INHALTSVERZEICHNIS Schriftleiter im Dritten Reich Ich werde verhaftet und verhört Im Zellengefängnis der Geheimen Staats18 polizei. 21 Dachau ist überfüllt 24 Hamsun: Eine segensreiche Einrichtung .33 Zehntausend Häftlinge .46 Ich höre auf ein Mensch zu sein .50 Eine Erziehungsanstalt besonderer Art .53 Arbeitshölle Klinkerwerk .59 པ་ Ein Flüchtling wird zurückgebracht .67 Tschechische Studenten 70 Gab es auch Lichtblicke?. 74 Rapportführer Sorge und seine Helfer.... 80 Verlorene Menschen auf verlorenen Posten... 90 Die Technik der Entvölkerung .97 Korruption 103 Kommandant Loritz 110 Himmlers gewinnbringende Unternehmungen 114 Sachsenhausen hatte eine große Zukunft..124 Verräter erfinden Verschwörungen 130 Der Menschenrest für zwei Mark fünfzig.. 135 Götzendämmerung 141 Entlassung zum Heldentod 152 22.499.89 UB GIESSEN 22 499 890 Dieses Buch wurde nicht geschrieben, um Anteilnahme, Bewunderung oder Mitleid für seinen Verfasser zu erwecken. Es soll auch keine flammende Anklage sein; dazu gebricht es mir an Leidenschaftlichkeit und jenem Haß, der Frauen und Jünglingen eigen. Ich will mir keine politische Märtyrerkrone schreiben; ich werde mich bemühen, meinen Bericht objektiv und frei von Vorurteilen zu halten und bitte nur, mir meine Zurückhaltung nicht als Schwäche auszulegen. In den fünf Jahren meiner Lagerhaft stand ich der Hölle so nahe wie dem Himmel, daß es mir manchmal schien, der dazwischenliegende Erdenweg sei zu schmal, um ihn ungefährdet begehen zu können. Vielleicht war es eine Art traumwandlerisches Schreiten, das mich zwischen Inferno und Jenseits und über die Illusion eines von Tag zu Tag fragwürdiger werdenden Zieles hinaus einen Weg zur wirklichen Freiheit finden ließ. Vielleicht war es mein starker Glaube an die Unbeirrbarkeit und Gerechtigkeit jener Macht, die auch den Gestirnen ihre Bahnen weist und die wir mit vielerlei Namen bezeichnen; vielleicht war es auch nur der Zufall. Denn Tausende, die kein geringeres Recht auf Leben besaßen als ich, mußten zugrunde gehen auf diesem furchtbaren Pfad. Aber was immer es war, in der Tatsache meiner Rettung erkenne ich die Verpflichtung zum Kampf gegen die Wiederkehr eines Geistes, der so Beispielloses erfand und vollbrachte. I SCHRIFTLEITER IM DRITTEN REICH Am 12. März 1940, vormittags gegen 9 Uhr, wurde ich im Gebäude der Geheimen Staatspolizei an der Brienner Straße in München von einem Herrn namens Grimm verhaftet und in das, im gleichen Hause gelegene, Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Es lag folgender Sachverhalt vor: Ich war in den Jahren 1934 bis 1938 Schriftleiter der ein- mal vielgelesenen Münchener Wochenschrift„Jugend“, die der bekannte Publizist und Herausgeber Dr. Georg Hirth wenige Jahre vor der Jahrhundertwende gegründet hatte. Es gehört nicht hierher die Schwierigkeiten zu schildern, mit denen ich zu kämpfen hatte, um das alte, nicht mehr sehr bewegliche Schiff über Wasser zu halten. Es genügt, wenn ich sage, daß die größte Schwierigkeit darin bestand, mit den diktatorischen Maßnahmen fertig zu werden, mit denen die herrschende Staatsgewalt ihre Meinungen und dunklen welt- anschaulichen Grundsätze vertrat und zugrunde richtete, was sich ihren Plänen nicht willenlos fügte. Diese Tatsachen sollen hier nur soweit Gegenstand der Erörterung sein, als sie auch in meinem Fall Anlaß waren, meine bürgerliche Existenz zu vernichten und mich zum Staatsfeind zu erklären. Schon geraume Zeit vor dem Machtantritt der Nationalsozia- listen hatte sich ihre Parteipresse veranlaßt gefühlt, sich mit mir zu beschäftigen. Meine Mitarbeit an einer Reihe frei- heitlicher Blätter, darunter„.Die Weltbühne“ und.‚Das Tage- buch“, die Aufnahme meiner Erzählung„Musketier Reue“ in die, im Jahre 1929 bei Gustav Kiepenheuer erschienene, An- thologie„24 Neue Deutsche Erzähler“, in der sich auch Bei- träge von Ernst Toller und Marie Luise Fleißer befanden, meine Beziehungen zum Mitarbeiterkreis der sozialdemokra- tischen Münchener Post und schließlich die Aufforderung des Leiters der Berliner Hochschule für Musik, Professor Schünemann, zur Mitwirkung an der Gestaltung und Herausgabe eines republikanischen Jugendliederbuches, hatten mich der Staatsfeindschaft im Sinne der Nationalsozialisten verdächtig gemacht. Später, als Hitler endlich, geführt von der Greisenhand des Marschalls und Präsidenten Hindenburg, die letzten Stufen des so heiß erstrebten Thrones erklommen hatte und die Partei in den Besitz aller Machtmittel gelangte, bekam auch ich die Unerbittlichkeit und die Rachsucht der neuen Herren zu spüren. Den Anfang in der Reihe der mir zur Last gelegten Vergehen bildete eines meiner Gedichte, das in der„, Weltbühne" erschienen war, und das im Jahre 1934 plötzlich in einer in Prag herausgegebenen Anthologie„ Lieder der Emigranten" auftauchte. Wie es dahineingeriet, weiß ich heute noch nicht; jedenfalls bereitete mir dieser leichtfertige Nachdruck Schwierigkeiten. Die im Münchener Zentralverlag der Partei erscheinende Wochenschrift„ Die Bewegung", eine Zeitschrift der nationalsozialistischen Studenten, fragte in ihrem Blatt, wie es möglich sei, daß von einem nicht in der Emigration, sondern greifbar in München lebenden Schriftsteller ein pazifistisches Gedicht in einer Emigranten- Anthologie erscheinen konnte. Da mir der Vorgang selbst nicht bekannt war und Stillschweigen unfehlbar der Anlaß zu weiteren Fahndungen geworden wäre, blieb mir nichts anderes übrig, als der„ Bewegung" mitzuteilen, daß ich keinen Teil habe an der Herausgabe jener Sammlung; ein Umstand, der freilich nichts an der Tatsache meiner Verfasserschaft änderte. Immerhin, die ,, Bewegung" druckte meine Erklärung ab und die Angelegenheit schien damit erledigt. Ja, mehr als das! Die Redaktion der ,, Bewegung" fand sich aus irgendwelchen Gründen plötzlich bemüßigt, eine Art Freundschaftsverhältnis mit mir anzubahnen. Sie schickte mir einen Herrn namens Klaus Fein in die Redaktion, der offenbar den Auftrag hatte mir mitzuteilen, daß der Redaktionsstab der ,, Bewegung" geneigt sei, sich mit mir zu gemeinsamer Arbeit zu verbinden und uns Be10 2 Z 6 H 1 i T I V V g 1 H a a e C a T a S 99 ziehungen zu einer einflußreichen Persönlichkeit der Partei. zu vermitteln, um der„ Jugend", deren wirtschaftliche Basis stark erschüttert war, wieder auf die Beine zu helfen. Als Verhandlungsort wurde die Pension Gisela vorgeschlagen. Dieses Angebot machte mir wenig Freude. Ich witterte die eigentlichen Absichten der Herren, die wahrscheinlich darauf hinausliefen, die ,, Jugend" mit dem Geist der nationalsozialistischen Kulturpolitik zu infizieren und das Blatt, das als Verlagsobjekt immerhin noch einigen Wert besaß, in die Hand zu bekommen. Ich äußerte diese Bedenken auch gegenüber dem Verlagsdirektor Posselt, der jedoch der Ansicht war, man müsse den Vorschlag wenigstens einmal prüfen und mir riet, der Einladung zur Besprechung Folge zu leisten. Die Besprechung verlief völlig ergebnislos. Was die Herren von der Bewegung" unter wirtschaftlicher Hilfe verstanden, war nichts anderes als Bauernfängerei. Unter Beibehaltung gewisser äußerer Merkmale sollte die Jugend" gänzlich zu einer nationalsozialistischen Wochenschrift umgewandelt werden und aus dem bisherigen Verlag Georg Hirth in den Parteiverlag Eher übergehen. Selbstverständlich sollten bei dieser Gelegenheit die bisherigen Mitarbeiter geopfert und durch nationalsozialistische Gesinnungshelden ersetzt werden. Was mich betraf, so sollte ich zwar den Posten eines Schriftleiters behalten. Man erklärte sich sogar bereit, meine Gehaltsrückstände zu übernehmen und als gerechte Forderung anzuerkennen. Ich müßte mich aber selbstverständlich mit der aktiven Mitarbeit eines mir übergeordneten Redaktionsstabes einverstanden erklären, einer Art Überwachungsausschuẞ, der dafür zu sorgen hätte, daß die ,, Jugend" nicht wieder in ihre alten liberalistischen Laster zurückfiele. Ich weiß nicht, inwieweit die Herren, die mir diese Vorschläge unterbreiteten, beauftragt oder ermächtigt waren, ihre Versprechungen in die Tat umzusetzen. Ich erklärte unumwunden, daß es mir unter solchen Umständen und Bedingungen nicht möglich sei, dem Angebot näherzutreten und ging. Die Herren begriffen, daß ich an der nationalsozialistischen Kulturarbeit uninteressiert 11 war. Die Folgen zeigten sich nach wenigen Tagen. Die„Be- wegung“ eröffnete einen neuen Kampf gegen mich, indem sie zunächst eine in der„Jugend“ veröffentlichte bildliche Glossierung nazisiischen Rassewahnsinns zum Gegenstand heftiger Angriffe machte. Sie schimpfte mich einen Porno- graphen und Judenknecht, weil ich eine Novelle des franzö- sischen Schriftstellers Maurice Decobra veröffentlicht hatte. Sie nannte mich einen Defaitisten, weil in einer Nummer der „Jugend“ die Reproduktion einer Zeichnung des Graphikers Niedermayer-Passau, erschienen war, ein Blatt, auf dem eine etwas ärmlich gekleidete Frau, eine alte Bäuerin, mit einem kleinen Jungen in einem Abiteil 4. Klasse sitzend, dargestellt war. In dieser tendenzlosen Zeichnung entdeckte die„Bewe- gung“ die bewußte Absicht, Bestrebungen des Nationalsozia- lismus zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse und Ver- kehrsmittel im Dritten Reich zu sabotieren und herabzusetzen. Diese erstaunliche Eröffnung machte mir die Polizei, die mich in dieser Angelegenheit aufsuchte. Ich mußte mich verant- worten, mußte zu Protokoll geben, was ich mir bei Veröffent- lichung dieses Blattes gedacht hatte. Später, als man mich verhaftet hatte, tauchte auch diese verrückte Anschuldigung wieder in meinen Akten auf, und da es dort nun hieß„hat auch durch Karikaturen von Einrichtungen des Staates und der Partei seine Gegnerschaft hinlänglich bekundet“, bekam ich immer wieder die seltsamsten Ansichten über die Ver- werflichkeit meiner Person und meines Tuns zu hören. An sich wären diese Beschuldigungen noch belanglos ge- blieben, wenn sie nicht andere, wirklich gefährliche Mächte auf mich und meine schriftstellerische Tätigkeit aufmerksam gemacht hätten. So vor allem das„Schwarze Korps“, die Wochenzeitung der SS, die fast mit jeder ihrer Nummern ein paar ihr unliebsamer Volksgenossen an den Pranger stellte und damit der Gestapo aüslieferte; dann der Reichsverband der Deutschen Presse, der bei dieser Gelegenheit erst da- hinterkam, daß ich ihm gar nicht angehörte und so kein Recht hatte, Schriftleiter zu sein. Und endlich das Reichspropa- 12 gandaministerium des Herrn Dr. Goebbels, das mir eine ,, Verwarnung" ins Haus schickte. - Kluge Menschen hätten damals die Flucht ergriffen oder sich durch eine eben noch rechtzeitige Konversion in die Arme der alleinseligmachenden Partei gestürzt. Mir fehlte dafür die Klugheit. Ich fühlte mich angegriffen und setzte mich zur Wehr. Ich tat, was in ganz Deutschland damals kein Schriftleiter zu tun gewagt hätte eine Feststellung, die von einem Angehörigen der Gestapo getroffen wurde, ich reagierte öffentlich auf die Angriffe der Parteipresse und verlieh meinen Rechtfertigungsversuchen offene Worte in Form von Erwiderungen in meiner Zeitschrift. Die Wirkung blieb selbstverständlich nicht aus. Die ,, Bewegung", die sich durch eine meiner Entgegnungen in ihrer Ehre gekränkt fühlte, strengte ein gerichtliches Verfahren gegen mich an. Das Gericht forderte eine Stellungnahme, die ich in einem Schriftsatz einreichte; aber anstatt nun daraufhin das Verfahren zu eröffnen, teilte man mir mit, daß der Antrag der„, Bewegung" mangels eines klagbaren Grundes zurückgewiesen worden sei. Ich habe mich später oft gewundert, daß sich nicht damals schon die Geheime Staatspolizei in die Vorfälle einschaltete; ja, die Geheime Staatspolizei selbst gab im Jahre 1940 der gleichen Verwunderung Ausdruck mit den Worten: Es ist uns unverständlich, daß wir Sie nicht damals schon unschädlich machten." 99 Die Zurückweisung der Klage war jedoch mehr, als die ,, Bewegung" vertragen konnte. Sie beschloß meine Vernichtung. Zu diesem Zweck druckte sie einen alten Aufsatz von mir aus der Wochenschrift ,, Das Tagebuch" ab, und glaubte damit klipp und klar bewiesen zu haben, daß ich Kommunist und als solcher ein Staatsfeind und Hochverräter sei. Nun führte die Behörde bei mir eine Haussuchung durch; der Erfolg war gleich null. Man beschlagnahmte lediglich niemals werde ich den Sinn dieser Maßnahme begreifen- einen Band von Springers Kunstgeschichte und einige Handzeichnungen eines Freundes und Mitarbeiters. Was immer aber auch für - 13 einen Sinn oder Zweck dieser Vorgang haben sollte, man erreichte damit auf alle Fälle, daß ich allmählich zu einer den Behörden bekannten und verdächtigen Person wurde. Damit war ich der Gefahrenzone des Konzentrationslagers bedenklich nahe gerückt. Aber nicht nur in der Herbeischaffung derartigen konkreten Materials, dessen Beweiskraft mich irgendwann einmal zu Fall bringen mußte, leistete die Behörde Großes, auch mein Privatleben mußte sich Eingriffe gefallen lassen, ‚die jedes Polizeirecht überschritten. Die Zerrüttung meiner Familienverhälinisse, wie man die im Jahre 1937 erfolgte Scheidung meiner Ehe nannte, lieferte einen neuen Vorwand zur Intensivierung der polizeilichen Arbeit. “Aus mancher Not und verwirrendem Leid, das dem Men- schen aus einer seelischen Katastrophe erwächst, konstruierte man nun auch in dieser Richtung ein System von Beschuldi- gungen, das dem Bild, das man von mir haben wollte, den entsprechenden Rahmen verlieh. Ohne die mindeste Rück- sicht auf die Zurückhaltung des Mannes, die einen in solchen Fällen zum Schweigen verurteilt, wurde hier Privates und Allerpersönlichstes zum Gegenstand staatspolizeilicher Er- hebungen und Erörterungen gemacht. Das für mich so Nach- teilige daran war, daß der Abscheu vor diesem widerlichen Treiben, das jeder sachlichen Voraussetzung entbehrte, mich den immer deutlicher werdenden Gefahren gegenüber gleich- gültig machte. Es wäre mir damals vielleicht noch möglich ge- wesen das Schlimmste abzuwenden, hätte nicht die verhäng- nisvolle Einmischung einer im undurchdringlichen Dunkel der Anonymität arbeitenden Macht in meine privaten Verhält- nisse in mir eine Art Schwächezustand erzeugt und mich auf meine persönliche Sicherheit weniger bedacht gemacht. Ich. übergehe die erbärmlichen Quälereien, denen ich zu jener Zeit ausgesetzt war, es genügt, wenn ich sage, daß ich im Herbst 1937 meine Stellung aufgeben mußte, nachdem auch der Aufsichtsrat des Verlages zu der Überzeugung ge- 14 al kommen war, daß ich durch mein oppositionelles Verhalten und auf Grund der Gefahr, in die ich das Unternehmen gebracht hatte, nicht länger tragbar sei. Ich war also ein freier Mann und mußte sehen, wie ich mich über Wasser halten konnte. Mein Freund, Dr. Reifferscheidt, bot mir zunächst ein Asyl in seinem Sollner Heim. Ich schrieb hier einen Roman, der mir die Mittel zu einer Flucht verschaffen sollte. Leider erschien der Roman erst im Jahre 1940, zu einer Zeit, da ich mich bereits im Konzentrationslager befand. Außer diesem Roman schrieb ich Artikel und Buchbesprechungen. Da dies meinen Namen wieder in die Öffentlichkeit brachte, wurde die Gestapo neuerdings auf mich aufmerksam. Offenbar hatte sie den Auftrag, mich als Schriftsteller auszurotten und so schickte sie mir, nachdem sie festgestellt hatte, daß ich keiner Kulturkammer angehörte, ihre Agenten in die neue Wohnung. Wieder wurde mein Arbeitszimmer durchstöbert und verdächtiges Schriftenmaterial mitgenommen. Was der Beamte, der schon genannte Herr Grimm, jedoch nicht fand, waren meine seit vielen Jahren mit großer Sorgfalt geführten Tagebücher, die in einem schwer zugänglichen Zwischenfach meines Bücherschrankes verborgen waren. Die Folge dieser neuen Fahndungsaktion war zunächst ein über meine schriftstellerische Tätigkeit verhängtes Arbeitsverbot. Ich durfte nichts mehr veröffentlichen, es sei denn, die Reichsschrifttumskammer erklärte sich bereit, mich als ihr Mitglied anzuerkennen. Daß sie dies nicht tun würde, stand für mich fest. Dafür sorgte schon der Vorsitzende der Ortsgruppe München im Reichsverband der Deutschen Presse, der Rechtsanwalt Dr. Held, der als treuer Diener seiner Partei den über mich verhängten Boykott nach besten Kräften sanktionierte. Außerdem erhielt ich wenige Tage nach dem Besuch des Gestapobeamten eine nicht miẞzuverstehende Einladung in die Geschäftsstelle der Geheimen Staatspolizei, die sich im ehemaligen Stadtschloß König Ludwig III., dem Wittelsbacher Palais, an der Brienner Straße befand. Hier, in einem Turm15 zimmer des 2. Stockwerks eröffnete mir nun Herr Grimm, daẞ ich verdächtig sei, der Verfasser einer antifaschistischen Schrift ,, Der Schicksalsweg des deutschen Arbeiters" zu sein. Ich erklärte, daß ich der Verfasser nicht sei. Da ich aber einen Beweis hierfür ebensowenig erbringen konnte, als die Behörde einen Beweis für die Richtigkeit ihrer Anschuldigung, lieẞ man diesen Punkt zunächst offen und legte mir dafür eine Reihe anderer Vergehen zur Last; so unter anderen, daß ich im Jahre 1929, also vier Jahre vor Hitlers Machtantritt, eine Spende von 50 deutschen Reichspfennigen für die antifaschistische ,, Eiserne Front" gemacht hatte. Da mein Name in der sich im Besitze der Gestapo befindlichen Spenderliste unmittelbar hinter dem des ehemaligen sozialdemokratischen Vizepräsidenten des bayerischen Landtags, Erhard Auer, stand, gewann die Sache offensichtlich an Tiefe und Belastungsschwere. Man könne mich zwar, so sagte Herr Grimm, für diese Stiftung an sich nicht mehr verantwortlich machen, da sie längere Zeit vor Hitlers Machtantritt erfolgt sei, aber die Tatsache, daß ich einer den Nationalsozialismus bekämpfenden Organisation durch eine Geldzuwendung meine Sympathie ausgedrückt habe, sei ein weiterer Beweis für meine staatsfeindliche Gesinnung. Die Höhe des gespendeten Betrages sei dabei von ganz untergeordneter Bedeutung, da ohne weiteres angenommen werden könnte, daß ich in einem günstigeren Vermögensfalle ebensogut 50 oder 500 Mark für diesen Zweck gegeben hätte. ,, Sollte", so schloß Herr Grimm das Verhör ,,, sich im Laufe der nächsten Zeit herausstellen, daß Ihre Gegnerschaft, die ja ohnedies hinreichend erwiesen ist, sich auch noch in einer anderen, konkreteren Form bekundet, so haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben“. Damit war ich für diesmal entlassen. Ich gebe zu, daß es damals, nach diesem ersten Verhör durch die Gestapo, hoch an der Zeit gewesen wäre, den von Herrn Grimm angedeuteten Folgen zu entgehen. Das Land zu verlassen, war schon nicht mehr möglich. Der Krieg mit Polen hatte seinen Anfang genommen und jede Ausreisemöglichkeit 16 A I C C T i H F n n a g n 2 war unterbunden. Aber was geschehen hätte können: eine sofortige Entfernung alles weiter belastenden Materials, meiner Tagebücher, die sich noch immer in meiner Sollner Wohnung befanden, und die einen nicht mehr zu widerlegenden Beweis für meine Gegnerschaft erbringen mußten. Diese Maßnahme unterblieb. Sie unterblieb, weil sich kleine, die Sorge um die Sicherheit zurückdrängende Begebenheiten ereigneten, die es mir im entscheidenden Augenblick unmöglich machten, das zu tun, was am notwendigsten gewesen wäre. Am Tag des Verhörs auf der Gestapo bot sich mir durch die Verwendung eines Bekannten die Gelegenheit, einen Schreiberposten im Verwaltungsausschuß der Münchener Universität zu bekommen, eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen durfte, deren Vorbesprechungen aber ein mehrtägiges Verweilen in der Stadt notwendig machten. Und gerade in diesen zwei oder drei Tagen vollzog sich das Verhängnis. Die Gestapo wiederholte ihren Besuch in meiner Sollner Wohnung, kehrte diesmal das unterste nach oben und fand nun auch meine Tagebücher. Damit fiel ihr ein Material in die Hände, gegen dessen Beweiskraft nichts Entlastendes mehr vorzubringen war. Am 28. November 1939 lud man mich zu einem zweiten Verhör und am 12. März des darauffolgenden Jahres wurde ich durch einen Telefonanruf aufgefordert, in das Wittelsbacher Palais zu kommen, angeblich um mein gesamtes dort noch lagerndes Schriftenmaterial, einschließlich meiner Tagebücher, abzuholen. Ich wußte, als ich mein Arbeitszimmer in der Universität verließ, daß ich es nie wieder betreten würde. Ein dunkles Gefühl sagte mir, daß die Tage der Freiheit für mich ein Ende gefunden hatten. Noch wäre Zeit gewesen, mich durch Flucht der drohenden Verhaftung zu entziehen, aber meine Mittellosigkeit, meine überreizte nervöse Anspannung versetzten mich in einen Zustand von Verwirrung und Apathie. Es blieb mir nichts anderes übrig, als dorthin zu gehen, wohin man mich beschied. Ich tat es, und saẞ zwei Stunden später in der Zelle Nr. 13 des Staatspolizeigefängnisses an der Brienner Straße. 2 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel 17 II ICH WERDE VERHAFTET UND VERHÖRT E W U Im neuen Verhör beschuldigte man mich nicht, eine antifaschistische Flugschrift verfaßt zu haben. Dafür zeugten meine Tagebücher eindeutig gegen mich. Die Geheime Staatspolizei besaß nun, was sie so lange gesucht hatte, den Beweis für meine dem Nationalsozialismus feindliche Gesinnung. In längeren und kürzeren Aufsätzen mit statistischen Nachweisen und Tabellen, Gegenüberstellung und Abbildungen, Zeitungsausschnitten und Originalbriefen, hatte ich mich hier so gründlich über den Nationalsozialismus geäußert, daß es anderer Motive zur Verhaftung nicht mehr bedurfte. Was ich geschrieben hatte, war der Nachweis der Schuld Hitlers an der planmäßigen Zerstörung und Erniedrigung all dessen, was wir bis dahin in einem reinen und unverdächtigen Sinn als deutsch ansprechen durften. Ich suchte die Beweise für diese Schuld und registrierte sie. Der furchtbare Gedanke, daß es dem Belieben eines Einzelnen anheimgegeben sei, die Völker in ein namenloses Unglück zu stürzen, trieb mich zu immer neuen Auseinandersetzungen mit dem Phänomen Macht, das hier im Zusammenhang mit den ruchlosen Plänen eines Wahnsinnigen seine ganz besondere Wertung erfuhr. Und wenn diese Auseinandersetzungen im Augenblick auch keine nach außen wirkende Bedeutung hatten, so trugen sie doch wesentlich zu meiner eigenen Erkenntnis und Urteilsbildung bei. Ich wollte nicht blind und uninteressiert an der Entwicklung und den Erscheinungen einer Politik vorbeigehen, von der mir die innere Stimme warnend sagte, daß sie uns in eine neue nationale Katastrophe führen würde. ,, Ein glücklicher Fang", sagte Herr Grimm ,,, Sie sind als Staatsfeind entlarvt"; ,, daran können nun alle Erklärungen nichts mehr ändern und Sie müssen die Suppe, die Sie sich da 18 e E S n e G a S " I S M F G l W i r a h d 2* 1 S a eingebrockt haben, eben auslöffeln". Er verhaftete mich auf Grund eines Beschlusses des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin. ,, Rechtsmittel stehen Ihnen nicht zur Verfügung!" wurde ich belehrt,„ Anordnungen des Hauptamtes sind unumstößlich". Ich stand fassungslos vor diesem Gewaltakt, der mich mit einem Schlag aus allem herausriß, was mir das Leben, allen Härten und Unbilden zum Trotz, liebenswert gemacht hatte. Vierzig Jahre alt, nach Zeiten bitterer Entbehrungen und Enttäuschungen und gerade in jenen Tagen aufs neue entschlossen, nicht zu kapitulieren, überfiel mich in diesem Augenblick das Verhängnis wie ein apokalyptisches Tier. Ich konnte mich nicht einmal zur Wehr setzen. Jeder Versuch, mich zu erklären, blieb erfolglos, ich hätte ebensogut in einen tönernen Götzen hineinreden können und er hätte vielleicht eher geantwortet, als diese durch nichts zu bewegende Macht, die unter Verzicht auf den Schein der Gerechtigkeit einen Menschen zum Tode verurteilen konnte. ,, Besser zehn Unschuldige töten, als einen Schuldigen entkommen lassen!" hatte Herr Himmler einmal gesagt und nach diesem Rezept wurde verfahren. Mochte das nationalsozialistische Gesetz mich verurteilen, mein Gewissen sprach mich frei. Dies gab mir die Kraft mein Schicksal zu tragen. Meine Furcht, man würde versuchen, mir mit den üblichen Gestapomethoden weitere Geständnisse und Aussagen zu erpressen, erfüllte sich nicht. Man behandelte mich in diesem Gefängnis sogar höflich, bot mir Zigaretten an und erklärte lächelnd, länger als drei bis vier Monate würde meine Haft wohl kaum dauern. Den Doppelsinn dieser Bemerkung konnte ich damals noch nicht begreifen. Man empfahl mir ferner mich ,, in das Unvermeidliche zu schicken, keine Dummheiten zu machen und mich durch gute Führung auszuzeichnen". Anschließend an diese trostreichen Instruktionen ging man an die Abfassung eines Protokolls, bei welcher Gelegenheit ich nicht ohne Verwunderung feststellen mußte, daß diese Vertreter und Hüter der deutschen Staatsautorität un2* 19 - - fähig waren, auch nur einen einzigen halbwegs verständlichen Satz zu formulieren. Ohne die Verlegenheit, in der sie sich befanden, zu verbergen, forderten sie nach einigen hoffnungslosen Versuchen mich ihr Opfer auf, ihnen doch dabei behilflich zu sein. Ich tat ihnen den Gefallen nicht und machte lediglich dort Einwände geltend, wo man mir der Einfachheit halber Absichten und Handlungen unterstellen wollte, die in Wirklichkeit niemals bestanden hatten. Nachdem auch dieser Akt, nicht ohne Mühen und Zwischenfälle, erledigt war, wurde ich zum Erkennungsdienst geführt und in das Album politischer Verbrecher und Staatsfeinde aufgenommen. Als man mich nach Beendigung dieser Prozedur über den Hof führte, auf dem früher einmal die Karossen eines bayerischen Königs paradiert hatten, überfiel mich ein Gefühl tiefster Wehmut. Da fingen die Büsche und Bäume eben an zu grünen, der Frühling kam und die liebe, alte Erde schickte sich wieder einmal an, schön und gastlich zu sein und ich ging in die Gefangenschaft. Irgendwo in der Nähe, jenseits der Mauer auf der Straße, klang lustiges Kinderlachen. In den Häusern gegenüber dem Zellengefängnis standen die Fenster weit offen, weißes und rotes Bettzeug sonnte sich auf den Simsen, ein frischer Duft strömte aus allem, was da im Licht der Sonne sich bewegte oder ruhte; aber das Tor zum Gefängnis verschluckte den Streifen Tag, der mich in das Innere des düsteren Bauwerks begleitete. 20 20 III IM ZELLENGEFÄNGNIS DER GEHEIMEN STAATSPOLIZEI Das Zellengefängnis der Geheimen Staatspolizei an der Brienner- Türkenstraße war damals ein ziemlich neuer und verhältnismäßig sauberer Bau. Er war nicht sehr groß, bot wenig Bewegungsfreiheit und diente ausschließlich dem Durchgangsverkehr in das Lager, die Strafanstalt, in den Tod oder in die Freiheit. Es gab große und kleine Zellen. In allen befanden sich die üblichen an der Wand hochklappbaren Metallbetten, ein Klapptisch, zwei Klappbänke, ein kleines Wandregal und ein Wasserklosett. Die Zellen waren mit Zentralheizung versehen, die Fenster lagen hoch. Längeres Verweilen am Fenster war verboten, was mich freilich nicht hinderte, oft stundenlang in die mir vertraute Türkenstraße hinüberzublicken. Erfreulicherweise hatte man mir bei meiner Einlieferung so gut wie gar nichts abgenommen, so daß ich mir zur Beruhigung meiner Nerven wenigstens eine Zigarette anzünden konnte. Es ließ sich also zunächst alles viel besser an, als ich erwartet oder vielmehr befürchtet hatte. Ich durfte nicht nur meine mitgebrachten Zigaretten behalten, ich konnte sogar noch welche kaufen. Der Schließer brachte mir auch eine Speisekarte und teilte mir mit, daß ich mich selbst verköstigen könne; die Hauskost bekäme ich überdies. Ferner gab es Brötchen, Magermilch, Kunsthonig, Marmelade und Bier zu kaufen. Hier hätte der Einwand Berechtigung, daß in anderen Berichten über die Verhältnisse in den Gefängnissen der Gestapo wesentlich anderslautende Darstellungen gegeben werden; daß, beispielsweise, die Verhafteten bei Verhören blutig geschlagen oder allen möglichen Folterungen ausgesetzt wurden. Ich habe keinen Grund, solche Vorkommnisse anzuzwei21 feln. Ich weiß, daß Exzesse dieser Art nicht nur vorkamen, sondern in zahlreichen Fällen zur Regel gehörten. Wenn, wie in meinem Fall, man von solchen Mitteln keinen Gebrauch machte, so lag das nicht an einer besonders menschenfreundlichen Einstellung mir gegenüber, sondern ausschließlich in der Methode eines Ermittlungsverfahrens, die immer nur im Sinne der größeren Erfolgsaussichten zur Anwendung gelangte, wobei der eine auf eine freundliche, der andere auf eine entgegengesetzte Behandlung rechnen konnte. Moralische Bedenken spielten dabei keine Rolle. Man verfuhr nach den Grundsätzen der Zweck dienlichkeit, wobei man Menschen, deren Tod schon beschlossen war, mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit behandelte, während man andere, bei denen es sich vielleicht nur um Bagatellen handelte, halb zu Tode prügelte. Meine Gefängnistage vergingen eintönig. Zweimal bekam ich Gesellschaft von anderen Opfern der Gestapo. Einmal einen jungen Flugzeugtechniker, den man der Sabotage bezichtigte, das andere Mal einen Baugeschäftsinhaber, dem man das Abhören ausländischer Sender zur Last legte. Mit ihnen spielte ich Schach, oder wir erzählten uns unsere Verhaftungsgeschichte. Einmal in der Woche gingen wir baden und zweimal in der Woche wurden wir rasiert in einer eigenen Friseurstube, wo ich zu meiner Überraschung einen alten Bekannten traf. Welche Gründe zu seiner Verhaftung geführt hatten und welches Schicksal ihn erwartete, konnte ich damals nicht erfahren, da jede Unterhaltung zwischen den Gefangenen verboten war. Wir mußten uns also mit einem Händedruck begnügen und ein paar rasch geflüsterten Worten, denen ich entnahm, daß er seit vier Monaten die Gastfreundschaft dieses Hauses genoẞ. Unter diesen für mich verhältnismäßig erträglichen Lebensbedingungen verliefen die ersten drei Wochen. Ich gab mich schon der naiven Hoffnung hin, es könnte so bleiben und man würde mich in meiner Zelle in der Brienner Straße die mir zugedachte Zeit absitzen lassen. Jedoch war ich verschiedene Male von Herrn Grimm und 22 einem Herrn Baer über meine Stellung zum Nationalsozialis- mus verhört worden. Ihre Fragen waren darauf berechnet, mir eine Falle zu stellen.„Warum haben Sie sich nicht schon längst auf den Nationalsozialismus umgestellt?“ oder„Was haben Sie eigentlich an Alfred Rosenberg auszusetzen?“ Ich schwieg. Nach einem solchen Verhör erklärte mir.endlich Herr Grimm, daß man nun über mich völlig im Bilde sei und daß ich mich auf einen baldigen Abtransport in ein Lager gefaßt zu machen hätte. 23 IV DACHAU IST ÜBERFÜLLT In den Morgenstunden des 10. April wurde ich in einer, in der Nähe des Gestapohauses gelegenen Polizeikaserne ärztlich untersucht. Gleich nach dem Mittagessen holte man mich zur Geschäftsstelle, wo ich erfuhr, daß ich noch heute in das Polizeigefängnis an der Ettstraße und an einem der nächsten Tage von dort mit einem Sammeltransport nach dem Konzentrationslager Sachsenhausen überführt werden würde. Ich hatte bis dahin von einem Ort dieses Namens nichts gewußt. Herr Grimm erklärte mir, daß es sich um ein Lager in der Nähe Berlins handle. 99 , Weshalb nach Berlin?" wollte ich wissen. ,, Kann ich nicht in Bayern bleiben?" ,, Dachau ist überfüllt!" sagte Herr Grimm ,,, sonst hätten wir Sie vielleicht dorthin geschickt. Aber trösten Sie sich, Sachsenhausen ist ein Musterlager, Sie haben es dort in jeder Hinsicht besser als hier. Bei guter Führung haben Sie Aussicht, in kürzester Zeit entlassen zu werden". Ich wurde wieder in meine Zelle geführt. In größẞter Eile raffte ich meine Habseligkeiten zusammen, unten im Hof wartete bereits ein großer schwarzer Wagen. In ihm wurde ich mit einigen Gefangenen aus anderen Zellen in das Polizeipräsidium an der Ettstraße gebracht. Das alles vollzog sich sehr rasch und ließ mir nicht viel Zeit zum Nachdenken. Irgend jemand zu benachrichtigen war mir unmöglich. Ich hätte gerne meine Kinder noch einmal gesehen, meinen Ältesten, der vor der Einberufung stand, und von dem mir ein dumpfes Gefühl sagte, daß ich ihn niemals wiedersehen würde. Dieses Gefühl hatte mich nicht betrogen. Das Schicksal erwies mir keine Gnade, unsere Wege mußten sich für immer trennen. 24 J Das Polizeigefängnis an der Ettstraße war im Gegensatz zum Gestapogefängnis das reine Zuchthaus. Aller Privilegien, die ich dort noch hatte, ging ich hier verlustig. Man nahm mir alles ab, was ich besaß: Bücher, Schreibgerät, Zigaretten, Lebensmittel. Man stopfte mich in eine Zelle, in der sich vierzig Personen befanden, und zwar nicht nur politische Gefangene. Alte und junge Männer, gut- und schlechtgekleidete, saubere und abschreckend schmutzige, einige mit erträglichen menschlichen Gesichtern, andere mit weniger vertrauenerweckenden. Das alles schrie, tobte, stampfte, brüllte wüst und wirr durcheinander. Die einen sangen, andere beschimpften sich gegenseitig oder liefen wie gefangene Mäuse in dem unfreundlichen, schmutzigen Raum auf und ab. Alle Augenblicke thronte ein anderer auf dem gußeisernen Klosettbecken, dessen Wasserspülung schon längst nicht mehr funktionierte. Trotz des Verbots wurde heftig gequalmt, nicht etwa Zigaretten oder Zigarren, sondern sogenannte Priemtüten, die aus getrocknetem Kautabak und Zeitungspapier hergestellt wurden und die einen Geruch verbreiteten, der sich in Verbindung mit anderen Gerüchen zu einer Atmosphäre verdichtete, die mit dem Ausdruck Knast einigermaßen treffend zu beschreiben ist. Als ich diesen Raum betrat und die eiserne Türe sich hinter mir geschlossen hatte, bekundete man sogleich ein respektvolles Interesse für mich. Vielleicht vermutete man wegen meiner besseren Kleidung in mir den Angehörigen einer höheren Verbrecherkaste. Als ich ihnen aber sagte, daß ich Schutzhäftling und eines politischen Delikts wegen hier sei, erlahmte ihr Interesse sichtlich. ,, Ob ich nichts zu rauchen dabei hätte?" ,, Nein, hier nicht. Man hat mir alles unten an der Pforte abgenommen." Großes Bedauern bei den einen und ein spöttisches Gelächter bei den anderen. 