ted ruck - VORWORT - Als ich nach meiner Verurteilung durch das Münchener Sondergericht wegen meiner fortgesetzten Angriffe gegen den Führer und Maßnahmen der Partei und des Hitlerstaates in Einzelhaft im berüchtigten Stadelheim" in München und dann auf der Festung Landsberg( Lech) saß, schrieb ich die in dieser Schrift entwickelten Gedanken vor allem die politischen Erkenntnisse und Forderungen in Stichworten mit einem kleinen Bleistiftstummel auf Makulaturpapier auf, um diese Notizen dann auf die ausgeklügelteste Weise aus der Zelle in Sicherheit schmuggeln zu lassen. Die in den Jahren 1940 bis 1942 von mir entwickelten Gedanken sind durch die jüngsten Entwicklungen bereits teilweise Wirklichkeit und viele Forderungen Allgemeingut geworden. Doch die bisher geschaffenen Einrichtungen und Verträge vermögen wohl den Krieg provisorisch, nicht aber definitiv aus dem Leben der Völker zu verbannen. Und wenn diese Schrift jetzt erst infolge der kürzlich erfolgten Lizenzerteilung an den Verlag und der großen Papierknappheit in die Hände der Leserschaft kommt, so ist es nicht zu spät, die absolut notwendige Voraussetzung zur Sicherung des Weltfriedens dem deutschen Leser aufzuzeigen. Möge dieses Buch durch seine einfache, aber fesselnde Gestaltung Interesse und Verständnis bei den Trägern der verschiedensten Weltanschauungen finden, möge es auch bei den Angehörigen alliierter Nationen die kausal verstrickten Umstände erkennen lassen, die das deutsche Volk in dieses Chaos hineintrieben, möge der tiefe Sinn dieser Schrift von einer möglichst großen Leserschaft erfaßt werden dann hat dieses Werk seinen Zweck erfüllt für die Menschheit und das Leben. - - Der Verfasser. A EINLEITUNG uf den hartgestampften Laufstegen des Gefängnishofes ,, Stadelheim" in München klappern die Holzpantinen der Gefangenen. In peinlich genau eingehaltenen Abständen von je drei Schritten folgt ein Häftling dem andern. Wieder ist einer der drei Wochentage, an dem die hinter Gitter verbannten Menschen für eine halbe Stunde an die frische Luft geführt werden. Es ist ein trüber Novembertag des Jahres 1940. Ganz fein rieselt der Regen aus dem undurchdringlichen Nebelgrau und durchnäßt die leichte Kleidung der Gefangenen bis auf die Haut. Dazu ist es empfindlich kalt und die armen, ausgemergelten Gestalten stecken ihre geballten Hände in die Seitentaschen ihrer dünnen Anstaltsjoppen, um die Finger warm zu halten. An allen vier Seiten dieses, mit hohen, grauen Mauern umstandenen Hofes stehen die Wärter in ihren dicken Uniformmänteln. Sie haben ihre, in warmen Handschuhen steckenden Hände tief noch in die Manteltaschen vergraben. Einige spielen mit den Sicherungshebeln ihrer griffbereit liegenden Pistolen, andere stampfen in kurzen Abständen auf und ab, ohne jedoch die Reihen ihrer ,, Betreuten" aus den Augen zu lassen. - Allen Häftlingen ist strengste Schweigepflicht geboten und wehe dem Neuling in dieser Unglücksgemeinschaft, der die vielen Anordnungen mißachtet, die diesen Ausgestoßenen der„, deutschen Volksgemeinschaft" auferlegt sind.. Er darf beispielsweise in Frost und Regen eine halbe Stunde Gesicht zur Wand starr und steif stehen, die unbeschützten Hände an die Hosennaht gelegt, gleichgültig, ob die Finger erfrieren, erstarren oder sich Frostbeulen an den Füßen und anderen Körperteilen bilden oder nicht. Er kann auch unsanft an die Gurgel gefaßt und mit dem Kopf gegen die Mauer gestoßen werden, daß das Blut aus den aufgestoßenen Wunden strömt oder er kommt in die Arrestkammer, einem verdunkelten Kellerraum, in dem weder Pritsche - 7 noch Hocker stehen und nur ein Holzrost die Liegestatt bildet, wozu noch die ärmliche Kost dem Bestraften für einige Tage entzogen wird. Wie hypnotisiert schauen die Wärter auf die Lippen der auf den Laufstegen pilgernden Gefangenen. Ein Geflüster ist nach den Erfahrungen der Aufseher auf die Entfernungen nur an den Lippenbewegungen erkennbar. Auch heute befinden sich einige ,, Neue" in dieser Gemeinschaft und glauben, die Gelegenheit des Ausgangs zu einer kurzen Verständigung miteinander benutzen zu können. Zwei Wärter lösen sich von ihren Plätzen und stürzen auf die Unglücklichen zu. Während einer der Inhaftierten mit einem ausgerenkten Arm aufschreiend zu Boden stürzt und dazu einige Fußtritte erntet, schlägt der andere Wärter seinem Opfer die Fäuste und dann den Gummiknüppel ins hagere Gesicht. Aber bald ist das Schmerzensgebrüll der Gezüchtigten im Keller der Anstalt verklungen und die anderen wissen, die Kameraden dürfen einige Tage ihren Hunger mit klarem Wasser stillen. Als wenn nichts geschehen, pilgern die anderen grauen Gestalten weiter hintereinander über die schlüpferigen, teilweise kiesbedeckten und pfützendurchsetzten Steige, bis die halbe Stunde verronnen ist. Die Kolonne tritt nun an der Pforte des Anstaltsblockes an. Und wenn man in die Antlitze der Gefangenen sieht, so schaut man in graue und bleiche, ausgemergelte Gesichter, in denen ein dunkler Bart wuchert. Und doch, wenn man Vergleiche zieht zu Gefangenen der früheren Jahre, so sucht man hier fast vergebens nach den berühmten Galgengesichtern wirklicher Verbrecher. Es ist ja auch so, daß seit dem Kriegsausbruch im Jahre 1939 die Einlieferungsziffern der Anstalts- ,, Bewohner" sprunghaft in die Höhe gingen. Die Anstalt, die für eine Belegschaft von ca. 700 Mann eingerichtet ist, beherbergt nun die Rekordzahl von etwa 1400 Häftlingen. Nie war eine Verhaftungswelle im ersten Polizeistaat der Welt so umfangreich, und doch steigt diese Welle in immer größerem Maße. Den meisten der Eingelieferten werden politische ,, Vergehen" oder„ Verbrechen" zur Last gelegt. Und den Kenner der Zeitverhältnisse verwundert es absolut nicht, daß bei einer solchen unmenschlichen und diktatorischen Gesetzgebung bei den ,, stillen" - in der Oeffentlichkeit unverständlichen oder unbekannten- Maßnahmen selbst der spießbürgerlichste, harmloseste oder feigste ,, Volksgenosse" hinter Gitter gesteckt werden kann, wenn er 8 et, 1t= les en en nit zu' er ie ler en \ls' en )e- In. ‚ut in ler Je- ıch 55- en. tet en. elt em eT- ler len [X n ste er nicht fein aufpaßt. Kein Wunder, daß die neue Rechtsform des „Dritten Reiches“ von der Welt nicht anerkannt wird und nicht Eingang und Akzeptierung im internationalen Recht findet, ganz zu schweigen von der Sondergesetzgebung zum Schutze von Partei und Staat und seinen Einrichtungen und seinen führenden Per- sönlichkeiten. Wie die unzähligen, neu eingerichteten Gefängnis- und Kon- zentrationslager sowie Zuchthausanstalten ist auch„Stadelheim“ mit deutschen, tschechischen, österreichischen und anderen Ge- fangenen überfüllt. Zivilgefangene der„verbündeten“,„pro- tegierten“ oder als Feindstaaten behandelten Nationen bilden hier eine recht gemischte Gesellschaft. Und so bemerkt man unter den angetretenen Häftlingen Gesichter, die unverkennbar‘ die Geistesmenschen verraten. Fast alle„Spaziergänger“ dieser Abteilung entstammen intellektuellen Schichten. Dort steht ein Professor der Prager Universität, daneben ein deutscher Kollege aus Wien. Dort die markanten Züge eines deutschen Rittmeisters, dort Künstler, Akademiker, Schriftsteller, Redakteure, Lehrer, Aerzte, ein Oberst i. R., Kaufleute, einige Juden usw. Man legt diesen Menschen„Heimtücke“,„Hochverrat“,„Heeres- zersetzung“ oder„Vorbereitung zum Hochverrat“ zur Last. Nach einer kriminellen Tat sehen diese Menschen durchweg nicht aus. Nachdem die Zahl der angetretenen Häftlinge festgestellt ist, marschieren die Menschen wieder durch eine ganze Anzahl von Gittertüren durch die langen Korridore zu ihren Abteilungen und nehmen in ihren Zellen die dort bereitliegende Arbeit auf. Zehn bis elf Stunden haben die Gefangenen zu arbeiten. Es ist eine: wunderbare Einrichtung für den Nazi-Staat, Millionen Menschen bei dürftigster Kost: für sich schaffen zu lassen, kosten die Ge- fangenen doch praktisch keinen Unterhalt, dagegen wird das meistmögliche aus diesen Gestalten herausgepreßt. Billigere, anspruchslosere und schweigsamere Rüstungs- und Staatsarbeiter gibt es auf der ganzen weiten Welt nicht! Man schreibt so viel von Kultur und Sklaventum. Man ereifert sich in Deutschland über die Sklavenhalterei in früheren Jahr- hunderten. Menschen, die der Willkür ihrer Halter ausgesetzt waren. Fest steht jedoch, daß diese Sklaven gut verpflegt wurden, um ihre Arbeitskraft zu erhalten,— sie waren immerhin Wert- objekt.— Gefangene aber sind unbequem und gefährlich, wenn “sie in solchen Massen eingebracht werden; sie sind lästige Fresser und darum sieht man zu, daß sie bei kärglichster Verpflegung 9 arbeitsmäßig ausgepowert werden, um nach dem Verbrauch ihrer Kräfte anderen Platz machen. Wer einige Jahre hier verbracht hat, wird sicherlich eines Tages, durch Unterernährung geschwächt und anfällig gemacht, an Lungenentzündung, Typhus oder irgendeiner anderen Folgekrankheit den Weg ins Jenseits antreten...! ERSTES KAPITEL Wir verfolgen einen jungen Gefangenen, der den Weg in eine Einzelzelle nimmt. Die schwere, eisenbeschlagene Tür fällt ins Schloß. Die Luft in der Zelle ist zum Glück heute ein wenig verschlagen und der junge Mensch preßt seine zitternde Gestalt an den kleinen, runden Heizungskörper. Er hängt die durchnäßte Joppe an der einen Seite an den warmen Behälter und drückt seinen Rücken an die andere Seite, zuckt zusammen, als draußen die Aufseher einige Häftlinge anbrüllen, daß es schaurig in den weiten Hallen und Gängen widerhallt. Rolf Berger ist am Ende seiner Nervenkraft. Über ein halbes Jahr lebt er bereits hinter Gittern, aber die Behandlung, die erbärmlicher als die eines wilden Tieres ist, der gemeine, gehässige Ton der Wärter, die Einschränkungen und Willkürmaẞnahmen, haben ihn, den freiheitsliebenden Idealisten, an den Rand der Verzweiflung gebracht. An seinem Schicksal ermißt er jedoch das Los und den Leidensweg von Millionen deutscher und nichtdeutscher Menschen- aber Menschen, nach Gottes Ebenbild geschaffen---! - Ein Schlüssel rasselt in der Tür, die Klappe fällt auf und eine Stimme, die einem Tierbändiger Ehre machen würde, schreit herein: ,, Wollen Sie nicht arbeiten? Warten Sie, ich werde Ihnen Arbeit aufhalsen, daß Sie auch ohne Heizung warm werden sollen!" Müde und still wendet Berger seinen Blick zur Tür, die nun aufgeht und der Gestalt des Beamten Platz gibt. ,, Warum nehmen Sie nicht Haltung an, wenn ich zu Ihnen komme?" schreit er. Berger reißt sich zusammen und steht steil vor dem Wärter. Er fühlt, wie es heiß in ihm aufsteigt, doch er beißt auf die Zähne, denn er weiß, eine Auflehnung würde ihm nur zum Schaden gereichen. 10 „Sie werden einen Arbeitspartner in die Zelle bekommen und dann haben Sie täglich 2000 Stück der vorgeschriebenen Teile fertig abzuliefern!“ Berger murmelt sein„Jawohl“ und packt die bisherige Arbeit für die Ablieferung zusammen.— Inzwischen kommt der neue ‘Arbeitspartner mit Matratze, Keilkissen und zwei Decken an und richtet sich am Kopfende der kleinen 2 mal 4 Meter messenden Zelle ein. Im Grunde genommen ist Rolf froh, daß nun die Zeit des !Alleinseins vorbei ist. Man kann doch wenigstens mit einem Men- schen sprechen. Der Beamte erscheint mit einigen„Hauserln“ und gibt die neue Arbeit herein, und nach kurzer Frklärung fällt hinter den Beiden die Zellentür ins Schloß. Beide setzen sich an den schmalen, herunterklappbaren Arbeitstischh und nachdem sie sich ver- gewissert haben, daß kein Beobachter vor der Tür steht, stellen beide sich kurz und kameradschaftlih vor. Berger möchte auf- jubeln, denn der da drüben schafft, ist ein junger Lehrer aus einem Dörfchen an der deutsch-tschechischen Grenze. Hans Klein ist 35 Jahre alt und erst vor einigen Wochen ver- haftet worden, weil er einige Äußerungen zum sudetendeutschen Konflikt gesagt hatte, die dem Herrn Kreisleiter der NSDAP. unerwünscht waren. Die Folge war, daß er nach Durchwanderung einer ganzen Anzahl kleinerer Anstalten, in denen er sich jeweils nur kurze Zeit aufhielt, mit einem großen Schub— einem Sonder- zug mit etwa 1500 politischen Gefangenen aus Brünn, Prag usw.— nach München gebracht wurde. Hans Klein erzählt, daß fast aus jeder Familie jenseits der ehemals tschechisch-slowakischen Grenze ein Mann nach Deutsch- land in Sicherungshaft gebracht worden sei. Mit diesen Geiseln habe der Staat ein Mittel in der Hand, um Unruhen drüben zu ersticken, andererseits werde mit dieser Maßnahme irgendwelchen politischen Aktionen der Nazifeinde die Kraft genommen, Rolf Berger kann seinem Gegenüber mitteilen, daß rund 600 Tschechen allein in dieser Anstalt untergebracht sind, doch die Zahl sich ständig durch Zu- und Abtransporte verändere. - Während beide leise plaudern, vergessen sie ihre Arbeit nicht und schaffen, um das aufoktroierte Pensum zu erreichen. Während des Mittagessens— es wurde gegen 12 Uhr je ein Napf mit dünner Graupensuppe hereingereiht— mustert Hans Klein seinen Partner, Er sieht die durchgeistigten Züge des anderen. Leid und Wissen haben in dieses Gesicht ihre Runen gegraben, er sieht die 11 feinen Hände und weiß, dieser Mann hat einst bessere Tage gesehen. Und Berger gibt zu, daß er vor einem halben Jahr noch mitten im Glück des Lebens gestanden hat. Klein bittet ihn, seine Geschichte zu erzählen und Berger verspricht ihm, heute abend nach der Arbeit seine Geschichte zu erzählen. - Ungemein schnell vergeht beiden Inhaftierten dieser Tag. Und als schließlich die ,, Futterluke" in der Türe fällt und mit je einer Schüssel schwarzen Kaffees eine Schnitte Brot hereingereicht wird, geben beide ihrer Freude darüber Ausdruck, daß man endlich einem Menschen berichten könne. Längst ist das elektrische Licht abgedreht und die dämmerige Birne erloschen, längst liegen Klein und Berger auf ihren Matratzen, als Berger eine Geschichte sein Schicksal- erzählt. - ZWEITES KAPITEL Durch die breitangelegten Straßen der verträumten, westdeutschen Kleinstadt, die mit ihren alten, schönen Bauten an eine Zeit soliden Bürgertums und Wohlhabenheit erinnert, flitzt ein helles Sportkabriolett. In schneller Fahrt rollt es über die Brücken des Stadtgrabens und des einst so romantischen Flusses in die sommerliche Landschaft des westdeutschen Landes. Weit und blau wölbt sich der Himmel über die im saftigen Grün stehenden Weiden, auf denen buntgeschecktes Vieh bis zu den Leibern im Futter steht. Vorbei an Bruchgelände und Waldbestand steuert der Fahrer seinen Wagen, um dann auf schmalem Feldweg in die Heide ein-/ zubiegen, die nun, zu spätsommerlicher Zeit, in ihrem schönsten Schmucke steht. Den Weg verlassend, bahnt sich der geländegängige Wagen einen Weg zwischen Wacholdersträuchern und hellgrünem Birkengebüsch in die Einsamkeit des Heidestriches. Der Motor verstummt und vom Führersitz springt ein junger Mann, Mitte der zwanziger Jahre. Die schlanke, mittelgroße Gestalt ist in Anbetracht der sommerlichen Hitze nur mit einer grauen Flanellhose, weißem Sporthemd und leichten Schuhen bekleidet, was zu der braunen Farbe der Haut und dem dunklen Typ des Jungen recht gut paßt. Unverkennbar verraten die Züge des Gesichts den Geistesarbeiter. In wenigen Sekunden hat er eine Decke ausgebreitet und dann gibt er die leichte Kleidung 12 - ב E von sich streifend seinen Körper der Sonne preis, die mit ihren heißen Strahlen die schlanken, braunen Glieder angenehm umschmeichelt und immer dunkler färbt. Der junge Mann ist Journalist und liebt seinen Beruf über alles. Die wenigen Stunden täglicher, konzentrierter Arbeit, die gewiß manche Nervenkraft kosten, wechseln mit ausreichender Erholungszeit. Diese Freizeit wird in den Sommermonaten durchweg in der Natur verbracht. Wunderbar sind diese Stunden in Sonne, Wind und Wasser...! - Nun er wohlig seinen Körper in diesem natürlichen Lichtbad dehnt, spielen seine Gedanken: Er grübelt nach, wo er diese junge Frau schon einmal gesehen hat, die ihm außerhalb der Stadt. begegnete und wie er im Rückspiegel seines Wagens feststellen konnte ihm lange nachschaute. Diese feine, schlanke Gestalt, dieser Kopf in seiner diskreten Schönheit, um den sich die schweren Flechten wie eine Krone legten. Immer wieder kehren seine Gedanken zu dieser Mädchengestalt zurück, obwohl er sich bemüht, mit anderen Problemen, die ihn bewegen, ins Reine zu kommen. - Wenige Wochen später sollte er die Bekanntschaft dieser Frau machen, die ihm in der Folgezeit durch ihre Liebe die Konflikte zeitweilig vergessen ließ, die ihm die politischen Entwicklungen der letzten Monate brachten. DRITTES KAPITEL Ein strahlender Herbsttag geht zur Neige. Blutrot versinkt die Sonne im Westen und spiegelt sich golden in den blinkenden Scheiben der weinumrankten Wohnung. In dem angrenzenden, weiten, mit dichtem Strauchwerk umstandenen Garten sitzen drei junge Leute in ihren Liegestühlen. Die Hitze des Tages macht einer angenehmen Kühle Platz. Ein Mückenvölkchen führt im scheidenden Licht seinen abendlichen Tanz auf. Unter dem dichten Laubdach der Obstbäume bricht schneller die Dämmerung herein, um nach und nach einer Dunkelheit Platz zu machen, die nur die Umrisse aus nächster Nähe erkennen läßt. Ein Rundfunkapparat, an langer Leitungsschnur mitten in den Garten gestellt, vermittelt den Dreien eine leise, schmissige Musik und die Leuchtskala bildet zu den hin und wieder aufglimmenden Zigaretten das 13 glühende Gegenstück. Leise rauscht der Wind in dem Blätterdach der Bäume. Ab und zu löst sich eine gereifte Frucht, um mit schwappendem Laut in das weiche Erdreich zu fallen... Einer der jungen Leute ist der Journalist Rolf Berger, der zu diesem beschaulichen Abend von seinen beiden Freunden geladen ist, die ihm nun einige Äpfel anbieten. In die Stille der Stunde mischt sich nun plötzlich der nahende Schritt eines Menschen. Leicht und flüchtig klingt er auf der steinernen, kleinen Brücke auf, die von der Wohnung über den Stadtgraben in den Garten führt. Bald erkennt Rolf die unbestimmten Umrisse einer schlanken Frauengestalt. Sie begrüßt den Gast, nachdem sie sich ihm durch ihren Bruder hat vorstellen lassen. Sie will auf einem der unbequemeren Stühle Platz nehmen, als Rolf aufspringt und ihr seinen Liegestuhl anbietet. Und als sie bescheiden abwehren will, ergreift er kühn ihre Hände und drückt sie sanft auf seinen einstigen Platz, um dann zu ihren Füßen auf dem Raster Platz zu nehmen, wobei er lachend erklärt, daß nun keiner auf den Stuhl zu verzichten brauche. Die klingende, ungemein wohltuende Stimme läßt Rolf aufhorchen. Aber in der Dunkelheit sind die Züge des Gegenübers nur zu ahnen, sonst hätte er längst seine Bekanntschaft von der Landstraße wiedererkannt, die ihm damals solch große Aufmerksamkeit schenkte, nachdem sie von ihrem Bruder über den jungen, erfolgreichen Journalisten manches erfahren hatte. - - - Man plaudert von alltäglichen Dingen, die ins persönliche Leben hineingreifen. Beide dämpfen ihre Stimmen, als sie bemerken, daß die beiden Freunde langsam eingeschlummert sind. Und hier beginnt die Norne ihr Schicksalsnetz zu knüpfen das sie beide und das fühlen sie in eine immer nähere Bindung zueinander bringt. Erst als aus der Ferne die Kirchenglocke die mitternächtliche Stunde kündet, schrecken sie auf, und Rolf küẞt in Überwallung seines Gefühls für das junge Menschenkind ihre Stirne. Er verabschiedet sich, und sie bringt ihn bis zur Haustüre, wobei er sich nach dem nächsten Wiedersehen erkundigt. ,, Sie werden mich morgen doch wohl nicht mehr kennen über all den Möglichkeiten, die Ihnen offenstehen", meint sie, worauf er ihre Zweifel mit einigen lieben Worten entkräftet. Nach einigen Tagen trifft er seine Bekanntschaft wieder in Begleitung einiger ihrer Angehörigen, weit draußen außerhalb der Stadt in einer Gartenwirtschaft. Seiner Einladung, allesamt in seinen Wagen zu steigen, wird mit Freude Folge geleistet. Und 14 it u n e r m Et n 1, S d t, e 1. 1. g t r weil eine Fahrt durch die mondbeleuchtete Spätsommerlandschaft wunderschön ist, geht die Fahrt an der Wohnung vorbei in die nächtliche Natur, über die der warme Sommerwind streicht, den Duft von frischem Heu und den Ruch des aufgebrochenen Ackers mit sich führend. Sie hat neben dem Führersitz Platz genommen und fühlt sich glücklich, die Schönheiten dieses Abends an seiner Seite genießen zu können. Und dann folgen viele Fahrten, zunächst zu Dreien und später zu Zweien. Wie glückliche Kinder benehmen sich die beiden jungen Menschen, als sie im offenen Wagen durch das weite, grüne und fruchtbare Land fahren. Sie schlank, gebräunt und strahlend vor Glück, und er sportlich im weißen, leichten Dreß, der die braungebrannten Arme und den dunklen Bronzeton seiner Gesichtsfarbe besonders unterstreicht. An irgendeiner einsamen Stelle hält der Wagen und beide umarmen sich in namenlosem Glück. Als dann die Dämmerung hereinbricht und Rolf sein Fahrzeug in einen verschwiegenen Nebenweg gesteuert hat, bettet er seinen Kopf in ihrem Schoß und erzählt aus seinem Leben. Ihre Hände streichen durch sein dunkles Haar und kosend gleiten ihre Finger über seine Wangen. Er schildert anschaulich und packend seine Jugendzeit und beide lachen herzlich über die jungenhaften Streiche in und außerhalb der Schuljahre. Und dann berichtet er über die letzten Jahre, die Zeit, da das politische Leben in Deutschland alles andere überschattet. Damals, als um die Wende des dritten Jahrzehnts junge Männer aufmarschierten in weißen Hemdblusen und allüberall Redner von einer neuen, jungen Bewegung kündeten, die hohe Ideale propagierte. Ideale, die mit aller Korruption, mit allen menschlichen Ungerechtigkeiten in Feindschaft standen. Ein neues, einiges Deutschland sollte kommen, das alle Härten ausmerzen, alle Ungerechtigkeiten und sozialen Mißstände beseitigen wollte, ein Programm, das in seiner Art schier vollkommen schien und dem jeder idealistisch veranlagte Mensch zustimmen konnte. Er erzählt dann von den Jahren, da diese Bewegung mit anderen politischen Richtungen im Kampf stand und wo nicht nur die geistigen Waffen zur Anwendung kamen, sondern leider die Menschen in Aufpeitschung aller politischen und meinungsmäßigen Leidenschaften zur Gewalt schritten. Er berichtet über seine inneren Zwiespälte, von seinem Gefühl, das für diese neuen Ideen, dagegen seine verstandesmäßigen Ansichten, Erfahrungen und sein wachsendes Mißtrauen gegen diese 15 v neue Bewegung war. Diese Partei, die nach der Machtübernahme gegen viele ihrer Ziele und Ideale verstieß und ihn dadurch vor- läufig zur Zurückhaltung und Beobachtung zwang. Und Bergers Blick wird traurig, als er von seinem besten Freunde erzählt, den er in der Auswirkung der. politischen Ver- hetzung deutscher Menschen in den letzten Jahren verloren hat. Einen Menschen, gleichaltrig, jung, hübsch, voll Geist und Tempe- rament, Einen Kerl mit ehrlichem, kompromißlosen Charakter, der gläubig diesen neuen Thesen folgte und spontan und mitgerissen den Rock auszog und mitmarschierte im Braunhemd der national- sozialistischen Kampforganisation, der SA. Der sich dann Tag um Tag, Nacht für Nacht für seine politische Meinung einsetzte, sich den Gefahren politischer Schlägereien und Schießereien aussetzte, ja diese Gefahren in gesteigertem Fanatismus suchte, um den vermeintlichen Forderungen seines Mannestums, seines Stolzes und seines heldischen Geltungsbedürfnisses zu entprechen. Alle anderen Begriffe stellte dieser blinde Idealist zurück, um sich bis zur Erschöpfung seiner körperlichen und geistigen Kräfte für diese neue Bewegung einzusetzen. Berger sah ihn häufig im Morgengrauen, schweißgebadet oder vom Regen durchnäßt, von nächtlicher Werbe- und Propagandatätigkeit zurückkehren; er verfolgte in monatelanger Beobachtung, wie dieser Einsatz den Freund zermürbte, wie er bleich, mager und elend seinen Tages- dienst aufnahm, um abends als Jugendführer oder SA-Mann immer wieder begeistert und— nach seiner Auffassung—„pflicht- bewußt“ seinen„Dienst“ zu versehen. Gespräche mit ihm drehten sich bald ausschließlih um die Ziele und Aufgaben seiner Bewegung, alle seine Reden und Unterhaltungen wurden zu Werbungen und Propaganda. Aber die Wartezeit auf den Sieg und Erfolg zog sich für den Freund jahre- lang dahin und nervlich und körperlich heruntergewirtschaftet, wurden die Aussprachen Berger gegenüber spitz und vorwurfs- voll. Er konnte die Zurückhaltung Bergers nicht verstehen, war unduldsam gegen dessen Argumente, die auf viele, bereits damals erkennbare Gegensätzlichkeiten hinwiesen.. Fs kam zu einer Ent- fremdung, ja zu einem Groll, obwohl Berger durchaus die Haltung seines Freundes respektierte und immer wieder alle Auseinander- setzungen in die sachlichste Form brachte. Der von Hitler geforderte Fanatismus, gesteigert bis zur Hysterie, wuchs auch in dem Freunde, und die gewünschte Unduld- samkeit erreichte im Wesen dieses jungen Menschen ihren Höhe- 16 me orCen erat. peer en alm ich te, en zes im fte im on er en esnn atHie nd Hie reet, fsar als atng erur d- e- 99 punkt. Und so wurden die einst freundschaftlichen Beziehungen durch die Totalität nationalsozialistischer Weltanschauung" gelöst, und nachdem die Hitlerbewegung zur Macht gekommen war und der Freund ganz in seinen neuen Aufgaben für seinen ,, Führer" aufging, kam es nach einer politischen Meinungsstreitigkeit zum endgültigen Bruch. Berger streicht in Gedanken über seine Stirn, als wolle er diese trüben Gedanken fortwischen. Erregt erzählt er seiner Freundin von dem jetzigen Zwiespalt, in