, über der, wie mir scheinen will, sich Angst, Verzweiflung und Alleinsein ballen. Frederik macht einen Versuch, zu sprechen. Der Husten hindert ihn daran. Er hebt die Hand und zeigt auf das eiserne Tischchen neben sich. Obgleich es mir zunächst steht, entdecke ich es erst jetzt, darauf ein Glas Wasser und ein Arzneifläschchen. Soll ich ihm die Tropfen reichen? Er schüttelt den Kopf. Seine Augen weisen auf ein aufgeschlagenes Buch. Ich nehme es zur Hand, es ist das neue Testament. Zwei Zeilen sind dünn mit Bleistift unterstrichen: ,, In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." - Tage und Wochen vergehen. Es fällt noch keine Entscheidung. Wir sind weit im Oktober. Draußen regnet und stürmt es in der Krankenzelle steht es schlecht. Die Anträge auf Strafaussetzung schleppen sich träge weiter. Sie bleiben auf jeder Dienststelle erst einmal liegen. Oder sie laufen verkehrt, dann müssen sie zurückgereicht werden. Wieder tagelange Verzögerung. Wir bitten den Oberinspektor um die Genehmigung, schon jetzt Paẞbilder von Frederik und Björn anzufertigen. Er kommt uns entgegen. Wir sind ihm dankbar, denn es bedeutet, daß wir, liegt die Strafaussetzung 169 1 endlich vor, nicht noch drei Tage länger warten müssen. Ja, wir rechnen schon mit Tagen! Wir müssen Frederik stützen, als er photographiert wird. Es wird November. Ich bekomme aus Berlin einen Brief, Hotel Bristol als Absender. Kein Name. Der Brief ist Dänisch geschrieben, die Unter- schrift nur gekritzelt.-„Versuchen'Sie, alles für Frederik zu tun. Sagen Sie, daß seine dänischen Freunde sich für ihn in Berlin an höchster Stelle verwenden." Ein Paket folgt. Am nächsten Tag geht es wieder nach Rendsburg. Frederik lächelt schwach, als ich den Brief vorlese.„Ach.— die höchste Stelle!“ i Dann rafft er sich auf, doch Husten und Heiserkeit sind stärker. Im Gesicht zuckt es, als müsse er etwas sagen, was ihn bedrängt. Stockend beginnt er endlich:„Ich: habe über deine Worte nachgedacht, über deine Angst vor dem Tage, an dem der Bann gebrochen ist und die Abrechnung kommt. Ich weiß auch, was du befürchtest. Du fürchtest den Haß! Denn Haß wird neuen Unfrieden schaffen— und wir brauchen. Frieden.” Die Stimme wird ruhiger:„Frieden!” Er zeigt auf den Brief, den ich noch in der Hand halte, und sagt leise:„Habe ich dir erzählt, wie ich mit Dänemark Freund wurde?“: „Warst du es nicht immer?": Durch das heisere Räuspern klingt es beinahe wie ein Lachen.„Nein, ich war sogar einmal der unfriedlichste Mensch, den du’'dir denken kannst. Lange Zeit stand ich mit Dänemark auf Kriegsfuß. Es ging um den Besitz Grönlands. In Zeitungsartikeln, in öffentlichen Reden, bei jeder Gelegen- heit griff ich Dänemark an. Ich vertrat die Ansicht, daß auch Norwegen ein Recht auf Grönland habe. Bald aber wurde es so—, Frederik sieht auf die stahlblau getünchte Wand,„daß es mir weniger um die Sache selbst als um den Streit ging. Ich ereiferte mich und wurde ungerecht.” Frederiks Stimme ist jetzt so klar, wie ich sie seit vielen Monaten nicht gehört habe. „Eines Tages nun,” fährt er fort,„vollzog sich in mir eine Wandlung. Ich erkannte, daß es Dinge gibt, um die es sich mehr zu kämpfen verlohnt. Ich sah, wie weit wir im Völkerleben vom Frieden entfernt sind. Ja, hatte ich nicht auch dazu beigetragen,.den Unfrieden noch zu vergrößern!— Ich reiste nach Dänemark. In der kleinen Stadt Odense schloß ich Frieden mit mir und der Welt. Auf einer Versammlung bekannte ich vor drei- tausend Dänen den Irrtum, in dem ich bis. jetzt ge hatte und— ich wurde verstanden!“ Frederik wendet den Kopf zu mir hin und sagt mit Eindringlichkeit: „Ich glaube, gerade im Völkerleben sollten wir viel mehr den Mut zeigen, Bias jener Unrecht zu bekennen. Und-die, welche dann immer noch hassen, sollten denen, die zur Sühne bereit sind, auf halbem Wege ent- gegenkommen.“:{ 170 D waru uns( Wird erslic echnen rt wird. 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Ein ganzes Leben gehört dazu." ,, Du mußt darum kämpfen jeden einzigen Tag!" - Habe ich diese Worte nicht schon einmal gehört? Der Mensch, der sie mir sagte, muß mir nahestehen, denn sie haben sich mir eingeprägt. Frederiks Gesicht ist wächsern. Er hat zu lange gesprochen. Tiefe Schatten sind unter den Augen. Vom Turm her schlägt eine Uhr. Es wird still in der Zelle. Auch Björn und der Pfarrer schweigen. Wir zählen die Schläge. Als der elfte verhallt, geht durch die Zelle eine Ahnung, daß wir das letztemal beieinander sind. Das vergangene Jahrzehnt hat uns das Abschiednehmen und das Auseinandergehen fürchten gelehrt. Nie werde ich sie vergessen können jene Augenblicke, die zu Marksteinen werden. Bahnhöfe tauchen vor mir auf, die von lärmendem Leben und Braunhemden erfüllt sind. Irgendwo vor dem langen Zug ein verstohlener letzter Händedruck. Ein Veilchenstrauß, die Stimme meines Bruders, der unseren jüdischen Freunden, die die Heimat verlassen müssen, Heines Worte zum Abschied sagt: ,, Anfangs wollt' ich fast verzagen, und ich glaubt, ich trüg' es nie. Und ich hab' es doch getragen, aber fragt mich nur nicht, wie Und die Bahnhöfe werden dunkler. Es ist Krieg. Das lärmende Leben wandelt sich in gespenstisches Treiben. Graue Uniformen, fahle Gesichter. Kaum erkennen wir noch einander. Wir nehmen Abschied von meinen Brüdern. Zum letztenmal? Gibt es ein Wiedersehen? Der Zug rollt aus der summenden, finsteren Halle. Wir sind allein Im Herzen ist Bitternis. Diese Zeit trennt nicht nur, sie nimmt uns einen nach dem anderen. Sie nimmt uns die, die wir lieben. Warum muß es so sein? Warum? Frederik nimmt meine Hand: ,, Heute frage ich nicht mehr, wann ich nach Hause komme. Es liegt.in Gottes Hand." Er bittet mich, seiner Frau zu schreiben. Auch der Pfarrer muß es ihm versprechen. Wir wissen, es ist der Abschied! Zum letztenmal reiche ich Frederik die Hand. Er dankt mir für das, was ich für ihn getan habe. Doch ich finde, ich muß danken. 171 In der Zelle ist Frieden Vernunft. - der Friede, welcher höher ist denn alle Der Pfarrer spricht noch einige Worte mit Frederik. Björn blickt erwartungsvoll zu mir herüber. Noch einmal trete ich an sein Bett. Er beugt sich vor und greift in den Spind. Dann hält er etwas Gelbes in der Hand. Es ist die Dose. Er öffnet sie. ,, Ich möchte dir etwas schenken," sagt er. ,, Zum Abschied-!" Da nehme ich ein Stückchen Schokolade heraus. Wir wenden uns zum Gehen. An der Tür noch ein letzter Blick. ,, Auf Wiedersehen", sagt Björn, ,, in Norwegen!" Abends um sieben ist ,, Einschluß". Das Licht geht aus. Schlüsselgerassel auf dem Gang. ,, Ablösung", ruft ein Grüner dem anderen zu. Tag- und Nachtwache wechseln. Wir müssen gehen, denn die wenigen Türen, die tagsüber offen sind, werden nachts wie die anderen verschlossen. Wir gehen mit dem Oberinspektor über den dunklen Hof. Ich sehe noch einmal zurück zu den vergitterten Fenstern. Ein schwacher Schimmer spiegelt sich darin. Weit hinter der Mauer, unsichtbar uns, die auf den holprigen Steinen den Weg zum Ausgang suchen, wird es licht. Im milden Glanz geht der Mond auf. Hinter den Fenstern hören sie unseren Schritt, der am Tor zwischen drinnen und draußen verstummt. Die Klappe springt auf. Der Oberinspektor gibt die Parole. Das schwere Eisen weicht zur Seite. Wir passieren das Pförtnerhäuschen. Das zweite Tor öffnet sich. Wir sind draußen. 11 ,, Ein langer Tag", sagt der Oberinspektor. Und für Sie noch ein weiter Weg." Vor einer guẞeisernen Gartenpforte am Wege hält er an: ,, Komm, Greif, wir sind da. Wir sind zu Hause!" Verlegen hebt er den Arm. Halb der ,, Deutsche Gruẞ", halb ein Tippen an die Krempe des kleines Jägerhutes. ,, Dann gute Nacht!" ,, Gute Nacht!" Wir gehen nicht zu Willi und nicht zu Kolp. Schweigend stehen wir auf dem Bahnhof und warten auf den Zug. Die Sirene heult. Aber in dieser Stadt ist es ein müdes Heulen, als ob sie weiß, daß doch niemand ihrer achtet. Es surrt über den immer silbriger glänzenden Wolken. Ein einzelner Schuß fällt von einer Flak. Rote Leuchtkugeln schweben durch den hellen Himmel und zerplatzen unten im Dunkel. Wir sehen die Schienen entlang. Kleine Pünktchen tauchen in der Ferne auf. Ein leises Rollen; die Pünktchen werden größer, greller. Der Zug braust an; wir steigen ein. Wir fahren nach Hause. 172 Di Licht Kontu Klapp ferne Do Na hat u gewo Bann. wann schrä seiner Gesta Krieg Di sichte Meine Friede Ab stadtg sein same ersten Häuse Trüm Leiche Tr Da Ich p könne Licht Blüte, Toten Die Die zünde Gestal Ich re oder t herun nn alle ickt erEr beugt r Hand. sagt er. us. Wir gerassel wenigen hlossen. he noch chimmer auf den milden wischen e. Das en. Das och ein m, Greif, alb der erhutes. hen wir n dieser niemand inzelner nhellen in der er. Der Die Fahrkarte gleitet über die Scheibe. Ein Blick hinaus. In silbernem Licht liegt der massive Bau. Im milden Schein verschwimmen die harten Konturen der kantigen Mauern und Gitter. Das Schlüsselgerassel, das Klappern der Holzpantinen und das Knarren der Riegel verklingen wie ein ferner Spuk. Donnernd rollen die Räder vom Land auf die Brücke. Nach Hause! Ist es noch die alte Geborgenheit? Ein braunes Jahrzehnt hat unser Haus nicht verändern können. Aber wir selber sind andere geworden! Ein starrer Blick hält auch uns, die ihn hassen, in seinem Bann. Er macht uns rastlos, nimmt uns die Sicherheit. Nie wissen wir, wann jene starren Augen sich auf uns richten werden, wann die verschränkten Arme sich lösen, wann der Arm sich hebt. Mit einem Wink seiner Hand kann er uns zerschmettern. Hinter ihm steht das Heer der Gestapo. Er nahm uns den Frieden, er brachte uns alle Schrecken des Krieges. Die Räder rollen. Im Abteil ist es still. Das Mondlicht hellt die Gesichter auf, sie gleichen stummen Masken. Wir fahren durch die Ebene. Meine Gedanken sind noch in der Zelle, wo für einen kurzen Augenblick Friede und Beruhigung über mich kam. Aber dann gleiten die Wiesen und Äcker in Siedlungen über, in Vorstadtgärten. Die Fahrt wird langsamer. Der Mond steht hoch am Himmel, sein Licht wird härter. Scheinwerfer flammen auf. Ihre Kegel bilden seltsame Figuren am Himmel: Parallelogramme, Dreiecke, Rhomben. Die ersten Trümmer tauchen auf. Gespenstisch fließt das Mondlicht über die Häuserfassaden. Hinter jedem leeren Fenster ein Schicksal, unter den Trümmerhaufen gebrochene Augen. Der Zug fährt langsam wie ein Leichenzug. Trümmer, Ruinen und Krieg! Wohin ich sehe, nur Untergang! Da plötzlich spannt sich mein Blick! Ich glaube, ein Wunder geschieht. Ich presse das Gesicht gegen die Scheibe, weil ich fürchte, das Wunder könne zerrinnen, noch ehe ich es in mich aufgenommen habe: Im silbernen Licht stehen vor den Ruinen an der Straße die Kastanienbäume in voller Blüte, über und über besät mit Kerzen. Mitten im November im Totenmonat! - Die Hitze der brennenden Stadt hat die Bäume zu neuer Blüte getrieben. Die Kerzen der Kastanien, die sich an dem Feuer der Vernichtung entzündet haben, werden zu tröstlicher Botschaft. Was kümmern mich noch der dunkle Bahnhof, die hastenden Gestalten, die tönerne Stimme, die im Lautsprecher verkündet, es sei Alarm. Ich reihe mich ein in den Menschenstrom. Ist der Pfarrer noch neben mir, oder trennt uns das Gewirr der Masse, die sich Stufe um Stufe zum Bunker herunterschleppt, vorwärtsgetrieben durch heisere Kommandorufe? 173 In mir leben der Tag und das Wunder der Nacht. Rhomben, Dreiecke und Parallelogramme am Himmel, Trümmer und Häuserfassaden mit leeren Fenstern auf der Erde. Krieg und Vernichtung Blühende Kastanien im Totenmonat Lebens. - Sterben. Wunder der Neuerstehung des Auf dem Präparierboden ist es naẞkalt. Der Saal ist niedrig und sehr lang, eine Holzbaracke. Durch das Fenster kommt trübes Licht. Mich fröstelt. Ich schlage den Kragen des weißen Kittels hoch, als ob er mir Wärme geben könnte. In Wirklichkeit bin ich übermüdet. Es ist spät geworden in der vergangenen Nacht. Und dann habe ich unruhig geschlafen. Die Erlebnisse des langen Tages haben sich im wirren Traum qualvoll verwischt. Der nächtliche Himmel ist zur stahlblau getünchten Wand geworden. Die Rhomben, die Scheinwerfer über den Himmel gelegt haben, gleiten über in Stäbe und Gitter. Plötzlich sehe ich wieder die verlassene Pritsche. Am Fußende der Matratze die beiden säuberlich gefalteten Decken ,, Gestorben?" Frederik nickt. Da stürzen die Häuserfassaden, über die das Mondlicht fließt, zusammen. Nur fort von dem Sterbenden! Wo ist Leben? Ich suche nach Leben! Fieberglänzende Augen fragen mich: ,, Werde ich leben?" Es ist Björn. Ich blicke mich um. Ich renne, renne! Über holprige Steine, über Trümmerhaufen wo ist die Kastanie? Ich will sie noch einmal blühen sehen. Aber ich finde sie nicht. Sie ist so weit fort, daß ich ihre Kerzen nur als schwache Pünktchen erkenne. - Die zerrissene Gegenwart ist näher als das Wunder einer neuerblühten Kastanie. Frederik und Björn warten. In sechs Wochen geht das Jahr 1943 zu Ende, das Jahr, das die Freiheit bringen sollte, Björn! Ich schließe die Tür, sie klemmt sich. Ich bin allein. Ich habe das Anatomiebuch mitgenommen; ich komme nicht so häufig zum Präparieren wie meine Kommilitonen und muß jede freie Minute nutzen. Oft komme ich daher schon morgens. Im Saale aufgebahrt liegen Leichen. Der süßliche Geruch nach Formalin macht flau. Die Leiche, an der ich präpariere, liegt sehr weit hinten. Der Boden hallt unter den Schritten. Vielleicht gehe ich besonders laut, denn ich bin doch das einzig Lebendige in diesem Saal. In stummer Reihe liegen gelbe, ausgezehrte Körper. Leichen von verstorbenen Gefangenen und von Hingerichteten, die die Justiz der Anatomie zur Verfügung gestellt hat. 174 Ic Gesic Das Zeit V noch vor 1 wese U Haut herun ist ke sie e suche sei e schlo Ic wegu bück Es sproc N Solda Ei Diese gewö sich Kran liege D wand über das hanti vone witw Und hinw des ,, St blaue Dreiecke t leeren ung des ind sehr t. Mich er mir der verqualvoll n Wand t haben, erlassene efalteten sammen. Leben! örn. Ich Trümmern sehen. n nur als erblühten 1943 zu habe das äparieren omme ich h Formait hinten. ders laut, von verAnatomie Ich präpariere. Während ich die Pleura öffne, streift mein Blick das Gesicht der Leiche. Es sieht weder alt noch jung aus. Ich arbeite weiter. Das Anatomiebuch liegt aufgeschlagen neben mir. Es ist still. Um diese Zeit ist es immer ruhig in der Baracke. Vorne über der Tür hängt eine Uhr. Von meinem Platz kann ich gerade noch eben die Zeiger erkennen. Halb elf! Ein schmales Gesicht taucht vor mir auf. Strahlende Augen, winkende Hände. So ist es gestern gewesen. Wie mag es heute sein? Unbeweglich liegen die Leichen da. Über die Knochen spannt sich die Haut wie vergilbtes, eingeschrumpeltes Leder. Die Arme hängen starr herunter. Die Gesichter blicken ausdrucklos nach oben. In den Augen ist kein Fragen, aber auch keine Antwort. Kein Schmerz! Und doch haben sie einst gewartet wie Björn. Jetzt sind die Züge entspannt. Vergeblich suche ich aber nach jenem Ausdruck des Friedens, von dem man sagt, er sei einem toten Antlitz zu eigen. Unergründlich sind die Züge. Der geschlossene Mund ist ein schmaler, bläulicher Strich. Ich lege das Präparierbesteck zur Seite. Durch eine ungeschickte Bewegung fällt das Anatomiebuch zu Boden. Ein dumpfes Geräusch. Ich bücke mich nicht. Es geht mir durch den Sinn, daß diese bläulichen Lippen einmal gesprochen haben, und was sie nicht sagten, baten die Augen: ,, Erbarmen!" Nicht viel später geht die Tür auf. Es hallt über den Boden. Schwere Soldatenstiefel. Einstmals haben jene Aufgebahrten auf den Schritt der Stiefel gehorcht. Dieser schwere Schritt ist der Schritt unserer Zeit. Er hallt über niedrig gewölbte, steinerne Gänge, über eiserne Brücken und Treppen. Er nähert sich denen, die auf die Hinrichtung warten. Er bleibt gleichgültig fern, wo Kranke sterben. Jetzt trabt er durch die Holzbaracke. Bewegungslos liegen die Leichen. 1 Die stille Baracke vom Morgen hat sich in einen summenden Saal verwandelt. Die Studenten drängen sich. Eilig wird noch der weiße Kittel über dem Soldatenrock zugeknöpft. Auf den Hockern sitzen Studentinnen, das Anatomiebuch vor sich. Die Hände halten das Präparat. Vorsichtig hantieren sie mit den feinen Messerchen. Sie trennen Gefäße und Nerven voneinander. Am rechten Finger sitzen zwei goldene Ringe Kriegerwitwen. Oder die Fingernägel sind blutrot gefärbt, die Haare gelockt. Und der Mund lacht, während das Messer arbeitet und sie über die Leiche hinweg mit den Soldatenstudenten sprechen. - ,, Seht euch hier meinen Amandus an! Sonderzuteilung für eine Leiche." Stöckelschuhe und schwere Stiefel stehen auf Zehenspitzen. Dröhnendes Lachen der Soldaten, helles Juchzen der Mädchen. Zwischen den blauen schmalen Lippen steckt eine glimmende Zigarette. 175 Worte, abgerissene Sätze fliegen durcheinander. Kaum, daß noch einer den anderen versteht. An einer anderen Leiche ist ein Streit entbrannt. Hier wird ernsthaft gearbeitet. Sie verhandeln über den Verlauf einer Arterie ,, Unsinn! Stimmt nicht! Kann gar nicht sein In der Vorlesung hat er gesagt,-——" ,, Im Buch steht - - -", kommt es über die Leiche zurück. ,, Aber seht doch! In Wirklichkeit verläuft diese Arterie so Die Pinzette nähert sich dem Leichenpräparat und verfolgt den Verlauf des Gefäßes. Die Augen weiten sich. Ja, kann denn das stimmen? Im Lehrbuch steht es doch ganz anders. Kann man sich denn nicht mehr darauf verlassen, was Professor und Lehrbuch sagen? Der Professor, den sie eilig herbeiholen, lächelt ironisch und sagt: ,, Eine Variation des Lebens!" ,, Ach so" Sie blättern im Anatomiebuch. Auf den Seiten sind schmutzige Fingerabdrücke. Sie basteln am Kopfende der Leiche und rücken den Pflock zurecht; er stützt den Kopf ab, der sonst kraftlos zur Seite fallen würde. Hände fühlen am obersten Wirbel: ,, Abgebrochen! Den haben sie erhängt." Der Mund spricht weiter. Die Hand schlägt im Buch nach. ,, In vierzehn Tagen testiert er Herz ab. Los, wiederholen!" Die Hand blättert und blättert und sucht nach dem roten, herzförmigen Gebilde im Buch. Der andere macht eine Pause und ißt sein Butterbrot. Sie arbeiten, lernen, reden und lachen. Die Stillen aber, die nicht gedankenlos hinnehmen, was ihnen gesagt wird, schweigen. Sie sind da, und sie finden sich. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft, denn diese Holzbaracke ist wie das Leben selbst im Dritten Reich. Die, welche wissen, hat das Dritte Reich zum Schweigen gebracht. Wer von ihnen noch lebt, tut seine Arbeit stumm und verbissen. Die anderen reden, lachen und lernen, froh des Tages, den sie noch geborgen in der Anatomiebaracke verbringen können. Das andere Wahrheit, von der jede Leiche ein stummer Zeuge ist? Jener oberste Wirbel -? Abgebrochen, erhängt! die Ein resigniertes Achselzucken: ,, Wir können es ja doch nicht ändern!" ,, Kommst du nachher ins Konzert? Sowie der Alte heraus ist, schlängeln wir uns hinterher." Der junge Soldat klappt sein Buch zu. Das Butterbrotpapier knüllt er zusammen und läßt es achtlos neben die Leiche fallen. Hastig reinigt er die Pinzette in einem alten Lappen und steckt sie fort. ,, Komm mit!" ruft er den Kameraden zu. ,, Hinterher gehen wir zu mir auf 176 die H sie d D B Pake Ic Ich s Björn Gesic Ic am F wir k A Es is denn einig zu H A Säge, Bring M Preis Er ,, Übri eins, Ze Ich das B Zu du sc Mi überfl ,, B D Ramm Es liegt zerstö am Bi richte ob ich es nu 12 Hal ı einer nsthaft ng hat Finger- Pflock würde. hängt.” rmigen gesagt ne. VeI- n selbst \weigen rbissen. je noch .— die oberste ndern!" längeln terbrot- . fallen. sie fort. mir auf die Bude. Meine alte Dame hat mir ein Paket geschickt.“ Lärmend gehen sie davon.:: Die Leiche aber bleibt in bewegungsloser Starre zurück. Björn ist ebenso jung wie dieser vor Gesundheit strotzende Soldat, der Pakete von seiner„alten Dame” bekommt. 1 Ich lege die Pinzette beiseite, denn mir wird schwindlig vor Übelkeit. Ich schließe die Augen. Die Vorstellung quält-mich, daß vielleicht auch Björn eines Tages hier liegen wird. Niemand wird wissen, wer er ist. Die Gesichter dieser Leichen verraten nichts mehr vom Leben. Ich schiebe mich durch die Menge. Weit weg von mir, ziemlich nahe , am Eingang, arbeiten zwei Studenten, die eines Sinnes mit mir sind. Ja, wir kennen einander! Aber auf halbem Wege tippt mich im Gewühl jemand auf den Arm. Es ist der Leichendiener, ein altes Faktotum. Er sieht aus wie ein Türke, denn im Sommer und Winter trägt er auf dem Kopf einen roten Fez. Vor einigen Tagen habe ich ihn a mir ein Gehirn zu verschaffen, das ich zu Hause präparieren kann. Aus der Tasche ragen Messer und Pinzette. In der Hand hält er eine Säge, mit der er.mir auf die Schulter tippt.„Sie können das Gehirn haben. . Bringen sie morgen zehn Zigaretten mit.” Mache ich ein erstauntes Gesicht, oder denkt der beichendieer, der Preis sei doch zu hoch? Er tippt mir noch einmal mit der Säge auf die Schulter und sagt: „Übrigens prüft der. Chef in vierzehn Tagen Herz. Ich hab’ gerad’ noch eins, das wickle ich Ihnen mit ein. Und das kostet Sie dann nichts weiter.” Zehn Zigaretten für ein Menschenhirn! Das Herz gibt es noch dazu. Ich bahne mir den Weg zurück, nehme das Anatomiebuch und packe das Besteck zusammen. Was stehe ich noch hier? Lebende rufen mich! Zu Hause kommt mir meine Mutter lächelnd entgegen:„So früh? Weißt du schon——— 2" r Müdigkeit‘und Zweifel sind Verden, Hoffnung ist im Herzen, Freude- überflutet mich! „Bescheid aus Rendsburg?” „Der Oberinspektor hat angerufen. Die Strafaussetzung für Frederik Ramm ist genehmigt.“:\ „Es geht um Stunden. Das Telephon der Seemannsmission versagt. Sie liegt im Hafen, und dort sind die meisten der Leitungen durch Bomben zerstört, Ich fahre hin. Ich renne die Helgoländer Allee hinunter. Vorbei am Bismarck, der ehern, das Schwert in der Hand, den Blick gen Westen tichtet. Ein kurzer Blick auf ihn, beinahe übermütig. Fast ist mir so, als ob ich die Nachricht überbringen könne, der Friede sei da, und dabei ist es nur der Bescheid, daß ein Gefangener heimkehren kann. 12 Halt Wacht im Dunkel j 177° Eine Stunde später schon geht ein Telegramm ab nach Dänemark und Norwegen. Und am nächsten Morgen———. Björn hält Ausschau. Vor zwei Tagen waren wir erst da, aber er wartet immer um diese Zeit. Frederik flüstert:„Kommen sie?" Dann murmelt er unverständliche Sätze und verfällt in Phantasien. Björn aber steht am Fenster. Es ist November, doch der Himmel ist zartblau wie im Frühling. Während die Augen auf das Tor gerichtet sind, zählen die Finger, als ob er rechne. Das Jahr geht bald zu Ende— noch dreiund- vierzig Tage!, Da öffnet sich das Tor. Nicht nur ein Spalt, nicht nur halb, um die Kolonne eines Außenkommandos hereinzulassen. Es. geht weit offen! Das Tor nach außen muß auch geöffnet sein; ein heller Sonnenstreifen legt sich über den Steingang vorm Pförtnerhäuschen. Björn start wie gebannt darauf. Und— da— da! Kein Lastwagen rollt herein, sondern ein großes, weißes Auto. Wie geblendet schließt Björn die Augen und macht sie im selben Augenblick wieder weit auf. Auf der weißen Farbe ein Rotes Kreuz, und dänisch darunter: Dansk Röde Kors. Der Wagen gleitet herein. Björn rüttelt Frederik, als müsse er ihn aus tiefem” Schlaf erwecken. Der schweigende Mund spricht, lächelt, lacht. Die Augen leuchten, helle Röte steigt ins Gesicht. „Frederik, Frederik! Sie holen uns nach Haus!" Frederik aber ist halb bewußtlos.„Sie kommen?“ murmelt er.„Warum winkst du ihnen nicht zu?" Björn geht auf und ab in der Zelle. Sieben Schritte zur Tür und sieben Schritte zurück zum Fenster. Vergessen sind stahlblau getünchte Wände, eiserne Pritschen und vergitterte Fenster. Er sieht Lillemor vor sich, wie er sie damals sah. Ein Pelzbarett auf dem Kopf, darunter die wilden Löck- chen. Die Augen blitzen vor Leben. Und Mama! Wenn sie am ersten Abend an sein Bett kommt! Alles wird sein wie damals. Auf und ab geht Björn, auf und ab. Die Freude füllt ihn bis zum Rand. Fast kann er nicht atmen. Er sieht hinüber zu Frederik, der regungslos daliegt. Wie: lange Zeit vergeht, weiß Björn nicht. Drei Jahre hat er gewartet, aber dieser Morgen ist noch eine Ewigkeit dazu. Endlich Schritte auf dem Gang. Gebrochenes Deutsch. Dann eine freundliche alte Stimme:„Hier liegt er.”; Björn horcht auf—„Er?“ Schlüssel rasseln. Der Riegel knarrt zurück. Alles geht schneller, als ein Atemzug dauert. „Wer?“ „Dieser hier!” 178 eine hin. geht N B| Drei gesch unbe] stellt leben Björn Vi denn Ar "herzu Am K De gibt s „Fred: Mi gleich daten Da Söhne liegt| beamt: „Frede Die Fahne Da: sagt, d 128 ark und r wartet n. Björn blau wie hlen die dreiundFen! um die Das legt sich gebannt großes, t sie im es Kreuz, . rwecken. en, helle ,, Warum d sieben Wände, sich, wie Len Löckm ersten um Rand. egungslos gewartet, ann eine eller, als Die Gestalten verschwimmen vor Björns Auge. Er nimmt nur das Lächeln einer Rote- Kreuz- Schwester wahr. Dann ist die Tür wieder verschlossen. Frederiks Pritsche ist leer. Björn ist allein. Er hört Stimmen auf dem Hof, das muntere Bellen eines Hundes, das Klappen einer Autotür. Dann ein leises Rollen, das am Tor verklingt. Er sitzt auf der Pritsche und hustet, als müsse ihm Seele und Leib vergehen. Das Tuch, das er vor den Mund hält, färbt sich rot. ,, Der schafft es nicht mehr." Der Sanitäter lugt durch das Auge". ,, Hat ihn wohl etwas mitgenommen, daß er nicht mitfahren kann." Es können Tage, vielleicht aber auch Wochen vergehen, bis für Björn eine Entscheidung fällt. Er liegt im Bett und sieht teilnahmslos vor sich hin. Das ,, Auge" sieht ihn und verspürt menschliches Rühren. Die Tür geht auf einen Spalt auf. ,, Vielleicht morgen!" Björn aber glaubt nicht mehr an das Morgen, das ihm Grüne verkünden. Drei Tage später kommt ein Brief zu ihm in die Zelle. Lillemor hat ihn geschrieben, nur das Gekritzel am Rand ist nicht von ihr. Es sind etwas unbeholfene Buchstaben, so, als ob jemand seine Schrift ein wenig verstellt hat: ,, 1943 bringt Dir die Freiheit. Geduld, Björn! Ich weiß, Du wirst leben. Auf Wiedersehen in Norwegen." Kein Name darunter, doch Björn errät auch so, wer es geschrieben hat. - Viel ist gewonnen, als er sich wieder um halb elf ans Fenster stellt, denn wer wartet, der hofft. Und wer noch hofft, den hält das Leben fest. An der dänischen Grenze hält ein Rote- Kreuz- Auto. Soldaten kommen herzu. Auf einer Krankenbahre liegt Frederik. Die Augen sind geschlossen. Am Kopfende sitzt auf dem Klappstuhl die Schwester in weißer Tracht. Ein Soldat beugt sich vor in den Wagen: ,, Tot?" - Der dänische Arzt reicht ihm die Papiere. Er liest sie nur flüchtig und gibt sie dann weiter an einen Mann in Zivil. Der studiert sie genauer: ,, Frederik Ramm, Strafgefangener. Strafaussetzung wegen Tuberkulose-." Mit spitzen Fingern reicht er das Papier zurück: ,, Sagen Sie das doch gleich! Glauben Sie, ich will mir die Lungenpest holen?" Zu den Soldaten sagt er: ,, Klarer Fall. Nichts Besonderes. Ab" Das Auto fährt weiter. Es ist Abend geworden. Einer von Skandinaviens Söhnen kehrt zurück. Wann werden die anderen folgen? Die Grenze liegt hinter ihnen. Sie sind auf dänischem Boden. Ein dänischer Zollbeamter tritt an den Wagen, macht den Schlag auf und fragt flüsternd: ,, Frederik Ramm?" - Die Schwester nickt. Er greift in die Tasche, entrollt eine norwegische Fahne und breitet sie über Frederiks Lager. Das Auto rollt weiter, aber oft muß es halten. Wer hat es ihnen gesagt, die den Wagen mit Blumen füllen? Jenseits und diesseits der Mauer 12* 179 sind anscheinend Kanäle, die auch das wachsamste ,, Auge" nicht zu entdecken vermag. Dänemark begrüßt seinen großen Freund. Das Auto hält, sie machen eine Pause. Unirdisch hell ist die Nacht. Das Mondlicht schimmert silbern auf Wiesen und Knicks. - Frederik ist wach. Seine Hand streicht über die Fahne. Er atmet den Duft der Blumen weiße und rote Rosen, Dänemarks Farben. ,, Es geht heim", sagt die Schwester und sieht nicht im nächtlichen Licht das müde Lächeln auf Frederiks Zügen. Er spricht nur wenig. Die Stimme versagt. Das Auto rollt weiter, über die Brücke, die vom Festland nach der Insel Fünen führt. Donnernd fährt ein Zug an ihnen vorbei. Das Eisen gibt unter den Rädern einen dumpfen Klang. Da öffnet Frederik die Augen. ., Kommen sie?" Die Schwester versteht nicht, was er meint. Sie sieht hinüber zum Arzt. ,, Wir kommen nicht weiter", sagt er. ,, Wir müssen halten." Die Schwester klopft an die Scheibe. Die Fahrt wird langsamer. Sie fahren bis zur nächsten Stadt. Der Arzt steigt aus, um mit dem Krankenhaus zu telephonieren. Im Auto ist es still. Die Räder rollen nicht mehr. Frederik fragt: ,, Wo sind wir?" ,, In Odense", antwortet die Schwester. Sie ergreift Frederiks Hand und nach Haus!" fügt hinzu: ,, Morgen fahren wir weiter - Aber Frederik sagt: ,, Ich bin zu Hause." Die Schwester schweigt und glaubt, Frederik phantasiere. Doch Frederik ist bei vollem Bewußtsein. Er ist wirklich zu Hause, denn es war Odense, wo er einst Frieden mit sich und der Welt geschlossen hat! Um Mitternacht öffnet die Schwester alle Fenster des Krankenzimmers. Der Mond steht hoch am Himmel. Die Schwester löscht die Lampe. Das Zimmer füllt sich mit silbernem Licht, es fließt über Blumen und Fahne und über ein totes Antlitz, auf dem ein Ausdruck unendlichen Friedens liegt. In der Frauenkirche in Kopenhagen wird Frederik aufgebahrt. Dänemark erweist ihm die letzte Ehre. Noch rechtzeitig hat ein Brief meine dänischen Freunde erreicht. Ich schreibe ihnen die Worte des Neuen Testaments, die Frederik in den Jahren seiner Gefangenschaft am nächsten gestanden haben. Die Zensur liest darüber hinweg. Keine Zeile verrät ihr, daß von einem verstorbenen Strafgefangenen die Rede ist. Nicht umsonst lese ich seit Jahren Briefe; ich habe auch gelernt, sie zu schreiben! Ein dänischer Stiftsprobst hält die Gedenkrede. ,, Eine Freundin gab uns die Worte", beginnt er ,,, welche die letzten Jahre von Frederik geprägt haben: Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten. Hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der Herr an jenem Tage, der gerechte Richter, 180 geb Ers geg Glo ver son ber Ku län den spa kan hin sich füh wis was der wer lass zur gew gan wu am gef dan Abe zwi hal die ein füh zu entNacht. met den Es geht as müde ach der as Eisen Augen. um Arzt. mer. Sie ren. Im nd wir?" and und och Fre- es war hat! zimmers. mpe. Das ahne und s liegt. Dänemark icht. Ich xin den e Zensur storbenen en Briefe; ndin gab x geprägt wollendet, - der Gee Richter, geben wird, nicht mir aber allein, sondern auch allen denen, die seine Erscheinung lieb haben." Die deutsche Gestapo, die bei allen öffentlichen Kundgebungen zugegen ist, sitzt uninteressiert dabei. Zu spät erfährt sie, für wen die Glocken der mächtigsten Kirche Dänemarks geläutet haben. Die Nachrichtenübermittlung der Gestapo hat in auffallender Weise versagt! Sabotage? Überorganisation des Riesenapparates? Wie ist es sonst zu erklären, daß der englische Sender am darauffolgenden Sonntag berichten kann, Frederiks Beisetzung in Oslo habe sich zu einer nationalen Kundgebung gestaltet! Ich horche auf, als ich die Nachricht im Radio höre. Es ist nicht viel länger als eine Woche her, daß ich die Helgoländer Allee hinunterlief und dem eisernen Mann, dessen Hand den Knauf des deutschen Schwertes umspannt, einen übermütigen Blick zuwarf. Am nächsten Tag schon war ich wieder ernster gestimmt. Nur einer kam fort, Björn und die anderen blieben zurück. Und noch eins kommt hinzu. Bei jedem Abschied empfinde ich es aufs neue, auf welchem unsicheren Grund wir, die zurückbleiben, stehen. Trotz des lärmenden Tages fühle ich, wie still es um uns wird, wie allein wir sind. Auch Grüne hören den Englischen Sender! Eine Stunde später schon wissen die Kameraden von Frederiks Tod. Als wir nach Rendsburg kommen, berichten wir dem Oberinspektor, was inzwischen geschehen ist. Vielleicht ist er der einzige in der Anstalt, der es noch nicht weiß. ,, Gönnen wir ihm die Ruhe," sagt er. ,, Wie wäre es wohl gekommen, wenn Frederik Ramm noch gelebt hätte? Am Tage, nachdem er uns verlassen hatte, rief die Gestapo aus Kiel an. Sie sagten, Frederik Ramm sei zurückzuhalten. Sie müßten ihn haben." Der Pfarrer wirft mir einen Blick zu. Wäre das Paßbild nicht fertig gewesen, hätte die Abreise sich noch verzögert. Es war um Stunden gegangen. Unser Gefühl hatte uns nicht getäuscht. Aber auch diesmal wurde uns Hilfe. Hätte jener alte, freundliche Mann, der uns gegenüber am Schreibtisch sitzt, nicht genehmigt, daß das Paßbild schon vorher angefertigt wurde Der Pfarrer steht auf und reicht dem Oberinspektor die Hand: ,, Ich danke Ihnen im Namen Norwegens!" - Der Oberinspektor räuspert sich. Verlegen sieht er zu mir herüber. Aber ich sitze in sehr gerader Haltung auf dem Sofa. Ich muß mich zwingen, nicht auch aufzuspringen, um ihm die Hand zu schütteln. Er half uns, daß Frederik in Frieden sterben konnte. Wie dankbar sind wir, die im Dritten Reich leben, wenn sich in den Schmerz um den Verlust eines Freundes keine Bitterkeit mischt! Es ist hell im Zimmer, und ich fühle, daß meine Augen feucht werden. Ich drehe mich um noch nie. - 181 zuvor habe ich das Bild des alten Hindenburg so freundlich angeschaut! Ich weiß ja, hätte ein anderer den Ehrenplatz über dem Sofa - Aber eigentlich brauche ich gar nicht fortzusehen, denn der Oberinspektor hat sich über den Hund gebeugt und streichelt ihm über den Kopf. Dann nimmt er eine Akte aus dem Regal: Vor wenigen Minuten ist die Nachricht gekommen, daß der andere norwegische Gefangene, der mit Frederik Ramm auf einer Zelle lag, Strafaussetzung bekommen hat." " Er beugt sich noch einmal über Greif, klopft ihm auf den Rücken und spricht zu dem Tier, als ob er allein mit ihm wäre: ,, Siehst du, Greif, wir beide sind im Zuchthaus, aber manchmal können sogar wir uns freuen." I ihre kom Bild gere Dich Oft Grü gede aber Der Totenmonat ist noch nicht zu Ende. Die Tage sind grau und kurz, die Nächte dunkel. Gespenstisches Rieseln; die Blätter fallen. Sirenen heulen auf. Das fahle Licht der Scheinwerfer legt sich über den verhängten Himmel. Leises Surren von Motoren. Die Schreibtischlampe brennt. Ist es schon Mitternacht? Zwei Briefstapel liegen vor mir. Der eine Stapel besteht aus braunen Kuverts, die jedes nur ein Blatt enthalten. Es sind die Briefe der Gefangenen. Der andere Stapel sieht bunter aus. Norwegische Briefmarken. Zeichen und Stempel auf Bütten, Karton, Seidenpapier oder herausgerissenen, zusammengeklebten Heftseiten. Ein ganzes Volk schreibt an seine Söhne. Frauen schreiben an ihre Männer. Viel über sich selbst und die Kinder und nur wenig von ihm, der von ihnen weit fort ist. Manchmal friert mich, wenn ich ihre Briefe lese! ,, Gestern war Ingrid hier. Du kennst sie nicht, denn ich bin erst seit kurzem mit ihr befreundet. Sie hat bei mir zu Mittag gegessen, und hinterher sind wir ins Kino gegangen. Wir haben uns so gut unterhalten, wie lange nicht mehr. Übrigens sagt Ingrid auch, daß ich Berit schon jetzt zur Schule schicken soll. Ich werde sie morgen anmelden." - stei es T Anh Wei Blic mit I lore den folge Sie woh dun jene und nige strol Mel höhe N auch die rech Buch frem Fremde Augen lesen ihre Briefe. Scheuen sie sich deshalb davor, das auszusprechen, was das Herz eigentlich sagen will? Oder ist es das langsam wirkende Gift der Trennung? Jede Erinnerung verblaẞt geliebteste, wenn die Nebel der Zeit darüberfließen. Ihr, die zurückgeblieben ist, fällt es schwerer, das Bild auch über Jahre des Getrenntseins hinaus festzuhalten. Ihr Leben geht weiter. Das Heim und die Kinder fordern sie. Sie trägt die Verantwortung, deren Bürde sonst geteilt war, allein. Für ihn, der hinter den Mauern sitzt, ist es anders. Sein Leben steht still. Nur wenn eine Botschaft von draußen hereindringt, beginnt es sich mächtig zu rühren. Die Augen lesen Zeile um Zeile, aber das Herz sucht zwischen den Linien. 