99 Wie man nur so dumm sein könne!" Ein älterer, recht sympathisch aussehender Mann trat auf mich zu und empfahl mir eindringlich, künftighin ja nicht mehr so dumm zu sein. 25 ,, Tun Sie bloß nicht alles, was man von Ihnen verlangt", sagte er im Tone spitzbübischer Väterlichkeit ,,, sonst sind Sie erledigt und die Polizei hat keinen Respekt vor Ihnen. Es gibt nämlich keine dümmere Behörde als die Polizei. Man wird glänzend mit ihr fertig, wenn man sie erst einmal durchschaut hat. Wenn Sie also schon Zigaretten bei sich haben, dann sehen Sie zu, daß Sie die Ware auch herausbekommen, denn die Nacht ist lang und schlafen können Sie vor lauter Wanzen doch nicht." Ich versprach, die erste Gelegenheit, die mich mit meinem Gepäck in Berührung bringen würde, in diesem Sinn zu benützen. Es ging noch am gleichen Tag. Meine geschiedene Frau, die durch die Gestapo von meiner bevorstehenden Verschickung gehört hatte, kam in die Ettstraße und brachte mir Lebensmittel und Zigaretten. Was mir vorher nicht möglich gewesen, gelang mir jetzt; ich steckte alles Mitgebrachte zu mir und kehrte, als die Zeit der Sprecherlaubnis verstrichen war, in die Zelle zurück. Unter den Insassen dieser Zelle waren zwei, die mich mehr als die anderen interessierten. Der eine, ein Unteroffizier der Luftwaffe, war wegen Verdacht der Fahnenflucht zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und befand sich auf dem Weg in das Militärstraflager Lingen im Emsland. Der andere war ein ehemaliger sozialdemokratischer Funktionär, der nach dreijähriger Haft im Konzentrationslager Dachau nach Berlin überstellt werden sollte. Der Soldat war ein intelligenter junger Mann. Er erzählte mir eine Soldatentragödie, wie sie nur im Staate Adolf Hitlers möglich sein konnte. Der Sozialdemokrat aus dem Lager Dachau schreckte mich seines Aussehens wegen. Noch nie hatte ich einen Menschen in so erbarmungswürdiger Verfassung gesehen. Der ganze Mann, dem ein angstvoller, fast irrer Blick eigen war, bestand nur noch aus Haut und Knochen. Er hatte Arme wie ein rachitisches Kind und einen Brustkorb wie auf den Totentanzbildern des Mittelalters. Dieser elende und zerfallene Leib war mit faustgroßen, brandigen Geschwüren bedeckt, Furun26 keln von solchen Ausmaßen, wie sie nur bei einer völligen körperlichen Vernachlässigung entstehen können. Der Mann versicherte mir, daß sein Aussehen sich nicht sonderlich unterscheide vom Aussehen der meisten Schutzhäftlinge im KL Dachau und eröffnete mir damit Perspektiven, die mich nachdenklich stimmten. Diese beiden Menschen, der Soldat und der Mann aus Dachau, wurden am folgenden Tage mit mir zusammen in eine neue Zelle gebracht, die sogenannte Transportzelle, von der uns der Schließer im Vertrauen mitteilte, daß in ihr der Stabschef Ernst Röhm, der ehemalige Intimus Hitlers, erschossen worden sei. Auch hier war es eine bunte und durchaus nicht gleichwertige Gesellschaft, die in dieser Zelle auf den Abtransport nach einem der zahlreichen Konzentrationslager und Zuchthäuser wartete. Ein junger Kaufmann aus Königshütte in Oberschlesien ging gleich mir in die Verbannung nach Sachsenhausen. Er hatte nichts verbrochen, sondern lediglich versucht, dem Paradies Adolf Hitlers durch eine illegale Reise ins Ausland, nach Ungarn, zu entrinnen. Ein Agent der Sicherheitspolizei verhaftete ihn an der Grenze. Aus den bekannten, dürftigen Gründen, Verdacht staatsfeindlicher Gesinnung, wurde er in Schutzhaft genommen und nach sechsmonatiger Untersuchungshaft in das Lager verschickt. Der Abtransport aus dem Polizeigefängnis erfolgte in den frühen Morgenstunden des 12. April. Wir erhielten an der Pforte unsere Habseligkeiten zurück, bekamen Brot, Wurst und ein Stück Margarine als Marschverpflegung, und wurden im grünen Polizeikraftwagen nach dem Münchener Hauptbahnhof geschafft. Es ist ein sehr merkwürdiges Gefühl, Stätten, die einem im Laufe des Lebens lieb und vertraut geworden sind, und dazu gehören für mich die Bahnhöfe, plötzlich aus dem engen Gesichtswinkel des Gefangenen, also eines nicht mehr am freien Genuß solcher Einrichtungen beteiligten Menschen, betrachten zu müssen. Von hier aus hatten wir als glückliche Kinder 27 unsere fröhlichen Sommerreisen angetreten. Von hier aus war ich unzählige Male bald dahin, bald dorthin gefahren. Wer mit dem Herzen reist, wird mich verstehen und begreifen, wie mir zumute war, als ich an jenem Aprilmorgen versuchte, mir noch einmal das Bild einer Stadt einzuprägen, die vier Jahrzehnte lang meine Heimat war und von der ich damals nicht ahnen konnte, daß ich sie erst fünf Jahre später als eine wüste Trümmerstätte wiedersehen würde. verDer Gefangenenwagen der Polizei, in den man uns frachtete, enthielt eine Reihe von Zellen; in jeder von ihnen hatten zwei bis drei Menschen Platz. Das hoch gelegene und mit einem dichten Maschendraht versehene Fensterchen gestattete nur einen beschränkten Ausblick, Über Freising, Landshut, Regensburg ging die Fahrt nach Hof, der letzten Stadt in Bayern. Hier erwartete uns eine Abteilung der Polizei, die uns an Handschellen nach dem Gefängnis der Stadt brachte. In einem ehemaligen Kloster, in kasemattenartigen Gewölben, die den primitivsten Begriffen von Hygiene Hohn sprachen, verbrachten wir die Nacht auf dem nackten Steinpflaster des Fußbodens. Stühle oder Hocker oder überhaupt irgendeine Sitzgelegenheit gab es nicht. Dafür gab es Kellerasseln und ähnliche flinke Insekten. Das Abendessen, das man uns in schmierigen Steinguttöpfen verabreichte, bestand aus einer graublauen Wassertunke, in der ein paar verdächtige Fleischfasern herumschwammen; das Brot war verschimmelt und nahezu ungenießbar. Doch verzehrte ich Suppe und Brot mit stupider Gleichgültigkeit. Ich hatte die Freiheit verloren, und das Glück, sie wieder zu erringen, war keine Sache der eigenen Entschlußkraft. Am folgenden Tag ging die Fahrt weiter nach Weimar. Auch hier lagen wir in einem Keller, einem feuchten Gelaẞ, das uns lediglich durch die Freundlichkeit des dortigen Polizeimeisters einigermaßen erträglich erschien. Zwei Tage lagen wir hier, untätig, dumpf dahindämmernd, im Dunkel hausend und immer tiefer hineingleitend in die Region des Ungewissen, Weglosen. 28 Am Tage nach unserer Ankunft bekamen wir einen Zugang, einen Juden aus Jena namens Feuerstein. Jahrzehntelang war er Angestellter bei der Firma Zeiß gewesen. Zeugnisse, die er bei sich trug und nicht ohne Stolz herzeigte, legitimierten ihn als einen fleißigen und begabten Arbeiter. Er hatte sich ein kleines Vermögen erworben und war Besitzer eines Hauses in Jena. In dieses Haus mußte er im Jahre 1939 einen nationalsozialistischen Funktionär als Mieter aufnehmen. Dem wollte es offenbar nicht in den Kopf, daß im Jahre 1939 und im Zauberreich Adolf Hitlers ein Jude noch Besitzer eines Hauses sein konnte, weshalb er auf Mittel sann, diesem ihm unwürdig erscheinenden Zustand ein Ende zu bereiten. Er denunzierte den Juden bei der Geheimen Staatspolizei unter dem Vorwand, Feuerstein habe ihm, dem führertreuen Germanen, verboten, die Hakenkreuzfahne zu hissen. So unsinnig diese Anschuldigung auch war- welcher Jude in Deutschland wäre so wahnwitzig gewesen, im Jahre 1939 ein solches Verbot auszusprechen der Gestapo genügte diese Angabe. Feuerstein wurde mit seiner Frau verhaftet; beide kamen ins Konzentrationslager, er nach Sachsenhausen, sie nach Ravensbrück. Es ist kaum anzunehmen, daß sie die Freiheit wiedergesehen haben. - Wir verließen Weimar an einem hellen Frühlingsmorgen und erreichten gegen Abend Halle, wo wir im Polizeigefängnis übernachteten. Hier kamen wir mit einem Häftling aus Sachsenhausen in Berührung, der zu einer Gerichtsverhandlung nach München fuhr und uns die erste Kunde über die Zustände und Verhältnisse im Lager brachte. Diese Mitteilungen waren wenig geeignet, unsere Zuversicht zu stärken. Aber der Mensch in seinem sträflichen Optimismus will mitunter nicht wahrhaben, was seinen Seelenfrieden bedroht, weshalb auch wir zu der Annahme neigten, daß der Mann entweder nicht die Wahrheit sprach oder zum mindesten übertrieb. Zwei Tage später mußte ich ihm Abbitte leisten; er hatte nicht übertrieben, und die Wahrheit hatte er nur insofern 29 nicht gesprochen, als er uns die Verhältnisse wesentlich milder geschildert hatte, als sie in Wirklichkeit waren. Von allen Städten, die wir auf unserer Fahrt in die Verbannung berührten, haben wir außer den Bahnhöfen und Polizeigefängnissen nichts gesehen. Auch nicht von Berlin, wo uns bald das hohe Eisengitter des Polizeipräsidiums von der Außenwelt trennte. Alex! Die Zwingburg der reichshauptstädtischen Sicherheit! Ein massiver Backsteinkasten im erbärmlichen Zierstil der. achtziger Jahre, berühmt und berüchtigt, wie kaum ein anderes Gefängnis in Deutschland. Es war ein bedrückendes Gefühl, mit dem ich diese Zitadelle des Elends betrat, in dem ein Riesenheer von Beamten bei Tag und Nacht für Sicherheit sorgte. In dem hohen und nüchternen Raum, in dem unsere Aufnahme erfolgte, laborierte dieser Beamtentroß mit Stößen von Formularen und Strömen von Tinte. Es dauerte Stunden, bis unseren Personalien wieder einmal alle verwaltungstechnischen Weihen und Stempelzeremonien zuteil geworden waendren und wir, die wir ausgehungert und erschöpft waren, lich in eine jener schauderhaften Massenunterkünfte eingewiesen werden konnten, jene verließartigen Kellerräume, in denen fünfzig Menschen schon an Platzmangel litten, was nichts daran änderte, daß dreihundert darin unterkommen mußten. Die Verhaftungswoge, die damals zu Beginn des Krieges über ganz Deutschland und die von Hitler okkupierten Gebiete hereingebrochen war, fing sich raumsprengend in den, bei aller Großzügigkeit der Planung, doch viel zu eng geratenen Unterkünften. Man hatte zwar die Mittel Tausende und Abertausende von Menschen dingfest zu machen, sie von ihren Familien zu trennen, aus ihrer Heimat zu vertreiben, von Gefängnis zu Gefängnis, von Lager zu Lager zu schleppen, aber es gebrach an Raum für alle diese Unglücklichen, Man mußte sie zusammenpferchen, wie man Tiere nicht zusammenpferchen würde. Unter völligem Verzicht auf die Anerkennung der primitivsten Menschenrechte, bewies die privilegierte 30 Klasse ihre turmhohe Überlegenheit, indem sie mit einem einzigen Fußtritt ganze Armeen von Wehrlosen in den Abgrund stieß. In einem Buch über Hermann Göring, das mir im Gestapogefängnis in die Hände geraten war, hatte ich den Satz gelesen: ,, Generalfeldmarschall Göring hat alle Lebewesen unter seinen machtvollen Schutz genommen!"; und aus einem Werk des Dr. Hecke über die Tierseele erfahre ich heute, daß ,, beim Schwalbenzug alljährlich ermattete Schwalben am Nordrand der Alpen zurückbleiben, Schwalben, deren Kräfte infolge von Alter und Krankheit für das Überfliegen der Alpen nicht ausreichen. Aber wir Deutschen sammeln diese schwachen Schwalben durch Tierschutzorganisationen, bringen sie nach München, und lassen sie von dort durch Flugzeuge der Lufthansa nach Venedig schaffen." Ich vergleiche diese tröstliche Mitteilung, die uns über das Schicksal der Schwalben beruhigt und uns über die unvergleichlichen Tugenden der Deutschen aufklärt, mit jener Massenzelle im Keller des Polizeigefängnisses am Alexanderplatz, und habe ein Beispiel für die Heuchelei einer Macht, die unter der Maske des Biedermannes ihr Reptiliengesicht verbirgt. Drei- bis vierhundert lebende Menschen, deren Existenzrecht offenbar unter dem der Schwalben rangierte, waren hier auf engstem Raum zusammengepreßt, standen, lagen, kauerten, hockten in allen nur erdenklichen und doch kaum vorstellbaren Stellungen nebeneinander und übereinander; sie krochen auf allen Vieren übereinander hinweg, sie bespieen sich gegenseitig und verpesteten die Luft mit ihren Ausdünstungen. Hier lagen Menschen, die seit Wochen, ja Monaten nicht mehr aus den Kleidern gekommen waren, die keine Gelegenheit fanden, sich auch nur notdürftig zu reinigen, hier wimmelte es von Ungeziefer und alles starrte vor Schmutz. Aus Menschen, die bis vor kurzem noch alle Anzeichen einer friedlichen bürgerlichen Gesittung an sich trugen, die sich aller zivilisatorischen Vorzüge unseres Zeitalters erfreuten und 31 es jedenfalls verabscheut hätten, aus der seit Wochen ungewaschenen Schüssel eines unbekannten Vorgängers zu essen, wurden hier seelenlose Kreaturen gemacht, Zwischenwesen ohne Recht auf Leben und Licht. ,, Lasciate ogni speranza, che entrata", lauteten die niederschmetternden Worte über dem Tor zur Höllenstadt, als Dante an der Seite Vergils sie betrat; sie standen in flammenden Lettern auch über diesem Gemäuer und brannten mir ihren Schauer ins Herz. Sie öffneten mir den Weg in eine Welt und in eine Zukunft, die unergründlich war wie, das Meer und dunkel wie der Tod. 32 V HAMSUN: EINE SEGENSREICHE EINRICHTUNG ,, Hier hat niemand zu lachen! Der einzige, der hier lacht, ist der Teufel, und der Teufel bin ich!" Ausspruch des Lagerkommandanten Baranowsky ,, Die Erfindung von Konzentrationslagern ist englischen Ursprungs!" lautete der Anfang eines während der Hitlerregierung erschienenen Berichtes über den Burenkrieg. ,, Sie hatten keinen anderen Zweck, als den der Vernichtung und Ausrottung von Menschen, denen nichts vorzuwerfen war, als daß sie ihre Freiheit liebten und für ihre Freiheit kämpften." Da der Verfasser seine Betrachtung über die spätere Entwicklung dieser Erfindung nicht weiter verfolgt hatte, nahm ich mir vor, dies einmal an seiner Stelle zu tun. Die den Engländern zugesprochene Erfindung wäre in den Kinderschuhen steckengeblieben, hätte uns das Schicksal nicht Adolf Hitler geschenkt, der die Einrichtung von Konzentrationslagern in einer Weise zur Entfaltung brachte, an der gemessen der primitive Einfall der Engländer kaum noch Erwähnung verdient. Ob Adolf Hitler bereits in den Vorbereitungsjahren der sogenannten Kampfzeit die dann im Jahre 1934 so bündig formulierte Absicht: ,, Es wird eine Technik der Entvölkerung entwickelt werden müssen!" ganz klar und verwirklichungsreif gefaßt hatte, weiß ich nicht, es ist jedoch anzunehmen. Die Forderung, seine politischen Gegner„ physisch vernichten zu dürfen" tauchte jedenfalls schon in einer der ersten Dokumentierungen seiner Aussprüche auf und ist gewiß so alt wie sein berühmter Entschluß Politiker zu werden. Das ist nicht menschenfreundlich gedacht, aber vom Standpunkt der Opportunität aus betrachtet, einfach und wirkungsvoll. Schließlich, 3 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel 33 was gibt es bequemeres, als jemanden umzubringen, wenn man davon überzeugt ist, daß dieser Jemand nicht mit allem einverstanden ist, was zu tun man selbst für das einzig Richtige hält. Hitler war nicht so dumm, die Zahl seiner Gegner zu verkennen. Er rechnete, daß nicht einige, sondern viele umgebracht werden mußten, und zwar fortlaufend, denn mit einem Male war das Geschäft nicht zu bewältigen. Es mußten also Orte und Einrichtungen geschaffen werden, mit deren Hilfe diese Massenabschlachtungen technisch durchführbar waren. Die Orte waren die Konzentrationslager; die Einrichtungen waren die Lagerkrematorien, die Fabriken des Todes. Man hat einmal gesagt, daß der Mord sich nicht organisieren ließe, er würde immer eine Einzelerscheinung bleiben. Die Konzentrationslager, Schauplätze von Blut und Schrecken, beweisen den grausigen Irrtum dieses Glaubens. Gewiß, heute, da ich dies schreibe, herrscht ein allgemeines Entsetzen und ein ungeheurer Abscheu vor dem blutigen Handwerk der Gestapo, aber damals, da es vielleicht noch möglich gewesen wäre, den Anlaß dieses posthumen Entsetzens zu verhindern, konnte sogar ein so großer Dichter wie Knut Hamsun es mit seinem Gewissen vereinen, die Konzentrationslager Adolf Hitlers als eine segensreiche Einrichtung anzuerkennen. Als Hitler und Himmler die Technik der Vernichtung politischer Gegner ausarbeiteten, war der Ort, an dem ich später Zeuge von der Wirksamkeit dieser Errungenschaft werden sollte, eine schuldlose Wildnis. Das Waldstück von Sachsenhausen, am Nordrand der Stadt Oranienburg beginnend, durchschnitten von der Straße Sachsenhausen- Schmachtenhagen, im Osten begrenzt von dem aus dem Lehnitzsee kommenden Hohenzollernkanal und im Westen von der Bahnlinie Oranienburg- Löwenberg, gehörte bis zum Jahre 1935 der Stadtgemeinde Oranienburg und diente ruhebedürftigen Pensionären und ehemaligen Hofbeamten, 34 die sich hier angesiedelt hatten, zu bescheidener Erholung. Alle diese Leute waren selbstverständlich treue Anhänger des Mannes aus Braunau, von dem sie damals noch nicht ahnen konnten, daß er ihnen eines Tages ihre Waldpromenaden und vom Verschönerungsverein gepflegten Spazierwege wegnehmen und in sein Konzentrationslager einbeziehen würde. Sofort nach der Machtübernahme im Jahre 1933 wurde in der ehemaligen Schultheiß- Patzenhoferschen Brauerei zu Oranienburg ein Sammellager für politische Häftlinge eingerichtet, das sich später als zu klein und für den eigentlichen Zweck solcher Lager unbrauchbar erwies. Die Notwendigkeit, das provisorische Lager aufzulösen, veranlaẞte die Presse zu der Erklärung, daß auf Grund eines Erlasses des Führers und im Zuge einer allgemeinen Amnestie auch das Konzentrationslager Oranienburg aufgelöst worden sei. Diese in der Öffentlichkeit die Vorstellung erweckende Mitteilung, die nationalsozialistische Regierung habe nun damit begonnen, die als vorübergehende Einrichtung gedachten Konzentrationslager aufzulösen, entsprach insofern der Wirklichkeit, als zu jenem Zeitpunkt das alte Lager Oranienburg tatsächlich geschlossen, das neue Lager Sachsenhausen aber dafür eröffnet wurde. Schon im Jahre 1934 hatte die ,, Zentralbauleitung der WaffenSS" das Gelände bei Sachsenhausen käuflich erworben und für die Öffentlichkeit gesperrt. Kriminelle und politische Häftlinge wurden zur Rodung des Grundstücks herangezogen, die ersten Baracken wuchsen aus dem Boden, ein doppelter Drahtzaun sicherte den Bezirk, ein Truppenlager mit Kasernen und Wirtschaftsgebäuden wurde geschaffen, und als ich im April 1940 in das Lager kam, war das Ganze bereits eine Siedlung vom Ausmaß einer kleinen Stadt mit etwa 12000 Einwohnern, von denen etwa 10000 Gefangene, die übrigen die zu ihrer ,, Betreuung" bestellten Wachmannschaften, Angehörige der Waffen- SS, Totenkopfstandarte Niederbarnim, waren. Am 18. April 1940, dem Tag, der in meinem Leben eine so 3* 35 einschneidende Rolle spielen sollte, erfolgte die Fahrt vom Alex nach Sachsenhausen in fensterlosen Lieferwagen, die der staatspolizeiliche Ordnungssinn zum Transport von Verbrechern aller Kategorien ersonnen hat. Zusammengepfercht bis aufs äußerste, die einen sitzend, die andern stehend und das Ganze an jeder Kurve wild durcheinandergeschüttelt, erreichten wir, ein Transport von 150 Gefangenen, das Außentor des Lagers gegen zwei Uhr nachmittags. Das erste, was wir nach dem Verlassen unseres fahrbaren Gefängnisses erblickten, war eine sich endlos längs der Straße hinziehende, etwa zwei Meter hohe und mit Stacheldraht bewehrte Mauer aus grauen Quadern und zwei an hohen Masten flatternde Fahnen, die Reichsfahne mit dem Hakenkreuz und die schwarze Fahne der SS mit den beiden blitzförmigen Runen. Ich hatte diese Fahnen nie geliebt; jetzt haßte ich sie. Die Fahnen flankierten ein Gebiet, das nicht dem Leben, sondern dem Tod geweiht war. Hier überlieferte uns die Polizei der SS, baumlangen, schlacksigen Figuren in grauen Felduniformen, das Symbol des Todes auf den Mützen, mit Revolvern an den Gürteln und Hetzpeitschen in den knochigen Händen. Ihre Gesichter waren von einer so erschreckenden Ausdrucksgleichheit, daß man unwillkürlich an das mit organisatorischer Gründlichkeit erzielte Ergebnis einer biologischen Zuchtwahl für den Dienstgebrauch" denken mußte. Warum auch nicht? Ist es nicht den Termiten im Laufe ihrer erstaunlichen Entwicklung gelungen, einen eigenen Soldatentyp heranzuzüchten, der unter zwangsläufigem Verzicht auf jede andere Eigenart lediglich dazu berufen ist, zu kriegen und zu morden? Warum sollte der Mensch nicht fähig sein, ebenfalls gewisse Spezialtypen mit Kollektivgesichtern, beispielsweise für den heroischen Gebrauch heranzubilden. Daß der Nationalsozialismus es konnte, bewiesen diese dem Anschein nach serienmäßig hergestellten Köpfe der verschiedenen Unter-, Ober- und Hauptscharführer, die uns jetzt durch das große Lagertor und den sogenannten Kommandanturbereich in das Konzentrationslager schleusten. 36 Das Konzentrationslager, oder wie es amtlich hieß, Schutzhaftlager Sachsenhausen, bildete in seiner Grundform ein riesiges Dreieck, das in Nähe seiner Basis von einer Straße durchschnitten wurde und infolgedessen in zwei Teile zerfiel, einen dreieckigen und einen trapezförmigen. Der letztere enthielt das Truppenlager; in ihm befanden sich die Kompanie- Unterkünfte, Kasernen, das SS- Krankenrevier, das Führerheim, ein Wirtschaftsgebäude mit Küche und Speisesaal, Stallungen, Garagen und ein weitausgedehnter Exerzierplatz. An der Straße lagen die langgestreckten Baulichkeiten des SS- Kraftfahrzeugdepots und schließlich das Verwaltungsgebäude des SS- Standorts Oranienburg und des ,, WirtschaftsVerwaltungshauptamtes". Der andere dreieckige Teil war das Häftlingslager. Auch dieses war aufgeteilt in mehrere Abschnitte, den schon erwähnten Kommandanturbereich an der Basis des Dreiecks mit den Unterkunftsbaracken für die im Lager diensttuenden SS- Angehörigen, einigen Verwaltungsbaracken der politischen Abteilung und dem Erkennungsdienst, Kammergebäuden, Materiallagern, Garagen, der Kommandanturküche mit dem Kasino für SS- Unterführer, dem Luftschutzkeller einer unterirdischen Kegelbahn- und den Häusern des Wachkommandos. Außerdem noch eine breite Grünanlage mit einem Tiergehege, denn nach antiken Mustern hielten sich die Kommandanten des Lagers, mit Ausnahme des letzten, Bären, Affen und Bluthunde. Dieser Kommandanturbereich war vom eigentlichen Häftlingslager wieder durch eine Mauer getrennt, in deren Mitte sich, genau dem großen Lager- Außentor gegenüber, der Turm A befand ein breiter Zweiflügelbau mit einem turmartigen Aufsatz und dem eigentlichen Lager- Eingangstor, über dem in mächtigen Metallettern das Wort: SCHUTZHAFTLAGER stand. Über dem Gittertor prangte die übergroße Inschrift: ARBEIT MACHT FREI. Dahinter öffnete sich eine 5 Meter tiefe Einfahrt, in der 38 sich rechts die Torwache mit der Blockführerstube und links das Zimmer des Arbeitsdienstführers und die Räume der Postzensurstelle befanden. Im ersten Stock des Turmes A lagen die Zimmer des Rapportführers, der Lagerführer, der Aufnahmeraum mit der großen Häftlingskartei; der Turmbau war Aufenthaltsraum für die Turmwache und enthielt die Kanzel mit dem Maschinengewehrstand. Das hier auf eine drehbare Lafette montierte schwere Maschinengewehr bestrich nach der Lagerseite hin den gesamten Bereich des Häftlingslagers. Leichte Maschinengewehre befanden sich außerdem auf den zahlreichen, die Lagermauer unterbrechenden Wachtürmen. Das erste, was uns, nachdem wir das Tor in diesem Turm A durchschritten hatten, auffiel, war ein weiter öder Platz, der Appellplatz und um diesen, im Halbkreis gruppiert, die grüngestrichenen Unterkunftsbaracken für die Häftlinge. Auf jeder Stirnwand der dem Appellplatz zunächststehenden Baracken prangten in großen weißen Buchstaben die Worte eines Spruchs, als dessen Autor uns später der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, genannt wurde. In der Reihenfolge von Baracke zu Baracke gelesen lautete dieser Spruch: ES GIBT EINEN WEG ZUR FREIHEIT! SEINE MEILENSTEINE HEISSEN: FLEISS, GEHORSAM, NÜCHTERNHEIT, ORDNUNGSLIEBE, SAUBERKEIT, OPFERSINN UND LIEBE ZUM VATERLAND! Die Vorliebe der Nationalsozialisten für derartige Kernsprüche bekundete sich im Konzentrationslager auch noch an anderen Stellen. Es gab kaum einen Amtsraum, in dem nicht irgendeine banale Feststellung Adolf Hitlers oder eines seiner Parteiphilosophen von der Wand leuchtete. Dies alles lernte ich erst später kennen. An jenem 18. April mußte ich mich mit dem Weg zur Freiheit, den Herr Himmler mir wies, begnügen. Nachdem wir den Spruch gelesen hatten, erhielten wir den Befehl, seitwärts vom Tor Auf39 stellung zu nehmen, wo wir, das Gesicht der Mauer zugekehrt, das Weitere abwarteten. Das Weitere kam! Es kam in Gestalt von SS- Männern, die nun auf eigene Faust Vernehmungen durchführten und, da sie, wie ich bei dieser Gelegenheit bemerkte, auch mit persönlicher Exekutivgewalt ausgestattet waren, das Urteil gleich auf dem Fuẞe folgen ließen und vollstreckten. Einhundertundfünfzig erwachsene Menschen aus den verschiedensten Berufs- und Gesellschaftsschichten waren hilflos der sich nun in den brutalsten Formen äußernden Willkür der SS- Männer ausgesetzt. Mit Ohrfeigen, Fausthieben, Kinnhaken, Bauchund Magenschlägen, Fußtritten in den Unterleib oder gegen die Schienbeine, wurde hier an Menschen, die ihre Vergehen entweder in längeren Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen bereits abgebüẞt hatten, oder überhaupt unschuldig waren, eine Privatjustiz geübt, wobei jeder der Inquirenten es für sein gutes Recht erachtete, seinen Vorgänger an Brutalität zu übertreffen. Drei ältere jüdische Herren, darunter ein Redakteur aus Wien, ferner zwei Bibelforscher und ein Arzt aus Berlin waren bald so grauenhaft zugerichtet, daß sie mit blutunterlaufenen Gesichtern, zerschundenen Beinen und zertretenen Händen vor uns auf dem Betonboden lagen und selbst in diesem Zustand vor weiteren Mißhandlungen nicht sicher waren. Es regnete Hiebe und Stöße von allen Seiten. Der ermunternde Anreiz einer solchen nicht enden wollenden Ausschreitung schuf nicht zu überbietende Höhepunkte in der Mißhandlung. Die Getroffenen stürzten wie Mehlsäcke zu Boden, wurden wieder hochgerissen und noch einmal geschlagen; die Scherben zerbrochener Brillengläser zerschnitten die Gesichter, Blut besudelte Wäsche und Kleider. Neben mir, vor mir und hinter mir, auf allen Seiten knickten die Menschen zusammen, andere mußten in qualvoller Kniebeugestellung mit ausgestreckten Armen verharren und nur wenige, darunter auch ich, entgingen einer Züchtigung. Wieso es möglich war, daß gerade ich mich unter den von einem gnädigen Schicksal Behüteten befand, wußte ich damals 40 nicht. Später, in ähnlichen Situationen, gelangte ich zu der Gewißheit, daß die Suggestionskraft der Augen ein sehr starkes Abwehrmittel ist, wenn sie einem Feind gegenüber zur Anwendung gelangt, dessen körperliche Überlegenheit in allen ihren noch so brutalen Äußerungen oft nichts anderes ist, als der Ausdruck einer gewissen inneren Haltlosigkeit und Schwäche. Menschen, die einer wehrlosen Kreatur ihre Überlegenheit nur durch Schläge und Fußtritte beweisen können, sind im Grunde keine starken, sondern sehr schwache und unsichere Naturen; sie sind fast immer feige, fast immer abergläubisch und bei aller Roheit in irgendeiner Beziehung sentimental und fast niemals fähig, den Blick eines Menschen, den sie sich zum Opfer ausersehen haben, zu ertragen. Ich habe im Lager diese Erfahrung oft gemacht und auf ihr meine Sicherheit zu gründen versucht. Eine Bestätigung der Wirksamkeit dieser Methode fand ich in einer alten Anordnung des im Jahre 1940 verstorbenen Kommandanten Baranowsky: ,, Es ist den Häftlingen grundsätzlich zu verbieten, den Kommandanten oder Lagerführer anzusehen." Auch von den Blockältesten erging von Zeit zu Zeit die Belehrung:„ Der Herr Lagerführer verbittet sich, von den Häftlingen angestarrt zu werden!" Ich habe jedenfalls in den fünf Jahren meiner Haft niemals einen Schlag von einem SS- Mann erhalten. Auch an jenem Nachmittag am Tor des Lagers, wie am darauffolgenden Tag im Häftlingsbad, wo sich gelegentlich der Aufnahme die gleichen unmenschlichen Prügelszenen abspielten, entging ich der Mißhandlung. Als die Reihe an mich kam und man mich nach dem Grund meines Hierseins fragte, sah ich den Frager durchdringend an, während ich kurz und bündig die Antwort erteilte, so daß er die schon zum Schlag erhobene Hand wieder sinken ließ und es aufgab, sich länger mit mir zu beschäftigen. Auch der nächste ertrug meinen Blick nicht; er wurde unsicher, sah weg, murmelte etwas und schrie mich an: ,, ob ich mir einbilde, das Lager jemals wieder zu verlassen?" ,, Nein!" sagte ich klar und deutlich. Er nickte befriedigt; offensichtlich fühlte er sich nun doch als Sieger und er 41 versetzte einem neben mir stehenden jungen Tschechen eine Ohrfeige, ohne ihn erst lange nach irgend etwas zu fragen. Es war die Ohrfeige, die eigentlich ich hätte bekommen sollen und so leid es mir heute noch tut, daß ein anderer schuldloser Mensch sie bekam, so bestätigte der Vorfall doch die Richtigkeit meines Verhaltens. - - Dieses sich noch oftmals mit allen möglichen Variationen der Urteilsvollstreckung wiederholende Verhör dauerte etwa drei Stunden; in dieser Zeit wurde meine angespannte Aufmerksamkeit auch noch durch eine andere Szene in Anspruch genommen. Aus dem Barackenabschnitt des Lagers, für den die von Herrn Himmler formulierten Tugenden ,, Opfersinn und Liebe" zuständig waren später erfuhr ich, daß es sich um die SK- Isolierung, die Strafkompanie handelte bewegte sich ein langer Zug von in Zebra, blau- graugestreiften Drillichanzügen, gekleideten und körperlich auffallend heruntergekommenen Häftlingen, von denen je vier eine rohgezimmerte, längliche und schwarz angestrichene Kiste trugen. Es waren insgesamt 16 solcher Kisten. Der Kondukt ging in langsamen, müden Schritten über den Appellplatz auf das Tor zu und kam hart an uns vorbei. Über den Inhalt der Kisten konnte kein Zweifel bestehen, der Geruch, der ihnen entströmte, sagte alles; Kondukte dieser Art sahen wir damals im Lager täglich. Erst nach Fertigstellung des im Krankenbaubereich gelegenen groBen Leichenkellers, der Tausenden von Leichen Raum bot und nach Errichtung und Inbetriebnahme des ersten Krematoriums, spielten sich diese Bestattungszeremonien mehr im Verborgenen ab. Die Mortalität des Lagers belief sich zu jener Zeit auf etwa 30 Häftlinge im Tag. Der letzte der primitiven Katafalke hatte das Tor noch nicht ganz passiert, als zwei höhere SS- Offiziere erschienen, von denen man uns später sagte, daß es sich um den ersten Schutzhaftlagerführer SSObersturmführer Forster und um dessen Adjutanten, eine fragwürdige Person mit dem Spitznamen„ Onkel Otto" handelte. Forster, ein hagerer knochiger Mensch mit trostlos leeren, aus42 druckslosen Augen und einem Kopf, der genau dem glich, den er in Weißblech gestanzt über seinem Mützenschild trug, eröffnete nun ein Verhör, das immerhin den Vorteil hatte, daß es ein Verhör blieb. Er begnügte sich mit einem gelegentlichen Schütteln des Kopfes und betrachtete es im übrigen unter seiner Würde, es seinen SS- Männern gleichzutun. Nachdem er nun von jedem Gefangenen, der noch des Sprechens fähig war, die gewünschte Auskunft erhalten hatte, räusperte er sich und überraschte uns mit einer Ansprache etwa folgenden Wortlauts: Wir möchten den Kopf nicht hängen lassen. Das Konzentrationslager sei weder ein Zuchthaus noch ein Gefängnis. Es sei überhaupt keine Strafe, sondern eine nationalpolitische Erziehungsanstalt besonderer Art. Niemand von habe Grund, zu befürchten, man würde ihn schlecht behandeln; keinem geschähe ein Unrecht eine gute Führung vorausgesetzt. Diese Worte richtete der Mann an uns, während sein leerer Blick auf die am Boden liegenden blutenden und leise stöhnenden Menschen gerichtet war. - Er sagte dann weiter: ,, Vor allen Dingen lassen Sie sich niemals zur Flucht hinreißen, sonst ergeht es Ihnen so, wie dem Häftling, den wir heute Vormittag auf der Flucht erschießen mußten und den ich Ihnen gleich zeigen werde!" Er winkte und zwei Häftlinge, die mit ihm gekommen waren und in respektvoller Entfernung gewartet hatten, setzten sich augenblicklich in Trab nach dem Krankenrevier. Einige Minuten später kamen sie wieder, diesmal mit einer blutbesudelten Tragbahre, auf der ein toter, halbnackter Mensch lag. Kopf und Oberkörper des Toten wiesen grün und gelb umränderte Einschüsse auf; eine Hälfte der Hirnschale war weggerissen. Er lag mit dem Gesicht auf der Seite, die linke Hand hatte sich, jedenfalls zufällig, unter das Kinn geschoben. Ein unendlich friedlicher Zug, ein Zug der Erlösung, endlich gefundener Ruhe lag auf diesem in die Hand geschmiegten Gesicht; es war bei aller Todesblässe und Zerstörung ein gutes und sympathisches Gesicht, ein viel besseres und sympathischeres Gesicht, als das jenes Mannes, der uns jetzt den Befehl gab, einen Kreis um 43 die Leiche zu bilden, damit wir uns den Gefangenen, der fliehen wollte, genau ansehen könnten. Wir sahen ihn an. Sahen ihn so lange an, bis der Herr Lagerführer wieder mit seinem dürren Finger winkte und die Leiche fortgetragen wurde. Die ersten Lagerbilder, der lange düstere Zug müder Sargträger, der Leichengeruch, der Erschossene auf der Bahre, das Ganze hatte in seiner Trostlosigkeit etwas Unwirkliches, Schemenhaftes. Ich fragte mich, ist das wahr, wozu gehen die Menschen in die Schule, warum spielen Kinder und schließlich die Frage aller Fragen: Gott! Was ist das für ein Gott? Wie ist das möglich? Alle diese Fragen und Zweifel sind vielleicht töricht und unberechtigt. Aber der Mensch ist in solchen Situationen weder gelassen noch weise. Wie ein erschrecktes Tier versucht er, über seinen eigenen Schatten zu springen und es gibt in einem solchen Augenblick keine Kreatur auf der Welt, die ärmer daran wäre als er. Wie auf einer Opernbühne verkündete gegen fünf Uhr Nachmittag ein Trompetensignal den Beginn des nächsten Aktes: den Einmarsch der Arbeitskommandos. Etwa achttausend Häftlinge kehrten in Fünferkolonnen von ihren Arbeitsplätzen in das Lager zurück. Grauenerregende Gestalten befanden sich darunter. Ausgemergelt bis auf die Knochen, mit fahlen, zerknitterten Gesichtern, aus deren von einer krankhaften Schwärze umränderten Augen der Hunger blickte. Auch diese Menschen glichen in ihren meist viel zu weiten Zebrafetzen grotesken Gespenstern. Ihre Bewegungen hatten etwas Fahriges, Abgerissenes, als hingen ihre GliedmaBen an schnarrenden Drähten. Die plumpen Holzsohlen ihrer Schuhe klapperten auf dem Asphalt der Lagerstraße. Riesige Rollwagen, von Häftlingen gezogen, schwankten durch das Tor; Vorarbeiter kommandierten, SS- Leute schlenderten, die Zigarette schief im Mund, zwischen den sich auf dem weiten Platz verteilenden Blocks, es dauerte eine gute halbe Stunde, bis das Gittertor mit dem Spruch ,, Arbeit macht frei" sich hinter der 44 letzten einmarschierenden Kolonne geschlossen hatte und der Abendappell begann. Dieser Appell, der den Zweck hatte, die Gesamtstärke des Lagers festzustellen, dauerte zwei volle Stunden. Ob die Länge dieser Zeit bedingt war durch die rechnerische Leistung des Rapportführers Nowacki, oder ob auch hier die Absicht mitwirkte, diese von der Arbeit todmüden Menschen nicht zur Ruhe kommen zu lassen, ich wußte es damals noch nicht. Später überzeugte ich mich davon, daß beide Gründe maßẞgebend waren. Es ging schon auf acht Uhr, als an jenem Abend endlich das Signal ertönte, und die Blocks sich nach ihren Baracken in Bewegung setzten. Wir, die wir noch immer am Tor standen, wurden eine halbe Stunde später von einem Unterscharführer nach einer leeren Baracke geführt, in der wir auf dem Boden liegend wie erschlagen, frierend und vom Fieber der Aufregung geschüttelt. unsere erste Lagernacht verbrachten. 