die er durch seinen Beruf gekommen ist. Von dem Zwang und den Nötigungen seitens des Reichspropagandaamtes, über alle Dinge des öffentlichen und privaten Lebens in bestimmtem, vorgeschriebenem Sinne zu schreiben. Nennt diese Handlungen eine geistige Vergewaltigung und einen Hohn auf die sogenannte Pressefreiheit. Erbitterung und Enttäuschung machen sich in bösen und bitteren Worten Luft. Da streicht Ursula mit linder Hand über seine Wangen, über die zusammengekniffenen Augenbrauen, beugt sich über ihn und küßt ganz lind und leise seine dunklen Augen und seinen Mund. Wie verflogen ist der politische Gedankengang, sind die Sorgen des Alltags und der materiellen Welt. Er greift empor und hält ihren Kopf, zieht ihn zu sich herunter und küßt sie wieder voll Glück und wiedergewonnener Ruhe. Sie scherzen gar miteinander, necken sich in ironisierenden und höflichen Wortspielen und plaudern über leichte Themen. Und über all dem ist es inzwischen dunkel geworden. Und wieder funkeln die Sterne, beleuchtet der Mond die Fahrbahn, über die der Wagen in heimatlicher Richtung rollt. Da bittet sie ihn und preßt seinen Arm, die köstliche Zeit zu verlängern. Mit erhöhter Geschwindigkeit dreht das Fahrzeug ab und steuert einem kleinen Kurort zu, derweil Ursula ihren Kopf in seinen Schoß gebettet hat. In einem weiten Hotelgarten sitzen sie sich bald gegenüber. Musik tönt aus einem Pavillon herüber, Licht strahlt über gepflegte Anlagen, in denen gut gekleidete Menschen des Tages Abschluß feiern. Höfliche Kellner bedienen geschickt und geschmeidig, und in den Gläsern funkelt ein goldgelber Wein. Angeregt von den Geistern des herrlichen Weines verplaudern sie die Zeit, bis sie mit Schrecken erkennen, daß es wieder Mitternacht geworden ist. 2 Frenk: Im Machtbereich der Gestapo 17 Nun bleibt nur der direkte Heimweg übrig, wenn es daheim keine Verstimmung geben soll. Aber weit ist der Weg und führt vorbei an Waldungen und Heidestrichen. Mitten auf einsamer Landstraße knirschen plötzlich die gebremsten Räder. Das Fahr- zeug steht und darin umarmen sich zwei Menschen in rasender Liebe und Leidenschaft. Er sieht im schwachen Widerschein des Armaturenbrettes in ihre weichen, gelösten Züge, fühlt die Liebe und Sehnsucht, die ihm entgegenstrahlt. Und er versucht sie ganz zu erfassen. Aber sie bittet ihn, den-Wagen von der Landstraße zu lenken. Er beherrscht sich, fährt heimwärts, unentwegt. Von ferne leuchten schon die ersten Lichter der Heimatstadt, da greift sie ihm ins Steuer und schaut ihn so lieb an, daß er in den nächsten Waldweg einbiest. Kurze Zeit später schreiten sie unter dem dunklen Laubdach über weichen Waldboden. Tiefe, stille Nacht! Nur der Wind fegt rauschend durch die Baumkronen. Ab und zu ruft ein Nachtvogel, knackt ein Zweig unter dem Tritt.des Wildes. Der Mond zeichnet durch sein Licht zauberhafte Schattenbilder. In diesem Rahmen sehen wir die zwei jungen Menschen schreiten— unhörbar— weil ihnen hier ein samtgrüner, dunkler Moosteppich gelegt ist— hinein ins Märchenreih— in dem es keine Wünsche mehr gibt! VIERTES KAPITEL Wochen sind in unerhörtem Glück vergangen. Es ist Herbst geworden. Herbstreif ist auch über das ungetrübte Glück der ‚ Beiden gekommen. Er erfährt eines Tages, daß Ursula bereits einem anderen Manne gehörte, von dem sie allerdings seit ge- ‚raumer Zeit Abstand genommen hat und dabei ist, die seelische Trennung auch zu einer offiziellen zu machen. Schmerz und Liebe,- Enttäuschung und Angst durchtosen seine Brust. Schmerz und Enttäuschung, weil sie nicht offen und klar war, Liebe und Angst, weil dieses Menschenkind der hauptsächlicste Faktor in seinem Leben: geworden ist. Ursula fährt zur Ordnung ihrer Angelegenheiten in das Industriegebiet zu Verwandten zurück, um die Bindung mit dem einstigen Verlobten zu lösen und er schließt sich nach einigen Wochen der Reserviertheit einer Reisegesellschaft ins Ausland eim hrt ner hrder des ebe anz aße adt, rin ach Eegt gel, net men t- ot! bst der eits geche be, and gst, em das em gen and an mit dem Ziel, Heldenfriedhöfe in Flandern und Frankreich zu besuchen, gleichzeitig, um die Pariser Weltausstellung zu beBichtigen. Ergreifend schildert er in Reportagen seine Eindrücke an den Stätten, da vor mehr als 20 Jahren die Völker politische Probleme mit Gewalt zu lösen trachteten. Seine Schilderungen, die von seinem Blatt im Erstdruck gebracht und dann von verschiedenen Zeitungen übernommen wurden, sandte er auch an seinen geliebtesten Menschen: Ursula. Sie verrichtet zu dieser Zeit peinliche Aufgaben. Sie räumt ihr einstiges Heim. Ach wie grau ist der Alltag dort. Grau sind die Häuser, Bäume, und grau ist auch der Himmel dort infolge des Dunstes und der Rauchschichten, wie das durch die vielen Zechen und Werke bedingt ist. Wie krampft sich ihr Herz zusammen. Vorbei! Vorbei ist die leuchtende Zeit des Sommers und Herbstes, der reifenden Sonnentage und der Liebe und des Glücks. Sie versteht ihren einstigen Verlobten nicht, der rücksichtslos und unpersönlich, für sie gleichgültig, ja widerlich geworden ist. Er, der sie nur als Objekt seines Lebensrahmens betrachtet und ihre Seele verkümmern läßt. Eine persönliche, seelische Kluft ist aufgerissen, die nicht mehr zu überbrücken ist, erst recht nicht, nachdem sie einen Menschen kennenlernte, der ihr die Sonnenseiten des Lebens zeigte. Wie Grüße aus einer anderen Welt empfindet sie seine Briefe und Zeitungsausschnitte. Sie erlebt mit ihm die Eindrücke seiner Reisen. Und besonders stark ist sie beeindruckt von den Erlebnissen im Totenland Flandern und auf den ehemaligen Schlachtfeldern des Weltkrieges in Frankreich. Sie setzt sich still in eine Ecke ihres Wohnzimmers und liest seine Berichte: ..In der Nacht zum 1. November 1937 passieren zwei schmucke deutsche Autobusse die deutsch- holländische Grenze. Monoton singen die starken Motore der beiden Fahrzeuge, in denen rund hundert Menschen Platz gefunden haben und deren Ziel die ehemaligen Schlachtfelder und Soldatenfriedhöfe in Flandern und Frankreich sind. Vorbei geht's an fremden Städten, Dörfern und Menschen, durch schmucke Villenvorstädte und Siedlungen, die äußeres Zeichen der Wohlhabenheit des holländischen Landes sind, das bisher unter keinem Krieg und seinen verheerenden Folgen zu leiden hatte. Über nachtdunkle, schier endlose Landstraßen und lichtüberflutete Hauptstraßen der Städte rollen die Wagen der belgischen Grenze zu, und dann ist nach Passieren des Unterscheldetunnels Antwerpen erreicht. 19 • Erinnerung an den Weltkrieg - Flandern Ypern, Langemarck, Wytscheate, Antwerpen, Ostende, Leffinghe, Dixmuiden, Hochleede, Roeselaere, Zonebake. Wie das Rollen und Grollen einer fernen, Tod und Verderben speienden Feuerlinie, dumpf wie der Klang einer Trauerglocke, tönen diese Namen durch die Jahre hindurch, seitdem der letzte Schuß des Weltkrieges in den. Niederungen der Maas verhallte. Zu kurz ist die Spanne von 20 bis 24 Jahren, um der Heldenjünglinge von Langemarck und Bixschoote und der grauen Männer in den Granatlöchern mit den Schleusenwassern von Nieuport, in den Bunkern aus Beton und auf offenem, zerhämmerten Feld zu vergessen, doch der Jahre genug, die Spuren auszutilgen und die Wunden vernarben zu lassen, die der Krieg dem weiten, fruchtbaren Land der art- und stammverwandten Flamen schlug. Vor knapp zwei Jahrzehnten raste der Tod noch über dieses Land, kroch in die Trichter, in die Gräben und Betonburgen der Frontlinien hüben und drüben, zerpflückten berstende Granaten grüne Wiesen und fruchtbarstes Ackerland, Kampfstatt der Kriegsmaschinen, die sich in der Furchtbarkeit ihrer Wirkung zu übertreffen suchten. Was war dagegen der Pesttod in der Hansastadt Ypern der Stadt der ehemals 200 000 Menschen vor 500 Jahren gewesen? - - - Wach wird die Zeit da die Blüte der Männer aus vielen Nationen menschlicher Unduldsamkeit, politischem Unvermögen, tierisch- urtrieblichen Bindungen, militaristischen Tendenzen und geistiger Begrenztheit' geopfert wurde. Wie fortgewischt ist die Spanne von zwei Jahrzehnten und im grellen Licht der Erinnerung sehen wir dieses Land, dessen Menschen uns so art- und stammverwandt sind, ja, die sogar fast unsere Sprache sprechen, als Walstatt des Krieges und des Todes. Männer standen im Nebel der Gasschwaden und im Hagel von Eisen, auf den todgeweihten Flecken der Minen unter der Erdé oder der Angriffe aus der Luft, Menschen, deren täglicher Kamerad der Tod war. Mehr als Menschen: Übermenschen im Übermaß der Gefahr! Frontsoldaten, die ihre Heimat schützten. So standen sie Mann für Mann, von da, wo das Meer brausend an die Küste bei Zeebrügge und Ostende schlägt, bis hin zu den Argonnen und Karpathen, standen in den Weiten Rußlands oder der einstigen Kolonien, so standen sie auf den Planken der Schiffe auf allen Ozeanen. Männer und Jünglinge, hüben und drüben. Und bei Langemarck standen die Sturmregimenter der deutschen Freiwilligen von 1914, kaum siebzehnjährig die Jüngsten bereit, um den höchsten Preis am rechten Flügel der westlichen Front, die entscheidende Wende zum Sieg zu bringen. Auf den Lippen das Lied der Nation, das irgendwo, als sich die Schatten der Ohnmacht auf die Reihen der jungen, unerfahrenen Kolonnen zu legen drohte, angestimmt wurde. Das knöcherne Gespenst des Todes stand mit weit geöffneten Armen vor dem großen Kaufpreis, der Stadt Ypern, deren Türme weit am Horizont aufragten. Ein sinnloser Befehl des deutschen Generalstabes 20 - tri die die he ko Pes Ma sto sto vor Fra jed wu fast Sob und Wo Ko Ma spä jäh noc Leb sal De lan sieg gel Trä er 1 dun wan Erk gew schu Spa eige dies und der übe wa ende, das uerurch den. à bis und von rten und achtand, nien und der egen 0000 nen iebheit' nten ssen sere sen, Anwar. ontvon -nde iten ken ben. hen um entder hen rde. men am _bes - - trieb diese Jungen in die Garben gegnerischer Maschinengewehre. Und die Blüte deutscher Jugend verfiel dem Flandernschen Tod von dem die Sage geht, daß er vor einem halben Jahrtausend, als er die Pest herrschen ließ, einen furchtbaren Schwur getan habe: Daß er wiederkommen werde fünfhundert Jahre später! Er kam nicht als die sondern als Krieg! Mit glühenden Eisenhämmern stürzte er die Mauern und Dörfer und Städte, und unter dem Eisenhagel fielen die stolzen Häuser der reichen Hansestadt, zerkrachten die Hallen und der stolze Turm der Tuchbörse. In vier Jahren vertausendfachte er die Ernte von 1400, im Sturm um Ypern fielen Deutsche, Belgier, Engländer und Franzosen. Flandern war ein Totenland geworden...! Pest - - - Mit erschreckender Deutlichkeit taucht vor dem geistigen Auge jedes Fahrtteilnehmers diese oder jene Einzelbeit aus dem Unterbewußtsein als Erinnerung an jene verhängnisvolle Zeit auf, haben doch fast alle der Mitfahrenden entweder ihren Bruder, ihren Vater, ihren Sohn, Onkel, Schwager oder Freund verloren, dessen Grab sie nun und sei es am Holzkreuz eines unbekannten Soldaten aufsuchen wollen. Ich sehe meine Mutter, wie sie in lautlosem Schmerz ihren Kopf in die Hände vergräbt als sie die Nachricht vom Tode ihres Mannes meines Vaters erhält. Ich sehe, wie sie wenige Wochen später den Tod ihres Bruders beklagt, wie sie mich, den damals Vierjährigen, an sich drückt, der diesen Schmerz und diesen Verlust damals noch nicht begreifen und verstehen konnte. Ich sehe, wie auch ihr Leben vor Gram und Leid zerbricht. Und so wie hier, griff das Schicksal in Hunderttausende und Millionen Familien ein... hier in Deutschland wie in allen Ländern der kriegsbeteiligten Nationen...! Eine ehrfurchtsvolle Stimmung ist in uns allen, als wir dieses Totenland betreten. Jeder geht seinen eigenen Gedanken nach. Und doch siegt in uns die Ehrfurcht über die Größe dieses Heldentums, das hier gelebt und erfüllt wurde über jede wehmütige Anwandlung und Träumerei, denn heute wissen wir es( so schrieb Berger damals, konnte er zu jener Zeit im Glauben an die Herrschaft des Geistes über den dumpfen Instinkt getrost schreiben), daß diese Opfer nicht umsonst waren. Aus ihren Opfern wuchs( so glaubte er damals noch), die Erkenntnis, daß Völkerprobleme nie mit niedriger Gewalt, die Gegengewalt auslösen muß, gelöst werden können. Die Blutsaat dieser Helden schuf neben der Erkenntnis auch in Deutschland den Gedanken, daß Spaten und Arbeit die ,, Waffen" für das Leben sind und Völker( nach eigenen Worten Hitlers) keine Kriege wollen. Und so wuchs auch in diesem Gedanken das neue, freie Deutschland." So bekannten sich Millionen für die schönen, volksbeglückenden. und gleißenden und blendenden Hitlerschen Ideen, bis die Lehre der Zeit offenbarte, daß Worte und Taten zweierlei sind, bis es über Betrug und Blendung und Demagogie ein furchtbares Erwachen gab...! 21 Berger unterbricht und fährt nach kurzer Pause in der Schilderung seiner Flandernreise fort: وو Flandern. , Weit dehnt sich der ebene Landstrich aus, belgische Bauern schaffen zwar wieder auf den grünenden Ackern und die Weiden sind mit gesundem Vieh versehen. Aber alle Spuren des Krieges sind noch nicht verwischt. Die zahlreichen Friedhöfe, kleine Seen als frühere Sprengtrichter, zerschossene und noch ganz erhaltene Betonbunker, hier und da noch Gräben und Unterstände, erinnern stets daran, daß dieses Land ein siegreiches Vorwärtsstürmen deutscher Truppen sah, daß dieses Land den erbitterten Kampf von Flamen, Belgiern, Briten, Franzosen und Amerikanern auf der Gegenseite erlebte, bis dieses mörderische Ringen im Stellungskampf weiter tobte und erst mit Kriegsschluß nach Aufzehrung aller deutschen Kräfte und Mittel verebbte. Heimat in fremder Erde. Dort, wo sie kämpften und litten, dort im stillen, weiten und feuchten Land, über das sich nun der graue Novemberhimmel spannt, liegen sie begraben, Seite an Seite, in Reih und Glied, zu ihren Häupten ein schlichtes Holz- oder Schieferkreuz, das ihren Namen und das Datum ihres Todes trägt. Heilige Stätte der Mahnung und Verpflichtung...! Wert und Charakter eines Volkes werden nicht allein bemessen nach dem Stand seiner Kultur oder schöpferischen Kraft seines Volkstums, sondern vor allem auch danach, wie es seine Toten ehrt! Wir, die wir nun die Stätten der Ehre und des Friedens aufsuchten, fanden diese Mahn- und Gedächtnismale mit ihren Hainen und gepflegten Grasflächen, mit Hecken und Wasserläufen in ihrer Anlage und Formgebung wie Oasen deutscher Heimat in fremdem Land. Wo bist Du, Kamerad? Über die Sender der nationalen Völker klingt allwöchentlich der Ruf: Wo bist Du, Kamerad?- Männer suchen ihre Schicksalsgefährten. Und dieser Ruf wird auch in unserem Volke gehört von Menschen, die irgendwo an sausender Drehbank, an Schraubstock oder Maschine, in Räumen der Werkbüros schaffen, von Menschen, die die Scholle bestellen oder sonstwo im sorgenerfüllten Alltag stehen. Wo bist Du, Kamerad? Kamerad von Ypern, Langemarck, Zonebeke, Poelkapelle, Paeschendaele, Becelaere? Kamerad aus den Sumpftrichtern von Wytscheate oder dem Grabengewirr des Frontbogens vor dem Kemmel, wo Kamerad aus dem Fandernland? Und dieser Ruf wird ein tausend22 fac hal litt Ta Bri tote vor Lei Hel Ver dan Fla Lon scho stof sch übe Sch aus blit hee staf Dix sche Fro reid bis und syst ung sche Fur digl wei die Sch deu dem erbi Reg Her fen gecht ngnd ses ses sen che ach nd nt, ren and erach ms, die Hen ten rmder Een. die in beDu, lle, von mel, ndfaches Hier" auslösen. Aber dieser Ruf wird auch tausendfach verhallen, denn Du, Kamerad, den ich meine, bliebst, wo Du strittest und littest, draußen bei den stummen, bleichen Regimentern, vor denen Tambour Tod die Trommel schlug und zwei Millionen Deiner deutschen Brüder das ewige Halt befahl...! Dann waren wir Dir ganz nahe, toter Frontkamerad! Sind vielleicht hart an Deiner ewigen Ruhestatt vorbei über den Rasen geschritten, der wie ein großes Grabtuch die Leiber der großen Toten deckt. - So war es damals! Unter uns befinden sich Männer, die Seite an Seite mit den gefallenen Helden stritten. Sie schildern manche Erlebnisse und zeichnen im Verein mit den Erklärungen des Reiseleiters ein umfassendes Bild der damaligen Kämpfe und Begebenheiten. So standen die Kämpfer in Flandern in einer Front da, wo das Meer bei West- und Ostende, bei Lombartzyde und Zeebrügge an die Küste schlägt, über Hochleede, Bixschoote, Dixmuiden, Langemarck bis Wytscheate. Der deutsche Flankenstof Nieuport- Dixmuiden- Ypern sollte den großen, ersehnten Umschwung bringen, sollte die Erstarrung der Fronten lösen. Nur ein Überrennen des Gegners kam in Frage, da ja das Meer die große Schranke war. Und so rückten mit der 4. Armee Truppen an, die meist aus Freiwilligen bestanden. Aus den Augen dieser jungen Männer blitzte noch die Begeisterung der Augusttage, die draußen beim Feldheer am Erlöschen war. Söhne aller Gaue, in Regimentern dicht gestaffelt, bis zu acht Gliedern tief, berannten den Brückenkopf von Dixmuiden. Allein das Feuer französischer Marinesoldaten und belgischer Jäger zwang sie im Halbkreis vor ihnen auf den Boden. In der Frontmitte fiel zwar Dorf an Dorf im heißen Ringen, doch die Kräfte reichten nicht aus, die natürlich befestigte Schlüsselstellung zu nehmen, bis am 30. Oktober 1914 ein gleichzeitiger Angriff mit Verstärkungen und Unterstützungen von Norden und Süden das feindliche Stellungssystem aus den Angeln heben sollte. Da erstickte ein Ereignis von ungeheurer Bedeutung für immer den Angriffsgedanken an dieser Stelle: Das Meer kommt! Als die Wende greifbar nahe war, da werden auf Befehl des belgischen Königs die gewaltigen Schleusen bei Nieuport geöffnet. Das Furchtbare naht schnell und immer schneller, mit rasender Geschwindigkeit und unwiderstehlicher Gewalt: Der Boden unter den Füßen ist weich geworden wie ein vollgesogener Schwamm. Man versinkt bis an die Knöchel, bis an die Knie, an den Leib. Aus allen Poren des Schwammes stürzt es heraus, sprudelt, quirlt, schäumt, wirbelt, den deutschen Stürmenden den Boden unter den Füßen entziehend. Trotzdem wird der Eisenbahndamm bei Ramskapelle gestürmt und trotz erbitterter Anstürme von Turkos, algerischen Schützen und englischen Regimentern gehalten. Berstende Granaten werfen den Schlamm in 23 Fontänen hoch. Verwundete ertrinken, Pferde versinken und Geschütze müssen schweigen; wer sich hinlegt, ertrinkt und wer nicht ertrinkt, ist dem rasenden Feuer des Gegners ausgesetzt. An einen Durchstoß ist nicht mehr zu denken— das Meer hat die Pläne des deutschen General- stabes verhindert. Sieruhenausvon Kampf und Leid. Heute ruhen sie aus von Kampf und Leid auf den stillen, heiligen Ackern. Vorbei geht's an manchen kleineren Friedhöfen bei Ostende, Westende, Blankenberghe, bis die Wagen vor dem Eingang des Marine- friedhofes Leffinghe halten. 2800 Tote liegen hier in dem rasengrünen, pappelumstandenen Friedhof. Weiter rollen die Wagen über holpriges Kopfsteinpflaster der flandernschen Straßen zum Waldfriedhof Praet- bosch, einem der schönsten deutschen Friedhöfe im Westen. Unter seinem grünen Blätterhain: schlafen 3000 deutsche Gefallene. Von besonderer Eindringlichkeit ist die Anlage von Hochleede, dessen Acker $450 eichene Marterlkreuze trägt. Ein älteres Geschwisterpaar ist mit uns hergekommen, und nun stehen die alten Damen vor dem Kreuz ihres Bruders. Halten stumm mit dem Toten unter dem Rasen Zwie- sprache, um dann tränenden Auges mit bloßen Händen eine deutsche Blume auf diesem Grab einzusetzen. Ypern.; Spät abends ist es, als die Reisewagen auf, dem Markt von Ypern halten. Über die Liehtflut der Schaufenster und.Reklamen heben sich die Schatten hoher Giebelhäuser und die Türme der Kathedrale ab, wie 1914 und eınem halben Jahrtausend vorher.— Es ist 19 Uhr und das Glockenspiel der Tuchhallen wird durch die dumpfen Schläge des Gotteshauses abgelöst. Von der Meenenstraße her klingen Trompeten- signale herüber. Es ist die„Letzte.Post“, eine Ehrung, die jeden Abend unter dem wuchtigen Bogen des englischen Triumphtores, in dessen Quadern die Namen von 63000 britischen Gefallenen und Vermißten eingemeißelt sind, zu Ehren der toten Helden abgehalten wird. Das Meenentor ist ein Denkmal von einmaliger Eindringlichkeit und sein wunderbarer Sinn lautet: So wie dieses Tor mitten im Verkehr dieser Zeit steht, so stehen wir— die: Toten— im Geiste in eurem Leben!— Zwei Engländer, welche hier ihrem Zivilberuf nachgehen, blasen hier Abend für Abend ihre Signale. So, wie sie hier im Werk- schurz stehen, Tag für Tag— der eine im weißen Haar und der- andere in der Blütezeit seiner Jugend— so wachen sie— wacht die Nation mit ihren Toten und doch geistig Lebenden über die Belange und das Leben des Volkes. Nicht militaristisches Schaugepräge, nicht soldatische Spielerei soll Ausdruck ihres Gedenkens sein, sondern überall im werkenden Alltag sollen ihre Toten Mahnung und Verpflichtung sein... IR Wir sind Zeuge dieser beeindruckenden, kurzen Andacht und grüßen die gefallenen Helden der Gegenseite stumm und ernst. Leise ver- klingen die Töne in der feucht-kalten Nacht, und wir lenken still unsere 24 AfA ee Te Schritte in die Stadt und lassen uns berichten von dem Tod eines ganzen - englischen Regiments, das hier durch die gleichen Wassermassen ein- geschlossen wurde, mit dem man den deutschen Angriff stoppte. Diesem Wasser und dem Hagel deutscher Granaten sind Tausende und Aber- tausende Soldaten der Gegenseite erlegen.\ Prachtvolle Ruhestätten hat England seinen Söhnen gebaut. Englischer Rasen, Rosenstöcke und marmorne Steine, Kapellen und Hallen kenn- zeichnen die britischen Friedhöfe, deren größter Tynecot mit 34 000 Gräbern ist. Mitten auf diesem Friedhof stehen noch heute zwei deutsche Betonbunker auf leichter Anhöhe. Daneben zwei Marmorsteine mit vier deutschen Namen darauf. Diese vier hier ruhenden deutschen "Soldaten beherrschten aus den Bunkern mit ihren Maschinengewehren die Umgegend und hielten lange dem Ansturm tausender Gegner stand, bis sie schließlich mit Flammenwerfern niedergemacht wurden. Viele deutsche, kanadische, französische Heldenfriedhöfe liegen an den Straßen, die wir nicht mehr besuchen können. Es sind zu viele in der knappen Zeit. Wir wissen: Auf ihnen werden auch viele Tafeln und Kreuze stehen, die die Inschrift tragen:„Unbekannter deutscher Soldat“ oder„Ein französischer Soldat“ usw. Dort aber. wo das flandrische Feld zu kleinen Seen abfällt, auch dort ist vielleicht ein stiller Friedhof— unsichtbar und ohne Kreuz. Minen und Volltreffer waren hier die Totengräber.— Das sind die Grabmale der unbekannten Soldaten! Gedanken bei der Heimfahrt. Unbeschreiblih und unerwähnt bleiben viele, viele Eindrücke, die die herrlichen Städte Brügge, Gent usw. mit ihren Grachten, Winkeln und mittelalterlichen Bauten auf uns machten. Unmöglich ist es auch, die Stimmung wiederzugeben, die wir beim Besuch der Heldenäcker mit den schier unübersichtlichen Gräberreihen empfanden. Zuviel stürmte in diesen wenigen Tagen auf uns ein, um alles zu fassen und zu ordnen.— Nun, da wir wieder auf breiten Landstraßen der Heimat zurollen, wandern die Gedanken zurück ins flandrische Land mit seinen stummen Mahnmalen, mit seinen aberhunderten Soldatenfriedhöfen, auf denen hunderttausende Kreuze stehen, Zeugen für eine Unmenge Leid, für Grauen, Schmerz und eindeutige Qual. Mahnzeic hen für jetzige und kommende Generationen, mitzuhelfen und mitzuarbeiten, daf nie, nie wieder eine solche menschliche Tragödie aufleben kann. Wir denken zurück an die symbolhaften Weihestätten, an das Meenentor in Ypern, in dem zur jetzigen Zeit wiederum die Trompeten- töne der„Letzten Post“ verhallen, an das 200 Meter hoch emporragende wuchtige Flamenkreuz bei Dixmuiden, das in vier Sprachen in großen Lettern’ die Worte trägt:„Nie wieder Krieg!“, oder an die Schilderungen der Kameraden aus den Jahren des Weltenbrandes. 