182 ihres über möc halt Die ihm B schaut! Oberer den Minuten me, der hat." en und Greif, A ir uns d kurz, Sirenen en ver1 Briefrts, die - Der en und en, zuan ihre on ihm, -fe lese! rst seit hinteren, wie etzt zur or, das s languch die zurücketrenntKinder lt war, n steht es sich z sucht Doch was wissen sie draußen über das Leben drinnen? Oft, wenn ich ihre Briefe lese, habe ich das Gefühl, daß sie von einem fremden Stern kommen. Als ob sie ins Leere geschrieben sind, denn die Zeit hat das Bild des Geliebten verwischt. Die Worte werden zu Sätzen aus aneinandergereihten Alltäglichkeiten. Und zwischen den Zeilen steht: ,, Ich suche Dich und kann Dich nicht mehr finden." - - Über dem Bücherregal neben meinem Schreibtisch hängt ein Aquarell. Oft blicke ich zwischen zwei Briefen zu ihm hinauf. Helles Blau und Grün Frühling. Ein geschwungener Weg, der an einem strohdachgedeckten Haus vorbeiführt. Jenes Haus Ruhe, Geborgenheit; der Weg aber geht weiter. Er steigt an. Erst noch geebnet, dann wird er sandiger, steiniger. Nur bis zur Anhöhe begleitet das Auge den Weg, dann sucht es vergebens zu ergründen, wohin er geht. Was verbirgt sich hinter der Anhöhe, auf der nur einige spärliche Gräser stehen? Meer, unendliche Weite, Verlorenheit? Oder Land, Mauern und Grenzen? Da alles Grübeln mir nicht verrät, wohin der Weg führt, gleitet der Blick zum Himmel. Im blauesten Blau sind einige schwarze Striche, leicht mit dem Pinsel getupft. Zerflatternde Noten oder erste Wölkchen? Verlorengegangene Melodie oder erste Andeutung schwermütiger Wolken, die den Himmel diesseits und jenseits der Anhöhe verhängen werden? Vielleicht gehört erst die Weisheit des Alters dazu, auch denen noch folgen zu können, die über die Anhöhe hinweg unserem Blick entglitten.. Sie festzuhalten, auch wenn sie jenseits der Nebelwand sind, das vermag wohl nur eine Mutter! Die Briefe sagen mir, daß sich in der Zeit des Getrenntseins die Bindung zwischen Mutter und Sohn als stärker und unzerstörbarer erweist als jene zwischen Mann und Frau. Ist es das Verlangen nach Geborgenheit und Wärme, das übermächtig groß in uns wird, wenn wir auf dem steinigen Wege jenseits der Anhöhe sind? Dort sehen wir nicht mehr das strohdachgedeckte Haus. Die zerflatternden Noten am Himmel aber, Melodie der Kindheit und der Erinnerung, sind auf beiden Seiten der Anhöhe sichtbar! Naturgebundenes Gefühl der Zusammengehörigkeit, die eine Mutter das rechte Wort finden läßt, auch wenn die Schrift schon zittrig ist oder die Buchstaben sich unbeholfen quer über den Bogen legen. Sie achtet der fremden Augen nicht. Sie schreibt nur für den Sohn, folgt der Eingebung ihres Herzens: ,, Deine Schwester Marie wird jetzt konfirmiert. Jeden Abend überlegen wir, was sie dann beginnen soll. Bevor wir uns aber entscheiden, möchten wir Deine Ansicht hören. Was hältst Du von einer Haushaltungsschule?" Er ist seit Jahren fort, und doch ist er bei der Mutter und der Schwester. Die Mutter bezieht ihn mit ein, er ist nicht vergessen. Unmerklich gibt sie ihm ein Gefühl der Mitverantwortlichkeit. Sie richtet sein Selbstgefühl auf. 183 Fühlt sie, wie er nun Stoff zum Nachdenken hat, wie sie in ihm das be- freiende Bewußtsein weckt, daß es einen Weg zurück gibt— zurück zum strohdachgedeckten Haus! Ich drehe ein wenig an dem Schirm der Lampe. Es wird dunkel über dem Notenbild. Die Melodie, mit einem Pinsel in einen zarten Frühlings- - himmel getupft, wird vom Schatten der Gegenwart verwischt. Die Briefe aus Norwegen sind fertig gebündelt. Ein Brief liegt zuoberst, ausgewaschen von blauen und braunen Streifen, von Zeichen und Stempeln. Die Schrift ist so zittrig, daß sich die einzelnen Striche der Buchstaben wellen. Er ist schon lange unterwegs, vier Monate alt. Im zerknitterten Umschlag liegt nur ein kleiner Bogen. Steifes weißes Papier, sorgsam zu- sammengefaltet, so daß der Knick gebrochen ist. Nur wenige Zeilen:„Die Tage sind hell, und Lars hat ein neues Boot für-Dich gekauft.. Es liegt im Hafen und wartet auf.Dich wie Deine liebe Mutter Oline.”— Im Juli schrieb sie den Brief— den zweiten in ihrem Leben! Die Tage waren hell im Juli. Jetzt sind sie dunkel. Es müssen sechs Wochen her sein, seit Ole zum letztenmal schrieb. Ich sehe die braunen Briefe durch. Und wirklich! Es liegen einige Briefe aus dem Torflager Schülp dabei. Da ist Holgers Schrift, oder ist sie es nicht? Sie hat sich verändert. Sie ist zittrig wie die Schrift eines alten Mannes. Und da ist Ole! Ich überfliege seinen Brief:„Mutter, sage Lars, daß er das Boot nicht zu kaufen braucht. Vergiß nicht Deinen lieben Sohn Ole.“ Die Buchstaben laufen nach rechts und nach links wie zitternde Kinder, als ob es sehr lange gedauert habe, bis dieser Brief fertig gewesen ist. Er schreibt nicht wie sonst:„Mir geht es gut.” In den Briefen aus dem Moor muß man mehr als in allen anderen Briefen zwischen den Zeilen lesen können, denn kein Brief verläßt Schup der nicht zuvor von Wenck zensiert worden ist. Zuunterst entdecke ich die kleine geschwungene Handschrift von Baard. Unter dem Brief ist eine Nachschrift, hastig geschrieben:„Es geht mir so wie Dir, Karen!‘ Es geht Baard wie Karen? Karen ist krank. Es muß schlecht stehen im Moorlager Schülp! Wir sind_im Oktober zuletzt dort gewesen.— Ich mache eine Eintragung in mein Notizbuch. Fallende.Blätter draußen. Sie streifen die Erde wie die Schritte des Todes. Die Lampe brennt. Brief um Brief;wird gelesen. Es ist weit nach Mitternacht. ä= „Wir warten", schreibt Eilif aus Lübeck. „Wir warten‘, schreibt Rolf aus Himmelmoor. Sie warten auf Briefe. Sie warten auf unseren Besuch. Sie warten auf den Tag der Befreiung. Doch in den Briefen, die ich heute aus dem Moor- lager Schülp bekommen habe, steht nichts vom Warten. „Da kommen Sie zu spät! Den können Sie nicht mehr sprechen.“ 184 helle wen as beck zum el über hlingsoberst, mpeln. staben tterten am zu1: ,, Die Legt im e Tage eb. Ich efe aus nicht? Mannes. er das e." Kinder, ist. Er anderen Schülp, Baard. mir so hen im Ich tte des it nach ten auf MoorEs ist überhitzt in der Schreibstube der Moorbaracke. Auf dem Kanonenofen steht eine blaue Blechkanne mit verbogenem Henkel. Der Kaffee läuft über, zischend fließt er auf die Ofenplatte. ,, Es ist Sonntag", sagt Wenck und zeigt auf den Emaillebecher und ein Stück Zeitungspapier, auf dem ein Stück glitschigen Kuchen's liegt. Einige Kleckse der künstlichen gelben Creme kleben auf der Druckerschwärze. Er greift nach der Blechkanne, doch mit einem unterdrückten Fluch zieht er die Hand zurück. Er pustet auf die verbrannten Finger. Suchend sieht er sich um. Sein Blick fällt auf den Zettel, den wir ihm gegeben haben es ist eine Liste über die Gefangenen, die wir besuchen wollen. Er nimmt sie zur Hand und überfliegt sie flüchtig: ,, Fahren Sie nur ruhig wieder zurück nach Hamburg. Heute wird es nichts mit dem Besuch. Wir haben eine kleine Epidemie." Er tippt auf den obersten Namen: ,, Der hier war als erster weg. Und hat mir die anderen noch vorher angesteckt." Ärgerlich knüllt er das Papier zusammen, doch dann besinnt er sich. Er glättet das Papier noch einmal und benutzt es als Topflappen für die kochend heiße Kanne. Dampfend fließt der braune Sud in den Becher. Schweigend sieht der Pfarrer zu. Ich sehe aus dem Fenster. Der Wind pfeift um die Baracke und peitscht Regenschauer gegen die Scheiben. Braun zieht sich die Erde am Wege entlang. Nur ein Knick an der Wegbiegung mit müde hängenden Zweigen. Weit und breit kein Baum, keine fallenden Blätter. Wir gehen über den morastigen Weg. Am Knick vorbei, quer über die sumpfige Wiese, an die die Landstraße grenzt. Von da aus laufen die Schienen ins Moor. Doch wir blicken uns nicht um nach der schnurgeraden Spur. Wir gehen in entgegengesetzter Richtung. Das holprige Pflaster spritzt den aufprasselnden Regen zurück. Im Schuh kommen die Nägel wieder durch. Jeder Schritt über die Steine tut weh. Doch wir bleiben nicht stehen. Es treibt mich vorwärts. Fort von der braunen Erde! Vielleicht wird hinter der nächsten Biegung der Landstraße der Regen milder, die Luft weicher. Nur etwas weiter noch! Dann muß der Himmel sich klären. Nur ein Stückchen Blau! Die Hand greift in die Manteltasche und streicht über einen Brief. Er ist zerknittert, ausgewaschen von blauen und braunen Streifen, von Zeichen und Stempeln. Ich habe den Brief mit hinausgenommen ins Moor. Nun bringe ich ihn wieder zurück. Nur fremde Augen haben ihn gelesen; die Augen, für die er geschrieben war, sind geschlossen. Ein singender Trupp Jungen, kommt uns entgegen. Braune Uniformen mit schwarzen Schlipsen. Die Langschäfter treten fest auf, die mit Nägeln beschlagenen Sohlen klappen und klirren über das nasse Pflaster. Aus hellen Kehlen klingt es in den grauen Tag:„ Wir wollen weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt 185 Dann sind sie an uns vorbei. Die jungen Langschäfter marschieren im schnellen Schritt. Doch der Regen peitscht noch einige Worte zu uns hin: ,, Denn heute gehört uns Deutschland, und morgen Elf Uhr. Die Anatomievorlesung ist zu Ende. Es strömt aus der Baracke. In dem viel zu schmalen Ausgang staut sich die Menge. Die Studentinnen binden sich ihr Kopftuch fester. Die Soldatenstudenten rücken das Käppchen zurecht. Die wenigen Studenten, die in Zivil sind, schlagen den Mantelkragen hoch. Kalter Wind kommt uns entgegen. ,, Gehst du mit zur Mensa?" - ,, Ach." Die Vorstellung von Steckrüben und Kohl steht dem Studenten auf dem Gesicht geschrieben.„, Laß uns zu Pfälzer gehen." ,, Da ist es auch nicht besser." ,, Nun, dann eben zur Mensa." Ein Achselzucken, das mehr sagt als Worte: Es ist gleich. Es ist alles gleich. Es ist gleich, ob wir in dieses oder jenes Restaurant gehen in dem einen gibt es Kohl und in dem anderen Steckrüben. Und graue Grütze ohne Zucker. Es ist gleich, ob wir uns ärgern oder freuen. Wir können nichts ändern. 1 In den Gesichtern ist ein Ausdruck der Spannungslosigkeit. Die Augen aber sind suchend in die Ferne gerichtet. Neben mir geht ein junger Soldat. Er unterhält sich an mir vorbei mit einem Kameraden. Laut und zackig. ,, Das wollen wir schon schmeißen! Vielleicht kommen wir heute nachmittag noch nicht dran--." ,, Mensch, wenn er aber schon ,, Herz" prüft? Ich habe keine Ahnung!" ,, Laẞ nur! Ich will ihm schon beibringen, was sie von uns Studenten verlangen. Immer Dienst. Wann soll man denn arbeiten? Und in den Ferien Einsatz. Ich hab's satt! ,, Ach---", sagt der andere und zuckt mit den Achseln. Eine Zeitlang bleiben sie stumm. Wir haben den gleichen Weg. Jetzt sind sie etwas vor mir. Der Himmel ist hell geworden. Die Sonne scheint. Aber das Blau ist ein fahles Blau. Ein kalter Wind stiebt die Blätter, die an der Straßenkante liegen, hoch und treibt sie vor sich her. ,, Nicht einmal eine Straßenreinigung gibt es mehr", sagt der Soldatenstudent. Seine Stiefel rascheln dabei durch einen Haufen Blätter. Wie kindlich das aussieht! So ist er vielleicht früher durch Pfützen gewatet. Damals als kleiner Junge, als er noch nicht so miẞmutig in die Welt gesehen hat. ,, Heute nach dem Präparieren ist Appell von der Studentenkompagnie" - ,, Mein lieber Mann! Ich drücke mich. Ich muß arbeiten. Wenn der mich sonst ,, Herz" fragt – es wird eine Pleite!" 186 weg hera hau ' S T habe S Häu ' hinw die etwa D In m wir V man geha zuvi D über als h 11 11mach diese sich denn such wede eine gitter entbl Schei so g den W dama werd ren im ns hin: aracke. tinnen Käppen den nt dem agt als dieses in dem ob wir Augen vorbei meißen! nung!" udenten in den g. Jetzt Blau ist enkante oldatenr. Wie gewatet. Le Welt tenkomenn der ,, Ach, Pleite! Das ist doch ganz gleich. Wenn du aber beim Appell wegbleibst, endest du noch im Schützengraben." ,, Und wenn ich bei der Prüfung durchfalle, schicken sie mich auch heraus." ,, Ach, alles Sch Sie trollen sich nebeneinander. Zwei Paar Langschäfter. Die Blätterhaufen sind vergessen. ,, Die Rede, die sie uns gestern in der Kameradschaft gehalten haben", fängt der eine wieder an. Sie gehen langsamer und bleiben an der Straßenkreuzung vor einem Häuserblock stehen, aus dem ein großer Brocken über zwei Stockwerke ' hinweg herausgerissen ist. Ich überhole die beiden und höre gerade noch die Antwort: ,, Was die uns schon erzählen! Glaubst du noch an irgendetwas? " Das letzte Stück bis zur Hochbahnstation lege ich im Dauerlauf zurück. In meinem Notizbuch steht: Um zwölf Uhr Zuchthaus Fuhlsbüttel." - Vier Monate sind vergangen seit jenem heißen Sommertag, an dem wir den norwegischen Gelehrten besuchten. Im Zuchthaus Fuhlsbüttel ist man nach wie vor schärfstens darauf bedacht, daß die Besuchsfristen innegehalten werden. Doch auch wir wachen! Ich führe Buch, damit kein Tag zuviel vergeht. Das Gesicht des Gelehrten ist bleich wie damals. Die Haut zieht sich über die Knochen wie vergilbtes Leder. Doch er lächelt erwartungsvoll, als habe er uns etwas Gutes zu berichten. ,, Wie geht es Ihnen?" fragt der Pfarrer. ,, Nicht besser als das letztemal, aber-", die durchsichtige Hand macht eine Bewegung, die ausdrücken soll, wie nebensächlich das in diesem Augenblick ist. Irgendetwas anderes muß ihn bewegen. ,, Seit vier Monaten warte ich auf diesen Tag", beginnt er. Er wendet sich zu mir. ,, Erinnern Sie sich noch des Sommertages? Vielleicht nicht, denn inzwischen haben Sie gewiß hunderte von anderen Gefangenen besucht. So mögen Sie vergessen haben, daß ich Ihnen sagte, ich glaubte weder an ein Deutschland von gestern noch von morgen--." Er macht eine Pause. Sein Blick geht über den Pfarrer und mich hinweg. Zum vergitterten Fenster. Zum blassen Blau des frühwinterlichen Himmels. Zur entblätterten Krone der Kastanie, die gerade noch durch die untersten Scheiben zu sehen ist. ,, Mein Haß gegen das Deutschland von heute war so groß, daß er mich ganz und gar erfüllte. Er ließ mir keinen Platz für den Glauben an ein besseres Deutschland." Wieder schweigt der Gelehrte. Dann sagt er zu mir: ,, Sie haben mich damals verstanden. Sie gaben mir eine Antwort, die ich nicht vergessen werde." 187 '„‚Und wie lautete sie?”, fragt der Pfarrer voller Spannung. „Ein Stück Brot!", sagt der Gelehrte.- Vom Gang her dringt das Geklapper von Holzpantinen.„Weiter aus- einander!“, kommandiert jemand.„So— los! Noch weiter auseinander! Könnt ihr kein Deutsch verstehen?” Der Gelehrte lächelt.„Haß wird uns immer weiter voneinander: ent- fernen. So lange wir noch hassen, müssen wir auch im Frieden— nein—, verbessert er sich,„sagen wir lieber— nach Beendigung des Krieges noch fürchten. In den letzten Monaten habe ich darüber nachgedacht, wie eng Haß und Furcht miteinander verbunden sind. Es sind die gefährlichsten a Feinde des ‚Friedens‘. Die Augen sind in die Ferne gerichtet, als er meint:„Die Jugend in der ganzen Welt sollt sich die Völkerversöhnung zur Aufgabe machen. Und die deutsche Jugend———. Seine letzten Worte‘gleiten an mir vorbei, denn das Klirren und Klappern von jungen Langschäftern auf nassen Steinen klingt in mir auf. Ab- gerissene Zeilen eines Liedes, dessen Ende der Sturm verschluckt. Soll diese Jugend——? „Glaubst du noch an irgendetwas?”, höre. ich den jungen Studenten sagen. Bin ich genau so glaubenslos wie er? Zweifle ich an der Möglich- keit einer Völkerverständigung? Wie könnte ich dann auf das Deutsch- land der Zukunft hoffen! Eines ist nicht ohne das andere denkbar. Der. Gelehrte spricht von Jugendarbeit und Jugendorganisationen. Warum aber auf Kollektivaktionen warten? Warum den Blick in die Ferne richten? Sah ich nicht schon jene suchenden’ Augen am Morgen? Warum daran glauben, daß nur die Jugend zu dieser Aufgabe berufen ist? Wird nicht der Grundstein zum Völkerfrieden gelegt, wenn wir übeı Nationalität und Rasse das Menschentum stellen? Soll dies ausgehen von Menschen bestimmter Altersgruppen? Von Klassen oder Schichten? Ich. glaube an das Individuum— mag es nun alt oder jung sein! Gab uns nicht schon vor fast zweitausend Jahren ein Mensch das Beispiel, daß der Einzelne das zu vollbringen vermag, was unserem zerquälten Jahr- hundert als so unerreichbar erscheint: Das Wunder der Versöhnung! Zwei Stunden habe ich„Herz gepaukt‘. Nun klappt das Anatomiebuch zu. Der Ruf des lebenden Herzens ist stärker! Ein Buch, dessen Seiten eng bekritzelt sind mit Bleistift und Blaustift, wird aufgeschlagen. Da stehen seltsame Bemerkungen. Willi und Kolp würden sie ebensowenig verstehen wie unsere auf Norwegisch geführten Gespräche. „Tarald— Lazarett. Rolf— Katzenfell. Ejvind— Rechtsanwalt. Kar- thotek. Arne— Lübeck.“ z Eine Geheimsprache? N 188 im des, mal Auc nah er ausmander! er entein", es noch vie eng lichsten gend in machen. Clappern af. Abkt. Soll udenten MöglichDeutsch-ationen. ie Ferne Warum t? vir über hen von a? in! Gab piel, daß en Jahrng! miebuch Blaustift, nd Kolp jeführten alt. KarDas Programm für heute abend! Die Schreibmaschine klappert; die Bogen füllen sich. Über dem Notenbild ist es dunkel. Nur die Gegenwart lebt. Ein Antrag auf Strafaussetzung für den geistesgestörten Tarald ist seit langem unterwegs. Nie kommt eine Antwort. Ich übersetze den letzten Brief, den Tarald an seine Eltern geschrieben hat, und schreibe ein neues Gesuch auf Verlegung in das Lazarett. Ein Begleitschreiben für den Oberinspektor. Diesmal muß es gelingen! Rolf hat Rheuma. Er ist nicht älter als fünfundzwanzig. Tagsüber sticht er Torf, auch bei strömenden Regen. Nachts liegt er mit zwanzig anderen Gefangenen in einem vor Feuchtigkeit triefenden Stall. Das Rheuma wird er sein Leben lang behalten. An der Front werden den Soldaten Beine und Arme amputiert! Sie kommen als Krüppel wieder. Sie mögen sich glücklich preisen, nicht gefallen zu sein! Warum also soviel Aufhebens, wenn ein Gefangener Rheuma hat? Stört mich nicht bei der Arbeit! Jeder dieser Gedanken ist keine Sekunde Verzug wert! Geben wir es doch auf, Not und Leid in Graden zu messen. Wo wäre die Norm? Müssen erst Hunderte, Tausende fallen, ehe sich der Wunsch in uns regt, zu helfen? Zwar liegt es nicht in der Macht des einzelnen, den Krieg zu beenden, doch innerhalb der eigenen Arbeit stehen uns alle Kräfte des guten Willens zu Gebot. Gegen Rheuma soll ein Katzenfell das Allheilmittel sein. Wenigstens glaubt Rolf fest daran. Der Glaube kann im Zuchthaus keine Mauern versetzen, doch hat er heilende Wirkung; denn in der Absperrung der Zelle steigert sich die Anfälligkeit, aber auch die Überzeugung, daß jede Erkrankung bei geeigneter Behandlung behoben werden kann. Also ein Katzenfell! Wenn Rolf es bekommt, wird er schon am nächsten Tag weniger Schmerzen haben. Die Schreibmaschine klappert. Ein Brief an meinen Bruder: ,, Schicke mir ein Katzenfell." Wenn er es liest, wird er nicht fragen, wofür und warum. Er erhält oft solche Briefe. Manchmal steht darin: Schicke mir Vitamintabletten", manchmal bitte ich um irgendein Medikament. Oft heißt es: ,, Ich brauche Geld!" 11 - Wir sind eine verschworene Gemeinschaft meine Familie und ich. Ein langer heulender Ton: Entwarnung. So vertieft bin ich gewesen, daß ich nicht einmal das Alarmzeichen gehört habe. Wie setze ich den Antrag für Ejvind auf? Ejvind, der vor einem Jahr im Zuchthaus Fuhlsbüttel von einem Lastwagen überfahren worden ist, dessen Gesicht durch die Narben so verändert wurde, daß ihn nicht einmal sein Vater wiedererkannt hat. Die künstliche Nase sitzt nicht; die Augen sehen doppelt; der Gaumen schmerzt. Ejvind bittet um Neuaufnahme der Behandlung. Vielleicht ist dieser Antrag ebenso ergebnislos wie alle anderen vorangegangenen Gesuche. Ejvind aber wird wieder neue Hoffnung schöpfen, 189 und ich werde einen Spiegel hervorziehen und zu ihm sagen: ,, Ejvind, dieser Krieg wird uns allen ein anderes Gesicht geben. Gebe Gott, daß es so wenig entstellt sein wird wie das deine und daß es ein sicht ist!" - neues GeDie Maschine wird für einen Augenblick beiseitegerückt. In dem Stapel von braunen Gefangenenbriefen aus Rendsburg ist der erste Schub Briefe von den ,, Neuen": Zugangsbriefe. Das Zuchthausreglement billigt dem Gefangenen einen Brief an seine Angehörigen unmittelbar nach Strafbeginn zu. Oft dauert es aber Wochen bis zum Zugangsbrief. Wir sind schneller als die Zugangsbriefe! Im Besuchszimmer erfahren wir von den Gefangenen, ob neue Transporte eingetroffen sind. Dann dauert es nicht mehr lange. Ja, manchmal bekommen wenigstens einige von den ,, Neuen" schon am gleichen Tage Besuch. Wir tun dies, weil wir wissen, daß die ersten Tage die schwersten im Zuchthaus sind. Doppelt schwer ist es, in einem fremden Land hinter Mauern zu sein, und dreifach wiegt es, daß dies Land das Dritte Reich ist. Unser Besuch bedeutet daher mehr als eine bloße Aussprache. Es ist die Überwindung der Vorstellung, daß nun jede Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten sei. Manche Schriften der ,, Neuen", deren Briefe an diesem Abend vor mir liegen, sind noch sehr kindlich, fast noch ,, Schulschriften". Ich weiß, warum! Die Primaner des Gymnasiums einer norwegischen Stadt sind zu uns gekommen. Nicht alle, einige von ihnen wurden hingerichtet. Sie hatten sich zusammengeschlossen zu einer geheimen militärischen Organisation. Strafbar in allen Ländern, die von einer feindlichen Macht besetzt sind. Nur mit einem Unterschied: in einem anderen Land würde man sie erschießen oder internieren. Im Dritten Reich bringt man sie ins Zuchthaus zusammen mit Schwerverbrechern. - Eine Prima im Zuchthaus! Sie schreiben die Briefe mit solchem Schwung, als befänden sie sich auf einer Erholungsreise. Sie haben einen langen Atem diese Siebzehn- und Achtzehnjährigen! Wenigstens in den ersten Wochen. Und er reicht wohl aus für die paar Monate, die der Krieg noch dauert, sage ich mir, während ich in die Maschine das erste Kartothekblatt einspanne. Knuts Brief liegt zuoberst. Zuerst sein Name. Eingeliefert: 25. November 1943. Dann die Adresse seiner Eltern seiner Mutter. Sein Vater befindet sich im KZ. Beruf: Schüler. Strafzeit? ,, Nur lebenslänglich!" antwortet Knut, als er zum erstenmal im Besuchszimmer ist. ,, Das vergeht im Nu!" - Fünfzehn neue Karteikarten; fünfzehnmal klappert die Maschine: Lebenslänglich. Wie still es draußen ist! Ich blicke auf von der Maschine. Da wieder Alarm! Seltsam, wenn man aufmerkt und lauscht, geht die Sirene. Je stiller es ist, desto mehr wartet man auf die Unterbrechung der Stille. Immer erwarten wir etwas in diesem braunen Land. So war es schon vor Ausbruch des Krieges. wün daß bek sich zeh sam mul seit I unü drel Abe Gef wah sich Mas Ab I schl I Spra was wac ein lang geb stap wei I gesc F kom Kale öffn bere schw 190 Ejvind, daß es es GeStapel Briefe gt dem Strafrfahren Dann einige eil wir Doppelt reifach I daher Cellung, For mir weiß, sind zu et. Sie Organibesetzt man sie Zuchtolchem einen ens in die der s erste Name. seiner im Beschine: - Da Sirene. - Stille. on vor - Warum noch dies Warten? Ich wünschte, es wäre mit mir vorbei. Ich wünsche mir Stille Stille ohne Warten. Dabei habe ich gerade gelesen, daß sich fünfzehn zu lebenslänglichem Zuchthaus Verurteilte zum Leben bekennen. Kämpfen wir nicht für eine gemeinsame Sache? Verlohnt es sich nicht, allein um des Kampfes willen weiterzuleben? Ja, für euch fünfzehn, doch für mich? Wie ungleich ist unser Kampf trotz des gemeinsamen Zieles. Ich liebe mein Land wie ihr das eure. Trotz allem! Dennoch muß ich seine Niederlage wünschen, wenn das System, das ich hasse, beseitigt werden soll. Manchmal erscheinen mir die Konflikte, die mir dieser Kampf bringt, unüberbrückbar. Meine Verbündeten? Unehrlichkeit, Unwahrheit, Verdrehung und Tarnung. Ich benutze sie, um Gutes im Verborgenen zu tun. Aber werden meine Verbündeten meiner ureigensten Wesensart nicht zur Gefahr? Mißtrauen ist die Folge von Tarnung und Unwahrheit. Was ist wahr, was ist unwahr, was ist Tarnung und was noch echtes Gefühl? Wie sich retten aus dem Gewirr der Verdrehung von Begriffen? ,, Nur nicht nachdenken!" - Einschläfernder Lockruf der braunen Masse.- ,, Du kannst es doch nicht ändern!" Lege, die Hand vor die Augen! Halte die Ohren zu! Ach, dies Auf und Ab der Gefühle keiner von uns entrinnt ihm. Es hat uns herausgeschleudert aus der Bahn, die wir uns einst erträumten. 11 Ich will kämpfen! Die Stimme des Gewissens spricht eine dringliche Sprache. Schon morgen aber werde ich wieder fragen: Wozu?" ist das, was ich zu tun vermag, nicht nur ein Tropfen im Meer? Und des Nachts wache ich auf, wenn es tiefstill auf der Straße ist. Leises Surren. Ein Auto, ein heller Lichtkegel gleitet am geöffneten Fenster vorbei. Die Fahrt wird langsamer, das Surren des Motors ebbt ab. Ich horche in Angstschweiß gebadet. - Was will das Auto in unserer stillen Straße? Ja es ist so weit. Gestapo! Ich bin entdeckt. Der Atem stockt mir, ich bin wie erstarrt. Nein nein! Das Auto hält nicht, es biegt nur um die Ecke und fährt weiter. Das Surren verklingt in der Ferne. - Ein langer heulender Ton: Entwarnung. Habe ich geschlafen? Die Maschine hat weitergeklappert; die Karten für die Kartothek sind geschrieben. Der Stapel von ungelesenen Briefen ist kleiner geworden. Es war nur der Wachtraum eines Mädchens aus dem Dritten Reich! Ein Blick auf die Uhr. Es ist zwölf. Morgen geht es in das Außenkommando nach Lübeck, zu Eilif und seinen Kameraden. Ich schlage im Kalender nach: Ab Hamburg 10.30 Uhr. Das ,, Bestellbuch" liegt noch geöffnet da. Es wird zugeschlagen. Der fünfte Punkt- Arne- Lübeck bereits erledigt. Es ist ein Medikament für Arnes vom Wasser geschwollenen Beine; ich habe es schon im Koffer verpackt. - - - ist 191 Morgen geht es nach Lübeck! Morgen? Eigentlich heute, denn es ist weit nach Mitternacht. Ich knipse das Licht aus, taste über den Schirm der Schreibtischlampe. Wie warm er noch von der Birne ist! Dann liege ich wach im Dunkel und denke an die in Zeitungspapier gewickelten Nelken. Sie stehen noch im Keller; ich werde sie mit nach Lübeck nehmen. Zum erstenmal außer Brot, Medikamenten und der Wahrheit Blumen! - Marschmusik im Radio. Hastig beende ich das Frühstück, immer mit halbem Blick zum Lautsprecher, als könne ich ihn damit bannen, weiterzuspielen. Nur weiter, weiter mit der Musik! Setzt sie aus, beginnt es im Radio leise zu tuten, ist Alarm im Anzug. Dann ruht innerhalb der Stadt aller Zugverkehr. Wie dann zum Hamburger Hauptbahnhof kommen? Wären wir nur erst im Lübecker Zug. Ich bin schon in Hut und Mantel, greife zur Aktenmappe. Sie läßt sich nur mühsam schließen. Aus einem Zipfel Papier, der aus der Ritze der Tasche hervorsieht, blinkt es, rot. Ein feiner Duft nach Nelken strömt durch das Zimmer. Meine Mutter begleitet mich bis zur Haustür. Ich gebe ihr die Hand und sage: ,, Es wird spät werden heute nacht." Rascheln; etwas fällt durch die Briefklappe der Tür. Ich bücke mich danach, sehe flüchtig darauf. Ein blauer Umschlag ohne Marke. Dienststempel. Und der Absender? Die Tasche wird zu Boden gestellt. Ich gehe zurück ins Zimmer. Die Hand zittert ein wenig, als ich den Brief öffne. ,, Eine Vorladung von der Gestapo", sage ich zu meiner Mutter. Noch einmal überfliege ich die Zeilen: ,, Sie werden gebeten Der Brief ist schon vor drei Tagen abgeschickt. Die Vorladung lautet auf heute vormittag. Gestapo! Sie verschickt ihre Vorladungen in alle Richtungen. Viele sind schon vor mir dorthin gegangen. Sie kamen wieder, oder sie wurden zurückgehalten. Undurchdringlich ist das Gesicht der Gestapo ,,, Sie werden gebeten - Eisig legt es sich mir übers Herz. Angst, rasende Angst. Wollen sie nur eine Erkundigung einziehen, oder haben sie etwas über meine Arbeit __? Oder in Erfahrung gebracht? Sollte irgendeiner im Zuchthaus hat es überhaupt nichts mit meiner Gefangenenarbeit zu tun? Habe ich im Bekanntenkreis eine unbedachte Äußerung gemacht? Oder an der Universität? Ausgeschlossen! Ich spreche nur offen zu meiner Familie und den wenigen Freunden, die uns zehn Jahre des Mißtrauens noch gelassen haben. ,, Sie werden gebeten -". Sie kommandieren nicht. Sie bitten, denn sie wissen, die Gebetenen werden kommen. Im Radio schmettern Waldhörner einen Jägermarsch. I Sie nich Brett Ισ D geht in de gelas zum W Stur länge heut N gefa Freu Brot Tage N einge W brau schaf das dose D sitze dritte C 11 zwei steht Hock sich I" habe fange meist Werk D ,, Aha blond geric 13 Ha 192 es ist Schirm spapier it nach · Wahrmer mit weitert es im er Stadt ommen? ißt sich tze der strömt Le Hand ze mich Diensther. Die von der utet auf . Viele wurden werden len sie - Arbeit ? Oder = ich im er UniFamilie och ge= bitten, mettern Ich bin zu heute vorgeladen, doch in Lübeck warten sechzig Gefangene. Sie sind auf Nachtschicht gewesen, und morgens um sechs haben sie sich nicht wie sonst zum Schlafen gelegt, sondern Tische, Schemel und den Bretterboden der Baracke gescheuert. Sie bekommen Besuch! Ich lege den Brief beiseite. ,, Das hat Zeit bis morgen. Ich fahre Die Lubeka- Werke liegen außerhalb der Stadt. Vom Lübecker Bahnhof geht es noch ein weites Stück mit der Straßenbahn, bis zu einem Häuschen, in dessen Vorgarten mit weißem Kies in roten Mörtel ein Hakenkreuz eingelassen ist. Die Asphaltstraße, die daran vorbei landeinwärts biegt, führt zum Werk. Wir sind diese Straße in brütender Sonne, bei nieselndem Regen, in Sturm und Wind und bei Kälte gegangen. Heute aber erscheint sie mir länger denn je zuvor. Ich denke an den unscheinbaren, blauen Brief von heute morgen. Sollte etwa Onkel Hans Natürlich, Onkel Hans! Er ist Vorarbeiter bei den norwegischen Strafgefangenen in den Lubeka- Werken. Die Gefangenen sagen: ,, Er ist unser Freund!" Würden sie ihn sonst ,, Onkel Hans" nennen? Sie bekommen Brot und Kippen von ihm. Er nimmt Briefe für sie mit hinaus. Vor vierzehn Tagen hat Eilif mir geschrieben, Onkel Hans hat den Brief befördert. Nun wird mir alles klar. Die Gestapo hat diesen Onkel Hans als Spitzel eingesetzt; seine Freundschaft zu den Gefangenen ist nur Tarnung. Wir stehen am Rand der Mulde, in der das Werk liegt, übermalt mit braunen und gelben Streifen, gut getarnt. Alles ist Tarnung, die Freundschaft des deutschen Vorarbeiters zu den ausländischen Gefangenen und das Schild, das an der vordersten Werkhalle befestigt ist: Weißblechdosen. In der Halle laufen Maschinengewehrteile über das laufende Band. Die Schreibstube ist in eine Wolke von Rauch gehüllt. Drei Männer sitzen um den Tisch, einer mit zwei Sternen, der andere mit einem, der dritte in Zivil. ,, Sie müssen noch einen Augenblick warten," sagt der Grüne mit den zwei Sternen. Er ist Hauptwachtmeister. Es ist gerade Essensausgabe." Er steht auf und räumt mir seinen Platz ein. Für den Pfarrer schiebt er einen Hocker heran. Unter dem Tisch kommt ein Schäferhund hervor und drängt sich schwanzwedelnd an mich heran. ,, Die Leute haben von Rechts wegen gar keinen Besuch verdient! Ich habe die Baracke überholt und dabei herausgefunden, daß einige Gefangene die Seiten des Testaments beschrieben haben." Der Hauptwachtmeister wendet sich an den Mann in Zivil. ,, Habt ihr mich nicht bis zur Werkhalle gehört? Mir soll einer nachsagen, daß hier kein Drill ist!" Der Mann in Zivil begrüßt mich in einer Haltung, als wolle er sagen: ,, Aha, Kollegen!" Er ist Betriebsobmann und Mitglied der Gestapo. Hellblondes Haar und wässrig blaue Augen, die schwärmerisch in die Ferne gerichtet sind. Er ist oft in der Schreibstube. 