45 VI ZEHNTAUSENDHÄFTLINGE Ehe ich über die Ereignisse des nächsten Tages, des Tages unserer Aufnahme in das Lager, berichte, will ich zum besse- ren Verständnis einiges. über die inneren Einrichtungen und Verhältnisse des Häftlingslagers ausführen. Die Gesamtzahl der im April 1940 im KL Sachsenhausen In- haftierten belief sich auf rund 10000 Menschen. Außer den rein politischen Häftlingen— etwa 4000— gab es eine größere Anzahl von Berufsverbrechern; ferner Asoziale, kurz- weg Asos genannt, worunter Arbeitsscheue, Zuhälter, Spieler, Trunkenbolde und Zigeuner zu verstehen waren. Alle diese ' Häftlinge trugen auf der linken Brustseite ihres Gewandes eine Markierung in Gestalt einer Nummer und eines kleinen Sioffwinkels, der bei den Politischen rot, bei den Berufs- verbrechern oder Bevauern, wie man sie nannte, grün und bei den Asos braun oder schwarz war. Neben diesen drei Haupt- gruppen gab es noch Angehörige der„Vereinigung inter- nationaler Bibelforscher“ mit einem violetten, und Personen, die sich gegen den$ 175 vergangen hatten, mit einem rosa Winkel. Die Juden‘trugen den Davidstern, den sie im Staate Adolf Hitlers später auch in der Öffentlichkeit tragen mußten. Weitere Winkelkombinationen dienten zur Unterscheidung der ausländischen Häftlinge, deren Zahl zu Beginn und im weiteren Verlaufe des Krieges ständig im Wachsen war. Der rote Winkel unter der Nummer kennzeichnete den Polen; die Nummer rechts, den Winkel links den Tschechen, ein U zeigte an, daß man es mit einem Ukrainer, ein N, daß man es mit einem Norweger zu tun hatte. Außerdem gab es Dänen, Balten, Jugoslaven, Rotspanier, Italiener, Russen, Franzosen, Belgier, Luxemburger, sogar Neger. Eine weitere Kategorie waren die sogenannten Knochen- männer, ehemalige Angehörige der SS, die hier zu einer Art 46 Strafkompanie zusammengefaßt waren. Ich weiß nicht, welcher Vergehen sich diese Leute schuldig gemacht hatten. Sie trugen keine Häftlingskleider, sondern die SS- Uniform, jedoch ohne Abzeichen, falls man nicht die gekreuzten Knochen auf dem Kragenspiegel als solche bezeichnen will. Sie lagen auf einem eigenen Block, waren von jeder Arbeit befreit, erhielten eine bessere und reichlichere Kost als wir und erfreuten sich einer Reihe anderer Vergünstigungen, die ihre Art zu leben in einen auffälligen Gegensatz zu der unseren stellte. Ein Verkehr zwischen diesen Häftlingen und uns fand nicht statt. Wir betrachteten sie als SS- Leute, die sie ja auch waren, und der Umstand, daß sie kraft irgendeiner Bestimmung ihrer eigenen Gesetze im Augenblick daran gehindert waren, ihre Funktionen als SS- Angehörige auszuüben, war kein Anlaß, sie als Kameraden anzusehen. Sie hatten auch kein Interesse an uns, denn sie standen nach wie vor auf Seite der SS, die sie in verschiedenen Fällen auch zu besonderen Dienstleistungen heranzog und mit ihnen sehr freundschaftlich verkehrte. Ihnen gleichgestellt waren die Ehrenhäftlinge, die Zivil ohne jede Markierung trugen, im Zellenbau wohnten und mit hochmütigem Benehmen den Abstand zwischen ihrer und unserer Welt noch betonten; wobei nicht festzustellen war, ob sie ihre Haft als eine Ehre ansahen, oder ob die Gestapo es sich zur Ehre anrechnete, sie verhaftet zu haben. Alle diese Häftlinge waren, die Ehrenhäftlinge ausgenommen, nach Haftkategorien verteilt, auf insgesamt etwa 40 Wohnblocks, wie die Baracken hießen, untergebracht. Jeder Block wurde von durchschnittlich 250 Insassen bewohnt. Später, als die Zahl der Häftlinge beständig zunahm, änderte sich dieses Verhältnis und es gab Baracken mit 400 bis 500, ja manchmal noch mehr Insassen. Alle übrigen Baracken des Lagers waren 70 dienten irgendwelchen anderen Lagerzwecken, waren Krankenrevier, Bekleidungs- und Gerätekammer, Kantine und Schreibstube, Werkstätten, Trockenboden, Entlausungsanstalt und Häftlingsbad. - - es Die Baracken bestanden aus grüngestrichenen Holzbauten in 47 zerlegbarer Tafelbauweise mit doppelter Wandverschalung, auf einem System von Betonpfählen. Einige waren unterkellert, in den Kellern befanden sich Vorratsräume. In jeder Baracke gab es zwei Flügel, A- und B- Flügel, deren jeder einen Schlaf- und einen Wohnraum, den Tagesraum, enthielt. Über einen, für beide Flügel gemeinsamen Flur, gelangte man in die Klosett- und Waschräume. Sie waren mit Fußwaschbecken, einer Brause, zwei Geschirrwaschtrögen und zwei Bradley- Waschfontänen ausgestattet. Jeder der beiden Schlafräume enthielt bis zu 200 Betten, dreistöckig übereinandergestellte Eisenbetten, die später durch Holzgestelle ersetzt wurden. In den Tages- oder Wohnräumen befanden sich 60 schmale Spinde, sechs lange Tische mit Bänken und Hockern, ein großer Ofen, das Bett und der Tisch des Blockältesten, manchmal auch ein Bücherregal, ferner einfache elektrische Pendellampen mit von Häftlingen angefertigten und bemalten Schirmen. Um jeden Block lief ein schmaler Rasenstreifen, der später für den Anbau von Gemüse bestimmt wurde. Für die Sauberhaltung des Blocks und die Aufrechterhaltung der Ordnung war der Blockälteste verantwortlich. Er war ein langjähriger Lagerinsasse, ein Mann mit guter Führung", der eine Reihe von Sonderrechten hatte und zusammen mit dem Stubenältesten des B- Flügels seines nicht sehr dankbaren Amtes waltete. Die Gerechtigkeit war meist nicht ihre Sache. Doch will ich hier ehrend den Metallarbeiter Paul Gmeiner aus Hannover erwähnen, der am 18. April 1944 einem Luftangriff auf das Flugzeugwerk Heinkel in Oranienburg zum Opfer fiel. Er zeigte, daß es auch unter den Blockältesten Männer mit einem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gab, die es fertigbrachten, uns durch ihre kluge und anständige Führung die Pein des Lagerlebens wenigstens auf Stunden vergessen zu lassen. Es lag in der dem Lager eigenen Verwaltungsart, daß einzelne Häftlinge Machtbefugnisse erlangten, die ein sehr hohes Verantwortungsgefühl und aufrechte Gesinnung voraussetzten, sollten sie nicht der Anlaß zu Korruption werden. Rechnet 48 man dazu den Umstand, daß die Lagerführung alles unterstützte, was zur Herabminderung der Lagermoral beitrug, daß sie zum Beispiel gar nichts dagegen hatte, wenn ein in ihrem Sinne wirkender Häftling einen anderen totschlug, so wird man begreifen, daß das Lager nicht nur die verbrecherischen Anlagen der SS, sondern auch die brutalen Instinkte bestimmter charakterlich minderwertiger Häftlinge förderte. Solche Häftlinge richteten Unheil über Unheil an und waren oft schlimmere Feinde als die SS. Das Übel lag in dem von der SS hochgezüchteten System, das sich in raffinierter Weise aller menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten bediente, um uns Häftlinge zu terrorisieren. Da die interne Verwaltung des Lagers ganz in den Händen von Häftlingen lag, konnte ein verantwortungsbewußter Lagerältester viel zur Steuerung der von der SS geförderten Demoralisation beitragen. Das war nicht leicht und nicht ungefährlich. Jedenfalls setzte es einen ganzen Mann voraus. Ein für sein schweres Amt befähigter und gerechter Mann war Harry Naukus. Dem Lagerältesten standen der zweite und dritte Lagerälteste zur Seite. Zur Wahrung der Interessen der kriminellen Häftlinge war letzterer ein Bevauer. Zur Lagerverwaltung gehörten ferner die Leute vom Arbeitsdienst, der Rapportschreiber und die Läufer. In ihrer Gesamtheit bildeten die oben genannten Häftlinge die Schreibstube. Ihnen waren die Blockältesten unterstellt, die innerhalb des Blocks dieselben Aufgaben hatten, wie der Lagerälteste für das ganze Lager. Der Lagerälteste hatte keinen Häftling über sich; sein direkter Vorgesetzter war der erste Schutzhaftlagerführer, also ein SS- Dienstgrad, dessen Anordnungen und Befehle er befolgen mußte. Doch hatte er die Möglichkeit, diesem Vorgesetzten Verbesserungen oder Milderungsvorschläge zu machen. Er bewohnte ein eigenes Zimmer auf der Schreibstube, konnte langsamen Schrittes durch das Lager gehen- jeder andere mußte laufen! und war vor Mißhandlungen einigermaßen sicher. Neben diesen Vorteilen gab es reichliche Nachteile, die zu erwähnen sich Gelegenheit bieten wird. - 4 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel 49 vu ICH HÖRE AUF EIN MENSCH ZU SEIN In der Nacht vom 18. auf 19. April 1940, also in der ersten Nacht meines Lageraufenthalts, hatte sich ein Häftling, wohl in geistiger Umnachtung, aus seinem Block entfernt und in irgendeinem Winkel der Effektenkammer versteckt, Sein Feh- len wurde beim morgendlichen Zählappell festgestellt und die gesamte im Lager diensttuende SS machte sich auf den Weg, den Vermißten zu suchen. Es dauerte mehrere Stunden, ehe einige Scharführer sein Versteck entdeckten. Da der Mann offenbar mit dem Leben abgeschlossen hatte, sprang er mit einem Messer bewaffnet aus seinem Schlupfwinkel heraus, warf sich auf einen der SS-Männer und brachte ihm schwere Verletzungen im Gesicht und an den Händen bei. Zu weiteren Angriffen kam er nicht; er stürzte von Kugeln durchbohrt zu Boden und starb. Ich erwähne diesen Vorfall, weil er die Stimmung des Tages angab, eine Stimmung, unter deren Einfluß sich die uns zu- gedachten Aufnahmezeremonien beträchtlich verschärften. In den Vormittagsstunden dieses Tages kauerten wir Zugänge in Kniebeuge mit ausgestreckten Armen vor dem Häftlingsbad des Lagers, wo die Aufnahme und Einweisung stattfinden sollte. In die Kniebeuge waren wir gegangen auf Befehl des Hauptscharführers Bugtalla, eines der brutalsten und rück- sichtslosesten Gesellen, die jemals im Lager Dienst getan haben, Da wir in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen wurden, mußte ich, dessen Namen mit einem W anfängt, lange in die- ser qualvollen Stellung verharren. Inzwischen bereitete Bug- alla, zusammen mit seinem Kameraden Bayerle, den vor mir aufgerufenen Zugängen einen Empfang, an dem gemessen die Prügelszenen vom Tage vorher harmlos gewirkt hatten, Noch nie hatte ich einen Menschen mit soviel Lust, soviel Freude 50 und: Ausdauer Schläge austeilen sehen, wie an diesem Vor-: mittag Herrn Bugtalla. Seine Augen leuchteten vor Glück, sein schmaler, asketischer Mund verzog sich zu einer gemeinen Grimasse, Schweiß stand auf seiner Stirn. Die Hände mußten ihn eigentlich schon schmerzen und taten es vielleicht auch, aber er ertrug den Schmerz und ließ weiter seine knochigen Fäuste in die Gesichter seiner Opfer sausen. Menschen, die in rasender Angst, und weil die Geste der Abwehr jeder Kreatur angeboren ist, die Hände schützend vor das Gesicht hielten, wurden mit dem Knauf des Revolvers zu Boden geschmettert, denn jede Abwehrbewegung galt als ein versuchter Angriff auf einen SS-Angehörigen und gab diesem das Recht, den An- greifer sofort niederzuschießen. Daß Herr Bugtalla von die- sem Recht keinen Gebrauch machte, wundert mich heute noch. Ein Mann, der sich, wie aus seinen Akten, die Herr Bugtalla auf dem Tisch liegen hatte, hervorging, vor zwanzig Jahren einmal gegen den$ 175 vergangen, dieses Vergehen aber jett verschwiegen hatte, wurde nun an Ort und Stelle tatsächlich zu Tode geprügelt. Mich rettete diesmal das W meines Namens, das mich in der alphabetischen Ordnung an dasEnde der Aufnahmereihe rückte. Schon beim Buchstaben P stellte Bugtalla seine Tätigkeit ein, seine Hände schafften es einfach nicht mehr. Er fuchtelte nur noch mit dem Revolver herum, und ich schlüpfte ungezüchtigt durch die Türe zum Bad, wo ich mich nach Angabe meiner Personalien meiner Zivilkleider entledigen und der Prozedur des Haarschneidens unterziehen mußte. Denn der Sklave trägt das Haupt kahlgeschoren und ist damit eindeutig als Mensch minderer Kategorie gekennzeichnet. Unter der eiskalten Brause des Duschraums erfolgte dann die zu einer ruhigeren Betrachtung der neuen Lebenslage erfor- derliche Herabminderung der Bluttemperatur. Nackt und triefend vor Nässe wurden wir ins Freie gejagt, wo man uns ein Paket aushändigte, das unsere neue Garderobe enthielt, ein zerschlissenes Hemd, eine Zebrahose aus Sackstoff, eine Zebrajacke, ein Paar Holzschuhe, ein Paar Socken und eine =” 51 Tellermütze. Alle diese hundertmal geflickten, brüchigen und maßlos schmutzigen Gegenstände waren viel zu klein für mich. Doch erklärte sich ein kleinerer Mann, der zu weites Zeug erhalten hatte, mit einem Tausch einverstanden., Wir zogen uns an. Als das geschehen war, kannte keiner den anderen wieder. Ich selbst kannte mich nicht mehr. Als ich in den Spiegel schaute, schreckte mich der Anblick zutiefst. Ich war kein Mensch mehr, sondern eine Figur. Nach dieser Einkleidung hatte ich nichts mehr, was mich noch an mein freies Leben hätte erinnern können, meine Brille ausgenommen. Alles andere war in den großen Sack gewandert, der meine Zivilsachen bewahren sollte bis zum Tag meiner Entlassung. Mit Trauer im Herzen gab ich alle die Kleinigkeiten ab: Füllfederhalter, Notizbuch, Bilder meiner Kinder, Nagelschere und Kamm. Noch war ich nicht gefeit gegen die weichen Regungen des Gemüts; noch machte mir meine Seele zu schaffen. Ich hätte an jenem Tag noch weinen können über die Schändung meines inneren und äußeren Menschen, aber ich begriff doch schon, daß es besser sei, einer solchen Regung nicht nachzugeben, denn ich wollte nicht zugrundegehen an dieser Vereinsamung. Ich habe niemals in den Jahren meiner Haft geweint, aber ich freute mich auf den Tag, da ich wieder einmal weinen durfte. Aber als der Tag dann kam, merkte ich zu meinem Schrecken, daß ich das Weinen verlernt hatte. 52 VIII EINE ERZIEHUNGSANSTALT BESONDERER ART Die erste Station, die dem müden Leib und dem ermatteten Geist etwas Ruhe und Ordnung bot, war der Block 65, die Zugangsbaracke. Hier empfing uns ein freundlicher Mann, der uns nicht quälte. Wir bekamen eine Kartoffelsuppe und Brot und erhielten die erste Belehrung über unser zukünftiges Verhalten im Block und im Lager. Auch wurden wir mit der Lagerordnung vertraut gemacht, die in einer hektographierten Ausgabe an der Wand hing wie in einem Bauernhaus der Sulzbacher Kalender und uns Aufschluß gab über alle für das Lager geschaffenen Rechte, Gesetze, Verbote und Strafen. Aus dieser Lagerordnung erfuhren wir, was uns der Lagerführer bereits angedeutet hatte, daß das Konzentrationslager weder ein Zuchthaus noch ein Gefängnis, sondern eine ,, Erziehungsanstalt besonderer Art" sei. Noch waren wir nicht erfahren genug, zu begreifen, welche Bedeutung das Adjektiv ..besonderer" in sich schloß. Aber wir lernten die hunderterlei Verbote kennen, die der Lagerfreiheit des Häftlings Grenzen zogen und vor allen Dingen die Lagerstrafen, die wir zu erwarten hatten, falls wir es uns einfallen lassen wollten, diese Grenzen zu überschreiten. Da gab es als leichteste Strafe das Torstehen, die dem Häftling auferlegte, von morgens 5 Uhr bis abends 8 Uhr rechts oder links vom Tor, entblößten Hauptes und mit dem Gesicht zum Turm A zu stehen, was bei sengender Hitze oder bei 20 Grad Kälte zu Betrachtungen über die Geringfügigkeit dieser Strafe anregte. Dieser einfachen Strafe, der man sich bereits durch das geringste Vergehen aussetzen konnte, folgte als nächste der Bock, das Gerät, das der Durchführung der im Lager üblichen Prügelstrafe diente. Auf ihm erhielt man 25 oder 50, in besonders 53 schweren Fällen sogar 100 Stockhiebe auf das Gesäß, allerdings mit der Einschränkung, daß mehr als 25 Hiebe auf einmal nicht verabreicht werden durften. Die zweite, dritte, oder vierte Ration folgte in Abständen von einer Woche, vorausgesetzt, daß das Opfer nicht vorher kapitulierte und sich in ein besseres Jenseits begab. Ich hatte später Gelegenheit, die Folgen dieser Prügelstrafe an verschiedenen Häftlingen zu sehen; schwere Verletzung der Gesäßmuskulatur, eiterndes, in Brand übergegangenes Fleisch, grauenhafte Deformationen und in sehr vielen Fällen unheilbare Destruktion der Genitalien. Auch dieser Strafe setzte man sich leicht aus. Schlechter Bettenbau, ein schmutziges Handtuch im Spind, Besitz eines verbotenen Gegenstandes konnten bereits die Anlässe sein zum Vollzug einer Strafe, von der man in den Schulbüchern las, daß Friedrich der Große sie abgeschafft hatte. Der dritte und schwerste Grad der Lagerstrafen, eine Foltermethode mittelalterlichen Charakters, nannte sich der Pfahl. Ihr Erfinder dürfte ein Apachenhäuptling oder irgendein asiatischer Khan gewesen sein. Sven Hedin berichtet in einem seiner Tibet- Bücher über diese, bei irgendeinem von den Segnungen der Kultur und Zivilisation noch nicht angekränkelten Volksstamm übliche Methode, die darin bestand, daß der Delinquent an den auf dem Rücken gefesselten Händen hochgezogen wurde. Als der bekannte Forscher sich über diese Barbarei entrüstete, konnte er freilich nicht ahnen, daß einst im Reiche Adolf Hitlers, für das er so kräftig die Reklametrommel rührte, einmal genau die gleiche Methode an den wehrlosen Opfern einer mit uneingeschränkten Machtbefugnissen ausgestatteten Staatspolizei geübt werden würde. Zur Anwendung gelangte diese Methode in ,, Zweifelsfällen"; also in jenen Fällen, die in den Zeiten einer humanen Rechtssprechung unter dem gütigen Motto„, in dubio pro reo" standen, in den Tagen Adolf Hitlers aber die Wiedereinführung der Tortur notwendig machten. Der unglückliche Häftling wurde an den mittels einer Kette auf den Rücken gebundenen Händen an einem starken, etwa 54 drei Meter hohen Eichenpfahl hochgezogen. Berührte der durch seine Eigenlast herabsinkende Körper mit den Fußspitzen den Erdboden, so wurde er nochmals emporgewunden. Die physiologische Wirkung dieser Marter, den Schmerz, den dieses gewaltsame Hochreißen der Arme verursacht, zu schildern, ist unmöglich. Mein armer Freund Hubert gehörte im Winter 1942/43 einem Arbeitskommando an, gegen das der Vorwurf der Brandstiftung erhoben wurde. Es handelte sich dabei um den Brand der Unterkunftskammer, die auf Grund fortgesetzter Schiebereien und Diebstähle der SS mit einer nicht mehr zu verschleiernden Unterbilanz arbeitete, sodaẞ man den peinlichen Folgen einer drohenden Revision nur noch durch eine Vernichtung der Kammerbestände entgehen zu können glaubte. Da auf diese Weise der Bestand unkontrollierbar wurde und alles verschobene oder entwendete Gut auf das Abschreibungskonto gesetzt werden konnte, brannte die Kammer in der Nacht vom 13. auf 14. November 1943 programmmäßig ab und die Ehre der SS war gerettet. Natürlich mußten für den Brand Schuldige gefunden werden, und diese Schuldigen waren die in der Kammer beschäftigten Häftlinge. Da keiner die Schuld freiwillig auf sich nehmen wollte, entstand ein Zweifelsfall, und sämtliche Angehörigen des Häftlingskommandos kamen an den Pfahl. Fünfzehn völlig unschuldigen Menschen wurden auf die oben geschilderte Art die Arme ausgerenkt, die Muskeln zerrissen und weitere, sich oft erst später einstellende Leiden zugefügt. Als ich Hubert nach diesem Vorgang aufsuchte, sah ich nur ein zuckendes Bündel, einen an Leib und Seele gebrochenen Menschen vor mir, einen leichenblassen, zerquälten Menschen, in dessen Augen alles Licht erloschen war und der mit weh und wild über die Platte des Tisches geworfenen Armen von Konvulsionen geschüttelt wurde. Das war der Pfahl. Das Golgatha des Schutzhäftlings, Ausgeburt einer Phantasie, die im normalen Leben nur Kolportageromane erzeugt und die man einem Karl May übelnahm. Aber in dieser Übertreibung des Schrecklichen lag für die Welt das Unglaubwürdige. Ein intelligenterer SS- Mann sagte mir 55 1 einmal im Hinblick auf diese Methoden: ,, Indem man die Maßnahmen ins Unglaubwürdige steigert, schafft man sich eine größere Sicherheit, als durch Verordnungen oder Verbote. Meiner Ansicht nach könnten die Häftlinge ruhig erzählen, was sie gesehen haben, es würde ihnen doch niemand glauben!" Der Mann hatte vollkommen recht. Gelegentlich meiner Vorträge über das KZ wurde ich öfter gefragt, ob ich der Meinung sei, daß die geschilderten Methoden auf Befehl der Staatsführung erfolgten, oder ob es sich dabei um im Grunde unerwünschte, ja möglicherweise um unerlaubte Übergriffe einzelner, besonders grausam und sadistisch veranlagter Untergebener gehandelt habe; denn im großen und ganzen, so wendet man meist ein, läge es dem Deutschen nicht, wehrlose Menschen zu quälen; im Gegenteil, gerade die Gefangenenfürsorge war in Deutschland einmal vorbildlich. Es sei also gar nicht einzusehen, weshalb im nationalsozialistischen Staat eine derartige Wandlung eingetreten sei. Diese Annahme soll häufig die Ahnungslosigkeit Hitlers beweisen. Bei viel mehr Menschen, als man annehmen möchte, ist die Neigung zur Quälerei nichts Außergewöhnliches, sie ist sehr vielen Menschen, welcher Nation sie auch angehören, gegeben und es liegt nur im System, ob diese Neigung unterdrückt bleibt. Schon in Zeiten, da die Gesetze es dem einzelnen verboten, seinen dunklen Trieben freien Lauf zu lassen, beschäftigten die Gerichte immer wieder Gefangenenmißhandlungen. Daß in sehr vielen und meist sehr subalternen Deutschen eine starke Neigung zu tyrannischen Äußerungen steckt, bedarf keiner besonderen Betonung. Nirgend in der ganzen Welt erregte der Hüter der öffentlichen Ordnung soviel Schrecken als der deutsche Schutzmann. Hinter jedem Postschalter, wie überhaupt hinter jedem Schalter saß ein uniformierter oder auch nicht uniformierter Tyrann, das heißt ein Mann, der das Recht für sich in An56 spruch nahm, die Menschen, um derentwillen er eigentlich da war und denen er eigentlich hätte dankbar sein müssen, in irgendeiner Weise zu schikanieren. Der Kadavergehorsam des deutschen Soldaten, die Überheblichkeit des deutschen Berufsunteroffiziers, die in zahlreichen Fällen in offenkundige Quälereien ausartete, unterdrückten die Freiheit des Volkes und die Entwicklung demokratischer Sitten. Eine unverkennbare Bereitschaft zum Mißbrauch amtlicher Befugnisse war in Deutschland also immer schon vorhanden. Bedenkt man dazu, daß die Lust am Quälen anderer für viele Menschen vor allem ein Verdrängungskomplex ist, so kann man sich ein Bild von den Folgen machen, wenn der Staat selbst diese Neigung zur Methode erhebt. Der nationalsozialistische Staat hat dies getan. Er protegierte die Ausnahmestellung einzelner seiner Organe bis zum äußersten und ließ sie nach Lust und Laune wüten. Ihre moralische Rechtfertigung fanden diese perversen Elemente in der Angabe, gegen Staatsfeinde und Volksschädlinge zu handeln, Menschen, die das Gesetz nicht mehr schützte. Denn die Bezeichnung Schutzhaft, die die Vorstellung erwecken sollte, sie schütze den Verhafteten, legte der Staat natürlich im Sinne seines eigenen Schutzes vor dem Verdächtigen aus. Zahlreiche junge, aus der Schule der Hitlerjugend und der Ordensburg kommenden SS- Angehörige, erzogen im Bewußtsein ihrer Bedeutung als staatserhaltende und parteischützende Sicherheitsorgane, ließen sich alljährlich zum Bewachungsdienst in den Konzentrationslagern anwerben. Hier fanden sie Gelegenheit ihre Tüchtigkeit unter Beweis zu stellen. Die Exekutivgewalt lag in ihren Händen und sie gebrauchten sie im Interesse ihres Auftraggebers. So verloren diese Menschen, die zur Vernichtung Tausender ermächtigt wurden, jeden moralischen Halt. Die Lagerführung handelte durchaus im Sinne der Hitlerregierung, und die Regierung deckte sie auch gegen ihre 57 eigenen Anordnungen. Laut Vorschrift konnte kein Häftling ohne die Genehmigung des Reichsführers der SS hingerichtet werden; aber da Himmler diese Genehmigung auch nachträglich, also nach vollzogener Hinrichtung erteilte, konnte jeder Lagerführer willkürlich Todesurteile vollstrecken. So verurteilte der Lagerführer Suhren im Jahre 1943 sämtliche wegen Amtsanmaßung vorbestraften Schutzhäftlinge des Lagers Sachsenhausen zum Tode, indem er sie in die Strafkompanie des Klinkerwerkes steckte, mit der Bestimmung, daß keiner der Häftlinge diesen Schreckensort lebend verlassen dürfe. Innerhalb von drei Wochen war der Auftrag erfüllt. Ich glaube nicht, daß Himmler oder Hitler etwas dagegen einzuwenden hatten. Suhren war im Zivilberuf Polizeibeamter und hielt sich zur Wahrung seiner Berufsehre für berechtigt, Menschen, die sich einmal ungesetzlicherweise Polizeibeamte genannt hatten, auf eigene Faust auszurotten. 58 IX ARBEITSHÖLLE KLINKERWERK Unser Alltag war Arbeit und Arbeit, unser Alltag war Kartoffelsuppe und Schwarzbrot; wir tranken eine bittere schwarze Brühe, die man Kaffee nannte, wir schliefen in den schmalen Eisenbetten den schweren bleiernen Schlaf der Entrechteten. Nur wenige Stunden waren arbeitsfrei. Als Zugang hatten wir noch weniger Ruhe als die alten Häftlinge; wir wurden zu vielen Nebenarbeiten wie Flur- und Klosettreinigen, Fensterputzen und Strohsackstopfen herangezogen. Der Blockälteste überwachte jeden unserer Schritte. Seine Absicht war, uns zu schikanieren und uns fühlen zu lassen, daß wir Neulinge waren und nicht zu den Arrivierten gehörten. Gleichviel, welche Rolle man draußen im freien Leben gespielt hatte, hier galt man nichts, war ein Stein unter Steinen und verstieß gegen den Gemeinschaftsgeist oder die Blockordnung, falls man sich einmal dazu hinreißen ließ, die alleingültige Meinung des Blockältesten oder seines Stellvertreters anzuzweifeln. Nach Verlassen des Zugangsblockes kam ich auf den Block 23, Stubenältester des B- Flügels war der Häftling Arno Musch. Er haẞte alle Gebildeten und betrachtete es als einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit, wenn er ihnen seine Überlegenheit und Macht zeigen konnte. Er war nicht besser, als irgendein SS- Angehöriger, denn auch er hielt den Totschlag für das geeignetste Erziehungsmittel. Er verdächtigte Menschen, die ihm nicht paẞten, des Diebstahls und schlug sie mit einem Gummiknüppel oder einem Stuhlbein tot. Er konnte sich das leisten, denn es war niemand da, der es ihm verboten hätte. Er hatte das Gesicht eines Teufels und trieb Unzucht mit jungen Polen. 59 Mich haßte er besonders und ihm gegenüber versagte mein hypnotischer Blick. Spät am Abend riß er mich aus dem ersten Schlaf, unter dem Vorwand, ich hätte mir die Füße nicht gewaschen; er stellie mich eine halbe Stunde lang unter die eiskalte Brause und schlug mich mit der Faust ins Gesicht. Er schickte mich auf das schwerste Arbeitskommando, das es damals im Lager gab, in das Klinkerwerk Oranienburg, hoffend, daß man mich von dort eines Tages als Leiche in das Lager schleppen würde, wie so viele andere, Er war eine vollkommene Bestie und zitterte nur, wenn nachts die Alarm- sirenen aufheulten und die Bomber mit donnernden Motoren das Lager überflogen. Dann kroch er aus seinem Bett und starrie durch das Fenster in den von hundert Lichtbündeln durchfurchten Himmel. Bei jedem Abschuß der Flak zuckte er zusammen wie unter einem Peitschenhieb, Vielleicht betete er sogar. Zu meinem Glück entdeckte eines Tages der Blockälteste eine Reihe von Unterschleifen und Verfehlungen und enthob Musch seines Postens. Ich war gerettet, denn er hatte ge- schworen, mich zu vernichten und er hielt seine Schwüre. Arno Musch mußte den Block verlassen. Er machte sich noch eine Weile als Vorarbeiter unbeliebt, dann wurde er schließ- lich in ein anderes Lager verschickt. Sein Nachfolger ließ mich in Ruhe. Ich konnte wenigstens unbehelligt meiner schweren Arbeit nachgehen. Sie begann morgens um fünf Uhr mit dem Ausmarsch nach dem etwa zwei Kilometer entfernten Klinkerwerk, einer von den Sklaven der SS erbauten Großziegelei an der Lehnig- schleuse am Hohenzollernkanal. 4000 Häftlinge bewegten sich in langen Marschkolonnen Morgen für Morgen und bei jeglichem Wetter aus dem Lager zur Arbeitsstätte, einer riesi- gen Glashalle in einem weiten sandigen Gelände. In ihr sollten die Ziegel gebrannt werden, die die SS für ihre zahlreichen Bauten benötigte. Zu meiner Zeit war das Werk jedoch nicht produktionsfähig. Es mußte erst umgebaut wer- den, da sich nach den ersten Brennversuchen herausgestellt 60 hatte, daß es infolge von Konstruktionsfehlern keinen brauchbaren Stein herstellen konnte. Dieser Umbau kostete Hunderten von Häftlingen das Leben. Mit den primitivsten Mitteln wurden die meterstarken Betonfundamente herausgestemmt, wurden die schweren kantigen Brocken ins Freie geschleppt, wo eine Armee von Juden sie zu einem haushohen Berg aufschichten mußte. Hier zitterte und dröhnte alles von Arbeit. Hier wurden die alten Brennöfen abgerissen, dort wurden mächtige Maschinenkörper ohne Kran und Winden von Häftlingen aus den Lagern gehoben. Wie ein graues, vielbeiniges Ungeheuer bewegte sich so ein Maschinenleib durch die mit Gerüsten und Bretterstapeln verbaute Halle. Rauch, Staub und beizender Qualm verpesteten die Luft, ein ohrenbetäubender Lärm von schlagenden Hämmern, kreischenden Ketten und Rädern, klirrenden Metallteilen und den schrillen Trillerpfeifen der Vorarbeiter und Werkmeister herrschte von morgens bis abends. Wasser quoll in gurgelnden Strömen aus der Erde und versickerte in breiten schlammigen Rinnsalen zwischen den Geleisen, auf denen hoch mit Sand und Baumaterialien gefüllte Loren, von schweißtriefenden Häftlingen geschoben, durch das Gelände rollten. Alles vollzog sich im Laufschritt, alles mußte rennen, mit Last und ohne Last. Dort zogen Juden eine viele Tonnen schwere Walze über die abgebaute Tontrasse; einem lebenden Fließband gleich stürzten sich 800 tschechische Studenten über hölzerne Laufbrücken in den Bauch einer Zille und entrissen ihm den in Papiersäcken verpackten Zement. Das grauweiße ätzende Pulver rieselte über die schweißnassen Körper, fraß sich in die Haut, in die Lungen. Lastkähne schwammen heran und fauchten ihren Rauch und Ruß in den Knäuel arbeitender Menschen. Scharführer tobten und schlugen mit dicken Holzprügeln auf die ihnen nicht schnell genug laufenden Häftlinge ein, Menschen brachen zusammen unter der Last eiserner Träger, wurden wieder hochgerissen und schleppten ächzend weiter; die Sklaven der Pharaonen errichteten einst die Pyramiden unter günstigeren 61 Bedingungen, als die Sklaven Adolf Hitlers das Großziegelwerk Oranienburg. Ich wurde an einen der wenigen noch in Betrieb befindlichen Öfen gestellt, wo wir die aus dem Vortrockner kommenden Steine über holperige Geleise in das Innere des Höllenschlundes schieben mußten. Wenigstens zehnmal am Tage geschah es, daß die im Feuer stehende Lore nicht mehr auf normale Weise aus dem Ofen gezogen werden konnte; der Stein hatte sich verbacken, war verglast und bildete eine formlose Masse, die den Lauf des Karrens behinderte. Wir mußten also in den glutheißen Schacht hineinkriechen bis vor die Feuerstelle und mit eisernen Brechstangen den aufgequollenen Stein von den Wänden lösen. Bald waren meine Hände und mein Gesicht voller Brandwunden, der Atem ging schwer, strahlende Hitze machte jede Bewegung zur Qual. Aus dem Gluthauch des Ofens ging es dann wieder hinaus in die eiskalte Zugluft der Halle. Es ist mir rätselhaft, daß ich damals nicht zugrunde ging. Um die Mittagsstunde trillerten die Pfeifen der Vorarbeiter, im Laufschritt bewegten sich die einzelnen Kolonnen zum großen Antreteplatz vor dem Werk, wo in Hunderten von Kübeln die Kartoffel- oder Kohlrübensuppe bereitstand. Im Stehen wurde gegessen, bei strömendem Regen oder brodelnder Hitze, bei Schnee und bei Frost. Eine halbe Stunde dauerte die Pause, dann ging es wieder an die Arbeit, von der uns erst der hereinbrechende Abend erlöste. Gegen sechs Uhr erfolgte nach dem langwierigen Zählappell der Rückmarsch ins Lager. Monatelang mußten wir bei diesem Rückmarsch noch riesige Betonbrocken mit ins Lager schleppen, die dort zur Befestigung des Appellplatzes gebraucht wurden. Wer einen Tag in diesem Klinkerwerk verbrachte, mußte zu der Erkenntnis kommen, daß hier ein beispielloser Raubbau an der menschlichen Arbeitskraft getrieben wurde. Aber die Arbeiter des Konzentrationslagers waren ja nicht ausschließlich Arbeiter, sondern für die nationalsozialistische Arbeiterpartei in erster Linie Verbrecher. Sie einfach zu beseitigen, 62 wäre unwirtschaftlich gewesen, Nichts lag also näher, als sie arbeitend zugrundegehen zu lassen. Eine praktische Lösung! Man möchte meinen, daß die Schwere der. hier herrschenden Arbeitsbedingungen an sich genügt hätte, die Absichten der SS zu erfüllen. Dennoch gab es innerhalb dieser Hölle noch eine Separathölle, die Strafkolonne, die von einem Vorarbeiter Felix, einer Bestie sondergleichen, kommandiert wurde und die keinen anderen Zweck hatte, als Häftlinge, denen von der Gestapo noch eine besondere Empfehlung mit in das Lager gegeben worden war, verschwinden zu lassen, Hier wurden namentlich Juden„fertig gemacht“, wie der Lager- jargon lautete. An einer der schwierigsten Geländestellen der Klinkerwerke, in einem zähen Moor, das erbarmungslos jeden verschluckte, der hineingeriet, wurden diese Todgeweihten mit Drainagearbeiten beschäftigt, und zwar so lange, bis sie entweder freiwillig, weil von dem Prügel ihres Vorarbeiters um den Verstand gebracht, oder durch einen Fehltritt in das Verderben stürzten. Unvorstellbar ist die Qual, der diese Menschen tagtäglich ausgesetzt waren. Im Laufschritt, mit schweren beladenen eisernen Schiebekarren, deren schmales Rad sich bis zur Nabe in den Morast eingrub, schufteten sich diese Unglücklichen in kürzester Zeit zu Tode. Da es ihnen unmöglich war, die an sie gestellten Forderungen zu erfüllen, schlug der Vorarbeiter Felix erbarmungslos auf sie ein, bis sie zusammenbrachen, in eine Moorlache torkelten und er- stickten. Die Leichen dieser Menschen, die man gegen Abend aus dem Moor zog, wurden auf einen Karren geworfen, Es verging kein Tag, an dem nicht wenigstens fünf bis sechs Häftlinge auf diese Weise ums Leben kamen. Der Vorarbeiter Felix hatte seine Weisungen hinsichtlich der Zahl der zu tötenden Menschen und er befolgte sie genau. Er wurde dabei dick wie ein Faß, denn er erhielt zahlreiche Sonderrationen, die ihm für seine Henkerarbeit bewilligt worden waren. Länger als ein Jahr hielt es niemand in dem Klinkerwerk aus. Da ich nach vier Monaten Arbeit an der Kippe stand, und jenen Zustand erreicht hatte, der dem Menschen nur noch die a w Wahl läßt, sich zu wehren oder zu sterben, entschloß ich mich, mein Schicksal selber in die Hand zu nehmen und mich nicht willenlos treiben zu lassen. Der Anlaß war seltsam genug. An einem arbeitsfreien Sonntagvormittag erhielten ich und einige andere Zugänge den Auftrag, eine Leiche aus der Garage, wo sie aufgebahrt lag, in die Leichenkammer des Krankenhauses zu tragen. So ungern ich auch mit Leichen zu tun hatte, mußte ich dem Befehl Folge leisten. Wir gingen, vier Mann, zu der Garage, die damals als Leichenschauhaus diente, nahmen die Leiche aus dem Paradesarg, in den man sie für die Angehörigen des Toten gelegt hatte, betteten sie in die ,, schwarze Kiste" und trugen diese durch das Tor über den Appellplatz in die Leichenkammer des Reviers. Diese Leichenkammer befand sich zu jener Zeit in einer an die Tuberkulosen- Abteilung des Krankenbaues grenzende Baracke. In ihr waren Hunderte von Särgen aufgestapelt, die auf den Abtransport in das Lager- Krématorium warteten. Da es mehr Leichen gab, als das Krematorium verbrennen konnte, waren viele schon acht und zehn Tage alt. Der Geruch in diesem von Tausenden von Fliegen erfüllten Raum war unerträglich. Hinter dem Eingang dieser trostlosen Baracke befand sich ein etwa 3 qm großer freier Raum, in dem ein Tisch, zwei Stühle und ein eisernes dreibeiniges Waschbecken standen, Die Wände dieses Verschlages wurden an zwei Seiten von übereinandergestapelten Särgen gebildet und an einer dieser schauerlichen Kisten hing mit Reißzwecken befestigt, gleichsam als Wandschmuck, der Öldruck einer nackten rosigen Frau auf einem von Rosen und Lilien umwucherten Sofa. In diesem Raume hauste der Vorarbeiter des Kommandos der Leichenträger. Hier trank er seinen Kaffee, rauchte seine Zigaretten. An jenem Sonntagmorgen rasierte er sich gerade. Er hatte seine Not mit den unzähligen Fliegen, aber er wurde schließlich doch mit dem Verschönerungswerk fertig. Diesem Manne, der aus dem Zuchthaus ins Lager gekommen war, verdankte ich viel. Er bewies mir durch sein unbekümmertes Verhalten, daß ihn weder Tod noch Teufel daran hin64 dern konnten, sich um die Pflege seines Äußeren zu kümmern. Ich beschloß, es ihm gleichzutun und Schritte zu meiner Rettung zu unternehmen. Ich hörte, daß auf Block 55 ein bayerischer Vorarbeiter wohnte, der das Kayser- Kommando führte, eine Arbeitergruppe, die im Hüttenwerk der Firma Kayser in Oranienburg mit dem Sortieren von Metallgegenständen beschäftigt war und sich dabei wirtschaftlicher Vorteile erfreute. Dieses Kayser- Kommando bekam seine Mittagskost von der Firma und erhielt noch die allgemeine Lagerkost, außerdem ein Stück Brot als Zulage. Der Andrang zu diesem Kommando war groß. Noch am gleichen Tage suchte ich meinen Landsmann auf. Er war ein derber, urwüchsiger Bayer, einer jener abgebrühten Burschen, die mit Zähigkeit jeder Anstrengung trotzen, ohne dabei aus dem Gleichgewicht zu kommen. Ich gefiel ihm glücklicherweise und stieß auf keine Schwierigkeiten, als ich ihn bat, mich in sein Kommando aufzunehmen. Ich bekam meinen Zettel, eine Bescheinigung, die mein Recht auf Arbeit bei diesem Kommando dem Arbeitsdienst gegenüber beglaubigte und trat am folgenden Morgen bei der neuen Gruppe an. Ich stieg in den Augen meiner Blockgenossen. Wer beim Kayser- Kommando arbeitete, wurde nicht mehr als Zugang angesehen. Das war für mich von weittragender Bedeutung. Schon der erste Arbeitstag bei der Firma bewies mir, daß ich keinen Mißgriff getan hatte. Das Mittagessen aus einer Feldküche war viel besser als im Lager, die Arbeit erschien mir im Gegensatz zu der im Ziegelwerk leicht. Als ich am Abend dieses Tages die Mittagskost des Lagers nachempfing, war ich zum erstenmal nach langer Zeit wieder satt. Obwohl ich gern bei diesem verhältnismäßig leichten Kommando geblieben wäre, hielt ich es für ratsam, mich für den Winter nach einer Arbeit in Nähe eines wärmenden Ofens umzusehen. Der Winter im Lager war eine gefährliche Sache und viele gingen daran zugrunde. 