25 - Wir hängen den eigenen Gedanken nach, denken an das Geschick, das uns der Weltkrieg selbst oder die Folgezeit brachte, denken an die ,, Notwendigkeit" und versuchen uns die Frage des„ Warum" zu beantworten, wobei wir unsere Unzulänglichkeit erkennen und höchstens zu nationalen Phrasen kommen. Wir denken daran, daß auch auf der Gegenseite mit gleich- großem Einsatz und gleicher Opferbereitschaft gekämpft wurde, daß dort wie hier Männer und Jungen in Begeisterung oder Resignation, in Liebe, Opferbereitschaft oder Unverständnis, einem eisernen Muß und einer staatlichen Gewalt dem Schicksal folgten. Hier, wie auf der anderen Seite, standen Männer aus allen Schichten und glaubten oder folgten den von ihren Staatsmännern aufgezeigten Idealen, kämpften für ihr angebliches Volkstum, für ihre ,, bedrohte Kultur", oder die gleichen Gründe, die unseren deutschen Menschen die Waffen in die Hände zwangen... Es ist billig und zeugt von einer Spekulation auf die große Denkfaulbeit, wenn man diese Kernfragen mit chauvinistischen Begründungen oder nationalen Redensarten abtut, ohne eine Kritik zu dulden oder chrlich und suchend in die Tiefe dieses Menschendramas zu dringen. Die Menschheit ist durch Zeit und Entwicklung, durch Leid, Erkenntnis und geschichtlicher Wiederholung einer Mutation unterworfen und die Zeit kommt je früher desto besser da die Verfechter des Menschenrechtes die des Staatsrechtes zur Strecke bringen werden...!" - - Ursula hat mit großer Inbrunst diese Zeilen verschlungen, hat sich in diese farbigen Bilder hineingedacht. Sie hat oft ihre Hand auf ihr pochendes Herz gelegt und die Tränen zurückgedrängt, die zu ihrem eigenen Kummer in ihr die Schwere dieses Menschendramas auslöste. Sie liest seine Begleitbriefe, aus denen hervorgeht, daß die Zeitungen die letzten Abschnitte über die Lehren und die Konsequenzen aus militärischen Tendenzen gestrichen haben und seine Befürchtung, daß diese Haltung der gelenkten' Presse dem Volk einst ein böses Erwachen bereiten würde. Sie denkt an seine dunklen Ahnungen, an seine Skepsis besonders in Bezug auf die politische Zukunft, tröstete sich aber mit der Hoffnung, daß er wohl viel zu schwarz sehen würde. Sie lebt nur in dem einen Gedanken, frei von jeglicher Bindung zu sein, um irgendeinen Weg an seiner Seite für das Leben zu finden. So löst sie die Verbindung, organisiert den Heimtransport ihrer Möbel und Sachen aus dem Hause ihrer Verwandten in das Elternhaus in die ländlich- schöne Stadt im Westen. -O - - - - - - Monate sind vergangen und wieder ist es Sommer geworden. Trennung und Entfernungen haben nichts an den Gefühlen der 26 ie 1t- ns er ft 18 zu rt as beiden Liebenden ändern können. Und als Berger nach einer wirtschaftskundlichen Fahrt aus England heimkommt, nimmt.er den Verkehr nunmehr auch im Elternhaus seiner Ursula auf. Er ist dort gern gesehener Gast, zumal er sich nach Kräften erkennt- lich zeigt. Wie oft fährt er mit der ganzen Familie aus, aber häufiger mit seiner jungen Freundin, die ihm zeigt, daß sie ihn abgöttisch liebt, je mehr er versucht, sie zur reiflichen Überlegung ihres Vorhabens zu veranlassen. Berger hat dann seinen Arbeitsplatz gewechselt, ist seit Wochen im mecklenburgischen Land tätig, als ihn todunglückliche Briefe erreichen, Briefe, aus denen ihm unverhüllt die heiße Liebe und Sehnsucht und die große seelische Not Ursulas entgegenschlägt. Sie verpflichten ihn und seine verantwortungsvolle Seele, und er kehrt— ungeachtet einer Verschlechterung seiner Position— zu ihr ins-westdeutsche Gebiet zurück. Wie die Sonne das Grau ablöst, so beginnt für beide wiederum das Glück zu leuchten. Ein warmer, herbstlicher Abend sieht sie wieder zusammen. Leise schnurrt der Motor und die breiten Gummireifen mahlen im Sand des schmalen Feldweges, der sich durch Waldungen, Felder und Heide hinzieht. Dunkel ist’s, und im Scheinwerfer des Fahrzeuges sehen beide Kaninchen über den "Weg hoppeln oder vor dem Wagen herrennen, ohne jedoch aus dem bannenden Lichtstrahl entrinnen zu können. Sie rennen um ihr Leben! Mit einer bittenden Gebärde veranlaßt Ursula den Geliebten, die Lichter zeitweilig zu löschen, damit die Tierchen aus dem Kreis des Lichtes ins Feld entweichen können. Über der schlafenden Landschaft wölbt sich ein sternenüber- säter Himmel. Der Mond leuchtet hell und Bäume und Strauch- werk werfen lange, dunkle Schatten. Die Nachtigall beginnt ihr Konzert und löst das Programm der Amsel'ab. Der Wagen schiebt sich zwischen übermannshohen Wacholderbüschen hinein in das Reich der Heide. Berger öffnet den Schlag und hebt die sich an seinem Halse klammernde Gestalt heraus, wirbelt mit ihr in jungenhaftem Übermut im Kreise herum und läßt sie erst los, nachdem er sich an ihren Küssen sattgetrunken hat. Weich bettet er sie dann zwischen Heidekraut und weichem, hohem Gras, und still lauschen sie dann den Stimmen der Nacht. Es ist Grummet- zeit und der leise Wind trägt den würzigen Duft des Heues mit sich. Rolf nimmt das Köpfchen Ursulas in beide Hände, schaut sie lange, lange an. Die Dunkelheit läßt ihre Züge noch weicher er- 27. scheinen; matt und schattengetönt leuchtet die Haut und rätselhaft wie ein Gruß aus dem Unendlichen sind ihre Augen anzuschauen. - -- Kosend gleiten seine Hände über ihr Gesicht, über ihr Haar, über die warm durchpulste Haut, und sie schlingt, als er sich über sie beugt, ihre Arme um seinen Hals und groß und weit werden ihre Augen, die sie dann unter seinem Blick mit langen, dunklen Wimpern schließt. Für beide versinkt die Welt mit all ihrer Nüchternheit, mit all ihrem konkreten Wollen, mit ihrer materiellen Sucht. Da, auf der einen Seite, nur der Wunsch Weib zu sein, zu schenken und von der Natur herrlich zu nehmen; dort die natürliche Bestimmung, das Hingezogensein zur Schönheit, zur ästhetischen Form. So nehmen sie die Stunde als Geschenk des Schicksals, sträuben sich nicht gegen die wenigen Gesetze, lebt sich das Ich zum Wir kosmisches Gesetz wie Leben und Tod. aus - Schweigend sind sie, als sie schließlich die Landstraße gewinnen. Ihre Hände halten sich, derweil ihr Kopf an seiner Schulter ruht. Dann klammert sie sich plötzlich mit aller Kraft an ihn fest, daß er fast die Herrschaft über das Steuer verliert und stammelt unter Schluchzen die Frage, ob es denn keinen gemeinsamen Weg für sie beide gebe. Auf alles Liebgewordene wolle sie verzichten, alles wolle sie opfern, nur um bei ihm bleiben zu können. Er streichelt ihr Haar und ihre Wangen, beruhigt sie, überläßt ihr die Entscheidung und fragt, ob sie nicht noch mancherlei dazu überlegen müsse. Sie bestreitet dies und erklärt ihm, es gebe für sie nur einen Gedanken, einen Wunsch: Ihn! Immer und überall stände sein Bild vor ihr, überall sehe sie ihn, jede seiner Bewegungen. Sie beschwört ihn, sie mitzunehmen ins kommende große schöne oder auch leiddurchsetzte Leben. - Er nimmt ihre Hände, küßt sie, hält sie fest und wieder taucht sein Blick in ihre, von der Dunkelheit umschleierten Augen. Ihre Finger beben in seinen festen Händen. Und er greift empor an ihren Armen, faßt sie an den Schultern und ist voll feierlichen Ernstes, als er sie fragt, ob sie diese Stunde nunmehr als Zeitpunkt der Verlobung ansehen wollen. Ein Jubelschrei, ein glückliches Schluchzen löst sich, und sie preßt seinen Kopf an ihre junge, feste Brust. Zwei glückliche, wunschlose Kinder trägt das ,, Pferdi"- so nennt sie seinen Wagen in die verträumte, schlafende Stadt. - ( I 4 I I ( ( I g 1 I a 28 n 1 f r Հ r 9 t FÜNFTES KAPITEL Seit diesem Tage sind Jahre verflossen. In Deutschland sind die Schrecken des Krieges fast vergessen und vor allem die Jugend weiß nicht mehr von dem Leid und Grauen, die dieser Weltenbrand dem eigenen Volk und der Welt brachte, als das, was die zugelassenen Bücher darüber berichten. Eine bis dahin noch nie dagewesene Organisation erfaßt die letzten Kräfte und Vermögensgüter des Volkes, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen und das immerhin als Dumpingmanöver anzusprechende Verfahren, den Goldstandard der Reichsmark abzuschaffen, bewirkt selbstverständlich ein zeitbedingtes Aufblühen des Binnenmarktes und der Inlandwirtschaft, was natürlich auf Kosten des internationalen Verkehrs, des Auslandsmarktes und der Devisenbasis geht. Eine Zeit gebesserter Lebensverhältnisse und eine Periode des guten Auskommens für jeden, der arbeiten will, beginnt. Zwar ist das Lebensniveau nicht mit dem der Vorweltkriegszeit vergleichbar, das als ein ausgesprochenes Wohlleben angesprochen werden kann doch fühlt sich die breite Masse befriedigt und kann manchen Spargroschen erübrigen. Man fühlt sich stark in Deutschland und eine jahrelange, geheime Rüstung begründet mit dem Motto, daß nur ein starker und wehrbereiter Staat den Frieden garantiere und sichere- lassen die Verwaltung wie einst die Kräfteverhältnisse überschätzen und Forderungen und Methoden anwenden, wie sie ein junger, unerfahrener Mann im Bewußtsein seiner überschüssigen Kraft im berauschten Zustande zur Geltung bringt. - - - - Die Auswirkung ist immer die gleiche: Man gibt diesem jungen Manne nach, bis allzugesteigerte Anmaßungen Konfliktstoff schaffen und es zu Verstimmungen und Händel mit dem Angerempelten kommt. Und da man mit diesem jungen Mann in Anbetracht seines Zustandes keine geistige Auseinandersetzung pflegen kann, andererseits seinem Willen aber nun nicht mehr entsprochen wird, kommt es zum Raufhandel. Und so erleben wir 21 Jahre nach dem Verklingen der letzten Detonationen des Weltkrieges wieder eine gewaltmäßige Auseinandersetzung und damit wieder einen Weltenbrand, der in seinen Räumen und Ausmaßen den Krieg von 1914/18 noch übertreffen soll. Und wieder geht eine, Welle maßloser Verhetzung und Irreführung durch das Volk, wieder opfern Millionen Menschen im Glauben an ihr vermeintliches Recht und ihre Ideale oder im 29 Zuge der Pflicht oder des völkischen Zwanges ihr. Leben, ihre Gesundheit, Glieder, Hab und Gut, maßloses Elend hinterlassend. » Billionen- und Trillionenwerte an materiellen Gütern und ein unschätzbares Maß an Kraft, Idealismus, Einsatzbereitschaft, an Glück und Leben werden wieder in diesem menschenunwürdigen Streit vertan. Güter, die wahrhaftig besser für das Leben und als Opfer für(die Schlichtung eines völkerpolitischen Geistesstreites eingesetzt worden wären. Aber wo der Geist begrenzt wird, da herrscht die Faust, die Gewalt. Und hier erweist es sich, daß das Recht des Stärkeren das stärkste Unrecht ist! Wir erleben wieder das grauenhafte Zersetzungsmanöver, die Verfälschung und Umkehrung ordnungsmäßiger und fundamen- taler, kosmischer Begriffe, wodurch Recht in die Gnade oder Willkür des kleinen oder großen Machtbetrauten gelegt ist. Jahr- tausendelang erleben wir nun immer wieder das gleiche Spiel in wechselnden Variationen und die Menschheit scheint weder klüger noch besser geworden zu sein....! Wann endlich kommt die Zeit, da die Menschheit die Kon- sequenz und die Lehre aus ihrer Leidengeschichte zieht? Wann erfüllt uns die Erkenntnis, daß die Gewalt das Gesetz des unver- nünftigen Tieres, Gewaltlosigkeit jedoch das Gesetz der Mensch- heit ist? Und die Tapferkeit des Herzens größer als die des Schlachtfeldes angesehen wird? Ursula befindet sich zur Zeit des Kriegsausbruchs im September 1939 in einem kleinen Landhäuschen am Starnberger See. Monate waren im besten Glück in der westdeutschen Stadt vergangen— Teiten, die alle Wünsche und Sehnsüchte stillten. Gewiß, den Eltern war die neue Verbindung ihrer Tochter mit dem jungen Journalisten sehr lieb, doch fanden sie in ihrer schwerbeweglichen Auffassung die öffentliche Lösung des früheren Verhältnisses um einer vermutlichen Schadenfreude und eines möglichen Klatsches der Nachbarschaft als peinlich. Die Ansichten alter Leute sind vor allem in dörflichen oder kleinstädtischen Verhältnissen sehr eigen. Und so blieb die Verlobung zwischen den beiden nach außen vorerst unbekannt. Doch Berger verlebte seine Nachmittage im Hause oder im Garten oder draußen im westdeutschen Raum mit seiner Ursula. Rolf wußte das Leben immer wieder neu, immer abwechslungsreich zu gestalten.: Wie ein schöner Traum verflossen die Monate. Und wenn er sich.abends gegen 10 Uhr in ihrer Wohnung verabschiedete, hängte sich Ursula bis zur Haustüre in seinen Arm, und es dauerte 30 Dog mon eRmsm Ss u e 1. n n m S St a BS e - r n r n ES r e n n n n es r 1. n n it er er e, ce - immer lange, bis sich die verliebten Leute endlich verabschiedeten. Und dann fragte sie ihn leise zagend und heimlich- ob er kommen werde diese Nacht? Und schnell verabredeten sie die Zeit, da die weit hinten im großen Garten liegende, an einen kleinen Pfad mündende Gartenpforte offen stehen würde. - Und wenn die kleine Stadt im tiefsten Schlummer lag, wenn die Dunkelheit die leeren Straßen und Plätze überdeckte, dann huschte oft eine junge, elastische Gestalt im Eilschritt oder geschmeidigen Lauf im Trainingsanzug über Straßen und Wälle zu dem kleinen Gartenpfad, drückte eine leicht angelehnte Tür auf, verschloß diese von innen und dann riß der junge Mensch die gertenschlanke, wunderschöne Gestalt auf seine starken Arme, trug sie behutsam durch die langen, mit Strauchwerk eingefaßten und mit dichtem Blätterdach überdeckten Wege und über die kleine, steinerne Brücke ans Haus. Er fühlte die Formen und die. Wärme ihres Körpers durch dünnen Seidenstoff, das Hämmern des Blutes in seinen Adern, schloß in überwältigender Süße des Glücks die Augen. Morgens, bevor der erste Hahnenschrei ertönte, war die Gartenpforte meist wieder doppelt verschlossen.. Aber sie schwieg, plauderte nicht über die Heimlichkeiten des jungen Paares, das sich bei jeder Witterung mal vor oder nach der Geisterstunde hier traf, oder doch der Gestalt des jungen Mannes Platz gab, der bald einen eigenen Schlüssel besaß. Köstliche Heimlichkeiten, immer wieder neu, durch äußere Umstände, durch Schwierigkeiten oder Hemmnisse, durch heikle Situationen, für die sie im Bewußtsein ihres Glückes nur ein schelmisches Lächeln fanden. - Und dann fuhr Ursula nach München. Hier lebte ihre Schwester mit ihren Kindern. Als diese Schwester ihren Mann verlor und einen Sekretärinnenposten übernahm, da bat sie Ursula, ihre Kinder in einem wundervoll gelegenen kleinen Landhäuschen mit dem Ausblick auf den Starnberger See zu verwahren. Und Rolf brachte Ursula in seinem Fahrzeug in die nächstgrößere Stadt, von wo aus der D- Zug sie mit ihrem Gepäck bis München durchtragen sollte. Es war ein naẞgrauer Februarmorgen, Nebel und Regen hatten die Straßen schlüpfrig gemacht, als sie die letzte gemeinsame Fahrt mit ihrem Pferdi" machen sollten. Beide waren voll Zuversicht, glaubten sie doch an die Treue des andern. Und bald sollte Rolf ja auch Urlaub bekommen, wollte diesen mit ihr allein- droben im Bayernland- in wundervoller Gegend am Starnberger See, verleben. 81 Und der Sommer kommt und’mit ihm die ersehnte, hohe Zeit. Gemeinsam erleben sie München, die Stadt der Kunst, wandern durch die breiten, schönen Straßen, besuchen die Theater und Kunstausstellungen, fahren dann mit dem Autobus hinaus in die bayrische Landschaft und wandern mit' ihrem Gepäck hinauf auf die sanften Höhen, lassen sich glücklich auf der Holzbank vor dem weißen Landhaus nieder, schauen über den blinkenden See, auf dem die untergehende Sonne ihre silberne Bahn zieht. Die ätherische Bläue des Himmels weicht dem Violett und Rot und Gold der Sonnenfarben. Beide sind gefangen von dem Farben- spiel, das nur in gebirgiger Landschaft die Sonne den Menschen- kindern zeigt. Wie im Fluge vergehen die Tage und Wochen, die ausgefüllt sind mit dem Geschenk köstliher Erfüllung, mit Bootsfahrten auf dem See, Bädern in Sonne, Licht und Wasser, mit weinfrohen Abenden im kleinen Caf& am See, Musik, Tanz, mit nächtlichen Wanderungen und Erlebnissen, in denen die Leidenschaften ihren Höhepunkt finden, dem ganzen Nymbus dieser Erholungszeit in neuer, mit unheimlichen Schönheiten gesegneten Landschaft. Und dann fährt Rolf wieder gen Westen— lebt dem Beruf und der Pflicht und findet nunmehr keine Ruhe, keine Konzen- tration mehr nach dieser köstlichen Zeit. ——_—_— se, ei zn_——-- Es ist Herbst geworden und Herbstreif fällt auf das Gemüt Bergers, als er von Bekannten aus dem bayrischen Dorf Nachricht erhält, daß Ursula sehr häufig mit anderen jungen Männern zusammenlebt, Abende im Caf& verbringt, mit Freunden tanzt, ausgeht, rudert, segelt, reist und Besuche dieser Verehrer in ihrer, von ihr mit.den Kindern allein bewohnten schönen Wohnung empfängt, die er auch aus seinen Mitteln mithilft zu unterhalten. Er hat keine Ruhe mehr, die Eifersucht und Sorge um seine Ursula nagen in ihm, zerren und zerren an seinen sowieso ange- spannten Nerven. Und seine Nervenkraft schwindet auch durch - die Anforderungen des Berufs, durch die politischen Zumutungen, die man an ihn, den geraden, ehrlichen Charakter stellt. Und die Art dieser Zumutungen kommt in seinen Briefen zum Aus- druck, die er seiner umsorgten, leidenschaftlich geliebten Ursula auch in folgenden Sätzen zum Ausdruck bringt, die ihm später zum schwersten Verhängnis werden sollten: RE Ja, jetzt haben wir den verhängnisvollen„Erfolg“, den ich geahnt, und den Ihr— Du, Dein Schwestercren und ihr ärztlicher 32 n je ıf 7 ie d in 1 Freund— Euch alle wegsuggeriertet. Er und Dein Schwesterchen sahen die Wagnisse unseres deutschen politischen Vorgehens leichter an, sie glaubten immer wieder an ein gutes Ausgehen, glaubten nicht an den Wahnsinn, für ein Stückchen Land Millionen Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Man spricht natürlich von nationaler Ehre und anderen schönen und großen Dingen— die die Rüstungsmagnaten immer wieder mit Erfolg anwandten.:; England und Frankreich stehen mit uns im Kriegszustand. Das be- deutet einen langjährigen Krieg! Ich glaube nicht mehr an ein schnelles ‚und gutes Ausgehen und Ende!“Die Grenzstädte Trier, Saarlautern, Saarbrücken, Kaiserslautern, Karlsruhe usw. sind bereits geräumt. Die Männer blieben da, während Frauen und Kinder in das Landesinnere “transportiert wurden. Das geschah schon Tage vor dem französischen Ultimatum und dem der Engländer. Wir hatten also schon damit ge- rechnet. Die Schweiz hat auch mobilisiert, aber wohl nur zur Aufrecht- erhaltung ihrer Neutralität. Kanada und Amerika. scheinen wohl auch noch zu unseren Gegnern zu stoßen. Und dann haben wir den Salat, der nach Jahren ein Ende bringen muß...! Frankreich und England haben die holländische Grenze— entgegen unseren Zeitungsmeldungen— respektiert.... Und ich habe in den letzten Wochen wieder die Qualen erleben müssen, die offensichtliche Lügen dem Volk gegenüber in mir auslösten, in Sturzfluten von Gemeinheiten, politischen Dingen, die wir als Presse- menschen propagieren sollen, obwohl sich der reine Mensch dagegen aufbäumt, weil vieles klar erlogen, falsch, hinterhältig, unmoralisch, gemein und aufhetzend ist... Ich war ein Vorkämpfer für Gradheit, Ritterlichkeit und Ehre. Ich bin schon im Chaos dieser Hitlerschen ‘Politik angefault. Wenn es noch eine Weile so weitergeht und ich noch einige Male„sterbe“, dann werde ich der genialste Propagandachef, der berufenste„Journalist“ nach neuerlicher Auffassung. Der. wertvolle Mensch in mir muß dann aber begraben werden...! Was weißt Du— was wissen Frauen überhaupt von den Methoden der Politik?‘Ich habe in den vergangenen Jahren 16 Monate lang die Vorbereitungen für den Einbruch in die Tschechei verfolgt. Als 1936/37 SA- und SS-Männer Flugblätter über die Grenze schmuggelten, die die Tschechen gegen die Slovaken, die Sliovaken gegen die Tschechen, die Deutschen gegen beide und umgekehrt aufhetzten. Ich habe die soge- nannten Attentate konstruieren gesehen, die die Verhältnisse dort un- möglich machten. Habe dann die einzelnen Phasen der weiteren Ent- wicklung in allen Sparten in sogenannten„Informationen“ des Goebbels- schen Reichspropagandaamtes verfolgt. Und das andere wißt Ihr ja ‚selbst. Wir sind nicht überall jubelnd im Sudetenland beim Einzug begrüßt worden, sondern das besorgte der„Bautrupp“. Es sind auch Flieger von uns abgeschossen worden, aber das weiß das Volk nicht.-- Und dann die brasilianische Geschichte. Erinnerst Du Did, daß unser Gesandter ausgewiesen wurde? Da schrieben unsere Zeitungen 3 Frenk: Im Machtbereich der Gestapo 33 k empört. Niemand der breiten Masse weiß, daß tausende deutsche Farmer Haus und Hof verlassen mußten, weil ihnen nach dem Putschversuch keiner mehr Ware abkaufte nicht einmal die Farmen zu Schleuderpreisen aufkauften und sie von der Auslandsorganisation in der Heimat untergebracht wurden. - - Weißt Du, wir hatten nie Freiwillige in Spanien, nach deutschen Meldungen, bis man zum siegreichen Ende dieses erst zugab! Adolf sagte einst: ,, Es wird nie wieder die Zeit kommen, da Deutsche für fremde Völker die Kastanien aus dem Feuer holen werden." Ich könnte tausende solcher Widersetzlichkeiten aufzählen und gerade im letzten Konflikt. Aber lassen wir das es würde Dir nicht gut tun. - Ihr sitzt als Volk in einem Theater nur die Kulissenschieber schauen auch hinter die Bühne, sehen den Staub, die Schminke und Verlogenheit, den Bluff. Politik ist das Unmoralischste. Sie ist verlogen, gemein, gehässig, falsch, hinterhältig, brutal kurz sie ist unmenschlich! - - - - - Du in diesem Wust in diesem Schmutz der Politik stehe ich mit meinem Beruf als Journalist nein, besser Schreibkuli. Denn von Journalismus ist seit 1935 wenig geblieben. Ich habe Stück für Stück meines Idealismus zu Grabe tragen müssen. Und diese Zeit und diese Zumutungen machen mir als Idealisten das Leben um so schwerer in dieser verlogenen Zeit..." - - - - - - - Ursula hat alle seine Briefe fein gesammelt-sie hängt daran, denn sie enthalten neben den erwähnten politischen Äußerungen in der Hauptsache persönliche Dinge, lebendige Darlegungen seiner Liebe, seiner Leidenschaft, heimischer Neuigkeiten und persönlicher und intimster Geständnisse. Und sie liebt ihren Rolf immer noch doch er läßt sie so lange, lange allein! Und sie hat doch so viel Zeit und wird umworben von jungen, schmucken Männern, voll Temperament und Leidenschaft, voll Kraft und den Eigenarten des bayrischen, heißblütigen Schlages. Und zu ihren Verehrern zählt auch ein Mensch, der eine Adelskrone in seinem Wappen führt, der den Wünschen ihrer romantischen Seele gerecht wird. Er bringt ihr, Trophäen von der Hochwildjagd, erzählt ihr aus dem Leben in Bruch und Heide, verlebt mit ihr Stunden und ganze Abende, bringt ihr Geschenke und füllt ganze Seiten ihres Lebensbuches mit seiner eigenartigen, reizvollen und adelsumwitterten, romantischen Welt. Frühmorgens verläßt er oft ihr Heim. Daneben ist ein anderer junger Mensch in ihren Bannkreis gerückt. Voll Männlichkeit, Forsche, gut gewachsen, Sohn des Bürgermeisters des Ortes. Und 34 dies star obw S in S bem dies nati Man der des ง Ner aus Bra spre er 1 lich stei übe zim Ges fra erw ger leg die gla Alt er Ha Un ge flie ru mi sa jh 8* e - u n f r e d f t t - - dieser nimmt sie die Schönheit des Westens mit männlich starkem Herzen und Armen. Und sie verfällt auch seinem Bann, obwohl sie die Eigenart Rolfs nicht missen kann und will. - Sie schreibt ihm und bittet ihn, eine Position in München oder in Starnberg oder in der Nähe zu suchen. Aber obwohl er sich. bemüht und bewirbt, gelingt es ihm nicht, in wenigen Monaten diesen Wunsch zu erfüllen. Das Leben in Deutschland ist nach nationalsozialistischen Grundsätzen streng in ein Schema gepreẞt. Man kann nicht ohne weiteres wechseln, bedarf der Einwilligung der Betriebsführer oder Chefs und dann der staatlichen Institution, des Arbeitsamtes. So verrinnen Wochen und Monate. Rolf ist am Ende seiner Nervenkraft und begibt sich in ärztliche Behandlung. Er erfährt aus dem bayrischen Dorfe befremdliche Nachrichten über seine Braut. Zwar will er nicht an ihre Untreue glauben und doch sprechen mehrere Briefe von verschiedenen Seiten dagegen. Und er reißt sich los, fährt eines Nachts los und landet nach beschwerlicher Fahrt vor ihrem Häuschen. Sie preẞt- als er aus der Taxe steigt ihre Hände auf das wild pochende Herz ist aufgelöst über den plötzlichen Besuch und will ihn abhalten, das Schlafzimmer zu betreten, in dem nun ein Radioapparat steht- ein Geschenk des Grafensohnes. - - Er setzt sich mit ihr auf die Couch und nimmt ihre Hände fragt sie ernsthaft und eindringlich über die Verhältnisse zu den erwähnten Bekanntschaften. Aber sie bestreitet intimere Bindungen, erklärt das Zusammensein als reine konversationelle Angelegenheit, trotzdem er darauf hinweist, daß diese doch nicht bis in die frühen Morgenstunden dauern. Sie beschwört ihn, ihr zu glauben, bittet ihn, alles zu vergessen und zu vergeben, alles beim Alten zu lassen. Und er bezwingt sich, will ihre Liebe, will sie nicht missen. Und er bittet sie, doch diese Unterhaltungen in Cafés zu führen und das Haus für fremde Menschen tabu zu halten. Sie verspricht es ihm. Und er bleibt Tage, erholt sich obwohl die Zweifel nicht ausgerottet sind. Nachts hörte er Schritte um das Haus streichen, kleine Steinchen fliegen ans Fenster und Ursula schmiegt sich an ihn, will ihn beruhigen. Aber eines Abends kommt Besuch. Herr Graf von X. jun. mit einem frischen Bruch von der Jagd. Rolf reißt sich zusammen, ist freundlich und gesellig und verplaudert mit ihm und ihr die kurze Besuchsspanne. 8* - 85 Noch einmal schlagen die Wogen der Leidenschaft über beide zusammen, noch einmal erleben sie den Zauber dieses gesegneten Landes, dann spannt ihn wieder die Pflicht ein in seinen Beruf. Es vergehen Monate und Ursula verbringt die Weihnachtsfeiertage im Heim ihrer Eltern. Sie besucht Rolf, trotzdem ihre Briefe immer seltener und immer kühler geworden waren. Sie besucht Berger auch im Krankenhaus, nachdem er einen Nervenzusammenbruch erlebte, seitdem er unumstößliche Beweise ihrer Untreue in Händen hatte. - - Er spricht zu ihr, schlägt ihr vor, nunmehr die Verbindung zu lösen. Doch sie will davon nichts wissen, obwohl sie innerlich zerrissen ist. Sie fürchtet seinen Haß, den Umschwung seiner Leidenschaft oder sie will nicht auf ihn verzichten- will vermutlich einen Rückhalt in ihrer gelockerten Lebensauffassung, die der Krieg in abertausendfachen Fällen mit sich bringt. Vielleicht ist ,, es auch die innere Zerrissenheit, die sie unfähig zur Entscheidung macht. Rolf jedoch bleibt unverrückbar bei seiner Auffassung, er ist auch noch zu ungereift und sein Nervenzustand macht es ihm unmöglich, die Angelegenheit ruhig, klar und überbrückend zu behandeln. Er fordert brüsk von ihr eine Entscheidung und als sie ihn weiter hinhalten will, fordert er von ihr unter Zusammenfassung seiner ganzen, restlichen seelischen Kraft die Zurückgabe seiner Briefe und die Lösung des Verhältnisses. Mit dieser Wendung hat Ursula nicht gerechnet, ihre Aufregung findet in einem bösen Nervenfieber ihren Höhepunkt.