13 Halt Wacht im Dunkel 193 Ist sein Benehmen heute anders als sonst? Hat er vielleicht———!? Feiner Nelkenduft strömt aus meiner Aktenmappe. Unruhig ziehe ich sie näher zu mir heran. Im. Radio ist Marschmusik wie am Morgen. Der Hauptwachtmeister trommelt mit den Fingern den Takt. Der Mann in Zivil zündet sich eine Zigarette an und steht auf.„Ich gehe jetzt hinüber zur Werkhalle, mal sehen, was es dort Neues gibt.” Seine wässrigen Augen gehen über mich hinweg. „Immer dasselbe hier! Kein Betrieb. Da war es doch noch anders in Polen.” “ Die Tür der Schreibstube fällt ins Schloß. Die Bretter des Baracken- ganges hallen unter den Stiefeln, die schon die Wälder Polens bei Treib- jagden auf Menschen durchpflügt haben.= ‚In der Schreibstube liegt Mittagsstille. Nur leises Klirren der Eßbestecke hinter der Wand; sechzig Gefangene löffeln ihre Suppe. Da— das Radio setzt wieder ein. Einen Augenblick lang hat es geschwiegen. Wieder trommeln die Finger des Hauptwachtmeisters den Takt. Er und der andere “Grüne sitzen mit lang vor.sich hingestreckten Beinen da.- Die Aügen starren.ins Leere.. Was geht hinter jenen ausdruckslosen Gesichtern vor? Woran denken sie? Oder denken sie überhaupt nicht? Die Werkpfeife ertönt. Der Grüne mit einem Stern steht auf. Er reckt sich.„Ich gehe hinüber zu den Deutschen,‘ meldet er. Die deutschen Strafgefangenen haben Tagschicht. Er greift zum Koppel, das auf der Pritsche liegt. Während er es sich umschnallt, sieht er mit stumpfem Blick vor sich hin. So war es gestern, so ist es heute, und so wird es morgen sein. an damals—— an 1936— an die Schreibstube einer Kaserne. Aus einem Lautsprecher in der Ecke dringt Marschmusik. Einige Soldaten sitzen auf einer Holzbank herum. Am Schreibtisch sitzt der wachhabende Unter- offizier. „Sie wünschen?‘ „Ich möchte meinen Bruder besuchen.“ „Erst eintragen ins Wachtbuch." Name, Ort und Stunde.: Ein Soldat steht auf. Er reckt sich.„Ich gehe jetzt hinüber zu den Rekruten." „Nehmen Sie die Dame mit,“ ‚sagt der Unteroffizier, ohne vom Wach- buch aufzusehen. Ich sehe meinen Bruder wieder, zum erstenmal in Uniform. Schräg über dem Herzen ist auf dem grünen Tuch der Reichsadler genäht. In den Klauen der Kreis, darin das Hakenkreuz. Mein Bruder deckt die Hand dar- über.„Ein ganzes Jahr!‘ sagt er. Nach einem Jahr steht er in der Schreibstube. Ich will ihn abholen. Soldaten sitzen auf einer Holzbank herum. Am Schreibtisch beugt sich der Unteroffizier über die Entlassungspapiere meines Bruders. 194 Vielleicht starre ich genau so leblos wie die beiden Grünen. Ich denke dem Holzj W es-To Er m der F der F dunk! hund, zum€ . Er ze in die merkt Barac De fließt - zur G „A weser 13% ich sie meister ch eine l sehen, hinweg. Polen." racken1 Treibestecke s Radio Wieder andere Augen rn vor? Er reckt eutschen auf der m Blick morgen h denke s einem Ezen auf Unterzu den WachSchräg . In den and darabholen. sich der Im Radio ist Marschmusik. Plötzlich bricht sie ab. Eine Sondermeldung ,, Soeben hat der Führer verfügt, daß die allgemeine Wehrpflicht von einem Jahr auf zwei Jahre ausgedehnt wird." Trommeln, Fanfaren und Märsche, Märsche, Märsche! Der Unteroffizier blickt von den Entlassungspapieren auf. Er sieht meinen Bruder an, nimmt die Papiere und reißt sie entzwei. Die Fetzen flattern zu Boden. ,, Noch ein Jahr!" Der Unteroffizier lacht stumpfsinnig. So hämmert es im Vierertakt aus dem Radio weiter, Jahr um Jahr. So war es gestern, so ist es heute, und so wird es morgen sein. Bis endlich Die Kartotheken in den Schreibstuben der Kasernen füllen sich. Soldaten, Soldaten. In den Schreibstuben der Gefangenenbaracken bullern die Kanonenöfen im Winter, preßt drückende Schwüle im Sommer. Arbeitssklaven aus allen Ländern. In der Schreibstube sitzen die Wächter des Heeres der Unterdrückten. Sie machen ihren Dienst, gut oder schlecht. Aus dem Volksempfänger über dem Schreibtisch trommelt es: Stumpfsinn, Stumpfsinn - - - Sie pferchen uns ein den Bruder, das eigene Volk und die eroberten Völker. Uber allen Bedrückern und Unterdrückten liegt das Netz der Gestapo. Wo ist die Gestapo? Wer ist sie? Unkenntlich ist ihr Gesicht, sie trägt die glatte Maske des Durchschnittsbürgers. ,, Sie werden gebeten denken. Erst das Heute - --." Gestapo - morgen - nicht daran --- ,, Sie sind so weit," sagt der Hauptwachtmeister. Er ist jetzt allein mit dem Pfarrer und mir. Es klappert, scharrt und klirrt hinter der Wand. Holzpantinen, Schemel und Eẞbestecke. Wir stehen auf. Ich halte die Hand über die Ritze der Mappe, aus der es rot hervorlugt. Der Hauptwachtmeister scheint es nicht zu bemerken. Er macht sich mit einer alten leeren Konservendose zu schaffen, die auf der Fensterbank steht. Er läßt sie mit Wasser vollaufen. Er behält sie in der Hand, als er zum Schlüsselbund greift und uns vorangeht, über den dunklen Gang zur verriegelten Tür. Polternd gebietet er dem Schäferhund, sich in die Schreibstube zurückzuziehen. Dann senkt er die Stimme, zum erstenmal höre ich ihn leise sprechen. Er hält mir die Konservendose entgegen. ,, Ich sorge für die Vase," sagt er. ,, Und Sie für die Blumen!" Er zeigt mit der Hand zurück zum Ausgang, in Richtung der Werkhalle, in die der Mann in Zivil vor wenigen Augenblicken entschwunden ist. ,, Der merkt es nicht! Solange ich hier bin, kommt er nicht weiter in die Baracke als bis zu mir in die Schreibstube." Der Zug verlangsamt die Fahrt. Die Trümmer beginnen. Gespenstisch fließt das Licht des Mondes über leere Häuserfassaden. Morgen muß ich zur Gestapo. Ich schließe die Augen. ,, Ausgeschlossen!" hat Eilif gesagt. ,, Onkel Hans kann es nicht gewesen sein." 13* 195 „Wann kommt Ihr wieder?” haben uns die Gefangenen beim Abschied gefragt. j 2 Die Nelken habe ich zurückgelassen.„Solche Nelken schenkte ich Else zur Verlobung," sagt Eilif.„Vor vier Jahren.‘ Und er fragt:„Ob es noch ein Jahr dauert?“ Geduld, Eilif! Wir warten alle. Im schleppenden Vierertakt rollen die Räder. Sie‘warten in Kasernen, in Holzbaracken, hinter Mauern und draußen, Eilif. Viele warten. Alle, die unter dem Netz sind.———— In der Aktenmappe ist leichtes Gepäck und Proviant, als wolle ich einige Tage verreisen. Das Haus, vor dem ich haltmache, liegt in der Nähe der Universität, eine unscheinbare, etwas baufällige Villa, gradlienige Fensterreihen und reicher Stuck. Es wirkt unbewohnt.;: Kaum habe ich den gußeisernen Griff der schweren Tür berührt, da summt es. Die Tür öffnet sich. Unsichtbare Augen müssen mich bemerkt haben. k Es ist still im Parterre. Nur der Parkettfußboden zeigt die Spuren vieler Schuhe. Die Türen zum Flur sind geschlossen. Keine. Stimmen, kein Schreibmaschinengeklapper. Ich räuspere mich, ich huste. Nichts rührt sich. Ich hole noch einmal die Vorladung hervor. Doch, die Anschrift stimmt! Dies Haus muß es sein. Zwischen den Türen an der Wand hängen mehrere Kupferstiche überein- ander. Hamburgensien, Überbleibsel aus der Zeit, in der noch irgendein „ehrbarer Hamburger Kaufmann“ dies Patrizierhaus bewohnt hat. Ich gehe an den Türen vorbei. Keine Nummern, keine Namensschilder. Ich klopfe. Keine Antwort. Vorsichtig ziehe ich eine der Türen.auf. Daher also! Die Tür ist dick gepolstert mit Leder und verbirgt eine zweite Tür.; i Dann bin ich drinnen. Ein mächtiger Schreibtisch‘ Dahinter ein un- scheinbarer Mann, dessen Gesicht ich vergessen werde, so bald sich die Tür wieder hinter mir geschlossen haben wird. Er ist nicht jung; nicht alt. Alle Gestapoleute scheinen zwischen dreißig und vierzig zu sein. Ich habe Angst. Wenn ich nur erst wüßte, was es ist. Es braucht nichts zu sein. Wenn aber dieser Mann doch etwas über mich weiß? Der Aus- druck seines Gesichts verrät mir nichts. Hinter ihm ist eine Tür, weiß- lackiert. Vielleicht komme ich nicht wieder hinaus. Vielleicht geht es durch diese Tür tiefer hinein in das Gestapoquartier? Das Blut rinselt durch die Adern, Angst! Der unscheinbare Mann wirft einen Blick auf die Vorladung und greift zu einer Akte. Die Beine werden schwerer. Der Mann schweigt immer noch. Ich sitze ihm gegenüber. Ob ich will oder nicht— ich nehme Dinge wahr, die in diesem Augenblick ganz unwesentlich sind. Die großen Scheiben der Fenster sind blankgeputzt, keine Gardinen. Das Haus auf der anderen Seite ist nur noch eine Fassade. Die Akte, die der Mann liest, ist ziemlich umfangreich. 196 Che sinc übe sche Sie Mie Läc übe Abschied ich Else es noch draußen, olle ich Her Nähe adlienige rührt, da bemerkt Spuren men, kein h einmal Ses sein. übereinirgendein Ich gehe üren auf. ne zweite ein unsich die nicht alt. cht nichts Der Ausür, weißgeht es Cann wirft e werden er. Ob ich blick ganz kgeputzt, e Fassade. ,, Sie wissen, warum Sie vorgeladen sind?" Wie viele sind bei dieser Frage aufs Glatteis gegangen. Mich sollt ihr nicht bekommen! Lächelnd frage ich zurück: ,, Wieso?" Das Spiel beginnt. Ich bin da und bin doch weit fort. Die Angst hat sich irgendwo in einen Winkel verkrochen. Ruhe, Ruhe! Zum Lügen gehört Ruhe. Ich muß doch lügen, denn ich bin bei der Gestapo. Die weißlackierte Tür hinter dem Schreibtisch ist ebenso glatt wie mein Gesicht. ,, Ihr Beruf?" ,, Medizinstudentin." ,, Ach?" Die Spitze des Bleistiftes tanzt auf der Akte. Also weiß die Gestapo, daß ich nicht nur studiere? Wieviel hat sie von meiner Arbeit an Zuchthäusern und Lägern erfahren? ,, Im Nebenberuf bin ich Dolmetscherin," komme ich der nächsten Frage zuvor. ,, Aha!" Der Bleistift ist gezückt. ,, Wo arbeiten Sie denn?" ,, Im Zuchthaus Fuhlsbüttel." ,, Und worin besteht Ihre Arbeit?" ,, Ich zensiere die Briefe der Gefangenen." ,, Ist das alles?" Wie gut die Gestapo Bescheid weiß!„ Nein, ich überwache auch die Besuche der Gefangenen." Der unscheinbare Mann fragt. Ich antworte. Er weiß, daß der Pfarrer die Gefangenen besucht, kennt seinen Namen. Er weiß, wie oft wir in die Anstalt gehen. Er weiß, daß ich nicht in der Partei bin. Doch von schweren Koffern, von Anträgen zugunsten der Gefangenen und von hastig gekritzelten Grüßen in zensierten Briefen scheint er nichts zu wissen. ,, Wie ist der Pfarrer, mit dem Sie zu tun haben? Was wird während der Besuche gesprochen?" Mechanisch kommen die Antworten. Das Gehirn arbeitet mit Präzision. ,, Warum schicken Sie uns keine Geheimberichte über die Gefangenen?" ,, Mit Ihnen habe ich gar nichts zu tun. Meine Berichte gehen an den Chef der Anstalt." Der unscheinbare Mann hinter dem Schreibtisch beugt sich vor. ,, Wir sind nicht nur an den Gefangenen interessiert. Wir wollen auch Berichte über den Chef und das Personal der Anstalt haben." - ,, Und- bei wem holen Sie sich Ihre Informationen über die Dolmetscherin?" frage ich mit freundlicher Bereitwilligkeit. ,, Zerbrechen Sie sich nicht darüber den Kopf. Wir wissen genau über Sie Bescheid!" Es gelingt mir, das Lächeln zu verbergen. Mit undurchdringlicher Miene halte ich den kaltforschenden Augen stand. Doch auch das innere Lächeln erstirbt, als er fortfährt: ,, Geben Sie mir einen genauen Bericht über Ihre Tätigkeit in Rendsburg." 197 Schon über eine Stunde bin ich in diesem hohen, grauen Zimmer. Erst jetzt erfahre ich, daß meine Tätigkeit in Rendsburg der Gestapo bekannt ist. Was wird die nächste Stunde Verhör bringen? „In der Rendsburger Anstalt habe ich die gleiche Aufgabe wie im Zuchthaus in Hamburg.“.; „Warum haben Sie mir denn bis jetzt noch nichts von Rendsburg gesagt?“: „Über dienstliche engeeaphheiten spreche ich nur das Allernot-- wendigste.": „Glauben Sie etwa, es wäre bei der Gestapo———?"'— der unschein- bare Mann lacht leise auf.„Übrigens— Sie scheinen für. uns geeignet zu sein. Liefern Sie uns Berichte über alles, was in den Anstalten vorgeht. Sie können etwas bei uns werden———" x: Ist diese Auforderung ein Beweis des Vertrauens der Gestapo, oder soll sie mich nur zu größerer Offenheit bewegen? Verstellung und Lüge ist in diesem Zimmer. Ich selbst bin ein Teil davon. Gedeckt von dem Schreibtisch, ballen sich meine Hände zu Fäusten. Wie ich euch hasse! Ihr, die uns zwingt, unwahr zu sein.»Ich hasse euch; ich hasse das System. Am meisten hasse ich mich selbst, denn ch er- . kenne, wie leicht mir die Verstellung fällt. s „Sie können gehen. Aber ich glaube— wir haben uns nicht zum letztenmal gesehen." „Heil Hitler!" 5: „Heil Hitler!'" Die ledergepolsterte Tür schiebt sich lautlos hinter mir zu. Tief hole ich Atem; noch einmal frei. Und doch nicht frei, denn immer noch nicht kenne ich Ursache und Anlaß dieses Verhörs. Das ist das Quälende. Verlassen liegt das graue Patrizierhaus da. Stuck und die gradlinigen Fensterreihen verraten nichts von ledergepolsterten ‚und weißlackierten Türen. Sehr langsam lege ich den’ Weg zum Bahnhof zurück, als wüßte ich nicht mehr, wohin ich gehen soll. Ein Gedanke will mich nicht loslassen! Steht das Gute, das ich versuche zu tun, überhaupt in einem Verhältnis zur Unwahrheit, durch die es allein bedingt wird? Wiegt es die Verstellung auf? Eine Scheibe Brot— ein freundliches Wort— was ist das, schon? Jenseits der Straße blinkt die plattgrüne Kuppel der Universität in der ‚winterlichen Sonne auf. Fortan werde ich nur noch studieren, beschließe ich. Die Gefangenenarbeit gebe ich auf. Heute hat mich die Gestapo gehen lassen, Wie wird es morgen sein? Ich sehne mich nach Ruhe, nach Sicher- heit und Geborgenheit. Fortan will ich regelmäßig in die Kollegs gehen. Zu Hause will ich mich in meinem Zimmer vergraben, nichts mehr hören und sehen von der Welt! Die Schreibtischlampe wird brennen, und ich werde.in Lehrbüchern lesen— bis tief in die Nacht. Und dann ruhig 198 auf san sie Ich im sin Blä Ha Let Du sen sic mer. Erst bekannt wie im ndsburg Allernotmscheingeeignet vorgeht. po, oder ein Teil Fäusten. se euch; ich ercht zum - mir zu. n immer ist das dlinigen ckierten üßte ich Oslassen! erhältnis stellung chon? it in der eschließe ▪o gehen ■ Sichers gehen. nr hören und ich an ruhig schlafen! Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos werden mich nicht mehr schrecken. Ich sehe zum Himmel auf, an dem müde Winterwölkchen stehen. Ich kreuze die Straße. Jemand packt mich am Arm, ich werde zurückgerissen. ,, Immer noch so unvorsichtig wie früher?" Ein Lastwagen rollt vorbei. Neben mir steht ein Mädchen. Schwarzer Schlips, dunkelblauer Rock; auf der braunen Kletterweste blitzt eine silberne Schnüre. ,, Kennst du mich nicht mehr?" fragt sie. Doch, ich erkenne sie wieder. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. ,, Ich bin Ringführerin," erzählt sie mir. ,, Und du?" Sie wartet aber keine Antwort ab. Aufgeregt berichtet sie weiter: ,, Ich komme gerade vom Bann. Große Lagebesprechung" Ein Wortschwall ergießt sich über mich. ,, Mädelverschickung Lehrgang im Lager Schulungsabende- Kriegseinsatz." - - ,, Eigentlich wollte ich studieren, aber der Dienst im BDM ging vor. Und solange mich meine Mädel gebrauchen, bleib' ich dabei." Phrasen? Forschend sehe ich sie an. Sie glaubt, was sie sagt; aus den Augen leuchtet ehrliche Begeisterung. Als wir auf dem Bahnsteig stehen, besinnt sie sich plötzlich. ,, Ja- und was machst du?" ,, Medizin," antworte ich kurz. ,, Da hast du ein ruhigeres Leben als ich An beiden Seiten des Bahnsteigs laufen die Züge ein. Wir trennen uns, sie fährt in entgegengesetzter Richtung. Gleichzeitig fahren die Züge ab. Ich bemerke noch, wie sie zum Abschied den Arm hebt. Morgen beginne ich mein ,, ruhiges Leben," nehme ich mir vor, als ich im dichtgedrängten Abteil stehe. Aber das braune Kletterwestenmädchen macht weiter Dienst. Soll ich wirklich aufgeben? Soll die Gegenseite wieder um einen ärmer werden? Was können wir Entscheidendes tun? Wir sind nur wenige; die Waffen sind zu ungleich. Mich verlangt nach Frieden! In unserer Straße liegt noch das Laub vom Herbst. Die welken, braunen Blätter sind leichtgefroren. Auf dem Boden liegt etwas Blaues, als ich die Haustür öffne. Ein Brief; auf dem Umschlag klebt eine norwegische Marke. Eine steile, kindliche Schrift. ,, Dir verdanke ich es, daß ich noch am Leben bin. Du hast es vermocht, die Hoffnung in mir wachzuhalten. Spürst Du es nicht, daß ich Dir und unseren Freunden jeden Tag gute Gedanken sende?" Die Haustür steht noch offen. Die Winterwölkchen am Himmel scheinen sich zu Noten zu formen. Ich rufe den Pfarrer an. ,, Lassen Sie uns morgen nach Rendsburg fahren!' Warum?" ,, Ich werde es Ihnen erklären, wenn wir uns sehen." 199 Übermüdet sitze ich am nächsten Tag im Zug. Nachts habe ich kaum geschlafen. Doch ich zweifle nicht man Die Arbeit wird fortgesetzt— um jeden Preis! Ich will versuchen, Klarheit zu schaffen. Wenn die Gestapo gewußt hat, daß ich auch in der Rendsburger Anstalt arbeite, muß ihr irgend jemand dort über mich berichtet haben. Falls es so ist, gilt es, die Gefangenen zu warnen. Um zehn Uhr donnert der’Zug über die Brücke. Wenige Sekunden ‚später taucht der massive, gelbe Bau auf. Wir stehen auf dem Gang am Fenster. Da— da ist der Hof! Aber— wo sind die Gefangenen? Der Hof ist leer. Ich sehe den Pfarrer an. Das Anstältsleben ist auf Minuten eingeteilt. Immer, wenn der Zug um zehn Uhr vorbeibraust, gehen sie auf dem Hof im Ring. Wie könnte es anders sein, als daß ich den leeren Hof mit meiner Vorladung bei der Gestapo in Zusammenhang bringe? Heute erscheint mir alles möglich, und doch ist es mir unvorstellbar; denn wer. vermöchte wohl den Zeiger der Zuchthausuhr zu verrücken? Der Pförtner am Tor grüßt nicht so freundlich wie sonst.„Heil Hitler!” Dann verstummt er. Der Pfarrer wirft mir einen fragenden Blick zu. Selbst wenn die Gestapo oder irgend jemand in der Anstalt etwas über mich herausgefunden hätte, könnte es der Pförtner nicht wissen. Doch die Angst kriecht in mir hoch; sie ist eine Krankheit, die schleichende Ver- giftung langer Jahre. Wir werden in das Arbeitszimmer des Oberinspektors geführt.„Sie müssen warten. Herr Oberinspektor ist beim Chef.“ Noch nie war der Oberinspektor beim Chef, wenn wir kamen. Der leere Hof, der amtliche Gruß beim Pförtner und nun das Warten im Zimmer des Oberinspektors— das alles verdichtet sich zu dem einen Gedanken: Es ist etwas geschehen; man hat etwas über den Pfarrer und mich in Erfahrung . gebracht. Von. der Uhr des Zuchthausturmes tönen elf Schläge herüber. Das Zimmer ist überhitzt von dem der Zentralheizung vorgebauten Kanonen- ofen. Trotzdem friert mich. Greif liegt neben mir im Korb und atmet in merkwürdig schweren Stößen. Kaum sind die Schläge der Uhr verstummt, erhebt er sich— macht einen gurgelnden Laut und— erbricht sich. Auf dem ausgefranzten, grauen Teppich liegt eine grüne Lache. Einen Augenblick vermag ich zu lächeln. Mir kommt es vor, als stehen Greifs Gurgeln‘und seine plötzliche Erleichterung in irgendeinem Zu- sammenhang mit meiner seelischen Verfassung. Die Tür öffnet sich. Der Oberinspektor tritt ein. Ist sein Gesicht ernster als sonst, oder scheint es mir nur so?„Gut, daß Sie kommen!‘ sagt, er. „Wir haben Sie schon erwartet." Unbeschreibliche“Verwirrung überkommt mich. Die Gestapo hat also doch etwas gegen mich unternommen? Die scheinbar äußere Ruhe, die mir noch gestern im grauen Zimmer des Patrizierhauses zu Gebot stand, ver- 200 1äßi ich wie maı plöt Mit Noc Auc die an auc anf vor Stir n kaum - um ẞt hat, jemand enen zu später Fenster. st leer. ngeteilt. Hof im meiner eint mir te wohl Hitler!" as über och die de Verrt. ,, Sie er leere mer des : Es ist fahrung er. Das anonentmet in stummt, ch. Auf = stehen em Zuernster sagt er. hat also die mir nd, verläßt mich. Vielleicht deshalb, weil es der alte Oberinspektor ist, in dem ich bis jetzt beinahe einen Freund gesehen habe. ,, Sie haben mich erwartet?" wiederhole ich stockend. ,, Ja! Eine Zelle ist gerade frei geworden. Wir müssen Sie hier behalten." Was sonst Scherz sein könnte, muß heute Ernst sein. Der norwegische Pfarrer, der der deutschen Unterhaltung nicht ganz gefolgt ist, blickt von einem zum anderen. Meine Hand greift zur Lehne des Plüschsofas. Der Oberinspektor kommt auf mich zu. ,, Was ist Ihnen? Sie sehen schlecht aus. Sind Sie krank?" Er bemerkt die grüne Lache vor Greifs Korb und sagt kopfschüttelnd: ,, Fast möchte man es genau so machen wie Greif!" Aufseufzend fügt er hinzu: ,, Na, man hat Ihnen wohl schon am Tor gesagt, was heute los ist?" In atemloser Spannung sehe ich den Oberinspektor an. ,, Inspektion ,, Inspektion? Von wem?" Die Hand umspannt den stumpfen Samt der Lehne. ,, Von wem?" wiederholt der Oberinspektor. ,, Nun, natürlich vom Generalstaatsanwalt!" Die Hand löst sich. Ehe ich mich noch besonnen habe, bricht es aus mir heraus: ,, Gott sei Dank!" ,, Was heißt da ,, Gott sei Dank?", brummt der Oberinspektor. ,, Sie sollten wissen, wie übel so eine Inspektion ist. Dicke Luft von morgens bis abends." Die Turmuhr schlägt herüber. Viertel nach elf. Wie hellblau der Himmel in der klaren Wintersonne ist. Es klopft. Ein Wachtmeister meldet, daß der Chef die Dolmetscherin zu sprechen wünsche. ,, Der Generalstaatsanwalt ist gerade hinüber zum Gefängnis gefahren." Der Chef reibt sich behaglich die Hände. ,, Da will ich die freie Stunde benutzen, um Ihnen einmal meine Anerkennung zum Ausdruck zu bringen. Auch der Generalstaatsanwalt äußerte sich sehr zufrieden über Ihre Arbeitsweise " Ich glaube, nicht richtig zu hören. Anerkennung? In Rendsburg weiß man also doch nichts über meine Vorladung zur Gestapo? ,, Der Meinung sind andere vielleicht nicht!" antwortete ich in einer plötzlichen Eingebung. Ich berichte von der Vorladung bei der Gestapo. Mit freundlichem Interesse nimmt der Chef diese Mitteilung entgegen. Noch einer hört zu! Der braune Mann auf dem Bild über dem Sofa; seine Augen starren bewegungslos. Aber der Chef lacht zuletzt. ,, Raten Sie, wer die Gestapo beauftragt hat, Sie vorzuladen?" Er sieht mich erwartungsvoll an und antwortet, als ich beharrlich schweige: ,, Ich war es! Wissen Sie auch warum? Sie haben einen merkwürdigen Vornamen. Ich hatte daher anfangs die Vermutung, Sie seien Ausländerin, und habe Sie vorsichtshalber einige Monate überwachen lassen." Der Chef ist in bester Stimmung. ,, Gestern nach Ihrem Besuch bei der Gestapo bekam ich einen 201 telephonischen Bericht. Beruhigen Sie sich!’ Er ist so ausgefallen, daß ich . Sie fortan nicht mehr überwachen zu lassen brauche—— „Sagen Sie das lieber nicht mit so großer Bestimmtheit,‘ unterbreche ich. „Sie tun Ihre Pflicht, wenn Sie mich überwachen lassen. Ich werde die meine tun—' Ich verstumme. Der fette Mann wird unruhig.„Wieso meinen Sie das?‘ fragte er bestürzt. Ich lasse mir zur Antwort Zeit. Von weit her dringt das Klappern von Holzpantinen. Die blankpolierte Fläche des Schreibtisches glänzt im Sonnenlicht.- „Ich wurde bei der Vorladung-nicht nur von der Gestapo vernommen; ich bin auch aufgefordert worden, Berichte über den Chef und das Personal der Anstalt zu machen.” „Und was haben Sie geantwortet?" fragte der Chef kurzatmig. „Sie sind sicher ebensowenig wie ich daran interessiert, mit der Gestapo zusammenzuarbeiten!" „Zusammenzuarbeiten?" Der Chef lacht kurz auf, nimmt aus dem Neben- fach des Schreibtisches eine Zigarre und schneidet mit einer eigens gebauten Schere die Spitze ab. Dann greifen die dicken Finger zum Revers der Jacke und klappen es um. Keine Marke ist auf der Rückseite. Es,ist nur eine symbolische Geste.„Die Gestapo will mich überwachen lassen?” Er schüttelt den Kopf.„Sehen Sie!“ Er hält immer noch däs Revers zurückgeschlagen. „Ich selbst bin Mitglied der Gestapo und Funktionär im Sicherheitsdienst.“ Aber selbst Mitgliedschaft in der Gestapo scheint im Dritten Reich keine “ Lebensversicherung zu sein! Denn der Chef steht auf und streckt mir die ‚weichliche Hand entgegen:„Also zukünftig— keine Berichte.” Das graue Zimmer und die weißlackierte Tür versinken wie ein böser Traum. Eins ist sicher! Dieser Chef wird mich nicht wieder von der Gestapo vorladen lassen.; Die Uhr vom Zuchthausturm schlägt. a. Welch eine seltsame Stundel Es überrascht mich nicht— vielmehr erkenne ich daran wieder jenen geheimen inneren Zusammenhang, den ich schon so häufig entdeckte— als der erste Gefangene, den wir an diesem Tage besuchen, zu mir sagt, daß im Neuen Testament dreihundertfünfundsechzigmal die Worte stehen: Fürchte nicht! „Für jeden Tag im Jahr einmal!” Anfang des neuen Jahres werde ich krank.„Mindestens sechs Wochen Bettruhe, sagt der Arzt. Nach drei Wochen bin ich aber schon wieder im Zuchthaus Rendsburg. Ich habe keine Zeit, krank zu sein; die Gefangenen warten. Nicht nur die Gefangenen!„Gut, daß Sie endlich wieder da sind,“ sagt der Oberinspektor.„Wir brauchen Sie dringend für die dänischen politi- schen Strafgefangenen, die wir jetzt bekommen haben. Sind Sie bereit, Briefzensur und Besuchsüberwachung zu übernehmen?" 202 Bich e ich. e die einen n von t im men; sonal estapo ebenauten Jacke - eine üttelt lagen. enst." keine ir die böser estapo tsame jenen als t, daß tehen: ochen der im genen sagt politibereit, Ich fühle mich so krank, daß mir der Rauch des selbstgezogenen Tabaks vor den Augen flimmert und fuselt. Um wieviele dänische Gefangene handelt es sich?" ,, Vorläufig dreihundert. Es treffen aber laufend neue Transporte ein." ,, Ich habe bereits vierhundert norwegische Gefangene. In einem halben Jahr ist außerdem mein Physikum fällig. Und ich bin krank." Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn. Es ist zuviel. ,, Es geht nicht, Herr Oberinspektor!" ,, Schade!" antwortet er kurz. ,, Der Chef hatte Sie schon dem Generalstaatsanwalt für diese Aufgabe vorgeschlagen " Dreihundert dänische Gefangene! Der Tag fällt mir ein, als ich zum erstenmal in Dänemark war. Durch die Gastfreundschaft, dieses Landes faßte ich den Entschluß, Dänisch zu studieren und Dolmetscherin zu werden. Warum zaudere ich noch? Bin ich darum damals nach Dänemark gekommen, um heute diesem Land, dem ich soviel verdanke, meine Hilfe zu versagen? Es geht, es muß gehen. ,, Vielleicht wird es nicht mehr so lange dauern," sagt der Oberinspektor vorsichtig. ,, Die paar Monate--Mein Blick geht zum Kalender. Vor kaum einem halben Jahr saß ich zum erstenmal in diesem Arbeitszimmer und dachte: Nur noch ein paar Monate Diesmal sind wir bei Kolp. Willis Bahnhofsrestaurant ist montags geschlossen. Ich hätte heute in der Anatomiebaracke präparieren müssen. Ich bin aber trotzdem gefahren. Es ist meine erste Reise mit dem dänischen Seemannspfarrer, erst am Rendsburger Zug haben wir uns kennengelernt. Erkennungszeichen? Meine hellbraune Mappe. Kolp selbst bringt den Kaffee. Er stellt ihn uns verärgert hin. Auch heute hat er auf sein ,, Heil Hitler" keine Antwort erhalten. Der Pfarrer holt mehrere Päckchen hervor und legt sie vor mich hin. ,, Für Sie!" sagt er, als ich ihn erstaunt ansehe. Dabei sieht er verlegen beiseite. In den Päckchen sind Brote, belegt auf dänische Art, ungewohnter Anblick! Erst viel später erfahre ich, warum der Pfarrer geglaubt hat, er müsse mich mit Frühstück versorgen. Als er den norwegischen Pfarrer fragte: ,, Wie ist die Überwachung?" kam es lakonisch zurück: ,, Überzeugen Sie sich selbst." Dann hatte der norwegische Pfarrer noch hinzugefügt: ,, Sie müssen eine Aktenmappe voll gut belegter Brote mitnehmen!" Und als der dänische Pfarrer ihn ungläubig ansah, versicherte er: ,, Doch, doch! Die Dolmetscherin erwartet das so. Sie hat immer Hunger-." ,, Was machen wir nun mit den vielen Broten?" frage ich den dänischen Pfarrer. Der Zug war noch nicht an den Trümmern vorbei, da haben wir schon gegenseitig entdeckt, daß wir eines Sinnes sind. Die Liste, die ich bei Kolp aufstelle, ist lang. Keiner der Dänen hat noch Besuch bekommen. Wir müssen uns beeilen. ,, Und Ihre belegten Brote bekommt dieser hier!" Die Bleistiftspitze tippt auf einen Namen, der möglichst 203 Bi unauffällig in der Mitte der Liste aufgeführt ist. Es ist der Name eines dänischen Juden. In der dänischen Post, die ich bis jetzt zensiert habe, fiel er mir auf. Ganz wohl ist mir nicht, als ich dem Grünen die Liste‘übergebe. Es ist N strengstens untersagt, Juden zu besuchen. Doch wie schon so oft zuvor— so auch diesmal: Wir wollen helfen, und uns wird geholfen. Der diensthabende Wachtmeister wird plötzlich abgerufen und gibt eilig die Liste, ohne sie zu lesen, an einen Hilfswachtmeister weiter. Im Davongehen “ ruft er noch:„Hol die Leute heran, wenn du Bescheid bekommst!" „Der ist doch Jude!” Der Hilfswachtmeister zeigt auf den gelben Stern än der Schwarzen Uniform. „Sonderauftrag!‘ entgegne ich ruhig. Doch ich vergesse nicht, ne ein- mal zu ihm auf den Gang zu gehen, um ihm Zigaretten in die Hand zu EN drücken.„Sonderzuteilung!“ Juden im Zuchthaus!„Wir sind die glücklichsten Menschen der ganzen Anstalt!’ sagt der jüdische Gefangene. Sie bekommen vom niedrigsten Kostsatz noch etwas abgezogen, sie werden in einer Sonderstrafabteilung zusammengefaßt. Aber die Mauer schützt sie vor der Gaskammer, denn die Gestapo hat sie vergessen. Es ist ein Irrtum, ein Versehen. Jeden Morgen wandern die„Sterne” in einem Ring für sich. Eines Tages wird vielleicht irgendeiner darüber fallen. Er wird Meldung machen. Eine Verfügung wird erlassen, und es ist vorbei. Einstweilen jedoch danken sie Gott dafür, daß sie hier sein dürfen. Welch eine Zeit, in der man Gott dankt, im Zuchthaus zu sein! Die dänischen Gefangenen sprechen zu uns wie zu alten Freunden. Un-. schwer zu erraten, weshalb! Jeder kommt mit Grüßen von norwegischen Kameraden. Dann kommen die ersten Frühlingstage, blauer Himmel und duftende Erde, Die Luft atmet Freiheit; wieder regt sich die Hoffnung. Als wir vor dem Tor des Rendsburger Zuchthauses stehen und den altertümlichen Glockenzug ziehen, sage ich zum Pfarrer:„Wenn es doch das letztemal i wäre!": id; Der Winter ist lang gewesen. Wir haben geduldig gewartet. Wir haben viele Koffer getragen, Bücher, Brot und Medikamente. Freundlichkeit und Wahrheit, Minuten der Freiheit. Zahllose Alarme. Lange Fahrten im Zug und ein düsterer Himmel, dessen Finsternis nur durch flackerndes Schein- werferlicht oder zerplatzende Leuchtkugeln aufgehellt wurde. A Die zarte Bläue dieses ersten Märztages ist unwirklich. Diesseits und a jenseits der Mauer ist es dunkel. Wir gehen über den Hof; er ist leer. Wir R| kommen zur Innentür. Blechern klingt von innen das Gebimmel der"Glocke H zurück. } Was geht auf dem Gang vor? Undeutlich erkenne ich durch das matte Glas viele Gestalten. . 