5 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel 65 Eine Arbeit außerhalb des Lagers war, wenn es sich nicht gerade um das Klinkerwerk handelte, vorzuziehen. Niemand hielt sich gerne tagsüber im Lagerbereich auf. Man lief zu häufig Gefahr, mit den SS- Scharführern zusammenzustoßen. Man mußte jede Strecke im Laufschritt zurücklegen. Man konnte aus den belanglosesten Gründen an das Tor gestellt werden und war dann den Roheiten der aus- und eingehenden SS- Leute ausgesetzt. Jeder Häftling war froh, wenn er morgens nach dem Zählappell das große Lagertor passiert hatte und sich auf dem Weg zu einer möglichst weit weg gelegenen Arbeitsstätte befand. 66 X EIN FLÜCHTLING WIRD ZURÜCKGEBRACHT Nicht immer hatten wir aber das Glück, gleich nach dem Appell zur Arbeit entlassen zu werden. Der Appell dauerte oft quälend lang, was immer ein besorgniserregendes Anzeichen dafür war, daß irgend etwas nicht stimmte. Und es stimmte sehr häufig etwas nicht. Am 21. Oktober 1940 war ein Pole ausgebrochen, und ich erlebte zum ersten Male das Stehen des gesamten Lagers bis zur Wiederergreifung des Geflüchteten. Es war dies eine jener Kollektivstrafen, mit denen man Tansende für die Tat, eines einzelnen verantwortlich machte. Zwölftausend Menschen, soviel waren wir seit dem 18. April geworden, standen an jenem Tag von morgens bis nachts 11 Uhr, also insgesamt 18 Stunden, in Fünferreihen ausgerichtet, auf dem Appellplatz. Ohne die Möglichkeit auszutreten, ohne Essen und Trinken, ohne Bewegung warteten wir Stunde um Stunde auf die Mitteilung, daß der Geflüchtete wieder ergriffen worden sei. Das dauerte an jenem Tag achtzehn Stunden. Wir standen, sahen die Sonne heraufkommen, sahen es Mittag werden, standen im kalten Rieselregen des herbstlichen Tages bis in die Kälte der Nacht hinein und wären vermutlich bis zum nächsten Morgen stehen geblieben, wenn nicht durch einen Fliegeralarm das Signal zur Beendigung dieser Marter gegeben worden wäre. Man kann sich vorstellen, welche Wirkung dieses 18stündige Stehen auf uns ausübte. Hunderte fielen um und mußten in den Krankenbau geschafft werden. Wie sich das Strafstehen erst im Winter auswirkte, zeigt die Tatsache, daß am 19. Januar 1940 bei einem zehnstündigen Stehen 430 Häftlinge erfroren sind. Wir standen später noch öfters viele Stunden, denn Ausbrüche 5* 67 kamen immer wieder vor. Fast immer waren es Berufsverbrecher. Ihr Freiheitsdrang ließ sie den Versuch trotz der geringen Aussichten wagen, ohne Rücksicht auf die Folgen für das gesamte Lager. Wurden sie wiederergriffen, was meist schnell der Fall war, bot die Lagerführung allen Scharfsinn auf, um den Wiederergriffenen einen entsprechenden Empfang zu bereiten. Fünfzehn bis zwanzig jüdische Häftlinge wurden mit schreiend bunten Narrenkappen geschmückt und mußten ein großes Transparent tragen, auf dem in Riesenlettern zu lesen stand: ,, Hurra! Hurra! Hurra! Ich bin schon wieder da!" Das gesamte Lager mußte wie zu einer Parade antreten, um Zeuge eines sonderbaren Schauspiels zu werden. Der Wiederergriffene bekam eine große Militärtrommel umgehängt und mußte damit an den auf dem Appellplatz angetretenen Häftlingen vorbeidefilieren. Unter der fortwährenden Wiederholung des obigen Sprechchores und unablässigem Trommelwirbel wurde er von einem SS- Mann durch die Reihen seiner Mithäftlinge geführt, während die grotesk aufgeputzten Juden das Transparent hinter ihm hertrugen. Die vollzählig versammelten Angehörigen der SS mit sämtlichen Lagerführern an der Spitze hatten ihre helle Freude an dem Aufzug. Der Bock stand inmitten des Platzes und war mit Papierblumen und Girlanden geschmückt. Auf ihm festgeschnallt erhielt der Geflüchtete 50 Peitschenhiebe ohne Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand. Mit lauter Stimme mußte er die Hiebe selbst zählen. Keiner zählte länger als bis zwanzig. Dann ging das Zählen in ein gutturales Schreien, Lallen, Heulen und Brüllen über. Dann hörte auch dieses auf und man hörte nur noch den zischenden Laut der auf den ohnmächtigen Körper niedersausenden Peitsche. In zahlreichen Fällen blieb dem Wiederergriffenen diese höllische Komödie allerdings erspart. Er wurde, wenn er auf der 68 Flucht auch nur ein Stück Brot gestohlen hatte, auf Anordnung des Reichsführers der SS und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, sofort aufgehängt. Die Exekution fand auf dem Appellplatz vor dem versammelten Lager statt. Der Galgen stand an der Stelle, an der in den Adventstagen eines jeden Jahres der Weihnachtsbaum stand. Die Absicht der Lagerführung, ihren zynischen Protest gegen christliche Sitten zu bekunden, kam auch im Jahre 1942 bei der Hinrichtung dreier Häftlinge in den Morgenstunden des Ostersonntages zum Ausdruck. Einmal riẞ bei einer solchen Hinrichtung der Strick und der Delinquent fiel zu Boden. Im Mittelalter hätte man dies als einen Einspruch des Himmels angesehen und den Verurteilten begnadigt. Lagerführer Kolb sah darin die Gelegenheit, sich als guter Pistolenschütze zu erweisen und jagte dem noch lebenden Opfer eine Kugel in den Kopf. In den ersten Jahren meines Lageraufenthaltes waren Fluchtversuche meistens der Hinrichtungsgrund, während in der Zeit des totalen Arbeitseinsatzes ,, Sabotageakte" den Anlaẞ gaben die Todesstrafe zu vollziehen. Wegen eines solchen Vergehens wurde im Sommer 44 ein junger, intelligenter Holländer aufgehängt. Sein Verschulden bestand darin, daß ihm, bei seiner Arbeit an der Stanzmaschine, eine Metallmatrize unter den Stanzkolben rutschte, wodurch der Kolben beschädigt und durch dessen Auswechslung eine Arbeitsunterbrechung von einer halben Stunde notwendig wurde. Was in jedem Betrieb und jedem an einer solchen Maschine tätigen Arbeiter ohne die mindeste Absicht einer Sabotage passieren konnte, wurde einem völlig schuldlosen Menschen zum Verhängnis. Er wurde im Auftrag des Reichsführers der SS als Saboteur gehängt und erfuhr den Grund zu dieser Maẞnahme erst, als er unter dem Galgen stand. Ein anderer Häftling, der sich aus irgendeinem Stück Leder ein Paar Schuhsohlen geschnitten hatte, mußte nach vorherigem Empfang von 50 Stockhieben, das gleiche Schicksal erleiden. 69 XI TSCHECHISCHE STUDENTEN Unser Blockältester hieß Egon Nickel, ein politischer Häftling, der sich etwas darauf einbildete, schon seit dem Jahre 1933 in Schutzhaft zu sein und deshalb auf Neulinge und Anfänger wie mich geringschätzig herabsah. Mein Verhältnis zu ihm war von Anfang an gespannt. Zu meinem Unglück wurde der Unterhaltungsroman, den ich in meinem Sollner Exil geschrieben und dem Berliner Vertriebsverlag Duncker überlassen hatte, jetzt ausgerechnet im nationalsozialistischen„, Angriff" gedruckt. Da diese Zeitung ins Lager kam, hatte sich das Ereignis bald herumgesprochen und die Vorstellung erweckt, ich sei ein nationalsozialistischer Schriftsteller, denn man konnte sich den Umstand, durch, den der Roman in jenes Blatt gelangt war, nicht anders erklären. Daß ich von dem Augenblick an, da ich mein Manuskript an den Verlag verkauft hatte, keinen Einfluß mehr auf die Erscheinungsweise hatte, daß die Verhandlungen zwischen Duncker und der Redaktion des ,, Angriff" sich zu einer Zeit abspielten, da ich bereits im Gefängnis saß und infolgedessen nicht die leiseste Ahnung hatte, ob mein Buch überhaupt erscheinen würde, konnte man nicht begreifen und da ich in meiner Lage keine Lust hatte, lange Erklärungen abzugeben, war ich für Nickel verdächtig und fragwürdig. Ich hatte wieder einen Feind, und da dieser Feind als Vertreter der im Lager herrschenden Häftlingshierarchie an mir gemessen groß und mächtig war, mußte ich damit rechnen, daß er, wie vor ihm Arno Musch, auf Mittel sinnen würde, mich zu vernichten. Denn derartige alte Kumpels hatten eines von der SS gelernt, die Beseitigung von unbequemen Elementen. Ich war ein unbequemes Element und befand mich dadurch in einer schwierigen Lage. Nickel beschloẞ zu handeln. Da er die Macht und die Möglichkeit hatte, Leute 70 seines Blockes, die ihm nicht paßten,„ auf Transport" zu schicken, eine Möglichkeit, von der jeder anständige Blockälteste nur in den alleräußersten Fällen Gebrauch machte, setzte er meinen Namen auf die Liste eines Straftransportes nach dem berüchtigten Lager Groß- Rosen, wo schon viele Häftlinge in den Granit- Steinbrüchen zugrunde gegangen waren. Als ich von dieser Maßnahme Kenntnis erhalten hatte, setzte ich mich zur Wehr. Ich hatte auch gelernt, daß es keinen Sinn hatte, sich willenlos den Entschlüssen anderer zu beugen. Ich ging zu Harry Naukus, dem Lagerältesten, und erklärte die Sachlage. Naukus war Kommunist. Er machte nicht viele Worte, strich meinen Namen von der Transportliste und ordnete meine sofortige Versetzung nach einem anderen Block an. Nickel mußte einsehen, daß er nicht allmächtig war. Ich übersiedelte auf den Studentenblock, der von dem Metallarbeiter Paul Gmeiner geleitet wurde, einem Mann, der in allem das Gegenteil von Nickel war. Die Baracke wurde fast nur von tschechischen Studenten bewohnt. Die Gesamtzahl der damals im Lager befindlichen Studenten der Universitäten Prag und Brünn belief sich auf etwa 2000. Der Anlaß zu ihrer Verhaftung ist bekannt. Unter dem Vorwand angeblicher tumultuarischer Ausschreitungen bei der Beerdigung eines von den Deutschen ermordeten Hochschülers, in Wirklichkeit aber in der Absicht, die tschechische Intelligenz zu vernichten, hatte man alle diese jungen, in ihrer geistigen Entwicklung stehenden Menschen, im Herbst 1939 nachts in ihren Studentenheimen überfallen, verhaftet und nach den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt. Vielen hatte man bei der Durchführung dieser Aktion nicht einmal Zeit gelassen, sich anzuziehen; in Schlafanzügen, Pantoffeln, sogar barfuß wurden sie weggetrieben. Überall, wohin die Polizeitruppen Hitlers kamen, war es das gleiche Verfahren; in Polen, in der Tschechei, in Norwegen, überall mußten die Angehörigen der Hochschulen, Lehrkörper und Studenten, in die Gefangenschaft wandern. Was ein derartiger Eingriff in das Leben eines 71 mitten in seiner Entwicklung stehenden Menschen bedeutet, kann man sich unschwer vorstellen. Herausgerissen aus dem System wissenschaftlicher Bemühungen und Disziplin, mit einem Schlag, unter Anwendung der gröbsten Mittel, in eine völlig andere Beschäftigungssphäre versetzt und nun drei oder vier Jahre lang darin festgehalten, muß der an geistige Arbeit Gewöhnte zugrunde gehen. Tausende, die sich gestern noch mit wissenschaftlichen Problemen beschäftigten, mußten heute Zement ausladen, mit Picke und Schaufel hantieren, Sand karren oder Holzschuhe fabrizieren, und alles das nicht zum Nutzen des eigenen Vaterlandes, sondern als unfreiwillige Helfer für einen politischen Mordbrenner. Im Lager hatten es die Studenten als Vertreter der vielgehaßten Intelligenz besonders schwer. Einen Mann der Wissenschaft sich mit einem groben Werkzeug abmühen zu sehen, befriedigte gewisse Persönlichkeiten des Lagers. Ich vergesse nie die Szene im Klinkerwerk, wo ein grüner Vorarbeiter, also ein Bevauer, einem jungen Menschen eine furchtbare Ohrfeige versetzte, weil dieser auf die Frage nach seinem Zivilberuf geantwortet hatte: Bibliotheksassistent. Quälereien aller Art waren an der Tagesordnung. Gleich im ersten Winter ihres Lageraufenthaltes starben einige Studenten an den Folgen einer Prozedur, der sie sich auf Befehl einiger Blockführer unterziehen mußten. Sie erhielten den Auftrag, sich gegenseitig in den Schnee einzugraben. Da die Kleidung der Zugänge im Sommer wie im Winter nur aus dünnem Drillichzeug bestand, viele von ihnen hatten weder Socken noch Fußlappen, waren schwere Erfrierungen und Krankheiten unausbleiblich. Die Lage der Studenten wurde noch dadurch verschärft, daß der Kommandant des Lagers, der SS- Oberführer Hermann Loritz, sie ganz besonders gefressen hatte, wie er sich selbst auszudrücken pflegte. Hätte man ihn gefragt, weshalb, wäre er in Verlegenheit geraten. Denn außer den allgemeinen Anschuldigungen, die von den Nazis gegen die Tschechen vorgebracht wurden, gab es keinen die Quälereien rechtfertigenden Grund. Aber was fragten Männer wie Loritz nach Gründen. Es gelang dem Lager 72 jedoch nicht, die Haltung der tschechischen Studenten zu er- schüttern. Die jungen Leute übten eine vorbildliche Kamerad- schaft und nahmen jede Gelegenheit zur gegenseitigen Hilfe wahr. Um nicht ganz den Kontakt zu ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit zu verlieren, besorgten sie sich Bücher und ver- mieden jede geistige und körperliche Vernachlässigung. Bald hatten sie jedes gegen sie gehegte Vorurteil besiegt. Sie rück- ten in die wichtigsten Stellen, die das Lager zu vergeben hatte. Sie waren als Architekten, Vermesser und Rechner im Baubüro, als Konstrukteure in den technischen Betrieben, später auch als medizinische Fach- und Hilfskräfte in der Pathologie und im Krankenbau tätig. Sie gründeten einen. Gesangschor und ein Streichquartett, und alte slawische Volks- lieder, lithurgische Gesänge und Chöre neuerer Komponisten erklangen im Lager. 73. x GAB ES AUCH LICHTBLICKE? Da die Lagerführung Bestrebungen dieser Art nach Kräften bekämpfte durch Einziehung sämtlicher im Lager befindlichen Musikinstrumente, durch Verbote von öffentlichen Veranstal- tungen und Gottesdiensten, gehörte ein gewisser Mut dazu, solche Versammlungen trotzdem zu ermöglichen, besonders wenn‘man gewärtigen’ mußte, im„Betretungsfalle“ in der lagerüblichen Weise bestraft zu werden. Es kam auf den Blockältesten an, seine Autorität dem Lagerältesten gegenüber, sein Geschick, Veranstaltungen der erwähnten Art zu tarnen, für die Beschaffung von Papier und Schreibmaterial zu sorgen. Paul Gmeiner besaß alle diese Eigenschaften in hohem Maß. Er betrachtete es als seine Aufgabe, den Häftlingen das Leben auf dem Block zu erleichtern, wo er es konnte. Durch ihn er- hielt ich lange vor Ablauf der üblichen Wartefrist eine Lese- karte, die mich zur Benütung der Lagerbibliothek berech- tigte. Ein schöneres Geschenk hätte mir damals niemand machen können. Ich entsinne mich, mit welcher Gier ich mich auf das erste Buch, es waren die Reisebilder von Viktor von Scheffel, stürzte. Von diesem Augenblick an war ich nicht mehr so ganz gefangen. Der Geist hatte einen Weg zur Freiheit gefunden und was uns der Tag an Bitternis und Schrecken auch brachte, das Buch, das mir der Abend gewährte, machte vieles wieder gut. In der Lagerbibliothek, die einer der liebenswertesten Men- schen, die ich im Lager kennenlernte, der Schauspieler Edgar Bennert, leitete; fand ich überraschenderweise eine Reihe wertvoller Bücher. Neben den Werken der Klassiker waren Werke über deutsche Literatur- und Kulturgeschichte, Kunst- zeitschriften, Romane, darunter merkwürdigerweise viele, die auf dem Index der Nazis standen, wie die Bücher von Sinclair 74 Lewis und Upton Sinclair, ferner wissenschaftliche Bücher aller Art und eine reichhaltige Sammlung von Reisebeschreibungen vorhanden. Das waren Schätze, zu deren Nutzung die kargen Stunden meiner Freizeit kaum ausreichten. Später ermöglichte mir Edgar Bennert, die Bücherei auch abends oft bis in die tiefe Nacht hinein zu benützen. Hier bildete sich ein Kreis von Gleichgesinnten, die vom Zauber des Buches gelockt einige Stunden ihres Schlafes opferten, um zu lesen und ihre Gedanken auszutauschen. Ich vergesse die anregenden und fördernden Gespräche nicht, die wir mit dem Bonner Philosophieprofessor Johannes Verweyen führten. Ich habe die innere Haltung und unbeirrbare Geisteskraft dieses Mannes immer bewundert und erst in diesen Tagen mit tiefer Erschütterung erfahren, daß er zu den Opfern jener Bestie Kramer gehört, die im Lager Bergen- Belsen kurz vor Beendigung des Krieges hingeschlachtet wurden. Ich wäre glücklich, wenn es mir gelänge, die Wirkung, die durch die Darstellung düsterer Vorfälle erzeugt wird, durch die Schilderung freundlicherer Begebenheiten etwas abzuschwächen. Vielleicht unterscheiden sich meine Aufzeichnungen in dieser Hinsicht von anderen Darstellungen, vielleicht macht man mir diese Neigung, gelegentlich auch einen Lichtblick zu zeigen, zum Vorwurf. Es gibt Menschen, die sich durch den Umstand, daß es solche Lichtblicke überhaupt gegeben hat, zu der Annahme hinreißen lassen, es sei eben alles doch nur ,, halb so wild" gewesen. Diesen möchte ich den Preis in Erinnerung rufen, den wir Gefangenen für jeden Streifen Helligkeit bezahlen mußten. Denn es war nicht das Verdienst der SS, daß wir nicht alle im Grauen erstickten, es war das Verdienst einiger Häftlinge, die, ohne auf die mindeste Unterstützung rechnen zu können, unter ständiger Lebensgefahr und erfüllt von dem Bestreben, die allgemeine Not zu lindern, immer wieder versuchten, dem Dunkel unseres Lebens auch eine helle Stunde abzuringen. Unser Leben unterstand einem geheimnisvollen, mit den Mitteln des Verstandes kaum zu ermessenden Gesetz. Wenn sonst alles Handeln des gesitteten 75 Menschen darauf gerichtet ist, die atavistischen Triebe zu besiegen, und die zerstörenden Neigungen in positive Kräfte zu verwandeln, so hatte hier das von Haß, Überheblichkeit, Arroganz und Machtmißbrauch gezeichnete Herrschaftsprinzip der Partei eine Rechtslage geschaffen, die zwar nach außen hin den Anschein milder Sitten zu erwecken versuchte, nach innen aber den Mord und das Verbrechen in jeder nur erdenklichen Form protegierte. Wen das Schicksal in diese Rechtslage versetzt hatte, konnte auf eine normale Befreiung nicht mehr rechnen. Für ihn war das Leben zu einer Gefahr geworden, die nicht die Furcht oder die Gleichgültigkeit überwand, sondern die klare Erkenntnis, daß hier Feind gegen Feind stand, und daß jedes Mittel, das der eine zur Anwendung brachte, den anderen zur Anwendung eines Gegenmittels berechtigte. Wir hatten dabei den Vorteil, daß die Kunst der Überlistung auf unserer Seite sich höher entwickeln konnte, als auf der Gegenseite, denn diese hatte derartiges nicht nötig und blieb deshalb im Mechanismus ihrer Methoden stecken. Es gelang uns immer wieder, Anordnungen zu sabotieren und geheimen Widerstand zu leisten. Wir sangen, wenn die Lagerführer glaubten, wir hätten längst nicht mehr die Kraft dazu und errangen uns auf diese Weise eine Art Respekt, der uns manchmal schützte. So kam es im Lager mehr auf die Haltung, als auf die Führung des Einzelnen an. Eine noch so gute Führung nützte ihm gar nichts. Sie schützte ihn nicht einmal vor Strafe, denn sie wurde ihm bei der Zumessung nicht angerechnet. Die Haltung aber, die einer zu wahren wußte, verlieh ihm Sicherheit und wurde auch auf Seiten seiner Gegner gewürdigt. Alle Vorteile, die die Gesamtheit der Häftlinge im Lauf der Jahre errang, waren das Ergebnis dieser Haltung Einzelner. Wir hatten diese Vorteile nicht als Geschenk der SS erhalten, sondern wir hatten sie unseren rücksichtslosen Vorgesetzten unter einem sehr hohen Einsatz abgelistet und erzwungen. Jeder Häftling mit Ausnahme einiger besonders belasteter durfte zweimal im Monat einen Brief an seine nächsten An76 gehörigen schreiben. Dem Kopf der Briefformulare war folgender Auszug aus der Lagerordnung vorgedruckt: Der Tag der Entlassung kann jetzt noch nicht angegeben werden. Besuche im Lager sind verboten. Anfragen sind zwecklos. Jeder Häftling darf im Monat 2 Briefe oder Postkarten empfangen und absenden. Eingehende Briefe dürfen nicht mehr als 4 Seiten à 15 Zeilen enthalten und müssen übersichtlich und gut lesbar sein. Pakete jeglichen Inhalts sind verboten. Geldsendungen sind nur durch Postanweisung zulässig, deren Abschnitt nur Vor-, Zuname, Geburtstag, Häftlingsnummer trägt, jedoch keinerlei Mitteilungen. Geld, Fotos und Bildereinlagen in Briefen sind verboten. Die Annahme von Postsendungen, die den gestellten Anforderungen nicht entsprechen, wird verweigert. Unübersichtliche, schlecht lesbare Briefe werden vernichtet. Im Lager kann alles gekauft werden. Nationalsozialistische Zeitungen sind zugelassen, müssen aber vom Häftling selbst im Konzentrationslager bestellt werden. Der Lagerkommandant. Diese Legende, die in 12 Sätzen 9 Verbote enthält, erfuhr innerhalb des Lagers als belehrende Ergänzung eine Reihe weiterer Verbote und Vorschriften. Verboten war es, über den Gesundheitszustand zu berichten oder Dinge zu erwähnen, die irgendetwas mit dem Haftgrund zu tun hatten; verboten war es, über Arbeits- und Lagerverhältnisse zu sprechen; verboten war es, ,, durch die Blume" zu schreiben und verboten war es, einen Brief mit Zeichnungen zu schmücken. Unter solchen Umständen mußte der Briefverkehr sehr dürftige Formen annehmen. Wie oft mochten sich Angehörige von Häftlingen darüber gewundert haben, daß sie auf dringende und wichtige Fragen keine Antwort erhielten. Es handelte sich eben um Fragen, die nicht beantwortet werden durften. Groß war die Zahl der Häftlinge, die sich schwere Strafen zuzogen, weil sie die gesteckten Grenzen überschritten und 77 einige Worte mit in ihren Brieftext hatten einfließen lassen, die nicht gesagt werden durften. Man hatte Glück, wenn in solchen Fällen nichts weiter geschah, als daß man den Brief zerrissen zurückbekam. Eine Möglichkeit, einen von der Zensurstelle zurückgewiesenen Brief noch einmal zu schreiben, gab es nicht. Oft kam es vor, daß Briefe aus belanglosen und unverständlichen Gründen mehrere Male hintereinander zurückgewiesen wurden. Dann erhielten die Angehörigen monatelang überhaupt keine Nachricht. Wandten sie sich in ihrer Sorge an den Kommandanten des Lagers, so erhielt der betreffende Häftling eine Vorladung zur politischen Abteilung," wo man ihm entweder heftige Vorwürfe über seine Schreibfaulheit machte oder ihn wegen Nichterfüllung seiner Schreibepflicht gleich zur Bestrafung anmeldete. Einwände des Häftlings waren zwecklos, denn aus der Zurückweisung mehrerer Briefe schloß die politische Abteilung, daß der Häftling verbotene Andeutungen gemacht und damit gegen die Lagerordnung verstoßen hatte. Aber auch die Briefe, die der Häftling von seinen Angehörigen empfangen durfte, mußten sich Eingriffe der Zensurstelle gefallen lassen. Einige Zensoren versahen die ihnen zur Durchsicht vorgelegten Briefe mit Randglossen und pädagogischen Marginalien. Da konnte man zum Beispiel in einem Brief, in dem eine besorgte Mutter ihrem Sohn empfahl, auch weiterhin ein anständiger Mensch zu bleiben, die mit roter Tinte geschriebene Bemerkung lesen: ,, War nie anständig, sonst wäre der Lump nicht da." Nicht alle Zensoren machten sich diese Mühe; sie schnitten einfach alles, was ihnen nicht paẞte, aus dem Brief heraus oder vernichteten den ganzen Brief und ersetzten ihn durch einen Zettel mit dem Aufdruck ,, Inhalt entspricht nicht der Lagerordnung". Ich erhielt öfters einen solchen Zettel anstatt eines Briefes. Was ich aber der Zensurstelle anrechne, ist, daß sie mir die köstlichen Briefe und Zeichnungen meiner Kinder stets unbeschädigt aushändigte. Reizende, in Buntstift oder Wasserfarben ausgeführte Bilderbögen, mit naiven Girlanden umränderte Briefchen, versetzten mich in die liebe Welt der 78 Kinder, und wenn ich auch nicht teilhaben konnte an den großen und kleinen Wundern dieser Welt, so gaben mir diese entzückenden Bilderbriefe doch etwas vom hellen Schimmer eines Glücks, das der Mensch traumhaft genießt, um es erst in dem Augenblick ganz zu begreifen, da er es verloren hat. Für den Häftling, der jahrelang keine Möglichkeiten hatte, seine Angehörigen wiederzusehen und auch niemals wußte, ob er sie überhaupt jemals wiedersehen würde, bedeutete ein Brief unendlich viel. Das Warten auf Post war eine erregende Vorfreude, der Brief selbst ein hohes und tröstliches Glück. Man wurde nervös, wenn der erwartete Brief nicht kam, eine ganze Woche konnte einem dadurch zur Qual werden. Denn wir hatten nicht viel, woran wir uns freuen konnten, erst später, als durch die notwendig gewordene Schonung der Arbeitskräfte die Zügel im Lager etwas lockerer wurden, sorgten gelegentlich stattfindende Theateraufführungen, Konzerte oder Vorträge für unsere Ablenkung. In den Jahren 40, 41 und 42 wußten wir von diesen Dingen noch nichts; wir hörten bisweilen den Tschechenchor oder veranstalteten selbst Gesangsabende in den Baracken. Für die Allgemeinheit aber hatte der Gesang wenig Reiz, denn auch diese an sich so schöne und reine Gefühlsäußerung wurde hier zur Schikane. 70 79 XIII RAPPORTFÜHRER SORGE UND SEINE HELFER & Gustav Sorge, genannt der eiserne Gustav, eine Bestie, die zu erfinden keiner noch so üppigen Phantasie gelänge, und zu jener Zeit Arbeitsdienst- und Rapportführer, machte sich einen Spaß daraus, uns jeden Sonntag nach dem Abendappell singen zu lassen. Nicht um uns damit eine Freude zu machen, denn wir hatten Hunger und wollten möglichst schnell den Appell- plag verlassen. SS-Unterscharführer Sorge kannte unser Inte- resse, und weil er es kannte, kommandierte er nach beendig- tem Appell ein Lied, und zwölftausend Häftlinge, darunter sehr viele Ausländer, die der deutschen Sprache gar nicht mächtig waren, mußten nun der Reihe nach sämtliche Lager- lieder absingen, die gestattet und das Dümmste waren, was ein Mensch sich nur immer ausdenken konnte, sinnlose, spott- blöde Texte, deren dürftiger-Inhalt meist in einem schreien- den Gegensatz zu unserer Lage stand. Unter der Leitung des Häftlings Haller mußten die Lieder so lange heruntergebrüllt werden, bis es klappte. Es klappte fast nie, denn was schon einem geübten Chor dieses Ausmaßes und einem geübten Dirigenten bei zwölftausend auf einem riesigen Platz verteil- ten Menschen nicht leicht gefallen wäre, war hier schon im vorhinein zum Scheitern verdammt. Klappte es doch einmal, so hatte die Verzweiflung uns geholfen und weil eine große Anzahl des Singens unkundiger Häftlinge einfach nicht mit- sang, sondern nur den Mund auf- und zumachte. Das mußten sie allerdings, denn der eiserne Gustav ging während dieses’ Massengesanges zwischen den einzelnen Blocks herum und schlug jedem ins Gesicht, der mit geschlossenem Munde dazu- stehen wagte. Gustav Sorge! Ich gerate in tiefe Verlegenheit der gepriesenen Güte Gottes gegenüber, wenn ich an dieses Paradestück der 80 Bosheit denke. Wir hatten viele Exemplare ähnlichen Kalibers im Lager; Hermann Kampe, Bugtalla, die Gebrüder van Deetzen, den Revolverhelden Schubert, einen kleinen Hysteriker, dem der Speichel von den Lippen floẞ, wenn er einen Häftling mißhandelte, Unterscharführer Satow, Knittler, Fickers und Kayser, Kommandeure der Strafkompanie, ferner den„ Knochenbrecher" Lehmann und den Halbtschechen Zwejn, aber an dem ,, Eisernen" gemessen, waren sie doch alle nur elende Stümper, denn ich entsinne mich nicht, daß es auch nur einem von ihnen gelungen wäre, einen Häftling so kurzerhand totzuschlagen, wie das Gustav Sorge mit Hilfe eines Prügels, einer Eisenstange oder eines ähnlichen Instrumentes fertigbrachte. Es ist mir rätselhaft, wie und wo so ein Mensch vor Beginn der nationalsozialistischen Ära, also ohne das Recht auf Totschlag, existieren konnte. Mir schien es stets, als könnte eine solche Person überhaupt kein irdisches Vorleben haben, als sei sie im geeigneten Augenblick direkt fix und fertig aus der Hölle bezogen worden. Sein Gesicht glich dem eines Teufels mit Falten und Schründen, erzbösen Augen und allen Zügen des Lasters. Nur Arno Musch und der Krematoriums- Vorarbeiter Böhm hatten noch solche Augen; ich würde die Basilisken beleidigen, wollte ich sie mit den ihrigen vergleichen. Ich kann nicht alles erzählen, was dieser Mann tat, denn er tat immer nur Böses, und ich entsinne mich kaum einer seiner Handlungen, die nicht den Zweck gehabt hätte, leiden, zu lassen. Er kam oft schon früh am Morgen vor dem Wecken in die Baracken und schlug mit einem Prügel oder seiner Eisenstange die Häftlinge aus den Betten, oder er trieb aus dem Krankenbau todkranke Menschen, Verwundete oder Operierte, ins Freie mit der Begründung, daß diese Leute Drückeberger seien. Vor ihm war auch kein Blockältester sicher, er traktierte sie mit Besenstielen und Stuhlbeinen und warf ihnen, wie ein wütender Affe, den nächstbesten Gegenstand an den Kopf. Er war ein vollkommener Teufel, aber er liebte den Gesang und richtete ein Häftlingsorchester ein. Er besorgte die erforderlichen Instrumente und ließ sich die Post im Walde" vor6 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel 81 spielen oder sonst ein rührendes Lied. Dann stand er, die Arme verschränkt, mit gesenktem Haupt, in irgendeiner Ecke und niemand konnte ergründen, was in seinem Schädel vor- ging. Erschien es mir früher immer als eine beklemmende Vorstel- lung, Insasse eines Irrenhauses, also Nichtirrer unter Irren zu sein, so erlebte ich nun den noch krasseren Fall, Insasse einer- Anstalt zu sein, in der zwar nicht meine Mitinsassen, wohl aber das gesamte Bedienungs- und Bewachungspersonal Irr- sinnige waren, Denn eine andere Erklärung für das Verhalten dieser Menschen gibt es nicht. Was sollte man zu einer Erscheinung, wie sie dieser eiserne Gustav verkörperte, sagen? Oder was sollte man zu einem Menschen sagen, der, wie SS-Unterscharführer Baer, sich die Zeit damit vertrieb, daß er den Häftlingen seines Arbeitskom- mandos auf dem Industriehof die Nasen mit schwarzem Eisen- lack oder roter Mennigfarbe anpinseltie? Und das nicht etwa mit einem frivolen Lächeln, sondern mit einem so angespannt ernsthaften Gesicht, wie es uns vielleicht an einem Künstler, der eben ein Meisterwerk vollendet, auffällt. Hier handelte es sich nicht mehr um primitive Quälerei, hier zeigte sich vielmehr so etwas wie ein infantiles Schöpfertum, das sich in den Mitteln vergreift und das hier auf eine vollkommene Depravation geistiger Kräfte schließen ließ. Ich sah einen Scharführer, der einen Häftling an einer langen Leine, wie einen Hund, spazieren führte. Ich sah, wie der Rottenführer Nägele sich damit beschäftigte, einem Häftling das Fliegen zu lehren, jedenfalls nahm ich an, daß dies seine Absicht war, denn er ließ ihn auf dem Boden herumhüpfen und flattern wie einen Vogel. Es waren dies Szenen, wie man sie auf den Bildern eines Breughel oder Hieronymus Bosch findet, wo sie eine spukhafte symbolische Bedeutung haben, aber nicht fürchten lassen, daß man ihnen auch einmal in der Wirklichkeit eines hellen Er- dentages begegnen könnte. Unvollständig wäre dieses Kabinett menschlicher Abnormitä- 82 ten, wollte ich auf die Schilderung zweier Häftlinge verzichten, die einen vollen Anspruch darauf haben, hier genannt und gewürdigt zu werden. Die beiden Häftlinge waren Böhm und Perrunje. Böhm war ein kleiner und schmächtiger Mensch, etwas schief gewachsen mit einem leicht gekrümmten Rücken, so daß sein Kopf etwas nach vorne hing und sein Gesicht etwas Lauerndes, Forschendes hatte. Wie von einem Holzbeil in der Hand eines nicht gerade sehr formsicheren Schnitzers zurechtgehauen war dieses Gesicht; es hatte zwei böse und unsichere Augen, die mit ihren huschenden Blicken alles berührten, was ihnen in den Weg kam und dennoch nie lange auf einem Gegenstand verweilen konnten; die Nase war breit und gebogen, das Kinn nahezu viereckig. Ich weiß, es ist das übliche Schurkengesicht, das ich hier schildere. Aber es bot leider keinen anderen Reiz, und Dickens und Balzac, Hoffmann und Dostojewski hatten ihre guten Gründe, wenn sie gewissen Gesichtern, ganz unabhängig voneinander, die gleichen Formen und Züge verliehen. Böhm war eine durchaus exemplarische Figur. Er hatte zwei affenartige lange Arme, an deren Enden die beiden Hände baumelten wie zwei Werkzeuge im Rohguẞ, zu grausigen Taten bereit. Aber ich schäme mich zu gestehen, daß dieser Böhm ein Politischer war, was ja wohl zu der Annahme berechtigt, daß er irgendwann einmal für ein Menschheitsideal gekämpft hatte, daß er irgendwann einmal den Versuch gemacht hatte, in die Sonne zu schauen und an irgend etwas zu glauben, was unberührt von menschlicher Tücke im Lichtstrahl einer traumhaften Zukunft stand. Böhm war der Chef des Krematoriums. Er hatte in der Person von Perrunje einen Verbündeten, der ihm in nichts nachstand, und, wenn es darauf ankam, sogar noch übertraf. Perrunje war Oberschlesier; sein wirklicher Name ist mir nicht bekannt, ich wußte ihn einmal, aber ich habe ihn vergessen, denn Perrunje war eben Perrunje und wurde nie anders genannt, als nach diesem polnischen Fluch, den er ständig im 6* 83 Munde führte und der jeden seiner in einer harten und holprigen Sprache vorgetragenen Sätze begleitete und bekräftigte. Perrunje war ein untersetzter, molliger Mensch, an dem alles ein wenig schwabbelte, mit einem roten Bierbrauerkopf und betörend scheinheiligen Augen. Jeder seiner Blicke war ein offenkundiger Verrat an der Sache der Menschheit, eine aufdringliche Lüge. Seine Hände waren klein und weich und hatten kurze wurstförmige Finger. Er bewegte sich geziert wie ein dickes kokettes Weib, ganz im Gegensatz zu Böhm, der mehr rutschte als ging. Was Perrunje früher einmal für einen Beruf ausgeübt hatte, weiß ich nicht. Da er einen schwarzen Winkel trug, nehme ich an, daß er sich der Zuhälterei befleißigte, die ja ein sehr weitläufiges und vielseitiges Gewerbe ist. Im Lager, wo man die Bereitschaft zum Mord mit einem Stück Wurst, einer Hand voll Zigaretten oder ähnlichen Gegenwerten bezahlte, wurde Perrunje Blockältester in dem isolierten Bereich der Strafkompanie, einer Einrichtung, die für die rasche Beseitigung besonderer Häftlinge geschaffen war und für die man einen Menschen als Vorsteher benötigte, der bereit war, diese Aufgabe zu erfüllen. Auch Böhm hatte Glück, als er in das Lager kam und zunächst Vorarbeiter des Stehkommandos wurde, ehe seine ehrenvolle Berufung an den Verbrennungsofen des Krematoriums erfolgte. Dieses Stehkommando wurde gegründet, als die sogenannte Juni- Aktion im Jahre 1938 eine Unzahl arbeitsunfähiger Menschen in das Lager schwemmte. Eine im ganzen Reich durchgeführte Razzia, die einem jeden Gemeindevorsteher oder Ortsbürgermeister Gelegenheit bot, sich mit einem Schlag aller ihm unsympathischer Gemeindemitglieder zu entledigen, brachte viele Tausende von ,, asozialen Elementen" in die damals im Aufblühen begriffenen Konzentrationslager; Arbeitsunwillige, Landstreicher, Zigeuner, wilde Buchmacher von den Rennplätzen, Trunkenbolde, viele Künstler, darunter sehr viele Musiker, Menschen mit und ohne Vorstrafen, Zuhälter und andere Vertreter unkontrollierbarer Gewerbe, kurz alles, was nicht ge84 rade Verbrecher, aber auch nicht nützliches Mitglied der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft war. Zahlreiche kranke oder altersschwache Leute befanden sich darunter, auch geistig minderwertige Personen, Verwachsene und Krüppel, mit denen man selbst in den Konzentrationslagern keinen Staat mehr machen konnte und die nun hier auf den Aussterbeetat gesetzt wurden. Es war dies eine der Methoden, mit denen Hitler die Arbeitslosigkeit so erfolgreich bekämpfte und die ihm soviel Anerkennung und begeisterte Zustimmung eingetragen hatten. ,, Schrotthaufen der Nation" nannte die SS diese zusammengewürfelten Existenzen, die, wenn kräftig genug, zum Lageraufbau verwendet wurden, während alle anderen in Stehkommandos aufgeteilt und der Vernichtung preisgegeben wurden. Dieses Stehkommando war der leere Schlafsaal einer Baracke. Zusammengepreßt wie die Sprotten, unfähig, ein Glied zu rühren, standen hier an die 1500 Häftlinge von morgens 6 Uhr bis mittags 12 Uhr und von 1 Uhr nachmittags bis zum Abendappell. Vorarbeiter dieser Elendsgestalten, das heißt der Mann, der sie in die Baracke hinein- und wieder hinaustreiben mußte, war der Häftling Böhm, der sehr bald begriffen hatte, daß sich aus der Haut anderer leicht Riemen schneiden ließen und daß auch das Konzentrationslager seinen Mann ernährte, wenn man nur eben ein Kerl war und über den nötigen Witz verfügte. Damals war SS- Standartenführer Baranowsky, seines klobigen Aussehens wegen ,, Vierkant" genannt, Kommandant des Lagers. Er beauftragte Böhm, die Kranken und Gebrechlichen zu vernichten. Mit einem selbstgeschnitzten Prügel traktierte er seine Schutzbefohlenen. Er war damit zum amtlich bestallten Totschläger geworden. Er bezog Extravergütung in Form von doppelten Rationen und Zigaretten. Er trug, um sich in seiner Würde von anderen Häftlingen zu unterscheiden, eine dunkelblaue Schirmmütze und war nie ohne seinen Eichenknüppel zu sehen. Es ist schwer zu sagen, wie sich in seinem Kopf die Welt und die Zukunft dieser Welt, die ja auch die seine war, malte. 