- Berger hat seit Wochen die clterliche Wohnung nicht mehr betreten und versucht, sich mit der Trennung abzufinden. Er hat das Krankenhaus längst verlassen und geht lustlos seinem Beruf nach, den er nunmehr auch ohne Liebe und Konzentration ausfüllt. Und da erscheint eines Nachmittags die Mutter Ursulas in seiner Wohnung, bittet ihn, die Freundschaft mit ihrer Tochter zu erhalten und Ursula zu besuchen, die sehr krank darniederläge.- Und wieder bricht die ganze Liebe zu diesem Weibe durch. Er gibt nach und besucht sie täglich- und als es ihr wieder besser und besser geht, schlägt erneut die Flamme der Leidenschaft hoch. Sie besucht ihn täglich in seiner Wohnung und versucht immer wieder, eine Stellungnahme von ihm dahingehend zu erhalten, daß er ihr die Freundschaft erhalte, auch wenn sie die Verlobung gelöst hätten. 36 B zuer bei i es nu Ursu bleib IT ihre blieb liche ande kann Strel U See feuri das. A schaf Dur Adre E Teil Brief eine er de N letzt auf setzt See, Alko C seine und Ause sie I Toch U Unr wuß Berger war noch zu jung, um die Möglichkeit dieser Form an- zuerkennen. Für ihn gab es keine Kompromisse, wie es sie auch bei ihm in beruflicher Hinsicht nicht gab. Er erklärt Ursula, daß es nur ein Zusammenstehen oder eine Trennung gäbe. Und weil Ursula ihn nicht verlieren, ihn behalten, ja liebbehalten will, so. bleibt der Umgang im gleichen Rahmen wie früher. Und so nahm Rolf an, daß alles beim Alten bliebe— daß sie ihre Verbindungen in Bayern lockern würde, zumal er bestrebt blieb, seine Versetzung durchzudrücken. Er selbst mied jede fest- liche Veranstaltung, soweit es sich beruflich machen ließ. Er war anderen Mädchen und Frauen gegenüber, die ihn von früher kannten und gern hatten, kalt und frostig. Seine Welt— sein Streben— seine Hoffnung war und blieb Ursula! Und Ursula knüpfte derweil im Kurörtchen am Starnberger See die alten Verbindungen wieder an, ließ sich vor allem mit dem feurigen, draufgängerischen„Dickel“ ein und schenkte ihm nun das. was einst dem ersten, wahrhaft geliebten Menschen gehörte. Auch Rolf hatte in dem gleichen Ort, durch kurze Bekannt- schaften begründet, Verehrer unter der weiblichen Frauenwelt. Durch sie erfuhr er von dem Treiben seiner Braut, erfuhr er die Adressen alter, zuverlässiger Augenzeugen. Er holte sich im Elternhaus seiner Braut den dort liegenden Teil seiner Briefschaften zurück, entdeckte darin unversehens den Brief eines weiteren Freundes seiner Braut und erkannte daraus eine weitere absolut erwiesene Untreue zu einem Zeitpunkt, bevor er den ersten Urlaub mit ihr am See verlebte. Nun war der Schlußstrich für Rolf gezogen. Tiefinnerlich ver- letzt, empört über eine derartige Handlungsweise, setzte er sich auf re Bahn und reiste— ohne die Genehmigung seiner Vorge- setzten erwirkt zu haben— über München an den Starnberger See, logierte sich in einem Restaurant ein und versuchte durch Alkohol seinen inneren Aufruhr zu betäuben. Getrieben durch seine leidenschaftliche Natur— getrieben von seinem verletzten Gefühl, stieg er die Hügel hinan zu ihrem Heim und fand bei ihr ihre Mutter, die sich— in Furcht vor heftigen Auseinandersetzungen, vermittelnd ins Zeug legte. Aber Rolf wies sie mit knappen Worten zurück und erklärte ihr, daß er ihrer Tochter nur wenig und Sachliches zu sagen habe. Und dann saß er ihr gegenüber. Beide bezwangen ihre innere Unruhe und Not, und Rolf sagte mit knappen Worten das, was er wußte, warf ihr auch die letzten Erfahrungen in sachlichster Form, 37 aber schonungslos und offen vor, und wies auf Bilder hin, die als Beweis in seine Hände gekommen waren. Nun sah sie, daß das Spiel endgültig mit ihm verspielt war, empfand nur Angst, daß ihre Handlungsweise bekannt und ihre gesellschaftliche Stellung im Ort unmöglich gemacht werden könnte. - - her gell Frü den kle Frü wed Son diese den Ein plu Er empfand diese Gedankengänge, zumal sie sich auf Bitten und Flehen und mit Drohungen, daß sie seine politischen Äußerungen weitergeben würde, für die Herausgabe der Bilder und Unterlagen einsetzte. Und dieser materielle Gedankengang wenig zur Schau getragene Erschütterung über ihre Handlungsweise erbitterte ihn derart, daß er sich grußlos wandte und einen ihrer neuen Freunde aufsuchte und sich mit diesem und dessen Eltern ausgiebig aussprach. Die in seinem Besitz befindlichen Bilder zerriß er bei einem Gang durch die stürmende Natur, warf sie in kleinen Fetzen in den See und den Wind. Nun war es doch geschehen, das was sie befürchtet sie war kompromittiert! Und Rolf schämte sich seines Hasses, bereute die Impulsivität seiner Handlung, seine Extremität statt gütig zu sein und auf edelste Art zu resignieren. - Ursula war ratlos, rief telegrafisch ihre Schwester aus München heran, die auch den einen Teil seiner Briefschaften mitbrachte, in denen die bereits zitierten politischen Äußerungen über die Politik und die Kriegsvoraussetzungen enthalten waren. Sie berieten sich mit dem neuen Geliebten Ursulas, dem Bürgermeisterssohn, der nun diese Unterlagen der Gendarmerie übergab. Und nun wanderten diese Unterlagen in die Hände der Gestapo. Der Draht spielte und bald lagen die Anweisungen für die Herren Gendarmeriebeamten vor. - - - Rolf Berger stand inzwischen auf dem weit in den Starnberger See hineinragenden Landungssteg und wartete auf das planmäßig verkehrende Dampfschiff, um seine Heimreise anzutreten. Er hatte nun im Innern Klarheit geschaffen, hatte die Konsequenz gezogen, aus der es kein Zurück mehr gab. Und diese Entscheidung war ein seelischer Operationsschnitt, der gewiß furchtbar wehe tat, der aber Genesung verhieß, während die Geschwulst der Zerrissenheit, der ständigen Eifersucht, der inneren Verletzung sicheres seelisches Siechtum bedeutet hätte. Tief auf atmete Berger, zog den würzigen Duft ein, den der Wind und die Wellen des Sees herantrugen. Seine Augen weideten sich an dem frischen, jungen Grün, das die warme Maiensonne 38 wir und bej zur nac erk Fer kön sche Läd den ger Ge ihm an weg daf So ,, K ja fon ls as - 2 80 en コー ゴー se S- d hervorgebracht hatte, folgten dem schaukelnden Flug weißer und gelber Schmetterlinge. Er hörte das erste Bienengesumm in diesem Frühling. Hier merkte man nichts von dem Krieg, der zwischen den westlichen Kulturvölkern tobte. Das Sonnenlicht säumte die kleinen Wellen des Sees silberhell ein, während sich über all der Frühlingspracht ein hellblauer Himmel spannte. Rolf ist in diese wechselnden Bilder versunken und gerade bewundert er die im Sonnenlicht aufglänzenden, schneebedeckten Kämme, als das Friedensidyll durch ein häßlich dröhnendes Geräusch gestört wird: Ein Bombengeschwader zieht hoch über ihn hinweg, schwer und plump, seine Bahn. Es ist Krieg. - d 1- r, ar e u n n k h er 0. n er g Ee e- g t, - g er n Le SECHTES KAPITEL ,, Verzeihung!- Sind Sie Herr Berger?" Mit diesen Worten wird Rolf aus seiner Versunkenheit gerissen. Er dreht sich um und vor ihm steht ein bleichgesichtiger Gendarmeriebeamter. Er bejaht die ihm gestellte Frage und der Beamte bedeutet ihm, mit zur sogenannten„, Wache" heraufzukommen. Auf Bergers Frage nach der Ursache dieser Einladung weicht der Beamte aus und erklärt, daß die von ihm beabsichtigte Abreise mit dem in der Ferne sichtbaren Dampfer bestimmt nicht mehr vonstatten gehen könne. Und dann wendet sich der Beamte einem heimischen Burschen zu, der bisher abseits gestanden hatte und mit hämischem Lächeln diese Verhaftungsart verfolgt hatte und veranlaßt ihn, den Koffer Rolfs auf die Polizeistelle zu tragen. Und Rolf erkennt: Das ist ja einer der hiesigen Freunde seiner gerade verabschiedeten Braut. - Also daher weht der Wind! Trotzdem hat Rolf ein ruhiges Gewissen, denn er denkt nicht im entferntesten daran, daß man ihm gerade ein politisches Vergehen vorwerfen würde, dachte eher an eine Beleidigungsangelegenheit oder ähnliches. Er ist keineswegs aufgeregt, nur neugierig, erstaunt und ein wenig ärgerlich, daß er den einzigen Dampfer des Tages dadurch verpassen muß. So betritt er das Polizeibüro im Hause des Dorfschulzen. Der Herr ,, Kommissar", lamettastrotzend- Uniformen und Abzeichen sind teleja eine besondere Schwäche des Durchschnittsdeutschen foniert gerade mit seinem Vorgesetzten und setzt seinen massigen - 39 Körper vor dem schwarzen Telefonkästchen in eine dienernde Bewegung als wenn dieser die Verkörperung des Gewaltigen am andern Ende der Strippe ist. - Das scheint ja heiter zu werden, denkt Rolf.- Der Kommissar hat seine Instruktion vom Landrat, als dem Beauftragten der Gestapo, erhalten. Und nun ist man soweit, daß mit der Feststellung der Personalien begonnen werden kann. Mit den Erklärungen des Verhafteten steigt die Höflichkeit der Beamten, was Rolf mit stillem Vergnügen feststellt. Auf seine erneut gestellte Frage, weshalb es zu dieser Einladung gekommen sei, beginnt die Vernehmung: ,, Haben Sie vor drei Monaten diesen Brief an die Schwester Ihrer Braut geschrieben?" Der Gefragte will sich das Schriftstück einmal näher besehen, was der Beamte aber ängstlich verhindert. - ,, Nein, was die bayrische Polizei einmal in Händen hat, das gibt sie nicht mehr her", meinte er. Rolfs mokantes Lächeln vertieft sich: ,, Dann muß ich mich ja auf allerhand gefaßt machen", meinte er. Und Rolf erklärt dann, daß er ahnungslos verhaftet worden sei und nicht verpflichtet wäre, Aussagen vor der Polizei zu machen, zumal man ihm ja nicht klipp und klar die Gründe seiner Festnahme sage. Als nun darauf der Kommissar einen geistlosen Vortrag über die Vorzüge der bayrischen Polizei im allgemeinen und besonderen beginnt, wird es Rolf zuviel und er macht um den Geschichten zu entgehen- kurze Angaben zu den gestellten Fragen.„ Ja“, meint daraufhin der Beamte ,,, dann haben Sie mit dieser Kritik gegen das ,, Heimtückegesetz" verstoßen." - ,, Das ist albern oder faul", denkt Rolf, denn er glaubt immer noch, trotz aller gemachten Erfahrungen und erlebten Enttäuschungen der letzten Jahre, an eine gewisse Freiheit und ein primitives Recht des Volkes und ist von einer schnellen Klärung dieser Angelegenheit zu seinen Gunsten überzeugt. Hatte er nicht seine Pflicht auch in diesem Staat getan, hatte er nicht geschuftet und gearbeitet, hatte er denn öffentlich gegen diesen Staat rebelliert? Nein, er kennt die Gesetze ziemlich genau- doch keines hat er übertreten! Selbst wenn er Äußerungen der Kritik in seinem Verwandtenkreis tat, so war das selbst kein Verstoß gegen dieses Sondergesetz vom 20. Dezember 1934 zum Schutze von Partei und 40 40 F G B A U 1 de en m fit e- ut ei, er te en n, st- nd en en it Führern und Einrichtungen von Partei und Staat. Aber kleine . Götter regieren nach eigenem Ermessen. Und so merkt Rolf mit Befremden, wie dieser„Teilhaber“ an seiner„Exbraut“ sich im Arbeitszimmer wie daheim benimmt. Er ist ja auch der Sohn des Dorfschulzen. Ungeniert duzt er die Beamten, schaut in Akten und weidet sich an diesem Possenspiel.„Heilige Justitia— Göttin der Gerechtigkeit“— denkt Rolf—„man hat Dich wohl hier gepachtet?“ "Rolf weiß nicht, ob er lachen oder toben soll, als ihm die vor- läufige Festnahme verkündet wird. Also: Eine Denunziation ge- nügt im Hitlerstaat, um einen Menschen monate-, ja oft: jahre- lang— bei diesem schleppenden Justizgang— in Untersuchungs- haft zu bringen, oder, wenn der Mensch noch unschuldiger ist, wenn man keine handfesten Beweise hat, in das Konzentrations- lager zu schaffen. Und mit der Freiheit— so muß RoH es nun erkennen, werden seine Rechte genommen. Nach der Gepäck- durchsuchung, nach Aufnahme der Fingerabdrücke für das poli- tische Verbrecheralbum, fährt der neue Freund seiner Exbraut den Gemeindekraftwagen— einen klapprigen Ford— vor. Und dann steigen Berger, ein Beamter und der neue Freund in. das_ Fahrzeug, das die Drei in die Kreisstadt Wolfratshausen bringt. Vor einer hohen, weißgetünchten Mauer hält der Wagen. Berger erkennt das Kreisgefängnis und atmet noch einmal tief den würzigen Ruch des Frühlings ein, und nach einem allesum- spannenden Blick geht es durch die schwere Eichenpforte der dicken Gefängnismauer. Kühle Dämmerung herrscht im Empfangs- raum‘ der Anstalt. Nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, kann Rolf den Kerkermeister beaugenscheinigen. Es ist ein Riesenexemplar mit„Händchen“, die mit Hackbrettern verglichen werden können. Das Gesicht kündet weniger von Geist als von Gutmütigkeit trotz der martialischen Amtsmiene.‘ Erfreut stellt Rolf gleich bereits fest, daß dieser Mann kein 150prozentiger Weltanschauungsträger dieses Systems ist. Und dann macht dieser Riesenmensch seinen Mund auf und der später oft gehörte Einleitungssatz, der sich wegen seiner Originalität fest in das Gedächtnis Bergers einprägte, hallte durch den Raum: „Ja, wie schon gesagt, das sind mal nu so Verhältnisse....“und ‚dann folgt erst das, was dieser Mann zum Ausdruck bringen will. Zum stillen Vergnügen Rolfs zeigt Herr Verwalter. R. ihm gegen- über eine gewisse Unsicherheit, gemischt mit Sympathie. Diesem a Häftling— so denkt er sich wohl—'sieht man offensichtlich seinen Abstand vom Verbrechertum an. Und nachdem er sich in kurzen% Zügen den„Vorgang“ von Rolf hatte erklären lassen, da legen sich seine martialischen Züge im Lächeln zu ziehharmonikagleichen Falten und weisheitsvoll klingt es dann von seinen Lippen durch den kühlen, kahlen Raum: „Ja, ja, die langhaarigen Weiber...!“ ‘ Der Häftling Berger muß alle Wertsachen, alle Papiere, kurz den ganzen Inhalt der Taschen abgeben, er behält lediglich ein 'Taschentuch. Ja sogar die Kravatte ist nicht einmal gestattet— zur eigenen Sicherheit— denn man könnte sich daran ja mal auf- hängen. Durch mehrere dickbohlige, eisenbeschlagene Eichentüren geht es dann in die Zelle. Es ist hier so kühl, daß Rolf in seiner leichten Sommerkleidung friert. Das kleine, doppelvergitterte Fenster läßt nur wenig Licht herein und die gekälkte Wand läßt den„Salon“ noch ungemütlicher erscheinen. Zwei festverschraubte Holzpritschen stehen an den Wänden. Auf einer sitzt der„Kollege“, dessen „Verbrechen“ darin besteht, daß er durch einen Sturz mit seinem Motorrad den Verkehr gefährdete, wobei der den Fall aufnehmende Beamte einen leichten Alkoholgeruch bei dem Genannten verspürte. Zwei Baumwolldecken und eine steinharte Matratze bilden das Nachtlager. Die hygienischen Zustände sind asiatisch schön. Ein in der Ecke stehender Zinkkübel dient der Notdurft und der an- dere Leidensgenosse in der Zelle hat Jeweils das zweifelhafte Ver- gnügen, vom Anblick der körperlichen Entleerung des Partners entzückt zu werden. Und dann hängt der Duft dieses Vorgangs stundenlang in diesem dunklen, muffigen Raum, da das kleine. Lichtloch kaum einen Abzug der„Frühlingsdüfte“ zuläßt, Und in dieses Milieu wird durch die„Futterluke“ das Abend- essen hereingereicht. Nie im Leben hat Rolf eine solche Kost, wie diese, vorgesetzt bekommen. Er riecht daran, schüttelt sich und legt sich auf das harte Lager. Aber nach zwei Fasttagen sind Ekel, Geschmack und ästhetisches Empfinden vom Hunger und der Not dieser Umgebung besiegt. Das Essen ist so wasserreich und nah- rungsarm, daß die Häftlinge wegen der Nierenfunktion keine Nacht durchschlafen können, sondern den besagten Kübel in der Ecke in Anspruch nehmen müssen. Nach 14 Tagen hat man ein regelrechtes„Sodbrennen“ ‚in, den Knien. Schwäche aus Unter- ernährung. Wenn Rolf nicht in der Folgezeit von Verwandten 42 en en en en ch TZ in 214 f- ht en Bt 66 en n m le e. s n - - S S e. und Bekannten Lebensmittelpakete mit dem Recht als Untersuchungsgefangener hätte empfangen dürfen wer weiß- ob er die späteren Strapazen alle überstanden hätte. Jeder Tag in diesem feuchten Loch wird zur Qual. Schusterspinnen bevölkern den ,, Salon" und dienen mit ihrer Fliegenjagd der Unterhaltung. Aber eines muß Rolf anerkennen: Die politische Einstellung des Verwaltungsbeamten dieser kleinen Anstalt ist neutral und in Ordnung. Er ist kein Nazifreund, sondern er hegt die gleichen Ansichten wie Rolf, mit dem er sich während der Ausgangszeiten gern unterhält. Inzwischen hat Rolf ungezählte Briefe an die Anwaltschaft geschrieben, damit sein Fall baldigst geklärt und er schnellstens in Freiheit gesetzt wird. Aber Wochen und Monate vergehen in wachsender Wartequal; nichts geschieht, ja selbst nach Wochen der doch immerhin erst kommt der herzitierte Rechtsvertreter - eine ganze Stange Geld durch seinen Einsatz verdient. Rolf ist physisch vollkommen heruntergekommen und ein Rückschlag in die alte Nervenkrankheit bleibt nicht aus. Da beantragt Rolfs Anwalt die Unterbringung Bergers in die Krankenabteilung einer Münchener Gefangenenanstalt. Er tut dies aus mehreren Gründen: Einmal, um Rolf eine bessere Pflege und Kost angedeihen zu lassen, war er doch aus einem Erholungsurlaub nach einer Nervenkrankheit verhaftet worden, zweitens: kann er Rolf besser und schneller aufsuchen, da er in München wohnt, und drittens: besteht die Möglichkeit, Rolf auf seinen Nervenzustand untersuchen zu lassen, was bei der Aufrollung des Falles dann mit in Erwägung gezogen werden kann. - - H t SIEBENTES KAPITEL In München besteht ein gestaffelter Transportverkehr zwischen den fünf oder mehr großen Gefangenenanstalten. Transportmittel sind ein paar Lastkraftwagen mit lauter kleinen Zellen, in denen gerade ein Mann aufrecht stehen kann, wenn er die Hände lang herunterstreckt. Die Häftlinge nennen diese Vehikel„ Zeisigwagen", weil sie sich wie gefangene Zeisige darin vorkommen. Mit diesem modernen Transportmittel nazistischer Zwangsjackenund Zwangszellenpolitik wird auch Rolf zunächst zur Anstalt 43 ,, Neudeck" und von hier schließlich in das berühmte ,, Stadelheim" geschafft. Und Berger denkt, wenn mit diesem Fahrzeug etwas passiert, dann sind sämtliche Menschen in den Kästen unverantwortlicherweise einem bösen Schicksal ausgeliefert. Zwei der Zellenwagen brausen nun in einen weiten, grauen Hof des berüchtigten Stadelheimes in München. Die Käfige werden geöffnet und die Vögelchen" es sind Männer und Frauen werden mit dem hier herrschenden Schnauzton auf schnellste Weise in den Aufnahmeraum dirigiert. - 99 - - - - - Brutal werden alle Gefangene aufgefordert, sich sofort zu entkleiden. Alle Zivilkleidung oder auch Anstaltskleidung 1st hier abzulegen. Splitternackt haben sich die ,, Neulinge" von allen Seiten bemustern zu lassen, denn vielleicht könnte der eine oder andere in irgendeiner Hautfalte oder sonstwo wer weiß einen Befreiungsgegenstand, eine Feile, möglicherweise auch eine Waffe einschmuggeln. Nachdem auch Rolf, dem das Blut bei dieser Zumutung in die Schläfen steigt, diese peinliche Situation überstanden hat, bekommt er trotz seines Protestes und dem Hinweis, daß er noch Untersuchungsgefangener sei, Anstaltskleidung. Es wird ihm bedeutet, daß jeder-ob Schutz-, Untersuchungsoder Strafgefangener zur Arbeit verpflichtet ist. Und die soziale Einstellung des Hitlerstaates geht sogar so weit, daß dem Häftling für eine zehnstündige Arbeitszeit bei Erreichung des vorgeschriebenen Pensums pro Tag 6 bis 10 Pfennige Arbeitsverdienst gutgeschrieben werden. - - - Es ist die modernste Art der Sklavenhaltung, weshalb auch die Anstalten im nationalsozialistischen Deutschland stets bis zum letzten Platz gefüllt bleiben und sich das Gerichtswesen wie man später sehen wird entsprechend gestaltet. Antragsgemäß wird Rolf in die psychiatrische Abteilung untergebracht, womit Rolfs Anwalt tatsächlich eine Erleichterung der Gefangenschaft für seinen Klienten erreicht. In dieser Abteilung erfolgt wiederum eine Untersuchung im paradiesischen Zustand, wonach Rolf Gelegenheit findet, sich unter der Belegschaft dieser Abteilung umzusehen. Sein Blick gleitet über manche intelligente, meist aber stumpfe, tierische Gesichter von Voll- oder Halbidioten, er sieht Psychopathen aller Art, aber auch hochgeistige Züge nervenkranker Menschen. Ein Glück, daß Bergers ästhetisches Gefühl bereits vergewaltigt und abgestumpft ist, denn was er nun hier in den nächsten Wochen erlebt, ist grauenhaft und gräbt sich unauslöschbar in sein Gedächtnis ein. 44 Zunächst erhält er von einem Aufseher sein Lager zugewiesen. Er hat Glück, denn neben ihm liegt ein junger Abiturient, dem eine Urkunderfälschung zur Last gelegt wird und dem sein An- walt ebenfalls eine Erleichterung durch diese Anstalt verschaffen will. Von ihm erfährt Rolf,. daß der vorherige Benutzer dieses Bettes vor drei Tagen in die Todeszelle geführt und am Vortage gegen 5 Uhr hingerichtet worden sei. Sein Verbrechen war ver- suchte Notzucht während der Verdunkelung an seiner ehemaligen Geliebten. Kriegsgesetz!— Ein leichtes Gruseln schüttelt Rolf in dieser Umgebung. Die Nächte sind ein Zwitter zwischen Wachen und Schlaf. Zwei Beämte bewachen bei wenig abgeblendetem Licht diesen Saal: Hier springt ein Mensch aus dem Bett und tobt, dort hat einer eine Vision, die er laut begutachtet, jener verrichtet seine Not- durft ins Bett oder hinter irgendeinem Vorhang auf den geboh- nerten Boden,- wobei er möglicherweise noch in Ohnmacht fallt, dann brüllt ein anderer im Wahn— kurz: jeder Tag, jede Nacht, jede Stunde ist ein verwirrendes Drama menschlichen Elends.- Heute unterhält sich Rolf mit einem„gedächtnisschwachen“ Verbrecher, dem nach Wochen der Kopf wegen Betruges und irgendeinem Kriegsverbrechen zwischen die Füße gelegt wird und der doch vorgab, ein anderer. zu sein als der wirklich Beklagte. _Jener alte und wacklige Greis, der das Anstaltsfutter halb verstreut und halb in den Mund zittert, und dabei gleichzeitig seine Notdurft verrichtet, soll ein Brandstifter sein. Auch hier beendet das Fallbeil ein menschliches Elend. Neben körperlich Verwachsenen und anderen Jammergestalten, den Syphilisverdächtigen und Geisteskranken leben nun normale und hochgeistige Menschen, hohe Geistliche, Diplomlandwirte, Doktoren, Angestellte usw., die ihren Nervenzustand begutachten lassen sollen. Auch hier— wie überall— sind die meisten der‘ intelligenten Gefangenen wegen politischer Delikte verhaftet, zu einem kleineren Teil auch wegen sittlicher Vergehen. Bergers Aufenthalt in dieser Abteilung dauert sieben Wochen. Die Kost ist gerade ausreichend. Die Gefangenen brauchen hier nicht zu arbeiten, sondern dürfen lesen oder Gesellschaftsspiele - durchführen. Sie haben helle Aufenthaltsräume, die allerdings vergittert sind. Und auch.die Beamten sind ruhige, ausgesuchte, sachliche Menschen, die eine schwere Aufgabe zu erfüllen haben. Rolf hat mit einem nähere Bekanntschaft geschlossen— ein Mensch, dessen Auffassung demokratisch ist und der Berger heim- 45 lich verständnisvoll die Hand drückt. Ja, selbst ein langaufgeschossener Beamter, der das Parteiabzeichen trägt, schüttelt beim Durchlesen der Akten Bergers den Kopf und bringt diesem sein persönliches Mitempfinden und seine Sympathie zum Ausdruck. In den sieben Wochen bricht Rolf zweimal wegen der gehaltlosen Ernährung und der ganzen Umstände zusammen. - Aber es wird keine Rücksicht genommen. Nach der siebenten Woche muß Berger wieder in den ,, Empfangsraum" muß sich wieder umkleiden um grobere Arbeitssachen zu empfangen. - Und dann erfolgt seine Unterbringung im ,, Neubau" des Stadelheims. War für Rolf der Aufenthalt in den lichten Räumen der psychiatrischen Abteilung trotz aller Umstände noch erträglich, so löst die Unterbringung in eine der Einzelzellen des Neubaues ein physisches Unwohlsein bei ihm aus. Obwohl er trotz der von Verwandten eintreffenden Nahrungsmittel in diesen Monaten ungefähr 25 Pfund Gewichtsverlust erleidet, obwohl er bereits zweimal aus Schwäche zusammenbrach, führt er als Protest gegen diese Behandlung, gegen die Verschleppung seines Verfahrens, einen Hungerstreik durch. Zehn Tage qält ihn der Hunger, peinigen ihn die Abteilungsbeamten, zehn Tage lang ringt er gegen den Lebenserhaltungstrieb, ringt mit seinem Willen, bis ihm am zehnten Tage zwangsweise der Magen mit flüssiger Kost gefüllt wird, nachdem man ihm mit Gewalt den Kiefer aufgedrückt hat. - - schleppt sich Rolf will das primitivste Recht eines Beschuldigten erzwingen: Eine schnelle Möglichkeit der Verteidigung oder der Urteilssprechung. Er glaubt noch an ein fundamentales Recht bis er über das ,, Recht" im Nazi- Staat eines anderen belehrt wird. Er sieht ein, daß sich nichts erzwingen läßt Wochen in großer Schwäche hin. Geht dann die Zelle auf und ab, vier Schritte lang, zwei Schritte breit, suggestive Tätigkeit hebt die innere Unruhe auf. Und dann gibt es Arbeit. Zunächst einige Wochen Tütenkleben und dann wochenlang ein Zertrennen militärischer Ausrüstungsstücke, wie Satteltaschen, Beutel, Tornister und anderes aus dem in Frankreich, Belgien, Tschechei oder Polen gemachten Beutegut. Weitere Wochen werden mit der Fertigstellung von Verwundetenzetteln für die Kriegsorganisation verbracht. Die Stanzung von Anhängern für Kampfstoffverletzte läßt gewisse Schlüsse auf kommende, vielleicht noch anzuwendende Kampfmethoden zu. Rolf ist als Geistesarbeiter erkannt und aus Gehässigkeit holt man ihn, den körperlich Schwächsten, zum Entlehren der Not46 du he Ze Ti be lee Sy er Qu die W ge Da Ba Be Ge ta Κο sa zu ge zu Ro St la im fra D do F de de W ge m ist W K t 1 durftkübel, zum Essentragen oder zu Hausarbeit schwerer Art heran. Nebenher hat er noch sein Tagespensum in seiner offiziellen Zellenarbeit zu erledigen. Mit Wonne sehen die hier amtierenden Tierbändigernaturen zu, wie er sich mehr oder minder geschickt beim Putzen, Schrubben, der Zellenreinigung oder der Kübelentleerung benimmt. Seine Achtung vor dem einmal bestehenden System wird naturgemäß in einen furchtbaren Haß gewandelt. Er erweist diesen rohen Naturen den Gefallen nicht, zeigt nicht seine Qual, beißt die Zähne zusammen in dem Bewußtsein, daß auch dieses nur ein Uebergang ist wenn nicht vielleicht der letzte. Würde er Schwächen zeigen, diese Tiere würden neue Demütigungen erfinden, um sich an seinen Leiden zu weiden. - Alle acht Wochen gibt es ein Brausebad von zwei Minuten Dauer für die Gefangenen, alle 14 Tage wird der wild wuchernde Bart maschinell geschoren und alle vier Wochen gibt es reine Bettwäsche. Damit scheint der Gesundheitspflege und Hygiene Genüge getan zu sein. 99 Während der zehn- bis elfstündigen Arbeitszeit gibt es dreimal täglich eine Kost, bestehend aus insgesamt drei Schnitten trockenen Kommisbrotes und zwei Dünnsuppen. Letztere sind in der Hauptsache aus Wasser und nochmals Wasser, Steckrüben und Kartoffeln zusammengestellt. Selten gibt es ein Stückchen abgekochtes, ausgelaugtes Fleisch dazu, denn die erste Bouillon kommt den Kranken zugute oder der Kantine, während der„, Gesunde" nie mit dem Rohstoff Fett in Berührung kommt. Es entspricht ja auch dem Staatsprinzip, alle Staatsfeinde zu vernichten. Klüger als auf diese langwierige Weise, wodurch man die Arbeitskraft bis zur Neige im Frondienst ausnutzt bei einer Kost, die kaum zum Schweinefraß zu verwerten wäre, kann man dieses Prinzip nicht gestalten. Die fünf oder sechs Pfennige Verdienst bekommt der Häftling doch nur in den wenigsten Fällen ausbezahlt weil er selten die Freiheit wiedersieht. Wer sein Pensum nicht erreicht, wer nicht sorgfältig arbeitet, der hat einen Prozeß wegen Arbeitssabotage zu erwarten. Berger, dessen Nervensystem durch die Krankheit schwer gelitten hat, was nun durch den Aufenthalt und die Behandlung keineswegs gebessert wird, hat in letzter Zeit sehr viele Anranzer einstecken müssen, wobei er, an allen Gliedern aus Wut zitternd, versucht ist, sich auf seine Peiniger zu stürzen. Er wäre jedoch kaltlächelnd wegen Widerstandes erschossen worden, wie es dem Kameraden Koch am 30. April 1941 erging, den Rolf in dieser Anstalt kennen47 gelernt hatte. Koch gehörte vor der Machtübernahme einer radikalen Partei an und mußte dafür mehrere Jahre im Konzentrationslager Dachau büfen, worauf er im Rahmen einer„, Bewährungszeit" in ein Münchener Werk dienstverpflichtet wurde. Als Koch nun über die Ausnutzung zu anderen Kameraden sprach und seine Arbeit mit Lässigkeit verrichtete, wurde er wegen Arbeitssabotage und Vorbereitung zum Hochverrat erneut zu elf Jahren Zuchthaus verurteilt. Koch, sonst ein sehr ruhiger, klardenkender und selbstbeherrschter Mensch, kann nach Auffassung Rolfs nur durch eine schikanöse Peinigung bis aufs Blut zu einer Auflehnung veranlaßt worden sein. Die SS. beförderte ihn kurzerhand durch Erschießen sins Jenseits. Koch vermied es damals ängstlich, über Dachau und andere KZ.