204 eines , fiel Es ist oft - Der g die rehen Stern einnd zu anzen , sie Mauer Es ist einem n. Er orbei. Welch m. Un-. schen Etende ir vor lichen temal haben t und n Zug cheins und r. Wir Glocke matte Ein Hilfswachtmeister öffnet. Der gewölbte Gang nimmt uns auf. Ich glaube zu träumen! Sigurd steht vor mir. Nicht in schwarzer Uniform mit gelben Streifen. Er trägt einen Skianzug, auf dem Rücken einen Rucksack. Neben ihm steht Olaf im dunkelblauen Wintermantel, in der Hand einen Lederkoffer. Der Gang ist voller Menschen in Zivil, die ich kenne und doch nicht wiedererkenne. Sie rufen uns entgegen: ,, God dag!" Kein Grüner ist da. Auf den ausgehöhlten Gesichtern liegt ein blasses Lächeln. Rasende Hoffnung packt mich: ,, Frei?" Ach! Dieser blaue Himmel, diese duftende Erde ist nur einer der vergänglichen Vorfrühlingstage. ,, Wir kommen fort." ,, Wohin?" So fragen wir gleichzeitig - die Gefangenen, der Pfarrer und ich. Ohne anzuklopfen, stürze ich in das Arbeitszimmer des Oberinspektors. ,, Wohin?" Greif liegt im Korb wie immer. Halb verborgen vom Regal steht der alte Justizsekretär, der mir allwöchentlich die Gefangenenbriefe zur Zensur schickt. Akten sind neben ihm auf den Boden gestapelt, mit Blockschrift beschrieben: Norwegische Namen. ,, Wo ist der Oberinspektor?" ,, Mit dem Chef auf Dienstreise." ,, Wo?" ,, In Mecklenburg, im Zuchthaus Bützow." ,, Kommen die dänischen und norwegischen Gefangenen dorthin?" ,, Die meisten." ,, Und die anderen?" ,, Werden auf verschiedene deutsche Anstalten verteilt." ,, Und warum geschieht das?" Achselzucken. Den Grund zur Verlegung erfahre ich erst viel später. Die Invasion Schleswig- Holsteins wird befürchtet. Alle Ausländer werden laut Geheimerlaẞ verlegt. Niemand kümmert sich heute um die skandinavischen Gefangenen. Das Besuchszimmer ist voller Menschen in Zivil. Sie stehen auf dem Gang, sie rauchen die Zigaretten, die sie noch in den Effekten gefunden haben. Sie zünden sich eine Pfeife an, sie lesen die Briefe, die ungelesen im Zuchthaus Fuhlsbüttel in den Koffer gewandert sind. Es ist Aufbruchsstimmung. Die Abwechslung, die Aussicht auf Wechsel, die Unterbrechung der Eintönigkeit der Zelle erfüllt die Gefangenen mit neuem Leben. Mir gegenüber sitzt Viggo in einer Pelzkombination. Man könnte fast glauben, er sei gerade einem Flugzeug entstiegen. Doch das durch tausend Falten zerfurchte Gesicht spricht eine andere Sprache. Er greift in die linke 1 205 Tasche und zieht einen Füllfederhalter heraus. Er zerrt an ihm herum. Seine Hände zittern; er weiß ihn nicht mehr zu handhaben. Vier Jahre Gefangenschaft. Ein Grauen überfällt mich. Das Zivilzeug ist wie etwas Fremdes an meinen Freunden. Es paßt nicht zu ihnen; sie passen nicht mehr hinein. Ich beginne zu ahnen, wie schwer es sein wird, wieder frei zu sein. Werden wir noch in die alten Kleider passen? Jemand zupft mich am Ärmel. Es ist Ejvind. Er steht vor einem geöffneten Koffer und reicht mir eine farbige Photographie. ,, Das ist Randi!" Das war Randi. Nicht nur ihr diesseits der Mauern habt ein anderes Gesicht bekommen! Wie nun, wenn die Gesichter der sich einst Wiederfindenden nicht mehr zueinander gehören? Mir bangt vor den Enttäuschungen des Friedens. Ich gehe hinüber zur Verwaltung. ,, Hat das Zuchthaus Bützow schon einen Dolmetscher für die dänischen und norwegischen Gefangenen?" ,, Hier nichts bekannt." ,, Dann stellen Sie eine telephonische Verbindung her." Ich gehe zurück ins Besuchszimmer. ,, Wirst du bei uns bleiben?" fragen die Gefangenen. Ich sage ,, ja," obgleich ich es noch nicht weiß. Doch ich glaube fest daran, weil es nicht anders sein darf. Noch werde ich gebraucht. Das Telephon klingelt. Der Chef vom Zuchthaus in Bützow. ,, Dolmetscherin? Nein, brauchen wir nicht. Wir haben eine Beamtin, die - Dänisch spricht." ,, Es handelt sich aber nicht nur um die Sprache. Es geht um die Überwachung. Ich verfüge über genügende Erfahrung." ,, Meine Beamtin auch.". ,, Ich kenne jeden einzelnen der Gefangenen." Der Chef scheint zu überlegen. ,, Gut! Sie bekommen Bescheid." ,, In spätestens acht Tagen machen wir unseren ersten Besuch in Bützow!" sage ich zu den Gefangenen. Sie schütteln mir aber die Hand und danken mir, als sei es ein Abschied für immer. Als ich abends zurück nach Hamburg komme, erfahre ich, daß auch die norwegischen Gefangenen vom Zuchthaus Fuhlsbüttel verlegt sind. Otto, der Vorarbeiter im Kettenwerk, hat angerufen. Außerdem liegt ein Brief da. Von Onkel Hans. Inzwischen sind wir gute Freunde geworden! Er schreibt mir, daß Eilif und seine Kameraden fortgekommen sind. Wenn in ganz Schleswig- Holstein die ausländischen Gefangenen verlegt werden, ist auch das Torflager Schülp geräumt. Ich liege noch lange wach, doch ich atme freier. Wohin aber kommen die Gefangenen, die nicht nach Mecklenburg verlegt sind? Wird es mir gelingen, ihnen allen zu folgen? Die Augen fallen mir zu vor Übermüdung. Ich bleibe liegen, obgleich die Sirene Alarm gibt, halb im Schlaf, halb wach. Wenn nun wirklich eine Landung in Schleswig- Holstein erfolgt? Wenn wir abgeschnitten werden 206 vom fange mehr werde Die C Sc sehen Ihr se es röt Ab In mal i die di ,, I De selbst Cosw ist: Ich Wald werde sproc De fohlen Es lingst Wolk uns. H ,, V als S Er Bahnh und Wohl Schlo ander Ve gitter hantie fegt einer eine j ist ssen der sten eres der- Ent-\ hon ob- icht nei- die ber- wi" hied die Itto, ' da. 'eibt legt ach, 1ach jen? . die eine rden * x x Ä{ 1 in= vom übrigen Reich? Dann verlieren wir die Verbindung mit den Ge- fangenen. Oder aber,‘wenn sich die Angriffe so steigern, daß wir nicht mehr fahren können? Wir müssen doch fahren! Ich muß Dolmeischerin' werden in den Zuchthäusern und Lägern, in die die Gefangenen verlegt sind. Die Gefangenen warten!. Schon graut der Morgen. Ich spüre Schritte——— ich glaube, euch zu sehen, wie ihr im langen Zug durch eine verschlafene, kleine Stadt zieht. . Ihr seid in Zivil. Ihr tragt Koffer und Rucksack. Seht nur! Nun schimmert es rötlich am Horizont. Aber die Freiheit liegt jenseits eurer Straße.; In den nächsten acht Tagen besuche ich kein Kolleg. Ich.bin noch ein- mal in Rendsburg. Der Oberinspektor gibt mir die Namen der Anstalten, in die die skandinavischen Gefangenen verlegt sind. „Es liegt zu weit auseinander. Sie können doch nicht überall hinreisen.” „Ich reise, Herr Oberinspektor.‘ Der. Oberinspektor verspricht mir, mich dr Anstalten zu empfehlen. Ich selbst telephoniere.und schreibe. An die Zuchthäuser in Halle, Cottbus und Coswig, an ein Strafgefangenenlager bei Frankfurt am Main. Die Antwort ist:„Kommen Sie zur Vorbesprechung.“ Ich gehe zum Zuchthaus Fuhlsbüttel. Die Gefangenen sind verlegt nach Waldheim, Bautzen und Luckau. Ich telephoniere und schreibe. Auch dort werde ich Dolmetscherin. Nur Luckau sagt ab:„Hier wird Deutsch ge- sprochen!“\ Der Chef von der Ant in Bützow ruft nich an:,„Sie sind mir'emp- fohlen worden. Kommen Sie!” E e Es ist wieder Winter, als wir in Bützow ankommen. Die ersten Vorfrüh- lingstage sind vorüber. Frischer Schnee ist gefallen, am Himmel sind schwere Wolken. Einige Schlitten halten vorm Bahnhof, kein Schlitten wartet auf uns. Es ist ein weiter Weg bis zur Anstalt. „Wo liegt das Zuchthaus?" habe ich den Oberinspektor gefragt. „An einem Südabhang. Sehr sonnig.‘ Wie er das so sagte, klang es fast, als spreche er von einem Schloß im Süden! Er hat recht! Wenn man's auch erst nicht glauben möchte, denn der Bahnhof liegt weit außerhalb der Stadt."Zuerst sind nur ärmliche Hütten und Katen zu beiden Seiten der Straße. In der Stadt aber ist behäbiger Wohlstand. Und weiter heraus— am Rande— entdecken wir auch das Schloß. Die Fenster sind zwar vergittert. Unsere Zeit weiß wohl nichts anderes mit den ‚Überbleibseln einstiger Fürstenherrlichkeit anzufangen... Verlassen liegt der Schloßplatz da. Aber irgendwo unter einem der ver- -gitterten Fenster nehme ich eine alte Frau wahr. Mit langsamen Bewegungen hantiert sie mit einem Besen, an dem kaum noch Strohborsten sind. Sie fegt den Schnee vom Fußsteig. Sie trägt ein kornblumenblaues Kleid mit . einer weißen Schürze darüber, Kopftuch und Holzpantinen. ,, Zuchthaus?" frage ich sie und deute auf die vergitterten Fenster. Sie blickt auf. ,, Frauengefängnis," kommt es aus dem zahnlosen Mund zurück. Sie stützt sich auf den Besen und sieht mich erwartungsvoll an. Da kommt von der anderen Seite eilig eine Frauensperson heran. Sie trägt Uniform. Wissen Sie nicht, daß es untersagt ist, mit Gefangenen zu sprechen!" " Ob auch Norwegerinnen und Däninnen im Frauengefängnis sind? Mir fällt ein, daß der Chef des Bützower Zuchthauses eine Dänisch sprechende Beamtin erwähnt hat. Sicher ist sie in diesem ,, Schloß" angestellt. Ich nehme mir vor, sie aufzusuchen. Ich muß wissen, wer sie ist; sie kann unserer Arbeit gefährlich werden. Das Männerzuchthaus ist kein Schloß, sondern ein schmuckloser, kasernenartiger Bau aus den neunziger Jahren. Es liegt, wie der Oberinspektor gesagt hat, an einem Abhang. Vielleicht ist es sogar ein Südabhang. Aber ein eisiger Wind jagt heute darüber. Der See unten ist glasig von der neueingebrochenen Kälte. Dann stehen wir wieder vor einem Tor. Die Klappe geht auf. Die mürrische Stimme dahinter fragt: Sie wünschen?" - - Das Tor wird geöffnet. Wir kommen hinein. Am Himmel ist es in- die zwischen lichter geworden und jetzt unvergeßlicher Augenblick Wolken teilen sich. Die Sonne bricht hervor; der Schnee glitzert in funkelnder Pracht. Auf dem weiten Hof gehen Gefangene im Ring. Ich sehe näher hin. Der Hof lebt. Strahlende Gesichter! Es sind die Dänen und Norweger. Sie schwingen die Arme, als sei es ihnen zu kalt. Wir aber verstehen die Sprache. Sie heißt: Willkommen! Wir lächeln ihnen zu und heben ein wenig die schweren Koffer und Mappen. Jedes Zuchthaus hat seinen eigenen Geruch. Hier riecht es nach angebrannter Magermilchsuppe. Die Anlage der Anstalt ist anders als in Rendsburg oder Hamburg. Kein Stern, keine Trennung zwischen ,, vorne" und ,, hinten". Die Zellen schließen sich unmittelbar an die Räume der Verwaltung. Es gibt keine gewölbten Gänge wie in Rendsburg. Der Blick verwirrt sich durch die vielen Brücken und Treppen, über die unaufhörlich Holzpantinen klappern. Ich werde zum Chef geführt, allein. Der Pfarrer bleibt zurück. Der Chef ist aufgeregt; er sagt mehrfach ,, Heil Hitler!" Offenbar hat er sich nach mir erkundigt und in Erfahrung gebracht, daß ich an mehreren Anstalten als Dolmetscherin beauftragt bin. Da es ungewöhnlich ist, daß eine Frau mit der Überwachung von männlichen Gefangenen betraut wird, ist er wohl zu dem Schluß gekommen, ich sei eigens zu dieser Aufgabe von der Gestapo bestimmt worden. ,, Sie sind mir sehr empfohlen worden!" Der Chef spricht süddeutschen Dialekt. Seinem Aussehen nach könnte er eher ein Gastwirt sein als gerade 208 ein Be regieru Der beobac Blicke Gestap stellen! ,, Ich der Ze habe. D Es k Spät durch. Raten S Es demsel freie H der Pfa ab." Se wenig ,, Sie fragt m auch f sinnt e erwarte Was spreche ,, End Schloßp spreche glaube Sie habe. D wunder wie sie Erst in gute Kr ,, Ich lächeln zwische Oberin Sie erra nommer 14 Halt V Mund n. Da trägt n zu Mir mende . Ich kann loser, OberSüdglasig . Die es in- die rt in . Der F. Sie n die rund angeRends' und Verx verörlich - Chef nach stalten = Frau - wohl estapo tschen gerade ein Beamter im Strafvollzug. Seine Nase ist aufreizend rot. Er ist Oberregierungsrat; im Knopfloch steckt das Parteiabzeichen. Der Amtmann der Anstalt ist auch zugegen; in braunen SA- Hosen. Ich beobachte, wie sich der Oberregierungsrat und der Amtmann mehrfach Blicke zuwerfen. Die Augensprache ist nur zu deutlich! Ob sie von der Gestapo ist? Wahrscheinlich; jedenfalls vorsichtshalber sich gut mit ihr stellen! ,, Ich mache Sie darauf aufmerksam," sagt der Chef ,,, daß ich nichts mit der Zensur und Besuchsüberwachung der Dänen und Norweger zu tun habe. Das ist ausschließlich Ihre Sache!" Es könnte nicht besser sein! Später gehen wir an Hand einer Liste die skandinavischen Gefangenen durch. ,, Wie können wir die Leute am besten verwerten? Sie kennen sie. Raten Sie uns." Es gelingt, fortan Freunde und Kameraden, Väter und Söhne an ein und demselben Arbeitsplatz unterzubringen. Der Oberregierungsrat, läßt mir so freie Hand, wie ich es kaum je zu hoffen gewagt hätte. ,, Von mir aus kann der Pfarrer so oft kommen, wie er will. Das hängt von Ihrer Genehmigung ab." Sein Entgegenkommen erklärt sich nur aus dem Bestreben, möglichst wenig mit dem vermeintlichen Mitglied der Gestapo zu tun zu haben! ,, Sie überwachen anscheinend alle Skandinavier in deutschen Anstalten?" fragt mich der Chef. ,, Die Generalstaatsanwaltschaft hat bestimmt, daß Sie auch für meine Anstalt beauftragt werden sollten." Einen Augenblick besinnt er sich, dann sagt er: ,, Übrigens die Oberin des Frauengefängnisses erwartet Sie zu einer Unterredung." - Was will die Oberin von mir? Ist es vielleicht die Beamtin, die Dänisch sprechen kann? Wieder regt sich das Mißtrauen. ,, Endlich sehen wir uns wieder!" Die Oberin des Frauengefängnisses am Schloßplatz streckt mir beide Hände entgegen. Ja, sie ist die ,, dänisch sprechende Beamtin" und gleichzeitig eine alte Freundin von mir! Kaum glaube ich meinen Augen zu trauen. Sie ist die Oberin, die ich vor vielen Jahren im Dänischen unterrichtet habe. Durch sie hörte ich zum erstenmal vom Gefängnisleben. Wie verwunderte ich mich damals darüber, daß es im Dritten Reich für eine Frau wie sie möglich war, noch in leitender Stellung im Strafvollzug zu bleiben. Erst in den Jahren, die folgten, erfuhr ich, daß gerade im tiefsten Dunkel gute Kräfte im Verborgenen wirken. - ,, Ich habe Sie erwartet und Ihre Ankunft gut vorbereitet!" sagt sie lächelnd. Darum also war der Chef SO entgegenkommend, deswegen zwischen ihm und dem Amtmann die Blicke! Vor fünf Jahren sah ich die Oberin zum letztenmal. Es ist, als wären wir erst gestern zusammengewesen. Sie errät, ohne daß ich es ihr sage, warum ich die Gefangenenarbeit übernommen habe. 14 Halt Wacht im Dunkel 209 9 „Einige Norwegerinnen und Däninnen sind im Frauengefängnis; be- . suchen Sie uns bald!“ 3 Mir ist leicht und frei zumute wie am Morgen— da war es das Wieder- sehen mit unseren Freunden, nun am Abend ist es die Begegnung mit dem ° verborgenen Deutschland!.“ Mitte März ist das Wintersemester zu Ende. Sechs Wochen vorlesungs- freil Keine Ferien! ich arbeite weiter nach Büchern. Täglich zwei Stunden x — und sei es auch im Zug oder Wartesaal. Die Sträucher sind im ersten Grün; die Bäume haben zarte Knospen. Es wird Frühling.; 5 v Wir stehen in überfüllten Zügen. Manchmal gelingt es, noch einen vierten Platz zu bekommen, aber die aufgeschlagene Lehne drückt im Rücken. Man wird steif vom krummen Sitzen. D-Züge, Personenzüge und Kleinbahnen. In fliegender Fahrt oder im rumpelnden Trott.geht es än den, frischgepflügten Feldern vorbei. 3 Es wird Frühling, doch liegt nicht schon über dieser atmenden, werden- den Erde das Warten auf die Panzer, die sie zerwühlen, auf Granaten, die sie zerfetzen werden? Wird sich der warme Regen nicht in Blut und Tränen wandeln? Noch sind die Panzer weit fort von den deutschen Grenzen. Der Zug fährt vorbei an Wiesen, Weiden und Knicks. Die Kätzchen blühen; ich sehe sie schon gebrochen! Ich schließe die Augen und denke an das nächste Ziel————.=: 0 - Wir fahren'nach Mecklenburg: Bützow, Neubrandenburg und Wismar. Wir fahren nach Coswig und Waldheim, nach Halle und Cottbus. Wir gehen über morastige Wege, über betonierte Straßen. Wir sind in Flugzeughallen, wo.der Donner der Motoren unsere Worte verschlingt. Wir gehen über das - steinige Pflaster von kleinen, yerschlafenen Städten. Wir hasten über den Asphalt von ‚Berlin, Mit der Verlegung der skandinavischen Gefangenen von Hamburg und Rendsburg wird der Weg immer weiter und beschwer- licher. 3 i Sie warten. Wir können nicht bei allen zugleich sein. Die Grüße, die ich. in Briefe an Gefangene schreibe, werden häufiger. Keine politischen Ab- handlungen oder Neuigkeiten, oftmals nur wenige Worte, manchmal ein längerer Brief. Beide sagen dasselbe: Ihr seid nicht- vergessen. Wir warten mit euch. Y Die Osterwoche verbringe ich zu Hause. Über die Feiertage ist der Zug- verkehr eingestellt. Seltsam gespannt ist die Stimmung in Hamburg, Tag und Nacht Alarm. Alle warten darauf, daß etwas geschieht. Die Invasion muß kommen. Aber wo? Gerüchte von Luftlandungen in der Nähe Ham- burgs werden ausgestreut. Wohin ich auch auf meinen Reisen komme, wird von Luftlandungen gesprochen. Jeder glaubt, es sei in seiner Gegend. In dieser Woche ohne Reise empfinde ich, welch ein Sklave des Bunkers wir geworden sind. Alarm— zwei Stunden Bunker— Entwarnung— zwei Stunden Ruhe— Alarm— wieder eine Stunde Bunker. Damit allein ist es 210 is; beWiederit dem esungstunden ben. Es einen ckt im ge und an den, werdenen, die Tränen en. Der en; ich nächste Vismar. r gehen ghallen, ber das ber den ngenen schwerdie ich en Abmal ein warten er Zugrg, Tag nvasion e Hamme, wird nd. Bunkers - zwei m ist es aber nicht getan. Nach und nach werden die Vorbereitungen für einen möglichen Angriff zur heiligen Handlung. In den Gärten werden Stühle aufgestellt, Drähte von Baum zu Baum gespannt. Tiefe Löcher sind gegraben. Schon bei Voralarm werden Koffer und Kleidung im Garten verteilt. Im Fenster liegen die im Haus einquartierten Ausgebombten und sehen zu, wie die noch Besitzenden versuchen, ihr Hab und Gut zu retten. Bitternis ist im Herzen, Angst bei denen, die noch zu verlieren haben. Wer von ihnen denkt noch weiter als über den Garten hinaus? An die Front? An Schützengräben, in denen Landser im Tauwasser des Frühlings stehen? Das ist weit weg, und schon in wenigen Augenblicken kann der Krieg über den eigenen Gärten und Häusern sein. Wer möchte es ihnen verdenken, daß sie die Front vergessen. Die Vernichtung rückt näher. Schon surren die ersten Motoren; die Bomber übertönen den Schlachtenlärm in der Ferne. Die Gedanken ziehen immer engere Kreise und jagen zuletzt nur noch um das eigene Ich. Oft ertappe ich mich selbst dabei, im Bunker, vor allem aber auf Reisen. Der Gedanke an meine Mutter vermischt sich mit dem an unser Haus es bedeutet für mich die Oase, jenen einzigen Ort, in dem wir uns durch ein langes Jahrzehnt die Freiheit bewahrt haben. Aus wievielen Ängsten ist die Angst zusammengesetzt! Ich habe Angst davor, daß wir das Haus durch Bomben verlieren. Ich habe Angst vor der Gestapo. Ich habe Angst vor allen Schrecknissen dieser Zeit. Und doch gibt es Stunden, wo ich die Angst überwinde- seltene, glückliche Stunden! Sie lassen sich nicht herbeizwingen; sie sind da, wenn ich mich selbst vergesse. - Am Karfreitag höre ich die Matthäuspassion. Abends schreibe ich an die Gefangenen: ,, Ich wünschte, ihr hättet mit mir in der Kirche sein können. Meine Gedanken waren bei euch. - Diese herrlichen alten Instrumente! Bach war fromm, und weil er ein wahrer Diener Gottes gewesen ist, kann er auch uns näher zu Gott bringen. In schlichten Worten berichtet der Evangelist. Danach der Chor, der Gottes Sohn verhöhnt. Dann das Motiv: O, Haupt voll Blut und Wunden.' Sie singen es, als wir vom Evangelisten hören, daß Jesus geschlagen wurde. Vorher haben sie die gleiche Melodie gesungen mit dem Text:, Befiehl Du Deine Wege.' Das war, als sie Jesus nahmen und banden. Dann kommt das Motiv zum drittenmal als er am Kreuz stirbt-- piano mit Harfe: Wenn ich einmal soll scheiden, dann scheide ich mit Gott.' - Doch dann bricht der Sturm los. Zuerst Drommeten; Gamben und Violinen fallen ein: Der Vorhang zerriẞ in zwei Stücke. Die Erde erbebte und die Felsen zerrissen!' Der Chor ist verstummt; nur die Violinen schluchzen. - Es war, als ob die Erde sich öffnen und uns alle verschlingen wollte. Ihr seid blind gewesen. Ihr habt die Wahrheit verleugnet.' 14° 211 Ja, wir sind alle mitschuldig geworden. Ein Gottesgericht, niederschmetternd- Doch da verstummen die Drommeten des Jüngsten Gerichts. Die Instrumente gehen über in Klänge sanftester Harmonie. Der Sturm hat sich gelegt. Die Taube mit dem Olzweig kommt und bringt uns Friede und Vergebung. Vergebung, weil wir nicht wußten, was wir taten. - Der Friede der Musik geht über in Jubel nicht laut, sondern in tiefer laßt uns mit dieser Innerlichkeit. Nach Karfreitag folgte die Auferstehung Gewißheit ins Osterfest gehen!" 1 Nachts heult wieder die Sirene in das Dunkel: Krieg und Vernichtung. Noch klingen in mir das Brausen der Bachschen Fuge, das Donnern der Drommeten und das Schluchzen der Violinen. Doch der Ton der Friedensharfe erstirbt im Huschen der vielen Schritte. Die Schuhe stehen in Pfützen. Es tropft von den Wänden. Der Bunker ist am Tag zuvor mit einer Flut von Wasser gereinigt worden. Es bleibt still; die Verbände biegen ab. Neue Anflüge werden aber gemeldet. Es vergehen Stunden. Ich sitze auf meinem alten Platz. Alles ist wie damals. War es im letzten Sommer oder ist es ein Menschenalter her? Neben mir auf der Holzbank ist die junge Frau. Sie hält ihre beiden Kinder auf dem Schoß, fest an sich gedrückt. Mit dem Fuß stößt sie sacht den Wagen. Aus den blaugewürfelten Kissenbezügen sieht ein müdes, bleiches Gesichtchen. Ein Bunkerkind! Damals erst wenige Wochen alt, jetzt schon fast ein Jahr. Die Gesichter tragen alle den gleichen Zug, sei es nun das Kind oder die alte Frau. Der Hitler- Junge, der sich auf den Pfosten des Geländers stützt, oder der Arbeiter, der sich, vor Müdigkeit überwältigt, gegen die nasse Wand lehnt hoffnungslos starren sie vor sich hin. Von den durchwachten Alarmnächten ist die Haut des Gesichts grau geworden. Sie warten nicht mehr weder auf das Ende des Krieges noch auf den ihnen versprochenen Sieg. Kein Angriff erfolgt, obgleich die Kampfverbände die Stadt überfliegen. Ihr Ziel liegt woanders. Die Stadt atmet auf: ,, Gott sei Dank! Diesmal haben wir Glück." Doch noch immer ist Alarm. Vielleicht tragen die Flugzeuge auf dem Rückflug noch Bomben bei sich? Eine ganze Stadt betet: ,, Hoffentlich haben sie bis dahin alle Bomben abgeworfen." Die Luft ist zum Ersticken. Die Kinder der jungen Frau wachen auf und weinen. Überall weinen Kinder. Es ist, als gehen jene kläglichen Laute durch den ganzen Bunker. Etwas später sind sie vor Übermüdung hellwach. Die beiden neben mir reißen sich los vom Schoß der Mutter und beginnen, lärmend über Koffer und Rucksäcke zu steigen. Sie suchen und finden andere Kinder. Sie kommen noch einmal zurück und zerren das Jüngste aus dem Wagen. Die Mutter läßt sie laufen, zu müde, es ihnen zu wehren. Mit Geschrei geht es über Koffer und Kasten, sie bahnen sich ihren Weg zwischen den hockenden Menschen. Es setzt 212 eini Eck doc Z11 her mit I ,, Ha dick I silb I weit ban ewi Ich Ber Mat glei sche Η Dien V lung zim die I sofa dem Was brod bei bred T dunl stich und eine B in d Bild Frie derDie sich Werefer eser ung. der ensnker gezten bank sich elten Daoder ders - die archarten veregen. aben euge fentund Laute vach. nen, rück m, zu sten, setzt einige Knüffe, das macht ihnen nichts. Endlich haben sie sich ein freies Eckchen ergattert. Der Kleine streckt jammernd seine Arme zu uns hin, doch die Frau neben mir hat die Augen geschlossen. Die Kinder lassen ihn zu Boden plumpsen. Dann fassen sie sich an der Hand und gehen um ihn herum im Kreis, winden sich vorbei an Menschen und Lasten und singen mit übermüdeten Stimmen: ,, Ringel Rangel Rosen - Da springe ich auf. Ich bahne mir den Weg zum Ausgang, ohne auf das ,, Halt!" des Bunkerwartes zu achten. Der Sing- Sang der Kinder bleibt in den dicken Wänden, die ich hinter mir lasse. Der Morgen graut, am Horizont wird es licht. Über den Wolken surrt es silbrig hell: Flugzeugmotore! Ich gehe durch die stillen Straßen. Niemand hält mich zurück. Ich gehe weiter, immer weiter, um den Spuk der spielenden Kinder im Bunker zu bannen. Die Erde atmet Frühling und Leben. Diese uralte Erde, die doch ewig jung ist, jünger als ich, der Mensch! Der Tag nimmt mich auf. Auferstehung!- Vom Bützower Schloßplatz klingen die Schläge der Turmuhr herüber. Ich zähle: Mitternacht, Ich richte mich etwas auf. Das Bett gleicht einer Berg- und Talbahn. Ich habe mich schon daran gewöhnt, von Zeit zu Zeit Matratzen und Kissen zurechtzurücken, um Hügel und Mulden auszugleichen. Ich wohne auf Nr. 12. Es ist eins der besten Zimmer im ,, Deutschen Haus". - Es huscht über den Gang, leise; unterdrücktes Kichern. Ob es das kleine Dienstmädchen ist? Wie dumpfig die Luft ist! Bevor ich mich legte, habe ich die Verdunkelung beiseitegezogen und die Fenster geöffnet. Um die Luft in einem Hotelzimmer ist es aber eigen bestellt! Es ist wohl gar nicht die Luft es sind die Gedanken. Sie bleiben zurück, auch wenn der Gast das Zimmer verläßt. In den hellen Nächten erkenne ich vom Bett aus die Umrisse des Plüschsofas und des Tisches mit der weißen im Kreuzstich bestickten Decke und dem Aschenbecher, der nach kalter Asche riecht. Neben der Tür steht der Waschtisch mit der unechten Marmorplatte, aus der eine Ecke herausgebrochen ist, und der Waschschale mit dem Sprung. Heiß und kalt wird mir bei der Vorstellung, sie könnte am nächsten Morgen beim Waschen zerbrechen. Wie still es ist; wie allein ich bin! Ich blicke zur Wand. Dort ist es dunkel, aber Rahmen und Glas heben sich von der Tapete ab. Ein Kupferstich hängt über dem Bett. Morgens beim Erwachen sehe ich ihn als erstes, und abends, wenn ich das Licht ausschalte, ist es das letzte. Er hängt auf einer mit grauen Rosen bedruckten Tapete. - Es ist nicht gut, wenn Kupferstiche wie dieser über einem Bett hängen, in dem man schlafen will. Ich schließe die Augen an der Wand hängt ein Bild des Todes. Ich aber will träumen vom Leben. Ich will träumen, es sei Friede, und ich kehrte in dieses blasse Hotelzimmer zurück und erfüllte es 213 mit heiteren Gedanken. Ich will träumen von einem langen Frühlingstag, von einem zartblauen Himmel, wenn Weiden und Kätzchen blühen. Ich will träumen von dem Tage, an dem ich ohne Angst sein werde, wie damals als Kind - der Sternenwagen? Kommt er nicht wieder Ja, er löst sich vom Himmel und nähert sich mir in gleitender Fahrt- ich steige ein ich fahre wir sind hoch über den Wolken. In der Ferne schimmern die Dächer einer Stadt. Ist es Gold oder ist es die Sonne, die das funkelnde Feuer entfacht? --Klingt nicht eine Melodie auf? Eine Geige. Der Sternenwagen hält. Meine Hand wird ergriffen ich werde geführt- ich schwebe, getragen von einer unirdisch heiteren Melodie, nun aber klingt sie auf in Moll sie ist es! Ein Adagio von Mozart. Doch die Glut der Dächer erlischt, denn ein drohender Schatten überdeckt die Sonne. Ich bin an einem See, und der Schatten, der sich düster am Abhang erhebt, ist das Zuchthaus! - Ich öffne wieder die Augen. Es war nur ein Traum. Unbeweglich steht der Sternenwagen am Himmel, und auf der mit grauen Rosen bedruckten Wand hängt der Kupferstich, der mich quält. Auch des Nachts glaube ich deutlich im Hintergrund des Bildes den Galgen zu erkennen, an dem der letzte Mensch hängt das letzte Wesen, denn immer mehr entmenscht sich der Mensch. Unter dem Galgen schwingt Lucifer triumphierend eine Papyrusrolle und beginnt, sie in tausend Stücke zu reißen. Sein Sieg über alles, was menschlicher Geist erdacht und ersonnen hat, findet nun seine Krönung. Am Himmel erscheinen Castor und Pollux- Symbol der Freundschaft, Verklärung alles Edlen im Menschen: Glaube, Liebe und Hoffnung. Tief unter ihnen öffnet sich in klaffendem Spalt die Hölle, bereit, sie zu verschlingen. Der Kupferstich heißt: ,, Finis terrae". - seine Bilder Unruhig rücke ich Kissen und Matratze zurecht. Am Morgen habe ich zu schwer getragen. Und dann kam die Last eines langen Tages treten aus dem Dunkel der Nacht an mein Bett Sehr früh am Morgen' schon sind wir in der Gaststube gewesen. Noch ist niemand auf. Wir warten; nichts rührt sich. In der Gaststube liegen der Bierdunst und der Rauch schlechter Zigaretten vom Abend vorher. Wir sitzen am Fenster. Ich ziehe die Verdunkelungsgardine zurück. Die Häuser gegenüber hocken sich ineinander wie schlafende Hühner. Ein leerer Leiterwagen fährt vorbei. Der Mann darauf treibt das Pferd an. Hinter dem schweren Vorhang, der die Gaststube von Flur und Küche trennt, ist ein leiser Wortwechsel. Das zischend hervorgestoßene Hin und Her ist nicht deutlich vernehmbar. Endlich kommt der Wirt zum Vorschein. ,, Verzeihen die Herrschaften! Mein Personal ist unzuverlässig. Ich muß erst den Herd anmachen. Es dauert noch etwas mit dem Kaffee." - ,, Wir können nicht darauf warten. Bringen Sie uns einige Scheiben Brot." 214 Hin Person in lan Das Holzpa beiseit tragen Flucht De ,, A Im und b sich h gehen Un gelegt ,, La fanger Mü Da stube, Blicke Fenste Wirte Spiege Haar Die gestar Name dabei Die vorbe Zeitun Koffer Sie Frühli Stock Du Es ist die A Es Da Freist ‚tag, will ; als a den oder hält. rebe, ıf in iber- ister steht. kten » ich . der sich yrus- was lung. Ver- inter ıgen. 'h zu ilder stube vor- hner. d an. üche und Vor- Ich, eiben Hinter dem Wirt huscht ein kleines, unscheinbares Wesen hinein. ‚Das „ Personal! Sie trägt eine Hochfrisur. Das Haar ist halb aufgesteckt und sieht in langen Strähnen aus den Kämmen hervor. Das Rollen des Leiterwagens ist verklungen. Es klappert über die Straße: Holzpantinen. Ein müdes, beharrliches Klappern. Ich ziehe die Schalgardine beiseite. Es sind Frauen. Drei gehen voran, ihre Arme sind in Ketten. Sie tragen kein Kopftuch; der Kopf ist kahlgeschoren. Warum? Haben Sie einen Fluchtversuch gemacht?: Der Wirt bringt das Brot.„Sehen Sie!” Ich zeige auf die Frauen in Ketten. „Ach so!” antwortet er.„Die kommen. jeden Morgen vorbei.“ Im weiten Abstand folgen die anderen Frauen. Sie tragen Kopftücher und blaue Kleider; die Gesichter sind blaß und gedunsen; sie blicken vor sich hin. Sie haben keine Strümpfe an. Auf dem Fußsteig zu beiden Seiten gehen die Aufseherinnen. Unmöglich, daß meine Freundin, die Oberin, die drei Frauen in Ketten gelegt hat. „Lassen Sie uns heute nachmittag die weiblichen skandinavischen Ge- fangenen besüchen,” schlage ich dem Pfarrer vor. Müde schleppt sich der Zug Frauen am Fenster vorbei. Das kleine Dienstmädchen fährt eilig mit dem Besen durch die Gast- stube, stößt ein Fenster auf und schlägt den Besen ab. Da richten sich die Blicke der Frauen auf sie. Das kleine Dienstmädchen aber zieht eilig das_ Fenster wieder zu, sieht zum Vorhang und horcht, ob sie die Schritte des. Wirtes hört. Hastig: holt sie aus der Tasche der schmutzigen Schürze einen Spiegel, nimmt Kämme und Klammern zwischen die Zähne und beginnt, ihr Haar zu machen. Die Blumen sind noch frisch. In der Nacht haben sie in der Waschschale gestanden. Sie sind aus unserem Garten. Ich weiß nicht einmal alle ihre Namen, sie duften nach Frühling. Und: die ersten Blumen des Sommers sind dabei: Goldlack.: Die erste Abteilung Eure macht die Runde. Wir kommen an ihnen ‚vorbei; es sind deutsche und polnische Gefangene. Der Blumenstrauß ist in Zeitungspapier gewickelt. Die Hand umklammert den Griff des schweren Koffers. Nur der kleine Finger ist noch frei, die Blumen zu halten. Sie fallen zu Boden, das Zeitungspapier rollt auf. Farben und duftender Frühling auf dem steinigen Hof eines Zuchthauses!. Gerät die Runde ins Stocken? Hunderte von Blicken richten sich auf den kleinen Fleck Leben. ” Durch das offene Fenster des Besuchszimmers dringt leise Orgelmusik. Es ist Sonntag. Im Kirchensaal des Züchthauses ist Gottesdienst. Nicht für die Ausländer, auch nicht für alle deutschen Gefangenen. Es wird stiller im Besuchszimmer. Ich trete ans Fenster. Da sehe ich, wie einer allein im Kreise geht, es ist Tarald. Er wird zur Freistunde geschickt, wenn der Hof leer ist: Geistesgestörte verwirren die 215 Ordnung im Ring. Keine Lappen sind um die Füße gewickelt; die von Wasser gedunsene Haut. quillt aus den Holzpantinen hervor. Er geht langsam. Oft bleibt er stehen und schaut in die Richtung,& aus der die Orgelmusik kommt. Es ist, als warte er auf jemand. Nach einer Weile schüttelt er den‘Kopf und geht weiter. Er ist jetzt in der Nähe meines Fensters. Ich vergesse alle Vorsicht und rufe ihn an:„Tarald!‘ Er wendet sich zu mir. „Wir werden dich heute besuchen, Tarald!“ Tarald hebt die Hände.„Du bist gekommen, Mutter?“ Ich schließe das Fenster. Der Pfarrer bleibt mit den Gefangenen allein.* ‚Ich gehe hinüber zum Lazarett, spreche mit dem Sanitätswachtmeister.„Sie müssen ihn aufnehmen. Er ist krank."? „Geistesgestörtheit ist keine Krankheit. Wir haben keinen Platz, Wenn Sie wüßten, wie viele———" Zigaretten helfen nach. „Gut. Wenn Sie das nächstemal kommen, liegt er hier.” Er sieht auf die Uhr.„Was, schon so spät? Gleich Mittag. Ich gehe. Es ist Sonntag! Heute gibt es Kaninchenbraten; in Buttermilch, das schmeckt. Heil Hitler!‘ ° Esist still auf dem Gang. Der Sanitätswachtmeister ist fort. Er macht Mittag, und weil Sonntag ist, kommt keine Ablösung. Wir haben eine Stunde Zeit!