85 Pläne hatte er gewiß; es waren Pläne elementaren Stils, denn er rechnete damit in aller Unschuld, die Gelichter seines Schlages auszeichnet, eines Tages als reicher Mann aus dem Lager zu gehen, unter dem Arm die Margarineschachtel, die man nach seinem Tode bei ihm fand und die bis zum Rande gefüllt war mit goldenen Zähnen und Zahnprothesen all derer, die er im Laufe seiner Tätigkeit als Krematoriumschef in den Ofen geschoben hatte. Er war ein praktischer und realistischer Mann, er sah nicht ein, weshalb man den goldenen Mund einer Leiche der Vernichtung durch das Feuer anheimgeben sollte; er entbrach ihm also die Zähne und baute auf diesen das Glück seiner Zukunft. Dieser treue Diener seines Herrn, der noch unberührt von dem Geist der erst später zu so hohem Ansehen gelangten ,, Technik der Entvölkerung" den Totschlag als eine Art liebgewordenes Handwerk kultivierte, war gleichwohl ein Lehrling, gemessen an Perrunje. Perrunje, dem die nicht minder ehrenvolle Aufgabe zugefallen war, die Belegschaft der Strafkompanie nicht über die Zahl der vorhandenen Betten hinauswachsen zu lassen, entledigte sich dieser Arbeit auf eine wesentlich kunstvollere Weise als Böhm. Ich weiß nicht, ob es seine eigene Erfindung war, oder ob er nur auf alte bewährte Erfahrungen zurückgriff, jedenfalls bediente er sich mit Vorliebe des kalten Wassers zur Durchführung seiner drastischen Kuren. Ein auf die Herzgegend gerichteter eiskalter und starker Wasserstrahl sollte bei entsprechend ausdauernder Behandlung die gewünschte Wirkung hervorrufen. Diese im Sommer erfolgreiche Methode steigerte Perrunje im Winter noch wirkungsvoller; er bespritzte seine im Freien vor der Baracke aufgestellten Opfer mit Wasser und gab sie hier dem Erfrierungstod preis. Es gab noch eine Reihe anderer Beseitigungsmethoden. In ähnlicher Weise wie bei der Strafkolonne des Vorarbeiters Felix. auf dem Klinkerwerk wurden auch hier im Lager Häftlinge, deren man sich entledigen wollte, während der Arbeit zugrunde gerichtet. Beim Bau des großen Luftschutzkellers auf dem Exerzierplatz des Truppenbereiches wurde täglich ein gutes 86 Dutzend geopfert. Man ließ die auf schwankenden Brettern stehenden, durch Hunger, Mißhandlungen und Kälte geschwächten Menschen einfach durch einen Stoß in die Tiefe des gegrabenen Schachtes fallen, wo sie entweder mit zerschmettertem Schädel liegen blieben, oder solche Verletzungen davontrugen, daß es sich nicht lohnte, sie erst noch einmal gesund zu machen. Sie kamen ins Revier, wo sie durch eine Injektion von allen weiteren Leiden erlöst wurden. In dieser Strafkompanie Perrunjes befanden sich vorwiegend Häftlinge, die sich durch ein Vergehen gegen den§ 175 strafbar gemacht hatten und deren Beseitigung man aus eugenetischen Gründen für zweckdienlich und erforderlich hielt; ferner Häftlinge mit Sittlichkeitsdelikten, sehr viele Juden und Bibelforscher, aber auch Häftlinge ohne alle Vorstrafen und Kameraden mit politischen Delikten, die sich gegen die zahllosen Bestimmungen der Lagerordnung vergangen hatten. Es war keine Kunst, Perrunje in die Hände zu fallen; ein unbedachtes Wort konnte schon der Anlaß dazu werden. Später, in der zweiten und dritten Periode der Häftlingsbehandlung ließen hier die Exzesse nach. Die Häftlinge der Strafkompanie wurden fast nur noch als Schuhläufer verwendet, das heißt, sie mußten im Auftrag der ,, Gesellschaft für Wirtschaftsausbau" Kunstsohlen einlaufen. Es wurden zu diesem Zweck eigene Prüfstrecken mit unterschiedlichem Straßenbelag gebaut. Diese Prüfstrecken zogen sich um den ganzen Appellplatz und mußten von den Schuhläufern täglich solange begangen werden, bis die von der Gesellschaft für Wirtschaftsausbau" geforderte Strecke von 40 Kilometern zurückgelegt war. 99 Weder Böhm noch Perrunje können als Kronzeugen für ihre schaurigen Taten auftreten. Böhm starb eines rätselhaften Todes im Zellenbau des Lagers unmittelbar nach Beendigung einer großen Massenexekution russischer Kriegsgefangener, an der er als Krematoriums- Vorarbeiter wesentlich beteiligt war; Perrunje erhängte sich 3 Jahre später kurz vor der Besetzung Oranienburgs durch russische Truppen. Beide, Böhm und Per87 runje, waren im Grunde nur Handlanger, Taglöhner des Mords im Dienste von Verbrechern, die das deutsche Volk als die Retter Europas pries. ,, Es wird eine Technik der Entvölkerung entwickelt werden müssen!" hatte Hitler im Frühjahr 1934 gesagt, als man ihn über seine Kolonisationsabsichten im Ostraum befragte, und er gab den Auftrag zur Verwirklichung dieser Idee. Alles was in den Konzentrationslagern oder anderen Gefangenenlagern der SS Dienst tat, wuchs auf in diesem Geist der Vernichtung. Was in den Köpfen einiger zu Beginn ihrer blutigen Laufbahn vielleicht noch Bedenken erregt hatte, unterlag schließlich der Gewöhnung. Man organisierte den Mord wie das Verkehrswesen, man entledigte sich überflüssiger und unerwünschter Geschöpfe auf eine immer sachlicher werdende Art und unterzog sich dieser Tätigkeit mit der gleichen Ruhe, wie sie allenfalls das Diktat eines Dienstschreibens erfordert. Es ist unvorstellbar, was aus der politischen und bürgerlichen Moral, aus der Gesittung Deutschlands, ja ganz Europas geworden wäre, wenn Hitler diesen Krieg gewonnen hätte. Was die Böhm und Perrunje, als mit Butterstullen und Zigaretten gekaufte Helfershelfer des Reichsführers der SS, des Leiters des Reichs- Sicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich und des gesamten Sicherheitsdienstes taten, war erst ein bescheidener Anfang. Noch lagen keine genauen Direktiven vor, noch befanden sich die Entvölkerungsmaßnahmen im Stadium der Entwicklung. Noch begnügte man sich mit den kleinen Handlangern, die den Knüppel, den Wasserschlauch schwangen, um zu töten. Eine große Kollektivformel der Vernichtung mit bis in Einzelheiten gehenden Ausführungsbestimmungen lag noch nicht vor. Man ließ die Menschen in den Steinbrüchen, den Tongruben und Kanalisationsschächten zugrunde gehen, oft fünfzig an einem Tag, aber doch noch viel zu wenig, um den auf die Eroberung und„ Kultivierung" des Ostraums gerichteten Sinn des Führers zu befriedigen. Da begann im Sommer 1941 der Krieg mit der Sowjet- Union. Mit einer geradezu bewunderungswürdigen Ahnungslosigkeit über die militäri88 schen Machtmittel und die innere politische Widerstandskraft der Russen, stürzte sich Hitler auf den Feind, der ihn bis Stalingrad siegen und sich dabei im Rausche der Erfolge verzetteln ließ. Damals in der ersten Phase des Rußland- Feldzuges hielt Hitler den Zeitpunkt für gekommen, seine Entvölkerungsaktion mit den nun auch technisch vervollkommneten Mitteln großen Stils durchzuführen. Jetzt wurden in den Lagern Maidanek- Lublin, Bergen- Belsen und Auschwitz- Birkenau die Voraussetzungen für die Vernichtungsaktionen großen Stils geschaffen. Bald wurden Russen, Polen und Juden in unvorstellbarer Zahl vernichtet. Die mit ,, rassefremden Elementen" beladenen Eisenbahnzüge rollten direkt in die Gastunnels, aus denen man sie eine halbe Stunde später mit den Leichen herausrangierte. Hier brannten ununterbrochen die Öfen der Krematorien, langten Nacht für Nacht die mit toten Menschen befrachteten Lastwagen aus den kleineren Lagern, die keine eigene Verbrennungsanlage hatten, in die großen Vernichtungsstationen. Eine Industrie der Vernichtung hatte sich aufgetan. Das Sterben war im Reich Adolf Hitlers kein von den Schwingen der Gottheit beschattetes Ereignis mehr, sondern eine kolonialpolitische Maßnahme, der man sich unterziehen mußte, wie einer Impfung oder einer Volkszählung. 89 XIV VERLORENE MENSCHEN AUF VERLORENEN POSTEN Kurz vor meiner Versetzung nach dem Block 53 wurde ich vom Arbeitsdienst als Schreiber in den Krankenbau des Lagers kommandiert. Ich sollte dort den ältesten Sohn des am 28. Juni 1914 in Serajewo ermordeten Erzherzog- Thronfolgers Franz Ferdinand, Fürst Ernst von Hohenberg, ersetzen. Er befand sich seit der Annexion Österreichs durch die Truppen Hitlers in Haft, war zuerst im KZ Dachau, wo man ihn in einer Sandgrube schaufeln ließ, dann im Granit- Steinbruch des Lagers Flossenbürg und schließlich in Sachsenhausen. Hier hatte man es aufgegeben, ihn noch länger zu quälen; er erhielt eine Schreiberstelle im Revier und sollte im Frühjahr 1941 entlassen werden. Nach wenigen Tagen stellte sich heraus, daß es mit der Entlassung Hohenbergs noch eine gute Weile habe, und ich mußte den kaum angetretenen Posten wieder aufgeben. Besonders unglücklich war ich darüber nicht, denn das Revier galt damals als ein gefährlicher Boden, auf dem der eiserne Gustav sein Unwesen trieb. Auch diente dieses Institut damals mehr der Vernichtung als Heilzwecken. Sein Leiter, der SS- Untersturmführer Dr. Ehrsam, erledigte die tägliche Untersuchung der kranken Häftlinge im Freien, morgens 6 Uhr auf dem Appellplatz. Da er das auch im Winter so hielt, kann man sich die Heilerfolge vorstellen. Die meisten Kranken starben schon vor ihrer Einlieferung in den Krankenbau, denn Ehrsam ließ Häftlinge, die an Lungenentzündung erkrankt waren, erst eine Zeitlang ans Tor stellen, wo der Wind besonders heftig blies. Im Inneren des Reviers herrschten furchtbare Zustände. Es gab hier keine vorgebildeten Pfleger, keinen sachkundigen Sanitäter, keinen wohlwollenden Arzt. Es wurde viel mit Injektionen gearbeitet, an deren Folgen die Menschen dahinsiechten und 90 schließlich starben. Wer nicht mit einem der diensttuenden Pfleger befreundet war, tat besser sich im Falle einer Erkrankung selbst zu helfen. Für Juden und Slawen war eine Behandlung im Krankenbau fast ausgeschlossen. Wohl wurden sie bei einer Erkrankung von ihren Blockältesten in das Revier geschickt, aber die Behandlung, die ihnen zuteil wurde, war in keiner Weise dazu angetan ihren elenden Zustand zu mildern. Viele Stunden lang mußten sie, in Fünferreihen ausgerichtet, im Freien, vor dem Eingang zur Aufnahmebaracke ausharren, bis man ihre oft schon Wochen alten Verbände erneuerte oder sie in einen jener furchtbaren Massenblocks steckte, die im Bezirk der Heilanstalt für Menschen zweiten und dritten Ranges vorgesehen waren. Der Zustand, in dem sich diese Unglücklichen befanden, bot in den wenigsten Fällen eine Aussicht auf Heilung. Die vernachlässigten Wunden waren in Brand übergegangen und schmutzstarrende Verbände bildeten eiternde Infektionsherde. Es wäre indes ein Irrtum zu glauben, daß Mangel an Medikamenten und Verbandstoffen die Schuld an solchen Verhältnissen trug. Der Krankenbau des KL Sachsenhausen war eine in jeder Hinsicht modern eingerichtete Anstalt. Laboratorien, Röntgenstation, die septischen und aseptischen Operationssäle mit ihren Vorbereitungsräumen, Ambulanz, Apotheke, das Medikamentenlager, Zahnstation, Pathologie, alle für ein solches Institut charakteristischen Einrichtungen befanden sich in sauberem, tadellosem Zustand. Aber es war nicht die Absicht der SS den kranken Häftlingen zu helfen, sondern der Krankenbau diente Forschungszwecken und die Kranken waren nichts anderes als Versuchskaninchen. Hier erfuhr ich auch die Sache mit den tätowierten Menschenhäuten, der Skalpjägerei im Dritten Reich. Im Frühjahr 1941 war ein rumänien deutscher Berufsverbrecher ins Lager gebracht worden, der das Interesse der gesamten Lager- SS dadurch erregte, daß er am ganzen Körper tätowiert war. Es gab an diesem Menschen nicht eine weiße Hautstelle. 91 Selbst die Fußsohlen wiesen Tätowierungen auf und als man ihm das Haupthaar abrasierte, sah man, daß die blauen und roten Ornamente, Zeichnungen und Spruchbänder sich sogar über den Scheitel erstreckten. Dieser seltsame Mensch war vollkommen gesund und würde noch leben, wenn nicht die SSÄrzte auf den Einfall gekommen wären, sich der Haut dieses Mannes als einer Trophäe von ganz besonderer Eigenart und Seltenheit zu bemächtigen. Der Mann wurde wenige Wochen nach seiner Einlieferung durch eine Injektion getötet, seine Haut abgezogen und gegerbt. Jahrelang schmückte diese schaurige Rarität eine der Wände des anatomischen Hörsaales. Hautstücke von Tätowierten wurden gelegentlich auch in der Buchbinderei des Lagers zu Bucheinbänden und Lampenschirmen verarbeitet. Ob man in solchen Fällen den ursprünglichen Besitzer des betreffenden Hautstückes hiefür umbrachte, weiß ich nicht. Wesentlich besorgter war die SS allerdings um ihre eigene Sicherheit, als in den Wintermonaten 1941/42 Flecktyphus ausgebrochen war und als erste Opfer das Leben einiger SSScharführer forderte. Dieses Ereignis, das die Lagerführung erinnerte, daß der Tod auch vor dem silbergestanzten Symbol auf den Mützen der SS- Angehörigen keinen Halt machte, gab den Anlaß zu durchgreifenden Gegenmaßnahmen. Die Desinfektion sämtlicher Lagerbauten und Häftlingskleider wurde angeordnet und durchgeführt. Schutzimpfungen fanden statt, die Inbetriebnahme einer eigenen Entlausungsanstalt und strenge Isolierung der Kranken verhinderten eine Ausbreitung der Seuche. Eine allgemeine Quarantäne wurde verhängt und die Arbeit in sämtlichen Betrieben eingestellt. In dieser Zeit wagte sich kaum ein SS- Mann in das Lager, was die Angst vor der Seuche herabsetzte und unsere Stimmung erhöhte. Wir wurden mit dem Sortieren von Zivlikleidern beauftragt, die kurz vorher auf mehreren Lastwagen in das Lager geschafft worden waren. Sie kamen aus Auschwitz. Sie bestanden aus Tausenden von Bekleidungsstücken, Anzügen, Mänteln, Frauen92 und Kinderkleidern, Schuhen und Wäsche, die man den in den Lagern Auschwitz und Maidanek ermordeten Juden abgenommen hatte und die nun zu weiterer Verwertung in das Bekleidungswerk der Waffen- SS wanderten. Hier wurden sie zunächst auf verborgene Schmuckgegenstände, Geldscheine und Münzen untersucht; große Mengen Wertsachen fielen der SS in die Hände, die Zahl der erbeuteten Uhren war so groß, daß ein Uhrenmagazin mit Werkstatt, in der 30 Uhrmacher saßen, eingerichtet wurde. Zu derselben Zeit, da nach diesem barbarischen Winter Goebbels das deutsche Volk zu einer großen Wollsachenspende für die Soldaten der Ostfront aufrief, wurden im Lager Sachsenhausen große Mengen Pelzwerk, Unterkleider, Mäntel, Handschuhe, Strümpfe und Socken in einen Schuppen gestopft, Berge von Schuhen, Männer-, Frauenund Kinderstiefeln wurden verbrannt. Mit den Anzügen bereicherten sich verschiedene SS- Angehörige oder verwendeten sie als willkommenes Tauschmittel zu Schiebergeschäften. Abgetragenere Stücke aber wurden mit roten Streifen und Kreuzen markiert und als Häftlingskleidung verwendet. Nach Aufhebung der Quarantäne wurde mir ein Posten als Hülsensortierer in einer der Baracken der Verwaltungswerk. stätten zugewiesen, die den Vorteil hatte, daß ich im Warmen sitzen konnte und keinen SS- Mann zum Vorgesetzten hatte. Bei dieser Arbeit konnte man wenig auffallen und war einigermaßen sicher vor Schikanen. Die Arbeit bestand im Sortieren von Patronenhülsen und war zwar einfach und leicht, doch stumpfsinnig. Unter meinen Arbeitskameraden waren mehrere Studenten, einige Beamte der polnischen Eisenbahn aus Danzig, ein Lehrer und ein junger Architekt. Wir hatten unsere Ruhe, da wir nichts herstellten, was in den Augen eines SS- Angehörigen begehrenswert war, und die ständige Bedrohung, sich einer der barbarischen Lagerstrafen auszusetzen, war hier geringer. Das Unheil konnte sich aber im Block abspielen, wo man durch schlechten Bettenbau oder ähnliches Vergehen auffallen konnte, während man selbst bei der Arbeit saß. Es geschah auch, daß 93 man todmüde von der Arbeit kam und von folgendem Anblick betroffen wurde: sämtliche Einrichtungsgegenstände des Tagesraumes waren auf die Erde geworfen, die Spinde waren geleert und gestürzt, die Beine der Tische und Stühle ragten in die Luft, Brot, Suppe, das Stückchen Wurst oder was es sonst gerade gab, bildeten einen einzigen Haufen Unrat, in den Ritzen der Diele versickerte eine schmutzige Brühe, Bücher und Bilder, Kohlenstücke und Holz, Wasserkannen, Schöpfkellen und Mülleimer, alles, was die Baracke enthielt, war dem Zerstörungswahn eines Blockführers, des ,, Eisernen" oder des Rapportführers zum Opfer gefallen. Der Blockälteste erklärte uns dann den Grund dieser Maßnahme, Unordnung und Unreinlichkeit im Block. An solchen Schreckenstagen blieben wir ohne Mittagessen oder Abendkost. Aber auch auf nächtliche, überfallartige Besuche mußte man sich gefaßt machen, denn um die gleiche Stunde, da wir uns zur Ruhe begeben mußten, gingen die SS- Angehörigen in ihre Kasinos und Kantinen, um sich hier durch Alkohol in die Stimmung zu versetzen, die ihnen zur Durchführung nächtlicher Lager- Expeditionen und Block- Inspektionen erforderlich erschien. Wenn dieser Augenblick eingetreten war, meistens nachts gegen ein oder zwei Uhr, zogen sie gröhlend und wetternd in das Lager, gingen in die nächstbeste Baracke und veranstalteten nun hier einen Tumult und ein Durcheinander, daß man meinte, von Räubern oder Teufeln heimgesucht zu werden. Oft eröffnete ein in den Schlafsaal gezielter Pistolenschuß diese ,, Remidemmi", wie der amtliche Lagerausdruck dafür lautete. Aus schwerem bleiernen Schlaf gerissen, taumelten wir in die Höhe, da schlug uns auch schon das wüste Gezeter der im Dunkel mit ihren Prügeln oder Peitschen wild um sich hauenden SS- Leute in die Ohren. Wer die nötige Geistesgegenwart besaß, verkroch sich unter das unterste Bett, noch flinkere sprangen einfach aus dem Fenster. Irgendeinen Sinn hatten Orgien dieser Art nicht, sie galten als Belustigung und hörten auf zu der Zeit, da sich ein anderer nächtlicher Besucher, ein furchtbarer Besucher, mit 94 Phosphorkanistern, Sprengbomben und Luftminen einen Weg in das Reich bahnte. Vor diesen Gästen kapitulierte der nächtliche Übermut der SS und erst um den Preis des allmählich in Schutt und Trümmer sinkenden Berlins bekamen auch wir unsere Ruhe. Die ersten vereinzelten Angriffe auf Berlin erfolgten bereits im Jahre 1940, einen schweren nachhaltigen Charakter nahmen sie aber erst zwei Jahre später an. Schon im Frühjahr 41 wurde das Kommando Bombensucher geschaffen, dessen Aufgabe es war, die in oder in der Umgebung von Berlin niedergegangenen Blindgänger oder Bomben mit Zeitzündung zu entschärfen und unschädlich zu machen. Es wurden zunächst Freiwillige zur Bildung solcher Kommandos aufgerufen. Die Lagerführung stellte Häftlingen, die dreimal an der Aktion teilgenommen hatten, die Entlassung in Aussicht. Wir glaubten zwar nicht an die Ehrlichkeit dieses Versprechens, aber es fehlte trotzdem nie an Freiwilligen, obwohl viele dieser Kommandos nicht wieder in das Lager zurückkamen; sie wurden von der explodierenden Bombe zerrissen und zerfetzt. Es wurde auch niemals ein Häftling, auch nicht nach dreißigmaliger Teilnahme, aus dem Lager entlassen. Die einzige Vergünstigung war, daß er sich die Haare wachsen lassen durfte und täglich etwa 200 Gramm Brot mehr erhielt. Was viele politische Häftlinge, und nicht die schlechtesten, veranlaßte, sich an der Suchaktion zu beteiligen, war der Geist der Unbeugsamkeit und Furchtlosigkeit. Auch hier entschied die Haltung der Häftlinge. Es war derselbe Geist, mit dem der Häftling die Marter des Pfahles erdulden konnte, ohne zu einem Geständnis erpreẞt zu werden. Man konnte alles mit uns machen, aber nicht alles dadurch erreichen. Wir zeigten keine Furcht vor dem Tode, in welcher Form er uns auch zugedacht war. Darum gaben wir auch als Bombensucher der Lagerführung keine Gelegenheit, uns Feiglinge zu nennen. Es gibt eine erhaltende Moral, die zu hüten der Mensch gerade dort am nötigsten hat, wo ein gesetzloser Zustand herrscht und alle Laster, deren die Menschheit fähig ist, sich ver95 sammeln. Wir hatten Verräter und Schurken unter uns, aber gerade aus diesem Grund mußten die, die keine waren, und es waren glücklicherweise die meisten, sich ein eigenes Gesetz schaffen. Und in dieses Gesetz, das jeden Verstoß durch eine sehr harte, aber unerläßliche Folgerung entsühnte, fiel die Pflicht der Bereitschaft, für sich selbst und damit auch für die anderen geradezustehen bis zur letzten Konsequenz. Es gab Helden unter uns, die ihre Treue mit dem Leben bezahlten. 96 XV DIE TECHNIK DER ENTVÖLKERUNG Im Hochsommer des Jahres 1941 kamen russische Kriegsgefangene ins Lager. Sie waren der Waffen- SS in die Hände gefallen. Sie brachten viele Tote mit, Kameraden, die auf dem Transport gestorben waren. Die Lebenden befanden sich in einem trostlosen Zustand, sie hatten gehungert und alle Entbehrungen durchlitten. Es waren 2000 Männer, die in zwei leeren Baracken in einem besonderen Teil der Strafkompanie untergebracht wurden. Kurz vorher hatte die Bauleitung der Waffen- SS den Auftrag erhalten, auf dem Industriehof des Lagers ein Gebäude zu errichten, dessen Raumaufteilung und Inneneinrichtung unsere im Baubüro tätigen Häftlings- Architekten verwunderte. Durch die Zimmerleute, die an der Aufstellung des Gebäudes beteiligt waren, erfuhren wir bald Genaueres über seine Beschaffenheit. Eine Grundrißzeichnung, die einer der Handwerker anfertigte, ließ uns über den Zweck dieses Bauwerks nicht im Unklaren. Zu derselben Zeit, da wir uns in der Verborgenheit eines Werkstattwinkels mit dem Studium dieser Planskizze beschäftigten, rollten vier Lastwagen in den Industriehof, deren jeder eine merkwürdige Maschine anlieferte, vier mächtige heizkesselähnliche Apparate aus grauem Metall mit Feuerungstüren, großen backofenartigen Verschlußklappen, Ventilen und Druckmeßgeräten; auch über den Zweck dieser Maschinen konnte kein Zweifel bestehen. Die Fertigstellung des Gebäudes erfolgte sehr rasch. Es handelte sich dabei um einen etwa 30 Meter langen, 18 Meter breiten Holzschuppen, der in seinem Inneren mehrere eigenartige Räume enthielt. Der Eingang lag nach einem von einem hohen Bretterzaun eingeschlossenen Hof zu. Verfolgte man 7 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel 97 von diesem Hof aus den Weg durch die gesamte Anlage, so gelangte man erst in eine Art Windfang und von diesem in einen großen fast quadratischen Raum, in dem mehrere lange Bänke mit Kleiderrechen, wie man sie im Auskleideraum einer Badeanstalt findet, standen. Von hier aus führte eine Tür in einen mehr langen als breiten Raum, der einen Tisch, mehrere Stühle, einen Glasschrank mit medizinischen Instrumenten enthielt. Ein kleines, fensterloses Kabinett verband diesen mit einem großen, gleichfalls fensterlosen Raum, dessen Wände aus doppelter Balkenverschalung mit einer dazwischengelagerten Glaswolle- Isolierung bestanden. In die eine Schmalwand war eine schlitzartige Scharte gearbeitet, vor welcher eine Meẞlatte mit verschiebbarem Winkelstück, wie man sie zur Feststellung der Körpergröße verwendet, stand. Hinter der Wand mit der Scharte lag ein vom Freien aus erreichbarer Gang, während die der Meßlatte gegenüberliegende Wand besonders stark armiert und augenscheinlich als Kugelfang ausgebildet worden war. Die Wände dieses Raumes waren mit buntgestreiften Vorhängen verkleidet und der Fußboden bestand an der Stelle, wo die Meßlatte angebracht war, aus einem rotgestrichenen Eisenrost. In diesem Raum befand sich eine zweite Türe; sie öffnete sich in eine geräumige Halle, deren Boden mit Sägemehl und Sägespänen bedeckt war. Das breite Tor dieses Raumes stellte die Verbindung her zu den im Freien, in einem Brettergeviert aufgestellten Verbrennungsöfen, vier fahrbaren Feldkrematorien, die man hier auf einen stabilen Unterbau montiert hatte und die dann auch später im neuen Krematorium des Lagers Verwendung fanden. Als die Zurüstung der hier geschilderten Baulichkeiten soweit gediehen war, daß die Anlage in Betrieb genommen werden konnte, fand im September 1941 die Erschießung von etwa 500 russischen Kriegsgefangenen statt. Die Aktion begann abends nach dem Appell, der diesmal nicht länger als zehn Minuten dauerte. Sofort nach dem Signal zum Einrücken mußten sämtliche Häftlinge den Platz im Laufschritt verlassen und sich nach den Baracken begeben. 98 Von hier beobachteten wir nun die weiteren Vorgänge. Wir sahen, wie ein großer fensterloser Kraftwagen, der später auch als Gaswagen Verwendung fand, am Gittertor der Isolierung vorfuhr und wie etwa 50 Russen durch eine Gasse von SS- Leuten in das Innere des Wagens getrieben wurden. Alles vollzog sich sehr rasch. Die Wagentüre klappte ins Schloß und der Lastwagen fuhr durch den Turm A, den Kommandanturbereich und an den Ausrüstungswerken vorbei in den Industriehof. Was sich hier und in den folgenden Nächten abspielte, wissen nur wenige Häftlinge aus eigener Anschauung; vorausgesetzt, daß noch einer von ihnen unter den Lebenden weilt. Man hatte ein Kommando von Berufsverbrechern mit Böhm als Vorarbeiter gebildet, deren Aufgabe es war, die Leichen der Ermordeten aus der Leichenhalle in die Verbrennungsöfen zu schaffen. Dieses Kommando wurde streng isoliert und kam mit den übrigen Häftlingen des Lagers nicht in Berührung; es wohnte in einer eigenen Baracke auf dem Industriehof und erhielt Truppenverpflegung und Schnaps. Trotzdem ließ sich der Verkehr zwischen den Angehörigen des Kommandos und dem Lager nicht ganz unterbinden, weshalb wir schon nach kurzer Zeit über den Verlauf der Aktion unterrichtet wurden. Da sich außerdem die grausige Anlage unmittelbar hinter der westlichen Lagermauer befand, konnten auch wir im Lager einen Teil der äußeren Vorgänge, die ja unschwer auf die inneren Vorgänge schließen ließen, wahrnehmen. Wir sahen die Tag und Nacht mächtig qualmenden Schlote der vier Krematoriumsöfen und wir hörten das Brausen und Rauschen der großen Motorfeuerspritze und den Lärm eines auf höchste Tonstärke gedrehten Lautsprechers die in Abständen von fünf Sekunden fallenden Pistolenschüsse übertönen. Nach Berichten, die wir auf Umwegen und über die Häftlinge verschiedener Verpflegungsbetriebe, die wiederum mit dem Kalfaktor des Krematorium- Kommandos in Berührung kamen, erhielten, vollzog sich die Exekution in der Weise, daß jeweils 50 Gefangene in den Auskleideraum geführt wurden, 7* 99 wo sie sich, unter dem Vorwand, entlaust, untersucht und gebadet zu werden, ihrer Kleider entledigen mußten. Von hier aus kamen sie in das ,, Untersuchungszimmer", wo von einigen SS- Ärzten eine Scheinuntersuchung durchgeführt wurde. Jeder Untersuchte mußte dann durch den Zwischengang in den eigentlichen Exekutionsraum treten, wo er unter dem Winkelstück der Meßlatte stehend den tödlichen Genickschuẞ empfing. Diesen gab ein SS- Schütze, der sich in dem hinter der schlitzförmigen Scharte befindlichen Raum aufhielt, durch eine Bohrung im Vertikalstück des Meßwinkels ab. Da dieser Meẞwinkel je nach der Körpergröße des Deliquenten veränderlich war, traf der Schuß in sämtlichen Fällen sein Ziel. Sofort nach Entfernung der Leiche erfolgte durch ein in das Untersuchungszimmer geleitetes Lichtzeichen die Fortsetzung der Aktion, das heißt die Erschießung des nächsten Gefangenen. In den ersten dieser Exekutionsnächte war an Schlaf nicht zu denken. Unsere Baracke befand sich in nächster Nähe der Hinrichtungsstätte, von dieser nur durch eine Mauer und den elektrischen Drahtzaun getrennt. Immer und immer wieder, fast die ganze Nacht hindurch, hörten wir das An- und Abfahren des grauen Wagens, das Dröhnen der Motorspritze und dumpf die in monotonem Gleichmaẞ fallenden Schüsse. Wir hatten schon viel gesehen und erlebt in diesem Lager. Wir hatten gesehen, wie am 9. November 1940 achtzig junge Polen vor dem Turm A entkleidet wurden, wie man ihnen mit Blaustift eine Nummer auf die Brust malte und wie man sie im Lastwagen nach dem Industriehof schaffte, wo man sie in einer Sandgrube erschoẞ. Wir wußten, daß dort hinten Fürchterliches geschah. Aber wir hatten nicht an die Möglichkeit einer so mechanisierten Organisation gedacht, nicht an die Technifizierung des Mordes, den automatischen Totschlag. Nun zeigte es sich, daß die ,, Technik der Entvölkerung", von der Hitler gesprochen hatte, keine Floskel war, sondern grausame Wirklichkeit. Es erübrigt sich, nach den Gründen einer solchen Maßnahme zu fragen. Hitler selbst hat die Antwort gegeben. Das Ein100 geständnis der Absicht das Slawentum auszurotten, den Bolschewismus auszumerzen, alles Rassenfremde und der Germanisierung Europas Hinderliche zu vernichten, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Daß die Durchführung der erforderlichen Maßnahmen nur in den, der Öffentlichkeit völlig unzugänglichen, Bezirken der Konzentrationslager erfolgen konnte, ist verständlich, denn nach außen mußte das Dritte Reich selbstverständlich das bleiben, was es, den Ideologien des Nazismus gemäßẞ, zu sein vorgab, das Reich der Schönheit, der Ehre, das Paradies aller Schaffenden, der Hort guter Sitten, des europäischen Anstandes und der kulturellen Würde. Die Sicherheit, in der man sich wiegte, als die deutschen Truppen fast widerstandslos bis Leningrad vordrangen, die felsenfeste Überzeugung, daß der Krieg mit Rußland gewonnen, der Endsieg nur noch eine Frage von Wochen sei, dazu die von amtlichem Frohlocken durchzitterte Erklärung Goebbels ,, Der Ostfeldzug siegreich beendet!", alle diese im Wonnerausch der Stunde geborenenen Trugschlüsse verführten Hitler sein wahres grauenhaftes Gesicht zu zeigen. Er machte sozusagen kein Herz mehr aus seiner Mördergrube. Der Erfolgstaumel des Dilettanten war über ihn gekommen und er fühlte sich als Herr dieser Welt. So wie er bereits im Winter 1941 seine Architekten Speer und Kreis mit dem Bau von grandiosen Siegesdenkmälern auf der Krim und in der Nähe Moskaus, in Narwik, Afrika und an der Kanalküste beauftragte, so fing er auch mit seinen Abschlachtereien an, um die Rasseschlacken des Ostens zu säubern. Was auf diesem Gebiet noch alles geplant war, ergab sich für uns aus folgendem: Im Dezember 1941 erging von der Zentralbauleitung der Waffen- SS an die Bauleitung, Oranienburg der Befehl zum sofortigen Bau der Station Z, eines Gebäudes, das im Grunde nichts anderes war, als die steinerne und technisch verbesserte Wiederholung des oben geschilderten Exekutionsschuppens. Dieser Neubau erschien den Bauherren erforderlich, weil der Holzbau nicht schalldicht war. Man hörte. 101 troß Inbetriebnahme von Motorfeuersprige und Lautsprecher das’Schreien der Opfer und die Schüsse im Exekutionsraum. Dann mußten die bis dahin im Freien stehenden Verbrennungs- öfen vor den Einflüssen der Witterung. geschügt werden und schließlich trug man sich mit der Absicht, einen eigenen Gas- raum einzurichten, da durch Vergasung eine viel größere An- zahl von Menschen in einer verhältnismäßig viel kürzeren Zeit, als das durch Erschießen möglich war, beseitigt werden konnte. Im Januar 1942 wurde mit dem Bau der Station Z begonnen. Im März wurde das alte Krematorium abgerissen und der Neubau in Betrieb genommen. Den ganzen Winter hindurch fanden die Exekutionen statt. Als im April 1942 die Aktion eingestellt wurde, belief sich die Zahl der Ermordeten auf 18000. 