- Läger und deren Verhältnisse zu sprechen. Später, als man sich länger kannte, erklärte er, daß er mehrere Reverse habe unterschreiben müssen, womit er sich verpflichtete, über die Vorgänge im Lager keineswegs zu sprechen. Und doch vertraute er Rolf manches aus diesen ersten Konzentrationslägern des Hitlerstaates an. Berger schüttelt sich vor Grauen, wenn er an diese Schilderungen. denkt, an die sogenannten Badestunden für Juden, in denen diese in einzelnen Gruppen ihre Kleider in einem Vorraum einer großen Baracke ablegen mußten, um dann splitternackt in den sogenannten Duschraum zu gelangen, statt Wasser strömte aus den Brausen und aus den Ventilen am Boden komprimiertes, tödliches Gas in den hermetisch abgeschlossenen Raum, alles Leben in der Baracke erstickend. Lastwagen transportierten dann die toten Körper zu den Krematorien. Zu diesen Verladearbeiten. holte man vielfach Angehörige der ,, asozialen Elemente", die einen grünen Winkel am Arm trugen, und die für eine Verpflegungsaufbesserung bereit waren, diese Schauderarbeit zu erledigen. Und Koch schilderte noch viele andere Dinge die Rolf die Scham darüber in die Wangen trieb, daß Deutsche, angebliche Kulturmenschen handeln konnten. Rolf schämte sich, Angehöriger einer Nation zu sein, die solchen Kannibalismus ,, im Namen des deutschen Volkes" trieb. - - Nun ist Koch tot und sein Mund schweigt für immer werden einst andere Zeugen für ihn aufstehen. - sch sta in Ein ger gib Ha Sch ko Bri übe WO reil wis auf Pal und geg ohr find auf jen dur Bri nic sog zug die SO ihr der ver - doch Sch ung aus un 48 4 F t- ACHTES KAPITEL Das selbstverständliche Recht eines Angeklagten ist es, sich schnellstens und ausreichend verteidigen zu dürfen. Im Hitler- staat gibt es dieses nicht. Rolf ist nun bereits über sechs Monate in Untersuchungshaft. Er schreibt sich die Finger wund, richtet Eingaben an die Oberstaatsanwaltschaft und das zuständige Sonder- gericht mit der Bitte um Beschleunigung seiner Angelegenheit, er gibt Referenzen an, damit man sich ein Bild über seine sonstige Haltung machen ne ‚Keine der amtlichen‘ Stellen antwortet. Schreiben an ihm bekannte Persönlichkeiten und gute Freunde kommen nicht an, ja selbst Einschreibbriefe gehen'mit ungezählten Briefen„verloren“. Monatelang bleiben die Angehörigen Bergers ohne Nachricht über den Verbleib seiner Person. Rolf könnte Bücher schreiben, wollte er alle dieSchikanen aufführen, die sich täglich aneinander- reihen, ganz zu schweigen von den persönlichen Verstößen ge- wisser, Beamten gegen die sogenannten Vorschriften, die nach, außen einigermaßen den Anschein eines klaren Rechts vortäuschen. Pakete werden'häufig ohne Hinzuziehung der Empfänger geöffnet und mancher Beamte verfügt über den Inhalt nach Gutdünken gegen den Willen oder Einspruch der rechtmäßigen Besitzer oder ohne deren Wissen. Große Mengen leerer Zigarettenschachteln finden die„Hauser!“ beim Putzen in den Zimmern der Beamten, auf denen Grüße und Zeichen stehen, die eindeutig diesen oder jenen Gefangenen als Empfänger ausweisen. Proteste und Mel- dungen zum„Rapport“ werden unterbunden oder hintertrieben, Briefschaften, selbst an die Rechtsverteidigung, kommen teilweise nicht an, oder erst, nach vielen Wochen. Die Gehässigkeit geht sogar soweit, daß Beamte den Gefangenen die Leberwurst von zugesandten Butterbroten kratzen!- Das ist alles nationalsozialistisches Recht!— Rolfs Schwester, die ihren Bruder— von Krakau kommend— besuchen will, macht ihre Fahrt vergeblich, weil man ihr derartige Schwierigkeiten in den Weg legt, daß sie mutlos und weinend die Anstalt wieder verläßt. Um welche Verstöße man in dieser Zeit die Menschen aus ihrem - Schaffen, ihrer Familie, ihrer Existenz und Freiheit reißt, ist oft unglaublich. Da spricht Berger den Schmiedehandwerker Zehetner aus K., Vater von mehreren kleinen Kindern und Gatte einer unversorgten, kranken Frau. Er hat aus purer Neugierde sein 4 Frenk: Im Machtbereich der Gestapo: N 49 Rundfunkgerät abends auf einen fremden Sender gestellt, um sich selbst ein klares Bild der Weltlage aus den Darlegungen verschiedenster Nationen zu machen. Nachbarn informieren die Polizei, die überraschend in die Wohnung eindringt und Z. auf frischer Tat ertappt. Nach einem halben Jahr Untersuchungshaft, die bei dieser Sachlage wirklich überflüssig gewesen sein dürfte, wird Z. zu einem Jahre Zuchthaus(!) verurteilt. Er kommt dabei noch glimpflich gegen die später abgeurteilten Menschen fort, die wegen des gleichen Delikts bestraft werden. Diese erhalten sechs, sieben und zehn Jahre Zuchthaus und später gar die Todesstrafe. Die Familie des Z. muß ohne den Mann mit 52 Mark monatlich auskommen, was nach Abzug der Miete dann 1 Mark täglich für drei Personen für den Lebensunterhalt bedeutet. So sieht die Sozialität und Humanität des Dritten Reiches aus! Da sind Arbeitsdienstpflichtverweigerer, die schwere Gefängnisstrafen erhalten. Freiheit nennen die Nazis das! Unter den Gefangenen sind wirklich schwerkranke Leute. Gehen sie zum Anstaltsarzt, so wird ihnen der wirklich gutgemeinte Rat dieser Herren: Sie sollten sich doch an der Heizung aufhängen und nicht erst den Arzt belästigen. Im Oktober kommen große Gruppen Tschechen an und füllen die letzten Zellen des Baues, womit die Anstalt die Rekordbelegschaft von 1400 erreicht. Es sind Frauen und Männer aller Stände und Schichten. Da sind Leute aus sehr guten Stellungen und Positionen, die auf irgendeiner Spendenliste für eine verbotene Sozialorganisation gefunden waren und denen jede politische Aktivität ferne war. Alle werden einfach aus ihren Arbeitskreisen und Familien gerissen. Da sind Demonstranten, die gegen Hunger und Not protestiert hatten. Abends, wenn die meisten Beamten nach Hause gegangen sind, unterhalten sich die Gefangenen über die Flure und durch die Türen hinweg in ihren verschiedenen Sprachen. Von Leidensgenossen, die mehrere Sprachen beherrschen, erfährt Rolf, daß alle die Gewißheit tragen, daß bald ihre Freiheitsstunde kommen werde, denn die Völker der Welt werden sich nicht weiter vergewaltigen lassen. Berger gegenüber in der Zelle sitzt ein gutgebauter, junger Mann, den man mangels anderer Gründe ,, zur eigenen Sicherheit" eingesperrt hat, weil sein Bruder als Hauptmann in der Roten Armee dient. Im Gefängnis Cornelius sitzt ein Rittmeister schon seit sieben Jahren wegen seiner königstreuen Gesinnung. Im 50 ,, Ne Staa äuß Н in d gesp wir Baj Gro Här hän Syst dan Son lich wei ehe jetz pers lich gan Zell und dies sein lang riss zur sin gefl Me kon dies We ich auf deu für 4* h e f t, e, ei e S, e. h r e 5- e. - g n g- e d Le e n r e B n r 66 n n ,, Neudeck" hat man in diesen Tagen einen Staatsanwalt des NaziStaates eingesperrt, weil er im Rausch seine wahre Meinung geäußert hatte, die für das System sehr peinlich gewesen sein soll. Bezeichnend ist die Auffassung fast aller Gefangenen, die sich in den Worten eines Mannes spiegelt:„ Je mehr Menschen eingesperrt werden, um so mehr werden geheilt, und um so eher wird diese Willkür und Polizeidiktatur ein Ende haben, denn mit Bajonetten kann man auf die Dauer nicht regieren, Statt durch Großmütigkeit Dank und Liebe zu säen, erzeugt dieser Staat durch Härte und Brutalität unsäglichen Haß. Und an jedem Gefangenen hängen ungezählte Familienangehörige, die immerhin zu diesem System ihre neue Einstellung finden werden... - 66 Berger unterbricht sich schweigt eine Weile und erzählt dann, daß er vor wenigen Tagen erst die Anklageschrift des Sondergerichts München I erhalten habe. Man wirft ihm im wesentlichen die Auszüge der Briefe vor, die er vorher zitiert habe und weitere Reden und Bemerkungen, die er in der Familie seiner ehemaligen Braut in den Jahren 1938 und 1939 getan habe. Erst jetzt nach einem Zeitraum von Jahren empfinden diese persönlich nun gegen ihn eingestellten Personen die Staatsgefährlichkeit dieser Worte. Und so seien die Tage und Wochen vergangen in dem Rahmen, den er bereits geschildert habe. - - Und nun sei der Tag gekommen, da er- Hans Klein in diese Zelle gekommen sei- ja, und nun läge er hier auf dieser Pritsche und er da drüben und er hätte nun sein Schicksal im Rahmen dieser Erzählung gehört. - - - - richtet sich auf Klein räuspert sich sucht nach Worten- seinem Lager auf, schaut in den aufdämmernden Morgen, lange, lange Zeit. Blickt dann nach der Lagerstatt Bergers, dessen Umrisse er gerade im grauen Licht erkennen kann und dessen Augen zur Decke starren, derweil er den Worten seiner Erzählung nachsinnt. Und dann findet Klein die ersten Worte. Leise, fast nur geflüstert murmelt er: Rolf Berger du bist ein Interpret dieses Menschendramas unserer Zeit. Du sollst zeugen der heutigen und kommenden Generation für die Millionen Opfer und Leiden, die dieser Irrtum, dieses Unvermögen dieser Verbrecherklique der Welt brachte. Du- darf Rolf darf ich dein Kamerad sein ich ,, Du" ich Du" zu dir sagen? Du mußt leben Rolf- muẞt alle Kraft aufwenden um deiner selbst um die seelische Reformation deutscher Weltanschauung für die Mutation unseres Volkes und für den Frieden und das Glück der Welt! Rolf ich bin kein 4* - - - 51 vorbildlicher Christ- aber ich bete dafür, daß du dieses Grauen verlassen kannst, daß du diese Zeit überlebst - weil du eine Aufgabe hast die ich für so unendlich wichtig für die Menschheit betrachte!- Rolf Berger schweigt und schließt die Augen- seine Gedanken wandern weit dieser Zeit voraus, sprengen die Mauern dieses Baues, wissen um den harten, steinigen Weg, den die Menschheit noch zu gehen hat, den kampf- und dornenreichen Weg der Erkenntnis und der weltanschaulichen Umformung. Er weiß um die künftigen Entwicklungen in den großen Dingen dieses kosmisch- politischen Lebens. Er fühlt die Verpflichtung, die ihm auferlegt ist und er hat den heißen Willen, diese menschenmordende Zeit zu überleben, um Mitkämpfer zu sein für die Erneuerung des deutschen Volkes. - - - - Ein lichter Novembermorgen bricht an und im großen Anstaltsbau wird es wieder lebendig. Das Anstaltsleben geht weiter - variierend- wie alle Tage vorher. Berger sieht auf den seltbstangelegten geheimen Kalender.- Heute ist der 9. November 1940. Der Tag verläuft ruhig und ohne besondere Ereignisse. Doch abends, kurz vor Mitternacht, heulen die Sirenen, die die Gefangenen schon in den Sommer- und Herbsttagen gehört hatten. In der Ferne bellen die Flakgeschütze auf, und die Patrouille der Wärter, die nachts allstündlich mit großen Schäferhunden durch und um die Anstaltsgebäude streift, verzieht sich, bringt sich in den Luftschutzkellern in Sicherheit, die Gefangenen ihrem Schicksal im Falle eines Bombentreffers in ihren Zellen überlassend. Draußen wird es unheimlich lebendig. Scheinwerfer tasten den Himmel ab aus dem ein feines Summen, wie das Gebrumm von Bienen klingt. Geisterhaft leise gleiten Leuchtraketen an langen Seidenschirmen zur Erde und tauchen die Landschaft in blendend weißes oder blutigrotes Licht. Ohrenbetäubend setzt nun in der Nähe das Geschieße der schweren Flak ein und auf den Giebeln der Anstalt hämmern die Geschütze der leichten Flak, den Gefangenenbau mit seinen tausend Menschen als verlockendes Ziel für den Tommy hinstellend. Ein schaurig- schönes Bild zeigt sich den Gefangenen, die der Gefahr gegenüber durch dieses Leben ziemlich gleichgültig geworden sind. Leuchtspuren der Flak- und MG- Geschosse, Scheinwerferbündel, und von oben kommend, sogenannte Christbäume und Leuchtbomben, bilden eine Symphonie leuchtender Bilder. 52 32 blo Kla wer wer Fla gan geh Stin unte Stei nach die sie Dün Mag mei des bitt der deu Völl Glo vers Städ Fest dem die hall fröh I stra Gab Fest wer vor men und mit I Duf ses die| cen ses eit Er- um 0S- uf- ıde Ing \n- ter len \o- r- en, ge- en ‚uf ler ;e- in- ne Ganz tief scheinen die Flugzeuge zu sein, denn man sieht mit bloßem Auge, wie hier und da ein Lichtschein sichtbar wird, eine Klappe vermutlich aufgeht, und dann im Lichtbündel der Schein- werfer sekundenschnell blitzende kleine Dingerchen sichtbar ‚ werden, im Sturz zur Frde. Sekundenlange Stille,— selbst die Flak setzt aus— dann wummert es heran, dröhnt und erschüttert ganz leicht die festen, dicken Wände. Eine ganze Stunde ver- geht, ehe es wieder ruhig wird und sich dieses Erlebnis im - Stimmengewirr der Gefangenen, die sich über die Flure hinweg unterhalten, widerspiegelt, bis der Schritt der Wache auf den Steigen hörbar wird und größte Ruhe eintritt. - Und dann erleben Rolf Berger und Hans Klein das Weih- nachtsfest. Am heiligen Abend wird bis mittags gearbeitet. Hatien die Gefangenen mit einer Kostaufbesserung gerechnet, so werden sie enttäuscht, denn am Abend gibt es sogar statt der erwünschten lediglich eine Schale deutschen Blättertee und der Magen darf ein wenig mehr knurren. Früh suchen wohl die meisten Eingekerkerten das harte Lager auf, um in den Armen des Schlafes Vergessen zu suchen. Nur keine Sentimentalität bitte— gerade heute nicht, dem Fest des Friedens, der Liebe und _ der christlichen und familiären Besinnung! Denn draußen in deutschen Landen und auch in allen Familien der christlichen Völker. werden um die Dämmerzeit des Heiligen Abends die Glocken hallen und singen, und ihr eherner Klang wird über verschneite Wälder, Felder schwingen, wird die Menschen in den Städten und Dörfern einstimmen für das große, beglückende Fest der Christenheit. Um den geschmückten Christbaum, auf dem kleine Wachslichter ihr warmes Licht verstrahlen, werden die Familien sitzen, und ergreifende Weihnachtsweisen werden hallen und es wird klingen die alte, vertraute Weise:„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit....!“ Die Lichter der Kerzen werden sich widerspiegeln in den strahlenden Kinderaugen, die staunend oder erwartungsvoll den Gabentisch umstehen und Menschen werden den Sinn dieses Festes erfassen und kleinen Groll oder großen Haß begraben, werden gütig sein, vergeben, werden Hochmut und Trotz beugen vor dem hehren Gedanken dieser Stunden, werden sich zusam- menfinden—“, denn Euch ist heute der Heiland geboren...!“ Der Duft gebratener Äpfel wird durch die Räume schwingen, und Besuche. von’draußen werden den frischen Hauch des Schnees mit ins Haus nehmen, der sich vermengen wird mit dem harzigen Duft der Tannen in den Zimmern. 53 Frisches Backwerk wird bereitstehen und jeder Einzelne wird eine kleine, freudige Ueberraschung für den lieben Nächsten haben. Fest der Liebe, des Friedens und der Vergebung- Fest der reichen, deutschen oder christlichen Seele...! Tausende-nein Millionen Gedanken wandern an diesem Abend aus den Elendstätten der Gefängnisse und Lager heimtreffen und verbinden sich mit denen ihrer Angehörigen und Familien. Hier wälzen sich die Gefangenen auf ihren harten Lagern in seelischer Qual und Sehnsucht. 99 In hunderttausend weiteren Familien wird Trauer und schmerzvolle Besinnung herrschen, weil der Krieg unbarmherzig in dieses traute Leben eingriff, weil vielleicht der Sohn, Vater, Bruder oder Enkel draußen an den menschenmordenden Fronten verblutete oder als Krüppel in einem der Lazarette liegt oder vermißt oder in Kriegsgefangenenschaft ist. Derweil in den Landen die Glocken läuten und verkünden: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen", donnern an den Fronten die Kanonen, speien Explosivkörper Tod und Vernichtung, zucken Flammenwerfer durch Nacht und Winterfrost-kämpfen Menschen gegeneinander für vermeintlich gleiche Ziele und Kulturen, im gleichen Glauben, erleiden die gleichen Strapazen, Sehnsüchte und Qualen weil die Verantwortlichen der Nationen irrten- und in babylonischer Verwirrung Haß säten, Fanatismus förderten, statt Liebe und Verständigung zu üben. Ein millionenfaches Leid wird den Menschen doppelt stark bewußt in dieser heiligen Nacht da die Glocken ihr Halleluja singen und die Akkorde seelenvoller Weihnachtsweisen verrauschen. - - - Am ersten Weihnachtstag findet in der Frühe ein Gemeinschaftsgottesdienst in der Anstaltskirche statt. Auf dem verschneiten Gefängnish of steht ein großer Christbaum. Rauhreif ist der einzige, aber wundervolle Schmuck. So rein so festlich erscheint die Welt. Und dann erleben die Häftlinge im Gotteshaus eine kurze Feierstunde. Ein paar Kerzen brennen an einem grünen Baum. Ein subtiler, gefühlloser Pfarrer erledigt recht fahrig sein bezahltes Amt, ohne auch nur etwas Wertvolles, Erbauendes zu vermitteln. Man friert in diesem kalten Raum, friert physisch und psychisch. Einsam vergehen die Stunden und Tage. Nicht eine Liebesgabe, nicht ein Gruß von Daheim, weil man zu bequem war, die Post vom Freitag und Samstag auszuteilen, die erst kurz vor Neujahr in die Hände der Empfänger 54 gel an sell ver ung ein Ty geg nic ges ver Ve tra Erf Ra Ka sch we Tag Ge lich sei pa die Me kei un we Rid VOI übe de we das rd en est em nd in nd zig er, en er n- nd lie en enen, ate eres Cen de inerist ich gelangt. Nicht eine Aufbesserung der unzureichenden Kost. Nein, an den Tagen vorher wurde das eingespart, was an den Festtagen selbst verabreicht wird. Ja, abends spart man die Suppe noch und verteilt bereits mittags den Heidetee für abends. Wahrlich traurige Weihnachten, Ausdruck der„ Liebe" zu den unglücklichsten Volksgenossen in deutschen Landen. In der Nachbarzelle drüben, jenseits des Flures stöhnt ein Leidensgenosse:„ Oh, diese Hunde, diese Biester, diese Tyrannen" und trommelt mit den Fäusten in ohnmächtiger Wut gegen die Zellentür. ,, Einmal muß ich freikommen, wenn man uns nicht vorher hier kalt verrecken läßt. Dann erntet ihr, was ihr gesät, ihr Banditen! Mein Leben ist gleichgültig, wenn es mir nur vergönnt ist, euch, ihr Kreaturen, zur Rechenschaft zu ziehen. Der Vergeltungstag soll meinem Haß den ihr gesät habt, Rechnung tragen. Dieser Tag der deutschen Volkserhebung ist mein Erfüllungstag. Mein geschändetes Sein setze ich ein für meine Rache.- Oh ihr Hunde....! - - 66 Aus anderen Zellen werden warnende Rufe laut: Sei ruhig, Kamerad, du machst, wenn du auffällst, dein Los nur noch schwerer. Rache ist ein besonderes Gericht, das nur kalt genossen werden darf! Bezähme dich, werde hart gegen dich selbst. Dein Tag kommt- kommt mit mathematischer Sicherheit. Dann keine Gefühle, sondern sachliche Vergeltung für die, die keine Menschlichkeit kannten, die Macht und Willkür zum ,, Recht" erhoben,- sei ruhig, Kamerad, dein Vergeltungstag kommt!-" - ,, Wieder ein Mensch" so bemerkt Hans Klein seinem Arbeitspartner gegenüber, der nicht genügend Beherrschung besitzt, um diese Zeit ungefährdet zu überleben. Schade, ich kenne diesen Menschen, er reiste mit mir her! Ein Idealist, der in Aufrichtigkeit und aus Sorge um sein Volk über seine Seelenkonflikte sprach und nun hier mundtot gemacht wird." - - - - esem cht es, am, ind Feil zuger - - - Am nächsten Morgen es ist nach 5 Uhr läutet kurz die wenig klangschöne Armsünderglocke auf dem Gebäude der Richtkammer. Ein junger Mensch wird über den Hof geführt, von mehreren Beamten mit schweren Ketten gefesselt. Er trägt über dem nackten Körper nur ein Papierhemdchen wie sie in der Frauenabteilung der Anstalt für den Henkergang genäht werden. Rolf und Hans hören das Schreien des jungen Menschen, das wie die Klage eines jungen Hundes klingt. Sie springen von - 55 ihrem Lager auf, stellen sich auf die Zehenspitzen auf den Tisch und blicken aus den vergitterten Fenstern in den Hof. Wild sträubt sich der Mensch gegen die ihn vorwärts schiebenden Beamten, schlägt die gefesselten Hände nach links und rechtswill ausreißen. Aber es gibt kein Entrinnen! Rolf und Hans sehen die Halskrause dieses weißen Hemdchens und wissen, sie wird in einer halben Stunde zugezogen werden, und der Kopf wird zwischen den Beinen des Menschen im Sarg liegen, nachdem das 36pfündige Fallbeil seine blutige Arbeit getan hat. Die Sondergesetze des„ Tausenjährigen Reiches", haben dieses junge Leben der Guilliotine überantwortet, weil es gegen das Gewaltrecht des Staates verstieß. Was der Mensch getan hat, davon berichtet diesmal kein Blatt, und das deutsche Volk in dessen Namen ja das Recht gesprochen wird wird mit diesem Fall nicht vertraut. Justizmord? Nein System!- Wie stets, wird die Leiche kurz nachher im Dämmern des aufsteigenden Tages durch den Kraftwagen entweder der Bestattung oder der Anatomie übergeben. - Wenige Tage später berichten die„, Hauserl" flüsternd durch die Türe, daß in dieser Abteilung ein tschechischer Häftling der Qual des Hungers und den unmenschlichen Haftumständen den Freitod vorgezogen hat. Als die Beamten die Zellen zum Reinigen morgens aufschließen, finden sie diesen Menschen, an einem aus Streifen des Bettbezuges geflochtenen Strick am Gitterkreuz des Fensters hängend auf. Ohne weitere Umstände wird der Körper abtransportiert und das Leben geht im alten Rahmen weiter, als wenn nichts passiert wäre.- Berger und Klein wissen die Gründe des Menschen zu dieser Konsequenz nur zu gut, spüren sie doch selbst täglich die Fron und die Qual. Und diesem Menschen fehlte angesichts der Siege der deutschen Heere der Glaube an die einst kommende Freiheit, an die Besserung seines Loses in absehbarer Zeit. Ein früherer kommunistischer Funktionär aus Salzburg ist schräg gegenüber in einer Zelle untergebracht und steht unter Anklage wegen Sabotage und Hochverrats. Drei volle Jahre hielt ihn die Gestapo in Wien fest, bevor er Gelegenheit fand, sich vor dem Volksgerichtshof zu verteidigen. Er erhielt sieben Jahre Zuchthaus zudiktiert. ,, Verteidigung" ist falsch ausgedrückt, denn Entlastungszeugen hatte man einfach nicht geladen. Trotz zusätzlicher Ernährung durch ,, Freẞpakete" von daheim gleicht der 56 M h W 0 t 1 N it T FIEBER Mann einem Hungergespenst. Sein Magenleiden war durch den hier verabreichten Schweinefraß so gefördert worden, daß Berger wie auch Klein der Ansicht waren, daß dieser Mann keine zwei oder drei Jahre mehr. überlebt. In den Januar- und Februartagen häufen sich die Hinrich- tungen in zunehmendem Maße. Ein über den andern Morgen läutet die Armsünderglocke, und viele-Menschen— auch Frauen — müssen ihr Leben in dieser Anstalt unter dem Fallbeil lassen. Manche brechen in Aufregung und Angst ohnmäctig beim Gang zur Richterstätte zusammen, bekommen eine Spritze oder Fuß- tritte, damit sie wieder hellwach werden, denn nach der Vor- schrift muß der Hingerichtete in vollem Bewußtsein den Todes- hieb erhalten. Die beiden Gefangenen hören das An- und Ab- fahren der Kraftwagen, mit denen Staatsanwalt und Scharfrichter eintreffen und abfahren. Erstere müssen den Hinrichtungen wie einer sachlichen Handlung beiwohnen. Sie rauchen eine Zigarette und wirken weiter gedankenlos— Monate und Jahre— für das Hitlersche Mordsystem— das eine a Lehre für Deutsch- land ist.