\ Ich warte noch einige Minuten. Nichts regt sich. Die eisernen Zellen- türen liegen wie Platten in schnurgerader Linie in den Wänden. Nur eine Tür ganz hinten steht angelehnt. Sie öffnet sich auf einen Spalt. Ich nicke. Da geht sie weit auf; ein Gefangener kommt auf nn zu. Ich sage zu ihm: „Es ist soweit." Er ist Deutscher, ein Freund von uns. Draußen war. er Arzt, drinnen versieht er unter der Aufsicht des Sanitätswachtmeisters den Sanitäts- dienst. Uber der schwarzen Uniform trägt er eine lange weiße Schürze. Er steckt mir einige Rezepte zu— Aufzählungen von Medikamenten, hastig auf einen Zettel gekritzelt.„Wir brauchen sie dringend.". Ich gehe voran; er folgt mir in einigen Metern-Abstand. Ich öffne die Tür des-Besuchszimmers.„Der Koffer!“; Der Pfarrer hat ihn schon bereitgestellt. Der Sanitäter ergreift ihn und deckt die weiße Schürze darüber. Ein Blick auf den Gang. Ja, es geht. Kommen Sie!“ Von der Tür des Besuchszimmers bis zum Lazarett sind es zwanzig Meter. Wir legen sie gelassenen Schrittes zurück, und doch zähle ich jeden Meter, immer gewärtig, daß irgendwo ein Grüner auftaucht. Es ist das Werk von Sekunden, es scheint mir jedesmal eine Ewigkeit lang! An der Tür des Lazaretts mache ich halt und bleibe ech einige Minuten stehen, denn noch ist meine Aufgabe nicht zu Ende. Ich halte nach allen Seiten Ausschau. Ab und zu werfe ich einen Blick durch die Glastür ins 216 ie von ng, aus n einer cht und allein. er. ,, Sie Wenn auf die Heute macht n eine Zellenur eine nicke. zu ihm: drinnen anitätsrze. Er hastig fne die hn und is zum zurück, Grüner al eine Minuten hallen tür ins Lazarett. Krankenzellen sind nicht verschlossen, nur verriegelt. Nun springt Riegel auf Riegel zurück, jede Tür wird auf einen Spalt geöffnet. Jedesmal kommt unter der weißen Schürze ein Paket zum Vorschein.. Endlich ist die letzte Krankenzellentür geöffnet und wieder geschlossen. Der Sanitäter ist nahe der Glastür. ,, Vergessen Sie sich selbst nicht, Herr Doktor!" ,, Wann kommen Sie wieder?" ,, In vierzehn Tagen. Um die gleiche Zeit." Er winkt mir zu. Die Worte, die wir miteinander wechseln können, sind gezählt. Jede Minute, die er allein auf der Station verbringt, ist kostbar. Von der Brücke am anderen Ende des Ganges klingen Schritte herüber. Noch ein kurzer Blick durch die Glastür. ,, Auf Wiedersehen, mein Freund und danke!" Rasch gehe ich zurück und bleibe, als ein Grüner auftaucht, hinter einem Pfeiler stehen. - - Ich bin im Halbdunkel. Der Grüne dreht mir den Rücken zu. Die Schritte kommen näher. Es ist kein Klappern, es sind keine Holzpantinen, keine schwarzen Uniformen mit gelben Streifen. Meine Augen weiten sich. Bin ich in einem Kinderheim? Jungen, kaum älter als vierzehn oder fünfzehn, gehen an mir vorbei. Sie tragen Zivilzeug. Und dann noch ein älterer Herr; sein Haar ist weiß, er trägt eine Brille. Sein Anzug ist aus feinem, grauem Tuch. Ich beobachte, wie er leise zu dem Jungen, der vor ihm in der Kette ist, spricht. Ist es der Anstaltsarzt? Ich kenne ihn noch nicht, und da ich verwirrt bin und noch an Tarald denke, trete ich auf ihn zu. Vielleicht wird er mich jetzt wegen Tarald anhören? ,, Sie sind der Arzt?" beginne ich. ,, Ich möchte Sie Der alte Mann stutzt. Hinter den Brillengläsern zuckt es. Erschreckt fährt er zusammen und geht eilig weiter. Doch schon ist in die Reihe Unordnung gekommen. Der Grüne wird aufmerksam, er entdeckt mich. ,, Wissen Sie nicht, daß es strengstens verboten ist-" brüllt er außer sich. Ich habe Nacht und Nebel" gesehen. ,, Ich glaubte, es sei der Anstaltsarzt!" antworte ich betroffen. Aber die Augen des Wachtmeisters jagen ängstlich über Gänge und Brücken. Niemand ist in Sicht, keiner hat den Zwischenfall bemerkt. Da beruhigt er sich. - ,, Anstaltsarzt?" wiederholt er. ,, Nein, der Mann ist Gefangener Untersuchungsgefangener," verbessert er sich hastig. ,, Übrigens er zieht sich - das Koppel stramm- ,, ganz unrecht haben Sie nicht. Zwar ist er kein Arzt, aber draußen war er Professor. Nun, hier ist er gar nichts!" Er spricht die Worte gar nichts" gedehnt und stellt sich breitbeinig vor mich hin. ,, Er ist gar nichts, nur ein Gefangener!" Nachmittags besuchen wir zwei Dänen. Der eine ist vierzehn, der andere fünfzehn. 217 11 Weswegen seid ihr hier?" ,, Ich habe einem deutschen Soldaten den Revolver weggenommen," antwortet der erste. ,, Und du?" ,, Ich habe ihn gekauft," sagt der zweite. Zusammen mit anderen Jungen haben sie einen Verein gegründet, um den deutschen Eindringling aus dem Land zu vertreiben. Sie gaben ihm den Namen Churchill- Verein. Sie ereifern sich, als sie davon erzählen. Für sie ist es kaum mehr als ein Indianerspiel gewesen. Der Pfarrer gibt ihnen Zigaretten. ,, Dürfen sie schon rauchen?" fragt er mich dabei. ,, Wenn sie Strafen wie Erwachsene bekommen ja!" - Auch dänische und norwegische Kriminelle werden, wenn sie von einem deutschen Kriegsgericht abgeurteilt worden sind, zur Verbüßung der Strafe nach Deutschland geschickt. Wir besuchen einen Dänen, der während der Verdunkelung einen Koffer gestohlen hat. Er wurde zum Tode verurteilt, dann aber zu fünfzehn Jahren Zuchthaus begnadigt. Er hat Augen wie eine Katze, wahnsinniges Flackern darin. Ist der Mann irre? Er ist hungrig, rasend vor Hunger. Auf dem Gesicht liegt hektische Röte. Nicht einen Augenblick hält er die Hände still. Die Finger mit den abgebissenen Fingernägeln streifen unablässig über die Tischfläche. Seine Kameraden haben uns berichtet, daß er gerade zurück ,, aus dem Keller sei, Er ist vier Wochen im Arrest gewesen, weil er einem Mitgefangenen die Zuckerration gestohlen hat. ,, Ich habe Hunger!" schreit er uns entgegen. Wir geben ihm Brot. Doch seine Augen lassen nicht ab von unseren Taschen und Koffern. Über ihm liegt wilde Entschlossenheit, als sei er bereit zu allem. Verstohlen steckt er dem Pfarrer einen Zettel zu. Abends lese ich ihn: ,, Ich suche einen Weg zu Gott. Ich lese jeden Tag im Neuen Testament. Besuchen Sie mich oft und helfen Sie mir, ein wahrer Christ zu werden!" Dárunter schreibt er: ,, Haben Sie Priem?" Im Männerzuchthaus brüllen die Grünen über Gänge und Brücken. Im Frauengefängnis tuscheln die Wachtmeisterinnen in den Ecken. Drei Frauen in Ketten und mit abgeschorenen Haaren tauchen vor mir auf, als ich nach der Oberin frage. ,, Versetzt," sagt die Hauptwachtmeisterin. ,, Warum?" ,, Das kann ich Ihnen nicht sagen," ist die kühle Antwort. Was ich damals errate; erfahre ich später. Meine Freundin hat sich geweigert, die neue Strafmaßnahme, die bei Fluchtversuch angewandt wird, durchzuführen. Wer hat sie erlassen? Der Chef, Berlin? Eines Tages ist die 218 Verfüg wirku Da wende Sie Man g Verset fünf Ja Wa Wie v Etwas W Sch Ein Schürz fragt: " W ,, Da Sie Haush es min Ab Kontra es in zu ve Da ,, Er w aufs.n Die Träne Da Sie Nach in vol Dänen Sie w schwa Sie Hitler ihr Tr Di handl freund noch antum den - sie t er nem Crafe inen zehn der Röte. bgedem itgeseren ei er ends euen st zu . Im r mir hgewird, st die Verfügung da. Der Chef sagt: ,, Ich habe Bescheid bekommen, daß es wirkungsvoll sein soll, wenn ,, Das Reglement schreibt eine andere Strafe bei Fluchtversuch vor," wendet meine Freundin ein. Sie fährt nach Berlin, führt Beschwerde bei der vorgesetzten Dienststelle. Man gibt ihr recht. Acht Tage später verfügt die gleiche Dienststelle ihre Versetzung. Fünf Jahre ist sie Oberin an der Anstalt in Bützow gewesen: fünf Jahre Menschlichkeit in einem Gefängnis. Wäre es nicht besser, sie hätte sich gefügt? Dann wäre sie geblieben. Wie viele haben nachgegeben. Erst sagten sie: ,, Ich muß es tun, um-." Etwas später hieß es dann: ,, Ich muß es tun, sonst , Wie ist die neue Oberin?" fragen wir im Besuchszimmer. Schluchzen ist die Antwort. Ein Mädchen von kaum zwanzig Jahren steht vor uns. Es schlägt die Schürze vors Gesicht. Abgrundtiefe Verzweiflung spricht aus ihm, als es fragt: ,, Wann werde ich hingerichtet?" ,, Wir sind deine Freunde.". ,, Das sagt die Gestapo auch." Sie ist freiwillig nach Deutschland gekommen und hat sich in einem Haushalt als Angestellte verpflichtet. ,, Doch da alles anders war, als ich es mir gedacht hatte, lief ich fort.". Aber wie über die Grenze kommen? Die Gestapo hält Ausschau nach Kontraktbrüchigen. Sie reist nach Berlin mit der unklaren Vorstellung, daß es in einer großen Stadt Mittel und Wege geben muß, sich falsche Papiere zu verschaffen. Denn sie will fort. Nur zurück nach Dänemark! Das Geld geht ihr aus. Auf dem Bahnhof lernt sie einen Mann kennen. ,, Er wollte mir helfen und brachte mich in einer Pension unter." Sie bricht aufs.neue in Tränen aus. ,, Nach drei Wochen war ich wieder allein.". Die Pensionswirtin weist ihr die Tür und hält ihr die Rechnung vor. Tränen sind die Antwort. Dann kommt die Polizei. Das Urteil: Zehn Monate wegen Arbeitskontraktbruch. Sie kommt zur Abbüßung der Strafe nach Bützow ins Frauengefängnis. Nach einigen Monaten glaubt sie sich schwanger. Da fühlt sie das Unglück in voller Wucht über sich hereinbrechen! Denn nun sieht sie das Heim in Dänemark für immer verschlossen zu Hause waltet ein strenger Vater. Sie weiß nur noch einen Ausweg: Sterben. Zum Selbstmord ist sie zu schwach. Ein anderer Gedanke kommt ihr: Hinrichtung. - Sie schreibt ein in Dänemark weit verbreitetes Schmähgedicht über Hitler und läßt es von Zelle zu Zelle wandern. Sie ruht nicht eher, als bis ihr Treiben entdeckt wird. Die neue Oberin hat gerade ihren Dienst angetreten. Ihre erste Amtshandlung ist eine Meldung an die Gestapo. Die Gestapo kommt und ist freundlich, denn hinter der Bereitwilligkeit zum Geständnis vermutet sie noch größeres Wissen. 219 Und dann entdeckte ich, daß ich mich geirrt habe. Ich bekomme kein Kind. Flehend blickt sie zu uns auf. Sie ringt die Hände: ,, Helfen Sie mir!" Welch ein Spiel mit dem Leben! ,, Wie heißt du?" ,, Eva." Der Name erscheint mir symbolisch. Sie ist ein Kind dieser Zeit, doch ist sie nicht gleich ihrer Namensschwester durch eigenes Verschulden aus dem Paradies vertrieben? ,, Warum bist du nach Deutschland gekommen?" ,, Ich wollte etwas erleben." Wir sprechen über Evas Angelegenheit mit der Oberin. Aber es sind nicht mehr die guten Augen meiner Freundin! Das neue Gesicht ist eine glatte Maske. Die Stimme ist unverbindlich, als sie sagt: ,, Zu spät! Nicht ich, die Gestapo hat jetzt das Wort." Leb wohl, kleine Eva! Du bist eines jener Menschenkinder, die, einmal vom Strudel der Zeit ergriffen, begierig sind, ihn zu spüren, und zu schwach, sich zur Wehr zu setzen. Wir sind zurück im ,, Deutschen Haus". Es ist schon spät. Wir haben Hunger, denn tagsüber hatten wir keine Zeit zum Essen. Als wir zum erstenmal im ,, Deutschen Haus" waren, weigerte sich der Wirt, uns Abendbrot zu geben. ,, Essen gibt es nicht im ,, Deutschen Haus". Was glauben Sie wohl, wie wir sonst von Ausgebombten überlaufen würden?" ,, Wir sind doch dienstlich hier-" Grollend hatte sich endlich der Wirt in die Küche zurückgezogen. Dann gewöhnten sich seine schrägliegenden Augen daran, uns regelmäßig bei sich zu sehen. ,, Sie kommen spät!" sagt er heute. Ich habe Ihnen aber doch noch etwas Abendbrot aufgehoben." Er bringt Bratkartoffeln, sogar zwei Scheiben rote Beete liegen dabei. Am Nebentisch sitzt ein Mann allein. Er verschlingt unsere Teller mit Blicken. Er ruft den Wirt heran: ,, Bitte, kann ich nicht auch bestellen. Ich bin hungrig." ,, Hier gibt es kein Essen," antwortet der Wirt. Er wendet sich halb zu uns hin. ,, Die Herrschaften sind dienstlich Der Mann bleibt sitzen. Vor ihm steht ein Glas Dünnbier. Die Hand zittert, wenn er trinkt. Unwillig kommt der Wirt näher, als der Schaum am Glas herunterfließt und über die Tischplatte kriecht. Er fährt mit dem Tuch darüber. ,, Mein Sohn ist im Zuchthaus," beginnt der Alte. ,, Ich wollte ihn heute besuchen. Sie haben mich wieder fortgeschickt. Nur Männer, die an die Front gehen, dürfen ihre Verwandten im Zuchthaus noch einmal sehen. Es soll eine neue Verfügung sein 220 Zitt unter. ,, Ic sehen. M nicht Augen Sei Gastst ist bal ,, W klimpe Me mich z Vorles briefe. wendi jedem In Über e sehe,.. wie se leidet. zu Beg Über nicht mehr Ein Wi des K Stimm fiied. Wi mal zu So ,, Ic reicht leben, De Ich be ein ne Ich etwas die be e kein = mir!" Och ist is dem es sind st eine ht ich, einmal nd zu haben ch der n. l, wie lmäßig etwas dabei. ler mit en. Ich halb zu Hand Schaum it dem n heute an die men. Es Zitternd führt er das Glas noch einmal zum Mund. Das Bier sickert herunter. Das Tuch wischt nach. ,, Ich bin krank," murmelt der alte Mann. ,, Ich wollte ihn noch einmal sehen. Es ist mein einziger Sohn." ,, Mein einziger Sohn ist an der Front," sagt der Wirt. ,, Den sehe ich auch nicht." Er zuckt mit den Achseln und verstummt. Unter den schrägen Augen sind tiefe Schatten. Er sah viele kommen und gehen. Sein Blick schleicht sich hinüber zum Stammtisch am anderen Ende der Gaststube. Dort spielen einige Grüne Karten. Er gähnt und sieht zur Uhr; es ist bald so weit. ,, Wieder ein Tag vorüber!" Er streicht an den Tischen vorbei und klimpert mit dem Geld. Meine Gefangenenarbeit wächst immer mehr an. Daneben bereite ich mich zum Physikum vor. Entweder bin ich auf Reisen, oder ich besuche die Vorlesungen an der Universität. Während des Alarmes lese ich Gefangenenbriefe. Die alarmfreien Stunden am Nachmittag benutze ich zu den notwendigsten Besorgungen in der Stadt die ,, Bestellzettel", die ich von jedem Gefangenenbesuch mitbringe, sind lang! In den ersten Tagen des Juni kommt mein jüngster Bruder auf Urlaub. Über ein Jahr lang habe ich ihn nicht mehr gesehen. Als ich ihn wiedersehe, fällt es mir schwer auf die Seele, wie wenig ich an ihn dachte, und wie selten ich ihm schrieb. Ein Zug in seinem Gesicht verrät mir, daß er leidet. Es ist nicht die immer noch schmerzende Verwundung, die er sich zu Beginn des Feldzuges in Rußland zugezogen hat. Er ist als Arzt im Osten. Über seine Erlebnisse spricht er nicht viel. Nur einmal sagt er: ,, Wenn ich nicht so handelte, wie es mir mein Gewissen vorschreibt, könnte ich nicht mehr leben!" Ein Telegramm ruft ihn vorzeitig zurück. Wieder stehen wir auf dem Bahnhof. Es ist dunkel wie damals zu Anfang des Krieges. Doch jetzt liegt kein Lächeln mehr auf den Gesichtern. Alle Stimmen sind gedämpft. An einem der Fenster des langen Zuges steht Willfiied. Neben und hinter ihm andere Soldaten; bleiche, ernste Gesichter. Willfried beugt sich vor und sagt leise zu mir: ,, Nun war ich zum letztenmal zu Hause!" ,, So darfst du nicht denken!" antwortete ich. ,, Ich weiß, daß es so ist." Dann wendet er sich zu meiner Mutter. Er reicht ihr die Hand und sagt:„ ,, Der Geist, in dem wir erzogen wurden, wird leben, Mutter!" Der Zug rollt aus der Halle. Langsam gehen wir dem Ausgang entgegen. Ich bemerke, wie das Schild: ,, Nach Krakau" heruntergelassen wird und ein neues Schild herausklappt: ,, Nach Paris". Ich bin stumm. Dabei weiß ich, meine Mutter braucht mich. Ich müßte etwas sagen, aber ich stehe noch ganz unter dem Eindruck der Erkenntnis, die beim Abschied über mich gekommen ist: Ich habe etwas versäumt. Ich 221 dachte, die mir gestellte große Aufgabe zu lösen und vergaß darüber das Nächstliegende. Im Laufe des Krieges schrieb ich Willfried nicht einmal ein Dutzend Briefe. Dann hat der Tag mich wieder, jeder einzige Tag. Die Meldung von der langerwarteten englischen Landung in Frankreich läßt mich aufatmen. Vielleicht geht es nun schnell zu Ende und doch wiederkommen! ich sch noc gera er wird Farl Füß Gefa Das Telefon klingelt. der Pfarrer: ,, Wann fahren wir nach Bützow?" Ich reise, ich lese Briefe, ich arbeite und studiere. Doch bei allem, was ich tue, bleibt die Beschämung darüber, daß ich, um vielen zu helfen, an einem gefehlt habe. Sie sind noch weit fort von deutschen Grenzen. Auf dem Atlas muß ich mit der Lupe suchen, ehe ich die Stelle finde, an der sie gelandet sind. Und dennoch von nun an wird die Auflösung immer sichtbarer. Auch im Zuchthaus. Das Drinnen und Draußen verwischt sich. Dieser Sommer 1944 ist die letzte Vorbereitung zu dem Elendszuge, den die Menschheit im Jahre darauf antritt. Beim Verlassen des Zuchthauses vergessen wir nie, einander zu erinnern: Vorsicht!" Die leicht gewordenen Koffer dürfen nicht leicht getragen werden. Eines Tages im Sommer bedarf es nicht der Mahnung, da gehen wir mit schweren Koffern hinaus! Woher wissen die Gefangenen, daß ich Geburtstag habe? Als wir morgens hineinkommen, legen schon die Gefangenen, die im Hof Freistunde haben, die Hände ineinander und schütteln sie. Soll es heißen: Wir gratulieren? Und dann im Besuchszimmer! Einer nach dem anderen zieht aus dem Jackenärmel, aus dem Fußlappen oder unter dem Jackett ein Päckchen hervor. Eine Brieftasche aus drin Die daß weit V sind einn T I ., Bro H Mer bei lang steh eine kein Stiefelleder! ,, Von deinen Freunden aus der halb steh S Schusterwerkstatt." Hefte und Notizbücher, in Silberpapier und Pappe gebunden, von der Buchbinderei. Gürtel, Lesezeichen und Buchhüllen. Ein hölzerner Absatz oder eine Glocke, gehämmert aus Eisen. Ein Korb aus der Korbflechterei, winzig und zierlich. Darin eine Rose. ,, Dem Wachtmeister entwendet!" Blumen aus Stoff oder ein Gedicht; Puppen, Bären und Ringe aus Holz geschnitzt. Nie wurde ich so vielfach beschenkt, nie fühlte ich mich reicher als an jenem Tage. Die Geschenke sind entwendete Dinge, heimlich zusammengebastelt. Wann wäre wohl mit reinerem Herzen gestohlen? Ein Brief ist auch dabei. ,, Das neue Lebensjahr wird Dir und uns die Freiheit bringen!" Sie sagen ,, Danke!" und geben mir die Hand. Bin ich es nicht, die danken muß, daß mir eine Aufgabe zuteil geworden ist, aus der allein 222 das der das Feld 11 ber das mal ein nkreich er wird w?" m, was fen, an nuß ich d. Und uch im er 1944 m Jahre zu er cht gewir mit die im Soll es us dem ickchen us der von der er eine zig und us Holz reicher ich zuuns die cht, die r allein ich immer wieder das Vertrauen auf eine friedensreichere Zukunft zu schöpfen vermag? Als wir abends den Koffer zu schließen versuchen, heißt es: ,, Und nun noch dies!" Dunkelgrüne Filzpantoffeln kommen zum Vorschein, schnurgerade gesteppt. Eine kleine Fahne dabei: blau, weiß, rot, Norwegens Farben. Und ein Zettel: ,, Bei der letzten Strecke des Weges schmerzen die Füße. Nimm daher dies Geschenk von uns." Darunter die Namen von fünf Gefangenen, draußen Fischer, Offizier, Seemann, Redakteur und Journalist, drinnen ,, Handwerker" in der Schneiderei. ,, Vorsicht," mahnt der Pfarrer, als wir abends das Zuchthaus verlassen. Diesmal sind nicht die Koffer gemeint. ,, Man darf es Ihnen nicht ansehen, daß Sie sich gefreut haben!" - - In Lübeck haben wir eine Stunde Aufenthalt, ehe wir nach Hamburg weiterfahren können. Onkel Hans der Vorarbeiter in den Lubeka- Werken weiß, daß wir kommen. Er steht am Bahnhof. Eilif und seine Kameraden sind zwar längst nach Mitteldeutschland verlegt, aber wir vergessen den einmal gewonnenen Freund nicht. ,, Es wird nicht so schlimm sein," sagt er, als er uns begrüßt. Wir sehen ihn. fragend an. Er zieht aus der Manteltasche zwei säuberlich verpackte Päckchen: ., Brot. Für unterwegs!" Erst jetzt bemerke ich, daß es auf dem Bahnhof anders als sonst ist. Menschen laufen aufgeregt durcheinander. Sie tragen Koffer und Bündel bei sich. Kinder weinen und schreien. Bis zum Wartesaal, der schon seit langem nur noch aus vier kahlen, notdürftig geflickten Mauerwänden besteht, habe ich erfahren, was geschehen ist. Frühmorgens hat Hamburg einen Großangriff gehabt. Nun könnte selbst der scharfsinnigste Grüne keine Freude mehr in meinem Gesicht entdecken. Erst spät am Abend wird ein Zug nach Hamburg eingesetzt. Wir hängen halb aus dem Abteil. Wie lange wir gefahren sind, weiß ich nicht. Irgendwann bleibt der Zug stehen, Türen werden geöffnet. ,, Alles aussteigen!" Sind wir in Hamburg? Der Bahnhof ist so gut verdunkelt, daß ihn nur das Mondlicht erhellt. Ringsum kein Haus, nur Felder. ,, Wo sind wir?" Die stille Nacht, die schlafende Natur erbebt vor dem Menschenhaufen, der nicht weiß, wohin! Es ist eine jener warmen Sommernächte, in denen das Licht des Mondes wie eine kühlende Hand über erhitzten Wiesen und Feldern liegt. ,, Wohin?" ,, Es ist noch weit bis in die Stadt!" ,, Wir gehen!" ,, Es dauert mindestens vier Stunden." ,, Wir gehen!" 223 Erst sind wir in einem Strom von Menschen. Es werden aber weniger, viele bleiben an der Böschung liegen. Und dann beginnen die Trümmer; Trümmer über Trümmer. Wollen sie nicht enden? Ist der Weg, der vor uns liegt, nur ein Weg der Vernichtung? Aber die Bunker stehen! Im verblassenden Mondlicht strecken sich uns ihre geöffneten Türen wie offene Arme entgegen. Wir gehen vorbei. Stunde um Stunde wandern wir durch die Nacht. Dann sind wir mitten in der Stadt, auf der Lombardsbrücke. Der Pfarrer zeigt in Richtung des Hafens: ,, Feuer?" Ich zeige nach dem Westen der Stadt: ,, Feuer?" Zutiefst erschöpft setzte ich mich auf einen der vorgebauten Brückenbogen., Wir haben tagsüber fast nichts gegessen, unsere Freunde waren hungriger als wir. Und doch haben wir Brot bei uns. Guter Onkel Hans! Nun essen wir es in einer brennenden Stadt. Über der Alster liegt ein Netz aus Tarnwerk, durch Zweiggeflecht schillert im Mondlicht das Wasser. Dann trennen wir uns. Der Pfarrer geht dem Feuerschein im Hafen nach, und ich suche mir den Weg durch Trümmer der Glut im Westen entgegen. Im Labyrinth der aufgerissenen Straßen, der Häuserfassaden und Steinberge verliere ich die Richtung. Vor einem rauchenden Trümmerhaufen steht ein Soldat. ,, Wissen Sie den Weg?" frage ich ihn. Erst scheint er mich nicht zu verstehen. Dann blickt er kurz auf: ,, Wohin soll ich gehen?" ,, Woher kommen Sie?" Da lacht er, ein hartes Lachen in einer erbleichenden Sommernacht! Er zeigt auf Rauch und Steine: ,, Das war mein Zuhause!" Er erschlafft, läßt sich auf einen Mauerbrocken fallen und sagt wie zu sich selbst noch einmal: ,, Wohin soll ich gehen?" ,, Sie kommen von der Front?" ,, Von Rußland." ,, Sind dort nicht die gleichen Trümmer wie hier?" ,, Ja. Aber was hat das mit meinem Haus zu tun!" Er reibt sich die Augen von dem beizenden Rauch. ,, Dies ist doch die Heimat. Und wenn sie mir die nehmen, mache ich nicht mehr mit." Erst will ich dem Soldaten antworten. Da sehe ich aber, wie es über die Straße huscht. Plumpe, kleine Wesen und doch blitzschnell. Ratten! Sie wandern von Haus zu Haus, von Ruine zu Ruine. Sie wandern wie die Schatten des Todes. Jetzt ist es nicht die Zeit zu rechten; denn er ist ohne Glaube und Hoffnung. Als die Füße auf der letzten Strecke Weges versagen wollen, gedenke ich der Pantoffeln, die ich bei mir im Koffer trage. In grünen Filzpantoffeln sind die Steine weniger spitz, ist das Pflaster weniger holprig. Ich finde unser Haus noch vor alles ist unverändert! 224 - W den G eins w sich j schlep Haltu Deuts Ha bekom glückl Abspe Haft? ersten lernte kenne Vie ich er Es Mittag Wacht er mid Ein haltun Zelle. Ich ,, N Freist We Wi Sie ist kalkte Aquar schimm Da ,, Er W inzwis ein. Si blicke Wa Meer, Das einem dritten 15 Halt jer, LET; uns [eT- ene ten des ng- Nun aus ıch, jen. rge ein ‚hin Er sich nal: gen mir die Sie ‚die und .nke- feln inde Was bleibt noch zu sagen übrig? Soll ich vom Zuchthaus berichten? Von den Gefangenen? Der Tag kommt, an dem ich erkenne, daß ihr Schicksal eins wird mit meinem eigenen, eins mit dem Schicksal der Millionen, die sich jenseits der Mauer von Woche zu Woche und von Monat zu Monat schleppen. Noch denke ich dabei nur an jene, die in diesem Jahrzehnt ihrer Haltung unverändert treu geblieben sind. Ich denke an das aerbeigene Deutschland. Hat dieses Heer von heimlich Messchlesenden nicht ein anderes Gesicht bekommen? Es dauerte lange, zu lange. Leben nicht auch wir, die eine. glückliche Fügung bis heute vor dem Zugriff der Gestapo bewahrt hat, in Absperrung, in einer, wenn auch von uns selbst freiwillig eingegangenen Haft? Als„sie kamen, war ich noch keine siebzehn. Da sagte ich zum erstenmal„nein“. Über ein Jahrzehnt lang habe ich„nein' gesagt. Ich lernte, die Menschen in zwei Lager zu teilen, nur noch eine Wertung zu kennen: dafür oder dawider! Vielleicht ist es gut, daß noch mitten im Kampf der Tag kommt, an dem ich erkenne, daß mein Blick erstarrt ist. Es ist kein großes Erlebnis, kein Geschehen, sondern aus der-öden Mittagsstunde auf dem.Gang eines Zuchthauses geboren. Irgend einer der Wachtmeister steht vor der Tür einer Zelle.„Wieder einmal hier?“ spricht er mich gähnend an. Eine‘ Frage, die man im Weitergehen abtut. Der Grüne wünscht Unter- haltung.„Verstehen Sie etwas von der Malerei?“ beginnt er. Er öffnet die Zelle.„Kommen Sie! Schauen Sie einmal herein." Ich sehe über den Gang, ob uns niemand beobachtet. „Nein, nein!” beruhigt mich der Grüne.„Die Zelle ist leer. Er ist zur Freistunde im Hof.“ Wer ist dieser„er''? Wie geblendet weiche ich zurück. Die Zelle ist leer und doch nicht leer. Sie ist wie jede andere und doch anders. Die sonst kahlen, weiß-grau ge- .kalkten Wände sind bedeckt mit Bildern, Olgemälden, Zeichnungen und Aquarellen. Farben, Farben, zarte und grelle. Kaum ein Fleckchen der Wand schimmert noch hervor. „Darf denn ein Zuchthausgefangener malen?“ „Er ist der einzige. Besondere Vergünstigung vom Chef." „Warum?“ will ich fragen, doch es verschlägt mir die Sprache. Denn inzwischen bin ich näher herangetreten. Bilder und Farben fangen mich ein. Sie unterscheiden sich von allem, was ich bisher gesehen habe. Ich blicke von einem zum anderen. Mir wird schwindlig dabei. Was wird auf den Bildern dargestellt? Das Motiv ist immer das gleiche! Meer, Himmel, Boot und ein Fischer. Das tausendfach wechselnde Gesicht des Meeres ist festgehalten. Auf einem Bild ist es ruhig, auf dem anderen leicht gekräuselt, auf einem dritten bewegt und auf dem vierten sturmdurchpeitscht. Auf einem Bild 15 Halt Wacht im Dunkel i: 225 unendliche Bläue, auf dem anderen diesige Schleier oder strömender Regen, daß sich Wolkenwände und Wellenberge gleichen. Strahlende Sonnenaufgänge, glutvolle Abende und milde Mondnächte. Jede Wandlung von Himmel und Meer ist vermerkt, und das Boot macht die tausendfach wechselnden Bewegungen des Meeres mit. Im Sturm ist es halbbegraben zwischen den Wellenbergen, und bei spiegelglatter Fläche liegt es ruhig und schwer im Wasser. Doch der Fischer selbst? Zwar klammert er sich bei stürmender See im Boot fest, im Regen glänzt sein Olzeug von blanker Nässe, bei ruhiger See sitzt er gelassen am Steuer. Eins aber ist immer gleich: Der Ausdruck seines Gesichts. Himmel, Meer und Boot vergesse ich über den Augen des Fischers. Sie sind nicht angstvoll im Sturm geweitet. Sie blicken weder schwermütig im diesigen Grau, noch spiegeln sie den friedvollen Glanz der untergehenden Sonne an blauen Tagen. Sie sind immer die gleichen, sind starr auf ein einziges Ziel gerichtet. Sie nehmen die Umgebung nicht mehr wahr, weder Sturm und Regen noch Sonnenschein. - Ist jenes Ziel, das unendlich fern sein muß, Land oder ein Leuchtturm? Auf jedem Bild muß es ein und dasselbe Ziel sein. Denn wie auch das Boot liegt die Augen des Fischers gehen in die gleiche Richtung. Auf einem der Bilder steht er, mit dem Rücken zu uns gewandt, aufrecht im Boot. Doch auch da wendet sich das Gesicht so, daß die Augen wieder in jene bestimmte Richtung wandern. Wohin blickt der Fischer? Auf wen wartet er? Auf was hofft er? ,, Wer ist es?" ,, Ein Stammgast." Sein Schicksal ist schnell berichtet. Er ist Fischer gewesen. In dunklen Sturmesnächten und hellen Tagen blicken seine Augen suchend in die Ferne. Sié tragen den Schimmer der Hoffnung, denn am Land wartet die Frau. Einmal aber, als er zurückkehrt, überrascht er sie in den Armen des Liebhabers. Da bekommen die Augen einen düsteren Glanz. Stumm geht er von dannen, zurück auf die See. Er bemerkt fortan nicht die Sommerwölkchen am Himmel. Er schaut nicht mehr wie einst in die glutvolle Sonne am Abend. Ihn schrecken keine Stürme der Nacht. In ihm reift ein Plan. Die Augen starren, als suchen sie nur das eine Ziel. Er kehrt zur Frau zurück, bringt sie und den Liebhaber um. Nicht im wilden Rausch, sondern ruhig, gleichsam bedächtig. Vorsätzlicher Mord. Wegen mildernder Umstände wird das Todesurteil in lebenslängliches Zuchthaus abgewandelt. ,, Als ich meinen Dienst antrat," sagt der Wachtmeister ,,, war er gerade zwanzig Jahre hier. Ich entsinne mich noch genau. Ich bekam Weisung, ihm einen Bogen Papier in die Zelle zu bringen, damit er für sich ein Gnadengesuch schreiben könnte." 226 ,, Und warum ist er nicht begnadigt worden?" 11N späte Postl Fisch das 11 E ganz G misc grün entfe entst gespe ,, H wich Si wie auf d W dank freiu gema jenen Leber Farbe es un Nun wahr einer Ic fort v die S Wann Di reicht Werd schre jemal Sinns Od um d 15" egen, naufvon dfach raben ruhig ee im r See seines s. Sie ig im enden if ein weder turm? Boot Auf ht im der in Augen Land n den Glanz. ht die glutreift rt zur ausch, surteil gerade isung, ch ein ,, Er gab den Bogen leer zurück. Er will nicht wieder nach draußen." Nach weiteren fünf Jahren erhält er die Erlaubnis, zu zeichnen. Etwas später gibt man ihm Farben, Pinsel und Leinwand. Er schaut auf keine der Postkarten, die er als Vorlage bekommt. Er malt Meer, Himmel, Boot und Fischer. ,, Sehen Sie einmal genauer hin!" sagt der Grüne und tippt auf das Bild, das einen Sonnenuntergang über dem Meer darstellt. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen. ,, In Wirklichkeit ist es ja ganz anders!" Grelle und zarte Farben sind auf dem Bild so seltsam verzerrt und gemischt, wie ich sie nie in der Natur gesehen habe. Das Meer ist nicht grau, grün oder blau, sondern violett, giftrot, braun oder ockerfarben. Nur ganz entfernt klingt es noch an die Wirklichkeit an. Die Farben sind wie ein entstelltes Antlitz. Der sich spiegelnde Sonnenglanz auf dem Meer gleicht gespenstischem Mondlicht. ,, Er malt aus der Erinnerung," erklärt der Grüne und greift sich gewichtig an das Koppel. ,, Wenn man so lange drinnen ist " Sind wir nicht alle ,, drinnen"? Ist mein Blick nicht ebenso starr geworden wie der des Fischers? Sehe ich nicht auch nur noch in die eine Richtung, auf das eine Ziel? - Wir sind gleich jenem Fischer. Fühllos geworden, nur noch einem Gedanken verhaftet, Gefangener einer Vorstellung: der Sehnsucht nach Befreiung! Was haben wir verloren? Alles, was einmal das Leben lebenswert gemacht hat: beschwingte Sorglosigkeit, die, dem Leben Glanz verlieh jenen Glanz, der immer fahler wurde. Sichere Geborgenheit, in der unser Lebensschiff wie auf einem breiten Strom geruhsam dahinglitt. Musik, Farben, Kunst! Berauschendes Gedankengut großer Gestalten einst gab es uns Kraft, daß wir glaubten, die Sterne vom Himmel holen zu können. Nun ist die Musik verklungen, die Farben sind verblichen. Worte, einst wahrhaft empfunden, tönen uns in den Ohren wie der blecherne Klang einer Schelle - Ich weiß, alles, was ich verioren wähne, lebt. Es muß aber sehr weit fort von mir sein, denn ich nehme es nicht mehr wahr. Ich höre nur noch die Stimme der Gegenwart. Sie hämmert Jahr um Jahr die eine Frage: Wann? Die Augen sehen nur das eine Ziel. Werden sie, wenn es einmal erreicht ist, starr sein wie heute? Werden sie je wieder schauen lernen? Werden sie erstrahlen können im Glanz der aufgehenden Sonne oder erschrecken über die Gewalt des sturmbewegten Meeres? Werden sie sich jemals wieder ruhig schließen in einer stillen Mondnacht? Wird Herz und Sinn sich noch einmal eins fühlen können mit Gott und der Welt? Oder werden wir gleich dem Fischer verzichten? Zu erstarrt, um noch um die Gnade bitten zu können, dem Leben zurückgegeben zu werden? 