102 XVI KORRUPTION Im Frühjahr 1942 suchte die Unterkunftskammer der Verwaltung einen Buchhalter. Mein Freund Hubert, der dort als Läufer tätig war, empfahl mich dem Vorarbeiter des Betriebes, der seinerseits meine Überstellung beim Arbeitsdienst beantragte. Am 1. April verließ ich das Kommando Hülsensortierer und trat meine neue Stellung an. Sie unterschied sich in jeder Beziehung von der vorherigen. Ich saß in einem sauberen Büroraum, hatte einen eigenen Schreibtisch, einen eigenen Kompetenzbereich und einen anständigen Vorgesetzten. SSUnterscharführer Rügheimer, ein älterer Reservist, unterschied sich von den meisten seiner aktiven Kameraden durch seine unverkennbare Abneigung gegen die im Lager üblichen Behandlungsmethoden, seine Großzügigkeit uns Häftlingen gegenüber und seinen Unglauben an den Sieg. Er war mit tausend Dingen nicht einverstanden, stöhnte und ächzte unter dem Druck der Verhältnisse und erwirkte uns, wohl zur Milderung dieses Drucks, gelegentlich ein Sondereinkaufsrecht für die Kantine des Lagers. Diese Lagerkantine, in der ,, alles" gekauft werden konnte, war wohl der einzige Ort im Lager, den man nicht mit Schrecken, sondern mit Hoffnung betrat. Hier sollte es früher einmal tatsächlich alles gegeben haben. Ältere Häftlinge schwärmten noch jetzt gelegentlich von den Wundern dieses Lokals, von den Zervelatwürsten und Schinken, den Mandeltorten und Streuselkuchen; zu meiner Zeit war von all diesen schönen Dingen leider nichts mehr vorhanden, es gab nur noch Brot, Sauerkraut, Quarkkäse und rote Rüben. Einige Monate lang wurden wir von hier aus allerdings auch mit ,, Karo" beliefert, einem von den Maizena- Werken hergestellten malzartigen Brotaufstrich, den wir in beträchtlichen Mengen aßen und von dem böse Zungen behaupteten, es sei nur eine 103 Art Versuchsprodukt, aus Steinkohle gewonnen und infolgedessen gesundheitsschädlich. Ich habe wenigstens hundert Büchsen vertilgt, ohne eine gesundheitliche Schädigung festzustellen. Leider hatte auch diese Verkaufszentrale, die unter dem Sammelbegriff Kantine in unserem dürftigen Dasein eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte, einen beträchtlichen Schönheitsfehler. Die Preise, die sie für ihre Leistungen forderte, standen meist in keinem Verhältnis zum wirklichen Wert der Ware. So konnte man, zum Beispiel, ein Brot nur erwerben, wenn man gleichzeitig eine Mundharmonika, einen Rasierapparat oder ein Kilo Kartoffelsalat mit erstand. Das Brot kostete nicht mehr als 60 Pfennige, aber die Mundharmonika, das Haarwasser oder der Kartoffelsalat waren unter 2.50 Reichsmark nicht zu haben, so daß der Wecken Brot schließlich auf 3.10 Reichsmark kam. Der Zweck, den die SSKantinenverwaltung mit diesem Verkaufssystem verfolgte, war nicht zu verkennen. Selbst in Zeiten des größten Warenmangels gelang es ihr auf diese Weise, das Unternehmen lukrativ zu gestalten, also durch Koppelungsgeschäfte, die zwar außerhalb des Lagers im ganzen Deutschen Reich bei schwerer Strafe verboten waren und die schon manchen, der sich gegen dieses Verbot verging, in das Konzentrationslager gebracht hatten. Bezeichnenderweise wurde dieses Koppelungssystem nur so lange aufrecht erhalten, als die Häftlinge ihre Einkäufe aus eigenen Mitteln bestreiten mußten; später, als nach Gründung des Arbeitseinsatzes die Häftlinge vom Lager aus entlohnt wurden, befleißigte sich die Kantine eines reelleren Geschäftsgebahrens, denn bei der geringen Höhe unseres„ Einkommens" wäre kaum ein Häftling in der Lage gewesen, einen Einkauf zu tätigen, wenn die Kantinenverwaltung an dem alten Verkaufsprinzip festgehalten hätte. Mit Ausnahme der Eßwaren, stammten alle Gegenstände, die hier zum Verkauf gelangten, aus Beutebeständen der SS, namentlich die Zigaretten und der Tabak, von denen oft riesige Mengen vorhanden waren. Daß diese an uns und nicht an die Angehörigen der SS verkauft wurden, hatte seinen Grund in 104 gewissen Zollbestimmungen, denn die in Jugoslawien, in der Tschechoslowakei und in Frankreich erbeuteten Zigaretten waren unbanderoliert und durften im freien Handel nicht abgegeben werden. Da die SS aber in dem Augenblick, da sie größerer Mengen dieses begehrten Artikels habhaft werden konnten, sie sofort zu Schiebergeschäften brauchten, wurde diese Ware ausschließlich an Häftlinge verkauft, die ja mit der Außenwelt in keine Verbindung kamen, Selbstyerständlich fanden die SS- Angehörigen auch jetzt noch Mittel und Wege, um in den Besitz der Rauchwaren zu gelangen; sie ließen sie sich einfach durch Häftlinge besorgen und sabotierten damit die Verordnungen ihrer eigenen Verwaltung. In dieser Kantine deckten wir also unseren Bedarf an zusätzlichen Lebensmitteln, vorausgesetzt, daß solche vorhanden waren. Da dies nur im Großen, nicht im Einzelverkauf, geschehen konnte, geriet man in Abhängigkeit von der Gunst des sogenannten Kantinen- Einkäufers, eines vom Blockältesten eingesetzten Häftlings, der das gesamte Block- Einkaufsgeschäft zu besorgen hatte. Gehörte man einem Kommando an, dessen Chef an der Ernährungslage seiner Häftlinge, oder, was meistens der Grund war, an der Beschaffung von Zigaretten für den eigenen Bedarf nicht ganz uninteressiert war, so konnte man auf dem einfacheren Weg des Kommando- Einkaufs die Kantine benützen. Hierzu war ein Antrag des SS- Dienststellenleiters erforderlich. Nicht alle Dienststellenleiter ließen sich dazu herbei, einen solchen Antrag zu stellen, denn das roch immer ein wenig nach Häftlingsbegünstigung, aber Unterscharführer Rügheimer tat es. Er war selbst ein Freund guten Essens und hatte nichts dagegen, daß wir uns auf dem Warenboden der Kammer Kartoffeln kochten oder sonst irgendwelche einfache Speisen zubereiteten, obschon auch das strengstens verboten war. Ich war für diese Wohltat in jenen Monaten besonders empfänglich; eine allgemeine Nervosität hatte sich des ganzen Lagers bemächtigt. Die Erschießung der Russen, die Inbetriebnahme der Station Z, die immer wieder auftauchenden Gerüchte von neuen und noch umfassenderen 105 Vernichtungsmethoden, alle diese Ereignisse waren nicht dazu angetan uns zu beruhigen. Der neue Lagerführer Suhren eröffnete seine Tätigkeit mit Einführung verschärfter Methoden. Wir mußten uns die Haare bis auf die Länge von drei Zentimeter stehen und dann eine von der Stirne bis zum Nacken reichende Gasse, die sogenannte Suhren- Allee hineinschneiden lassen. Es genügte Suhren nicht, daß wir Streifen an den Hosen, Kreuze auf dem Rücken und Nummern auf der Brust trugen, wir wurden auch noch am Körper gezeichnet. Als eines Abend während des Appells Leute herausgerufen wurden, die der Kunst des Tätowierens mächtig waren, entstand sofort das Gerücht, daß wir nun alle, wie die Häftlinge im Vernichtungslager Auschwitz, eine Nummer auf den Arm tätowiert bekommen sollten. Das Gerücht bewahrheitete sich zwar nicht, aber es übte doch seine Wirkung aus. Wir waren fest überzeugt, daß weitere Massenexekutionen zu erwarten waren. Fast täglich fanden nun auch öffentliche Hinrichtungen statt. Aus den belanglosesten Gründen wurden Häftlinge vor den Augen des gesamten Lagers gehängt. Bald war es der Vorwurf der Sabotage, der gegen sie erhoben wurde, bald der Vorwurf der Meuterei, An dem Tag, da der SS- Obergruppenführer Heydrich, der Protektor der Tschechoslowakei, ermordet wurde, ereilte 80 Prozent aller im Lager befindlichen Juden das Schicksal der Vernichtung. Wie vorher die Russen, wurden sie im grauen fensterlosen Lastwagen nach dem Industriehof und von dort in die Gaskammer geschafft. Tag und Nacht rauchten die vier Schlote des Krematoriums; der stinkende Qualm zog sich in breiten Schwaden über das Lager und gemahnte uns zu jeder Stunde an die Wertlosigkeit unseres Lebens und an die Gefahr, die uns drohte. Noch genoß die SS den Rausch ihrer Siege, ihrer Allmacht und Größe. Ihre Arroganz und Überheblichkeit kannte keine Grenzen. Der zweite Lagerführer Grünewald, ein Mensch, der schon im Lager Dachau Erhebliches geleistet hatte, inspizierte die Arbeitsplätze und brachte unbarmherzig jeden Häftling, der etwas tat, was seiner An106 sicht nach gegen die Lagerordnung verstieß, zur Anzeige. Er selbst nahm am Strafvollzug teil und feuerte die Schläger durch ermunternde Zurufe zu besonderer Heftigkeit an. In dieser schlimmen, entnervenden Zeit, die nichts bot als die Furcht vor dem Morgen, vor einer sich immer deutlicher abhebenden Gefahr, fiel es mir schwer, meiner Arbeit Aufmerksamkeit zu schenken. Die Geschäftsbücher der Kammer befanden sich in fürchterlicher Unordnung. Die Bilanzen mußten ständig frisiert werden, die Bestände stimmten nicht überein mit den Buchungen. Schiebereien und Diebstähle der SS erzeugten ein kaum noch zu entwirrendes Durcheinander. Jede Monatsabrechnung machte neue Scheinmanöver notwendig. Das Schlimme daran war, daß ich mich selbst mitschuldig machen mußte an dieser Verschleierungstaktik, denn ich hatte als Häftling kein Recht, die Verwaltung auf die Unhaltbarkeit dieser Zustände aufmerksam zu machen. Aber selbst wenn ich dieses Recht besessen hätte, wäre ich kaum auf den Gedanken gekommen, davon Gebrauch zu machen; was ging mich schlieẞlich der ganze Betrieb an? Da mich die Umstände aber zwangen, mich für ihn zu interessieren, mußte ich mich im Interesse meiner Sicherheit auf irgendeine Weise vor den Folgen dieser Geschäftsführung schützen. Für verschiedene Verbrauchsmittel mußte ich doppelte Bestandlisten führen und es war kein geringes Kunststück am Monatsletzten das Soll mit dem Haben in Übereinstimmung zu bringen. Bald fehlten 3000 Stück Seife, dann wieder 200 Wolldecken. Es war meine Aufgabe, dieses Minus, wenigstens dem Schein nach, auszugleichen, die fehlenden Bestände irgendwie unterzubringen. Schiebung und Korruption hatten damals im Lager einen Höhepunkt erreicht. Der Kommandant, Oberführer Loritz, einer der rücksichtslosesten und übelsten SS- Führer, ging selbst mit leuchtendem Beispiel voran. An sämtlichen Arbeitsplätzen des Lagers wurde für seinen eigenen Bedarf produziert. Er ließ sich Jagdwagen und ein Flugzeug bauen, ein ganzes Dutzend schnittige Boote, darunter ein Motorboot; er ließ sich Möbel und andere Einrichtungsgegenstände anfertigen, Gürt107 ler und Sattler, Schuster und Schneider waren für ihn und seine Familie tätig, ja, er baute sich in Sankt Gilgen am Wolf- gangsee ein prächtiges Landhaus, zu dem das gesamte Bau- material vom Lager Sachsenhausen mit Lastwagen nach der etwa 800 km entfernten Baustelle im Salzkammergut geschafft werden mußte. Dieses Haus kostete Herrn Lorit keinen roten Heller, denn das Material war gestohlen, und gebaut wurde es von Häftlingen. Dieses Beispiel erweckte bei zahlreichen Untergebenen keine Neigung zur Sparsamkeit. Der Küchen- chef Rackers plünderte die Vorräte des Proviantraumes und deckte sich auf die großzügigste Weise für den Winter ein. Große Kessel mit eingemachtem Schweinefleisch wurden für ihn verlötet und durch das Tor in seine Wohnung geschmug- gelt. Der Kammerchef Höppkens und sein Adlatus, SS-Unter- scharführer Schöller, vergriffen sich an den Kleider- und Gold- beständen der Lagerverwaltung. Es handelte sich dabei zwar um ohnehin schon gestohlenes Gut, denn Kleider wie Wert- sachen stammten aus dem Besitz der in Auschwig und Lublin ermordeten Juden, aber da auch bei der SS der Grundsatz quod licet Jovi, non licet bovi maßgeblich war, mußten Höppkens und Schöller, als ihre Tat ruchbar wurde, den Gang in die Ewigkeit antreten; im Herbst 1944 wurden sie auf ‚dem Industriehof erschossen. Auch der Kommandant Loritz wurde seines Amtes enthoben. Bei derartigen Strafmaßnahmen gegen SS-Angehörige wurden stets auch Häftlinge in Mitleidenschaft gezogen, denn ohne ‚ die, wenn auch unfreiwillige Mitwirkung von Häftlingen waren diese Vorkommnisse nicht auszuführen. Häftlinge saßen in allen Betrieben und Magazinen. Sie hatten zwar kein Recht, ihre Vorgeseten, und Vorgesetter war jeder$S-Mann, an irgendwelchen Verfehlungen zu hindern, aber sie wurden zur Verantwortung gezogen, wenn das Unternehmen mißglückte. Die wenigsten Häftlinge hatten ein Interesse an einer er- laubten oder unerlaubten Bereicherung ihres Chefs, aber sie wurden meist als mitschuldig! befunden, wenn eine Überschrei- tung der Amtsbefugnisse sich nicht länger verheimlichen ließ. 108 Wollte das SS- Gericht zur Klärung des Falles die näheren Umstände wissen, dann wurden die an der betreffenden Dienststelle tätigen Häftlinge als Zeugen vernommen. Der Häftling sollte nun vor der SS etwas gegen die SS aussagen. Sagte er nichts aus, so hängte man ihn an den Pfahl, um auf diese Weise ein Geständnis von ihm zu erpressen. Sagte er aber etwas aus, so konnte er damit rechnen, von den Kameraden des durch seine Aussagen Belasteten, das waren sämtliche Angehörigen der Lager- SS vom Kommandanten abwärts, erledigt zu werden. Man wird begreifen, daß mir unter solchen Umständen in meiner Eigenschaft als Buchhalter der Unterkunftskammer nicht sehr wohl war. Da ich freiwillig den Platz nicht verlassen durfte, gab ich meinem Chef schließlich Gelegenheit, mich zu entlassen. Im September 1942 ließ ich mir ein Buchungsversehen zuschulden kommen, das ihm einen Anpfiff von seiten der Verwaltung eintrug. Er merkte, daß ich kein Interesse mehr an der Arbeit hatte und riet mir, mich um einen anderen Posten umzusehen. Das hatte ich bereits vorher getan. Ich bekam eine neue Stellung im Verwaltungsbüro der Luftschiffbau Zeppelin Gesellschaft in Oranienburg, einem Unternehmen, das als Rüstungsbetrieb der SS und der Wehrmacht fast ausschließlich mit Häftlingen arbeitete. Hier lief ich keine Gefahr in Korruptionsaffären verwickelt zu werden, denn das Werk diente der Reparatur von Sperrballonen, einem Artikel, der den privaten Bedürfnissen irgendwelcher SS- Angehöriger nichts Verlockendes bot. 109 XVII KOMMANDANT LORITZ Mein Freund Hubert, der im Winter 41/42 wegen des Barackenbrandes die furchtbaren Leiden des Pfahles ertragen muẞte, war ein Opfer dieser Korruption der SS. Der eigentliche Urheber dieses Verbrechens war der damalige Kommandant des Lagers, der SS- Oberführer Loritz, ein ehemaliger Polizeibeamter aus Augsburg. Als an einem Novembertag des Jahres 1941 morgens gegen 2 Uhr die Unterkunftskammer in Flammen aufging, wollte es der Zufall, daß auch in dem Bevauerblock 13 ein Feuer ausbrach, bei dem der vermutliche Brandstifter, ein geistesgestörter Häftling, in den Flammen umkam. Oberführer Loritz ordnete an, daß die gesamte Belegschaft des Blockes, etwa 200 Häftlinge, zur Strafe an das Tor gestellt würde. Das Thermometer zeigte an jenem Morgen 22 Grad unter Null. Die Kleidung der Häftlinge bestand aus dem gestreiften Drillichanzug und dem sogenannten Mantel, einem papierdünnen, aus durchlässigem Sackstoff gewirkten Kleidungsstück, das weder gegen Kälte noch Regen einen Schutz bot. Die Folge der Anordnung des Kommandanten war, daß gegen 7 Uhr morgens bereits 18 ältere Häftlinge in die dem Erfrierungstod vorausgehende Ohnmacht gefallen waren und bewegungslos auf dem vereisten Betonboden der Lagerstraße lagen. Ein mitfühlender Blockältester veranlaßte den Abtransport dieser Halbtoten. Als Loritz durch einen Scharführer von der eigenmächtigen Handlung jenes Blockältesten Kenntnis erhalten hatte, ließ er durch seinen Rapportführer die 18 Häftlinge wieder an das Tor schaffen, wo sie gegen 11 Uhr vormittags an den Folgen der barbarischen Kälte starben. Inzwischen waren auch noch andere Häftlinge diesem furchtbaren Schicksal verfallen, während diejenigen, die diese Tortur überstan110 1 S r S T den, schwere Erfrierungen an Händen und Füßen und im Gesicht davontrugen. Zu derselben Zeit, da sich dieses ereignete, wurden im Hof des Zellenbaues die in der Kammer beschäftigten Häftlinge an den Pfahl gehängt, da gegen sie der Vorwurf der Brandstiftung erhoben worden war, obwohl jedermann im Lager über die wirklichen Ursachen Bescheid wußte. Auch an diesen Häftlingen verursachte die unmenschliche Marter schwere Gesundheitsschäden und nur der Pflege, die ihnen ihre Blockkameraden nach der Marter zuteil werden ließen, blieb es zu verdanken, daß sie mit dem Leben davon. kamen. Der Inspirator all dieser Grausamkeiten, der Kommandant Hermann Loritz, stammte aus der berüchtigten Dachauer Schule, wo er in den Jahren vorher Gelegenheit gefunden hatte, sich die Fähigkeiten in der Ermordung von Häftlingen zu erwerben. Rücksichtslos und ohne das geringste Empfinden für die Leiden anderer, ließ er bei jedem noch so geringen Anlaẞ das ganze Lager stundenlang stehen. Stundenlanges Üben im Abnehmen und Aufsetzen der Mützen wechselte unter seiner Führung ab mit langem schmerzhaftem Verweilen in der Kniebeuge, ja, einmal erging sogar der Befehl in dieser Stellung, und zwar im Gleichschritt vom Appellplatz in die Blocks zu marschieren. Häftlinge, von denen Loritz überzeugt war, daß sie unter Anwendung besonders qualvoller Methoden in den Tod befördert werden mußten, ließ er so lange rollen, bis sie unter den Fußẞtritten irgendeines Scharführers verendeten. Zu keiner Zeit wurde im Lager so ausgiebig und so oft geprügelt, wie unter Oberführer Loritz. Er räumte den Blockältesten mehr Rechte ein, als irgendein anderer Kommandant, enthob anständige und humane Blockälteste ihres Amtes und setzte SS- hörige Kreaturen für sie ein. Durch solche Maßnahmen wurde uns das Leben zur doppelten Qual, denn wir waren jetzt nicht nur den Grausamkeiten der SS ausgesetzt, sondern auch noch innerhalb des Blocks den sadistischen Launen eines Menschen, der gleich uns das Häftlingsgewand trug, auf Grund des Vertrauens aber, das er beim Kommandanten des Lagers 111 genoß, jede nur erdenkliche Schandtat ungestraft begehen konnte. Ich erinnere an den Stubenältesten Musch, der sich kein Gewissen daraus machte, Menschen, denen er den Untergang geschworen hatte, bis zu einem bestimmten Termin ,.fertigzumachen". Ich sah mit eigenen Augen, wie er im Abortraum der Baracke einen jungen sterbenden Häftling aufforderte, ein Lied zu singen. Als der schon in die Agonie hinüberdämmernde Junge dieser Aufforderung nicht nachkam, schlug er ihn so lange ins Gesicht, bis er sah, daß es ein Toter war, den er züchtigte. Diese Bestie von einem Menschen verbot uns, vor Mitternacht auszutreten und schlug unbarmherzig jeden zu Boden, der es wagte, diesem Verbot zu trotzen. Der Grund zu dieser Verordnung war, daß er in dem Raum, in dem er schlief und durch den jeder, der austreten wollte, hindurch mußte, nicht gestört sein wollte. Er unterhielt sich um diese Zeit mit irgendeinem minderjährigen Polen. Die absolute Rechtlosigkeit, die unser Leben völlig entwertete und nur noch von Zufällen abhängig machte, kam uns nie so stark zum Bewußtsein wie unter dem Regime Loritz. Die Zahl der Häftlinge, die auf der Flucht erschossen wurden, mehrte sich. Die SS machte sich einen Spaß daraus, Häftlinge, die mit den robusten Gepflogenheiten der Lagerbewachung noch nicht so vertraut waren, über die Postenkette zu treiben, indem sie beispielsweise dem Häftling die Mütze vom Kopf riẞ und in weitem Bogen fortschleuderte. Auf den Befehl, die Mütze wieder zu holen, rannte der Ahnungslose in die entsprechende Richtung, geriet dabei über die Postenlinie und bekam, ehe er sich versah, eine Kugel in den Leib. Auf der Flucht erschossen! Menschen, die auf diese ruchlose Art ums Leben gebracht worden waren, wurden rechts oder links vom Tor niedergelegt, wo man ihnen ein Schild auf die Brust band mit der Aufschrift: ,, Auf der Flucht erschossen!" An einem Sonntag im März 1942 standen zwei russische Kriegsgefangene aus irgendeinem Grund vor dem Turm A, in Nähe des Fensters der Blockführerstube. Nachmittags gegen 112 3 Uhr hörte man plötzlich einen Schuß und sah einen der Gefangenen zu Boden stürzen. Zwei Sekunden später fiel wieder ein Schuß und auch der andere Russe sank leblos um. Viele Stunden lagen die beiden Leichen am Tor. Was waren die Gründe zu dieser spontanen Exekution? Ein Scharführer hatte sich das kleine Sonntagsvergnügen geleistet, und aus dem Innern der Blockführerstube schießend, die beiden Russen umgelegt. Niemand zog ihn dafür zur Rechenschaft. Im Gegenteil, vielleicht gratulierte ihm der Kommandant Lority am Abend dieses Tages zu dem Schießerfolg. Schießübungen dieser Art veranstaltete mit Vorliebe der SS- Unterscharführer Schubert, ein kleiner schlanker Mensch mit krankhaft fanatischen Zügen, der bei jeder Gelegenheit zur Pistole griff und ohne weiteres schoß. Ging er nachts durch das Lager, gefiel es ihm, durch ein Barackenfenster in den Schlafraum des Blocks zu schießen, mit welchem Erfolg war ihm dabei völlig gleichgültig. Der Lebensstil des einstigen Schutzmanns Loritz aus Augsburg darf ohne Übertreibung als großartig bezeichnet werden. Er hielt sich Reitpferde, ein Flugzeug, Automobile, einen Jagdwagen aus Mahagoni; er bewohnte ein prunkvolles Haus in der SS- Siedlung Sachsenhausen und ließ sich jenes nicht minder komfortable Haus in Sankt Gilgen am Wolfgangsee bauen. Daß es ihm auch im Krieg an nichts mangelte, dafür legte sein Äußeres ein beredtes Zeugnis ab. Dick wie ein Walroß und strotzend vor Gesundheit schritt er gelegentlich die Front seiner Häftlinge ab, diese Armee grauen Elends, die unter seiner Leitung mit der Verköstigung so knapp gehalten wurde, wie nur immer möglich. 8 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel 113 XV HIMMLERS GEWINNBRINGENDE UNTERNEHMUNGEN Zu derselben Zeit, da durch die Eröffnung des Zweigwerkes Oranienburg der Luftschiffbau Zeppelin Gesellschaft der indu- strielle Charakter des Konzentrationslagers erweitert wurde, machte sich im gesamten Arbeitsbereich des Lagers eine Wand- lung von weittragender Bedeutung bemerkbar. Die Ansichten über die Dauer und-den erhofften Verlauf des Krieges hatten sich geändert. Der Feldzug gegen Rußland und Amerikas Ein- greifen in die Ereignisse in Europa hatten die Aussichten auf eine baldige, für Deutschland siegreiche Beendigung des Krie- ges stark beeinträchtigt. Die Annahme, daß Rußland kapitu- lieren würde, verlor von Monat zu Monat an Wahrscheinlich- keit. Die Tatsache, daß man sich über das Kriegspotential des Gegners in verhängnisvoller Weise getäuscht hatte, zwang zu gewaltigen Anstrengungen, die schließlich zur verzweifelten Proklamation des totalen Krieges und des totalen Arbeitsein- satzes führten, Die Verschlechterung der Kriegslage erhöhte den Arbeitswert der Häftlinge. Es wurde unrentabel, sie nur zu morden.; Schon im Laufe der Entwicklung und des Ausbaues der SS ergab sich die Notwendigkeit Lager verschiedener Kategorien zu schaffen, wobei solche Lager, die bestimmt waren, die öko- nomische Basis der SS zu bilden, als Lager erster Ordnung bezeichnet wurden wie Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald, Neuen-Gamme, während Lager zweiter und dritter Ordnung wie Mauthausen, Na&weiler, Flossenbürg, Auschwit, Lublin, Bergen-Belsen sich ganz auf den ursprünglich für alle Lager charakteristischen Vernichtungsbetrieb spezialisierten. Das Bestreben der SS sich in jeder Hinsicht autark, also frei von jeder äußeren Abhängigkeit zu machen, schuf in den zuerst 114 genannten Lagern die Notwendigkeit zur Errichtung von Betrieben, in denen sowohl auf wirtschaftlichem wie weltanschaulichem Gebiet Garantien für die Selbständigkeit der SS gegeben waren, denn nur so konnte die SS das werden, was sie nach Ansicht Himmlers sein mußte; das stählerne Rückgrat des Staates, unbeeinflußbar, jeder Kontrolle und jeglicher Pflicht zur Rücksichtnahme enthoben. Der Ordenscharakter, der diese Gemeinschaft auszeichnete, sollte durch die Schaffung und Ausweitung einer eigenen Wirtschaft auch in materieller Hinsicht immer ausschließlichere Formen annehmen. Aus diesem Grund verfügte die SS über eigene Wirtschaftsgüter von beträchtlichem Ausmaße mit reichen Beständen an Zuchtvieh, weiten Anbauflächen, Blumen- und Nutzgärtnereien, Plantagen zur Kultur von Medizinalkräutern, Seidenraupenzucht und Kleintierfarmen, Lehrküchen, Werkstätten und Bauhöfen, ferner über eigene Fabriken, zur Herstellung des gesamten SS Bedarfes, die unter der Firmenbezeichnung ,, Deutsche Ausrüstungswerke" und„ Bekleidungswerk der Waffen- SS" in das Handelsregister eingetragen waren und Zweigwerke in fast allen Konzentrationslagern erster Ordnung unterhielten. Hier wurde alles hergestellt, was die SS als Truppe und die SS- Dienststellen, aber auch die einzelnen SSAngehörigen und deren Familien benötigten, Monturen und Lederzeug, Polster- und Sattlerwaren, Bürobedarfsartikel, Möbel, Teppiche, Kleider, Schuhe, Kinderspielzeug, Radioapparate und wissenschaftliche Instrumente. In den SS- Bauhöfen wurden sämtliche Bauvorhaben, von der Vorplanung bis zur schlüsselfertigen Übergabe, ausgeführt. Eine eigene Porzellanmanufaktur fertigte Schmuck- und Gebrauchsporzellan, eigene Laboratorien, Versuchswerkstätten, Ziegeleien und Kiesgruben, Schotterwerke, Steinbrüche, Lebensmittelfabriken und Arzneilager, Druckereien und Verlage vervollständigten das Bild wirtschaftlicher Autonomie, das durch den Krieg durch die Angliederung zahlreicher Rüstungsbetriebe noch eine gewaltige Ausweitung erfuhr. Es war leicht zu erkennen, daß dieses Verselbständigungs8* 115 bestreben der SS auf die Bildung einer zwar dünnen, aber desto stärkeren Führerschicht abzielte, einer Art Parteiadel, dessen eigentliche Aufgaben der Zeit nach dem siegreich beendeten Kriege vorbehalten bleiben sollten. Entwirft man sich ein Bild von der Art und dem Umfang dieser Aufgaben, so sehen wir in großen Umrissen das von Waffen und anderen Machtmitteln starrende Gefüge eines Herrenstaates, in dem eine von jeder äußeren Beeinflussung freie Führerschaft ein völlig entrechtetes Volk ihrer demagogischen Willkür untertänig machte, während ein zum Sterben bestimmtes Riesenheer von Arbeitssklaven, die sich aus Teilen der Bevölkerung der vom Nationalsozialismus usurpierten Länder zusammensetzte, für eine möglichst rasche Beseitigung der durch den Luftkrieg entstandenen Schäden nutzbar gemacht werden sollte. Da das Tempo für diesen geplanten Wiederaufbau niemals in ein Verhältnis zum menschlichen Leistungsvermögen hätte gebracht werden können, rechnete man im vorhinein mit der Notwendigkeit eines ungeheuren Massenverbrauchs an Arbeitskräften, wodurch zwangsläufig die Schaffung einer glatt und sicher funktionierenden Vernichtungsindustrie notwendig wurde. Jenseits von Haß und Liebe, lediglich auf Grund einer durch die nazistische Rassenideologie beglaubigten und absolut kalten und nüchternen Kalkulation, sollten die Verbrennungsanlagen in den Konzentrationslagern dafür sorgen, daß der tägliche Anfall an Arbeitsopfern auf eine rasche und hygienisch einwandfreie Weise beseitigt würde. 1 Ein Blick in den ,, Generallinienplan" des Lagers, dessen vielgestaltige Gliederung, erwies die Absicht in aller Deutlichkeit. Was dort bis zur letzten Konsequenz ausgedrückt und dokumentiert war, wurde in den Jahren 40/45 durch die Schaffung zahlreicher Betriebe theoretisch vorbereitet. In der Zeit von 1933/41 hatte man durch die zahlreichen Verhaftungen mehr Arbeitskräfte gewonnen, als man zu brauchen glaubte, denn an die Möglichkeit eines Krieges von so langer Dauer und an die fortgesetzte Steigerung der eigenen Schwierigkeiten dachten die Unternehmer ja zunächst noch 116 nicht. Hier gab es also kein bequemeres Ausgleichsmittel, als sich der überschüssigen oder nicht mehr arbeitseinsatzfähigen Kräfte gewaltsam zu entledigen. Es war dies die Zeit, in der man den Arbeitenden an seiner Arbeit zugrunde gehen ließ, da man ihn ja jederzeit durch eine neue, noch unverbrauchte Kraft ersetzen konnte. In der zweiten Periode der Lagerbewirtschaftung in den Jahren 1941 bis zum Zusammenbruch legte man Wert auf die Heranbildung und Erhaltung von Spezial- und Facharbeitern. Die Schaffung einer Reihe von Sonderbetrieben machten diese Auslese notwendig; das Vernichtungsprinzip erstreckte sich jetzt nicht mehr gleichmäßig auf alle Häftlinge, sondern nur noch auf Arbeits- und Leistungsunfähige, Geisteskranke und Juden. Als man dann gegen Ende des Jahres 1942 durch die Weiterentwicklung der totalen Kriegswirtschaft gezwungen war, eine SS- Rüstungsindustrie ins Leben zu rufen, machte sich in der Häftlingsbehandlung abermals eine Änderung bemerkbar. Jetzt galt es, da die Menschenverluste an den Fronten ins Unermeßliche stiegen und der Bombenkrieg in der Heimat einen Rüstungsbetrieb um den anderen lahmlegte, jede Arbeitskraft nach Möglichkeit zu schonen; gleichviel, ob es sich dabei um Spezialisten oder Hilfsarbeiter handelte. In diese Periode fallen nun die verschiedenen Besserungen, die dazu beigetragen haben, daß ab 1943 die Lage der Häftlinge etwas erträglicher wurde. Für die SS bedeutete diese Besserung insofern einen Vorteil, als sie durch eine streng planwirtschaftlich organisierte Ausbeutung der Häftlingskraft ihre finanzielle Kapazität ins Riesenhafte steigern konnte. Die unverkennbare Großzügigkeit in der Anlage ihrer Unternehmen wurde gewährleistet durch die von Tausenden und Abertausenden von Häftlingen unentgeltlich geleistete Arbeit. Ja, es wurde jetzt an dem einzelnen reichsdeutschen Häftling nicht nur das verdient, was er an effektiver Arbeit leistete, sondern das Lager erhielt für ihn noch eine Bezahlung in Höhe von 2,50 Reichsmark pro Tag von der für den Häftling zustän117 - digen Heimatbehörde. Da der Aufwand des einzelnen Häftlings Kost, Kleidung, Wäsche und Unterkunft von der SS selbst mit nur 60 Pfennigen täglich berechnet wurde, ergab sich für die SS pro Häftling ein Gewinn von 1,90 RM im Tag. Allerdings nur für den reichsdeutschen Häftling. Die Hunderttausende von ausländischen Arbeitskräften brachten, sofern sie in SS- Betrieben tätig waren, außer ihrer Arbeit nichts ein, aber auch diese Arbeitsleistung war noch beträchtlich mehr wert als das, was dem Häftling dafür geboten wurde. Dieser durch rücksichtslose Ausbeutung der Häftlingskraft erzielte Gewinn erfuhr noch eine beträchtliche Steigerung dadurch, daß für sämtliche in der Privatindustrie, also nicht in SS- Betrieben, tätigen Häftlinge von den Unternehmern ein Tagewerklohn in Höhe von 6,00 RM für den Fach- und von 4,00 RM für den Hilfsarbeiter an die Kasse der SS bezahlt werden mußte. Von diesem Verdienst eines Facharbeiters, der sich im Monat auf 180 RM belief, erhielt der Häftling ab 1943 eine Leistungsprämie in Höhe von bestenfalls 40 RM. Rechnet man dazu die 60 Pfennige täglich, die der Häftling dem Lager kostete, so belief sich der Gesamtlohn des Häftlings auf monatlich 58 RM. Den Rest seines Verdienstes, 120 und 75 RM, die die Heimatbehörde bezahlte, also insgesamt 195 RM, steckte die SS ein. Bei Hunderttausenden in nicht SS- eigenen Rüstungsbetrieben schaffenden Häftlingen, männlichen und weiblichen, ein überaus einträgliches Geschäft. Die erste gewaltige und einschneidende Neuerung erlebten wir im Spätherbst 1942, als Himmler den Häftlingen die Erlaubnis zum Empfang von Lebensmittelpaketen erteilte. Das war keine menschliche Anwandlung des Mannes. Der Anlaß zu dieser Erlaubnis war in erster Linie durch die verpflegungstechnischen Schwierigkeiten geboten, in denen sich das Lager befand, als es sich, vor die Aufgabe gestellt sah, 20 000 Menschen für eine schwere und kriegswichtige Arbeit bei Kräften zu halten. So wie man uns früher gestattete, uns auf eigene Kosten und zum Vorteil der SS, Zusatznahrung in der Kantine des Lagers zu kaufen, so gestattete man uns jetzt den 118 Empfang von Lebensmitteln, die sich unsere Angehörigen in den weitaus meisten Fällen vom Mund absparen mußten, denn was es hieß, im Kriegswinter 1942/43 jemanden ein viertel Pfund Butter zu schenken, wissen die, die diese Zeit mitgemacht haben. Um also für die SS zu arbeiten, durften wir uns nun auf Kosten unserer Angehörigen verpflegen; aber in der Lage, in der wir uns befanden, waren wir glücklich, daß wir es konnten. Die Ernährungsverhältnisse im Lager hatten nach Einstellung des Brotverkaufs einen Tiefstand erreicht, der auch durch die gelegentliche Abgabe von rohem Sauerkraut oder Selterswasser nicht geändert werden konnte. Der Hunger, der aus den Augen aller sprach, ließ die rapide Ausbreitung epidemischer Krankheiten befürchten. Der Mangel an Vitaminen beschleunigte den Kräfteverfall. Skorbut, Furunkulose, Wassersucht und ähnliche, durch Mangel hervorgerufene Leiden machten sich im wachsenden Ausfall von Arbeitskräften bemerkbar. Auch der Geisteszustand der Häftlinge erfuhr eine merkwürdige Beeinflussung. Mein Erinnerungsvermögen ließ in einer so erschreckenden Weise nach, daß ich mich, zum Beispiel, einmal einen ganzen Tag lang nicht mehr der Namen meiner Kinder entsinnen konnte. Eine Stumpfheit sondergleichen hatte sich unserer Sinne bemächtigt, die nur noch auf die sich zwangsläufig einstellenden Gedanken an irgendwelche unerreichbaren Speisen reagierten. Menschen, die in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht daran gedacht hatten, sich um die Geheimnisse der Kochkunst zu kümmern, erfanden jetzt Kochrezepte oder schnitten sich solche aus den Zeitungen aus, um sie bei sich zu haben und studieren zu können. Auf dem großen Müllhaufen hinter der Küche, der nach Rübenabfällen, verfaulten Kartoffelschalen und in Verwesung übergehende Knochen stank, krochen schauerlich ausgemergelte Häftlingsgestalten herum und rissen sich gegenseitig den stinkenden und giftigen Unrat aus den Händen, um ihn mit wilder Gier zu verschlingen. Zahlreiche Häftlinge starben am Genuß dieser Dinge oder irgendwelcher Wurzeln, Kräuter und Baumrinden, die sie von ihren Arbeitsplätzen 119 mit ins Lager brachten. Auf dem Bauhof hinter der westlichen Lagermauer sah ich eines Tages einen alten holländischen Juden, der in einem Rasenstück kniete und mit vor Kälte zitternden Händen das spärliche Gras abrupfte, um es sich in den zahnlosen Mund zu stopfen. Im Kartoffelkeller der Küche wurden rohe Kartoffel, ja selbst Schalen gegessen und an irgendeiner Baustelle schmierten sich ukrainische Häftlinge das Isolierfett von elektrischen Kabeln auf ein Stück steinhartes Brot. Was unter solchen Verhältnissen der Erlaẞ Himmlers für uns bedeutete, bedarf keiner weiteren Ausführung. Die Zahl der Pakete, die nun täglich einliefen, ging in die Tausende. Man sah deutlich, in welchen Ländern noch ein wenig Wohlstand herrschte. Franzosen, Tschechen und Norweger erhielten riesige Kisten, die letzteren durch das dänische und schwedische Rote Kreuz, die ihre Sendungen in Lastwagen direkt in das Lager leiteten. Auch die Polen hatten immer noch Speck in beträchtlichen Mengen zu versenden, während die Pakete der Deutschen schon den ganzen Mangel, den die Göringsche Forderung ,, Kanonen statt Butter" ver. ursachte, erkennen ließen. Mit um so größerer Dankbarkeit empfingen wir, was unsere Eltern, Frauen und Geschwister und Freunde uns schickten. Endlich konnte man einmal wieder ein Stückchen Kuchen, einen Apfel oder gar ein Ei essen. Bohnen, Grieß, Hirse, Mehl, Zucker und Trockenmilch waren köstliche Gaben. Auf allen Herdstellen des Lagers, in den Werkstätten und Büros wurde gekocht, meistens unter den schwierigsten Umständen, denn natürlich war das Kochen offiziell nur in der Baracke und nur in den Freistunden gestattet. Eine andere, nicht minder begrüßte Änderung war die Ablösung des Kommandanten Loritz und einiger ihrer Brutalität wegen berüchtigter und gefürchteter SS- Bestien. An ihre Stelle traten mit dem neuen Kommandanten, SS- Standartenführer Kaindl, ältere Reservisten ohne Mordgier und Totschlaggelüste. Der Lagerführer Suhren wurde nach Ravensbrück, in das Frauenlager, versetzt; Lagerführer Grünewald verschwand 120 gleichfalls; die Nachfolger dieser beiden Unmenschen, deren Schuld keine irdische Strafe zu sühnen vermag, waren die Untersturmführer Kolb und Höhne, zwei Beamte, die im Vergleich zu den beiden vorhin Genannten als wahre Engel zu bezeichnen sind. Das um die gleiche Zeit ergehende Verbot, Häftlinge zu mißhandeln, wurde auch jetzt nicht immer befolgt, schränkte aber die Exzesse ein. Der Laufschritt wurde abgeschafft, die Erlaubnis zur Durchführung von kulturellen und sportlichen Veranstaltungen wurde erteilt. Die Arbeit in allen Betrieben lief jetzt auf Hochtouren. Tag und Nacht lärmten die Maschinen in den Hallen und Werkstätten der Lagerindustrie. Unsere Freistunden wurden gekürzt, Waffen wurden produziert und Ausrüstungsgegenstände. Hunderte von Bombensuchern, jetzt Ukrainer und Polen, fuhren täglich nach Berlin, um die nichtexplodierten Luftminen zu beseitigen. In den ausgedehnten Waldungen von Sachsenhausen wuchsen Barackenstädte aus dem Boden. Das Baubüro wurde erweitert und der Arbeitseinsatz gegründet. Mit der Schaffung dieser Dienststelle verschwand ein Mißstand, der bis dahin Tausenden von Häftlingen das Leben erschwert, vielen sogar das Leben gekostet hatte, der kollektive Arbeitszwang. Bestand bis dahin die Verfügung, daß jeder Zugang ohne Ansehen der Person und ohne Berücksichtigung seiner zivilberuflichen Tätigkeit als Hilfsarbeiter arbeiten mußte, so sorgte jetzt eine eigene Behörde für einen möglichst individuellen Einsatz der Häftlinge. An Hand einer umfangreichen Kartei konnte jetzt jeder Häftling an den Platz gestellt werden, an dem er auf Grund seiner Fähigkeiten das beste zu leisten vermochte. Da die immer vielgliedriger werdenden Betriebe einen sehr großen, kaum zu befriedigenden Bedarf an Spezialkräften aller Art anmeldeten, konnte es jetzt nicht mehr geschehen, daß ein Elektroingenieur mit Pickel und Schaufel arbeiten mußte. Einen weiteren Vorteil für uns Häftlinge brachte diese Neuerung auch insofern, als die Krankenpflege jetzt nicht mehr ausschließlich in Händen von SS- Ärzten und angelernten Pflegern lag, sondern in solchen von Häftlings121 ärzten, also Fachleuten aus allen Gebieten der Medizin, Unter ihnen befanden sich zahlreiche tüchtige Chirurgen, Internisten, Spezialärzte und Röntgenologen, die, da sie ja selbst Häftlinge waren, für das Wohlergehen ihrer Patienten in vorbildlicher Weise sorgten. Durch die großzügige Zuwendung von Medikamenten, Verbandstoffen und hochwertigen Nahrungsmitteln seitens der norwegischen Häftlinge, denen wir in jener Zeit unendlich viel Gutes zu verdanken hatten, konnte auch die Betreuung der Kranken erfolgen. Die Mortalität der im Lager erkrankten Häftlinge, die sich jahrelang auf einer erschreckenden Höhe gehalten hatte, sank. Auf einen Durchschnitt von täglich nur drei Todesfällen herabgemindert, nahm sie die Furcht vor dem Krankwerden von uns. Gegen Ende des Jahres 1943 erwirkte der inzwischen zu einer weitläufigen und präzis arbeitenden Behörde ausgewachsene Arbeitseinsatz Prämienscheine, die Geldeswert besaßen und bis zur Höhe von 40 RM monatlich für den einzelnen an die Häftlinge ausgegeben wurden. Es lag ein nicht zu unterschätzender Anreiz in diesem System. Stand die Höhe des Betrages auch in keinem Verhältnis zu der Höhe der Leistung, so machten die Verhältnisse, in denen wir uns befanden, doch den Erwerb von Prämienscheinen erstrebenswert, schon weil man nur mit solchen Scheinen Zigaretten bekommen konnte. Außerdem gab es jetzt auch alkoholfreies Malzbier, das besser schmeckte, als der bittere Lagerkaffee und in vielen von uns die Illusion eines gewissen Luxus erweckte. Durch diese Prämienscheine war es uns überdies möglich, auf Geldzuwendungen von zu Hause zu verzichten. Betrachtet man alle diese Neuerungen und Besserungen, so möchte man meinen, ein Born reiner Menschenliebe habe sich plötzlich aufgetan, um uns durch eine Flut von Wohltaten für alles Leid der vergangenen Jahre zu entschädigen. Die Sonntage und freien Stunden verliefen jetzt nicht mehr so trostlos wie früher. Es fand täglich nur noch ein Appell statt. In der geräumigen Trockenbaracke der Wäscherei hatte sich ein Theater etabliert. Szenen aus„ ,, Faust" wurden unter der Leitung 122 Edgar Bennerts, dem ehemaligen Mitglied des Düsseldorfer Schauspielhauses, aufgeführt. Gerhart Hauptmanns„ Biberpelz" gelangte zu einer eigenartigen, trefflichen Darstellung. Eine von jungen talentvollen Norwegern gebildete Schauspielergruppe spielte Szenen aus ,, Peer Gynt" und die Franzosen lieferten eine temperamentvolle Aufführung der Sonettszene aus ,, Le Misanthrope" von Molière. Sollten wir vergessen, was man uns vorher angetan hatte, war plötzlich der Geist der Besinnung über unsere Quälgeister gekommen? Benötigte man jetzt vielleicht auf einmal dem hellhörigen und alleswissenden Ausland gegenüber eine Art Führungsattest, durch das man der empörten Menschheit glaubhaft zu machen versuchte, in den deutschen Konzentrationslagern herrschte eitel Freude und Sonnenschein? Ich glaube, daß weder der eine, noch der andere Grund für die unverkennbare Besserung unserer Lage maßgebend war. Denn wärend wir im KZ Sachsenhausen in den Genuß dieser Vorteile kamen, lief die Vernichtungsmaschinerie in den Lagern Auschwitz, Maidanek und Bergen- Belsen weiter. Während wir durch Zugeständnisse aller Art unsere Arbeitsleistungen steigerten, wurden dort Millionen von Menschen in die Gaskammern geschickt. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum gewesen, hätten wir in der zeitweiligen Besserung unseres Loses eine aus ethischen Erkenntnissen stammende Folgerung gesehen. Keine der uns zuteil gewordenen Neuerungen ließ uns auch nur einen Augenblick daran zweifeln, daß dieses Entgegenkommen nicht von langer Dauer sein konnte. Gewiß, wir wurden nicht mehr gequält, weil man unsere Arbeitskraft brauchte, aber wir waren uns auch im klaren darüber, daß wir in dem Augenblick, da sich alle diese Anstrengungen als nutzlos erweisen würden, auf Gnade von seiten der SS nicht rechnen konnten. Der alte Scharführerspruch: ,, Für jeden von euch ist eine Kugel gegossen!" hatte nichts von seiner Bedeutung verloren. Wir waren nach wie vor Tote auf Urlaub; nur mit dem Unterschied, daß man den Toten jetzt gestattete in ihrer Urlaubszeit Fußball zu spielen. 123 XIX SACHSENHAUSEN HATTE EINE GROSSE ZUKUNFT Die Luftschiffbau Zeppelin Gesellschaft, der ich von Oktober 1942 bis zum März 1943 als Bürosklave angehörte, war ein Rüstungsbetrieb und unterstand der Kontrolle der Wehrmacht und der SS. Er beschäftigte sich mit der Reparatur und Neuanfertigung von Sperrballonen. Das Hauptwerk befand sich in Friedrichshafen. Der bekannte Konstrukteur Dr. Dürr kam zur Eröffnung des Zweigwerkes nach Oranienburg und rief auch uns Häftlingen einige ermunternde Worte zu. Der Büroleiter, mein direkter Vorgesetzter, zeigte Verständnis für uns Häftlinge. Er gehörte nicht zu jenen Unentwegten, die in einem Konzentrationslagerinsassen unter allen Umständen einen Verbrecher sahen, Er verschaffte uns eine Reihe von Erleichterungen, war stets höflich und zuvorkommend und ließ uns nie das Drückende unserer Lage durch ein überhebliches Benehmen fühlen. Ich war den ganzen Tag vom Lager abwesend, hatte einen hellen und warmen Büroraum, einen lieben Kameraden Bruno Leuschner, der später einer gemeinen Intrige zum Opfer fiel, und den Umgang mit Zivilperosnen, die mir etwas von der Welt da draußen erzählen konnten und uns über die Entwicklung der militärischen und politischen Dinge auf dem Laufenden hielten. Im Februar 1943 wurde das Kommando Ballonbau wieder aufgelöst. Es kamen Frauen zum Einsatz. Der totale Krieg, den Goebbels mit Pathos proklamiert hatte, und dem unsere schönsten deutschen Städte ihre totale Zerstörung verdanken, versklavte Frauen und Mädchen. Durch die Zerschlagung aller kleinbürgerlichen Unternehmen, von denen der Nationalsozialismus zu Beginn behauptete, sie ständen unter seinem ganz besonderen Schutz, durch die Schließung der Theater, Gaststätten und zahlloser Kleingeschäfte, wurden große Men124 schenmassen frei, die nun in die Kriegswirtschaft überführt werden sollten. Der Ballonbau folgte diesem Zuge der Zeit und stellte sich auf weibliche Belegschaft um. Das Häftlingskommando löste sich auf und ging in andere Betriebe über. Mich beorderte der Arbeitseinsatz in das Baubüro der Bauleitung Oranienburg der Waffen- SS und Polizei, wo ich ein interessantes Arbeitsgebiet vorfand. Besser als an irgendeiner anderen Stelle des Lagers gewann ich hier Einblick in die Vorhaben der SS. Ein reiches Archiv an Plänen, Bauzeichnungen, Statistiken, Schriftwechsel und ähnlichem Aktenmaterial lieferte mir die Unterlagen für viele Angaben in diesem Bericht. An Hand dieses Materials erfuhr ich Wesentliches über die Gründungs- und Entwicklungsgeschichte des Lagers. Die Pläne und Baubeschreibungen unterrichteten mich von Zweck und Raumgliederung der einzelnen Bauwerke. Durch sie nahm ich Kenntnis von mancher charakteristischen Tatsache, zum Beispiel, daß es im Zellenbau Räume mit schalldicht gedoppelter Wandung gab, daß der Exekutionsraum in der Station Z im Herbst 1942 in einen Gasraum umgebaut worden war, daß das ,, Haus Eicke", die Dienstwohnung des Obergruppenführers Eicke, ein und eine halbe Million Reichsmark gekostet hatte und daß die Kaserne III, auf deren Konto Unsummen von Baugeldern verrechnet wurden, in Wirklichkeit gar nicht existierte. Vorstand und Leiter des Baubüros war der SS- Untersturmführer Köhlinger, ein kleiner Hypochonder, der gerne tobte und schrie, aber gemessen an seinem Nachfolger, dem Hysteriker Josef Schnöll aus Salzburg, zu ertragen war. Im Sommer 1943 wurde Köhlinger als Bauleiter zum SS- Truppenübungsplatz Kurmark bei Lieberose versetzt. Leider, denn er war immer noch ein kleineres Übel als Schnöll, der feige war, wie alle Drückeberger, nach außen hin aber den todesmutigen Offizier spielte, der keine andere Gelegenheit hatte, seine Unerschrockenheit unter Beweis zu stellen, als daß er seine bei ihm tätigen Häftlinge mit Ohrfeigen traktierte, und ihnen die Rationen oder die Prämienscheine entzog. 125 - Ein Jahr vorher standen Bauhof und Baubüro als Arbeitskommando in keinem besonderen Ansehen. Loritz, der sich viel auf den Baustellen herumtrieb und Werkstätten inspizierte, hegte ein grundsätzliches Mißtrauen gegen die Arbeitsfreudigkeit der Häftlinge und hielt es für angebracht, namentlich die auf dem Bauhof tätigen Häftlinge durch rasch improvisierte Strafmaßnahmen in Schrecken zu setzen. Gelegentlich der Errichtung der sogenannten Sonderhäuser vier im Bereich des Lagers, aber außerhalb der Lagermauer erstellten Einfamilienhäuser, die als Unterkünfte für ganz besonders prominente Häftlinge dienten, von denen eines mehrere Jahre lang der ehemalige österreichische Bundeskanzler Schuschnigg mit seiner Familie bewohnte, erschien SS- Oberführer Loritz fast täglich auf der Baustelle, wo er durch Brüllen, Toben, Fuẞtritte und Ohrfeigen die Bauarbeiten auf seine Weise zu beschleunigen versuchte. Da diese aber trotz alledem nicht die von ihm gewünschten Fortschritte machten, ließ er an einem Sonntagnachmittag sämtliche auf dem Bauhof beschäftigten Häftlinge zu einem großen Strafexerzieren auf dem Appellplatz antreten. In welcher Form sich dies abspielte, zeigt die Tatsache, daß nach Beendigung abends gegen acht Uhr 17 Tote auf dem Appellplatz lagen. Loritz selbst kommandierte diese Aktion; später wurde er von dem SS- Unterscharführer Bayerle abgelöst, der ihm an Brutalität nicht nachstand und seine Freude daran hatte, wenn wieder ein Häftling als Leiche in einen Barackenwinkel getragen werden mußte. Als ich in das Baubüro kam, war Loritz glücklicherweise nicht mehr Kommandant des Lagers. Es waren dadurch auch auf dem Bauhof und vor allem im Baubüro ruhigere Verhältnisse eingetreten. Eines der interessantesten Dokumente war der große Generallinienplan, der den geplanten Ausbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen nach dem Kriege veranschaulichte. Diesem Plan zufolge sollte das Lager in einer so großzügigen Weise umgebaut und erweitert werden, daß es die Unterbringung von mindestens 50 000 Häftlingen ermöglichte. Denn nicht nur 126 ; t f S n r für das Lager Sachsenhausen war eine gigantische Erweiterung geplant, und man kann sich ungefähr einen Begriff davon machen, was der Nationalsozialismus noch alles vorhatte, um das deutsche Volk an den Segnungen eines gewonnenen Krieges teilhaben zu lassen. Dieser Generallinienplan war nicht etwa in spielerischer Laune ersonnen, sondern war die vorsorgliche Dokumentierung der sehr realen Ostraumpläne Hitlers, die völlige Unterwerfung des Slawentums zugunsten des germanischen Wehrbauern. Zur Verwirklichung dieser monströsen Idee sollten die allerorts geschaffenen Konzentrationslager das ihrige beitragen, teils als Vernichtungslager zur sofortigen Beseitigung aller Kranken und Arbeitsunfähigen, teils als Arbeitslager zur Aufnahme und Unterbringung der für den raschesten Wiederaufbau der deutschen Städte eingesetzten Ostarbeiter. Keiner dieser Menschen hätte jemals seine Heimat wiedergesehen. Nach dem alten Demagogenprinzip, den zur Fron gepreßten Menschen für seine Arbeit nur so lange zu entlohnen und leben zu lassen, als die zu bewältigende Aufgabe seiner Mitwirkung bedurfte, hätte Hitler nach einem gewonnenen Krieg seine Aufbaupläne mit seiner Entvölkerungstechnik erfolgreich gekoppelt und damit zweifellos die Bewunderung seiner ihm blindlings ergebenen Anhänger gefunden. Der Generallinienplan des Konzentrationslagers Sachsenhausen zeigte, daß auf den Ausbau der Krematoriumsanlagen ganz besonderer Wert gelegt werden sollte und man kann sich vorstellen, in was für einem Verhältnis eine solche Bewunderung zu der sittlichen Idee jenes Vorhabens gestanden hätte. Ein nicht minder interessantes Bauvorhaben war das Sonderlager II, als dessen Übergabetermin der 1. Juni 1944 angesetzt war. Dieses Sonderlager an der von Schmachtenhagen nach Sachsenhausen führenden Straße bestand aus einer Reihe von sehr sorgfältig ausgeführten Steinbaracken, Einzelunterkünften für je einen oder zwei Häftlinge mit Trennmauern. Jede Unterkunft enthielt einen Wohn- und einen Schlafraum, ein eigenes Bad, Zentralheizung und einen kleinen Beobachtungsraum für einen Bewachungsposten. Ein Lazarettbau mit 127 Schwesternzimmern und Arztwohnung, ferner ein sehr weitläufig ausgestattetes Wirtschaftsgebäude, ein Bibliotheksbau und ein separates Haus für Besucher ließen darauf schließen, daß dieses bis zum 1. Juni 1944 unter allen Umständen fertig zu stellende Lager nicht für gewöhnliche Staatsfeinde, etwa meines Schlags, sondern für eine Elite gedacht war. Ich vermutete, daß die Fertigstellung dieses Lagers mit dem Zeitpunkt irgendeiner geplanten Aktion zusammenfallen sollte. Fortgesetzte Überwachung der Bauarbeiter durch den Bauführer, die nicht zum Oranienburger Baustab, sondern zur Zentralbauleitung Berlin gehörten, der strikte Befehl, die Zentralbehörde durch wöchentliche Bauberichte vom Stand und Fortschritt der Arbeit laufend zu unterrichten, bestärkten meine Ansicht. Als im Mai 1944 keine Aussicht bestand, daß der Bau zu dem angesetzten Termin hergestellt sein würde, erreichte die Nervosität ihren Höhepunkt. Glücklicherweise lag die Schuld nicht bei den Häftlingen. Die Ursache war Materialmangel. Die Arbeiten mußten oft wochenlang eingestellt werden. Merkwürdigerweise bestand nach dem 20. Juli 1944, also nach dem Tag des Attentats auf Hitler nicht mehr das geringste Interesse an der Fertigstellung des Lagers. Ob hier zwischen den geschilderten Anstrengungen und dem Attentat ein Zusammenhang bestand, vermag ich nicht zu beurteilen. Das letzte Bauwerk, das noch während der Zeit meiner Tätigkeit im Baubüro in Auftrag gegeben wurde, war ein Lagerbordell. Im Frühjahr 1944 wurde es unter der Bauwerksbezeichnung Sonderbau B in Angriff genommen und im Juli des gleichen Jahres fertiggestellt. Es bestand aus einer geräumigen, ziemlich sorgfältig ausgeführten Baracke mit allen für den besonderen Zweck eines solchen Gebäudes erforderlichen Räumen, sanitären und hygienischen Einrichtungen. Als Haus der Freude diente es später zehn weiblichen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück zum Aufenthalt. Der Ort, an dem es zur Aufstellung gelangte, hätte Menschen, deren seelische Resonanz noch nicht völlig erloschen war, mit 128 S t Schauder erfüllt; es grenzte unmittelbar an die Pathologie und stand über dem großen Leichenkeller des Lagers. Die Türen zu den einzelnen Kabinetten, in denen zwei Entrechtete und um die letzte Würde ihres Menschentums Betrogene den ärmlichen Rausch ihrer Sinne genießen durften, waren mit runden Schaulöchern, sogenannten Spionen, versehen. 9 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel 129 XX VERRÄTER ERFINDEN VERSCHWÖRUNGEN Wenige Wochen vor dem Beginn des totalen Arbeitseinsatzes waren die Vorstände der Schreibstube des Lagers aus ihren Ämtern entfernt worden. Eine Anzahl von Häftlingen, darunter Naukus, Buchmann und Großer, die sich um das Lager zu unseren Gunsten verdient gemacht hatten, wurden eines Tages ,, verhaftet", in den Zellenbau gesperrt und nach einer Woche in das berüchtigte Steinbruchlager Flossenbürg strafversetzt. Es wurde ihnen eine kommunistische Verschwörung und die Einrichtung einer Häftlingsfürsorge im Sinne der„ Roten Hilfe" vorgeworfen. Auf jeden Fall wollte man diese Häftlinge entfernen, da keiner von ihnen bereit war, sich für die Interessen der SS, also gegen ihre Mithäftlinge mißbrauchen zu lassen. Das Ansinnen, als verlängerter Arm der SS, Verrat an den Kameraden zu üben, hatte sich bei diesen Männern fruchtlos erwiesen. Man brauchte Kreaturen, die bereit waren, die Lagerhäftlinge zu bespitzeln und Widerstand zu melden. Die Furcht der SS vor dem Auftreten einer gewissen Resistenz war nicht unbegründet. Der Glaube an einen deutschen Sieg war im Lager nie stark, durch die Ereignisse in Rußland zweifelte aber kein Häftling an der Niederlage. Da nun gerade in jener Zeit, als das schleichende Gift des Zweifels auch in den Herzen vieler SS- Angehöriger seine Wirkung ausübte, eine durchgreifende Änderung in der Häftlingsbehandlung zu erwarten war, da ferner zahlreiche SS- Dienstgrade, die durch ihr rücksichtsloses Verhalten noch gewisse Garantien für die Unterdrückung irgendwelcher Gegenbewegungen boten, entfernt und durch weniger skrupellose Reservisten ersetzt werden sollten, glaubte die Lagerführung auf die Einschaltung neuer und anderer Sicherheitsmaßnahmen nicht verzichten zu können. Durch die Vergrößerung der Betriebe, die eine neue 130 S n 1- S e t. e e n _t 2. 2 g i- n e h e g U e Aufteilung der Häftlinge in größere und kleinere Gruppen notwendig machte, wurde die Überwachung beeinträchtigt. Es standen auch nicht mehr so viele Posten zur Verfügung wie früher. Die geplanten Erleichterungen gaben überdies der Befürchtung Raum, daß das Selbstbewußtsein der Häftlinge gestärkt und der Geist des Aufruhrs Nahrung bekommen könne. Es mußten an die Spitze der Häftlingsgemeinschaft Leute gestellt werden, die bereit waren, mit der Lagerführung zusammenzuarbeiten und jede politische antifaschistische Tätigkeit unter den Häftlingen zu verraten. Nachdem man also die kommunistischen Häftlinge, Naukus, Buchmann und Großer, entfernt hatte, setzte man an ihre Stelle die Häftlinge Kuhnke, Gallipavi und Volk, denen man noch die Kreatur Kokoschinski, einen Mann, der je nach Gelegenheit bald Pole, bald Deutscher war, zugesellte. Lagerälteste waren Kuhnke und Volk. Kuhnke war ein Aso, ein Mann mit zahlreichen Vorstrafen, darunter solchen, die er sich wegen verschiedener Sittlichkeitsdelikte zugezogen hatte. Volk wurde zweiter Lagerältester, ein politischer Häftling und ehemaliger Offzier, angeblicher Inhaber des Ordens pour le mérite, Schriftsteller und Verfasser eines antikommunistischen Romans. Volk war zu lebenslänglicher Konzentrationslagerhaft verurteilt, was vermuten läßt, daß er dem Nationalsozialismus nahestand und sich durch irgendeinen Verrat diese Strafe, die nicht von den ordentlichen Gerichten verhängt werden konnte, zugezogen hatte. Er war einer jener abenteuerlichen Offizierstypen, die nach dem ersten Weltkrieg keinen festen Fuß fassen konnten, im Baltikum eine Rolle spielten, geheimen Militärorganisationen angehörten, Fememorde begünstigten und ausführten und bald bei dieser, bald bei jener nationalistischen Partei ihr Heil suchten. Solchen Menschen ist die Neigung zum Verrat eingeboren. Sie haben ihr ganzes Leben damit bestritten, sie ließen sich zu allem, was ihnen einen Vorteil versprach, gebrauchen. Da Volk zu lebenslänglicher Haft verurteilt war, also für ihn keine Aussicht bestand, auf normale Weise jemals wieder in 9* 131 Freiheit zu gelangen, glaubte er, durch Liebedienerei an die SS eine Chance für seine Befreiung zu entdecken. Er beherrschte die russische Sprache und fand als Dolmetscher Verwendung und kam mit der Lagerleitung in Berührung, der er sich als Feind der Kommunisten erklärte. Er war der geeignete Mann für Spionagedienste im Lager. Wie allen Menschen seines Schlages gebrach es ihm an Weitblick und Klugheit. Er witterte einen augenblicklichen Vorteil und setzte die erwiesene Undankbarkeit der SS nicht in Rechnung. Er beging zuletzt die Dummheit, daß er mit der SS schließlich gegen die SS zu intrigieren begann, was zu seiner eigenen Vernichtung führte, nachdem er durch seinen Verrat eine große Anzahl Menschen ausgeliefert hatte. Auch Gallipavi war eine dunkle Existenz. Er hatte schon in anderen Lagern sein Unwesen getrieben und galt in den Augen der Lagerführung als eine Koryphäe der Gemeinheit. Zusammen mit dem Häftlingsdolmetscher Siegel, der im Herbst 1944 in die SS eintrat und an der Niederschießung von russischen Kriegsgefangenen im Januar 1945 beteiligt war, war auch er ein gefährlicher Verräter. Zwei weitere Kreaturen dieses Schlages waren der Blockälteste Jahnke, der ebenfalls in die SS eintrat, und der„ Volksdeutsche" Kokoschinski, ein ehemaliger Lehrer, der schon in den Jahren 1941/42 für die Gestapo gearbeitet hatte und der jetzt, als Vorarbeiter der Poststelle, seine Fähigkeiten als Vertrauensmann der SS unter Beweis stellte. Diese Männer, Häftlinge wie wir, waren also nun unsere Vorgesetzten. Über ihre feindliche und verräterische Einstellung waren wir uns nicht im unklaren und wir versuchten, uns gemeinsam mit dem Arbeitseinsatz zur Wehr zu setzen. Im Frühjahr 1944 wurde eine Sonderkommission der SS eingesetzt, die unter dem Vorsitz eines Herrn Corneli in einigen Räumen des Verwaltungsgebäudes der SS- Totenkopfstandarte Oranienburg amtierte. Der Auftrag dieser Kommission blieb für uns im Dunkeln. Sie war mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet, stand als Beauftragte des Reichs- Sicher132 heitshauptamtes über der Lagerführung und sollte, wie wir vermuteten, das Lager nicht nur von kommunistischen Elementen säubern, sondern auch die durch viele Korruptionsfälle belastete Lagerführung kontrollieren. Also hatten nicht nur die Häftlinge, sondern in einem vielleicht noch höheren Maß die im Lager diensttuenden SS- Angehörigen selbst die Kommission zu fürchten. Es war dadurch der groteske Zustand geschaffen, daß zwei so erbitterte Gegner, wie Häftlinge und SS, nun einen gemeinsamen Gegner hatten. Man kann sich vorstellen, mit welchen Augen die Lagerführung in dieser Situation jene Häftlinge betrachtete, die der Kommission eine Handhabe boten und durch ihre Aussagen Material lieferten, das auch die SS belastete. Selbstverständlich versprach die Sonderkommission den Häftlingen Kuhnke, Volk und Kokoschinski das Blaue vom Himmel, sicherte ihnen nicht nur Straffreiheit zu, sondern sogar Belohnung und Entlassung. So ist das selbstbewußte Handeln und Auftreten zu erklären, das diese Häftlinge in der Zeit ihrer Tätigkeit für die Kommission an den Tag legten und gegen das weder der Kommandant, noch die Lagerführer etwas ausrichten konnten. Welcher Art war nun die Tätigkeit jener Häftlinge, die dem Ansinnen der Sonderkommission Folge leisteten? Das erste war, daß Kuhnke eine weitausgedehnte kommunistische Verschwörung entdeckte, um das Vertrauen der Kommission zu erwerben. Es wurde in einer isolierten Baracke des Lagers ein Untersuchungsblock eingerichtet, in dem man alle an dieser angeblichen Verschwörung beteiligten Häftlinge einsperrte und vernahm. Natürlich wurden diese Vernehmungen mit den im Lager üblichen Mitteln durchgeführt. Dabei schlug die SS einige Häftlinge so furchtbar, daß sie in den Krankenbau überführt werden mußten. Irgend etwas Stichhaltiges für die Kuhnkeschen Anschuldigungen ließ sich nicht erbringen. Außer der Tatsache, daß die meisten der betroffenen Häftlinge einmal der kommunistischen Partei angehört hatten, aus welchem Grund sie sich ja im Konzentrations-lager befanden, konnte kein Beweis einer Verschwörung er133 bracht werden. Dieser Miẞerfolg schwächte zwar das Vertrauen der Kommission zu den Verrätern, änderte aber nicht das Los der Beschuldigten. Die Opfer des Verrats wurden nach dem Vernichtungslager Mauthausen bei Linz verschickt. In dieser Atmosphäre der höchsten Unsicherheit, in der jeder von uns, gleichviel ob Kommunist oder nicht, täglich Gefahr lief, von einem jener Dunkelmänner an den Galgen gebracht zu werden, konnte nur durch eine stumme, verbissene Zurückhaltung und durch ein wortloses Zusammenwirken aller in besonderen und einflußreichen Stellungen wirkenden Häftlinge eine Abwehrfront gegen diese, das ganze Lager bedrohende Gefahr, geschaffen werden. Eine dieser Stellen, die direkten Einfluß auf die Geschehnisse im Lager nehmen konnte, war der Arbeitseinsatz, dem ich nach meinem Ausscheiden aus dem Baubüro seit dem Frühjahr 1944 angehörte. Die Leiter des Arbeitseinsatzes waren einige SS- Unterscharführer. Auch diese hatten ein begreifliches Interesse, die Zuträger der Kommission unschädlich zu machen. Das angerichtete Unheil konnte zwar nicht wieder gut gemacht werden, aber wir konnten die Entfernung der Spitzel Kuhnke, Kokoschinski und Volk durchsetzen. Die Sonderkommission lieẞ die Verräter fallen und überließ es der Lagerführung, mit ihnen nach Gutdünken zu verfahren. Der Häftling Kuhnke wanderte nach Empfang von 50 Stockhieben nach Mauthausen, also in das gleiche Lager, in das er an die 60 unschuldige Kameraden gebracht hatte. Volk ging in das Steinbruchlager Flossenbürg und Kokoschinski nach Ravensbrück. 134 XXI DER MENSCHENREST FÜR ZWEI MARK FÜNFZIG Viermal im Jahr, in Abständen von je drei Monaten, unterrichtete sich die Geheime Staatspolizei über das Verhalten der von ihnen in die Konzentrationslager verschickten politischen Häftlinge. Der Häftling wurde zum Lagerführer beordert und von diesem nach langem Warten über einige längst bekannte Vorgänge und Daten befragt. Der Neuling rechnete gewöhnlich mit der Aussicht auf eine baldige Entlassung in der Vermutung, daß man sich draußen für ihn interessierte und daß er nicht so ganz verlassen und vergessen sei. Er ahnte nicht, daß diese Anfragen nur eine Formalität waren. Durch einen in der politischen Abteilung tätigen Häftling brachte ich den Bericht an die Geheime Staatspolizei- Leitstelle auf eine solche Anfrage in Erfahrung; sie lautete: ,, Nicht entlassungsreif, da faul und zu keiner Arbeit willig!" Diese kurze Erklärung ging zu den Akten und diente als Grundlage für die weitere Beurteilung des Häftlings. Jeder Versuch der Angehörigen den Häftling zu befreien, scheiterte auf diese Weise. Es gab aber auch Methoden, die eine unter Umständen schon beschlossene Entlassung eines Häftlings hintertreiben sollten und hauptsächlich dann zur Anwendung kamen, wenn man den betreffenden Häftling aus irgendwelchen Gründen noch brauchte. So ersah ich aus Schriftstücken der Bauleitung, daß der tschechische Häftling Pleticha, dessen Entlassung vom Reichs- Sicherheitshauptamt bereits angeordnet war, erst vier Monate nach dieser Verfügung tatsächlich entlassen wurde. Pleticha war Vorarbeiter des Baukommandos Pumpenhaus II und wurde solange im Lager festgehalten, bis das Bauwerk fertiggestellt war. Er wurde der Gestapo gegenüber als ,, im Augenblick unabkömmlich" bezeichnet. Die Farce der Anfragen hörte im Jahre 1942 auf; nicht, daß 135 von diesem Zeitpunkt die Lagerführung eine bessere Auskunft erteilt hätte, sondern sie unterblieb überhaupt. Die Zahl der Entlassungen war gering. Die von vielen Häftlingen gehegte Hoffnung auf einen„ Gnadenerlaß des Führers" oder eine allgemeine Amnestie zeugte zwar für die harmlose Gemütsart dieser Hoffenden, erfüllte sich aber nicht. Größere Entlassungen erfolgten nur im Falle der tschechischen Studenten, die im Jahre 1943 in zwei größeren Trupps das Lager verließen. Auf Entlassung konnten ferner Häftlinge rechnen, die mit polnischen Mädchen ein Verhältnis angefangen hatten und aus diesem Grund in das Lager gekommen waren; sie wurden meist nach drei oder sechs Monaten wieder in Freiheit gesetzt, falls sie nicht vorher den Lagertod erlitten. Denn die Anfälligkeit der Häftlinge war gerade in den ersten drei Monaten ihres Lageraufenthaltes am stärksten. Die seelische Erschütterung tat dabei das übrige. Der Mangel an innerem Halt, die Folgeerscheinung einer depressiven Veranlagung, erzeugte eine gefährliche Indolenz gegen die harten Bestimmungen der Lagerordnung. Wer erst einmal die barbarischen Methoden der körperlichen Züchtigung über sich hatte ergehen lassen müssen, fand meist kein Zurück mehr; Widerstandskraft und Trotz waren gebrochen. War ein Häftling in dieses Stadium der körperlichen und seelischen Entkräftung gelangt, so bezeichnete man ihn als Muselmann, für den es kaum noch eine Rettung gab. Sein Zustand wurde ihm von den SS- Ärzten als ein Vergehen, Heimtücke oder Arbeitsscheu vorgeworfen und er konnte auf Genesung nicht rechnen. Er starb und wurde verbrannt. Viele Jahre hindurch betrug die Sterblichkeitsziffer im Lager täglich 30 Häftlinge. Die Todesursachen waren Lungenentzündung, Wassersucht, Phlegmone, Dysenterie, Tuberkulose, Miẞhandlungen und die unzulängliche Behandlung. Viele Häftlinge, die ihr erbärmliches Leben nicht mehr länger ertragen konnten, begingen Selbstmord. Sie erhängten sich oder liefen in den Draht. Die Berührung des mit elektrischem Strom geladenen Stacheldrahtes verursachte sofortige Herzlähmung. 136 Vom Starkstrom gelähmt und von einigen MG- Geschossen der Wachposten durchbohrt, blieb der Leichnam im Stacheldraht hängen. Die Angehörigen eines jeden Verstorbenen erhielten von der Lagerverwaltung die Nachricht ,,, daß der Häftling im Krankenbau des Lagers an den Folgen einer Blutkreislaufstörung gestorben sei". Die Urne mit der Asche des Toten wurde ihnen gegen Voreinsendung des Betrages von 2.50 Reichsmark zugeschickt. Manchmal gestattete man den Angehörigen, die Leiche noch einmal zu sehen. Sie fuhren zu diesem Zweck mit Kränzen und Blumen nach Sachsenhausen, wo die Lagerführung einen Paradesarg bereithielt, in welchem die Leiche des Häftlings feierlich aufgebahrt lag. Ein Angehöriger der SS, meistens der Rapportführer oder der Lagerführer selbst, machte bei dieser Gelegenheit den trauernden Hinterbliebenen die Honneurs und bedauerte aus tiefstem Herzen, daß der Kranke trotz sorgfältigster Pflege nicht mehr zu retten gewesen wäre. Hatten die Angehörigen dies zur Kenntnis genommen, den Händedruck der hohen Herrn empfangen und den Kommandanturbereich des Lagers wieder verlassen, flogen Kränze und Blumen in die Müllgrube, die Leiche des Häftlings in eine schwarze Kiste und der feierliche Akt war zu Ende. Es starben aber auch Hunderte von Häftlingen an einem Tag; dann hatte das Kommando Krematorium alle Hände voll zu tun. Oft standen die schwarzen Kisten in hohen Stapeln vor dem Eingang des Gebäudes, auf dessen Esse oft nachts noch die Flammen tanzten, wie die zuckenden Seelen der in die Freiheit des Himmels entlassenen Toten. Untertags zogen Krähen in breiten Schwärmen vom nahen Walde über das Lager, das im nebelfeuchten Grau eines Herbsttages einen so trostlosen Anblick bot, daß man kaum an die Wirklichkeit seiner Existenz glauben mochte. Kahl und baumlos, wie von der Schere des Teufels herausgeschnitten aus dem Bild der lebendigen Welt, weitete sich der in seiner Leere gähnende Platz, eine Arena der Verzweiflung, ein Zirkus der grausigsten Spiele, die Menschen je erdacht und geübt. Hier 137 hatten wir triefend vor Nässe oft viele Stunden gestanden, hatten schwere, beladene Karren geschoben oder in den Schößen unserer gestreiften Jacken den Sand fortgeschleppt. der aus irgendeiner Baugrube geschaufelt wurde. Hier lagen an jedem Morgen in Decken gehüllt die Leichen der über Nacht in den Baracken verstorbenen Kameraden. Tot, leer und stumm war alles, die Ruhe eines lebendigen Grabes umfing alles Geschehen und legte sich als drückende Last auf unsere Herzen. Es gab in den Jahren meiner Haft wohl kaum einen Tag, an dem ich nicht wenigstens einmal an die Möglichkeit einer Befreiung aus dieser Lagerhölle gedacht hätte. Wir lebten ohne Hoffnung und die Zeichen der Freiheit verwandelten sich für uns in ein Sinnbild der Tücke und ließen uns die Aussichtslosigkeit unserer Lage noch fühlbarer werden. Darum haẞten wir die Vögel, die über uns hinweg, nach dem nahen Wald flogen, denn sie erinnerten uns an die lähmende Last, die wir als bodenverhaftete Kreaturen zu tragen gezwungen waren, die uns darin hinderte, dieses Mauerwerk zu verlassen und uns jeder erdenklichen Willkür preisgab. Wir haßten die ragenden Wipfel der Bäume, die uns an das blühende Leben des Waldes gemahnten, darin Myriaden kleiner und für das Auge so unscheinbarer Lebewesen sich ihrer von Gott gegebenen Freiheit erfreuten und wir haẞten das Lachen der Kinder, das manchmal von irgendwoher an unsere Ohren drang, denn es schien uns ein spottender Laut aus den Regionen jener reineren Welt, die man uns genommen hatte. Wenn über uns in der Bläue des Abends eine Wolke dahinschwamm, wie ein Segler auf großer Fahrt, dann errechnete unser Geist den Verlauf ihres Weges und kehrte verzweifelt über die Unmöglichkeit, ihr zu folgen, in dieses Ödland des Grauens zurück. Was kaum einem Menschen da draußen, jenseits der Mauer, versagt war, einmal und wäre es nur auf die Dauer einer Stunde, allein zu sein mit sich und seinen Gedanken, war hier ein unerfüllbarer Wunsch, den kein noch so entschiedener Wille zu verwirklichen mochte. 138 Die Nachbarschaft des Mordes, in der wir dahinlebten, selbst nie wissend, ob und wann auch uns dieses Schicksal ereilen würde, verdichtete sich in uns zu dem brennenden Gedanken, den Tag zu erleben, an dem die Welt von dem Ungeheuer befreit wurde, das mit lächelnder Miene durch einen Ozean von Blut watete und die Menschheit mit blechernen Phrasen bediente. Jeder Fortschritt der Invasion im Westen brachte uns der Erfüllung unseres sehnlichsten Wunsches näher. In unseren Träumen sahen wir die befreienden Luftlandetruppen der Amerikaner und Engländer, die wie rettende Heerscharen aus den Wolken auf unser Lager herabschwebten. Als am Abend des 20. Juli 1944 die alarmierende Meldung von dem Attentat auf Hitler aus den Lautsprechern drang, wußten wir, daß trotz Miẞlingens des Anschlages die Stunde des Zusammenbruchs nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte. Seltsamerweise löste die Nachricht von dem Ereignis bei den Angehörigen der SS so gut wie gar keine Bewegung aus. Ich kann nicht annehmen, daß die Ursache dieser auffälligen Gleichgültigkeit darin zu sehen war, daß die Attentäter Vertreter der Generalität waren. Aber schon die Absetzung und Gefangennahme Mussolinis fand im Lager kein Echo. Zwar ließ die Lagerführung alle Hellseher, Chiromanten, Astrologen und ähnliche Geheimwissenschaftler unter den Häftlingen aufrufen. An Hand von Schriftstücken, die man ihnen vorlegte und mit Hilfe des siderischen Pendels mußten sie sich um die Ausfindigmachung des Duce bemühen, aber sonst geschah nichts. Jetzt, da sich der Pfeil gegen den großen Führer selbst gerichtet hatte, bemühte man nicht einmal die Wahrsager. Man brachte einige höhere Offiziere ins Lager, wenige Tage später einige tausend Berliner und Leipziger Bürger, biedere Handwerker und kleine Beamte, die früher einmal einer Linkspartei angehört hatten, und von denen man offenbar annahm, daß zwischen ihnen und den Verschwörern irgendeine geheime Beziehung bestand. Da sich aber sehr bald herausstellte, daß dies nicht der Fall war, wurden sie wieder entlassen. 