— NEUNTES KAPITEL Derweil Millionen Menschen in den Kerkern und Konzen- trationslagern ächzen und schmachten und für den Hitlerstaat wertvolle Fronarbeit leisten, derweil draußen an allen Fronten des Westens und des Ostens deutsche Soldaten und fremdlän- “dische Söldlinge Leben, Gesundheit und Blut einsetzen für‘ die . Ziele des großen Demagogen Hitler, und modernste Kriegs- maschinen,‘Waffen und Sprengkörper die umgrenzenden Länder Deutschlands verwüsten und umpflügen, schafft das deutsche Volk, entweder von idealistischen Schlagworten geblendet, in Begei- sterung, oder aus Angst, oder dem gesetzlichen Zwang gehorchend, mit äußerster Kraftanstrengung für den Krieg und seine An- forderungen. Und Bergers Gedanken wandern.— Er sieht die Fluren Flanderns und Frankreichs, die Ebenen Polens und die weiten Landstriche Rußlands erdröhnen unter dem Gehämmer schwerster Geschütze und Explosivgeschosse. Tanks mahlen durch den Schutt zerstörter Städte und Dörfer, unter deren Trümmern Millionen 57 Kinder, Frauen und durch Luftminen und Menschen- Soldaten und Zivilisten Greise, durch die Waffen der Neuzeit Bomben begraben wurden. Er sieht unendliches Leid auch in den Bergen des Balkans und den Sandsteppen Afrikas verhallen. Da ziehen Millionenheere ihre sinnlosen Straßen des Kampfes und der Eroberung. Kurzlebigen Insekten gleich kämpfen die Menschlein die der Sturmatem der Ewigkeit mit einem Hauch in den Abgrund der Vergangenheit wirft! Die Lehre von 1914/18 und früherer Kriege und Menschendramen ist nicht erkannt und spurlos an der Menschheit vorübergegangen... Vorbei am Flamenkreuz in Ypern, der Stelle, da 1918 der letzte Schuß des Weltkrieges in der Maßniederung verhallte, rollen nun die Panzer und Fahrzeuge modernster Heere. Zerfetzte Körper, zertrümmerte Maschinen und Fahrzeuge liegen an den Straßen der Kampfwalzen- der Kriegsgott und sein Partner, der große Tod, halten reiche, reiche Ernte. Berger wendet sich an den Kameraden Hans Klein, wirft die Frage auf, ob wohl je einmal die Zeit kommen werde, da der Krieg endgültig aus dem Leben der Menschheit verbannt werden könne. Und Klein meint, daß wohl die Auffassung die meistverbreitetste ist, daß es immer Kriege geben werde, weil ein edles Bedürfnis nach Ruhm in den Herzen der Menschen unausrottbar verankert ist. In tausenden Zeitschriften und Büchern werden bisher der Krieg und die Heldentaten auf der eigenen Seite verherrlicht. Rolf wirft ein, daß die Verherrlicher des Kampfes immer nur an den durch die Begeisterung und die angebliche Notwehr einigermaßen idealisierten Krieg denken. Vielleicht aber kämen sie zur Einsicht, zur Besinnung, wenn sie die Greuel und Schrecken dieses Mordens, die alle Schriften tunlichst verschweigen, in ihren Ausartungen und in allen Einzelheiten erleben würden. ,, Sind diese Ideale um den Krieg nicht ein Paradoxum? Da beten auf beiden Seiten die Menschen und Priester für den Sieg der eigenen Waffen, hoffen, daß der Mord an dem Gegner möglichst zahlreich sei. Da drehen Frauen Granaten, füllen die todbringenden Geschosse mit Sprengstoff, die die Söhne, Gatten und Väter der gegnerischen Völker zerschmettern und töten sollen. Frauen wirken in allen Betrieben, speisen Hochöfen und bauen Bahnen und Kriegsmaschinen aller Art und hoffen wie 1914/18 - - und früher daß dieses Ringen der letzte Krieg gewesen sei, 58 ( nd nd en Da nd h- en nd r- te en te en r, ie er n es r m - S e und die Kinder und Enkel vom gleichen Schicksal verschont werden möchten. Aber steht neben diesem Hoffen nicht die Angst, daß aus einem mit Waffengewalt diktierten Frieden ein neuer Krieg geboren wird? - Was einem Cäsar, Alexander und Napoleon nicht gelang weil sie Gewalt anwendeten das soll nun einem neuen Eroberer mit Waffengewalt und unüberbietbarer Brutalität gelingen? Niemals würde ein solcher Frieden- wenn er jemals durch. unerhörtes Waffenglück formende Gestalt annehmen sollte von Bestand sein! - Da segnen Geistliche die Mörder, und alles Tun geschieht- aus meiner pazifistischen und christlichen Perspektive gesehen in einer babylonischen Verwirrung. Die Förderer, Trabanten und Begeisterten des Krieges stehen in einem unentwirrbaren Gemisch von Gefühlen, Idealen und Sinnlichkeit auf einem kleinen, niederen Standpunkt- im. Dunstkreis der Hölle. - - - Da sitzen die Herren Politiker und Diplomaten unfähig oder ohnmächtig in der Pose eines Cäsar oder Napoleon und verfügen über Millionen Leben und Schicksale in unverzeihlichster Form, weil ihnen keines davon mehr gilt als das Streichholz, mit dem sie sich ihre Zigaretten anzünden...! - -O Die anonyme Masse der Soldaten und„ Volksgenossen" Menschen, die dem Stachel gehorchen Führer darunter die die tiefsten Kräfte der eigenen Vitalität und die ihres Volkes entfesseln, um sich zu behaupten, um mitzutun, erobernd oder stehlend, mordend und henkend, triumphierend, wenn es Erfolg hatte oder lüstern nach Gewalt, egoistisch bis in die letzte Faser, aber nachgeredete idealistische Phrasen auswerfend, wie das Meer Kadaver. Da gibt es abertausende Frauen, die einsam sind, hier und auf der anderen Seite, und deren Liebe den Männern gehört, die fern im Dienst stehen. Frauen, deren Treue nicht stark genug ist, die lange Trennung zu überwinden und zu überdauern. Nicht die Männer, sondern die eigene Nation wird durch diese Treulosigkeit gedemütigt! Um was kämpfen denn die Völker? Ist es die Kultur des einen, die der andere bedroht? Unsere Bildung und Werdung entstammen gemeinsamen Wurzeln! Um einen verschiedenen Gottesglaubender nie mit Waffengewalt geformt und vermittelt 59 werden darf? Um ein anderes Recht? Sind es wesentlich andere Sozialbestrebungen, eine andere Wirtschaftsordnung oder eine andere Kunst? Kulturvölker zerfleischen sich, denen gleichsam die gleichen Gefahren drohen. Zänkischen Greisen gleich streiten Nationen um kleine Erbschaften, die vielleicht schon ein Dritter angetreten hat. Um einen kleinen Besitz setzt man den ganzen Bestand der Nation aufs Spiel...! Würde man nicht aus der für den Krieg aufgebrachten Kraft, aus seinen Opfern und finanziellen Mitteln nicht statt der Todesernte ein Paradies für die Lebenden schaffen können? Ein Paradies des Geistes, der Arbeit und der sozialen Erfüllung, des wahren großmütigen Rechts? Ein Paradies der Wissenschaft und der Kunst und der gesicherten auskömmlichen Existenz und dem Hineinwachsen zur freiheitlichen Entwicklung aus kleinen, bestehenden Grenzen?" Berger hält inne und Hans Klein gibt seinem Gegenüber recht. Er versucht die Auffassung der Andersgläubigen zu rechtfertigen und erklärt: ,, Nicht jeder Krieg ist auf Verbrechen oder Dummheit der Staatsmänner zurückzuführen. Selbst die letzten Kriege wären nicht schlimmer in ihrer moralischen Bedeutung gewesen, als der Krieg, den Engländer gegen Buren führten, wenn sie nicht noch eine andere Ursache als die Bedeutung seiner Expansion oder eines Imperialismusses gehabt hätten. Expansion und Imperialismus eines Volkes sind, biologisch und philosophisch gesehen, das Bestreben eines Kosmos, der in sich einheitlich rotiert, die Nachbarzellen in sein System einzubeziehen und zur Stoffwechselgemeinschaft zu zwingen. Es ist der Grundvorgang des Geschehens, und diese Vitalität empfanden viele Deutsche wohl. Es war die Philosophie, die auf die Urzustände zurückgriff. - Und doch ist diese Anschauung überholt und in unserer Zeit unberechtigt, da der Mensch wie jedes Kosmos- dem Gesetz der, Mutation unterworfen ist. Schon die Bildung eines in sich rotierenden Kosmos' ist die Ueberwindung des Urzustandes, in dem Zelle Zelle auffriẞt. Gewiß ist der Kampf der Vateraller Dinge aber der Krieg ist eine veraltete Methode geworden! 60 a ti V V C u t B M h H Es gibt ja zwei Grundursachen der Existenz: Ich und die andern! Deshalb sind Egoismus und Brüderlichkeit gleichberechtigt, und der Brudergedanke zuletzt der stärkere...! Über der Volksgemeinschaft triumphiert nicht nur machtmäßig- die Völkergemeinschaft! Der Begriff Brüderlichkeit, der als Idee Güte und Menschlichkeit heißt, beginnt den Kosmos von sich aus umzuschichten. Das ist der Sinn des christlichen Begriffs und seine Überlegenheit, die auf die Dauer den Sieg über die grandiose Barbarei eines aztekischen Systems davonträgt mußẞ also die Menschlichkeit über das kriegerische Prinzip triumphieren! - - Deutschland wird philosophisch gesehen für die Gesamtheit der Völker ein wahres Menschheitsproblem durchkämpfen. An seinem Beispiel wird die Welt lernen. Deutschland wird büßen, wie nie vordem ein Volk gebüßt hat mit seinem verlorenen Krieg. Es wird Schmähungen und denkfaule Ungerechtigkeiten über sich ergehen lassen müssen und das wird den Krieg vom obigen Standpunkt aus gesehen seine Entsühnung sein!" In die nebenanliegende Zelle ist ein„ Neuer" eingezogen. Berger und Klein sehen gespannt dem Zeitpunkt des nächsten Hofgangs entgegen, um diesen Nachbarn zu besehen. Sie stellen sich beim Antreten neben diese kleine Gestalt und erfahren im geflüsterten Gespräch, daß es sich um einen mittelamerikanischen Staatsbürger jüdischer Rasse handelt. Sigfried Amerant ist etwa 50 bis 60 Jahre alt. Er wurde in Paris beim Einmarsch der deutschen Truppen erwischt und festgenommen, weil aus mitgeführten Papieren ersichtlich war, daß er als Bankier dem tschechischen Staats- Propagandaamt sehr große Summen vermittelt hatte, welche vermutlich zu Propagandaaktionen gegen das Hitlersystem verwandt worden waren. Dieser schwächliche alte Greis findet die besondere ,, Betreuung" der parteilich verhetzten Beamten. Man nimmt keine Rücksicht auf Juden, behandelt sie besonders kraß. Und es sind eine ganze Anzahl Juden in der Anstalt. Da drüben geht beim heutigen Ausgang der Jude S., ehemals Oberregierungsrat und Leiter eines deutschen Finanzamtes, der nach der Machtübernahme in die Schweiz geflüchtet war. Man lud diesen Mann in eine deutsche Grenzstadt mit dem Ansinnen, in einer Besprechung mit ihm die Pensionsfrage zu klären. Und weil dieser Jude sich keiner andern ,, Schuld" bewußt war, als eben Jude zu sein, ließ er sich auf diese vorgespiegelte, Einladung ein. und wurde gleich von der Gestapo verhaftet. Nun ist er bereits 61 sieben Jahre in Untersuchungshaft, ohne daß er bis heute eine Anklageschrift oder die Aussicht hat, vor eine Entscheidung irgendwelcher rechtlicher Art gestellt zu werden. Der Mann, ziemlich lang aufgeschossen, hält sich wegen der schlechten Ernährung nur mit Mühe auf den Beinen. Er leidet an Ver- folgungswahn, und nachts hören die Gefangenen ihn oft hyste- risch schreien. Seine in der Schweiz verbliebene Familie weiß nicht, wo er lebt und wie er untergebracht ist. Berger und Klein sind sich klar darüber, daß dieser Mann die deutschen Haft- anstalten niemals mehr verlassen wird, da er heute schon ein menschliches Wrack ist. Sigfried Amerant dagegen versucht durch Interpellation an den Arzt— er ist auch wirklich leidend— Schonung zu erlangen. Sie wird ihm glatt abgeschlagen. Und nun knüpft er seine ganze Hoffnung an eine mögliche Entlassung Bergers, der in diesen Tagen die Vorladung zum Sondergericht erhielt und der sich mit der Hoffnung trägt, daß er nach der Verhandlung die Freiheit wiedersehen wird. Amerant gibt ihm auf, für ihn das amerikanische Konsulat auf- zusuchen und den USA-Konsul von seiner Unterbringung und seiner Person zu unterrichten. Berger verspricht ihm, im Falle seiner Freiheit sich sofort für ihn einzusetzen, denn die USA steht zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht mit Deutschland im Kriegs- zustand, und die Verhaftung Amerants verstößt gegen jedes Völkerrecht. Bergers Verhandlungstag wird jedoch zweimal verschoben und erst am 15. Mai 1941— gerade ein Jahr nach seiner Verhaftung— wird er mit dem schon geschilderten„Zeisigwagen“ in Etappen zum Justizpalast(in Deutschland baut man Paläste als Sinnbild und Denkmäler fundamentalen Rechts!) gefahren. Eine begreif- liche Spannung läßt Rolf nächtelang nicht schlafen, soll doch dieser Tag seine Zukunft entscheiden, bringt auch ein Wiedersehen mit seinem einst geliebtesten Menschen, für den er heute jedoch nur noch grenzenlose Gleichgültigkeit aufbringt. Leer ist der kleine Sitzungssaal, und kein neutraler Zeuge wird über den Verlauf dieser Verhandlung berichten. Ein Justizbeamter stellt sich hinter die Anklagebank, und Berger schaut hinaus durch die lichten, weiten Fenster in die Grünanlagen und auf den lange nicht mehr gesehenen Betrieb dieses Münchener Viertels. Die Sonne taucht alles in wärmende und goldene Strahlen, und Berger möchte sich aus dem Fenster hinausschwingen, um sich einmal, nur 62 tis eiı ve un ei FR ne einmal mitten in den grünen Rasen zu legen, mitten zwischen Gänseblümchen und gelbe Dotterblumen, über die die Bienen dahinsummen. - Und dann kommt sein Rechtsanwalt ernst und sehr skeptisch erklärt er Berger doch, daß dieses sein letzter Prozeß vor einem Sondergericht sei, da er diese Art der Gerichtsbarkeit nicht vertreten könne. Er würde keine Vertretung mehr für das Sonderund Volksgericht annehmen, da die sogenannte Rechtsverteidigung eine Farce sei. Trotzdem macht er Berger Mut und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß mit der verbüßten Haft wohl das Strafmaß erfüllt ist. Und nun nehmen die Vertreter der deutschen Gerichtsbarkeit ihre Plätze ein. Auf den dunklen Roben blinkt golden das eingestickte Hoheitszeichen mit dem Hakenkreuz, die Männer als Vertreter des Staates und nicht mehr des neutralen Rechts kennzeichnend. Es folgen die üblichen Formalitäten, und dann wird das ganze Verhältnis Rolfs und Ursulas in allen Einzelheiten aufgerollt, peinlich für alle Beteiligten- um dann nach Erörterung vieler Nebensächlichkeiten auf die eigentliche Anklage zu kommen. Berger ist im Bewußtsein der Wahrheit seiner brieflichen Darlegungen und hält sie unvorsichtigerweise aufrecht, bestreitet einige ihm noch unterschobene mündliche Äußerungen, verwahrt sich gegen einige gehässige Äußerungen eines jungen, als Nebenrichter fungierenden SS- Angehörigen mit äußerster Ironie und Logik, um dadurch das Wohlwollen des Kollegiums zu verlieren. Das Urteil lautet: 2 Jahre Gefängnis unter Anrechnung von 10 Monaten Untersuchungshaft! Rolfs physische Kräfte sind erschöpft nach dieser Anspannung- er sieht gleichgültig über die ihm bekannten Gestalten seiner Exbraut und ihrer Schwester hinweg. Er hatte sich schon lange mit allen Möglichkeiten abgefunden, war auf Überraschungen aller Art gefaßt, nachdem auch ihm die Ladung sämtlicher Entlastungszeugen abgeschlagen worden war. Berger trifft im Justizpalast mit manchen Leidensgenossen zusammen, die hier oft für Jahrzehnte ihre Freiheit abgesprochen erhielten. Im Etappensystem wird Rolf dann in einem Gemeinschaftsraum des Polizeigefängnisses in der Ettstraße abgeliefert. Er verbringt hier eine furchtbare Nacht, da hunderte und aberhunderte Wanzen und Flöhe die Matratzen, Betten und Wände bevölkern. Übernächtigt besteigt er anderntages einen Transportwagen, um in die alte Zelle ins Stadelheim zurückgeführt zu werden. 63 Der Alltag verläuft dort in üblicher Form. Eines Tages jedoch sausen eine große Anzahl von Transportwagen auf den inneren Hof. Unter schwerer Bewachung steigen uniformierte Männer aus, Angehörige der SA, der SS und NS- Verwaltung nebst Soldaten und Offizieren der Luftwaffe. Ein Sonderkommando der Garde- SS - bewaffnet mit Maschinenpistolen treibt diese uniformierten oder in Zivil steckenden Menschen in Kolonnen zusammen und sorgt für die sichere Unterbringung der Eingelieferten. Durch den Anstaltsblock ging es wispernd:„ Der Stab Rudolf Heẞ' ist eingeliefert!" Wenige Tage nur bleiben die Männer, die dann in irgendein Sonderlager abgeschoben werden. Die Gefangenen rätseln über die Gründe, die Heẞ veranlaßt haben mochten, nach England zu fliegen. Die Meinungen gehen auseinander, doch keiner glaubt den Meldungen der Zeitungen. Die Waffe der Propaganda und Meinungsbeeinflussung ist hier bereits stumpf geworden. Eines Tages betritt ein Beamter die Zelle Bergers und befiehlt ihm, seine Sachen zu packen. Rolf weiß, nun heißt es Abschied von seinem Kameraden nehmen. Stumm drückt er ihm die Hand, und dann wandert er mit seinen Sachen in das Verwaltungsbüro. Hier darf Berger sich in der bekannten Weise umkleiden und wird dann mit einem Schub von etwa 30 Leuten zur Bahn transportiert. Für jeden Gefangenen hatte man einen Polizeibeamten bestellt, die sich je einen der Gefangenen aussuchen und diesen, am Ärmel festhaltend, zum Gitterwaggon eines nach Landsberg fahrenden Zuges bringen. Dieser Transport- obwohl in der Frühe eines Morgens ausgeführt löst doch mancherlei Aufsehen im Münchener Bahnhof aus. -O se Ze Zi A Es Le ei se W A VAT e tr a st K u d g S1 la I Z S I ZEHNTES KAPITEL - Die Festung Landsberg ist nun der nächste Aufenthaltsort. Bergers. Landsberg am Lech?- Lebte nicht einst Hitler in dieser Anstalt? Rolf fragte einen gutmütig aussehenden Begleitbeamten danach. ,, Gewiß", meinte dieser ,,, in die gleiche Anstalt sollt ihr kommen. Es ist eine Musteranstalt, und da habt ihr es verhältnismäßig besser als anderswo. Zwar nicht so gut wie Hitler damals, der zweimal wöchentlich freien Ausgang in die Stadt Landsberg hatte und Mittwoch und Freitag nachmittags dort sich in ein Kaffee 64 N H I S setzte, der Besuch empfangen konnte, soviel er wollte, der sich Zeitungen und Bücher hielt, und der sich sein Zimmer- ich sage Zimmer so einrichten durfte, wie er es zu Hause haben wollte. Außerdem durfte Hitler seine Zeit so gestalten, wie er wollte. Es war also lediglich eine Art Verbannung aus dem öffentlichen Leben. Aber ihr seid Gefangene, die arbeiten müssen, die mit einer kahlen Zelle auskommen müssen. Na, ihr werdet ja sehen...!" Mit dieser Bemerkung bricht er ab, denn der Lastwagen biegt inzwischen in die Toreinfahrt der Landsberger Anstalt ein, die von außen äußerst gepflegt aussieht. Auch hier die Formalitäten der Aufnahme wie überall, die Vorstellung beim Anstaltsleiter, der vergeblich zunächst Bergers Akten durchblättert, bis er den eigentlichen Grund findet, weshalb er überhaupt bestraft ist. Und er ist höflich und anständig zu Rolf, trotzdem auch er das Parteiabzeichen trägt. Landsberg ist eine moderne Anstalt und zeigt Anklänge an amerikanische Anstalten. Vier im Grundriß eines Kreuzes davonstrebende Blocks finden ihren Mittel- und Zentralpunkt in einem Kommandostand, von dem man die ganzen aberhundert Zellen und Gänge übersehen kann. Die hohen Gänge sind mit Glasdächern überkuppelt, die nun während dem Krieges- einen grünen Tarnanstrich tragen, so daß es im Innern der Anstalt ständig blaugrün und dämmerig ist. - Rolf wird der Buchbinderei zugeteilt und verrichtet nun monatelang die gleichen Arbeiten. Er hat aber eine ganze Anzahl Kameraden um sich, mit denen er sich unterhalten kann. Die Kost ist zwar auch hier sehr unzureichend, doch besser als im berüchtigten Stadelheim in München, dessen Mauern von manchen politischen Dramen, von der Erschießung Röhms und anderer Größen der Nazi- Glanzzeit und von Massenerschießungen während der Putschzeiten nach den Novembertagen 1918 berichten könnten. - - - Cent Augenblicklich diskutieren die Kameraden in Abwesenheit des Beamten über das Thema, ob der Krieg kommen mußte- ob er nicht zu vermeiden war. Die Meinungen gehen auseinander, doch stimmt Berger den Ausführungen des Professors Dr. Th., zu, der seine Meinung in folgende Worte faßt: ,, Der Krieg konnte vermieden werden, wenn das Nazi- Regime rechtzeitig zurückgetreten wäre; er mußte kommen, weil Hitler mit seinen Getreuen blieb! 5 Frenk: Im Machtbereich der Gestapo 65 Denn das größte Verdienst, das sich die Nazis um das Volks- wohl anrechnen, ist, die bestehende Arbeitslosigkeit abgeschafft zu haben. Hitler ließ Reichsautobahnen, Verteidigungswälle im Westen, Osten und an den Küsten bauen, er schuf eine enorme Rüstungs- industrie, in der Millionen Menschen Arbeit und Brot fanden. Es waren dies aber alles Arbeiten, die nicht produktiv für das Volk und seinen Lebensstandard oder seine Wirtschaft waren, denn die geschaffenen Dinge mußten sich doch einst einmal bezahlt machen. Und das konnte nur durch den Krieg sein. Hitler schuf die Goldwährung ab und setzte dagegen als Währungsdeckung die Arbeitskraft des deutschen Menschen. Gold war aber bis dahin in stillschweigender Übereinkunft zwischen allen Völkern dieser Welt aufgespeicherte Arbeitskraft— oder das internationale Zahlungsmittel. Es war daher kein Kunst-. stück der nationalsozialistischen Wirtschaftsführung, die an und für sich schon überwundene Wirtschaftskrise mit einem Schlage abzuschaffen.— Man brauchte nur die dem Reich damals zur Ver- fügung stehenden: Devisen und Goldreserven nehmen, um den notwendigen Lebensmittel- und Rohstoffbedarf für die nächsten Jahre aus dem Ausland zu bezahlen. Dagegen setzte man neues Geld mit der Arbeitskraftdeckung in Umlauf und bezahlte damit° den Arbeiter, der nunmehr überall Arbeit fand. Auch hatte Hitler bereits ein Abkommen mit dem Großunternehmertum in Düssel-. ‚dorf auf geheimnisvoller Basis getroffen. Und man braucht nicht gerade ein Politiker oder Hellseher zu sein, um zu wissen, daß dieses Abkommen dem Großkapital künftig‘einen bestimmten Einfluß auf die Politik Hitlers gab. Es ist genau dasselbe, als wenn der neue Vorsteher einer Sippe hingeht und das Ersparte von der Bank abhebt, um mit diesem Gelde das Material für unproduktive Arbeiten auf seinem Hof für sein Gesinde zu.beschaffen. Es ist zunächst Geld in Hülle und Fülle da, und der. Lebensstandard aller hebt sich. Aber wenn dieses,Geld verbraucht ist, dann geht er— wie der Nazi-Staat— hin und bietet Ware, Produkte seines Besitztums an. Und dieses Tauschgeschäft geht eine Weile gut, bis der Tauschpartner mit den angebotenen Produkten versorgt ist und er auf Bezahlung seiner Lieferung mit gutem Gelde, also Devisen oder Gold, besteht. Nun versucht der Sippenvorstand seine Produkte anderweitig gegen Devisen oder Gold loszuschlagen, oder aber er versucht das von ihm Benötigte an anderer Stelle gegen Tausch zu beschaffen. Und wenn diese Quellen versagen, dann gibt es eben den Wirtschafts- 66 ban sud kon vom Spi sch von ode vise har - bankerott, und der Sippenvorstand muß abtreten oder er versucht es, mit Gewalttätigkeiten zu seinem benötigten Material zu kommen. Er fällt dann beim Nachbarn ein und lebt eine Weile vom Eroberten. Und wenn dieser ausgepowert ist, muß das böse Spiel weitergehen, weil doch das eigene Währung- und Wirtschaftsprinzip erst dann Sinn hat, wenn die ganze Welt dieses, sein von ihm gedachtes Währungs- und Wirtschaftsprinzip, freiwillig oder gezwungenermaßen anerkennt. So auch die Wirtschaftsführung in Deutschland. Als der Devisen- und Goldbestand verbraucht war, versuchte man den Tauschhandel in Waren. Und als man damit nicht auskam, richtete man die Registermark ein und ermöglichte es den Ausländern, für Devisen im Kurswert von 50 Pfennigen eine deutsche Reichsmark zu erwerben. So reisten und lebten die Ausländer in Deutschland für die Hälfte des Markwertes. Man verkaufte Kraftwagen und manche Maschinen ins Ausland, weit unter den Gestehungskosten, um konkurrenzfähig zu sein und schuf Ausgleichsfonds, die der deutsche Auto- oder Maschinenkäufer durch Überbezahlung ausgleichen mußte. Man lieferte an Rußland Maschinen und andere technische Erzeugnisse und nahm dafür Gold in Barren dieses angeblich wertlose Gold um damit wiederum Rohstoffe aus anderen Ländern zu beziehen, die von uns keine Tauschware mehr haben wollten. - - Und dann war man endlich soweit, daß man dem Volke eigentlich den Wirtschaftsbankerott hätte erklären müssen. Aber dann hätte man ja eingestanden, daß man unfähig gewesen sei, und das hätte bedeutet, daß das Nazi- Regime hätte abtreten müssen. Da das für die Herren ,, Idealisten" und um das Volk so angeblich besorgten Regierungsbonzen nicht in Frage kam, blieb nur noch der Weg der Gewaltpolitik übrig. So kam es zum Übergriff, so verbrämte man mit völkischen Thesen- mit angeblicher Notwehr es ist ja immer wieder das Gleiche- den Einbruch in die Tschechoslowakei, in Oesterreich und Polen. Gewiß, man hätte gerne den Konflikt mit Polen, Frankreich und England vermieden was aber durch die bündnishafte Verkettung unmöglich war. - - Und so setzte man die bereitstehende riesige Kriegsmaschine gegen alle in Gang und es gelang tatsächlich durch Waffengewalt und-glück, Propaganda und eine vorzügliche Organisation mit einem Teil der Mächte in kürzester Frist fertig zu werden." 