15* 227 Einem Leben, das weiterglitt, als wir stehenblieben, da sichtbare und unsichtbare Mauern um uns errichtet wurden. Wird sich der göttliche Funke in uns zu neuem Leben entzünden; oder ist er erloschen? Werden die Augen danach für immer in trostlose Leere blicken? Furcht überkommt mich, Angst vor dem Tage, an dem es so weit ist. Warum vermag der Fischer nicht mehr echte Farben zu wählen? Er ist Gefangener seiner eigenen Vorstellungswelt geworden. Er sieht nicht mehr weiter als bis zur Mauer. " ,, Mein Gott!" bricht es aus mir hervor. Vielleicht sehe auch ich alles falsch!" Wie weit reicht denn mein Blick? Seit Jahren kreisen meine Gedanken um die Gefangenen. Meine Liebe geht zu ihnen, mein Haß zu denen, die sie unterdrücken. Immer edler erscheinen mir die Gesichtszüge meiner Freunde, immer verabscheuungswürdiger die ihrer Peiniger. Ist der Grüne vor mir, der mir die Bilder zeigt, so hassenswert? Ist der Gefangene, der mein Freund ist, es nur darum, weil er ob seiner Überzeugung die Freiheit verlor? Wie vermag ich noch nach jenem Tage, an dem mir in dieser stillen Zelle Bilder wie ein Spiegel die eigenen Augen gezeigt haben, über das Leben der Gefangenen zu schreiben? und ausg D eine ich er be E nach Auge D und bleib der ist, spüre aus St unse gieße Schw H Werden die Gefangenen nicht zu mir sagen: ,, Es ist ganz anders Leben, was du unser Leben nennst." das Es s schäf A Rend W Werden mir jene draußen nicht entgegenhalten: ,, Ist unser Leben soviel anders als das da drinnen?" Gleich einer Vision sehe ich vor mir einen endlosen Zug zerlumpter Gestalten. Unser Jahrhundert ist auf dem Marsch. Sind es Strafgefangene? Sind es meine Freunde? Oder sind es Kriegsgefangene? Unkenntlich sind die Uniformen im Dunkel. Welche Sprache sprechen sie? Tragen sie Spaten oder Gewehre über der Schulter? Sind es Totengräber oder Soldaten? Juden oder Zwangsarbeiter? Sind jene vermummten Gestalten Frauen? Ausgebombte und Vertriebene? Wer sie auch sein mögen Holzpantinen klappern. - ihr Gang ist müde, ihre Augen sind starr. ,, Kommen Sie!" sagt der Wachtmeister zu mir. Der Gefangene ist von der Freistunde zurückgekehrt. In strammer Haltung bleibt er neben dem Webstuhl stehen. liegt im d ande habe ist g G schüt heran 119 Ic Zuwa erste Zelle D -! Wenn sie wort: Der Riegel geht wieder vor. ,, Der hat es besser als ich!" sagt der Grüne und klirrt mit dem Schlüssel gegen das ,, Auge". ,, Der ist fertig mit dem Leben. Ihm kann nichts mehr geschehen. Ich dagegen mich noch einziehen und nach dem Osten schicken 20. Juli. Der Tag ist drückend heiß. Ich bin in Hamburg, vormittags in der Vorlesung, nachmittags zu Hause. Gegen Abend zieht ein Gewitter herauf. Lastende Schwüle, doch ich zwinge mich zur Arbeit. Vor mir liegen Stapel von Briefen. Die Post hat sich vervielfacht, seitdem nach Dänemark 228 Be burge versa unoder Leere t ist. Er ist mehr alles nken , die einer st der Ubere, an ugen - das soviel mpter gene? sind paten Juden _usgearr. - HalGrüne I dem mn sie ittags witter liegen emark und Norwegen die Kunde gedrungen ist, daß die Gefangenen jeden Brief ausgehändigt bekommen. Der Kopf schmerzt, die Augen tun mir weh vom vielen Lesen. Ich mache eine Pause und schalte das Radio ein. Nach einigen Sekunden erst nehme ich die Worte. auf, die der Ansager spricht. Sind es Nachrichten oder ist er betrunken? Er spricht von einem Attentat. Er spricht von einer Rede nach Mitternacht, von Umsturz, von einer neuen Regierung. Mir flimmert es vor den Augen. Was ist geschehen? Ist es so weit? Ist der Tag da? - Die Arbeit vor mir ist vergessen. Ich hoffe; wir hoffen, meine Mutter. und ich. Unsere Freunde kommen, ohne daß wir sie geladen haben. Wir bleiben zusammen unbeschreibliche Erwartung und Spannung liegt in der Luft, obgleich auch bei der Wirrnis der Meldungen schon erkennbar ist, daß es sich um ein miẞglücktes Attentat handelt. Und dennoch! Ich spüre, wie ein ganzes Land noch einmal für einen Augenblick der Hoffnung aus seiner Betäubung erwacht ist. Stille im Radio, bis nach Mitternacht. Dann kommt er! Aschfahl sind unsere Gesichter. Er ist es; er lebt! Das Sterben geht weiter. Worte ergießen sich über uns unflätig, wüst. Meine Mutter bringt das Radio zum Schweigen. ,, Nun beginnt Deutschlands Todesstunde!" Holzpantinen klappern über Gänge und Brücken im Zuchthaus Bützow. Es schwirrt von Gestalten. Das Todesschweigen ist gebrochen, rege Geschäftigkeit herrscht. Aufbruch? War es nicht an jenem Vorfrühlingstage im März in der Rendsburger Anstalt auch so? Wir sind an den Zimmern der Verwaltung vorbei. Das Besuchszimmer liegt als letztes vor der Grenze", an der die Zellen beginnen. Wir stehen im dämmernden Licht des Ganges und nehmen wahr, daß das Durcheinanderlaufen der Gestalten nur scheinbar ist. Sie gehen hin und zurück, haben eine bestimmte Richtung. Die Tür zum Keller am Ende des Ganges ist geöffnet, es ist der Keller unter dem Lazarett. Gefangene kommen mit Eimer und Besen vorbei. Sie tragen Strohschütten, haben den Arm voller Holzlöffel und Eẞbestecke, bringen Kübel heran. An der Kellertreppe geben sie es weiter an andere Gefangene. ,, Jetzt gibt's Leben hier!" sagt ein Grüner zu mir im Vorbeigehen. Ich melde mich beim Chef, er ist aufgeräumter als sonst. ,, Wir haben Zuwachs bekommen! Meine Anstalt vergrößert sich. Morgen kommt der erste Transport aus Hamburg. Die Guillotine ist bereits eingetroffen. Die Zellen im Keller werden heute hergerichtet." Das ist es also! Jedesmal, wenn ich glaube: Befreiung, kommt die Antwort: Gefangenschaft. Wenn Hoffnung mir zuruft: Leben, ist das Echo: Tod. Bei einem der letzten Bombenangriffe hat sich das Fallbeil im Hamburger Untersuchungsgefängnis gelockert. Bei einer Hinrichtung hat es versagt. Es wird ausgebessert, doch nach der nächsten Bombenerschütte229 rung ereignet sich dasselbe. Die Behörden entschließen sich zur Verlegung des Hinrichtungskommandos nach Bützow. Diese Anstalt, sonst nur eine von vielen, gewinnt nun Bedeutung. ,, Morgen kommt der erste Transport," wiederholt der Chef. Er ist aufgeregt. Das unrasierte Gesicht ist rot angelaufen, so daß der. Schmiẞ über der Nase noch deutlicher hervortritt. ,, Ich selbst bediene den Apparat, und Sie sollen sehen bei mir klappt es." Er steht auf und greift zu dem grünen, bayrischen Hut mit der kurzen Feder, der ihm das Aussehen eines munteren Bergsteigers verleiht. ,, Entschuldigen Sie mich. Ich bin eilig. Ich muẞ' mal hinüber und nach dem Rechten schauen. Übermorgen geht es los." Er bleibt noch einmal stehen: ,, Übrigens wenn Sie es mitmachen wollen? Dann müßten Sie aber sehr früh aufstehen. Sozusagen stück." - - vor dem FrühDas wird so dahingesprochen, weder gemein, noch roh. In den gutmütig blinzelnden Augen vermag ich keinen zynischen Ausdruck zu entdecken. ,, Wir haben Angst um dich!" sagen die Gefangenen am nächsten Tage. ,, Wir haben gesehen, wie sie zum Keller geführt wurden. Es waren siebenundzwanzig. Sie gingen in Ketten; auch eine Frau war dabei." Einen Tag später findet die Hinrichtung statt, frühmorgens. Als wir kommen, geht das Zuchthausleben schon wieder seinen trägen Gang. Wenn wir das Zuchthaus verlassen, haben wir nur leichtes Gepäck. Papier wiegt nicht schwer! Ich nehme Manuskripte, Zeichnungen, Gedichte und Tagebuchblätter mit hinaus. Gedanken aus einem Totenhaus, in das die Vorbereitungen zu einer Hinrichtung neues Leben und Abwechslung gebracht haben. Wir sitzen im Dienstabteil eines Personenzuges, außer uns noch drei oder vier andere. Schräg gegenüber von mir ein Mann in brauner Uniform mit silbernen Schnüren. Mit einem flüchtigen Blick streife ich die kleinen, braunen Jettaugen in dem viel zu runden Gesicht. Kreisleiter, stelle ich bei mir fest. Die Fahrt wird lang werden. Erst nach Mitternacht können wir in Hamburg sein. Ich nehme mir eine Akte und mehrere Gefangenenbriefe hervor und fange an zu lesen. ,, Wie es zieht!" höre ich nach einiger Zeit den braunen Mann mir gegenüber sagen. Er steht auf und nimmt den Platz ein, der noch neben mir frei ist. Obgleich ich nicht aufgesehen habe, fühle ich, daß irgendeine Spannung in der Luft dieses Dienstreiseabteils liegt. Ich glaube zu bemerken, daß der braune Mann mich beobachtet. Doch ruhig lese ich weiter. ,, Was machen Sie da?" fragt er wenige Sekunden später. 11 Das Auge bleibt auf dem Bogen haften. Gefahr ist im Anzuge! Nicht wegen der Briefe; ich darf die Gefangenenpost lesen, wann immer ich will. Aber darunter liegt die Mappe: Manuskripte, Zeichnungen und Tagebuchblätter! Es überläuft mich siedendheiẞ. 230 ,, Ha diesma ,, Si Da verdäc Ihren Sol Auswe geheim W Re 1 einmal Der sekund Fenste Sie braune wer ic Ih stohlen Nur ih Al in Deu Ad hinzuz sind u sprach Ver Herren Husten Mir überko sehe. D ,, Sie Hand a Der braune ,, Polize Da begieri immer ,, Ma Zeit. Ic wir äck. hte die drei orm nen.. bei am- [vor Jen frei eine ken, icht will. uch- ER „Haben Sie mich nicht verstanden?" wiederholt die Stimme neben mir,. diesmal langsam und betont.„Was machen Sie da?“ „Sie haben kein Recht, so zu fragen!“ „Das werden wir ja gleich sehen. Sie waren mir schon von Anfang an verdächtig. Wo kommen Sie her? Wer sind Sie? Was tragen Sie bei sich? Ihren Ausweis?“; Soll ich über diesen braunen Mann zu Fall kommen? Hat er erst meinen Ausweis, wird er sich über die Akte machen. Er wird behaupten, sie sei geheim. Er wird zur Mappe greifen——— „Wir haben Angst um dich!“ höre ich die Gefangenen sagen. „Reichlich viel Fragen auf einmal,” sage ich jetzt.„Zeigen Sie mir erst ’ einmal den eigenen Ausweis.‘: Der Pfarrer beugt sich vor, als wolle er sich einmischen. Doch ein sekundenschneller Blick genügt. Mit ausdruckslosem Gesicht sieht er zum Fenster hinaus. „Sie verlangt meinen Ausweis. Haben Sie das gehört?” wendet sich der braune Mann an die Mitreisenden im Abiteil.„Als ob nicht jeder wüßte, wer ich bin. Meine Uniform———".-- „Ihre Uniform kann jeder tragen," unterbreche ich ihn kurz. Ein ver- stohlener Blick auf die Uhr. In wenigen Minuten müssen wir in Lübeck sein. Nur ihn, noch bis dahin hinhalten! „Also her mit dem Ausweis!’Sie wissen wohl nicht, was in diesen Tagen in Deutschland geschehen ist? Euch Ausländern wird jetzt endgültig——" „Ach, Sie glauben, ich sei Ausländerin?' Ich kann es nicht lassen, noch hinzuzufügen:„Wohl weil die Briefe in einer fremden Sprache geschrieben sind und Sie sich nicht vorstellen können, daß ein Deutscher eine Fremd- sprache versteht?“ Verstecktes Lachen im Abteil, funkelnde Augen des Kreisleiters. Vier Herren sehen ‚nteressiertt zum Fenster hinaus. Einer‘bekommt einen Hustenanfall und beginnt, sich umständlich zu schneuzen. Mir ist nicht gerade zum Lachen zumute! Ein.Gefühl der Beschämung überkommt mich, als ich diese Männer sich wie Schuljungen abwenden sehe. Denn auch Lachen am unrechten Platz ist im Dritten Reich gefährlich! „Sie sind verhaftet!“ Zur Bekräftigung legt der braune Mann mir die Hand auf die Schulter. Der Zug läuft in Lübeck ein. Der Bahnhof ist voller Menschen. Der braune Mann reißt die Tür auf und brüllt in den dämmernden Abend: „Polizei! Polizei!‘ Da wird es still auf dem Bahnsteig. Tausend Blicke richten sich auf uns, begierig auf das Schauspiel einer Verhaftung, so oft en erlebt und doch immer prickelnd und neu. „Machen Sie's kurz!” sage ich zu den er„Ich habe nicht viel "Zeit. Ich. muß heute abend noch in Hamburg sein.” = 231 ,, Das werden wir ja sehen, wo Sie heute abend sind!" Erwartungsvoll tritt er von einem Fuß auf den anderen. Noch einmal ruft er: ,, Polizei!" Löst sich denn immer noch keine Gestalt aus der Menge mit einer Marke und dem Machtwort: ,, Gestapo!"? Ich warte ebenso gespannt, und doch bin ich ruhig. Nun ist es so weit. Vielleicht ist alles vorbei. Prüft die Gestapo den Ausweis, wird sie sich nicht damit begnügen und auch eine Untersuchung der Mappe vornehmen. Hundertmal habe ich von der Gestapo geträumt, in tausend Nächten ließ das Surren der Autos das Blut in den Adern gerinnen, schreckte mich ein heller Scheinwerfer hoch. Nun aber bin ich so gelassen, als ob alles schon hinter mir liegt. Komme, was da wolle! Die nächsten Sekunden werden entscheiden. Ist es wirklich Gelassenheit oder nur grenzenlose Ermüdung? Soll ein Wunder geschehen? Ist in dieser Menschenmenge, die am Sonntagabend zurück nach Hamburg strömt, niemand von der Gestapo? Ich spüre, wie die Blicke der Schaulustigen von mir lassen, enttäuscht, daß sich nichts ereignet. ,, Folgen Sie mir!" sagt der braune Mann endlich. Ich habe meinen Strohhut auf. Oft schon ist mir darunter heiß geworden, Schweißtropfen haben mir auf der Stirn gestanden. Jetzt aber fühle ich weder den Schweiß der Ungewißheit, noch den Schauder der Angst. Ich gebe dem Mann meine Tasche zu tragen. ,, Sie ist nicht schwer," sage ich zu ihm mit leichtem Spott. ,, Aber zu schwer für eine Frau!" In den Jettaugen blitzt es triumphierend auf. In den vor Eifer triefenden Gesichtszügen steht geschrieben: Du kannst mir nicht mehr entgehen! Wir gehen durch die Menge. Wir brauchen uns keinen Weg zu bahnen. Zum erstenmal in meinem Leben wird für mich Spalier gebildet! Suchend schaut der Braune sich um, ob nicht irgendwo ein Mann in Zivil hervortritt. Da - kurz vor der Treppe ein Schieben und Drängen. Ich lasse die Arme sinken. ,, Lassen Sie mich durch," ruft jemand. ,, Hier! Hier!" gibt der braune Mann zurück. - Es ist Onkel Hans! Er steht vor mir und will mir die Hand reichen. Ein Blick genügt. Er versteht und geht weiter, als habe er mich nie gekannt. ,, Die Gestapo scheint nicht zur Stelle zu sein?" frage ich den Kreisleiter. ,, Dann bringe ich Sie eben zur Bahnpolizei!" Der braune Mann schnauft. Wir gehen die Treppe hinauf. ,, Heil Hitler!" bricht er in die Amtsstube. ,, Ich habe soeben eine Dame verhaftet, die mir höchst verdächtig erscheint. Untersuchen Sie Ausweis und Papiere Er stellt die Mappe auf den Schreibtisch. - - " ,, Na, na! Der dicke Polizist sieht von einem zum anderen. Und dies ,, Na, na" und der Blick auf die glitzernden Schnüre ist vielsagend. Er ist 232 gera Ihre Id " 1 wen nicht zu m D prüfe daß E dara ein weis D liche mein 11 hafte eine war II an. 11 beläs Poliz im A eine D ihm biede in de 11der dann ins H 11 zurü 1111 11E kugl von svoll Löst und weit. sich men. ließ n ein chon rden ung? am apo? daß geFühle t. wer," " nden nen. hend rvore die chen. annt. reisLauft. Dame und dies Er ist gerade dabei, sich die Sonntagspfeife zu stopfen. ,, Also zeigen Sie mal Ihren Ausweis." Ich halte ihm meinen Polizeiausweis entgegen. ,, Aha, Kollegin!" ruft der Polizist. Er sieht ihn sich flüchtig an, dann wendet er sich breit und ausladend zu dem Braunen: ,, Da ist wohl leider nichts zu machen!" Sein rechtes Auge plinkert dabei verdächtig vergnügt zu mir herüber. Da lege ich die Stirn in ernste Falten und sage zu dem Polizisten: ,, Bitte prüfen Sie den Ausweis dieses uniformierten Mannes. Ich finde es seltsam, daß er ihn mir nicht zeigen wollte im Zug." Er ist Kreisleiter. Weder der Polizist noch ich zweifeln einen Augenblick daran, daß seine Papiere stimmen. Aber dem Polizisten scheint es genau so ein Vergnügen zu machen wie mir- lange betrachtet er den braunen Ausweis, hält ihn weit ab und dann wieder dicht vors Auge. Der braune Mann schnaubt nicht einmal vor Wut. Er erkennt seine miẞliche Lage, tritt näher zu mir heran und will mir die Hand geben. Doch meine Augen gehen ausdruckslos über ihn weg. ,, Sie sind nicht berechtigt, so ohne weiteres Leute in der Bahn zu verhaften," sagt der Bahnpolizist. ,, Diese Dame ist von der Polizei. Wenn sie eine Meldung darüber macht-- ,, Entschuldigen Sie bitte, gnädige Frau!" sagt der Kreisleiter hastig. ,, Es war doch nicht so gemeint- 11 Wie Sie es gemeint haben," antworte ich ,,, darauf kommt es nicht an. Ich rate Ihnen, zukünftig keine Damen und Herren in den Zügen zu belästigen. Sie schaden damit sehr dem Ansehen unserer Partei!" Dem Polizisten scheint es nicht anders zu ergehen wie vorhin den Mitreisenden im Abteil. Er bekommt einen Hustenanfall und beugt sich dann so tief über eine Akte, daß ihm die Buchstaben vor den Augen tanzen müssen. Der braune Mann schleicht sich von dannen. Ohne ,, Heil Hitler!" Als ich ihm nachsehe, muß ich lächeln, daß diese kugelige Gestalt, die der eines biederen Kegelbruders gleicht, noch vor wenigen Minuten mein Schicksal in der Hand hielt. ,, Dem wird das Verhaften vorläufig verleidet sein!" Lachend reicht mir der Polizist die Hand und meint polternd: ,, Wenn schon verhaftet wird, dann machen wir es, nicht wahr? Von diesen Leuten lassen wir uns nicht ins Handwerk pfuschen. Also Heil Hitler, Frau Kollegin!" - ,, Alles in Ordnung?" fragt meine Mutter, als ich spät in der Nacht zurück bin. ,, Alles ging gut wie immer." ,, War etwas Besonderes?" ,, Nichts." Erst schlafen, nur schlafen. Morgen werde ich ihr berichten von dem kugligen, kleinen Mann, von braunen Jettaugen und silbernen Schnüren, von einem grünen Bayernhütchen und von Hinrichtungen vor dem Früh233 stück. Ich habe eine Mutter, der ich alles sagen kann, die mir Lasten abnimmt, die ich allein nicht zu tragen vermöchte. Ich werfe mich in Kleidern aufs Bett und falle in einen Schlaf, der an Bewußtlosigkeit grenzt. Drei Wochen später bestehe ich mein Physikum. Am gleichen Tage wird bekanntgegeben, daß die Universität ihre Tore schließt. ,, Es ist gut so," sage ich zum Pfarrer, als wir wieder im Zug sitzen. ,, Die Gefangenen warten. Nun kann ich mich ihnen endlich ganz widmen bis zum Tage der Befreiung!" ,, Und dann?" - Ich sehe auf. Der Zug fährt langsamer, bleibt stehen. Stimmen draußen, Durcheinanderrufen: Tieffliegergefahr!" Leises, silbriges Surren in der Luft. Wir steigen aus. Jenseits der Schienen sind Felder: Roggen. Er ist schon geschnitten und aufgehockt. Das Bahnpersonal schwenkt mit den Armen: ,, Ab vom Zuge! Beeilen!" Viele keuchen mit einem Koffer über die Stoppeln. Ich gehe ohne Gepäck. Nach wenigen Minuten hat sich die wimmelnde Masse am Zuge auf dem weiten Feld verteilt. Koffer und Mensch sind nur noch vereinzelte Punkte. Totenstill ist es nun, kein Surren mehr in der Luft. Ich liege und schaue in den blauen Himmel. Goldenes Sommerlicht ist über dem Feld. Weit hinten am Horizont zieht sich ein schwarzer Streifen entlang, ein Tannenwald. Am Felde verläuft ein Weg. Zu beiden Seiten schimmern schon die Beeren der Ebereschen im ersten Rot. Sie sind früh gereift in diesem Jahr, es heißt, das bedeute einen harten Winter. Ich richte mich etwas auf. Auf dem Wege nähert sich eine Gestalt, schwarzgekleidet. Mädchen oder Frau? Sie ist bleich, als lebe sie immer im Schatten. Nun bleibt sie stehen am Rande des Feldes, dort, wo der - Schnitter noch einige Kornblumen vergaß. Sie beugt sich nieder und pflückt sie, nimmt eine Ähre und windet sie um den Strauß. Dann geht sie langsam davon. Es wird früh Herbst in diesem Jahr. Schon die ersten Septembertage bringen die dichten Morgennebel des Oktobers. Wir sind auf einer Reise durch Deutschland. Gestern waren wir in Berlin, heute sind wir in Halle, morgen soll es weitergehen nach Waldheim. Als wir aber abends das Zuchthaus verlassen und uns durch die dunkle Stadt den Weg zurück zum Hotel suchen, überkommt mich ein Gefühl unfaßlicher Schwere. Bin ich krank? Habe ich mich überanstrengt? Es muß etwas anderes sein. Jene Düsternis des Lebens ist in mir, die ich ahnend schon als Kind erfühlte, als ich, kaum zum Bewußtsein erwacht, an der Hand der Mutter den langen Zug von Kriegsgefangenen gesehen hatte. Diese Empfindung wird so stark in mir, daß ich stehenbleibe und zum Pfarrer sage: ,, Ich muß zurück nach Hause!" 234 Über das Pflaster klappern Holzpantinen. Auf dem Fußsteig Schritte von lampe ,, D ,, I De schlä sein U auf, broch Se ,, F Es ein H Stimn Ich r die F D Weiß Es Mutte A Willf Ei der P Di Gerüc ,, V eisern Ic ,, S 11 Di W wurd es do Vi haus achtz sie De Wie vieles an vird Die bis en, der ist den Ge- auf elte aue Veit Ien- Ahr, alt, mer der ickt sam age lin, kle un- nuß end der tte. um itte von schweren Stiefeln. Der matte Schein von abgeblendeten a lampen legt sich schwach über dunkle Gestalten. „Die Gefangenen warten!" Mt der Pfarrer ein. „Ich weiß. Es muß aber sein.‘ Der Zug rollt durch die Nacht. Die Bene sind entzwei, der Regen schlägt mir ins Gesicht. Und die Räder ächzen:„Es kann doch nicht wahr sein— es kann doch nicht wahr sein.“ UÜbernächtigt‘stehe ich vor meiner Mutter. Ein Blick genügt. Ich atme auf, nichts ist geschehen. Sie fragt:„Warum hast du die Reise unter- brochen?‘ Diesmal vermag ich nicht zu antworten. Sehr früh am nächsten Tage klingelt das Telephon. „Ferngespräch— bitte melden.” Es klickt in der Leitung. Ein Frauenlachen, eine schnarrende Antwort, ein Hin und Her von sich: überschneidenden Stimmen. Endlich dringt die Stimme durch, die ich erwartet habe. Es ist Günther, der im Westen steht. Ich reiche meiner, Mutter den Hörer. Ich weiß es, ehe ich es erfahre. Erst die Frage, wie es Mutter geht. „Danke! sagt sie.„Ich warte schon lange auf einen Brief von Willfried. Weißt du etwas über ihn?” Es ist so still im Zimmer, daß ich glaube, seine Antwort zu hören: Ja} Mutter——— er ist gefallen.” „Aber der Geist, in dem wir erzogen wurden, wird leben!‘ Ich schreibe Willfrieds letzte Worte an meine Brüder. Einige Tage später sitze ich wieder im Zug.„Ich fühle mit Ihnen,” sagt der Pfarrer.„Aber— die Gefangenen warten.“ Die Ereignisse überstürzen sich. Es sieht aus, als sei das Ende gekommen. Gerüchte werden laut über einen Zusammenbruch im Westen. „Vielleicht zum. letztenmall” sagt der Pfarrer, als wir wieder vor dem eisernen Tor stehen.„Vielleicht ist es der Abschied." Ich habe Astern bei mir, die Blumen des Herbstes. „Stimmt es mit den Luftlandungen in Westfalen?‘, fragen unsere Freunde. „Vierzehn Tage zu früh!“ Diesmal sind sie viele Monate voraus. Wir besuchen die Prima, die zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt wurde. Ich hole sie alle zusammen herein. Denn vielleicht— vielleicht ist es doch der Abschied! 5 Viele Monate sind vergangen, seit sie ihre ersten Briefe aus dem Zucht- haus geschrieben haben. Viele von den siebzehnjährigen sind inzwischen achtzehn geworden. Alle sehen älter aus. Viel älter als achtzehn. Und doch —- sie leben.. Der letzte Herbst und Winter des. Krieges sind wie eine einzige Reise. Wie ein Bilderbuch, das man schnell durchblättern möchte, da das Auge ‚ vieles nicht mehr erträgt. Und doch— manche Bilder möchte ich fest- 235 halten, denn sie sind wie Kilometersteine an dem Wege, der zum Ende führt zum Frieden? - Ein Kampf zwischen Ermüdung und Hoffen. Gefühle ohnmächtiger Hilflosigkeit am Lager eines Sterbenden im Lazarett des Zuchthauses. Augenblicke strahlender Freundschaft beim Wiedersehen mit unseren Freunden. Dumpfes Aufschrecken, wenn der Zug auf der Reise an einem Bahnhof hält, der schwarz voll Menschen ist Ausgebombte oder Flüchtlinge. Oder wenn wir bei Tieffliegergefahr auf der Strecke liegenbleiben, neben uns endlose Ketten von Güterzügen,' vollgestopft mit Soldaten. - ,, Die Hoffnung wohnt draußen." So sagte ein Grüner zu mir, als ich zum erstenmal ein Zuchthaus besuchte ach, ich glaube, nun gelten seine Worte unserem ganzen Land. - - Ich denke an die Gänge durch Hamburg, wenn ich von Apotheke zu Apotheke gehe, um Medikamente für die Gefangenen zu beschaffen. Sirenen heulen auf die Schlangen vor den Läden zerfließen und werden zur Riesenschlange vorm Bunker. Die ersten Bomben fallen. Die Schlange wird zum reißenden Tier; Arme fliegen hoch, Körper werfen sich vor, Stiefel treten. Rette sich, wer kann! Kinder bleiben liegen. Ich entsinne mich des schwammigen Mannes im Reichspropagandaamt. Seitdem nur noch Parteifunktionäre, Geschäftsleute und die Polizei die Züge benutzen dürfen, suche ich dieses Amt allwöchentlich auf. Es ist ein mit Marmorplatten ausgelegtes Haus; dicke, rote Teppiche. Der schwammige Mann hat ein goldenes Parteiabzeichen im Knopfloch. Er bearbeitet ,, Sonderfälle"! Reisegenehmigungen für Dolmetscher und Ausländer. Immer ist die Fläche seines gewaltigen Diplomatenschreibtisches leer. Als es Winter wird, entdecke ich auf der leeren Fläche ein einsames Buch. Ich kenne die Ausgabe! Ein Lehrbuch für Englisch. Da schöpfe ich neue Hoffnung! So wechselt Bild um Bild Theo ist am Bahnhof, als wir nach Halle kommen. ,, Sie wohnen doch bei uns?" fragt er mich. Theo ist Facharbeiter in einer Rüstungsfabrik, Vorarbeiter von sechzig dänischen und norwegischen politischen Strafgefangenen, die in seiner Fabrik die Nachtschicht haben. Theo bekommt viele Lebensmittelpakete aus Hamburg. Jeden Abend geht er schwerbeladen zur Arbeit. Wir sitzen bei seiner Frau in der Küche. ,, Für unsere Freunde!" Theo zeigt auf einen großen Topf mit Kartoffeln, der gerade auf dem Feuer steht. ,, Endlich können wir uns einmal aussprechen!" sagt er aufatmend. Ich bin erschöpft, denn ich habe von Hamburg bis Halle in einem überfüllten Zug gestanden. Ich spüre jedoch, daß diese beiden ebensosehr auf mich gewartet haben wie die Gefangenen. ,, Können Sie sich denn nicht nachts bei der Arbeit mit unseren Freunden aussprechen?" frage ich Theo. ,, Das schon". Theo stützt das Gesicht in die Hände. Er springt auf 236 und Land En zusan stemp Da s sucht rührt Ic klarz Heute Wie täubu fürch ,, S sagt statt. Ic Tause und dahin der s und Ic ihnen ich s geric Leber 11 ande Rahm hämn ,, I 11 11 D Holz weite Ic vorü an d Es hitzig Ende Hilfgen_den. hält, Oder uns zum eine e zu enen zur wird iefel amt. Züge mit mige eitet nder. Als Ich neue hzig ciner kete Theo teht. berauf nicht heo. auf und geht eine Weile hin und her in der kleinen Küche. ,, Die können ihr Land lieben und achten. Wir dagegen?" - Er zeigt mir eine alte Sprachzeitung, die er in einer Mappe bewahrt zusammen mit einigen Briefen, Briefe mit englischen Marken und Poststempeln, das Papier ist schon vergilbt. ,, Vor dreizehn Jahren," sagt Theo. Da stand in der Sprachzeitschrift eine Annonce. Ein englischer Arbeiter suchte Briefwechsel mit einem deutschen. ,, Und dies sind die Briefe!". Er rührt sie so behutsam an, als könne ein Flecken darauf kommen. Ich fühle, wie man diesen Arbeiter um mehr betrogen hat, als er sich klarzumachen vermag. In ihm ist rastloses Suchen, stechende Unzufriedenheit. Heute findet er noch Zuflucht im ,, Nein", im Kampf gegen das Dritte Reich. Wie wird es aber sein, wenn der Tag gekommen ist? Wenn er aus der Betäubung erwacht? Wird dieselbe Leere in ihm sein, vor der ich mich fürchte? ,, Sie müssen sich noch etwas gedulden, wenn Sie mich sprechen wollen," sagt der Chef vom Zuchthaus in Halle. ,, Es finden gleich Hinrichtungen statt. Wenn Sie aber in einer Stunde Ich sehe sie kommen, sie tragen Ketten. Ich zähle vierzig. Viele Tausende von Hinrichtungen finden in diesen Wochen statt. Es sind Männer und Frauen des 20. Juli. Totenbleiche Gesichter, die Seelen aber, die sich dahinter verbergen, scheinen schon jenseits dieser Mauer zu sein, jenseits der steinigen Erde, auf der wir gehen. Ich stehe im Halbdunkel des Ganges vor der Tür des Besuchszimmers und denke: In wenigen Minuten ist alles für euch vorbei. Ich möchte zu ihnen sprechen. Selbst wenn ich es aber dürfte, ich könnte es nicht; denn ich spüre, sie sind einen weiteren Weg gegangen als ich. Der nach innen gerichtete Blick scheint zu sagen: In wenigen Minuten beginnt ein neues Leben. ,, Wir haben noch einmal Glück gehabt!" sagt Eilif. Er war mit drei anderen zur Bombenentschärfung abkommandiert. Er gibt mir einen eisernen Rahmen, den er heimlich nachts in der Fabrik geschmiedet hat. Eingehämmert sind die Jahreszahl und die Worte: Von Deinem Freund Eilif. ,, Dies ist der Rahmen. Wenn ich frei bin, bringe ich dir das Bild." ,, Welches Bild, Eilif?" ,, Das Hochzeitsbild von Else und mir!" ,, Wann wirst du wieder Bomben entschärfen müssen, Eilif?" Die Uhr tickt. Vom Hof dringt wie aus weiter Ferne das Klappern von Holzpantinen herauf. Das Leben im Zuchthaus geht weiter, unaufhaltsam weiter. Ich beginne zu ahnen, daß in einem Totenhaus nicht nur Hinrichtungen vorübergleiten. Werden nicht auch Kriege, Revolutionen und der Friede an der Mauer des Zuchthauses wie Seifenblasen zerplatzen? - Es ist ein kühler Tag im Oktober. Der Kanonenofen in der Ecke strahlt hitzige Wärme aus. Der Chef dieser Anstalt ist nicht grob wie der Chef 237 vom Zuchthaus Fuhlsbüttel, nicht ölig wie der in Rendsburg, nicht gemütlich verschmitzt wie der in Bützów dieser Chef ist ein Umstands- kasten! Ich spreche mit ihm über einen norwegischen Gefangenen, der in der Autoschlosserei des Zuchthauses arbeiten möchte. Bis jetzt ist er in der Schmiede beschäftigt gewesen. ,, Wie, der Mann bittet um Arbeitsplatzwechsel?" Die Hinrichtungen am Morgen und der bullernde Kanonenofen haben den Chef noch nicht wach gemacht. Jetzt wird er lebhaft. ,, Drei Möglichkeiten gibt es, die diesen Gefangenen dazu bewegen könnten, einen Arbeitsplatzwechsel zu beantragen. Entweder der Mann will einen Fluchtversuch machen und hat entdeckt, daß er in der Autoschlosserei Gelegenheit dazu hat ,, Aber die Schmiede liegt unmittelbar neben der Autoschlosserei!" ,, Nun gut!" fährt der Oberregierungsrat unbeirrt fort. ,, Dann ist es eben die zweite Möglichkeit. Der Mann hat in der Schmiede keine Spionage treiben können und hofft nun, daß ihm das in der Autoschlosserei gelingen wird." Zufrieden betrachtet er die Zigarre, die er raucht. Er spricht laut, wohl in der Annahme, daß der Pfarrer kein Deutsch versteht und die angewandte Stimmstärke die fehlenden Sprachkenntnisse ersetzen kann. ,, Und dann besteht noch eine dritte Möglichkeit. Der Gefangene hat beobachtet, daß die Autos, die zur Reparatur gebracht werden, weibliche Chauffeure haben. Vielleicht will er auf diese Weise mit einer Frau" ,, Aber, Herr Oberregierungsrat!" unterbreche ich ihn ,,, der Gefangene ist doch verheiratet." Der Chef wirft mir einen raschen Blick zu. Keine Miene ist in meinem Gesicht verzogen. ,, Da kennen Sie noch wenig vom Leben!" meint er und lacht verlegen. Doch das, was ich wollte, habe ich trotz meiner ,, Lebensunkenntnis" erreicht. Mürrisch, als verberge sich dahinter eine gewisse Rührung, sagt der Chef: ,, Meinetwegen ich will diesmal eine Ausnahme machen." - Im Laufe der Jahre lernte ich viele Anstalten kennen und ebenso viele Anstaltsleiter. Als ich mit meiner Arbeit anfing, dachte ich, es gäbe keinen kälteren Chef als den vom Zuchthaus Fuhlsbüttel und keinen gefährlicheren als den in Rendsburg. Allmählich beginne ich zu begreifen, daẞ weder der eine außergewöhnlich kalt noch der andere besonders gefährlich ist. Sie sind wie alle. Sie sind so, wie Menschen im Verwaltungsbüro eines Totenhauses werden müssen. Werde ich jemals den stürmischen Tag im November vergessen können, als der Pfarrer und ich von Coswig aus die Elbe entlang zum Strafgefangenenlager Griebo gehen? Die Wolken hängen tief, der Regen peitscht über den schmutzigen Fluß. Das Ufer zu beiden Seiten ist grauer Kies. Bis zum Horizont grüne Weiden, die flächenweit unter Wasser stehen. Dann kommen Kreide- und Steinbrüche nahe dem trübe dahinschleichenden Fluß. Von den Bäumen rascheln die letzten Blätter. ,, Wie lange noch?" frage ich den Pfarrer. 