139 Und doch hatte jenes Ereignis Tausenden von Menschen das Leben gekostet, aber ihre Abschlachtung machte sich diesmal in keiner das Lager betreffenden Begebenheit spürbar; das einzige, was hier davon zu bemerken war, war eine leichte, jedoch unverkennbare Nervosität, die in dem Maß stieg, als die Nachrichten von den Fronten, die sich ja bereits in bedenklicher Nähe der Reichshauptstadt befanden, einen Miẞerfolg nach dem anderen meldeten. Das Gefühl, daß der Krieg möglicherweise nicht mehr zu gewinnen sei, übte seine bedrückende Wirkung aus. Die einst so stolze Haltung der Prätorianer des Führers erlitt merkliche Einbußen. Man wußte auf einmal nicht mehr, wie man sich den Häftlingen gegenüber verhalten sollte. Mußte man freundlich zu ihnen sein oder sie gleich niederschießen? 140 XXII GÖTZENDÄMMERUNG Schon im Mai des Jahres 1940, fünf Wochen nach meiner Einlieferung in das KZ, war eine Musterungskommission der Wehrmacht im Lager erschienen, um die Angehörigen des Jahrganges 1900 auf ihre Wehrtauglichkeit zu untersuchen. Die Untersuchungen, die mehrere Tage dauerten, fanden in der Baracke 14 statt und waren nicht sehr gründlich. Auch ich wurde zur Musterung befohlen und k.v. geschrieben. Wir wurden für den Wehrpaß in Zivil fotografiert, der Paẞ kam zu den Akten, die Kommission reiste wieder ab und alles schien erledigt. Es war nicht sehr wahrscheinlich, daß Hitler sich eines Tages auf den Heldengeist der von ihm in die Konzentrationslager verschickten Staatsbürger besinnen würde. Die Untersuchung erschien uns als eine der üblichen Formalitäten, und der Gedanke, daß man mich einmal zur Verteidigung einer Sache, die nicht meine Sache war, zwingen könnte, verlor sich im Laufe der Jahre. Drei Jahre später, im Sommer 1943, wurden die wehrunwürdigen Berufsverbrecher des Lagers zum Kampf für das Vaterland aufgerufen. Die Meldung war freiwillig und die Truppe, zu der die Freiwilligen kamen, war die SS- Panzerdivision Dirlewanger. Die Geschichte dieser Division ist die Geschichte eines Verbrechers. Dirlewanger hatte sich als höherer SS- Offizier die Ungnade seines obersten Kriegsherrn zugezogen, war aber wieder in Gnaden aufgenommen und hatte sich das Recht erworben, eine Bewährungsformation, die für den rücksichtslosesten Einsatz in vorderster Linie, hauptsächlich zum Kampf gegen Partisanen, ausersehen war, zu kommandieren. Da der Chef dieses Haufens selbst, nach Meinung der obersten 141 SS- Führung, ein ausgemachter Gauner war, sollte auch seine Truppe aus Gaunern bestehen. In Wirklichkeit gehörten ihr viele tapfere Männer an, hauptsächlich Soldaten, die sich der Wahnsinnsstrategie Hitlers widersetzt hatten und vom Militärgericht zu Freiheitsstrafen oder zum Tode verurteilt worden waren. Sie waren nicht eigentlich begnadigt, sie sollten sich bewähren, wie man das nannte, und das hieß, daß man die Vollstreckung des Todesurteils in diesem Fall dem Feind überließ. Zu diesem Kommando durften sich im Sommer 1943 die Häftlinge mit dem grünen Winkel melden. Viele meldeten sich in der vagen Hoffnung, auf diese Weise die Freiheit zu erlangen. Im August 1943 verließen etwa 300 frühere Sträflinge der Zuchthäuser in SS- Uniformen das Lager und wurden ohne Waffen und unter Bewachung zur Division gebracht. Von ihnen lebten im Januar 1944 noch zwölf. Einer, der versucht hatte, sich der Ehre für Hitler zu sterben durch Flucht zu entziehen, wurde in das Lager zurückgebracht und vor unser aller Augen gehängt. Die Meinung, daß alle im Konzentrationslager untergebrachten sogenannten Berufsverbrecher Schurken waren, ist falsch. Die Strafjustiz im Dritten Reich stempelte manchen zum Zuchthäusler, der es in einem ordentlichen Rechtsstaat niemals geworden wäre. Im übrigen hatten all diese Zuchthäusler die Strafe, zu der sie verurteilt worden waren, abgesessen, bevor sie zu uns in das Lager kamen, wo sie dann ebenso ungesetzlich festgehalten wurden wie alle anderen. Sie wurden als Kameraden betrachtet, wenn sie sich wie Kameraden benahmen. Als der SS- Übermensch den Zuchthaus- Untermenschen zum kameradschaftlichen Sterben einlud, hatte ich den Eindruck, daß der letztere jetzt gezwungen wurde, das Kleid von Berufsverbrechern anzuziehen. Im Frühjahr 1944 wurde zum zweitenmal zu den Fahnen gerufen. Wieder meldeten sich einige Hundert und auch von diesen waren im Herbst des gleichen Jahres nur noch wenige am Leben. 142 Im Spätsommer 1944 wurde das Recht der Meldung zur Division Dirlewanger auch auf die politischen Häftlinge ausgedehnt, das heißt auf solche, die wegen Hochverrats oder Vorbereitung zum Hochverrat vorbestraft waren. Da man annahm, daß die Zahl der Meldungen nicht groß sein würde, ließ der Lagerführer Kolb alle in Betracht kommenden Häftlinge auf dem Appellplatz antreten und richtete an sie die Frage, wer von ihnen nicht bereit sei, für das bedrohte Vaterland zu kämpfen. Durch diese Formulierung erhielt die Frage einen tükischen Charakter. Jeder wußte, daß die Nichtmeldung einem Eingeständnis der Gegnerschaft gleichkam, und jeder wußte auch, welche Folgen ein solches Eingeständnis nach sich ziehen würde. Es wurde später óft darüber gesprochen, ob es nicht ehrlicher und tapferer gewesen wäre, wenn alle Befragten einmütig dieses Bekenntnis abgelegt, die Frage nach der Bereitschaft zum Heldentod verneint hätten, Doch ist diese Untersuchung müßig. Wer viele Jahre im Konzentrationslager gelebt und tausend Tode überwunden hat, will zuletzt nicht an einer rhetorischen Tücke zugrundegehen. Ich bewundere diejenigen, die vor die Front traten und sich ihrer Gegnerschaft klar und eindeutig bekannten, aber ich verstehe auch alle anderen. Wir hatten gelogen wie in ähnlichen Fällen tausendmal; keiner von uns wäre so keck, um nicht zu sagen verrückt gewesen, der Lagerführung seine tiefsten Geheimnisse auf die Seele zu binden, und wenn je Täuschung berechtigt war, dann in diesem Fall, Gewiß, die Aussichten auf ein Gelingen des geheimen Wunsches zur Flucht und Freiheit waren gering; aber nicht geringer als die Aussichten derer, die es wagten, nein zu sagen. Die einen rechneten mit der Möglichkeit, zu den Russen überlaufen zu können, die anderen mußten mit der Lager- SS fertig werden. Ich lasse dahingestellt, welche Aussicht berechtigter war. Im Herbst 1944 verließen einige Hundert politische Häftlinge das Lager, um in der Uniform von SS- Männern zur Division Dirlewanger zu gehen. Viele von ihnen sind gefallen. Die unvollständigen, durch Furcht vor der Zensur entstellten Be143 richte, die wir später von einigen der ins Feld gezogenen Kameraden erhielten, gaben uns über die Verhältnisse bei der Formation Dirlewanger kein klares Bild. Als ich später, im April 1945, selbst in russische Kriegsgefangenschaft geriet, traf ich einige KZ- Kameraden der Panzerdivision, die erst später zu Dirlewanger gekommen waren, im Kriegsgefangenenlager Posen wieder. Sie wußten nichts vom Schicksal des ersten Aufgebots und verdankten ihr eigenes Leben nur dem Umstand, daß schon wenige Tage nach ihrem Einsatz die Kapitulation der um Berlin zusammengezogenen Truppen erfolgte. Zu derselben Zeit, da die ersten wegen Hochverrats und Vorbereitung zum Hochverrat vorbestraften politischen Häftlinge an die Front kamen, erhielten auch die nichtvorbestraften politischen Häftlinge, darunter auch ich, die Vorladung zu einer neuen Musterung. Diese wurde im Krankenbau des Lagers unter Leitung von SS- Ärzten durchgeführt. Auch diesmal erhielt ich das Prädikat„ k.v." mit der Versicherung, daß ich demnächst zur Wehrmacht geholt werden würde. Da ich mir im Lager angewöhnt hatte, schicksalshafte Ereignisse bis zu dem Punkt, wo sie eine konkrete Form annahmen, ausreifen zu lassen, ließ ich den Dingen ihren Lauf, den ich sowieso nicht hätte beeinflussen können, und wartete alles weitere geduldig ab. Aber ich hatte zum erstenmal das bestimmte Gefühl, daß mir das Glück, mit heiler Haut diesem Inferno zu entrinnen, gelächelt hatte. Das Jahr 1944 ging zu Ende, ohne daß die Wehrmacht sich meiner erinnerte. Daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, leuchtete jetzt bereits dem letzten SS- Schützen ein. Die stolzen Fahnen, die jahrelang über dem Eingang des Lagers geflattert hatten, wurden seit Monaten nicht mehr gehiẞt. Der Ausdruck unerschütterlichen Vertrauens zu der Politik ihres Führers und die Miene herrenmenschlicher Überlegenheit in den Gesichtern der SS- Offiziere, Dienststellenleiter und Blockführer waren erloschen. Jetzt kam es nur noch darauf an, welche 144 über unser aller Schicksal entscheidenden Befehle zu erwarten waren. Denn daß irgend etwas geschehen mußte, war jedem klar. Der erste Befehl forderte die Evakuierung des Lagers. Irgendeiner geheimen Abmachung zufolge, sollten diejenigen Häftlinge, deren körperliche Verfassung einen Fußmarsch von etwa 300 Kilometern zuließ, bis zuletzt im Lager bleiben, um dann mit der SS und deren Angehörigen nach dem Konzentrationslager Nordhausen im Harz zu marschieren. Alle anderen, und das war die Mehrzahl, sollten in mehreren Transporten nach dem Auffanglager Bergen- Belsen und dem KL Mauthausen überführt werden. Um die Durchführung dieses Befehls in die Wege zu leiten, versammelte der Kommandant des Lagers, der SS- Standartenführer Kaindl, sämtliche Blockältesten, die Vorarbeiter und mehrere im Verwaltungsbereich beschäftigte Häftlinge um sich und führte ungefähr folgendes aus: Die Stunde, da das Lager aus militärischen Gründen geräumt werden müsse, sei nahegerückt. Ein Teil der Häftlinge, vor allem die Kranken und Schwachen, müßten in andere Lager verbracht werden, während die Gesunden und Marschfähigen mit einem längeren und gewiß anstrengenden Fußmarsch zu rechnen hätten. ,, Ich erwarte von Ihnen allen", so schloß Kaindl seine Rede, ,, daß Sie im Augenblick der Gefahr zusammenstehen und mit uns einiggehen, daß Sie bei der möglicherweise eintretenden Notwendigkeit, die Frauen und Kinder der SS schützend in Ihre Mitte zu nehmen, sich des Vertrauens würdig erweisen, das ich in Sie setze!" Diese Ansprache war psychologisch interessant. Standartenführer Kaindl gehörte zwar nicht zu den Kommandanten, die man mit Recht Bluthunde benennt, aber er war doch ein williges Ausführungsorgan für alle von Hitler und Himmler geforderten Scheußlichkeiten und zu jeder Untat bereit gewesen. Er mußte sich sagen, daß sein Appell ein Wahnsinn war. Mehr konnte man nicht verlangen. Ich wunderte mich nur, 10 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel 145 daß uns der Kommandant in jener erhabenen Stunde nicht mit ,, Kameraden" angesprochen hatte. Noch ehe wir uns von dem Schrecken erholt hatten, der die unmittelbare Wirkung jener Ansprache war, wurde mit der praktischen Durchführung des Evakuierungsbefehles begonnen. Was Bergen- Belsen bedeutete, wußte unter den Häftlingen damals noch niemand. Selbst wir vom Arbeitseinsatz, die im allgemeinen über die Verhältnisse in den verschiedenen Lagern gut unterrichtet waren, konnten über dieses in der Lüneburger Heide gelegene Lager und seinen Kommandanten Kramer nichts Genaues in Erfahrung bringen. Hingegen bestanden über die Zustände im KL Mauthausen keine Zweifel. Von dort waren gelegentlich Häftlinge nach Sachsenhausen gekommen und hatten uns eingehend informiert. Aus Bergen- Belsen war nie jemand gekommen. Die Überführung von etwa 12 000 Häftlingen begann im Dezember 1944; sie machte eine starke Verringerung der Belegschaften in den einzelnen Betrieben erforderlich. Verschiedene Betriebe wurden ganz eingestellt. Unter den nach Bergen- Belsen verschickten Häftlingen war auch der Philosophieprofessor Johannes Verweyen, von dem ich früher berichtete. Obwohl ich über die Verhältnisse in Belsen nichts wußte, hatte ich doch das dumpfe Gefühl, daß dort Dinge geschahen, wie man sie von Auschwitz und Maidanek her kannte und mein Schrecken war groß, als mir Verweyen eines Abends mitteilte, er habe sich freiwillig zum Transport nach Bergen- Belsen gemeldet, da er den Anstrengungen eines längeren Fußmarsches nicht gewachsen sei. Ich versuchte, ihn zu einer Zurücknahme dieser Meldung zu veranlassen und verhehlte ihm meine Befürchtungen nicht. Aber Verweyen schüttelte den Kopf und meinte:„ Und was geschieht mit mir, wenn ich hier bleibe?" Darauf konnte ich ihm keine Antwort geben. Keiner von uns wußte, was mit ihm geschehen würde. Die düstere Ahnung von etwas Schrecklichem, das uns allen bevorstünde, ließ es gleichgültig erscheinen, ob man hier blieb oder nach Belsen 146 ging. Verweyen blieb bei seinem Entschluß und ging wenige Tage später in den Tod. Die Evakuierung des Lagers wurde inzwischen fortgesetzt. Alle zum Verwaltungsbereich Sachsenhausen gehörenden Außenlager wurden, soweit sie in der militärisch bedrohten Zone lagen, aufgelöst und ihre Insassen in aufreibenden Fußmärschen nach Oranienburg in Bewegung gesetzt. Aus Groß- Rosen, Küstrin, Bad Saarow, Briesen, Lieberose und anderen Orten kamen Tausende von Häftlingen, darunter viele ungarische Juden. Die Strapazen, denen diese Unglücklichen ausgesetzt waren, bevor sie nach Sachsenhausen gelangten, sind nicht zu beschreiben. Viele starben unterwegs oder wurden, nachdem sie vor Entkräftung zusammengebrochen waren, von den SSBegleitmannschaften erschossen und am Wege verscharrt, Mit Erfrierungen, blutenden, in schmierige Lappen gewickelten Füßen, ohne Mantel und Unterkleidung schleppten sie sich in langen Zügen durch das Tor, in der trügerischen Hoffnung, nach all diesen unsagbaren Anstrengungen hier etwas Ruhe, ein wenig Suppe und ein Stück Brot zu bekommen. Aber die meisten von ihnen, die Juden ohne Ausnahme, gingen, ohne noch einmal in diesem Leben ihren Hunger gestillt zu haben, in die Gaskammer der Station Z auf dem Industriehof, die ihren Betrieb wieder in vollem Umfang aufgenommen hatte. Die große Massenabschlächterei hatte wieder begonnen. Sie stand unter dem Zeichen einer spürbaren Hast, denn die Fronten rückten näher und näher. Im Oderbruch stießen die Russen mit einer Riesenarmee über die Oder und Warthe vor. Frankfurt war gefallen, ein Angriffskeil der Sowjets näherte sich der Stadt Müncheberg. Im Westen kamen die amerikanischen und britischen Truppen in Eilmärschen auf die Reichshauptstadt zu, Schwärme von schweren und leichten Bombern, Jagdund Tieffliegern flogen ihnen voraus. Nacht für Nacht öffneten sich die Feuerschleusen dieses donnernden Stroms über den Ruinenfeldern Berlins. Längst war die Stadt ein brennender, schwelender Schutthaufen, in dem Millionen zerquälter Menschen hausten. Der Flammenschein ihrer Brände leuchtete bis 10* 147 in die Lager, wo der Qualm aus den Öfen der Krematorien in den glühenden Himmel stieg und wo täglich neue Elendstransporte für die Reise ins Jenseits zusammengestellt wurden. Aus Holland kam ein neuer Strom von Häftlingen. Das Lager Herzogenbusch war geräumt worden, seine Insassen befanden sich auf der Fahrt nach dem KL Sachsenhausen, In Viehwagen gepreßt, 120 Menschen in einem Wagen, kamen sie an, ein Drittel von ihnen verhungert, erstickt oder erfroren. Als die Wagentüren geöffnet wurden, rollten die schon mehrere Tage alten Leichen auf den Bahndamm; ein Scharführer, dessen Herz noch nicht völlig verhärtet war, schilderte mir den Eindruck, den dieser Anblick auf ihn gemacht hatte. Den ganzen Zug entlang lagen die Toten mit vor Kälte erstarrten Gliedern neben dem Geleise; vier Lastwagen mit Anhängern waren erforderlich, um die furchtbare Fracht in das Krematorium zu schaffen. Eine Woge des Grauens rollte über das östliche Deutschland. In meilenweiten Kolonnen bewegten sich die Trecks der vor den Schrecken des Krieges fliehenden Bevölkerung nach Berlin, nicht wissend, welches Schicksal sie dort erwartete. Sie begegneten den Transporten der Häftlinge, hohlwangigen, grauen Gestalten mit Fieberaugen, kaum noch einer Bewegung fähig, eine grausige Heerschar des furchtbarsten Elends, das je über ein Land gekommen war. Die Zentralanstalten des Mordes mit ihren großangelegten Maschinerien, waren bereits in russischer Hand. Was dort nicht mehr geschehen konnte, mußten die Lager im Innern des Landes bewältigen. In Buchenwald, Sachsenhausen, in Belsen, Mauthausen und Dachau; in Flossenbürg und Theresienstadt, überall, wo Hitler der Menschheit ein organisiertes Sterben bereitete, mahlten die Mühlen des Todes ihr menschliches Korn. ,, 3000 jüdische Häftlinge aus Lieberose und Schwarzheide auf Antrag des Rapportführers von der Lagerstärke abgesetzt", lautete der lakonische Spruch in den täglichen Veränderungsmeldungen der Verwaltung. 3000 heute, 2700 morgen, 800 gestern, man machte sich nicht mehr die Mühe der Addition. Aber der Wehrmachtsbericht meldete große Erfolge deutscher 148 A Verbände im Raum von Küstrin, und Goebbels stellte noch immer die greifbare Nähe des deutschen Sieges als ein vom Mythos der Geschichte verheißungsvoll umrauschtes Faktum fest. Wer dieses infernalische Theater aus der Perspektive des Konzentrationslager miterleben mußte, ist heute wie aus einem Alptraum erwacht. Alles Grauen der Zeit vereinte sich in den Lagern. Wer nicht verschickt oder vergast wurde, mußte sich täglich das Leben erringen. Baukommandos zur Herstellung von Panzersperren rückten aus. Das Lager selbst wurde befestigt. Für den Ausbau der Hauptkampflinie kommandierte man Häftlinge. In der Waffenfabrik wurde eine neue Panzerfaust hergestellt. Häftlingsgruppen gingen als Versuchskommandos in irgendein geheimes Rüstungswerk, wo an ihnen die Wirkung neuer Kampfstoffe ausprobiert wurde. Die meisten kamen nicht wieder. Im Januar und Februar 1945 entledigte man sich der 2000 Tuberkulosekranken, die der Krankenbau beherbergte, indem man sie auf Transport schickte. Diese Transporte erfolgten im grauen, fensterlosen Todeskarren; sie nahmen ihren Ausgang vor dem Tor des Turmes A und endeten fünf Minuten später in der Gaskammer. Im Krankenbau herrschte verzweifelte Stimmung. Ein Beauftragter Himmlers war erschienen und bestimmte an Hand der Krankentabellen die Opfer für die Station Z. Eine Angstpsychose, die sich bald über das ganze Lager verbreitete, hatte Kranke, Pfleger und Ärzte gepackt. Eine eigene Lichtleitung nach dem Industriehof wurde gelegt und gab dem Gerücht von bevorstehenden weiteren Massenabschlachtungen neue Nahrung. Der krankhafte Versuch, durch harmlose Gespräche die Furcht vor dem Kommenden zu bannen, machte alles noch gespenstischer und grauenvoller. Stumme, fragende Blicke, auf die es keine Antwort gab, begegneten einem überall und von Stunde zu Stunde sank die Hoffnung, die Hölle zu überleben. Im Februar erhielten die Verwaltungsbetriebe des Lagers den Auftrag zur sofortigen Vernichtung sämtlicher Akten, Karteien, Listen, Korrespondenzen, Baupläne. Die Zivilkleider 149 sämtlicher Häftlinge wurden nach Bergen- Belsen geschafft. Die Belegschaft des Arbeitskommandos Krematorium wurde verdoppelt. An einem grauen und kalten Wintermorgen im Januar 1945 hörten wir zum erstenmal von Erschieẞungen politischer Häftlinge, die Verwaltungsstellen gehabt hatten und als Geheimnisträger galten. Wir alle waren solche Geheimnisträger. In der Nacht hatte man die Opfer aus den Baracken geholt und in den Industriehof geführt. Einige wollten fliehen. Sie wurden niedergemacht. Die Schüsse gingen durch die Wände der im Kommandanturbereich gelegenen Baracke des Arbeitseinsatzes. Eines der Geschosse schlug dicht über meinem Arbeitsplatz in den Schutzkasten einer Schreibmaschine. Was in jener Nacht geschah, wiederholte sich in einer der nächsten Nächte. Diesmal waren es die vierzig luxemburgischen Polizeibeamten, die sich mannhaft geweigert hatten, in die SS einzutreten. Sie wurden erschossen. Erschossen wurden sechzig russische Kriegsgefangene, die der zur SS übergegangene Häftlingsdolmetscher Siegel der Konspiration verdächtigt hatte. An jedem Abend wurden jetzt zwanzig Juden aus der Baracke 19, in der sich eine Geheimdruckerei des Sicherheitsdienstes befand, nach dem Krematorium beordert, zum Transportieren von Leichen. Jeden Abend waren es zwanzig andere Juden, denn die der vergangenen Nacht kehrten nicht wieder; sie wurden nach getaner Arbeit, wie alle anderen, in die Zone des Schweigens geschickt. Wir wußten nun, daß der Augenblick greifbar nahe gerückt war, da auch wir damit rechnen mußten, aller Transportschwierigkeiten durch den kurzen und einmaligen Marsch nach dem Industriehof enthoben zu werden. Die Aussichtslosigkeit unserer Lage, das zermalmende Gefühl absoluter Hilflosigkeit, durchströmt von Gedanken an die verheißungsvolle Nähe des Endes, des Zusammenbruchs, der Erlösung Europas von dem scheußlichen Monstrum, das noch immer im Schmuck eines Idiotenbärtchens in Weltgeschichte 150 machte, in diesem Widerspiel der Empfindungen, die uns stündlich beherrschten, nahm unser brüchig gewordenes Verhältnis zur Welt und zum Leben zuletzt die Formen einer krankhaften Heiterkeit an, die uns ein irres Lächeln und ein irres Reden abrang. ,, Sterben ist nichts, aber Angst haben ist mehr als Sterben!" Und dabei war es nicht einmal die Angst vor dem Tode, denn die hatten wir längst nicht mehr, aber Tage und Nächte lang, Wochen hindurch die erbärmlichste Art des Sterbenmüssens vor Augen zu haben, ist mehr als ein Mensch zu ertragen vermag. Wer von uns wagte in dieser Zeit noch zu schlafen? Wie soll ich das Grauen jener Nächte schildern, in denen wir stundenlang in die drohende Stille des Dunkels hinauslauschten, um bei jedem Geräusch, das etwa das Klirren des großen Gittertores oder der Motor eines Kraftwagens verursachte, aufzufahren wie in einem Fieberrausch, geschüttelt von einer furchtbaren Ahnung, daß nunmehr der graue, fensterlose Todeskarren in das Lager rollte, um seine Fracht, von der wir nicht wußten, aus welchen Opfern sie diesmal bestehen würde, aufzunehmen. Einige von uns wechselten jeden Abend ihre Schlafstätte in der törichten Hoffnung, dem sinnlosen Schicksal zu entgehen. Andere bewaffneten sich mit irgendeinem schweren Gegenstand, da sie nicht kampflos fallen wollten und entschlossen waren, ihr Leben nur um den Preis eines anderen zu verkaufen. ,, Cette nuit peut- être! Vielleicht diese Nacht!" las ich einst an der Wand im Dormitorium eines Trappistenklosters und dieser drohende Spruch stand in unsichtbaren Lettern über dem Bett eines jeden von uns. - 151 XXIII ENTLASSUNG ZUM HELDENTOD Am 27. Februar 1945, vormittags 10 Uhr, erhielt ich eine Vorladung zur politischen Abteilung. Vorladungen zu dieser Behörde waren im allgemeinen nicht sehr beliebt. Sie konnten zwar eine bevorstehende Entlassung bedeuten, aber ebensogut alles andere. Häufig kam es vor, daß sich irgendein neuer Komplex zum Straffall eingestellt hatte, daß die nimmermüde Gestapo neues, natürlich meist belastendes Material aufgestöbert hatte und damit den betreffenden Häftling in neue Schwierigkeiten brachte. Hier auf der politischen Abteilung saßen die rücksichtslosesten Beamten, die das Lager hatte, Menschen, die Peitschen und Ochsenziemer in Vernehmungen gebrauchten, so daß ein Häftling, der vor dieses Tribunal geladen wurde, im wahren Sinne des Wortes ein geschlagener Mann war. Später, etwa im Jahre 1943, machte sich auch hier die mildere Behandlung der Häftlinge bemerkbar und da die politische Abteilung außerdem auch alle den Wehrdienst betreffenden Angelegenheiten bearbeitete, hegte ich die geheime Hoffnung, daß es sich nunmehr bei dieser Vorladung um etwas derartiges handeln möge. Diese Hoffnung betrog mich nicht. Ein SS- Unterscharführer eröffnete mir kurz, daß ein Stellungsbefehl für mich vom Wehrbezirkskommando Bernau bereits im September des vergangenen Jahres eingelaufen sei und daß das Reichs- Sicherheitshauptamt mich zum Heeresdienst freigegeben habe. ,, Ihrer Entlassung steht somit nichts mehr im Wege. Ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß eine Nichtbefolgung des Stellungsbefehles oder ein wehrwidriges Verhalten, wie Zersetzung der Wehrkraft durch antinationalsozialistische Propaganda, Feigheit an der Front oder Überlaufen zum Feinde 152 F E C I für Sie und Ihre sämtlichen Blutsverwandten die nachteiligsten Folgen haben würde. Ihre Eltern, wenn Sie noch welche haben, Ihre Frau, Ihre Kinder, ja Ihre Geschwister würden in einem solchen Falle von uns ausgelöscht. Sind Sie sich darüber im klaren?" Ich bejahte. ,, Wir sind zu diesen Maßnahmen gezwungen" erklärte der Mann ,,, da wir gerade in letzter Zeit in dieser Hinsicht sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wir befinden uns heute in einer Lage, die uns keinerlei Sentimentalität gestattet. Ich sage das zu Ihrer Information und zur gefälligen Darnachhaltung. Ordnen Sie jetzt Ihre Angelegenheiten an Ihrem Arbeitsplatz. Ihre Entlassung kann frühestens am 2. März, also in drei Tagen, erfolgen!" Ich konnte gehen. Ich ging. Ging wie ein Betrunkener, wie ein aus qualvollen Träumen Erwachender. Der Weg und die Bäume und Büsche, die langen grünen Baracken und alles, was meine Augen in sich hineinsogen, als sei es bereits das Bild einer anderen reineren Welt, drehte sich in einem wirbelnden Tanz. Mein Herz schlug so heftig, daß ich die pochenden Laute bis in meine Schläfen spürte, und ein Bedürfnis, laut herauszuheulen oder zu schreien, saß würgend in meiner Kehle. Der Weg in die Freiheit lag vor mir. Nicht in die Freiheit, die ich meinte und die mein Herz begehrte, aber doch in die Freiheit. Sie gab mir das Recht und die Möglichkeit des persönlichen Handelns zurück. Was jetzt auch immer geschehen mochte, dem Lagertod war ich entronnen. Fünf Jahre war mir das Schicksal gnädig. Jetzt, da die Verhältnisse in diesen Lagern Formen angenommen hatten, die ein Entrinnen aus dem Inferno mehr als fragwürdig erscheinen ließen, bot es mir noch einmal die rettende Hand. Ich wußte, es würde mich auch weiterhin nicht im Stich lassen. Gewiß, ich hatte mich nie gleichgültig und stumpf dem oft blind waltenden Zufall überlassen. Ich hatte den Wert meines Lebens um so höher geachtet, als der Haß ihn verminderte. Ich hatte der Sorge um die Erhaltung meiner physischen Exi153 stenz viel innere und äußere Spannkraft geopfert, vielleicht mehr, als mir von der Natur für diesen Zeitraum zugebilligt worden war. Ich hatte mein Konto überzogen und wußte, daß in späteren Jahren der Freiheit einmal die Gegenrechnung „präsentiert werden würde. Aber ich wußte auch, daß eine lenkende Hand, die nicht aus den Bezirken der irdischen Mächte in mein Leben eingriff, mir den Weg in die Freiheit vorgezeichnet und geöffnet hatte. Und doch war mir jeßt nicht fröhlich zumute, wie die Um- stände es vielleicht hätten fordern dürfen. Freuen, wirklich innerlich und herzhaft freuen konnte ich mich nicht, Ich sollie nun selber einer jener Menschen werden, denen man den Beruf andere totzuschießen aufgezwungen hatte, nur weil ein verzweifelter Schurke keinen Ausweg mehr sah, Aber ich war dennoch auch wieder tief glücklich über diese Wendung der Dinge, denn schon allein die Aussicht, in weni- gen Tagen endlich wieder nach eigenem Ermessen und ohne Bewachung über eine Straße gehen zu dürfen, erschien mir als etwas unsagbar Köstliches und Großes. Also frei sollte ich sein. Frei in dem Maße, als es zu sein diese Zeit ihren unglücklichen Kindern gestattete. Ich konnte nicht hingehen, wohin es mir beliebte, wohin mich mein Herz zog. Ich konnte nicht tun, was ich wollte, aber ich hatte jedenfalls das Recht vor einem blühenden Garten stehen zu bleiben, ihn zu betrachten, einem Kind etwas Freundliches zu sagen, einen Brief zu schreiben nach meinem Sinn und mit anderen freien Menschen zu sprechen. Ja, vielleicht, diese Hoffnung kam mir zwar zögernd und fand keinen sicheren Halt, aber sie war da, weil ich sie beschwor und weil ich sie brauchie, um dem Gefühl des Glücks eine tragende Schwinge zu verleihen, viel- leicht konnte ich sogar die Menschen, die ich liebte, und wäre es nur für die Dauer einer Stunde, sehen, sprechen und um- armen. Denn ich war fünf Jahre fort gewesen. Nicht in Afrika oder in Persien, nicht in den Eisfeldern der beiden Pole und nicht in den Steppen Asiens, sondern weiter, viel weiter fort, in jener terra incognita, die dem Gehirn eines Dämons ent- 154 in d bi In sprungen und auf keiner Landkarte zu finden war. Was konnte mir noch Schlimmes begegnen? Was waren alle Schrecken der Front, was war die entfesselte Hölle des Krieges gegen diese Mördergrube, in der ich fünf Jahre gelebt hatte. Gelebt! Ich muß sagen: gelebt, denn wir haben das Wort nicht, das diesen Zustand des Seins so benennt, daß jeden, der es nur hört, das Grauen kalt überläuft. Und gerade darum müßten wir es haben, dieses Wort. Denn ich ahnte in dem Augenblick, da ich frei werden sollte, daß die Menschheit da draußen sich nicht mitschuldig bekennen würde an all dem Gemeinen, das ihr Halbgott ersann. Sie wird es nicht kennen wollen und nicht wissen. Sie will nicht mehr von dem Schrecken empfangen, als jenen billigen Schauer, der ihr auch aus den Zeilen eines Kolportageromans entgegenweht. Sie wird unseren Berichten keinen Glauben schenken und uns der Übertreibung beschuldigen. Und eines Tages wird sie es überhaupt satthaben, sich damit zu beschäftigen und alles längst vergessen haben, wenn irgendwo in der Verborgenheit ihres eigenen Schoßes ein neuer Unhold sich regt, zu neuer Untat bereit und zu neuem Unheil entschlossen. Aber was bedeutete mir dies jetzt, da die Tatsache meiner Entlassung mich nicht nur mit bescheidenen Hoffnungen, vielleicht viel zu bescheidenen Hoffnungen, erfüllte, sondern mehr noch mit der klaren Erkenntnis, daß dieses so prahlerisch für die Dauer von einem Jahrtausend geschaffene Gebäude nun, nach Verlauf von knapp zwölf Jahren, vor seinem unaufhaltbaren Einsturz stand. Noch konnten und würden viele von seinen stürzenden Trümmern erschlagen werden, vielleicht auch ich. Die Kameraden beglückwünschten mich. Sie sahen mich schon in die Freiheit gehen. Ich verabschiedete mich von allen mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen in einem freieren und besseren Deutschland. In der fünften Morgenstunde des 2. März erhielt ich die erwartete Vorladung zum Rapportführer, mit der jede Entlas155 sung eingeleitet wurde. Ich war nicht der einzige, der das Lager verließ. Auch andere mußten zur Wehrmacht. Nach Erledigung der üblichen Formalitäten, ärztlicher Untersuchung, Bad, Umkleidung auf der Effektenkammer in die Zivilkleider eines ermordeten Juden, unterschrieb ich in der politische Abteilung den berühmten Vertrag, der jeden entlassenen Häftling verpflichtete, tiefstes Stillschweigen zu wahren über alle Einrichtungen des Lagers, nichts zu sagen über irgendwelche Vorfälle, gleich welcher Art, und anzuerkennen, daß bei der Abgabe dieser Erklärung keinerlei Zwang auf ihn ausgeübt worden sei. Man händigte mir einen Entlassungsschein und den Stellungsbefehl aus. Durch diesen erfuhr ich, daß ich mich binnen 24 Stunden bei einer Artillerie- Ersatz- und Ausbildungsabteilung in Jüterbog, Altes Lager, zu melden habe. Meine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit meinen Angehörigen war zunichte. Der Lagerführer, dem wir nach Erledigung dieser Dinge noch vorgeführt wurden, empfahl uns als tapfere Soldaten für den Führer zu sterben, salutierte und ging. Ein Blockführer begleitete uns durch den Kommandanturbereich, durch das große Außentor und bis zum äußersten Posten an der Straße nach Oranienburg. Ich war frei. Ein Singen lag in der Luft, ein seltsames Tönen, als begleiteten mich die Heerscharen der Engel auf meinem Gang in das Leben. Alle Büsche und Bäume, obgleich noch schmucklos und starr von der Kälte des Winters, schienen zu neuem Blühen bereit. Hinter mir lag das Lager. In seiner kalten Versteinerung lag es da, umwuchert vom tödlichen Gespinst grauer Drähte, umzingelt von Mauern und Türmen, mit denen dieses zerbrechliche Gebilde Mensch niedergehalten werden mußte, um nicht den Gang eines Uhrwerks zu stören, an dessen Kette das Gewicht einer unermeßlichen Schuld von Sekunde zu Sekunde tiefer sank. Noch klirrten die Hämmer in den Werkstätten der Macht, noch rasselten die Transmissionen über den Drehbänken, zwischen deren Spindeln und Backen die letzten Granaten sich 156 fo ve Mc Irg de sp formten, noch qualmten die Schlote des Krematoriums und verpesteten mit ihrem stinkenden Rauch dieses Dreieck des Mords. Irgendwo in den Wolken war der Frühling zu ahnen. Ich wendete mich. Ein Gedicht Gottfried Kellers fiel mir ein und ich sprach seinen Schluß vor mich hin: Wenn einstmals diese Not lang wie ein Eis gebrochen, dann wird davon gesprochen wie von dem schwarzen Tod. Und einen Strohmann bau'n die Kinder auf der Heide, zu brennen Lust aus Leide und Licht aus altem Grau'n. 157 Man darf es nicht vergessen, denn es darf sich nicht wiederholen. Millionen Menschen wurden in Hitlers Konzentrationslagern festgehalten. Millionen wurden gepeinigt. Millionen wurden getötet. Die Flut der heutigen Literatur über dieses grausige Thema ist verständlich. Die von dem Schriftsteller Weiß- Rüthel unter dem Titel ,, Nacht und Nebel" in unserem Verlag erscheinenden Aufzeichnungen aus fünf Jahren sogenannter Schutzhaft schildern mit der sachlichen Urteilskraft des erfahrenen Journalisten und dem beteiligten Gefühl des Dabeigewesenen die schon mehr höllischen als menschlichen Bezirke der Qualen, ihren Alltag, wie den wechselvollen Lauf der Zeit, in dem sich der fortschreitende Zusammenbruch Deutschlands spiegelt. Viele von uns sind geneigt, sich abzuwenden von dem nun enthüllten wahren Gesicht der Barbaren in Deutschland. Sie wollen die Ereignisse in den Konzentrationslagern nicht für wahr halten. Sie scheuen den Bericht von einer Wanderung durch eine Hölle, die, nicht von der Phantasie eines Dante geschaffen, gestern noch dicht neben ihrem Hause schrecklichste Wirklichkeit war und den Nächsten überfiel. Die Wahrheit des Buches von Weiß- Rüthel wird niemand anzweifeln können. Es ist, um dem Zweifel Raum zu geben, eine zu unpathetische, eine zu betont leidenschaftslose, zu sachlichnüchterne Beschreibung von Tatsächlichkeiten. Es wurde vermieden, ein von Haß verzerrtes Bild vor den Leser zu bringen, so begreiflich dies auch wäre, und es wurde nicht nur die Absicht verfolgt, die unvernarbten Wunden bloẞzulegen. Weiß- Rüthel versucht, eines der schrecklichsten Symptome der Zerstörung in dem zertrümmerten Europa zu zeigen und seine Ursache zu entdecken. Seiner sachlichen und beteiligten Darstellung gelingt es, die dunklen Hintergründe zu erhellen und eine Ahnung des letzthin Unbegreiflichen zu geben.