99 - Werden wir Deutschen aber den Krieg gewinnen können?", so wirft einer der Arbeitskameraden ein. Berger nimmt zu dieser 5* 67 Frage Stellung und erklärt:„Mit den wirtschaftlichen Gütern aus den eroberten und besetzten Gebieten wird Hitler manche Jahre weiterwirtschaften können und die Ergänzung seiner an und für sich gewaltigen Rüstungsmacht vornehmen. Die Völker fürchten diese wachsende Macht, die bereits das ganze europäische Wirt- schaftsgefüge beherrscht, fürchten um ihren Besitz, fürchten die Einbeziehung in das nationalsozialistische Kosmos. Aber den Krieg werden wir wohl kaum gewinnen können! Die Gründe sind zu mannigfaltig, um sie alle aufzählen zu können. Es sind nämlich nicht nur militärische Faktoren maßgebend, wie zum Beispiel die verpaßte Invasion in England nach Dünkirchen, oder das sich jetzt abspielende Drama in Stalingrad, oder der politische Fehler, Rußland anzugreifen, bevor man nicht mit Eng- land fertiggeworden ist. Der Wirtschaftler wird auf die Rüstungskapazität Amerikas hinweisen, die mit 70 Prozent Ausstoß der Weltproduktion in Motoren, Flugzeugen, Fahrzeugen, Tanks, Schiffen usw. den Feind- mächten zugute kommt. Auch nicht die Zusammenballung. der Kräfte auf der Gegenseite wird allein ausschlaggebend sein. Nach- dem die USA. nunmehr auch zu den Gegnern stößt, werden in der Folge sich auch andere südamer:kanische Staaten anschließen. Diese Faktoren werden wohl die äußere und machtmäßige Überlegenheit der Gegner in Kürze sichtbar werden lassen. Aber das sind und werden nur die Auswirkungen sein. Die Ursache, der-tiefere Grund, daß wir nicht gewinnen können, der liegt tiefer! Fragen wir uns, warum die gewaltigen Kräfte Amerikas bei- spielsweise nicht auf unserer Seite stehen, warum nicht andere große Bündnisstaaten zu uns stoßen, weshalb sich die anderen Völker alle gegen uns organisieren, so kommen wir zu Ver Kardinalfrage, die den Grund zur kommenden Weltkriegsent- scheidung geben wird! Deutschland vertritt eine Sache, die die anderen Völker aus Selbsterhaltungstrieb gegen uns einnimmt! Nicht allein der wirt- schaftsrevolutionierende Plan Dr. Funks über die Währungs- politik ist das Maßgebende, sondern ehe der Krieg begann, war der Nationalsozialismus eine Weltanschauung, die nicht nur den Keim des Krieges, sondern auch der Katastrophe in sich trug._ Denken wir ruhig daran, daß der in Deutschland heute wieder - führende Militarismus bereits vor einigen Jahrzehnten.die Welt ins Unglück stürzte, daß der in Deutschland gepflegte Rassenhaß, der sich‘ jetzt gegen Juden richtet, morgen vielleicht schon seine 68 us re ür % ie | Auswirkung im Nationalitätenhaß gegen Amerikaner, Türken oder sonstige Völker finden kann, indem man sie als„Unter- | menschen“ oder„Minderrassen“ erklärt.\ ‚Und dann die These vom Herrenmenschentum der germanischen Rasse, die über alle Völker herrschen soll! Glauben Sie, daß dieses propagierte Herren-Recht Liebe und Zuneigung bei anderen ‘Völkern auslöst? Als wenn diese uns keine Menschenwürde ent- gegenzustellen hätten! Sollen wir auch vergessen, daß einst vor dem Kriege die Kon- fessionen in übelster Weise bekämpft wurden und dieser Kampf nur wegen des Krieges zurückgestellt wurde?» ' Die ganz auf Kampf und Krieg abgestellte Erziehung der deutschen Jugend bildet zudem eine ständige Bedrohung der . Nachbarstaaten. Und dann die Greuel dieses Krieges, verübt durch eine vertierte Mannschaft und sogenannte Mordkommandos! Denkt doch an euch selbst und urteilt! All das zusammengenommen und vieles Unberücksichtigte hier, schmilzt die noch freien Völker gegen uns, gegen Deutsch- land zusammen. Weil wir eine Macht sind, die nach Auffassung der anderen Völker die menschlichen Grundsätze im Rahmen der Völkergemeinschaft bedrohen, wächst gegen uns ein Haß und eine moralische Entrüstung, weil wir als Volk Träger und Er- 1 halter des Unerhörten sind, das sich Nationalsozialismus nennt! Ursache einer Niederlage, die bestimmt kommen wird, wird somit das Faktum„Nationalsozialismus“ selbst sein, weil er durch seine Ziele, Thesen und Handlungen das Weltbündnis der sich vereinigenden Nationen schafft!“ Die Kameraden hatten die Arbeit ruhen lassen, hatten mit Spannung den Darlegungen Bergers gelauscht, waren erstaunt über die Kühnheit und Freiheit seiner Darlegungen, die sich so 1 logisch erwies, daß alle— ohne Ausnahme— diese Auslegung gelten ließen und glaubten. Sie wußten nun auf einmal, weshalb Hitler solche Männer schweigsam macht, versicherten Rolf aber, daß sie das Gehörte wie auch die Darlegungen des Professors Th. für sich behalten würden. Auch der Werkmeister dieser Abteilung— zugleich Aufsichts- beamter— erkennt in Berger den gebildeten Menschen und weiß aus den Akten dessen„Verfehlung“. Und so zeigt er ihm gegen- über eine große Höflichkeit und Menschlichkeit. Überhaupt weisen die Beamten dieser Anstalt im allgemeinen eine größere Saclichkeit und Schulung auf als so manche„Bestien“ im Stadelheim. 69 Auch in dieser Anstalt findet Berger Vertreter der verschiedensten Nationen. Die Gemeinschaftsarbeit macht den Aufenthalt erträglicher, doch die tägliche Qual heißt Hunger und Warten. Die Arbeit erfordert bei dem Schwächezustand der Gefangenen täglich eine ungeheure Willenskraft. Aber man kann sich wenigstens unterhalten, wenn der Beamte verschwindet und stundenlang durch Zentraldienst abgehalten wird, die Aufsicht zu führen. Und so werden neben persönlichen Dingen auch die weltanschaulichen Fragen erörtert. Rolf erkennt fast bei allen Kameraden eine politische Unsicherheit und perspektivische Wankelmütigkeit, so daß er seinem Zuhörerkreis einmal die Grundbasis seiner Auffassung zu ihrer Schulung beschreibt. Er weist nach, daß jeder Mensch eine Perspektive in fundamentalen Begriffen haben müßte. ,, Im unendlichen Weltenraum" so erzählt er- ,, schwimmt im Millionengefolge der Sonnensysteme unsere Welt. Ein winziger Punkt im All, bestehen doch außer unserer Sonne mit ihren Trabanten Tausende und Abertausende Sonnensysteme, umspielt wiederum von Millionen oder Trillionen Welten, die im unermeßlichen Raum ihre Bahn ziehen. - Auch unsere aus dieser Perspektive gesehene winzige Welt nimmt ihren vorgeschriebenen Lauf nach dem Willen des Allmächtigen, den wir unwissenden Menschen Gott nennen, oder dessen Walten wir Fügung, Schicksal, Bestimmung, Vorsehung oder Kismet heißen. Produkt und höchste Gebilde unseres Planeten ist der Mensch. Seine Einwirkung und seine exakte Wissenschaft und der Flug seiner Geistigkeit ist jedoch begrenzt und an unsere Erde gebunden. Unsere Welt ist somit unser höchster und weitester perspektivischer Standpunkt. Die Lösung von diesem Anhaltspunkt würde bedeuten, daß die Welt nicht mehr Mittelpunkt unseres Geschehens wäre, sondern ein verlorener Punkt im All, im Unendlichen. Und ein Denken und Handeln ohne einen geistigen und sittlichen Zentralpunkt würde uns Menschen unerträglich sein. Nur damit können wir denken, formen und schöpferisch sein. Logik, Sittlichkeit und Menschlichkeit dürfen für uns keine perspektivische Bedeutung im Sinne des Relativismus haben, sie müssen fundamental feststehen, womit keinesfalls die Lehren Einsteins oder Spenglers angetastet werden sollen, im Gegenteil, 70 க Si M E N b u t E e- hlt nd nt en A| sie finden in allen dynamischen Begriffen und solchen, die der Mutation unterworfen sind, ihre Bestätigung. Der Mensch glaubt, das vollkommenste Geschöpf dieses runden Erdballes zu sein. Die Vorsehung hat ihn herausgehoben aus dem Niveau des niedrigen Tieres, hat ihn mit Geist gesegnet und ihn befähigt, mit diesem Geist sein Leben zu gestalten. Und doch hat unsere Generation zwei Kriege erlebt, die mit idealen und hoch- tönenden Gedanken begründet wirden: Man hat den Einsatz des Einzelnen, der Familie und der Volksgesundheit für den Staat gefordert— und dieser Staat verschloß sich der größeren Gemein- schaft: Der Menschheit! Ist nicht der Irrtum der Politiker das Unglück der Menschen und ist es nicht endlich an der Zeit, die richtive Perspektive zu wählen? Ist es um die Fundamentierung des erstrebten Welt- friedens nunmehr nicht erforderlich, diese Perspektive endgültig für alle Menschen festzulegen, um die Grundlage zu einem Welt- bild und zu einer Weltanschauung in fundamentalen Begriffen zu bilden? Welche Pflicht ist denn die höchste für den Einzelnen? Die menschliche! Als erstes hat der Einzelne daher Mensch zu sein! Bürger dieser Welt, erst dann Vertreter einer Nation, Rasse, Sippe oder sonstigen Vereinigung oder Fügung! Liebe den Nächsten wie dich selbst— das ist der menschliche und christliche Standpunkt! Aber nichts vermag der Mensch so zu lieben, wie sich selbst, bestenfalls kann man einen anderen Menschen fast so lieben wie: sich selbst. Wer dagegen spricht, der täuscht sich selbst! Es entstanden jedoch Scheinsysteme und Lehren, nach denen die Liebe des Einzelnen zu sich selber,— auf der ja das Leben ruht— den Menschen als unmoralisch galt und deshalb verheim- : licht, verborgen und maskiert werden mußte. Einen anderen zu lieben galt als besser, für sittlicher und edler als sich selbst zu lieben. Und so erfand man eine erhöhte stilisierte Selbstliebe in einer Art von Nächstenliebe auf Gegenseitigkeit. So wurde die ‘Familie, die Dorf-, Sipren-, Religions- und Volksgemeinschaft zum Heiligtum. Der Mensch, der sich selbst zuliebe nicht das kleinste Sitten- gebot übertreten darf, für die Gemeinschaft, für das Vaterland durfte er alles tun, auch das Furchtbarste, und jeder sonst so ver- pönte Trieb wird hier zur Pflicht und zum Heldentum. Und dem natürlichsten Schritt, der sittlichen Einordnung der Volksgemeinschaft in die Völkergemeinschaft der Welt- in die Menschlichkeitstellen sich andererseits Politiker aus maskierter Selbstliebe entgegen. Wir Menschen bezeichnen das ewige Walten Menschen, Tiere und Pflanzen regieren - die Gesetze, die als Natur. Wir wissen, daß die Natur ein beständiger Kampfplatz ist, auf welcher eine Kraft mit der anderen, ein Trieb, ein Dasein mit dem anderen ringt. Wo die Natur eine veredelte Form erhält, wo der Mechanismus in freiere Tätigkeit übergeht, und wo sich mit dem" höheren, kunstreichen Lebensprinzip die erste Spur des Bewußtseins und des Willens offenbart, nimmt der Kampf den Charakter eines Krieges an. Die tierische Schöpfung lebt und gedeiht nur im Kriege. Auch das menschliche Geschlecht muß sich behaupten, aber auf Kosten der Tiere und Organismen. Sein Geist ist das Mittel zu seiner Erhaltung und Herrschaft über die Welt und Natur. Es bleibt ihm ja auch nur die Wahl, entweder selbst zugrunde zu gehen, oder alles um sich her, was nicht zu anderen Zwecken für ihn erhalten werden muß, zu bekriegen oder zu zerstören. Aber der. Mensch als Vernunftswesen ist durch Selbstbewußtsein und Freiheit über die anscheinende Verwirrung im Weltenlaufe erhaben. Sein Handeln wird durch Regeln, die aus ihm selbst hervorgehen, bestimmt. Von allen Wesen dieser Erde unterwirft er sich allein die Natur mit einer bleibenden Gewalt. Der Mensch allein nur geht über alle Instinkte hinaus und lebt, sobald er sich selbst zu verstehen und zu achten anfängt, mit seinesgleichen in Frieden. In ihm ist das Bedürfnis und die Erkenntnis der Notwendigkeit vorhanden, sich unter das Recht und die Sittlichkeit zu beugen. Was andere Geschöpfe nur durch blinde Gewalt und durch Krieg zu erreichen wissen, verschafft er sich durch gesellige Verbindung und Gesetz, sollte er wenigstens dadurch zu erreichen suchen! - Aber der Mensch ist nie reines Vernunftwesen. Ein geheimnisvolles Band knüpft ihn unaufhörlich an die Natur, über die ihn sein Geist unaufhörlich erhebt. Der kriegerische Trieb das anscheinend feindliche Prinzip- wirkt auch in ihm. In den, Tieren war es Instinkt in ihm wird es zur Leidenschaft und zur Neigung. Kriege zwischen Menschen und Völker dokumentieren die menschliche Unvernunft derer, die solche Kriege begannen, sie 72 222 sind Nei lich vor gei SO alle ge Er ins sti Be nu Q di de da E W S S j U H h sind Beweis für die menschliche Unreife, tierisch gebundene Neigungen und Leidenschaften jener für den Krieg verantwortlichen Staatsführer. Ein Krieg als Prinzip der Gewalt wird nur von solchen Menschen aufgenommen und begonnen, die ihr geistiges Unvermögen zur Beherrschung der Lage erfühlen. Und so werden wir die geschichtliche Feststellung machen können, daß alle Verantwortlichen an Kriegen menschlich kleine Charaktere gewesen sind, die oft um persönlichen Ehrgeiz, um materielle Eroberungen oder um ihren geschichtlichen Namen ihre Völker ins Verderben führten. Die ganze vernünftige Existenz des Menschen und die Bestimmung all seiner Generationen soll nur ein immerwährendes Bestreben sein, dieses kriegerische Prinzip den Ideen von Ordnung und Gesetzlichkeit, von denen er allein das Muster und die Quelle auf Erden sein sollte, unterzuordnen. -- - Aber selbst die ausschließlich dem Menschen eigene Art, auf die Welt, die ihn umgibt, zu wirken, selbst seine Freiheit bietet der Ordnung, zu der er berufen ist, eigentümliche Hindernisse dar. In dieser, an und für sich unendlichen Freiheit ist jedem Einzelnen ursprünglich die Herrschaft über die ganze sinnliche Welt, soweit er nur darin fortschreiten kann, gegeben. Solange sie durch kein Gesetz beschränkt wird, gehört, und wenn noch so viele Millionen nebeneinander geschaffen wären, einem jeden unter ihnen die Erde mit all ihren Gütern. Nur aus der Unmöglichkeit, diese Ansprüche alle zu erfüllen, nur aus dem Bedürfnis ihrer Beschränkung geht der Begriff ihres Rechtes hervor, und auf diesem allein ist die Möglichkeit eines Vertrags gegründet. Aber weil die Verträge zwischen Einzelnen noch immer die anderen nicht binden und doch das Recht unter den Menschen durchaus und für immer bestimmt sein soll, müßte man zuletzt, um die Forderungen der Vernunft zu befriedigen, zu einem allgemeinen Vertrag, zu einer gesetzlich geordneten Gesellschaft den ganzen Umfang der menschlichen Zwecke erreichen und den Stand der Natur von allen Seiten endigen sollte, so müßte sie allerdings das ganze menschliche Geschlecht umfassen. Nur dann ist jedem Erdenbewohner sein Recht gegen jeden anderen durchgängig und vollständig gesichert, wenn er mit allen in eine rechtlich geordnete Verbindung tritt. Die Menschen dieser Erde müßten in einem Staat erfaßt sein. Nur dann erlangt das Recht unter den Menschen eine absolute und vollstän dige Garantie. 73 Vielleicht hat dieser letzte Krieg eine neue Mutation der Menschheit bedingt, sodaß die Zeit für die Durchführung dieser Gedanken herannaht. Die Menschen unseres Kontinents haben in den letzten Jahrzehnten wahrhaftig nicht bewiesen, daß in ihnen das Prinzip der Vernunft herrscht, weil sie den kriegerischen und menschenfeindlichen Prinzipien die Herrschaft und Leitung ließen! Dieser zwischen Menschen und Völkern unbedingt notwendige Universalvertrag war bisher durch die natürlichen Schranken, durch Meere getrennte Kontinente, Flüsse und Grenzen, geteilte Länder, durch Sprachen und Rassen und völkisch aufgebaute Gegensätze unmöglich gemacht. Aber der menschliche Geist hat heute einen derart hohen Stand in der technischen Beherrschung erreicht, daß die natürlichen Grenzen, wie Flüsse, Meere und Berge keine Hindernisse mehr bieten, während die gemeinsamen Nöte des Krieges die Völker gelehrt haben dürften, daß Verständigung und Spracheinigung ein großes Mittel zur menschlichen Harmonie bilden, daß die Prediger von Haß und Feindschaft zwischen Nationen ausgemerzt werden müssen, gleichwo in welchen Völkern sie stecken. - In jedem einzelnen Staate sind durch die gesetzliche Verfassung alle rechtlichen Verhältnisse bestimmt aber die Staaten konnten bisher untereinander kein gemeinschaftliches, durchaus nach Gesetzen organisiertes Ganzes, bilden. Und diese unvollkommene Gesellschaftsverfassung in Fragmenten kann daher den Krieg nur provisorisch jedoch nicht definitiv aus ihrer Mitte verbannen. - Das Gebot unseres Zeitalters ist es, der Menschheit das weltumspannende Gesetz zu geben, das jeden Erdenbewohner gegeneinander sichert und verpflichtet. Mag dieses durch einen völkerverbindenden Universalvertrag oder die Schaffung einer Weltunion geschehen!" Berger hatte, über seine Arbeit gebeugt, seine Ansichten entwickelt. Nun richtete er sich auf und schaut in die großen, hellen Augen Professors Th., der seinem Arbeitspartner nun die Hand auf die Schulter legt und sagt, daß diese Gedanken auch seine seien. Er unterstrich die Auffassung Bergers und betonte, daß er auf seinen Weltreisen die Feststellung getroffen habe, daß gerade die meisten Deutschen politisch unreif und ungebildet seien, was auch seine geschichtliche Begründung habe. ,, Denn dem gemeinfreien, urdeutschen Manne galt seine Unabhängigkeit und Freiheit 74 a ler ser r- er d- ge en, te n- te t, he es d ie n n n S 1- n als das Höchste. Über ihm stand nur die Versammlung der Freien, sie wählte, stürzte Könige, Heerführer und Gesetze also eine wahre Demokratie. Durch fremden Einfluß lernten dann die Frankenkönige römische Art. Und das Mittel, das dort zweckmäßig war, schlug in deutschen Gauen zum Verderben aus. Der König richtete seine persönliche Herrschaft auf statt dienendes Führertum zu üben. Er stellte an Stelle der Versammlung der Freien Herzöge und Grafen für die Verwaltung auf, die er mit Besitztümern und Land belehnte. Mit dieser Methode ließ sich vieles ohne, ja selbst gegen das Volk durchsetzen. Der Freie gewöhnte sich an das Regiertwerden und das Volk verlor langsam seinen politischen Sinn. Die wirkliche Macht glitt vom Volk auf die einstmals absetzbaren Könige, Grafen und Herzöge über. So wurde aus dem deutschen Volk nur ein Staat. Und so konnte in Weiterverfolgung dieses Irrweges erst die autoritäre Staatsform und Staatsauffassung ihr Dasein finden...!" - - - - - - - Wochen und Monate vergingen in einseitiger Arbeitsweise, in gleichmäßiger Lebenshaltung. Im kleinen Anstaltshof vergilbten die Blätter und dann kündeten Schneeflocken die Winterperiode an. Wenig sah Rolf vom Kreislauf dieses Jahres in der Natur. Die Farbe seiner Haut war bleich und krank geworden durch den ständigen Aufenthalt in Zelle und Arbeitsräumen. Bei Transportarbeiten für seine Abteilung traf er mit manchen anderen Kameraden zusammen. Da war ein weißhaariger Polizeimeister, der wegen des gleichen Gesetzesverstoßes wie Berger hier war. Er hatte sich gegen die Unmenschlichkeiten im besetzten polnischen Land ausgesprochen. Zunächst wurde er in die PolizeiStrafabteilung nach Dachau gebracht, wo er erkennen mußte, daß die dortigen Methoden noch grausiger gegen eigene Landsleute waren als im polnischen Gebiet. Er sprach sich jedoch nicht offen aus über die Dinge weil er vorsichtig sein wollte und Angst vor Spitzeln hatte. - Dagegen traf Rolf einen ehemaligen Soldaten, der ebenfalls durch ein Straflager nach Landberg kam und über das Drama ,, Winniza" in der Ukraine berichtete. Berger und die Kameraden, die Zeuge dieser Darstellung wurden, schüttelten sich aber diese Art nationalsozialistische Spinnstoffsammlung" im russischen Gebiet. Und dieser Kamerad erzählt im Winter 1941/42: 99 75 C „Nahe bei Winniza wurden auf freiem, nur. mit Stacheldraht- verhau abgeschlossenen Feldern Hunderte und Aberhunderte Juden zusammengetrieben oder mit Lastzügen zusammengeholt. Und diese Juden und anderen„unsicheren Elemente“ hatten einen breiten, langen Graben mit bereitstehenden Spaten auszuwerfen. Es waren Frauen aller Altersstufen, Kinder beider Geschlechter, Männer und Greise dabei. Als dieses befohlene Werk getan war, erhielten alle in diesem Drahtverhau versammelten Menschen den Befehl, die Kleider ab- zulegen und auf einen Haufen zu werfen. Man hatte zu diesem. Schauspiel auch Offiziere der Wehrmacht als Zuschauer eingeladen. Sie wurden Zeuge mancher scheußlichen Einzelheit. Da waren zwei kleine Judenkinder, die sich fest an den Händen hielten und sich auch trotz der Befehle der SS.-Mörder nicht losließen. Unbarm- herzig sausten die Stahlruten auf die kleinen Körper, die aber eine derart erstaunliche Willenskraft aufwiesen, daß schließlich die Rohlinge davon abließen. Eine junge jüdische Frau wollte ihren Büstenhalter nicht ablegen. Und als die Rutenhiebe nichts fruchteten, riß ihr einer der Henker dieses restliche Kleidungs- stück vom Körper, um es dann mit einem verwunderten Auflachen seinen Kameraden zu zeigen. In diesem Halter waren von innen, fein säuberlich, Goldstidkchen nebeneinander eingenäht. Und doch war dies ein lächerliches Unterfangen der geschändeten Frau, da sie doch dem Tode geweiht war, wie alle anderen Menschen neben ihr. Maschinengewehre und-pistolen bellten auf und die an den Grabenrändern aufgestellten Gestalten fielen gegen die Schußrichtung in den breiten Graben. Benzin wurde auf die Körper gespritzt und der Brand sorgte dafür, daß eine Identifi- zierung der Gestalten später unmöglich war....“ Etwa ein Jahr später, als Berger längst wieder die Freiheit zurückerhalten hatte, las er in deutschen Zeitungen über Winnıza und das vom Goebbelsschen Amt darüber herausgegebene Weiß- buch, als nämlich die Russen in raschem Vormarsch nach Westen waren und das Geheimnis der Massengräber um Winniza immer- hin so oder so ein Ende gefunden hätte. ‘Der Winter 1941/42 war in Landsberg ungemein hart und als die Schneeschmelze begann, da brach die gesundheitliche Kraft Bergers trotz aller Willensanstrengungen zusammen. Er brach über seiner Arbeit eines Tages zusammen. Der Arzt verschrieb ihm nach flüchtiger Untersuchung einige Tage Schonzeit in der Zelle. Tagelang lag Rolf dann unter seiner Wolldecke, fror, der- 76 e t. n 1 weil das Fieber ihn schüttelte. Ein böser Husten stellte sich ein, Schwindel und Ohnmachtsanfälle wechselten einander ab und sein Auswurf war blutdurchsetzt. Er meldete sich dann neuerdings beim Arzt, als er kaum mehr auf den Füßen stehen konnte. Die Fiebermessung zeigte am frühen Morgen bereits rund 40 Grad. Nun endlich bequemte man sich, Berger in die Krankenabteilung aufzunehmen. Befund: Doppelseitige Lungenentzündung. Sanitätskameraden halfen ihm in die Abteilungskleidung und steckten ihn, der vor Frost mit den Zähnen klapperte, ins nächste Bett. Eine Fiebermessung zeigte bald starken Temperaturanstieg, so daß selbst der Arzt herbeizitiert wurde. Bedenklich zog dieser die Brauen zusammen, war doch das Quecksilber um die Mittagszeit bis an 42 Grad gestiegen. ' Es konnte nur ein Radikalmittel helfen. Fraglich war nur, ob die Konstitution Bergers dies aushalten würde. Er wurde darum befragt und hatte seine Einwilligung schriftlich auf einem Formular zu bescheinigen. Und dann ging es um das Letzte, um Leben oder Tod. Unendlich müde und gleichgültig war Rolf ihm wog nach all dem Erlebten und Grauenhaften der Tod nicht schwerer als irgendeine Vokabel, durch die eine irdische Wandlung bezeichnet wird. Die ihm eingegebene Medizin löste einen elementaren Kampf aus, seine zähe Natur rang mit den Kräften der Krankheit Stunde um Stunde, fast eine ganze Nacht dann war das Fieber besiegt, aber der Körper so erschöpft, daß er fast eine Woche lang keine Nahrung mehr aufnahm. Sein an und für sich krankhafter Herzzustand wurde verschlimmert und jahrelang mußte Rolf als Folge der Lungenentzündung ein Schilddrüsenleiden in Kauf nehmen. - Monatelang mußte Rolf das Krankenlager benutzen und als er erstmalig das Bett verlassen durfte, da war der Frühling mit seiner ganzen Pracht ins Land gezogen. Rolf tastete sich zum hohen und breiten Fenster, stützte sich auf die Fensterbank und träumte hinaus in die blumigen Weiden, die sich jenseits der Umfassungsmauer der Anstalt hinzogen. Eine verbesserte Krankenkost half Berger bald wieder auf die Beine. Sobald er jedoch wieder sicher schreiten konnte, mußte er die Krankenabteilung verlassen und seine Arbeit wieder aufnehmen. Berger ließ sich dem Anstaltsleiter melden, legte ihm dar, daß er zu schwach sei, schwere körperliche Arbeit zu verrichten und bat darum, daß er in eine jener Abteilungen komme, die einen 77 r kleinen Nahrungszusatz bekämen. Seinem Wunsche wurde ent- sprochen und so durfte Rolf nach einigen Wochen mit der Außen- abteilung in ein jenseits der Stadt gelegenes Sägewerk marschieren. ‚Gewiß, die Arbeit war schwer, doch gab es pro: Tag insgesamt zwei Brotschnitten und zwei Wurstscheiben Zusatzverpflegung, was bei der mangelnden Kost ungemein viel ausmachte. Und so ( gewann Rolf allmählig eine mäßige Kraft zurück. Das Bewußtsein, daß bald seine Entlassungszeit kommen 'würde, tat ein übriges. Außerdem gelang es Rolf, durch einige in dem Sägewerk beschäftigte Arbeiterinnen, briefliche Verbindung mit seiner Familie aufzunehmen. Aus München und Lippstadt erhielt er nunmehr regelmäßig Lebensmittelpakete, die an die ‚Arbeiterinnen adressiert wurden. Und diese mitleidigen Seelen brachten Rolf nun jeden Tag die notwendige heimatliche Zusatz- verpflegung mit, so daß er bald wieder auf dem Damm war. Trotzdem war er fürchterlich heruntergekommen. Als er seinen Körper einst beim Baden betrachtete, stellte er fest, daß seine. Schenkel nur die Dicke seines früheren Armes hatten. Sein Gewicht betrug während seiner kritischsten Zeit 87 Pfund. Wegen guter Führung war es Rolf gestattet worden, eine Zeitung zu halten. Und darin verfolgte er die politischen und militärischen Geschehnisse der Welt. Er liest darin u. a. die kurze Notiz, daß der Jude S. Amerant wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und das Urteil bereits vollstreckt sei. Es erschien Rolf, als wenn der Höhepunkt nationalsozialistischen Aufschwungs bereits über- schritten sei und hörte davon, daß die Gestapo mit noch größerer Schärfe gegen alle„unsicheren Elemente“ im Staate vorginge. Man munkelte, daß politische Häftlinge nach der Entlassung aus den Gefängnissen draußen am Tor durch Gestapobeamten in Empfang genommen würden, um ihnen in den KZ.-Lägern einen weiteren Sicherungsaufenthalt zu geben. Rolf war in großer Unruhe darüber, fieberte er doch bereits dem 13. Juli zu, der ihm. die Anstaltstore öffnen würde. Und dann war es soweit. Seine Kleidung war Tage vorher überprüft worden, seine Papiere bereitgelegt und nun wurde er zum ersten Male ‚nach 26 Monaten regelrecht rasiert. Sein Haar wurde sorgfältig geschnitten und dann erhielt er an einem Samstagnachmittag seine Zivilkleidung wieder, wurde mit vielen anderen Glücklichken in eine Abgangs-Sammelzelle geführt, auf deren Boden eine ganze Anzahl Strohsäcke lagen. 