238 D vorg dopp drah wah Wölf bezie 11 11 V weit Seku 11mit jede vers spärl D Lede tisch Arm Klub Köpf ein Id aufg helfe 11 Chef aber ,, Ich Einu gew darin Bobb Er le häus den schla zurü In gewo Lage gendsr in r in am ach Gegen. daß eben age gericht die ann. hat iche " ene nem und nis" sagt iele äbe nen fen, gengsssen zum = gen auer sser ChinDort, wo die Elbe eine Biegung macht und dem Ufer weite Wiesen vorgelagert sind, liegt an einem der Kiesberge das Lager. Stacheldraht, doppelt gewickelt, in zwei Meter Abstand nach innen noch einmal Stacheldraht. In diesem künstlich geschaffenen Gang kommen Schäferhunde wie wahnsinnig angerast. Als sie uns wahrnehmen, kriechen sie fauchend wie Wölfe an den Stacheldrahtzaun heran. Sie begleiten uns bis zum Tor und beziehen mit geifernder Zunge Posten. ,, Schaffen Sie die Hunde fort. Sonst kommen wir nicht hinein." ,, Dann bleiben Sie doch draußen!" Vom Tor bis zur Wachbaracke sind es nur zehn Schritte. Es ist ein weiter Weg, denn die Hunde umschleichen uns, als wollten sie sich jede Sekunde auf uns stürzen. ,, Kommen Sie zum Chef!" Er greift zum Schlüsselbund und öffnet zwei mit Stacheldraht umwickelte Tore. Dieser Chef scheint gefangener als jeder Gefangene zu sein! Welche Pracht jenseits der Tore mit Holz verschalte Wege, kostbar angelegte Blumenbeete; die Blüten sind wie die spärlichen Gräser auf dem Lagerplatz vom Wind und Regen zerzaust.. - Die Baracke des Chefs ist schon erkenntlich an der dickgepolsterten Ledertür. Ein weiter Raum, mit Teppichen ausgelegt. Hinter dem Schreibtisch steht ein Mann mit geschwollenen Adern, der zum Gruß den rechten Arm gerade macht. Klägliches Winseln vor mir. Auf einem ledernen Klubsessel, eingehüllt in mehrere Wolldecken, guckt ein kleines braunes Köpfchen hervor. Es schnuckt und winselt. Ein Dackel. Vor ihm steht ein elektrischer Heizofen. Ich streichele den Hund. Als der Mann es sieht, kommt er näher. Die aufgeregten Adern schwellen ab. ,, Bobby ist krank. Aber die Wärme wird helfen." ,, Wie haben Sie nur hergefunden in dieses gottverdammte Nest?" Der Chef läßt sich in einen der Ledersessel fallen. Gleich darauf springt er aber wieder auf und rennt hin und her. Er sei erst einige Monate hier, ,, Ich war im Ostministerium als. Leiter des Strafvollzuges in der Ukraine." Einunddreißig Anstalten habe er unter sich gehabt. Er spricht von Kellergewölben, von Kasematten, von den Tausenden von Ukrainern, die er darin gefangen hielt. ,, Bobby!" unterbricht er sich. ,, Ja, was ist denn, Bobby?" Der Dackel hört erst auf zu winseln, als sein Herr ihn hochnimmt. Er legt seinen Kopf an den des Dackels und erzählt weiter von den Totenhäusern in der Ukraine, von der Kriegswalze, die über sie gerollt und ihn, den einstmals Gewaltigen aus dem Ostministerium, in dies Lager verschlagen hat. Es wird aber wieder vorwärts gehen. Die Ukraine muẞ zurückerobert werden, und wenn sich auch unsere Heere dabei totlaufen." In dieser prunkhaften Baracke wartet ein Mann darauf, seine ,, ihm lieb gewordene Arbeit" wieder aufnehmen zu können. ,, Was ist schon so ein Lager wie dies!" ruft er aus. ,, Soll ich meine Tage mit Verwaltungs239 wenn arbeiten beschließen? Ich muß zurück in die Ukraine, denn ich bin da, um zu strafen!" Matt schimmert das stumpfe Grün der Wiesen herüber. Wie wunderbar müßte es sein, wenn die Liebe, die er für den Dackel mit dem englischen Namen empfindet, Menschenliebe wäre. Vielleicht bedeutet sein Gebahren im Lager, die Roheitsakte, von denen ich später höre, die Rache dafür, daß nur ein Dackel für seine Liebe empfänglich ist? Wieviel Wärme und Liebe habe ich schon in meinem Leben erfahren! Wieviel Freundlichkeit hat mich umgeben. Ich glaube, die Liebe, die man als Kind erfährt, trägt man im Leben wie eine Flamme in sich. Der ungeschlachte Mann läßt mich erschaudern vor einem erkalteten Menschenherzen. Es ist gefährlicher und tödlicher als alle Waffen, es ist rachsüchtig und furchtsam zugleich. Es sucht spärlichen Ersatz für die verlorengegangene Liebe, und fände sie sie auch nur in der Gestalt eines jämmerlich winselnden Hundes. Einen Augenblick lang schließe ich die Augen und versuche, mir vorzustellen, wie es wohl sein würde, wenn die Menschen die Liebe und Zärtlichkeit, die sie irgendeinem zufällig erwählten Gegenstand entgegenbringen, aneinander übten. Wie würde sich diese erkaltete Welt erwärmen! Aus einem Jahrhundert ohne Liebe würden neue Blumen sprießen. Im Gespräch mit dem Chef eines Strafgefangenenlagers schließt man aber nicht lange die Augen! Dieser Chef spricht viel, als müsse er sich in einer halben Stunde alles von der Seele reden, was er in langen Monaten seinen Beamten tagtäglich sagt. Er spricht von Juden und Freimaurern, schließlich endet er beim englischen Bischof, den er als den größten Kriegsverbrecher aller Zeiten bezeichnet. Vergeblich sucht er nach seinem Namen. Er verheddert sich dabei, sieht uns fragend an und brüllt dem Pfarrer entgegen: ,, Sie müssen es doch wissen!" Wir wissen es, sowohl der Pfarrer als auch ich. Doch wir schweigen. Zuletzt zieht der Pfarrer sein Etui und bietet dem aufgeregten Manne eine Zigarette an. ,, Ich bin so frei"; der Chef nimmt die Zigarette, in Gedanken noch bei dem Namen, den er vergeblich sucht. Er will weitersprechen, aber verwirrt bricht er ab, sieht auf, schwillt an, schwillt ab und verstummt. Er hat die Marke der Zigarette gelesen. Sie heißt: Lucky strike. Die Alarme und Angriffe in Hamburg sind zahllos. Ich gehe nicht mehr in den Bunker. Als vor vielen Monaten am frühen Morgen Kinder auf dem vor Feuchtigkeit glänzenden Steinboden Ringel- Rangel- Rosen spielten, war ich zum letztenmal da. Ich sah weinende Frauen. Ich sah den starren Blick der Männer, wenn es um den Bunker toste und rauschte. Doch der Anblick der spielenden Kinder war mehr, als ich zu ertragen vermochte. Ich suche nicht unseren Keller auf. Ich bleibe im Zimmer und lese Gefangenenpost. Wenn das Licht zu flackern beginnt, wenn es verlöscht, 240 das Z leicht Blut Wilde Span Ic St Qual Auge als d gesse W Krieg der V Ri das I wenn böse. Di Al es A und I der B Im Stadt. über ein S Himm reich Su Ja in mi wenn über denke es pf kalt, Al gange Luft i mich 16 Hal er. da, ckel eicht päter ist? ren! man ngehenachvereines vorund genermen man alles glich beim eiten sich ssen. gen. eine noch verEr mehr auf lten, rren - wenn ich im Dunkel bin und nur noch das Pfeifen der Bomben vernehme, das Zischen und die Detonation, erschlaffe ich: Vielleicht gleich vielleicht ist alles vorbei. Aber plötzlich wandelt sich das träge sickernde Blut in einen reißenden Strom, es hämmert und pocht in den Adern. Wildes, unsinniges Verlangen nach dem Leben packt mich, hält mich in Spannung. Atemlos horche ich auf das Pfeifen es kommt näher es pfeift Ich will leben! es pfeift Stille. Detonation. Es war weiter weg. Ich blicke auf; das Haus steht. Qualvolle Beschämung bringt das Blut zum Schweigen. Vermag ich in Augenblicken, die mir als die letzten scheinen, nichts anderes zu denken als die Worte: Ich will leben? Habe ich die stumme Sprache derer vergessen, die mir verkündeten: Ein neues Leben beginnt! Wieviele Gedanken und Empfindungen ruft jeder einzige Tag dieses Krieges in mir wach! Werde ich aber selbst von der zerstörerischen Wucht der Vernichtung bedroht, so hat nur der eine Trieb mich ganz: Leben! Rühren wir nicht zu sehr an dieses Urgefühl, zerren wir es nicht an das Licht des Tages. Ich scheue mich, über jene Sekunden zu sprechen, wenn ich in seiner Gewalt bin. Es ist ein Zustand jenseits von gut und böse. Es sind Untergründe, die zu Abgründen werden können. Die Bomben fallen. Ich bin zu Hause, zwischen zwei Reisen. Alarm; der dritte an diesem Tage. Mittags wurde es ein Angriff, nun ist es Abend. Den Nachmittag über habe ich die Fenster notdürftig mit Papier und Pappe verklebt. Nun öffne ich sie, vielleicht halten sie so dem Druck der Bomben besser stand. Im Radio klickt es. Eine Meldung: Starke Verbände am Rande der Stadt. Keine Flak, sie hat schon mittags geschwiegen. Ich lege die Hände über die Ohren und warte. Vom Sessel aus sehe ich durch das Fenster ein Stückchen des nächtlichen Himmels. Wie klar er ist. Nie ist der Himmel klarer als im November. Da ist auch mein Sternenwagen, unerreichbar weit fort. -- Surrt es in der Luft? Der Sternenwagen verschwimmt vor den Augen ich bin ein einziges angespanntes Horchen. Ja - - es kommt. Unaufhaltsames, bohrendes Summen der Motoren, das in mir wühlt, als fresse es sich mitten ins Herz. Warum merken wir erst auf, wenn das dunkle Summen der Motoren von bombentragenden Flugzeugen über uns ist, warum bleiben wir taub bei Not und Schmerz neben uns? Nicht denken jetzt nicht nein! Der Donner der Motoren ist stärker es pfeift - es pfeift kalt, da ist es wieder jetzt ach ich weiß nichts mehr. · mir wird Als ich die Augen öffne, ist es still. Sind Sekunden oder Minuten vergangen? Im Zimmer ist es finster, aber am Himmel ist wilde Glut. Die Luft ist voller Staub. Ich greife zur Lehne der Sessel steht. Ich tappe mich durch das Zimmer und taste über die Wand. Das Haus ist nicht geder te. lese scht, 16 Halt Wacht im Dunkel - 241 troffen, der Einschlag muß aber in der Nähe gewesen sein. Ich lege die Hand auf die Stirn. Wie kalt sie ist; mich friert. Es raschelt am Boden: Gefangenenbriefe. Sie werden ihr Ziel erreichen. Dazwischen ist steifes Papier die Pappe aus den Fenstern. Das schwarze Papier baumelt in langen Fetzen vom Rahmen herunter. Ich lausche nach draußen. Bleibt es still? Da es klickt wieder im Radio. Die elektrischen Kabel in der Straße scheinen nicht getroffen zu sein. Ich schalte das Radio aus. Ich taste mich bis zur Küche. Im Schrank in der dritten Schublade von oben sind Hammer und Nägel. Ich bin erschöpft, aber ich muß diese Pause nutzen. Vielleicht haben wir Ruhe heute nacht. Die Fenster müssen notdürftig wieder verschlagen werden. Ich muß noch die Gefangenenbriefe zu Ende lesen. Nein, erst die Nägel gerade schlagen. Doch noch ist nicht entwarnt, noch muß alles dunkel bleiben. Wenn ich nur schlafen könnte! Ich bin müde; es ist kalt. Es wird Winter--aber da Die Hand, die den Hammer gefaßt hat, entspannt sich. Ich schiebe den Kasten zurück. Ich springe auf und stolpere durch die Finsternis. Was ist das? Träume ich? Bin ich noch halb bewußtlos? Von irgendwoher kommt Musik, wunderbare, unirdische Musik. Ich gehe ihr nach; ehe ich mich versehe, stehe ich auf der Straße. Aus den Häusern hängen Gardinen und Papierfetzen wie Strünke. Über den Himmel ergießt sich die flammende Glut. Aber in dieser verlassenen Straße jubeln die Geigen, verstummen, nehmen das klagende Motiv des Cellos auf und wandeln es um in die reinste Freude. Sie stürzen sich in neue Verschlingungen und locken Klavier und Cello zum Einsatz - Es ist grausig- schön. Atemlos gehe ich weiter. Ich komme näher. Immer brausender wird die Musik sie dringt aus einem Haus, das ebenso verlassen steht wie die anderen. Der Druck der Bomben hat die Tür geöffnet. Ich gehe hinein und entdecke das Geheimnis der Musik. Das Radio spielt schon wieder, als sei nichts gewesen. Es ist Beethovens Fünfte. Hat er sie eigens geschrieben für eine einsame, dunkle Straße? Für ein Haus mit zerfetzten Papierfenstern? Für ein zerrissenes Menschenherz des zwanzigsten Jahrhunderts? Die Ausweglosigkeit unserer Zeit überwältigt mich, füllt mich bis zum Rande. - - - Die Erlebnisse der letzten Monate drängen sich mir von neuem auf, die Musik braust über mich hinweg. Wieder höre ich Günthers Stimme: ,, Ja, Mutter, er ist gefallen." Der Grüne sagt am Morgen der Hinrichtung: ,, Hier gibt es Leben." Ich sehe mich mit der Prima im Zuchthaus sitzen wie gut ist es, sein Land lieben zu können. Ich spüre Theos unglücklichen Blick betrogen! Ich höre Worte, es sind die Worte unseres Jahrhunderts: ,, Ich bin da, um zu strafen!" Ich bin allein im Dunkel ganz allein mit einer Musik, die mich etwas tun läßt, was ich seit langem vergaß: Ich falte die Hände. 242 - - - S" D werk der b C 11 besse 1" 11+ N ,, U ,, I S Hand Tag N sein. sitze vorbe Do Ub Tür. Angst Di wird ist. 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Ich habe aber auch Angst vor der Gestapo. Als nachts Alarm ist, sitze ich am weitgeöffneten Fenster und warte und denke: ,, Wenn es nur vorbei wäre jetzt in der Nacht!" - Doch der Morgen kommt. Ubernächtigt sitze ich wieder in dem Zimmer mit der ledergepolsterten Tür. Wieder ist jene seltsam lauernde Ruhe in mir, vor der sich die Angst verkriecht. Die Gestapo hat offenbar immer noch keine Handhabe gegen mich. Es wird nur ein allgemeines Verhör, so wie es im vorigen Jahre gewesen ist. Ein Geplänkel, scheinbar harmlos. Warum ich diesmal vorgeladen worden bin, wird mir nicht daraus ersichtlich. Irgendeinen Grund muß es aber haben, und sei es auch nur der eines grundsätzlichen Mißtrauens gegen den, der in solcher Arbeit steckt wie ich. Ergeht es anderen genau so? Oft ertappe ich mich dabei, daß ich irgendeinem Mann oder einer Frau, die im öffentlichen Leben des Dritten Reiches eine Stellung bekleiden, forschend ins Gesicht sehe mit der stummen Frage: Laden sie dich auch vor? Doch ihr Gesicht ist ebenso ausdruckslose Maske wie das meine, als der Gestapobeamte am Schluß der Unterredung in einem Ausbruch gespielter oder vielleicht auch echter Vertrauensseligkeit sagt:„ Na, egal! Bald ist es ja doch vorbei." ,, Mit Ihnen - oder mit mir?" ,, Mit beiden!" Der Gestapobeamte steht auf und sieht durch die riesigen Scheiben des Fensters. Draußen zerrt der Wind die letzten Blätter von den Bäumen. Von dem Haus gegenüber ist nur noch die Fassade übriggeblieben. Und ein paar Buchstaben irgendeiner Aufschrift unter den leeren Fenstern des ersten Stocks. Wohl ein Firmenschild. Die einzig unversehrten Buchstaben sind das A und das O. 16* 243 - ,, Also genießen wir den Krieg!" Der Gestapobeamte öffnet mir die ledergepolsterte Tür. ,, Der Friede wird schrecklich." Wir lachen. Ja, ich lache auch. Noch jetzt klingt es mir in den Ohren, denn dies Lachen ist die schrecklichste aller Lügen bei der Gestapo gewesen. Der erste Schnee fällt. Nachts wache ich auf und horche in die Stille. Ich glaube, die fallenden Flocken zu spüren. Mein Blick gleitet ab von den Stapeln von Briefen, die ich bei der Helle der Nacht auf dem Schreibtisch erkennen kann. Ich denke an Willfried. Er liegt irgendwo im Osten, und nun breitet der Schnee über ihn und die ganze blutdurchtränkte Erde einen weißen Schleier. Schon fühle ich aber, wie sich neue tiefe Spuren in die Unberührtheit dieser Winternacht graben. Unaufhaltsam rollen die Panzer. Sie rollen, rollen, wenn auch der weiche, frischgefallene Schnee ihr brummendes Schnaufen dämpft. Es sind nicht mehr deutsche, es sind russische Panzer. Der Tod nähert sich unserem Land. In manch einem anderen ist er zuvor gewesen, nun kehrt er zurück. Die erste starre, glitzernde Kälte setzt ein. Wir fahren zum Weihnachtsbesuch nach Bützow. Wir wohnen wieder im ,, Deutschen Haus". Dort ist es ebenso kalt wie im Zuchthaus. ,, Sie hätten mindestens 10 Stück Brikett mitbringen müssen, wenn Sie eingeheizt haben wollen," sagt der Wirt. Seine schrägen Augen haben rote Ränder, als er flüsternd weiterspricht: ,, Mit dem Deutschen Haus' ist es vorbei. Mein Sohn ist gefallen - - Das kleine Dienstmädchen bringt den Kaffee. Er dampft in der kalten dies kleine Gaststube. Sie huscht nicht mehr so wie damals im Sommer Dienstmädchen! Sie hat von Monat zu Monat an Leibesumfang zugenommen. Nun geht sie schon sehr schwerfällig. Sie trägt keine Hochfrisur mehr, das Haar hängt in unordentlichen Strähnen herunter. Am Fenster klappern Holzpantinen vorbei. Aber man kann nicht hinaussehen, die Scheiben sind voller Eisblumen. Langsam schmelzen die Eisblumen auf dem Fenster des Besuchszimmers im Zuchthaus. Eine Kerze steht da. Wir stellen sie so, daß der Grüne auf dem Hof sie nicht bemerkt. Durch das Guckloch sehen wir hinaus. Wir winken einander zu. Es ist Weihnachten! Brennende Kerzen schmelzen die Blumen des Todes, die aus der Kälte sprießen. Sie gehen im Kreis, Dänen, Norweger und Deutsche. Sigurd winkt mir zu. Ist dort nicht Ejvind? Liegt nicht über seinem veränderten Gesicht ein Schein der Hoffnung, der es zu einem wahrhaft neuen Gesicht macht? Kann die Wärme eines einzigen Lichtes soviel Glaube und Hoffnung bringen, wie ich sie auf dem vor Kälte starrenden Hof eines Zuchthauses erlebe. Schon sind Sigurd und Ejvind vorbei. Schon kommt wieder ein Freu Kam S über schre vori ereig eine als i Befre E Enttä mir erleb mach mir auss zeit C einig geist auch freue D Freu Brief rech aber zige Es g ten. küm Will I allei die Ich die sche und gebe wie I 244 die Freund dies tille. von reibeitet ißen nbeder . Es sich zehrt chtsst es Sie rote st es alten leine EugeHochhinuchsder hinerzen t mir t ein acht? nung auses rein - denn jeder einzige Gefangene dort unten im Kreise ist mein Kamerad, ob nun Deutscher oder Ausländer. So gilt mein Gruß ihnen allen, als ich unseren Freunden einen Brief übergebe und sie bitte, ihn erst am Weihnachtsabend zu lesen. Ich schreibe darin: ,, Erinnert Ihr Euch noch an den Brief, den ich Euch im vorigen Jahr geschickt habe? Wieviel hat sich in diesen zwölf Monaten ereignet! Ich habe mit Euch zusammengelebt und kann ermessen, welch eine schwere Zeit es gewesen ist. Schwieriger, darüber hinwegzukommen, als in den vergangenen Jahren. Größer denn je war die Hoffnung auf die Befreiung. Anders sollte es kommen. Wir müssen geduldig sein. Euch gegenüber will ich zugeben, daß meine Arbeit mir manch eine Enttäuschung und Depression gebracht hat. Wie unwesentlich erscheint mir das aber, wenn ich mit Euch zusammengewesen bin, wenn ich wieder erlebt habe, wie Ihr diese Zeit ertragt. Sie hat Euch nicht gebrochen. Sie machte Euch stark und innerlich frei. Das Zusammensein mit Euch gibt mir Hoffnung auf die Zukunft, mag sie auch jetzt für mein Land dunkel aussehen. Es gibt mir Gewißheit, daß die Aufgaben, die die Nachkriegszeit uns stellen wird, bewältigt werden können. Oft haben wir über dieses ,, Hinterher" gesprochen, und wir sind uns einig in allen Punkten. Ist es daher zu verwundern, daß gerade diese geistige Übereinstimmung ein Band zwischen uns geknüpft hat, das sich auch im Frieden als unlösbar erweisen wird? Wie ich mich auf den Tag freue, wo wir uns als freie Menschen begegnen werden! - Dank für Eure Briefe. Ihr sagt, meine Briefe bringen Euch in die Zelle Freundschaft und Herzlichkeit. Nicht anders ergeht es mir, wenn ich Briefe von Euch erhalte. Draußen ist es ebenso kalt wie drinnen! Ihr habt recht in diesen Jahren habe ich eigentlich kein Privatleben gehabt, aber hatte ich es im Grunde nicht doch? Sind wir nicht alle zu einer einzigen Familie geworden? Gewiß, oft ist die Arbeit anstrengend gewesen. Es gab Tage; an denen ich so müde war, daß nicht nur die Füße schmerzten. Es gab Nächte, in denen ich keinen Schlaf zu finden vermochte, bekümmert darüber, daß alle Bemühungen, alle Anstrengungen, aller guter Wille de facto doch nur wenig Hilfe für Euch zu erreichen vermochten. Im tiefsten Dunkel der Nacht kam aber auch die Erkenntnis, daß es nicht allein hierauf ankommt. Auch die Imponderabilien zählen. Ich weiß, daß die guten Gedanken, die ich Euch jeden Tag schicke, ihre Macht haben. Ich habe einen fast kindlichen Glauben daran, daß Euch, so lange wir nur die Verbindung mit Euch aufrechtzuerhalten vermögen, nichts Böses geschehen kann. Lächelt Ihr? Ja. Doch Ihr sollt wissen, daß dieser Glaube und das felsenfeste Vertrauen, daß Gott immer bei uns ist, mir die Kraft geben, diese Arbeit weiterzuführen. -- Daß ich Menschen gefunden habe, die die gleiche Sprache sprechen wie ich wie wir aus dem verborgenen Deutschland- erfüllt mich mit - 245 Dankbarkeit. Die Freundschaft und das Vertrauen, das Ihr mir entgegenbringt, machen mir das Leben lebenswert. Wie alles werden wird, welchen Weg die Entwicklung nimmt, wer vermag es zu wissen? Wann wird der Krieg enden? Werden wir überhaupt mit dem Leben davonkommen Es gibt Augenblicke, in denen ich daran zweifeln möchte. Für mich ist es auch nicht mehr das Entscheidende! Die Welt nein, der Mensch, hat sich immer weiter entfernt von dem, was wir einst als die Ethik des Lebens ansahen. Kämpfen wir daher darum, daß unsere Seele an dieser Zeit keinen Schaden nehme. Hierbei wollen wir einander helfen! - So gehen wir in das Weihnachtsfest. Ich entsinne mich eines Weihnachtsbriefes vom letzten Jahr; darin stand, daß zwar eine Träne auf das Papier falle, doch es sei eine stolze Träne! Und in diesem Jahr? Am Weihnachtsabend seid Ihr nicht allein in der Zelle. Eure Familie, Euer Land und die Freundin, die Ihr hier gefunden habt, sind bei Euch. - Vergeßt nie, daß wir mit Euch warten, wenn auch nicht immer gleich geduldig. Laẞt uns in diesen dunklen Tagen an die Zeit denken, in der wir wieder das Land aufbauen dürfen vor allem aber die menschliche Gesellschaft! - Gemeinsam wollen wir darangehen!" - In der Weihnachtsnacht träume ich vom Frieden. Wieder bin ich weit fort von diesem Ruinenland. Ich träume vom Meer, höre seine Brandung gegen die Steine schlagen das ist wie das Klopfen des Herzens. Dann wache ich auf, liege lange mit weitgeöffneten Augen und spüre das Rieseln der fallenden Flocken draußen. In mir ist noch die Wärme des brennenden Weihnachtslichtes. Ich denke darüber nach, wie oft ich vom Frieden geträumt habe. Ich suchte ihn in der Geborgenheit eines Herdes, in der ruhig knisternden Wärme von Kiefernscheiten. Ich erträumte ihn mir von einem blauen Frühlingstage mit blühenden Kätzchen und Weiden. Ich sah ihn in einer fernen Stadt. Ich glaubte ihn am Meer zu finden. Nie aber suchte ich den Frieden dort, wo allein ich ihn finden muß: in Ruinen, umgeben von Gestapo, Bomben und Krieg. Das ist die Wirklichkeit. Das Suchen nach dem Frieden in der Ferne ist eitler Traum! Wache ich oder träume ich in dieser weihnachtlichen Nacht? Wieder höre ich Musik. Sie klingt in mir, während ich über steinige Wege gehe und sich vor mir Berge von Trümmern erheben. Es ist ein Weg ohne Ende. Ich sinne nicht darüber nach, ob Mozart oder Beethoven die Musik geschrieben hat, denn ich weiß nun höre ich die Musik des Lebens selbst. Freude packt mich, denn in einem flüchtigen Augenblick erfasse ich die Unfaẞlichkeit des Lebens, begreife, daß das Jubeln und Schluchzen der Geigen so uralt ist wie die Steine des Weges, die den Füßen Schmerzen bereiten. 246 - E Weld Licht einer W von so si der S S nur der In als i näch Unte E in d Arme Arbe der D die Mass bahn sie. Pelz wisch Licht In samn lange F angs schle Laut einer und A Rege burg flieg alten enwer upt ran von her. -bei eihdas der den ich wir Geveit ung ann das des Ich den uen ner in chder ehe ne sik ens sse zen zen Ewig neu aber ist die innere Befreiung. Das Freiwerden von Furcht. Welch eine strahlende Helligkeit kann von einem kleinen, unscheinbaren Licht ausgehen. Erst jetzt sehe ich- erst jetzt höre ich! Erst jetzt, da ich einen langen Weg durch das Tal des Todes gegangen bin. - Wir fahren in ungeheizten Zügen, gehen von Zuchthaus zu Zuchthaus, von Lager zu Lager. Es ist drinnen und draußen kalt. Bin ich zu Hause, so sitze ich eingehüllt in Wolldecken und lese Briefe, höre das Aufheulen der Sirenen wie etwas Unwirkliches. Sah ich als Kind jenen Zug zerlumpter Kriegsgefangener oder war es nur Traum? Nun tauchen die Bilder der Kindheit wieder auf. Die Schatten der Vergangenheit, angstvolle Kinderträume, nehmen Gestalt an. In diesem Winter bin ich oft in Berlin. Nie fühle ich mich einsamer als in dem Steinmeer dieser Großstadt, nie verlassener als in den Alarmnächten, die ich in der zusammengestauten Menschenmenge in einem der Untergrundbahnhöfe verbringe. Ein Alarm im Untergrundbahnhof Potsdamer Platz! Da versammeln sich in den Kasematten die prächtigsten Uniformen und die Ärmsten der Armen. Generale, an dem roten Aufschlag des Jacketts erkenntlich, und Arbeiter aller Nationen. Ist Berlin die Stadt der Ritterkreuzträger oder der Zwangsverschleppten? Die Detonationen der in der Nähe einschlagenden Bomben gehen über die Decke der Kasematten wie eine Welle. Und diese Welle setzt die Massen in Bewegung. Sie strömen aus dem grellen Licht des Untergrundbahnhofes hinaus auf die Schienen. Das Dunkel nimmt sie auf, verschlingt sie. Wo ist noch der General, wo der Ritterkreuzträger, wo die Dame im Pelz und wo der Mann in zerrissener Arbeitskleidung? Das Dunkel verwischt Klassen und Schichten. Führt es die Sozialisierung durch, die im Licht so undurchführbar zu sein scheint? In der Finsternis des Tunnels hat sich die graue Masse endlich zusammengefunden, zum Marsch unter der Erde. Die Menschen werden so lange beisammen bleiben, wie der Tod unmittelbar über ihnen ist. Flüsternde Stimmen, Kinderweinen, kurze, soldatisch- zackige Sätze, angstvolle Fragen der Frauen, müde Antworten alter Männer, der schleppende russische Sing- Sang der Zwangsverschleppten, andere fremde Laute und die kräftigen Flüche irgendeines Berliners mischen sich zu einem Gesumm, werden zu einer Universalsprache, die niemand versteht und die doch alle sprechen. Anfang Januar setzt Tauwetter ein, erst rieselndes Naß, dann trüber Regen. Ich fahre mit einem dänischen Konsularbeamten nach Brandenburg. Morgens um acht Uhr verläßt der Zug Berlin. Es gibt Alarm, Tieffliegerangriff, irgendwo Bomben. Fünf Stunden sind wir unterwegs. In alten Zeiten wäre es zu Pferde schneller gegangen. 247 Brandenburg— die Stadt trostloser, baufälliger Mietskasernen und zahlreicher Rüstungsfabriken. Aber auch Brandenburg hat.einen Neubau. „Landesanstalt— Endstation!" ruft der Schaffner der Straßenbahn. Kein Sanatorium oder Krankenhaus, die Endstation ist.ein Zuchthaus! Aber welch eine Anstalt! Große Fenster, zwar vergittert, doch mit durch- sichtigen Scheiben, weitgestreckte Gartenanlagen mit Tausenden von Obstbäumen.: Erst jetzt bemerke ich vor uns einen Mann, der neben einem Grünen geht. Die Lumpen, die er trägt, schlenkern ihm um die Glieder. Sein Schuhzeug besteht aus zwei schmutzigen Lappen. Geht er noch oder steht er? Er schwankt. Nur die Arme bleiben merkwürdig unbeweglich. Erst als wir ihn erreicht haben, weiß ich, warum. Die Hände sind nach vorne so eng in Eisen geschlossen, daß er die Arme wie leblose Stöcke vor sich herhält. Der Grüne will ihn zum schnelleren Gehen antreiben. Doch die gezischten Kommandos.prallen an ihm herab, als sei er schon jenseits dieser verfluchten Erde. i:: „Finis terrae!“ Der Kupferstich, der in einem Hotelzimmer auf einer mit grauen Rosen bedruckten Tapete hängt, fällt mir ein. Gleicht der Ge- sichtsausdruck des letzten menschlichen Wesens, das am Galgen ver- endet, nicht dem dieses Gefesselten: Fern schon dieser Welt, aber ebenso fern einer neuen.: „Wohl hoffentlich doch kein Däne?" sagt leise mein Begleiter, der dänische Konsularbeamte. Etwas zerbricht in mir bei dieser Frage. „Finis terrael” Möge uns denn die Hölle verschlingen. Die Zeit ist reif, es sei denn, sie fände in letzter Minute noch angesichts des leidenden Menschen das Wort, das allein die Erlösung zu bringen vermag: Bruder! Sind wir in einem Zuchthaus? Ein Krankenhaus könnte nicht besser - eingerichtet sein. Wo sah ich je so strahlendweiße Wände, so glänzend gebohnerte Linoleumböden? In den Zellen ist fließendes Wasser. Die An- stalt ist 1930 erbaut; drei Jahre später hielt der braune Geist seinen Einzug. SE „Das ist die Hinrichtungsabteilung. Ein alter Amtmann erklärt uns an Hand eines Wachsmodelles die weitverzweigten Baulichkeiten.„Und hier sind meine Kirschbäume!” Schmunzelnd weist er auf einige bis auf Äste und Zweige winzig nachgebildete Bäumchen unweit des Todesflügels. Bei diesem alten Beamten hat übrigens weder der eine noch der andere Geist Einzug halten können. Ängstlich hat er mich mit„Heil Hitler‘ be- grüßt, doch die Kaisertreue blickt ihm aus den über siebzig Jahre alten Augen.; RR Wir sind unangemeldet gekommen. Ich habe nicht rechtzeitig meine Vollmacht als Dolmetscherin für diese Anstalt in Ordnung bringen können. So verfügt der Chef, daß der Amtmann- zugegen ist. Und dennoch ist kaum ein Besuch so vergnüglich verlaufen wie dieser. 248 r verge und: N einsc wenn ich i Morg Di ist k zu m gezir] von( sprec Ich I} und bau. aus! rchvon nen Sein teht als SO sich die eits iner Geverenso der reif, den der! sser end Annen uns Und auf gels. dere beIten eine gen Loch Ich weiß nicht, was mir den Mut gibt, in Anwesenheit dieses alten Amtmannes einen großen Karton hervorzuziehen und ihn seelenruhig zu öffnen. Vielleicht bin ich so sicher, weil ich fühle, es geht zu Ende. Oder sind es die kaisertreuen Augen? Unwirsch schüttelt der Alte den Kopf, als ich den Gefangenen Brot anbiete. Freundlich frage ich ihn: ,, Wenn es in anderen Anstalten so Sitte ist, warum nicht auch bei Ihnen?" Grollend läßt er mein Treiben zu. Als ich aber eine Tüte Bonbons hervorziehe, wird er ernstlich ungehalten. ,, Meinetwegen Brot, das ist gegen den Hunger. Aber Bonbons? Nein!" Da bietet ihm der Konsularbeamte eine Zigarette an. Der Amtmann zögert und sieht unsicher zu mir herüber. Da greife ich wieder zur Tüte. ,, Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, Herr, Amtmann Nun, nicht nur der Kaiser bekommt Zigaretten! Der Amtmann macht es uns leicht. Jedesmal, wenn wir uns von einer Gruppe von Gefangenen verabschieden, gibt es für ihn etwas Wichtiges draußen auf dem Gang zu tun. Aus dem Nieseln des Morgens ist am Abend peitschender Regen geworden. Der Zug, in dem wir sitzen, hat keine Fenster mehr. Die Türgriffe sind entzwei, so daß die Türen während der Fahrt offenbleiben. Wir nehmen eine Schnur, führen sie von dem einen Türgriff des Abteils bis zum anderen und ziehen dann die Türen zu. Aber auch das gibt noch keinen Schutz. Ich schlage den Kragen des Mantels hoch, doch der Regen findet immer wieder irgendwo eine Ritze. Es ist dunkel. Nur ab und zu schimmert durch die schwarzen Fenster der endlosen Häuserreihen ein Lichtstreif. Die Umrisse der Ruinen ragen schattenhaft in die Finsternis herein. Es ist mir, als brauchte ich nur den Arm auszustrecken, um sie zu streifen. Aber im Rumpeln der Räder versuche ich, Ruinen und Zuchthaus zu vergessen ich vergrabe mich noch tiefer in meinen feuchten Mantel und stelle mir vor, ich sei zurück in meiner Kindheit. - Nach einem langen verspielten Tage, wenn ich des Abends noch nicht einschlafen kann. Ich dichte. Unruhig werfe ich mich im Bett hin und her, wenn mir der Vers nicht gelungen scheint. Da habe ich den Reim! Wenn ich ihn nur behalte! Ich sage ihn mir vor, einmal, zweimal. Am nächsten Morgen ist er längst vergessen. Denn zwischen Abend und Morgen liegt die Zwiesprache mit Gott. Es ist kein Abendgebet. Wie könnte ich wohl zu Gott anders sprechen als zu meiner Mutter? Mit ihr rede ich doch auch nicht in Versen oder abgezirkelten Worten. Die Zwiesprache mit Gott ist stumm. Ich weiß wenig von Gott. Er aber weiß alles von mir, darum brauche ich nicht zu ihm zu sprechen. Er sieht mich immer; ich habe noch nie in sein Antlitz geschaut. Ich kenne nur seinen Mantel er ist unendlich weit und von himm- 249 lischem Blau. Wenn das unruhig pochende Herz nicht zur Ruhe kommen will, schließe ich die Augen so fest, daß ich tausend Sterne flimmern sehe. Ich strecke die Arme aus eine der Millionen Falten in Gottes Mantel ist für mich bestimmt - Nun liege ich darin, geschützt und geborgen vor der Welt. Nur noch die Nasenspitze sieht hervor. Und nun werde ich ruhig dann weiß ich nichts mehr.- Wie lange ist es her, daß ich an all das gedacht habe. Doch in diesem langsam dahinschleichenden Zug, in dem nur noch einige Glassplitter in den Fensterrahmen stecken, und wo immer wieder neue Regenböen über mich weggehen, gedenke ich wieder der Falten. - Ich mache mich klein in meinem feuchten Mantel. Ich presse die Augen fest zu wäre es doch noch einmal so wie damals! Wie ich mich aber auch mühe, zwischen Gottes Faltenmantel und mir ist eine unüberbrückbare Kluft. Der Tag kommt, an dem ich spüre, daß es nicht mehr weit sein kann bis zum Ende. Mein Zug nach Berlin hat mehrere Stunden Verspätung gehabt. Dann bin ich auf irgendeinem der Untergrundbahnhöfe gewesen und habe einen Alarm abgewartet. Ich wohne bei Freunden in Dahlem. Als ich bei ihnen eintreffe, komme ich mitten in eine Gesellschaft hinein. Das Mädchen reicht gerade den Kaffee herum: Kaffeersatz. Sie trägt schwarze Kleidung und ein weißes Häubchen; das wenigstens ist, wie es immer war. Doch sonst- wie ist alles anders! Das Haus ist ungeheizt, die Gesellschaft sitzt vermummt in Pelze und Wintermäntel in einem Zimmer, das einem Möbellager gleicht. Die Teppiche sind aufgerollt, die Gardinen heruntergenommen. Das Bibliothekszimmer nebenan ist durch eine Bombe aufgerissen. Ein Teil Bücher ist aus dem Schutt geborgen und im Salon zu hohen Türmen aufgestapelt. Durch die Wände gehen tiefe Risse, einige Mauersteine liegen am Boden. Auf Taburett und Tischen ist eine dicke Staubschicht. Vor den Fenstern hängt nicht einmal Verdunkelungspapier. Sie sind mit Pappe verschlagen; eisige Kälte dringt durch die Ritzen. Ich blicke mich um. Bin ich die einzige, die die Veränderung dieses einstmals so bürgerlichen Salons bemerkt? Da sitzt irgendein Professor auf einem zusammengestellten Bett. Ein anderer hat auf der Blumenbank Platz genommen. Einige thronen auf den Bücherstapeln. Das kostbare Biedermeiersofa steht unbenutzt, denn darüber sind die halbzerbrochenen Stühle aus der Bibliothek umgekehrt aufgestellt. Doch sie unterhalten sich, als sei nichts gewesen. Sie reden sich mit ihren Titeln an, sicher bin ich in dieser Gesellschaft die einzige ohne Titel. Sie sprechen über Bücher und Kunst. Manchmal will die Unterhaltung ins Stocken geraten. Hastig wird sie wieder aufgenommen, als 250 fürcht sich u einer hängt. Ich Sessel des D Es sich m noch Da drohen Es Wa mals von M des Ki Diese unterg einer Nu daß i schrieb Zeit zu Der Winter nach B Na mal? Ich gebenh Ich gestan Wahls Hand angstv nach g daß es Son weiter höre d Dann leuchte men ■ ern ttes Loch ich sem r in iber gen aber ickann ann nen me den ißes ist t in _cht. lio- ist belt. den. tern gen; eses ssor ank bare enen mit hne terals fürchte man sich vor der Stille, als wolle man es ängstlich vermeiden, sich umzuschauen in einem Zimmer, das allzu nüchtern und fahl von einer Birne erhellt wird, die an einer provisorischen Schnur von der Decke hängt. Ich zupfe ein wenig an dem verstaubten Bettuch, das über meinen Sessel gebreitet ist. Als ich den Zipfel des Lakens hebe, sieht ein Stück des Damastbezuges hervor, mattes Weinrot. Es wird spät. Keiner macht Anstalten, aufzubrechen, als scheue man sich mehr noch vor dem Dunkel der Nacht als vor einem Zimmer, in dem noch ein matter Abglanz vergangener Pracht liegt. Da es aber stiller wird im Zimmer und die Pausen zu lang zu werden drohen, setzt sich eine der Damen ans Klavier. Sie beginnt zu spielen Es ist Mozarts Sonate in c- Moll Idas Adagio! - Wann war es zum letztenmal in mir aufgeklungen? War es nicht damals gewesen, als sich der Himmel verfinsterte? Als ich in einem Strom von Menschen über die Lombardsbrücke mich schleppte? Als das Gesicht des Künstlers vor mir aufgetaucht war und wieder in der Menge versank? Diese perlende, lockende Melodie! Wie flüchtig war sie gewesen. Sie war untergegangen im Klingeln, Tuten, Pfeifen und Stöhnen der Straße, in einer Symphonie des Elends. Nun strömt Mozarts Musik noch einmal über mich hin, hüllt mich ein, daß ich die Umgebung und alles, was mich bedrückt, vergesse. Ach, schriebe sich mir diese Melodie ins Herz! Ich fühle, daß ich sie auf lange Zeit zum letztenmal höre. Vielleicht für immer. Der Januar ist fast zu Ende. An allen Fronten ist Stille. Es ist tiefer Winter. Wir warten. Noch einmal bereiten wir eine Besuchsreise vor, nach Bautzen in Sachsen. Nachts vorm Einschlafen denke ich wieder: vielleicht zum letztenmal? Ich schlafe unruhig. In diesen langen Winternächten tauchen Begebenheiten des letzten Jahrzehnts auf, die ich längst vergessen hatte. Ich träume von der kleinen Wahlzelle, in der ich vor vielen Jahren gestanden habe, von den beiden SA- Männern, die neben dem offenen Wahlschrank stehen und sich über mich beugen, als ich mit zitternder Hand ein Kreuz machen will. Es wird kein Kreuz, es werden nur einige angstvolle Striche neben dem ,, Nein". Ich weiß nicht einmal mehr, wonach gefragt worden ist. Es ist so lange her. Ich entsinne mich nur noch, daß es meine erste und letzte Wahl war. Sonst träumte ich vom Zuchthaus und von der Gestapo. Jetzt gehe ich weiter zurück in die Vergangenheit. Oft träume ich von der Schule. Ich höre die Lehrerin fragen: ,, Soll man subjektiv oder objektiv denken?" Dann hebt sie den Arm und weist mich hinaus. Ich gehe. Wie hellerleuchtet war die Klasse. Nun bin ich im Dunkel im Nichts. - 251 - Und dann die Bahnhöfe! Am meisten träume ich von den grauen ich bin in so vielen gewesen. Bahnhöfen des Krieges. Von Wartesälen Ich träume von einem endlos langen Zug, den ich nicht vergessen kann. Von Gestalten, die sich an Türen und Fenster drängen; bleiche, ernste Gesichter. Kaum vermag ich noch zu unterscheiden, ob es Gefangene oder Soldaten sind. Immer beugt sich einer von ihnen vor und flüstert mir zu: ,, Nun komme ich nicht wieder zurück!" ,, So darfst du nicht denken," antworte ich. Aber er sagt: ,, Ich weiß es." Und in den Augen liegt ein unbeschreiblicher Ausdruck. Ich sah ihn irgendwo schon, fern dieser Welt und fern einer neuen. Mir ist, als ob Gefangene und Soldaten wie aus einem Munde sprechen: ,, Wir gehen und kommen nicht wieder." Die Beeren der Eberesche sind dunkelrot. Über mir ist der Himmel, unheilverkündend. Sein Blau ist nicht mehr himmlisch; ich habe es fürchten gelernt. Schon höre ich das Surren von Motoren. Mein Blick wendet sich ab, geht zur Erde. Am Rande eines abgeernteten Kornfelds steht eine schwarze Gestalt. Ich werde wach. Die Finsternis der Nacht kriecht über mich, und ich murmele: ,, Ich bin allein." Auf dem Bahnsteig sind große Wasserlachen und schmutziger Schnee. Es hat nachts geschneit; das Dach der Bahnhofshalle ist seit langem durchlöchert. Die Mannschaften in den Flakwagen hinten am Zug machen sich an den Flakgeschützen zu schaffen. - Der Bahnhof ist überfüllt. Rotekreuzschwestern; irgendein großer Kindertransport. Jedes Kind hat seine Namenskarte um den Hals gebunden bekommen. Aufgeregte Mütter und Väter. Und Soldaten. Soldaten. Soldaten. Gespenstisch fließt über diese wimmelnde Menge das Licht von einigen Bogenlampen. Es ist sehr früh am Morgen; ich bin noch nicht ganz wach. Es geht mir heute wie oft in der letzten Zeit. Der Traum der Nacht fließt unbestimmbar in die Wirklichkeit über. Ich hätte viel eher kommen müssen. Der Zug ist schon voll. Ich bekomme aber noch Platz in einem Abteil, in dem sonst nur Soldaten sind. Vom Gepäcknetz hängen die Riemen des Marschgepäcks herunter. Zigaretten glimmen im Dunkel. Nur ein wenig vom Licht der Bogenlampen dringt in das fensterlose Abteil und legt über die Gesichter einen fahlen Schein. Pfeifen werden ausgeklopft, Zigaretten angezündet. Sie rücken sich zurecht. Sie strecken die Beine weit aus. Der Zug setzt sich in Bewegung. Vielleicht ist es die letzte Reise, denke ich und versuche, meinen Rücken gerade zu machen. Einer der Landser fängt an zu singen: ,, Denn wir fahren, denn wir fahren ——," W Berlin habe nach, Im Stills wicke schla zwisc Kurie verse U Es vor Span ' keine D Lauts seltsa begin und B näch sich U Jahr sche A der V der Meld das stab 11 Chef geho D bein ein - ,, denn wir 11 U die ei macht eine Pause und singt dann statt ,, gegen Engeland' fahren mit der Eisenbahn!" Er lacht kurz auf. Die anderen Soldaten bleiben stumm. Einer sagt: ,, Mensch, gib Ruhe!" 252 en en. en ne, Geand -ibern en: hel, ten ich ine ich nee. chChen ßer geten. von Janz acht besind. Ligaopen hlen cken eise, der —" wir Laten Wir fahren in östlicher Richtung, nach Dresden. Der Pfarrer reist von Berlin aus. Wir treffen uns erst in Bautzen. Morgen vormittag, denn ich habe mir vorgenommen, in Dresden zu übernachten. Ich sehne mich danach, eine Großstadt zu sehen, in der keine Ruinen sind. Im Laufe des Tages wird es immer kälter. Oder kommt es nur vom Stillsitzen? Der Rücken schmerzt. Ich habe mich so in den Mantel gewickelt, daß das Gesicht vor der Kälte geschützt ist. Ich versuche zu schlafen, höre nur dann und wann abgerissene Sätze der Unterhaltung -". Er sei zwischen den Soldaten. Der eine sagt: Wunderwaffe Kurier beim Stab, berichtet er weiter. ,, Alles Scheiße!" sagt der andere, der vom Westen nach dem Osten versetzt ist. Und die Räder rollen im Vierertakt: ,, Stumpfsinn - Stumpfsinn " Es ist schon spät abends, als der Zug Dresden erreicht. Die Füße sind vor Kälte erstarrt. Aber schon auf dem Bahnsteig sehe ich mich voller Spannung um. Der Himmel ist sternenklar, und ich bin in einer Stadt, die ' keine Ruinen kennt. - Da höre ich, wie auf einem weiter entfernten Bahnsteig durch den Lautsprecher der Zug nach Bautzen ausgerufen wird. Ich horche auf seltsamer Augenblick! Dann einer unerklärlichen Eingebung folgend beginne ich zu rennen, als gälte es mein Leben. Keuche treppab, treppauf und springe mit letzter Kraft in den eben anfahrenden Zug. - Bautzen glitzert in Schnee und Eis und Wintersonne, als wir am nächsten Morgen zur Anstalt gehen. Das diesige Weiß am Himmel hat sich gewandelt in kalte, strahlende Bläue. Ursprünglich war die Anstalt ein Jugendgefängnis, seit mehreren Jahren ist sie Ausbildungsanstalt für die Wachmannschaften aller deutschen Zuchthäuser. Es soll eine Musteranstalt sein. Am Tor werden wir zurückgehalten. ,, Ich werde einen Beamten rufen, der Sie dem Chef vorführen kann." Vorführen? Das klingt, als seien wir Gefangene. Ist das die Sprache der ,, Musteranstalt"? Wir warten in einem kleinen Raum neben dem Meldezimmer. An der Wand hängen das Führerbild und ein großes Plakat, das ein wie aus Marmor gemeißeltes Gesicht im Stahlhelm darstellt. Buch-. staben in starrer Blockschrift: Unser ist der Sieg! ,, Hier wohnt die Hoffnung draußen!" sagt der Grüne, der uns zum Chef bringt. Ich habe diese Worte schon in einem anderen Zuchthause gehört. Nun weiß ich, wo sie gelehrt werden! Der Chef ist ein fetter, kleiner Sachse; schmatzende Lippen und Säbelbeine. Er spricht im näselnden Sächsisch. ,,, In diesem Zimmer fällt niemals ein böses Wort. Hier werden die Gefangenen biegsam wie Ohrwürmchen." ,, Ohrwürmchen," sagt er. Über diesem Besuchstag in Bautzen liegt eine Schwere und Düsternis, die ich nie vergessen werde. Der Chef ordnet ausdrücklich an, daß ein 253 Wachtmeister zugegen sein soll und ich ihm Satz für Satz übersetzen müsse. Ich befolge die Anweisung nicht. Der Grüne verhält sich schweigsam. Aber schon seine Anwesenheit genügt, um uns den Druck fühlen zu lassen, der dieser Anstalt zu eigen ist. Die leise, im gezwungenen Ton geführte Unterhaltung erinnert mich an jenen Tag, als wir zum erstenmal in Zuchthaus gewesen sind. Das Gesicht des anwesenden Grünen trägt denselben steinernen Ausdruck wie das des Plakats, das die Unterschrift trägt: Unser ist der Sieg. Wir sehen den Rechtsanwalt wieder. Das letztemal sind wir bei ihm gewesen, als er noch im Untersuchungsgefängnis in Hamburg war, am Tage vor den Großangriffen auf Hamburg. An Jahren liegt es nicht lange zurück, und dennoch scheint es mir, als sei es ein Menschenalter her. Wieder sehe ich die abwehrende Handbewegung vor mir, und die Frage, damals durch die nachfolgenden Schreckenstage ins Unterbewußtsein versunken, taucht aufs neue auf: Lag in seinem Blick Angst, Trotz oder Überzeugung, als er Gottes Wort zurückwies? Inzwischen ist er verurteilt worden. ,, Es wurde Gefängnis. Wenn die Strafzeit um ist, werde ich in ein KZ überführt." In den Augen flackert es unruhig. ,, Wann ist es soweit?" ,, In vier Monaten." Er verstummt. Dann gibt er sich einen Ruck, als habe er sich zu etwas entschlossen. Langsam setzt er hinzu: ,, Beten Sie, daß es bis dahin zu Ende ist." Ich sehe ihn lange an. Welch einen Weg ist er gegangen, um so zu sprechen? Es muß zu Ende gehen, viel schneller als erst in vier Monaten. Die Gesichter der Gefangenen sagen es mir gerade an diesem Tag, als wir nicht frei miteinander sprechen können. Es muß zu Ende gehen, so oder so! Ich selbst bin wie ausgepumpt. Der Satz, den ich hundertmal in Gefangenenbriefen gelesen habe, gilt nun auch für mich: ,, Der Kopf ist mir so leer." Sonst gelang mir ein Lächeln der Überzeugung, wenn ich beim Abschied in den Augen der Gefangenen die stumme Frage las: ,, Wann?" Ich vermochte mit der gleichen Festigkeit zu antworten: ,, Bald!" Doch unter dem starren Blick des Grünen erstirbt das Lächeln. Da geht die Sirene. In den Wachtmeister kommt Leben. ,, Unterbrechen Sie Ihren Besuch. Die Gefangenen müssen zurück auf die Zelle." Es dauert zwei Stunden. Über den blauen Winterhimmel ziehen Kampfgeschwader. Tod und Vernichtung! Sangen gestern die Räder des Zuges nicht ,, Stumpfsinn——"? Wieder spüre ich ihren Rhythmus und stütze den Kopf in die Hände. Ich denke an Soldaten, deren Marschgepäck wohl noch immer in irgendeinem Gepäcknetz liegt, denn ihr Zug rollt weiter nach 254 Oste Räd I In j Bom des Don reich K Wad " I E über die Mus V hellt Scha Von sind ande mac Sie Z Grün Züge 11 A D Scha über N Gang D Gew und die S 11 wied Pfarr Ei 11 11+ zen eigzu Ton mal ägt rift hm am nge er. ge, -ererdie es als Sie, zu Die wir der Gemir AbIch ter ch. pfcht Hen ch ach Osten. Ihre Augen fragen nicht einmal mehr: ,, Wann?" Denn während die Räder ,, Stumpfsinn" singen, rollen sie sie heran an den Tod. Ich schaue über den leeren Hof, auf, Mauern, auf vergitterte Fenster. In jeder Zelle hocken Gefangene. Es sind graue Zellen. Als ich aber die Bomber über die Anstalt hinwegbrausen höre, gedenke ich der Worte des alten Oberinspektors in Rendsburg: ,, Im Zuchthaus hörst du den Donner kaum." Das Leben wohnt draußen, aber auch der Tod hält nun reichere Ernte jenseits der Mauern. Keine Bombe fällt. Es geht weiter. Unten vorm Fenster fragt ein Wachtmeister den anderen: Wo sind sie gewesen?" ,, Keine Ahnung! Hauptsache wir sind verschont." Erst abends können wir die Dänen und Norweger besuchen, die tagsüber in einem Außenkommando beschäftigt sind. Wir werden zu ihnen in die Baracke geführt, die man für sie auf dem Hof errichtet hat. Auch die Musteranstalt Bautzen ist überfüllt! Wir sitzen in der Schreibstube, die nur von einer schwachen Birne erhellt ist. Wir hören hinter der Holzwand das Klappern von Schüsseln, das Scharren der Schemel, die zurückgestoßen werden, und den müden Tritt von Holzpantinen. Wir sind zum erstenmal in dieser Holzbaracke und sind es doch nicht. Denn überall im Lande gleicht eine Baracke der anderen. Überall ertönt zu dieser Stunde der Kommandoruf: ,, Fertigmachen!" Zu je zehn Mann werden die Gefangenen in die Schreibstube geführt. Sie stehen vor uns, schwankend unter der Last eines langen Tages. Der Grüne schweigt. Auch jetzt dämpft die starre Unbeweglichkeit seiner Züge unsere Unterhaltung. ,, Seid stark im Warten!" sagt der Pfarrer. Aber zerfurchte Gesichter antworten: ,, Wir können nicht mehr warten." Die Letzten sind drin. Hinter der Holzwand ist das Geklapper und Scharren verstummt. Holzpantinen fallen zu Boden, nackte Füße huschen über die knarrenden Bretter. Hin und wieder ein leises Tuscheln. Noch einmal Kommandorufe. Dann ist es still. Schwere Stiefel auf dem Gang. Die Tür wird aufgerissen, ein Wachtmeister meldet: ,, Es ist soweit." Der Grüne steht auf von der Pritsche, auf der er bis jetzt, auf sein Gewehr gestützt, wie eine leblose Figur gesessen hat. Er geht zur Wand und schiebt die Klappe beiseite. Es ist dunkel dahinter. Noch tiefer wird die Stille. Er dreht sich um: ,, Schlußmachen!" ,, Lebt wohl!" sagen wir zu unseren Freunden, ehe das Dunkel sie wieder aufnimmt. Als wir dem letzten die Hand geben, hält ihn der Pfarrer zurück: ,, Wenn wir uns wiedersehen, ist es, um euch zu holen." Ein rascher Blick zum Grünen hinüber: ,, Und wenn sie uns fortbringen?" ,, Wir werden euch folgen!" sage ich. ,, Es ist alles vorbereitet," sagt der Pfarrer. 255 „Ich muß Sie noch einmal dem Chef vorführen!“ Der Grüne holt sich- noch einen zweiten Wachtmeister herbei. Er läßt uns mit ihm auf dem Gang zurück und spricht allein mit dem Chef. „Sie haben meine Anweisungen nicht befolgt!” Der Chef hat eine Akte vor sich und einen Zettel mit Notizen.„Sie haben die Unterhaltung.nicht übersetzt und Sie haben es zugelassen, daß der Pfarrer aus dem Testament vorlas.'' Der Chef legt sein Gesicht in die freundlichsten Falten:„Ich sage nur eins: Bericht’ nach Berlin an die oberste Stelle. Die Folgen sind Ihnen bekannt———\. Ich verteidige mich nicht. Ich bin ruhig wie nie zuvor. Noch klingen die Worte in mir:„Es ist alles vorbereitet.‘ Meine Arbeit nähert sich ihrem Abschluß, sie endet am eisernen Tor des Zuchthauses. Wir standen allein in den Jahren, die hinter uns liegen. Wenn sich das Tor zur Freiheit öffnet, werden viele Helfer bereit sein. Mich wird man dann nicht mehr brauchen. Komme also, was da wolle! Ich bin ohne Angst, denn es geht zu Ende— so oder so. Irgendwann spät abends gab es Alarm. Oder war es nicht so? Ich habe fest geschlafen und nur wie aus unendlicher Ferne die Sirene gehört. Dann "lag ich: für Sekunden oder Minuten wach’im Dunkel des Hotelzimmers und dachte an das» Dunkel jenseits der Klappe in der Baracke. Und plötz- "lich fiel ich, versank— in ein Nichts— und war wieder eingeschlafen. Ich schrecke hoch. Starkes Klopfen an der Tür.„Was gibt's?” Mein erster Gedanke gilt den Worten des Chefs:„Die Folgen sind "Ihnen bekannt———" Gestern wär ich ohne Angst, heute bricht mir der Schweiß aus allen Poren.. Es klopft noch einmal. Es ist gar nicht so stark, wie ich beim Er- wachen glaubte.„Drei Uhr! Ihr Zug. Sie müssen aufstehen!” Ja, richtig— unser Plan. Wir wollen mit dem Frühzug Bautzen ver-, lassen, um noch einige Stunden Aufenthalt in Dresden zu haben. Ich will Dresden, die Stadt ohne Ruinen, sehen. Frischer Schnee ist gefallen. Wie‘weich er ist! Die Schuhe versinken darin. Wir gehen mitten auf der Straße. Gestern gingen Gefangene, die von der Arbeit im Außenkommando zurückkehrten, den. gleichen Weg. Aber ihre Spuren sind verwischt. Der Himmel ist bedeckt, so neblig grau- schwarz. Es gibt noch mehr Schnee; bald werden auch unsere Spuren Ver- wischt sein. Der Bahnhof ist kaum erleuchtet. Nur am Knipserhäuschen brennt eine Birne, deren Lichtschein sich in der dunstigen Schneeluft zerfuselt. Nur wenige Menschen. sind da, sie hocken auf Rucksäcken und Koffern. „Wann geht der Zug?“ . Niemand weiß es.„Auf den’ Zug von München nach Berlin, der schon, vorgestern- hätte durchkommen müssen, warten wir immer noch,”, sagt ein Eisenbahner.„Heute nacht waren sie gewiß wieder in Dresden.“ 256 sch’ Gle falle End Da mic] gan Ver die Seet schy ich ı Tell Waı Waı Sum auf sich dem Akte icht ment sage nen agen sich das man ngst, habe Dann mers lötzsind mir Erverwill ken die Veg. rauvereine Nur Chon = ein Das ist es also! Dresden, die Stadt ohne Ruinen, ist an der Reihe, die letzte Großstadt. Es geht zu Ende. Wir warten, wie lange, weiß ich nicht. Eine Stunde, zwei Stunden? Die Nacht ist wie das Fahren im Zuge. Das Bewußtsein ist herabgesetzt, der Begriff von Zeit geht verloren. Endlich heißt es: ,, Einsteigen!" ,, Nach Dresden?" ,, So weit wir komraen." Wir fahren. Ich schlafe wieder ein. Dann schrecke ich auf, irgend etwas ist nicht so, wie es sein soll. Ich blicke mich um. Es ist inzwischen hell geworden. Der Zug steht; neben uns sind viele Geleise, verstopft mit Zügen. Ein Güterzug, vollgepackt mit Soldaten, ein anderer Zug ohne Fensterscheiben. Frauen haben sich Tücher um den Kopf gebunden, Kinder legen frierend die Hände über die Ohren, alte Männer kauern sich auf Koffer. Flüchtlinge? Die Frauen halten die Kinder zwischen den Zügen ab. - Wir warten; eine Stunde, zwei Stunden? An diesem Tag scheint es mir, daß ich noch einmal ebenso lange warte wie in zwölf Jahren. Es ist eiskalt; die Füße sind wie abgestorben. Zuletzt steigen wir aus. Wir gehen über die Schienen, von Bohle zu Bohle. Ab und zu drehe ich mich um. Vielleicht ist der Zug inzwischen wieder angefahren? Doch die Züge auf den Geleisen werden zu Punkten. Ihre Lokomotiven gleichen schwarzen Gesichtern mit weißen Kapuzen. Es ist nicht einfach, das Gleichgewicht zu halten. Es ist glatt, immer wieder gleite ich aus und falle. Die Mappe, die ich trage, wird mir immer schwerer. Hier sei die Endstation einer Straßenbahn, sagt ein Streckenarbeiter. " Es ist Mittag, als wir auf einem Vorstadtbahnhof in Dresden ankommen. Da ist die Grenze", dort beginnt die Zerstörung. Das Hotel, in dem ich mich zur Übernachtung angemeldet hatte, liegt in der Innenstadt. Der Zugang dahin ist gesperrt. Auf dem Bahnhof herrscht unbeschreibliche Verwirrung, jeder Eisenbahner ist von Menschen umringt. - ,, Wann geht ein Zug nach Berlin?" ,, Niemand weiß es. Sie müssen warten." Die Stimmen sind ausgeleiert, die Augen blicklos. In den Wartesälen des Krieges ergeht es mir wie auf einem Schiff bei Seegang. Es fängt im Magen an, irgendein Unbehagen, schließlich verschwimmt mir alles zu einer grauen Masse. Denn im Wartesaal vernehme ich die Melodie unserer Zeit deutlicher als irgendwo anders: Da klirren die Teller Warten. Da sagen die Augen der vor sich Hinstarrenden Warten. Da knarren die Bohlen unter Langschäftern und Holzpantinen Warten. Heute ist der Wartesaal wie ein Bienenkorb. Doch auch das Summen kennt nur eine Melodie Warten. - -- -- - Dieser Wartesaal ist die Welt von heute. Flüchtlinge sitzen am Boden, auf Bündeln und Matratzen, der letzten Habe. Sie breiten die Arme dar17 Halt Wacht im Dunkel 257 über. In einer Ecke hockt eine Gruppe von Ukrainern; Männer mit langen Bärten, im Kaftan; ungarische Soldaten in den buntesten Phantasieuniformen. Wir sitzen an irgendeinem der vielen Holztische. Ich rücke etwas ab. Von der schmutzigen Holzplatte tropft Dünnbier. Am Nebentisch steht ein Offizier, vor ihm ein Landser in strammer Haltung. Der Offizier fordert ihm das Soldbuch ab. ,, Wenn ihr euch einbildet, nicht mehr grüßen zu brauchen Er notiert sich Name und Einheit. Das gibt eine Meldung. Die Folgen sind Ihnen bekannt - ,, Aber, Herr Hauptmann, ich habe ,, Schweigen Sie!" ,, Jawohl." Mein Blick heftet sich auf die Ringe, die die Biergläser auf dem groben Holz hinterlassen haben. Auf langen Leitern stehen Männer und hämmern aus den Fensterrahmen die zerbrochenen Scheiben heraus. Klirrend fällt das Glas zu Boden. Im Lautsprecher surrt es. Immer wieder ertönt der Ruf: Achtung!" Jedesmal beginnt das Herz, schneller zu schlagen. Denn die Hoffnung ist da, es geht weiter. Irgendein Zug wird ausgerufen werden. Ganz gleich wohin. Nur fort von hier! 11 Die Stimme im Lautsprecher sagt: Wir machen Sprechversuche." Und Stunde um Stunde geht über die immer wieder aufs neue aufhorchende vier Menge: ,, Eins - zwei - drei - Ich nehme ein Buch aus der Mappe. Ein englischer Roman, so spannend geschrieben, wie ich nur selten ein Buch las. Eine geistreiche Schilderung der Sitten und Unsitten der bürgerlichen Gesellschaft von heute. Ich sehe auf, da ich mit halbem Blick bemerke, wie eine Hand den Aschenbecher, der auf dem Tisch steht, durchwühlt. Auf der Jagd nach Kippen. Der Hemdkragen ist schmutzig, der Ärmel des ehemals feinen Flanelljacketts zerrissen. Ich schließe das Buch! ,, Ich habe Hunger," sage ich zum Pfarrer. Über Bündel und Menschen, über langausgestreckte Beine und schlafende Kinder bahne ich mir den Weg zum Büfett. Es gibt Brot. Ich habe noch Marken für zweihundert Gramm. ,, Vier Scheiben, bitte." Ein Mann steht neben mir, elend und schmutzig. ,, Brot!" flüstert er. ,, Geben Sie es mir. Ich bin hungrig." Ich blicke zur anderen Seite, als hätte ich ihn nicht bemerkt. Denn inmitten dieses Saales voller Not und Grauen überfällt mich wahnwitzige Angst. Wie lange müssen wir noch warten? Vielleicht nur Stunden. Wenn es jedoch Tage werden? Ohne mich noch einmal umzuwenden, ziehe ich mich hastig zurück vom Büfett. Da steigt mir das Blut zu Kopf. Einen Augenblick wird mir vor Augen dunkel. Zum erste mal habe ich Herz und Sinn verschlossen, als mich einer um Brot bat. Hat man mich nicht als Kind gelehrt, es sei eine der 258 sieb hat sinn ihn D weh Doc sche 11 Saal Bod Stun Stad Sche Men wür sam S träu Will und D hof!' bom eine vers Pfar E läng sagt. Tal Abe sells Wie Näch statt wir E gesp gebli D eine 17 ag -h 1d le n- ge nn ch en ler sieben Todsünden, dem Hungrigen das Brot zu verweigern? Im Wartesaal hat das Denken’und Fühlen ausgesetzt, aber nun komme ich zur Be- sinnung. Die Scham treibt mich, dem Manne nachzugehen, aber ich finde ihn.nicht wieder———: Durch die zerbrochenen Fenster dringen das laute Klingeln der Feuer- wehr, die Sirene des Leichenwagens und das wilde Hupen von Autos. Doch wie weit fort ist es von hier, denn in diesem Saal sind nur Men- schen, die darauf warten, davonzukommen.\ „Auf dem Bahnsteig steht ein Zug!” Der Ruf breitet sich durch den Saal, Wir stürzen zum Ausgang. Nur heraus aus dem Warten! Weiter, nur fort! Es wird ein Kampf um die Plätze, um jeden Fußbreit Böden. Wir kommen hinein. Wir sind geborgen! Denn nur noch wenige Stunden trennen‘uns von der Nacht, und wir wissen— Dresden ist eine Stadt des Todes.\; Wir fahren. Unser Abteil hat noch Fenster. Draußen schneit es, die Scheiben sind milchig verklebt. Wir stehen so dicht gedrängt, daß die_ Menge mich trägt. Selbst wenn ich vor Müdigkeit umfallen. wollte, sie würde mich halten. Schlafe ich schon oder wache ich noch? Wieder bin ich in jenem selt- samen, zeitlosen Zustand. Im Dunkel der Nacht höre ich Worte, die ich zu träumen glaube. Sie sprechen von Krakau. Dahin ging der Zug, mit dem Willfried zum letztenmal fuhr. Sie sagen etwas von einer Großoffensive, und sie flüstern einander zu:„Es geht zu Ende.“ Der Zug hält. Berlin? Es. muß nach Mitternacht sein. Anhalter Bahn- hof!“ dröhnt der Lautsprecher über den Zug. Also doch Berlin. Dieser zer- bombte ‚Bahnhof ohne Namensschild hätte ebensogut Dresden oder sonst eine Stadt sein können. Der Pfarrer fährt weiter nach Potsdam. Ich will versuchen, zu meinen Freunden nach Dahlem zu kommen. - Es ist eine Nacht in den letzten Januartagen des Jahres 1945. Der Piarrer reicht mit zum Abschied die Hand. Ich halte sie einen Augenblick länger als sonst. Es drängt mich, etwas zu sagen, was man sonst nicht sagt. Wir sind‘ einen langen Weg zusammengegangen. Nun sind wir im Tal des Todes. Wir stehen auf einem Bahnhof, der keine Station mehr ist. Aber auch jetzt müßte man noch so sprechen wie jene bürgerliche Ge- sellschaft,, von der ich heute im englischen Buch gelesen habe.„Auf Wiedersehen!” müßte ich sagen.„Morgen enle ich zurück nach Hamburg. Nächste Woche können wir wieder reisen."—„Leben Sie wohl!" sage ich stattdessen diesmal.„Dies war unsere letzte Reise. Sie lehrte mich, daß wir in der Verdammnis sind.“ Es ist eines der wenigen persönlichen Worte, die-ich mit dem Pfarrer gesprochen habe. Denn in allen Jahren unserer Arbeit sind wir uns fremd geblieben, nur die gemeinsame Aufgabe band uns zusammen. Der Pfarrer sieht mich ein wenig ratlos an, als müsse er sich erst auf eine Antwort besinnen. Dann beugt er sich vor.„Sie wissen doch," 17*:: 259 murmelt er fast unhörbar ,,, daß unsere Freunde gerettet werden. Alles ist vorbereitet." Ich schweige und bin tieftraurig. Denn als ich so zu dem Pfarrer sprach, dachte ich nicht an meine Freunde. Ich meinte mich selbst uns, die zurückbleiben. Nun ist es so weit, daß unsere Wege sich trennen. Wir gehen auseinander. - Ich trete aus dem Bahnhof heraus. Ist die Straße breiter geworden? Ich kenne mich nicht mehr aus. Nein es ist noch dieselbe Straße wie vorher, aber inzwischen ist sie in der Nähe des Bahnhofs zum Trümmerhaufen geworden. Ich stolpere, irgendein Stein. Die Richtung weiß ich. Links muß ich gehen, immer geradeaus, dann kommt man zum Potsdamer Platz. Es gehen noch andere diesen Weg, schwerbepackt. Finsternis ist um mich herum. Nur die Umrisse der Häuserfassaden und der leeren Fenster sind noch. schwärzer als das Dunkel der Nacht. Der Himmel ist verhängt. Bald wird es wieder zu schneien beginnen. Durch die Sohlen dringt die Nässe. In diesem Steinmeer hält sich kein Schnee. Neben mir tappt sich irgendeiner vorwärts wie ich. ,, Wo ist das ,, Vaterland?" kommt es aus dem Dunkel. Sind in dieser Nacht alle Formen zerschlagen? Spricht er so, wie ich zu dem Pfarrer sprach? ,, Ich weiß es nicht," gebe ich zurück. ,, Ich weiß nicht mehr, wo das Vaterland ist." ,, Ich habe drei Tage lang nicht mehr geschlafen." Die Stimme neben mir wird lauter, fängt an zu fluchen. ,, Wenn sie uns Landsern keine Übernachtung mehr schaffen, dann kann von mir aus Nun begreife ich erst. ,, Kommen Sie mit!" Stumm gehen wir nebeneinander, bis vor uns wie aus dem Boden gewachsen eine Schlange von Menschen steht, schwach erleuchtet von dem abgeblendeten Licht einer Taschenlampe. ,, Immer mit der Ruhe!" ruft eine heisere Stimme. ,, Erst die Papiere!" Es ist das Café Vaterland, einstmals Rummelplatz der Welt, nun Übernachtungslager für durchreisende Soldaten. Ich werde nicht verhaftet. Ich werde nicht einmal mehr vernommen. Die Ereignisse sind schneller als der Bericht des Chefs der Bautzener Anstalt. Draußen scheint die Sonne. Es wird Frühling. Inmitten von Tod und Vernichtung wagt sich das Leben wieder hervor. Lange, kalte Monate liegen hinter uns. Wir warten immer noch. Núr hin und wieder kommt noch ein Stapel Briefe zur Zensur. Wenige Wochen nach unserer letzten Reise beginnt auch die Post sich auszuschweigen. Nur einmal trifft noch ein Brief ein, vom Chef des Zuchthauses in Bützow. Meinem Antrage auf Strafaussetzung für Tarald sei stattge260 geber Maue Trüm Di ein V Kreuz man Di friert. gehen imme Millio Dunk Un mehr. Schrit Hamb Wi hinaus und n norwe Ich marck mütig im He vom freiun wartet We dem R sei sc eine a Ich und li Stunde Tanzm glitzer Häuse Ab eben g vergeh daten Sie he johlen st er n. ch ie r- ch en m. ch. rd In r- r zu as en I- e- m e I- n. er nd te ge U- es e- geben. Man ließ ihn nicht gehen, als er in verwirrten Briefen schrieb, daß Mauern auseinanderbersten würden. Nun liegt ein Trümmern, zerschlagen. ganzes Land in Die skandinavischen Gefangenen werden gerettet. Im April geschieht ein Wunder, sie werden in ihre Heimat geholt. Das Schwedische Rote Kreuz übernimmt die Rückführung. Die Verwirrung ist schon so groß, daß man sie ziehen läßt. Die letzten Tage des April sind sommerlich warm. Doch mich friert. Für uns ist der Krieg noch nicht zu Ende. Die Gedanken gehen zu den Millionen deutscher und ausländischer Gefangenen, die noch immer hinter Mauer und Stacheldraht festgehalten werden. Wieder treten Millionen den Marsch in die Gefangenschaft an. Sie kommen aus dem Dunkel, sie gehen ins Dunkel Und dann kommt der Mai. Es ist noch Krieg, und es ist doch keiner mehr. In der Ferne donnert die Artillerie. Auf der Straße zieht müden Schrittes der Volkssturm. Aber schon jagt durch die Stadt das Gerücht: Hamburg wird kampflos übergeben. Wie lau die Luft ist! Es treibt mich an diesem warmen Frühlingsabend hinaus. Seit der letzten Reise habe ich nichts mehr von dem dänischen und norwegischen Pfarrer gehört, nun mache ich mich auf den Weg zur norwegischen Seemannsmission. Ich gehe die Helgoländer Allee hinunter zum Hafen, vorbei am Bismarck, der ebenso ehern steht wie an dem Tage, als ich ihm einen übermütigen Blick zuwarf. Damals hastete ich an ihm vorüber, und die Freude im Herzen nahm mir den Atem. Denn es war mir, als ob ich die Botschaft vom Frieden brächte, und doch war es nur die Nachricht von der Befreiung eines einzigen Gefangenen. Heute eile ich mich nicht. Niemand wartet auf mich! Wenige Minuten später komme ich wieder am Bismarck vorbei. Auf dem Rückweg. Die Seemannsmission war nur noch ein Haufen Steine. Sie sei schon bei einem der Angriffe im März getroffen worden, berichtet mir eine alte Frau. Ich gehe weiter auf die Reeperbahn zu. Am Himmel verblassen die rosa und lila Abendwolken, und die silbernen Streifen werden matter. Zu dieser Stunde blitzten vor langer Zeit auf der Reeperbahn die ersten Lichter auf. Tanzmusik erklang, und Tausende von Menschen stürzten sich in das glitzernde Leben von St. Pauli. Nun ist es erloschen. An den leeren Häuserfassaden huschen die Menschen vorbei, stumm und in sich gekehrt. Aber irgendwo regt sich doch noch Leben. Da ist eine Holzbude, die eben geöffnet wird. Es gibt Dünnbier und Fischsalat. Nur wenige Minuten vergehen, und schon drängen sich viele um den Ausschank. Einige Soldaten springen über die Planke, um sich einen besseren Platz zu sichern. Sie helfen einem Kameraden herüber, der am Stock geht. Sie lachen und johlen und singen: ,, Mit dem Holzbein kommst Du eher' rein -- 261 In dem Lachen ist keine Freude, nur sehr viel Bitterkeit. Ich blicke mich um. Wohin ich auch schaue nur Ruinen, nur Zerstörung und Vernichtung. - überall sieht das Auge - Es ist dunkel geworden. Der Mond steht als schmale Sichel am Himmel. Irgendwo blitzt es auf, für den Bruchteil einer Sekunde. Ein Funken eine Sternschnuppe. ,, Nun mußt du dir etwas wünschen!" sage ich laut zu mir selbst. Wie machte ich es als Kind? Da schloß ich die Augen. Und so mache ich es auch jetzt. - - Ich bin achtundzwanzig, aber uralt muß ich sein! So angestrengt ich auch nachdenke kein Wunsch fällt mir ein. Liebe? Glück? Sorglose Unbeschwertheit? Auch Wünsche, die Sternschnuppen nachgesandt werden, können unerfüllbar sein! Wo könnten sich noch Liebe und Glück verbergen auf einem Weg, der durch Trümmer und Ruinen geht? - Die Augen sind noch geschlossen. Ich versuche mir vorzustellen, das alles, diese Ruinen, die in sich gekehrten Gestalten, das bittere Lachen und das Holzbein sei nicht. Es ist aber unmöglich. Ich öffne wieder die Augen. ,, Weise mir den Weg, der aus dieser Vernichtung hinausführt!" murmele ich. Und diese Worte sind viel mehr als ein Wunsch; ich spreche sie wie ein Gebet. 1 Die Antwort kommt. An einer Wand, die einsam in den nächtlichen Frühlingshimmel ragt, lehnt eine Gestalt. Auf der Wand steht in großer, schwarzer Schrift etwas geschrieben. Der schwache Glanz des Mondes läßt es mich entziffern: Katakombe. ,, Sehen Sie!" sagt die Gestalt. Sie weist nicht zurück auf das Wort Katabombe. Sie zeigt in die entgegengesetzte Richtung. Über die vielen Ruinen hinweg zu einem Haus, das noch unversehrt ist. Wären die vieleu Häuser davor nicht zertrümmert worden ich hätte es nicht bemerkt. Auf dem Dach des Hauses schwebt ein Transparent. Drei Worte in riesigen Lettern: GOTT RUFT DICH! - Ich setze den Weg fort, mein Schritt wird rascher und fester. Ich gehe an Trümmern vorbei. Eines Tages werden aus ihnen Blumen sprießen, und der Himmel vor mir wird hell werden, wird sich wandeln in zartes Blau. Ich weiß nun, warum Häuser zusammenstürzen und Mauern zerbersten mußten. Unser Blick sollte weiter werden, unser Auge sollte des Grenzenlose erschauen. Angst und Haß hatten uns in Fesseln gelegt und werden versuchen, uns aufs neue zu knebeln. Angst und Haß werden immer wieder Grenzen und Mauern errichten. Aber wir werden stärker sein. Wir - du und ich. Wenn in uns nur das siegt, was allein das träge Herz der Welt zu besiegen vermag: unendliche Geduld und unendliche Liebe! 262