78 t ELFTES KAPITEL Dann graut der Montagmorgen herauf. Um fünf Uhr rasselt der Schlüssel in der Tür und ein wohlwollender Beamter fordert mit scherzenden Worten die Insassen auf, aus diesem Bau zu verschwinden, sie hätten hier nichts mehr zu tun. 99 Wenn Sie nun das Nationalheiligtum, die ehemalige Zelle Hitlers, besichtigen wollen, dann müssen Sie erst die Anstalt verlassen, um dann erst als Gäste diese Anstalt zu besuchen", meinte der Beamte. Aber alle Entlassenen verzichteten auf dieses Vergnügen; ihr Bedarf vom Nymbus dieses Baues war reichlich gedeckt. - Und o Wunder vor der Pforte steht kein Gestapobeamter. Wie Kinder, denen sich die Wunder einer neuen Welt offenbaren, benehmen sich die Heimkehrenden. Rauchen mit Genuß eine Zigarette, die ein mehrjähriges Dasein im Gepäck verbracht hatte. Rolf hat seine Löhnung in einem Abrechnungsumschlag bei sich und der Gesamtbetrag seines Arbeitslohnes in 26 Monaten beträgt 68,25 Reichsmark! - 1 Und nun reist Rolf gen München, nimmt dort die Gelegenheit wahr, um mit einigen seiner Kameraden einen Kriegskaffee im weiten Wartesaal zu trinken, wobei sie mit neuesten Kriegsnachrichten durch riesige Lautsprecher traktiert werden. Er wandert dann langsam durch die Straßen, am Justizpalast vorbei zu seinen Verwandten, die dem Heimkehrenden tränenden Auges um den Hals fallen. Auch seine Großmutter eine feine Frau im greisen Alter von 81 Jahren, welche nach dem Tode seiner Mutter die Pflege und Erziehung Rolfs übernahm schließt ihn mit leuchtenden Augen in ihre welken Arme. Diese gereifte, gütige Frau, die in mitempfindendem Herzen zu ihm gestanden hatte wie alle seine näheren Verwandten und Bekannten. - - - Nach einem warmen Vollbad beginnt Berger vorsichtig wie ein Kind die für ihn immerhin schwere Kost zu probieren. Das Gefühl der Freiheit und die rührende Pflege sorgen dafür, daß " Berger sich schnell erholt. Erst nach Tagen sucht er einen Arzt auf, um einen dokumentarischen Befund über seinen Gesundheitszustand zu erhalten. ,, Schwere Unterernährung, Herzstörungen und eine böse Schilddrüsenerkrankung" machen es Berger unmöglich, in Bälde seine 79 U 1 Arbeit aufzunehmen. Er reist dann in die kleine, westdeutsche Stadt zu seiner früheren Wohnung. Sie ist längst aufgelöst. Eine Kameradin hat im Notverkauf das Mobiliar umgesetzt, um die Mieten und laufenden Unkosten zu zahlen. Und Rolf begleicht aus eigenen, rechtzeitig gesicherten Mitteln seine Verpflichtungen, die Garagenmiete für etwa 30 Monate und anderes. Der Wagen, das Rundfunkgerät und viele Teile seines Besitztums sind verschwunden einkassiert von der Gestapo. Ja, selbst sein Handwerkszeug, die kleine unentbehrliche Reiseschreibmaschine ist nicht mehr da. Es ist vieles, vieles aus der so lange leer und unbeaufsichtigt stehenden Wohnung Bergers gestohlen worden. Die Motten haben inzwischen die besten Anzüge und Mäntel zerfressen und Rolf kann seinen einst großen Besitz in einige Koffer und Kisten verstauen und expedieren lassen. - Überall wird Berger in der Stadt erstaunt begrüßt. Man hat ihn längst totgesprochen, ist erfreut, daß die in Umlauf befindlichen Meinungen erfunden sind und hilft ihm, wenn auch mit einer gewissen Ängstlichkeit vor der Gestapo, die ja auch hier ihre Vertreter hat. Rolf wagt den Gang zu dieser Stelle und zur örtlichen Polizei und forscht nach seinem verschwundenen Gut. Man empfiehlt ihm, diese Bagatellen ruhen zu lassen und baldigst aus der Stadt zu verschwinden, denn er wäre hier zu bekannt, um nicht über alle möglichen Erlebnisse und Anstaltsverhältnisse befragt zu werden. Und Rolf streicht auch diesen Verlust, bucht ihn auf das Schicksalskonto ,, nationalsozialistisches Recht" und zieht zu einer Tante in Westfalen. Die Mittel Bergers sind nun knapp geworden. Seinen Beruf als Redakteur darf er nicht mehr ausüben und er muß sich nach einem neuen Verdienst umsehen. Aber überall in größeren Werken werden politische und polizeiliche Zeugnisse verlangt. Und auf diesen steht der vernichtende Satz: ,, Zwei Jahre Gefängnis wegen fortgesetzten Vergehens gegen das Heimtückegesetz". Man lächelt Berger verlegen an und bedeutet ihm, daß er damit keinen Anspruch auf die zwar notwendig zu besetzenden Stellen hätte. Die Abwehrabteilung des Betriebes lasse dies nicht zu. So reist Rolf von Werk zu Werk, wird überall abgewiesen und kehrt niedergeschlagen in die Westfalenstadt zurück. Und dann gelingt es Rolf endlich, einen Posten auszuwählen zwischen zwei Angeboten mit ihren gutliegenden Arbeitsbereichen. 80 m a R e le b H I Und er bleibt in der kleinen Westfalenstadt, übernimmt die kauf- männische Abteilung eines kleinen, wachsenden Betriebes und arbeitet sich derart schnell ein, daß der Chef sich für ihn, als er Rolfs Vergangenheit durch Überwachungsbeamte der Gestapo erfährt, ins Zeug legt. Und so darf er bleiben, arbeiten und leben.——— Damit aber Rolf schweigt, wird er häufig von Gestapo- beauftragten inspiziert, gewarnt und heimlich überwacht. Und _ Berger reißt sich zusammen— denkt: Immer daran denken— nie davon sprechen! Für ihn bedeutet die dramatische Kriegsentwicklung,‘die Steigerung der Kriegsschrecken und des Leides im eigenen Lande und Volke keine überraschende Wendung, sondern die logische und konsequente naturgemäße Entwicklung, er weiß um das Ende, er fühlt den weiteren Ablauf der Dinge in großen Zügen mit sicheren Sinnen. Ursulas Leben ist flach und hemmungslos geworden. Sie hat sich an mehrere Männer vergeben, indem sie ihre’ Liebe teilte. Ihre innere Zerrissenheit ist zu einem Spiegelbild ihrer Lebens- haltung geworden. Berger, weiß nicht viel von ihren späteren Schicksalen. Doch’ eins weiß er sicher: Sie hat von einem ihrer Geliebten ein Kind bekommen und an den Folgen einer schweren Geburt büßt sie jetzt noch. Sie ist siech geworden und muß in einem Fahrstuhl gefahren werden...! 3 Berger ist erschüttert, findet keinen Groll mehr gegen sie— er ist ruhig, weise und abgeklärt geworden. Wie der reifende Mann später die Weisheit erkennen lernt, erwirbt er sich die heitere Lebensfreude der Kindheit zurück, jene Sicherheit, in der auch der Tod nicht schwerer wiegt, als jede andere Wandlung in seinem Leben. Er hat erkannt, daß ein Knecht der Liebe und Leidenschaft nicht minder häßlich ist, wie ein Sklave der Trunk- sucht. Und er spricht sich aus über sein Leben mit gebildeten, weiß- und grauhaarigen Freunden, empfindet, daß Opfer und Güte mehr sind als Liebe— ja eine wahre Freundschaft vielleicht herrlicher sein kann. Liebe will besitzen und erringen, will Rechte, alleinige Herrscherrechte, will nicht teilen und nicht hingeben. Wenn sie das nämlich tut, ist es Opfer, aber nicht mehr Liebe. Liebe muß sein und nicht gewesen sein. Mag sie eine Art Egoismus sein, 6 Frenk: Im Machtbereich der Gestano 81 eines muß sie können: Alles ertragen, Schmacd, Verfolgung und Armut, alles muß sie teilen können mit dem, den sie liebt. Aber Liebe kann, will und wird nie mit einem anderen teilen! Und am furchtbarsten ist der Haß aus einer Liebe, die nicht teilen kann und sich nicht bescheiden will— wie auch Liebe und Haß nahe beieinander wohnen. Berger ist wohl erschüttert über das Schicksal Ursulas, wie ihn auch das unendliche Leid seines Volkes aufs tiefste berührt. Er weiß aber: Alles wird uns heimgezahlt, wenn auch nicht von denen, denen wir geborgt haben! Und große Schuld hat auch das Volk auf sich geladen— weil es seinen Regierenden einen derartigen Freibrief gab, weil es sein Schicksal durch ihr Machtgefühl verdorbenen Menschen über- ließ, die Parolen ausgaben, wo sie hätten Rechenschaft ablegen müssen, die ihren Dienern Befehle gaben, wo sie Männer hätten zu Rate ziehen müssen, die Kritiker in die Gefängnisse oder KZ.- Läger warfen, statt das Kritisierte zu überprüfen. Weil das deutsche Volk Widerstand leistete gegen eine deutliche Mutation der Menschheit— weil die Regierenden als Beauftragte des Volkes alle Energie nur darauf verwandten, ein Instrument der Mact zu schaffen und bedacht waren, jede Äußerung des geistigen Lebens, Philosophie und Wissenschaft zu Trabantendiensten zu zwingen...! Die Verhältnisse in Deutschland sind immer schwieriger ge- worden. Immer deutlicher zeigt sich der Schatten des Hunger- gespenstes. Zum ersten Male seit Jahrhunderten wird der Krieg in seiner ganzen Furchtbarkeit in deutsche Gaue getragen. Deutsche Städte und Dörfer, deutsche Kulturen und Menschen fallen den vernichtenden Bombenlasten großer und immer größer werdender Feindgeschwader zum Opfer. Unsägliches Leid, die unmittelbare Auswirkung des Krieges, wird in jede Familie getragen. Das deutsche Volk muß die Suppe auslöffeln, die ihm seine Politiker eingebrockt haben! Die Gestapo und SS. steigern ihre Schreckens- herrschaft auf das Entsetzlichste. Das Volk kann nun mit eigenen Augen sehen, daß diese Institutionen keine Einrichtungen der Ordnung, sondern'des Chaos und des Verbrechens sind. Und doch hat das Volk nicht mehr die Macht, diesen Vampyr„National- sozialismus“ abzuschütteln. Die Hilfe muß von außen, muß von den Vereinten Nationen der Welt kommen. 82 a ի 2 a Und die gesammelte Kraft dieser Völker drosselt endlich dieses ungeheuerliche Gebilde langsam, aber stetig ab. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Tragisch ist das Schicksal des deutschen Volkes im allgemeinen, tragisch und traurig das Menschendrama, das sich an den Fronten abspielt, wo unzählige Männer verbluten oder zu Krüppeln werden, maßloses Leid in deren Familien auslösend. Und diese Symphonie des Grauens findet ihre Höhepunkte in den Lagern und in allen Gauen des Landes, wo die Herrschaft des Verbrechertums mordend und henkend wirkt, in Verzweiflung und Angst um das mit mathematischer Sicherheit nahende Ende ihrer Herrschaft und Existenz. - - - - - - Und dann rollen die Tanks der siegreichen Heere des Westens und Ostens heran, spülen die letzten Schatten nationalsozialistischer Einrichtungen hinfort. Die Mutigsten der nationalsozialistischen Verbrecherclique richten sich selbst und die anderen Gestalten werden in Gewahrsam genommen. - Der Machtbereich der Gestapo ist zerschlagen ausgemerzt. Rauh greift die Operation für das Gemeinschaftsleben der Völker in Deutschland ein. Erst von nun an wird das Volk wieder das Primäre sein! Immer steht noch der Weltzirkel der Geschichte, daß, wenn alles sich zuspitzt, Verjüngung durch Zerstörung kommen muß! Kosmisches Gesetz wie Werden und Vergehen! - SCHLUSSKAPITEL Rolf Berger hatte in der westfälischen Kreisstadt die letzte Kriegsphase miterlebt, war in Sorge, daß in letzter Minute vielleicht noch die Menschen, die in den Akten der Gestapo als staatsfeindlich verzeichnet waren, vor dem letzten Akt des sterbenden Systems in den Strudel des Todes einbezogen würden. In Dortmund und anderen Städten starben noch Hunderte und Aberhunderte deutscher und nicht deutscher Menschen angesichts der heranrückenden Truppen und dem Donnern der siegreich vorwärtsstürmenden Panzer ihrer ersehnten Befreier, einen furchtbaren Tod. Doch das Schicksal sollte Rolf eine andere Aufgabe aufsparen, die er in sich fühlt. 6* 83 Rolf sieht in Gedanken, wie= die Tore der Kerker und K2.-Läger öffnen werden, wie die Überlebenden jahrelanger Folterungen ihren Befreiern zujubeln. Er sieht andererseits darin Menschen, die nicht mehr fähig zu F reudenkundgebungen sein werden, weil sie sich vor Schwäche nicht mehr auf den Beinen. halten können, sieht Massen zusammengeschossener Häftlinge oder Mitwisser der Verbrechen, die im Sturmlauf der Zeit von den Mördern nicht mehr rechtzeitig verbrannt oder begraben werden konnten, sieht Hunderttausende Zeugen aufstehen, die von dieser Schmach, dem„Mythos des 20, Jahrhunderts“ künden werden und gibt sich der Hoffnung hin, daß man nun, nachdem die Menschheit so tief in Grauen und Elend getaucht ist, endlich die Lehre ziehen wird. Er formt im stillen die Forderungen unserer Zeit: Die Anerkennung fundamentaler Begriffe, wie Menschlichkeit, Sittlichkeit und Logik. Sie sollen den perspektivischen Angel- punkt bilden, auf dem sich dann die Zusammenschmelzung der Menschheit vollziehen läßt.: Ohne eine Perspektive können wir nicht denken, formen und schöpferisch sein! Die wichtigsten und faßbaren Begriffe liegen alle auf dieser Welt und wertvollstes Gebilde kosmischer Schöpfung darauf ist der Mensch. i Denn Staaten und menschliche Schöpfungen vergehen, der Mensch aber ist ewig— ein Gebilde Gottes! Darum hat jeder in erster Linie Mensch zu sein, erst dann Vertreter einer Sippe, Rasse, Vereinigung oder F ügung. Die erste menschliche Pflicht ist die Menschlichkeit! Damit haben wir die Würde und die Rechte des Nächsten zu achten. Aber wir sind in Todesangst darüber, daß sich die Nächsten- liebe zu weit ausdehnen könnte und richten Schranken dagegen auf: Nationalitäten! Gewiß sind Völker und Rassen aus geographischen Grenzen, Trennungen und Eigenentwicklungen mit Duldung der Vorsehung entstanden. Aber wer sagt denn, daß die Menschheit sich nicht einmal zusammenfinden soll, zumal uns diese Vorsehung als Mittel zur Reife den Geist beschert hat? Der Geist ist das Mittel zur Erhaltung und Herrschaft des Menschen über Welt und Natur! Wir Menschen stehen zwischen dem Gesetz, welchem Tiere und Pflanzen in ihrer Entwicklung folgen und zwischen dem Geiste, der diese Gesetze bestimmt. Aber nicht einmal das wilde Tier 84 Ga RE Re er\ d er in in en ge n n e n m h t. T d 80 r vernichtet die Art der eigenen Sippe, der Wolf zerreißt nicht den Wolf, und der Löwe frißt nicht seinesgleichen. Nur um der Liebe willen kämpfen Männchen dieser Tiere gegeneinander. Jedoch der mit Geist gesegnete Mensch, der über alle irdischen Geschöpfe erhoben wurde, verfällt immer wieder in den Urzustand des niederen Tieres und vernichtet seinesgleichen in blindem Haß. Volksverbundene, die das Schicksal in der Gemeinschaft verwurzelt wissen, fühlen, daß sie der Familie, der Heimat und dem Volke gehören! Warum wird bei dem Begriff Volk und Nation die Grenze gezogen? Haben sich die Völker nicht der größten Gemeinschaft, der Völkergemeinschaft oder der Menschheit, einzugliedern, zumal alle Kultur seit Jahrhunderten auf den Fahnen aller Völker steht? Und mit der Kultur jene christliche Religion, die Abendland und neue Welt beherrscht und zu umfassen sucht? In der Religion, die sagt: Jeder Mensch ist dein Nächster und du sollst ihn lieben wie dich selbst! verUnreife Völker nur geführt von irrenden Politikern hindern aus persönlichem Ehrgeiz, Eigennutz oder Kleingeisterei die Einordnung in die selbstdisziplinerte Menschheitsstufe. So lange aber die Nationen nicht gereift und wach geworden sind für ihre Bedeutung im Ganzen, so lange sind jene Gegensätze vorhanden, die Menschentum und Menschheit nicht in Eins strömen lassen und die Möglichkeit der Feindschaft schon in sich tragen, wie Kampf im Willen jener Friedenslehre liegt, die Menschenliebe nicht selten mit Feuer und Schwert verteidigte oder zu fremden Völkern trug. Gewalt ist das Gesetz des niederen Tieres Gewaltlosigkeit ist jedoch das Gesetz des Menschen! Das Verstehen zwischen den Völkern ist gleich wie zwischen einzelnen Menschen. Es gelten dafür ewige Wahrheiten und Treue, denn Vertragsbruch ist Vertrauensbruch für immer. In jedem Staate sind durch gesetzliche Verfassung alle rechtlichen Verhältnisse bestimmt und damit werden die Ordnung, Gerechtigkeit, Sicherheit und Würde seiner Menschen begründet und gewahrt. Weil aber die Staaten untereinander bisher kein gemeinschaftliches, nach Gesetzen geordnetes Ganzes bildeten, konnte der Krieg nie gänzlich verbannt werden. 85 Die Forderung der heutigen Zeit ist es, der Menschheit das weltumspannende Gesetz zu geben, das jeden Erdenbewohner gegeneinander sichert und verpflichtet! Dieses kann durch einen allgemeinen, völkerverbindenden Universalvertrag geschehen oder durch die Schaffung einer Weltunion! - - - - Wenn man heute Weltsicherheitskonferenzen abhält und diese mit der Bildung eines Sicherheitsrates als abgeschlossen betrachtet, so kann der Krieg künftig wohl provisorisch, aber nicht definitiv aus der Welt verbannt sein. Umso mehr schon deshalb nicht, weil nicht alle Staaten und Völker dieses Gebilde einmütig mitgestalteten und anerkannten. Das Erreichte ist daher lediglich Auftakt für das noch zu bildende Weltgesetz der Völkergemeinschaft unserer Welt. Träger und Mitgestalter dieses Weltgesetzes soll jeder Mensch sein, der in irgendeinem Staatsorganismus erfaßt ist. Als solcher entsendet er seinen Vertreter durch seinen Staat zu dieser Welttagung der Völker. Es müssen also alle Völker und Staatsorganisationen vertreten sein in einer Völkergemeinschafts- Organisation, die eine Rangstellung im Völkerleben der Erde einnimmt, wie im englischen Mutterlande das sogenannte„, Unterhaus".. Wenn beispielsweise für 10 oder 15 Millionen Menschen je ein Vertreter aus allen Völkern entsandt wird, so wird die Völkergemeinschafts- Tagung etwa 300 Abgeordnete sehen. Aus dem Kreise dieser Völkervertreter sollen dann eine geringe Anzahl Abgeordnete gewählt werden für das sogenannte„ Oberhaus", womit sie aus der Beschlußgemeinschaft des„ Unterhauses" ausscheiden. Dafür übernehmen diese Erwählten die verantwortungsvolle Aufgabe, die Entschließungen des Unterhauses zu prüfen, und entweder zu genehmigen oder zurückzuweisen. Kein Volk der Erde darf sich dieser Völkergemeinschaft ausschließen, es sei denn, daß es als Freistaat oder Piratenvolk gelten und behandelt werden will. Das mit Stimmenmehrheit angenommene und durch ein Gremium des Oberhauses beratene und verabschiedete Weltgesetz ist dann für jeden Menschen bindend und gegen jeden Menschen und jede Institution der Menschheit durchgängig. Damit ist der Krieg definitiv aus dem Leben der Völker abgeschafft. Denn wenn nach Inkrafttreten des Weltgesetzes sich irgendeine Gemeinschaft, sei es ein Volk oder Staat, eine Rasse oder eine Ideengemeinschaft, gegen die friedlich 86 ge un SO be SO 0 m g I gesinnte Einheit der Bevölkerung dieser Welt zusammenrottet und mit Gewalt bedroht, so wird kein Krieg mehr entstehen, sondern man wird diese gewaltanwendende Rotte als Verbrecher betrachten dürfen. Die Weltpolizei— zusammengestellt aus allen, oder gemein- schaftlich bestimmten Ländern oder Staaten— wird diese Landes- oder Weltfriedensbrecher eben polizeilich verfolgen und dingfest machen und dem entsprechenden Gerichtsausschuß der Völker- gemeinschaft zur Aburteilung übergeben. Ein Krieg als Charakteristikum der früheren Zeit wird dann nie wieder auftreten und die Demokratien der Erde werden nie das von ihnen verworfene Prinzip der Gewalt anwenden brauchen, da ja das Finschreiten der Weltpolizei nicht anders zu betrachten ist, als wenn in irgendeiner kleinen Gemeinde ein Verbrecher— der gegen das geltende Gesetz verstieß— von der Polizei ver- folgt und kraft des Gesetzes mit oder ohne Gewalt— das richtet sich nach dem Verbrecher— in Gewahrsam genommen wird. Klarer noch und endgültiger wäre es, wenn die Menschheit auf dieser Erde in einer Weltunion erfaßt wäre. Die Zeit dafür wäre heute ebenso günstig, wie in hundert oder aber- hundert Jahren. Dieses Ziel wird einst naturnotwendig erreicht, wenn auch unsere heutigen Generationen es nicht mehr erleben sollten. Es wäre der vollkommenste und entscheidendste Schritt in der Mutation der Menschheit. Die Entwicklung wird zeigen, ob unsere heutigen Staatsmänner groß und reif dazu waren, dieses Ziel zu wollen, um es dann mit allen Mitteln zu erstreben. Kein Volk der Erde brauch dadurch seine Eigenart, seine Kultur, seine Sprache sowie sein Innenleben aufzugeben, da die Weltunion nur die weltgesetzliche Körperschaft für alle Völker darstellt. Eine Überdachungsorganisation, die neben der Sicher- heit und Gerechtigkeit auch die Belange wirtschaftlicher Förderung für alle Völker regeln kann. Notwendig ist jedoch, daß neben der eigenen Volkssprache dann auch die festgelegte Weltsprache in Schulen und Bildungsanstalten den heranwachsenden Ge- nerationen vermittelt wird. Diese Weltsprache(man wird tun- lichst die Sprache nehmen, die bereits auf der Welt die verbreitetste ist) muß ebenfalls auf der Konferenz aller Völker festgelegt werden. Sie wird durch ihre Verständigungsmöglichkeit mit dazu beitragen, Konflikte zwischen Menschen und Völkern auszu- schalten, bevor sie ihre kritische Phase erreichen. 87 Der Gedanke zur Bildung einer Weltunion ist nicht neu, doch Zweck dieser Schrift ist es, daran zu erinnern, daß gerade jetzt, nachdem der furchtbarste Weltenbrand überwunden und in allen Völkern die Sehnsucht nach einem ewigen Frieden besteht, die günstigste Zeit für die Schaffung dieser Organisation gekommen ist. Oder sind wir noch nicht tief genug hineingetaucht in das Leid des Krieges, in die Fluten des Hasses und der Verständnislosigkeit zwischen Menschen und Völkern, in die Tiefen des Leides, der Not, Armut, Bitternis und Reue? - Verschließen wir uns jetzt vor den Forderungen dieser Zeit, lernen wir nicht aus den Lehren und Erkenntnissen der jüngsten geschichtlichen Ereignisse, ziehen wir nicht die Konsequenzen aus den Fehlern der Vergangenheit, dann wird die Menschheit noch einmal in das Grauen eines Krieges und in die Tiefen des Leides, welchen er über die Menschheit bringen wird gestürzt werden. Vielleicht schon in zehn, zwanzig, fünfzig oder erst in hundert Jahren. Aber dann wird das Grauen und das Leid größer sein, da die Kriegsauswirkungen furchtbarer als je zuvor sein werden. Dann wird die göttliche Gabe, der Geist, mißbraucht, um die verheerendsten Vernichtungsmittel zu erfinden. Chemische, technische und biologische Kampfmittel werden eingesetzt und wahllos werden diese Mittel Geschlechter und Völker ausrotten, ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder, Greise oder friedlich gesinnte Menschen. , Denn der Schrecklichste der Schrecken- das ist der Mensch in seinem Wahn...!" Man braucht wahrhaftig nicht Prophet zu sein, um diese Entwicklung vorauszusagen, denn das wird der einfachste Mensch, dessen Denkvermögen noch funktioniert, bestätigen müssen. Staatsführer sein, heißt Diener sein. Diener am eigenen Volk, Diener an der Menschheit!- Der größte Dienst, der den Völkern und der Menschheit geleistet werden kann, ist in allererster Linie der, seine Sicherheit und Gerechtigkeit zu fundamentieren und mit der gleichen Organisation den Schlüssel der wirtschaftlichen Entwicklung und damit des Wohlstandes und der sozialen Erfüllung, eine Blütezeit des Geistes, der Wissenschaft und der Kunst zu geben. Ein neuer Menschheitsmorgen, überstrahlt von der Sonne des Glücks und der Freiheit, würde anbrechen am Tage der Gründung der Weltunion. g h u d 88 T Wochen sind vorübergerauscht, die Rolf Berger Gelegenheit gaben, sich auszuruhen und zu erholen. Er sieht die Soldaten heimkehren oftmals entwurzelte Menschen er sieht hunderte und tausende ratlose Menschen vor ihren zertrümmerten Häusern und Heimen, er sieht Unternehmer und Arbeiter vor den Stätten, da einstmals ihre Arbeits- und Produktionsstätten standen und die nun bar jeder Existenzmöglichkeit sind. Er sieht in viele Familien, in denen ein ganzer Wandel vollzogen werden muß, organisatorisch und seelisch! Er sieht die Krüppel des Krieges und weiß, daß hier im täglichen Weiterleben ihr Heldentum erst beginnt. Und eines Tages kommt einer seiner Vettern heim, ein Mensch, mit dem Rolf sich von jeher gut verstand, ein junger Leutnant. Er sieht dessen Rat- und Ziellosigkeit, empfindet dessen krampfhaftes Bemühen, sich irgendwie zu beschäftigen, nur um ja nicht zu denken ist doch zu Schweres an ihm, wie an allen, vorübergebraust. - - Und da rafft sich Rolf aufgreift zur Hand seines Freundes, bereitet der Plan- und Ziellosigkeit ein Ende mit einer Tat- mit der Schaffung einer neuen Existenz, die eine Unmenge Arbeit, aber später auch einen Lohn verheißt. Und auch das deutsche Volk wird sich in seiner Gesamtheit aufraffen müssen, wird alle Mutlosigkeit abwerfen, wird anpacken und schaffen für das Leben für das große, verpflichtende, heilige und einst wieder schön werdende Leben! - 89 Bitte an den Leser! Hoffentlich gefiel Dir der Inhalt diefes Buches. Denke nun daran, daß viele Mitmenschen das gleiche Lesebedürfnis haben ohne daß fie zu einem Buch kommen können. Stelle deshalb diefes Buch nicht in den Bücherfchrank, Jondern gib oder verleihe es weiter. So kann nicht nur einer, Jondern vielleicht Hunderte, Nutzen davon haben. Denke immer daran: eine gegenSeitige Hilfe und gegenseitiges Entgegenkommen hilft die Schwere der Zeit besser zu ertragen INHALTSVERZEICHNIS Einleitung: Gefangenenlos im ,, Stadelheim"... Erstes Kapitel: Schicksal im Hitler- Deutschland.. Zweites Kapitel: Erste Begegnung Drittes Kapitel: Glückliche Tage Viertes Kapitel: Erinnerungen an den 1. Weltkrieg Fünftes Kapitel: Ein neuer Krieg droht Sechstes Kapitel: ° Verhaftet durch die Gestapo Siebentes Kapitel: Im Gefängnis Stadelheim Achtes Kapitel: Krieg Neuntes Kapitel: Im Zeichen des Sonderrechts Zehntes Kapitel: In Landsberg am Lech Elftes Kapitel: Wieder in Freiheit. Schlußkapitel: Neues Leben 0 Seite 7 10 12 [ 1] 13 18 29 29 39 43 • Koo 49 Гоо Гото. 57 64 79 29 989 83